
        
                               Benedikte Naubert
                               Herrmann von Unna
                Eine Geschichte aus den Zeiten der Vehmgerichte
                                   Erster Teil
                                  Erstes Kapitel
                         Ein Gespräch am Hochzeittage.
»Am Montage nach Allerheiligen, als Kaiser Wenzel Sophien, Herzog Johannes von
Bayern Tochter heimführte,« so fängt die Urschrift an, welche wir uns bei dieser
Geschichte zum Leidfaden erwählt haben, und wir werden keine bessere Probe von
der Treue, mit welcher wir unserm Original zu folgen gesonnen sind, ablegen
können, als wenn wir uns diesen Anfang gefallen lassen, und dich, lieber Leser,
ohne weitern Umschweif mitten in das Gewühl lärmender Freude einführen, welches
bei Kaiser Wenzels Hochzeitfeste herrschte, obgleich ein solcher Anfang dir von
der Folge dieser Blätter vielleicht einen ganz falschen Begriff beibringen
könnte. Wirst du wohl in einer Geschichte ernste Scenen erwarten, welche mit der
Beschreibung eines Fests beginnt, von dem man weiter nichts zu sagen braucht,
als dass es ganz von dem Charakter desjenigen zeigte, der es anstellte, des
Hochzeiters, Kaiser Wenzels?
    Nach der Gewohnheit der damaligen Zeit waren schon drei Tage in allen
möglichen Arten des Wohllebens verstrichen, und der vierte, der eigentliche Tag
der ehelichen Vertrauung war angebrochen, an welchem es gemeiniglich etwas
sittsamer zuzugehen pflegte als an den vorhergehenden. Daher kam es, dass der
erhabene Hochzeiter nicht allein seine schöne Braut aus Priesters Hand mit
nüchternem unbenebelten Verstande einfing, sondern auch noch am Abend, da der
Tanz bereits in den weiten Sälen des Schlosses zu Prag begann, nur erst so viele
Pokale geleert hatte, als bei ihm hinlänglich waren, jenen Grad von Fröhlichkeit
und Vergessenheit der Sorgen zu erkünsteln, die dem guten Herrn bei seiner
bedenklichen Lage so nötig war.
    Nie hatte ihm, auch selbst in seinen jungen Jahren nicht, seine gränzenlose
Liebe zur Bequemlichkeit erlaubt, einen Reiz an dem Vergnügen des Tanzes zu
finden; er überliess dasselbe auch diesesmal der adelichen und unadelichen
Jugend, die sein wunderlicher Sinn bei diesem Feste durcheinander gemischt
hatte, und spielte mit dem Herzog von Ratibor in einer Ecke des Saals, ein
Bretspiel, welches wahrscheinlich mit dem tiefsinnigen Schach nicht die
entfernteste Aehnlichkeit hatte, ein Zeitvertreib, der, wir müssen es selbst
bekennen, seiner Hoheit und seinen Jahren angemessener war, als das üppige
Tanzen.
    In einer andern Ecke des Saals sass, eben so abgeneigt an der rauschenden
Freude Teil zu nehmen als der phlegmatische Kaiser, die Braut, ein holdes
Geschöpf in der ersten Blüte des Lebens, in der Einsamkeit eines Klosters
erzogen, das sie gern verliess, um Kaiserin zu werden, und eben so gern wieder
bezogen, es auf Lebenszeit zu ihren Aufentalt gewählt hätte, nachdem sie
denjenigen nur ein einigesmal gesehen hatte, der ihr die Krone aufsetzen wollte.
    Kaiser Wenzel, ein Fürst, dem in den Jahren der besten männlichen Blüte, -
er war noch nicht vierzig, - Schwelgerei und Indolenz schon die Züge des
herannahenden Alters eindrückten, er, auf dessen Wangen, in dessen Augen nicht
die liebliche Röte, das edle Feuer der Jugend, sondern nur jene Röte, jenes
Feuer glühte, welches den Trunkenbold bezeichnet, Kaiser Wenzel, dessen Seele so
arm an grossen Eigenschaften als seine Person an Reizen war, er, den man ohne die
Zeichen seiner Hoheit unter den niedrigsten des Volks verloren haben würde,
welch ein Gemahl für Sophien!
    Es ist unbekannt, ob das Herz der unglücklichen Braut, je für einen andern
dasjenige gefühlt hatte, was man ihr an diesem Tage vor dem Altar gebot für
Wenzeln zu fühlen, aber so viel ist gewiss, dass sie in der Versammlung, in
welcher sie die Hauptperson vorstellte, fast nicht einen, als etwa Wenzels
Busenfreund, den alten Hanussus von Ratibor, erblicken konnte, welcher nicht mit
Vorteil gegen den Bräutigam hätte vertauscht werden können, den ihr das
Schicksal zugeteilt hatte. Was für eine Betrachtung für eine junge Braut mit
einem zarten gefühlvollen Herzen! für sie, die mit diesem Herzen Tugend und
Frömmigkeit genug verband, um jeden Gedanken von dieser Art, der etwa in ihr
aufstieg, strafbar zu finden, und zu den Leiden, die sie ohnedem quälten, auch
noch selbst Vorwürfe zu fügen!
    Sophie war indessen so glücklich in dem Herzoge von Bayern dasjenige zu
finden, was wenige Töchter an ihren Vätern haben, einen Freund, einen Vertrauten
ihrer geheimsten Gedanken; ihm zu Liebe hatte sie einen Schritt getan, den sie
so gern wieder zurück genommen hätte, wenn sie nicht gewusst hätte, dass es zum
Glück dieses geliebten Vaters gehörte, sie Kaiserinn zu sehen. Sie ward Wenzels
Verlobte, war nun seine Gemahlinn, und - musste es bleiben, wenn sie nicht die
liebsten Hoffnungen desjenigen zerstören wollte, der ihr alles war, wenn sie
sich nicht selbst Schande und Unglück zuziehen wollte.
    Herzog Johann, war klug genug, seiner Tochter an diesem traurigen Feste
nicht von der Seite zu gehen, und da es ihm unmöglich gewesen war, sie zu einer
zerstreuenden Teilnahme an dem Geräusch der Hochzeitfreude zu bewegen, so
teilte er ihre Einsamkeit mitten in der zahlreichsten Versammlung mit ihr,
hörte ihre Klagen, hörte das Bekenntnis ihrer innersten Gedanken nachsichtsvoll
an, und lenkte sie durch weise Ratschläge auf den Weg, welcher nunmehr der
einzige war, den sie zu gehen hatte.
    Endlich, sagte er, endlich ist es Zeit, dich dieser quälenden Vorstellungen
zu begeben. Vergleichungen, die zum Nachteil deines Gemahls ausschlagen müssen,
Wünsche, du möchtest nicht an der glänzenden Stelle sitzen, die dir das
Schicksal bestimmt, Sehnsucht nach dem Kloster, Klagen, alles ist nun zu spät;
zwar immer werde ich geneigt sein sie anzuhören, aber immer werde ich dich auch
auf die Vorteile zurückweisen, die dir dein Stand verschafft, und für welche du
die Augen so ganz verschliessest.
    Vorteile? mein Vater, rief Sophie. Diese Krone? der Name Kaiserinn?
    Freilich Kleinigkeiten für dich, erwiederte der Herzog, aber was sagst du zu
dem Glück, das Wohl von ganzen Nationen in deinen Händen zu haben, zu der
Möglichkeit, durch deine Tugend, durch diese holdselige unwiderstehliche
Sanftmut, die selbst mich, deinen Vater, bezaubert, einen verderbten Fürsten zu
bessern, der für jedes andere Mittel unverbesserlich war?
    Eben so wohl könnte ich hoffen Blei in Gold zu verwandeln! rief die weinende
Braut.
    Und zu dem Bewusstsein, den Willen deines Vaters erfüllt, ihn mit Aufopferung
deiner Neigungen glücklich gemacht haben? fuhr er fort.
    Sophie drückte die Hand des Herzogs an ihre Lippen, und versicherte, dass
dieses das einige sei, was sie in dem Elend, das sie auf sich herandringen sähe,
wenn sie sich als Wenzels Gemahlin betrachtete, aufrichten könnte.
    Nichts von Elend, Sophie, sprach der Herzog, sage mir nichts von Elend, wie
kann die unglücklich sein, welche - doch mein Leser, du wirst schon erraten,
wovon die Vorlesung handelte, die der weise Vater seiner Tochter hielt. Die Sage
berichtet, dieser erwürdige Greis sei einer der beredtesten Fürsten seiner Zeit
gewesen, nichts habe der Macht der Wahrheit widerstehen können, wenn sie aus
seinem Munde floss, und auch hier waren seine Worte nicht unkräftig.
    Sophiens Herz ward durch das, was er ihr sagte, für den gegenwärtigen
Augenblick beruhigt, und ihre nachmahlige Aufführung in einem langen traurigen
Ehestande mit dem, der ihr jetzt so zuwider war, ihre Treue, ihre Geduld, ihre
kluge liebreiche Sorgfalt für ihn in seinen mannichfachen wohlverdienten
Unfällen, waren gewiss Folgen von den Lehren, die sie aus dem Munde ihres Vaters
anhörte, und die jezt durch eine Begebenheit unterbrochen wurden, die wir im
folgenden Kapitel hören werden.
 
                                Zweites Kapitel.
                          Sophie vergisst ihren Stand.
Es war tief in der Nacht, das Geräusch des Tanzes schwieg, ein Teil der
Anwesenden ruhte von dem ermüdenden teutschen Wirbelreihen aus, und nahmen
Erfrischungen, indes den andern von Wein und Überdruss die Augen geschlossen
wurden, unter welchen letztern auch der hohe Bräutigam war. Ein Streit mit
seinem Gegner im Bretspiel, war eben nach Gewohnheit zu seinem Vorteil von ihm
selbst entschieden worden, und ein doppelter Trunk aus dem goldnen Becher hatte
seinen Sieg bekrönt, und ihn auf seinen Lorbeern eingewiegt.
    Sophie und ihr Vater waren zu tief in ihr Gespräch verwickelt, um sich um
sein Schlafen oder Erwachen zu bekümmern, und wahrscheinlich war der Auftritt,
der sich ihnen in diesem Augenblicke zeigte, das einzige was sie stören konnte.
    Die Stille, welche im Saal seit einer halben Stunde herrschte, ward durch
ein fernes Getön von sanftern Instrumenten, als die, welche bisher den wilden
Tanz belebt hatten, unterbrochen. - Was ist das, rief Sophie, indem sie ihren
Vater ansah. - Der Schall kam näher. Himmelstöne! rief sie aus und schlug in die
Hände, sanft wie der Chorgesang der Jungfrauen meines lieben, lieben Klosters! -
O selige, selige Tage, die ich da verlebte!
    Wer kennt nicht die Macht der Musik über ein ohnedem zur Wehmut gestimmtes
Herz. Tränen traten in Sophiens Augen, und der Anblick, der sich ihr in der
nächsten Minute darstellte, vollendete ihre Rührung. Die Flügeltüren flogen
auf, eine Schaar junger Mädchen trat herein, und nahte sich mit abgemessnen
Schritten dem Orte, wo Sophie sass. Sie sangen zu dem Ton von Harfen und Flöten
ein Lied, welches, wenn es wörtlich auf unsere Zeiten behalten worden wär, wohl
schwerlich bei strengen Kunstrichtern sein Glück machen würde, denn Melodie und
Text war ganz so, wie man es von den damaligen ungebildeten Zeiten erwarten
konnte; doch dünkte die erste der erhabenen Zuhörerin, göttlich, und das andere
erschütterte ihr Herz bis in das Innerste, und brachte, vermutlich zum
erstenmal an diesem Tage, Empfindungen in ihm hervor, die sie angenehm nennen
konnte.
    O du, so sangen die Mädchen, indem sie einen weiten Kreis um ihre Fürstinn
zogen, o du, die heute den jungfräulichen Kranz mit der Krone vertauschte,
glücklich sei - dir der Wechsel! du trittst aus der Reihe der Jungfrauen, um den
ehrwürdigen Namen einer Mutter deines Volks anzunehmen, o sei es mit willigem
frohen Herzen! lehre unsern Herrn väterliche Gesinnungen gegen uns, und ewig
wollen wir dich die Urheberinn unsers Glücks nennen. Sieh hier einen ganzen
Frühling von Blumen mitten in den rauhen Tagen des Winters; sie, der liebste
Schmuck der Jungfrauen, und unsere Herzen sind das einige Opfer, das wir dir
bringen können. -
    Der Boden rund um Sophien ward bei diesen Worten mit Blumen übersät, die
Mädchen knieten vor ihrer Fürsten nieder, und indes eine jede von ihnen strebte,
einen Teil ihres Gewands zu küssen, trat die Führerinn mit sittsamer Geberde,
vor die gerührte Sophie, setzte ein Knie auf die Erde, und überreichte ihr in
einer goldnen Schaale einen Blumenkranz.
    Die überraschte Kaiserinn vermochte nicht zu sprechen, sie reichte der
Knienden liebreich die Hand, und beugte sich, ganz uneingedenk ihres Standes,
tiefer herab, sie zu küssen.
    Süsses holdseliges Geschöpf! rief sie, liebe, liebe Kinder! wie habt ihr mich
entzückt! Ja, ja! ich will eure Mutter sein, euer und mein Herr soll durch mich
euer Vater werden! wie lauteten die Worte eures Lieds? - o wiederholt sie noch
einmal.
    Man machte sich gefasst, den Befehl zu erfüllen, aber Sophie winkte mit der
Hand, ohne Gesang, rief sie, eure Melodie ist entzückend, aber ich will jetzt
bloss die Worte eures Liedes.
    Die Führerin gehorchte und wiederholte, was ihre Gespielinnen gesungen
hatten, mit einem Nachdruck, mit einem Anstand, der dem, was sie sagte, noch
mehrern Reiz gab, als es durch die Begleitung der Musik erhalten konnte.
    Sophie weinte, sie hielt fest die Hand der Rednerinn in der ihrigen. Ja,
rief sie, indem sie ihren Vater ansah, ja ich gelobe es euch und diesen
unschuldigen Seelen, ich will ihre Mutter sein, will es gern sein, will nicht -
    Ein Wink des Herzogs warnte sie, nicht zu vergessen, das sie in zahlreicher
Versammlung, nicht mit ihm allein sei. - Sophie schwieg, und verwandelte das,
was auf ihrer Zunge war, in eine Frage nach dem Namen der Sprecherin. Wie heisst
du, mein Kind? sagte sie mit liebreichem Ton, - Ida: antwortete die Gefragte mit
niedergeschlagenen Augen - Ida? wiederholte Sophie, ich kannte einst eine
Fürstin dieses Namens, bist du vielleicht -
    Mein Name ist Ida Münsterinn, erwiederte das Mädchen, indem eine glühende
Röte ihre Wangen überzog, und ich bin die Tochter eines Bildners. -
    Die Tochter eines - wie? so schön? so edel? so - wie soll ich es nennen, und
nur die Tochter eines -
    Mein Vater ist ein sehr ehrlicher Mann, ein treuer Untertan seines Kaisers.
    Ausserordentliches Mädchen! Einzige in deiner Art!
    O nein, rief Ida, indem sie einige Schritte zurück trat, und auf ihre
Gespielinnen zeigte. Wie manche ist unter diesen, die mir es gleich tut, wie
manche die mich übertrift?
    Wir können hier nicht unterlassen, unsern Lesern zu sagen, dass Ida sich in
diesem Urteil gewaltig irrte. Ihre Gefährtinnen waren alle ganz gute, schöne
und artige Geschöpfe, aber keine konnte sich nur auf die entfernteste Art mit
ihr vergleichen. - Allen sah man ihre Abkunft, allen sah man es an, dass sie nur
zur Feier dieses Tages über ihren Stand geschmückt waren, indessen Ida bei all
ihrem Schmuck nur ihr tägliches Kleid zu tragen, und der erhabenen Dame, mit
welcher sie sprach, trotz ihrer demütigen schüchternen Geberde, an Stande
gleich zu sein schien.
    Sophie nahm Idas verdeckte guterzige Weisung an. Ihr seid alle meine
Kinder, seid mir alle lieb, rief sie, indem sie beide Hände nach den Knienden
ausstreckte! Ich muss euch belohnen, muss euch ein Zeichen meiner Gnade sehen
lassen. Hier, kleine Blondine, und hier du mit den schalkhaften Augen, hier ein
Andenken von mir! erinnert euch dabei eurer Mutter, eurer Kaiserin. - Arme,
Brust, und Haarlocken wurden bei diesen Worten geplündert, und der kostbare Raub
unter die Mädchen ausgeteilt, welche furchtsam zögerten, die Hand nach dem
dargebotenen auszustrecken.
    Nehmt doch, nehmt! rief Sophie, welche alle Kostbarkeiten, die sie an sich
trug, für ihr ausschliessendes Eigentum hielt, und noch nicht wusste, dass eine
Fürstinn weniger über ihren Schmuck gebieten darf, als die Geringste ihrer
Damen. Nehmt gute Kinder, und erinnert euch meiner!
    Sophie war in einem fröhlichen Rausche, aus welchem sie durch die Fürstin
von Ratibor geweckt ward, welche ihr etwas in die Ohren flüsterte. - Wenn ich
Kaiserinn bin, erwiederte Sophie, so will ich mit dem Meinigen tun was mir
beliebt! - Es erfolgte noch eine Einwendung von der Fürstinn, und Sophie rief,
indem sie eine goldene Kette von ihrem Halse losmachte, sie wolle sich
wenigstens nicht das Eigentumsrecht dieses ihres geliebtesten Schmucks streitig
machen lassen. Hier, Ida, rief sie, es ist ein Geschenk meiner Pate der Gräfinn
von Würtemberg, kein Eigentum der Krone.
    Ida verbeugte sich. Ich trage bereits mehr Schmuck als meinem Stande
zukommt, sagte sie, indem sie sich mit einer Art von Beschämung betrachtete.
Wird es zu kühn von mir sein, wenn ich die Gabe meiner Kaiserinn ausschlage, und
um ein Gnadengeschenk nach meiner eignen Wahl bitte?
    Fordre was du willst, rief Sophie, wer sollte dich vergebens bitten lassen.
    O, rief Ida, eine von den glänzenden Locken, die auf diesem Busen spielen,
welch ein Geschenk für mich! sie würde mir der schönste Schmuck, das grösste
Ehrenzeichen sein! sie würde -
    Schwärmerin! rief Sophie! und schnitt eine Locke ihres goldnen Haars mit
einer solchen Heftigkeit ab, dass die Spitze der Scheere in ihren Busen fuhr, und
ihr Gewand mit Blut färbte.
    Ida war kühn genug die erste zu sein mit ihrem Schleier das Blut zu
trocknen. Es erhob sich ein Geschrei, die Kaiserin sei verwundet, ungeachtet
Schmerz und Wunde nicht viel mehr sagen wollte als ein Nadelstich. Man drängte
sich herbei nach dem mächtigen Schaden zu sehen. Die Kaiserin war erschrockener
durch den Lärm, den man um sie machte, als durch den unbedeutenden Unfall! die
Fürstin von Ratibor entliess die zitternde Ida nebst ihren Gespielen mit
oberhofmeisterlicher Strenge, und - man ging auseinander.
 
                                Drittes Kapitel.
                          Ein Gespräch im Brautgemach.
Schon die erste Erscheinung der Mädchen hatte die ganze Versammlung herbei
gezogen, und selbst den schlafenden Kaiser erweckt. Sophie hatte bei allen ihren
Handlungen tausend Zeugen, tausend strenge Beurteiler gehabt. Der letzte Zufall
vermehrte das tadelnde Geflüster. Der Kaiser sah finster, Herzog Johann bestürzt
aus, und man sagt, dass die Neuvermählte noch vorm Schlafengehen eine sehr
ernstafte Verhaltung von der Fürstin von Ratibor habe aufhören müssen. Diese
Dame war schon darüber aufgebracht, dass sie keine Zuhörerin von dem Gespräch
hatte sein dürfen, welches Sophie mit ihrem Vater hielt. Ein Wink der jungen
Kaiserin hatte sie entfernt, und die alte Dame hatte vergebens vorgewandt, dass
sie gemessenen Befehl habe, ihr nie von der Seite zu gehen. Der Verdruss über
diese Sache ging in die Vorlesung über, welche sie ihrer Gebieterin über die
Sitten ihres neuen Standes hielt, und ihre Rührung bei der Erscheinung der
jungen Mädchens, ihre ausschweifende Freude über eine so geringe Sache, ihre
Herablassung gegen diese gemeinen Geschöpfe, ihre Gespräche mit Ida, ihre
Geschenke, und vor allen, die letzte Begebenheit mit der Haarlocke, wurden auf
so beissende Art vorgestellt, dass Sophie beschämt da sass und guterzig genug
war, einzugestehen, sie sei zu weit gegangen, sie wisse noch nicht recht was
einer Kaiserin zieme, habe noch zu viel von der Einfalt des Klosters an sich,
und - müsse sich bessern.
    Sophie ward in das kaiserliche Schlafzimmer geführt, um - die Lektion, die
sie von ihrer Oberhofmeisterin bekommen hatte, von ihrem neuen Gemahl zum
zweitenmal zu hören. Seine Majestät hielten sich besonders bei den Geschenken
auf, welche die unwissende Kaiserinn so freigebig von dem zur Krone gehörigen
Schmuck hätte austeilen wollen, und die durch Vorsicht der Fürstin von Ratibor
alle wieder zur Stelle waren. - Ich glaube, sagte Wenzel, indem er die Juwelen
in ihrem schimmernden Gehäuse musterte, ihr wäret im Stande gewesen, den
Trauungsring auch hinzugeben. O nein, sagte Sophie, den muss ich behalten, um
mich immer an meine Pflicht zu erinnern. Wenzel war zu stumpfsinnig um den
Stachel in diesen Worten zu fühlen, aber die Neuvermählte erschrack über das was
sie gesagt hatte; sie fürchtete die Frage: ob sie eine solche Erinnerung an ihre
Pflicht nötig habe, und eilte, um sie zu verhüten, dem Gespräch eine andere
Wendung zu geben. Sie war von jenen guterzigen Seelen, welche auf jede kleine
Wunde, die sie wider Willen gemacht haben, sogleich lindernden Balsam legen, und
jeden Stich ihres Witzes mit einer verbindlichen Rede heilen. Bin nicht auch ich
beschenkt worden? sagte sie, indem sie zu Idas Blumenkranz hinhüpfte, den sie in
seiner Schale auf einer Tafel stehen sah. Doch nein, fuhr sie fort, das liebe
Geschenk ist nicht mein, ich lege es meinem Kaiser zu Füssen.
    Wenzel hätte noch weniger Mensch sein müssen als er war, wenn ihn die holde
Geberde, mit welcher ihm die blühende Sophie ihren Kranz überreichte, nicht
gerührt hätte. Er drückte sie an seine Brust, nannte sie ein gutes Weib, welches
eine seiner grössten Schmeicheleien war, und liess sie aus seinen Armen, um die
Gabe, welche für ihn keinen Reiz hatte, an ihren ersten Ort zu legen.
    Was ist das? rief er voll Bestürzung, als er die goldne Schale gewahr ward,
in welcher Ida ihren Kranz überreicht hatte, und die Sophie kaum bemerkt hatte.
- Man hat mir mein Blumengeschenk auf diese Art überreicht, erwiederte sie. Und
dieses seidene Tuch? fuhr er fort. Sophie meinte, es sei yermutlich darum da,
damit die Feuchtigkeit der Blumen dem Glanz ihres Behältnisses keinen Schaden
tun möchte.
    Wenzel schüttelte den Kopf, indem er das Tuch hinweg nahm, und meinte, diese
Art von Geschenken sei ihm schon bekannt. Seht ihr, fuhr er fort, indem ihm nach
hinweggenommener Hülle der Glanz von einer guten Anzahl goldner Schilde1
lieblich entgegen blinkte, seht ihr? das wusste ich wohl, dass man es nicht wagen
würde, einer Kaiserin ein so elendes Geschenk, wie einen Blumenkranz,
anzubieten, lasst uns zählen.
    Wenzel zählte, und Sophie trat indessen an ein Fenster, um sich die Tränen
zu trocknen. Sie fühlte - sie wusste nicht was. Ihr Herz war so gepresst als
wollte es zerspringen, sie öffnete das Fenster um Luft zu schöpfen, o Gott,
seufzte sie, gieb mir Kraft die lange schwere Rolle zu spielen, die ich auf mir
habe. Solche Gesinnungen, und ein Kaiser? ein Kaiser? mein Gemahl! ein solcher
Mann?
    Es sind richtig dreihundert! rief Wenzel. Wie hiess das Mädchen, das sie euch
brachte?
    Ida Münsterin, erwiederte Sophie mit einer Stimme, welche beinahe ihre
Tränen verraten hätte.
    Ida Münsterin, wiederholte er, so so. Aber kommt, meine Liebe, wie steht ihr
so in der kalten Nachtluft? doch - ihr habt geweint? was ist euch?
    O es ist entsetzlich, rief Sophie mit zusammengeschlagenen Händen,
entsetzlich, sich von seinen Untertanen beschenken zu lassen, und nicht einmal
so viel Macht zu haben, sie belohnen zu dürfen, die Kleinigkeiten, welche ich
den guterzigen Geschöpfen gab, wurden ihnen entrissen, und ich soll behalten
was sie mir gaben.
    Ihr irrt, erwiederte Wenzel, das was ihr geben wolltet, war ohne
Vergleichung mehr, als ihr erhieltet.
    Und mich dünkt, rief Sophie, so müssen Fürsten belohnen.
    Und, fuhr er fort, über dieses sind diese Leute dazu da, ihrem Kaiser einen
Anteil von dem Überfluss zu zollen, den sie unter seinem Schutz erwerben
    O, sprach Sophie, lasst euch von euren Fürsten, von euren Edlen beschenken.
Aber diese armen Leute, diese Künstler und Handwerker die -
    Noch einmal, sprach der Kaiser, ihr irrt! Eben diese Leute sind es, die uns
zollen können und sollen. Der Adel ist arm in Vergleichung mit ihnen; Fleiss und
Arbeitsamkeit leiten Schätze in ihren Schoss, welche jene durch Krieg und
Räubereien nimmer erbeuten.
    Wenzel hatte recht, die Beschaffenheit der Stände war zu den damaligen
Zeiten so wie er sagte, aber Sophie konnte sich in diese Dinge nicht finden, und
fuhr fort zu weinen, vielleicht aus Verdruss über ein Geschenk, das sie nicht
vergelten durfte, vielleicht auch am meisten über den ganzen Umfang ihrer
unglücklichen Lage.
    Der Kaiser rufte seine Kammerdiener ihn vollends zu entkleiden und Sophiens
Damen traten herein, sie zu Bette zu bringen.
 
                                Viertes Kapitel.
                         Fürstenglück und Fürstengnade.
Sophie war nicht glücklich genug, um über ihren neuen Stand, gleich andern
Neuvermählten, jeden andern Gedanken zu vergessen. Der Auftritt mit dem
Blumenmädchen, der Einzige auf ihrem ganzen Hochzeitfeste, der ihr Freude
machte, hatte ihr des Abends zuletzt im Sinn geschwebt, und er war wieder einer
der ersten Gedanken, als sie am Morgen erwachte Sie sandte nach Ida und liess sie
vor sich fordern. Ida war krank. Die Kaiserin schickte noch einmal, um, wenn sie
ja nicht bei Hofe erscheinen könnte, von ihr die Namen ihrer gestrigen
Gespielinnen zu erfahren, welche nicht krank waren, und auf Sophiens ersten Wink
sich da einfunden, wo man ihre Gegenwart verlangte.
    Wenzels grossmütige Gemahlin konnte den Gedanken nicht ertragen, von
Geringern, von irgend jemand unerwiederte Geschenke anzunehmen; sie begleitete
den liebreichen Dank, damit sie ihnen ihre gestrige Erscheinung belohnte, mit
Gaben, die man nicht zurückfordern durfte, weil sie nicht von den Schätzen
genommen wurden, welche zur Krone gehörten, sondern von den Kostbarkeiten,
welche Sophie noch als Prinzessin besass. Die Fürstin von Ratibor nannte Dank und
Geschenke überflüssig, und fand die Unterredung in welche sich ihre Gebieterinn
mit diesen einfältigen Kindern einliess, standswidrig. Die Benennung einfältig,
mit welcher sie die guten Geschöpfe beehrte, war nicht ganz übel angebracht.
Keine einige Ida war unter dem ganzen Haufen, sie wussten nichts als ihr Lied zu
singen, und Sophiens Fragen mit äusserster Blödigkeit zu beantworten. Die
Kaiserin erkundigte sich nach Ida, von welcher sie nicht begreiffen konnte, wie
sie unter einem Haufen von zwanzig solchen Mädchen, bei ähnlichem Stande,
ähnlicher Erziehung das werden konnte, was sie war. Aus den Antworten der
Gefragten blickte teils heimlicher Neid, teils Verachtung von Verdiensten
hervor, die sie nicht erreichen konnten, und die Fragerin wusste am Ende doch so
viel, dass Idas Eltern sehr reich und ganz in diese einige Tochter verliebt
waren, dass sie zu schön, zu verdienstvoll war, um von ihren Gespielen geliebt zu
werden, und dass Liebe zur Einsamkeit, Bewusstsein ihrer Vorzüge, oder Stolz, wie
man es nannte, sie nur selten in den Zirkel kommen liessen, in welchem sie
gestern eine so hervorstechende Rolle gespielt hatte.
    Der allerhöchste Beifall der Kaiserin, mit welchem das Bürgermädchen beehrt
wurde, wär schon hinlänglich gewesen, den Beifall des ganzen Hofs nach sich zu
ziehen, aber auch ohne Rücksicht auf denselben wurde Idas Name überall genannt.
Die jungen Herren des Hofs vermochten die Reize, mit welchen sie erschien, nicht
zu vergessen, sie erkundigten sich nach jedem kleinen Umstande, der sie betraf,
umschlichen des Haus ihres Vaters, fragten nach den Orten, wo man sie sehen
könne, bewunderten, sie nie zuvor gesehen zu haben, und beklagten ihren gemeinen
Stand. Einer von ihnen, der junge Hermann von Unna, ein westphälischer Edelmann,
nannte sie nicht, fragte nicht nach ihr, beklagte und bewunderte nichts mit
lauten Worten, das sie angieng, sondern begnügte sich, heimlich an sie zu
denken, und hatte, ehe die andern die tausendfältigen Streitigkeiten über sie zu
Ende bringen konnten, in aller Stille die Kirche ausfindig gemacht, in welcher
sie täglich Messe zu hören pflegte.
    Herrmann war erst achtzehn Jahr, war frühzeitig an Wenzels Hof gekommen,
eine Schule, welche eben nicht die beste war. Seine Grundsätze über Liebe,
Tugend und Schicklichkeit konnten wahrscheinlich nicht die strengsten sein, und
er machte sich also wenig Bedenken über eine angehende Leidenschaft für ein
Mädchen, an welches er bei ihrem niedrigen Stande nie mit Ehren denken konnte. -
Er war der Liebling des Kaisers, hatte ihm seit seinem Knabenalter als Page
aufgewartet, war Vertrauter und Unterhändler in mancher Begebenheit gewesen, wo
Wenzel bewies, dass er bei der Liebe nicht auf Stand sah, und ohne Rücksicht auf
denselben glücklich zu sein wusste. Wo hätte Herrmann bei solchen Beispielen
Gesinnungen hernehmen sollen, welche seiner Herkunft und Idas Tugend geziemt
hätten? doch müssen wir ihm zum Ruhme nachsagen, dass er sich keines sträflichen
Gedankens bewusst war, er hieng seiner Liebe nach, ohne weiter zu bedenken was
daraus werden sollte.
    Es war unmöglich, so sehr der Jüngling auch darnach strebte, Zutritt in dem
Hause des alten Münsters zu erhalten. Immer waren seine Türen vor denjenigen
verschlossen, welche nicht in Geschäften zu ihm kamen, und erdichtete Geschäfte
zu enträtseln war er schlau genug. Hermann musste also zufrieden sein, das
Mädchen, das er bewunderte, bei ihrer täglichen Andacht zu beobachten, die viel
zu tief, viel zu herzlich war, als dass sie ihr nur einen Blick auf ihren
Bemerker hätte verstatten sollen. Ueberdieses verhüllte sie, so oft sie in die
Kirche ging, immer ein dichter Schleier, oder ein Regentuch, welches nicht
angelegt wurde, um mehr anzulocken als abzuschrecken, sondern das ganz so rauh
und ungekünstelt war, wie es zu der schlechten bürgerlichen Kleidung passte, die
Ida in den Wochentagen trug.
    Nur des Sonntags, wenn der Vater mit der Wehr an der Seite und dem sammtnen
Pelz mit goldnen Schnüren zur Kirche ging, liess auch Ida sich an der Seite der
hochgehaupten Mutter mit offenem Gesicht sehen, und verbreitete, wie Herrmannen
dünkte, neues Licht in dem Tempel. Aber dieses Licht glänzte nicht für ihn, und
ach was hätte er für einen einigen der zärtlichen andächtigen Blicke gegeben,
welche sie an dem Bild einer Ursula oder Maria verschwendete!
    Idas Name, den man in der ersten Woche nach Allerheiligen bei Hofe so
fleissig nannte, war indessen daselbst so gänzlich vergessen, dass man sich gegen
Weihnachten kaum mehr auf denselben besinnen konnte; selbst Sophie dachte nicht
mehr an sie; das Feuer der Zuneigung gegen sie war anfangs zu heftig, als dass es
lange hätte dauern sollen, Ida versäumte es zu nähren, sie liess sich nach den
ersten genossenen Gnadenbezeugungen nicht wieder sehen, um neue einzufordern,
und wahrscheinlich würden dieselben auch ohne diesen Fehler nach und nach
sparsamer gekommen sein. Sophie war ein Weib, war - eine Fürstin. Die ersten
zärtlichen Gefühle für Ida waren im Grunde nichts mehr, als das, was eine jede
junge unerfahrne Person gegen diejenigen empfindet, welche sie aus einem Gewühl
von unangenehmem Empfindungen herausreissen, und sie Freude oder etwas der
Freude ähnliches erfahren lassen.
    Ueberdieses hatte Sophie täglich neue Gelegenheiten zu Gedanken, die sie so
ganz beschäftigten, dass ihr kein Platz für etwas anderes überblieb. Mit jedem
Tage entdeckte sie neue Züge der Unliebenswürdigkeit an ihrem Gemahl, machte sie
neue Erfahrungen von der Trostlosigkeit ihres Zustandes, lernte sie neue
Personen kennen, welche ihr ihre Lage erschwerten. Wenig Wochen nach der
Vermählung erschien eine Dame bei Hofe, welche ihr unter dem Namen der Frau vom
Bade vorgestellt wurde; Sophie fand an ihr eine so gemeine unbedeutende Person,
dass sie nie wieder an sie gedacht haben würde, wenn sie sie nicht am nämlichen
Tage bei der Abendtafel an der Seite ihres Gemahls wieder gesehen, und aus dem
vertraulichen Tone, welcher unter beiden herrschte, gemerkt hätte, dass hier eine
alte Bekanntschaft statt finden müsse.
    Sophie war in den Landen ihres Vaters, in einem Kloster, in gänzlicher
Unbekanntschaft mit der Geschichte ihrer Zeiten erzogen worden. Wenzels
Begebenheiten mit der schönen Bademagd, welche in den jetzigen, so wie in den
damaligen Zeiten jedes Kind zu erzählen wusste, war ihr Abenteuer aus einer
andern Welt. Wahrscheinlich bestrebte sich niemand sie, als sie Kaiserin ward,
mit den Ausschweifungen ihres Gemahls zu unterhalten, und hätte man es auch
getan, so wär sie vielleicht guterzig genug gewesen, wenigstens die Liebschaft
mit Susannen, unter die ganz vergangne Dinge zu rechnen.
    Man durfte ja die sogenannte Frau vom Bade nur sehen, um sich hiervon zu
überzeugen. Dieser plumpe unbeholfne Körper, dieses aufgeschwollne Gesicht, in
welchem nichts gefallen konnte als ein paar Reihen weisser Zähne, diese frechen
üppigen Augen, diese feuerroten Wangen, sollten einen Kaiser, den Gemahl einer
Sophie fesseln können? unmöglich!
    Wenzel nahm sich selbst die Mühe über der Tafel seine und Susannens
Geschichte mit Auslassung verschiedener Umstände zu erzählen, und Sophie sah
nunmehr in der vorzüglichen Achtung, mit welcher der Dame begegnet ward, nichts
als eine etwas übertriebene oder ungeschickt geäusserte Dankbarkeit, die sie mit
ihrer gewöhnlichen Guterzigkeit übersah; sie liess sich sogar so weit herab,
der sich über Wenzels Lob aufblähenden Susanne, einige Verbindlichkeiten zu
sagen, und nur erst nach einiger Zeit, als Wenzels Vorliebe und dieses Weibes
Frechheit zu sehr in die Augen fiel, um verkannt zu werden, nur erst denn konnte
sie sich überzeugen, dass zu allen ihren vielfachen Leiden auch noch dieses käme,
eine unwürdige Nebenbuhlerin zu haben.
    Die Einsamkeit war oft Zeuge ihrer Tränen, und die Fürstin von Ratibor, die
ihre Gebieterin einst auf diese Art fand, nutzte diese Gelegenheit, sich in das
Vertrauen Sophiens einzuschleichen, welches sie bisher auf keine Weise hatte
erlangen können.
    Sophie sehnte sich, ihre Klagen in irgend einen freundschaftlichen Busen
auszuschütten. Der einige Teilhaber ihrer innersten Gedanken, ihr Vater, hatte
auf diese sehr deutlichen Winke seines kaiserlichen Schwiegersohns Prag schon in
den ersten Tagen nach der Vermählung verlassen, und seine unglückliche Tochter
war also mit ihrem Kummer ganz sich selbst überlassen. Sophie umarmte die
fragende Oberhofmeisterin zum erstenmal in ihrem Leben und obgleich diese Dame
geflissen schien die Sache, wovon die Rede war, mehr zu erläutern und
auseinander zu setzen, als die Traurende zu trösten, so fand diese doch schon
darin einen Trost, dass sie von dem, was sie bekümmerte, sprechen und ihrem
Unwillen, ihrer Verachtung gegen ihre Beleidiger freien Lauf lassen konnte.
    Von diesem Augenblick fieng die Fürstin von Ratibor an ihre Gebieterin
unumschränkt zu beherrschen, erhöhte und erniedrigte alles, was sie wollte,
schrieb Sophien vor, was sie lieben und hassen sollte, und dass also an Ida bei
Hofe nicht mehr gedacht ward, nicht mehr an sie gedacht werden durfte, wenn es
der Kaiserin auch beliebt hätte sich ihrer zu erinnern, das leidet keinen
Zweifel.
 
                                Fünftes Kapitel.
  Seltsame Art, einen Liebhaber Zutritt im Hause der Geliebten zu verschaffen.
Aber Herrmann dachte unaufhörlich an das geliebte Mädchen. Die Schwierigkeiten,
die er fand, sie zu sprechen, oder nur von ihr bemerkt zu werden, gaben seinen
Wünschen neues Feuer, und erhöhten seine Meinung von ihr. Ihr geringer Stand,
der ihm anfangs so gleichgültig gewesen war, fieng an ihn zu beunruhigen, er
wünschte sie zu sich erheben, oder sich zu ihr erniedrigen zu können, tausend
romantische Einfälle dieses möglich zu machen schwärmten in seinem Kopfe, denn
obgleich damals noch kein Roman existirte, als etwa der Teuerdank, so fehlte es
doch auch zu jenen Zeiten in keinem Jünglingsgehirn an selbst erfundenen und
erträumten Abenteuern, die den, der sich mit denselben abgab, so gut amüsirten,
als das, was wir aus unserer heutigen Modelektür lernen.
    Ida zu sich zu erheben, sich ehrlich um sie zu bewerben, und sie zu seiner
rechtmässigen Gemahlin zu machen, war eine Unmöglichkeit. Zwar die Einwilligung
des Kaisers zu einer Missheirat zu erlangen, wär eben keine grosse Sache gewesen,
denn Wenzel dachte in diesen, wie in allen Dingen sehr bequem, aber Herrmann
hatte Anverwandte, welche nicht so nachsichtsvoll waren, er war arm, der Stand
eines Kammerjunkers, den er seit einem halben Jahre rühmlichst bekleidete, war
mit keinen grossen Einkünften versehen. Idas Eltern waren zwar reich - aber, -
genug Herrmann fieng an das andere Mittel sich glücklich zu machen, für bequemer
zu halten. Er wollte sich zu ihr erniedrigen, wollte nicht mehr sein, als sie
war, und Stand, Verwandte, und alle künftige Hoffnungen, ihr zu Liebe, aufopfern.
    Es ist ungewiss, was für Schritte er zu Ausführung dieses Entschlusses tat;
vielleicht suchte er sich in dem Hause des alten Münsters als Lehrling
einzuschleichen, aber dieser schlaue Alte musste sich dieses Gesicht, das sich
ihm bereits unter so mancherlei Vorwänden gezeigt hatte, gemerkt haben, oder er
hatte andere Ursach zu Verdacht geschöpft, genug Herrmann musste abgewiesen
worden sein, denn die Geschichte stellt uns ihn bald nach der Zeit, da diese
Versuche gemacht worden sein mochten, in eben dem trostlosen Zustande als im
Anfang seiner Liebe vor.
    Herrmann war Wenzels Liebling und Vertrauter; bleich und abgehärmt ging er
vor den Augen seines Herrn herum, und jeder seiner Blicke schien zu flehen, man
möchte doch nach der Ursach seiner Leiden fragen, und ihm helfen. Aber Wenzel
fragte nicht, er war keiner von jenen Fürsten, welche die Wünsche ihrer
Favoriten, auf Unkosten tausend anderer befriedigen, er wusste nicht einmal, dass
Herrmann welche hatte, er gehörte zu jenen spiegelglatten Seelen, die von allem,
was sie umgibt, nur einen vorübergehenden Eindruck annehmen. Man konnte vor
seinen Augen leiden, ohne dass er es fühlte, sterben, ohne dass er es gewahr ward,
und wieder lebendig werden, ohne dass er sich darüber wunderte.
    Diese Fühllosigkeit gegen das Herzensweh eines achtzehnjährigen
Kammerjunkers, hatte nun freilich wenig zu sagen, aber er war im Grossen eben
derjenige, der er im Kleinen war, und - doch zur Fortsetzung meiner Geschichte.
    Herrmann gehörte zu den Glücklichen, welchen der Zufall oft ehe sie es sich
versehen die Erfüllung ihres Wunsches in die Hände wirft, welche sich auf keine
Art erkünsteln liess. Der Kaiser sah und verstand nichts von des Jünglings
erbärmlichen Blicken, mit welchen er absichtlich vor ihm herumgieng, aber ohne
sie zu sehen, ohne sie zu verstehen, tat er einen Schritt zu Herrmanns
geglaubten Besten, der sich nicht besser hätte wünschen können.
    Herrmann, sagte er eines Tages zu ihm, was soll ich von dir denken? bist du
blind, oder willst du den Unmut deines Herrn nicht sehen? du hattest doch sonst
immer eine Frage bereit, was mir fehle!
    Herrmann verbeugte sich, ohne zu antworten; was hätte er sagen sollen? wie
konnte man auf einem Gesicht, wie Wenzels, Spuren des Unmuts oder irgend eines
andern Gefühls erkennen? oder heimlichen Verdruss aus dem Betragen desjenigen
schliessen, dessen Sitten nie sanft oder einnehmend waren? die Forderung des
Kaisers war höchst unbillig, und liess sich nur mit Stillschweigen erwiedern.
    Ja, Herrmann, fuhr Wenzel fort, du siehst mich in der grössten Verlegenheit,
und du hast mir schon aus so vielen seltsamen Händen geholfen, das ich glaube du
wirst auch jetzt etwas ausführen können, das mir wohl tut.
    Herrmann verbeugte sich wieder, doch mit einem Anstand von frohem
Selbstgefühl, denn die Worte des Kaisers brachten ihm gewisse Begebenheiten in
den Sinn, bei welchen er in der Tat eine Rolle gespielt hatte, die ihm Hoffnung
auf künftige, bisher vergebens erwartete, Belohnung einflössen konnte.
    Du siehst, fieng der Kaiser von neuem an, du siehst mich in dem
schrecklichen Geldmangel, der sich denken lässt. Die Aussteuer meines Weibes ist
hin, ist auf die Unkosten bei der Hochzeit gegangen; du weisst, ich habe mich
nicht schimpfen lassen. Lumpichte vierzigtausend Gulden! sie sind verzehrt, und
ich habe mit ihnen eine verdrüssliche Sittenrichterin in den Kauf bekommen,
welche mir bleibt, nachdem das, was mir ihre Person wünschenswert machte, nicht
mehr vorhanden ist.
    Herrmann kreuzte sich. Zwar war er schon lang ein Zeuge von den sinnlosen
Verschwendungen seines Herrn und seiner Blindheit gegen die Betrügereien derer,
die ihn umgeben, gewesen; aber vierzigtausend Gulden, die ganze Aussteuer einer
Prinzessin, die man reich nannte, eine Summe, mit welcher der König von
Engelland seine Tochter vor kurzem zu grosser Zufriedenheit seines Schwiegersohns
ausgestattet hatte, das ging über Herrmanns Begriffe, und hätte Wenzel nicht
bald darauf die sogenannte Frau vom Bade, als eine Ursach ungewöhnlicher
Ausgaben, genannt, so hätte er sich gar nicht in diese Dinge finden können.
    Herrmann kannte Susannen, er hatte von ihrer Wut bei Wenzels Vermählung mit
Sophien gehört, er wusste, dass sie frech genug gewesen war, ihrem Geliebten zu
drohen, durch Bekanntmachung von mancherlei Sophien und ihrem Vater verborgenen
Dingen, die ganze Sache rückgängig zu machen, und es kam ihm also nicht
ausserordentlich vor, dass der Kaiser ihre Verschwiegenheit durch ansehnliche
Summen hatte erkaufen müssen, welche er sehr sinnreich mit auf die
Hochzeitunkosten rechnete.
    Was ist zu tun! fuhr Wenzel fort, ich bin darum nicht arm, weil ich kein
Geld in meinen Kasten habe; es ist in den Kasten meiner Untertanen, und man muss
darauf sinnen, wie es in die meinige zu leiten ist. Da ist der alte Münster, der
der Kaiserin an Allerheiligen das artige Geschenk machte, er ist ein reicher
Mann, man sagt mir, er wär im Stande seine Tochter wohl so gut auszustatten, als
der Herzog von Baiern die seinige, und du siehst also wohl, dass er mir helfen
kann und muss. Geh' zu ihm! Er soll mir tausend goldne Schilde borgen! ein Fürst
hat allezeit Mittel sich seiner Schulden zu entledigen; du kannst ihm zum Anfang
die Erlaubnis ankündigen, die einige andre reiche Handwerker so lang vergeblich
gesucht haben, des Sontags, gleich den Edeln, eine goldne Kette um den Hals zu
tragen. -
    Herrmann stand wie versteinert: die Freude eine Gelegenheit zu haben in Idas
Haus zu gehen, ihren Vater in Geschäften des Kaisers zu sprechen, ihm eine Ehre
anzukündigen, die ihn so sehr vor allen andern seines Standes auszeichnen musste,
verschlang jeden andern Gedanken, und es fiel ihm erst, als er schon an Münsters
Haustür stand, ein, ob er ihm auch wohl mit seinem Gewerbe angenehm sein würde?
ob das kaiserliche Zutrauen, dessen oftmalige Erneuerung in ähnlichen Fällen
Herrmann voraus sah, nicht den Wohlstand des Hauses, das ihm so lieb war,
zerstören, und Ida mit der Zeit nebst ihren Vater in Armut und Elend stürzen
könne.
 
                               Sechstes Kapitel.
                        Bürgerstolz und Bürgerreichtum.
Während der Jüngling einige flüchtige Betrachtungen von dieser Art anstellte,
hatte er schon zweimal an Münsters Haustüre geklopft; ein alter Diener öffnete
sie. Herrmanns Gesicht gehörte unter diejenigen, welchen Idas Vater den Zutritt
in seinem Hause nicht zu gestatten pflegte. Jung, schön, in allen Glanz des Hofs
gekleidet, was für einen Anblick für denjenigen, der in Abwesenheit seines
Herrn, der Ehrenhüter des Hauses war! auch dünkte es dem Knechte des alten
Münsters, diese zierliche Figur mehr gesehen und abgewiesen zu haben, welches
bei den mannichfachen vergeblichen Versuchen, welche Herrmann seit einiger Zeit
gemacht hatte, Zutritt in Idas Wohnung zu bekommen, wohl möglich sein konnte.
    Ungestüm ward die Tür zugeschlagen, und ehe noch der Klopfende andeuten
konnte, wen er zu sehen verlangte, tönte ihm die rauhe Stimme entgegen: der Herr
sei ausgegangen.
    Und die Frau? fragte der junge Höfling mit lieblichem Accent. Die Antwort
würde vielleicht die nämliche gewesen sein, wenn nicht ein glückliches Ungefähr
Idas Mutter eben über den Flur getragen, und ihr die Nachfrage nach ihr, zu
Ohren gebracht hätte.
    Herrmann hörte innerhalb der Tür einen kleinen Wortwechsel zwischen der
Frau und dem Knechte, er klopfte noch einmal, und ihm ward aufgetan. Idas
Mutter hatte den unerbittlichen Torwächter vertrieben, sie selbst öffnete die
Pforte, und der Anblick des Hofjunkers nötigte ihr eine tiefe Verbeugung ab.
Wer seid ihr, Herr Ritter? stammelte sie mit einem kleinen Erröten.
    Mein Name tut wenig zur Sache, erwiederte Herrmann mit einigem Unwillen,
aber mein Gewerbe muss mir überall Zutritt verschaffen; ich komme auf Befehl des
Kaisers.
    Des Kaisers? wiederholte sie, doch im Guten? - Doch Gott sei Dank, ich und
die Meinigen sind uns keines Vergehns bewusst, und was sich mit Geld abkaufen
lässt - Geht herein, Herr Ritter, ich muss nach meinen Mägden sehen, und gleich
bin ich wieder bei euch.
    Herrmann ward in ein Unterzimmer gelassen, wo das erste, was ihm in die
Augen fiel, eine holdselige weibliche Figur war, die er augenblicklich für Ida
gehalten haben würde, wenn sie ihm nicht unendlich schöner geschienen hätte, als
er sie je sah, und doch gehörten wenig Minuten dazu ihn zu überzeugen, dass sie
es wirklich sei. Herrmann hatte das junge Mädchen bisher nicht anders, als in
der dichten Kirchenhülle, oder in dem steifen Staate gesehen, welcher damals
Mode war. Die hohen Kragen, die dickgefalteten Kleider, und der gotische
Kopfputz liessen der lieblichen Dirne noch allemal Reiz genug übrig, vor allen
ihren eben so geschmückten Zeitverwandtinnen hervorzustechen, aber ganz ein
anderes war es doch immer, sie im häuslichen Gewande ohne weitern Schmuck, als
einen kleinen Schleier auf ihren schönen Locken zu erblicken.
    Herrmann stand wie versteinert, und Ida an ihrem Spinnrocken blickte kaum
auf, den Eintretenden zu betrachten. Es war in den damaligen Zeiten die Sitte
der Jungfrauen, ihren neugierigen Blicken zu wehren.
    Der Hofjunker war beim Eintritt von der Mutter gebeten worden, sich zu
setzen, und sich die Zeit nicht lang werden zu lassen, aber so wohl er das
letzte, bei Idas Anblick, der ihm alle Langeweile benahm, beobachtete, so wenig
dachte er an das erste; er blieb auf der Stelle stehen, wo er war, und seine
Augen verschlangen die schöne Spinnerinn, welche wohl ein bis zweimal den Mund
auftat, als wollte sie den Jüngling an die Bitte ihrer Mutter erinnern, aber
ihn schnell wieder schloss, als zweifelte sie, ob es ihr in Abwesenheit ihrer
Eltern ziemte, mit einem Fremden, mit solch einem Fremden zu sprechen.
    Liebe Jungfrauen des achtzehenden Jahrhunderts, es war gar eine seltsame
Sache um den jungfräulichen Wohlstand zu Kaiser Wenzels Zeiten, und wenn ihr
etwa glauben sollet, als sei Schüchternheit auch damals nur die Sitte geringer
Mädchen gewesen, so erinnert euch nur, dass Ida wie ein Fräulein erzogen war, und
sich sehr wohl nach dem, was man sie gelehrt hatte, zu halten wusste. Auch hoffe
ich, ihr werdet ihr Betragen nicht Einfalt oder Blödigkeit nennen, wenn ihr
zurücksinnt, mit wie viel Freimütigkeit und Anstand sie am Montag nach
Allerheiligen erschien, und mit jedem ihrer Worte, jedem ihrer Blicke nicht
allein das Herz Sophiens, sondern tausend andere Herzen fesselte. Höret weiter:
    Herrmanns Aufführung wird nicht weniger seltsam in euren Augen erscheinen. -
Die Spinnerin verlor die Spindel, und der junge Herr, an statt dieselbe
aufzuheben um der Atmosphäre des Mädchens näher zu kommen, oder Gelegenheit zum
Anfang eines Gesprächs zu finden, blieb stehen, und liess es ruhig zu, dass sie
selbst sich beugte, um ihr Handwerkszeug von neuem zu fassen.
    Ida, welche diesen Fall nicht aus Koketterie veranlasst hatte, glühte vor
Beschämung über ihr Versehen, und fieng an das Rädchen hurtiger zu drehen, um
den etwanigen Vorwurf der Unschicklichkeit in dem Herzen des Fremden hinweg zu
tilgen.
    Es ist schwer zu erraten, ob irgend ein Zufall den Liebenden und die
Geliebte näher zusammen gebracht haben würde, da sie diesen so unachtsam
vorbeigehen liessen, aber alle Möglichkeit dazu ward in diesem Augenblick durch
die Ankunft der Mutter vereitelt.
    Und was bringt einen Gesandten des Kaisers in mein schlechtes Haus? fragte
die Matrone, indem sie Herrmannen nochmals zum Sitzen nötigte, und sittig vor
ihm stehen blieb. - Der Kammerjunker stockte, errötete, welches jetzt bei
Kammerjunkern etwas seltnes ist, und fand, dass es nicht ohne Schwierigkeit sei,
einen Auftrag, wie der, mit welchem Kaiser Wenzel ihn beehrt hatte,
auszurichten. Auch sagt die Geschichte nicht, wie er sich endlich dessen
entledigte, sondern sie führt uns nur auf die Würkung, die er auf das Gemüt der
Münsterin tat. Sie lächelte, und winkte mit einem bedeutenden Blick auf Ida;
Kind, sagte sie, das bedeutete mir mein Traum, ich fand in Abwesenheit des
Vaters Rosen in unserm Garten, Rosen bedeuten Ehre!
    Mit diesen Worten war die guterzige Frau nach einen grossen Seulenschranke
gegangen, den sie mit Geräusch öffnete, und mit einem Kästchen von schwarzem
Ebenholze zurückkehrte. Gut, sagte sie, indem sie sich an Herrmanns Seite setzte
und das kleine Behältnis auf dem Tische ausleerte, gut dass mein Mann nicht zu
Hause ist, und mir die Ehre hinwegnimmt, einem so grossen Herrn zu dienen. Hier,
Herr Ritter, nehmt so viel ihr wollt, nehmt alles, nehmt es ungezählt, nur diese
Kette und diesen Ring nehme ich hinweg, sie gehören meiner Tochter, und, fuhr
sie fort, und grüsst unsern Herrn den Kaiser schönstens von mir, und wir liebten
ihn alle, seit er uns eine so gute Kaiserin gegeben hätte. Durch sie, hofften
wir, sollte manches besser werden.
    Herrmann erstaunte über die Bereitwilligkeit, mit welcher dieser Frau, wie
er meinte, ihren ganzen Schatz dem Vergnügen aufopferte, einem Herrn, wie
Wenzel, gedient zu haben. Er sah sie an, sprach etwas von sicherer
Wiedererstattung, an welcher er doch selbst nicht glaubte, und trat endlich mit
dem Auftrag hervor, den ihm der Kaiser vor den alten Münster zur Belohnung
(vielleicht zur einigen Erstattung) für das Darlehn gegeben hatte. Wer soll nun,
fragte Herrmann, das Recht haben, mit einer goldnen Kette zu prangen, derjenige,
dem der Kaiser es zudachte, oder die guterzige Frau, welche so bereitwillig ist
ihm zu dienen?
    Mein Mann ist so hochmütig nicht, sprach die Münsterinn lächelnd, und ich?
freilich mir sollte so ein Vorzug vor meines gleichen ganz wohl tun, aber wenn
mich der Kaiser belohnen will, so will ich ihn schon einmal um etwas anders
bitten, das er mir nicht abschlagen muss, wenn er dankbar sein will.
    Herrmann versicherte, er getraute sich alles für sie beim Kaiser zu erlangen
was sie wünschte, und er glaubte ihr die Freiheit zusichern zu können, jeden
Schmuck öffentlich tragen zu dürfen, den sie wünschte, ohne dass ihr darum für
die Zukunft eine freie Bitte abgeschlagen werden sollte. - Der junge Mensch, der
einen Teil der Liebe für die Tochter auf die Mutter übertrug, sprach mit einem
Feuer, das der klugen Münsterinn ein neues Lächeln abnötigte. Es freut mich,
sagte sie, dass ihr so viel bei eurem Herrn geltet, auch danke ich für die
Erlaubnis die Kostbarkeiten zu tragen, die ich habe; allenfalls kann ich mich
auch im Hause damit schmücken, wenn mir das Freude macht. Aber wie ist das, hat
euch der Kaiser, bei dem ihr so viel zu sagen habt, nie erlaubt mit goldnen
Ketten zu prangen? Mich dünkt ich habe euch oft in der Kirche und anderwo
gesehen, aber nie mit so etwas um euren Hals; und ihr seid doch ein Edler!
    Herrmann errötete, denn er wusste die Ursach dieses Mangels, der seinen
Grund in seinem wenigen Vermögen, und Wenzels schlechter Freigebigkeit hatte,
sehr wohl.
    Wie wär es, fuhr die Münsterin fort, wenn ich einmal tät als ob ich Kaiser
wär, und euch eine Kette zu tragen erlaubte? Ida, willigst du ein? - die Mutter
hielt bei diesen Worten die Kette in die Höhe, von welcher sie vor einem
Augenblick sagte, dass sie ihrer Tochter gehöre. Ida verbeugte sich. Nun so steh
auf, fuhr die Mutter fort, und lege dem Ritter selbst das Geschenk an, das ich
ihm von dem Deinigen gebe.
    Ida errötete, zögerte, und erhub sich endlich auf wiederholtem Befehl ihrer
Mutter, ging zitternd auf Herrmann zu, nahm die Kette aus den Händen der
Matrone, warf sie um den Hals des Jünglings, und eilte nach ihren Rocken zurück,
ohne auf den zu achten, der halb ausser sich ihr nachsah, und die Arme nach ihr
ausstreckte.
    Eine grosse Pause erhub sich nach dieser Begebenheit. Ida sass mit
niedergeschlagenem Auge und glühendem Gesicht an ihrem Rocken ohne zu spinnen,
Herrmann heftete seine Augen mit einem Blick auf sie, welcher sich nicht
beschreiben lässt, und die Münsterin sass an ihrem Stuhl zurück gelehnt und sah
dem allen mit einem scharfen beobachtenden Blick zu, der schwer zu erklären war.
    Eben hatte sie die lange Stille durch die Frage an den jungen Menschen
unterbrochen, ob er nicht Ritter Herrmann von Unna sei, und dieser war eben im
Begriff zu bejahen, und wiederum zu fragen, woher man ihn kenne? als die
Münsterinn den Fusstritt ihres Mannes im steinernen Vorhaus vernahm, und ihren
Beisitzer bat, Idas Geschenk in sein Wamms zu knüpfen. Er gehorchte ohne nach
der Ursach zu fragen, und Münster trat ein. Ein alternder Mann von stattlichem
Ansehen, als sein Stand mit sich brachte, ein stolzer Blick in seinem Auge
zeigte den reichen Bürger an, der sich den Edeln gleich hielt, und eine gewisse
Gutmütigkeit in seinen Zügen, machte, dass man ihm diesen Blick nicht übelnehmen
konnte. Die Anwesenheit des Kammerjunkers schien ihn zu befremden, er sah seine
Frau mit einer Miene voll Unwillen an, befahl Ida das Zimmer zu verlassen, und
fragte Herrmann nach seinen Begehren.
    Der Name des Kaisers machte ihn etwas milder, und das Gewerbe, das derselbe
seinem Vertrauten an ihn aufgetragen hatte, nötigte ihm ein Lächeln ab. Es ist
gut, sagte er, nachdem man ihm alles, ausser den Umstand mit Idas Geschenk,
entdeckt hatte, es ist gut, dass mein Weib meine Stelle vertreten hat, das
nächstemal, dass der Kaiser meiner nötig hat, und ich vermute, dies wird bald
geschehen, wird die Reihe an mir sein: wir sind verbunden, unserm Herrn mit Gut
und Blut zu dienen. In einer von Sr. Majestät treuen Reichsstädten fand ich
Schutz und Brodt, als ich arm und vertrieben war, in seinen Landen erwarb ich
einen Teil dessen, was ich habe, und ihm gebührt ohne Zweifel ein Teil des
meinigen; also, Herr Ritter, so oft ihr wollt im Namen eures Herrn, in dem
Eurigen aber - nie.
    Herrmann wollte nach dieser Erklärung das Gespräch von neuem anspinnen, aber
die Antworten fielen kurz aus, er sprach von Wiederkommen, und fügte einige übel
angebrachte Schmeicheleien für den alten Münster hinzu, aber man übergieng es
mit Stillschweigen, und - er entfernte sich. Was sollte er hier? die, welche ihn
so mächtig anzog, die geliebte Ida, war ja nicht mehr gegenwärtig, und ihre
vorher so freundliche Mutter, hatte seit der Erscheinung ihres Mannes sich so
ganz verändert, dass er sie nicht mehr kannte.
    Der Kammerjunker ging langsam nach Hause, und rekapitulirte, was ihm
begegnet war. Idas Anblick, die Freundlichkeit ihrer Mutter, das Geschenk, das
sie ihm auf so gute Art von der Hand des geliebten Mädchens zu verschaffen
wusste, und eine Menge anderer Dinge, welche vorgefallen waren entzückten ihn,
liessen ihm Hoffnungen fassen, die er sich selbst nicht zu erklären wusste, und
machten, dass er die Hauptsache, den glücklich ausgerichteten Auftrag seines
Herrn ganz aus der Acht liess.
    Erst als er die Schätze der guterzigen Münsterinn, deren Gewicht er in der
Freude seines Herzens nicht gemerkt hatte, in seinen Taschen fühlte, alsdenn
erst erinnerte er sich was er zu tun habe, und eilte zu seinem Herrn ihm
Nachricht zu geben.
    Wenzel war niemals zufrieden, und fand also auch hier Ursach zum Verdruss.
Die Gaben der grossmütigen Bürgerinn reichten nicht ganz an die Summe, die er
verlangt hatte, und dennoch liess ihre Bereitwilligkeit zu geben es ihm bereuen,
dass er nicht mehr gefordert hatte. Münsters Reichtum war in seinen Augen
unerschöpflich, und er sann darauf ihm nächstens wieder zuzusprechen.
    Sein Vertrauter hörte wenig von dem, was er ihm hierüber sagte, er sehnte
sich nach Hause, um seine Abenteuer nochmals zu überlegen, und seine Augen an
Idas goldner Kette zu weiden, ein Kleinod von ziemlichem Wert, an welchem er
nichts auszusetzen hatte, als dass das Schaustück, das daran hieng, nicht mit
Idas schönem Gesicht geziert war, ihm nichts als einen alten bärtigen Grafen von
Würtemberg vorstellte, der ihn wenig interessirte. - -
    Herrmann musste über die Gedanken an die Schönheit der Tochter und die Güte
der Mutter ganz die Strenge des Vaters vergessen haben, denn des andern Tages
mit dem frühesten Morgen trugen ihn seine Füsse vor Münsters Pforte, und er war
sehr befremdet, abgewiesen zu werden. Man sagte ihm, weder Herr noch Frau seien
gegenwärtig, man vermute überdieses heute keine Befehle von Sr. Majestät, und
andere Angelegenheiten könne und werde der Herr Ritter in diesem Hause nicht
haben.
    Aehnliche Versuche liefen in der Folge auf ähnliche Art ab, und Herrmann
fing an im Ernste zu wünschen, der Kaiser möge wieder Geldmangel haben, und
seine Zuflucht zu Münsters Goldquelle nehmen müssen. - Aber Wenzel war
empfindrisch genug andre Brünnlein zu entdecken, aus welchen ihm die Schätze,
die er brauchte, noch häufiger zufliessen mussten. Er machte Edle zu Grafen, und
Grafen zu Reichsfürsten, und liess sich für diese Promotionen von jedem nach
Standesgebühr und Würden zahlen. Ein anderer Erwerbszweig war für ihn, die
Erschaffung neuer Richter und Beisitzer jenes fürchterlichen Gerichts, durch
dessen eisernen Arm zu den damaligen Zeiten die Gerechtigkeit im Verborgenen
geübt wurde. Zwar hatte der Kaiser eigentlich kein Recht zu Vergebung solcher
Stellen, zwar war die Uebung dieser Art der heimlichen Gerechtigkeit an ein
einiges Land, an Westphalen gebunden, aber daran kehrte sich Wenzel nicht, er
schaltete mit allem was ihm nicht zukam, als mit seinem Eigentum, und freute
sich des Vorteils, der ihm daraus zufloss.
 
                               Siebentes Kapitel.
                    Unglück bringt uns oft dem Glücke näher.
Graf Viktor von Mayland lebte in heimlicher Fehde mit einem Fürsten aus dem
Hause Visconti. Der Grund ihrer Streitigkeiten und die Ursach, warum beide sich
nur heimlich zu schaden suchten, sind Dinge, welche hieher nicht gehören.
Ehrgeiz und Rache trieben den Grafen an Wenzels Hof, er bot ihm hundert tausend
Gulden, eine für die damaligen Zeiten ungeheure Summe, wenn ihm der Kaiser den
herzoglichen Titel gewähren wollte. Der Kaiser war taub gegen die Vorstellung
seiner Fürsten, Graf Viktors Bitte abzuschlagen, er hörte nur seinen Eigennutz,
er gab, ganz wider die Reichsverfassung, dem Grafen was er öffentlich verlangte,
und versagte ihm, wie die Sage berichtet, auch das nicht, warum er heimlich bat,
das Recht in seinen Landen ein Freigericht zu stiften, das ist, wider jeden den
er hasste, und einen Schein des Verbrechens ausbringen konnte, tausend heimliche
Henker zu bewafnen, die ihn richten konnten, wo sie ihn fanden, ohne dass jemand
sein Blut rächen durfte.
    Dieser letzte Teil von Graf Viktors Gesuch liegt zu sehr in Dunkelheit
gehüllt, als dass sich etwas zuverlässiges davon sagen liess, aber so viel ist
gewiss, dass er alles erhielt, was er verlangte, und des Kaisers Willfährigkeit
noch grossmütiger bezahlte, als er versprochen hatte.
    Jetzt waren, nach Wenzels Meinung, unerschöpfliche Schätze in seinen Händen.
Ganz Prag erschallte von dem Getümmel der Freude, tausend schwelgerische Feste
wurden gefeiert, zu denen Herzog Viktors Erhöhung die Veranlassung sein musste.
Die Untertanen, so sehr sie auch die Ausschweifungen ihres Kaisers tadelten,
bildeten sich doch im Stillen ihm nach. Wenzels Verschwendung gab auch andern
Mittel zum Wohlleben in die Hände, und der Rausch, von welchem bei Hofe alles
taumelte, verbreitete sich in die entferntesten Quartiere der Stadt.
    In einer von denen in dieser Epoche durchschwelgten Nächten, war es, da im
östlichen Teil der Stadt jene schreckliche Feuersbrunst ausbrach, von welcher
noch einige der ältesten Chroniken gedenken. Mitternacht war bereits vorbei, der
Kaiser und sein Zechgeselle, der Fürst von Ratibor, schenkten eben den Pokal
ein, der den letzten Ueberrest ihres Bewusstseins ersäufen sollte, indessen um
und neben ihnen bereits alle diejenigen ohne Verstand lagen, die den Wettstreit
der Schwelgerei mit ihnen begonnen hatten. Lallend und mit wildem Gelächter
erzählten sie einander, wie einer ihrer Gefährten nach dem andern, von Wein
übermocht, dahingesunken war, stritten, zuweilen fast bis zur Tätlichkeit, über
die Ordnung, in welcher dies geschehen war, und über den Augenblick, in welchem
sie das Schicksal der andern treffen würde.
    Mittlerweile hatte der jüngere, kleinere und bessere Teil der Gesellschaft
nur aus dem Becher der Freude getrunken, und ergötzte sich mit dem edlern
Vergnügen des Tanzes. Herrmann war mitten in dem jugendlichen frölichen Zirkel.
Nachdem er lange unter dem Trupp lachender Jünglinge und Mädchen allein traurig
gesessen, bald sich an ein Fenster gestellt hatte, wo er die Gegend von Idas
Wohnung sehen konnte, bald sich unmutig hinweg gewandt, und den tausendmal
vergeblich gefassten Entschluss erneuert hatte, das reizende Bürgermädchen zu
vergessen, so fieng er endlich an seine Zuflucht zu dem gefährlichen Gegengift
des Kummers, dem Trunke, zu nehmen. Er war zu edel, sich um sein Bewustsein zu
trinken, aber doch hatte er endlich den Becher oft genug geleert um froh zu
sein, und in jedem Mädchen, das an seiner Hand die bunten Reihen hinabschwebte,
eine Ida zu sehen.
    Mitten in dem frohen Taumel, in welchem er und alle seine Gefährten sich
befanden, wurden sie durch ein ungewohntes Geschrei erschüttert. Es ist die
Schildwacht, sagte eine liebliche Blondine zu dem schönen Herrmann, und drückte
seinen Arm fester an ihr Herz; sie verkündigt den Tag, lass uns die fliehenden
Stunden nicht versäumen! Die Schildwachen, vielleicht die einigen ganz
nüchternen Männer in der Gegend des Schlosses, verdoppelten ihr Rufen. Die Musik
schwieg, man horchte. Es ist Feuer! riefen einige Stimmen. Feuer! riefen die
andern, und der ganze Schwarm der Tänzer wickelte sich in einen Knäuel zusammen,
und stürzte nach den Türen und den Fenstern, um teils zu fliehen ehe man wusste
wo die Gefahr war, teils zu forschen, wo sie sei.
    Herrmann war unter den letzten. Er flog an das Fenster, wo er diesen Abend
so oft gestanden hatte, und sah den hohen Schlossberg hinab in die weite Ferne
hinaus. Die ganze östliche Gegend des Himmels schwamm in Feuer. Plötzlich stieg
der Gedanke an Ida in seiner Seele auf, der Taumel der Selbstvergessenheit
verschwand. Er rief den Namen seines Mädchens aus, schleuderte die holde
Blondine, welche noch an seinem Arm hieng, von sich, und wandte sich halb ausser
sich um, das Zimmer zu verlassen. Er arbeitete sich durch das drückende
Gedränge, welches das Fenster und die Türen besetzt hielt, stiess zu Boden was
sich ihm widersetzte, und erreichte endlich die Gasse.
    Ohne sich der Dauer des Weges bis zu Münsters Hause, oder der Art, wie er
ihn zurück gelegt hatte, bewusst zu sein, langte er daselbst an, und - doch man
erspare mir die Beschreibung des schrecklichen Schauspiels, welches sich Hermann
hier gezeigt haben würde, wenn er für irgend etwas, als die Gefahr seines
Mädchens, Sinn gehabt hätte.
    Wahrscheinlich war man das Unglück in dem Viertel der Stadt, welches von
demselben betroffen wurde, später gewahr geworden, als es die nüchterne
Schildwache auf dem hohen Schlossberge ausgerufen hatte. Ein Teil der
unglücklichen Bewohner dieser Gegend hatte im schwelgerischen Rausche von
Festen, die auch hier gefeiert wurden, der andere in jenem tiefen Schlafe
gelegen, in welchen die Arbeitsamkeit ihre Freunde einwiegt.
    Die Bewohner des Münsterschen Hauses waren unter den letztern gewesen, bei
ihnen wusste man nichts von üppigen Lustbarkeiten, sondern widmete einen
Wochentag wie den andern dem Fleisse und die Nächte der Ruhe. Es war die Nacht
vor Kreuzerhöhung, da sich diese fürchterliche Begebenheit zutrug, und eine
solche Nacht zu durchschwärmen, würde bei dieser frommen Familie doppelt
strafbar gewesen sein.
    Der halbentseelte Herrmann fand den alten Münster und seine Frau mit
gerungenen Händen bei ihrem brennenden Hause stehen, und nach ihrer Ida rufen,
mit Mühe hatten die unglücklichen Eltern ihr eigenes Leben gerettet, der Vater,
welcher in die Glut zurückgekehrt war, und seine Tochter vergebens auf ihrem
Zimmer gesucht hatte, fühlte nicht die Schmerzen seines bei dieser Gelegenheit
schwer beschädigten Arms, und die Mutter schien alle Augenblick im Begriffe zu
sein, sich ins Feuer zu stürzen, um die Verlorne zu suchen, oder mit ihr zu
sterben.
    Ida? rief Herrmann, als er die Klagen der Eltern hörte, Ida ist verloren?
ha! ich muss sie suchen, sie retten! Diese Worte waren kaum geendigt, als er eine
Leiter ergriff, und sie an dem Teile des halb zerstörten Hauses anlegte, den
ihm die Mutter mit dem Finger zeigte; die lodernde Glut hatte sich von dieser
Ecke gewendet; über glimmende Balken und glühende Steine klimmte Herrmann zu der
Kammer seines Mädchens. Der dicke Rauch verbarg ihn dem Auge der Schauenden.
Idas Eltern konnten den Retter ihrer Tochter nicht mehr sehen. Auch er ist
dahin! schrie die Mutter, und rang die Hände, aber in dem Augenblicke kam er
wieder hervor, drängte sich tiefer in die rauchenden Trümmern, verschwand
nochmals, zeigte sich wieder, fieng an die Leiter hinabzuklimmen, stürzte sich
einigen, die ihm zu Hülfe kamen, in die Arme, und blieb ohnmächtig liegen.
    Leer? rief die herbeidringende Mutter, er kommt leer? Ach Gott, wo ist meine
Tochter!
    Indessen die Mutter über Ida jammerte, beschäftigte sich der Vater mit dem
heldenmütigen Jünglinge, der sein Leben vergeblich gewagt hatte. Der Rauch
hatte ihn auf seinen wiederholten Bemühungen um die, die er liebte, fast
erstickt, Angst und Anstrengung seine Kräfte aufgezehrt, seine Ohnmacht war dem
Tode ähnlich, und nur die Schmerzen der Beschädigungen, die er erlitten hatte,
konnten ihn endlich erwecken.
    Mit der zunehmenden Glut mehrte sich auch die Anzahl der herbeidringenden
Menge, der Tag war angebrochen, die Schwelger und Schläfer von Prag wurden wach,
und man fieng an ernstlich auf Rettung zu denken, die nun fast zu spät kam.
    Idas Eltern verliessen die Gegend des Schreckens, wo sie alles verloren zu
haben glaubten, und begaben sich nach einem kleinen Hause, welches von den
Flammen verschont geblieben war, und welches ihnen gleichfals zugehörte. Idas
unglücklicher Retter liess sich auf ihre Bitte von seinen Leuten an den nemlichen
Ort bringen, weil die Mutter schwur, sie könne seine Wartung niemand als sich
selbst anvertrauen.
    Sie hatten den Weg dahin noch nicht halb zurück gelegt, als aus den immer
mehr zuströmenden Gedränge, ein Mädchen, als Ida, sich in ihre Arme stürzte.
    Es ist unmöglich die Wirkung zu beschreiben, die die Erscheinung der
Verlornen bei den dreien, die sie so unaussprechlich liebten, anrichtete; der
schwache Herrmann ward von neuem ohnmächtig, und der Mutter ging es nicht
besser. Nur der Vater hatte Besonnenheit genug, die Tochter, die weinend in
seinen Armen lag, um die Möglichkeit, um die Art ihrer Rettung zu fragen.
    Rettung? rief Ida, Gott sei Dank, dass ihr gerettet seid, ich habe nichts von
Gefahr gewusst, nichts davon geträumt, bis ich von dem Unglück hörte, dass sich in
unserer Gegend zugetragen habe, und halb sinnlos herbeieilte, euch gerettet zu
sehen, oder mit euch zu sterben.
    Jetzt erst besann sich der Vater, dass Ida noch des vorigen Abends spät um
Erlaubnis gebeten hatte, nebst ihrer Magd, die Metten in der entfernten
Marienkirche zu besuchen, welche gleich nach Mitternacht angieng, und mit
Anbruch des Tages endigte; dort hatte das Gerücht von dem Unglück ihrer Eltern
das fromme Mädchen getroffen; und der gute Engel, der sie vor ihrem eigenen
Verderben vorüberführte, brauchte sie nunmehr zum Mittel, auch die andern zu
trösten, und sie mitten im Unglück den höchsten Grad von Freude fühlen zu
lassen.
    Herrmann war zu sich selbst gekommen, man stellte ihm die lebende Ida vor,
die ihm ganz so dankte, wie das, was er für sie getan hatte, es verdiente. Er
blieb in dem Hause ihrer Eltern, sie ward seine Wärterin, und ob seine Liebe
dadurch genährt, und die ihrige angefacht wurde, lässt sich denken.
 
                                Achtes Kapitel.
                       Herrmann bekommt Rätsel zu hören.
Herrmanns Wiedergenesung und der Wohlstand brachten ihn aus Münsters Hause. Er
erschien wieder vor dem Kaiser, der sich wenig um ihn bekümmert hatte, und ihn
jetzt über sein Abenteuer mit dem Bürgermädchen höhnte. Dem Beispiel des Herrn
folgten die Diener, und Herrmanns und Idas Liebe ward das Märchen vieler Tage.
Nur Sophie war edel genug Herrmann nicht zu höhnen, ihn nicht wegen dessen, was
er für das schöne Bürgermädchen getan hatte, zu verachten. Ein Funke von jener
schnell gefassten Zuneigung für Ida, welchen andere Gedanken und die Fürstin von
Ratibor eben so schnell unterdrückt hatten, glimmte noch in ihrem Herzen, sie
hörte von dem Unglück ihrer Eltern mit Rührung, freute sich der Rettung des
jungen Mädchens, und trug Herrmannen auf, der herabgekommenen Familie ein
Geschenk zu überbringen, welches nach dem wenigen, was Sophie in Händen hatte,
ansehnlich genug war. Herrmann war entzückt seine geheimen Wünsche erfüllt zu
sehen; Idas gestürztes Glück nagte an seinem Herzen, er sah das Kleinod, das er
von ihr in ihren bessern Tagen erhielt, mit Wehmut an, hielt es für Pflicht es
ihr jetzt zurück zu geben, und da ihm dieses unmöglich war, so beraubte er sich
alles dessen, was er von einiger Kostbarkeit hatte, und dessen sehr wenig war,
um ihr den Wert dessen, was sie gab, nur einigermassen zu ersetzen. Er legte es
zu dem Geschenke der Kaiserin, um ihm unter diesen erhabenen Namen eine willige
Aufnahme zu verschaffen. Der besorgte Jüngling hatte noch andere Gedanken. Er
erinnerte sich an das Darlehn der Münsterin, er wusste, dass der Kaiser noch viel
von Herzog Viktors Geldern übrig hatte, und er war kühn genug, ihn an die
Erstattung des Geborgten zu erinnern; eine Freiheit, welche sehr übel
aufgenommen wurde, und vielleicht den ersten Grund zu Wenzels Kaltsinn gegen
seinen ehemaligen Liebling legte.
    Hat man euch aufgefordert, dieser armseligen Kleinigkeit gegen mich zu
gedenken? fragte der Kaiser mit finsterm Blicke. Nein, sagte Herrmann, im
Gegenteil hab ich alle Ursach zu glauben, dass die guterzige Münsterin die
Absicht hatte ihrem Herrn nicht ein Darlehn, sondern ein Geschenk zu geben; aber
diese Grossmut, ist sie nicht die grösste Aufforderung - - Und, fiel ihm Wenzel
ins Wort, sagtet ihr mir nicht von einer freien Bitte, welche sich das Weib, als
sie mir das Geschenk sandte, vorbehielt. Herrmann bejahte. Nun gut, fuhr der
Kaiser fort, so wollen wir warten bis sie mit dieser Bitte einkömmt, und bei
meinem kaiserlichen Worte, es soll ihr nichts -
    Abgeschlagen werden, wollte er sagen, aber die Furcht, sich zu etwas
verbindlich zu machen, das er vielleicht keine Lust haben mochte zu halten, hiess
ihn abbrechen, und ein halb unwilliger Wink mit der Hand deutete dem Jünglinge
an sich zu entfernen.
    Herrmann machte sich auf den Weg nach Münsters kleinem Haust, er trauerte,
dass er seine und Sophiens Gaben nicht auf die Art hatte vermehren können, wie er
wünschte. Wär er Kaiser gewesen, keine Summen hätten ihn zu gross gedünkt, die
Gutwilligkeit der ehrlichen Münster in zu vergelten.
    Er fand Idas Vater diesmal allein. Bekümmert, dass sein Opfer nicht so gross
war als er gehofft hatte, legte er ihm das vor, was er ihm im Namen der Kaiserin
zu liefern hatte. - Münster sah nachdenkend vor sich nieder, und Tränen kamen
in seine Augen! Sie ist eine edle Frau, sagte er, eine wahre Mutter des Volks;
das was sie an mir tun will, tut sie an tausend Unglücklichen, sie entzieht
sich das wenige, was ihr Wenzels Geiz überlässt, um andern zu helfen. O dass ihr
Einfluss auf unsern Herrn nicht so gross ist, als wir hofften! - und doch spürt
man in manchen Stücken Linderung, und das Land hasst ihn weniger, um des Engels
willen, den er ihm zur Fürstin gab.
    Herrmanns Herz war noch voll Erbitterung gegen den Kaiser, und er konnte
sich nicht entbrechen, dem alten Münster den ganzen Auftritt zu erzählen, den er
diesen Tag mit ihm gehabt hatte.
    Ihr habt übel getan, sagte der Alte. Wer Kaiser Wenzeln etwas leihet,
gedenkt gewiss nicht an die Erstattung, und was meines Weibes freie Bitte
anbelangt, so wollte ich, dass ihr euch nicht damit einliesset; die Weiber haben
zuweilen wunderliche Einfälle, und sollte sie eine Sache fordern, die dem Kaiser
kein Geld kostet, und die er ihr also bewilligte, so könnte ihr das erlangte
vielleicht mehr Schaden als Vorteil bringen.
    Herrmann liess den letzten Teil dieser Rede unbeantwortet, und schwur, er
würde nicht ruhen bis das Darlehn, das er aus den Händen der guterzigen Frau
für den Kaiser erhalten hätte, ersetzt sei. Ich sehe mich selbst als ihren
Schuldner an, rief er, und o Gott, dass ich nur gleich jetzt, gleich jetzt tun
könnte was mir zukommt. O Himmel! nur einen Teil, nur einen kleinen Teil der
Güter, die du mir vielleicht in der Zukunft zugedacht hast, gern tät ich auf
das Ganze Verzicht, wenn ich nur jetzt, nur jetzt! -
    Junger Herr, sagte Münster nach einigem Nachdenken, ihr macht euch da ganz
unnötige Sorge, und ich finde es für gut, um euer Herz nur ein wenig zu
beruhigen, euch ein Geheimnis zu entdecken, dass selbst den Weibern nicht ganz
bekannt ist. Ich bin nicht so arm als ihr denkt, so wie ich auch nie so reich
war als mich die Welt vielleicht ausgeschrien hat. Ich wusste das Gerücht, das
meine Feinde von meinen Schätzen ausgebreitet hatten, ich hatte es lange
erwartet, dass der Kaiser anfangen würde, Versuche zu machen, sie in seine Kasse
zu leiten. Mit Bereitwilligkeit hätte ich ihn eingeschläfert, hätte seine
Forderungen befriedigt, so lange ich es ohne Schaden hätte tun können, und wär
es zu arg geworden, so hätte ich auch dafür Mittel gewusst. Freilich, mit Borgen
fängt man an, und mit Rauben hört man auf, ich weiss, wie es andern gegangen ist.
An einem ehrlichen Mann kann man bald Ursach finden ihn um das Seinige zu
bringen; hätte ich so etwas von weiten gemerkt, so hätte ich zusammen genommen,
was ich in diesem kleinen Hause vergraben habe, und wär mit den Meinen davon
gegangen; er hätte denn das grosse Haus, das jetzt abgebrannt ist, und das ich
nicht wieder aufbauen werde, ob ich es wohl könnte, zur Schadloshaltung für den
Verlust eines ehrlichen treuen Bürgers, behalten mögen.
    Herrmann hörte dem Alten mit Verwunderung zu, welcher folgendermassen fort
fuhr. Dass ich hier etwas Geld vergraben habe, weiss meine Frau, aber wie viel,
das taugt ihr nicht zu wissen. Weib, bleibt immer Weib, ein eitles aufgeblasenes
Ding, wenn ihm das Glück die Flügel wachsen lässt, und nur folgsam und demütig
wenn - Und Ida? unterbrach ihn der Jüngling, den die unbilligen Lästerungen
wider das Geschlecht seines Mädchens kränkten.
    Mit Ida hat es freilich eine andere Bewandtnis, fuhr Münster fort, und schien
bei Nennung ihres Namens in ein tiefes Nachsinnen zu geraten. - Weil wir einmal
von ihr reden, fieng er nach einer Weile von neuem an, so muss ich euch bitten,
dass ihr euch nicht wundert, wenn ihr sie inskünftige selten oder nie zu sehen
bekommt. Dass ihr sie liebt, dass ihr ihr eure Liebe auf die edelste Art bewiesen
habt, weiss ich, aber - ihr dürft nicht an sie denken! - Ich hoffe, ihr werdet
keine Unmöglichkeiten verlangen.
    Herrmann wiederholte das Wort Unmöglichkeit mit einem Tone, der ganz der
Abdruck des Entsetzens war, welches ihn befiel, als er das Glück seiner Liebe
mit diesem fürchterlichen Namen benennen hörte. Zwar wusste er hier selbst nicht,
was er hoffen konnte und sollte, doch hoffte er, und zitterte, wenn man das
schwankende Gebäude seiner dunkeln ungewissen Erwartungen antastete.
    Meine Leser erlauben mir ein Gespräch zu übergehen, das sich hier zwischen
dem Bürger und dem jungen Höflinge erhub, und dessen Inhalt sie erraten können.
    Der Alte sprach ernstlich mit dem Jünglinge über das Kapitel von seiner
Leidenschaft, dieser verteidigte sie mit Gründen, welche nicht ganz unwichtig
waren, er beteuerte, er sei bereit entweder Geburt, Stand und alle Hoffnungen
um Idas willen aufzugeben, oder die kühnsten Schritte zu tun, um sich durch
Tapferkeit (in den damaligen Zeiten das sicherste Mittel der Erhebung) hoch
genug zu schwingen, dass die Welt es nicht wagen dürfe, wider die Verbindung mit
einer Person niedrigen Standes etwas einzuwenden.
    Das Urteil der Welt ist's gar nicht, was ich hierbei in Erwägung ziehe,
sagte Münster, es dürfte vielleicht anders ausfallen als ihr denkt; aber -
genug, ich kann euch nicht alles entdecken, es gibt hier gewisse Umstände, die
- kurz ich muss darauf bestehen, dass ihr Ida nicht zu sehen strebt, und alle
Mittel anwendet, eine unglückliche Leidenschaft zu tödten, welche sich endlich
auch in das Herz des Mädchens einschleichen, auch sie unglücklich machen könnte.
    Herrmann tappte hier im Dunkeln. Münsters abgebrochene Winke waren ihm ganz
unerklärlich, und er war geneigt alles für künstliche Verschleierung eines
hartnäckigen Widerwillens gegen seine Person anzunehmen, dessen Grund Münster
nicht anzugeben wusste, und also seine Zuflucht zu Rätseln nehmen müsse.
    Ein treuherziger Händedruck des Alten versicherte Herrmann vom Gegenteil.
Nein, junger Herr, sagte er, ich liebe euch, liebte euch damahls schon, als ich
alle eure Bemühungen, Zutritt in meinem Hause zu bekommen, vereitelte, und jetzt
da die Dankbarkeit mich an euch fesselt, urteilt was ich jetzt für euch fühlen
muss?
    Herrmann nahm die Versicherung des Alten kaltsinnig auf, er verliess ihn und
fasste den festen Entschluss, Münsters Haus nicht mehr zu besuchen, und doch war
er immer, ohne sich dessen bewusst zu sein, nach demselben hingezogen. Es blieb
doch immer eine Möglichkeit für ihn, Ida oder ihre freundliche Mutter einmal zu
sehen, auch fühlte er selbst für den harten Vater eine Zuneigung, welche es ihm
unangenehm machte, seine Gesellschaft lange zu missen.
    Sonderbar war es, dass ein am Hofe herangewachsener Jüngling Geschmack an dem
Umgange eines gemeinen Bürgers finden konnte; aber dieser Bürger war ein edler
wohldenkender nüchterner Mann, und der Jüngling, der so gern um ihn war besass
Verstand und Tugend genug, um den Ton, der in seinen Reden und Taten herrschte,
den Sitten an Wenzels schwelgerischen Hofe weit vorzuziehen, und es sich oft im
Stillen zu sagen, er fühle sich besser, dem Laster gehässiger, der Tugend
geneigter, seit er den redlichen Münster kennen lernte.
    Gefühle von dieser Art waren indessen nicht hinreichend den jungen Hofmann
von jedem Schritte abzuschrecken, der seinem treuherzigen Freunde misfallen
konnte, er sann ernstlich darauf, sich eine geheime Unterredung mit Ida oder mit
der Mutter zu verschaffen, und das letzte gelang ihm.
    Er fand diese gute Frau ihm noch so geneigt wie jemals, sie vereinigte ihre
Klagen über den Eigensinn ihres Mannes mit den Seinigen, versicherte ihm Dinge
von Wichtigkeit zu sagen zu haben, und benennte ihm einen Abend, wo er in
Abwesenheit ihres eifersüchtigen Hüters, nicht allein sie, sondern auch Ida zu
sehen bekommen sollte.
    Herrmann stellte sich pünktlich ein. Eine verschwiegene Magd sagte ihm, der
Herr sei noch nicht ausgegangen, und bat ihn bis zu seinem Abschied in ein
kleines Kabinett zu treten, welches nahe genug an dem untern Saale lag, um ihn
einige Fragmente von einer Unterredung hören zu lassen, die zwischen Idas Eltern
vorfiel und die wir unsern Lesern mitteilen wollen.
    Und nach allem diesen, fieng der alte Münster an, als es Herrmannen zuerst
einfiel das Ohr an die Tür zu legen, nach allem diesem hältst du mich noch für
einen Hasser des jungen Menschen? Glaube mir, alles was ich eingestehen kann,
ist, ich liebe ihn einige Grade weniger als Idas Glück; dieses, dieses ist mein
einiges Augenmerk!
    Auch das Meinige, erwiederte die Frau mit mürrischer Stimme.
    Und doch, fuhr Münster fort, erwählst du die widrigsten Mittel deinen
Entzweck zu erreichen?
    Die besten! versetzte sie. Das Mädchen muss aus der Dunkelheit hervor, wenn
ich nicht ewig das bereuen soll, was ich getan habe.
    Ja, das soll sie, sprach der Alte, aber nicht durch Herrmann; lass uns doch
den geradesten, den kürzesten Weg wählen! Was kann sie von einem Jünglinge
hoffen, der sein Glück noch nicht gemacht hat? dem sie vielleicht Jahre lang in
die Fremde nachsehen muss, der zu einem Hause gehört welches - -
    Nun gut, rief die Münsterinn, so bewillige meinen zweiten Vorschlag.
    Frau, erwiederte der Mann, ich bitte dich, gieb die unglücklichen Gedanken
auf, was soll Ida an einem Hofe wie Wenzels? Denke, was uns dein Einfall das
junge Mädchen an Allerheiligen mit deinem prangenden Geschenke hervortreten zu
lassen, schon für Unruhe gemacht hat, willst du noch weiter gehen? - O dass ich
dir die närrisch ausgesonnene Feierlichkeit gestattete! Es ist undankbare Mühe
den Grossen zu opfern, sie vergessen diejenigen nur gar zu bald, welche ihnen
Freude machten.
    Welches nicht geschehen sein würde, sagte die Frau, wenn Ida des andern
Tages auf Befehl der Kaiserin bei Hofe erschienen wär, wenn sie sich nicht auf
deinem Befehl hätte krank stellen müssen.
    O wenn die Kaiserin eine festere Neigung für sie gefasst hätte, als Damen
ihres gleichen pflegen, so würde es bei einer Einladung nicht geblieben sein.
Welches ist besser, jetzt von ihr vergessen zu sein, oder nach einigen
glänzenden bei Hof zugebrachten Wochen oder Tagen dieses Schicksal erfahren, und
gehasst, verlacht, und beneidet, in ihre Dunkelheit zurückkehren zu müssen?
    Die Münsterin schwieg.
    Siehst du ein, fragte der Alte, dass dein Anschlag töricht war? dass er
seines Entzwecks verfehlen musste? und dass es mit dem zweiten eben so gehen wird?
    Er war nicht töricht, verfehlte seinen Entzweck nicht, rief die Frau; ich
wusste, dass Ida Aufsehen erregen, dass sie wenigstens ein Herz würklich fesseln
musste, und es geschah. Der gute liebenswürdige Herrmann ward von ihr besiegt, er
ist es, durch dessen Hand sie das Schicksal hervorziehen will, und er soll sie
haben, soll einst ihr Glück mit ihr teilen.
    Soll ich dir zum zweitenmahl die Unmöglichkeit vorstellen, welche bei ihm
stärker als bei einem andern ist?
    Tue es nicht, du richtest nichts aus.
    Hartnäckiger Weiberkopf! - Willst du mir auch nicht wenigstens versprechen,
deine neuen Chimären aufzugeben, und alles mir zu überlassen?
    Idas Schicksal geht mich näher an als dich und -
    Nur dies, nur dies nicht, Marie, du weisst, wie ich sie liebe, und welcher
Triumpf es für mich sein wird - -
    Idas Eintritt verhinderte die Fortsetzung des Gesprächs. Der alte Münster
erklärte, er würde diesen Abend zu Hause bleiben, und dem jungen Mädchen ward
befohlen statt des Spinnrockens die Harfe zu nehmen, und die Geister des Unmuts
von ihren Eltern zu verjagen.
    Es war billig, dass Herrmann doch einige Schadloshaltung für eine
fehlgeschlagene Hoffnung erhielt; das Vergnügen Ida singen, spielen und sprechen
zu hören, liess es ihn vergessen, dass er sie nicht zu sehen bekam, und die
Vertraute, welche endlich eintrat, ihm zu sagen, dass er heute vergebens gekommen
sei, und dass er sich hinweg begeben möge, erschien ihm viel zu zeitig. Mit
Unwillen verliess er sein dunkles Behältnis, und ging gedankenvoll nach Hause.
 
                                Neuntes Kapitel.
                        Der Ritter von der treuen Minne.
Die Geschichte sagt nicht, ob nach diesem ersten vereitelten Plan zu einer
geheimen Zusammenkunft keine weiteren entworfen oder ob sie alle durch Münsters
Klugheit zerstört wurden, gewiss ists, dass Herrmann weder Mutter noch Tochter in
dieser Zeit zu sehen bekam, auch dauerte die Anwesenheit des Jünglings an dem
Orte, wo sein Mädchen lebte, noch zu kurze Zeit, als dass sich eine so schwere
Sache als die Berückung eines wachsamen Vaters darin hätte ausführen lassen.
    Herrmann merkte mit jedem neuen Tage vermehrte Kaltsinnigkeit in dem Auge
des Herrn, dessen Liebling er ehemals war. Wenzel sagte eines Tages sehr
sinnreich zu Susannen: der Pursche säh aus wie ein lebendiger Mahnbrief aus dem
Münsterschen Hause, und ob eine Phisiognomie, welche Dinge von dieser Art
ausdrückte, seiner Majestät gefallen konnte, lässt sich denken.
    Wenzel irrte indessen. Münster hatte es seinem jungen Freunde so oft
versichert, dass er die Rückgabe des Darlehns weder wünschte noch erwarte, als
dass dieser noch einen Gedanken hätte haben sollen, seinen Herrn an diese
verdrüssliche Sache zu erinnern. Hätte der Kaiser sich besser auf die
Gesichtskunde verstanden, so würde er in Herrmanns Gesicht ganz andere Dinge
gefunden haben. Heimlicher Gram, Überdruss und Eckel in allem was ihn umgab, und
Sehnsucht nach einer heitern Zukunft lag in seinen Zügen, freilich also übrig
genug, einem Herrn zu missfallen, welcher allein das Recht haben wollte
unzufrieden zu sein!
    Der junge Mensch las seinen Fall, las, denn er kannte seinen Herrn,
Gefängnis und Tod in Wenzels Blicken, und fieng an ernstlich an seine Entfernung
zu denken; ein Entschluss, welchen der alte Münster, der jeden Gedanken des
jungen Menschen erfuhr, mit allen Kräften unterstützte.
    Es freut mich, sagte er, dass ihr selbst auf das kommt, was ich euch gern
längst geraten hätte. Was soll endlich hier aus euch werden! Ihr verträumt eure
schönsten Jahre in Müssiggange und verliert Zeit und Kräfte zum Guten. Hinaus,
junger Mensch, hinaus in die weite Welt, dort winken euch Glück und Ehre! Geht
in den Dienst irgend eines grossen Herrn, die Welt wird nicht von lauter Wenzeln
beherrscht. Noch haben wir Herzoge von Oesterreich und Braunschweig, noch lebt
ein König Siegmund in Ungarn, alles Fürsten, die ihrem Stande einige Ehre
machen, wählt euch einen Herrn, und rechnet auf die Unterstützung dessen, den
ihr mehrmals Vater nenntet. Ihr werdet euch doch nicht schämen, durch einen
reichen Bürger die Mängel eures Glücks verbessern zu lassen? so stolz seid ihr
doch wohl noch nicht!
    Und was ich euch noch raten wollte, fuhr er fort, als er sah, dass Herrmann
ihn unterbrechen wollte, denkt vor allen Dingen darauf, den Namen würklich zu
erhalten, den man euch jetzt schon nach dem Hoftone geben muss. Lasst euch das
Ritterschwerd umgürten, es dünkt mich im Grunde lächerrlich, einen Kammerjunker
Ritter zu nennen, der kein anders Gewehr trägt, als den kleinen goldnen Degen,
den er oft aus Irrtum auf die rechte Hüfte schnallt. - Ihr freilich, setzte er
hinzu, als er sah, dass sich auf des Jünglings Stirne ein kleiner Unwille
zusammen zog, ihr seid kein solcher, man kennt euren Mut und eure
Waffenerfahrenheit, aber ihr müsst auch nun endlich einmal aus der Reihe
verzärtelter Jünglinge heraustreten, deren Gesellschaft euch keine Ehre bringt.
    Herrmann gehorchte seinem Freunde, er bat bei Kaiser Wenzeln um Helm und
Schild, und dieser, dessen Unwille gegen seinen ehemahligen Liebling noch nicht
hoch genug gestiegen war, um ihm Leben und Ehre zu misgönnen, war froh ihn vom
Hofe los zu werden, und gab ihm was er bat.
    Münster, Herrmanns Orakel, hatte ihm geraten, sich in irgend einen von den
damahligen zahlreichen Orden, welche überall ihre Mitglieder hatten, aufnehmen
zu lassen, und der junge Mensch wählte, mit Rücksicht auf seinen Zustand, den
Orden der treuen oder wie man ihm schon damahls sehr nachdenklich nannte, den
Orden der alten Minne.
    Der treuherzige Bürger lächelte ein wenig, als er den jungen Ritter mit dem
Abzeichen seines Ordens, einem unter der Rüstung hervorschwellenden rosenfarbnen
Ermel auftreten sah, und meinte, er hätte gewünscht, Herrmann möchte sich zu
einer Gesellschaft von ehrwürdigerm Ansehen entschliessen! eine Einwendung, die
dieser, der nichts ernsteres, nichts ehrwürdigers kannte als eine Liebe, mit
Stillschweigen überging.
    Der neue Held hatte gehoft, wenigstens am Abend seines Ehrentages Ida zu
sehen, aber er ward bald inne, das er dieses Glück nicht ehe als höchstens auf
den Tag seiner Abreise von Prag erwarten dürfe, diesen so sehr als möglich zu
beschleunigen, war des alten Münsters eifriges Bestreben. Es ward ihm schwer,
täglich das Zureden seiner Frau und das Bitten des jungen Menschen zu erdulden,
ohne ihnen das gewähren zu dürfen, was beide suchten; die jungen Leute sollten
und durften sich seinem Vorsatz nach nicht mehr sehen, und es war also am
besten, dass Herrmann entfernt ward.
    Idas Mutter hätte so gern noch einmal den jungen Ritter gesprochen um durch
ihn einen Anschlag auszuführen, der ihn schon lange im Sinne lag, und von
welchem wir im vorhergehenden schon einige Winke bekommen haben, aber eben
dieses wollte Münster verhüten, eben darum drang er auf Herrmanns Entfernung,
und es war also keine Möglichkeit hierinn zum Zwecke zu kommen.
    Es war den letzten Abend vor Herrmanns Abreise als Münster sich mit der
Bitte an ihn wendete, er möchte ihm doch einige nähere Nachricht von der Art,
wie er an Wenzels Hof gekommen sei, mitteilen, und der Jüngling war seinem
bejahrten Freunde zu viel schuldig, um ihm sein Gesuch abzuschlagen, aber,
setzte er hinzu, darf ich meiner Einwilligung auch eine Bitte anhängen? - Ich
finde so viel ausserordentliches in euch und in eurem ganze Hause. - Diese Ida
mit allen ihren Vollkommenheiten, ein Mädchen ohne Stand und Herkunft? Ihr, mit
euren edeln Gesinnungen, dergleichen ich unter allen Grossen des Hofs nicht fand,
ein gemeiner Bürger? - Unmöglich!
    Ihr erzeigt unserm Stande viel Ehre, erwiederte der Alte mit einem
höhnischen Blicke, vielleicht hat der Bürgerstand heut zu Tage mehr wirkliche
Edle aufzuweisen, als der Eurige; doch weil ihr mich nun so gar ausserordentlich
findet, so wisset, ich bin in meinen jüngern Jahren ein Kriegsmann gewesen, habe
lang an den Höfen grosser Fürsten und Herrn gelebt, habe grosse Reisen nach
England und Italien getan, und dort die Meisterstücke der Kunst, die ich jetzo
treibe, kennen gelernt. Das Schwerd machte mich nicht reich, ich ward sein müde,
ich suchte die Kunst hervor, die ich in jüngern Jahren lernte, und sie nährte
mich und machte das aus mir was ich jetzt bin, ein freier Mann der keines
Fürsten Gnade zu achten braucht; dahingegen mich das Schwerd immer dienstbar
liess. Ich war unter den Burgmännern eines Fürsten, der mir nach tausend
Diensten, die ich ihm erwiesen hatte, eine Gefälligkeit versagte, die nur mir
wichtig, ihm eine Kleinigkeit war. Ich liebte ein junges schönes Weib unter den
Dienerinnen seiner Gemahlinn, sie war leibeigen, ich bat um ihre Freiheit, um
ihr meine Hand geben zu dürfen; man wies mich zurück. Es ereignete sich eine
Begebenheit, die es mir und Marien leicht machte, davon zu kommen, ich muss
gestehen, es ging dabei nicht alles so zu, wie es sollte, aber wozu kann uns
nicht Weiberliebe bereden!
    Wir fanden Zuflucht in Nürnberg. Unser ehemaliger Herr war ein geschworner
Feind der Reichsstädte, und ward von ihnen nicht minder gehasst, es diente uns
hier zur Empfehlung, ihm entflohen zu sein. Man gab mir das Bürgerrecht. Ich
fieng an zu arbeiten; man fand das was ich lieferte ausserordentlich, ich ward
berühmt, Reichtümer flogen mir zu, ich war glücklich und würde es noch sein,
wenn mich nicht der hochfliegende Sinn meines Weibes hieher gebracht hätte, ihr
zu Liebe musste ich Arbeit annehmen, welche mir hier angeboten wurde, und die ich
aus Liebe zu der Stadt, die mich zuerst aufnahm und aus andern Ursachen, lieber
ausgeschlagen hätte. Doch, dies sind Dinge welche nicht hieher gehören, - ich
bitte, fangt eure Geschichte an, welche vermutlich merkwürdiger sein wird, als
die meinige.
 
