
        
                                Marianne Ehrmann
                        Nina's Briefe an ihren Geliebten
                            Von der Verfasserinn der
                              Geschichte Amaliens
  Nodo piu forte
 Fabricato da noi é non dalla Sorte.
                                   Vorbericht
Mein Weibchen sagt, ich solle ihr eine Vorrede zu den Briefen schreiben, die ich
mit ihrer gütigen Erlaubnis hier dem Publikum vorlege. Nun ich will's gerne
tun, denn was tut man nicht einem lieben Weibchen zu Gefallen! Aber ich weis
in Wahrheit nicht, was ich schreiben soll.
    Soll ich meinen Lesern sagen, dass alle diese Briefe wirklich originell und
wahr sind? - Nun, dass möchte ich wohl, aber ich fürchte, man glaubt mir es
nicht; sollte ich nun noch vollends hinzusetzen, dass ich der Friz bin, an
welchen alle diese Briefe geschrieben sind, so würde man gar Zeter über meine
Eitelkeit schreien.
    Die Herren Kritiker mögen aber auch sagen, was sie wollen, es ist nun einmal
so! Die Verfasserinn dieser Briefe ist meine liebe Gattinn, und hat diese
Briefe, so wie sie hier stehen, an mich geschrieben! Lachen Sie nicht, meine
werteste Leser und Leserinnen, ich sage Ihnen die Wahrheit! -
    Es mag Ihnen freilich etwas sonderbar vorkommen, dass der Ehemann die Briefe
drukken lässt, die als Liebhaber von seiner nunmehrigen Gattin an ihn geschrieben
worden sind; die Sache bleibt aber an sich selbst doch ganz natürlich! -
    Ob diese Briefe wirklich auch für andre Leser den innern Wert besizzen, den
Sie für mich haben, das kann ich nicht entscheiden! Ich lese sie als Ehemann
noch mit den nämlichen Augen, mit welchen ich sie als Liebhaber las, und darum
glaube ich auch, dass sie dem Publikum gefallen werden, so wenig empfindelnd sie
auch sind.
    Was übrigens gewisse Herren Kunstrichter und Kritikaster dazu sprechen
werden, das soll mich und mein Weibchen wenig kümmern. Gefällt das Büchelchen,
nun so kann ihr Tadel ohnehin nichts schaden, und dass es gefallen werde, das
hoffe ich.
                                                                Der Herausgeber.
 
                                    I. Brief
                               Mein Wertester! -
Aber um Gotteswillen, was kann ich Ihnen in meiner Lage für Trost geben? Von
allen Seiten umringt, verfolgt von den Ihrigen, an der Ehre gekränkt, und dann
von einem Freund gequält, der mich besser kennen sollte Erfordert meine Lage
nicht mehr Vorsicht, als die Ihrige? Sie sind Mann, ich bin Weib. Mündlich will
ich Sie über alles beruhigen; aber schriftlich wage ich es bis izt noch nicht.
Sind Sie toll, dass Sie sich Menschen, (sie seien auch, wer sie wollen)
anvertrauen? Wie können Fremde von meiner Lage schwazzen, die nur Ihnen und mir
bekannt ist? - Hüten Sie sich, je wieder einem Ihrer Freunde Ihr Herz zu öffnen!
Diese Kalten verstehen weder Sie noch mich! Ich bin übrigens stolz auf meinen
Karakter; wer mich nicht kennen will, den kann ich nicht bei den Haaren zur
guten Beurteilung hinreissen! Ich wünschte, dass Sie männlicher dächten, und das
für unumstösslich gut hielten, wovon Sie überzeugt sind, dass es wirklich gut ist.
Sie wanken ja wie ein armer Verrükter in Ihren Affekten hin und her. Mündlich
sollen Sie Saz für Saz aus Ihren Briefen beantwortet bekommen. Könnten Sie wohl,
wenn es anfängt dunkel zu werden, zu mir kommen? ... Doch nein, Sie werden nicht
können; folglich erwarte ich Sie Morgen frühe, so bald es sein kann. Aber
gelassner, gelassner, mein Freund, mit einer Armen, die von allen Seiten gequält
wird! Sie haben über mein kleines Billet gebrausst? - Warum denn? Ich kenne doch
nur Einen Gott, nur Eine Liebe, nur Eine Redlichkeit; und was wollen Sie denn
weiter? - Ich gehe heute nicht ins Schauspiel, um den neidischen Schandmäulern
auszuweichen, die mich in Ihren Augen verdächtig machen wollen. - Schlafen Sie
ruhiger, als ihre arme, verwundete und gebeugte
                                                                           Nina.
 
                                   II. Brief
Mit zitternder Angst im Herzen schrieb ich dies! - Gott! - Wie mich Ihre Lage
ängstigt! Wie sie mir meine Sinnen raubt! Wie ich mutloses Kind werde! Wie ich
für Sie zittere! Und wie ich mich Ungeheuer über alles selbst verdamme, dass ich
eine unschuldige Ursache an Ihrer Zerrüttung bin; aber um Gotteswillen Friz
verdamme mich nicht: Ich kann ja nichts davor, dass es just so kommen musste! Ich
bin rein vor den Augen Gottes, ich bin deiner Liebe nicht unwürdig! Ich fühle,
dass dein Umgang meine Glückseligkeit ausmachen würde, wenn mich nur mein
Schiksal nicht in Labyrinte geworfen hätte, die fürchterlich sind! In Deine
Hände lege ich mein Schiksal; siegen wir, so weisst Du, welche Wonne in der Liebe
unser wartet! Halte mich nur für keine Verbrecherinn; Du wusstest zum voraus, was
ich Dir wegen meiner wirklichen, unwürdigen Bekanntschaft sagte. Der Zufall, und
meine Leichtgläubigkeit hat mich in elende Hände gespielt. Aber ich will bei
Gott meinem Schwur so lang als möglich treu bleiben! Du selbst bist der Engel
von Mann, der mich keine Pflicht verlezzen hiess, bis ich von der ganzen
Treulosigkeit eines Undankbaren überzeugt bin, und dann will ich entschliessen.
Was kannst Du, was kann ich, für die Harmonie unserer Karakter? Man soll Dich
von mir reissen, man soll alles anwenden, um uns zu trennen; aber mein Herz, und
meine Hoffnungen sind doch frei! - Ich kann deinen Umgang entbehren, denn ich
hange weder am Eigennuz, noch weniger am Körper, und wer hat denn Macht mir Dein
Herz zu entreissen? Aber wenn Du es von dieser Stunde an noch einmal wagst,
Mistrauen in meine absichtslose Liebe zu setzen, dann sei Dir auch Gott gnädig!
- Bei allen Heiligen beschwöre ich Dich, jedem, der etwas von mir spricht, den
Rükken zu kehren! Handle Deiner Klugheit gemäss, und lass übrigens Gott walten. -
Ha! So haben denn die Verläumder mein Heiligstes angegriffen! Ich weine und
dulde. Könnte ich mich nur geschwind in das Gewand einer Heiligen hüllen, und
mit dieser Aussenseite meinen Feinden unter blutigen Tränen zurufen: Lasst mich
ihr Boshaften, der blosse Schein war wider mich! Verdammt sei von dieser Stunde
an meine Lebhaftigkeit, verwünscht jeder Augenblick, wo ich mich je wieder durch
sie vergessen könnte! Ich bin an die grosse Welt gewöhnt, ich bin frei ohne
Frechheit, man dringt mir zu, sie flattern um mich herum die Elenden, aber mein
Wiz soll zu Gift und mein Verstand soll zu Wasser werden, wenn ich nicht von nun
an, auch den kleinsten Schein zu Deiner Beruhigung verhüte! - Doch Du wirst
sehen, es wird in dieser pöbelhaften Frau Basen-Stadt nichts nüzzen! Vielleicht
glänze ich denn in deinen Augen desto heller! Aber deine Verwandten haben es
einmal auf mich gefasst, und ruhen gewiss nicht eher, als bis mich mein Feuer zu
einem tollen Streiche verleitet. Hier hast Du nun alle Geheimnisse meines
Herzens, und bekömmt sie eine Seele ausser Dir zu sehen, dann .... ha, dann wären
ewige grässliche Misshandlungen von Deinem groben Nebenbuhler mein Loos! - Doch
mein Friz ist vorsichtig! - Friz überlegt, Friz kann sein armes Weibchen nicht
kränken! Aus Barmherzigkeit sei überall vernünftig, nur keiner Seele getraut!
    Es schlägt zwölf Uhr, und ich springe wieder wütend aus dem Bette! Dauert es
so fort, o dann weh mir! Wenn Du mich nicht aufrichten kannst, so bin ich, - so
ist meine Gesundheit verloren. Das hiesige Bürgervorurteil erwürgt mich fast!
Und doch kann ich meine Feinde nicht hassen. O wenn die Grausamen mich kennen
wollten, sie würden mich gewiss lieben. Hängen doch Personen meines Geschlechts
leidenschaftlich an mir, und es sollte unmöglich sein, Deinen eigensinnigen
Bruder zu bereden?
    Ich bin arm, verlassen in die Welt hingeworfen, aber reich und stolz in
meinem Herzen! Doch was kümmert mich das Nattergezücht; wenn Du mich kennst, und
ruhig bist, dann mögen sie plaudern, die Knaben, die in Weiberrökken stekken,
und die mich wegen einer blossen öffentlichen Unterhaltung verdammen wollen!
Bedenken denn die Elenden nicht, dass es meine Ehre gilt, dass es die Ruhe eines
Jünglings gilt, der seit so vielen Monaten Umgang von mir eines bessern überzeugt
ist? Friz! - Ich will nicht mehr zürnen! - Aber ich kanns nicht tragen; meine
Unschuld, mein Stolz empört sich, ich möchte laut weinen! Ich bin es meinem
würdigen Erzieher schuldig, mich selbst zu ehren, und von heute an, will ich von
nichts weiter mehr wissen, als was uns etwa trennen könnte! Das übrige sind
kleinstädtische Schlangenbisse, die uns lebendig ins Grab reissen, wenn wir ihnen
Gehör geben! - Also nichts mehr, Freund, als was uns trennen könnte, und dabei
kömmt's doch, glaub ich, nicht auf den Willen Anderer an? Sei aber sanft gegen
deine Aeltern, sonst könnte ich Dich verabscheuen. Diese schwachen Leute haben
dies Kreuz eben so wenig als wir verdient, und sollte diesem Ungerechten die
Entbehrung meines Umgangs Ruhe schaffen, so richte Du es ein, wie Du willst, wie
Du kannst. Es wird Dich und mich schröklich viel kosten; aber was ist denn auch
das für grosse denkende Seelen? Laure nach, es müssen Schurken unter der
Verläumdung stekken, sonst könnte man nicht so in Dich dringen, mich zu
verlassen; vielleicht gar ein Geweb von Eifersucht? Gleich viel; verteidige mich
nicht weiter; Gott ist meine Hülfe, Er lässt mich gewiss nicht ganz unterdrükken!
Nicht wahr Friz, izt sind meine Ahndungen erfüllt, die ich vor etwelchen Tagen
hatte? Wie mich's da presste, wie Du alle Macht der Vernunft zu Hülfe rufen
musstest, um mich zu trösten! - Forsche nach, ob nicht etwa in meinem Hause
Spionen sind? Ich will eher das Bürgergeschmeiss meiden. Mache indessen bei den
Deinigen den kalten Hofmann, wenn es Dir möglich ist, aber nur Schonung für mein
Herz! Bei dem Allmächtigen Schonung für meine Empfindsamkeit, Du kennst meine
Erziehung! - Gassengeschwäz ist mir unausstehlich! Denn ich fühle mich, Gott sei
Dank, über den Weiberkram erhaben!
                                                                           Nina.
Heisst das Wort halten? Bis eilf Uhr ohne Fehl Antwort. Später kann es nicht
sein! -
 
                                   III. Brief
Acht Uhr vorbei! - Und dennoch ist Ihre Antwort nicht da! Dafür wünsche ich
Ihnen ein andermal eine ähnliche Folter, wenn Sie auf etwas passen! Sie kennen
doch, dünkt mich, meine feurige Ungedult so ziemlich? Aber vielleicht hat man
Sie am Schreiben gehindert? Wie ich alle Entschuldigungen hervorsuche, um mich
zu beruhigen! In unserer Lage ist Furcht und Angst ganz natürlich, weil von
allen Seiten Niederträchtige uns stören möchten! - Gestern passierte ich den
halben Tag bei der Freundinn K.... - Gott! Was dort für herzige kleine Kinder
sind! Nachher ging ich zu einer andern Freundinn, die hat mich wegen Ihnen in
die Presse genommen, oder noch besser mit unzeitiger Moral gemartert! Sie weiss dem
ohngeachtet nichts positives, nur sagte sie, meine Schwermut verriete
Seelen-Krankheit. - Kann sein, sagte ich, und wurde über und über rot! - Aber
weisst du was, lieber Friz! Morgen will ich wieder etwas von dir lesen, eh ich
ausgehe, und dann dafür ein paar Duzzend Küsse von Deiner guten
                                                                           Nina.
 
