
        
                               Benedikte Naubert
                         Die Amtmannin von Hohenweiler
            Eine wirkliche Geschichte aus Familienpapieren gezogen.
                                        
                     Vom Verfasser des Walter von Montbarry
                                 Erstes Bändchen
                                    Vorbericht
Diese Blätter, welche ich unter den geheimen Papieren meiner Frau, Jukunde
Haller, gefunden habe, lege ich der Welt vor Augen; nichts davon als die
Ueberschriften der Kapitel ist mein Werk, das übrige alles ist aus der Feder
meiner Schwiegermutter, der Himmel tröste sie, geflossen. - Wozu doch den
Weibern die Kunst zu schreiben nutzen mag? Ihre Torheiten und die Fehler ihrer
Männer zu verewigen? - Ich bedaure meinen seligen Schwiegervater, er mag in
guten Händen gewesen sein! - Mir möchte meine Jukunde mit solchen Dingen kommen.
Ein jeder nehme sich das Beste aus diesem Geschreibsel, so wie auch ich getan
habe.
                                                                Der Herausgeber.
 
                                 Erstes Kapitel
                           Geschwätz einer alten Frau
Der Frühling meines Lebens ist dahin, diese grauen Haare sind Zeuge davon. Der
Frühling und der Herbst? - fast möchte ich zweifeln, ob ich auch diese für
vergangen rechnen soll, wenn ich mich im Kreise meiner blühenden Töchter und
Enkelinnen erblicke, deren jede mir in meiner jugendlichen Schönheit gleicht,
und einen Glanz auf meine Runzeln zurück wirft.
    Wenn ihr, ihr Lieben, euch so zärtlich um diejenige dränget, die euch das
Leben gab, so fällt mir immer der abgestorbene Nussbaum an der linken Seite
unserer Gartentür ein, dessen nackte Aeste der nachbarliche Flieder mit seinem
Laub und Blüten deckt, und dessen Stamm der Weinstock, den mein Vater an meinem
Hochzeittage pflanzte, so prächtig mit seinen roten Trauben behängt. Schon oft
habe ich dieses Sinnbild meines hinsinkenden Lebens, das nur durch euch Zierde
und Anmut erhält, von der Axt des Gärtners gerettet, und auch euch, meine
Kinder, sei es heilig; rottet diesen Baum nicht aus, wenn ich todt bin: er
verunstaltet die Stelle nicht, auf welcher er steht, seine beiden Nachbarn, die
er aufwachsen sah, und sie in seinen bessern Jahren in seinem Schatten nährte,
verhüllen seine Blösse, und zürnen nicht, wenn der Unwissende einen Teil ihres
Laubes auf ihres Pflegers Rechnung schreibt.
    Schon oft, meine Kinder, versprach ich euch, eine umständliche Erzählung
meiner Geschichte, oder vielmehr der eurigen, denn meiner eigenen Begebenheiten
sind wenig. Still und einförmig verfloss mein Leben, bis ich in den Stand trat,
der euch das Dasein gab, bis ihr eines nach dem andern auftratet, und mir bald
Trauer- bald Freudentränen ablocktet, mir bald frohe Tage, bald sorgenvolle
schlaflose Nächte machtet. Viel waren meiner Unruhen in euren ersten
Kinderjahren; aber o Gott, sind sie wohl mit den Sorgen zu vergleichen, die bei
eurem reiferen Alter mein Herz anfielen? Zu der Zeit, als eure Leidenschaften
erwachten, und euch in Labyrinte führten, aus welchen euch zurückzurufen, die
schwache mütterliche Stimme vergebens strebte. - Amalie ist dahin, aber dich,
Jukunde, und dich Juliane, rufe ich zu Zeuginnen an; ihr könnt vergangene Dinge
noch nicht so ganz vergessen haben. - Johanne, auch sie, mein Liebling, hat mir
der Tränen viel gekostet, doch auch sie ist aus unserm Kreise abgetreten, und
euch - haben mehrere Jahre weiser gemacht.
    Lasst mich endlich eine Erzählung anfangen, von welcher ich, wenn ihr in mich
dranget, oft sagte, ich würde sie euch besser schriftlich als mündlich geben
können. Ihr sehet, dass ich recht hatte. Wie wollte die jugendliche Ungeduld die
Schwatzhaftigkeit des Alters aushalten können! Einer geschwätzigen Feder kann
man eher entfliehen, als einem schwatzhaften Munde. Legt dieses Blatt auf die
Seite, wenn es euch zu langweilig dünkt, und fangt ein neues an.
 
                                Zweites Kapitel
                              Alltagsbegebenheiten
Die Erwähnung meines schwachen hilflosen Alters, meiner vergangenen Sorgen und
Kümmernisse, eurer Vergehungen und unserer Verstorbenen, gibt dem Anfange
dieser Blätter einen gewissen Anstrich von Schwermut, welcher eigentlich nicht
mit meinem Charakter übereinstimmt. Die junge Welt mag mich vielleicht jetzt
zuweilen finster und mürrisch nennen, aber in meiner Jugend, ich versichere
euch, war ich dieses nicht. Die frohe Miene, mit welcher ich in meiner Kindheit
meinem Vater entgegen hüpfte, wenn er von Amtsgeschäften vedriesslich nach Hause
kam, der Reichtum von Hoffnung und guter Laune, mit welchen ich, als ich älter
ward, manche seiner Sorgen hinwegtäuschte, war es vorzüglich, was mich zu seinem
Lieblinge machte.
    Ihr wisst, euer Grossvater war ein Geistlicher, noch dazu ein Geistlicher auf
dem Lande, und es ist also nicht zu zweifeln, dass das Amt, Unmut zu verjagen,
ziemlich oft von mir geübt werden musste. Wenn in einer seiner Cirkularpredigten
der Herr Superintendent den Kopf geschüttelt hatte; wenn ihm ein junger
vorwitziger Stadtgeistlicher mit einer schweren Citation aus dem Grundtext in
den Weg trat; wenn bei der Kirchenvisitation der Herr Ephorus keines unserer
Gerichte loben wollte, und den für ihn aufgesparten Wein scharf und sauer fand,
dann konnte nichts den gedemütigten Stolz meines guten Vaters aufrichten, als
ein munterer Einfall derjenigen, die er seinen Trost und seine Hoffnung nannte,
und von der er in solchen Stunden zu versichern pflegte, dass alle Stadtmädchen,
und selbst die bleichen Töchter des Herrn Superintendenten ihr an Schönheit und
Güte nicht zu vergleichen wären; ein Kompliment, welches man eben nicht
übertrieben nennen konnte.
    Wenn wichtigere Sorgen ihn quälten, so ward mir es freilich nicht so leicht
ihn zu beruhigen. Ein beschwerliches Amt, unruhige Pfarrkinder, geringe
Zehenden, schlechte immer mehr abgekürzte Einnahme, Uneinigkeit mit seinen
streitsüchtigen Herren Confratern, Verlänmdung und Verdacht wegen
Irrgläubigkeit, Verweise aus dem Konsistorio, wohl gar Vorbeschiede vor den
hochpreislichen Kirchenrat. - - Doch dieses alles sind Dinge, die eigentlich
nicht hieher gehören, und es sei euch genug, dass ich euch versichern kann, auch
für diese Kränkungen habe mein guter Mut immer Linderung ausfindig gemacht,
obgleich mein Herz insgemein oft so stark blutete, als das Herz meines guten
Vaters.
    Ich wuchs heran, und ward ein schönes schlankes blühendes Mädchen, an
Gestalt, dir Jukunde, und an Gesicht der seligen Leutenantin von W.., oder wie
ich sie lieber nenne, meinem Hannchen, fast gleich. Julchen dort, die sich auf
die kleinen weissen Händchen, und den niedlichen flüchtigen Fuss so viel zu gute
tut, ist in diesem Teil der Schönheit, das wahre Ebenbild ihrer Mutter, und du
Feuerkopf, Albert, wenn die Schmeichler meiner Zeit die Wahrheit redeten, so ist
dein Witz, deine Lebhaftigkeit das Erbteil - doch nichts weiter hiervon, ich
wollte erzählen.
    So von der Natur ausgestattet, wie würde mich die Kunst ausgebildet, oder
wie würde sie mich vielleicht verderbt haben! sie hatte keinen Teil an meiner
Erziehung; ich ward und blieb, wozu mich mein Schicksal bestimmt zu haben
schien, ein einfältiges kunstloses Landmädchen, voll von allen Vorurteilen die
meinem Stande eigen sind, und unbekannt mit allen Torheiten der Städterinnen.
    Mein Vater bekam jetzt fleissiger Besuche als vordem; Söhne von alten
Bekannten, deren Namen er sich nicht mehr erinnern konnte, kamen um die
Freundschaft ihrer Väter zu erneuern, und an jedem Sonntage hatte er die Wahl
unter zween bis drei Kandidaten, welche sich erboten ihm sein beschwerliches
Amt, wie sie es nannten, zu erleichtern. Mein Vater nährte seine Heerde lieber
selbst mit der gesunden Speise, an die er sie gewöhnt hatte, als mit dem
gekünstelten meistens ungeniessbaren Gemengsel, das die jungen Herren aus der
Stadt aufzutischen pflegten. Ueberdieses öffneten einige Begebenheiten, welche
nicht hieher gehören, ihm und mir die Augen, dass diese dienstfertigen Jünger
weniger um seinetwillen kamen, als um die Gesellschaft seiner Tochter zu
geniessen, die sie zur Dankbarkeit mit dem Namen des schönen Hannchens beehrten.
    Der gute Ruf eines Landmädchens ist von empfindlicherer Natur als die Ehre
der Städterinnen. Ich begehrte nirgends als in meines Vaters Hause genannt zu
werden. Ich kam von dieser Zeit an wenig mehr zum Vorschein, wenn Fremde aus der
Stadt gegenwärtig waren. Die Besucher verloren sich, und mein Vater konnte
ungehindert sein Amt, ohne aufgedrungene Gehülfen, verwalten.
    Manches Jahr vergieng auf diese Art. Mein Vater, welcher viel auf
frühzeitige Verheiratungen hielt, und mich mit sehr parteiischen Augen ansah,
wunderte sich, dass ein Mädchen meiner Art, das achtzehnte Jahr - das längste
Ziel, das er dem jungfräulichen Stande einräumte - im väterlichen Hause hatte
erreichen können. Alle Mütter und Töchter seiner Familie waren in diesem Alter,
das ich bereits zurückgelegt hatte, längst verheiratet gewesen, und er schien
mir es oft zum Vorwurf zu machen, dass ich bei allen meinen Reizen und Vorzügen
noch immer nichts weiter war, als Pastors Hannchen. Er berechnete nicht, was
mich bei ihm zurück hielt. Armut, Leben in der Dunkelheit, Liebe zu ihm, und
Widerwille meine Hand einem Manne zu geben, der nicht ganz dem Ideal entsprach,
das ich so wie jedes mit der Welt unbekannte Mädchen, mir nach meinem eigenen
unschuldigen Herzen von meinem künstigen Gatten gemacht hatte.
    Mein Vater schien es oft zu bereuen, dass er, der viel auf Namendeutung
hielt, mir die schönen, von euch so oft getadelten, Namen, Hanne und Peninna
gegeben hatte, welche nicht ohne Ursach von zwoen berühmten Matronen des
Altertums entlehnt, und die er jetzt, um nicht als ein falscher Prophet
erfunden zu werden, lieber mit den Namen der Tochter Jephtah, oder der vier
Jungfrauen des Philippus vertauscht hätte, wenn die Geschichte es für gut
befunden hätte dieselben zu verewigen.
    Mein Vater war nicht mehr gesinnt wie vordem. Alter, Krankheit und Unfälle
hatten ihn missmütig gemacht. Seine Verdriesslichkeiten bei dem Konsistorio nahmen
zu, man sann darauf, da es unmöglich war, ihn, der seine Unschuld immer gut
verteidigen konnte, vom Amte zu setzen, ihm wenigstens einen Gehilfen zu geben.
Wunderbar war es, dass man zu dieser Stelle einen Menschen erkiesste, welcher
lange in unserm Hause aus- und eingegangen und von meinem Vater immer vorzüglich
geliebt worden war. Er nannte dieses sonderbare glückliche Fügung, die ihm
seinen Schüler, seinen vieljährigen Freund zum Amtsgehilfen gab. Ich kannte den
Herrn Katarines besser, ich wusste, dass er bei allen Verdriesslichkeiten, die mein
Vater vor dem geistlichen Gerichte erfahren, die Hand im Spiele gehabt hatte,
dass er jetzt nur darum mit dem Platz an seiner Seite zufrieden war, weil er ihn
noch nicht ganz von seiner Stelle drängen konnte. - Was für Aussichten für mich,
wenn ich bedachte, dass dieser Mensch, über dessen Charakter mein Vater ein so
verschiedenes Urteil fällte, ein Mann war, der schon in vorigen Zeiten
Absichten auf mich geäussert, die er jetzt ohne Zweifel, nur auf eine
anständigere Art, als vordem erneuern würde. Wie ich fürchtete, so geschah es.
Ich sagte: Nein, ich stiess, wie mein Vater meinte, mein Glück mutwillig von
mir, und vernichtete, was noch das schlimmste war, ihm die Hoffnung gänzlich,
meine Trauungsrede zu halten, eine Rede, die ihres gleichen nicht haben musste,
weil sie schon seit meinem zehnten Jahre unter der Feder war. -
    Meine Einwendungen wider den Herrn Katarines wurden alle verworfen, und
kaum konnte ich mich damit retten, dass ich bewies, dass er schon der verlobte
Bräutigam einer andern war, die er um meinetwillen zu verlassen dachte. Diese
andere ward bald darauf seine Frau und die Stifterinn meines Unglücks oder
Glücks, ich weiss selbst nicht, wie ich es nennen soll. - Mit ihrem Eintritt wich
der Friede aus unsrer stillen Wohnung. Sie liess es nicht genug sein, in unserm
Hause eine gänzliche Reformation anzufangen, und als eine Städterinn alles nach
Stadtart einzurichten, sondern sie gab auch vor, sich mit mir nicht vertragen zu
können. Sie wiegelte meinen Vater, der ohnedem wegen meiner abschlägigen Antwort
vedriesslich war, wider mich auf. Ich fieng an eine überzählige Person im Hause
vorzustellen, man sann darauf mich anderwärts anzubringen, man machte eine
Stelle als Haushälterinn in der Stadt für mich ausfindig, und ich, die es
vormals für Tod hielt, mich von meinem Vater trennen zu müssen, willigte ohne
Widerrede ein; ein Jahr das ich, seit Madam Katarines das Hausregiment führte,
als Fremdling in der Wohnung meines Vaters gelebt hatte, war hinlänglich
gewesen, mir diesen sonst so angenehmen Ort ganz zuwider zu machen.
    Neue Klagen, welche den Herrn Katarines aus dem Substituten in den Pastor
verwandeln und seinen Wohltäter ganz von seiner Stelle verdrängen sollten,
forderten meines Vaters persönliche Gegenwart vor dem geistlichen Gerichte;
überdieses waren unsere Einkünfte seit einiger Zeit geringer gewesen, es waren
Schulden aufgelaufen, Vergleiche und Berichtigungen in der Stadt zu machen, kurz
mein Vater entschloss sich, mich selbst an den Ort meiner Bestimmung zu bringen,
und wir rüsteten uns beide zur Abreise.
 
                                Drittes Kapitel
                          Ein Besuch zur guten Stunde
Nie hatte ich, selbst in meinen glücklichern Jahren nicht, viel auf Putz und
Flitterstaat gehalten, und es ist zu glauben, dass ich in meiner damaligen
Verfassung, noch weniger auf künstliche Wahl meines Anzugs dachte. Ich trug ein
langes Kleid, wie sie damals Mode waren, von weisser ziemlich feiner Leinwand,
welches im Sommer mein Kirchenkleid zu sein pflegte, und auf einem niedrigen
Häubchen von guten Spitzen, welches mein Gesicht zur Hälfte verhüllte, einen
grossen Strohhut, den ich fürwahr nicht zum Staate, sondern um mir auf dem Wege
von einigen Stunden zum Schutz wider die Sonne zu dienen, aufgesetzt hatte. Doch
musste ich reizend in diesem Anzuge sein, denn mein Vater sah mich mit lächelndem
Wohlgefallen an, Herr Katarines nannte mich eine unverwelkliche Rose, und seine
Gemahlinn flüsterte ziemlich hörbar für mich, ich sähe unausstehlich albern aus,
und sie habe nie etwas abgeschmakteres gesehen, als ein Mädchen, das den
Dreissigen nahe sei, und noch zu gefallen denke.
    Wir machten uns auf den Weg, und die Gespräche, die wir unterweges hielten,
waren traurig, aber zugleich doch tröstlich für mich, da ich endlich einmal ganz
mein Herz vor meinem Vater ausschütten konnte. Lange hatte ich nicht ungestört
mit ihm sprechen können; Herr und Madam Katarines hielten ihn immer umlagert,
um seine arme Tochter desto leichter aus seinem Herzem verdrängen zu können. -
Sein Herz liebte mich im Grunde noch wie zuvor, er entschuldigte mich wegen
allem, womit man ihn gegen mich einzunehmen gesucht hatte, er bedauerte, mich
von sich lassen zu müssen, sich so ganz in die Gewalt des Katarines und seiner
Frau gegeben zu haben. Gern hätte er die vorigen Zeiten zurück gerufen, aber es
war zu spät, und wir mussten uns trennen.
    Die Angelegenheiten meines Vaters, die ihn in die Stadt riefen, erschwerten
unsern Kummer. Zwar dachte mein Vater sich vor seinen Richtern zu rechtfertigen,
zwar glaubte er, sich mit seinen Gläubigern auf leidlichere Bedingungen zu
setzen, aber ich, die sonst so reich an Hoffnung war, hoffte jetzt nichts, und
schwieg, da ich nicht im Stande war, wider meine Ueberzeugung der Meinung meines
Vaters beizupflichten.
    Wir langten in der Stadt an, und traten bei einem alten unverehelichten
Herrn ab, der uns in unsern glücklichen Tagen oft zu besuchen pflegte, aber mich
fast nie zu sehen bekam. Er kannte mich nicht, und als mein Vater mich ihm als
seine Tochter vorstellte, und ihm die Ursach meiner Erscheinung in der Stadt
erklärte, so musste es sich ganz sonderbar fügen, dass auch er eine Haushälterin
brauchte, und mir mit den besten Bedingungen diese Stelle antrug. Ich, die keine
Freundin von solchen sonderbaren Fügungen war, wandte vor, dass ich mich schon
anderwärts verbindlich gemacht habe; seine Anerbietungen stiegen so wie meine
Weigerungen, und er versprach auf die letzt nicht viel weniger, als mich, bloss
aus alter Freundschaft für meinen Vater, zu seiner Erbin einzusetzen. - Mein
Vater nannte diesen Lohn für eine Haushälterin zu gross, und für einen Freund,
der es nie gewagt hatte sich unter seine Vertrautesten zu zählen, zu unverdient;
einige empfindliche Reden erfolgten hierauf zur Antwort, und wir wurden so
kaltsinnig entlassen, als man uns zärtlich empfangen hatte. Kaum dass mein Vater
auf die Erkundigung nach einem geschickten Anwald zu Führung seiner
Angelegenheiten, eine unbestimmte Anweisung an einen gewissen Herrn Haller
erhielt, dessen Namen wir nie hatten nennen hören, und dessen Wohnung man uns
nicht einmal zu sagen wusste.
    Unser nächster Gang war zu der Dame, bei welcher ich in Dienste treten
sollte. Sie war eine Wittwe näher fünfzig, die sich kürzlich mit einem langen
Fähndrich von etlichen zwanzig verheiratet hatte, und jetzt daran arbeitete,
ihm seinen Abschied mit Hauptmannsrang auszuwirken. So freundlich wir, nach
Meldung unsers Namens eingeladen wurden, in ihr Zimmer zu treten, so schlecht
war der Empfang bei unserm Anblicke. Ich war ihr zu jung, zu zierlich gestaltet.
Sie konnte nicht begreifen, wie ein Mädchen von meiner Art die Führung eines
Hauswesens verstehen könne. Sie hörte nichts von dem an, was wir ihr von meinem
Alter, und von meiner langen Uebung in den Geschäften, in welchen sie mich
brauchte, vorsagten, und es fehlte nicht viel, dass sie ihre Rede mit
Unhöflichkeiten schloss. - Ich habe euch meinen Anzug beschrieben, und ihr werdet
euch wundern, dass selbst dieser, selbst der armselige Strohhut, den ich trug,
ihrer Kritik nicht entgieng; eben war sie im Begriff den letztern noch besonders
vorzunehmen, aber ihr junger Gemahl trat ins Zimmer, und wir wurden schnell
entlassen.
    Eine alte Frau, vermutlich die Kammerfrau der Dame, begleitete uns. Das
hätte ich ihnen sagen wollen, mein Kind, sprach sie, dass sie bei uns nicht
fortkommen würden. Madam Katarines, welche ehemals Haushälterin bei uns war,
und die sie vermutlich bei uns empfohlen hat, war schon zu hübsch für unsern
Zustand. Eine Frage nach der Wohnung des Herrn Hallers unterbrach die Rede der
geschwätzigen Frau, glücklicher Weise konnte sie uns Nachricht geben, und wir
entfernten uns.
    Recht als ob dieser Tag durch fehlgeschlagene Hoffnung und schlechte
Aufnahme ausgezeichnet werden sollte, fanden wir auch bei dem Manne, zu dem man
uns hinwies, nichts als finstere Gesichter, Es war fast Mittag, ehe wir seine
Wohnung trafen, welche die plauderhafte Alte, ich weiss nicht aus welchem Grunde,
uns sehr schlecht angewiesen hatte. Mein Vater sagte, die Stadtleute, vornemlich
die, welche in grossen Häusern wohnten, hassten die geraden Wege so sehr, dass sie
diejenigen, welche sie um Rat fragten, durch tausend Umwege erst dahin führten,
wohin sie gedächten. Kein Wunder also, dass wir Herrn Hallers Wohnung zehenmal
zur Rechten und Linken liegen lassen, ehe wir sie fanden.
    Wir wurden eingeführt. Ein alter, dem Anschein nach, fast des Gesichts
beraubter Mann, der in einem Armstuhl zurück gelehnt sass, und bei unserm
Eintritt ein wenig an einer schwarzen Sammetmütze rückte, die seinen kahlen
Scheitel bedeckte, hiess uns näher kommen, um, wie er sprach, uns besser erkennen
zu können. Er zog ein Glas heraus und betrachtete mich. Darauf wandte er sich zu
meinem Varer. Ein langes Examen erhob sich, von welchem die Konklusion war,
nachdem er alles erfahren hatte, was uns angieng: er wolle sich zur Ruhe
begeben, und nähme keine Sache mehr an; zwar sein Neffe, - aber auch dieser sei
bereits mit Geschäften überladen; überdies sei es bald Mittag und - Eine
Bewegung mit der Hand sagte uns, wir möchten uns entfernen.
    Mein Vater hatte die Bitte auf der Zunge, ihm wenigstens einen andern
Rechtsgelehrten anzuweisen, welcher besser Gesicht, weniger Geschäfte und
wenigere Jahre habe, welcher nicht im Begriff sich zur Ruhe zu begeben und nicht
in Erwartung einer guten Mahlzeit sei, aber seine Frage ward durch den Eintritt
einer Person unterbrochen, deren erste Worte zeigten, dass sie komme, den alten
Herrn zu der für uns so fatalen Mittagstafel abzuholen. Es war eine alte
ehrwürdige Matrone in einem Gewande, das mir die weisse Frau, wie sie auf dem
Schloss zu B... abgemahlt ist, in den Sinn brachte; um die Aehnlichkeit
vollkommen zu machen, trug sie ein grosses Bund Schlüssel, das Zeichen des
Hausregiments in den damaligen Zeiten, an der Seite.
    Sie ward uns gewahr, und eine freundliche Verbeugung gegen uns, kürzte das
ab, was sie noch zu dem alten Herrn sagen wollte, der sich jetzt langsam aus
seinem Stuhle erhob, und bei uns vorbei nach der Türe tappte. Wir wollten uns
entfernen. Wie? sagte die Matrone, auf welche vielleicht das Alter meines Vaters
und seine geistliche Kleidung einen vorteilhaften Eindruck machen mochten, wie?
mein Kind, ist das die Zeit seine Gäste zu entlassen? - Keine Gäste, erwiederte
der Alte, nur Klienten. - Ey, fuhr die freundliche Frau fort, Gäste oder
Klienten, es ist unmöglich, dass sie jetzt von uns gehen. Darf ich bitten - mit
einem freundlichen Blick auf uns - dass sie bei uns vorlieb nehmen? Ihre Wohnung
ist vielleicht weit entlegen, und die Witterung - -
    Die Dame hatte Recht. Es war einer von den ersten Frühlingstagen, die sich
so oft schön und heiter anfangen und mit Sturm und Regen endigen. Der Himmel
hatte sich dicht umzogen, und unsere Herberge war eigentlich nirgends, da wir
bei dem Herrn, dessen Haushälterin ich nicht werden wollte, zu wohnen gehofft
hatten, und ohne Einladung entlassen worden waren. Ueberdieses waren wir Leute
vom Lande, wussten nichts von langweiligen Weigerungen, und blieben so herzlich
gern da, wo man uns einlud, als wir im entgegengesetzten Fall diejenigen, welche
uns bewirteten, bei uns aufgenommen haben würden.
    Dass die Matrone, welche uns mit so patriarchalischer Gastfreiheit einlud,
die Frau vom Hause war, werdet ihr erraten, ob ich mir gleich einbilde einige
Verwunderung über ihren einfachen Anzug, über das Bund Schlüssel an ihrer Seite,
und über die Herablassung, mit welcher sie ihren Gemahl selbst zur Tafel holte,
in eurem Auge zu lesen. Freilich müssen die Begriffe, die ihr euch nach den
jetzigen Zeiten von einer Stadtdame, von der Frau eines vornehmen
Rechtsgelehrten macht, ganz anders sein, aber ich bitte euch, versetzt euch in
die damalige Welt! Nicht am Putztische, sondern in der Küche traf man unsere
Mütter des Morgens an; nicht im prunkvollen unbequemen Flitterstaat nahmen sie
die Stelle der Wirtin bei der Mittagstafel ein, sondern in reinlicher
häuslicher Kleidung, welcher man es ansah, dass sie ihnen nicht hinderlich sein
konnte, an jedem Orte ihres kleinen Gebiets selbst gegenwärtig zu sein, alles
mit eigenen Augen zu sehen, und vielleicht überall selbst mit Hand anzulegen;
man nährte in den damaligen grössten Häusern nicht etwa eine Menge unnützer
Bedienten, welche die Frau vom Haufe der kleinsten Mühe überhoben, oder
überheben sollten, und die doch das wichtigste oft ungetan liessen, was die
Gegenwart der Gebieterin bald geändert haben würde; doch das sind unnötige
Ausschweifungen. Zu unserer Mahlzeit! -
    Unsere Tischgesellschaft wurde durch einen jungen Mann vermehrt, welchen ich
gleich anfangs für das hielt, was er war, für den geschäftvollen Neffen des
alten Herrn, der sich zur Ruhe setzen wollte. Ein Mensch von gutem Ansehen,
welchen ich, so wie ich ihn damals zum erstenmal sah, mit niemand besser
vergleichen kann, als mit meinem Sohn Samuel, auch mochte er damals ohngefähr in
den Jahren sein, die dieser jetzt hat, nur ist in Samuels Betragen mehr Ernst
und gesetztes Wesen, als ich an dem damaligen jungen Herrn Haller rühmen kann,
welcher in allem, selbst in seiner nach der damaligen äussersten Mode
eingerichteten Kleidung, zeigte, was in seinem Herzen wohnte, Leichtsinn und
Eitelkeit. Ich fand kein besonderes Wohlgefallen an ihm, desto mehr aber ward
ich von seiner Tante, der ehrwürdigen Madam Haller, eingenommen. Ich sass bei der
Mahlzeit an ihrer Seite, und ihre freundlichen Worte, welche sie immer an mich
richtete, machten ihr bald mein ganzes Herz zu eigen, ob ich gleich dieselben,
ich weiss nicht aus welcher albernen Blödigkeit, immer nur halb beantwortete,
vielleicht dass mich die Blicke des gegen mir übersitzenden jungen Herrn, welcher
die Fältgen an den Spitzen meines Kopfzeugs zu zählen schien, in einige
Verlegenheit setzten.
    Nach dem zweiten Glas Wein ging dem alten Herrn der Mund auf. Neffe, sagte
er, nachdem er sich dreimal geräuspert hatte, dieser ehrliche Mann hier, welcher
Rechtsangelegenheiten halber in die Stadt gekommen ist, braucht deine Hilfe. Die
Sache betrifft - - Hier hob ein weitläuftiger Bericht von den Angelegenheiten
meines Vaters an, den der alte Herr weit ordentlicher und zweckmässiger
vorbrachte, als er ihn von seinem Klienten erhalten hatte, welches mich um so
vielmehr Wunder nahm, da ich geglaubt hatte, der alte Herr Haller habe den
Vormittag, als er sich alle diese Dinge von meinem Vater erzählen liess, an
nichts dabei gedacht, als an seinen Lehnstuhl, sein blödes Gesicht, und die
bevorstehende Mahlzeit.
    Sie müssen mirs nicht übel nehmen, beschloss der alte Herr seine Rede, indem
er sich zu meinem Vater wandte, wenn ich sie vorhin ein wenig kurz abfertigte.
Sie weckten mich aus einem Schlummer, in welchen ich, wenn ich allein bin, oft
verfalle. Ich werde alt, und - es gibt Stunden, in welchen ich keines Menschen
Freund bin. - Zum Beispiel, dachte ich, die Stunde der Erwartung vor der
Mittagsmahlzeit! ach wie recht hatte meine alte Baase, Gott habe sie selig,
welche mich lehrte, den Himmel alle Morgen zu bitten, dass alles, was ich den Tag
über vornehmen wolle, zur guten Stunde geschehen möge. - Mein Vater verbeugte
sich auf diese Entschuldigung des alten Herrn, es entstand eine Pause, und der
junge Haller füllte das Glas seines Klienten ungeachtet seiner Weigerung, und
der darüber gehaltenen Hand, von neuen an.
    Ich weiss nicht wer zuerst das Wort wieder aufnahm, genug das Gespräch ward
nun allgemeiner. Der Oheim und der Neffe taten noch viele Fragen an meinen
Vater; er gab ihnen ausführliche Nachricht; Madam Haller schob zu Zeiten einige
Worte ein; ich schwieg, und als die drei Herren sich nach und nach immer mehr in
ihren Händeln vertieften, der alte Herr im Eifer schon ein Glas umgestossen
hatte, und meines Vaters Stimme sich bei Darlegung seiner Gerechtsamen zum
stärksten Kanzelton erhob, gab mir meine Nachbarin einen Wink in der Stille
aufzustehen, und die Männer beim Wein ihre Sachen allein ausmachen zu lassen.
 
                                Viertes Kapitel
                    Eine Freundin, wie man sie selten findet
Madam Haller führte mich auf ihr Zimmer. Sie lud mich ein, diesen Nachmittag bei
ihr zu bleiben, und ich willigte ein, weil ich glauben konnte, dass ihr ihre
Einladung von Herzen ging, und dass sie, wie sie sich ausbrückte, einen einsamen
Nachmittag gern mit einer Freundin teilte. Freundin? wiederholte ich, indem ich
ihre Hand an meine Brust drückte. Warum nicht? mein Kind, sagte sie, kann keine
Freundschaft zwischen Jugend und Alter Statt finden? O das wohl, erwiederte ich,
aber welch ein Unterschied zwischen Madam Haller und einem armen einfältigen
Landmächen!
    Sie küsste mich lächelnd auf die Stirne, und bat mich, mir die Zeit nicht
lang werden zu lassen, weil sie mich wegen einiger häuslichen Geschäfte
verlassen müsse.
    Wie? rief sie, als sie nach einer Viertelstunde wieder kam, und mich an
einer Tapete arbeitend fand, die ich eingespannt gesehen, und mich fast ohne
daran zu denken, dabei niedergesetzt hatte. Wie? verstehen Sie diese Arbeit? -
Ich erschrack über diese Ueberraschung, stand errötend auf, und bat um
Verzeihung. Nein, nein, sagte sie, hier keine Verzeihung? Ich nehme ihre Hilfe
an. - Und wir setzten uns beide, und nähten eine lange Weile stillschweigend
fort.
    Es ist bekannt, wie bald sich ein paar weibliche Seelen, auf einem einsamen
Zimmer, bei gemeinschaftlicher Arbeit, gegen einander aufschliessen. Die Fragen
der Madame Haller wurden häufiger, meine Antworten umständlicher als bei der
Mahlzeit, und nicht lange, so kannte sie meine ganze Lage so vollkommen als ich
selbst. Herr und Madame Katarines, der alte Herr, welcher eine Haushälterin,
und die Gemahlin des jungen Fähndrichs, welche keine brauchte, kamen endlich
auch an die Reihe, und was das sonderbarste war, so kannte Madam Haller alle
diese drei Leute so vollkommen, dass sie mir eine vollständige Biographie von
ihnen liefern konnte, die mich angenehm genug unterhielt, ob sie gleich eben
nicht die vorteilhafteste war. Die liebe Frau! wenn mir es erlaubt ist, ihr so
etwas noch im Grabe nachzusagen, einen kleinen Hang zur Medisance hatte sie
freilich, aber sie war gut, sehr gut, und nahm gewiss nichts unter ihre Kritik,
was dieselbe nicht verdiente.
    Wir waren noch in diesen Gesprächen begriffen, als der junge Haller mit
meinem Vater hereintrat, um sich zu beurlauben. Wir werden, sagte der erste,
viel Gänge mit einander zu tun haben. Und du, Hannchen, setzte mein Vater
hinzu, wirst dich sogleich empfehlen, um uns begleiten zu können. Hannchen wird
bei mir bleiben, und ihrem Vater ein Schlafzimmer bereiten helfen, erwiederte
Madam Haller; es wird gut sein, wenn der Advocat und die Klienten in einem Hause
wohnen.
    Mein Vater stammelte etwas von unverdienter unbegreiflicher Güte, und mir
traten ein paar Tränen in die Augen. O, dachte ich, wie süss ists dem
Unglücklichen, dem Verlassenen, da freundliche Aufnahme zu finden, wo er sie am
wenigsten vermutete; wie viel süsser muss es sein, sie dem Unglücklichen
gewähren zu können!
    Mein Herz war zu voll von dem, was ich fühlte, als dass ich es nicht gegen
meine neue Freundin mit allem Feuer, dessen ich fähig war, hätte überströmen
lassen sollen. Sie lächelte über den Eifer, mit welchem ich sprach, und - - Doch
ich bin bereits zu weitläuftig in Kleinigkeiten gewesen, und muss mich
einschränken, wenn ich nicht von allen dem Guten, was mir in diesem Hause
wiederfuhr, ein eigenes Buch zu schreiben gedenke.
    Meines Vaters Aufentalt in der Stadt dauerte länger, als er und ich
vermutet hatten. Zwar seine Sachen mit seinen Schuldnern waren bald abgetan.
Madam Haller trat ins Mittel; die Summe war ihrem Ausspruch nach nicht gross, sie
hatte voriges Jahr gerade so viel aus ihrer Wirtschaftskasse zurück gelegt; sie
freute sich, unsere einige Schuldnerin zu sein; sie wollte sich an Hannchen
halten, welche ihr schon alles bezahlen sollte, und was der freundlichen
trostvollen Worte mehr waren, mit welchen diese grossmütige Seele uns
Niedergeschlagene zu trösten suchte. - Gütiger Himmel! Sie wollte sich an mich
halten! ich sollte bezahlen! Ich! eine Summe von hundert und fünfzig Talern!
War das wohl etwas anders, als eine feine Art, uns das Ganze zu schenken? - Noch
jetzt ist mirs unbegreiflich, wie alle Umstände so zusammen treffen mussten, uns
eine solche Freundin zu verschaffen. Das Gebet meiner Baase um eine glückliche
Stunde kommt mir wieder in den Sinn, und Tränen der Dankbarkeit fallen auf mein
Blatt.
    So gut und leicht unsere Angelegenheiten in diesem Stück berichtigt wurden,
so schwer ging die Sache vor dem geistlichen Gericht. Mein Vater war verklagt,
hart verklagt, und dass Herr Katarines der Ankläger sei, ergab sich aus allen
Umständen. So in die Augen fallend auch seine Unschuld war, so würde die heilige
Gerechtigkeit, welche eben damals eine neue undurchsichtige Binde umgelegt
hatte, sie doch schwerlich gesehen gaben, wenn der alte Herr Haller weniger
Ansehen, und sein Neffe weniger Wissenschaft und Tätigkeit besessen hätte.
    Mein Vater siegte, und man gab ihm nur unter den Fuss, wegen Schwachheit und
hohen Alters um völlige Entlassung von seinem Amte anzuhalten; ein Vorschlag den
er mit Unwillen verwarf. Würde die Welt meine Unschuld glauben, sagte er, wenn
ich mich gleichsam von meinem Posten hinweg schleichen, nicht erst zeigen
wollte, das man nichts tadelnswürdiges in mir gefunden hat? - Mit Mühe gestand
man ihm noch ein halbes Jahr zu, und Herr Katarines musste sich gefallen lassen,
noch so lange bloss den Titel als Vikarius zu führen.
    Ich zitterte, wenn ich an das Wiederkehren in die Wohnung gedachte, aus
welcher unser Feind die Ruhe und den stillen Frieden, welche vordem darinnen
herrschten, vertrieben hatte. Madam Haller wollte mir überdieses nicht einmal
erlauben, meinen Vater dahin zu begleiten, und ich sollte ihn also allein in der
Gewalt seiner Verfolger wissen. Man suchte mich zu beruhigen, und mein Vater
versprach mir, sich gegen Katarines unwissend zu stellen, was er für Teil an
dem ihm bereiteten Falle gehabt habe, und auf diese Art, alle Verdriesslichkeiten
zu vermeiden.
    Seine Abreise war also beschlossen, aber ehe sie noch erfolgte, entwickelten
sich Dinge, zu welchen mein erster Eintritt in das Hallersche Haus den Grund
gelegt hatte, und die durch meinen langen Aufentalt in demselben immer mehr zur
Reife gekommen waren.
 
                                Fünftes Kapitel
                               Ein Heiratsantrag
Wie wohl ich der Frau vom Hause gefiel, dieses war mir auf den ersten Augenblick
merklich, und ich kann nicht leugnen, dass ihr gütiges Betragen die Hoffnung in
mir erweckte, sie würde mich die Stelle als Wirtschaftsgehilfinn, um
derentwillen ich in die Stadt gekommen war, in ihrem Hause finden lassen; aber
dass mich mein Schicksal zu weit glänzendern Aussichten berechtigte, dass ich auf
noch eine Person einen tiefen Eindruck gemacht hatte, dieses wurde ich in der
Einfalt meines Herzens nicht ehe gewahr, bis mir meine Wohltäterin selbst
hierüber die Augen öfnete.
    Hannchen, sagte sie eines Tages in ihrem gewöhnlichen mütterlichen Tone zu
mir, wir sind dir vielen Dank schuldig; du hast aus unserm Neffen einen
vernünftigen und ordentlichen Menschen gemacht. Ich, Madam? fragte ich, ich
erinnere mich nicht, seit ich die Ehre habe in ihrem Hause zu sein, zehen Worte
mit ihm gewechselt zu haben. Kann wohl sein, erwiederte sie, aber seine
Aenderung, seit du bei uns bist, ist zu auffallend, als dass man sie jemand
andern als dir zuschreiben könnte. O Hannchen, hättest du ihn vordem gekannt! er
war auf keinem guten Wege! Wiewohl, es ist nicht schicklich dir Böses von dem zu
sagen, den ich dir so gern beliebt machen wollte. Er liebt dich, er hat es mir
gestanden, und ich bin zu froh, dass er nach tausend Ausschweifungen seine Augen
endlich einmal auf eine Person geworfen hat, die ihn, wie ich hoffe, nicht
verschmähen wird, und auf die er mit Ehren denken kann, auf ein Mädchen, das
tugendhaft und schön genug ist, ein Herz, wie das seinige, fest zu halten, und
es zu bessern.
    Sie scherzen, Madam, unterbrach ich sie halb ausser mir vor Erstaunen, sie
bedenken nicht! - Ich habe hier nichts zu bedenken, sagte sie; auf den ersten
Blick ward ich von dir eingenommen, ein kurzer Umgang mit dir lehrte mich, dass
ich mir auf Zeitlebens keine bessere Gesellschafterinn wünschen könne als dich;
ob du mir weniger als Nichte gefallen wirst, ist kaum Fragens wert. - Aber,
Madam, meine Armut; und sollten sie diese auch übersehen, wird Herr Haller, -
Du meinst meinen Mann? fiel sie mir ins Wort, dafür sei unbesorgt, mein Wille
ist der seinige. Eine etwas wichtigere Einwendung würde es sein, ob auf die
Beständigkeit meines Neffen viel Hoffnung zu setzen wär, auf ihn, der so lange
von einer Schönheit zur andern hüpfte, und in der ganzen Stadt als ein
ausgemachter Flattergeist bekannt ist, aber solltest du ihn nicht bessern
können, so wird es keine auf der Welt.
    Es würde zu weitläuftig sein, meine Kinder, euch unser ganzes Gespräch
mitzuteilen; hört lieber, welches meine Empfindungen dabei waren. - Lasst mich
offenherzig sein: welch Mädchen fühlt nicht einige Freude über eine Eroberung,
über einen Antrag von solcher Art; und dann die Aussicht auf ein ruhiges
sorgenfreies Leben, auf den ungetrennten Umgang mit meiner lieben Madam Haller,
eine solche Aussicht für mich, die nichts als Dunkelheit in der Zukunft vor sich
hatte! - Dass also die Sache überhaupt mir schmeichelte, ist gewiss, übrigens aber
fühlte ich nicht die geringste Neigung für Herrn Haller, so ein hübscher Mann er
in manchen Augen auch sein mochte. Auch war die Beschreibung von seinem
Charakter, die mir meine Wohltäterin machte, und die ich, seit ich in der
Stadt war, hier und da hatte bestättigen hören, nichts weniger als reizend für
mich, die ich mir in meinen jüngern Jahren ein ganz anderes Bild von meinem
künftigen Gatten entworfen hatte. Gütiger Himmel, welch ein Bild! Welch ein
Inbegriff aller sichtbaren und unsichtbaren Vollkommenheiten! und wie fest mein
Herz an denselben hieng! Gewiss, es war nötig, wie Madam Katarines sagte, den
Dreissigen nahe zu sein, um ein schönes Ideal aufzugeben, es um Herrn Hallers
willen aufzugeben, entweder ganz an seiner Existenz zu zweifeln, oder wenigstens
mich zu überzeugen, dass es für mich nicht vorhanden sei.
    Doch ward mir es schwer dieses zu tun; ich bat um Bedenkzeit, beredete es
mit meinem Vater, er stellte mir unsere traurige Lage, und die Möglichkeit vor,
den, den mir das Schicksal zu meinem Gatten bestimmt zu haben schien, zu bessern
und - die Sache war so gut als geschlossen.
    Herr Haller bekam Erlaubnis, sich an mich zu wenden, und er entdeckte mir
seine Neigung mit so viel Wärme, strebte so unablässig, sich mir gefällig zu
machen, zeigte sich die ganze Zeit unsers Brautstandes auf so vielfachen
vorteilhaften Seiten, dass sich meine ganze Meinung von ihm änderte, dass ich
endlich so für ihn eingenommen ward, als er für mich. Oft suchte ich in der
Einsamkeit das oberwähnte aufgegebene Ideal meines künftigen Gatten in meinem
Gedächtnis auf, verglich es mit meinem nunmehrigen Bräutigam, warf bald diesen
bald jenen Zug meines schönen Bildes hinweg, tat dagegen andere hinzu, bis ich
mir endlich einbildete, Herr Haller sei demselben fast ganz gleich, und ich habe
in ihm alles gefunden, was sich ehemals meine Phantasie träumte; eine Täuschung,
welche zwar nicht lange dauerte, die mich aber für den gegenwärtigen Augenblick
unaussprechlich glücklich machte. Alles was mir seine eigene Tante von ihm
gesagt hatte, alles, was mir das Gerüchte von ihm zuflüsterte, sobald es bekannt
ward, dass ich mit ihm versprochen sei, alles wurde in den Wind geschlagen, ich
glaubte es nur halb, und brüstete mich nur darum desto mehr, weil ich meine
Reize für so mächtig hielt, aus einem Wüstling einen Tugendhelden zu machen.
Selbst die Versicherung, die mir überall zu Ohren gebracht ward, dass man
freilich hätte froh sein müssen, denjenigen, welcher fast von jedem Mädchen
dieser Stadt, auf das er die Augen geworfen hatte, abgewiesen worden sei, noch
an eine so hübsche, vernünftige und tugendhafte Person, wie Mamsell Hannchen, zu
bringen, selbst diese fand keinen Eingang, ich nannte sie Neid und Verläumdung,
wie sie auch vielleicht zum Teile sein mochte, und gab Herrn Haller an dem
bestimmten Tage meine Hand mit so gutem Herzen, als sie die Tochter des
Priesters zu On dem keuschen Joseph, oder Fräulein Byron dem Tugendspiegel aller
Männer gegeben haben mag.
 
                                Sechstes Kapitel
                   Gute Lehren einer Matrone vor der Trauung
Dieses kleine Haus, und dieser Garten, das einige was uns von unserm ehemaligen
Vermögen übrig ist, war der Ort, wo unsere Verbindung gefeiert ward. - O Kinder!
Kinder! ihr glaubt, wie nun die heutige Welt ist, nicht an Ahndungen, aber was
würdet ihr sagen, wenn ich euch versicherte, dass, als Madam Haller, mich den Tag
nach meiner Ankunft in die Stadt, an diesen angenehmen Ort führte, mir es nicht
anders war, als flüsterte mir eins ins Ohr: diese Gegenden werden dich an einem
der wichtigsten Tage deines Lebens sehen. - Und sie selbst, meine Wohltäterin,
war mirs nicht bei ihrem ersten Anblick, als müsste ich ihr in die Arme sinken,
und sie Mutter nennen? als säh ich im Geiste voraus, was sie mir einst werden
würde? - Zwar, wenn ichs recht überdenke, bei andern mich noch näher angehenden
Gegenständen schwiegen diese innern Vorempfindungen; bei Herrn Hallers Anblick,
fühlte ich nicht viel, und ich besinne mich nur ein einigesmal, dass mir etwas
seinetwegen ahndete: Madam Haller nahm mich kurz vor der Trauung hier in dieses
Zimmer; Nichte, sagte sie zu mir, sei hübsch andächtig bei dem, was man dir vor
dem Altar sagen wird. Doch noch eins; bei den Worten: er soll dein Herr sein,
kannst du an etwas anders denken; dein künftiger Mann braucht Beherrschung, du
aber nicht. Wie ein Pfeil giengen mir diese Worte durchs Herz, es war, als säh
ich manche traurige Scenen in der Zukunft vor mir, als fühlte ich es, dass ich
glücklicher bei einem Manne sein würde, dem ich meinen Gehorsam so recht aus
ganzem Herzen geloben, bei dessen Führung ich hoffen könnte, alle Tage besser zu
werden. - Doch nichts mehr von Ahndungen!
    Mein guter Vater erhielt nach vieler Schwürigkeit die Erlaubnis uns zusammen
zu geben. Er hielt seine so lang meditirte, so oft wieder beiseite gelegte
Trauungsrede. Er stellte im ersten Teile die fromme und geduldige Hanna, und im
andern die mit vielen Kindern gesegnete Peninna vor. Die Deutung war, wie ihr
denken könnt, ganz auf mich. Es war in der Tat recht schön zu hören, auch
schien Herr Haller, welches mich wunderte, Achtung gegeben zu haben, denn er
versicherte mich, als er mich vom Altare führte, dass er mir nie Gelegenheit
geben würde, die Geduld der Hanna auszuüben, von welcher mein Vater im ersten
Teile so viel gesagt hatte. Ach wie oft hätte ich ihn in der Folge an dieses
Versprechen erinnern können, wenn solche Erinnerungen gut täten!
 
                               Siebentes Kapitel
                        Weibereigensinn und Weibertücke
So war ich also die Frau eines Mannes, den nicht ich, den das Schicksal für mich
gewählt hatte, ein Grund der Beruhigung, welcher in künftigen Zeiten oft sehr
wirksam bei mir war.
    Die Zeit meiner Glückseligkeit dauerte indessen länger als ich hätte hoffen
können, sie dauerte Jahre lang, Jahre, o die glücklichsten meines Lebens, deren
Erinnerung mir ein Gedankenfest ist! Bedenkt selbst, Kinder, einen Mann, den ich
anbetete, eine Mutter, - diesen Namen kann ich Madam Haller mit Recht geben, -
der ich alles war, die beständige Gesellschaft meines Vaters, welcher, nachdem
die Chicanen des Katarines ihn genötiget hatten, sein Amt noch vor Endigung
des bestimmten halben Jahres niederzulegen, den stillen Abend eines sorgenvollen
Lebens an unserer Seite zubrachte, und dann auch meine Kinder, die ihr eines
nach dem andern wie lächelnde Engel erschient, um meine Glückseligkeit
vollkommen zu machen.
    Und doch waret ihr, wenn ich mich recht besinne, die erste Ursache eines
kleinen Zwists mit meinem Manne. - Dass Hanna ihren ersten Sohn Samuel nennen
musste, war ja natürlich, es wär sündlich gewesen, einen andern Namen zu wählen;
aber, lieber Himmel, wie beleidigte ich Herrn Haller damit, welcher ihn
schlechterdings nach seinem Namen Albert genennt wissen wollte. Fast so ging es
mir mit meiner ältesten Tochter Peninna. Glücklicher Weise erwartete ich damals
meine Niederkunft hier in diesem Gartenhause; mein Mann hatte wichtige Geschäfte
in der Stadt, Madam Haller sagte, das Kind sei schwach, und so hies es Peninna,
ehe er etwas dawider einwenden konnte, doch hatte ich am Tage meines Kirchgangs
einen fürchterlichen Sturm deswegen auszustehen, und ich glaube sicherlich, dass
er Samueln und Peninnen, bloss der Namen wegen immer weniger geliebt hat, als
seine übrigen Kinder; bei ihm sollte alles weltlich und eitel sein. Da ich mich
zum drittenmal meiner Niederkunft nahte, nahm er mich ernstlich vor, und warnte
mich, ihn nicht wieder mit solchen abgeschmackten Namen zu ärgern, sondern mir
es merken, dass sein künftiger Sohn oder Tochter, Albert oder Albertine heissen
müsse. - Aber im Fall uns der Himmel Zwillinge bescherte, sagte ich, dürfte ich
denn nicht? Hanna ist so ein schöner Name. - Wir stritten lange über diesen
Punkt, bis endlich der Name Johanne mit vieler Mühe erlaubt ward, und sehet die
Schickung des Himmels, ich beschenkte meinen Mann mit einem Knaben und einem
Mädchen, und die Namen Albert und Johanne stellten unsere Einigkeit völlig
wieder her, welche durch das Versprechen, mich nie wieder in das Kapitel von den
Namen zu mischen, bestättiget ward.
    Ich habe es von klugen und erfahrnen Frauen gehört, dass kleine
Verdriesslichkeiten im Ehestande immer das Vorspiel von grössern sind. Du Jukunde
und deine Schwester Amalie waren schon auf der Welt, als euer Vater auf einmal
so häufige Geschäfte bekam, dass wir ihn fast nie, als bei der Mittags- und
Abendtafel sahen. Wir bewohnten damals fast beständig dieses Gartenhaus, und die
Entfernung von der Stadt gab ihm also einige Entschuldigung; überdieses machten
mir meine kleinen Kinder, und die Wartung des alten Herrn Haller, der nun sein
Gesicht völlig verloren hatte, so viel zu tun, dass ich manches übersah, das
mir sonst auffallend gewesen sein würde. Nicht so Madam Haller; sie liebte mich
zu sehr, um ihrem Neffen die kleinste Nachlässigkeit gegen mich zu übersehen, und
der Hang, alles auszuforschen, und streng zu beurteilen, den ich ihr schon bei
ihrer ersten Unterhaltung mit mir abgemerkt hatte, verleitete sie auch hier zu
manchem Schritte, den sie um meiner und ihrer Ruhe willen hätte unterlassen
können. Sie war nur allzuschlau meines Mannes Gänge zu belauschen, und nur
allzubereit, mir ihre Entdeckungen mitzuteilen.
    Gütiger Himmel! ward ich durch diese Wissenschaft glücklicher? Hatte mir
nicht alles, was sie mir so deutlich vor die Augen legte, längst wie ein dunkles
verworrenes Traumbild vorgeschwebt? und gewann ich etwas dadurch, dass man meine
Mutmassungen zur Wirklichkeit machte? - Madam Haller erinnerte mich an die
Worte, die sie mich bei der Trauung hatte überhören heissen. Hannchen, Hannchen,
sagte sie, jetzt beweise, dass du sein Herr seist, jetzt reisse ihn mit Gewalt aus
den Schlingen der Buhlerinnen, die ihn verstricken, damit du nicht endlich seine
und ihre Sklavinn werdest!
    Ein Strom von Tränen war meine Antwort. Ich bat um Zeit zur Ueberlegung,
und beschwur sie in der Bestrafung oder Verhinderung der Vergehungen ihres
Neffen nicht so zu verfahren, wie sie bei der Ausforschung derselben getan
hatte, lieber alles mir zu überlassen, da sie mir einmal die Herrschaft über
meinen Mann zugedacht hatte. - Die Herrschaft über ihn? Lieber Himmel, was für
ein trauriges Wort, das mir nie in den Sinn gekommen sein würde, wenn ich es
nicht in den Jahren unsers Ehestandes nur gar zu oft inne geworden wäre, dass er
wirklich einer Art von Leitung bedurfte, die ich auch immer glücklich genug,
obgleich so verstohlen als möglich gebraucht hatte. Er hat es sicher nie
gemerkt, dass die Hindernisse, die sich seiner Verschwendung, seinen stolzen, oft
unüberdachten Entwürfen, die ihn zu Grunde gerichtet haben würden, seinem Hang
zu ausschweifenden Lustbarkeiten entgegen setzten, immer von mir herkamen, und
es ist oft geschehen, dass er sich mühsam wegen solcher Dinge gegen mich
entschuldigte, die ich selbst rückgängig gemacht hatte.
    Erfahrungen wie diese liessen mich hoffen, dass es mir auch jetzt glücken
würde, ihn unvermerkt aus gewissen Verbindungen zu reissen, die sein und mein
Unglück machen mussten, aber was hatte ich damit gewonnen? konnte ich die in
seinem Herzen erloschene Liebe von neuem anfachen? Musste der, der einmal sich
verirrt hatte, nicht überall Gegenstände finden, die ihn zur Untreu verleiten
konnten? Doch ich nahm mir vor, bloss für die Gegenwart zu sorgen, und die
Zukunft dem Himmel zu überlassen; ich machte es wie der Arzt, der bei einer
unheilbaren Krankheit nur auf gegenwärtige Linderung denkt, und den letzten
tödtenden Ausbruch des Uebels so lang als möglich verhütet.
 
                                 Achtes Kapitel
                   Die Frau Amtmannin schmiedet ein Testament
Der alte Herr Haller nahte sich seinem Ende. Ob er gleich, da er ein wenig zum
Geiz geneigt war, die Verheiratung seines Neffen mit einem so armen Mädchen als
ich, nicht eben gern gesehen, und nur aus Gehorsam gegen seine gebietende Frau
eingewilligt hatte, so war mir es doch nachher gelungen, mich so ganz in seine
Gewogenheit einzustehlen, dass ich jetzt seine liebste Gesellschafterinn, fast
seine einige Wärterinn war, dass ihn jetzt, da seine Augen völlig dunkel geworden
waren, schon der Ton meiner Stimme erfreute, und meine Schritte, wenn er sie
hörte, schon in der Ferne mit einem frohen Ausruf von ihm begrüsst wurden. Ob ich
bei so bewandten Umständen einige Gewalt über ihn, und vielleicht einigen
Einfluss in die Verfassung seines letzten Willens haben mochte, lässt sich
erraten.
    Der gute Greis starb, und meine aufrichtigsten Tränen folgten ihm. Wenn
auch keine guten Eigenschaften von seiner Seite, wenn auch nicht seine Zuneigung
gegen mich, mir Ehrfurcht, Liebe und Dank abgefordert, und meine Tränen erpresst
hätten, so ist doch auch dieses schon kein Geringes, den Gegenstand seiner
vieljährigen Pflege und Sorgfalt zu verlieren. Ach die verdrüssliche Lücke in
unsern Geschäften! die schmerzhafte Leere! die tausend Besorgnisse, ob wir auch
alles taten, was wir tun konnten, welche immer wiederkehren, so kräftig sie
auch unser Herz widerlegt! -
    Herrn Hallers Testament ward eröfnet, und zu jedermanns Erstaunen ward mein
Name nicht auf die entfernteste Art darinnen erwehnt. Sein Vermögen war zwischen
seine Wittwe und seinen Neffen gleich geteilt, doch so, dass jene nebst
verschiedenen Dingen von Wichtigkeit, dieses Haus, und dieser eine ansehnliche
Summe Geld zum voraus bekam, mit dem Befehl, seinen bisherigen Wohnort zu
verlassen, und das Amt zu Hohenweiler zu pachten, wegen dessen der Erblasser
schon alle nötige Verfügungen getroffen habe.
    Madam Haller sah mich bei dem letzten Punkte mit einem schlauen,
zufriedenen Blicke an. Mein Mann schien betreten, und nachdenkend, und einige
mit ziemlich reichen Legaten bedachte Verwandtinnen meinten, es sei doch höchst
ungerecht, dass der selige Herr mich, seine treue Wärterinn, so gänzlich
vergessen, meiner auch nicht einmal ehrenhalber mit einer Sylbe gedacht habe:
des ich vom Herzen lachen musste. Schimpf wäre mir es gewesen, in einem
Testamente genannt zu sein, bei dessen Verfertigung ich, wie mir, zwar mir
allein, bekannt war, so sehr um Rat gefragt worden war. Ich wollte nicht
unabhängig von denen sein, denen ich mein Glück zu danken hatte; ihr Vorteil
war der meinige, und ohne sie wär ich arm bei Millionen gewesen.
    Eins hatte ich getan, welches mich vielleicht bei manchen in den Verdacht
des Eigennutzes bringen wird, da es den Vorteil einer Person betraf, die mir
lieber als mein Leben war. Aber war mir es wohl zu verdenken, dass ich den Willen
des Verstorbenen, meinen Vater unabhängig zu machen, gut hiess? Ist wohl die
reichlichste Unterstützung selbst von denenjenigen, denen es Pflicht ist, ihren
Überfluss mit uns zu teilen, ist sie wohl dem freien Manne mit einem kleinen
Einkommen, das er gewiss und ganz sein eigen nennen kann, zu vergleichen? Der
verstorbene Herr Haller hatte so manches langes Jahr in vertrauter Freundschaft
mit meinem Vater gelebt, seine Gespräche hatten ihm die finstern Tage, da die
ganze sichtbare Schöpfung vor seinen Augen verschlossen war, aufgeheitert, sein
Zuspruch hatte ihn in seinen letzten Stunden getröstet, und ihm den Uebergang in
eine andere Welt leicht gemacht, war es ihm denn wohl zu verdenken, dass er zur
Dankbarkeit darauf sann, seinem Tröster den Abend seines Lebens heiter und
sorgenleer zu machen, und handelte ich unrecht dieses zu billigen, es geschehen
zu lassen?
    Mein Vater hatte, seit er, wie er sich ausdrückte, aus dem Weinberge des
Herrn vertrieben worden war, eine besondere Liebe zum Land- und Gartenbau
gewonnen. Seine Lektüre, seine Gespräche, seine kleinen Geschäfte, alles bezog
sich auf diesen Lieblingsgegenstand. Jener schöne Bezirk, den Hügel hinab an der
rechten Seite unsers Hauses, den wir den kleinen Garten nennen, und der so
manchen von ihm gepfropften Baum, so manche zuerst von ihm dahin verpflanzte
seltne Blume trägt, war, seit das geliebte Hallersche Haus uns Fremdlinge
aufnahm, sein liebster Würkungskreis gewesen, jetzt ward er nebst dem dazu
gehörigen Hause sein Eigentum, und eine ganz artige Leibrente, die sein Freund
auf ihn hatte schreiben lassen, begleitete dieses Vermächtnis.
    Hätte ich geglaubt, sagte mein Vater, als der Kummer über den Tod seines
Freundes seine erste Schärfe verloren hatte, und ihm Raum liess Freude und Dank
über sein hinterlassenes Andenken zu fühlen, hätte ich geglaubt, noch in dem
Besitz irgend eines irdischen Guts, das zu empfinden, was ich hier unter meinen
blühenden Bäumen, unter meinen duftenden Blumen fühle? - O Kinder, ich werde zum
zweitenmale jung! So oft der Frühling in meinen Garten wiederkehrt, so oft ists
auch, als wenn neues Leben in meinen Adern wallte! Ach es wird mir einmal schwer
werden, mich von diesem Paradiese und von euch zu trennen!
 
                                Neuntes Kapitel
                    Die Tante ist noch ärger als die Nichte
Das war ein Meisterstreich! sagte Madam Haller, als wir das erstemal nach
Eröfnung des Testaments ohne Zeugen mit einander sprechen konnten, das wahr wohl
ersonnen! auf diese Art bringst du deinen Mann aus seinen allerliebsten
Gesellschaften, er weiss selbst nicht wie. - Ich schwieg. - Leugne mir es nicht,
mein Kind, fuhr sie fort. Ich weiss, dass du meines Mannes Herz in Händen hattest,
und das gepachtete Amt ist nichts als ein Einfall von dir, den du durch ihn
ausführen liessest.
    Ich weiss nicht, meine Kinder, ob ihr es jemals erfahren habt, wie einem zu
Mute ist, wenn man sich wegen einer Sache loben hört, mit welcher unser Herz
nicht ganz zufrieden ist; gewiss eine der peinlichsten Empfindungen, die ich
kenne, und die mein Herz in selbigem Augenblicke in vollem Maasse erfuhr. - Wie?
du weinst? rief Madam Haller, indem sie die Hand, mit welcher ich meine Augen
decken wollte, mit sanfter Gewalt hinweg zog. - O, meine Tante, sprach ich
schluchzend, wer weiss, ob ich recht handelte! ich hasse von Natur alle krummen
Wege, und ob dieser Meisterstreich, wie sie es nennen, auf der geraden Bahne
blieb, ob ich ihn meinem Manne und der Welt offenherzig gestehen dürfte, das
gebe ich ihnen zu bedenken. - Du bist wunderlich, sagte sie, welchen Weg soll
man mit verkehrten Leuten gehen, als den, der ihrer Art zu handeln am nächsten
kömmt? - Bedenken sie selbst, fuhr ich fort, meinen Mann mit Hinterlist aus
einer Sphäre reissen, in welche er sich schickt, und ihn in eine andere bringen,
welcher er vielleicht nicht gewachsen ist. Sie sahen, wie betreten er war; müsste
nicht schon der Gedanke ihm Kummer zu machen, genug sein, mich zur Reue über das
zu bringen, was ich tat?
    Willst du es ihm nicht lieber bekennen und abbitten? sagte Madam Haller mit
einem unwilligen Blick - Schwache weichherzige Seele! war seine Bestürzung wohl
etwas anders, als Kummer, sich von Madam R... und Mamsel W... und wie die
Syrenen alle heissen mögen, trennen zu müssen? - Und wird er, erwiederte ich, an
dem künftigen Orte unsers Aufentalts nicht neue ihm vielleicht noch
gefährlichere Damen und Demoisellen dieser Art finden? Was habe ich dann
gewonnen? oder was habe ich gewonnen, wenn er sich den Weg von etlichen Stunden
nicht zu weit sein lässt, seine alten Bekanntinnen hier zu besuchen? - Dies ist
nunmehr zu spät, war die Antwort meiner Tante, quäle dich nicht mit unnötigen
Grillen, und lass dich nichts reuen, als dass der Ort, wohin wir gedenken, nicht
noch zehen Meilen weiter ins Land hinein liegt, um allen Umgang mit den hiesigen
Städterinnen gänzlich abzuschneiden, ein Fehler, den du freilich hättest
vermeiden können, wenn du klug genug gewesen wärest.
    Wenn Madam Haller in so entscheidendem Ton sprach, so war es nicht erlaubt,
die entschiedene Sache wieder vorzubringen; ich trug also die Vorwürfe meines
Herzens in der Stille, welche durch den tiefen Kummer erschwert wurden, der über
das ganze Wesen meines Mannes verbreitet war, und den ich ganz auf meine
Rechnung schrieb.
    Drei Tage ertrug ich seine finstern Blicke, ohne sie zu ahnden; am vierten
brach ich das Stillschweigen. - Mein Albert, mein Trauter, sagte ich mit von
Tränen gehemmter Stimme, du trauerst, und deine Frau darf nicht wissen warum?
Bin ich vielleicht - Gute Seele, unterbrach er mich, du, deren ich nicht wert
bin, du, deren holden Taubenaugen ich schon tausend Tränen ablockte! Tränen,
die du immer grossmütig genug warest, mir zu verhelen.
    Ich. Nun so trockne sie, durch Mitteilung deines Kummers.
    Er. Ach Hannchen, dann würden sie erst recht zu fliessen anfangen; ach wenn
du wüsstest, wenn du wüsstest!
    Ich. Ich weiss es, Lieber; du grämst dich, dass du den Ort deiner Geburt
verlassen sollst, und ich, ach ich - -
    Er. Darüber? Nein wahrhaftig nicht! Lieber heute noch aus diesem - diesem -
- Wisse - doch nein, ich kann ich kann nicht!
    Ich. Albert! Wenn du mich jemals liebtest, wenn je meine Bitten etwas bei
dir galten!
    Er. Warum folgte ich deinen liebreichen Ermahnungen nicht! - Zwar
Ermahnungen? - liess deine Bescheidenheit so etwas zu? - Kaum kann ich es Winke
nennen!
    Ich. erschrocken. - (ich glaubte, er zielte auf die Begebenheiten mit der
R... und W...) - Sollte ich mir je Ermahnungen oder Winke über diesen Punkt
erlaubt haben?
    Er. O war nicht selbst deine Eingezogenheit, deine Mässigkeit, deine
Sparsamkeit, deine eingeschränkten Wünsche, waren dieses nicht alles Winke genug
mich zu bessern?
    Ich. (lächelnd und froh, dass ich mich geirrt hatte). - Ach du meinst gewisse
kleine unnötige Ausgaben, gewisse - ich weiss nicht wie ich sagen soll. - Sei
ruhig, mein Albert, ich weiss, wir müssen Schulden haben, aber jetzt, da du so
ansehnliche Summen in die Hände bekömmst. - Gute Wirtschaft auf meiner, und ein
wenig Einschränkung auf deiner Seite - -
    Er. Wirtschaft? Einschränkung? ansehnliche Summen? - Gutes armes Kind, zu
spät! alles zu spät! - Meine, nicht, wie du so schonend sagst, unsere Schulden,
belaufen sich so hoch, dass ich um sie zu bezahlen, noch die Summe werde
angreifen müssen, die mir mein Onkel in anderer Absicht vermachte, eine Absicht,
die ich segne; es war gewiss die, mich aus gewissen Verbindungen, - von einem
Orte, wollte ich sagen, loszureissen, der mich in tausend Ausschweifungen
stürzte. - Du schweigst? die Bestürzung hemmt deine Stimme? - O ströme lieber
alle Vorwürfe über mich aus, als diese Tränen!
    Ich. Vorwürfe? - ich habe keine. Und wäre die Sache noch schlimmer, als du
sie beschreibst, nun, so wären wir so arm als ich war, da ich deine Frau ward;
ich habe Armut ertragen gelernet, aber du?
    Er. (Indem er sich vor die Stirn schlug) Unausstehlich! unausstehlich! - Du,
die du am meisten unter meinen Vergehungen leidest, so gütig? und andere, die
nicht durch mich verloren, nur gewonnen haben - Personen, um derentwillen - Ich
weiss nicht was ich sage. - Lass mich!
    Er verliess mich in einer gänzlichen Betäubung. Die Dinge, die er mir
entdeckt hatte, waren schrecklich und unerwartet, seine letzten Worte
rätselhaft. Ich unterdrückte meine Empfindungen, und eilte zu einer zweiten
Unterredung mit ihm, in welcher mir es mit Mühe gelang, die Erlaubnis, seine
Rechnungen zu durchsehen, von ihm zu erhalten. Er hatte nicht Mut genug, es
selbst zu tun, und wollte es einem Fremden auftragen; ein Entschluss, der sein
Unglück vollends auf den höchsten Gipfel gebracht haben würde.
    Freilich waren gewisse Punkte in seinen Ausgaben, die niemand weniger als
ich hätte wissen sollen, und bei welchen es auch für mich bedenklich war, wenn
er wusste, dass sie mir bekannt waren. Aber ich fasste mir Mut, nahm halb mit,
halb wider seinen Willen alle Papiere zusammen, die zur Berichtigung unserer
Sache gehörten, versicherte ihn lächelnd, dass wenn ich Geheimnisse fänd, meine
Augen vor allem ausser den Zahlen verschlossen bleiben sollten, und entfernte
mich. - Ich erstaunte über die Summen die ich erblickte, und ich läugne es
nicht, der Name seiner guten Freundinnen aus der Stadt, die ich auf allen Seiten
fand, wo etwa eines Juwelierers, eines Seidenhändlers, oder einer Putzkrämerinn
gedacht war, pressten mir mehr Tränen aus, als die Summen, die ihnen zu Liebe
verschwendet worden waren.
    Ich dachte an mein Versprechen, meine Augen vor gewissen Dingen zu
verschliessen, und tat das Gelübde hinzu, auch meinen Mund verschlossen zu
halten; das ist, selbst der Vertrauten aller meiner Geheimnisse, meiner Tante,
nichts von unsern geheimen Angelegenheiten wissen zu lassen; ein Entschluss, der
mir um so viel leichter zu erfüllen ward, da ich, wie ich anfangs fürchtete,
ihrer Hilfe nicht dabei nötig hatte. Die fürchterliche Summe, die ich von allen
diesen Summen herausbrachte, überstieg freilich das, was mein Mann von der Güte
seines Onkels erhalten hatte, aber mit Hilfe einiger kleinen Geschenke, die ich
von Zeit zu Zeit, teils von meinem Albert, teils von Madam Haller erhalten,
und zum Glück nicht verschwendet hatte, gelang es mir, unsere Schulden völlig zu
tilgen, ohne die Summe angreifen zu dürfen, die den Grund unsers Glücks an einem
andern Ort legen sollte.
    Mein Mann schloss mich in seine Arme, so zärtlich wie an unserm
Verlobungstage, und überhäufte mich mit Lobsprüchen, aber schnell fuhr er
zurück, fragte mich, was Madam Haller zu der Sache meine, und drückte mich von
neuem noch fester an sein Herz, als ich ihn lächelnd fragte, ob es notwendig
sei, dass sie um unsere geheimen Angelegenheiten wisse?
    Tausend Versprechungen, deren wahren Sinn ich mich nicht zu verstehen
stellte, folgten dieser Umarmung, und eine umständliche Beichte aller
vergangenen Dinge würde den Schluss gemacht haben, wenn ich klein genug gedacht
hätte, ihm ein so demütigendes Bekenntnis zu gestatten. Ich legte meine Hand
auf seinen Mund, küsste ihn, und hüpfte zum Zimmer hinaus, so froh, als ob man
mir dreimal die Summe geschenkt hätte, von welcher hier die Rede war.
    Was mochte mich doch so froh machen? Vielleicht die wiederkehrende
Zufriedenheit meines Mannes? Vielleicht seine verneute Zärtlichkeit? Vielleicht
seine Bereitwilligkeit an den Ort seiner künftigen Bestimmung zu gehen? Oder
sollte es nicht vielleicht heimliche Freude gewesen sein, dass er, wie ich aus
einigen halbgesprochenen Worten erriet, in seiner gegenwärtigen traurigen Lage,
meine Nebenbuhlerinnen in ihrer wahren Gestalt kennen gelernt hatte; dass er
vielleicht jetzt von ihnen so schimpflich war verlassen worden, als sie verdient
hätten, von ihm verlassen zu werden? - Der Himmel verzeihe mir diese
Schadenfreude, welche auf den höchsten Gipfel stieg, als meine Mutmassungen des
andern Tages durch die Relation der Madam Haller bestättiget wurden. - Weis der
Himmel, woher die Frau alles erfuhr. Sie konnte mir diese für mich so
trostvollen Scenen so lebhaft mahlen, als ob sie selbst dabei zugegen gewesen
wäre. - Ich bewundere ihre Talente hinter alles zu kommen, die wirklich einem
Pariser Polizei-Lieutenant Ehre gemacht haben würden, aber die Rolle bei einer
von meinen Töchtern zu spielen, die sie in diesem Stück bei mir übernahm, würde
ich mich nie verstehen; es gehört grosse Klugheit dazu, gewisse Dinge zu wissen
und sich gut dabei zu verhalten; Unwissenheit ist in dergleichen Fällen
tausendmal besser, als die genaueste Kenntnis.
 
                                Zehentes Kapitel
          Die alte Frau wird doch ganz zum Kinde mit ihrem Sohn Samuel
Nichts hielt uns nunmehr ab, an den Ort zu eilen, an welchem mir so manche neue
unerwartete Auftritte bevorstanden. - Das was mich vorher mit den grausamsten
Besorgnissen erfüllte, die geringe Entfernung des Orts, wohin wir gedachten, von
demjenigen, den wir verliessen, ward jetzt, da ich den Umgang mit meinen
Nebenbuhlerinnen gänzlich aufgehoben wusste, der Grund meiner lebhaftesten
Freude. Hätte ich ohne diesen Umstand meinen guten Vater so oft sehen können,
der sich nicht von seinem Paradiese, wie er es nannte, trennen wollte, und den
zu besuchen, oder Besuche von ihm zu erhalten nun eine so leichte Sache war.
    Mit frohen Herzen kamen wir zu Hohenweiler an. Wir fanden eine kleine artige
Stadt in einer herrlichen Gegend, die Leute hatten einen gewissen treuherzigen
Ton, der mir gefiel, man schien wenig auf Eitelkeit und Flitterstaat zu halten,
und die Notwendigkeiten des Lebens kaufte man in einem so geringen Preisse, dass
ich heimlich über die grossen Ersparnisse, die wir hier bei einem ganz guten
Einkommen machen würden, jauchzte. Meine Tante, der ich meine Plane vorlegte,
lachte, und nannte mich geizig; die liebe Frau, sie wusste nicht wie schlecht es
mit unserm Vermögen stand! doch ich will nicht klagen; hatten wir nicht genug
für uns und unsere Kinder, und die Armen, deren es hier wie überall gab?
    Mein Mann schien sich ganz gut in ein Leben ohne Überfluss und Mangel zu
schicken. Seine Arbeiten würzten ihm die kleinen wohlfeilen Freuden, die wir uns
gewähren konnten, und ich habe ihn in den damaligen Zeiten oft beteuren hören,
dass er bei unsern Erndten- und Kirchweihfesten, und in den frohen Tagen unserer
Weinlese, mehr wahre Freude empfunden habe, als bei den kostbaren Lustbarkeiten
seiner Geburtsstadt.
    Unsere Kinder wuchsen indessen heran, und es ist Zeit, da nun einige von
ihnen in die Jahre kamen, in welchen sich die Grundlinien der Charaktere besser
bemerken lassen, dass ich etwas von ihnen sage, da sie nach meiner Absicht der
Hauptgegenstand dieser Blätter sein sollen, und da ich von ihnen bis jetzt noch
nichts als die Namen genannt habe.
    Du, mein Sohn Samuel, - doch ich halte es für gut, jetzt, da ich von euch,
meine Kinder, sprechen und so manches Gute und Böse von euch zu sagen haben
werde, mich nicht besonders an euch zu wenden, sondern von euch als Abwesenden
zu reden; ein Kunstgriff, den ich, wie ihr wisst, in eurer Kindheit oft mit gutem
Nutzen brauchte. Wenn ich Hannchen in Alberts Gegenwart mit vielem Ernst
erzählte, dass, da es ihm an Fleiss und Aufmerksamkeit zum Lernen zu fehlen
schien, er nächste Ostern bei dem Gärtner in die Lehre getan werden sollte, und
wenn ich das kleine Julchen gegen Amalien lobte, dass sie Jukundens
vernachlässigte Blumen begossen, und ihr vergessenes Garn von der Bleiche
genommen habe, so tat dies immer ganz unvergleichliche Würkung. Bei euch als
Erwachsenen, habe ich nun zwar solches als Zucht und Besserungsmittel nicht mehr
nötig, aber doch wird es euch manches Erröten, und mir manches Stocken in
meiner Rede ersparen, wenn ich euch Lob und Tadel nicht unter die Augen zu sagen
scheine.
    Mein Samuel, mein Liebling, war in dem Zeitpunkt, von welchem ich jetzt
sprechen will, ein schlanker, schwarzäugiger, bräunlicher Knabe, mit finsterm
lockigten Haar, einer etwas gebogenen Nase und einer freien offenen Stirn,
welche der Sitz ofner Redlichkeit und frohen Mutes zu sein geschienen haben
würde, wenn nicht ein gewisser Zug zwischen den Augen, der ihm etwas finsteres
gab, den, der ihn nicht ganz kannte, oft zu widrigen Urteilen bewogen hätte.
Bis auf diesen Zug war er das lebendige Ebenbild seines Vaters, und doch - um
wenig zu sagen, nicht sein Liebling. Er konnte wenig tun, was nicht von ihm
getadelt wurde, und ich, so sehr ich auch diese Strenge missbilligte, war doch zu
klug, mein Missfallen über dieselbe zu äussern; ein Umstand, in welchem vielleicht
der erste Grund von jenem düstern zurückhaltenden Wesen zu suchen ist, das ich,
als er älter ward, nie ganz besiegen konnte, und das er selbst gegen mich, die
ihn so sehr liebt, nie völlig ablegt.
    Seine erste Erziehung erhielt er von meinem Vater, welcher ihn in dem Grade
immer lieber gewann, als er von dem Seinigen vernachlässigt wurde. Der beständige
Umgang mit einem Mann, der sich dem Grabe mit eben so starken Schritten nahte,
als er, der Knabe, dem Leben, und der vollen Entwickelung seiner Kräfte entgegen
reifte, war vielleicht die Ursach, warum Samuel frühzeitig ernst und richtig
denken lernte, aber auch dasjenige, was ihn um die reinen ungetrübten Freuden
der Kindheit brachte, die desto vollkommener geschmeckt werden, je weniger
Nachdenken und Ueberlegung sie uns verbittert.
    Der fast ununterbrochene Aufentalt bei seinem Grossvater machte den Knaben
seinen Geschwistern fremd. Er war nie der Gefährte ihrer Spiele, immer ein
strenger Tadler ihrer kleinen Unbesonnenheiten, nie ihr Ankläger und allemal,
wenn Exempel statuirt wurden, ihr eifriger Vorbitter. Bei solchen Gelegenheiten
hatte er Worte und Tränen im Ueberflusse, die ihm zu Führung seiner eigenen
Sachen immer gebrachen. Ich hasse den Knaben, sagte mein Mann, welcher wie ein
Greis denkt und handelt; er ist entweder ein Heuchler, oder ein Wunderding, das
mir so widrig vorkommt, als ein bärtiges Kind. - Samuel wurde, welches ich nicht
missbilligen konnte, von meinem Vater hinweggenommen, und auf eine öffentliche
Schule getan.
    Sein Fleiss, sein Ernst und seine stille Aufführung machte ihm seine Lehrer
zu Freunden, und seine Mitschüler zu heimlichen Spöttern und Verächtern; er
taugte gar nicht in die Gesellschaft von Kindern. Ohne den Willen zu haben einen
von seinen Gefährten zu kränken, gab er Gelegenheit zu tausend Zwistigkeiten,
wenn er sich unter sie mischte. Aus lauter Liebe zur Ordnung richtete er überall
Unordnung an, und immer nahm er jedes Spiel, als eine so ernstafte Sache auf,
dass er die ganze Freude verdarb. Ein paar Beispiele von dieser seltsamen Laune
eines neun-oder zehnjährigen Knaben.
    Es war auf dieser Schule gebräuchlich, zu gewissen Zeiten öffentliche
Schauspiele zu geben, welche man von den Kindern aufführen liess; eine
Gewohnheit, welche ich, die nicht viel auf das Teaterwesen und alle solche
Weltlichkeiten hatte, eben nicht billigte, doch da hier meistens biblische
Geschichten vorgestellt wurden, mir gefallen liess.
    In der Geschichte von Joseph gab man meinem Samuel, weil er ein gutes
Gedächtnis hatte, und es hier viel zu reden gab, immer die Hauptrolle, und er
hatte sich so ganz in den Charakter seines Helden hineinstudirt, dass man sich
beredete, wenn man ihn so vor sich sah, er sei der leibhaftige Joseph; eine
Sache, die er die ganze Zeit über, da er diesen Namen führte, im vollen Ernst zu
glauben schien. Wahrhaftig die Tränen traten einem in die Augen, wenn man ihn
bei so manchen Scenen in solcher Not erblickte, und doch immer so gut und so
fromm, und recht so wie man sein muss!
    Die Geschichte war auf verschiedene Teile verhandelt worden. Einer von den
letzten war noch übrig, und ich war recht froh, die Feinde meines Josephs
gedemütigt, ihn als den Liebling eines grossen Königs, und nun auf dem Punkte
zu sehen, der Wohltäter seiner Familie zu werden; ein Umstand, den ich für
ominös hielt, und es für eine Art von Vorhersagung annahm, was mein Sohn einmal
den Seinigen werden könne.
    Der erste Aufzug dieses für mich so erwünschten Schauspiels ging an. Der
König Pharao mit einer güldenen Krone, und mein Joseph in einem schönen langen
Talar, und mit einer von meinen besten goldenen Ketten um den Hals traten auf.
Es ward von der Bewirtung der ankommenden Erzväter gesprochen, seine Majestät
machten einige Einwendungen, welche der Dichter darum eingeführt hatte, um dem
Stadtalter von Aegypten Gelegenheit zu geben, dem Könige eine kleine
Beschreibung von seinen Brüdern zu machen, und ihn zu bedeuten, dass sie
keinesweges geringe Leute, sondern Enkel Abrahams wären u.s.w. Ich weiss aber
nicht, wie es kam, dass der kleine Redner sich ganz vergass, die gutgemeinten
Worte seines Herrn sehr hoch aufnahm, und mit gänzlicher Hintansetzung seiner
Rolle, dem armen Pharao aus dem Stegereif einige Vorhaltungen tat, welche
ziemlich bitter waren. Dieses hätte noch hingehen mögen; aber er geriet endlich
so in Feuer, dass er die Zeitrechnung ganz vergass, und den König über Dinge zur
Rede stellte, die erst einige Jahrhunderte später vorgefallen waren. Seine
Majestät kamen aus aller Fassung, denn für solche Sachen stand keine Antwort in
ihrer Rolle; ich, die ich auf einer Bank zunächst am Teater sass, machte dem
Stadtalter einige bedeutende Zeichen mit dem Fächer; in den Scenen winkte und
hustete der Direkteur des Spiels: umsonst; Josephs Zunge strömte unaufhaltsam
fort. Er war eben bei den zehen ägyptischen Plagen, nannte den König einen
Verderber seines Volks, und würde dem armen Herrn sicher alle Verbrechen
aufgebürdet haben, die je ein Pharao tat, wenn man ihn nicht endlich mit Gewalt
abgeführt und den unschuldigen König gerettet hätte.
    Keine Bitten, keine Vorstellungen konnten den armen Joseph, nachdem er
seines Versehens überwiesen war, bereden, seine Rolle vollends auszuspielen. Ich
ward hinter die Scenen gerufen, aber auch meine Worte galten nichts, ich musste
mich unverrichteter Sachen wieder hinsetzen, und die Freude entbehren, Joseph
seinen Benjamin, welche Rolle mein kleiner Albert machte, umarmen zu sehen,
musste alle diese herrlichen Scenen von einem grossen fünfzehnjährigen Purschen,
der mich nichts angieng, verstümmeln sehen, und beschämt und unerfreut nach
Hause gehn.
    Mit vieler Mühe liess Samuel sich bereden, nach diesem traurigen Vorgang nach
Hause zu kommen, weil er den Spott seines Vaters fürchtete, den ich auch kaum
zurückzuhalten vermochte. Noch schwerer ward es, ihn in der Folge zu bereden,
wieder auf dem Teater zu erscheinen. Man wollte die Geschichte von den Knaben
Daniels geben, und versprach ihm, um seinen Ehrgeiz zu reizen, die Rolle des
Königs. - Er machte schon einige Schwürigkeiten die Person eines so bösen
Mannes, wie dieser in seinen Augen war, vorzustellen; doch drangen meine
Vorstellungen, dass dieses nicht Tugendliebe, sondern Hartnäckigkeit sei, sich
dem Willen seiner Lehrer zu widersetzen, endlich durch. Er machte seine Sachen
vortreflich, bis es darauf ankam, das Urteil über die Angeklagten zu sprechen;
da überfiel ihn der Abscheu vor seiner Rolle von neuen. Er versicherte, er würde
das Teater nur dazu betreten, um die Unschuldigen loszusprechen, und die
Zuschauer würden sich, so lange er König hiess, vergeblich auf die Scene des
Verbrennens freun.
    Indessen dieses innerhalb der Coulissen vorgieng, harrten wir draussen
vergebens auf den Schluss des Schauspiels. Mir ahndete nichts gutes, und ich
dachte ohnmächtig zu werden, als ein anderer Darius herauskam, und die
Gefangenen so eilig zum Tode förderte, dass man sogar den Engel, der sie retten
sollte, darüber vergass. Das Stück nahm Knall und Fall ein Ende, ohne dass ich
meinen kleinen König wieder zu Gesichte bekam.
    Ich eilte zu den Präzeptoren. Samuel hatte sich diesesmal wirklich ein wenig
zu trotzig, und fast für einen Knaben von seiner Art, der doch Scherz und Ernst
wohl unterscheiden konnte zu kindisch aufgeführt, er verdiente die Strafen,
welche man ihm auflegte; aber - was zu viel ist, ist zu viel! Wir nahmen ihn aus
dieser Schule und taten ihn auf das Gymnasium zu R... wo er unter allen
Schülern der jüngste, und doch wegen seiner guten Kenntnisse sehr willkommen
war. Er wollte nun einmal, in seinem zehnten Jahre, ungeachtet mancher
kindischen Torheit, die ihm noch anklebte, für einen Erwachsenen gehalten
werden, und seine Lehrer wussten diese Grille so gut zu benutzen, dass er ohne
weitere Abenteuer von voriger Art bis in sein siebzehntes Jahr zu R... blieb.
Er sollte nunmehr die Universität beziehen, und besuchte uns vorher zu
Hohenweiler, da wir ihn so zu seinem Vorteil verändert sahen, dass selbst mein
Mann - - Doch ich darf der Geschichte nicht vorgreifen; ich werde zeitig genug
auf die traurige Epoche kommen, da ich ihn wieder sah, um ihn durch meine Schuld
plötzlich von neuem zu verlieren.
 
                                Eilftes Kapitel
  Die Matrone besinnet sich, dass sie noch andere Kinder habe. Wieder etwas zu
                               Ehren ihres Mannes
Ich habe mich bei meinem Samuel zu lange aufgehalten, und werde, um nicht zu
weitläuftig zu werden, seine Geschwister kürzer abfertigen müssen. Auch waren
sie, wenn ich es recht bedenke, fast alle noch zu klein, um so viel von ihnen
sagen zu können, als von ihrem Bruder. Meine älteste Tochter Ninnchen zwar, oder
Ninon, wie ihr eitler Vater ihren christlichen Namen verdrehte, zeigte
frühzeitig was sie werden wollte, ein kleines eitles Ding, der man es zu oft
hören liess, dass sie unter ihren Schwestern die Schönste sei.
    Hannchen und ihr Zwillingsbruder, Albert, waren, zörnet nicht, meine andern
Kindern, waren allemal nächst Samuel meine Lieblinge, und es kostet mich viel,
bei ihrer Beschreibung kürzer zu sein, als bei ihrem Bruder. Wie viel hätte sich
schon in ihrer damaligen Kindheit, - beide waren etwa sieben oder acht Jahr, von
ihnen sagen lassen! Wie viel Dinge, aus welchen sich die nachmalige Entwickelung
ihrer Charaktere und ihrer Schicksale hätte schliessen lassen! - Beide hatten in
ihren Gesinnungen etwas ähnliches, so wie ihnen die Natur eine wundervolle
Gleichheit in der Bildung verliehen hatte. Beide besassen tiefe innige Gefühle,
nur dass sie bei Alberten wegen seines Leichtsinns vorübergehender und bei
Hannchen wegen eines gewissen Hangs zu stiller schweigender Schwermut
dauernder, dauernd bis zum Tode waren.
    Beide waren schön, besonders Hannchen. - Wird es mir erlaubt sein, sie hier
zum zweitenmal mein Ebenbild zu nennen? - Die kleine Eitelkeit von ihren vorigen
Reizen zu sprechen, ist der Matrone ja wohl so leicht zu verzeihen, als der
Stolz auf vergangene Siege dem alternden Helden?
    Jukunde war von dem ersten Augenblick an, da das Mädchen zeigt, auf welche
Seite sie sich neigen will, ein leichtsinniges, freches, verdachtloses Geschöpf,
vorwitzig bis zum Uebermaas, und guterzig bis zur Torheit, schön, wie dem
Himmel sei Dank die meisten meiner Kinder, und auch in Ansehung des Verstandes
nicht von der Natur vernachlässigt; aber viel zu flatterhaft, ihn auszubilden,
viel zu sehr mit sich selbst zufrieden, um sich Talente zu erwerben. Gewiss zu
gefallen, hatte sie Mut genug, sich mit ihren geringen Geschicklichkeiten vor
Meistern zu zeigen, und sonderbar war es, dass niemand es wagte, sie zu
beschämen. Schon in ihrer Kindheit, wenn ich zu ihr sagte, Cundchen, erzähle die
Geschichte von dem guten Kinde, oder singe das Lied von den drei Mädchen im
Walde, so trat sie vor die grösste Gesellschaft hin, und sang und erzehlte, ohne
sich durch Lob oder Tadel irre machen zu lassen.
    Nicht so Amalie. Ihr wisst, meine Lieben, Amalie war nicht schön. Von jeher
schien ihre Gestalt einige Jahre jünger, und ihr Gesicht ein gutes Teil älter
zu sein als das ganze Mädchen. Sie wusste dieses, und ein gewisses stilles
bescheidenes Wesen, nebst einem unablässigen Bestreben, sich auf andere Art
gefällig zu machen, machte sie zu keinem uninteressanten Gegenstand, bis sie auf
den unseeligen Einfall kam, durch ihren Verstand zu glänzen; ihr erinnert euch
ohne Zweifel noch gewisser Begebenheiten die - Doch alles zu seiner Zeit, wie
mein güldner Wahlspruch lautet.
    Von rechtswegen sollte ich nun auf dich, Julchen, kommen. Ich weiss, du hast
schon lange deinen Namen in diesen Blättern gesucht, und dich gewundert, dass ich
die Nachwelt noch nicht einmal benachrichtigt habe, dass du erst zu Hohenweiler
auf den Schauplatz getreten, dass du meine Jüngstgeborne, und wahrscheinlich
ausschliessend zur Pflegerinn meines schwachen Alters bestimmt bist. Ist dir
dieses genug, oder fordern deine forschenden Augen noch mehr? - Nun wohl: Du
bist schön und gut, wie ehemals deine Schwester Hannchen war, feurig wie Albert,
gefällig wie Amalie, unbesonnen wie Jukunde, nur was Neugierde und
Schwatzhaftigkeit anbelangt, scheint dich die Natur mit besondern Gaben bedacht
zu haben; wir werden in der Folge Exempel davon hören. Zu deiner Besserung sei
dir dieses gesagt, du bist zum Glück der Zucht noch nicht entwachsen.
    Euch so zu nehmen wie ihr waret, und ganz das aus euch zu bilden, was meine
mütterliche Liebe wünschte, was ihr vielleicht nach euren verschiedenen Anlagen
hättet werden können; euch vor allen den Klippen vorüberzuführen, an welche euch
eure Tugenden und eure Fehler antreiben konnten, dazu mangelte es mir an Stärke
und Fähigkeit. Eurer waren zu viel, um ganz von mir übersehen zu werden. Wie
glücklich wär ich gewesen, bei dieser bedenklichen Sache einen Gehilfen zu
haben!
    Dieser Gehilfe hätte freilich wohl euer Vater sein sollen, aber welcher mit
Amtsgeschäften überladene Mann denkt daran, dass die Pflichten, die er als
Hausvater auf sich hat, um keiner andern willen ganz vernachlässigt werden
dürfen? - Sehr emsig war Herr Haller in seinem Amte, und doch hatte ich Ursach
zu mutmassen, dass seine Zeit zuweilen auch von andern Geschäften, welche hätten
unterbleiben können, hinweggenommen wurde. Die traurigen Auftritte in seiner
Geburtsstadt waren längst vergessen; die Sorgen und die ansehnlichen Summen, die
es uns kostete, uns damals aus unsern Schulden zu reissen, waren Dinge, aus einer
andern Welt, die uns nichts mehr angiengen, die vorbei waren, und deren Andenken
man so sehr scheute, dass man unvermerkt auf den Weg geriet, den ehemaligen
Auftritt wieder erneuert zu sehen.
    Madam Haller, meine Mutter, meine Vertraute, meine treuste Freundinn, meine
Trösterinn, die einige Gehilfinn, die ich bisher bei der Erziehung meiner Kinder
gehabt hatte, sah, dass ich mir Sorge wegen der Zukunft machte, aber ich konnte
ihr den Grund meiner Besorgnisse nicht entdecken, ohne zugleich ihr vergangene
Dinge mitzuteilen, die ich meinem Mann ewig zu verschweigen gelobt hatte. Sie
war, da sie die ganze Lage der Sachen nicht wusste, auch nicht im Stande mir
ihren Rat auf so wirksame Art zu erteilen, als ich es bedurfte, und, o Gott,
sie sollte bald gänzlich von mir genommen werden, ich sollte bald gänzlich mir
selbst in den Verlegenheiten überlassen sein, die ich von ferne sah. -
    Es ist mir unmöglich, die Trennung von ihr umständlich zu schildern. - Es
mag hier eine Lücke bleiben, welche diejenigen von meinen Kindern, die mich so
liebten, wie ich meine Tante, nach meinem Tode mit ihren Empfindungen ausfüllen
können. -
    Herr Haller war, wie er sagte, kränklich; der Arzt hatte ihm eine Reise nach
Spaa verordnet; die zunehmende Schwachheit seiner Tante konnte ihn nicht zurück
halten, er reiste ab, blieb lange aussen, kam wieder und - fand mich in tiefer
Trauer über den Tod derjenigen, deren Namen ich hinfort nie ohne Tränen nennen
sollte. - Ich fand ihn auf eine seltsame Art verändert. Das finstere Wesen, das
ich schon vor seiner Abreise an ihm bemerkte, hatte sich in eine Hastigkeit und
Wildheit verwandelt, die mir fürchterlich war.
    Ohne fast dem Andenken der ehrwürdigen Madam Haller eine Träne zu schenken,
eilte er, ihre Verlassenschaft zu untersuchen, welche ihm ganz anheim fiel. Ich
erfuhr wenig von dem was er fand, und welches seine Plane für die Zukunft waren;
auch scheuete ich mich, nach Dingen zu fragen, welche zu Erklärungen führen
mussten, von welchen mir nichts gutes ahndete.
    Madam Haller hatte mir in ihren letzten Tagen, als ich jeden Beweis ihrer
Grossmut ausschlug, der meinen Vorteil von dem Vorteil meines Mannes zu
trennen schien, ein Geschenk mit zwo englischen Lotterielosen gemacht. Dieses
hier, sagte sie, ist für dich, und dieses gieb deinem Manne zu meinem Andenken;
wenn er glücklich damit ist, so soll er es zum Besten meiner Enkel, seiner
Kinder anwenden; ihr Vater muss ja wohl ihr bester Vormund sein.
    Ich übergab meinem Manne dieses letzte Vermächtnis seiner Wohltäterin; er
riss das Papier hastig von einander, und warf es, als er sah was es entielt,
unwillig auf die Seite. Wie konntest du mich so täuschen? rief er mürrisch aus;
Eine Banknote von - von - ach nur von einigen hundert Gulden, sollte mir jetzt
lieber gewesen sein, als diese betrügerische Anwartschaft auf ein zweifelhaftes
Glück.
    Wie wär es möglich, sprach ich, dass dir in deiner gegenwärtigen Lage, eine
so kleine Summe fehlen könne? - Dieser Frage folgte eine Erklärung, welche
derjenigen kurz nach dem Tode des alten Herrn Hallers, völlig gleich kam, nur
mit dem Unterschied, dass keine Damen dabei in Anschlag kamen, als die
berüchtigten vier Königinnen, die so manche Familie zu Grunde gerichtet haben.
    Dass Herr Haller seine Nebenstunden, deren er, seit er sich einen
Amtsgehilfen angenommen hatte, viel haben musste, dem Spiel widmete, hatte ich
längst vermutet. Eine benachbarte Stadt, in welche er Amtshalber oft reiten
musste, hegte Gesellschaften, welche ihn an diesem unschuldigen Zeitvertreib, wie
er es nannte, sehr gern Teil nehmen liessen. Dieses wusste ich, aber dass Gewinn
und Verlust hier so ins Grosse ging, dass Herr Haller nach Spaa gereist war,
nicht seiner, sondern der Kränklichkeit seines Beutels abzuhelfen, und dass er
dort unter ausgelernten Spielern seinen völligen Untergang gefunden hatte, das
war mir eine zu schreckliche Neuigkeit, als dass ich nicht unter derselben hätte
erliegen sollen.
    Ich ward bei dem Bekenntnis meines Mannes ohnmächtig, und die wenige
Zärtlichkeit, mit welcher er mich ins Leben zurück rief, zeigte, dass sein Herz
bei weiten nicht mehr das nämliche war, wie bei seinen ehemaligen Verirrungen. -
Fast machte er mir mein Schrecken über das was ich gehört hatte zum Vorwurfe,
und das was ich ehemals zu ihm sagte um ihn zu trösten, ich sei arm gewesen und
habe also Armut ertragen gelernt, das musste ich jetzt aus seinem Munde als
Vorwurf hören.
    Es muss doch wohl wahr sein, was einige Kenner des menschlichen Herzens
behaupten, dass Liebe zum Vergnügen das Herz dem Eindruck des Guten nicht so sehr
verschliesst, als Spielsucht, und Begierde nach unrechtmässigen Gewinn, - denn
dieses wird der elende Erwerb durch die Karten in meinen Augen ewig bleiben, und
wenn er nach den gewissenhaftesten Regeln des Spiels eingerichtet ist. - Es
erfolgten jetzt keine wehmütigen Bekenntnisse vergangener Vergehungen, keine
Wünsche, das Geschehene ungeschehen machen zu können, keine Gelübde der
Besserung, sondern die Sache, die mich in solche Bestürzung setzte, brauchte
keine Apologie in seinen Augen, war ein Fall des Glücks, welcher das nächstemal
anders sein und alles wieder ersetzen konnte, was man jetzt etwa aufopfern
musste. - Das nächstemal! Gott! also nicht einmal eine Hoffnung, dass man nun
still stehen, sich besinnen und anders werden wollte.
    Ich bekenne es, jetzt ward mir es schwer, in meiner Fassung zu bleiben. Ich
entfernte mich, um nicht durch ein unüberlegtes Wort, - zum Glück hatte ich noch
gar nichts gesagt, - alles zu verderben, und die Gewalt, die ich doch etwa noch
über meinen Mann hatte, ganz zu verscherzen. - Nur durch Sanftmut, nur durch
lächelnde Gefälligkeit konnte mir es jetzt gelingen, die Sache in ihrem ganzen
schrecklichen Umfange und in allen ihren Teilen zu erfahren. Ich brauchte diese
Mittel, so schwer mir auch diesmal ihre Anwendung wurde, und die Entdeckung, die
mir dafür zu Lohne ward, war diese, dass alles, was die gütige Madam Haller uns
hinterlassen hatte, die Beute hungriger Spieler werden musste, und dass auch sogar
einige dieser Herren, auf dieses Haus und diesen Garten angewiesen waren, von
welchem ich mich nun also auch trennen sollte.
    Ich weiss nicht, ob es bloss Wunsch diesen meinen Lieblingsaufentalt zu
erhalten, oder Ueberbleibsel alter Liebe zu einem unverbesserlichen Verschwender
war, was mich bewegte alles aufzuopfern, um meines Mannes gierige Schuldner,
deren einige sich bald persönlich einfanden, augenblicklich zu befriedigen; ich
besass einige Kostbarkeiten, Geschenke der ehemaligen Liebe meines Mannes, ich
entblösste unser Haus von allem Hausrat, der einigen innern Wert hatte, und kam
zuletzt auf den Einfall unsere englischen Loose zu versetzen. Leider hatte mein
Mann das seinige, als ich darnach fragte, bereits für eine Summe, die kaum
nennenswert war, verkauft, und mir fiel der Gedanke vom verscherztem Glück
dabei mit so wütender Ahndung aufs Herz, dass ich mich entschloss, mein Loos als
ein Heiligtum anzusehen, es vor mir selbst zu verbergen, dass ich es habe, es
vor jedermann zu verschweigen, und jetzt auf alle mögliche andere Art Rat zu
schaffen. Etwas weniges von entbehrlichen Kleidern und Wäsche, und vor allen
eine ziemliche Quantität Leinwand, die ich sehr gut in meinem Hause weben liess,
brachten endlich die Summe zusammen, die uns noch fehlte, wir wurden unsere
beschwerlichen Gäste los, und ich bemühte mich meinen innern Unwillen gegen den,
der der Ursacher aller dieser verdriesslichen Auftritte war, zu verbergen.
    Was ich durch diesen Zwang verlor, war eben dieser Unwille, den ich, so wie
ich ihn zu unterdrücken suchte, immer mehr in meinem Herzen ersterben fühlte,
und was ich gewann? - o Himmel, mehr als ich je zu gewinnen gehofft hätte! Das
Herz meines Mannes ward durch mein Betragen erweicht, ich sah ihn noch einmal
reuevoll in meinen Armen. Gelübde, zu heilig von ihm gebrochen zu werden,
entsagten dem Spiel auf ewig; ich bekam den Namen der besten, treusten,
tugendhaftesten Frau, und noch zur Zugabe etwas, das mir lieber war, als alle
schönklingenden Ehrennamen, die Erlaubnis, unsere ganze Einrichtung nunmehr nach
meinem Gefallen, oder vielmehr nach unserm jetzigen Zustande anzuordnen.
Freilich war nunmehr das, was wir vor einigen Jahren Einschränkung nannten,
jetzt Schwelgerei für uns, die wir nun nichts mehr besassen, als den Verdienst
meines Mannes; für uns, die wir nun auch keine entfernte Hoffnung mehr auf
künftige Verbesserung unsers Zustandes, keine Freundinn wie Madam Haller mehr
hatten, zu welcher wir im äussersten Notfall, gewiss Hilfe zu finden, unsere
Zuflucht hätten nehmen können.
 
                                Zwölftes Kapitel
                          Ein Stück aus der Haustafel
Ich habe es immer für gut gehalten, dass Kinder, wenn sie auch die reifen Jahre
noch nicht erreicht haben, doch nicht ganz unwissend in Dingen gelassen werden,
welche ihre Aeltern, und also auch sie unmittelbar angehen.
    Ich nahm eines Abends, als mein Mann noch von einer Reise wegen Berichtigung
seiner Angelegenheiten nicht zurück war, euch alle meine Lieben vor. Ich hatte
euch alle beisammen, denn eben an selbigem Abend war mein Sohn Samuel bei uns
angekommen, welcher nun die Schule verlassen hatte, und auf die Universität
gehen sollte.
    Meine Kinder, sagte ich zu euch, ich weiss, dass es bisher einige unnütze
Leute gegeben hat, welche euch bereden wollten, eure Aeltern seien reich, und
könnten euch einmal ein grosses Glück in der Welt verschaffen. Ihr seid jetzt
erwachsen genug, um von mir das Gegenteil zu erfahren, von mir es zu hören, dass
eure Grosstante Madam Haller eure einige Wohltäterin war, und dass ihr durch
ihren Tod nicht allein ihre teure Gegenwart, ihren lehrreichen Umgang, sondern
auch manche kleine Vorteile verloren habt, die ihre Grossmut euch gewährte,
und welchen ihr nun entsagen müsst. Du, mein Sohn Samuel, glücklicherweise bist
du jetzt gegenwärtig, um meine Ermahnungen selbst zu hören; du stehst im
Begriffe, die Universität zu beziehen; eile deine Studien daselbst zu vollenden,
denn die Summen, mit welchen dich dein Vater unterstützen kann, werden gering
sein, und du musst darauf denken, bald zurückzukehren, um ihm hier durch deinen
Fleiss nützlich zu sein.
    Du Peninna, sei nicht stolz auf deine Gestalt, und träume nicht von grossen
Eroberungen; kein armes Mädchen ist schön, und nichts ist lächerlicher, als
Ansprüche auf etwas machen, das einem niemand zugestehen will.
    Hannchen ist ein gutes Kind, und wird ihrer Mutter keine Gelegenheit geben,
über sie zu klagen, aber Albert möchte wohl anfangen zu bedenken, dass man, so
bald es kund wird, dass wir arm sind, seinen Unfleiss Faulheit, seine
Flatterhaftigkeit Dummheit, und die allerliebsten kleinen lustigen Streiche,
wegen welcher ihn bisher einige bewunderten, Wildheit und Ungezogenheit nennen
wird. Ihr andern Kleinen, euch ermahne ich, dass ihr zeitig aufhört Kinder zu
sein: die Armen müssen früher klug werden, als die Reichen, denn sie haben nicht
den Vorteil wie jene, dass zehn Köpfe für sie denken, und zwanzig Hände für sie
arbeiten.
    Sie hatten mir alle mit mehrerer Aufmerksamkeit zugehört, als ich es von
ihnen zum Teil erwartet hätte. Alle versprachen mir, meinen Ermahnungen zu
folgen; ich nannte sie gute Kinder, küsste sie, und hiess sie gehen, um mit meinen
beiden ältesten, dem Samuel und der Peninna allein zu sein, welche als
verständiger wie die andern, eine genauere Kenntnis von unsern Umständen fordern
konnten, die ich ihnen auch, soviel es ohne Nachteil ihres Vaters möglich war,
gab.
 