                                Zehntes Kapitel.
                             Herrmanns Geschichte.
Merkwürdig genug würde das sein, was ich euch zu erzählen habe, fieng Herrmann
an, wenn ich von Vätern und Grosvätern anfangen und euch den eigentlichen Grund
der Abhängigkeit, in welcher ich leben muss, vorlegen wollte. Ich bin arm, muss
entweder der Diener eines schlechten Fürsten bleiben, oder ein Mönch werden,
oder Verbindlichkeiten von denenjenigen annehmen, denen ich lieber selbst welche
auflegen möchte. Verzeiht mir, Vater Münster, verdenkt es mir nicht, dass ich
lieber unsere Rollen umkehren, lieber euch Wohltaten erzeigen, als welche von
euch annehmen möchte.
    Der alte Münster verstand wohl, worauf dieses ging; der junge Mensch hatte
diesen Abend die Geschenke, welche die Kaiserin vor einiger Zeit durch ihn an
dieses Haus schickte und die er in der Stille mit dem wenigen was er besass
vermehrt hatte, als einen Nehr und Wehrpfennig von dem guterzigen Bürger
annehmen müssen, und die Art, mit welcher dieses nicht unwichtige Geschenk
gegeben wurde, war so edel, so dringend, dass die Verweigerung unmöglich, aber
die aufgelegte Verbindlichkeit für Herrmann auch desto lastender ward.
    Meine Väter, fuhr der Erzähler fort, indem er den Händedruck des Alten, die
einige Beantwortung seiner vorigen Rede erwiederte, meine Väter haben gesündigt
und ich muss dafür leiden. Mein Grosvater, der jüngere Sohn seines Hauses,
veruneinigte sich mit seinem ältern Bruder den jetzt regierenden Grafen von
Unna; mein Vater zog durch den Anteil, den er und seine ältern Söhne an den
Händeln der Martinsritter mit dem Grafen von Würtemberg nahmen, den Hass seines
ehrwürdigen Oheims noch mehr auf sich, und ich, der damahls noch in den ersten
Kinderjahren war, musste Teil an der Strafe nehmen, ohne Teil an der
Versündigung gehabt zu haben.
    Münster stiess bei dem Namen des Grafen von Würtemberg einen tiefen Seufzer
aus, und Herrmann fuhr fort.
    Ich weiss nicht, ob euch die Begebenheit Graf Eberhards zu Wisbaden bekannt
ist, und will euch also einen kleinen Begriff davon machen.
    Es ist unnötig, fiel Münster mit einigem Unwillen ein. Ich kenne den Grafen
von Würtemberg und die ganze Geschichte besser als ihr. Die Martinsritter
wussten, dass er zu Wisbaden lebte, aus Verlangen nach einer guten Beute,
vielleicht auch aus andern Ursachen, belagerten sie ihn, und würden ihn mit
seinem ganzen Hause in ihre Gewalt bekommen haben, wenn er sich nicht durch den
engen Weg bei den Weinbergen gerettet hätte.
    Diese unglückliche und unrühmliche Expedition, fing Herrmann von neuem an,
kostete meinem Vater und einem meiner Brüder das Leben, brandmarkte ihren Namen
mit Schande, und zog ihnen den unversöhnlichen Hass des Hauptes unserer Familie
zu. Der alte Graf von Unna zog mit Einwilligung des Kaisers den grössten Teil
unserer Familiengüter ein, und drohte uns mit dem Arm des heimlichen Gerichts,
dessen Oberrichter er in unsern Gegenden war, zu verfolgen, dafern sich jemand
unter uns fände, der die begangene Tat rechtfertigen, oder die Strafe für zu
streng erklären würde.
    Ich verstand damals von diesen Dingen nichts, so viel ich auch davon zu
hören bekam; nur die Würkungen davon wurden mir mit jedem Tage merklicher
    Ich war der jüngste unter einer Menge von Geschwistern, welche grösstenteils
meine Väter und Mütter hätten sein können, und die auch diese Stelle bei mir
vertreten sollten. Bernd der älteste und das nunmehrige Haupt der jüngern Linie
von Unna ward von seinen Geschwistern mit einer scheuen Ehrfurcht angesehen, und
Liebe zu ihm oder Familienstolz bewegte die meisten von ihnen den geistlichen
Stand anzunehmen, damit er im Stande sein möchte den Namen seines Hauses mit
einigem Glanze zu behaupten. Daher kommt es, dass ich euch mit geistlichen
Geschöpfen aller Art aus meiner Familie dienen kann, es gibt da Domherrn,
Aebtissinnen, geistliche Ritter, Klosterjungfern so viel ihr wollt, und es würde
auch wenigstens einen Mönch unter uns geben, wenn ich meinen Geschmack nach dem
Willen der andern hätte bequemen wollen. Mir war die Ehre zugedacht, in dem
Kloster zu Korf Profess zu tun. Um mich desto eher zu diesem Glück zu befördern,
hatte man mit ziemlichen Kosten eine Dispensation vom heiligen Vater ausgewürkt,
in welcher geschrieben standt: Junker Herrmann von Unna, sollte wegen seiner
frühzeitigen Klugheit und Frömmigkeit, und den ausserordentlichen Spuren eines
göttlichen Berufs, bereits in seinem dreizehnten Jahre die Erlaubnis haben, die
Welt zu verlassen, und das Leben der Engel anzufangen.
    Unsere Familie musste besonders gesegnet an solchen Wundern der Heiligkeit
sein, denn zwo Schwestern von mir, welche einige Jahre vor mir voraus hatten,
waren vor kurzen auf ähnliche Art begnadigt worden, aber ich war bei ihrer
Einkleidung gegenwärtig, und sie genossen des Vorzugs, den man ihnen gönnte, auf
so trübselige Art, dass ich meinen innern Beruf, meine frühzeitige Klugheit und
Frömmigkeit anfieng zu bezweifeln, und mich scheute Gebrauch von einer Ehre zu
machen, die man mir so unverdient zuteilte.
    Arme Agnes! arme Petronelle! dachte ich, als ich eines Morgens das Kloster
verliess, um es nie wieder zu betreten, o dass ich euch so von dem Leben der Engel
auf Erden befreien könnte, wie ich ihm jetzt entsage? Lebt wohl ihr Heiligen,
lebt wohl ihr Gräber und all' ihr schallenden Klostergewölber, vielleicht in
einem halben Jahrhunderte sehen wir uns wieder!
    Immer war mein Geist munter und tätig gewesen, schon als achtjähriger Knabe
freute ich mich, heimlich das Schwerd meines ältern Bruders schwingen zu können,
und von seinen Knechten auf seine Rosse gesetzt zu werden, jetzt da ich heran
wuchs, da ich begann stärkere Begierde nach dem zu fühlen was in der Kindheit
mein Spielwerk war, jetzt sollte ich mich dem Müssiggange des Klosters widmen? -
Nie hatte mir dies in den Sinn gewollt, immer hatte ich mich nur darum verstellt
um einmal desto sicherer entfliehen zu können, und meine Maasregeln waren mit
Hülfe eines vertrauten Dieners meines Bruders so klüglich genommen, dass ich
sicher über die Gränze und sicher an den Ort kam, den ich mir zu meinem
Aufentalte gewählt hatte.
    Der Hof des Kaisers war es, wo ich sicher zu sein glaubte. Ich hatte einmal
gehört, ein Kaiser sei ein Schützer aller Bedrängten, und ich, der ich mich für
den Bedrängtesten von allen Sterblichen hielt, stellte mich seiner Majestät mit
so viel Freimütigkeit und Zuversicht vor, als ob das, was ich suchte, nicht
Gnade, sondern ungezweifeltes Recht sei; ich glaube, es war es auch, aber wusste
Wenzel wohl etwas von den Rechten der unterdrückten Menschheit? - Doch mir war
unbekannt, wieviel Gefahr derjenige lief, der Recht oder Gnade bei ihm suchte;
mein guter Engel führte mich gerade in einer Stunde zu ihm, wo er geneigt war,
Menschen zu beglücken, und dergleichen Stunden hat doch auch der ärgste Tyrann
je zuweilen.
    Ich ward unter Wenzels Edelknaben aufgenommen. Die Dankbarkeit für seine
Gnade, die ich auf die unbefangenste Art äusserte, meine Munterkeit und froher
Mut nahmen ihn ein; ich musste in seinem Zimmer schlafen, musste Tag und Nacht
der Ausrichter seiner geheimen Geschäfte sein, und die Unverdrossenheit, mit
welcher ich dieses tat, setzte mich immer fester in seiner Gunst. Es war
unmöglich, dass Wenzel nicht zuweilen in den Augen derjenigen, die ihm dienten,
unter der Larve der Schmeichelei heimliche Misbilligung seiner Taten bemerken
sollte, bei mir konnte er nichts dergleichen gewahr werden, denn mich dünkte,
alles sei recht, was ein Kaiser tat. Dieses machte, dass er mich unablässig um
sich haben wollte, und ich ward auf diese Art nach und nach in allen
Geheimnissen seiner Schwelgereien eingeweiht.
    Armer, armer Jüngling! rief der alte Münster, was für eine Schule für dein
Herz!
    Nicht gefährlich, ich versichre euch, ich war zu jung, um eine Neigung zu
dem zu fühlen, was ich an meinem Herrn sah, ich dachte, diese Dinge ziemten nur
ihm, und ich sehnte mich so wenig seine Pokale zu leeren, oder seine Dirnen zu
küssen, als mit den Enten im Teiche zu baden.
    Auf der andern Seite schützte mich Begierde zum Waffen und unablässige
Beschäftigung vor bösen Eindrücken. Die Stunden, welche Wenzel verschlief, oder
wachend verträumte, und in welchen selbst ich ihm nicht angenehm war, brachte
ich beim alten Herrmann von Hertingshausen, des Kaisers Waffenmeister zu, der
mich schon um des Namens willen, den ich mit ihm gemein hatte, liebte, und weder
Mühe noch Kosten sparte, schon da, als ich noch ein Page hiess, einen Ritter aus
mir zu bilden.
    Ich bildete mir nicht wenig auf meine erlangten Geschicklichkeiten ein, alle
meine jungen Gefärten, selbst Kunzmann, der Sohn des alten Hertingshausen,
hassten mich um des Stolzes willen, mit welchem ich meine Vorzüge zur Schau trug,
und ein Degen, den mir der Kaiser zu tragen vergönnte, und der mich vollends vor
allen Jünglingen meines Alters auszeichnete, brachte ihren Neid auf den höchsten
Gipfel, man nannte mich nur den wehrhaften Edelknaben, und ich prangte mit
diesem Titel, ungeachtet man ihn zu meiner Verspottung ersonnen hatte.
    Die Begierde es in ritterlichen Uebungen immer weiter zu bringen und meinem
Herrn treu zu dienen, beschäftigte meine ganze Seele, alles übrige achtete ich
nicht. Man wusste, dass ich Wenzels Liebling war, und scheute sich also, mir, der
ich meinem Herrn nichts verschwieg, etwas von demjenigen hören zu lassen, wovon
ganz Prag, wovon das ganze Land voll war, von dem Abscheu, mit welchem man
Wenzels Ausschweifungen anzusehen begunte. Nicht jedermann hatte den Glauben
meines einfältigen Herzens, einem Fürsten seien Dinge erlaubt, welche an jedem
andern bestraft werden müssten, man hasste, man verachtete ihn und sann darauf
seiner los zu werden.
    Erst spät wurde der träge, fast nie seiner selbst bewusste Kaiser dessen
inne. Es war, als er endlich aufmerksam ward, bereits so weit gekommen, dass er
sich in Prag nicht mehr sicher halten konnte, und sich einst in einer Nacht mit
einem kleinen Ausschuss seiner treusten Leute, unter welchen ich freilich nicht
fehlen durfte, nach einem wenig Stunden von Prag erbauten Schloss floh, das er
Kunradsburg genannt, und in Rücksicht auf den Fall, der sich jetzt zutrug, stark
befestigt hatte.
    Hier erst war es, wo ich die Ursach unserer schleunigen Flucht erfuhr. Ich
erstaunte zu hören, dass auch ein Kaiser von Gefahren bedroht werden könnte, und
fand bei meinen gränzenlosen Begriffen von den Vorrechten der Majestät die Sache
so entsetzlich, dass ich Wenzeln, der sich herabliess, mich selbst von der Lage
seiner Sachen zu unterrichten, feierlich schwur, ihn mit meinem guten Schwerdte
bis auf den letzten Blutstropfen zu verteidigen.
    Wenzel lachte, und gab mir einen gutgemeinten Schimpfnahmen, mit welchem er
mich oft beehrte. Wenn es so weit kommen sollte, dass du mein einiger
Verteidiger wärst, sagte er, so müste es schlimm genug mit mir stehen. Lass dein
Schwerd in seiner Scheide, lass deine Fäuste ruhen, und gebrauche deine Ohren,
lausche wo du zween heimlich mit einander reden siehst, stelle dich schlafend
wenn andere wachen, schimpf und schmähe auf mich, gieb vor, ich habe dich
geschlagen, du hassest mich, du wünschest meinen Tod, und man wird dir trauen,
du wirst alles erfahren, mir alles entdecken, und wir werden sicher sein.
    Ich fand die Ratschläge meines Herrn meinen Gesinnungen so zuwider, verliess
mich so fest auf die Macht meines Schwerds, dass ich jede Gelegenheit ihm auf
andere Art zu dienen aus der Acht liess, und da wir uns nur vor heimlich
schleichender List zu fürchten hatten, immer nur auf offenbare Gewalt lauerte.
    Die Erbitterung des Volks gegen Wenzeln wuchs. Bald nach seinem Abzug nach
Kunradsburg waren drei der vornehmsten unter den Misvergnügten auf seinem Befehl
öffentlich hingerichtet worden, und am nämlichen Tage hatte man meinen treuen
Lehrmeister, den alten Hertingshausen, auf dem Wege von Kunradsburg nach Prag
ermordet gefunden, in der Rinde des Baums, an welchem der Edle gefallen war,
stacken zwei Messer, welche mit seinem Blut gefärbt waren, und über denselben
waren die Worte mit grober unleserlicher Schrift eingehauen2: Wegen Hochverrats
gerichtet von den Freischöpfen. Jedermann wusste, wer der Urheber dieser Tat
war, nur ich wusste es nicht. Ich lief hinaus, um den Leichnam meines alten
Freundes mit meinen Tränen zu netzen, aber man hatte ihn schon dem neugierigen
Volk aus den Augen geschafft. Kunzmann, der Sohn des Ermordeten, begegnete mir:
siehe, schrie er mir mit einem Blick voll Verzweiflung zu, dies sind die Taten
deines lieben Herrn, dem du so treulich dienst!
    Ich war kühn genug, vor den Kaiser zu treten, und ihm das, was mir Kunzmann
gesagt hatte, vorzuhalten. Wenzels Zaghaftigkeit war so gross, dass er sich zur
Rechtfertigung gegen seinen Diener herab liess, und ich, der ich jedem glaubte,
war leicht zu überzeugen. Du siehst ja, sagte er, dass nicht ich, sondern die
Diener des heimlichen Gerichts die Täter sind. Ob Hertingshausen ein
Hochverräter war, das weis ich nicht, aber du siehst wohl aus seinem Exempel,
wie auch die geheimsten Verbrechen von der göttlichen Rache verfolgt werden.
    Ich glaubte blindlings, was Wenzel sagte, und versprach auch Kunzmann es
glauben zu machen. - Des andern Abends als ich in der Dunkelheit durch eines der
Vestungsgewölbe ging, bekam ich einen wütenden Stoss in die Seite, ohne den zu
sehen, der mir ihn gab, doch dünkte mich die Stimme, die ich hörte, Kunzmanns zu
sein. Verdammter Klätscher! rief sie mir zu, um deinet willen muss ich fliehen!
Ich war zu Boden gefallen, rafte mich auf, sah niemand, sann den Worten nach,
die ich gehört hatte, konnte sie nicht begreifen, vergass sie, und bekümmerte
mich wenig drum, als man des nächsten Tages Kunzmann, den ich nie sonderlich
geliebt hatte, unter den Edelknaben misste. Noch vielweniger kam mir es in den
Sinn, dass ich seinen Namen unvorsichtig vor dem Kaiser genannt, ihm dessen
Verfolgung zugezogen, und dadurch seine Flucht veranlasst hatte. - -
    Die Beispiele der kaiserlichen Rache machten, dass man noch behutsamer ward,
als zuvor. Wenzel ward heimlich gehasst, und öffentlich geschmeichelt, mich
fürchtete man, und verbarg jeden verdächtigen Schein vor meinen Augen, und so
geschah es, dass der Herr und Diener wieder in ihre ehemalige Sicherheit gewiegt
wurden.
    Wenzel getraute sich noch nicht wieder nach Prag, aber er fand in den
Gegenden von Kunradsburg so viel Gelegenheit seinen Lieblingsneigungen
nachzuhängen, dass er sich nicht von diesem Orte, der wahrlich zu schön für einen
sinnlosen Schwelger war, hinweg sehnte.
    Es gab unterschiedliche Klosterherren in unserm Bezirk, welche sich so gut
in des Kaisers Weisen zu finden wussten, dass sie sehr fleissig von ihm auf alle
Pokale eingeladen wurden, und ihn eben so oft auf ähnliche Art bewirteten.
Wenzel war eben kein sonderlicher Freund der Geistlichkeit, aber ihr Wein war
gut, und mehr brauchte es nicht, allen heimlichen Groll gegen sie aufzuheben,
und ihn zu veranlassen, mit ihnen wie ein Bruder zu leben.
    Auf einem dieser Gelage zu Kloster Braunau war es, dass ihm seine Feinde,
vermutlich mit Hülfe seiner freundlichen Wirte, überfielen, und ihn gefangen
nach Prag führten. Ich war nicht gegenwärtig, meine zunehmenden Jahre machten,
dass ich des Kaisers Ausschweifungen nicht mehr mit der kindischen Einfalt, wie
vormals, ansehen konnte, sein Anblick, wenn er berauscht war, war mir
abscheulich, und die Gesellschaft von einem Dutzend trunkner Mönche gab denen
Auftritten, welche alsdenn erfolgten, einen so hässlichen Zusatz, dass ich, der
ich dergleichen oft genug hatte ansehen müssen, froh war, dass ich mich diesmal
von der Mitreise nach Braunau hatte losmachen und an dessen statt einen Ritt auf
die Jagd tun können. Das Geschrei von des Kaisers Gefangenschaft kam mir bei
meiner Rückkunft entgegen. Mein Eifer für meinen Herrn erwachte, Liebe und
Dankbarkeit rissen mich zur Rettung desjenigen hin, welcher keins von beiden
verdiente; ich lenkte mein Ross nach der Stadt, ich hofte, die Schaar, welche
Wenzeln entführt hatte, noch zu ereilen, und versprach mir Wunderdinge von
meiner Tapferkeit. Auf dem Wege nach Prag, so wie in der Stadt selbst, war alles
stille.
    Ich sank unter dem Tor atemlos vom Pferde, man erquickte mich, und fragte,
was mir fehle, ich sprach laut von der Gefangenschaft meines Herrn, und fragte,
wo er sei. Um Gottes willen schweiget, sagte einer von der Wache, Gott sei Dank,
wir haben ihn, und ich denke, ihr werdet nicht der einzige sein, den dieses
nicht freuen solle; aber es darf jetzt noch nichts davon auskommen, er hat zu
viel Anhänger unter dem Pöbel.
    Mehr brauchte ich nicht zu wissen; ich riss mich los, entrann in die Strassen
der Stadt, rief Wenzels Gefangenschaft und meinen Wunsch ihn zu befreien aus,
und ehe man mir wehren konnte, hatte ich einen Trupp vom Pöbel hinter mir,
welche mich vor dem Turm, in welchen man den Kaiser gebracht hatte,
begleiteten, und schwuren, sie wollten ihren gütigen gelinden Herrn, den Schüzer
der Freiheit des Volkes retten oder sterben.
    Gewiss hatte Niemand mehr Ursach mit Wenzeln zufrieden zu sein, als der
niedrigste Teil seiner Untertanen; ihre Armut schützte sie für den
Erpressungen, die die Reichen erfahren mussten, er gestattete ihnen alle
Freiheit, und scheute sich nicht dem Niedrigsten, wenn es die Gelegenheit gab,
ein volles Glas zuzutrinken; auch wusste er ihnen auf Unkosten der Reichen
wohlfeil Brod zu verschaffen, ohne dass er Schaden davon hatte.
    Diese Taten wurden auf unserm Zuge nach Wenzels Gefängnis himmelan erhoben,
und der Angriff mit solchem Ernst getan, dass nur etwas mehr Nachdruck und ein
besserer Führer nötig gewesen wär, um völlig zu siegen; aber - wir wurden bald
aus einander getrieben, und der ganze Vorteil, den ich von meiner Unternehmung
hatte, war, dass ich nun die Gefangenschaft mit meinem Herrn teilen konnte.
    Auch dieses war mir Trost. Ich hofte nichts gewissers als zu ihm gebracht zu
werden, und aus seinem Munde das Lob meiner Treue zu hören; aber meine Erwartung
ward getäuscht, man warf mich in ein hässliches Gefängnis, welches ich nicht ehe
verliess, als bis der Kaiser das seinige ohne meine Hülfe verlassen hatte. Ein
Umstand, der mich in dem Innersten meiner Seele kränkte. Der Einfall sich unter
dem Vorwand des Badens in dem Fluss hinaus zu stehlen, sich durch Schwimmen, oder
vermittelst eines Kahns zu retten, war ja so leicht, so natürlich, warum hatte
ich ihn doch nicht gehabt! Ich misgönnte Susannen die Rolle, die sie bei dieser
merkwürdigen Entkommung gespielt hatte, und ärgerte mich, dass jemand meinem
Herrn bessere Dienste leisten sollte als ich. - Auch ich ward nunmehr frei, man
fieng entweder von neuem an sich vor Wenzeln zu fürchten, und getraute sich
nicht seine Diener weiter zu beleidigen, oder man hielt meine Person für zu
unwichtig, mich, nachdem er los war, noch länger zu halten.
    Ich eilte nach Kunradsburg, entdeckte meinem Herrn, was ich getan hatte,
und was mir wiederfahren war, aber statt des erwarteten Lobes über meine Tat,
oder wenigstens Mitleids wegen meines Unglücks, bekam ich finstre Mienen und
Scheltworte. Meine Ungeschicklichkeit war die einige Ursach meines Unfalls, ich
hätte die Sache so klug anfangen sollen wie Susanne, ich sollte mich schämen von
einem Weibe übertroffen zu werden, und was der schimpflichen Reden mehr waren.
    Ich brannte vor Verlangen, die Heldinn Susanne zu sehen, welche hier
durchgängig genannt und gefeiert wurde. Auch hier betrog mich meine Erwartung,
ich sah eine plumpe ungeschickte Kreatur, anstatt der Schönheit, wozu die Liebe
des Kaisers und die Schmeicheleien der Hofleute sie machten, und erfuhr, dass ihr
ganzes Verdienst um Wenzels Leben in ein paar Armen bestand, welchen es nicht an
Stärke zum Rudern gebrach.
    Ich konnte meine Geringschätzung dieses Weibes nicht bergen, und verlor
dadurch sehr viel in der Gnade meines Herrn, auch beliebte es ihm zuweilen gar
eifersüchtig auf mich zu sein. Ich war ein schlanker Junge von sechszehn Jahren,
und die Bademagd hatte es einesmals sich einfallen lassen, mich schön zu nennen;
Dinge, welche mir verachteten Unwillen abnötigten und mein Herz mehr als zur
Hälfte von meinem Herrn abwandte.
    Der Kaiser konnte mich jetzt so wohl entbehren, dass ich ganze Tage in den
Wäldern auf der Jagd zubringen durfte, ohne sonderlich vermisst zu werden. An
einem von diesen Tagen war es, dass Wenzel zum zweitenmal in die Hände seiner
Feinde kam. Ich hütete mich wohl, diesesmal meine vorige alberne Rolle, zu
spielen. Die Rettung des Kaisers war in meinem Herzen beschlossen, aber nicht
Liebe und Dankbarkeit, sondern Ehrgeiz war es, was mich dazu antrieb; ich wollte
das Andenken eines mislungenen Versuchs verlöschen, und den Schimpf von mir
wälzen, dass ein Weib mehr vermocht habe als ich, es war mir unausstehlich, mit
Wenzels unwürdiger Geliebten auf die entfernteste Art verglichen zu werden,
daher ich auch jede Art der Rettung verwarf, welche mit ihrer Geschichte einige
Aehnlichkeit hatte.
    Und doch wollte es das Schicksal, dass ich sie endlich kopiren musste. Alle
Anschläge, Wenzeln aus dem Prager Turm zu bringen, verunglückten; es ergab
sich, dass ich lange Zeit, Mühe, List und Bestechung verschwendet hatte, ihn aus
diesem Kerker zu bringen, als er schon nach Krumlau gebracht war, und auch hier
war alles was ich versuchte vergebens, bis ich mich zu dem Susannens Mittel
entschloss, welches ich vermeiden wollte.
    Ich gewann einen Fischer, wir ruderten des Nachts unter die Fenster seines
Kerkers, welche zum Glück nicht vergittert waren, meine Stimme machte ihm kund,
dass seine Rettung vor der Tür sei. Es war ein grosses Netz aufs Wasser gespannt,
und seine Majestät ersucht, sich hinein zu stürzen; wir mussten verschiedene
Nächte unsere Operation erneuern, ehe sich der träge Wenzel entschliessen konnte
einen so gewaltsamen Sprung zu tun. Des dritten Abends kam uns der Wein zu
Hülfe, und ich weiss noch bis diese Stunde nicht ob freier Wille oder die Dünste
seines Lieblingsgetränks ihn in unsere Arme stürzten, genug er war gerettet, und
klagte, anstatt uns zu danken, über den schweren Fall, den er getan habe,
versagte dem Fischer die Belohnung, die ich ihm versprochen hatte, und würde
gewiss durch ihn seinen Feinden wieder ausgeliefert worden sein, wenn ich nicht
unsern geizigen Führer durch einige kleine Geschenke für den gegenwärtigen
Augenblick befriedigt, und ihm gesagt hätte, er möchte sich in Ansehung der
Zukunft nicht auf den Kaiser, sondern auf mich verlassen.
    Wenzel achtete nicht auf die Beschimpfung, welche darin lag, dass durch
dieses Erbieten unser Führer so gleich gestillt wurde, schien es nicht zu
fühlen, dass das Wort seines Dieners mehr galt als das seinige. Er rieb seinen
Wanst und seine Lenden, und murrte über die Schmerzen des Falles bis ans
gegenseitige Ufer.
    Ich lieferte ihn in Susannens Hände, welche ihn öhlte und salbte bis an den
dritten Tag, da er wieder genass, und nun erst sich gefallen liess, mir eine Art
von Dank für das, was ich für ihn gewagt hatte, wiederfahren zu lassen. - -
    Herrmann, sagte er, ich bin mit dir zufrieden, du bist klug genug gewesen,
mit deinem Netze den grössten Fisch im ganzen Reiche zu fangen, wirst du dein
Handwerk fortsetzen, wirst du dein Netz weiter ausspannen und auch meine Feinde
damit zu bestricken wissen, so will ich dich mit Reichtümern überschütten, und
du sollst des Fischens nicht mehr bedürfen.
    Ich verstand, was seine Majestät mit ihrer Bildersprache sagen wollten, ich
bat um Bedenkzeit, und gestand, dass ich im Grunde mehr Geschick zu ofner Fehde,
als zu heimlicher List in mir fühlte.
    Das Glück war indessen auf meiner Seite. Es fehlte uns nicht an Ueberläufern
aus Prag, wir erfuhren, dass man anfieng, ernstliche Anschläge auf Kunradsburg zu
machen, da es nicht wahrscheinlich war, dass Wenzel nach dem, was er erfahren
hatte, sich noch einmal ausser seinem Schloss würde betreten lassen. Es war zu
vermuten, dass man bereits auf einen neuen Kaiser bedacht war, und dass der Tag,
an welchem Wenzel zum drittenmal in die Hände seiner Feinde fallen würde, zum
Tage seines Todes bestimmt sei. Prag ward stark bevestigt, um es nicht wider uns
(deren Macht man nicht sehr fürchtete) sondern wider manche andere Hände zu
verteidigen, welche sich nach Wenzels Tode nach der Krone ausstrecken würden.
Täglich rückte neue Mannschaft in die Stadt, und wir hatten Nachricht, dass man
in kurzem eine ansehnliche Verstärkung aus Ungarn vom König Siegmund erwartete.
    König Siegmund war Wenzels Bruder, er hatte nach des Kaisers Tode das
nächste Recht zur böhmischen Krone, aber ob dieses gleich ein Grund für den
ausgearteten Kaiser war, ihn zu hassen, so war doch jener viel zu edel, diesen
Hass durch Anschläge auf seines Bruders Leben, oder durch Begierde nach seinem
Trone zu verdienen, und er hatte wahrscheinlich sich nur darum entschlossen
Wenzels misvergnügen Untertanen Hülfe zu schicken, damit man im Stande sein
möchte, seinen Ausschweifungen ein wenig Einhalt zu tun, und ihm die
Bedingungen vorzuschreiben, unter welchen er den Tron vom neuem besteigen
sollte, wie böse es die Böhmen mit ihrem Herrn im Sinne hatten, das war ihm
wahrscheinlich unbekannt.
    Ich hatte genug von dem König von Ungarn gehört, um diese Meinung von ihm zu
fassen, und es gelang mir auch meinem Herrn dieselbe beizubringen. Er entschloss
sich an seinen Bruder zu schreiben, und ihn um Hülfe zu bitten.
    »Auch du, so schrieb er, auch du bist wider mich? - O denke an unsern Vater
zurück; suche das nicht an dich zu reissen, was er mir zuteilte, brauche deine
Macht nicht zu Unterstützung meiner Feinde, nein zu Rettung eines unglücklichen
Bruders.«
    Kaiser Wenzels Hof war jetzt so verlassen, so arm an würdigen Männern, dass
die Ueberbringung eines Briefs von solcher Wichtigkeit, mir, einem
siebzehnjährigen Edelknaben aufgetragen ward, doch dünkt mich, ein anderer hätte
schwerlich seinen Auftrag so gut ausrichten können als ich; mein mündlicher
Vortrag ersetzte das, was dem Briefe mangelte, und die Treue für meinen Herrn,
welche aus jeden meiner Worte sprach, nahm Siegmunden für Wenzels böse Sache
ein. Ein Herr, der solche Diener hat, sagte er, kann nicht ganz der verworfene
Mensch sein, zu den Wenzeln das Gerücht macht.
    Die Bitte des Kaisers ward gewährt. König Siegmund prüfte mich, und ich fand
Gnade vor seinen Augen, nur meine Jugend hinderte es, dass er mir nicht das
Kommando über die Völker auftrug, welche er seinem Bruder schickte. Ich ward dem
Anführer, einem vornehmen versuchten Kriegsmanne, besonders empfohlen, und
dieser war herablassend genug, meine Meinung über die Ausführung unsers
Anschlags zu hören, und sie seines Beifalls zu würdigen.
    Die Prager hatten Hülfsvölker von König Siegmund erwartet; als solche
stellten wir uns ein, und wir befanden uns schon mitten in der Stadt, als wir
uns erst als Feinde kund gaben. Die Eroberung des Schlosses Wischerad, war nach
der Meinung unsers Führers, das vornehmste, auf was wir zu denken hatten. Es
kostete Blut, aber endlich sahen wir uns doch Meister von dieser Festung, und
Kaiser Wenzel, der von jedem unserer Schritte Nachricht hatte, war nahe genug,
um auf unserm ersten Wink Besitz davon zu nehmen.
    Er zeigte sich unter einer ansehnlichen Bedeckung dem Volke von der Zinne
der Festung, er hatte sich diesen Tag den Genuss des Weins versagt, und war also
nüchtern genug, mit Nachdruck zu ihnen zu reden. Man huldigte ihm von neuem. Es
ward eine allgemeine Verzeihung ausgerufen, und zur Bestätigung derselben alle
Grosse der Stadt zum kaiserlichen Mahle eingeladen. - Mein Herz hüpfte bei der
Vorstellung eines solchen Friedensfests; ich fand Wenzeln zum erstenmale in
meinem Leben gross, seines Standes würdig, weil er so bereitwillig war, seinen
Feinden zu verzeihen. Ich sank zu seinen Füssen, als wollte ich ihm für die Gnade
danken, die er andern erzeigte; immer hatte ich mich vor den Scenen der
Grausamkeit gescheut, welchen ich entgegen sah, wenn Prag wieder in Wenzels
Hände kommen sollte, es entzückte mich, so angenehm getäuscht zu sein.
    Der Kaiser stiess mich ungestüm von sich, und nannte mich einen läppischen
Jungen. Ich konnte mir es nicht erklären, was ihm die Äusserung meiner
Empfindungen so widrig machte, bis am Ende des Gastmahls, auf welches ich mich
so gefreut hatte. Freilich konnte Wenzel den Dank nicht anders als mit Unwillen
von mir annehmen, den er so schlecht verdiente!
    Man sass in tiefen Frieden bei der Tafel. Der Wein begunte die Herzen
fröhlich zu machen. Die ehrlichen Prager sagten auf Anforderung ihres
neugehuldigten Herrn, was sie in seiner künftigen Regierung abgestellt zu sehen
wünschten. Wenzel versprach alles, und die getäuschten Männer gelobten ihm auf
diese Bedingung die unbegränzte Liebe, die ewige Treue seines Volks.
    Der Kaiser ergriff den Pokal und trank zur Bestätigung des Friedensbunds,
die Männer taten Bescheid; aber ach, dies war das Signal zu ihrem Tode. Zwanzig
Schwerdter fuhren hinter ihnen aus der Scheide, der grösste Teil von ihnen fiel,
ehe er Gefahr ahndete, und Ströme von Blut quollen unter den verschütteten Wein.
    Es ist unmöglich meine Empfindungen bei diesem Anblicke zu beschreiben. Das
Entsetzen machte mich Anfangs unbeweglich; mein erster Gedanke, als ich mich
wieder besinnen konnte, war, Wenzeln um Gnade für diese Unglücklichen zu bitten;
der zweite ihnen mit meinem Schwerd an die Seite zu treten, und da mir die
Fruchtlosigkeit beider Rettungsmittel in die Augen leuchtete, da in dem
nemlichen Augenblick der Mordstahl einen guten achtzigjahrigen Greis, den ich
immer wegen seines frommen redlichen Heiligengesichts geliebt hatte, an meiner
Seite traf, ohne dass meine ausgebreiteten Arme ihn schützen konnten, da sank
auch ich ohne Empfindung zu Boden; der Sturm meiner Gefühle, die Ueberraschung,
das Entsetzen war zu gross, ich war jung, hatte wohl Feindes Blut, aber nie das
Blut der sichern Unschuld bei einem Freudenmahle fliessen sehen; tadelt meine
Schwachheit nicht, ich musste unterliegen!
    O mit euren übel angebrachten Entschuldigungen! schrie Münster, was wird
wohl in der Welt Lob verdienen, wenn hier Tadel statt finden kann!
    Und doch tadelte man mich, fuhr Herrmann fort. Wenzel nannte mich einen
weibischen Gecken, der kein Blut sehen könnte, und verbot mir auf drei Tage den
Hof. - Ich sehnte mich nicht diese Mördergrube wieder zu besuchen, mein Herz war
gänzlich von meinem Herrn abgewandt, und ich entdeckte dem Führer der
ungarischen Völker, welcher der eine war, der mich in meiner Verbannung
besuchte, den Wunsch, in die Dienste seines Königs aufgenommen zu werden.
    Der tapfre Krieger, der mich liebte, riet mir vor der Hand zu bleiben wo
ich sei. Ihr seht den gestrigen Auftritt, sagte er, mit zu strengen Augen an,
Staatsursachen rechtfertigen manches, das den Anschein des Unrechts hat, es war
dem Kaiser allerdings nicht zu raten, die Rebellen ganz ungestraft zu lassen.
    Ich beantwortete eine lange Apologie, die mein Freund hier einer
unverantwortlichen Tat machte, mit Stillschweigen; ich sah wohl, dass die Welt,
dass auch der bessere Teil derselben, über gewisse Dinge ganz anders denke, als
die unerfahrne Unschuld.
    Es gelang dem Redner, vermittelst der Gewalt die er über mein Herz hatte,
mich zu bereden, Wenzeln eine Sache zu verzeihen, die ich nicht zu beurteilen
im Stande sei, seine Gnade anzunehmen, wenn er sie mir so wie zuvor gönnen
wollte, die Macht, die ich ohnstreitig über ihn habe, zu gebrauchen, und mich
durch eine unzeitige Entfernung nicht um die Belohnung zu bringen, welche er mir
für meine geleisteten Dienste schuldig sei.
    Ich erschien nach Endigung des gesetzten Termins, den ich gern verlängert
gesehen hätte, wieder bei Hofe. Das auszeichnete Wohlwollen, mit welchem mir der
Kaiser begegnete, fesselte mich von neuem, und die Urteile, welche über die
Getödteten gefällt wurden, brachten es endlich dahin, dass ich mich entschloss,
vor dem Andenken an den Auftritt jener entsetzlichen Nacht meine Seele zu
verschliessen, damit mein Glaube, den Hingerichteten sei recht geschehen, nicht
wankend gemacht werde.
    Wenzel schien jetzt eine neue Epoche seines Lebens anfangen und sich
ernstlich bessern zu wollen. Es gab ganze Tage, in welchen er nüchtern war, sein
Zechgenosse, der Fürst von Ratibor, den das Volk hasste, blieb zu Kunradsburg,
weder Susanne, noch die andern feilen Dirnen kamen zum Vorschein, und man sprach
von einer Vermählung mit Sophien, der Tochter des Herzogs von Bayern.
    Das ganze Land jauchzte über diesen letzten Entschluss, und jedermann
behauptete, eine tugendhafte Gemahlin werde Wenzeln völlig bessern. Auch ich
fühlte mich, so wie jeder andere, von neuer Hoffnung belebt, von neuem zu meinem
Herrn hingezogen. Ich sah einem ganz veränderten Leben an dem Hofe, der mir vor
kurzem anfieng so verhasst zu werden, entgegen, und schwur, ihn nie zu verlassen,
ein Gelübde, das ich mit gutem Gewissen brechen kann, da meine Hoffnung so
getäuscht ward.
    Sophie, die reizende tugendhafte Sophie, ist nun unsre Kaiserin, aber wie
schwach sind die Spuren der Besserung, die sie bewirken sollte? - Schon am
Vermählungsfeste kam der Fürst von Ratibor, und mit ihm die alten Auftritte der
Schwelgerei wieder zum Vorschein. - Hinter ihm her schlich die verworfene
Susanne. Wenzel begieng die unbegreifliche Frechheit sie seiner Gemahlin vor die
Augen zu bringen. - O Münster, ich könnte euch Auftritte erzählen! - Die
unglückliche Sophie!
    Doch wo denke ich hin? ich erzähle meine Geschichte, und nicht die ihrige! -
Auch ist die meinige nunmehr zu Ende. Die wichtigste Begebenheit meines Lebens,
Idas Erscheinung! meine Liebe zu ihr, mein Unglück! Die Notwendigkeit sie und
den Hof zu verlassen! O Vater, ihr wisst dieses alles! Lasst mich aufhören!
    Ihr habt vergessen, sprach Münster, der Belohnung zu gedenken, die euch euer
Herr für eure Dienste schuldig war, und die ihr nach dem Rate eures ungarschen
Freundes, hier abwarten solltet.
    Der höhnische Blick, mit dem ihr dieses sagt, erwiederte Herrmann,
bezeichnet die Meinung eurer Worte. - Ich erinnere mich wohl, dass mir einst in
einem Rausch von Wein und Dankbarkeit, das erste erledigte grosse Reichslehn
versprochen ward; ein Versprechen, dessen Sinn, wenn ich es mit meiner Person
zusammen dachte, ich nicht recht einsehen konnte. Wenzel mochte damit sagen
wollen, was ihm beliebte, so dünkte es mich auf alle Fälle zu gross; ich lehnte
es mit vieler Demut ab, und bat um eine anständige Stelle bei der Armee. Mir
ward anstatt des Gebetenen, eine erledigte Kammerjunkerstelle zu Teil, der
Anfang, und vermutlich auch das Ende alles dessen, was ich hier zu erwarten
habe. Zwar ich irre, ist das Ritterschwerd und die Erlaubnis mein Glück zu
suchen, wo ich will, für nichts zu rechnen? -
    Eine lange Pause folgte hierauf. Münster und sein junger Freund schienen
ganz in Gedanken verloren zu sein. Herrmann riss sich endlich aus seinem
schwermütigen Nachdenken empor, und legte seinem treuherzigen Ratgeber seinen
Entschluss vor, in Königs Siegmunds Dienste zu gehen, dem er nicht unbekannt sei,
und an dessen Hofe er den Ungarschen Heerführer zum Freunde habe, dessen wir im
Vorhergehenden gedacht haben, und von dem Herrmann selbst noch nicht wusste, dass
er einer der Grössten des Reichs war.
    Der alte Münster billigte diesen Plan, versprach, ihm einen von seinen
treuesten Knechten mitzugeben, welcher auch ehemahl unter König Siegmunden
Kriegsdienste getan habe, und man trennte sich für diesen Abend.
 
                                Eilftes Kapitel.
                      Ein heisser und ein kalter Abschied.
Der Tag des Abschieds brach an. Herrmann hatte sich bereits alle der lästigen
Cerimonienbesuche entledigt, welche seine Entfernung nötig machte. Nur ein Weg,
der schwerste von allen, stand ihm noch bevor. Der Weg nach Münsters Hause. Er
sollte sich von dem treuherzigen Alten trennen, sollte Ida - der Vater hatte es
ihm versprochen - noch einmal sehen, und den ersten und letzten Kuss auf ihre
Wangen drücken, was für Gedanken für den liebenden Jüngling.
    In halben Taumel langte er am Orte seiner Bestimmung an. Münster empfieng
ihn an der Tür, und führte ihn, unter inständigem Bitten sich zu fassen, und
der Weiber zu schonen, in das Unterzimmer. Ida war das erste, was sich ihm
zeigte. Er nahte sich ihr mit Schüchternheit. Ihre Blässe, und die von Weinen
getrübten Augen, wollten ihn fast bereden, dass dem holden Mädchen das Wort
Trennung so schrecklich lautete, als wie ihm. - Man stand eine Weile, ohne zu
sprechen, von der einen Seite mit zur Erde gesenktem Blick, von der andern mit
Augen, welche jeden Zug des geliebten Gegenstandes zu verschlingen schienen, um
ihn sich immer vergegenwärtigen zu können.
    Kinder, rief Münster endlich, ihr brecht mir das Herz. Dieses Zögern
vermehrt eure Quaal! Umarmt euch, und denn das Lebewohl!
    Herrmann nahte sich, Idas Wangen zu küssen, sie duldete es mit aller
Zurückhaltung, die den Jungfrauen ihrer Zeit eingeprägt ward. Sein Arm erkühnte
sich ihren Nacken zu umschlingen und unwillkührlich öffneten sich die ihrigen,
sie drückte ihn an ihre Brust, und ein: O lebe wohl! lebe wohl, mein Herrmann!
stürzte aus ihrem Munde. Der Vater drohte mit dem Finger. Ida macht sich von dem
Jünglinge los, gab ihm noch einen Blick, und verliess mit glühendem Gesicht das
Zimmer.
    Münster sprach viel mit Herrmann, nachdem das geliebte Mädchen verschwunden
war, ohne von ihm verstanden zu werden. Es war schlechterdings nichts mit ihm
anzufangen. Der Alte schwieg endlich, und der junge Mensch hatte sich nach einer
Weile hinlänglich erholt um zu fragen, ob er nicht auch Idas gute Mutter zum
Abschiede würde zu sehen bekommen? - Münster bejahte die Frage, und nach einiger
Zeit trat die Matrone herein. Mit Willen hatte sie gezögert, um vielleicht noch
am Ende einen Teil desjenigen, was sie auf dem Herzen hatte, ausrichten zu
können. Auf ihrem Gesichte war mehr Unruh und Erwartung als Betrübnis
abgebildet, und sie schien die Bewegungen ihres Mannes ängstlich zu bewachen, ob
sie ihm nicht vielleicht einen Augenblick abstehlen und Herrmann einige
geflügelte Worte sagen könnte. - O dass ihr, flüsterte sie ihm in einer Minute
zu, da sich der Alte nach dem Fenster gewendet hatte, o dass ihr nie wieder
Gelegenheit suchtet mich heimlich zu sprechen, ich hatte euch so viel zu sagen!
-
    Münster drehte sich um, eine gleichgültige Anmerkung zu machen, und das
Gesprüch ward sehr schläfrig fortgesetzt. Herrmann eilte nicht Abschied zu
nehmen, der Gedanke, vielleicht doch noch etwas von den Geheimnissen der
Münsterin zu erfahren, hielt ihn zurück. - Münster ward, wahrscheinlich auf
Veranlassung seiner Frau, hinausgerufen. O Herr Ritter, rief sie in dem
nemlichen Augenblicke da er die Tür schloss, dass ihr jetzt schon reisen musstet!
Nur noch einen Tag, ich bitte euch! Ich habe ein Gesuch beim Kaiser, ein Gesuch
für Ida! Ihr müsst es unterstützen, ihm wenigstens erinnern, dass er mir noch die
Gewährung einer Bitte schuldig ist.
    Sie wollte noch mehr sagen, aber in dem nemlichen Augenblicke trat ihr Mann
wieder herein, und obgleich Herrmann noch drei Stunden verweilte, so wich er
doch nicht einen Schritt von der Stelle, und Herrmanns Neugierde blieb
unbefriedigt.
    Ihr versprachet mir, sagte der Jüngling, indem er aufstand sich zu
entfernen, ihr versprachet, Vater Münster, mir einen treuen Knecht zur
Begleitung mitzugeben; ich habe in dieser Erwartung meine Leute abgedankt, und
wünschte sehr meinen künftigen Diener zu sehen?
    Münster ging nach der Tür, um den alten Andreas zu rufen. - Ida ist nicht
unsere Tochter, flüsterte die Münsterin indessen, ich bin nur ihre Amme,
beleidigte Liebe und Furcht sie in den Händen einer bösen Stiefmutter zu lassen,
bewegten mich. -
    Der Alte kam zurück, ohne dass die Frau ausreden konnte. Bald darauf erschien
der Knecht, gelobte seinem jungen Herrn treu zu sein, und erhielt von ihm das
Versprechen, er wollte ihn auf diese Bedingung nie von sich lassen, und ihn
Teil an dem Glücke nehmen lassen, das ihm der Himmel etwa möchte beschieden
haben; eine Versicherung, die der junge Ritter gewiss mit mehr Herzlichkeit würde
gegeben haben, wenn er im Stande gewesen wär, das treuherzige Gesicht seines
neuen Dieners, und das Feuer, mit welchem er ihm sein Gelübte ablegte, zu
beachten; aber hiezu war er gegenwärtig ganz ungeschickt. Er hatte keinen Sinn
als für die ausserordentliche Nachricht, die er eben aus dem Munde der Münsterin
gehört hatte, keinen Wunsch, als mehr hiervon zu wissen, wenigstens den Namen
der Eltern seiner Ida zu erfahren.
    Er setzte alle seine Hoffnung auf die letzte Umarmung der Mutter; die gute
Frau machte sie sehr lang, und drückte ihn fest an ihre Brust, indem sie ihm ins
Ohr sagte: sie ist die Tochter des Grafen -
    O was macht ihr! rief Münster, indem er sie lächelnd trennte, glaubt ihr
denn, junger Herr, dass mich Liebkosungen von dieser Art nicht eifersichtig
machen könnten.
    Herrmann war vedriesslich, und beantwortete die Rede des Alten mit etwas
Unwillen, auch in Münsters Blicken lag ein wenig Kaltsinn und Missvergnügen; es
war fast unmöglich, dass ein so schlauer Mann nicht etwas von den Dingen hätte
ahnden sollen, die hinter seinen Rücken vorgenommen wurden.
    So trennte man sich, und das Gewirr von Erstaunen, Unwillen und
fehlgeschlagner Hoffnung, machte, dass die Bedrübniss gar nicht an die Reihe kam,
und dass bei der Trennung, die man sich so tränenvoll gedacht hatte, kein Auge
nass gemacht wurde.
 
                               Zwölftes Kapitel.
                   Vernichtete und von neuem entworfne Plane.
Herrmann schwang sich auf sein bereit stehendes Pferd und sprengte zum Stadttor
hinaus, sein Geist war auf so mannichfache Art beschäftigt, dass er den Weg nicht
bemerkte, den er hinter sich legte, nicht gewahr ward, dass der Abend
hereinbrach, und nichts von den Fragen des alten Andreas vernahm, wo man
Nachterberge nehmen wollte. Idas Umarmung, die ihm so deutlich sagte, dass sie
ihn liebte, die Nachricht von ihrem Stande, der seinem Ehrgeiz so angemessen
war, die Ungewissheit, wer sie eigentlich sei, was für Aufgaben zum tiefsten
Nachsinnen! Er vergass über diesen Dingen denjenigen Punkt ganz und gar, der
ohnstreitig der Münsterin das wichtigste war, und sie wahrscheinlich allein
bewogen hatte, ihm das übrige zu entdecken, er vergass das Gesuch der ehrlichen
Bürgerin beim Kaiser, das er mit seiner Vorbitte unterstützen, um dessen Willen
er nur noch einen einigen Tag zu Prag bleiben sollte.
    Ich weiss nicht, welcher Gedanke ihm die Erinnerung an die vergessene Sache
noch endlich herbei führte; genug, auf einmal fuhr sie wie ein Blitzstrahl
durch seine Seele, er besann sich wo er war, sah die hereinbrechende Nacht, sah
Prag in weiter Ferne hinter sich liegen, und schalt auf seine Unachtsamkeit.
    Wir müssen augenblicklich zurückkehren, rief er seinem Diener zu, indem er
sein Pferd umlenkte, ich habe was notwendiges vergessen, habe ein wichtiges
Geschäft beim Kaiser, habe -
    Andreas hatte diesen Tag über schon etliche mal Zweifel wegen des gesunden
Verstandes seines neuen Herrn gehabt, und diese wurden in diesem Augenblick
durch die Heftigkeit, mit welcher Herrmann sprach, durch den Inhalt seiner Rede,
und durch seinen verstörten Blick fast zur Gewissheit gemacht.
    Mitlerweile stiess der Ritter der treuen Minne sein Ross an, und nahm den Weg,
den er eben gekommen war, mit solcher Eile von neuem vor sich, dass Andreas ihn
aus den Augen verlor, ehe er sich noch recht besonnen hatte, was für seinen
unglücklichen Herrn zu tun sein möchte.
    Ihm nachzueilen war jetzt das notwendigste. Zum Glück war es nicht in die
Weite des zurückgelegten Weges, sondern nur ein benachbartes Gebüsch, was ihn
seinen Augen entzogen hatte, er erblickte ihn bald von neuem, und setzte die
Reise dicht hinter ihm, oder vielmehr, um immer ein wachendes Auge auf seine
Handlungen zu haben, fast an seiner Seite fort.
    Die Geschichte meldet nicht, wenn Herrmann Prag erreichte, und wenn Andreas
von der schlechten Meinung, die er von ihm hatte, zurück kam, das erste geschah
vermutlich sehr bald, und das andere sehr spät. - Es kam alles zusammen die
Unruhe des jungen Ritters zu verlängern und zu vermehren. Diesen Abend, oder
vielmehr diese Nacht noch nach Hofe zu gehen war unmöglich. Die erste Nachricht,
welche er am Morgen erhielt, war, der Kaiser sei des vorigen Abends nach
Kunradsburg abgegangen. Er eilte dahin, um nach Krumlau gewiesen zu werden. Er
fand ihn nicht; man wies ihn an den dritten und vierten Ort, und als er endlich
nach vielen Tagen wieder zu Kunradsburg angelangt, Wenzeln wirklich daselbst
getroffen, und sich überzeugt hatte, dass der Kaiser wohl diesen Ort alle die
Zeit über nicht möge verlassen haben, so ward ihn der Zutritt zu denjenigen, den
er sonst alle Stunden ungefordert sehen konnte, so schwer gemacht, dass er die
Sache völlig aufgab, und sich begnügte, einen seiner ehemaligen Freunde bei
Hofe, der sich endlich von ihm sprechen liess, sein Gewerbe aufzutragen. Der
Höfling versprach die pünktlichste Ausrichtung, und vergass die Sache im nächsten
Augenblicke.
    Herrmann setzte seine Reise nach Ungarn fort, er fieng an mit den seltsamen
Dingen, welche sein Gemüt anfangs so sehr verwirrten, bekannt zu werden, und
für andere Gegenstände Gefühl zu haben. Andreas begunnte zu merken, dass sein
Herr wirklich Verstand wie andere Menschen, und ein Herz wie ein Engel habe.
Seine Milde, seine Herablassung nahm den alten Knecht gänzlich für ihn ein, er
hätte sein Leben für ihn aufgeopfert, und Herrmann konnte mit Recht hoffen, dass
er ihm geringere Opfer nicht versagen würde.
    Der junge Ritter wusste, dass Andreas lange im Hause des alten Münsters gelebt
hatte, es war Möglichkeit, dass er etwas vor Idas Herkommen wusste, und er sparte
keine Mühe ihn zu Eröffnung alles dessen, was ihm bekannt war, zu bewegen, aber
der Alte hatte entweder nichts zu entdecken, oder Münster war zu schlau gewesen
ihm einen Diener mitzugeben, der nicht im Stande gewesen sein sollte, die
Geheimnisse des alten Herrn vor dem neuen zu verbergen.
    Der nemliche Unmut, welcher den Ritter bei dieser Fehlschlagung seiner
Hoffnungen befiel, herrschte auch zu Prag in dem Münsterschen Hause. Münster war
unzufrieden mit seiner Frau und vermisste den Umgang seines jungen Freundes, ob
er gleich auch gegen ihn einen kleinen Unwillen in seinem Herzen hegte; Ida
weinte über ihren Herrmann und durfte ihre Tränen niemand als ihrer so
genannten Mutter sehen lassen, diese wartete täglich, nach Hofe berufen und um
ihr Begehren befragt zu werden, und - wartete vergebens. Er muss mich vergessen
haben, rief sie in der Fülle ihres Unmuts aus, muss abgereist sein ohne meinen
Auftrag auszurichten. - Gleichwohl hat man ihn den Tag nach dem Abschiede von
uns noch hier geseben. Er ist in Kunradsburg gewesen, wo der Kaiser sich jetzt
aufhält. - Nun nun! wenn Wenzel zurückkehrt! Geduld, Zweiflerinn! es wird noch
alles gut werden.
    Aber Wenzel kehrte zurück, und die ehrliche Bürgerinn ward nicht nach Hofe
gefordert! - Tage, Wochen, und Monate vergingen, und sie entschloss sich endlich
zu dem Mittel ihre Zuflucht zu nehmen, durch welches man ungezweifelt nicht
allein Zutritt bei Wenzeln erhalten, sondern auch überzeugt sein konnte, ihm
angenehm zu sein und alles von ihm zu erlangen was man wünschte.
    Die Münsterinn legte eines Morgens in Abwesenheit ihres Mannes ihre
festlichsten Kleider an, langte aus dem heimlichen Schatze, den auch sie gleich
ihrem Manne in ihrer jetzigen kleinen Wohnung vergraben hatte, zweihundert
goldne Schilde die Hälfte des ganzen, besonn sich ein wenig, ob sie wohl mit so
einer Wenigkeit vor dem geizigen Kaiser erscheinen dürfe, ob sie nicht das Ganze
aufopfern müsse um glücklich zu sein, vermehrte endlich die Summe noch mit
funfzig ihrer ersparten Goldstücke und machte sich auf den Weg.
    Die Art, mit welcher sie ihre Gabe bei Wenzeln anbrachte, und das was sie
bei ihm suchte, steht in unserer Geschichte nicht umständlich verzeichnet, doch
ergibt sich das letzte aus den Folgen, und was das erste anbelangt, so ist
bekannt, dass man wenig Nachsinnen brauchte um Wenzeln mit Schonung seiner
Delicatesse eine Bezahlung einer geforderten Gnade beizubringen.
    Ida sah ihre Mutter ausgehen und wiederkommen. Ihre festliche Kleidung, ihre
gedankenvolle zweifelnde Miene bei dem ersten, und ihr triumphirender Blick bei
dem andern, fiel ihr auf, aber sie fragte nicht: andere Gedanken, Gedanken an
ihren Herrmann beschäftigten sie zu sehr um ihr Neugier für etwas anderes
überzulassen.
    Wirst du nie aufhören zu weinen, fragte die Mutter, als sie des Nachmittags
bei der Arbeit sassen. Mädchen, Mädchen! die Einsamkeit nährt deinen Kummer, ich
muss dich herausreissen, oder mir es gefallen lassen dich auf ewig zu verlieren.
    Lasst mir meine liebe Einsamkeit, rief Ida, indem sie mit der einen Hand ihre
Tränen trocknete, mit der andern die Hand ihrer Mutter an ihre Brust drückte.
Welche Gesellschaft sollte ich dieser ruhigen Stille, der Freundin meines Grams,
vorziehen?
    Je nun, sprach die Mutter, freilich nicht die Gesellschaft unserer Jungfern,
die sich so gern deine Gespielinnen nennen, aber wenn ich dich in eine Sphäre
bringen könnte, wo alles was schön und gross ist dich umglänzte, und wo du doch
überall als die schönste hervorstrahltest, nicht wahr, Ida, da würde dir wohl
sein, da würdest du nicht mehr so viel an deinen Herrmann denken, oder tätest
du es, so würde es nur mit froher Hoffnung, nie mit Tränen geschehen?
    Ich sehne mich nicht nach Unmöglichkeiten, Mutter; ich begehre nur in eurem
Hause zu glänzen, wenn ihr es so nennen wollt.
    Und wenn deine Bestimmung der Hof wär?
    Ich danke Gott, dass er es nicht ist.
    Wenn die Kaiserinn dich unter ihre Frauenzimmer aufnähme?
    O die unvergleichliche Dame! rief Ida, indem sie Sophiens seidne Locke
küsste, die sie noch immer an einer goldnen Schnur am Halse trug. Ja ihr zu
dienen, sie täglich zu sehen, von ihr geliebt zu werden, das wär etwas -
    Das du dir wünschtest? - Nun so freue dich: deine Wünsche sind erfüllt. Du
wirst die Dunkelheit, die sich schlechter für dich schickt als du meinst,
vielleicht morgen verlassen, man wird dich nach Hofe fordern, du wirst eine
Gespielinn der edelsten Jungfrauen dieses Landes sein, und du hast nun nichts
weiter zu tun, als dich ihnen gleich zu achten, es gänzlich zu vergessen, dass
du bisher unsre Tochter genannt wurdest.
    Mutter, schrie das Mädchen, indem sie von ihrem Sitz aufsprang, euch
vergessen? meine Herkunft vergessen? mich in eine Sphäre mischen, in welche ich
nicht gehöre? - Ihr versucht mich? nein, so eitel, so pflichtvergessen ist Ida
nicht. Ihr müsst mir nicht jede kleine Äusserung meiner Gedanken so übel
auslegen. Ich liebe die Kaiserinn weit weniger als euch, möchte ihre
Gesellschaft nicht für die Eurige vertauschen. Zärtlich schmiegte sich das
liebliche Mädchen bei diesen Worten an den Hals ihrer so genannten Mutter,
welche in Tränen ausbrach, sie fester an sich drückte, und schluchzend
beteuerte, sie verdiene die Liebe ihrer Ida nicht; ein Ausdruck, welcher dem
jungen Mädchen sehr anstössig war, weil sie ihn nicht so gut verstand als der
Leser.
 
                              Dreizehntes Kapitel.
                Wer spricht am klügsten, der Mann oder die Frau?
Der alte Münster kam des andern Tages gegen Mittag ganz atemlos nach Hause!
bleich und entstellt warf er sich auf seinen Stuhl, und schien lange Zeit nichts
von dem Fragen seiner Frau, was ihm fehle, zu verstehen.
    O Marie! rief er endlich, solch eine Zeitung! du wirst erstaunen, und bist
du klug, dich so beunruhigen wie ich, wenn du sie hörest! - Ich komme von Hofe.
Ich ward vorgefordert. Man hat mit mir von Ida gesprochen, man verlangt sie
unter das Frauenzimmer der Kaiserin.
    Und das ist die schreckliche Zeitung? - -
    Weis Gott, was die Ursach dieser so genannten Gnade ist! Man sprach viel von
Idas Schönheit, von dem Ruf ihrer Tugend. Ich halte nichts von den Mädchen,
welche so im Rufe sind, sollte es auch wegen ihrer guten Eigenschaften sein! -
Ach Frau, Frau! dein unüberlegter Einfall, sie an Allerheiligen so öffentlich
zur Schau zu stellen!
    Aber ich bitte dich, was soll endlich aus der Dunkelheit werden, in die du
sie einkerkern willst? - Ist sie deine Tochter, willst du sie für irgend einen
ehrlichen Bürger unsers gleichen aufheben? oder soll ein Ritter ihres Standes
kommen, und sie unter deinen Schlössern und Riegeln aufsuchen? - Den guten
Herrmann von Unna hast du verjagt, würdest du es einem andern besser machen? -
Sollten wir nie darauf denken ihr das wieder zu geben, was wir ihr raubten?
    Wir, Maria? - Wir? Ich weiss wohl wer es tat, du handeltest, ich riet ab,
und ach leider, ich willigte endlich nur ein um dich nicht zu verlieren. Du
weist wohl, wie du mir das Kind aus den Armen rissest, als ich einesmahls darauf
bestand, es dem Grafen wieder zu bringen. Entweder mich und das Kind; riefst du,
oder keins von beiden! Wo sie ist, bleibe ich auch, ich kann sie nicht allein in
den Händen der neuen Gräfinn lassen!
    Ida hatte einen Vater, er würde sie geschützt haben!
    Alle diese Vorwürfe sind zu spät, ich mache mir sie vielleicht nur gar zu
oft selbst, alles was wir jetzt zu tun haben, ist Vergütung dessen, was wir
raubten. - Und doch, was sage ich! - Vergütung? Wem sind wir Vergütung schuldig,
dem Grafen, der Ida bei den Kindern seiner neuen Gemahlin vielleicht nicht
einmal vermisste, oder ihr, die wir zu einem Stande herabzogen, für den sie nicht
geboren ist? - Graf Eberhardt mag meinetwegen immer einmal erfahren, dass Ida,
sein verlohrnes Kind noch lebt, aber freuen wird es mich, wenn dies nicht eher
geschieht, bis wir ihr, ohne seine Hülfe, ohne seinen erlauchten Namen, ein
Glück verschafft haben, das ihrem Stande gemäss ist! - O dass du meine Anschläge
mit dem Ritter von Unna vereiteltest. -
    Hast du vergessen, was Herrmanns Familie Graf Eberhardten für Schimpf
erzeigte? Der alte Berndt von Unna war einer der Anführer der Martinsritter. Nie
wird der Graf ihm oder den seinigen die Händel bei Wisbaden verzeihen? -
    Brauchten wir Graf Eberhardts Einwilligung zu Idas Glück? Genug wenn sie
wieder in die Sphäre kam, in welche sie gehörte, das andere konnte sich geben.
Unser Reichtum hätte Herrmanns Mangel am Vermögen ersetzt, seine Tupferkeit
hätte ihn empor gehoben, und alle meine Wünsche wären erfüllt gewesen. Aber
leider hast du nun meine schönen Hoffnungen vernichtet; Herrmann ist fort und
ich muss meine Plane von neuem entwerfen. -
    Deine Plane? - Höre die Meinigen, Marie! Lass uns den offenen geraden Weg der
Redlichkeit gehen, er ist der sicherste. Lass uns die Zeit abwarten, wenn Graf
Eberhart seine Händel mit den Reichsstädten abgetan hat! es kann nun nicht lang
mehr anstehen. Dann wird er ruhig auf seiner Burg sitzen und Muse haben, die
Entdeckung zu geniessen, die ich ihm machen will. Ich trete denn mit Ida und
allen Beweisen ihrer Geburt den Weg an, ich stelle mich vor ihm, und sage; hier,
Herr, ist eure Tochter; diese und diese Ursachen bewegten uns, sie euch zu
rauben. Wir haben gefehlt, aber seht hier die Ersetzung des Geraubten, Eure
kleine kränkliche, in der traurigen Verfassung, in welcher ihr damals waret,
tausend Unfällen ausgesetzte Tochter geben wir euch erwachsen, schön und
wohlerzogen zurück. - Wie meinst du Marie, wird Idas Anblick uns nicht
Verzeihung erwerben? -
    Verzeihung für das, wofür uns im Grunde Dank geziemte? Doch was soll dieser
Streit über das, was geschah, und was hätte geschehen sollen, wir wissen was nun
geschehen wird. Ida kommt nach Hofe. Bleibt Herrmann ihr in der Ferne getreu, so
findet er sie hier wieder; geschieht dies nicht, so kann ihr ihre Schönheit
andere Herzen erobern, und sie ihrer Herkunft gemäss erheben, ohne dass wir einer
Demütigung vor Graf Eberhardten nötig haben. -
    Frau, Frau; rief Münster; indem er Marien steif ansah, mir geht ein
schreckliches Licht auf. Sollte es möglich sein? solltest du Teil an der
Begebenheit haben, die mir so viel Kummer macht? Soltest du durch Weiberlist
Idas Berufung nach Hofe bewirkt haben? -
    Und wenns so wär, was hätte ich damit gesündigt? -
    Diesem Winke folgten tiefere Nachforschungen, diesen das freie Geständnis
aller Schritte, welche die Frau zu Ausführung ihrer Plane getan hatte, und
diesem - ein Ungewitter, wie wohl in Mariens friedlichem Ehestande noch nie
eines über sie losgebrochen war.
    Es dauerte lange, ehe die Frau durch Tränen, Bitten und wahre oder
erkünstelte Reue über das, was sie tat, und was nunmehr unwiederruflich war,
den ergrimmten Münster besänftigte, und alles was sie erlangte, war am Ende doch
nicht mehr, als dass er sein erstes Wüten in bittere Vorwürfe, und in
Vorstellungen verwandelte, was aus ihrem unüberlegten Schritte erfolgen würde.
    Ich weis nicht, sagte er, ob du so töricht gewesen bist, Winke von Idas
wirklichem Stande zu geben, aber so viel versichere ich dich, man wird sie nie
für das erkennen, was sie ist, wenn ihr Vater sie nicht öffentlich seine Tochter
nennt; spielt sie denn auf der andern Seite ihre Rolle bei Hofe als ein
Bürgermädchen, so wird sie ihrer Schönheit und Tugend zum Trotz gehasst und
verleumdet, und wenn auch die Gnade ihrer Fürstinn ihr zu Teil werden sollte,
doch verachtet werden. Der Neid ihrer Gespielinnen wird sie von der Stufe
drängen, auf welche du sie ohne Schutz gestellt hast. Die zügellosen Sitten an
Wenzels Hofe werden ihre Unschuld, oder wenigstens ihren guten Namen vergiften,
und - höre die Strafe deiner Torheit, die dir in kurzem bevorsteht, und die
dich wahrscheinlich am empfindlichsten kränken wird: du wirst das Vergnügen
deinen Abgott, deine Ida zu sehen oder wenigstens eine nahe Zeugin ihres so
genannten Glücks zu sein, nicht lang geniessen. Man spricht stark von einer Reise
des Kaisers nach Westphalen, seine Gemahlin wird ihn begleiten, und Ida wird
nicht zurück bleiben; es müsste denn sein, dass sie um diese Zeit schon ihre
schimmernde Rolle ausgespielt, und beschimpft und verachtet in unser Haus zurück
geschickt worden wär, welches freilich wohl sein könnte.
 
                              Vierzehntes Kapitel.
                                   Hofscenen.
Die Münsterin brach in Tränen aus. Ihr Mann hatte recht; die letzte Vorstellung
rührte sie am meisten. Ida nicht mehr zu sehen, welch ein Gedanke! Gern hätte
sie zurück genommen, was sie getan hatte, um nur nicht die Trennung von
derjenigen erfahren zu müssen, welche sie über alles liebte, aber - es war
nunmehr zu spät. - Ida ward noch diesen Abend zur Kaiserinn gerufen, und
bedeutet, sie müsse sich entschliessen, das Haus ihrer Eltern zu verlassen, und
das Hofleben zu versuchen.
    Es ist unmöglich die Verfassung des jungen Mädchens bei einem Antrage zu
beschreiben, der ihr so unerwartet kam, (denn die Reden ihrer Mutter dünkten ihr
nur Scherz zu sein) dessen Grund sie nicht einsehen und von welchem sie sich
selbst nicht erklären konnte, ob er ihr Freude oder Kummer machte. - Allerdings
war etwas in ihr, das ihr sagte, sie sei nicht für die Sphäre geboren, in
welcher sie bisher gelebt hatte; aber doch war auch so vieles, das ihr in ihrer
bisherigen Lage gefiel. Sie sollte die ruhige Stille, die sie liebte, die ihrem
sanften Charakter so angemessen war, mit dem Geräusch der grossen Welt
vertauschen, sollte Eltern verlassen, um unter Fremden zu leben? - Münster sah
ihren Kampf und beklagte sie. Ihre sogenannte Mutter drückte sie fest an ihr
Herz, sprach vom Glück, Schicksal, Trennung, und tausend Dingen, deren Sinn das
Mädchen nicht einsehen konnte, weil man nicht für gut fand, ihr den kleinsten
Wink von demjenigen zu geben, was sie doch so nahe anging. - Vielleicht würde
die Münsterinn jetzt bei dem Eintritt einer der wichtigsten Epochen ihres Lebens
kein Bedenken getragen haben, ihr alle Geheimnisse zu entdecken, aber Münster
verbot es ihr, und sie musste sich entschliessen, nach so vielen eigenmächtig
getanen Schritten doch in einem Stücke zu gehorchen. - Die Kenntnis ihrer
Herkunft nützt ihr nichts, sagte er, sie wird ohne dieselbe weit weniger
Versuchung haben, von der Demut, der Bescheidenheit, der löblichen
Zurückhaltung abzuweichen, die ihr zukommen, und die noch das einige sind, was
sie auf dem schlüpfrigen Wege, den sie antritt, aufrecht erhalten können. Auch
mag sie immer glauben, dass man sie aus eigner Bewegung nach Hofe fordert; dieses
kann ihr auf der andern Seite einen kleinen Stolz einflössen, der sie veranlassen
wird, nie die gute Meinung zu verscherzen, welche man jetzt von ihr zu haben
scheint, auch könnte es vielleicht sein, gute Marie, dass sie dir es in der Folge
nicht sehr danken würde, dass du unvorsichtig genug warest, ihr ihren
gefährlichen Posten zu erkaufen, und es ist dir doch wohl daran gelegen, in den
Augen der verständigen Ida nicht zu verlieren.
    Der Mann sprach wie ein Orakel, man folgte ihm diesmahl, und das junge
Mädchen ward mit allgemeinen guten Lehren abgefertigt, welche in nicht viel
mehrern bestanden, als darin, sie sollte immer ihrem redlichen truglosen Herzen
gemäss handeln, und sich in zweifelhaften Fällen des Rats ihrer Eltern bedienen.
Münster war der altmodischen Meinung, dass der gerade Weg nie trügen könne.
    Die Geschichte meldet nichts umständliches von Idas Aufnahme bei Hofe, nur
dies sagt sie, dass sie die Kaiserinn, für welche sie eine so grosse Ergebenheit
in ihrem Herzen fühlte, bei weitem nicht so hold und gnädig fand, als da sie sie
an Allerheiligen zum erstenmahl sah.
    Diese Erscheinung war etwas sehr natürliches; Sophie, so kurze Zeit auch
seit ihrem Leben am Hofe verflossen sein mochte, war jetzt nicht mehr die junge
unerfahrne Prinzessinn, die beim ersten Schritt aus dem Kloster in die Welt von
jedem neuen Gegenstande heftig gerührt wurde, und ihre Gefühle ohne lange
Ueberlegung, ohne Zurückhaltung äusserte. Auch hatte ihr die Fürstinn von
Ratibor ein gewisses Bewustsein ihrer Hoheit eingeflösst, welches sie hinderte
ganz so liebenswürdig zu sein, als sie konnte, sie war eine majestätische
Fürstinn, aber für den, der ihr gleichgültig war, keine einnehmende Frau, und
gleichgültig war ihr Ida für den gegenwärtigen Augenblick. - Der ehemahlige
Eindruck war gänzlich verschwunden, sie sah in Ida nichts als das gemeine
Bürgermädchen, welches sich erkühnte, schöner und einnehmender zu sein, als ihr
Stand mit sich brachte. Auch verlor Ida dadurch unendlich viel, dass sie Sophien
aufgedrungen ward. Der Kaiser hatte mit seiner gewöhnlichen heroischen Art
seiner Gemahlinn erklärt, dass er wünsche die junge Münsterinn unter ihrem
Frauenzimmer zu sehen. Sophie hatte, wie sie denn manchmal pflegte, gefragt,
warum? und Wenzel hatte sich wohl gehütet zu antworten, weil mir die Mutter
zweihundert und funfzig goldne Schilde dafür gezahlt hat, sondern er hatte ganz
kaltsinnig seinen Willen, und die Schönheit des jungen Mädchens zur Ursach
angeführt; eine Erklärung, welche von Sophien mit Stillschweigen und von ihrer
Oberhofmeisterinn mit einem höhnischen Seitenblick auf ihre Gebieterinn
beantwortet wurde.
    Soll ich Ew. Majestät zur glänzenden Verwahrung ihrer Hofstatt
glückwünschen? fragt die Fürstinn von Ratibor als sie mit Sophien allein war.
Die Kaiserinn schwieg. - Nun wahrhaftig, fuhr die Fürstinn fort, wenn wir die
gemeinen Bürgerdirnen unter unsere Fräuleins aufnehmen wollen, so wird unser Hof
bald allen andern zum Muster dienen können! - Doch jedes Ding hat seine Ursach.
Die Münsterinn wird für schön gehalten wie ich höre, und Susanne wird alle Tage
hässlicher. Ein kleiner Tausch, ein Wechsel ist ja wohl dem Herrn des deutschen
Reichs erlaubt.
    Man hört aus dieser Probe, dass die Oberhofmeisterinn Erlaubnis hatte, sehr
frei mit Sophien zu sprechen, sie war die einige Vertraute von Wenzels
unglücklicher Gemahlin und dieses gab ihr ein Recht, zu sagen was sie wollte.
Sie fuhr in ihrer giftigen Rede fort, und fand so viel Eingang bei der Kaiserin,
dass es Wunder war, wie Ida noch so empfangen werden konnte, als sie empfangen
ward.
    Das junge Mädchen merkte indessen wohl, dass sie hier andere Blicke würde
ertragen lernen müssen, als sie gewohnt war, doch beredete sie sich, dies sei
Hofton, und rechnete das, was ihr von dieser Art mehr als andern zu Teil ward,
sehr demütig auf ihren niedrigen Stand. Zuweilen fiel es ihr denn auch wohl
ein, warum man sie aus ihrer Dunkelheit hervorgezogen habe, wenn man ihr nicht
besser begegnen wollte, doch half ihr die fromme Einfalt ihres Herzens alles zum
besten erklären, und alles ertragen.
    Aller Augen waren indessen auf das junge Bürgermädchen gerichtet, ungeachtet
alle sich stellten sie zu übersehen. Die Männer flüsterten sich hinter ihrem
Rücken zu; sie ist schön, sehr schön, und die Damen spähten mit Adleraugen nach
Fehlern an derjenigen, welche so widerrechtlich in ihre glänzende Reihe
eingeschoben wurde.
    Keine von allen Frauen des Hofs war aufmerksamer auf Ida als die Fürstinn
von Ratibor, sie lauerte auf Gelegenheit die Meinung, die sie Sophien von ihr
beigebracht hatte, zu bestätigen. Vergebliche Mühe! Die junge Münsterinn, wie
man sie hier nannte, ging still und ruhig ihren Weg vor sich hin, ahndete nicht
einmal, dass sie bemerkt wurde, und handelte doch so, dass sie die Augen der
ganzen Welt zum Zeugen haben konnte. Sie füllte ihren Platz bei Hofe aus, wenn
es ihr ziemte, brachte die übrige Zeit mit ihrem Mädchen auf ihrem Zimmer zu,
ging täglich in die Kirche, besuchte ihre Eltern an den Tagen da es ihr erlaubt
war, und führte sich, wenn Spiel oder Tanz bei Hofe war, so anständig auf, dass
alle Pfeile der Verläumdung von ihr abprallten. Dazu kam auch noch, dass der
Kaiser gar keine Notiz von ihr nahm, und dadurch die Winke der Fürstin von
Ratibor, die sie Sophien des Abends von Idas Aufnahme gab, völlig Lügen strafte.
Wenzel war wie bekannt, kein Feind der Weiber, aber die Schönheit der Dirnen,
welche ihm gefielen brauchte von keinem so hohen Styl wie Idas Reize zu sein;
Susannens Person war so ohngefehr das Model von dem, was ihn fesseln konnte.
    Da die Oberhofmeisterinn nichts schlimmers von dem jungen Mädchen zu sagen
wusste, so schwieg sie gar. Sophie hörte nichts böses mehr von Ida, und da sie
sie täglich in ihrer vollen Liebenswürdigkeit vor sich sah, so fing sie von
neuem an ihr gewogen zu werden. Sie stach so gar sehr vor den andern Fräuleins
hervor, welche sie zu bescheiden war, ihre Gespielinnen zu nennen, und die doch
immer ihrer stolzen verächtlichen Blicke ungeachtet nur wie ihre Dienerinnen
neben ihr standen. Es war in diesen jungen Personen ein unablässiges Streben
einander zu verdunkeln, ein Haschen nach Blicken der Aufmerksamkeit, ein Ringen
nach einem Lächeln ihrer Fürstinn, und dieses liess sie neben der holden
unbefangenen Ida in einem unendlich nachteiligen Lichte erscheinen.
    Es war zum Anfange schon genug, dass Herrmanns Geliebte nicht mehr von ihrer
Gebieterinn verächtlich übersehen, dass sie mit einigem Wohlwollen angeblickt
wurde, es war nur ein kleiner Zufall nötig, dieses Wohlwollen in Gewogenheit zu
verwandeln.
    Sophie hatte eines Tages Langeweile, wie es, wenn man es recht bedenkt,
Fürstinnen in ihrer Lage oft begegnen muss. Es ist unbekannt, wie sie sich an den
Tagen, an welchen sie keine Langeweile hatte, zu beschäftigen pflegte; aber so
viel ist gewiss, dass an diesem alle gewöhnliche Artikel der Unterhaltung
ausgegangen waren. So gar von Susannen gab es nichts zu sprechen, denn der
Kaiser hatte jetzt, da sich einige Hoffnung zeigte, seine Gemahlinn würde ihn
mit einem Erben beschenken, sich von seinen Räten bereden lassen, diesen Stein
des Anstosses auf einige Zeit nach Kunradsburg zu schaffen. Die Kaiserinn durfte
jetzt schlechterdings keinen Anlass zu Verdruss und Ärgernis bekommen, es hing
zuviel davon ab, dass der schwankende Tron des schwelgerischen Wenzels durch
einen Reichsnachfolger befestiget wurde.
    An diesem Abende also, der so ganz leer an Zeitvertreib war, fiel es der
Kaiserinn ein, ihre Jungfrauen aufzufordern, und einen Preis für diejenige
aufzusetzen, welche irgend ein Mittel ausfündig machen könnte, ihr die
schleichenden Stunden angenehm zu vertreiben.
    Augenblicklich kam alles in Bewegung, jede der jungen Damen wollte ihre
Geschicklichkeit zeigen. Die Sängerinnen, die Tänzerinnen, die
Märchenerzählerinnen drängten sich herbei, und taten ihr Werk so gut sie
konnten, aber entweder sie verstanden ihre Künste schlecht, oder der Geist des
Unmuts, der Sophien quälte, war so hartnäckig, dass er keiner Beschwörung
weichen wollte. - O schweiget, schweiget! rief die Kaiserinn, hört auf, ich
bitte euch! Was für Töne! was für Schritte! welche langweilige Tiraden! wie
unglücklich bin ich solche ungeschickte Geschöpfe an meinem Hofe zu haben!
    O ihre Majestät klagen nicht, rief die boshafte Ratibor. Hier ist ja noch
die Münsterinn übrig, sie steht so müssig und unbesorgt da, als ob die Bedienung
ihrer Fürstinn sie nichts angienge, und doch zweifle ich nicht, sie wär im
Stande alle unsere Fräulein mit ihren Talenten zu verdunkeln. Kommt her,
Jungfer, fuhr sie in ihrem höhnischen Tone fort, sprecht, was für Künste
versteht ihr die Kaiserinn zu unterhalten? Ihr müsst nicht glauben, dass man um
nichts und wieder nichts, eine solche Stelle wie die eurige einnimmt.
    Ohne Zweifel war es die Absicht der heimtükischen Oberhofmeisterinn, Ida
durch eine unvorhergesehene Aufforderung, durch eine Aufforderung in diesem
Tone, so aus der Fassung zu bringen, dass sie, sie möchte auch können was sie
wolle, mit Schande bestehen müsse. - Ihr Anschlag verunglückte. Ich spiele ein
wenig die Harfe, sagte Ida mit einer freimütigen Verbeugung, und ich würde
schon um Erlaubnis gebeten haben sie zu holen, wenn ich es hätte wagen dürfen,
Geschicktern als ich vorzugreifen, oder wenn ich hoffen könnte. - -
    O hole, hole sie, mein Kind! rief Sophie, ich liebe sie, die Harfe! Ida
entfernte sich, und die Fürstinn von Ratibor erwähnte indessen gegen die
Kaiserinn, dass sie nächstens ihre Tochter aus dem Kloster erwarte, welche, wie
man ihr sage, die Harfe meisterhaft spiele.
    
    Ida trat indessen mit ihrem Instrument herein, stellte sich Sophien zur
Seite, griff einige vorläufige Accorde, welche die Meisterinn bezeichneten, und
begann - o ihr Genien der Harmonien, welcher unter euch gab ihr den Gedanken ein
- begann das Lied, das auf die Kaiserinn an ihrem Vermählungsfeste so eine
wundernswürdige Wirkung tat. - Sophie atmete kaum, sie heftete ihr Auge fest
auf ihre reizende Harfnerinn, die mit ihrem unschuldigen Engelsblick da stand,
als ob sie nichts sähe als ihre Saiten, und bald darauf ihr schönes Auge erhob,
um den Worten, die sie ihrer entzückten Zuhörerinn sang, doppelten Nachdruck zu
geben. - Das Lied war zu Ende, Sophie sass noch mit starr auf sie geheftetem
Blick, als spähte sie dem letzten Ton der Harmonie nach, da trat das liebliche
Mädchen näher, setzte ein Knie auf die Erde, nahm den Blumenkranz von ihrem
Haar, und legte ihn, wie es die Worte des Gesanges heischten, zu Sophiens Füssen.
-
    Himmlisches Mädchen! Zauberinn! rief Sophie, indem sie die Arme um Idas
Nacken schlug, und sie küsste. Welche Empfindungen hast du in meine Seele zurück
gerufen! - Steh auf, mein Kind, sagte sie nach einer Weile, als sie die Blicke
ihrer Aufmerkerinn, der Ratibor, fest auf sich gerichtet sah, steh auf, du hast
deine Sachen gut gemacht! - Der Blick und der Ton der Kaiserinn bei diesen
Worten war nicht ganz so gnädig als ihre Umarmung. Ida erkühnte sich noch
einmal, die dargebotne Hand zu küssen, und trat auf die Seite.
    Und wär Ida die ausgelernteste Seelenkennerinn gewesen, so hätte sie nichts
wirksameres ersinnen können, das Herz der Kaiserinn völlig zu erobern, als das
Lied das sie sang. Sophiens Empfindungen bei der Erscheinung der jungen Mädchen
an ihrem Hochzeitfeste mussten entzückend gewesen sein, da schon die blosse
Erinnerung an diesen Auftritt sie so bezaubern konnte. Doch Dinge von dieser Art
sind nichts ungewöhnliches; für wem gibt es nicht gewisse Töne, gewisse Winke,
welche ihm den oder jenen Auftritt seines Lebens dermassen vergegenwärtigen
können, dass er alles, was er damals fühlte, von neuem zu erfahren glaubt, und,
ist die Erinnerung von angenehmer Art, durch einen unwiderstehlichen Zug zu
demjenigen hingerissen wird, der sie hervorbrachte?
    Sophie war aufgestanden, und trocknete am Fenster ihre Augen. Die Fräuleins
musterten die ruhig an ihre Harfe gelehnte Ida mit neidischen Blicken, und die
Oberhofmeisterinn merkte an, dass es sehr spät sei, dass Ihro Majestät der Ruhe
bedürften, und dass man sich entfernen müsse. Sophie jahte es, und man gehorchte.
 
                              Funfzehntes Kapitel.
                          Volles Licht des Hofglücks.
Ohne Zweifel hätte die Fürstinn von Ratibor es gerne gesehen, wenn die junge
Harfenspielerinn das Zimmer ihrer Gebieterinn auf jene Art hätte verlassen
müssen, wie eine ihrer Kunstverwandtinnen in unsern Zeiten, aber entweder war es
etwas leichteres vor einer Kaiserinn als vor einer Königinn von Frankreich zu
spielen, oder Ida war ihres Instruments mächtig, und der Gegenwart einer
Monarchinn gewohnt genug, um weder von dem einen noch dem andern bis zur
Ohnmacht angegriffen zu werden, und sie entfernte sich also nebst den andern
ruhig mit ihrer gewohnten guten Art.
    Was für ein kaltes phlegmatisches Geschöpf ist dieses Mädchen! rief die
Ratibor, als sie mit ihrer Fürstinn allein war. Welche andere würde nicht durch
so viele Gnadenbezeugungen bis in das Innerste der Seele gerührt worden sein,
und diese -
    Ich sah Tränen in ihren Augen; sagte Sophie.
    O dann, wenn sie weinen kann! erwiederte die Oberhofmeisterinn.
    Ich bitte euch, Ratibor, sprach die Kaiserinn mit ungewöhnlich finsterm
Blicke, verbittert mir nicht alles was mir Freude macht!
    Eine Äusserung von dieser Art wär schon hinlänglich gewesen den Hass bei Idas
Feindinn auf das höchste zu treiben, aber es stand ihr auf den andern Tag noch
ein kleiner Nachtisch für ihren Neid bevor.
    Ida ward in Sophiens Schlafzimmer gerufen. Liebe Münsterinn, sagte die
gnädige Dame, ihr habt mir in der Tat gestern eine angenehme Stunde gemacht.
Ich vergass alles über euren hinreissenden Spiel; auch das, dass ich einen Preis
aufgesetzt hatte, der ohne Zweifel euch zukommt, und den ich euch noch schuldig
bin. Er sei dieses Band, das euch zu meiner nähern Bedienung berechtigt, denn
mit Kleinoden, setzte sie lächelnd hinzu, darf man doch bei euch nicht kommen,
ihr habt mir schon einmal etwas dergleichen abgeschlagen.
    Ida empfieng kniend das kaiserliche Geschenk, und die Fürstinn von Ratibor
bekam Befehl, es ihr anzulegen; es war ein Band von himmelblauen Sammt, welches
von der rechten Schulter auf die linke Hüfte in einer grossen Schleife gebunden
ward, und das nur die ersten Staatsfräuleins der Kaiserinn tragen durften.
    Ida war erstaunt, bestürzt von diesem Uebermaas von Gnade, und doch getrauen
wir uns zu sagen, dass sie den ganzen Umfang derselben bei weitem nicht so stark
fühlte, als die Fürstinn von Ratibor. Das Mädchen war in jenem glücklichen
Alter, in welchem uns der Unterschied zwischen Gnadenbändern und Sternen, und
zwischen einem leicht geknüpften Band im lockigten Haar, oder einer
frischgepflückten Morgenrose, noch nicht so gar gross dünkt, wo wir nichts weiter
sehen, als dass beide zur Zierde dienen. - Doch bekam Sophiens Geschenk durch die
Hand der geliebten angebeteten Geberinn einen hohen Wert in Idas Augen, und sie
dankte mit unverstellter Rührung. Die Fürstinn von Ratibor machte ohngefehr so
eine Miene, wie weiland der persische Hofmann, als er dem ebräischen Weisen die
Kennzeichen der königlichen Gnade anlegen musste, doch verlor sich am Ende ihr
hämischer Blick in jenes bitter süsse Lächeln, welches freilich eine so
unschuldige Seele wie Idas nicht zu entziffern wusste. - Ida verbeugte sich,
nachdem sie ihre Danksagung bei der Kaiserinn abgelegt hatte, mit der ihr
eigenen Holdseeligkeit gegen die Fürstinn von Ratibor, und ward von ihr mit
einer gnädigen Umarmung beehrt. -
    Sie ist doch mit alledem ein reizendes Geschöpf, diese Münsterinn, sprach
die Fürstinn zu Sophien, indem sich Ida entfernte, schade, dass sie nur ein
Bürgermädchen ist!
    Die Blicke aller Fräuleins waren neidisch auf Idas blaues Band gerichtet;
ein Ehrenzeichen, welches nur drei oder viere von ihnen zu tragen gewürdigt
waren, aber das junge Mädchen bemerkte nichts davon, begegnete ihnen mit ihrer
gewöhnlichen Ehrerbietung, ohne über den empfangenen Vorzug einen Stolz zu
äussern, und harrte unruhig dem Abend entgegen, an welchem es ihr erlaubt war,
ihre Eltern zu besuchen. Sie wollte sich ihnen in ihrem Schmucke zeigen, sie
wusste, dass sie, dass wenigstens die Mutter, durch die Ehre, die ihr wiederfuhr,
erfreut werden würde.
    Sie hatte recht, nur die Mutter war es, welche sich freute. Münster sah trüb
und gedankenvoll aus, und wiederholte seine Ermahnungen an das junge Mädchen,
behutsam und immer ihren Grundsätzen treu zu sein.
    Von dem Tage an, da Ida das erste Gnadenzeichen von ihrer Fürstinn erhielt,
schien sich ihr Ansehen fast stündlich zu vermehren, sie hatte öfter die
Aufwartung bei Sophien als ihre Gespielinnen, weil sich diese von niemand lieber
bedienen liess, als von ihr. Kein Abend vergieng, da sie nicht mit ihrer Harfe im
Kabinet der Kaiserinn erscheinen musste, und alle ihre kleinen Talente wurden
hervorgesucht, um ihre Gebieterinn zu unterhalten. Ob Ida darum glücklicher war,
lässt sich schwer bestimmen; sie beredete sich, sie sei es, weil man sie zum
Glück einer dritten Person für nötig hielt, aber im Grunde vermisste sie wohl
bei dem unaufhörlichen Zwange, in welchem sie lebte, die ruhigen Stunden, die
sie anfangs auf ihrem einsamen Zimmer zubrachte, und so manchen heitern Abend,
da sie ihre Eltern sehen, und sich in ihre ehemahlige Lage zurückträumen konnte;
Augenblicke, welche jetzt immer seltner wurden.
    Auch fehlte es ihr jetzt, da sie fast beständig um die Monarchinn war, nicht
an mancherlei andern kleinen Leiden, Sophie war nicht allemahl heiter, sprach
nicht allemal liebe Münsterinn, wenn sie mit ihr redete. Spuren von neckender
Verläumdung zeigten sich immer, ob sie gleich wenig zu sagen hatten. Bald war
Ida an Orten gesehen worden, wo Sophiens Fräuleins nicht hingehen durften, bald
hatte sie in der Kirche gelacht, bald unehrerbietig von der oder jener alten
Ehrendame gesprochen, oder beim Tanze zu frei mit einem Ritter gescherzt;
Anklagen, welche die Unschuld des Mädchens allemal so schnell vernichten konnte,
dass sie ihr selten mehr als einige trübe Minuten machten, denn Sophiens Gnade
kehrte allemahl nach solchen überstandenen Stürmen mit verdoppeltem Glanze
zurück, und die Oberhofmeisterinn lächelte lieblicher als jemahls.
    Die Fürstinn von Ratibor hatte gehoft, Ida würde das gewöhnliche Hofglück
erfahren, ihr Ansehen würde so schnell und mit so leichten Mitteln zu vernichten
sein, als es entstanden war; jetzt, da diese Hoffnung getäuscht ward, zählte sie
auf noch ein wirksames Mittel ihre Absichten zu erreichen, auf die Erscheinung
einer neuen Person. Das Neue pflegt ja immer das Alte zu verdrängen, und Ida
genoss schon über einen Monat die Gnade der Kaiserinn.
    Die Tochter der Fürstinn von Ratibor, die junge Imago wurde bei Hofe
erwartet, sie war im Kloster erzogen worden, man sagte Wunderdinge von ihren
Vollkommenheiten, und ihre leichtgläubige Mutter ermangelte nicht, gewaltig in
die Posaune zu stossen, und alles auszubreiten, was die Klosterfrauen von dem
jungen Fräulein überschrieben. - Sie triumphirte in den Gedanken die verhasste
Münsterinn bald durch ihren Liebling verdunkelt zu sehen. Fast war ihr der Sieg
über ein so gemeines Mädchen zu klein, und sie sann auf Mittel, sich noch mehr
Genugtuung für den Verdruss, den sie bisher erlitten hatte, zu verschaffen.
    Imago erschien, und da der Eindruck, den sie auf ihre Mutter machte, nicht
sonderlich war, so lässt sich erraten, dass sie bei Hofe noch weniger Aufsehen
verursachte. Sie ward vorgestellt, ganz gnädig aufgenommen, erhielt das blaue
Band, welches Ida nur durch ihre Verdienste erwerben konnte, wegen ihres Standes
auf den ersten Anblick, und ob gleich ihr Auge sich nach mehreren auszeichnenden
Gnadenbeweisen umzusehen schien, so war doch dieses für diesmahl alles was ihr
zu Teil ward. Sie konnte ruhig in die Reihe ihrer nunmehrigen Gespielinnen
treten, ohne dass den ganzen Abend wieder nach ihr gefragt wurde. Doch ging des
andern Tages bei Hofe die Rede, die junge Prinzessinn von Ratibor sei recht
schön, gewiss recht schön, und auch artig, und überdies, wie es schien, von recht
gutem Gemüt; Dinge, die man so oft sagte, und sich sie mit so vielem Eifer
versicherte, als ob man vermutete, es könnten Zweifel dawider gemacht werden.
    Die Fürstinn von Ratibor sah ihre Plane abermals verunglücken, sie hatte
eben nicht willens ihre Imago lange im Dienste der Kaiserinn zu lassen, in
welchem sie das Unglück hatte, einer Bürgerinn an die Seite gestellt zu werden;
man dachte auf ihre Vermälung. Man erwartete einen jungen italiänischen Prinzen
bei Hofe, die Prinzessinn von Ratibor war nicht hässlich, ihre Eltern waren im
Stande sie ganz artig auszustatten, und es liess sich hoffen, dass man wohl hier
durch Hülfe geschickter Mittelspersonen eine Heirat stiften könnte. Um bis
dahin die Zeit nicht müssig zuzubringen, beschäftigte man sich von Seiten der
Fürstinn von Ratibor, den Vorrat von Imagos Talenten zu untersuchen, und zu
sehen, ob sie etwa von besserm Gehalt wären, als ihre Schönheit. Die junge Dame
mochte in der Tat im Stande gewesen sein, in einem Kloster, mit dem was sie
konnte, etwas ausserordentliches vorzustellen, aber in der Welt - taugten alle
ihre erworbenen Geschicklichkeiten weniger als nichts, es fand sich so vieles,
das ganz hinweggeworfen, so vieles, das erst ein wenig aufgestutzt werden musste,
um einiges Aufsehen zu machen, und ach, noch so unendlich mehr, welches ganz
fehlte und nun erst nachgeholt werden musste. Das arme kleine Geschöpf ward
genötigt sich der Quaal des mühsamen Lernens, welche sie überstanden zu haben
glaubte, von neuem zu unterwerfen, um nur eine erträgliche Figur zu machen. Die
wenige Munterkeit, welche sie noch etwa besass, und die vielleicht, wohl
angewendet, hätte liebenswürdig machen können, ging über dieser Anstrengung
verloren; sie ward in ihrem Hause mürrisch und ungestüm, bei Hofe eine
Träumerinn, und bald kam die gewöhnliche Frucht vergeblicher schmerzhafter
Bemühungen nach unerreichbaren Vollkommenheiten, der Neid zum Vorschein, und
machte sie, die sonst wohl in ihrer Sphäre hätte gefallen können, zur
unerträglichsten aller Kreaturen.
    Die Fürstinn von Ratibor bemerkte diese Dinge mit Betrübnis, sie zitterte,
wenn man ihre Tochter ansah, zitterte, wenn sie angeredet ward, und suchte alle
Gelegenheit zu vermeiden, Imagos ehedem gerühmte Vollkommenheiten wieder ins
Andenken zu bringen. Gleich in den ersten Tagen ihrer Erscheinung bei Hofe hatte
es die Gelegenheit gegeben, vom Harfenspiel zu reden. Sophie hatte sich
erinnert, dass einst die Geschicklichkeit der Prinzessinn auf diesem Instrumente
dem Zauberspiel ihrer Ida an die Seite gesetzt wurde, sie forderte Proben; die
jungen Künstlerinnen mussten certiren, und die Sache fiel so sehr zu Imagos
Beschämung aus, dass ihre Mutter wünschte geschwiegen zu haben und sich und ihre
Tochter nur hinter dem Ausspruch retten konnte, es käm Prinzessinnen nicht zu,
solche Kleinigkeiten mit der Application zu treiben, wie Personen, welche
vielleicht Profession davon machen wollten.
    Ida war betreten, teils über den Wink, der sie zur Tonkünstlerinn von
Profession machen wollte, welches in den damaligen Zeiten kein kleiner Schimpf
war, teils weil sie wider Willen etwas beigetragen hatte, eine junge Person zu
demütigen, welche sie nie beleidigt hatte; man hätte sie in diesem Augenblicke
nach ihrer niedergeschlagenen Miene für die Ueberwundene halten sollen, und sie
war nicht im Stande, den Beifall, der ihr zu Teil ward, mit frohen Herzen zu
geniessen. - Sie war nach der Hand zurückhaltender mit ihren Geschicklichkeiten,
und da es der Prinzessin von Ratibor nie wieder einfiel sich neben sie zu
stellen, so lebte man auf einen ganz artigen Fuss mit einander.
    Es war zu verwundern; man hätte denken sollen, die vielen fehlgeschlagenen
Versuche der Fürstinn von Ratibor die junge Münsterinn zu verdunkeln, mussten
nach dem Charakter, der ihr eigen war, den bittersten Hass gegen Ida nach sich
gezogen haben aber es ereignete sich das Gegenteil. Sie schien ihr gewogen zu
werden, sie gestattete ihrer Tochter mit ihr zu sprechen, lud sie zuweilen in
ihren Pallast ein, und trat endlich mit dem Antrage hervor, Imagos
Lehrmeisterinn in der Tonkunst zu werden; ein Zumuten, welches Ida mit soviel
Herzlichkeit annahm, als sie ein ihr vorläufig angebotnes sehr kostbares
Geschenk für diese Bemühung ausschlug und alle künftige Erbietungen von dieser
Art verbat.
    Ida war also, so oft es die Aufwartung bei Hofe erlaubte, in dem Hause der
Fürstinn von Ratibor, - sie suchte Imagos Talente auszubilden, künstelte
zuweilen an ihrem verschobenen Charakter, suchte Gefühle in ihr zu erwecken,
welche ihrem Stande angemessen waren - aber - nicht aus jedem Holze lässt sich
ein Götterbild schnützen. - Imago blieb was sie war, und gab Ida zu verstehen,
dass sie sie lieber unter dem Namen der Freundinn als der Lehrerinn um sich
dulden möchte.
    Die jungen Mädchen wurden vertraut, es gab Stunden, wo man den Unterscheid
des Stands ganz zu vergessen schien; sie spazierten, sie spielten, sie badeten
mit einander und zuweilen geschahe es, dass sie sogar auf einem Lager ruhten. Die
alte Münsterinn freute sich dieser Ehre, wenn Ida bei ihren Besuchen ihr
zuweilen davon erzählte, aber ihr Mann schüttelte den Kopf und erzählte die
Fabel von der irdenen und ehernen Schale, welche er einmal von einem Mönche
gelernt hatte; - Vertraulichkeiten von dieser Art, sagte er, haben ihre eigenen
Folgen, man entdeckt sich einander zu treuherzig, und hat oft in der Folge
Ursach es zu bereuen. Es sollte mich wundern, wenn die Prinzessinn noch nie
Versuche gemacht hätte, deine kleinen Geheimnisse auszuspähen. -
    Geheimnisse mein Vater? rief die lächelnde Ida, ich habe keine!
    Münster drohte mit dem Finger, und nannte den Namen Herrmann.
    Es ist wahr, erwiederte Ida mit Erröten, Imago hat etliche mahl mit mir
über diesen Namen gescherzt, ich muss ihn im Traum genannt haben, denn wachend
erwähne ich ihn nie.
    Ich wollte du tätst es auch nicht im Traum, sprach Münster, der sich nicht
entalten konnte über die unschuldige Antwort des Mädchens zu lachen.
    Und dann, fuhr Ida fort, jetzt fällt mir noch etwas ein, welches die
Prinzessinn tat, und das mir nicht ganz lieb war. Ihr wisst doch das kostbare
Geschenk meiner Kaiserinn, ihre Locke; ich habe sie, seit ich bei Hofe bin,
nicht öffentlich getragen; ein solcher Schmuck würde mir ein prahlerisches
Ansehen gegeben haben, aber mich gänzlich von diesem lieben Kleinod zu trennen
war unmöglich, es kommt nie aus meinem Busen, wird nie abgelegt als wenn ich
bade. Bei einer solchen Gelegenheit sah es die Prinzessinn, und hatte mir es,
ich weis nicht aus welcher Neckerei, heimlich entwendet. - Ich leugne nicht, es
entstand ein kleiner Streit unter uns, sie wollte mir es nicht gestehen, bis ich
die goldne Schnur an ihrem Halse sah, und damit die Locke aus ihrem Busen
hervorzog, noch hielt sie sie scherzend fest, und wollte mir sie nicht ehe
überlassen, bis ich ihr die Geschichte, wie ich zu diesem Geschenk kam,
umständlich erzählt hatte; sie schien schon von dem ganzen Vorgang durch ihre
Mutter unterrichtet zu sein, welche, wie ihr wisst, bei dieser Gelegenheit
gegenwärtig war, und drang nur in mich zu wissen, was ich mit diesem seltsamen
Schmuck mache; ich lachte und machte einen Scherz daraus. Ich glaube, sagte ich,
die Kaiserinn wird mich immer lieben, so lange ich einen Teil von ihrem Selbst
auf meinem Herzen trage.
    Das war eine sehr wunderliche Rede, sprach Münster mit Kopfschütteln, und
ich bitte dich nochmals, mein Kind, sei behutsam, und hüte dich für allzugrosser
Vertraulichkeit mit Personen, welche es, wie ich gewiss glaube, im Grunde böse
mit dir meinen.
 
                             Sechszehntes Kapitel.
                         Ein seltsames Gnadenschreiben.
Der junge Prinz, auf den man für die Prinzessinn von Ratibor die Augen geworfen
hatte, erschien. Es war ein reicher Herr von den grössten Hoffnungen aus dem
Hause Viskonti. Vorläufige Unterhandlungen waren schon getroffen, man hatte ihm
von Imagos Schönheit mit den gewöhnlichen Vergrösserungen gesprochen, er brannte
vor Verlangen sie zu sehen, er ward ihr vorgestellt, und wahrscheinlich machte
er einen grössern Eindruck auf sie, als sie auf ihn, denn - er sah sie an Idas
Seite. Welches Mädchen hätte neben dieser auf Eroberungen Anspruch machen
können! und was hatte die Prinzessinn von Ratibor, sie, die den meisten andern
Schönheiten nachstehen musste, was hatte sie denn zu erwarten. Er wandte kein
Auge von Ida, und selbst nachdem man ihm von dem geringen Stande derjenigen,
welche seine Aufmerksamkeit zu reizen schien, Nachricht gegeben hatte, welches
unvorzüglich geschah, selbst dann konnte er sich noch nicht überwinden, seiner
bestimmten Braut etwas mehr als etliche Seitenblicke zu gönnen, indessen er
fortfuhr, sich in Idas Anschauen zu vertiefen, welche hiedurch so aus aller
Fassung gebracht wurde, dass sie sich entfernen musste.
    Ida ward nicht mehr in den Pallast der Fürstinn von Ratibor gefordert, und
Imago schien, wenn sie sie bei Hofe traf, ihre alte Freundinn nicht mehr zu
kennen. Der Prinz besuchte den Pallast der Fürstinn von Ratibor oft, ohne
diejenige wieder zu finden, welche er eigentlich daselbst suchte, er sah Ida bei
Hofe, und brauchte eben so wenig Vorsicht die Bewunderung, mit welcher er sie
betrachtete, zu verbergen, als bei ihrem ersten Anblick. Man sagte ihm zu
wiederholten mahlen, dies bewunderte Mädchen nenne sich Ida Münsterinn, aber der
Name schien nicht die Würkung zu haben, die man erwartete; er fuhr fort zu
schauen, und Gelegenheit zu suchen diese ausserordentliche Person auch zum
Sprechen zu bringen. Das letzte mislang. Ida floh ihn auf alle mögliche Art,
weil sie seine Liebe merkte, die Anträge eines Prinzen nicht anhören, ihre
Freundinn nicht ausstechen, und Herrmann nicht vergessen mochte. - Der junge
Italiäner hielt sich nur so lange zu Prag auf, als er Zeit brauchte, sich zu
überzeugen, dass er nichts von derjenigen, die er liebte, zu hoffen hatte. Er
vergas in der Eil von der Prinzessinn von Ratibor Abschied zu nehmen, und hatte
überhaupt während seinen ganzen Aufentalt an Wenzels Hofe, nicht ein Wort von
der Ehre gedacht, welche man ihn daselbst zuteilen wollte.
    So war denn die gute Imago sammt ihrer ehrgeizigen Mutter abermahl
getäuscht. Man war so weit gegangen unter der Hand schon die Glückwünsche des
Hofs zu der bevorstehenden Vermählung anzunehmen, und die Beschämung, zurück
gesetzt zu sein, war also nicht gering.
    Alle Schuld der fehlgeschlagenen Hoffnung ward auf die unschuldige Ida
geschoben, welche weiter nichts verbrochen hatte, als das sie schöner war als
Imago, als die meisten ihrer Gespielinnen. Die Oberhofmeisterinn und ihre
Tochter vermochten die Wut, die in ihren Herzen kochte, fast nicht mehr zu
bergen, und Ida würde schreckliche Dinge geahndet haben, wenn ein Verdacht in
ihr unbefangnes trugloses Herz hätte kommen können.
    Ihre sogenannten Eltern dachten in diesem Stücke anders. Beide hielten es
nicht für gut das junge Mädchen furchtsam zu machen, aber ihr gefahrvoller Stand
war oft bis tief in die Nacht der Gegenstand ihrer ängstlichen
Beratschlagungen, und jedes beschloss in der Stille seine Maasregeln zu nehmen,
damit das Leben und die Ehre derjenigen, welche ihnen so teuer war, auf alle
Art sicher gestellt würde.
    Die alte Münsterinn war in diesem Stück noch weit ängstlicher und sorgsamer
als ihr Mann. Der Fürst von Ratibor und sein ganzes hohes Haus war bei ihr in
sehr schlechtem Kredit, sie wusste hundert Geschichten zu erzählen, von welchen
immer eine schrecklicher als die andere war, und welche alle bewiesen, dass
diejenigen, welche das Unglück hatten, ihm oder den seinigen zu missfallen, sich
aus der Welt verloren, ohne dass man genau zu sagen wusste, wohin sie gekommen
waren; wie leicht war es, dass die unglückliche Ida auf ähnliche Art verloren
ging, und welche Sicherheit konnte der besorgten Matrone, die den Mutternamen
bei dem jungen Mädchen führte, wohl gross genug sein, ihr Leben zu schützen.
    Es ist zu glauben, dass alle die Dinge, mit welchen sich die alte Münsterinn
quälte, in die Reihe der Gespenstermärchen gehörten, welche zu den damahligen
Zeiten sehr Mode waren, aber leider haben erdichtete Schreckbilder einen eben so
grossen Einfluss auf schwache Gemüter als Wahrheiten, und sie haben vor den
letzten noch das zum Voraus, dass man um ihnen zu entfliehen meistens Mittel
wählt, die so seltsam ersonnen sind, dass sie uns würklichem Unglück entgegen
führen.
    Und die Besorgnisse im münsterschen Hause zu vermehren, entstand das
Gerücht, welches bald darauf von Idas Mund bestätigt wurde, dass die Reise des
Kaisers nach Westphalen, von welcher so lang gesprochen worden war, in wenig
Wochen vor sich gehen, und dass also Ida, wenn sie dem Hofe folgte, bald ganz
hülflos der Bosheit ihrer Feinde überlassen sein würde.
    Münsters erster Gedanke auf diese Nachricht war seine so genannte Tochter
wieder in sein Haus zu nehmen; seine Frau stimmte diesmahl aus vollem Herzen
ein, und Ida, welche nie einen andern Willen hatte, als diejenigen, welche sie
ihre Eltern nannte, widersprach nicht.
    Der Antrag ward getan. Aber die Kaiserinn hatte sich so an ihre reizende
Gesellschafterinn gewöhnt, dass an keine Trennung zu denken war, und dass die
Bitte des alten Münsters, die er in Person vortrug, abgeschlagen ward. Ich danke
euch, guter Alter, sprach Sophie mit ihrer gewöhnlichen Herablassung, ich danke
euch, dass ihr mir eure Tochter so lang gönntet, aber wollt ihr sie jetzt von mir
nehmen, so ist das vergangene kaum dankenswert, den es nahen sich mir jetzt
Stunden, in welchen ich die liebreiche Wartung, und die heitere Unterhaltung des
guten Mädchens doppelt nötig habe, sie muss mir die Geister des Unmuts
hinwegschwatzen und spielen; oder gönnt ihr ihr nicht die Ehre, eurem künftigen
Herrn die ersten Wiegenlieder zu singen?
    Dieses hies den alten Münster auf seiner schwachen Seite angreifen. Es
verstand sich, dass an Idas Rückkehr in sein Haus nicht mehr gedacht wurde, da
aber nichts im Stande war seine Besorgnis um sie, wenn er nicht täglich von ihr
hören konnte, zu heben, so fasste er einen Entschluss, den wir in der Folge sehen
werden; seine Frau fasste in der Stille auch den ihrigen, setzte ihre noch
übrigen hundert und funfzig goldne Schilde daran ihn auszuführen, und ging dabei
mit ihrer gewöhnlichen Voreiligkeit zu Werke.
    Der Tag der Abreise nahte heran, aber es ereigneten sich Umstände, welche
weder die Geschichte noch die Sage3 deutlich benennt, die Wenzeln nötigten,
noch einige Zeit in Prag zurück zu bleiben, und seine Gemahlinn nebst ihrer
Hofstatt allein abgehen zu lassen.
    Der ganze Hof war zur Abschiedsaudienz im Vorgemach des Kaisers versammelt,
als sich eine Sache zutrug, welche jedermann, und diejenige, welche sie
unmittelbar betraf, in das grösste Erstaunen setzte. Schon hatte Wenzel mit den
Vornehmsten von Sophiens Hofstatt gesprochen, und der geringere Teil derselben
sollte wie gewöhnlich auf allgemeine Art entlassen werden, als Ida aus dem
Haufen ihrer jungen Gespielinnen hervorgerufen und bedeutet wurde von den Kaiser
zu treten.
    Seid ihr Ida Münsterinn? fragte er.
    Das Mädchen antwortete mit einer bejahenden Verbeugung.
    Ein Wink des Kaisers befahl einem hinter ihm stehenden Geheimschreiber, ihr
ein grosses Pergament mit dem kaiserlichen Siegel zu überreichen.
    Ida ward bestürzt.
    Ihr könnt dieses Geschenk, sagte Wenzel, nicht so ausserordentlich finden,
als es mir selbst vorkommt, aber man hat es für gut gefunden es für euch bei mir
zu suchen, und ich bin ein zu liebreicher Vater meiner Untertanen, um auch dem
geringsten von ihnen eine mögliche Bitte zu versagen. Geht, und seid meiner
kaiserlichen Gnade versichert.
    Ida trat voll Verwirrung zurück. Jedermann drängte sich um sie, jeder wollte
den Inhalt dieses rätselhaften Blattes wissen, aber sie eilte zu der Kaiserinn
es ihr zu überreichen, welche es einem Kammerherrn gab, der es zu allgemeinem
Erstaunen folgendermassen vorlas:
    »Wir Wenzeslaus etc. nehmen dich Ida Münsterinn in unsern kaiserlichen
Schutz, so dass wir dein Leben und deine Ehre von der Hand dessen fordern, auf
welchen der kleinste Schein des Verdachts beruht, sie angetastet zu haben, auch
begnadigen wir dich mit dem Vorrechte, dass keiner über dein Leben und Tod zu
sprechen habe, als wir, auch keiner dich wegen irgend einer Anschuldigung
belangen könne, als vor unsern unmittelbaren Gericht, oder vor denen welche
unter Königsbann an unserer Stelle sitzen. etc.«
    Wer verkennt hier wohl die Hand der guterzigen, der voreiligen Münsterinn,
sie hatte nichts unterlassen wollen, die geliebte Ida sicher zu stellen, und
hatte also für das beste gehalten, ihr den unmittelbaren kaiserlichen Schutz zu
erkaufen. Wenzel, welcher immer bereit war das zu tun was man auf diese Art von
ihm bat, hatte - (vielleicht im halben Rausche) eine Schrift ausfertigen lassen,
welche jedermann ein Rätsel sein musste, und die im Grunde derjenigen, welcher
sie zum Besten gereichen sollte, mehr Nachteil als Nutzen brachte.
    Jedermann sah sich nach Verlesung dieses Schreibens mit verwunderungsvollen
Augen an, einige verächtliche Seitenblicke fielen auf Ida, und alle kamen darin
überein, es müste eine ausserordentliche Bewandnis mit diesem Mädchen haben.
Ordentlicher Weise brauche die Unschuld keinen andern Schutz als sich selbst; so
viel man wisse, habe noch niemand es sich einfallen lassen, verdächtige
Anschläge auf Ida zu machen, oder sie vor irgend einem Gericht zu belangen,
dieses müsse vorborgene Bewandnisse haben, und was der seltsamen Reden mehr
waren.
    Ida stand voll Bestürzung da, sie fühlte, dass diese seltsame Begebenheit
einen verdächtigen Schein auf sie warf, ungeachtet sie von allen dem, was
darüber gesprochen wurde, nichts vernahm, sie nahte sich der Kaiserinn, und bat
um Erlaubnis, dieses ausserordentliche Gnadenschreiben dem Monarchen in Demut
zurückgeben zu dürfen. Ich fordere, sagte sie, keine andere Sicherheit als die
ein jeder in dem Schutz eines guten Fürsten findet, keine andern Vorrechte als
die mir die Gnade meiner Kaiserinn gewährt.
    Nein, nein, rief Sophie, die die ganze Sache aus einem andern Gesichtspunkte
ansah als die andern, mit einem kleinen Lachen, nein, nein Ida, dieses Schreiben
will ich zu deinem Besten verwahren; und wenn es weiter keinen Nutzen hat, so
wird es einst deinen Enkeln sagen, dass du ein würdiger Gegenstand der besondern
Vorsorge deines Fürsten warest.
    Diese Begebenheit ward ein Gegenstand des allgemeinen Gesprächs, sie kam vor
Münsters Ohren, ehe Ida noch Gelegenheit hatte, ihn selbst davon zu
benachrichtigen. Er erriet den Ursprung derselben ohne Mühe, und hielt mit
seiner Frau ein sehr ernstaftes Gespräch über die seltsamen Dinge, die sie die
Neigung für ihren Liebling begehen machte. Die Münsterinn beteuerte, dass sie
nichts bei dem Kaiser gesucht habe, als sein besonderes Ansehen auf Idas Bestes,
ohne eben darüber eine schriftliche Ausfertigung, ein Schreiben in Gestalt eines
eisernen Briefs zu fordern. - Münster, welcher seine Frau selten auf einer Lügen
ertappt hatte, glaubte ihr, und das Ganze musste also einer von den Streichen
sein, wie Wenzel sie zuweilen im Rausche beging, wenn man es nicht lieber einen
sonderbaren Zug des Schicksals nennen will, eine von ihm ausgezeichnete Person
ausserordentlichen Begebenheiten entgegen zu führen.
 
                              Siebzehntes Kapitel.
                         Ein fürchterliches Ungewitter.
Ida letzte sich mit ihren Eltern. Die Mutter schwamm in Tränen, aber der Vater
war getrost, und sprach von baldigem Wiedersehen.
    Der Abschied war auf allen Seiten vorbei, die Reise ward angetreten, aber,
verzeihet meine Leser, wenn ich von dieser Gegend meiner Geschichte bis auf
einen gewissen Zeitpunkt, so wohl was Zeit als was den Ort betrift, unbestimmt
reden muss, die Mängel meiner Urkunden sind Ursach an meiner Ungewissheit.
    Die Kaiserinn hatte den Ort, an welchen für diesmahl ihre Reise ging, in
einer Zeit erreicht, die ich nicht nahmhaft zu machen weis, sie sah ihrer
Niederkunft täglich entgegen. Den Kaiser hielt Krankheit oder etwas anders ab,
nicht so wie ihm zukam, bei dieser grossen Begebenheit gegenwärtig zu sein, doch
hatte er Sorge getragen, alles zu bestimmen wie es in seiner Abwesenheit bei der
Erscheinung des jungen Tronerben sollte gehalten werden. Die Böhmen murrten,
dass man durch eine unzeitige Reise sie um das Glück gebracht hatte, ihren
künftigen Beherrscher in seinem Lande zum erstenmahl weinen zu hören; um sie zu
trösten, ward ein engerer Ausschuss ihrer Vornehmsten ausgesandt, ihrer
Monarchinn beim Wochenbette aufzuwarten, und als Zeugen bei Aufnahme des jungen
Herrleins (ein Prinz musste erscheinen) in den Schoss der Christenheit
gegenwärtig zu sein. Von Fürsten und Herren war zu dieser feierlichen Handlung
niemand erbeten, als der Herzog von Bayern, der Vater der erhabenen
Kindbetterinn, und der Graf von Würtemberg, ihr Pate.
    Sie so wohl als die treuen Böhmen erschienen zu rechter Zeit, und es fehlte
niemand mehr zu Feierung des grossen Festes, als - die Hauptperson, er, um dessen
willen alle zugegen waren, Kaiser Wenzels künftiger Erbe. -
    Der gewünschte Tag verzog sich von einer Zeit zur andern, die Kaiserinn war
kränklich, ihre Schwäche verwandelte sich in Krankheit, in gefährliche
Krankheit, sie war dem Tode nahe, das ganze Land schrie um ihre Rettung zum
Himmel, und - endlich erschien eine todte Prinzessinn!
    Ich weiss nicht, ob es in den damaligen Zeiten etwas unerhörtes war, auf
diese Art in seinen liebsten Hoffnungen getäuscht zu werden, oder ob wenigstens
Fürsten dieses niemals wiederfuhr; genug, diese traurige Begebenheit verbreitete
ein solches Schrecken über alle, welche nah und fern davon hörten, als wenn nie
zuvor auf diesem Erdenrund etwas ähnliches geschehen wär. Die Personen, welche
hieran Anteil nahmen, und wer nahm nicht an allem Anteil, was die geliebte
Sophie betraf, teilten sich in zween Haufen, davon der eine sich mit den
Vorzeichen, der andere mit den Ursachen dieser grossen Begebenheit beschäftigte,
indessen nur wenige an das wichtigste, an die Folgen derselben dachten.
    Die Lehre von den Vorzeichen war damahls einer der wichtigsten
Glaubensartikel, und ich hätte niemand raten wollen, denen zu widersprechen,
welche alle, seit zehn Jahren erschienene Kometen, Himmelszeichen, und
gewöhnliche Naturprodukte, auf Sophiens todtgeborne Prinzessinn deuteten.
Diejenigen, welche sich bestrebten die Ursach von der fehlgeschlagenen Hoffnung
eines ganzen Volks zu ergründen, verstanden noch weniger Scherz als ihre
Gesellen von der ersten Ordnung, und es würde bei ihnen Hochverrat gewesen
sein, wenn man hätte mutmassen wollen, dass die unzeitige Reise, oder die
unwissenden Aerzte der hohen Kindbetterinn, hier wohl einigen Einfluss haben
möchten, oder dass das letzte Ärgernis der Kaiserinn könne geschadet haben, als
sie durch dienstfertige Briefe aus Prag erfuhr, dass die Susanne, von welcher man
ihr beredet hatte, sie sei gänzlich abgetan, wieder erschienen sei, ihren Platz
an Wenzels Seite öffentlich behaupte, in den kaiserlichen Zimmern als in den
ihrigen hause, und keine geringen Hoffnungen auf Sophiens Tod baue, welcher bei
ihrer Niederkunft wohl erfolgen könne.
    Dinge von dieser Art waren nichts in den Augen unserer Klügler, ihre
Nachforschungen gingen weiter. Zauberei, Zauberei war es, was das Land um seine
Hoffnungen gebracht hatte, hier musste der Arm der Gerechtigkeit schleunig
Einhalt tun, dass das Uebel nicht weiter ging, und sich vielleicht gar an
Sophiens geheiligter Person vergriffe, welche immer noch zwischen Tod und Leben
schwebte. Das ganze Frauenzimmer der Kaiserinn ward eingezogen, selbst die
Fürstinn von Ratibor nicht ausgenommen, nur Ida blieb in dem ruhigen Besitz
ihres Zimmers, und hatte über nichts zu klagen, als dass man ihr nicht
verstattete ihre geliebte Gebieterinn in ihrer Schwachheit zu warten, welche
ihren Namen alle Stunden nannte, und behauptete, sie könnte ohne ihre Ida weder
leben noch sterben.
    Die Untersuchung ging schnell und streng vor sich. Der Herzog von Bayern und
der Graf von Würtemberg, die Vorsitzer des Gerichts, waren der erhabnen
Leidenden viel zu sehr ergeben, waren viel zu gute Christen, als dass sie da mit
Schonung hätten verfahren sollen, wo man Zauberei ahndete. Doch, so streng auch
die Untersuchung sein mochte, so wurden doch alle beschuldigte Damen auf das
erste Verhör losgesprochen, und selbst die Fürstinn von Ratibor bekam nicht den
kleinsten Verweis, dass sie so schlecht für das Wohl ihrer Kaiserinn gewacht
hatte, ihr einen Brief mit den obengemeldeten in die Hände kommen zu lassen; man
wusste von diesem Briefe, wusste, dass Sophie nach Lesung desselben ohnmächtig
geworden, mit Konvulsionen und heftigem Frost zu sich selbst gekommen, und von
da an, bis zu dem Augenblick ihrer Niederkunft, bis auf den gegenwärtigen
Augenblick dem Tode nahe gewesen war, aber mein Gott, davon war ja die Rede
nicht. Die Untersuchung ging auf übernatürliche Künste, welche Sophien und ihr
Kind ums Leben gebracht haben sollen, und hievon fanden sich bei dem
unschuldigen Frauenzimmer nicht die kleinsten Spuren.
    Ida beklagte ihre unglücklichen Mitschwestern, auch nur in den entferntesten
Verdacht solcher Dinge, an welche sie mit allen ihren Zeitverwandten von ganzem
Herzen glaubte, gekommen zu sein; sie meinte, sie hätte einen solchen Verdacht
nicht überleben können. Sie priess sich glücklich allein ausgenommen worden zu
sein, und hofte, da sie hörte, dass die Fürstinn von Ratibor und die andern
wieder los seien, und bei der Kaiserin die Aufwartung gehabt hätten, auch sie
würde nun die geliebte Sophie wieder zu sehen bekommen.
    Sie hatte sich eines Morgens völlig ankleiden lassen, um, wenn sie nach Hofe
berufen würde, fertig zu sein, als ihr Mädchen mit einem Gesicht herein trat,
welches der lebendige Abdruck des Entsetzens und der Verzweiflung war, sie trug
einen Zettel in der Hand, den sie ihrer Gebieterinn schien überreichen zu
wollen, aber ehe sie sich ihr nähern konnte, sank sie ohnmächtig zu Boden. Ida
sprang zu, ihr zu helfen, allein als sie ihren Namen auf dem auf der Erde
liegenden Zettel erblickte, so überwand die Neugier das Mitleid, und sie las
folgendes; doch nein sie las nicht zu Ende, schon bei der zweiten Zeile
vergiengen ihr die Gedanken, und sie sank an der Seite ihrer Dienerinn nieder.
    Urteile, lieber Leser, ob sie Ursach hatte sich zu entsetzen.
    »An Ida Münsterinn.
    Ida! Ida! Zauberinn! Mörderinn! Hochverräterinn! erscheine! Wir die
heimlichen Rächer Gottes, laden dich, binnen drei Tagen vor Gottes Gericht! -
Erscheine! erscheine!«
    Was ist das? rief Ida, als sie auf die Bemühung ihrer andern Dienerinnen,
welche herzugelaufen waren, sich wieder erholte. Habe ich recht gesehen? reicht
mir das Blatt noch einmal. - Sie überlas die schrecklichen Zeilen von neuem,
liess die Hände sinken, und lehnte sich todtenbleich an ihren Stuhl zurück. -
    Indessen erzählten die Mägde, wie sie das Pergament diesen Morgen an der
grossen Pforte, welche zu den Zimmern ihrer Gebieterinn führte, angeheftet
gefunden, wie sie aber, weil sie es nicht lesen können, es nicht geachtet
hätten, bis das herzulaufende Volk sie von dem Inhalte benachrichtigt, und ihnen
unter Bedrohung geboten, es abzunehmen, und es ihrer Gebieterinn zu bringen.
    Ida hörte fast leblos vor Entsetzen zu, ohne genau zu wissen was sie hörte.
Wär sie mehr bei sich selbst gewesen, sie würde in dem Ton, in den Blicken der
Erzählerinnen, einen Unwillen, eine Verachtung gelesen haben, der ihr bei denen,
welche sie umgaben, und von welchen sie durchgängig angebetet wurde, etwas ganz
neues sein musste.
    Gott! was habe ich getan? und was soll ich tun? schrie Ida mit gerungenen
Händen!
    Was ihr getan habt, mögt ihr am besten wissen, sprachen die Weiber, und was
ihr tun sollt, darin können wir euch nicht raten; wir müssen euch verlassen,
damit nicht auch uns die Rache Gottes verfolge!
    Willst du auch von mir gehen? fragte Ida das Mädchen, welche ihr den Zettel
zuerst überreicht hatte, und die jetzt vor ihr auf den Knien lag und ihren
Schoos mit Tränen netzte.
    Sagt mir, was ich für euch tun kann, erwiederte sie, und ich will nicht
gehen.
    Eile zu der Fürstinn von Ratibor, sprach Ida, und sage ihr - sage ihr nur -
ich weis nicht! - Genug du wirst ihr schon alles alles, meine ganze Lage
entdecken, sie soll mir Rat geben! Gott weis, wie ich zu diesem Unglück komme!
    Das Mädchen ging und kehrte in kurzer Zeit zu der ängstlich harrenden Ida
mit der Antwort zurück, die Fürstin lasse ihr versichern, dass sie sie nicht
kenne.
    Die Gesandtschaft ward an einige andere Damen der Kaiserinn eben so
vergeblich abgefertigt. Ida erinnerte sich an den Herzog von Bayern, und an den
Grafen von Würtemberg, welche ihr immer mit auszeichnender Achtung begegnet
hatten. Sie sandte zu ihnen und erhielt die Antwort, sie möge Trost bei Gott
suchen, wenn ihr Gewissen rein sei, und was den Rat anbeträfe, so wär der
einige, den man ihr geben könne, dass sie sich ja nicht weigere, auf die
erhaltene Ladung zu erscheinen, weil ihr Leben doch auf alle Fälle verwirkt sei.
    Erscheinen? rief Ida, wo soll ich erscheinen? Hast du nicht gefragt, wo der
Ort des heimlichen Gerichts ist?
    Die Dienerinn schwieg.
    Mein Leben verwirkt! schrie die Unglückliche nach einem langen schrecklichen
Stillschweigen. - Gott was habe ich denn getan? ich bin ja unschuldig! - Gott
gebe, dass ihr es seid! schluchzte das Mädchen.
    Ja bei Gott das bin ich! rief Ida und sank auf die Knie, ich schwöre es bei
dem der ewig lebt!
    Sie lag lang mit verhülltem Gesicht auf ihren Knien und schien zu beten,
endlich rafte sie sich auf. - Was sagte der Graf von Würtemberg? rief sie, ich
sollte Trost bei Gott suchen? O Gott hat mich schon getröstet, und er wird mich
noch mehr trösten, trösten durch den Mund seines Dieners. Gieb mir meinen
Schleier, ich will in die Kirche, ich will beichten. Der ehrwürdige Pater Johann
wird mir sagen, was ich tun soll.
    Wollt ihr es wagen? fragte das Mädchen. Das Volk ist aufgebracht wider euch,
es könnte euch ein Unglück - Gieb mir den Schleier, rief Ida, ich wage alles,
ich habe nichts auf der Welt zu verlieren. - Es ist wohl nicht nötig euch zu
begleiten? fragte die Dirne - Tue was dich recht dünkt, erwiederte Ida. -
    Ida trat ihren Weg an, ohne sich umzusehen; sie hüllte sich dicht in ihren
Schleier, um nicht erkannt zu werden. Hier und da tönte ihr ihr Name mit
Verwünschungen begleitet in die Ohren. Das Volk schien mehr von ihren
Beschuldigungen zu wissen, als sie selbst. Die Namen Zauberinn, Mörderinn,
Hochverräterinn, schwebten ihr bisher ohne weitern Zusammenhang vor, jetzt erst
erfuhr sie aus einigen abgerissenen Reden der vor ihr übergehenden, dass sie die
Untaten, die man ihr Schuld gab, an ihrer besten Freundinn, an der angebeteten
Sophie, sollte verübt haben. Es fehlte unterschiedliche mahl wenig, dass sie
nicht zu Boden sank, sie wankte und musste sich an den Mauern fest halten.
    Endlich kam sie in die Kirche, wo sie bei ihrem einigen noch übrigen
Freunde, ihrem Beichtvater, Rat und Trost holen wollte. Es war schon weit gegen
den Abend, sie ging durch die dämmernden Hallen des Gewölbes, setzte sich in
eine dunkle Nische, und erwartete den ehrwürdigen Pater Johann, von welchem die
Geschichte nicht sagt, ob er der berühmte Beichtiger Sophiens, der heilige
Johannes Nepomucenus, der noch jetzt in allen Landen wegen seiner schweigenden
Zunge, hoch belobt ist, gewesen sein mag. So viel ist gewiss, dass Sankt Nepomuk
sich schwerlich in jener grossen Prüfung stiller verhalten konnte, als dieser bei
der Herzenserleichterung dieser bedrängten Sünderinn, oder vielmehr, dieser
unschuldigen Heiligen.
    Ida hatte ihr ganzes Herz vor ihm ausgeschüttet, hatte vor ihm geweint,
geseufzt, um Rat gefleht, und noch schwieg er. - Die Trostlose flehte nur um
ein Wort aus seinem heiligen Munde. - Geht hin, sagte er nach einer langen
Pause, reiniget euch von eurer Missetat, und dann will ich euch von euren
Sünden lossprechen.
    Aber was soll ich tun? Ich bin vor Gericht gefordert, ich weis nicht von
wem! Ich soll mich stellen, ich weis nicht wo? was soll ich tun?
    Erscheinen!
    Und wer werden meine Richter sein?
    Die furchtbaren Unbekannten, die im Verborgenen richten!
    Und wo ist ihr Gerichtsstuhl?
    Ueberall und nirgends!
    Ida badete sich in Tränen, sie vermochte an den Mann mit dem eisernen
Herzen keine Frage mehr zu tun. - Er stand auf, sich zu entfernen. - Erbarmet
euch! erbarmet euch! rief das Mädchen, indem sie sein Gewand fest hielt. Es ist
Nacht, verschaffet mir Zuflucht in diesem Kloster, oder gebt mir einen Begleiter
zu, der mich sicher nach Hause bringe.
    Die heiligen Frauen werden euch nicht aufnehmen, und niemand wird euch
begleiten wollen.
    Die Unglückliche verhüllte ihr Gesicht in ihren Schleier, und fieng von
neuem an zu weinen; als sie sich wieder umsah, war sie allein. Die grosse Ampel
war in der Höhe des Kirchengewölbes aufgehangen und verbreitete ein sparsames
Licht. Sie stand auf, wankte durch die düstern Hallen, wallte durch die dunkeln
Gassen der Stadt, und kam endlich an ihrer Wohnung an. Sie weinte nicht mehr,
eine Art von Härte, von dumpfer Fühllosigkeit hatte sich ihrer bemächtigt. Sie
rief ihren Mädchen, die Kerzen anzuzünden, niemand antwortete. Sie ging hinaus
in die Vorsäle, in die Kammern ihrer Dienerinnen, alles war leer. - So bin ich
denn ganz ganz verlassen? schrie sie und kehrte mit gerungenen Händen auf ihr
Zimmer zurück. - Gott, womit habe ich das verdient! ist denn Beschuldigung
soviel als erwiesenes Verbrechen? - Sollte ich vielleicht wirklich schuldig
sein? - Man sagt ja, es sei möglich ohne sein Wissen zu sündigen. - Ja ja! es
ist so, ich bin eine Verbrecherinn, denn jedermann hält mich dafür, und der
heilige Vater Johann hat mir die Absolution versagt.
    Ida war in jenem schrecklichen Zustande, der nur einen Schritt von
Verwirrung und Verzweiflung entfernt ist; da erhob sich ein Geräusch in ihrem
Vorgemach, die Tür ging auf. Ida! rief eine bekannte Stimme.
    Wer ists? wer ruft? antwortete sie in holem Tone.
    Ida! meine arme unglückliche Ida! rief die Stimme von neuem mit dem
zärtlichsten Accente.
    Ida richtete sich von der Erde auf. Die Gestalt, die sie jetzt bei einer
dunkeln Leuchte, welche sie trug, erkennen konnte, kam näher.
    Wer bist du? fragte Ida, bist du einer von den furchtbaren Unbekannten, die
im Verborgenen richten?
    Kennst du mich, kennst du deinen Vater nicht mehr? rief der Ankommende, der
jetzt die Leuchte heller machte, den Mantel von sich warf, und die Unglückliche
in seine Arme schloss.
    Vater! Retter! Engel von Gott gesandt! stammelte sie und sank leblos an
seinen Busen.
 
                              Achtzehntes Kapitel.
                       Münster tröstet, so gut er vermag.
Kennt die Menschheit wohl eine herrlicher grössere Empfindung als jene, die die
Seele bei Erscheinung eines Freundes im tiefsten Abgrunde des Elends
durchschaut? - Idas Herz war zu eng dieses Gefühl zu fassen, es wollte brechen!
Man denke, was sie diesen Tag über erfahren hatte, man denke sich die
Ueberraschung, sich in dem Augenblick, da sie sich von allen verlassen glaubte,
in den Armen eines Vaters zu sehen.
    Ist es möglich? rief sie, als sie vermögend war zusammenhängend zu sprechen,
ist es möglich? - nein! mich täuscht ein Traum! - mein Vater hier? in solch
einem Augenblicke?
    Und konnte denn Ida denken, fragte Münster, dass der, den sie Vater nennt,
sie einen Augenblick in verdächtigen Händen allein lassen könne? Ich habe die
Reise mit dir zugleich angetreten, bin dir überall gefolgt, habe alle deine
Schritte bemerkt, wollte mich nicht melden, um einmal zu sehen, wie du handeln
würdest, wenn du dir ganz allein überlassen wärest. - Ich war fest entschlossen,
dich eben so unbemerkt wieder nach Prag zu begleiten, und es würde geschehen
sein, wenn dich nicht dieser unvermutete Schlag getroffen hätte.
    O Gott, rief Ida, ein Schlag, den ich nicht überleben werde!
    Nicht überleben? - Eine schöne Verteidigung deiner Unschuld! - Nein, Ida,
du wirst leben, du musst leben, um deine Ankläger zu beschämen, die dich gern als
eine Verbrecherinn sterben sähen!
    Wer sind meine Ankläger?
    Weis ich es. Ich habe diesen ganzen Tag, so bald die schreckliche Zeitung
ausbrach, du seist vor das heimliche Gericht geladen, hier und da unter dem Volk
gelauscht, um etwas zu erfahren, und das zuverlässigste was ich weis, ist, dass
beim Verhör des kaiserlichen Frauenzimmers, die Fürstinn von Ratibor, ihre
Schuldlosigkeit an dem unglücklichen Wochenbette der Kaiserinn nicht besser als
durch deine Anklage zu beweisen geglaubt hat. - Ihre Aussage hat gelautet: sie
bürge mit dem fürchterlichen Eide für sich und alle gegenwärtigen Damen, aber es
fehle noch eine Person von Sophiens Frauenzimmer, und wenn der Anschein nicht
trüge, so müsse diese die Schuldige sein.
    Man forderte die Ursachen ihres Verdachts wider dich, die Fürstinn sagte,
was man mir nicht wieder zu sagen wusste. Du sollst vorgefordert werden, und die
Richter zürnten, dass dieses nicht sogleich geschehen, dass du allein von dem, was
sich die übrigen hatten gefallen lassen müssen, ausgeschlossen worden wärest.
    Ein bedenkliches Achselzucken beantwortete dieses. Die Geschichte von dem
unglücklichen Freibriefe, den dir der Kaiser auf Veranlassung meines
unvorsichtigen Weibes gab, ward der Länge nach erzählt, und mit Erklärungen
versehen, die man sich denken kann. Die Richter sahen einander an. Brauchen wir
einen weitern Beweis wider die Verbrecherinn? fragten sie, warum suchte sie
ausserordentlichen Schutz, wenn sie unschuldig war? warum machte sie es
unmöglich, sie vor den gewöhnlichen Gerichtsstühlen zu belangen, wenn sie sich
nicht geheimer Untaten bewusst war, welche an den Tag kommen und sie in die
Hände der Gerechtigkeit bringen konnten? Aber soll sie darum ungestraft bleiben?
und welch ein Mittel ist übrig, sich ihrer zu bemächtigen? -
    Meine Nachrichten hören hier auf, ich weis nicht was hierauf weiter vorging,
nur dieses sagte man mir, dass die Versammlung erst um Mitternacht auseinander
gegangen sei, nach dem alle sich durch einen feierlichen Eid verbunden hätten,
dein nicht zu schonen.
    Ida verbarg sich an dem Busen ihres Vaters und weinte. Fahret nur fort,
fahret fort, schluchzte sie, tödtet mich ganz mit der fürchterlichen Erzählung
meines Unglücks!
    Mein Kind, sagte Münster mit tröstendem Ton, es ist nötig, dass du alles
wissest; wie soll dir sonst geholfen werden?
    Und des Freibriefs ungeachtet, rief sie, bin ich doch vor Gericht, ach
unschuldig vor Gericht gefordert?
    Für kein weltliches, erwiederte er, für das grosse Gericht Gottes. Getraust
du dich nicht vor Gottes Gericht in deiner Unschuld zu stehen?
    O wenn er, wenn er mein Richter ist! rief Ida mit gefaltenen Händen, und
einem Blick in welchem der Himmel war.
    Nun, sprach Münster, mit diesem getrosten Mute geh an dein Schicksal, du
bist unschuldig, es kann nicht schrecklich sein. Die Unbekannten, die im Namen
Gottes richten, sind deine Richter; sie waren die einigen, vor denen man dich
belangen konnte, hast du die Worte in deinem Freibriefe vergessen, dass du nur
vor dem Kaiser unmittelbar oder vor denen, welche an seine Stelle unter
Königsbann richten, anklagt werden kannst?
    Ich habe sie nicht verstanden, sagte die niedergeschlagene Ida, welche wenig
Trost in ihres Vaters Reden fand.
    Glaubst du, dass Männer, welche den fürchterlichsten Eid geschworen haben
recht zu richten, deine Unschuld verkennen werden? fragte Münster weiter.
    Ich glaube alles was ihr wollt, sprach sie mit kaum hörbarer Stimme, aber so
viel weis ich, ich werde sterben, wenn ich allein vor diesem furchtbaren Richter
erscheinen soll.
    Das sollst du nicht, ich werde dich begleiten.
    Und wohin? wo ist ihr Gerichtsstuhl? Ueberall und nirgends, sagte Pater
Johann, was heisst das?
    Niemand hat noch die Stelle gesehen, wo sie richteten, sprach Münster,
ausser sie selbst und die Beklagten, aber wenn du erscheinen sollst, so muss man
dir auch Mittel zeigen, wie du deine Richter finden kannst, diese Mittel
auszuspähen soll mein Werk an diesen beiden Tagen sein.
    Und wen wollt ihr fragen, wenn keiner aus dieser geheimnisvollen
Gesellschaft euch bekannt ist?
    Das weis Gott! ich kenne keinen von ihnen, nur so viel weis ich, sie wandeln
mitten unter uns in tausendfachen Gestalten, ohne dass wir sie kennen, gehen an
unserer Seite, speisen an unserm Tisch, und wir wissen es nicht, meine Stimme
wird doch einen von ihnen erreichen, der mir sagt was ich tun soll? -
    Gespräche von dieser Art dauerten bis an den Morgen. Ida sass vor ihrem Vater
bald in Totenblässe gehüllt, bald mit glühenden Wangen, und Augen, in welchen
das verzehrende Feuer des Fiebers funkelte. Der alte zitterte für ihr Leben, er
nötigte ihr einen kleinen Becher Wein auf, welchen er heimlich mit dem Saft
einiger beruhigenden Kräuter vermischte. Ida entschlief, Münster trug sie leise
auf ein Ruhebette, verschloss ihre Tür und ging, ehe der Tag völlig anbrach,
seine grossen Erkundigungen anzustellen.
 