                                   IV. Brief
                                                             Nachts um eilf Uhr.
So eben verliess ich ein freundschaftliches Nachtmal; und warum sollte ich dem
guten, lieben Friz nicht Rechenschaft vom heutigen Tage geben? Aber zuerst will
ich dem Lieben Saz für Saz seinen Brief beantworten. - Dass Sie gestern in etwas
von Ihren Grundsäzzen abglitschten, ist Ihnen herzlich vergeben, nur wollte es
meinem Stolz nicht schmekken, dass Ihr voriges Mädchen auf reinere Liebe
Ansprüche hatte. Mehrere Zurükhaltung ihrer Triebe ist mir bei meiner würklichen
Verfassung nötig; weil dies gerade das ist, was mir Standhaftigkeit in der
Liebe verspricht, und was Sie so himmelhoch von andern Männern unterscheidet.
Wären Ihre Triebe gröber, so würde mir bald der Sturz Ihrer Liebe drohen, aber
so glaube ich, dass Sie sich nicht so leicht können von mir reissen; ist Ihnen
also meine Ruhe lieb, so handeln Sie, wie bisher. Sie schliefen die vergangene
Nacht ruhig? Gott segne diese Ruhe; auch ich schlief so ziemlich; nur war es mir
enge um die Brust. Nicht wahr Freund? - Sie können mich nicht weiter mit
Nachrichten von Verläumdungen kränken; dafür kenn ich Ihr Herz. Es müssten nur
neue Schurkenstreiche dieses Herz verwildern, und das wolle der Himmel verhüten!
    Doch wieder zu meinem Kummer zurück, der mir von einer teuflischen
Verläumdung aufgebürdet wurde; dieser garstige Verdacht in meinem Wandel ist der
erste, der mir seit acht Monaten zu Ohren kam. Ich würde darüber gelacht haben,
wenn er nicht gerade an den geraten wäre, der mir das Teuerste auf der Welt
ist; bloss um deinen Verlust zittere ich, die übrigen Tränen der Unterdrükkung
sind süss; denn Unschuld erleichtert sie. - Aber noch mein Besster! weiss ich
keinen dritten Ort, wo wir uns sehen könnten; bei K.... kann es nicht sein. -
Lieber gar nicht sehen, als sich mit Zwang sehen. - Holbauer ist ein Schurk, und
weiter nichts. Sie haben ihn brav bei der Rase herumgeführt? Vielleicht glaubt
er bei mir izt seinen Roman anzufangen; aber er wird so abgewiesen werden, dass
er sich's gar nicht vermuten wird. Und hiemit genug über diesen Buben. - Weisst
Du auch lieber Junge! dass Du die Zierde Deines Geschlechts bist? - O Du
verdientest ein besseres Mädchen, als ich bin! - Guter Wille, ein fühlendes Herz,
und eine mächtige Standhaftigkeit in der Liebe ist mein ganzer Reichtum. - Aber
Gott! Gott! Wenn man deine Plane rükgängig machte! - Wenn Du nicht siegtest! Und
wir führen dann so fort, unsere Herzen in einander zu giessen, und unsere Köpfe
mit Leidenschaft zu erhizzen! - Heiland der Welt, wären wir nicht die Elendesten
unter der Sonne! - Friz! Um Gotteswillen mache mir dann keine Vorwürfe; ich habe
Dir alles zum voraus gesagt; ich habe Dich nicht mit Kunstgriffen gelokt, Du
sankst freiwillig an meinen Busen, und der meinige kämpfte nicht lange. Denn es
ist für ein und allemal wahr, wir beide harmoniren bis auf den kleinsten Punkt,
das fühle ich, das sage ich mir alle Augenblicke. - Schark war eine Frazze gegen
Deine Wärme; und nun hätte ich in so weit deinen Brief beantwortet. Aber izt zum
heutigen Tag zurück, von sechs Uhr bis zehn Uhr hatte ich tödtende Stunden, weil
ich auf Nachrichten von Dir wartete. Die Schuld der Zögerung lag zwar nicht an
Dir, doch mag Dir meine Unruhe für ein andersmal zur Warnung dienen. Dein Brief
war mir dann ganz natürlich willkommen, aber meine Freude trübte mich
demohngeachtet bei Tische äusserst! - Ich gestehe es, Schark wandte alles an, um
mich aufzuheitern, nur gelang es ihm nicht. - Nun raffte ich mich auf, und ging
zur Familie R.... Dort traf ich eine Menge Mädchen und Jünglinge an, die sich an
der Seite der Hausfrau munter ihres Daseins freuten; doch sah ich leider keinen
Friz unter ihnen, folglich fühlte ich Drang! Mein Gott, was das für eine Unruhe
ist! Wie die bessten Menschen mir auch nicht ein Teilchen meiner Leiden ersetzen
können! Sonst war mir das gesellschaftliche Leben sehr willkommen. Aber izt auf
einmal zum schüchternen Kind zu werden. - Sag, wie ging das zu? - Friz Du hast
mir den Kopf verdrehet, Du bist mein Ruhestörer! - - Doch weiter. -
    Von dieser guten Familie ging ich zur lieben Freundinn Sch.... ihr Junge
kam mir entgegen gehüpft, fiel mir um den Hals, herzte und küsste mich! - Der
Bube heisst Friz! Friz heisst er! Wie herzlich gerne liess ich mich von ihm küssen!
Seine Mutter ist auch ein herzgutes Weib, und liebt mich feurig; ich konnte mich
nicht entalten, ich musste ihr etwas weniges von meinen Drangsalen merken lassen;
doch ohne Dich zu nennen. »Halten Sie ihn vest, meine Liebe, (sagte sie) halten
Sie ihn vest; er mag heissen wie er will, nach Ihrer Beschreibung ist er Ihrer
würdig, Sie verdienen gerade eine Seele, wie die seinige. Die übrigen Menschen
taugen für Sie nicht. -« Endlich unterbrach man uns, dann lief ich an's Fenster,
sah Dich aber nicht vorbeigehen. - Es drückte mich schröklich im Herzen, bis es
nach und nach wieder etwas leichter wurde. - Die Guterzigkeit dieser Familie
gab meinem Kummer Linderung; man küsste, man herzte, tändelte mit mir von allen
Seiten; - und kurz man hielt mich tausendmal schadlos für meine Feinde. - Und
nun Friz höre! Einem zehenjährigen Jungen legte die Mutter folgende Fragen vor:
- »Mein Sohn, wie muss einst dein Weib sein, wenn du eine heiratest?« Sie muss
Vernunft haben, antwortete der Knabe. Nun sagte ich, denn kann ich ihre Frau
nicht werden. O ja schrie der junge Knabe, heute noch, heute noch! - Aber woher
wissen Sie, dass ich Vernunft habe? - Hm! - plazte der Bube heraus. - Wenn man so
schöne Briefe schreibt, und so in allen Gesellschaften gesucht, geliebt wird,
wie Sie, dann hat man gewiss Vernunft. - Dieses unschuldige Urteil entzükte
mich! Ich hätte mich im nämlichen Augenblick Engel zu sein gewünscht, um für Dich
genug Reize zu haben! - O mein Friz, ich bin nicht schön, habe keine blühende
Gestalt, wie ists möglich, dass ich Dich fesseln konnte? Mein Karakter ist bieder,
mein Herz ist gut, da sei Gott mein Zeuge! Aber kann das allein die feurigen
Wünsche eines Jünglings ausfüllen? Kann mein redlicher Umgang Dich immer vor
andern Wünschen sichern? - O Gott! Wenn mir manchmal solches Zeug einfällt, da
möchte ich Dich bitten, dass Du Dich in Deiner Wahl nicht übereiltest! - Sieh',
ich durchlöchere dadurch die schönsten Hoffnungen meines Lebens, und das bloss um
Dein zukünftiges Wohl! - Ich will mich lieber selbst zu Grunde richten, um Dich
zu erhalten! - O Friz! - Wie elend hast Du mich gemacht! - Wahrlich ich bin
sehr, sehr verwirrt!!! - - Deine
                                                                           Nina.
 
                                    V. Brief
Lieber! Ich bin heute sehr zu beneiden, denn ich bekam gestern durch die Familie
K.... Anlass eine gute Handlung auszuüben. - Ich war schon frühe bei L... und
seiner Frau, denen ich eine vorteilhafte Versorgung ankündete. Er lief sogleich
zur Familie K.... und die Sache ward richtig; wie beschämte mich der ehrliche
Mann durch seinen Dank, denn ich war fast eben so entzükt, als er, über diesen
glücklichen Anlass. Freue Dich doch mit mir, lieber Friz! Mein Herz klopft so
heftig, so zufrieden, und meine Küsse müssen Dir heut gewiss feuriger vorkommen!
Aber komm ja nicht so spät!
                                                                           Nina.
 
                                   VI. Brief
                                                             Nachts um Zehn Uhr.
Holder, lieber Friz! - Mich martert Angst über Dein Schiksal! Man sagte mir, als
ich zu Hause kam, Dein Bedienter sei hier gewesen. Diese Nachricht hat mich zu
Boden gedonnert! Herr Gott im Himmel! Was magst Du gewollt haben? Bist Du etwa
wieder in die Enge getrieben worden? - Hat man wieder neue Seelen-Marter für uns
zubereitet? Sind wir vielleicht aufs neue unglücklich? - So ist es denn ewig
wahr, dass mich jeder Gedanke der Freude hasst! - Grässlich niedergebeugt;
schlaflos werde ich mich bis morgen frühe nach der Zehner Stunde sehnen! - O,
mein Friz! - Wenn Dir doch meine Leiden in Dein Herz flögen, dass Du izt kämst
mich zu trösten! - Um Gottes willen, was ist denn vorgefallen? Bin ich
unglücklich, bin ich verloren? - Sag, bin ich es? - Fürchterlich rollt izt der
Donner am Himmel! - Hell leuchten die Blizze; schaudernd plazt der Regen herab!
Finster ist der Himmel! Das ganze Donnerwetter scheint mir deutlich zu sagen;
Weib die Natur hasst dich! Trostlos, schwermütig sizze ich hier, seufze nach
Nachricht von Dir, und Ungewissheit foltert meine Seele! Sag Friz! warum hab ich
denn noch kein ganzes Zutrauen in Dich? O vergieb, Herzens-Junge, vergieb der
wankenden Seele eines schwachen Weibs, deren Leben aus gränzenlosem Elende
zusammen gewebt war! Verzeihe der Armen, an deren Herz ein hartnäkkiger Wurm der
Traurigkeit nagt! Die Glokken läuten grässlich! - Es dünkt mich, als ob ihr Ton
mich zum Grabe rief, es dünkt mich, als ob Du mich aus dem Sarg zurückhaschen
wolltest, es dünkt mich, als ob Du vor mir stündest, und zitternd meinen kalten
Körper anstauntest! - Ha, Friz! mein Herz ist tief angefressen, ich bin
hingeschleudert in die Leiden einer Unendlichkeit! Schwerlich wirst Du Dich,
muntrer Junge, mehr Deiner Nina freuen! - Sie ist gebeugt, sie leidet an
Seelenkrankheit, die Dir dein Leben verbittern wird! - Alle ihre Leidenschaften
zielen zügellos auf ihre Ruhe, trüben schröklich ihr Gemüt, und das alles um
Dich, um Deine Liebe! O Jüngling! Du bist zu beneiden, denn Dich hasst das Leben
nicht so wie mich. Ich komme heute Abend aus einer Gesellschaft Adelicher. - Mit
Unwillen, mit Ekkel, ob man mir gleichwohl herzlich begegnete. Die Weiber küssten
mich, und die Männer überhäuften mich mit Lobsprüchen, wegen einem Bischen
Vernunft. Gott! Gott! - Wie ich da sass, als wie eine leibhafte Verbrecherinn:
Ich wollte mich um fünf Uhr losreissen; denn mir ahndete etwas von Dir! Aber Frau
von N.... schnitt mir den Weg ab, ich musste bleiben, und trug Kummer im Herzen,
tiefen, tödtlichen Kummer! - Ha, könnte ich doch diesem Kummer Luft machen, der
mich beinahe erstikt! - Montag ist wieder Punschpartie, und die Zudringenden
zwangen mir mein Jawort dazu ab! - Der Wille dieser Freunde ist gut, aber mein
Herz leidet unendlich dabei, weil ich Dich immer vermisse! - Politik habe ich
ohnehin wenig, und wie könnte ich sie haben, wenn Liebe im Herzen herrscht? Du
bist doch nicht böse, dass Du heute noch keine Zeilen von mir erhieltst? Gestern
ging mir Schark spät nicht vom Halse, und heute wollte ich Deinen Bedienten
nicht warten lassen, als er mir Dein Briefchen brachte, Gott! Wenn ich nur
geschwind wüsste, ob du wohl bist, ob du mich noch liebst? - Ich bin unglücklich,
das sage ich Dir, ich bin unglücklich! Denn ich kann kaum mehr die Trennung von
einigen Stunden ertragen! Es bringt mich um, wenn es so fort dauert, so wahr als
diese Tränen auf dies Papier rollen .... ich weiss nicht .... aber ich zittere
für meinen Verstand. Wenn Du ein fühlend Herz im Busen trägst, so eile ohne
Verzug morgen frühe zu mir! Dieser Brief mag Dir sagen, wie es um Deine Nina
aussieht!
 