                              Dreizehntes Kapitel
  Folgen von der Predigt der weisen Frau, wie auch von ihrer neuen Einrichtung
Dass der Inhalt meiner Rede einen tiefen Eindruck auf Samuel und Peninnen machte,
hatte ich schon des Abends an den Tränen der Einen, und dem ernsten
tiefdenkenden Wesen des Andern bemerkt; aber dass mir den Morgen darauf ein so
sonderbarer, so widriger Beweis von der Kraft meiner Worte bevorstand, das hatte
ich nicht vermutet.
    Meine älteste Tochter erschien des andern Tages beim Morgengebet, mit
rotgeweinten Augen, und mein ältster Sohn fehlte gar bei dieser unsrer
täglichen Versammlung, wo sonst niemand fehlen durfte. Ich nahm Peninnen,
nachdem ihre jüngern Geschwister sich entfernt hatten, vor, verwies ihr ihre
Tränen, von welchen ich glaubte, dass sie noch wegen der gestrigen Unterredung
flössen, und fragte sie wegen der Abwesenheit ihres Bruders.
    Anstatt aller Antwort, überreichte sie mir folgenden Brief, den ich euch so
mitteilen will, wie ich ihn unter den Papieren, die ich mein Archiv zu nennen
pflege, gefunden habe. Möchte ich doch auch im Stande sein, euch einen Begriff
von der Bestürzung zu geben, mit welcher ich ihn las.
    »Meine Mutter!
    Nach dem, was ich gestern Abend von Ihnen erfuhr, darf ich nicht länger hier
verweilen. Tausend Entwürfe, wie ich Ihnen Ihr Schicksal erleichtern wollte,
durchkreuzten diese Nacht meine Seele; das einige, dessen Ausführung ich möglich
fand, war der Entschluss, mich von Ihnen zu trennen, und Ihnen durch Abnehmung
einer unnützen Last, die Sie lang genug getragen haben, die Sorge für meine
Geschwister zu erleichtern. Ich gehe hin, nicht ein müssiges unabhängiges Leben
zu führen, nicht mir einen andern Plan zu meinem künftigen Fortkommen zu machen,
als den, welchen Sie mir vorgezeichnet haben; nein ich gehe auf dem Wege fort,
den Sie mir bestimmten, nur an einen Ort, wo mich Ihre Wohltaten, die ich schon
zu lange genoss, nicht finden können, nur auf eine Art, die mich vielleicht
schneller zum Ziele meiner Wünsche, Ihnen meine Dankbarkeit zu bezeigen, bringen
kann. Es wäre Unrecht, fernere Unterstützung von Ihnen anzunehmen, da ich
hoffentlich so viel gelernt habe, mir selbst helfen zu können, und doch, meine
Mutter, hätte ich es allein mit Ihnen zu tun, so würde mir es vielleicht schwer
werden, mich ganz von Ihrer wohltätigen Hand loszureissen, aber mein Vater? -
Sie kennen seine Gesinnungen gegen mich, sie wissen, ob ich es wagen darf, bei
unserer gegenwärtigen Lage auf Unterstützung von demjenigen zu hoffen, der mich
nie liebte, nie mir seine Wohltaten so willig erzeigte, wie meinen andern
Geschwistern - - und der mich vielleicht aus ihnen unbekannten Ursachen,
würklich hasset.«
    Ach ich kann, ich kann den abgeschmackten Brief nicht vollends abschreiben.
Am Ende noch etliche Worte von kindlicher Liebe und Dankbarkeit, einige Wörtgen
von Wiedersehen, und so weiter, und dann den Namen des grillenhaftesten und
geliebtesten unter allen meinen Kindern, - O Samuel, du zweifeltest an meiner
Liebe, sonst hättest du nicht so handeln können, und gleichwohl - hätte ich dich
nicht so sehr geliebt, hätte ich so auf dich zürnen können wie ich tat?
    Peninna überreichte mir, als ich mit Lesen fertig war, noch einen an sie
gerichteten Brief, den ich um der Sonderbarkeit willen gleichfalls hersetze.
    »Schwester!
    Ohne von meinem Entschlusse etwas zu wissen, äussertest du gestern nach dem
Gespräch mit unserer Mutter, ein ähnliches Vorhaben mit mir. Ich will dir es
glauben, dass du dich fähig hältst, ausser dem väterlichen Hause fortzukommen,
aber hüte dich hierinnen einen Schritt zu tun, wie ich ihn tat; was bei dem
Jüngling nicht zu tadeln ist, würden bei dem Mädchen Romanstreiche sein, die ich
mir auf alle Weise bei meinen Schwestern verbitte. Das sicherste Mittel, mich,
wo ich mich aufhalten möchte, plötzlich nach Hohenweiler zurückzubringen, würde
sein, wenn ich euren Namen, ich will nicht sagen, auf eine zweideutige Art, wenn
ich ihn nur überhaupt zu oft, und an Orten, da man ihn nicht kennen sollte,
nennen hörte; ich glaube aber nicht, dass meine Zukunft denen, die die Ehre
unserer guten Aeltern beleidigten, angenehm sein würde. - Johanne wächst heran,
ihr seid beide jung und nicht hässlich, wache für sie sowohl wie für dich selbst,
dies wird das beste Mittel sein, dereinst beim Wiedersehen den in mir zu finden,
der ich jetzo bin, Dein' zärtlicher Bruder, S. H.«
    Ich sah Peninnen mit Erstaunen an; ich fragte sie, ob das Wahrheit sei, was
ihr Bruder im Anfange seines Briefes sagte. Sie fiel mir um den Hals, und
gestand mir, dass sie wirklich den Gedanken gehabt habe, den Samuel jetzt leider
ausgeführt hatte, und man kann sich vorstellen, was ich ihr über diesen Punkt
sagte. Ich verwies sie auf die Ermahnungen ihres Bruders, und freute mich zu
finden, dass sie den gebieterischen Ton derselben nicht hoch aufnahm, sondern
sich ihn gefallen liess, als wenn es so sein müsste. Samuel hatte sich in ein
sonderbares Ansehen bei seinen Geschwistern gesetzt, sie fürchteten sich,
ungeachtet der wenigen Jahre, die er vor ihnen voraus hatte, fast mehr vor ihm,
als vor ihrem Vater.
    Meine nächste Frage an Peninnen war nunmehr, wie sie zu den Briefen gekommen
sei; sie sagte, sie habe sie unter ihrer Aufschrift diesen Morgen auf ihrem
Nähtische liegen gefunden, und das kleine Julchen, welche bei ihr schlief, habe
Samuelen in der ersten Morgendämmerung mit dem grünen Reitrock und dem
Jagdmesser an der Seite leise hereinkommen, und den Brief hinlegen gesehen.
    Lieber, guter, unbesonnener Junge, wie war dirs möglich, deine Mutter so zu
kränken! Was hatte ich gesagt, das dich zu diesem übereilten Entschlusse bewegen
konnte? - Zwar hatte ich gefehlt, du und die leichtsinnige Peninna brauchten
nicht einerlei Lektion; was gerade eben hinlänglich war, diese ein wenig
aufmerksam zu machen, das musste dich gänzlich niederschlagen.
    Der Entschluss, der ihrem schwindelnden Köpfgen jähling einkam, und vor
dessen Ausführung mir nicht bange war, war bei dir gleich schnelle und doch wohl
überlegte Tat, - o gewiss, ich hätte dich schonen, hätte dir vielleicht unsere
ganze traurige Lage verschweigen sollen, ich hätte - Doch nichts von dem, was
ich hätte tun sollen, sondern lieber etwas von dem, was ich tat.
    Ich machte mich auf den Weg zu meinem Vater, den ich ohnedem seit dem Tode
der Madam Haller, wobei er gegenwärtig war, nicht gesehen hatte. Ich hatte
doppelte Ursach zu ihm zu eilen; nicht allein Wunsch, ihn, wie ich immer tat,
Teil an meinen Bekümmernissen nehmen zu lassen, sondern auch die Ueberzeugung
trieb mich zu ihm, Samuel würde die Gegend nicht verlassen haben, ohne den
Greis, den er so sehr liebte, noch einmal zu sehen, und seinen Segen zu
erbitten. Oft schlich sich gar ein wenig Hoffnung mit ein, ich würde ihn noch da
finden, wo ich hingedacht, würde alles gegen ihn ausschütten können, womit
mütterliche Liebe und mütterlicher Zorn mein Herz erfüllte, doch diese Hoffnung
zu begünstigen, war der Weg zu meines Vaters kleiner Wohnung zu weit. Ich langte
dort an, der Flüchtling war da gewesen, aber zwo Stunden vor meiner Ankunft
schon wieder abgereist.
    Mein Vater lachte über die Unruhe, in der er mich sah. Glaubst du denn,
sagte er, ein siebzehnjähriger Jüngling, ein Jüngling wie dein Samuel, werde
sich in der Welt verlieren, oder es werde ihm an Unterstützung fehlen? - O nein,
was sein Fleiss nicht ausrichten kann, das werde ich tun. Samuel ist mein Sohn,
und mein alter Freund Haller hat dafür gesorgt, dass ich für mich und für seinen
Enkel genug habe.
    Ich entdeckte ihm unsere gegenwärtige Verfassung, und meine Reue, dass ich
Samuelen soviel davon gesagt hatte; er lobte das, weswegen ich mir Vorwürfe
machte, und schien das andere nicht sehr zu Herzen zu nehmen.
    Wenn dein Mann, sagte er, wie ich hoffen will, sich nun endlich bessert, so
werdet ihr bei einem stillen und sparsamen Leben glücklicher sein, als bei den
glänzendsten Aussichten. Kinder! Kinder! ihr habt alle einen guten Hang zur
Torheit, und ich möchte wissen, was aus euch geworden wär, wenn ihr noch alles
besässet, was deines Mannes wohltätige Liederlichkeit - - man verzeihe meinem
Vater einen harten Ausdruck - euch entzogen hat. - Es ist allen deinen Kindern,
auch Samuelen ist es heilsam, dass sie sich auf nichts, als auf ihre gute
Aufführung zu verlassen haben. - Lass deinen Sohn immer die Welt sehen; er wirds
schon erfahren, wie weit er mit seinem Eigensinn, mit seinen überspannten
Begriffen von Recht und Unrecht, mit seiner Empfindlichkeit, und allen den
kleinen gutgemeinten Grillen und Torheiten kommen wird, die ich, so lieb ich
ihn habe, doch nicht in ihm verkenne.
    Sehr getröstet verliess ich meinen Vater. Ich wusste, er kannte den Aufentalt
meines Sohnes, ob er mir es gleich nicht ganz gestehen wollte, wusste, er würde
ein wachsames Auge auf ihn haben, und für ihn sorgen, und dieses war genug zu
meiner Beruhigung; eine Beruhigung, welche durch den Kaltsinn, mit welchem mein
Mann, bei seiner Wiederkunft die Nachricht von Samuels Entfernung aufnahm, ich
weiss nicht, ob gemehrt oder gemindert ward: ich musste den Entschluss meines Sohns
billigen, und die wenige Liebe des Vaters gegen den, der ihn nie beleidiget
hatte konnte nicht anders als mir missfallen.
    Unser Leben wurde nur noch stiller und ordentlicher als zuvor. Das Amtaus,
ein ödes altväterisches Gebäude, welches, als wir nach Hohenweiler kamen, unsern
Gedanken nach den Einsturz drohte, und nicht bewohnt werden konnte, ward jetzt
auf einmal fest genug, uns zu beherbergen, und wir gaben die gemietete Wohnung
auf, welche wir bisher, wie wir uns beredeten, nur der verstorbenen Madam Haller
zu gefallen bewohnt hatten. Es war auch aus dem Grunde nötig uns ins Kleine zu
ziehen, weil die Befriedigung unserer Schuldner, unsere besten Zimmer vom
Hausrate entblösst hatte; ein Mangel, der sich in einer kleinen Wohnung besser
verbergen liess. Die Zimmer im Amtause waren so dunkel, die altväterischen
Tapeten würden so schlecht zu den modernen Möbeln gepasst haben; genug es gab der
Entschuldigungen im Ueberflusse, warum gewisse Dinge, die man sonst bei uns
gekannt hatte, nicht mehr zum Vorschein kamen.
    Ein anderes Mittel unsern gesunkenen Zustand zu verbergen, war die
Einschränkung meiner Gesellschaften. Ich hatte es bisher unumgänglich nötig
gefunden, die Frau Pfarrerinn, die Frau Einnehmerinn, und einige andere vornehme
Damen unsers Orts wöchentlich zu sehen, und sie ziemlich oft bei uns zu Tische
zu haben; jetzt merkte ich auf einmal, dass mir bei ihren Besuchen die Zeit lang
wurde, und dass die kleinen Abendmahlzeiten weder uns noch ihnen Freude machten.
    Meine Kinder gut zu erziehen, war es bisher erforderlich gewesen, ihnen
einige Lehrmeister und Lehrmeisterinnen zu halten, jetzt besannen sich meine
beiden ältsten Töchter, dass sie genug verstünden die Lehrerinnen der jüngern zu
werden, auch musste mein Mann nicht mehr so oft in die Stadt reiten, wo die
verderblichen Spieler wohnten, er bekam mehr Zeit sich mit mir und unsern
Kindern zu unterhalten, denn - er hatte keinen Amtsverweser mehr, und ich habe
schon oft angemerkt, dass Gehilfen in manchen Fällen die Mühe eher mehren als
mindern.
    So wohltätig diese Aenderungen im Grunde für uns waren, so hatten sie doch
auch ihre Unbequemlichkeiten. Im Amtause spückten Ratten und Geister; die Damen
unsers Orts fanden sich durch den abgebrochenen Umgang beleidigt, nannten mich
stolz, und lohnten mir mit übler Nachrede; die jüngern Geschwister wollten den
ältern, die sie lehrten, nicht allemal gehorchen; und die beständige Anwesenheit
eines durch Verdriesslichkeiten und Mangel an Vergnügungen eigensinnig gewordenen
Mannes ward mir oft lästig; auch gereichte sein Umgang den Kindern nicht allemal
zum Vorteil. Hanna und Peninna mussten viel von ihm leiden, oft bloss darum -
weil sie Hanna und Peninna hiessen, und die andern mit den lieblicher tönenden
Namen, waren immer schöner, klüger, und besser als jene, und wurden verzärtelt.
    Eine jede von diesen Verdriesslichkeiten war hinlänglich, uns unsere neue
Lebensart zu erschweren, und ich könnte fast von jeder derselben etwas besonders
sagen, das keinen kleinen Einfluss auf unser Glück und unsere Ruhe hatte; doch
ich will, um nicht zu weitläuftig zu werden, jetzt nur bei dem stehen bleiben,
was mich unmittelbar selbst angieng, und mir, ich läugne es nicht, recht
empfindlich ans Herz griff.
 
                              Vierzehntes Kapitel
  Grosse Neigung der alten Dame zu bussfertigen Magdalenen. Einige Winke von den
   herrlichen Ruinen ihrer Schönheit, und ein paar Pröbgen von ihrer stolzen
                         Zurückhaltung gegen Vornehmere
Die Frauen unsers Städtchens, mit welchen ich im Grunde den Umgang nicht ganz
aufzuheben, nur in eine gemässigtere Form zu bringen gesucht hatte, und welche
dieses nachlassende Feuer der ehemaligen Freundschaft für förmlichen Bruch
hielten, sannen darauf, wie sie meiner Ehre einen Flecken anhängen, und sich das
Ansehen geben wollten, als hätten sie selbst sich meiner aus guten Ursachen
entäussert. Sie musterten meine ganze Lebensgeschichte, so weit ihnen dieselbe
bekannt war, und stiessen auf nichts in derselben, das zu ihrem Zweck dienen
konnte, als auf einige Begebenheiten aus den ersten Jahren meines Ehestandes,
die mir so wenig zu Herzen giengen, dass ich sie gegen euch zu erwähnen vergessen
habe. Ich war damals eine junge Frau, war ziemlich artig, und mein Mann machte
sich gern mit seiner schönen Gattinn, wie er mich damals nannte, breit; war es
denn zu verwundern, dass ich von einer Menge von Anbetern umflattert wurde, und
war das wohl eine Sache, die mir die Törinnen zur Sünde machen konnten? Auch
war es zu bekannt, wie bald ich mich den Blicken meiner gaffenden Bewunderer
entzogen, und die Einsamkeit dem wilden Leben, in welches mein Mann mich so gern
verstrickt hätte, vorgezogen hatte: meine Lästerinnen durften also hier nichts
als Winke und verblümte Reden wagen. - Nicht so schonend giengen sie mit meinen
gegenwärtigen Grundsätzen um: der regelmässige Gang, den alle Dinge in meinem
Hause und also auch die Andachtsübungen hatten, machte mich zur Herrnhuterinn;
die Neigung zu meinen Kindern, war Affenliebe, und da sie nichts von unsern
geringen Vermögensumständen wussten, die sie gewiss meiner Verschwendung
zugerechnet haben würden, so nannten sie meine Sparsamkeit, Geiz.
    Eine Lieblingsmeinung hatte ich noch, die ich vielleicht ehemals zu
offenherzig gegen sie geäussert hatte, und welche mir nunmehr aufs ärgste
gedeutet ward: so streng ich, was mich und die Meinigen angieng, auf Zucht und
Tugend hielt, so mitleidig war ich gegen andere arme Geschöpfe, welche etwa
einen Fehltritt getan, und dadurch in die Hände der Gerechtigkeit, oder unter
die noch unbarmherzigere Geissel der Lästersucht geraten waren; im letzten Fall
wurden schonende Entschuldigungen, und im ersten dringende Vorbitten bei meinem
Manne nicht gesparet. Ja die Frau Pfarrerinn wollte mich der schrecklichen Sünde
zeihen, dass ich viel zur Abschaffung der Kirchenbusse in unsern Gegenden
beigetragen, und einmal Himmel und Erde bewegt hätte, dass der Prozess einer
Kindermörderinn zum zweitenmale untersucht und ihr das Leben gerettet worden
sei. Dinge, die ich so sehr eben nicht läugnen will; denn wär mirs denn Schande,
wenn ich etwas beigetragen hätte, die oder jene Unglückliche zu bessern, welche
die christliche Liebe für unverbesserlich hielt? Ob ich indessen nicht auch
hierinn zu weit gegangen sei, wird man vielleicht in der Folge sehen; es ist gut
den Verbrecher retten und bessern, aber ihm zu viel trauen, ihn in sein Haus
aufnehmen? - - Doch weiter.
    Die Auslegungen, welche meine ehemaligen Freundinnen von dieser Art zu
denken und zu handeln machten, waren zu boshaft, zu abscheulich, um hier
wiederholt zu werden; sie waren hinlänglich, zwar nicht, mich von dem, was ich
einmal für recht und gut erkannte, abzubringen, aber mich doch zu bewegen, meine
Gesinnungen in diesem Stück, ins künftige besser zu verhelen. Ich ging darin
so weit, dass ich, wenigstens in meinem Gebiet, der entgegengesetzten Meinung
beizupflichten schien; ich sah es ein, dass sich ein wenig Strenge für die Mutter
heranwachsender Mädchen ganz wohl schicke, und bemühte mich also in allen meinen
Gesprächen, die unerbittliche Richterinn gegen alle Gefallene, oft selbst gegen
solche zu spielen, deren ich mich insgeheim annahm, und sie vom gänzlichen
Verderben zu retten suchte. Ob ich nicht in den Äusserungen von dieser Art, auch
zu viel tat, ob ich nicht durch den Ernst in meinen Reden, wodurch ich die
meinigen vom Laster abzuschrecken suchte, meinem Herzen eine Verwundung
zubereitete, welche nie ganz heilen wird, das wird die Folge lehren. Ich gehe
jetzt zu einer neuen Epoche meiner Geschichte über.
    Bisher waren ich und meine ehemaligen Freundinnen die vornehmsten in unserm
Städtchen gewesen; jetzt erscholl das Gerücht, als wollte sich eine adeliche
Familie in diese Gegend wenden, welche den grössten Teil ihres Vermögens in der
Hauptstadt zugesetzt hatte, und nun entschlossen war, die Ueberbleibsel davon
zusammen zu nehmen und mit denselben in einer entlegenen Provinz besser als
bisher hauszuhalten.
    Die Erzählung von einer Familie, die genötigt war, wegen voriger
Verschwendung sich der Sparsamkeit zu befleissen, gefiel mir; ich zog eine
Paralelle zwischen uns und diesen grossen Leuten, sah, dass Schicksal und
Torheit ihnen eben solche Streiche spielen konnten wie uns, und fand unser Loos
um der Aehnlichkeit willen weit erträglicher. Auch stieg zuweilen ein heimlicher
Wunsch in mir auf, dereinst in die Bekanntschaft dieses weisen philosophischen
Hauses zu kommen, und meinem Stolz, welcher durch die Feindseligkeiten und
Lästerungen der Pfarrerinn und der Einnehmerinn gewaltige Stösse erlitten hatte,
durch den Umgang so angesehener Leute eine mächtige Stütze zu geben.
    Nachdem das Gerücht viel unglaubliche Dinge von der Familie von Wilteck, die
bei uns erwartet wurde, gesagt und das Haupt derselben bald zu einem in Ungnade
gefallenenen Minister, bald gar zu einem Fürsten im strengsten incognito gemacht
hatte, erschien sie endlich, strafte durch das sehr alltägliche Ansehen, welches
alles, was sie umgab, an sich hatte, das Gerücht Lügen, und erhöhte die
Hoffnungen, die ich mir von diesen neuen Ankömmlingen machte.
    Das ganze von Wilteckische Haus bestand ausser dem gnädigen Ehepaar, aus
zween mehr als erwachsenen Fräuleins, einem noch unmündigen Junker, und einem
Bruder des alten Herrn, der dem Verstande nach eben so unmündig als Junker
Ludwig an Jahren war. - Ein veralteter Stutzer, den man nicht anders als den
Obersten nannte, ungeachtet die alte Gouvernante, welche auch mit zu den
Ankommenden gehörte, versichern wollte, er habe es nie höher als zum
Souslieutenant gebracht.
    Ich habe vorhin erwehnt, dass ein Wunsch in mir aufstieg, Umgang mit diesen
vornehmen Leuten haben zu können, aber ich war klug genug, ihn weder in meiner
Familie bekannt werden zu lassen, noch den geringsten Schritt zu tun, welcher
auf seine Erfüllung abzielte. Die Damen unsers Orts, die Pfarrerinn und die
Einnehmerinn, nebst noch einigen andern, hielten es für gut, der hochadelichen
Familie Cour zu machen, ich aber fand es lächerrlich, und noch obendrein, wie mir
mein Stolz ins Ohr sagte, erniedrigend, sich Personen aufzudringen, welche
vornehmer sind als wir, und die unsere Höflichkeiten vielleicht kaum erwarten,
aber gewiss uns dieselben nie auf andere Art, als mit der demütigenden Miene der
Ueberlegenheit und Herablassung vergelten.
    Ich würde Frau von Wilteck und ihre Töchter vielleicht nie kennen gelernt
haben, wenn ich sie nicht zuweilen in der Kirche gesehen hätte. Wir sassen
ziemlich weit von einander, und ich verlor dadurch das Glück ihre Personen so
genau mustern zu können, wie die andern neugierigen Weiber unsers Städtchens
taten; dieser Verlust brachte mir aber zugleich den Vorteil, sie nicht grüssen
zu dürfen; eine Höflichkeit, die ich ihrem Stande nicht versagt haben würde,
wenn mir die Art, mit welcher sie den andern Frauen, die sie mit Verbeugungen
überschütteten, zu danken pflegten, nicht anstössig gewesen wär.
    Wir schienen uns anfangs gar nicht zu bemerken; bald aber trug der Weg die
adelichen Damen allemal vor unserm Stuhl vorbei; die Neugier mochte sie vorbei
treiben, auch waren ich und meine Mädchen noch wohl sehenswert: es musste einen
schönen Anblick geben, wenn ich so in meinem grauen atlassnen Gewande daher
ging, und die Kinder in ihren weissen Kleidern mit bunten Schleifen mir folgten.
Eine blühende Matrone unter fünf blühenden Töchtern! sagte unser Herr Pfarrer,
zu der Zeit, da ich noch mit seiner Frau umgieng.
    Die Fräuleins gaften uns mit starren Augen an, meine Mädchen verbeugten sich
ein wenig, brachen aber die Hälfte von ihrer Höflichkeit ab, weil sie sahen, wie
schlecht sie erwiedert ward; aber die gnädige Frau und ich grüssten uns
ordentlich nach Matronen Art, weil es nicht anders sein konnte.
    Des andern Tages sagte mein Mann, welcher als Amtmann zuweilen mit dem Herrn
von Wilteck zu sprechen hatte: die gnädige Frau habe nach mir und den Kindern
gefragt, und sich gewundert, dass wir sie noch nicht besucht hätten. In der Tat,
meine Liebe, setzte er hinzu, es wär der Höflichkeit gemäss - - Ganz gewiss,
unterbrach ich ihn, und ich werde nächstens - aber dieses Nächstens kam niemals
und Frau von Wilteck sah sich genötigt, die Gelegenheit zu nehmen, wie sie war,
und einmal auf ein paar Augenblicke im Vorübergehen zu mir zu kommen, um mich
wegen einer häuslichen Angelegenheit um Rat zu fragen. - Sie musste doch die
wunderliche Amtmannin kennen lernen; welchen Namen mir, wie ich von guter Hand
wusste, die Fräuleins gegeben hatten.
    Frau von Wilteck war eine einnehmende Dame, wenn es ihr beliebte, den
Adelstolz ein wenig auf die Seite zu setzen. Der Wunsch auf einem
freundschaftlichen Fuss mit ihr und ihrem Hause zu leben, und dadurch meine
Feindinnen zu demütigen, wachte wieder in mir auf, aber die Fräuleins standen
mir nicht an; die andern, welche nicht in die Kirche kamen, und die ich also nie
gesehen hatte, konnten vielleicht auch nicht nach meinem Geschmacke sein, und
ich liess es also dabei bewenden, der gnädigen Frau des andern Tages einen eben
so kurzen Gegenbesuch zu machen, in welchem ich nichts weiter tat, als dass ich
ihr umständliche Nachricht von dem gab, was sie von mir zu wissen verlangt
hatte.
    Je mehr ich den Umgang des vornehmen Hauses zu fliehen schien, je mehr ward
der meinige gesucht. Ein Regen, der die gnädigen Damen überfiel, ein
Spaziergang, auf dem man sich antraf, eine Bestellung an meinen Mann, und
dergleichen Dinge gaben so oft zufällige Gelegenheit, uns zu sehen, dass wir uns
endlich alle kannten, alle zu nennen wussten, und - ich nehme Frau von Wilteck
und mich nebst noch zwo Personen aus unsern beiderseitigen Familien aus, -
keinen andern Grund angeben konnten, warum wir uns aufsuchten, als Neugierde und
Langweile, welches letzte doch bei den Meinigen, die immer beschäftigt waren, im
Grunde nicht wohl statt haben konnte, sondern ganz allein auf die Seite unserer
neuen Bekannten fiel.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
                      Eine ganze Familie von Alltagsleuten
Es dünkt mich hier Zeit zu sein, etwas von dem Wilteckischen Hause zu sagen: ich
werde der einzelnen Glieder desselben noch oft genug erwähnen müssen, und es
wird gut sein, wenn man weiss, was sich von ihnen erwarten lässt; doch wer kann
das auf den ersten Anblick oder aus einigen hingeworfenen Zügen? War ich im
Stande, es ihnen anzusehen, was für Einfluss sie in Zukunft auf mich und die
Meinigen haben würden?
    Frau von Wilteck schien keinen Fehler an sich zu haben als das einsilbige
Wörtgen vor ihrem Namen. Wär sie Madam Walteck schlecht weg gewesen, sie hätte
mir die zweite Madam Haller, hätte mir so lieb werden können, als diese teure
Verstorbene, denn, vermochte ich dann in ihr Herz zu sehen? Ich äusserte diesen
Gedanken einst gegen die Gouvernante; Ma chere, sagte diese lachend, wir sind
aus einem Lande, wo jedermann diese drei deutungsvollen Buchstaben vor seinen
Namen setzt, und wo sie so gut Frau von Haller sein würden als meine Gebieterinn
Frau von Wilteck. Ein Wink, den ich nicht aus der Acht liess, und der mich um ein
gutes Teil weniger zurückhaltend gegen meine neue Freundin machte.
    Frau von Wilteck war schön für ihre Jahre, und es war zu verwundern, dass so
wenig von ihren Reizen auf ihre Töchter geerbt war. Fräulein Josephe die
älteste, welche nach den Grundsätzen meines Vaters schon seit länger als zehen
Jahren nicht mehr Fräulein hätte heissen sollen, war eine lange hagere Figur, die
sich wegen ihrer Gestalt gern eine schlanke Nymphe, und wegen ein paar finstern
Augen und einiger schwarzen Haare gern eine schöne Brünette nennen hörte,
welches doch niemand tat, als die ihr gleichende Gouvernante, Mademoiselle de
Robignac. Das jüngere Fräulein, Gabriele genannt, war ein rothäriges,
milchfarbnes Gänsgen, mit grossen weiten Augen, die ich mit nichts bessern
vergleichen kann, als mit den Teichen vor unserm Garten, wenn sich der
graublauliche Himmel darinnen spiegelt. Wenn Fräulein Josephe die Heldinn und
das männliche Frauenzimmer spielte, so zerschmolz die lispelnde Gabriele dagegen
in Empfindungen, schalt ihre wilde Schwester, oder sprach von Liebe und Kloster,
oder schwieg auch, um zu verbergen, dass sie nichts zu reden wusste. Die liebste
Tracht der ersten war ein Federhut und ein grünes Reitkleid, das ihr abscheulich
anstand, und die andere kleidete sich gern in ein so galantes und durchsichtiges
Negligee, wie sie es in ihren Lieblingsbüchern, den französischen Romanen
beschrieben fand, eine Kleidung, die ihr eben nicht vorteilhaft war, weil sie
alle Fehler ihrer Gestalt zu sehr entüllte. - Kurz diese beiden Damen waren
recht dazu gemacht meinen unschuldigen, unaffektirten und wirklich schönen
Töchtern zur Folie zu dienen, welches nur ihnen verborgen zu sein schien, sonst
würden sie ihre Gesellschaft nicht so eifrig gesucht haben.
    Der einige Sohn der Frau von Wilteck, der fünfzehnjährige Junker Ludwig
schien allein die Schönheit seiner Mutter geerbt zu haben, aber nicht ihren
Geist; er besass ein weiches gutes argloses Herz, das ihm immer auf der Zunge
sass, und einen geraden gesunden Verstand, der ihn weder zum Kriegshelden noch
zum Staatsmann zu bestimmen schien; und doch schien man ihn zu dem ersten
bestimmt zu haben. Er trug bereits die Uniform als Fahnjunker, und sah in
derselben aus wie der goldhaarige Engel Raphael mit dem Helm und mit dem
Schwerdte über unserer Kirchtür, der unsere ersten Aeltern mit freundlichen
Blicken aus dem Paradiese jagt.
    Dieses waren die Personen der adelichen Familie, die wir noch zur Zeit
kannten. Nur der Herr von Wilteck und sein Bruder der so genannte Oberste
fehlten noch, und die Beschreibungen der Mademoisell de Robignac, welche uns
noch fleissiger besuchte als ihre gnädige Herrschaft, waren eben nicht sehr
fähig, uns grosses Verlangen nach der Bekanntschaft dieser beiden Herren
einzuflössen; wiewohl wir Ursach gehabt hätten, die Richtigkeit des Urteils
dieser Dame ein wenig zu bezweifeln, wenn wir damals schon gewusst hätten, was
wir nachher bemerkten, dass die arme Gouvernante den beiden alten Herren von
Wilteck immer zum Ziel ihres Witzes dienen musste, und freilich nicht sehr mit
ihnen zufrieden sein konnte. Wiewohl - hätte uns wohl irgend etwas diese
Kavaliers nachteiliger charakterisiren können, als ihr Geschmack an einem so
faden Zeitvertreibe wie dieser?
    Ich sah es niemals gern, wenn die schwarzbraune Französinn in unsern
stillen häuslichen Zirkel erschien; denn ich merkte den nachteiligen Einfluss
ihrer Erscheinung allemal drei Tage lang an meinen Mädchens. Bald hatte sie
nicht einsehen können, wie man so albern sein und deutsch sprechen könnte, und
ich bekam gewiss in den nächsten Tagen nichts von meinen Kindern zu hören, als
aufgeschnappte, übel angebrachte französische Phräsgen, welche kein Mensch
verstehen konnte, und die mir, einer deutschen Matrone, die alle
Sprachenveränderung hasste, wie die babylonische Verwirrung, unausstehlich waren.
Oder Demoiselle de Robignac hatte von den artigen Pariser und Lyoner Koeffüren
gesprochen, und des andern Tages ward an allen Hauben des ganzen Hauses, sogar
an den Meinigen gekünstelt, um ihnen eine etwas modischere und weniger deutsche
Gestalt zu geben. Oder die Gouvernante hatte nicht begreifen können, warum die
chere Ninon - (Peninna wollte sie sagen) und die petite Jeanette die gnädigen
Fräuleins nicht besuchten, welches man sehr deutsch und ungesittet nennen
könnte, und den Morgen darauf hatten meine Töchter gewiss ungewöhnlich tiefe
Verbeugungen von den gnädigen Fräuleins oder wohl gar bedeutende Fächerwinke
bekommen; - Dinge, welche ich teils ahndete, wie sichs gebührt, teils gar
nicht verstand, und hartnäckig auf meinem Sinne blieb, lieber den Umgang der
angenehmen Frau von Wilteck zu entbehren, als meine Kinder oft in die
zweideutige Gesellschaft der ihrigen zu bringen.
    Doch wer kann wider das Schicksal! Wir wurden eines Tages sämmtlich zu einem
Geburtstagsfeste des hochadelichen Hauses gebeten. Wir giengen; denn mein Mann
nannte es unhöflich, die Einladung auszuschlagen. - Abermals, bloss um nicht
unhöflich zu sein, wurde die gnädige Familie zu unserer Weinlese erbeten, die in
dem nämlichen Monat fiel. Darauf wollten die Fräuleins nebst ihrem Bruder am
Hochzeittage ihrer Aeltern ein Lustspiel aufführen, in welchem Jukunde und
Juliane ein paar Kinderrollen übernehmen mussten, und so ging es in einem fort,
bis es endlich dahin kam, dass wir alle Sonntage nach der Vesper beisammen waren,
und ein jedes sich mit seines gleichen die Zeit vertrieb. Die Fräuleins
schickten sich nach dem Ausspruch der Gouvernante ganz unvergleichlich zu der
siebzehnjährigen Peninna, weil sie, wie sie meinte, mit ihr von einem Alter
waren. Junker Ludwig lehrte Hannchen Klavier, und Demoiselle de Robignac fand es
bedeutend, dass beide in einem Jahr und an einem Tage geboren waren. Herr von
Wilteck und mein Mann spielten Schach oder Piquet. Frau von Wilteck und ich
strickten, und der Oberste, welcher uns und sich einige zwanzig Jahr jünger
dachte, als wir waren, gauckelte entweder um uns herum, oder lief in unser Haus,
unsere jüngsten Kinder auch herbei zu holen, und sie allerlei unnützes Zeug zu
lehren; oder er spielte der Französinn allerhand lächerliche Streiche, die man
kaum seinem Neffen würde zu gute gehalten haben. Doch dieser war zu klug zu
solchen Possen, und zu sehr von seiner Schülerinn eingenommen, als dass er für
etwas ausser ihr hätte Aufmerksamkeit haben sollen.
    In der Tat war mir das Wohlgefallen, das er an Hannchen, und sie an ihm zu
finden schien, auffallend, und ich konnte mich nicht entalten, wenn sie so von
Montag morgens bis Sonnabend abends immer etwas neues zu erzählen wusste, was der
Herr Fähndrich, so nannte man ihn in dem Wilteckischen Hause, ungeachtet er nur
Fahnjunker war, am Sonntage getan, gesagt oder gedacht hatte, sie anfangs ein
wenig damit aufzuziehen, und ihr denn ernstlich über ihr seltsames Betragen
zuzureden. Dieses machte sie vielleicht zurückhaltender aber schwerlich klüger,
und ich hätte vielleicht besser getan sie laut vom Junker Ludwig sprechen als
heimlich an ihn denken zu lassen. -
    Ich dachte indessen ernstlich darauf, sie von dem Jünglinge abzubringen, der
ihr gefährlich zu werden schien, und Hannchen hatte schon ein paar mal wegen
Zahnschmerzen die sonntägliche Klavierstunde versäumen müssen, als zu meinem
grossen Vergnügen ihr junger Lehrmeister von einem Onkel, den man den General
nannte, und der also vermutlich etwa Major sein mochte, abgefordert wurden, um
unter seinen Augen zum Dienste angeführt zu werden.
 
                              Sechzehntes Kapitel
     Die Eitelkeit der alten Dame und ihrer schönen Tochter bekommt Nahrung
Der Umgang mit dem vornehmen Hause reizte, wie ich voraus gesehen hatte, den
Neid der Frauen unsers Städtchens, und ich war schwach genug, mich darüber zu
freuen, und vielleicht um des willen weniger darauf zu denken, wie ich
Gesellschaften abbrechen wollte, die, wenn auch nicht unmittelbar uns, wie ich
Verblendete glaubte, doch unserm Beutel nachteilig waren.
    Die Familie von Wilteck war zwar des Ersparnisses wegen an unserm Orte, aber
das was bei ihnen Sparsamkeit war, hätte man bei uns Verschwendung nennen
können. Ohne so töricht zu sein, mich mit Leuten messen zu wollen, die mir an
Stand und Vermögen überlegen sein mochten, so merkte ich doch bald, Vermehrung
unserer Ausgaben, und gewaltige Defekte in unserer Einnahme. - Man musste doch
etwas tun, um seinen vornehmen Bekannten keine Schande zu machen, und dies war
nicht ohne Aufwand möglich. Auch konnten die Hände, welche die ganze Woche über
beschäftiget waren, Zubereitungen auf den Sonntag zu machen, weder nähen,
spinnen, noch weben. Unsere Bleichen wurden daher ganz leer von feingesponnenen
Garn, und die Städterinnen kamen nicht mehr zur Frau Amtmannin von Hohenweiler,
um bei ihr die schöne haltbare Leinwand zu kaufen, die sie weben liess.
    Hatte ich auf dieser Seite Schaden, so schien sich auf der andern ein
kleiner Vorteil hervor zu tun, den wir in der Einsamkeit nicht hätten erwarten
können. Die Familie von Wilteck hatte sich nicht so ganz von der Welt
abgesondert, dass sie nicht zuweilen von ihren ehemaligen Freunden hätte besucht
werden sollen. Zu dem sogenannten Obersten kamen oft Offiziers von dem in der
Nähe liegenden Regimente, die aber alle - welches wunderlich war - sehr familiär
mit ihm taten, und ihn nie anders als Leutenant nennten; auch bekam der alte
Herr von Wilteck zuweilen Zuspruch von Herrn Berg, dem ehemaligen Gerichtshalter
seiner weiland an der Grenze gelegenen Güter, der oft seinen Sohn einen jungen
Rechtsgelehrten mit sich brachte, dessen stilles gesetztes Wesen mir unendlich
gefiel. Auf diese Art bekam ich und meine Kinder oft artige Leute zu sehen, und
Peninna ward durch ihre Hilfe zeitig gewahr, dass die Sentenz, die ich ihr
ehemals vorsagte: Kein armes Mädchen sei schön, nicht durchaus richtig sein
könne.
    Unter so vielen jungen Herren, die sie bei Wiltecks zu sehen bekam, war
mancher, der ihr das Gegenteil von dem Machtspruch ihrer Mutter begreiflich zu
machen suchte, und indessen die schwarzbraune Josephe sich für den allgemein
angebeteten Gegenstand hielt, und die fade Gabriele schrie, dass sie vor den
Verfolgungen der Männer nicht zu bleiben wisse, sahen aller Augen auf meine
Peninna, welche die Mühe, die man sich um sie gab, kaum bemerkte, und da, wo es
ihrer Aufmerksamkeit nicht entgehen konnte, sich ihrer innern Würde bewusst, mit
holdem jungfräulichen Stolz zurückzog.
    Die Bewerbungen einiger jungen unbesonnenen Offiziers, würden meiner Tochter
nun eben nicht so gar viel Ehre gemacht haben, aber es gab unter ihren Anbetern
einige, die es ernstlich meinten, die ihr Glück machen konnten, und von welchen
auch gewiss einer in ihrem freien unbefangenen Herzen Platz gefunden haben würde,
wenn alles gegangen wär wie es sollte.
    Unter den Besuchen des Obersten, war ein Mann, aus dem ich immer nicht wusste
was ich machen sollte, man nannte ihn Herr Wachtmeister, und gleichwohl
bezeugten ihm alle die jungen Offiziers, und selbst der Oberste eine Achtung,
die den Namen, den er führte, weit übertraf, und die er mit der Kaltblütigkeit
erwiederte, mit welcher Höhere die Höflichkeiten des Geringern annehmen; selbst
die Fräuleins, welche doch sonst alles, was unter ihrem Stande war, zu verachten
pflegten, nahmen eine gefällige Miene gegen ihn an, und handelten weniger frei
in seiner Gegenwart als sonst. Wenn ich nicht gewusst hätte, welchen Abscheu man
in diesem Hause vor Missheuraten habe, oder wenn der Wachtmeister, der schon ein
Mann bei Jahren war, mehr gefälliges in seinem Aeusserlichen gehabt hätte, so
würde ich zuweilen auf den Einfall geraten sein, Fräulein Josephe trachtete
nach seiner Eroberung, aber ein solcher Gedanke wär Lästerung gegen eine so
adeliche Seele gewesen, auch richtete der Wachtmeister seine Augen nicht auf
einen so erhabenen Gegenstand; unsere Peninna war es, die seine Aufmerksamkeit
auf sich zog, und nicht lange, so entdeckte er seine Absichten auf sie, ihrem
Vater, auf eine so einnehmende Art, dass wir von ganzem Herzen ja gesagt haben
würden, wenn Peninna mit uns überein gedacht, oder wenn sich nicht der Freier
mehr gemeldet hätten, die alle verdienten, in einige Ueberlegung genommen zu
werden.
    Um eben diese Zeit erhielt ich Peninnens wegen einen ähnlichen Antrag von
dem jungen Rechtsgelehrten, welcher jetzt als Regierungsrat nach W... kam, und
meiner Tochter mit seiner Hand ein Glück anbot, welches nicht zu verachten war.
Ein fürchterlicher Nebenbuhler für den ehrlichen Wachtmeister, denn Jugend,
Schönheit, Stand, alles war auf der Seite des Regierungsrats, und vor allen
Dingen der Wille von Peninnens Mutter, denn obgleich mein Mann das grössere
Vermögen des Wachtmeisters anführte, so würde ich doch vielleicht in diesem Fall
einmal mein Ansehen gezeigt, und mit Zuziehung der Hauptperson, meiner Tochter,
die Ansprüche des jungen Regierungsrats durchgesetzt haben, wenn sich nicht
noch ein dritter gefunden hätte, der ohne so reich wie der Wachtmeister, ohne so
schön wie der Regierungsrat zu sein, meiner Tochter besser als alle die andern
gefiel. Es war Herr Walter, der ehemalige Lehrer Junker Ludwigs, der mit
Peninnen schon lange ein Verständnis, das aus Blicken und gebrochenen Worten
bestand, unterhalten zu haben schien, und sie jetzt, da er einen Ruf als
Prediger in die Vaterstadt meines Mannes erhielt, plötzlich deutlicher erklärte
so dass ich nun die Wahl unter dreien würdigen Männern für meine Peninna hatte.
Welche Wonne, welcher Triumpf für eine Mutter, die sich in der Schönheit ihrer
Tochter von neuem aufleben sieht.
 
                              Siebzehntes Kapitel
                             Eine lange Bedenkzeit
Die Sache wurde mit Peninnen in Ueberlegung gezogen, und ich muss ihr nachsagen,
dass sie sich für ein so junges Mädchen recht vernünftig dabei aufführte. So
gewiss ich geglaubt hätte, dass ihre Wahl sogleich auf Herrn Walter fallen würde,
welches mir, da er dem äusserlichen Ansehen nach die schlechteste Partie unter
allen war, nicht ganz recht gewesen sein würde, so fand sichs doch, dass ich
geirrt hatte. Das Mädchen konnte zwar ihre Vorliebe für den jungen Geistlichen
nicht bergen, aber dieses machte sie nicht blind gegen die Vorzüge des andern,
sie sprach von dem Regierungsrat und selbst von dem Wachtmeister mit einer
Wärme, dass ich oft zweifelhaft ward, welchen sie wählen würde, bis wir am Ende
doch noch bei dem Ausspruch waren, den ich zum Eingang meines Vortrags an das
Mädchen gewählt hatte: es sei schwer unter drei guten Dingen eine Wahl zu
treffen, und man wisse nicht, wozu man sich entschliessen solle. Ich würde es
meiner Tochter sehr übel ausgelegt haben, wenn sie das jungfräuliche Ceremoniel
so schlecht verstanden hätte, nicht einmal um Bedenkzeit zu bitten, und ich
versagte ihr dieselbe also gar nicht, da sie sie forderte, Besinne dich mein
Kind, sagte ich, und melde mir in acht Tagen, wozu du dich entschlossen hast.
Ich merkte, dass Peninna in diesen Tagen viel Conferenzen mit den Fräuleins
hielt, und wartete mit Verlangen auf den Sonntag Abend, welches der Termin war,
den ich ihr angesetzt hatte. Wir hatten diesen Sonntag wie gewöhnlich bei
Wiltecks zugebracht, und es hatte sich sonderlich treffen müssen, dass meine
Schwiegersöhne in Hoffnung, alle zugegen waren. Peninna hatte sich zum
Verwundern wohl in acht genommen, dass keiner von ihren Liebhabern sich eines
Vorzugs rühmen konnte; mit dem Wachtmeister hatte sie Schach gespielt, mit dem
Regierungsrat hatte sie von der Hauptstadt, in welcher er leben sollte, und mit
Herrn Walter von der Gastpredigt gesprochen, welche er in unserm Städtchen
gehalten hatte; ein Betragen, das mir ganz wohl gefiel, denn es war nicht
nötig, dass jemand eher etwas von ihrer Entschliessung erfuhr, bis sie selbige
ihrer Mutter entdeckt hatte; ich habe immer etwas auf die gehörigen
Förmlichkeiten gehalten. Aber als wir des Abends mit einander allein waren, und
ich auf meine Frage die nämliche unbestimmte Antwort erhielt, wie vor acht
Tagen, da schüttelte ich den Kopf gewaltig, und konnte mich nicht entalten mit
einiger Strenge in das Mädchen zu dringen. Indessen was kann das Bitten eines
geliebten Kindes nicht von einer Mutter erlangen! Ich räumte Peninnen noch
vierzehn Tage ein, sich zu bedenken, verbat mir aber in dieser Zeit allen Umgang
mit den Fräuleins, weil ich Ursach zu haben glaubte, in sie ein Misstrauen zu
setzen; eine alternde Jungfer ist nie gut bei der Verheiratung eines jungen
Mädchens um Rat zu fragen. Herr Sarnim der Wachtmeister, der Regierungsrat
Berg, und der Prediger Walter fanden sich des andern Tages ein, die Entscheidung
ihres Schicksals zu holen, aber sie mussten sich gefallen lassen, dem Eigensinn
eines Mädchens noch etwas nachzusehen, und sich ein paar Wochen länger zu
gedulden.
    Mein Verbot, die Fräuleins in den wichtigen Ueberlegungstagen nicht zu
sehen, musste bald gebrochen werden. Fräulein Gabriele ward, als sie ihre teure
Ninon einige Tage nicht gesehen hatte, zum Tode krank, und liess inständig um
einen Besuch bitten, und Peninna machte mir des Weinens und Flehens so viel, dass
ich sie endlich entliess, doch mit der Bedingung, nichts von ihren
Angelegenheiten mit ihren vornehmen Freundinnen zu sprechen; Peninna
versicherte, dass Gabriele, wenn sie krank sei, von nichts zu reden wisse, als
von ihrem Uebel, und so entkam sie der Notwendigkeit, mir ein Versprechen zu
tun, das sie nicht gehalten haben würde.
    Die Krankheit des gnädigen Fräuleins dauerte lange, Peninna musste täglich
bei ihr sein, ich erfuhr, dass die drei Liebhaber auch öfters von der
Gesellschaft wären, dass Gabrielens Vapeurs sie nicht hinderten, sich in ihrem
artigen Negligee sehen zu lassen, und dass ihre Gesellschafterinn Peninna also
täglich Gelegenheit hatte, durch Vergleichung und Abwägung der Verdienste ihrer
Freier ihre Wahl fest zu machen; ich war zu gewissenhaft, sie vor der Zeit zu
fragen, und wartete den Tag mit Ruhe ab, der mir die gewünschte Aufklärung in
der schweren Sache geben sollte, die mir so sehr am Herzen lag, aber ein Zufall
riss mich früher aus meinen Zweifeln, und liess mich die ganze Antwort ahnden, die
ich zur bestimmten Zeit von Peninnen erhalten würde.
    Den Tag vor dem Ende der Bedenkzeit befand ich mich ganz allein in Peninnens
Zimmer, sie war zu den Fräuleins gerufen worden, und hatte in der Eil ihre
Sachen in einer Unordnung zurück gelassen, die ich nicht an ihr gewohnt, auch
nicht zu dulden gesonnen war. Indem ich beschäftigt war, diesen Fehler zu
verbessern, und schon tausend Kleinigkeiten, die die Mädchens so gern um sich zu
haben pflegen, Kästchen, Spiegel, Bänder, Blumen, Bilder, Näterei und Bücher,
auf die Seite geräumt hatte, sties ich auf einen Brief, in welchem ich Fräulein
Gabrielens kritzelnde Hand erkannte, und welcher schon vor mehrern Tagen, gerade
zu der Zeit geschrieben sein musste, da mein Verbot an Peninnen, die Fräuleins
nicht zu besuchen, noch nicht hatte zurückgenommen werden müssen. Ich sah die
Namen des Wachtmeisters und des Regierungsrats darinnen, und ich hätte kein
Weib, ich hätte nicht Mutter sein müssen, wenn ich ihn nicht eröfnet und gelesen
hätte. Was ich fand war folgendes:
    »Beste Seele!
    Deine harte Mutter verbietet dir also uns zu sehen? nicht genug, dass sie
dich in Fesseln schmieden will, die unsere Freundschaft zeitig genug unterbrechen
werden, sie will dich auch noch vorher fühlen lassen, was für ein Joch du bald
tragen sollst? - Doch du hältst den Ehestand für kein Joch; du hast mir es noch
gestern gestanden, dass du dich ganz gewiss für einen von deinen dreien
vortreflichen Liebhabern entschliessen wirst. Verlangen soll michs nur, auf
welchen deine Wahl fallen wird, ob auf den hässlichen alten Wachtmeister, auf den
abgeschmackten Purschen den Berg, der nicht einmal weiss, wie er einer Dame mit
Grace die Hand küssen soll, oder auf den pedantischen Walter. O wer sich weisen
liesse! - Glaube doch nur, Kind, dass ich diese Leute kenne. Selbst von dem
besten, zu dem ich dir noch am besten raten würde, dem ehrwürdigen Herrn
Walter, liess sich gar viel sagen; er war ehemals meines Bruders Hofmeister, ich
hatte täglich Gelegenheit ihn zu sehen, und du kannst mir also ja wohl glauben.
- Pfui, Ninon, ein Mädchen wie du, einen ehemaligen Hofmeister zu heiraten!
eine ehrwürdige Frau Pfarrerinn zu werden! ich hätte mir andere Hoffnungen von
dir gemacht! - Und nun vollends der alte Wachtmeister! Lass mich nichts von ihm
sagen, er ist zu alt und zu hässlich, als dass du im Ernst an ihn denken solltest.
So oft ich ihn ansehe, fällt mir der Blaubart aus den Feenmärchen ein. Es heisst,
er wird seinen Abschied fordern, und sich hier in der Nähe ein Gut kaufen, denn
Geld hat er genug. Da wird er dich einsperren, und dir keine von der Freuden
gönnen, die du bisher genossen hast, keine von denen noch süssern die du noch
nicht kennst, und die in der Welt auf dich warten. Von dem albernen
Regierungsrate will ich gar nichts erwähnen, etwas steiferes, gedrechseltes als
sein Betragen lässt sich gar nicht denken, er kann dir nicht gefallen, man muss
lachen wenn man ihn ansieht. Er denkt auch W... Nun nun, er mag nur an einen so
grossen Ort kommen, da wird man schon sehen, was er für eine Figur machen wird.
Du armes Kird, du solltest mich dauern, wenn du von einem solchen Menschen in
die grosse Welt eingeführt werden solltest. Noch einmal, glaube mir, dies sind
keine Partien für dich, das muss ich wissen. Wenn ich auch den Jahren nach eben
nicht mehr Erfahrung haben kann, als du, so habe ich doch die Welt gesehen, und
dieses macht einen klüger als zehn Jahre Erfahrung. Tausend Dinge habe ich dir
noch von oben genannten drei Herren zu sagen; du musst mich besuchen, oder ich
will schon Mittel finden, dich zu mir zu bringen, ich bin ohne dem diesen Abend
ganz krank. Gute Nacht Frau Wachtmeisterinn, oder hörst du dich lieber Madam
Walter nennen? - Nun Kind ich habe dir meine Meinung gesagt, tue was du willst,
ich muss mirs gefallen lassen, doch wisse, wählst du den Regierungsrat, so ists
mit unserer Freundschaft aus, ich könnte mit der Frau dieses Mannes keinen
Umgang haben, und wenn - - Noch einmal, lebe wohl.«
    Dieser Brief war in einem so wenig überredenden Tone geschrieben, dass ich
ihn nicht für gefährlich gehalten haben würde, wenn mir nicht Peninnens
Schwachheit bekannt gewesen wär; man durfte ihr nur etwas auf der lächerlichen
Seite vorstellen, so hatte man gewonnen; es war oft gar nicht nötig eine Ursach
anzugeben, warum man die Sache lächerrlich fand, genug, man lachte darüber,
suchte auch ihr Lachen zu erregen, und ihre gute Meinung dafür, war auf lange
Zeit dahin. Peninna! Peninna! pflegte ich oft zu ihr zu sagen, ein wenig mehr
Festigkeit in deinen Meinungen! Was du einmal aus Gründen für gut erkannt hast,
das bleibt ewig wahr und gut, und wenn es tausend andern abgeschmackt scheint! -
Nun sollte ich erfahren, was meine Ermahnungen gefruchtet hatten.
    Peninna kam diesen Abend ausserordentlich aufgeräumt nach Hause. Ich war
vedriesslich, und musste mit Mühe an mich halten, sie nicht über das zu befragen,
was ich auf dem Herzen hatte, aber die Bedenkzeit war des andern Tages gegen
vier Uhr erst zu Ende, und meine Pünktlichkeit erlaubte mir nicht, eher ein
Gespräch anzufangen, welches einen Einfluss auf die so lang überdachte Sache
haben konnte. Ich fragte nur ganz kaltsinnig, wer bei Wiltecks gewesen sei. Die
Antwort war, Herr Regierungsrat Berg, und Herr Walter, und der Herr
Wachtmeister, und man sei ganz ausserordentlich lustig gewesen; und - hier fiel
sie mir um den Hals - morgen sollte ich ihre Entschliessung erfahren, und gewiss,
gewiss mit ihr zufrieden sein. - Es soll mir lieb sein, sagte ich, wenn du
vernünftig bist, und in der wichtigsten Angelegenheit deines Lebens auf niemand
hörst, als auf deine Mutter, welche es gut mit dir meint.
 
                              Achtzehntes Kapitel
                    Folgen von der klugen Zucht der Matrone
Peninna, welche nicht so pünktlich war als ich, konnte die Stunde nicht
erwarten, in welcher sie mir ihre Erklärung geben sollte, und fieng schon an
frühem Morgen an, mir Anleitung zu allerlei Fragen zu geben, welche von meiner
Seite nicht erfolgten, daher sie endlich genötigt war, mir ungefragt alles zu
entdecken, was sie auf dem Herzen hatte. Morgen, sagte sie, morgen beste Mutter,
werden Sie ihre Peninna an der Hand des Mannes sehen, der ihrer würdig ist; und
der ist? fragte ich - Seinen Namen, erwiederte sie, weiss ich noch zur Zeit
selbst nicht, doch hoffe ich das Glück wird mich nicht täuschen, sondern mir den
zuführen, der den Vorzug vor allen andern verdient. Träumst du? fragte ich.
Nachdem du drei Wochen lang gewählt hast, willst du es aufs Glück ankommen
lassen? wenn wir nicht in dem erleuchteten achtzehnten Jahrhunderte lebten, und
wenn du nicht bisher immer in so erleuchteter Gesellschaft gewesen wärest, so
müsste ich glauben, du wolltest den wählen, den du etwa morgen zuerst erblicken
wirst. Sie scherzen, liebe Mutter, sagte sie, Sie wissen, dass dergleichen Possen
mir nicht in den Sinn kommen können, aber - ich meine - ich will nur sagen -
würden Sie mir es wohl verdenken, wenn ich die, die mich lieben, auf eine kleine
Probe gestellt hätte? - Auf eine Probe? rief ich, da hört man die
Romanenstreiche, was gilts Fräulein Gabriele hat dir etwas aus ihren
verwünschten französischen Büchern vorgeschwatzt, und - Nein, liebe Mutter,
sagte sie, das Fräulein hat weiter keinen, hat unmittelbar keinen Anteil an den
Maasregeln, die ich genommen habe. Auch nicht durch diesen Brief? schrie ich in
einem Ausbruch von Zorn, der bei mir etwas ungewöhnliches war. Ich hatte bei
diesen Worten Gabrielens Brief hervorgezogen; Peninna nahm ihn aus meiner Hand,
errötete und schien ihn eine Zeitlang schweigend zu überlesen. Es ist wahr,
sagte sie nach einer Weile, Gabriele hat so unrecht nicht, der Wachtmeister ist
für mich zu alt und wunderlich, der Regierungsrat ist ein steifer Geck, den ich
nicht ausstehen kann, aber der arme Herr Walter, was hat dieser getan? ich
wette, er wird der einige sein, welcher meine Probe aushält, und welchen mir
also der Himmel zum Gatte bestimmt hat.
    Ich dachte vor Unmut zu sterben, und ich glaube, ich begegnete ihr wegen
ihres albernen unverständlichen Gewäsches mit einer Strenge, die sie bei mir
nicht vermutet hatte. Sie warf sich mir um den Hals, sie suchte mich durch
Bitten und Tränen zu besänftigen, und was ich endlich erfuhr, war folgendes.
    Es war wirklich den Fräuleins gelungen, dem Mädchen einen Widerwillen gegen
die beiden ersten von ihren Liebhabern beizubringen, nur bei Herrn Walter hatten
sie nicht so gutes Glück gehabt, und sie würde vielleicht sich für ihn erklärt
haben, wenn sie es nicht für unbillig gehalten hätte, die beiden andern ganz zu
verwerfen, von denen sie wusste, dass der eine mir, und der andere ihrem Vater
besonders lieb war; um also keinem einen Vorzug vor den anderen zu geben, hatte
sie sich entschlossen, sie alle auf eine Probe zu stellen, von welcher es in die
Augen fallend war, dass sie nicht Peninnen, sondern ihren beiden klugen und
sinnreichen Freundinnen ihre Erfindung zu danken hatte. Peninna besass Witz, und
ihre beiden Freundinnen Bosheit, zwei Dinge, deren Mischung wohl im Stande ist,
den ernstaftesten und gesetztesten Mann aus der Fassung zu bringen, und in
Lagen zu versetzen, in welchen er andern und sich selbst lächerrlich vorkommen
muss. Schon alle diese Tage über, da Peninna die Gesellschaft ihrer Freier bei
Wiltecks so fleissig genossen hatte, und ich sie in ernstaften Ueberlegungen
ihres Glücks begriffen geglaubt hatte, waren von ihr und jenen Närrinnen
angewendet worden, dreien würdigen Männern allerlei kleine Streiche zu spielen,
um ihre Geduld zu probiren, und es Peninnen anschaulich zu machen, welcher von
allen das meiste von ihr vertragen könne, und sie also am meisten lieben müsse;
aber den letzten Abend war die Hauptprobe gewesen, wie sich meine einfältige
Tochter, die ich in diesem Augenblicke von ganzem Herzen verachtete, aus
zudrücken beliebte. Man hatte allerlei kleine Spiele gespielt, und Peninna hatte
ihren Witz, und die Gewalt, die sie über ihre Liebhaber zu haben glaubte, auf so
mannichfache Art geübt, dass sie wenigstens darinnen recht hatte, wenn sie dieses
seltsame Verfahren eine Hauptprobe nannte, denn ich zweifle, ob einer von den
alten Rittern, den Mustern der Treue und Zärtlichkeit die den Eigensinn ihrer
Schönen zehn Jahre lang ohne Murren und ohne Hoffnung der Belohnung zu ertragen
vermochten, nicht lieber den Kampf mit einigen Riesen und Zauberern unternommen,
als es geduldet hätte, einen Abend lang dem Witz eines mutwilligen Mädchens und
der Bosheit zwoer unvernünftigen Dirnen zuni Ziele zu dienen.
    Mein Zorn über die Erzählerinn war ohne Gränzen. Und nach allen diesen
Dingen, fragte ich sie, so fein und witzig sie dir zu sein dünken, bildest du
dir ein, dass einer von diesen Männern, die dich hoch genug schätzten dich zur
Gefärtinn ihres ganzen Lebens zu wählen, noch einen Gedanken auf dich haben
wird? Dass du sie verachten musstest, war in die Augen fallend, sonst würdest du
ihnen nicht wie Knaben begegnet haben, und glaubst du wohl, dass man sich gern
mit einer Person verbindet, die nichts als Geringschätzung für uns zu fühlen
scheint. Ein Mann müsste selbst die schlechteste Meinung von sich haben, wenn er
die zur Gattinn wählte, welche seine redliche Liebe zum Spielwerk ihres elenden
Witzes macht, mit der Gewalt, die sie über ihn zu haben glaubt, auf eine
lächerliche Art prahlet, und ihn für einen Sklaven hält, den sie öffentlich an
Ketten führen kann.
    Peninna unterbrach mich, und versicherte heilig, dass sie keine Verachtung
gegen diese Herren fühle, dass alles ja nur Scherz gewesen sei, und - wenigstens
fiel ich ihr in die Rede, hatten sie deine Verachtung mit nichts verdient, als
dadurch, dass sie ihre Augen auf dich warfen; ein Einfall, der doch selbst in
deinen Augen sie herabgesetzt haben muss, weil du es wagtest unter dem Charakter
deiner Liebhaber ihrer zu spotten, eine Kühnheit, die du wohl gegen keinen
andern, als gegen den würdest gebraucht haben, der einfältig genug war, dich für
schön und gut zu halten.
    Peninna brach in Tränen aus, sie schien einzusehen, dass sie gefehlet habe,
sie fieng an zu glauben, dass ihr Betragen den Wachtmeister und den
Regierungsrat vielleicht von der weitern Bewerbung um sie abschrecken werde,
aber dies war ja eben die Probe; der geliebte Herr Walter, mit welchem sie
überhaupt ein wenig säuberlicher umgegangen zu sein schien, würde sie gewiss
aushalten, wie sie dachte, und ihr dadurch den besten Beweis von seiner
unerschütterlichen Liebe geben, ohne welche, wie Fräulein Gabriele und ihre
Romane sagten, kein Glück in der Ehe möglich war.
    Unbesonnenes, unvernünftiges Geschöpf! rief ich, gehe mir aus den Augen, und
fange heute an Tränen zu vergiessen, die vielleicht in Jahren nicht vertrocknen
werden. - Sie wollte noch etwas sagen, aber ich würdigte sie keiner Antwort,
sondern gab ihr einen Wink sich zu entfernen.
 
                              Neunzehntes Kapitel
                      Die stolze Peninna wird gedemütigt
Dass ich die Hoffnung verloren hatte, eine Tochter, die ich liebte, glücklich
verheiratet zu sehen, war bei weitem nicht das was mich am empfindlichsten
kränkte, die Vorstellung, dass diesen Männern, welche ich alle dreie hochschätzen
musste, unwürdig begegnet worden sei, erfüllte mich mit Beschämung, und der
Gedanke in Peninnens Herzen einen abscheulichen Winkel gefunden zu haben, in
welchem hämische Bosheit lauschte, war mir ein Dolch im Busen, Gott in diesem
Herzen, das ich für so unschuldig, so gut und truglos hielt! - so eine gute
Meinung ich auch immer von ihrem Verstande gehegt hatte, so hätte ich doch dem
danken wollen, welcher mich hätte überreden können, sie habe aus herzlicher
Einfalt, aus wahrem kindischen Unverstande gefehlt, aber Himmel, ein
siebzehnjähriges Mädchen, ein Mädchen wie Peninna!
    Mademoisell Ninon stand sehr frühe auf, vermutlich weil sie wenig hatte
schlafen können. Ihre Geschäftigkeit ihren liebsten Putz anzulegen, und sich
ganz auf die Art zu kleiden wie sie wusste, dass es ihr am vorteilhaftesten war,
zeigte, was sie für Erwartungen von diesem Tage hegte. Die rotgeweinten Augen
machten einen seltsamen Contrast mit der fröhlichen Tracht, die sie gewählt
hatte, und mit der heitern Miene, die sie zu erkünsteln suchte. Fast schien es,
als wenn ich einiges Mitleiden mit der armen Betrogenen fühlen wollte, aber mein
Unwille behielt die Oberhand, und ich konnte mich nicht überwinden, ihr ein
freundliches Wort zuzusprechen.
    Ich kleidete mich wie gewöhnlich, und zeigte dadurch, dass ich einige
häusliche Arbeiten vornahm, welche an keinem festlichen Tage statt zu haben
pflegen, dass ich es voraussah, Peninna würde sich umsonst geschmückt haben. Wie
ich gedacht hatte so geschah es, wir blieben allein, nicht einer von den
erwarteten Freiern erschien, ungeachtet sie wussten, dass dieser Tag ihr Glück
entscheiden sollte, sogar von den Fräuleins erfolgte keine Botschaft, und diese
hatten doch bisher keinen Tag ohne ihre Ninon leben können. Peninna legte
traurig ihre häuslichen Kleider wieder an, und das einige was sich an dem ganzen
Tage zutrug, das einige Beziehung auf unsere Angelegenheiten hatte, war, dass ich
gegen Abend einen Brief erhielt, von welchem ich nicht weiss, ob ich ihn mit
Verdruss oder mit Schadenfreude las. Ich war noch zu erzürnt auf die
Verbrecherinn als dass ich hätte Mitleiden mit ihr haben sollen. Lies ihn, sagte
ich zu ihr, indem ich ihr den Brief hinreichte, er ist von einer Person, deren
Besuch du heute erwartet hast. Sie las folgendes:
    »Verehrungswürdige Frau!
    Unumgänglich nötige Geschäfte zwingen mich zu meiner Gemeinde
zurückzukehren, die ich schon gar zu lange verlassen hatte. Wahrscheinlich werde
ich diese Gegend, wo eine Person wohnt, die ich schätze und verehre, und die ich
vor nicht gar langer Zeit, ach wie gern, Mutter genennet hätte, so bald nicht
wieder sehen. Sollte Ihnen in meinem schnellen Abschied etwas seltsam und
unerwartet vorkommen, so bitte ich, versparen Sie ihr Urteil über mich, bis ich
mich entschuldigen kann; vielleicht dass ich Ihnen alsdann in meiner Gattin eine
Person vorstelle, die meinem Betragen die beste Entschuldigung sein wird, und
die mich vielleicht wieder mit der Welt aussöhnt, in welcher ich jetzt nur ein
gutes Frauenzimmer, die ehrwürdige Madam Haller kenne. O vortrefliche, edle
Frau, möchten Sie doch glücklicher sein, als Sie aller Wahrscheinlichkeit nach
sein können! Ich empfehle mich Ihrem werten Hause, und bin Ihr wahrer Freund
und Verehrer
                                                                   Karl Walter.«
    Und meiner mit keinem Worte gedacht? rief Peninna mit einem Blicke, der sich
nicht beschreiben lässt. Vermutlich, erwiederte ich, gehörst du auch mit zu dem
werten Hause, dem er sich empfehlen lässt. Und seine Gattin? fragte sie weiter,
was mag er wohl damit meinen. Ich weiss gewiss, er scherzt nur, er liebte mich ja
so sehr! - Ich schwieg. Peninna setzte sich mir gegenüber, um den Brief noch
einmal zu lesen. Ich sah verstohlen über meine Näterei hinweg um sie zu
beobachten. Ihre Augen trübten sich beim Lesen, Tränen schienen aus denselben
strömen zu wollen, aber plötzlich ward sie bleich, ihre Hand mit dem Briefe sank
herab, und ich hatte noch eben Zeit aufzuspringen, sie in meine Arme zu fassen,
und vor dem Umsinken zu hüten. - Die mütterliche Liebe kehrte in mein Herz
zurück, ich suchte die Arme mit tausend liebkosenden Namen zu erwecken, ich
legte meine Wangen an die ihrigen und benetzte sie mit meinen Tränen; umsonst,
ich musste sie zu Bette bringen lassen, wo sie erst nach einigen Stunden zu sich
kam.
    Dass Peninna nur darum zu sich selbst kam, um in Phantasien zu fallen, die
mir noch schrecklicher waren als ihre Ohnmacht, dass sie ein hitziges Fieber dem
Tode nahe brachte, und dass sie sich nach überstandener Gefahr sehr langsam
erholte, will ich hier nur kürzlich erwähnen, der Gegenstand ist zu traurig für
mich, um mich lange dabei aufhalten zu können, und ich, die geneigt war mir über
alles Vorwürfe zu machen, ermangelte auch hier nicht mich mit Vorstellungen zu
quälen, die mir noch zu schrecklich sind, um sie lebhaft in mir werden zu
lassen. Wär Peninna damals gestorben, ich hätte mich, weil ich ihr ihre
Vergehungen mit einiger Strenge verwiesen, und ihr Walters Brief so unvorsichtig
in die Hände gegeben hatte, gewiss für ihre Mörderinn gehalten; aber verdiente
ihre Aufführung wohl mütterliche Schonung? und konnte ich wissen, dass Walter,
er, den sie auf eine so unwürdige Art begegnet hatte, ihrem Herzen in Geheim so
teuer war?
    Es war die ganze Zeit über, da Peninna zwischen Tod und Leben schwebte,
wenig Nachfrage nach ihr aus dem Wilteckischen Hause getan worden, die
Fräuleins hatten sie nicht ein einiges mal besucht, und ihre Mutter, welche die
ganze Zeit über, auch an dem Tage, da Peninna ihre Liebhaber auf die schöne
Probe stellte, abwesend gewesen war, kam erst zurück, da die Kranke schon fast
wieder hergestellt war. Ihr erster Gang war zu uns, und sie erkundigte sich so
liebreich, so angelegentlich nach allem was uns angieng, dass ich, die ohnedem
für Verlangen brannte, meinen Unwillen über ihre Töchter, die Verführerinnen der
meinigen auszuschütten, ihr alles entdeckt haben würde, wenn mich nicht ein
bittender Blick von Peninnen zurückgehalten hätte; ich sagte ihr also nur so
viel, als ich ihr nicht verschweigen konnte, es fehlte mir ja ohnedem an
Beweisen wider ihre Töchter; Gabrielens schönen Brief hatte Peninna einsmals
zerrissen, um wie sie sagte, sich die Möglichkeit zu benehmen, Rache an dieser
Boshaften auszuüben; eine Grossmut, welche viel von der Fieberhitze, in welcher
Peninna damals lag, an sich hatte.
    Da ich ihr so wenig von dem entdecken konnte was uns angieng, so kamen wir
bald auf ihre Angelegenheiten zu reden. - Ich kam, sagte sie, heute nicht sowohl
einen Krankenbesuch abzulegen, denn man hat mir nichts von der Krankheit der
Mamsell Haller gesagt, sondern mir ihrer aller Gegenwart bei einem festlichen
Tage auszubitten, der mir in meinem Hause bevorsteht. Es sind sonderbare Dinge
in meiner Abwesenheit vorgegangen. Mein Gemahl hat meine beiden Töchter
versprochen, ohne mich um Rat zu fragen, ohne dass ich einmal gewusst habe, dass
man sich um sie bewirbt. Ich muss gestehen, ich habe andere Gedanken gehabt,
Gedanken, welche auch vielleicht schicklicher gewesen wären. Sie sagte dieses
mit einem bedeutenden Blick auf Peninnen, den ich nicht verstand. Ich bat um
Erklärung. -
    In der Tat, fuhr sie fort, ich scheue mich fast ihnen zu gestehen, dass
meine Gabriele auf dem Punkte steht eine Missheirat zu tun; sie kennen meine
Gesinnungen in diesem Stück, indessen mein Mann denkt hierinnen anders, der
standesmässigen Partien sind jetziger Zeit so wenig, und der Regierungsrat Berg
ist doch übrigens ein ganz artiger Mann, ein Mann, welcher noch sein Glück
machen kann.
    Der Regierungsrat Berg? wiederholte ich und meine Tochter in einem Atem. -
Ich sah Peninnen an und glaubte sie blass werden zu sehen, ich fürchtete einen
solchen Auftritt wie ehemals bei Walters Briefe, und trug ihr, um sie zu
entfernen, ein Geschäfte ausser dem Zimmer auf, aber sie verrichtete es so eilig,
dass ich merkte, die Nachricht von Bergs Heirat und Gabrielens Falschheit ging
ihr nicht so zu Herzen, wie die fehlgeschlagene Hoffnung auf Waltern, und sie
sei eben so begierig als ich, auch den zweiten Schwiegersohn der gnädigen Frau
nennen zu hören.
    Sie kam eben zurück, da die Frau von Wilteck mit ihrer Deklamation wider
Gabrielens Missheirat zu Ende war. Josephe, sagte sie, hat sich dem Stande nach
etwas besser bedacht als ihre Schwester, aber mein Gott, neuer Adel, oder gar
keiner, ist in meinen Augen auch ziemlich dasselbe. Der alte Herr von Sarnim - -
Sarnim? von Sarnim? wiederholte ich. Ja doch, sagte sie, der alte Herr, den sie
unter dem Namen des Wachtmeisters bei uns gesehen haben; er ist eigentlich
Obristlieutenant, aber er hört sich gern noch Wachtmeister nennen, weil er als
Wachtmeister sich seinen Adel erwarb, er rettete dem König das Leben, und - -
Mein Gott, rief ich, der Wachtmeister Sarnim, und der Obristlieutenant von
Sarnim, von welchen wir so viel in den Zeitungen gelesen haben, sind eine
Person. - Ich musste mich über Peninnens Fassung wundern, sie tat noch einige
gleichgültige Fragen an die gnädige Frau, und diese entfernte sich endlich,
nachdem sie ihre Bitte wiederholt hatte, wir möchten ja alle bei ihrem Feste
erscheinen, besonders Peninna. Ihre Töchter hätten versichert, ohne ihre
geliebte Ninon würden sie an ihrem Ehrentage keine Freude kennen.
 
                              Zwanzigstes Kapitel
        Der Hausvater darf doch endlich auch einmal sein Ansehen zeigen
Ich war froh, dass die Frau von Wilteck uns verliess. Ich besorgte die
Anstrengung, mit welcher Peninna ihre Kaltblütigkeit behauptet hatte, könne üble
Folgen für ihre durch die Krankheit geschwächte Nerven haben, und erstaunte, als
sie auch, da wir allein waren, ihre Fassung beibehielt, und ausser einigen
Ausrufungen über Gabrielens Falschheit, die ganze Sache behandelte, als ob sie
keine Beziehung auf sie habe. Ich sah wohl ein, dass nur bei Walters Anwerbung
ihr Herz mit im Spiel gewesen war, und dass an den beiden andern höchstens nur
ihre Eitelkeit einen kleinen Anteil genommen hatte. Aber, gute Peninna, war es
denn so ein Kleines Frau Regierungsrätinn oder Frau Obristlieutenantinn mit
einem ansehnlichen Vermögen zu sein? war es ein Kleines für ein armes Mädchen
ein so glänzendes Glück verscherzt zu haben, es verscherzt zu haben ohne dass man
es noch einmal in seinem ganzen Umfang kannte? Kränkte es dich nicht, dass du nun
überzeugt sein musstest, diejenigen, die du verschmähtest, wären gar nicht die
verächtlichen Männer, wie deine falschen Freundinnen dich zu bereden suchten,
und nichts als Neid und Verlangen, sich in die Trümmern deines Glücks zu
teilen, habe sie bewogen, dich zu der Rolle zu bereden, die du unter ihrer
Anführung spielen musstest, und die dir so teuer zu stehen kam?
    Mir giengen diese Dinge gewaltig im Kopfe herum, aber ich hütete mich wohl,
meiner betrogenen Tochter meine Gedanken zu entdecken. Die Arme hatte bereits zu
viel gelitten, ich fühlte, dass ich sie schonen musste. Ich sprach von der ganzen
Sache wenig und mit der äussersten Behutsamkeit gegen sie. Ich hatte es noch
nicht einmal gewagt, sie zu fragen, ob sie gesonnen sei, die Einladung zur
Hochzeit anzunehmen, und mit was für einer Miene sie gedachte, vor ihren
abtrünnigen Liebhabern, und ihren falschen Freundinnen zu erscheinen. Wir
bemühten uns beiderseits, uns in eine Art von Schlummer und Fühllosigkeit zu
wiegen, als auf einmal eine Person erschien, deren Ankunft ich schon lange mit
geheimer Angst entgegen gesehen hatte, und die uns ziemlich ungestüm aus unserer
erkünstelten Ruhe weckte.
    Mein Mann hatte eine Reise nach Berlin zu tun gehabt, er war die ganze Zeit
über, da diese sonderbaren Dinge in unserm Hause vorgiengen, abwesend gewesen.
Zu der Zeit, als er Hohenweiler verliess, hatten Peninnens Liebhaber nur noch die
ersten Schritte zu ihrer Bewerbung um sie getan. Herr Haller hatte nie viel auf
seine Tochter Peninna gehalten. Seine Freude und seine Verwunderung schienen
gleich gross zu sein, dass das Mädchen von andern mit günstigern Augen betrachtet
wurde, und dass sich auf einmal drei gleich würdige Männer fanden, die bereit
waren, ihn von einer Person zu befreien, die in seinen Augen nichts als eine
unnütze Last seines Hauses war.
    Seine Wahl fiel, wie ich schon erwehnt habe, auf den Wachtmeister, und der
Erfolg wiess, wie wohl er gewählt hatte. Himmel! die Mutter eines so würdigen
Mannes wie der Obristleutenant von Sarnim zu werden, eines Mannes der dem Könige
das Leben gerettet, der seinen Adel nicht geerbt, der ihn durch eine edle Tat
erworben hatte, eines Mannes, von dem soviel in den Zeitungen gestanden hatte,
den jedermann kannte und ehrte, der so reich war, der - - o ich hätte vergehen
mögen, dass mich Peninnens Torheit um so ein Glück gebracht hatte. Es ist wahr,
ich war mehr auf der Seite des Regierungsrats gewesen, denn dieser hatte sich
zuerst an mich gewendet; ich hatte mich der Wahl meines Mannes mit mehrerm Ernst
als sonst entgegen gesetzt, aber wer hätte auch das denken sollen!
    Mein Mann hatte es sich bei seiner Abreise endlich gefallen lassen, dass man
die Entscheidung auf Peninnen ankommen liess, aber dieses hatte er mir ernstlich
eingebunden, dass die Sache bei seiner Rückkunft beendigt sein müsse. Nun war sie
geendigt, aber wie? - Es hätte sich wohl der Mühe verlohnt, mit meiner Peninne
zu Rate zu gehen, wie man ihm diese verdriesslichen Dinge vorbringen, was man ihm
davon sagen und was verschweigen wollte, aber zu dem, dass es eine bedenkliche
Sache für eine so rechtliche Frau wie ich war, mit der Tochter zu ratschlagen,
wie man den Vater hintergehen wollte, so graute mir auch allemal diesen Punkt zu
berühren, und wie es immer bei verdriesslichen Dingen zu gehen pflegt, man schob
die Sache so lange auf, bis es endlich zu spät war. Eben so gut, dachte ich, als
ich meinen Mann aussteigen sah, und ihm entgegen ging, so geht alles seinen
Gang; wir leiden für das, worinnen wir gefehlt haben, und damit ists aus. Wir
dürfen nicht besorgen, dass Dinge, die wir jetzt verschweigen und bemänteln,
hintennach erst entdeckt werden, und dass wir vielleicht erst in Jahren den Sturm
vollends ausstehen müssen, den wir jetzt von uns abzuwenden suchen.
    Ich war auf diese Art in einer ganz guten Fassung, aber leider war sie noch
lange nicht fest genug, um mich alle die Auftritte, die uns bevorstanden mit der
Würde, die ich immer zu behaupten suchte, ertragen zu lassen. Als Herr Haller
sich tief vor der zitternden Peninna beugte, sich auf seinen Stock stützte und
sie mit einem tiefen Blick in ihre niedergeschlagenen Augen fragte, wie er sie
nennen sollte; als er sich darauf gegen mich zurück wandte, und mit einem Tone
sagte, der sich nicht beschreiben lässt: Zwar, Mamsell Haller ist sie wohl noch;
ich würde es sehr übel nehmen, wenn man die Ankunft des Vaters nicht abgewartet,
und ihn um die Hochzeitfreude gebracht hätte. Als er darauf uns mit einem
höhnischen Tone um unser Stillschweigen zur Rede setzte, und in uns drang, ihm
den Namen seines Schwiegersohns zu nennen. - - O Himmel, lasst mich aufhören. Es
war offenbar, man hatte ihm bereits alles dienstfertig hinterbracht; er war
zuerst beim Pfarrer eingesprochen, bei welchem er einige Geschäfte hatte, die
Frau Pfarrerinn hatte nicht ermangelt, ihm in Abwesenheit ihres Mannes einige
boshafte Winke zu geben, und mit voller Wut im Herzen erschien er also bei uns,
um uns auf die Art zu bewillkommen, von welcher ich hier einige Züge gegeben
habe.
    Alles, auch die kleinsten Umstände der ärgerlichen Geschichte waren ihm
bekannt, weiss der Himmel woher die Pfarrerinn so gut unterrichtet sein mochte!
aus meinem Hause war nichts ausgeplaudert worden, das Geheimnis war bloss unter
mir und Peninnen geblieben, und es war keine andere Möglichkeit, es musste durch
die Fräuleins ausgekommen sein, welche weit entfernt sich über den Anteil, den
sie an der Sache hatten, zu schämen, es lieber gesehen hätten, alle Welt zu
Zeugen ihrer hämischen Bosheit nehmen zu können. Ohne Zweifel würde dieses das
Mittel gewesen sein, die Unschuld meiner Tochter in einiges Licht zu setzen, und
es in die Augen fallend zu machen, dass sie nur die Verführte gewesen wär, wenn
die gnädigen Damen nicht den Fehler, den sie durch die offenherzige Erzählung
des ganzen Vorgangs begangen, eingesehen, ihre erste Aussage zurück genommen,
und die Sache nachher auf so verschiedene Art bemäntelt und vorgetragen hätten,
dass im ganzen Städtchen die Geschichte wohl auf zwanzigerlei Art erzählt wurde.
Die Pfarrerinn war im Besitz der schlimmsten Gattung von diesen Varianten, sie
war von der Gewissheit ihrer Nachricht so überzeugt, dass sie im Stande gewesen
wär sie zu beschwören, und sie hatte dieselbe meinem Mann so umständlich, so
zuversichtlich überliefert, dass wir Mühe hatten, sie an den Stellen, wo uns
offenbares Unrecht geschahe, zu berichtigen, und unserm Richter eine bessere
Meinung von uns einzuflössen.
    Viele Tage giengen über Bemühungen von dieser Art hin. Herr Haller blieb,
wir mochten die Sache aufs beste kehren und wenden, wider uns eingenommen, und
er schien so froh zu sein, sich einmal ein richterliches Ansehen wider mich
geben zu können, die ich so oft über ihn zu urteilen befugt gewesen war, dass
ich hier eine Mitschuldige sein musste, ob ich gleich höchstens nur durch
Nachsicht gefehlt hatte. - Hätte es doch sein mögen! ich war eher im Stande
seinen Zorn zu ertragen als die arme Peninna, welche unter dem Spott und der
Grausamkeit, mit welcher er ihr begegnete, zu erliegen gedachte.
 
                          Ein und zwanzigstes Kapitel
Eine Hochzeit, bei welcher die Matrone ihr gesunkenes Haupt wieder ein wenig zu
                                erheben anfängt
Der Hochzeittag der tugendbelobten Fräuleins nahte heran. Es kam mir nicht in
den Sinn dabei zu erscheinen, und Peninna? - da war vollends gar nicht daran zu
denken. - So gefasst sie vielleicht vor Ankunft ihres Vaters gewesen wär, ihre
falschen Freundinnen zum Altare zu begleiten, so hatte sie doch durch seine
bisherige harte Begegnung so viel gelitten, dass sie mehrere Tage bettlägrig sein
musste, und eher einem Gespenst als einem siebzehnjährigen Mädchen ähnlich sah;
was für eine Figur würde sie bei dem Feste gemacht haben!
    Meinen Gedanken nach, sollte auf die wiederholte Einladung vom Wilteckischen
Hause, mein Mann nebst meinen drei ältsten Kindern ausser Peninnen bei der hohen
Vermählungsfeier erscheinen. Ich und die arme Leidende wollten mit den beiden
jüngsten zu Hause bleiben, und zusehen, ob wir an diesem merkwürdigen Tage
wenigstens einige Ruhe geniessen könnten, da niemand um uns sein würde, der
durch Vorwürfe unsern Verdruss erschwerte.
    Ich hatte meine Einrichtung vergeblich gemacht. Mein Mann bestand darauf,
Peninna sollte zur Strafe ihrer Unbesonnenheit bei der Trauung ihrer Freundinnen
und ihrer Liebhaber gegenwärtig sein; mir ähnlichen Zwang anzulegen, unternahm
er zwar nicht, aber es verstand sich von selbst, dass ich meine Tochter nicht
ohne Trost und Beistand ihrem Schicksal, vielleicht dem Hohngelächter der beiden
übermütigen Bräute überlassen konnte.
    Ich hätte nicht geglaubt, dass Peninna genug Stärke des Geistes besitzen
würde, die harte Rolle, die ihr ihr Vater auflegte, mit Anstand zu spielen, und
ich verwunderte mich, sie an dem Morgen des grossen Tages gefasster erscheinen zu
sehen, als sie seit ihres Vaters Ankunft gewesen war. Wir rüsteten uns zu unserm
schweren Gange, und ich muss gestehen, dass meine Tochter, ungeachtet ihrer
Leichengestalt, und des ohne alle Kunst und Sorgfalt gewählten Putzes, reizend
aussah. Wir wurden zur Trauung geholt; die dicke Gabriele, mit hochrotgefärbten
Wangen, und einer Frisur von drei Etagen, flog uns in einem weiten
silberstossenen Gewand entgegen, und drückte ihre geliebte Ninon mit solcher
Inbrunst an sich, als ob nie etwas unter ihnen vorgegangen wär, das Verweise
verdiente; sie nahm das bleiche Mädchen, und stellte sie mit triumphirender
Miene ihrem Bräutigam vor, welcher Peninnens kaum hörbaren Glückwunsch mit einer
stillschweigenden Verbeugung und einem zur Erde gewandten Blick aufnahm. Ich
weiss nicht was es war, das ich in seinem Betragen zu lesen glaubte; war es noch
Unwillen über Peninnens ehemalige Beleidigung, oder war es Reue, dass er ihre
Stelle nicht besser als mit einer Gabriele besetzt hatte. Fräulein Josephe,
welche allemal mehr Stolz gegen Peninnen geäussert hatte als ihre Schwester,
hielt sich auch jetzt zu vornehm, ihr entgegen zu kommen. Sie stand mit einem
verächtlich auf sie herabgesenkten Blick an ein Fester gelehnt da, und schien
sich mit ihrem Bräutigam von gleichgültigen Dingen zu unterhalten.
    Peninna war in Verlegenheit, ob sie sich ihr nähern sollte, und Josephe
vermehrte ihre Bestürzung durch die unglaubliche Unverschämteit, mit wrlcher
sie kein Auge von ihr verwandte und ihre ganze Person zu mustern schien. Eben
wollte ich mich ins Mittel schlagen, aber der edle Herr von Sarnim kam mir
zuvor. Er ging mit seiner gewöhnlichen Treuherzigkeit auf Peninnen zu; nahm sie
bei der Hand und führte sie seiner Braut, die sich jetzt einige Schritte
vorwärts bewegte, entgegen.
    Warum so still und niedergeschlagen? fragte er meine Tochter, die sich
vergebens bemühte einige Glückwünschungsworte zu stammeln. Vermutlich
Verlegenheit! sagte Josephe, die ihren Kopf auf eine übermütige Art zurück
warf, sie wird nicht wissen, wo sie Worte hernehmen soll, mir ihre Freude zu
bezeugen, dass sie mich als die Braut des Herrn von Sarnim sieht. Mamsell Haller,
erwiederte der Obristlieutenant, weiss wohl, dass es nur an ihr lag die Stelle
einzunehmen, die, - mit der sie mich beehren? rief Josephe, sehr artig! in der
Tat! ich habe also die Ehre, den Namen zu führen, den Ninnchen Haller
verschmähte. Josephe drehte sich mit diesen Worten verächtlich auf die andere
Seite, und der Obristlieutenant klopfte vertraulich mit seiner Linken auf
Peninnens rechte Hand, die er noch in der seinigen hielt. Sein sie aufgeräumt,
liebes Mädchen, sagte er, ich denke keinen Augenblick mehr an das Vergangene,
will gewiss ihr Freund sein, ob sie gleich den alten Wachtmeister nicht zum Manne
haben wollten.
    Peninna hatte, wie sie mir sagte, alle ihre Fassung nötig, um die
gutgemeinte Rede des freundlichen Alten so zu beantworten, wie sie es verdiente.
Die kindische misslungene Probe, welche sie gewagt hatte, auch diesem edeln Manne
aufzulegen, kam ihr wieder in den Sinn, und die Beschämung färbte ihre bleiche
Wangen mit so glühender Röte, als Gabriele mit ihrer Schminke auf den ihrigen
nicht hatte erkünsteln können.
    Es war unmöglich, dass Empfindungen von dieser Art sich nicht in einigen
Worten äussern sollten, und diese mochten wohl so ausdrucksvoll, so ganz aus dem
Herzen gesprochen sein, dass sie ihre Würkung nicht verfehlen konnten. Sie sind
verführt worden, sagte der Obristlieutenant, indem er ihre Hand freundlich
drückte, und ich habe mich vielleicht übereilt, wir müssen beide drauf sinnen,
unsere Fehler zu verbessern.
    Josephe konnte es nicht ausstehen, ihren Bräutigam so lange mit ihrer
Nebenbuhlerinn sprechen zu sehen; sie liess ihn abrufen, konnte aber dennoch
nicht verhindern, dass Peninna bei der Tafel, auf des Herrn von Sarnim Begehren,
an seiner linken Seite sitzen musste, und dass er sich mehr mit ihr unterhielt,
als mit derjenigen, die ihm das Schicksal zur Gattinn gegeben hatte, und die es
für nicht zu früh hielt, ihn am Tage ihrer Verbindung, schon die Erstlinge ihrer
Eifersucht und mürrischen Laune schmecken zu lassen. - - - Die Ehre an der Seite
des edeln Obristlieutenants zu sitzen, und die Gelegenheit, die sie gehabt
hatte, einen Teil seiner ehemaligen guten Meinung wieder herzustellen, machte
Peninnen so froh, dass sie ganz wieder sie selbst war; aufgeräumt, ungezwungen,
unterhaltend, die Seele des Gesprächs, das in der Gegend, wo sie sass, gehalten
wurde.
    Der Herr Regierungsrat Berg richtete unterschiedlichemal seine Augen mit
einem tiefen Seufzer auf sie, und Gabriele fand, dass einer von den silbernen
Armleuchtern auf der Tafel sie blendete und rückte ihn so, dass ihr Bräutigam
nichts mehr von Peninnen sehen konnte als höchstens die weisse Feder auf ihrem
Hute.
    Mir entgieng nicht das geringste von allen diesen Dingen, ich fand eine Art
von Beruhigung oder Genugtuung darinnen, und dieser so sehr gefürchtete Abend
vergieng besser als ich gedacht hätte. Wir kehrten ziemlich froh nach Hause, und
selbst mein Mann gab Peninnen diesen Abend wieder einige freundliche Blicke. Die
Lobsprüche, die ihre Gestalt und ihr Betragen bei einigen Anwesenden gefunden
hatte, söhnten ihn ein wenig mit ihr aus, und er fieng an zu hoffen, dass sie
doch vielleicht noch nicht ihr ganzes Glück verscherzt haben möchte, dass es doch
noch vielleicht eine Möglichkeit sei, ihrer auf eine ehrenvolle Art los zu
werden.
 
                          Zwei und zwanzigstes Kapitel
                          Einige Predigten der Matrone
Peninna war mir durch die Begebenheiten des gestrigen Abends, durch den Beifall,
den sie in aller Augen gelesen hatte und durch die sichtbare Demütigung ihrer
verräterischen Freundinnen, fast zu kühn geworden. Ich sah es nicht gern, dass
sie sich sobald über ihre Vergehungen durch einen gefälligen Blick von denen,
die sie beleidigt hatte, trösten liess. Meinem Urteil nach, müssen wir nie so
bereitwillig sein, uns unsere Fehltritte zu verzeihen, als unsere Freunde. Wenn
ihre Vergebung sogleich alles bittere Gefühl der Reue austilgt, so sind wir
gewiss auf gutem Wege, nächstens wieder zu fehlen, oder wir fallen endlich gar in
die unedle abscheuliche Gewohnheit, den guten Seelen, von denen wir wissen, dass
ein Blick, eine Träne ihren Zorn entwaffnen kann, täglich neue Gelegenheiten zu
Geduld und Nachsicht zu geben, und nur mit denen behutsam und schonend zu
verfahren, die weniger edel denken, und also auch schwerer zu besänftigen sind.
    Schon bereitete ich meiner Peninna eine Vorhaltung über diesen Punkt zu, als
sich noch eine Gelegenheit zeigte, sie zurecht zu weisen. Kaum hatten wir aus
dem Wilteckischen Hause Nachricht erhalten, dass die jungen Ehepaare sichtbar,
und wie es nun so die Gewohnheit bei uns mit sich brachte, bereit waren, die
Glückwünsche ihrer Hochzeitgäste anzunehmen, so trat meine ältste Tochter, in
einem Aufputze herein, in welchem sie wo möglich noch reizender aussah, als in
dem gestrigen.
    Du willst mich zu Wiltecks begleiten? fragte ich. Wenn sie erlauben,
erwiederte sie mit einer kleinen Verbeugung.
    Du glaubst also wohl, du wirst der Frau von Sarnim und der Frau
Regierungsrätin grosse Freude mit deiner Erscheinung machen? - Peninna faltete
ihren Fächer von einander, sah lächelnd vor sich nieder, und schwieg. - Je nun,
fuhr ich fort, ihren neuen Gemahlen wirst du wenigstens nicht unangenehm sein,
du kannst ihnen leicht besser gefallen, als ihre Neuvermählten.
    Peninna fühlte das Bittre in meiner Bemerkung. Eine glühende Röte, die sich
über ihr Gesicht verbreitete, und sich bald wieder in ihre gewöhnliche Blässe
verkehrte, ersparte mir die Mühe, mich deutlicher zu erklären. - Pfui, Peninna,
sprach ich, nachdem ich sie eine Zeitlang steif angesehen hatte, ich schäme mich
deiner. Ich kenne keinen häslichern Charakter als den einer Coquette, selbst in
dem gelindesten Verstande, den die heutige Welt diesem Worte gibt. Du kennst
die Verhältnisse, in denen du mit den Neuvermählten gestanden hast, und bist
klug genug, einzusehen, dass inskünftige aller Umgang zwischen euch muss
aufgehoben bleiben. Die jungen Frauen verdienen wohl deine Verzeihung, aber
nicht deine Freundschaft; und ihre Männer - - sie denken edel genug dich zu
verachten, wenn du dich ihnen von nun an weiter zeigen würdest. Ein ehrliches
Mädchen entzieht sich den Augen, denen sie vielleicht gefallen könnte, und
welche kein Recht haben nach ihr zu blicken. - Willst du vielleicht eine
Störerinn des ehelichen Friedens werden? Willst du - -
    Hier hielt ich ein. Peninnens Tränen fiengen an zu fliessen; es waren keine
Tränen des beleidigten Stolzes, sondern die frommen kindlichen Tränen, die bei
einem mütterlichen Verweis aus den Augen einer guten Tochter fliessen. - Ich
hatte also meinen Zweck erreicht, und versparte den andern Teil meiner Predigt
auf ein andermal, denn geschenkt war er ihr nicht. - Jetzt legte Peninna ihren
Putz ab, ging an ihre häuslichen Geschäfte, und ich machte meinen
Ceremonienbesuch allein bei Wiltecks.
    Ich fand den Zustand der Sachen im Hochzeitause wie es sich denken lässt.
Der Herr von Wilteck und seine Gemahlinn waren so zufrieden, als mein Mann den
Tag nach Peninnens Hochzeit gewesen sein würde. Die Gesichter der jungen Damen
klärten sich auf, da sie mich ohne meine Tochter erscheinen sahen. Der
Obristlieutenant, der sich sehr verbindlich gegen seine Josephe aufführte,
konnte sich doch nicht entalten, mit seiner gewöhnlichen treuherzigen Art, nach
Peninnen zu fragen und sie grüssen zu lassen, und der Regierungsrat sass stumm
neben Gabrielen, und schienganz mit seinen Gedanken abwesend zu sein. Mein
Besuch war kurz, wie ich alle meine Ceremonienvisiten mache.
    So kurze Zeit ich von Hause gewesen war, so hatte sich doch schon etwas
wichtiges in meiner Abwesenheit zugetragen. Meine Tochter kam mir bei meiner
Rückkunft mit einem von Freude verklärten Gesicht entgegen. O meine Mutter, rief
sie, indem sie mir um den Hals fiel, wir bekommen diesen Nachmittag einen
Besuch, der - der - bei dem ich gewiss werde gegenwärtig sein dürfen, gewiss - ich
getraue mir zu sagen - dass es nicht Coquetterie sein wird - wenn ich - kurz
liebe Mutter, Herr Walter hat sich melden lassen, und ich habe ihn angenommen.
Nun, nun, sagte ich, du hast wohl getan, aber Kind, Kind, ich bitte dich, nimm
dich in Acht zu gläuben, dass dieser Besuch eine angenehme Beziehung auf dich
haben werde. Ich an deiner Stelle würde eher bitten von demselben
ausgeschlossen, als dabei gegenwärtig zu sein. O liebe Mutter, rief sie in einem
halb traurigen Tone, wie können sie es doch über das Herz bringen, die liebsten
Hoffnungen ihrer Peninna so gleich zu unterdrücken.
    Deine Hoffnungen Kind? - Ja liebe Mutter, sie wissen ja wie wir mit Herrn
Waltern stehen, - ich hoffe es ist nichts Böses, wenn ich ihnen gestehe, ich
glaube er kommt um meinetwillen - und - ich liebe ihn - und ich würde ihm alle
Obristlieutenante und Regierungsräte der ganzen Welt aufgeopfert haben; bloss
seinetwegen reut mich nichts.
    Nun dies Geständnis ist offenherzig genug, sagte ich, aber schäme dich nur
nicht, ich bin deine Mutter, die es gern sieht, wenn du ihr keinen deiner
Gedanken verhehlst. - O ich hoffe, unterbrach sie mich, die Zeit wird bald
kommen, da ich es vor der ganzen Welt gestehen darf, wie ich von Herrn Walter
denke, und ich brenne vor Verlangen, ihm die Beleidigung, die ich ihm ehemals in
meiner Einfalt zufügte, durch ein solches Geständnis zu vergüten.
    Peninna, Peninna! sagte ich mit aufgehobenem Finger, hüte dich dieses
Geständnis zu frühzeitig zu tun, du möchtest es nicht ohne Beschämung zurück
nehmen können. - Glaubst du, dass ein Mann, wie Walter, eine empfangene
Beleidigung so leicht vergisst, als du eine angetane? Mein Gott, liebe Mutter,
sprach sie, alles das war ja nur Scherz, und ich muss ja den guten Walter kennen.
Wenigstens, schloss ich mit einem etwas verdriesslichen Tone, wollte ich dir wohl
raten den Brief, den er bei seinem schnellen Abschied aus Hohenweiler an mich
schrieb, noch einigemal zu überlesen, ehe du den kleinsten Schritt mit deiner
gewöhnlichen Voreiligkeit zu tun wagst.
    Ich ging an mein Schreibepult, nahm ihn heraus und gab ihn ihr, aber ich
muss sehr zweifeln, ob sie sich die Zeit genommen hat, ihn zu überlesen, denn sie
war bis zur Mahlzeit so unglaublich mit tausend Kleinigkeiten beschäftigt, dass
ich nicht wusste, wo ein Augenblick vernünftiger Ueberlegung statt gefunden haben
sollte.
    Ich seufzte über ihre Verblendung, und tat mein möglichstes einen Schleier
über ihre Torheit zu werfen, damit hernach die Beschämung über ihren Irrtum
nicht so gar gross sein möchte, aber alle meine Vorsicht war vergebens. Mein
Mann, dem ich auf Peninnens Bitten, nie etwas umständliches davon gesagt hatte,
in wie weit Herr Walter in die ehemaligen albernen Geschichten verwickelt
gewesen war, der also auch von dem nachdenklichen Brief, den ich Peninnen zur
Beherzigung gab, nichts wusste, hatte von dem' Besuche, der uns diesen Nachmittag
bevorstand, gleiche Vermutungen wie seine Tochter; er sprach über der Mahlzeit
öffentlich davon, und Peninna, so sehr ich ihr auch ein wenig Zurückhaltung
empfohlen hatte, scheute sich nicht, ungeachtet wir nicht allein waren, denn der
Herr Pfarrer speisste mit uns, mit ihrer gewöhnlichen Wärme zu gestehen, dass sie
der Meinung ihres Vaters beipflichtete, und dass sie zu sehr von Herrn Walters
Verdiensten überzeugt wär, um sich einen Augenblick zu bedenken, wenn ihre
Aeltern ihr gebieten sollten, seine Bewerbungen anzunehmen. Mein Mann nannte sie
ein vernünftiges Mädchen, und der Herr Pfarrer stand auf und trank mit seiner
gewöhnlichen Feierlichkeit die Gesundheit der zukünftigen Braut.
    Ich hätte vor Ungeduld über diese Albernheiten vergehen mögen, und sagte um
denselben einigen Einhalt zu tun, ich wisse zuverlässig, dass Herrn Walter
Angelegenheiten von ganz anderer Art nach Hohenweiler trieben, und bät also
recht sehr weder in Scherz noch im Ernst mehr etwas von solchen Dingen zu
gedenken.
    Mein Mann sah mich unwillig an, der Pfarrer ward still, und Peninnen traten
über die Grausamkeit ihrer Mutter die Tränen in die Augen. Es ist mir oft,
vornehmlich in meinen höhern Jahren begegnet, dass man meine Aussprüche für halbe
Weissagungen gehalten hat, weil sie immer so glücklich zutrafen. Ich habe nie
eine Ursache von diesen seltsamen Erfüllungen meiner oft ohne sonderliche
Ueberlegung gesprochenen Worte angeben können, als dass ich immer die Umstände
eines jeden Dinges mit meinen beiden offenen Augen ansah, dahingegen andere, die
ihrigen vor denselben halb, auch wohl ganz verschlossen.
    Leider wurde meine Rede auch hier erfüllt. Ich wusste nicht was Waltern für
Angelegenheiten nach Hohenweiler trieben, ungeachtet ich mich dessen rühmte, um
meine Absichten damit zu erreichen, aber ich konnte es mutmassen, und ich
wunderte mich daher nicht sehr, als ich des Nachmittags am Fenster stand, und
einen Wagen vorfahren sah, aus welchem Herr Walter im niedlichsten geistlichen
Ornat, der sich denken lässt, heraussprang, und ein junges Frauenzimmer aus
demselben herabhob. Ich entdeckte Peninnen, welche bei mir sass, was ich sah, und
was ich vermutete; - sie liess die Hände sinken, sah mich steif an, und fragte
ob ich scherzte? Ich sah sie bleich werden, und riet ihr, lieber das Zimmer
sogleich zu verlassen, wenn sie den Anblick von Walters Braut nicht gedächte
ertragen zu können. O so müsste ich doch auch weder Stolz noch Selbstgefühl
haben, sagte sie, indem sie sich von ihrem Sitz erhob, und sich hoch
aufrichtete, wenn ich den Anblick eines Ungetreuen nicht eine Halbe Stunde
wollte ertragen können, ohne meine Schwachheit zu verraten.
    Es war jetzt nicht die Zeit, sie zu überführen, wie wenig der arme Walter
den Namen eines Ungetreuen verdiente, ich sah es gern, dass ihr ihr Unwille jetzt
zur Stütze diente, und es war auch zu spät zu weiterer Wortwechselung, denn eben
trat Herr Walter ein, und an seiner Hand ein Mädchen - Himmel, ein Mädchen wie
ich, die Mutter von vier schönen Töchtern, wenig gesehen habe.
 