                              Neunzehntes Kapitel.
                 Ida in den Händen der furchtbaren Unbekannten.
Ida verschlief diesen ganzen Tag, der heilsame Schlaftrunk hatte kräftig
gewürkt, sie war eben erst erwacht, als ihr Vater in der Abendämmerung wieder
kam. Er nötigte sie etwas Speise zu nehmen, die er mit sich gebracht hatte, sie
schien durch den Schlaf und das was sie genossen hatte, ein wenig erquickt zu
sein, und er fand sie ruhig genug, das Resultat seiner Erkundigungen zu hören.
    Wir sind, sagte er, in einem Lande, in welchem der eigentliche Sitz der
heimlichen Gerechtigkeit ist. Nachrichten von dem notwendigsten zu erhalten,
ist hier nicht so schwer als wir dachten. Vorladungen von dieser Art, wie die
deinige, sind hier nichts ungewöhnliches; auch hat man Exempel genug von
solchen, welche den heimlichen Rächern entgangen, oder von ihnen losgesprochen
wurden, eine besondere Ehre haftet auf denen, welche sie unschuldig fanden. Man
hatte mir eine sonderbare Geschichte eines hiesigen Edeln, eines Konrads4 von
Langen erzählt, nach welchem noch bis diese Stunde die heimliche Gerechtigkeit
beide Arme ausgestreckt hat, ohne sich seiner bemächtigen zu können.
    Und stünd nicht auch mir die Flucht offen? fragte Ida. - Du kannst, darfst,
und wirst nicht fliehen, sprach Münster, denn du bist unschuldig, ob Konrad es
ist, weis ich nicht, und wir wollen ihm denn tun lassen was ihm recht dünkt.
    Ich gedachte seiner nur darum, weil mir bei Erzählung seiner Geschichte in
den Sinn kam, ihn oder einen von seinen Leuten aufzusuchen, und auf die Art zu
erfahren, was wir wissen müssen. Ich fand auf Nachweisung seinen Hausmeister,
und o Glück, ich entdeckte in ihm meinen alten Waffengenossen, Walter, der, als
wir die Berner überrumpelten, seine linke Hand verlor, und nicht länger dienen
konnte. Er sagte mir der Dinge viel, und doch stockte er oft auf eine so
seltsame Art, kehrte hier und da so schleunig um, dass ich nicht recht wusste, wie
ich mit ihm dran war. Ritter und Knecht, Edle und Bürger, sprach er, sind in den
Diensten des geheimen Gerichts. Sollte er vielleicht selbst? - doch dieses
gehört nicht hieher. Er sagte mir die gewöhnliche Art, vor die Stühle des
heimlichen Gerichts zu gelangen, wär durch Gewalt. Selten erschienen die
Vorgeladenen auf die erste Forderung, und die, welche die zweite und dritte
abwarteten, nähm man hinweg, wo man sie fände und stellte sie vor die
Unbekannten. Diejenigen, welche auf die erste Ladung erschienen, so wie meine
Ida erscheinen wird, hätten den Vorteil, dass man grosse Mutmassung zu fassen
pflegte, dass sie unschuldig seien, und gelinder mit ihnen verführe als mit
andern. Sehr selten begäbe sich aber dieser Fall, und das einige Mittel wie
Personen von dieser Art zur Gerichtsstätte kommen können, sei, sich drei
Viertelstunden nach Mitternacht auf den nächsten Platz zu begeben, auf welchem
vier Wege sich scheideten, da sich denn allemahl einer fänd, welcher sie mit
verbundenen Augen vor die Richter führe.
    Ich war so froh, so viel zu erfahren; sprach, du würdest dich auf die Art
stellen und ich wolle dich begteiten. Walter sah mich scharf an. Bist du einer
von ihnen? fragte er. - Ich wusste nicht was er wollte und antwortete nicht. Er
fasste mich noch genauer ins Auge und sagte einige Worte zu mir, welche weder
Verstand noch Zusammenhang hatten. Ich schwieg abermals. Nun gut, sagte er nach
einer Weile, begleite sie oder begleite sie nicht, es kommt drauf an, ob man es
dir gestatten wird, auf allen Fall aber kannst du sicher sein, dass sie auch ohne
dich sicher an Ort und Stelle kommen wird! das weitere hängt von ihrer Unschuld
ab.
    Ich weis nicht, was für Beruhigung in Münsters rätselhafter Erzählung lag,
genug, Ida fand sich nach Anhörung derselben etwas getröstet. Sie konnte
gelassner von ihrem Schicksal sprechen, konnte Entschliessungen fassen, und
vermochte über die Dunkelheit hinaus zu blicken, die sich vor ihr ausbreitete.
Dass sie diese schreckliche Dinge überstehen, sich gerechtfertigt sehen, wieder
solche Tage verleben könne, dünkte ihr nicht mehr unmöglich, und Münster bemühte
sich, jede ihrer Hoffnungen zu stärken, keine, auch die schwankenste nicht,
anzutasten.
    Vielleicht, dass würklich einige Winke in dem, was sie gehört hatte, Grund zu
Hoffnungen darboten, vielleicht auch dass es ihr so ging wie den meisten
Unglücklichen, welche nur von dem ersten Sturm zu Boden geworfen werden, und
sich in der Folge, wenn ihnen das Schreckbild bekannter wird, besser fassen
lernen! - Oder gibt es vielleicht gute Geister, die ihren Erwählten zur Stunde
des tiefsten Schmerzens einen Tropfen himmlischen Trostes in den Leidensbecher
mischen!
    Dem sei wie ihm wolle; genug, Ida war ruhig, und schlief diese Nacht an der
Seite des sie bewachenden Vaters den sanften unerkünstelten Schlummer der
Unschuld. Auch der drauf folgende Tag, der letzte vor der entscheidenden Nacht,
ging leidlich vorüber, nur gegen den Abend fing das unglückliche Mädchen an
unruhig zu werden. Es war in den damahligen Zeiten Sitte, da Trost zu suchen, wo
man ihn jetzt nicht mehr zu finden weis. Münster schlug einen Kirchgang vor.
Gern willigte Ida ein; man besuchte ein Gotteshaus, welches von Pater Johannes
Klosterkirche weit entfernt war, und kehrte getröstet zurück. Eine sparsame
Mahlzeit von dem, was die Vorsorge des Alten verschafft hatte, und ein Trunk Wein
labte die Ermatteten. Sie waren so ruhig als vielleicht keiner ihrer Feinde
geglaubt, keiner ihnen gegönnt hätte. So gar ein gewisser Grad von Fröhlichkeit
fand in der Unterhaltung der beiden Leidenden statt. - Gott! rief Ida mit einem
lächelnden gen Himmel gewandten Blicke, ich habe dich um Gelegenheit meine
Unschuld zu beweisen angefleht; ohne zu bedenken, dass sie schon in meinen Händen
ist. Walter sagte, man sei geneigt, die Unschuld dererjenigen zu mutmasen,
welche sich auf die erste Vorladung stellten. Ich komme, ich komme meine
Richter, so bald ihr mich ruft! Meine Willigkeit meine Freudigkeit wird euch
eine Bestätigung dessen sein, was ich euch antworten will, ach ihr werdet mich
lossprechen, sobald ihr mich erblickt!
    Münster nährte diese glückliche Laune so viel er vermochte. Die Zeit
verstrich, die Mitternachtsstunde schlug, beide hörten es ohne einander zu
mahnen. Das Gespräch ward kalt, man schwieg endlich gar. - Wie mein Herz
schlägt, sprach Ida, und legte die Hand auf die Brust. - Was mag die Uhr sein? -
Wenn der Mond gerad über dem Turme steht, ists eine halbe Stunde nach
Mitternacht, antwortete Münster, welcher ans Fenster getreten war.
    Ida ging unruhig auf und ab. Wie steht der Mond? fragte sie nach einer
Weile. - Er steht - ich wollte, du nähmst deinen Schleier, und wir gingen,
erwiederte er. - O Gott! Gott! rief sie und sank auf die Knie. Jetzt schon?
Jetzt? -
    Sie betete im stillen, und Münster begleitete ihre Seufzer mit den seinigen.
Sie stand auf! wir wollen gehen, sprach sie, indem sie sich verhüllte.
    Schweigend wallten sie durch manche lange Strasse. Idas Knie zitterten vor
Frost, indes ihre Wangen mit dem höchsten Purpur glühten.
    Dort jener Platz! stammelte sie, nicht wahr, dort, mein Vater? - Jetzt
standen sie an der grossen Tür der Bartolomäuskirche. Vier tiefe Strassen zogen
sich von da nach den äussersten Enden der Stadt hinab, der Platz um sie her war
hell vom Mondlicht, auf der Ferne ruhte tiefes Dunkel. Da kam aus der Dämmerung
gegen sie ein Mann herauf, den die täuschende Nacht und Idas Angst zum Riesen
vergrösserte. Ein schwarzes Gewand verhüllte ihn um und um, nur die Augen waren
sichtbar. Er nahte sich langsam. Wer seid ihr? murmelte er mit unkenntlicher
Stimme. Ida Münsterinn und ihr Vater, war die Antwort.
    Die erste suche ich, der andere kann sich entfernen.
    Ich entferne mich nicht, ich begleite sie auf jedem ihrer Schritte.
    Begleitest du sie? - wir wollen sehen! Wie nennst du diese vier Strassen, auf
welche ich deute? Jene im Mondglanze nenne ich5 Feuer, die dort in der
Dämmerung, Eisen, und die beiden übrigen, wie heissen sie?
    Münster erstaunte vor dem Unsinn, den er hörte. -
    Nun so geh, rief der Vermummte, du taugst nicht für uns!
    Euch verlassen, Vater? euch verlassen? schluchzte Ida. - Der Unbekannte riss
sie aus seinen Armen, und stiess ihn mit einiger Heftigkeit zurück. - Geh doch
nur, sprach er mit einer Stimme, die zu sanft für die Handlung war, welche sie
begleitete, du kannst mir das Mädchen sicher anvertrauen.
    Was war das für eine Stimme? rief Münster, indem er sich unter das Kirchtor
setzte. Mich dünkt, ich soll sie kennen. - Ida ward indessen von ihrem Führer
fortgerissen, der sich noch einige mahl nach Münstern umsah, ihm winkte sich zu
entfernen, und bald darauf aus seinen Augen verschwand.
 
                              Zwanzigstes Kapitel.
                                  Ida erzählt.
Lieber Leser, gern erlauben wir dir, die unschuldig Verklagte vor Gericht zu
begleiten, aber dürfen wir es wagen dich an einen Ort zu führen, den noch kein
profanes Auge sah? Setze dich lieber mit dem ehrlichen Vater Münster unter das
Tor der Bartolomäuskirche, siehe, der Mond ist untergegangen, die Morgenröte
dämmert dort hervor, wir müssen bald etwas von Ida hören.
    Münster war so gewiss von der Unschuld seiner so genannten Tochter überzeugt,
als du und ich es nimmermehr sein können - Walter hatte ihn des vorigen Tages
versichert, dass er Ida nimmermehr wiedersehen würde, wenn sie schuldig befunden
würde, weil die Rächer Gottes Urteil und Vollziehung unmittelbar zu verbinden
pflegten, aber, setzte er hinzu, glaube auch im Gegenteile, dass, wenn nur etwas
ist, das ihre Unschuld zu erweisen scheint, sie dir von dem, dem du sie des
Nachts überliefertest, am Morgen sicher wieder zugeführt werden wird.
    Münsters Zutrauen in Idas Unschuld, in Walters Worte, und in die
Gerechtigkeit der heimlichen Richter war gleich gross, er wartete ruhig bis zur
Morgenstunde, und durfte nicht lange warten, denn ehe noch die Bewohner der
umliegenden Häuser erwachten, lag Ida schon wieder in seinen Armen.
    Du bist mein? bist wieder mein? rief er, bist unschuldig?
    Das bin ich, bei Gott meinem Richter sei es geschworen, obgleich noch
niemand mich dafür erkennen will. - Ach eure Ida ist euch nur auf kurze Zeit
wieder geschenkt. Das Rachschwerd hängt noch an einem dünnen Faden über meinem
Haupte. Ich soll mich entschuldigen! Gott wie kann ich es, da aller Anschein
wider mich ist!
    Ida vermochte vor Tränen nicht weiter zu reden, man trat den Weg nach Hause
stillschweigend an. - Das Mädchen setzte sich atemlos nieder, stützte sich auf
den Arm und trocknete die Tränen unter dem Schleier.
    Erzähle mir, mein Kind, ich bitte dich, sage mir alles, rief der Alte mit
bittendem Blick.
    Dass muss ich auch, erwiederte sie, denn ich werde nicht lange bei euch sein,
man hat mir aus besonderer Gnade vergönnt, bis zu Austrag meiner Sache, meinen
Aufentalt bei den Ursulinerinnen zu nehmen, und ich vermute, man wird mich
bald abholen. - Trauret nicht mein teurer Vater, es ist euch erlaubt, mich dort
zu besuchen, ich habe darum gebeten.
    Münster drückte ihre Hand, und bat sie, ihre Erzählung anzufangen.
    Wie soll ich euch beschreiben, sprach sie, wie mir zu Mute war, als mich
mein Führer von euch riss? Ich glaubte zu sterben. Und doch wars, als wenn ein
gewisses etwas mir Trost zuflüsterte, der Vermummte, ihr habt es selbst gesehen,
hatte nichts menschenfeindliches und grausames in seinem Betragen; seine Stimme
war sanft, ich sah beim Mondenlicht in seinem Auge eine Träne blinken, und was
mir ganz besondere Gedanken machte, als er mich so dahin führte, so ward ich
gewahr, dass ihm die linke Hand fehle. Sollte es etwa euer Freund, der
treuherzige Walter gewesen sein?
    O Walter! Walter! rief Münster, gewiss er war es, denn jetzt besinne ich mich
auch auf seine Stimme.
    Mir war dies tröstlich, fuhr Ida fort, so war ich doch nicht ganz unter
Unbekannten, und ihr hattet mir immer so viel gutes von diesem Walter, diesem
alten Helden erzählt, dass ich mich an seinem Arm sicher dünkte. Wir hatten uns
etwa eine Strasse lang entfernt, als er mir eine dicke Hülle über das Gesicht
warf, welche mir es unmöglich machte den Weg, den wir nahmen, zu unterscheiden;
er dauerte lang, ging über Stock und Stein, Berg auf, Berg ab, durch Gegenden
wo mich frische Feldluft anhauchte, und durch weite schallende Gewölbe. Wir
stiegen endlich dreissig Stufen hinab, die ich, ich weis nicht warum sorgfältig
zählte, meine Hülle ward mir abgenommen, und ich sah mich in einem düstern
dämmernden Orte, wo ich anfangs nichts unterscheiden konnte. Mein Führer
erlaubte mir, mich, weil ich sehr ermüdet war, auf einen Stein zu setzen. Mein
Gesicht gewöhnte sich nach und nach an die Helligkeit des Orts, ich sah, dass ich
an dem Eingang zu einem weiten Platze sass, von dem ich nicht weiss, ob ich ihn
Gebäude oder freie Gegend nennen soll, denn rund um her, so weit meine Augen
reichten, erblickte ich hohe Mauern, und über mir den gestirnten Himmel. In der
Ferne webten bei dem Schimmer einiger Kerzen, welche den weiten Ort, so
zahlreich sie auch waren, nur schwach erleuchteten, dunkle menschliche
Gestalten, deren einige sich nahten, und sich zu meinem Führer gesellten; sie
waren alle vermummt wie er, auch fand unter ihnen keine andere Unterredung als
mit Zeichen und halben Worten statt, die Stille rund um her war bei der
Versammlung, die mich immer grösser dünkte, und sich meinen Augen bis in die
Hunderte vermehrte, unbegreiflich; von meiner Seite ward sie durch nichts als
Weinen und Schluchzen unterbrochen.
    Auf einmal hörte ich den dumpfen Schall einer Glocke, sie ward dreimal
angeschlagen, und mir bebte das Herz bei dem fürchterlichen Laut. Der Schauplatz
ward heller, ich erblickte rund umher auf schwarzbekleideten Stühlen eine
zahllose Menge schwarzvermummter Gestalten, von welchen mir mein Führer sagte,
dass sie meine Richter wären. Ihr werdet diesen Augenblick gefordert werden,
sagte er heimlich, bereitet euch, wenn ihr unschuldig seid, mit gutem Mut
hervor zu treten. - Legt den Schleier ab, flüsterte er nach einer Weile, ihr
müsst mit offenem Gesicht erscheinen.
    Er hatte noch nicht ganz ausgeredet, als eine Stimme mit grässlichem Ton zu
rufen begann:
    Ida Münsterinn! Ida! Ida! Zauberinn! Mörderinn! Hochverräterinn! erscheine!
wir die heimlichen Rächer des unsichtbaren Gottes, laden dich vor Gottes
Gericht! Erscheine! erscheine!
    Man kann sich nichts entsetzlichers denken, als die Wiederholung der Worte,
die mir hier nicht zum ersten mahle vorkamen. Mein Herz empörte sich, dass
Bewustsein meiner Unschuld hob mich hoch empor. Ich stand aufgerichtet und
schaute kühn in die Versammlung, ohne einen Fuss zu regen. Ich kann auf keine
solche Ladung erscheinen, rief ich mit einer Stimme, welche die Heftigkeit des
Affekts stärkte. Mein Name ist Ida, aber ich bin keine Verbrecherinn!
    Tritt hervor, rief der, welchen ich vor dem Oberrichter halten musste, vom
Tron herab, und höre, was die Kläger klagen und die Zeugen wider dich zeugen.
    Ich trat hervor und sank auf meine Knie. Ich schwöre bei dem der ewig lebt,
rief ich mit starker Stimme, dass ich keine Zauberinn, keine Mörderinn, keine
Hochverräterinn bin, dass es falsch sei, was diese Kläger klagen, und die Zeugen
zeugen!
    Das Gericht hub an, aber, o mein Vater, wie soll ich euch erzählen, was mir
aufgebürdet wurde! Ists möglich, dass man die geringsten Kleinigkeiten zu
Verbrechen, oder wenigstens zu Kennzeichen des Verbrechens machen kann?
    Die Locke meiner geliebten Kaiserinn war das erste, wessen gedacht ward, ach
ich musste sie hingeben, die goldne Schnur ist leer! - Dass man dieses geliebte
Andenken in meinem Busen fand, war einer der Hauptbeweise wider mich. Es klebte
Blut an meinem Schleier, ihr wisst, dass ich gestern Abend in der Dunkelheit mir
die Wange verletzte, dieses musste der mit dem Blut der Kaiserinn gefärbte
Schleier sein, den ich an ihrem Vermählungsfeste brauchte die kleine Wunde, die
sie sich von ohngefehr gab, zu trocknen. Man fragte mich, aus was für Absicht
ich diese Dinge an mir trüge? Ob ich nicht einst zu einer Freundinn gesagt habe,
so lange Sophiens Locke auf meinem Herzen ruhte, müsse mir die Kaiserinn hold
sein? Ob ich nicht das Herz dieser Dame dermassen bezaubert hätte, dass sie
keinen Tag ohne mich und mein Harfenspiel sein könne; dass sie noch jetzt in
ihrer Krankheit bekannt habe, sie könne ohne mich weder leben noch sterben?
    Hat sie dieses gesagt? rief ich im Ton des Entzückens, o die
unvergleichliche Dame! o dass ich sie nur noch einmal sehen, dass ich, wenn ich
sterben muss, nur zu ihren Füssen sterben könnte! Man gebot mir zu schweigen, und
das Fragen dauerte fort. Woher die Reichtümer meiner Eltern kämen, nachdem sie
durch den Brand wie bekannt um all' ihre Habe gekommen wären? Durch welche
zauberische Mittel ich erfahren habe, dass dieses verheerende Feuer auskommen
werde, und warum ich so gottlos gewesen, die Stadt nicht zu warnen, ja nicht
einmal auch meine Eltern zu retten, sondern boshafter Weise euch verlassen
habe, und nur allein dem Unglück aus dem Wege gegangen sei. Wohin der Herrmann
von Unna gekommen, den ich durch meine Zaubereien in mich verliebt gemacht, denn
des Verstandes beraubt habe, so dass er drei Tage lang sinnlos im Lande
herumgelaufen, und dann wahrscheinlich durch mich getödet wär.
    Herrmanns Erwähnung machte, dass ich ohne Besinnung zur Erde sank, man
erquickte mich, und ich fing an laut über Herrmanns Tod zu klagen; o Gott, wenn
es wahr, wenn Herrmann tod sein sollte!
    Ida brach in Tränen aus, und es dauerte lang, ehe Münster sie durch die
Versicherung: Herrmann habe ihm kürzlich geschrieben, zufrieden sprechen konnte.
    Die Anklagen, fuhr Ida fort, wurden immer entsetzlicher. Auch der
italiänische Prinz, welcher der Prinzessinn von Ratibor untreu ward, und den ich
durch Zauberkünste in mein Netz gezogen haben sollte, kam an die Reihe, und
zuletzt das schrecklichste von Allen, die unglückliche Niederkunft der
Kaiserinn, und die Gefahr, in welcher sie noch jetzt schwebt.
    Gott weis, was ich auf alle diese Dinge sagte, aber ich, die ich mich für so
schwach, so verzagt hielt, fühlte übernatürliche Stärke, ich schwieg auf keinen
dieser Artikel, ich sprach wenig und mit Bescheidenheit, aber was ich sprach,
musste Nachdruck haben, denn ich brachte meine Kläger verschiedenemahl zum
Schweigen. Der Himmel über uns fing an zu dämmern, die Hähne krähten in der
Ferne und verkündigten den Tag, und auf einmal erhub sich die ganze
Versammlung.
    Ida, rief der Richter vom Trone, noch immer droht dir das Schwerd, wofern
du nicht binnen ein und zwanzig Tagen unumstössliche Beweise deiner Unschuld
darlegst; deine Bereitwilligkeit auf die erste Ladung zu erscheinen, macht, dass
wir dich jetzt in Frieden ziehen lassen, aber denke auf keine Flucht, unser Auge
und unser Arm ist überall, wie die Gegenwart des Allsehenden!
    Ich warf mich vor dem Tron nieder und bat um Zuflucht in einem
Nonnenkloster, meine Bitte ward mir gewährt, und mir auch noch überdies wegen
meines Geschlechts und meiner Jugend eine ausserordentliche Begnadigung
zugesprochen, welche mir nicht genannt ward.
    Man verhüllte mich von neuem und führte mich ab, ich bat unterwegens meinen
Führer, er möchte für mich bitten, dass ich zu den Ursulinerinnen, die ich immer
gern zu besuchen pflegte, geschickt würde, und euch daselbst sehen dürfte, und
er versicherte mich, dass er mir dieses für sich selbst versprechen könne, weil
man ihm Dinge von dieser Art ganz zu überlassen pflegte. Ich wollte noch mehr
mit ihm sprechen, aber er ward wieder so stumm wie des vorigen Abends; an der
Ecke der Strasse verliess er mich, vermutlich um nicht von euch beim Tageslicht
erkannt zu werden und zeigte mir euch von weitem wie ihr meiner, unter dem
Bartolomäustore wartetet.
    O Ida, rief Münster, als sie endete, sei getrost! mich dünkt deine Sache
geht gut, und über dieses hoffe ich heute noch einen andern Schritt zu deiner
Rettung zu tun, den mir bisher die Abwesenheit der Person, auf welche ich
hoffe, unmöglich machte. Ich wandte mich am Morgen deiner Anklage, ehe ich dich
noch gesehen hatte, an den Grafen von Würtemberg, ich hatte ihm wichtige Dinge
zu sagen, welche dir würden genützt haben, aber man wiess mich zurück, unter dem
Vorwand, er wär verreist und würde unter dreien Tagen nicht wieder kommen; diese
drei Tage sind vorbei und ich eile unmittelbar, nachdem man dich zu den Nonnen
gebracht hat, zu ihm.
    O vergebliche Mühe! rief das Mädchen, auch ich wandte mich an ihn, weil er
sich immer vorzüglich gnädig gegen mich erzeigt hat, aber auch er wies mich
zurück. Er ist vielleicht auch nicht einmal würklich abwesend gewesen, hat nur
keine Vorbitte für mich hören, euch nur darum nicht sehen wollen, weil ihr mein
Vater seid!
    Du sagtest, er habe sich gnädig gegen dich erwiesen? fragte Münster nach
einem tiefen Stillschweigen, was tat er dir, das den Namen Gnade verdient?
    O ihr wisst ja, dass man das kleinste Lächeln der Grossen Gnade nennen muss,
und zu der Zeit, da alles mir lachte, pflegte auch er mir zu lächeln. Ich
erinnere mich noch, als er mich das erstemahl im Kabinet der Kaiserinn sah, dass
er mich vor allen andern auszeichnete, sich mir mit einer Achtung näherte,
welche mich würklich beschämte, und als die Ratibor, wie gewöhnlich, gleich mit
meinem Namen, ach diesem teuren Namen, den ich immer für meine Ehre halten
werde, hervortrat, um meinen Bürgerstand nicht in Vergessenheit zu bringen, so
schien der Graf dadurch nur desto aufmerksamer zu werden. Münsterinn?
wiederholte er, Ida Münsterinn? - Der Name Ida ist Musik in meinen Ohren, er
erinnert mich an meine, ach längst verstorbene Gemahlin. Die Oberhofmeisterinn
trat mit der Bemerkung hervor, man sähe den Stolz meiner Eltern schon daraus,
das sie mir einen fürstlichen Namen gegeben hätten, aber der Graf kehrte sich
hieran nicht, er zog mich zu sich und küsste mich liebreich auf die Wange. Es ist
mir lieb, sagte er lächelnd, dass du ein Bürgermädchen bist, bei einer Dame
dürfte ich keine solche Äusserung meines Wohlgefallens wagen. Die Prinzessinn
von Ratibor, die neben mir stand, sah mich verächtlich an, und ihr Blick sagte
mir, dass sie die Rede des alten Grafen mir für schimpflich hielt, aber ich war
zu einfältig, zu gemein, um dieses zu finden, ich küsste die Hand des ehrwürdigen
Greises, und erhielt zu meiner Beschämung noch einen Kuss auf die Stirne. - Von
der Zeit an fragte er immer nach mir, nennte mich seine Ida, fragte nach meinen
Eltern, sagte, es sei einmal ein Münster, ein braver Mann in seinen Diensten
gewesen, und was der kleinen Verbindlichkeiten mehr waren, welche der Geringe
dem Grossen so hoch anrechnet. - Ich dachte oft an ihm einen würklichen Gönner zu
haben, aber freilich, jetzt in meiner Bedrängnis habe ichs erfahren, dass ich
mich irrte.
    Münster schwieg auf Idas Reden, auch hatte er keine Zeit zu langen
Erwiederungen gehabt, denn in dem Augenblicke kam man das junge Mädchen in das
Kloster, das sie sich gewählt hatte, abzuholen. Vater und Tochter nahmen
treuherzigen Abschied, und versprachen sich einander bald wieder zu sehen.
 
                          Ein und zwanzigstes Kapitel.
                       Nie ist die Unschuld ohne Freunde.
Münster erschien gleich des andern Tages an dem Sprachgitter der Ursulinerinnen.
Ich habe dir seltsame Dinge zu erzählen, sprach er zu Ida, lies dieses Blatt,
dergleichen man heute fast an allen öffentlichen Gebäuden angeheftet sieht.
    Ida las: »Wir die heimlichen Richter des Verbrechens und die Retter der
Unschuld wenden uns gegen die vier Enden der Erde, und rufen: Ist jemand,
welcher es wagt, die verklagte Ida zu verteidigen, der komme!«
    Gott! Gott! schrie Ida und hielt den Zettel in den gefalteten Händen in die
Höhe, ich fühle es, du verlässest mich nicht ganz! du wirst mich retten!
    Ich war bei meinem Freund Walter, fuhr Münster fort, und zeigte ihm dieses
Blatt, er lächelte und versicherte, dies sei eine ausserordentliche Gnade, deren
du dich zu rühmen habest, es sei fast unerhört, dass man einem auf diese Art
Beklagten, einen Verteidiger zugelassen, vielweniger dass man die ganze Welt
gleichsam zu seiner Rettung aufgefordert habe. Ich sagte ihm meinen Entschluss,
auf diese Forderung zu erscheinen und die Beweise deiner Unschuld auf mich zu
nehmen, aber er schüttelte den Kopf: wäret ihr, sagte er, einer von den
Beisitzern des heimlichen Gerichts und könntet auftreten und sagen: Ich schwöre,
unsern fürchterlichen Eid, meine Tochter ist unschuldig, so möchte dies wohl von
grossem Gewicht, möchte wohl nicht viel geringer als völlige Lossprechung sein,
aber ausserdem gilt euer Wort so viel als nichts. Weder Vater, noch Gatte noch
Bruder, noch einiger anderer Verwandter, dafern er ein Profaner ist, darf im
heimlichen Gericht die Verteidigung des Beklagten führen, sondern in den
wenigen Fällen, da Verteidigung zugelassen wird, muss ein Fremder erscheinen und
die Sache des Verbrechers führen, und um die Erscheinung eines solchen möglich
zu machen, wird die Zeit des zweiten Gerichts, wie eurer Tochter wiederfuhr, auf
ein und zwanzig Tage verschoben. - Wiederfuhr? fragte ich, du sprichst von der
Sache, als wenn du gegenwärtig gewesen wärest; sollte ich mich würklich nicht
geirrt haben, solltest du würklich. -
    Walter unterbrach mich mit Unwillen ohne meine Frage zu beantworten, er
trieb mich von sich und bat mich nie wieder zu kommen, wenn ich auf diese Art
mit ihm sprechen wollte.
    Von ihm ging ich zu dem Grafen von Würtemberg, es ging mir wie du vermutet
hattest. Ich ward abgewiesen, und noch muss ich, ich muss mit ihm sprechen. Es ist
mir ein Mittel eingefallen, durch welches ich Zutritt bei ihm erlangen könnte.
Du weisst die goldne Kette, die ich dir an deinem zehnten Geburtstage schenkte,
ich habe sie - er gab - ich - genug, es hat eine gewisse Bewandtnis mit diesem
Kleinod, und ich glaube, ich werde nicht wieder abgewiesen werden, wenn ich ihm
dasselbe zuschicke, und ihn dabei an gewisse Dinge erinnern lasse. - Wolltest du
mir wohl diesen Schmuck, der dir jetzt sehr entbehrlich ist, überlassen? er soll
dir herrlicher als du denkst ersetzt werden. - Wie? du erschrickst? - solltest
du dieses wichtige Kleinod verloren haben? - sollte etwa bei jenem Brande, der
uns um unser Vermögen brachte? - Doch nein! deine Mutter versicherte mich, als
ich einst ernstlich darnach fragte, es sei gerettet, du habest es bei deinem
damahligen Kirchgange getragen! - Sprich Ida? was soll ich denken? - Ich
versichere dich, die Sache ist keine Kleinigkeit!
    Mein Vater, rief die erschrockene Ida, ich - meine Mutter - genug die Kette
ist nicht mehr in meinen Händen! - Herrmann von Unna bekam sie einst, als er - -
    Unvorsichtiges Mädchen! schrie Münster, du hast dein Glück aus den Händen
gegeben. - Und mein Weib! - Gott wie konnte sie? - Herrmann hat das Kleinod? - o
dass ich ihn zu finden, es ihm zu entreissen wüsste, es wär im Stande jetzt dein
Leben zu retten!
    
    Münster tobte noch eine Weile auf diese Art. Ida bat, fragte, suchte ihn zu
besänftigen, aber umsonst! Sie bot ihm einen Ring, den sie mit der Kette
zugleich von ihm erhielt, er stiess ihn von sich, und sagte, er sei ohne seine
Gefährtinn die Kette ohne Nutzen. Ida weinte und bat um Erklärung dieser
rätselhaften Dinge, er riss sich von ihr los, und verliess sie das erstemahl in
seinem Leben mit allen Merkmahlen des Unwillens. -
    Da Ida sich nicht vorstellen konnte, was der Verlust einer solchen
Kleinigkeit, als ihrer ernsten Seele ein Stück weiblichen Schmuckes war, auf
sich haben könne, so schlug sie es bald aus dem Sinne, und trauerte nur über den
Unwillen ihres Vaters, den sie doch bei seinem nächsten Besuche schnell zu heben
dachte; sie wusste, wie sehr sie von ihm geliebt ward, wie viel ihre Bitten, ihre
Tränen über ihn vermochten. - Aber vergebens sah sie ihm diesen und die beiden
folgenden Tage entgegen. Sie ward unruhig, sie erhielt bei der Oberinn des
Klosters, welche ihr geneigt war, die Vergünstigung nach ihm in seiner
bisherigen Wohnung fragen zu lassen. - Seine Zimmer waren verschlossen, niemand
hatte ihn gesehen. Man schickte zu Waltern; die Antwort war, er habe ihn das
letzte mahl ein wenig unfreundlich von sich gewiesen, und dies müsse ihn
beleidigt haben, er sei seit dem nicht wieder gekommen. -
    Was für Nachrichten für Ida! brauchte sie wohl noch neuen Stoff zur
Bekümmernis? - Von den ein und zwanzig Tagen bis zu dem nächsten Vorbescheid vor
den furchtbaren Gericht waren bereits viere vergangen, die übrigen verschlichen
unter tausenderlei Beängstigungen bis auf einen, und in diesem Einen sollte sie
nun herbeischaffen, was sie in so vielen nicht vermocht hatte, sollte
unumstössliche Beweise ihrer Unschuld darlegen oder sterben! Schrecklicher
Zustand des armen Mädchens! Es schien als wenn alles, worauf sie einigen Trost
baute, vernichtet werden sollte. Sie hörte von der Wiedergenesung der Kaiserinn,
sie konnte denken, dass diese von ihrem Unglück nichts, oder nur unvollkommen
wissen würde, sie konnte hoffen, dass, wüsste sie dasselbe, sie alles für sie tun
würde; aber so sinnreich auch die Nonnen, ihre Freundinnen, waren, Mittel zu
erdenken, vor die Monarchinn zu kommen, so schlug doch alles fehl, und da am
Ende der letzte entscheidende Tag anbrach, da sie sich überzeugen musste, dass für
sie in der Hauptsache nichts mehr zu tun sei, als ihrer Unschuld zu trauen, so
quälte sie noch die Sorge, wie sie vor das Gericht kommen sollte, das ihr in der
künftigen Nacht bevorstand. - Auszubleiben war wider ihre Ehre und ihre
Grundsätze, allein, ohne Führer sich an dem bestimmten Orte einzustellen,
unanständig und gefährlich. Was sollte sie tun? Man ging im Kloster ernstlich
darüber zu Rate, und die guterzige Oberinn erlaubte, dass der alte Walter
herbei gerufen und gebeten wurde, diese Nacht bei der Tochter seines Freundes
Vaterstelle zu vertreten.
    Der Greis geriet bei diesem Anmuten in die augenscheinlichste Verwirrung,
er veränderte die Farbe, wollte reden, stammelte, stampfte endlich voll Unwillen
mit dem Fuss, und schrie, man sollte aufhören ihn mit unmöglichen Dingen zu
quälen. Mit diesen Worten verschwand er, und hinterliess Ida und die
Klosterjungfern in der äussersten Bestürzung.
    Unter Weinen und Beten kam die Nacht heran. Man hatte Ida allein gelassen,
und bei der Domina ward grosser Rat gepflogen. Es ist unmöglich, sagte die
guterzige Alte, das Mädchen ihrem Schicksale zu überlassen. Ich wollte es wagen
auf das Bild der heiligen Jungfrau zu schwören, dass sie unschuldig ist, dass sie
für unschuldig erkannt werden wird; sollten wir denn so grausam sein, sie einem
Verderben anderer Art entgegen gehen zu lassen? Sie ist schön, wie ihr und ich
in unsern bessern Jahren; wenn es in der Welt noch so zugeht wie zu meiner Zeit,
so droht ihr auf dem kleinsten Wege unausbleibliche Gefahr, sie wird irgend
einem laurenden jungen Wüstlinge in die Hände fallen, und für unser Kloster
verloren sein, welches doch, es gehe wie es wolle, einst ihre Zuflucht werden
wird, was sollen wir tun Schwestern? was sollen wir tun? Wärs wohl Verletzung
unserer heiligen Regel, sie bis an den Ort ihrer Bestimmung zu begleiten? Ich
nebst den vier ältesten aus der Schwesterschaft übernehme dies Werk, und -
    Es war der heiligen Frau unmöglich zu enden, ein lauter Beifall unterbrach
ihre Worte. Die Liebe zu der holdseeligen Ida, die sie, ich weis selbst nicht
warum, als eine künftige Mitschwester ansahen, oder das Verlangen, einmal den
Fuss aus den ängstlichen Klostermauren zu setzen, machte, dass man sich, (ein
seltner Streit unter alternden Jungfern) um den Vorzug der Jahre stritt, und dass
die Domina, um Friede zu erhalten, genötigt war, dem ältern Teil ihrer
Fräuleins, aus welchen ihr Rat bestand, ohne Ausschluss einer einigen, die
Bestehung dieses Abenteuers zu gestatten. - Eine allgemeine Freude erhob sich
unter ihnen, und es ward augenblicklich eine Gesandtschaft an die angstvolle Ida
abgeschickt, ihr den Schluss des Konvents kund zu tun.
    Sie war entzückt über die ausserordentliche Probe der Achtung, die sie
erhielt, die lebhafteste Dankbarkeit durchströmte ihr Herz, und es schwebte ein
Gelübde auf ihren Lippen, welches mit lauter Freude von den Nonnen, welche schon
darauf rechneten, würde aufgenommen worden sein, und das nur durch
Dazwischenkunft irgend eines Zufalls konnte zurück gehalten werden. Die
Mitternachtsstunde schlug, der Weg nach dem Bartolomäuskirchhofe war weit, man
durfte sich nicht aufhalten, so gar die feierliche Einsegnung in der
Klosterkirche, die man zu diesem grossen Schritte für nötig gehalten hatte, und
die gewiss in dem Herzen der frommen Ida irgend ein unglückliches Angelöbnis
hätte hervorlocken können, musste unterbleiben. Man nahm eilig die Schleier,
visitirte in der Geschwindigkeit ein wenig die Zellen der jüngern Nonnen, damit
keine sich unter der Hand der Vorrechte der ältern teilhaftig machte, wallte
die langen schallenden Klostergänge hindurch, öfnete das Tor und tat mit
Herzklopfen den Schritt aus den geheiligten Mauern in die Welt.
    Auch Idas Herz klopfte, sie ging mit ihren ehrwürdigen Begleiterinnen in
dämmernden Sternenlichte den Weg, den sie schon einmal an der Hand ihres Vaters
gegangen war. Die Domina, an deren Seite sie wandelte, überhäufte sie mit
Tröstungen und frommen Betrachtungen, aber das Stillschweigen, unter welchen
ehemals Münster diesen traurigen Gang mit ihr tat, war ihrem Zustande
angemessner, und sie hätte viel darum gegeben, auch jetzt still und ungestört
weinen zu dürfen.
    Endlich langte man an dem Ort der Bestimmung an. Ihr vermummter Führer, der
ihrer bereits wartete, stutzte, sie in so grosser Begleitung kommen zu sehen;
doch schien die Gegenwart der heiligen Frauen einen vorteilhaften Eindruck auf
ihn zu machen; er beugte sich tief vor ihnen, liess der weinenden Ida Zeit, sich
mit ihnen zu letzen, bot ihr dann freundlich den rechten Arm, und entfernte sich
langsam unter öfterm Zurücksehen nach den Nonnen, welche ihn neugierig mit den
Augen verfolgten. - Als sie um eine Ecke kamen und ihr Begleiter ihr die dichte
Hülle überwarf, vermisste sie abermals seine linke Hand. Ach rief sie, warum
wollt ihr mir doch verbergen, dass ihr Walter seid! es würde mir so tröstlich
sein, es zu wissen, dass ich an der Hand eines Bekannten, eines wackern redlichen
Mannes gehe! - Ein unverständliches Murmeln, in welchem Ida nur den Ton des
Unwillens unterscheiden konnte, beantwortete diese Rede. Beide schwiegen, und
man kam, wie ihr dünkte, weit eher als das vorige mahl an Ort und Stelle.
    Auch kam ihr der Ort, wohin man sie brachte, anders vor als vorhin, die
Decke, der funkelnde Sternhimmel, war die nehmliche, aber den Umkreis bezogen
nicht hohe ängstliche Mauren, sondern das Auge hatte, von allen Seiten, so viel
die falbe Dämmerung erlaubte, eine freie Aussicht, die nur von der Seite, woher
Ida kam, durch dichte Gesträuche und auf der entgegen gesetzten vermutlich auf
eben die Art begränzt war, unter ihren Füssen fühlte Ida weichen Rasen, und es
ward ihr aus einigen Umständen wahrscheinlich, dass sie sich in einer
ausgeholzten Gegend eines ihr wohlbekannten Waldes befand; welches wohl sein
konnte, denn ein jeder Ort mochte (wie einige alte Schriften sagen) zu Hegung
des Vehmgerichts taugen, wenn er nur heimlich und hehr war.
    Die Versammlung an diesem Orte war so zahlreich als das erstemahl, aber die
Erleuchtung schwächer, und die Stille wo möglich noch schauerlicher. Das Zeichen
mit der Glocke ward gegeben. Die Stimme, welche Ida schon einmal gehört hatte,
erhub sich und rief:
    »Wir, die Diener des unsichtbaren Gottes, der im Verborgenen richtet, wendet
uns gegen die vier Enden der Erden, und rufen dir, Verteidiger der angeklagten
Ida! Erscheine!« -
    Der Ruf ward dreimal wiederholt, der Schauplatz ward heller, und Ida wollte
ungefordert hervortreten. Ihr werdet heute nicht zu sprechen haben, flüsterte
ihr Führer, haltet euch ruhig.
    Ida sah die Versammlung der fürchterlichen Unbekannten mit frohem Mute an,
ein Gefühl von Freude und Hoffnung durchströmte ihr Herz, welches zum
unaussprechlichen Entzücken ward, als sich auf dem dritten Ruf eine Gestalt
hervortat, die, ungeachtet sie vermummt war, wie die andern, doch ein gewisses
Etwas an sich hatte, das ihr in Idas Augen den Vorzug vor jedem der Anwesenden
gab.
    Der Verteidiger der Unschuld ging langsam vorwärts und stellte sich vor den
Tron des Richters. Hier! rief er, hier bin ich, tödtet mich, wenn Ida schuldig
ist!
    Die Hegung des Gerichts hub an. Die Fragen, welche Ida schon einmal gehört
hatte, wurden wiederholt, aber sie hörte sie nicht mit dem Schrecken wie das
erstemahl, der Unbekannte wusste auf jede derselben zu antworten, und ihren
Gedanken nach war ihre Unschuld völlig erwiesen, aber die Richter waren schwerer
zu befriedigen. Die in jenen finstern Zeiten des Aberglaubens so verdächtige
Geschichte mit der Locke blieb doch einmal wahr, die unüberlegten Worte, welche
sie zur Prinzessinn von Ratibor gesagt hatte, waren nicht zu leugnen und zeugten
wider sie. Noch war die Kaiserinn nicht völlig genesen, und Herrmann von Unna,
den man hier für todt hielt, und, ich weis nicht warum, Ida seine Mörderinn
nannte, war, wie man versicherte, nirgend zu finden.
    Der Retter der Unschuld bat, man möchte die Genesung Sophiens abwarten, und
dann sie über Idas Leben entscheiden lassen, da sie, wenn Ida schuldig sei, die
heftigste Beleidigung von ihr erlitten habe, und gewiss mehrere Umstände als man
hier wisse, werde angeben können; aber man verwarf diese Bitte. Er erbot sich
die andere Anklage wegen Herrmanns Ermordung auf der Stelle zu zernichten, aber
man hies ihn schweigen, und verwies ihn vornehmlich auf den Beweis, dass Ida
keine Zauberinn sei, als welcher hier den Grund und die Hauptsache des Ganzen
ausmache. - Idas Verteidiger fühlte, wie schwer, wie unmöglich ein Beweis von
dieser Art sei, er verfiel in ein dumpfes Stillschweigen, welches der Beklagten
ein Vorbote des Todes war.
    Nun denn, rief er endlich, ich weis, was ich übernommen habe, ich weiss, dass
in diesem Gericht keiner den Beklagten verteidigen darf, ohne wenn jener
schuldig befunden wird mit ihm gleiche Strafe übernehmen zu müssen. Hier bin
ich, tödtet mich denn, wenn für sie keine Rettung ist. Aber ich rufe Himmel und
Erde zu Zeugen, sie ist unschuldig! und zittert! ihr Blut wird nicht ungerochen
bleiben, sie ist nicht die Tochter eines geringen unbekannten Bürgers, sie ist
eine Fürsten Tochter!
    Unter den Anwesenden erhub sich ein Geflüster, die meisten riefen, dieses
sei eine Erdichtung, um den Prozess der Beklagten ins Weite zu ziehen, sie
schwuren, man dürfe ihn nicht in Freiheit lassen, bis er seine Aussage erwiesen
habe. Man bemächtigte sich seiner. Ida schrie: sie tödten ihn! vor ihren Augen
schwamm die ganze Versammlung in einem düstern Nebel, die Lichter verloschen,
ein fürchterliches Getöss umsausste ihre Ohren, und sie sank ohne Empfindung
nieder.
 
                         Zwei und zwanzigstes Kapitel.
            Die Sonne scheint für Idas mässige Wünsche fast zu hell.
Ida fieng an sich zu erholen, die Begebenheiten der vergangenen Nacht dünkten
ihr ein Traum zu sein. Sie sah um sich her, der Tag war angebrochen, und sie lag
unter dem grossen noch geschlossenen Tor der Bartolomäus Kirche. Sie richtete
sich auf, sie wollte aufstehen, aber sie vermochte es nicht; da kam aus einer
der Strassen, die sich hier scheideten, ein Mann gegen sie daher, den sie schon
in der Ferne für Waltern erkannte, sie breitete die Arme nach ihm aus und
nannte, so laut sie konnte, seinen Namen. Er nahte sich ihr mit Eile. - Kommt,
sagte er, dass ich euch wieder zu euren Nonnen bringe, doch - ich vergesse zu
fragen, wie ihr hieher kommt? - Habt ihr die Vorgänge voriger Nacht vergessen?
stammelte Ida, welche jetzt vermögend war sich völlig zu besinnen, mich dünkt,
ihr waret sowohl gegenwärtig als ich.
    Was soll das unnütze Reden, erwiederte er mit verdrüsslichem Ton. Kommt, ehe
man euch hier antrift!
    Gott! schrie Ida, Gott! was soll aus mit werden? sprecht, was habe ich nun
zu tun? ihr wisst, dass auch meine letzte Hoffnung vernichtet ist.
    Walter schwieg, und besann sich erst nach einer Weile, dass er fragen müsse,
was sie meine, wenn er seine Rolle gut spielen wolle.
    Ida drang in ihn, sich ihrer zu erbarmen, sich nicht gegen sie zu
verstellen, weil es ihm nie gelingen würde, sie zu überreden, dass er nicht alles
wisse, und ihr am besten raten könne. - Walter ward unwillig. Sie führte die
fehlende linke Hand, und er seine Kleidung, die mit der eines Vermummten keine
Aehnlichkeit hatte, zum Beweis des Behaupteten an. Ida, welcher wichtigere
Sorgen auf dem Herzen lagen, schwieg endlich, und man langte vor dem Kloster an.
    Es sei mir erlaubt, die Art des Empfangs bei den Ursulinerinnen, welche
hoften, das unglückliche Mädchen ganz gerechtfertigt wieder zu sehen, mit
Stillschweigen zu übergehen. - Sie waren anfangs entrüstet, dass man derjenigen,
die durch die Ehre, die sie ihr in voriger Nacht erzeigten, schon in einem
vorteilhaften Lichte hätte erscheinen sollen nicht besser begegnet hatte, nach
und nach schlichen sich Zweifel ein, ob Ida auch wirklich so unschuldig sei, als
man sie im Kloster glaubte. Man fing an, sie zu vernachlässigen, man tröstete sie
nicht mehr, sprach ihr nicht mehr in ihrer Einsamkeit zu, und es geriet bald
dahin, dass der alte Walter, welcher sie täglich am Sprachgitter besuchte, ihr
einiger Trost war.
    Ida wusste nicht, was sie von ihrem eignen Schicksale halten sollte, sie
hatte Ursach, zu den grössten Besorgnissen, und gleichwohl lag ihr das Ergehen
desjenigen der sich im Gericht zu ihrem Verteidiger aufgeworfen hatte, weit
mehr am Herzen.
    Meint ihr nicht, fragte sie Waltern, dass es mein Vater ist?
    Er zuckte die Achseln.
    Wer wär es sonst? Wer könnte es sein?
    Ich weis nicht!
    O Walter, ich beschwöre euch, ihr wisst es, sagt mir alles.
    Wollt ihr mich mit eurem Geschwätz von euch treiben?
    So nehmt euch wenigstens meines Retters an, wenn ihr könnt, und forscht nach
dem Aufentalte meines Vaters.
    Eures Vaters? kennt ihr ihn?
    Ida sah ihn mit verwunderten Augen an, und wiederholte seine Frage.
    Walter tat noch einige, und als er aus ihren Antworten merkte, dass sie das
Bekenntnis des Unbekannten von ihrer Geburt nicht verstanden habe, sich noch bis
jetzt für Münsters Tochter hielt, so verfiel er wieder in sein geheimnisvolles
Stillschweigen.
    Ida weinte über die Härte des Alten, und dieser bat sie endlich ruhig zu
sein und alles zu hoffen. Vielleicht, setzte er hinzu, dass sich euer Schicksal
in kurzem ändert.
    Sehet, sagte er, als er eines Morgens zu ihr kam, sehet hier die Erfüllung
meiner Weissagung. Ida hatte die Schriften der heimlichen Rächer schon zu oft
gesehen, um den Zettel, den er ihr darbot, nicht sogleich zu kennen. Sie
zitterte, ungeachtet der vorteilhaften Art, mit welcher er ihr ihn ankündigte,
ihn zu lesen. Walter tat es an ihrer Statt. Er entielt, - Leser stelle dir das
Entzücken der Unglücklichen vor - entielt eine feierliche Bekanntmachung ihrer
Unschuld, und völlige Lossprechung von allen Anklagen. Die Freude tat die
Würkung auf sie, welche der Schmerz schon so oft gehabt hatte. Sie kam wieder zu
sich selbst um die Frage, ob dies wahr, ob es würklich möglich sei, tausendmahl
zu wiederholen. Das frohe Gerücht breitete sich aus, die Nonnen eilten herbei,
und Glückwünschungen, Freundschaftsversicherungen, und Bitten sie nie zu
verlassen, immer eine Bewohnerinn ihres friedlichen Hauses zu bleiben, strömten
auf sie zu. Ida erinnerte sich wohl, dass man ihr in den letzten Tagen oft und
deutlich genug hatte zu verstehen gegeben, dass ihr Aufentalt in diesem Kloster
bei ihrer unerwiesenen Unschuld nicht lang würde dauern können, aber sie war zu
glücklich um es jetzt zu ahnden; sie beantwortete die Höflichkeiten der
Klosterfrauen mit ihrer gewöhnlichen Treuherzigkeit, ob sie gleich Bedenken
trug, sich zum beständigen Aufentalt an einem Orte anheischig zu machen, wo man
so leicht von einem Äussersten aufs andere fiel.
    Sie konnte sich aus dem Gewirr, das sie umgab, noch nicht herausfinden, als
man ihr sagte, es warte an der Klosterpforte ein Wagen, der Befehl habe, sie zum
Grafen von Würtemberg zu bringen.
    Ida konnte hoffen, dass so bald ihre Lossprechung kund werden würde, die alte
Freundschaft in den Herzen aller derer erwachen würde, welche sie bisher
verlassen hatten, und es schmeichelte ihr, dass der Graf von Würtemberg, den sie
immer geschätzt hatte, einer von den ersten war, welche sich ihrer wiederum
erinnerten.
    Sie floh in den Wagen, den er ihr sandte, sie vertiefte sich unterwegs in
tausend angenehmen Träumen, hoffte bei ihm ihren Vater und ihren unbekannten
Retter zu finden, durch ihn wieder bei der geliebten Kaiserinn eingeführt zu
werden, und was hofft nicht eine junge Person alles, welche das kleinste Lächeln
des Glücks für ein Unterpfand seiner grössten Gunstbezeugungen anzunehmen geneigt
ist.
    Auch hatte es das Ansehen, als ob Ida von ihren Erwartungen nicht sehr
getäuscht werden würde. Sie langte an, der alte Graf von Würtemberg eilte ihr
selbst entgegen, und schloss sie mit einem Feuer in seine Arme, welches ihr
befremdend vorgekommen sein müsste, wenn sie in ihrer gegenwärtigen Verfassung
Raum zum Ueberlegen gehabt hätte. Der Graf führte sie durch eine Reihe
glänzender Hofleute, die sich vor ihr bis zur Erde beugten in sein Kabinet. Ida!
Ida! rief er, und schloss sie in seine Arme, o mein weissagendes Herz, wie wahr
hast du gesprochen! - Das schüchterne Mädchen fand die immer von neuem
angehenden Liebkosungen von einem Fremden zu gross, sie wand sich aus seinen
Armen, und umfasste seine Knie.
    Gnädiger Herr, rief sie, die Herablassung, mit der sie mir begegnen, die
Güte, mit welcher sie sich über mein Glück freuen, lässt mich hoffen, dass sie
sich nicht weigern werden, es vollkommen zu machen. Ich wünschte meinen Retter
zu sehen, um ihm danken zu können, meinen Vater wieder zu sehen, den ich
verloren habe, der erste kann, denke ich, nicht weit sein, und den andern
ausfindig zu machen kann einem Fürsten, dessen Auge, dessen Arme so weit
reichen, nicht schwer werden.
    Deinen Retter? deinen Vater? fragte der Graf, siehe hier beides in einer
Person. Ida sah sich um, und sah, dass sie mit dem Grafen allein war, der sie von
neuem in seine Arme schloss. - Sie betrachtete ihn mit verwundernden Augen und
getraute sich nicht, seine Liebkosungen zu erwiedern. - Du glaubst mir nicht?
dein Herz hat keine Stimme für mich? fuhr er fort. Ich bin dein Vater, sage ich
dir! Sieh dieses Kleinod, das dich mir kenntlich machte. Ida erblickte in des
Grafen Händen die Kette, welche sie Herrmann ehemals schenkte, und das Andenken
an den geliebten Jüngling verdunkelte die Vorstellung von dem, was sie hörte,
und das sie ohnedem noch nicht recht begreifen konnte, gänzlich.
    Der Graf sah ihre Bestürzung; du zweifelst? rief er, ich muss dich
überführen, er gab ein Zeichen, eine Nebentür tat sich auf, und der alte
Münster trat herein. Weder er noch der Graf waren vermögend, ein Wort
vorzubringen, denn Ida sprang auf den ersten Anblick des redlichen Greises auf,
und floh in seine Arme, o mein Vater! schrie sie, ists möglich, dass ich euch
wieder habe? - Nein, Gräfinn, sprach Münster, indem er ihre Hand ergriff und sie
zu dem Grafen führte, der mit einigem Unwillen in seinen Blicken auf der Seite
stand, nein, diese Ehre ist für mich zu gross, ihr seid die Tochter dieses
Fürsten, ich war nur euer Erzieher, und wenn ich es recht sagen soll, ehemals
euer Räuber. Hier, gnädiger Herr, fuhr er fort, indem er Idas linke Hand in des
Grafen Rechte legte, hier seht ihr noch einen Beweis von der Wahrheit meiner
Aussage. Diese Hand trägt noch das Maal, welches die Gräfinn mit auf die Welt
brachte, und dieser Ring ist euch die lebhafteste Erinnerung an eure Gemahlinn,
die bei der Geburt dieser Tochter das Leben einbüsste. O ich brauche keinen
Beweis, rief der Graf, als mein eigen Herz und diese Züge, die meiner
verstorbenen Ida so unaussprechlich gleichen, dass ich nicht weis, wie ich sie so
lang verkennen konnte. Doch, ich bin immer durch eine unwiderstehliche Sympatie
zu dir hingerissen worden; Ida, du weists, wie mich gleich Anfangs dein blosser
Name erschütterte, wie ich dich immer, deinen Feinden zum Trotz, vor allen
andern auszeichnete.
    Idas Erstaunen fing an sich in Freude zu verwandeln, ihr Herz sprach für
Graf Eberhardten wie das Seinige für sie, sie sank in seine Arme, sie schlang
ihre Linke um seinen Nacken, indem sie die Rechte nach Münstern ausstreckte, der
ihr zu teuer war, als dass irgend jemand ihm den Vorrang in ihrem Herzen hätte
streitig machen können. - Auf die ersten Entzückungen der Freude folgten
Erklärungen, nach denen meine Leser vielleicht so begierig sein werden als Ida,
aber wie verwirrt sind die Erläuterungen, die man in dem Gewirr mannichfaltiger
Leidenschaften erteilt und anhört! Wir müssen einen ruhigern Zeitpunkt wählen,
dir, mein Leser, das Ganze dieser verwickelten Begebenheit mitzuteilen.
    Ida sah mit bekümmertem Herzen, dass Münster bei weitem nicht in dem Ansehen
bei dem Grafen war als bei ihr. Graf Eberhardt sah in ihm den ehemaligen Räuber
seiner Tochter, sie, ihren Erzieher, ihren treuen Ratgeber, ihren Tröster zu
der Zeit, da jedermann sie verliess. Der Graf missgönnte dem Alten jede
Liebkosung, die sie ihm erwies, und sie konnte nicht vergessen, dass sie ihn so
lang hatte Vater nennen dürfen. Sonderbar! ich weiss gewiss, dass manche meiner
Leserinnen es nicht werden begreifen können, dass das Vergnügen, eines Fürsten
Tochter zu sein, nicht das Gefühl der Dankbarkeit und jede andere Empfindung bei
Ida verdrängte; freilich war dies ein Beweis, dass sie nicht nach den Grundsätzen
der grossen Welt erzogen worden war.
    In Idas Herzen lebte noch ein unerfüllter Wunsch, der ihr die Freude über
die väterliche Zärtlichkeit des Grafen verbitterte. Sie hatte schon mehrmahl
nach ihrem Vorsprecher vor dem heimlichen Gerichte gefragt und ihn zu sehen
gewünscht, sie hatte ihn ihren Retter genannt und die lebhafteste Dankbarkeit
gegen ihn geäussert, und allemahl hatte sie der Graf versichert, sie habe ihre
Rettung niemand als ihm zu danken, welches sie zwar nach dem, was man ihr sagte,
und was meine Leser mit der Zeit auch erfahren sollen, glaubte, aber doch
allemal mit ihren Fragen auf den grossmütigen Unbekannten zurückkam, der doch
ohne Zweifel durch seine Vorsprache den ersten Grund zu ihrer Rettung gelegt
hatte. - Man hatte keine Lust, diese Frage deutlich zu beantworten, Ida schwieg
und suchte ihren Verdruss zu verbergen, um die Liebe ihres neuen Vaters nicht mit
Undank zu belohnen. Münster, welcher auf Idas Bitte in dem Zimmer des Grafen
bleiben durfte, war zurückhaltend um keine Eifersucht zu erregen, und Graf
Eberhardt fand jede Liebkosung seiner Tochter kalt gegen dasjenige, was er
erwartet hatte. - So ging man am Abend auseinander, froh über entflohnes Unglück
und neugewonnene Freuden, und doch mit einem kleinen Dorn im Herzen, der auch
bei dem grössten Entzücken der Erde nie ganz fehlt.
 
                         Drei und zwanzigstes Kapitel.
                            Ein verdächtiger Besuch.
Ida bekam Befehl, den Pallast ihres Vaters nicht wieder zu verlassen, man wies
ihr Zimmer an, und sie wahr froh, endlich nach einem Tage voll der seltsamsten
Veränderungen, zur Ruhe und zum Nachdenken zu kommen. Sie entliess die Frauen,
die man ihr zugab, sehr bald, und warf sich angekleidet auf einen Sessel, um die
Geschichte des Tages von neuem zu überlegen. - Ein leises Klopfen an der Tür
weckte sie aus ihrem Tiefsinn. Eine Mannsperson trat schnell herein. Sie
erschrack, wollte fliehen, wollte nach ihren Leuten rufen, aber der Kommende
fiel auf die Knie, fasste sie bei ihrem Gewand und bat mit einem Tone, der ihr
Innerstes durchdrang, sich nicht zu übereilen. Was ist das für eine Stimme?
schrie Ida, und dies Gesicht? - O Herrmann! Herrmann!
    Ja ich bin es, Gräfinn! sprach er. Ich bin genötigt, zudringlich, verwegen
zu sein. Ich muss mit euch sprechen, und jetzt oder niemahls. Mit diesen Worten
stand er auf, verschloss leise die Tür, und nahte sich der bleichen Ida von
neuem, welche halb ausser sich vor Entsetzen und Freude an das Getäfel gelehnt da
stand, und nicht wusste, was sie tun sollte.
    Ein Mädchen mit dem gehörigen Ceremoniel der Tugend bekannt, würde bei
Herrmanns Handlungen Zorn gefühlt oder affektirt haben. Ein Liebhaber in der
einsamen Mitternachtsstunde, bei verschlossenen Türen, war in der Tat eine
bedenkliche Sache, konnte auch dem entscheidensten guten Ruf einen Flecken
anhängen. Ida dachte in der ersten freudigen Bestürzung nicht an das was ihr
zukam, sie beugte sich zu Herrmann, der ihre Knie von neuem umfasste, herab, sie
breitete ihre Arme gegen ihn aus und zog sie schnell mit Erröten zurück, um
ihren Fehler wieder gut zu machen. Herrmann kannte seinen Vorteil zu gut, um es
bei dem Anfange dessen zu lassen, was ihm zugedacht war, er erkühnte sich, sie
in seine Arme zu schliessen; sie wand sich mit Unwillen von ihm los, und eilte
nach einer Nebentür, von welcher sie glaubte, dass sie in das Kabinet ihrer
Frauen führe, er folgte ihr, und beide sahen sich auf einem Altan, welcher
keinen weitern Ausgang hatte. -
    Ich beschwöre euch, Gräfinn, rief jetzt Herrmann von neuem, treibt mich
nicht zur Verzweiflung, ich muss mit euch sprechen, und ich hoffe, ihr trauet mir
zu, ich würde mich nicht so zur Unzeit bei euch eindrängen, wenn ich irgend ein
anders Mittel säh, euch vor einer langen, ach vielleicht ewigen Trennung das zu
sagen, was ihr wissen müsst. Ewige Trennung? wiederholte Ida mit zur Erde
gesenktem Blick. Ja ewige Trennung von dem, den ihr ehemals nicht mit
ungünstigen Augen ansaht! rief der Jüngling. Hat euer hoher Stand eure
Gesinnungen so schnell ändern können? -
    Herrmann, rief Ida mit dem Ausdruck des höchsten Affekts, ihr kennt mich
nicht! mich ändern? gegen den ändern, der mich, als ich so weit unter ihm war,
so - - so heiss, so zärtlich liebte, ersetzte der Jüngling ihre abgebrochenen
Worte, und der euch, wenn ihr Königinn der ganzen Welt wäret, nie anders lieben
könnte als damahls Ida Münsterinn von ihm geliebt wurde, und als -
    Haltet ein, unterbrach ihn Ida mit einem etwas ernstern Blick als bisher,
ihr sehet, dass es meine Ehre erfordert, dass euer nächtlicher Besuch so kurz
werde als möglich, brechet also von diesen Dingen ab, und saget mir eilig, was
ihr zu sagen habt.
    Herrmann gelobte Gehorsam, man nahm Platz auf den Altan, der eine liebliche
Aussicht in einen einsamen vom Mond beglänzten Garten hatte, und der Jüngling
hub an, sich über das zu erklären, was er auf dem Herzen hatte. - Ich muss euch,
sagte er, warnen, eurem gegenwärtigen Glücke nicht zu viel zu trauen; ihr seht,
was mir widerfuhr, als ich in jenem nächtlichen Gericht eure Sache führte,
damals -
    Wie? schrie Ida, ihr, ihr waret es, der sein Leben für mich wagte? mich zu
retten strebte, als ich von allen verlassen war? O Gott, werde ich jemahls im
Stande sein? - Nein das ist zu viel! Tränen strömten aus ihren Augen, ihre
Hände waren gen Himmel gefaltet, und ein Blick fiel auf Herrmann, welcher ihm
alles sagte was ihr Herz empfand.
    Also wisset ihr nicht? man sagte euch nicht? stammelte er - Ja, in diesem
Zuge erkenne ich den Grafen, und ihr sehet was wir, was ich, will ich sagen, von
ihm zu erwarten habe.
    Ihr müsst mir alles alles entdecken, rief Ida, vom ersten Anfange, von
unserer Trennung an, die Nacht ist lang, wir sind allein, niemand wird uns
stören.
    Ida schien ganz vergessen zu haben, was sie vor einem Augenblicke sagte, dass
ihre Ehre die Abkürzung des nächtlichen Besuchs erfordere, und Herrmann fiel es
noch viel weniger ein, daran zu denken.
    Wie ich mich bei jenem Abschied aus Münsters Hause von euch, oder vielmehr,
ihr euch von mir lossrisset, fing er an, das könnet ihr noch nicht vergessen
haben, so heftig mich auch die Trennung von allem, was ich liebte, erschütterte,
so stand mir doch bei dem Abschiede von eurer sogenannten Mutter noch ein Sturm
bevor, welcher diesen beinahe übertraf. Gott, ich bekam von ihr die ersten Winke
von dem, was auch ihr nunmehr, was die ganze Welt weis, dass ihr das Gepräge des
höchsten Standes nicht umsonst an euch tragt, dass ihr das wirklich seid, wofür
euch jeder halten muss, die Tochter eines Fürsten. Eile und die Gegenwart des
alten Münsters, der mich und seine Frau bewachte, verursachte, dass ich den Namen
des Glücklichen nicht verstand, der euch seine Tochter nennt, und mich auf diese
Art in grösserer Ungewissheit als je befand, was ich dereinst für meine Liebe zu
hoffen hätte; denn, ihr müsst mir verzeihen, so hoch ihr auch durch diese
Entdeckung über mich erhoben wurdet, so traute ich doch auf meinen Mut und mein
gutes Schwerd, welches mich schon, wie ich dachte, dereinst noch dahin bringen
könnte mein Auge nach der Tochter eines Fürsten erheben zu dürfen. Grosse
unabsehliche Plane über diesen Gegenstand durchkreuzten mein Gehirn, meine
Gedanken verwirrten sich, ich vergas alles andere und besann mich erst spät auf
die Bitte, welche eure Amme, die guterzige Münsterinn, beim Abschiede an mich
getan, noch einen Tag zu Prag zu verziehen, um ein Gesuch, das sie euretwegen
an den Kaiser wollte gelangen lassen, bei ihm zu unterstützen. Ich eilte nach
Prag zurück, von da nach Kunradsburg und an verschiedene andere Orte, an welche
man mich, um meiner zu spotten, hinwies. Nirgend fand ich den Kaiser, und
überall erregte meine Wiedererscheinung, nachdem ich schon förmlich entlassen
worden war, Neugier, und die Besorgnis, in der man mich sah, spöttische
Anmerkungen. Ich war in der Tat ausser mir, einen Auftrag, der euch betraf,
nicht besser und schleuniger ausrichten zu können, er konnte sich auf die
Bekanntmachung eurer Geburt beziehen, konnte Eile haben, ich wusste nicht was ich
tun sollte, und mein seltsames Betragen legte vielleicht den Grund zu dem
wunderbaren Gerüchte, ich habe meinen Verstand verloren, welches mir in dem
heimlichen Gerichte, da man es zur Anklage wider euch machte, zum erstenmahl zu
Ohren kam.
    Ich hatte, wie ich meinte, noch einen Freund bei Hofe, den ich endlich zu
sprechen bekam, und der mich beredete mich zu entfernen, weil ich hier meines
Lebens nicht sicher sei, und ich mich in der Ausrichtung meines Geschäfts auf
ihn wie auf mich selbst verlassen könnte. - Wie ich nachmahls erfuhr,
erschreckte man mich nur darum vom Hofe hinweg, weil der Kaiser meine
Anwesenheit, die man ihm verhelte, endlich erfahren, und mich zu sprechen
gewünscht hatte. Schon lange beneidete man mir die armseeligen Ueberbleibsel der
Gunst, die er mir ehemals schenkte, man besorgte, ich möchte wieder meine
ehemalige Stelle bei ihm behaupten, wenn ich ihm von neuem vor Augen käme, man
verjagte mich unter dem Vorwand als werde mir nach dem Leben getrachtet, und
breitete um seine Nachfragen nach mir zu stillen das Gerücht von meinem Tode
aus, welches überall, und wie ihr wisst, auch selbst bei den allwissenden
heimlichen Richtern für Wahrheit genommen wurde.
    Ich setzte indessen meinen Weg nach König Siegmunden fort, ich fand bei ihm
meinen alten Freund, Nicolaus Gara, unter dessen Kommando ich einst wider die
rebellischen Prager gedient hatte, dessen hohen Rang ich erst jetzt kennen
lernte, und der mich mit Freuden unter seine Leute aufnahm. Man rüstete sich am
ungarischen Hofe zum Türkenkriege. König Siegmund hatte seine von dem Volk
angebetete Gemahlinn Maria verloren, mit ihr war der grösste Teil der Neigung
seiner Untertanen für ihn gestorben. Er war nicht ausser Verdacht, dass er durch
schlechte Begegnung oder wenigstens kalte Liebe den Tod der unglücklichen
Königinn verursacht habe; man hasste ihn, machte Spottgedichte auf das üppige
Leben an seinem Hofe, nannte ihn den zweiten Wenzel, und er, der all diesen
Tadel, wie ich glaubte, höchstens nur halb verdiente, musste darauf denken die
bösen Eindrücke aus den Gemütern des Volks zu tilgen, und sich durch irgend
eine tapfere Tat bei ihm in Ansehen zu setzen. Ein Zug wieder die Ungläubigen
ward für das Würksamste zu Erreichung dieses Endzwecks gehalten, und die
Teilnahme an dem Türkenkriege war beschlossen. Welch eine Aussicht für den,
dessen Seele nach Ehre und nach dem Besitz einer Ida strebte! Welche Lorbern
dachte ich hier einzuerndten: welche Stufen mir zu bauen, um dich, himmlisches
Mädchen, erreichen zu können! Kein Fürst sollte, wie ich meinte, Bedenken tragen
mich zu seinem Eydam zu wählen, wenn ich mit dem Blut und der Beute der
Ungläubigen bedeckt zurückkehrte, und die Stellen an Siegmunds Hofe einnähme,
mit welchen meine Eitelkeit, und mein parteischer Freund, der Feldherr Gara mir
schmeichelte; - - Hoffnungen, welche vielleicht möchten erfüllt worden sein,
wenn ich geneigt gewesen wär, den Absichten desjenigen, der für alles zu sagen
hatte, dieses Nikolaus Gara, in allen die Hand zu bieten.
    Wir reisten ab, wir vereinigten uns mit den andern Feinden des Erbfeindes,
wir griffen ihn mit Heldenmut an, taten Wunder der Tapferkeit, und - siegten
doch fast niemahls; ein feindseeliges Geschick wand uns den Sieg fast allemahl
in dem Augenblicke, da wir ihn zu erreichen gedachten, aus der Hand.
    Mir waren diese Dinge anfangs unbegreiflich. Das Volk schrieb unsere öftern
Fehlschlagungen den heimlichen unentsündigten Verbrechen seines Königs zu, der
Feldherr stimmte ziemlich laut in diese rebellischen Klagen ein, ich aber hatte
mehr als wahrscheinliche Mutmassungen, das Nikolaus unvermerkt das Glück seines
Herrn zu untergraben suchte, und den Feind in der Stille begünstigte um ihm zu
schaden. Meine Mutmassungen wurden nachher zu Wahrscheinlichkeiten, als der
Feldherr gegen mich immer mehr mit dem heimlichen Hass gegen seinen Herrn
hervortrat, und auch mich von ihm abwendig zu machen suchte.
    Er war der älteste Sohn des alten Nikolaus Gara, welchen Siegmund ehemals
hinrichten liess. Hass und Rache gegen den Mörder seines Vaters brütete in seinem
Herzen, und Siegmund hätte keinen nachteiligern Schritt tun können, als dass er
dem einen Sohn des Ertödeten alle Gewalt beim Heer übergab, und den andern, den
heimtückischen Andreas Gara als Stattalter des Reichs hinterliess; aber Siegmund
war offen, grosmutig und unvorsichtig, mochte gern angetane Beleidigungen
vergüten, und gab sich in die Gewalt seiner Feinde, indem er dachte sie zu
seinen Freunden umzuschaffen. Mir wurden die bösen Absichten des Feldherrn immer
heller. Ich war meinem Herrn dem König mit aller Treue ergeben, ich bezeugte
unverstellt den Abscheu, den mir Garas Vorschläge, ihm zum Untergange der
Monarchen die Hand zu bieten, einflössten. Ach ich hatte schon vorhin Gelegenheit
gehabt den redlichen Charakter des Feldherrn zu bezweifeln; war er es nicht, der
ehemahls im Stande war, Wenzels verräterischer Ermordung der böhmischen Grossen
das Wort zu reden?
    Ich verheelte ihm nichts von der Meinung, die ich von ihm hegte. Meine
Aufrichtigkeit brachte mir den Untergang; Gara ward kaltsinnig gegen mich; man
bürdete mir ungeschehene Vergehungen auf, ich hörte auf zu steigen, ward nach
und nach im Dienste immer einige Stufen tiefer herabsetzt, und erhielt endlich
gar die Erlaubnis, mich vom Heer zu entfernen. Da dies nur Erlaubnis nicht
Befehl war, so achtete ich es nicht, ich wollte meinem König lieber als der
geringste Kriegsknecht dienen als ihn mitten unter seinen Feinden verlassen. O
Gott, wie gern hätte ich ihn gewarnt! aber war dies möglich? man bewachte seine
und meine Schritte, man hatte mich bei ihm verhasst gemacht, es war unmöglich,
ihn unter vier Augen zu sprechen.
    Doch wird es mich immer freuen, dass ich, ehe mich mein Schicksal ganz von
ihm riss, noch im Stande war, ihm einen würklichen Dienst zu leisten. - Wir
hatten nach Gewohnheit wieder einmal tapfer wider die Ungläubigen gefochten
ohne zu siegen. Wir mussten die Schlacht verlieren, denn Nikolaus Gara wollte es.
Der Herzog von Burgund war schon in den Händen der Türken, meinem Könige war das
nehmliche Schicksal zugedacht; die seinigen wandten sich verräterisch hinter
ihm ab, und verliessen ihn im einzelnen Kampfe mit dem tapfern Achmet! der ihm
offenbahr überlegen war. Auch ich sollte auf Befehl des Feldherrn weichen, und
einen andern Posten beziehen, aber ich war taub, ich sammelte zwanzig von
Siegmunds treusten Ungarn um mich, wir trennten ihn von seinem furchtbaren
Gegner, und brachten ihn davon. O dass ich fast in dem nehmlichen Augenblick
genötigt war ihn zu verlassen! die Liebe rufte mich, ich war zu schwach ihrem
Ruf zu widerstehen! O Ida, das Gerücht von deiner Gefahr kam mir zu Ohren, ich
musste dich retten, die Liebe zu meinem Könige war gegen die Deinige nichts!
Hinterliess ich doch Siegmunden unter der Aufsicht treuer Leute; wer hätte es
wagen dürfen öffentlich etwas wider seine geheiligte Person vorzunehmen? Mein
Werk wär völlig getan gewesen, hätte ich ihn vor heimlichen Nachstellungen
warnen können, aber er war schwer verwundet, war in den heftigen Anfällen des
Fiebers, die Folge seiner Wunden, der Besinnungskraft beraubt, ich trug das, was
ich nicht tun konnte, den treuen Dienern auf, die ich um ihn zurückliess, und
eilte nach dir, nach dir Ida, die von dem Arme der heimlichen Gerechtigkeit
bedroht wurde, die nach Verhältnis des Weges, den ich bis zu dir machen musste,
nur wenig Tage bis zu Entscheidung ihres Schicksals übrig hatte.
    Und ich bitte euch, Ritter, unterbrach ihn die Gräfinn, wie konntet ihr in
so weiter Ferne Post von meinem Unglück haben?
    Eine Sache, erwiederte er, die mir selbst noch bis jetzt nicht ganz deutlich
ist, die ich euch aber erklären will, so gut ich sie selbst verstehe. Ihr
erinnert euch ohne Zweifel noch des alten Andreas, den mir Vater Münster bei
meiner Abreise von Prag zum Knechte gab?
    O ja, sagte Ida, es war mehr als eine Person in unserm Hause, - die sich
freute, an ihm einen wachsamen Kundschafter der geheimsten Dinge zu verlieren,
ich gehörte, wie ihr denken könnt, nicht unter seine Hasser, ich schätzte ihn
wegen seiner Treue, ungeachtet ich nicht leugnen kann, dass mir seine
anscheinende Einfalt, wie so manchen Zügen von schlauer List, die er oft
unversehens blicken liess, immer so seltsam contrastirte, dass ich nicht recht
wusste, was ich aus ihm machen sollte.
    Dies waren die Bemerkungen, fuhr Herrmann fort, die ich auch über ihn
machte, und zu denen er mir unzählige Gelegenheiten gab. Höret jetzt, auf wie
ausserordentliche Art er die erste Ursach meiner plötzlichen Erscheinung bei
euch, und, wenn es mir zu sagen erlaubt ist, eurer Rettung ward. - Wir rüsteten
uns an jenem grossen Tage, von welchem ich euch vorhin sagte, zur Schlacht.
Andreas, der es sonst ungeachtet seines Alters in Ansehung des Muts und der
Unerschrockenheit mit dem Jüngsten aufnahm, war, als er mir die Waffen anlegte,
niedergeschlagen und traurig. Herr, sagte er, der Weg, den wir jetzt gehen, kann
der Weg zum Tode sein, ich kann fallen, und wohl mir, wenn ich meinen Tod vor
dem Feinde fände, aber im Fall dieses geschieht, so muss ich euch vorher warnen:
Wenn die Schlacht vorüber ist, so haltet euch hier nicht lange auf, mir ists als
stände es in meines alten Herrn Hause nicht ganz so wie es sollte. Das Leben
einer Person, die euch nicht gleichgültig sein mag, ist in Gefahr. - Ich sah ihn
mit unverwandten Augen an, und fragte nach dem Grunde seiner Besorgnisse, er
stockte, verbarg sich hinter seine gewohnte einfältige Miene, und schützte
schwere Träume vor. - Ungeachtet ich nie auf Dinge dieser Art etwas hielt, so
war ich doch schwach genug, bestürzt zu werden, und weiter zu fragen. - Lasts
nur gut sein, sprach Andreas, jetzt müssen wir vor den Feind, bleibe ich, so
wisst ihr allenfalls genug, im entgegengesetzten Fall sollt ihr mehr erfahren. -
    Wir rückten auf unsere Gegner an, Andreas war einer der ersten, die an
meiner Seite fielen, ich liess ihn aus dem Gedränge tragen, und Rat zu seinen
Wunden schaffen. Was in der Schlacht vorfiel, das wisst ihr bereits, aber dieses
noch nicht, dass eine der ersten Nachrichten, welche ich erhielt, nachdem ich das
Zelt des verwundeten von mir geretteten Königs verlassen hatte, der Tod des
ehrlichen Andreas war. Sein Kammerad, der mir die Post brachte, sagte mir, der
alte Kriegsknecht hätte noch sterbend den Namen einer gewissen Ida oft genannt,
und mich ermahnen lassen, sie zu retten, weil sie in Gefahr sei in die Hände der
heimlichen Rächer zu fallen; die Zeit, in welcher ihr noch zu retten wäret, und
der Ort eures Aufentalts wurde mir auf einem mit seltsamen mir unverständlichen
Charaktern bezeichneten Blatt, das der Sterbende aus seinem Busen gezogen hatte,
angezeigt, und ihr könnt euch wohl vorstellen, mit welcher Eile ich mich, ohne
weiter auf den Grund dieser sonderbaren Dinge zu denken, auf den Weg machte. -
Die Zeit des Nachdenkens über die Umstände dieser befremdenten Begebenheit kam
erst nachher, und von der Auflösung meiner Zweifel kann ich euch nur so viel
sagen, dass mir es mehr als wahrscheinlich ist, dass Andreas einer von den
heimlich Verbundenen des fürchterlichen Gerichts war, dessen Mitglieder durch
die ganze Welt verstreut sind, und die, wie durch ein verborgenes Zauberband
verbunden, fast im Augenblicke Nachricht von allem haben, was in den
entferntesten Gegenden ihres unsichtbaren Reichs vorgeht. Wie gross die Anzahl
der Richter und Beisitzer dieses fürchterlichen Tribunals ist, habt ihr zum
Teil gesehen, aber ich habe Ursach zu glauben, dass ihr Anhang unter den
Geringen im Volk noch weit ausgebreiteter sei als unter den Grossen; diese Art
Leute sind die Glieder, welche diese unermessliche Kette zusammen halten, die
verborgenen Triebräder der ungeheuren Maschine, die tausend Augen, mit welchen
die Allgegenwärtigen, wie sie sich nennen, alles durchschauen, die Zeugen,
welche ihnen die verborgensten Geheimnisse verkünden. Ohne Zweifel war Andreas
einer von dieser Klasse, und seine Treue für das Haus seines alten Herrn machte,
dass er die Gränzen der heiligen Verschwiegenheit, zu welcher seine Brüderschaft
verpflichtet ist, so weit überschritt als er konnte, um mich zu eurer Rettung
aufzumahnen.
    Ich kam an, ohne genau zu wissen, wie die Gefahr beschaffen sei, welche euch
drohte, oder wie man euch helfen könne; indessen war eure Geschichte der
Gegenstand des allgemeinen Gesprächs, die Aufforderung euch zu verteidigen,
dafern es möglich sei, stand noch an allen Ecken der Strassen an allen
öffentlichen Gebäuden angeschlagen, und ich war bald von allem unterrichtet was
ich wissen musste. Es waren noch zween Tage bis zur letzten Entscheidung eurer
Sache, und ich wandte dieselben so an, wie mich ein alter treuherziger Mann, ein
gewisser Walter, in dessen Bekanntschaft mich der Zufall brachte, unterrichtete.
Ich wollte euch in eurem Kloster sprechen, aber es ward mir widerraten, weil
kein Anwald vor dem heimlichen Gericht zugelassen wird, von dem erweislich ist,
dass er binnen Jahrsfrist den entferntesten Umgang mit dem Beklagten gepflogen
habe. Ich erfuhr von Waltern, dass es auch an einem Begleiter auf eurem Wege nach
dem Orte fehle, von wo ihr von den Unbekannten solltet abgeholt werden, und ob
es mir gleich nicht erlaubt war, euch meine Hand zu bieten, so konnte ich mich
doch nicht entalten auf dem Wege, den ihr gehen musstet, heimlich zu lauschen,
damit der einsamen verlassenen Unschuld kein Unglück begegne. Ich sah euch in
Begleitung der Klosterfrauen daher kommen, und ich muss gestehen, war etwas, das
die Meinung, die ich von euch hegte, erhöhen konnte, so war es diese ehrwürdige
Gesellschaft, die durch die Achtung, mit der sie euch begegnete, das redendste
Zeugnis von eurer Schuldlosigkeit ablegte. Auch habe ich hernach erfahren, dass
diese Handlung der guterzigen Nonnen einen für euch sehr vorteilhaften
Eindruck auf eure Richter machte.
    Und dennoch, rief Ida, wollte man dem mächtigen Verteidiger meiner Urschuld
kein Gehör geben? ging so gar so weit, sich seiner Person zu bemächtigen, und
dadurch, wie ich meinte, meine Rettung unmöglich zu machen? - O Gott! mir
schwanden die Sinnen bei diesem Anblick, und noch jetzt - noch jetzt! -
    Wer vermag alle Dinge in den Handlungen der Unbegreiflichen zu enträtseln?
unterbrach Herrmann die stockende Ida, auch ich kann, und könnte ich, darf es
nicht. - Euch schwanden, wie ihr sagt, die Sinnen, man brachte euch hinweg, und
derjenige, welcher euch herbei geführt hatte, legte euch an den Ort nieder, wo
er euch aus den Händen der Nonnen empfangen hatte, doch wie ich weis, nicht ohne
im Verborgenen für eure Sicherheit zu wachen. Ich ward indessen ins besondere
Verhör geführt. Man verfuhr strenge mit mir. Ich hatte euch die Tochter eines
Fürsten genannt, und sollte beweisen, ich hatte keine andere Bestätigung meiner
Aussage als die Worte der Münsterinn. Der Oberste von den Richtern stand auf und
nahte sich mir, er tat mit einer Stimme, in welcher die heftigste Rührung nicht
zu verkennen war, Fragen an mich, die ich nicht zu beantworten wusste. Man hatte
mich, wie es in diesem Fall die Sitte mit sich bringt, entkleidet, und mich mit
entblösstem Haupt und Füssen, und am Leibe nur mit einer leinenen Hülle bedeckt,
zum Verhör geführt. Meine Kleider waren untersucht worden, und die Kette, welche
ich ehedem von euch erhielt, war in den Händen des mich fragenden Oberrichters;
auch sie war ein Gegenstand seiner Nachforschungen. Woher ich sie bekommen? ob
ich das daran hangende Bild des Grafen Eberhard von Würtemberg kenne? ob ich
nicht auch einen ähnlichen Ring habe? ob ich die Beklagte vordem gekannt? ob ich
nie an ihrer linken Hand ein Mahl, in Gestalt eines kleinen Kreuzes, bemerkt
habe? ob ich nicht auf den Fürsten raten könne, dessen Tochter sie sein solle?
diese und ähnliche Fragen beantwortete ich kurz und nach der Wahrheit, so gar
auch diese: warum ich euch so verteidige? ob ich euch liebe? euch mit Hoffnung
liebe? euch kürzlich gesprochen habe? und was dergleichen mehr war. Man entliess
mich endlich und gab mir meine Kleider zurück bis auf das geliebte Kleinod, die
Kette, die erste Gabe aus eurer Hand, das wahrscheinliche Mittel eurer
Erkennung.
    Man bedeutete mich, nicht ohne Erlaubnis aus der Stadt zu weichen, und mich
auf die erste Forderung zu stellen, aber - ich ward nicht vorgefordert. - Nur
dies erfuhr ich auf eine Art, die ich euch nicht begreiflich machen kann, dass in
voriger Nacht nochmahls stilles Gericht über euch gehalten worden, dass der
Oberrichter von seinem Stuhl aufgestanden sei, und eure Unschuld mit dem
gewöhnlichen fürchterlichen Eyde der Unbekannten beschworen habe, und dass darauf
eure förmliche Lossprechung erfolgt sei.
    Diesen Morgen ward ich zu den Grafen von Würtemberg gefordert, er empfing
mich gnädig, entdeckte mir, dass die junge Person, deren ich mich so treulich
angenommen, für seine Tochter erkannt worden sei, und bot mir für das, was ich
hierbei getan hatte, ein Geschenk, welches seiner Grossmut Ehre macht, aber
leider waren die damit verbundene Worte sehr ungrossmütig: dass ich die reizende
Ida Münsterinn geliebt habe, so lauteten sie, dieses sei recht gut und meinem
Stande sehr angemessen, aber man hoffe, ich würde nunmehr aufhören, an eine
Person zu denken, welche das Glück so weit über mich erhoben hätte, und auf die
ich überdem als einer aus dem Hause Unna, ein Anverwandter der Wisbadenschen
Feinde Graf Eberhards, nun und nimmermehr Ansprüche machen könne. Die Antwort,
die ich eurem übermütigen Vater gab, war den Empfindungen meines Herzens,
welche nahe an Wut gränzten, angemessen, wir schieden im Zorne von einander,
sein verächtliches Geschenk ward mir nachgetragen, und ihm wieder
zurückgeschickt. Ich würde in keinem Fall ein Geschenk für Idas Leben angenommen
haben, und in dem gegenwärtigen? - -
    Herrmann war aufgestanden, und mass den Ort, wo sie waren, mit grossen
Schritten. Ida sah wie ergrimmt er war, auch sie fühlte ihr Teil, wo nicht von
Zorn doch von innerer Betrübnis und getraute sich nicht zu sprechen, um ihre
Bewegung nicht zu verraten.
    Ritter, fing sie endlich mit zitternder Stimme an, ihr seid, denke ich, mit
eurer Geschichte fertig, der Tag bricht an, wir müssen scheiden, und noch habt
ihr mir nichts von dem entdeckt, was euch eigentlich zu mir brachte. Ihr wolltet
mich warnen, sagtet ihr, vor einer Gefahr, welche mir bevorsteht, oder - -
    O Ida, rief Herrmann, indem er sich ihr mit dem vollen Ausdruck seiner
Zärtlichkeit näherte, ahndet ihr nicht bereits aus dem, was ich euch gemeldet
habe, Gefahr? Gefahr wenigstens für mich? ewige Trennung von euch? Oder ist euch
das Schicksal desjenigen, den, den ihr - mein Schicksal, will ich sagen, ist es
euch so ganz gleichgültig? - Doch, fuhr er fort, als Ida sich schüchtern von ihm
losmachte, doch ists dieses noch nicht allein, höret was ich heute erfahren
habe, und urteilt was ihr zu tun habt. Als ich von dem Grafen, der euer Vater
ist, und es nicht zu sein verdient, als ich von ihm wegging, so begegnete ich
dem ehrlichen Münster. - Ach er war auch streng gegen mich, aber doch wollte
ich, dass ihr noch seine Tochter wäret! - Ich erzählte ihm den Auftritt, den ich
eben mit dem, welchen ich nicht einmal nennen will, gehabt hatte, wollte ihm
auch das vorhergehende erzählen, aber es schien ihm grösstenteils schon bekannt
zu sein. Er nahm mich mit in seine Wohnung und befriedigte meine begierigen
Nachfragen nach euch, mit der umständlichsten Nachricht von allem was ihm
wissend war. Er hatte euch damahls, als er aus eurem Munde erfuhr, dass das
Kleinod, welches eure Geburt bestätigen sollte, in meinen Händen sei, in der
Absicht so eilig verlassen, mich aufzusuchen und es mir abzufordern. Bald darauf
war ihm dies zu weitläuftig vorgekommen, und er hatte ein anderes Mittel zu
eurer Rettung gewählt. Worinn dieses bestanden hatte, darüber erklärte er sich
nicht deutlich, doch mir ist wahrscheinlich, dass er gesucht habe, in die Zahl
der Beisitzer des heimlichen Gerichts aufgenommen zu werden, weil er einmal von
einem Freunde erfahren hatte, ein solcher könne durch einen Eyd auf die Unschuld
des Beklagten viel zu dessen Rettung beitragen. Münster wusste nicht, dass es kein
leichtes sei, in das fürchterliche Tribunal aufgenommen zu werden, dass hier erst
Prüfungen auszustehen, Proben abzulegen und niedere Grade zu durchlaufen waren,
ehe man dahin kommen konnte einigen Einfluss zu haben, und dass bis dahin lange
Zeit verlaufen müsse, da ihr doch schleunige Rettung bedurftet. Indessen waren
die vorläufigen Schritte einmal getan, er konnte nicht wieder zurück, man
hielt ihn fest, die Hände zu anderweitigen Rettungsmitteln für seine Ida waren
ihm gebunden, und er musste ihr Schicksal der Vorsehung überlassen.
    Binnen dieser für ihn so angstvollen Zeit erschien ich, er wusste meine
Anwesenheit ohne mich sprechen zu dürfen. Ich legte das Bekenntnis von eurer
Geburt ab, von welchem man wusste, dass er bisher für Idas Vater gehalten worden
war, ward darüber in Anspruch genommen, er ward vor dem Grafen von Würtemberg
gefordert, (der allem Vermuten nach der Oberrichter des heimlichen Gerichts in
diesen Gegenden ist, seine Stimme, seine Gestalt sind mir ungeachtet seiner
Vermummung, da ich ihn an dem unbekannten Orte sah, kenntlich geblieben.)
    Münsters Aussage klärte eure Herkunft völlig auf. Der Graf ward von der
Unschuld seiner Tochter so unwidersprechlich überzeugt, dass er sich getraute sie
endlich zu bezeugen. Man beschloss das, was hernachmahls folgte, und ihr waret
gerettet. Diese Dinge erfuhr ich mehr von einem Dritten, den ich nicht nennen
darf, als von dem verschwiegenen Münster, dessen Gespräch mit mir grösstenteils
in Ermahnungen bestand, euch zu verlassen, und in Vorstellungen der
Unmöglichkeit, jemahls in meiner Liebe glücklich zu sein. Ihr wisst, sprach er,
was ich euch oft über diesen Gegenstand sagte, als ihr mich noch für Idas Vater
hieltet, ihr glaubtet mir nicht, und ihr seht nun, dass ich recht hatte. Ob eine
Gräfinn von Würtemberg für euch zu hoch sei, will ich nicht untersuchen; aber
ihr seht, wie ein hartnäckiger Feind eures Hauses Graf Eberhard ist, er wird
euch die Händel bei Wisbaden, so unschuldig ihr an denselben seid, nie
verzeihen, überdieses hat er ganz andre Absichten mit seiner Tochter. - Da er
mit gutem Grunde zweifelt, ob ihm seine Absichten auf den höchsten Stuhl im
Reiche gelingen möchten, so wünscht er wenigstens, sich mit dem künftigen
Besitzer desselben fest zu verbinden. Es wird für wahrscheinlich gehalten, dass
Herzog Friedrich von Braunschweig dereinst Kaiser Wenzels Stelle bekleiden
könne, und dieser ists, den der Graf von Würtemberg zu seinem Schwiegersohne
bestimmt hat. Er hat kürzlich eine Tochter verloren, welcher Herzog Friedrichs
Hand zugedacht war, und er ist erfreut, seine wieder gefundene Ida an die Stelle
ihrer verstorbenen Schwester einschieben zu können; eine Sache, die er, da sie
derselben an Schönheit weit vorgeht, für etwas sehr leichtes hält. Und wolltet
ihr, fuhr Münster in seiner Rede an mich fort, wolltet ihr wohl das Glück
derjenigen, die ihr liebt, zerstören? ihr den Anspruch auf die höchste Krone der
Welt rauben? - Wie ich Münsters Frage beantwortete, gehört nicht hieher, aber
erlaubt mir, Gräfinn, dass ich eine ähnliche an euch ergehen lasse. Wolltet ihr
wohl eure Hand einem Fürsten geben, der euch nicht kennt, euch, wenn er euch
wählt, bloss aus Staatsabsichten wählen wird? der von anderer Liebe eingenommen,
eure Schwester, die man ihm zudachte, verachtete, zurücksetzte? vielleicht durch
Gram zum Tode beförderte? und der, wenn er, durch eure Schönheit geblendet, mehr
für euch fühlt als für sie, doch nicht lang anstehen wird, euch Nebenbuhlerinnen
zu geben, welche - - - Ein heftiges Klopfen an der äussersten Tür von Idas
Zimmer unterbrach hier den Sprechenden. Beide erschracken. Die Gräfinn eilte
hinaus, und, o Entsetzen! ihr Vater war es, der ihr entgegen kam.
    Ha; rief er mit einem sonderbaren Blicke, noch so früh, der Tag ist kaum
angebrochen, und du bist schon völlig gekleidet?
    Mein Vater, ich pflege - pflege früh aufzustehen.
    Du bist auf dem Altan gewesen? Wo sind deine Weiber? Man hat dich sprechen
hören, pflegst du mit dir selbst zu reden?
    Ida war in der äussersten Verlegenheit, sie wusste nicht, was sie sagen
sollte, und hätte ihr Vater nur noch eine einige Frage getan und die
Beantwortung erwartet, er hätte alles erfahren, was er nach der Lage der Sachen
nicht wissen durfte. Aber zum Glück war er zu heftig, das Examen gelassen
fortzusetzen. Er eilte auf den Altan, fand ihn leer, kehrte besänftigt zurück,
und bat die zitternde Ida, welche sich nicht getraute ein Auge aufzuschlagen,
sie möchte sich inskünftige nicht mehr der kalten Morgenluft aussetzen, noch
viel weniger durch ihre sonderbaren Selbstgespräche Anlass zu seltsamen Nachreden
geben. Das frühe Aufstehen, setzte er hinzu, hat dir ein trübes verstörtes
Ansehen gegeben. Du hast mir meinen ganzen Plan vereitelt, ich wollte dich heute
nach Hofe führen, aber ich sehe wohl, ich muss dir noch einen Tag Zeit gönnen
dich zu erholen.
    Hier folgte eine zärtliche Umarmung und die Bitte, sich wieder nieder zu
legen, weil der Tag noch kaum angebrochen sei, und sie Ruhe vonnöten habe.
 
                         Vier und zwanzigstes Kapitel.
                     Wiedervereinigung zweier Freundinnen.
Ida konnte nicht begreifen, wie es zuging, dass sie so gut aus diesem seltsamen
Handel gekommen war. Sie lief auf den Altan, um zu sehen, wo Herrmann
hingekommen sei, alles war leer und ihr blieb nichts übrig als die Mutmassung,
dass er einen Sprung in den Garten gewagt habe, um dem Grafen, dessen Stimme er
gehört haben musste, zu entgehen. Sie schaute hinab, alles war still, doch sah
sie in der Fern eine Schildwach auf und abgehen, welche ihr vor Herrmanns
Entkommen und ihren guten Namen bange machte. Ach, seufzete sie im Zurückkehren,
müssen denn die Grossen sich überall Zeugen ihrer geheimsten Handlungen
hinstellen, damit sie ja nicht unbemerkt, ja nicht ohne Zwang handeln können? -
Ach das ruhige Leben in Münsters Hause, und ach der höfischen Einschränkungen,
die ich, wie es scheint, hier noch besser werde kennen lernen als an Sophiens
Hofe.
    Ida gehorchte gern der Anmahnung ihres Vaters sich zur Ruhe zu legen, sie
bedurfte sie, sie war müde, gedankenvoll, und ward durch beides am Schlafe
gehindert, sie stand auf, um die Aufwartungen ihrer Leute anzunehmen, bekam
diesen Tag niemand zu sehen, der ihr lieb war, selbst den Grafen von Würtemberg
nur auf wenige Augenblicke, hatte Langeweile und durfte keine Vergleichung mit
ihrem jetzigen und ihrem ehemahligen Stande anstellen um nicht unmutig zu
werden. Nur die Vergleichung zwischen der Lebensgefahr, in der sie vor kurzem
schwebte, und ihrer gegenwärtigen Ruhe, den Schimpf und die Verachtung, der sie
ausgesetzt war, und ihrer nunmehr geretteten Unschuld machte ihr Freude, und ihr
Herz floss von Dank gegen Gott und ihre Retter über. Herrmanns Erzählung gab ihr
Stoff zu neuen Betrachtungen, und diese wurden endlich durch das Andenken an die
geliebte Kaiserinn verdrängt, welcher sie morgen sollte vorgestellt werden.
Sophien wieder zu sehen, sie gerettet, gerechtfertigt wieder zu sehen, ihr alles
zu sagen was sie um ihrentwillen gelitten habe, ihre Feinde durch den Glanz
ihrer Unschuld, durch den Glanz ihres hohen Standes zu beschämen, was für
Vorstellungen! Ida hätte kein Mädchen sein, was sage ich! hätte kein menschlich
Herz im Busen tragen müssen, um hier nicht Freude zu fühlen.
    Der erwünschte Tag erschien. Ida ward wie eine Fürstinn geschmückt, sie war
schön, und die Züge des ausgestandenen Kummers, welche auf ihrem Gesicht noch
nicht ganz verwischt waren, dienten nur dazu, ihr Ansehen desto interessanter zu
machen.
    Graf Eberhard hatte der Kaiserinn Nachricht gegeben, wen er ihr heute
vorstellen wollte, und die Fürstinn von Ratibor, ward dazu erwählt, die junge
Gräfinn in dem Staatswagen Sophiens abzuholen und sie von der Ungeduld, mit
welcher sie erwartet würde, zu versichern. - Wer kennt nicht die eiserne Stirn
der gewöhnlichen Hofkreaturen? Die Fürstinn schien nicht verlegen bei dem
Auftrage, den sie an die so sehr von ihr beleidigte Ida ablegen musste. Alles
womit das edle Mädchen sie für die Unverschämteit belohnte, mir welcher sie
ihre eigene Teilnahme an dem unvermuteten Glück der Verstossenen, die sie vor
kurzem nicht kennen wollte, zur Schau legte, war ein mitleidiger Blick, der am
Ende ein wenig ins verachtende fiel.
    Graf Eberhard war nicht so nachsichtig; der Charakter einer Abgesandten der
Kaiserinn, in welchem die Ratibor erschien, machte, dass er sie schonen musste,
aber er sagte ihr genug, um sie an die ganze abscheuliche Rolle zu erinnern,
welche sie in Ansehung Idas gespielt hatte, und die niemand besser als ihm
bekannt war. Seine Reden voll Kraft und Nachdruck zogen die Augen der Damen,
welche nebst ihr gekommen waren, die junge Gräfinn nach Hofe zu führen, mit
jenem triumphirenden Blicke auf sie, der noch am ersten im Stande ist höfische
Schamlosigkeit nieder zu schlagen. Eine jede dieser Damen pries sich glücklich,
Graf Eberhards Tochter nicht geschadet zu haben - eines mehrern konnten sie sich
freilich nicht rühmen - indessen die Fürstinn zum erstenmahl in ihrem Leben
nicht wusste, wo sie die Augen hinwenden sollte, die sonst so geübt in
niederschmetternden Blicken waren.
    Ida wurde am Eingange des Zimmers der Kaiserinn vom Herzog von Bayern
empfangen: er umarmte sie und machte ihr eine verbindliche Entschuldigung, dass
auch er sich in Ansehung ihrer Unschuld habe verblenden lassen. Die Grossen haben
das Vorrecht, oder glauben es zu haben, dass sie immer mit der kleinsten
verbindlichen Rede eine ganze Last von Beleidigungen entsündigen können, und
dabei blieb es auch hier. Ueber dieses hatte auch Ida kaum acht auf das, was er
sagte, denn ihr Herz wallte nach Sophien zu, welche, noch etwas bleich von der
überstandenen Krankheit, im Grunde des Zimmers sass, versuchen wollte
aufzustehen, und ihre Arme nach der Kommenden ausbreitete.
    Ida stürzte sich zu ihren Füssen. Arme liebe Heilige! holde unschuldige
Seele! rief die Kaiserinn und drückte sie an ihren Busen, was hast du um meint 
willen gelitten! wie war dirs möglich es zu überstehen? Fluch über die, welche
meine Schwachheit nützen konnten, meinen Liebling zu verderben.
    Ida netzte die Knie der Monarchinn mit ihren Tränen. Steh auf, edles
Mädchen, rief Sophie, überlass das Knien deinen Beleidigern! O wie leid ist mirs,
dass sie jetzt deinem Stande das leisten müssen, was sie schon deiner Unschuld
schuldig sind! wie leid, dass du nicht mehr die unbekannte Ida Münsterinn bist,
die ich so hoch erheben konnte als ich wollte! Warum tat das Glück das für
dich, was ich so gern dir allein erweisen möchte? -
    Sophien machte die Freude beredt, Ida ward stumm durch dieselbe,
wahrscheinlich fühlte sie noch mehr als die Kaiserinn; so wie sie zu lieben,
vermochten nur wenige Herzen, auch machte das lebhafteste Andenken an ihre
Leiden, und an die glänzende Errettung aus denselben, ihre Gefühle
mannichfaltiger und unaussprechlicher.
    Die Kaiserinn forderte alle ihre Damen auf, die Gräfinn von Würtemberg zu
bewillkommen. Die scheinheilige Ratibor, und ihre Tochter, welcher der Neid auf
dem blassgelben Gesicht sass, machten den Anfang, ihnen folgten die andern mit
etwas weniger gezwungenem Anstand, alle versicherten, der reizenden Ida
wiederführ nicht mehr als sie verdiente, und alle wollten auf den ersten Anblick
etwas Grosses in ihr geahndet haben.
    Sophie, welche ihren Neid und ihre heimlichen Verfolgungen besser kannte,
lächelte verächtlich, und befahl ihnen sich zu entfernen, um mit dem Herzog von
Bayern, Graf Eberhardten und seiner schönen Tochter allein zu sein. -
    Die Geschichte sagt nicht, worinn die Gespräche dieser vier Personen
bestanden, aber dieses meldet sie, dass die Unterhaltung erst denn ihre volle
Anmut erlangte, als Sophie mit Ida allein war. Wer kennt nicht die Ergiessungen
zweier gleichgestimmten Seelen, welche durch Leiden getrennt wurden, und die nun
das Fest der Wiedervereinigung feiern! auch merkte Ida wohl, obgleich Sophie das
Gegenteil versichern wollte, dass ihre erhabene Freundinn sich mit mehr Huld zu
der Gräfinn von Würtemberg als zu der geringen Ida Münsterinn herabliess, und ob
ihr diese Entdeckung kränkend oder erfreulich war, lässt sich schwer entscheiden.
    Ida war von dem Glück, das sie an Sophiens Seite genoss, so eingenommen, dass
sie ihr ganzes Herz vor ihr ausschüttete, ihr keinen ihrer Gedanken verhelte,
selbst ihre Liebe zu Herrmann nicht, selbst nicht seinen nächtlichen Besuch; nur
in Erzählung dessen, was sie von ihm erfuhr, brauchte sie einige Einschränkung,
weil es Dinge betraf, welche nicht durchgängig sie allein angingen, und von
denen sie nicht genau wusste, wie sie von der Monarchinn würden aufgenommen
werden.
    Sophie schwur ihrer Freundinn, ihre Liebe zu Herrmann auf alle Art zu
begünstigen, und es ist zu glauben, dass sie, welche vielleicht auch einst
gewünscht hätte, wählen zu dürfen, und die das Schicksal zur Gemahlinn eines
Wenzels machte, ihr Versprechen so redlich zu halten dachte, dass hierbei für
nichts zu sorgen war, als dass sie sich nur zu Erreichung ihres Entzwecks der
besten Mittel bedienen möchte. -
    Ida vermochte alles über die Kaiserinn! auf ihre Bitte ward auch der alte
Münster nach Hofe gefordert und mit Gnadenbezeugungen überhäuft, eine Sache, die
bei dem dankvollen Herzen seiner ehemahligen Tochter so etwas natürliches war,
dass wir sie kaum erwähnt haben würden, wenn sie uns nicht zu einer Erzählung
führte, die wir unsern Lesern nicht länger schuldig bleiben dürfen.
    Sophie war so neugierig als sie vielleicht sein werden, Idas frühe
Jugendgeschichte und die Art wie sie aus den Armen ihrer Eltern gerissen wurde,
zu erfahren. Münster ward an einem Tage, da er allein mit Ida im Kabinett der
Kaiserinn war, aufgefordert, zu erzählen, und er trug vor, was wir im folgenden
Kapitel finden werden.
 