                                   VII. Brief
                                                            Nachts um zwölf Uhr.
Herzens-Junge! - Liebe gehört zu den anstekkenden Krankheiten! Sie greift um
sich, aber ihr Kummer macht uns zur Beschäftigung tätig! Was das unter zwei
Liebenden ein gegenseitiger, gränzenloser, guter Wille ist, wenn man jeden Wink
benuzt, um sich einander Freude zu machen. Wie man geizig jede Gelegenheit
ergreift, um mit seinem Liebchen zu plaudern; wie man keine einzige Minute im
Tage vorbeistreichen lässt, ohne sie zum Vergnügen seines Geliebten zu nüzzen;
wie da alles im Kopf arbeitet, wie das Herz voll gutem Willen hoch aufschlägt,
wie die Einbildung sich zur Seligkeit spannt, oder der reizende Tiefsinn
wollüstig an den kranken Nerven nagt! - Wie Kummer, Furcht, Freude, Verlangen,
Angst, und noch mehrere solche Leidenschaften, angenehm traurig im Kopf
herumkreuzen! Wie das gränzenlose Wünschen unersättlich ist! Wie man zusammen
tändelt, lacht, sich herzt, küsst, und auch zuweilen ein Bischen zankt! - Wie die
Stunden dahin eilen, an der Seite eines denkenden Mannes; wie Liebe von dieser
Art so selten gefühlt und vergolten wird, - O das ist traurig für die
Menschheit! Nicht wahr Friz! Ich denke mir immer, ich bin das einzige Mädchen
auf Gottes Erdboden, die just, weil sie wahr liebt, so wenig verstanden wird. -
Immer geriet ich an Niederträchtige, an Dummköpfe, oder an Undankbare. Oft
rissen sie mein Herz in Stükken, zerfleischten meine Gesundheit durch Leichtsinn,
oder gemeine Grundsäzze. Du bist noch der Einzige unter dem Himmel, der sich
meinen Ideen nähert; der Einzige, bei dem mein Kopf Nahrung und mein Herz
Zufriedenheit findet. - Du bist so ganz mein Wiederhall, sanft, ehrlich,
guterzig und edel. Sag mir lieber Sohn der Natur, sag, wer hat Dich so äusserst
fein lieben gelehrt? - Schuf Dich der Himmel nur darum, um mich mit Deinem
Nattergeschlecht zu versöhnen? - Glück zu Friz! Mein Zutrauen wächst! - Aber
Mord wäre auch mein Loos wenn Du es ..... doch weg abscheulicher Verdacht! Komm
Junge, dafür drükke ich Dich izt desto vester an meinen Busen! Nicht wahr, so
viel Schwung meiner hizzigen Einbildungskraft hattest Du in jenem kalten Monate
unserer blossen Freundschaft nicht vermutet? Ja, siehst Du, es kömmt nur darauf
an, dass man seinen Mann findet. Es ist freilich toll von mir, so zu schwärmen; -
aber ich trage doch keine lasterhafte Liebe im Herzen, und darum schäme ich mich
ihrer auch nicht. - Es ist izt bald ein Uhr; mein Herz schlägt um vieles
leichter, als gestern Nachts. - War ich nicht eine Närrinn, meine Gesundheit so
gewalttätig zu tödten? Aber wer kann denn auch dafür, wenn's im Busen so
schröklich ängstet? - Ich bin Dir doch ein grämliches Ding, ein Ding, das bloss
mein Friz ertragen kann. Ich plage Dich ja täglich um Briefe, um Deinen Besuch;
aber Du bist denn doch auch nicht viel besser in diesem Stük, als ich. Siehst Du,
wie es mir geriet, in Dir ein neues Gefühl der Liebe aufzuwekken, weil ich Dich
geizen lehrte nach der kleinsten Gefälligkeit von Deinem Liebchen. - Schark war
heute Abend sehr mürrisch. Ich musste alle Kräften zusammen suchen, um mich nicht
durch Brausen zu verraten. Mein Mädchen trat in's Zimmer, und hier glitschten
seine wollüstigen Augen auf ihren Busen. Zu einer andern Zeit hätte ich beide
über die Treppe hinuntergeworfen; aber izt tat es mir bloss weh, und weiter
nichts. - Bin ich nicht eine glückliche Prinzessin? - Hab ich es nicht weit
gebracht in der Welt, dass die Mannsleute bloss an meiner Seele hangen? Ich bin
aber auch ein recht gutes Geschöpf, versteht sich, wenn ich Dich an meiner Seite
habe. Aber nun schlafe sanft, holder Lieber! Gott möge bei Dir wachen! Das
wünscht von Herzen Deine rein liebende
                                                                           Nina.
 
                                  VIII. Brief
Guten Tag Friz! Nimm einstweilen diesen Kuss, bis nach Tische. - Lebe wohl
Liebchen! - Ich würde Dir jezt mehrers schreiben; aber ich kann ohnmöglich. - Du
kennst meine unglückliche Lage! Kennst aber auch mein Herz. - Werde nicht böse,
brause nicht, hörst Du! Nach Tisch Millionen Küsse von Deinem Liebchen.
                                                                           Nina.
 
                                   IX. Brief
Eben schlägts zwölf Uhr, und ich trete in's Zimmer! Woher? Aus der Gesellschaft,
wo ich meinen Friz verlies. - Was bekümmert mich izt mein Bette, ich muss Dir
noch zuerst meine Empfindung schildern. Aber lieber Friz, warum bist Du denn in
der Gesellschaft nicht geblieben? - O es ging die halbe Nacht durch noch toll
unter den Leuten zu! L.... ist die lustigste Seele, die ich jemals kannte! Was
der Komiker den ganzen Abend durch für Karikaturen machte! Du hättest Dich
närrisch gelacht! - Er kopierte einige Situationen aus der Natur ganz
vortreflich! - Wir waren untereinander recht ohne Zwang lustig; wie hat Dir
meine öffentliche Vorlesung aus dem Schauspiele gefallen? - O was ich da alles
fühlte; wie ich mit Deiner grausamen Familie Vergleichungen anstellte, wie es
mich drükte, das Vorurteil, das die arme Julie, und auch mich peinigt! Ich
vergas alle Lobsprüche, die man meiner richtigen Lessart zuwarf, und war ganz nur
in Juliens Schiksal vertieft, das so viel ähnliches mit dem meinigen hat!
Möchtest Du guter Junge das Hinschmelzen meiner Leidenschaften auf deine
Rechnung geschrieben haben! Möchtest Du gefühlt haben, wie jeder Ausdruk nur auf
Dich zielte! Wie ich darauf antrug deine Seele in Entzükkungen hinzureissen!
Könnte ich Dich doch immer mehr und mehr überzeugen: dass Du es mit keinem
Alltags-Mädchen zu tun hast! Jedes Lob meiner wenigen Talenten, wenn ich es ja
verdiente, sei Dir gewiedmet! - Gewiss Friz! Du hast es mit einer guten Seele zu
schaffen. Niedrige können mich nicht kennen, sonst wäre ich ihresgleichen. Du
bist aber auch der Einzige, der mein Herz zu schäzzen weis. Man streut mir zwar
überall Weihrauch unter den Menschen, aber all der Weihrauch ist eine
Kleinigkeit gegen die Liebe meines Frizens. Siehst Du, wie ich mitten im Taumel
der grossen Gesellschaften Dich immer in Gedanken mitführe; wie Du mir überall
mangelst, wie meine Liebe im Grunde meiner gebildeten Seele wohnet; wie ich
alles bloss für Nebensach ansehe, was nicht Friz heisst. - Hast Du auch schon so
ein liebendes Weib gekannt? - Doch pfui! - Das ist eitel, Liebe braucht kein
Lob, sie belohnt sich selbst durch namenlose Entzükkung! - Aber sag Teurer,
warum warst Du heute wieder so blöde? - Wie konntest Du verlegen sein, als ich
Dir beim Weggehen die Hand drükte? Friz! - ängstige mich doch nicht immer; -
Klugheit ist billig, aber ein verstohlner Blik, ein Zeichen ist doch jedem
wizzigen Jungen bei solcher Gelegenheit eine Schuldigkeit. Du sagst, ich hätte
wieder die lebhafte Gestalt einer Schäkerinn? Aber doch bei Gott absichtslos
gegen Andere! - Blos um keine bürgerliche, geschraubte Erziehung zu verraten,
und mich nicht gar allzu lächerrlich vom Weltton abzusondern; indessen ist mein
stilles Gefühl das feinste, das sahest Du an der Träne, die mir während dem
Vorlesen im Auge zitterte! - Mein Herz ist rein, das weisst Du, auch meine
Grundsäzze sind geordnet: Wenn dies Vorzüge sind, so mögen sie einst dein Leben
beglückken, wenn mich nicht noch vorher das Unglück, das von der Wiege an mein
Loos war, mit Dir in den Abgrund reissen wird. - Friz; Du hast ein armes Geschöpf
kennen gelernt! - Hilf mir tragen, Lieber, die Bürde dieses Lebens! - - Izt
wirst Du wohl schlafen, guter Junge, weil Du die lezte Nacht so grausam littest?
- Wache doch auf Lieber, und schenke Deiner Nina ein warmes Mäulchen! - Du
versprachst mir morgen frühe zu schreiben; dann sagtest Du wieder, Du wollest
selbst kommen. Sag, auf welchen Punkt soll ich mich nun freuen? - Wirst Du mich
wohl wieder marternd auf eines oder das andere warten lassen? - Nimm nichts für
Vorwurf; Du kennst meine Lebhaftigkeit! - Wenn Dir nur nichts begegnet ist! -
Wenn nur Dein Bedienter bei Zeiten kömmt, und Du hernach nur selbst kommst! -
Wenn es nur schon Tag wäre! - - Das ist eine üble Nacht! - - Schon schlägt es
zwei Uhr! Es wird drei ... vier Uhr schlagen, und die Natur wird mir noch ihren
Trost versagen. Könnt ich Dich doch geschwind überraschen, lieber, holder,
bester Friz! Du bist besser als alle andere Erden-Söhne; etwas stürmisch,
launicht, aber doch liebenswürdig! - Ruhig also, Liebchen, Niemand kann mich
anpakken, als alter Weiber-Geklatsch. Und wäre es nicht eine Schande für mich,
wenn ich von diesen Niedrigen in meiner Denkungsart verstanden würde? - Lass sie
immer plappern die Elenden, die nicht einmal den Unterschied der Herzen zu
bestimmen wissen. Nun fängts mich aber doch zu schläfern an! - Deine Liebe sei
izt meine Begleiterinn. Aber wenn Du wieder so Grillen machest, wie gestern,
dann bekömmst Du vierzehen Tage lang kein Mäulchen mehr von Deiner
                                                                           Nina.
 
                                    X. Brief
                                                             Um zehn Uhr Abends.
Schon wieder sizze ich da und schreibe an mein Liebchen! - Von was? - Von meiner
heutigen Unterhaltung. - Es war wieder eine grosse Gesellschaft Adelicher da, die
sich untereinander mit steifer Etikette marterten; Die Kavaliere begegneten mir
so höflich, als sie es wagen durften, um die Eitelkeit der andern Damen nicht zu
beleidigen. - Ich war wieder etwas lebhaft, und kümmerte mich um nichts. K....
sass an meiner Seite, wizzelte mit mir darauf los und machte alles aufmerksam.
Als nun fast alle fort waren, so erkundigte sich die Hausfrau nach Dir; da ward
ich dann wieder ganz Feuer und Leben! Ich erhöhte Deinen Wert mit wenig Worten,
und bin versichert, dass man Dich izt noch mehr schäzt. Der Herr vom Hause lobte
Dich ohnehin sehr, und seine Frau glaubt in Dir einen lebhaften Jungen entdekt
zu haben. Ich sagte ihr, dass Deine Lebhaftigkeit von einem denkenden Kopf
gemildert würde; dass Kopf, Wissenschaft, und gutes Herz Dir nicht fehlte. Siehst
Du, Kind, so hatte ich heute Abend mein Vergnügen Dir Gerechtigkeit wiederfahren
zu lassen, und meiner Liebe stolze Nahrung zu geben. Ist es nicht wahre Wollust,
einen Jüngling zu lieben, der edel denkt, guterzig handelt und einen offnen
Kopf hat! - Und Du, Besster, warst bis izt so in dem engen Kreise der
Familien-Sklaverei verborgen? Mit allen Deinen Talenten, mit all Deinen
vortreflichen Grundsäzzen, mit all Deinem feinen Ehren-Gefühl! - Sag, war es
nicht Schade? - Unter die Menschen, mit Dir wakrer Junge! Unter die Menschen! -
Dort wirst Du den Unglücklichen ihre Tränen tröknen, und allen Guten Freude
machen. Du musstest gerade mich finden, um so geliebt zu werden, wie Du es
verdienst; wenn ich alle Deine Handlungen untersuche, so finde ich Tugend und
Rechtschaffenheit, Liebe und Güte, Wohlwollen und Mitleiden, Sanftmut und
Anstand darinnen, alles finde ich durch mein Nachdenken über Dein Betragen. So
ein Geschöpf verdiente nicht eine dauerhafte Glükseligkeit? Du bist noch so
jung, und doch so reif an Ueberlegung; so ganz ausgetreten aus den Schuhen der
jugendlichen Torheiten; wahrlich wenn ich auch nicht das Glück hätte von Dir
geliebt zu werden, ich müsste Dich mehr, als bloss schäzzen. Die welche Dich um
Deines Karakters willen nicht liebte, die wäre gewiss eine Kokette, oder ein
Gänschen; mache Dich kennbar, Lieber, in der Welt, man traut Deiner Jugend nicht
alle die Verdienste zu, die Dir gebühren; so viel Gerechtigkeit man Dir auch
immer wiederfahren lässt, so muss sie doch verdoppelt werden, so bald man Deine
Verdienste ganz kennt. - O mein Friz, mein Zutrauen ist nun vom Himmel in mein
Herz geschrieben. Ich weiss dass jeder Gedanke von Dir in mein Wohl, jede Sorge
für meine Gesundheit, jede Bemühung für mein künftiges Schiksal Deine
gränzenlose Beschäftigung ist. Du lebst durch mich in Dir selbst, Du bist
redlich, weil diese Redlichkeit in Dir liegt, und die meinige sich fest an sie
kettet, kämpfe tapfer, Besster, kämpfe tapfer und sei kalt bei jedem Anlass!
Mutiger Widerstand vergrössert den Wert der Männer. So, Teurer, lass uns den
Allmächtigen um seinen Beistand in unserm Schiksal bitten; bei dem heiligen
Siegel dieses Kusses bitten! - Deine. Nina.
 