                          Drei und zwanzigstes Kapitel
         Die Eitelkeit kann mehr Kränkungen verschmerzen als die Liebe
Unschuld, Sittsamkeit, und froher Mut lachte auf Charlottens Wangen, Geist und
Empfindung sprach aus ihren Augen, ihre Gestalt war die edelste weiblich schöne,
die ich je gesehen hatte, und ihr Betragen, das den vollen Ton der Welt hatte,
gab ihren Reizen so etwas gebietendes hinreissendes, dass meine arme Peninna ganz
im Schatten dastand.
    Ich empfieng die Ankommenden wie es ihnen zukam, und wie mir es mein Herz
eingab. Ich hatte Waltern immer hochgeschätzt, und das Bewusstsein, dass ihm in
meinem Hause nicht so begegnet worden war, wie er verdiente, gab der Art wie ich
ihn bewillkommte, noch mehr verbindliches, als sie vielleicht ausserdem gehabt
haben würde. Seine Charlotte war eine von denen Personen, die das herz auf den
ersten Anblick einnehmen, und es schadete ihr nichts in meiner Achtung, dass sie
die Nebenbuhlerinn meiner Tochter war; es wär Unbilligkeit gewesen, wenn sie,
die von allem nichts wusste, an allem unschuldig war, den geringsten Nachteil an
dieser Vorstellung hätte haben sollen. Hatte sie mich durch ihren Anblick
bezaubert, so nahm sie mich durch ihre Unterhaltung noch mehr ein, und ich
konnte es Waltern weiter nicht verdenken, dass er so ganz in sie entzückt, so
ganz blind gegen alles ausser ihr zu sein schien. Zwar sprach die mütterliche
Liebe in mir, meine Tochter hätte doch nicht so bald, so gänzlich vergessen
werden sollen, sie habe doch nicht die Demütigung verdient, dass man eine andere
so im Triumpf vor ihr aufführte, aber denn redeten wiederum Peninnens
Beleidigungen, und Charlottens Vorzüge Waltern so kräftig das Wort, dass ich
unmöglich auf ihn zürnen konnte.
    Mit Peninnens Betragen war ich sehr zufrieden. Ich hatte gefürchtet, sie
würde jenes geschwätzige übertriebene muntere Wesen annehmen, unter welchem
manche Frauenzimmer ihre gekränkte Empfindlichkeit zu verbergen suchen, und ich
hätte ihr gram sein können, wenn sie diese alberne Rolle gespielt hätte, die
das, was sie verhüllen soll, so öffentlich zur Schau legt; aber ich hatte doch
immer noch die Freude, dieses so irrige, in vielen Stücken so sehr fehlerhafte
Mädchen, auf einer bessern Seite zu sehen, als ich ihr selbst zugetraut hätte.
    Sie war freundlich, gefällig und unbefangen in ihrem Betragen; sie nahm
einigen Teil an dem Gespräch, aber sie drängte sich nicht hervor; das wenige,
was sie sprach, war gut, und ihr ganzes Wesen zeigte, dass sie hier keinen
Anspruch auf Bewunderung, nicht einmal auf Bemerkung mache. Charlotte, die
nichts von ihren ehemaligen Verhältnissen mit Waltern zu wissen schien, fand
Peninnen interessant für sich, sie wandte sich immer an sie mit ihren Reden, sie
zeigte in jedem ihrer Worte, dass ihr Herz sich zu ihr hinneigte, dass sie sich so
eine Freundinn wünschen möchte, aber Peninna, die sich vermutlich erinnerte,
dass ich ihr diesen Morgen sagte, zwischen ihr und den Frauen ihrer ehemaligen
Liebhaber könne kein Umgang statt finden, und die diese Sentenz auf den
gegenwärtigen Fall anwenden mochte, blieb zurückhaltend, und erwiederte
Charlottens zuvorkommendes Wesen bloss mit der guterzigen Freundlichkeit, die
ein kunstloses Landmädchen jedem Freunden zu erweisen pflegt; sie war zu
ehrlich, gegen Charlotten, die sie bei allen ihren Vorzügen unmöglich lieben
konnte, Empfindungen zu heucheln, die ihrem Herzen fremd waren. Eine andere an
ihrer Stelle würde geglaubt haben, ihre Sachen vortreflich zu machen, wenn sie
die Nebenbuhlerinn, die sie hasste, mit Liebkosungen überschüttet hätte, sie
würde gedacht haben, ihrem ungetreuen Liebhaber durch ein solches Betragen zu
beweisen, wie wenig sie seiner neuen Geliebten den Besitz seines Herzens
missgönnte, und - sie hätte ihm durch alles ihr Bestreben nur das Gegenteil
anschaulich gemacht. O Mädchens, Mädchens, lernt doch der Natur und euren wahren
Empfindungen so treu als möglich handeln, wenn ihr immer, auch in euren
nachteiligsten Lagen, einen Anspruch auf Achtung behaupten wollet.
    Endlich ging dieser Besuch zu Ende, welcher, so wohl mir auch Walter und
seine Charlotte gefielen, mir doch endlich anfieng lästig zu werden, und dessen
ich überhaupt gern überhoben gewesen wäre. Peninna ward stiller; ich merkte es
ihr an, dass sie ihre peinliche Anstrengung nicht lange mehr aushalten könne, und
ich war froh, als man aufstand und sich empfahl.
    Wie ist dir, meine Peninna? fragte ich, als ich von der Begleitung meiner
Besuche zurückkam, und sie in ihren Stuhl zurückgelehnt sitzen fand. Sie
streckte ihre Hand nach mir aus, ihre blauen Augen schlossen sich, und sie sank
empfindungslos in meine Arme.
    Armes, armes Mädchen, wie schwer musstest du für die Torheit büssen, mit
einem Herzen zu spielen, das dir lieber war als du selbst glaubtest. Walter war
nun für dich dahin, auf ewig dahin, und dieses darum, weil du einige Stunden
lang geglaubt hattest, du könntest alles wagen, ohne seinen Verlust zu fürchten.
    Mein Mann war so wenig bei Walters Besuch, als bei dem darauf folgenden
Auftritte gegenwärtig gewesen, aber als er kam, als er den ganzen Vorgang
erfuhr, als er aus den eigenen Reden der trostlosen Peninna merkte, dass sie sich
selbst den Verlust des Mannes, den sie liebte, zuzuschreiben habe, da brach er
mit seinem gewöhnlichen Ungestüm wider sie los, und seine Härte,
zusammengenommen mit ihren eigenen Empfindungen, versetzten sie wieder in den
Zustand, welcher sie bei der ersten Mutmassung von Walters verscherzter Liebe
dem Tode nahe gebracht hatte.
    Das Herz ihres Vaters erweichte sich nicht bei der Gefahr, in der er sie
sah, es erweichte sich nicht, da sie, nachdem sie gerettet war, sich zum
erstenmal wieder zu seinen Füssen warf, und seine Verzeihung wegen desjenigen
erflehen wollte, wofür sie selbst am meisten gelitten hatte, und das einige
Mittel ihr Ruhe zu schaffen, war, dass ich Herrn Haller bat, mir zu erlauben, die
Tochter, die er ganz verworfen zu haben schien, zu ihrem Grossvater zu bringen,
welcher bei seinem zunehmenden Alter die zärtliche Pflege weiblicher Hände
anfieng nötig zu haben, und von dem ich wusste, er würde seine immer vorzüglich
geliebte Enkelinn mit offenen Armen aufnehmen. Herzlich gern willigte mein Mann
ein, und wir reisten ab.
 
                          Vier und zwanzigstes Kapitel
                  Ein ewig langer Brief von dem lieben Samuel
Nicht allein der Wunsch, ein geliebtes Kind in die Arme meines Vaters zu
liefern, sondern auch Verlangen, bei ihm Nachricht von einem andern eben so
geliebten, zu erhalten, trieb mich nach Traussental, wo mein Vater lebte.
    Ich hatte ihm nicht sobald von allem, was bisher bei uns vorgegangen war,
Nachricht gegeben, und Peninna hatte nach einigen ziemlich ernsten Vermahnungen
des ehrwürdigen Greises, nicht so bald wieder ihren Frieden mit ihm gemacht, als
wir beide fast aus einem Munde fragten, was Samuel machte. Peninna klagte, dass
sie so lange nichts von ihrem geliebten Bruder gehört, und ich, dass ich nie
befriedigende Nachricht auf meine schriftliche Nachfragen nach ihm erhalten
habe. Seine Briefe an mich, sagte ich, sind immer so kurz so allgemein in ihrem
Inhalte, und mir, sprach Peninna, hat er, seit dem Ermahnungsbriefe bei seinem
Abschiede, gar nicht geschrieben.
    Wir hatten gute Zeit zu sprechen, denn mein Vater schien in einem so tiefen
Nachdenken begraben zu sein, dass er uns kaum hörte. Fraget mich nicht, fieng er
endlich mit einem tiefen Seufzer an. Samuel bleibt sich immer gleich, die
Verdriesslichkeiten, in welche ihn sein, im Grunde nicht tadelnswürdiger Charakter
schon in seinen Kinderjahren stürzte, gehen jetzt, da er sich in einer grössern
Sphäre befindet, ins Grosse; er bringt sich um sein Glück, und ich sehe nicht,
wie ihm endlich zu helfen sein wird. - Da leset diesen Brief, er wird euch
Nachricht von seinem gegenwärtigen Zustand, und auch vielleicht einiges Licht
über vergangene Dinge geben, die euch so wie mir, lange unerklärlich geblieben
sind. Nun, sagte ich, indem ich zitternd den Brief nahm, und ihn von einander
faltete, das Unerklärlichste war mir wohl der Widerwille, den sein Vater von
jeher gegen ihn bezeigte, und den ich unmöglich allein auf die Rechnung seines,
Herrn Hallern so widerwärtigen Namens, und auf das Ungefällige schieben kann,
das sein Betragen in seines Vaters Augen immer hatte. - Dieses ist es eben, fuhr
mein Vater fort, wovon du einige Winke in diesem Briefe finden wirst.
    Ich liess Peninnen bei ihrem Grossvater, nahm den Brief und entfernte mich.
Was ich fand war folgendes.
    »Lieber Vater!
    Ich muss, ich muss mein Herz vor Ihnen ausschütten sollte es auch schriftlich
sein, da es mir mündlich unmöglich ist. Je länger ich in der Welt lebe, je mehr
finde ich, dass ich nicht in dieselbe gehöre! O dass ich einen Winkel auf dieser
Erde kennte, den ich mein eigen nennen dürfte, und in welchem ich nebst Ihnen,
meiner Mutter und denen von meinen Geschwistern, die noch nicht verdorben sind,
mit Ausschliessung aller übrigen menschlichen Gesellschaft leben könnte, oder
dass mir die Zuflucht in einem Kloster nicht verschlossen wäre, welches mir, man
sage auch was man wolle, doch der einige Ort zu sein dünkt, wo ein Mensch mit
strengen Begriffen von Recht und Unrecht ruhig und ohne Anstoss leben kann.
Kränken Sie mich nicht, mein Vater, mit solchen Äusserungen wie bei unserer
letzten Unterredung! Sie haben recht, Sie waren es, der mir diese strengen
Grundsätze einflösste, aber die volle Stärke derselben, welche mich, ich fühle
es, unglücklich macht, habe ich mir selbst, habe ich dem seltsamen Etwas zu
danken, das in mir ist, und das mich zu tiefern Nachforschen treibt, als die
Gegenstände, die um mich sind, vertragen können. Freilich sind diejenigen
glücklicher, die nur mit ihrem Blicke auf der Oberfläche bleiben, und die Dinge
nehmen, wie sie sich ihren Augen darstellen.
    Wohin mich auch der Dämon, der mir alles mein Glück verbittert oder mir es
unter den Händen vernichtet, einst führen mag, so beteuere ich hier vor Himmel
und Erde, dass Sie unschuldig an meinem Unglück sind. Ich kann Ihnen dieses nicht
besser beweisen, als wenn ich Sie auf vergangene Dinge zurück führe. Es ist
wahr, Sie lehrten mich frühzeitig das Gute und das Böse kennen, lehrten mich die
Tugend so heiss, so innig lieben, als je ein schwärmerischer Jüngling das hohe
seraphische Ideal von einem Mädchen liebte, das er nie in der Würklichkeit
erblicken wird. Auch erregten Sie meinen lebhaftesten Abschen gegen das Laster,
aber immer sagten Sie mir, ich müsste die volle Strenge gegen das Böse nur auf
meine eigenen Handlungen anwenden, mich nie zum Richter anderer aufwerfen, nein,
vielmehr für die Fehltritte anderer immer Nachsicht, Entschuldigung und
schonendes Mitleid übrig haben. Dass ich der Prediger dererjenigen werden sollte,
die die Vorsicht einige Stufen über mich gesetzt hat, dass ich es wagen sollte
meinen eigenen Vater zu recht zu weisen, und mir dadurch seine Liebe vielleicht
auf ewig zu rauben, dieses lehrten Sie mich nicht, und doch tat ich es. Ich war
noch nicht dreizehn Jahr, als mir der Zufall, oder vielmehr einige dienstfertige
Freunde, welche die Kinder so gern mit den Fehlern ihrer Aeltern unterhalten,
alle die heimlichen Gänge entdeckten, auf welchen der, dessen Namen ich nicht zu
nennen wage, sich, meiner Mutter, und uns allen den Untergang zubereitete. Ein
anderer Knabe meines Alters würde dieses in den Wind geschlagen, oder sich
wenigstens nicht für verbunden gehalten haben, eine handelnde Person dabei
vorzustellen. Ich hatte den unsinnigen Einfall, den Irrenden nicht allein
schriftlich, sondern auch einmal mündlich auf eine Art an seine Pflicht zu
erinnern, die sich freilich besser für Sie als für mich, der ich in seinen Augen
noch ein Kind war, geschickt haben würde. Ich weiss, wie mir meine unzeitigen
Ermahnungen, besonders die mündliche bekam. Man liess es nicht genug sein, mich
für meine Kühnheit auf eine Art zu züchtigen, wie ich sie vielleicht verdiente,
sondern man bürdete mir Unschuldigen auch in der Folge Dinge auf, die ich
verabscheute und die mich eben so strafwürdig gemacht haben würden, als der war,
den ich zu bessern wünschte.
    Meine Mutter kam hinter die Verirrungen meines Vaters; so viel ich weiss, war
er es selbst, der ihr dieselben entdeckte, und doch bekam ich, so oft ich ihn
unter vier Augen sah, von ihm den Namen eines Ausspähers der väterlichen
Handlungen, eines Verräters, eines Störers des häuslichen Friedens. Dass ich
gewisse Dinge wusste, wurde mir zum Verbrechen gemacht, und damit man volles
Recht habe mich zu hassen, so traute man mir zu, dass ich Sie und vielleicht die
ganze Welt Teil an dem nehmen liess, was mir bekannt war. Sie wissen es, ob ich
eher mit Ihnen davon gesprochen habe, als an dem Tage, da ich von meiner Mutter
den gänzlichen Fall unsers Glücks erfuhr, und den mir so nötigen Entschluss
fasste, mein Fortkommen in der Welt meinem eigenen Fleisse zu danken zu haben. Was
hätte ich denn wohl von meinem Vater zu erwarten gehabt?
    Reifere Jahre haben mir es jetzt begreiflich gemacht, dass ich so viel mit
meiner eigenen Besserung zu tun habe, dass mir nicht Muse genug überbleiben
würde, anderer Menschen Richter zu sein; dieses, nicht die Furcht vor den Folgen
einer so unzeitigen Lehrsucht, die ich schon bereits erfahren hatte, war es, was
mich bestimmte meinen Plan zu ändern, und die Fehler zu vermeiden, die ich
hierinnen begangen hatte. Treulich hatte ich eine Zeitlang darüber gehalten, und
doch hatte ich keine Ruhe finden können. Mein erster Schritt in die Welt,
brachte mich, Sie wissen es, in ein Haus, das ich für die Wohnung der Tugend und
Frömmigkeit hielt. Das Geld, mit welchem Sie mich so freigebig versehen hatten,
machte mir es möglich, mir ein ruhiges und bequemes Leben zu schaffen, und doch
bei meinen wenigen Bedürfnissen immer noch genug übrig zu behalten, auch andern,
so wie Sie mich gewöhnt hatten, das Leben zu versüssen.
    Um in einer so grossen und wegen ihrer Ausschweifungen so berühmten Stadt,
wie Berlin, nicht unvermerkt in Verbindungen verwickelt zu werden, die mich
selbst auf einen schlimmen Weg leiten, oder mir wenigstens den Anblick des
Lasters für meine Ruhe zu oft für die Augen bringen möchten, wählte ich das Haus
eines Mannes zu meinem Aufentalt, dessen Aeusserliches dem Ansehen eines
leidenden Heiligen glich, und dessen Worte die Worte eines Engels waren. Er war,
wie er von sich ausgab, ein unschuldig vertriebener Geistlicher, welcher lieber
gewählt hatte im äussersten Elende zu leben, als sich nach den Grundsätzen seiner
Obern zu bequemen, die den Seinigen und den Grundsätzen der Tugend ganz zuwider
waren. Er pflegte sehr geheimnisvoll von diesen Dingen zu sprechen, und mir nur
so viel davon in den rätselhaftesten Worten zu entdecken, als mich für ihn
einnehmen, und mich unter dem, was er mir verschwieg, Geheimnisse von der
grössten Wichtigkeit vermuten lassen konnte. Er liess sich einmal als von
ohngefehr merken, dass er Sie, mein Vater, kenne, er wusste Umstände aus Ihrem
Leben zu erzählen, die nur Ihrem vertrautesten Freunde bekannt sein konnten, und
es gelang ihm auf diese Art, sich ganz in mein Herz einzuschleichen. Jetzt war
er mir nicht mehr fremd, ungeachtet er mir seinen wahren Namen nicht nannte. Wie
ein Sohn den Vater so liebte ich ihn, ich freute mich, die Wohltaten, die ich
von Ihnen erhielt, mit demjenigen teilen zu können, der Ihr zärtlichster Freund
zu sein schien. Wir sprachen oft und viel von Ihnen, und ich merkte es anfangs
nicht, dass manche seiner Erzehlungen gar nicht dahin abzielten, die hohe Meinung
zu bestärken, die ich von dem, der mich zuerst auf den Weg der Tugend führte, zu
hegen gewohnt war. Derer Winke, die zu Ihrem Nachteil gereichten, wurden nach
und nach immer mehr. Er schien auch meine Mutter zu kennen, und auch ihrer wurde
nicht geschont, doch musste er seine Beschuldigungen immer in so viel
Wahrscheinlichkeit und in einen so schönen Schein der Tugend und
Unparteilichkeit einzukleiden, dass es ihm nur gar zu gut glückte, mein Herz
nach und nach von Ihnen loszureissen. Sie wissen, wie eine lange Zeit einesmals
vergieng, ohne dass Sie wussten, ob und wie ich lebte. Mein Freund, wie ich ihn
damals zu nennen pflegte, wendete diese Zeit, da ich Ihres väterlichen Rats und
Unterrichts entbehren musste, an, Grundsätze in mein Herz auszustreuen, die mir
hätten gefährlich werden können, wenn Tugend und Rechtschaffenheit nicht so tief
in dasselbe von Ihnen gepflanzt worden wären. Ich fieng an, Verdacht auf meinen
vermeinten Freund zu werfen, ich nahm mir vor, Ihnen zu schreiben, Ihnen alles
zu sagen, was mich bisher von Ihnen entfernt hatte, Sie zur Rechtfertigung wegen
dessen, was man mir von Ihnen gesagt hatte, aufzufodern, und es darauf zu wagen,
ob mir meine Kühnheit von Ihnen eben so belohnt werden würde, wie von meinem
Vater. Sie liessen sich zur Entschuldigung gegen mich herab; Sie verlangten Ihren
Ankläger zu wissen; ich beschrieb Ihnen den, den ich nicht bei seinem rechten
Namen zu nennen wusste, und es fand sich, dass mein vermeinter Freund und ihr
heimlicher Feind niemand war als der nichtswürdige Katarines, den ich aus ihren
Erzählungen auf der schlechtesten Seite kennte, und der, wie ich nun durch
fleissiges Nachforschen erfuhr, nicht wie er sich nannte, ein unschuldig
abgesetzter, sondern ein wegen tausendfacher Vergehungen vom Amte gejagter
Geistlicher war.
    So verhasst mir auch der Name Katarines war, so viel Beweise ich auch für
seine schlechte Gesinnungen hatte, so wollte ich ihn doch noch auf eine Probe
stellen, ehe ich ihn ganz verdammte und mich von ihm trennte. Ich entdeckte ihn
was ich ihm bisher verschwiegen hatte, dass ich allein von ihrer Gütigkeit lebte,
dass es, wenn alles wahr sei, was er mir zu Ihrem Nachteil gesagt hatte, wider
meine Grundsätze sein würde, ferners Unterstützung von einem Manne anzunehmen,
den ich nicht länger hochschätzen könne, und dass ich also inskünftige von meinem
eigenen Fleisse würde leben, und allen den Vorteilen entsagen müssen, die ich
bisher mit ihm geteilt hatte.
    Herr Katarines sah jetzt, dass er durch seine böse Zunge sein eigenes Glück
untergraben hatte. Er bemühte sich, mich zu überzeugen, dass man gar wohl von
Personen, deren schlechte Denkungsart uns von aller Dankbarkeit und Hochachtung
lossprach, Wohltaten annehmen könne, und als er sah, dass dieses kein Gehör bei
mir fand, so strebte er so ängstlich seine ehemaligen Beschuldigungen gegen Sie
zurückzunehmen, ward auf einmal ein so geflissentlicher Verteidiger und
Lobredner von Ihnen, dass ich ihn in seiner wahren Gestalt erblickte, ihm es
entdeckte, dass er entlarvt sei, ihm den Rest dessen, was ich an Gelde besass,
zurückliess, um ihn nicht ganz hilflos zu lassen, und mich von ihm trennte.
    Sie wissen aus meinen damaligen Briefen, wie das Glück mit mir spielte. Ich
hatte genug gelernt, um als Gehülfe eines Rechtsgelehrten mein Unterkommen zu
finden. Das Glück schien mich zu suchen, ich bekam Stellen, die mich schnell
hätten heben können, man bewunderte meine Kenntnisse bei so jungen Jahren, man
war mit meinem Fleiss und meiner Treue zufrieden, aber ich? - Bei dem geringsten
Anschein von Ungerechtigkeit oder Bedrückung bebte ich zurück, bei keiner Sache
wollte ich eine Feder ansetzen, die ich nicht ganz übersehen konnte, und wo ich
nur einen Anschein von Möglichkeit fand, dass irgend ein falscher Schritt getan
worden sei, oder der Handel einen zweideutigen Ausgang haben könne. - Man war
oft herablassend genug, mir das Uebertriebene meiner Begriffe zu demonstriren,
man bequemte sich, um mich nicht zu verlieren, auf eine unglaubliche Art nach
meinem Eigensinne, aber ich wollte alles Böse das ich sah, aus dem Grunde
gehoben wissen, liess mich nicht bedeuten, dass dieses unmöglich sei, und verliess
jedes Haus, wo man meine Grundsätze zu streng fand, und die Richtigkeit des
kleinsten meiner Begriffe von Recht und Unrecht bezweifelte.
    Die Welt hätte umgekehrt, Gesetze und Richter in eine ganz andere Form
gegossen, und die Erde mit einem Geschlecht von lauter tugendhaften Menschen
besetzt werden müssen, wenn ich das hätte treffen wollen, was ich suchte. An
statt mich durch meine oftmaligen Aenderungen zu verbessern, geriet ich immer
in schlimmere Hände. Meine Hartnäckigkeit, mit welcher ich das was ich für Recht
hielt, zu verfechten pflegte, und die Mühe, die ich mir, ohne meine Schwachheit
zu bedenken, gab, denen die ich für Unterdrückte hielt, zu helfen, machte mir
mächtige Feinde, und stürzte mich in Verdriesslichkeiten, die mich nötigten
Berlin zu verlassen.
    Sie wissen, lieber Vater, dass ich Sie damals besuchte. Sie wollten mich
bereden eine Reise nach Hohenweiler zu tun, um mich meinen Aeltern und meinen
Geschwistern zu zeigen, aber was hätte ich da gesollt? Den Anblick meines Vaters
scheute ich. In Ansehung meiner Mutter war mein Herz noch nicht ganz von dem
Gift gereiniget, den Katarines Lästerungen gegen sie in demselben
zurückgelassen hatten. Ich wusste, dass sie edel und gut war, ich trug Bedenken,
sie mit der Zumutung zu kränken, ihre Handlungen vor ihrem Sohne zu
rechtfertigen, und doch getraute ich mich nicht ohne dieselbe vor ihr zu
erscheinen; sie würde es bald gemerkt haben, dass nur mein halbes Herz bei ihr
sei. Meine Geschwister konnten bei dem Umgange, den sie mit dem Wilteckischen
Hause hatten, unmöglich so gut sein, als ich sie wünschte, und ich hatte also
nichts, das mich nach Hohenweiler zog.
    Sie waren es allein, an dem mein ganzes Herz hieng, und ich rechnete es für
mein grösstes Glück, dass ich eine Stelle in der Geburtsstadt meines Vaters fand,
die meiner Erwartung einigermassen zu entsprechen schien. So war doch ihre
Wohnung, mein Vater, dem Orte meines Aufentalts nahe, so konnte ich doch, oder
vielmehr so kann ich doch, wenn ich will, sie täglich sehen und mich -«
 
                          Fünf und zwanzigstes Kapitel
                           Etwas aus der Romanenwelt
Wie? unterbrach ich mich hier in meinem Lesen, Samuel, mein armer betrogener
Samuel mir so nahe, und ich habe ihn noch nicht in meine Arme geschlossen?
Dieses sagen, und zu meinem Vater eilen, war eins. O wo ist mein Sohn? rief ich
ihm zu, wo ist er, dass ich ihn an mein Herz drücke, und ihn selbst frage, was er
wider diejenige hat, welche ihn mehr liebt, als ihr Leben?
    Hast du den Brief zu Ende gelesen? fragte mein Vater, ich antwortete, dass
ich lieber den Rest seiner Geschichte aus seinem Munde hören, als mich länger
mit dem todten Buchstaben beschäftigen wollte.
    Mein Vater zuckte die Achseln. Vielleicht, sagte er, dass der heutige Tag dir
diesen Wunsch gewähren kann. Es ist wahr, Samuel lebt in der Nähe, aber er
besucht mich selten, und begnügt sich lieber mir zu schreiben, wie du aus dem
Briefe schliessen kannst, den du eben gelesen hast. Er ist in aller Absicht ein
Grillenfänger.
    Wir sprachen noch über diese Dinge, als sich die Tür öfnete, und ein
Jüngling hereintrat, den ich, ungeachtet der Veränderung, die etliche Jahre in
seinem Ansehen gemacht hatten, augenblicklich für meinen Sohn erkannte. Ja du
bist es! du bist es! schrieen ich und Peninna einmütig, als wir ihm entgegen
flogen, und ihn an unsere Brust drückten. Verwunderungsvolle Ausrufungen von
seiner Seite, und Tränen und Liebkosungen von der unsrigen, wechselten lange
ab. Fragen, was er wider mich habe, und hinlängliche Rechtfertigung wegen
einiger kleinen Flecken, die der boshafte Katarines meinem Charakter anzuhängen
gesucht hatte, folgten darauf. Es war sonderbar, dass dieser Samuel der
Sittenrichter seines ganzen Hauses sein musste, und dass der bessere Teil
desselben sich so willig seinem Urteil unterwarf. Redlichkeit und unbescholtene
Tugend muss doch etwas göttliches an sich haben, weil man sich ihre Aussprüche so
gern gefallen lässt, sich so emsig um ihren Beifall bewirbt, und sich so sehr
scheut, vor dem Besitzer derselben, und wär er noch so weit unter uns, in einem
falschen Lichte zu erscheinen.
    Da ich, Samuels Mutter, so geneigt gewesen war, ihn zum Richter meiner
Handlungen zu dulden, so konnte sich Peninna seinem Urteil noch weniger
entziehen. Er war mit ihrer Aufführung nicht so leicht auszusöhnen, als ich und
mein Vater, und es würde vielleicht ein noch strengeres Gericht über sie gehegt
worden sein, wenn nicht einige Umstände in dem letzten Teil ihrer Geschichte
gewesen wären, die ihn zum Mitleid bewogen, und ihn lebhaft an seine eigene
erinnert hätten.
    Er nahm an, dass sie mir und Peninnen bereits völlig bekannt sei, und
gebrauchte sich einiger Ausdrücke, die uns in Verwunderung setzten, weil sie
zeigten, dass einige Personen, die an dem Schicksal seiner Schwester Teil
hatten, ihm nicht so fremd waren, als wir dachten. Er merkte unser Erstaunen,
und versprach uns den Rest seiner Begebenheiten etwas umständlicher zu geben,
als wir ihn in dem Verfolg seines Briefes gefunden haben würden. Es war Abend,
wir setzten uns in eine Laube des Gartens, und Samuel fieng folgendermassen an.
    So ist Ihnen dann, beste Mutter, noch nichts von dem bekannt, was mich
gegenwärtig unglücklich macht, Sie wissen noch nicht, dass derjenige, der schon
so oft gegen seinen eigenen Vorteil handelte, jetzt seinem Glück und seiner
Ruhe einen tödtlichen Streich versetzt hat? Ich habe mir selbst das Liebste
geraubt, das ich auf der Welt hatte, und was das sonderbarste ist, so bitter ich
auch die Folgen desjenigen fühle, was ich tat, so kann ich doch keine meiner
Handlungen bereuen, und nur selten dämmert der Gedanke in mir auf, dass ich
geirrt haben könnte; ein Gedanke, welchen bessere Ueberlegung sogleich
vernichtet.
    Die Stelle, die ich in der Geburtsstadt meines Vaters fand, entsprach meinen
Wünschen noch mehr als je eine die ich besessen hatte. - Die Güte meines
Grossvaters hatte mich in den Stand gesetzt, alle die Wege zu gehen, auf welchen
ein junger Mensch den Zutritt vor den Richterstühlen, und die Erlaubnis erhält,
die Sache der Bedrängten zu führen. Dieses meinen Wünschen, und ich darf auch
wohl sagen meinen Kräften, so angemessene Geschäft, zu Anfang unter der Aufsicht
eines ältern Rechtsgelehrten zu treiben, war der Rat meines Grossvaters, und
sein Vorspruch brachte mich bald in das Haus eines Mannes, der edel und gut wie
er, der es wert war, sein Freund zu sein. Ich war so glücklich, alles das, was
er mir unter die Hände gab, gut zu Ende zu bringen, und sein Vertrauen zu mir
wuchs dadurch so sehr, dass er mich mit einem Auftrage beehrte, der nicht allein
meinem Stolze, sondern noch einem Gefühl schmeichelte, das meinem Herzen
teurer, ihm tiefer eingewebt war, als jedes andere.
    Der alte Hofrat Hermann hatte ein junges Frauenzimmer in seinem Hause, die
schon lange mein Auge auf sich gezogen hatte. Ungeachtet meiner Strenge, war ich
doch nie so töricht gewesen, die Liebe zu verdammen, und hätte ich es auch
gleich getan, so glaube ich doch, die Reize von Hermanns schöner Mündel würden
wider meinen Willen Zugang zu meinem Herzen gefunden haben. Charlotte Walter -
doch Sie kennen sie, und können also selbst urteilen, was so ein Mädchen für
einen Eindruck auf mein Herz machen musste.
    Peninna und ich sahen uns bei Charlottens Namen bedeutungsvoll an, und
Samuel fuhr fort.
    Nie hat wohl ein Jüngling einen strengern Begriff von weiblicher Tugend
gehabt als ich. Der Aufentalt in grossen Städten hatte mich schon längst in der
Meinung bestärkt, dass ich an ein schönes Ideal glaubte, das ich nie realisirt
sehen würde. Charlotte überzeugte mich, dass ich bei dieser letztern Meinung
geirrt hatte. So schön als Sie ihre Person gesehen haben, so schön ist ihre
Seele, und immer war ihre Aufführung, so streng, so untadelhaft, dass - dass
selbst ich, keinen Flecken daran finden konnte. Kein Leichtsinn, keine
Eitelkeit, keine Koketterie, keine veränderliche Laune, nichts von allen den
Fehlern fand sich an ihr, die die meisten Mädchen klein nennen, oder sie wohl
gar für eine Monche halten, die ihre Vorzüge in ein vorteilhaftes Licht setzt.
Fand ich etwas an Charlotten zu tadeln, so war es ihre Munterkeit, ihr
aufgeräumtes Wesen, welches aber zu oft dazu diente auch mich aufzuheitern, und
meine schwarzen Grillen, die ich selbst hassen musste, zu verjagen, als dass ich
es im Ernst aus ihrem Charakter hätte wegwünschen mögen.
    Man lebte auf einen sehr artigen und ungezwungenen Fuss in des Hofrats
Hause, Charlotte und ich sahen uns täglich, und - es kam bald dahin, dass der
ernste stille Jüngling eben den Eindruck auf das frohe aufgeräumte Mädchen
machte, den sie auf ihn gehabt hatte.
    Meine Leidenschaft war zu stark, und Charlottens Herz zu offen, als dass uns
unsere beiderseitigen Gefühle lang hätten fremd bleiben sollen, wir erklärten
uns einander ohne Rückhalt, und um unserm Verständnisse den kleinsten
verdächtigen Anschein zu benehmen, drang ich darauf, dass der Hofrat zum
Mitwisser unsers Geheimnisses gemacht werden solle. Mein Wille war der Wille
meiner Charlotte, sie liess sich in allem von mir leiten, und war auch dieses
zufrieden, ob sie mir gleich gestand, dass sie sich ein wenig vor der Satyre
ihres Vormunds fürchtete, ihr Herz so jung vergeben, es an einen Menschen
vergeben zu haben, welcher wenig Jahre mehr hatte, als sie.
    Der guterzige Alte lachte über den Vortrag, den wir ihm gemeinschaftlich
taten; er war mit unserer beiderseitigen Wahl nicht unzufrieden, nur sagte er,
wolle er uns treulich raten, noch in Jahren nicht an eine Verbindung zu denken.
Zwar setzte er hinzu, du Charlotte, möchtest heute vor den Altar treten, aber
der junge Herr da, von seinen Jahren gar nichts zu gedenken, so hat er noch
manche Vorurteile in seinem Gehirn, die er erst ablegen muss, ehe er ein guter
Ehemann werden kann. Glaube mir, gute Charlotte, so wie er jetzo ist, würde er
bei aller seiner Liebe dich unglücklich machen, und überdieses, lieben Kinder,
wovon wolltet ihr leben, da ihr beide kein Vermögen habt? - Herr Samuel Haller
mag erst auf sein Forkommen denken, sich erst um sein Mädchen verdient machen,
ihr ein Heiratsgut erwerben, ehe er ans Hochzeitmachen denkt.
    Hier war Charlottens Vormund nach seinem Schreibepulte gegangen. Er zog ein
grosses Packet Schriften heraus, und wandte sich mit denselben zu mir. Hier
Freund Haller, sagte er, will ich Ihnen etwas geben, dabei sie ihre Geduld, ihre
Geschicklichkeit und ihre Liebe zu Charlotten beweisen können. Das Mädchen ist
so arm nicht als sie denken. Sie hatte da einmal einen alten Vetter, der im
Testament sein Vermögen zwischen sie und einen Schwestersohn, den er hatte,
teilte. Dieser sollte das baare Vermögen, und Charlotte ein hübsches Gut
bekommen, das seine reinen 1000 Gulden jährlich einbringt. Es waren andere
Verwandten da, welche ihre Ansprüche geltend zu machen wussten, die Sache kam zum
Prozess; ihr erster Vormund, Gott hab' ihn selig, verstand das Ding nicht, er gab
die Angelegenheiten des armen Mädchens in schlechte Hände, und man wusste es so
zu machen, dass der ganze Handel unbeendigt liegen blieb. Der Ehrenmann starb,
ich ward Lottchens Vormund; ich habe die Sache wieder hervorgesucht, und denke
sie niemand besser anvertrauen zu können, als dem künftigen Gatten der Erbinn.
Hier, Herr Haller, nehmen sie, studiren sie Tag und Nacht, die Sache ist
verwickelt, und ich will sie loben, wenn sie sie in einem Jahre zu Ende bringen.
    O Charlotte, was für ein Auftrag! für dich arbeiten! dir ein Glück bereiten,
und es denn mit dir teilen! - Wir waren entzückt über den Vortrag des guten
Alten, wir hielten unsere Sache schon für gewonnen, wir umarmten uns, wir
umarmten den Hofrat, und wussten nicht, wo wir unsere Danksagungen für die
Beschleunigung unsers Glücks anfangen sollten.
    Kinder, Kinder! rief er, seid nicht so voreilig mit euren Hoffnungen! jede
Zukunft ist ungewiss, und sollte es die Zukunft des morgenden Tages sein. Auch
leiden Charlottens Ansprüche noch allerdings einigen Zweifel.
    Wir achteten wenig auf diese Warnung. Ich fieng noch an dem nämlichen Tage
mein Werk an, das ich nicht so leicht fand, als ich gedacht hatte; aber ein
Blick von meiner schönen Klientinn und die Hoffnung auf unser künftiges Glück,
war hinlänglich, mir jede Mühe zu erleichtern!
    Um diese Zeit war es, dass eine neue Person in unserm Hause auftrat.
Charlottens Vetter und Miterbe, ward durch die Erneuerung des Prozesses herbei
gezogen, er meldete sich bei dem Hofrate und war nicht ungeneigt, mir die
Führung des Anteils, den er an der Sache hatte, ebenfalls zu übertragen.
Charlottens Vormund hielt dieses nicht für gut, ich blieb nur der Anwald meiner
Geliebten, und Herr Karl Walter wählte sich einen andern.
    Bei dem Namen Karl Walter, wurden zwischen mir und Peninnen wieder solche
Blicke gewechselt wie bei Charlottens erster Erwähnung: - - Mein Sohn sah unser
Augenspiel, seufzte und fuhr fort:
    Herr Walter besuchte das Haus des Hofrats oft, er schien Geschmack an
meinem und Charlottens Umgang zu finden; man machte ihn mit unserm Verhältnis
bekannt, und er ward der vertrauteste Freund von uns beiden. Seligere Stunden
als die, welche ich an seiner und Charlottens Seite zubrachte, weiss ich mich
nicht zu erinnern! Ach sie sind auf ewig dahin, und nie werde ich ähnliche
Freunden schmecken!
    Ich vertiefte mich in meinen Arbeiten, ich hob fast täglich neue
Schwierigkeiten und sah fast täglich neue entstehen. Indessen war die Sache auf
gutem Wege, und noch zwei oder drei Termine, wenn es mir gelang die weitere
Appellation an ein höheres Gericht zu verhüten, so war Charlotte im Besitz ihres
Gutes, und ich konnte hoffen, meiner Familie in kurzer Zeit das schönste und
beste aller Mädchen als meine Braut vorzustellen.
    In einer Nacht, da ich meine schon getanen Arbeiten wieder übersah, die
Zeit, die ich zu denen brauchen würde, die ich noch vor mir hatte, berechnete,
und um mich gewiss zu überzeugen, dass ich in keinem Punkt etwas versehen habe,
der Charlottens Glück beschleunigen oder vergrössern könnte, in alten Documenten
wühlte, von welchen mir der Hofrat gesagt hatte, dass sie eigentlich nicht
unmittelbar zur Sache gehören, und nur der Nachfrage wegen da wären, stiess ich
auf Dinge, die mir ganz neu waren, die mich in Erstaunen setzten. Ich überlas
sie von neuem, ich musterte die Besitzer des Guts seit ein paar hundert Jahren,
ich untersuchte, verglich, berichtigte, warf Zweifel auf, bekämpfte sie -
umsonst, - ich mochte mich quälen wie ich wollte, so fand ich nichts, als dass
Charlotte keinen rechtmässigen Anspruch auf das Gut haben könne. Der Vetter, der
es ihr vermacht hatte, besass es durch Erbschaft von seinem Vater, aber dieser -
Himmel, ich schaudere, wenn ich bedenke, durch was für krumme Wege er zum Besitz
desselben gekommen war; in dem Innersten von Schwaben lebte eine Familie, welche
gegründete Ansprüche auf das hatte, was ich bisher fälschlich für Charlottens
Eigentum hielt. Wie war es möglich, dass ein Besitz, der ehemals unrechtmässig
war, durch Verjährung rechtmässig werden könne! kalter Schweiss trat mir vor die
Stirne, ich fieng die Untersuchung zum zweitenmal an, die Morgenröte fand mich
noch bei meiner mühseligen Arbeit. Ich brachte nichts heraus als die
schreckliche Wahrheit, die ich lieber für ein in der täuschenden Nacht
ausgebrütetes Hirngespinst gehalten haben möchte.
    Mein erster Gang war zum Hofrat. Ich legte ihm meine traurigen Entdeckungen
vor, er - -
    Doch lassen sie mich alle diese Dinge lieber nur ganz leicht berühren, sie
sind zu schrecklich für mich, als dass ich mich lange bei denselben aufhalten
sollte.
    Der Hofrat dachte anders wie ich, er setzte mir Gründe entgegen, die seine
Meinung einigermassen bewiesen, aber mir doch nicht genug taten: ich arbeitete
schläfrig an Charlottens Prozess, arbeitete endlich gar nicht mehr daran, denn
immer war mirs, als wenn böse Geister mich davon zurück schreckten, und - die
Sache ging verloren. Charlotte war wieder so arm, wie zuvor, war noch ärmer,
denn ihr Vormund starb eh er auf die kleinste Art für sie sorgen konnte, und sie
war in der traurigen Notwendigkeit, entweder der Gnade weitläuftiger
Anverwandten zu leben, oder mit mir, den sie ungeachtet des Schadens, den ich
ihr getan hatte, immer noch liebte, in Dürftigkeit und Elend zu leben, oder -
die Hand eines Mannes anzunehmen, der sie in aller Absicht verdiente und sie
glücklich machen konnte.
    Ihr Vetter Karl Walter, hatte zu eben der Zeit seinen Prozess gewonnen, als
ich Charlottens ihren verlor. Er besass jetzt ein ansehnliches Vermögen, bekam
eine von den ersten geistlichen Stellen in der Stadt, wo seine Cousine lebte,
war ein Mann von dem besten edelsten Charakter, von einem Aeusserlichen, Peninna
mag Zeuge sein, wie es sich ein Mädchen nur wünschen kann, was für eine Wahl
zwischen ihm und dem armen, unglücklichen, grillenhaften, weder von Person noch
Geist liebenswürdigen Samuel Haller!
    Walter hatte nie vorher Liebe für seine Cousine gefühlt, sein Herz hieng an
einer andern; diese höhnte, verschmähte, beleidigte ihn, liess ihn sehen, dass sie
nichts für ihn fühlte; wars denn wohl zu verwundern, wenn er sie verliess, und
seine Neigung auf die reizende fehlerlose Charlotte wandte? Er wusste, dass ich
sie nicht glücklich machen konnte. Er wandte sich zuerst an mich, um meine
Einwilligung zu der Bewerbung um sie zu holen. Mein Herz blutete, aber
Charlottens Glück ging vor, sie musste mit einem Manne wie Walter glücklich
sein. Es gelang mir endlich nach langer Mühe, ihre Bedenklichkeiten zu
überwinden; sie riss ihr Herz von mir los, und ward Walters Frau. Ich beredete
mich selbst, ich habe am Tage ihrer Hochzeit die höchste Freude gefühlt, deren
ein Sterblicher fähig ist, die Freude seine Freunde durch eigene Aufopferung
glücklich gemacht zu haben, aber diese Freude war ein schnell vorübergehender
Rausch. Ich fühle es jetzt, dass ich ganz elend bin, ich mag nicht Waltern, nicht
seine Gattinn wiedersehen. Ich verlasse diese Gegend, um zu versuchen, ob ich wo
anders Ruhe finden kann.
    Charlotte hat das ihr zugedachte Gut verloren, es ist in Hände gefallen, die
es noch mit mehrerem Unrecht besitzen, als sie es besessen haben würde; mein
Gewissen lässt es mir nicht zu, es in dem Besitz derjenigen zu lassen, denen ich
es gewissermassen in die Hände gespielt habe. Ich habe mit Vorwissen Walters und
seiner Gattin die Dokumente zusammen genommen, die mir zu meinem Vorhaben nötig
sind, und verlasse mein Vaterland, um diejenigen aufzusuchen, welche gerechten
Anspruch auf dasjenige haben, was ihnen ehmals entrissen wurde. Ich werde ihnen
ohne die mindeste Rücksicht auf meinen Vorteil dienen, und sehen, ob vielleicht
dieses Bestreben, nebst der Veränderung der Gegenstände und des Orts, etwas zur
Heilung meines verwundeten Herzens beitragen könne.
 
                         Sechs und zwanzigstes Kapitel
                               Seltsame Aspekten
Samuels Erzählung lockte unsere Tränen häufig hervor. Ob Peninna allein um
ihren Bruder oder auch um ihren Walter weinte, kann ich nicht sagen. Freilich
musste sein Andenken durch das, was sie gehört hatte, mächtig erneuert worden
sein. Auch Samuel, den ich fast nie weinen sah, vergoss Tränen.
    Ich litt für beide, und suchte beide zu trösten; ich, die ich selbst Trosts
bedurfte, denn Himmel, wie ward mir zu Mute, wenn ich, ohne Rücksicht auf alles
andere, auch nur daran dachte, dass ich meinen Sohn, nachdem ich ihn kaum einen
Augenblick gesehen, schon wieder bald von mir lassen sollte, dass er eine Reise
auf gut Glück tat, deren Ende ich nicht absah, und überhaupt, dass er sich in
einer Verfassung befand, in welcher er gar nicht sich selbst hätte überlassen
sein sollen. - - Ich hatte von meinem Manne Urlaub auf einige Wochen genommen,
ich setzte noch einige zu, und wendete sie an, meines Sohns Gesellschaft zu
geniessen, und - mich zu der Trennung zu bereiten, die mir noch schmerzhafter
dünkte, als die erste, da er sich heimlich aus meinen Armen losriss. - Was mochte
es doch sein, das mir den Abschied so erschwerte, war es Ahndung, oder -?
    Doch ich will mich nicht in Träumereien verlieren. Wichtigere Gegenstände
fordern meine Aufmerksamkeit. Nichts also von der Art, wie ich mich von meinen
Kindern losriss. Ich eile nach Hause zurück, wo neue Auftritte meiner warteten.
    Nichts konnte mich über das, was ich verlassen musste, beruhigen, als der
Gedanke an meine andern Kinder, zu denen ich eilte. Freilich waren mir Samuel
und Peninna, als die ältesten, schon mehr als mir die übrigen sein konnten, der
Umgang mit ihnen war in den meisten Fällen, mehr der Umgang einer Freundinn mit
ihren Freunden, als einer Mutter mit ihren Kindern; doch auch Johanne wuchs
heran, und gab, ungeachtet sie jünger war als Peninna, genug Proben, dass sie
durch eine ernstere und gesetztere Gemütsart, mir noch lieber werden würde, als
ihre Schwester. Albert, ihr Zwillingsbruder kam ihr hierinnen nicht bei; ein
leichtsinnigeres, flatterhafteres Geschöpf als er war, habe ich nicht leicht
gesehen; er war in jeder Betrachtung jünger als seine Jahre.
    So herzlich der Empfang bei meinen Kindern war, so kalt fiel er bei meinem
Manne aus. Die Relation, die ich ihm von Samuels Entfernung aus seinem
Vaterlande geben konnte, war sehr unvollständig. Was würde er zu der getreuen
Erzählung von den Begebenheiten mit Walter und Charlotten gesagt haben? - Die
Namen Träumer, und Taugenichts, der sein eigen Glück mit Füssen tritt, welche
Samuel so schon oft genug bekam, würden noch häufiger gebraucht worden sein, und
das Herz seiner armen Mutter vollends ganz zerrissen haben. - Halbe
Vertraulichkeit findet selten gute Aufnahme; immer vermisset man die andere
Hälfte, die man uns vorentält, und achtet den abgerissenen Teil nicht, da man
Anspruch auf das Ganze zu haben glaubt. Herr Haller musste es merken, dass er
nicht alles erfuhr; indessen, die Zeit, da wir von Herz zu Herz mit einander
sprachen, da alle unsere Geheimnisse gemeinschaftlich waren, diese glückliche
Zeit war längst vorbei, und ich gebe es einem unparteiischen Richter zu
überlegen, ob ich hierbei zu beschuldigen war. Herr Haller war einmal der Mann
nicht, der unumschränkte Mitteilung fordern und ertragen konnte. Auch er hatte
seine Geheimnisse, Geheimnisse, vor deren Entüllung mir weit banger war als
ehemals, da ich sie ihm mit freundschaftlicher Gewalt entriss, und sie, wie ich
hoffen will, nicht missbrauchte.
    Seit meines Mannes Wiederkunft aus Berlin, hatte alles bei uns ein anderes
Ansehen gewonnen. Bei meiner Rückkehr von Traussental fand ich eine seltsame
Unordnung in meinem Hause. In diesem Zimmer Arbeitsleute, welche beschäftigt
waren, das alte Täfelwerk heraus zu reissen, in einem andern, meinen Mann nebst
den beiden alten Herren von Wilteck bei der schweren Wahl artiger Tapeten, mit
welchen man die entblössten Wände bekleiden wollte. Im Hofe standen einige Wagen,
mit meinem guten alten Hausgeräte bepackt, welche man in die Stadt zu einer
Versteigerung schaffen wollte, als ich etwas entrüstet fragte, was dieses
bedeuten sollte, so öfnete mein Mann mir einige Zimmer, und hofte mit einem
kleinen Lächeln, ich würde durch den Tausch nichts verloren haben. Ich
schüttelte den Kopf, und sah es den niedlich lackirten Möbeln, die ich hier
erblickte, an, dass sie mir die Stelle ihrer Vorgänger schlecht ersetzen würden.
Die Kinder trugen mir, als unsere ersten Bewillkommungen vorbei waren, eine
Menge kostbare Tändeleien entgegen, die ihnen der Papa aus Berlin mitgebracht,
und die er ihnen mit Vorsatz nicht eher als in meiner Abwesenheit gegeben hatte,
an Hannchens Seite glänzte eine goldene Uhr, und mir brachte mein Mann noch am
selbigen Abend einen Wust von modischen Dingen zu meinem Gebrauch, deren Namen
ich kaum zu nennen wusste. - Ich freute mich wenig über dieses Geschenk, denn zu
dem, dass es aus lauter für mich sehr entbehrlichen Kleinigkeiten bestand, so
ward es mir auch nicht mit jener Miene gegeben, die dem Geschenk den
eigentlichen Wert gibt. Eine gute Quantität feiner Flachs, die mir mein Mann
in vorigen glücklichen Zeiten schenkte, oder eine wunderschöne Traube, die er
mir als Seltenheit aus unserm Garten brachte, war mir damals lieber. Die
liebevollen Gesinnungen des Gebers strahlten damals aus seinen Augen; ich wusste,
dass solche Geschenke meines Mannes Vermögen nicht überstiegen; hier aber wusste
ich das Gegenteil, und der Geber überreichte mir seine Herrlichkeiten,
ohngefehr mit dem Blicke, wie ein Fürst seinem Leibrosse eine gestickte Decke
auflegen lässt.
    Vieles, alles war mir bei diesen Dingen bedenklich, auch dieses, dass die
grosse Veränderung, die ich überall erblickte, recht mit Fleiss auf die Zeit
meiner Entfernung verspart worden war. Mein Mann war doch schon eine gute Zeit
aus Berlin zurück, Peninna war seitdem krank und wieder gesund geworden. Was
konnte Herrn Haller für ein Glück zugestossen sein? warum ward es alle diese Zeit
über verborgen gehalten worden, und warum wird es nun zum Vorschein gebracht?
    Das kleine Julchen trug den Tag nach meiner Rückkunft ein Goldstück herbei,
und bat mich, es ihr aufzuheben. Woher hast du es bekommen, liebe Kleine? fragte
ich sie. Sie antwortete, sie habe neulich im Kabinet des Papas gespielt, und da
sei ein fremder Mann gekommen, welcher ihm viel, viel solche Goldstücke gebracht
habe, und da sei sie herbei gelaufen, und habe den Papa gebeten, sie in die Höhe
zu heben, damit sie die schönen glänzenden Sachen recht sehen könne, er aber
habe sie geschlagen, und ihr denn das Goldstück gegeben, damit sie niemanden
etwas von dem lagen möge, was sie gesehen und was der fremde Mann mit dem Papa
geredet habe.
    Ich hätte den Schlag, den Herr Haller Julchen gegeben hatte, lieber selbst
von seiner Hand dulden wollen, wenn ich die ganze Reihe von Fehlern, die er hier
in einem Zuge begangen hatte, damit hätte zurückkaufen können. - Ich zwang mich,
und suchte einiges davon wieder gut zu machen, indem ich das kleine Mädchen
fragte, ob sie glaube, sich hierbei so aufgeführt zu haben, wie sie solle? Sie
sah mich mit ihren grossen schwarzen Augen an und schwieg. - Merkst du es denn
nicht, mein Kind, sagte ich, dass dich dein Vater auf die Probe stellen wollte,
ob du geizig und plauderhaft wärest? Du hättest das Gold, das er dir gab, als
wollte er deine Verschwiegenheit abkaufen, nicht nehmen und doch schweigen
sollen, so aber hast du es genommen, und doch nicht geschwiegen, Was wird nun
dein guter Vater von dir denken? - Er wird zu sich selbst sprechen, wenn mein
Julchen einmal gross wird, so wird sie sich von jedermann Goldstücke schenken
lassen, weil sie so schön glänzen, und wenn sie etwas sieht, das sie nicht
ausplaudern soll, so wird sie doch nicht schweigen, wenn man sie gleich darum
gebeten, wenn man sie gleich dafür bezahlt - - - O stille, stille Mama! rief das
kleine Mädchen, die ich weiss nicht was schimpfliches in dem Worte Bezahlen
finden mochte, das ich freilich mit sehr verächtlicher Miene ausgesprochen
hatte. Nein, fuhr sie weinend fort, ich will nicht bezahlt sein, will keine
Goldstücke haben, will nicht mehr ausplaudern - - auch nicht mehr neugierig
sein? fragte ich. - - Nun so gehe hin, ich will deinem Papa das Goldstück wieder
geben, und ihn bitten, dass er nicht schlecht von seinem Julchen denkt, weil sie
so übel in seiner Probe bestanden ist.
    Dass ich Herrn Haller nichts von dieser kleinen Begebenheit sagte, versteht
sich. Die Geschichte des armen Samuels lehrte mich, wie behutsam ich sein müsste,
damit ihm seine andern Kinder nicht auch nach und nach zuwider würden, wie
dieser es ihm geworden war. Das arme kleine Mädchen würde bald bei ihm den Namen
einer Verräterinn erhalten haben, und ich würde in seinen Augen die
verächtliche Rolle einer Mutter gespielt haben, die die Kinder zu Ausspähern der
Handlungen ihres Vaters macht.
    Die Geschichte mit den Goldstücken, welche der fremde Mann brachte, ging
mir doch bei alle dem sehr im Kopfe herum; gern hätte ich gewusst, was der Inhalt
seines Gesprächs mit Herrn Haller gewesen sei; aber ich hütete mich wohl, das
Kind darum zu fragen; was hätte mir es auch endlich genützt, ein Geheimnis zu
wissen, das ich zum Teil erriet, und das mich auf keine Weise erfreuen konnte.
 
                         Sieben und zwanzigstes Kapitel
            Die Matrone macht einen Fehler wider die Staatsklugheit
Die Goldstücke hatten einen gewaltigen Einfluss auf unsere Verfassung. Und binnen
der Zeit von einem Jahre war unser Haus nicht mehr zu kennen. Ungeachtet der
Vergoldungen, wenn ich es so nennen darf, die mein Mann überall in unserm
Aeusserlichen anzubringen suchte, war ich doch gar nicht gesonnen, etwas in dem
Innern meines Hauswesens zu ändern. Mein Mann schien nicht mir mir überein zu
denken.
    Aber mein Kind, sagte er zu mir, soll denn das ewig in diesem Ton bei uns
fortgehen? Ewig die einfach besetzte Tafel, immer die nämlichen Gesichter bei
Tische, immer meine Mädchen beim Nährahmen und beim Spinnrocken, immer sie und
dich in der simpeln Hauskleidung? Es fehlt euch ja, denke ich, an nichts! ich
wehre dir ja nicht deine Ausgaben zu erweitern, mehrere Bedienten anzunehmen -
    Lieber Albert, sagte ich, wo denkst du hin? Dann würden unsere Ausgaben bald
die Einnahme übersteigen, und du weisst wohl, ein Amtmann, der zu grossen Aufwand
macht -
    Sorge doch dafür nicht, sagte er, du siehst doch wohl, dass sich unsere
Umstände verbessert haben? - Ich würde es freilich aus verschiedenen Dingen
haben mutmassen können, erwiederte ich, aber mutmassen und wissen ist zweierlei;
ich gehe in meinen Einrichtungen nicht gern aufs Ungewisse. Auch wüsste ich nicht
zu erraten, woher uns ein unvermutetes Glück kommen sollte.
    Giebt es denn keine Lotterien in der Welt? Hast du das englische Loos der
Tante vergessen?
    Ha, das Verkaufte, meinst du? sprach ich. - Verkauft oder nicht verkauft!
fuhr er unwillig heraus. Als wenn es nicht andere Lotterien gäbe; als wenn nicht
das Glück endlich auch aufhören könne, mir den Rücken zu wenden.
    Vielleicht im Spiele? fragte ich wider meine Art etwas höhnisch.
    Ich weiss nicht, ob man mir bei meinem vieljährigen Ehestande, einen einigen
Mangel an gehöriger Klugheit und Behutsamkeit in meinem Betragen, wird haben
vorwerfen können, aber dieses weiss ich, dass ich jetzt einen Fehler begieng, der
meiner Peninna kaum würde zu verzeihen gewesen sein. Wie konnte ich hoffen bei
einem Manne wie Herr Haller mit der Miene des Hohns fortzukommen? was konnte ich
davon erwarten, wenn ich mich stellte, eine Sache zu wissen, die man mir
verbergen wollte, und dabei man sich, so lange man glaubte, ich sei unwissend,
noch einer gewissen Behutsamkeit im Aeusserlichen bediente?
    Alle Schranken der Bescheidenheit waren nun durchbrochen. Die üble
Begegnung, welche ich gegenwärtig erfuhr, war noch das kleinste von den Uebeln,
die ich mir durch meine unbedachtsamen Worte zugezogen hatte. - Andere für mich
noch empfindlichere Leiden folgten nach. Mein Mann schonte nun nichts mehr. Das
Hausregiment ward meinen Händen fast gänzlich entzogen. Unter dem Vorwande, ich
wüsste meine Kinder nicht nach dem Tone zu erziehen, der ihren gegenwärtigen
Aussichten zukäme, gab man meinem Albert einen Hofmeister, den ich nicht einmal
aussuchen, oder wenigstens seine Wahl mit meinem Beifall bestättigen durfte.
Albert ward nach Berlin, jener Stadt, die mir aus Samuels Beschreibungen so
verhasst war, geschickt, und sein Führer sollte ihm erst dort zugegeben werden.
Der Oberste von Wilteck, ein Mann, den ich nie leiden konnte, nahm Alberten mit
nach dem Orte seiner Bestimmung, und ich bekam kaum die Erlaubnis, ihm einige
mütterliche Lehren mit auf den Weg zu geben.
    Meine Töchter bekamen eine Gouvernante, eben die Demoiselle de Robignac, die
die beiden nun verheirateten Fräuleins von Wilteck so herrlich erzogen hatte,
und die, da sie das hochadeliche Haus schon seit einem Jahre hatte verlassen
müssen, eine Stelle brauchte. Das was ich bisher nur gemutmasst hatte, ward
jetzt Gewissheit. Mein Mann und die beiden alten Herren von Wilteck, hielten eine
gemeinschaftliche Bank zu Berlin, welche ihnen jetzt, da das Glück ihnen günstig
war, ein ansehnliches einbrachte. Die Anwesenheit dieser drei würdigen Gefährten
wurde wechselsweise bei dem Quell ihrer Reichtümer erfordert. Mein Mann hatte
den Anfang gemacht, jetzt war der Oberste dort zugegen, nach ihm sollte die
Reihe vermutlich den alten Herrn, den Gemahl der Frau von Wilteck treffen, und
so war es beschlossen, dass es in einer Reihe fortgehen sollte, bis man genug
erarbeitet habe, sich zur Ruhe zu setzen. Fr. v. Wilteck seufzte hierüber sowohl
als ich, aber wir wurden nicht gehört.
    Das löbliche Handwerk ward nun im kleinen, bald in ihrem bald in meinem
Hause getrieben, und wir hatten keinen andern Trost als unsere gegenseitigen
Klagen. Ich erinnerte denn wohl zuweilen meinen Mann an sein ehemals getanes
Gelübde, nicht mehr zu spielen; aber er behauptete, nichts gelobt zu haben, als
nicht unglücklich zu spielen: da er nun in seinem gegenwärtigen Verfahren die
Quelle seines Glücks fand, so hielt er sich nicht für meineidig. - Ach mir
gefiel das anfängliche Schach und Piquetspielen bei Wiltecks gleich nicht, - es
war doch gespielt, und man breche nur ein Gelübde erst auf die kleinste Art! -
 
                          Acht und zwanzigstes Kapitel
                               Die Hausfranzösinn
So lästig mir auch Demoisell de Robignac war, so hielt ich es doch der Klugheit
gemäss, mich mit ihr zu vertragen, und nur in der Stille, ihre Gewalt so viel als
möglich zu beschränken. Auch sie sah es ein, dass es ihr Vorteil sein würde die
Frau vom Hause zur Freundinn zu haben. Die Art, mit welcher sie sich bei mir
einzuschmeicheln suchte, war mir so verhasst, als ihre ganze Person. Sie bemühte
sich unablässig, mich mit ihrem Geschwätz zu unterhalten, und diese Unterhaltung
war meistens so beschaffen, dass sie mich unruhig und missgünstig machte. Bald
trug sie die Geheimnisse des Wilteckischen Hauses hervor, und liess mich durch
ihre Lästerungen mutmassen, wie es dem Hallerischen Hause gehen würde, wenn sie
es einst verlassen sollte. Bald berechnete sie mir, wie viel den letzten Abend
in der ehrsamen Spielgesellschaft gewonnen und verloren worden war, und bald
trat sie meiner Ruhe noch näher und erzählte mir was sie für Bemerkungen über
meines Mannes Freundlichkeit gegen Rosen, ein Mädchen, das in meinem Hause
diente, gemacht habe. Es war lächerrlich! Herr Haller, ein Mann schon ziemlich
hoch in die Jahre, und Rose, ein flinkes braunes Mädchen von acht und zwanzig
Jahren! das hätte noch gefehlt, dass ich in meinem herannahenden Alter, wie eine
zweite Sara, auf eine Hagar hätte eifersüchtig werden sollen. Zwar in so weit
hatte die Robignac recht, Rose war vordem nicht die tugendhafteste gewesen, und
ich hatte meine Barmherzigkeit gegen eine gefallene Sünderinn vielleicht zu weit
getrieben, dass ich sie in mein Haus nahm, aber Rose hatte sich bisher so gut
aufgeführt, und Herr Haller - nein ich hätte die äusserste Verachtung verdient,
wenn ich mich an meinem Manne so hätte vergehen, und der Eingebung der hämischen
Französinn trauen wollen. Indessen ermangelten doch Gespräche von dieser Art nie
mich unlustig zu machen, und ich suchte die Kinder beständig an meiner Seite zu
haben, um vor dem Gift dieser Schlange, das sie klug genug war mir nur insgeheim
beizubringen, sicher zu sein.
    Es hatte auch noch einen andern Vorteil, wenn ich meine Töchter wenig von
mir liess; ich war denn desto besser im Stande, das was die Robignac verderbte,
gleich wieder gut zu machen. Die Erlernung der französischen Sprache
ausgenommen, hatten meine Mädchen wenig Vorteil von dieser Last meines Hauses,
dieser Französinn. Ihnen einen guten Ton im Umgange anzugewöhnen hatte sie
schlechte Gaben. Anstatt des ernsten gesetzten Wesens, das ich gern an meinen
Kindern sah, gewöhnte sie ihnen ein gewisses albernes Geziere an, das mir
unausstehlich war, und das sie un joli air enfantin zu nennen pflegte. Nichts
wurde ordentlich und ohne läppische Ausschweifungen und Anspielungen erzehlt,
alle Worte, vornämlich die deutschen, wenn man einmal ein deutsches Wort hörte,
wurden verkehrt ausgesprochen, und selbst in der Sprache, die sie lehren sollte,
beschäftigte sie sich so sehr, den Mädchen zu sagen, wie man nicht sprechen
müsse, dass sie am Ende mehr von der Sprache des Pöbels, als den edlern
Ausdrücken der grossen Welt wussten. - Ganze Gespräche wurden auf diese Art
gehalten, wie sie sagte zum Scherz, aber leider kam dieser elende Scherz so oft
an die Reihe, dass an den Ernst wenig gedacht wurde. Ein Glück war es, dass das
Air enfantin der alten Robignac so abscheulich liess, dass ich meine Kinder nur
aufmerksam zu machen brauchte, um sie von der Nachahmung abzuschrecken. - In die
Ausbildung ihrer Grundsätze, wie sie es nannte, mischte sie sich zum Glück
nicht, sie pflegte als ein Kompliment gegen mich zu sagen, dieselbe wär in so
guten Händen, dass selbst die Hofmeisterinn von Mesdames de France nichts
darinnen würde verbessern können.
    Hannchen hatte es sich von Anfang zum Schimpf gerechnet, dass sie, ein
sechzehnjähriges Mädchen noch unter einer andern Aufsicht als der Aufsicht ihrer
Mutter stehen sollte, und hatte daher nie viel auf die Lehren der Robignac
gegeben; jetzt, da nun schon fast ein Jahr verflossen war, seit die Gouvernante
im Hause war, entzog sie sich ihrem Unterricht noch mehr, und wurde, wie man
denken kann, von mir nicht deswegen getadelt. Die Robignac hätte dieses leicht
ändern können, wenn sie Herrn Haller von Hannchens Widerspenstigkeit
unterrichtet hätte, aber sie war hiezu zu klug, und suchte die Neigung des
störrigen Mädchens auf eine geschicktere Art, als durch Zwang zu erwerben.
    Es gelang ihr nur gar zu gut, und ich möchte fast aus dem Erfolg glauben,
ich sei es zu spät inne geworden, um allen den Schaden zu verhüten, den das
gefährliche Mittel sich einzuschmeicheln, dessen sie sich bediente, anrichten
konnte. Hannchen las gern. Unsere Hausbibiotek war klein, und bestand meistens
aus ernstaften Büchern. Mademoisell de Robignac besass einen merkwürdigen
Vorrat von französischen Romanen, von welchen Fräulein Gabriele noch den Anfang
und das Ende hinweggelesen hatte, und welche kaum Büchern mehr ähnlich sahen.
Hannchen hatte ein ziemlich zartes Gefühl für Wohlstand, und ein grosser Teil
derselben ward also gleich nach Verlesung der ersten Seiten verächtlich
hinweggeworfen, indessen blieb doch immer genug solcher Wust übrig, der dem
Mädchen das Gehirn verrücken, und ihr Ideen von Liebe und Glück in den Kopf
setzen konnten, welche nicht viel taugten.
    Hannchen war zu ehrlich, etwas heimlich oder wider meinen Willen zu tun;
sie las, aber es war blosser Zufall, dass ich nichts davon erfuhr. Sie selbst war
Ursach, dass ich es endlich gewahr ward. Sie kam eines Tages in der Freude ihres
Herzens, über eine Stelle, die ihr besonders gefiel, mir sie vorzulesen. Ich
fragte weiter nach. Sie zeigte mir eine ganze Reihe solcher Schartecken, die sie
schon gelesen hatte, und eine noch viel grössere, durch welche sie sich noch
durchzuarbeiten gedachte. Ich sprach mit ihr von der Sache, wie es sich geziemt,
und da ich nicht gewiss wusste, ob ich ihren Versprechen und den Gelübden der
Robignac trauen sollte, dass inskünftige nichts von dieser Art mehr vorfallen
sollte, so glaubte ich dem Unheil nicht besser abhelfen zu können, als wenn ich
den Schluss fasste, den man bald hören soll.
 
                          Neun und zwanzigstes Kapitel
              Die Frau Amtmannin kommt aus dem Regen in die Traufe
Die gemeinschaftliche Goldmine gab so gute Ausbeute, dass zu meinem grössten
Verdruss, der Überfluss in unserm Hause täglich wuchs. Es hätte nur an mir
gelegen diesen Überfluss noch zu vermehren, denn - - doch das gehört nicht
hieher; das Glück, das mir insonderheit zugestossen war, soll schon ein andermal,
und zu rechter Zeit erwehnt werden. Genug ich war so weit entfernt, etwas zur
Vergrösserung unsers Glanzes beizutragen, dass ich vielmehr von demselben abkürzte
und hinweg nahm, was mir möglich war, und dafür den Namen einer Geizigen
erhielt, welches mir fast lächerrlich dünkte. Ich leitete den ergiebigen Strom ja
nicht zu seiner Quelle zurück, ich machte nur kleine Kanäle, und liess sie
auswärts fliessen, dass auch der Durstige, der nicht zu uns gehörte, sich laben
konnte.
    In dem Wilteckischen Hause ging es auf eben die Art her, doch ward daselbst
fast noch ein vernünftigerer Gebrauch von dem übelerworbenen Gut gemacht: alle
Schulden bezahlt, verpfändete Güter eingelösst, so dass es sich anliess, als könnte
die hochadeliche Familie wohl ihr Haupt noch einmal erheben, um mit dem vorigen
Lichte in der Residenz zu glänzen.
    Frau von Wilteck, vielleicht aus Oekonomie, vielleicht aus Überdruss an den
Auftritten in ihrem Hause, entschloss sich, Hohenweiler zu verlassen und auf ein
eben erst freigemachtes Gut zu gehen, dass sie nahe bei der Residenz besass. So
schwer mir es auch ward, mich von dieser lieben Freundinn zu trennen, so machte
doch ein Antrag, den sie mir tat, und der mir aus gewissen Ursachen sehr
willkommen war, diese Trennung leicht und angenehm.
    Sollte man wohl diesen Antrag erraten? sollte man wohl glauben, dass es mir
erwünscht sein konnte, dass sie mich um Hannchens Gesellschaft bat? - Ich bin nun
ganz allein, sagte sie, meine Töchter sind verheiratet, Sie haben noch vier
liebenswürdige Mädchen, die Ihnen ihre Einsamkeit versüssen können; wie wenn wir
teilten? wenn sie mir Johannen und Jukunden indessen zu meinen Töchtern gäben?
Sie werden mir das Leben auf dem Lande erträglich machen, und ich werde ihnen
eine Mutter sein, die wenigstens den zweiten Rang nach Madam Haller wird
behaupten können.
    Eine Bitte von dieser Art, würde unter andern Umständen, geradezu mit Nein
beantwortet worden sein. Ich konnte keins von meinen Kindern missen, und
Hannchen vollends, die mir so lieb war! - Doch war eben sie jetzt die einige
Ursach, warum ich die Sache eingieng. Die Gesellschaft der Robignac fieng an,
mir immer gefährlicher für sie zu scheinen; die Spielgesellschaften in unserm
und dem Wilteckischen Hause waren auch nicht allemal nach meinem Geschmack; und
doch mussten wir auf Befehl meines Mannes immer gegenwärtig sein; die jungen
Offiziers aus den benachbarten Orten fanden sich fleissiger dabei ein als sonst,
und man hätte blind sein müssen, wenn man nicht hätte merken wollen, dass sie
weniger um der Karten willen kamen, als um zuweilen den Anblick der schönen
Haller, wie sie Hannchen nannten, zu geniessen.
    Ich nahm also die Einladung der Frau von Wilteck für Hannchen an, - nur für
sie, denn Jukunde war mir noch zu jung, als dass ich sie aus meinen Augen hätte
lassen sollen. Die Frau von Wilteck wandte sich an meinen Mann, und bat ihn,
mich zur Einwilligung zu vermögen, er war viel zu galant einer Dame etwas
abzuschlagen, und meine schlaue Weigerung machte, dass die Sache von seiner Seite
noch weniger Widerrede fand. Ob ich Rosen meiner Tochter als Mädchen mitgeben
sollte, darum ward er nicht gefragt, war auch nicht nötig. Hannchen brauchte
eine Bedienung, sie hatte Rosen immer wohl leiden können, und ich hingegen hatte
meine Ursachen, letztere gern entfernt zu sehen.
    Wie mein Abschied von Samuel und Peninnen, so war auch die Trennung von
Hannchen; zärtlich, traurig und ahndungsvoll. Ach ihr betrübten Ahndungen, dass
ihr doch so sehr durch die Zukunft gerechtfertigt wurdet! - Ich empfahl der Frau
von Wilteck meine Tochter so oft und mit so vielem Eifer, dass sie im Scherz
sagte, ich sollte mir sie lieber assecuriren lassen. Der alberne Oberste, der
gegenwärtig war, fand den Einfall von der assecurirten Tochter lächerrlich, und
so ward mir die ganze Abschiedsscene verdorben. - Ich habe es nie gern gesehen,
wenn man bei ernstaften Dingen auch nur eine Miene zum Lachen verzog. - Es ist
kein Aberglaube, aber die Tränen kommen in solchem Fall meistens hintennach.
 
                              Dreissigstes Kapitel
               Die alte Frau ereifert sich sehr über einen Brief
So oft als ich es in den zwei Jahren, dass die Robignac in meinem Hause war,
hatte wagen können, meine vier jüngsten Töchter mit ihrer Lehrerinn allein zu
lassen, so oft hatte ich meine älteste, und meinen guten Vater besucht. Zuweilen
nahm ich auch wohl eine oder etliche von den Mädchens mit mir, aber Herr Haller
sah dieses niemals gern; er meinte, sie würden in der Gesellschaft ihres
grillenfängerischen Grossvaters, und der einfältigen Peninna wenig gutes lernen,
und so unterblieb es. Im Grunde sah ich es lieber, wenn er Peninnen schimpfte
und verachtete, als wenn er, wie zuweilen geschah, davon sprach, sie von ihrem
Grossvater hinweg zu nehmen, und sie unter die Zucht der Robignac zu geben,
welche ihr, wie er sagte, sehr nötig wär. Um selbige Zeit hatte ich mein
Hausregiment, das mir vor einiger Zeit so geschmälert wurde, unvermerkt wieder
ziemlich an mich gebracht, so, dass ich schon ein Wort reden und mich Herrn
Hallers Meinung wegen Zurückberufung Peninnens ein wenig widersetzen konnte, nur
so weit reichte meine Gewalt noch nicht, die Robignac aus dem Hause zu schaffen;
hierzu musste ich glücklichere Zeiten erwarten.
    Ich hatte bei meinen Besuchen zu Traussental, immer alles in ganz gutem
Zustande gefunden. Mein Vater befand sich wohl bei der zärtlichen Pflege seiner
Enkelinn, und Peninna war, wenn auch nicht allemal heiter, doch meistens ruhig.
Nur eins wollte mir nicht gefallen; es hatte sich zwischen meinen Lieben zu
Traussental, und zwischen Herrn Walter und seiner Frau ein Umgang entsponnen,
der meines Erachtens kein Gut tun konnte. Madam Charlotte Walter fand das
Vergnügen, dass sie an der Seite Peninnens genoss, so unschuldig, dass auch der
Neid nichts daran zu tadeln haben könne; ich aber dachte, dass Peninna nicht so
sehr geliebt werden würde, wenn sie nicht Samuels Schwester wär. Das Reden von
diesem Samuel nahm bei ihren Zusammenkünften kein Ende; Peninna hatte zur
Dankbarkeit auch das Vergnügen, etwas von Herrn Walter zu hören, und konnte
deswegen Charlotten, an der sie, wie man weiss, im Anfang wenig Gefallen fand,
jetzt sehr wohl leiden. Kinder! Kinder! sagte ich zuweilen: Hin ist hin, und für
euch beide ist kein Walter und kein Samuel mehr in der Welt, was soll also das
Reden? - dass sie das besser wussten, lässt sich denken, man kennt ja die jungen
Leute. - Herr Walter war in diesem Stücke klüger, er kam selten nach
Traussental, es war auch recht gut, denn man merkte es allemal Peninnen an, wenn
er da gewesen war; ich fand sie denn immer stiller und trauriger als gewöhnlich.
Dass das Mädchen ihn doch so gar nicht vergessen konnte! Woher mochte doch diese
seltsame Beständigkeit in einem so leichtsinnigen Herzen kommen, wie Peninnens
Herz war?
    Die Unterhaltungen der beiden Freundinnen von Samuel konnten nicht anders
als sehr trocken sein, weil sie bloss von alten Vorgängen handeln mussten, denn in
diesen zwei Jahren hatten wir nicht öfter als zweimal, und nur sehr kurze
unbedeutende Nachricht von ihm gehabt; eine Sache, die mir viel Kummer machte.
Mit Freuden hätte ich alle Briefe, die mir in diesen zwei Jahren Monsieur Albert
aus Berlin geschrieben hatte, für eine einige Zeile von meinem armen Samuel
hingegeben.
    Mein armer Samuel, sage ich? hätte ich nicht vielmehr Alberten bedauern
sollen? - O in wie schlechten Händen befand sich der Arme! Der Oberste, Herr von
Wilteck, und mein Mann, brachten mir jedesmal, wenn sie von ihren Excursionen
nach Berlin zurück kamen, die Nachricht mit: man könne keinen artigern,
hofnungsvollern Jüngling sehen, als meinen Albert, aber ich habe nichts mehr
nötig, als einen einigen Brief von ihm herzusetzen, um das Gegenteil zu
erweisen; versteht sich, keinen von den ersten, denn in diesen herrschte noch
der Ton der Treuherzigkeit und Unschuld, den ich liebe, sondern einen, der in
die Zeit fiel, von welcher ich jetzt schreibe, und der um so viel mehr einen
Platz in dieser Gegend verdient, weil es nötig ist, dass man etwas von der Lage
wisse, in welcher Albert sich gegenwärtig befand.
    »Liebe Mutter!
    Weiss der Henker, wo ich immer den Mut hernehme, mich wieder an Sie zu
wenden, und wenn Sie mich gleich noch zehnmal unfreundlicher abgewiesen hätten
als das letztemal. Ich soll aufhören zu sein was ich bin, soll wieder werden was
ich ehemals war, oder mich nicht unterstehen Ihnen zu schreiben? Liebe Mutter,
wie soll ich mir das auslegen? Sie allein tadeln mich, und hundert Lober habe
ich auf meiner Seite. Wem soll ich beipflichten? Der Herr Oberste, Herr von
Wilteck, mein Hofmeister, selbst mein Vater ist mit mir zufrieden. Meine
Studien, die Ihnen so schlecht, so superficiell vorkommen, sind nach jener ihrem
Urteil hinlänglich für einen jungen Menschen von Vermögen, und Männer müssen
das doch besser verstehen, als eine Dame. Meine Vergnügungen, die Sie
zeitverderbend, wohl gar sündlich nennen, findet man hier sehr mässig und
eingeschränkt. Sie sollten sehen, wie andere von meinem Alter leben. Meine
Aufführung ist nach dem allgemeinen Urteile, ordentlich und angenehm, und
selbst das, was sie Flüche und ungezogene Reden nennen, gefällt entweder, oder
wird als alltäglich kaum bemerkt; was ists denn nun, wenn ich einmal sage oder
schreibe - - doch nein, ich habe meinen Brief noch mit keiner unheiligen
Redensart entweiht, und ich wills auch noch nicht tun, damit Sie sehen, wie
sehr ich Sie liebe. Ja führwahr, Sie haben Recht; wenn ich bei Ihnen wär, so
würde es anders sein, Sie würden aus mir machen können, was Sie wollten. Wenn
ich nun so, was ich geschrieben habe, wieder überlese, so dünkt michs, ich würde
nicht das Herz haben, so mit Ihnen zu reden wie ich schreibe, wie ich schreiben
muss, wenn mein Brief den Augen gefallen soll, vor die er kommt. Herr Reiner,
mein Hofmeister, nennt den Ton, wie ich ihn anfangs in meinen Briefen brauchte,
Knabenton, und fragt mich, wenn ich ein klein wenig bedenklich über einen
Ausdruck bin, ob ich mich vor der Rute der Mama fürchte? Der verwünschte lange
dürre Kerl mit seiner dünnen Nase und der alten Haarhaube, die ihm dicht auf der
Nasenwurzel sitzt, eben kommt er herein, und ich muss meinen Brief verstecken,
weil ich Ihnen etwas zu sagen habe, das er nicht sehen darf.
    Ich bin in erschrecklichem Geldmangel. Sollten Sie mich weniger lieben, als
andere Mütter ihre Söhne? Hier nimmt ein jeder von meinen Freunden seine
Zuflucht in solchen Fällen zur Mutter, und wie ich täglich sehe, nicht
vergebens. Es gibt hier der Ausgaben so viel; Herr Reiner, der Oberste, und die
andern, haben mich meistens selbst auf den Weg gebracht, wo ich so viel vertun
muss, und nun lassen Sie mich in der Not stecken; ist das nicht unvernünftig?
Zwar neulich habe ich im Faro, das ich recht gut spiele, fünf Louisdors
gewonnen, aber die sind auch wieder zum Teufel - hätt' ich bald gesagt,
verzeihen Sie ja beste Mutter; - Helfen Sie meinem Mangel ab, wenns auch nur mit
einer Wenigkeit, nur mit zehn Louisdors ist, und ich werde zeitlebens sein, Ihr
gehorsamer Sohn, Albert.
    N. S.
    Einer von meinen Freunden riet mir, ich sollte drohen, wenn ich keine
Geldhilfe bekäme, so wollte ich unter die Soldaten gehen, aber dieses dünkt mich
doch zu kühn, gegen so eine Mutter, wie Sie. Wahr ist freilich, ich bin für
meine siebzehn Jahre lang und gut gewachsen, und der Himmel weiss, was ich im
Notfall tun werde.«
    Der Bube! wie würde ich diesen abscheulichen Brief doch beantwortet haben,
wenn nicht eben zu der Zeit Dinge vorgefallen wären, die meine Aufmerksamkeit
auf wichtigere Gegenstände zogen, als auf einen ungeratenen Sohn? Ich gab den
Brief Herrn Haller. Albert war ja sein Schooskind; ich durfte nicht besorgen ihn
zu sehr wider ihn aufzubringen. Hatte er ihn doch selbst auf den schönen Weg
gebracht, auf welchem er sich unglücklich machte. Möchte er doch mit ihm zürnen,
ihn bestrafen, ihn seinem Schicksal überlassen, er konnte hier schwerlich mehr
tun, als seine Frechheit verdiente.
 
                          Ein und dreissigstes Kapitel
                                Traurige Scenen
Ein Brief von meiner Peninna riss meine Gedanken plötzlich von dem Gegenstande
meines Unwillens los, und erfüllte mein Herz mit einer Empfindung, die dasselbe
auf einer noch empfindlichern Seite angriff. Himmel, ich sollte ein Gut
verlieren, das mir, nebst meinen Kindern das Liebste auf der Welt war, dass ich
nach der gemeinen Rechnung zwar lang besessen hatte, aber ach, das mir dennoch
viel zu früh für mein Glück entrissen wurde. »Eilen Sie mir zu Hilfe, mir zum
Troste herbei,« schrieb meine Tochter mit zitternder Hand; »Ihr Vater und der
meinige! - ach Gott, wir werden ihn verlieren! Diesen Morgen fand ich ihn in
einer Art von Ohnmacht, in der grossen Laube im Garten. Charlotte, welche diese
Nacht bei mir geschlafen hatte, und ich, brachten ihn nach vielen vergeblichen
Bemühungen, wieder zu einiger Empfindung, aber Sprache und Bewusstsein sind
dahin. Der Arzt, der eben ankommt, spricht, er sei vom Schlage getroffen, und es
sei keine Hoffnung - ach ich kann die schrecklichen Worte nicht ausschreiben. -
Nach Herr Waltern hat Charlotte schon geschickt; ich wende mich zu Ihnen, ach,
es ist, als müsste ich überall Hilfe suchen, alles zu Rettung meines teuren
Vaters aufrufen. Eilen Sie, eilen Sie zu Ihrer trostlosen
                                                                       Peninna.«
    Meine Empfindungen waren den Empfindungen meiner Tochter gleich, nur dass sie
sich auf eine weniger stürmische Art äusserten. Ich machte eilige Anstalt zu
meiner Abreise, und hörte wenig auf das Zureden meines Mannes, und der
spruchreichen Robignac. - Dass mein Vater sehr alt war, dass ich ein grösseres
Glück genossen hatte, als andere Kinder, welche ihre Aeltern oft in den
frühesten Jahren verlieren, dass wir endlich alle sterben müssen, und was der
trostvollen Gemeinsprüche mehr waren, das wusste ich lange. Ich warf mich in
meinen Wagen, und war froh, ruhig weinen zu können, ohne dass sich jemand die
Mühe gab, mich mit solchem Troste zu quälen.
    Ich reisste ab, ich kam an, meine Pferde waren geflogen, ich hatte kaum zwei
Dritteil der gewöhnlichen Zeit auf dem Wege zugebracht, und doch kam ich zu
spät. Mein Vater, ach Gott, mein ewig teurer Vater, war eben verschieden. Was
für eine Empfindung, den kalt und entseelt vor mir liegen zu sehen, an dem mein
ganzes Herz hieng! Dieses ehrwürdige Gesicht, diese wie zum sanften Schlaf
geschlossenen Augen, dieser wie zum leisen Sprechen ein wenig geöfnete Mund! -
Nein, schrie ich, indem ich auf ihn zustürzte, nein, er ist nicht tod! - Hat man
ihm eine Ader geschlagen? hat man - ich konnte nichts mehr sprechen; ich sank in
einen Zustand, in welchem ich selbst Aderlass und Hilfe der Aerzte nötig hatte.
    Wie ich wieder zu mir selbst gebracht wurde, wie meine Empfindungen
anfiengen ruhiger zu werden, wie ich nach und nach die Rolle einer vernünftigen
Matrone, die der Jugend ein gutes Beispiel geben muss, wieder annahm, das will
ich nicht umständlich beschreiben, so wenig als ich mich dabei aufhalten kann,
was wir vier, dem Anschein nach fast auf gleiche Art Gekränkte, alles taten uns
gegenseitig zu trösten. Herr Walter und seine Frau zeigten sich bei dieser
Gelegenheit auf einer Seite, die mein ganzes Herz für sie einnahm. Ich handelte
wie eine Frau von meinen Jahren in einer solchen Lage handeln muss, und - Peninna
war untröstlich.
    Es vergiengen Wochen, und ihr Schmerz blieb immer sich selbst gleich, ihr
entfielen in der tiefen Betrübnis, in welcher sie war, Worte, die mir
rätselhaft schienen, und die mich Dinge ahnden liessen, welche man mir
verschwieg. Charlotte war bettlägrig, und ich konnte nicht begreifen, wie sie an
dem Tode eines Mannes, den sie erst seit kurzer Zeit kennen gelernt hatte, so
gewaltsam erschüttert werden konnte. Der jähe Tod dieses ewig teuren Vaters war
mir von Anfang bedenklich vorgekommen, ich hatte Mutmassungen, dass hier geheime
Ursachen zum Grunde lagen die ich nicht erraten konnte, und die man sich mir zu
entdecken fürchtete, ich musste Licht haben, und ich nahm mir vor, Waltern einmal
ernstlich zu befragen.
    Unsere Unterredung war lang, und die Antworten des jungen Mannes fielen sehr
geschraubt aus. Haben Sie vergessen, rief ich endlich, dass Sie mit einer Frau
sprechen, welche gelernt hat Unglück zu ertragen? Lassen Sie mich alles wissen!
Ungewissheit ist weit quälender für mich, und mein Schicksal kann dadurch nicht
härter werden, dass ich von allem benachrichtigt werde. Mein Vater ist todt,
meine Peninna schmachtet ihr Leben im langsamen Gram dahin, lassen Sie die
Ursachen hiervon sein welche sie wollen, unmöglich können sie so beschaffen
sein, dass mein Leiden dadurch erschwert wird. - Glauben Sie das, vortrefliche
Frau? sagte Walter - Wie wenn Sie zu dem, was Sie bereits verloren haben, noch
mehr, ich will zum Beispiel sagen, eins ihrer Kinder verlieren sollten? - Sie
meinen Peninnen? erwiederte ich. Wenn sie fortfährt ihrem Gram nachzuhängen, so
weiss ich, dass ich sie verlieren werde, und eben darum will ich die Ursachen
ihres gränzenlosen Kummers, die Mittel wissen ihn zu heilen. - Ich rede nicht
von Peninnen, erwiederte er, aber wie wenn Sie erführen, dass irgend eine
traurige Nachricht das Leben Ihres Vaters abgekürzt, dass vielleicht ihr Sohn -
Dass Albert, unterbrach ich ihn, vielleicht seine lächerliche Drohung,
Kriegsdienste zu nehmen erfüllt habe, und nun für seine Torheit leiden müsse? -
Haben Sie nur einen Sohn? fragte Walter. Wie wenn nun Ihr Samuel - -
    Der Name Samuel, erschütterte mein Innerstes, es war nicht mehr Zeit mich zu
schonen, ich musste alles wissen; Herr Walter brauchte alle Klugheit, den Streich
zu mildern, den er meiner Ruhe versetzen musste, aber war wohl Milderung bei
einer solchen Nachricht möglich?
    Es war nur allzugewiss, dass plötzlicher Schrecken, das schwache Alter meines
Vaters übermocht, und ihn vor der Zeit ins Grab gestreckt hatte. Man fand in der
Laube, wo ihn Charlotte und Peninna ohne Empfindung angetroffen hatten, ein
Zeitungsblatt, welches aufgehoben, und weil man nicht mutmassen konnte, dass es
eine Beziehung auf den schrecklichen Zufall habe, beiseit gelegt wurde. Man
brauchte alle Mittel den unglücklichen Greis ins Leben zurückzurufen, er fieng
an sich zu erholen. Sprache und Verstand, welche wie Peninna mir damals schrieb,
gänzlich dahin zu sein schienen, kehrten eine Stunde vor seinem Tode zurück.
    Er nannte Samuels Namen, er bestrebte sich den Umstehenden noch mehr zu
sagen, aber vergebens; seine Reden waren, auch dem ganz nahe zu seinem Munde
geneigten Ohre, nicht mehr verständlich. Er strengte sich heftiger an. Einige
gebrochene Worte machten Herrn Waltern auf das in der Laube gefundene
Zeitungsblatt aufmerksam; es wurde herbei geholt; der Sterbende liess es sich
reichen, man richtete ihn in die Höhe, er schien mit den Augen, und mit den
schon fast erstorbenen Händen eine Stelle zu suchen, die ihm wichtig sein musste,
aber die Kräfte verliessen ihn, und er sank ohnmächtig zurück. Man hielt den
ganzen Einfall mit dem Zeitungsblatte für Phantasie, man beschäftigte sich, den
Kranken zu sich selbst zu bringen, er erwachte nur, um von neuen die nämliche
Idee zu äussern, und durch Zeichen und gebrochene Worte zu bitten, man möchte
lesen.
    Charlotte las, und stiess endlich auf einen Artickel, der sie, ehe sie ihn
ganz zu Ende gebracht, leblos auf den Boden streckte; so lautete er:
    »Riedgau am Harz. Vergangenen Dienstag den 23. May hat man in hiesiger
Hohlberger Wehr den Körper eines jungen schönen Mannes von zwei bis drei und
zwanzig Jahren gefunden, den man, ungeachtet er nur einige Stunden im Wasser
gelegen zu haben schien, vergebens strebte, wieder zu beleben. Er war von
bräunlicher Gesichtsfarbe und dunkeln Haar. Seine Kleidung, ein hellgrüner
Reitrock mit schmalen Golde, und ein ziemlich kostbarer Hirschfänger mit den
Buchstaben S. H. lassen mutmassen, dass er von gutem Stande ist. In seinen
Taschen hat man, nebst einem grünseidenen Beutel mit fünf Louisdors und einiger
Münze, eine emaillirte Dose gefunden, auf deren Deckel das Bild einer Dame mit
den Buchstaben C. W. befindlich ist. Sollte sich jemand von den Angehörigen.
u.s.w.«
    Man kam der ohnmächtigen Charlotte, man kam Peninnen, die sich fast in
ähnlichem Zustand befand, zu Hilfe; Herr Walter las die schreckliche Stelle noch
einmal, und ward völlig überzeugt, dass der Gefundene niemand anders als mein
unglücklicher Sohn sein könne. Tiefe Traurigkeit breitete sich über die ganze
kleine Gesellschaft aus. Der Sterbende, aus dessen gebrochenen Augen einige
Tränen quollen, fasste Charlotten und Peninnen, die weinend bei seinem Bette
standen, bei der Hand, schien noch einige tröstende Worte sprechen zu wollen,
und verschied.
    Hier war es, wo ich erschien. Auf Walters Gutachten, verschwieg man mir
alles, was meinen Sohn betraf, weil er noch immer hofte, auf genauere
Untersuchung, von der Falschheit der schrecklichen Nachricht überzeugt zu
werden. Gern hätte er die Reise nach Riedgau selbst übernommen, wenn er es hätte
wagen wollen, Charlotten, Peninnen und mich in unserer Traurigkeit allein zu
lassen, und mich vielleicht der Gefahr auszusetzen, durch eine unvorbereitete
Benachrichtigung von der Sache, ein ähnliches Schicksal mit meinem Vater zu
erfahren. Der edle Mann, warum war er doch nicht mein Sohn geworden, hätte wohl
ein Kind zärtlichere Sorgfalt für seine Mutter tragen können, als er für mich!
    Herr Walter hatte einen Menschen, auf dessen Treue er sich verlassen konnte,
nach Riedgau geschickt, er war voller Hoffnung, dass uns dieser bessere Nachricht
mitbringen werde als wir vermuteten, und brauchte diese Vorstellung, mich in
dem Schmerz, in welchem ich stumm und fast leblos vor ihm sass, ein wenig
aufzurichten. Es gelang ihm schlecht! Wer, der das Herz einer Mutter gegen ein
geliebtes Kind kennt, wagt es auszusprechen, wie mir in diesen Augenblicken, an
die ich nie ohne Schauer denken werde, zu mute war? - Peninna und Charlotte
schienen einen Trost darinnen zu finden, dass ich den ganzen Umfang ihrer Leiden
wusste, und dass sie frei von demjenigen mit mir sprechen durften, was ihr einiger
Gedanke war. Sie unternahmen es so gar, mich zu trösten, da sie sahen, dass ich
noch mehr litt als sie, aber ach, was hätte mich trösten können, als die
Nachricht, dass unser Schrecken vergeblich gewesen, dass die ganze Sache ein
Irrtum, dass Samuel noch am Leben sei.
    Herrn Walters Abgeschickter kam zurück, aber, was er mitbrachte, war nicht
Trost, sondern Bestättigung unsers Unglücks. - So sehr er auch seine Abreise
beschleunigt hatte, so war er doch viel zu spät gekommen, als dass er sich den
längst beerdigten Körper des Verstorbenen noch hätte zeigen lassen können, um
auf seinen Anblick einige Gewissheit zu gründen. Indessen trafen alle Umstände zu
genau zu, um uns in einigem Zweifel zu lassen. Seine Kleidung, unterschiedliche
uns sehr kenntliche Kleinigkeiten, die man ausser dem genannten bei ihm gefunden
hatte, und vor allen eine Schreibetafel, in welcher sich unterschiedliche
Aufsätze von seiner Hand befanden, rissen uns aus aller Ungewissheit. Mit Mühe
und ziemlichen Kosten hatte unser Abgeschickter alle diese Dinge aus den Händen
der Obrigkeit des kleinen Orts in die Seinigen gebracht, denn dass der Wert
alles dessen, was er bei sich hatte, auf die Aufhebungs- und Begräbnisskosten
gegangen war, versteht sich von selbst.
    O Himmel, wie ward uns zu Mute, als wir diese traurige Verlassenschaft
unsers Geliebten in unsere Hände bekamen! Was fühlte Charlotte, als ich ihr die
Dose mit ihrem Bilde, das sie ihm beim Abschied geschenkt hatte, überreichte!
Herr Walter sah ihren Schmerz, und zürnte nicht mit ihr; er selbst betrauerte
meinen Sohn, wie man einen Bruder betrauert haben würde.
 
                          Zwei und dreissigstes Kapitel
                            Das hat der Feind getan
Lange blieb ich zu Traussental, es ward mir schwer, mich von Peninnen und ihren
Freunden zu trennen, aber endlich musste ich doch bedenken, dass ich eine Mutter
mehrerer Kinder war. Ich bereitete mich zu meiner Rückreise nach Hohenweiler und
sann darauf, wie ich gewisse Dinge, die mir noch ausser den Ursachen meines
verzehrenden Grams viel Unruhe machten, klüglich einrichten wollte.
    Peninna hatte durch den Tod ihres Grossvaters einen Zufluchtsort verloren,
welcher fast der einige war, an welchem sie ausser dem väterlichen Hause mit
Anstand leben konnte. Mein guter Vater hatte mir zwar seine kleine ländliche
Wohnung hinterlassen, auch war das grössere Haus, das wir jetzt bewohnen, nebst
dem Garten unser, aber wie hätte es sich für ein junges Mädchen geschickt, diese
Einsamkeit dem Hause ihrer Aeltern vorzuziehen?
    Herr Haller, welcher sich in die beiden Trauerfälle, die mich so gewaltsam
erschüttert hatten, mit einer philosophischen Gleichgültigkeit fand, welche man
bewundern musste, hatte in seinen letzten Briefen an mich - Er selbst kam so
wenig nach Traussental, als er seinen drei jüngsten Töchtern erlaubte, mich
daselbst zu besuchen. - den Gedanken geäussert, Peninna würde nun in das
väterliche Haus zurück kehren, aber es war blosser Gedanke nicht Wunsch. Er
schien seinen alten Widerwillen gegen Peninnen noch nicht abgelegt zu haben, und
machte Bedingungen, unter welchen er ihr erlauben wollte, in Hohenweiler zu
leben, die weder ihr noch mir gefallen konnten. Untertänigkeit unter die Hand
der Robignac war eine von den vornehmsten, und Peninna fand so wenig Behagen an
diesen Aussichten als ich.
    Peninna, ein Mädchen über neunzehn Jahr, die schon so lange die Gebieterinn
eines Hauses gewesen war, sollte nun erst einer eigensinnigen Französinn, die
sie ganz übersehen und nicht anders als verachten konnte, gehorchen lernen?
Seltsame Zumutung! - Ueber dieses musste ich bei meiner ältesten Tochter eben
das Bedenken haben, wie bei Hannchen. Sie war jung und schön wie diese. Ihr
Vater, welcher so sehr wünschte ihrer los zu werden, würde nicht ermangelt haben
sie zu nötigen, bei den Gesellschaften in seinem und in dem Wilteckischen Hause
gegenwärtig zu sein; dass sie gefallen würde und müsste war ausgemacht, und das
beste, was hätte erfolgen können, wär gewesen, dass sie an irgend einen von den
dasigen Herrn, dem es beliebt hätte ernstafte Absichten auf sie zu haben,
verschleudert worden wär.
    Peninna sah dieses alles sowohl als ich, und sie brauchte es zum Mittel mich
zu bewegen in einen andern Vorschlag zu willigen, welchen sie mit Charlotten
ausgedacht hatte. Diese beiden Freundinnen waren sich so unentbehrlich geworden,
dass es ihnen schwer ward sich zu trennen. Peninna versicherte mich, dass die
Gewohnheit Waltern täglich zu sehen, den Eindruck, den sein Anblick auf sie
machte, sehr geschwächt habe, dass sie gegenwärtig nichts für ihn fühle als
wahrhafte Schwesterliebe. Charlotte, die jetzt das ganze Verhältnis kannte, in
welchem ihre Freundinn ehemals mit ihrem Manne gestanden hatte, beteuerte, dass
sie ganz frei von Eifersucht sei. Herr Walter erklärte sich nie über diesen
Punkt, aber sein Betragen gegen Peninnen war so fremd und zurückhaltend, seine
Geschäfte so häufig, und sein Herz so redlich, dass - ich endlich meine
Bedenklichkeiten aufgab, meiner Tochter erlaubte bei Walters zu bleiben, ihr
noch einige gute Lehren gab, und es über mich nahm, ihr Zurückbleiben bei ihrem
Vater zu entschuldigen.
    Ich kam wieder zu Hohenweiler an. Ich ward von meinen Kindern mit lauter
Freude, von Herrn Haller mit kalter Höflichkeit, und von der Französinn mit den
ausschweifendsten Schmeicheleien empfangen. Dinge, welche nicht hinlänglich
waren, meine Augen gegen das, was mir missfiel, zu verschliessen.
    Nicht Tage, viele Wochen waren nötig, die Unordnungen abzustellen, die sich
in meiner Haushaltung eingeschlichen hatten, und meine Töchter, o wie sehr fand
ich diese zu ihrem Nachteil verändert! wie viel Unkraut hatte hier der Feind
auf den guten Acker gesäet! Jukunde, jetzt eben vierzehn Jahr alt, hatte in der
Zusammensetzung von Vorwitz und übereilten Reden und Handlungen, die man in der
Volkssprache Naseweisheit nennt, so zugenommen, dass ich sie nicht mehr kannte.
Kein Wunder! Mir, der es nicht an Aufmerksamkeit und guten Willen fehlte dieses
in ihr keimende Uebel zu unterdrücken, hatte es schon Mühe genug gemacht
hierinnen einigen Fortgang zu haben, wie sehr musste das Mädchen bei der
Vernachlässigung der Robignac, die nur immer an ihrem Aeusserlichen künstelte,
und das Innere ungebessert liess, verwildert sein.
    Amalie wurde durch ihre wenige Schönheit vor der Verzärtelung geschützt. Es
ist nur gar zu wahr, dass die meisten Alltagserzieher sich von ihren Augen leiten
lassen; dass sie denen, welche etwas Gefälliges in ihrem Aeusserlichen haben,
schmeicheln, und die Hässlichen unterdrücken. So war es Amalien gegangen, der
beständige Tadel hatte ihr eine gewisse ungeschickte Blödigkeit, einen Eigensinn
und Beharrlichkeit auf ihrer Meinung angewöhnt, welchen mütterliche Liebe und
Schonung schwerlich aus dem Grunde zu heben vermochte. Julchen war der Spion des
ganzen Hauses geworden, sie erzehlte der Französinn von dem, was sie bei ihrem
Vater und bei Wiltecks sah, sie unterrichtete Herrn Haller von allen Handlungen
der Robignac und ihrer Schwestern, sie verriet das Gesind, und richtete dadurch
mehr Uebel an, als man von so einer kleinen Kreatur hätte erwarten können. Sie
machte gleich am ersten Tage ihre Aufwartung bei mir mit einer Erzählung von
allem was in meiner Abwesenheit vorgegangen war, die mir nicht sehr gefallen
konnte, und die ich, so lehrreich sie mir auch war, ihr doch eben nicht mit
besonderer Freundlichkeit belohnte.
    Diese Entdeckungen in Ansehung meines Hauswesens und meiner Kinder, die mir
so viel Kummer erweckten, waren noch bei weiten nicht die einigen; es folgten
andere nach, welche mich belehrten, wie gefährlich es einer Hausregentinn ist,
ihr kleines Gebiet zu verlassen, und es der Willkühr ihrer Widersacher Preis zu
geben,
    Mademoiselle de Robignac hatte das Herz meines Mannes ganz in ihre Gewalt
bekommen. Wär sie jung und schön gewesen, so hätte mich dieses so sehr nicht
wundern sollen; ich hätte nur an die Begebenheiten mit der R... und W..., und an
Rosen denken dürfen, aber sie, die nie von einem erträglichen Ansehen konnte
gewesen sein, und die jetzt in ihrem dreissigsten wie sie, oder in ihrem
fünfzigsten Jahre, wie andere Leute meinten, eher einer braunen hohläugigten
Sybille als einer Herzensbezwingerinn ähnlich sah, wie hätte diese Herrn Haller,
der doch ehemals ein Kenner der Schönheit zu sein schien, gefallen können!
    Gleichwohl war es mehr als zu wahr, dass sie herrschte und ich gehorchen
musste, dass ihre übertriebene Schmeichelei eine Hülle war, die sie ihrer
Obergewalt anlegte, damit ich nicht gleich von Anfang zu sehr geschreckt,
vielleicht einen Sturm wagte, der ihr hätte nachteilig sein können. Das Recht
war doch gleichwohl auf meiner Seite, und Herr Haller hatte Stunden, wo er
niedergeschlagen, vedriesslich, und folglich auch verzagt war, so dass er
vielleicht, wenn ich die Rolle einer bösen Frau hätte spielen wollen,
nachgegeben und mir das Feld überlassen haben würde. Aber wo hätte ich die
Kühnheit hiezu hernehmen wollen, ich, die ich nur gewohnt war, mit den Waffen
der Sanftmut zu streiten?
    Das beste was ich in meiner Lage tun konnte, war mich verstellen; ich hatte
es schon einmal erfahren, was man gewinnt, wenn man die Augen zu zeitig über
gewisse Dinge auftut, die man sich bemüht uns zu verhüllen. Ich war gegen die
Robignac nachsichtsvoll und gefällig, ich hütete mich, dass unsere beiderseitigen
Meinungen so wenig als möglich in Collision kamen, ich verbesserte in der Stille
was sie verderbt hatte, und - wartete auf bessere Zeiten.
 