                         Fünf und zwanzigstes Kapitel.
                             Idas Jugendgeschichte.
O Gräfinn, rief Münster nach einigem Nachdenken, welch eine Aufforderung für
einen Mann, dem eure Gewogenheit und die Gnade seiner Monarchinn so teuer ist,
Fehler zu bekennen, welche ihn um beides bringen könnten, welche euch in so
grosses Elend stürzten, und die - am Ende durch nichts entschuldigt werden
können, als durch verblendete Liebe gegen ein Weib, das so schön wie Eva wohl
einen Adam zur Sünde verleiten konnte. Ida, ihr kennt eure gewesene Mutter, und
könnet aus den Ueberbleibseln ihrer Schönheit schliessen, ob sie in ihrem vier
und zwanzigsten Jahre reizend war. Ich liebte Marien, aber der Unterschied
unseres Standes machte mein Glück fast unmöglich; auch unter den Niedern des
Volks gibt es Misheuraten. Marie war eine Leibeigene und ich einer von den
vornehmsten Dienstleuten des Grafen von Würtemberg. Sie war eine Wittwe; der Tod
ihres Mannes, und ihres neugebohrnen Kindes erregte Mitleiden und machte, dass
man sich der Verlassenen am Hofe des Grafen mit doppelter Gnade annahm, sie kam
in die unmittelbaren Dienste der damahligen Gräfinn von Würtemberg, die Gräfinn
starb, und Marie musste ihre Stelle bei der noch nicht entwöhnten Ida vertreten.
Schon bei Lebzeiten ihrer Gebieterinn war Maria die Freiheit versprochen worden;
der Rang einer Amme in dem gräflichen Hause vermehrte ihre Ansprüche auf diese
Gnade, und die Hoffnungen meiner Liebe.
    Doch das Glück der Geringern ist in den meisten Fällen ein zu kleiner
Gegenstand für die Aufmerksamkeit der Fürsten. Man hätte uns durch ein einiges
Wort beseeligen, uns auf Lebenszeit verbinden können, aber man sprach dieses
Wort nicht. Man entfernte mich weit von dem Orte meiner Wünsche in den Krieg,
und begegnete meiner Geliebten mit einer Härte, welche Hass und Bitterkeit in ihr
Herz säete und ihr vielleicht in der Folge einen Schritt erleichterte, den sie
ohne anderweitige Veranlassungen wohl nicht würde getan haben. Die kleine Ida,
ein reizendes Geschöpf, das von jedermann bewundert und von seiner Amme fast
vergöttert wurde, war noch nicht zwei Jahr, als die verstorbene Gräfinn von
Würtemberg bereits vergessen war, und man darauf sann, eine Person an ihre
Stelle zu setzen, welche nichts für sich hatte, die Wahl des Grafen zu
rechtfertigen, als Schönheit und hohe Geburt.
    Sie dachte unedel genug den Charakter einer Gemahlinn Graf Eberhards und den
einer Mutter seiner Kinder von einander zu trennen, sie liebte den ersten oder
schien ihn zu lieben, und hasste die andern. Marie, welche Mittel gefunden hatte,
mir zuweilen heimlich Botschaft zu tun, liess mir viel von den Verheerungen
sagen, welche die Stiefmutter in dem gräflichen Hause anrichtete: die
unerwachsenen Söhne ihres Gemahls wurden in den Krieg geschickt, ohne das was
man bei der Art, wie das geschah, auf ihren Stand, ihr Vermögen, oder ihr Alter
die geringste Rücksicht nahm, die Töchter wurden an Fürsten verschleudert,
welche nur durch ihren Rang auf die Ehre, Graf Eberhards Schwiegersöhne zu sein,
Anspruch machen konnten, und deren Fehler man übersah, weil sie gefällig in
Ansehung der Aussteuer der jungen Gräfinnen waren. Eine noch unerwachsene
Schwester der kleinen Ida kam durch Verwahrlosung ums Leben, und Marie unterliess
nicht, diesen Fall auf die Rechnung der Gräfinn zu schreiben, so wie sie die
wachsende Kränklichkeit ihres Pflegekinds der jüngsten ihrer Geschwister, nicht
ermangelte geheimen Mitteln schuld zu geben, von welchen sie behauptete, dass sie
gebraucht würden, auch diese aus dem Wege zu räumen; Beschuldigungen, welche
vielleicht zu streng für diejenige waren, welche sie betrafen, und die ich nur
um der geliebten Person willen, welche sich mit diesen Dingen beunruhigte, für
wahr halten konnte.
    Ich ward von Marien aufgefordert, heimlich nach der Residenz des Grafen zu
kommen, und Mittel ersinnen zu helfen, wie die geliebte Ida zu retten, und meine
Verbindung mit meiner Geliebten möglich zu machen sei; welches letztere durch
die Härte der neuen Gräfinn, und Mariens beständig verschobene, endlich gar
gänzlich versagte Freilassung, so sehr erschwert ward.
    Die Botschaft meiner Geliebten lenkte meinen Weg nach Wisbaden, woselbst
sich der Graf mit seinem ganzen Hause damahls aufhielt. Er brauchte nach den
langen, zum Teil für ihn unglücklichen Händeln mit den Reichsstädten, die Ruhe
des stillen Orts, und seine Gemahlinn, welche sich schwanger befand, musste sich
auf Anraten der Aerzte daselbst aufhalten. Ich flog in Mariens Arme, niemand
durfte meine Anwesenheit wissen, weil mich die Befehle meines Herrn eigentlich
an einem andern Orte hätten zurück halten sollen, allein die Nacht begünstigte
unsere Zusammenkünfte, bei welchen wir keine andere Zeugen hatten, als die
kleine Ida, um welche man sich, seit die Gräfinn schwanger war, noch weniger als
sonst bekümmerte, die man mit ihrer Wärterinn in einem elenden abgesonderten
Zimmer fast wie gefangen hielt, und es beiden oft an dem nötigsten fehlen liess.
    Die zweifelhaften Aussichten für unsere Liebe waren bei weitem nicht der
einige Gegenstand der Unterhaltung bei unsern geheimen Beratschlagungen. Idas
Schicksal ging Marien weit mehr zu Herzen als ihr eignes. Hoffe nur nicht, sagte
sie zu mir, dass ich je daran denken werde, einen von deinen Anschlägen zu
unserer Verbindung zu begünstigen, so lang ich wegen dieses Kindes nicht ausser
Sorgen sein kann, du musst uns beide retten oder auch auf mich Verzicht tun. -
Süsse leidende Unschuld! setzte sie hinzu, indem sie die kleine Ida, welche auf
ihrem Schoss eingeschlafen war, an ihre Brust drückte, dich verlassen? dich in
den Händen dieser Stiefmutter verlassen? dass dieses ohnedem hinwelkende Leben
vollends ganz verblühte? die geknickte Blume völlig gebrochen würde? - sieh nur,
Trauter, kennst du wohl in dieser bleichen zärtlichen Gestalt die ehemahls so
blühende Ida? und gleichwohl geniesst sie nichts als was ich ihr selbst bereite;
ich muss besorgen, die Luft, die wir hier atmen, ist vergiftet, und der
Basiliskenblick der bösen Gräfinn kann das Leben dieses Kindes zerstören, denn
mehr als das Anschauen der holden Kleinen würde ich ihr nie gönnen; wenn sie sie
auch so sehr suchte als sie sie jetzt von sich stösst.
    Liebe und Argwohn machten Marien geschwätzig, sie wusste jeden Tag neue
Proben von der Grausamkeit der Stiefmutter anzuführen, und behauptete, wenn die
Gräfinn erst selbst Mutter würde, denn müsste alles noch schlimmer gehen, der
Graf würde sich noch weniger als jetzt um seine Ida bekümmern, und diese würde
ihren künftigen Geschwistern ganz aufgeopfert werden.
    Es war nicht schwer Mariens Wünsche zu erraten, ich sollte durch einen
kühnen Streich ihr ihre Freiheit, mir ihre Hand, und der kleinen Gräfinn Rettung
aus den Gefahren, die sie umgaben, schaffen; eine Forderung, welche bei mir, was
das letzte betraf, immer viel Widerspruch fand. Ich liebte die holdseelige Ida,
aber ich konnte mich nicht bereden ihre Lage für so gefährlich anzusehen, dass
sie zu Verbesserung derselben ihrem Vater entrissen und der Rechte ihrer Geburt
beraubt werden dürfte. Ich rechnete viel von Mariens Besorgnissen auf die
übergrosse Zärtlichkeit, die sie für ihr Pflegekind, und den eben so
übertriebenen Hass, den sie für diejenige fühlte, welche sich in den Platz ihrer
angebeteten Gebieterinn, der verstorbenen Gräfinn von Würtemberg gedrängt hatte.
Ich hofte, dem Kinde könne auf leichtere Art geholfen werden, und blieb fest bei
dem Vorsatze, nie mich zu einem Raube zu verstehen, den ich für den
sträflichsten von allen hielt.
    Indessen ereignete sich eine Begebenheit, welche mich überwand und Mariens
Anschläge zur Würklichkeit brachte, ohne dass es nötig war die geringsten
Anstalten dazu zu machen. Was soll ich sagen? Liebe und Mitleid besiegten, der
Anschein einer besondern göttlichen Fügung verblendete mich, Marie war klug
genug meine Schwäche zu nützen, und der Schritt ward getan, welcher mir in der
Folge so viel Sorge, Reue und Gewissensbisse, und diesem unglücklichen Kinde so
viel Leiden machte, der Schritt, dessen böse Folgen jetzt erst, wie ich hoffe,
gänzlich gehoben sind.
    Ich hatte meine Wohnung, um desto verborgener zu bleiben, eine reichliche
Stunde von dem Schloss, auf welchem Graf Eberhard zu Wisbaden residirte. Ich
machte mich täglich bei eintretender Nacht auf, Marien zu besuchen, und kehrte
nach dem Gespräch von einigen Stunden, den seeligsten meines Lebens, zurück, um
nicht von dem anbrechenden Tage verraten zu werden. Mein Weg trug mich allemahl
durch ein dichtes Gehölz, welches von den Leuten dieser Gegend für die Wohnung
böser Geister gehalten wurde, und das ich also ohne die Kraft der allmächtigen
Liebe nie würde haben ohne Schauer betreten können, vornehmlich da mir in
demselben sehr oft Dinge begegneten, welche ich mir nicht recht zu erklären
wusste.
    Gott weis, sagte ich oft zu Marien, was ihr in eurem Walde habt. Dieses bei
Tage so öde Gehölz ist zur Nachtzeit durchaus belebt, Stimmen lassen sich hören,
Gestalten schleichen auf und ab, und kommen oft so nahe, dass sie mich zu
berühren scheinen; aber, Gott sei Dank, sie tun dem friedlichen Wanderer kein
Leid, auch lasse ich sie gehen, mache mein Kreuz, und scheine sie nicht zu
bemerken.
    Eines Abends, da ich Marien, wegen einer Krankheit ihres Pflegekinds, die
ihr keine Achtsamkeit für mich überliess, zeitiger als sonst verlassen hatte,
begegnete mir etwas, das meine Zweifel in Ansehung des unheimlichen Waldes
gänzlich aus dem Wege räumte, und das Signal zu einer Handlung gab, die
ausserdem wohl nie würklich geworden sein möchte.
    Es war eine von jenen finstern Nächten des Herbsts, in welchen kein Mond,
kein Sternenlicht durch die nebliche Luft zu dringen vermag. Ein feuchter Duft
ruhte auf der ganzen Gegend, man ging wie in einer Wolke, und sah nichts als
zuweilen einen hüpfenden schnell auffahrenden Funken, der vielleicht von
Irrlichtern, vielleicht von noch etwas schlimmern herrühren mochte.
    Ich tappte auf dem so oft getanen Wege wie ein Unwissender, stiess wider die
Bäume an, glitt auf dem morastigen Boden aus, rafte mich auf, tappte von neuem,
und verlor den Pfad endlich so gänzlich, das ich, aus Furcht immer tiefer in das
Gehölz, vielleicht an gefährliche Örter zu geraten, die man mir in der
Herberge genannt hatte, mich entschloss den Morgen abzuwarten, und die Nacht auf
dem feuchten Boden zuzubringen, den ich so gut ich konnte mit dem abgefallnen
Laube bedeckte, das ich in der Dunkelheit zusammen zu raffen vermochte.
    Ich hatte noch keine Stunde auf diese Art geruhet, als ich das Geräuch
hörte, welches mir in diesem Walde so oft kalten Schauer gemacht hatte, und das
dem entfernten Schritt gewapneter Leute glich. Es kam näher, zerteilte sich,
ward still, und erhob sich von neuem. Mich dünkte, ich hörte jetzt einen
doppelten Fusstritt, und die Stimme zweier dieser Wesen, die ich bis hieher für
Geister gehalten hatte. Dicht an dem Strauch, hinter welchem ich lag, hielten
sie, und ich vernahm zum erstenmahl! dass diese Stimmen, die mir der Wiederschall
des Waldes bisher nur immer wie ein holes unartikulirtes Lallen zum Ohre geführt
hatte, würkliche Worte zu bilden vermochten: eine Entdeckung, welche mir grosse
Zweifel in Ansehung desjenigen beibrachte, was ich bisher von ihnen geglaubt
hatte. Immer dachte ich, und ich denke es auch noch, jene stillen Bewohner einer
andern Welt müssen andere Mittel haben, einander ihre Gedanken mitzuteilen als
menschliche Worte.
    Mein Mut fing an zu wachsen! ich strengte mein Gehör an um durch dasselbe
den Mangel des Sehens zu ersetzen, welches die undurchdringliche Nacht mir
gänzlich verwehrte. - Ich ward bald völlig überzeugt, dass diese Schreckbilder,
welche mich bisher so oft geängstigt hatten, Menschen waren wie ich, die sich
über die Unbequemlichkeit der Witterung beschwerten, auf die schmähten, welche
ihnen zu befehlen hatten, und den Tag herbei wünschten. Schon war ich im Begriff
mich ihnen kund zu geben, und durch gemeinschaftliches Gespräch und vielleicht
gegenseitige Hülfe die lange Nacht zu vertreiben, und uns unsere Lage zu
erleichtern, aber einige Worte, die ich hörte, machten mich neugierig vorher zu
wissen mit wem ich zu tun habe, und ich zog mich dichter zusammen um desto
bequemer zu lauschen.
    Was war das? rief einer von ihnen, es rauschte im Gesträuch! Ist der Mann
aus dem Walde schon vorüber? - Einmahl: sagte der andere. Das zweitemahl
erscheint es gemeiniglich wenn die Nacht sich vom Tage scheidet. Es tut keinem
Menschen leid, fürchte dich nicht, und wenn es jetzt vorbeistriche.
    Ich halte, sprach der andere, es ist Hans Herdsmann, der wie das Landvolk
spricht, in dieser Gegend erschlagen ward, ich gehe ihm allemahl aus dem Wege,
wenn ich ihn ziehen sehe, und bete vor seine arme Seele. Gott tröste ihn, sprach
der erste, sein Gewand ist weiss, das Blut, das man ihm aus dem Leibe zapfte,
klebt nur an seinem Saume, er mag wohl unschuldig gewesen sein.
    Diese und noch einige Worte der Art machten mir es wahrscheinlich, dass meine
Nachbaren von mir sprachen; mein weisser Reutermantel mit den roten Säumen ward
gar zu natürlich bezeichnet, und es nötigte mir ein heimliches Lachen ab, dass
ich hier die Rolle eines Gespenstes bei denen gespielt hatte, welche ich selbst,
nicht ohne Schauer, für Geister zu halten gewohnt war.
    Mich dünkte, ich hörte etwas, fing der eine an, wie wenn einer in die Faust
lacht; es neckt uns hier, wir wollen weiter gehen! - Nicht von der Stelle, rief
der andre, du weisst, dass wir die Herrn hier erwarten müssen. - Sind sie wieder
auf Wisbaden zugeritten? - Ja, mich wundert nur noch was aus diesen Dingen
werden wird -
    Bald darauf hörte ich das Geräusch einiger Kommenden. Meine bisherigen
Nachbarn mussten abtreten, nachdem sie ihren Herrn unter den Bäumen ein Lager von
ihren Mänteln gemacht hatten. Meine neuen Gesellschafter waren allein, und ich
hatte Gelegenheit ein Gespräch zu hören, welches interessanter war, als das
vorige, und das endlich meine Aufmerksamkeit so ganz hinriss, dass wenig fehlte,
ich hätte mich verraten. Was ich vernahm, war nichts geringers als ein Anschlag
auf den Grafen von Würtemberg, den sie in seiner Sicherheit zu Wisbaden zu
überrumpeln dachten. Der eine von meinen Nachbarn, der das Haupt einer nicht
kleinen Anzahl von räuberischen Rittern zu sein schien, wie ich aus seinen Reden
abnehmen konnte, bekannte seinem Gefährten offenherzig, dass er nicht so wie
seine Leute auf die ansehnliche Beute dächte, welche ihnen bei dem reichen
Grafen nicht entgehen könne, sondern mehr auf Graf Eberhards schöne Gemahlin,
welche ihn ehemahls geliebt habe, seiner müde geworden sei, und bald darauf sich
in die Arme des Grafen von Würtemberg geworfen habe.
    Ich ward in meinem Gebüsche immer aufmerksamer, denn jetzt hörte ich die
Anzahl der Feinde Graf Eberhards, jetzt ihre Nahmen nennen, unter welchen sich
auch zwei Herrn von Unna, unsers Herrmanns Vater und Bruder befanden. Der Morgen
fing an heranzudämmern; es erschienen mehrere Geharnischte: man ging zu Rate;
die beiden ersten Ritter sagten aus, was sie zu Wisbaden erkundschaftet hatten;
der Tag des Ueberfalls ward bestimmt, und, o stellt euch mein Entsetzen vor, es
war der, welcher eben jetzt angebrochen war; mein Anschlag, den Grafen zu
warnen, den ich währenden Hören fasste, musste augenblicklich ausgeführt werden,
wenn ich dem Unglück das ihm drohte, zuvorkommen, und ihm Zeit gewinnen wollte,
auf seine Rettung zu denken.
    Ohne mich lang zu besinnen erhob ich mich leise aus meinem Hinterhalt. Ich
wollte die Meinung nützen, welche die Knechte von mir hatten, und wovon ich auch
in dem Gespräch der Ritter einige Spuren entdeckt hatte. Ich kehrte meinen
Mantel um, damit die ganz rot gefärbte innere Seite meine Erscheinung desto
schrecklicher machte. Ich ging langsam einen Pfad, welcher dicht bei ihnen
vorbei führte; ich merkte, dass man mich ungeachtet der Dämmerung gewahr ward,
und dass mein Anblick ein allgemeines Entsetzen verbreitete. Alle schwiegen wie
vom Donner der Sprache beraubt, und ich war schon ziemlich entfernt, als ich
erst die Worte vernahm: Schon fast Tag, und noch diese Erscheinung? so nahe bei
uns? Sein Gewand blutrot? Das bedeutet nichts guts, der Tag wird blutig werden!
    Sobald ich ihnen aus den Augen war, verdoppelte ich meine Schritte, und kam
fast ausser Atem zu Wisbaden an. Ich verlangte mit dem Grafen zu sprechen; man
sah mich mit Verwunderung an und brachte meinem Herrn geschwind die Botschaft:
Münster, den man in Italien geglaubt habe, sei angelangt, und habe ihm wichtige
Dinge vorzutragen.
    Graf Eberhard empfing mich, ungeachtet ich unzurückgefordert erschien,
gnädig; meine bekannte Treue machte ihm mutmassen, dass ich nicht ohne Ursach
meinen Posten verlassen haben würde. Ohne mich mit den Bewegungsgründen meiner
Ankunft in diesen Gegenden aufzuhalten, entdeckte ich gleich, was ich diese
Nacht im Walde gehört, den Anschlag der Martinsritter, (diesen Namen hatten sie
sich gegeben, weil sie ihrer Sache am Martinsabend waren einig geworden) und die
Zeit des Ueberfalls.
    Unvorsichtiger Weise erwähnte ich auch das, was der verstossene Liebhaber der
Gräfinn von Würtemberg von dieser seiner ehemahligen Geliebten gesagt hatte, und
verderbte damit den ganzen Handel. Die Gräfinn war gegenwärtig; sie schrie über
Beschimpfung, gab mein ganzes Anbringen für Fabel aus, die zu Erreichung irgend
eines boshaften Entzwecks erdichtet sei, sprach, meine heimliche Anwesenheit sei
ihr nicht ganz unbekannt, einige des Gesindes hätten mich schon seit etlichen
Tagen in diesen Gegenden gesehen und was der Anklagen weiter waren, welche Graf
Eberhardten gegen alles, was ich ihm vorstellte, verblendeten, und mich ins
Gefängnis brachten.
    Man stelle sich meine Angst vor! - Nicht allein in bösem Verdacht bei meinem
lieben Herrn, ins Gefängnis geraten zu sein, sondern auch meine guten Absichten
vernichtet, ihn, und die ich so sehr liebte, meine Marie und das Kind, das ihr
alles war, der grössten Gefahr unvorbereitet überlassen zu sehen.
    Die Zeit des Ueberfalls erschien; mein Herz schlug stärker. Einigen Trost
gab es mir doch, dass ich auf dem Schlosshofe Geräusch von Wagen und Pferden, und
Geschrei der hinweg eilenden vernahm, es schien doch, dass man meine Worte nicht
gänzlich in den Wind geschlagen habe, war doch möglich, dass die, welche ich
liebte, gerettet wurden.
    Die Todtenstille, welche hierauf folgte, bestärkte mich in meiner Meinung,
und ich hörte es mit ziemlicher Ruhe, als ich um die Abendzeit wildes
Waffengetös und alle Anzeichen vernahm, dass die Martinsritter ihrem Vorsatz
getreu geblieben waren, und sich eingestellt hatten. Was sie fanden, was sie
ausrichteten, war mir unmöglich zu erraten, ich hörte bloss Geschrei der
Obsiegenden und Unterliegenden, und o Himmel, endlich ward mir fast alle
Besonnenheit benommen, als ich Worte vernahm, die mir wahrscheinlich machten,
man wollte, um die vorgehabte Freveltat zu bekrönen, das Schloss beim Abschiede
den Flammen übergeben; eine Drohung, die mir das Blut in den Adern zu Eis machte
und welche bald darauf durch alle meine Sinne bestätigt ward. Der Rauch drängte
sich durch die kleine vergitterte Oefnung im Gewölbe meines Kerkers herein, mein
düstrer Aufentalt ward durch Feuerstrahlen erhellt, ich war gefangen, musste
hier ohne Hülfe verderben, wenn nicht ein Wunder zu meiner Rettung geschah.
    Ich hielt mich nicht für heilig genug ein solches vom Himmel zu erwarten,
und bediente mich in Ermanglung dessen meiner starken Schultern, welche ich
wider die Tür meines Kerkers setzte, und mir dadurch, indem ich sie
zersprengte, Luft machte; ein Entschluss, den ich eher hätte fassen können, ohne
erst das Äusserste abzuwarten.
    Ich kam aus dem unterirdischen Gange, in welchen die Tür meines Kerkers
führte, endlich in einen der Schlosshöfe hinauf. Der eine Flügel des Gebäudes
stand in vollen Flammen; unwillkührlich wandten sich meine Augen nach dem
andern, in welchen Mariens Kammer lag, und der bis jetzt nur noch erst an
einigen Stellen glimmte und rauchte. Wohl mir, sagte ich zu mir selbst, dass sie
geborgen ist, ohne Zweifel war sie mit unter denen, welche dem Verderben noch zu
rechter Zeit entkamen. Aber ist sie auch geborgen? flüsterte mir der Engel der
Liebe zu, und ohne mich weiter zu besinnen, flog ich nach dem Orte, den ich nie
mit dem Wunsche betreten hatte wie jetzt, Marien nicht daselbst zu finden.
    Alles war öde und stille, jedermann schien geflohen zu sein. Der Rauch und
die Hitze waren fast unausstehlich. Marie wird nicht allein zurückgeblieben
sein, rief in mir die Selbstliebe und der Abscheu vor der Gefahr, die mir hier
auf jedem Schritte drohte, aber die Liebe sprach lauter; ich musste mich
unwidersprechlich überzeugen, und eilte die hundert Treppen hinauf, die man bis
zu Mariens armseligen Kämmerlein zu steigen hatte. - Nahe am Ende meines
mühseligen Weges machte mich das Winseln eines Kindes aufmerksam. Ich
verdoppelte meine Schritte. Ich vernahm die Stimme der kleinen Ida deutlicher.
Jetzt stand ich an ihrer Tür, die, o Entsetzen, mit einem grossen eisernen
Riegel von aussen versperrt war, ich brach hinein, Marie lag ohnmächtig auf dem
Boden, das Fenster war geöfnet, aus welchem sie vermutlich hatte entfliehen
wollen, aber von der Höhe des Sprungs zurück geschreckt worden war, die kleine
Ida lag schreiend auf der Erde und schien ihre Amme erwecken zu wollen. Welch
ein Anblick! - Doch ich hielt mich nicht mit langen Betrachtungen auf. Marie
ward ziemlich ungestüm vom Boden aufgerissen und auf meine Schultern geladen,
die kleine Gräfinn schloss ich in meine Arme, und so kam ich, ich weis noch
selbst nicht wie, in den Hof hinab, wo ich meine Bürde von mir legte um zu Atem
zu kommen. Ein Engel musste mich auf seinen Fittigen getragen haben, sonst wärs
fast unmöglich gewesen, bei der erstickenden Luft, bei dem immer gefährlicher
werdenden Wege das zu vollbringen, was ich getan hatte.
    Marie kam zu sich selbst. Wir nützten den ersten Augenblick, da sie zu gehen
vermochte, unsere Flucht weiter fortzusetzen, denn so weitläuftig auch der
Schlosshof war, so fanden wir doch auch hier keine Sicherheit mehr. Wir entkamen
in das Gehölz, den bisherigen Aufentalt der treulosen Mordbrenner, und hier
erst war es, da wir es wagten zu ruhen und uns vor Feuer und Feindesschwerd
sicher hielten.
    Ich fragte Marien, wie es möglich sei, dass man sie und die kleine Gräfinn
allein in dem verlassenen Schloss habe zurücklassen können. Ich merkte aus
ihren Antworten, dass sie von allem was vorgegangen war nichts gewusst hatte, bis
die Feuersbrunst sie vor ihr Leben besorgt gemacht, sie vergebens um Hülfe
gerufen, vergebens die Tür zu öfnen, vergebens hinab zu springen gesucht hatte
und endlich aus Entsetzen ohnmächtig nieder gesunken war.
    Die wahre Beschaffenheit der Sache war, wie ich lang nachher erfuhr, diese.
- Graf Eberhard von seinem Weibe, Gott weis aus welcher Absicht, getäuscht,
glaubte meinen Warnungsworten nicht eher, bis schon, nachdem ich etliche Stunden
im Gefängnis gelegen hatte, meine Aussage durch einen Hirten dieser Gegend
bestätigt ward. Dieser Mann hatte so wie ich, etwas von dem Anschlage der
Martinsritter belauscht, und eilte den Grafen zu warnen. Graf Eberhard eilte,
das, was ihm am liebsten war, seine Familie in Sicherbeit zu bringen, indessen
er zurückbleiben, seine Leute sammeln, und den Feind erwarten wollte. Der Hirt
machte sich anheischig die Fliehenden durch einen geheimen Bergweg zu retten.
Der Graf letzte sich mit seiner Gemahlinn, befahl ihr, nichts im Schloss zu
lassen, was gerettet zu werden verdiente, und bezog seinen Posten. Die Gräfinn
hatte den Befehl ihres Herrn befolgt, nichts war im Schloss geblieben, was sie
der Rettung würdig schätzte; dass hierunter die Amme und Ida sich nicht befand,
dass sie wissentlich oder aus Versehen vergessen ward, ist bei den Gesinnungen
ihrer grausamen Stiefmutter so sehr nicht zu verwundern.
    Indessen wusste Marie von allen diesen Dingen nichts. Sie bemerkte wohl
einigen Auflauf in dem Hofe, in welchen ihre Fenster gingen, sah, dass man
Anstalten zu einer Reise machte, aber sie ahndete, es würde eine von den
gewöhnlichen Reisen zu den benachbarten Edeln sein, während welchen sie mit
ihrem Pflegkinde immer das glücklichste Leben zu führen pflegte, und denen sie
immer mit Freuden entgegen sah. Die Höhe ihrer Wohnung verhinderte sie, zu
verstehen, was in der Tiefe gesprochen wurde, so wie auch der abgelegene Hof, in
welchen ihre Fenster gingen, sie zu sehr von der Hauptseite des Schlosses
entfernte, als dass sie den Anfall der Feinde anders als in der Ferne hatte
vernehmen können.
    Doch machte sie das, was sie davon hörte, neugierig genug, um sie zu
bewegen, den verbotenen Weg aus dem kleinen Revier, das sie bewohnte, versuchen
zu wollen, sie fand es ohne sonderliche Befremdung verschlossen; dergleichen
pflegte, wenn der Gräfinn die Laune kam, oft zu geschehen, und sie hofte, die
Oefnung der Tür und die Erklärung dessen, was sie wissen wollte, von der Magd,
welche gewöhnlich das Abendessen zu bringen pflegte. Sie erschien nicht, es ward
spät. Marie und die kleine Ida, schon gewohnt, zuweilen ungespeist zu Bette zu
gehen, entschliefen, und wurden endlich durch das Getös des Feuers erweckt Sie
suchte vergebens zu fliehen. - Furcht und Entsetzen benahmen ihr die Sinne, und
sie sah sich jetzt gerettet, durch mich gerettet, ohne weder Gefahr noch Rettung
ganz begreifen zu können. - Auf die Erklärungen, die wir uns hierüber machten,
folgten Entschliessungen für die Zukunft; die Meinigen waren von Mariens ganz
verschieden. Ich sann darauf, die kleine Ida wieder in ihres Vaters Hände zu
liefern, indessen sie von dem letzten bösen Streiche, den man diesem
unglücklichen Kinde gespielt hatte, bis zur Wut erbittert, mir zuschwur, nie
mir wieder einen Blick zu gönnen, wenn ich meine Absicht ausführte. Ob Marie
Ursach hiezu hatte, ob es wahr war, dass die kleine Gräfinn wieder in die Hände
der Stiefmutter zu bringen und sie zu ermorden, einerlei sei, das gebe ich
meinen erhabenen Zuhörerinnen zu bedenken; mir wollte es nicht ganz einleuchten.
Ich hoffte auf Graf Eberhards Liebe für seine Tochter, und auf seinen Schutz,
wenn man ihm die Augen über die bösen Gesinnungen seiner Gemahlinn öfnete? aber
Liebe und Unmöglichkeit setzen sich der Ausführung dessen, was ich für recht
hielt, entgegen. Ungern wollte ich Mariens Liebe verlieren, und unmöglich war es
jetzt zu Graf Eberhardten zu kommen und ihm sein verlornes Kind wiederzugeben.
Die Martinsritter machten die Wege noch immer unsicher. Der Hass der Reichsstädte
machte, dass der Graf von Würtemberg lang keine bleibende Stätte hatte. Mit Mühe
wusste er seine Gemahlinn aus den Händen der Räuber retten, in welche sie aller
Vorsicht ungeachtet doch gefallen war Sie fanden endlich Zuflucht bei dem
Bischoff von Strasburg, aber dieser war ein Verwandter der Gräfinn von
Würtemberg, und wir mochten ihm unsere Ida nicht vertrauen.
    Wir hatten indessen bereits Ruhe und Glück gefunden. Ein Auffentalt von
etlichen Tagen in dem Walde, den man in dieser Gegend für eine Wohnung der
Geister hielt, hatte uns zu Besitzern eines kleinen Schatzes gemacht, der die
Quelle unserer nachmahligen Reichtümer ward. Ich wollte mir und den Meinigen
gleich am ersten Tage unserer Ankunft im Walde eine Art von Obdach wider den
Regen, der unaufhörlich herabtroff, erbauen, ich grub in die Erde um einige
Pfähle einzurammeln, ich stiess auf ein kleines eisernes Behältnis, das mit Geld
angefüllt war, und das, wie wir aus einem dabei gelegten Stück Pergament sahen,
jenem Hans Herdsmann gehört haben mochte, den man in dieser Gegend für einen
Räuber hielt, und als einen solchen vor mehr als zwanzig Jahren in diesem Walde
überfallen und erschlagen hatte.
    Ich erinnerte mich dieser letzten Umstände aus dem Gespräch der beiden
Reuterknechte der Martinsritter, die ich des vorigen Abends hier belauscht
hatte, und hielt es nicht für Unrecht der Erbe desjenigen zu sein, dessen Person
ich in den Augen der furchtsamen Krieger eine Zeit lang gespielt hatte.
    Unser gefundenes Geld machte, dass es uns, nachdem wir den Wald verlassen
konnten, nicht an Zuflucht fehlte. Wir wandten uns nach Nürnberg, wurden als
entflohne Untertanen des Grafen von Würtemberg, wofür uns Mariens
Geschwätzigkeit bald bekannt machte, wohl aufgenommen, und durch Gefälligkeiten
und Versprechungen fest gehalten. Ich heiratete meine Geliebte, und musste ihr,
ehe ich ihre Einwilligung erhielt zuschwören, in den nächsten zehn Jahren nicht
an Idas Auslieferung zu denken, sondern sie, bis sich die Zeiten für dieses
unglückliche Kind besserten, als meine Tochter anzusehen.
    Wir richteten unser Hauswesen ein, ich fing an zu arbeiten, ich lieferte
Stücke, welche Verwunderung erregten, und meinen Ruf weit ausbreiteten. Ich
arbeitete für Kirchen und Klöster, ward endlich nach Prag berufen, wo die
Erbauung der Domkirche mich so lange in Arbeit erhielt, bis ich die Stadt
gewohnt zu werden, sie lieb zu gewinnen begann und daselbst zu bleiben beschloss.
Unsere Ida war indessen herangewachsen, ihre Schönheit und die Erziehung, die
wir ihr in Rücksicht auf ihren Stand gegeben hatten, zeichneten sie aus; wir
mussten sie eingezogen halten, wenn wir kein Aufsehen erregen wollten. Der
Vorwitz meines Weibes machte, dass die Regel, die ich ihr in Ansehung der jungen
Gräfinn vorgeschrieben hatte, ein einig mahl überschritten wurde; Ida kam bei
eurer Vermählung, gnädige Frau, zum Vorschein, und diese einige Erscheinung ward
der Grund alles ihres nachmahligen Unglücks.
    Meines höchsten Glückes! rief Ida, indem sie Sophiens Hand zärtlich an ihre
Lippen zog.
    Marie, fuhr Münster fort, hatte ihre eigene Absichten; sie machte sich
Vorwürfe, die geliebte Gräfinn um die Vorrechte ihres Standes gebracht zu haben,
aber nie wollte sie einwilligen, dass ich sie wieder in das Haus ihres Vaters
brächte, sie wollte sie empor heben ohne seine Hülfe, sie hasste ihn viel zu
sehr, konnte ihm seine blinde Liebe gegen Idas Stiefmutter und die Nachlässigkeit
gegen sein Kind viel zu wenig verzeihen, als dass sie ihm gönnen sollte Anteil
an dem künftigen Glück ihrer Pflegetochter zu haben. Sie hofte auf die Gnade der
Kaiserinn, hofte auf den jungen Herrmann von Unna, von welchem sie bald merkte,
dass er Ida liebte, und den sie um so viel mehr begünstigte, weil sie wusste, dass
sein Haus dem Grafen von Würtemberg zuwider war. Sie machte tausend Entwürfe,
tat tausend falsche Schritte hinter meinem Rücken, bis sie endlich das
Schicksal derjenigen, die sie liebte, so sehr verwickelte, dass die, welche sie
glücklich zu machen suchte, beinahe das Opfer ihrer verunglückten Plane geworden
wär, wenn nicht ich endlich noch mit meinem Anschlage durchgedrungen hätte. -
Ich offenbarte Idas Herkunft ihrem Vater, es war leicht ihm die Augen ihretwegen
zu öfnen, Idas Gesicht und andere Merkmahle waren zu kenntlich um von ihm
verworfen zu werden, überdieses ist die böse Stiefmutter seit länger als einem
Jahre gestorben, der Tod ihrer einigen Tochter, der verschmähten Braut des
Herzogs von Braunschweig, zog den ihrigen nach sich, und Graf Eberhards Herz war
jetzt leer und frei genug, um diejenige aufzunehmen, die er ehemals
vernachlässigte, sie auf Vorspiegelung seines Weibes bisher bald für verloren,
bald für Tod hielt und - und welcher er nun verspricht ihr alles zu ersetzen,
was sie ehedem durch seine Schuld litte.
    Münster stockte beim Ende seiner Erzählung, Ida seufzte, und Sophie
versprach, ihre Mutter und Versorgerinn zu sein, wenn der Graf es an treuer
Erfüllung seines Versprechens sollte ermangeln lassen. Das vornehmste, setzte
sie hinzu, was wir jetzt zu tun haben, wird sein, dass wir dich, liebe Ida, so
bald als möglich zur Gemahlinn deines Herrmanns machen. O mein Kind, das Leben
ist kurz, man kann nicht zu zeitig anfangen glücklich zu sein! Die Väter sind
zuweilen wunderlich, denken eine Tochter überherrlich zu beglücken, wenn sie sie
mit irgend einem grossen Herrn verbinden, dem es an Liebe, Tugend und Anmut
gebricht, der nichts vor sich hat als seinen Rang, ach Ida! ich weis Exempel!
    Die Kaiserinn seufzte tief bei diesen Worten, und Ida verstand sie
vollkommen. Sie dankte ihr für den Eifer, mit welchem sie sich ihrer anzunehmen
dachte, und setzte sehr weislich die Bitte hinzu, nichts zu übertreiben, sondern
es der Zeit zu überlassen, Dinge möglich zu machen, an welche jetzt schwerlich
zu denken sein würde; eine Vorstellung, welche bei Sophien sehr nötig war, und
die doch gänzlich von ihr in den Wind geschlagen wurde.
 
                         Sechs und zwanzigstes Kapitel.
                         Schaden durch übergrosse Gnade.
Ida musste sich auf Befehl der Kaiserinn entfernen. Münster, den sie gern auf
jede Art auszeichnete, es gern vor aller Welt sehen liess, dass sie noch immer
kindliche Gesinnungen gegen ihn hege, sich nicht schäme einst seine Tochter
geheissen zu haben, begleitete sie nach Hause, und sie brachte daselbst einige
der seligsten Stunden ihres Lebens in seiner Gesellschaft zu. Seine Erzählung
hatte die heissesten Gefühle der Dankbarkeit in ihrem Herzen rege gemacht, die
mancherlei Gefahren, aus denen er sie rettete, die mehr als väterliche
Zärtlichkeit, mit welcher er sich ihrer annahm als sie ganz verlassen war, die
Aufopferung, mit welcher er immer ihr Wohl dem seinigen vorzog, was für Stoff zu
Herzensergiessungen, die sie auf seine Bitte nie öffentlich wagen, allezeit für
die Einsamkeit versparen musste!
    Einige Stunden entflohen ihnen auf diese Art, ohne dass sie es gewahr wurden,
und eine ähnliche Zeit würde kaum hinlänglich gewesen sein, das was sie noch vor
sich hatten zu enden, denn eben entdeckte Ida ihrem ehemaligen Vater den Wunsch,
diejenige, welche sie so lange Mutter genannt hatte, der sie ebenfalls
tausendfachen Dank schuldig war, immer um sich zu haben, und die Hoffnung, die
Erfüllung desselben leicht beim Grafen von Würtemberg zu erhalten.
    Münster schüttelte den Kopf, er schien die Ehre, welche man seiner Marie
zudachte, weder zu wünschen noch zu hoffen, er wollte den Grund seiner Zweifel
eben entdecken, als Idas Frauen die Ankunft des Grafen meldeten. Die beiden
Sprechenden erhuben sich dem Kommenden in tiefer Ehrfurcht entgegen zu gehen.
Der Graf trat ungestüm ein, ein Ungewitter schwebte auf seiner Stirne, er
beantwortete Idas Liebkosungen mit Kälte, und befahl ihrem ehrwürdigen Freunde
mit einem Winke sich zu entfernen.
    Ich wundere mich, rief er nach einem langen unruhig Auf- und Abgehen, ich
wundre mich, wie du in deiner jetzigen Lage vergangne Zeiten noch so gar nicht
vergessen kannst; du bist die Tochter des Grafen von Würtemberg, nicht dieses
Münsters, den du wegen des Unrechts, das er dir angetan hat, hassen und
fliehen, ihn nicht mit Liebkosungen überhäufen, nicht Stunden lang in deinem
Zimmer dulden, oder dich öffentlich von ihm begleiten lassen solltest.
    Mein Vater! Ein so treuer Diener wie Münster, der Retter, der Versorger
eurer Tochter, als sie - -
    Genug! - Ich höre, dass er die Geschichte deiner Entführung heute in
Gegenwart der Kaiserinn erzählt hat, und ich hoffe, du wirst klug genug sein
einzusehen, wie schlecht er an dir handelte, wie sehr er durch diese Tat,
welche alle seine Erdichtungen nicht zu entschuldigen vermögen, an dir und mir
handelte. - Ich hätte Recht und Macht ihn zu strafen, aber - um deinetwillen
schone ich ihn. Lass dies genug sein, und reize mich nicht weiter.
    Ida, welche nicht an diesen Ton der väterlichen Sprache gewöhnt war, wusste
das, was sie hörte, nicht anders als mit Stillschweigen zu erwiedern. - Es
erfolgte eine lange Pause, Graf Eberhard setzte seinen Spatziergang fort und
fing nach einer Weile das Gespräch von neuem an.
    Ich habe, sagte er, heute auf mannichfaltige Art um deinetwillen gelitten.
Am Morgen vernahm ich Dinge von dir, welche ich für unglaublich hielt, und am
Abend wurde mir bei Hofe über einen gewissen Gegenstand zugesetzt, der meinen
Glauben an deine Unschuld wankend machte, und den -
    Lieber Vater, sprach Ida mit liebkosendem Ton, nicht diesen geringen Blick,
der Unwille hemmt eure Worte, was habe ich getan? sollte ich wirklich, wirklich
so unglücklich sein, euch Leiden zu machen?
    Das tust du, wenn du nicht im Stande bist, die Fragen, welche ich dir jetzt
vorlegen will, mit nein zu beantworten - Komm, sage mir, sollte es möglich sein,
dass in jener Nacht, der ersten, nachdem du wusstest, dass ich dein Vater sei, in
jener Nacht, da ich dich zur Unzeit wachend fand, du einen Jüngling bei dir
gehabt habest, der, als ich erschien, mit Lebensgefahr vom Altan in den Garten
hinabsprang, bei der Wache vorbei strich, und von ihr in Zweilichten für
Herrmann von Unna erkannt wurde? Du schweigst? - Eine schöne Verteidigung
deiner Unschuld! - Höre die zweite Frage: Warst du es, welche die Kaiserinn
bewog, mich diesen ganzen Abend mit Bitten, mit Vorstellungen wegen der
unmöglichen Liebe zu quälen, die zwischen dir und diesem Herrmann, diesem
elenden Sprössling eines verworfenen Hauses statt finden soll? - Du weisst die
Bitten der Monarchinn sind Befehle, war dir es möglich deinen Vater in eine
solche Verlegenheit zu stürzen? - Du schweigst abermals? - Gut, ich kenne dich
nunmehr! Ich weis, was ich zu tun habe, dein Urteil ist gesprochen!
    Der Graf von Würtemberg entfernte sich, und hinterliess seine Tochter in
einer Bestürzung, welche durch nichts vermehrt werden konnte, als durch den
Befehl, den sie noch diesen Abend erhielt, sich zur Abreise gefasst zu halten,
weil Dinge von Wichtigkeit es notwendig machten, den Hof eilig zu verlassen.
    Ida verstand vollkommen, welches die Bewegungsgründe zu dieser schleunigen
Reise waren. Sie sah alle Hoffnungen ihrer Liebe wie einen Dampf verschwinden,
bedauerte es, sich einer Vorbitterinn vertraut zu haben, welche durch den Eifer,
mit welchem sie ihr zu dienen strebte, alles verderbte, bedauerte jeden Schritt,
den sie getan hatte, selbst ihre Liebe zu Herrmann, weil durch sie ein Vater
gekränkt wurde, der sie verehrte, dem sie zu gefallen, ihn glücklich zu machen
wünschte. Die Trennung vom alten Münster, von der geliebten Kaiserinn, ihr
dunkles Schicksal in der Zukunft, was für Aufgaben zu den traurigsten
Betrachtungen! sie verlor sich in denselben, überliess ihren Frauen die
Zubereitungen zur Reise, dachte an kein zur Ruhe gehen, und war daher des
Morgens, als ihr Vater kam sie abzuholen, schon völlig gekleidet, um ihm überall
hin zu folgen; ein Umstand, der ihn ohne Rücksicht auf ihre rotgeweinten Augen
überredete, dass ihr der Gehorsam gegen seine Befehle nicht allzuschwer ankomme,
dass sie Biegsamkeit und Bereitwilligkeit genug habe, um sich ganz so leiten zu
lassen, als er wünschte.
    Diese Vorstellung, welche, was das letzte betraf, nicht ganz unrichtig war,
erwarb ihr einige väterliche Liebkosungen. Graf Eberhard versicherte sie, dass er
sie innig liebe, dass er sie glücklich machen wolle, wenn sie sich entschliessen
könne, gehorsam zu sein, das ist, ihre liebsten Wünsche seinem Willen
aufzuopfern; eine Kleinigkeit, welche, wie er meinte, keine Schwierigkeiten
habe.
    Sie ward zur Abschiedsaudienz bei der Kaiserinn geführt. Die Worte, welche
zwischen Sophie und dem Grafen gewechselt wurden, waren äusserst kalt und
ceremoniös, ein Teil von Sophiens Kälte fiel auch auf Ida zurück, nur am Ende
erfolgte noch eine so herzliche Umarmung, wie sie von ihr gewohnt war.
Undankbares Mädchen! rief sie, du liebst mich nicht, hast nicht Geist genug dich
denen zu widersetzen, welche dich von mir reissen wollen! Sprecht, Graf Eberhard,
würdet ihr es wohl wagen, mich meiner liebsten Gespielinn zu berauben, wenn sie
entschlossen wär, sich nicht von mir trennen zu lassen?
    Der Graf kannte seine Tochter genug um zu wissen, was er von ihrem Gehorsam
erwarten sollte; er versicherte, Ida dürfe nur sprechen, wenn sie Bedenken trüg
ihm zu folgen. - Ida verstand wie man wollte, dass sie antworten sollte, und da
sie sich nicht überreden konnte zu heucheln, so schwieg sie, - Sophie gab ihr
noch einen kalten Kuss, der Graf drückte ihr die Hand um ihr sein Wohlgefallen
über ihre Aufführung zu bezeugen, und beide entfernten sich von allen Damen der
Kaiserinn begleitet, in deren Blicken, so sehr sie auch Betrübnis erkünsteln
wollten, die Freude über die Entfernung ihrer Mitbuhlerinn nicht zu verkennen
war.
 
                        Sieben und zwanzigstes Kapitel.
                         Herrmann tritt von neuem auf.
Die Fürstinn von Ratibor gehörte unter jene vielgeschäftigen Damen, deren es an
jedem Hofe gibt, die Teils zu Unterhaltung ihrer Gebieterinnen, teils zu
ihrer eigenen Belehrung, die genausten Nachrichten von allem zu haben strebten,
was in dem Bezirk ihres Aufentalts vorgeht. Ida war von jeher ein Gegenstand
der besondern Aufmerksamkeit für sie gewesen, und es ist zu glauben, dass sie
ihre Hand und ihren allwaltenden Blick nicht von ihr abzog, nachdem sie Gräfinn
von Würtemberg geworden war. Sie wusste alles, was in ihrem geheimsten Zimmer
vorging, und ihren Nachforschungen hatte also auch der nächtliche Besuch eines
Jünglings nicht verborgen bleiben können. Dass Herrmann dieser Jüngling gewesen
war, mutmasste sie nur, aber sie baute kühn auf diese Mutmassung fort, und
hatte, wie zuweilen geschieht, blindlings die Wahrheit getroffen.
    Idas guten Namen zu schaden, sie durch vermehrte und verbesserte Erzählung
dieser Geschichte bei der Kaiserinn in Ungunst zu bringen, hatte sie schon
versucht, aber da diese bereits von der Sache unterrichtet war, so mislungen
ihre Streiche auf dieser Seite und sie musste sie daher auf eine andere wenden. -
Sie war es, welche dem Grafen von Würtemberg von dieser durch ihre Noten so
anstössigen Geschichte Nachricht gab. Ihre Eingebungen regierten die Aussagen der
angehörten Wache, und so bildete sich, durch ihren unermüdeten Fleis, endlich
die Erfüllung des Wunsches, nach welcher sie so lang auf tausendfache Art
gestrebt hatte, die Entfernung der gehassten Ida.
    Die junge Gräfinn sah wohl, dass ihr Vater und die Ratibor beim Abschiede
freundlichere Blicke wechselten, als zuvor, aber sie war zu guterzig, die
Ursach davon zu erraten, zu guterzig, in der letzten geheimen Unterredung, die
noch an der Tür des Audienzzimmers zwischen beiden vorfiel, etwas zu argwohnen,
das ihr Herz durchbohrt haben würde, wenn es ihr bekannt gewesen wär.
    Die Ratibor ward von dem Grafen, mit Erbietung aller freundlichen
Gegendienste, ersucht, ein wachendes Auge auf diesen Herrmann von Unna zu haben
(welcher, wie man sagte, noch gestern in der Stadt gesehen worden sei) und
dafern man sich seiner bemächtigen könnte, es ihm nach eigenem Belieben
unmöglich zu machen fürterhin an Ida zu denken.
    Es ist zu glauben, dass Graf Eberhardt die Bosheit derjenigen nicht kannte,
welcher er eine solche Vollmacht gab. Es war ihm sicherlich nicht eben um
Herrmanns Untergang zu tun, und er hätte ihm vielleicht gern Glück und Leben
gegönnt, wenn er ihn nur hundert Meilen weit von derjenigen hätte entfernen
können, die nach seinem Willen nie die Seinige werden sollte.
    Ein guter Engel wachte indes für Herrmanns Bestes. Die Fürstinn von Ratibor
hatte Recht, er war bisher noch immer in der Nähe gewesen um die Schritte seiner
Ida auszuspähen, jede Gelegenheit zu belauschen, wo er sie sehen, wo er sie
vielleicht gar sprechen könnte. Die unermüdete Aufmerksamkeit war die Ursach,
dass er die Entfernung seiner Geliebten augenblicklich erfuhr, und da er nach ihr
hier nichts mehr zu suchen hatte, keine Stunde nach ihr zurückblieb, und so
allen Verfolgungen entging.
    Seine Absicht war, ihr überall zu folgen, in tausendfachen Verkleidungen
immer um sie zu sein, und zu versuchen, ob nicht endlich irgend eine derselben
ihm sein Glück, ein Wort, einen Blick von ihr verschaffen könnte. Wahrscheinlich
würde er zu seinem und ihrem Nachteil diesen Plan ausgeführt haben, wenn ihm
nicht der Himmel einen Freund zugeführt hätte, der seinen Entschlüssungen eine
bessere Richtung gab - Herrmann wusste durch die kleinen Künste, durch welche er
alles erfuhr, was Beziehung auf Ida hatte, dass sie die zweite Nacht nach ihrer
Abreise mit ihrem Vater in einem Dorfe übernachten würde, das ihm bekannt war,
und nach welchem er durch einen kürzern Weg zu gelangen wusste, als denjenigen,
welchen die Reisenden gewöhnlich zu nehmen pflegten. Hier war es, wo er seine
Geliebte erwartete, um, wenn ihm ja kein grösseres Glück bestimmt war, sie
wenigstens aus dem Wagen steigen zu sehen, wenigstens den Laut ihrer Stimme in
der Ferne zu vernehmen, und hier war es, wo er seinen alten Freund, den
redlichen Münster traf.
    Die Geschichte sagt nicht, ob der alte Mann ähnliche Absichten gehabt habe,
als wie der Ritter von der treuen Minne, nur dieses versichert sie, dass er die
Plane des letzten höchlich getadelt und alle Mühe angewandt habe, ihn auf
vernünftigere Gedanken zu bringen. Was wollt ihr machen? rief er, als Herrmann
seine offenherzige Beichte abgelegt hatte. Eure Zeit im Müssiggange zubringen?
ewig Ritter Herrmann von Unna bleiben, der nie an die Tochter des stolzen Grafen
von Würtemberg denken darf? Tausend Gelegenheiten Ruhm zu erwerben versäumen?
Euer Leben, eure Ehre, die Ehre eurer Geliebten in Gefahr setzen, wenn man euch
entdeckt? und werdet ihr von niemand, und also auch von ihr nicht erkannt, euch
Jahrelang mit fruchtlosen Bemühungen um ein Nichts beschäftigen, und es zu spät
bereuen, dass ihr einem Schatten nachjagtet, indessen ihr schon Riesenschritte zu
eurem wirklichen Glück hättet getan haben können? - Nein, Ritter, glaubt mir,
verlasst diesen Ort, verlasst ihn augenblicklich, ehe noch diejenige erscheint,
die den Entschluss, den ihr fassen müsst, könnte wankend machen. Geht zu dem
Posten zurück, den ihr um Idas willen verlassen habt. König Siegmund war in
keinen guten Händen, als euch die Gefahr eurer Geliebten von ihm rief. Die Liebe
entschuldiget, was ihr damahls tatet, aber, nichts ist, was euch zu statten
komme, wenn ihr nunmehr säumt, eure Pflicht gegen euren Herrn zu erfüllen. Die
Gerüchte, welche von ihm gehen, sind sonderbar. Eure Macht ist zwar klein, ihm
nützlich zu sein, aber eure Treue gegen ihn ersetzt alles, ihr seid vielleicht
der einige, der es redlich mit dem unglücklichen Könige meint, wollt ihr ihm
eure Hülfe entziehen?
    Der alte Münster wusste noch auf tausenderlei Arten Herrmanns Ruhmbegier,
seinen Trieb zur Beobachtung seiner Pflichten, seiner Treue für seinen Herrn in
Bewegung zu setzen, und sie zur Schutzwehr wieder fruchtlose Liebe und Müssigang
zu machen, und es gelang ihm endlich: Herrmann schwur, nie seine Gedanken auf
Ida aufzugeben, aber auch nie ihm auf Unkosten seiner andern Pflichten
nachzuhängen. Münster versprach ihm dagegen immer ein wachendes Auge auf Ida zu
haben, und beide trennten sich, wie solche Freunde sich trennen.
 
                         Acht und zwanzigstes Kapitel.
                               Schach dem König.
Nie hat wohl ein Mensch seinem Herrn mit mehrerer Treue gedient als dieser
Herrmann. Wie er gegen Kaiser Wenzeln gesinnt war, gegen ihn, den niemand
liebte, gegen ihn, der die Ergebenheit des guterzigen Jünglings mit Hass und
Undank belohnte, das haben meine Leser im vorhergehenden gesehen. Es gehörte
Zeit dazu, ehe er sich überzeugte dass es ihm erlaubt sei, einen andern Herrn zu
suchen; und dieser andre Herr, dieser Siegmund hatte bei ihm die nehmlichen
Vorrechte seines Vorgängers. Herrmann wurde von ihm verachtet, verkannt,
übersehen, dem ohngeachtet war der Gedanke ihm nützlich zu sein, ihm ohne
Rücksicht auf eigenem Vorteil, der hier gar nicht statt fand, dienen zu können,
mächtig genug, ihn aus den Armen der Liebe zu reissen, und in ein Land zu
führen, wo er, seit Nikolaus Gara ihn hasste, keinen einigen Freund, keinen
Beförderer hatte.
    Diese Winke, welche ihm der alte Münster von der zweideutigen Lage seines
geliebten Herrn gab, wurden bei Fortsetzung seiner Reise bestättigt. Bald sollte
König Siegmund gar nicht von dem Zuge wider die Ungläubigen zurückgekommen,
wahrscheinlich in ihren Händen geblieben sein, bald war er in der Gewalt der
noch gefährlichern Widersacher, die er unter seinen eigenen Untertanen hatte,
bald war er gefährlich verwundet, bald gar tod; Gerüchte, welche sich minderten,
so bald Herrmann auf ungarischem Grund und Boden kam, und sich gar verloren, als
er sich der Hauptstadt näherte. Hier erfuhr der junge Ritter, dass sein Herr,
bisher von Krankheit zurückgehalten, nun erst sich dem Sitz der königlichen
Hoheit nähere, und dass jedermann sich rüste, ihn königlich zu empfangen.
    Es ist nicht König Siegmunds Geschichte, die ich schreibe, und ich werde
daher nur so viel von seinen Begebenheiten mit nehmen, als sich unmittelbar an
Herrmanns Abenteuer anketten. Nichts daher von dem Einzug des Königs in der
Stadt, die er endlich unter dem Zujauchzen des Volks betrat, das ihn bei allen
seinen Fehlern liebte; nichts von dem Gedräng der Grossen, das ihn umgab, nichts
von denen Entschuldigungen, Vorstellungen und Versprechungen, die von einer und
der andern Seite gemacht wurden, um den Grund zum gegenseitigen Einverständnis
zu legen. Freilich waren Siegmunds Leichtsinn, Ueppigkeit, Liebe zur
Verschwendung, und gelegentliche Grausamkeit, Flecken in seinem Charakter,
welche das Misvergnügen Einiger entschuldigen konnte, freilich hatte er aus
seinem Türkenzuge weder Sieg noch Beute mit gebracht, dadurch ehemahlige Fehler
hätten können ausgetilgt werden; aber man versprach Vergessenheit des
Vergangenen, Siegmund versprach es auch, und verschloss die Augen nur gar zu sehr
gegen die tausend Spuren von Treulosigkeit und Verräterei, die er an dem und
jenem seiner Fürsten, vornehmlich an den Gebrüdern Gara nicht verkennen konnte
    Das Gedräng um den Konig am Abend nach dem Einzug war so gross, dass es
Herrmannen, welcher vor Verlangen brannte ihn zu sehen, unmöglich war Zutritt zu
bekommen. An wen sollte er sich wenden? Sein ehemaliger Gönner, der Feldherr
Nikolaus Gara, hasste ihn, nachdem er auf dem Zuge wider die Türken seine Treue
gegen den König unerschütterlich gefunden hatte, und Herrman konnte den nicht
lieben, sich nicht überwinden konnte irgend etwas bei dem zu suchen, den er als
einen heimlichen Feind seines Herrn kannte.
    Der junge Ritter entschloss sich endlich, sich selbst Zutritt zu verschaffen;
er drängte sich bei der Abendtafel so dicht hinzu, dass er beinahe des Königs
Kleider berührte, Siegmund fasste ihn ins Auge. Der Jüngling hatte keins von den
gewöhnlichen Gesichtern, welche man zwanzigmahl sieht, ohne ihre Züge zu
behalten, überdas hatte der König ihn zuletzt bei einer Begebenheit gesehen, die
sich seinem Gedächtnis zu tief eingeprägt hatte, als dass einer von denen dabei
gegenwärtigen, dass derienige, welcher die Hauptrolle dabei spielte, hätte
vergessen sein sollen. -
    Siegmund wusste sich anfangs den Zusammenhang seiner Ideen selbst nicht recht
zu erklären, er sass nachdenkend, rieb die Stirn, und wandte sich dann zu dem
neben ihm sitzenden Andreas Gara. Wie kommt es doch, rief er, dass uns oft bei
der Fülle der Freude traurige Erinnerungen umschweben! Einer der schrecklichsten
Auftritte meines Lebens geht jetzt vor mir über, liegt mir so deutlich vor
Augen, dass ich jede Züge davon machen wollte. Ratet ihr wohl, Andreas, welcher
das sei? - Andreas verbeugte sich und schwieg. Doch, fuhr Siegmund fort, ihr
könnt das nicht wissen, ihr waret nicht gegenwärtig, euer Bruder war es. O
vielleicht hättet ihr mich nicht so treulos verlassen als Nikolaus! - Doch, ich
habe versprochen zu vergessen! meine Freunde vergesse ich nie! Ich war allein in
der Schlacht, jedermann wandte sich hinter mir ab; Achmets Schwerd stürmte
fürchterlich auf mich ein, ich musste erliegen. Da drängte sich zu mir heran eine
ritterliche Schaar mich zu retten. Mein Pferd war unter mir getödtet, mein Helm
und mein Schild mir entrissen, nur das Schwerd hielt noch fest in meinen Händen.
Der Führer meiner Helfer sprang von seinem Rosse und hob mich hinauf, er reichte
mir seinen Schild, und riss den Helm von seinem Haupte, das meinige damit zu
decken, ich weis nicht, wie mir geschah, weis nicht, was um mich vorging, aber
ein Bild ist mir fest in der Seele geblieben, das Bild meines Retters, dessen
Gesicht mir wie das Gesicht eines Engels Gottes entgegen strahlte. Dieses
Gesicht ist, das mir jetzt die ganze fürchterliche Scene zurück ruft, ich sehe
es in dem Gedränge, das meinen Tisch umringt, es sind die Züge meines alten
treuen oft verleumdeten und oft verkannten Dieners Herrmann von Unna. Tritt
hervor, tritt hervor, mein Retter! empfange den Dank und die Gnade deines
Königs!
    Herrmann hatte sich, während Siegmund sprach immer näher gedrängt, um keins
der Worte zu verlieren, welche ihm so nahe angingen. Jetzt beim Schluss seiner
Rede überfiel ihn ein freudiger Schauer, wie er an jenem Tage diejenigen
überfallen wird, die aus dem grossen Kreise mit den Worten werden hervorgerufen
werden: Das habt ihr mir getan!
    Herrmann stürzte sich seinem König zu Füssen, küsste seine Hände und badete
seine Knie mit seinen Tränen. Welch ein Gefühl von demjenigen, von welchem man
sich immer übersehen und verkannt glaubte, dem man tausend Proben der Treue gab,
ohne bemerkt zu werden, so vor Tausenden ausgezeichnet, vor einer ganzen
Versammlung so geehrt zu werden.
    Nachdem der erste Sturm der Freude in dem Herzen des jungen Ritters vorüber
war, zog er sich bescheiden unter die aufwartenden Edelleute zurück, aber
Siegmund wandte sich oft nach ihm um, und er durfte nicht von seinem Stuhle
weichen.
    Die stolzen Magnaten, die mit dem Könige zu Tische sassen, schienen bei der
vorhergehenden Scene gar nicht gegenwärtig gewesen zu sein, sie sagten nichts zu
dem, was ihr König tat, und konnten sich nicht herablassen, dem von ihm so sehr
geehrten Jünglinge ein Wort zuzusprechen.
    Die Glückwünschungen, welche er erhielt, blieben nur unter den jungen
Edelleuten, welche mit ihm bei der Tafel aufwarteten, und er hatte die Freude,
manchen unter ihnen zu finden, dessen Gesicht nebst dem treuherzigen Händedruck
ihn alter Freund und Spiesgesell nannten. Keine von diesen Erscheinungen war ihm
angenehmer als das Gesicht eines Jünglings, den er von Kindheit auf gekannt
hatte, ehemals an Kaiser Wenzels Hofe durch Misverstände von ihm getrennt worden
war, ihn denn unter König Siegmunds junger Ritterschaft wiedergefunden, und im
Türkenkriege so manche tapfere Tat von ihm gesehen hatte, dass der Gedanke an
vergangene Dinge ganz von Liebe und Bewunderung verschlungen ward. Es war der
junge Kunzmann von Hertingshausen, welcher Herrmann ehemals, als beide Jünglinge
noch Kaiser Wenzels Edelknaben waren, für den Ursacher seiner Flucht vom Hofe
gehalten hatte, wie sich vielleicht meine Leser noch aus der Erzehlung erinnern,
welche der Ritter der treuen Minne ehemahls dem alten Münster von seinen
Jugendgeschichten machte.
    Kunzmann schien schon damahls, als er Herrmann im Türkenkriege wiederfand,
allen alten Groll vergessen zu haben, und auch jetzt bewillkommte er ihn, wie
man alte Freunde bewillkommt. Es war hier nicht der Ort viel Worte zu machen;
ein Händedruck, und die Worte, mein Herrmann! mein Hertingshausen, waren alles
was man sich sagen konnte, das übrige wurde für eine verabredete Zusammenkunft
auf die künftige Nacht verspart.
    König Siegmund hatte sich jetzt lange nicht nach seinem neuen Diener
zurückgewandt, ein ernstes Gespräch mit den Gebrüdern Gara hielt ihn fest. Man
hatte die Pokale fleissig geleert, aber nicht der Becher der Freude war es, der
hier um die Tafel ging, es war der Becher der höllischen Zwietracht. Herrmann
hatte schon lang bemerkt, dass die gegen ihn über sitzenden Fürsten seinen Herrn
nicht so anblickten, wie es ihnen zukam; verachtender Unwille, oder tückische
Schadenfreude war es, was er auf diesen vom feurigen Ungerweine hochrot
gefärbten Gesichtern las. Auch misfiel ihm die Unterhaltung, welche zwischen
Siegmund und den beiden Garas vorfiel. Sie schienen gänzlich zu vergessen, mit
wem sie sprachen. Die Rede war von dem letzten Türkenzuge, man wechselte
Vorwürfe, verteidigte sich mit Hitze, und die Stimme des Feldherrn und seines
Bruders erhob sich bald so sehr, dass sie jeden Laut von den Worten des Königs
verschlang.
    Was ist dies? sprach Herrmann zu Hertingshausen, indem er an seinem Schwerd
zuckte, sollen wir diese Beschimpfung unsers Herrn dulden. Das Getümmel an der
Tafel ward stärker; jedermann erhub sich von seinem Sessel; hier und da wurden
einige Schwerdter bloss, und man begunnte so heftig auf den König einzudringen,
dass die bösen Absichten, die man wider ihn hatte, nicht mehr zweifelhaft
blieben. Herrmanns Schwerd fuhr aus der Scheide, ihm folgte Hertingshausen und
die andern Jünglinge. Siegmund ward von seinen Feinden zu Boden gerissen, man
erkühnte sich Waffen auf ihn zu zücken, die keinem Rittersmanne ziemen. Herrmann
fasste den Andreas Gara, und riss ihn ungestüm von seinem Herrn hinweg, indessen
die andern Jünglinge auf ähnliche Art mit dem Feldherrn Nikolaus verfuhren. Der
Platz war erstritten, die Person des Königs gedeckt, aber - die Partie war
ungleich. Die reisigen Knechte wurden herein gerufen, Siegmunds Retter teils zu
Boden geworfen, teils entwafnet, der König auf die unwürdigste Art behandelt,
und endlich so wie die, welche fest bei ihm hielten, mit Fesseln belegt.
    Nur zwei hatten die Ehre, das Unglück mit ihrem Könige zu teilen, Herrmann
und Hertingshausen, die übrigen, meistens weibische Hofjunker, liessen sich
leicht durch Drohungen und Versprechen von ihrer Pflicht abziehen, und
misgönnten es Siegmunds beiden treuen Dienern nicht, dass sie die nehmliche
Begegnung mit ihrem Herrn erfuhren, gleich ihn mishandelt, gleich ihn gefesselt,
und auf verdeckten Wagen nach einem Orte geführt wurden, wo die heimtückischen
Magnaten hoffen konnten, ganz das Schicksal ihres Herrn in ihrer Macht zu haben,
ohne eine Einrede von dem Volke befürchten zu dürfen.
 
                         Neun und zwanzigstes Kapitel.
                      Wenzels Bruder kommt zum Vorschein.
Es war der Montag nach Sankt Vitalis Tag, als die Gefangenen auf dem Schloss
Soclos ankamen. Herrman kannte diesen Ort als den Hauptsitz des Hauses der
Garas, und er konnte sich vorstellen, was der unglückliche König an einem Orte,
wo nichts die Gewalt seiner Feinde einschränkte, zu hoffen habe.
    Doch täuschten ihn diesesmahl schrecklicher seine Erwartungen, welche ihm
nichts als Beschimpfung und Tod für seinen Herrn in der Ferne zeigten.
    Die Begebenheit, welche König Siegmunden hieher brachte, war angelegter
Plan; so wollte, so musste man sich seiner hinterlistig bemächtigen, um ihn vom
Trone zu stossen, um einen andern auf denselben zu heben; aber in der
Ausführung dieses teuflischen Anschlags hatte man allerdings die Gränzen
überschritten, welche man sich vorgeschrieben haben mochte, und man hielt es für
gut, nun zu den Regeln der Bescheidenheit und des Wohlstandes zurückzukehren.
Die Kräfte des Weins hatten bei jenem unglücklichen Mahle verursacht, dass
Siegmunds Feinde es ganz vergassen, dass der, den sie wie einen Sclaven
behandelten, doch gleichwohl ein König war, dass sie sich selbst noch mehr als
ihn durch ihre unwürdige Aufführung beschimpften. Der Rausch war ausgeschlafen.
Wut und Rache kochten nach wie vormahls in den Herzen der Garas, aber sie
schämten sich eine Rolle fort zu spielen, welche ihnen das Recht entreissen, und
es auf die Seite des verhöhnten Sohns Kaiser Karls des vierten wenden musste.
    Dem Könige wurden die Fesseln abgenommen; man gab ihm statt des Kerkers, in
den er anfangs geworfen ward, ein wohlverwahrtes Gemach, ging so weit ihn zu
fragen, ob er die Aufwartung seiner gefangenen Diener verlange, und ihm auf die
Bejahung dieselben ihrer Fesseln entladen zuzuschicken.
    Siegmunds Zustand war leidlich, und er wurde noch erträglicher als Nikolaus
und Andreas ihr Schloss verliessen, weil Reichsgeschäfte sie in die Hauptstadt
forderten, und ihrer Mutter die Aufsicht über ihren erhabenen Gefangenen
übertrugen.
    Es ist unmöglich, dass ich bei dieser Stelle der Geschichte, so wie bei
andern vorbeischlüpfen kann, ich muss meinen Lesern einige Worte von dieser
Helena Gara, der Wittwe des Nikolaus, den Siegmund ehemahls ermorden liess, der
Stiefmutter des Feldherrn Nikolaus und des Stattalter Andreas sagen. Sie war
eine junge schöne Person von fünf und zwanzig Jahren, welche zu wenig Kummer
über den Verlust ihres bejahrten Gemahls gefühlt hatte, um einen dauernden Hass
wider seinen Mörder zu fassen. Sie sprach nur von Rache und Blut, so lange es
ihre Söhne hörten, schmiegte sich nur in ihre Anschläge, weil sie musste, und
sah Siegmunds Gefangenschaft auf dem Schloss Soclos aus Ursachen gern, welche
mit den Anschlägen seiner Feinde nichts gemein hatten.
    Helena war ein Weib, wie es in den damahligen Zeiten viel gab, ein Wesen aus
Ueppigkeit und Herrschsucht zusammen gesetzt. Siegmund war ungeachtet seiner
Jahre einer der schönsten Prinzen der damaligen Zeit, er war, seine Widersacher
mochten ihn nun nennen wie sie wollten, war ein König; so lange Wenzel lebte,
der Bruder eines Kaisers, und starb dieser, oder verlor er den Tron, sein
wahrscheinlicher Nachfolger; was für Betrachtungen für die Dame des Schlosses!
Hatte sie auch noch eine Wahl? konnte sie noch zweifelhaft sein, ob sie den
ungerechten weitaussehenden Anschlägen ihrer Söhne beitreten, oder sich eines
unschuldigen Prinzen annehmen wollte, der ihr das, was sie für ihn tun konnte,
auf doppelte Art zu vergelten vermochte?
    Helena sah sich schon im Geist als Siegmunds Geliebte, als seine Gemahlinn,
als die Besitzerinn des höchsten Trons der Welt, und die ersten Schritte, die
Erfüllung ihrer Wünsche einzuleiten, wurden eilig getan. Sie genoss des
unumschränkten Zutrauens ihrer Söhne, sie wusste, dass sie durch das Geschäft, den
jungen Ladislaw, auf Siegmunds erledigten Tron zu befestigen, lang würden
abwesend gehalten werden, und sie säumte nicht, ihren Operationsplan zu eröfnen.
    König Siegmund bekam einen ganzen Flügel des Schlosses zu seiner Bewohnung,
seine Hofstatt, welche bisher nur aus Kunzmann und dem Ritter von Unna bestand,
wurde vermehrt. Er ward königlich bedient, bekam Erlaubnis, den Garten zu
besuchen, und konnte es an nichts abnehmen, dass er ein Gefangner war, als an der
Wache, welche seine und seiner Diener Schritte allemahl in einiger Ferne
beobachtete.
    Siegmund jauchzte über die Veränderung seines Schicksals, welche ihm Anlass
gab, seine Hoffnungen noch mehr zu erweitern. Er forschte nach dem Grunde der
glimpflichen Begegnung, die ihm wiederfuhr, und es konnte ihm nicht lang
verborgen bleiben, dass er ihn in der Gewogenheit der Fürstinn Gara suchen müsse.
- Helenas Bild hing in allen seinen Zimmern, auch hatte sie Siegmund etliche
mahl von Fern im Garten gesehen und bewundert.
    Weiberschönheit war die Klippe, an welcher er am leichtesten scheiterte,
auch war sein Wohlgefallen an den Reizen der Damen mit einer so guten Meinung
von seinen eigenen verbunden, dass er sich keine schöne Frau als grausam gegen
seine Liebe vorstellen konnte. Wie Helena gegen ihn gesinnt war, das konnte ihm
nicht lang verborgen bleiben, ihre Handlungen sprachen für sie. Siegmunds Liebe
zur Gemächlichkeit, die er mit seinem Bruder gemein hatte, sein Herz zu
sinnlichen Vergnügen, ward täglich auf neue Art geschmeichelt, und seine
Dankbarkeit, seine Neigung für die schöne Zauberinn, die so sinnreich war, ihm
seine Gefangenschaft angenehm zu machen, wuchs desto mehr, da sie schlau genug
war, ihm nie in den Weg zu kommen, ihm die Möglichkeit ihr persönlich zu danken
stets vergeblich wünschen zu lassen. Die Gemälde von ihr, und die
Lobeserhebungen der Leute, welche sie ihm zugegeben hatte, machten Siegmunds
Dankbarkeit zur Liebe, die Begierde sie zu sehen, zur Flamme. Es wurden
heimliche Anschläge geschmiedet, Botschaften hin und her geschickt, zufällige
Zusammenkünfte veranstaltet, bis endlich ein Verständnis zwischen beiden zu
Stande kam, das man für gut hielt, des Wohlstands wegen, mit einem Schleier zu
umhüllen, der aber durchsichtig genug war, allen Bewohnern des Schlosses nichts
zu raten übrig zu lassen.
    Kunzmann von Hertingshausen spielte bei diesen Dingen eine grosse Rolle, er
schien zu dem Geschäft, Unterhändler einer verbotenen Liebe zu sein, einen
sonderlichen Beruf zu haben, und er erwarb sich durch seine Talente die
gränzenlose Neigung seines Herrn.
    Herrmann war in solchen Dingen einfältig, er kannte nur eine Art Liebe, die,
welche er für seine Ida fühlte, oder wie sie etwa zwischen Engeln statt finden
mag. Verbindungen von anderer Art nannte er verboten, und war nicht schlau genug
seinen Widerwillen dafür zu verbergen. Er hatte als Knabe an Kaiser Wenzels
Hofe, als er noch geneigt war, alles für Recht zu halten, was sein Herr tat,
Leichtsinn und Ueppigkeit in ihrer hässlichen Gestalt kennen gelernt, und er
trauerte aufrichtig, hier diese Auftritte von einem Fürsten erneuert zu sehen,
den er liebte und schätzte, an dem er so ungern eine Familiengleichheit mit
seinem schwelgerischen Bruder entdeckte.
    König Siegmund war nicht gewohnt Misbilligung seiner Handlungen in den Augen
seines Dieners zu lesen. Herrmann ward zurückgesetzt, und der schlaue Bote der
Liebe, der gefällige Hertingshausen überall hervorgezogen.
    Da Herrmanns Achtung für seinen Herrn zu fallen begunte, so ward der Vorzug,
den ein anderer vor ihm erhielt, nicht allzu schmerzhaft von ihm empfunden. Er
beneidete Kunzmann sein Glück bei einem Fürsten nicht, den er jetzt, ach wie
gern, verlassen hätte. Was soll ich endlich hier in diesem weichlichen müssigen
Leben? sagte er zu sich selbst. Ist dies die Art sich empor zu schwingen, sich
der Hand einer Gräfinn von Würtemberg würdig zu machen? O fliehe, fliehe
Herrmann! hier verträumst du deine Zeit auf strafbarere Art, als die gewesen
sein würde, welche dir Münster in einem so gehässigen Lichte vorstellte!
 
                              Dreissigstes Kapitel.
             Von König Siegmunds Beständigkeit, ein kurzes Kapitel.
Alles Ding hat seine Zeit, Liebschaften von dem Gehalt wie die zwischen Siegmund
und Helenen sind nie dauernd, und wir wären fast geneigt der Dame die Ehre
anzutun, und ihr wenig Erfahrung in diesem Stücke zuzutrauen; wie hätte sie
sonst hoffen können, ihren Geliebten ewig zu fesseln? einst noch an seiner Seite
die Krone zu tragen? - Liebe und Zutrauen auf ihre allmächtigen Reize mussten sie
verblenden; sie musste nie etwas von den vorigen Geschichten des flatterhaften
Stegmunds gehört haben. Ihre gute Meinung von seiner Treue war gränzenlos, er
beherrschte sie ganz, und es kam bald dahin, dass er kein Gefangner mehr, dass er
unumschränkter Gebieter auf dem Schloss Soclos war.
    Dass Siegmund ins Geheim drauf sann sich einer ihm lästig werdenden
Buhlerinn, und seiner Einkerkerung auf einmal zu entledigen, das kam ihr nicht
in den Sinn, und sie ward würklich überrascht, schrecklich überrascht, als sie
eines Tages den König, völlig zur Abreise gerüstet, in ihr Zimmer treten sah.
Sie stutzte, riet auf eine Jagdpartie, und bot sich an, wie gewöhnlich, ihren
Geliebten bei derselben zu begleiten. - Nein, sagte Siegmund, meine schöne
Fürstinn, ich muss euch gänzlich verlassen!
    Verlassen? haftet nicht mein Leben für eure Freiheit? - und ist nicht das
meinige in Gefahr, wenn ich länger hier verweile? Eure rebellischen Söhne sind
von der Güte benachrichtigt, mit welcher ich hier behandelt werde; bald werden
sie erscheinen, und mich mit Fesseln belegen, welche nicht so leicht sein werden
wie die Eurigen. -
    Ja wohl leicht! Es kostet euch wenig Mühe sie abzuschütteln! -
    Helena! Werde ich hier in den Armen der Liebe den Anfang machen können, mich
von neuem auf den Tron zu schwingen, von welchem man mich verdrängt hat?
Bedenkt, was ihr fordert, bedenkt das Glück, den Ruhm dessen, den ihr liebt!
    Helena fiel in ein tiefes Nachdenken, aus welchem sie mit der Frage
erwachte; Ob er, wenn das Glück ihn bei seinen Unternehmungen begünstigte, ihrer
noch gedenken, Liebe und geschworne Treue nicht vergessen wollte?
    Siegmund, welcher nichts auf die Bündigkeit im Rausch der Leidenschaft
getaner Schwüre hielt, schlüpfte bei der Erinnerung an dieselben vorbei, aber
er versetzte seine Reden mit so viel Süssigkeiten anderer Art, dass die Fürstinn
getäuscht ward - und in seine Entfernung willigte. Sie bat nur um einen, dann
nur um zwei, um mehrere Tage, sich mit ihrem Geliebten zu letzen, bis der König,
aus Besorgnis, man möchte ihm endlich aus lauter Liebe Zeit und Mittel zur
Freiheit gänzlich rauben, heimlich davon ging, und Helenen dadurch den Vorteil
verschafte, bei ihren Söhnen ausser Verdacht eines Anteils an seiner Flucht zu
bleiben.
 
                          Ein und dreissigstes Kapitel.
                           Etwas von Potiphars Weibe.
Niemand war über die Entfernung aus dem Pallast dieser Circe erfreuter, als
Herrmann. Er jauchzte, endlich einmal dem Müssiggang entrissen zu werden, ohne
darum seinen Herrn verlassen zu dürfen, den er jetzt für einen Neubekehrten der
Tugend zu halten, ihn wieder zu lieben begann. Seine Täuschung dauerte kurze
Zeit. Siegmund lenkte seinen Weg nach dem Grafen Cyly, dem Bruder des Gemahls
seiner Schwester, und hier warteten seiner Begebenheiten, welche das Herz seines
treuen Dieners von neuem von ihm wenden mussten.
    Immer waren die Cylys treue Anhänger Siegmunds gewesen; der eine ward durch
das Band der Verwandschaft an ihn gefesselt, und der andere, eben der Graf Peter
Cyly, zu welchem jetzt die Reise ging, ward durch einen Zauber von noch
stärkerer Art zu ihm hingerissen. Graf Cyly der Jüngere, sonst auch Peter der
Einfältige genannt, verdiente diesen letzten Namen vollkommen, er war ein Kind
an Verstand, hatte nichts das ihn auszeichnete als seine schöne Gemahlinn
Barbara, ehemahls erstes Hoffräulein der Königinn Marie von Ungarn, jetzt, durch
König Siegmunds Gnade, die Seinige. Eben diese Barbara war das Mittel ihn in
unverletzlicher Treue seines Herrn zu erhalten, von welcher ihn sonst ein jeder,
der seine Schwäche zu nützen wusste, hätte losreissen können. Barbara war ihrem
Könige von jeher mit besonderer Gewogenheit zugetan, sie behauptete, es sei nur
Dankbarkeit, dass er sie mit Peter dem Einfältigen verband, die sie auf jeden
Vorteil ihres Wohltäters aufmerksam machte, und ihr Gemahl glaubte dieses aus
ganzem Herzen; aber andere Leute hatten andere Gedanken hierüber, und die Folge
wird lehren, welche Meinung die richtigste war. - So viel ist gewiss, dass sie
Graf Petern, welcher immer einen Antrieb von aussen nötig hatte, wenn er sich
regen sollte, in steter Tätigkeit zu Siegmunds Besten erhielt, da wo seine
Schläfrigkeit nichts auszurichten vermochte, selbst handelte, und die
Hauptursach war, warum sich König Siegmunds Schritte jetzt lieber nach dem
Schloss ihres Gemahls als nach einem andern Orte lenkten. König Siegmund und
seine beiden Knappen, Herrmann und Hertingshausen, wurden mit offenen Armen
empfangen, und obgleich Graf Peter mit einfältigem Herzen seine Erscheinung
unverhoft, überraschend nannte, so schien doch Barbara ihren hohen Gast längst
erwartet zu haben.
    Herrmann war nicht so verblendet wie Graf Cyly, er sah das verdächtige
Augenspiel zwischen Siegmunden und der Gräfinn, sah, dass auch Hertingshausen von
diesen Geheimnissen wissen müsste, und dass er von der schönen Barbara als ein
alter Bekannter behandelt ward. Ihm ward es klar, dass in der letzten Epoche des
Aufentalts auf Helenens Schloss, da Siegmund und seine Leute nicht mehr wie
Gefangene behandelt wurden, Hertingshausen nur darum so öfters abwesend war,
weil er ein geheimes Verständnis zwischen dem Könige und der Gräfinn unterhalten
musste, und dass dieser Helenen nicht so wohl aus Überdruss des untätigen üppigen
Lebens, als vielmehr aus Sehnsucht nach seiner alten Freundinn der Gräfinn
Barbara floh.
    Wenig Tage reichten zu, Herrmann zu überzeugen, dass die Auftritte von Soclos
hier wieder von vorn angehen würden, und dass er vergebens gehofft hatte, hier
endlich in Tätigkeit gesetzt, seinem Glück näher gebracht zu werden.
    Seine Entschlüsse, seinen Herrn zu verlassen, wurden erneuert, er fand
nichts, das ihn hier zurückhielt. Zwar wurde zuweilen in Siegmunds Kabinet davon
gesprochen, dass nächstens ernstliche Schritte getan werden sollten, ihn wieder
auf seinen Tron zu erheben, aber dieses Nächstens ward immer weiter hinaus
geschoben, und die Mittel, deren man sich zur Erreichung dieser grossen Absichten
gebrauchen wollte, waren nicht so wohl das Schwerdt, als List und heimliche
Ränke; Dinge, auf welche Herrmann sich nicht verstand, und die er in seiner
Einfalt nicht zu billigen vermochte.
    Was ihm den Aufentalt auf Cylys Schloss noch mehr verbitterte, war der
Mangel an irgend einem Freunde, den er lieben oder sich ihm vertrauen konnte.
Schon zu Soclos hatte sich Hertingshausen ihm in einem nachteiligen Lichte
gezeigt, aber hier verlor er vollends alles, was einen Herrmann zu seinem
Freunde machen konnte. Hertingshausen schien hier nicht nur Unterhändler sondern
auch Teilnehmer der verbotenen Liebe seines Herrn zu sein. Er hatte keine Augen
als die schönste Gräfinn von Cyly, und diese legte den ihrigen nur so lange
Zwang an, als sie von Siegmunds bemerkt ward, vor Herrmann, den sie anfangs für
ein unschädliches unbedeutendes Geschöpf hielt, scheute sie sich hierinn so
wenig als vor Peter dem Einfältigen.
    Herrmanns unschuldiges Herz hielt einen solchen Leichtsinn, als er an der
Gräfinn bemerkte, fast für unglaublich, er traute seinen Sinnen kaum, er kannte
die allumfassende Männerliebe dieser Messaline, von welcher die Geschichte noch
jetzt zu sagen weis, noch nicht, und ward erst dann überzeugt wer Barbara sei,
als sie endlich ihre Augen auch auf ihn warf, auch ihn in ihre Stricke zu ziehen
suchte.
    Man erlaube mir, alle Auftritte, welche hieher gehören, mit Stillschweigen
zu übergehen, genug sei es zu sagen, dass sie Herrmannen Cylys Schloss zur Hölle
machten, dass er auf nichts sann, als auf die Flucht, und dass ihn nur noch die
Ueberlegung zurück hielt, ob er schweigen, oder seinem Herrn die Augen über die
Aufführung seiner Geliebten öfnen sollte.
    Das erste verbot ihm die Redlichkeit, und das andere seine Delikatesse,
hätte er nicht durch ein solches Gespräch mit Siegmunden gestanden, dass er seine
Ansprüche auf Graf Peters treuloses Weib kenne, und gewissermassen billigte? - Er
blieb unentschlossen, bis neue Entdeckungen seinen Abscheu vor Cylys Schloss
und seinen Bewohnern aufs höchste brachten, und ihn fast blindlings von dannen
trieben.
    Die Verachtung, mit welcher er die Liebe der Gräfinn belohnte, erregten
ihren Hass, der bald auch in Siegmunds Herz übergetragen wurde. Herrmann war
nicht mehr nächst Hertingshausen, der ihn schon zu Soclos von der ersten Stelle
gedrängt hatte, des Königs Vertrauter, er wurde nicht mehr zu den
Beratschlagungen gezogen, welche wegen Siegmunds Tronbesteigung gehalten
wurden, nur das merkte er aus flüchtig aufgefangenen Worten, dass Siegmunds
Absichten jetzt nicht mehr bloss auf die ungarische Krone gingen, dass ihm die
herrschsüchtige Barbara Begierden nach einer noch höhern einzuflössen gewusst
hatte. Ihr war einst der Name Kaiserinn geweissagt worden, sie sah sich schon
als Siegmunds Gemahlinn an, wer konnte sich wundern, dass sie ihn antrieb die
Stufe zu erreichen, nach welcher sie strebte, und auf welche er sie erheben
konnte.
    Alle diese Dinge gefielen Herrmannen übel, er hörte Anschläge wider Wenzeln,
unter welchen damahls schon der Tron zu schwanken begunnte, Anschläge wider
Herzog Friedrichen von Braunschweig, der nebst noch einigen andern grosse
Hoffnung zur Kaiserkrone hatte, und sein Herz zitterte, hier nicht
augenblicklich retten und warnen zu können. Er vergass ganz, dass letzterer sein
Mitbuhler war, dass ihn Graf Eberhardt zu Idas Gemahl bestimmt hatte, er sah nur
in ihm den meuchelmörderisch verfolgten Fürsten und hätte sein halbes Leben drum
gegeben ihn sowohl als Wenzeln aus der Gefahr reissen zu können.
    Keine Nacht mehr in dieser Mörderhöle, wie ihn Graf Cylys Schloss jetzt
schien, zu bleiben, war sein fester Entschluss. Er machte sich auf die Flucht,
aber es war nicht so leicht aus diesem Bezirk zu kommen als er meinte. Der Park,
durch welchen sein Weg ging, war mit einer hohen Mauer umgeben, deren Pforte bei
Nacht verschlossen und am Tage nie unbewacht war. Es ward ihm immer deutlicher,
dass König Siegmund und seine Leute, hier sich im Grunde so wenig der Freiheit zu
rühmen hatten, als auf dem Schloss Soclos. - Herrmann hatte die Nacht zur
Ausführung seines Entschlusses gewählt, jetzt musste er sich entschliessen, den
Morgen zu erwarten weil er hoffen konnte, durch ein gutes Geschenk den
Torwächter der Parkmauer eher überwinden, als durch seine Stärke die eiserne
Pforte erbrechen zu können. - Er lagerte sich in eine Laube, dergleichen in
allen Ecken dieses zauberischen Orts angelegt waren, und war hier Zeuge einer
Unterredung, welche uns wichtig genug dünkt, dem Leser in einem besondern
Kapitel vorgelegt zu werden.
 
                         Zwei und dreissigstes Kapitel.
                            Abenteuer in der Laube.
Herrmann ward bald gewahr, dass er sich in der geräumigen Laube nicht allein
befand. Seine Sicherheit erforderte, sich verborgen zu halten, und
Notwendigkeit und Zufall machten ihn zum Lauscher; ein Name, auf welchen er
sonst nie Anspruch zu haben wünschte. Wer seine Gefährten waren, werden meine
Leser aus dem Fragment einer Unterredung sehen, welche Herrmann durch seine
Ankunft veranlasste.
    Horch! Ein Geräusch!
    Nicht doch, Gräfinn, es war das Rauschen der Blätter! -
    Ich wollte nicht, dass uns jemand belauschte? -
    Wer wollte denn? Eure beiden Gemahle hat der Wein in festen Schlummer
gewiegt -
    Spötter! Meine Gemahle! Bist du eifersüchtig Hertingshausen? -
    Die Gemahle mögen es auf den Liebhaber sein, und dieser nicht auf jene! -
    Und sie könnten es werden! Kunzmann! Kunzmann! ein andermahl vorsichtiger!
Diesen Abend vergassest du dich ganz und gar. Sei doch zufrieden, unter vier
Augen an der Seite deiner Barbara sitzen zu dürfen; aber in Gegenwart des
Königs? in Gegenwart Graf Peters? - Gewiss der Wein musste dich betören!
    Hat nichts zu sagen, Siegmund sah und hörte wenig mehr, und der Graf hatte
auch seinen guten Rausch? -
    Weisst du nicht, dass die Einfältigen im Rausche klug, die Verzagten mutig
werden? -
    Ja bei Gott, mutig! - Nüchtern hätte er es nicht wagen sollen, mir einen
Kuss auf eure Lippe mit einem Hiebe über meine Schultern zu belohnen. -
    Pfui, Kunzmann! jetzt besinne ich mich: dieser Schlag haftet noch auf deinen
Rücken. Steh auf von mir! Ich kann keinen Mann an meiner Seite dulden, den Peter
der Einfältige schlug. -
    Gräfinn!
    Du bist noch ein purer lautrer Edelknabe! steh auf sag' ich dir! Herrmann
hätte keinen Schlag vom Graf Petern - keinen Schlag vom Könige Siegmunden
ungerochen erduldet. -
    Herrmann? Gräfinn? macht mich nicht unsinnig! - Der Nichtswürdige! Ihr wisst,
was ich einesmahls bemerkte! Nicht wahr, er wäre glücklich bei euch gewesen,
wenn er gewollt hätte?
    Die Tapfern sind ja allemahl glücklich? -
    Zum rasend werden! Herrmann! Herrmann! du musst sterben! Wo bist du? wo soll
ich dich finden? -
    O ja doch! wer sich nicht fürchtete! Graf Peter wird morgen unter des
tapfern Herrmanns Schutz auf die Jagd gehen! habt ihr etwa Lust euch zugleich an
beiden zu rächen? - Geht, geht, wir wollen sehen was euch Liebe und Rache
eingibt; aber ich denke wohl, eure Hände, eure Kleider werden morgen noch so
rein sein wie heute; wer wollte die zarten Pagenhände, die seidnen Hofkleider
gern mit Blut besprützen. -
    Die Rede der Furie war durch öftere Flüche des aufgebrachten Hertingshausen
unterbrochen worden; beim letzten Worte brausste er wie ein Sturmwind zur Laube
hinaus, und Barbara schickte ihm ein teuflisches Gelächter nach.
    Herrmann war so betäubt, dass er nicht wusste, was er tun sollte; doch hätte
ihn der Schluss von Barbaras Rede und Kunzmanns schnelles Hinwegeilen
nachgetrieben, wenn er nicht auf einige Augenblicke noch zurückgehalten worden
wäre. Er pflegte nie vor seinem Feinde zu fliehen, auch war ihm vor Graf Peters
Leben bange, mit welchem er wirklich eine Jagdpartie, auf den nunmehr seiner
Flucht geweihten Tag verabredet hatte, und den er mit unter die Unmündigen und
Weiber rechnete, die er als Ritter zu schützen verbunden war.
    Das was ihn noch auf einige Minuten zurückhielt, war der Eintritt von
Barbaras Zofe.
    Brecht auf, ihr Liebenden! rief die glattzüngige Dirne, der Tag erwacht! -
    Die Losung, erwiederte Barbara, gilt heute nichts, ich bin allein. -
    Allein? -
    Ich habe Hertingshausen ein wenig aus dem Schlummer geschüttelt. Herrmann
und Peter dürfen keinen Tag länger leben; ich habe ihnen den ergrimmten Wolf auf
den Hals gehetzt. Ich kenne Kunzmann nicht, oder er tödtet sie, wo er sie
findet. -
    Aber warum? Gott warum? -
    Närrinn! Jeden Tag neue verachtende Blicke von dem einen, und gestern Abend
diesen Auftritt mit dem andern? Das fehlte noch, dass Peter der Einfältige Mut
bekäme, meine Lieblinge zu schlagen, bald würde die Reihe auch an mir sein. -
    Gräfinn, darf ich noch immer euch nicht blutgierig nennen?
    Blutgierig? - Ich erinnere dich zum zweitenmahl an Marien. Lebt sie nicht
noch ruhig in ihrem Kloster? verachtete ich es nicht, mein Glück auf ihr Blut zu
bauen?
    Dass Herrmann diese Worte wohl vernahm und beherzigte, werden wir aus der
Folge sehen, uns aber ist es fast unbegreiflich, wie sie bei der Eile, mit
welcher er in dem nemlichen Augenblick, da sie gesprochen wurden, die Laube
verliess, ihm hörbar sein konnten.
    Was war das? schrie die Zofe, welcher Herrmann im Vorbeistreichen einen
gewaltigen Stoss gab.
    Gott! rief Barbara, wenn man uns belauscht hätte! - Gerade da ihr von der
Königinn spracht, erhub es sich von jener Seite wie ein Sturmwind. - Ach
Gräfinn! ich fürchte! ich fürchte! Sind eure Hände rein an Mariens Blut? -
    Ich schwöre es dir! - Warum hätte ich eine Nebenbuhlerinn, die mir so wenig
Schaden in Siegmunds Herzen tat, tödten sollen? ohne Not vergiesse ich kein
Blut! -
    Es ist schauerlich hier! sprach die Zofe, auch bricht der Tag an. Gefällt es
euch nach Hause zu gehen? -
    Barbara schwieg, und beide verliessen die Laube.
 
                         Drei und dreissigstes Kapitel.
         Wer andere aus der Grube ziehen will, fällt oft selbst darein.
Herrmann durchflog den Wald, um seinen Verfolger zu finden, er fand ihn nicht.
Er eilte nach dem Schloss, um Graf Petern zu warnen, auch dieser war nicht zu
finden. Seine Kammerdiener sagten, der Ritter von Hertingshausen habe ihn vor
einer halben Stunde im Namen König Siegmunds abgefordert; auch nach Herrmann sei
gefragt worden, weil er in dem nemlichen Flügel des Schlosses seine Wohnung
hatte, und man habe geantwortet, er sei wahrscheinlich auf die Jagd gegangen.
    Herrmann konnte erraten, welchen Weg Kunzmann mit dem unglücklichen Grafen
genommen habe, Peters Einfalt an jeden Ort zu locken, wohin er wollte, konnte
dem schlauen Verräter nicht schwer werden. Der Retter des armen Schlachtopfers
verdoppelte seine Schritte, aber er hatte den Schlosshof noch nicht zurückgelegt,
als er sich von der Wache umgeben sah, welche ihm in König Siegmunds Namen das
Schwerd abforderte, und ihn bat, ohne Weigerung den Arrest anzunehmen, den man
ihm ankündigte.
    Herrmann folgte, oder vielmehr er musste folgen. Seine Weigerung hätte nichts
gefruchtet, als dass er vielleicht einige von den unschuldigen Ausrichtern des
königlichen Befehls verwundet oder getödtet hätte, ohne sich frei zu machen. Man
brachte ihn in einen Turm, der an der Nordseite des Schlosses stand, zuckte auf
seine Frage, was er verbrochen habe, die Achseln, und versprach, auf seine
Bitte, Leute in den Wald zu schicken, um Graf Petern aufzusuchen, welcher, wie
er sagte, von Lebensgefahr bedroht würde. -
    Um den Mittag ward der Gefangene vor seinen Richter gestellt, König Siegmund
sah ihn mit einem Blicke an, den er noch nie an ihm wahrgenommen hatte. Herrmann
stand vor ihm mit jener festen Miene, die nur der Unschuld eigen ist. -
Schleicher! niederträchtiger Heuchler! rief der König endlich. Musstest du darum
den Tugendprediger machen, auf jene erlaubte Lust mit neidischem richtenden
Blicke hinschielen, um im Verborgenen nach demjenigen streben zu dürfen, was das
Eigentum deines Herrn ist? -
    Mein König! sprach Barbara, die Herrmann jetzt erst gewahr ward, verzeihet,
verzeihet seiner Jugend! Er hatte den Wein vielleicht zu oft kredenzt, seine
Sinne waren benebelt, und überdies, was ist ein Kuss? -
    Ein Kuss? schrie Siegmund, ein Kuss ist euch Kleinigkeit? Verräterinn! ihr
liebt Herrmann, sonst würdet ihr nicht so sprechen! -
    Hat man mich vielleicht vor Hertingshausen genommen? fragte Herrmann mit
verachtendem Blicke auf die Gräfinn. -
    Bist du mit meinem Augen im Bunde? rief der König. - Auch mir stellten sie
bei der verruchten Tat nicht deine, sondern Hertingshausens Gestalt vor; aber
ich war im halben Schlummer, und die Gräfinn hat Recht; nicht er, du warest es,
der sich an meinem liebsten Kleinod vergriff! -
    Mein Herr! mein König! sprach Barbara mit bittendem Blicke, gewiss ihr irrt;
ja ja, Hertingshausen war es, nicht der arme unschuldige Herrmann! nur ihn, nur
ihn schont, wenn ihr nicht auch mich tödten wollt! -
    Fort aus meinen Augen! schrie Siegmund. Nicht der Kuss bringt dich ums Leben,
der ist ja Kleinigkeit, wie die Gräfinn sagt, aber, dass sie dich liebt, dass die
Schönste der Welt dich liebt, mit dir sterben will, - O entsetzlich! - Fort!
Fort aus meinen Augen? - Herrmann ward in sein Gefängnis zurückgeführt. Er
durchschaute den ganzen Plan seiner verruchten Anklägerinn: ihre schwankenden
Reden, ihre künstlich geäusserte Zuneigung sollte Siegmunds Eifersucht aufs
höchste treiben, sie, das wusste sie, konnte sich mit einem Blick, einer Träne
vor dem Zorn ihres Geliebten schützen, aber Herrmann musste das Opfer desselben
werden.
    Das war ein Meisterstreich! sagte Barbara, als sie mit ihrer Zofe allein
war. Siegmund hatte im Rausche nur allzugut gesehen. Mein Hertingshausen hätte
unausbleiblich sterben müssen! Wie gut, dass ich Siegmunds benebelten Augen
Herrmanns Bild unterschieben konnte. -
    Ich war so froh, sagte die Zofe, als ich ihn hier auf dem Schloss sah, war
so froh, dass er Kunzmanns blutgierigem Schwerdte entgangen war, und nun dieser
neue Anfall! O hätte ich euch nur nicht gesagt! -
    Weichherzige Närrin! ich glaube, du weinst? -
    Und ihr liebtet ihn doch ehemals! -
    Komm in meine Lage, und du wirst erfahren, welch einen Hass verschmähte Liebe
erzeugt! -
    Herrmann könnte ich nicht hassen, wenn er mich tausendmahl verschmähte! -
    Hör auf! und sieh nach dem Fenster, das auf die Heerstrasse geht - Kömmt
Hertingshausen noch nicht? - Er wird doch einen von meinen Aufträgen
ausgerichtet haben! -
    Die Zofe weinte und sah durchs Fenster, welches Herrmann zur nemlichen Zeit
in seinem Gefängnisse auch tat.
    Der nördliche Turm des Schlosses, wo Herrmann war, hatte die Aussicht auf
die Heerstrasse, die sich vom Walde nach dem Schloss herauf zog. Der Abend
dämmerte heran, ein Trupp Reuter tat sich aus dem Wald hervor, und sprengte mit
verhängtem Zügel aufs Schloss zu. In ihren Blicken sass Entsetzen, und die Worte,
welche sie, als sie sich jetzt am Tor von den Pferden schwangen, mit einander
wechselten, waren mehr verworrnes Geschrei, als Gespräch zu nennen. Doch war
Herrmanns vergittertes Fenster niedrig genug, um ihn einige abgebrochene Laute
verstehen zu lassen. Der entsetzliche Fang, rief der eine von den Reutern, den
ihm der Eber in die linke Seite gegeben hat, nie sah ich etwas ähnliches. - Ja
wohl! schrie der andere, mehr die Wunde von einem breiten Schwerdte, als von dem
Hauer einer wilden Bestie! der Ritter von Unna sagte es wohl, als er uns ihm zu
Hülfe schickte, er muss den Geist der Weissagung haben! -
    Und ganz ganz todt?
    Ja leider! - Er war doch ein guter Herr! betrübte kein Kind! -
    Mich jammerte der brave Kunzmann, der muss ihn recht verteidigt haben! er
blutete auch stark!
    Stand er nicht wie das lebendige Bild der Verzweiflung neben dem Todten und
weinte und raufte sein Haar! nie dachte ich, dass er ihn so liebte! -
    Er mag ihn ja geliebt haben! rief einer von denen, welche zuerst geredet
hatten, und Herrmann schlug sein Fenster zu und sank fast empfindungslos auf den
Boden.
    So? So triumphirt das Verbrechen, und die Unschuld muss verderben? O ewiger
Richter wo ist deine Rache? So rief Herrmann und verfiel in eine Betäubung, aus
welcher er erst nach einer Viertelstunde durch das hole Rasseln eines Wagens
geweckt wurde. Das Geschrei, das sich erhub, unter welchem er auch die klagende
Stimme der Gräfinn zu vernehmen glaubte, sagte ihm, dass man den Leichnam des
unglücklichen Grafen von Cyly brächte. Ein kalter Schauer überlief seine
Glieder, und er vermochte nicht ans Fenster zu gehen, und das klägliche
Schauspiel mit anzusehen.
    Es ist schwer zu beschreiben, mit was für Gedanken und Empfindungen Herrmann
die Zeit der fürchterlichen Stille, die auf dieses Trauergetös folgte, zubringen
mochte. - Es war weit nach Mitternacht, als er aus seinen schrecklichen
Träumereien durch ein Geräusch an der Gefängnisstür geweckt wurde.
    Die Riegel öfneten sich. Eine weibliche Stimme rief, Ritter von Unna, ihr
seid frei! -
    Ich frei? auf wessen Befehl? -
    Durch Hülfe eines armen Mädchens, welches Mitleid mit euch hat, und ihre
schweren Sünden gern durch eine gute Tat abbüssen wollte. Fliehet! Fliehet! ehe
es zu spät wird! -
    Ich fliehen! Die Unschuld fliehet nie! -
    Gilt eure Unschuld hier etwas? -
    Ich muss wenigstens erst Graf Peters Blut rächen, seinen grausamen Mörder
entdecken! -
    Wird man euch hören? -
    Siegmund muss, muss mich hören! Ich will diese Barbara vor seinen Augen
entlarven! -
    Meine Frau? O ich bitte euch, macht euch nicht unglücklich. -
    Deine Frau? Bist du auch eine von ihren Sündengenossinnen?
    Ich bin! - ja ich bin! - o ich bitte euch, fliehet! Die Gräfinn hat jetzt
allein auf dem Schloss zu gebieten. Der König hat es vor einer Stunde eilig
verlassen. Ein reitender Bote von Prag, brachte Nachrichten. - Man spricht von
wichtigen Veränderungen. Aber was mache ich, eilet, ehe es zu spät wird! Ich muss
den Turm wieder verschliessen, in welchem man gesonnen ist, euch durch Hunger
zu tödten. Man wird euch nicht gleich vermissen, weil in den nächsten Wochen
niemand diese Schlösser wieder öffnen wird, aber mich wird man vermissen, und
ihr macht ein Mädchen, welches es gut mit euch meint , unglücklich, wenn ihr
länger zögert.
    Es ist wohl zu glauben, dass Herrmann nach dem, was er hier vernahm, nicht
länger zögerte, seiner Retterinn zu folgen. Er drückte ihr dankend die Hand und
fragte nach ihrem Namen: sie nannte ihn, und erzählte zum Abschied, - (welche
Zofe hört auch in den bedenklichsten Augenblicken auf zu erzählen) - erzählte,
dass Ritter Kunzmann seiner Verwundung und des Bittens der Gräfinn ungeachtet den
König hätte begleiten müssen, und dass dieser vermutlich aus einem Ueberbleibsel
von Verdacht ihn nicht so gnädig wie vordem angeblickt habe.
 
                         Vier und dreissigstes Kapitel.
                  Herrmann wird mit einer Löwenhaut bekleidet.
Herrmann flohe, flohe mit Vorsichtigkeit, denn er wusste, der Zorn eines
rachsüchtigen Weibes verfolgte ihn. Auf seinem Weg, der lang genug dauerte,
kamen ihm Zeitungen mancher Art entgegen. - Kaiser Wenzel war so gut als
abgesetzt, seine Gemahlinn, die vortrefliche Sophie, teilte das Elend, in
welchem er lebte, grossmütig mit ihm, sie schien ihn jetzt, da er durch Unglück
gedemütigt war, erst liebzugewinnen, bemitleidete ihn, rechnete es ihm hoch an,
dass er Susannens Stelle nicht durch eine neue verächtliche Mitbuhlerinn
ersetzte, und war edelmütig genug, selbst dieses elende Geschöpf zu bedauern.
Diese unglückliche Kreatur sollte, um ihrem erhabenen Liebhaber ganz ähnlich,
eine würdige Gefährtinn seiner Schwelgereien zu werden, die Pokale, welche
Wenzels tägliches Contingent waren, eben so herzhaft leeren lernen als er, aber
sie war zu schwach, und starb in der Lehre, ohne von dem, welcher sie
aufopferte, beklagt zu werden. Alles was Wenzel ihr in die Gruft nachrief, war:
Es ist doch nichts mit den Weibern, sie sind zu nichts gut, nicht einmal zum
Saufen!
    Indessen Wenzel auf ein einsames Schloss verbannt, bloss durch Sophiens kluge
Vorsicht erhalten wurde, und ihr ihre Treue auf die ihm eigene Art vergalt, kam
Siegmund in Ungarn wieder empor. Seine Feinde waren gedemütigt, und er
bestieg, durch Hülfe des Grafen Cyly, Graf Peters des Einfältigen Bruders, den
Tron von neuem. Barbara ward seine Gemahlinn, und diese Wahl war hinlänglich,
alle Treulosigkeit an ihn zu rächen, welche er an der Königinn Marie, an der
Fürstinn Helena Gara, und vielleicht an tausend andern begangen hatte. Barbara
war in allem seine unumschränkte strenge Gebieterinn, nur dieses konnte sie
nicht über ihn erhalten, dass er den Ritter von Hertingshausen in seinen Diensten
behalten hätte. Das Andenken an den im halben Schlummer geschehenen Kuss, den er
doch immer lieber ihm als Herrmann beimass, war unauslöschlich. Kunzmann war
genötigt, den Hof zu meiden, und sich in ziemlich armseeligen Umständen in die
Dienste des Churfürsten von Köln zu begeben, wo wir ihn vielleicht bald wieder
finden werden.
    Siegmunds Anschläge auf die Kaiserkrone waren verunglückt, es waren eine
Menge Hände nach diesem Kleinod ausgestreckt, unter welchen Pfalzgraf Ruperts,
Graf Eberhards und Herzog Friedrichs, schon fast im Zugreifen waren.
    Herrmann hörte nicht sobald den Namen des Herzogs von Braunschweig und des
Grafen von Würtemberg nennen, erfuhr nicht so bald, dass sie sich nebst allen
Competenten zur Krone auf dem Reichstage zu Nürnberg befänden, als sein Zweifel,
wohin er seine Schritte lenken sollte, verschwand. Er wusste bisher nicht, wo Ida
war, jetzt ward es ihm klar, dass sie sein müsste, wo ihr Vater und ihr Bräutigam
sich befänden. Ida zu sehen, und Friedrichen vor heimlichen Nachstellungen zu
warnen, lag ihm beides am Herzen. Aber, Idas Vater! ihr Bräutigam! was für Worte
in Herrmanns Ohren! Ida, die Tochter oder die Braut eines künftigen Kaisers?
Armer Jüngling, was für Aussichten für deine Liebe!
    Herrmann befand sich jetzt in den Gegenden von Fritzlar. Das Gerücht kam ihm
entgegen, Herzog Friedrich von Braunschweig sei von den deutschen Fürsten
verworfen worden, und habe sich in vollem Zorn nebst seinem Schwager, Rudolfen
von Sachsen, von Nürnberg aufgemacht, um wieder in sein Land zu ziehen. Welch
eine Zeitung! Der gefürchtete Nebenbuhler hatte also seine Geliebte verlassen,
er sollte nie den Namen Kaiser erlangen, den Graf Eberhard seinem Schwiegersohn
so gern gegönnt hätte, wenn er ihn selbst nicht erhalten konnte! Neue Hoffnungen
stiegen in Herrmanns Seele auf, er glaubte alles überwunden zu haben, da nur der
fürchterliche Herzog vom Schauplatz abgetreten war, und dachte nicht, dass die
Tochter eines mutmasslichen künftigen Kaisers noch immer unerreichbar für ihn
blieb.
    Er hatte nicht so bald gehört, dass Herzog Friedrich vielleicht hier vorüber
ziehen würde, als er begierig ward denjenigen zu sehen, der ihm bisher so viel
Furcht eingejagt hatte und ihm einige Warnungsworte vor Gefahr zuzurufen; er
interessirte sich doppelt für ihn, seit er ihn nicht mehr für Idas Bräutigam
hielt. Er setzte sich unter einen Baum an der Heerstrasse, und schaute in die
Weite hinaus. Die Gegend war einsam; man war in diesem Bezirk es zu gewohnt
grosse Herrn vorüber ziehen zu sehen, als dass man sich, so wie ietzt, dazu hätte
drängen sollen, sich zu überzeugen, dass sie auch Menschen wären.
    Das Warten dauerte Herrmann zu lang, er war diesen Tag weit gegangen, und er
entschlief. Sein Schlaf konnte wohl etliche Stunden gedauert haben, als er von
einem schrecklichen Traum erwachte. Ihm träumte, Herzog Friedrich von
Braunschweig sei von einem Löwen zerrissen worden, und man wollte ihn mit der
Haut seines Mörders bekleiden. Er ermunterte sich, fuhr auf und sah neben sich
einen langen bleichen Menschen mit verworrenem Haar und ausgezogenem Schwerdte
stehen.
    Herrmann sprang in die Höhe. Was machst du mit meinem Schwerdte? schrie er,
indem er das seinige in der Hand des Fremden gewahr ward. -
    Dein Schwerdt? rief der andere, indem er es blitzschnell ins Gebüsch
schleuderte, siehe, das ist das deinige; ich fand es neben dir, und der
fürchterliche Anblick machte, dass ich bei dir stehen blieb, und weil ich dich
für einen Mörder hielt, meinen Degen zog, um mich, wenn du erwachtest, vor dir
zu schützen.
    Herrmann sah sich um und erblickte an der Stelle, wo er gelegen hatte, ein
mit Blut getränktes Schwerdt. - Unseeliger! schrie er, indem er den Fremden bei
der Brust fasste und ihn gewaltsam schüttelte, sprich, was ist das? - Aber Gott
was sehe ich! Kunzmann? Hertingshausen? Graf Peters Mörder? -
    Herrmanns Hände sanken vor Entsetzen nieder, und Kunzmann fühlte sich nicht
so bald frei, als er wie ein Pfeil von der Sehne davon floh, und den Ritter von
Unna in einer Bestürzung verliess, welche mit nichts zu vergleichen war.
    In dem nemlichen Augenblick erhob sich ein fürchterliches Geschrei; Hier,
hier muss die Tat geschehen sein! fasset, fasset den Mörder! Von allen Seiten
stürzten gewaffnete Männer herbei, von denen einige schrieen: Ach unser Herzog,
unser teurer Herzog! andere6: Nein, hier ist er nicht gefallen, wir fanden ihn
hundert Schritt weiter im Gebüsch! und noch ein andrer: der Mörder kann nicht
weit sein, ich hatte ihn schon einmal ereilt, aber er entfloh mit dem blutigen
Schwerdte.
    Herrmann stand noch mit in einandergeschlagenen Armen bei Kunzmanns
Schwerdte, als ihn dieses grässliche Getös aufmerksam machte. Er tat einige
Schritte vorwärts, um zu fragen, ob das, was er hörte, noch überbliebene Ideen
seines Traums, oder Wahrheit wären, aber - -
 
                                 Zweiter Teil
                                  Erstes Kapitel
                                   Ein Verhör
Aber - - Doch, mein Leser, wie können wir dir zumuten, dass dir das Ende unsers
ersten Teils noch so lebhaft vorschweben sollte, dass du vermögend wärest, es
vermittelst eines Abers an den Anfang des zweiten anzuknüpfen! - Wisse also,
dafern du es vergessen hast, du verliessest den ehrlichen Herrmann von Unna in
einer der seltsamsten Lagen, die sich denken lassen. Von einem Traume erwacht,
der sein Innerstes erschütterte, und beim Erwachen von Dingen umgeben, die den
unordentlichen Bildern des wildesten Traums so ähnlich sahen, dass er zweifeln
musste, ob er wirklich erwacht sei. Kunzmanns überraschende Erscheinung, sein
Anblick, noch so bleich, zitternd und verstört, als damals, als er von Graf
Peters Ermordung zurückkam, das blutige Schwerd, das Geschrei von der Ermordung
eines Herzogs, das Herrmann augenblicklich auf Friedrichen von Braunschweig
deutete und deuten musste, das wütende Herbeiströmen der Gewappneten; was für
ein Gewühl von Ideen mussten diese Dinge in dem noch halb schlaftrunkenen
Jünglinge machen!
    Er tat, wie wir im Vorigen gesagt haben, einige Schritte vorwärts um sich
zu belehren, aber ehe er noch ein Wort aufzubringen vermochte, tönte ihm aus
zwanzig rauhen Kehlen das Gebrüll entgegen: hier ist er! hier ist der Mörder!
und zwanzig Schwerdter wurden bloss, sich mit seinem Blute zu tränken.
    Ein böser Geist schien es darauf angelegt zu haben, den Unschuldigen zu
Rettung des Verbrechers in Verdacht zu bringen; wie wäre es sonst möglich
gewesen, in einem anfangs tiefdenkend dastehenden, und dann sich seinen Feinden
langsam nähernden Menschen, in einem Jünglinge, mit den Zügen der Unschuld auf
dem Gesicht einen Mörder zu ahnden? - Die ganze Aehnlichkeit zwischen ihm und
dem eben entflohenen Kunzmann, den man mit Recht als den Vollbringer der
abscheulichen Tat verfolgte, bestand in der Gleichheit der Rüstung, und in dem
rosenfarbenen Ermel, den Hertingshausen, der sich eben so wohl als Herrmann zu
den Rittern der alten Minne zählte, gleich diesen trug.
    Herrmann war nicht gewohnt sich unverteidigt angreifen zu lassen, er griff
nach dem Schwerde, und da ihm Kunzmann das seinige geraubt hatte, so war er
freilich genötigt, das blutige Mordeisen aufzunehmen, welches der Bösewicht ihm
zurückgelassen hatte.
    Es war in den damahligen Zeiten nichts ungewöhnliches die Tapferkeit so weit
zu treiben, dass man statt gutwilliger Uebergabe, wo man Ueberlegenheit der
Anzahl oder Stärke sah, lieber fechtend starb, als sich der Gnade des Feindes
überliess. Herrmann focht ritterlich, zween seiner Feinde lagen todt zu seinen
Füssen, und verschiedene andere hatten Wunden aufzuweisen, welche sie zu weiterm
Gefecht untüchtig machten. Endlich stürzte sich der ganze Haufe auf ihn; er ward
zu Boden getreten, und würde ohne Zweifel unter den Händen der Rächer des
Ermordeten haben das Leben aufgeben müssen, wenn nicht der eine von ihnen dem
die andern alle zu gehorchen schienen, ihnen geboten hätte, sein Leben zu
schonen.
    Haltet ein! rief Kurd, des unglücklichen Herzogs Leibknappe. Der Verruchte
verdient nicht den ehrlichen Tod durch Feindes Schwerdt zu sterben!
    Ha! schrie einer, der eben dem überwältigten Herrmann noch einen wütenden
Stich in die Seite gegeben hatte, ich denke, er wird nicht viel mehr bedürfen;
seht, wie mit dem Blute sein Leben aus dem Körper des Verworfenen quillt! O süsse
süsse Rache für Friedrichs entflohnen Geist!
    Er muss verbunden, muss gerettet werden! rief Kurd! Was denkt ihr! war er der
einige Täter? - die übrigen sind entflohen, und er darf nicht eher sterben, bis
er uns die Verruchten genannt hat!
    Herrmann lag ohnmächtig auf dem Boden, man verband ihn, und trug ihn in eine
Herberge des nächsten Dorfes, wo man Friedrichs trostlosen Freund, Rudolfen von
Sachsen zu treffen versprochen hatte. - Rudolf soll dich richten, schrie Kurd,
als der eben sich erholende Herrmann in die Unterstube eines Bauernhauses
gebracht ward, deine Seele soll nicht ehe entfliehen, bis du uns die Namen
deiner Sündengenossen genannt, uns Stoff zu neuer Rache gegeben hast!
    Herrmann antwortete nichts, verstand wahrscheinlich nicht, was ihm Kurd in
die Ohren brüllte; er neigte das Haupt mit einer schmerzhaften Miene auf die
Seite, und ward, als man ihn auf ein Strohlager brachte, zum zweitenmahl
ohnmächtig.
    Mittlerweile erkundigten sich die Reuter nach Herzog Rudolfen und seinen
Leuten, von deren Ankunft man hier im Dorfe noch nichts wusste. Kurd schickte die
Hälfte seiner Reuter aus, Kundschaft einzuziehen, und er blieb mit den Uebrigen
zurück, um den Funken des Lebens in dem Verwundeten bis zu dem erpressten
Geständnisse glimmend zu erhalten.
    Herrmann erholte sich gegen den Abend, und forderte zu trinken, man reichte
ihm Wein, und hielt ihn nach Genuss desselben stark genug auf jede Frage zu
antworten, die man ihm vorlegen würde. -
    Es ist möglich, sagte Kurd zu seinen Gefärten, dass er die Ankunft des
Herzogs von Sachsen, der vielleicht einen andern Weg gezogen ist, nicht erlebt,
ich will ihn selbst befragen, und ihr sollt Zeugen seiner Aussage sein.
    Herrmann ward befragt. - Ich ein Mörder? Friedrichs Mörder? antwortete er
mit schwacher Stimme, o Gott! Retter der Unschuld!
    Willst du noch leugnen? fragte Kurd. Ueberzeugt dich nicht dieses Schwerd?
    Blutig, riefen die Zeugen, blutig sahen wir es ihn vom Boden aufnehmen und
wider uns kehren, das Blut unsers Herrn vermischte sich mit dem Unsrigen, das er
vergoss! Dies ist noch nicht genug ihn zu überzeugen, rief Kurd. Ein Zufall
könnte das Schwerd eines Unschuldigen zu eben der Zeit mit Blut gefärbt haben;
aber, dass ich seine Gestalt, seine Kleidung übergehe (die ich, als ich ihn
zuerst ereilte, und ihm den Mantel entriss, nur gar zu gut in die Augen fasste) so
sehet dieses Schwerd! Ists nicht Herzog Friedrichs Schwerd, das er im Gebüsch
von sich gelegt hatte, und das die Meuchelmörder ihm raubten, um es in sein
eigen Blut zu tauchen? -
    Die Zeugen traten herbei, betrachteten und küssten den Stahl, und alle
schrien! Herzog Friedrichs Schwerd, so wahr uns Gott helfe! Rache, Rache über
seinen Mörder!
    Wie ein fast ausgebrannter Tocht durch allzuschnellen Zufluss von Oel auf
einmal hell auflodert um denn gänzlich zu erlöschen, so hatte das starke
Getränk, welches für den tödlich verwundeten Herrmann Gift in seiner Lage war,
für den gegenwärtigen Augenblick die Würkung ihn neu zu beleben, ihm eine Stärke
und Munterkeit einzuflössen, welche fast der eines Gesunden glich. Vielleicht
zwar, dass auch die entsetzliche Anklage, die er erst jetzt völlig zu fassen
begunte, seine Seele so erschütterte, dass sie noch alle Kräfte der Natur
anstrengte, um nicht ungerechtfertigt nicht mit einer Blutschuld befleckt
scheiden zu müssen.
    Herrmann richtete sich plötzlich auf, und der Wirt, der nebst einigen
seiner Leute gegenwärtig war, trat herbei ihn zu unterstützen. Nein! schrie
Herrmann, ich bin Friedrichs Mörder nicht! sein Schwerd hatte ich vorher nie
gesehen, fasste es zuerst, als ich es aufheben musste, mich wider euch zu
verteidigen. Lang, - ihr müsst es noch gesehen haben, - lang starrte ich es voll
Entsetzen an, ohne es anrühren zu mögen, mir ahndete, dass das Blut der Unschuld
daran klebte.
    Mensch! rief Kurd, wie kannst du uns dieses bereden? Wie kannst du - -?
    Doch meine Leser, es würde teils unnötig, teils unmöglich sein, euch das
Gespräch zwischen dem verwundeten Herrmann und Herzog Friedrichs Rächern Wort
für Wort mitzuteilen. Genug sei es euch, dass die Stimme der Wahrheit aus dem
Munde des schon fast sterbenden Jünglings wenigstens so viel vermochte, die
Umstehenden in ihrem bisherigen Glauben wankend zu machen. Er erzählte nach der
Länge alles, was ihm diesen Tag begegnet war, und der Richter und die Zeugen
fanden so viel überredendes in den Worten des Verwundeten, dass sie sich voll
Erstaunen ansahen, und einander fragten, was bei dieser zweifelhaften Sache zu
tun sei.
    Ein Umstand kam dem hier an Richterstelle sitzenden Kurd in den Sinn, den er
bisher im Taumel der Wut gänzlich vergessen hatte und der dem Beschuldigten
wunderbar zu statten kam. Wir haben schon erwähnt, dass Kurd Kunzmannen bereits
einmal ereilt und ihm den Mantel entrissen hatte. Der Mantel entschlüpfte
seiner Linken, aber die Rechte hatte des Mörders langes schwarzes Haar weit
fester gefasst, und Hertingshausen konnte den Händen seines Verfolgers nicht
entfliehen ohne einen Teil desselben in seinen Händen zu lassen. Kurd hatte es
sorgfältig aufbewahrt und zog es jetzt hervor, um den Beklagten, dem er fast
nichts mehr zu antworten wusste, völlig zu überzeugen, aber er geriet in neue
Verwirrung, als er seine Augen auf die blonden Locken warf, die Herrmanns
bleiches Gesicht umschatteten. Was ist dies? rief er, sollte ich würklich irren?
sollte dieser würklich schuldlos sein?
    Herr, fieng der Wirt an, der Herrmannen bisher gehalten hatte und ihn jetzt
sanft auf sein Lager sinken liess, wenn ich euch meine Meinung sagen soll, so
seid ihr ganz an den Unrechten gekommen. - Der Ritter da, scheint mir, - kommt
her Leute, und seht zu, - ists nicht der junge Mann, den wir alle diese Tage
über bei uns gehabt haben? - Ja, ja, er ists! schrien die herbeidringenden
Knechte, es ist der gute Ritter von Unna! und das sagen wir euch, Kurd, Herrmann
von Unna ist kein Mörder, kann kein Mörder sein!
    Herrmann hatte verschiedene Tage in diesem Dorfe geherbergt und daselbst so
wie überall tausend Proben seiner Gutmütigkeit abgelegt. Ueberall wo er gewesen
war, hinterliess er Freunde; kein Wunder also, dass auf den Lärm, der sich auf
diese Verteidigung zwischen den Reutern und Knechten erhub, und auf das
Geschrei: der junge Ritter, der diesen Morgen das Dorf verlassen habe, sei der
von Herzog Friedrichs Leuten Verwundete, alle Welt herbeilief und ihn sehen und
rächen wollte. Die Weiber spielten hiebei die beste Rolle, sie nahmen sich des
todschwachen Herrmanns an, der von der heftigen Anstrengung viel gelitten hatte,
und den man in dem allgemeinen Lärm, der um seinetwillen entstand, ganz aus der
Acht gelassen hatte.
    Der besänftigte Kurd gebot endlich Friede. Alle eure Reden, schrie er, sind
noch keine Beweise für die Unschuld des Beklagten, wollte Gott, sie wären es,
und ich könnte, wenn ich ihm Unrecht tat, es wieder gut machen; aber ihr seht
selbst, der Mensch kann Herrmann von Unna und euer Wohltäter, und doch Herzog
Friedrichs Mörder sein. Diese Hand voll Haare beweist mehr als euer Geschrei,
und doch nicht genug, um ihn zu retten. Es waren der Mörder mehr, und ist dieser
nicht der, dem diese Locke gehört, so kann er einer von den andern sein! Die
Sache muss vor ein höheres Gericht, und ist er denn unschuldig, so braucht ihr
vor nichts zu sorgen! Jetzt lass ich ihn in eurer Gewehrsame, zween Reuter
bleiben ihn zu bewachen, und wehe euch, wenn ihr einen voreiligen Schritt tut,
ihn entkommen zu lassen, er wird ihm nichts helfen, und euch unglücklich machen.
    Kurd verliess das Zimmer mit Eile, denn eben war einer von seinen
ausgeschickten Reutern mit der Post zurückgekommen, Herzog Rudolf sei gefangen,
und seine Leute sammelten sich drei Meilen von Fritzlar, ihm zu Hülfe zu ziehen;
ein Zug, bei welchem der brave Kurd, ein so treuer Diener des gefangenen
Rudolfs, als des ermordeten Friedrichs nicht fehlen durfte.
 
                                Zweites Kapitel.
                                  Wiedersehen.
Herrmann blieb unter der liebreichen Wartung seiner alten Wirte. Ungeachtet er
nicht so wohl durch die Gefährlichkeit seiner Wunden, als durch ihre Menge und
den grossen Blutverlust zu Boden gestürzt, und seine Lage jetzt meistens nur
durch heftige Bewegung und den schädlichen Trunk verschlimmert worden war, so
schwebte er doch einige Tage zwischen Leben und Tod und nichts als Guterzigkeit
der ehrlichen Landleute konnte ihn retten. Der Schäfer, das Orakel des Dorfs,
heilte ihn mit Saft von ausgepressten Kräutern, unter welchen das Moos, auf von
der Sonne gebleichten Hirnschedeln gewachsen, wie unsere Urschrift sagt, das
vornehmste war; ein Zeugnis, dem wir nicht zu widersprechen wagen - weil wir uns
auf solche Dinge nicht verstehen.
    Herrmann fieng an zu genesen, fieng an, nach Verlauf einer ziemlichen Zeit
herum zu gehen, vermochte mit seinen freundlichen Wirten von der schrecklichen
Begebenheit zu sprechen, die ihn dem Tode nahe brachte, konnte ihnen danken,
ihnen freigebig lohnen, aber für ihre heimlichen Ueberredungen zu fliehen, und
der weitern Untersuchung seiner Sache zu entgehn, hatte er keine Ohren. Umsonst
stellte man ihm vor, dass es ihm schwer werden würde, seine Unschuld vor
vielleicht parteiischen Richtern zu erweisen, umsonst erinnerte man ihn, dass
ihn hier nichts aufhielt, weil die Reuter, die man ihm anfangs zur Wache gegeben
hatte, längst abgefordert worden waren; er bestand auf den Grundsatz, den er vor
kurzem auf dem Schloss Cyly äusserte: Die Unschuld fliehet nicht; und beschloss
seinen Ankläger zu erwarten, oder im Fall dieser aussen blieb, gen Nürnberg zu
ziehen und seine Sache den daselbst versammelten Fürsten vorzustellen.
    Der letzte Entschluss ward ausgeführt. - Herzog Rudolfs Leute, unter welche
sich jetzt auch der treue Kurd zählte, sorgten zu selbiger Zeit mehr für das
Beste ihres gefangenen Herrn, als für die Rache des ermordeten Friedrichs, und
das erstere gab ihnen so viel zu tun, dass darüber das letzte ganz zu
entschlafen schien. Herrmann sah sich also genötigt, wenn er nicht den Flecken
der schrecklichen Beschuldigung unabgewischt lassen wollte, sich zu Nürnberg bei
denen zu melden, auf deren Gerechtigkeit er ein so grosses Zutrauen setzte. Seine
Wirte mussten sich endlich die Sache gefallen lassen, sie begleiteten ihn bis
weit vor das Dorf hinaus, und er trennte sich erst unter der Tanne von ihnen, wo
ihn der betrügerische Schlaf bald in die Arme des Todes geliefert hätte.
    Dieser Baum, rief er, als er seine Begleiter entliess, dieser Baum sei Zeuge
meiner Unschuld, ihr, ihr Teuren, glaubt sie nur aus Vorliebe für mich, aber, o
dass dieser Stamm reden könnte, an den ich sorglos hingelehnt schlummerte, als
der Löwe, der Herzog Friedrichen zerfleischte, neben mir stand, und mich mit dem
Blute der Unschuld beflecken wollte, o dass diese Blätter Zungen würden die
Wahrheit auszusprechen! Dass die Geister, welche Kunzmann und mich hier
unsichtbar umschwebten, auftreten möchten wider den Mörder zu zeugen!
    Haltet ein, Ritter, unterbrach ihn der älteste unter den Landleuten, was wir
von euch halten, dass wisst ihr; aber diese Fürsten, zu denen ihr gedenkt! - Ihre
Anzahl besteht nicht aus lauter Ruprechten von der Pfalz und Albrechten von
Oesterreich, es gibt viele unter ihnen, die nicht scharfsichtig genug sind, die
Unschuld mitten in der Dämmerung zu entdecken, und einen und den andern, der es
vielleicht nicht ungern sehen möchte, eigene Schuld auf einen Fremden zu wälzen.
Vornehmlich hütet euch vor dem von Maynz. Es gehen seit Herzog Friedrichs
Ermordung seltsame Gerüchte in dieser Gegend. - Wenigstens wissen wir alle so
viel, dass er und Friedrich nie Freunde waren.
    Herrmann kam gen Nürnberg und sein erstes Geschäft daselbst war - nach Ida
zu fragen. Sollten meine Leser noch nicht gemutmasset haben, dass der Wunsch sie
zu sehen, so viel Anteil an seiner Ankunft gehabt habe, als das Verlangen, vor
den teutschen Fürsten seine Unschuld zu rechtfertigen?
    Er erfuhr, dass der Graf von Würtemberg eine kurze Reise unternommen habe,
und dass seine Tochter sich mittlerweile gar einsam und eingezogen auf seinem
Schloss hielte. Herrmann hatte Eile Ida zu sehen: er fühlte es, dass er einen
grossen Schritt vor sich hatte: sollte er bei dem zweifelhaften Ausgang desselben
es darauf wagen, sie nie wieder zu erblicken? -
    Die Liebe machte ihn sinnreich und kühn, und der Anschlag, den sie ihm
eingab, war so plan und leicht, dass er glücken musste. - Wie hätte man einem
Ritter, der der Gräfinn von Würtemberg Botschaft von ihrem Vater brachte, den
Zutritt versagen sollen! er ward unvorzüglich vorgefordert, und - Herrmann trat
ein.
    Herrmann! rief Ida, als er vor ihr kniete den Saum ihres Rocks zu küssen,
Herrmann, ein Bote meines Vaters? -
    Und würde Ida zürnen, wenn er es nicht wäre, wenn ihm die Liebe eingegeben
hätte, sich einer unschuldigen List zu bedienen? -
    O Herrmann! Herrmann! rief die Gräfinn und beugte sich tiefer zu ihm herab,
wo bist du bis jetzt gewesen? Warum dieses todtenbleiche verfallne Gesicht,
diese matten Augen? -
    Wir haben schon mehr gesehen, dass dem Ritter der treuen Minne bei seiner Ida
keine Augenblicke günstiger waren, als die Augenblicke der Ueberraschung; so
auch der gegenwärtige. Die Gräfinn zögerte lange, ehe sie sich aus Herrmanns
umschliessenden Armen wand, und ihn in die Schranken des gebührlichen Wohlstandes
zurück wies, und er kannte seinen Vorteil zu gut, um sich durch irgend einen
unzeitigen Ausruf zu früh aus der süssen Vergessenheit ihrer selbst zu reissen.
    Stehet auf Ritter von Unna, rief endlich die errötende Ida mit abgewandtem
Angesicht, wir spielen hier eine seltsame Rolle. - Ihr sagtet, ihr brächtet mir
Post von meinem Vater? wie lebt er, wird er bald zurückkehren?
    Man wird sich erinnern, dass Herrmann kein Wort von diesen Dingen gesagt
hatte, aber er hielt es nicht für nötig sie eines bessern zu belehren, nahms
für bekannt an, dass sie selbst nicht recht wisse was sie spräch, oder verstand
überhaupt in der Entzückung, in der er war, selbst nicht, was sie sagte.
    Er nahm auf ihren Befehl Platz an ihrer Seite, und nach einigen
Augenblicken, da noch keines von beiden recht wusste, was es sagen sollte, nahm
endlich eine Art von Unterredung zwischen beiden Platz, die nach und nach
verständiger wurde und alles zum Vorschein brachte, was man in den gegenwärtigen
Augenblicken nötig hatte einander zu sagen.
    Idas Erzählung war kurz. Ihr Leben war unter der Aufsicht ihres strengen
Vaters so einförmig gewesen, als das Leben aller Jungfrauen ihrer Zeit. Nur
selten kamen in jenen rauhen ungebildeten Jahrhunderten die Töchter des Landes
zum Vorschein und Fleis und Wachsamkeit ihrer Eltern schützten sie auch vor
häuslichen Abenteuern. Obgleich Fürstentöchter hierinn zuweilen eine Ausnahme
machten, so blieb doch Graf Eberhard in Ansehung seiner Ida ganz bei der
gewöhnlichen Weise: immer noch lag ihm dieser Herrmann von Unna in Gedanken, der
ihm einst von Idas Altan in den Garten entsprang, und an der Kaiserinn eine so
mächtige Vorbitterinn hatte; - auch war Ida zu schön, um all den üppigen Augen
ausgestellt zu werden, deren es auf dem Reichstage zu Nürnberg gab; selbst ihr
bestimmter Bräutigam, der nun ermordete Herzog von Braunschweig, hatte sie nur
zweimal gesehen, denn auch er durfte sich, nach dem Willen des alten Grafen, nur
in so fern Hoffnung auf dieses Kleinod machen, als ihm das Glück in Ansehung der
Kaiserkrone günstig war.
    Herrmann triumphirte über Idas Erzählung, die sie ihm mit ihrer natürlichen
unschuldigen Offenherzigkeit machte, dankte Graf Eberharden im Herzen, dass er so
treulich über seinen Schatz gewacht hatte, und lobte sich laut, dass er schlau
genug gewesen war, die Wachsamkeit ihrer Wächter zu betrügen. Aber Ida erinnerte
ihn, nicht zu kühn zu sein, weil nur der Zufall, und die Abwesenheit einer
strengen Duegna deren Rückkunft aus der Kirche sie alle Stunden erwartete, ihm
dieses Glück verschafft habe.
    Der wichtigste Teil der Unterhaltung der beiden Liebenden, Herrmanns
Geschichte und die Ursach seiner Erscheinung war noch zurück. Man musste eilen.
Herrmann erzählte, und - habe ich noch nötig den Eindruck zu schildern, den
das, was die junge Gräfinn hörte, auf ihr Herz machte?
    Unter allen Gefahren, in welchen sie den geliebten Herrmann in seiner langen
traurigen Geschichte sah, kam ihr die gegenwärtige als die schrecklichste vor,
sie zitterte, dass er sich selbst vor ein Gericht stellen wollte, dessen
Beisitzer sie noch lange nicht genug kannte um zu wissen, ob die Unschuld bei
ihnen sicher sei. Sie bat, sie flehte mit Tränen, er möchte seinen Ankläger
erwarten, und dafern dieser nicht erschien, seine Unschuld vor erwiesen halten,
da sie Gott und seinem eigenen Herzen bewusst wär; er möchte doch lieber jetzt
gleich fliehen, da Kurd, der einige der nebst seinen Leuten wider ihn auftreten
könne, beim Abschied ja selbst von seiner Unschuld überzeugt zu sein geschienen
hätte, da er und seine Gefährten vielleicht bei Herzog Rudolfs Befreiung, von
welcher jetzt stark gesprochen wurde, geblieben, und also kein einiger seiner
Ankläger übrig sein könne! - Liebe und Angst sprach aus ihren Blicken, da sie
ihm die Notwendigkeit seiner Flucht so mit wichtigen und unwichtigen Gründen
vorstellte, aber Herrmann blieb unbeweglich!
    Würde ich deiner würdig sein? rief er, würde ich einen Blick von dir, du
Ebenbild der schuldlosesten aller Jungfrauen verdienen, wenn ich die Blutschuld
nicht von mir zu wälzen suchte? - Nein es ist nicht genug, dass Gott, du und ich
mich unschuldig wissen, und andere gute Seelen meine Unschuld glauben, die ganze
Welt soll sich überzeugen, dass Herrmann von Unna, wenigstens kein Verbrecher
ist, wenigstens dieser Ursach wegen, sich nicht scheuen darf, an eine Gräfinn
von Würtemberg zu denken.
 