                                   XI. Brief
                                                             Abends um zehn Uhr.
Lieber, trauter Friz! - Schlafen sollte ich gehen, ohne Dir eine gute Nacht zu
wünschen? - Das wäre mir gerade zu unmöglich! Als Du mich heute so heiter, wie
die Morgensonne verliessest, dann sezte ich mich munter an die Arbeit, und freute
mich Deiner Liebe. Um acht Uhr kam Schark so ziemlich heiter. Ich kündete ihm
den übermorgenden Spaziergang an, und er war es zufrieden. Nimm also Deine
Maasregeln, Eine halbe Stunde darnach kam N.... Er ist noch immer der alte
Dummkopf, und mag es meinetwegen noch lange bleiben, dann kam R.... und klagte,
dass er mich gar nie zu Hause trafe. Mögen diese Herren immer murren; denn ausser
Dir mag ich ohnehin keinen sehen, was machst Du izt, Besster? - Ein Pfeifchen
rauchen, und dabei nachdenkend schwärmen. Denk Du immer fort, wenn man liebt,
geht einem der Stoff nicht aus. - Du warst heute wieder recht munter. Gott
erhalte Dich lange so fort zu meinem Trost; Du kannst aber auch munter sein,
bist ja meiner Liebe so sicher als ob uns schon das engste Band geknüpft hätte.
- Wie freut mich diese Liebe, da sie so rein, so feierlich ist! - Kein nagender
Kummer trübt meine Seele, und so bin ich selig mit wonnevollen Hoffnungen für die
Zukunft angefüllt. - Manchmal fährt mir freilich ein trauriger Gedanke durch den
Kopf! Aber nicht aus Mistrauen gegen Dich, wohl aber gegen das Schiksal, dass mir
meine ganze Lebens-Zeit nie günstig war! Doch Deine Sorgfalt sei mein Trost, und
so will ich immer fort mit den feurigsten Küssen bleiben Deine
                                                                           Nina.
Um zwei Uhr! Hörst Du? -
 
                                   XII. Brief
Mein Besster! - In der Geschwindigkeit will ich Dir melden, dass mir wieder ganz
wohl ist. - Sei doch ohne Sorgen, lieber Junge! Glaubst Du denn, dass ich ohne
Dich sterben könnte. - Ich ging gestern mit Deinem Andenken ruhig zu Bette. -
Mir war so leicht, Deine Liebe, das Bewusstsein eines reinen Gewissens, und eines
Herzens voll Wohlwollen für Dich, machte mich ganz entzükt einschlafen. Du bist
ein lieber, guter Junge! Dank Dir für Deine allseitige Sorgen. - Morgen komme,
so bald Du es nicht mehr aushalten kannst. Hörst Du? Ich kann izt Deinen Freund
nicht länger ohne Unterhaltung lassen. Doch will ich Dir heute Abend mehr
schreiben. Bis dortin lebe wohl, bester, einziger Mann meines Herzens!
                                     Deine
                                                                           Nina.
 
                                  XIII. Brief
                                                             Nachts um eilf Uhr.
Endlich ist es ruhig auf meinem Zimmer, und ich kann Wort halten, und noch ein
wenig vom heutigen Tag schwäzzen, den ich so mittelmässig zufrieden verlebte.
Ganz zufrieden würde ich bloss an Deinem Busen gewesen sein. Dank Dir also Besster
für dein heutiges Briefchen. - Es war so schön, so voll guten Herzens, dass mich
deine Sorgfalt bis zu Tränen rührte!
    Mein Gott! Was Du für ein herrliches Herz besizzest, wie Du mit Deiner
feurigen Einbildungskraft hineindringst in's feine Gefühl der Liebe, das nicht
für jeden gemacht ist. - Könnte ich es Dir doch noch einstens in der unendlichen
Ewigkeit vergelten! - Wie wohl es mir tut, auch einmal so gut behandelt zu
werden, wie ich sonst Andere behandelte. Der Schöpfer schuf Dich nur für mich
zum Lohn, zur Vergeltung meiner ausgestandenen Leiden. Fahre fort, Teurer, mein
Herz zu entzükken, und diejenigen die es so oft zerrissen, sollen durch Dein
Betragen beschämt und von ihrem Gewissen gepeinigt werden! -
    O du Guter, aller Guten! - Du wirst also einstens meine Tränen stillen? -
An deinem Busen, in Deinen Armen sollen alle meine Leiden ihr Ende erreichen? -
Ha! - Gedanke des Trostes, der Erquikkung, der Wonne! - Es ist mir so ängstlich
freudig um's Herz, ich fühle schon zum voraus die Glükseligkeit, die meiner
wartet, wenn ich nur diesen Augenblick hinstürzen könnte an Dein Herz! - Ach! -
dann wollte ich mich ausweinen, dann sollten sie fliessen die Tränen meines zur
Schwermut geneigten Gemüts! - Denke, lieber Friz, wenn mir recht wohl ist,
dann fühle ich in mir einen gewissen Hang zur Traurigkeit, und wenn auch alle
meine Wünsche befriedigt sind, so schmelzt meine Seele doch hin zur seligsten
Melankolie! -
    Es muss doch in meinem Körper mit der Gesundheit nicht gut stehen, denn es
liegt heute wieder so schwer auf meiner Brust, als ob ich ein Verbrechen
begangen hätte! - Gräme Dich aber ja nicht, Friz, es wird besser werden, ich habe
heute wieder zu sehr der Zukunft nachgehängt. - Aber um Gotteswillen zanke mich
nicht; ich war nicht Herr über mich! -
    Freundinn Sch... hat mich mit Gewalt beim Essen behalten, und dann schleppte
sie mich zu einer andern Freundinn, bis ich mich endlich gegen acht Uhr los
machte. - Die Mädchen, die in der Gesellschaft gegenwärtig waren, haben mich mit
Blumen beschenkt, und da diese drei Sträusschen so sehr auf uns passen, so schikke
ich sie Dir. - -
    Betrachte einmal das weisse Röschen, es ist mein Sinnbild, vom Sturme etwas
welk, aber doch im Urstoff rein! - Das rote hingegen ist gerade in seiner
Blüte, und wird nicht so leicht welken, wenn nicht gar zu viele Stürme seine
Wangen bleichen. Bei der schönen, unverfälschten Farbe dieser Blumen beschwöre
ich Dich, ewig, ewig, (es mag dazwischen kommen was da will,) und wenn es das
Schröklichste wäre, Dich nie von mir reissen zu lassen!!! -
    Könntest Du je wanken, könnte Dich je etwas schwach machen, dann magst Du
mit meinem Fluche beladen, den langsamen Tod dieser Blumen sterben!!! -
                                                                           Nina.
 
                                   XIV. Brief
O mein Friz! - Das war wieder ein göttlicher Tag! - Ein Tag der uns die Wonne
unsrer künftigen Tage, mit Himmels-Vorgeschmak ankündigt! - Wie unglücklich sind
doch diejenigen Menschen, die sich aus dem vertrauten Umgang der Liebe und
Tugend keine Seligkeit zu schaffen wissen. -
    Ich glaube, wenn wir hundert Jahre zusammen lebten, wir fänden immer etwas
neues, uns recht gut zu unterhalten, immer etwas neues zu fühlen, um einander
zum seligsten Entzükken zu reizen! -
    Blos in der gegenseitigen Hochachtung liegt das Band der unendlichen
Liebes-Fesseln; die jeden Augenblick eines vernünftigen Umgangs zum Elisium
umschaffen! - Die kleinen gegenseitigen Gefälligkeiten, die guterzigen
Bemühungen, der wahre lebhafte Anteil, die sorgfältige Schonung, die kleinen
befriedigten Eitelkeiten, der zufriedne Stolz, wenn man jede Minute mehr
überzeugt wird, dass man eine Ausnahme in der Schöpfung liebt, kurz wo man nur in
einer solchen harmonischen Liebe hinblikt, ist sie beschäftigt, und spottet der
Toren, die so viel von Liebe schreiben, ohne ihren wahren Wert ganz zu kennen.
-
    Nicht wahr, lieber Friz, die wenigsten Menschen wissen zu lieben? - O unsere
Art Liebe wohnt gewiss in wenig andern Herzen. Wir beide sind ja nur ein Sinn,
nur ein Gedanke, nur eine Seele, nur ein Wunsch, nur eine Güte, nur eine
Sanftmut, Alles, Alles, sind wir mit einander in Einem! Denke nach über unsern
Umgang, und du wirst die Wahrheit finden.
    Herz, Kopf, Seele, Freude, Leidenschaft, Tändelei, Wiz, Vernunft, alles
versteht sich so genau auf den ersten Wink. Ich könnte Dir wohl zum voraus ewige
Verdammnis Deiner künftigen Tage ankündigen, wenn Du je so elend werden
könntest, diese Tage ohne mich verweinen zu müssen. -
    Doch weg Schwermut! - Weg! - du kränkst ein Wesen, das mir heilig ist, und
es auch ewig bleiben wird! - Ich bin stolz darauf Dich so innig lieben zu
dürfen, aber Du kannst auch stolz darauf sein, so geliebt zu werden. Denn Du und
ich kennen leider die Welt, und fühlen recht überzeugend, dass nur ein Friz, und
nur eine Nina lebt.
    Dein biederes teutsches Herz hat mich hingerissen zur äussersten Liebe, die
mir gemeine Menschen vielleicht zur Last legen werden, die nicht einsehen
können, dass ich Dich lieben musste! - -
    Kette dich also recht fest an mich, wakkerer Junge, es soll Dich nie reuen,
Du wirft zwar um meinen Besiz ein Bischen kämpfen müssen, aber ohne Kampf wäre
kein Wert, und ohne Wert keine Liebe wie die unsrige. - Und sollte ich Dich
mit meinem Blute erringen, so würde ich es tun, denn ohne Dich lebte ich ja nur
wie eine Wilde, die in der Irre herum läuft auf dem Erdboden. - Elend wäre ich
dann, mit dem besten Herzen, den fernern Verfolgungen Preis. - Gott! - Gott! -
wenn ich so die Güte meines Herzens mit den Bubenstükken abwäge, die an mir
schon sind ausgeübt worden, dann möchte ich wohl der Natur fluchen, dass sie mich
bloss zur Misshandlung schuf.
    Ich bitte Dich, Friz, sei nicht unruhig über meine Schwermut, Du must Dir
in mir ein ganz besonderes Geschöpf denken, die auch bloss ein Engel von Deiner
Güte ertragen kann! - Denke Lieber, das Mädchen, welches die Welt für eine
Leichtsinnige hielt, blutete oft im Herzen, wenn sie um dem Spott der Armut
auszuweichen, eine lachende Aussen-Seite annehmen musste. -
    Ich fand nirgends keine menschliche Seele, die würdig und vernünftig genug
gewesen wäre, den Grund meines Karakters zu prüfen. Nur meine Lebhaftigkeit und
die Eitelkeit der Mannsleute, die an mein Bischen Verdienst sich anklebten, zog
mir so viele Schmetterlinge zu - die, so oft ich erschien - scharenweis um mich
herumschwärmten. -
    Ich seufzte nach einem guten Herzen, suchte Mitleid, Grossmut und Liebe,
aber fand leider Unflat, Wollust, und niedrige Begierden. Du begreifst mit
Deiner Menschenkenntnis diesen Zustand gewiss, in dem ich mich schon seit einigen
Jahren abhärmte! - Aus Verdruss, aus Hass gegen mein Schiksal versuchte ich
flatterhaft zu werden, aber es misslang mir mit meinem noch unverdorbnen Herzen,
ich blieb dabei leer, albern und missvergnügt. - Nur wahre Liebe hätte mich
glücklich machen können, aber ich wurde zurückgestossen, schrökliche Tage hindurch
schmachtete ich, bis ich Dich fand! -
    Hier hast Du die aufrichtigste Beicht, die je ein Weib unter der Sonne
abgelegt hat, alles weist Du izt, ich will Dich überzeugen, dass keine falsche
Ader in mir wohnet. Ich schäme mich meiner begangenen Schwachheiten nicht, sie
sind Beweise, wie weit menschliche Misshandlungen ein gutes Herz treiben können.
-
    Mögen alle Weiber ihre Fehler so aufrichtig an's Licht stellen, wie ich,
dann werden sie gewiss auch leidenschaftliche Liebhaber finden, die sie um ihrer
Aufrichtigkeit willen standhaft lieben werden. - Wenn Verstellung, Eitelkeit,
und Grimasse in einem Weibe besiegt ist, dann Glük zu, ihr Herrn Männer, sie ist
eurer Verehrung würdig! -
    Ja liebenswürdiger Jüngling! - Deine Vernunft begegnete gerade meinem
Herzen, und Du hieltest es fest, weil es Dir nicht alltäglich schien, behalte es
immer, es sei nur Dir gewidmet. - Aber Gott! - Warum musstest du auch wegen mir
so viel dulden von den Deinigen? - Jesus Christus! - - Wenn unsere Bekanntschaft
entdekt würde, man steinigte mich lebendig! - - Und doch wäre ich unschuldig,
und doch wäre es nicht meine Schuld, wenn mir die Deinigen meine unwillkührliche
Liebe zum Verbrechen auslegen wollten. -
    Hier vor dem Kruzifix des blutenden Heilands schwöre ich Dir, dass ich Dich
gleich von Anfang ohne alle Absicht rasend liebte! - - Und dass, wenn dies Sünde
ist, mir keine Strafe zugehört, weil ich Dich vor den Augen Gottes rein liebte,
bis es einstens dem Allmächtigen gefallen wird, uns enger zu verbinden. - Noch
einmal schwöre ich Dir bei dem Schatten meiner teuren verstorbenen Aeltern, dass
meine Lebhaftigkeit nicht glitschen soll, eh ich von Banden los bin, die mich
noch fesseln! - -
    Zwar hat sie Schark schon lange zerrissen, nur bin ich noch nicht völlig
davon überzeugt. - Morgen erzähle ich Dir eine wichtige Entdekkung über diesen
Punkt, - schreiben darf ich sie nicht, Du wirst seufzen, und mich gewiss
bedauern. Lebe wohl, Deine
                                                                           Nina.
 