                          Drei und dreissigstes Kapitel
                               Mütterliche Leiden
Ich verlebte meine Tage in einer erzwungenen traurigen Ruhe. Mein Vater war tod.
Samuel war dahin, und ich wusste selbst nicht auf was für Art ich um ihn gekommen
war, denn mein guter Engel behütete mich, dass die Meinung, welche die Robignac
zuweilen einzustreuen suchte, er habe sich selbst in den Tod gestürzt, nie Platz
in meiner Seele fand. - Himmel, was würde aus mir geworden sein, wenn ich dieses
hätte annehmen wollen! - Alberts Briefe wurden immer unerträglicher; von
Hannchen und der Frau von Wilteck bekam ich gar keine Nachricht, und was ich von
Peninnen hörte, war auch nicht so beschaffen, dass ich dadurch getröstet werden
konnte.
    Die Sache ging so wie ich gedacht hatte. Charlotte hieng seit Samuels Tode
mehr an ihrem Manne als zuvor; die erste Folge dieser aufkeimenden Liebe war
Eifersucht. Herr Walter, gewohnt meine Tochter täglich in tausend verschiedenen
ihr vorteilhaften Situationen zu sehen, konnte die Rolle, die er sich zu
spielen zwang, nicht so gut behaupten, dass nicht die alte Liebe zuweilen
hervorgeblickt hätte. Peninna, die die Eifersucht der einen, und die Gesinnungen
des andern nicht verkennen konnte, und die am besten wusste, was ihr eigenes Herz
gegen Waltern fühlte, sass halbe Tage auf ihrem Zimmer und weinte. Gern hätte sie
sich aus dem Hause ihrer Freundinn entfernt, wenn sie andere Zuflucht gewusst
hätte; aber wohin sollte sie? Konnte sie sich bei der jetzigen Lage der Sachen
nach Hohenweiler wünschen, um meine Sklaverei mit mir zu teilen?
    Doch würde dieses vielleicht endlich, als das Klügste, erwählt worden sein,
wenn sich nicht Gelegenheit zu einem andern Schritte gezeigt hätte, den sie, in
der Hoffnung, ich würde ihn billigen, so voreilig tat, wie schon bei mehreren
geschehen war, und der mir mehr Sorge machte, als ihr Aufentalt in meinem Hause
oder ihr Verharren in dem Walterschen getan haben würde.
    An einem Tage, der zu mehreren Kränkungen für mich bestimmt war, erhielt ich
folgenden Brief in Gegenwart meines Mannes, den ich hersetzen will, um euch
urteilen zu lassen, ob er von der Beschaffenheit war, vor die Augen eures
Vaters zu kommen; ich wollte ihn uneröfnet zu mir stecken, aber die hämische
Frage der Robignac, ob ich dem Vater die Nachricht von seiner Tochter, und
meinen Kindern, die Freude etwas von ihrer Schwester zu hören, so lang
vorentalten könne, bewegte Herrn Haller, sich desselben zu bemächtigen, und
folgendes daraus zu lesen.
    »Liebe Mutter!
    Sie wissen meine Verfassung in meinem gegenwärtigen Aufentalte. Walter und
ich dürfen nicht länger in einem Hause bleiben; zu sichtbar ist es, dass wir
unsere Liebe beide nur schlecht überwunden haben; Charlotte sieht dieses sowohl
als wir beide, und es war fest bei mir beschlossen, diesen Tag nach Hohenweiler
abzureisen und das Haus wieder zu sehen, in welchen wenigstens Ihre Blicke mir
freundlich und mit Schonung begegnet sein würden. Der Strenge meines Vaters
würde ich kindliche Unterwerfung, und der Herrschaft der Robignac Mut und
Entschlossenheit entgegengesetzt haben, aber glücklicher Weise zeigt sich ein
anderer Ausweg, der mich dieser schweren Proben überhebt. Hören Sie wie
sonderbar!
    Diesen Morgen, da ich schon reisefertig war, und sich nur noch einige
Schwürigkeiten wegen der Art meiner Ueberkunft nach Hohenweiler unversehens
hervortaten, liess sich eine durchreisende Dame, die sich Frau von Berg nannte,
bei mir ansagen. Ich besann mich in der Verwirrung, in welcher ich war, nicht
gleich auf die Regierungsrätinn Gabriele, und erstaunte nicht wenig, als ich
sie in mein Zimmer treten sah. - Aber Himmel, wie verändert an Seel und Körper;
bleich, abgezehrt, verfallen, traurig, und dabei doch so sanft und
freundschaftlich als ich sie nie gesehen habe. O Peninna, sagte sie, nachdem sie
mir einiges von ihrer gegenwärtigen Verfassung entdeckt hatte, möchte es dir
gefallen bei mir zu leben! an deiner Seite würde ich mich wieder erholen. Komm,
teile mein Glück mit mir, ich will dir Freundinn, Schwester und alles sein, ich
will dir die Leiden versüssen, die ich dir vielleicht ehedem unschuldigerweise
machte. -
    Ich musste mich eilig entschliessen; es war mir unmöglich ihre Einwilligung
erst einzuholen. Ich ergab mich auf ihr Bitten, und ich schliesse diesen Brief,
nachdem ich noch um ihren Segen gebeten habe, um mich auf den Wagen zu setzen,
der mich nebst der lieben Regierungsrätinn ins Pyrmonter Bad, wohin Gabriele
ihrer Gesundheit wegen reisen muss, bringen wird. Bald bald sollen Sie wieder
hören von Ihrer
                                                                        Peninna.
    N. S.
    Der Regierungsrat vereinigte sich mit den Bitten seiner Gemahlinn, er war
so dringend als sie, und wer konnte ihnen widerstehen!«
    Dieser Brief hatte schon an sich Stoff genug für mich zur Traurigkeit und
Sorgen; denn was für ein Aufentalt war das Haus des Regierungsrats für meine
Tochter? aber alles schwermütige Nachdenken, das mir diese neue Begebenheit
machen konnte, musste jetzt verschoben werden, um den gegenwärtigen Sturm
auszuhalten, welcher sich nach Lesung des Briefs über mich erhob.
    Dass Herr Haller durch den Inhalt desselben aufgebracht wurde, und seinen
Zorn nicht auf die sanftmütigste Art äusserte, lässt sich denken, aber man
erspare mir die Mühe sein Betragen und seine Worte umständlich anzuführen,
welche dadurch noch widerwärtiger gemacht wurden, dass er die Achtung, die er mir
wenigstens in Gegenwart der Kinder schuldig war, so ganz vergass, sich nicht
scheute mir vor ihren Ohren Vorwürfe zu machen.
    Peninnens Aufentalt im Walterschen Hause wurde nach den Winken, die sie im
Anfang ihres Briefs gab, auf die gehässigste Art ausgelegt. Ihr Entschluss im
Hause des Regierungsrats zu leben, bekam noch widrigere Namen, und die Rolle,
die ich bei der Sache spielte, oder gespielt haben sollte, meine Nachsicht, der
Widerwille den ich, wie man mir Schuld gab, meinen Kindern gegen ihren Vater
einflösste - - o Himmel, ich erröte vor dem Bilde, das man von mir machte, Die
Eloquenz Herrn Hallers und der Französinn machte, dass ich wirklich gefehlt zu
haben glaubte, wenigstens war doch das wahr, dass alle Sorgfalt, die ich auf die
Erziehung meiner Kinder gewandt, bisher lauter traurige Früchte gebracht hatte,
und ist man nicht immer geneigt, alles, auch oft seine eigenen Handlungen, nach
dem Erfolg, nicht nach der Absicht zu beurteilen? - Ich schwieg, und konnte
nichts zu meiner Verteidigung sagen. Peninnens Handlungen in ein gefälligeres
Licht zu setzen, machte ich einige Versuche, aber ohne sonderlichen Nutzen. -
Die Französinn ahndete die Art, mit welcher ihrer in Peninnens Brief gedacht
war, mit grossem Geschrei. Herr Haller ward in Führung seiner Sache eben so laut,
ich war überstimmt, und konnte nichts tun, als mein Urteil mit Gelassenheit
anhören, welches dieses war, dass es nötig sein würde, meine Kinder gänzlich von
mir zu nehmen, damit ich den Gift des Widerwillens gegen ihren Vater nicht auch
in ihre Herzen ausstreuen möchte.
    Ihnen, schloss mein Mann, indem er sich zu der Robignac wandte, ihnen,
Mademoiselle, übergebe ich sie ganz allein, und ich werde, um ihnen die Mühe zu
erleichtern, sie von den abgeschmackten Vorurteilen ihrer Mutter abzugewöhnen,
und nach dem Sinn ihres Vaters, und dem Ton der grossen Welt zu bilden, nächstens
eine Reise nach Berlin tun, auf welcher Sie und meine Töchter mich begleiten
sollen.
    Dieser Entschluss, welcher wirklich die empfindlichste Seite traf, auf
welcher ich angegriffen werden konnte, wurde durch einen Brief bestättigt,
welcher an diesem Tage des Kummers aus Berlin eintraf. Er war von dem Hofmeister
meines Alberts, und meldete, dass der junge Herr nach verschiedenen
Ausschweifungen die er gemacht, und besonders nach einem sehr unglücklichen
Spiel, bei welchem er, wie man hernach erfahren, alles bis auf die Kleider
verloren habe, unsichtbar geworden sei, und dass keine Nachforschungen des
würdigen Hofmeisters, und des Obersten, welcher jetzt in Berlin war, ihn haben
ausfündig machen können.
    Julchen, die von ihrer Lieblingsneigung des Ausforschens und Angebens nicht
lassen konnte, fand diesen Brief, und brachte mir ihn, und ich, ob ich gleich
die Erneuerung ihres Fehlers auf die Art ahndete, wie mir es zukam, konnte doch
- man verzeihe mir meine Schwachheit, die vielleicht in meiner gegenwärtigen
Lage zu entschuldigen war, - mich nicht überwinden ihn ungelesen zu lassen.
    Der herrliche Vorteil, den ich von meinem Vorwitz hatte, war die Entdeckung
von dem Unglück des armen Alberts, die mein Herz durchbohrte, und alle Funken
des mütterlichen Mitleidens wieder in mir anfachte, und - ach Himmel eine
andere, die mir fast eben so schrecklich war: die Hand in diesem unglücklichen
Briefe zeigte, dass dieser Hochbelobte Herr Reiner, Alberts Hofmeister, niemand
anders war, als der böse Katarines, den das Schicksal recht zum Unglück meines
Hauses hatte geboren werden lassen.
    Herr Haller war zu wohl überzeugt, dass, wenn ich die wahre Lage der Sachen
wüsste, ich weit mehr Ursache haben würde, ihm Vorwürfe wegen Alberts als er mit
Peninnens wegen, zu machen, er schwieg also weislich. Die Abreise nach Berlin
wurde beschleunigt, und ich - musste mich von meinen Töchtern trennen, denn keine
Bitten, keine Tränen konnten Herrn Haller bewegen, sie bei mir zurück zu
lassen.
    Einen Trost hatte ich, einen traurigen Trost, der mir, wenn ich nicht so
ganz unglücklich gewesen wär, vielleicht eine Quelle der bittersten Sorgen
gewesen sein würde: am Tage der Abreise zeigten sich bei Julchen alle Vorboten
der Blattern, welche ihre Schwestern schon überstanden hatten; es war unmöglich
für sie, ohne Lebensgefahr Hohenweiler zu verlassen, und ich hatte also die
Beruhigung, doch eins von meinen Kindern in meinen Armen zu behalten, und gerade
das, welches bei seinen noch ganz unreifen Jahren meine mütterliche Zucht und
Sorge am meisten nötig hatte, und dieselbe durch den besten Erfolg belohnen
konnte, da ein weiches noch unverdorbenes Herz meinen Lehren den Eingang
erleichtern musste.
    Ich umarmte Jukunde und Amalien, ich erinnerte sie an alle meine Lehren, ich
beschwor sie, sich durch nichts von dem Wege der Tugend, und der Liebe zu mir
abwendig machen zu lassen, und eilte zu dem Lager meiner kleinen Kranken zurück,
um daselbst meine übrigen Kinder zu beweinen, die mir teils ganz entrissen
waren, teils, meinem Urteil nach, in weit grösserer Gefahr schwebten, als
dasjenige, das da vor mir lag, und durch die Wut der schrecklichen Krankheit
bald ganz entstellt, und an die Pforten des Todes gebracht ward. Hier konnte
doch mütterliche Pflege etwas zu seiner Rettung beitragen, und - sollte das
schlimmste erfolgen, wie ruhig konnte ich die unschuldige Seele in die Arme
ihres Schöpfers zurückfliehen sehen!
 
                          Vier und dreissigstes Kapitel
                            Eine Predigt zur Unzeit
Julchen schwebte lange zwischen Tod und Leben, und sollte auch das Loos auf das
letzte fallen, so war doch wenigstens soviel mehr als wahrscheinlich, dass ihre
Schönheit, und mit ihr der beste Anspruch eines Mädchens auf zeitliches Glück
verloren ging. Sie war klug oder vielmehr, so jung sie auch war, eitel genug,
dieses zu fühlen, und ich hatte alle Mühe, als das Schlimmere überstanden, und
ihr Leben ausser Gefahr war, sie wegen den Verlust des Geringern zu trösten, und
ihre Aufmerksamkeit ganz auf den Dank zu richten, den sie Gott, wegen Rettung
des Wichtigern, schuldig war.
    Eines Tages, als ich an ihrem Bette sass. und nach einem ernstaften Gespräch
über diesen Gegenstand eben anfangen wollte, der armen Kleinen, die des
Tagelichts beraubt dalag, und Trost und Unterhaltung bedurfte, eine von den
Geschichten zu erzählen, mit welchen ich meinen Kindern so manche gute Lehre
einzuprägen pflegte, und die ich immer, ohne ganz von der Wahrheit abzugehen,
auf ihren gegenwärtigen Zustand einzurichten suchte, hörte ich einen Wagen in
unsern Hof gefahren kommen; ich eilte aus Fenster um zu sehen, durch wen die
Einsamkeit, in welcher ich jetzt lebte, unterbrochen werden sollte.
    Ein, dem schlanken Wuchs nach zu urteilen, sehr junges Frauenzimmer mit
einem schwarzen Flor über dem Gesicht stieg aus. Mein Herz fieng an zu schlagen;
ich hörte den behenden Schritt der Kommenden auf der Treppe, er schien mir
bekannt zu sein, aber ehe ich noch im Stande war, die Mutmassungen, die sich
meiner Seele wie dunkle Bilder vorstellten, aus einander zu setzen, ward die
Türe aufgerissen, und die Fremde lag in meinen Armen. Ihr Kuss, das Feuer, mit
welchem sie mich an sich drückte, sagte mir, wer sie war, wenn mich auch der
noch nicht zurückgeschlagene Flor, und eine kleine Aenderung in ihrer Gestalt
hätte täuschen können. O Hannchen, O meine Mutter! tönte zu gleicher Zeit aus
unserm Munde.
    Freudentränen, verneute Umarmungen, Fragen, unvollendete Antworten,
wechselten lange Zeit unter uns ab, bis wir endlich auf das Rufen der kleinen
Kranken hörten, die den Namen ihrer Schwester unablässig wiederholte, und
wenigstens um eine Umarmung von derjenigen bat, welche sie nicht sehen konnte.
    Hannchen hatte sich immer vorzüglich gern mit ihrer kleinen Schwester
beschäftigt, und daraus war zwischen beiden eine Liebe erwachsen, die bei dem
grossen Unterschied, den die Jahre zwischen ihnen machten, ausserordentlich war,
und die durch Hannchens lange Abwesenheit nicht hatte geschwächt werden können.
Sie flog in ihre Arme.
    Julchens trauriger Anblick lockte Hannchen, und die Unmöglichkeit ihre
Schwester zu sehen, der Kranken so viele Tränen ab, dass ich endlich genötigt
war, diese Scene, welche wenigstens der einen von ihnen hätte schädlich werden
können, zu unterbrechen.
    Hört auf Kinder, sagte ich, was hilft das Weinen, wir wollen uns doch
endlich aus dem Taumel, in dem wir sind, herausreissen, und einander vernünftige
Rechenschaft geben, warum wir bisher so wenig von einander hörten, und warum wir
uns nun so plötzlich wiedersehen.
    Ist dieses ein Vorwurf, meine Mutter? fragte Hannchen, indem sie ihren Flor
nun völlig zurück schlug, und mir ein bleiches abgezehrtes Gesicht, und
gesunkene, von Weinen getrübte Augen zeigte, welche mich in Schrecken setzten.
Himmel, mein Kind, schrie ich, ohne auf ihre Frage zu antworten, wie siehst du
aus! Haben Krankheit oder Kummer diese schreckliche Verheerung angerichtet? Bin
ich denn so gar verändert? sprach sie mit unterdrückter Bewegung, und trat vor
den Spiegel um ihren Kopfputz in Ordnung zu bringen; nicht doch, liebe Mutter,
die Beschwerlichkeiten der Reise, die Unordnung meines Anzugs, - o ich werde
mich schon wieder erholen, ich werde mich gewiss wieder erholen. - Hannchen,
Hannchen sagte ich mit aufgehobenem Finger, hier ist nicht alles richtig, du
hast gelitten, viel gelitten, und ein Leiden, das dich in solchem Grade
verändern konnte, ein Leiden, das du deiner Mutter verschweigen willst, spricht
selbst von was für Beschaffenheit dieses sein mag. Hannchen brach in Tränen
aus, und winkte nach Julchens Bette, die sich aufgerichtet hatte, und durch
doppelte Anstrengung ihrer Gehörnerven das zu ersetzen suchte, was ihr durch den
Mangel des Gesichts entgieng.
    Ich verstand den Wink meiner Tochter, ich hörte auf in sie zu dringen, wir
setzten uns zu der Kranken, und fiengen an von andern Dingen zu sprechen.
Hannchens Aufentalt bei der Frau von Wilteck, ihr langes Stillschweigen, und
ihre einsame unvermutete Rückkehr, war der Gegenstand unserer Gespräche, aber
die Antworten meiner Tochter waren so ungewiss, so auf Schrauben gestellt, dass
ich nicht wusste, was ich denken sollte, und mich unaussprechlich nach einer
einsamen Unterredung mit ihr sehnte. - - - Endlich kam der gewünschte
Augenblick.
    Julchen schlief, ich setzte mich mit Hannchen an ein Fenster, und dachte nun
mein Verlangen zu stillen, und eine umständliche Erzehlung ihrer Angelegenheiten
zu bekommen; aber Himmel, wie unzulänglich war das was ich erfuhr! anstatt
alles, was ihr bisher begegnet war, im Zusammenhange zu hören, musste ich ihr
jede Kleinigkeit abfragen, und ihre Antworten waren so kurz, so zerstreut, so
furchtsam, dass ich nicht wusste, was ich von ihr denken sollte. Das
hauptsächlichste, was ich von ihr erfuhr, war dieses, dass sie nicht so glücklich
gewesen zu sein schien, als ich mir geschmeichelt hatte, dass sie bei der Frau
von Wilteck sein müsste, und die Art, mit welcher sie von dieser Frau von Wilteck
sprach, hätte mich beinahe gar auf die Meinung bringen können, dass Hannchen
nicht mehr ganz so gut von ihr dächte, als vordem, sie nannte ihren Namen mit
Kaltsinn, und hätte lieber gar vermieden von ihr zu sprechen, wenn es möglich
gewesen wär. Die Ursach ihrer schnellen Entfernung aus ihrem Hause war, wie sie
sagte, ein kleiner Zwist zwischen ihr und der Dame, nebst einer Reise, die sie
nach der Residenz getan habe, und auf welcher sie Hannchen nicht habe begleiten
wollen. Ich fragte, um die Ursach ihrer seltsamen Verfassung etwa auf einer
andern Seite zu entdecken, ob sie neue Bekanntschaften gemacht, ob sie viel
Gesellschaft auf dem Schloss gesehen habe? und sie sagte, man hätte sehr einsam
gelebt, und sie habe diese ganze Zeit über kein neues Gesicht kennen gelernt.
Zwar fiel sie sich selbst ins Wort, ich vergesse Madam Catin, die
Wirtschafterinn der gnädigen Frau, eine Person von vielen Verdiensten, und die
mir sehr viel, vielleicht nur gar zu viel Freundschaft erwiesen hat. Zu viel
Freundschaft? wiederholte ich, wie verstehst du das mein Kind? Verzeihen sie,
war die Antwort, ich rede wunderlich, ich bin noch so zerstreut, so ermüdet von
der Reise, und - und, beste Mutter, sie sollen alles erfahren, geben sie mir nur
Zeit, dass ich mich erst ein wenig erhole.
    Nun so geh, sagte ich mit einigem Unwillen wegen ihres wunderlichen
Bezeigens, geh auf dein Zimmer, lass dich von deinem Mädchen auskleiden, und zu
Bette bringen, du kommst mir in der Tat sehr schwach vor; du hast doch Rosen
wieder mit zurück gebracht? - Bei Rosens Namen fieng sie wieder an zu weinen,
sie sagte, Rose habe sie verlassen, und als ich mehr hievon wissen wollte,
erzählte sie mir zum erstenmal, seit ich sie wieder gesehen hatte, auf eine
vernünftige und zusammenhängende Art, wie dieses Mädchen sich von ihr getrennt
habe; eine Erzählung, die mich lebhaft einsehen liess, dass nicht allemal auf die
Beständigkeit gebesserter Sünder zu rechnen sei. Rose, die ich darum aus meinem
Hause entfernt hatte, um sie der Verführung zu entreissen, hatte, wie es schien,
überall Verführer gefunden, oder vielmehr, sie hatte den ärgsten Verführer in
ihrem Herzen mit sich genommen; sie war wieder auf die alten bösen Wege
geraten, von welchen ich sie gerettet hatte, und ich geriet über diese
Vereitelung meiner guten Absichten, und über den Irrtum, in welchem ich so
lange zu Rosens Vorteil gelebt hatte, in einen solchen Eifer, dass ich eine von
meinen längsten und schärfsten Predigten begann, die ich über die Verirruugen
vom Pfade der Tugend zu halten pflegte.
    Ich sprach mit mehrerm Ernst und Strenge als jemals, denn es war hier die
Rede von einer rückfälligen Sünderinn, nicht von einer unschuldig Verführten.
Ich vergass ganz, dass ich nicht Rosen, sondern das arme Hannchen vor mir hatte,
welche meine Rede mit so heissen Tränen begleitete, als wenn sie die
Verbrecherinn gewesen wär, welcher sie galt. Ich konnte die unschuldige Seele
nicht weinen sehen, ich erkannte meinen Fehler, und brach ab. Geh, sagte ich zu
dem guten Mädchen, geh frommes schuldloses Geschöpf. Diese Tränen, die du über
die Vergehungen einer andern vergiessest, müssen dir immer in Gedanken bleiben,
und dich lehren, wie bitter eigene Verbrechen zu beweinen sein müssen. O Gott,
erhalte dieses Herz doch immer so weich und rein wie es jetzt ist! Der blosse
Gedanke, es könne dereinst verderbt werden, wär im Stande mich vor der Zeit in
die Grube zu bringen.
 
                          Fünf und dreissigstes Kapitel
Beweise, dass die erfahrenste Matrone nicht klug genug für ein junges Mädchen ist
Ich konnte vor Unruhe über die Begebenheiten des vorigen Tages und über
Hannchens seltsame Gemütsfassung, kaum die Morgenröte erwarten, ich eilte in
das Zimmer meiner Tochter, um zu sehen, ob sich heute ein Anschein zu meiner
Beruhigung zeigte, aber ich fand sie nicht nur so unruhig wie gestern, sondern
wirklich krank, sie hatte nicht geschlafen, ihre Augen waren trüb und
geschwollen, und ihr Gesicht glühte von einer schrecklichen Fieberhitze. - Sie
besserte sich gegen den Nachmittag, so dass sie aufstehen konnte, aber irgend
etwas vernünftiges, zur Sache dienendes mit ihr zu reden, ihr den Grund ihrer
sonderbaren Verfassung abzufragen, daran war nicht zu denken; der Arzt sagte,
ich müsse sie jetzt auf alle Art schonen, sie schien einen Gemütskummer zu
haben, der sich nur durch Freundlichkeit und Nachsicht, nicht durch ernste
Untersuchungen erforschen liess.
    Mir war gleich erstes Tages der junge Fähndrich v. Wilteck eingefallen,
welcher ehemals einen Eindruck auf das Herz des Mädchens gemacht zu haben
schien, und der vielleicht auch jetzt der Grund ihrer Unruhe sein konnte. Um zu
erfahren, ob ich mich irrte, nannte ich seinen Namen in ihrer Gegenwart
einigemal als von ohngefehr, und ich merkte, dass ihre Wangen allzeit bei seiner
Erwähnung stärker glühten. Ein andermal fragte ich sie, als wir allein waren, ob
sie ihn während ihres Aufentalts bei seiner Mutter gesehen habe? Sie konnte
kaum eine Bejahung meiner Frage zitternd hervorbringen, und als ich mehr von ihm
zu hören wünschte, so wusste sie in der Bestürzung weiter nichts zu sagen, als
dass er jetzt Lieutenant sei.
    Ihre Verwirrung hiebei war so gross, dass ich nichts weiter zu wissen
brauchte. Die Sache war klar; sie liebte ihn noch, und wenn weiter nichts als
dieses die Ursach ihrer Unruhe war, so konnte ich ja noch wohl hoffen, sie zu
trösten. Ein kleiner Lieutenant von neugeschaffenem oder gar keinem Adel, war ja
wohl keine Partie, die zu hoch für die Tochter eines reichen Amtmanns war.
Jetzt war nicht die Zeit mit ihr von solchen Dingen zu reden; ich bemühte mich
nur, ihr im allgemeinen Mut einzusprechen, welches mir um so viel leichter zu
tun ward, da ich selbst wieder Mut bekam, und die schrecklichen Dinge, die mir
zuweilen von dem Gemütskummer des Mädchens einfielen, aus dem Sinne schlug.
    Julchen war jetzt völlig wieder hergestellt, sie hatte nichts durch die
Blattern verloren, als die Schönheit und Farbe ihrer Haut, ein Fehler, welcher
sich, da sie noch sehr jung war, auch wohl wieder verbessern konnte; ich hütete
mich indessen wohl, ihr dieses zu sagen, weil ich hofte, auf die übertriebene
Vorstellung, die sie von ihrer Hässlichkeit hatte, viel gutes zu bauen. Hannchen
war noch immer sehr schwach, sie brachte die meisten Vormittage im Bette zu, und
konnte nur des Nachmittags ein wenig aufstehen; doch fehlte es diesen Stunden,
die ich mit meinen beiden Töchtern in gesellschaftlicher Ruhe zubrachte, nicht
an Annehmlichkeiten. Zwar unsere Gespräche waren nicht allemal heiter und
fröhlich, denn wie viel trauriges war mir in Hannchens Abwesenheit begegnet, das
ich ihr doch alles, ob wohl mit einiger Schonung mitteilen musste, aber es gab
doch auch wieder Stunden, da das Andenken an unsere Verstorbenen weniger
schmerzhaft, die Sorge für die Abwesenden und Verirrten nicht so nagend, und die
Aussicht in die Zukunft freier und unbewölkter war. Ob Hannchen eben diese
Linderung fühlte, weiss ich nicht; sie war immer zu still und in sich selbst
gekehrt, als dass man sie ganz richtig hätte beurteilen können, aber sie schien
zuweilen doch wenigstens ruhig, und ich nützte denn diese Augenblicke immer, ihr
entweder mit entfernten Hoffnungen zu schmeicheln, die ich für die wirksamsten
hielt, oder sie auf eine unschuldige Art zu zerstreuen.
    Julchen bat mich eines Tages, als wir so ruhig beisammen sassen, doch die
Geschichte zu erzählen, welche ich an dem Tage, da Hannchen uns durch ihre
Erscheinung so sehr überraschte, eben anfangen wollte, und ich, die schon lange
auf diese Aufforderung gewartet hatte, weil ich gesonnen war, unterschiedliches
einfliessen zu lassen, das auch Hannchen heilsam sein konnte, fieng
folgendermassen an.
 
                         Sechs und dreissigstes Kapitel
                            Ein altes Weibermärchen
Ich entsinne mich, meine Kinder, dass wir beim ersten Eintritt in das Haus, das
wir jetzt bewohnen, unsern neuen Aufentalt nichts weniger als reizend fanden;
es ist wahr, die Gewohnheit und manches Gute, das wir an diesem Orte genossen,
hat uns mit unserer Wohnung zufrieden gemacht, aber es dünkt mich doch, als wenn
einige von uns noch jetzt sich nicht ganz mit diesen hochgewölbten schallenden
Sälen, diesen schmalen finstern Gängen, und diesen tiefen düstern Zimmern, die
kein modischer Aufputz ganz aufzuheikern vermag, aussöhnen könnten. Julchen
getraut sich nicht anders, als an der Hand ihrer Mutter oder Schwester die
schmale finstere Treppe hinab in den Garten zu steigen, im Keller sehen die
Mägde des Nachts Lichter, das Merkmaal vergrabener Schätze, brennen, und ihr
wisst wohl, dass wir das hier gewöhnliche Abendläuten bloss darum haben einstellen
müssen, weil der Glöckner allemal, wenn er auf den Turm ging, durch eine lange
Gestalt geschreckt zu werden vorgab, welche er für den Geist eines alten Ritters
von Hohenweiler hielt, der in dieser Gegend umgehen soll. Ihr wisst, was ich von
solchen Torheiten halte, indessen liess ich mir doch neulich die Sage von diesen
Dingen in unserm Orte umständlich erzählen, und ich fand einige Funken von
Weisheit darinnen, die mich bewegten, sie im Gedächtnis zu behalten, um sie euch
einmal mitzuteilen; ihr seid klug genug, Weisheit und Torheit zu
unterscheiden, das erste zu eurem Nutzen anzuwenden, und das andere zu
verlachen.
    Die Meinung, die wir von Anfang von diesem Hause hatten, dass es eins von
jenen in der Vorzeit so berühmten Raubschlössern gewesen sei, war wie mein
Märchen berichtet nicht ungegründet, denn der uralte Besitzer desselben, Franz
von Reutlingen genannt, machte es zu seinem beständigen Aufentalt, und da er so
wie viele andere des damaligen Adels nach der Redensart jener Zeiten, von
Stegreife lebte, das ist, das Land durchstrich um mit anderer Leuten Hab und Gut
seine Schätze zu vermehren, so konnte man seine Wohnung, die der Zufluchtsort
seiner Mitgenossen, und der Schauplatz tausendfacher Ungerechtigkeiten war, mit
Recht ein Raubnest und eine Mörderhöhle nennen.
    Damals war die Gegend rund um her noch nicht bebauet, das Schloss, auf dessen
Zimmer er Tag und Nacht auf die Vorüberreisenden lauren liess, stand noch ganz
einsam, und selbst die Stelle, wo jene erhabene Säule an der Nordseite dieser
Gegend steht, die dem ganzen Orte den Namen Hohenweiler gab, war damals noch
leer, sie ward erst in der Folge zum Denkmaal einer der merkwürdigsten
Begebenheiten aus Ritter Franzens Leben gesetzt. - Ich leugne es nicht, wenn mir
es etwa in der Dämmerung einmal einfiel, einen Teil des Märchens für Wahrheit
zu halten, dass ich mit einem geheimen Schauer vor diesem bejahrten Monument
vorübergieng, und Gedanken in mir entstehen fühlte, die ihr erraten werdet,
wenn euch die Geschichte so bekannt sein wird als mir.
    Franz von Reutlingen, von Jugend auf an ein rauhes wüstes Leben gewöhnt, das
er unter die Geschäfte seines blutgierigen Schwerdts, und unter die Ausleerung
voller Becher teilte, von welchen er selten nüchtern aufstand, fühlte wenig von
jenen sanftern Empfindungen, die der Menschheit zur Ehre gereichen. Liebe und
Freundschaft waren ihm fremde noch niegehörte Namen, denn wer wollte die
Verbindung raubsüchtiger Bösewichter zu gemeinschaftlichen Untaten,
Freundschaft, oder das unedle flüchtige Wohlgefallen solcher Leute, an
weiblicher Schönheit Liebe nennen?
    Unter dem Raube, den man täglich in Franzens Schloss zu gemeinschaftlicher
Teilung einführte, befanden sich auch oft junge schöne Mädchen, die Töchter der
Benachbarten, die man entweder, wenn sie einem von der ehrsamen Gesellschaft
gefielen, beibehielt, oder von ihren Aeltern durch grosse Summen auslösen liess.
Noch keine von so vielen eingebrachten Schönen hatte Franzens Herz rühren, oder
nur einen seiner Blicke an sich ziehen können; das Unglück hatte diesen
traurigen Vorzug einem Fräulein aufbehalten, die die schönste und beste von
allen ihren Gespielen, und also gewiss am wenigsten geneigt war, Franzens Anträge
gutwillig anzunehmen. Sie hiess Perchta, und da sie die Tochter des berühmten
Hans von Steegen war, so sah Ritter Franz wohl ein, dass er ehrerbietiger mit
ihr als mit andern verfahren, und sie bei ihrem Vater, der ein reicher,
angesehener, und ehrlicher Ritter war, geziemend zur Ehe fordern müsse.
    Die Geschichte erwehnt nicht, was Hansen von Steegen, der sonst einen
unüberwindlichen Abscheu gegen den raubsüchtigen Adel seiner Zeiten geäussert
hatte, bewog, seine Tochter Franzen ohne Weigerung zuzusagen, aber, so viel ist
gewiss, dass er es tat, und dass die arme Perchta nach der Sitte jener Zeiten
einwilligen musste.
    Sie ward also die Frau eines Mannes, den sie nicht lieben konnte, den sie
verabscheuen musste, eines Mannes, der zwar eine Neigung für sie fühlte, die er
Liebe nannte, die er aber auf so widrige Art äusserte, dass sie ihr zur Quaal
gereichte. Ein Weib war in seinen Augen ein Geschöpf niederer Gattung, das keine
Achtung verdiente, und was ist Liebe ohne Achtung? ein Hirngespinnst, das sich
kaum denken lässt. - Man musste so gut sein wie Perchta, um die Begegnung geduldig
zu ertragen, die sie täglich erfuhr. Doch hätte ihr Herz, das ächt und
empfindungsvoll war, den traurigen freudenleeren Zustand gewiss nicht lange
ertragen können, wenn sie nicht mitten in ihrem Elend eine Quelle des Vergnügens
entdeckt hätte, welche ihr das Leben wieder lieb machte, und sie den Stand, in
welchen sie ihr Schicksal gesetzt hatte, segnen liess.
    Täglich sah sie vor ihren Augen Schauspiele der Grausamkeiten aufführen,
die ihr Herz durchbohrten, täglich kam Franz von Menschenblute bespritzt, auf
sein Schloss zurück, täglich wurden in die Gefängnisse des Schlosses neue
Gefangene gebracht, die man, wenn sie sich nicht lösen konnten, entweder
ermordete, oder in ihren Kerkern verschmachten liess. Oft hatte Perchta ihre
bittende Stimme zum Besten dieser Unglücklichen erhoben, aber man hatte ihre
Worte nicht geachtet, sie wohl gar wegen ihrer Weichherzigkeit verspottet und
bedrohet. Sie war klug genug endlich zu schweigen, da sie sah, dass ihre Mühe
vergebens war, und diese Aenderung in ihrer Aufführung machte, dass man glaubte,
sie gewöhne sich nach und nach an die Sitte des Schlosses, und würde vielleicht
endlich noch so weit kommen, die erhabenen Gesinnungen ihres Gemahls zu
erreichen, eine Mutmassung, welche sie nicht bestritt, und die sie sehr in
Franzens Meinung erhob.
    Franz ward gefälliger gegen seine Gemahlinn; sie stellte sich habsüchtig,
und er bereicherte sie mit den Schätzen der Unterdrückten, sie gab vor, ein
Vergnügen an den angefüllten Gefängnissen zu haben, und er machte sie zur
Kerkermeisterinn seiner Gefangenen. Welche herrliche Gelegenheit zum Wohltnn
für Perchten! Sie wandte ihre Schätze auf schlaue Art an, die Unglücklichen
loszukaufen, liess es denen, die sie aus dieser oder jener Ursach länger im
Kerker behalten musste, an keiner Erquickung fehlen, schaffte die grausame
Behandlung der Gefangenen unter dem Vorwande ganz ab, dass dieselbe nur dazu
diene, die Einkünfte ihres Herrn zu schmälern, weil mancher durch dieselbe sein
Leben einbüssen müsse, dessen Loskaufung dem Schatze noch ein Grosses hätte
einbringen können. Da man anfieng viel Zutrauen in sie zu setzen, so ward es ihr
endlich auch leicht, manchen heimlich loszulassen, und ihm die Summe, die sie
auf seine Ranzion gerechnet haben würde, als Wegzehrung mitzugeben.
    Ritter Franz merkte nicht, was für einen Handel seine Gemahlinn trieb, er
beschenkte sie immer von neuem, und fragte denn wohl zuweilen nach dem Anwachs
ihrer Schätze, aber Perchta, welche jetzt sich schon eine Freiheit bei ihrem
Gemahl nehmen konnte, affektirte dann entweder den Eigensinn der Geizigen, die
aus Furcht, man möchte sie für reich halten, niemanden zeigen, was sie in ihrem
Kasten verschliessen, oder sie wandte vor, ihre Reichtümer vergraben zu haben,
oder sie hatte irgend einem Kloster eine reiche Schenkung gelobt, welche ihren
Vorrat geschmälert hatte. Franz, der die Schenkung an Klöster für ein sehr
verdienstliches Werk hielt, und es gern sah, wenn Perchta die Büssung für seine
Sünden über sich nahm, tadelte diesen Vorwand so wenig als die andern, und so
kam die edle Frau immer glücklich durch, ohne das Vermögen und die Gelegenheit
Unglückliche zu retten, welches beides allein von Franzens Zufriedenheit mit ihr
abhieng, einzubüssen.
    Eines Tages ward ein alter ehrwürdiger Mann eingebracht, den man bloss darum
gefangen genommen, und geschworen hatte, ihn übler zu halten, als alle andere,
weil er die Hoffnung seiner Räuber hintergangen, und unter dem täuschenden
Schein eines ziemlich guten Kleides, nichts als einige Kupfermünze bei sich
gehabt hatte. Perchta bat Franzen diesen betrügerischen Alten ganz ihrer
Willkühr zu überlassen, und ferner nicht nach ihm zu fragen. Die Bitte ward auf
eine Art vorgebracht, welche wenig Gutes für den Gefangenen vermuten liess, und
der Ritter gewährte sie also ohne Bedenken.
    Aber Perchta tat, wie sie gewohnt war. Die Nacht war nicht sobald
eingebrochen, so ging sie in den Kerker des Alten, sprach freundlich mit ihm,
labte ihn mit Speise und Wein, schenkte ihm viel Gold und Silber, und liess ihn
durch einen unterirdischen Gang aus dem Kerker, nachdem sie ihre gewöhnliche
Bitte an ihn getan hatte, mit welcher sie alle ihre Freigelassenen abfertigte,
er möchte doch jedermann warnen, sich nicht in den Bezirk dieses gefährlichen
Schlosses zu wagen, auch möchte er nicht vergessen, bei Gott und seinen Heiligen
für sie zu bitten, dass ihr die Sünde ihres Gemahls nicht zugerechnet, er
bekehrt, und wo möglich von weitern Versündigungen abgehalten werden möge.
    Sie stand noch mit holder Geberde vor dem Alten, und flehte mit kreuzweis
auf die Brust gelegten Händen um die Gewährung ihrer Bitte, da dünkte es ihr,
als sähe sie wie das Gesicht desselben sich verklärte, sein Gewand anfienge zu
schimmern, und seine ganze Gestalt in Lichtglanz zerflösse. - Ich bin Sankt
Peter, der Schutzheilige der Gefangenen, tönte ihr eine äterische Stimme zu,
ich hörte, was du für die Meinen tatest, ich kam herab, die Wahrheit des
Gerüchts zu prüfen, ich habe dich rein und lauter erfunden, wie die Engel
Gottes, und verspreche dir zur Belohnung deiner Frömmigkeit, die Gewährung einer
Bitte, die du einst an dieser Stelle tun musst. - - Es war eben die Stelle, wo
die hohe Säule steht, die ihr, meine Kinder wohl kennt, und deren ich im Anfang
gedachte.
    Perchta sah der schimmernden Gestalt nach, wie sie in der Luft zerfloss, nahm
ihre Laterne, die verloschen war, von der Erde auf, hüllte sich mit einem
kleinen Schauer in ihren Mantel, und wandelte den unterirdischen Gang zurück
nach ihrer Wohnung, ohne dass sie sich recht besinnen konnte, ob das, was ihr
begegnet war, Wahrheit oder Traum sei.
    Sankt Peter musste die Bitte der edeln Frau wohl zu Herzen genommen haben,
denn von diesem Tage an kam die Nahrung des Ritters Franz von Reutlingen sehr in
Verfall. Die Gegend um das Schloss ward eine Wüste, alle Menschen flohen diesen
Bezirk, als ob sie vom geheimen Schrecken zurück gescheucht würden; verirrte
sich denn noch ja ein Wanderer in Franzens Gebiet, so misslungen die Anschläge
auf ihn gemeiniglich, so dass Perchtens Gefängnisse ganz leer wurden, und sie
weder jemand zu verschliessen, noch freizulassen hatte; aber Ritter Franzens
Schatzkästen wurden es auch, und er fieng an, sich jetzt mehr als vordem nach
den Vorräten seiner Gemahlinn umzusehen.
    Perchtens Weigerungen und alle ihre vormals gültigen Entschuldigungen waren
vergebens, es wurden ihr alle ihre Schlüssel abgefordert, und eine Untersuchung
angefangen, für welche die arme Dame zitterte, denn sie wusste wohl, dass ihre
Wohltätigkeit alle Kästen geleert hatte, und ihr boshafter Gemahl nichts finden
würde.
    Sie war voller Angst in den Garten gegangen um daselbst ihr Schicksal, das
sie wohl absehen konnte, abzuwarten. Aber wie gross war ihr Erstaunen, als sie
nach Verlauf einer Stunde Ritter Franzen freundlich und heiter eintreten, und
sie zum erstenmal seit ihrem Hochzeittage, mit einiger Zärtlichkeit umarmen
sah. - Perchta, sagte er, du hast wohl hausgehalten, ich sehe, du bist eine so
gute Schatzmeisterinn als Gefangenwärterinn; aber du darfst nicht denken, dass
ich dir alle deine Schätze nehmen will, hier gebe ich dir indessen einen Teil
derselben wieder, es wird ohngefähr der zwanzigste Teil dessen sein, was ich
bei dir gefunden habe. Perchta sah ihren Gemahl mit grossen verwundrungsvollen
Augen an, sie öfnete den ihr wohlbekannten Beutel, den er ihr in die Hand legte,
und fand ohngefähr eben das an Quantität und Gehalt darin, was sie ehemals
Sankt Petern auf die Reise gab, und das nicht wenig gewesen war. Sonderbar,
sagte Ritter Franz, dass du alles in solcher schöner Ordnung, alles in solchen
schönen Beuteln, und in solchen guten und egalen Münzsorten aufbewahrt hast;
fast möchte es mich dauern, dir deine kleine Götzen genommen zu haben.
    Perchta schwieg, wie man denken kann, und dankte in der Stille ihrem guten
Freunde Sankt Petern, welcher, wie sie leicht erriet, der Urheber dieses Segens
war. Sie wandte ihren Schatz zum Wohltun an, und wunderte sich sehr, ihn nie
abnehmen zu sehen. Nicht so Ritter Franz; er brauchte nichts von dem Seinigen
zum Wohltun und doch waren seine neunzehn Beutel längst leer, da Perchta den
ihrigen noch nicht geöfnet zu haben schien.
    Die Sachen auf dem Schloss fiengen nun an ein trauriges Ansehen zu
gewinnen, Franzens Schätze waren verzehrt, und mit ihnen war auch seine gute
Laune dahin. Der heimliche Schatz seiner Gemahlinn schützte zwar das Haus vor
Mangel, aber sie trug billiges Bedenken, ein einiges Goldstück aus ihrem
gesegneten Beutel zur Ueppigkeit anzuwenden, und ohne Ueppigkeit und Schwelgerei
konnte ihr Gemahl nicht leben. Zudem zog sich ein Ungewitter von der andern
Seite auf. Der Kaiser hatte lange zu den Raubereien seines Adels geschwiegen,
jetzt erwachte er, dem Unrecht zu steuren, und Ritter Franz stand oben an auf
der Liste der Verbrecher.
    Nicht lange, so sah man Reutlingens Schloss von den Kaiserlichen umringt,
und obgleich Franz alle seine Freunde und Helfer um sich versammelt hatte, und
ein gutes Vertrauen auf seine alte Veste setzte, die schon manchen Angrif
unerobert ausgehalten hatte, so siegte doch diesesmal die grössere Macht, und die
gute Sache. Reutlingens Raubgenossen fielen fast alle im Streite, und Franz ward
gefangen und in einen von den Kerkern seines eigenen Schlosses geworfen, in
welchem er ehemals so manchen Unglücklichen hatte verschmachten lassen.
    Frau Perchten begegnete man mit Achtung; es waren unter den Kaiserlichen
einige, welche vormals in Reutlingens blutgierige Hände gefallen, und von ihr
gerettet worden waren. Sie priessen ihr Lob gegen ihren Anführer, und man gestand
ihr zur Belohnung ihrer guten Taten, die Freiheit zu, im Schloss zu schalten,
als ob sie noch Gebieterinn desselben sei. Ihre Schönheit fand noch mehr
Bewunderer als ihre Tugend, aber sie zog sich sittsam zurück, und bat, als man
ihr eine Bitte freigab, um nichts als um die Erlaubnis das Gefängnis mit ihrem
Gemahl zu teilen. Seine Freiheit zu erbitten, hatte sie schon vergebens
gestrebt, und als die weibliche Schwachheit sie zu dem Einfall verleitete, ob
die Loslassung ihres Gemals sich nicht mit Gelde erkaufen liess, fand sie ihren
Beutel leer. Sie sann darauf, ob Franz sich nicht mit List durch den
unterirdischen Gang davon bringen liess, aber jeder Versuch, den sie machte, ward
vereitelt, und als sie wirklich einmal die Wachsamkeit seiner Hüter getäuscht,
und Franzen schon an den Eingang dieses düstern Weges gebracht hatte, so fand es
sich, dass er weiter hin verfallen war, und auch in den Gegenden, wo man sich
allenfalls hätte durcharbeiten können, den Einsturz drohte, so dass Franz, der in
diesem Augenblick Leben und Freiheit gegen einander abwog, und diese gegen jenes
zu leicht fand, lieber in seinen Kerker zurück kehrte, als sich der Gefahr
erschlagen zu werden, die seine treue Gemahlinn gern mit ihm geteilt hätte,
aussetzen wollte.
    Noch ein Mittel zu Franzens Rettung war Perchten übrig. Sie wusste, dass ein
Gebet an der Stelle, wo Sankt Peter ihr erschienen war, erhört werden würde,
denn er, der bisher so treu in seinen Verheissungen erfunden worden war, hatte es
ihr zugesagt; sie sehnte sich dahin um für ihren Gemahl zu bitten, aber wie
sollte sie dahin gelangen? Der Ausgang aus dem Schloss ward ihr auf keine Art
verstattet, und der unterirdische Weg an den heiligen Ort war verschüttet.
    Doch nahm sie ihr Leben in die Hand, wagte sich in einer Nacht in die
verfallene Gruft, und hofte sich durch Schutt und Trümmer endlich durcharbeiten
zu können, um ihre fromme Absicht auszuführen; aber so leicht ihr auch der Weg
ward, vor welchem ihr mit Recht hätte bange sein können, so schlug ihre Hoffnung
doch auf andere Art fehl. Zwar fand sie den Gang so gänzlich von Schutt und
Steinen geräumt, und die Gewölber so fest, dass sie auf die Gedanken kam, die
Kaiserlichen hätten diesen geheimen Ausweg gefunden, und ihn zu ihrer eignen
Bequemlichkeit wieder hergestellt, aber sie ward durch die wenigen
Beschwerlichkeiten die ihr aufstiessen, nichts gebessert, denn es war ihr
unmöglich den Ausgang zu finden, sie irrte die ganze Nacht in den verschlungenen
Gängen und Nebenhöhlen umher, und kehrte endlich gegen den Morgen traurig in
ihre Wohnung zurück. So werden denn, schrie sie mit tränenden Augen, alle meine
Bemühungen den Unglücklichen zu retten vereitelt? - ach ich merke es wohl, eine
unsichtbare Hand ist hier mit im Spiele, und es bleibt mir nichts mehr übrig,
als nach der Pflicht einer treuen Gattinn das Schicksal desjenigen zu teilen,
mit welchem der Himmel mich nun einmal verbunden hat.
    Hier war es, wo sie von dem Anführer der Kaiserlichen die Erlaubnis erbat,
bei ihrem Gemahl im Kerker leben zu dürfen. Man bewunderte ihre Treue, und
entliess sie an den Ort, den sie sich selbst gewählt hatte. Die Anbeter ihrer
Schönheit waren doch nicht besser daran, wenn sie auch frei war; denn ihre
Eingezogenheit entzog sie ihrem Anblicke, sie mochte sich nun auf ihrem einsamen
Zimmer oder in dem Kerker ihres Mannes befinden.
 
                         Sieben und dreissigstes Kapitel
                                 Ein Intermezzo
So weit war ich in meiner Erzählung gekommen, als der Oberste von Wilteck sich
bei mir melden liess. Seit meines Mannes Abreise nach Berlin hatte ich allen
Umgang mit dem hochadelichen Hause aufgehoben; meine liebe Frau von Wilteck war
nicht gegenwärtig, und ihr Gemahl, nebst dem Obristen, waren nie Leute nach
meinem Geschmack gewesen. Auch hatten sie in meiner gegenwärtigen Einsamkeit
mich nie mit ihren Besuchen beunruhigt, und ich wunderte mich um so vielmehr,
dass ich heute einen erhalten sollte.
    Der Vorwand, unter welchem der Oberste zu mir kam, war ein Brief von meinem
Mann aus Berlin, aber die Ungeduld, mit welcher er strebte ein gewisses Gespräch
anzufangen, und die Weitläuftigkeit, mit welcher er sich bei demselben aufhielt,
liess mich es bald begreifen, dass das erste nur die Nebenursach seines Kommens
war.
    Fast ohne alle Veranlassung, ohne allen Eingang, brachte er das Gespräch auf
seinen Neffen, den Lieutenant Wilteck, sagte viel zu seinem Lobe, wobei er
Hannchen unablässig ansah, und schloss endlich mit der Nachricht, er sei unter die
- schen Truppen gegangen, und werde mit denselben nächster Tage sich nach
Amerika einschiffen. Schon jetzt hat er den Charakter als Hauptmann, sagte er,
und wie hoch kann er sich in den vier oder fünf Jahren bis zu seiner Rückkunft
schwingen? er ist in aller Absicht ein hofnungsvoller junger Mensch, der seiner
Familie Ehre machen wird, und Amerika ist recht der Ort, wo er etwas versuchen,
und sich mit Reichtümern beladen kann, um in seinem Vaterlande glänzen, und
nach der Hand des schönsten und vornehmsten Fräuleins streben zu können.
    Ich hörte nicht weiter auf des Menschen albernes grundloses Gewäsch, sondern
sah nur Hannchen verstohlen an, welche noch in der Stellung, mit geschlossenen
Augen in ihrem Stuhl zurück gelehnt da sass, die sie bei des Obristen Eintritt
angenommen hatte. Ihre zunehmende Blässe bezeigte, was der eben gehörte Vortrag
für einen Eindruck auf sie machte. Ich ward in dem Augenblicke in der Meinung
bestärkt, dass ihre Liebe zu dem jungen Wilteck, und das Missfallen, welches das
vornehme Haus an derselben gehabt haben mochte, sie wieder in die Arme ihrer
Mutter getrieben hatte. Es war ja offenbar, dass der boshafte Obriste seine
Neuigkeiten nur darum so ungebeten auskramte, um Hannchen zu kränken, und ihr
alle Hoffnung zu der hohen Verbindung abzuschneiden.
    Die Mamsell Tochter sind wohl sehr unpass, sagte der Oberste wieder mit einem
hämischen Blick auf Hannchen, nachdem er noch eine lange Weile ununterbrochen
und von mir fast unbemerkt fortgeplaudert hatte. Ja in der Tat, erwiederte ich,
indem ich aufstand, ich glaube sie bedarf Ruhe, und es scheint noch nicht, als
wenn der einförmige Ton des Gesprächs sie in Schlummer wiegen wollte. Welches
ich von Herzen gern glaube, antwortete der abscheuliche Schwätzer mit einem
höhnischen Lächeln, indem er gleichfalls aufstand, um sich zu empfehlen. - Gern
hätte ich ihm zum Abschied noch etwas bitteres gesagt, aber ich hielt es für
besser zu schweigen, und gar nicht beleidigt zu scheinen; im Grunde wusste ich
auch noch zu wenig von der rechten Lage der Sache, um einsehen zu können, wohin
ich die meiste Stärke meines Unwillens wenden sollte.
    Wir waren nun wieder allein, und ich winkte Julchen das Zimmer zu verlassen,
weil ich den gegenwärtigen Augenblick für die schicklichste Zeit hielt, endlich
von Hannchen Auskunft über so viel verborgene Dinge zu erhalten.
    Sage mir, um Gottes willen, rief ich, nachdem ich sie eine Weile angesehen
hatte, wie sie so vor mir sass und die Tränen unter ihren geschlossenen
Augenliedern hervordrangen, sage mir, was soll ich aus deinem seltsamen Zustande
machen? was ist mit dir, während deines Aufentalts in dem Wilteckischen Hause
vorgegangen? Dein Hass gegen die meisten, und deine Neigung gegen Einen aus
diesem Hause ist offenbar. Ich will dir das Geständnis ersparen, du liebst den
Lieutenant und er dich vielleicht auch, eure Leidenschaft wird von seinen
Verwandten gemissbilligt, und man sucht euch von einander zu trennen; sprich, ist
dieses nicht der Gegenstand deines Kummers? Hannchen antwortete mir mit einem
bejahenden Hauptwink, denn sie vermochte vor Tränen nicht zu sprechen.
    Aber, bestes Mädchen, fuhr ich fort, bedenke doch, ob dieses eine
hinlängliche Ursache ist, dir das Herz abzunagen! bedenke doch, wie viel Dinge
in der Zukunft möglich werden, die wir jetzt ganz aufgeben müssen. Lass doch den
jungen Menschen einige Jahrlang in der Welt sein Glück versuchen, er kommt ja
zurück, und ist er dir denn noch treu so - oder zweifelst du an seiner Treue? -
oder fürchtest du für die Gefahren, die auf der weiten Reise seinem Leben drohen
könnten? Deine Winke bedeuten mich, dass dieses nicht der Grund deiner Unruhe
ist, nun so sprich, was ist es denn; entdecke dich doch einer Mutter, die dich
so sehr liebt, die Trost und Hoffnung für dich in Überfluss hat.
    Sie warf sich um meinen Hals, und fuhr fort zu weinen, ich begleitete ihre
Tränen mit den meinigen, denn ihr Kummer durchbohrte mein Herz. Endlich riss sie
sich von mir los, küsste meine Hand, und bat mich, ihr Frist bis morgen zu geben,
da sie sehen wollte, ob sie sich zu einer umständlichen Erzählung ihrer Leiden
ermannen könne.
    Ich drang nicht weiter in sie, sondern setzte alle meine Hoffnung auf den
morgenden Tag, aber er erschien, er verlief mehr als zur Hälfte, und Hannchen
blieb stumm. Gegen Abend, da ich mich eben gefasst machte ihr noch einmal
ernstlich zuzureden, bat sie mich, doch Julchen rufen zu lassen, und ihr die
Geschichte des vorigen Tages vollends zu erzählen.
    Ich zuckte die Achseln mit einer unwilligen Miene: denkst du mich zu
bereden, fragte ich, dass du in deiner jetzigen Verfassung Geschmack an einem
Kindermährchen finden könnest? - Gönnen sie mir, antwortete sie, doch nur noch
diese kleine Erholung, diesen kleinen Aufschub, ehe ich mich an eine Erzählung
wage, vor welcher mir so bange ist, welche alle Wunden meines Herzens wieder
aufreissen wird, welche vielleicht - -
    Eben trat Juchen herein, und unser Gespräch ward unterbrochen. Ich ward von
beiden an die Fortsetzung der Geschichte erinnert, und ich fieng halb gezwungen
an dem Orte an, wo ich des vorigen Tages aufhören musste.
 
                          Acht und dreissigstes Kapitel
              Fortsetzung des Märchens vom Ritter von Hohenweiler
Perchta konnte mit Recht hoffen, ihre Gegenwart würde ihrem Gemahl eine Art von
Linderung sein; und hätte er auch weiter keinen Vorteil von derselben gehabt,
als die Freiheit, seinen Kummer in ihren Schoos auszuschütten, so wär schon
dieses genug gewesen. Du weisst es, mein Hannchen, wie süss es ist alle
Geheimnisse seines Herzens mit einer Person zu teilen, die uns liebt und zu
trösten sucht.
    Diese Bemerkung war ein wenig zu gesucht. Ritter Franz hatte seiner Frau
keine Geheimnisse zu entdecken, und es war offenbar, dass diese Stelle bloss um
der Zuhörerin willen da war, ein Blick von Hannchen sagte mir, wie gut sie mich
verstünde, und ich fuhr fort.
    Reutlingen war indessen nicht der Mann, der Geschmack an solchen Ergiessungen
des Herzens hatte, sein Charakter war zu rauh und hart, weder Rat noch Trost
fand bei ihm Eingang, und erst nach vieler Mühe machte ihm seine Gemahlin
begreiflich, dass er sich in seiner gegenwärtigen Verfassung durch nichts retten
könnte, als durch Demütigung vor dem Kaiser, und durch Ausführung eines Plans,
den sie ihm vorlegte.
    Was man auch, sagte sie, an eurem bisherigen Leben mag tadeln können, so ist
doch so viel gewiss, dass ihr ein tapferer Mann seid. Der Kaiser weis tapfere
Leute zu schätzen, und wenn ihr euch gegen ihn bezeugt, wie ihr es eurem Herrn
schuldig seid, und mit Bezeugung einiger Reue wegen des Vergangenen um
Kriegsdienste bittet, so wird er nicht ermangeln, euch ein kleines Heer
anzuvertrauen, mit welchem ihr eure Tapferkeit beweisen, und euch seine Gnade
erwerben könnt. Bedenkt doch, dass im Kriege auch Beute zu machen ist, und dass
man durch die Taten gegen einen rechtmässigen Feind, noch über dies Ruhm und
Ehre erwirbt, ein Gut, welches euch euer Schwerdt bisher noch nicht hat gewinnen
können.
    Reutlingen hiess seine Frau von Dingen schweigen, die sie nicht verstünde,
sann hin und her, fand keinen Ausweg aus seinem Elend, und ergriff endlich doch
den Rat der weisen Perchta.
    Der Kaiser war gnädig, er verziehe Franzen, und machte ihn, nach einigen
nötigen Vorkehrungen zu Versicherung seiner Treue, zum Anführer eines
Geschwaders, welches er seinem Sohne, der eben wider die Bayern zu Felde lag,
nachsenden wollte.
    Reutlingens Schloss blieb als Unterpfand in den Händen des Kaisers; man
wollte Frau Perchten zwar aus besonderer Milde erlauben, in Abwesenheit ihres
Gemahls darauf zu hausen, aber ihr Vater, Hans von Steegen, fand dieses
unziemlich für eine so junge und schöne Frau, wie seine Tochter war; er nahm sie
zu sich, und brachte sie weit von hier in ein Kloster, um daselbst Ritter
Franzens Rückkunft zu erwarten. - Ihre Abreise ging so eilig vor sich, dass sie
nicht einmal Zeit hatte, wie sie gesonnen war, erst an Sankt Peters Stelle, so
pflegte sie den heiligen Ort zu nennen, wo ihr der Heilige die Gewährung einer
Bitte versprach, für das Glück ihres Gemahls zu flehen.
    Reutlingen hatte im rechtmässigen Kampfe nicht so viel Glück als bei seinen
Raubereien. Er verrichtete zwar genug tapfere Taten, aber sie nutzten ihm
wenig; andere wussten sie sich zuzueignen, andere nahmen den Ruhm und den
Vorteil dahin, und ihm blieben Wunden und verstümmelte Glieder zur Belohnung.
Mit einem zerhauenen Arm und einem gelähmten Schenkel kehrte er aus dem Felde
zurück, ärmer als er zuvor war, und wegen übel geheilter Wunden, nicht einmal im
Stande, Teil an dem Siegsfeste zu nehmen.
    Der Kaiser war gerecht, er beklagte den, der bei den wenigen Schritten, die
er auf dem Wege der Tugend getan hatte, so schlechtes Glück fand; er redete
freundlich mit ihm, er bot ihm ruhige Dienste an seinem Hofe an, er erhob ihn,
als er dieses mürrisch ausschlug, zur Belohnung seiner Kriegstaten, die er doch
nicht einmal alle kannte, in den Grafenstand, und liess ihn wieder heim auf sein
Schloss ziehen, welches er in seiner Abwesenheit hatte bessern und ausbauen
lassen, und das er jetzt mit ansehnlichen Freiheiten beschenkte, so dass Franz
auf demselben gar wohl leben konnte.
    Perchta verliess mit schwerem Herzen ihr ruhiges Leben im Kloster, und eilte
zu ihrem Gemahl, von welchem sie glaubte sich nicht anders trennen zu dürfen,
als wenn er sie selbst verstiess. Ihr Empfang war noch schlechter als sie ihn
erwartet hatte. Reutlingen war ein düstrer Menschenfeind geworden, keine Freude
war für ihn mehr auf der Welt, und selbst das, was ihm bei seinem bösen
unverbesserlichen Herzen, noch einiger Trost gewesen sein würde, die Macht Böses
zu tun, selbst dieses fehlte ihm. Seine Kräfte waren geschwächt, seine Glieder
verstümmelt, seine Schätze verflogen, er war weder fähig sein altes Raubhandwerk
wieder vorzunehmen, noch seinen heimlichen Groll gegen den Kaiser auszulassen,
den er ungeachtet seines gnädigen Verfahrens gegen ihn, den Urheber seines
Unglücks nannte.
    Perchta litt am meisten bei seinen fürchterlichen Launen, sie nannte er die
Urheberinn seines Unglücks, sie war die einige, die er nach Wunsch quälen, und
alles Gift das in seinem Herzen war, über sie ausströmen konnte. Geduld einer
Heiligen gehörte dazu, seine Grausamkeit zu ertragen. Ihr einiger Trost war das
Gebet, und die Gesellschaft einer gewissen Römhild, die sie im Kloster kennen
gelernt, und sie mit sich genommen hatte, weil es ihr unmöglich dünkte, sich von
dieser ihr so nahe verwandten Seele zu trennen.
    Römhild, ein Fräulein aus einem unbegüterten aber vornehmen Geschlecht, war
an Tugend, Schönheit und Unschuld das vollkommene Ebenbild von Reutlingens
Gemahlin; sie war ihr ungern in die Welt gefolgt, weil nur das Kloster Reize für
sie hatte, die Freundschaft für Perchten machte ihr indessen dieses Opfer
leicht, und sie bemühte sich, um ihr Gelübde auf keine Art zu brechen, selbst
auf Franzens Schloss ein klösterliches Leben zu führen. Reutlingen selbst bekam
sie nur selten zu sehen, auch machte ihr Anblick keinen andern Eindruck auf ihn,
als den, den jetzt jedes menschliche Wesen auf sein verwahrlostes Herz zu machen
pflegte. Römhild war schön und gut, sie war Perchtens Freundinn; Grund genug für
Franzen sie zu hassen, und auf ihr Verderben zu sinnen. Der Trieb Böses zu tun,
wozu es ihm doch in den meisten Fällen an Vermögen fehlte, war jetzt so heftig
in ihm geworden, dass er darauf dachte, ihn zu befriedigen, es möchte geschehen,
auf was Art es wolle.
    In jenen finstern Zeiten des Aberglaubens gab es genug Leute, die sich für
Zauberer ausgaben, oder vielmehr, um mich nicht zu sehr von dem Ton meiner
Geschichte zu entfernen, die es wirklich waren. Reutlingen zog insgeheim die
berühmtesten seiner Gegend an sich, um von ihnen die schreckliche Kunst zu
lernen, bei wenigen Kräften viel Böses zu tun. Er erwartete grosse Dinge von
seinen abscheulichen Lehrmeistern; er hofte durch ihre Hilfe sich an dem Kaiser
und an der ganzen Welt, von welcher er sich verkannt und vernachlässigt glaubte,
zu rächen, aber alles was ihm diese armseligen Bösewichter gewähren konnten, war
Unterricht in einigen verborgenen Künsten von der geringsten Art, die ihn zu
einem Unglücksstifter in einer weit kleinern Sphäre machten, als er sich
wünschte.
    Perchta kam hinter das gottlose Vorhaben ihres Mannes, sie hoffte es zu
hintertreiben, oder wenigstens seine Folgen zu schwächen. Sie wusste, dass eine
gewisse Nacht zu Franzens feierlicher Aufnahme in die Geheimnisse der schwarzen
Kunst bestimmt war. Sie erfuhr, dass der Ort, wo das schreckliche Fest gefeiert
werden sollte, unter freiem Himmel, dass es kein anderer als derjenige war, den
sie Sankt Peters Stelle zu nennen pflegte. Mit verneutem Mut entschloss sie
sich, selbst bei der Feierlichkeit gegenwärtig zu sein, und das auszuführen, was
sie beschlossen hatte.
    Die Nacht erschien. Franz entfernte sich mit seinen Helfern vom Schloss.
Perchta schlich sich durch den unterirdischen Gang an den Ort, wo sie wusste, dass
sie ihren ruchlosen Gemahl finden würde. Es war ihr diesen Abend besonders
schwer geworden, Römhilden, die von diesen Dingen nichts erfuhr, von ihrer Seite
zu entfernen, sie hatte sich verspätigt; die den Geheimnissen der Magie geweihte
Stunde war bereits verflossen, da sie auf Sankt Peters Stelle anlangte. Sie
hörte nur noch die letzten Worte des Beschwörers, in welchen er Franzen mit
umumschränkter Macht, Böses zu tun bekleidete, so dass weder Engel noch Heiliger
im Stande sein sollen, seine Absichten zu hindern.
    Perchta schauerte in sich zurück vor dem schrecklichen Klange der Worte; sie
sah, dass sie zu spät kam Böses zu hindern, aber sie fühlte, dass sie es
wenigstens in ihrer Macht hatte, es zum Guten zu kehren. Sie dachte an die freie
Bitte, die ihr Sankt Peter gewährt hatte, sie sank auf der heiligen Stelle
nieder, und flehte zu Gott, dass alles Böse, das ihr ruchloser Gemahl tun würde,
zum Besten derer, denen er zu schaden suchte, gewendet werden möge. Sie fühlte
die Versicherung der Erhörung in ihrem Herzen, stand auf, eilte in das Schloss
zurück, und legte sich ruhig an Römhilds Seite schlafen.
    Ihre Ruhe dauerte nicht länger als ihr Schlaf, denn schon der andere Morgen
liess sie Nachrichten von Unglücksfällen hören, welche vielleicht die Erstlinge
von Franzens neuerlernter Kunst waren. Einem benachbarten Ritter, den Reutlingen
besonders hasste, war sein schönes Schloss abgebrannt; und der hoffnungsvolle Sohn
eines andern war, als er in der ersten Morgendämmerung über den Strom gehen
wollen, von der Brücke gefallen und ertrunken.
    Reutlingen lachte und sprach, er habe ja selbst nichts als ein altes
verödetes Schloss, welches seinetwegen heute abbrennen möchte; auch habe ihm das
Glück nie Kinder gegönnt, er glaubte also wohl, dass andere das auch missen
könnten, was er entbehren müsste.
    Jeder neue Tag überzeugte Perchten, dass es mit Franzens Gabe Böses zu tun,
kein Scherz sei; sie wusste nicht, auf was für Art er seine unselige Kunst
ausübte, aber dass alles Unheil in der Gegend des Schlosses von ihm her kam, war
offenbar, war schon dadurch genug erwiesen, dass dasselbe immer besonders
diejenigen traf, die sie liebte. Ein kleines Mädchen, ihre Pate, die sie
zuweilen um ihre Schönheit gelobt hatte, ward von scheusslichen Blattern
entstellt, die ihr fast so wenig äusserlichen Reiz überliessen, als dem armen
Julchen. Eine andere von ihren Freundinnen, welche sie im Begriff stand mit
einem liebenswürdigen jungen Menschen zu verheiraten, ward von ihrem Bräutigam
getrennt; er ward in fremde Lande getrieben, und die Arme behielt nach ihren
Gedanken wenig Hoffnung übrig ihn jemals wieder zu sehen. Solche Posten bekam
sie alle Tage, und ihr edles empfindungsvolles Herz litt unaussprechlich dabei.
Ach Sankt Peter! rief sie oftmals in halber Verzweiflung aus, wo sind deine
Versprechungen? wo die Erhörung meiner Bitte? wo ist auch nur eine Spur, dass das
gestiftete Böse zum Guten verkehrt worden sei?
    Gab es noch etwas, das sie zu trösten vermochte, so war es Römhilds Umgang.
Zwar zitterte sie oft nur ihren Namen zu nennen, es sich nur auf die
entfernteste Art merken zu lassen, wie sehr sie sie liebte, weil sie fürchtete,
dass ihre Freundin eben um ihrer Liebe willen einst würde leiden müssen; zwar
fehlte es nicht an Beweisen, dass man wirklich Böses wider Römhilden vorgehabt
habe, aber immer war es, als wenn eine unsichtbare Macht für sie wachte, und
alles was zu ihrem Nachteil gereichen konnte, vereitelte.
    Auch war Reutlingen wirklich in Verlegenheit, auf welcher Seite er Römhilden
recht empfindlich angreifen sollte. Ihre Schönheit achtete sie nicht, sie war
arm und hatte also nichts zu verlieren, und was ihr Leben anbelangt, so glaubte
Franz nicht, dass ein Mädchen, welches Mut genug hatte sich dem Kloster zu
widmen, für dem Tode beben könne. Nur ein Gut hatte sie, das ihr über alles
teuer war, und dieses war ihre Tugend, aber wie war es möglich ihr dieses
einige wahre und ewige Eigentum der Seele wider ihren Willen zu rauben?
Reutlingen wusste wohl, dass keine Zauberkraft vermögend ist, uns auf den Weg des
Lasters zu leiten, wenn wir ihn nicht selbst freiwillig wählen. - Er dachte über
diesen Gegenstand nach, und nahm seine Massregeln.
    Franz glaubte schon seit einiger Zeit eine schwache Seite an Römhilden
entdeckt zu haben. Seit dem Tage, da er Conraden, einen jungen Edelknaben, in
seine Dienste genommen hatte, liess Römhild sich öfter als sonst sehen; sie
schien sich zu freuen, dass die Blicke des schönen Jünglings sich oft und
zärtlich auf sie richteten; sie schmückte sich um ihm zu gefallen, suchte seine
Gegenwart auf, hörte seine schmeichelnden Gespräche an, und schien ihre
Bestimmung ganz zu vergessen. Mit höhnischer Schadenfreude sah Reutlingen die
Schwachheit der frommen Nonne, wie er sie zu nennen pflegte, er glaubte gewonnen
zu haben, er stellte sich als den besten Freund der Liebenden, er verschafte
ihnen alle Gelegenheit sich zu sehen, und auf diese Art gelang es ihm Römhilden
zur Verbrecherin zu machen, Römhild fiel -
    Römhild fiel? schrie Hannchen mit zusammengeschlagenen Händen. Ja,
antwortete ich, und ihr Vergehen durchbohrte das Herz ihrer Freundin, sie
fühlte, was ich im ähnlichen Fall fühlen würde. Alle Mässigung verliess Perchten,
sie überhäufte Franzen, den sie den Urheber auch dieses Unglücks nannte, und ihn
auf gewisse Art so nennen konnte, mit Vorwürfen. Sie brachte ihren Gemahl, den
ohnedem die beständige Ausübung böser Taten halb des Verstandes beraubt hatte,
durch ihre Vorhaltungen dermassen auf, dass er seinen Dolch zuckte und ihr ihn ins
Herz stiess; sie fiel leblos zu seinen Füssen nieder, und ihr Tod war, wie die
Geschichte sagt, das erste Signal zu seiner Besserung. Reue und Schrecken über
das, was er getan hatte, streckte ihn dem Anschein nach eben so leblos zu
Boden, als seine ermordete Gemahlin, und er erwachte nur zu nie versiegenden
Tränen.
    Eine andere Epoche von Franzens Leben fieng jetzt an. Seine vorige Taten
begannen sich ihm in ihrem wahren Lichte zu zeigen; er verabscheute sich selbst,
und wünschte das Geschehene ungeschehen zu machen. Alle seine Verbrechen
stellten sich seiner Seele in ihrem schrecklichsten Lichte dar, und - doch es
wär eine zu mühsame Arbeit, einem Ruchlosen durch alle Stufen seiner Reue und
Besserung zu folgen. - Genug sei es, dass die Sage berichtet, Franz habe sich
wirklich gebessert, und sei, welches mir fast unglaublich dünkt, auch endlich
dahin gekommen, seine vorigen Untaten aus den Gedanken zu bringen, und sich
darüber zu beruhigen. Das vornehmste Mittel seiner Beruhigung soll eine
Erscheinung seiner verklärten Gemahlinn gewesen sein, die ihn wegen der
begangenen Verbrechen und ihrer Folgen zu trösten strebte. Reutlingens Religion
legte ihm körperliche Büssungen seiner Verbrechen auf; eine derselben war, dass er
Tag und Nacht auf Sankt Peters Stelle, wo er ehemals das ruchlose Gelübde der
Bosheit tat, verweilte, und sich dem Frost, der Hitze und allen
Ungemächlichkeiten der Witterung aussetzte. Einsmals als er in einer mondhellen
Nacht auf dieser Stelle eingeschlummert war, ward er plötzlich durch einen Glanz
erweckt, der den Glanz des Mondes, der ihn umstrahlte, noch weit übertraf.
Perchta stand vor ihm in himmlischer Gestalt. Traure nicht mehr, lieber Franz,
redete sie ihn an, quäle dich nicht mehr mit unnötigen Büssungen; das Bestreben,
das getane Böse durch gute Handlungen zu vergüten, ist das beste Zeichen der
Reue, das du dem Himmel geben kannst. - Kann dein Gram über deine begangenen
Verbrechen durch die Vorstellung gemildert werden, dass sie denen, die du zu
betrüben suchtest, bei weitem nicht den Schaden taten, den du ihnen zudachtest,
dass sie vielmehr zum Guten verkehrt wurden, so vernimm das, was auch ich auf
dieser Welt nicht einsah, und nun erst in einem bessern Leben erfahren habe. -
Ach Gott, war nicht selbst mein Tod das Mittel zu meiner jetzigen
Glückseligkeit, und zur Bekehrung meines Gemahls?
    Auf einmal öfnete sich vor Reutlingens Augen eine weite Aussicht. Alle
Personen, wider die er sich jemals vergangen hatte, giengen vor ihn über, und
ihre Schicksale, die er zu verwirren gestrebt hatte, entwickelten sich ihm. Die
Gesichte, die er wie das Märchen sagt, damals hatte, müssen länger als eine
Nacht gedauert haben, so zahlreich waren sie. Ich will nur einige Beispiele von
dem wählen, was uns bereits bekannt ist.
    Eins von Reutlingens ersten Gesichten war, wie der Ritter dessen Schloss
durch die Macht der schwarzen Kunst in Brand gesteckt wurde, unter den Trümmern
seines Hauses einen Schatz fand, der ihn in den Stand setzte nicht allein
dasselbe weit schöner als zuvor aufzubauen, sondern auch der Wohltäter der
ganzen Gegend zu werden. Der frühe Tod des ertrunkenen Jünglings, ersparte ihm
den Gram seinen Vater, an dem sein Herz hieng, langsam und schmerzhaft sterben,
und seinen Freund und seine Geliebte untreu werden zu sehen. Das junge Mädchen,
deren Liebhaber aus ihren Armen gerissen wurde, sah ihn in wenig Jahren treu und
zärtlich wiederkehren; er war schöner und besser als zuvor, seine
Standhaftigkeit war geprüft, seine Tugend bewährt, er machte seine Geliebte ganz
glücklich, glücklicher als sie ohne die Trennung von ihm geworden sein würde.
    Und die Kleine? fragte Julchen, welche? sagte ich - Je nun, fuhr sie fort,
sie wissen schon, die mit den Blattern. Ach diese! sprach ich lächelnd; sie war
ehe sie ihre Schönheit verlor, auf gutem Wege verdorben zu werden, sie war
leichtsinnig, unfleissig und eitel, nun, da sie wusste, dass sie sich auf nichts
verlassen konnte, als auf Tugend und wahre Verdienste, strebte sie so unablässig
nach guten Eigenschaften, dass sie das vortreflichste Frauenzimmer ihrer Zeit
wurde, und dass man, wenn man sie handeln sah und reden hörte, nicht einen
Augenblick daran dachte, ob sie schön oder hässlich sei.
    Julchen schlug freudig in die Hände, und wollte noch etwas sagen, aber
Hannchen unterbrach sie, indem sie mich bei der Hand fasste, und traurig fragte:
Und Römhild, die arme Römhild was ward aus dieser?
    Da sie, antwortete ich, nicht durch Franzens Zaubereien, sondern durch
eigenes Versehen unglücklich war, so kam auch ihre Gestalt nicht mit unter den
Erscheinungen vor, die Perchta ihren Gemahl sehen liess, doch sagt die
Geschichte, auch sie habe sich gebessert, und sei glücklich geworden.
    Aber sagte Hannchen, diese Römhild, liebe Mutter, sie haben sie doch wohl
nur aus eigener Erfindung in die Geschichte eingeflochten, nicht wahr sie taten
es? und warum haben sie es getan?
    Ey, erwiederte ich, wer wird eine Erzählerinn so ausfragen? höre jetzt das
Ende meines Märchens. Franz bekam nach der Erscheinung seiner Gemahlinn
gleichsam neues Leben, er brachte seine übrige Lebenszeit friedlich auf seinem
Schloss zu. Seine Schätze vermehrten sich, er wusste selbst nicht wie, und er
wandte sie an den Bezirk um sein Schloss zu bebauen, und so viel Arme und
Verunglückte als er vermochte, in die neuen Wohnungen aufzunehmen; er ward der
Vater dieser Leute; ihren Herrn wollte er sich nie nennen lassen. Dieses war der
Ursprung eines artigen Dorfs, welches nach und nach zu dem Städtchen heran
wuchs, das wir jetzt Hohenweiler nennen. Die Säule, welche ihm den Namen gab,
ist nichts als ein Monument, welches Reutlingen zum Andenken von seinen und
Perchtens Begebenheiten setzen liess. Sie war zu jenen Zeiten noch einmal so hoch
als jetzt, und auf ihrer Spitze stand ein Bild des heiligen Petrus, welches die
Zeit gänzlich zerstört hat. Wenn ihr dieses alte Denkmaal genau untersucht, so
werdet ihr auch auf der einen Seite, Spuren von einem ausgehauenen Bilde eines
knieenden geharnischten Mannes, und auf der andern, eine Frau in eben dieser
Stellung entdecken können, welche vermutlich Reutlingen und seine Gattinn
vorstellen sollen. Von der Inschrift ist keine Spur mehr zu sehen; sie soll
lateinisch gewesen sein, und ohngefähr so viel bedeutet haben: In der Hand der
Vorsicht, verwandelt sich das Böse in Gutes. Ein Denkspruch den ich so wahr, ach
durch lange Erfahrung, so ganz wahr finde, dass ich wollte, ich könnte ihn jedem
jungen Herzen einprägen, welches bei dem ersten Unfall gleich geneigt ist zu
glauben, Ruhe und Glück sei nun auf ewig dahin, und nichts könne die empfangene
Wunde heilen.
    Mache, liebes Mädchen, sprach ich hier zu Hannchen, indem ich sie umarmte,
dass du gesund wirst, so wollen wir einen Spaziergang auf Sankt Peters Stelle
tun, und ich will dir noch so viel über die verwitterte Inschrift auf der Säule
sagen, dass du mir nicht mehr weinen, sondern lauter Gutes in der, Zukunft sehen
sollst.
 
                          Neun und dreissigstes Kapitel
                             Unvermutetes Unglück
Ich glaubte Hannchen mächtig getröstet zu haben, aber sie kam mir
niedergeschlagener und zurückhaltender vor als je. Die versprochene Erzählung
ihres eigentlichen Anliegens unterblieb gar, und ich, die ich aus ihrer
zunehmenden Schwäche sah, wie sehr ich sie schonen müsse, beschloss auch nicht
ein Wort mehr von meinem Verlangen ihr Geheimnis zu wissen, zu erwähnen, bis sie
völlig gesund sei. Ach Gott, diese glückliche Zeit sollte nie kommen! ich sollte
es erst nach ihrem Tode erfahren, was ihr das Herz zerrissen hatte, ich sollte
dahintergebracht werden, mir selbst Vorwürfe zu machen, dass ich vielleicht durch
Unvorsichtigkeit, durch einige ohne auf sie gerichtete Absicht gesprochene
Worte, mir den Zugang zu ihrem Herzen versperrt, mir ihr Zutrauen und die
Möglichkeit geraubt habe, sie zu retten.
    Doch wer weiss, ob hier Rettung möglich gewesen wär; der äusserlichen Ursachen
ihr Ende zu beschleunigen, kamen zu viel zusammen. Besorgnisse, Gram, Schrecken,
vielleicht auch Freude erschütterten ihren schwachen Bau zu heftig, sie musste
unterliegen.
    Nach der boshaften Erzählung des Obristen, von der amerikanischen Reise
seines Neffen, war es in die Augen fallend, wie sehr ihre Kräfte abnahmen. Sie
hatte oft seltsame Phantasien, in welchen sie die Namen der Wilteckischen
Familie mit denen aus dem Märchen von Ritter Reutlingen wunderlich durch
einander mischte. Sie schlief wenig, ass fast gar nichts, und lag die meiste Zeit
stumm und mit offenen Augen in ihrem Bette.
    An einem der Tage da sie am schlimmsten war, sass ich weinend an ihrem Lager.
Julchen welche ich hinausgeschickt hatte einige Kleinigkeiten zu besorgen, kam
bleich und zitternd herein, winkte mich auf die Seite, und sagte mit leiser
Stimme, das Haus sei voller Leute, welche ein sehr verdächtiges Ansehen hätten,
und welche mich sprechen wollten. Eben wollte ich hinausgehen, um die Sache zu
erforschen, als die Tür mit grossem Ungestüm aufgerissen ward, und der Einnehmer
hereintrat, welcher mit seinem tönenden Bass zu schreien anfieng: Madam, hier
sind Herren von der Landesregierung, welche die Amtskasse und die etwannigen
Effekten des Herrn Gemahls versiegeln wollen. Eine etwas sanftere Stimme, erhob
sich hierauf. Der Vornehmste von der Deputation trat hervor, bat tausendmal um
Verzeihung, versicherte, dass er dieses Geschäft höchst ungern über sich genommen
habe, dass aber die hochlöbliche Landesregierung genötigt worden sei, einen
Verdacht auf die Amtsverwaltung meines Mannes zu werfen, und dass also -
    Um Gottes willen, rief ich, meine Herren, bedenken sie, dass sie hier in dem
Zimmer einer todtkranken Person sind. - Sie bedauerten hierauf abermal
unendlich, und versicherten, dass sie das Zimmer sogleich verlassen wollten, wenn
ich sie gefälligst begleiten wolle. - Ich empfahl Julchen die Sorge für ihre
Schwester, welche sich hastig aufgerichtet hatte, und alle diese Dinge mit
starren Augen ansah, ich aber folgte meinen ungebetenen Gästen.
    Ich habe noch nicht deutlich erwähnt, dass ein Glücksfall mich in den Stand
gesetzt hatte, mir augenblicklich aus der Verlegenheit zu helfen, in der ich
gegenwärtig war. Das englische Loos meiner Tante hatte gewonnen, viel gewonnen;
ich hatte das Geld erheben lassen, aber es aus Ursachen, die man erraten kann,
gegen einen Schein in fremde Verwahrung gegeben. Ich berief mich hierauf, ich
bot mich zur Bürgschaft an, aber man zuckte die Achseln, meinte, der Schein den
ich vorzeigte, könne wohl falsch sein; es wär bekannt, dass die Frau Amtmanninn
nie einiges persönliches Vermögen besessen habe; ihre Bürgschaft könne auf keine
Weise angenommen werden; die Versiegelung der Kasse müsse vor sich gehen, und
man verschiebe die Besichtigung derselben nur aus besonderer Achtung, bis zu
Wiederkunft des Herrn Amtmanns.
    Ich verstand nichts von dem was Rechtens war; ich musste endlich schweigen.
Man versiegelte, und ich konnte mit Mühe meine und meiner Tochter Habseligkeiten
retten, dass uns nicht auch der Zugang zu denselben verschlossen ward. - Beim
Abschied band mir noch das Haupt der Deputation besonders ein, ja es nicht zu
unternehmen, meinem Manne etwas von diesem Vorgange zu schreiben, denn es würde
nur dazu dienen, mich verdächtig zu machen, und übrigens ganz vergebens sein,
weil man schon Sorge getragen habe, dass keiner von meinen Briefen in Herrn
Hallers Hände kommen könne. Ich fragte, ob nicht mit Zuziehung des
Amtsverwesers, den mein Mann zurückgelassen hatte, eine Aenderung in den Sachen
gemacht werden könne, aber ich merkte aus den Antworten, dass dieser selbst den
grössten Teil an dem ganzen Vorgange habe, vielleicht gar der Angeber meines
Mannes gewesen sei.
    Ich kehrte zu dem Bette meiner Tochter zurück, und fand sie ohnmächtig unter
den Händen Julchens und einiger Mägde. Wir brachten sie wieder zu sich selber,
sie schlug die Augen auf, und fragte mit ängstlichem Tone, ob die fürchterlichen
Leute fort gegangen wären? Ich sprach ihr tröstlich zu; fragte wie sie sich über
eine Sache von so geringer Bedeutung, welche schon fast beigelegt wär, so
erschrecken und beunruhigen könne? - Aber ihre Antworten zeigten, dass sie nicht
ganz bei sich selber war, und die wahre Beschaffenheit der Sache gar nicht
begriffen hatte, sondern nur durch den lärmenden Eintritt der Leute, und ihr
rauhes Bezeigen, so ausser sich gesetzt worden war, ohne einzusehen was sie
wollten.
    Sie räumte den ganzen Auftritt mit ihren eigenen Ideen zusammen, schwärmte
viel vom Lieutenant, von Römhild, und der Reise nach Amerika, und mischte das
alles so seltsam unter einander, dass man unmöglich erraten konnte, was für eine
Idee ihrer Seele eigentlich die meiste Unruhe machte, und auf welcher Seite man
die Kur ihres verwundeten Herzens angreifen müsse.
    Sie besann sich erst gegen den Abend völlig; sie erzählte uns den Vorgang
des Vormittags, als einen fürchterlichen Traum den sie gehabt hatte, und dass wir
sie in dieser Meinung bestärkten, brauchte ich wohl nicht erst zu erwähnen. Sie
war so abgemattet, dass sie in einen tiefen Schlaf verfiel, der Arzt nannte
dieses eine glückliche Krise, und gebot, allen Lärm, alle überflüssige
Gesellschaft von ihr zu entfernen, und sie nicht zu stören, und wenn sie zwölf
Stunden an einander schlafen sollte.
    Ich beschloss nebst Julchen und einer Wärterinn allein bei ihr zu bleiben;
die Nacht kam heran, ich liess die Kleine sich an der einen Seite des
Krankenbettes zur Ruhe legen, und setzte mich an die andere, um das Erwachen
meiner Tochter abzuwarten.
    Eine schrecklichere Nacht als diese, besinne ich mich nicht gehabt zu haben.
Die horchende Stille die mich umgab, begünstigte alle traurige Ideen die meine
Seele einnahmen. Die Angst um das geliebte Kind, dessen Tod und Leben jetzt auf
der Wage lag, war zwar gegenwärtig meinem Herzen der nächste, aber bei weiten
nicht mein einiger Kummer; mussten nicht von allen Seiten die empfindlichsten
Leiden auf mich zustürmen, wenn ich meine ganze Lage bedachte? - Von unserm
gesunkenen Glück, und dem gefährlichen Punkte, auf welchem die Ehre meines
Mannes gegenwärtig stand, will ich gar nichts gedenken. Meine Kinder waren es,
die mir am meisten am Herzen lagen. War es nicht schrecklich für die Mutter
einer so zahlreichen Familie, nicht eins von ihren Lieben in einer glücklichen
Lage zu wissen? - Ach und wenn ich an Samuelen dachte, den ich auf so eine
unglückliche Art verlieren musste, wenn ich - nein es ist unmöglich die Quaalen
dieser schrecklichen Nacht lebhaft zu schildern, ohne den alten Schmerz zu
erneuern, und mich auf gewisse Art selbst für den gegenwärtigen Augenblick
unglücklich zu machen.
 
                              Vierzigstes Kapitel
               Eine Hochzeit aus dem Stegreife, und ein Todesfall
Die Versiegelung der Kasse unterliess nicht mir viel Sorge zu machen. Ich
verstand von allen diesen Dingen gar nichts, ich musste fürchten irgend etwas zu
versehen, wenn ich nicht einen erfahrnen Mann über die Rolle um Rat fragte, die
ich dabei zu spielen hatte. Meine Wahl fiel auf Waltern. Er war zwar ein
Geistlicher, aber ein Mann der lange in der grossen Welt gelebt hatte, und sich
in alles zu finden wusste. Ich hatte des vorigen Tages einen Augenblick
abgestohlen, um ihm die Sache mit kurzen Worten zu schreiben, und ihm aufs
dringendste zu bitten herbei zu eilen, und mir mit seinem guten Rate zu helfen.
    Walters Ankunft, die ich den folgenden Tag erwartete, war fast der einige
tröstende Gedanke, der mir in dieser schwärzesten Nacht meines Lebens,
vorschwebte. Ich wusste, er konnte mir wenig wirkliche Hilfe leisten, aber welche
Erquickung ist nicht der Rat und Trost eines Freundes, einer so verlassenen
Person als ich damals war!
    Die Morgenröte brach an. Ich trat ans Fenster um den herrlichen Anblick zu
geniessen. Ein ofner Wagen, den ich in der Ferne über die beschneite Gegend
fliegen sah, erregte meine Aufmerksamkeit; er kam näher; ich konnte Waltern
erkennen. Ich schlich zu dem Bette meiner Tochter, sie schlief noch immer, und
ihre ruhige heitere Miene verkündigte, dass ihr wohl war. Ich empfahl sie der
Wärterinn und eilte hinaus, um Anstalt zu machen, dass mein ankommender Freund,
durch den Hirtenhof hereinführe, damit kein Geräusch die Schlafende wecken
möchte.
    Walters Empfang, seine Fragen, meine Erzählungen, und seine Ratschläge
gehören nicht hieher; wichtigere Gegenstände drängen sich herbei, meine Feder zu
beschäftigen. Einige Stunden verflossen ohne dass wir es merkten, mein Freund
verstand das Geheimnis mich aufzurichten, und mir die Dinge die mich
bekümmerten, aus einem bessern Lichte zu zeigen; er zeichnete mir den Weg vor,
den ich zu gehen habe, um mich aus dem Labyrinte in dem ich war, heraus zu
finden. Mein Herz ward ruhiger, und es fehlte nichts mich wieder einige Freude
schmecken zu lassen, als bei Hannchens Erwachen einige Spuren der Besserung,
einige Hoffnung für sie zum Leben zu sehen. Schon zu lang war ich von ihr
entfernt gewesen. Der Schall von der Feldmusik einiger durchmarschierenden
Regimenter, hatte mich zittern gemacht, sie möchte auf eine ungestüme Art
geweckt worden sein, doch die Fenster ihres Gemachs giengen auf eine andere
Seite, ich beruhigte mich und kehrte, als ich schon auf dem Wege war zu ihr zu
eilen, noch einmal um, noch einige Punkte unserer Angelegenheiten mit Waltern zu
berichtigen. Wir verwickelten uns von neuen in unsere Ueberlegungen, und ich
musste mich endlich mit Gewalt von ihm losreissen. Hiervon hernach, sagte ich,
lassen sie uns zu meiner Tochter eilen, eine ungewöhnliche Angst reisst mich zu
ihr hin. -
    Ich hatte nebst Waltern bereits das Zimmer verlassen, und näherte mich dem
Gemach wo meine Tochter lag, als uns die Wärterinn mit einem verstörten Gesicht
entgegenstürzte, und uns bat, eilend zu der Kranken zu kommen, weil sie einen
Besuch erhalten habe, welcher dem Anschein nach, einen gefährlichen Eindruck auf
ihr Gemüt mache. - Meine Tochter ist also erwacht? fragte ich hastig. Ja Madam,
erwiederte sie, ich war ein wenig eingeschlummert, Mamsell Julchen mochte durch
die Feldmusik in ein anderes Zimmer gelockt worden sein, und indessen ist
vielleicht die Kranke erwacht. Ich weiss nichts weiter, als dass ich durch einen
lauten Schrei ermuntert wurde, und dass ich, als ich die Augen aufschlug, einen
jungen Herrn in Uniform vor ihrem Bette auf den Knieen liegen sah. Ich eilte
herbei, und ich muss gestehen, dass ich nie einen wunderlichern Zustand gesehen
habe. Die Kranke lachte und weinte in einem Aten, drückte den jungen Offizier
bald an ihre Brust, und stiess ihn bald mit Ungestüm von sich. Der Fremde schien
eben so wenig ganz seines Verstandes mächtig zu sein, und als ich ihn von ihr
reissen wollte, bekam mir der Versuch so übel, dass ich lief um sie, Madam, herbei
zu rufen, weil ich in der Tat nicht weiss was hier zu tun ist.
    Es war hier keine Zeit zu verlieren, wir eilten in das Zimmer. Hannchen lag
ohnmächtig in den Armen eines jungen Mannes, seine Tränen strömten auf ihr
Gesicht, und seine Ausrufungen, bestättigten das was man vermuten kann, dass er
derjenige war, welcher nächst mir den meisten Anteil an der Kranken nehmen
musste.
    O Wilteck! schrie ich, indem ich die Kranke seinen Armen entriss, was haben
sie gemacht! Sie sind der Mörder meiner Tochter! - Was er antwortete, wie
Hannchen wieder zu sich selbst gebracht ward, und was vielleicht noch eine lange
Zeit hernach vorgieng, dessen kann ich mich nicht deutlich erinnern; ich war zu
betäubt, um mir ganz bewusst zu sein, was um mich herum vorgieng.
    Die Kranke war jetzt völlig wieder bei sich selbst, sie sprach schwach und
kaum hörbar, aber vernünftig und zusammenhängend. Sie liess des Lieutenants Hand
nicht aus der ihrigen, nannte ihn ihren lieben Ludwig, und beteuerte, auch der
Tod solle sie nicht von ihm trennen. Der Lieutenant war in einer halben Raserei.
Seine Geliebte fast sterbend wieder zu finden, das hatte er nicht erwartet. Er
war herbei geeilt um ihr bei dem Durchmarsch seines Regiments einen kurzen
Besuch zu machen; und sollte sie nun zum letztenmale umarmen. Denn so sehr uns
auch Hannchens scheinbare Ruhe, ihre muntern Augen und das sanfte Rot auf ihren
Wangen anfangs täuschten, so sagte uns doch der Blick des Arztes was wir nach
einer so unzeiligen, ausserordentlichen Erschütterung zu hoffen hatten.
    Hannchen, die den tiefsten Schmerz in unser aller Augen, und vornehmlich in
den Augen ihres Geliebten las, versicherte uns, sie werde nun nicht sterben, da
sie ihres Wiltecks Gemahlinn sei.
    Meine Gemahlinn? rief der Lieutenant, ja du sollst es werden, und wenn alle
Welt uns von einander reissen wollte.
    Und du nimmst mich dann mit nach Amerika? sprach die lächelnde Kranke. Nach
Amerika? fragte er, bestes Mädchen, was sind das für seltsame Vorstellungen die
du dir machst?
    Die Erklärungen welche wir einander hierauf gaben, zeigten, dass die
Erzählung des Obersten, welche vielleicht etwas beigetragen hatte, Hannchen in
den traurigen Zustand zu versetzen, in welchem sie sich jetzt befand, nichts als
ein Märchen gewesen war, welches man ersonnen hatte, dem armen Mädchen alle
Hoffnung auf ihren Geliebten abzuschneiden.
    Ludewig wütete fürchterlich, und gebrauchte sich einiger Ausdrücke, welche
Mutmassungen in mir erneuerten, die schon durch Hannchens Phanrasien zuweilen
erregt worden waren. Er atmete nichts als Rache, und nichts als die Furcht
seiner schwachen Geliebten zu schaden, konnte ihn bewegen den Ausbruch seines
Zorns ein wenig zu mässigen.
    Er hatte mehr als einen halben Tag auf diese Art bei uns verweilt, und er
ward jetzt durch eine Ordonanz abgefordert. Er wollte sich nicht von Hannchen
trennen ohne den Namen ihres Gemahls erhalten zu haben. Ich hatte wenig Hoffnung
auf das Leben meiner Tochter zu setzen, warum sollte ich ihr noch diesen
armseligen letzten Trost versagen? Ueber dieses waren gewisse dunkele Ideen in
meinem Gehirn, gewisse Ahndungen in meiner Seele, die es mir selbst erwünscht
machten, meine Tochter als Wiltecks Gemahlinn zu sehen.
    Walter gab ihre Hände zusammen. Hannchen triumphirte, sich ganz ihres
Ludwigs Eigentum nennen zu können, und hoffte auf längeres Leben. Wilteck,
welcher den Zustand der Sachen besser begriff, weinte, dass er das eben erhaltene
Glück nicht länger geniessen sollte.
    Erst eine zweimal wiederholte Ordre konnte ihn aus den Armen seiner Gattin
reissen. Fast mit Gewalt mussten wir ihn entfernen, denn Hannchens Zureden, und
die Versicherung die sie ihm gab, sie würde jetzt, da sie seine Gemahlinn sei,
seine Entfernung weit ruhiger als sonst ertragen, taten ganz die
entgegengesetzte Wirkung. Ach er wusste es, er fühlte es, dass er sie nie wieder
sehen würde!
    Wir waren nun allein. Hannchen bat mich meinen Platz ganz nahe an ihrem
Bette zu nehmen, um sie ganz verstehen zu können, weil sie sich nun einen Mut
fassen wollte, mir alles zu sagen was sie mir bisher verborgen habe; aber ehe
sie sich noch völlig zum Sprechen geschickt hatte, fiel sie in einen Schlaf der
einige Stunden dauerte, und aus welchem sie, wie der Arzt geweissagt hatte, gegen
die Nacht zu heftigen Rasereien erwachte. Ihre Unruhe dauerte bis gegen den
Morgen; in den Zwischenzeiten, da sie sich ein wenig besann, zog sie mich oft zu
sich, und schien mir etwas vertrauen zu wollen, aber sie bewegte nur die Lippen,
ihre Stimme war mir nicht mehr hörbar.
    Ihr Kampf dauerte noch fast den ganzen andern Tag, bis endlich die
Lebenskräfte sich völlig aufzehrten, und sie in meinen Armen entschlief.
 
                          Ein und vierzigstes Kapitel
                              Unaufgelösste Rätsel
Man entschuldige das Unvollständige in der Beschreibung der letzterwähnten
Scenen! Wenig oder gar nichts von gewissen Dingen sagen, ist oft die treffendste
Schilderung. Dieses gilt auch von meinen Empfindungen bei Hannchens Sterbebette,
und von meinem Leben die erste Zeit nach ihrem Tode. Jener Mahler, der
Iphigeniens Aeltern bei ihrer Hinopferung, in dichte Gewänder verhüllt
erscheinen liess, wusste das, was ich fühle, dass älterlicher Schmerz für jeden
Pinsel unerreichbar ist.
    Ich sass, nachdem schon manche schwarze, melancholische, tränenleere Stunde
vorüber geflohen, manche lindernde Zähre verweint war, eines Tages auf dem
Zimmer der Verstorbenen, und machte mir ein trauriges Fest, aus der Betrachtung
ihrer hinterlassenen, zum Teil unvollendeten Arbeiten, die sie von den
künstlichsten Arten sehr schön verfertigte, und einiger wenigen Scripturen, die
meistens ernstafte Dinge zum Gegenstand hatten, und noch vor ihrem Aufentalte
in dem Wilteckischen Hause von ihr verfasst worden waren; ihre Kränklichkeit
hatte ihr nach ihrer Rückkunft, wenig Musse zum schreiben gegönnt.
    Von ohngefähr stiess ich auf eine kleine Kassette, die mir von langer Zeit
als das Behältnis von Hannchens liebsten Kostbarkeiten bekannt war. - Vielleicht
würde ich es uneröfnet bei Seite gesetzt haben, wenn mich nicht ein darauf
befestigter Zettel aufmerksam gemacht hätte. Er war von der Hand der
Verstorbenen, und entielt folgendes:
    »Liebe Mutter!
    Ein geheimes Gefühl sagt mir, dass ich sterben werde; sollte dieses
geschehen, und sollten sie dieses Kästchen unter meinen Sachen finden, so bitte
ich, so beschwöre ich sie, es uneröfnet zu lassen, und derjenigen Person zu
geben, die ich ihnen nennen werde.
    Ich erwarte gegen das Ende des künftigen Monats, den Besuch der Madam
Katin, der Wirtschafterinn der Frau von Wilteck; geben sie ihr dieses kleine
Behältnis der geringen Kostbarkeiten die ich besitze; es entält etwas weniges
an Geld, einige Juwelen, und andere kostbare Tändeleien, deren Wert sie
berechnen können, da ich sie alle von Ihrer Güte habe. Die Frau ist redlich, und
wird mit diesen Dingen so verfahren wie ich ihr befohlen habe. Aber - liebe
Mutter, ich wünschte eben nicht, dass sie sich mit ihr in weitläuftige
Unterredungen einliessen; diese Art Leute ist so geschwätzig, so - ich weiss
selbst nicht wie ich sagen soll, wie leicht könnten sie etwas von ihrem Hannchen
hören, das sie ihnen noch im Tode zuwider machte. Ueberhaupt, da sie nun immer
so in mich dringen ein Geheimnis von mir zu erfahren, so würde ich doch -
vorausgesetzt dass ich eins hätte - es lieber Ihnen selbst - ach ich weiss nicht,
was ich schreibe. Ich werde wohl diesen Zettel, so wie die vorhergehenden,
wieder abreissen, und einen andern schreiben. Nichts ist mir recht, was ich
Ihnen sage, und meine Angst ist unaussprechlich.«
    Ich weiss nicht wie oft ich dieses Blatt überlas, ehe ich den Inhalt davon
recht begreifen konnte. Ich untersuchte das darunter gesetzte Datum, es war der
4. Jenner, als der Tag vor dem Besuche des Obristen, an welchem die Zeitung von
Wiltecks Reise nach Amerika, einen so nachteiligen Eindruck auf das Gemüt des
armen Mädchens machte. Nachher war sie zu schwach gewesen, so viel schreiben zu
können. - Meine Gedanken drehten sich in einem Wirbel herum, ich dachte mir alle
auf diesen Tag folgende Scenen, dachte mir ihr ängstliches Bestreben in ihren
letzten Stunden, mir etwas zu entdecken, das sie auf dem Herzen hatte, und ihre
Bitte, nicht in das Innere ihres Geheimnisses zu dringen, war meinen Gedanken
nach aufgehoben. Das Schloss des Kästchens war zersprengt, ehe ich selbst dar an
dachte, und alles was es entielt, lag offen vor meinen Augen.
    Ich griff hastig nach einigen Papieren, welche oben auf lagen, ich las
einige Zeilen, die mich in Erstaunen setzten; ich wollte weiter gehen, aber ein
Geräusch an der Tür machte mich aufmerksam.
    Sie ward geöfnet; Julchen trat herein, und führte an ihrer Hand einen jungen
Menschen im leinenen Kittel, mit einem Hute, der mit einer Kokarde geziert war.
Er sah mich eine Weile schüchtern an, warf sich dann mir zu Füssen, und schrie
mit einer von Schluchzen unterbrochenen Stimme: Mutter! Mutter! kennen sie ihren
verlohrnen Sohn, ihren Albert nicht mehr?
 