                                Drittes Kapitel.
                                Er ist gerettet!
Die Liebenden schieden. Herrmann machte sich auf, die ersten Schritte zu
Ausführung seines Anschlags zu tun, und Ida blieb in dumpfen Trübsinn zurück.
Dass ihr Trübsinn nicht Verzweiflung war, machte das Andenken an ähnliches
Unglück, das sie selbst vordem erfahren hatte, und dem sie so wunderbar
entkommen war. War es nicht ein weit fürchterlicheres Gericht, vor dem ich
ehemahls stand, sprach sie zu sich selbst, dieses wird doch noch im Angesicht
des Tages, vor den Augen der zuschauenden und selbst richtenden Menge gehalten
werden, aber jenes Tribunal der ewigen Nacht! Und doch ward ich erhalten! -
Nein, Ida, verzage nicht, er ist unschuldig, stellt sich ohne Ankläger, ist ein
Mann, der, wenn alle Verteidigung fehlt, sein gutes Schwerd noch übrig hat die
Sache zu schlichten! Nein, Ida verzage nicht! Die Prüfung, welcher er sich
unterwirft, wird zu seiner Ehre, vielleicht zu seinem und deinem Glück
ausschlagen!
    Herrmann hatte seine traurende Geliebte kaum verlassen, als die Hüterinn
erschien, welche Graf Eberhard ihr zugegeben hatte, und die ihr nie von der
Seite ging, als wenn sich das Mädchen etwa durch Vorwand einer Unpässlichkeit
ihrer lästigen Gegenwart auf einige Stunden entledigte. Ida wusste nie zuvor was
Unwahrheit und Verstellung war, bis Strenge und argwöhnische Aufmerksamkeit es
ihr lehrten - Ida zitterte vor einer Untersuchung, wer der Jüngling sei, der sie
eben verlassen hatte. Herrmann war vor den Augen ihrer im Vorzimmer aufwartenden
Leute gekommen und gegangen, sie hielt sich zu edel ihren Bedienten
Stillschweigen aufzulegen, und konnte also alle Augenblicke aus dem Munde ihrer
Hofmeisterinn eine Frage erwarten, die sie nicht zu beantworten wusste. Diese
Frage erfolgte nicht, auch schien die ungewöhnliche Schwermut des Fräuleins gar
nicht bemerkt zu werden und erst gegen den Abend des künftigen Tages erfolgte
ein Gespräch zwischen ihr und der Duegna, von welchem meine Leser selbst
urteilen mögen, ob es zu Idas Trost gereichen möchte. Werden diese Tränen nie
vertrocknen, Gräfinn? mich dünkt, sie fliessen seit gestern weit häufiger! -
    Kann wohl sein! -
    Und ihre Ursach? - O warum wolltet ihr mir sie verhelen? Ists ein Schimpf
für ein Fräulein in euren Jahren zu lieben, und wenn man so unglücklich liebt
wie ihr, den Verlust des Geliebten zu beklagen? -
    Ida weinte heftiger!
    Armes armes Kind! rief die Alte. Ihn so blutig, so schrecklich zu verlieren!
- Doch ein Trost ist euch noch übrig, die Rache! und tröstet euch, ihr sollt
gerächt werden, der Täter hat sich selbst gemeldet.
    Ida trocknete die Augen und blickte die Sprechende voll Entsetzen an. Von
wem redet ihr? sagte sie in einem ängstlichen Tone. -
    Ich sage, der Mörder eures Bräutigams, Herzog Friedrichs, hat sich gemeldet!
    Gemeldet? wiederholte Ida - Nun, und er ist zurückgewiesen worden, hoffe
ich, ihr wisst, - ich weis, - genug es ist bekannt, dass er unschuldig ist!
    Wer denn? Fräulein?
    Der Ritter von - O mein Kopf! ich bitte euch, wenn ihr mir etwas zu sagen
habt, so sprecht allein, ihr seht, ich bin nicht vermögend euch zu antworten.
    Die Alte schüttelte den Kopf und hub eine Erzählung an, die sich meine Leser
denken können, die auch Ida zu erraten vermochte, die sie aber dennoch so sehr
überraschte, dass sie beim Schlusse derselben ohnmächtig ward. Wie hätte sie es
unerschüttert vernehmen können, dass Herrmann sich vor den Fürstenrat gestellt,
seine Geschichte erzählt, die Dinge, welche für, und die, welche wider ihn
waren, seinen Richtern aufrichtig vorgelegt hatte, und statt der
augenblicklichen Lossprechung, die freilich Ida ihm erteilt haben würde, bis
auf weitere Erkenntnis in einen festen Turm gesetzt worden war.
    Ich bitte euch, sagte Ida, als sie wieder zu sich selbst gekommen war, und
tausend Fragen über ihren schnellen Zufall angehört und schlecht genug
beantwortet hatte, ich bitte euch, erzählt mir eure Geschichte noch einmal,
wenn der Wunsch Herzog Friedrichs Blut gerochen zu sehen, so wie ihr meint, mir
diese Beängstigung verursacht, so könnt ihr denken, dass ich alles wissen muss!
Vor allen Dingen, wer sind seine, ich will sagen, wer sind des - des Unbekannten
Richter?
    Ach dass es Gott und alle Heiligen erbarme! schrie die Alte, solche Richter
müssen, seit die Welt steht, noch nicht gefunden worden sein! Ich nehme den
Kurfürsten von Maynz aus, denn dieser tat so gleich was er tun musste, liess den
Mörder beim Kopfe nehmen. - -
    Er tat? Er liess? schrie Ida, waret ihr selbst gegenwärtig? O ja, als ich
diesen Morgen aus der Messe ging. Das Gericht ward bei offenen Türen gehalten.
-
    Nun denn! - Es kann ja nicht die ganze Welt blind gegen seine Unschuld sein!
- Aber weiter! Seine Richter! seine Richter!
    Ich hoffe, die meisten waren wider ihn, aber leider behielten die wenigern,
die ihn unschuldig nannten, die Oberhand!
    O die Herrlichen! - Ihre Namen, Kunigunde! ihre Namen!
    Ihr wisst ja, wer hier alles zu sagen hat, wer es ewig hindern wird, dass
irgend etwas gutes zu Stande komme; haltet euch nur noch nicht für die Tochter
eines künftigen Kaisers, so lang -
    O ich bitte euch! bringt mich nicht zur Verzweifelung, lasst Kaiser sein und
Kaiser bleiben wer da will, wenn nur er - -
    Fräulein! Fräulein! rief Kunigunde mit aufgehobenem Finger. - Doch ich gebe
nach. Die, welche demjenigen wohl wollten, dessen ihr euch so eifrig, Gott weis
warum, annehmt, waren der Pfalzgraf Ruprecht, Herzog Albrecht und der alte
Jodokus aus Mähren, alle heimliche Feinde und Nebenbuhler eures Vaters,
vielleicht Ursacher an dem Tode eures Bräutigams, und darum Verteidiger des
Fremden, der sich ja nicht gestellt haben würde, wenn er nicht schuldig wär.
    Und der von Maynz? fragte Ida. -
    Tat allein was recht war, liess den Mörder gefangen nehmen, so sehr auch
seine Freunde, welche immer mehrere der Fürsten an sich zogen, auf seine
augenblickliche Lossprechung drangen. -
    Und, liebe Kunigunde, glaubt ihr wohl, dass er im Gefängnis vor Gewalttat
sicher ist? -
    Der Mörder?
    O ich bitte euch, nennt ihn keinen Mörder! wie könnet ihr so wider einen
Unbekannten wüten? -
    Ein Unbekannter? Ich denke freilich wohl Fräulein, ihr kennt den Ritter von
Unna besser als ich, aber - o dass euer Vater zurück käme!
    Es nahm von diesen Augenblick an eine ausserordentliche Kälte zwischen Ida
und ihrer Hofmeisterinn Platz. Ida war beschämt sich verredet zu haben, und
hasste die Hasserinn des unschuldigen Herrmanns, und diese wusste, was sie wissen
wollte, hatte nicht nötig die unschuldie Gräfinn von neuem auszuforschen, und
hütete sich wohl, irgend etwas zu sagen, das ihr hätte erfreulich sein können,
denn leider, wie sie sich ausgedrückt haben würde, leider hatte sie ihr nichts
als Gutes zu melden.
    Herrmann hatte sich vor dem Fürsten gestellt, seine ungekünstelte Erzählung,
die Stimme der Wahrheit, die in derselben unverkennbar war, seine herrliche
einnehmende Gestalt, dies ofne Gesicht, der Abdruck der Unschuld und der
Herzensgüte, seine freiwillige Darstellung, kurz alles, alles hatte für ihn
gesprochen, und hätte ihn schon allein Loszählung von dem angeschuldigten
Verbrechen auswirken müssen, wenn nicht auch Zeugen gekommen wären, seine
Unschuld zu bestätigen. Die Leute aus dem Dorfe, wo Herrmann verwundet gelegen
hatte, waren dem, dessen sie sich annehmen wollten, beinahe auf dem Fuss gefolgt,
traten jetzt zu seiner Seite vors Gericht, und brachten so viel zu seinem Besten
vor, dass nur ein solcher Mann wie Johann von Maynz und einige andere noch daran
denken konnten, ihn als einen Verbrecher gefangen zu setzen.
    Der Gang der Gerechtigkeit war damals noch nicht so langsam wie jetzt,
Herrmanns Freunde, und die Freunde der Tugend, Ruprecht, Albrecht, und Jodokus,
waren zu eifrig die Unschuld zu retten, und den von Maynz zu beschämen, als dass
nicht die Sache des Beklagten gleich des andern Tages wieder hätte sollen
vorgenommen werden, und hier war es, wo seine gänzliche Lossprechung erfolgte.
Kurd, der Leibknappe des Ermordeten erschien, er ward absonderlich verhört,
seine und Herrmanns Aussagen trafen pünktlich überein, sie wurden einander
entgegengestellt, und Kurd beteuerte, dass er seinen Verdacht gegen Herrmann
zurück nahm, er zeigte die Haarlocke vor, die er dem fliehenden Mörder
entrissen, und die augenscheinlich nicht auf Herrmanns Haupte gewachsen war, er
erzählte, dass der schwarzlockigte Kunzmann noch am nemlichen Tage von andern
seiner Verfolger ohne Schwerdt ertappt worden sei und behauptete, dass dieses
einen Hauptumstand in Herrmanns Aussage bestätigte.
    Herrmanns Freunde hörten dieses mit Vergnügen an, aber der Kurfürst von
Maynz ward alsdann erst froh, als er vernahm, der gefangene Kunzmann sei
entkommen, und man habe weder ihn noch einen andern von den Mördern wieder
ertappen können. - Einige von den Hassern des Unschuldigen wollten zwar
einwenden, es sei dennoch möglich, dass Herrmann einer von den andern Entflohenen
sei, aber der weise Jodokus behauptete, ihnen würde zukommen dieses zu beweisen,
aber keinesweges sei dem Ritter von Unna, noch dem, was bereits zu seinem Besten
erwiesen worden, zuzumuten, den schweren Beweis vom Gegenteil zu führen. -
    Es würde zu weitläuftig fallen alles aufzuzeichnen, was für und wider diese
Dinge gesprochen wurde, und es sei also genug, dass Herrmann gänzlich
losgesprochen, und Johann von Maynz von allen Fürsten mit gehässigen und
verdachtvollen Augen angesehen wurde. Es war gleichwohl bedenklich, dass Kunzmann
von Hertingshausen, der sich in7 maynzischen Diensten befand, Herzog Friedrichs
Mörder sein sollte.
    Unter allen Fürsten, deren Herzen der Ritter von Unna bei dieser Gelegenheit
an sich gerissen hatte, war keiner so sehr für ihn eingenommen, als der junge
Albrecht von Oesterreich, ein Herr, den man, wenn er nicht ein Fürst wär, für
den es schimpflich lassen könnte die Kopie eines gemeinen Ritters zu heissen,
Herrmanns Ebenbild im kleinen nennen könnte. Die Geschichtbücher erzählen, wie
gross, wie edel Albrecht war, und also urteile, mein Leser, wer Herrmann gewesen
sein müsse. -
    »Das Herz Jonatan verband sich mit dem Herzen David,« sagt die alte
Geschichte von dem Fürsten, der es nicht zu gering hielt, der Freund eines
Hirten zu sein, und dieses Ausdrucks könnten wir uns auch wohl in Ansehung des
edeln Herzogs von Oesterreich bedienen. Herrmanns erster Anblick eroberte ihm
das Herz des jungen Prinzen, seine Art zu handeln, flösste ihm Achtung ein, und
machte, dass er sich entschloss ihn mit Hintansetzung alles Unterschieds, den Rang
und Geburt machten, zu seinem Freunde zu wählen. Seine höhern Vollkommenheiten,
die dem bescheidenen Prinzen mehr als jedem andern in die Augen leuchteten,
erregten bei ihm keinen Neid, und ein Bund der Freundschaft ward in seinem
Herzen beschlossen, der es verdiente mit dem Bunde der ältesten Freunde der
Vorzeit verglichen zu werden.
    Herrmann ward nach Endigung des Gerichts vor Herzog Albrechten gerufen. Mit
Mühe hielt der liebenwürdige Prinz anfangs seine Neigung für den Ritter von Unna
in den Schranken des fürstlichen Wohlstands zurück; er fühlte, dass es die
Klugheit erforderte, den Jüngling, der ihm gefiel, genauer zu prüfen, und nicht
durch Äusserung allzu grosser Vorliebe, bei ihm Stolz und bei andern Neid zu
erregen. - Herrmann ward aufgefordert dem Fürsten, vor dem er stand, einen
bestimmten Begriff, von dem was ihm anging, zu geben, er tat es, und dies mit
so viel Offenheit in dem was ihn allein, mit so viel Schonung in dem was andere
in seine Geschichte verflochtene Personen betraf, dass Albrechts gute Meinung von
ihm wuchs, und Herrmann das Haus, in welchem vor wenig Stunden über sein Leben
und Tod gesprochen wurde, als einer der ersten Diener des Fürsten verliess, den
man mit Recht unter die besten seiner Zeit rechnen konnte.
    Ida wusste von diesen glücklichen Aenderungen nichts. Ihre Hofmeisterinn
hielt es nicht für gut, ihr etwas Angenehmes von dem Ritter von Unna vorzusagen,
den ihr Graf Eberhard beim Antritt ihres Amts als denjenigen genannt hatte, vor
welchen sie ihre Untergebene am meisten zu bewahren habe, und der doch, wie sie
wohl durch Idas Leute wusste, vor wenig Tagen schlau genug gewesen war, ihre
Wachsamkeit zu täuschen und sich zu der jungen Gräfinn einzuschleichen. -
    Ida wusste von allem, was vorging, nur soviel, dass dieses der Tag war, an
welchem Herrmanns Schicksal entschieden werden sollte; war es zu verwundern, dass
sie die Nacht, die vor denselben hergieng, ohne Schlaf und den Morgen in einer
Unruhe zubrachte, welche sich mit nichts vergleichen lässt?
    Ida stand am Fenster, sie hatte am Morgen die Fürsten sich in dem
benachbarten Pallaste des alten Jodokus versammeln gesehen, hatte die, welche
ihr Kunigunde als Herrmanns Freunde bekannt gemacht hatte, mit inniger
Dankbarkeit, und die andern, vornehmlich den von Maynz, mit Entsetzen
betrachtet. Der gefangene Herrmann war herbeigebracht worden. Die Leute des
ermordeten Herzogs von Braunschweig waren erschienen, die sie an der Rüstung
kannte, und deren wahrscheinliches Geschöpf ihr die Duegna auf die boshafteste
Art erklärte. Ida hatte gezittert. Das Gericht hatte sich weit bis nach Mittag
verzogen und nichts hatte sie vom Fenster hinwegbringen können, als die
Mattigkeit, die ihr jetzt kaum mehr verstattete, sich aufrecht zu erhalten.
    Man hatte sie zu Bette gebracht, und Kunigunde, welche glaubte, sie schlief,
schlich hinaus, Nahrung für ihre Neugier zu holen; sie erfuhr Dinge, die ihre
Untergebene augenblicklich neubelebt haben würden, aber sie war zu boshaft, ihr
die einige Arzenei zu bringen, die sie hätte erquicken können.
    Indessen lag die junge Gräfinn auf ihrem Bette ohne zu schlafen. Ein
gewaltiges Geräusch auf der Gasse machte sie aufmerksam, sie vergass ihre
Schwachheit, und flog ans Fenster. Das Volk strömte aus Jodokus Pallast heraus,
und sie glaubte Worte zu vernehmen, welche ihr tröstlich waren. Sie riss das
Fenster auf, um mehr zu hören, und in dem Augenblicke sah sie, dass sich das
Gedräng an der Pforte des Hauses vermehrte, wo über Herrmanns Unschuld
gesprochen worden war. -
    Herzog Albrecht mit seinem Gefolge stieg zu Pferde, ein Ritter von Herrmanns
Gestalt und Kleidung war ihm der nächste. Er ritt mehr ihm zur Seite als hinter
ihm. Der Herzog schien beständig mit ihm zu sprechen, und sein Betragen zeugte
ganz von herablassender Huld und Wohlwollen.
    Ida beugte sich weiter heraus. Jetzt ritten sie unter dem Fenster vorüber.
Der Ritter von der treuen Minne, den sie von weitem an den rosenfarbenen unter
der Rüstung hervorschwellenden Ermeln erkennen konnte, war kein anderer als der
geliebte Ritter von Unna. Ida dachte vor Freude ohnmächtig zu werden. Jetzt
blickte er herauf und küsste mit einem Blicke von dem Triumph der Unschuld belebt
sein Ordenszeichen, als wollte er sagen: nur dir zu Ehren trage ich es. - Auch
Herzog Albrecht sah herauf und grüsste ehrerbietig, und unter dem Volke erhub
sich ein Gemurmel, das bald darauf in ein lautes Jubelgeschrei ausbrach: Heil
Herzog Albrechten, dem Freunde der Unschuld, und dem geretteten Ritter, Herrmann
von Unna!
    Die Gräfinn wusste sich vor Entzücken nicht mehr zu halten! sie wandte sich
um und stürtzte der eben eintretenden Kunigunde mit ausgebreiteten Armen
entgegen.
    Er ist gerettet! rief sie, er ist gerettet! und sank ohnmächtig zu Boden.
 
                                Viertes Kapitel.
                         Ida entschläft, um zu träumen.
Es vergingen Tage und Wochen. Die Gräfinn war froh, ihren Ritter unter Herzog
Albrechts Schutze sicher zu wissen, und ihn täglich vorüber reiten zu sehen,
auch traurig war sie, denn sie sah Herrmann immer nur von weiten, und alle seine
Versuche, sie zu sprechen, wurden durch Kunigundens Wachsamkeit zu nichte
gemacht; süsses Gemisch von Freude und Kummer, welches, wie die Kenner
versichern, den Hochgeschmack der Liebe ausmacht!
    Ida war nicht unglücklich, sie hofte jeden Tag Herrmann zu sehen, und viel
weiter erstreckten sich ihre Wünsche nicht. Man konnte doch vielleicht einmal
die Wachsamkeit der Duegna betrügen, konnte sich in der Kirche, oder an einem
andern der öffentlichen Orte treffen, welche die eingezogene Ida jetzt zu
besuchen besondre Lust bezeugte. Aber Kunigunde war unerbittlich, sie konnte
nicht begreifen, warum ihr Fräulein jetzt erst Neigung bekam, den öffentlichen
Tänzen oder den Uebungen der jungen Ritter beizuwohnen, oder vielmehr sie
stellte sich, es nicht begreifen zu können, und vertröstete sie auf die
Wiederkunft ihres Vaters.
    Der Graf von Würtemberg kam an. Seine Gespräche mit der Hofmeisterinn waren
lang, sein Betragen gegen Ida kalt, und seine Laune, so oft er aus den
Versammlungen der Fürsten zurückkam, sie mochten nun wegen Geschäften oder des
Vergnügens wegen angestellt werden, mürrisch und ungestüm.
    Ida stand eines Tages mit ihrem Vater am Fenster und Herrmann in Herzog
Albrechts Gefolge zog vorüber; er küsste den rosenfarbenen Ermel nicht, denn
seine Geliebte war nicht allein, aber er verbeugte sich voll Ehrfurcht. - Ida
errötete und schwieg. In dem Augenblicke fiel es ihr ein, dass es gezwungen und
verdächtig lasse, den Ritter von Unna, von dessen Geschichte jetzt ein jeder
sprach, zu sehen und nicht von ihm zu sprechen. Sie glaubte, durch irgend eine
herzhaft über ihn gemachte Anmerkung sich ein besonderes Ansehen geben zu
können, und fieng mit zitternder Stimme an: der Ritter von Unna sei - sei zu
beklagen - zu loben - sei glücklich zu preisen - dass - dass er so von Herzog
Albrechten geliebt werde und - und dass er unschuldig erfunden worden sei -
    Graf Eberhard schien das Gesuchte in seiner Tochter Rede und ihre
übelgewählten Worte nicht zu bemerken. Mürrisch antwortete er auf den Schluss
derselben. Herzog Albrecht sei ein junger Mann, der alles liebe, was ihm gleich
sei, und was Herrmanns Unschuld anbelange, so täten sich immer mehr Umstände
hervor, die sie zweifelhaft machten!
    Ida wiederholte die Worte ihres Vaters in fragendem Ton, aber er antwortete
nicht, und verliess sie. - Die Gräfinn kämpfte diesen und einige folgende Tage
mit sich selbst, um zu einer Stimmung zu kommen, in welcher sie mit kaltem Blute
von Herrmann sprechen könne, und endlich gelang es ihr. Sie hatte Fragen zu
tun, deren Beantwortung sie auf schlaue Art suchen musste.
    Der Ritter von Unna soll nicht so unschuldig sein? sagte sie eines Tags zu
Kunigunden, als sie mit ihr aus der Messe kam, und im Vorübergehen einen Gruss
von ihm bekommen hatte.
    Was ich euch vom Anfang versicherte, sprach die Alte.
    Aber welche neue Beweise sind wider ihn aufgefunden worden? - Genug,
Fräulein, genug! - Hat man nicht ein Schwerd mit dem eingegrabenen Namen,
Herrmann von Unna, dicht im Gebüsch, nicht weit von dem Orte gefunden, da der
Herzog von Braunschweig ermordet ward? - Und ist nicht Kunzmann von
Hertingshausen, der vor wenig Tagen den Lohn seines Meuchelmords zu Fritzlar
erhielt, auf das Bekenntnis gestorben, dass Herrmann sein Gefährte bei dieser
entsetzlichen Tat gewesen sei?
    Ida sah ihre Hofmeisterinn bleich und verstummend an. - Rechnet hierzu, fuhr
die Alte fort, rechnet hierzu noch dieses: dass Herrmann lang in König Siegmunds
Diensten war, der Herzog Friedrichen auf Anreizen seiner boshaften8 Gemahlinn
hasste, und ihm nach dem Leben trachtete.
    Ida ward noch bleicher, denn sie erinnerte sich dieses Umstands aus
Herrmanns Erzählung, doch fiel ihr auch zugleich ein, dass ihr Geliebter ja eben
darum in diese Gegenden gekommen war, den unglücklichen Herzog vor heimlichen
Nachstellungen zu warnen.
    Und, fuhr Kunigunde fort, was diesen Herrmann von Unna noch am meisten zum
Mitschuldigen der verruchten Tat machen muss, ist der Vorteil, den er von
Herzog Friedrichs Tode haben - was sage ich - sich törigter Weise versprechen
konnte!
    Und der wär? fragte Ida, indem sie angstvoll Kunigundens Hand ergriff -
Kleine unschuldige Einfalt! rief die Alte, das nicht erraten zu können! Der
Herzog von Braunschweig war der Bräutigam der Gräfinn von Würtemberg, und der
Ritter von Unna ist ihr Geliebter!
    Kunigunde hatte die erstaunte Ida mit einem teuflischen Gelächter in einem
Zustande verlassen, der sich schwerlich beschreiben lässt. - Ob der Gift, den die
Furie ausstreute, im Stande war einen Zweifel an Herrmanns Unschuld in dem
Herzen seiner Liebhaberinn hervorzubringen, ist kaum zu glauben, aber desto
gewisser ists, dass sie die Dinge, welche wider ihn angeführt wurden, mächtig
genug fand, auf die Gemüter anderer Menschen einen nachteiligen Eindruck zu
machen, und ihren Geliebten in neues Unglück zu stürzen.
    Ihre Angst für Herrmann war bei diesen Betrachtungen unglaublich, und nichts
konnte sie beruhigen, als dass sie oft gehört hatte: kein Mensch, der einmal vor
dem gemeinen Fürstenrat unschuldig befunden worden sei, könnte zum zweitenmal
um der nehmlichen Beschuldigung willen, vor demselben belangt werden.
    Die Ruhe, die auf diese Erwägung Platz in ihrer Seele nahm, dauerte nicht
lange, sie ward bald auf eine fürchterliche Art aus derselben aufgeschreckt. -
    Johann von Maynz pflegte den Grafen von Würtemberg oft zu besuchen, und Ida
zitterte allemal, so oft sie diesen Feind ihres Geliebten erblickte. Sie sah ihn
ungern bei ihrem Vater, und seine Erscheinungen wurden endlich so häufig, dass
sie ihr Argwohn machten, und ihr geboten, für Herrmanns Wohl auf ihrer Hut zu
sein. -
    Nie hatte sich die redliche Ida, so lang sie noch ein Bürgermädchen war, zum
Lauschen herabgelassen; ob sie jetzt durch das Hofleben Talente zu diesem
Geschäft erlangt, ob die Liebe sie dazu gebildet hatte, oder ob sie einst bloss
durch ein Ungefähr in dem Kabinet ihres Vaters hinter einer Tapete eingeschlafen
war, als eben der Kurfürst von Maynz ihn eines geheimen Besnchs würdigte, das
können wir nicht bestimmen, und müssen es also ganz unsern Lesern überlassen;
genug Ida hörte etwas von einem Gespräch, in welchem Herrmanns Name oft genannt
wurde, und was sie hörte, was sie dabei dachte, und was sie darauf unternahm,
davon wird sich vielleicht etwas aus dem folgenden Kapitel erraten lassen, denn
da diese Dinge nie völlig ans Licht gekommen sind, so muss man sich freilich nur
mit Raten behelfen.
 
                                Fünftes Kapitel.
                   Ida von Würtemberg, an Herrmann von Unna.
Herrmann, ich träumte, oder ich sah ein Gesicht, - es sei, was es sei, genug es
war eine Sache, die mir begegnete, und also muss es dir wichtig sein. Du musst es
annehmen als ob es Wahrheit wär, musst mir gehorchen, denn deine Ida fordert es
von dir. - Fliehe! fliehe Herrmann, die Rache verfolgt dich! - - dein Fürst, er
sei so gut und mächtig als er wolle, vermag dich nicht zu schützen, denn
unsichtbar sind deine Feinde! - - -
    Ich glaubte diese Worte könnten dir zu deiner Rettung genug sein, umd wollte
schliessen. Ich muss die Augenblicke, die ich dir gönne, der Nacht abstehlen, und
vermag in meiner jetzigen Lage nur wenig zu schreiben. - Aber jetzt fällt mir
ein, du möchtest mir nicht gehorchen, möchtest meinen Traum für so einen
gewöhnlichen Traum halten, wie ihn die Schlafenden träumen, und darum sollst du
alles wissen, und selbst urteilen.
    Ich belauschte zween Männer, die von dir sprachen, der eine schien mein
Vater zu sein, aber er war es nicht; wie könnte Idas Vater ein Feind der
Unschuld sein, wie könnte er dem giftigen Einhauchen eines Unholds, der
vielleicht eigene Schuld durch die Deinige bedecken will, Gehör geben. - Ich
lauschte im Verborgenen, im Traum meine ich - du weisst, sonst pflegte Ida
wachend nie zu lauschen, und hörte, wie die Männer sprachen: du seist Herzog
Friedrichs Mörder, dein Schwerd nahe bei dem Orte gefunden, wo der Unglückliche9
fiel, des sterbenden Kunzmanns Aussage, und ach - der heimliche Hass, den du auf
Idas so genannten Bräutigam vielleicht gehabt haben könntest, bewiesen deine
Schuld, umsonst hätten dich die Fürsten unschuldig genannt, dein Verbrechen
gehörte vor ein anderes Gericht, ach - vor jenes Tribunal der Hölle, das deiner
Ida nur gar zu wohl bekannt ist.
    Mein Traum ist noch nicht zu Ende; du weisst, man pflegt zu Zeiten sehr lang
und natürlich zu träumen. - Mich dünkt, ich behielt diese Worte in meinem
Herzen, und sann auf deine Rettung. Es vergiengen einige Tage; ich sah viel
unbekannte Männer in meines Vaters Hause, auch begegnete mir einesmals Walter
mit der einen Hand, der mir aus vergangenen Zeiten nur gar zu kenntlich war. Ich
hörte von einer Reise meines Vaters, mir ahndete wohin die Reise gehen möchte,
ich bestach einen seiner Knappen mir behülflich zu sein, dass ich ihn an seiner
Statt begleiten könne, es hielt schwer, doch endlich glückte es. - Ich verhüllte
mich in die schwarzen Gewänder, die er mir brachte, und stellte mich an meinen
Posten. Die Reise ward angetreten, ich und noch ein einiger Knappe waren die
Begleiter des Grafen von Würtemberg.
    Unser Weg ging nicht weit. Es war sonderbar, mich dünkte nicht anders als
wenn wir an dem wüsten Gebäude abstiegen, das du an der Nordseite dieser Stadt
musst wahrgenommen haben. - Aber um Gotteswillen, Herrmann, bringe dich und mich
nicht in Unglück, du weisst, dass man von solchen Dingen schweigen muss, überdieses
ists ja nur ein Traum.
    Der Graf und sein erster Diener wurden ungefragt eingelassen, meine Gestalt
musste für die drei Hüter der Pforte neu und unbekannt sein, und sie prüften mich
durch seltsame Fragen, sie fragten mich nach den vier Wegen zur Hölle, und ich
nannte ihnen Worte, die mich der Knappe, dessen Kleider ich trug, des vorigen
Tages gelehrt hatte. Sie fragten, wie viel Stufen man zu Gottes heimlichen
Richterstuhl hinabsteigen müsse, und ich antwortete: dreissig; mir kamen die
wohlgezählten Stufen in den Sinn, die ich einst, du weisst wo, in der grössten
Angst meines Herzen steigen musste, man schüttelte den Kopf, verband mir die
Augen und liess mich gehen. Die Zahl dreissig rettete mir das Leben, ich tappte im
Dunkeln, mein Weg ging tief hinab, keine Stütze, kein Führer war mir zur Seite.
Ich zählte, und als die Zahl voll war, ward mein Weg ebener und man nahm mir die
Hülle von den Augen.
    Ich war an einem Orte, wie du vielleicht einen ähnlichen gesehen hast. Das
Zeichen ward gegeben, das Gericht hub an, die Kläger klagten und die Zeugen
zeugten wider einen Fürsten, und nannten ihn Herzog Friedrichs Mörder, aber
einer aus den Richtern stand auf, und schwur, er sei schuldlos. Du weisst, ein
solcher Eid konnte einst die Unschuld retten, warum nicht auch einen Verbrecher.
    Und andere Zeugen traten auf, und andere Kläger klagten. Dein Name, Herrmann
von Unna, dein Name ward genannt! aber keiner war, der deine Unschuld beschwören
wollte, ich wollte mich hervordrängen, aber der Mann mit der einen Hand, den ich
jetzt erst neben mir gewahr ward, hielt mich zurück und drohte mir mit dem
Finger! - Du wardst verklagt, wardst gerichtet, wardst verurteilt. - »Heimlich
schleiche ihm die Rache auf dem Fusse nach! heimlich trete die Strafe auf seine
Fersen,« so tönte die grässliche Stimme vom Trone; »Wachend täusche seine Augen
trügliche Gestalt und führe ihn dem Urteil entgegen, seinen Schlaf belausche
das Schwerdt, und richte ihn wo es ihn findet, sein Freund werde sein Mörder; er
locke ihn in die Einöde und richte ihn vor den Augen des reinen Himmels, den er
durch den Anblick des unschuldigen Blutes beleidigte. Heimlich und ungewarnt
fiel Friedrich von Braunschweig, und eben so soll Herrmann von Unna fallen.«
    Mein einhändiger Schutzengel verhüllte mir den Mund, der sich nach Endigung
dieser Worte zu einem fürchterlichen Geschrei öfnen wollte, auch dünkt mich, er
war es, der mich mehr tod als lebendig aus dieser Hölle herauf schleppte, und
mich im Fluge nach Hause brachte. - Er hatte mich meiner Verkleidung ungeachtet
erkannt, er überhäufte mich mit Vorwürfen wegen meines Vorwitzes, entriss mir
meine Hülle, die er mit sich nahm, nahm ein Versprechen von mir, das ich so
leistete, dass ich es halten konnte, und liess mich an der geschlossenen Pforte
des Pallasts des Grafen von Würtemberg stehen. - Was sollte ich tun? fliehen?
zu dir fliehen? hier bleiben und die Ankunft meines Vaters und seinen Zorn
erwarten? - Schon sah ich in der Ferne beim falben Licht des Mondes ihn und
seinen Begleiter zum Vorschein kommen. - Ich erwählte das kürzeste Mittel, ich
klopfte an die Tür, man liess mich ein. Kunigunde erstaunte, dass ich ihre
Aufmerksamkeit getäuscht, und indessen sie mich schlafend glaubte, - - doch was
mache ich, du weisst, Träume gehen nie so ins kleine, auch ist der meinige hier
zu Ende, und ich rufe zum zweiten mal: Fliehe Herrmann! fliehe! der heimliche
Rächer tritt auf deine Fersen! - Ich sollte dich nicht warnen, aber einen Traum
konnte ich dir ja erzählen!
 
                               Sechstes Kapitel.
           Weitläuftige Folgen eines einzigen unüberlegten Schrittes.
Herrmann war so glücklich in seinem Herrn einen Freund zu haben. Er hatte sich
nicht so bald von dem Entsetzen erholt, das ihm dieser Brief, den er durch einen
Unbekannten erhielt, verursachte, als er zu Herzog Albrechten eilte, und ihm
denselben vorlegte. Eine lange Beratschlagung erhub sich zwischen beiden,
welche sich damit endigte, dass Albrecht den Ausspruch tat, es sei eine
Unmöglichkeit sich vor den Unsichtbaren, die ihn verfolgten, anders als durch
die Flucht zu retten, und auch dieses könne nur so lang helfen als sein
Aufentalt verborgen blieb, oder überlegene Macht ihn schützte. Wir müssen uns
trennen, Herrmann, rief er, wir müssen uns trennen; Ida hat recht, dein Fürst
ist zu schwach, dich wider den Arm der heimlichen Rächer zu schützen. Fliehen?
sprach Herrmann, fliehen? um eines Traums willen? -
    Kannst du die Erzählung der Gräfinn im Ernst für einen Traum halten? Fliehen
musst du! Ida gehorchen musst du! aber - wohin? zum König Siegmunden?
    Zum Sklaven eines ruchlosen Weibes? schrie Herrmann, der vergass, dass
Albrecht der Bräutigam der jungen Elisabet, der Tochter Siegmunds und Mariens
war.
    Albrecht lächelte, und fragte weiter: Zum Herzog von Sachsen, dem obersten
Stuhlherrn aller heimlichen Gerichte? - Er könnte dich am besten schützen, wenn
es dir geläng ihm deine Unschuld klar zu machen. -
    Herzog Rudolf ist des unglücklichen Herzogs von Braunschweig Freund und
Verwandte, ist vielleicht schon zu sehr wider mich eingenommen, um die Stimme
der Wahrheit zu hören. -
    Dein Name lässt mich mutmassen, dass du ein Verwandter des alten Grafen von
Unna bist, er ist einer der obersten Vorsteher aller westphälischen Gerichte;
sollte er dir seinen Schutz entziehen? -
    Es ist ein erklärter Feind unsers Hauses, ich darf mich nicht zu ihm wagen.
-
    Sahst du ihn je zuvor? versuchtest du, wie er gegen dich gesinnt ist? -
    Nein! -
    Herrmann, der Graf von Unna, ist ein edler vortreflicher Mann, du musst zu
ihm, mich dünkt, du hast ihn nie beleidigt; du kannst auf seinen Schutz rechnen.
-
    Sein Hass gegen die Herrn von Unna gründet sich auf die Händel der
Martinsritter mit dem Grafen von Würtemberg, ich war zu jener Zeit ein
achtjähriger Knabe. -
    Folge mir, Herrmann! wirf dich in seine Arme, er wird dich schützen, wird
deine Unschuld ans Licht bringen.
    Herrmann gehorchte, und der nächste Tag, oder vielmehr die Schatten der
nächsten Nacht sahen ihn die Reise nach Westphalen antreten, ohne dass ihm seine
Bemühungen, der Gräfinn von Würtemberg vorher schriftlich oder mündlich zu
danken geglückt wären. Mittlerweile lebte Ida in dem Hause ihres Vaters ein
trauriges Leben. Kunigunde bewachte sie sorgfältiger als jemals, und die Augen
des Grafen von Würtemberg ruhten oft mit einem sonderbaren argwöhnischen Blicke
auf ihr. Herrmanns heimliche Entweichung, welche bald ausbrach, und über welche
sich niemand bestürzter bezeugte, als Herzog Albrecht, verschlimmerte ihre Lage,
sie ward mit verfänglichen Fragen gequält, mit halb verständlichen Vorwürfen
beunruhigt, und lernte jetzt mehr als zuvor je, es bedauern, dass sie nicht mehr
Ida Münsterinn, sondern die Gräfinn von Würtemberg war. O Münster, wie viel
Seufzer flogen deiner stillen bürgerlichen Wohnung in Prag zu! wie viel Tränen
beklagten, dass du nicht wenigstens gegenwärtig warest, um, wie ehedem, Rat und
Hülfe in drückenden Verlegenheiten herbeizuschaffen.
    Ach er hatte es versprochen, seufzte Ida, hatte es meinem Herrmann
versprochen, mich nicht zu verlassen, und Jahre sind vergangen, ohne dass er sich
um mich zu bekümmern scheint! - Die gute Ida wusste nicht, dass ehemals Münster,
um ihr Leben zu retten, in eine geheime Gesellschaft trat, welche despotisch
über ihre Glieder herrschte, und ihnen unumschränkt jeden Ort vorschreiben
konnte, wo sie leben, jede Handlung bezeichnen, die sie tun sollten.
    Ehemals gehorchte Münster keinen Geboten, als den Geboten der Tugend und
seines Herzens, seitdem er den übereilten Schritt tat, in eine Verbindung zu
treten, die er nicht kannte, war der Graf von Würtemberg sein Herr, und dass ihn
dieser lieber zu Prag als bei seiner Tochter sah, ist bekannt. -
    Graf Eberhards Herz schien sich, seit gewissen Dingen, von welchen er und
Ida sich zu reden scheuten, ganz von seiner Tochter gewandt zu haben, sie war
ihm mehr als gleichgültig, er schien sie fast zu hassen. - Er war unruhig in
seinen Handlungen, unstät in seinen Entschlüssen, und trat endlich schnell mit
der Erklärung hervor: er müsse Teutschland verlassen und in der Fremde Zuflucht
suchen.
    Zuflucht? fragte die weinende Ida.
    Verräterinn! rief er mit Unwillen, was treibt mich von hinnen als dein
Vorwitz? - Verbrechen der Kinder werden oft den Vätern zugerechnet!
    Sollte es möglich sein? schrie Ida mit gerungenen Händen. -
    Du opfertest deinen Vater auf, um deinen unwürdigen Liebhaber zu retten!
    Ich kannte nicht die Folgen dessen, was ich tat, und - Herrmann war
unschuldig!
    Wusste ich dies? - Legte man mir nicht sein Verbrechen sonnenklar vor Augen?
- Würde ich noch jetzt einen Gedanken haben, dass er schuldlos sein könne, wenn
nicht auch ich unschuldig leiden und doch bekennen müsste, dass der Anschein wider
mich ist?
    Welcher Anschein? rief Ida, die sich zu seinen Füssen warf.
    Dich an einem Orte eingeführt zu haben, wohin du nicht gehörtest, den
verurteilten Herrmann gewarnt, ihm die Hand zur Flucht geboten zu haben. -
    Ich, ich bin die Schuldige! schrie Ida, ich will es unter allen Himmeln
ausrufen, und euch retten!
    Zu spät, zu spät! sprach Graf Eberhard und stiess sie von sich. Leb wohl! sei
glücklich, wenn du kannst! ich muss dich deinem Schicksal überlassen!
    Der Graf reiste ab, und hinterliess seine Tochter in dem kläglichsten
Zustande; Gram über das Schicksal ihrer Geliebten, und die schrecklichsten
Selbstvorwürfe brachten sie in kurzer Zeit dem Grabe nahe, und es fehlte nur
noch eins, sie völlig elend zu machen; zwar kaum wissen wir, ob Sorge für ihre
eigene Sicherheit ein Zusatz ihrer Leiden genannt werden konnte; ihre eigene
Person schien ihr jetzt das gleichgültigste Ding von der Welt zu sein, und sie
brauchte Antrieb, starken Antrieb von aussen, an sich zu denken.
    Es war tief in die Nacht, als Kunigunde, (jetzt da Ida von niemand als sich
selbst abhieng) ihre treuste Dienerinn eintrat, einen fremden Mann bei ihrer
Gebieterinn zu melden! Der Fremde ward vorgelassen und verlangte mit der Gräfinn
allein zu sein.
    Kennt ihr mich? fragte er, als er sie eine Zeitlang starr angesehen hatte. -
Ida, welche dieses Gesicht nur selten ganz ohne Hülle gesehen hatte, verzog zu
antworten.
    Kennt ihr diesen Arm? fragte er weiter.
    Ida sah, dass er seinen rechten Arm unter dem Mantel hervorzog, sie bemerkte
die fehlende Hand, und rief den Namen Walter aus!
    Wisset ihr, was mich hieher bringt? - Eure Sicherheit! - ich will euch
warnen. - Ihr seid nach der Abreise eures Vaters hier keinen Tag sicher. Alte
Dinge werden mit den neuen hervorgesucht, auch ihr müsst fliehen. - O Gräfinn,
was für Unglück hat euer Vorwitz nach sich gezogen! - Wo ist der Unvorsichtige
hin, der euch zu eurem nächtlichen Abenteuer die Kleider lieh? Wo ist euer
Vater hin, den man im Verdacht hatte, er habe Anteil an diesen Dingen? und was
wird aus mir werden, der von allem nichts wusste, nur aus Mitleid sich eurer
annahm? - Ihr wisst, ich erkannte euch dort unten nicht ehe bis es zu spät, bis
es unmöglich war, gewisse Dinge eurem Blick zu entziehn, die kein profanes Auge
sehen darf.
    Auch ihr? auch ihr? schrie Ida mit gerungenen Händen.
    Ja auch ich! erwiederte er. Man hat mich im Verdacht, euch eingeführt zu
haben, und da man dieses nicht erweisen kann und doch gleichwohl einen
verdächtigen Menschen los sein will, so sucht man Dinge hervor, die - -
    Ich nicht ganz zu leugnen vermag, wollte Walter sagen, aber ein trauriges
Achselzucken vertrat die Stelle dieser Worte. Meine Leser werden vielleicht
einige Mahl im vorhergehenden Teile bemerkt haben, dass Walter nicht schlau
genug war, seine Worte allemal so zu setzen, wie es Männern seiner Art zukam.
Ihm waren gegen Münstern, gegen Ida, auch vielleicht gegen den Ritter von Unna
zuweilen Dinge entwischt, welche eigentlich nicht für profane Ohren gehörten,
auch konnte man ihm erweisen, dass er der10 Hausmeister des von der heimlichen
Acht verfolgten Konrads von Langen sei, und die Mutmassung war stark, dass
vielleicht seine verdeckten Warnungen diesen unglücklichen Mann so oft vor
seinen Verfolgern gerettet hatten. Dieses waren eigentlich die Dinge, die ihn
stürzten, und Idas Abenteuer nur die Veranlassung dieselben aufzuregen; aber
die Unglückliche, gleich als wenn sie nicht an eigenen Leiden genug zu tragen
hätte, nahm Walters Winke für bekannt an, nannte sich die Ursach der Verstossung
auch dieses Unschuldigen, und ward dadurch noch eine Stufe tiefer in den Abgrund
des Elends gestürzt.
    Sie vergass die Ursach der Ankunft ihres Walters, ihre eigene Sicherheit liess
ihn ungefragt, was ihr zu tun sei, scheiden, und blieb in einer Art von dumpfer
Unempfindlichkeit, bis sie des andern Tages durch Herzog Albrechts Besuch ein
wenig ermuntert ward.
    Der edle Herzog von Oesterreich pflegte die Gräfinn von Würtemberg nach der
Abreise ihres Vaters oft zu besuchen; er hatte sie immer hoch geschätzt, und
Herrmann hätte nicht nötig gehabt, ihn bei seiner Flucht zu bitten, er möchte
ein wachendes Auge auf sie haben, sie nicht ganz ihrem Schicksale überlassen;
dieses waren Dinge, zu welchen er sich schon von selbst geneigt fühlte.
    Ida hatte schon seit langer Zeit Zutrauen zu dem Freunde ihres Geliebten
gefasst; ihn zum Teilnehmer ihrer Geheimnisse zu machen, war nichts weiter
nötig, als die einnehmende Art, mit welcher er zu fragen und zu raten wusste,
und auch jetzt erfuhr er nach wenig Minuten alles, was der Gräfinn in voriger
Nacht begegnet war.
    Herzog Albrecht war kein Mitglied des furchtbaren Gerichts der Nacht, doch
war ihm genug von diesen Dingen bekannt, um seine Freundinn zu trösten. Er hatte
sie schon zuvor einigermassen wegen des Schicksals ihres Vaters zu beruhigen
gewusst, und jetzt tat er das nehmliche in Ansehung des ehrlichen Walters, dem
Ida zu viel Verbindlichkeiten hatte, um bei seinem Unglück, zu welchem ihre
Unvorsichtigkeit die Losung gab, gleichgültig zu sein. Vom Grafen von Würtemberg
hatte er ihr mit Grund der Wahrheit versichern können, dass seine Stelle in der
Gesellschaft der Unsichtbaren wahrscheinlich zu hoch sei, um von seinen
Mitbrüdern wegen eines blossen Verdachts eine andere Ahndung fürchten zu dürfen
als Entsetzung seiner Würden auf einige Zeit, und willkührliche Entfernung an
einen Ort, der bloss des Wohlstands wegen, bloss den Geringern Furcht und strenge
Beobachtung ihrer Pflicht einzuflössen verborgen sein müsse; Dinge, die zwar dem
stolzen. Grafen von Würtemberg nicht gleichgültig sein konnten, da sie ihn vor
Ausführung seiner grossen Plane aus der Versammlung der Bewerber um die
Kayserkrone vertrieben, die aber doch nicht so beschaffen waren, dass sie seiner
Tochter Sorge für sein wahres Glück oder sein Leben machen konnten. - Was den
gutmütigen Walter anbelangte, so vermochte Herzog Albrecht die traurende Ida
noch besser zu trösten; ein Geringer konnte den Augen der allsehenden eher durch
die Flucht entgehen als ein grosser Mann. Walters Hauptstrafe war wahrscheinlich
die Entsetzung seines Amts: ein Schade, den ihm der Schutz des Herzogs von
Oesterreich und seine Freigebigkeit leicht ersetzen konnte.
    Es war nötig, dass Albrecht durch Hinwegräumung dieser Zweifel sich den Weg
zu dem Herzen seiner Freundinn machte, wie wollte er im Stande gewesen sein, sie
zu bereden, auf ihre eigene Sicherheit zu denken, so lange sie noch wegen
anderer in Unruhe war.
    Jetzt wurde diese Materie mit allem Ernst vorgenommen. Er zeigte der
Gräfinn, dass ihre Gefahr nicht so geringe sei als sie meinte. Bedenket, sagte
er, bedenket Walters Worte; Alte Klagen werden mit den neuen hervorgesucht
werden? Wahrscheinlich wird man euch nicht bloss wegen, - wie soll ich sagen -
wegen eines vorwitzigen Traums in Anspruch nehmen, sondern da ehemals eure
Unschuld bloss durch den Eid des Grafen von Würtemberg gerettet wurde, da dieser
jetzt seiner Würden entsetzt, da vielleicht sein Eid auf die Zeit seiner
Entsetzung ungültig gemacht wird, und ihr von neuem euren Verfolgern preis
gegeben seid, so urteilt, was ihr zu tun habt. - Was kann euch alles
begegnen, ehe euer Vater im Stande ist euch zu retten? - Wisset ihr, ob ihr
nicht sowohl verborgenen Nachstellungen wie euer Herrmann ausgesetzt sein, ob
ihr nicht vielleicht heimlich und ungewarnt fallen werdet wie er?
    Der liebreiche Fürst sprach noch lange auf ähnliche Art mit seiner Freundinn
und endlich siegte er. Sie entschloss sich zu fliehen, noch diesen Tag zu
fliehen, und jeden Ort zu ihrer Zuflucht zu wählen, den er ihr vorschlagen
würde, ob sie gleich zu verstehen gab, dass sie, was das letzte beträf, einige
Einfälle hätte, welche ihr besser dünkten als alles was er sagen könnte.
    Albrecht lächelte, und fragte wohin ihre Wahl ginge.
    Sollte ich, rief Ida, sollte ich nicht verbunden sein, meine erhabene
Freundinn Sophie jetzt in ihrem gefallenen Glück zu besuchen, und ihr zu zeigen,
das sie ehemals in vollem Glanz ihrer Hoheit, ihre Gnade an keine Unwürdige
verschwendete?
    Ein Gedanke, der eurem Herzen Ehre macht, erwiederte der Herzog, aber
bedenkt, Gräfinn, dass es Verborgenheit ist, was ihr sucht, und dass ihr diese an
einem Ort, wo der schwelgerische Wenzel lebt, nicht finden werdet.
    Gut, fuhr Ida fort, so wird denn mein zweiter Vorschlag unverwerflich sein.
Das stille Haus zu Prag, wo ich erzogen ward, wird mir die sicherste Zuflucht
gewähren; ich werde meinen ehemaligen Vater, meine gute Mutter wieder sehen,
werde wieder Ida Münsterinn, werde glücklich sein.
    Und werden euch eure Verfolger nicht am ersten an diesem Orte suchen? der
Gedanke dahin zu fliehen, wo ihr die seligen Tage eurer Kindheit verlebtet, ist
so natürlich, dass er jedem so leicht als euch selbst einfallen muss, und ihr
sehet also wohl. -
    Aber Gott, schrie Ida, wohin, wohin soll ich dann? Ist denn in dieser Welt
keine Zuflucht für die verfolgte Unschuld?
    Höret, was ich euch sagen will, antwortete der Herzog. - Ich liebe ein
Fräulein, eine gute holdseelige unschuldsvolle Seele, mit der ich schon in
meiner Kindheit verbunden ward, eine Person, die allein mir es möglich macht,
mit der reizenden Ida die kalte Sprache der Freundschaft zu reden, sie ist König
Siegmunds Tochter, sie lebt in einem Kloster tief in den waldigten Gebürgen von
Ungarn, zu ihr will ich euch bringen lassen, sie wird euch wie eine Schwester
lieben. Niemand wird auf den Ort fallen, wohin ihr geflohen seid, und offenbaret
ihn ein Zufall, so schützt euch die Heiligkeit desselben, und die Hoheit der
Person, zu deren Freundinnen ihr euch zählen werdet. - O Ida, solltet ihr meine
Elisabet kennen, ihr würdet sie würdig schätzen, eure Freundinn, eure
Schüzzerinn zu sein. - Sie ist noch sehr jung, aber Unglück hat sie frühzeitig
weise gemacht, ist vielleicht nicht ganz so schon wie die Gräfinn von
Würtemberg, aber ihre Seele, o Gott, ihre grosse schöne engelreine Seele! was
soll ich sagen? - sie ist die andre Helfte der Eurigen!
    Herzog Albrecht war sehr bewegt, als er dieses sagte, er stand plötzlich
auf, drückte Idas Hand, und verliess sie.
 
                               Siebentes Kapitel.
                         Ein Gespräch am Sprachgitter.
Auch Ida war bewegt, Dankbarkeit gegen ihren erhabenen Freund durchglühte ihr
Herz, ob gleich etwas in seinem Betragen war, welches ihr die Entfernung von ihm
erwünscht machte. Die Meinung, die sie von ihren Reitzen hatte, war zu
bescheiden, die Gedanken, die sie von fester Ritter- und Fürstentreue hegte, zu
gross und weitumfassend, als dass sie hätte fürchten sollen, der verlobte Albrecht
würde seiner Elisabet um Idas willen treulos werden, nein, dieses war in ihrem
Sinne eine so ausgemachte Unmöglichkeit als dieses, dass sie je im Stande sein
könne ihren Herrmann zu vergessen.
    Aber der gute Engel, der der Unschuld immer zur Seite geht, flüsterte ihr
doch oft und auch diesesmal ins Ohr, Herzog Albrechts Aufmerksamkeit für sie sei
zu heiss, zu zärtlich, und - Flucht sei das beste.
    Herzog Albrecht kam des Nachmittags wieder; Gräfinn, sagte er, ich habe euer
Stillschweigen diesen Morgen für Einwilligung genommen, alles ist zu eurer
Abreise fertig, sie kann diese Nacht vor sich gehen; werdet ihr mir bis dahin
eure Gesellschaft auf einige Stunden gönnen? es wird mir schwer von euch zu
scheiden, und ich habe euch so viel, ach so viel zu sagen, das meine Elisabet
durch euch wissen muss. Ihr könntet vielleicht das Werkzeug sein, sie und mich
glücklicher zu machen als wir hoffen konnten je zu werden, uns eine Mutter
wieder zu schenken, die wir verloren glaubten, und von deren Leben ich erst vor
kurzem durch euren Herrmann einige Winke bekam.
    Herzog Albrechts Worte waren von einem Innhalt, wurden mit einem Tone
gesprochen, welcher Aufmerksamkeit erregte; Ida verlor nichts von dem was ihr
ihr erhabener Freund in dieser und einigen folgenden Stunden vortrug, und wovon
wir vielleicht in der Zukunft mehr hören werden. Das Leben der Königinn Maria,
Siegmunds erster Gemahlinn, war ihr aus dem was der Ritter von Unna einst von
ungefehr aus dem Munde der damaligen Gräfinn von Cyly vernahm, nicht unbekannt,
aber wo diese unglückliche Fürstinn lebte, auf welche Art sie aus der Dunkelheit
gezogen, und wieder an die Stelle gesetzt werden sollte, welche ihr zukam, und
die die unwürdige Barbara jetzt behauptete, dieses waren Dinge, die sie jetzt
erst erfuhr, und bei deren Ausführung Herzog Albrecht ihr eine Rolle zudachte,
die seiner Meinung von ihr Ehre machte.
    Ida fand die Anschläge ihres Freundes schwer und weit aussehend, aber sie
versprach zu allem die Hand zu bieten was man von ihr fordern würde, empfieng
einige Zeilen von Herzog Albrechts Hand an die Prinzessinn Elisabet, und trat
unter seinen Wünschen für ihr Glück und für ihre Sicherheit eine Reise an, die
durch die Behutsamkeit, mit welcher sie eingericht werden musste, und durch die
Hindernisse, die sich hier und da ihr entgegensetzen konnten, mehr als um die
Hälfte verlängert werden musste.
    Herrmanns Reise war kürzer und von weniger Gefahren begleitet. Die Nacht,
die er meistens zu derselben brauchte, und eine wohlgewählte Verkleidung,
sicherten ihn vor Nachstellungen, und er kam in dem Gebiet des alten Grafen von
Unna an, ohne ein einiges Abenteuer erfahren zu haben. -
    Der Zweck seiner Reise war ihm zu wichtig, ihm war zu viel daran gelegen,
bald die Rechte der Menschheit, Sicherheit und gefahrlose Ruhe von neuem
geniessen, mit ofnem Gesicht wieder unter seinen Brüdern wandeln zu können, als
dass er seinen Besuch bei dem, der, wie Herzog Albrecht meinte, ihm wieder zu
diesen Glückseligkeiten verhelfen konnte, einen Augenblick hätte aufschieben
sollen. - Er setzte den Widerwillen, den man ihm von Kindheit an gegen seinen
ehrwürdigen Verwandten eingeflösst hatte, gänzlich bei Seite, bemühte sich, ein
Zutrauen zu ihm zu fassen, und liess in der ersten Stunde seiner Ankunft beim
alten Grafen um Zutritt für einen Fremden bitten, welcher vom Herzog von
Oesterreich in wichtigen Geschäften zu ihm gesandt sei.
    Der Graf von Unna war nicht gegenwärtig, neue Streitigkeiten zwischen den
Grafen von Tekeneburg und dem Bischoffe von Münster, bei welchen er zum
Schiedsrichter erfordert worden war, hatten ihn schon etliche Wochen von seiner
Residenz abwesend gehalten, und Herrmann ward zur Geduld verwiesen.
    Herrmann bekam Muse über seine seltsame Lage nachzudenken, er befand sich in
seinem Vaterlande, sah tausend Orte um sich her, die er als Knabe gekannt,
wenigstens oft ihre Namen gehört hatte und die ihn jetzt als einen zufluchtlosen
Fremdling sahen. Er befand sich hier, einen Mann zu suchen, ihn um Hülfe
anzuflehen, gegen welchen er mit Vorurteilen eingenommen war, die er nicht ganz
zu überwinden vermochte, und rund um ihn her wohnten seine Schwestern und
Brüder, die ihn erzogen hatten, mit denen er aufgewachsen war, und denen er sich
jetzt nicht vertrauen durfte.
    Meine Leser erinnern sich vielleicht, dass Herrmann in seinem zwölften oder
dreizehnten Jahre dem Kloster entfloh, um Kaiser Wenzels Edelknabe zu werden,
ein Schritt, der seinen Verwandten, welche meistens aus geistlichen Herrn und
Frauen bestanden, nicht gefallen konnte, und der alles Einverständnis zwischen
ihnen und dem entflohenen Knaben aufhob.
    Herrmann fand sich in seinem nachmaligen Stande zu glücklich, ward in der
Folge in zu mancherlei Begebenheiten verwickelt, als dass er sich viel um seine
strengen Zuchtmeister hätte bekümmern sollen. Die Klosterjungfern zu Ueberwasser
, seine Schwestern Agnes und Petronelle, guterzige Gespielinnen seiner
Kindheit, und von ihm herzlich beklagte Schlachtopfer des Privatnutzens ihrer
älteren Geschwister, waren die einigen, mit denen er die ganze Zeit über eine
Art von Einverständnis unterhalten hatte.
    Die Briefschreiberkunst war damals noch nicht in sonderlichem Flor, und
niemand verstand sich weniger darauf, als die Rittersleute, es ist daher wohl zu
glauben, dass Herrmann keine weitläuftige Korrespondenz mit seinen Schwestern
geführt haben wird, doch meldet die Geschichte, dass nicht leicht etwas wichtiges
in dem Leben des Jünglings vorfiel, das er nicht den Nonnen zu Ueberwasser durch
Botschaft oder Schrift kürzlich gemeldet, kein Glück, es mochte auch noch so
klein sein, ihm zustiess, das er nicht mit Agnes und Petronellen geteilt haben
sollte.
    Ob die Klosterjungfern allemal klug genug waren, mit der Vertraulichkeit
ihres Bruders behutsam umzugehen, das will ich nicht entscheiden. Die Freude,
auch in der Ferne noch von ihm geliebt, allen seinen andern Verwandten
vorgezogen zu werden, machten sie oft geschwätzig, und so geschah es, dass seine
ältern Geschwister von den wichtigsten Begebenheiten seines Lebens unterrichtet
waren, und dass er einige merkwürdige Sendschreiben in seinem Archiv aufzuweisen
hatte, welche bald sein Bruder der Domherr zu Münster, bald seine Schwester die
Aebtissinn zu Marienhagen an ihn abgelassen hatten, um ihn von dem Urteil zu
benachrichtigen, das sie in ihrer weiten Entfernung von den Dingen fällten, die
in einer Welt vorgingen, welche sie nicht kannten.
    Die Ermahnungen, mit welchen diese Briefe angefüllt waren, hatten nie
sonderlichen Beifall, bei dem feurigen Jünglinge gefunden, und er war immer so
unartig gewesen, sie unbeantwortet zu lassen, daher er sich vorstellen konnte,
dass jetzt alle Ueberreste ehemaliger Liebe in den Herzen seiner ältern
Geschwister erstorben sein und der Hass und Groll, zu welchen er durch seine
Flucht an Kaiser Wenzels Hof den ersten Grund legte, hoch empor gewachsen sein
würde.
    Auch waren sie keinesweges die Personen, nach welchen er sich jetzt sehnte,
oder die er bei seiner Anwesenheit in seinem Vaterlande zu sehen wünschte; ein
jüngerer Bruder, ehemals so wie er zum Klosterleben bestimmt, und seine
Schwestern Agnes und Petronelle, waren die einigen, nach welchen er sich jetzt
in der Zeit der Einsamkeit, und der Erwartung des alten Grafen von Unna zuweilen
zu sehnen pflegte. Er zog Erkundigung nach diesen dreien ein, und erfuhr, dass
Bruder Johann dem Kloster entkommen sei, und sich eine Stelle unter den
deutschen Ordensrittern errungen habe, indessen die Nonnen zu Ueberwasser noch
immer in ihrem Kloster lebten.
    Die Reise nach diesem Kloster war beschlossen. Die Ankunft des Grafen von
Unna verzog sich zu lange, Herrmann war zu gewohnt wenigstens eine
freundschaftliche Seele zu haben, der er sich mitteilen konnte, als dass er es
länger zu Unna, wo er unter lauter Fremden lebte, hätte aushalten können.
    Herrmann erhielt Zutritt am Sprachgitter, Agnes und Petronelle waren
gegenwärtig, aber sie waren nicht allein. Das Herz ihres Bruders wallte ihnen
entgegen, aber die Anwesenheit einer Dritten machte, dass er die Nennung seines
Namens und die Ergiessungen dieses brüderlichen Herzens bis auf die Einsamkeit
versparte.
    Die Fremde, eine Person mit einem wenig versprechenden doch Herrmann sehr
bekannten Gesicht, verwandte kein Auge von ihm, und schien über der Bemühung,
aus seinen Zügen seinen Namen zu erraten, die Unterhaltung mit den Nonnen,
welche sie zu besuchen gekommen war, ganz zu vergessen.
    Auch Herrmann schwieg, und arbeitete unter der peinlichsten Beklemmung.
    Ich bin hier überlei, sagte die Dame endlich zu den Nonnen, indem sie
aufstand, ohne Zweifel ist dieser Ritter nicht gekommen, euch bloss anzusehen;
oder sind seine Blicke von der Art, dass ihr sie auch ohne Sprache erklären
könnt?
    Wir kennen ihn nicht, erwiederte Petronelle. Ob wir gleich, fuhr Agnes fort,
gewiss alle beide etwas in seinen Zügen finden. - -
    Das euch unendlich gefällt! setzte die Dame mit einem höhnischen Blicke
hinzu. Nun wahrhaftig, ein sehr offenherziges Geständnis für ein paar geistliche
Frauen!
    Ich rufe euch zum Zeugen Ritter, rief Agnes mit Unwillen, ob ihr uns bekannt
seid.
    Die Fräuleins von Unna kennen mich also nicht? haben keine Mutmassung?
fragte Herrmann in einem zärtlichen Tone.
    Nun fort, fort! Kinder! sagte die Dame, welche Herrmannen immer bekannter
dünkte, und mit jedem Augenblicke weniger gefiel, Mutmassungen müsst ihr haben!
der Ritter gesteht dies ja selbst!
    O wenn Mutmassungen, wenn Ahndungen hier etwas gälten! rief Petronelle. Wir
hörten so lange nichts von unserm Bruder Herrmann, solltet ihr vielleicht uns
Botschaft - -
    Von eurem Bruder? schrie die Dame in einem zornigen Tone, seid ihr die
einigen Schwestern des kleinen Herrmanns? - Zwar eure andern Geschwister könnten
euch vielleicht diese Ehre gern allein gönnen!
    Und wer ist dieser kleine Herrmann? fragte der Ritter mit einem unwilligen
Blicke auf die Sprecherinn.
    O verzeihet ihr! rief die sanfte Agnes, man pflegt oftmahls Personen klein
zu nennen, welche man als Kinder kannte. Mich dünkt, ihr seid unsers Herrmanns
Freund, ihr müsst ihr ihre Worte nicht übel deuten, sie ist -
    Keine Entschuldigungen Fräulein, schrie die Dame, ich werde mich nie zu
Entschuldigungen weder gegen Herrmann, noch gegen seinen Freund, herablassen,
mich dünkt, er ist es, welcher Entschuldigungen bedarf. Sein ärgerlicher
Uebergang von Gott zur Welt, die gänzliche Vernachlässigung seiner Geschwister,
die seine Wohltäter waren, ist noch nicht vergessen; sein bisheriger
Lebenswandel ist nicht so beschaffen, Vergessenheit und Vergebung zu erwarten
    Katarine, rief Petronelle mit bittendem Blick, was tat euch Herrmann, ihn
so vor einem Fremden zu beschimpfen.
    Vor einem Fremden? fragte Katarine, ihr meint ja selbst, dass er ein Freund,
ein Bote Eures Bruders sei! - Doch er sei es oder nicht, die ganze Welt weiss ja
die anstössigen Geschichten mit der Münsterinn, die plötzlich, Gott weis wie, zu
Gräfinn ward, seinen Anteil an Herzog Friedrichs Ermordung, und all' die Dinge,
die ihn in die heimliche Acht brachten, und das Herz seiner Verwandten auf ewig
vor ihm verschlossen.
    
    Katarine war aufgestanden, und verlies den Sprachsaal mit Ungestüm, indes
Herrmann mit in einandergeschlagenen Armen da stand und ihr voll Entsetzen
nachsah. - Ich bitte euch, Fräuleins, rief er nach einer langen Pause, wer war
diese Furie.
    Unsere Schwester Katarine von Senden, schluchzte die weinende Petronelle.
    Eure Schwester? rief Herrmann, Gott! eure Schwester? und also auch die
Meinige? - Nein, nein! sie ists nicht!
    Wer bist du? fragte Agnes, welche dem Gitter näher trat und Herrmann
schärfer ins Auge fasste.
    O Herrmann! Herrmann! schrie Petronelle mit ausgebreiteten Armen. Ja du
bists, mein weissagendes Herz hat mich nicht betrogen!
    Bruder! Engel! Tröster in unserer Trübsal! schluchzte Agnes, o könnte ich
dich in meine Arme schliessen!
    Herrmann, den die Freude über das Entzücken, mit dem er hier aufgenommen
wurde, stumm machte, näherte seinen Mund dem Gitter, um die Küsse seiner
Schwestern aufzufangen, und - doch wer vermag es zu schildern, wie liebende
Geschwister sich empfangen, wie Engel Engel begrüssen?
    Die Freude der glücklichen Dreie war jetzt ruhiger geworden, und Herrmann
kam auf das zurück, was ein Stachel in seinem Herzen war, dass jenes Weib, das so
wütend einen Abwesenden schmähen, ungereizt einen Unschuldigen beschimpfen
konnte, seine Schwester sein sollte, und die Nonnen mussten es ihm auf zehnfache
Art beweisen und versichern, ehe er es ganz zu glauben vermochte. -
    Gott rief er! wenn all' die Uebrigen dieser gleichen, so segne ich meinen
Entschluss, mich niemand als euch zu offenbaren.
    Urteile nicht zu frühzeitig, rief die sanfte Agnes, Katarina ist
unglücklich, das Unglück macht oft ungerecht gegen Unschuldige. Gern
verschmerzen wir die Beleidigungen, die wir von ihr erdulden müssen, weil wir
sie beklagen.
    Ein Teil von Herrmanns Unwillen legte sich, als er hörte, dass seine
Beleidigerinn unglücklich sei, er fragte weiter, und Petronelle berichtete ihn,
dass Katarina eben die Begegnung von der Aebtissinn zu Marienhagen, und den
übrigen der Familie erdulden müsse, damit sie andere zu quälen pflege. Du weisst,
sagte sie, Katarina war so wie wir zum Kloster bestimmt, sie zog eine
unglückliche Verheiratung dem geistlichen Leben vor, und leidet nun durch
Armut, durch Vernachlässigung ihres Mannes und durch die Vorwürfe ihrer ältern
Geschwister, vornehmlich unserer Schwester der Aebtissinn. Katarine ist eine
Mutter vieler Kinder, ihre einige Hoffnung besteht auf der Gnade unsers ältern
Bruders, welcher ohne Kinder lebt. Sie beneidet alles, was sich ihm naht, und
sie würde vielleicht jetzt ihre böse Gesinnungen nicht auf so eine fürchterliche
Art geäussert haben, wenn ihr Unwille nicht kurz vorher, ehe du erschienst,
durch ein Gespräch von dir wär erregt worden. -
    Von mir? fragte Herrmann. -
    Ja, antwortete sie. Du hast die schrecklichen Dinge gehört, die sie von dir
sagte, Gott, sollte es wahr sein, dass du dich in der heimlichen Acht befändest?
-
    Gute Seele rief Herrmann, bekümmere dich nicht, und ob es so wär, Gott ist
Schützer und Retter der Unschuld!
    Die Klosterjungfern weinten, und Herrmanns Tröstungen konnten sie mit Mühe
endlich so weit beruhigen, dass die Erzehlung fortgesetzt wurde.
    Stelle dir unser Entsetzen vor, fuhr Petronelle fort, als wir aus Katarinens
Munde diese schrecklichen Dinge vernahmen, Agnes äusserte den Wunsch, dem ich mit
Inbrunst beistimmte, du möchtest in dein Vaterland fliehen, wo du vielleicht
Hülfe, wenigstens Unterstützung zur weitern Flucht bei unserm Bruder Bernhard
finden würdest. Er muss arm sein, schrie sie, auch wir sind arm, wo soll er Hülfe
suchen, wenn ihm das Haupt seiner Familie, sein Bruder, der ihm Vater sein
sollte, dieselbe versagt? Dieses waren die Worte, welche Katarinen, die alles
was Bernhard besitzt für das Erbe ihrer Kinder hält, in die Wut versetzten,
welche sie hernach auf die kleinste Veranlassung erneuerte.
    Herrmann sah seine Schwestern mit einem Blicke an, der alles ausdrücken
sollte, wovon sein Herz voll war, die innigste Liebe gegen die guten Seelen, die
er vor sich hatte, und den tiefsten Kummer, dass er ihnen nicht so lohnen konnte
wie er wünschte!
    Der traurige Zug in seinem Gesicht ward falsch verstanden. Gräme dich nicht,
mein Herrmann, rief Agnes und streckte ihre Hund wehmutsvoll nach ihm aus, wir
sind nicht so arm als wir sagten, alle deine Geschenke sind noch in unserer
Hand, und sie sind, wie du weisst, ansehnlich genug, dich auf deiner Flucht zu
unterstützen, aber Gott wohin! wohin! Petronelle, du bist ja immer so reich an
Einfällen, rate! hilf! ersinne! - Hier ist keine Zeit zu sparen.
 
                                Achtes Kapitel.
Herrmann hatte Mühe seine bekümmerten Schwestern zu beruhigen, nichts als die
umständliche Erzehlung seiner Begebenheiten konnte dieses endlich bewürken, sie
sahen aus denselben, dass (wenigstens wie Herrmann meinte) die Gefahr noch nicht
so nahe sei als man hier glaubte, dass es ihm nicht an Mitteln zu seiner
Sicherheit und Erhaltung fehle, und dass Verschwiegenheit das einige sei, was er
zu wünschen habe. -
    Die Gespräche der drei Geschwister waren zu wichtig, zu interessant für ihre
Herzen um bald geendigt zu werden. Zum Glück war die Regel des Klosters nicht
allzustreng, oder die Fräuleins waren beliebt genug unter der Schwesterschaft,
um Nachsicht zu erhalten, genug das Gespräch ward durch nichts gestört, als nach
einigen Stunden, durch die Erscheinung der Aebtissinn von Marienhagen, welche
kam ihre Schwestern zu besuchen, und sich so wie die Frau von Senden über das
ausbrechende Gerücht von Herrmanns Unglücke mit ihnen zu bereden.
    Sie traf Herrmann noch am Sprachgitter, und - erkannte ihn sogleich, so wie
auch sie augenblicklich von ihm erkannt wurde. Man sagt, dass die geistlichen
Frauen einen schärfern Blick und ein besseres Gedächtnis als die weltlichen
haben. Es war dem Ritter unmöglich sich vor ihr zu verbergen, auch hielt er es
seiner unwürdig und für die heilige Frau beschimpfend dieses zu tun. Sollte er
Misstrauen gegen eine Schwester äussern, von ihr verraten zu werden fürchten,
oder derjenigen, die man ihn, als er noch ein Kind war, wie eine Mutter verehren
lehrte, die schuldige Achtung versagen?
    Ursula umarmte ihn. Ihr Kuss war kalt, aber doch immer noch besser als das
Betragen der Frau von Senden, das Herrmann noch nicht genug verschmerzt hatte,
um keinen Unwillen gegen die Aebtissinn darüber zu äussern. Ursula schimpfte auf
Katarinen, und machte denn einen zierlichen Uebergang ihrem Bruder in frommen
Ausdrücken ohngefehr das nehmliche zu sagen, was jene vorher mit Hohn und
Scheltworten getan hatte.
    Im Grunde sah er, dass das Herz der einen so kalt gegen ihn war, wie der
andern, doch flösste ihm das anständigere Betragen der Aebtissinn mehr Achtung
ein, als die Wut der Frau von Senden; er überwand sich, ihr seine Geschichte zu
erzählen wie sie war, und dadurch den bösen Verdacht, in welchem er hier
gehalten wurde, weil er unglücklich war, gründlich zu vernichten.
    Ursula zuckte die Achseln, und wünschte, es möchte alles so sein wie der
Ritter sagte, und er möchte lieber sein Vaterland, wenn es so mit ihm stünde,
nie wieder betreten haben, da man ihn hier doch nicht zu schützen wisse, und
Beförderung seiner Flucht das einige sei, was man für ihn tun könne.
    Herrmann schwieg und geriet in tiefes Nachdenken über die unnatürlichen
Gesinnungen, die er hier bei seinen Geschwistern fand, indessen Petronelle auf
Befehl ihrer Schwester der Aebtissinn, Katarinens Gespräch umständlich erzählen
musste und dadurch die heilige Frau in grossen Zorn jagte.
    Ich merke ihr Absehen, schrie Ursula, sie wird, so bald sie Herrmanns
Anwesenheit erfährt, den Herrn von Unna (so ward Bernhard allemahl ehrerbietig
von seinen Geschwistern genennt,) abzuhalten suchen, dass er ihn nicht spreche,
damit er nicht verleitet werde, etwas für ihn zu tun; aber es soll ihr nicht
gelingen, und ungeachtet ich im Grunde das Gegenteil für besser hielt, so muss
Herrmann nun einige Tage hier bleiben, muss sich allen seinen Geschwistern
zeigen, denn im Grunde hat er eben das Recht auf die Hülfe seines Bruders, als
die ungeratene Schwester, diese Katarine!
    Herrmann schauderte zurück über die Feindseeligkeit, die Ursula mitten in
der Äusserung wohlwollender Gesinnungen zeigte, und versicherte dass er nicht
hieher gekommen sei Hülfe zu suchen, nicht sich Tage lang hier aufzuhalten, und
dadurch die Zeit zu seiner nötigen Flucht zu verlieren, oder mit seiner
Erscheinung jemand zu kränken. Die Ursach seiner Reise in sein Vaterland sei der
Rat des Herzogs von Oesterreich, welcher ihm Hoffnung gemacht habe, der alte
Graf von Unna würde als Oberrichter der Freigerichte in diesen Gegenden
vielleicht etwas zu Untersuchung seiner Sache und zum Beweis seiner Unschuld
tun können.
    Der Name des alten Grafen von Unna war ein elektrischer Schlag für die
Aebtissinn von Marienhagen. Sie schwur, sie würde es nimmermehr zugeben, dass ihr
Bruder, den sie erzogen, den sie immer wie einen Sohn geliebt habe, Schutz bei
dem Feinde ihres Hauses suchte. Alle alte Händel, die Herrmann schon als Knabe
bis zum Überdruss hatte hören müssen, kamen wieder zum Vorschein, wie der alte
Graf die Herrn von Unna wegen der würtembergischen Händel heimlich und
öffentlich verfolgt, ihre Güter eingezogen, die meisten von ihnen, und auch sie
genötigt hätte, aus Mangel an Mitteln ihren Stand zu behaupten, das geistliche
Leben zu wählen, wie er noch bis diese Stunde sie hasste und verachtete, und fest
entschlossen wär, da er ohne Kinder lebte, den Namen und die Güter der Grafen
von Unna, eher an ein fremdes Haus zu bringen, ehe dem Kayser zufallen zu
lassen, als sie ihnen zu gönnen.
    Herrmann ward übertäubt, ward mit seinen Einwendungen nicht gehört, er musste
endlich schweigen und versprechen, vor der Hand zu bleiben, und sich des andern
Tages durch sie seinem ältern Bruder Bernhard von Unna, der seinen Sitz zu
Plettenburg hatte, vorstellen zu lassen.
    Es ward späte, Herrmann musste die geliebten Schwestern und die ungeliebte
verlassen. Ursula schloss ihn beim Abschied zärtlicher in die Arme als anfangs;
die Begierde andere zu kränken hatte ihr Herz gegen ihn erweicht, und sie ging
in ihrer Milde so weit, dass sie durch ihr Ansehn die Öffnung des Sprachgitters
bewürkte, damit auch Agnes und Petronelle den geliebten Bruder umarmen konnten.
 
                                Neuntes Kapitel.
                   Einige Familiengemälde aus dem Hause Unna.
Wie musste Herrmann, dessen Herz sich an den Umgang mit dem edlen Herzog von
Oesterreich, an die liebenswürdige Ida, an den redlichen Münster gewöhnt hatte,
wie musste ihm zu Mute sein, hier unter seinen Geschwistern Gesinnungen zu
finden, wie sie ihm fast noch nie vorgekommen waren. Es ist wahr, er hatte
schreckliche Charaktere kennen gelernt, hatte Kunzmann und die Gräfinn von Cyly
handeln sehen, und sich mit Entsetzen von ihnen zurückgewandt. Hier fand er noch
bei weitem nicht jenen hohen Grad von Ruchlosigkeit, aber die Gesinnungen dieser
niedrigen gemeinen Seelen flössten ihm eine ganz eigene Empfindung ein, einen
Eckel: eine Verachtung, deren schmerzhaftes Gefühl er nur durch einen Blick auf
die liebenswürdigen Nonnen zu Ueberwasser lindern konnte; sie waren der einige
Ruhepunkt, bei welchem er gern verweilte, und mehr der Wunsch sie noch einmal
zu sehen, als das Versprechen, das er der Aebtissinn zu Marienhagen gegeben
hatte, bewog ihn zu bleiben und sich seinen andern Geschwistern vorstellen zu
lassen. Er zitterte, noch mehr hässliche Originale in seiner Familie zu finden,
und zuletzt an seiner eigenen Herzensgüte zu zweifeln da der Stamm, aus dem er
entsprossen war, so wenig taugte.
    Der Tag, vor welchem ihn graute, brach an. Er eilte nach Marienhagen, wo er
versprochen hatte sich einzufinden, und seine Schwester die Aebtissinn
abzuholen. Er fand daselbst die ganze Versammlung seiner Geschwister, bis auf
den grossen Mann, welchem er vorgestellt werden sollte. Agnes und Petronelle
flogen ihm mit schwesterlicher Zärtlichkeit entgegen. Der phlegmatische Domherr
von Münster schüttelte ihm kalterzig die Hand, und die Frau von Senden sollte
ihm auf Befehl der heiligen Ursula eine Entschuldigung ihres Vergehens stammeln.
Herrmann hatte ihr längst verziehen, und es bereut, dass er einen Augenblick auf
die Unglückliche gezürnt hatte. Die tiefe Demütigung auf ihrem Gesicht
beschämte ihn, er schloss sie in seine Arme und nannte sie Schwester.
    Neben ihr stand Ulrich von Senden, ihr Gemahl, eine Figur, wie sie die Natur
nur selten bildet, das höchste Ideal männlicher Schönheit, mit dem Abdruck einer
eben so schönen Seele in seinen sprechenden Zügen; er grüsste den neuen
Ankömmling mit Würde, und Herrmann, der wie Jünglinge pflegen, sich leicht von
körperlichen Reizen zu Liebe und Freundschaft hinreissen liess, drückte ihn mit
Wärme an seine Brust.
    Was ist das? sagte Herrmann zu sich selbst, ein solches Gesicht in diesem
Cirkel von Altagsmenschen? ein solcher Mann der Gemahl meiner Schwester
Katarine?-Er wandte sich zu den beiden Klosterfräuleins um Auskunft über seine
Zweifel zu erhalten, sie lächelten, und sagten, er möchte sich bereiten, heute
noch eine Person in seiner Familie kennen zu lernen, welche seine Erwartung
übertreffen würde.
    Der Zug nach Plettenburg ging vor sich, der Herr von Senden schien sich so
ungern wie Herrmann an denselben anzuschliessen; er hatte einen ernsten
Wortwechsel mit der Aebtissin über die Feierlichkeit desselben, und gab Winke,
dass sich dieselbe nicht zu der Lage des neuen Ankömmlings schicke, doch von
diesen Dingen durfte jetzt, seit es der heiligen Ursula beliebte, ihrem Bruder
gnädig zu sein, nicht laut gesprochen werden, und das Gerücht von Herrmanns
Unglück, das zuvor niemand unvorsichtiger ausgesprengt hatte als sie und die von
ihr so sehr gehasste und ihr doch so ähnliche Katarine, sollte jetzt da sie
gebot, nun sogleich unterdrückt, aus jedem Gedächtnis verlöscht sein.
    Herrmann hatte die Höfe der grössten Fürsten seiner Zeit gesehen, war der
Diener eines Kaysers und eines Königs von Ungarn gewesen, hatte sich zu Nürnberg
oft in einem ganzen Cirkel von Männern befunden, welche alle es wagen durften
die Hand nach der höchsten Krone der Welt auszustrecken, aber nirgend hatte er
das Gepränge, und den prahlenden Anschein von Grösse getroffen, als hier auf dem
Schloss eines gemeinen Edelmanns.
    Bernd, bei welchem der Jüngling jetzt eingeführt wurde, musste glauben, die
Ehre, das Haupt der jüngern Linie des Hauses von Unna zu sein, sei der Gipfel
menschlicher Hoheit, wie hätte er sonst diesen lächerlichen Pomp bei sich
einführen, sich so von seinen Dienern und Verwandten huldigen lassen, und auf
alles, was ihn umgab, so stolz herablächeln können!
    Der Hof zu Plettenburg, wie man hier Bernhards Hauswesen zu nennen pflegte,
war in der Tat für einen Herrn von Unna glänzend genug, aber diese
Herrlichkeiten, welche Herrmannen, der die Welt gesehen hatte, nicht blenden
konnten, trugen in dem Auge des Verständigen ein trauriges Gepräg; dieser
Schimmer entsprang von der Aussteuer unglücklicher Schwestern, von der Habe
unglücklicher Brüder, die sich selbst aufopferten, oder aufgeopfert wurden, um
das angebetete Haupt ihres Hauses wie einen kleinen Fürsten leben zu lassen.
    So widrig als Herrmannen das Aeusserliche des Hauses war, das er jetzt
betrat, so sehr misfiel ihn der Wirt desselben, ungeachtet er sein Bruder war;
auch er schien keine sonderliche Gnade vor Bernden zu finden, er hätte sich
tiefer vor ihm beugen müssen, wie vor Kayser Wenzeln und König Siegmunden, wenn
er nicht hätte wider den hier eingeführten Wohlstand sündigen wollen; er tat es
nicht, begegnete Bernharden bloss mit der Achtung, die er einem ältern Bruder
schuldig zu sein glaubte, und wurde mit Unwillen angesehen
    Herrmann wandte seine Augen bald von dem stolzen Edelmanne hinweg nach einer
jungen Dame, welche an seiner Seite sass und die, als die Aebtissinn ihr
Herrmanns Namen nannte, sich mit unwiderstehlicher Anmut erhob, ihn
schwesterlich zu grüssen. Sie war die Gemahlinn Bernhards, die Herrmann nicht
kennen konnte, weil sie erst nach seiner Flucht aus seinem Vaterlande in das
Haus von Unna gekommen war.
    Herrmann blickte sie voll Bewundrung an, nie hatte er nach seiner Ida eine
hinreissendere Schönheit gesehen, als Alizen oder wie sie hier die verderbte
Mundart nannte, Aleken von Langen. Und diese Holdseligkeit, diese Milde, die in
allen ihren Gesichtszügen, in ihrem ganzen Betragen lag, und die mit der
Aufgeblasenheit ihres Mannes so sonderbar kontrastirte, dieser schwermütige Zug
um die Augen diese rührende Blässe, die ihr schönes Gesicht übergoss und es laut
sagte, dass sie nicht glücklich sei, was für Zusätze ihren Anblick
unwiderstehlich zu machen.
    Aleke ergriff die Hand des bestürzten Herrmanns, und nannte ihn zum
zweitenmahl Bruder, tat es mit einem Tone, der das Herz des Jünglings mit einem
unnennbaren Gefühl ergriff und ihn zu ihren Füssen stürzte.
    Bernhard sah dieses Opfer, das er mehr auf die Rechnung der Frau von Unna
als der schönen Alize schrieb, mit Beifall. Er fieng an zu glauben, Herrmann sei
noch nicht ganz für die Eitelkeit seines Volks vernachlässigt, und bot ihm mit
ziemlich guter Art die Hand ihn aufzurichten. Herrmann küsste die Hand seiner
reizenden Schwägerinn, nahm Platz auf dem Sessel, den ihm Bernd herablassend
darbot, und ward mit einigen Fragen beehrt, die er gut genug beantwortete, um
nicht von neuem den Stolz seines Bruders zu beleidigen.
    Bald darauf geriet der erhabene Herr von Unna in ein Gespräch mit seiner
Schwester der Aebtissinn, und Alize winkte die Klosterjungfern von Ueberwasser,
ihre Busenfreundinnen herbei, um sie in das Gespräch mit Herrmann zu ziehen.
    Nun Bruder, fragte die lächelnde Petronelle, ist unsere Weissagung
eingetroffen?
    O rief Herrmann, ich bin überrascht, entzückt, glaube Ida zu sehen, und
nenne mich glücklich so eine Schwester zu haben!
    Alize hatte eine verbindliche Antwort auf der Zunge, aber ein Blick, den sie
auf Ulrichen von Senden warf, der ihr gegen über an eine Seule gelehnt dastand,
und sich ganz in ihrem Anschauen zu verlieren schien, machte, dass sie verstummte
und mit glühender Röte übergossen ward.
    Herrmann war zu sehr mit andern Dingen beschäftigt um dieses zu bemerken,
aber er brauchte nur einen Tag in dem Hause seines Bruders zu sein, um ähnliche
Erscheinungen zu sehen, die es ihm bewiesen, dass er die Geschichte seines Hauses
bei weitem noch nicht ganz kannte.
    Ulrich von Senden war der Mann, den er sich unter allen am wenigsten
enträtseln konnte. Seine Gestalt, seine Miene nahm unwiderstehlich für ihn ein,
und sein Betragen, wenigstens gegen Herrmannen, war zurückstossend, er war rauh
und kalt, wenn er mit ihm, und sein zärtlicher Freund, sein warmer Lobredner,
wenn er von ihm sprach, alle Bemühungen des jungen Ritters ihm das, was er für
ihn zu fühlen begunte, mitzuteilen, ihn in einen freundschaftlichen Umgang zu
ziehen, waren vergebens, er schien alle Gelegenheit zum einsamen Gespräch mit
ihm zu fliehen, und lächelte ihm nur dann mit einiger Ruhe und Heiterkeit, wenn
er ihn im Kreise aller Anwesenden sah. Eben so seltsam war sein Betragen gegen
die Frau von Unna; musste er mit ihr sprechen, so war sein Ton kalt, beinahe
verächtlich, und doch hing sein Auge mit unersättlichen Blicken an ihr, so bald
er nicht bemerkt zu werden glaubte; er floh ihren Umgang geflissentlich, und
konnte sich doch nicht entbrechen nach jeder Bewegung, die sie machte,
hinzuschauen, nach jedem ihrer Worte sein Ohr zu neigen.
    Dass dieser sonderbare Mann seiner Frau wenig freundliche Blicke verlieh, kam
Herrmannen nun eben so ausserordentlich nicht vor, viel ausserordentlicher dünkte
es ihm, wie diese Frau, diese Katarine überhaupt, Ulrichs Gemahlinn werden
konnte. - Der Jüngling nahm bei seinen Zweifeln oft seine Zuflucht zu seinen
Schwestern den Nonnen, aber diese zuckten die Achseln, und versicherten, dass sie
selbst noch lang nicht genug von diesen Dingen unterrichtet wären, um einem
Andern Aufklärung hierinn zu geben.
    Die Frau von Unna schien eine besondere Vorliebe für ihren neuen Bruder
gefasst zu haben, er und seine Schwestern Agnes und Petronelle waren ihre
Lieblingsgesellschaft. Nie zog sie ihn mit mehrerm Eifer an sich, als wenn sie
bemerkte, dass er wieder einen Anfall auf Ulrichs Herz tat, und dass dieser fast
nicht mehr wusste, wie er seine angenommene Kälte gegen ihn behaupten sollte. Was
habt ihr doch endlich, sagte sie eines mahls zu ihm an diesen sonderbaren
Menschen? ich bitte euch versprecht mir, euch nie in besondere Vertraulichkeit
mit ihm einzulassen, er ist ehrlich genug euch von sich zurück zu schrecken, und
ich denke, er wird dazu seine Ursachen haben. Herrmann ergriff diese Gelegenheit
einige Fragen über Ulrichen an Alizen zu tun, aber sie beantwortete sie nicht,
und suchte mit einem Erröten das Gespräch auf andere Dinge zu bringen.
 
                                Zehntes Kapitel.
                       Herrmann weis nicht, woran er ist.
Der Aufentalt der Geschwister von Unna in dem Hause ihres ältesten Bruders
dauerte einige Tage. Bernhard schien nach und nach Geschmack an Herrmannen zu
finden. Der junge Mensch wusste so viel von Königen, Kaisern, Herzogen und
Fürsten zu erzählen, dass der stolze Herr von Unna begunnte Ehrfurcht vor ihm zu
haben, und es ihm weniger hoch anrechnete, dass er sich nicht tief genug vor ihm
demütigte, auch schmeichelte ihm die Achtung, mit welcher der schönen Aleke von
ihm begegnet ward, und die die grösste Fürstinn nicht in höherm Grade hätte von
ihm verlangen können.
    Die Aebtissinn von Marienhagen, und die Fräuleins von Ueberwasser hatten
jetzt nach ihren Klöstern zurückkehren müssen. Auch der träge Domherr von
Münster hatte das Schloss verlassen, und niemand von Bernhards Gästen war mehr
vorhanden als Herrmann, und die Familie von Senden.
    Katarine nützte die Abwesenheit der Aebtissinn, ihrer feindseeligen
Schwester, sich ihrem beleidigten Bruder in einem vorteilbaftern Lichte zu
zeigen; sie sah, dass seine Absichten auf Bernhards Gunst nicht eigennützig
waren, einige ansehnliche Geschenke, die er ihren Kindern gemacht hatte,
bewiesen, dass er weder Unterstützung suche, noch bedürfe, und dieses war
hinlänglich ihr Reue einzuflössen, dass sie einem solchen Bruder unwürdig begegnen
konnte. Sie rang um Herrmanns Gunst, und gab vor, sie könne nicht ehe von seiner
Aussöhnung überzeugt sein, bis er ihr versprach sie nach ihrem Schloss zu
begleiten, und ihr daselbst Gelegenheit zu geben das Vergangene zu vergüten.
    Herrmanns Sinn stand nach nichts so sehr, als nach der Audienz bei dem alten
Grafen von Unna, von welchem er eben Botschaft erhalten hatte, dass er auf seiner
Residenz angelangt sei - Ihn zu sprechen, war eigentlich das einzige Geschäft,
was er hier hatte; der Besuch bei seinen Geschwistern war bloss Nebensache, war
fast blosser Zufall, und leider war er durch denselben schon mehr verstrickt
worden, hatte sich mehr Zeit durch ihn rauben lassen, als für seine Lage
vorteilhaft war. Ohne Zweifel wär also die Bitte der Frau von Senden, welcher
ihr Mann mit keinem Worte beitrat, abgeschlagen worden, wenn Herrmann sich nicht
gescheut hätte, das Ansehn einer Empfindlichkeit über ehemalige Beleidigungen in
den Augen seiner Schwester zu haben. - Er willigte also ein, und stürzte die
Frau von Unna, welche dabei stand, dadurch in eine Ungeduld, die sie kaum zu
bergen wusste.
    Sie sind alle meine Bitten, euch in keine Gemeinschaft mit Ulrich von Senden
einzulassen, vergeblich? rief sie, als sie mit ihm allein war. -
    Ich besuche nicht ihn, sondern meine Schwester. -
    Und werdet ihr es verhüten können, wenn ihr euch auf seinem Schloss
befindet, dass ein vertrauter Umgang unter euch Platz nehme? -
    Und wär die Vertraulichkeit so eines edeln Mannes nicht Glück für mich? -
    Ich sage euch, ihr dürft es nicht wagen eine Stunde mit ihm allein zu sein,
es ist euer Unglück!
    Ich bin irre an euch, Frau von Unna. Wollt ihr mir nachteilige Winke wegen
Ulrichs Redlichkeit geben? -
    Das will ich nicht. Ulrich mag wohl redlich sein, aber - ich kann mich nicht
hierüber erklären - ich weis nicht! - genug mich dünkt, ihr tut in eurer Lage
am besten, ihr geht zu eurem alten Verwandten, den Grafen von Unna, richtet bei
ihm aus, was ihr zu tun habt, und entfernt euch dann so schnell als möglich.
    Zum Grafen von Unna will ich ziehen, aber erst meine Schwester besuchen. Es
ist hart da sie hier so durchgängig gehasst wird, dass auch ich ihr übel begegnen
soll.
    Ich hasse Katarinen nicht, ich beklage sie und schiebe viele ihren Fehler
auf ihre traurige Lage! -
    Und doch gebt ihr mir zu verstehen, ich habe Ursach von ihr irgend etwas zu
befürchten, das mich abhalten soll in ihr Haus zu kommen? -
    Nicht von ihr, bei Gott nicht von ihr! Ich halte sie nicht für boshaft genug
euch heimlich zu schaden. - Aber Ulrich von Senden! Ulrich von Senden! -
    Der edle trefliche Mann? Er in seiner Art das was Alize in der ihrigen ist?
-
    Er kann gut, kann edel sein, und doch! - Kannte ich ihn nicht länger als
ihr? -
    Ja, Alize, ihr müsst ihn gekannt haben, ich habe diese Tage über seine und
eure Blicke belauscht, habe Spuren entdeckt, die mich begierig machen mehr zu
wissen - Alize! holde offenherzige Alize! Schwester! Freundinn! wollt ihr euch
mir nicht entdecken? vielleicht könnte mein Rat euch nützlich sein, vielleicht
könnte die Erfüllung meiner Bitte wenigstens so viel fruchten, dass ich mir eure
wahre Meinung von Ulrichen von Senden besser zu erklären wüsste, und euren
Warnungen widerspräch oder ihnen folgte, nachdem es meine Ueberzeugung
verstattete. - Werdet ihr meiner Bitte statt geben? Werdet ihr mir gewisse Dinge
deutlich machen, die -
    Dieses hiess Alizen auf ihrer schwächsten Seite angreifen. Sie brach in einen
Strom von Tränen aus, machte sich von Herrmanns Händen, welche die ihrigen
gefasst hielten, los, und beteuerte, sie wollte nie wieder mit ihm über diesen
Punkt sprechen. Er sei gewarnt, und möge hinfort tun und lassen was er wolle,
ohne durch sie gestört zu werden.
 
                                Elftes Kapitel.
                Katarine ist Alekens und Ulrichs Ehrenretterin.
Die Frau von Unna schien ernstlich über Herrmanns Zudringlichkeit erzürnt zu
sein, sie entielt sich diesen Tag, den letzten seines Aufentalts zu
Plettenburg, das kleinste Wort mit ihm zu wechseln, doch hatte sie darum, wie es
am Tage lag, ihre Absicht ihn und Ulrichen zu trennen, nicht aufgegeben.
    Herrmann blieb entschlossen, seine Schwester Katarine nach ihrem Schloss zu
begleiten, und Ulrich von Senden ward in dem nehmlichen Augenblick, da dieses
öffentlich kund gemacht wurde, eingeladen, noch einige Tage nach Abreise der
andern zu Plettenburg zu bleiben.
    Ulrichs Gesicht hatte sich bei Herrmanns Erklärung, dass er sein Gast auf
seinem Schloss sein wolle, mit einer Todenblässe überzogen, und schnell kamen
bei der Einladung, die er von Bernden auf Alizens Veranlassung erhielt, Leben
und Freude in seine Züge zurück; Herrmann sah zum erstenmahle, dass er die Hand
seiner schönen Schwägerinn küsste, und ihr einige verbindliche Worte sagte. Alize
errötete und schlug die Augen nieder, indessen Ulrich sie mit einem Blicke
ansah, der den höchsten Grad von Dankbarkeit ausdrückte.
    Was ist das? sagte Herrmann, der dieses alles bemerkte, zu sich selbst. -
Sollte ich mich in Alizen und in diesem Ulrich von Senden geirrt haben ? sollten
sie vielleicht nichts von dem allen sein, wofür ich sie hielt. - Ha! ohne
Zweifel findet ein geheimes strafbares Verständnis unter beiden statt. Dass sie
sich ehemahls liebten, zeugen ihre verstohlnen Blicke, ihr schnelles Erröten,
ihre widersprechenden Handlungen; dass diese Liebe noch immer dauert, beweisst ihr
jetziges Betragen. - War es darum, gleissnerische Alize, dass du Ulrichen von mir
zu entfernen suchtest, damit ich nicht etwa eure strafbare Vertraulichkeit
entdecken und die Ehre meines Bruders rächen möchte? - Suchst du ihn jetzt darum
bei dir zu behalten, damit du, ohne dich vor den Augen einer vielleicht
eifersüchtigen Frau und eines argwöhnischen Bruders zu scheuen, ungestört deiner
Leidenschaft nachhängen kannst? -
    Der Schein war in Herrmanns Augen so gänzlich wider Alizen, dass er sich
verwunderte, wie sein Bruder Bernhard so verblendet sein könne, Dinge nicht zu
merken, die, wie er meinte, einem Jeden in die Augen fallen mussten, und ein
Glück war es für die beiden Beschuldigten, dass Herrmann nicht voreilig genug
war, Bernden seine Gedanken mitzuteilen.
    Herrmann reiste mit Katarinen und ihren Kindern ab; guterzige liebliche
Geschöpfe, mehr Abdrücke ihres liebenswürdigen Vaters als ihrer Mutter. Herrmann
beschäftigte sich gern mit ihnen, und erholte sich an ihrem Anblicke, wegen des
Verdrusses, den ihm Katarinens lästiges Geschwätze machten.
    Er überzeugte sich immer mehr von dem schlechten Herzen dieser Frau, ihre
Zunge schonte keines einigen ihrer Verwandten, alle suchte sie bei Herrmannen zu
verläumden, selbst die unschuldigen Nonnen, Agnes und Perronelle. - Sie rühmte
mit inniger Selbstzufriedenheit den ihr ganz besonders eigenen Scharfblick, das
Laster in seinen verborgensten Schlupfwinkeln zu entdecken, und führte einige
Beweise von diesem Talent an, welche würklich einzig in ihrer Art waren. - Sie
war eben in ihrem Sündenregister auf die Frau von Unna gekommen, und Herrmann
erwartete nun nichts gewisseres als die Bestättigung seiner in den letzten
Augenblicken des Aufentalts zu Plettenburg gefassten Meinung, zu hören, Ulrichen
der Untreu und Alizen der Verführung angeklagt zu sehen; aber wie erstaunte er,
als nichts von dem allen erfolgte, als er ganz das Gegenteil von dem erfahren
musste, was er erwartet hatte.
    Diese Alize, sagte Katarine, ein armes Fräulein aus dem durchächteten Hause
von Langen, ist recht zum Glück in unsere Familie gekommen, Bernhard würde
vielleicht unverheiratet geblieben sein, wenn sie nicht gewesen wäre. Sie ist
ihm mit eiserner Treue ergeben, geht ihm fast nie von der Seite und wird dadurch
die Geissel aller Frauen unserer Gegend, denen sie von den Männern unablässig
zum Beispiel vorgestellt wird. - Sie ist nicht hässlich wie du gesehen haben
wirst, auch fehlt es ihr nicht an Anbetern, und ich habe daher immer geglaubt,
sie halte sich insgeheim für ihre äusserliche Strenge schadlos; aber so viele
Jahre, in welchen ich sie nun unablässig beobachtete, haben mich endlich
überzeugt, dass sie ein Geschöpf ohne Geist und Herz ist, welchem diese Art der
Tugend nicht schwer fallen kann.
    Herrmann sah Katarinen mit starren verwunderungsvollen Augen an, und wusste
nicht, wie er eine Frage einleiten sollte, um sich über das Verhältnis, das er
zwischen Ulrich und Alizen wähnte, zu belehren.
    Ist sie eine Freundinn von dir und deinem Manne? fragte er endlich mit
angenommener Gleichgültigkeit.
    Von mir? erwiederte sie, ich glaube ja. Du siehst, ich meine es gut mit ihr,
und verdiene also ihre Freundschaft, auch ist sie freundlich und freigebig gegen
die Kinder; aber mein Mann ist, wie es scheint, der Gegenstand ihrer tiefsten
Verachtung, wenigstens weis ich, dass sie nie ein freundliches Wort gewechselt
haben als heute. Du hast ihre Einladung gehört, ich erstaunte und freute mich,
dass sie Ulrich mit Höflichkeit aufnahm; denn die Wahrheit zu gestehen, er macht
so wenig aus ihr, als sie aus ihm, er geht ihr überall aus dem Wege, und wie ich
glaube, ist er in all den Jahren unsers Ehestandes nicht dreimal auf
Plettenburg gewesen. - Herrmann konnte sich nicht entalten, den Kopf zu
schütteln, und suchte durch eine Menge künstlicher Fragen noch einen Anschein
von dem, was er dachte, herauszubringen, aber er erlangte nichts weiter, als zu
seinem grossen Vergnügen, die Ueberzeugung, dass er sich in seinem Urteil von
Ulrich und Alizen geirrt habe. Wie hätten sie eine bessere Zeuginn ihrer
Unschuld haben können als Katarine.
    Selbst in dem Klaglibell wider den Herrn von Senden, welches Katarine nun zu
verlesen begunnte, kam nicht ein Wort von Verdacht der Untreu vor, sondern alle
ihre Beschwerden zielten nur auf Misvergnügen und üble Bewegungen, an welchen
die gute Dame wohl durch ihr eignes schlechtes Herz, davon sie jetzt so
deutliche Proben ablegte, schuld sein mochte.
 
                               Zwölftes Kapitel.
                           Ulrich ringt nach Unglück.
Herrmann hatte auf der Reise schon so viel von der Unterhaltung seiner
gutmütigen Schwester Katarine genossen, dass er bei seinem kurzen Aufentalt auf
dem Schloss von Senden wenig mehr davon begehrte, und sich am liebsten mit
ihren Kindern unterhielt, die ihm sein ganzes Herz zu stehlen wussten.
    Er sprach viel mit ihnen von ihrem Vater Ulrich, und alles was sie sagten,
zeigte ihm diesen Mann auf einer so schönen und edeln Seite, dass aller Verdacht,
den er wider ihn gefasst hatte, in ihm verschwand, und der Wunsch, ihn zu seinem
Freunde machen zu können, der bei seinem ersten Anblick rege war, von neuem in
ihm erwachte.
    Diese Begierde, Alekens rätselhafte Warnungen aufgeklärt, seine eigne
Meinung von ihr und Ulrichen berichtigt zu sehen, gesellte sich zu diesem
Wunsche; es war beschlossen, eine geheime Unterredung mit ihm zu suchen, und da
er dieselbe immer so geflissentlich zu vermeiden schien, alle Mittel zu
brauchen, sich dieselbe zu erringen.
    Mein Mann scheint entschlossen zu sein, sagte Katarine, nicht eher zurück zu
kommen, bis mir die Einsamkeit seine Gegenwart notwendig macht. Die Wahrheit zu
gestehen, so kann ich bei dem Umgange eines liebreichen Bruders einen mürrischen
Gemahl wohl entbehren. Er bleibe zu Plettenburg, und unterhalte dort ein gutes
Vernehmen zwischen unsern und Bernhards Hause; dies kann vielleicht in der
Zukunft gute Folgen für uns haben.
    Herrmann las einen kurzen Brief von Ulrichen, den ihm Katarine darreichte,
und der ihr gebot, die Abreise des Ritters von Unna so gleich nach Plettenburg
zu melden, weil er nach derselben keine Stunde länger auf Bernhards Schloss
verweilen könne.
    Herrman setzte den nächsten Tag zum Abschiede an, letzte sich mit seiner
Schwester und ihren Kindern, liess ihnen Andenken seiner Freigebigkeit zurück,
welche fast sein kleines Vermögen erschöpften, und machte sich auf den Weg nach
Unna, auf welchem, wie er wusste, der von Plettenburg zurückkommende Ulrich, ihm
begegnen musste.
    Er wartete seiner einer ganzen Sommertag lang in den Gebüschen, durch welche
er ziehen musste, und sein Aussenbleiben bewies ihm, dass er alle Vorsicht
gebrauche, ihm nicht entgegen zu kommen, ihn auf keine Art wieder zu sehen. -
Ewiger Gott! rief Herrmann, welches muss die Ursach dieses unüberwindlichen
Widerwillens sein? Ha! ich las den Hass schon zu Plettenburg zu seinen
abgewandten Blicken, hörte ihn in dem kalten gedehnten Ton seiner Worte!
Vermochte er mir auch nur einmal frei ins Auge zu sehen? konnte ich ihn bereden
mit mir einen einigen Gang durch Wies und Wald zu tun? wars nicht, als wenn
Feuer in seinem Innersten brannte, wenn ich bei der Tafel neben ihm sass, oder
sonst ein Zufall mich an seine Seite brachte? Ha! dahinter ist ein schreckliches
Geheimnis verborgen, ich muss es erfahren, muss mir die bessere Meinung des Edeln
erringen, und sollt' es mein Leben kosten. Vielleicht, dass mein Unglück ihn
argwöhnisch macht! Vielleicht, dass er meine Unschuld an der schrecklichen Tat,
die mir das Gerücht aufdichtet, nicht begreifen kann! Ich muss ihn finden, ihn
überzeugen, um seine Lossprechung kämpfen. Der Beifall einer ganzen Welt wär mir
nichts, wenn Ulrichs Augen eine Blutschuld an mir zu erblicken glaubten!
    Ihr, die ihr einst durch eine unwiderstehliche Macht zu einer
verschwisterten Seele hingerissen wurdet, ohne den Zauber, der dieses bewirkte,
ganz begreifen zu können; ihr, deren Streben nach der Gunst des Einzigen, den
ihr unter tausenden wähltet, in dem Maasse zunahm, zum heissen Durste der
Leidenschaft wurde, als der Geliebte, der Gesuchte, sich von euch zu entfernen
schien, urteilt über Herrmanns Vorliebe für Ulrich von Senden. Wer nie etwas
ähnliches erfuhr, vermag nicht hiervon zu sprechen!
    Der Abend brach an, Herrmanns Unruhe wuchs. Das lange vergebliche Warten auf
den Kommenden hatte sein Verlangen nach ihm zur heissen Sehnsucht gemacht; die
täuschende Nacht verwirrte seine Ideen, ein Gewühl seltsamer düstrer Ahndungen
umgaukelte ihn, sein Herz gebot ihm zu bleiben, und eine leise innere Stimme
rief ihm zu; fliehe! fliehe! - Warum fliehen? fragte sich Herrmann, und blieb.
    Der Mond ging auf, Herrmann war dem von Senden so weit entgegen gegangen,
dass er von einem Hügel die Spitzen von Plettenburg erblicken konnte. Die Gegend
rund umher war öde, kein Geräusch als das monotonische Sausen des Stroms, der
sich nicht weit von da, von einer kleinen Anhöhe hinabstürzte, unterbrach die
nächtliche Stille. Es war weit nach Mitternacht, der Mond nahte sich bereits dem
Untergange, als der Wartende endlich das enge Tal herauf den Huf von Rossen
schallen hörte. Die Reuter kamen näher, Herrmann vernahm von Sendens Stimme, der
seinen Leuten befahl voraus nach seinem Schloss zu reiten und ihm hieher
Botschaft zu bringen, ob der Ritter von Unna noch gegenwärtig sei.
    Die Reuter entfernten sich, Ulrich lagerte sich unter einen Baum, und
schnell trat Herrmann, der in der Nähe lauschte, hervor! - Und warum fliehst du
mich? rief er, was hat dir Herrmann von Unna getan, dass du dich scheust,
einerlei Luft mit ihm zu atmen? -
    Entsetzlich! schrie Ulrich, der sich in seinem Mantel verhüllte. Ueberall
diese Erscheinung, wachend und im Traum, und immer die Stimme in meinem Herzen:
ich muss ihn ermorden!
    Ermorden? fragte Herrmann und schloss ihn in seine Arme, deinen Bruder
ermorden? - Was hab ich getan? -
    Weg von mir, du Peiniger! schrie Ulrich und riss sich von ihm los. - Ha wer
bist du? - Kein Nachtgesicht? - Rede, wer bist du?
    Dein Bruder, Herrmann von Unna! der um deine Freundschaft oder um den Tod
fleht. Von dir verachtet, geflohen zu werden, ist zu schrecklich!
    Herrmann von Unna? Du selbst? - O fliehe, fliehe! ich bin dein Mörder! -
Doch nein! fliehe nicht! du darfst nicht fliehen! ich darf dich nicht lassen? -
Sind wir nicht allein? - Nein wir sinds nicht! - Gott lob! dort kommen deine
Retter! Siehe! Siehe!
    Herrmann schaute und sah nichts. Es sind die Schatten der Bäume, mein
Bruder! rief er. Ich brauche keine Retter, wenn du bei mir bist! - O Ulrich! du
bist krank, sehr krank! dein Gemüt leidet! Gott, das ahndete ich nicht! - ich
glaubte Hass wär es, der dich von mir trieb, so ists nur schwarze Phantasie. -
Gott lob! du wirst wieder genesen und deinen Bruder lieben!
    Dich lieben? Kann ich dich mehr lieben als ich tue? O Herrmann! mein Herz
hängt an dir und ich muss dich ermorden!
    Warum? schrie Herrmann, den Ulrich erst in seine Arme geschlossen hatte, und
bei den letzten Worten gewaltsam von sich schleuderte. Warum ermorden? Was habe
ich getan?
    Du musst sterben! schrie von Senden, der sein Schwerd zog, du bist Herzog
Friedrichs Mörder! -
    Bei dem der ewig lebt, ich bins nicht! - - Die Kläger haben geklagt, die
Zeugen gezeugt, die Richter gerichtet! Du bist Herzog Friedrichs Mörder! Tausend
heimliche Henker lauren auf dein Blut, und o Gott, dein Bruder ist der unselige,
in dessen Hände du fallen musst! Aber bei dem Ewigen, ich will dich nicht
überleben! - Siehe, ich habe geschworen, dessen nicht zu schonen, den mich der
Richter richten heisst. - Hier dieser Stich sei dein, und dieser mein! -
    Herrmann zuckte, taumelte und fiel, und Ulrich sank an seine Seite. O mein
Bruder, stammelte er, indem er ihn fester umschlang, die Fehde ist zum Ende! -
Dein ewig dein! Hinüber, hinüber ins Reich des Friedens und der Liebe!
 
                              Dreizehntes Kapitel.
                       Etwas von der heiligen Elisabet.
Der Morgen begann heran zu dämmern, die Landleute der Gegend gingen zur Arbeit,
und da sie vorüber kamen bei der hohen Eiche, unweit des sausenden Stroms, da
lag es vor ihnen im tauichten Grase wie Menschengestalt, und tiefes Röcheln der
Sterbenden rauschte ihnen entgegen. - Sie beugten sich tiefer hinab, und ihren
Wangen begegnete der kalte Hauch des Todes, sie tappten mit der Hand nach dem,
was sie nur dämmernd sahen, und zogen sie in Blut getaucht zurück.
    Jedermann drängte sich herbei, man fand zween Jünglinge, die sich fest
umschlungen hielten, und die beide durch einen Mordstahl gefallen zu sein
schienen. Beide atmeten noch, die guterzigen Bauern jauchzten, und wurden
Rats, sie auf die Plettenburg zur Frau Aleken von Unna zu bringen, die schon so
manchen Kranken und Verwundeten durch ihre Pflege dem Tode entriss, und wohl auch
diesen würde helfen können.
    Alize hatte den von Senden so lang als möglich auf Bernhards Schloss
zurückgehalten, er gehorchte ihr gern, denn das was sie in Geheim bewog seine
Abreise zu verzögern, das scheuchte auch ihn von seinem Schloss zurück, so lang
er Herrmannen daselbst wusste. Keins erklärte sich gegen das andere, denn
mancherlei Betrachtungen hielten sie stets in weiter Entfernung von einander,
aber beide verstanden sich, und eins dankte dem andern im Herzen, dass es sich
sowohl in seine Wünsche fügte.
    Bernhard, der für nichts Gefühl hatte als seine Grösse, dachte bei all diesem
nichts, als dass Ulrich von Senden nunmehr die Ehre, auf seinem Schloss
bewirtet zu werden, bis in den fünften Tag genossen habe, und dass er wohl
geneigt war, diese unerhörte Gnade zu verdoppeln, wenn Alize, die er wegen des
Namens einer Frau von Unna gar hoch verehrte, es also verlangen sollte.
    Ulrich hatte Ursachen, sich weit von der schönen Aleke hinweg zu wünschen,
und Katarinens Nachricht, der Ritter von Unna würde den Montag nach Mariä Geburt
zuverlässig scheiden, tat ihm wohl wie dem Gefangenen die Befreiung von den
Fesseln.
    Die Frau von Unna weinte, als sie von Senden Abschied nahm; sie dachte an
vergangene Zeiten, dachte an Herrmann, und ihr ward weh ums Herz. - Sie bat
Ulrichen, doch den Weg nach Hause über Ahaus zu nehmen, Bernhard lachte der
Bitte, denn es war ein Umweg von mehr als einer Meile, den seine Gemahlinn von
Ulrichen forderte, aber dieser versprach alles mehr als gern, weil er die
Absicht der Bittenden erriet schwang sich auf sein Pferd, und entfernte sich.
    Die Wege über Ahaus waren durch das grosse Wasser unzugänglich gemacht. Von
Senden musste umkehren und den gewöhnlichen wählen, er fragte seine Leute, was
heute für ein Tag sei? -
    Mitternacht ist vorüber, antworteten sie, eben ist Mittwoch nach unser
Lieben Frauen Geburt angebrochen - Montag und Mittwoch! sagte Ulrich zu sich
selbst, und ritt getrost weiter. Wir haben gesehen, was für Vorsicht er
demohngeachtet brauchte Herrmannen nicht zu begegnen, und wie ihm das Schicksal
den unglücklichen Jüngling dennoch entgegen führte.
    Aleke ahndete Unglück auf ihrem nach Abzug aller Gäste nun völlig verödetem
Schloss. Sie war trübsinnig bei der Abendtafel, unruhig in der Nacht, stand von
der Seite ihres fest entschlummerten Gemahls auf, ging auf den Balkon, und sah
in die düstere vom Mond beglänzte Ferne. Hier fand sie noch der erste
Morgenstrahl. Sie betete, um sich von ihren grauenvollen Ahndungen loszureissen,
betete ihr gewöhnliches Gebet: Gott möchte es ihr doch an dem eben angebrochenen
Tage nicht an Gelegenheit zur Ausübung einer guten Tat fehlen lassen. Sie wusste
es aus der Erfahrung, dass übende Tugend das beste Mittel ist, ein traurendes
Herz zu beruhigen.
    Sie stand jetzt auf, und wandte ihre Augen vom rötlichen Morgenhimmel in
das düstre Tal; da sah sie einen Trupp Leute nach dem Schloss zu kommen. Ihr
Gang war langsam. Einer von ihnen eilte voraus, und schlug an die noch
verschlossene Pforte.
    Was bringt ihr? rufte Aleke vom Altan herab. - Ach edle Frau, antwortete der
Kommende, der ihre Stimme kannte, seid ihrs, das ist ein gutes Zeichen an diesem
frühen Morgen. Wir bringen euch wieder einmal ein paar arme Gäste. Eben haben
wir dort drüben auf dem Hügel bei der hohen Eiche ein paar Verwundete gefunden.
Es ist noch Leben in ihnen, wir haben sie ein wenig verbunden, ihr werdet das
übrige tun. Gott gibt ja immer Gnade zu euren guten Werken.
    Aleke verstand nicht, was der Bauer weiter sagte, sie eilte selbst hinab,
das Tor zu öfnen, und weckte im Vorbeigehen einige ihrer Bedienten, die im
Vorzimmer schliefen, um Anstalten zur Aufnahme der Kommenden zu machen.
    Die Leute der guterzigen Frau von Unna wussten in dergleichen Fällen schon
alles, was zu tun war. Aleke war schon im Fräulein Stande eine liebreiche
Wärterinn der Kranken gewesen, und es war ihr Glück, dass sie einen Gemahl hatte,
welcher ihr in diesem Stück völlig freie Hand liess.
    Es war in jenen Zeiten eine Ehre, viel gute Werke zu tun, und es
schmeichelte Bernhards Stolz nicht wenig, wenn man seine Gemahlinn die zweite
Sankt Elisabet nannte, deren Glorie in seinen Augen darum viel heller strahlte,
weil sie eine Fürstinn gewesen war.
    Die Frau von Unna tat das Gute nicht aus solchen elenden Bewegungsgründen,
aber sie war klug genug, die Schwachheit und Eitelkeit ihres Mannes in diesem
Stücke zu nutzen, um nicht von ihm bei ihrer Wohltätigkeit eingeschränkt zu
werden.
    Jetzt hatte Aleke die Pforten geöfnet und ging den Trägern der Verwundeten
entgegen um zuzusehen, ob man sie auch sanft und behutsam genug herbei schaffte.
- Sie trat hinzu, sah Ulrichs von den Schatten des Todes umdämmertes Gesicht,
sah Herrmann, welcher kaum noch atmete, und sank ohne Empfindung zu Boden.
    Ihre Leute kamen herbei, sie eilten ihr zu Hülfe; die Verwundeten wurden ins
Schloss geschafft, ihre Helferinn ward ihnen nachgetragen, und im Augenblick waren
zwanzig Hände bereit, ihnen beizustehen, ob gleich die meiste Hülfe sich nach
der von allen angebeteten Gebieterinn des Schlosses wandte, und bei den
Verwundeten nur die nötigsten Personen blieben.
    Alize schlug die Augen auf, sie sah das Gedräng um ihr Lager, und ein Blick
von ihr entfernte alle unnötige Hülfe von ihr zu Ulrichen und Herrmannen, die
derselben so sehr bedurften. Die Angst um sie machte, dass sie sich bald völlig
erholte, und in ihr Zimmer eilen konnte, um zu sehen, was man zu ihrer Rettung
getan habe.
    Bernhards Hausmeister, ein erfahrner Wundarzt, hatte Herrmannen schon so
weit gebracht, dass er die Augen öfnete, und als seine edle Schwägerinn zu ihm
trat, sich genugsam besann, ihren Namen zu nennen und ihre Hand an seine Lippen
zu ziehen. Aber Ulrich von Senden war noch fast völlig ohne Empfindung, nur der
schwache Schlag des Herzens verriet, dass er noch lebe, seine Wunde war weit
tiefer als Herrmanns, es war ihm mehr Ernst gewesen, sich, als seinen Freund
tödlich zu verwunden.
 