                                   XV. Brief
Guten Morgen! Ein Kuss mit ihm, und Langeweile genug, bis Du kömmst. So viel von
Deiner guten
                                                                           Nina.
 
                                   XVI. Brief
O du einziger Vertrauter meines Elendes! - Glaubst Du wohl, dass ich zu Bette
gehen könnte, ohne Dir einen Auftritt zwischen mir und Schark zu beschreiben,
worüber Du zittern wirst! - Auch von meiner ausschweiffend heftigen Seite musst
du mich izt kennen lernen, damit Du nicht lauter Tugend in mir suchest. - Dann
mag Deine Vernunft entscheiden, ob es sträflich ist, wenn ein gutes Herz sich
vergisst? - - Sieh ich beichte Dir sogar meine Fehler, weil ich überzeugt bin,
dass Du klug genug bist, um die Quelle dieser Fehler einzusehen, und meine sonst
so äusserste Guterzigkeit ihnen entgegen zu setzen.
    Selig waren heute für mich die Augenblicke, die ich an Deiner Seite
verlebte, aber als Du, Sohn der Tugend, mich verliessest, o da sah es wieder um
mich schröklich finster aus! - Kurz nach Deiner Entfernung kam Schark, seine
Untreue fiel mir schwer aufs Herz, ich konnte keine Silbe hervorbringen, stumm
und schluchzend warf ich mich auf's Bette, als er plözlich über meine Tränen
mit Rohheit zu lachen anfieng. - Jesu Maria! - Was da in mir die Galle kochte! -
Ich bat ihn vernünftig zu sein, aber es war zu spät, die Wut riss mich hin! -
Gott verzeihe mirs! -
    Ich fasste den schändlichen Wollüstling beim Hals, er hielt mir den Arm
zurück, ich hätte ihn sonst erwürgt, so sehr war ich ausser mir! - Meine Kniee
zitterten, der Gedanke an Dich hielt mich noch zurück! - Dann wankte ich an's
Bette, und heulte laut! - Nun wandelte ihn wieder auf einmal die Bosheit an, er
drohte mir wütend, ich schwieg, und reizte ihn nicht weiter. - Doch plözlich kam
ich wieder von Sinnen, ich suchte ihm zu entwischen, er hielt mich gebietend
zurück, und was blieb mir armen Gefangenen übrig, als zu weinen? - - Da sass er
nun wie ein sträflicher Sünder, sprachlos, und bat mich seinen Hals-Kragen, den
ich ihm in meiner Wut zerrissen hatte, wieder zurecht zu machen. -
    Ich musste in dieser beiderseitigen gefährlichen Stimmung zur Mässigung
schreiten, sonst wäre es zu grässlichen Auftritten gekommen. - - -
    Bei Gott! Wäre Deine Liebe nicht, ich liefe heute noch so weit mich die Füsse
trügen! - Um Deinetwillen, Friz, musste ich mich fassen, ich hörte jezt nichts in
meinen Ohren, als Deine Stimme, Dein Gebet für mein Wohl! - - -
    Meine Kälte empörte seinen Zorn aufs neue, und ich drohte ihm mit Abänderung
meiner Lage. Er schien diese Drohung über die Achsel zu werfen, und warf mir
mein Unvermögen vor, ich entsezte mich, wie man mit der tugendhaften Armut so
handeln kann. - -
    Friz, das Laster hat sich an mir verschworen, die ärgste Grausamkeit wird an
mir ausgeübt! - Den schwärzesten Betrug tischt man mir täglich auf, und ich wäre
die Nina, deren Herz, Karakter, Fleiss, Sorgfalt, und Rechtschaffenheit es (wie
die Leute sagen) mit einer Jeden aufnehmen dürfte? - - Ich wäre der Zögling
edler Eltern, die mich nach ihrem Ebenbilde voll Grossmut und Tugend erzogen? -
O es ist eine Lüge! - Sonst würden mich die Menschen besser behandeln! -
    Ich bin eine Arme, ohne Dich verloren an Leib und Seele! - Ausser Dir lebt
für mich nichts mehr in der Welt, das mich begreifen kann! - Ausser Dir ist mir
die elende Welt zur Last, ja, Friz, eine Last, die ich gewiss nicht länger tragen
wollte! - Wenn man dich von mir riss, o, dann wüsste ich schon, was aus mir würde!
- Ich trage ein krankes Gemüt herum, das gewiss durch Deinen Verlust den
verzweiflungsvollen lezten Stoss erhalten würde!!! - -
    Doch ich weis, Du liebst mich, ich weis, Du wirst eher die Erde bauen, als
mir ferner eine Träne von Undankbaren auspressen lassen. - Sei also gelassen gegen
Schark; Wut würde mich nur noch unglücklicher machen. - - Ich will dulden, ich
will leiden, ich will tragen die schröklichen Folgen meines allzu guten Herzens!
- Der Elende treibt es nun so weit, dass er mich hartnäkkig foppt und mich zu
guterzig glaubt, um jemals mit ihm zu brechen. - Er weis, dass mein Stolz sich
niemanden so leicht anvertraut, er kennt meine Grundsäzze, dass ich in der
grössten Dürftigkeit nie bei Männern Hülfe suche. Er vermutet nicht, dass ein
junger grossmütiger Teutscher edel genug denkt, mir ohne Vergeltung Leben und
Ruhe zu retten, - Kurz, er spottet meiner Güte und lacht meiner Drohung. - Er
hält sich in der weiten Schöpfung für den einzigen standhaften Mann, der, wenn
er gleich mich rükwärts betrügt, dennoch alles mit mir teilte. - So spricht
sein Hochmut, darauf ist er eitel.
    Gott, was ich Dir da für Zeug schreibe! - Was ich verwirrt bin, wie es mich
drükt, wie es mich ängstigt! - Um Gotteswillen! Wärest Du doch gegenwärtig! - Es
ist mir so bange, mein Blut hat seinen Lauf verfehlt, es drängt sich so an's
Herz! - Friz, so schröklich ist Dir wohl nie gewesen? - - Gewiss nie! -
    Ha! Wenn Du jezt da wärst, und mir nur einen Tropfen Wasser reichen
könntest! - Wenn Du mir den brennenden Kopf hieltest, wenn Du sie aufheitertest,
meine gebeugte Seele, o dann wollte ich gerne um diesen Preis tausend solche
Stürme ertragen!
    Schikke mir den Arzt, ich will mit ihm sprechen, es ist warlich mit meiner
Gesundheit nicht zu spassen, ich ahnde wieder Konvulsionen, und Blutsturz. - Bei
solchen anhaltenden Martern ist es ja leicht möglich. - - Schlafe wohl, Engel
der Sanftmut, Deine
                                                                           Nina.
 
                                  XVII. Brief
                                                                         Abends.
Gerade neun Uhr, und dem Himmel sei Dank, ich bin endlich allein. Nun will ich
mich ein wenig an Dich schmiegen, holdes Liebchen, Dich küssen, und mit Dir in
Gedanken das fühlen, was wir schon so oft zusammen fühlten.
    Dass Du heute wieder mein einziger Gedanke warst, das weisst Du gewiss, nicht
wahr? - - - Ich komme von Madame K... wir gerieten zusammen ins Philosophieren
über die Männer, die Frau zog eigensinnig über alle los, und wollte durchaus
keine Ausnahme unter deinem Geschlecht zugeben. - Sie behauptet durchaus, alle
Männer giengen bloss auf den Genuss aus. - - Und ich sagte: nein, und zehenmal
nein! - -
    Mein Herz sagte mir heimlich, dass diese Frau nie einen Friz müsse gekannt
haben, und es wurde mir bei dieser Erinnerung so wohl, so wohl! - - -
    Endlich las ich ihr Deine und meine Briefe, aus der Geschichte mit deinem
ersten Mädchen vor, dann fieng sie an recht gütig ihr Näschen zu rümpfen, und
schwärmte in feurigem Beifall über deine herrliche Art zu lieben! - Auch
schimpfte sie dabei tüchtig über das Bürgermensch, die zu Deiner
Speichellekkerinn noch zu niedrig wäre. - -
    »Das mus ein vortreflicher junger Mann sein!« - - Fuhr sie fort - »Aber Sie
haben ihn auch mit aller Macht in Ihren Briefen verteidigt. - Unser Geschlecht
wird Ihnen gram werden, weil Sie so drauf los ziehen! -«
    Ich antwortete - »Ja sehen Sie meine Besste! - Ich kann in der Liebe keinen
Betrug dulden, aber bei Gott, auch selbst nicht betrügen!« - -
    »O das weis ich, das weis ich! - (Versezte sie) nur hält es etwas lange, bis
Sie recht lieben, aber dann gehts auch bei Ihnen zu, wie im himmlischen
Paradiese! - Ei, will doch gerne sehen, welcher Sterbliche den Schark wird
austilgen können!« - - -
    Da lenkte ich ein, sonst hätte sie mich vielleicht gefangen. - Dann zog sie
äusserst schalkhaft über Schark los und machte mich lachen. - Auch fragte sie
mich, ob ich noch darauf bestünde, mit ihm förmlich zu brechen? - - - Oder ob
Schark schon wieder mein einfältiges gutes Herz erweicht hätte? - - »Nein! -
sagte ich - ich reise!«
    »Aber Sie kommen doch wieder?« - - O ja, stotterte ich. »Nicht wahr, Friz
bringt mir dann Ihre Briefe?« - - »Freilich, das wird er gern tun!« - Oder etwa
nicht Friz? - Ich dächte doch, das schöne sprechende schwarze Auge einer Dame
könnte Dir wohl ein Bischen gefallen. Und wenn sein Weibchen noch dazu abwesend
ist, die er bis jezt nur noch platonisch lieben darf! - Es ist mir, als sähe ich
Dich schon gegen ihr über sizzen, hinlänglich schüchtern, um deine Nina nicht zu
beleidigen. O du Lieber, Lieber, Götterwonne ist mir der Gedanke an Deine
Rechtschaffenheit! - Begreife, wenn Du kannst, meine völlige Verehrung für Deine
Grundsäzze, die mich einstens zum glücklichsten Weibe machen werden. Ich fühle
der Seligkeiten zu viel, wenn ich in unsere künftige Tage hinblikke, dass mich
immer die tiefste Schwermut dabei überfällt. - -
    Ob es denn gewiss wahr werden wird, das Bild meiner reizenden Fantasie? -
Tödtlich lang werden mir wenigstens die Stunden bis dortin scheinen, o Friz,
was ich noch Tränen werde vergiessen müssen, eh ich ganz, um nie wieder zu
scheiden, an deinen Busen hinsinken darf! - Gott! - Es liegt viel Wonne in der
Erwartung, aber auch viel Leiden in der Trennung. Trennung! - Gott! - Kann ich
das Wort denken .... Ein Herz, wie das meinige, Einsamkeit, Liebe, Schwermut,
Herr Gott im Himmel! - Die Entfernung von Dir wird mir hart, hart auffallen!!! -
    Und doch muss ich, ich muss von Dir fort, um Verdriesslichkeiten auszuweichen,
ich muss, weil Du es haben willst, weil Du es gut findest. Nicht die grosse Welt
ist es, die ich ungern verlasse, Du weist ja, Friz, dass ich sie hasse. - Aber
Dich, Sohn der Liebe, soll ich zurück lassen, unter Deinen Feinden zurücklassen? -
Gott! - Ich fange schon wieder zu jammern an, vergieb, und nimm es für
gränzenlose Liebe von Deiner bessten
                                                                           Nina.
 