                                Zweites Bändchen
                                  Erstes Kapitel
                              Vom verlohrnen Sohne
Albert? wiederholte ich mit zusammengeschlagenen vor die Stirn gefaltenen
Händen. - Alberts Gesicht war auf meinen Schoos gesunken, seine Tränen badeten
meine Knie, und er hob erst nach einer lange Weile, die durch ein düsteres
Stillschweigen ausgefüllt wurde, ein paar hole von Weinen getrübte Augen nach
mir auf, um mein Mitleid zu erflehen. Der Schmerz, der meine ganze Seele
durchdrang, machte mich stumm. Julchen nahm mein Stillschweigen für Härte auf,
sie warf sich auf der andern Seite vor mir nieder, sie wollte für ihren Bruder
bitten, die Worte gebrachen ihr, aber ihr Weinen und Schluchzen war beredter als
ihre Zunge. Ich schloss beide in meine Arme; meine Tränen vermischten sich mit
den ihrigen, und meine zwischen beiden gleichgeteilten Liebkosungen, sagten
ihnen, dass der wiederkehrende Albert und seine unschuldige Schwester, die mich
nie gröblich beleidigte, jetzt gleichen Anteil an meinem Herzen hatten.
    Getröstet erhoben sich beide, ich liess sie an meine Seite setzen, und nun
begann jene verwirrte Art von Unterhaltung unter uns, welche alle unvermutete
Scenen des Wiedersehens, alle Auftritte, wo Schmerz und Freude so wunderlich
durch einander gemischt ist wie hier, unter sich gemein haben. - - Albert war
mit einem Rekrutentransport durch Hohenweiler gekommen, die Gunst seines
Hauptmanns, hatte ihm einen ganzen Tag freigegeben, sich mit seiner Mutter zu
letzen, aber - dieser Tag war schon zur Hälfte verflossen, und wir hatten noch
nichts getan, als einander abgebrochene Stücke von unserm bisherigen Ergehen
geliefert, vergangene Vergehungen und gegenwärtiges Unglück beweint, und über
den armseligen Zustand des geliebten Alberts und die baldige Trennung von ihm
getrauert.
    Alle Vorräte des Hauses wurden geplündert, um seinem Mangel abzuhelfen.
Julchen trug alles hervor, was sie vermochte, und wir hätten vielleicht nach und
nach genug zusammen gebracht, um dem Rekruten Albert einen Packwagen zu seinen
Habseligkeiten nötig zu machen. Er bat um nichts als um ein wenig Geld, und
etwas Wäsche, und erbot sich, indessen wir bemüht waren, das letzte nach seinem
gegenwärtigen Zustande einzurichten, der ihm weder Spitzen noch Nesseltuch
erlaubte, uns die Erzehlung seiner Begebenheiten so vollständig zu geben, als es
die wenige Zeit die uns noch übrig war, zuliess.
    Wenn es erlaubt wär, fieng er an, dass sich der, welcher seine Mutter auf
tausendfache Art betrübte, einer immer zärtlichen nie geschwächten Liebe gegen
sie rühmen dürfte, so glaube ich, würde ich es tun können. Verführung war es,
was mich von meiner Pflicht ableitete, - doch ich tue besser, ich überlasse
meine Entschuldigung derjenigen, die keinen Zorn, nur Mitleiden gegen ihren
armen Albert fühlt.
    Die Art, auf welche ich aus ihren Armen gerissen wurde, kennen sie; mein
Vater wollte mich in der grossen Welt erziehen, wie er sich ausdrückte, des
Glückes würdig machen lassen, das er mir einst in derselben verschaffen könne. -
Sie drückten mich beim Abschied an ihre Brust, und stiessen mich halb zornig
zurück, als sie sahen, dass meine Tränen über unsere Trennung nicht so häufig
flossen, als sie sollten. Ich gestehe es, die Freude, Hohenweiler zu verlassen,
das meinem feurigen Temperament langweilig zu werden begunte, und in die Welt zu
kommen, verdrängte den Kummer, ihren Anblick inskünftige entbehren zu müssen,
ein wenig. Man hatte in dem Wilteckischen Hause mein Gehirn mit Bildern erfüllt,
zu welchen ich keine Originale in unserm Städtchen fand, und mein Herz nach
Freuden schmachten gelehrt, die ich nirgends als in der Welt kennen lernen
konnte.
    Sie wissen aus meinen Briefen, mit was für Entzücken ich die neue Sphäre, in
welche man mich in Berlin einführte, begrüsste, wie geitzig ich die Vergnügungen
in mich trank, die sich mir darboten. Es ist mir unmöglich meinen Vater für so
verblendet zu halten, dass er die Laufbahn, die man mir vorzeichnete, gebilligt
oder nur gewusst haben könne, ich glaube nicht, dass derjenige, welcher das
Vergnügen liebt, sich Gehülfen in dem Bestreben seine Reichtümer zu
verschwenden wünschen könne.
    Der Oberste Wilteck, der meinen Vater regierte wie er wollte, und ihn mit
sehenden Augen betrog, war es, der mich zum Mittel brauchen wollte, neue Quellen
für seine Habsucht zu eröfnen. Er zog von meinem Vater unmässige Summen, die er
vorgab auf mich verwenden zu müssen, die er aber freundschaftlich mit mir zu
teilen beliebte; ich war schlau genug dieses inne zu werden, und ihm meinen
Unwillen darüber zu bezeigen. Er fragte mich, ob die Nachsicht gegen meine
Ausschweifungen für nichts zu rechnen wär, ob ich sie mit dem Anteil, den er an
meinen Einkünften nähme, zu teuer zu erkaufen glaubte? Ich möchte seinetwegen
das Ganze hinnehmen, und damit nach eigenem Gefallen leben, bis mein Vater
Anstalten mache, mich in eine strengere Aufsicht zu liefern als die Seinige, da
ich Geld genug ersparen, aber auch dafür nichts von den Vergnügungen schmecken
würde, die ich an seiner Seite genösse.
    Der Wink, den er gab, als ob er meine Äusserungen für Geiz hielt, machte
mich erröten, und die Furcht in dem mir so angenehmen Taumel von einem
Vergnügen zum andern gestört zu werden, legte mir Stillschweigen auf. Um mich
noch tiefer in seine Netze zu verstricken, lehrte mich der Oberste das Spiel, er
gab mir verschiedene kleine Handgriffe in demselben als erlaubte überall
eingeführte Regeln an, von welchen nur eine gewisse eingeführte Etiquette es
unschicklich nenne, anders als verstohlen Gebrauch zu machen. Ich glaubte in
meiner Einfalt, was er sagte, und freute mich sehr, in meiner neuerlernten
Kunst, eine immerfliessende Quelle zu finden, meinen kleinen Bedürfnissen
abzuhelfen; zwar fiel die Hälfte meines Gewinns allemal in des Obersten Beutel,
aber dieser hatte mich schon gewöhnt zu solchen Dingen zu schweigen, und mich
aus Dankbarkeit gegen ihn, meinen Lehrer, mit dem Anteil des erbeuteten Geldes
zu begnügen, den er mir gönnen wollte.
    Mein Hofmeister, Herr Reiner, den er mir zugegeben hatte, genoss auch einen
Teil des Raubes, und war dafür ganz zu seinen Diensten. Sein erster Anblick
hatte mir eine fürchterliche Idee von ihm gemacht; seine sonderbare
ausgetrocknete Gestalt, sein schleichender Gang, der schleppende Ton seiner
Stimme, und der immer zur Erde gesenkte Blick, machten dass ich in ihm einen
abgesagten Feind des Vergnügens und einen strengen Tadler meiner Handlungen zu
sehen glaubte, aber der Erfolg wiess, dass ich mich geirrt hatte, dass ich mir
keinen bequemern Führer als ihn hatte wünschen können. Herr Reiner pflegte immer
über die Schwäche seines Gesichtes zu klagen, und ich hatte Ursach zu glauben,
dass auch die Sehkraft seines Geistes nicht so gar viel taugen müsste, weil er so
wenig von dem zu merken schien, was ich unter Anführung des Obersten tat.
    Nicht genug, dass dieser würdige Mann meinem Verführer durch nicht hören und
nicht sehen, förderlich und dienstlich war, so arbeitete er ihm auch noch auf
eine andere Art in die Hände. - Er war seiner Sage nach ein wegen bestrittener
Grundsätze vertriebener Prediger; von was für Art seine Religionsmeinungen sein
mochten, habe ich nie erraten können, aber so viel weis ich, dass seine Moral
sehr lustig und bequem war; er wusste die guten Grundsätze, die ich aus meinem
väterlichen Hause mitbrachte, so künstlich zu untergraben, meine Liebe zu meinen
Eltern, vornehmlich zu ihnen, liebe Mutter, so lächerrlich zu machen, dass ich
bald aufhörte, den Meinungen des Obersten, wie ich anfangs getan hatte, meine
reinen Begriffe von Pflicht, oder die Furcht Sie zu beleidigen entgegen zu
setzen. Die Lehren meines Hofmeisters, die sich sowohl zu meinem Triebe zum
Vergnügen passten, machten mich so folgsam gegen den Obersten, dass es ihm nicht
schwer ward, mich zu allem zu bereden, was er wollte.
    Wie sehr ich nach und nach herabsank, können sie aus dem Tone urteilen, in
welchen meine Briefe nach und nach verfielen, aber Ihnen eine umständliche
Erzehlung meiner unglücklichen Verirrungen zu liefern, erlaubt weder die Zeit,
noch die Achtung, die ich einer verehrungswürdigen Mutter und einer unschuldigen
Schwester schuldig bin; genug, dass ich endlich in Abgründe geriet, aus denen
ich mir nicht mehr zu helfen wusste.
    Ich habe schon im Vorhergehenden erwehnt, dass mich der Oberste zum falschen
Spiel anführte, um seinen Vorteil daraus zu ziehen. Mein unschuldiges Gesicht,
meine Jugend, und vor allen die Unwissenheit dass ich unrecht tat, die mir ein
gewisses ruhiges unbefangenes Ansehen gab, machten die Sicherheit dererjenigen,
die sich mit mir einliessen, so gross, dass ich fast täglich beträchtliche Summen
zog, und dass mein Verführer anfieng zu glauben, die Hälfte des Gewinnstes wär
für mich zu gross, und es wagte grössere Ansprüche auf die Beute zu machen, als
anfangs verabredet worden. Ich weigerte mich; wir veruneinigten uns, und der
Oberste verliess mich, drohend, dass mich mein Verfahren gereuen sollte.
    Es war sonderbar, mein ansehnlicher Gewinn verschwand mir unter den Händen,
ich fand mich unter der Notwendigkeit wieder zu spielen, um meine kleinen
Vergnügungen bestreiten zu können, und gleichwohl fehlte es mir an Gelegenheit
zu solchen vorteilhaften Partien, wie mir der Oberste zu verschaffen wusste,
zudem besass ich nicht so viel, dass ich eine einige Karte hinlänglich besetzen
konnte.
    Vielleicht, meine Mutter, erinnern sie sich noch des unsinnigen Briefes, in
welchem ich sie um einige Louisdors bat, mich aus einer dringenden Not zu
reissen; er blieb unbeantwortet und ich entschloss mich, meine Uhr und was ich
etwa von einigem Wert besass zu verkaufen, um im Stande zu sein, mein immer treu
erfundenes Glück noch einmal zu versuchen.
    Ich fasste mir ein Herz, und ging ohne die Begleitung des Obristen an einen
von den Schauplätzen meines bisherigen Glücks. Man nahm mich mit einigem
Kaltsinn auf, weigerte sich aber doch nicht, mich Anteil am Spiel nehmen zu
lassen, wie ich in meiner Einfalt, die sich scheute einen Schritt ohne
Begünstigung meines bisherigen Führers zu tun, gefürchtet hatte.
    Der Oberste war gegenwärtig, tat ganz freundlich gegen mich, doch glaubte
ich hintennach, ein verdächtiges Augenspiel zwischen ihm und den andern
Anwesenden bemerkt zu haben. Meine Louisdor hatten mir beinahe die dreifache
Summe die ich zu Anfang besass eingebracht. Mein Eifer verdoppelte sich, so wie
mein Glück, und ich würde ziemlich bereichert nach Hause gegangen sein, wenn man
mich nicht mitten in meinem Laufe aufgehalten hätte. - Man fand mein
ausserordentliches Glück sonderbar, man flüsterte heimlich, dass nur meine Jugend,
und mein offener Blick mich vor bösem Verdacht schützen könne. Ich antwortete
nach meinem besten Wissen, dass ich alle Regeln des Spiels in acht nähme, und es
zufrieden sein wollte, dass man mich genau beobachtete und mich wegen dessen, was
man verdächtig fand, zur Rechenschaft ziehen möge.
    Man schwieg, und die nächste Partie war noch nicht halb zu Ende, als man
mich auf einem Kunstgriffe ertappte, den man betrügerisch nannte, und die Worte
falscher Spieler, und junger Bösewicht von allen Seiten ertönten. Ich erstaunte,
ich verteidigte mich, ich berief mich auf den Obersten und nannte ihn in diesem
Stücke meinen Lehrer, aber dieses diente nur dazu, das Geschrei wider mich zu
vermehren. Der Oberste, zufrieden mit dem Gewinn den er von den Betrügereien
anderer zog, pflegte allezeit sehr ehrlich zu spielen, und sein guter Ruf in
diesem Stück war entschieden. Man nannte mich einen Undankbaren, einen
Verläumder; man liess mich die übelste Begegnung erfahren, raubte mir zur
Vergütung des gegenwärtigen und des ehemaligen Schadens, alles was ich besass,
drohte mir, mich bei der Obrigkeit anzugeben, und sties mich fast nackend zum
Hause hinaus.
    Diese Begegnung zeigte in was für Hände ich geraten war, ich war zu
einfältig es einzusehen, und irgend ein Mittel zu wissen, wie ich mir helfen,
meine Unschuld dartun, und meine Feinde wegen ihres eigenmächtigen Verfahrens
zur Rechenschaft ziehen könnte. Ich floh, und glaubte mich überall von der Hand
der Gerechtigkeit verfolgt. Ich scheute mich nach Hause zu Herrn Reiner zurück
zu kehren, und entschloss mich, das Mittel zu ergreifen, dass ich Ihnen mit
solcher Freiheit in einem meiner Briefe, als meine letzte Zuflucht angedeutet
hatte, wenn ich keine Geldhülfe bekäme.
    Der Himmel weis es, nicht Trotz, sondern Verzweiflung war es, was mich
antrieb die Musquete zu nehmen! Wo sollte ich hin? zu meiner beleidigten Mutter?
zu dem Vater, dessen Härte ich kannte wenn er zürnte? Zu dem abscheulichen
Obersten, der mich in die schimpflichste Verlegenheit gestürzt hatte, ohne sich
in derselben meiner anzunehmen? oder zu Herrn Reiner, der eine Kreatur des
Obersten war?
    Ich war gut gewachsen, war erst siebzehn Jahr, und es ward mir nicht schwer,
Dienste zu bekommen. Der Oberste und Herr Reiner mochten nicht vermutet haben,
dass ich diesen Schritt tun würde. Vermutlich hatte man geglaubt, ich würde
zurückkehren, würde mein gehabtes Unglück durch eine Lüge bei meinem Hofmeister
zu bemänteln suchen, und der Oberste hätte denn Musse gehabt seinen Frieden mit
mir zu machen, und mir Bedingungen zu einem künftigen Einverständnis
vorzuschlagen, wie ich sie in der Folge von ihm hören musste.
    Dass man wegen meiner Verschwindung besorgt war, zeigten alle
Zeitungsblätter, die meinen Namen nannten, und meine Person so eigentlich
beschrieben, dass man mich kennen musste; aber man hatte so wenig Lust mich
unentgeldlich auszuliefern, als ich, einen Stand zu verlassen, welcher anfieng
mir besser als mein bisheriges wüstes Leben zu gefallen. Es ward mir leicht den
Dienst zu lernen, meine Gestalt fand Beifall, und meine durch die letzte
Demütigung etwas gemilderte Gemütsart, ermangelte nicht mir meine Obern
günstig zu machen, man begegnete mir wohl, und ich glaubte mich glücklich.
    Herr Reiner hatte meinen Vater von meinem Verluste benachrichtigt, und ich
weis nicht, ob ich es allein auf meine Rechnung schreiben soll, dass er, ehe ich
mich es versah, in Berlin erschien. Der Zufall wollte es, dass ich im Tor die
Wache hatte, als er ankam. Ich sah ihn und meine Schwestern Jucunde und Amalie,
ich sah noch eine Dame, die ich wegen der niedergelassenen Kappe nicht erkennen
konnte. Ich vermutete meine Mutter unter dieser Hülle; mein Herz fieng an
stärker zu schlagen und meine Augen giengen über. Ich fürchtete, meine Bewegung
möchte mich verraten, und suchte mich so viel möglich zu verbergen; aber ich
musste doch entdeckt worden sein, denn der Mittag war noch nicht heran gekommen,
als ich vorgefordert, und mir angekündigt wurde, ich habe meine Entlassung. Mein
Vater sei angekommen, er verlange mich zu sich, und man sei nach den Schritten
die er getan habe nicht gesonnen mich ihm vorzuentalten. Ungern willigte ich
ein. Ich zitterte vor dem erzürnten Angesicht meines Vaters und vor Ihren
gerechten Verweisen. Ich liebte meinen Stand, und es würde mir vielleicht
gelungen sein, in demselben zu bleiben, wenn sich nicht der Oberste eingefunden,
und mit seinen Vorstellungen durchgedrungen hätte.
    Er nahm wieder die Larve des zärtlichen besorgten Freundes vor, wusste seine
Vergehungen gegen mich zu beschönigen, nützte meinen Wahn wegen Ihrer
Anwesenheit, sagte mir, sie seien in Verzweiflung mich in Kriegsdiensten zu
wissen, und ich würde ihnen das Herz durchbohren, wenn ich hartnäckig auf meinem
Sinne beharrte. Brauchte es etwas mehr, mich zur Einwilligung in alles zu
bewegen, was man von mir verlangte? Ich legte das Kleid ab, das mir so wohl
gefiel, und folgte dem Obersten wohin er mich führte.
    Auf dem Wege fieng er an in einem andern Tone mit mir zu reden; er machte
mir bange, vor dem Zorn meiner Eltern, wenn sie die wahre Veranlassung meines
getanen Schritts entdeckten, und nötigte mir endlich durch viele Umschweife,
das Versprechen ab, wenn er von gewissen Dingen nichts gedenken solle, auch auf
meiner Seite verschwiegen zu sein, und nie etwas von den Verhältnissen zu
erwähnen, in welchen er und ich mit einander gestanden hatten. Ich sah nicht
ein, dass bei diesem Bunde, den wir machten, der Vorteil allein auf seiner Seite
war, dass ich so viel nicht verloren haben würde als er, wenn meinen Eltern alle
Ausschweifungen zu denen er mich verführte bekannt worden wären, und dass es eine
gefährliche Sache sei, mich so in die Gewalt eines Menschen zu geben, der unser
Einverständnis zu meinem Schaden nützen konnte.
    Der Oberste stellte mich nun, ohne Furcht durch mich verraten zu werden,
meinem Vater vor. - Mein Empfang war nichts weniger als hart, er nennte mich
einen lüderlichen Jungen, der ihn um manchen Louisdor gebracht hätte, lobte
meinen Wuchs und meinen Anstand, und sprach, ich sei sein völliges Ebenbild an
Leib und Seele.
    Meine Augen sahen sich vergebens nach meiner Mutter um, die verkappte
Robignac war die, welche ich für sie gehalten hatte. Man zog mich ein wenig mit
meinen Fragen nach Ihnen auf, und der Oberste flüsterte mir ins Ohr, ich solle
Gott danken, dass sie nicht gegenwärtig wären, ich würde sonst nicht so gut
hindurch gekommen sein.
    Meine Schwestern empfiengen mich mit vieler Zärtlichkeit, und sagten, ich
müsste gleich des andern Tages Anstalt machen, sie in der ganzen Stadt herum zu
führen, und ihnen alles sehenswürdige zu zeigen. Ueber der Mahlzeit wurde
unterschiedliches gesprochen woraus ich schlos, dass mein Vater im ganzen Ernste
nichts davon wusste, wie ich unter die Soldaten gekommen war; er glaubte bloss,
dass ich unglücklich gespielt, und dann aus Unmut diese Partie ergriffen habe.
Dass mein allzuglückliches Spiel mich in Beschimpfung und Verzweifelung gestürzt
hatte, dieses war ihm unbekannt, und ich sah den Obersten mit einem dankenden
Blick für diese Schonung an, ohne zu bedenken, dass er hiebei am meisten auf sich
selbst Rücksicht genommen hatte.
    Um meinen Vater desto besser zu hindern, hinter seine Betrügereien zu
kommen, hatte er meinen Hofmeister zu entfernen gewusst. Herr Reiner hatte sich
ohnedem dadurch schlecht bei ihm empfohlen, dass er meine Verschwindung so
übereilt und ohne mit ihm Rücksprache zu halten nach Hohenweiler berichtet, und
dadurch meines Vaters Ueberkunft veranlasst hatte. Nach des Obersten Sinne hätte
es ganz anders gehen müssen. Man hätte meinen Verlust verschwiegen, so lang es
möglich gewesen wär, hätte sich unter der Hand nach mir erkundigt, so bald man
meinen Aufentalt entdeckt, nur dieses zu hindern gesucht, dass meine Eltern
nichts von mir erführen, und indessen das Geld, das zu meinem Unterhalt bestimmt
war, brüderlich geteilt. So klug war mein Hofmeister freilich nicht gewesen,
dieses einzusehen, und zur Strafe für seine Dummheit brauchte der Oberste nichts
weiter zu tun, als meinem Vater zu entdecken, dass der Herr Reiner niemand
anders, als der in unserm Hause so sehr verhasste Katarines sei. Mein Vater,
wenn mir es erlaubt ist dieses zu sagen, pflegte zwar seine Liebe und seinen Hass
nicht allemal nach den Gesetzen der Billigkeit einzurichten, aber hier machte
der Name Katarines einen so widrigen Eindruck auf ihn, dass man fast hätte
glauben sollen, er müsse einsmals persönlich von ihm beleidiget worden sein. Er
bekam seinen Abschied.
    Ich war also von diesem Mann, der mir immer so widerlich gewesen war,
befreit, und man hielt es für gut, um mir doch noch einige Bildung zu geben, da
ich bisher so vernachlässigt worden war, mir einen jungen Menschen zuzugesellen,
welcher kaum fünf oder sechs Jahre mehr hatte als ich, und den man für einen
Gelehrten hielt, weil er einige Jahr auf verschiedenen Universitäten zugebracht
hatte.
    Ich konnte mit Herrn Feldners Unterricht leicht zufrieden sein, denn so viel
war doch allemal gewiss, dass er mehr wusste als ich; über dieses wusste ich nicht
zu was für einem Stande mich mein Vater bestimmt hatte, ich hatte nie hiervon
ein Wort erwähnen hören. Meine Neigung trieb mich zum Soldatenstande, und ich
begriff leicht, dass ich in diesem am ersten mit dem würde zufrieden sein können,
was Herr Feldner mich lehren konnte.
    Sein Fach waren vornehmlich die schönen Wissenschaften, es gelang ihm mir
einen Geschmack an denselben beizubringen, und sein Einfluss war so stark, dass er
sich auch auf meine Schwestern erstreckte. Er lernte Jucunden die italiänische
Sprache, und las mit ihr mancherlei Bücher; Amalie ward auch seine Schülerinn in
verschiedenen Teilen der weiblichen Gelehrsamkeit, doch merkte man es ihm
deutlich an, dass er sich nicht besonders gern mit ihr abgab, und dass die Arme
immer nur die übergebliebenen Brocken von dem bekam, was er der bella Gioconda,
wie er sie nannte, aufgetischt hatte.
    Mademoiselle Robignac, war sehr gefällig gegen den Lehrer und die
Schülerinnen. Eine kleine Schmeichelei, zuweilen ein paar Zeilen in ihrer
Muttersprache zu ihrem Lobe gesungen oder gesagt, waren fähig, sie, der solche
Süssigkeiten etwas seltenes waren, so zu betäuben, dass sie nichts davon hörte,
wenn Feldner und Jucunde den ganzen Io amo mit einander conjugirten.
    Du erzehlst mir erfreuliche Dinge, fiel ich hier Alberten in die Rede. Er
seufzte und fuhr fort.
    Was mich anbelangt, so einfältig ich auch in manchen Stücken noch immer war,
so hatte mich doch der Lauf meiner ehemaligen Vergnügungen klug genug gemacht,
keine sonderliche Freude an Feldners Umgang mit meiner Schwester zu haben. Was
mich noch einigermassen ihrentwegen beruhigte, war ihre Flatterhaftigkeit, die
sie eines festen Eindrucks unfähig machte, Feldners geringe persönliche
Annehmlichkeiten, und Amaliens wachendes Auge.
    Amalie hatte Feldnern in ganzem Ernst in ihre Zuneigung genommen; sie
fühlte, dass sie ihn nicht durch ihre Reize fesseln konnte, und sie hoffte ihn
durch ihre geistigen Vorzüge zu erobern. Ihr Fleis war unermüdet; alles was
Feldner Jucunden lehrte, das begriff sie, indessen jene, mit welcher sich ihr
Lehrer unendliche Mühe gab, viel zu leichtsinnig war, etwas länger als einen Tag
zu behalten. Jucundens Flatterhaftigkeit, Feldners Parteilichkeit und Amaliens
Eifersucht, zerstörten bald diese Lehrstunden, welche anfiengen mir so anstössig
zu werden, und Auftritte von anderer Art taten sich hervor.
    Meine Schwestern liebten es ausserordentlich, sich überall zu zeigen, und ich
musste ihr Führer sein, wenn ich nicht Feldnern diese Stelle überlassen wollte,
welches ich, so sehr er auch darnach strebte, aus vielen Ursachen ungern getan
haben würde. -
    Was konnten ein paar Mädchen, die in der Einsamkeit erzogen waren, und die
gar nichts davon wussten, wie man sich in einer Stadt wie Berlin mit Behutsamkeit
aufführen musste, ohne einen verständigen Führer für seltsame Abenteuer haben!
ob ein Mensch von meinem Alter und meiner wenigen Erfahrung dieses sein konnte,
will ich nicht entscheiden, aber so viel weis ich, es fehlte mir weder an Mut
noch an Willen sie zu schützen, dahingegen Feldnern vielleicht beides mangelte,
und wenigstens die eine von den beiden Mädchens wider ihn selbst Schutz
vonnöten hatte.
 
                                Zweites Kapitel
                       Fortsetzung von Alberts Geschichte
Ein kleines Lächeln von meiner Seite unterbrach hier Alberts Rede. So wenig mir
auch die Dinge anstunden, welche er vorbrachte, so konnte ich doch nicht
unterlassen es belächelnswert zu finden, dass der unvorsichtige Jüngling, der es
so wenig verstand, einen guten Weg für sich selbst zu wählen, so eifersüchtig
auf die Ehre seiner Schwestern war, und sich das Ansehen eines Vaters gab, wenn
er von ihnen sprach. Er befragte mich um die Ursach meines Lachens, meine
Antwort beschämte ihn ein wenig, aber er versicherte mich, ich würde in der
Folge finden, dass seine Sorgen nicht unnütz und überlei gewesen wären. - - Er
fuhr fort:
    Meine Schwestern fanden Berlin ganz anders, als sie sich vorgestellt hatten.
Sie hatten gehoft, hier ausserordentlich bemerkt und bewundert zu werden, und sie
erstaunten, dass sie ganz übersehen oder mit gleichgültigen Blicke angestarrt
wurden. Sie hatten gehoft, in den besten Gesellschaften Zutritt zu finden, aber
mein Vater hatte keine Bekanntschaft als unter Spielern, und das einige
Frauenzimmer, dessen Umgangs sie sich rühmen konnten, war unsere Wirtin, eine
vornehm gekleidete Person von schlechtem Stand und Sitten. Ich hatte es bisher
nach Möglichkeit gehindert, dass sie sich nicht mit ihr öffentlich sehen lassen
möchten, ich hatte auch die Robignac von ihnen zu entfernen gesucht, wenn ich
sie ausführen musste, denn die seltsamen Arten dieser Person, zusammen genommen
mit Jucundens Leichtsinn, und herum wandernden Augen, und Amaliens
zuvorkommender Freundlichkeit gaben ein sehr verdächtiges Ansehen. Man wusste
ohnedem nicht recht, was man aus ihnen machen sollte; ihren Vater kannte man auf
keine andere Art, als nach dem Geschäfte, das er in Berlin trieb; der Oberste
und Herr Feldner, der eine auch ein Spieler, und der andere ein schöner Geist,
ich, ein Jüngling, dessen Name während seines ganzen Aufentalts in dieser
Stadt, nie anders als unter jungen Leuten von der leichtsinnigsten Art und am
Spieltische gehört worden war, welcher von uns allen war im Stande ihrer
Erscheinung in der Welt ein vorteilhaftes Ansehen zu geben!
    Und doch war meine Gesellschaft ihnen immer noch die zuträglichste; meine
Lehren dienten wenigstens dazu, so lange ich bei ihnen war, ihre
Unvorsichtigkeit ein wenig im Zaume zu halten, und da man wusste, dass ich Mut
hatte, so wagten die jungen Abenteuer, die etwa Jucundens Gesicht neu und für
ein Landmächen artig genug fanden, es in meiner Gegenwart nicht so leicht, sich
ihr zu nähern.
    Ich weis nicht, was für Ursachen der Oberste haben mochte, meine Wachsamkeit
für meine Schwestern ungern zu sehen, ob er vielleicht gesonnen war, aus ihrer
Gegenwart in Berlin sowohl seinen Vorteil zu ziehen, als ehemals aus der
meinigen; genug er machte mein beständiges Bestreben ihrer zu hüten lächerrlich,
und als er sah, dass dieses nicht hinlänglich war mich von ihnen zu entfernen, so
legte er meiner Schwachheit Fallstricke, welche nur gar zu würksam waren, und
mich auf einmal in einen Strudel von Zerstreuungen rissen, die mir nicht
erlaubten an etwas anders zu denken, als an mich selbst.
    Albert stockte hier ein wenig, und ich, besorgt er möchte nicht ganz
aufrichtig gegen mich sein, fasste seine Hand und bat ihn mit einer Miene, in
welcher völlige Verzeihung desjenigen lag, was ich erfahren sollte, mir nichts
zu verschweigen, sondern zu bedenken, dass er mit einer Mutter spräche.
    Mein Herz, sprach er mit zur Erde gesenktem Blick, war von jeher weich, und
mein Auge nicht blind gegen weibliche Schönheit. Der Oberste wusste dieses durch
verschiedene Begebenheiten aus den ersten Zeiten meines Aufentalts in Berlin.
Das Abenteuer beim Spiel, das mich unter die Soldaten brachte, hatte mir die
Karten so zuwider gemacht, dass kein Zureden des Obersten mich bewegen konnte
diesen meinen ehemaligen Lieblingszeitvertreib wieder hervor zu suchen. Er
verlor zu viel bei dieser Entaltsamkeit, als dass er sie nicht auf alle Art
hätte zu erschüttern suchen sollen.
    Er wusste, dass ich das Schauspiel liebte, wir besuchten es fleissig, er führte
mich in die Ankleidezimmer der Schauspielerinnen, und nicht lange, so war ich in
den Stricken eines kleinen Mädchens, welches eben erst anfing sich in einigen
Nebenrollen zu zeigen, und das also demütig genug war, mit einer so armseligen
Eroberung zufrieden zu sein, als ich für die erfahrnern Damen des Teaters
gewesen sein würde. So genügsam meine Mariane auch in ihren Forderungen war, so
wurden doch durch ihre Hülfe, meine kleinen Einkünfte bald aufgezehrt, und ich
war entweder genötigt, meine Geliebte, die ich für eine Göttinn hielt,
aufzugeben, oder meine Zuflucht zu der alten Quelle meines Glücks, zum Spiele zu
nehmen. Dieses war der Punkt, wo mich der Oberste haben wollte. Er führte mich
an Orte, wo mein Gesicht noch nicht bekannt war, er redete mir meine Scrupel
wegen des falschen Spielens aus, und ich fieng gegen etwas bessere Bedingungen
als die vorigen, unser gemeinschaftliches Geschäft von neuem an; es brachte
genugsamen Gewinn, den Obersten, mich und die kleine Mariane zu befriedigen.
    Das Spiel und die Liebe, zu welchen sich auch zuweilen der Trunk gesellte,
erhielten mich in so einem Taumel, dass ich wenig zu mir selbst kam; erschienen
denn ja einige Stunden des Nachdenkens, so waren sie zu schrecklich, als dass ich
sie nicht hätte auf alle Art abzukürzen und zu vermeiden suchen sollen. Ich war
nach meiner letzten Verirrung so gut gewesen, der Name falscher Spieler, welcher
mir immer in den Ohren ertönte, hatte mir so einen Abscheu gegen diese
verderbliche Beschäftigung eingeflösst. Feldners Unterricht, so schlecht er auch
war, hatte mir einen Geschmack an der Lektüre beigebracht; ich hatte meine
Bücher glücklich gewählt, und in denselben manches gefunden, das mich die Tugend
wieder liebgewinnen, und einen festen Fortgang auf ihrem Wege wünschen lehrte,
und nun war ich auf einmal, ich wusste selbst nicht wie, in den alten Wirbel
hineingeschleudert, und, weil ein Mädchen mit im Spiel war, fester verstrickt
als jemals. Was für Stoff zu traurigen Betrachtungen!
    Wie es meinen Schwestern ging, darauf achtete ich jetzt wenig, ich sah zwar
oft Gesellschaft bei ihnen die mir nicht gefiel, aber Jucunde durfte nur meine
beiläufigen Erinnerungen mit der Beteurung beantworten, dass sie nie einen
Schritt von der Tugend abgewichen wäre, noch abweichen würde, so war ich
zufrieden gestellt, und eilte wieder zu meiner Mariane, oder zum Spieltisch, um
daselbst alles, meine Pflicht, meine Schwestern und mich selbst zu vergessen.
Zum Glück sollte ich bald aus meinem Rausche erwachen.
    Obgleich mein Vater seine Töchter unter der Aufsicht der Robignac sicher zu
sein glaubte, ob er gleich dem Obersten in Ansehung ihrer blindlings traute, so
war er doch nicht ganz fühllos für ihre Ehre. Die jungen Herren, die unser
gemeinschaftlicher Verführer bei ihnen einführte, gefielen ihm nicht, und als
der Oberste einst kühn genug war, ihm Anträge im Namen eines alten Domherrn zu
tun, der Jucunden auf der Promenade gesehen hatte, und nicht die ehrlichsten
Absichten auf sie äusserte, so kam er mit ihm auf eine Art zusammen, welche den
gänzlichen Bruch verursachte, und den Obersten veranlasste, Berlin zu verlassen.
-
    Und nach Hohenweiler zu kommen, schrie ich, um an mir und deiner
unglücklichen Schwester seine Rache wegen seiner fehlgeschlagenen Absichten
auszulassen!
 
                                Drittes Kapitel
                                    Beschluss
Ich hatte Alberten noch nichts umständliches von dem Tode seiner Schwester und
der traurigen Veranlassung desselben berührt. Wir gerieten jetzt in ein
weitläuftiges Gespräch über diesen Gegenstand, welches die Aufmerksamkeit meines
Sohns so sehr auf sich zog, und Mitleid und Unwillen bei ihm in so hohem Grad
erregte, dass ich ihn mit Mühe auf andere Gegenstände bringen, und ihn, da die
Zeit unserer Trennung immer näher heran rückte, zur Vollendung seiner Geschichte
bereden konnte.
    Des Obersten Abreise, fuhr er fort, war in aller Absicht ein Glück für mich.
Längst war ich mein wüstes Leben, längst war ich Marianens überdrüssig, und
nichts als seine Drohung, dieses und alles vorhergehende, Ihnen und meinem Vater
zu entdecken, wenn ich mich nicht gänzlich von ihm leiten liess, konnte mich auf
dem Wege erhalten, den ich zu seinem Vorteil gehen musste. - Jetzt da ich wieder
mir selbst überlassen war, verliess ich Marianen, verliess ich die Spieltische,
und kehrte wieder zu meiner Lektüre und zu meines Vaters Hause zurück. Meine
Bücher waren freilich noch dieselben, nur dass ich manche ihrer Lehren durch
meine eigene Erfahrung bestätigt und eindringender als zuvor gemacht fühlte,
aber wie sehr hatte sich alles bei meinen Schwestern geändert! wie in die Augen
fallend war es, dass meine Aufsicht ihnen gefehlt, dass sie weit besser der
Führung eines schwächen und selbst fehlerhaften Jünglings, als ihrer eigenen, zu
überlassen gewesen wären!
    Jucunde war auf eine seltsame Art in die Bekanntschaft eines Frauenzimmers
geraten, welches mir gleich auf den ersten Anblick verdächtig und gefährlicher
für ihre Ehre als ihre männlichen Bekanntschaften vorkam. Ein wenig mehr
Kenntnis von der Welt in welcher sie gegenwärtig lebte, hatten Jucunden gelehrt,
den letztern mit Behutsamkeit zu begegnen, und sie, wenn ihr auch ihre Eitelkeit
nicht erlaubte, dies kleine Gefolge ganz abzudanken, doch allemal in einer
gewissen Entfernung zu halten; Mamsell Ralph hingegen, war ihre beständige
Gesellschaft, ihre Begleiterin auf allen ihren Gängen, oft auch ihre
Schlafgesellin, wie es schien, die Vertraute aller ihrer Geheimnisse, und ihr
offenbar lieber als ihre Schwester. Dass die Liebe zwischen meinen Schwestern
seit einiger Zeit in merkliche Abnahme geriet, war so sehr nicht zu verwundern;
Amalie neidete Jucunden um ihre körperliche Vorzüge und den Beifall den sie
fand, und diese sah es ungern, dass ihre Schwester besser Glück in Erlernung
verschiedener Dinge hatte, da sie doch nur Fleiss hätte brauchen dürfen es jener
zuvor zu tun. Herr Feldner war eine andere Ursach ihres gegenseitigen
Misvergnügens; seit der Zeit, dass sich Jucundens Anbeter vermehrt hatten, war er
zu ihrer Schwester übergangen, und Jucunde wollte keinen einigen von ihren
Verehrern missen, sie wollte das, was ihren Eroberungen am Gehalt fehlte,
wenigstens durch die Menge ersetzen. - Diese Dinge gaben Gelegenheit zu
unendlichen Zwistigkeiten zwischen den beiden Schwestern, Mademoiselle Ralph
schürte das Feuer der Zwietracht zu, und Mademoiselle Robignac spielte hiebei,
so wie bei allen andern Auftritten eine müssige Zuschauerinn. Sie hatte ihre
kleine Spiel und Schwatzgesellschaften mit der Hauswirtinn, welche ihr alle
Zeit zur Aufmerksamkeit auf ihre Untergebenen benahm, und überdies war Jucunde
auch nicht undankbar gegen die Gefälligkeit ihrer Aufseherinn, ihre Neigung zur
Freigebigkeit hatte sie auch jetzt nicht verlassen.
    Da ich jetzt anfieng mehr und länger zu Hause zu sein, als bisher, so hielt
man es für gut, mir Demoiselle Ralph ordentlich vorzustellen. Sie war ein
Mädchen, deren Gesicht, vermittelst der Schminke ein sehr jugendliches Ansehen
hatte, welches mit ihrer übrigen Gestalt, die ganz das Gegenteil von dem
schlanken Wuchs einer jugendlichem Nympfe war, seltsam kontrastirte. Ihr Anzug
war äusserst leicht und ungezwungen, und man würde es vielleicht gewagt haben,
ihn lüderlich zu nennen, wenn die niedergeschlagenen Augen der Person die ihn
trug, ihre sanfte lispelnde kaum hörbare Stimme, und der unschuldige Ton der
Unerfahrenheit und Neuheit, den sie in alles zu bringen wusste, was sie sagte,
nicht gemacht hätte, dass man sich der Sünde fürchtete, eine solche Madonne eines
Mangels an Sittsamkeit zu beschuldigen.
    Mich blendeten indessen diese Dinge nicht, ich konnte in ihr die ausgelernte
Buhlschwester, von der niedrigsten Gattung nicht verkennen. Meine Erwiederung
ihrer Höflichkeit war sehr kalt, und ich fragte Jucunden in ihrer Gegenwart, wo
sie diese Person kennen gelernt habe.
    Meine Schwester wollte schon den Mund auftun, mir ihre Erzählung zu machen,
aber die andere legte ihre Hand auf denselben, und bat in schmelzendem Ton sie
nicht zu beschämen. - Ich drang auf eine Erklärung, und ich erfuhr endlich nach
tausend Zierereien so viel, dass Jucunde sie auf einem einsamen Spaziergange
weinend gefunden habe, dass Neugier und Guterzigkeit sie bewegt hatten, sich zu
ihrer Trösterinn aufzuwerfen, dass eine Geschichte, die zu erkünstelt und zu
rührend war, um wahr sein zu können, ihr Mitleid vollends erregt, und sie
bewogen habe, bei unserm Vater um die Erlaubnis zu bitten, sie in unser Haus
aufnehmen, und bei unserer Rückreise mit nach Hohenweiler bringen zu dürfen.
    Um Gotteswillen! unterbrach ich Alberten, ich entsetze mich, wenn ich an
eine solche Vermehrung meiner Gesellschaft denke! - Ich muss heute noch an Herrn
Haller schreiben, es erfolge daraus was da wolle, und ihn bitten, dass er
Mitleiden mit mir habe, und mir kein solches Unglück ins Haus bringe.
    Mamsell Ralph, fuhr Albert fort, mochte selbst keinen Gefallen an einem
beständigen Aufentalt in unserm Hause gefunden haben; sie hatte sich geweigert,
Herrn Hallers Güte anzunehmen, und sich nur die Erlaubnis ausgebeten, so oft um
ihre himmlische Jucunde sein zu dürfen, als es ihre anderweitigen Verbindungen
möglich machten.
    Was dieses für Verbindungen sein mochten, liess sich besser mutmassen als
laut sagen. Ich warf einen verächtlichen Blick auf Jucundens Freundinn, welche
während der Erzehlung, alle ihre Reize hatte spielen lassen, um meine
Aufmerksamkeit zu erregen, und wandte ihr den Rücken. -
    Ich glaubte es mit Gewissheit zu wissen, was diese Ralph für eine Kreatur
war, ich hätte sie lieber in der nehmlichen Stunde von meiner Schwester
entfernt, aber ich merkte wohl, dass dieses keine leichte Sache sein würde, und
dass ich Beweise wider sie nötig hatte. Tausend Gedanken schwärmten wild durch
mein Gehirn. Ich hielt es fürs beste, zuerst zu meinem Vater zu gehen, ihm meine
Mutmassungen zu entdecken, und ihm die Gefahr meiner Schwester begreiflich zu
machen.
    Ich suchte ihn auf verschiednen Koffeehäusern, und als ich ihn nirgend fand,
so lenkten sich meine Schritte, ohne dass ich es fast selbst wusste, nach dem
Tiergarten. Ich setzte mich in ein kleines Gebüsch, um meinen Gedanken
nachzuhängen. Ich hörte nicht weit von mir einige Personen sprechen, aber ich
fand zuviel Beschäftigung in meinem eigenen Gehirn, um auf ihr Gespräch acht zu
geben. Nach und nach wurden ihre Stimmen lauter und ich hörte den einen mit
vielem Eifer ausrufen: Du magst sagen, was du willst, die Haller bleibt immer
ein herrliches Geschöpf, und ich schlage mich mit einem jeden, der mir das
leugnen will.
    Nun nun, rief der andere, das lohnte auch der Mühe, dass sich ein paar
ehrliche Kerls um so eine Kreatur die Hälse brächen! So viel wirst du mir doch
zugestehen, dass sie nichts als eine Glücksritterin ist, die es freilich, da sie
ihr Handwerk so jung anfängt, weit bringen kann, über dieses hat sie an der
Ralph eine gute Lehrmeisterinn - Ralph? schrie der andere, die berichtigte Ralph
eine Bekannte von der schönen Haller? - rede deutlicher, oder ich erwürge dich!
- Einige andere Stimmen legten sich dazwischen, und ermahnten die beiden
Streitenden zur Ruhe. Es ist hier nichts weiter nötig, erhub der eine seine
Stimme, als zu entscheiden, welcher von euch beiden recht hat, und ich fürchte,
Ferdinand, du wirst nachgeben, und deine angebetete Fremde für das erkennen
müssen was sie ist; du verlierst ja übrigens auch nichts dabei, wir werden sie
vielleicht bald in dem Kreise schimmern sehen, in welchem die Ralph ihre
Strahlen verloren hat, und was bleibt dir dann zu wünschen übrig? ein ehrliches
Mädchen wär doch wohl für einen Purschen wie du bist, unerreichbar.
    Kaum konnte ich mich halten, nicht diesen Augenblick loszubrechen. Nur das
Verlangen, irgend etwas zu hören das mir nützlich sein könnte, gab mir Kraft,
mich noch einige Zeit zu mässigen, aber was ich hörte, waren nichts als verneute
Lästerungen, Ihr Vater ist ein Spieler, der vermutlich auch durch sie sein
Glück hier zu machen sucht. Sie hat ein Weibsbild bei sich, die das völlige
Ansehen einer Kupplerin hat, sprach der andere. Ein dritter fuhr fort: man sieht
sie nie in Gesellschaft eines ehrlichen Frauenzimmers, nur einigemal habe ich
sie mit ihrer Wirtin gehen sehen, welche auch nicht viel taugt. Und was ihren
Bruder anbelangt, sagte der erste, so wird der von dem Handel mit seiner
Schwester auch wohl nicht abgeneigt sein, man hat ihn, so jung er ist, bereits
als einen falschen Spieler ertappt, und man weis, wozu solche Leute fähig sind.
    Hier war mir es unmöglich mich länger zurückhalten; ich sprang auf und
stürzte mich mit gezogenem Degen mitten unter sie. Halb gebrochene vom Zorn
verstümmelte Worte, forderten Rechenschaft, wegen dessen was ich gehört hatte.
Man hielt mich anfangs für rasend, und strebte mich zu entwaffnen, eine Sache,
die bei der Stärke, die mir der Grimm gab, nicht so leicht war.
    Einer aus der Gesellschaft, welchen ich für denjenigen hielt, den ich hatte
Ferdinand nennen hören, schlug sich auf meine Seite, und forderte, man solle
mich zu Atem kommen lassen, und mich ruhig anhören; - Rache! schrie ich, Rache
für die Ehre meiner Schwester, und für meine eigene! Mit diesen Worten stürzte
ich mich auf denjenigen, den ich für den Sprecher der Worte hielt, die mir die
anstössigsten gewesen waren. - Gönne ihm Zeit sich in Verteidigungsstand zu
setzen, rief Ferdinand mir zu, indem er mich zurückhielt, und denn soll dich
kein Teufel hindern, die Genugtuung zu fordern, die ich selbst nehmen würde,
wenn deine Rechte nicht näher wären, als die meinigen.
    Der andere zog. Ferdinand bewog die Uebrigen uns nicht zu stören. Wir
schlugen uns, und ich streckte meinen Gegner nach wenig Stössen in den Staub. -
Er ist todt, ertönte aus aller Munde, er ist todt! und sein Mörder soll nicht
ungestraft bleiben. - Indessen die andern hinaus eilten Lärm zu machen, oder
Hülfe für den Verwundeten zu suchen, warf Ferdinand mir seinen Mantel um, setzte
mir den Hut meines Gegners auf, und führte mich, weil ich wegen einiger
Verwundungen stark blutete, und ziemlich schwach war, davon.
    Wir sprachen nichts mit einander, bis wir dicker ins Gebüsch kamen, da mich
mein Führer niedersetzen hiess, und anfing meine Wunden zu untersuchen, sie waren
von keiner sonderlichen Bedeutung, wie Ferdinand sagte, und er behandelte sie
mit solcher Klugheit, dass ich ihn für einen Kunsterfahrnen halten musste. Er hiess
mich aufstehen, begleitete mich noch eine Strecke, und bedeutete mir denn einen
Ort, wo ich diese Nacht ausruhen könnte. Aber Bruder Haller, sagte er, du darfst
dich keine Stunde ohne Not aufhalten, man wird dich verfolgen, und ich eile zu
meiner Gesellschaft, damit man nicht merke, dass ich Anteil an deiner
Entfliehung habe. Leb wohl, wir sind gute Freunde, folge meinem Rat und werde
Soldat, dies wird die beste Sicherheit für dich sein. - Ich konnte ihm nicht
antworten. Noch ein Druck der Hand, und er verschwand aus meinen Augen.
    Ich war noch nicht zwanzig Schritte langsam fortgeschlichen, als ich seine
Stimme wieder hinter mir hörte. - Bruder Haller, rief er, ob du wohl Geld bei
dir hast? Ich wollte nach meinem Geldbeutel greifen; keine Untersuchung, rief
er, hier sind zwei Louisdors, die Hälfte meines Vermögens; keine Ziererei, oder
mit uns ists aus. Hiermit war er aus meinen Augen verschwunden, ich sah ihm nach
und schüttelte den Kopf, weil ich nicht wusste, was ich aus der seltsamen
Erscheinung machen sollte.
    Ich suchte nach meinem Geldbeutel, ich hatte wirklich nichts bei mir, als
einige Silbermünze. Ferdinands Goldstücke waren auf die Erde gefallen, ich hob
sie auf, und wünschte den Geber derselben näher kennen zu lernen. Was wäre ohne
ihn aus mir geworden!
    Ich folgte seinem Rat in allem, hielt mich kurze Zeit unter Weges auf, und
trachtete darnach Kriegsdienste zu bekommen, sie möchten auch sein, wo sie
wollten. Ich erfuhr, dass in einem benachbarten Orte Truppen nach Amerika
geworben wurden, und ich - - Himmel! unterbrach ich ihn, ich will doch nicht
hoffen! - Ja liebe Mutter, sprach er mit tränendem Blick, indem er meine Hand
an sein Herz drückte; mein Schicksal treibt mich nach Amerika. - In dem Wahn,
meinen Gegner getödtet zu haben, glaubte ich, mich nicht zu weit entfernen zu
können, Ferdinands schriftliche Nachricht, dass er lebe, überzeugte mich von
meiner Uebereilung, aber die Rückkehr ist nunmehr unmöglich.
    Er wollte mehr sagen, aber eine Erinnerung von seinen Obern, Albert Haller
solle nicht länger verweilen, die Zeit des Urlaubs sei verflossen, unterbrach
seine Rede. Ach Gott! sprach Albert, indem er in meiner und Julchens Begleitung
das Zimmer verliess, nun müssen wir uns trennen, und ich habe Ihnen noch so viel
zu sagen, so viel von meinem Bruder Samuel, den ich - - Samuel? wiederholte ich
dem armen Verunglückten? - Samuel lebt, sprach er, ich traf ihn. - Ey! so höre
auf zu schwatzen und zu winseln, schrie der rauhe Mann, der Alberten abfordern
sollte. Ich musste meine Fragen nach Samuelen aufgeben, die Versicherung, dass er
lebe, war alles, was mir Albert wiederholen konnte. - Ich warf mich meinem Sohn
weinend um den Hals, und drückte ihm eine ziemlich gefüllte Börse in die Hand.
Julchen hieng auf der andern Seite an ihm, er beugte sich zu ihr herab, sie zu
küssen, und sie gab ihm das kleine Packet mit der für ihn zubereiteten Wäsche
unter den Arm, in welches sie, wie sie mir hernach mit grossem Jubel berichtete,
noch alles gepackt hatte, was sie von ihrer wenigen Barschaft vorrätig gehabt
hatte.
 
                                Viertes Kapitel
                        Samuel bleibt sich immer gleich
Wir standen noch lange an der Tür unsers Hauses, und sahen Alberten nach, ohne
zu bedenken, dass es Nacht war, und dass der schwache Schimmer des Mondes uns die
Gestalt desjenigen, der sich von uns entfernte, kaum wie einen düstern Schatten
zeigte. Auch dieser Schatten war uns lieb; bald verschwand er ganz vor unsern
Augen, und wir kehrten traurig mit den Gedanken an die lange Trennung und das
zweifelhafte Wiedersehen zurück. - Ich warf mich auf einen Stuhl und weinte, und
Julchen schmiegte sich schmeichelnd an meine Seite. - Aber Himmel, fuhr ich auf
einmal auf, Samuel, sollte es möglich sein, dass Samuel lebte? Albert hat ihn
gesehen, vielleicht nicht weit von hier gesehen? - O Himmel, so werde ich ihn
auch sehen, ihn vielleicht bald sehen! Julchen, Julchen, meinst du wohl, dass ich
diese Freude ertragen werde?
    Diese Nacht und der folgende Tag vergiengen, ohne dass ich für etwas anders
Gedanken hatte, als für Albert, für Samuel, und für ihre unglücklichen
verführten Schwestern, an deren Lage ich nicht ohne Schrecken denken konnte. Das
Andenken der Verstorbenen ward beinahe von der Sorge für die Lebendigen
verschlungen. Hannchens Zimmer ward verschlossen, ihre Kassette blieb
unbesichtigt, ungeachtet das wenige, was ich von den darinnen entaltenen
Papieren gelesen hatte, hinlänglich war, meine ganze Aufmerksamkeit zu erregen.
Die Gegenstände, die meine Seele beschäftigten, waren zu verschieden; kein
Wunder, wenn mein Verstand darunter erlegen wär.
    Meine Sorgen um die von mir getrennten unglücklichen Kinder war vergebens,
mein Herz war des Kummers müde, es schmachtete nach einem Strahl von Freude, ich
glaubte denselben in dem Wiedersehen meines auf ewig verloren geglaubten Sohns
Samuel zu erblicken, und die Vorstellung von dieser herrlichen Scene, die, wie
ich glaubte, mir nahe bevorstand, behauptete jetzt den ersten Platz unter meinen
Gedanken; sie stärkte mich gegen alles, was mich känkte, uud ich konnte nur
dieses nicht begreifen, wo Samuel so lange verweilen müsse. Am siebenten Tage
erhielt ich einen von seiner Hand überschriebenen Brief, ich erbrach ihn mit
Zittern, und las folgendes:
    »Nach einer langen Abwesenheit und mancher überstandenen Gefahr, eile ich in
Ihre Arme, um Ihnen den Wahn von meinem Tode zu benehmen, in welchen sie
vielleicht durch einige Umstände in meiner Geschichte gestürzt worden sein
könnten. Da fand ich in einem Städtchen von ihrer Nachbarschaft, meinen Bruder,
meinen Albert - Himmel, in einer elenden Rekrutenkleidung, im Begrif aus
Verzweiflung, nach Amerika zu gehen. - O Mutter! Mutter! was ist aus ihren
Kindern geworden! Albert aufs Äusserste gebracht; Amalie und Jucunde auf dem
Wege des Lasters; Johanne todt; und dieses, wie man sagt, aus Gram über den
Verlurst ihrer Ehre; Peninna in dem Hause des abscheulichen Regierungsrats
Berg, als seine deklarirte Mätresse. O Mutter! wo ist die Wachsamkeit für Ihre
Kinder! es ist unmöglich, dass wir alle ohne Ihre Schuld so elend sein können!
Nein, ich kann, ich kann Sie nicht sehen! ich möchte mich vergessen, und meinen
Mund zu Vorwürfen gegen die öfnen, die mich gebahr, die meinem Herzen noch immer
so teuer ist. Sieben Tage bin ich in Ihrer Gegend herumgeschwärmt; der Trieb
sie zu sehen und der Entschluss ihren Anblick zu meiden, kämpften lange mit
einander; endlich behielt der letzte die Oberhand. Mein Bruder geht nach
Amerika, ich will ihm folgen. Was verliere ich denn auch endlich in Europa?
schwache weitaussehende Hoffnungen? Hirngespinste von wiederkehrender Ruhe? Nein,
ich kann unter diesem Himmel nicht ruhig werden. - Meine Anschläge sind zwar zum
Teil geglückt, ich hätte vielleicht einige Aussichten auf Glück - - aber nein;
meine Eltern, meine Geschwister sind unglücklich, sind mit Schande überhäuft;
ich muss fliehen, muss alle diese Dinge zu vergessen suchen, ihr Anblick würde mir
jedes Glück verbittern. Ach dass mein einiger bester Freund, mein Vater in
Traussental, nicht mehr ist! bei ihm könnte ich Rat und Trost finden. Leben Sie
wohl, unglückliche Mutter, sorgen Sie wenigstens für Julchen und verzeihen Sie
                                                             Ihrem Sohn Samuel.«
    Ja wohl unglücklich, schrie ich, unglücklich ohne Rettung! O Samuel ists
nicht zu hart, mir alle mein Elend so vor die Augen zu mahlen, mich die
Urheberinn desselben zu nennen? - - Ich bin unschuldig, Gott weis, ich bin
unschuldig.
    Ich weinte lange - - und fuhr endlich über den Gedanken an Peninnen auf.
Peninna! schrie ich, in dem Hause des abscheulichen Regierungsrats? - warum
abscheulich? ich kenne ihn auf keiner schlechten Seite. - Und sie seine erklärte
Buhlerinn? - o Peninna, Peninna, sollte dieses wahr sein, der Gram würde mich
bald in die Grube bringen! - Ich war neben meinem Stuhl auf die Knie gesunken,
Tränen badeten meine gefaltene Hände, ich jammerte und flehte zu Gott für meine
arme Kinder! Ich musterte sie alle in meinen Gedanken, und schnell fiel
Hannchens Name wie ein Stein auf mein Herz, Gott, schrie ich, sollte es wahr
sein, was Samuel von ihr sagt? - Mutmassungen von dieser schrecklichen Sache
hatte ich schon, und der Anfang jenes Briefs, den ich in ihrem Schmuckkästgen
fand! - Ich muss Gewissheit haben, ich muss, und sollte mir es das Leben kosten.
    Ich eilte in das Zimmer der Verstorbenen, ich schloss die Tür hinter mir zu.
Alles was das geheimnisvolle Kästgen entielt, breitete sich vor mir aus, ich
ergriff das Blatt, das ich schon einmal zu lesen anfieng, hielt es einige Zeit
in der Hand, ohne den Mut zu haben, es anzublicken, und fand, als ich mich
gefasst hatte, folgendes.
 
                                Fünftes Kapitel
                                An Madame Katin
Werte Freundinn, mit welcher Empfindung nenne ich Ihren Namen! sie sind die
einige, mit welcher ich vertraulich reden kann, die einige Teilnehmerinn meines
Geheimnisses! Zwar ich betrat Hohenweiler mit der Hoffnung mich meiner Mutter
entdecken zu können, welches in aller Absicht besser für mich wär; aber Himmel,
wo soll ich Mut zu dem schrecklichen Geständnisse hernehmen? - Nein, ich wage
es nicht! - Wie Sie mir oft wiederholten: ihre Grundsätze sind zu streng, sie
würde mich hassen, mich verachten, und wie könnte ich den Hass, die Verachtung
einer solchen Mutter ertragen? einer Mutter, die mich so sehr liebt, so grosse
Meinungen von meiner Tugend hat! - Noch heute habe ich auf dem Punkte gestanden,
mich ihr zu Füssen zu werfen, und ihr alles zu offenbaren, aber wenn ich denn an
das strenge Gericht denke, das sie über Rosen hielt, als ich ihr ihre Geschichte
erzehlte, wenn ich mir den Eifer, mit welchem sie sprach, als ob sie die
Verbrecherinn, von welcher die Rede war, vor sich hätte; wenn ich mir ihre
letzten Worte ins Gedächeniss zurückrufe! »Hannchen, sagte sie, du weinst über
fremde Vergehungen; denke wie schwer eigene Verbrechen zu beweinen sein müssen!
O Gott, fuhr sie mit gen Himmel gefalteten Händen fort, erhalte ihr Herz immer
so schuldlos und so rein, wie es jetzt ist; der blosse Gedanke, es könne einst
verderbt werden, wär im Stande mich ins Grab zu strecken!« - Ich weiss nicht
genau ob ihre Worte so waren, der Sinn derselben ist es, aber mich dünkt, es
lautete alles viel ernster und strenger als ich sagen kann! Wo soll ich bei
solchen Äusserungen Mut hernehmen mich ihr zu vertrauen?
    Liebe Madam, ich bin in sehr grosser Angst, mein Fehltritt reut mich so
innig, so schmerzlich, dass ich wünschte, ihn mit dem Verlust meines Lebens
austilgen zu können, auch sorge ich, meine Mutter möchte aller meiner
Behutsamkeit ungeachtet, es dennoch erfahren und mich hassen, und darum bitt ich
sie, wenn ich nun todt bin, denn ich werde wohl sterben, meiner Mutter doch
nichts davon zu sagen, wie sehr sie sich in ihrer vermeinten Tugendheldinn, in
ihrem Hannchen irrte; ein spöttisches Lachen über mich selbst fährt mir heraus,
da ich dieses schreibe; niemand kann mich so sehr verachten, als ich mich selbst
verachte, selbst mein Ludwig nicht, welcher doch, wie ich gewiss weiss, diejenige,
die ihm zu Liebe den Weg der Tugend verliess, nicht einen Augenblick mehr seiner
Achtung würdigen wird; ach, und ich liebe ihn so sehr!
    Ich habe mich unterbrochen; ich wollte Ihnen vorhin noch sagen, dass Sie um
ihrer Selbstwillen, mit meiner Mutter nicht von meinen Vergehungen reden sollen,
denn bedenken sie nur, wenn sie nun weiter fragte: Wer hat mein Hannchen
verführt, so könnten ihnen doch wohl alle die Gelegenheiten einfallen, die sie
mir gaben, Ludwigen zu sehen, alle die Gespräche, mit welchen sie meine Liebe
nährten, alle die seltsamen Dinge, mit welchen sie meine Begriffe von Recht und
Unrecht erschütterten; wenn ihnen nun dieses einfiel, und sie würden rot, was
würde denn meine Mutter denken? Auch von Rosen müssen sie nicht viel sagen; sie
wissen wohl, wie viel Nachsicht sie auch gegen sie hatten; wir waren doch einmal
ihrer Aufsicht anvertraut, sie hätten über uns wachen, und uns nicht Gelegenheit
zum Bösen geben sollen. - Nun ich weis es, sie meinten es gut, sie dachten mich
glücklich zu machen, sie verführten mich nicht aus Eigennutz, wie mir Rose
einmal sagte, als sie gegen mich über sie klagte. Sie behauptete, die Frau von
Wilteck habe ihnen hundert Louisdor geboten, wenn sie machen könnten, dass Ludwig
mich verachtete und nicht mehr an mich dächte, und sie hätten geglaubt, ihren
Lohn nicht besser verdienen zu können, als wenn sie mich lasterhaft machten.
Ach! Rose war zwar ein leichtsinniges sittenloses Ding, deren Gesellschaft mir
nicht allemal zuträglich war, aber sie hatte doch auch Stunden, wo sie
vernünftig redete; sie warnte mich vor Ihnen und vor der Frau von Wilteck, und
ich entschloss mich zu fliehen, damit sie mich nicht endlich so tief ins
Verderben stürzen möchten, dass ich Lust und Kraft zur Besserung verlör. Die
abscheuliche Frau von Wilteck! Wenn ich noch an die Worte denke, die sie den Tag
vor meiner Abreise zu mir sagte! - Hannchen, sprach sie, ich weiss wie du und
Ludwig einander lieben, ich bin nicht so grausam euch zu trennen. Die Gemahlinn
eines Herrn von Wilteck kannst du nun freilich nicht werden, aber es gibt
andere Verbindungen, welche die Liebe eben so dauerhaft macht, als die Gesetze
ein rechtmässiges Ehebündniss. -
    So sprach sie; nun glaube ich zwar, dass sie meiner spottete, denn niemand
strebte mehr darnach, mich von Ludwigen zu entfernen, als sie, aber wär es denn
ein Wunder gewesen, wenn die Vorstellung, nie von meinem Geliebten getrennt zu
werden, mich in alle ihre Vorschläge hätte willigen lassen? - Mein guter Engel
hat mich zur Flucht angetrieben, und so unglücklich ich auch hier bin, so möchte
ich mich doch nicht wieder in das Wiltecksche Haus zurück wünschen.
    Noch eine Bitte, meine liebe Madam Katin, die wichtigste die ich auf dem
Herzen habe: Nehmen sie, ich bitte sie um Gottes Willen, nehmen sie sich meines
kleinen Ludwigs an, ich habe ihn ihren Händen vertraut, er allein war es, der
mir meine Flucht schwer machte, aber mit mir nehmen konnte ich ihn freilich
nicht. O Katin, wenn noch ein Funke von Erbarmen in ihnen ist, so sein sie
diesem armen verlassenen Kinde eine Mutter; ach seine eigene wird ihn bald
verlassen müssen, der Gram auch um ihn, nagt an meinem Leben, und ich muss
sterben. Zuweilen denke ich doch, es wär um des Kindes willen besser, ich
entdeckte meiner Mutter alles; sie würde sich doch seiner erbarmen, wenn sie
auch mich verstossen sollte. Aber nein, ich will kein Mistrauen in Sie, meine
einige Freundinn, setzen, auch soll Ihnen die Sorge für den armen Kleinen
erleichtert werden. Was sein Vater für ihn tut, das wissen sie, und damit auch
ich meine Schuldigkeit nicht versäume, so nehmen sie hier mein ganzes Vermögen,
alles was ich an Geld und Kostbarkeiten habe, nehmen sie es, und wenden es an,
wie sie wollen, nur sorgen sie, sorgen sie mütterlich für mein Kind; es wird
einmal Rechenschaft von Ihnen gefordert werden, bedenken sie dieses, und lassen
sie mich nicht vergeblich flehen. Aber ich wollte sie auf den Knien für meinen
kleinen Ludwig bitten, wenn ich bei ihnen wär. Himmel, wenn ich bei Ihnen wär!
was das für ein Gedanke ist! bei Ihnen und bei ihm! wenn ich ihn nur noch
einmal, nur noch ein einigesmal sehen sollte, ehe ich sterbe! Ach mein Herz wird
von tausend Wünschen, tausend Bekümmernissen, tausend tausendfacher Angst
zerrissen, und ich muss sterben!!! Geschrieben an meinem achtzehenten
Geburtstage.
                                                                 Johanna Haller.
 
                                Sechstes Kapitel
                      Ein Gespräch zwischen zwei Matronen
Man stelle sich den Eindruck vor, den dieser Brief auf mich machte! O Hannchen,
wie war dir es möglich, mich so zu verkennen! Wie konntest du Härte und
Verstossung von einer Mutter fürchten, welche nur Mitleid für dich fühlte! So
rief ich, als ich zu Ende gelesen hatte, und streckte meine Arme nach dem
traurenden Schatten der armen Dulderin aus, welchen ich vor mir schweben zu
sehen glaubte. Bittere, bittere Tränen folgten meinen Ausrufungen, Tränen von
Reue und quälenden Vorwürfen ausgepresst. Ach womit musste ich ihr Zutrauen
verscherzt haben? ohne Zweifel lag die Schuld an mir, dass sie es nicht wagte zu
sprechen! Meine Äusserungen gegen das Laster, waren zu streng, ich hielt es für
Pflicht die Nachsicht und das Mitleid, das ich gegen die Irrenden fühlte, in
meinen Busen zu verschliessen, und äusserlich nur Richterinn zu sein. Rosens
verneute Vergehungen brachten mich auf, das Urteil, das ich über sie fällte,
musste die schüchterne Seele abschrecken, die in der Bitterkeit ihrer Reue keinen
Unterschied zwischen einer verführten Unschuldigen, und einer rückfälligen
Sünderin sah. Und dann das Märchen, damit ich sie, ich weiss auch nicht warum,
in ihren letzten Tagen unterhielt! Warum musste ich die Geschichte von einem
gefallenen Mädchen mit einflechten? - War es, bei den wunderlichen Mutmassungen
von Hannchens Traurigkeit, die ich mir oft selbst nicht gestehen mochte, war es
meine Absicht, sie durch diesen Teil der Geschichte besser auszuforschen? Warum
sprach ich nicht schonender von der Verführten, die ich ihr darstellte? - Warum
machte mich der Anteil, den sie an Römhilds Geschichte nahm, nicht aufmerksam?
warum kam ich ihrem Geständnisse nicht auf halbem Wege entgegen? O Römhild!
Römhild! rief sie noch in ihren letzten Phantasien! Schröcklich tönten mir diese
Worte noch immer in den Ohren, ich nahm sie als einen Beweis an, dass ich mit
meiner damaligen Erzehlung alles verderbt hatte, und nannte mich die Mörderin
meiner unglücklichen Tochter. Dachte ich denn an die Frau von Wilteck, welcher
ich meinen liebsten Schatz so unvorsichtig überliess, fiel mir Rose ein, welche
fürwahr eine schlechte Gesellschaft für ein unschuldiges Mädchen war, so öfnete
sich mir ein neues Feld von Vorwürfen, und ich glaubte unter den
schreckensvollen Vorstellungen, die ich mir machte, zu erliegen.
    Ich vermute, dass ich eine lange Zeit ohne Besonnenheit zugebracht habe; was
mich endlich erweckte, war ein Geräusch an der Tür, und Julchens klagende
Stimme, welche mich überall suchte, mich endlich in diesem Zimmer vermutete,
und sich vergebens bemühte, es zu öfnen. -
    Ich fasste meine Kräfte zusammen, ihr zu antworten, und schlich endlich an
die Tür, sie einzulassen. Ach Himmel, liebe Mutter, schrie die Kleine, wie bin
ich ihrentwegen in Sorge gewesen! Gottlob, dass ich sie endlich gefunden habe,
aber wie bleich sie sind! wie sie zittern! Ach sie sind krank, sehr krank! Gott
was soll ich anfangen?
    Ich hatte mich auf einen Stuhl zunächst der Tür gesetzt, ich hielt Julchens
Hände fest in den meinigen, sah sie mit strömenden Augen an, und bestrebte mich
vergeblich zu sprechen.
    Ich muss sie zu Bette führen, rief Julchen, und bemühte sich, mich zum
Aufstehen zu bringen, die Dame, welche mit ihnen zu sprechen wünscht, muss sich
gefallen lassen zu warten, oder wiederzukommen. Eine Dame? wiederholte ich, wo
ist sie? ich werde sie sehen müssen. Wer mag sie sein?
    Ich habe sie in den untern Saal treten lassen, antwortete meine Tochter, ich
kenne sie nicht, es ist eine dicke Frau, mit einem hochroten Gesicht. Ihre
Kleidung ist fast in dem Geschmack der Demoiselle Robignac, sehr bunt und
jugendlich.
    Ich liess mich in mein Zimmer führen, trank ein Glas Wasser, und liess die
Person, die Julchen eine Dame nennte, eintreten.
    Verzeihen Sie, Madam, sprach ich, indem ich mich ein wenig von meinem Sitz
erhob, eine kleine Unpässlichkeit - -
    Ich bedaure, sagte die andere, meine Geschäfte treiben mich eigentlich nicht
zu Ihnen, Madam, sondern zu Mamsell Haller, ihrer Tochter.
    Ich habe viel Töchter, Madam, wollten sie die Güte haben, sich deutlicher zu
erklären.
    Das junge Frauenzimmer, mit welchem ich zu sprechen wünschte, lernte ich im
Wilteckschen Hause unter dem Namen Hannchen kennen.
    Im Wilteckschen Hause? schrie ich, und fühlte, dass ich bleich ward, ist ihr
Name nicht Katin?
    Sie kennen mich? fragte die Frau mit einer Miene, aus welcher ich nicht
wusste, was ich machen sollte, und unter was für einem Charakter hat es Mamsell
Hannchen beliebt, mich mit ihnen bekannt zu machen.
    Sie - Sie hat nie mit mir von Ihnen gesprochen.
    Sonderbar! So sollten meine Züge sich also so wenig verändert haben, dass ich
Ihnen noch von alten Zeiten her bekannt sein könnte? sie warf einen Blick in den
Spiegel, und ich heftete meine Augen mit mehrerer Aufmerksamkeit auf ihr
Gesicht.
    Zwar, fuhr sie fort, unter dem Namen Katin möchte ich ihnen doch wohl nicht
von jenen Zeiten kenntlich sein können.
    Aber wohl unter dem Namen Katarines, rief ich, indem ich sie auf einmal für
diese Frau erkannte, deren ich im Anfange meiner Geschichte gedacht habe. O
Weib! Weib! willst du nimmer aufhören mich zu verfolgen? soll ich so spät noch
Proben deiner feindseligen Gesinnungen erfahren?
    Sie reden da eine sonderbare Sprache, Madam, erwiederte die Katarines, und
erhob sich gravitätisch von ihrem Stuhl. Sie werden sich erinnern, dass ich mit
Mamsell Hannchen sprechen wollte; in welchem Zimmer kann ich sie finden?
    Suche sie unter den Todten, abscheuliche Verführerinn, rief ich, sie hat den
Verlust ihrer Tugend, den sie dir zu danken hat, nicht überleben können. Mein
Gott, Madam, erwiederte die Frau, begreifen sie sich doch, sie sind nicht bei
sich selbst! Ist Mamsell Hannchen todt, je nun, wir sind alle sterblich, und ich
weiss nicht, wie ich dazu komme Vorwürfe darüber zu hören?
    Fragen Sie ihr Gewissen, schrie ich, und dann entschuldigen sie sich. Aber
todt, Mamsell Haller würklich todt, wiederholte sie, und sollte so gar nichts an
mich hinterlassen haben? ich habe ein Pfand von ihr in Händen.
    Ja wohl, rief ich, ein teures kostbares Pfand, das ich keine Stunde länger
in deinen Händen lassen will. Ich fordere den Sohn meiner Tochter zurück; er ist
nunmehr der meinige, und niemand soll mir ihn entreissen.
    Ich sehe, Madam, sprach die andere, und setzte sich wieder, ich sehe, sie
wissen alles, lassen sie uns vernünftig mit einander sprechen. Nichts mehr von
beleidigenden Vorwürfen, wenn ich bitten darf, sie sind auf tausenderlei Art in
meiner Gewalt, und ich bin nicht gewohnt Beleidigungen unvergolten zu lassen.
    In deiner Gewalt? rief ich. Ist nicht meine arme Tochter todt? ist sie nicht
zu hoch für deine Verfolgungen? Und mein Enkel, wirst du mir ihm wohl
vorentalten dürfen.
    Vielleicht doch wohl, sagte sie, aber nein, nein, sie sollen ihn haben, mir
ist nichts damit gedient, fremder Leute Kinder zu ernähren.
    Unwürdige! schrie ich.
    Und, fuhr sie fort, was das erste anbelangt, so wird es Mamsell Hannchen,
tröste sie Gott, wenn sie zu trösten ist, freilich nun gleichviel sein, was die
Welt von ihr spricht; aber ob ihre Mutter viel Ehre davon haben wird, wenn der
ganze Vorgang bekannt wird. -
    Meine Tochter ist als vermählte Frau von Wilteck gestorben, unterbrach ich
sie.
    Ja so! sprach sie mit höhnischem Lächeln, nun ich gratuliere von Herzen zu
der so schleunig geschlossenen Verbindung, und werde nicht ermangeln, es
auszubringen, dass bereits ein Sohn und Erbe vorhanden ist, dem es aber doch
vielleicht einmal schwer werden möchte, die Rechtmässigkeit seiner Geburt zu
beweisen.
    Wo wollen sie hin? rief ich, und suchte sie zurück zu halten.
    Ich will noch, erwiederte sie, zu meiner Muhme, der Frau Pfarrerin hier in
diesem Städtchen gehen; ich weiss, sie hört auch gern etwas neues, die
Geschichten von der verstorbenen Frau Lieutenantinn von Wilteck, und von dem
kleinen Junker Ludwig, werden ihr willkommen sein, und sie wird vermutlich bald
erscheinen, ihren Glückwunsch zu den erfreulichen Begebenheiten abzustatten.
    Der Name meiner alten Feindinn und Lästererinn, erweckte alle meine
Besorgnisse, und - sollte man denken dass ich so schwach war, mich zu einer Art
von Bündnis mit der niederträchtigen Katarines herabzulassen? Einige Geschenke
erkauften ihre Verschwiegenheit, wir wurden einig, dass der kleine Ludwig unter
dem Namen meines Paten zu Hohenweiler eingeführt werden sollte, und das Weib
versprach zur Zugabe, mein christliches Gemüt, dass ich mich dieses elterlosen
Kindes so mütterlich annähm, gegen die Pfarrerinn und jedermann zu rühmen; ein
Versprechen, dass ich ihr mit der äussersten Verachtung zurück gab.
    Madam Katarines war jetzt nicht mehr so empfindlich, meine Geschenke hatten
sie gefälliger gemacht; sie überhörte jedes unwillige Wort, das mir etwa
entfuhr, und war auf einmal so ganz für mich eingenommen, dass sie nicht wusste,
wie sie sich von mir trennen sollte. Wir hatten lange unsere Geschäfte mit
einander abgetan, und noch konnte ich sie nicht los werden. Sie wollte sich in
eine umständliche Erzehlung von Hannchens trauriger Geschichte einlassen, und
als ich merkte, wie wenig dieselbe der Wahrheit treu, und zum Vorteil der armen
Verstorbenen sein würde, und ihr Stillschweigen über diesen Punkt auflegte, so
kam sie auf ihre eigene Geschichte, und erzehlte mir sehr umständlich, wie übel
sie mit Herrn Katarines gelebt, wie sie ihn wegen seiner Untreu angeklagt, wie
er darüber vom Amte gekommen und von ihr geschieden worden, und wie sie seit der
Zeit als Wirtschafterinn in vielen adelichen Häusern gelebt, und wie sie doch
noch immer so viel übrig behalten, ihrem Feinde, so nennte sie ihren Mann, Gutes
zu tun. - Ich aber konnte das seltsame Gemisch von Bosheit und heuchlerischer
Tugend, woraus alle ihre Reden bestanden, nicht länger aushalten. Ich sagte, dass
ich der Ruhe sehr nötig habe, und fragte, wo sie zu übernachten gedächte.
    Bei meiner Muhme der Frau Pfarrerinn, erwiederte sie mit schleppendem Ton. -
Ich verstand sie vollkommen, klingelte und befahl ein Zimmer in meinem Hause für
sie zurecht zu machen. Sie bewunderte meine unvergleichliche Güte, wie sie sich
ausdrückte, lobte Julchen, welche eben eintrat, in den übertriebensten
Ausdrücken, und bat sie sich zur Schlafgesellin aus.
    Aber ich fürchtete den Hauch dieser giftigen Schlange. Julchen schlief diese
Nacht in meinem Zimmer, und ich liess sie nicht aus den Augen, bis Madam
Katarines des andern Tages abgereisst war.
 
                               Siebentes Kapitel
                            Ein elektrischer Schlag
Die heftigen Gemütsbewegungen, die ich des vorigen Tages erfahren hatte,
griffen meine Gesundheit an, ich war einige Wochen bettlägerig. Ein
schleichendes Fieber verzehrte meine Lebenskräfte, eine gänzliche
Gleichgültigkeit gegen alles nahm meine Seele ein. Herr Walter besuchte mich in
dieser Zeit sehr fleissig, er sprach mit mir von den verwickelten Angelegenheiten
meines Mannes, aber ich konnte wenig dazu sagen, und musste alles seiner
Besorgung überlassen. Er suchte die empfindlichsten Seiten meines Herzens zu
berühren, er brachte mir meine abwesende Kinder in den Sinn, ich blieb
gleichgültig; er rief Julchen an mein Bette, sie weinte und fragte ob ich sie
nicht mehr liebte, ich küsste sie, und gab Waltern einen heimlichen Wink sie zu
entfernen. »Nur dann würd ich glücklich sein,« sagte ich, als wir allein waren,
»wenn alle meine Kinder so ruhten, wie Hannchen ruht, und ich könnte mich an
ihre Seite legen und sterben.«
    Ein ganz neuer noch nie gesehener Gegenstand war nötig, um mich dergestalt
zu erschüttern, dass Gefühl und Liebe zum Leben wieder in mir erwachten.
    Ich erwachte eines Tages gegen den Abend aus dem matten Schlummer, in
welchem ich jetzt immer zu liegen pflegte. Herr Walter sass neben meinem Bette
und hielt mit Julchen ein leises flüsterndes Gespräch. Es schien noch ein
Drittes gegenwärtig zu sein, mit welchem sie sich beschäftigten. Ich schlug den
Vorhang zurück, und erblickte auf Walters Knien einen kleinen etwa
andertalbjährigen Knaben, der sich an das vor ihm knieende Julchen anschmiegte,
und die Liebkosungen, mit welchen sie ihn überhäufte, auf seine Art erwiederte.
Ach Ludwig! schrie ich, indem ich mich jähling aufrichtete, ach ja er ists!
Geschwind dass ich ihn in meine Arme schliesse! Man setzte ihn auf mein Bette, und
ich drückte ihn weinend an meine Brust.
    Herr Walter war froh, mich weinen zu sehen, er suchte mein Herz noch mehr zu
erweichen; er sagte mir tausend rührende Dinge von Hannchen, von dem Zustand
ihres armen verlassenen Kindes, von meiner Pflicht ihm Mutter zu sein, und der
Freude die mir seine Erziehung machen würde; es gelang ihm, ich zerschmolz in
Tränen, ich konnte nicht aufhören den Kleinen zu liebkosen, der mich mit seinen
grossen blauen schmachtenden Augen anblickte, dann, als er mich Tränen
vergiessen sah, seinen kleinen Mund auch zum Weinen verzog, und sich mit dem
Namen Mutter an meinen Hals schmiegte. Nie hat man ein holderes
schmeichelhafteres Kind gesehen! Er war schön wie ein Engel, ganz das Ebenbild
seiner Mutter. Er sah mich mit Hannchens Blicken an, lächelte mir mit ihrem
Munde, und selbst in seiner lallenden Stimme glaubte ich etwas von ihrem sanften
liebkosenden Tone zu entdecken. Ich konnte es nicht länger aushalten, ich liess
ihn von mir hinweg nehmen, und forderte ihn eben so schnell zurück.
    Ich nahm meine Kräfte zusammen, um einige Anstalten zu seiner Pflege zu
machen. Ich wusste nicht, wem von meinen Leuten ich ihn anvertrauen sollte. Ich
bat Herr Waltern, doch Charlotten kommen zu lassen, damit sie für ihn sorgen
könne; er zuckte die Achseln: Charlotte hatte dringende Geschäfte in ihrem
Hause, und ich musste des andern Tages versuchen aufzustehen, um selbst
zuzusehen, dass bei dem Kinde nichts versäumt wurde. Es wurde mir sehr sauer mein
Bette zu verlassen, aber meine Kräfte vermehrten sich nach und nach, das neue
Geschäft amusirte mich, Liebe und Mitleid gegen das Kind, schlossen mein Herz
auch zu andern Gefühlen auf, und Walter frohlockte heimlich, dass es ihm gelungen
war mich aus meiner gefährlichen Fühllosigkeit und Untätigkeit zu reissen.
    Jetzt kann ich sie verlassen, sagte er nach einigen Tagen, sie fangen wieder
an, einzusehen, dass ihr Leben zum Glück vieler Personen noch sehr nötig ist.
Meine Charlotte soll sie bald besuchen, um sich mit Ihnen über Ihre
Wiederherstellung zu freuen, sie hatte nur damals dringende Geschäfte, als es
nötig war, dass sie selbst handelten, um ihre schlafenden Lebensgeister wieder
zu erwecken. -
    Ich drückte seine Hand und dankte ihm mit der äussersten Nührung für alles,
was er für mich tat; auch das war dankenswert, dass er mir den Anblick der
Katarines erspart hatte: sie hatte den kleinen Ludwig in eigener Person
überbracht, sie hatte mich schlechterdings selbst sprechen wollen, aber er hatte
sie so abgefertiget, wie es ihm und ihr zukam, und als sie einige Winke gegeben
hatte, dass sie unbezahlt von gewissen Dingen nicht schweigen würde, so hatte er
ihr auf eine Art geantwortet, von welcher es sich hoffen liess, dass sie die
Schwätzerinn zu unentgeldlicher Verschwiegenheit bewegen würde.
 
                                 Achtes Kapitel
                    Die Matrone spricht aus einem hohen Tone
Niemand freute sich so sehr über den kleinen Ludwig, als Julchen. Sie war eben
in dem Alter, da die Mädchen anfangen sich der Puppen zu schämen, ohne darum die
Neigung zu diesem Spielwerk verloren zu haben; nichts ist ihnen zu dieser Zeit
erwünschter, als eine lebendige Puppe, ein Kind, in dessen Gesellschaft sie mit
Ehren spielen, für das sie auf ihre Art Sorge tragen, und sich dabei ein
mütterliches Ansehen geben können. Julchen spielte die gewöhnliche Rolle ihrer
Mitschwestern meisterlich. Nie war sie aufgeräumter und liebenswürdiger, als
wenn sie Ludwigen zu unterhalten suchte, und nie war ihr Ton ernstafter und
ihre Miene nachdenklicher, als wenn sie mit mir von den Bedürfnissen des Kindes
und seiner Pflege sprach, bei welcher sie eine wichtige Person vorzustellen
glaubte.
    Diese beiden kleinen Leute lehrten mich wieder lachen, und lockten mir zu
anderer Zeit Freudentränen ab. Sie liebten sich unaussprechlich. Ludwig weinte,
wenn er seine Spielgesellinn nicht sah, und Julchen dachte an keinen Spaziergang
mehr, bat nicht mehr, so wie sie sonst getan hatte, ich möchte sie doch mit
Pfarrers Lorchen umgehen lassen, und achtete keine Freude, wenn nur Ludwig
zugegen war.
    Meine Freude an dem armen Kleinen, war freilich nicht so rein und
unvermischt, als wie Julchens, durch wie vielerlei Gedanken an die Vergangenheit
und an die Zukunft wurde sie nicht verbittert! und selbst der gegenwärtige
Augenblick war in Ansehung seiner nicht an Verdruss und Kummer leer.
    Ludwig hiess mein Pate, aber es war mir nicht verborgen, dass ganz
Hohenweiler ihn unter seinem wahren Namen kannte. Das neugierige Julchen war in
meiner Krankheit über Hannchens Briefe gekommen, sie hatte oft auch etwas von
Walters Gesprächen mit mir über diese Dinge gehört, denn wer kann sich allemal
für so einer kleinen Lauscherinn hüten, ich hätte sie in Verdacht haben können,
dass sie in ihrer Einfalt etwas gegen die Tochter des Pfarrers ausgeplaudert
habe, die sie zuweilen in der Kirche sah, aber ich will lieber glauben, dass
Madam Katarines, ungeachtet Walters Drohungen, die Verschwiegenheit gegen ihre
Frau Muhme gebrochen habe. So viel war einmal gewiss, dass die Rede aus dem
Pfarrhause ausgekommen war.
    Der Hass der Hohenweilerischen Frauen gegen mich hatte jetzt seinen höchsten
Gipfel erreicht, da er mit einer tiefen, und wie sie meinten, wohlverdienten
Verachtung verbunden war: Der Verfall unsers Glücks, das Gerücht von dem
Verdacht in meines Mannes Redlichkeit, welcher die Versiegelung der Kasse
verursacht hatte, und die böse Rede, welche fast von allen meinen Kindern ging,
berechtigte sie nach ihren Gedanken, zu jeder schimpflichen Begegnung; sie
liessen es nicht genug sein, mich für ihre Person anzufeinden, sie wiegelten
auch ihre Männer wider meine Freunde auf, und der Pfarrer kochte Gift und Galle
in seinem Herzen wider Waltern, weil ihm seine Frau sagte, dass er ihm ins Amt
gegriffen, und Hannchen mit dem Lieutenant vermählt hatte.
    Woher doch die Frau alles wissen mochte, was in dem Innersten meines Hauses
vorgieng? Sie war in der Gabe der Ausforschung, beinahe der seeligen Madam
Haller zu vergleichen, nur dass es ihr an ihrem guten edlen Herzen fehlte.
    Täglich bekam ich neue Proben von der Bosheit meiner Verfolgerinnen, sie
vereinigten sich mit den beiden alten Herren von Wilteck, die meinem Hause aus
verschiedenen Ursachen feind waren, und diese liessen es an keinem Schimpf und
Beleidigungen fehlen.
    Ich erhielt eines Tages einen in sehr hochtrabenden Worten geschriebenen
Brief von des kleinen Ludwigs hochadelichem Grosvater, in welchem mir feierlich
untersagt ward, mich der Ehre zu rühmen, eine Tochter in das Wilteckische Haus
verheiratet zu haben. Ich schickte ihn zurück, nachdem ich folgende Worte
darunter geschrieben hatte.
    »Ich bin so weit entfernt, diese Sache, deren Wahrheit ich leider nicht
leugnen kann, für eine Ehre zu halten, dass ich sie vielmehr als die
unglücklichste Begebenheit meines Lebens ewig verschweigen werde, wenn nicht der
würdige Gemahl meiner Tochter, den ich unter allen seinen Verwandten allein
hochschätze, mich eines Tages zu Aenderung meines Entschlusses bewegen sollte.
    H. P. Haller, mit eigner Hand und Siegel.«
    Dies war wohl ein wenig hart, aber ein solcher Brief hatte eine solche
Antwort verdient, und sie entielt über dieses nichts als Wahrheit. - Ich weiss
nicht, wie sie aufgenommen wurde, aber die hochadelichen Wiltecke mussten mir
wider ihren Willen einen wichtigen Dienst leisten, nehmlich das Gerede von dem
unglücklichen Schicksale meiner Tochter und der Herkunft des kleinen Ludwigs zu
stillen. Ihr Stolz und mein Gefühl für die Ehre wurde auf gleiche Art durch
dasselbe verletzt, und das Gebot, das an die Schwätzerinnen von Hohenweiler
ausgieng, hinfort von dieser Sache zu schweigen, schaffte mir die Ruhe, die man
mir so gern verbittert hätte.
 
                                Neuntes Kapitel
              Scene des Wiedersehens bei einem zärtlichen Ehepaar
Man schaffte mir Ruhe, sagte ich? was für ein unschicklicher Ausdruck! Ach die
Ruhe schien auf ewig aus meinem Hause geflohen zu sein! Und wenn ich mich denn
ja etwa eine Stunde in Schlummer gewiegt, ja mit Mühe eine traurige
Vergessenheit aller meiner Kränkungen erkünstelt hatte, so kam schnell ein
Schlag, der mich gewaltsam aufschreckte, und mich alle meine Schmerzen von neuem
fühlen liess.
    Wir sassen an einem Abend bei unserer Arbeit und sprachen von gleichgültigen
Dingen, der kleine Ludwig war schon zu Bette gebracht, und Julchen bemühte sich,
alle die Munterkeit und Laune in unser Gespräch zu bringen, deren sie fähig war;
sie war zu jung, um irgend einen Schmerz lange und tief zu fühlen, und dieses
machte sie zu der schicklichsten Gesellschafterinn für ihre traurige Mutter. Das
Geräusch eines Wagens in unserm Hofe machte uns aufmerksam. Mir schlug das Herz,
ich vermutete die Ankunft meines Mannes, welcher ich längst entgegen gesehen
hatte; ob mit Verlangen und Sehnsucht, gebe ich einem jeden zu bedenken. Es
konnte mir bei derselben eigentlich nichts erwünscht sein; einen solchen Mann,
wie Herr Haller war, wiederkommen zu sehen, ihn zu solchen Auftritten ankommen
sehen, wie sie ihn in Hohenweiler erwarteten, Vorwürfe erwarten zu müssen, dass
ich ihn nicht gewarnt hatte, welches in aller Absicht unmöglich gewesen wär, wo
konnte da ein Grund zu der geringsten Freude liegen, die uns sonst oft das
Wiedersehen eines blossen Bekannten verursacht. Dachte ich vollends an die
Begleiterinnen meines Mannes, so ward mein Schauer vermehrt. Jucunde und Amalie,
so verändert, wie ich sie nach Alberts Erzehlung vermuten musste, die
herrschsüchtige Robignac, und vielleicht gar auch Jucundens neue Freundinn, die
lüderliche Ralph; entsetzlich war mir es nur daran zu denken, und ich dachte
nicht, dass noch ein grösseres Schrecken meiner wartete.
    Ich hatte nicht den Mut ans Fenster zu gehen, um die Bestättigung meiner
Mutmassung zu holen. Julchen sprang auf, tat einen Blick hinaus, rief ihr
Vater käme, und flog zur Tür hinaus um ihn zu empfangen. Ich kam ihm an der
Tür entgegen und zwang mich, ihn so freundlich zu bewillkommen, als mir möglich
war; er stiess mich ungestüm zurück, warf sich in einen Stuhl, und sah mit
starrem Blick zur Erde. Julchen, die ihm langsam ins Zimmer nach kam, und
vermutlich keine bessere Aufnahme gefunden hatte als ich, trat in einen Winkel
und weinte.
    Herr Haller hörte sie schluchzen. Das verdammte Geheul! schrie er, und
sprang wütend auf, ist das die Art einen Vater zu empfangen, den man so lang
nicht gesehen hat? Ich hiess Julchen hinausgehen, und ihre Schwestern herein
führen. Ich weis nicht wo sie bleiben, sagte ich, siehe doch zu, dass ihre Sachen
ordentlich hereingeschaft werden, sie werden müde sein, und können ja nicht vor
alles sorgen.
    Rede nicht! schrie mein Mann, indem er mich bei der Achsel ergriff, und mich
fürchterlich schüttelte; Du weisst, dass Jucunde und Amalie zum Teufel sind, und
unterstehst dich, mich durch Nennung ihres Namens zu höhnen? - Ich wiederhohlte
die Namen meiner Töchter, und sank fast ohne Besonnenheit auf einen Stuhl. - Ich
erholte mich zu einer neuen Frage, die mir vermutlich auf eben so ungestüme Art
beantwortet worden wär, aber ein Ungewitter, das sich von der andern Seite
aufzog, vernichtete die Schläge des gegenwärtigen, und öfnete eine neue Scene
des Schreckens.
    Ohne Zweifel hatte man auf die Ankunft meines Mannes gelauert, um ihm
sogleich den Arrest ankündigen zu lassen. Die Deputation, die ich schon einmal
zu meinem grössten Entsetzen gesehen hatte, trat ein, meldete Herrn Haller, dass,
nachdem man schon vor so und so langer Zeit genötigt gewesen wär, die Kasse zu
versiegeln, so würde er sich gefallen lassen, dass man sich bis zur Besichtigung
derselben auch seiner Person versicherte. Er fluchte und forderte die Ursach
dieses Verfahrens zu wissen. Man gab ihm alle Aufklärung in der Sache, nannte
seine Spielsucht, nebst noch einigen Umständen, die verschwiegen wurden, den
vornehmsten Grund des Verdachts, und bat ihn sehr, sich nicht durch fernere
Weigerung verdächtig zu machen.
    Da mein Mann gegen die Macht der Herren die mit ihm sprachen ganz wehrlos
war, und sich mit keinem Worte an ihnen vergehen durfte, so war es ja natürlich,
dass er seinen Unwillen über mich, die eben so schwach und wehrlos gegen ihn war,
ausschüttete. Falsches treuloses Weib! schrie er, und knirschte mit den Zähnen,
dieses zu wissen, und mich nicht zu warnen! Fürchte meine Rache, wenn ich je
wieder Freiheit erhalte dich zu züchtigen! - Madam Haller hat wie die
vernünftige Frau eines sehr unvernünftigen Mannes gehandelt, antwortete einer
von den Herren. Sie wurde gewarnt, und hätte sie die Warnung in den Wind
geschlagen, so würde sie ohne allen Erfolg ihrer Bemühung, sich in eben solchen
Verdacht gestürzt haben, als wie der, mit welchem wir reden, durch sein
seltsames Betragen auf sich zieht. So, mein Herr Haller, sie wollten also
gewarnt sein? wollten vielleicht fliehen? Haben sie denn etwas zu fürchten, wenn
sie sich unschuldig wissen?
    Mein Mann schwieg eine lange Weile, und fragte dann nach dem Amtsverweser.
Ihm haben wir unsere besten und sichersten Nachrichten von ihnen zu danken,
sagte der Sprecher, und er soll ihnen zu seiner Zeit schon entgegen gestellt
werden.
    Man bat mich hierauf mit vieler Höflichkeit, das Zimmer zu verlassen, und im
Hause hinzugehen, wo es mir beliebte, nur dasselbe auf keine Art zu verlassen.
Mein Mann bekam einige Mann Wache, und die Herren empfahlen sich, mit der
Nachricht, dass sie morgen gegen den Abend wiederkommen würden, um die Kasse zu
untersuchen. Mir ward verboten, mit meinem Manne zu sprechen, und ich lies mir
dieses Verbot sehr wohl gefallen. Für ihn arbeiten war besser, als die längsten
Gespräche, die ohnedem für mich wohl nicht sehr tröstlich ausgefallen sein
würden.
    Ich setze mich hin, um so wie ich mit Waltern verabredet hatte, an ihn zu
schreiben, und ihm die Ankunft meines Mannes zu berichten; er hatte mir
versprochen in diesem Fall sogleich nebst einem geschickten Rechtsgelehrten zu
erscheinen, um die Sache wo möglich ins Reine zu bringen. Meine Gelder von dem
Lotterie gewinnst waren auch schon erhoben und in Herrn Walters Händen, so dass
ich hoffen konnte, da alle Hülfsmittel bereit waren, Herrn Haller noch einmal zu
retten. Was mich zu dieser Rettung bewog, war freilich nicht mehr so wie sonst,
zärtliche Liebe; sein Betragen hatte dieselbe längst aus meiner Brust
gescheucht: aber er war mein Mann, meine und meiner Kinder Ehre hieng von der
Seinigen ab, und ich war noch immer nicht ganz ohne Hoffnung, er könne
vielleicht gebessert werden.
 
                                Zehentes Kapitel
                               Ein wahrer Freund
Nachdem diese Geschäfte abgetan waren, nahm ich mir erst Musse, das ganz zu
überdenken, was mich kurz vor der Ankunft der fürchterlichen Herren fast bis zur
Ohnmacht erschütterte, und was mich jetzt, da ich mir es von neuem lebhaft
vorstellte, fast in den nehmlichen Zustand stürzte.
    Amalie und Jucunde waren nicht da, waren wie Herr Haller sich zierlich
ausdrückte, zum Teufel; was konnte ich mir bei diesem Ausdrucke vorstellen, und
wie sollte ich aus meinen fürchterlichen Zweifeln kommen? Mein Mann war ohne
einen einigen Bedienten erschienen, von welchem ich im Notfall etwas hätte
erfragen können; sein Gepäck, das so gering war, als man es kaum auf einer
Lustreise braucht, zeigte, er müsse Berlin in grosser Eil verlassen haben; mit
ihm selbst konnte, durfte und - mochte ich auch nicht reden! - Himmel, was für
ein Zustand, was für eine schreckliche Ungewissheit! was für eine fürchterliche
Nacht, die nur von der bei Hannchens Sterbebette übertroffen wurde!
    Julchen war in derselben mein einiger Trost, sie wachte und weinte mit mir,
sie tröstete mich, und zeigte, ungeachtet ihrer Jugend, so viel Verstand in
allen ihren Reden, dass ich würklich glauben muss, Unglück mache vor den Jahren
klug; das arme Mädchen, was hatte sie nicht binnen kurzer Zeit in meiner
Gesellschaft gelitten, und wie gut hatte sie sich in den meisten Fällen bezeigt!
zu ihrem Lobe sei dieses geschrieben, damit ihre Enkel es noch lesen, und sich
ihrer freuen.
    Herr Walter hatte die Ankunft meines Mannes eher erfahren, als ich sie ihm
berichten konnte. Mein Brief hatte ihn schon auf dem Wege nach Hohenweiler
angetroffen, er hatte ihn gelesen, und seine Reise so beschleunigt, dass er mit
anbrechendem Morgen eintraf.
    Wie dankte ich diesem treuen hülfreichen Freunde für seine Eilfertigkeit!
mir war es, als wären wir schon halb gerettet, da er nur da war, da ich ihm nur
alle unsere Sachen von neuem empfohlen, und ihn von allem was sich seit gestern
zugetragen unterrichtet hatte. Unsere Unterhaltung war kurz, die Zeit war
kostbar, und er eilte zu Herrn Haller, um bei ihm bessere Auskunft über seine
Angelegenheiten zu holen, als ich ihm geben konnte. Ich rief ihm nach, mir ja
Nachricht von meinen verlornen Töchtern zu bringen; sie lagen mir am meisten am
Herzen, das übrige, das ich ohnedem glücklich geendigt zu sehen hoffte,
bekümmerte mich weit weniger. Man verweigerte Herr Waltern den Zutritt bei
meinem Manne nicht; sein Stand, und sein durchgängig guter Charakter,
entkräfteten allen Verdacht eines geheimen Verständnisses mit dem Beschuldigten
zum Nachteil der Gerechtigkeit.
    Die Zeit, bis ich Waltern wieder sah, war eine Zeit der ängstlichen
Erwartung. Nach einer dreistündigen Conferenz mit meinem Manne erschien er, und
war so aufgebracht wider ihn, dass ihm etliche Worte entwischten, die ich nie
zuvor und nie nachher aus dem Munde dieses edeln sanftmütigen Mannes gehört
habe.
    Unsre Sachen standen schlimmer als ich dachte. Zwei Dritteil von dem was
mir das Glück zugewandt hatte, mussten wahrscheinlich darauf gehen, um die
Kassendefekte zu ersetzen, und das Dritte war vielleicht kaum hinlänglich, die
Ehre meines Mannes durch Mittel zu erhalten, die Herrn Walter nicht ganz
gefallen wollten. Einmal war soviel gewiss, dass die Mitwisser des Geheimnisses
nicht unbezahlt schweigen würden, was sollte man also tun? Ich bat nichts zu
schonen um mich und die Meinigen vor Schimpf zu bewahren, der Rechtsgelehrte,
den Walter mitgebracht hatte, demonstrirte, und er musste endlich schweigen. Ich
habe meine Meinung gesagt, sprach er, ich habe bei der Sache getan was ich
konnte, ich lasse ihre Angelegenheiten in den Händen eines geschickten Mannes,
und ich bin also nichts mehr hier nütze, sondern ich kehre zurück. - Es gibt
ohnedem heute einige Amtsgeschäfte, die ich keinem andern übertragen kann. - Er
sah nach der Uhr, berechnete die Zeit, da er wieder zu Hause sein könne, und
sprach, er müsse sogleich abreisen.
    Walter! rief ich, sie zürnen, sie zürnen mit mir, die nichts verbrochen hat!
- O Madam Haller, sprach er mit seiner gewöhnlichen vielsagenden Miene, wüssten
Sie, was mein Herz für Sie und ihre Kinder fühlt! wie es mich schmerzt, dass Sie
so alles für einen Unwürdigen hingeben, dass sie vielleicht, ihm zu liebe, gar
von den strengsten Begriffen des Rechts, die sie mit mir gemein haben, abgehen
müssen, und sich damit doch wohl nichts erkaufen, als Undank, und Verneuerung
der alten Scenen! - Sollte ich meinen Mann in seinem Unglück verlassen? fragte
ich, sollte ich nicht alles tun ihn zu retten? Tun sie das was ihnen ihr edles
Herz eingibt, sagte er, und sie werden nicht ganz irren können.
    Er drückte meine Hand, küsste Julchen, und den kleinen Ludwig, und verliess
uns. Ich begleitete ihn. Um Gottes willen, sagte ich, nur noch ein Wort; was
haben Sie von meinen Töchtern erfahren. Alles, was ich von Herrn Haller
herausbringen konnte, antwortete er, war, dass Amalie sich mit einem Mann ohne
Amt und Vermögen, mit eben dem Feldner, den sie aus Alberts Geschichte kennen,
eingelassen habe, und mit ihm davon gegangen sei. Jucunde ist in ihres Vaters
Hause geblieben, bis den letzten Tag, da unglückliches Spiel, welches ihn um
alles brachte, und andere Verdriesslichkeiten, ihn nötigten Berlin augenblicklich
zu verlassen. Er kam in halber Verzweifelung nach Hause, und machte sogleich
Anstalten zur Abreise. Er fragte nach Jucunden, und man sagte ihm, sie sei
diesen Morgen mit Mamsell Ralph ausgegangen und noch nicht zurück gekommen,
gegen den Abend habe sie ihren Koffer und einige Kleinigkeiten abholen lassen,
und Mamsell Ralph, die dabei gewesen, habe ein Kompliment an Herrn Haller
bestellt, und Mamsell Jucunde und sie giengen voraus, er möchte bald folgen.
Herr Haller, fuhr Walter fort, durfte wie er sagte, nicht auf Jucunden warten,
oder sich mit ihrer Nachsuchung abgeben, er reisste ab. - Ach Gott, schrie ich,
er reisste ab, und liess Jucunden, Gott weis in welchen Händen! Was wird aus der
Armseligen geworden sein! - Fassen Sie Mut, ehrwürdige Frau, sprach mein
Freund, die Unschuld hat einen Schützer, der sie retten kann. - Unschuld? rief
ich, Unschuld und Jucunde? - Madam Haller, sagte Walter, sie müssen, sie müssen
sich schlechterdings fassen. Ihre gegenwärtige Lage braucht ihre ganze
Aufmerksamkeit. Verschliessen Sie jetzt ihre Augen vor allen andern Dingen. Das
Schicksal ihrer Töchter können sie nicht ändern, auch ich kann es nicht, aber
dass ich ganz müssig dabei sitzen werde, das trauen Sie doch wohl Ihrem Sohn,
Ihrem Walter nicht zu? - Edler, edler Mann! rief ich ihm nach, als er sich von
mir losriss und sich auf sein Pferd schwang, o möchte ich das Recht haben, dich
Sohn zu nennen!
 