                              Vierzehntes Kapitel.
                       Geschichte Alekens von Langen und
                              Ulrichs von Senden.
Alizens unermüdete Sorgfalt, und die Geschicklichkeit ihrer Leute, verscheuchte
endlich alle Gefahr, so wohl von dem von Senden, als von Herrmann. Dieser war es
eigentlich, um dessen Bette sich die Frau von Unna persönlich beschäftigte,
dahingegen Katarine von Senden herbeigerufen ward, ihres Gemahls zu warten.
Herrmanns Neigung zu seiner liebenswürdigen Schwägerinn und ihr Zutrauen zu ihm,
ward durch die Gewohnheit sich täglich zu sehen vermehrt, und bald entstand jene
Freundschaft zwischen ihnen, die wir in einem der vorigen Kapitel bei Herzog
Albrechten von Oesterreich und der schönen Ida bemerkt haben, nur dass hier auch
der entfernteste Verdacht von Liebe wegfiel, der etwa einigen meiner Leser in
Ansehung Herzog Albrechts beiwohnen möchte. - Wochen waren vergangen, seit sich
die Verwundeten auf der Plettenburg befanden, Herrmann konnte wieder ausser dem
Bette sein, und auch Ulrich war wohl genug, dass er Katarinen von sich schicken
konnte, um Anstalten zu seiner Ankunft auf dem Schloss Senden zu machen.
    Oft war er der Gegenstand des Gesprächs zwischen Alizen und ihrem Kranken,
Herrmann hatte in Ansehung seiner manche Frage zu tun, und die Frau von Unna
war jetzt nicht mehr so ungeneigt, wie ehemals sie zu beantworten. Sie kannte
jetzt ihren Bruder genugsam offenherzig gegen ihn zu sein. Die Beschäftigung um
sie hatte ihn ihr lieber gemacht. Sie gestand, dass Ulrich von Senden einen so
grossen Anteil an ihrer Geschichte habe, dass es ihr unmöglich sein würde, ihm
das zu erklären, was er zu wissen verlange, ohne ihn gleich zum Vertrauten ihrer
eigenen Angelegenheiten zu machen.
    Bernd von Unna geruhte zu oft, in dem Zimmer seines kranken Bruders zu sein,
und ihn mit Fragen über die Höfe, welche er gesehen und den Ton, der daselbst
herrschte, zu quälen, als dass es Alizen so leicht hätte werden sollen, die
nötige Zeit zu ihrer Erzählung zu gewinnen, aber einsmahls beliebte es ihm nach
Engelrading zu ziehen, wo die Herrn von Ravensberg und Meerveld ein Stechen
angestellt hatten, und der erste ruhige Tag, den man dadurch bekam, ward so
gleich auf die Art genutzt, wie meine Leser sehen werden.
    Wie soll ich, fing die Frau von Unna ihre Geschichte an, wie soll ich euch
Begebenheiten mitteilen, deren Erwähnung alle alte Wunden meines Herzens
aufreissen, mich vielleicht euch in einem falschen Lichte darstellen wird? Doch
wir sind allein, und ich weis, ihr verzeiht es der Schwachheit des weiblichen
Herzens, wenn beim Andenken vergangener Dinge einige Tränen fliessen sollten.
Ich versichere euch vor Gott, Ulrich ist mir nicht mehr das, was er mir ehemals
war, ob ich ihn gleich nie ohne Erschütterung ansehen kann. Es ist eine eigene
Empfindung, die mich bei seinem Anblicke überfällt, nicht bloss Ueberbleibsel
ehemahliger Liebe, Entsetzen, Furcht, Mitleid, ein Gemisch der seltsamsten
Gefühle - doch ihr sollt hören und urteilen.
    Meine liebreiche Schwägerinn Katarine wird nicht ermangelt haben, euch zu
sagen, dass ich aus dem seit vielen Jahren von der heimlichen Acht verfolgten
Hause von Langen bin. Die Händel meiner Väter mit den Bischöffen von Osnabrück
gehören nicht hieher. Mein Vater ward ein Opfer derselben, auch meine Mutter war
nicht mehr, der Gram hatte sie frühzeitig getödet, und ich lebte unter der
Vormundschaft meines ältern Bruders.
    Konrad liebte mich, sorgte für mich wie ein Vater, und sein Zutrauen zu mir
war so unumschränkt, dass er mir volle Freiheit in meinen Handlungen liess; ich
spielte auf seinem Schloss die nehmliche Rolle wie hier, war nicht sein Mündel,
nicht die jüngere Schwester des Besitzers, nein, Frau und Gebieterinn.
    Konrad war, Gott weis in welchen Geschäften, oft Monate lang abwesend von
seinem Schloss, mich dünkt, er legte damahls den Grund zu dem Unglück, unter
welchem er jetzt lebt, seine Handlungen waren oft rasch und unüberlegt, und der
Schein, den seine Feinde denselben zu geben wussten, erhöhte ihre Strafbarkeit.
Ich hielt es für Pflicht mit Gebet und guten Werken daheim dasjenige abzubüssen,
was Konrad auswärts sündigte, und dadurch den göttlichen Zorn von unserm Hause,
das ohnedem genug gelitten hatte, abzuwenden. - Meine Uebungen mochten gut und
löblich sein, Armut, Alter und Krankheit fanden Zuflucht, Hülfe und Pflege auf
Konrads Schloss, aber offenbar dehnte ich meine Mildtätigkeit zu weit aus, und
musste dafür leiden, sie ward der Grund des Verlusts meiner Ruhe!
    Ulrich von Senden war nahe bei unserm Schloss in einem Zweikampf gefallen,
seine Leute brachten ihn zu uns, und flehten um Zuflucht und Pflege für ihren
Herrn. Der jungfräuliche Wohlstand hätte erfordert, die Sorge für einen so
jungen und schönen Ritter, wie Ulrich war, von mir zurückzuweisen, und ihn nach
den Mönchen des benachbarten Klosters zu schicken, welche auch reich an guten
Werken waren, aber ich erwog bei dem Gegenstande der Mildtätigkeit, den man mir
zeigte, nichts als die Gefahr seiner Wunden. Ulrich ward auf unser Schloss
gebracht, ward schwesterlich von mir gepflegt, genass und - Mitleid und
Dankbarkeit ward schnell bei uns zur Freundschaft, eben so schnell zur Liebe.
    Wir waren glückliche Liebende, Unschuld und Hoffnung gingen uns zur Seite; o
Tage des Himmels, wohin seid ihr geschwunden!
    Kurz war Ulrichs Aufentalt bei mir nach seiner Genesung, seine Geschäfte
und der Wohlstand ruften ihn hinweg, aber wir hatten uns lang genug gesehen um
den Grund zu einer Liebe zu legen, die, wie wir meinten, ewig dauern sollte. -
Wir schwuren einander! Ulrich sollte noch einige Heerzüge tun um Ruhm und Ehre
zu erwerben, und ich wollte indessen des Hauswesens meines Bruders warten, bis
Fräulein Beate von Meervel, seine Verlobte, das Regiment aus meinen Händen
empfangen könnte, alsdenn sollte Ritter Ulrich erscheinen, und gebührlich um
mich werben; mein Bruder konnte, durfte mich dem nicht versagen, den ich liebte,
sein Herz musste es ihm verbieten, mein Glück war ihm zu teuer, mein Wille ihm
zu heilig, auch hatte er Vermögen genug, das zu ersetzen, was Ulrichen etwa an
zeitlichen Gütern abgieng.
    Der Winter kam, der ritterlichen Uebungen wurden weniger. Mein Bruder Konrad
kehrte in sein Schloss zurück, viele Wagen mit Beute beladen folgten ihm, und ich
konnte mich nicht entbrechen zu fragen, ob all' dieses Gut mit Recht erworben
sei. - Ein finsterer Blick Konrads, vielleicht der erste, den ich in meinem
Leben von ihm erhielt, beantwortete dieses. Weiber, sagte er, verstehen nichts
von den Rechten des Schwerds, nichts von den Freiheiten des Adels, und müssen
von solchen Dingen schweigen.
    Ich schwieg dann, und hatte bald mehr Gelegenheit mich im Schweigen zu üben.
Konrad kam diesen Winter nicht von seiner Burg, als wenn ihn die Jagd etwa in
die benachbarten Wälder zog. Seine Waffengenossen besuchten ihn fleissig; neue
von mir vorher nie gesehene Gesichter, deren Wildheit mich in die Einsamkeit
meines Zimmers zurückscheuchte. Das Gebrüll ihrer schwelgerischen Freuden störte
des Tages meine Ruhe und des Nachts meinen Schlaf, ich sehnte mich nach Erlösung
aus diesem wüsten Leben, sehnte mich nach der Rückkehr der Zeit der Waffen, und
noch vielmehr nach jener Zeit, da Ulrich seine heimlich Verlobte heimholen
würde! der stille sanfte Ulrich, in dessen friedsamer Burg in einst Tage des
Himmels zu verleben hoffte!
    Es war den Abend vor Dreikönigentag, als Konrad, der jetzt leichtsinnig
genug war, die heiligen Abende mit seinen Schwelgereien zu beflecken, noch mit
einer Schaar wüster Gesellen bei der Tafel sass und zechte. Ich, die meine
Ulrichen geweihte Schönheit - ja Herrmann, ich war damals schön - zu heilig
hielt um sie frechen Bliken auszustellen, kam nie bei meines Bruders Gelagen zum
Vorschein. Ich hatte gesorgt, dass es den Zechern an nichts gebrach, und zog mich
nun nebst meinen Dirnen auf den Altan über der Hinterpforte zurück, um dem
wilden Getön, das alle Gewölber des Schlosses durchhallte, zu entfliehen, und
die Stille einer hellen Winternacht zu geniessen. Immer war mir die Natur schön
auch in ihrem einfachsten Gewande. Der Sternhimmel funkelte auf die beschneite
Gegend herab, meine Mädchen zitterten vor Frost und wurden zu Bette geschickt,
aber mich wärmte die Liebe und das Andenken an Ulrich. Ich dachte mir die
blühenden Lauben, in welchen ich mit ihm gesessen hatte, ich dachte mir den
Blumenkranz, in welchem er mich nächstens zum Altare führen würde, und hinweg
war Frost und alle Gefühle des Winters.
    Ich war so ganz in meinen Träumereien verloren, dass ich es erst spät gewahr
ward, dass sich aus dem benachbarten Gehölz ein paar menschliche Figuren
hervortaten, und auf unser Schloss heran schlichen. Der Widerschein des Schnees
bildete mir sie ganz schwarz, und ich, die ich nicht so verwegen war, wie etwa
mein Bruder, die Erscheinungen der Geister der Finsternis zu leugnen, hatte kaum
Mut zum zweitenmal die Augen aufzuschlagen. Doch Neugier und gutes Gewissen
machten mich beherzt. Ich stand auf und schaute hinab. Jetzt standen die Männer
so dicht an der Pforte, dass ich sie von oben nicht sehen konnte. Drei Schläge
geschahen an das Tor, die tief in dem gewölbten Gange, den es verschloss,
wiederhallten, und schnell entfernten sich die Urheber dieses grässlichen Getöses
und verschwanden in dem nahen Gebüsch.
    Augenblicklich ward Lärm im Schloss. Der Wächter auf dem Turme fing an zu
trommeten, in den Seitengemächern kamen Lichter zum Vorschein, unter mir dröhnte
das Gewölbe von dem Fusstritt unserer Reisigen, die herbeieilten, die
Hinterpforte zu öfnen. Zwanzig Stimmen liessen sich hören und verhinderten, dass
ich keine einige deutlich vernahm. Bald darauf hörte ich auch meinen Bruder und
seine Gäste. Konrad fluchte und die trunkenen Zecher lachten. Mein Herz pochte,
ich ahndete etwas schreckliches; ich weckte meine Mädchen und schickte sie aus,
Kundschaft einzuziehen; sie kamen zurück, mir zu sagen, dass die Zechgesellschaft
schnell aus einander gestoben sei, und dass mein Bruder eben erscheinen würde,
mir selbst zu berichten was ihm begegnet sei. - Die Dirnen weinten, und ich
weinte mit ihnen vor Angst und banger Erwartung.
    Konrad erschien, todenbleich vor Schrecken. Ich erfuhr, o Gott, konnte ich
wohl etwas fürchterlicheres erfahren als dass mein Bruder vor den freien Stuhl zu
Osnabrück geladen sei, Rechenschaft wegen gewisser Handlungen zu geben, welche
ich schon so oft mit schwesterlicher Bescheidenheit an ihm geahndet hatte. Ich
bebte, und doch konnte ich den ganzen Umfang unsers Unglücks nicht einsehen,
mein Bruder brachte die halbe Nacht hin, mir alle Schrecknisse dieser heimlichen
Gerichte zu schildern, und mir es begreiflich zu machen, dass er auf die Ladung,
welche die Schöppen an das Schlosstor geschlagen hatten, nicht erscheinen könne
noch dürfe. Ich behauptete das Gegenteil und wir schieden in halben Unwillen
von einander.
    Die nächsten Tage sahen mich in Tränen, in halber Verzweiflung. Ich warf
mich meinem Bruder zu Füssen, ich flehte, er sollte erscheinen. Was verlangst
du? rief er, meinen Tod? das was man in Osnabrück mein Verbrechen nennt, ist so
gut als erwiesen, erscheine ich, so siehst du nie mich wieder, dahingegen im
entgegengesetzten Falle Behutsamkeit, Flucht, oder Tapferkeit mich retten kann!
    War eine solche Erklärung wohl im Stande mich zu beruhigen? Sein Verbrechen
erwiesen? Sein Tod gewiss? Flucht das einige Rettungsmittel? was für Worte! -
Fast brachte mich der Kummer und das Bestreben, hier einen Ausweg zu ersinnen,
um Verstand und Leben. Indessen ging mein Bruder frei und ruhig auf seiner Burg
aus und ein, niemand beschimpfte oder tastete ihn an. Er ward sicher, die alten
Beschäftigungen, die ehemaligen Gesellschaften kamen wieder zum Vorschein. Auch
ich ward von seiner Sorglosigkeit angesteckt, und fast hatte ich die ganze Sache
vergessen, als die nächtlichen Warner zum zweitenmal anklopften, und meine
Gefühle bei ihrer ersten Erscheinung erneuerten.
    Meine Empfindung der nahen Gefahr war diesmal heftig aber nicht dauernd; ich
bemerkte dass die Sonne uns eben so schön glänzte, Natur und Menschen uns eben so
freundlich lachten, als zuvor, der Besuch jener nächtlichen Schleicher, wie
Konrad sie nennte, dünkte mir endlich Kleinigkeit zu sein, und ich erschrack
kaum als mir meine Dirnen eines Morgens die Botschaft brachten, die
Freischöppen seien diese Nacht zum drittenmahl da gewesen, aber mein Bruder habe
ihre Ladung so gleich von der Pforte abreissen, und vernichten lassen. Niemand
dürfe davon sprechen was geschehen sei.
    Auch erwähnte Konrad in der Tat der Sache gegen mich mit keinem Worte, doch
sah ich ihn oft unruhig und nachdenkend; eine Erscheinung die mir so ungewohnt
war, dass auch ich von neuem aufmerksam wurde und wieder in meine ehemaligen
Besorgnisse zurückfiel. Sie wurden nur gar zu sehr durch den Erfolg bestätigt;
Konrad war nur durch Verschweigung seines Unglücks bisher in seinem gewöhnlichen
Stande geblieben, jetzt, da es durch die heimliche Flucht eines unserer
Bedienten ruchtbar ward, dass er sich unter der heimlichen Acht befinde, jetzt
gewann alles ein anderes Ansehen. Schon bei der ersten Ladung hatten, wie ich
jetzt erst erfuhr, die mehrsten von Konrads Leuten, welche nicht leibeigen
waren, ihm den Dienst aufgekündigt, und nichts als Versprechungen und Geschenke
hatten sie zurückhalten können. Nichts war jetzt mehr im Stande sie zu fesseln,
selbst meine Mädchen verliessen mich bis auf eine einige. Die Fräuleins aus der
Nachbarschaft flohen meinen Umgang, und Beate von Meerveld, auf deren Treue
Konrad wie auf Felsen gebaut hätte, kündigte ihm den Bund der Liebe auf.
    Es ist um mich getan, rief Konrad eines Tages, als ich auf seine Forderung
zu ihm eilte. Hier ist die vierte Ladung. Die Schöppen haben sie bei hellem
Sonnenlicht an die Burgpforte geheftet, und drei Steine aus der Mauer mit sich
genommen. Ich bin beschimpft, bin verfehmt, wenn ich nicht erscheine; und
erscheinen werde ich nun und in Ewigkeit nicht. Ich muss fort, Schwester! habe
Mitleid mit mir! verlass mich nicht auch, wie alles mich verlässt! Befördere meine
Flucht, verheimliche sie so lange du kannst, und dann fliehe auch du, nur jetzt,
nur in diesem schrecklichen Augenblicke nicht! bleib, bleib, Alize! oder ich muss
dich und mich ermorden!
    Fliehen? dich verlassen? schrie ich mit Tränen. Sieh ich folge dir, wenn du
willst, nehme Teil an deinem Elend, ob ich - ob ich gleich nicht gesündigt
habe.
    O! schrie er, nicht diese Vorwürfe! Nein du hast nicht gesündigt, hast mich
Sünder oft gewarnt, aber Alize, keine Vorwürfe, oder du bringst mich zur
Verzweiflung.
    Mein Bruder war fürchterlich in diesen Augenblicken! Sein Zustand erfüllte
mich zugleich mit Schrecken, Mitleid und inniger schmerzhafter Liebe. Er hing
ganz an mir, ich schien sein einiger Trost zu sein, er liess mich nicht aus den
Augen, und begleitete mich überall, wohin mich die Anstalten zu seiner Abreise
trieben.
    Endlich war alles bereits, alles was von einiger Kostbarkeit vorhanden war,
selbst das, was er mir geschenkt hatte, ward zusammengepackt, um ihm seine
Flucht zu erleichtern, ich mochte nichts von den Schätzen behalten, welche
vielleicht mit dem Unglück meines Bruders erkauft waren.
    Konrad schloss mich beim Abschied mit heisser Zärtlichkeit in seine Arme; er
seufzte, dass er mich so ganz ohne Schutz zurücklassen musste. Hätte ich, sagte
er, hätte ich dich nur erst in die Arme eines guten Mannes liefern können! Doch
deine Schönheit, deine Tugend, selbst die Treue, die du jetzt an deinen
verlassenen Bruder beweisest, werden dir tausend Herzen erwerben, und du kannst
noch glücklich sein.
    Wie könnte ich, schluchzte ich, so lange du elend bist, an Liebe und Heirat
gedenken? siehe, ich gelobe dir, selbst dann, wenn ich den schon kennte, der
einst mein Gemahl werden soll, ihm nicht eher die Hand zu geben, bis ich
Nachricht von deinem Glück, von deiner Sicherheit habe.
    Tue es nicht, Schwester, erwiederte er, gelobe nichts von dieser Art, du
brauchst einen Schützer, und o wollte Gott, du liebtest einen edeln Mann, und er
wär sogleich hier, dass ich dich ihm anvertrauen könnte.
    Ich fühlte, dass mein Gesicht glühte, und ich vermochte nicht zu antworten.
Ich dachte an Ulrichen, der kürzlich von seinem Zuge nach Italien zurückgekommen
war, und den ich täglich erwartete. Möchte er doch jetzt kommen, seufzte ich,
möchte er ihm wenigstens begegnen!
    Nur ein Versprechen, sagte Konrad, indem er mich nochmals umarmte, nur eins
fordere ich von dir. Beglücke keinen von meinen Verfolgern mit deiner Hand. Du
bist zu gut, zu schön, um der Raub eines dieser Unwürdigen zu werden!
    Ich schwur ihm was er verlangte, und wir rissen uns von einander; schon
hatten wir vielleicht zu lang gezögert, und in unserer Lage war jeder Augenblick
kostbar.
 
                              Funfzehntes Kapitel.
                                  Fortsetzung.
Weinend eilte ich auf mein Zimmer, und fand Trost daselbst, einen Boten von
meinem geliebten Ulrich, der in meiner Abwesenheit angekommen war. Ich hatte
meinen Bruder zu der hintern Schlosspforte hinausbegleitet und also dem
Ueberbringer guter Botschaft nicht begegnen können.
    O! rief ich, wo ist euer Herr! - O dass er nicht eine Stunde eher erschienen
ist, wenn er, wie ich hoffe, sich in der Nähe befindet!
    Er kommt, erwiederte er, er wird gleich hier sein, er wünschte insgeheim bei
euch eingelassen zu werden; er bittet, dass ihm die Hinterpforte geöfnet werde.
    Er kommt diesen Weg? rief ich voll Freude. O so wird er ihm begegnen, wird
meinem Bruder begegnen! wird mit ihm von unserer Liebe sprechen können. - Kennt
Ulrich meinen Bruder?
    Nein, sagte der Bote mit erschrockenem Gesicht, nein, Fräulein, ich denke
nicht; aber was sagt ihr, der Herr von Langen zieht den Weg, den mein Herr
kommen wird?
    Ja! Ja! er wird ihm begegnen, wird ihn sprechen, o wenn sie sich nur kennen,
nur einander nicht verfehlen!
    
    Und euer Bruder, schrie der Bote, ist, wie man sagt, in der heimlichen Acht!
    Welche Frage! erwiederte ich voll Bestürzung. Wollt ihr? - Doch wie sollte
ich Verdacht auf Ulrichs Vertrautesten setzen!
    Lasst mich! Lasst mich! schrie Ulrichs Diener, ich muss fort Unglück zu
verhüten!
    Ich sah ihm, fast leblos vor Entsetzen nach. Was will er machen? rief ich.
Unglück verhüten? Konraden vielleicht vielmehr verraten? Doch er ist Ulrichs
Diener! - - Nein, Ulrichs Leute können so wenig falsch und treulos sein als er
selbst. Ist er nicht der einige Vertraute unserer Liebe? der einige Ueberbringer
unserer geheimen Botschaften? habe ich ihn je auf einer zweifelhaften Handlung
betroffen?
    Mit unbegreiflicher Unruhe ging ich in meinem Zimmer auf und nieder, eilte
bald ans Fenster, bald an die Hinterpforte, um zu sehen, ob Ulrich käme. - Wo er
doch bleiben mag! rief ich. - Sein Bote sagte doch, er würde sogleich hier sein!
    Der Abend kam heran, Ulrich war noch nicht da. Einsam und weinend sass ich im
dämmernden Zimmer, da öfnete sich die Tür, ein Mann trat herein, von dem mir
der Umriss seiner Gestalt, die ich noch dunkel erkennen konnte, von dem mir mein
Herz, das bei seinem Eintritt gewaltiger schlug, gesagt haben würde, es sei
Ulrich, wenn er nicht anstatt zu meinen Füssen zu fliegen, langsam eingetreten
wär, sich einige Schritte genaht, dann wieder entfernt, und endlich sich mit von
mir abgewandtem Gesicht an die Wand gelehnt hätte.
    Wer bist du? rief ich mit zitternder Stimme. - Keine Antwort, als ein tiefer
Seufzer!
    War dieses nicht dein Hauch, Ulrich? schrie ich, und eilte mit offnen Armen
auf ihn zu! - Ja du bist, du bist es! Dein Seufzen verrät dich derjenigen die -
-
    Zurück! zurück Fräulein! schrie er, ihn dürft mich nicht anrühren, meine
Hände sind voll Blut!
    Voll Blut? wiederholte ich, armer Ulrich, du bist verwundet? O Hülfe! Hülfe!
    Ich bin nicht verwundet, ich habe verwundet! rief er im fürchterlich holen
Ton.
    Und wen? fragte ich zitternd.
    Euren Bruder! schrie er, das Unglück führte ihn in meine Hände!
    Mein Mädchen, die mich vor einem Augenblick nach Hülfe rufen gehört hatte,
kam und brachte Licht.
    Ulrich und ich standen gegen einander, lebendige Abdrücke des Entsetzens, er
mit todtenbleichem Gesicht, mit entblösstem Degen, seine Hände und die Rüstung
mit Blut besprützt und ich mit einem Blicke, der alles sagte, was ich empfand.
    Meinen Bruder? wiederholte ich nach einer langen Pause. Meinen Bruder? das
Blut, das an deinen Händen klebt, ist Konrads Blut? - Unseliger! was bewog dich?
    Fräulein, schrie er, ich musste! ein fürchterlicher Eid band mich!
    Meinen Bruder zu ermorden? - Ungeheuer!
    O dass er mir nicht begegnet wär! Warum musstet ihr ihn mir entgegen schicken?
Ihr wisst, ich suchte ihn zu vermeiden. Hat mein Bote nicht - - -
    Dein Bote? du musstest? Ein fürchterlicher Eid? schrie ich, ohne zu wissen,
was ich sagte. - Die Gedanken vergiengen mir, und ich sank leblos in meines
Mädchens Arme.
    Als ich erwachte, war Ulrich verschwunden, und meine Dirne konnte mir nichts
weiter sagen, als dass er noch viel unverständliches gestammelt, und sich endlich
mit der Versicherung entfernt habe, er werde sich rechtfertigen, und ich werde
ihm verzeihen müssen.
    Verzeihen? schrie ich, ihm den Tod meines Bruders verzeihen?
    Ich brachte diese Nacht in dem entsetzlichsten Zustande zu. Die
Unmöglichkeit, mich aus diesen Labyrinten zu finden, verwirrte mir beinahe den
Verstand.
    Der Morgen brachte mir Vermehrung meiner Qual. Das Gerücht breitete sich
aus, Ritter Konrad von Langen sei unweit seines Schlosses von den Freischöppen
gefunden und nach Osnabrück lebendig ins Gefängnis geliefert worden.
    Ein eiskalter Schweiss überzog meine Stirne bei dieser Post, das
schrecklichste Geheimnis fieng an mir klar zu werden, und ich erlag unter der
Last dieser Entdeckung.
    Ulrichs Diener, welcher wenig Stunden darauf um Zutritt bei mir bitten liess,
und ihn endlich erhielt, machte meine Mutmassungen zu Gewissheiten. - Er getraute
sich nicht, es gerade heraus zu gestehen, dass sein Herr einer der Beisitzer des
heimlichen Gerichts sei; ihr wisst, wie geheim diese Dinge gehalten werden, aber
seine Aussage bewiess nur gar zu genau, was man hievon zu denken habe.
    Er gestand so viel, sein Herr habe von dem Unglück meines Bruders gehört,
sei heftig erschrocken, habe geschworen, er müsse mich mit oder wider meinen
Willen heimlich entführen, müsse vermeiden, Konraden zu sehen, habe eine
fürchterliche Angst bezeugt ihm nicht in den Weg zu kommen, habe eben darum
seinen Diener ausgeschickt diese Begegnung zu verhüten.
    Leider hatte ihn das Schicksal demohngeachtet Konraden entgegen geführt. Er
kannte ihn nicht, sah aber bald einen einzelnen Reuter vom Schloss herab
kommen, den er aus einigen Umständen für meinen Bruder hielt. Er hielt es nicht
wider seine Pflicht, da er ihn nicht genau kannte, ihm auszuweichen, und dadurch
das Unglück, Hand an ihn legen zu müssen, zu verhüten. Er versteckte sich im
Gebüsch und liess Konraden vorüber ziehn; bald darauf ging er hervor und dachte
seinen Weg zu mir ungestört fortzusetzen. Da gesellte sich ein Mann zu ihm, den
er nicht kannte, der sich aber, wie der Diener mir sagte, ihm schnell auf eine11
Art kenntlich machte, welche Ulrichen mit neuem Entsetzen erfüllte. Er sagte
ihm, was er für ein Geschäft in dieser Gegend habe; Ulrich erstarrte. Er gab ihm
zu verstehen, er sei demselben nicht allein gewachsen, und fordere seinen
Beistand; Ulrich weigerte sich. Der Unbekannte sagte Worte zu ihm, denen er
nicht widerstehen durfte. Sie gingen mit einander, und fanden Konraden mit einem
andern Ritter unter einem Baum liegen und Mahlzeit halten. Konrads Gefährte
schien nur durch den Zufall zu ihm geführt worden zu sein, mochte denjenigen
vielleicht nicht kennen, mit dem er sein Brod teilte, doch hielt er es für
Pflicht als er sah, dass dieser von ein paar Unbekannten angefallen ward, die
Gefahr mit ihm zu teilen. Man kämpfte. Ulrich und sein Gefährte siegten,
Konrads Helfer ward in die Flüche geschlagen, und er schwerlich verwundet,
gefangen genommen und nach Osnabrück gebracht.
    Ulrich hatte, wie mich sein Diener versicherte, bei diesen Kampfe wie ein
Verzagter gehandelt, hatte keinen Teil an Konrads Einführung ins Gefängnis
haben wollen, und war sogleich zu mir geeilt, um mir das Verbrechen, das er
gezwungen an mir hatte begehen müssen, zu bekennen, und meine Vergebung zu
holen. Ich hatte keine Vergebung für ihn. Er mochte gehandelt haben wie es seine
grausame Pflicht forderte, aber ich durfte nicht mehr an ihn denken. Konrad
stand auf dem Punkte, durch seine Tat den Kopf auf dem Blutgerüst zu verlieren,
ich hatte geschworen, nie das Weib von einem der Verfolger meines Bruders zu
werden, und - unsere Liebe war getrennt.
    Ulrich drängte sich zu mir, mir seine Unschuld darzutun, ich hatte eine
schreckliche Zusammenkunft mit ihm, wo ich fast in dem Kampfe der Pflicht und
der Liebe erlag, aber die Pflicht siegte, und Ulrich ward auf ewig aus meinen
Augen verbannt.
    Ob mich das, was ich tat, nicht nachher gereute, vornehmlich, als mein
Bruder aus seinem Gefängnis entkam und mehrere Kenntnis der fürchterlichen Eide,
durch welche Ulrich und seine Genossen zu Taten der Unmenschlichkeit
verpflichtet werden, mich ihn entschuldigen lehrte, das gehört nicht hieher.
    Zu der Zeit, als diese Reue bei mir hätte Platz finden können, war ich schon
Bernhards Frau, und er Katarinens Gemahl, doppelte Bande untersagten es uns auf
ewig, an einander zu denken, und nichts blieb uns übrig, als Vergessenheit des
Vergangenen.
    Dass dieses Vergangene durch eure Geschichte fürchterlich wieder aufgeregt
ward, dass ich Ursach hatte, euch für Ulrichs Umgang zu warnen, das brauche ich
euch wohl nun nicht erst zu erklären. Ich kannte den von Senden, kannte seine
grausame Pflicht, und konnte das erwarten was nun geschehen ist, eine
schreckliche Erneuerung der Geschichte meines Bruders!
    Dank sei es meinem Schicksal, das euch zu meiner Schwester, zu meiner
Retterinn bestimmte! rief Herrmann und drückte Alekens Hand an sein Herz.
    Armer Jüngling, erwiederte sie, konnte meine Angst, meine Sorge um dich, dir
den kleinsten deiner Schmerzen ersparen? Doch auch ich danke dem Himmel, dass er
euch mir zum Bruder gab, dass doch in dem Hause meines Mannes eine Seele ist, die
ich wahrhaftig hochschätzen kann, - ausser ihm, meine ich, dem ich Liebe und
Hochachtung schuldig bin.
    Herrmann nahm die Klausul wohl in acht, welche Aleke aus Pflicht gegen
Berndten ihren Worten anhängte. Er fühlte es, dass ihre Achtung gegen ihren
Gemahl nicht viel mehr als Pflicht und etwas Dankbarkeit sein konnte, weil er
sie liebte, und er konnte sich der Frage nicht entalten, auf was für Art sie
Frau von Unna geworden sei.
    Die Güter meines Bruders, sagte sie, waren verfallen, sie wurden etlichen
aus der Ritterschaft zur Verwaltung übergeben, und mir ward ein Vormund gesetzt.
Dieser Vormund war euer Bruder Bernhard, ihr erratet das übrige, er liebte mich
und warb um mich, ich war arm, verlassen, von meinem Geliebten getrennt, und -
ward die Gemahlin des Herrn von Unna.
    Unsere Ehe ward immer gut und friedlich. Dankbarkeit vertrat bei mir die
Stelle der Liebe, und die seinige ward durch den Stolz, der Schützer einer
Verlassenen gewesen zu sein, und durch den Beifall, den seine Wahl überall fand,
mächtig genährt. - Ich war so glücklich, ihm und jedermann meine frühere
Verbindung mit dem Herrn von Senden zu verbergen, ihn dadurch mit mir immer
zufrieden zu erhalten, und jede Ursach eines Zwists zwischen ihm und meinem
ehemaligen Liebhaber aufzuheben. Ulrich ward bald nach meiner Vermählung mit
Berndten, mein Schwager; es wär traurig gewesen, wenn ich Gelegenheit zu
Uneinigkeit und Verdacht hätte geben sollen.
    Aber ich bitte euch, rief Herrmann, wie war es möglich, dass Ulrich sich über
euch so bald trösten, nach einer Alize eine Katarine wählen konnte.
    Ich weis von diesen Dingen sehr wenig, sagte sie, doch was ich mutmasse und
was ich weis, will ich euch sagen. Das damahlige Fräulein, Katarine von Unna,
hatte einen gewaltigen Abscheu vor dem Klosterleben, zu dem sie bestimmt war,
und dachte sich nicht besser retten zu können, als wenn sie zu dem Feinde ihres
Hauses, dem alten Grafen von Unna flöhe. Mit ofnen Armen ward sie von diesem
Schützer der Bedrängten aufgenommen, er fand ihre Sache schlecht und recht, und
versprach sie zu verheiraten. Hier lernte sie den Herrn von Senden kennen und
gewann ihn lieb. Katarina war damals nicht hässlich und konnte ihre böse Seite
besser verstecken als jetzt. Ulrichs Herz war voll Rache über meine gegen ihn
geänderten Gesinnungen und über meine Heirat. Er dachte wahrscheinlich mich zu
kränken, wenn er meine Schwägerinn heiratete und mir immer als ein lebendiger
Vorwurf meiner Unbeständigkeit vor Augen wär. Der Unglückliche kränkte sich
selbst! Ihr könnt urteilen, wie seine Ehe beschaffen sein muss. Der Graf von
Unna war Ulrichen zu gewogen, und kannte Katarinens Charakter zu gut, um mit
dieser Verbindung ganz zufrieden zu sein, er vermählte sie, weil sie es
wünschten, und überliess sie ihrem Schicksale.
 
                             Sechszehntes Kapitel.
                            Eine gefährliche Probe.
Herrmann fand die Erklärung, die ihm Aleke über verschiedene Dinge gab, nicht
ganz befriedigend, doch sie waren von solcher Art, dass man entweder nur
mutmassen konnte, oder nicht laut und deutlich von denselben sprechen durfte; zu
der ersten Klasse gehörte Ulrichs und Katarinens Verbindung, und zu der andern
der Teil von Alizens Geschichte, welcher in die Geheimnisse jenes furchtbaren
Gerichts gehörte, welches nach den gegenwärtigen Zeiten in vieler Betrachtung
ein Rätsel ist, und davon die Urkunden, welche uns übrig geblieben sind, nur
einen schwachen mangelhaften und in mancher Betrachtung widersprechenden Begriff
geben.
    So vielfachen Stoff der Ritter von Unna auch in dem, was er gehört hatte,
zum Nachdenken fand, so verweilte er doch am liebsten bei Ulrichen von Senden,
der durch die traurige Geschichte bei der hohen Eiche bei weiten nicht jene
Neigung ausgelöscht hatte, welche Herrmann beim ersten Anblick für ihn zu fühlen
begann. Jene Tat, die ihm beinahe das Leben gekostet hatte, setzte Ulrichen
nicht in seinen Augen herab, sie erhöhte vielmehr seine Meinung von ihm! auch
seinem Verfahren gegen Konraden von Langen fehlte es, wie er meinte, nicht an
Entschuldigung, ein Mann, der dem, was er in seiner Lage für Pflicht halten
musste, auf Unkosten seiner liebsten Neigungen treu bleiben konnte, verdiente
nach seinen Gedanken Achtung und Bewunderung, verdiente wenigstens Mitleid statt
des Tadels. - Verzeiht, meine Leser, wenn Herrmann falsch urteilte, er lebte
freilich in einem Jahrhunderte, welches ihm andere Begriffe einflössen musste als
euch das eurige.
    Aleke war zu schwach Herrmanns Urteil einen andern Weg zu leiten, sie war
vielleicht im Grunde selbst mehr für den unglücklichen von Senden eingenommen,
als sie sich gestehen durfte. Sie begnügte sich nur damit, den Entschluss des
jungen Menschen, nach Ulrichs Freundschaft anhaltend zu ringen, zu bestreiten,
und ihm zu erweisen, dass so lange jener blieb was er war, so lang die Acht noch
auf Herrmanns Haupte ruhte, kein vertraulicher Umgang zwischen ihnen möglich
werden könne.
    Aber er liebt mich, rief Herrmann, er hat mir es in jener schrecklichen
Stunde selbst gestanden, dass sein Herz an dem meinigen hängt! - Sollte er seiner
schrecklichen Pflicht nicht durch das Blut, das er damahls vergoss, genug getan
haben, und nun friedlich mit mir den Pfad des Lebens gehen können?
    Tut was ihr wollt, sagte Aleke seufzend, versucht was euch möglich ist,
aber mir verdenkt es nicht, wenn ich euch und ihn nie aus den Augen lasse, und
da wo die meinigen nicht hinreichen, euch andere zu Wächtern gebe.
    Herrmann nützte den ersten Tag seiner völligen Wiederherstellung Ulrichen zu
besuchen. Freude glänzte in Sendens Augen als er den geretteten Jüngling sah,
aber schnell ward sie durch eine Träne verdunkelt. Er ging ihn mit offenen
Armen entgegen, als wollte er ihn an seine Brust drücken, aber schnell besann er
sich, und der herzliche Empfang verwandelte sich in eine kalte Verbeugung.
    Ists denn unmöglich? rief Herrmann, dieses Herz für mich zu erwärmen? habe
ich mir nicht mit meinem Blute deine Freundschaft erkaufen können? - Ulrich
wandte sich hinweg seine Bewegung zu verbergen. Vielleicht in Zukunft, rief er,
indem er ihm die Hand drückte, nur jetzt, nur jetzt nicht! Glaube mir Herrmann,
ich bin unglücklicher als du.
    Aleke, welche die ganze Zeit gegenwärtig war, brachte das Gespräch auf
Herrmanns Geschichten bei Fritzlar. Er erzählte alles, was ihn in den Verdacht
brachte, er sei Herzog Friedrichs Mörder, alles was ihn vor dem Fürstenrat zu
Nürnberg lossprach, so umständlich, dass kein Schatten von Schuld mehr auf ihn zu
haften schien, aber Ulrich bat ihn, die Ursachen seiner nachmaligen Flucht und
seine Geschäfte in diesen Gegenden nicht zu vergessen, und als Herrmann sein
Verlangen eben so redlich befriedigte, so verfiel sein Zuhörer in ein tiefes
Nachsinnen, aus welchem ihm Herrmanns und Alekens Zureden erst spät empor
reissen konnten.
    Herrmann, sagte er, bedenke, dass ich dein Richter nicht bin, o Gott, wie
günstig würde vielleicht dein Urteil ausfallen, wenn ich es wär!
    Du sollst mein Richter sein, rief Herrmann, sollst mir sagen, was du im
Grunde deines Herzens von mir denkst.
    Ulrich zuckte die Achseln, und bat von Dingen nicht mehr zu sprechen, welche
nicht hieher gehörten.
    Aleke ward unwillig, Herrmann traurig, und so schied man von einander.
Bernhard kam von Engelrading zurück, die Zeit vertrauter Unterredungen war
verflossen, man sah sich nicht anders als bei der Tafel, und Herrmann, welcher
die volle Stärke der wiederkehrenden Gesundheit empfand, fand es langweilig
länger hier zu bleiben. Sein Geschäft beim alten Grafen von Unna lag ihm im
Sinne; nur zu lang hatte es bereits verschoben werden müssen, und er drang auf
seine Abreise.
    Die Frau von Unna hatte ihm geraten, gegen ihren Gemahl nichts davon zu
gedenken, dass er zu dem Feinde seines Hauses ziehen wollte; aber da die
Aebtissinn von Marienhagen davon benachrichtigt war, so konnte es Bernhardten
nicht verschwiegen bleiben. Man wandte alles an, den Jüngling von seinem
Vorhaben abzubringen. Bernhard stellte ihm den Schimpf vor, bei dem Grafen
Schutz und Rat zu suchen, da er einen solchen Bruder hätte wie ihn. Ursula
erzehlte ihm Katarinens Geschichte, welche auch ehemahls zu dem verhassten Greise
geflohen war und nichts weiter von ihm erhalten hatte, als die Hand eines
Mannes, der sie nicht liebte. Man ging so weit, Herrmanns Entschluss, welcher
unbeweglich blieb, allerlei künstliche Hindernisse entgegen zu setzen. Aber er
täuschte sie alle, machte sich in einer Nacht in der Stille davon, flog noch
einmal zu den geliebten Nonnen zu Ueberwasser, sich mit ihnen zu letzen. Eilte
nach dem Schloss Senden Katarinens Kinder zu küssen, und trat dann den Weg zu
seinem ehrwürdigen Verwandten an.
    Ulrich von Senden, der so wie Herrmann nun völlig hergestellt war, hatte
Bernhards Burg noch eher als er verlassen. Herrmann hatte gehoft, ihn auf seinem
Schloss zu finden, und noch einmal eine Unterredung von Herz zu Herz mit ihm
zu haben, aber Katarine sagte, er sei des vorigen Tages abgereist, und sie habe
Ursach zu glauben, er sei nach dem alten Grafen von Unna gezogen.
    Herrmann erfuhr überall in den Herbergen die Bestättigung von dem, was ihm
seine Schwester gesagt hatte. Ulrich war immer einige Stunden vor ihm da
gewesen, und als er zu Unna einritt, da sah er von Sendens Reisige im Schlosshof
halten.
    Der Ankommende wusste nicht was er hiervon denken sollte, doch sein
verdachtloses Herz befriedigte ihn bald. Ulrich konnte so wohl Geschäfte beim
Grafen von Unna haben als er, er musste Geschäfte mit ihm haben; der Graf war
oberster Stuhlherr der Freigerichte in dieser Gegend, und von Senden ein
Einverleibter des heimlichen Gerichts.
    Es war in den damahligen Zeiten noch nicht Sitte halbe Tage in den
Vorzimmern der Grossen zu warten, ohne vorgelassen zu werden. Wer zuerst kam,
hatte den ersten Zutritt. Herrmann ward gemeldet und herein gerufen; er trat ein
und Ulrich von Senden begegnete ihm in der Tür.
    Der Ort, wo man sich befand, machte es unmöglich ein Wort mit einander zu
wechseln, er blieb bei einer Begrüssung, aber diese Begrüssung war bei Ulrichen
so kalt, dass Herrmanns Herz zu Eis ward, und sich zum erstenmahl der Verdacht
bei ihm einschlich, von Senden könne sich um keiner guten Ursachen willen hier
befinden.
    Der Graf von Unna, ein Greis mit dem Schnee des Alters und der blühenden
Röte der männlichen Jahre geziert, sah den Eintretenden mit scharfem
forschenden Blicke an. Wer seid ihr junger Mensch? rief er in einem ernsten
Tone.
    Der hohe Anstand des Alten und ein Zug von wahrer Grösse in seinem Gesicht
nötigte dem Jüngling eine tiefere Verbeugung ab, als er sie sonst vor Königen
zu machen pflegte, und er antwortete; Herrmann von Unna.
    Was verlangt ihr! -
    Gerechtigkeit! -
    Verwegner! wie kann Herzog Friedrichs Mörder Gerechtigkeit fordern, ohne den
Kopf verlieren zu wollen? -
    Ich bin Friedrichs Mörder nicht!
    Beweise! -
    Mein Herz und das Zeugnis des Herzogs von Oesterreich. -
    Das erste könnt ihr mir nicht vor Augen legen, und das andere ist ungültig,
ist nicht Zeugnis, wie mich dünkt, nur Vorbitte. Der Herzog von Oesterreich war
nicht bei euch als die Tat geschahe.
    Gott war bei dem Täter und bei mir, ihn rufe ich zum Zeugen! -
    Der Schein ist wider euch! -
    Welcher gerechte Richter richtet nach dem Schein? -
    Ich sitze hier nicht als euer Richter! -
    Denn als mein Freund? der Freund des Unschuldigen?
    Als euer Verwandter, wenn ihr wollt, als der, der euch gern gerechtfertigt
sähe! Aber junger Mensch, ihr wandet euch spät an mich? Ich finde eine
Unstättigkeit in eurem Betragen, die der Unschuld nicht ziemt. Ich höre, ihr
wart frühzeitig hier meinen Rat zu suchen, es war euch zu viel meine Ankunft
geduldig zu erwarten, ihr wandet euch zu Leuten, welche euch nicht helfen
konnten, zu Leuten, die ich hasse, mit denen ihr bisher entzweiet lebtet, nun
wie ich höre schnell versöhnt seid, ich versichere euch, ihr Hass würde euch
bessere Dienste bei mir getan haben als ihre Liebe; ein verworfenes Geschlecht,
in welchem seit zwei Menschenaltern kein gesundes Glied war? -
    Sie sind meine Geschwister!
    Ja leider! ihr würdet mir sonst angenehmer sein! -
    Kann der Graf von Unna, der Vorsitzer des ernstesten Gerichts parteiisch
urteilen? Es gibt unter meinen Geschwistern noch eine Agnese und Petronelle,
eine Aleke von Langen, einen Ulrich von Senden. -
    Lasst die Weiber auf der Seite bleiben, sie gehören nicht in unsere Rechnung,
und was Ulrichen von Senden betrift -
    Bei Gott, rief Herrmann mit aufgehobenen Händen, der edelste Mann, den ich
kenne!
    Er? dessen blutgieriges Schwerd euch dem Tode nahe brachte? - Er tat was er
musste! - Freilich ists hart, von ihm gehasst, vielleicht auch hier verfolgt zu
werden.
    Der Graf schwieg mit tief zur Erde gesenktem Blick. - Ja, sagte er nach
einer langen Weile, Ulrich ist bei mir gewesen, er hat viel mit mir von euch
gesprochen, hat viel in der Aufnahme geändert, welche euch bestimmt war; -
entfernt euch! - ich werde euch rufen lassen, wenn ich eurer Gegenwart bedarf.
    Herrmann entfernte sich, sein Herz mit Empfindungen erfüllt, welche ihm die
Worte hemmten.
    Hütet euch zu fliehen, rief ihm der Graf von Unna nach eure Verfolger sind
überall!
    Fliehen? schrie Herrmann mit verächtlichem Ton. Die Unschuld fliehet nicht!
So war denn also die Audienz bei dem grossen Mann, von dem man sich soviel
versprochen, auf welchen der Herzog von Oesterreich das ganze Glück seines
Lieblings gebaut hatte, vorüber. Herrmann hatte nichts in ihm gefunden als einen
stolzen Verwandten, und einen parteiischen Richter, der sich durch das
Einhauchen der Falschheit von zuvorgefassten vielleicht bessern Entschlüssen
abbringen liess. -
    Er hat viel mit ihm von mir gesprochen? hat vieles in der Aufnahme, welche
mir bestimmt war, geändert? sagte Herrmann zu sich selbst. O Ulrich von Senden!
Ulrich von Senden! das Blut, das du mir aus dem Herzen zapftest, konnte ich dir
verzeihen, aber hinterlistige Nachstellung? Verleumdung bei dem, auf den ich
meine ganze Hoffnung setzte? - Nein dies verzeihe ich nicht! - Das erste konnte
deine Pflicht von dir fordern, aber welche Gesetze waren vermögend, dich zu dem
andern zu bewegen? -
    Gegen den Abend ward Herrmann zum zweitenmal zu dem Grafen von Unna
gefordert.
    Ihr wisst jetzt ohne Zweifel was ihr von dem von Senden halten sollt? fragte
der Graf.
    Ich wusste es bisher nicht, nun habe ich es erfahren.
    Ihr müsst aufrichtig mit mir von ihm sprechen, sagt was sind eure Gedanken
von ihm? - Glaubt ihr, dass er seiner Pflicht in Ansehung eurer völlige Gnüge
getan hat.
    Ich habe keinen bestimmten Begriff von den Pflichten, die ihm und seines
gleichen obliegen. -
    Erzählt mir die ganze Geschichte seiner Tat unter der hohen Eiche, erzählt
mir auf was für einem Fuss er zuvor und hernach mit euch lebte, ihr wisst, ihr
habt keine Ursach ihn zu schonen, auch er schonte eurer nicht.
    Herrmann erzehlte umständlich alles was vorgegangen war, der Graf schüttelte
den Kopf! das ist entsetzlich! sagte er. Auch keine Warnung vor der Gefahr die
euch drohte, nicht ein Wink, dass ihr euch vor ihm zu hüten hättet? -
    Er durfte mich nicht warnen, wie ich glaube, wenn er seine Pflicht nicht
verletzen wollte. -
    Aber er liebte euch, beklagte euch, wie ihr damals meintet, mich dünkt er
hätte euch warnen sollen! -
    Ich hielt seine Tat für das gröste Opfer, das er der grausamsten Pflicht
bringen konnte. Ich glaubte in der Tat, er hätte mich geliebt, und es müsse ihm
schwer geworden sein mir ungewarnt den Dolch ins Herz zu stossen, aber dem, der
mich verleumden, mir das Herz meines ehrwürdigen Verwandten stehlen konnte! -
    Das gehört nicht hieher, nur noch eine Frage. Man sagt, ihr wäret beide
verwundet worden; - vermutlich leichte Wunden wie sie einer dem andern auf
Verabredung gibt, um sich einer lästigen Pflicht zu entledigen, dann sind
gleich Leute da uns zu retten, zu verbinden, und man ist seiner Verbindlichkeit
entledigt.
    Herrmann fieng von neuem an die schreckliche Geschichte unter der hohen
Eiche zu erzählen, er schilderte Ulrichs Kampf mit sich selbst auf die
lebendigste Art, mahlte die Ueberwindung, die es ihm gekostet zu haben schien,
sein Schwerd in das Blut seines Bruders zu tauchen, mit den glübendsten Farben,
und zeigte dem Grafen am Ende die Narbe von der fürchterlichen Wunde in seiner
Seite, die er von Ulrichs Hand empfieng. Und ach, setzte er hinzu, mit mir war
er schonender verfahren als mit sich selbst; es schien, er wollte dem, den er in
die Gruft hinabschicken musste, zuvoreilen um seinen Tod nicht zu überleben.
Lange hing sein Leben noch an einem Faden, als schon das meinige gerettet war! -
    Seine Verwundung rührte also wirklich, wirklich von seiner eigenen Hand,
nicht von der eurigen her? rief der Graf.
    Ich hätte meine Hand an ihn, an den geliebten Ulrich von Senden legen
sollen? fragte Herrmann.
    Entsetzlich! schrie der Graf mit zusammengeschlagenen Händen. Brudermord?
Selbstmord die Folgen des Gerichts, das eine Nachbildung der göttlichen
Gerechtigkeit sein soll? - O Menschheit, wenn wirst du einmal diese
schreckliche Bande abschütteln! Herrmann! mein Sohn! - mein Liebling! - Ulrich
von Senden! mein Freund! unglückliches Opfer deiner Pflicht! - umarmt einander.
Eure Fehde habe auf ewig ein Ende!
    Der Graf hatte mit diesen Worten eine Nebentür aufgestossen, Ulrich stürzte
herein, und schloss den erstaunten Herrmann in seine Arme. Mein Bruder! mein
Geliebter! rief er, endlich, endlich darf ich meinem Herzen nicht länger wehren,
darf dir sagen, was ich für dich fühle, ohne meine Pflicht zu verletzen!
    Herrmann stand mit weit geöfneten Augen, ohne das begreifen zu können, was
er sah und hörte, ohne Ulrichs Liebkosungen, von welchen er nicht wusste was er
halten sollte, erwiedern zu können.
    Junger Mensch, sagte der alte Graf, ihr wisst nicht was hier vorgegangen ist.
Ihr glaubt wohl nicht, dass ihr und euer Freund euch jetzt auf einer gefährlichen
Probe befunden habt? Das Leben des einen und meine gute Meinung für den andern
stand auf dem Spiel, aber eure Aussage hat beide gerettet. Ulrich von Senden,
der bei der Sache des Konrad von Langen schon einmal im Verdacht kam, der
Pflicht eines Dieners der heimlichen Rache nicht völlig genug getan zu haben,
ward angeklagt, er habe in Ansehung eurer zum zweitenmal gesündigt, habe euch
gewarnt, euch Waffen in die Hände gegeben, euch in jener schrecklichen Stunde zu
verteidigen, habe euch nur zum Schein ein wenig verwundet, und von euch eine
ähnliche Verletzung bekommen. Leider steht auf solche Vergehungen, welchen die
Menschheit eigentlich einen mildern Namen geben sollte, bei uns der Tod. -
Ulrich von Senden trug durch seine Erscheinung viel dazu bei, seine Anklage
wahrscheinlich zu machen. Er trat auf, und widersprach dem Urteil, das wider
euch gefällt worden ist, ward ein Verteidiger eurer Unschuld, und verlangte
Entlassung von seinem Posten, Entkleidung von der traurigen Würde eines Dieners
der göttlichen Gerechtigkeit, um mit dem unschuldigen Herrmann von Unna als
Bruder leben zu können. - Eigentlich wär hiedurch sein Urteil gesprochen
gewesen, aber mir schauerte vor den Ungerechtigkeiten, die unter dem heiligen
Namen unsers Gerichts ausgeübt werden; ich drang auf Untersuchung. Herrmanns
Ankunft gab uns die beste Gelegenheit die Wahrheit zu erfahren: einige Worte von
mir gaben ihm Anlass sich von Ulrichen bei mir verleumdet zu halten, aller
Verdacht der Parteilichkeit gegen seinen Freund, ward durch den Unwillen, den
dieses in seinem Herzen erregte, aufgehoben. Er antwortete auf meine künstlich
verschlungenen Fragen, ohne Vorliebe für Ulrichen, blieb auf der geraden Bahn
der Wahrheit, seine Aussage stimmt wörtlich mit dem überein, was wir von Senden
erfuhren. Ulrich ist gerechtfertigt, und Herrmann bekömmt zum Lohn für die
Redlichkeit seines Herzens die Freiheit, ins künftige Ulrichen ohne Furcht als
Freund umarmen zu können. Ulrichs Entlassung wird nun keine Schwierigkeit mehr
haben.
    Und auch Herrmann wird gerechtfertigt sein? fragte Ulrich, der Herrmanns
Hand fest in die seinige geschlossen hielt.
    Wollte Gott! rief der Graf, aber leider ist alles was ich durch euch zu des
armen Jünglings Besten erfuhr, nur für mich überzeugend. Herrmann muss fliehen,
fliehen unter meinen Schutz. Die Zeit macht Dinge möglich, an die wir jetzt
nicht denken dürfen. Allemal ists ein wichtiger Umstand, den ich durch euch,
Ritter Ulrich, erfuhr, dass ausser Kunzmann, welcher im Tode Herrmann den
Mitgenossen seiner Untat nannte, noch zween oder drei andere Mörder Herzog
Friedrichs sind gesehen, und - (vielleicht mit Vorbedacht) zu nachlässig
verfolgt worden. Gott weis, wie es möglich gewesen ist diesen Punkt bei dem
gesprochenen Urteil zu übergehen! - Aber die Rache wird diese Ruchlosen
ereilen, und ihre Aussage wird Kunzmanns Bekenntnis bestätigen oder widerlegen,
wie es die Wahrheit erfordert.
    Widerlegen! schrie Herrmann, oder ich verdiene nicht der Verwandte des edlen
Grafen von Unna zu sein.
    Du verdienst es, wie ich hoffe! rief der Greis, du sollst mein Verwandter,
selbst mein Sohn sein, wenn die Zeit dich vor den Augen der Welt so
rechtfertiget wie vor den meinigen! -
 
                              Siebzehntes Kapitel.
                          Herrmann zieht gen Italien.
Die Freunde verliessen den Grafen, um in der Einsamkeit die Erstlinge ihres
Glücks zu geniessen. Also warst du mein Verteidiger bei dem Grafen, nicht mein
Ankläger wie ich meinte? rief Herrmann, als er sich von seinem ersten Erstaunen
erholte.
    Konnte der gutmütige Herrmann sich doch endlich zu bösen Verdacht gegen
seinen Ulrich hinreissen lassen? erwiederte von Senden.
    Und also kann ich, darf ich dich künftig Freund und Bruder nennen, und du
wirst nicht mehr den Unschuldigen verfolgen, und dein Ohr vor der Stimme der
Wahrheit verschliessen?
    Verschloss ich es je? Wahrheit und Unschuld strahlten mir in die Augen,
Todesangst überfiel mich, wenn ich dich mit all deiner Liebenswürdigkeit vor mir
sah, wie du um meine Freundschaft warbst, mir aus vollem Herzen trautest, und
der Gedanke in meiner Seele aufstieg, die Richter haben gerichtet, ich muss ihn
ermorden! Unaufhörlich, auch wenn du nicht um mich warest, schwebte dein Bild
vor mir, bald bleich und blutig, bald lächelnd und bittend, im Auge den vollen
Ausdruck der Schuldlosigkeit. - Mein Herz blutete, mein Verstand schwankte,
tausendmal wär ich lieber gestorben, aber ich musste tun, was ich tat! - Doch
lass uns die Augen auf ewig von dem Vergangenen abwenden! die Fesseln sind
gebrochen, du vergiebst mir, und wir sind Freunde auf ewig!
    Herrmanns Freude über das Herz, das er gewonnen hatte, wuchs mit der Dauer
der Unterredung, aber Ulrich ward am Ende still und nachdenkend. Lass mich! sagte
er zu seinem Freunde, ich vergesse, dass mir die Loszählung von meinem Eide erst
auf künftige Nacht bevorsteht, und dass bis dahin unsere bisherige Lage noch
nicht verändert ist.
    Herrmann lächelte ein wenig über die strenge Gewissenhaftigkeit seines
Bruders und verliess ihn, um Anstalten zu jener Abreise zu machen, deren Eil ihm
der Graf so dringend empfohlen hatte, und die ihm nur darum anstössig war, weil
sie den verhassten Namen Flucht führte.
    Was in dieser Nacht mit Ulrichen von Senden vorging, auf welche Art er aus
der grossen über die halbe Welt ausgebreiteten Gemeinschaft der12 Geheimnisvollen
entlassen, auf welche Weise ihm Wille und Möglichkeit benommen wurde, in Zukunft
an ihren Angelegenheiten Teil zu nehmen, oder irgend einen Gebrauch von der
Wissenschaft derselben zu machen, dies blieb Herrmann verborgen, und so oft er
in spätern Zeiten, als er Mut genug bekam, dieser Dinge in fröhlichen Stunden
zu gedenken, eine scherzhafte Frage hierüber an Ulrichen wagte, so scheuchte ihn
ein ernster Blick zurück, und gebot ihm Stillschweigen.
    Des andern Tages fand Herrmann seinen Freund weit liebenswürdiger als je
zuvor, sein Betragen war zutraulich und offen, seine Miene heiter und froh, und
wenn der Ritter von Unna nicht von ohngefähr jene Dinge berührte, denen Ulrich
diese Nacht entsagt hatte, so schien sich kein Geheimnis in seinem Herzen zu
befinden, das er nicht geneigt gewesen sein sollte ihm zu entdecken.
    Selbst über seine ehemahlige, ach leider noch nicht ganz erloschene Liebe zu
der reizenden Frau von Unna, und über seine seltsame Heirat mit Katarinen,
sprach von Senden ohne Zurückhaltung. Er erzählte seine Geschichte mit ihr
weitläuftiger als es nötig und den Gränzen dieses Buchs angemessen ist, sie
anzuführen. Katarine hatte tausend heimliche Künste genutzt den von Senden für
sich einzunehmen, und seine ehemalige Geliebte, deren Namen sie nie erfuhr, aus
seinem Herzen zu reissen. Unmut, und vielleicht auch der Wunsch sich an der
unerbittlichen Aleke zu rächen, hatten ihre Bemühungen erleichtert, und
Zuredungen und heimliche Ränke dienstfertiger Mittelspersonen das ihrige getan.
Es lebte zu den damahligen Zeiten in jedem angesehenen Hause einer oder etliche
Mönche, welche unter dem Titel der Beichtväter allerlei Nebengeschäfte trieben,
unter welchen die Stiftung unglücklicher übelgewählter Heiraten nicht das
geringste war; von ihnen schreibt sich wahrscheinlich noch das Sprüchwort her,
dass Ehen im Himmel geschlossen werden, denn sie pflegten sich desselben allezeit
bei den Bündnissen, die sie für gut hielten, zu bedienen. Ihre Geschicklichkeit
übertraf alles, was die heutigen Heiratsstifter verstehen, und was sie wollten,
musste ein Paar werden, es mochten sich auch die grössten Hindernisse in den Weg
legen. Pater Bonifax, Fräulein Katarinens Beichtiger, übte hier seine Gewalt
unumschränkt aus, sie ward Frau von Senden, und das übrige blieb der Fügung des
Himmels überlassen.
    Der Graf von Unna hatte binnen der Zeit von einem Jahre, welche Katarine aus
Furcht vor dem Kloster in seinem Hause zubrachte, Muse genug gehabt, ihre böse
Seite kennen zu lernen, die Kenntnis ihres Charakters befestigte das Urteil,
das er von ihrem ganzen Hause zu fällen pflegte, und er gönnte ihr die Hand des
redlichen Ulrichs sehr ungern; aber was war zu tun, die Ehe war einmal im
Himmel geschlossen, und auch er musste einwilligen. Leser, du kannst dir keine
Vorstellung von der Gewalt machen, welche die Mönche in jenen unseeligen Zeiten
auch über die besten aufgeklärtesten Seelen auszuüben wussten.
    Mit recht zähle ich den alten Grafen von Unna unter einen der hellsten Köpfe
seiner Zeit, wir haben sein Urteil über die heimlichen Gerichte gehört, welches
ohnstreitig ehe ins achtzehnte als in das funfzehnte Jahrhundert gehörte, dessen
ohngeachtet fehlte es ihm nicht an Schwachheiten und Vorurteilen. Sein
unüberwindlicher Hass gegen die Herrn von Unna, seine Vettern, gehörte mit unter
dieselben, er war in diesem Stück so hartnäckig, dass alles, was Herrmann zum
Besten seiner Geschwister sagen konnte, übel aufgenommen ward, und leicht zu
seinem eigenen Nachteil hätte gereichen können.
    Ulrich bat ihn in der Stille, einzulenken, und die Sache nicht zu weit zu
treiben, du weisst nicht, sagte er, wie nahe es dir schon war, dass du für den
kleinen Anschein von gutem Verständnis zwischen dir und deinen Geschwistern, bei
deinem ehrwürdigen Oheim hättest leiden müssen. Seine Worte: Es sei dir ein ganz
anderer Empfang bestimmt gewesen, den nur ich verhindert hätte, die du ganz
verkehrt auslegtest, waren nur allzuwahr. Der Graf, der dich immer geliebt
hatte, ohne dich zu kennen, weil du mit seinen verhassten Vettern in Uneinigkeit
lebtest, der dir bloss aus diesem Grunde alle Gnade erzeigt haben würde, war aufs
äusserste wider dich aufgebracht, als er erfuhr, du wärest zu ihnen gereist,
hättest sie ehe gesprochen als ihn, würdest von ihnen geliebt und mit
Lustbarkeiten beehrt. Es kostete mir Mühe, die Vorurteile, die er wider dich
gefasst hatte, zu tilgen, und es zu verhüten, dass du nicht so wie beschlossen
war, ungehört von seiner Tür gewiesen wurdest.
    Herrmann erkannte die neuen Verbindlichkeiten, die er Ulrichen hatte, und
seufzte, dass auch die besten Charaktere nicht ohne Flecken sind. - Er hielt es
in die Länge für schwer sich in die kleinen Eigenheiten des guten Geistes zu
fügen und sah es nicht ungern, dass der Tag seiner heimlichen Abreise angesetzt
war.
    Herrmann hatte den Wunsch geäussert, nach Venedig zu den deutschen Rittern zu
gehen, welche damals eben einen Zug wider die Türken vorhatten, und der alte
Graf hatte sich demselben nur darum widersetzt, weil er fürchtete, der geliebte
Herrmann möchte daselbst seinen Bruder Johann von Unna antreffen, und dadurch in
neue Verbindung mit dem ihm verhassten Hause geraten. Herrmann wusste, dass dieser
Bruder, einer der geliebtesten unter seinen Geschwistern, den deutschen Orden
trug, und konnte es sich nicht leugnen, dass der Wunsch ihn zu finden, ihn
besonders nach Venedig zog, aber der kluge Ulrich beredete ihn, sich über diesen
Punkt nie gegen den eigensinnigen Greis zu erklären, und auf diese Art geschah
es, dass der alte Graf in alles willigte, was sein junger Vetter wünschte, und
ihn zum Zuge wider die Türken so stattlich ausrüstete, als vielleicht noch kein
Herr von Unna ausgerüstet worden ist.
 
                              Achtzehntes Kapitel.
                          Seltsame Nachrichten von der
                            Gräfinn von Würtemberg.
So viel auch der Graf von Unna für seinen Neffen tat, und vermöge seines
Ansehens ungestraft tun konnte, so musste doch alles unter dem Siegel des
Geheimnisses geschehen. Herrmann war noch nicht frei von dem Bann, der ihn
heimlich verfolgte, die Schwerdter der Unsichtbaren waren noch immer wider ihn
gezückt, und es hätten sich Fälle zutragen können, wo selbst sein Oheim mit
aller seiner Macht ihn nicht hätte schützen können.
    Der Graf und Ulrich mussten auf die Letzt eine solche Gefahr für ihren
Liebling voraus sehen, denn seine Abreise ward mit der äussersten Schnelligkeit
betrieben, und von Senden konnte sich kaum überreden, den geliebten Jüngling
allein ziehen zu lassen.
    Herrmann erinnerte ihn an seine Kinder, die in seiner Abwesenheit ganz der
Zucht einer schlechtdenkenden Mutter überlassen bleiben würden, er erinnerte
ihn, dass die Einsamkeit die Verbergung seiner Flucht leichter machen würde, und
Ulrich gab nach, umarmte seinen Freund und liess ihn allein ziehen. - Die Leute
und das Gepäcke, welches der Graf von Unna seinem Vetter mitgab, wurden um
mehrerer Sicherheit willen voraus nach dem Orte seiner Bestimmung gesandt. -
    Herrmann hatte sich von jeher zu nichts schlechter geschickt als zum
Fliehen, er vergass gänzlich, dass seine Reise den Namen einer heimlichen
Entfernung führte und führen musste, und setzte sie mit so vieler Ruhe fort, als
ob er keine Gefahr zu fürchten habe; das einige was er zu seiner Sicherheit
tat, war, dass er eine Verkleidung wählte, in welcher er es allenfalls wagen
konnte, sich mitten unter seinen Verfolgern sehen zu lassen, und jeden Weg zu
reisen, den ihm sein Herz vorschrieb.
    Können meine Leser wohl noch zweifeln, welcher dieses war? Liebe und
Freundschaft zogen ihn nach Nürnberg, wo er Herzog Albrechten wusste und seine
Ida noch vermutete, ihn war noch nichts von dem bekannt, was der Gräfinn nach
seinem Abzug begegnete. Er wusste nicht, dass der kühne Streich, den sie zu seinem
Besten wagte, die Belauschung der Geheimnisse jener fürchterlichen Unbekannten,
die traurigsten Folgen für sie hatte, ihren Vater, und bald darauf auch sie
selbst nötigte zu fliehen, um der Rache zu entweichen.
    Herrmann wusste alle Zugänge des Pallasts, welchen Herzog Albrecht bewohnte,
sein erster Gang, als er die Stadt betrat, wo er alles vermutete was er liebte,
war zu ihm, und er stand vor ihm ehe er sich es versah, ehe ein Kämmerling,
deren überdies die Fürsten in jenen Zeiten nur wenige hatten, seine Ankunft
meldete.
    Herrmanns Verkleidung täuschte seinen erhabenen Freund nur kurze Zeit, nicht
lang, so schloss er ihn in seine Arme, und die Worte: Herrmann! teurer!
geliebter! unglücklicher Unna! stürzten aus seinem Munde.
    Warum unglücklich? fragte der Jüngling. Stehe ich nicht vor meinem geliebten
Fürsten? werde ich nicht meine Ida sehen, wenigstens von ihr hören? - wird die
Aussicht in die Zukunft mir nicht immer heiterer? o teurer Herzog! Dank euch,
dass ihr mich zu meinem ehrwürdigen Verwandten sandtet! welch ein Mann! was hat
er bereits für mich getan! was verspricht er mir in der Folge! ich soll sein
Sohn sein, wenn meine Unschuld an den Tag kömmt, welche ihm bereits so gut als
erwiesen ist. Was für Hoffnung für meine Liebe! - Glaubt ihr wohl, dass der Graf
von Würtemberg seine Tochter dem Sohne seines alten Freundes, des Grafen von
Unna, versagen wird?
    Herrmann! rief der Herzog, Freude und Hoffnung berauschen dich, du lebst mit
deinen Gedanken nur in der Zukunft und siehst nicht den Abgrund, der sich zu
deinen Füssen eröfnet. -
    Ein Abgrund? - Gut, ich verstehe euch, ich bin hier nicht sicher. Aber nur
einen Tag, mein teurer Fürst, nur einen, euch mein Glück zu erzählen - und -
und wo möglich Ida zu sehen! -
    Ida? - wo ist sie? - Weisst du, wo sie ist? - Ach sie musste fliehen, ich gab
ihr Leute zu, sie an einen Ort der Sicherheit zu bringen, und heute bekomme ich
Post, dass ihre Begleitung allein zu Regensburg angelangt, dass sie von ihr
getrennt worden ist! Ach Ida ist vielleicht in den Händen ihrer Feinde! ist
vielleicht schon todt! - Herrmann, Herrmann! was sollen wir tun unsere
Freundinn zu retten!
    Der Kummer des Herzogs über den Verlust der Gräfinn war fast so gross als das
Entsetzen, welches Herrmann überfiel, als er so unvermutete, so schreckliche
Botschaften hörte!
    Der Entschluss, den man fasste, als man zu ruhiger Ueberlegung kam, war:
Herrmann sollte sich unvorzüglich nach Regensburg aufmachen, selbst von diesen
Dingen Erkundigung einzuziehen, und nach Maassgabe dessen zu handeln, was er
finden würde. Herzog Albrecht gab ihm eine kurze Nachricht von dem, was sich in
seiner Abwesenheit mit Ida und ihrem Vater zugetragen habe, und der bestürzte
Jüngling reiste ab - - - -
    Das Gerücht von der Rückkunft der Reisigen, welche Ida nach Ungarn hatten
begleiten sollen, war gegründet, und bald ward auch Herrmannen die Ursach klar,
warum sie zu Regensburg verweilten, und ihrem Herrn die Nachricht von dem, was
ihnen und der ihrem Schutze befohlnen Gräfinn begegnet sei, nicht selbst
brachten. Unsern Lesern Licht in diesen Dingen zu geben, sind wir genötigt
einen Teil der Erklärung herzusetzen, welche der Führer von Herzog Albrechts
Leuten dem fragenden Herrmann hierüber erteilte.
    Die Dame, sagte er, welche unserm Schutz befohlen ward, ist so zu sagen
selbst Schuld an ihrem Unglück, sie hat nicht für gut gefunden den Weg zu ziehen
der uns vorgezeichnet war, und da ists nun so gegangen, wie es geht, wenn die
Weiber klüger sein wollen als ihre Ratgeber. - An den Gränzen von Oesterreich
kam uns das Gerücht entgegen, König Wenzel sei aus der Gefangenschaft entkommen,
und die Böhmen seien nicht ungeneigt, ihn von neuem auf ihren Tron zu heben.
Die nächste Nachricht bestätigte dieses, man versicherte, Wenzel und seine
Gemahlinn haben schon ihren Einzug zu Prag gehalten, die Huldigung von ihren
Untertanen von neuem angenommen, und das ganze Land erschalle von fröhlichen
Festen, die glückliche Begebenheit zu feiern. Ihr wisst, was das Gerücht von
Lustbarkeiten für einen Eindruck auf Weiberherzen macht; unsere Dame änderte den
ganzen Reiseplan, und die alte Kunigunde, ihre Begleiterinn, bestärkte sie in
ihren Einfällen. wir wurden nicht gehört und die Reise nach Prag ging vor sich.
-
    Herrmann konnte erraten, dass nicht Begierde nach Lustbarkeiten, sondern das
Verlangen ihre Pflegeltern und die geliebte Sophie zu sehen, seine Ida nach Prag
getrieben hatte, und der Erzähler fuhr fort. - Wir langten zu Prag an. Unsere
Dame hielt sich eingezogen, und es ward uns leicht sie, die unser Herr uns so
sehr anbefohlen hatte, in guter Obhut zu behalten. Sie lebte meistens in einem
kleinen Bürgerhause, kam nicht nach Hofe, sondern liess der Königinn ihre
Anwesenheit kund tun, und ward von ihr besucht. - Wir fanden, dass es ihr um die
rauschenden Feste, welche dort gefeiert wurden, nicht so viel zu tun sein musste
als um den Umgang der Königinn. Die beiden Damen fuhren oft zusammen aus, aber
ihr Weg ging immer nicht weiter als in die unerbaute Matäus Kirche oder in das
Kloster13 Betlehem. Sophie scheint durch ihr Unglück sehr andächtig geworden zu
sein, und unsere Dame fügte sich sehr gut in ihren Geschmack. - Ihre
beiderseitigen geistlichen Uebungen mussten dem rechten Glauben nicht ganz gemäss
sein, sie machten den Erzbischoff Subinko aufmerksam, und wir hatten Spuren, dass
unserer Dame, welche man anfing für eine Verführerinn der Königinn zu halten,
von der Geistlichkeit nachgestellt wurde. Alle unsere Vorsicht konnte nicht
verhindern, dass sie eines Morgens auf den Wegen, die sie mit der Königinn zu
machen pflegte, und auf welchen wir sie nie begleiten durften, in die Hände
ihrer Verfolger geriet. Alle unsere Bemühungen den Ort zu entdecken, wohin man
sie gebracht habe, waren vergebens. Ich ward drei Tage nach ihrem Verlust zur
Königinn gefordert, welche eben so besorgt um unsere Dame war als wir selbst.
Beruhigt euch, sagte sie, und leset diesen Brief, den ich eben erhalten habe,
behaltet ihn und lasst ihn euch zu Erinnerung dessen dienen, was eure Gebieterinn
von euch fordert.
    Der Erzähler zog bei diesen Worten einen Brief hervor, in welchem Herrmann
Züge von der Hand seiner Ida erkannte; er küsste sie, und las folgendes:
    »Beruhiget euch, teure Königinn, eure Ida ist ausser Gefahr, das ganze
Unglück, das mir widerfährt, ist, dass ich in ein Kloster nach Ungarn gebracht
werde. Dieses Land war es ja, wohin mich meine Sicherheit und Herzog Albrechts
Angelegenheiten bestimmten, selbst meine Verfolger müssen mir die Hand bieten
mich an den Ort zu führen, wohin mich das Schicksal ruft. Ich bitte, entlasset
meine Begleiter, und heisset sie nach Regenspurg eilen. Ein sonderbarer Zufall
entdeckt mir, dass einer von denen, welche ich am meisten liebe, sich dort in
einem Zustande befinde, welcher ihm Hülfe nötig macht; sollte es vielleicht
mein Vater, sollte es Herrmann sein? -
    Die Reisigen müssen einige Tage an dem Orte verweilen, den ich ihnen
bestimme, und durch sorgfältiges Nachforschen das zu erfahren suchen, was ich
ihnen nur undeutlich melden kann.
    O Sophie, Sophie! wenn? wo werden wir uns wieder sehen!«
    Und was habt ihr getan, fragte Herrmann mit Höflichkeit, den Befehl der
Gräfinn zu vollziehen. Nichts, antwortete der Anführer lachend, als auf das
Geschäft gewartet, welches wir hier haben sollen, und welches sich ohne Zweifel
uns von selbst darbieten muss, weil wir nicht geschickt genug sind,
Nachforschungen nach ganz unbestimmten Dingen anzustellen! -
    Die Liebe der Ritter gegen ihre Damen war in jenen Zeiten noch
entusiastisch genug, ihnen die kleinsten Winke derselben zu Gesetzen zu machen;
ein angeblicher Traum der schönen Ida war ehemals kräftig genug gewesen, den
Ritter, dessen Wahlspruch war; Die Unschuld fliehet nie! in die weite Welt
hinaus zu treiben; kann man sich wundern, dass die rätselhaften Worte ihres
Briefs alle seine Kräfte in Bewegung setzten, zu ersinnen, nachzuforschen,
auszurichten was sie verlangte? - Seine Gegenwart war fähig alles in Bewegung zu
setzen. Die trägen Ausrichter von Idas Befehlen wurden durch seinen Antrieb
lebendig, und nicht ein Tag verging, als man schon wusste, dass der sonderbare
Zufall, Gesicht, Prophezeihung, Ahndung oder was es sein mochte, der ihr
Regenspurg als den Leidensort eines ihrer Freunde bezeichnete, so wenig gelogen
hatte, als jener wachende Traum von Herrmanns Beurteilung vor dem heimlichen
Gerichte. - - -
    Der Graf von Würtemberg, Idas Vater, hatte, wie wir wissen, Nürnberg
verlassen, um nach Italien zu flüchten, und sich daselbst einige Zeit wegen
gewisser Verdriesslichkeiten, die er gehabt hatte, zu verbergen. Er war ein Mann
von zu grosser Bedeutung, und seiner heimlichen Feinde waren zu viel, als dass er
seinen Weg an den Ort, den er zur Sicherheit gewählt hatte, ungestört fortsetzen
konnte.
    Die Wahrscheinlichkeit, dass er, wenn er sich länger zu Nürnberg aufhalten
sollte, vor allen andern Kandidaten zur Kaiserwürde gewählt werden würde, war
nicht gering. Ihn nicht allein von da zu entfernen, sondern ihn auch so lang
abwesend zu erhalten bis eine andere Wahl geschehen sei, musste das einmütige
Bestreben aller seiner Gegner sein. Wer sich zu Erreichung dieser Absicht unter
allen, auf welche man raten kann, am würksamsten erwies, ist nie kund worden,
aber so viel ist gewiss, dass der Anschlag glückte, dass Graf Eberhard auf seiner
Reise von Unbekannten feindlich überfallen ward, und jetzt würklich zu
Regenspurg gefangen sass.
    Die Reichsstädte waren die alten erklärten Feindinnen des Grafen von
Würtemberg, sie boten gern zu den Anschlägen seiner andern Widersacher die Hand,
eine Jede von ihnen hätte gern hiebei die erste Rolle gespielt, und die stolzen
Bürger von Regenspurg triumphirten nicht wenig, dass sie es waren, denen es
glückte, ihren alten Hasser in ihre Gewalt zu bekommen; ihnen musste vorzüglich
daran gelegen sein, dass Eberhard nie zur Kaiserkrone gelangte.
    Man trotzte zu Regenspurg auf eigene Macht und auf mächtigen Beistand, man
hielt es nicht der Mühe wert aus Graf Eberhards Gefangenschaft ein Geheimnis zu
machen, und Herrmann hatte keine grosse Mühe nötig, zu erfahren was hier für ihn
zu tun sei. Wir getrauen uns nicht zu entscheiden, ob nicht der Ritter der
treuen Minne mehr Freude als Schrecken über die erste Nachricht von der
Gefangenschaft des Grafen von Würtemberg empfand. Den Vater seiner Geliebten zu
befreien, welch ein Gedanke! und Eberhards Befreiung war in seinem Sinn so gewiss
als seine Gefangenschaft! war beides zusammen für ihn nur eine Idee!
    Wie manche Dame wird vom Schicksal nur darum in Feuer und Wasser geworfen,
damit ihr Liebhaber sie befreien könne; war es nicht vielleicht möglich, dass
hier ein harter Vater nur darum in Not geriet, damit seine Befreiung sein Herz
gegen den helfenden Jüngling erweichen möge? - Herrmann glaubte dieses so fest
als sein Evangelium. Tausend Anschläge wurden gemacht seine Absicht zu
erreichen, tausend verunglückten, aber er ward nicht mutlos. Zwar vergieng viel
Zeit unter den vergeblichen Bemühungen, zwar setzten unterdessen Jodokus aus
Mähren und Rupert von der Pfalz die Kaiserkrone auf, und an Graf Eberhardten
ward nicht mehr gedacht, aber endlich endlich war doch das Glück dem tapfern
Herrmann günstig und Idas Vater lag befreit in seines Retters Armen.
    Graf Eberhard dankte dem Ritter von Unna mit Rührung, er nannte ihn mit dem
süssen Namen Sohn, dem Herrmann vielleicht eine weitläuftigere Deutung gab als
dieser damals im Sinne hatte, aber - doch konnte er ihm nicht bergen, dass ihm
seine Rettung lieber gewesen sein würde, wenn sie einige Monate früher geschehen
wär. - Für mich ist hier nichts mehr zu tun, sagte er, bis etwa Deutschland
seinen neuen Herrn wieder überdrüssig wird; aber werde ich dieses auch erleben?
    Herrmann, der es eben nicht sonderlich gern gesehen haben würde, wenn Ida
die Tochter eines Kaisers geworden wär, schwieg zu diesen Dingen, und wünschte
heimlich Kaiser Ruperten langes Leben, und nach seinem Tode Siegmunden die
Krone, indessen Graf Eberhard traurig neue Anstalten zur Reise nach Italien
machte, und es nicht ungern zu hören schien, dass der Ritter von Unna ihn dahin
begleiten wollte. - Herrmanns Eifer für seine Befreiung, die Gnade, die er vor
den Augen des Grafen von Unna gefunden hatte, die Hoffnung auf seine
wahrscheinliche künftige Rechtfertigung, und vor allen die Vernichtung seiner
eigenen hochfliegenden Entwürfe machten, dass der Graf den Liebhaber seiner
Tochter mit günstigern Augen betrachtete als zuvor, und es sich zuweilen als
möglich dachte, ihn einst seinen Eidam zu nennen.
    Welch ein Triumph für den Jüngling, wenn er dann und wann einmal einen
solchen Gedanken aus seinen Worten oder aus seinen Blicken schliessen konnte!
Freudig ward die Reise nach Italien angetreten, und Herzog Albrechts Reisige,
deren man nicht mehr bedurfte, wurden ihrem Herrn zurück gesandt.
    Der entzückte Herrmann sorgte fast für nichts mehr, als für seine Ida, doch
glaubte er unter einer besondern Protecktion einer wohltätigen Macht zu stehen,
die auch sie zur bestimmten Stunde in seine Arme zurück führen würde.
 
                              Neunzehntes Kapitel.
Der Bericht, welchen der Anführer von Herzog Albrechts Leuten, Herrmann von den
bisherigen Schicksalen seiner Geliebten gegeben hatte, war vollkommen richtig,
aber er hatte seine Lücken, und unsere Leser werden uns erlauben, dieselbigen
auszufüllen.
    Das Gerücht von dem wiederaufblühenden Glück der geliebten Sophie war ihrer
Freundinn Ida an den österreichischen Gränzen entgegen gekommen, und das
Verlangen Teil an dem Triumph der wiedereingesetzten Königinn zu nehmen, hatte
die Gräfinn bewogen, den Reiseplan, den ihr Herzog Albrecht aus weisen Ursachen
vorgeschrieben hatte, zu ändern, und sich auf den Weg nach Prag zu machen.
    Sie trat in dem Hause ab, das sie noch immer so gern die Wohnung ihres
Vaters nannte, und wer kann das Entzücken beschreiben, das ihre Erscheinung
daselbst anrichtete! Die guterzige Münsterinn dachte vor Freude zu sterben,
ihre Ida als Gräfinn von Würtemberg und doch noch immer so zärtlich, so kindlich
gegen sie gesinnt wie zuvor, wieder zu erblicken. Fast leblos vor Wonne lag sie
in den Armen ihrer Tochter, wie die Gräfinn sich noch immer von ihr wollte
nennen hören; Idas Tränen flossen in die ihrigen, Tränen der Liebe, des Danks,
und mancher frohen und wehmütigen Erinnerung.
    Wo ist mein Vater? rief die Gräfinn, als Tränen und Liebkosungen ihr Zeit
zu einer Frage liessen. Die Münsterinn, ohne zu zweifeln wer mit dieser
zärtlichen Benennung gemeint sei, schickte eine treue Magd nach der
Mattäuskirche, wo Münster die Aufsicht über den Bau des Hochaltars führte, um
ihn abzurufen, ohne die Ursach seiner Abforderung zu melden, aber sie eilte zu
Ida zurück, von der sie sich ungern einen Augenblick trennte. Sie sassen neben
einander. Mariens Hand ruhte in dem Schosse ihrer Pflegetochter und ward von der
Ihrigen festgehalten. Idas Arm umschlang den Nacken ihrer Mutter, ihre Augen
waren mit dem Ausdruck unbeschreiblicher Zärtlichkeit auf sie gerichtet, nur
wenig Worte wurden gewechselt, aber Tränen und Blicke vertraten die Stelle.
    So fand sie der alte Münster. Ida stand auf ihn in ihre Arme zu schliessen.
Die Scene der sprachlosen Zärtlichkeit erneuerte sich, und erst spät in die
Nacht hub jene süsse vertrauliche Unterhaltung zwischen den glücklichen Dreien
an, die jeder meiner Leser sich malen kann, welcher Jahre lang von seinen Lieben
getrennt war, entfernt von ihnen tausenderlei Glück und Unglück erfuhr, das er
ihnen nun beim Wiedersehen gern auf einmal vor Augen legen, auch ihre Schicksale
hören, und alles alles nachholen möchte, was er bisher versäumen musste. Das
Verlangen, den redlichen Münster und seine Gattinn zu sehen, war vielleicht die
Hauptursache der Reise nach Prag, aber nicht die einzige gewesen. Auch Sophie
war ein Gegenstand von Idas Sehnsucht. Aber wie sollte sie vor ihr erscheinen? -
Sie war in einer Verfassung, welche es ihr verbot, sich öffentlich bei Hofe zu
zeigen. - Münster, der seiner Königinn bekannt war und von ihr geschätzt wurde,
übernahm das Geschäft, ihr die Anwesenheit der Gräfinn von Würtemberg und ihre
Wünsche zu melden. Sophie kam denselben entgegen; sie erklärte sich, sie wolle
zu besserer Geheimhaltung der Gegenwart ihrer Freundinn sie nie anders als in
dem Hause ihrer Eltern sehen, und diesen Abend sie in Begleitung einer einigen
Dame besuchen.
    Sophiens sanfter milder Charakter war durch langes Leiden noch mehr veredelt
worden. Das Unglück hatte allen Stolz in ihr getilgt, sie hatte zu sehr
erfahren, wie ein zufälliges vorübergehendes Gut die Krone sei, als dass sie
jetzt, da sie sie von neuem trug, an den kleinen armseligen Ceremoniel hätte
hängen sollen, das mit derselben verbunden war. Sie hielt sich nicht für zu
erhaben, die Wohnung eines geringen Bürgers zu besuchen. Freundschaft führte sie
in Münsters Haus, so wie sie Mildtätigkeit und Menschenliebe oft in noch weit
niedrigere Hütten führten. Ida lag in Sophiens Armen, Tränen der Freude
strömten aus beider Augen, aller Unterschied des Standes war vergessen, die
Königinn fühlte das Glück eine wahre Freundinn an ihren Busen zu drücken so
lebhaft, dass ich glaube, sie hätte sich mit gleicher Herablassung betragen, wenn
die, welche sie liebte, auch nicht die Gräfinn von Würtemberg, wenn sie bloss Ida
Münsterinn gewesen wär.
    Vertrauliche Gespräche gingen von Mund zu Mund. Sophie erzählte die lange
Geschichte ihres Leidens, und beschloss sie mit der traurigen Bemerkung, wie
wenig der Urheber derselben, ihr Gemahl, durch das, was er auch gelitten hatte,
gebessert sei. Der einige Gewinst, den sie von den Trübsalen hatte, die ihr an
seiner Seite zu Teil wurden, war etwas mehr Liebe und Achtung als sie im
Anfange ihrer Ehe von ihm genoss. Wenzel hätte noch weniger Mensch sein müssen
als er war, wenn nicht seine treue Leidensgefährtinn, seine Freundinn, seine
Trösterinn, eine Art von Dankbarkeit in seinem Herzen hätte erregen sollen.
    Das Gerücht sagte, wie wir bereits gehört haben, von Sophien, sie sei durch
ihre Leiden andächtig geworden, und wir können ihm nicht ganz widersprechen.
Sophie war andächtig, war vielmehr ernst, aber nicht das, was man bigott nennt.
Wem sind die Geschichten des Märtyrers der Wahrheit, des redlichen Johann Huss
nicht bekannt? Er fing in den damaligen Zeiten an zuerst aufzutreten; seine
Reden waren ganz anders als die der Pharisäer und Schriftgelehrten seiner Zeit.
Die Königinn liebte ihn und hörte ihn gern. Die Aufmerksamkeit des Erzbischofs
verhinderte, dass sie hierinn nicht allemahl so handeln konnte wie sie wollte,
aber der geheime Umgang mit Ida machte, dass sie anfing unter der Decke der
Verborgenheit sich auch hierinn mehr zu erlauben als zuvor.
    Im schlechten bürgerlichen Gewande, oft ohne alle Begleitung, oft zu Fuss,
besuchte die Königinn ihre Freundinn, und beide traten denn den Weg nach der
Mattäuskirche an, wo der Prediger der Wahrheit sich hören liess. Sophie war in
ihrer geringen Tracht nicht so von ihrer Hoheit entkleidet, dass man sie nicht
hätte kennen sollen, sie und die schöne Fremde, welche man immer an ihrer Seite
sah, erregten Aufmerksamkeit; die Prager Bürgerinnen freuten sich ihre Königinn
bei ihren Andachtsübungen mitten unter sich zu haben. Hussens Beifall vermehrte
sich, vornehmlich bei dem weiblichen Geschlecht. Mehrere Damen von Stande
machten sich es zur Ehre, ohne allen Schmuck, gleich den ersten Bekennerinnen
des Christentums, in seinen Predigten zu erscheinen, und die Geistlichkeit
schrie mit tausend Zungen über den Unfug.
    Münsters geschickte Hand hatte bei Ausschmückung der Kirche, wo Huss
predigte, ein Meisterstück geliefert, welches aber so beschaffen war, dass nur
wenige es sehen durften, und dass es daher in einer abgelegenen Halle
verschlossen ward. Verschiedene Gruppen der herrlichsten Bildsäulen, die
Italiens Schüler Ehre machten, stellten hier den grossen Stifter des
Christentums in den heiligsten Stunden seines Lebens, und auf der andern Seite
den Bischoff von Rom mit aller Pracht der Könige umgeben, im Gefolg seiner
Kardinäle vor. Welch ein Gegensatz! - Ida beredete ihren Vater es der Königinn
zu zeigen. Sophie war entzückt ein Bild wirklich vor Augen zu sehen, das Huss so
oft in seinen Reden mit ziemlich kühnen Worten entwarf. Ein künstlicher Mahler
musste dies Meisterstück im Kleinen nachbilden, und die Königinn gab ihm einen
Platz in ihrem geheimen Betzimmer. Huss fuhr fort, auf die Sitten der damaligen
Geistlichkeit zu schmähen, er spielte oft auf Münsters herrliche Arbeit an,
mehrere Personen bekamen sie zu sehen, mehrere liessen sie nach Sophiens Beispiel
nachbilden, und dieses Stück ward bald die öffentliche Zierde der Speisesäle und
Betzimmer in unterschiedlichen Privatäusern. Wut und Rache kochte in dem
Herzen der Geistlichkeit, alle sahen auf die Königinn und nannten sie die
Ernährerinn dieses Unfugs, aber sie sass zu hoch um sich an ihr zu rächen, und
man fand es bequem, ihre Freundinn Ida für ihre Verführerinn zu halten, und die
Sache auf sie zu kehren. Huss ward indessen immer öffentlicher angefochten, es
kam zu einem Reichsstreit, welcher, weil die Bestechbarkeit Wenzels bekannt war,
ihm sehr ansehnliche Geschenke eintrug. Wenzel war nicht undankbar; er sah
Hussen als den14 ersten Urheber dieses Zuflusses in seinen Schatz an, und machte
ihn zu seinem Beichtvater. Die beiden schönen Ketzerinnen Ida und Sophie wurden
kühner, und auf diese Art geschah es, dass Ida, als sie einst die Reden ihres
Lieblingslehrers allein besucht hatte, sich in den Händen des Erzbischofs
Subinko befand, ehe es ihr nur einfiel, Gefahr zu ahnden.
    Ida ging in tiefen Gedanken nach Hause, als sie in die Gewalt ihrer
Verfolger geriet, sie hatte ein Privatgespräch mit Huss gehabt, welches ihre
ganze Seele einnahm. Huss war kein Prophet, aber der grosse Einfluss, den er
überall hatte, sein gewaltiger Anhang durch das ganze teutsche Reich machte, dass
ihm Dinge bekannt wurden, welche andern verborgen blieben. Er kannte Ida als die
Gräfinn von Würtemberg, er wusste Graf Eberhards Unglück und hatte ihr diesen
Abend gesagt, sie solle auf Rettung für den denken, welcher ihr auf der Welt am
liebsten wär, und der von seinen Feinden zu Regensburg gefangen gehalten würde.
Der fromme Mann glaubte sehr deutlich geredet zu haben; er wusste nicht, dass ein
schönes Mädchen wohl einen Mann kennen könne, der ihr so lieb als ihr Vater, und
dass sie bei einer solchen Rede zweifelhaft werden müsse, welcher von beiden
gemeint sei.
    In den Zweifeln, welche hierüber ihr Herz bestürmten und in dem Vorsatz, den
heiligen Mann des andern Tages genauer zu fragen, ging sie vor sich hin und sah
die Gewappneten, welche sich ihr entgegen stellten, ohne Furcht, merkte erst
dann, dass sie um ihrentwillen hier wären, da das Schreien um Hülfe schon zu spät
war.
    Sie ward vor den Erzbischoff geführt, hörte eine ernste Vorhaltung ihrer
Ketzerei und das Urteil, sie solle nach Ungarn in ein Kloster gebracht werden,
mit ziemlicher Gleichgültigkeit an. Nur die Sorge ihrer Freunde um sie machte
ihr einigen Kummer, der sich sehr vermehrte, als es ihr einfiel, dass es ihr
nunmehr unmöglich sein würde, etwas zu Rettung desjenigen zu tun, von dessen
Gefahr ihr einige Winke gegeben worden waren.
    Doch auch hieraus wusste sie sich zu helfen. Ein kostbarer Ring bestach einen
von ihrer Wache, brachte den Brief, den wir oben erwähnt haben, in Sophiens
Hände, und machte Herrmannen zum Retter ihres Vaters. - Sie hofte das, was
wirklich erfolgte, die Ausrichtung ihres unbestimmten Auftrags, und trat ihre
Reise mit doppelter Ruhe an, weil sie sie an einen Ort führte, an welchen sie
ohnedem gedacht hatte.
    Sie fürchtete sich nicht vor ewiger Einkerkerung an dem Orte, wohin man sie
bringen wollte, sie hatte keinen Begriff davon, dass man eine Person, welche
eigentlich nichts verbrochen hatte, so hart strafen könne, sie hofte in ihrem
künftigen Aufentalte immer einer gewisseren Freiheit zu geniessen und vielleicht
daselbst ihre Geschäfte eben so gut ausrichten zu können, als wenn sie unter
Herzog Albrechts Schutz nach Ungarn gekommen wär; wer kennt nicht die Hoffnungen
der unerfahrnen Unschuld! Ida wusste ja wenigstens dies, dass sie sich hier nicht
unter der Gewalt des heimlichen Gerichts (für sie das einige Schreckliche in der
Welt) befand. -
    Wir finden es schicklich unsere Leser hier von den Aufträgen zu
unterrichten, welche der Herzog von Oesterreich seiner Freundinn bei ihrer
ersten Abreise aus Nürnberg gab. Sie betrafen die unglückliche Königinn Marie
von Ungarn, König Siegmunds erste Gemahlinn, welche man bisher für tod gehalten
hatte, und von deren Leben Herzog Albrecht durch Herrmannen einst einige Winke
bekam. Der jungen Prinzessin Elisabet von dem Leben ihrer Mutter Nachricht zu
geben, mit ihr vereint sich zu bemühen das Kloster ausfindig zu machen, in
welchem die Königinn Marie lebte, dieses war das hauptsächlichste, was Albrecht
von der Gräfinn von Würtemberg in jenen Stunden des Abschieds forderte. Er legte
ihr Plane vor, nach welchen sie bei diesen Nachforschungen zu Werke gehen
sollte, und wir haben schon damahls bemerkt, dass sie ihr schwer auszuführen
dünkten. Ihr war es lieber, nicht an dieselben gebunden zu sein, und bei
Betreibung dessen, was ihr selbst am Herzen lag, so handeln zu können, wie es
Zufall und Gelegenheit gab. Auch hielt sie es für grausam, einer unglücklichen
Tochter mit dem Leben ihrer Mutter zu schmeicheln, ehe man wüsste, ob man ihr
das, was man versprach, würde wahr machen können, eine mit kindlicher Liebe
erfüllte Seele in Ungewissheit wegen des Schicksals der Urheberinn ihres Daseins
zu setzen, ohne im Stande zu sein, ihre Unruhen heben zu können. Ida kannte die
Qualen kindlicher Besorgnisse und aus diesen und ähnlichen Gründen war es ihr in
manchen Augenblicken fast lieber, dass sie nicht auf die Art nach Ungarn kam, wie
anfangs beschlossen war.
    Sie hatte sich bei dem Erzbischoffe, als er ihr ihr Urteil sprach, die
Freiheit ausbedungen, den Ort, den man ihr zum Aufentalt bestimmte, wenn er ihr
misfiel, mit einem andern Kloster verwechseln zu können, und er hatte kein
Bedenken getragen ein Versprechen zu geben, das er ja jeden Augenblick zurück
nehmen konnte. Dieses waren die festen Stützen, auf welchen die Hoffnung der
armen Ida ruhte. Sie glaubte auf diese Art unterschiedliche Klöster durchlaufen
zu können, ohne dass jemand etwas mutmassen, ohne dass man ihr irgend etwas
vorwerfen könne, als allenfalls ein wenig Unbeständigkeit. Hätte sie dann
diejenige gefunden, die sie suchte, so sollte eine Botschaft der Prinzessinn
Elisabet das Leben und den Aufentalt ihrer Mutter kund tun, Herzog Albrecht
und seine Verlobte würden dann, wie sie meinte, herbeieilen, die Gefundene und
die Finderinn frei zu machen, und - und man würde glücklich sein.
 
                              Zwanzigstes Kapitel.
                                  Mancherlei.
Ida hatte gute Zeit auf einer langen Reise Plane zu entwerfen, und sich mit
Hoffnungen zu schmeicheln, welche gleich in den ersten Tagen ihres Aufentalts
im Kloster zu Sankt Annen, wohin sie gebracht ward, zu schwanken begunnten.
    Das Kloster der heiligen Anna lag in einer von der Natur ganz
vernachlässigten Gegend. Die hohen Gebürge, die dichten Tannenwälder, in welchen
es sich versteckte, konnten keine andern Empfindungen als Gram und Schwermut
nähren. Das tiefe enge Tal, in welchem sich die Klostermauren erhuben,
verwehrte jede freie die Seele erhebende Aussicht, das Herz schien sich zu
verengen bei der traurigen Einförmigkeit der Gegenstände, die sich hier dem Auge
darboten, Unmut und Menschenhass sass auf allen Gesichtern, die man hier
erblickte, und auf allen Sälen, allen Gängen in der Kirche wie in den Gärten, in
den Zellen wie in den Erholungszimmern schlich Aengstlichkeit und Langeweile.
    Ida hatte, wie sie meinte, in wenig Tagen das ganze Kloster ausgelernt, und
sich überzeugt, dass hier nicht die entfernteste Vermutung von dem sei, was sie
suchte; eine Entdeckung, welche sie sehr schnell aus ihrem traurigen Aufentalte
getrieben haben würde, wenn sie es nicht dem Wohlstande gemäss gehalten hätte,
wenigstens einige Wochen an einem Orte zu verweilen, wo man ihr mit ziemlicher
Achtung begegnete, und ihr keine Ursach zu einer Klage gab, als diejenigen,
welche alle Klosterfrauen mit ihr gemein hatten.
    Die Zeit, welche sich die bescheidene Ida bestimmt hatte, vergieng, ohne dass
ihr Herz sich an eines der Altagsgesichter, welche ihr hier überall begegneten,
hätte fesseln, ohne dass sie eine einige Person hätte finden können, mit welcher
es sich auf eine offene oder verdeckte Weise über die Dinge hätte sprechen
lassen, welche ihr wichtig waren. Nicht einmal von den umliegenden Klöstern
konnte sie eine befriedigende Nachricht erhalten, nach welcher sie ihre Wahl
hätte einrichten können, wenn sie, wie sie gesonnen war, ihren Entschloss, ein
anderes Kloster zu beziehen, bekannt machte. -
    Alles was man ihr sagte, war, dass sich in der Nachbarschaft ein Kloster der
heiligen Nikola befände, welches auf gewisse Art dem Annenkloster unterworfen
wär, daher auch die Schutzheilige desselben verbunden sei jährlich einen Besuch
bei Sankt Annen ihrer Patroninn zu machen; ein Tag, dem man nächstens entgegen
sähe und bei welchem diesesmahl alle Jungfern jenes Klosters ihre Heilige
begleiten würden, weil eine Art von Jubelfeier sie verbänd, der Aebtissinn von
Sankt Annen ihre Devotion zu bezeigen.
    Diese Erzählung wurde der Gräfinn mit einer Art von Triumph gemacht, und sie
vermochte nicht zu urteilen, ob Freude über den Anschein einer Art von
Herrschaft über andere, oder bloss das Vergnügen endlich einmal einen Tag zu
sehen, der sich durch irgend etwas von seinen langweiligen Brüdern auszeichnete,
das Gesicht der Erzählerinn beseelte.
    Gern hätte Ida diesen schwachen Sonnenschein, den ersten, den sie in den
Augen einer dieser traurigen Jungfern erblickte, einer edlern Ursach
zugeschrieben, gern hätte sie geglaubt, man sähe den Ankommenden als lang nicht
gesehenen Freundinnen entgegen, aber sie hatte der Damen der heiligen Nikola
schon so oft auf eine misbilligende Weise erwähnen hören, dass sie diese
Vermutung nicht fassen konnte.
    Der Tag der feierlichen Prozession erschien, der, wie Ida beschlossen hatte,
einer ihrer letzten in diesem Kloster sein sollte, und die ganze Schwesterschaft
rüstete sich, die Kommenden zu empfangen. Die Zurüstungen, welche man machte,
bestanden nicht in Hervorsuchung der besten Bewirtung, nicht in Aufheiterung
dieser finstern nie lächelnden Besichter, nicht in Ausschmückung der traurigen
Zellen, im Gegenteil bemerkte Ida, dass heute die Schleier noch fürchterlicher
aufgetürmt, die Stirnen noch tiefer in Falten gelegt wurden, und dass, um das
Ansehen der heiligen Anna gegen ihre Vasallinn noch besser zu behaupten, der Tag
ihres Besuchs einer der strengsten Fasttage des Jahrs sei.
    Die Gräfinn wunderte sich sehr über diese neumodische Art Freundinnen zu
bewirten, und spannte ihre ganze Aufmerksamkeit, um nichts von dem, was weiter
erfolgen würde, zu verlieren.
    Die besuchende Heilige erschien in Begleitung ihrer Jungfrauen; freundliche,
weisswangigte, wohlgenährte Geschöpfe, ganz das Gegenbild von den ernsten Damen
denen sie Cour machen mussten; auch ihre Patroninn hatte ein etwas weniger
antikes Ansehn, als Sankt Annen Bild, zu welchem sie auf den Altar gestellt
wurde, und das die schönere Schwester mit einem düstern neidischen Blick über
die Schulter anzuschielen schien.
    Nach gehaltenem Gottesdienste begaben sich die beiden Oberinnen mit ihren
vornehmsten Jungfern auf den Versammlungssaal, die Angelegenheiten des Klosters
zu berichtigen, und die andern zerstreuten sich in die Kreuzgänge und in den
Garten, um zu versuchen, ob sich hier eine Art von Unterhaltung finden liess. Ida
bemerkte, dass die kleinen Gesellschaften, die sich hier bildeten, nur selten aus
Nonnen beider Klöster bestanden, dass meistens die Fremden bei einander blieben,
und der grösste Teil der Einheimischen ungesittet genug war, die Ankommenden
ihrer eignen Unterhaltung zu überlassen. Doch waren die Gespräche beider Teile
eifrig und die Züge der Sprechenden liessen den Inhalt ihrer Reden erraten. Auf
den Gesichtern der Dienerinnen der heiligen Anna sass Schmähsucht und hämischer
Neid, dahingegen aus den Augen der Nikolaitinnen mutwilliger Spott leuchtete,
und ihr Mund sich zum heimlichen Lachen verzog. Diese Erscheinungen mussten etwas
gewöhnliches sein, denn niemand schien sich darüber zu wundern, oder es dem
andern übel aufzunehmen, jedes ging seinen gewohnten Weg und ahndete nichts von
den Bemerkungen der beobachtenden Ida.
    Ida war eine Fremde im Sankt Annenkloster, und hielt es also für gut, sich
nach der hier angenommenen Sitte auch zu den Fremden zu gesellen. Die Jungfern
der heiligen Nikola gefielen ihr überdieses tausendmahl besser als ihre
Wirtinnen, und fast war es beschlossen, ihr Kloster für die Zukunft zu ihrem
Aufentalte zu wählen. Sie fand den Ton der Gefährtinnen, die sie sich gewählt
hatte, leicht und fröhlich, ihre Bemerkungen über Idas Wirtinnen waren ein
wenig beissend aber unterhaltend für die Zuhörerinn und ihrem eigenen Urteile
angemessen.
    Die Gräfinn fragte nach den umliegenden Klöstern, es wurden ihr eine Menge
genannt und mit treffenden Zügen geschildert. Ida sah wenigstens, dass sie in dem
Kloster der heiligen Nikola nicht das Ungeheuer, Langeweile, welches ihr hier
aus allen Winkeln entgegen gähnte, zu befürchten haben würde, auch war sie nicht
ohne Hoffnung, hier zu finden was sie suchte. Die Nonnen, welche ihre Absicht
merken und ihre Person für keine unbedeutende Acquisition halten mochten,
rühmten, dass ihr Kloster von jeher der Zufluchtsort erlauchter Damen gewesen
war, dass noch jetzt eine Fürstinn Gara, ehemahlige Oberhofmeisterinn der
Königinn Elisabet von Ungarn, bei ihnen lebte, und dass die junge Elisabet, die
Enkelinn dieser Königinn, in den ersten Jahren ihres Lebens bei ihnen erzogen
worden sei.
    Elisabet? wiederholte Ida, kennt ihr König Siegmunds Tochter? - wir kannten
sie, war die Antwort, die Abwesenheit von mehreren Jahren möchte sie uns jetzt
wohl unkenntlich gemacht haben, doch lebt sie noch in einiger Verbindung mit
unserm Kloster; die Fürstinn Gara hat zuweilen Botschaft von ihr, auch hat sie
sie einst zu Klausenburg besucht. -
    Ida wusste, dass Herzog Albrechts Braut zu Klausenburg lebte, sie freute sich
hier Bekanntinnen von ihr zu finden, und drückte der gesprächigen Nonne, von
welcher sie in einer Viertelstunde mehr wichtiges erfahren hatte, als von ihren
schweigenden Wirtinnen in einem Monate, freundlich die Hand. - Sie musste sich
von ihr trennen, denn eben wurden die Gäste zur Mahlzeit gefordert, welche in
weichgesottenen Eiern und einer dünnen Suppe von Hafermehl bestand.
    Die Gräfinn hatte keine Gelegenheit, ihre Gespräche mit den Fremden von
neuem anzufangen, denn man begunnte zu merken, dass sie Wohlgefallen an ihnen
fand, und der Neid fieng an, jeden ihrer Blicke, die sie auf dieselben warf,
ängstlich zu bewachen.
    Die Nikolaitinnen reisten mit ihrer Heiligen ab, und Ida verschob die
Erklärung, dass sie gesonnen sei, sich nach jenem Kloster zu wenden, nur wenige
Tage. - Man erstaunte, als sie mit derselben hervortrat; man fragte, was ihr
hier misfiel, gab Winke von der Ueppigkeit und Weltlichkeit der Nonnen, zu
welchen sie gedachte, versicherte, dass es ihr dort noch weniger gefallen würde
als hier, und als die Gräfinn mit vieler Bescheidenheit antwortete, dass nicht
eben Misfallen an dem Kloster zu Sankt Annen, sondern ihr Charakter, der sie zur
Veränderung geneigt machte, und die Erlaubnis des Erzbischoffes sie zu diesem
Schritte bewegte, so zuckte man die Achseln, glaubte die Vergünstigung zu einem
so herumschweifenden Leben als sie im Sinne zu haben schien, müsse sich auf ein
Misverständniss gründen, und das äusserste was man hierbei tun könne, sei eine
Botschaft nach Prag zu schicken, und sich nach der Willensmeinung des heiligen
Subinko zu erkundigen.
    Ida fand, dass die Plane, welche sie sich gemacht hatte, nicht so leicht
auszuführen wären, als sie meinte. Sie musste sich den langweiligen Aufschub
gefallen lassen; was hätte sie tun wollen, wenn ihr ihre Forderung ohne
Umschweif abgeschlagen worden wär? doch ermangelte sie nicht, die Schwester
Schaffnerinn, auf welcher die Abschickung der Briefe beruhte, und welche
überdieses das Herz der Aebtissinn in Händen hatte, sich durch einige kleine
Geschenke günstig zu machen, die wenigstens so viel bewirkten, dass es mit der
Botschaft nach Prag ehrlich und ohne Gefährde zuging.
    Sehr lang dauerte der ungeduldigen Ida die Zeit bis zu Ankunft der
erzbischöfflichen Briefe. Sie erschienen, und brachten alles mit, was sie vor
der Hand wünschte, die Erlaubnis nach Sankt Nikola zu ziehen, und daselbst so
lang zu verweilen, als sie selbst wollte.
    Die Trennung von ihren bisherigen Wirtinnen war so kalt wie alles was in
diesem Kloster vorging, aber der Empfang zu Sankt Nikola war desto herzlicher.
Innig freuten sich die Nonnen, sich nicht in ihrer Hoffnung auf die Zukunft der
Gräfinn geirrt zu haben.
    Das Kloster lag in einer freiern lachenden Gegend als das zu Sankt Annen,
die Regel, nach welcher man lebte, war zwar die nämliche, aber man wusste sie
sich zu erleichtern, fand Auswege, doppelte Deutungen, hatte häufige
Dispensationen, und ging bei dem allen doch behutsam genug zu Werke, um keine
Ahndung befürchten zu dürfen; auch waren die Nonnen hier alle jünger und
schöner, als jene, oder blieben es länger, weil Neid und Mismut, Alter und
Hässlichkeit nicht so früh herbeiriefen, und die reine wohltätige Luft des
Gebirges Gesundheit und frohen Mut einflösste.
    Ida liess sich in den ersten Tagen ihres Aufentalts der Fürstinn Gara
vorstellen, und sie brauchte nur ihren Namen zu nennen, um bei ihr günstig
aufgenommen zu werden. Idas Mutter war eine Jugendfreundinn dieser Dame gewesen,
als sie noch Rosa Hervott und jene Ida von Dortmund hiess. Tausend angenehme
Erinnerungen boten sich der Fürstinn bei ihrem Anblick dar. Idas Name, ihre
Gestalt, rief ihr das Bild ihrer Mutter lebendig zurück, sie drückte die junge
Gräfinn an ihre Brust und der Anfang zu einer festen Freundschaft war gemacht,
wenn anders dieser Gleichheit fördernde Name bei dem Bündnis einer bejahrten
Dame und eines jungen Mädchens statt haben kann!
    Die Fürstinn war ein lebendiger Schatz alter Geschichten, sie machte Ida mit
mancher Anekdote aus der Geschichte ihrer Mutter und Stiefmutter bekannt, welche
ihr die Münsterinn nicht hatte mitteilen können, und die uns, wenn sie uns
früher bekannt gewesen wäre, sehr zur Aufklärung von Idas Jugendgeschichte
gedient haben würde. Auch sprach sie gern von den frühern Schicksalen der jetzt
regierenden Fürsten, welche sie fast alle persönlich gekannt hatte. Nur über die
einige Geschichte, welche der jungen Gräfinn jetzt am Herzen lag, über die
Geschichte der Königinn von Ungarn, um derentwillen Ida vornemlich ihre
Bekanntschaft gewünscht hatte, nur über diese, erklärte sie sich nie so
deutlich, als diese wünschte, und doch musste sie, die in den Diensten Mariens
und ihrer Elisabet gelebt hatte, mehr hievon zu sagen wissen, als irgend eine
andere Person.
    Ida versuchte auf tausenderlei Art, die Fürstinn über diesen Punkt zum
Sprechen zu bringen, aber wahrscheinlich würde es ihr nie geglückt sein, wenn
nicht ein Zufall sie endlich vertraulicher gemacht hätte.
    Man sagt mit Recht: Vertraulichkeit ziehe Offenherzigkeit, Zurückhaltung
Argwohn nach sich. Ida strebte von der Fürstinn Gara alles zu erfahren was sie
wünschte, und sie selbst hatte ihr noch bei weitem nicht die ganze
Beschaffenheit ihrer Lage entdeckt; sie hatte bei den mancherlei Zufällen, die
sie schon in ihrem kurzen Leben erfahren hatte, Vorsichtigkeit gelernt, hatte
sie lernen müssen. Am behutsamsten war sie in Dingen, die sie nicht allein
angiengen, in welchen auch andere mit verwickelt waren. Daher kam es, dass sie
nie gegen ihre neue Freundinn etwas von Herzog Albrechten oder von seinen
Aufträgen, die er ihr gegeben hatte, gedachte. Die Fürstinn hatte Elisabets
Namen zuweilen genannt, Ida hatte merken lassen, dass sie derselbe interessirte,
aber dieses war es auch alles gewesen; so gar von der Verbindung, welche
zwischen Siegmunds Tochter und dem Herzog von Oesterreich vor war, hatte weder
die eine noch die andere der beiden Damen ein Wort verloren. - Die Fürstinn Gara
hatte so viel vom Hofton, dass Ida nicht recht wusste, ob ihr Herzog Albrechts
Aufträge zu entüllen wären, ob sie noch ganz auf Mariens Seite, oder vielleicht
halb zu ihrer Nachfolgeirnn Barbara übergegangen wär.
    Folgende Begebenheit entüllte ihre Zweifel, und ward der Grund zu neuen
Verwickelungen ihres Schicksals. Eines Tages, als Ida sich bei der Fürstinn
befand, erhielt sie einen Brief, den sie mit einer vergnügten Miene öfnete, und
dabei zu ihrer Gesellschafterinn sagte: Er kommt von Klausenburg, ich habe ihm
längst entgegen gesehen.
    Was ist das? rief sie, nachdem sie einige Zeilen gelesen hatte, Herzog
Albrecht? entsetzlich! -
    Was ist Herzog Albrechten begegnet, fragte die bleich werdende Ida.
    Ida! sagte die Fürstinn, ihr kennt Herzog Albrechten, und habt dessen nie
gegen mich gedacht?
    Ida errötete -
    He! schrie die Dame, dein Stillschweigen ist mir Beweis dessen was ich hier
lese. Gehe mir aus den Augen, Verräterinn! - doch nein - vielleicht - du weisst
vielleicht nicht. - Bleibet Gräfinn, saget mir; leugnet ihr eure Bekanntschaft
mit dem Herzoge?
    Sie ist mir Ehre! rief Ida mit einem stolzen Ton, ich werde sie nie leugnen!
    Und wisst ihr seine frühern Verbindungen mit einer Andern?
    Ich weis sie! - Ich sehe nicht, was für Hindernisse sie unserer Freundschaft
bringen können!
    Freundschaft? - Immer besser! Erst Bekanntschaft, dann Freundschaft! endlich
Liebe!
    Fürstinn, rief Ida, indem sie aufstand, ich weis nicht, wie ich diese
Begegnung verdiene. Nichts von Liebe zwischen mir und Albrechten, ihr habt
Herrmanns Namen oft in meiner Geschichte gehört! -
    Aber des Herzogs Namen nie? - Ida! Ida! hier liegt ein Geheimnis verborgen!
    Tränen des Unwillens flossen aus Idas Augen, sie wollte und konnte nicht
antworten! sie eilte nach der Tür das Zimmer zu verlassen.
    Bleibet, Gräfinn, sagte die Fürstinn, welche Ida nachfolgte und ihre Hand
ergriff, sie zurück zu führen. Wir müssen uns über diese Dinge erklären, sie
sind zu wichtig, als dass sie unentschieden bleiben dürften.
    Wahrhaftig, schrie Ida, ich wünsche Erklärung, ich fordere sie, man macht
mir Herzog Albrechts Freundschaft zum Verbrechen, und ich begreife nicht warum.
    Leset diesen Brief, sagte die Fürstinn, und urteilt dann, wer von uns
beiden Ursach habe, Erklärung zu fordern.
    Ida las.
»Teure Fürstinn, das Gerüchte von meines Albrechts Untreue bestätigt sich. - O
wie hattet ihr Ursach mich zu warnen, mich an das Schicksal meiner unglücklichen
Mutter zu erinnern, die, so wie ich als Kind schon an einem Fürsten verbunden,
der sie nur aus Staatsabsichten wählte, die Schrecknisse der Eifersucht ehe als
die Freuden der Liebe erfuhr!
    Dass Albrecht seit vielen Monaten nicht mehr an mich zu denken schien, dass
eine schöne Schlange sich um sein Herz gewunden und mich daraus vertrieben
hatte, das wisst ihr, hört nun auch ihren Namen. Es ist Ida, die berufene Ida von
Würtemberg, die unter dem Bann des heimlichen Gerichts liegt, von Albrechten zu
Nürnberg geschützt wurde und jetzt mit einer ansehnlichen Begleitung von ihm
nach Ungarn geschickt wird, Gott weis welche Aenderung des Schicksals daselbst
zu erwarten.
    Diese Entdeckung habe ich eben derjenigen zu danken, welche mir die erste
Warnung gab, meiner Busenfreundinn der Prinzessin von Ratibor. Die Unglückliche
hat einst auch durch die schöne Verführerinn einen Geliebten verloren, Gram und
Verzweiflung trieben sie in dieses Kloster und ich vermute, dass dieses auch
meine letzte Zuflucht bleiben wird.
    Ich bin begierig mehr von meiner Freundinn zu erfahren. Die Mutter meiner
Imago hat mir die genauesten Nachrichten, selbst den Namen des Orts versprechen
lassen, wo Ida hingebracht wird. Die Fürstinn von Ratibor ist eine Dame von
grosser Bekanntschaft, und erstaunlichen Einfluss, sie weis fast alles was im
teutschen Reiche vorgeht, und man kann ihren Nachrichten trauen!
    Boshafte, boshafte Ida! was hatte ich dir getan mir Albrechts Herz zu
rauben! - Noch dazu ist sie eine Ketzerinn! - die weise Fürstinn sucht sie von
ihrer Königinn zu entfernen, bei der sie sich jetzt insgeheim zu Prag aufhält,
sie will den Erzbischoff aufmerksam machen, und wir wollen sehen was sie
ausrichten wird, oder, wollte Gott, nunmehr ausgerichtet hat. Meine Nachrichten
aus Prag sind alt, und ich ward nur bisher durch Krankheit und Kummer verhindert
sie euch mitzuteilen.
                                                          Elisabet von Ungarn.«
Man erlaube mir den ersten Eindruck zu übergehen, den dieser Brief auf Ida
machte. Idas Empfindungen waren stark und feurig, die Art, mit welcher sie
dieselben äusserte, heftig, es wär möglich gewesen, dass ihr Betragen bei dieser
überraschenden Beschuldigung den Verdacht, den sie zu tilgen wünschte, bei einer
weniger verständigen Person als die Fürstinn Gara, bestätigt hätte, aber diese
war gelassen genug, den Sturm vorübergehen zu lassen, und dann mit der kalten
Stimme der Unparteilichkeit Fragen zu tun, Beantwortungen anzuhören und denn
zu richten.
    Ida erzählte ihr ganzes Verhältnis mit dem Herzog einfältig und ohne
Ausschmückung, sie sprach von seiner Freundschaft zu ihr, von seinen Aufträgen,
von seinen Wünschen, mit der Stimme der Wahrheit. Sie eilte endlich in ihr
Zimmer, den Brief zu holen, den ihr Albrecht an seine Braut mitgegeben, und den
sie glücklicher Weise am Tage ihrer Entführung bei sich getragen hatte.
    Die Fürstinn las. Ida hätte keine gründlichere Verteidigung finden können
als dieses Blatt. Jede Zeile atmete Liebe gegen die, an welche es gerichtet
war, und blosse kalte Freundschaft gegen die Ueberbringerinn. Es entielt eine
umständliche Erzählung von dem, was Albrecht in Ungarn durch Idas Hülfe
auszurichten hofte, entielt Nachricht von dem Leben der Königinn Marie, Plane
zu ihrer Entdeckung, und am Ende die Bitte, seine und ihre gemeinschaftliche
Freundinn, die Gräfinn von Würtemberg zu schützen, sie keinem andern ausfolgen
zu lassen, als ihrem Bräutigam, dem Ritter Herrmann von Unna.
    Die Fürstinn Gara ward überzeugt, sie umarmte Ida, bat sie um Verzeihung,
bat um Herzog Albrechts Brief, den sie der Prinzessinn Elisabet schicken
wollte, um sie zu trösten, und sie von der Unschuld ihrer eingebildeten
Nebenbuhlerinn zu überzeugen.
    Die Gräfinn überliess ihr das Blatt sehr gern, welches selbst an die Behörde
zu überliefern, ihr durch das was sie gehört und gelesen hatte, alle Lust
vergangen war. Diese sanfte, unschuldige, engelreine Seele, sagte sie zu sich
selbst, ist gleichwohl sehr zur Eifersucht und Ungerechtigkeit geneigt, dieser
glänzende Verstand ist sehr lenkbar zum Irrtum, sehr empfänglich für das
Einhauchen der Bosheit! Armer Albrecht! Gott gebe Glück zu deiner Verbindung mit
Elisabet!
    Ida hatte Unrecht; Elisabet war wirklich eine gute liebenswürdige Dame, die
Fehler, die sie beging, waren im Grunde keine andern, als deren auch Ida fähig
war; hatte nicht auch sie einst Freundschaft für diese Schlange diese Imago
gefühlt, welche jetzt das Herz der unschuldigen Prinzessinn vergiftete?
 