                                  XVIII. Brief
Lieber Herzens-Friz, als Du mich verliessest, da wiedmete ich mich so ganz der
Seligkeit des Nachdenkens, träumte wieder alle Küsse hindurch, die wir einander
schon gegeben, und war so glücklich! - Es vergeht doch kein Tag, wo ich nicht
neue gute Entdekkungen an Dir mache. - - Nicht wahr, was meine dumme Zagheit
heute wieder für Schimären in die Zukunft schuf, und wie Du sie alle mit Feuer
zu meiner Beruhigung widerlegtest.
    Bei Gott! - Besster, auch nur Deine heftige Liebe kann Dir alle die Gedult
eingeben, ein so furchtsames Ding, wie ich bin, zu ertragen, eine Schwache, die
aus lauter Liebe vor jeder Mükke zittert! - Sage mir, Friz, woher kömmt denn
diese rasende Furcht, Dich zu verlieren? - O es ist Liebe, tiefe noch nie
gefühlte Liebe! - Fühlst Du es nicht, Besster, dass ich stündlich unruhiger werde?
- - Dass ich sowohl als Du mit tausend Leidenschaften kämpfe, dass ich kindisch
mit Dir schäkkere, ungedultig Dich erwarte? - Und dann manchmal an Deiner Seite
mit starren Augen gegen den Himmel blikke, um die Dauer dieser Wonne zu
erflehen! - Hast Du wohl in Deinen Idealen so ein Geschöpf geträumt; bist Du nun
zufrieden, Schwärmer, mit Deiner Nina? - Freust Du Dich wohl, dass Dein schon
lange gesuchtes Ideal wahr wurde? -
    Suche einmal in der hiesigen Stadt so ein Pärchen, wie wir beide sind;
schwerlich wirst Du es finden, denn die meisten hiesigen flatterhaften Jungen
gehören ins Tollhaus, und die Mädchen mit ihren kalten eiteln Herzen in den
Gänsestall! - Hätte doch mein Lebtag nicht geglaubt, dass es so um die hiesige
Jugend aussähe! - Ewigen Dank dem Himmel, dass Du mir noch unverdorben übrig
bleibest! -
    Doch weiter! - Als Du fort warst, kam Schark, ich sollte Dir zwar Klugheit
halber nichts mehr von ihm sagen, aber jezt muss ich es tun, damit Du doch auch
etwas zu lachen bekömmst, denn nun begehe ich doch keinen Meineid mehr, wenn ich
mich über ihn lustig mache. - -
    Denke Dir nur, wie wir beide so beisammen am Fenster standen, führten die
Leute plözlich einen Ochsen vorbei, der ein Bein gebrochen, da lief denn der
kindische Bube, wie eine wahre Frazze, dem Spektakel nach, und ich und mein
Mädchen lachten uns fast zu Tode darüber! - Endlich kehrte er zurück, und es
wurde bei uns zu Nacht gespeisst, da hab ich ihm denn mit einer gewissen Kälte
abscheuliche Brokken hingeworfen, bis er endlich darüber stuzte, und mich fragte
ob ich toll wäre, dass ich ihn so satirisch hunzen könnte? - -
    Auf einmal ging er an mein Nacht-Tischchen, und fragte mich wieder, was
denn das Geschriebene in dem Buch, (das Du mir geschenket) zu bedeuten hätte? -
- Hm! - sagte ich, doch gewiss keine Untreue! - Dann war er mäuschenstille und
ging.
    Gewiss, lieber Friz, ich verachte ihn täglich mehr, ich fühle, dass er mich
durch den Umgang mit seinen Kreaturen schändlich erniedrigt hat, ich fühle, dass
ich fort muss, ich fühle, dass sich mein Stolz bei seinem Anblik empört, ich fühle
aber auch, dass es die Klugheit erfodert, sich zu mässigen.
    Mein Gott, wer hätte dies je gedacht? - Aber weg davon! Sage mir, Lieber,
was Du jezt machest: - Gewiss auf Deiner Altane sizzen, ein Pfeifchen rauchen und
an mich denken? - - O diese Dämmerungs-Stunde ist so herrlich für die Liebe! -
So stille, so hinreissend, so entfernt vom Kummer, so feierlich, so kühl, ach! -
wäre ich nur bei Dir! -
    Doch fort mit Deiner Nina ins Bett, mit Deinem Bildnis an ihrem Busen, mit
Deinem Andenken im Herzen, und so soll ihr leztes Wort gute Nacht Friz sein! -
Ha! - Du schöner reizender Name, der meine Glükseligkeit ausmacht! - - - - -
                                                                           Nina.
Ich muss das geschlossne Billet wieder aufreissen, ich muss Dir den heutigen Traum
erzählen, der mich sehr ängstigte! - Herr Gott! - Was ich für unglückselige
Affekten besizze! - Bedenke einmal, ich traf Dich mit einem Mädchen bei einer
Zusammenkunft! - Um Gottes willen, was ich da in Wut ausbrach!!! - Siehst Du,
Friz, auch ohne Genuss kann man vor Eifersucht rasend werden! - Bei Gott! - Ich
war ganz unsinnig! - Ich wälzte mich wie eine Verrükte im Traum herum, dann
geriet ich in solche Hizze, dass mich das Nasenbluten aufwekte. - Es ist mir
heute gar nicht wohl, dieser Traum hat mich entsezlich zusammen geschlagen, und
doch sei dem Ewigen knieend Dank gesagt, er war bloss eine Lüge! - Da, Friz,
dieser vom Traume nasse Kuss soll Dir beweisen, was ich fühle! - Lebe wohl bis auf
Wiedersehen! Deine
                                                                           Nina.
 
                                   XIX. Brief
                                                            Nachts um zwölf Uhr.
Lieber Teurer! - Endlich von der Gesellschaft zurück, und nun zu Dir mit warmem
Herzen, das so sehnlich auch mitten im Getümmel nur nach Dir klopfte. - In der
Gesellschaft ging es heute sehr ungezwungen zu, jedes schäkkerte nach seiner
Weise. - Die K... sang allerliebste naive Liedchen, ich wizzelte, ihr Mann
machte Verse, R... lachte, J... nikte uns Beifall zu, und seine Frau stellte
sich auch gar nicht uneben. - Wir assen ziemlich lekkerhaft, aber ohne die
geringste Ziererei, gut Teutsch, und blieben bis neun Uhr Nachts beisammen.
    Wir Weiber trieben die Männer recht sehr in die Enge, dass sie alle nichts
mehr zu antworten wussten, bis endlich zween Franzosen sich dazu gesellten, da
wurde ich auf einmal finster, weil ich ihre Narrheit nicht leiden kann. - Ich
glaube diese Windbeutel hüpfen einst noch über den Sarg hinweg. - Die K...
bemerkte meine üble Laune und strich den Springern meine Wenigkeit gar zu sehr
heraus; bald hätte mich diese Eitle rot gemacht. - Was kümmert mich der Beifall
dieser französischen Affen? - Endlich führte mich die Familie J... zu Hause, und
ich traf ... Wen? - das weist Du leider schon. - Ich musste mit ihm wider meinen
Willen noch einige Gassen durchschlendern, aber überall vermisste ich Dich! Dass Du
mir doch gar nie begegnest, wenn ich Dich gerne haben möchte! - Wo bist Du denn
jezt? - Denkst Du auch an Deine Nina? - Ist es Dir auch so sehnsuchtsvoll um's
Herz, wie mir? - O lieber Friz, wenn sie nur schon vorbei wären die Tage der
unerträglichen Trennung! - -
    Noch einmal danke ich Dir für die warmen Küsse, die Du mir heute in die
Gesellschaft mitgabst, ich war so munter, weil ich Dich noch zuvor gesprochen
hatte. - Ich bin doch ein eigensinniges Ding in Sachen, die mein Herz betreffen,
o da sollte mich selbst die Hölle nicht davon abhalten können! - Die Liebe hat
sich an mir vergriffen, sie warf mir einen Teil mehrerer Zärtlichkeit zu, als
andern Weibern, alles macht mir Freude, was ich mit Deinem Andenken heiligen
kann, die Natur, die Menschen, alles ist mir jezt lachender, weil Du für mich
lebst. - O die Menschen ohne Liebe müssen wohl recht elend sein! - Nichts in der
Schöpfung zu haben, an was man sich ketten kann, Ha! - Das ist wohl recht sehr
traurig! -
    Und wie fühlst denn Du Dich, Trauter? - Sage mir doch morgen mit tausend
Küssen, dass Du das nämliche fühlest. - Traurig wünscht Dir nun Deine Nina gute
Nacht - aber eben so liebevoll, wie an unserem Brauttage. -
                                                                           Nina.
 
                                   XX. Brief
Nein, Friz, so einen Tag, wie der heutige, möchte ich nicht wieder erleben! -
Wie es mich so schröklich auf dem Herzen presste; wie Dein bedaurungswürdiger
Kampf mich erschrökte! - Gott im Himmel, ich trage es nicht länger! - Ach! -
Schone meiner, Friz, sonst muss meine Gesundheit wanken. Du warst zwar
zurückhaltend und bescheiden, aber Deine Leiden drangen doch in mein Herz. - Ich
fühlte, dass Furcht und Angst meine Seele peinigten, ich fühlte, dass sie verloren
sein würde meine Ruhe, wenn Du nicht der Rechtschaffene bleiben würdest, für den
ich Dich hielte, - Heimlich fluchte ich meiner Lage, dem Schiksal und mir
selbst, Du konntest meinen Kummer nicht bemerken, weil Dein eigner Dich zu sehr
betäubte. Die Träne, die ich weinte, war bitter über die Entdekkung unserer
beiderseitigen Schwäche. - Himmel! - Wie unglücklich wäre ich, wenn meine Sinnen
sich verirrten, eh wir ganz beisammen sind! - - -
    Furcht würde mich peinigen, Verzweiflung mein Herz zerreissen, ich würde es
lebhaft vor mir sehen, das Grab unserer Liebe! - - O wenn Du mich liebst,
kniefällig beschwöre ich Dich, mir diesen Gram zu ersparen! - Edler, guter,
biederer, teutscher, junger Mann, halte es nicht für Ziererei, es ist bloss
zitternde Furcht, Dich durch zu frühe Verbindung zu verlieren. - Bei diesem
kummervollen Herzen, bei dieser von Leidenschaft gespannten Brust, bei meinem
verwirrten Kopf, schone Dich, schone mich! - Du warst zwar nicht unbescheiden,
nicht zudringlich, aber, um Gottes willen, lass mir Deine Kämpfe nicht wieder so
leicht bemerken! - Lass mich ruhig an Deiner Seite Deine Seelen-Vorzüge geniessen,
wenn Du mich liebst, wenn Du nicht haben willst, dass ich mich zu Tode gräme! -
Mitleiden könnte mich bemeistern, ich könnte mich verirren zu meiner Qual, zu
meinem Elende! - Ha! - Wie es mir jezt schon so Angst ist! -
    Das war heute seit unserer Bekanntschaft der schröklichste Tag! - Die
schröklichste Schwermut, die ich je fühlte! - O Friz, wenn Du fühlen könntest,
was ich heute litte! - Hilf mir tragen, sonst sinke ich zu Boden! - -
    Bedenke einmal mein Elend bei der Bekanntschaft mit einem Menschen, der mich
betrügt, erniedrigt, mit einem Herzen voll Leidenschaft für Dich. Friz, rufe
Deine Vernunft zu Hülfe, sonst verlierst Du das Weib, das Deine Tage segnen
soll! - Sei klug, überdenke die Gefahr, und tue, was Dir Deine Moral eingibt.
- Mein Mädchen ist Zeuge meines Zustandes, trostlos lag ich heute im Sessel,
trostlos ohne Dich, bloss in der Gesellschaft meines Kummers! - Und Du, guter
Jüngling, wusstest nicht, fühltest nichts von meinem Zustande? - Wärst Du
gegenwärtig gewesen, Mitleid hätte Deine Leidenschaft übertäubt, Du würdest sie
in Ketten geschlossen haben, die Triebe Deiner Natur! -
    Wenn ich doch nur weinen könnte, ich möchte mein Schnupftuch zernagen, ich
möchte die Stadt durchlaufen um mein Blut abzukühlen! - Friz, reiss es heraus
dies elende Herz, das Empfindungen nährt, die mich elend machen! -
    Fliehe mich! - - - Doch nein, um Gotteswillen nicht! - Heute leidet mein
Verstand, ich merke es. - Wärst Du nicht, ich wollte der Liebe entwischen, ich
wollte ihm Erleichterung schaffen diesem tirannischen Körper. - Heiland! - Was
ich schwärme! Ins Tollhaus, ins Tollhaus mit einer solchen Närrin! - - Würde die
rohere Gattung der Menschen sagen, wenn sie mich izt sähe. - Der Kopf ist mir
auch so verstimmt, rette mich, ich beschwöre Dich, Du hast meine Seele auf
Deiner Rechnung! - Fort zu Bette mit der armen kämpfenden
                                                                           Nina.
                                                                        Morgens.
Ich bin matter, Friz, aber nicht viel ruhiger, Gott, noch so eine Nacht, wie die
vorgestrige und die heutige, mit so einem Tag begleitet, wie der gestrige, dann
bin ich gewiss weg! - -
    Ich habe wieder geträumt, dass ich in Deinem Hause war, und dass mir Deine
Mutter erniedrigend begegnet wäre; der Vater aber sei milder gegen mich
gewesen. - Als ich erwachte, war das Kopfküssen nass von meinen Tränen. - Es
spannt mich heute wieder schröklich auf der Brust, schikke mir Deinen Arzt, aber
um Gotteswillen kümmere Dich nicht! - Es ist meine gewöhnliche Schwermut durch
Leidenschaft und Tränen aufgewekt. -
    Morgen sehe ich Dich, und solltest Du auch nur auf einige Minuten kommen
können. Bleib heute zu Hause, Du würdest mit mir nicht allein sein können.
Tausend Küsse von Deiner lieben
                                                                           Nina.
 
                                   XXI. Brief
Teurer Friz! - So kränklich und schwach ich auch noch immer bin, so sollst Du
doch die erste Zeile nach meiner Krankheit erhalten. - Du guter, lieber, biedrer
Junge! - Wie Du heute meine Schwermut so nach und nach weg zu plaudern wusstest,
wie Du Dich täglich mehr in meine abscheulichen Launen zu schikken weist,
verdient nicht dies allein Vergebung für Deine samstägige Laune? - Und dann Dein
herrliches unserer Lage angemessenes Betragen, als Schark hereintrat, o Gott! -
Du musst mich wohl recht sehr lieben um eines solchen Zwangs fähig zu sein! -
    Wie ich die drei übrigen Stunden mit ihm zubrachte, als Du fort warst,
kannst Du leicht denken; zu gefühlvoll, um ganz gelassen zu sein, und zu klug um
mich zu verraten, fühlte ich Langeweile und Schwermut. -
    Endlich sah ich Deinen Freund vorbeigehen und gab meinem Mädchen geschwind
einen Wink, dass sie ihm nacheilen sollte, um Nachrichten von Dir einzuholen.
    O wenn die Kalte, doch nur geschwind wieder zurückkehrte, dachte ich, doch
lies ich mein Gefühl dabei nicht in's Empfindelnde fallen, wie's der spöttische
Mann in dem Tagebuch eines neuen Ehemanns sagt. -
    Was will denn dieser Grillenfänger? - Der sich selbst Widersprechende? Er
gesteht ja doch ein, dass Liebe im Gefühl liegt, und doch nennt er Zärtlichkeit
Empfindeln? Zwischen Romanen-Liebe und zwischen wahrer auf Vernunft gegründeter
Liebe herrscht ein grosser Unterschied. - Die erste ist bloss eine Seuche, die ein
Augenblick in einer erhitzen Einbildungskraft erzeugt hat, und die lezte wohnt in
der Ueberlegung, im Herzen und in der feinsten Zärtlichkeit. -
    So eine Liebe ist in gegenseitiger Gefälligkeit unersättlich, und kann bei
all ihrer glücklichen Trunkenheit nie müde werden. Meinetwegen können tausend
Siegwarte und seines gleichen nur in Büchern wohnen, ich habe selbst Ziel und
Mass und weis recht gut, was mein Gefühl ertragen kann, um nicht stumpf zu
werden. - Ich verkenne den Menschen auch in meinem Liebhaber nicht, weis ihn zu
ertragen, und fodere nicht, dass er einen irrdischen Engel vorstelle. Wenn mir
aber nach einer genauen Untersuchung ein Friz begegnet, der so ganz mein
Wiederhall ist, o dann greife ich mit beiden Händen zu, und schaffe mir
herrliche Tage der Zukunft in meinen Gedanken! Freilich nicht ohne Erdenkummer,
nicht ohne Trübseligkeit, aber erleichtert durch das gute Herz eines Gatten,
durch die Vernunft eines Freundes, durch die Sanftmut eines Bruders, ist mir
dann in den Armen meines Mannes selbst der Tod leichter. - So viel sagt mir
meine Ueberzeugung ohne Empfindelei!
    Ich werde zwar von meinem Gatten nicht bis in's achtzigste Jahr kindische
Tändeleien fodern, aber sein Herz, wenn es gut ist, bürgt mir ewig für jede
kleine Gefälligkeit, die er meiner Dankbarkeit schuldig ist. - -
    Wahr ist es, die Neuheit hört auf, aber die gegenseitige Guterzigkeit kann
nicht aufhören, wenn man unter Harmonie des Karakters sich verband. - Der erste
Taumel hört auf, aber das ruhigere standhaftere Gefühl bleibt, und die Kunst
sich einander die Stunden zu Minuten zu machen, kann bei uns auch nicht
aufhören, weil es uns beiden nicht an der Einbildungskraft fehlt, auch im Alter
neue Verdienste in uns zu entdekken. -
    Nimm auf diese selige Zukunft hin den feurigsten Kuss von Deiner kranken ....
nicht doch ... von
                                                          Deiner liebenden Nina.
 