                                Eilftes Kapitel
                          Julchen findet einen Schatz
Dieses war ein trauriger, ängstlicher Tag für mich. Gegen den Abend kamen die
Herren zu Besichtigung der Kasse. Der Rechtsgelehrte verfügte sich zu ihnen, und
zu Herrn Haller, er bat mich, als er von mir ging, alles zu hoffen, und zu
bedenken, dass wenn ich keine Kosten sparte, alles gut gehen müsse. Dem
ohngeachtet ward die Sache diesen Tag noch nicht beendigt. Ein gutes Zeichen
schien mir es indessen zu sein, dass einer von den Herren Deputirten zu mir kam,
und sich sehr höflich von mir, in seinem und seiner Gefährten Namen beurlaubte.
Er sagte, man hätte unendliche Hochachtung für mich, selbst mein Mann sei
gerührt. Die Sache sei auf gutem Wege; freilich ob man nach diesen Vorgängen
Herrn Haller nicht lieber raten müsse, um mehrerer Sicherheit willen die
Amtsverwaltung von Hohenweiler aufzugeben, das wär eine nachdenkliche Frage,
indessen würden sie morgen mit dem frühesten wiederkommen, und alles ohne Rumor
zu Ende bringen. - Der Mann hüllte diese Dinge in einen solchen Schwall von
fremden unverständlichen Worten, dass ich nicht daraus hätte klug werden können,
wenn mich der Rechtsgelehrte nicht belehrt hätte.
    Es war Nacht, als ich' endlich mit Julchen allein war. Sie gab mir eine
Arzenei ein, die mir mein Arzt verschrieben hatte, und setzte sich an mein
Bette, weil sie, wie sie sagte, etwas wichtiges mit mir zu bereden hätte. Zum
Andenken für ihre Enkel, setze ich die Worte des guten Kindes ohne Zusatz hier
ein.
    Liebe Mutter, sagte sie, sie dürfen nicht denken, dass ich allein müssig und
sorglos bei meines Vaters Unglück bin. Hören sie, was ich mir ausgesonnen habe.
Ich kann die Geschichte des Ritters von Hohenweiler, die sie mir und Hannchen
einmal erzehlten, gar nicht vergessen. Mich dünkt, wir sind jetzt in dem
nehmlichen Fall wie Frau Pertcha, als die Kaiserlichen das Schloss belagerten,
und Franzen gefangen nahmen, und als Perchta ihrem Gemahl durch den
unterirdischen Gang davon half; nun gelang es ihr zwar nicht, aber mein Vater
ist auch lange so böse nicht wie Ritter Franz, und Gott wird uns schon helfen.
    Ich wollte Julchen unterbrechen, aber sie fiel mir um den Hals und bat mich,
sie doch immer ausreden zu lassen, damit sie nicht irre in ihrer Rede würde, auf
welche sie den ganzen Tag gesonnen habe, um sie recht ordentlich vorzubringen.
    Ich weiss wohl was sie sagen wollten, liebe Mutter, fuhr sie fort, sie
wollten mir einwenden, dass der gewölbte Gang, der bis zu Sankt Peters Stelle
führt, wahrscheinlich längst verfallen wär, aber nein nein, das weiss ich besser.
Sie sind so gütig gewesen, und haben mir den Keller in meine Aufsicht gegeben,
wenn ich nun so manchmal da unten war, und die Geschichte vom Ritter Reutlingen
fiel mir ein, so trieb mich die Neugier, alle Winkel durchzusuchen, ob ich nicht
irgend etwas finden könnte, das eine Beziehung auf die alte Geschichte hätte,
und da fand ich eines Tages eine Tür, die in einen gewölbten Gang führte, der
so hoch wie eine Kirche war, und in einem so abgelegenen Winkel stack, dass sie
gewiss nie etwas davon gesehen haben.
    Mädchen, unterbrach ich sie, du hättest den Mut gehabt, in einem finstern
Keller, allein herumzuirren, um neue Entdeckungen zu machen?
    Ja, liebe Mutter, sagte sie, nun so zur Uebung. Sie beschämten mich einmal
in Hannchens Gegenwart, und sprachen, ich hätte nicht so viel Mut des Nachts
allein in den Garten zu gehen; von der Stunde fieng ich an, mich zu bessern, und
ich habe es nach und nach so weit gebracht, dass ich bei Tag und bei Nacht, mit
Licht und im Finstern in den Keller gehen will, ohne den kleinsten Schauer zu
fühlen. Ich bin eines Tages so weit in dem Gange gewandert, so weit, dass ich
gewiss glaube, ich würde endlich den Ausgang bei der Säule gefunden haben, wenn
mir nicht mein Licht ausgegangen wär, und ich also den Rückweg hätte suchen
müssen. Im Finstern? wollte ich fragen, aber sie sprach von der Sache mit so
viel Gleichgültigkeit, dass ich Bedenken trug, ihr durch Bezeugung einer
Verwunderung merken zu lassen, dass sie etwas besonders getan habe.
    Nun, sagte ich, mein Kind, das ist alles ganz gut, wiewohl unnützer Vorwitz
allemal ein Fehler bleibt, aber ich sehe noch nicht, was du damit haben willst.
    Wenn wir nun, fuhr sie fort, meinen Vater durch diesen Gang heimlich davon
führen könnten, so wär er ja auf einmal allem entgangen, was ihm diese bösen
Leute vielleicht antun können!
    Julchen, sprach ich, ich sehe, du meinst es herzlich gut, aber wir würden,
wenn wir deinen Plan ausführten, deinen Vater nur noch unglücklicher machen. Ich
will dir ein Exempel sagen, damit ich dir es beweisen kann. Du führtest vorhin
an, dass ich dich zu meiner Kellnerinn gemacht habe; wenn ich nun einmal in
meinen Keller käm, und ich fänd, dass hier Boutellien und hier ganze Fässer
fehlten, ich kostete meinen Wein und er wär sauer und verdorben, und ich fänd an
einigen Orten nichts als Unreinlichkeit und zerbrochene Scherben. Wo ist meine
Kellermeisterinn Julchen? würde ich fragen. Und ich, sprach die Kleine würde
sogleich da sein, und Rechenschaft geben, dass ich an allen diesen Dingen
unschuldig wär, denn gewiss, liebe Mutter, sie können glauben, dass ich sehr gute
Ordnung halte. Wenn du nun aber nicht da wärest, fuhr ich fort, und jedermann
sagte, du wärest entflohen, würde ich denn nicht glauben, du hättest meinen Wein
getrunken, und ihn mutwillig verderben lassen? du fürchtetest dich für der
Untersuchung und wärest geflohen, weil du dich nicht getrautest deine Unschuld
zu behaupten? - Nein, mein Kind, ein Unschuldiger flieht nicht. Man hat einen
bösen Verdacht auf deinen Vater, und du, als ein gutes Kind, wirst nicht
zweifeln, dass er sich rechtfertigen kann; wenn wir ihn nun aber diese Nacht
durch Reutlingens unterirdischen Gang davon führen, so steht sein Name morgen in
allen Zeitungen als der Name eines Verbrechers, und seine Ehre ist auf ewig
dahin.
    Julchen ward sehr nachdenkend über das, was ich ihr sagte. Als Perchta,
fieng sie endlich wieder an, ihren Gemahl nicht heimlich davon führen konnte, so
wünschte sie wenigstens an Sankt Peters Stelle für ihn zu beten; ach Gott, ich
betete gern für meinen Vater an diesem Orte, wenn ich wüsste, dass es hülfe, denn
mir ist sehr angst für ihn, und ich fürchte, dass man ihn tödten wird; sie rang
bei den letzten Worten ihre kleinen Hände und fieng so heftig an zu weinen, dass
ich mich vergebens bemühte, sie zu trösten.
    Lege dich zu Bette, mein Kind, sagte ich, nachdem sie ein wenig ruhiger
ward. Bete du für deinen Vater auf deinem Zimmer, das übrige sind Schwärmereien.
Ich werde dir nie wieder ein Märchen erzählen, wenn du dir die seltsamen Dinge,
die darinnen vorkommen, so fest in den Sinn setzen willst, als wenn sie wahr
wären.
    Ich hängte meinen Worten noch einigen Trost wegen ihres Vaters an; ich
versicherte sie, dass man ihn nicht tödten, und dass er bald wieder frei sein
würde.
    Sie legte sich schluchzend nieder, warf sich noch lange unruhig hin und her,
und wiederholte, als sie endlich einschlief, im Traume oft Reutlingens und ihres
Vaters Namen. Endlich bemächtigte sich der Schlaf auch meiner. Die Arzenei, die
ich des vorigen Abends genommen hatte, und die, wie mir der Arzt sagte, ein
Beruhigungsmittel war, musste etwas einschläferndes entalten haben, denn ich
schlief so sanft und fest, als bei meiner damaligen Verfassung sonst nicht
möglich gewesen wär.
    Erst der hohe Tag erweckte mich. Man sagte mir, die Herren von der
Deputation wären schon vorhanden, und forderten etliche Bouteillen Wein zum
Frühstück. Ich befahl Julchen zu rufen, und vermutete, als man sie nicht fand,
sie würde schon hinab gegangen sein, das verlangte zu holen. - Ich schickte ihr
nach; man kam zurück, und sagte, man habe den Keller offen gefunden, aber nichts
von Julchen gesehen.
    Ich erschrack, doch suchte ich mein Schrecken zu verbergen, versorgte eilig
meine durstigen Gäste, entfernte jedermann von mir, und schickte mich denn an,
eine Untersuchung anzufangen, vor welcher mir bange war. Ich dachte an Julchens
Gespräche von gestern Abend, ich kannte ihren Vorwitz, und ihren Hang zu dem,
was man Schwärmerei nennt, ein Ding, das ihr zwar noch nicht dem Namen nach
bekannt war, wozu sie aber schon frühzeitig solche Anlagen zeigte, die einer
F... und A... Ehre gemacht haben würden. Das Gebet an Sankt Peters Stelle, und
die Angst des armen Mädchens, für ihres Vaters Leben, fiel mir ein. Der Keller
war offen gefunden worden, Julchen hatte den Schlüssel; gewiss war sie hinab
gegangen, und was musste ich fürchten, da sie noch nicht wieder zurück war!
    Ich eilte hinunter. Ich suchte sie in allen Gewölbern ohne sie zu finden,
ein Handschuh von ihr, den ich auf der Erde fand, zeigte mir, dass sie würklich
da gewesen war. Meine Angst vermehrte sich. Ich suchte weiter, und fand endlich
die Türe, von welcher sie mir gesagt hatte, und welche ganz offen stand. Ich
stieg zehn Stufen tiefer hinab, und befand mich nunmehr in einem hohen gewölbten
Gange, wie Julchen mir ihn beschrieben hatte, welcher den Schall meiner Tritte
fürchterlich aus allen seinen Vertiefungen zurück gab. Ich ging eine lange
Weile; ich rief Julchens Namen; nichts antwortete mir, als der Wiederschall. Ich
ward immer ängstlicher, ich achtete nicht mehr auf den Weg, und ehe ich mich es
versah, stolperte ich über etwas, das mir vor den Füssen lag, und sank zu Boden.
Mein Licht war verloschen, ich griff nach dem worüber ich gefallen war, und bald
überzeugte mich mein Gefühl, dass es Julchen war, die ausgestreckt auf dem Boden
lag, und ganz steif zu sein schien. Ich erhob ein fürchterliches Geschrei ich
schüttelte sie, ich richtete mich auf, und bemühte mich, auch sie in die Höhe zu
bringen. Meine Bemühungen, sie zu sich selbst zu bringen, waren nicht vergebens;
sie erholte sich, und warf sich als sie mich an der Stimme erkannte, um meinen
Hals.
    Ach, rief sie mit ängstlichem Ton, sind wir denn noch in dem fürchterlichen
Keller? Ach und es ist so finster! O Mutter, wie übel ist mir mein Vorwitz
bekommen! Hast du Schaden genommen? fragte ich. Ach nein Mutter, sagte sie, bloss
der Schrecken hat mich so betäubt. Wir wollen doch gleich fortgehen, ich will
gern alles im Stiche lassen, was ich gefunden habe.
    Schwärmst du noch? sprach ich in unwilligem Tone. Komm, komm, wir wollen
suchen uns im Finstern heraus zu finden, und ich will mich unterwegens besinnen,
was ich so einem grossen, klug sein wollenden Mädchen für eine Strafe auflegen
muss, dass sie durch ihren kindischen Vorwitz, sich und ihre Mutter hätte ums
Leben bringen können. Julchen sagte nichts zu ihrer Verteidigung, und bat mich
nur, sie voraus gehen zu lassen, weil sie den Weg besser wisse als ich.
    Es währte nicht lange, so kamen wir wieder an die Stufen, welche aufwärts in
unsern Weinkeller führten, und von da ward es uns sehr leicht den Weg in die
Oberwelt wieder zu finden.
    Wir waren nicht so bald in meinem Zimmer, als sich Julchen mir zu Füssen warf
und mich mit tausend Tränen um Verzeihung bat. Ach ich zittere, schrie sie,
wenn ich bedenke, was noch weiter hätte erfolgen können; nicht weit von dem Orte
wo sie mich fanden, gehen noch etliche Stufen abwärts, und wenn sie nun diese
verfehlt hätten, und hinab gestürzt wären!
    Nachdem unser Friede wieder gemacht, und ich gänzlich ausser Sorgen war, dass
sie keinen Schaden genommen hatte, nahm ich sie ernstlich vor, und fragte sie,
was ihr geträumet hätte, sich, wie ich vermuten müsste, in der Nacht, ohne alle
Ursach in den Keller zu begeben. - Ja wohl geträumt, sagte sie, mir träumte die
ganze Nacht nichts als vom Ritter Reutlingen, und Sankt Peters Stelle, endlich
wars als wenn ich an diesem Orte wär, und für meinen Vater betete, und auf
einmal stand er ganz frei und so freundlich an meiner Seite, als ich ihn lange
nicht gesehen habe. Ich wachte auf, und es war ein Traum. Ich weinte sehr, und
schlief von neuem ein; da sah ich meinen armen Vater, ganz im Blute schwimmend
vor mir liegen, und Frau Perchta, die bei mir stand, sagte, ich hätte ihn retten
können, wenn ich für ihn an Sankt Peters Stelle gebetet hätte.
    Mit Schrecken fuhr ich aus dem Schlafe auf, und Erwachen, Aufstehen, das
Licht nehmen, und das Zimmer verlassen, war eins. Ich wundere mich, wie es
möglich ist, dass sie nicht erwacht sind, denn ich war so ausser mir, dass ich
nichts schonte, und alles mit grossem Geräusch tat. -
    O Julchen, Julchen, sagte ich, mir ist bange um dich; was wird in der
Zukunft aus so einer Träumerinn werden? ein schwacher Verstand und eine feurige
Einbildungskraft sind ein paar fürchterliche Gesellschafter; wer nicht bei
Zeiten den ersten zu stärken und die andere zu bändigen sucht, für den ist ein
Platz in jenen Häusern aufgehoben, - du verstehst mich, - doch fahre fort.
    Ich befand mich, erzehlte sie weiter, in dem unterirdischen Gange, ohne
selbst zu wissen, wie es zugieng. Ich fragte mich, was ich hier wollte, mein
Traum fiel mir wieder ein, und ich setzte meinen Weg weiter fort. Ich wollte und
musste den Ausgang bei St. Peters Stelle finden, und o wie herzlich würde ich
daselbst für meinen Vater gebetet haben! Ich war nach meiner Rechnung an dem
Orte, wo der Ausgang sein musste.
    O wie schlecht kannst du die Weite des Weges berechnen, sagte ich, wenn du
den Ausgang an dem Orte hast finden wollen, da du lagst, daselbst kann kaum die
Helfte des unterirdischen Ganges zu Ende sein, von dem die Sage etwas meldet.
    Wohl möglich, fuhr Julchen fort, aber weiterhin waren solche tiefe düstre
Nebenhölen, vor welchen mir, so viel Mut ich auch gefasst hatte, die Haut
schauerte; überdieses sah ich etwas in der Mauer, das einer Türe glich, und
ich glaubte nun auf dem rechten Wege zu sein, und nichts weiter nötig zu haben,
als sie zu eröfnen. Ich schlug mit dem grossen Kellerschlüssel an dieselbige, sie
war von morschem Holze, und sprang sogleich auf.
    Anstatt des gehoften Ausgangs aufs freie Feld, fand ich ein Behältnis mit
Fächern, welches bis auf einen kleinen irdenen Krug, der auf dem untersten
Regale stand, ganz leer zu sein schien; ich konnte mich nicht entalten hinein
zu sehen, und wollte eben einen Freudenschrei über einige glänzende Medaillen,
die ich darinnen erblickte, ausstossen, als eine Bewegung, die ich etwa machte,
eins von den obern Regalen, auf welche hinauf zu sehen, ich zu klein war,
erschütterte, so dass alles, was es entielt, zu mir herabkam. Ich bekam einige
nachdrückliche Stösse; ich sah mich nach dem um, was mich verletzt hatte, und der
Anblick eines scheuslichen Todtenkopfs, stürzte mich in den Zustand, in welchem
sie mich gefunden haben. - - Hier schloss Julchen ihre nächtliche Geschichte.
    Ich schüttelte den Kopf zu der seltsamen Erzehlung, und die Erzehlerinn,
welche wohl merkte, dass ich noch glaubte einen Traum zu hören, bat mich ich
möchte nur noch einmal mit ihr hinabkommen, um mich selbst von der Wahrheit
dessen, was sie sagte, zu überzeugen. Ich hielt es nicht für gut, dieses zu
tun, oder sie eher von mir zu lassen, bis ich ihr meine Gedanken über diesen
Vorgang nochmals gesagt hatte. Der guten Lehren waren viel, die ich ihr bei
dieser Gelegenheit gab, und ich bemühte mich, sie mit solchem Ernst
vorzubringen, dass ich hoffen konnte, sie würden einigen Eindruck machen. Für
mich selbst aber zog ich in der Stille auch eine Lehre von Wichtigkeit aus
diesem Abenteuer; nehmlich, wie behutsam die Märchenerzehlerinnen zu verfahren
Ursach haben; alle junge Personen haben einen Wohlgefallen an abenteuerlichen
Geschichten, aber wie verschieden ist der Eindruck, den dergleichen Dinge auf
diese Art von Zuhörern haben! Ich erzehlte mein Märchen zwo jungen Mädchen von
ganz verschiedenem Alter und Gemütsart, aber ich hatte nicht Ursache mich bei
einer von beiden, der Würkungen desselben sehr zu erfreuen.
 
                                Zwölftes Kapitel
                         Wiederkehrendes Ehestandglück
Ich würde vielleicht Julchens Bitten, mit ihr nochmals in den Keller zu kommen,
nachgegeben haben, wenn nicht ein Auftritt von ganz anderer Art, sich mir
eröfnet und alle meine Gedanken auf wichtigere Gegenstände geleitet hätte.
    Die Türe ward aufgerissen; mein Mann stürzte herein. Er warf sich mir um
den Hals, und schrie: o Weib, derengleichen es auf der Welt nicht geben kann!
ich bin frei, frei durch dich, und das fürchterlichste Unglück befalle mich,
wenn ich je deine Güte misbrauche! - Noch war mir es unmöglich, seine
Liebkosungen zu erwiedern, ich fasste seine Hände, und sah ihn mit einem steifen
forschenden Blicke an, den er wohl zu verstehen schien. Ich weis was du sagen
willst, sprach er, aber wenn ich dir jemals das vergesse, was du in diesen Tagen
an mir getan hast, so soll - - Halt ein, unterbrach ich ihn, wozu brauchst du
Beteuerungen bei derjenigen, welche so geneigt ist, dir auf dein blosses Wort zu
glauben? - Julchen, umarme deinen Vater, du siehst er ist nun frei, und deine
frommen Wünsche sind erhört. Julchen umfasste seine Kniee und badete seine Hände
mit ihren Tränen, er beugte sich zu ihr herab, und begegnete ihr so liebreich,
dass mein ganzes Herz dadurch bewegt ward.
    O Albert! rief ich, und drückte seine Hand, wärs möglich, dass wir noch
einmal mit einander die alten glücklichen Tag sehen könnten?
    Der Rechtsgelehrte trat in diesem Augenblick ein, und endigte diese Scene
der Zärtlichkeit und Versöhnung. Er blieb diesen Tag bei uns. Wir sprachen den
ganzen Abend von der Art, wie die verdrüssliche Sache beigelegt worden war; Dinge
welche zu sehr mit der Hohenweilerschen Amtsverfassung zusammen hiengen, und mir
selbst in vielen Stücken zu unverständlich waren, als dass sie sich gut
wiederholen liessen.
    Wir dankten und lohnten unserm Freunde wie es sich gebührte, und er verliess
uns. -
    Nun war ich mit meinem Manne wieder allein; unser Ehestand fieng sich
gleichsam von neuem an, und eine ganz neue Epoche meines Lebens begann. Freude
und Dank füllten unsere Gespräche in den ersten Tagen aus, nach und nach, als
wir auf unsere verlornen Kinder zu reden kamen, wurden unsere Unterhaltungen
weniger angenehm. Ich fragte nach Amalien und Jucunden; ich wollte
umständlichere Auskunft über ihr Schicksal haben, und ob ich mich gleich
bemühte, allen Ton des Vorwurfs zu vermeiden, so war doch schon die blosse
Nachfrage ein Vorwurf für ihn. Er bat mich, ihn nicht an vergangene Dinge zu
erinnern, und ein paar ungeratene Töchter ihrem Schicksal zu überlassen. Viel
lieber, möchte ich dich fragen. fuhr er fort, wie wir um Hannchen gekommen sind;
es gehen wunderliche Gerüchte von ihrem Tode.
    Ich fühlte wohl, dass dieses Erwiederung meines vermeinten Vorwurfs sein
sollte, aber ich hielt nicht für gut es zu ahnden. Ich erzehlte ihm die Sache
ganz plan und ohne Bemäntelung, und belegte sie mit dem Briefe der Verstorbenen.
Ich stellte ihm Ludwigen als seinen Enkel vor; er machte ihm einige
Liebkosungen, nannte ihn einen schönen Jungen, und sagte, er würde ihn lieben,
wenn er nicht in die Wilteckische Familie gehörte. Die verdammten Wiltecke! fuhr
er fort, sie kamen nach Berlin, wie sie sagten, mich abzuholen, aber sie legten
die letzte Hand an mich, mich so ganz auszuziehen, wie ich hier angekommen bin.
Sie sind mit meinem Raube davon geschlichen, und werden sich wohl nie wieder in
dieser Gegend blicken lassen, sonst wollte, sonst müsste ich eine in die Augen
fallende Rache an ihnen nehmen.
    Vergiss das Vergangene, mein Albert, sagte ich, und frage mich lieber nach
deinen andern Kindern, vielleicht dass ich dir etwas Angenehmes von ihnen sagen
kann. - Gewiss von Peninnen? fragte er mit einem Blick, den ich ihm nicht
verzeihen konnte. Peninna ist wohl, wie ich hoffe, sagte ich, aber weist du, dass
Samuel lebt? dass das Gerücht von seinem Tode falsch war? Samuel? sprach er mit
gleichgültiger Miene; wenn ich lieber von meinem Albert etwas hören sollte. Das
war ein verzweifelter Junge! Da hatte er in Berlin eine Ehrensache, die
schlimmer hätte ablaufen können, wenn der Kerl, den er verwundete, todt
geblieben und er nicht entflohen wär.
    Es war viel in den Reden meines Herrn Gemahls, das mir misfiel, aber ich
übergieng es mit Stillschweigen, und gab ihm die Nachricht, die er verlangte.
Alberts Rettung erfreute ihn so sehr, als ihn sein Entschluss, nach Amerika zu
gehen betrübte. Der dumme Junge, sagte er, hätte hier bleiben und mein
Amtsverweser werden können.
    Von Samuelen sagte er sehr spöttisch, er hätte wohl getan in die neue Welt
zu gehen, er möchte nun dort Heiden bekehren, oder Reichtümer sammeln wollen;
im ersten Falle, sagte er, wird ihm die Märtyrerkrone nicht entstehen, und im
andern wird er ohne Zweifel so viel vor sich bringen, dass er uns noch einmal in
die ehemaligen glänzenden Umstände versetzen kann.
    Die Wendung, die dieses Gespräch nahm, war mir zu anstössig, als dass ich es
nicht hätte abbrechen sollen. Ich schwieg und vermied in der Folge alle
Gelegenheit, von solchen Dingen zu sprechen. Nur einer Frage nach der Robignac
konnte ich mich nicht entalten; die Antwort fiel sehr kurz und unvollständig
aus; es schien, es kostete Herrn Haller einige Ueberwindung, zu gestehen, dass er
sich auch in dieser Person geirrt habe, dass er in derjenigen, die er mir in der
Erziehung meiner Kinder vorzog, die Verführerinn derselben, dass er in ihr eine
falsche Freundinn fand, die ihn bei dem ersten Anschein des widrigen Glücks
verliess, und ihre Untergebenen dem Unglück preis gab.
 
                              Dreizehntes Kapitel.
                             Gute Nacht Hohenweiler
Dass Herrn Hallers Herz nicht gebessert, dass es bei weitem nicht einmal dasjenige
mehr war, wie ich es in den ersten Jahren unserer Verbindung gekannt hatte, das
war ausgemacht; indessen bildete ich mir doch ein, in seinem Aeusserlichen eine
glückliche Aenderung zu finden. Gelegenheiten unangenehme Dinge aus seinem Munde
zu hören, gab es genug, aber es war mir doch möglich, ihnen auszuweichen. Gegen
Julchen war er bei weitem kein zärtlicher Vater, und Ludwig bekam von ihm wenig
freundliche Blicke, aber es gelang mir doch, wenn ich sie zu gewissen Zeiten aus
seinen Augen entfernte, öffentliche Ausbrüche eines unverschuldeten Zorns zu
verhüten. Zudem dachte er an kein Spiel mehr, denn seine Verführer die Wiltecke
hatten unsere Gegend verlassen, und was das allerbeste war, er nahm sich seines
Amts mit einem Eifer und einer Genauigkeit an, wie man nur von einem Manne
erwarten kann, den das Unglück gewitziget hat, und welcher Verlangen trägt,
vergangene Fehler vergessen zu machen. Dass er keinen Gehülfen in seinem Amte
mehr hatte, war ihm ebenfalls ein grosser Vorteil.
    Ich fieng nun an, mein Haupt wieder zu erheben, und ich denke noch daran,
mit was für einem Triumph ich den ersten Sonntag nach Beilegung der
unglücklichen Sache, mit Julchen zur Kirche ging. Schade war es, dass der Herr
Pfarrer, ich weiss nicht ob von ohngefehr, über den Text predigte: Rahel weinte
über ihre Kinder, und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit
ihnen; und aus denselben, die Tränen unglücklicher Eltern über verwahrlosste
Kinder vorstellte. - Was für eine Betrachtung für mich! meine triumphierende
Miene sank zur tiefsten Wehmut herab, mein Julchen, auf die ich stolz war,
erinnerte mich an ihre verlohrnen vier Schwestern, und ich war nicht im Stande
dem gaffenden Blicke der Pfarrerin so zu begegnen, wie ich mir vorgenommen
hatte.
    Ich war den ganzen Tag traurig, und wie ich schon mehr gemerkt habe, - ihr
wisst, dass ich etwas auf Ahndungen halte - diese Traurigkeit bedeutete mir nichts
Gutes. Noch an selbigem Abend bekam ich Briefe von Herrn Waltern, dass alle seine
Bemühungen, Nachricht von Jucunden und Amalien zu erhalten, fruchtlos gewesen
wären; auch von Peninnen hätte er nichts erfahren können, als dass sie in Wien
noch in dem Hause des Regierungsrats in grossem Ansehen lebte. - Was für eine
zweideutige Rede! bei wem war sie in Ansehen? bei dem Herrn, oder bei der Frau?
- Doch Peninna, ich traute auf deine Tugend! - - Am Rande von Walters Brief,
stand noch dieses, er habe eben erfahren, dass Amalie Feldnern geheuratet hätte.
    Die traurigen Posten des Sonntags, wurden am Montage mit noch schlimmern
vermehrt. - Mein Mann ward vor seine Obern gefordert, und bedeutet, man habe
einige Ursachen zu wünschen, dass er seine Amtsverwaltung niederlegen möchte;
Ursachen, nach welchen ihm zu raten wär, nicht gar zu eifrig zu fragen. - Doch
gedächte man nicht, ihn vom Amte zu treiben, sondern man wollte ihm nur sagen,
dass sein voriger Amtsverweser gesonnen sei, das Amt zu pachten, und dass seine
Bedingungen vorteilhafter wären, als die seinigen; er möchte daher bei sich
überlegen, ob er im Stande wär, ihn zu überbieten.
    Ganz trostlos kam mein Mann nach Hause. Wir erwogen die Sache mit einander,
und die Liebe zu Hohenweiler, machte, dass wir uns entschlossen, über Vermögen zu
tun, um nur nicht von dem geliebten Orte getrennt zu werden.
    Herr Haller trug seinen Entschluss vor, aber er war nicht hinlänglich, ihn
bei seinem Amte zu erhalten, denn leider fand sich noch ein Dritter, welcher
sich erbot noch höhern Pacht zu zahlen, und also meinen Mann und seinen
Nebenbuhler, den Amtsverweser, beide verdrängte.
    Fast rasend sah ich meinen Mann nach diesem Vorgange in mein Zimmer treten;
nur mit gebrochenen Worten konnte er mir sein Unglück entdecken, er schäumte vor
Wut, und sank fast ohnmächtig auf einen Stuhl nieder. So tief ich auch diesen
Streich des Schicksals fühlte, so kam mir doch meines Mannes Betragen bei
demselben, übertrieben vor. Ich tröstete ihn so gut ich konnte, und fragte
endlich nach dem Namen unsers Nachfolgers. Ach sagte er, wenn du diesen Namen,
diesen abscheulichen Namen hören wirst, dann wirst du mir den Zustand, in dem du
mich siehst, nicht mehr verdenken. Katarines, der Erbfeind deines Hauses, denn
dir habe ich diesen Störer meines Glücks zu danken, Katarines ists, der mich
von meiner Stelle stösst.
    Katarines? wiederholte ich, nun wohl, gleichgültig ist es mir nicht, diesen
Menschen uns überall im Wege zu finden; indessen wenn er das leisten kann, wozu
er sich anheischig macht, so sehe ich nicht, warum ich ihm nicht das Amt zu
Hohenweiler, so gut gönnen sollte, als einem andern.
    Ha der Verräter, schrie er, ich, ich selbst habe ihn in den Stand gesetzt,
mich zu verdrängen. Er ist jetzt reich, und ich bin ein Bettler; ihm ward das
Glück zu teil, das mir bestimmt war! rasend, rasend möchte ich werden, wenn ich
mir das denke!
    Ich forschte den rätselhaften Reden meines Mannes weiter nach, und erfuhr -
Himmel, kaum kann ichs sagen; ich fühle wohl, meine philosophische Verachtung
der Reichtümer ist noch nicht gros genug, um bei allen Streichen des Glücks
gelassen zu bleiben. Ihr werdet euch noch des englischen Looses erinnern,
welches mein Mann töricht genug war zu verkaufen. Unser Herr Pfarrer drang es
ihm damals, weil er sah, dass er Geld brauchte, für eine Kleinigkeit ab; er
hatte Kommission von seinem Vetter Herrn Katarines, ihm ein Loos in der
nehmlichen Lotterie zu verschaffen. Es reute meinen Mann bald hernach, er suchte
vergebens, sein Loos wieder zu bekommen, und er warf einen bittern Hass auf
denjenigen, der ihn um seine Anwartschaft auf ein zweifelhaftes Glück gebracht
hatte. Nun stelle man sich vor, wie ihm zu Mute sein musste, als er jetzt
erfuhr, dass dieses Loos, das er so lüderlich verschleuderte, Herrn Katarines in
den Besitz von zehn tausend englischen Pfund gesetzt hatte; ein Glück, das
dieser Schleicher, der Himmel weis aus welchen Ursachen, bisher verborgen hielt.
    Ich schwieg, nachdem ich diese Erzählung endlich ganz aus meines Mannes
Munde erpresst hatte; Herr Haller schwieg auch, aber unser Schweigen war die
Hülle des tiefsten Schmerzes, der sich denken lässt. Ich war nicht geitzig, wie
ich hoffe, aber ich hatte Kinder; konnte ich es gleichgültig ansehen, dass uns
das, was uns die Vorsehung bestimmt zu haben schien, so recht aus den Händen
gerissen wurde? - Auch mein Gewinnst war in der Luft verflogen, die Absichten
meiner guten Tante waren vereitelt, und ich und die Meinen schienen dazu
bestimmt zu sein, wenn das Glück vor unsern Füssen lag, viel eher die darnach
ausgestreckte Hand zu verlieren, als es erreichen zu können.
    Ich ziehe einen Vorhang über die Wut meines Mannes, bei diesem traurigen
Vorfall; er schien wirklich in Gefahr zu sein, den Verstand zu verlieren, und
ich musste für ihn zittern, wenn ich an die Zukunft dachte. Wir mussten Herrn
Katarines weichen; seine würdige Gemahlinn hatte Mittel gewusst, sich mit ihm
auszusöhnen, sie machte sich oft Gelegenheit nach Hohenweiler zu kommen, um sich
ihre neue Wohnung zu besehen, und ich musste es also auch noch erleben, dass meine
alte Feindinn, die Verführerinn meiner Tochter, über mich triumphirte, und
meinen bisherigen Platz in meiner ruhigen Wohnung einnahm.
    Wir verliessen Hohenweiler, und Julchen vergas nicht, mich den Tag vor
unserer Abreise noch in den unterirdischen Gang zu locken, welches bisher durch
andere Dinge war verhindert worden. Sie hatte ihren gefundenen Schatz liegen
lassen, wie sie ihn fand, oder vielmehr wie er durch ihren Fall in Unordnung
gebracht worden war; ein kleines zertrümmertes irdenes Gefäss mit einigen hundert
umhergestreuten alten Gold- und Silberstücken, ein Todtenkopf und etliche
menschliche Rippen und Schulterknochen, eine verloschene Lampe und ein
Schnupftuch, das das erschrockene Mädchen auf der Stelle hatte liegen lassen,
dies war es was wir fanden. - Sehen sie, liebe Mutter, sprach die Kleine, dass
ich nicht träumte! Ich schüttelte den Kopf, und konnte mich nicht entalten, das
ganze Behältnis in der Mauer zu untersuchen; ich fand nichts als noch etliche
wenige Goldstücke, und einige Todtenbeine. - Julchen bat um Erlaubnis, ihren
Schatz ihrem Vater bringen zu dürfen. Er ist so traurig, sagte sie, vielleicht
wird ihn das freuen. Er nahm es an, aber es freute ihn nicht, vielmehr stürzte
ihn der Gedanke, ein Haus verlassen zu müssen, in dessen Keller ein Schatz
gefunden worden war, vollends in Verzweifelung; er konnte sich die Möglichkeit
nicht ausreden, es könnten hier noch mehrere Schätze verborgen sein, um die er
nun gebracht würde.
 
                              Vierzehntes Kapitel
                             Ein irrendes Fräulein
Wer kann sich die traurige Lage eines Mannes, der mit einem auf solche Art
zerrütteten Gemüt, mit einem von solchen Hirngespinnsten erfüllten Kopf, in
eine müssige Einsamkeit geht, wer kann sie sich schrecklich genug vorstellen! Wir
bezogen unser geliebtes Traussental von neuem, aber es war mir nicht mehr der
paradiesische Ort wie vormals. Die Geister meiner abgeschiedenen Freunde, der
Schatten meines verstorbenen Vaters, und meiner hier gebohrnen nun verlornen
Kinder, begegneten mir auf allen Schritten. Meine Gesellschaft bestand aus einem
mürrischen oft halb wahnsinnigen Manne, aus einem jungen Mädchen, das ich
liebte, und um deren trübe, so elend zugebrachte Jugend ich trauten musste, und
aus einem heranwachsenden Knaben, dessen aufblühende Schönheit, dessen
himmlisches Lächeln, nicht die Kraft hatte ihn für übler Begegnung zu schützen,
oder das harte Herz seines Hassers zu erweichen. Wer kann mir sagen, welcher von
diesen dreien Gegenständen meines Kummers, meine Seele am tiefsten verwundete?
    Gab es ja noch etwas, das mir in dieser Verfassung, Trost und Linderung sein
konnte, so war es Walters und Charlottens Gesellschaft; wir sahen uns fast
täglich, und ob gleich Herr Haller wenig Geschmack an ihnen zu finden schien, so
gab es doch Stunden, in welchen er selten zum Vorschein kam, und wir sicher sein
konnten, dass wir von seinen finstern Blicken nicht in unserer Ruhe gestört
wurden.
    In einer von diesen süssen seligen Stunden war es, dass sich eine Begebenheit
zutrug, welche mich eine Person kennen lehrte, die in der Folge einen wichtigen
Einfluss auf mein Glück hatte, und die auch jetzt schon mehr in die Schicksale
der Meinigen verflochten war, als ich denken konnte.
    Ein Fräulein von Vöhlen liess sich bei mir ansagen. Von Vöhlen? wiederholte
ich, nie habe ich diesen Namen gehört. Mir klingt er sehr bekannt, sprach
Walter, ich dächte Charlotte, fuhr er fort, indem er sich zu seiner Gattinn
wandte, die gegenwärtige Besitzerinn des Guts, das dir einmal bestimmt war, wär
uns Fräulein von Vöhlen genannt worden. Sie müssen wissen, Madam Haller, setzte
er hinzu, dass uns vor einiger Zeit die Akten von der Endigung dieses Prozesses
vorgelegt wurden, und dass wir eine nochmalige feierliche Entsagung von allen
Rechten, auf das streitige Gut von uns geben mussten. Wir gaben sie von Herzen
gern, unser alter Freund Samuel, hatte uns längst die Augen über die
Unrechtmässigkeit unserer Ansprüche geöfnet, und so sehr man sich auch von
verschiedenen Seiten bemühte, uns zu bewegen, die Sache noch mehr zu verwirren,
indem wir uns in den Rechtshandel mischten, so hielten wir doch für gut, ganz
still dabei zu sitzen, und ich denke, wir taten recht, nicht wahr Charlotte,
dies ist auch deine Meinung? O ja, sagte Madam Walter, in einem Tone, der mir
mehr aufgefallen sein würde, wenn sich nicht in dem Augenblick die Türe geöfnet
hätte, und die gemeldete Dame eingetreten war.
    Ich ging ihr entgegen. Ein jugendliches Geschöpf in simpler Reisekleidung,
nahte sich mir, und fragte mich in schüchternem Tone, ob sie die Ehre hätte, mit
Madam Haller zu sprechen? Ich bejahte die Frage, wir nahmen Platz, und es
erfolgte eine lange Pause, welche ich endlich durch die Frage unterbrach, welche
Angelegenheit mir das Glück verschafte, das Fräulein von Vöhlen kennen zu
lernen. - In der Tat, Madam, stotterte sie, eine der wichtigsten
Angelegenheiten meines Lebens. Sie sah vor sich nieder und ein paar Tränen
tröpfelten aus ihren Augen.
    Ich schwieg, weil ich hoffte, sie würde sich deutlicher erklären. Fassen sie
Mut, mein Fräulein, sagte ich endlich, entdecken sie mir alles, die
gegenwärtigen Personen können ihnen keinen Zwang anlegen. Dieser Herr hier, tut
mir die Ehre mich Mutter zu nennen, und dieses junge Frauenzimmer - Ist also
ihre Tochter? unterbrach sie mich mit einem etwas munterern Tone, o Jukunde oder
Amalie Haller, oder wie sie heissen mögen, erlauben sie, dass ich sie umarme und
sie Schwester nenne! Sie war auf Charlotten zugegangen, und schloss sie so fest
in ihre Arme, als ob sie ihre älteste Busenfreundinn vor sich hätte. - Auch sie,
auch sie muss ich an meine Brust drücken, fuhr sie fort, indem sie sich zu mir
wandte, und sie Mutter nennen.
    Ich erwiederte ihre Liebkosungen mit vielem Feuer. Ohne schön zu sein, hatte
sie so etwas unwiderstehlich einschmeichelndes in ihrem Wesen, so viel Unschuld
und Redlichkeit in ihrem Blick, und selbst in ihrer Furchtsamkeit war so etwas
hinreissendes, dass man von ihr eingenommen ward, ohne selbst zu wissen, durch
welchen Zauber dieses zugieng.
    Wie? rief ich, sie kennen meine ganze Familie, sie nennen mich Mutter, sie
schliessen mich mit solcher Wärme in ihre Arme, und ich hörte heute ihren Namen
zum erstenmal? - Aber nicht zum letzten, wie ich hoffen will, sprach sie. Wenn
ich nur erst alle ihre Kinder beisammen sehen werde, denn denke ich, wird sich
schon einer finden, der mich Ihnen vorstellt, und mir Ihre Gewogenheit, ihren
Umgang, ach einen langen ungetrennten Umgang von ihnen erbittet.
    Ich sah Waltern und Charlotten, mit Verwunderung an, ich wusste nicht, was
ich aus der sondenbaren Art, mit welcher das Mädchen sprach, machen sollte.
    Madam Haller, fieng sie nach einem kleinen Stillschweigen in einem Tone an,
als wenn sie sich scheute, alles zu sagen, was sie auf dem Herzen hatte; Sie
haben Söhne - ich will sagen, sie haben einen Sohn. - Darf ich fragen, wo Herr
Samuel Haller ist? - Ich bitte, legen sie mir diese Frage nicht übel aus, sie
wissen nicht, in welcher Verbindung ich mit ihrem Sohne stehe.
    Mein Sohn? sprach ich; er stand in einer Verbindung mit ihnen, und es war
ihm möglich, Sie zu verlassen? Dass er sein Vaterland, seine Mutter, seine
Familie verliess, und nach Amerika ging war schon genug, aber ein Mädchen, wie
sie, vielleicht eine Geliebte, eine Braut zu verlassen? - Das ist unerklärlich!
-
    Nach Amerika? wiederholte die Fremde, nun so bin ich in der Tat elend! Ach
ich werde ihn nie wiedersehen, und sie, werden mich von sich stossen, mich für
eine Abenteurerinn, für eine Landläuferinn halten, weil ich niemand habe, der
ihnen die Wahrheit meiner Worte beweisst.
    Dieser Auftritt hatte in der Tat genug abenteuerliches an sich, um die
Furcht des guten Mädchens wahr machen zu können, aber sie hatte etwas in ihrem
Ansehen, das allen Verdacht widerlegte. Ich musste mehr von ihr wissen. Sie
kannte meinen Sohn, sie stand, wie sie sagte, in Verbindung mit ihm, die
Nachricht von seiner Entfernung, gab ihrem unschuldigen Gesicht einen Ausdruck
von so tiefem ungeheucheltem Schmerz, Ursachen genug für mich, mich für sie zu
interessiren. - Ich gab Waltern und Charlotten einen Wink uns allein zu lassen,
ich besorgte, die Gegenwart mehrerer Zeugen, möchte ihr eine deutlichere
Erklärung erschweren, und glaubte, wenn wir allein wären, glücklicher in meinen
Nachforschungen zu sein.
    Sie müssen offenherzig mit mir sprechen, liebes Fräulein, sagte ich, und
rückte meinen Stuhl näher zu dem ihrigen. Wie lernten Sie Samuelen kennen?
welche Verbindung fand zwischen ihnen statt? und was haben Sie durch ihn
verloren?
    Ach alles! schrie sie mit Tränen; ihm hatte ich mein Glück zu danken; mit
ihm wollte ich es teilen. Wenn ich meinem Herzen trauen darf, so war er nicht
gleichgültig gegen mich, und nun flieht er vor mir, flieht ohne dabei an mich zu
denken, ohne mir zu sagen, warum oder wohin! - - - -
    Ha! dachte ich, wieder eine neue Probe von deinen Grillenfängereien, Samuel!
- Aber Fräulein, sprach ich zu der Fremden, darf ich nicht um eine
umständlichere Erklärung aller dieser Dinge bitten?
    Und, fuhr sie fort, ohne auf mich zu hören, er sagte mir noch, beim letzten
Abschied; ich gehe zu meiner Mutter, ihr unser Verhältnis selbst vorzulegen, und
sie darüber urteilen zu lassen, bei ihr, meine Klare, kannst du meinen
Entschluss erfahren, wenn das Schicksal - - - Ach Madam Haller, unterbrach sie
sich, sie wissen seinen Entschluss, sie wissen ob er meine Hand angenommen oder
verworfen hat!
    Liebes Kind, sagte ich, alles was sie mir da vortragen, sind mir dunkle
Rätsel; ich habe meinen Sohn vor seiner Abreise nicht gesehen, nur einen Brief
erhielt ich von ihm, in welchem er mir entdeckte, dass er nach Amerika gehe, weil
unter dem europäischen Himmel kein Glück für ihn vorhanden sei.
    Kein Glück! schrie Klara mit gerungenen Händen; Himmel kein Glück, und er
hatte doch mich! - Zeigen sie mir den Brief, Madam, er kann, er kann nicht so
geschrieben haben.
    Samuels Brief war nicht so beschaffen, dass ich ihn vor fremde Augen konnte
kommen lassen; ich versicherte Klaren, dass er nur Familienangelegenheiten
entalte, und ihrer mit keinem Worte gedenke.
    Sie geriet in ein finsteres Stillschweigen. Walter trat herein, und
entschuldigte seine Gattinn, die sich wegen einer kleinen Unpässlichkeit hätte
nach Hause begeben müssen. Die Dame war also nicht ihre Tochter? sprach Klare,
indem sie wie aus einem Traume auffuhr. Madam Charlotte Walter, erwiederte ich,
die Gattinn dieses Herrn. Charlotte? sagte sie, drum wohl erwiederte sie meine
Liebkosungen so kalt; wer kann es ihr verdenken? wer wüsste, ob ich so freundlich
gegen sie gewesen wär, wenn ich gewusst hätte, dass ich meine Nebenbuhlerinn
umarmte.
    Charlotte, sagte ich, ist die Gemahlinn dieses Herrn, und denkt längst nicht
mehr an vergangene Dinge. Ich sagte dieses, weil ich einen kleinen Verdruss in
Walters Gesicht über Klarens Worte zu sehen glaubte. Sie zuckte die Achseln, und
meinte, sie müsste Charlotten glücklich preisen, wenn dieses wahr wär, sie hielt
es nicht für so leicht, einen Mann, wie Samuel Haller, zu vergessen.
    Nach Walters Abschied glaubte ich glücklicher in meinen Nachforschungen bei
der Fremden zu sein, aber vergebens; sie blieb nachdenkend und sehr einsylbig in
ihren Worten. Es ward spät; ich fragte sie, ob sie bei mir übernachten wollte,
sie sprach, sie könnte nicht leugnen, sie habe auf diese Einladung gerechnet,
und nehme sie sehr gern an. - Ich gab ihr das kleine Haus ein, das mein Vater
ehemals bewohnte, und überlies ihr, auf ihre Bitte, Julchen zur Gefärtinn, die
indessen hereingekommen und von ihr, als Samuels Schwester, sehr liebreich
bewillkommet worden war.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
                     Liebesgeschichte eines Klostermädchens
So war also meine Familie auf einmal mit einer Person vermehrt, die ich nicht
kannte, aus welcher ich nicht wusste, was ich machen oder in wiefern ich ihren
Worten trauen sollte. - Julchen sagte mir, sie habe diese Nacht wenig
geschlaffen, und Samuels Namen unzählich oft genannt, auch habe sie bei ihr ein
Porträt ihres Bruders gesehen.
    Es vergiengen unterschiedliche Tage, ehe ich eine zusammenhängende Erzehlung
der Dinge die ich wissen wollte, von ihr erhalten konnte. Ihr stilles
verschlossenes Wesen riss mich aus der Verlegenheit, unter was für einem Schein
ich sie meinem Manne vorstellen sollte, eine verlassene Geliebte von Samuelen
würde schlechte Aufnahme bei ihm gefunden haben. Zum Glück verriet sie sich
gegen ihn mit keinem Worte. Er nahm es mit seinem gewöhnlichen mürrischen Wesen
auf, als ich ihm sagte, sie sei eine Fremde, die eine kurze Zeit bei uns zu
wohnen wünschte, und sie war viel zu sehr in sich selbst gekehrt, als dass sie
seine finstern Blicke hätte bemerken sollen.
    Endlich kam doch die gewünschte Stunde, die meine Neugierde befriedigen
sollte. Ich fühle es, sagte sie eines Tages, dass ich ihnen Rechenschaft von
gewissen Dingen schuldig bin, die Sie so nahe angehen als mich, und die ich
Ihnen nur gar zu lange vorentalten habe. Wenn sie ihren Sohn, so wie sie mich
versichern, seit der Zeit, dass ich ihn kennen lernte, nicht gesehen haben, so
werden sie ohne Zweifel manches von mir erfahren, das ihnen ganz neu sein muss,
und das über verschiedene ihnen dunkle Stellen seines bisherigen Schicksals ein
Licht verbreiten wird.
    Von meiner eigenen Person und meinen Schicksalen kann ich ihnen wenig sagen.
Ich bin noch sehr jung, ich brachte die grösste Zeit meines Lebens in einem
Kloster zu, in welchem ich erzogen ward, und der erste merkwürdige Zeitpunkt
meines Lebens, war der, da ich ihren Sohn kennen lernte.
    Meine Eltern hatte ich in meiner frühsten Kindheit verloren, sie waren arm,
und das was von ihrem Vermögen, nach der Teilung zwischen mir und einem Bruder
auf mich kam, war eben hinlänglich mir den Aufentalt in einem Kloster zu
verschaffen, in welchem man auch jungen Frauenzimmern, die der katolischen
Religion nicht zugetan waren, den Zutritt verstattete, wenn sie von gutem
Stande waren, und angesehene Vorsprecher hatten; unser Haus war mit der Familie
von Wilteck etwas verwandt, Wiltecks, ungeachtet sie sich nicht des alten Adels
rühmen können, wie das Haus von Vöhlen, hatten einigen Einfluss in dieser Gegend,
und durch sie gelang es mir, an dem einigen Orte unterzukommen, wo ich von dem
wenigen, das ich besass, mit einigem Anstand leben konnte.
    Mein Bruder war in Kriegsdiensten, er konnte wenig zu meiner Unsterstützung
tun, allein seine Zärtlichkeit gegen mich, die der elterlichen nahe kam, die
ich so kurze Zeit genossen hatte, und seine Besuche, die er mir so oft gönnte,
als es der Dienst verstattete, machten mich mit meinem Stande zufrieden, und
liessen mich kaum vermuten, dass es ein höheres Glück auf der Welt gäbe. - Ich
war zu jung, um Plane für die Zukunft zu machen, und zu unverständig, um
einzusehen, was ich ohne eine sonderbare Wendung des Glücks dereinst für eine
elende Rolle in der Welt spielen würde. Mein Bruder war nicht so unbesorgt in
diesem Stück, mein künftiges Schicksal machte ihm Kummer, und er beklagte oft
gegen mich den gesunkenen Zustand unsers Hauses, welches vor Zeiten eins von den
grössten in Schwaben war, aber nach und nach in Verfall geriet, und zu Zeiten
meines Urgrosvaters, endlich durch gottlose Ränke um das letzte kam, was es von
seinen Herrlichkeiten übrig hatte.
    Mein Bruder kannte die Lage der Sachen, er wusste, dass Geld und ein
geschickter Sachwalter vielleicht im Stande sein würden, uns wieder in den
Besitz unserer Gerechtsamen zu bringen, aber wo sollten wir diese beiden
Erfordernisse finden? Zudem hatte mein Bruder zu wenig Einsicht in die Rechte,
um entscheiden zu können, ob nicht vielleicht, wie ihn andere versichern
wollten, die Sache zu verjährt wär, um mit Glück geführt werden zu können.
    Zu dieser Zeit war es, dass mein Bruder einmal zu mir kam, und ein
Zeitungsblatt mit sich brachte, um mir einen Artikel in demselben vorzulesen, in
welchem gebeten wurde, wenn noch einige Nachkommen der alten schwäbischen
Familie von Vöhlen vorhanden wären, so möchten sie sich zu R... bei einem
gewissen Samuel Haller melden, welcher ihnen Dinge von Wichtigkeit zu entdecken
hätte.
    Mein Bruder nahm Abschied von mir, und sagte, dass er gesonnen wär, dieser
Sache nachzuforschen. Die Einladung, setzte er hinzu, ist zwar ziemlich
unbestimmt und rätselhaft; aber ich weis nicht, was mir für eine Idee
vorschwebt, es könne etwas gutes für uns dahinter verborgen sein, und Leute wie
wir, die vom Glück so ganz verlassen zu sein scheinen, dürfen nichts versäumen,
was einem Ausgang aus ihrem dunkeln Zustande ähnlich sieht. -
    Meines Bruders Versprechen bald wieder zu kommen, und mir fleissig zu
schreiben, tröstete mich ein wenig über den Abschied, und die Vorstellung, was
wohl der Grund der rätselhaften Einladung sein möchte, die ihn von mir gelockt
hatte, war mir eine angenehme Beschäftigung in der Einsamkeit. Tausenderlei
Luftschlösser, so bunt und seltsam wie sie nur in dem Gehirn einer jungen
unerfahrnen Person Platz haben können, wurden in dieser Zeit von mir erbaut, und
ich sah mit Verlangen dem ersten Briefe meines Bruders entgegen, um bei
genauerer Nachricht auch meine Vorstellungen erweitern und besser ausschmücken
zu können.
    Es dauerte sehr lang ehe ich etwas von den Dingen erfuhr, die meine
Einbildungskraft so sehr beschäftigten. Ein Brief von ihm gab mir nur sehr
dunkele unvollständige Nachricht von dem, was ich zu wissen verlangte, er sagte
wenig von dem, was Herr Samuel Haller an ihn zu bestellen gehabt habe, aber
desto weitläuftiger breitete er sich über die Person und den Charakter dieses
edeln Mannes aus. Alles was er von ihm sagte, wär schon hinlänglich gewesen, die
Einbildungskraft eines Klostermädchens in Feuer zu setzen, wenn er auch seinen
Brief nicht mit den Worten beschlossen hätte: O Klare, dir so einen Gemahl, und
mir so einen Bruder! O dass ihn das Schicksal nicht adelich geboren werden lies!
Doch welcher Stand ist meinem Haller unerreichbar und was ist Adel gegen Tugend?
    Das Bild, das ich mir von dem neuen Freunde meiner Bruders schuf, schwebte
mir unablässig vor Augen, und immer tönten mir die Worte des Briefs in den Ohren:
Dir so einen Gemahl, und mir so einen Bruder, und was ist Adel gegen Tugend.
    Die folgenden Briefe fuhren fort, rätselhaft zu sein, sie sprachen von
einem unerwarteten Glück, von baldiger Befreiung aus dem Kloster, von künftigen
seligen Tagen an der Seite seines Hallers, den er nicht anders als den Schöpfer
unsers Glücks nennte; Worte, die meine Neugier verdoppelten, und meine Neigung,
fast möchte ich es Liebe nennen, für den Unbekannten, auf den höchsten Gipfel
brachten.
    Da mein Herz auf diese Art vorbereitet war, konnte es wohl wunderbar sein,
wenn die Erscheinung dieses Hallers, des schönsten Jünglings, den ich je gesehen
habe, mich vollends ganz für ihn einnahm? Er kam in Gesellschaft meines Bruders,
mich aus dem Kloster abzuholen, und mich in das Schloss zu führen, dass wir seiner
Grosmut zu danken hatten.
    Ihnen, die die grosmütige Absicht ihres Sohns, in welcher er mein Vaterland
beträt, wissen, die Absicht eine verunglückte Familie aufzusuchen, und ihr zu
ihren verlornen Rechten zu helfen, ihnen brauche ich dieses nicht zu erklären.
Mein geliebter Haller hatte, so bald mein Bruder seine Abkunft bewiesen hatte,
unsere Sache mit Ernst vorgenommen, alle erforderliche Documente waren in seinen
Händen; er verteidigte unsere Rechte, ohne Rücksicht auf seinen Vorteil. Die
Unkosten, welche uns dieser Prozess machte, und die wir uns so ungeheuer
vorgestellt hatten, waren gering, und wir sahen uns im Besitz eines artigen
Gutes, ehe wir es versahn. Himmel, wie soll ich meine Empfindungen beschreiben,
als ich diesen angenehmen Ort zuerst betrat! Der Gedanke, dass ich alles dieses
dem grossmütigen Haller zu danken hatte, verschönerte es in meinen Augen, und
die Dankbarkeit brachte meine Liebe auf den höchsten Gipfel.
    Herr Haller liess es sich gefallen, eine Zeitlang bei uns in unserm neuen
Eigentum zu verweilen; er ward nach und nach vertraulicher gegen uns, er
entdeckte uns alle seine Begebenheiten, und auch seine unglückliche Liebe zu
Charlotten. Es ist billig, sagte mein Bruder, da sie um der unbekannten Familie
von Vöhlen willen, eine Geliebte einbüssten, dass eben dieselbe sich bestrebt,
ihnen ihren Verlust zu ersetzen. Kann Klarens Besitz sie über Charlotten
trösten, so nehmen sie sie aus meiner Hand mit der Hälfte desjenigen an, was wir
durch ihre Grossmut besitzen; hätte ich etwas kostbareres als diese Schwester,
ich müsste es ihnen geben, aber sie ist alles, was mir das Glück übergelassen
hat.
    Ich war dabei, als mein Bruder Hallern diesen Antrag tat, ich glaubte in
seinen auf mich gerichteten Augen Liebe zu lesen, und ich überliess meinem Bruder
freudig meine Hand, um sie in die seinigen zu legen.
    Haller schwieg lange; endlich rief er: Ja, ich nehme ihr unschätzbares
Geschenk an; kann irgend ein weibliches Geschöpf mich Charlotten vergessen
lehren, so ist es die holde unschuldige Klare. Aber auch nur ihre Hand ist es,
was ich besitzen will; Änteil an ihrem Vermögen zu haben; ist mir unmöglich,
ist - ist mir ein Gedanke, dessen ganze Widrigkeit ich mir selbst nicht
entwickeln kann. Klare ist noch jung, sie bleibt in ihrer Verwahrung, und ich
verfolge meinen angefangenen Weg, der mich ja wohl endlich zu einem kleinen
Glücke führen wird, das ich mit dieser unschuldigen Seele teilen kann.
    Herr Haller war unbeweglich in seinem Eigensinn; mein Bruder musste
nachgeben, und ich ward die Braut des Mannes, der mir ja wohl keinen grössern
Beweis seiner Liebe geben konnte, als dass er meine Hand ohne alle Rücksicht auf
seinen Vorteil annahm, sie allein für hinlängliche Belohnung desjenigen ansah,
was er für uns getan hatte. O gewiss, gewiss, er liebte mich, und ich bestrebte
mich, ihm seine Neigung mit vollem Herzen zu erwiedern.
    Wie glücklich war ich zu dieser Zeit! wie glücklich im Besitz so eines
Bräutigams, und so eines Bruders! O dass mir erst der eine, und bald darauf der
andere so schnell musste entrissen werden, der eine auf den Wegen des Vergnügens
und unschuldiger Neckerei, wie sie unter jungen Leuten gewöhnlich ist, und der
andere auf eine noch rätselhaftere, mir noch unbegreifliche Art.
    Mein Bruder hatte meinen Geliebten beredet, mich an einem Tage durch
Verwechselung ihrer Kleider zu täuschen; beide wollten sich in der
Abenddämmerung bei mir in einer Laube einfinden, wo ich mich gern aufzuhalten
pflegte, und ein jeder sollte die angenommene Rolle des Bruders und des
Bräutigams so natürlich als möglich spielen, damit sie sich dann über meine
Bestürzung lustig machen, und mir den Wahn benehmen könnten, den ich einesmals
äusserte, ich wollte meinen Haller unter tausenden kennen, ohne sein Gesicht zu
sehen. Der ernstafte Samuel nannte dieses, wie er mir hernach sagte, unnütze
zwecklose Tändelei, aber sein fröhlicherer Freund, schalt ihn einen
Grillenfänger, und behauptete, dass kleine Possen von dieser Art, Leben und
Freude in die Gesellschaft brächten, und dass er und seine nonnenhafte Klare
Aufmunterung nötig hätten.
    Die Mummerei ward künstlich genug angefangen; Haller und mein Bruder hatten
würklich einige Aehnlichkeit mit einander; die Dämmerung kam der Täuschung zu
Hülfe, und mein Bräutigam hatte lange bei mir in der Laube gesessen, und in der
Gestalt meines Bruders tausend Dinge aus meinem Munde von meiner Liebe zu ihm
gehört, die meine Schüchternheit mir nicht verstattet haben würde vorzubringen,
wenn ich ihn gekannt hätte.
    Mein vermeinter Bruder sprach wenig, und sah immer ängstlich aus der Laube,
als wenn er auf die Ankunft eines dritten wartete. Du siehst dich nach meinem
Haller um? fragte ich. - Ach wenn er so gern in meiner Gesellschaft wär, wie ich
in der seinigen, er würde nicht so lange verweilen. Ich sagte noch mehr Dinge
von dieser Art, und mein Gefährte konnte endlich seine Verstellung, die ihm
schon längst zur Last war, nicht länger behaupten. Er unterbrach meine Klagen
über sein vermeintes Ausbleiben mit einer Umarmung. Die Entdeckung des ganzen
Geheimnisses folgte darauf, und wir wurden einig, wenn nun der verstellte Haller
ankommen würde, die Sache so zu drehen, dass das Gelächter über ihn hinaus ging.
Tausend aufgeräumte Einfälle kamen hierbei zum Vorschein. Ich habe meinen
Geliebten fast nie so lustig gesehen wie damals. Er ahndete so wenig als ich
etwas von dem Unglück das uns bevorstand, und seine anfangs bezeigte
Aengstlichkeit, kam nur aus der Mühe her, mit welcher er seine Verstellung
behauptete; auch im Scherz war er nicht lange im Stande, einen anderen als
seinen wahren Charakter zu zeigen.
    Es ward immer dunkler, und der letzte Akt unsers Lustspiels wollte noch
nicht angehen. Wir machten uns auf, dem Verkleideten entgegen zu gehen; wir
fanden ihn nicht. Wir durchstrichen vergebens die ganze Gegend, und kehrten fast
um Mitternacht mit tausend Besorgnissen nach Hause. Im Schloss konnte man uns
nichts sagen, als dass mein Bruder gegen den Abend in Herrn Hallers grünem
Reitkleide ausgegangen sei, und ihm so ähnlich gesehen habe, wie sein
Zwillingsbruder. Er habe gelacht, als man ihm dieses gesagt hätte, und ernstlich
verboten, mir nichts von dieser Mummerei zu entdecken, weil er mich mit seiner
Verkleidung zu täuschen gedächte.
    Mein Haller und ich waren unfähig diese Nacht eine Stunde zu ruhen. Mit der
ersten Morgendämmerung war schon jedermann im Schloss fertig, die Nachsuchung
von neuem anzufangen. - Ich blieb zurück, und erwartete in tödtlicher Angst, was
man mir für Nachricht von meinem Bruder bringen würde. Alle Abgeschickten kamen
unverrichteter Sache zurück; die einhellige Aussage aller war, die Wasser wären
so angelaufen, dass man befürchten müsse, der Verlorne sei, wenn er etwa in der
Dämmerung über den langen Steg nicht weit vom Schloss habe gehen wollen, vom
Wiederschein geblendet worden und in den Strom geraten. Ich war in
Verzweifelung, und Haller, der meinen Bruder herzlich liebte, befand sich in
keinem bessern Zustande.
    Ich fiel in eine schwere Krankheit, mein Bräutigam setzte in dieser zeit
seine Nachforschungen fruchtlos fort, und erst nachdem ich längst wieder
hergestellt war, erfuhren wir durch die Zeitungen, dass weit von unserm Wohnorte
bei einem Dorfe am Harz ein Ertrunkener gefunden worden wär, welcher nach der
Beschreibung mein Bruder gewesen sein musste.
    Mein Haller reisste ab, um die Sache selbst zu untersuchen. Er brachte mir
die traurige Bestättigung unserer Furcht, und sich einen Grund zu neuem Kummer
mit. Er hatte zu Riedgau erfahren, dass man sich bereits von andern Orten nach
dem Ertrunkenen erkundigt, und nach genauer Untersuchung aller Umstände, einige
Kleinigkeiten die der Verunglückte bei sich gehabt, mit ziemlichen Unkosten an
sich gebracht, um diese traurige Erbschaft den Verwandten desselben
auszuliefern. Mein Geliebter schloss aus allen Umständen, dass diese Erkundigung
von seinen Eltern gekommen sein müsse. Man hielt ihn bei den Seinigen für todt,
er wusste wie er geliebt wurde, und er brannte für Verlangen, seine Geliebten aus
dem Kummer zu reissen. Meine Bitten hielten seine Abreise noch auf, und er musste
sich begnügen, sein Leben durch einen Brief nach Hohenweiler zu berichten.
    Durch einen Brief? unterbrach ich Klaren, ich habe keinen erhalten. Und was
hätte er mich auch geholfen, mein guter Vater war damals schon das Opfer des
Schreckens über diesen unglücklichen Ausgang eines elenden Kinderspiels
geworden. - O Jugend, Jugend! wenn wirst du doch lernen, was für Unglück aus
deinen Possen entstehen kann? - Gott! mein Vater musste sterben, weil ein müssiger
Junker an einem entfernten Orte, an einem Abende nicht wusste, was er vor
Langeweile anfangen sollte! - - Ich war sehr aufgebracht, und würde gewiss in
diesem Tone noch lange fortgefahren haben. Aber Klarens schüchterner auf mich
gerichteter Blick rührte mich; ich bat sie, fortzufahren, und mir zu verzeihen,
wenn ich ihren Bruder, der freilich durch seine Spielerei am meisten gelitten
habe, auf eine zu empfindliche Art getadelt hätte.
    Herr Haller, fuhr das Fräulein fort, blieb auf meine Bitte noch eine
Zeitlang bei mir, aber wie verändert war seit meines Bruders Tode sein Betragen
gegen mich! Furchtsam, kalt, zurückhaltend. Er sagte mir es oft nicht
undeutlich, es fänd keine Verbindung mehr unter uns statt, und wenn ich ihn
weinend um die Ursache fragte, so sah er mich starr an, und sprach: Klare,
verschenke deine Güter, so will ich dein sein. Nur die arme Klara ist ein
Mädchen für mich, die Besitzerinn dieses Schlosses kann und darf nie die Meine
werden.
    Dieses waren wunderliche Reden, ich bat vergebens um deutlichere Erklärung,
und ich musste ihn so sehr lieben wie ich tat, um nicht durch seinen Eigensinn
aufgebracht zu werden.
    Er sagte, er wollte und müsste sich von mir trennen, und als er sah, wie mich
das erschütterte, so suchte er mich mit den Worten zu täuschen, er wollte zu
seiner Mutter gehen, ihr unsere beiderseitige Lage vorstellen, sie entscheiden
lassen, ob er in der gegenwärtigen Verfassung mein Gemahl werden könne, und sich
nach ihrem Urteil richten. - Ich merkte endlich wohl, dass er sich scheute die
Güter mit mir zu teilen, die Charlotte durch seine Gerechtigkeitsliebe verloren
hatte, aber ich war nicht geneigt, diese übertriebene Delikatesse, auf die
Rechnung seiner Rechtschaffenheit zu schreiben; in meinen Augen war dieses noch
Ueberbleibsel von Liebe zu Charlotten. Ich ward eifersüchtig - und die Wahrheit
zu gestehen, ich bin es noch.
    Die letzte Bitte, die ich an Herrn Haller tat, war, mich nach Wien zu
meiner Cousine, der Regierungsrätinn von Berg zu begleiten, welche mich nach
dem Tode meines Bruders eingeladen hatte, bei ihr zu leben. Mein Geliebter
willigte ein. Wir langten zu Wien an. Herr Haller, der die Regierungsrätinn
noch als Fräulein von Wilteck gekannt haben musste, und nicht die
vorteilhafteste Meinung von ihr hegte, bezeigte wenig Lust sich von mir bei ihr
einführen zu lassen, er hätte es lieber gesehen, wenn ich selbst, meinen
Entschluss bei ihr zu leben geändert hätte, er riet mir, mit ihm zu seiner
Mutter zu reisen, und bei ihr es abzuwarten, wie sich unser Schicksal entwickeln
würde.
    Ein Umstand machte, dass er seine Meinung änderte. Er erfuhr, dass eine
Mamsell Haller sich bei der Regierungsrätinn aufhielte, sie war - verzeihen
Sie, Madam, dass ich es sagen muss - sie war - in einem etwas zweifelhaften Rufe,
und, er wünschte durch mich zu erfahren, ob dieses Frauenzimmer eine von seinen
Schwestern sei, und ob sie den Namen - in der Tat, Madam, ich weiss nicht recht,
wie ich sagen soll - den Namen einer - einer vertrauten Freundinn des Herrn
Regierungsrats wirklich verdiene.
    Um Gotteswillen, Fräulein, unterbrach ich hier Klarens Rede, halten sie mich
nicht länger aufstürzen sie mich nicht in Verzweifelung! was fanden Sie!
    Ich weis nicht, erwiederte Klare, mit einigem Stocken, ob mein Urteil hier
gültig sein kann. Sie wissen wohl, ein Mädchen, das im Kloster erzogen ist, so
lange in der Einsamkeit gelebt hat, hegt vielleicht überspannte Begriffe vom
Schicklichen und Unschicklichen. - Und - überhaupt, es gefiel mir in dem Hause
des Regierungsrats gar nicht, es herrschte daselbst ein gewisses wüstes,
unregelmässiges Leben, das ich nicht gewohnt war. - Was nun Mamsell Peninnen
anbelangt, so wüsste ich nicht das geringste an ihr zu tadeln, als das
Wohlgefallen, mit welchem sie an allen Lustbarkeiten des Hauses Teil zu nehmen
schien; der Regierungsrat bezeigte sich gegen sie ehrerbietig und seine
Gemahlinn freundlich, aber wenn sie den Rücken wandte, so sprach der erste von
ihr mit dem Entzücken eines Liehabers, und die andere mit der Strenge einer
eifersüchtigen Tadlerinn. Ich habe Gabrielen über sie weinen gesehen, und sie
von ihr das Unglück ihres Hauses nennen hören.
    Herr Haller, dem ich alles dieses sagte, legte es sehr übel aus, und als er
Peninnen vollends einmal in Gesellschaft des Regierungsrats, im Glanz einer
Feenköniginn im Schauspiel erscheinen sah, und unterschiedliche zweideutige
Urteile über sie hörte, da gab er den Vorsatz auf, sich ihr zu entdecken. Er
bat mich, ihr nichts von ihm, oder der Verbindung, in welcher ich mit ihm
gestanden habe, zu sagen. Er verliess Wien, um, wie er sagte, zu seiner Mutter zu
reisen, und ihr die Entscheidung unsers Schicksals aufzutragen.
    Ich blieb nach seinem Abschied noch eine Zeitlang bei meiner Cousine, ich
gewann Peninnen lieb, und bedauerte sie. - - Und sie hatten nicht die
Menschlichkeit, unterbrach ich Klaren, die Unglückliche zu warnen? - Wie konnte
ich das? antwortete sie; Peninna taumelte von einem Vergnügen zum andern, sie
war fast nie zu Hause oder allein. Meine Cousine, die Regierungsrätinn, riet
mir überdem, mich vor ihr zu hüten, weil sie eine ganz eigene beleidigende Art
habe, gutgemeinte Warnungen zu erwiedern, und wahrscheinlich alles bei ihr
verloren sei.
    In wie weit Mamsell Haller diesen Vorwurf verdiente, weis ich nicht; ich
habe nichts als Sanftmut und Güte von ihr gesehen, und würde vielleicht ihre
eifrigste Verteidigerinn geworden sein, wenn ich nicht vorher von Vorurteilen
wider sie eingenommen gewesen wär, welche Gabriele sorgfältig zu nähren suchte.
    Gabriele ist falsch; einige freundliche Blicke, die ihr Gemahl auf mich
geworfen, oder ein kleines Lob, das er mir erteilt haben mochte, machte sie zu
meiner heimlichen Feindinn. Ich musste fürchten, mein guter Ruf möge durch ihre
böse Zunge ebenfalls leiden. Ich hielt es für gut, Wien zu verlassen. Ich wusste
ja Zuflucht bei der Mutter meines Geliebten, ich konnte hoffen, ihn noch
daselbst zu finden, und wenn ich seine Vorurteile herzhaft angriff und ihre
Schwäche erwies, vielleicht bei einer günstigen Richterinn eine vorteilhafte
Entscheidung unsers Schicksals zu finden. Gewiss war mir es weniger um mein Glück
als um das seinige zu tun, ich wusste mein Vermögen, und auch vielleicht meine
Person konnte ihn glücklich machen.
    Ich kam hier an; aber meine Augen suchten meinen Samuel vergeblich; diese
fehlgeschlagene Hoffnung machte mich mutlos, die Nachricht von seiner fernen
Reise stürzte mich in Verzweiflung, sie war der sicherste Beweis seiner ganz
erloschenen Liebe, und des Verlangens, sich von mir loszumachen. Sollte mich nun
auch die Hoffnung auf die Liebe und den Schutz seiner Mutter getäuscht haben,
Himmel! was würde dann aus mir werden!
 
                              Sechzehntes Kapitel
              Die alte Frau eifert wider das leidige Teaterwesen
Klare geriet nach Endigung ihrer Geschichte in ein tiefes Nachdenken, und ich
fand in derselben, auch für mich, so viel Stoff zu traurigen Betrachtungen, dass
ich mich kaum aus demselben emporreissen konnte, um ihr ihre letzten Worte mit
der herzlichsten Versicherung meiner Liebe zu erwiedern und die Bitte
hinzuzufügen, sie möchte sich nicht von mir trennen, mich nicht den Eigensinn
meines Sohns - den ich unter uns gesagt, nicht ganz tadeln konnte - entgelten
lassen.
    An eine Trennung von Ihnen, sagte sie, ist nicht zu denken, ich gehöre von
nun an zu ihrer Familie, und werde sie nicht verlassen, und wenn Herr Walter
heute sterben, und Charlotte Samuels Gattinn werden sollte. Er hat Geschwister,
welche das Gute, was ich für ihn im Sinne hatte, nicht so undankbar verschmähen
werden, wie er.
    Ich hielt nicht für gut, dieses letzte anders als mit einer kleinen
Verbeugung zu beantworten. Es war mir im Grunde eben so widerlich als Samuelen,
einen Vorteil von dem Charlotten entzogenen Vermögen zu geniessen. Die
Vorstellung, dass Charlotte kein rechtmässiges Eigentum verloren, und Klare kein
unrechtmässiges gewonnen hatte, hatte wenig Kraft bei mir. Mein Sohn hatte die
Hand bei diesen Dingen zu sehr im Spiel gehabt; es war leicht für unsere Feinde,
hier Nebenabsichten zu vermuten; zwar lag die Wahrheit am Tage, aber kehrt sich
die Tadelsucht an die Wahrheit? -
    Ich hatte Ursach zu glauben, dass Charlotte selbst die Sache nicht mehr aus
dem rechten Gesichtspunkte ansah. Gewisse Reden, die Herr Walter zuweilen
führte, liessen mich mutmassen, dass seine Gattinn nicht allemal klug genug war,
ihre Ohren dem Zuflüstern böser Leute zu verschliessen. Das verlorne Gut kam ihr
nicht aus dem Sinne, und die Rolle, welche Samuel dabei spielte, und die sie im
Anfange völlig billigen musste, erschien ihr jetzt aus einem ganz andern Lichte.
Das Fräulein von Vöhlen, war ihr ein Dorn im Auge, war ihren Gedanken nach
zugleich die Räuberinn ihres Vermögens und ihres Geliebten, war vielleicht eine
alte vor ihr geliebte Bekanntinn Samuels gewesen, und alles hatte sich also ganz
natürlich zu ihrem Schaden, und Klarens Vorteil schicken müssen.
    O meine Kinder, wer kann die ganze Verheerung übersehen, welche Verläumdung
und daraus erwachsener böser Verdacht in den besten Herzen anzurichten vermag;
diese Ungeheuer sind im Stande, die edelste Seele, wenn sie schwach genug ist
ihnen Gehör zu geben, zu den unedelsten Vorurteilen zu erniedrigen.
    Auch Klare fühlte wenig Neigung für Madam Walter, und wenn es verdrüssliche
Stunden in unserm kleinen Zirkel gab, so waren es diejenigen, da diese beiden
Nebenbuhlerinnen von ungefähr zusammenkamen. Sie waren beide zu wohl erzogen,
als sich zu offenbarer Äusserung ihres Widerwillens, oder zu jenen kleinen
versteckten Sticheleien herabzulassen, welche, so witzig sie auch sein mögen,
allemal den Mund, der sie hervorbringt, entehren; aber die übertriebene
Höflichkeit, die beide gegen einander, aus Furcht nicht unhöflich zu sein,
bezeigten, der gezwungene Ton ihrer Unterhaltung, und andere unnennbare
Kleinigkeiten, machten, dass ich es gewiss so viel als möglich vermied, beide
zusammen zu bringen.
    Charlotte war nicht die einige, welche Klaren mit ungewogenen Augen ansah;
auch mein Mann hatte wenig Gefallen an ihrer Gegenwart. Sein ehemaliger Hang zur
Verschwendung, hatte sich seit seinem letzten Unfall, auf eine mir
unbegreifliche Art in Geiz verkehrt; er hasste alles, wovon er glaubte, dass es
ihm Unkosten machte, und es war nötig, es ihm deutlich vor Augen zu legen, dass
das Fräulein von Vöhlen, ob sie sich gleich zu unserer Familie rechnete, doch
von ihrem eigenen Gelde lebte, um ihn zu bewegen, ihr mit der Achtung zu
begegnen, welche sie vermöge ihres Standes und ihrer Verdienste fordern konnte.
    Alle diese Dinge waren gewiss nicht im Stande mir mein Leben angenehm zu
machen, aber gern würde ich sie ertragen haben, wenn nur nicht wichtigere Sorgen
an meinem Herzen genagt hätten. Ach meine Kinder! meine verlornen Kinder; -
Warum musste ich doch so gar nichts von ihnen hören? - Von meinen Söhnen konnte
ich denken, dass die weite Entfernung ihr Stillschweigen verursachte. Aber warum
schwieg Peninne? warum schrieb sie nicht ein einigesmal an ihre Mutter? war
diese Nachlässigkeit nicht ein offenbarer Beweis ihrer Schuld? Und Jucunde! und
Amalie! arme verwahrloste Geschöpfe! was mochte aus euch geworden sein!
    Alle Nachforschungen, die mein Freund Walter nach ihnen anstellte, waren
fruchtlos, nur ein einigesmal brachte ein Freund von ihm, welcher aus Manheim
kam, die Nachricht, er habe daselbst einen Teaterdichter, Namens Feldner,
gekannt, und eine junge Person als Franziska in Lessings Minna auftretten
gesehen, welche man ihm Jucunde genannt hätte. Der Zuname traf nicht zu, aber es
liess sich freilich vermuten, dass Jucunde, wenn sie diesen Stand ergriffen haben
sollte, ihren Namen verändert haben würde.
    Ich habe schon im Vorhergehenden meine altfränkischen Meinungen vom
Teaterwesen geäussert, und man kann also glauben, dass mir diese Nachricht, so
unzuverlässig sie auch war, wenig Freude machte. - Ich wollte Gewissheit hiervon
haben, und hielt mir deswegen alle mögliche Teaterzeitungen und Teaterkalender
und wie das Zeug alles heisst; eine Art von Lektüre, von welcher ich nie geglaubt
hätte, dass sie einmal nach meinem Geschmack sein würde. Ich fand den Namen, den
Jucunde nach des Manheimer Freundes Aussage gegenwärtig führte, nie bei
Hauptrollen; sie ward nie auf die pompöse glorreiche Art erwehnt, wie die andern
Schauspielerinnen. Ihre Reize wurden nie so zergliedert, wie bei den Uebrigen,
und ich konnte aus keinem Zuge urteilen, ob von meiner Jucunde die Rede sei.
Alles was ich schliessen konnte, war nur dieses, dass sie, im Fall meine Furcht
gegründet sei, eben keinen Stern erster Grösse auf dem Teater vorstellen müsse;
eine Entdeckung, die mir nicht zuwider war. Ich kannte Jucundens Eitelkeit, ich
hoffte, es würde mir leichter werden, sie von ihrem gefährlichen Stande
abzubringen, wenn sie in demselben nicht ganz den Beifall finden sollte, den sie
vielleicht mehr als andere verdiente.
    Ich machte schon Anstalten, mich durch eine treue Person, die Jucunden
kannte, von der Wahrheit zu überzeugen, und sie vielleicht in meine Arme
zurückzubringen, als ich erfuhr, dass die Gesellschaft, bei welcher ich sie
vermutete, den bisherigen Ort ihres Aufentalts abermals verlassen habe; man
sprach verschiedentlich davon wohin sie sich wenden würde, einige sagten nach
Wien, andere nach Petersburg, wieder andere nach Leipzig. Meine Entwürfe waren
also abermals vereitelt, ich wusste nicht wo ich meine Verlorne suchen sollte,
und war von allen diesen Orten so weit entfernt, dass ich meine Hoffnung sie zu
retten ganz aufgeben musste.
 
                              Siebzehntes Kapitel
                      Man urteile nicht nach dem Scheine
Auf die Sorgen die mir diese fehlgeschlagene Hoffnung machte, war mir eine Freude
aufbehalten, welche aber nur kurze Zeit dauerte, und die doch zugleich der
Anfang einer grössern und dauerhaften war.
    Ein Brief von Peninnen! Mit Entzücken erkannte ich ihre Hand auf der
Aufschrift, und mit einem Gemisch von Angst und süsser Erwartung, erbrach ich
ihn. Hier ist er.
    »Liebe Mutter!
    Darf ich Sie noch so nennen? oder ist nicht vielmehr dieses harte
mütterliche Stillschweigen ein Beweis, dass ich ganz von Ihnen verstossen, ganz
vergessen bin? Was habe ich getan, dass Sie mit mir zürnen? Ist etwas
tadelhaftes in meinen Handlungen, so hätte mich ja eine einige Belehrung von
Ihnen zurecht weisen können, ich habe sie Ihnen ja alle so aufrichtig vorgelegt,
keinen Schritt getan, den ich Ihnen nicht vorher gemeldet hätte.
    Wär Hohenweiler nicht so ein bekannter Ort, wär es nur eine Möglichkeit, dass
meine Briefe Sie verfehlt haben könnten, so wollte ich mich beruhigen, aber so
etwas lässt sich gar nicht denken. Gewiss gewiss, Sie zürnen mit mir! Wer weis, wer
mir Ihr Herz geraubt hat, und ich hätt es sicher nicht gewagt, Ihnen noch einmal
zu schreiben, sondern alles was ich Ihnen zu sagen habe, auf den fröhlichen Tag
des Wiedersehens verspart, dem ich nun, ach bald bald, entgegen sehe, wenn ich
nicht diese glückliche Gelegenheit hätte, Ihnen ein Geschenk zu machen, das
Ihnen gewiss das kostbarste sein wird, das Sie sich wünschen können. - Kennen Sie
diese beiden Personen, die Ihnen diesen Brief überreichen? O ihr Herz wird Ihnen
ihre Namen nennen, wenn auch mannichfaches Unglück ihre Züge verändert haben
sollte. Nehmen Sie sie wieder an, so wie Sie einst ihre Peninna wieder zu Gnaden
annehmen werden. Wie das Schicksal sie und mich zusammenbrachte, werden sie aus
ihrem eigenen Munde hören.
    Von meiner eigenen Verfassung nur so viel: Ich bin, wie Sie aus meinem
letzten Briefe wissen werden, sehr glücklich, glücklicher, als ich hätte hoffen
können, je zu werden. Zuweilen dauert es mich doch, Sie wissen was für ein
guterziges Geschöpf ich bin, - dass das Unglück meiner ehemaligen Freundinn der
Grund meiner Erhebung sein musste; indessen, ich bin unschuldig, und im Grunde
haben auch die gewesenen Fräuleins von Wilteck es nicht sehr um mich verdient,
dass ich zärtliche Gesinnungen gegen sie hege. Ueber Gabrielen muss ich lachen;
wenn ihre feindseligen Blicke mich ermorden könnten, so wär ich gewiss nicht mehr
im Lande der Lebendigen. - Nun auch kein Wort mehr. Mein Geliebter ersucht Sie,
diese Kleinigkeiten zu seinem Andenken zu tragen, er brennt für Verlangen, wie
er sagt, Ihnen persönlich zu danken, dass sie seine Peninna so für ihn erzogen,
so ganz zu dem gebildet haben, was sie in seinen Augen ist.«
    Gott! Was für ein Brief! schrie ich. Von Anfang bis zu Ende ein langes,
abscheuliches Rätsel. Ich warf ihn auf die Erde, und sties eine kleine Kapsel
die er entielt, und die gleichfalls auf den Boden gefallen war, mit den Füssen
auf eine Seite. Sie sprang auf, und eine Menge schimmernde Juwelen fielen mir in
die Augen.
    Verdammter Lohn von der Schande meiner Tochter! schrie ich, und sie ist
frech genug mir ihn vor die Augen zu legen? frech genug zu glauben, ich werde
ihn mit ihr teilen?
    Ich ging eine Weile halb ausser mir im Zimmer auf und nieder, endlich nahm
ich den Brief von neuem, ich las ihn von Anfang bis zu Ende, ohne ihn zu
verstehen, ohne fast etwas dabei zu denken. Nur die letzte Worte, der Unwürdige,
den Peninna so frech war ihren Geliebten zu nennen, wollte mir danken, dass ich
sie für ihn erzogen, sie dazu gebildet habe, was sie in seinen Augen sei, nur
diese leuchteten mir mit fürchterlicher Lebhaftigkeit in die Augen. Ich dachte
von Sinnen zu kommen, Elende! schrie ich, spottest du meiner, ich dich zu dem
erzogen, was du bist? - Schrecklich! schrecklich! das erleben zu müssen! den
Hohn eines Kindes, eines verworfenen, verwahrlosten Kindes erleben zu müssen.
    Eine gänzliche Betäubung folgte auf diesen Ausbruch von Heftigkeit. Julchen
riss mich aus derselben, sie trat hüpfend ein. Ach Mutter, Mutter schrie sie,
wissen sie denn, wer eben gekommen ist? Wissen sie wer den Brief gebracht hat?
Wissen sie denn - - -
    Lass mich! erwiederte ich und ich bemühte mich sie mit der Hand von mir
abzuwehren, ich weis nichts, als dass ich die unglücklichste Mutter von der Weit
bin; weis nichts, als dass ich fürchten muss, auch vielleicht in dir eine Boshafte
zu erziehen, die dereinst meines grauen Alters spottet.
    Mit gefaltenen Händen, und fest auf mich gerichteten Blicken stand Julchen
vor mir; Tränen tröpfelten aus ihren Augen, und ihre bekümmerte Miene fragte
mich: Was hab ich getan, diesen Vorwurf zu verdienen?
    Ich zog sie zu mir, und drückte sie an meine Brust. Ich konnte nicht
sprechen, aber meine Tränen sagten ihr, dass mich meine Uebereilung reute, dass
mein Herz nichts wider sie hätte.
    Julchen unterbrach endlich diese stumme Scene. Darf ich nun, sprach sie,
indem sie von der Stelle aufsprang, wo sie vor mir gekniet hatte, darf ich nun
meine Schwestern herein rufen?
    Deine Schwestern?
    Ja, ja Amalien und Jucunden; ich bringe sie sogleich, aber - liebe Mutter,
keinen zornigen Blick für die Armen, keinen Vorwurf; ach sie sind so traurig,
sie bedürfen keine weitere Kränkung. - Ich rufte ihr nach, um sie noch einmal zu
fragen, ob es möglich sei? ob ich recht gehört habe? aber fort war sie, und ich
befand mich in einem neuen Erstaunen, das so gross als das erste, nur von
angenehmerer Art war.
 
                              Achtzehntes Kapitel
                               Jucunde und Amalie
Julchen blieb lange aussen. Ich ergriff in dieser Zwischenzeit Peninnens Brief
noch einmal, ich sties auf die Stelle, in welcher sie der Ueberbringerinnen
desselben gedachte, ich hatte dieselbe ganz übersehen, der übrige Inhalt war zu
sonderbar, zu wichtig, um mir Gedanken für etwas anders übrig zu lassen. Jetzt
erst begriff ich, was Peninna sagen wollte, und die lebhafteste Freude
bemeisterte sich meiner Seele. Mit offenen Armen würde ich meinen Verlornen
entgegen geeilt sein, wenn ich meinem Herzen hätte folgen wollen, aber ich hielt
es für gut, den mütterlichen Wohlstand ein wenig in acht zu nehmen, und sie,
Julchens Vorbitte ohngeachtet, mit etwas strenger und ernster Miene zu
empfangen.
    Kommt, kommt ihr Lieben, hörte ich Julchens liebkosende Stimme von aussen
keine Furcht! keine Einwendungen! Habt ihr denn so ganz vergessen, wie gütig
unsere Mutter ist? - Ach sie hat sich nach euch gesehnt, hat so oft um euch
geweint, wie sollte sie sich nicht freuen euch wieder zu sehen? -
    Das fehlte noch, dachte ich bei mir selbst, dass die kleine Zauberinn mir das
Herz vollends weich machte.
    
    Die drei Schwestern traten ein. Ich war an ein Fenster getreten um meine
Bewegung zu verbergen. Endlich musste ich mich doch umkehren. Julchen sah aus wie
ein tröstender Engel, der ein paar reuige Sünder vor ihren Richter führt, und
ihre Gefährtinnen, wie ein paar busfertige Magdalenen.
    Vermutlich Madam Feldner, und die berühmte Schauspielerinn Jucunde? -
fragte ich, indem ich mich bemühte, einen festen Ton anzunehmen. -
    Julchen wandte sich weg, und schlug die Hände zusammen, als wollte sie
sagen: so waren denn also meine Vorbitten ganz vergebens? Die beiden andern
warfen sich zu meinen Füssen. Gebrochne Worte: Reue, Vergebung, Verführung,
waren alles, was ich verstehen konnte. Das letztere durchbohrte mir das Herz.
Ich wusste, dass sie verführt waren. So jung, und in solchen Händen, wer hatte da
nicht verführt werden sollen!
    Stehet auf, rief ich und bemühte mich immer noch meinen ernsten Ton
beizubehalten, stehet auf! Dies sind Teaterstreiche! - Sie blieben liegen und
netzten meine Knie mit ihren Tränen. Stehet doch auf, wiederholte ich, ihr
wisset, dass ich das Knieen nie vertragen konnte! - Sie blickten auf, der
weichere Ton meiner Stimme machte ihnen Mut mich anzusehen, sie sahen mein mit
Tränen überströmtes Gesicht, sie sprangen auf, und warfen sich in meine Arme.
    Was soll ich mehr sagen? ich behauptete meine vorgenommene Rolle schlecht;
ich war nicht mehr die strenge Richterinn, war ganz Mutter, und ob ich gleich
nicht im Stande war, ein Wort zu sagen, so fühlten doch die armen Büssenden, ihre
Verzeihung in der Wärme, mit welcher ich sie an meinen Busen drückte. Auch sie
waren stumm. Aber Julchen machte die Freude desto lauter, sie wusste nicht, auf
was für Art sie sie äussern sollte, sie war ausser sich, und das Verlangen, das
ihr eigen war, auch andere an dem was sie glücklich machte, Teil nehmen zu
lassen, würde sie vielleicht bewogen haben, das ganze Haus herbei zu rufen, um
sich mit ihr über die Scene zu erfreuen, die sie entzückte, wenn ich nicht ihre
Absicht gemerkt, und sie zurückgehalten hätte.
    Was willst du machen? fragte ich. O lassen sie mich, rief sie, ich muss, ich
muss mehr Teilnehmer zu unserer Freude holen; erlauben sie mir wenigstens Klaren
- - Um Gotteswillen, sprach Jucunde, stellen sie uns niemand fremden zur Schau!
ich wollte lieber, dass ich mich hier vor jedermann verbergen könnte. - Sei ohne
Sorgen, erwiederte ich, deine Schwester überlegt nicht was sie sagt. Geh
Julchen, lass mich mit deinen Schwestern allein, und wenn du etwas nützliches
tun willst, so gehe zu deinem Vater, und bereite ihn auf den Anblick deiner
Schwestern vor, und sei bei ihm eine eben so eifrige Fürbitterinn, als du bei
mir warest.
    Ich war nun mit Amalien und Jucunden allein, und es ist unnötig, den Inhalt
unsers Gesprächs zu wiederholen. Es war so, wie es zwischen einer beleidigten,
doch zur Vergebung willigen Mutter, und, zwischen verirrten doch wiederkehrenden
Kindern statt haben konnte. Unsere Unterredung bedurfte keiner Zeugen. Die
reuigen Sünderinnen waren so gedemütigt, dass ich ihnen die Beschämung, das
umständliche Bekenntnis ihrer Sünden in Gegenwart ihrer jüngern Schwester zu
tun, gern ersparte.
    Ich bin meinen Lesern den Inhalt dieses Bekenntnisses schuldig, aber sie
sollen ihn haben, nicht so wie ich ihn damals in der ersten Bestürzung der
Sprechenden erhielt, sondern in dem Zusammenhange, wie mir es Jucunde einige
Tage hernach ablegte. Also nichts von den Fragen, die ich an sie tat, nichts
einmal von denen, die ich Peninnens wegen vorbrachte, und von der
unbefriedigenden Antwort, die ich darauf erhielt, sondern alles in seiner
Ordnung.
 