                          Ein und zwanzigstes Kapitel.
                   Geschichte der Königinn Marie von Ungarn.
Die Freundschaft der alten und der jungen Dame, ward durch diesen Zufall, der
sie beinahe zerstört hätte, gestärkt, ihre Vertraulichkeit gemehrt worden. Ida
hatte jetzt kein Geheimnis mehr vor der Fürstin, und diese fertigte ihre Fragen
nach der Geschichte der Königinn Marie nicht mehr so kurz ab wie vordem.
    Ihr müst mir verzeihen, sagte sie als ihr einst die Gräfinn hierüber einige
Vorwürfe machte, ich handelte so wie ich musste! ich hielt eure Fragen für
jugendlichen Vorwitz. Das Unglück meiner Königinn war mir zu heilig, das
Andenken desselben zu schmerzhaft, als dass ich es unnötiger Weise hätte
erwähnen sollen. Was eure Anspielungen auf das Leben der erhabenen Dame, damit
Albrecht sich schmeichelt, anbelangt, so hielt ich sie immer für Träume und
halte sie auch noch dafür, ihr sollt hören, sollt urteilen und mir eure Meinung
sagen.
    Ida freute sich, dass die Fürstinn endlich geneigt zu sein schien ihr
Verlangen zu befriedigen, und diese begann folgender Gestalt.
    Mit Freude und Kummer gedenke ich der Jahre meiner Jugend, welche ich in
eben diesen Mauren, der Zuflucht meines Alters zubrachte. Die Königinn Elisabet
von Ungarn, welche ihren Gemahl selten verliess, und es für unschicklich hielt,
die junge Marie ihre Tochter zu frühzeitig an das Geräusch des Hofs zu gewöhnen,
bestimmte ihr dieses Kloster zum Aufentalt, und machte mich zur Aufseherinn
ihrer Kindheit, zur ersten Bilderinn ihres Herzens. Meine Jahre waren damahls
gerade so wie sie sich für die Gefährtinn eines Kindes schickten, welches nur
spielend gelehrt, nicht durch den rauhen Ernst des Alters zurückgeschreckt
werden muss, ich hatte den Fräuleinstand erst vor einem halben Jahre verlassen,
und war die Gemahlinn des Fürsten Stephans Gara geworden, eines Mannes, der mir,
wie ich glaube, nur darum gegeben wurde, damit ich die Stelle der
Oberhofmeisterinn einer jungen Prinzessinn mit Anstand bekleiden könne. Der
bejahrte Stephanus ward von Reichsgeschäften bei Hofe fest gehalten, und seine
junge Gemahlinn vermisste in der süssen Einsamkeit dieses Klosters nicht das
Glück an seiner Seite zu glänzen.
    Mariens Hofstatt war klein, sie hatte ausser mir niemand um sich als meine
mir an Jahren fast gleiche Freundinn Ida von Dortmund, nachmahlige Gräfinn von
Würtemberg, eure Mutter, und die kleine Barbara von Tirnan, ein Geschöpf,
welches schon damahls sehen liess, was es werden wollte, und Ahndungen in mir
erregte, welche nur gar zu richtig eingetroffen sind.
    Marte zeigte gleich in den ersten Jahren ihrer Kindheit, dass sie nicht schön
werden würde; alles was ihr in der Folge einiges Ansehen gab, war ein
vorteilhafter Wuchs, und eine majestätische Miene! Barbara aber war desto
schöner. Ich gestehe meine Schwachheit, ich hasste sie wegen dieses Vorzugs, den
sie vor meiner Prinzessinn hatte, hasste sie wegen der Ueberlegenheit, welche sie
sich überall vor ihr zu geben wusste, wegen ihres mehreren Witzes, ihrer
Lebhaftigkeit, und tausend anderer kleinen Gaben, in welchen sie Marien
übertraf. Gern hätte ich sie von ihr entfernt, und wie gut wär es gewesen, wenn
mir dieses gelungen wär! Beide hatten noch nicht das achte Jahr erreicht, als
Barbara Marien schon einen Tück bewies, welches mit dem Namen eines
Kinderstreichs entschuldigt ward, aber im Grunde die ernstliche Bestrafung ganz
verdiente, die ich für gut hielt darauf zu legen.
    Marie war König Ludwigs einige Tochter, war die Erbinn der Ungarischen
Krone; man musste darauf sinnen, ihre Rechte durch die Vermählung mit einem
mächtigen Prinzen zu befestigen, und die Wahl fiel auf den jungen Siegmund,
Kaiser Karl des vierten zweiten Sohn. Schon in der Wiege war er mir Marien, vor
welcher er nur wenige Jahre voraus hatte, versprochen worden, und man hielt es
jetzt für schicklich, ihm seine kleine Braut einmal zu zeigen.
    Siegmund ward zu jung, sein Stand zu erhaben, als dass ihm der Zutritt in
unserm Kloster hätte versagt werden sollen, man erwartete ihn bei uns mit
Ungeduld. Marie war entzückt denjenigen zu sehen, den man ihren künftigen Gemahl
nannte, und den sie sich vermutlich ohngefehr so wie eine neue schöne Puppe
vorstellen mochte. -
    Der Prinz war noch sowohl ein Kind als sie, und ich, welche viel auf die
Macht der ersten Eindrücke halte, sann Tag und Nacht darauf wie ich ihm die
junge Prinzessinn, die ihm ein ganzes Leben hindurch gefallen sollte, zum ersten
mahl in einem Lichte zeigen wollte, das seine kindischen Augen blenden, und
alles, was er zuvor gesehen hatte, verdunkeln könne.
    Meine Einfälle waren gut; Marie war diesen Tag reizender als sonst, Freude
und süsse Erwartung verschönerte sie, um sie auf keine Art in Schatten zu
stellen, hatte ich die kleine Barbara nach Sankt Annen geschickt, und die
Klosterfrauen bitten lassen, ihrer wohl wahr zu nehmen.
    Aber Barbara war diesen alten langsamen schläfrigen Kreaturen zu listig, sie
glaubten sie in ihrer Klausur sicher, indessen sie durch den Garten
entschlüpfte, und sich auf den Weg nach Sankt Nikola machte. Sie hatte diesen
Ort ungern mit dem Annenkloster vertauscht, sie hatte zu viel von der
Erscheinung des jungen Siegmunds reden hören, hatte zu viel von den schönen
Kleidern gesehen, welche Marie an diesem Tage tragen sollte, als dass sie es
hätte gleichgültig erdulden können, von dem Anblick dieser neuen
ausserordentlichen Dinge entfernt zu sein.
    Siegmund war seinen Hofmeistern zu feurig, so wie sie ihren Hüterinnen. Man
hatte in einem Dorfe zwischen Nikola und Sankt Annen Ablager genommen; der Prinz
brauchte die Zeit, da man Anstalten zur weitern Reise machte, zu einem
Spaziergang auf die benachbarten Gebürge, und was war natürlicher, als dass er
daselbst der kleinen Pilgerinn Barbara begegnete. Man sah sich, man nahte
einander ohne grosse Zurückhaltung, man fragte sich mit kindischer
Vertraulichkeit wer und wohin. Siegmund antwortete nach der Wahrheit, aber
Barbara hatte den Einfall, sich Marie zu nennen und den Prinzen als ihren
Bräutigam zu bewillkommen. Siegmund war zu jung um es unwahrscheinlich zu
finden, dass ihm die Prinzessinn von Ungarn, einsam ohne Gefolge, ohne allen
Schmuck auf diesen Bergen begegnen würde; die Munterkeit, die Schönheit der
vorgeblichen Marie gefiel ihm; man hatte ihm eine Menge Dinge gelehrt, die er
seiner jungen Braut vorsagen sollte, er wollte damit hervortreten, aber Barbara
versicherte ihm, dass diese Umstände nicht nötig wären und Siegmunden war dieses
desto lieber. Man schwatzte, lachte, hüpfte, und kam den Mauern von Sankt Nikola
ganz nahe, indessen die Nonnen zu Sankt Annen die ihnen Anbefohlne mit grosser
Angst vermissten, und die Leute des Prinzen ganz voll Verzweiflung waren, dass ihr
junger Gebieter nirgend zu finden war.
    Barbara hatte nicht so viel Nachdenken, dass das was sie getan hatte ihr
Verdruss zuziehen würde. Hand in Hand ging sie mit Siegmunden zu den geöfneten
Toren von Nikola ein, und eröfnete ihm erst auf dem Wege nach dem Zimmer der
Prinzessinn, ganz beiläufig, dass sie eigentlich gelogen habe, und dass er seine
Braut jetzt erst zu sehen bekommen würde, eine Entdeckung, die Siegmunden sehr
gleichgültig war; seine kleine Gefärtinn gefiel ihm, sie mochte sein wer sie
wollte, und die gesagte Unwahrheit war ihm ein Scherz, den er leicht verzeihen
konnte.
    Diese Begebenheit machte grosse Unordnung in unsern Planen. Die Prinzessinn
war noch nicht völlig gekleidet, war nicht auf die Erscheinung ihres Bräutigams
gefasst, als Barbara mit ihm herein hüpfte. Ich und die Leute des Prinzen, welche
jetzt eben mit verhängtem Zügel ankamen, waren vedriesslich, keines wusste recht,
was es zu dem andern sagen sollte, Marie und Siegmund gefielen sich nicht
sonderlich, Barbara ward ausgescholten, der Prinz suchte sie überall auf, ohne
sich an die Prinzessinn zu kehren, und diese weinte.
    Barbara ward gleich des andern Tages nach Sankt Annen gebracht. Ich wusste
ihr keine härtere Strafe für ihren Vorwitz aufzulegen, als den Aufentalt an
diesem traurigen Orte. Die guterzige Marie vermisste ihre fröhliche
Gesellschafterinn, hatte ihr den Streich, den sie ihr spielte, längst vergeben,
wünschte sie zurück, aber ich war unerbittlich, und Barbara blieb wo sie war,
bis sie nach einigen Jahren von ihren Verwandten aus dem Kloster genommen und
nach Hofe gebracht ward.
    Mittlerweile wuchs Marie heran, ihre Gestalt entwickelte sich, sie ward
nicht reizend, aber sie konnte gefallen, wenn sie ohne Vorurteil angesehen
ward. Tausend gute Eigenschaften, und vornehmlich ihr edles, sanftes, trugloses
Herz, ersetzten reichlich die Schönheit, welche ihr die Natur versagt hatte.
    Siegmund besuchte uns oft, er war kein Kind mehr, er wusste, wie er
derjenigen begegnen sollte, welche bestimmt war, ihm dereinst die ungarische
Krone aufzusetzen, und die Prinzessin, welche ihn herzlich zu lieben begunnte,
war geneigt, alles zu glauben, was er ihr vorsagte.
    Ich sah weiter, ich versicherte sie oft, dass nicht Marie, nur die Erbinn
von Ungarn vor ihm geliebt würde. - Lasst uns ihn prüfen, erwiederte sie und wir
wollen sehen.
    Der König besuchte seine Tochter oft in ihrer Einsamkeit, sie hatte sein
Herz in Händen, keine Bitte ward ihr abgeschlagen, und bald tat sie eine an
ihn, welche mehr Spuren ihrer Vorliebe für Siegmund als der Klugheit trug, eine
Bitte, die der König nicht so bereitwillig hätte erfüllen sollen. Marie bat: ihr
Vater möchte Siegmunden zu seinem Sohn und Reichsnachfolger erklären lassen. -
Ich will nicht, dass er mich um der Krone willen liebe, sagte sie, ich will sie
lieber von seinen Händen erhalten, als ihm sie aufsetzen. Siegmund liebt mich,
er wird nicht ermangeln, das Geschenk meines Vaters mit mir zu teilen. Und man
wird nicht mehr sagen können, nicht Marie, nur die Erbin von Ungarn werde von
ihm gesucht.
    Der König lächelte, und versprach Mariens Bitte zu erfüllen. Bald darauf
bekamen wir Nachricht: Prinz Siegmund sei vom König Ludwig an Kindesstatt
aufgenommen worden. Die Prinzessin triumphirte über das Glück, dass sie ihrem
Lieblinge verschafft habe, sie sah einem Besuche von ihm und der zärtlichsten
Danksagung entgegen. Aber Siegmund erschien nicht, doch vertrat ein Brief seine
Stelle, ein Brief, der ein Meisterstück der feinsten Politik war.
    Marie fand ihn entzückend, aber ich machte sie auf den Namen Schwester
aufmerksam, den ihr Siegmund fast in allen Zeilen gab. Wie kann Siegmunds
Schwester seine Gemahlinn werden? fragte ich; die Prinzessinn erschrack, las den
Brief noch einmal, fand, dass ich unrecht hatte, dass Siegmund das nicht so könne
gemeint haben, ich schwieg dann und meine Warnungen wurden vergessen.
    Man sprach von einer Reise des Prinzen nach Pohlen. Marie erwartete seinen
Abschiedsbesuch, aber es erschien an seiner Stelle wieder ein brüderlicher
Brief, der sie in Verzweiflung stürzte. Man fieng an zu glauben, dass ich den
nunmehrigen Erben von Ungarn besser zu beurteilen wisse, als die parteiische
Liebe.
    Meine Gedanken von Siegmunden konnten nicht trügen, sie gründeten sich auf
Nachrichten, die mir seinen ganzen Charakter schilderten, die aber freilich so
beschaffen waren, dass ich sie Marien nicht mitteilen konnte. Der Prinz war
jetzt zu dem Alter herangewachsen, wo die Leidenschaften die Herrschaft zu
führen pflegen; und er hatte nicht gelernt sie einzuschränken. Er war schön, und
nichts konnte ihn rühren als blendende Schönheit. Er war voll Feuer und
Lebhaftigkeit, und stille bescheidene Tugend hatte keine Reize für ihn. Sein
Geist strebte nach Ehre, und da er jetzt gewiss war, die Krone ohne Mariens Hülfe
erlangen zu können, so war auch das letzte Band aufgelösst, das ihn an sie
fesseln konnte.
    Barbara, welche jetzt als Hoffräulein bei der Königinn Elisabet lebte, und
die mit allen schwelgerischen Reizen einer üppigen Schönheit blühte, hatte den
Eindruck, den sie bereits als Kind auf ihn machte, mächtig erneuert. Seine
Neigung für sie war kein Geheimnis; die Königinn Elisabet, Mariens Mutter,
fieng an das zu sehen, was ich längst gesehen hatte, und sie berief ihre Tochter
schnell nach Hofe, um durch ihre Gegenwart alle Fehler wieder gut zu machen,
welche hier vorgegangen waren.
    Sobald sich das Gerücht von Mariens Ankunft ausbreitete, sobald Siegmund zu
merken begunnte, dass sein Umgang mit Barbara beobachtet, eingeschränkt,
verhindert wurde, so bekam er plötzlich Geschäfte in Pohlen, und Marie fand bei
ihrer Erscheinung in der Residenz tausend Herzen, die ihr entgegen wallten, nur
das einzige nicht, welches vorzüglich für sie hätte schlagen sollen.
    Die treuen Ungarn jauchzten ihrer Prinzessinn entgegen, sie nannten sie
Königinn, und forderten den alten König, welcher schon damahls begunnte
kränklich zu werden, auf, ihr diesen Namen bei seinen Lebzeiten feierlich
beizulegen, damit er ihr nach seinem Tode desto weniger könnte geraubt werden.
    Siegmunds Erklärung zum Tronerben war nicht so unumstösslich, dass sie nicht
hätte können zurückgenommen werden. Die Stimme des Volks, die Vorstellungen der
Königinn Elisabet, und, ich getraue mich zu sagen, auch die meinigen, drangen
durch, und Marie ward öffentlich zur Königinn von Ungarn ausgerufen.
    
    Siegmund war einer der ersten, welcher ihr Glück wünschte; kein Brief
verrichtete dieses, sondern er selbst. Der Name Schwester war ganz vergessen, er
war nicht mehr Mariens Bruder, nein ganz Liebhaber und Bräutigam. - Hätte Marie
meinen Einraten folgen wollen, sie würde ihn so zurückgewiesen haben wie er
verdiente; aber wer kennt nicht die Schwachheiten der Liebe! Marie schrieb seine
Rückkehr nicht der Krone, sondern ihrer eigenen Person zu, und fing an ihn
stärker zu lieben, als je zuvor.
    Ihr seht ja, sagte sie zu mir, wie er so innig an mir hängt. Ist wohl nur
eine einige Dame, wie schön sie auch sei, die mir nur einen Blick von ihm rauben
könnte?
    Marie hatte recht. Siegmund schien nur für sie Augen zu haben - denn -
Barbara war nicht gegenwärtig. Barbara hatte gehört, dass Siegmund bei den
pohlnischen Damen, von welchen er jetzt zurückkam, ihrer ganz vergessen habe,
und sie hielt für gut, das nehmliche zu tun. Sie wollte nicht gegenwärtig sein,
als Siegmund bei Hofe erschien, sondern gab endlich den Bitten ihrer Verwandten
nach, den üblen Ruf, in welchem sie sich befand, durch eine anständige Heirat
zu tilgen.
    Man hatte ihr den Stattalter von Kroatien, Johann Hervott, einen Verwandten
von mir, zum Gemahl bestimmt, und sie lebte gegenwärtig als seine Verlobte auf
einem seiner Güter.
    Siegmunds Augen suchten die geliebte Barbara überall; sie war doch immer
diejenige, zu welcher er, nach jeder kleinen und grossen Untreue, zurückkehrte,
und er vermisste sie ungern. - Er hörte von ihrer bevorstehenden Vermählung, ward
traurig, fand dass er Marien nichts mehr zu sagen hatte, und kehrte nach Pohlen
zurück.
    König Ludwig starb, Marie setzte die Krone auf und würde eine gute Königinn
gewesen sein, wenn sie allein regiert hätte; aber man sagt immer, wo eine Frau
herrscht, da führen Männer den Scepter; so auch hier: meine Verwandten die
Garas, drängten sich um den Tron, ihr Ansehn war so gross als ihre Kenntnis der
Reichsverfassung. Marie gab ihnen Gehör, regierte nur durch sie, zog sie allein
hervor, vernachlässigte die andern, und legte dadurch den Grund zu Mismut und
Unzufriedenheit in den Herzen der übrigen Grossen. Von dem Volke wurde sie
angebetet, so handelte sie gegen die Armen und Geringen im Volk, so gegen den
Landmann und den arbeitsamen Bürger, dass noch jetzt die Zeiten der Königinn
Marie das goldne Alter der Ungarn geheissen werden.
    Die Garas hinderten sie nicht in diesem wohltätigen Verfahren, es war ihnen
genug, die andern Fürsten neben sich zu unterdrücken, der gemeine Mann mochte
ihretalben immer glücklich sein. - Es ist unmöglich, die Absichten, welche
einige von ihnen, vornehmlich der nachmahlige Stattalter des Reichs, Andreas
Gara, haben mochten, genau zu bestimmen. Es kann sein, dass Marie und die Krone
das Kleinod war, nach welchen sie insgeheim rangen, wenigstens ist so viel
gewiss, dass die Rückkunft des Prinzen Siegmunds aus Pohlen auf alle Art
verhindert wurde. Marie sehnte sich nach ihrem Bräutigam, Siegmund war
zärtlicher und treuer als jemahls; aber eine Zeit verging nach der andern, ohne
dass er da erschien wo er mit so viel Unruhe erwartet wurde.
    Indessen die Garas über ihren grossen Anschlägen brüteten, kochte Wut und
Rache gegen sie und die Königinn in den Herzen der übrigen Fürsten. Der Gedanke,
vielleicht einen Andreas oder Nikolaus Gara zum Könige zu bekommen, war ihnen
schrecklich, und lieber war es ihnen auch Marien, die Tochter ihres guten Königs
zu stürzen, als ihr auf die Art den Tron zu gönnen.
    Die Geschichten der damahligen Zeit können euch nicht so unbekannt sein, dass
ihr nicht wissen solltet, was für eine Partie man ergriff. König Karl von
Neapolis ward herein gerufen; Marie sollte die Krone von Ungarn mit ihm teilen,
oder sie ihm ganz überlassen.
    Die Königinn liebte Siegmunden treuer als sie nötig gehabt hatte, König
Karl, so unansehnlich er auch durch sein Äußeres war, so wenig sein kleiner
Geist, der seinem Körper glich, der edeln Marie gefallen konnte, war doch
übrigens ein Fürst, der Ansehen genug besass, derjenigen, welche ihm die Hand
gab, den Tron zu sichern; über dieses liebte er Marien mit so heisser
Zärtlichkeit wie sie Siegmunden, verehrte sie wie ein Wesen höherer Gattung, und
würde gewiss bloss den Gemahl der Königinn von Ungarn, nie den Monarchen
vorgestellt haben.
    Marie war eine von den Damen, welche bei einer Vermählung nie auf die Liebe
sehen sollten, die sie fühlen, nur auf diejenige, welche man für sie empfindet;
aber - sie verkannte ihren Vorteil, blieb dem undankbaren Siegmund treu, und
verwarf den gutmütigen König von Neapolis!
    Der Tron begunnte unter ihr zu wanken; sie fiel. Ihre Stützen die Garas
konnten ihr nicht helfen, und sie kam in die Gewalt ihrer Feinde.
    Mit Erröten gestehe ich, dass mein Verwandter der Stattalter in Kroatien,
dass Johann Hervott, einer der vornehmsten derselben war. Barbara, seine
Verlobte, hasste Marien, hasste gegenwärtig den ehemals geliebten Siegmund und
wollte es ihm unmöglich machen, durch sie die Krone zu erlangen. Sie war es,
welche die verräterischen Anschläge wider die Königinn ausheckte, sie war die
Seele aller heimlichen Verschwörungen wider die unglückliche Marie. Sie brauchte
ihre Reize die Zahl ihrer Anhänger und der Feinde Mariens zu vergrössern. Sie
suchte ihre Gewalt auch über den von der Königinn verschmähten Karl von Neapolis
auszudehnen, er sah sie verschiedenemahl insgeheim auf Hervotts Schloss, keine
Künste wurden gespart ihn in ihr Netz zu ziehen, und als diese nur in so weit
glückten, dass Karl seiner Verächterinn Rache und Tod schwur, ohne eben darum
Miene zu machen, die schöne Barbara an ihre Stelle zu setzen; so war auch ihm
der Untergang bestimmt. Ihr wisst, dass Karl nie sein Land wieder sah, man fand
ihn ermordet auf seinem Bette, und man riet vergeblich auf den Täter.
Vielleicht trügen auch meine Mutmassungen; Gott bewahre mich, dass ich das
Sündenregister einer Verbrecherinn ohne Grund mit einer Blutschuld vermehren
sollte!
    Barbara war noch immer Johann Hervotts Verlobte, war es zu lang gewesen, dass
er hätte wünschen sollen, sie zu seiner Gemahlinn zu machen, auch schien sie
nicht sonderlich nach dieser Ehre zu streben.
    Ihr Beichtiger, ein schmeichelnder Bernhardiner, hatte ihr einst eine Krone,
hatte ihr die höchste Krone der Welt geweissagt. Johann Hervott war nicht der
Mann, der diese Prophezeihung wahr machen konnte, Karl von Neapolis hätte es
vielleicht gekonnt; aber der Anschlag auf ihn schlug fehl, man musste auf andere
Mittel sinnen.
    Hervott ward noch immer fest genug in ihren Stricken gehalten um jeden ihrer
Einfälle zu begünstigen. Barbara glaubte ihre hochfliegende Entwürfe nicht
würdiger beginnen zu können, als wenn sie diejenigen, welche die Krone trugen,
nach der sie strebte, aus dem Wege räumte. List und Verräterei brachten die
beiden Königinnen Elisabet und Marie in Hervotts Hände.
    O Ida, wie soll ich euch die Scene des Schreckens schildern, welche ich in
jenen Tagen erlebte! mit welchen Worten von Mariens Qualen, von dem Tode der
ehrwürdigen Elisabet sprechen? vergönnt mir, dass ich verschweige, unterdrücke,
übergehe, ins kurze fasse, was euch und mir, zu lebhaft geschildert zu tiefen
Schmerz verursachen würde, es gibt Scenen, welche ewig in Schleier gehüllt
bleiben sollten, bis jener grosse Tag, der Offenbarer aller Geheimnisse der
Finsternis, der Vergelter geheimer Verbrechen und hier nicht gelinderter
Schmerzen, erscheint.
    Die Fürstinn Gara schwieg bei diesen Worten, ihr tiefdenkender Blick war zur
Erde gesenkt, keine Träne netzte ihr Auge, aber ihr Herz weinte. - Ida wusste
nicht genau, was sie sagen wollte, aber sie ahndete schreckliche Dinge und wusste
nicht, ob sie um die Entdeckung oder um die Verbergung derselben bitten sollte.
    Es sei euch genug, fing die Fürstinn von neuem an, zu wissen, dass jeder Tag
den beiden erhabenen Dulderinnen neue Leiden mit sich brachte. Tausend
schreckliche Mittel wurden gebraucht, Marien zu Entsagung der Vorrechte ihrer
Geburt zu zwingen, tausend Mittel, die ehrwürdige Elisabet zu nötigen, ihre
Tochter zu verläugnen, und ein finsteres Gewebe von Dichtungen zu begünstigen,
welche erweisen sollten, dass Marie nicht König Ludwigs Tochter, nicht
rechtmässige Königinn von Ungarn, nicht Siegmunds bestimmte Braut sei. Die
Forderung war lächerrlich, und ich glaube, im Grunde hätte Elisabet alles tun
können, was man von ihr verlangte, vielleicht hätte sie ihre Freiheit, ihr Leben
damit erkauft, und jedermann würde das ihr abgedrungene Bekenntnis für das
genommen haben, was er war, für Würkung der Notwendigkeit, der äussersten
nahmlosesten Angst!
    Dieses waren Mariens Wünsche, als ihre Mutter das Opfer ihrer Treue für die
Wahrheit und das Glück ihrer Tochter ward, sie verwünschte die Krone, die ihr
das liebste, was sie auf der Welt hatte, das Leben ihrer Mutter raubte,
verwünschte ihr eignes Leben, weil es vielleicht durch Elisabets Tod erkauft
worden war.
    Doch ich sehe, ich muss euch die Dinge ein wenig umständlicher erzählen. Eine
der ausgesuchtesten Qualen, welche für die unglücklichen Königinnen erfunden
wurden, war, sie Wochenlang von einander zu trennen, in dem Busen einer jeden
die schrecklichsten Besorgnisse wegen des Schicksaals der andern zu nähren, und
dann sie schnell und unvermutet wieder zusammen zu bringen ihnen die Freuden
des Wiedersehens, mit der Angst der nahen Trennung und der Furcht vor der
düstern Zukunft so grausam zu mischen, als man zu Erreichung der schwärzesten
Absichten für nötig hielt.
    An einem dieser Tage, denen man so ängstlich entgegen sah, ob man gleich von
jeden derselben keinen andern Gewinn hatte, als verneute Leiden, und die fast
gewisse Ueberzeugung, man werde sich heute zuletzt gesehen haben, an einem
solchen Tage geschah es, dass ich glücklich genug war, die Unterhaltung meiner
unglücklichen Gebieterinnen mit einer beträchtlichen Dosis Trost und Hoffnung zu
versüssen. Gleich bei unserer ersten Gefangennehmung - (ich war die einige
Gesellschafterinn, die man den Königinnen liess -) hatte ich den schnellen
Einfall ein Körngen auf Hoffnung auszustreuen, dass es vielleicht zu unserer
Rettung aufgehen könne. Das was ich tat war im eigentlichen Verstande ein
hingeworfener Versuch, der so wohl zu Vermehrung unsers Unglücks als zu unsern
Besten ausschlagen konnte. Wir waren auf dem Wege nach unserm Gefängnis, dessen
Namen ich zum Glück erfahren hatte. Ich riss eine Demantnadel aus meinen Haaren,
und grub auf eine kleine Tafel, die ich bei mir trug, folgende Worte; »Wer
dieses findet und zum Prinzen Siegmund nach Pohlen bringt, der nehme dieses
Kleinod zur Dankbarkeit und erwarte in der Zukunft eine noch grössere Belohnung
von der Fürstinn Rosa Gara.« In das Innere der Tafel schrieb ich folgendes in
gallischer Sprache, welche, wie ich wusste, ausser mir und Siegmunden hier nur
von wenigen verstanden wurde.
    »Wenn Siegmund noch einiges Menschengefühl, noch Begierde nach der
ungarischen Krone, noch Liebe oder Mitleid für eine unglückliche Dame hat,
welche er vormals zu lieben schien, so komme er nach Moglay am Flusse Bezra sie
aus den Händen ihrer Feinde zu retten.«
    Ich gab dieser Schrift, an der das Leben zweier Königinnen hing, meine
vielfach zusammengefalteten Schleier zur Hülle, heftete ihn mit der Demantnadel
zusammen, und warf es, als wir des Nachts durch einen Wald fuhren, auf gut Glück
in den Weg.
    Die Ungewissheit, ob dieser Versuch von Nutzen sein würde und der Widerwille
in dem Herzen meiner Gebieterinnen eine Hoffnung zu nähren, welche vielleicht
vergeblich sein könnte, machte, dass ich von der ganzen Sache nicht eher sprach,
als an dem Tage, da ich auf eine Art, welche hier zu weitläuftig sein würde, zu
melden, Nachricht erhielt: Siegmund sei nicht fern, würde vielleicht Morgen,
vielleicht diese Nacht schon hier sein, die Gefangenen zu retten.
    Zum erstenmahle in meinem Leben hatte ich heute eine Art von Zuneigung für
Siegmunden gefühlt, ich dankte ihm in meinem Herzen für die Bereitwilligkeit,
mit welcher er erschien, die vielleicht bloss daher entsprang, weil ich in meinem
Brief den Namen der zu rettenden Dame nicht genannt hatte. - Doch nein! ich tue
Siegmunden Unrecht, was für ein Unmensch hätte er sein müssen, Marie in Gefahr
zu wissen ohne zu ihrer Erlösung herbei zu eilen!
    Ich unterhielt an diesem glücklichen Abende, der durch eine Zusammenkunft
der Mutter und der Tochter verschönert wurde, meine Königinnen mit meinen frohen
Neuigkeiten. Mit Freudentränen schlossen beide Damen sich in die Arme. Auch ich
bekam meinen Teil von ihren Liebkosungen, sie nannten mich ihre Retterinn, und
umarmten sich und mich von neuem.
    Wir werden also der Gewalt unserer Feinde entkommen, rief Marie, und mein
Siegmund wird unser Befreier sein. O Uebermaas des Glücks! kaum vermag ich dir
zu glauben! Rosa, ihr täuscht mich! sollte es möglich sein, das ich diese teure
Hand wieder in ruhigen Tagen küssen, dieses ehrwürdige Haupt wieder mit der
Krone geziert sehen würde? Marie drückte bei diesen Worten die Hand ihrer Mutter
an ihr Herz, indessen diese ihre Rechte liebreich nach mir ausstreckte, und mich
mit einem Tone, der mir ewig unvergesslich sein wird, zum zweitenmahl ihre
Retterinn nannte.
    Wir sassen bis tief in die Nacht in Gespräche verwickelt, die man sich nach
so langer Trostlosigkeit nicht süss und hofnungsvoll genug denken kann. Endlich
kamen unsere Hüter uns zu trennen. Marie bat, man möchte sie doch diese Nacht
bei ihrer Mutter lassen. Ich flehte, man möchte wenigstens mir, wie zuweilen
geschah, erlauben, die alte Königinn zu bewachen, umsonst, wir mussten scheiden.
    Marie kehrte zehnmahl zurück, ihre Mutter von neuem zu umarmen, Elisabet
umfaste die junge Königinn so fest, dass man sie mit Gewalt von ihr reissen musste,
ich umarmte ihre Knie. Vergebens! unsere Henker waren unerbittlich, wir mussten
scheiden. Wir sind wohl recht töricht, sagte Marie bei unserer Rückkunft auf
unser Zimmer, indem sie sich lächelnd die Tränen trocknete, wir sind wohl recht
töricht, so viel Flehens bei den Unerbittlichen um eine einige Nacht zu machen!
Werden wir nicht bald, ach morgen morgen schon, ungestört beisammen bleiben
können? doch dünkt mich, ich hätte um diese, nur um diese Nacht mein Königreich
geben wollen; es müsste so süss gewesen sein, meinen Siegmund in den Armen meiner
Mutter zu erwarten!
    Wir giengen diese Nacht nicht zu Bette; Angst und süsse Erwartung hielten uns
wachend; welche Erwartung ist ganz ohne Besorgnisse? tausend Ausrufungen, mit
dem Anfang: Wenn nur nicht! gingen aus Mariens Munde. Zwanzigmahl ging sie nach
dem Fenster, um die Fenster der alten Königinn zu sehen, welche mit den unsrigen
in einen gemeinschaftlich grossen Hof gingen. Ich hoffe, sie schläft, die Teure,
rief sie, ich sehe kein Licht in ihrem Zimmer. Oder sagte ich, sie ist auf den
Altan gegangen, um die Aussicht auf den Strom zu geniessen, und unsern Rettern
entgegen zu sehen. - Marie wollte nicht in diese Vermutung einstimmen, sie
fürchtete Erklärung für die alte Dame, und Verbitterung ihrer morgenden Freude.
    Endlich brach der Tag an, und seine ersten Strahlen begunnten kaum unsre
Fenster zu röten, als wir in der Ferne Getön von kriegerischen Instrumenten
hörten. Er kommt! rief die Königinn und warf sich in meine Arme, mein Siegmund
kömmt seine Marie zu retten? Hinaus, hinaus, ihm entgegen! Wir eilten auf den
Altan, der so wie der vor Elisabets Zimmer die Aussicht auf den Strom hatte.
Hier kam uns das Getön heller entgegen, wir sahen von weitem im Strahl der
Morgensonne blinkende Waffen, und hörten unten im Schloss ein unruhiges Hin und
Herlaufen, welches uns andeutete, dass man wegen der Ankommenden besorgt sei, und
das befürchte, was bald geschehen sollte.
    Ach Gott! rief Marte, dass wir nur nicht mitten im Schoos der Hoffnung
scheitern! sollten uns unsere Feinde nicht lieber todt als gerettet sehen?
    Mir begunnte selbst bange zu werden. Der Sprung vom Altan hinab, sagte ich,
ist nicht hoch. Wie wenn wir ihn wagten, ich sehe dort in der Ferne auf dem
Strome etwas treiben, mich dünkt, es ist ein kleines Fischerboot, soll ich es
herbei winken?
    Die Königinn beugte sich tiefer hinab, ach nein! rief sie, indem sie
erschrocken die Augen abwendete, es ist kein Boot, es ist - es ist ein
menschlicher Körper, es ist - ein langes weisses Gewand - wie - wie - ach Gott
ich weis nicht wie mir ist! - Rosa, sieh hinaus! - Ich vergass nach dem zu sehen,
was mir die weite Entfernung und mein schwaches Gesicht als einen Kahn gebildet
hatte, vergass alles, selbst unsere nahe Rettung, denn die Königinn sank
ohnmächtig in meine Arme.
    Siegmunds Trompeten schallten näher; das Geräusch des Angriffs gellte in
meinen Ohren. Ich achtete nicht darauf, denn noch immer war Marie für alle meine
Bemühungen unerwecklich. -
    Das Schloss war schlecht bemannt und wurde noch schlechter verteidigt,
unsere Feinde hatten geglaubt, keine andere Sicherheit für ihre erhabenen
Gefangenen nötig zu haben, als die Verborgenheit des Orts wo sie lebten, und
die öde wüste Gegend, in welcher er lag.
    Siegmund hatte bald überwunden, er trat mit den vornehmsten seiner
Kriegsbedienten in Mariens Zimmer, als diese zuerst die Augen aufschlug. -
Siegmund eilte auf sie zu, ich sah mehr Liebe in seinen Blicken, als ich je in
denselben wahrgenommen hatte. - Marie, anstatt ihn so zu empfangen, wie ich
vermutet hatte, wehrte seine Hand von sich ab, und bemühte sich aufzustehen.
Weg! weg! rief sie, nicht ein Wort! - zu meiner Mutter! - Noch einmal bemühte
sie sich aufzustehen, aber vergebens!
    Siegmund fragte, ob auch die alte Königinn hier verwahrt werde, und eilte
auf meine Bejahung so gleich in die Gegend des Schlosses, die ich ihm
bezeichnete.
    Marie strebte sich zu erheben und vom Altan hinab zu sehen. Siehe hinaus,
Rosa, sagte sie, siehe hinaus nach deinem Kahne, es war gewiss ein Kahn wie ich
glaube! aber ich träumte fürchterlich, ich träumte - meine Mutter! -
    Die Königinn ward bei diesen Worten zum zweitenmahl ohnmächtig, und erholte
sich nicht ehr, bis einige von Siegmunds Leuten eintraten, und versicherten, dass
sie die Zimmer der alten Königinn nicht hätten finden können.
    Marie bezeichnete sie ihnen selbst mit schwacher Stimme.
    Da sind wir gewesen, sagten sie, aber es ist alles leer.
    Leer? schrie Marie, leer? - o nur allzugewiss! - Augenblicklich, Kähne!
Leute! der Strom! Ach gewiss! gewiss! O ich Elende! -
    Marie hatte sich bei diesen Worten schnell erhoben, und war nach dem
Geländer des Altans geeilt. Eine Bewegung, die sie machte, liess mich befürchten,
sie wolle hinab springen, und mit Mühe hielt ich sie zurück!
    Ihre Meinung begunnte mir klärer zu werden, ich gab die Befehle, welche die
Unglückliche nicht zusammenhängend vorzubringen vermochte, und führte sie,
selbst vor Entsetzen der Ohnmacht nahe, nach dem Zimmer.
    Siegmund erschien! - Doch Gräfinn, ich bin bereits zu weitläuftig gewesen! -
Hinweg! Hinweg! mit diesen grauenvollen Scenen! - Man hatte auf Elisabets
Fenstergesimsen Spuren von Blut gefunden, in einer Ecke ihren zerrissenen
blutigen Schleier. Die Nachsucher fanden einige Meilen von dem Schloss endlich
Elisabets Körper, welcher mit den langen Kleidern im dichten Gesträuch hängen
geblieben war. Einige Stiche in ihrer Brust zeigten, dass das Wasser, nur die
überbliebenen Lebensfunken in der ermordeten Königinn vollends hatte auslöschen,
oder vielleicht nur die Greueltat verbergen sollen, deren Vollbringer noch
jetzt niemand bekannt ist als dem Allwissenden!
    Johann Hervott, der Herr dieses Schlosses, war im Gefecht geblieben, ich
nannte Siegmunden Barbaras Namen, deren Hand, wie ich meinte, alle diese Dinge
im Verborgenen dirigirt hatte, ob sie gleich sich, so lang wir uns hier
aufhielten, niemals sehen liess.
    Siegmund war beleidigt über die Art, mit welcher ich der geliebten Barbara
gedachte. Er gestand, dass er sie hier im Schloss gefunden habe, aber sie sei so
wohl eine Gefangene gewesen wie wir, und teile mit uns die Freude der
Befreiung.
    Ich schwieg, ich wandte mich zu meiner todkranken Königinn. - Nach langem
Lager ward sie wieder gesund, setzte die Krone von neuem auf, ward Siegmunds
Gemahlinn, aber nie habe ich sie wieder froh gesehen. Die schreckliche Scene auf
Hervotts Schloss schwebte ihr unablässig vor Augen, und wo sie ging oder stand,
flüsterte sie den Namen ihrer ermordeten Mutter.
    Marie war nie schön, nie aufgeweckt gewesen, jetzt verlor sie vollends die
wenige Anlage, die sie zu beiden hatte, gänzlich. Siegmund, den nichts fesseln
konnte, als Reiz und Munterkeit, nennte sie gegen seine Lieblinge eine finstere
traurige Träumerinn, ohne an die Schicksale zu denken, die sie zu dem machten,
was sie war.
    Barbara ward an den Hof gezogen. Marie duldete sie, musste und konnte sie
dulden, denn sie hatte nicht die Gedanken von ihr, die ich in dem Innersten
meines Herzens hegte. - Gott verzeihe mir, wenn ich zu viel auf die Rechnung der
Sünderinn schreibe, die ich hasse! -
    Um König Siegmunds Liebe zu seiner Barbara desto besser zu verdecken, gab
man ihr Peter den Einfältigen, Grafen von Cyly zum Gemahl. - Was soll ich weiter
sagen. Die Liebe des Königs zu der Gräfinn von Cyly, der Übermut dieser
unwürdigen Nebenbuhlerinn, trieb Marien vom Hofe in dieses Kloster. Sie war
schwanger und ihre Gesundheit war so geschwächt, dass man an ihrem Leben und dem
Leben ihres Kindes zweifeln musste. - Ich begleitete sie hieher, wo sie ihre
Wochen halten und ihren Tod erwarten wollte. Ich wollte ihre einige Wärterinn
sein, ich traute niemand ausser mir, aber eine fürchterliche Krankheit überfiel
mich in den Tagen, da die Königinn ihrer Niederkunft stündlich entgegen sah.
Die guterzigen Nonnen zu Sankt Nikola waren meine Lebensretterinn, sie sprachen
nach meiner Wiedergenesung von wahrscheinlicher Vergiftung! - Sie konnten recht
haben, meine Gefahr war gross, meine Empfindungen ausserordentlich gewesen, auch
liess es sich denken, dass mein Leben manchem ein Anstoss sein musste.
    Meine ängstliche Besorgnis war um die Königinn, ich fragte nach ihr, und
bekam die Nachricht, die mich von neuem an den Rand des Grabes brachte - sie sei
todt! - Ich fragte nach nähern Umständen, die Nonnen zuckten die Achseln, sie
erzählten, auf die erste Nachricht von meiner Krankheit, sei die Gräfinn von
Cyly erschienen, der Königinn an meiner Statt bei ihrer Niederkunft aufzuwarten.
Marie habe sich in ein anderes Kloster bringen lassen, habe daselbst eine
Tochter zur Welt gebracht, und - dabei den Geist aufgegeben.
    Ich fragte nach dem Kinde, man sagte mir, der König, welcher über den Tod
seiner Gemahlinn untröstlich geschienen, sei bald nach der Geburt der jungen
Elisabet in diese Gegenden gekommen, seine kleine Tochter, die nunmehr das
einige sei, welches die Liebe des Volks noch an ihn fesselte, in seine Arme
aufzunehmen. Ein hinterlassener Brief von der sterbenden Königinn habe ihn
gebeten mir die Erziehung des unglücklichen Kindes zu überlassen, und man sage,
er sei, alles Einredens der Gräfinn von Cyly ungeachtet, entschlossen, Mariens
letzten Willen zu erfüllen.
    Wenig Tage vergingen, und ich konnte das geliebte Kind, das teure
Vermächtnis meiner Königinn, in meine Arme schliessen. Eine von den Nonnen zu
Sankt Annen hatte den Auftrag erhalten, mir es zu überbringen, ein Brief ward
mir mit demselben überreicht. Ich öfnete ihn, und fand folgendes.
    »Ich sterbe, teure Fürstinn Gara, und habe nur noch so viel Zeit mein Kind
mit dem teuren Namen Elisabet zu nennen, und es euch zu empfehlen, die Nonne,
welche dieses in meinem Namen schreibt, wird euch mehr sagen.«
    Ich habe nach der Schreiberinn dieses Briefs oft und viel gefragt, aber
niemand hat sie mir nennen können: Ich fragte nach dem Begräbnis der Königinn;
man wiess mich nach Stuhlweisenburg, wo König Siegmund sie hatte prächtig
beisetzen lassen. Der Ort ihres Todes blieb verborgen. Alle ihre Leute waren
kurz vor ihrer Niederkunft abgedankt worden, Barbara war allein um sie gewesen.
    Der Argwohn, Mariens Tod könne eine Erfindung Barbaras sein, trieb mich zu
Untersuchungen, welche Jahrelang fortgesetzt wurden, und doch vergeblich waren;
urteilt was ihr von euren Bemühungen zu erwarten habt.
    Die kleine Elisabet war das einige, was mich nach dem Verlust meiner
geliebten Königinn auf der Welt zurück halten konnte. Sie ward mein Trost, mein
Zeitvertreib, meine Hoffnung, wenn es mir zuweilen einfiel, ich könne noch
einmal glückliche Tage in der Welt sehen.
    Wundert euch nicht, wenn die Liebe für sie mich vor einiger Zeit ein
Betragen gegen euch lehrte, welches ihr mit Recht beleidigend fandet. Es war die
Frage von dem Glück der geliebten Elisabet. Ich war irre an euch, ich sah im
Geist die Scenen zwischen Siegmund, Barbara und Marie, in dem Schicksal ihrer
Tochter erneuert. Jetzt kenne ich euch besser, und ich hoffe, auch die
Prinzessinn von Ungarn wird sich belehren lassen, wird nicht euren Wert ins
künftige mehr verkennen.
    Lasst uns von andern Dingen sprechen, erwiederte Ida, welche nicht ohne
Verdruss an den Verdacht denken konnte, welchen man gewagt hatte auf sie zu
werfen. Mich dünkt, wenn ihr der Erzählung meiner Geschichte nur einige
Aufmerksamkeit gegönnt hättet, so hätte euch wenigstens der Name der Fürstinn
von Ratibor und ihrer Tochter, meinen alten Feindinnen, jedes Wort, das sie
wider mich sagten, verdächtig machen sollen.
    Die Fürstinn Gara wollte ihre Entschuldigung erneuern, aber Ida bat
nochmals, des Vergangenen nicht mehr zu gedenken, und lieber ihre Gedanken über
die Geschichte zu vernehmen, welche sie so eben gehört hatte. - Meint ihr, fuhr
die Gräfinn fort, dass mich eure Erzählung von dem gewissen Tode der Koniginn
überzeugt hat? - Nein, meine Hoffnung ist stärker als jemals, ich will und muss
Mariens Aufentalt ausfindig machen, und wär es auch nur um - -
    Um ihre Tochter mit Wohltaten zu beschämen, setzte die Fürstinn hinzu. Aber
bedenkt, mein Kind, dass ihre eine Art von Ritterzug auf Unmöglichkeiten
unternehmt! - Elisabet ist jetzt sechszehn Jahr, sollte es möglich sein, dass
ihre Mutter in dieser langen Zeit nicht Mittel gefunden hätte sie mit der
Nachricht von ihrem Leben zu erfreuen? - Ueberdies bedenkt meine
Nachforschungen, bedenkt, dass Marie in den Stunden, in welchen sie ganz hülflos
war, sich unter Barbaras Händen befand; sollte diese Boshafte ihre Mitbuhlerinn
wohl lebendig aus denselben gelassen haben?
    Aber, sagte Ida, wie war es möglich, dass die kleine Prinzessinn von ihr
verschont wurde, die sich in jenen Augenblicken der Hülflosigkeit sowohl in der
Gewalt ihrer Feindinn befand als ihre trostlose Mutter?
    Wär Marie die Mutter eines Sohns geworden, erwiederte die Fürstinn, so
möchte es wohl anders gegangen sein: eine Tochter konnte Barbaras weit
aussehenden Planen nicht allzugrosse Hindernisse in den Weg legen. Ueberdieses
überraschte sie vielleicht Siegmunds Erscheinung zu schnell, sie glaubte sich
vielleicht ein Verdienst bei ihm zu machen, wenn sie, - da sie mich, Elisabets
bestimmte Erzieherinn, zu jener Zeit schon vielleicht tod glaubte - Mutterstelle
bei der kleinen Prinzessinn verträt.
    Es ist schwer, versetzte die tiefdenkende Ida, über diese Dinge zu sprechen,
die Zukunft wird alles aufklären.
    Die Fürstinn schwieg und setzte am Ende, auf Idas Bitte, noch etwas weniges
von Elisabets Jugendschicksalen hinzu.
    Die kleine Prinzessinn war derjenigen welche ihr nach dem letzten Willen
ihrer Mutter auf ihr ganzes Leben zur Führerinn dienen sollte, nur wenige Jahre
gelassen worden. - Sie ward nach Hofe gefordert um mit dem jungen Albrecht von
Oesterreich verlobt zu werden. - Siegmund fühlte es, dass er eine solche Stütze
wie Albrechten nötig habe, um sein gesunkenes Ansehen aufrecht zu erhalten. Die
Liebe seines Volks war nach Mariens Tode fast gänzlich verschwunden. Barbara
musste vom Hofe auf die Güter ihres Gemahls, des im vorigen Teile belobten Peter
des Einfältigen, entfernt werden. Siegmund zog in den Türkenkrieg, und schickte
seine Tochter indessen nach Klausenburg, weil Barbara sein Herz mit Verdacht
gegen die Fürstinn Gara und die Nonnen zu Sankt Nikola erfüllt hatte.
    Er kam zurück, seine Gefangenschaft, die Begebenheiten auf dem Schloss
Soklos mit der Fürstinn Helena, einer Verwandtinn der Fürstinn Rosa Gara, die
Abenteuer auf dem Schloss Cyly und andere Dinge erfolgten, deren wir im ersten
Teile gedacht haben, bis es dahin kam, dass Barbara Königinn, dass sie Elisabets
Stiefmutter ward.
    Elisabets Schicksal wurde dadurch verschlimmert, ihre Einschränkung zu
Klausenburg vermehrt, ihre Hoffnungen auf Herzog Albrechten oft verdunkelt. Ihr
Herz öfnete sich dem Argwohn und tausend traurigen Vorstellungen. Herzog
Albrecht liess würklich zu der Zeit, da die Reichsangelegenheiten zu Nürnberg und
vielleicht auch seine Freundinn Ida ihn zu sehr beschäftigten, weniger von sich
hören als sonst. Die Prinzessinn von Ratibor, welche das Unglück nach
Klausenburg geführt und zu Elisabets Freundinn gemacht hatte, ward mit Hülfe
ihrer Mutter die Auslegerinn dieser Dinge, und alles nahm die Wendung, die wir
gesehen haben, und die Idas zarte Empfindung für die Ehre so schmerzlich
verletzte.
    Sie nahm die damahligen Entschuldigungen der Fürstinn, welche beim Ende
ihrer Erzählung erfolgten, so geneigt auf, als ihr möglich war, und entfernte
sich.
 
                         Zwei und zwanzigstes Kapitel.
                             Liebe wird nicht müde.
Ida dachte dem nach was sie gehört hatte, und ihr Schluss war am Ende gefasst,
sich der Freiheit zu bedienen, die ihr der Erzbischoff zugestanden hatte, und
ihre Nachforschungen in den umliegenden Klöstern fortzusetzen. Ihre nächste Wahl
fiel auf Sankt Emri, ein Kloster, das in dem Ruf stand, schon vor uralten Zeiten
einer Königinn von Ungarn zum Gefängnis gedient zu haben, und das derhalben, wie
Ida meinte, dieses traurigen Vorrechts wohl zum zweitenmal geniessen konnte. Dass
Marie lebte, in einem Kloster lebte, war ihr nach dem, was Herrmann einst
zufällig aus Barbaras Munde gehört hatte, gewiss, und sie baute darauf alle ihre
Hoffnungen, Albrechts Aufträge und ihre menschenfreundlichen Wünsche dereinst
erfüllt zu sehen.
    Sie hatte gemeint, ihre Entlassung von den freundlichen Nonnen zu Sankt
Nikola ohne Umschweif zu erhalten, und erstaunte nicht wenig, als ihr die
Domina, auf ihre Erklärung sie wolle nach Sankt Emri gehen, versicherte, sie
müsste hierüber erst zu ihrer Oberinn nach Sankt Annen Bericht erstatten, von
welcher sie ihr sehr angelegentlich und unter Bedrohung des erzbischöfflichen
Banns, wenn sie die Gräfinn entkommen liesse, anbefohlen sei.
    So war also die gute Ida hier so wohl eine Gefangene als in dem traurigen
Annenkloster, nur dass hier anmutigere Lage des Orts, angenehmere Gesellschaft,
und mehrere Beschäftigung für ihr Herz, ihr die Einkerkerung nicht hatten
fühlbar werden lassen. - Der Bericht nach Sankt Annen ward erstattet, und die
Antwort kam zurück: - Der Erzbischoff würde nächster Tage selbst in diesen
Gegenden eintreffen, er habe geäussert, dass er die Gräfinn von Würtemberg noch zu
Nikola zu treffen und mit ihr über verschiedene Gegenstände zu sprechen hoffte,
daher sie zur Geduld zu verweisen und anzuhalten wär, ihm ihre Forderungen
selbst vorzutragen, weil sie wahrscheinlich aus ihrem Munde mehr Gewicht bei ihm
haben würden als aus jedem andern.
    Wir haben noch nicht Gelegenheit gehabt mit unsern Lesern über die Person
und das Wesen Bischoff Subinkos umständlich zu sprechen, und auch jetzt sind wir
nicht gesonnen von ihm, der nur eine Nebenperson in unserer Geschichte
vorstellt, etwas mehreres zu sagen, als dass es gewiss das erste mahl in seinem
Leben sein mochte, dass er von einer so reizenden Dame wie Ida mit Ungeduld
erwartet wurde. Man stelle sich in ihm einen kleinen rotäugigten Alten vor, an
dem nichts ehrfruchterweckendes war als die Insul, die seine grauen Haare
deckte, einen Mann, der zu seinen Zeiten für fromm und gelehrt gehalten wurde,
aber im Grunde nichts besass als altägliche Mönchstugend und Mönchsverstand,
einen Greis ohne Charakter, ohne Sitten, kurz ohne alles was die Jugend
liebenswürdig und das Alter erträglich macht.
    Endlich erschien er zu Sankt Nikola, liess sich ehr bei der Gräfinn als bei
der Domina und der Fürstinn Gara melden, und ward von ihr mit der gewöhnlichen
Holdseeligkeit empfangen, die alle ihre Handlungen begleitete, und die
diesesmahl durch das Vergnügen über seine endlich erfolgte Ankunft noch erhöht
ward.
    Endlich, endlich, rief sie, kann ich meine Bitte um Befreiung aus Sankt
Nikola, selbst bei euch anbringen!
    Befreiung? erwiederte er, ich habe davon gehört! Ihr seid veränderlich! Dies
ist schon das zweite Kloster, das ihr während eures kurzen Aufentalts in dieser
Gegend überdrüssig werdet! - Ey ei! was wollte werden, wenn euch Gott für euer
ganzes Leben zum heiligen Klosterstand berufen hätte!
    Ich hoffe, das hat er nicht! erwiederte Ida lächelnd.
    Aber wenn nun? wenn nun, meine Tochter? -
    Ida erschrack; ein solches Wort aus dem Munde des Erzbischoffs von Ungarn
und Böhmen, mit einem solchen Tone gesprochen, konnte ihr nicht gleichgültig
sein!
    Und dies wär leicht möglich, fuhr der Erzbischoff fort, die Sachen eures
Propheten zu Prag stehen sehr übel, unser heiliger Vater hat ihn und alle seine
Anhänger in den Bann getan, mit Mühe ist er dem Scheiterhaufen entkommen, den
er aber, so Gott will, dessenohngeachtet Zeit genug finden soll!
    Ida weinte über das Schicksal des redlichen Huss, aus dessen Munde sie so
viel Gutes gelernt hatte.
    Pfui! schrie der geistliche Vater, nicht diese Tränen! sie machen euch zur
doppelten Ketzerinn! getraut ihr euch die Irrlehren dessen zu verteidigen, den
diese schönen Augen beweinen? -
    Nur hören, nur lernen, nur beklagen kann ich, nicht verteidigen! Gott ist
Richter! -
    Gut mein Kind, ich sehe ihr seid sanft und biegsam, eure Sache kann besser
werden als ihr denkt. Freilich drohet euch das Schicksal, das alle Anhänger
jenes Ketzers betroffen hat. Die gelindeste Züchtigung ist das Kloster auf
Lebenszeit. Kein Kloster, mein Kind, das ihr alle vier Wochen mit einem andern
vertauschen könnt, wahrscheinlich das zu Sankt Annen, in welchem, wie ich höre,
es euch bei eurem weltlichen Sinn sehr übel gefallen hat.
    Ida weinte und rang die Hände!
    Und, fuhr der Bischoff fort, eure Lage wird noch durch einen Punkt
verschlimmert, den ich kaum erwähnen mag. Ich höre, ihr liegt unter dem Bann des
heimlichen Gerichts! Ey ei! so jung, so schön, dem Anschein nach so unschuldig
und eine so grosse, so grosse Sünderinn! - Werdet ihr wohl eine andere Wahl haben,
als den Tod oder das Kloster?
    Subinko sah Idas Angst und wusste sie nach und nach so hoch zu treiben, dass
die Unschuldige seine Knie umfasste, und ihn um Rettung anflehte. Mich dünkt,
rief sie, ihr seid nicht hart und grausam, eure Augen sagen mir, dass ihr mir
wohlwollet, dass ihr mir gern helfen möchtet, wenn es euch möglich wär, und
sollte eurer Macht etwas unmöglich sein können? Nur Flucht oder Verbergung bis
auf bessere Zeiten! nur Nachricht an Königinn Sophien, Herzog Albrechten, oder
meinen Vater von meinem Zustande! mehr verlange ich nicht! O rettet mich,
heiliger Mann! - noch einmal diesen väterlichen Blick, welcher mir sagt, ihr
könnet mein Unglück nicht wollen.
    Sagt er das? erwiederte der Erzbischoff mit unbeschreiblicher
Freundlichkeit. Und wenn ich euch nun versicherte, dass dieser Blick nicht trügt,
dass ich in der Absicht kam, euch zu retten? dass ich euch beim ersten Anblick, da
ihr mir zu Prag vorgestellt wurdet, gewogen war? - Ihr hättet das leicht aus der
Freiheit schliessen können, die ich euch hier verstattete; keine andere an eurer
Statt hätte sich so vieler Nachsicht zu rühmen gehabt. Bedenkt, dass man euch mir
als eine Ketzerinn vorstellte!
    O so bestättigt meine süssen Hoffnungen, schrie die immer noch kniende Ida,
lasset meinem Vater wissen, wo ich bin, bei ihm halte ich mich am sichersten! -
    Und warum wollen wir die Hülfe so weit suchen? erwiederte er, indem er ihre
Hand ergriff, ist es euch um einen Vater zu tun, so kann ich ja selbst diese
Stelle vertreten. Sehet, ich werde alt, zwar noch nicht eben so gar alt, aber
doch alt genug, um eine schöne Pflegerinn zu brauchen, wolltet ihr das wohl
sein? - Sehet, ich habe mich jetzt den lästigen Geschäften zu Prag entzogen,
lebe in Zukunft auf meinem prächtigen Schloss am Ufer der Donau, wollet ihr
wohl dort die süsse Einsamkeit mit mir teilen, so lang ich lebe, meine
Freundinn, und nach dem Tode die Erbinn meiner Schätze sein?
    Ida hörte voll Aufmerksamkeit zu, ohne recht begreifen zu können, was sie
gehört habe. Die Tochter eines guten Alten, seine Pflegerinn zu sein, unter dem
Schutze des ungarischen Pabsts bessere Zeiten zu erwarten, war im Grunde für ihr
argloses Herz nichts anstössiges, doch sagte ihr ein inneres feines Gefühl, und
Kenntnis der Sitten ihrer Zeiten, dass dieses nicht ausführbar sei, auch war ihr
seine zunehmende Freundlichkeit und der Blick, mit dem er ihr, weil sie kniete,
gerad in die Augen sehen konnte, widerlich. Sie zog ihre Hand aus der Seinigen
und stand auf; er hatte sie schon zu lang in dieser demütigen Stellung
gelassen, die ihm vermutlich darum gefiel, weil sie seine kleine Person mit der
ihrigen in eine Art von Gleichheit setzte und ihm das Aufsehen zu ihr
erleichterte.
    Ihr müsst nicht zürnen, schöne Gräfinn, fuhr er fort, indem er sich
gleichfalls erhub, und ihre Hand von neuem ergriff.
    Ein Kloster, wenn es sein muss, sagte Ida wird bis zu glücklichern Zeiten der
beste Aufentalt für mich sein. Mein Stand -
    Redet doch nicht von eurem Stande, unterbrach er sie, wir wissen es, dass ihr
eine Gräfinn von Würtemberg seid; aber die Geschichte zeigt euch Personen von
weit höherem Range, welche die Freundschaft eines Bischoffs nicht verschmähten.
    Denkt an Matilden, die Marggräfinn von Toskana, welche es sich zur Ehre
schätzte, Pabst Gregor des siebenden geistliche Tochter zu sein, und derhalben
noch jetzt, dreihundert Jahr nach ihrem Tode hochgepriesen wird.
    Hatte der Erzbischoff wohl etwas mehreres nötig, als dieses Gleichniss, um
seine Absichten auf die schöne Ida völlig klar zu machen? - Ida stand starr vor
Erstaunen mit niedergeschlagenen Augen, ohne ein Wort zu sprechen. Glühende
Röte und Todenblässe überflogen wechselweise ihre Wangen, indes der heilige
Mann grinzend zu ihr hinauf sah und ein günstiges Urteil aus ihrem schönen
Munde zu erwarten schien.
    Matilde von Tuscien? sagte Ida zu sich selbst. Entsetzlich! ich und
Matilde? -
    Es ist wahr, die Geschichte der Marggräfinn von Toskana und ihres
geistlichen Liebhabers war in jenen Zeiten noch nicht so verrufen wie jetzt,
aber doch ward sie hinlänglich nach der Wahrheit beurteilt, um jeder guten
Seele Widerwillen einzuflössen. - Ida schauerte in sich zurück, schleuderte die
Hand des Erzbischoffs, welche unablässig nach der ihrigen tappte, mit Ungestüm
von sich, brach in Tränen aus und kehrte ihm den Rücken.
    Der verliebte Alte liess nicht ab mit seinen Vorstellungen. Ida geriet
beinahe in Wut über seine Zudringlichkeit, wenn sich dieser Ausdruck anders bei
ihrer sanften Gemütsart rechtfertigen lässt. Die Reizung zum Zorn war auf beiden
Seiten zu mächtig, man sagte sich Bitterkeiten, und schied aufgebracht und
drohend von einander.
 
                         Drei und zwanzigstes Kapitel.
             Auch dem elendesten Stande fehlt es nicht an Freuden.
Was wird aus mir werden! rief Ida, Gott was wird aus mir werden! Die Rache des
Unwürdigen wird mich verfolgen! Nie nie werde ich die wiedersehen, welche ich
liebe.
    Sie ging zu der Fürstinn Gara, sie Teil an ihrem Unglück nehmen zu lassen,
und ihren Rat zu hören, aber die Worte erstarben ihr auf der Zunge. Sie
errötete, dass jemand ausser ihr den schimpflichen Auftrag wissen sollte, den man
gewagt hatte ihr zu tun.
    Der Erzbischoff ist bei euch gewesen, sagte die Fürstinn, habt ihr keine
Veränderung in seinem Wesen gemerkt?
    Ich kenne ihn zu wenig um urteilen zu können! -
    Mich dünkt, er war mürrisch, niedergeschlagen, verlegen! - wisst ihr die
Ursach?
    Ida errötete; sollte er die Kühnheit gehabt haben von dem, was unter uns
vorging, gegen andere zu sprechen? sagte sie zu sich selbst
    Doch ihr könnt sie nicht wissen, fuhr die Fürstinn fort, er wird sie niemand
sagen und mir hat sie die Aebtissinn nur im höchsten Vertrauen entdekt. Ihr wisst
seine Händel mit dem neuen böhmischen Prediger, die auch euch hieher brachten,
er hat sie so weit getrieben, dass König Wenzel endlich unwillig geworden ist,
und ihm, vermutlich auf Anraten seiner Gemahlinn, unter den Fuss geben lassen,
er möchte sich entfernen. Er ist seiner Würde in Böhmen so gut als entsetzt.
König Siegmund schützt ihn noch; in Ungarn bleibt er noch was er war, aber wie
lang? -
    Ists möglich? unterbrach Ida ihre Freundinn, die Macht des Nichtswürdigen
ist gefallen? und ich habe also nichts zu besorgen?
    Die Fürstinn rechnete Idas Schadenfreude bloss auf den Unwillen, den sie
wegen vergangener Dinge gegen den Erzbischoff haben musste, und erklärte ihr das
deutlicher, was ihr so viel Vergnügen zu machen schien, indessen Ida allen ihren
Kummer verschwinden fühlte, und sich vornahm, ihrer Freiheit zu gebrauchen, und
des nächsten Tages ihre Reise nach Sankt Emri anzutreten.
    Ihr Entschluss, das Kloster zu verlassen, ward den Nonnen nochmals
vorgetragen, und diese versicherten, der Erzbischoff habe befohlen, wenn sie
denselben von neuem äusserte, sich ihm nicht zu widersetzen! -
    So waren also Idas Besorgnisse wegen der ohnmächtigen Drohungen ihres
Verfolgers gänzlich gehoben. Der Elende! sagte sie zu sich selbst, so sehr ist
seine Macht gesunken, dass er mir nicht einmal meine kleinen Wanderungen
einschränken darf! ich will sie fortsetzen, bis ich gefunden habe was ich suche,
und dann ihm und allen Feinden der Unschuld zum Trotz glücklich sein! - Es ist
wahr, ich könnte mich gleich auf den Weg nach Italien zu meinem Vater oder nach
einem andern selbstgewählten Sicherheitsort begeben. Aber, nein, ich will meinem
Entschluss treu bleiben, will Herzog Albrechts Aufträge ausrichten, und dann erst
an mich selbst denken.
    Ida reiste ab. Der Weg nach Sankt Emri war nicht klein genug um so wie die
schöne Wanderinn wünschte zu Fusse unternommen zu werden; sie bekam einen Wagen.
Sie bat um die Begleitung einer der Klosterjungfern, aber man antwortete, der
Bischoff habe dieses verboten. Seine Macht ist immer noch gross genug, dachte
Ida, als sie den Klosterberg hinabfuhr, und der Wagen in das Tal einlenkte,
welches Sankt Nikola und Sankt Annen von einander trennte.
    Sie erblickte in der Ferne einige Gewappnete, die gegen ihren Wagen daher
zogen; ihre Anzahl war zu klein, ihr Wesen zu friedlich, als dass sie sich über
diese Erscheinung hätte beunruhigen sollen. -
    Sie kamen näher. Ida erkannte die Rüstung, die sie des vorigen Tages an den
Reisigen des Erzbischoffs gesehen hatte. Ein kalter Schauer überfiel sie; so
wenig ihrer Freunde, so schwach sie auch sein mochten, sie war doch eine
einzelne Dame allemahl unfähig sich zu widersetzen, wenn hier Absichten auf sie
statt haben sollten.
    Einer von den Reutern, ein alter Mann mit einem ehrlichen Gesicht, nahte
sich dem Wagen. Wir sind gesandt euch zur Begleitung zu dienen, sagte er.
    Zur Begleitung? wiederholte sie, wohin? -
    Wohin ihr gedenkt. Ins Kloster! -
    Gewiss gewiss ins Kloster? fragte Ida Ich beschwöre euch, Alter, sagt mir die
Wahrheit.
    So wahr mir Gott helfe und die heilige Jungfrau! erwiederte er mit auf die
Brust gelegter Hand, und einer Miene voll frommer Einfalt.
    Ein ehrliches treuvolles Gesicht hat die Kraft, jeden Argwohn zu stillen.
Ida glaubte, was man ihr sagte, und beruhigte sich. Auch hatte sie nicht Zeit
lang über ihr Schicksal ungewiss zu sein, denn die Reise war eher geendigt als
sie glaubte. Der Weg nach Sankt Emri war weit, und gleichwohl hörte sie, dass
einer ihrer Begleiter sagte: Wir sind bald an Ort und Stelle, dort unten erheben
sich schon die Klostermauern.
    Ida beugte sich heraus und sah die Spitzen von Sankt Annen. Wohin bringt
ihr mich! schrie sie, - Ins Annenkloster, wir habens euch schon gesagt. - Ich
verlange nach Sankt Emri! dazu haben wir keinen Befehl! -
    Ida wollte aus dem Wagen springen, der Alte, mit welchem sie anfangs sprach,
hielt sie zurück. Sie schalt ihn einen Verräter, ohne zu bedenken, dass sie ihn
nicht nach dem Namen des Klosters gefragt habe, und denselben also auch nicht
hatte erfahren können. - Der Alte beteuerte, dass er ihr ihn nicht absichtlich
verschwiegen habe. Warum hätte ich es tun sollen? sagte er, ihr waret doch in
unserer Gewalt und mustet dahin folgen, wohin es uns befohlen war, euch zu
begleiten.
    Ida lehnte sich zurück, und weinte. Der Wagen fuhr zu den geöfneten
Klosterpforten ein, die bekannten Gesichter der verdriesslichen Nonnen kamen zum
Vorschein. Die Gräfinn musste aussteigen, und befand sich wieder an dem Orte, den
ihr der Aufentalt von wenig Wochen schon so zuwieder gemacht hatte, und den sie
jetzt nicht hoffen durfte so bald zu verlassen, als da sie ihn zum ersten mahle
sah.
    Sie ward vor die Aebtissinn geführt. Willkommen, Gräfinn, sagte sie. Ich
sehe die Nonnen zu Sankt Nikola haben einerlei Schicksal mit uns gehabt, ihr
seid ihrer schnell überdrüssig worden. - Doch scheint es, der Vorteil ist auf
unserer Seite, wir werden zum zweitenmahle besucht, und jene auf immer
verlassen.
    Auf immer? fragte Ida. -
    Wenn ich den Worten des Erzbischofs trauen darf! - Ihr werdet euch gefallen
lassen, die Probezeit bei uns zu halten, und dann soll es euch erlaubt sein, in
unsern Orten zu treten, und Teil an allen Rechten und Freiheiten zu nehmen
welche wir geniessen. -
    Ich bin nicht gesonnen den geistlichen Stand zu wählen, wenigstens nicht in
diesem Kloster. -
    Ida, ihr nötigt mich Dinge zu sagen, welche euch nicht gefallen werden;
soll ich laut davon sprechen, dass ihr von der heimlichen Acht verfolgt werdet,
dass euch kein anderes Rettungsmittel für euer Leben übrig ist als das Kloster!
Keine von meinen Fräuleins wird euch Schwester nennen wollen, wenn dieses kund
wird. Solche Personen, wie ihr, gehören in die Klöster der Büssenden. Dankt es
der Gnade des Erzbischoffs, dass er euch retten will, dass er von diesen Dingen
schweigt, auch mir geboten hat zu schweigen, ich fürchte, ihr würdet sonst
selbst in diesen heiligen Mauren nicht sicher sein!
    Ida konnte mit nichts antworten als mit ihren Tränen. Die Domina hielt
dieses für Tränen der Busse, versicherte sie ihrer Gnade, und reichte ihr ihre
Hand zum Kuss; ein Zeichen, dass sie schon von ihr als eine der Unglücklichen
angesehen wurde, welche unter ihrem geistlichen Scepter standen.
    Die Geschichte meldet nicht, ob Ida sich bei dieser Gelegenheit gebührlich
betrug, und wir haben billige Ursach daran zu zweifeln. Das Unglück, das sie
jetzt betraf, war ihr noch zu neu, dass sie sich darin hätte schicken, oder sich
gutwillig vor ihrer strengen Oberinn demütigen sollen.
    Ach, seufzte sie, als sie auf ihre Zelle kam, ich Törinn, dass ich glauben
konnte, die Beleidigung eines geistlichen Fürsten würde mir ungestraft hingehen!
ich Törinn, dass ich die guten Nonnen zu Sankt Nikola verliess, um mich selbst in
diesen Kerker zu liefern. Dort hätte mich die Grausamkeit des Erzbischoffs nicht
so treffen können wie hier, dort hätte ich wenigstens die Fürstinn Gara zur
Zeuginn, zur Helferinn in meiner Not gehabt, und hätte man mich ja zum
Klosterleben zwingen wollen; so wär es doch allemahl besser gewesen dort als
hier. - O dass ich nicht wenigstens der Fürstinn einen Wink von der Scene
zwischen mir und meinem Verfolger gab! dies hätte sie doch aufmerksam auf mein
Schicksal gemacht, hätte ihr doch Mutmassungen eingeflösst, wenn sie nun
erfährt, dass ich nicht zu Sankt Emri angekommen bin! - O der törichten Sucht
nach Wanderungen und Abenteuren! o des unüberlegten Bestrebens andern zu
helfen, wenn man selbst hülflos ist! - Marie ist tod wie die Fürstinn sagt und
wie mir selbst jetzt sehr wahrscheinlich dünkt, ich jage ihrem Gespenst nach und
stürze darüber in einen Abgrund, aus welchem nichts mich retten kann!
    So klagte Ida, bis sie sich überzeugte, dass Klagen nichts hülfe, und nur
Geduld, und Tätigkeit im Stande sei, das Böse zu überwinden.
    Schon der erste Anblick des Klosters zu Sankt Annen und seiner düstern
Bewohnerinnen hatte, wie wir wissen, der Gräfinn Widerwillen und den Wunsch sich
zu entfernen eingeflösst, jetzt da sie diesen traurigen Ort genauer kennen
lernte, mehrten sich seine Schrecknisse in ihren Augen. Jenesmahl hatte man ihr
mit Achtung begegnet, ihr das beste Zimmer des Hauses gegeben, ihr alle Freiheit
gelassen, ihr so viel man sich darauf verstand zu gefallen gestrebt, jetzt war
all dieses so ganz anders, jetzt kam zu allen diesen noch der Gedanke: Hier musst
du ewig bleiben! und es fehlte wenig, dass Ida unter ihrem Leiden erlag.
    Ihr einiger Trost war noch das Probejahr, das sie erst zurücklegen musste,
ehe sie das unwiderrufliche Gelübde auszusprechen genötiget ward. Wie viel
konnte in dieser Zeit geschehen! Ihr Leben war so voll von wunderbaren und
schnellen Aenderungen, dass ihr die Hoffnung zuflüsterte, auch hier würde das
Schicksal Zufälle unvorhergesehener Ereignisse einschieben, welche der Sache ein
heiteres Ansehen geben könnten!
    O Hoffnung, Engel des Himmels, trittst du an die Seite des Leidenden, so ist
er schon halb gerettet! Die Schmerzen hören auf an seinem Leben zu nagen, die
Ketten werden leicht an seinen Händen. Er fühlt das Gegenwärtige nur halb und
lächelt der Zukunft entgegen!
    
    Ida fand es sehr wahrscheinlich, dass ihr binnen Jahresfrist könne geholfen
werden, und sie nahm sich vor, um bis zu der glücklichen Rettung, die sie
träumte, nicht ganz unglücklich zu sein, nicht ehe sie erschien vom Gram
getödtet zu werden, sich in ihr Schicksal zu fügen, mit heiterer Stirne zu
dulden, zu tun, und zu unterlassen, was ihre Zuchtmeisterinnen ihr auflegen und
ihr neuer Stand erfordern würde.
    Die Kränkungen der unglücklichen Gräfinn in diesem Aufentalt des Schreckens
waren unzählich, wir haben ihn und seine Bewohnerinnen im Vorhergehenden zur
Gnüge beschrieben um unsere Leser raten zu lassen worinnen sie bestanden.
    Die Mühseligkeiten des Noviziats wurden der künftigen Ordensschwester
doppelt schwer gemacht, weil sie zu einer ganz andern Art von Geschöpfen zu
gehören schien als ihre Gefährtinnen. Diese Schönheit, diese Herzensgüte, diesen
frohen Mut zu zerstören, sie in Hässlichkeit, Mismut und Feindseligkeit
umzuwandeln, dazu gehörten ungewöhnliche Anstrengungen, und man vergass nicht sie
der Armen in reichlichem Maasse zuzuteilen.
    Die erste Hälfte des Probejahrs war die peinlichste für Ida, sie verfloss,
wie noch heut zu Tage im Noviziat gewöhnlich ist, unter einer Menge zweckloser
vergeblicher Arbeiten, die man mit den Geschäften der Wasserträgerinnen des
Erebus vergleichen könnte; ermüdend und ganz ohne Nutzen. - Welch ein Gefühl für
eine so edle, schöne, stets nützlich beschäftigte Seele, ihre Kräfte ohne Nutzen
verwenden zu müssen, den entfliehenden Tagen kein anderes Zeichen mit geben zu
können, dass sie dagewesen waren, als ein paar Tränen, kein Denkmahl von ihrem
Besuch aufweisen zu können als allenfalls Wachstum in der Geduld.
    Diese traurige, Ida in ihrem folgenden Leben ganz unvergessliche nie genug
bedauerte Zeit ging endlich auch vorüber, und man fing an, der unglücklichen
Gräfinn edlere, vielleicht eben so beschwerliche, eben so traurige aber doch
nützlichere Arbeiten aufzutragen als die vorigen.
    Ida jauchzte, als man ihr bekannt machte, sie sei zur Wärterinn der Kranken
erwählt worden. Bekümmerte zu trösten, Elend zu lindern, und wo sie es nicht
konnte mit den Weinenden zu weinen, war ja immer eine ihrer
Lieblingsbeschäftigungen gewesen, wie hätte ihr vor dem Geschäfte bange sein
sollen, zu welchem sie jetzt angewiesen wurde. -
    Doch fand Ida, als sie sich näher mit demselben bekannt machte, dass es nicht
so leicht sei, als sie meinte, dass es ein anderes ist Werke der Barmherzigkeit
bloss nach Wohlgefallen zu üben, und sie als sein eigenes Geschäft ansehen zu
müssen. - Sie hatte vordem auch wohl Kranke besucht, Verwundete verbunden, und
Sterbende getröstet, wie es die fromme Sitte jener Zeiten mit sich brachte, aber
weder Tag noch Nacht andere Gegenstände als Leidende zu sehen, nichts als
Seufzer zu hören, stets in der Stille des Todes zu wandeln, welch eine Lage für
eines der zärtesten fühlendesten Herzen, die der Schöpfer jemahls bildete!
    Die ungesunde Lage des Klosters zu Sankt Annen machte die Anzahl der Kranken
für eine einige Wärterinn fast zu gross. Doch Idas weise Sorgfalt minderte sie.
Es kamen unter den Gesunden wieder Gesichter zum Vorschein, die man seit Jahren
nicht gesehen hatte, und die die Schwesterschaft als von den Toden Erstandene
begrüsste. Die Nonnen zu Sankt Annen waren eben nicht die liebreichsten und
verständigsten Wärterinnen, durch ihre Vernachlässigung welkte manches hin und
starb, was der Fleis der guten Ida wieder zum Aufblühen brachte.
    Ausser dem Danke der Geretteten ward der Gräfinn noch ein Lohn zu Teil, sie
lernte im Krankenzimmer Personen kennen, die sie zuvor nie gesehen hatte, und
die in vieler Betrachtung die besten des Klosters waren. Die Gekränkten, die
Unterdrückten, die Vernachlässigten, wurden nur gar zu bald, bei schlechter Luft,
schlechten und abgekürzten Nahrungsmitteln, Bewohnerinnen der Krankenstube,
indessen ihre Freundinnen in voller Gesundheit über sie triumphirten und ihrem
Tode entgegen sahen. Ida freute sich, auch an einem Orte wie Sankt Annen, gute
Seelen zu finden, sie stärkte sie mit physischen und moralischen Heilmitteln und
brachte sie ans Licht, fähiger als zuvor das Böse zu ertragen, das ihnen von
neuem bevorstand.
 
                         Vier und zwanzigstes Kapitel.
Unter den Kranken, deren Anzahl sich jetzt durch die gute Wartung bis auf drei
oder viere gemindert hatte, befand sich eine, welche von Anfang Idas besondere
Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.
    Eine grosse schweigende Dulderinn, die für alles Worte hatte, nur nicht für
ihren Schmerz, ihre Krankheit schien unheilbar zu sein, eine gänzliche
Aufzehrung aller Lebenskräfte, jene Ermattung, die eigentlich nur das hohe Alter
herbeiführt, zu welchen die gute Nonne noch nicht den halben Weg zurückgelegt
hatte. - Ihr Körper war es nicht allein welcher litt; ihre Seele duldete namlose
Qualen, nicht von Sorge für die Zukunft, wie sie zuweilen in Stunden der
Vertraulichkeit zu Ida sagte, die Zukunft lag heiter vor ihr in den Gefilden der
Ewigkeit ausgebreitet, nein von Erinnerung des Vergangenen, welches, wie
zuweilen eines ihrer Worte andeutete, schrecklich für sie gewesen sein musste. -
Sie musste alles verloren haben, was ihr lieb war, musste es auf ungewohnt
traurige Art verloren haben, kein Band schien sie mehr an die Erde zu fesseln,
und zürnte mit dem Tode, dass er so lang zögerte ihr den Trank des Schlummers und
der Vergessenheit zu reichen.
    Ida wagte der bescheidenen Fragen viel an sie, aber nie bekam sie
befriedigende Antwort. Sie fragte, wie lang sie litte? - Lang! war die Antwort.
Wie lang sie unter die Kranken gezählt werde? Seit die Hoffnung des nahen Todes
mich fast gesund macht. Welchen Stand sie in der Welt behauptet habe? - Den
elendesten! Was sie verloren habe? - Alles!
    Die Gräfinn hatte den Glauben, dass kein Leiden der Erde ohne Linderung ist,
wenn man sich nur nicht scheut seine Wunde der Freundschaft zu entüllen, sie
sann Tag und Nacht darauf, ihrer geliebten Kranken ihr Geheimnis zu entreissen,
sie las in ihren Mienen, setzte ihre gebrochenen Worte zusammen, und belauschte
ihren Schlummer, ob sie nicht endlich etwas würde ausspähen, ein im Traum
entfallnes Wort auffinden können, das ihr entdeckte, auf welcher Seite ihrer
kranken Freundinn der lindernde Balsam beizubringen sei, sie bekam sonderbare
Mutmassungen, aber dies war auch alles. -
    Endlich kam sie auf den glücklichen Einfall, Vertraulichkeit durch
Vertraulichkeit zu erwecken, und die geliebte Nonne mit ihren eigenen
Schicksalen bekannt zu machen. Die Kranke hatte der schlaflosen Nächte viel,
oder vielmehr nur die kleinste Hälfte der Nachtzeit war bei ihr dem Schlafe
gewidmet, die andere fiel einer Art von wachenden Träumen anheim, die zu
schrecklich waren, als dass sie nicht die menschenfreundliche Ida auf alle Art
hätten stören sollen.
    Mitternacht ist vorüber, sagte sie einsmahl zu der Kranken, unsere
Schwestern schlafen, womit soll ich auch euch den Schlaf herbei rufen? - Schlaf
auch du, meine Ida, antwortete sie, und lass mich allein wachen. -
    Ach ich habe so manche Nacht in meinem Leben durchwacht, dass ich wohl
gelernt haben kann den Schlaf zu entbehren! -
    Du? - Glückliche pflegen sanft zu schlafen, wenn die Unglücklichen wachen! -
    Haltet ihr mich für glücklich? - O solltet ihr die traurige Geschichte
meines Lebens wissen! wie oft ich dem Tode nahe war, wie Schande und Verleumdung
hinter mir herjagten, wie das Schwerd an einem dünnen Faden über mir hing, wie
ich von denen getrennt wurde, die ich liebte! -
    Getrennt? - durch Tod, Untreu, Verräterei getrennt? - O erzehle! solche
Geschichten sind gut für den zu hören, der ähnliches Leiden erfuhr!
    Und Ida erzehlte.
    Was sie erzehlte und erzählen konnte, mein Leser, das weisst du, aber die
Würkung, welche die Geschichte auf die Zuhörerinn tat, ist schwerer zu
erraten, blieb selbst Ida in den ersten Tagen ein Geheimnis. - Idas Erzehlung
ward zu sehr mit kleinen uns unbekannten Umständen, mit Fragen von der einen,
und Betrachtungen von der andern Seite durchwebt, als dass sie in einer Nacht
hätte können geendigt werden, auch nutzte die Gräfinn nur die Stunden dazu, von
welchen sie wusste, dass sie ihre Freundinn allemahl schlaflos zubrachte; wenn der
Morgen anbrach, der so manchen Kranken erst den Schlummer mitbringt, dann
schwieg sie, die Augen ihrer Freundinn schlossen sich und auch sie legte sich zu
einem kurzen Schlafe an ihre Seite.
    Der Haupteindruck, den Idas Geschichte auf die Zuhörerinn machte, bestand
anfänglich bloss in vermehrter Neigung für die Erzählerinn, bei einigen Stellen
merkte die Gräfinn wohl eine Art von Bewegung bei der Kranken, auch wohl einige
hervorquellende Tränen, aber sie wusste nicht recht, was sie aus denselben
machen sollte. Diese Bewegung, diese Tränen kamen oft an Stellen zum Vorschein,
wohin sie gar nicht gehörten, mussten vielleicht durch Nennung eines bekannten
Namens, durch Erregung einer verwandten Idee hervorgebracht werden; man kennt
die Eigenheiten schwacher Gemüter, auch Ida kannte sie, und war klug genug, sie
unbemerkt vorübergehen zu lassen.
    Ida war ganz offenherzig gegen ihre Freundinn; was hätte sie für Ursach
haben können, ihr einen einigen Umstand ihrer Geschichte zu verschweigen? und
wie konnte sie wissen, welcher Teil derselben die Wirkung hervorbringen würde,
welche sie wünschte?
    Die Gräfinn war in ihrer Geschichte ohngefehr bis dahingekommen, wo Herrmann
ihr seine Begebenheiten auf dem Schloss Cyly erzählte, und ihre genaue
Aufmerksamkeit auf die Zuhörerinn hatte gemacht, dass sie sah, sie dürfe nur
einen oder zween Namen nennen um der Kranken einen Seufzer oder wohl gar eine
Träne abzulocken; eine Entdeckung, welche ihr Mutmassungen einflösste, die sie
schon oft aus andern Gründen gehabt, aber immer als unwahrscheinlich wieder
verworfen hatte. - Sie machte die Probe einigemahl und ward ihrer Sache gewiss.
    Sie wusste noch zwei Personen in ihrer Geschichte, deren Nennung den
heftigsten Eindruck auf die Hörerinn machen mussten, wenn sie wirklich diejenige
war, für welche Ida sie nach und nach zu halten geneigt wurde. Sie sparte diese
teuren Namen, besonders den einen derselben, sorgfältig auf einen Augenblick,
vermied, sie zu frühzeitig zu erwähnen, und fuhr, als sie an die Stelle kam,
welche sie zu Entüllung des grossen Geheimnisses bestimmt hatte, in ihrer
Erzählung, welche sie jetzt bis auf ihre Ankunft im Kloster Nikola gebracht
hatte, folgendermassen fort:
    »Ich habe euch gesagt, dass es Herzog Albrecht von Oesterreich war, welcher
mich zu Nürnberg in Schutz nahm, und mir in einem ungarischen Kloster Sicherheit
zu schaffen versprach. Ich war, wie ihr wisst, durch ganz andere Mittel nach
Ungarn gekommen als durch seine Hülfe, aber ich vergass nicht die Aufträge, die
er mir in diesem Lande gegeben hatte. O Schwester! - Aufträge von der grössten
Wichtigkeit, Aufträge, an welchen das Glück vieler Personen haftete. Soll ich
sie euch entdecken? - doch ich kann es ohne Gefahr!
    Herzog Albrecht - Mich wundert, dass ihr dies nicht zu wissen scheint, - war
der versprochene Gemahl einer liebenswürdigen Prinzessinn, diese Prinzessinn
hatte eine Mutter, die man sechszehen Jahr lang für tod gehalten, von deren
Leben man jetzt zu sprechen begunnte; die letzte, diese grosse unglückliche Dame
in diesen Gegenden aufzusuchen, war das mir aufgetragene Geschäft. Herzog
Albrechts Braut hiess Elisabet, ihre Mutter Marie.«
    Elisabet? Marie? wiederholte die Nonne mit einem Tone, der sich besser
denken als beschreiben lässt.
    Elisabet König Siegmunds Tochter! fuhr Ida fort, und Marie, der
unglückliche Königinn von Ungarn.
    Ja wohl unglücklich! rief die Kranke mit zusammengeschlagenen Händen. - Aber
ihr sprecht von lauter Toden. Marie ist tod, muss tod bleiben! - und Elisabet? -
sonderbar, sie starb ja in ihren ersten Kinderjahren!
    Elisabet? - ihr irrt. Sie lebt, ist die Erbinn von Ungarn, und die Verlobte
des edelsten Fürsten der Welt -
    Unmöglich! unmöglich! - O dass ihr wahr reden möchtet, dass ich dies liebe
Kind noch einmal an meinen Busen drücken könnte!
    Ida sah jetzt deutlich, was auch meine Leser sehen, vielleicht schon längst
gemutmasset haben werden. Ihr Herz hub sich vor Freude und Kummer hoch empor,
aber sie unterdrückte ihre Gefühle und fuhr fort.
    Wollte Gott, dass ich euch die Prinzessinn, die euch so lieb zu sein scheint,
augenblicklich darstellen könnte, aber sie lebt weit von hier, lebt im Kloster
Klausenburg; doch eine Freundinn von ihr, eine Zeuginn ihres Lebens ist in der
Nähe, ist zu Sankt Nikola. Die Fürstinn Rosa Gara. -
    Die Fürstinn Gara? - Träumerinn! auch diese ist tod, ihr wisst, sie starb
bald darauf als ich - als Marie die junge Elisabet zur Welt brachte -
    Die Fürstinn Rosa Gara lebt, lebt zu Nikola, ich kam aus ihren Armen in
dieses Kloster. -
    Rosa lebt? meine Rosa Gara lebt? Elisabet lebt? - O Übermass von Freude! -
Nein! unmöglich! -
    Marie war bei diesen Worten ohne Empfindung zurückgesunken. Die entzückte
Ida knietw an ihrem Lager, strebte sie zu erquicken, und netzte ihre Hände mit
ihren Tränen. Meine Königinn rief sie, teure unglückliche Marie! erwacht,
erwacht zu besseren Tagen! -
    Marie erwachte, richtete sich hoch auf, sah wundernd um sich her, tat neue
Fragen, erhielt ihre Beantwortung, konnte der entzückten Ida nicht mehr
verheelen, wer sie war, warf sich in ihre Arme, weinte an ihrem Busen, rief noch
tausendmahl, ob es möglich sei, ward überzeugt, und erlag unter dem Uebermaas
ihrer Gefühle.
    Nicht leicht konnte eine der wichtigsten Entdeckungen besser vorbereitet und
mit mehr Schonung behandelt worden sein als diese, und doch tat sie die
gefährlichste Wirkung auf das Gemüt der Königinn.
    Sie ward todtkrank, Ida weinte an ihrem Lager und hielt es für unmöglich sie
zu retten. Ach seufzte sie, hätte ich sie nur erst in die Arme ihrer Geliebten
liefern, ihr nur noch diesseit des Grabes die Freuden des Wiedersehens gewähren
können!
    Die Gräfinn ging zu der Aebtissinn, und bat mit der Demut, die sie jetzt
hatte lernen müssen, man möchte der todtkranken Schwester Veronika - (dies war
Mariens Klosternahme) - vergönnen sich nach Sankt Nikola bringen zu lassen, um
in der dasigen gesunden Luft eher zu genesen oder ruhiger zu sterben. -
    Sie ward mit Ungestüm abgewiesen! - Man fragte sie, ob ihr die Lust zu
wandern von neuem ankäme?
    Ich bitte nicht für mich, antwortete Ida, nur für die Kranke, man vergönne
mir, sie dort hinzubegleiten, und nachdem ich den dasigen Wärterinnen gesagt
habe, wie sie zu behandeln ist, in dieses Kloster zurückzukehren, das ich in
Demut als den Ort meiner Bestimmung erkenne
    Die Aebtissinn meinte, an dem Leben der elenden Veronika sei nicht so viel
gelegen. Ida merkte, dass Marie hier wirklich nicht unter ihrem wahren Namen
bekannt sei, wagte es nicht, sie zu entdecken, und ging traurig nach der
königlichen Kranken zurück.
 
                         Fünf und zwanzigstes Kapitel.
                            Die Schwester Veronika.
Die Gräfinn widmete sich ganz der Wartung der erhabenen Marie. Das Schicksal
erleichterte ihr dieselbe. Eine der noch übrigen Kranken starb, die andern
genassen, und Ida konnte alle ihre Zeit für die Königinn verwenden.
    Man dachte im Kloster menschlich genug, sie hierinn nicht zu stören, ihr
Noviciat war bis auf wenige Monate verflossen, sie hatte sich untadelhaft in
demselben verhalten, und es war wider die Regel, am Ende der Probezeit noch auf
neue Lasten für die künftige Schwester zu sinnen.
    Ida sann Tag und Nacht, wie sie Mariens Schicksal verbessern und sie in
Elisabets Arme bringen könne, ihre vornehmste Hoffnung beruhte auf dem Besuche
der heiligen Nikola, den dieselbe, wie dem Leser bekannt ist, jährlich bei ihrer
ältern Schwester Sankt Annen abzulegen pflegte, und der nunmehr in wenig Wochen
gefällig war. Sie wusste, dass die Prozession diesesmahl nicht so feierlich sein
würde wie des vorigen Jahrs, aber es war doch möglich, dass sich unter den
Begleiterinnen der Heiligen eine von den Nonnen jenes Klosters befand, die sie
vorzüglich liebte, und durch die sie der Fürstinn Gara ein vertrautes Wort
zuentbieten konnte.
    Die Königinn erholte sich unter ihrer liebreichen Pflege; Ida stärkte sie
mit umständlicher Erzehlung der Dinge, die ihr Freude machen konnten, und gab
ihr Teil an ihren Hoffnungen. Marie lernte jetzt wieder hoffen, sie glaubte so
viel verloren zu haben, fand so viel wieder, wie hätte sie nicht hoffen sollen?
    Ida wusste aus der Erzählung der Fürstinn Gara viel von den Schicksalen der
unglücklichen Königinn, aber der letztere Teil derselben blieb ihr noch immer
ein Rätsel. Niemand konnte es ihr lösen als Marie selbst, aber wie sollte sie
einer todtschwachen Person eine Erzählung, wie einem gekränkten Herzen die
Erneuerung seiner Leiden zumuten! - Sie schwieg und verschloss ihr Verlangen
bescheiden in ihrem Busen, doch konnte es den Augen der sie liebenden Königinn
nicht ganz entgehen.
    Ich sehe was du wünschest, meine Ida, sagte sie einsmals, und Gott lob, dass
ich dir willfahren kann, ohne mich selbst dabei aufzuopfern, du sollst alles
wissen, ich habe es schriftlich verfasst, ach die Feder war ja mein einiger Trost
in dieser traurigen Wohnung! ich freute mich meinen stummen Schmerz doch auf
einige Art reden zu lassen, doch ein Denkmal meiner Leiden zurück zu lassen,
damit ich dem ungeheuren Strom von Tränen, der auf dieser Welt geweint wird,
die meinigen nicht ganz verschlungen, ihre Spur nicht gänzlich ausgetilgt würde!
    Und wo soll ich dies kostbare Dokument von den Leiden einer Heiligen finden?
fragte Ida. -
    Es gibt in diesem Kloster nur einen Ort, der der boshaften Neugier heilig
ist! - erwiederte die Königinn, dort habe ich mein trauriges Tagebuch verborgen.
- Das Grab verhüllt meine Geheimnisse! - Ich grub mir nach hiesiger Sitte meine
Ruhehöle selbst, besuchte sie oft, netzte sie mit meinen Tränen und vertraute
ihr meine Leiden, du wirst den Ort mit leichter Mühe finden, das Kreutz mit dem
Namen Veronika kann dich nicht täuschen, der Mond zeigt dir den Weg.
    Es war Mitternacht, alles ruhte im Kloster, und Ida eilte nach dem
Kirchhofe. Marie harrte ihrer lange, endlich erschien sie. Du bist lang
geblieben, mein Kind, sprach die Königinn. - Das Grab war eingesunken,
erwiederte die Gräfinn mit etwas erschrockenem Ton, es kostete mir Mühe das
Kästchen mit der Schrift zu finden, auch weinte ich im Vorübergehen am Grabe der
kürzlich verstorbenen Schwestern einige Tränen!
    Setze dich, und lies, sagte Marie, vielleicht dass mir meine Leiden
erträglicher dünken, wenn ich sie durch deine sanfte Stimme höre, und ach, sie
sind ja vergangen, und mir lacht, o Gott, so unvermutet! noch diesseit des
Grabes einige Hoffnung!
    Ida las. Die Schrift war sorgfältig in Blei gehüllt und wohl conservirt.
                          Tagebuch der Königinn Marie.
Ja Schwestern, ich war einst eine Königinn! die arme von euch so verachtete
Veronika trug einst eine Krone. - Heil mir! wenn diese Buchstaben vor eure Augen
kommen werden, so sind die Leiden, die mir das Diadem brachte, und die Freuden,
die ich vergeblich von ihm hoffte, vergessen, der Traum ist geträumt und ich bin
zum Leben erwacht. Auch das letzte Ueberbleibsel von mir, dies kleine ruhende
Häufchen Asche, auch dies wird erwachen, wird eben so froh erwachen, als eure
Gebeine, und wir werden alle Freundinnen sein!
    Schwestern, das hoffe ich gewiss! Ich war keine böse Königinn, weder Blut
noch Tränen haften an meiner Krone als die meinigen. Ich kann meinem Richter
froh entgegen gehen! - Ich werde selig sein, Gott, ich werde selig sein wie ihr!
    Ihr wisst den Tag, da ich nach Sankt Annen kam, niemand kannte mich als eure
Aebtissinn, die nun auch unter jenem Hügel ruht, und einer andern Platz gemacht
hat, welche mich nicht kennt. Ich danke Gott dafür, dass ich ihr und euch allen
unbekannt bin. Gott kennt mich, das ist mir genug!
    Doch auch ihr sollt einst wissen wer ich war, und durch meine Geschichte
Menschlichkeit gegen Unbekannte lernen. - Ich war die Gemahlinn eines grossen
Königs, ich wage es nicht seinen Namen zu nennen, ihr könnt ihn raten. - Mein
Gemahl liebte mich nicht. - Er war mein alles auf der Welt, ich hatte jeden
verloren der meinem Herzen nahe war, hatte meine Mutter auch auf eine
schreckliche Art verloren; doch liebte er mich nicht, dachte nicht darauf, mir
das verlorne zu ersetzen. Ich war nicht schön, war schwermütig, andere waren
schön und froh; die Hand des Unglücks hatte sie noch nicht getroffen und ihren
Reiz verheert; dies war mein Verbrechen! -
    O Barbara, Barbara! du triebst mich aus den Armen meines Gatten, aus dem
Schoss meines väterlichen Hauses. - Ich kam nach Sankt Nikola einer
unglücklichen Waise das Leben zu geben, und dann zu sterben! - Noch hatte ich
eine Freundinn, Rosa war ihr Name, sie begleitete mich nach Sankt Nikola, mir in
der Stunde des Leidens und des Todes beizustehen. - Auch dieser Trost war mir
entzückt! - Meine Rose neigte sich zu welken, ehe der Augenblick kam, da sie mir
Erquickung zuhauchen sollte!
    Ach die Fürstinn Gara war eine schöne lieblich blühende Rose, war meine
Mutter, meine Schwester, meine Freundinn, und auch sie musste ich verlieren! Ich
glaubte es nicht, dass dies geschehen würde; trauerte nur darüber, dass sie eben
jetzt leiden musste, so dass weder ich ihr noch sie mir zu helfen vermochte. -
    Barbara kam, ich kannte ihre Tücke noch bei weitem nicht so wie jetzt. - Sie
brachte mir Befehl von meinem Gemahl, Sankt Nikola zu verlassen und zu Sankt
Emri meine Niederkunft zu erwarten. Ich gehorchte, ich war das Gehorchen
gewohnt.
    Barbara stand in der Stunde des Leidens allein an meinem Bette. Sie war hart
und grausam gegen mich Einsame, versagte mir die Stärkungen, derer auch die
Geringsten geniessen. Ich gab einer Tochter das Leben, ich dachte an meine
unglückliche Mutter, und nannte sie Elisabet.
    Ich sah dem Tode entgegen, ich sehnte mich nach seinen kühlenden Schatten;
nur meine Tochter machte mir Kummer. - Barbara trat zu meinem Bette, ihr Blick
war milder als zuvor. Sie sagte mir, das ich sterben würde, und fragte wem ich
Elisabets hülflose Kindheit anvertrauen wollte. - Meinem Gemahl und der
Fürstinn Gara, sagte ich! - Warum nicht mir? fragte sie mit wütender Stimme.
    Sie streckte ihre Hand nach dem Kinde aus, das ich in meinem Armen hielt.
Ich erhob ein Geschrei, welches meine Kräfte zu übersteigen schien, es war die
letzte Anstrengung der erschöpften Natur.
    Wir waren nicht so einsam als Barbara meinte. Eine Nonne trat herein, und
fragte nach meinem Begehren. - Hier, schrie ich, nehmt dieses Kind, und tragt es
zu König Siegmunden. Die Nonne schien mich nicht zu kennen, Barbara hatte meine
Bedienten entfernt, und mich hier für ein gemeines Weib ausgegeben. - Wird mir
der König auch ohne Beglaubigung trauen? fragte die Klosterfrau.
    Ich bin Marie, Siegmunds Gemahlinn, schrie ich, und dies ist seine Tochter!
    Entfernt euch heilige Frau, sagte Barbara mit sanfter Stimme, ihr sehet, dass
die Unglückliche raset.
    Die Nonne schüttelte den Kopf, nahm das Kind aus meinen Armen und forderte
nochmals Beglaubigung.
    Die Nonne trug das Kennzeichen ihres Klosteramts, ein Schreibzeich an der
Seite, ich forderte den Griffel, und quälte mich diese Worte zu schreiben!
    »Siegmund nimm dich meines Kindes an, und überlass es der Fürstinn Rosa
Gara!«
    Die Nonne wollte sich entfernen! Halt! schrie Barbara, ich bin hier die
Stärkste, es ist um dein Leben getan, wo du mir nicht schwörst nichts von dem
bekannt zu machen was du hier gesehen und gehört hast. Ich werde das mir
Anvertraute mit meinem Blute behaupten, erwiederte die heldenmütige Nonne. -
Närrinn! schrie Barbara, niemand denkt es dir zu rauben, tue mit dem Kinde was
du willst, nur im übrigen, Verschwiegenheit!
    Ich rief der Nonne zu, zu gehorchen, und sich dann mit meiner Tochter eilig
zu entfernen. Niemand war hier, der sie vor Barbaras Wut hätte schützen können,
die andern Nonnen waren in der Vesper, waren vielleicht meiner Tyranninn
heimliche Freundinnen. - Barbara sagte ihr einen der fürchterlichsten Eide vor,
sie schwur und entrann aus dem Zimmer!
    Ich war nun mit Barbara allein - doch - vor diese Dinge sei ewig ein Vorhang
gezogen! - Ich ward noch diesen Abend aus Sankt Emri nach dem Annenkloster
gebracht, wo Barbara mehr Macht zu haben schien als dort. Sie begegnete mir
grausam wegen dessen was ich mit Elisabet getan hatte, sie drohte dem Leben
des unschuldigen Kindes; sagte, nichts sollte im Stande sein es zu retten, wenn
ich nicht eine Gelübde tät, das sie mir vorsagte. - Ich war schwach, sehr
schwach, gelobte alles was sie wollte, gelobte das Gerücht von meinem Tode zu
begünstigen, ewig in den Augen der Welt eine Verstorbene zu sein, wenn sie nur
aufhören wollte, wider mein Kind zu wüten! Ich fühlte bereits den Tod im Herzen,
wie hätte ich mich weigern sollen ein solches Gelübte zu tun?
    Sie ward besänftigt, ging so weit auch mir das zu beschwören, was ich von
ihr verlangte.
    Man fing an mir gütiger zu begegnen. Die Aebtissinn teilte meine Wartung
mit der Gräfinn von Cyly, sonst bekam ich niemand zu sehen. Nur einst, als ich
bei Nacht allein war, klopfte es leise an die Tür und die hülfreiche Nonne aus
Sankt Emri trat herein.
    O meine Retterinn! rief ich, woher kommst du? und wo ist mein Kind! Bereits
in den Händen seines Vaters, antwortete sie.
    O noch nicht, noch nicht sicher genug! rief ich. Warum nicht in den Händen
der Fürstinn Gara?
    König Siegmund liebt seine kleine Tochter, lässt sie nicht aus den Augen,
auch habe ich Befehl, sie Morgen nach Sankt Nikola zu bringen. - Durch List
gelangte ich bis zu euch, um euch zu fragen, ob ihr nichts weiter an die
Fürstinn zu bestellen habt.
    Nein! -
    Nicht ein Wort von eurem Leben? Mein Schwur drückt mich fürchterlich, und
doch darf ich ihn nicht brechen. Ihr habt nicht geschworen, wie wenn ein Brief?
-
    Ach umsonst! umsonst! auch ich musste schwören. Das Grab ist bereits über mir
geschlossen, ich darf nicht wieder erwachen! Doch! - Ein Brief! - Setze dich und
schreib in meinem Namen, ich bin zu schwach! - Ein Brief, der Fürstinn meine
Tochter zu empfehlen, kann nicht überflüssig sein. - Setze dich und schreib! -
Richte die Worte ein, dass sie weder deinen noch meinen Eid verletzen, dass sie
lauten wie in der Todesstunde gesprochen!
    Die Nonne gehorchte, ich billigte, was sie geschrieben hatte, und sie
entfernte sich.
    Die nächste Nacht erschien sie wieder. Euer Kind ist in den Händen seiner
zweiten Mutter, sagte sie.
    Was macht sie? was macht meine Rosa? -
    Sie ist noch sehr schwach! Gott verlängere ihre Tage zum Besten eurer
Tochter! Die Fürstinn liebt und beweint euch sehr, sie fragte mich viel und ich
durfte nicht nach der Wahrheit antworten! O mein fürchterlicher Eid! ich werde
ihn in die Länge nicht halten können! werde euch mein zeitliches15 und ewiges
Glück aufopfern; mein Mitleid für euch ist zu gross!
    Wir weinten lange mit einander! - Endlich fing die Nonne von neuem an zu
sprechen. Ich hoffe, sagte sie, ihr werdet mich ins künftige öfter sehen. König
Siegmund erlaubte mir eine Gnade von ihm zu bitten, weil ich ihm seine Tochter
brachte, ich bat nach Sankt Annen versetzt zu werden, es geschah darum, dass ich
nahe um euch sein, euch trösten und helfen könne! Sehet, ich trage bereits die
Kleidung der Schwesterschaft.
    Aber ich sah die hülfreiche Nonne von Sankt Emri nicht wieder. Sie würde
meinem Glück alles aufgeopfert haben; man kam vielleicht ihren guten Absichten
auf die Spur, und räumte meine Retterinn aus dem Wege. - Mir erlaubte man zu
genesen.
    Barbara war abgereist. Die Aebtissinn war die einige im Kloster, die mich
kannte. Sie ermangelte nicht mich täglich an meinen Eid zu erinnern, und mir
Gewissenhaftigkeit zu empfehlen. Die Erinnerung war unnötig. Auch verschwand
mir bald alle Lust meinen Stand zu entdecken, da mir das Schicksal alles raubte
was mich in die Welt zurückrufen konnte. Dass Siegmund über meinen Tod getröstet
war, und nur an meiner Feindinn hieng, das wusste ich, die Gespräche der Nonnen
brachten mir es oft genug zu Ohren, mein Herz blutete, aber liess sich wohl mein
Schmerz mit demjenigen vergleichen, den ich fühlte, als sich das Gerücht von dem
Tode meiner Elisabet verbreitete? als ich bald darauf auch erfuhr, dass Rosa
Gara dahin sei? - O Welt! was kannst du noch für Reitze für mich haben? alles
ist verblüht, alles ist dahin was mir lieb war! Hinüber, hinüber! ins Land des
Wiedersehens und der Unvergänglichkeit!
             Am Tage Mariä Himmelfart im Jahr unsers Herrn. 1400.
Dieses Blatt sollte ein Tagebuch sein, wie seine Ueberschrift weiset. Den Anfang
dazu schrieb ich 1393 im ersten Jahr meines Aufentalts zu Sankt Annen, aber wo
sollte ich Kräfte hernehmen meine täglichen Leiden zu verzeichnen? Hat nicht der
Verlust alles dessen was ich liebe, meine Gesundheit zerstört und meinen
Verstand schwankend gemacht? diese Jahre sind mir vergangen wie ein Traum! Gott
lob, dass auch schreckliche Träume vergehen, dass unser ganzes Leben ein Traum,
und dort das Erwachen ist! - Wir begleiteten heute unsere Aebtissinn zu Grabe,
auch sie hat nun ausgeträumt, Gott gebe ihr ein fröhliches Erwachen! - Ihr
Gewissen trieb sie nicht in ihren letzten Stunden das zu bekennen, was ich von
mir wusste, und ich, Gott, ich muss schweigen! - Ich beklage meinen vorigen Stand
nicht, aber mein Leben hier in diesem Kloster ist zu elend, fast zu elend für
die, die einst eine Königinn war. - Niemand ist mehr hier der mich kennt, mein
Zustand wird dadurch nicht gebessert werden!
                            Am heiligen Osterabend.
                                      1402
Ach ja er wird schlimmer, täglich schlimmer! ich dachte nicht, dass ich noch
einige Stufen tiefer in den Abgrund des Elends hinabsteigen könne. Ich bin
krank, bin oft des Verstandes halb beraubt. Die Nachricht, dass König Siegmund
sich so weit vergessen konnte, eine Barbara neben sich auf den Tron zu heben,
hat mich in diesen Zustand gebracht. Gott verzeihe meiner Schwachheit! Es ist
wohl Mangel an Feindesliebe, was mich so denken lehrt, aber - er weis, ich bin
ein Mensch, habe menschliche Empfindungen.
    O nur im Grabe ist Ruhe für meinen Gram! - Gott lob, stille Ruhehöle, du
bist nun zu meinem Einzuge bereit! Nimm hin das einige, was ich auf der Welt
habe, meine Geheimnisse und meine Tränen, bald wird auch mein abgezehrter
Körper folgen, aber mein Geist wird triumphirend über dir schweben und ich werde
glücklich sein!
 
                         Sechs und zwanzigstes Kapitel.
                         Abenteuer auf dem Kirchhofe.
Man stelle sich Idas Empfindungen bei Lesung dieser traurigen Blätter vor! - Sie
hatte die erhabene Leidende vor sich, von welcher sie handelten, sah die Züge
des Grams und des hier beschriebenen Elends auf ihrem majestätischen Gesicht,
kannte zum Teil die Urheber ihrer Leiden; was für Umstände eine Rührung bei ihr
hervorzubringen, welche der kalte Leser nicht gefühlt haben kann!
    Marie schien weniger von der Erinnerung an diese Dinge gelitten zu haben,
das vornehmste ihres Kummers der Verlust ihrer Tochter und ihrer Freundinn war
ja, wie ihr Ida versicherte, nur ein Traum gewesen, sie sollte ja diese Lieben
wiedersehn! Liebe für den undankbaren Siegmund und Verdruss über die Erhebung
ihrer Feindinn, waren durch die Zeit geschwächt worden, das vornehmste, was sie
zu betrauren hatte, waren verlorne Jahre und geschwächte Kräfte des Geistes und
des Körpers; Dinge, die sie in ihrer gegenwärtigen Verfassung nicht lebhaft
genug fühlte, um sich darüber zu grämen. Sie lag ruhig auf ihrem Bette, und
tröstete die weinende Ida, welche oft die Schrift hinweglegen musste, um ihren
Tränen freien Lauf zu lassen.
    Ida hatte noch eine, noch manche verborgene Ursach Tränen zu vergiessen,
ausser dem Mitleide gegen die, deren Geschichte sie eben gelesen hatte. Ihre
Hoffnung zu Mariens, zu ihrer eigenen Rettung war weit schwächer, als sie sie
der Königinn vorstellte.
    Die Kranke war nicht so stark, als sie sich bei den neuen Empfindungen der
Ruhe und der Hoffnung hielt. Bis zu dem Besuch der heiligen Nikola sollte noch
mancher Tag verfliessen. Es waren Zufälle möglich, die der Gräfinn allein bewusst
waren, und die das ganze Gebäude ihrer Plane zerstören konnten, was für Stoff zu
Besorgnissen für die bekümmerte Ida!
    Indessen war Marie doch auch nicht ganz ohne Kummer. Die ängstliche Andacht,
wie sie zu Sankt Annen gelehrt und von dem besseren Teil der Klosterfrauen
geübt wurde, hatte die Begriffe der Königinn von Recht und Unrecht unendlich
verfeinert, sie fing an sich Gedanken darüber zu machen, dass Ida durch sie ihren
Stand erfuhr, nannte sich eine Eidbrüchige, und klagte über Verletzung ihres
Gewissens!
    Ida stellte ihr vor, dass sie eigentlich nichts gestanden habe, dass fast
alles nur von ihr erraten worden sei. Und hättet ihr, setzte sie hinzu, hättet
ihr es leugnen wollen, wer ihr seid, wie ihr dennoch auch nicht ohne
Gewissensverletzung hättet tun können, so würde ich doch bei meiner Meinung
geblieben sein, und jeden Schritt getan haben, den ich jetzt tun werde. -
Glaubt ihr, dass eure zärtliche Freundinn, die Fürstinn Gara, nicht auf die
kleinste Möglichkeit euch zu treffen herbei geeilt sein, und euch erkannt haben
würde? würde das Herz eurer Tochter, wenn man sie zu euch gebracht hätte, ihr
nicht den Namen ihrer Mutter genannt haben? - Und Herzog Albrecht, euer
künftiger Sohn, der so sehr um euch besorgt ist, würde er nicht, ihr hättet
gestehen oder leugnen mögen, Himmel und Erde bewegt haben, euch wieder in eure
Rechte einzusetzen und eure Feindinn zu stürzen?
    Mich in meine Rechte einzusetzen? Barbara zu stürzen? rief die Königinn.
Nein Ida, das verlange ich nicht, es wär sündlich es zu verlangen, denn hierauf
habe ich in meinem Eide vornemlich Verzicht getan. Auch ist die Liebe für
Siegmund zu sehr erloschen, der Hass gegen meine Feindinn zu sehr durch
Dankbarkeit gegen Gott meinen Retter getilgt, als dass ich diese beiden trennen
sollte. Könnte mich etwas dazu bewegen, so wär es Sorge für Siegmunds Glück,
welcher unbesorgt an der Seite einer Tiegerinn ruht, und endlich auch von ihr
könnte zerfleischt werden. Doch nein, Barbara liebt ihn, beging ihm zu Liebe so
manches Verbrechen, wie sollte sie ihr eigenes Gebäude zerstören, und auf das
Verderben ihres Lieblings denken. Nein, Siegmund ist sicher vor ihren Tücken,
auch kann sie sich dereinst bessern, hat sich vielleicht schon gebessert, und
ich kann ruhig den Plan ausführen, den ich mir zu meinem Glück gemacht habe.
Höre, worin er besteht. Ich werde nach Sankt Nikola gebracht werden, werde meine
Rosa, bald darauf auch meine Elisabet wiedersehen. Bin ich stark genug, die
schweren Scenen der Freude, die mir hier bevorstehen, zu überleben, so steht mir
noch ein Glück bevor, ich werde Herzog Albrechten, meinen teuren unbekannten
Sohn, meinen Retter umarmen. Ja er ists, er ist mein Retter! ohne ihn hätte ich
meine Ida, meine Aerztinn, meine Trösterinn, meine Befreierinn nicht kennen
gelernt, - er schickte mir sie zu Hülfe! - Ich lebe dann im Schoos meiner Lieben
ganz ruhig zu Sankt Nikola, bis Albrecht Elisabets Gemahl wird, dann folge ich
meinen Kindern verborgen, ganz verborgen nach Oesterreich; ein ruhiges Kloster
nimmt mich auf, täglich besuchen mich meine Teuren, und ich sterbe einst froh
in ihren Armen. - O welch ein Gebäude von Glückseeligkeit! sollte sich kein
Unglückswind erheben es einzustürzen?
    Ida bestärkte die Königinn in ihren süssen Träumereien, und strebte alle
ihre Besorgnisse zu vernichten. Die Hoffnung wiegte sie gegen den Morgen in
einen süssen Schlummer, aber ihre Trösterinn vermochte nicht zu schlafen. Neue
Stürme schienen sich für sie zu erheben, die alle heitere Aussichten zu
verdunkeln drohten, sie hatte in dieser Nacht Entdeckungen gemacht, die sie der
Königinn aus Furcht sie zu beunruhigen verschwieg; sie waren es, die ihre
Rückkunft vom Kirchhofe verzögerten, und ihr einen Anstreich von Bestürzung
gaben, der nur für die mit andern Gedanken beschäftigte Marie unmerklich sein
konnte.
    Es ist nötig hier meine Leser einige Schritte zurück zu führen. Ida
wandelte, als sie von der Königinn nach dem Kirchhofe geschickt wurde, ruhig mit
Gedanken des Todes und der Auferstehung unter den Gräbern dahin, ihre Augen
lasen im Mondesschimmer an den weissen Kreuzen den Namen mancher Nonne, die auch
sie gekannt hatte, einige unter ihnen waren in dem letzten Teil ihres Noviziats
auch von ihren Händen gewartet und zur ewigen Ruhe eingesegnet worden, und ihre
Tränen, so wie sie bei ihrer Rückkunft zur Königinn sagte, flossen im
Verbeigehen ihrem Andenken. - Den Namen Veronika konnte sie lang nicht finden,
die Eigentümerinn dieser Ruhestätte war zu lang im Krankenzimmer verschlossen
gewesen, um sie in Ordnung zu halten, und keine freundschaftliche Hand vertrat
ihre Stelle. Der aufgeworfene Hügel war eingesunken, das Kreuz lag auf dem
Boden, und Ida hätte es nicht gefunden, wenn sie nicht klug genug gewesen wär,
es eben an diesem Umstand zu erkennen. - Sie richtete das Kreuz empor, öfnete
die Höle, fand die Schriften, und war eben im Zurückgehen, als ein Geräusch an
der Seite der Kirchhofsmauer sie aufmerksam machte.
    Es war in den damahligen Zeiten ein doppeltes Verdienst für ein Mädchen,
Mut genug zu haben in der Mitternachtsstunde unter Gräbern zu wandeln! die
Sage, dass zu dieser Zeit die Geister der Verstorbenen zwischen den Todenhügeln
schweben, und ihre modernden Gebeine besuchen, hatte damahls noch nichts von
ihrem Ansehen verloren, stellte auf gewisse Art einen Glaubensartikel vor.
    Die fromme Ida glaubte diesen Satz so wie jeden andern, der ihrer
Tugendliebe nicht widersprach und ihrem Hang zur Schwärmerei etwas verwandt war,
von ganzem Herzen; und man hat sich also nicht zu verwundern, dass sie bei dem
Säuseln, das sie umwehte, Schauer und Ahndung der Gegenwart eines Unsichtbaren
fühlte.
    Sie hatte Mut genug nicht zu fliehen; wofür hätte die Unschuld fliehen
sollen? diese Gräber konnten, wie sie meinte, nur von seligen Geistern umschwebt
werden, und Ida fühlte, dass sie eine Verwandte der Engel sei. Sie stellte sich
unter den bejahrten Flieder, der an der Kirchhofmauer stand, und mit ihr an Höhe
zu wetteifern schien.
    Das Rauschen ward stärker, über ihr wankten die Blätter, und unter ihr der
Schatten, den der Mond auf den Boden mahlte. Es war nicht der Wind, der dieses
Säuseln verursachte, gewisse Nebentöne mussten ihre Furcht bestärken. Jetzt litt
der Stamm, an den sie sich lehnte, einen gewaltigen Stoss, und im nemlichen
Augenblicke senkte sich wenige Schritte von ihr mit einem ziemlichem Getöse eine
Gestalt herab, die nun lang und fürchterlich im Mondglanz da stand. - Ida wollte
und konnte jetzt nicht fliehen. Das, was sie sah und bald darauf hörte, stimmte
so wenig mit ihren Ideen von Geistererscheinungen überein, dass eine ganz andere
Art von Furcht als die vor Gespenstern in ihr rege ward. Sie war der Erscheinung
zu nahe; eine Bewegung konnte sie verraten, nur der Schatten, in dem sie stand,
und die äusserste Stille schätzte sie vor der Entdeckung.
    Hier herüber! flüsterte die lange Gestalt, indem sie aufwärts nach dem
Gipfel des Baums sah. Haltet euch an diesen starken Ast, und dann ein herzhafter
Sprung, so seid ihr wo ich bin. Das Geräusch über der zitternden Ida vermehrte
sich, der vorige Schall liess sich zum zweitenmahl hören, und noch ein Mann
sprang zu dem vorigen herab. - Ihr seht also doch wohl, sagte der Erste, dass
unser Unternehmen keine Unmöglichkeit ist! Gott gebe es? sprach der andre mit
leiser Stimme. - Nun kommt auch und hört das weitere, fuhr der Erste fort. Sehet
dort, die vergitterten Fenster, wo das schwache Lämpgen glimmt, es sind die
Fenster des Krankenzimmers, wo sie sich jetzt meistens aufhalten soll, sie sind
nicht zu hoch über der Erde, dass wir - die Männer entfernten sich im Gehen und
Ida konnte nichts weiter vernehmen. Gern wär sie geflohen, aber einesteils
Neugier, andernteils Furcht hielt sie zurück, sie hätte bei diesen Leuten,
welche keine gute Absicht zu haben schienen, vorbei streichen müssen, wenn sie
zum Eingang ins Kloster hätte kommen wollen. Der Ort, wo sie verborgen stand,
war sicher, und sie blieb.
    Die Männer kamen jetzt zurück, das Gesicht des einen schien ihr bekannt zu
sein, der andere hatte sich fest in seinen Mantel gehüllt. Sie selbst mit in
unsern Anschlag zu ziehen, wär freilich das beste, sagte der erste im
Vorübergehen, aber wie soll man sie treffen? - Das Fest der Heiligen Nikola ist,
wie ihr sagt, vor der Tür, war die Antwort, die Nonnen sollen alsdann hier mehr
Freiheit haben, man kann sie vielleicht einmal im Garten, einmal hier auf dem
Kirchhof sprechen! -
    Warum erst sprechen? fragte der erste, nicht lieber gleich handeln? - Die
Einkleidung wird nicht lang mehr verschoben werden, wir haben keine Zeit zu
verlieren! -
    Die Männer waren nicht weit von dem Orte, wo Ida sich verbarg, im Mondschein
stehen geblieben, sie verstand alle ihre Reden, merkte, dass sie die Person war,
von welcher man sprach, und ach, erkannte das Gesicht des einen! es war einer
der Reisigen des Erzbischoffs, welche sie in dieses Kloster gebracht hatten.
    Sie schauerte in sich zurück, der Urheber des Anschlags war ihr nun kein
Geheimnis mehr, es ward ihr klar, dass ihr alter Verfolger, in der Hoffnung
getäuscht, dass das elende Leben zu Sankt Annen sie für seine Wünsche erweichen
würde, es nicht auf das äusserste kommen lassen, sie lieber vor der Einkleidung
entführen, als die, welche er zu seiner geistlichen Tochter erkohren hatte, auf
ewig verlieren wollte. - Die Männer, welche weiter gegangen waren, kamen jetzt
wieder bei Idas Baume vorbei, sie nannten den Namen des Erzbischoffs, und
bestärkten dadurch das zitternde Mädchen in ihren Vermutungen, die doch im
Grunde wenig Wahrscheinlichkeit hatten. - Der Erzbischoff hatte in diesem ganzen
Jahre keine Neugier merken lassen, wie sie gegen ihn gesinnt sei, und ob das
Leben zu Sankt Annen sie gefälliger gemacht habe; wahrscheinlich war sie, wenn
er seine Absichten noch nicht aufgegeben hatte, als Nonne noch mehr in seiner
Gewalt, als im weltlichen Stande; warum hatte er also ein so unheiliges Mittel,
als die Entführung, ergreifen sollen, sich ihren Besitz zu versichern?
    Ida bedachte das nicht, sie nahm den Augenblick wahr, da ihre Entführer auf
der entgegengesetzten Seite des Kirchhofs wandelten, schlüpfte schnell in den
Kreuzgang, warf die Tür hinter sich zu, und gelangte fast ausser Atem bei der
Königinn an, welche zwar über ihr Ausbleiben, welches länger als eine Stunde
gedauert hatte, befremdet war, die aber doch, wie wir gesehen haben, der Sache
nicht weiter nachforschte, sondern sich von ihr die Schriften vorlesen liess,
welche Ida über die letzte Begebenheit fast aus der Acht gelassen, aber zum
Glück sie doch fast maschinenmäsig mitgebracht hatte.
    Ida las. - Das Schicksal der unglücklichen Königinn machte doppelt starken
Eindruck auf sie, wenn sie bedachte, wie man darauf sönne, der erhabenen
Leidenden auch ihren letzten Trost zu rauben. Was sollte aus Marien werden, wenn
diejenige von ihr genommen würde, welche jetzt ihr ganzes Schicksal in Händen
hatte? was würde aus ihr geworden sein, wenn sie diese Nacht von ihren
Verfolgern entdeckt, davon geführt, und von der Kranken vergeblich erwartet
worden wär?
    Mit Mühe hatte die Gräfinn so lange als die Königinn wachte das Uebermaas
ihrer Gefühle unter der Hülle der Rührung über das Gelesene verborgen, jetzt da
diese schlief, liess sie ihren Empfindungen freien Lauf, und erlag fast unter der
Vorstellung desjenigen, was ihr und ihrer königlichen Freundinn bevorstand.
    Wenn nur erst der Tag der heiligen Nikola vorbei wär, sagte sie zu sich
selbst, dass ich Mariens Geheimnis entüllt und ihr Schicksal sicher gestellt
hätte, mich selbst sollte dann, wenn andere Hülfe zu lang zögerte, wenigstens
die Beschleunigung meines Gelübdes schützen. Lieber ewig eine Bewohnerinn dieses
abscheulichen Klosters, als die Matilde dieses Gregors!
    Ida schlich ans Fenster, um zu sehen, ob ihre Verfolger noch auf dem
Kirchhofe weilten. Alles war stille, doch entging ihr nicht die Bemerkung, dass
die Ausführung eines klug ausgedachten Anschlags hier nicht unmöglich sei. Die
Fenster waren nicht allzuhoch über der Erde, die Stäbe hier und da vom Rost
gefressen, auch konnte sie von oben herab bemerken, dass die Mauer hinter dem
Baume, unter welchem sie diese Nacht Schutz fand, schadhaft und nicht schwer zu
übersteigen sei.
    Ach, Flucht wär bei einer Kühnheit vielleicht ihr selbst möglich gewesen,
aber wo liess sich bei Mariens Schicksal, das an das ihrige gebunden war, nur so
ein Gedanke fassen!
 