                                  XXII. Brief
Ein fataler Tag war das wieder heute! - - Ich erhielt wieder neue Nachrichten
von Scharks Ausschweifungen. - - Komme ich nicht höchstens in Zeit drei Wochen
fort, dann sollst Du sehen, was es absetzen wird! - O Teuerster, nimm mir diese
Drohung nicht übel, Du weist, dass beleidigte Ehre aus mir spricht! - -
    Sei ruhig, komm heute Abend um neun Uhr sicher, hörst Du! - Zu Deiner
                                                                           Nina.
 
                                  XXIII. Brief
Schon sieben Uhr vorbei, und Schark war nicht hier. Wo in aller Welt mag er
heute wohl stekken? - Vermutlich schwelgt er izt in den Armen der Wollust. -
Wäre noch Liebe für ihn in meinem Herzen, so liefe ich heute Abend noch alle
Strassen durch, suchte ihn auf, und fände ich ihn an einem Orte, der mich
beschimpfte, dann ... Ha! - Dann weh ihm!!!
    O wie schön ich mich heute für seinen Undank hätte rächen können! - Doch
pfui! - Er verdiente eine solche Rache nicht, die auf Unkosten meiner Ruhe
gienge. - Es ist zwar grässlich, grässlich, sich unschuldig so behandelt zu sehen!
- Was doch die meisten Männer für Ungeheuer sind! - Zittern sollte man vor
ihnen, wenn man sie nicht lange, lange, geprüft hat! -
    Aber so viel ist gewiss, Friz, dass Du eine Ausnahme bist. - Doch hüte Dich ja
nicht dringender zu werden, sonst wacht der höllische Argwohn über Dein
Geschlecht wieder in mir auf und trist auch Dich! - Dann könnte ich Dich
unschuldig beleidigen. -
    Es ist nicht Misstrauen, aber es ist die feurigste Bitte, die ich an Dich
wage! - Frage nicht ferner nach der Ursache, gieb mir darinnen nach, wenn Du
mich liebst. - - Das kannst Du, das wirst Du um Deiner armen Nina willen, die
heute wieder mit der schwärzesten Melankolie ringt! -
    Ich fodere dieses Opfer von Deiner Liebe, und solltest Du mich wieder einmal
so schwach, wie heute sehen, o dann fliehe mich! - - Sonst könnte es leicht
Deine und meine Ruhe kosten. -
    Du bist ein Engel in der Bezähmung Deiner Begierden, Du hast Stärke über
Dich und mich, aber Du musst nur wollen, und nicht immer durch tolles Schwärmen
Dich und mich reizen. Bin ich denn so arm an Unterhaltung? - - Friz, richte Dich
wieder so ein, wie Du warst, wenn Du nicht die Glükseligkeit meiner reinen Liebe
mit Gewalt stören willst. -
    Nenne es Vorurteil, nenne es Grille, nenne es Misstrauen, genug der Aufschub
einer engern Verbindung dient mir zur Ruhe und versüsst mir die Stunden einer
wonnevollen Erwartung. - Brause nicht wieder über diese Sprache, sonst liebst Du
mich nicht absichtlos, dann weh Dir!!! - Ich mache Dir keine Vorwürfe, ich sage
Dir bloss mit Aufrichtigkeit, was Du wissen musst. Sei also vernünftig, und
erinnere mich auch daran, wenn ich es nicht bin. - -
    Ich fühle wieder abscheuliche Kopfschmerzen, ich bin ganz weg heute Abend,
und doch wenn ich stürbe, so weis ich mir die Ursache nicht anzugeben, warum ich
so zerrüttet bin? - - Lass mich morgen ja nicht lange auf Dich warten, habe
Mitleiden mit Deiner armen verstimmten
                                                                           Nina.
 
                                  XXIV. Brief
Guten Morgen lieber Herzens-Friz! - Hast Du wohl geschlafen? - Ich so - so -.
Die ganze Nacht über dachte ich dem feurigen Grad Deiner Liebe nach, und fand,
dass Dir kein anderer Sterblicher das Gleichgewicht halten würde. - Sei nicht
böse, Lieber, wenn ich Dich manchmal mit meiner Zärtlichkeit quäle, verkenne nur
das Wort Weib nicht in mir, denn schwach bleibt dieses Wort immer, und wenn es
auch hundertmal eine Denkerinn ausdrükken kann.
    Anhaltendes Unglück hat mir sogar die süsse Hoffnung geraubt, mich über etwas
mit wahrer Gewissheit freuen zu können! - Es ist nicht meine Schuld, es ist die
Schuld des Schiksals, habe Gedult mit mir, Du wirst mich einstens besser stimmen,
wenn ich an Deiner Seite bin. - Du kennst mich, und was braucht es mehr, als die
Wärme Deines schlagenden Busens um ganz Dein zweites Selbst zu werden? - - Ich
bin so ein verzagtes Ding, Glükseligkeit in der Liebe ist mir so neu, und ich
taumle denn so im Rausch dieser Liebe dahin, ohne es recht fassen zu können. - Du
kennst meine Begriffe in der Liebe, weist dass ich durch sie noch nie glücklich
war, ist es nun zu wundern, dass sie mir den Kopf schwindeln macht? - Beruhige
mich, so gut Du kannst, das ist alles, wofür ich Dir ewig danken will! -
    Ist das nicht ärgerlich! Nun unterbricht mich gar jemand!! O ich wollte, dass
.... Ich höre Holbaurs Stimme. Ha! - Der elende Kerl, soll mir bald vom Halse
geschafft werden! - Gieb nur Acht! - -
    Hier magst Du unsere wörtliche Unterredung lesen. -
                                    Holbaur.
Madame sind doch nicht böse, dass ich mir die Freiheit nehme, sie zu besuchen? -
Seit Ihrer Bekanntschaft mit Schark, bekömmt man Sie ja gar nicht mehr zu sehen;
und die schönen Wittwen sollten sich doch auch der Welt zeigen. -
                                      Ich.
Wozu mein Herr, sollte ich mich mehr der Welt zeigen, um mir vorheucheln zu
lassen, oder selbst heucheln zu lernen? - Meine Eroberungen sind schon gemacht,
und ich zweifle, ob sie mich je reuen werden. -
                                    Holbaur.
Darunter wird doch Schark nicht gezählt? - -
                                      Ich.
Und warum nicht? - -
                                    Holbaur.
Hm! - Ich meine nur so, weil er mich eben so wenig der Mann dünkt, der Sie
verdient, als andere, die um Ihre Hand buhlen. -
                          (Das war auf Dich gemünzt!)
                                      Ich.
Habe ich Sie mein Herr je zum Ratgeber aufgefodert? - Oder sind Sie von ihren
eignen Verdiensten so sehr überzeugt, dass sie glauben, andere mit solcher
Gewissheit verdunkeln zu können? - Wenn ich Ihr stumpfes Gefühl nicht kennte,
bald würde ich Sie aus Neid zum Nebenbuhler fähig glauben. -
                                    Holbaur.
Ich Nebenbuhler? - Holbaur, und Nebenbuhler! Ha! - Ha! - Soll ich Ihnen
beweisen, dass ich es nicht bin? -
                                      Ich.
Ich wenigstens erinnere mich nicht, Sie je zu solchen Hoffnungen verleitet zu
haben. - So viel ich mich erinnere, so haben Sie sich in meine Bekanntschaft
eingedrungen, ich duldete Sie gewisser Ursachen wegen ...
                                    Holbaur.
Und daran taten Sie sehr klug, sonst würde ich erst vor wenigen Stunden Anlass
gefunden haben, mich an Ihnen zu rächen. - Ob das gleich meine Sache nicht ist.
-
                                      Ich.
Sich an mir zu rächen? - - Lassen sie mich doch den Anlass hören; verschobene
Rache ist oft gefährlicher, als die Rache selbst. -
                                    Holbaur.
Der Anlass ist ganz natürlich. Sie unterhalten eine Bekanntschaft mit dem jungen
G.... Seine Aeltern und Verwandten sind dagegen, und suchten dieses und jenes,
von mir zu erfahren, weil sie wissen, dass ich Sie zuweilen besuche. - -
                                      Ich.
Und warum haben Sie denn das, Dieses und Jenes, nicht erzählt, wenn sie etwas
von Diesem und Jenem wissen? -
                                    Holbaur.
Gott bewahre mich, dass ich ihre Freuden stören sollte! - Der junge G... ist ein
guter Junge, ob er gleich zuweilen ein Bischen brausst! -
                                      Ich.
Das mag Sie wohl von fernern Plaudereien abhalten, denn sie wissen doch recht
gut, dass sich G... nicht auf der Nase tanzen lässt. -
                                    Holbaur.
O, er war immer mein Freund, und erst heute sprachen wir beide von Ihnen mit der
wärmsten Entzükkung. -
(Hier fiel mir die Unterredung ein, die Du einstens mit ihm hattest, als er Dich
von mir abwendig zu machen suchte. Und ich hätte den satanischen Lügner gerne
bei dieser Heuchelei zum Zimmer hinaus geworfen; aber die Politik hiess mich
schweigen. - Sonst stekt sich die Kanaille noch hinter Schark und schmiedet neue
Kabalen. -)
                                      Ich.
Dass mein Freund G.... mir gut ist, weis ich, ob aber Sie es so gut mit mir
meinen, ist eine andere Frage? -
                                    Holbaur.
O wüssten Sie....
                                      Ich.
Stille mein Herr, ich höre draussen rufen! -
(Hier trat nun gerade mein Mädchen ins Zimmer.)
Siehst Du Friz, nun ist es deutlich und klar, der Bube hat Absichten auf mich. -
O dürfte ich ihm doch das nächstemal die Türe weisen! - Aber denn verfolgt er
uns noch ärger, besonders izt, da er schon beinahe von unserer Liebe überzeugt
ist. -
    Ich kann den zudringlichen Kerl auch gar nicht mit Spott vom Halse bringen,
er fühlt keine Grobheit, kümmert sich um nichts, am wenigsten um finstere
mürrische Gesichter. O es ist eine abscheuliche Sache um einen Mann ohne
Ehrengefühl! - Deine beste
                                                                           Nina.
 
                                   XXV. Brief
Friz, lass mich auf der Stelle wissen, wo Du heute mit Deinem Freund hingegangen
bist? - Ich sah euch beide nicht über die Brükke gehen, und es war mir nicht
wohl bei der Sache. Augenbliklich fuhr mir allerlei durch den Kopf, bis mich
Röschen versicherte, sie hätte Dich in dein Haus sehen gehen. - Dann wurde ich
wieder etwas ruhiger. -
    Bei allem dem bin ich heute so guter Laune; sieh Liebchen, wenn ich Dich da
hätte, ich erdrükte Dich mit lauter Küssen! - Du bist doch ein allerliebster
Junge! - Ein Engel, ein Liebling, ein vortreffliches Wesen, das mich lebendig
zur Seligkeit hinreisst! - - Nimm hin diesen Kuss auf die Rechnung der reinsten
feurigsten Liebe. -
    Du glaubst also, ich soll gegen Holbaur nicht zu rasch handeln? - Ist das
nicht eine elende Welt, in der man dem Laster noch gute Worte geben muss, damit
es uns nicht ganz zu Grunde richtet! - - Bei Gott, Friz, ohne Deine
Schadloshaltung möchte ich in dieser elenden Welt nicht mehr länger leben! - In
einer Welt, wo der Schurke einen Freiheitsbrief trägt zur Bosheit! - Mache, dass
wir bald vereinigt werden, damit ich nicht mehr Ursach habe, mir vor dergleichen
Leuten Zwang anzutun. So viel von Deiner guten
                                                                           Nina.
 