                              Neunzehntes Kapitel
     Entält unter andern Denkwürdigkeiten, einen meisterhaften Liebesbrief
Die junge Rednerinn Juliane, hatte auch an ihrem Vater die Kraft ihrer Worte
bewiesen. Zwar hatte sie sich gerade zu einer Zeit in sein Zimmer gedrungen, da
er ausdrücklich verboten hatte, ihn zu stören, zwar hatte sie erst seinen ganzen
Unwillen erfahren müssen, ehe er sie hörte, aber ihr rührendes Weinen und
Bitten, ihre kunstlosen mahlerischen Vorstellungen von dem traurigen Zustande
ihrer Schwestern, von ihrer Reue und von ihrem Versprechen künftiger Besserung,
würkten endlich doch so viel auf Herr Hallern, dass er seine Töchter, als ich sie
zu ihm brachte, mit Schonung aufnahm. Die Worte, welche er mit ihnen wechselte,
entielten zu wenig merkwürdiges und zweckmässiges, um mir im Gedächtnis
geblieben zu sein, auch schienen sie keinen besondern Eindruck auf die Büssenden
zu haben. Freilich sahen sie in ihrem Vater denjenigen, der sie aus der
Sicherheit in den Armen ihrer Mutter riss, und sie ohne Vorsicht der Verführung
entgegen führte; freilich stand dem Mitgenossen bei mancher ihrer gefahrvollen
Vergnügen, dem Anführer auf den schlüpfrigen Pfaden der Welt, das ernste
väterliche Ansehen, das er einige Augenblicke lang zu behaupten strebte, nicht
sonderlich an, und man konnte es seinen Töchtern nicht verdenken, dass sie dieses
fühlten.
    Nach meinem Willen hätte das Fräulein von Vöhlen, unsere Hausgenossin,
nichts von Amaliens und Jucundens geheimen Angelegenheiten erfahren sollen, aber
ich hatte Julchen oft im Verdacht, dass sie in der Freude ihres Herzens, ihr
alles geplaudert habe; Klare tat zu zurückhaltend gegen die Neuangekommenen,
sie behauptete zu sehr das Ansehen gegen sie, das ungefallene oder vielmehr
ungeprüfte Tugend, so gern gegen diejenigen annimmt, welche einmal gestrauchelt
haben. - Herr Walter betrug sich gegen meine Töchter, als ich sie ihm
vorstellte, so gut und edel wie sein ganzer Charakter war, und Charlotte - hatte
sich seit einiger Zeit zu sehr geändert, um viel von ihr erwarten zu können.
Desto besser - so hing das Herz meiner wiedergefundenen Kinder desto fester,
desto inniger an mir, und ich hatte es ganz in meiner Gewalt es von neuem nach
meinem Sinne zu bilden.
    In einer von den einsamen Stunden, die wir zusammen zubrachten, erfolgte die
Erzehlung, welche ich so treu als möglich zu liefern gedenke.
    Unsern ersten Eintritt in die Welt, fieng Jucunde an, hat Ihnen, wie sie
sagen, Albert bereits beschrieben. Mit neugierigen Blicken mischten wir uns in
das bunte Gewühl, verschlangen alles mit unsern Augen, fällten von allem unser
Urteil, und handelten nach demselben, ohne zu merken, dass wir falsch geurteilt
hatten, und also auch verkehrt handeln mussten. Eine vornehme Kleidung und ein
gewisses stolzes oder herablassendes Betragen, war uns das Merkmal von gutem
Stande und überlegenen Einsichten. Wir hatten nicht das Glück anständige
Gesellschaft zu sehen, und glaubten uns also, mitten unter schimmerndem Pöbel,
in der wahren grossen Welt. Die verächlichen Blicke des Neides auf unser gutes
noch unverblühtes Ansehen, demütigten uns, und das Wohlgefallen, mit welcher
Frechheit und Ausgelassenheit die Augen auf uns heftete, schätzten wir uns zur
Ehre, und triumphirten über unsere elenden Siege.
    Erkünstelter Kummer und verstellte Tränen reizten uns zu Mitleid, und
alberne voreilige Bereitwilligkeit zu helfen, und wo wir das laute Jauchzen der
Freude hörten, da strebten wir Zutritt zu haben, ohne zu wissen, wie übel diesen
Jauchzenden meistens insgeheim zumute war, und wie bald wir, indem wir an ihrem
Jubel Teil nahmen, ähnliche Schmerzen erfahren würden.
    Jucunde, unterbrach ich sie, du deklamirst mir zu viel, du kannst das
Teaterwesen noch nicht vergessen. Ich bitte dich, erzähle kurz, deutlich, und
ohne zu vieles Wortgepränge. - - - - - Jucunde fuhr fort:
    Ohne mich also zu weitläuftig über die mancherlei Auftritte auszubreiten,
die wir sahen, und bei welchen wir auch zum Teil handelnde Personen
vorstellten, will ich nur zu demjenigen eilen, welcher mein Schicksal entschied.
    Nur das deinige? unterbrach ich sie, ich wünschte auch von Amalien etwas zu
hören. Ich weiss, dass jedermann sich bestrebte, dich in einen Wirbel von
Zerstreuungen zu schleudern, dass die Robignac, der Oberste, und Gott weis, wer
alles, seinen Vorteil aus deiner Verführung zu ziehen suchte, weis es, dass
Feldner, welcher anfangs dein Anbeter war, durch den nichtswürdigen Schwarm der
dich umgaukelte, zurückgeschreckt wurde; aber wie kam er zu Amalien? war es
Verzweifelung oder Liebe, was ihn dich vergessen machte?
    Jucunde schont mich, sagte Amalie, sie scheut sich, es zu sagen, dass ich ihn
zuerst liebte, dass ich ihn an mich lockte. Ich suchte seine Eifersucht zu
nähren, feuerte ihn an, sich an seiner Treulosen zu rächen, bemühte mich, da es
mir an persönlichen Annehmlichkeiten gebrach, ihn durch meine Unterhaltung zu
fesseln, und meine Nebenbuhlerinn durch Witz und Talente auszustechen, und so
gelang mir es endlich, ihn an mich zu ziehen. Er versprach mir aus Rache seine
Hand; er machte sich einen artigen Plan zu unserm gemeinschaftlichen Fortkommen,
der sich auf unsere beiderseitigen Wissenschaften gründete, und wir nutzten die
erste Gelegenheit, das Haus meines Vaters zu verlassen. Wir liessen uns trauen;
er trat seine Stelle als Teaterdichter bei einer kleinen Truppe an, und ich
erkühnte mich als Schriftstellerinn, Ehre und Vorteil zu erwerben.
    Ich warf hier einen mitleidigen Blick auf Amalien, und Jucunde nahm das Wort
von neuem.
    Das geheime Verständnis zwischen Feldnern und meiner Schwester, hatte schon
eine Zeitlang gedauert, ohne dass ich es achtete oder nur zu bemerken schien. -
Der Eintritt der Demoiselle Ralph in unser Haus veränderte die Scene. Sie kennen
aus Alberts Erzehlung die abenteuerliche Art, auf welche ich mit ihr in
Bekanntschaft geriet, und die meinen damaligen romanhaften Ideen so angemessen
war. (Herr Feldner, hatte mich Romane lesen gelehrt, und ich hielt es für meine
Pflicht, die Dinge, die sie entielten, zu realisiren.) Meine neue Freundinn war
in meinen Augen eins von den erhabensten Tugendmustern; ihre erkünstelte
Erzehlung von ihren Schicksalen, hatte sie bei mir zu diesem Range erhoben, und
wer mich von diesem Wahne abbringen wollte, war ein Verläumder, ein von ihren
Feinden erkaufter Bösewicht, ein Feind meiner Ruhe. Ich hätte nur die Augen
auftun dürfen, um ein gerechteres Urteil zu fällen. Die Geflissenheit, mit
welcher sie strebte, Uneinigkeit zwischen Amalien und mir zu stiften, wär schon
hinlänglich gewesen, mir sie auf einer Seite zu zeigen, welche mit ihren andern
vorgeblichen Tugenden schlecht übereinstimmte.
    Demoiselle Ralph hatte selbst Absichten auf Feldnern, sie hasste Amalien,
weil er gern mit ihr umgieng, und sie suchte mich wider beide aufzubringen, um
sich an ihnen zu rächen. - Verzeihe, verzeihe, Amalie! Die Kränkungen, die ich
dir antat, kamen nicht aus meinem Herzen; ein böser Geist mischte sich zwischen
uns und suchte uns zu trennen.
    Amalie bemühte sich, eine Träne in ihrem Auge zu zerdrücken, und schloss
Jucundens dargebotene Hand, zärtlich in die ihrigen.
    Ein anderer Irrweg, auf welchen mich meine neue Verführerinn zu leiten
suchte, redete die Erzehlerinn weiter, entsprang aus dem Wahne, den sie mir von
einer ungebundenen Freiheit einzuflössen suchte, die das höchste Gute der Jugend
sei, ohne die das Leben uns wie ein Traum, ungenossen verstreichen würde.
    Mein Vater hatte zu viel zu tun, um diese Freiheit, die ich wohl zu
gebrauchen entschlossen war, einzuschränken, und Mamsell Robignac, war nicht
fühllos gegen die Reize eines kleinen Geschenks. Mein Vater war freigebig gegen
mich, und wenn ich seine Geschenke mit meiner Aufseherinn teilte, so waren ihre
Augen vor allem verschlossen; sie liess mich machen, was ich wollte, und dankte
mir noch dazu, dass ich ihr Zeit verschafte, die Gesellschaft unserer Wirtin zu
geniessen, sich mit ihr bei einer Partie Piket und einem Glas Rosolis des
Lebens zu freuen, oder in einer zahlreichern Gesellschaft solcher Damen wie sie
und ihre Freundinn, zu präsidiren, und über die Fehler des lieben Nächsten
Gericht zu halten. Mein Gott Jucundgen, sagte sie denn manchmal zu mir, wir sind
auch einmal jung gewesen. Wie hätte ich bei den Fräuleins von Wilteck auskommen
wollen, wenn ich nicht gefällig gewesen wär! Die guten Kinder die! sie haben
ihre Jugend redlich genossen, und sind doch noch gnädige Frauen geworden. Sie
sind noch so jung und so hübsch, wer weiss was Ihnen einmal beschert ist.
    Himmel! unterbrach ich Jucunden, in was für Händen bist du gewesen!
    Gott sei Dank, antwortete sie, dass ich die Freiheit, die man mir gönnte,
nicht ganz auf die Art genoss, wie ich gekonnt hätte. Nacht und Tag mit der Ralph
herumzuschwärmen, nach allen neuen Dingen, die zu sehen waren, zu laufen, von
den Seiltänzern an, die kürzlich aus Frankreich kamen, bis auf den jungen
Prediger der seine Anzugspredigt in einer Hauptkirche hielt; mich an allen
öffentlichen Orten zu zeigen, denen Impertinenzen der jungen Herren, die mir die
schlechte Gesellschaft, in welcher ich mich zeigte, zuzog, und die sie mir, als
den hier eingeführten Ton angab, mit Hohn und Neckereien, oder im höchsten
Notfall mit der Flucht ein Ende zu machen, und denn am Abend, wenn ich von den
Schwärmereien des Tages ermüdet, mit meiner Gefährtinn zur Ruhe ging, über die
gehabten Abenteuer zu lachen, das war meine Freude. Häusliche Stille, Arbeit,
Eingezogenheit waren Dinge, die ich kaum mehr dem Namen nach kannte, die, wie
mir Ralph sagte, nur für arme, alte und häsliche Personen, nicht für ein Mädchen
wie ihre himmlische Jucunde taugten.
    Das Bewusstsein, dass ich die Tugend bei meinem freien Leben nicht gerade
verletzte, gab mir eine gewisse Ruhe und Selbstzufriedenheit, die ich für gutes
Gewissen hielt. Dass ich Sittsamkeit und Wohlstand beleidigte, dass ich oft ohne
es zu wissen, die Rolle der verworfensten Dirne spielte, das kam mir gar nicht
in den Sinn, denn meine Gespielinn nannte dieses den durchgängig bei jungen
Frauenzimmern eingeführten Ton; eine Lüge, die ich nicht entdecken konnte, da
ich mit dem grössern und edlern Teil der Mädchen der Stadt, in welcher ich
lebte, nicht den geringsten Umgang hatte, sie an den meisten Orten, die ich mit
der Ralph besuchte, natürlicher Weise gar nicht zu sehen bekommen konnte. In
einem Stück glückte es meiner Verführerinn doch nicht, mich nach ihrem Beispiel
zu bilden: nie konnte ich mich entschliessen, den leichtsinnigen Anzug, den ich
endlich an ihr gewohnt ward und entschuldigen lernte, selbst zu tragen. Ich
kleidete mich allemal mit einem gewissen Anstand, meine Freundinn mochte mir es
so oft sagen, als sie wollte, dass es nicht Mode sei. Vielleicht war dieses das
Mittel, die Achtung dererjenigen, deren Augen ich auf mich zog, immer noch
einigermassen zu erhalten; denn gewiss ist eine lockere lüderliche Tracht eine Art
von Affiche, die einem jeden den Charakter derjenigen die sie trägt, deutlich
mutmassen lässt. Doch wüsste ich nicht, wie weit mich Gefälligkeit und Ueberredung
endlich gebracht hätten; vielleicht wär es der Ralph endlich geglückt, alles aus
dem Wege zu räumen, was mir noch das Ansehen eines nicht ganz verdorbenen
Mädchens erhielt; und wie leicht wär es dann geschehen, dass ich aufgehört hätte,
das zu sein, wofür niemand mich mehr hätte halten wollen.
    Zum Glücke nahte die Zeit heran, da mir die Augen über den wahren Charakter
meiner Busenfreundinn sollten geöfnet werden. Der erste Lichtstrahl verbreitete
sich an dem Tage über denselben, da ich Mamsell Ralph meinem Bruder Albert
vorstellte. Der Unwille, die Verachtung, mit welcher er sie betrachtete, setzte
mich schon in Verwunderung, aber als er ihr den Rücken kehrte und uns verliess,
und sie ihm ein paar Flüche von der pöbelhaftesten Art nachsandte, da sah ich
sie mit Erstaunen an, und würde sie vielleicht ganz für das erkannt haben, was
sie war, wenn diese Schlange nicht auch hier einen Ausweg gewusst hätte. -
Närrchen, fragte sie, was willst du denn mit deinen grossen Wunderaugen? was hab
ich denn gesagt? - Worte, erwiederte ich, welche nie in den Mund eines
gesitteten Frauenzimmers kommen sollten. - Kann wohl sein, sagte sie, denn ich
habe sie von deiner Robignac gehört, ich verstehe noch zu wenig von eurer
Sprache, um zu wissen, wie die gesitteten und wie die ungesitteten Frauenzimmer
schimpfen; und schimpfen wollte ich deinen unhöflichen Bruder, der nicht weis,
wie er sich gegen ein Mädchen von meiner Art betragen soll. Die Ralph hatte in
so weit recht, sie sprach das Französische schlecht, uud nur darum, weil in
unserm Hause nichts anders geredet wurde; es war also möglich, dass sie nicht
wusste was sie sagte, und ich entschuldigte sie.
    Den Tag darauf erhielt ich eine nachdrücklichere Warnung, die ich aber eben
so wie die erste in den Wind schlug. - Dass mein Bruder Albert die Nacht nach dem
Tage da die vorige Scene zwischen ihm und der Ralph vorgieng nicht nach Hause
kam, konnte mir nicht auffallen, weil dieses eine sehr gewöhnliche Sache war,
aber als gegen den Mittag die ganze Stadt voll davon war, er habe im Tiergarten
einen jungen Menschen im Duell erstochen, und sei entflohen, als alle
angestellte Nachforschungen vergebens waren, als wir erfuhren, dass man ihm
nachsetzte um ihn zur Rechenschaft zu ziehen, und ich für sein Leben zittern
musste; wie soll ich beschreiben, wie mir da zu Mute ward! Ich hatte Alberten
allezeit geliebt, ob mir gleich seine Ermahnungen oft lästig waren, und ich sie
bei dem, der selbst nichts weniger als fehlerfrei war, lächerrlich fand.
    Gegen den Abend dieses angstvollen Tages erhielt ich folgenden Brief, den
ich Ihnen wegen seines originellen Tons selbst zu lesen vorlegen muss.
    Jucunde zog ein Blatt aus ihrer Brieftasche, und ich las folgendes:
    »Mamsell Haller!
    Sie gefallen mir, und ich sehe sie gern wo sie mir vorkommen; wie wohl ich,
auf meine Ehre wollte, sie kämen mir etwas seltener vor die Augen. Es sollte mir
weh tun, wenn ich Sie durch die Gewohnheit nach und nach weniger hübsch fände.
    Doch das gehört nicht hieher; zur Sache: Da hat sich Ihr Bruder gestern
Abend im Tiergarten Ihrentwegen mit einem geschlagen; er tat recht daran, der
brafe Kerl, und hätte er kein Herz dazu gehabt, so wär ich da gewesen; ich,
sehen Sie - Ich habe ihm davon geholfen, und ihm einen Weg vorgeschlagen, da ihm
kein Teufel was anhaben soll; denn er ist ihr Bruder, und steht mir auch vor
seine Person wohl an. - Hätts freilich nicht nötig gehabt, denn sein Gegner ist
nicht todt, aber nun, hin ist hin, und Sie müssen sich beruhigen; kann wohl
einmal als ein grosser Mann wiederkommen, und hier wär doch nicht viel aus ihm
geworden.
    Was ich noch sagen wollte, Mamsell, war das: Menagiren Sie sich doch ein
bisgen, wegen der sogenannten Mamsell Ralph. Sie sollen ja wie die Leute sagen,
mit ihr umgehen, und eben darum hat sich ihr Bruder gestern geschlagen; ich weiss
nichts von dieser Bekanntschaft, denn ich bin einige Wochen nicht in Berlin
gewesen, und komme nun wieder, und freue mich recht auf ihren Anblick, aber ewig
und ewig sollte mir es leid tun, wenn ich Sie mit der Ralph gehen sähe, denn
die ist ihnen - - nun ich denke, Sie verstehen mich. Ich bin zwar auch, Gott
verzeih mirs, kein Tugendspiegel; aber sehen Sie, eben darum kann ich Ihnen
sagen, dass nichts an dem Weibsbilde ist, und dass es schade um Sie wär, wenn sie
Sie verführen täte. Sie sind so hübsch und sehen so gut und ehrlich aus, dass
ich Sie mir selbst nicht gönnen würde, wenn ich nicht gedächte besser zu werden.
Hören Sie, lassen Sie sich raten; Sie haben, glaube ich, noch eine Mutter zu
Hause, machen Sie, dass Sie aus Berlin kommen, und geradeswegs zu ihr, wenn sie
nicht etwa auch von der Art ist, wie, - Sie müssen mirs nicht übel nehmen - Ihr
Herr Vater, und das andere Menschenvolk in Ihrem Hause. - Armes, gutes,
unschuldiges Geschöpf! Sie dauern mich bei meiner Ehre, und wenn ich besser und
reicher wär, als ich bin, Sie müssten heute meine Frau werden. Nun wir sehen uns
wohl einmal wieder, denken Sie zuweilen an
                                                     den unbekannten Ferdinand.«
 
                              Zwanzigstes Kapitel
                       Ferdinand spielt seine Rolle fort
So ernstaft die Dinge in meinen Augen waren, welche mir Jucunde vortrug, so
konnte ich mich doch nicht entalten, über dieses seltsame Sendschreiben zu
lachen. Diesen Ferdinand kenne ich, dem Namen nach, sagte ich, indem ich meiner
Tochter den Brief zurück gab; wenn ich dir das umständlich erzählen werde, was
ich von Alberten kurz vor seiner Abreise gehört habe, so wirst du auch seinen
Namen nennen hören. Es ist ein Mensch, der mich wirklich interessirt; er
handelte edel gegen deinen Bruder, er nahm sich deiner gekränkten Ehre an, und
warnte dich in der gefährlichen Lage in der du dich befandst; es ist unmöglich,
dass er so ganz verdorben sein konnte, als er in anderer Betrachtung zu sein
scheint. Der Himmel bringe ihn von seinen Verirrungen zurück; das erste was ich
ihm aus Dankbarkeit wünschen kann. - - -
    Was mich anbelangt, fuhr Jucunde in ihrer Erzehlung fort, so bekümmerte ich
mich damals wenig um den Schreiber dieses Briefs, der Inhalt desselben zog meine
ganze Aufmerksamkeit auf sich. Die Nachricht von der Rettung meines Bruders, von
dem Leben desjenigen, den er nach jedermanns Vorgeben getödtet haben sollte, und
die Vorstellung, dass Alberts Gefahr dadurch, im Fall er auch eingeholt werden
sollte, sehr vermindert werden würde, erfüllten mich mit Entzücken. Das
Bekenntnis von der Macht meiner Reitze, welche das abenteuerliche Sendschreiben
entielt, war mir zu plump, als dass ich es einiger Achtsamkeit hätte würdigen
sollen. Die Warnungsworte wegen meiner Freundinn machten einen etwas stärkern
Eindruck; aber Mamsell Ralph, die als meine Vertraute freilich den Brief
sogleich zu sehen bekam, wusste für alles Ausflüchte, und aller Verdacht, den mir
der treuherzige Unbekannte einzuflössen gesucht hatte, wurde durch sie bald so
völlig vernichtet, dass ich sie um Verzeihung bat, dass ich den Lästerungen ihrer
Feinde nur einen Augenblick hatte Gehör geben können, und zur Versiegelung
meines vernenten Vertrauens ihr versprach, noch diesen Abend einen Maskenball
mit ihr zu besuchen, zu welchem sie von einem Vetter Billets bekommen hatte. -
Ich hatte ihre Meinung, liebe Mutter, die sie oft über diese Art von
Lustbarkeiten äusserten, noch nicht so ganz vergessen, dass ich nicht immer einen
geheimen Widerwillen gegen dieselben hätte haben sollen, und ich hatte daher, so
oft Mamsell Ralph mich bei diesem Feste der Narrheit hatte einführen wollen,
allemal den Mangel eines anständigen Führers vorgewendet, und ihr die
Unschicklichkeit vorgestellt, wenn zwo junge Mädchen, in einem Gewühl von lauter
Unbekannten, ohne einen Schützer erschienen. Mamsell Ralph hatte mir zwar
eingewendet, dass bei dieser Art von Bällen, die Gesellschaft nie so gros sei;
dass man sie kenne; dass sie mir für alle Gefahr stehen wolle, und dass es übrigens
an dem Ort, wohin sie mich zu führen gedächte, gar nichts ungewöhnliches sei,
Frauenzimmer ohne männliche Begleitung auftreten zu sehen; aber dem ohnerachtet
war es ihr nie geglückt, mich zum Mitgehen zu bewegen.
    Diesen Abend machte sie meine Einwilligung zu einer Bedingung ihrer
Verzeihung, sie stellte sich untröstlich, dass ich dem Briefe des Unbekannten zu
ihrem Nachteil nur einen Augenblick hatte glauben können, und das einige Mittel
sie zu befriedigen, sie von der völligen Tilgung meines Verdachts zu überzeugen,
war, dass ich mich entschloss, sie auf die Maskerade zu begleiten.
    Sie hielt mich fest bei meinem Worte, sie machte alle Anstalten zu unserer
Erscheinung, und nützte die Zwischenzeit bis zu der Stund, da wir uns in den
Wagen setzen wollten, um zu diesem Feste der Finsternis zu fahren, mich mit
Neugier und Verlangen nach dem was ich sehen würde zu erfüllen. Sie versprach
mir, ausser dem Anblick der bunten Scene, und dem Vergnügen des Tanzes, das ich
mit jedermann gemein haben würde, auch noch eine besondere Freude, nehmlich die
Bekanntschaft eines jungen Herrn vom ersten Range, welcher mich auf den
öffentlichen Spaziergängen gesehen habe, von mir ganz entzückt sei, und gegen
einige ihrer Verwandten geäussert habe: Mamsell Haller sei das schönste Mädchen,
das er kenne; so eine Gemahlinn wie die göttliche Jucunde würde er den
vornehmsten und reichsten Fräulein vorziehen, und er könne nicht ruhen, bis er
dieses bescheidene Veilchen aus der Dunkelheit hervorgezogen, und zum Gegenstand
des Neids und der Bewunderung des ganzen Hofs erhoben hätte.
    Ich war nicht so ganz einfältig, viel auf alle diese Dinge zu bauen, aber
die Neugierde quälte mich, ich wollte doch nur sehen, nur hören, nur wissen, was
eigentlich von diesen bezaubernden Märchen zu halten sei. Du magst dich denn,
sagte Mamsell Ralph, diesen Abend mit deinen eigenen Augen überzeugen; aber fuhr
sie fort, sei vernünftig, und erwarte nicht etwa, dass ein Mann von solchem
Range, wie ein Sclave zu deinen Füssen kriechen soll. Doch ich denke, dein neuer
Liebhaber, der unbekannte Ferdinand, hat dich schon an einen Ton gewöhnt, der
dich nicht stolz werden lässt, und ich vermute wenigstens, dass der, den ich dich
kennen lehren will, nicht zu seiner Dame sagen wird: er möchte sie nicht zu oft
sehen, um ihrer nicht überdrüssig zu werden, sie solle machen, dass sie nach Hause
zur lieben Mutter käme, und was dir dein artiger Korrespondent alles für
Sächelchen vorpredigt. - Eine beissende Parallele zwischen dem unbekannten
Ferdinand, und dem mir eben so unbekannten Helden der Demoiselle Ralph, beschloss
die Vorlesung, die mir meine edle Freundinn hielt. Wir rüsteten uns zum Balle,
und fuhren Abends nach eilf Uhr ab.
    Es würde zu weitläuftig fallen, Ihnen mein Erstaunen über die neuen
Gegenstände, die sich meinen Augen darboten, und alle Auftritte dieses Abends zu
schildern. Mamsell Ralph hatte mich schon nach und nach zu sehr an den Ton der
Ausgelassenheit und wilden Freude gewöhnt, als dass mir hier etwas hätte
auffallend sein sollen, und was mir etwa ausserordentlich vorkam, wurde mit der
Sitte des Orts entschuldigt, welche mir, da ich ihn noch nicht besucht hatte,
freilich unbekannt sein musste.
    Mamsell Ralph hatte mich einen grossen Teil der Nacht unter dem Vorwande vom
Tanzen zurück gehalten, dass sie meine Hand für denjenigen aufheben müsse, welchem
sie mich diesesmal vorzustellen gedächte. Sie selbst hatte wenig Versuchungen
gehabt, ihren Sitz zu verlassen, denn ob sie gleich sowohl als ich, und viele
von den anwesenden Damen, sich mit blossem Gesichte zeigte, und alle Künste
angewendet hatte, ihre Reize zu erhöhen, so schien sie doch wenig Aufmerksamkeit
zu erregen; man übersah sie als eine alte Bekannte, und versammelte sich nur um
mich, mit einer Zudringlichkeit, die selbst mich, die ich unbescheidenes
Angaffen gewohnt war, in Verlegenheit setzte, und mich den Mangel einer Maske
bedauern liess.
    Es war weit nach Mitternacht, als endlich der lange Erwartete erschien;
Mamsell Ralph zeigte mir ihn von weitem, er trug die Kleidung eines Spaniers,
und stellte eine gute Person vor. Meine Gefährtinn wandte alle Beredsamkeit an,
mir seine Vorzüge in ein noch helleres Licht zu setzen, und mich vorzubereiten,
ihn gefällig aufzunehmen, wenn er sich uns nähern würde. Sie wurde in ihren
Demonstrationen so laut, dass sie die Aufmerksamkeit derjenigen, die vor uns
vorübergiengen, erregte. Ein Matros trat aus dem Haufen hervor, sah mir und
meiner Beisitzerinn steif ins Gesichte, stampfte mit dem Fuss, ergriff meine
Hand, und schwur, ich müsse mit ihm tanzen. Das Einreden der Mamsell Ralph und
mein Sträuben half nichts, und ich war in den Kreis der Tanzenden geschleudert,
ich wusste nicht wie.
    Mein Gefärte liess mich nicht von der Hand, und mein Bitten, und meine
sichtbare Ermattung, bewegte ihn erst nach unterschiedlichen Tänzen, mir eine
Viertelstunde zur Erholung zu gönnen. Er führte mich in ein Erfrischungszimmer,
und flüsterte mir im Hingehen zu, es sei ihm lieb, mich unter dem Vorwande
meiner Ermüdung allein sprechen zu können, weil er mir viel zu sagen habe.
    Seine Hoffnung auf ein einsames Gespräch, und meine Neugierde nach dem, was
er mir zu vertrauen hätte, wurden beide getäuscht. Wir fanden das Kabinet schon
mit Leuten erfüllt, unter welchen sich auch der gerühmte Spanier der Demoiselle
Ralph befand. Der Matros bat mich, mich zu setzen, bediente mich mit Limonade,
und bemühte sich immer seinen Stand so zu nehmen, dass niemand von den Anwesenden
mich ganz erblicken könne: dieses diente nur dazu, desto mehr Augen auf mich zu
richten, und die Menge derer, die mich umgaben, vernichtete sein Bestreben, mir
etliche Worte ins Geheim zu sagen, bald völlig.
    Er schien verlegen, ward nachdenkend, und seine Entwürfe, die er machen
mochte, schienen durch den Eintritt der Demoisell Ralph auf einmal zur Zeitigung
zu kommen.
    Mademoiselle, sagte er ganz laut zu mir, da ihm die Menge der Unstehenden
das heimlich Reden verbot, sie sehen ausserordentlich blass, und ich wünschte, dass
sie wir erlaubten, sie zu einer Sänfte zu begleiten. Ich versicherte, dass ich
bis auf die Erhitzung vom Tanze völlig wohl sei; er behauptete das Gegenteil
mit so vielem Eifer, dass ich endlich wirklich eine Unbehaglichkeit zu fühlen
glaubte, und um ein Glas Wasser bat. Sogleich waren zwanzig Hände bereit, mir
das begehrte zu reichen, und zehn Stimmen erhoben sich, mir Aderlass, Hirschhorn,
und der Himmel weis was alles, als würksamere Mittel anzuraten.
    Stille, meine Herren, sprach mein Gefährte mit leiser Stimme, aller Lärm
ist hier im Stande eine Ohnmacht zu beschleunigen, ich bin ein Arzt, und weiss
zuverlässig, dass Ruhe der Dame im gegenwärtigen Falle das zuträglichste sein
wird, geben sie mir Gelegenheit, sie unvermerkt aus dem Zimmer und an ihre
Sänfte zu bringen; dies ist alles warum ich bitte.
    Das vielfältige Zureden hatte mich wirklich dahin gebracht, dass ich glaubte
sehr übel zu sein; ich bat mit schwacher Stimme, meine Freundinn, das eben
eingetretene Frauenzimmer, zu meiner Hülfe herbei zu rufen, aber ich ward nicht
gehört, und man führte mich zu dem nächsten Eingange des Zimmers hinaus, ohne
dass die Personen, welche sich auf der andern Seite befanden, etwas davon gewahr
wurden.
    Der Matros führte mich in eine Sänfte, ohne im Stande gewesen zu sein, ein
Wort mit mir zu sprechen, denn die ganze Anzahl derer, welche im Kabinet um mich
versammelt gewesen waren, begleitete mich, wie sie sagten, aus Besorgnis wegen
meiner Gesundheit. Ich sagte den Trägern meine Wohnung, und der Matros wandte
sich unwillig auf die Seite. Ich wunderte mich, als ich ein wenig zu mir selbst
kam, mich so wohl zu befinden; auch keine Spur von der Unpässlichkeit, die mich
vor einer Viertelstunde angewandelt hatte, war mehr übrig. Ich dachte an die
Vorgänge des heutigen Abends, an Mamsell Ralph, den Matrosen und den Spanier;
das Gewirr von Ideen machte, dass ich endlich gar nicht mehr musste was ich
dachte, und so kam ich bei meiner Wohnung an.
    Das erste was mir in die Augen fiel, als ich aus der Sänfte trat, war der
Matros, der mich bisher begleitet hatte.
    Mamsell, sagte er, indem er mich ziemlich matrosenmässig bei der Hand nahm,
sie sind so unbesonnen, dass sie noch endlich einmal so ankommen werden, dass
ihnen niemand helfen kann. Hätte ich sie heute wohl von dem verfluchten Balle
hinweggebracht, wenn ich sie nicht beredet hätte, dass sie sich übel befänden?
Weis Gott was die Ralph mit ihnen vor hat? vermutlich will sie sich mit ihrer
Schönheit fortelfen, da die ihrige nichts mehr gilt. Denken sie an den heutigen
Brief, und sein sie auf ihrer Hut.
    Ich wollte wetten unterbrach ich Jucunden, dass dieser Matros und der
unbekannte Ferdinand eine Person waren. - Er sei wer er wolle, fuhr sie fort, so
schien er recht bestimmt zu sein, mich überall zu treffen, und sich überall zu
meinem Hofmeister aufzuwerfen.
    Seine Warnungen wurden des andern Tages von der glatten Zunge der Mamsel
Ralph völlig vernichtet und lächerrlich gemacht. Sie stellte alles was sie
angieng auf der vorteilhaftesten Seite, und mein Betragen, den Tanz mit dem
Matrosen, meine Entfernung in das Erfrischungszimmer, die Unpässlichkeit die ich
mir hatte aufdichten lassen, und mein unzeitiges Nachhausegehen ohne sie, so
gehässig vor, dass ich mich von Herzen schämte, und wieder in dem Falle war, um
Verzeihung zu bitten, und meine erzürnte Freundinn zu besänftigen.
    Ich fuhr fort, mich mit der Ralph im Schauspiel und an andern Orten
öffentlich zu zeigen, und ich konnte fast keinen Gang tun, dass mir die Stimme
meines ungebetenen Warners nicht bald von dieser, bald von jener Seite über die
Achseln schallte; ich ward es endlich gewohnt, lachte mit der Ralph darüber, und
dachte nicht mehr daran, einen ernstaften Gebrauch von der Stimme meines
Schutzengels zu machen, bis sich die wichtige Begebenheit zutrug, welche mir auf
einmal die Augen öfnete, mir sie öfnete, als es fast zu spät war,
zurückzukehren, als wenigstens mein Schicksal durch meine Unvorsichtigkeit jenen
Stos bekam, der mich in einen Stand schleuderte, den ich wohl nie freiwillig
gewählt haben würde.
    Erlauben Sie mir, beste Mutter, dieses Vorgangs so kurz als möglich zu
gedenken. Die Gelegenheit dazu war fast die nehmliche, wie an dem Abende, da der
Matrose für meine Sicherheit sorgte, nur dass derjenige, den Mamsel Ralph mir
jenesmal in der Tracht eines Spaniers von ferne zeigte, sich mir jetzt näher
entdeckte, und mir seine Absichten so unverhüllt bekannte, dass ich von dem
lebhaftesten Abscheu erfüllt wurde. - Die verräterische Ralph hatte mich in
seinen Händen gelassen, und sich entfernt. Niemand würde wahrscheinlichlich mein
Retter gewesen sein, und ich wär vermutlich genötigt gewesen, meinem
unbescheidenen Liebhaber vom Balle in ein Haus zu folgen, das er und Mamsell
Ralph, wie er sagte, schon längst für mich zubereitet hätten, um daselbst unter
dem Titel seiner beständigen Freundinn zu leben, wenn nicht die Lebhaftigkeit
unsers Wortwechsels, einen Herrn aus einem Nebenzimmer herbeigezogen hätte. Er
hatte sich in einen weisen Mantel gehüllt, so dass ich wenig von seiner Person
sehen konnte, aber der Ton seiner Stimme, entdeckte mir bei den ersten Worten,
die er sprach, meinen treuen Warner. O rief ich, retten, retten sie mich! jetzt
sehe ich die Wahrheit ihrer Worte ein! - Wenig Worte waren hinlänglich ihm ein
Licht über meine gegenwärtige Verfassung zu geben, er regalirte den, aus dessen
Gewalt er mich riss, mit ein paar kräftigen Flüchen, und führte mich davon, ohne
dass der andere das Herz gehabt hätte, es ihm zu wehren.
    Es war kein Wagen vorhanden, der uns aus diesem gottlosen Hause, wofür ich
es nun erkannte, bringen konnte, und wir traten also unsern Weg zu Fusse an. Wir
waren fast eine ganze Strasse lang gegangen, ohne dass wir ein Wort mit einander
gewechselt hätten; aber nun fieng er eine Ermahnungsrede an, auf welche er
vermutlich den ganzen Weg über gesonnen haben mochte. Sie war so nachdrücklich,
und er machte es mir anfangs so unmöglich, das kleinste Wort zu meiner
Verteidigung einzuschieben, dass ich glaubte ein Recht zu haben, mich über seine
Freiheit beleidigt zu finden. Ich antwortete ihm auf eine Art, die auch ihn
verdross, er warf mir meine oftmalige Verschmähung seiner Warnungen vor, und
beschuldigte mich, dass doch vielleicht ein geheimer Wohlgefallen an dem Laster,
das ich mich zu verabscheuen stellte, in meinem Herzen verborgen sein müsse. Ich
war nicht sanftmütig genug, dieses ohne Gegenrede aufzunehmen, und wir trennten
uns endlich in vollem Zorn, er mit dem Versprechen, nie wieder nach einer Person
zu fragen, welche Freundes Warnung nicht zu vertragen wisse, und ich mit der
Versicherung, dass ich inskünftige meine eigene Hüterinn sein wolle, um alle
fremde Hülfe und Warnung unnötig zu machen.
    O du Undankbare, unterbrach ich hier Jucunden, war dieses der Dank gegen
einen Mann, welcher sich deiner annahm, ohne die geringste Verbindlichkeit dazu
zu haben?
    Seine Art mit mir zu sprechen, erwiederte sie, war in der Tat ein wenig
hart, und konnte wohl die Empfindlichkeit eines so sehr geschmeichelten Mädchens
reitzen; indessen hatte ich es verdient, dass man aus diesem Ton mit mir redete,
und es hätte mir freilich geziemt, dieses zu bedenken. Aber zu dem
Beleidigenden, das ich in seiner Rede fand, kam auch noch dieses, dass ich eine
ganz andere Sprache erwartet hatte. Ich hatte in so manchem Roman Geschichten
gelesen, mit welchen mein gegenwärtiges Abenteuer einige Aehnlichkeit hatte;
immer war der Retter des bedrängten Mädchens ein demütiger Verehrer ihrer
Schönheit und Tugend und ein patetischer Lobredner ihrer gekränkten Unschuld;
wie sehr musste es mich nun verdriessen in meinem Befreier nichts von dem allen zu
finden, und aus seinem Munde anstatt der honigsüssen Sprache des Liebhabers,
Vorwürfe und Gesetzpredigten zu hören?
 
                          Ein und zwanzigstes Kapitel
                   Der Verdacht wider Peninnen vermehrt sich
Ich kannte Jucundens gebesserte Gesinnungen zu gut, um ihre letzten Worte als
eine Verteidigung ihres Verfahrens aufzunehmen, ich sah es, dass sie in
denselben nichts tat, als über ihre albernen Romangrillen spotten, und hielt es
also für unnötig, hier eine meiner Belehrungen anzubringen. Ich schwieg und die
Erzehlerinn fuhr fort.
    Ich befand mich wenig Schritte von meines Vaters Wohnung, als mein
Schutzengel sich von mir trennte. So erzürnt ich auf ihn war, so konnte ich mich
doch nicht entalten, ihm nachzusehen. Der Morgen fieng schon an zu dämmern, und
ich konnte seine weisse Lichtgestalt noch lang unterscheiden, bis sie sich
endlich in eine entlegene Strasse verlor. Ich schickte ihm einen Seufzer nach,
und konnte mich nicht entalten, es zu bedauern, dass ich ihn so im Zorn von mir
gelassen hatte; ach wie bald sollte die Zeit kommen, da ich einen Ratgeber, wie
ihn nötig gehabt hätte, da er der einige Freund gewesen wäre, dessen ich mich
an dem damaligen Orte meines Aufentalts hätte rühmen können. Ich ging langsam
nach unserer Wohnung zu; die Tür war verschlossen, aber im untern Zimmer,
welches die Frau vom Hause bewohnte, war Licht. Ich klopfte an; man öfnete mir.
    Mein Gott, Mamsell Jucunde! rief mir die Magd entgegen, welche mich einliess.
Stille! stille, Kind! sprach ich leise, ich habe mich verspätigt, ich will
niemand wecken. Wenn ist mein Vater, und wenn Mamsell Ralph nach Hause gekommen?
    Der Papa? und Mamsell Ralph? schrie die Dirne, nun ja, was das betrift! -
Nein, Madam, fuhr sie fort, und steckte den Kopf in die Unterstube um die
Wirtin zu rufen, ich bitte sie um Gotteswillen, da ist Mamsell Jucunde; was in
aller Welt doch das zu bedeuten haben mag?
    Die Wirtin kam heraus, mein Anblick setzte sie in eben so grosse
Verwunderung, als ihre Magd, ich konnte nicht einsehen, was an meiner
Erscheinung so wunderbares sei, wir sprachen alle zu gleicher Zeit und
verstanden uns nicht, bis mir endlich ein schreckliches Licht aufgieng, und ich
einsah, dass ich ganz allein und von allen verlassen zu Berlin zurückgeblieben
war. Mein Vater war diese Nacht, vermutlich wegen unglücklichen Spiels oder
anderer Verdriesslichkeiten, schleunig abgereisst, er hatte nach mir gefragt, aber
als ich nicht vorhanden gewesen war, sich keine grosse Mühe weiter um mich
gegeben. Mamsell Ralph hatte den Tag vorher, unter dem Vorwand, es geschäh auf
meinen Befehl, alle meine Sachen ausräumen lassen, vermutlich um sie in die
Wohnung zu bringen, die sie mir bei dem bereitet hatte, den ich noch bis jetzt
nicht anders als nach der Maske, in der ich ihn sah, den Spanier zu nennen
weiss, oder sie im Falle, dass ich widerspenstig wär, als eine kleine
Schadloshaltung für meine Gesellschaft zu behalten, von welcher sie, nach dem
Vorgang voriger Nacht wohl einsehen konnte, dass sie für sie verloren sein würde.
    So war ich also ganz verlassen und zu Grunde gerichtet; vergessen und
vernachlässigt von einem unnatürlichen Vater, und geplündert von einer
verräterischen Freundinn! Kein Donnerschlag hätte mich so zu Boden stürzen
können, wie diese Nachricht; ich warf mich auf einen Stuhl, und war der Ohnmacht
nahe.
    Es würde zu weitläuftig sein, alles was auf diese für mich so schreckliche
Scene erfolgte, zu erzählen; es sei genug, dass ich bei dieser Gelegenheit die
wahre Gesinnungen derer, die mir bisher geschmeichelt hatten, aus dem Grunde
kennen lernte. Meine bisherige Wirtin wollte mir kaum den Aufentalt in ihrem
Hause noch auf den kommenden Tag gönnen, und nur der Anblick meiner goldenen
Uhr, des einigen was ich noch besass, die ich zum Glück diesen Tag getragen
hatte, konnte sie zu einiger Nachsicht bewegen. Ich gab sie ihr, sie zu
verkaufen, und tröstete mich im übrigen auf den Beistand der Demoiselle
Robignac, von welcher ich gewiss glaubte, dass sie mich nicht verlassen, und mir
Mittel verschaffen würde, nach Hohenweiler zurück zu kommen.
    Mamsell Röbignac führte schon seit einiger Zeit nicht mehr den Namen meiner
Gouvernante; sie hatte sich mit meinem Vater, der ihren Geiz nicht mehr so
befriedigen konnte wie vormals, entzweiet und das Haus verlassen; dem
ohngeachtet aber war sie täglich in unserer Wohnung, sie besuchte ihre
Busenfreundinn, und zuweilen auch mich, und ich konnte also darauf rechnen, sie
bald zu sehen, und mich bei ihr Rats zu erholen.
    Ich fand wenig von dem, worauf ich rechnete, wenig guten Rat, mehr gute
Lehren, und gar keine Hülfe. Mademoiselle Robignac, war im Begriffe eine
Kostschule für junge Frauenzimmer anzurichten, sie bot mir eine Stelle in
derselben als Unterlehrerinn an, aber ich war durch die betrügerische Ralph
behutsam geworden, ich erkundigte mich etwas genauer nach der Einrichtung ihres
Erziehungsinstituts, und die Nachrichten die ich einzog, waren so sonderbar, dass
ich mich nach der angebotenen Stelle nicht sehnte. Mamsell Robignac war
beleidigt, meine bisherige Wirtin konnte niemand in ihrem Hause dulden,
welcher kein Geld hatte; meine goldene Uhr hatte sich in ihren Händen in Semidor
oder Tompack verwandelt. Es war eine Kleinigkeit, was ich dafür bekam. Das was
ich, nachdem ich meinen Aufentalt von etlichen Tagen in ihrem Hause bezahlt
hatte, übrig behielt, war mit dem, was ich aus einigen andern verkauften
Kleinigkeiten lösste, eben hinlänglich mir eine kleine Kammer bei einer armen
Frau zu mieten, welcher ich während meines Aufentalts in Berlin Gutes getan
hatte, und die mir versprach, mir von ihren Bekannten Arbeit zu verschaffen,
welche mich so lange bis sich bessere Aussichten für mich zeigten, notdürftig
nähren könne. An die Rückreise nach Hohenweiler war gar nicht zu gedenken, und
ich konnte mich nicht überwinden, in meiner gegenwärtigen elenden Verfassung
nach Hause zu schreiben, und um Hülfe zu bitten.
    So hatte ich einige Wochen gelebt, und würde wahrscheinlich ein Leben von
dieser Art, das ich gar nicht gewohnt war, nicht lange ausgehalten haben; aber
plötzlich änderte sich die Scene. Meine Schwester, meine Amalie, erschein mir
wie ein tröstender Engel in dieser Finsternis, und führte mich auf einen Weg wo
ich ruhig und bequem leben konnte, ohne darum den Pfad der Tugend zu verlassen.
    Eine Umarmung der beiden Schwestern, unterbrach hier die Erzehlung, und
Amalie nahm nach einiger Zeit, weil Jucunde zu gerührt war, um sprechen zu
können, das Wort.
    Sie wissen, liebe Mutter, fieng sie an, auf was für Art ich aus meines
Vaters Hause kam; ich war Feldners Frau, wir lebten beide beim Teater, und
fanden unser reichliches Auskommen. Vollkommen wär unser Glück gewesen, wenn ich
der Bühne nicht allein mit meiner Feder hätte dienen können. Uns fehlte eine
zweite Liebhaberinn, ich versuchte es aufzutreten; meine Action und meine Stimme
war, wie jedermann gestand, ohne Tadel, aber meine Person fand keinen Beifall.
Meine Eitekeit ward gekränkt, aber ich wusste mich zu beruhigen. Mein Mann und
ich hatten von der Abreise meines Vaters gehört; Jucunde war nach derselben noch
in Berlin gesehen worden, ich war ihrentwegen in Sorge. Feldner kannte ihre
Talente, der Direktor der Gesellschaft kannte ihre Person und versprach sich von
ihrer Erscheinung Vorteil. Wir kundschafteten ihren Aufentalt aus, und ich
ward abgeschickt, sie in unsern fröhlichen Kreis einzuladen.
    Jucunde nahm unsere Vorschläge an, sie verlies die Wohnung des Elends, und
die mühsame Handarbeit, die sie kümmerlich nährte. Fast ohne allen Unterricht
betrat sie die Bühne, sie schien für dieselbe geboren zu sein. Was ihr an
Uebung fehlte, ersetzte ihre Schönheit, und nie hatte unser Haus häufigern
Zulauf, als wenn man gewiss war sie erscheinen zu sehen. Sie entzückte das
Publikum als Franziska, und wenn sie im Westindier als - -
    Hier unterbrach ich Amalien; sie sprach mir in zu hohem Tone vom Teater,
ich konnte es nicht leiden, wenn man diesen Dingen das Ansehen von Wichtigkeit
gab. Das Lob, das sie Juncunden beilegte, durchbohrte mir das Herz. Es war
schlimm genug, dass ich selbst gestehen musste, dass meine arme Jucunde damals fast
keinen andern Weg zu ihrem Fortkommen vor sich hatte, als diesen. Hör auf,
sprach ich zu Amalien, und lass deine Schwester weiter reden.
    Die Lobeserhebungen, fieng Jucunde von neuem an, welche mir meine Schwester
beilegt, sind parteiisch. Man fand mich nur so lange erträglich als ich neu
war. Niedrige List und Kabale raubte mir den Beifall, auf den ich noch
allenfalls hätte Anspruch machen können. Man liess mich nur in solchen Rollen
auftreten, denen ich nicht gewachsen war. Unter dem Vorwande mich zu erheben,
gab man mir hohe tragische Rollen, in welchen ich ausgeklascht ward, da ich
hingegen als Soubrette, oder komische Liebhaberinn, ganz in meinem Fach und des
allgemeinen Beifalls sicher war. Der Neid meiner Gespielinnen verfolgte mich auf
noch empfindlichere Art: man fieng an meiner Schwester in den Kopf zu setzen,
dass der Herr Feldner seine ehemalige Liebe zu mir wieder hervorsuchte und - und
- kurz es war nichts an der Sache, und wenn es auch so gewesen wär - so hätte
Amalie auf meine Redlichkeit rechnen könne.
    Jucundens Stocken, und Amaliens tiefgeholter Seufzer bei dieser Stelle,
belehrte mich was ich zu glauben hatte. Ich gebot der Erzehlerinn, um ihr ihre
unangenehme Rolle abzukürzen, nicht zu weitläuftig zu sein, und sie beschloss
ihre Geschichte folgendermassen.
    Herr Feldner hatte unsere Truppe, ich weiss selbst nicht warum verlassen. Wir
veränderten unsern Aufentalt verschiedenemal, und ich gewann nach und nach so
einen Widerwillen vor dem Teater, dass ich es gewiss verlassen haben würde, wenn
ich ein anderes Mittel zu meinem Forkommen gewusst, oder in meinem väterlichen
Hause auf die schonende Aufnahme eines verirrten Kindes hätte rechnen dürfen,
die ich daselbst gefunden habe.
    Wir kamen, nachdem wir verschiedene Städte besucht hatten, nach Wien, und
fanden Feldnern daselbst. Amalie freute sich ihren verlornen Gatten
wiederzufinden, ich aber zitterte, und sah wie in einem Spiegel was uns seine
Gegenwart für ein Schicksal prophezeite. - Um die Sache ohne weitere Umschweife
heraus zu sagen, Herr Feldner hasste seit einem gewissen Zeitpunkte mich und
meine Schwester. Er hatte bei dem Wiener Publiko viel Einfluss, und so war es
natürlich, dass kein Stück von meiner Schwester aufgeführt werden konnte, welches
nicht durch ihn fiel, und ich in keiner Rolle auftrat, wo ich nicht anstatt des
Beifalls das Gezische des Hohns zum Lohne hinnehmen musste. Die Stimme der besser
und heller sehenden wurde unterdrückt und unser gemeinschaftlicher Feind behielt
die Oberhand.
    An einem von den Tagen, da ich und Amalie vor einer sehr zahlreichen
Versammlung auf diese Art gelitten hatten, und um dem spottenden Auge unserer
Verfolger zu entkommen, unsern Heimweg durch eine Hintertür des
Schauspielhauses hatten nehmen müssen, fanden wir in unserer Wohnung eine Karte
ohngefehr dieses Inhalts:
    »Wenn Madam Feldner, und Mademoisell N... so wie man Ursache hat zu
vermuten, Amalie und Jucunde Haller sind, so werden sie gebebeten, sich in den
Wagen zu setzen, welcher diesen Abend gegen zehn Uhr vor ihrem Hause halten, und
sie zu einer Freundinn führen wird, welche ihr Unglück betrauert, und sie
demselben zu entreissen wünscht.«
    Wer erfahren hat, wie begierig wir nach erlebten Verdriesslichkeiten, den
kleinsten Trost zu ergreifen pflegen, welcher sich uns darbietet, der stelle
sich die Freude vor, welche wir über diesen Zettel empfanden. O Amalie, rief
ich, man kennt, man bedauert uns hier, man will uns retten! Amalie schüttelte
den Kopf, wusste nicht worinnen diese Rettung bestehen sollte, fürchtete neues
Unglück, und konnte doch nicht ermüden, den Zettel immer von neuem zu lesen, und
auszurufen, dass ihr die Hand bekannt sei, und dass wir doch vielleicht jemanden
finden würden, dessen Anwesenheit uns Freude machen könne.
    Die gewünschte Stunde erschien, wir warfen uns in den Wagen, welcher uns -
ach liebe Mutter, sie erraten es - in die Arme unserer Peninna führte. Ists
wohl möglich, eine Scene wie diese zu beschreiben? Wir wussten nichts von ihrer
Anwesenheit in Wien; sie bis heute nichts von der Unsrigen. Sie hatte das
Schauspiel besucht, hatte in der armen mishandelten, durch unbilligen Tadel des
lärmenden Parterre aus aller Fassung gebrachten Actrice ihre Schwester erkannt.
Auf eingezogene Erkund gung hörte sie, dass diese Madam Feldner, die Verfasserinn
des heutigen Stücks, die Schwester der ausgepochten Schauspielerinn sei; die
Beschreibung ihrer Person liess sie Amalien erkennen, und ihre Maasregeln waren
genommen.
    Sie liess uns zu sich holen, um aus unserm Munde unsere wahre Verfassung zu
vernehmen, und uns, wenn wir ihrer Vorsorge noch würdig wären, Mittel zu
verschaffen, in das Haus unserer Eltern zurückzukehren. Die halbe Nacht ging
hin, nicht uns unsere Schicksale zu erzählen, sondern uns über einander zu
freuen, mit einander zu weinen, und Plane für die Zukunft zu machen. Erst am
folgenden Tage erfolgte eine kurze Erzehlung von unserer Seite, denn Peninna
konnte nicht viel um uns sein, und am dritten Tage unsere Abreise.
    Aber mein Gott, unterbrach ich Jucunden, wie fandet ihr eure Schwester? wen
saht ihr bei ihr, und was für ein Ansehen hatten die Dinge, die sie umgaben? wir
fanden sie erwiederte Jucunde, so gut, so schön, und so froh wie jemals. Sie
wohnte sehr prächtig, als was sie umgab atmete Überfluss, aber wir sahen ausser
ihr niemand als ihr Mädchen. Unser Aufentalt bei ihr wurde sehr geheim
gehalten. Sie schente sich nicht, es uns zu gestehen, dass sie sich schämte ihre
Schwestern auf dem Teater gefunden zu haben, dass sie froh sei, dass ich von
niemand in ihrer Gesellschaft ausser ihr gekannt worden sei, und dass sie alles
mit solcher Verschwiegenheit anzulegen wissen werde, dass niemand etwas davon
erfahren solle, dass wir da gewesen, oder wohin wir gekommen wären.
    Eine vortreffliche Intriquenmacherinn! rief ich aus, aber ich bitte euch,
was sagte sie von ihrer gegenwärtigen Lage? Uns irgend etwas umständlich zu
erzählen, erwiederte Amalie, dazu war keine Zeit. Sie nannte sich glücklich,
sprach beim Abschied von baldigem Wiedersehen, beschenkte uns reichlich, und
klagte über nichts, als über das Stillschweigen ihrer teuren Mutter. Keiner von
den Briefen, sagte sie, die sie nach Hohenweiler abgelassen, sei beantwortet
worden, und sie setzte ihre einige Hoffnung auf den Brief, den sie uns mitgab,
und auf unsere Vermittelung, wenn irgend ein Unwille, den sie nicht verschuldet
habe, sich in dem mütterlichen Herzen solle eingeschlichen haben.
    Höret auf, rief ich voll Unwillen, höret auf von dieser Verworfenen! keine
von den Vorbitten, keine von den Entschuldigungen, die ich auf euren Lippen
schweben sehe! Sagt mir nur noch zum Beschluss, was euch auf eurer Reise
merkwürdiges begegnete.
    Nichts, erwiederte Jucunde, als dass wir den Aufentalt unserer Eltern zu
Hohenweiler suchten, und ihn zu Traussental fanden. Wir wurden von der jetzigen
Amtmannin zu Hohenweiler sehr unfreundlich empfangen, und bei nahe für
Landläuferinnen gescholten. Amalie hatte den Einfall, ob etwa Peninnens
unbeantwortete Briefe, von welchen sie mit so vieler Wehmut sprach, weil sie
nach Hohenweiler addressirt waren, in unrechte Hände geraten wären, aber die
Nachfrage darnach ward uns so beantwortet, dass wir sie nicht zu wiederholen
verlangten.
    Ihr hättet sie euch auch ersparen können, sagte ich, es ist hier nicht die
Rede von verlornen Briefen, sondern von einer ungeratenen verlornen Tochter,
welche ihre Schuld mit solchen elenden Behelfen bemänteln will.
 
                          Zwei und zwanzigstes Kapitel
Herr Haller beweisst durch sein Exempel, dass Müssiggang der Anfang aller Torheit
                                      ist
Jucundens Geschichte war zum Ende. Das unglückliche Mädchen war in meinen Augen
mehr als halb entschuldigt; sie war verführt worden. Leichtsinn und
Unbekanntschaft mit der Welt hatten sie auf einen schlüpfrigen Weg hingerissen,
und sie hatte doch Festigkeit genug gehabt, sich auf demselben aufrecht zu
erhalten, ohne der Tugend ganz untreu zu werden. Amalie hatte weniger
Entschuldigung für sich; sie war nicht schön, ihrer Versuchungen zu Fehltritten
waren wenig, sie war ihre eigene Verführerinn gewesen, sie hatte sich einem
Manne aufgedrungen, der ihrer nicht wert war, hatte freiwillig einen Stand
gewählt, von welchem sie wusste, dass ich ihn verabscheute; Ursachen genug, sie in
meinen Augen verhasst zu machen. Doch auch für sie sprach die mütterliche Liebe,
und noch mehr das Mitleiden: war sie nicht gestraft genug, an einen Mann wie
Feldner gefesselt zu sein? Waren ihr nicht alle Wege zum Glück verschlossen? und
bestand nicht ihre ganze Aussicht auf Aenderung ihres Schicksals, in der elenden
Hoffnung auf die Wiederkehr eines Mannes, welcher sie hasste und verachtete,
eines Mannes ohne Charakter, ohne Grundsätze, ohne Amt und Vermögen?
    Mein Kopf schwindelte mir, wenn ich an diese Dinge dachte. Nichts war im
Stande, die schwarze Gedanken über diesen Gegenstand, die meine Seele erfüllten,
zu verdrängen, als die noch schwärzern Vorstellungen von Peninnens Schicksal.
Ich verglich den Brief dieser Unglücklichen mit dem was mir ihre Schwestern von
ihr zu sagen wussten, und alles rätselhafte war mir aufgeklärt. Sie hatte
Gabrielen von der Seite ihres Gemals gedrängt, sie lebte in seinem Hause als
seine erklärte Buhlerinn; sie prangte noch mit ihrem glänzenden Elend und
scheute sich nicht, mich mit ihrem baldigen Anblick zu bedrohen, mir ihre
Schande selbst vor die Augen zu legen. Ihr Bezeigen gegen ihre Schwestern, der
geheimnisvolle Aufentalt in ihrem Hause, ob sie ihm gleich einen andern Vorwand
gab, die wenige Zeit, die sie bei ihnen zubrachte, um ja die Gelegenheit zu
vermeiden, sie gründlich von allem was sie angieng, zu benachrichtigen, der
Glanz der sie umgab, die Geschenke, die sie machen konnte, alles, alles
bestätigte die Geschichte, die ich mir von ihr zusammen geträumt hatte, und der
Entschluss, sie auf ewig aus meinem Herzen und aus meinen Augen zu verbannen, war
fest gefasst.
    Ich nahm ihren letzten Brief, nahm die Juwelen, welche sie die Kühnheit
hatte, mir als eine Art von Bestechung zu schicken, und siegelte beides ein,
ohne es mit einer Erklärung meiner Gesinnungen gegen sie zu begleiten. Ich hatte
es versucht, ihr einige Worte zu schreiben, aber unzufrieden mit allem, was aus
meiner Feder floss, hatte ich diese Versuche verrichtet, und war entschlossen,
dass sie nie wieder etwas von meiner Hand lesen sollte. Nicht einmal die
Aufschrift würdigte ich selbst zu machen. Ich trug es Jucunden auf. Sie weinte,
Amalie bat, und suchte ihre Schwester zu verteidigen, aber ich war
unerbittlich, und untersagte beiden, der verworfenen Wienerinn, wie ich Peninnen
nannte, ein Wort im Guten oder im Bösen zu schreiben, wie wohl hätte insgeheim
geschehen können, wenn ich es nicht verboten hätte. Einander zu lieben, für
einander zu bitten, sich gegenseitig zu entschuldigen, und einander in
Verlegenheiten mit Rat und Tat beizustehen, war aller meiner Kinder Weise, und
ich konnte solches wohl leiden, wenn es nur nicht auf Unkosten der
Gerechtigkeit, und meines mütterlichen Ansehens geschahe.
    Wie demjenigen, welcher durch die Hand des Wundarztes ein schadhaftes Glied
von seinem Leibe trennen lässt, um sein Leben zu erhalten, zu Mute ist, so war
mir, als ich mich nun nach meinen Gedanken ganz von Peninnen losgemacht hatte.
Angst und Schrecken vor dem fürchterlichen Schritte, empfindliche Schmerzen, und
ach der Gedanke, dass doch wohl ein gelinderer Weg hätte gewählt werden können,
nach demselben. Peninna war ehemals mein Liebling, war mein Stolz - aber nein,
sie hatte aufgehört tugendhaft zu sein, und ich durfte nicht mehr an sie denken.
- Hannchens Fall kam mir denn zuweilen wohl in den Sinn, aber er war bei weitem
nicht der ihrige. Bei jener sprach Liebe, verführte Unschuld, und bittere Reue
für die Verbrecherinn, aber was hatte diese für sich anzuführen? - Sie hatte den
Regierungsrat, in dessen Hause sie lebte, nie geliebt, mehrere Weltkenntnis als
Hannchen hatte, musste sie zu keinem so leicht zu verführenden Gegenstande
machen, und was die Reue anbelangt? - Ha die Reue! Peninna triumphirte in ihrem
Verbrechen, und Hannchen ward durch Gram und Beschämung über dasselbe getödtet.
    Von diesem Zeitpunkte, von diesem an Peninnen zurückgeschickten Briefe an,
begann eine neue Epoche meines Lebens, die sich durch stille Schwermut vor
allen andern auszeichnete. Wir sahen wenig Gesellschaft. Herr Walter und
Charlotte kamen, seit das Fräulein von Vöhlen in meinem Hause lebte, aus
Ursachen die sich erraten lassen, seltener als sonst mich zu besuchen. Ich war
die meiste Zeit mit meinen drei Töchtern allein, und wenn Julchen sich zuweilen
von uns trennte, so war es um bei Klaren zu sein, welche sie und den kleinen
Ludwig vorzüglich liebte, und gern um sich hatte. Mein Mann liebte die
Einsamkeit, und lies sich wenig als bei der Mahlzeit sehen. Ich hatte schon
längst meine eigenen Gedanken über seine Aufführung gehabt, Gedanken die durch
sein düsteres nachdenkendes Wesen, durch Julchens Entdeckungen, und ach durch
den endlichen Erfolg nur gar zu sehr bestättiget wurden.
    Julchens Trieb zu Nachforschungen konnte durch nichts ganz ausgerottet
werden, und das sonderbarste war, dass selbst denn, wenn sie auf keine
Entdeckungen ausgieng, sich ihr dieselben ungesucht darboten. Sie war diejenige,
die im ganzen Hause alles zuerst sah, hörte, und vermutete.
    Sie hatte mich schon längst auf gewisse Leute aufmerksam gemacht, welche
viel bei ihrem Vater aus und eingiengen, sich halbe Tage mit ihm verschlossen,
und mit niemand im ganzen Hause ausser ihm, ein Wort wechselten. Das närrische
Mädchen konnte das Märchen vom Ritter Reutlingen noch immer nicht vergessen, und
sie verglich die Gesellschafter ihres Vaters oft mit Franzens Lehrmeistern in
der Magie; eine Vergleichung, welche durch das Ansehen dererjenigen, von welchen
die Rede war, ziemlich gerechtfertiget wurde. Es waren ernste, bleiche,
gedankenvolle Leute, in schlechter altväterischer Tracht, mit stummen
verschlossenem Munde und weiten tief zur Erde gesenkten oder feierlichen gen
Himmel gehobenen Augen, konnte man in ihnen wohl die einigen Zauberer unserer
Zeit, die Untertanen des wunderbaren Königs der Philosophen verkennen?
    Herrn Hallers gegenwärtiger Haupttrieb, der Durst nach Gold war mir bekannt,
und es war mir nie unwahrscheinlich gewesen, dass er denselben auf die
törichtste Weise zu befriedigen suchen würde. Die Art, mit welcher er zuweilen
von dem kleinen Schatze sprach, welchen Julchen einsmals in dem Hohenweiler
Keller fand, und ihm überlies, hatte mich oft in Furcht gesetzt, er würde zum
Schatzgräber werden, aber die Unmöglichkeit in Ritter Reutlingens unterirdischen
Gang zu kommen, welchen er für den Behälter unermesslicher Reichtümer hielt,
hatte seine Begierde nach Schätzen auf eine andere Seite gelenkt: er glaubte die
Erfüllung seiner Wünsche kürzer haben zu können, wenn er nach der Quelle alles
Goldes, nach dem Stein der Weisen trachtete. Die geheimnisvollen Schriften der
Alchymisten wurden seine einige Lektüre, alle Adepten des ganzen Bezirks seine
vertrauten Freunde, und das innere seiner Zimmer, gewann gar bald das Ansehen
eines Laboratoriums. Niemand durfte sich in dieses Heiligtum wagen, und ich
würde wahrscheinlich nicht sobald etwas von der innern Gestalt desselben
erfahren haben, wenn nicht Julchen an dem Tage, da sie bei ihrem Vater für ihre
Schwestern bitten wollte, sich eingedrungen, und alles erblickt hätte, was
bisher noch kein unheiliges Auge beschaute.
    Mich dünkt, ich habe es schon erwähnt, wie übel ihr ihre Zudringlichkeit
bekam, doch erhielt sie Verzeihung, weil Herr Haller wirklich, seit dem im
Keller gefundenen Schatze, eine Art von Liebe für sie hegte, und sie, da er
denselben zu den ersten seiner alchymischen Versuche angewendet hatte,
gewissermassen für den Grund und die Schöpferinn seines künftigen Glücks hielt.
    Herr Haller war, nachdem sich sein Zorn über Julchens ungebetene Erscheinung
gelegt hatte, viel zu beschäftigt gewesen, sie von der Vortrefflichkeit des
Geheimnisses aller Geheimnisse zu über zeugen, und sie hatte seine langweiligen
Demonstrationen viel zu bald unterbrochen, um ihren Vorsatz, für ihre Schwestern
zu bitten, auszuführen, als dass bei so wichtigen Unterhaltun genein Augenblick
hätte übrig bleiben sollen, ihr Verschwiegenheit über das geschehene aufzulegen,
und so war es natürlich, dass ich alles erfuhr, und durch Julchens Entdeckung
überzeugt wurde, wie richtig ich bisher Herrn Hallers geheime Beschäftigungen
gemutmasst hatte.
    Ob diese Ueberzeugung im Stande war, mein ohnedem auf tausenderlei Art
gekränktes Herz zu beruhigen, gebe ich einem jeden zu bedenken. Ach Himmel! ich
sah voraus, wohin uns dieser neue Irrweg meines unglücklichen verlornen Mannes
endlich führen würde! - und was noch mehr, ich klagte mich selbst wegen dieses
Unglücks an, nannte mich nach meiner Gewohnheit die Urheberinn alles Bösen.
    Ich ging weit in die Vergangenheit zurück, ich erinnerte mich, dass ich es
war, die ihn durch List, durch das Testament seines Onkels, bei welchem ich die
Hand im Spiele hatte, nach Hohenweiler brachte, um ihn von meinen
Nebenbuhlerinnen in seiner Geburtsstadt zu entfernen. Hätte er Hohenweiler nie
gesehen, sagte ich zu mir selbst, so würde er nie in die Bekanntschaft der
Herren von Wilteck geraten sein, welche der Grund zu allem Unglück in unserer
Familie ist; sein böses Schicksal hätte ihn nicht in seinen besten Jahren vom
Amte getrieben; sein geschwächter guter Ruf hätte ihm nicht den Weg zu jeder
andern Beschäftigung seines Standes verschlossen, und er wär nicht in ein
müssiges geschäftloses Leben geraten, welches die ungeheuersten Misgeburten von
Ausschweifungen auszuhecken pflegt, und das dem tätigen Geist des Menschen so
unangemessen ist, dass er sich ehe dem Verbrechen, oder den seltsamsten
lächerlichsten Torheiten überlässt, als ganz unwirksam bleibt!
    Wie sinnreich ist doch der Unglückliche sich selbst zu quälen! Diese
angeführten Betrachtungen erschwerten mir mein Schicksal im ganzen Ernst, und es
kam mir nur selten in den Sinn, dass wenn ich jenesmal nicht so gehandelt hätte,
wie ich tat, die Dinge freilich anders, aber bei Herrn Hallers festgesetzter
Neigung zu Irrwegen schwerlich besser gegangen sein würden.
    Ich tat unrecht mich mit fruchtlosen Grübeleien zu martern; ein
vernünftiges Nachsinnen auf Mittel zu unserer Rettung wär unstreitig heilsamer
gewesen, aber hatte ich nicht schon allen meinen Scharfsinn zu diesem Endzwecke
vergeblich angestrengt? und sprang nicht die Mine, ehe man wusste von welcher
Seite man der Gefahr entgegen arbeiten sollte?
    Man erlaube mir an dieser Stelle, welche ohnstreitig eine der traurigsten
meines Lebens ist, kurz zu sein. Herr Haller erfuhr das Schicksal aller seiner
Vorgänger; er ward ein Raub der Betrüger. In dem Augenblicke, da sie ihm mit der
Hoffnung geschmeichelt hatten, seine Arbeit würde durch den herrlichsten Anblick
belohnt werden, den sich sein zerrütteter Verstand denken konnte, verliessen sie
ihn, und hinterliessen ihm anstatt der erwarteten Schätze, Kohlenstaub und
Asche, und für die gerühmte Essenz der Unsterblichkeit, das Gefühl eines durch
ungesunde Arbeiten erschöpften Körpers, und einer durch getäuschte Hoffnung
gänzlich ermatteten Seele.
    Die geringen Ueberbleibsel unsers Vermögens, die wir mit nach Traussental
brachten, waren dahin; auch diesen unsern geliebten Aufentalt mussten wir
aufgeben, denn diejenigen, welche meinen Mann mit ihrem Gelde bei seinen
Arbeiten unterstützten, hatten nunmehr ein näheres Recht auf unsere Wohnung. Sie
musste verkauft, und zu Bezahlung unserer Schulden angewendet werden.
    Herr Haller war in Verzweifelung, ich und meine beiden ältesten Töchter
trauerten, dass wir die geliebte Hütte mit dem Rücken ansehen mussten, und
Julchen, welche immer mehr zu den lebhaftesten Gefühlen der Schwärmerei
heranreifte, und dieselbe insgeheim durch dazu passende Lektüre nährte, letzte
sich mit den Schutzgeistern ihres Lieblingsaufentalts, und befahl ihnen, die
stille Wohnung der Unschuld und des Friedens, bei ihren künftigern Besitzern nie
durch Laster oder wildes sittenloses Geräusch entweihen zu lassen.
    Niemand war bei der ganzen Sache ruhiger als Fräulein Klare von Vöhlen, sie
tröstete uns mit der kalten Miene der Unempfindlichkeit, und wir wussten von
sicherer Hand, dass sie unter denen, welche nach dem Besitz unsers kleinen Hauses
strebten, eine der vornehmsten war. Hätte sie es doch hinnehmen mögen, wir
hätten es ihr ja so gern als jedem andern, der den gesetzten Preis dafür zahlte,
gönnen wollen, aber dass sie so heimlich dabei verfuhr, das gab der ganzen Sache
ein so falsches, verräterisches, schadenfrohes Ansehen, dass wir ganz irre an
ihr wurden.
    Wir hatten mit Madam Charlotte Walter, die, wie man weis, Klaren ohnedem
nicht wohl leiden konnte, manche Konferenz über diesen Punkt, und das Urteil
fiel nie zu ihrem Besten aus. Klare hatte zu viel Stimmen wider sich. Jucunde
und Amalie, gegen welche sich das Fräulein von Vöhlen allemal sehr stolz und
adelich bezeugt hatte, schlugen sich gleich auf Charlottens Seite, ich war
neutral, und die Beschuldigte hatte also niemanden für sich, als Herrn Walter,
welcher von keinem Menschen Böses dachte, und Julchen, welche Klaren immer
geliebt hatte, und zu standhaft in ihrer Freundschaft war, um bei dem
schlimmsten Anschein wankend zu werden.
 
                          Drei und zwanzigstes Kapitel
                 Der Leser lernt das Fräulein von Vöhlen kennen
Die Zeit nahte heran, da wir Traussental verlassen mussten. Wir wussten, dass es
verkauft war; das dafür gezahlte Geld war in den Händen unsers Advokaten, der
unsere Schuldner nach dem gemachten Akord damit befriedigen sollte; wer aber der
Käufer unsers geliebten Eigentums war, wussten wir nicht, mochten auch nicht
raten, Klarens Name kam uns bei dieser Gelegenheit allemal zuerst in den Sinn,
und wir alle waren darinnen einig, dass sie in diesem Falle nicht ganz so
gehandelt hatte wie eine edle Freundinn handeln sollte. Die Geheimhaltung dieser
an sich so unschuldigen Sache, der Eigensinn mit welchem der Käufer des Guts -
nehmlich sie unter verdecktem Namen - auf der Beibehaltung alles Hausgeräts,
das wir eigentlich nicht zu veräussern gedachten, bestanden hatte, die
Hartnäckigkeit, mit welcher uns, im Fall das Glück uns einst wieder günstig
werden sollte, der Wiederkauf versagt ward, und die leichtsinnige Freude, die
ungeachtet aller dieser Tücke in Klarens Auge glänzte, alle diese Dinge warfen
ein so gehässiges Licht auf ihren Charakter, dass wir sie kaum vor unsern Augen
leiden, ihr kaum mit der, einer Fremden gebührenden Höflichkeit begegnen
konnten.
    Was mich, Herrn Waltern, und Julchen anbelangt, so wussten wir uns hierinnen
zu mässigen, und wir waren vornehmlich Ursach, dass eine Einladung des Fräuleins
von Vöhlen zu einem Valetschmauss, nicht so wie die Widriggesinnten wollten,
ausgeschlagen wurde; aber Charlotte, Jucunde und Amalie, nahmen sich nicht so
sehr in acht ihren Widerwillen gegen Klaren blicken zu lassen, und sie äusserten
ihn auch selbst bei diesem angeführten Valetschmauss auf so augenscheinliche Art,
dass es mich oftmals reuete, bei diesem Feste erschienen zu sein.
    Das Fräulein von Vöhlen bewohnte, wie ich schon erwehnt habe, das kleine
Haus, welches ehedem das Eigentum meines Vaters war, und an diesem mir so
teuren Orte wurde das Abschiedsfest gegeben.
    Mit traurigem Herzen verfügte ich mich nebst den Meinigen in die bezaubernde
Gegend, die ich nun bald verlassen sollte; mich dünkte, alles grünte, blühte und
duftete schöner als sonst; Fräulein Klare, als Wirtin, kam uns in
wohlgewähltem Putze, und mit vor Freude glänzendem Gesicht entgegen. Wir
ärgerten uns alle über ihre Unempfindlichkeit, und selbst Herr Walter konnte
sich, bei gegebener Gelegenheit, der Worte nicht entbrechen: ein Valetmahl sei
allezeit ein trauriges Fest, und sollte von Rechtswegen mit so viel Ernst als
ein Begräbnis gefeiert werden.
    Den andern Gästen fehlte es auch nicht an bedeutenden Winken, ihr Misfallen
über die Wirtin zu bezeugen. Madam Walter war steifer und ceremoniöser als
jemals. Jucunde liess ihren Witz spielen, und Amalie zeigte, wie sie oft pflegte,
ihre Belesenheit, in mancherlei Sentenzen, die auf den gegenwärtigen Fall
passten. Klara konnte weder Amaliens Gelehrsamkeit, noch Jucundens spottenden
Witz, noch die ganze Charlotte mit allem was sie um und an sich hatte, leiden,
und sie war zuweilen nicht sehr zurückhaltend mit ihrer Meinung über diese Dinge
gewesen, aber diesesmal zwang sie sich ausserordentlich, und es war unmöglich,
etwas zu sagen, oder zu tun, das ihr eine verdrüssliche Miene abgenötigt hätte.
    Ich erhielt mich bei der ganzen Sache leidend, und nur am Ende des Mahls,
als wir schon bald auseinander gehen wollten, konnte ich mich nicht entalten,
Klaren mit etwas höhnischer Miene zu fragen; ob es uns erlaubt wär, sie noch
zuweilen zu Traussental zu besuchen, wenn wir diesen Ort verlassen hätten?
    Mich? fragte sie, wie wissen Sie denn, ob ich nicht eben so wohl als sie
diese Wohnung aufgeben muss?
    Fräulein, sprach ich, wie können sie so gegen eine Person reden, welche sie
ehemals ihres Vertrauens würdigten? was habe ich getan, um ihre Achtung zu
verlieren?
    Charlotte und meine beiden ältesten Töchter fächerten sich gewaltig, und
sahen sich mit sonderbaren Blicken an.
    In der Tat, Madam, antwortete mir Klare nach einem kurzen Stillschweigen,
ich verstehe ihren Vorwurf nicht ganz; hat jemand über Mangel an Zutrauen zu
klagen, so bin ich es vielleicht, und - und was das andere betrift. -
Wahrhaftig, Madam, so kommt es bloss auf die nunmehrige Besitzer von Traussental
an, ob sie mich noch länger in meiner Wohnung dulden wollen.
    Ich sah beissende Antworten auf den Lippen von Klarens Widersacherinnen
schweben, aber ein Wink von mir hies sie schweigen, und ich liess es dabei
bewenden, dass ich das Fräulein nur mit einem forschenden Blicke ansah, als
wollte ich die Ursach ihrer Verstellung erraten.
    Ich weis nicht, Madam, sprach Klare, warum sie mich so bedeutend ansehen;
habe ich etwas Unschickliches oder ihnen Unangenehmes gesagt?
    Keins von beiden, Fräulein, aber etwas sehr sonderbares. Wenn sie selbst,
wie ich aus guter Hand weis, die Käuferinn von Traussental sind, so weiss ich
nicht, wie ich ihre vorhergehende Rede erklären soll. Liebes, liebes Fräulein,
was haben wir getan, dass sie sich so vor uns verstellen? soll dieses vielleicht
Aufhebung der alten Freundschaft, vielleicht heimlicher Wink sein, dass wir heute
zum letztenmal die Erlaubnis haben, sie hier zu sehen?
    Klare ward gewaltig rot. Ich kann ihnen auf alles dieses nichts antworten,
erwiederte sie, als dass, wenn ich künftig noch in meiner Wohnung bleiben werde,
es nicht als Eigentümerinn derselben, sondern bloss, so wie bisher, auf
Vergünstigung der Besitzer geschehen wird. Nicht mir gehört ihr ehemaliges
Eigentum, sondern ein paar Unmündigen, welche - welche - zum Glück, Madam habe
ich den Kontrakt, der über den Kauf des Guts im Namen der beiden jungen Personen
geschlossen worden ist, durch einen Zufall in meiner Verwahrung, und kann ihnen
denselben zu Bezeugung der Wahrheit dessen, was ich sage, vorlegen.
    Klare holte aus einem Schranke eine Schrift hervor, und überreichte sie Herr
Waltern, sie laut zu verlesen.
    Wenn ich bitten darf, sagte ich, nur gleich den Namen der Käuferinn; ich
sehe nicht ein, warum das Fräulein von Vöhlen sich scheut, die Eigentümerinn
von Traussental zu heissen.
    Herr Walter las, und sah Klaren an; las wieder, und warf einen Blick voll
Erstaunen auf mich. Juliane Haller, und Johann Ludwig von Wilteck, Käufer des
Guts Traussental? wiederholte er zu verschiedenen malen, warf denn die Schrift
hinweg, und fasste Klaren hastig bei der Hand. Fräulein, rief er, wache ich oder
träume ich? ists möglich was ich jetzt gelesen habe?
    Sehr möglich, sprach Klare. Traussental gehört niemand andern als meinem
guten Julchen, und dem kleinen Ludwig, und sie, Herr Walter, werden gebeten, die
Sache als Vormund der beiden Eigentümer zu unterschreiben. Kommt her, lieben
Kinder, und sagt mir, ob ihr mich, so wie bisher eure Eltern taten, in eurem
nunmehrigen Eigentum dulden wollt?
    Sie hatte den kleinen Ludwig, der noch nichts von diesen Dingen verstehen
konnte, in die Höhe gehoben, und an ihre Brust gedrückt. Julchen hieng sich von
der andern Seite an ihren Hals, und konnte Klarens Frage nur mit Tränen
beantworten; wir Uebrigen versammelten uns um das grossmütige Mädchen herum, und
forderten Erklärung über das, was wir noch nicht ganz begreifen konnten.
    Herr Walter las den Kontrakt, ob ihm gleich Klare es verwehren wollte, von
Anfang bis zu Ende, und wir sahen, dass das edle Fräulein von Vöhlen, das Gut
würklich in Julchens und Ludwigs Namen gekauft hatte, und dass zur Bestätigung
des Ganzen nichts weiter fehlte, als Herrn Walters Unterschrift, welcher als
Vormund der beiden jungen Käufer angegeben war.
    Es ist unmöglich, die hierauf folgende aus Freude, Erstaunen und Danksagung,
zusammengesetzte Scene zu beschreiben; sie dauerte bis weit nach Mitternacht, da
wir uns erst trennten, und wie ich behaupten kann, nicht alle gleich vergnügt
waren. Die grossmütige Klare fand unsere Danksagungen und Freudebezeugung zu
gross, und ward traurig. Charlotte, und meine beiden ältesten Töchter arbeiteten
unter einer gewaltigen Beschämung, und Herr Haller, der bei der ganzen Sache
meistens eine stumme Person gespielt hatte, fand sich ein wenig beleidigt, dass
man seinen Kindern, bei seinen Lebzeiten einen Vormund setzte. Nur Herr Walter,
Julchen, und ich schmeckten ganz die reine Freude, welche Klarens Grossmut uns
zugedacht hatte; wir freuten uns, uns mit ihrem Verfahren nicht allein aussöhnen
zu können, sondern es auch noch so weit über alle unsere Vorstellungen von ihrer
Denkungsart, erhaben zu sehen; wir waren ihr gern Verbindlichkeit schuldig, denn
wir liebten sie, und dankten ihr weniger mit Worten, als mit den Gefühlen unsers
Herzens, welche über allen Ausdruck giengen; ich setze Herr Waltern mit
Vorbedacht mit mir und Julchen in eine Reihe, denn er war ganz der Mann, der
fremdes Glück wie sein eignes fühlen konnte.
 
                          Vier und zwanzigstes Kapitel
               Was Herr Haller anstatt des Steins der Weisen fand
Der erste Strahl des künftigen Morgens fand mich schon bei Klarens Bette. Ich
musste allein mit ihr sprechen, musste ihr nicht allein danken, sondern auch
Erklärung über ihr ganzes bisheriges Verfahren haben. - Es wäre zu wünschen, dass
mein Gedächtnis treu genug sein möchte, mir unser ganzes damaliges Gespräch, so
wie es von Mund zu Munde, von Herz zu Herzen ging, in die Feder zu sagen; aber
ich werde alt, die Vergesslichkeit die meinen Jahren eigen ist, raubt mir oft
Scenen nicht lang vergangner Zeiten hinweg, die mir unaussprechlich wichtig und
teuer sind, und Kleinigkeiten aus meiner frühen Jugend, stellen sich mir
dagegen mit aller Lebhaftigkeit, mit allen den Umständen vor, wie ich sie damals
belebte; ein betrübter Tausch für solche Personen, welche nicht am Ende ihres
Lebens in die Kindheit zurück sinken, sondern noch nahe am Grabe, Gefühl für
wichtige Dinge, und Verachtung gegen Tändeleien hegen.
    Unaussprechlich wichtig war mir das Gespräch mit Klaren, es entüllte mir
ihre schöne Seele ganz, ohne mir ihre kleinen Schwachheiten zu verstecken; es
zeigte mir mit wie viel Ueberlegung sie den grossmütigen Schritt zu unserm
Besten tat, jeder Umstand desselben bewies, dass sie auf alles gesonnen hatte,
was uns unser Eigentum wieder entreissen konnte. Herrn Hallers anscheinender
Besserung war nicht zu trauen, sie hatte uns schon zu oft getäuscht. Selbst die
Möglichkeit uns noch einmal zu Grunde zu richten, musste ihm benommen werden.
Unser wiedererlangtes Eigentum war weit sicherer in den Händen zweier
Unmündigen, als es in seinen oder in den meinigen gewesen sein würde. Herr
Walter war der Schützer ihrer Rechte, und wir konnten hoffen, uns des Guten, das
uns Klare zuteilte, bis an unser Ende zu freuen.
    So behutsam das Fräulein auch in allen ihren Ausdrücken war, so konnte ich
doch hier und da einige Bekümmernis darüber hervorblicken sehen, dass wir sie
noch bisher als eine Fremde behandelt, ihr nicht ganz das Zutrauen gegönnt
hatten, das sie verdiente; sie bat am Ende unsers Gesprächs, sie doch nur
endlich ganz als meine Tochter, und mich als die Eigentümerinn alles dessen,
was sie hätte, anzusehen, ihr alles was mich kränkte, zu vertrauen, und fest zu
glauben, das keins von meinen Kindern mehr für mich fühlen könne, als sie.
Sollten Sie meine Bitte nicht statt finden lassen, setzte sie hinzu, so sind sie
nicht für ähnlichen heimtückischen Streichen sicher, wie der letzte, ich liebe
sie zu sehr, als dass ich mich nicht um das bekümmern sollte, was sie beunruhigt.
Ich erfahre endlich alles, und wenn man nicht vertraulich gegen mich ist, so
setze ich auch meinen Kopf auf und schweige, und gehe meinen Gang fort ohne mich
darum zu bekümmern, was die Leute von mir denken.
    Ich glaubte in diesem letzten Teil ihrer Rede einige Seitenblicke auf
Charlotten zu finden, die sich oft ähnlicher Ausdrücke ohne besondere Schonung
bedient hatte, aber ich hielt es für gut, dieselben zu überhören, Klare und
Charlotte hätten sich freilich diese kleinen Feindseligkeiten ersparen können,
aber ich wusste, dass es schwer sein würde diese beiden Nebenbuhlerinnen zu
vereinigen, und hatte zu lange in der Welt gelebt, um mich zu wundern, dass auch
der edelste Charakter seine Flecken habe.
    Ich bat Klaren bloss, von meiner mütterlichen Zuneigung völlig überzeugt zu
sein, und zu glauben, dass nicht allein Julchen, sondern auch meine andern
Kinder, sie so liebten, wie sie verdiente. O, sagte sie, ich verkenne Madam
Feldners und Mamsell Jucundens Vorzüge nicht, aber das Gefühl, wie sehr sie mir
überlegen sind, wird doch immer machen, dass sich mein Herz mehr zu dem frommen
unschuldigen Julchen hinneigt, welche keine andern Ansprüche kennt, als die man
ihr selbst zugesteht, und die ihr ihre ofne unverderbte truglose Seele gibt. -
    Nach dieser wichtigen Begebenheit, die mir Klaren doppelt teuer machte,
lebten wir geraume Zeit in der Ruhe, die uns unser äusserlich wiederhergestelltes
Glück vergönnte, und die uns unsere geheimen Bekümmernisse erlaubten.
    Mein und meiner Kinder vornehmstes Bestreben ging dahin, Herrn Haller sein
Leben, wo nicht angenehm, doch erträglich zu machen, und wo möglich,
Vergessenheit des Vergangenen und Hoffnung froher Zukunft in sein Herz zu
pflanzen. Es gelang uns schlecht; er blieb düster und schwermütig, die Zukunft
hatte für ihn keine Reize, und von der Vergangenheit blieben ihm nicht allein
Reue und Gram, sondern auch gewisse Ideen und Vorurteile zurück, welche, wie es
schien, nur durch die Hand des Todes ausgelöscht werden konnten.
    Seine Neigung zur Alchymie war unheilbar, und so gewiss er überzeugt war, dass
er bisher von Betrügern hintergangen wurde, so war doch nichts im Stande, ihn zu
überführen, dass die ganze Sache, die seine fixe Idee ausmachte, ein Hirngespinst
sei. Dass er fortfuhr an dem sogenannten grossen Werke für sich im Stillen zu
arbeiten, blieb uns allen, sogar Julchen, ein Geheimnis, bis ein schrecklicher
Zufall, es ihr und uns allen eröfnete.
    Bei einem von den Morgenbesuchen, welche sie ihrem Vater in aller Frühe zu
machen pflegte, fand sie ihn nicht so wie gewöhnlich in dem vordersten seiner
Zimmer. Sie öfnete die nächste Tür, und ein widerlicher Geruch kam ihr
entgegen; sie ging noch weiter, bis sie endlich bei Eröffnung des innersten
Kabinets, von einem schwefelartigen Dampf, der sie umzog, zu ersticken
vermeinte. Sie hatte Mut genug dennoch hineinzugehen; der Qualm war zu dick, um
etwas unterscheiden zu können, aber bei mehrerer Annäherung sah sie ihren armen
Vater aller Besonnenheit beraubt, auf dem Boden liegen; der Augenschein wies,
was seine Beschäftigung gewesen war, und dass eine zersprungene Retorte das
Unglück angerichtet habe.
    Eine andere als dieses wackere Mädchen würde vom Schrecken übermannt an der
Seite ihres Vaters ohnmächtig zu Boden gesunken, und nebst ihm in der
vergifteten Luft ein Opfer des Todes geworden sein; sie behielt Mut und Kräfte
genug, den leblosen Körper in das äusserste Zimmer zu schleppen, und daselbst,
weil sie zu schwach war, mehr zu tun, das Fenster zu eröffnen, und durch ihr
Geschrei Hülfe herbei zu rufen.
    Klare war die erste, die ihres Julchens ängstliche Stimme gehört hatte. Als
wir andern ankamen, fanden wir die beiden Mädchen mit Versuchen beschäftigt, den
Betäubten wieder zu sich selbst zu bringen. Herr Haller schlug die Augen auf,
aber nur um sie von neuem zu schliessen. Alle würksamere medicinische Hülfe, so
schleunig sie auch herbei geschafft wurde, kam zu spät, er war bereits
verschieden.
    Ich habe diesen fürchterlichen Auftritt kurz und schwach beschrieben, bei
gewissen Gegenständen fliegt die Feder, und die Gedanken eilen darüber hin, wie
ein Furchtsamer in der Mitternacht über geöfnete Gräber. Und sollte ich noch
einmal so lang leben, als ich bereits gelebt habe, so würde die Zeit nicht
vermögend sein, den Eindruck zu verlöschen, den diese Scene des Schreckens auf
meine Seele machte. Alles schwebt mir noch mit fürchterlicher Deutlichkeit vor
Augen, und wollte ich die Züge auffassen, und sie so lebendig wie sie sich mir
darstellten, auf das Papier werfen, sich müsste zum zweitenmal erliegen, wie ich
damals erlag.
    Ich war nicht so stark wie Julchen. Das Schrecken warf mich zu Boden, und
der Todesengel versetzte mir den Schlag, den er einst wiederholen wird, um mich
ins Grab zu strecken.
 
                          Fünf und zwanzigstes Kapitel
               Die Frau Obristlieutenantinn von Sarnim tritt auf
Die Besorgnis um mein Leben hatte den Kummer meiner Kinder gehteilt. So tief der
traurige Tod ihres Vaters ihre Seele verwundet hatte, so war doch die erste
Hoffnung zu meinem Wiederaufkommen, welche ihnen nach einigen Wochen aufgieng,
schon im Stande sie merklich zu trösten; und nun vollends meine gänzliche
Wiedergenesung! O ihr Lieben, Dank euch für eure Zärtlichkeit, für welche diese
Welt kein Gleichniss hat! Euer Entzücken über das Wiederaufblühen dieses
schwachen hinsinkenden Lebens war zu gross, es gehörte ganz in jene Gegenden
jenseits des Grabes, wo kein Tod uns unsere Wiedergeschenkten von neuem
entreissen kann.
    Ich lebte von neuem, um neue ganz unvermutete Freuden zu erfahren, die
Dunkelheiten meines Lebens sollten sich nun nach und nach aufklären, damit der
Abend desselben so heiter würde, als kaum sein Morgen war. -
    An einem der ersten Maytage war es, da ich meinen ersten Ausgang in den
Garten hielt. Amalie leitete meine noch wankenden Schritte zu einer Laube, in
welcher vormals mein Vater gern zu sitzen pflegte, und meine übrigen blühenden
Töchter folgten mir. Die Frühlingssonne schien sanft und mild durch das dünne
Laub und erwärmte meine noch von dem Hauch des Todes erstarrten Glieder; rund um
mich blühte und lachte alles, und ich feierte still, das Fest meiner
Auferstehung zum irdischen Leben.
    Meine Lieben lagerten sich rund um mich her, und zerstreuten durch ihr
holdes Geschwätz meine ersten Gedanken; ach liebe Mutter, fieng auf einmal
Julchen an, ich habe einen Fehler begangen! Sie sagten vorhin, sie wollten
diesen Tag ganz in der Einsamkeit feiern, und ich bin so unbesonnen gewesen,
einen Besuch, der sich ohngefehr vor einer Stunde bei ihnen melden lies,
anzunehmen.
    So war der Fehler eher begangen, erwiederte ich lachend, als das Gebot
erschien, das ihn zu einem Fehler machte, und du hast also deine Verzeihung;
über dieses wüste ich nicht, wer zu uns kommen könnte, als Herr Walter und seine
Gattinn, und für diese bin ich immer zu Hause.
    O nein, sagte Julchen, nicht Herr Walter und Charlotte, die Frau von Sarnim
ists, welche um Zutritt bei ihnen bittet.
    Die Frau von Sarnim? wiederholte Klare, meine Kousine Josephe? fast sollte
ich glauben, liebes Mädchen, du irrtest dich, und der Besuch müsste nicht unserer
Mutter sondern mir gelten.
    Julchen behauptete das Gegenteil, und Klare führte zur Bestättigung ihrer
Meinung an, dass ihre Kousine Josephe sich gegenwärtig in einer Verfassung
befände, in welcher sie nicht glaubte, dass sie sich gern von jemand als von
ihren nächsten Verwandten würde sehen lassen. Sie kennen Josephen, liebe Mutter,
fuhr sie fort, indem sie sich zu mir wandte, sie kennen sie noch als Fräulein
von Wilteck; sie wissen auch vielleicht noch, auf was für Art sie Frau von
Sarnim wurde. Man nützte den Unwillen, denn der brave Obristlieutenant auf ein
anderes Mädchen geworfen hatte, das ihn vielleicht besser verdiente, und Josephe
ward seine Frau, ehe er fast selbst wusste, wie er dazu gekommen war. Da nicht
Liebe oder Achtung sie zur Gemahlinn des Herrn von Sarnim machte, sondern von
seiner Seite nur Ueberredung, und von der ihrigen nichts als der Wunsch einen
andern Namen als Fräulein von Wilteck zu führen, so dauerte ihr Einverständnis
auch kaum den Hochzeittag aus. Der gegenseitige Widerwille wuchs mit der Zeit.
Herr von Sarnim führte seine Gemahlinn in die Welt, um ihrer wenigstens den
grössten Teil der Zeit los zu werden. Josephe verabscheute seine Gesellschaft
nicht allein eben so herzlich, sondern sie fand auch den Umgang mit andern
jüngern und schönern Männern so reizend, dass der alte Herr endlich die Augen
auftun und Untreu ahnden musste. Josephe war so unvorsichtig in ihrer
Aufführung, dass dem Oberstlieutenant die Scheidung leicht ward, und schon seit
länger als Jahr und Tag sind sie getrennt. Josephe lebt auf einem einsamen
Landgute, darf sich in der grossen Welt nicht mehr sehen lassen, und soll
eigentlich nicht einmal den Namen desjenigen mehr führen, den sie so gröblich
beleidigt hat.
    Ich begleitete Klarens Erzehlung mit einigen von meinen Anmerkungen, die ich
gern einzustreuen pflege, wenn junge Leute gegenwärtig sind; man kann diesem
leichtsinnigen Geschlechte, gewisse Dinge nicht zu oft einschärfen, und
Josephens Geschichte gab mir die schönste Gelegenheit, mich weitläuftig über den
Punkt auszubreiten, dass eine auf schlechten Grund gebaute Sache nie ein gutes
Ende nehmen könne, und dass ein übel erworbenes Glück nie von langer Dauer sei.
    Ich wollte eben meine kleine Rede schliessen, weil ich glaubte, die
Aufmerksamkeit meiner Zuhörerinnen ermatten zu sehen, als wir am Ende der Allee,
welcher unsere Laube entgegen sties, einen ansehnlichen Mann in prächtiger
Uniform zum Vorschein kommen sahen. Mein für meine Jahre noch ziemlich scharfes
Gesicht lies mich eine bekannte Phisiognomie erkennen, und Klare sprang mit den
Worten auf, Himmel, mein Kousin, der Obristlieutenant von Sarnim!
    Sie flog ihm entgegen, und ich lies mich von meinen Töchtern aus der Laube
leiten, um den edeln Mann zu empfangen, den ich allezeit so hoch geschätzt und
mir ehemals so sehr zum Sohn gewünscht hatte. Der Gedanke an vergangene Zeiten
fiel mächtig auf mein Herz, ich sprach zu mir selbst: würde die leichtsinnige
Peninna sich nicht besser für diesen Mann geschickt haben, als die lüderliche
Josephe? hätte sie ihren Gatten nicht glücklicher gemacht? - Aber die
Vorstellung von dem, was Peninna jetzt in meinen Augen war, vernichtete
plötzlich diesen Gedanken, und ich dankte Gott, dass der edle Sarnim, wenn er nun
einmal bestimmt war, durch eine lasterhafte Frau zu leiden, nicht durch eine
Tochter von mir unglücklich werden musste.
    Klare führte den Obristlieutenant uns entgegen, ich empfieng ihn, wie man
alte Freunde empfängt, und wir giengen zusammen in die Laube. - Unsere
Unterhaltung nach den ersten Komplimenten, war trockener als ich vermutet
hatte. Wir befanden uns alle unter einer gewissen Verlegenheit, welche machte,
dass wir nicht recht wussten was wir sagen sollten. Der Obristlieutenant war
ausserordentlich still und ernstaft. Klare und ich hatten nicht ihn, sondern
seine geschiedene Gemahlinn erwartet, wir waren neugierig, die Ursach dieses
Irrtums zu wissen, aber wie war es möglich den Herrn von Sarnim nach Josephen
zu fragen? - wir beredeten uns endlich, es müsste hier eine Namensverwechselung
vorgegangen sein, und man habe uns die Frau von Sarnim angesagt, da doch nur von
dem Obristlieutenant die Rede gewesen war.
    Diese leichte und wahrscheinliche Auflösung, brachte uns wieder ins Gleis;
wir sprachen von mancherlei Dingen, aber der Herr von Sarnim wollte nicht so
recht einstimmen, er schien etwas auf dem Herzen zu haben, welches ihn alles,
was wir sagten, nur mit halben Ohren hören liess. Selbst die Erzehlung von Herrn
Hallers Tode, um die er uns sehr angelegentlich bat, und die wir ihm so
umständlich gaben, als es sich bei einem Fremden tun lies, war nicht im Stande
den gewöhnlichen Strom von Beileidsbezeugungen und Erzehlungen ähnlicher Fälle
herbei zu führen. Alles was der Obristlieutenant sagte, war, er habe die
Nachricht von dem Trauerfall erst diesen Morgen in unserer Gegend erfahren, und
er sei wahrhaft und innig davon gerührt worden; er habe sich eine Freude darauf
gemacht, auch Herrn Haller zu sehen, und müsse nun seine angenehmen Hoffnungen so
zerstört finden.
    Der bekümmerte Ton, mit welchem Herr von Sarnim sprach, benahm dem, was er
sagte, das Ansehen eines blossen Kompliments, und ich erwiederte seine Rede also
auch anders, als man blosse Komplimente zu erwiedern pflegt. - Er sagte wenig
darauf, blickte oft aus der Laube nach dem Ende der Allee, und stand endlich gar
auf.
    Sie müssen mir verzeihen, Madam, sagte er, wenn ich sie auf einen Augenblick
verlasse. Ich bin nicht allein gekommen. Meine neue Gemahlinn, welche mich
begleitete, und die ich ihnen und Herrn Haller vorzustellen gedachte, wurde
durch die Nachricht von dem Tode des letztern, die wir, die Wahrheit zu
gestehen, erst in ihrem Hause erhielten, so erschüttert, dass sie schlechterdings
nicht im Stande war, mir sogleich zu folgen; sie bat mich voraus zu gehen, ihre
- Madam Haller wollte ich sagen, auf ihren Anblick vorzubereiten, und ihr eine
gute Aufnahme zu erbitten; darf ich auf das letzte hoffen? darf ich auf
Freundlichkeit und unparteiisches Gehör, für meine arme Gemahlinn hoffen, wenn
sie auch bei Madam Haller ein von Vorurteilen eingenommenes Herz finden sollte?
    Sie setzen mich in Erstaunen, Herr Obristlieutenant, sagte ich; die
Gemahlinn eines solchen Mannes, kann überall Achtung und gute Aufnahme erwarten.
    Schon genug vorerst, rief der Obristlieutenant; nehmen Sie sie nur erst in
dieser Betrachtung mit ihrer gewöhnlichen Güte auf, und das übrige wird
nachkommen.
    Er entfernte sich schleunig; wir wollten ihm folgen, um seiner Dame mit der
gebührenden Ehrerbietung zu begegnen, aber er hielt uns zurück, und erlaubte
nicht einmal Klaren mitzugehen.
    Wir sahen uns alle unter einander an, als er fort war, wir wiederholten alle
Teile seines Gesprächs, beherzigten seine Zerstreuung, und fanden in allem so
viel Rätselhaftes, dass wir mit unsern Mutmassungen noch nicht zu Ende waren,
als er schon wieder mit seiner Begleiterinn in die Laube trat.
    Er hatte einen andern Weg als die Hauptallee mit ihr genommen; wir hatten
sie nicht kommen gesehen, und ihr Anblick überraschte uns also ausserordentlich,
vornehmlich da die Dame ihren Schleier zurückschlug, und uns ein Gesicht zeigte,
das ich hier nicht vermutet hatte.
    O Peninna schrie ich, und sank auf meinen Sitz zurück. O meine Mutter! rief
sie, und fiel mir zu Fusse!
 
                         Sechs und zwanzigstes Kapitel
Eine neue Person tritt auf, die dem Leser in der Folge nicht ganz unbekannt sein
                                      wird
Wollen Sie ihre Tochter nicht mit einer mütterlicher Umarmung beglücken? fragte
der Obristlieutenannt, als ich verzog sie auf die Art zu bewillkommen, wie ich
getan haben würde, wenn ich dem blinden Triebe meines wallenden Herzens hätte
folgen wollen.
    O edler Mann, rief ich, Peninne, ihre Gemahlinn? - glauben Sie, dass mich
dieses gegen ihre Vergehungen blind machen kann? - Nein, es erschwert ihre
Strafbarkeit; sie verdienten eine Gattinn, die ganz rein und fehlerlos wär,
keine wiederkehrende Sünderinn, wie ich allenfalls glaube, dass diese vielleicht
sein mag.
    Peninna verbarg ihr Gesicht in meinen Schoos und weinte.
    Aber mein Gott, Madam, rief der Obristlieutenant, mit einem Unwillen in
seinem Blick, den ich noch nie bei ihm gesehen hatte, welches sind die
Vergehungen, die sie dieser Unschuldigen aufbürden? Hat nicht vielmehr sie
Ursach über Vernachlässigung, über unmütterliche Härte, über hartnäckiges
Stillschweigen, und endlich gar über schimpfliche Zurückschickung eines
kindlichen Briefs, und eines Geschenks zu klagen, welches, da es von mir, von
einem Manne kam, für den sie einige Achtung zu haben vorgeben, doch wohl bessere
Aufnahme verdient hätte.
    Peninna hatte ihr mit Tränen benetztes Gesicht aufgerichtet, und es mit
bittendem Blick nach ihrem Gemahl gewandt. Keine Vorwürfe! rief sie, mein
Geliebter, ich will lieber schuldig sein, als meine Mutter beschuldigen hören. -
Der Obristlieutenant lies sich nicht stören, er redete fort und ich fand in
seinen letzten Worten etwas, das mir einen dämmernden Schein von Licht gab.
    Steh auf mein Kind, sagte ich zu der Knienden, es ist möglich, dass hier
Irrtum und Misverstände vorwalten. Wir wollen eins das andere hören, und dann
urteilen.
    Peninna konnte sich nicht länger halten; der erste freundliche Blick den ich
ihr gab, machte ihr Mut mir um den Hals zu fallen; ich konnte meine Gefühle
nicht länger unterdrücken, ich erwiederte ihre Liebkosungen mit all der
Zärtlichkeit deren ich fähig war, und meine Tränen flossen in die ihrigen.
Kind! Kind! rief ich, o dass es möglich wär, dass du dich ganz entschuldigen
könntest! doch auch als eine gebesserte Verbrecherinn sollst du mir willkommen
sein.
    Madam, rief der Obristlieutenant noch immer mit nicht ganz besänftigtem
Blick, ich weis nicht was für Vergehungen sie meiner Gemahlinn schuld geben,
aber wenn mein Wort, meine Bürgschaft etwas bei ihnen gilt, so nehmen sie
dieselbe für die Tugend ihrer Tochter an. Peninna hat, so lange sie in Wien war
- und das ist doch wohl die fürchterliche Epoche, in welche ihre vorgeblichen
Vergehungen fallen sollen - gleichsam unter meinen Augen gelebt, ich bin ein
Zeuge aller ihrer Schritte gewesen, und ich konnte den Beifall, den ich jeder
Handlung dieses unvergleichlichen Mädchens geben musste, auf keine
nachdrücklichere Art bestätigen, als dass ich sie zu meiner Gemahlinn machte.
Oder glauben Sie, dass Sarnim eine Unwürdige mit seiner Hand beehren würde? dass
er das Unglück eine lasterhafte Frau zu haben, zum zweitenmal zu erfahren
wünschte?
    Der Obristlieutenant sagte diese Worte mit einem edlen Stolze, der ihm ein
wahrhaftig grosses Ansehen gab; es war etwas Ueberzeugendes in seiner Rede. Ich
streckte meine Arme nach Peninnen aus. Sollte es möglich sein, rief ich, dass ich
in dir meine unschuldige, ganz meine ehemalige Peninna umarmte?
    O Mutter, erwiederte sie und umfasste meine Kniee von neuen, ich beziehe mich
auf meine Briefe und sollten diese nicht in ihre Hände gekommen sein, so kann
eine Erzehlung von meinem bisherigen Leben, aus meinem oder meines Gemals Munde
ja alle Zweifel aufklären.
    Dass diese Erzehlung an diesem Tage nicht erfolgte, lässt sich denken. Ich war
zum Anfang mit dem zufrieden, was ich gehört hatte, und was ich vermuten
konnte. Ich lies Peninnen aus meinen Armen, sie ward von ihren Schwestern und
von Klaren, doch wie mir es schien, von der letztern mit einiger Kälte
bewillkommet, und wir wandten den übrigen Teil des Tages an, einander
Bruchstücke von unserm bisherigen Ergehen zu liefern. Ich erklärte Peninnen
woraus mein Verdacht gegen sie erwachsen war. Samuels Brief, Klarens Bericht,
Amaliens und Jucundens unvollkommene Nachrichten, ihr eignes langes
Stillschweigen, und dann der rätselhafte Brief von ihr, welcher recht darzu
geschrieben zu sei schien, allen bösen Verdacht in mir zu nähren, alles dieses
legte ich ihr und ihrem Gemahl vor, und beide kamen darinnen mit mir überein,
dass der Schein sehr wider Peninnen gewesen sei - Man versprach mir alles
aufzuklären, und konnte sich nur in den Punkt wegen der ausgebliebenen Briefe
nicht finden. Dass sie nach Hohenweiler addressirt gewesen waren, und uns da nicht
gefunden hatten, war ausgemacht; dass sie in die Hände des Katarines und seiner
würdigen Gattinn fielen, lies sich vermuten; aber was für Ursache sie haben
konnten, sie zu unterschlagen hätte sich nicht ausdenken lassen, wenn wir nicht
darinnen überein gekommen wären, dass es, so unglaublich es auch scheint, doch
noch Leute gibt, welche Böses tun, ohne Rücksicht auf weitern Nutzen, bloss
darum, weil es böse ist, und andere unglücklich macht; auch konnte in diesem
Fall die Neugierde der Frau Amtmannin Katarines, und die Schadenfreude ihres
Mannes, wohl einige angenehme Nahrung gefunden haben, wodurch ihnen die Ausübung
dieses Bubenstücks belohnt wurde. - - -
    Herr von Sarnim und Peninne, hatten, da sie aus Unwissenheit unsers
gegenwärtigen Aufentalts uns zuerst in Hohenweiler suchten, genug von diesem
würdigen Paare gesehen, um diese Mutmassungen nicht unwahrscheinlich zu finden.
Man hatte sie mit übertriebener Höflichkeit aufgenommen, ihnen kaum zu sagen
gewusst, wo wir uns gegenwärtig aufhielten, allerlei hämische Winke wegen meiner
und meiner Kinder Aufführung gegeben, und sich sorgfältig gehütet, von Herrn
Hallers Tode, der doch in der ganzen Gegend bekannt war, etwas zu gedenken;
vermutlich um uns doch die Freude des Wiedersehens durch den plötzlichen
Schrecken zu verbittern, den die traurige Nachricht der armen Peninne machen
musste, wenn sie sie ohne alle Vorbereitung erhielt.
    Der Obristlieutenant stampfte mit dem Fusse, und sties einen fürchterlichen
Fluch aus, den ich nie aus seinem Munde gehört hatte. Er schwur, er müsste
Gewissheit von diesen Dingen haben, und schickte des andern Tages seinen
Kammerdiener mit einem Briefe nach Hohenweiler, um Erkundigung hierüber
einzuziehen.
    Der Kerl, der Katarines, sprach er, hat einen braven Purschen in seinen
Diensten, welcher lange als Korporal unter meinem Regimente gedient hat, er war
arm, aber von gutem alten Adel; der Narr, er könnte jetzt Officier sein, aber es
war eine unruhige Seele, der Dienst im Frieden war ihm zu langweilig, er wartete
vergebens auf Krieg, wo er sich auf einmal zu heben dachte. Er wollte es auf
andere Art versuchen, das Studieren kam ihm in den Kopf, er erhielt seinen
Abschied, ging auf die Universität, legte sich, wie ich höre, dort auf die
lüderliche Seite, und hat doch, wie es scheint, nun so viel gelernt, in
Hohenweiler den Amtsverweser vorzustellen. Er kam nicht eher zum Vorschein, als
da uns schon der Amtmann und sein Weib mit vielen Ceremonien in den Wagen
begleitete. Was zum Teufel, schrie ich, als ich ihn über den Hof gehen sah, ist
das nicht mein ehemaliger Korporal Harold? Unser jetziger Herr Amtsverweser,
kakelte die Amtmannin. Ich fragte, ob ich nicht ein paar Worte mit ihm sprechen
könne, aber Katarines entschuldigte ihn, und sagte, ich würde wohl an seinem
Anzuge bemerkt haben, dass er eben im Begriff sei auszureiten. - An diesen Harold
habe ich geschrieben, er war ein guter Laurer als er unter meinem Regimente war,
und ich bin versichert, er wird aus Consideration für seinen alten Obristen,
alles versuchen, hinter die Bosheiten des niederträchtigen Katarines zu kommen.
 