                        Sieben und zwanzigstes Kapitel.
                              Ida hat Anfechtung.
Die Gräfinn wandte den übrigen Teil der Nacht an, ihre Entschlüsse zu fassen,
und der Morgen war nicht so bald angebrochen, als sie zu der Aebtissinn eilte
dieselben auszuführen Sie meldete die Begebenheit jener Nacht mit Auslassung der
Umstände, welche der Leser erraten wird, auch hütete sie sich den Namen des
Erzbischofs zu nennen. Es war ihr noch im Gedanken, was sie aus dem Munde des
neuen16 böhmischen Predigers in Prag oft von dem Leben der Geistlichkeit, und
dem geheimen Einverständnis der Nonnen mit ihren geistlichen Obern gehört hatte,
sie wusste nicht, wie weit man hier die Anschläge, welche sie dem Erzbischof
zutraute, begünstigen würde, und liess es also bei der allgemeinen Nachricht.
    Sie ward sehr wohl aufgenommen, man freute sich, dass Ida doch noch endlich
ein Gefühl ihres Berufs zum Klosterleben zeigte, und ermahnte sie zur
Beständigkeit. - Es ward Anstalt zur Besserung der Klostermauer gemacht, und man
hielt es für gut die Wärterinn nebst ihrer Kranken aus dem gefährlichen Zimmer
hinwegzunehmen, welches sie bisher bewohnt hatten, und ihnen ein besseres
einzuräumen.
    Die Gnade, welche die Gräfinn sich durch diesen Zug erworben hatte, war so
gross, dass auch Marie derselben genoss, es geschah mehr zu ihrer Erquickung als
Ida die ganze Zeit über von dem Geiz der Nonnen hatte erlangen können.
    Der Tag der heiligen Nikola brach an. Idas Herz schlug stärker. - Die Nonnen
des benachbarten Klosters erschienen. Marie, welche jetzt so viel Kraft hatte am
Fenster zu sitzen, sah sie kommen und hörte ihre Gesänge. Gehe, mein Kind,
sagte sie zu der Gräfinn, damit du keine Zeit versäumest, unsern Anschlag
auszuführen! wer weis wie wenig der Augenblicke sein werden, die du zu einem
vertrauten Gespräch mit unsern Retterinnen nützen kannst!
    Ida ging. Sie hatte besorgt, sie würde als eine Novize von der Versammlung
der Nonnen ausgeschlossen werden und sich zu Betreibung ihrer Angelegenheiten
nur eines günstigen Ohngefehrs bedienen müssen; aber das Andenken an die
Begebenheit auf dem Kirchhofe machte, dass man sie schon im Voraus die Rechte der
wirklichen Klosterfrauen geniessen liess. - Sie hatte gefürchtet, man möchte ihre
Anwesenheit in diesem Kloster verbergen wollen, weil sie durch eine Art von
Entführung dahin gekommen war, aber sie fand, dass sich die Dienerinn Sankt
Annens einen Triumph daraus machten, der heiligen Nikola eine Nonne abspenstig
gemacht zu haben, und dass sie sich des gar hoch rühmten, der weltlichen Gräfinn
von Würtemberg ihren Beruf zum Klosterleben begreiflich gemacht zu haben.
    Eine Ankündigung dieser Art musste einen widrigen Eindruck auf die
Nikolaitinnen machen; sie misgönnten ihren Schwestern die Eroberung, sie waren
guterzige Geschöpfe, aber doch nicht ganz frei von jenem Laster, dem Neide, der
zwischen Klostermauern wie in seinem eigenen Geburtslande, besonders leicht
erwachsen und gedeihen soll. Das hätte ich nicht gemeint, sagte eine der
vornehmsten Nonnen der heiligen Nikola zu Ida, dass die Gräfinn von Würtemberg,
wenn es ihr je einfallen sollte, den Schleier zu nehmen, ein anderes Kloster
wählen würde, als das unsrige! - O, erwiederte Ida, solltet ihr meine Geschichte
wissen! - Die Blicke der Klosterfrauen, welche anfangs einen Anstrich von
verachtendem Unwillen hatten, verwandelten sich in Mitleid! - Noch eine Frage
schwebte auf ihren Lippen, und Ida, welche keine Zeit zu verlieren dachte,
rüstete sich schon, ihr einige Winke von dem Geheimnisse zu geben, welches ihr
auf dem Herzen lag, als eine der Nonnen zu Sankt Annen herzutrat, ihr Gespräch
zu stören; man hielt es nicht für gut, die neue Schwester, welche sich so gut
anliess, mit den angenehmen Verführerinnen von Sankt Nikola viel allein sprechen
zu lassen, und bewachte beide so sorgfältig, dass Ida zweifelte, ob und wie sie
ihr Geschäft würde ausrichten können. - Sie stahl sich auf einige Augenblicke
zur Königinn, entdeckte ihr ihre Zweifel, ihre Vorschläge, erhielt Einwilligung,
und kehrte wieder zurück.
    Um Gotteswillen, flüsterte ihr die Nikolaitinn entgegen, welche in einem
Winkel des Kreuzganges auf sie gewartet zu haben schien, um Gotteswillen, wie
seid ihr in dieses Kloster gekommen? die Fürstinn Gara und wir andern alle
forschten überall nach euch, und hätten euch an jedem andern Orte eher als hier
gesucht! sagt, wie kommt ihr hieher?
    Nicht viel besser als durch Gewalt, erwiederte Ida. Sie wollte noch etwas
hinzusetzen, aber schnell ward sie zur Aebtissinn gefordert, und das Gespräch
hatte wieder ein Ende.
    Bei der sparsamen Mahlzeit, wo Ida ebenfalls von hundert Augen bewacht ward,
tat die Aebtissinn der künftigen Schwester die Ehre, sie öffentlich zu rühmen,
wie sie sich so freiwillig der heiligen Anna gewidmet, sich im Noviziat so wohl
betragen, und jüngstin so gar einen Anschlag, sie aus dem Kloster zu entführen,
entdeckt habe. Ich bitte euch, meine Schwestern, setzte sie mit andächtiger
Miene hinzu, bittet Gott und unsere Heiligen, dass sie bis zum Tage ihrer
Einkleidung, den wir heute über vier Wochen, - wird sein Sankt Scholastika Tag -
ansetzen, ohne Anfechtung bleibe und dieser bösen Welt gänzlich entrückt werde.
    Die Nikolaitinnen wagten die Bitte bei der Feierlichkeit erscheinen zu
dürfen, aber man fand dieselbe wider die Regel, und sie ward abgeschlagen.
    Erst gegen den Abend hatte Ida Gelegenheit ihrer Freundinn der Nonne von
Sankt Nikola im Fluge diese Worte zu sagen: Meldet der Furstinn Gara, Ida habe
Marien gefunden, sie sei hier im Kloster und erwarte schleunige Hülfe! - Die
Nonne, welche mehr von diesen Dingen zu wissen schien, als die Gräfinn dachte,
hub Augen und Hände mit einem Blick voll Dank und Verwunderung gen Himmel. -
Kann ich euch ganz ohne Gefahr trauen? fragte die erfreute Ida? - die Nonne
antwortete mit einer jener redlichen truglosen Mienen, welche zu fragen
scheinen, wie Mistrauen möglich sei? - Ida forderte keine andere Beglaubigung.
So nehmet diese Schriften, fuhr sie fort, und gebt sie der Fürstinn Gara.
Empfehlt ihr Eile; noch einmal: Marie lebt und ist hier im Kloster, aber sie
ist sehr schwach.
    Kaum hatte die Nonne so viel Zeit das Tagebuch der Königinn, welches ihr die
Gräfinn auf Mariens Erlaubnis überreichte, unter ihr Brusttuch zu verbergen,
denn eben erschien eine Abgesandte von der Aebtissinn, welche die Novize mit
einem verdriesslichen Tone erinnerte, es würde Zeit sein, sich in ihre Zelle zu
verfügen, man habe sich der heute vergönnten Freiheit mit zu weniger Mässigung
gebraucht um derselben länger geniessen zu dürfen.
    Ida verfügte sich zur Königinn ihr Nachricht von ihren Verrichtungen zu
geben. Sie sprachen bis tief in die Nacht über diesen Punkt, sorgten,
zweifelten, ob alles auch recht ausgerichtet, recht verstanden nichts entdeckt
worden sein möchte, und mussten endlich ihre Zuflucht zu der Hoffnung nehmen, der
Himmel werde das ausgestreute Saamenkorn, nicht zertreten oder vom Winde verweht
werden lassen.
    Meine Tochter, sagte die Aebtissinn des andern Tages zu Ida, als diese auf
Befehl bei ihr erschien, wir hatten gestern gute Ursach euch vor unsern
ausgearteten Schwestern zu Sankt Nikola zu warnen. Es ist nicht unmöglich, dass
sie mit euren Entführern ein heimliches Verständnis haben; bedenkt ihr
sündliches Verlangen bei eurer Einkleidung zu sein, und überdies will die
Schwester Margarete gesehen haben, dass die von jenen Nonnen, welche zuletzt mit
euch sprach, ein Papier in ihrem Busen verborgen hatte, vermutlich ein
verführerischer Brief von euren Weltfreunden, welche euch zu sich zurück locken
wollten.
    Ida wusste wohl, was dieses für ein Papier gewesen war; sie zitterte, man
möchte Mariens Schriften entdeckt und ihrer Freundinn abgenommen haben. Sie
errötete vor Angst, und konnte kaum die Frage stammeln: ob man würklich etwas
verdächtiges von dieser Art bei der Nonne gefunden habe! - Ey bewahre Gott,
nicht gefunden! erwiederte die Domina, unsere Hände strecken sich nicht nach
solchen unheiligen Dingen aus, alles bloss Mutmassung, wahrscheinliche
Mutmassung! Aber sagt mir doch, - denn die Veränderung eurer Farbe könnte mich
auch wohl auf euch argwöhnisch machen - sagt mir doch, was sprach denn jene
Nonne gestern Abend mit euch? -
    Sie - sie - sie bat mich einen Spaziergang mit ihr auf den Kirchhof zu
machen, stammelte Ida! -
    Immer besser! erwiederte die Alte. So wärs dann um euch getan gewesen; denn
wisset, unglückliches Kind, dem der Satan so sehr nachstellt, wisset, unsere
Mauern sind euren Feinden nicht zu hoch, gestern Abend ist eine unserer
Schwestern von zween Männern erwischt und nach einer angelegten Leiter
geschleppt worden. Vor Angst hat sie nicht schreien können, aber der entfallene
Schleier hat sie gerettet. Der Abdruck der Andacht und Heiligkeit in ihrem
Gesicht hat die Entführer zurückgeschreckt. - Fürwahr eins der grössten Wunder
der heiligen Anna!!! - Der Streich hat ohne Zweifel euch gegolten, und ein
entfallner Schleier hätte euch nicht retten können; euer Gesicht ist noch zu
weltlich um diesen Grad von heiliger Ehrfurcht einzuprägen. Nun, grämt euch
darüber nicht; Jahre und ernste Kasteiungen werden auch bei euch das ihrige
tun!
    So traurig und Angstvoll auch Ida war, so konnte sie sich doch bei diesen
Worten nur mit Mühe eines kleinen Lächelns entalten.
    Ihr seht, fuhr die Aebtissinn fort, wir fangen an, mit euch vertraulicher
umzugehen, euch gleichsam schon als einer Schwester zu begegnen, und ich muss
euch daher sagen, dass die Spuren der Nachstellung noch merklicher werden. Diesen
Morgen hat man zween Stäbe vor den Fenstern des Krankenzimmers zerfeilt
gefunden, ihr werdet euch, bis zum Tage eures Triumphs über die Welt, sehr
eingezogen halten müssen. Doch tröstet euch, unser Schutzherr der Erzbischof
soll alles wissen, und euch schon Sicherheit schaffen.
    Der Nahme des Erzbischoffs machte, dass Ida mit dem höchsten Ausdruck von
Angst die Hände zusammenschlug. Die Domina ward durch diese Geberde, deren wahre
Deutung sie nicht kannte, sehr erbaut, und entliess die Novize gnädig!
 
                         Acht und zwanzigstes Kapitel.
                     Gelungene und verunglückte Anschläge.
Angst und Besorgnisse waren Idas und Mariens Gefährtinnen, in der Zeit der
Erwartung, was die erhaltenen Nachrichten zu Sankt Nikola möchten ausgerichtet
haben.
    Eine lange traurige Woche verfloss, ehe sich nur eine Spur der Hoffnung
zeigte. Am Ende derselben ward Ida zu der Aebtissinn gefordert.
    Meine Tochter, sagte sie, höret sonderbare neue Zeitungen. Eure Feinde,
welche sehen, dass sie euch mit Gewalt nicht eurem heiligen Beruf entreissen
können, nehmen ihre Zuflucht zur List, aber der Heiligen Anna sei Dank, dass wir
hier listiger sind als sie, und ihre Anschläge zu vernichten wissen.
    Ida zitterte; sie sah ein Schreiben mit dem erzbischöflichen Siegel in den
Händen der Aebtissinn.
    Dass die Nikolaitinnen zu den Mitverschwornen wider das Heil eurer Seele
gehören, fuhr die Domina fort, das ist uns nun unwidersprechlich erwiesen. Die
Fürstinn Gara, welche sich in jenem Kloster aufhält, sandte uns diesen Morgen
diesen Befehl von der Hand unsers heiligen Vaters, welcher euch mit gebührender
Ehrerbietung zu lesen erlaubt wird.
    Ida empfing das Blatt, wie sie musste, mit halbgebognem Knie, und las:
    »Heilige und in Gott andächtige Mutter, Frau und Oberinn des Klosters zu
Sankt Annen: Unsern Grus, und alles Gute zuvor.
    Ihr werdet angewiesen, Angesichts dieses, den Nonnen zu Sankt Nikola euren
Schwestern, die in eurem Kloster lebende heilige Frau Sankt Veronika, welcher
Schwachheit halber diese Veränderung gestattet wird, samt ihrer Wärterinn, der
jungen Novize N. N. (mit ihrem Weltnahmen Ida von Würtemberg genannt,)
unwegerlich ausfolgen zu lassen. Woran, wenn ihr solches tut, geschieht unser
ernstlicher Wille.« u.s.w. Subinko, Erzbischof.
    Die Gräfinn zitterte vor Freude und vor Angst, sie gab das Schreiben zurück,
ohne ein Wort vorbringen zu können.
    Euer Zittern, euer Stillschweigen, sagte die Domina, verkündigt uns eure
Gedanken, aber sorget nicht, mein Kind ihr bleibet bei uns, der heilige Vater
gibt uns in seinem Schreiben selbst einen Wink was wir zu tun haben. - Hier
diese Charakter, welche ausser mir und seiner Heiligkeit niemand verständlich
sind, und die wahrscheinlich die Nonnen zu Sankt Nikola so wenig wahrgenommen
haben als ihr, verkündigen uns seine wahre Willensmeinung.
    Ida sah in dem ihr zum zweitenmahl dargereichten Schreiben eine Reihe
kleiner Figuren, welche sie zu den damals gewöhnlichen Briefzierraten gerechnet
und für unbedeutend gehalten hatte. Ihre Angst wuchs und sie vermochte nichts
weiter als die heilige Mutter mit einem furchtsam fragenden Blicke anzusehen.
    Ihr versteht nichts von diesen Dingen? sprach die Alte mit einem wichtigen
Lächeln, ja ich glaube es euch. - Diese Chiffern heissen ohngefehr soviel, als:
Veronika sei den Nikolaitinnen ohne Weigerung zu überlassen, hingegen die junge
Novize N. N., welcher Sr. Heiligkeit mit besonderer Hulde zugetan verbleibe,
unter einem schicklichen Vorwand zurückzubehalten.
    Diesem zu folge, fuhr die Domina fort, wird die kranke Nonne, mit welcher
ihr euch lang genug gequält habt, diesen Vormittag den Abgeschickten der
Fürstinn überlassen werden; es ist gleich viel, ob sie zu Sankt Nikola oder zu
Sankt Annen begraben wird. Ihr aber werdet hier bleiben, und den Tag, der euch
vor allen Versuchungen der Welt und des Satans befreien wird, mit Geduld
erwarten. Die Nähe eurer Einkleidung ist der schicklichste Vorwand, den man der
abgeschlagenen Forderung, so weit sie euch betrift, geben kann!
    Idas Herz wollte bei Anhörung dieser Worte zerspringen. Freude über die
Rettung der Königinn, Kummer sich von ihr trennen zu müssen, und halbe
Verzweiflung, dass ihr nun nichts übrig sei, als die Annehmung des Schleiers,
stürmten auf sie ein, sie schwankte, und schien ohnmächtig zu werden.
    Nicht doch mein Kind, sagte die Domina, welche sich herabliess sie selbst
aufrecht zu halten, ihr sehet ja, dass es euren Feinden nicht gelingt! Wir wollen
sie wacker täuschen. Die kranke Veronika ist offenbar nur der Vorwand euch nebst
ihr in ihre Hände zu bekommen; nun dann, wir gewähren ihnen was sie trüglich für
das Vornehmste ihrer Forderung angeben, und behalten nur euch, nur die sein
sollende Nebensache zurück. Beruhigt euch. Geht, selbst Anstalt zu Veronikas
Ueberlieferung zu machen, und kommt dann zu mir zurück, ihr werdet die ganze
Schwesterschaft bei mir finden, euch und mir wegen des ausgeführten
Meisterstreichs Glück zu wünschen.
    Ida entfernte sich weinend, kündigte der vor Freude fast betäubten Marie
ihre Befreiung an, letzte sich mit ihr unter tausend Tränen, empfahl sie der
äussersten Sorgfalt der Abgeschickten, und bat, beim Abschied, dass sie in ihrem
Elend doch nicht ganz vergessen werden möchte. - Konnte der Königinn ihr Glück
durch etwas verbittert werden, so war es dieses, dass sie die Schöpferinn
desselben nicht mit sich nehmen, nicht die Freuden, welche ihrer warteten, mit
ihr teilen konnte. - Sie versprach alles was sie wünschte, und man musste sich
trennen.
    Was werden die Schwestern zu Sankt Nikola, was wird unsere Fürstinn sagen,
sprachen die Abgeschickten heimlich zu Ida, dass ihr euch so hartnäckig wegert
dieses Kloster mit dem Ihrigen zu vertauschen?
    Ich wegre mich? schrie Ida. - Sagt ihnen von meinen Tränen, meiner
Verzweiflung, und sie werden das übrige erraten!
 
                         Neun und zwanzigstes Kapitel.
                 Fortsetzung der Geschichte Konrads von Langen.
Kaum konnte sich Ida hinlänglich fassen um die Glückwünsche der neidischen
Nonnen - (hier pflegte man einander um alles zu neiden) - und die Liebkosungen
der Domina mit Anstand aufzunehmen. Sie machte sich sobald als möglich aus der
Versammlung los, und eilte in ihre Zelle, ihren Tränen freien Lauf zu lassen. -
O Herrmann, Herrmann! rief sie, wüsstest du, dass deine Geliebte im Begriff steht
dir auf ewig entrissen zu werden! - O dass das Laster andere besorgter um mein
Schicksal macht als dich die Liebe! - der Erzbischoff versuchte Dinge, die du
nicht zu meiner Rettung versucht haben würdest, wird vielleicht noch Mittel
genug wissen mich dem Schleier zu entreissen und in seine Gewalt zu bringen; aber
du? - Doch würde ich dir auch eine gesetzwidrige Tat verzeihen können? würde
ich dir folgen, wenn du mir heute die Hand zur Flucht bötest? - Ach nein! -
Leider wünsche ich Rettung aus dem schrecklichsten aller Gefängnisse, ohne
Mittel dazu ersinnen zu können, ohne Mut und Gewissenlosigkeit genug zu haben,
mich eines jeden zu bedienen das mir der Zufall in die Hand spielen möchte. - O
Herrmann! Herrmann!
    Herrmann ward von Ida in ihrem Kummer so oft genennt, dass er, den wir um
ihrentwillen ganz aus der Acht gelassen hatten, uns schnell wieder in den Sinn
kommt; wohl ihm, wenn über der langen Beschäftigung mit andern Dingen, unsere
Leser nicht gar vergessen haben, dass er gleichwohl den Helden dieser Geschichte
vorstellt. Um dasjenige nachzuholen, was von ihm zu sagen ist, wird es nötig
sein ein ganzes Jahr in unserer Erzählung zurück zu gehen.
    Mit schwerem Herzen verliess er nach der Rettung des Grafen von Würtemberg
Regensburg um nach Italien zu gehen; wohin ihn sein Schicksal rief.
    Sein halbes Leben hätte er darum gegeben, von seiner Ida nur einige
befriedigende Nachricht mit sich zu nehmen, aber die Zeit war zu kurz
Nachforschungen anzustellen. Der Graf von Würtemberg durfte und wollte seine
Abreise nicht länger verschieben, die väterliche Zärtlichkeit machte ihn um Idas
Schicksal lange nicht so besorgt, als Herrmannen die Liebe, er war noch nicht
ganz mit ihr ausgesöhnt, wegen der vorwitzigen Schritte, die sie sich bei
Belauschung des heimlichen Gerichts zu schulden kommen liess, und die ihn jetzt
aus Teutschland trieben.
    Auch Herrmann musste eilen, er erhielt eines Tages einen Brief, welcher
nichts als diese Worte entielt: »Eile Herrmann! die Rächer treten in deine
Fusstapfen!«
    
    Der Schreiber dieser Worte war leicht zu erraten, er nannte sich in der
Unterschrift, Alexius von der hohen Eiche, ein Name, der dem Ritter von Unna zu
gleicher Zeit die schöne Aleke, und die Begebenheit bei der hohen Eiche unweit
des sausenden Stroms in den Sinn brachte, und ihn ganz leicht den redlichen
Ulrich von Senden erraten liess!
    Leb wohl, leb wohl! Vaterland der Liebe! rief Herrmann, als er Deutschland
verliess, werd ich dich wiedersehen? wird nicht mein Blut vielleicht in
entfernten Weltgegenden unbeweint vergossen werden? mein Staub von keiner
freundschaftlichen Hand gesammlet, unter fremden Winden verwehen, und Ida, Ida!
was wird indessen dein Schicksal sein! Herrmann langte an dem damaligen
Aufentalt der deutschen Ritter an, sein Name von Unna verschafte ihm Achtung.
Man sagte ihm, er habe einen Namensvetter vielleicht einen Verwandten unter den
Rittern, man nannte ihm den Ritter Johann von Unna, welcher einer von den
Grosskreuzen war, sein Herz schlug stärker, aber er schwieg. Er ward dem grossen
Manne vorgestellt, man befragte, man erkannte sich, und die beiden Brüder lagen
einander in den Armen. - Du, du warst es, den ich hier suchte! rief Herrmann, du
allein zogst mich an diesen Ort! O Glück, dich so bald zu finden!
    Ritter Johann drückte seinen Bruder mit nicht minderer Zärtlichkeit an seine
Brust. Der Knabe Herrmann, denn als einen solchen hatte er ihn zuletzt gesehen,
war ihm immer der liebste unter seinen Brüdern gewesen, so wie Agnes und
Petronelle die geliebtesten seiner Schwestern: tausend Fragen über den Zustand
seines Hauses wurden an Herrmann getan und von ihm beantwortet, und Herrmanns
Schicksale sollten erst der Gegenstand der Unterhaltung für die künftigen Tage
sein. Der geistliche Ritter schien mit allem, was seinem jüngern Bruder begegnet
war, unbekannt zu sein; auch nicht eine Silbe davon hatte ihm das Gerücht zu
Ohren gebracht.
    Herrmann hatte viel Ehrfurcht für seinen ältern Bruder, sein Stand und sein
ganzes Wesen heischte sie. Er ward über die Ursach seiner Ankunft in diesen
Gegenden befragt; fünf Worte: Die Verfolgung des heimlichen Gerichts! wären
hinlänglich gewesen, dieses zu beantworten, aber Herrmann konnte sich nicht
überwinden, diese Worte zu sprechen, sich durch dieselben seinem Bruder gleich
zu Anfang in einem nachteiligen Lichte vorzustellen. Er antwortete: Mein
Unglück! - Ritter Johann nahm es für bekannt an, dass dieses Unglück, es bestehe
nun worin es wolle, den Wunsch in ihm erregt haben würde, die Ordenskleidung zu
tragen, und er versprach ihm alle Beförderung.
    Herrmann schwieg. Die Brüder trennten sich. Der folgende Tag ward zu
umständlicher Erklärung über diese Dinge ausgesetzt, und der Ritter von der
treuen Minne sann die ganze Nacht darauf, wie er all den weiten Umfang seiner
Begebenheiten so ins kurze fassen, so zusammen drängen wolle, dass Ritter Johann
ihn auf einmal in seinem wahren Lichte erblicke, keinen Raum zu einem
augenblicklichen Zweifel gegen seine Rechtschaffenheit behalte. Herrmann wusste
nicht, dass die plansten ungesuchtesten Erzählungen die vorteilhaftesten sind,
er hatte zu oft das Unglück gehabt, von denen, die er liebte, verkannt zu
werden, um nicht furchtsam zu sein.
    Indessen waren seine Hoffnungen auf das Glück im Umgange seines Bruders, und
seine Besorgnisse, wie er sich seiner vollen guten Meinung versichern wollte,
gleich vergeblich. Des andern Morgens bekam er die Botschaft: Ritter Johann sei
in Angelegenheiten des Ordens eilig verschickt worden, und alles, was er vor
seiner Abreise für ihn habe tun können, sei nachdrückliche Empfehlung bei dem
Hochmeister gewesen.
    Herrmann ward dem erhabenen Oberhaupt des Ordens, Ulrich von Jungingen
vorgestellt, ward wohl empfangen, man nahm es für bekannt an, dass es seine
Absicht sei das Kreuz anzunehmen, man legte ihm die gewöhnlichen Bedingungen
vor, es war in den damaligen Zeiten noch schwerer, Zutritt zu erlangen als in
den gegenwärtigen.
    Der Ritter von Unna konnte sich den Aufschub einer Sache, nach welcher er
eigentlich gar kein Verlangen trug, sehr leicht gefallen lassen. Ihm war es
genug, Erlaubnis zu erhalten, auf gewisse Art Teil an den Taten des Ordens zu
nehmen, und er nahm sich vor, sich bei jeder Gelegenheit so zu zeigen, dass er,
wenn gewisse Dinge offenbar würden, das Vorurteil für, nicht wider sich haben
möge.
    Unsere Urschrift sagt nicht deutlich, welches die Begebenheiten unsers
Ritters binnen einer Zeit von sieben Monaten waren, welche er in diesen Gegenden
zubrachte, sie meldet nur, dass Herrmann sich überall wie ein kluger und tapfrer
Mann erwies, dass das Schicksal ihn sehr genau in die Angelegenheiten der beiden
Jungingen des damahligen und des vorigen Grossmeisters verflocht, dass auch der
diesem folgende, der bekannte Heinrich Reus, welcher nachmahls abgesetzt ward,
mit ihm in Verbindungen stand, welche wenigstens ihm, unserm Herrmann Ehre
machten, und dass man Ursach zu glauben hatte, das Ordenskreuz könne ihm nicht
lang mehr vorentalten werden, als sich eine Geschichte ereignete, welche ihn
auf einmal aus dem Hafen der Sicherheit hinweg riss und ihn wieder in jenes
stürmische Meer zurückschleuderte, welchem er kaum entkommen war.
    Herrmann hatte unter den Rittern, welche so wie er dem Orden nicht wirklich
einverleibt waren, die Bekanntschaft eines Mannes gemacht, der ihn
ausserordentlich interessirte; ein rauher wilder Krieger, mit den Zügen
ausgestandenen Unglücks auf der Stirne, still und verschlossen gegen jedermann,
nur gegen den nicht, der sich ihm durch tausend Dienste verbindlich gemacht
hatte, gegen Herrmann, der ihm mehr als einmal im Streit das Leben rettete, ihn
durch sein Ansehen beim Hochmeister oft gegen die Kabale seiner Feinde aufrecht
erhielt, und der ihn eben aus der Ursache aufzusuchen schien, aus welcher er von
andern geflohen ward, ihn darum liebte - weil er nicht glücklich war.
    Lange hatte Herrmann, der so gern Bedrängte tröstete, wie seine Ida, den
Quellen seines Kummers nachgespürt, um desto besser zu wissen, ob Rat und Hülfe
möglich sei, und endlich erschien die Stunde offenherziger Erklärung.
    Herrmanns Freund nannte seinen Namen, er war jener Konrad von Langen, der
Bruder der schönen Aleke, welcher von der heimlichen Acht verfolgt, endlich hier
eine Art von Zuflucht gefunden hatte. Das Andenken an seine edle Schwägerinn
Konrads Schwester, die Gleichheit ihrer Schicksale, machte, dass Herrmann den
Ritter von Langen mit doppelter Zärtlichkeit an seine Brust drückte, ihn Bruder
nannte, ihm offenbarte, (welches Konraden bei seiner langen Entfernung verborgen
war) wie nahe sie verwandt waren, und ihm zusagte, ihm nächstens auch eine
umständliche Erzählung von seinen Schicksalen zu geben.
    Herrmann hielt sein Versprechen, er erzehlte seine Geschichte offenherziger,
und also vorteilhafter als er sie seinem Bruder dem Groskreuz Johann
vorgetragen haben würde. Kein Scheu vor strengem Tadel konnte ihn bei Konraden
von Langen nötigen seine Worte abzuwiegen. Konrads Geschichte zeugte, dass er
bei weiten nicht in allem, warum er von der Rache verfolgt wurde, zu
entschuldigen sei, aber Herrmann war ganz schuldlos, konnte kühnlich auftreten
und sagen: ich bin rein von aller Uebeltat. Nur unzeitige Furcht vor Johanns
strenger nie durch Verleumdung angegriffener Tugend konnte ihn schüchtern
machen.
    Konrad schwieg eine Weile, nachdem Herrmann geendigt hatte. Ihr seid
gerechter als ich, fing er endlich an, eure Sache ist mit der meinigen nicht zu
vergleichen, und doch ist unser Schicksal so ziemlich das nehmliche; sollte man
sich nicht scheuen die Tugend zu wählen, wenn sie und das Laster so oft einen
Weg führen? - Das beste für uns wird sein, wenn wir dieses Land bald verlassen,
ehe die strengen Ritter des deutschen Ordens unsere Lage kennen lernen; ihr
Blick durchforschet am Ende alles, sie sind fast so allwissend wie unsre Feinde
die heimlichen Richter. Hoffet nicht in den Orden aufgenommen zu werden, bis sie
die kleinsten Umstände eures Lebens kennen, und werden ihnen diese bekannt, so
ist euer Urteil eben sowohl gesprochen. Beschuldigung ist ihrer Reinigkeit oft
so viel als erwiesenes Verbrechen! -
    Glaubt denn Konrad, erwiederte Herrmann, dass ich nach dem Ordenskreuze
strebe?
    Ich glaubte es, weil ich meinte, wir, deren Schicksale so viel Aehnlichkeit
haben, müssten uns in allen gleichen. -
    Also ihr betratet dieses Land in einer solchen Absicht? -
    Höret den Teil meiner Geschichte, der euch noch unbekannt ist. - Als mich
die Verfolgung der heimlichen Rächer aus meiner Burg trieb, mich nötigte meine
unglückliche Schwester, eure nachmahlige Schwägerinn, unberaten und hülflos
zurückzulassen, da schenkte mir das Schicksal mitten im Gedränge des Elends
einen Schatz, den es oft seinen ersten Lieblingen versagt, einen Freund! - O
Gott! mein Retter, mein teurer Johann von Unna erschien mir, und ward mein
Schützer vor dem Teufel, der mich zu erwürgen, mich mitten in meinen Sünden ins
ewige Verderben zu stürzen drohte! -
    Johann von Unna? mein Bruder? -
    Ja, eben er. Höret weiter. Angst und schlaflose Nächte hatten meine Kräfte
aufgezehrt, ich war noch nicht drei Meilen von meinem Schloss, so überfiel mich
der Schlaf, ich musste meinem Triebe nachgeben, oder die Hoffnung zu entkommen
fahren lassen. Ich langte in einem Walde an, der mir oft in glücklichen Tagen
nach der Arbeit seinen Schatten zur Ruhe geliehen hatte. Ich wusste, hatte ich
ihn zurückgelegt, so traf ich viele Meilen weit nichts als offenes Land, wo ich
ohne die Umschattung eines schützenden Baums hätte schlummern müssen; Dörfer und
Herbergen genug, aber unter welchem Dache kann ein Reisender meiner Art sicher
schlummern?
    Ich legte mich unter den nächsten Schatten und entschlief. Da dünkte es mir
im Traum, ein Mörder stünde bei meinem Lager, seine Hand risse das Schwerd aus
der Scheide, und er riefe mir zu mit schrecklicher Stimme: Konrad! erwache! die
Rache ist vor der Tür! - Ich fuhr aus dem Schlafe empor, mein Traum war
Wahrheit! Erwache Konrad! rief der Grausame, der vor mir stand zum zweiten mahl!
Dich klagen die zahllosen Zungen deiner Sünden, dich klagen die Zeugen des
heimlichen Gerichts vor dem ewigen Rächer an; ich bin sein Diener! du musst
sterben! Ich hatte unter meinen Leuten einen Diener, einen Einverleibten des
fürchterlichen Tribunals, der mir von solchen Dingen, so weit er durfte, Winke
genug gegeben hatte, um mir es klar zu machen, wen ich hier vor mir hatte;
keinen gemeinen Mörder, dessen Tat die Gerechtigkeit straft, wo sie ihn findet,
nein, einen von jener geheimen Gesellschaft unbekannten Henker, die unter dem
heiligen Namen der Rächer des Ewigen Taten begehen, die nur er richten kann,
weil sie hier keinen Richter finden.
    Ich sprang auf, ich setzte mich zur Wehr, er war mir überlegen, ich hätte
unterliegen müssen, wenn nicht plötzlich ein Ritter aus dem Gebüsch
hervorgedrungen wär, und sich zur Verteidigung an meine Seite gestellt hätte.
Es war Johann von Unna, euer Bruder; nie sah er mich zuvor, aber ihm war es
genug einen Notleidenden zu finden, um sich seiner anzunehmen, er war tapfer
und edelmütig wie Herrmann!
    Mein Gegner ward durch unsere vereinte Macht bald vertrieben. Ich dankte
eurem Bruder, wie man einem Schutzengel dankt, wir umarmten uns, und nannten
einander unsre Namen. Der meinige, der Name eines Unglücklichen, Durchächteten,
(als einen solchen kannte mich das ganze Land,) vermochte nicht sein Herz von
mir abzuwenden.
    Er nannte mich Bruder, und war freundschaftlich genug, sich mit mir in eine
Reihe zu setzen. Auch ich bin ein Flüchtiger, sagte er, ich fliehe vor der
Gewalt meiner Verwandten, die mich zu einem Stande nötigen wollen, den ich
verabscheue. Hin! mein Bruder! Hin zu den deutschen Rittern! das Ordenskreuz
kann uns vor Gewalt schützen, und einst zu Ehren bringen! - Ich gab ihm den
Handschlag ihm zu folgen, und wir lagerten uns ins Gras zu einer sparsamen
Mahlzeit, die euer edler Bruder aus seiner Reisetasche auftrug. Ein Trunk aus
der Quelle labte uns, und wir redeten den Plan unsers künftigen Lebens vollends
ab, ohne zu ahnden, wie viel Gefahren unsere Anschläge vereiteln könnten -
Gefahr! Gefahr des Todes war vor der Tür! der Unschuldige musste sie teilen,
weil er sich zu dem Schuldigen gesellt hatte. - Der Feind, von welchem mich
Johann gerettet hatte, erschien plötzlich von neuem, er hatte einen17 Gefährten
mit sich genommen, um wider zweie desto sicherer zu fechten! Wir sprangen auf,
es war uns unmöglich, uns unserer Schwerdter zu bemächtigen, welche wir in
törichter Sicherheit einige Schritte von uns ins Gras gelegt hatten, wir hatten
keine andern Waffen in den Händen als die Messer, welche wir bei unserm Mahle
gebraucht hatten.
    Der Kampf war ungleich, ob gleich der eine unserer Gegner, der Gefährte, den
sich der Erste geholt hatte, schlecht und fast mit Unwillen focht. Ohne Zweifel
war es jener Ulrich von Senden, Alekens Geliebter, welcher sein Schwerd
gezwungen wider mich kehren musste, und auf alle Weise vermied, mich zu
verletzen. Er wandte seine Waffen gegen meinen Verteidiger, und trieb ihn, weil
sie von besserm Nachdruck waren als Johanns Brodmesser, endlich in die Flucht,
indessen ich der Raub des andern ward, der mich gefangen nach Osnabrück
schleppte. Gott weis, was seinen Entschluss änderte, mir auf der Stelle das Leben
zu nehmen!
    Ihr wisst das übrige, ich entkam einem schmählichen Tode durch die Flucht.
Ich eilte dahin, wo ich mutmassen konnte, meinen Freund den Ritter von Unna zu
finden. Er trug bereits das Ordenskreuz, aber auch mir dazu zu verhelfen war
unmöglich. Er kannte die Gesetze der deutschen Ritter jetzt besser als im ersten
Anfang unserer Freundschaft, er riet mir meine Wünsche aufzugeben, und dadurch
einer strengen Untersuchung meiner Geschichte, und einer ernsten Ahndung zu
entgehen. Auf seinen Rat änderte ich meinen Namen; der meinige würde meine
Sicherheit bald geendigt haben, mein Unglück war zu bekannt, schlummerte nicht
so wie das Eurige noch unter einer gewissen Hülle, es wär um mich getan
gewesen, hätte man den Namen Konrad von Langen nur einmal gehört.
    Euer edler Bruder konnte mich nicht auf die Art schützen, versorgen, und
erheben wie er wünschte, aber demohngeachtet tat er viel zu meinem Glück. Ihm
bin ich Ehre, Leben und Güter, ach ihm bin ich die weit kostbarere Gelegenheit
zu rühmlichen Handlungen schuldig! Ich war emsig in Ausübung des Guten,
vielleicht dass es mir dereinst gelingt, durch die überlegene Anzahl edler Taten
ehemahliche Verbrechen zu tilgen.
    Ordensgeschäfte haben, wie ihr wisst, euren und meinen Bruder auf lange Zeit
von uns gerissen. Gott weis, ob ich ohne Schutz hier lang hätte bestehen können,
aber, ihr vertratet die Stelle des Ritters Johann bei mir; so lang eure
Begebenheiten unbekannt bleiben, kann mich euer Name und das Ansehen, in welchem
ihr bei dem Orden steht, schützen - O ihr Brüder von Unna! edle grossmütige
Seelen! Freunde des Verfolgten von aller Welt Verlassenen! Führer bei der
Rückkehr zur Tugend! werde ich euch jemahls jemahls danken können? wird es
hinlängliche Vergeltung für euch sein, wenn ich dieses Blut, dieses Leben für
euch aufopfre?
    Konrads Herz floss von Dankbarkeit über. Herrmann drückte ihn an seine Brust,
und beide vereinigten sich nun in Beratschlagungen, was in der Zukunft für sie
zu tun sein würde; Beratschlagungen, deren Resultat nie bekannt worden ist,
weil ihnen das Schicksal die Ausführung ersparte.
 
                              Dreissigstes Kapitel.
                Düstere Wolken, hinter welchen die Sonne glänzt.
Es wär zu wünschen gewesen, dass die beiden Ritter bei ihren Beratschlagungen
mehr Behutsamkeit gebraucht hätten, sie lebten in einem Lande, wo weder die
Nacht noch die Abgelegenheit des Orts sie vor Verräterei zu schützen vermochte.
Ihre beiderseitige Tapferkeit, die Achtung des Grossmeisters und der
Ritterschaft, der Wahn, dass beide nach dem Ordenskrenz trachteten, und dass es
ihnen nicht entstehen könne, erregte Neid, man suchte sie zu stürzen, belauschte
ihre Schritte, und jauchzte, Dinge von ihnen erfahren zu haben, die sie mit
Schimpf und Schande bedecken und auf einmal von dem Orte entfernen mussten, wo
sie andern im Lichte standen.
    Der Grosmeister erfuhr alles was Konrad und Herrmann einander in der Stille
der Nacht vertraut hatten. Henrich Reus war kein sonderlicher Freund des Ritters
der treuen Minne, und man würde wider die beiden unglücklichen Opfer der
heimlichen Rache, vornehmlich wider Herrmannen, den unschuldigsten, ziemlich
streng verfahren haben, wenn sich nicht der Graf von Würtemberg ins Mittel
geschlagen hätte.
    Graf Eberhard hatte all diese Zeit über mit Herrmann an einerlei Orte
gelebt, er hatte so wohl als dieser Anteil an den Taten der deutschen Ritter
genommen, hatte den tapfern Jüngling bei tausend Gelegenheiten auf der
rühmlichsten Seite kennen gelernt, und begunnte jetzt den ernstlich zu lieben,
den er vordem gehasst und verfolgt hatte. Herrmann hatte, die regenspurgische
Befreiung des alten Grafen gar nicht gerechnet, oft Gelegenheit gehabt sich den
Vater seiner Geliebten verbindlich zu machen. Dankbarkeit für eigene dem Grafen
geleistete Dienste musste ja wohl endlich den Groll auslöschen, den er wegen der
Beleidigungen seines längst verstorbenen Vaters und Bruders auf ihn geworfen
hatte! -
    Graf Eberhard sprach ernstlich für den jungen Ritter von Unna, der
Grossmeister musste nachgeben, und vielleicht wär es geglückt, den Angeklagten
durch Darstellung der wahren Beschaffenheit seiner Sache völlig zu retten, wenn
der Graf von Würtemberg nicht in einer Art von Bann gelebt hätte, der seinem
Vorspruch einen Teil seiner Kraft benommen hätte, und der erst in einem Monat
völlig zu Ende war.
    Ueberall das fürchterliche Tribunal, dessen Verfolgung Herrmann und Konrad
ausgesetzt waren, seine Einverleibten; auch hier ward das, was man von dem
Zustand der beiden Ritter erlauscht hatte, nicht sobald kund, als die Arme der
heimlichen Rächer sich nach ihnen ausstreckten. Weder der Grosmeister noch der
Graf konnten sie schützen, das einige, was der letzte durch das Ansehn
ausrichten konnte, das er ehemahls in diesen Dingen hatte, und das er nun bald
wieder erlangen sollte, war, dass Herrmann ohne weitere Beleidigung nach
Westphalen vor seinen Vetter den alten Grafen von Unna gebracht werden sollte,
von welchem sich mit Wahrscheinlichkeit, Schonung, oder vielmehr Gerechtigkeit
für den Unschuldigen erwarten liess.
    Graf Eberhards Hoffnungen, - denn würklich war es jetzt so weit gekommen,
dass Herrmanns Glück ein Gegenstand seiner Hoffnungen war, - wurden durch das
Gerücht, welches sich auszubreiten begunnte, beinahe zu Gewissheiten gemacht, dass
man den Mördern des Herzogs von Braunschweig immer besser auf die Spur komme.
Einer von ihnen, ein gewisser Falkenberg, sei bereits in den Händen der
Gerechtigkeit, und es sei kein Zweifel, man werde durch ihn auch die übrigen
Mitverschwornen erfahren.
    Ziehet hin, mein Sohn, sagte der Graf zu Herrmann, habt ihr mich nicht
getäuscht, könnt ihr den Verdacht, Teil an einer der schändlichsten Taten der
Finsternis genommen zu haben, gänzlich von euch wälzen, euch so vor den Augen
der ganzen Welt rechtfertigen als vor den Meinigen, so biete ich zu Erfüllung
eurer liebsten Wünsche die Hand - so -
    Ist Ida mein? fragte der entzückte Jüngling, der sich dem Grafen zu Füssen
warf.
    Gemach! gemach! rief der alte Graf, den seine Rede halb zu reuen schien. Ihr
fordert zu viel! Ein Ritter von Unna und eine Gräfinn von Würtemberg wär ein zu
ungleiches Paar: - sollte aber der Graf von Unna sein Versprechen erfüllen,
sollte er euch zum Sohn annehmen, - ja dann - dem Erben eines so grossen Namens
so grosser Güter, dem Sohne meines alten Freundes meine Tochter abzuschlagen
würde unrecht sein.
    Eberhard lächelte bei diesen Worten, und Herrmann sank zum zweitenmahl zu
seinen Füssen. O sie ist mein! rief er, Ida ist mein! Vater! wie soll ich euch
danken!
    O der schwindelnden Jugend! rief der alte Graf. Wo sind die Beweise eurer
Unschuld? Wer bürgt euch für die Versprechungen eures Verwandten? - endlich - wo
ist Ida, die ihr schon in euren Armen zu halten glaubt? -
    Ida? schrie Herrmann halb ausser sich vor Freude. - O wär sie im Fegefeuer,
ich wollte sie suchen und finden! sie lebt in einem ungarischen Kloster, wie sie
in dem zurückgelassenen Briefe an die Königinn von Böhmen sagte, ich durchlaufe
sie alle, bitte, drohe, besteche, raube, wenn es so sein muss, bis ich sie treffe
und mich mit ihr zu euren Füssen werfen, euch um die Einsegnung unserer Liebe
bitten kann!
    Der alte Graf schüttelte den Kopf. Die Dinge, welche den Jüngling so leicht
zu übersteigen dünkten, hatten in dem Auge des weisern Greises immer noch
gewaltige Schwürigkeiten. - Er gab einige Winke, dass auch sie, auch Ida durch
seine Entfernung wieder unter die Gewalt ihrer Verfolger gefallen wär, dass
nichts sie habe retten können als die weite Entfernung nach Ungarn, welche er
aus dieser Ursach nicht ungern gesehen habe.
    Und wird nicht, fragte Herrmann, wird nicht die Wiederkunft ihres Vaters,
die Wiedereinsetzung in seine Rechte, Idas Rechtfertigung mit sich bringen? -
Nein, edler Graf, es glückt euch nicht, meine liebsten Hoffnungen zu verdunkeln;
ist euer Herz zu meinem Besten gewonnen, so hat die ganze Welt keine Schrecken
mehr für mich!
    Der Graf und der Ritter trennten sich, der erste voll Entzücken, der andere
nur halb froh. Er hatte höhere Aussichten für seine Ida im Sinne gehabt! sie zu
einer Herzoginn von Braunschweig vielleicht zur Kaiserinn zu machen, wär
freilich seiner Eitelkeit schmeichelhafter gewesen als der Name, Gräfinn von
Unna. - Doch wie viel hatte er nicht bereits von seinen Hoffnungen aufgeben
mussen! -
    Kaiser Ruprecht sass fest auf dem Trone, dem er einst so nahe zu sein
geglaubt hatte; es liess sich nicht an, als wollten die teutschen Fürsten ihre
Wahl bereuen. Alles war so eingerichtet, dass nach ihm König Siegmunden die Krone
nicht entgehen konnte, und dieser hatte dann an seinem künftigen Eydam, Herzog
Albrechten von Oesterreich, einen Nachfolger, der zu gut war um von einem andern
ausgestochen, zu jung, um von einem Greise wie Graf Eberhard überlebt zu werden.
 
                          Ein und dreissigstes Kapitel.
                            Herrmann, Graf von Unna.
Herrmann von Unna und Konrad von Langen wurden den Händen ihrer Verfolger
übergeben; der erste wurde, vielleicht aus einer Ahndung, er könne unschuldig
erfunden werden, mit Schonung behandelt, und der andre, ungeachtet eine grössere
Last von Beschuldigungen auf ihn haftete, hatte auf gewisse Art des Glücks
seines Freundes zu geniessen.
    Er kannte indessen seine Lage besser, als vielleicht selbst die, welche ihn
seinen Richtern entgegen führten, er wusste, dass er in den Gegenden, wohin er
gebracht wurde, nur erscheinen durfte, um alle alte halb vergessene
Beschuldigungen, vornehmlich die Händel mit dem Bischoff von Osnabrück wieder
rege zu machen. Er wusste, dass er vor der Hand keine Hoffnung hatte als die
Flucht und diese war ihm in ähnlichen Fällen schon so oft geglückt, dass er auch
jetzt nicht verzagte.
    Konrad war ein Meister in listigen Anschlägen, war, wie wir vielleicht in
der Folge aus einem Beispiel sehen werden, in der Wahl der Mittel zu Erreichung
seiner Absichten nicht allzu gewissenhaft; wie hätte es ihm fehlen können?
    Eines Abends umarmte er beim Abschied seinen Freund, dessen Umgang man ihm
verstattete, mit ungewöhnlichem Feuer, sprach etliche dunkle Worte von Trennung
und von Wiedersehen, und - am Morgen war er verschwunden.
    Seine Begleiter suchten ihn, Herrmann trauerte um seine Entfernung und
freute sich seiner Befreiung, aber dies war auch alles was bei dieser Sache
geschehen konnte, - denn, keine Nachforschungen vermochten den entflohnen Konrad
auszuspähen.
    Herrmann ward nun desto strenger bewacht damit man bei ihm nicht etwas
ähnliches erfahren möchte; eine unnötige Vorsicht! Konrad hatte ihm oft
Vorschläge zur Flucht getan, welche grosmütig von ihm verworfen wurden, und im
Grunde, warum hätte auch Herrmann fliehen sollen. Sein gutes Gewissen machte ihn
furchtlos, der Richter, vor den er gestellt werden sollte, war sein Freund, und
fast an allen Orten, durch welche er zog, kamen ihm Gerüchte entgegen, welche
ihm Hoffnung zum völligen Erweis seiner Unschuld machten. Selbst seine Hüter
machten endlich kein Geheimnis vor ihm aus diesen Dingen, der eine von ihnen
brachte ihm eines Tages die Botschaft: der entdeckte Mörder des Herzogs von
Braunschweig, Friedrich von Falkenberg, habe Wernern von Hanstein, und dieser
Henrichen Grafen von Waldeck als seine Mitgehilfen angegeben. Von allen diesen
war es erwiesen, dass sie sich in maynzischen Diensten befanden, und auf wen also
der Hauptverdacht fiel, das konnte kein Geheimnis bleiben. Herrmanns war bei der
ganzen Untersuchung mit keinem Worte gedacht worden.
    Herrmann triumphirte über die herrlichen Beweise seiner Unschuld; auch seine
Hüter waren nicht unempfindlich gegen dieselben, sie stellten es ihm frei, sich
zu begeben wohin er wolle, aber der biedere Ritter lachte des Vorschlags: Die
Unschuld fliehet nicht! sagte er abermals und liess sich ruhig nach der Residenz
seines Oheim des alten Grafen von Unna führen.
    Nicht wie ein Gefangner, sondern wie ein besuchender Freund ward der Ritter
von Unna bei seinem erhabenen Verwandten eingeführt, und von ihm mit offenen
Armen empfangen. - Kommt ihr so früh euch eures Triumphs zu erfreuen? rief ihm
der alte Graf entgegen. Zwar habe ich bereits nach Italien geschrieben, euch die
Entdeckung der Wahrheit zu melden, aber wie diese Nachricht euch so bald
erreichen konnte. - -
    Herrmann unterbrach seinen Oheim mit der Erzehlung, auf was für Art er
hieher gebracht worden sei. - Ich freue mich, erwiederte der Graf, dass ich euch
versichern kann, dass diese seltsame Weise euch eurem Glück entgegen zu führen,
das letzte Leiden sein wird, welche euch fremde Verbrechen zugezogen haben. Die
Hansteine, die Falkenberge, die Waldecke, sind die Vollbringer jener Tat,
welche euch so unglücklich gemacht hat; keiner von ihnen will etwas von euch als
einem Mitschuldigen wissen, alle beteuern, dass sie euren Namen nur durch den
Ruf und aus Hertingshausens Reden kennen, welcher euch oft beim Trunk seinen
Feind genannt, und geschworen haben soll, er wolle sich an euch rächen, und
solle er sein zeitliches und ewiges Heil aufs Spiel setzen; kein Wunder also,
als ihr ihm jenesmahl, in den Gegenden von Frizlar in den Weg geworfen wurdet,
dass sein immer zum Bösen fertiger Geist euch schnell in die Sache zu verflechten
wusste, welche ihm den Untergang brachte, dass er noch im Tode auf der Aussage
beharrte, welche euch so unglücklich gemacht hat.
    Herrmanns redliche Seele zitterte bei der umständlichen Erzählung von der
Verschwörung wider Herzog Friedrichs Leben, zitterte über die Namen der
Teilnehmer an dieser Tat. - Und welches ist die Strafe der Meuchelmörder?
fragte er hastig. - Geldbusse! erwiederte der Graf und zuckte die Achseln,
Geldbusse? - und ich sollte um des blossen Verdachts willen sterben? Es sind die
Waldecke, versetzte der Graf, sind vielleicht noch höhere! ihr waret bloss
Herrmann von Unna!
    Der alte Graf sprach mit seinen Neffen noch viel über diesen Gegenstand,
Herrmann erzählte ihm dagegen von seinen Schicksalen bei den deutschen Rittern,
und von der erworbenen Gnade des Grafen von Würtemberg. - So sehr dem Oheim das
letzte zu gefallen schien, so wenig fand er Geschmack an dem ersten, und
Herrmann hatte ein schweres Examen auszustehen, ob er mit dem Ritter Johann
seinem Bruder in besondere Gemeinschaft gelebt hatte Der Hass des alten Grafen
von Unna wider die jüngere Linie seines Hauses war unauslöschlich, und nichts
konnte den Neffen vor den Unwillen des eigensinnigen Greises schützen, als die
Versicherung, die er ihm mit Grund der Wahrheit geben konnte, er habe den Ritter
Johann nur ein einiges Mahl gesprochen.
    Und in was für einem Zustande lebt er? fragte der Alte. Ich vermute, er
wird nicht in sonderlichem Ansehen bei dem Orden sein.
    Er ist Grosskreuz und Kommentur zu * * * antwortete Herrmann. Ha, ich weis,
was ihn so gehoben hat! rief der Graf, nicht seine Verdienste, nein die Sage,
die er auszubreiten wusste, er könne wohl einmal nach meinem Tode Graf von Unna
werden, aber ich will sie täuschen, will ihn und den übermütigen Bernd
täuschen! - Ja sie haben recht, ich habe keine Kinder, euer Haus oder das Reich
müssen meine Erben sein. Aber Geduld ich will den wählen, auf welchen sie am
wenigsten denken, den jüngsten und verachtetesten unter ihnen, den, den sie im
Staube des Klosters zu begraben, und ihr Glück auf sein Verderben zu bauen
gedachten.
    Der Greis war bei diesen Reden in heftigen Zorn geraten, er befahl
Herrmannen mit einer verdriesslichen Art sich zu entfernen und dieser konnte sich
in diese Erscheinung nicht finden, bis einer der alten Hausbedienten, dessen
Redlichkeit er schon bei seinem ersten Aufentalt zu Unna kennen gelernt hatte,
ihm Aufklärung hierinnen gab:
    Bernhard von Unna und die Aebtissinn zu Marienhagen hatten während einer
Krankheit, welche der alte Graf vor wenig Monaten überstanden hatte, und die
seinen Tod vermuten liess, so laut von ihren Hoffnungen gesprochen, dass es dem
Greise zu Ohren gekommen war und den Entschluss in ihm bestätiget hatte, welcher
in wenig Tagen zu Herrmanns Besten zur Reife kam.
    Herrmanns feierliche Lossprechung von dem angeschuldigten Verbrechen, welche
öffentlich geschahe, konnte von dem alten Grafen, der ihn liebte, nicht besser
verherrlicht werden, als dadurch, dass er ihn am nemlichen Tage zum Sohn annahm,
und ihm den Namen eines Erbgrafen von Unna beilegte. Herrmanns Dankbarkeit für
diesen Erweis seiner Achtung, dessen wichtigen Einfluss auf sein ganzes Glück
niemand besser kannte, als er selbst, rührte den Greis, er glaubte nichts als
Erstaunen, nichts als Ueberraschung in den Blicken des Jünglings zu lesen, keine
Ansprüche auf ein Recht zu der erzeigten Gnade, und dies wars, was ihm gefiel.
    Der alte Unna irrte nicht, Herrmann war erstaunt, war überrascht, sich so
schnell am Ziel seiner Wünsche zu sehen. Er wusste, dass er hier nichts seinen
Rechten, alles der Gnade seines Oheims zu danken hatte, aber er hatte nicht ohne
Erwartung eines solchen Glücksfalls gelebt. Die ehemahligen Versprechungen
seines Oheims hatten dieselbe in ihm erregt, die Reden des Grafen von Würtemberg
sie ihm von neuem in die Gedanken gebracht, aber eben diese, eben die
Vorstellung von dem Umfang seines Glücks, den sein grossmütiger Verwandter
selbst nicht ganz übersehen konnte, weil ihm von Herrmanns und Idas Liebe nur
wenig bekannt war, brachte jenen hohen Grad von Entzücken und Dankbarkeit in ihm
hervor, der dem Greise so wohlgefiel.
    Ja du bist es, du bist ganz mein Sohn! rief er, indem er ihn an seine Brust
drückte. Die Welt soll erfahren, wie ich dich liebe, ich bin stolz auf dich, und
ich will den Glanz, mit dem ich dich umgeben kann, brauchen, deine Neider und
die Erwarter meines Todes zu demütigen.
    Es ist zu erraten, was der alte Graf mit diesen Worten meinte. Herrmann
ward von ihm aufgefordert, nächster Tage eine Reise zu seinen Geschwistern zu
tun, und zu derselben auf eine Art ausgerüstet, welche seinem guten Herzen den
empfindlichsten Kummer machte. Welch eine Rolle für einen Jüngling wie diesen,
ausgeschickt zu werden über seine Geschwister zu triumphiren! Er nahm den Besuch
an, welchen man ihm auftrug, aber seine Bitten, seine Vorstellungen fruchteten
so viel, dass alles bei dieser Gelegenheit hinweggelassen wurde, was andern hätte
kränkend sein können.
    Agnes und Petronelle genossen die meiste Freude von seiner Erscheinung und
der Nachricht von seinem Glück, Ulrich warf sich entzückt in die Arme seines
Herrmann. Die Aebtissinn und der Domherr waren voll geistlicher Glückwünsche,
indessen Berndten und Katarinen heimlicher schlecht verstellter Neid aus den
Augen leuchtete. Herrmann strebte alle zufrieden, alle glücklich zu machen,
besonders Aleken von Unna, seine Schwägerinn, welche er mit Nachrichten von
ihrem Bruder erfreute. Konrad war sicher vor seinen Verfolgern nach Ungarn an
König Siegmunds Hof gekommen, welcher ihn in seine Dienste nahm, ungeachtet der
Ritter von Langen ihm nichts von der wahren Lage seiner Sachen verschwiegen
hatte. Siegmund hegte zuweilen so wenig Bedenklichkeit in der Wahl seiner Diener
als seiner Liebschaften, und Barbara seine Gemahlinn, sah ihren Hofstaat gern
mit jedem ansehnlichen Ritter vermehrt, dessen Eroberung sie mit der Zeit zu
machen hoffen konnte.
    So lieb unserem Herrmann der Umgang Agnesens, Petronellens, Alekens und
Ulrichs war, so konnte er doch nicht lang bei ihnen verweilen. Ein stärkerer
Trieb als Freundschaft, Sehnsucht nach seiner Ida, Wunsch, ihren Aufentalt zu
erforschen, Besorgnisse wegen ihres Schicksals, riss ihn aus den Armen seiner
Geliebten.
    Er hatte seinem Oheim seine Liebe und seine Hoffnungen jetzt umständlich
bekannt gemacht, und von ihm die Erlaubnis erhalten, die Gräfinn von Würtemberg
aufzusuchen. Auf den Flügeln der Liebe eilte er nach dem Orte, wo er den Weg zu
erfahren hofte, den er zu seinem Glücke zu nehmen hatte, eilte nach Prag zur
Königinn Sophien, um zu fragen, ob sie keine Nachricht von ihrer Freundinn Ida
zu geben wisse; - aber Sophie war so besorgt und so unwissend wie er. - Er eilte
nach dem Geburtsort seiner Liebe, nach dem Hause des redlichen Münsters, hier
fand er Tränen statt der Antwort.
    Sie ist in den Händen des alten Erzbischofs, sagte Idas ehemahliger Vater,
aus welchen keine menschliche Macht sie zu reissen vermag. Subinko übt die
Gewalt, welche ihm in Böhmen genommen ward, in Ungarn mit desto grösserer
Strenge. Er lebt an König Siegmunds Hof, Barbara ist seine Freundinn, und
niemand ist, welcher seinen Gewalttätigkeiten Einhalt zu tun vermöge!
    Auf diese Erklärung ward die Reise nach Ungarn keinen Tag länger verschoben.
Der feurige Herrmann schwur, Himmel und Erde zu bewegen, seine Geliebte aus den
Klauen ihres Verfolgers zu reissen. Er machte sich Vorwürfe, dass er bisher wegen
ihres Schicksals so unbesorgt hatte sein können. Ein Kloster hatte ihm die
sicherste Freistatt für ein unschuldiges Mädchen gedünkt, ein Bischof konnte
seinen Gedanken nach, keine andere Absichten bei Gefangennehmung einer Irrenden
haben, als Belehrung und Schutz vor weitern Irrtümern. Münsters Gespräche
lehrten ihn hierüber anders denken, und die Tage, welche zwischen diesem
Augenblick und Idas Rettung verliefen, schienen ihm zu Jahren zu werden, die
Entfernung von ihr mit jedem Schritt, der ihn ihr näher brachte, zu wachsen. -
Zum Glück war Münster sein Begleiter, dessen ruhiger Ernst die Fehler verhütete,
oder verbesserte, welche des Jünglings ungestüme Eile hätte verursachen können.
    Siegmunds Hof, welcher ihm durch den Anblick eines undankbaren Königs und
einer nichtswürdigen Königinn, der ihm dort bevorstand, und durch alle
Erinnerung an die Begebenheiten auf dem Schloss Cyly verhasst gemacht werden
musste, war jetzt der Ort, nach welchen er sich lieber durch einen Schlag der
Zauberrute, durch einen einigen Wunsch versetzt hätte. Dort hofte er Nachricht
von Ida zu finden, und dort stand ihm noch ein Glück bevor, nach welchem er sich
seit der Entwickelung seines Schicksals unablässig gesehnt hatte. Das Gerücht
sagte, Herzog Albrecht von Oesterreich würde zu Presburg erwartet. Ihn zu sehen,
unter seinem Schutze, von seinem Rat, seinem Beistand begleitet, Idas Befreiung
fortzusetzen, welch ein Gedanke für Herrmann, der diesen Fürsten so innig
verehrte, von ihm überzeugt war, dass er sich mit Eifer und Entzücken zu
Ausführung seiner Absichten verwenden würde!
    Herrmann erschien am ungarischen Hofe, und ward als Graf von Unna freilich
mit mehrerer Achtung aufgenommen, als damals, da er nichts weiter war, als der
Ritter der treuen Minne.
    Königinn Barbara begegnete ihm mit Höflichkeit, und hatte das Herz, nach
allem was ihm von ihr bekannt sein musste, ihm zuversichtlich in die Augen zu
sehen. Es war ihre Art, jedermann ein schlechteres Gedächtnis zuzutrauen als
sich selbst, und sich von den Zeugen ihrer alten Vergehungen einzubilden, diese
Dinge wären ihnen so altäglich als ihr selbst, würden von ihnen eben so leicht
aus dem Sinne geschlagen als von ihr.
    Mit Mühe konnte sich Herrmann bequemen, ihr die Ehrerbietung zu erzeigen,
welche der Königinn von Ungarn zukam. Ein Gedanke an das Bekenntnis, das er
einst aus ihrem eigenen Munde hörte, diejenige, welche das erste Recht auf
diesen Namen habe, lebe noch, stieg in ihm auf, und er wandte sich mit Abscheu
von Mariens Kerkermeisterinn hinweg, ungeachtet er nicht den zehnten Teil
soviel von diesen Geschichten wusste als meinen Lesern bekannt ist.
    König Siegmund begegnete dem jungen Grafen von Unna mir auszeichnender
Gnade, er musste entweder den auf Barbaras Lippen gedrückten Kuss ganz vergessen
haben, der Herrmann ehemahls so unschuldig beigemessen wurde und ihn in solche
Ungnade brachte, oder es war ihm seit der Zeit geläufiger geworden seine
Gemahlinn von andern Lippen als den seinigen geküsst zu wissen, wenigstens ging
die Rede, dass Barbara keine Feindinn fremder Liebe sei, und es war fast
unmöglich, dass dieses ihrem Gemahl ganz verborgen sein könne.
    Herzog Albrechten, den künftigen Eidam des Königs, fand Herrmann nicht zu
Pressburg; man sagte, er sei nach Klausenburg gereist, seine Braut, die
Prinzessinn Elisabet zu besuchen, und habe sich dann mit ihr auf eine Lustreise
nach einem andern Kloster zu einer Busenfreundinn der Prinzessinn begeben. Man
schien bei Hofe nicht gänzlich mit dem Betragen der jungen Verlobten zufrieden
zu sein; die Prinzessinn von Ratibor, welche bei der Prinzessinn von Ungarn in
Ungnade gefallen war, und sich zu ihrer Mutter, die vor kurzem ein ähnliches
Schicksal bei der Königinn Sophie erfahren hatte, in ein deutsches Kloster
verfügen musste, war durch Pressburg gereist, und hatte, wie sie überall pflegte,
wo sie hinkam, Verleumdung ausgestreut, und Argwohn zurückgelassen. Die Reise zu
der Fürstinn Gara ward hochempfunden! -
    O hätte Herrmann wissen sollen, das diese Freundinn der jungen Elisabet,
auch Idas Freundinn sei, dass sie nur wenig Meilen von dem Aufentalte der
unglücklichen Gräfinn lebe, dass diese in der höchsten Gefahr schwebe, während
andre sich des Glücks freuten, das sie ihnen durch ihre menschenfreundlichen
Bemühungen verschafft hatte, ein Raub endloses Elends zu werden, hätte er dieses
gewusst, wie würde er ihr zu Hülfe geflogen sein, alle ihre Freunde aufgefordert
haben, sich zu ihrer Rettung mit ihm zu vereinigen!
 
                         Zwei und dreissigstes Kapitel.
                                Rückkehr zu Ida.
Die Königinn Marie war, wie meine Leser aus dem vorigen wissen, gerettet, genoss
zu Sankt Nikola der Pflege und des Umgangs ihrer Freundinn der Fürstinn Gara,
und sah dem entzückenden Augenblick der Umarmung ihrer Tochter entgegen. Boten
mit geheimen Nachrichten an die Prinzessinn Elisabet waren schon längst nach
Klausenburg abgegangen. Herzog Albrecht, welcher damahls eben seine Braut
besuchte, hatte sich schon längst nebst ihr auf den Weg gemacht die frohe, die
fast unglaubliche Nachricht von der Rettung Mariens durch eigene Augen zu
bestättigen, ja was sage ich? in dem Zeitpunkte, den meine Geschichte
gegenwärtig berührt, war die erste für jede Schilderung unerreichbare
Zusammenkunft der Mutter und der Tochter schon vorüber, man konnte sich bereits
nach dem ersten Sturm der Freude ein wenig fassen, vermochte sein Glück ganz zu
übersehen, ohne bei dem Anblick seines Umfangs zu erliegen; aber man denke
nicht, dass bei allen diesen frohen Gefühlen, die Schöpferinn derselben, die gute
Ida ganz vergessen wurde. Und hätten alle sie vergessen können, so wär doch
dieses der dankbaren Königinn, der durch sie geretteten Marie unmöglich gewesen.
    Sie nannte ihrer Tochter den Namen der Gräfinn von Würtemberg mit Entzücken,
forderte sie und Herzog Albrechten zur Dankbarkeit gegen diejenige auf, welche
sie ihre eigene Retterinn, ihren Schutzengel nannte. Albrecht und Elisabet
erröteten; warum der erste, das wissen wir nicht genau zu sagen, aber
Elisabets Errötung war wahre innige Beschämung, dass sie von derjenigen die
grösste Wohltat erhalten hatte, welche sie auf Einhauchen einer Schlange, deren
Falschheit ihr jetzt vor Augen lag, ehemals so schimpflich verkennen, so falsch
beurteilen konnte.
    Die Fürstinn Gara nützte die Bewegung, welche sie in Elisabets Herzen
wahrnahm, zu Idas Besten. Keine List, keine Gewalt konnte sie retten, das war
ausgemacht, man musste andere Wege einschlagen. Nur die Einwilligung des
Erzbischofs konnte die Gefangene frei machen, und diese zu erlangen, wurden die
schnellsten Anstalten gemacht; man wusste noch nicht was dieser für Nebenursachen
bei der Einkerkerung dieser Unschuldigen haben konnte; die bescheidene Ida hatte
sie nie deutlich über diesen Punkt gegen Marien erklärt.
    Mitlerweile lebte Herrmann zwar in heimlicher Unruhe über die Ungewissheit
von dem Schicksal seiner Geliebten, aber seine Empfindungen waren doch nicht mit
denen zu vergleichen, welche er gehabt haben würde, wenn er gewusst hätte, wie
nahe ihr das Unglück, wie unkräftig die Mittel wären, welche man zu ihrer
Rettung anwendete. Nur noch vierzehen Tage waren bis zu Idas Einkleidung, und
ach Herzog Albrechts Bitte an den Erzbischoff war mit einer leeren unbedeutenden
Antwort abgefertigt worden, welche eine Gegenantwort erforderte, und so dachte
man die Sache hinzuziehen, bis das damahls in den meisten Fällen unwiderrufliche
Gelübde ausgesprochen, und die grosse Scheidewand zwischen Ida und der Welt
gezogen wär, welche Herrmanns Glück unmöglich machen musste.
    Herrmann sass eines Abend im dumpfen Gefühl seines Unglücks, auf seinem
Zimmer. Vor seinen Augen gingen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten vorüber,
Ahndungen auf Ahndungen bestürmten ihn, und tief im Innersten seiner Seele rief
eine Stimme: Sie wird nie nie die Deine werden! Die Empfindung des Jünglings
grenzten in diesem Augenblicke an Verzweiflung. Er riss sich schnell empor! Wie?
schrie er, Ida für mich verloren? - Sie nie die Meine? Welch ein Traum! Nur erst
ihren Aufentalt, und sie ist in meinen Armen! Gehe ich nicht Morgen nach
Klausenburg? wird nicht Herzog Albrecht mir die Hand zu jedem bieten, was ich
für meine Ida, ach für mein eigenes Glück tun kann? So suchte er sich
aufzurichten, aber schnell kehrten seine Zweifel mit doppelter Stärke zurück,
und es war in einem der fürchterlichsten dieser Augenblicke, als die Tür sich
öfnete, und ein Mann vor ihm stand, den er an König Siegmunds Hofe vermutete,
mit Unruhe daselbst gesucht und nicht getroffen hatte.
    O Konrad! mein Konrad von Langen! rief Herrmann, indem er ihm mit offnen
Armen entgegen flog. O du kommst in einer meiner trübsten Stunden mich zu
trösten, mir vielleicht zu helfen!
    Wollte Gott, ich könnte das, rief Konrad, indem er Hut und Schwerd mit
Ungestüm von sich legte (und sich atemlos auf einen Sessel warf), aber leider
komme ich, komme in der äussersten Eil dir zu sagen! dass - dass dir nicht zu
helfen ist! -
    Herrmann stand mit herabgesunkenen Händen und starrem Blick vor seinem
Freunde als ob er das Urteil des Todes aus seinem Munde vernommen hätte, bis
ihm plötzlich einfiel, dass die traurige Post, die ihm Konrad zu bringen habe,
doch wenigstens Idas Angelegenheiten nicht betreffen könne, weil diese erst in
der Zeit der Trennung von ihm, den Grad von Wichtigkeit erlangt hatten, der
Herrmann so beunruhigte.
    Entdecke mir was du willst, sagte er, mir wird es in dem gegenwärtigen
Augenblicke Kleinigkeit sein, da bloss Ida mich beschäftiget, von der du ja
nichts wissen kannst.
    Eben von ihr, von ihr rede ich! schrie Konrad, von dem Orte ihres
Aufentalts, von dem Kloster zu Sankt Annen komme ich, dir zu sagen, dass alles
aus, dass sie für dich verloren ist, wenn nicht - doch welche Möglichkeit lässt
sich denken, in der Zeit von so wenig Tagen das auszurichten, was ich in so
vielen Wochen nicht vermochte? -
    Du kennst Idas Aufentalt? kommst von ihr? bringst mir Nachricht von ihr?
und sprichst sie sei für mich verloren? Unmöglich, unmöglich! Glück und Unglück
zugleich? - das kann nicht sein! nein, wissen wir wo sie ist, so wollen, so
müssen, so werden wir sie retten, da ist kein Zweifel.
    Herrmann war bei diesen Worten aufgesprungen, warf seine Nachtkleider ab,
gürtete das Schwerd um, und rief nach seinen Dienern, ihn zu wappnen!
    Glaube doch nur, rief Konrad, der ihn auf seinen Sitz zurück zog, glaube
doch nur, dass ich vor der Hand alles getan habe was getan werden muss!
    Aber, schrie Herrmann, du sprichst, noch wenige Tage, und mir ist dann nicht
mehr zu helfen? - dürfen wir einen Augenblick verlieren? fort! fort! Ida zu
Hülfe!
    Und was willst du tun? - Weisst du auch nur soviel, worinn Idas Gefahr
eigentlich besteht! - Weisst du etwas mehr als den Namen des Orts wo sie lebt? -
Ich sage dir, diese Nacht ist schlechterdings nichts zu unternehmen, wir müssen
erst den Erfolg dessen erwarten, was bereits geschehen ist, und du hast nichts
weiter zu tun, als mir ruhig zuzuhören, was ich dir von Ida zu sagen habe!
    Herrmann ging halb ausser sich im Zimmer auf und ab. Konrads Vorstellungen
mussten ihn endlich abhalten, auf gut Glück auszuziehen, er wusste nicht wohin, um
Dinge auszurichten, die ihm eben so unbekannt waren, da er noch nichts von der
eigentlichen Lage der Sache wusste.
    Erzehle nur! erzehle nur! rief er endlich mit hastigem Ton, du siehst ja,
ich bin ruhig genug dich zu hören!
 
                         Drei und dreissigstes Kapitel.
                       Freundschaft und Unvorsichtigkeit.
Du weisst, fieng Konrad an, du weisst, wie ich mich an den Grenzen von Deutschland
von dir trennte; du wolltest nicht mit mir fliehen; meine Gegenwart konnte dir
weiter nichts nützen, und ich wusste andere Gegenden, wo ich zu deinem Besten
tätig sein kannte.
    Ida, deine Ida lag mir im Sinne. - Er wird zu seinem Oheim kommen, sagte ich
zu mir selbst, seine Unschuld wird offenbar, sein Glück gesichert werden, und es
wird ihm nichts mehr fehlen, als der Besitz seines Mädchens; traurige
Beschäftigung, wenn er sie denn erst suchen, vielleicht lang vergeblich suchen
muss!
    Hui Konrad! - Hier eine Gelegenheit, den ehrlichen Herrmann für seine Treue
zu lohnen! - Hin nach den Gegenden, wo Ida lebt? - Welch ein Triumph für dich,
ihm seine Braut in die Arme zu führen, ehe er sich ihre Erscheinung als möglich
denken kann!
    Ida lebte in einem ungarischen Kloster, so viel wusste ich, um meinem Wege
einige Richtung zu geben; ich hielt mich nur so lang in Prag auf, als ich nötig
hatte, einige vorläufige Erkundigungen einzuziehen. - Ich erfuhr nichts weiter,
als dass der Erzbischoff sie aus Verdacht der Ketzerei vielleicht auch aus
Wohlgefallen an ihren schönen Augen auf die Seite geschafft habe. - Die Gerüchte,
welche vom heiligen Subinko gingen, waren mancherlei, Gott weiss, ob sie
täuschten!
    Subinko war vom König Wenzeln auf Sophiens Veranlassen seines Ansehens in
Böhmen beraubt, er lebte gegenwärtig in Ungarn an König Siegmunds Hof;
Veranlassung genug für mich, dahin zu eilen und meine Nachforschungen
fortzusetzen.
    Ich ward ohne Schwierigkeit in königliche Dienste genommen, mir war es nicht
so viel um diese Ehre, als um Zutritt im Hause des Erzbischofs zu tun, und ich
fand denselben eben so leicht, als ich das erste gefunden hatte. - Ich machte
Bekanntschaft mit seinen Leuten, zechte mit ihnen, und erzählte ihnen von meinen
Ritterzügen. Du weisst, wie die Reisigen der Bischöffe, die wenig von eignen
Taten wissen, sich so gern an der Anhörung fremder Abenteuer laben.
    Mein Anschlag glückte, die Männer wurden treuherzig. - Sie waren unzufrieden
mit ihrem Herrn, und ich erfuhr in kurzer Zeit mehr von seinen Angelegenheiten
als ich wissen mochte. - Alle meine Gedanken blieben bei der Gräfinn von
Würtemberg stehen, deren Aufentalt ich durch schlaue Fragen schnell erfuhr, und
von deren Schicksal die Männer nichts weiter zu sagen wussten, als dass der
Erzbischoff nach einem Besuch in einem benachbarten Kloster von Sankt Annen,
sehr erzürnt auf sie geschienen habe, und gegen seinen Kammerdiener geschworen
habe, er wolle sie nicht ehr wieder sehen, bis sie den Schleier trüge. -
    Seit diesem Schwur war fast ein Jahr vergangen, ich wusste, dass Ida nach
Sankt Annen gebracht worden war, dass sie daselbst die Probezeit hielt, und es
ward mir klar, dass ich keinen Augenblick zu versäumen hatte, wenn ich sie retten
wollte.
    Ich hatte unter den Knechten des Bischofs einen besondern Freund, einen
Mann, bei dem sich durch Geld und Versprechungen alles ausrichten liess. - Rudger
konnte der Neigung einer Hand voll goldner Schilde nicht widerstehen, er gab mir
den Handschlag, mich nach Sankt Annen zu führen, und daselbst alles
auszurichten, was ich von ihm verlangen würde.
    Wir reisten ab; wir kamen an. Ich trat mit einem Anschlag zu Idas Entführung
hervor. Mir war bange, ihn möchte vor dem Raube einer Nonne grauen, aber ich
fand dass ihm Dinge von dieser Art schon geläufig waren! er hatte in seinen
jüngern Jahren ein ähnliches Abenteuer bestanden, und rühmte sich, selbst in
dem Kloster zu Sankt Annen, in vorigen Zeiten ein Verständnis mit einer
Layenschwester gehabt zu haben, welches sich zwar nicht bis auf die Entführung
ausgedehnt habe, aber das mit mehrerer Gefahr, als ein einiger kühner Streich
haben konnte, ein ganzes Jahr lang fortgesetzt worden war.
    An der Kirchhofmauer dieses Klosters, sagte er, steht ein uralter Baum, der
mit seinen Aesten einige Lücken bedeckt, durch welche man mit einiger Wagnis
füglich auf- und absteigen kann; finde ich diese noch, so ist unser Anschlag so
gut als ausgeführt. Ich will hin, um die Sache zu erforschen, will zugleich
geheime Erkundigung einziehen, wie sonst der gegenwärtige Zustand des Klosters
ist, und welches die Lieblingswege, welches der eigentliche Aufentalt eurer
Nonne ist. Auch in Klöstern fehlt es nicht an Personen, mit denen es sich
handeln lässt, die geschwätzigen Pförtnerinnen, die Einkauferinnen, die
Besucherinnen, sind nie unempfindlich gegen die Reize einer kleinen
Erkenntlichkeit.
    Rudger kam zurück und brachte mir gute Nachricht. - Die Lücken in der Mauer
waren zum Trost bedrängter Nonnen, noch die nemlichen, wie vor zehen Jahren. Ida
hielt sich meistens im Krankenzimmer auf, dessen Fenster auf den Kirchhof
gingen, auch pflegte sie zu Zeiten kleine nächtliche Spatziergänge unter die
Gräber zu machen, bei welchen sie leicht davon zu bringen sein müsste.
    Meinen einigen Zweifel, dass ich die Nonne nicht kannte, die ich zu entführen
dachte, hob mein treuer Gefährte durch die Versicherung, dass ihm die Gräfinn
nicht unbekannt sei. Ich selbst, sagte er, war unter denen, die sie nach Sankt
Annen brachte. - Ihr schlanker majestätischer Wuchs muss sie gleich verraten,
und entreissen wir ihr den Schleier, so macht uns das himmlische Gesicht,
vielleicht das einige in seiner Art, unserer Sache vollends gewiss.
    Herrmann seufzte bei diesen Worten; wer konnte Idas Reize nur einmal gesehen
haben, und ihrer ohne Bewegung gedenken hören!
    Konrad fuhr fort: - Rudger führte mich des nächsten Abends zur Probe auf den
Klosterkirchhof. Das Einsteigen war leicht, seine Vorschläge waren gut, aber ich
stellte mich mit Willen zweifelhaft und verzagt, um seinen Mut anzufeuern. - Er
selbst war jetzt der, welcher mich zuredete, und mir die Sache leicht machte; er
versicherte, dass wir eilen müssen, weil der Erzbischof in Ausführung seiner
Anschläge schnell zu Werke ging, und Idas Einkleidung wahrscheinlich nicht lang
verschoben bleiben möchte - Er machte mir Hoffnung, unsere Dame vielleicht auf
einen bevorstehenden Festtag, wo die Nonnen dieses Klosters mehrere Freiheit
hatten, davon zu bringen, aber ich blieb auf dem Vorschlage, wir müssten sie
selbst mit in unsern Anschlag zu ziehen, und uns ihn dadurch zu erleichtern
suchen.
    Wie bald sind an jenen Fenstern einige Stäbe zerfeilt, sagte ich zu ihm, wir
steigen zu ihr ein, sagen ihr unsere Absicht, führen sie entweder gleich davon,
oder treffen aufs wenigste mit ihr Abrede.
    Rudger hatte seine Einwendungen, wir kehrten noch einmal zurück, um uns die
Gelegenheit abzusehen, und schnell flog etwas im weissen glänzenden Gewand bei
uns vorbei und verlor sich in einer geöfneten Tür, die wir nicht wahrgenommen
hatten, und die jetzt hinter der Fliehenden mit Geräusch zugeschlagen wurde.
    Was war das? sagte ich voll Erstaunen zu meinem Gefährten. Ich will sterben,
rief er, wenn sie es nicht selbst war! Ihr schlanker Wuchs, ihre leichte
Bewegung! - die Nonnen dieses Klosters haben den muntern Schritt längst
verlernt, niemand darf hier hüpfen oder laufen, als etwa eine Novize, und die
Gräfinn ist hier die einige.
    O wir Toren, schrie ich, dass wir so unser Glück versäumen konnten! welcher
Zufall wird es uns wieder so wie heute in die Hände spielen?
    Kommt, kommt, erwiederte er, wir dürfen nicht verzagen, morgen ist auch ein
Tag, an welchem sich etwas ausrichten lässt! -
    Wir verliessen den Kirchhof, um ihn in der nächsten Nacht von neuem zu
besuchen. Wir fanden die Mauer hinter dem freundschaftlichen Baume zu unserm
Entsetzen gewaltig erhöht, man musste unsern Anschlag ausgekundschaftet haben und
ihn zu verhindern suchen. Wir forschten weiter. Die bekannten Lücken, der
eigentliche Ort unsers Aus und Einsteigens waren noch die nehmlichen, man hatte
sie nicht wahrgenommen, oder ihrer mit Willen geschont.
    Wir wagten uns mit kühnem Mute hinein, unser Anschlag musste jetzt geraten
oder verderben. Wir erstiegen die Fenster des Krankenzimmers; zwar vermissten wir
in demselben unsern Leitstern, die glimmende Lampe, aber sie konnte verloschen
sein, die Dunkelheit konnte uns vielleicht unsern Anschlag erleichtern.
    Wir zerbrachen die eisernen Stäbe, wir stiegen ein, aber - welch Entsetzen!
- Alles war öde, weder Kranke noch Wärterinn liess sich finden, und die Tür nach
dem Kloster war mit tausend Schlössern versperrt.
    Traurig nahmen wir den Rückweg; es war offenbar, dass man darauf sann unsere
Anschläge zu vereiteln! - - -
    Noch einen kühnen Streich wagten wir am Tage der heiligen Nikola, wo, wie
mich Rudger versicherte, die Nonnen dieses Klosters mehrerer Freiheit genossen,
wo es wahrscheinlich war, Ida leichter zu finden, sie sicherer davon zu bringen.
    Wir lauerten fast den ganzen Tag im Verborgnen, wir sahen viele Truppe
Nonnen, die uns wenig interessirten, aber spät am Abende erblickten wir eine
einsam Wandelnde, deren schlanke Gestalt uns bewegte, ihr den Namen Ida zu
geben. Wit eilten auf sie zu, und brachten sie davon, ohne dass sie sich weigerte
oder ein Geschrei machte; schon hatten mir sie auf der Hälfte der Leiter, als
ihr zum Glück der Schleier entfiel, und uns ein Gesicht zeigte, welches so ganz
von Idas blendenden Reizen, die mir Rudger beschrieben hatte, entblösst war, dass
nicht viel fehlte, wir selbst hätten uns durch ein schreckenvolles Geschrei
verraten.
    Wir liessen unsern Raub fahren, fluchten unserm Schicksal, und entfernten
uns mit Eil, aber nicht um unsere Anschläge aufzugeben, sondern sie immer kühner
und verzweifelter auszudenken. Das Glück führte mir zur selbigen Zeit einen
Menschen zu, der mir meine Unternehmungen merklich erleichtern konnte, meinen
alten treuen Walter, der jetzt seiner geheimen Verbindungen entnommen, sich
öffentlich meinen Diener nennen, mir raten und dienen konnte, wie er wollte. Er
kannte Ida, wünschte sie gerettet zu sehen, und war er gleich nicht geschickt
Anschläge zu ersinnen, nannte er gleich die meinigen oftmals tollkühn, so war er
doch immer bereit meinen Planen fortzuhelfen.
    Es würde zu weitläuftig sein, sie euch alle zu nennen, nur des letzten will
ich gedenken, weil ich besorge, er diente dazu das Schicksal der Gräfinn zu
verschlimmern, und ihm diejenige Wendung zu geben, welche jetzt fast ihre
Rettung unmöglich macht.
    Konrad! schrie Herrmann bei diesen Worten, indem er seinen Freund wütend
bei der Brust fasste und ihn fürchterlich schüttelte, bist du rasend? du willst
mir dienen und machst mich durch deine Unvorsichtigkeit nur noch elender?
Sprich, wo ist Ida, und lass uns keinen Augenblick säumen, ihr zu Hülfe zu eilen!
    Es kostete Konraden Mühe seinen aufgebrachten Freund zu besänftigen, und ihn
endlich dahin zu bringen, das Ende seiner Geschichte vollends zu hören.
    Um dir die Sache kurz zu melden, fieng Konrad von neuem an; ich kam auf den
Einfall, das Kloster in Brand zu stecken, und deine Ida auf diese Art davon zu
bringen!
    Rasend! Rasend! schrie Herrmann mit zusammengeschlagenen Händen.
    Rudger und Walter, meine Gefährten, fuhr jener fort, hatten mehr Ueberlegung
als ich, der Anschlag ward gemildert, geändert, umgeschmolzen, und endlich
beschlossen wir, in einem Hofe des Klosters, in welchen wir durch den Kirchhof
kommen konnten, von Stroh und Stoppeln ein leichtes bald zu löschendes Feuer
anzuzünden, welches unter den Nonnen allen Auflauf anrichten konnte, den
wirkliche Gefahr nach sich zieht, ohne darum schlimme Folgen zu haben.
    Wir führten aus, was wir uns vorgenommen hatten. Die Flamme loderte
fürchterlich himmel an. Rudger rief mit dumpfer Stimme Feuer, alle Nonnen wurden
wach, alle Zellen öfneten sich, es gelang uns im Gedränge abermals eine von den
Jungfern davon zu bringen, die wir in der Dämmerung für Ida hielten. Walter
löschte indessen das Feuer, und schlich uns durch unsern gewöhnlichen Ausweg
nach; wir entschleierten unsere ohnmächtige Nonne, sahen uns zum zweitenmal
getäuscht, liessen unsern Raub an der Kirchhofmauer liegen und entflohen.
    Dieser Streich war zu kühn, er musste Folgen nach sich ziehen. Klosterfrauen
durch angelegtes Feuer zu schrecken, eine aus ihrem Mittel entführen, und sie
dann verächtlich liegen lassen, das waren der Beleidigungen zu viel. Die ganze
Gegend ertönte vom Geschrei wider die Kirchenräuber. Der Pöbel würde uns
zerrissen haben, wenn man Verdacht auf uns hätte fassen können. Alle fernere
Versuche wurden vereitelt; das Kloster ward mit Gewaffneten besetzt, und das
Gerücht breitete sich aus; die Nonnen zu Sankt Annen wüssten wohl, auf welche aus
ihrem Mittel alle diese Anschläge gingen, und sie wollten die Unglücksstifterinn
aus ihren Mauren stossen, und in ein Kloster liefern, welches unbekannt und weit
entfernt genug sein sollte, um ihre Entführung unmöglich zu machen.
    Ists möglich, dir die Verzweiflung zu schildern, die mich bei diesen
Aussichten befiel? Sie war derjenigen nicht ungleich, die ich jetzt in deinen
Augen lese!
    Herrmann war ausser sich, er vermochte wirklich kein Wort hervorzubringen,
und Konrad konnte seine Geschichte ungestört endigen.
    Zum Glück, fuhr er fort, kundschaftete Rudger aus, dass Herzog Albrecht von
Oesterreich sich in dem benachbarten Kloster zu Sankt Nikola befände, wohin er
seine Braut geführt habe. Ich kannte Albrechten aus deiner Geschichte als deinen
und Idas tätigen Freund. Ich eilte zu ihm, erzählte ihm alles und forderte ihn
zu Rat und Hülfe auf!
    Er hatte schon mächtige aber bis jetzt noch vergebliche Schritte zu Idas
Hülfe getan. Meine Erzählung machte ihn noch aufmersamer, machte die Gefahr
dringender in seinen Augen, und er traf eilig Anstalt, so wohl Idas wahren
Zustand auszuforschen, als schleunige Verfügungen zu ihrem Besten zu treffen. Es
war gewiss, dass Ida doch nicht aus Sankt Annen hinweg geschafft war, und Herzog
Albrecht schickte mich mit einem nachdrücklichem Brief an den Erzbischof, von
welchem er behauptete, er müsse durchdringen, wenn nicht Subinko alles, was ihm
lieb sei, in die Schanze schlagen wollte. - Diesen Brief zu überbringen, ward
ich hierher gesandt, wie konnte man einen treuern und eiligern Boten finden als
mich!
    Und sage! sage was richtetest du aus? unterbrach ihn Herrmann mit einem
Tone, der die Verzweiflung ausdrückte, in welcher er sich befand.
    Die Antwort, die ich erhielt, war sehr sonderbar, erwiederte Konrad mit
Achselzucken, der künftige Morgen wird erklären, was wir davon zu denken haben.
- Ich fand in dem Erzbischöflichen Pallast alles voll Bestürzung: nur der Name
des Herzogs von Oestreich verschafte meinem Briefe Aufnahme. Man versicherte,
der Erzbischof sei sehr krank, befinde sich nicht in dem Zustande, Briefe zu
lesen oder zu beantworten. - Ich wich nicht von der Stelle. - Endlich erschien
der Grossalmosenier des heiligen Mannes, und versicherte, der Erzbischof befände
sich in der Tat sehr schlecht, aber demohngeachtet sollte ich morgen mit dem
frühsten Antwort auf das Begehren des Herzogs haben. - Ich musste denn den
Pallast verlassen, um zu dir zu eilen. Man versicherte mich beim Weggehen im
Vertrauen, der Erzbischof liege in den letzten Zügen, werde den Morgen nicht
erleben, und ich kann nicht glauben, dass durch diesen Umstand unsere Sache
verbessert werde. - Und warum nicht? schrie Herrmann. Ist Idas Verfolger tod,
wer will ihre Rettung hindern?
    Kennst du Subinkos Nachfolger? - Die Neulinge pflegen die Rechte der Kirche
mit mehrerer Hartnäckigkeit zu verfechten, als die Ausgedienten! -
    Aber wir werden dann keine Privatabsichten auf Ida zu bestreiten haben! -
und sollte, wie man immer vermutete, der geitzige Albikus, Subinkos Stelle
ersetzen, er, dem alles käuflich ist! - O Konrad, ich hoffe, ich hoffe! Sieh'!
du wolltest mich tödten mit deiner Nachricht, und Leben und Freude hast du mir
durch sie ins Herz gegossen!
    So brachten die beiden Freunde eine schlaflose Nacht voll Zweifel,
Hoffnungen und Entwürfe zu; sie bauten das Letztere auf einen Erfolg, auf den
sonst kein Gutdenkender sein Glück zu bauen pflegt. - Doch der Tod des
Erzbischofs war ein Glück für manche Bedrängte, und Idas Freunde waren zu
entschuldigen. - Auch fügte das Schicksal ihren Wünschen.
    Der Morgen brachte die Post von Subinkos Absterben, und das Gerücht von
Albinkus wahrscheinlicher Erhöhung! - Der neue Erzbischof lebte zu Prag,
Herrmanns Entschluss war gefasst. - Eile, sagte er zu Konrad, eile nach dem Orte,
der meine Ida einschliesst, wache, dass sie mir nicht gänzlich entrückt,
vielleicht an Orte geführt werde, wo ich sie in Jahren nicht zu finden wüsste.
Ich fliege nach Prag, zu dem, welchem alles käuflich ist, von ihm Idas Befreiung
mit allem was er fordert, mit meinem gegenwärtigen Vermögen und künftigen
Hoffnungen zu erhandeln. Der Graf von Würtemberg ist, wie ich höre, an König
Wenzels Hofe angelangt, er wird, er muss meinen Wünschen an die Seite treten. -
Und erlange ich, was ich suche, dann auf Flügeln des Sturmwinds hin zu ihr!
Ihren Vater, Herzog Albrechten, dich, alle alle die mir und ihr lieb sind,
fordere ich auf, sie im Triumph aus ihrem Kerker zu führen! - Herrmann war ausser
sich, seine Entschlüsse waren Feuer und Flamme, die Ausführung das nehmliche!
 
                         Vier und dreissigstes Kapitel.
                              Fast war es zu spät.
Die Freunde der Gräfinn von Würtemberg hatten Ursach wegen ihrem Schicksal
besorgt zu sein; ihre Lage war, seit wir uns von ihr trennten, mit jedem Tage
bedenklicher geworden.
    Meine Leser wissen aus Konrads Erzählung, dass die tausend verunglückten
Anschläge zu ihrer Entführung nicht wie sie wähnte von dem Erzbischofe, sondern
von dem treuen Freunde ihres Herrmanns herrührten, der denen zu gefallen,
welchen er dienen wollte, alles - selbst Klugheit und Vorsichtigkeit in die
Schanze schlug.
    Konrads Versuche hätten glücken müssen, wenn er weniger hastig zu Werke
gegangen wär, und wenn nicht diejenige, welche sie am meisten hätte begünstigen
sollen, sie geflissentlich vereitelt hätte; aber Ida wusste nicht, welche Hand
sie aus dem Kerker zu reissen strebte, auch zweifeln wir billig, ob, hätte sie es
gewusst, nicht ihre Grundsätze ihr dennoch diese Art der Befreiung verhasst
gemacht haben würden. Hinterlistige Flucht aus einem Kloster, Flucht an der
Seite eines Mannes, war einmal in jenen Zeiten ein Schritt, vor welchem die
weibliche Delikatesse zurückschauerte, ein Schritt, der ein Fräulein auf
Lebenszeit mit Schande brandmarken konnte.
    Ida hoffte und erwartete ihre Befreiung auf dem geraden Wege, durch
sorgfältige Verwendung ihrer Freunde. Sie wusste nicht, wie kalt oft blosse
altägliche Freundschaft in Ansehung verwickelter Anschläge ist. Die Fürstinn
Gara und die Prinzessinn Elisabet waren neue Freundinnen der Gräfinn von
Würtemberg, waren zu glücklich in Mariens Besitz zu beschäftigt ihre
hingesunkenen Kräfte durch mühsame Pflege zu erhöhen, als dass sie an die
Geberinn ihrer Freuden, an Ida anders, als an eine Nebensache hätten denken
sollen. Sie trösteten einander mit der Hoffnung, es würde sich auch schon mit
ihrem Schicksal zum Besten fügen, und ersparten sich dadurch die Mühe zu
handeln.
    Die schwache Königinn nannte den Namen ihrer Retterinn unaufhörlich, aber
man wusste sie durch Hoffnungen zu befriedigen, deren Ungrund sie nicht
untersuchen konnte.
    Herzog Albrecht, Idas warmer Verehrer, tat mehr als die andern alle, aber
er musste seine Sorgfalt für das Schicksal seiner Freundinn einschränken, wenn er
nicht wollte, dass kaum ausgerottete Eifersucht von neuem Wurzel schlagen sollte.
    Konrad, der unvorsichtige Konrad, war es also allein, der das Beste der
Bedrängten mit Eifer betrieb, und wie es ihm glückte, das haben wir gesehen.
    Der letzte Streich, den er wagte, hatte gewaltigen Aufruhr im Kloster
gemacht. Die ganze Schwesterschaft vereinigte sich wider die unschuldige
Ursacherinn dieser Dinge zu schreien. Täglich neue Schrecknisse! versuchte
Entführungen! Einbruch in die Zellen! angelegtes Feuer! was für Dinge! Sollten
wir alle das Opfer einer einigen werden? - Hinweg mit ihr aus unserm Heiligtum!
Man schicke sie in eine entfernte Gegend, wo niemand sie finden, wo sie bis an
ihr Ende für das Herzleid, das Unschuldigen um ihret willen zugefügt wurde,
büssen kann: dies war die gemeinschaftliche Stimme der heiligen Schwestern zu
Sankt Annen.
    Die Aebtissinn, von Idas fehlerloser Aufführung, von ihrer eingebildeten
Neigung zu einem Stande, den sie anfangs verabscheute, eingenommen, war ihr
nicht ungewogen, hätte sie gern geschützt. - Aber eben ihre aufkeimende Liebe
für die Unglückliche machte diese zu einem doppelten Gegenstande des Neides für
die Nonnen. Sie musste hinweggeschaft werden, um allen Nachteil, den man von ihr
besorgte, zu verhüten!
    Ida war genötigt sich auf ihrer Zelle eingezogen zu halten, so gar der
Besuch des Chors war ihr versagt; man wusste nach und nach die Oberinn mit
Verdacht einzunehmen: ob sie auch so ganz unschuldig an den Begebenheiten sei,
welche man bisher ihretwegen erfahren hätte; ob nicht vielleicht ihr Abscheu vor
der Entführung verstellt sei; ob man nicht bei ihr ein geheimes Verständnis mit
den Feinden besorgen müsse, welches über lang oder kurz zum Verderben des
Klosters ausschlagen könne?
    Beschuldigungen dieser Art waren unwahrscheinlich, waren geradezu
unvernünftig, doch wurden sie gehört, und zogen endlich das nach sich, was man
in Klöstern ein Hauptverhör nennt. -
    Ida ward vorgefordert, man legte ihr tausend Fragen vor; sie beantwortete
sie alle zu Ehren ihrer Unschuld, und zu Beschämung ihrer Feindinnen. Nur eine
konnte sie nicht so beantworten, wie es in dieser Lage ihr Vorteil verlangte,
und dieser eine Punkt stürzte sie.
    Wie hätte Ida, auf Befragung, ob sie ihren Beruf für rechtmässig hielt, ob
sie gern den Schleier ergriff, das Kloster zu Sankt Annen den Herrlichkeiten der
ganzen Welt vorzöge, wie hätte sie mit Ja antworten können? würde wohl eine
einige ihrer Richterinnen es gekonnt haben? Ida gestand aufrichtig: ihr wären
nur die Mittel, welche man zu ihrer Befreiung gebraucht, nur der Ort, wo man sie
wahrscheinlich habe hinbringen wollen, widerlich gewesen; sonst würde sie mit
Freuden in die Welt zurückkehren, und die Verbindungen mit ihren liebsten
Freunden erneuern. Sie erkläre hiermit feierlich, dass sie nur aus Notwendigkeit
das Gelübde ablegen werde, und in sich nicht den mindesten Beruf zum
Klosterleben fühle.
    Man faltete die Hände vor Entsetzen, und aus aller Munde ertönte der Name
Heuchlerinn! Man warf ihr vor, sie habe vor kurzem anders gesprochen, habe
wenigstens durch Stillschweigen zu verstehen gegeben, dass sie gern zu Sankt
Annen verbleibe. - Ida zuckte die Achseln und schwieg. Freilich um Mariens
willen, um diese zu unterstützen, diese zu retten hatte sie eine Zeitlang gern
in diesem Kerker gelebt, aber wie durfte sie dieses bekennen, ohne das Geheimnis
der guten Königinn kund zu machen? und was würde ihr ein solches Bekenntnis
geholfen haben? -
    Ihr schweigt? sagte die Domina. - Hier liegen Dinge verborgen, die wir nicht
ergründen können!
    Und, sagte eine von den Schwestern, was mag sie mit dem Orte meinen, an
welchen sie fürchtete, bei ihrer Entfliehung gebracht zu werden? - Sie weis, sie
vermutet ihn? - ist nicht schon hieraus ein geheimes Verständnis mit der Welt
erwiesen? -
    Man setzte der bedrängten Gräfinn sehr ernstlich zu sich über diesen Punkt
zu erklären, und Ida - war endlich genötigt, den Namen des Erzbischofs zu
nennen, und einige Winke von seinen ehemaligen gegen sie geäusserten Absichten zu
geben. -
    Durch dieses Bekänntniss war ihr Urteil gesprochen. Man nannte sie eine
boshafte lügnerische Verläumderinn, welche nicht wert sei länger über der Erde
geduldet zu werden, und der man deswegen die Wohnung anweisen müsse, welche
Verbrecherinnen ihrer Art zukäme. - Die Aebtissinn schien besonders durch die
Beschuldigung des Erzbischofs beleidigt zu sein; sie behauptete, es sei
schlechterdings unmöglich, dass ein so alter, ernster, heiliger Mann, durch die
irdischen Reitze eines solchen Kindes sollte gerührt worden sein; sie wandte der
Gräfinn voll Unwillen den Rücken, und befahl sie hinweg zu führen. Alle ihre
bisherige Reigung für Ida war verschwunden, und die Bitten ihrer wenigen
Freundinnen wurden nicht gehört.
    Man brachte sie in eins von jenen unterirdischen Gefängnissen, von denen man
noch heut zu Tage in Klöstern genugsame Spuren findet, welche aber zu jenen
Zeiten wahrscheinlich noch fürchterlicher waren als man sie sich jetzt aus
diesen Ueberbleibseln denken kann. Ihre Führerinnen waren die beiden Nonnen, die
in den letztvergangenen Tagen beinahe das Schicksal gehabt hatten, an Idas Statt
entführt zu werden, und die sich bei ihrer Verurteilung besonders geschäftig
erwiesen hatten. - Sie hatten Ursach auf Rache zu denken. - Welch ein Schimpf
für ein paar geistliche Jungfern, den heiligen Mauern ihres Klosters mehr als
halb entrückt zu werden und - dann sich verächtlich wieder zurück geschickt zu
sehen!
    Idas Gefangenschaft ward durch nichts unterbrochen, als durch ein
nochmaliches Verhör - Erzbischof Subinko, vielleicht in Ahndung seines baldigen
Todes, hatte das Kloster in diesen Tagen besucht, hatte mit der jungen Novize,
von deren gegenwärtigen Zustande man ihm nichts wissen liess, eine
Privatunterredung gefordert, und die Aebtissinn, welche viel Gewalt über ihn zu
haben schien, hatte es für gut gehalten, ihm dieselbe abzuschlagen, und Ida in
seiner Gegenwart, vor die ganze Versammlung zu fordern.
    Man nötigte Ida, in seiner Gegenwart das zu wiederholen, wovon sie schon
zuvor einige Winke gegeben hatte; sie tat es mit Mut und Bescheidenheit, indem
sie zugleich versicherte, dass sie in Ansehung der Entführung auf blosse
Mutmassung baue.
    Der heilige Mann ereiferte sich gewaltig, er bewies seine Unschuld
wenigstens in Ansehung des letzten, und die Verläumderinn Ida ward entlassen.
    Auch die andern Nonnen mussten sich entfernen, und der Erzbischof und die
Aebtissinn blieben allein. Man weiss nicht, was zwischen diesen beiden
vorgefallen ist, aber so viel ist gewiss, dass der heilige Mann das Kloster
schnell und in der äussersten Gemütsbewegung verliess. Alte verjährte Rechte
machten es der Aebtissinn vielleicht erlaubt, mit ihm über gewisse Dinge aus
einem beleidigenden Tone zu sprechen, der nachteilige Folgen für die Gesundheit
des Greises haben musste.
    Er war insgeheim von Presburg hinweg gereist, eben so geheim kam er zurück.
Das Gerücht von seiner Krankheit bereitete sich aus, bald darauf die Nachricht
von seinem Tode, - und mit dieser nahm Hoffnung zu Idas Befreiung in dem Herzen
ihrer Freunde Platz.
    Idas Schicksal ward indessen immer fürchterlicher, die Aebtissinn schien sie
tödtlich zu hassen. Ihre Kerkermeisterinnen liessen zuweilen Worte fallen,
welche sie mit Todesahndung erfüllen mussten, man sprach von Eröffnung gewisser
Gemäuer in dem untersten Keller des Klostergebäudes, Ida hatte oft von der
Bestimmung dieser abscheulichen Grüfte gehört, sie wusste, dass sie seit zwanzig
Jahren nicht gebraucht worden waren, und sie konnte mutmassen, dass sie nunmehr
die erste Unglückliche sein würde, die daselbst verschmachten sollte.
    Ihr Zustand gränzte nahe an Verzweiflung, war zuweilen völlige
Sinnlosigkeit. - Ach! seufzte sie in ihren hellern Augenblicken; von allen
verlassen? - Herrmann? Albrecht? Marie? mein Vater? keine keine Hülfe?
    Der Tag des Schreckens war angebrochen, kein weiteres Verhör! sie erwartete
ihr Urteil! - Die Türen des Kerkers öffneten sich! - Die Aebtissinn in eigner
Person stürzte herein! und Ida ward ohnmächtig bei ihrem Anblick!
    Ich muss sie selbst sehen! schrie die Domina - Gott, so ein Zufall! - Wo ist
sie! - Wie? auf der Erde ohne alle Empfindung ausgestreckt? - Wohl gar tod? -
    Gott sei uns gnädig! nur das, nur das nicht! - Man fasse sie eilig und
bringe sie in eins der obern Zimmer!
    Heilige Mutter! rief eine von ihren Begleiterinnen! Gönnt ihr die Ruhe! -
Sollte sie tod sein! - ihr wisst, die Todten sprechen nicht! -
    Ja, aber diese fürchterliche Gestalt! Dieser ausgezehrte Körper! - Alles,
alles wird wider uns zeugen! - Lasst sehen! - Ja, sie lebt noch, es ist noch
Atem in ihr! - Eilig hinauf! und alles herbei geschafft, was das Kloster an
Erquickungen aufbringen kann!
    Ida erholte sich nach einer Stunde; sie erstaunte, sich an einem hellen und
reinlichen Orte zu sehen; sie glaubte, es sei ein Traum! Sie strebte sich von
dem weichen Lager, auf welchem sie sich befand, aufzurichten: es war das eigene
Bette der Aebtissinn, auf welches man sie gebracht hatte. -
    Ruhig! ruhig! meine Teure! rief die Domina, welche neben ihr sass und
ängstlich nach ihrem Puls fühlte, mit sanfter Stimme.
    Wo bin ich? rief Ida!
    Unter lauter Freunden; - Eure Prüfungen sind geendigt! Nur prüfen, nicht
strafen wollten wir euch! Ihr wisst, wie sehr wir euch lieben.
    Ida wandte sich unwillig auf die Seite.
    Sie bedarf der Ruhe, sagte die Aebtissinn zu einer anwesenden Klosterfrau,
ich verlasse sie, um Anstalten zu machen. Lasset es ihr an nichts fehlen, und
ruft mich, wenn sie erwacht ist.
    Ida bedurfte der Ruhe, aber nicht des Schlafs, die Dinge, welche sie
umgaben, waren zu ausserordentlich, um ihr denselben zu gönnen. Sie war zu
schwach zu fragen; sie drückte der um sie beschäftigten Nonne die Hand, und
verweilte mit mattem Blicke auf den betränten Wangen ihrer Wärterinn; es war
eine von Idas Freundinnen, eine von denen, welche durch ihre liebreiche Sorgfalt
dem Tode entrissen wurden.
    Was ist dies? fragte Ida nach einer Weile, welche Aenderung! -
    Still! Still! winkte die Nonne, und schlich nach der Tür um zu sehen, ob
ein Horcher vorhanden sei.
    Wir erwarten, sagte sie beim Zurückkehren, morgen unsern neuen Erzbischof in
unsern Mauren, er kommt in Begleitung des Grafen von Würtemberg, Herzog
Albrechts, und des Grafen von Unna, eine unschuldig Leidende zu befreien.
    Ida wusste nichts von dem Tode des alten Erzbischofs, und konnte also die
Erscheinung des neuen nicht begreifen. Ihren Vater wusste sie weit entfernt, und
den Grafen von Unna kannte sie gar nicht; sie wusste nicht, dass ihr geliebter
Herrmann hiermit gemeint sei. - Sie hielt die Sage der Nonne für Traum, und
schloss die Augen um weiter zu träumen.
    Sie öffnete sie von neuem, und wandte sich mit einer zweiten Frage an die
Nonne, diese schwieg, und deutete auf auf die Türe. Bald darauf trat die Domina
herein.
    Habt ihr geschlafen, mein Kind? fragte sie.
    Sie ist so eben erwacht, sagte die Nonne.
    Schlafet, schlafet! meine Teure! fuhr die Aebtissinn fort, diese bleichen
Wangen müssen morgen blühen, diese matten Augen mit dem vorigen Feuer glänzen.
Ihr wisst nicht, wen ihr morgen sehen werdet. - Einen Vater, einen Freund, -
einen - einen - wie soll ich sagen? -
    Die heiligen Lippen der Aebtissinn vermochten das Wort, Bräutigam, das ihr
auf der Zunge schwebte, nicht auszusprechen, - auch hatte Ida genug gehört, um
mit Entzücken erfüllt zu werden!
    Also ists dennoch dennoch wahr? rief sie mit zusammengeschlagenen Händen.
    Was denn, mein Kind? - hat man euch schon gesagt? -
    Nein! aber mir träumte so etwas. -
    Die Aebtissinn meinte, der Himmel pflegte seinen Heiligen mancherlei im
Traum zu offenbaren. - Auch sie habe einst geträumt, Ida müsse geprüft werden,
scharf geprüft werden, um dereinst glücklich zu sein. -
    Um dieses Traums, und um der langen Predigten willen, welche ihr diesen Tag
über von der Versöhnlichkeit, von der Verschweigung der Klostergeheimnisse und
dem dankbaren Genuss des Glücks gehalten wurden, musste sich Ida endlich zu dem
Versprechen bequemen, gegen ihre ankommenden Freunde nichts von der Art der
Leiden zu gedenken, die sie betroffen hatten, auf keine Rache zu sinnen und
fleissig zu erwegen, das alles nur Prüfung, nicht Strafe, nur Wirkung der Liebe,
nicht des Hasses gewesen sei.
    Diese abgezehrte Gestalt, diese Todtenmattigkeit, die der Domina im Grunde
so viel Sorge machte, konnten, wie sie Ida versicherte, eben so wohl einer
überstandenen Krankheit, als andern Dingen beigemessen werden. - Gern hätte sie
alle ausgestandenen Leiden selbst ihr aus dem Sinne geschwatzt, sie ihr für
Phantasien eines hitzigen Fiebers angerechnet! -
    Lieber Leser, unsere Urkunden beginnen hier am Ende unserer Laufbahn
mangelhaft zu werden, wir müssen unsere Zuflucht zur Lebhaftigkeit deiner
Einbildungskraft nehmen ihre Lücken zu ersetzen.
    Der frohe Tag, der Tag des Wiedersehens brach an! Man hatte der schwachen
Ida so unablässig von ihrem Glück vorgeredet, dass ihr die Idee davon anfing
geläufig zu werden. Die kostbarsten Stärkungen, mit welchen man Sorge getragen
hatte sie zu erquicken, gaben ihr wenigstens so viel Kraft, dass sie ausser dem
Bette sein, und sich den Kommenden entgegen leiten lassen konnte. Sie sank in
die Arme ihres Vaters, ihres Herrmanns, eine schöne hinwelkende Rose, die der
Morgentau zu erfrischen beginnt. Welche Ausrufungen, welche Fragen! welch ein
Gewirr von tausenderlei auf mannichfaltige Art geäusserten Gefühlen! - Herrmann
und Ida waren meistens sprachlos, die Freude des Grafen von Würtemberg hatte
mehrere Worte. Herzog Albrecht wandte sich auf die Seite eine Träne zu
verbergen. Und Erzbischof Albikus schien so wohl mit dem Kaufpreis zufrieden zu
sein den er für Idas Befreiung erhalten hatte, dass er sich erbot, sie noch heute
zur Gräfinn von Unna zu machen, ein Vorschlag, welchem sich die Aebtissinn mit
allen Kräften widersetzte. Wie hätte ein solches in den heiligen Klostermauern
gestattet werden sollen? zu geschweigen, dass Ida, der Kleidung nach, noch eine
Nonne war.
    Der nächste Tag brachte die Gräfinn von Würtemberg in Mariens, Elisabets
und Rosas Arme, auch Münster war nicht fern, und der hülfreiche Konrad! - O
Übermass von Freude, wer vermag dich zu schildern!
    Ida ward Herrmanns Gemahlinn, er stellte sie seinem ehrwürdigen Oheim dem
Grafen von Unna vor, machte sie mit seinen Geschwistern, mit Aleken, Agnesen und
Petronellen bekannt, auch Ulrich ward ihr Freund, auch der Ritter Johann
erschien Teil an dem Glück seines Bruders zu nehmen, und es gelang Herrmannen
den alten Grafen von Unna zu seinem Freunde zu machen! - Doch, mein Leser, wie
soll ich dir einen Auszug von den abgerissenen Dokumenten liefern, welche von
diesen und vielen folgenden Dingen handeln.
    Nur zweie davon zeichnen sich dadurch vor den andern aus, dass sie von dem
nagenden Zahn der Zeit ziemlich verschont worden sind, und das ganz liefern, was
sie melden sollen. Das eine ist ein Brief der Münsterinn an ihren Mann, vom Jahr
1419, in welchem sie ihm die Niederkunft der jungen Gräfinn von Unna mit einem
jungen Herrlein berichtet. Ida befand sich damals an dem Hofe ihrer Freundinn
der Königinn Sophie; ach es war das letzte Jahr, in welchem Sophie die Krone
trug! Wenzels Tod machte sie zur Wittwe und liess sie die Ruhe, welche sie in so
langen Jahren auf dem Trone nicht schmeckte, endlich im Kloster finden.
    Das andere Blatt, dessen wir gedenken müssen, ist eine Einladung Herrmanns
Grafen von Unna, an Aleken von Senden, und ihren Gemahl Ulrich, gen Regenspurg
zu kommen und bei seinem zweiten Sohn Patenstelle zu vertreten. - Es scheint
also, dass das Schicksal Berndten und Katarinen nötigte vom Schauplatz
abzutreten, damit ein paar der edelsten vom Schicksal getrennten Seelen,
glücklich werden sollten.
    Noch einige dunkle Spuren zeigen sich, dass Herrmann auf Zureden seines
Schwiegervaters und Oheims, den Entschluss fasste, ein Mitglied jener Gesellschaft
der im Verborgenen Richtenden zu werden, die sein vergangenes Leben mit so viel
Schrecknissen erfüllt hatten; ein Wink, der uns nicht unwahrscheinlich dünkt.
Wer in jenen Zeiten seines Lebens sicher sein wollte, strebte immer darnach,
sich oder einen seiner Freunde an die grosse Kette anzuschliessen, welche alles
umfasste und allen unsichtbar war.
    Herrmann ward ein nachdrücklicher Verteidiger seines Freundes Konrad, den
die Ehre des nunmehrigen Kaisers, Siegmunds, Diener zu sein nicht vor seinen
Verfolgern schützen konnte! Er brachte ihn an Herzog Albrechts von Oesterreichs
Hof, der mit seiner Gemahlinn Elisabet sich gern von Siegmunds und der gehassten
Barbara Anblick entfernte, um den Umgang der von allen tod geglaubten Marie im
Stillen zu geniessen.
    Da alles, was wir hiervon finden, nur dunkel und unzusammenhängend ist, so
können wir nur wenig davon sagen, und - unsere Geschichte erreicht ihr Ende.
 
                                    Fussnoten
1 Eine Art damaliger Münze.
2 Wenzel hatte sich, wie bekannt, erkühnt, eigenmächtig Beisitzer und Richter
des heimlichen Gerichts zu schaffen, welche von den Aechten nicht anerkannt
wurden, dieses dient vielleicht zu Erklärung dieser Tat.
3 Ueberhaupt liegt diese ganze Reise in tiefes Dunkel gehüllt, und wir haben in
der wahren Geschichte nur wenig Spuren von ihr oder ihrer Veranlassung entdecken
können.
4 Nach andern Johann von Langen.
5 Die gewöhnlichen Worte, an welchen die heimlich Verbundenen des Vehmgerichts
sich erkennen, waren: Steil, Stein, Gras, Grein, doch wollen einige behaupten,
dass bei verschiedenen Gelegenheiten auch andere Losungen gewählt wurden.
6 Herzog Friedrich entfernte sich, wie die Geschichte sagt, allein ins Gebüsch,
so weit ein Mann mit einem Bogen schiessen mag. Kurd, sein Leibknappe, fand sein
Ausbleiben zu lang, und folgte ihm, fand ihn ermordet, und sah die Mörder noch
entfliehen, deren einen, den Hertingshausen, er noch ereilte.
7 Im maynzischen nicht wie am Ende des ersten Teils durch einen Druckfehler
steht, im köllnischen.
8 Siegmunds Gemahlinn Barbara, welche ein Druckfehler im ersten Teile zu
frühzeitig zur Kaiserinn gemacht hat, ward dieses erst lange nachher, und hiess
jetzt nur erst Königinn von Ungarn.
9 Man erinnere sich, dass Kunzmann Herrmanns Schwerd in das Gebüsch schleuderte,
wo Friedrich gefallen war.
10 Fürsten und Edle suchten in jenen Zeiten entweder selbst Beisitzer des
heimlichen Gerichts zu werden, oder ihre Diener zu Freischöppen machen zu
können, es war dieses das einige Mittel in jener fürchterlichen Epoche, einer
Art von Sicherheit zu genüssen.
11 Alle Mitglieder des Vehmgerichts oder die Wissenden, wie sie sich nannten,
waren einander, und wenn sie sich auch nie zuvor gesehen hatten, auf eine Art
kenntlich, welche uns ein Geheimnis ist, so wie ihre ganze Verfassung. Ein
Verfehmter, das ist, einer, der auf viermalige Ladung nicht erschien, oder über
welchem beschlossen war, er solle ungewarnt sterben, war gleichsam vor allen
Freischöppen vogelfrei erklärt; welcher von ihnen ihn fand, der musste ihn
tödten, ein jeder war verbunden, ihm nachzuforschen, und konnte er ihn nicht
allein treffen, oder er war sonst zu schwach, ihn zu überwältigen, so war jeder
seiner Mitbrüder, den er um Hülfe rief, durch die fürchterlichsten Eide
gebunden, ihm beizustehen.
12 Die Geheimhaltung dieser Dinge ging, wie Möser sagt, so weit, dass nicht
allein die geringste Warnung des Verfehmten todeswürdiges Verbrechen war,
sondern das selbst der Kaiser nichts von dem erfuhr, was im heimlichen Gericht
vorging. Er durfte nicht fragen: wer ist in den heimlichen Acht? Auf die Frage,
ist der oder jener darin, erhielt er allenfalls ja oder nein zur Antwort.
13 Auch die Matäus und Matias Kirche führte den Namen Betlehem; von einem
Kloster dieses Namens findet man nur wenig Spuren.
14 O rief er, o der schönen Gans, die mir so viel güldene Eier legt!
15 Man verzeihe den frommen Seelen jener Zeit ihre Irrtümer. Man wusste damals
noch keine Ausflüchte wider die Bündigkeit der Eide!
16 Eins von Hussens Hauptverbrechen war, die Freiheit, mit welcher er, wohl
sogar auf der Kanzel, von den Ausschweifungen des Clerus zu sprechen pflegte.
17 Die Freischöppen verfolgten den Durchächteten so lang, bis sie ihn einsam
trafen, oder ihre Zahl hinlänglich war, sein und seiner Helfer mächtig zu
werden, in dem eigentlichen Mutterlande dieser Grausamkeiten, auf der roten
Erde, wie Westphalen sinnbildlich von ihnen genannt wurde, war ihre Gewalt am
grössten, niemand konnte ihr entgehen.
 
    