                         Sieben und zwanzigstes Kapitel
                              Peninnens Geschichte
Dieser Tag war dazu bestimmt, alle meine Zweifel über Peninnens bisherige
Aufführung zu heben.
    Wir sassen des Nachmittags alle beisammen. Es war ein schwüler Frühlingstag,
das erste Gewitter hatte uns aus dem Garten ins Zimmer getrieben. Ich sass am
geöfneten Fenster in meinem Lehnstuhl, und atmete die Wohlgerüche der
erfrischten Natur. Meine Kinder sassen um mich her bei ihrer Arbeit, der Oberste
rauchte seine Pfeife und Peninna begann ihre Erzehlung wie folget:
    Ich weis in der Tat nicht, auf was für Art ich meine Geschichte anfange.
Soll ich sie liebe Mutter bis zu Ende derselben in der Täuschung lassen, aus
welcher ich selbst erst vor kurzer Zeit gerissen wurde? soll ich sie in dem
Wahne erhalten, den ich selbst so lange hegte, dass Gabriele mich aus alter
Freundschaft in ihr Haus nahm, oder entdecke ich ihnen die abscheuliche
Verschwörung wider mich, welche der Grund dieses in meinen Augen so glänzenden
Glücks war?
    Sie wissen, was mich aus Walters Hause trieb, auch mein Gemahl weis es; ich
hielt es für unbillig, demjenigen, welcher in aller Absicht so edel gegen mich
handelte, ein Geheimnis aus meiner ehemaligen Neigung für Charlottens Gatten zu
machen, auch sehe ich nicht ein, warum ich nicht von einer Schwachheit gegen ihn
hätte reden sollen, welche die Zeit, und die Liebe, und die innige Hochachtung
für den, dem ich jetzt angehöre längst vernichtet hat.
    Ein zärtlicher Blick und ein feuriger Händedruck des Obristlieutenantes,
lohnte Peninnen, für diese mit ihrer eigenen holdseligen Art vorgebrachten
Worte. Sie zog seine Hand an ihre Lippen, und ich dachte in meinem Herzen, es
könne keinen reizendern Anblick geben, als eine junge und schöne Frau, welcher
die redliche treue Liebe gegen einen bejahrten Gemahl so ganz aus den Augen
blickt, wie hier der Obristlieutenantinn von Sarnim. Sie fuhr fort:
    Den Aufentalt in Walters Hause, mit dem Leben zu Hohenweiler zu
vertauschen, war der einige Ausweg den ich kannte, und sie werden sich noch
erinnern, liebe Mutter, dass die Verfassung in meinem väterlichen Hause damals
gar nicht so war, dass ich mich, ungeachtet ich Sie daselbst fand, sehr nach
demselben sehnen konnte.
    Wie ein Engel vom Himmel trat Gabriele auf, und zeigte mir einen dritten
Weg, an den ich nie gedacht hatte, und den ich mir nicht reizender hätte
wünschen können. Sie kam mit der Miene der Unschuld und der alten
Vertraulichkeit; es wurde ihr leicht meinen Unwillen über vergangene Dinge zu
tilgen. Sie redete mit mir die Sprache des Herzens, entdeckte mir ihre ganze
Lage, klagte mir ihre eigene Kränklichkeit, und die Hypochondrie ihres Mannes,
und versicherte mich, dass ihnen meine Gesellschaft zu der erwünschtesten
Aufheiterung dienen würde, schilderte mir die glänzenden Scenen der grossen Welt,
in welche sie versprach mich einzuführen, und - ich war gefangen.
    Einige Einwendungen, welche sich auf die ehemalige Liebe des Regierungsrats
gegen mich bezogen, und die ich mit ziemlicher Schüchternheit vorbrachte, wurden
mit grossem Gelächter aufgenommen. Gabriele versicherte mich, mit einem etwas
empfindlichen Ton, die Liebe des Regierungsrats gegen sie wäre älter, als die
zu mir; nur Verzweifelung über ihre ehemalige Hörte, hatte ihn zu meinem
Verehrer gemacht, und ich hätte keine Ursach mich für einen Rückfall zu mir zu
fürchten, ihr Gemahl sei zu glücklich durch sie, um an fremde Liebe zu denken.
    Ein Blick in den Spiegel, und ein stolzes Zurückwerfen ihres Kopfs, verwies
es mir, dass ich so unbesonnen eine Furcht vor der Macht meiner eignen Reitzungen
in Vergleichung mit den ihrigen geäussert hatte, und ich wusste meinen Fehler
durch nichts, als durch die sorglose Einwilligung in alles was sie verlangte, zu
verbessern. Ich konnte, ich musste ja wohl ruhig über die Folgen des Schrittes
sein, den sie mir zumutete, da sie es war.
    Aber wahrhaftig, unterbrach ich Peninnen, ich kann auch nicht einsehen, was
die Regierungsrätinn für Absichten haben konnte, dich zu sich zu locken, wenn
sie der Treue ihres Mannes nicht ganz versichert war? Du sprichst von
Fallstricken, von Anschlägen wider dich, und ich sehe nicht ein, wo sie liegen
können, und was man darunter suchen konnte, dich auf Irrwege zu leiten; welche,
wenn sie dahinaus giengen, wie ich vermute, ja Gabrielen am nachteilichsten
werden mussten.
    Die ganze Sache, fuhr die Erzehlerinn fort, bezieht sich auf einen in dem
hochadelichen Wilteckischen Hause angenommenen Grundsatz: Liebe könne durch
nichts leichter getilgt werden, als durch zwanglosen ungestörten Umgang, und die
eifersüchtigste Gattinn könne sich durch nichts der Rückkehr ihres Ungetreuen
gewisser versichern, als wenn sie ihre Nebenbuhlerinnen ganz in seine Gewalt
hingäbe.
    Der Regierungsrat hatte nie aufgehört mich zu lieben; er war mit Gabrielens
Heirat in dem Augenblicke des Unwillens wider mich übereilt worden, er konnte
sich kaum die ersten Tage seines Ehestandes zwingen, seine Verachtung gegen
seine Gemahlinn, und seine immer noch dauernde Neigung gegen mich zu verhelen.
Gabriele liebte ihn würklich, sein Bezeigen stürzte sie in Verzweiflung, und sie
suchte in ihrem Kummer Rat bei ihrer Mutter, welche ihr ihn auf die vorhin
angeführte Art gab.
    Ich konnte mich nicht entalten, bei dieser Stelle von Peninnens Erzählung
einen tiefen Seufzer auszustossen. Ich kannte diesen edeln Wilteckischen
Grundsatz aus der Erfahrung; auf ähnliche Art war man mit meiner unglücklichen
verstorbenen Tochter umgegangen; man hatte ihre Tugend aufgeopfert, um des
Lieutenants Liebe zu ihr zu tödten.
    Peninna, welche noch zu kurze Zeit wieder bei mir war, um umständlich von
Hannchens Geschichte benachrichtiget zu sein, verstand meinen Seufzer nicht; sie
deutete ihn vermutlich allein auf sich, und ging in ihrer Erzählung weiter. -
    Frau von Wilteck hatte einige Mühe Gabrielen zu dieser verzweifelten Kur
einer unrechtmässigen Liebe zu bereden, und sie siegte nur endlich durch ihr
eigenes Beispiel. Sie führte an, dass Demoiselle Robignac auch ehemals diejenige
war, welche dem alten Herrn von Wilteck weit besser als seine Gemahlinn gefiel;
die Nachsicht und Gefälligkeit der klugen Frau von Wilteck brachte es dahin, dass
die gefährliche Französinn, bald der Gegenstand der tiefsten Verachtung ihres
ehemaligen Liebhabers ward, und Gabriele jauchzte über die Vorstellung, ihren
Gemahl nach dem Beispiel ihres Vaters einst mit verneuter Treue zu ihr
zurückkehren, und mich, die sie von Herzen hasste, in seinen Augen zu dem
verächtlichen Charakter einer Robignac erniedrigt zu sehen.
    Abscheulich! schrie ich, indem ich die Erzählerinn unterbrach, fast zu
abscheulich, um geglaubt zu werden!
    Und doch wahr, erwiederte der Obristlieutenant. Wie glücklich wär meine
Peninna gewesen, wenn sie diese Dinge gleich von Anfange gewusst hätte! sie
erfuhr sie erst spät durch mich, und auch ich hätte nie ein solches Gewebe von
Bosheit vermuten können, wenn ich nicht durch einen Zufall hinter dasselbe
gekommen wäre.
    Peninna nahm das Wort von neuem: Gabriele war froh mich in ihrer Gewalt zu
haben. Sie stellte mich ihrem Gemahl vor, und die Bestürzung die er über meinen
Anblick, und über meinen Entschluss bei seiner Gemahlinn zu leben, blicken liess,
war zu sichtlich, um mir und der Regierungsrätinn zu entgehen. Gabrielens
Gesicht ward mit einer glühenden Röte überzogen, und ich dachte bei mir selbst,
die gute Frau möchte doch wohl einen zu vorteilhaften Begrif von der
ungeteilten Liebe ihres Gemahls für sie haben. Der Entschluss auf meiner Hut zu
sein, allen Umgang mit meinem ehemaligen Liebhaber zu fliehen, und seine
Gattinn, die in meinen Augen so unschuldig und truglos handelte, nicht mit
Undank zu belohnen, war fest gefasst.
    Ich fand bald, dass ich Ursach zu diesem Entschluss hatte. Sie beste Mutter,
gaben mir einesmals die Lehre, ein ehrliches Mädchen müsse sich jedem Auge
entziehen, welches kein Recht hätte, nach ihr zu blicken, wenn sie sich nicht,
selbst bei ihren Verehrern, in schlechten Kredit setzen wolle, und ich ward
jetzt von der Wahrheit dieses Satzes überzeugt.
    Der Regierungsrat schien aus der Kühnheit, mit welcher ich es wagte, sein
Haus zu meinem Aufentalte zu machen, schlechte Folgen für meine Tugend zu
ziehen. Er verfolgte mich überall; er strebte nach einer einsamen Unterredung
mit mir, und als er dieselbe, aller meiner Behutsamkeit ungeachtet, endlich
fand, so nützte er diese Gelegenheit, mich so ungescheut von seiner nie
verloschenen Liebe zu unterhalten, dass mir die Augen völlig aufgiengen, und ich
die Gefahr, in welche ich mich gestürzt hatte, deutlich vor Augen sah.
    Ich begegnete ihm auf die Art, wie er es verdiente, aber wenn ich mich auch
für den gegenwärtigen Augenblick seiner entschlagen hatte, so wusste ich doch
nicht, ob ich in Zukunft für ähnlichen Auftritten sicher wär.
    Ich war unschlüssig, was ich tun sollte. Sollte ich fliehen? sollte ich
Gabrielen von der Sache benachrichtigen? das erste dünkte mich zu romanhaft, und
das andere grausam. Ich wusste von den teuflischen Anschlägen meiner sogenannten
Freundinn nichts, und es ging mir nahe, sie aus dem süssen Wahn von der Treue
ihres Gemahls, in welchem ich sie glaubte, zu reissen.
    Wir befanden uns gegenwärtig zu Pyrmont im Bade, die Gewohnheit erforderte
es, die ganze Kurzeit dem Müssiggange und den Vergnügungen zu weihen; ich konnte
hoffen, dass die Leidenschaft meines Verfolgers gegenwärtig nur durch die
ungewohnte Musse genährt würde, und dass, wenn wir in Wien angelangt wären,
mehrere Geschäfte dieselbe schwächen würden; auch nahm ich mir vor, dann mich so
einzurichten, dass ich nie mit ihm in einer Gesellschaft wär, und ihm so wenig
als möglich vor die Augen käme; ein Entschluss, der nicht so leicht auszuführen
als zu fassen war.
    Wir giengen nach Wien zurück. Gabriele machte mich mit allen Schauplätzen
der grossen Welt bekannt, und ich darf sagen, dass ich keine verächtliche Rolle
auf denselben spielte. Ich war eine ganz neue Erscheinung, Gabriele schien etwas
darunter zu suchen, dass sie mich mit allem möglichen Glanz auftreten liess, und
ich taumelte eine Zeitlang, trunken von einer Ergötzlichkeit zur andern. Konnte
etwas das Vergnügen, das ich genoss, schwächen, so war es der lästige
Regierungsrat, dessen Anblick ich nirgend entfliehen konnte, und der mich mit
seinen verdriesslichen Unterhaltungen überall umlagert hielt. - Ich ward nach
gerade des Geräusches überdrüssig, ich hofte meinem widrigen Gesellschafter zu
entfliehen, und entschloss mich, inskünftige die Einsamkeit zu wählen.
    Aber auch hier ward ich von meinem Verfolger vertrieben. Die äusserste
Verachtung, mit welcher ich ihm begegnete, diente nur dazu, meinen Wert in
seinen Augen zu erhöhen. Er schwur, er könne mich nicht vergessen; er wolle sich
von Gabrielen scheiden lassen, und mich zu seiner Gemahlinn machen, und als er
sah, dass er auch mit diesen Anerbietungen nicht auskam, so fieng er an, eine
andere Rolle zu spielen, welche mich nötigte, meinen Entwurf zum stillen
einsamen Leben aufzugeben, und mich lieber mitten in den Wirbel der modischen
Zerstreuungen zu stürzen, als seinen Anfällen ausgesetzt zu sein.
    Wer mich zu dieser Zeit gesehen hat, der musste mich wohl für die
ausgelassenste Törinn halten, welche im ganzen Bezirk des schwindelnden Wiens
zu finden war, aber wer in mein Herz geblickt hätte, würde mich anders
beurteilt haben. Unter dieser frohen Aussenseite, unter diesem schimmernden
Putz, schlug ein von Sorgen zernagtes Herz; ich wusste nicht, wie ich dem
glänzenden Elend, unter welchem ich schmachtete, entfliehen sollte; wusste nicht,
wenn ich blieb, was endlich mit mir werden würde, und hatte keinen andern Trost,
als den Umgang des edeln Obristlieutenants, meines jetzigen Gemahls. O hätte ich
nur das Herz gehabt, ihm meinen eigentlichen Kummer sogleich zu entdecken, so
aber war das einige, womit ich mir zu helfen suchte, dass ich mich immer an
seiner Seite hielt, ihn am liebsten zu meinem Begleiter bei öffentlichen
Lustarkeiten wählte, und wenn ich zu Hause blieb, immer um seine Gesellschaft
bat.
    Ja wahrhaftig, fiel der Obristlieutenant ein, ich wusste manchesmal nicht,
wie ich mit der kleinen Hexe daran war, fast hätte ich denken können, sie habe
sich, nachdem sie mich durch ihre ehemalige Laune von sich gescheucht hatte,
noch hinten nach in mich verliebt; denn welcher ehrliche Kerl, der nur ein
bisschen gute Meinung von sich hegt, wird denn denken, dass seine Gesellschaft
bloss darum gesucht wird, um einen andern zu verjagen?
    Mein lieber Sarnim, mein Schutzengel, fuhr Peninne fort, war mir in der Tat
die beste Verteidigung gegen die Gesellschaft meines Verfolgers; der
Regierungsrat scheute sich vor ihm fast allein, und ich brauchte oft nur seinen
Namen zu nennen, um ihn los zu werden. Ich hatte zuweilen mich Gabrielens zu
eben diesem Endzwecke bedienen wollen, aber die Erwähnung ihrer hatte bei ihrem
Gemahl keine Kraft, und ihre Gesellschaft zu haben war vollends unmöglich; sie
war ihrem teuflischen Anschlage der Leidenschaft ihres Gemahls in allem
nachzusehen zu treu, als dass sie ihm eine einige Gelegenheit, mich ohne Zwang zu
sehen, hätte entwenden sollen; und liess ich etwa ein zweideutiges Wort über
meine verdrüssliche Verfassung fallen, so brach sie in ein lautes Gelächter aus,
und fragte mich, ob ich etwa auf meine alten Grillen geraten, und sie bereden
wollte, dass ihr Gemahl seine ehemaligen Absichten auf mich noch nicht aufgegeben
habe?
    Zu dieser Zeit war es, als das Fräulein von Vöhlen in unserm Hause erschien.
Ich hofte an ihr eine Gespielinn, und eine Gefährtinn zu finden, welche mich vor
lästiger Gesellschaft schützen könne; aber - darf ich es in ihrer Gegenwart
sagen? - Gabriele wusste mich wider sie einzunehmen, sie machte mir ein Bild von
ihr, welches ich damals für so richtig gezeichnet hielt, als ich gegenwärtig von
dem Gegenteil überzeugt bin.
    Ich hoffe, das werden sie, gnädige Frau, fiel die errötende Klare meiner
Tochter in die Rede; Gabriele spielte die nehmliche Rolle in Ansehung ihrer
gegen mich, und ich fürchte, ich bin durch die Erzehlung, die ich bei Madam
Haller von ihnen machte, Ursach gewesen, dass Unwille und Misverständnisse in
ihrem Herzen genährt wurden.
    Wollte Gott, erwiederte die Obristlieutenantinn, sie wären die einige
gewesen, deren schlechte Meinung von mir ich zu bekämpfen gehabt hätte. Falscher
Verdacht lässt sich ja noch wohl aus einem guten Herzen ausrotten, wenn man ihm
die Wahrheit vor Augen legt; aber wie will man diejenigen überzeugen, welche
nicht überzeugt sein wollen? welche sich freuen, an andern einen Schein von
ihren eigenen Lastern zu finden, um sich damit entschuldigen zu können?
    Ich ward nach und nach gewahr, dass alle meine strenge Anhänglichkeit an
Tugend und Unschuld mich nicht für bösen Ruf schützen konnte. Gabriele zürnte,
dass ihre Anschläge so schlecht glückten, und dass sie sehen musste, wie die
Neigung ihres Gemahls durch meine Standhaftigkeit eher wuchs als abnahm. Ich
entgieng allen ihren Fallstricken, von welchen ich ihnen manche Auftritte melden
könnte, wo ich dem Verderben, durch eine Hand, die ich damals noch nicht kannte,
recht augenscheinlich entgegen geführt ward, wenn ich nicht immer noch hofte,
meine damals an sie, meine Mutter geschriebenen Briefe, die das meiste davon
entalten, wieder in meine Hände zu bekommen, und sie ihnen vorlegen zu können.
    Da die Regierungsrätinn meine Tugend nicht stürzen konnte, so wollte sie
wenigstens meinen guten Ruf zerstören. Die Leidenschaft ihres Gemahls für mich,
musste einem jeden in die Augen fallen. Der Glanz, in welchem mich die
betrügerische Freigebigkeit meiner Freundinn erscheinen liess, erregte Neid, und,
da man meinen Stand und Vermögen kannte, den Verdacht, ich prangte mit dem Lohne
meiner Schande. Gabrielens verstohlne Winke, und künstlich angebrachte Tränen
und Klagen, gaben meiner Ehre vollends den letzten Stoss, und es ward bald
durchgängig behauptet, dass Peninna Haller die erklärte Geliebte des
Regierungsrats sei. Das Gericht setzte mich der - setzte mich den verworfensten
meines Geschlechts an die Seite. -
    Sage es doch nur heraus, was du auf dem Herzen hast, unterbrach Herr von
Sarnim seine Gemahlinn, du willst sagen, man habe dich der lüderlichen Josephe,
meiner verworfenen Gattinn, an die Seite gesetzt. - Die Ausschweifungen dieses
Ungeheuers, waren damals so stadtkündig geworden, dass ich sie nicht länger an
meiner Seite dulden konnte, ohne meiner eigenen Ehre zu schaden; ich liess mich
von ihr scheiden, und diese Scheidung war die Veranlassung, dass ich hinter alle
Anschläge kam, welche die Wilteckischen Furien wider die unschuldige Peninna
geschmiedet hatten. Ich durchsuchte Josephens nachgelassene Papiere, und fand
unter denselben, eine gute Partie Briefe, welche zwischen Gabrielen, Josephen
und ihrer Mutter über diesen Punkt gewechselt worden waren. - - Ich erstaunte.
Ich eilte zu Peninnen, um ihr diese schrecklichen Geheimnisse zu eröfnen. Ich
fand sie in Tränen, sie war eben aus einer Gesellschaft nach Hause gekommen, wo
sie die Erstlinge von der Verachtung eingeerndtet hatte, in welche sie der böse
Ruf, in den sie unschuldiger Weise geraten war, zu stürzen begann. Hier hatte
sie zuerst deutlich erfahren, was man von ihr hielt, und es fehlte nicht viel,
dass man es ihr frei unter die Augen sagte, dass sie die Mätresse des
Regierungsrats sei.
    Ich wusste ihre Unschuld. Sie weinen zu sehen, durchbohrte mir das Herz. Ich
hatte die Beweise von der Bosheit ihrer Feinde in den Händen, und mein
Entschluss, wie ihr zu helfen, und auch mein Glück wieder herzustellen wär, wär
gefasst. Ich tröstete sie, so gut ich konnte, ich bat sie, sich einige Tage
eingezogen zu halten, und unter dem Schein einer Unpässlichkeit, jedermann von
sich entfernen. Auch der überlästige Regierungsrat, musste sich durch diesen
Vorwand abweisen lassen.
    Ich nützte diese zeit, alle meine Anstalten zu machen; ich bat, als ich mit
denselben zu Stande war, eine grosse Gesellschaft von den vornehmsten Personen
aus unserer Bekanntschaft zusammen, und vergas vor allen andern diejenigen
nicht, welche meiner Peninna bei der letzten Gesellschaft, die sie besuchte, so
schimpflich begegnet hatten. Auch der Regierungsrat und seine Gemahlinn waren
nicht vergessen.
    Meine Gäste waren alle in meinem Hause versammelt. Man hatte von meiner
Einladung etwas ausserordentliches erwartet, und sich daher in vollem Glanz
eingefunden. Man war eben im Begriff, sich zum Spiel niederzusetzen, als ich mit
meiner reizenden, unschuldigen, errötenden Peninna eintrat.
    Alles ward rege. Es entstand ein unvernehmliches Geflüster, welches bald in
ziemlich laute Schmähungen ausartete; die Damen riefen nach ihren Bedienten, und
die Herren nahmen Hut und Degen zur Hand. Ich fragte nach der Ursach dieses
Aufstandes, niemand wollte reden, bis die alte Generalinn von *** das Wort nahm,
und mir im Namen der ganzen Gesellschaft meldete, dass sie mich für zu edel und
gesittet gehalten hätten, eine Person, wie Mamsell Haller, in ihre Gesellschaft
zu bringen, und darum auf meine Einladung erschienen wären; dass ich ihnen aber
verzeihen müsste, dass sie nun, da sie ihren Irrtum inne würden, mein Haus
sogleich verliessen, und es nicht eher wieder betreten würden, bis ich ihnen
Genugtuung für diesen Schimpf gegeben hätte.
    Ich glaube, ich habe so ziemlich die Stimme und das Ansehen darnach, mir
Gehör zu verschaffen; ich führte die Generalinn sehr höflich nach ihrem Stuhl
zurück, bat um eine Viertelstunde Aufmerksamkeit, und trug denn ohngefehr
dasjenige vor, was ich bisher gesagt habe, nur vielleicht mit etwas mehrerm
Feuer und Nachdruck. Zum Beweis meiner Worte, liess ich dann die wichtigsten von
den vorerwähnten Briefen, von Hand zu Hand gehen, und als ich sah, was dieses
für Würkung tat, so gab ich der Sache dadurch das völlige Gewicht, dass ich
Peninnen bei der Hand nahm, und sie der Gesellschaft als meine Braut vorstellte.
Ich, sagte ich, ich war der Zeuge aller ihrer Handlungen, ich getraue mich für
ihre Unschuld so zu sprechen, wie für meine Ehre, und ich führe sie zur
Bestättigung meiner guten Meinung, zur Bestättigung, dass ich sie allen Damen der
ganzen Welt, selbst allen in dieser gegenwärtigen Versammlung vorziehe, zum
Altar, und mache sie zu meiner Gemahlinn.
    Peninna und ich waren vorher schon unserer Sachen eins geworden, sie
bezeigte sich also bei dieser Gelegenheit so, wie es ihr zukam. Die ganze
Gesellschaft war wie umgekehrt; Entschuldigungen und Glückwünsche strömten von
allen Seiten herbei. Die alte Generalinn umarmte meine Braut, und bat um die
Ehre sie als Mutter zum Altar zu führen. Im Nebenzimmer war alles zur Trauung
bereitet; die ganze Gesellschaft folgte uns dahin, bis auf Gabrielen und ihren
Mann, welche zu deschämt gewesen waren, um in der Gesellschaft bleiben zu
können, und gleich, da die Briefe zum Vorschein kamen, ihren Abschied in der
Stille genommen hatten.
    Peninne, meine holde unschuldige reizende Peninne, war nun meine Frau, und
lehrte mich das Leben, das mir die nichtswürdige Josephe verbittert hatte,
liebgewinnen. Jedermann billigte meine Wahl. Die Obristlieutenantinn von Sarnim
wurde vergöttert, und die beschimpfte Peninne Haller ganz vergessen. Man drängte
sich um uns, man stellte Feste uns zu Ehren an, und raubte uns dadurch die
schönen Tage, die wir so gern im einsamen Genuss unsers Glücks zugebracht hätten.
    An einem von diesen ersten Tagen nach unserer Vermählung war es, dass Peninna
im Schauspiel ihre Schwester auf dem Teater erblickte; was sie tat, ist
bekannt, und ich glaube, man wird die geheimnisvolle Art, mit welcher sie die
beiden Unglücklichen, die sie retten wollte, zu sich kommen liess, welche man
hier so tadelhaft gefunden hat, jetzt entschuldigen. Der Augenblick, da die
Schmähsucht eben erst aufgehört hatte, Peninnens Ehre zu verlästern, war gewiss
nicht die schicklichste Zeit, ihr neuen Stoff zu albernem Geschwätz in den Weg
zu werfen. - Ich schätze Amalien und Jucunden, und sie sollen sehen, dass sie an
mir einen Bruder haben werden, welcher ihr Glück zu machen weis; aber sie werden
selbst gestehen müssen, dass der Stand, in welchem sie von ihrer Schwester
gefunden wurden, nicht so beschaffen war, dass er ihr oder mir Ehre machen
konnte, und dass meine Peninna wohl tat, die Sache so geheim zu behandeln, dass
selbst ich nichts davon erfuhr. -
    Sie entdeckte mir nach der Abreise ihrer Schwestern alles, und ich fand
nichts daran zu tadeln, als dass sie nicht deutlich mit ihnen von ihrer
gegenwärtigen Verfassung gesprochen hatte. - Mit was für Herzen, sagte die
gutmütige Seele, hätte ich meine unglücklichen Schwestern von meinem Glück
benachrichtigen können, ohne sie öffentlich an demselben Teil nehmen zu lassen?
Dieses war unmöglich, und ich liess es also dabei bewenden, ihnen einen Brief an
unsere Mutter mitzugeben, welcher alles entält, was sie wissen müssen, und was
sie am besten aus ihrem Munde hören werden; mich dünkt, diese Erzählung, aus
meinem Munde würde Beschämung und Vorwurf ihrer Verirrungen gewesen sein.
    Ich war mit allem zufrieden, was Peninne getan hatte, und freute mich, sie
nach dieser Begebenheit ruhiger als zuvor zu sehn. Das bisherige Stillschweigen
ihrer Mutter auf alle ihre Briefe, hatte sie oft sehr beunruhigt, sie glaubte,
ganz von ihr vergessen zu sein, und sie setzte jetzt grosse Hoffnungen auf die
Vermittelung ihrer Schwestern, und den durch sie abgeschickten Brief, dass
dadurch alle Misverständnisse aufgehoben werden würden.
    Aber wie erstaunten wir, als wir nach einiger Zeit diesen Brief, ohne eine
Zeile zur Beantwortung zurück erhielten; auch das kleine Geschenk, das ich für
die Frau, die ich so sehr verehrte, bestimmte, und das meine Gattinn nebst dem
Briefe abgeschickt hatte, war verschmäht worden, und es entielt Spuren, dass man
ihm, diesem unschuldigen Merkmahl meiner Achtung mit der äussersten
Geringschätzigkeit begegnet hatte.
    Meine Frau war in Verzweiflung, und ich kann nicht läugnen, dass auch ich
nicht kaltsinnig bei der Sache blieb. Ein alter Soldat ist in solchen Dingen
empfindlich. Sie müssen mir verzeihen, Madam, wahrlich, ihr Betragen kränkte
mich in der Seele, und ich weis es nicht, ob ich in meinen Ausdrücken über
diesen Punkt, allemal in den Schranken der Sanftmut geblieben bin, wenigstens
hat mir meine Peninne zuweilen so etwas vorgeworfen. Auch Amalie und Jucunde,
bekamen ihren Teil an meinem Unwillen; sie waren in meinen Augen
Friedensstöhrerinnen, oder hatten wenigstens ihren Auftrag schlecht
ausgerichtet.
    Peninne setzte ihre ganze Hoffnung auf eine mündliche Unterredung; sie
sehnte sich nach Hohenweiler zu ihren Eltern, und ich hätte die angenehme Reise
dahin, längst mit ihr unternommen, wenn nicht meine Geschäfte mich teils noch
eine Zeitlang zu Wien aufgehalten, teils meine Gegenwart auf meinen Gütern
notwendig gemacht hätten; ich habe sie nunmehr alle besucht, alles auf
denselben in Richtigkeit gebracht, nur das eine neugekaufte, haben wir noch
nicht gesehen; es ist in ihrer Nachbarschaft, in denke mit meiner Frau morgen
dahin abzugehen; es soll inskünftige unsere beständige Wohnung sein. Es würde
mir leid tun, wenn wir uns so bald wieder von denen, die wir lieben, trennen
müssten.
 
                          Acht und zwanzigstes Kapitel
            Tod des Tyrannen dieser Geschichte, des Herrn Katarines
Hier endigte der Obristlieutenant seine Erzählung, und es lässt sich denken, was
für Eindruck sie auf uns alle machte.
    Ich hab es für unnötig gehalten, die Entschuldigungen, Rechfertigungen, und
alle Äusserungen der Freude, des Kummers und der Verwunderung, mit
einzuflechten, an welchen sie hier und da unterbrochen wurde, und eben so
unnötig dünkt es mich, die Scene, welche auf dieselbe folgte, zu schildern.
Lang getrennte Freunde, Eltern und Kinder, die durch Misverständnisse entzweit,
und nun wieder vereinigt wurden; Unglückliche, welchen sich endlich eine heitere
Aussicht auf dauerhafte Ruhe zeigt, werden am besten wissen, was unter uns
vorgieng, und mir die schwere Schilderung ersparen; und wer hat nicht in seinem
Leben, im Grossen oder im Kleinen einen solchen Auftritt erfahren! - - -
    Es ist wohl nicht leicht auf dieser veränderlichen Welt, eine Freudenstunde,
welche nicht durch eine Wolke getrübt wird; gut, wenn der verfinsternde
Schatten, nicht uns unmittelbar tritt, wenn die Träne, die in unsern Jubel
fliesst, nur eine Träne des Mitleids und der so allgemeinen Menschenliebe, nicht
des tiefen herznagenden Kummers über eigene Leiden sein darf.
    Des Obristlieutenants Kammerdiener, welchen er nach Hohenweiler geschickt
hatte, kam zurück. Er schien bestürzt zu sein, und meldete auf Befragen nach der
Ausrichtung seiner Botschaft, Herr Harold habe wahrscheinlich noch keine Zeit
gehabt, den an ihn abgeschickten Brief zu eröfnen, weil alles zu Hohenweiler
wegen des plötzlichen Todes des Amtmanns in grosser Verwirrung gewesen sei. Herr
Harold habe, als er den Namen des Obristlieutenants von Sarnim gehört, ihn eilig
zurückreiten heissen, um seinen Herrn zu versichern, dass er, sobald er sich von
seinen Geschäften losmachen könne, selbst kommen wollte, um ihm und der Familie
Haller von allem Nachricht zu geben, was sie zu wissen verlangten.
    Wir erstaunten alle über den plötzlichen Tod des Amtmanns, welchen der
Obristlieutenant gestern noch gesund und wohl gesehen hatte, und unser Erstaunen
verwandelte sich in eiskaltes Entsetzen, als der Bote sich deutlicher erklärte,
und uns berichtete, wie ihm bei dem ersten Schritt in das Städtchen, das Gerücht
entgegen gekommen sei, der Amtmann habe sich diese Nacht in einem Keller des
Schlosses erschossen; ein Gerücht, welches hernach, als er im Schloss abtrat,
durch den Augenschein bestättigt wurde.
    Man erspare mir die schreckliche Beschreibung oder Scene, die uns unser
Erzehler hierauf lieferte. Katarines hatte sich würklich das Leben genommen,
und das Gerücht schob diesen entsetzlichen Entschluss, auf die Verzweifelung, in
welchen den Elenden eine getäuschte Hoffnung von ganz besonderer Art gestürzt
hatte.
    Die Begierde nach noch mehrerem Reichtum als er bereits besass, hatte ihn
auf den Einfall gebracht, einen Schatz zu heben, welcher, nach der gemeinen
Sage, im Schlosskeller verborgen liegen sollte. Er war schwach genug gewesen,
nachdem er das halbe Schloss vergebens unterminirt, die Sache ganz nach der
Vorschrift des Aberglaubens anzufangen. Er hatte zu dem Ende eine Menge Betrüger
um sich versammelt, welche ihn am Ende eben so getäuscht hatten, wie Herr
Hallern die Adepten.
    Die Nacht, welche bestimmt gewesen war, ihn zum Herrn unermesslicher Schätze
zu machen, war die Nacht seines Todes geworden. Man hatte ihn am Morgen mit
zerschmetterter Hirnschaale in dem unterirdischen Gewölbe gefunden, und nicht
weit von ihm einen Zettel, in welchem die Ruchlosen, die ihn bewogen hatten, ihm
mit niedrigen Hohn für die Schätze dankten, welche er ihnen aus seinem Kasten
habe zufliessen lassen, und mit welchen sie nun vergnügt Hohenweiler verliessen;
sie versicherten, ihres Wissens wären dieses die einzigen, welche das Schloss zu
Hohenweiler entielt, und er möchte also lieber, anstatt des fruchtlosen
Nachsuchens die verfallenen und durchgrabenen Gewölber wieder aufbauen, und
durch Schaden klug werden. Wahrscheinlich hatte diese Nachricht dem
Unglücklichen das Mordgewehr in die Hand gegeben.
    Gegen die Nacht erschien Herr Harold selbst, und lieferte uns eine
ausführliche Beschreibung dessen, was wir bereits gehört hatten; das
schrecklichste in derselben war mir dieses, dass man in den Papieren des
Amtmanns, einen Brief von meinem verstorbenen Mann gefunden hatte, welcher
wahrscheinlich die erste Veranlassung zu der unglücklichen Schatzgräberei
gewesen war, die dem elenden Katarines das Leben kostete. Herr Haller meldete
in demselben dem Amtmanne: eine seiner Töchter habe in den letzten Tagen seines
Aufentalts zu Hohenweiler in einem unterirdischen Gange einiges altes Geld
gefunden, von welchem er ihm einige Stücke zum Beweis mitschicke. Ihm sei es
wahrscheinlich, dass noch ein weit grösserer Schatz daselbst verborgen liegen
müsse, und er erbiete sich, ihm den Ort, wo er es vermute, anzuzeigen, wenn er
sich gefallen liess, ihn zum Gefährten in der Aufsuchung des Schatzes anzunehmen,
und ihm die Hälfte des Gefundenen zu gönnen. Katarines hatte sich gestellt, als
wenn er von diesen Dingen nichts glaubte, hatte Herrn Haller sein Begehren
abgeschlagen, und das unglückliche Geschäft, das ihm das Leben kostete, für sich
allein unternommen.
    Ein kalter Schauer überlief mich bei dieser Erzählung, aber mein Gefühl war
nichts gegen dasjenige, was die arme kleine Schwärmerinn, Julchen dabei empfand.
- Ich sah sie bleich werden, und bald darauf ohne Empfindung niedersinken.
Ihren Namen bei so einer schrecklichen Begebenheit erwähnen hören, auf gewisse
Art, die Veranlassung dazu gegeben haben, das war zu viel für ihr weiches Herz.
Sie hatte die traurige Gabe des Nachgrübelns um Stoff zu Gram zu finden, und
sich über die unschuldigsten Dinge Gedanken zu machen, von ihrer Mutter geerbt.
    Ein Glück war die Gegenwart des Obristlieutenants für sie, sein vernünftiges
und herzhaftes Zureden machte einigen Eindruck, und Peninna bat ihren Gemahl,
die arme weichherzige Seele, mit sich nehmen zu dürfen, als sie des andern Tages
auf ihr neuerkauftes Gut mit ihm abreisste, ob vielleicht die Veränderung der
Gegenstände ihr die Zerstreuung des Kummers erleichtern möchte.
 
                          Neun und zwanzigstes Kapitel
                   Begreift den Zeitraum von etlichen Jahren
Wir strebten vergebens, Peninnen länger bei uns aufzuhalten. Ihr Gemahl würde
vielleicht zu erbitten gewesen sein, aber sie liess sich selbst nicht durch die
Vorstellung zum Dableiben bewegen, dass wir diesen Tag Herrn Walter und seine
Gattinn erwarteten, welchen wir von ihrer Wiederkunft Nachricht gegeben hatten.
Diese Behutsamkeit, mit Walters, so wenig als möglich zusammen zu kommen, blieb
Peninnen immer eigen, und sie begegnete ihnen, wenn sie sie ja sehen musste,
allemal freundschaftlich, doch nie mit der vorigen Vertraulichkeit.
    Ich fand etwas Edles in diesem Zug ihres Betragens; andere würden vielleicht
nichts als Gefühl ihrer Schwäche, und Furcht, ehemalige Empfindungen bei Walters
Anblicke erneuert zu sehen, in demselben wahrgenommen haben; aber gereichte
nicht eben dieses Gefühl, eben diese Furcht ihr zur Ehre? Sie war entschlossen,
ihren Gemahl auch mit keinem Gedanken zu beleidigen, und sie war klug genug,
ohne weitere Rücksicht auf ihre Stärke oder Schwäche, lieber die Gelegenheit zu
vermeiden, ihre Pflicht auf die kleinste Art zu verletzen.
    Herr Walter und seine Frau eilten diesmal auch eben nicht sehr mit ihrer
Ankunft; sie langten erst des andern Tages an, und man konnte es beiden
anmerken, dass sie sich vor Peninnens Anblick scheuten. Charlottens Miene
heiterte sich ziemlich auf, als ich die Vermählung meiner Tochter mit dem
Obristlieutenant bekannt machte, und Herr Walter stammelte seinen Glückwunsch
mit sichtlicher Verwirrung.
    Charlotte ward nach und nach ausserordentlich munter, selbst Klare bekam
heute einige freundliche Blicke, aber als gegen das Ende des Besuchs der Name
meines Sohns Samuel einmal erwehnt wurde, und das Fräulein von Vöhlen einige
besondere Teilnehmung an seinem Schicksale zeigte, so war das gute
Einverständnis wieder dahin, und das alte steife und preciöse Wesen kam wieder
zum Vorschein. Es war doch Schade, dass in einer sonst so guten Seele einig
Funken des Neides glimmen sollten! Die Frau wusste wahrhaftig nicht was sie
wollte; sie liebte ihren Mann, und konnte Samuelen doch nicht vergessen; sie sah
Peninnen wegen des einen, und Klaren wegen des andern mit scheelen Blicken an,
und war bei diesen widersprechenden Gesinnungen sicher nie glücklich zu werden.
Warum musste doch das Schicksal die ersten Lieblingswünsche dieser Armen
zerstören! Als Samuels Frau wär sie glücklich und ohne Tadel gewesen, und die
kleinen bösen Tücke ihres Herzens, wären wahrscheinlich nie zum Vorschein
gekommen.
    Auch Klare war von diesem schwarzen Flecken nicht rein. Nicht allein
Charlotte war und blieb ein Gegenstand ihres Widerwillens, sondern auch gegen
Peninnen blickte immer, sie mochte sich auch zwingen wie sie wollte, einiger
Kaltsinn hervor. Gabriele hatte einmal ihr Herz wider sie eingenommen, freilich
musste sie nun einsehen, dass sie ihr Unrecht getan hatte, aber eben dieses
Gefühl des ihr angetanen Unrechts, machte sie schüchtern und zurückhaltend
gegen sie, und die Vorstellung, dass sie, diese Peninne, ein Bürgermädchen, den
Platz einnahm, den eine Verwandte von ihr ehemals besessen hatte, streute gewiss
auch den Saamen der Misgunst in ihrem Herzen aus.
    Es betrübte mich oft, wenn ich diese Dinge erwog, und die Charaktere meiner
Töchter auch mit in die Prüfung nahm, unter so vielen, würklich liebenswürdigen
Personen, kaum ein Julchen, kaum eine Peninne zu finden, welche bei allen ihren
Schwachheiten und Fehlern doch im Grunde wahrhaftig gut und edel dachten.
    O ihr Menschenkenner, ihr steht auf einem gefährlichen Posten; euer
Forschungsgeist, und das bewafnete Auge des Naturkenners, vernichtet Güte und
Schönheit; er und ihr wendet euch oftmals mit Abscheu von Gegenständen hinweg,
welche wir gemeinen Seelen mit bewunderndem Beifall anstaunen, und in unserer
Täuschung glücklich sein.
    Man verzeihe mir diese Ausschweifung. Die damalige Epoche meines Lebens, die
sich durch Ruhe und Muse auszeichnete, gab mir Gelegenheit zu mancher
Betrachtung, und wie kann man es einer schreibseligen oder geschwätzigen Alten
zumuten, ihre Gedanken alle in dem Innersten ihres Herzens zu verschliessen? -
    Wie ich gesagt habe, meine bisher so unruhigen Tage fiengen an gegen den
Abend meines Lebens ruhiger zu werden, alles um mich her war so heiter und still
wie an einem schönen Septembertage, wenn die lachende Natur ihr Abschiedfest
feiert, und nur hier und da gelbes Laub oder abgemähte Felder uns erinnern, dass
der Winter herannaht. Ich hatte fast alle meine Kinder um mich; die, welche mir
nicht so nahe waren, besuchten mich, oder holten mich, wenn ich zu ihnen kam,
mit Freude und wie im Triumpf in ihre Wohnungen ein, und von denen ganz
Abwesenden, o Himmel, von meinem Samuel, von meinem Albert, hatte ich gute
Nachricht. Sie waren auf der Rückreise begriffen, sie hatten in dem Lande, wo
mancher Elend und Tod erbeutete, Ruhm und Ehre erworben, und ob sie gleich weder
Lasten von Goldsand, noch rohe Diamanten mitbrachten, ob sie gleich weder reiche
Vettern zu beerben, noch amerikanische Wittwen zu heiraten vorgefunden hatten,
so schien mir es doch, dass sie nicht ganz so arm in ihr Vaterland zurückkehrten,
als sie es verlassen hatten.
    Man denke sich mein Glück, denke sich das gegenwärtige Gute, das ich genos,
und die Aussicht auf die grösste Freude dieser Erde, auf das Wiedersehen
dererjenigen, die ich so lang entbehren musste!
    Die Hoffnung erleichterte mir die lange Erwartung, es schlichen Jahre dahin,
und ich sah meine Söhne immer noch nicht, aber tröstende Briefe sagten mir, dass
sie jetzt hier, jetzt an einem andern Orte wären, dass sie hier durch Geschäfte,
dort durch Vergnügungen aufgehalten würden, und so gab ich mich zufrieden.
    In meinem Hause fehlte es auch nicht an Auftritten, welche mir die Zeit
kürzten! Peninna beschenkte ihren Gemahl mit einem Sohne. Der redliche
Obristlieutenant, welcher immer für das Glück meiner Kinder wachte, machte
Amaliens Gatten ausfindig, riss ihn von dem leidigen mir so verhassten
Teaterwesen los, machte ihn zum Aufseher seiner entfernten Güter, vereinigte
ihn wieder mit seiner verlassenen Frau, und liess beide wohlbeschenkt nach dem
Ort ihrer Bestimmung abreisen; Jucunde - doch nein, diese darf ich nicht so kurz
abfertigen, ich fange ihr zu Ehren ein neues Kapitel an, und nähere mich mit
demselben zugleich einem wichtigen Zeitpunkte meines Lebens.
 
                              Dreissigstes Kapitel
                                     Krieg
Wir lebten einsam; niemand als die Personen, welche ich zu meiner Familie
rechnete, ging bei uns aus und ein, und wenn nicht zuweilen der Herr
Amtsverweser von Hohenweiler, den Obristlieutenannt seinen alten Gönner bei mir
suchte, oder eine Bestellung von ihm an mich hatte, so konnte ich mit Recht
sagen, dass kein Fremder meine Schwelle betrat.
    Aber dieser Herr Harold kam auch so oft, suchte den Herrn von Sarnim in
Traussental, wenn er wissen musste, dass er nicht zugegen war, und brachte
Bestellungen von ihm, wenn ich ihn eine Stunde vorher gesehen hatte, dass endlich
sein Gesicht so gewöhnlich bei mir ward, dass man ihn kaum mehr für einen Fremden
rechnen konnte.
    Der unglückliche Tod des Katarines hatte alles auf dem Amte zu Hohenweiler
in der grössten Unordnung gelassen; es fanden sich ansehnliche Defekte in der
Kasse; Madam Katarines hatte sich in der Stille aus dem Staube gemacht, und
verschiedene Dinge von Wichtigkeit mit sich genommen; die untergrabenen Gewölber
des Schlosses drohten den Einsturz; man hatte würklich in einem Winkel des
Kellers noch etwas von altem Gelde gefunden; dieses und eine Menge andere Dinge
gaben Herrn Harold unzählige Gelegenheiten nach Traussental zu kommen, und es
schien nicht anders, als hielt er mich für die Oberaufseherinn des ganzen
Hohenweilerischen Kreises, welcher er von allem, was sich in demselben zutrug,
genauen Rapport abstatten müsste.
    Mir war übrigens sein Zuspruch nicht entgegegen; er war ein hübscher
gesetzter Mann, ohne Umstände, mit dem es sich gut umgehen liess, und hätte er
mit seiner ansehnlichen Figur, eins von den artigen Puppengesichtergen
verbunden, welche unsere junge Mädchen so gern sehen, so hätte ich aus manchen
Umständen schliessen können, dass ihn meine Jucunde, die einige von meinen
Töchtern; welche jetzt beständig um mich war, nicht ungern sähe; aber daran war
nicht zu denken. Ein hageres von der Sonne verbranntes Gesicht, ein paar
finstere schwarze Augen, und einige Schmarren über Mund und Wangen, machten Herr
Harolden selbst in meinen Augen zu keinem reizenden Gegenstande, und sein offnes
gerades Wesen, das ich ihm ganz gern verziehe, war oft so beschaffen, dass es
nach dem Urteil eines verwöhnten Mädchens, wohl den Namen der Unhöflichkeit
verdienen konnte; was hätte denn einer blühenden Schönheit, wie Jucunde, an ihm
gefallen können?
    Doch hatten ihre Augen einen besondern Ausdruck, so oft sie ihn erblickte.
Wenn er mit mir sprach, so schien sie alle seine Gesichtszüge zu mustern; warf
er denn einen flüchtigen Blick auf sie, so sanken ihre Augen schnell zur Erde.
Nie sprach sie in seiner Gegenwart, brauchte heute tausenderlei erzwungenen
Vorwand bei seinem Besuche nicht gegenwärtig zu sein, und errötete morgen vor
Schrecken, wenn er da gewesen war, ohne von ihr gesehen zu werden.
    Ich fand wenig Gefallen an diesem wunderlichen Wesen; ich nannte es gegen
sie, Ueberbleibsel von dem ehemaligen Teaterleben, und sie, welche wohl wusste,
dass dieses fast der grösste Schimpf war, den ich ihren Handlungen beizulegen
pflegte, hielt es für gut, aufrichtig gegen mich zu sein, und mir ihre Gedanken
von Herrn Harold, so weit sie selbst sie sich zu erklären wusste, frei zu
entdecken.
    Sie tun mir unrecht, liebe Mutter, sagte sie, wenn sie mein Betragen gegen
diesen Mann für Koketterie, oder gar für Liebe halten. Ich suche so wenig seine
Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, als er die meinige erregen würde, wenn ich
gewisse Ideen unterdrücken könnte, welche sich mir mehrmal bei seinem Anblick
aufdringen, und die ich selbst nicht zu enträtseln weis.
    Seine Person ist mir ein Gegenstand, den ich schon irgendwo, vielleicht im
Traum gesehen habe. Ich forsche in seinen Zügen, und finde immer mehrere
Aehnlichkeit mit einem Schattenbilde, das mir nur dunkel vorschwebt. Eine Art
von dankbarer Zuneigung reisst mich zu ihm hin, und macht mir seine Erscheinung
erwünscht, und gleichwohl erregte der Ton seiner Stimme eine Erschütterung in
mir, die keinesweges angenehm ist, und die ich Schrecken oder ahndende
Erinnerung widriger vergangener Dinge nennen würde, wenn ich wüsste wohin ich
dergleichen Empfindungen rechnen sollte.
    Ich schüttelte den Kopf gewaltig über das unverständliche schwärmerische
Gewäsch des Mädchens. Es war eben zu selbiger Zeit jene für Teutschland so
wichtige Epoche der Empfindlichkeit eingetreten; das arme Julchen, die bei ihrer
Schwester der Obristlieutenantinn, bei welcher sie lebte, mehr Nachsicht fand
als bei mir, hatte schon angefangen ihren angebohrnen Hang zu solchen Dingen mit
der damaligen Modelektüre auf eine Art zu nähren, welche mir bange für sie
machte, und ich hätte aus Jucundens Reden bald urteilen sollen, sie müsse ihr
einige von ihren Büchern mitgeteilt, und sie mit ihren unerklärlichen
Empfindungen und ahndenden Gefühlen angesteckt haben. Ich gab Jucunden meine
Gedanken zu erkennen; sie seufzete und schwieg, und es vergieng wieder eine
lange Zeit, ohne dass ich eine Veränderung in den gewöhnlichen Erscheinungen
bemerkt haben sollte, nur davon ward ich nach und nach immer gewisser, dass
Jucunde Harolden nicht gleichgültig sei; was für äusserliche Merkmale ich hiervon
hatte, darüber könnte ich meinen Lesern verschiedene Bücher zum nachschlagen
nennen, in welcher sie die Symptomen einer angehenden Liebe deutlich auseinander
gesetzt finden werden, aber ich will mich bei diesen Dingen nicht aufhalten,
sondern zu wichtigern Begebenheiten übergehen, welche nicht allein mich, sondern
auch die ganze Gegend betrafen, in welcher wir lebten.
    Der Krieg, welcher in unserer Landschaft so grosse Verheerung anrichtete,
brach aus. Der Obristlieutenant musste zu seinem Regimente; seine Gemahlinn,
welche sich keinen Augenblick von ihm zu trennen wusste, begleitete ihn, und lies
ihre Kinder, einen Knaben und zwo Mädchen bei mir. Klaren wurde geraten, sich
auf ihre Güter zu begeben, und sie durch ihre Gegenwart vor dem Verderben zu
schützen, aber sie war zu schwach und furchtsam, einen so vernünftigen Entschluss
zu ergreifen. Ich und die Meinen, fanden unsere Sicherheit nicht länger in dem
geliebten Traussental, wir überliessen es dem General des in der Nähe liegenden
feindlichen Heers zur Wohnung, und giengen nach Hohenweiler, um bei unserm alten
Freund Harold, welcher jetzt durch die Unterstützung des edlen
Obristlieutenants, Amtmann daselbst war, Zuflucht zu suchen.
    Hätte Harold seinem Trieb zum Soldatenleben nachgeben wollen, er wär seinem
alten Gönner ins Feld gefolgt. Das Wort Krieg erregte alle seine Heldenentwürfe
in seinem Herzen, welche er ehemals, weil der ihm so verhasste Friede kein End
nehmen wollte, dem Studieren aufopferte; er hätte sichs gefallen lassen, wieder
von unten auf zu dienen, und sein Avancement von der Zeit, von seiner
Tapferkeit, und von dem vielsagenden Wörtlein von erwartet, welches er bisher
ganz vergessen hatte, und nun erst aus dem bürgerlichen Aktenstul hervorzusuchen
gesonnen war. Aber des Obristlieutenants Zureden, und Peninnens Bitten drangen
durch, beide waren froh ihrer verlassenen Familie einen braven und
entschlossenen Mann zurück zulassen, welcher derselben bei den bedenklichen
Aussichten, Schutz und Zuflucht sein könne, und Harold fand in seinem eigenen
Herzen etwas, das ihn in dieser Betrachtung zum Bleiben bewegte; Jucunde war ja
in dieser Gegend, und ihrentwegen konnten ja auch wir andern wohl auf seinen
Beistand rechnen.
 
                          Ein und dreissigstes Kapitel
                 Man flieht in Reutlingens unterirdischen Gang
Die Ruhe, welche wir in Hohenweiler zu finden geglaubt hatten, dauerte nicht
lange. Derjenige Teil der feindlichen Truppen, welcher im ganzen Lande wegen
seiner zwecklosen Grausamkeit verschrieen war, nahte sich unserer Gegend. Herr
Harold, ehemals selbst ein Kriegsmann, hatte immer Mut und Klugheit genug
gehabt, denen durchmarschierenden Truppen so zu begegnen, dass der ganze Kreis,
welcher unter seiner Aufsicht stand, wenig Ueberlast empfand, und die Einwohner
von Hohenweiler konnten sich rühmen, in Vergleichung mit ihren Nachbarn, kaum
die Schrecknisse des Kriegs zu kennen; aber sie für dem Feinde der sich uns
nunmehr näherte zu schützen, dazu war weder Mut noch Klugheit hinlänglich. Wir
konnten jeden Abend von unsern Türmen aufgehende Feuer erblicken, Vorboten
desjenigen, was uns bevorstand.
    Der Feind rückte ein. Hohenweiler ward mit einer unerschwinglichen, der
Grösse des Orts gar nicht angemessenen Brandschatzung belegt. Julchen war die
erste, welche ihren ganzen Reichtum, der durch die Freigebigkeit des
Obristlieutenants ihres Schwagers, nicht ganz unbeträchtlich war, zur Rettung
der armen Einwohner von Hohenweiler anbot. Ich opferte alles auf, was ich an
Schmuck und Silberzeug besass, Jucunde und Klare taten auch das Ihrige, und Herr
Harold, so sehr er über die Ungerechtigkeit, unschuldige Weiber zu berauben,
murrte, sah doch, dass es so sein musste, und vermehrte unsere Kollekte mit allem
was im Hohenweilerschen Keller gefunden worden war, und was die Obrigkeit, ihm
als dem Finder auf des Obristlieutenants Anregen ehemals zugesprochen hatte. Wir
brachten ein ganz artiges Sümmchen zusammen, und es liess sich hoffen, der Feind
würde, wenn er gleich baares Geld erblickte, sich zur Nachsicht bewegen lassen.
    Aber leider reichte unser Zusammengebrachtes noch nicht ganz an die Hälfte
der Forderung, und die Hälfte musste schlechterdings ganz geliefert werden, wenn
man auf vierzehntägige Nachsicht hoffen wollte. - Herr Harold wandte sich an die
Vornehmste des Orts, er stellte ihnen vor, was wir getan hatten, die wir
eigentlich gar nicht mehr nach Hohenweiler gehörten, und ermahnte sie zu einer
ergiebigen Beisteuer; die meisten von ihnen wollten die Last auf die ärmern
Einwohner wälzen, die Harold nicht zu drücken gedachte, wandten gewisse
Vorrechte und Freiheiten vor, und nur einige von ihnen liessen sich bewegen ihre
Sicherheit mit einigen entbehrlichen Kostbarkeiten zu erkaufen. Harolds letzte
Zuflucht war nur noch der Pfarrer, er war ein bekanntlich reicher Mann, noch
eben derselbe, welcher nebst seiner Frau schon in den vorhergehenden Blättern
erwehnt worden ist, aber die Antwort, welche Harold erhielt, lies sich erraten.
    Die Frau Pfarrerinn, welche allein gegenwärtig war, erwies, dass ein
Geistlicher bei solchen Gelegenheiten nichts zu zahlen schuldig sei, als ein
kleines Kontingent, welches ihr Mann ja bereits erlegt habe; über dieses
versicherte sie, sie wisse aus guter Hand, der Feind würde, wenn es aufs
äusserste kommen sollte, doch nichts weiter tun, als das alte Schloss bloss zum
Schrecken hinwegbrennen, und sie sähe nicht ein, was sie und ihr Mann für
Verbindlichkeit hätten, anderer Leute Sicherheit mit ihrem Gelde zu erkaufen.
    Herr Harold kehrte ihr verächtlich den Rücken, und brachte uns ängstlich
Harrenden, die Schreckenspost nach Hause, dass alles verloren sei. Wir machten
Anstalt unsere besten Sachen in den Keller zu räumen, aber wir wurden übereilt,
und Herr Harold welcher besorgt war, irgend ein unheilig Auge möchte an
Jucundens Schönheit hangen bleiben, eilte nur sie und uns in den Keller zu
bringen, welcher in Ritter Reutlingens unterirdischen Gang führte, den er hatte
stützen und bis zu dem Ausgang auf das Feld räumen lassen, so dass wir hoffen
konnten, in demselben ohne alle Gefahr zu sein, und im höchsten Notfall doch
den Weg zur Flucht offen zu haben.
    Wer vermag die Angst zu schildern, in welcher wir uns an diesem
schauerlichen Orte befanden! Herr Harold hatte uns augenblicklich verlassen
müssen, und kaum Zeit übrig behalten, die eisernen Riegel hinter uns
zuzuschieben, und die Schlösser vorzulegen.
    Die Einbildung vergrösserte die Gefahr, in welcher wir uns befanden. Wir
glaubten bald wütendes Mordgeschrei, bald knisternde Flammen und einstürzende
Bälke über uns zu hören. Jucunde zitterte für Harolden, und gab durch ihr ganzes
Betragen zu erkennen, dass jene dunkeln unerklärlichen Gefühle, von welchen sie
ehemals mit mir sprach, nur gar zu bald in Liebe ausgeartet waren; sie war die
letzte, die sich entschloss, auf Julchens Antrieb, tiefer hinab, in Ritter
Reutlingens Gewölbe zu steigen. Sie wähnte weiter oben, demjenigen, den sie in
Gefahr glaubte, näher zu sein, und nur die Vorstellung, dass sie ihm mit ihrer
nahen oder fernern Gegenwart doch nicht zu helfen vermöchte, bewegte sie, uns
endlich zu folgen.
    Wir stiegen hinab, aber ob wir gleich überzeugt waren, dass wir uns hier für
Feuer und für Ueberfall gleich sicher befänden, so wollten doch unsere Herzen
nicht anfangen, ruhiger zu schlagen. Der Ort war würklich nicht darnach, uns
ruhige Empfindungen einzuflössen, zu den Schrecknissen, welche ihm schon zu
jenen Zeiten, nicht fehlten, da ich ihn kennen lernte, kam auch noch jetzt seine
Baufälligkeit; Katarines hatte ihn fürchterlich durchwühlt, die gesunkenen
Gewölber drohten überall den Einsturz, die hier und da angebrachten Stützen
schienen sich zu beugen, und der frische Schutt welcher uns an verschiedenen
Stellen aufsties, zeigte, dass wir vor dem Nachsinken nicht sicher wären.
    Der beste Rat für uns war den Ausgang zu suchen, welcher uns aufs Feld
führte, und uns nahe bei demselben aufzuhalten. Wir machten uns auf den Weg, und
Julchen, welche ehedem diesen Ort mehrmals durchwandert hatte, bot sich zur
Führerinn an; aber wie sollten wir uns in den verschlungenen Gängen zurecht
finden? Harold hatte vergessen uns die Gegend des Ausgangs zu bezeichnen, und
wir mussten uns endlich entschliessen, wieder zurück zu kehren.
    Wir fanden in der zweiten Vertiefung der Gruft nicht weit von der Stelle, wo
ich Julchen ehemals ohnmächtig fand, die ich meine Begleiterinnen schon beim
ersten Vorübergehen hatte bemerken lassen, einen Platz, wo die Gewölber fester
zu schein schienen. Wir waren ermüdet, und entschlossen uns, auf etlichen
hinabgehenden Stufen niederzusetzen.
    Was hilft es uns endlich, meine Kinder, sagte ich, uns durch fruchtlose
Angst abzumatten; unser Schicksal ruht in einer Hand, die uns zu retten weis,
die vielleicht in dieser Stunde, welche so finster und schreckensvoll für uns
ist, die Anlage zu unserm Glück macht. Wir wollen die Augen vor der Gegenwart
und der Zukunft verschliessen, und in die Vergangenheit zurückgehen, ob wir in
derselben vielleicht Trost und Erleichterung finden können.
    O meine Mutter, rief Julchen, Klare und Jucunde haben die schöne Geschichte
vom Ritter Franzen und seiner frommen Gemahlinn noch nicht gehört, mich dünkt,
sie sollte sich in diesen Gewölbern, welche so manche von denen in derselben
vorkommenden Auftritten gesehen haben, gut erzählen lassen!
    Ich war nicht aufgelegt zu einer ordentlichen Erzehlung, aber wir gerieten
unvermerkt in ein tiefes Gespräch über einige Umstände dieses Märchens, über
seinen Einfluss in die Geschichte meines Hauses, über Hannchens Tod, Julchens
nächtliche Wallfart in dieses Gewölbe, den gefundenen kleinen Schatz, und eine
Menge Dinge welche mit diesen Begebenheiten in Verbindung standen, und ich war
eben im Begriff, einige mir sehr tröstlichen Lehren aus dem Ganzen zu ziehen,
als Klare auf einmal aufsprang, und mit wildem Blick die Stelle am Gewölbe wo
sie gesessen hatte anstarrte. Was sehe ich, schrie sie, Spuren? Spuren von Blut?
- Vielleicht ist hier die Stelle! - Gott ich bin ausser mir!
    Wir betrachteten alle den Ort, den sie uns bezeichnete, und verschiedene
Merkmale machten es nur gar zu gewiss, dass auf diesem Flecke der unglückliche
Katarines sich das Leben genommen hatte.
    Mit bleichen von Schrecken verlängerten Gesichtern starrten wir uns an;
unsere Haare sträubten sich empor; die fürchterliche Scene an welche wir noch
gar nicht gedacht hatten, mahlte sich sichtbar vor unsern Augen. Ein kalter
Schauer goss sich durch unsere Gebeine, und ein schreckliches Gellen sausste in
unsern Ohren. Die jungen Mädchen nahmen die Flucht in den obern Keller, als ob
Geister sie verfolgten, und ich folgte, etwas weniger erschrocken, aber
vielleicht noch tiefer als sie von dem Andenken dieses Unglücklichen verwundet,
der hier sein Leben endete, langsam nach.
    Atemlos langten wir in dem obersten Gewölbe an, wir hatten noch nicht Luft
genug geschöpft, um zu Worten kommen zu können, als wir ein Geräusch an der
Kellertür hörten, welches beinahe gemacht hätte, dass wir an den fürchterlichen
Ort zurückgeflohen wären, von welchem wir herkamen.
 
                          Zwei und dreissigstes Kapitel
                                   Wiedersehn
Die Schlösser wurden eröffnet, die Riegel hinweggezogen, die Tür sprang
kreischend auf; es war zu spät zu entfliehen; und wofür hätten wir auch fliehen
sollen? Der Ausruf: Friede, Friede, welcher aus Herrn Harolds Munde tönte, war
schon im Stande, uns alle Furcht zu benehmen. Er war der erste von den
Herabsteigenden, ihm folgten drei Offiziers, deren Uniform uns zeigte, dass wir
in Freundes Händen waren.
    Madam Haller, redete mich Herr Harold an, welcher noch immer an der Spitze
der Ankommenden stand, ich hoffe, sie werden meinen Friedensgruss nicht zu weit
ausdehnen; rund um uns her ist noch alles Krieg, aber diese Helden hier, haben
unserm geliebten Hohenweiler einen Interimsfrieden gebracht. Die Pechkränze
waren schon in allen Winkeln aufgehängt, die Fackel zu unserm Verderben war
schon angezündet, da kam das Gerücht von unsern anrückenden Freunden; unsere
Widersacher fühlten sich zu schwach, und stahlen sich auf der Nordseite davon,
als unsere Retter von Süden her, anmarschirt kamen. Das Geschäft sie nach Würden
zu bewillkommen, raubte mir bis jetzt die Zeit, Rapport in den Keller von dem
Zustand der Sachen abzustatten. Diese Herren hörten nicht sobald, dass hier die
Rede von gefangenen Damen sei, als sie sich erboten, mich zu begleiten, und
selbst Hand an ihre Befreiung zu legen.
    Zweierlei war mir noch ausser der Ueberraschung bei der ganzen Sache, in
Harolds Rede bedenklich; der ganz ungewöhnlich muntere Ton derselben, und das
geflissentliche Bestreben während derselben, sich stets so zu drehen, dass das
schwache Licht der Leuchten, die wir bei uns hatten, und der düstre Schein der
vom Gewölbe herabhangenden Lampe nicht auf diejenigen fiel, welche ihm folgten.
    O so entziehen sie uns doch nicht länger den Anblick unserer Befreiten, rief
einer von den hinter ihm stehenden Offiziers, indem er ihn bei den Schultern
fasste und auf die Seite drehte.
    Madam, sagte Harold und fasste den andern bei der Hand, hier sehen sie den
tapfern Anführer unsrer Retter, den Herrn Rittmeister von - O schweigen sie rief
der Rittmeister mit einer bekannten Stimme, rauben sie mir das Vergnügen nicht,
ungenennt von Madam Haller erkennt zu sein.
    Er nahte sich mir, fasste meine Hand, drückte sie an seinen Mund, blickte
mich an, und fragte mit einer Träne im Auge: Kennen sie mich nicht? kennen sie
ihren -
    Vielleicht hätte ich seine Frage mit ja beantworten können, wenn ich Zeit
gehabt hätte, mich zu besinnen, und nicht durch einen lauten Schrei, den Klara
aussties, auf einen andern von den Ankommenden aufmerksam gemacht worden wär.
    O Haller, mein geliebter Haller, rief Klare aus, und sank fast ohnmächtig in
die Arme des ältesten von Harolds Begleitern. Dieser Ausruf und ein fest auf ihn
gerichteter Blick liess mich in einem Nun erkennen, wen ich vor mir hatte. Ich
riss mich von der Hand des Rittmeisters los, und stürzte mich auf den, welcher
Klaren umfasst hielt, ohne etwas anders als den Namen Samuel aussprechen zu
können.
    Samuel riss sich aus Klarens Armen, und warf sich in die meinigen, wir
blieben lange, unvermögend ein Wort zu sprechen, in dieser Stellung, und nichts
hätte meine ihn fest umschliessenden Hände von ihm losmachen können, als eine
Stimme, welche mir auf der andern Seite zutönte. Haben sie denn nur einen Sohn?
ward ich mit einem Accente gefragt, der mein Herz durchbohrte. Ich wandte mich
um, ein Jüngling lag zu meinen Füssen, den ich augenblicks erkannte und mit Namen
genennt haben würde, wenn Jucunde mir nicht zuvorgekommen wär, welche ihre Arme
um seinen Hals schlug, und den Namen Albert zehnmal in einem Atem wiederholte.
    Das ist zu viel, zu viel Freude auf einmal! rief ich mit einer von Tränen
gehemmten Stimme, riss mich von Alberten, den ich jetzt fest umfasst hielt, los,
um Samueln an meine Brust zu drücken, und sties diesen von mir, um wieder auf
jenen zuzueilen. Julchen, Klare und Jucunde spielten fast die nehmliche Rolle.
Die Worte: Sohn! Mutter! Bruder! Geliebte! Schwester! ertönten von allen Seiten,
und waren lange Zeit der einige vernehmliche Laut, den jedes unter uns
auszusprechen vermochte.
    Der arme Rittmeister, welcher mich zuerst bewillkommte, und ein so gutes
Zutrauen auf mein Gedächtnis hatte, dass es mir seinen Namen melden würde, ging
allein leer aus; ich hatte ihn ganz vergessen. Lieber Gott, wo hätte ich
Gedanken für ihn hernehmen wollen! ich hatte ja Samuelen, hatte Alberten wieder,
sah und hörte nichts ausser ihnen, hätte über sie mich selbst und die halbe Welt
vergessen können!
    Herr Rittmeister, rief Herr Harold endlich, wir sind hier im schlechten
Ansehen; Küsse und Umarmung ohne Zahl werden hier ausgeteilt, und an uns denkt
niemand. Wir wollen diese Trunkenen allein lassen, sie werden uns wohl folgen,
wenn der Rausch vorüber ist.
    Ich ermannte mich auf diese Erinnerung ein wenig, entschuldigte mich bei dem
Rittmeister, hatte aber nicht so viel Nachdenken, mich nach seinem Namen zu
erkundigen, sondern wandte mich geschwind wieder zu meinen Söhnen, um Fragen an
sie zu tun, welche zu schnell hinter einander herströmten, und in welche sich
die Stimmen der drei Mädchen zu sehr mischten, als dass sie hätten verstanden und
beantwortet werden können. -
    Wie lange diese Scene dauerte, weis der Himmel, auch ist mir unbekannt, ob
wir selbst, oder ob die Ungeduld unserer beiden Zuschauer ihr endlich ein Ende
machte. - Ich war berauscht, war betäubt, der Kopf schwindelte mir, ich glaubte
zu träumen, und das erste wessen ich mich nach dieser stürmischen Scene deutlich
erinnerte, ist dass ich mich auf einmal in meinem Zimmer befand, auf den Knien
lag, und meine gefaltene Hände, auf welche mein Kopf herabgesunken war, mit
meinen Tränen badete. Wir hatten den ersten Schauplatz meines Glücks verlassen,
ohne dass ich es in den Gedanken, die mich so sehr beschäftigten, gewahr geworden
war.
    Die Stellung, in der ich mich befand, bewies, dass ich die Einsamkeit gesucht
hatte, um Gott für mein unaussprechliches Glück zu danken, aber die Besonnenheit
fehlte mir, ich konnte nicht danken, ich stand auf, und eilte in das Zimmer, wo
ich die Stimmen meiner Kinder hörte.
    Samuel kam mir entgegen, er führte mich an ein Fenster und eine halbstündige
gelassene Unterredung brachte mich völlig zu mir selber. Albert schob sich in
die Stelle seines Bruders ein. Wir setzten uns bald darauf zur Tafel, und ich
fieng nun erst an, alles Glück des heutigen Tages ruhig und in vollem Umfang zu
geniessen. - Himmel! gerettet, aus so grosser Gefahr gerettet zu sein; zween
Söhne wieder zu finden, welche ich so lange Jahre hatte entbehren müssen, sie in
solchem Stande, sie als meine Retter wieder zu sehen! Nein, bei Gott, dies war
zu viel, um ganz empfunden, und doch mit Fassung ertragen zu werden!
 
                          Drei und dreissigstes Kapitel
                   Neu entstandene und wieder erneuerte Liebe
Wir sassen bei der Tafel, ich zwischen meinen Söhnen, der unbekannte Rittmeister
mir gegen über, zwischen Julchen und Jucunden, Klare bei Samuel und Harold neben
der, bei welcher er nie zu sitzen versäumte. Unser Gespräch war ruhig und
interessant; die Rettung des heutigen Tages, war der Hauptinhalt desselben, da
fuhr Julchen plötzlich auf, ach Gott! schrie sie, über all der Freude habe ich
meine Kinder vergessen!
    Ein sechszehnjähriges Mädchen so reden hören, und sie denn mit der Angst
einer wahren Mutter aus dem Zimmer eilen sehen, musste den Neuangekommenen
auffallend sein. Ich erklärte der Gesellschaft das Rätsel. Peninnens Kinder
nebst dem kleinen Ludwig waren zu der Zeit, als Herr Harold uns so schnell in
den Keller verschloss, mit ihren Wärterinnen bei einer unserer Freundinnen, die
wir noch in Hohenweiler hatten; es war unmöglich, sie zu uns holen zu lassen,
und die Ungewissheit, wie es ihnen ergehen würde, war kein geringer Teil unserer
Unruhe in jenen Angststunden gewesen, da wir das ärgste befürchteten.
    Die Freude über meine wiedergefundenen Söhne hatte mir wahrhaftig auch das
Andenken an die lieben Kleinen geraubt, und Julchen war die erste, welche sich
ihrer erinnerte. Ich war mit meiner Erzehlung, in welcher ich aber nur aus
gewissen Ursachen Peninnens Kinder erwähnte, und des kleinen Ludwigs nicht
gedachte, noch nicht zu Ende, als Julchen wieder erschien, und den kleinen
Wilteck mit sich brachte. Sie rapportirte, die Kleinen wären wieder im Hause,
und hätten bereits geschlafen, aber Ludwig habe, als er sie erblickt hätte,
nicht ablassen wollen, bis sie ihn mit sich genommen habe. Sie verneigte sich
hierauf gegen den Rittmeister, und bat um Erlaubnis, den Knaben neben ihn setzen
zu dürfen, und erst nach ihm Platz zu nehmen.
    Ludwig war ein Engel von einem Kinde, schön wie seine Mutter, und so fromm
und wohlgezogen als ihn nur das sanfte Julchen hatte bilden können; für sein
Alter wusste er schon diejenigen, die sich mit ihm abgaben, ziemlich zu
unterhalten, und er blieb dem Rittmeister, welcher kein Auge von ihm verwandte,
und sich auf tausenderlei Art mit ihm beschäftigte, keine Antwort schuldig; ich
weis nicht, wie es kam, dass der Rittmeister unter allen möglichen Fragen, welche
man an Kinder tut, auf diejenige zuletzt kam, welche immer zuerst gebraucht
wird diesen Kleinen die Zunge zu lösen.
    Wie heissest du, mein Engel, fragte er seinen kleinen Nachbar. Ludwig von
Wilteck, erwiederte er, und das - auf Julchen zeigend, ist meine Mutter. -
Ludwig von Wilteck? schrie der Rittmeister, und riss den Kleinen auf seinen
Schoos, Ludwig von Wilteck? o komm an meinen Busen mein Sohn. Und dieses ist
deine Mutter? O teure liebenswürdige Pflegerinn meines Kindes, ich muss, ich muss
sie umarmen, verzeihen sie meine Kühnheit, ich bin, ich bin ja der Vater ihres
Zöglings. Er hatte Julchen gleichfalls zu sich gezogen und sie an seine Brust
gedrückt. Sie machte sich beschämt und beleidigt los, entfernte sich, und
stellte sich mit glühendem Gesicht hinter meinen Stuhl. Ich begriff von allen
diesen Dingen nichts, aber der Rittmeister lies mir keine Zeit zum Nachdenken,
er sprang von seinem Stuhl auf, eilte mit dem kleinen Ludwig in seinen Armen auf
mich zu, und machte mir eben die Liebkosungen, welche Julchen so übel
aufgenommen hatte. O Mutter! Mutter! schrie er, kennen sie mich, kennen sie den
Gemahl ihrer Tochter nicht mehr?
    Wer kann die Empfindungen beschreiben, mit welchen ich die beiden Ludwige
zugleich in meine Arme schloss. Den Gemahl, den Sohn meines verewigten Hannchens!
- O Mutterfreuden! keine Entzückungen der Erde sind euch zu vergleichen!
    Der Rittmeister hatte wohlgetan, dass er es bis hieher verschoben hatte,
sich zu offenbaren; in dem ersten Rausch der Freude über Samuel und Albert,
würde seine Name nur schwachen Eindruck auf mich gemacht haben, aber jetzt war
mein Herz freier, es hatte sich nun schon an den Gedanken gewöhnt, meine
Verlornen wieder zu besitzen, es hatte Raum auch für andere Freuden, und die
Gegenwart dieses Mannes, welcher mir um Hannchens willen so teuer sein musste,
war kein geringer Zuwachs meiner Glückseligkeit.
    Immer hatte ich ihn geliebt; die Geschichte mit Hannchen warf zwar einen
Schatten auf meine Neigung für ihn, aber wie ungerecht hätte ich sein müssen,
wenn ich ihn wegen des Unglücks dieser Unschuldigen hätte anklagen wollen! er
war sowohl verführt worden als sie, er hatte sie allen Kabalen zum Trotz bis in
den Tod geliebt, hatte getan was in seinem Vermögen war, um ihre letzten
Stunden zu erheitern, und - war der Vater meines Enkels; nur er konnte diesem
verlassenen Kinde, das Glück verschaffen, und den Namen bestättigen, der ihm
zukam; wie froh musste ich also sein ihn wieder zu sehen, ihn ganz so zu sehen,
wie ich wünschte.
    Der Rittmeister war ausser sich. Seinen Sohn wieder zu finden, ihn in meinen
Händen, ihn so wieder zu finden, wie er war, das war ein Glück das er nicht
hatte vermuten können. Er hatte ihn in den Händen der ehrlosen Katarines
gelassen; sie hatte nicht für gut gehalten, ihn zu benachrichtigen, dass ich ihn
ihr abgefordert hatte, sondern ihn lange mit lügenhaften Nachrichten getäuscht,
um die Summen, die zu des Kindes Unterhalt bestimmt waren, für sich ziehen zu
können. - Der Rittmeister war durch den Dienst nach und nach zu weit von seinem
Vaterlande entfernt worden, um den Grund oder Ungrund ihrer Nachrichten
untersuchen zu können. Es hatte ihm, wie er sagte, am Mut gefehlt, sich an mich
zu wenden, und mir die Sorge für ein Kind aufzutragen, dessen Dasein, wie er
meinte, mir vielleicht nicht einmal bekannt war.
    Er würde unser? Gegend in dem festen Wahn betreten haben, seinen Sohn noch
in den Händen seiner ersten Pflegerinn zu finden, wenn ihm nicht ein Zufall
denselben benommen, und ihn in die schrecklichste Ungewissheit wegen des
Schicksals seines Kindes gestürzt hätte.
    Madam Katarines hatte, wie man weis, nach dem traurigen Ende ihres Mannes,
Hohenweiler heimlich verlassen. So wohl sie sich bedacht hatte, um für Mangel
sicher zu sein, so war sie doch - wie sie vorgab, durch den Krieg - so
herabgekommen, dass der Rittmeister sie in Böhmen, bei einem feindlichen
Regimente, in dessen Hand er als Kriegsgefangener geraten war, als
Marquetenderinn, angetroffen hatte. Seine erste Frage war nach seinem Sohne, und
dieses Weib, welcher es nie an wahrscheinlichen Erdichtungen fehlte, hatte ihm
eine lange Geschichte vorgelogen, nach welcher er seinen Ludwig in den Händen
von Zigeunern vermuten musste, welche ihr ihn, wie die Boshafte vorgab, bei
einer einsamen Reise durch den Böhmerwald geraubt hatten.
    Wie musste dem Rittmeister zu Mute sein, als er so unvermutet von dem
Ungrund dieser Erzehlung und aller Sorgen, die er sich um seinen Ludwig gemacht
hatte, überzeugt wurde! Welche Ueberraschung, ihn wieder zu finden, ihn so
wieder zu finden, wie er war.
    Die halbe Nacht verstrich unter Gesprächen, welche von diesen Dingen
veranlasst wurden. Der Rittmeister wollte seinen Sohn nicht aus den Armen lassen,
und Julchen musste ihm endlich den Kleinen, welcher zu jung war um alles was um
ihn vorgieng ganz zu fassen, und der unter den Erzählungen seines Vaters endlich
auf seinem Schoss einschlummerte, mit Gewalt entreissen; Sie behauptete, es
würde dem Kinde schaden, länger der Nachtluft ausgesetzt zu sein, und führte ihn
zu Bette. - Der Rittmeister sah ihr mit Entzücken nach, und geriet in ein
tiefes Nachdenken, aus welchem ihn erst ihre Wiederkunft ein wenig ermunterte.
    Es war weit nach Mitternacht, als wir erst aus Scheiden gedachten. Der
Becher der Freude war frisch unter uns herumgegangen. Die alte, jetzt aus der
Mode gekommene, löbliche Sitte, den Namen seiner Freunde beim Trinken zu nennen,
war noch bei uns eingeführt. Wir tranken eines auf des andern Wohlergehen, und
Albert, welcher bei Harolden sass, und besonders wohl mit ihm dran zu sein
schien, ergriff, als Jedermann des braven Amtmanns von Hohenweiler Gesundheit
trank, sein Glas, schüttelte Harolds Hand, und rief: nun Bruder Ferdinand, es
gehe dir wohl!
    Ferdinand? rief Jucunde, und setzte ihr zum Trinken gefasstes Glas wieder
nieder.
    O Schwätzer! erwiederte Harold, war das unsere Abrede?
    Ferdinand! Ferdinand! fuhr Jucunde mit zusammengeschlagenen Händen fort,
mein Warner! mein Schutzengel! was würde ich ohne ihn jetzt sein! O Himmel, wo
hatte ich diese Zeit über meine Augen, um ihn nicht zu erkennen!
    Aller Augen wandten sich auf Jucunden, Harold ergriff ihre Hand, drückte sie
fest an seine Brust, und sah ihr mit einem Blick ins Auge, als wollte er fragen:
Ists möglich, dass diese kalte Seele Gefühl hat? - Jucunde merkte, dass sie zu
viel gesagt, zu feurig gesprochen hatte; sie wand ihre Hand aus Harolds Händen
los, sah beschämt vor sich nieder, und ein paar Tränen fielen aus ihren Augen.
    Albert und Harold wurden von allen Seiten mit Fragen bestürmt, und ihre
Antworten zeigten, dass der wackere Amtmann von Hohenweiler kein anderer war, als
jener Ferdinand, welcher Jucundens Ehre im Tiergarten zu Berlin so herzhaft
verteidigte, der Alberten, nach dem darauf erfolgten Zweikampfe, davon half,
und sein kleines Vermögen beim Abschied mit ihm teilte; welcher Jucunden so oft
vor ihrer ehrlosen Gesellschafterinn warnte, und einigemal ihr tätlich aus
Verlegenheiten half, in welchen sie, ohne seine Hülfe, ihren Untergang hätte
finden können.
    Albert hatte ihn, als er nach Hohenweiler kam, auf den ersten Blick gekannt,
sie hatten die alte Freundschaft erneuert. Harold hatte ihm offenherzig seine
Absichten auf Jucunden entdeckt, die er jetzt gegen sie und uns alle bekannte,
und beide waren einig geworden, den Namen Ferdinand nicht eher zu nennen, bis
alle Hoffnung verschwunden wär, dass Jucunde endlich sich auf das Gesicht ihres
alten Freundes besinnen würde.
    Wie konnte ich das? rief Jucunde, mein Schutzgeist kam mir allemal zu
schnell aus den Augen, als dass ich eine feste Idee hätte von ihm fassen können,
selbst der Name Ferdinand, den ich ihm gab, und der mir jetzt die Augen öffnet,
beruhte auf blossen Mutmassungen, das eine Mahl, da ich etwas länger dieses
Ferdinands Gegenwart genoss, ward ich durch die Maske, welche er trug, und das
anderemal durch seine Kleidung, durch die Bestürzung in der er mich fand, und
durch die Nacht verhindert, ihn so deutlich zu sehen, dass ich mich seiner nach
Jahren wieder erinnern könnte. Aber seine Stimme, o Himmel, seine Stimme! was
für sonderbare unerklärliche Eindrücke machte sie auf mich! Meine Mutter weis,
was ich ihr hierüber gesagt habe, und ich kann es noch nicht begreifen, wie es
möglich war, dass es mir nicht bei dem ersten Laut derselben, den ich hörte,
einfiel, dass eben diese Stimme es war, welche jene mir ewig unvergesslichen Worte
aussprach, die mich damals so sehr beleidigten, und die mir doch, wie ich sicher
weis, in der Folge dienten, meinen Vorsatz, immer gut zu sein, nie zum Laster
abzuweichen, zu befestigen.
    Und was waren das für Worte, fragte Harold, indem er die Hand seiner
Beisitzerinn zärtlich an seine Lippen drückte.
    O Ferdinand, erwiederte Jucunde, es war hart, es war grausam, was sie mir
sagten; sie beschuldigten mich: »es müsse doch wohl ein geheimer Wohlgefalle an
dem Laster, das ich mich zu verabscheuen stellte, in meinem Herzen verborgen
sein.« Ich fühlte es, meine unverbesserliche Unbesonnenheit, schien diesen
Vorwurf zu verdienen, aber mein Stolz empörte sich. Ich hasste sie in diesem
Augenblick von ganzem Herzen, und gelobte mir es in der Stille an, ihnen zum
Trotz tugendhaft zu bleiben, und die Falschheit ihres Urteils von mir zu
beweisen; und ich denke ich habe mein Gelübde gehalten.
    Ja das haben sie, rief Harold, ich selbst kann es ihnen bezeugen, denn ob
ich ihnen gleich damals, als ich im Zorn von ihnen schied, versprach, mich
inskünftige nicht um ihre Handlungen zu bekümmern, so war mir es doch unmöglich,
mein Versprechen zu halten. Keiner ihrer Schritte blieb von mir unbeobachtet,
und alles was ich tun konnte, war, dass ich aufhörte sie zu warnen, aber ich
hatte dieses auch nicht mehr nötig; helfen hätte ich ihnen mögen, wenn ich
nicht zu arm dazu gewesen wäre. Wie beklagte ich sie, als ich erfuhr, dass sie
von allen betrogen und verlassen in Berlin zurück geblieben waren! wie
bewunderte ich sie, als ich endlich ihre kleine dunkle Wohnung auskundschaftete,
und zuweilen ein Augenzeuge von ihrem stillen arbeitsamen und kümmerlichen Leben
war. Sie müssen sich noch eines gewissen alten podagrischen Vetters erinnern,
welcher bei ihrer damahligen Wirtin, aus und eingieng, dieser angebliche
Vetter, dieser verkleidete Alte war ich, und sie konnten mich freilich nicht
erkennen, da sie allemal, wenn jemand erschien, der ihnen fremd war, sich gleich
in ihre Kammer zurück zogen.
    Als ich sie in der Folge auf einmal als Schauspielerinn zum Vorschein kommen
sah, da empörte sich mein Unwille von neuem wider sie. Nie hasste ich sie
herzlicher, als wenn sie sich unter allgemeinem Beifall am vorteilhaftesten
zeigten, und ich leugne es nicht, dass ich manche Kabale, welche ihre
Nebenbuhlerinnen machten, um sie vom Teater zu scheuchen, treulich
unterstützte, und oft, anstatt ihnen das Lob zu erteilen, das ihre Kunst
verdiente, meine Stimme mit dem Hohn ihrer Feinde vereinigte.
    Sie sollten, sie mussten, einen Stand verlassen, welcher, so untadelhaft sie
sich auch in demselben bezeugten, doch zu gefährlich für sie war, als dass ich
sie in demselben hätte dulden können. - Das Bestreben über ihre Tugend zu
wachen, zog mich nach und nach selbst von dem Wege des Lasters ab. Es kann ihnen
nichts neues sein, dass ich bei aller Strenge gegen sie, doch mir manche
Ausschweifungen erlaubte. Welcher Tugend kann sich ein Schläger und Spieler
rühmen? auch wissen sie wohl, dass sie mich ein paarmal an Orten gesehen haben,
an welchen sich ein tugendhafter Jüngling nie befinden sollte. Ihnen zu Liebe
legte ich tausend Fehler ab. Ich ward wieder fleissig, und vertiefte mich einmals
so sehr in ein mir aufgetragenes gerichtliches Geschäft, dass ich sie aus den
Augen verlor. Die Schauspielergesellschaft, bei welcher sie waren, hatte,
während ich einige Wochen von unserm bisherigen Aufentalt abwesend war, die
Stadt verlassen. Bisher war ich ihnen überall gefolgt, nun hatte ich ihre Spur
verloren. Ich erfuhr erst hintennach, dass sie in Wien gewesen waren, das Teater
heimlich verlassen hatten, und gegenwärtig bei ihren Eltern lebten.
    Ich jauchzte über diese Botschaft; ich suchte eine Stelle in dem Hause ihres
Vaters zu bekommen, um ihres Anblicks täglich geniessen zu können. Einer von
meinen Freunden rekommandirte mich dem Amtmann von Hohenweiler, als Schreiber.
Ich ging an den Ort ab, wo ich sie zu finden hoffte, und erstaunte, in
demjenigen, dem man mich empfohlen hatte, nicht ihren Vater, sondern den Herrn
Katarines zu sehen, welcher mir ganz unbekannt war. Ich hatte mich einmal
verbindlich gemacht, und ich musste bleiben. Zum Glück erfuhr ich, dass sie
gegenwärtig nebst ihren Eltern zu Traussental, also nur wenig Stunden von
Hohenweiler lebten. Bei dieser kleinen Entfernung konnte ich ja hoffen sie
zuweilen zu sehen; aber so süss mir auch diese Hoffnung war, so sehr täuschte sie
mich. Sie waren nirgends sichtbar als in der Kirche ihres Orts, und in dem Hause
ihrer Eltern war es unmöglich für einen Fremden, ohne ganz besondere Empfehlung
einen Zutritt zu erlangen. Ich kannte niemanden in der ganzen Gegend, welcher
Bekanntschaft mit dem Hallerschen Hause hatte, und ich musste mir also gefallen
lassen, um mein Leben nicht ganz freudenlos hinzubringen, alle Sonntage ein paar
Stunden weit zu reiten, um einen elenden Prediger zu hören und sie zu sehen.
    Wie lange ich dieses ausgehalten haben würde, weis ich nicht. Meine
Geschäfte, und mein Fleiss, welcher mich endlich zu dem erhabenen Posten von
Herrn Katarines Amtsverweser steigen liess, waren nur Pallietifkuren wider das
Andenken an sie; und die sonntäglichen Visiten, die ich Ihnen in der Kirche gab,
waren nicht mehr recht hinlänglich mich zu befriedigen; da führte das Glück
meinen ehemaligen Obristlieutenant, den Herrn von Sarnim herbei, durch ihn
erhielt ich Zutritt in ihrem Hause, konnte sie sehen so oft ich wollte, und
freute mich schon auf den Augenblick, wenn sie in mir den berlinischen Ferdinand
erkennen, und mir dadurch Gelegenheit zu einer Erklärung geben würden, nach der
ich mich so sehr sehnte, und welche ich jetzt ohne Bedenken getan haben würde,
da ich in einem Stande lebte, welcher mir erlaubte zu reden, und mir selbst
schon genugsame Beweise von meiner aufrichtigen Rückkehr zur Tugend gegeben
hatte, um Mut zu haben, meine Hand einem guten Mädchen anzubieten.
    Sie wissen, wie lange ich mich in meiner Erwartung betrogen habe, und hätte
Albert nicht meinen Namen vorhin von ohngefehr genannt, so besorge ich, wir
hätten zehn Jahre lang in einem Hause leben können, ohne dass sie in mir einen
alten Bekannten gesucht hätten.
    War denn der Name Ferdinand das einige, was ihnen von mir im Sinne blieb?
Zog keine geheime Sympatie sie zu dem Herzen hin, dass sie so sehr verehrte? - O
ihr Empfindler, ich werde euch in Zukunft doppelt hassen, da ihr mich mit einer
eurer schönsten Ideen, dem geheimen Einverständnis, für einander bestimmter
Seelen, so jämmerlich getäuscht habt.
    Mein Herz sagt mir, ich und Jucunde sind für einander geboren, meine ganze
Seele hängt an ihr, und sie? - - - fühlt nichts für mich, ihr Herz ist stumm,
flösst ihr keinen Gedanken, keine Vorstellung von den Dingen ein, die mir so
gewis sind.
 
                          Vier und dreissigstes Kapitel
   Ferdinand Harold bedankt sich für die gute Meinung seiner Schwiegermutter
Harold, erwiederte Jucunde, wenn ich Ihnen meine wahre Meinung offenherzig
gestehen soll - -
    Es ist spät, unterbrach ich meine Tochter, aus Furcht, sie möchte sich mit
einem Geständnis übereilen, das sie nach allen Regeln des Wohlstandes und
altväterlicher Sitte mir zuerst zu tun schuldig war. Es ist spät, und ich halte
es für besser, wenn wir jetzt zur Ruhe gehen, und Herr Harolden morgen mit
unsern Gesinnungen bekannt machen. Wir standen alle auf, und trennten uns nach
einem von allen Seiten zehenmal genommenen Abschied, nicht um zu schlafen,
sondern wachend über die Vorgänge dieses seltsamen Tages zu träumen.
    Der folgende Tag ward durch Herrn Harolds feierliche Anwerbung um Jukunden
merkwürdig gemacht. Es ging alles dabei so ordentlich und regelmässig zu, wie
ich es liebe. Ich hatte mit dem Mädchen schon vorher über die Sache gesprochen,
und ich versprach sie dem, der sie in aller Absicht so wohl verdiente. Es freute
mich doch, dass Jucunde vernünftig genug dachte, sich über die wenigen Reitze von
Herrn Harolds von der Sonne verbrannten Gesichts, und die Schmarren über Mund
und Wangen hinweg zu setzen, auch gefiel mir es, dass sie meinte, des Amtmanns
oft gar zu zwangloses Betragen, und seine sehr ungekünstelten Ausdrücke, liessen
sich schon bei seinem guten redlichen Herzen übersehen, und sie hoffte durch
Nachgeben und Gefälligkeit wohl mit ihm auszukommen.
    Mein Kind, sagte ich, du urteilst wie ein vernünftiges Frauenzimmer tun
muss, auch muss ich dir sagen, dass ich Ferdinanden in der Zeit, da ich ihn kenne,
so viel abgemerkt habe, dass er, ich weis nicht aus welcher närrischen Laune,
mehr Rauhigkeit und Härte affektirt, als ihm würklich eigen ist. Ich glaube, du
wirst diesen rohen Diamant schleifen können, dass seine ganze glänzende Seite zum
Vorschein kommt.
    O meine Mutter, erwiederte sie, wie sollte ich das! Meinen Mann bessern? ihn
vielleicht beherrschen? nein nimmermehr!
    Gut, gut meine Tochter, sprach ich, bleib bei dieser Meinung, wenn du
kannst, und solltest du in Zukunft anders denken, so übe die Gewalt, die du über
ihn hast, und die du gewiss nie misbrauchen wirst, nur allemal so aus, dass er es
nie gewahr wird, dass du das Regiment, welches ihm zukommt, mit ihm teilest.
    Der Krieg ist in meinen Augen nie die Zeit gewesen, Hochzeiten und
Freudenfeste anzustellen. Es ist sündlich zu jauchzen, wenn das ganze Land
trauert, auch hat man wenig Exempel, dass so etwas gut abläuft; dass ich daher
schlechterdings darauf bestand, Harolds und Jucundens Verbindung bis zum
geschlossenen Frieden aufzuschieben, lässt sich denken.
    Ein wenig Murren erfolgte denn wohl von dieser und jener Seite, aber ich war
Mutter, und wusste mein Ansehen zu behaupten.
    An einem von den folgenden Tagen, als wir des Abends beisammen sassen, und
von diesem und jenem sprachen, erinnerte ich meine Söhne, mir die Geschichte von
ihrem Aufentalt in Amerika, wie sie versprochen hatten, umständlich zu liefern.
Ich wusste noch von allen ihren Angelegenheiten wenig mehr, als dass sie Ehre und
Glück in diesen weit entfernten Gegenden fanden, dass sie das Kriegsschwerd in
die Scheide steckten, und ihr Vaterland mit sehr friedlichen Gedanken betraten.
    Aber welchem Helden, der einmal den Pfad des Ruhms betrat, schlägt das Herz
nicht höher empor, wenn er das, uns zaghaften Weibern so schreckliche Wort Krieg
nennen hört.
    Die beiden Brüder, fanden ihr Vaterland bei ihrer Wiederkunft, in den
Waffen. Das Schicksal führt sie dem Rittmeister von Wilteck entgegen;
Ueberredung und eigne Wahl brachte sie zum zweitenmal in die Uniform. Sie waren
beide bei ein paar heissen Expeditionen gegenwärtig. Ihre Tapferkeit zeichnete
sie vor allen andern aus, und verschafte ihnen die Stellen, welche sie
gegenwärtig besassen.
    Dieses war alles was ich von der Geschichte meiner Söhne wusste, selbst der
glückliche Zufall, der sie an jenem merkwürdigen Tage so unvermutet zu unserer
Rettung herbei führte, war mir noch nicht ganz klar, und ich erwartete eben die
vollständige Erzehlung aller dieser Dinge aus ihrem Munde; als ein unvermuteter
Lärm auf den Strassen sie von meiner Seite entfernte.
    Wie ein Donnerschlag tönte mir die Post in den Ohren; dass schleunige Ordre
gekommen sei, unsere Beschützer sollten noch in der nehmlichen Nacht Hohenweiler
verlassen, und zu ihrem Regimente stossen.
    Niemand war nach mir so traurig über diese Nachricht als Klare. Himmel, sie
sollte ihren Samuel so schnell wieder einbüssen, ihn, welcher den ersten
zärtlichen Auftritt im Keller ausgenommen, sich noch gar nicht so gegen sie
bezeugte, dass sie seiner Liebe gewiss sein konnte. Samuels Eigensinn und seine
überspannten Begriffe von Recht und Schicklichkeit, waren durch Erfahrung und
Weltkenntnis freilich ein wenig geändert, aber bei weitem nicht ganz getilgt
worden. Er liebte Klaren, aber der Gedanke, dass sie die Besitzerinn von den
Gütern war, welche seine Rechtschaffenheit Charlotten ehemals entzogen hatte,
würde ihn vielleicht ewig abgehalten haben, ihr seine Hand zu geben, wenn das
Glück sich nicht dazwischen gelegt, und Klaren wieder so arm gemacht hätte, als
sie ehedem war.
    Einige Tage vor der obenerwähnten Ordre zum Abmarsch, erhielt Klare Post,
dass die ganze Gegend, in welcher ihre Güter lagen, das traurigste Schicksal
erfahren hatte. Das Feuer und der wütende Feind hatte alles, was sie besass, so
von Grund aus verheert, dass ihr nichts mehr übrig war, als ein Haufen zu Grunde
gerichteter Bauern, und die Stelle, wo ehemals ein Dorf und ein Schloss stand.
    Seit diesem für Klaren so schrecklichen Tage liess sich eine grosse Aenderung
in Samuels Betragen merken. Seine Geflissenheit sie zu trösten artete in
Zärtlichkeit aus, und ich glaube, wenn es dem Feinde möglich gewesen wär, das
Andenken dieser verhassten Güter ganz von der Erde zu vertilgen, oder wenn irgend
jemand sein näheres Recht zu der Stelle, wo sie ehemals standen, zu erweisen
gewusst hätte, Samuel würde Klaren noch heute seine Hand angetragen haben.
    An dem Morgen, an welchem unsre Beschützer Hohenweiler verliessen, bemerkte
ich, dass Klare und Samuel ein langes heimliches Gespräch mit einander hielten,
dessen Inhalt ich vermutlich erst in der Zukunft erfahren werde.
    Bald nach dieser Trennung von unsern Geliebten, bekamen wir in Hohenweiler
so viel Luft, dass wir auf die Rückkehr nach Traussental denken konnten. Der
Krieg zog sich nach der Grenze hin, und das Gerücht von dem nahe bevorstehenden
Frieden, vermehrte sich von Tag zu Tage.
    Ein Brief von dem Rittmeister von Wilteck, den ich in den ersten Wochen
unsers Aufentalts, in unserer alten geliebten Wohnung erhielt, rechtfertigte
meine Mutmassungen, die ich gleich den ersten Abend, da er sich uns zu erkennen
gab, von einer angehende Liebe zu Julchen hegte. - In der Tat, Julchen durfte
sich nur zeigen um Eroberungen zu machen. Wenn sie auch nicht unter ihren
Schwestern die schönste heissen konnte, so war sie doch bei weitem die
liebenswürdigste. Die geringe Meinung die sie von ihren eigenen Reitzen hatte,
und die ich, so falsch sie auch war, nie bestreiten mochte, machte sie zu einem
doppelt interessanten Gegenstande. Ein Mädchen, die bei der schönsten Gestalt,
und den holdesten einnehmendsten Zügen, dem Abdruck ihres englischen Herzens,
nicht schön zu sein glaubt, wie unwiderstehlich reisst sie die Herzen zu sich!
Und ihr Charakter, so wie er sich hier und da in dieser Geschichte zeigte,
selbst ihr kleiner Hang zu romantischer Schwärmerei, der sich nicht durch
empfindelndes Wesen, sondern durch stille Grösse, und tausend gemeinen Seelen
unerreichbare Handlungen äussert, wie sehr musste alles dieses zusammengenommen,
einen Mann wie den Rittmeister fesseln. Er schrieb mir in den feurigsten
Ausdrücken, dass sie sein ganzes Herz erobert habe, dass sie allein ihm die Stelle
ihrer Schwester zu ersetzen vermöchte, und dass - doch, wer kann all das
übertriebene Geschwätz dieser jungen Leute nachschreiben.
    Wahr ist es, keine bessere Gattinn wüsste ich ihm, und keine bessere Mutter
dem kleinen Ludwig zu wünschen als mein Julchen, aber dieses Julchen hängt so
mit ganzer Seele an gewissen Chimären, welche sie bei dem Rittmeister nicht
realisirt finden wird, es schwebt ihr so ein überirdisches Bild männlicher
Vollkommenheit vor, das sie zu ihrem Sponsen erkohren hat, dass ich nicht weis,
wie sie sich zu einem irdischen Rittmeister wird herablassen können. - Ich will
sie noch ein paar Jahre so hingehen lassen, vielleicht dass sie es denn einsehen
lernt, dass sie einem Hirngespinnst nachstrebt, und vielleicht dass die
Vorstellung, ihres Lieblings des kleinen Ludwigs Mutter zu werden, und den
Gemahl ihrer verstorbenen Schwester glücklich zu machen, alsdenn etwas dazu
beiträgt, sie dahin zu lenken, wohin ich wünsche; Wunsch andere zu beglücken ist
ja die Hauptleidenschaft dieses guten Mädchens.
    Ihr das schlimme Ende recht anschaulich zu machen, welches alle die von
Romanen eingeflösste Grillen zu nehmen pflegen, hat sich leider vor kurzem ein
trauriges Beispiel in meiner eigenen Familie gezeigt. Ich habe erwehnt, was der
edle Obristlieutenant von Sarnim für Amalien und ihren Mann tat. Sie lebten auf
seinen Gütern ruhig und bequem, aber nicht glücklich; keines nahm sich des Amtes
an, das er ihnen aufgetragen hatte. Madam Feldner vertrieb sich die Zeit mit
Romanschreiben, und Herr Feldner lies es sich angelegen sein, dergleichen zu
spielen. Amaliens Liebe zu ihrem Manne ward mit Untreu belohnt und ihre Werke
wurden in der litterarischen Welt nicht so aufgenommen, als sie ihren Gedanken
nach verdienten. Der Gram über beides nagte an ihrem Leben, sie fiel in eine
Abzehrung, und es ist noch zweifelhaft, ob der Schrecken über ein neuentdecktes
Liebesverständniss ihres Mannes mit dem Gärtnermädchen, oder über eine an eben
dem Tage gelesene hämische Rezension eines ihrer Lieblingswerke, ihrem Leben ein
Ende machte.
    Sie war meine Tochter, ihr Ende ging mir nahe; aber freilich fühlte ich bei
der Nachricht von ihrem Tode bei weitem dasjenige nicht, wie ehemals bei
Hannchens Sterbebette. Indessen konnte ich doch diese gemässigte Traurigkeit, die
ich selbst fühlte, bei andern nicht vertragen. Herrn Feldners Brief, welcher mir
die Trauerpost brachte sprach so kühl und gelassen von seinem Verluste, dass ich
mit dem lebhaftesten Unwillen gegen ihn erfüllt ward, und Julchen das trostvolle
Schreiben zu lesen hinreichte. Ich bitte dich, sagte ich, erkennest du in dieser
Sprache wohl denjenigen, von welchem deine unglückliche Schwester tausendmal
versicherte, er sei der Einzige auf der Welt, den sie hätte lieben können, der
Inbegriff aller Vollkommenheit die sich bei einem Sterblichen denken liessen?
Mädchen! dass dir es nur nicht einmal mit deinen überirdischen Idealen auch so
ergeht! Doch du bist gut und folgsam, und wirst deiner Mutter trauen, die es aus
der Erfahrung weis, dass sich von allen eurem Romanenzeug nichts aufs wirkliche
Leben anwenden lässt.
    Es waren der Lehren noch mehr, welche ich Julchen gab, und ich habe Ursach
zu glauben, dass sie Eindruck machten.
    Mein Zorn über den nichtswürdigen Feldner ward in wenig Tagen noch durch die
Nachricht vergrössert, die ich von des Obristlieutenants Gütern erhielt. Feldner
hatte sich aus dem Staube gemacht, und alles in der grössten Unordnung
hinterlassen. Guter edler Sarnim, wie unglücklich bin ich, dass du, der Wohltäter
meiner Familie, durch die Unvernunft und Bosheit der Meinigen leiden musstest.
    Ich schüttete in einem Briefe an den Obristlieutenant mein ganzes Herz über
diesen Punkt aus, und seine Antwort war mir so tröstend als ich sie wünschen
konnte. »Habe nicht auch ich, schrieb er, unter denen Personen, welche ich,
wenigstens ehemals zu meiner Familie rechnete, mehr als fünfe die mich
beschimpfen, gegen einen der mir Ehre macht? Was ist Gabriele und ihr Mann?
welche nun durch gegenseite Untreue bald auf eben dem Punkte stehen werden, wo
ich vor einigen Jahren mit Josephen war? Was ist diese Josephe und ihre Mutter?
beide leben mit einander auf dem einsamen Gute, das ich ihnen angewiesen habe,
und machen sich, die eine durch fortgesetzte Lüderlichkeit, und die andere durch
den Trunk, zum Spott, aller die sie kennen. Der alte Wilteck und der sogenannte
Oberste haben das Land gar verlassen müssen, um den Nachstellungen der Obrigkeit
zu entgehen, und der einige, der mir also von diesem Hause noch überbleibt, um
mich über die andern zu trösten, ist der brave Rittmeister von Wilteck; welcher,
wenn das Glück und Schwester Julchen günstig ist, zum zweitenmal mein Schwager
werden soll.
    Ach Mutter, Mutter, was für Freuden stehen Ihnen bevor, wenn der Friede uns
wieder zu ihnen bringt! Ihre Söhne haben sich brav gehalten, man spricht von
grossen Avancements; ich soll nichts verraten, aber so viel weis ich, dass ich
mich auch vorhin gewaltig verschnappte, den künftigen Bräutigam unsers Julchens
noch Rittmeister zu nennen.«
    Ich teilte, wie ich gewohnt war, diesen Brief Herrn Walter und seiner Frau
mit, als sie kamen uns zu besuchen. Charlotte entdeckte am Rande eine Anmerkung
von Samuelen die Klaren betraf, und die ihr das Köpfgen ein wenig wirblich
machte. Das dich! über die verwünschte Misgunst! - Nun ich denke wohl, wenn
Klare ihr einmal aus den Augen sein wird, so wird sich alles das schon legen,
ich weis ja wie es mit Peninnen ging; wenn diese und Samuel nichts mehr von
sich hören lassen, so kann Herr Walter und seine Gattinn noch eins der
glücklichsten Ehepaare werden, die es auf dieser mangelhaften Welt gibt. Dass
Samuel so wie bisher sich hüten wird, seiner ehemaligen Geliebten vor die Augen
zu kommen, und den Gedanken an vergangene Zeiten zu erneuern, ist ausgemacht, er
denkt in diesem Stück so delicat wie Peninne, und Herr Walter kann seinetwegen
ruhig sein.
    Harold und Jucunde sehen dem Frieden und ihrer Verbindung mit Verlangen
entgegen, und wenn Julchen sich mit der Zeit einmal bequemt Frau von Wilteck, zu
werden, so bleibt mir nur der einige Albert noch übrig, in den Stand zu bringen,
den ich so vorzüglich finde, ungeachtet ich alle seine Leiden in ihrem ganzen
Umfange erfahren habe. Aber wo soll ich unter den Töchtern des Landes eine
antreffen, welche fähig wär, dieses flatterhafte Herz zu fesseln? O dieser
Albert, ein so warmer Bewunderer der weiblichen Schönheit, und doch so
unempfänglich für jeden festen Eindruck! - -
    Meine Kinder, euch widmete ich diese Blätter, euch hielt ich diesen Spiegel
vor, um euch zu zeigen, was ihr ehemals waret, was ihr zum Teil auch noch seid,
und was eure Mutter um euch gelitten hat. Glücklich bin ich, dass ich euch alle
auf einen Punkt gebracht habe, der mich wegen eures künftigen Schicksals ruhig
sein lässt, ich habe eure Geschichte bis auf den Augenblick, in welchem wir
leben, fortgesetzt; die Zukunft ist mit Dunkelheit umhüllt, doch dünkt mich,
meine Augen sind scharf genug, in derselben viel Gutes für euch und mich zu
erblicken. O Himmel für mich? erlaubt mir mein schwaches hinsinkendes Alter wohl
die Hoffnung, noch lange Zeuginn eures Glücks zu sein? - Wie die Vorsicht will!
Rückt mich der Tod unerwartet von eurer Seite, so gibts noch eine Welt, deren
Bewohner den Bürgern der Erde gewiss nicht so fern sind, als man glaubt. O der
Gedanke, euch unsichtbar zu umschweben, euch im stillen Mondstrahl zu
belauschen, wenn ihr in traulichen Gesprächen von mir, der Hingeschiedenen,
beisammen sitzt, und meinen letzten Willen, durch immer wachsende Liebe unter
euch zu erfüllen sucht, oder wenn eins unter euch, einsam wandelt, und an mich
und meine Lehren denkt, ihm meine Gegenwart durch ein leises Flüstern zu
verraten, dieser Gedanke, ob er gleich eher der kleinen Schwärmerinn Julchen,
als mir, einer Matrone aus der alten Welt ähnlich sieht, hat so viel
Entzückendes für mich, dass ich ihn nicht aufzugeben weis, dass ich ihn, er sei in
dem Auge des Denkers, was er wolle, beibehalten will, um mir den Gedanken an die
baldige, ach lange, lange Trennung von euch, ihr Lieben zu erleichtern.
 
    