                                  XXVI. Brief
                                                          Nachts um halb 12 Uhr.
Schon so spät, und doch würde ich mich hassen, wenn ich, ohne Dir einen Kuss
aufzudrükken zu Bette gehen könnte. Izt sollst Du auch hören, was ich heute
diesen schröklich langen Tag alles machte. -
    Ungefähr um vier Uhr ging ich zu meiner lieben Freundinn Sch...! Dass sie
mich mit Freuden empfieng, weist Du ohnehin. - - Ich traf, wenn ich mich nicht
irre, im Dahingehen Deine Schwester, wenigstens war es ein Mädchen mit grossen
schwarzen Augen, gerade so wie die Deinigen.
    Um sieben Uhr musste ich wieder zu Hause, weil ich Schark versprochen hatte,
mit ihm spazieren zu gehen. Aber vorher drang die Freundinn Sch... schon in
mich, mit ihm zurück zukehren, und bei ihr zu speisen. -
    Mit welcher Laune ich spazieren ging, wirst Du leicht erraten, Ja und
Nein, war alles, was Schark aus meinem Mund hörte. - Und während dieser
eintönigen Unterhaltung kehrten wir wieder zur Freundinn zurück. Beim Nachtessen
unterhielt ich mich recht artig. Schark brummte im Zuhausegehen nach seiner
gewöhnlichen Art, weil es dem verzärtelten Grobian zu saur wurde, mich nach
Hause zu begleiten. Du lieber Himmel nur bald rette mich von diesem Geschöpf! -
-
    Aber nun Liebchen, schläfst Du vielleicht recht sanft, träumst von mir, und
bist zufrieden, selig! - O ich kenne Dich aller Welt Schwärmer, ich kenne Dich,
warte nur Du Erzküsser! - Warte nur! - Ich möchte izt in dieser Stimmung recht
gerne zu Dir eilen. Aber es ist ohnmöglich, es ist ohnmöglich! - O könnte Dich
mein klopfender Busen aufwekken, könnte Dir mein vor Liebe wallendes Herz
beweisen, wie feurig ich Dich liebe! -
    Alles ist so feierlich still, kein Neid würde mich izt belauschen; wenn ich
doch allmächtig wäre, und nur auf wenige Minuten zu Dir hinschleichen könnte! -
Nu, das heiss ich träumen, das heiss ich umsonst fantasieren! - -
    Auch habe ich heute wieder den halben Tag durch, doch ohne Dich zu nennen,
bei der Sch... von Dir gesprochen. - Was das liebe Weib Dir gut ist! - Die
Geister harmonieren, schrie sie voll Entzükken über meine Schilderung von Deinem
Karakter. - O was das wieder meiner Leidenschaft schmeichelte! - Und doch war
meine Schilderung nur ein Schatten gegen der Liebe meines besten Frizens. -
    Nun kömmt der Schlaf bei mir angestiegen, ich muss ihm wohl nachgeben. -
    Ruhe sanft, teurer, bester Gatte, ruhe sanft, mit dem Andenken Deiner
besten
                                                                           Nina.
 
                                  XXVII. Brief
Bald zehen Uhr, und zurück bin ich vom Spaziergang mit Schark. Der wakere Mann
will mich dieser Tagen auf den hohen Kirchturm führen, um mir die schöne
Aussicht in die ruhige Ewigkeit zu zeigen! - Friz! - - Darf ich, wie eine gewisse
Fanny, einen mutigen Sprung wagen? - Darf ich? - - Noch mehrere solche
unglückliche Tage, wie der heutige, und ... Gott verzeih mir's, es wäre Zeit! -
Weisst Du auch Lieber, dass ich Dich heute gar nicht mehr kannte? - Weisst Du auch,
dass Du heute Deinem Karakter widersprachst, und mich beinahe zu Boden drüktest!
- - Ich will Dir keine Vorwürfe über Dein Betragen machen, es wäre Unsinn. -
    Aber bitten will ich Dich, bald wieder mein guter, lieber, herrlich
denkender Friz zu werden. Gott! - Was Du mir heute zum erstenmale fürchterlich
vorkamst, was ich seit Deiner Bekanntschaft zum erstenmale den Augenblick
verwünschte, wo ich Dir so ganz voll Zutrauen meine Schwachheiten zeigte; sag
Liebchen, warum warst Du so wild, so widersprechend? - Dachte ich doch, Liebe
könnte selbst den Wollüstling bändigen, und Dich, Sohn der Tugend, sollte Liebe
nicht sanfter machen können? - - O warum bin ich auch so eine Elende, die
vielleicht Deine Schonung nicht verdient! - Warum besizzest Du unbezähmbare
Leidenschaften? - - Ich sehe mein Unglück zum voraus! - Ich werde Dich nach
mehrern solchen Auftritten bloss für sinnlich, und Du wirst mich für lieblos
halten. Ha! - Die Männer sind doch gar zu ungerecht gegen ein liebendes Weib,
die vor dem Augenblick der engsten Verbindung, ohne öffentliche Bande eben so
schröklich zittert, als sie ihm mit stiller furchtsamer Zärtlichkeit ausweicht!
- -
    O Friz! - Was soll ich tun um Dich zu beruhigen und mir dabei den
schröklichsten Gram zu ersparen? - Es ist wahr, ich bin eine Undankbare, ich bin
eine Sträfliche, die Dich unwillkührlich reizt! - Aber um Gotteswillen kann ich
dafür? - Kann ich meine Grundsäzze zu Dem bewegen, was Dich martert? Du bist von
meiner Liebe überzeugt, aber sei auch gerecht, höre nicht bloss auf die Stimme
Deiner Triebe, lass Dein gutes Herz für ein Geschöpf sprechen, die Dich weder aus
Eitelkeit, noch aus Eigennuz quälet. Sei gut, Friz, sei liebevoll, sei sanft,
sei vorsichtig, bringe mich nicht zur äussersten Schwachheit! - Sonst .... O
Gott! - Ich werde es nicht können, sonst muss ich Dir kälter begegnen, dann hört
jenes Vertrauen der Tugend, jenes brüderliche Wohlwollen unter uns auf, und
zügellose Unruhen, nagende Begierden, schleichen sich an ihre Stelle, so bald
wir in die Arme der Weichlichkeit sinken! -
    Du hast mich heute Abend sehr viele Tränen gekostet! - - Ich machte mir
selbst Vorwürfe, Dich je zur Liebe gereizt zu haben, es geschah wider meinen
Willen, aber ich glaubte Dich mehr Mann, ich glaubte Dich bloss feuriger,
wünschender Gatte, der unsere nähere Vereinigung von der Zukunft erwarten würde,
und izt schon bist Du unzufriedner, mürrischer Liebhaber. - Gott schikke Dir
heute Linderung Deines Kampfes, und mir Tränen, mein Elend, meinen Jammer
auszuseufzen! - -
    Armer Junge, wie wirst Du erschrekken, wenn Du in diesem Brief die
leibhaften Züge Deiner schwermütigen Nina liesest! - Schlaf wohl, der Himmel
schenke Dir Gnade, Du verdienst sie besser als ich! - O gewiss! - O gewiss! - Denn
ich bin ... O ich mags nicht sagen ... Vorwürfe nagen an meiner Seele! - Deine
arme
                                                                           Nina.
 
                                 XXVIII. Brief
Teurer, guter Friz! - dass ich über Deinen Zustand sehr unruhig bin, wirst Du
mir vielleicht nicht so leicht glauben, weil Du mich als die Quelle Deiner
Leiden betrachtest. Lass mich um alles in der Welt wissen, ob Du besser bist, und
ob ich Dich auf den Abend sehen werde? - Im widrigen Falle laufe ich
schnurstraks in Dein Haus, und wenn mich auch Deine Verwandten lieblos
zurückwiesen, gleich viel! - Was kümmert mich ihre Grausamkeit. Du bist mehr
wert, als das, was ich in hundert Jahren an meinen Augen abweinen könnte! -
    Heute Abend scheint uns zwar ein Gewitter zu drohen, der Himmel sieht gerade
so übellaunigt aus, wie Deine Nina; Auch sollte mich der Ausguss der Elemente
nicht abschrekken, wenn ich an Deinem Busen schlummere, und Dein Herz wieder
ruhiger schlagen höre! - - - - -
    Zu allem bin ich bereit, was Du für gut findest, um uns heute noch zu sehen.
- Wenn Du kein Feiger bist, der vor dem Geklatsch Deiner Verwandten zittert, so
siehst Du mich heute, oder Deine Krankheit ist erdichtet.
    Heiliger Gott! - Was ich da für Unsinn plaudere. - - - Lass mich um Gottes
willen wissen, ob Du besser bist? - Nun so bin ich denn zum immerwährenden Kummer
geboren! -
    Gerade jezt erhalte ich Dein zweites Billet. - Friz, vermag meine Liebe
nicht Dich zu beruhigen? - Wenn Du denn durchaus nicht kommen kannst, so schreib
mir bis halb drei Uhr, wie es um Dich steht? - Komm lieber nicht, als dass Du
wieder so unendlich leiden solltest, so rasend unmenschlich hätte ich doch die
Deinigen nicht geglaubt! - Und mir drohen? - Die Elenden! - Mir? - Ha! Kommt nur
ich will euch empfangen! - Ihr sollt die Wut eines liebenden Weibs kennen
lernen! - - Zittern sollt ihr, oder weichen! - Eigennuz, - - Verdammtes,
höllisches Laster, Du schufst Barbarei in des Menschen Gehirn!!! - -
    Verkuppeln wollen sie Dich also? An wen denn? - Warum nennst Du mir die
glückliche Prinzessin nicht, der Du Falschheit auftischen solltest, weil Dein Herz
mein gehört! - Merk Dir's Jüngling, es gehört mein, und sollte ich seinen Besiz
durch Blut erringen! Mögen dann die Dummköpfe über meine Heftigkeit lachen, das
kümmert mich nicht! - Ich halte mich in der Liebe an Mutter Natur, sie schuf
unser Herzen ohne politische Neben-Absicht, bloss zur Liebe, und ich will ihre
Rechte so lange verteidigen, bis Menschen-Bosheit meine Kräften durch
Gewalttätigkeit schändet!!! -
    Aber dazu werden es doch Deine Verwandten nicht bringen, der Monarch hat
Ohren, und ich habe Mut und Entschlossenheit ihm Dinge zu entdekken, die er als
Mensch verteidigen muss! -
    Narren sind das, kalte Narren, die Hindernisse in der Liebe nicht zu
übersteigen wissen. -
    Ich wundere mich nicht über das Gespötte, das sie über die Beharrlichkeit
meiner stolzen Seele treiben werden, ich wundere mich nicht, dass sie
Standhaftigkeit und grosse Leidenschaften für überspannte Torheit halten. Wie
kann ihr Schnekken-Blut in eine edle feurige Wallung kommen, um männliche
Vestigkeit zu begreifen? -
    Glaube sicher Friz, wer über unsere Geschichte lacht, wer sie für
unbegreiflich hält, der ist gewiss in der Liebe keiner Beharrlichkeit fähig! -
Helden haben ihr entusiastisches Feuer, Patrioten ihren wahren Eifer, biedere
Bürger feste Treue, und warum sollten Wahrhaftliebende keine Beharrlichkeit
haben? - - Vorausgesezt, dass sie überzeugt sind, ohne Neben-Absicht zu lieben,
so bald sie untersucht haben, ob es nicht bloss jugendliche Uebereilung ist,
worunter feurige Sehnsucht nach Genuss stekt, so bald sie wissen, dass die Natur
sie an einander kettete, so bald sie bei gegenseitiger Untersuchung einer reinen
Kritik fähig sind; - Kurz, so bald zwei Köpfe zusammen kommen, denen es nicht an
Menschenkenntnis fehlt, die lange vorher unter freundschaftlicher Beobachtung
die gegenseitige Gemütsart untersuchten. - - Warum sollten solche Menschen
nicht dem Vorurteil trozzen können? - Blinde Liebe, die bloss Eigensinn,
Wollust, kindische Uebereilung, oder Empfindelei zu ihrem Grunde hat, artet
leicht in ausschweifende Romanen-Züge aus, aber geprüfte Vereinigung zweier
denkenden Köpfe muss sich nicht stören lassen, wenn es der Dummheit einfällt,
Bande zu zerreissen, die nicht aus Uebereilung geknüpft sind. -
    Dass die unbesonnene Jugend bei Hindernissen in der Liebe nur zu oft
eigensinnige, unvernünftige Streiche macht, will ich Deinen Verwandten gerne
glauben. - Aber so etwas tun doch nur meistens Alltags-Köpfe, die ihr Ideal aus
einem Roman entlehnten, und von ihren lüsternen Sinnen bei dem ersten Anblik des
geliebten Gegenstandes schon so berauscht werden, dass in ihnen keine moralische
Besorgnis mehr wegen der Harmonie des Karakters aufsteigt. - Dann bereuen solche
junge Leute bei ungestörter Freiheit meistens ihre Wahl. - Bei uns ist aber das
der Fall nicht, wir brauchen weder Schulmeister, noch Gouvernante, um unsern
harmonischen Karakter untersuchen zu lassen. - Aus Erfahrung sind wir überzeugt,
dass wir für einander taugen, kennen unsere Leidenschaften, empfinden
wechselsweise die Güte unserer Herzen, rechnen nicht auf Nebenabsichten, und weh
dem, der uns je trennen soll! - - So denkt Deine
                                                                           Nina.
 
                                  XXIX. Brief
Dass doch der Schurke Holbaur mir alle Schlangenbisse des Schiksals zuerst mit
vermertem Gifte hinterbringen muss! - - -
    Um Gottes Barmherzigkeit willen Du bist eingesperrt, und schreibst es mir
nicht! - - Warte guterziger Lügner, Du sollst mir dafür büssen! - Schon war ich
im Begriff in Dein Haus zu stürzen, und mit einem Mord-Gewehr mir den Weg dazu
zu bahnen! - Wenn mich der sorgfältige Heuchler Holbaur und mein Mädchen nicht
davon abgehalten hätten. - -
    Jezt bewacht mich Röschen und erlaubt mir kaum an Dich zu schreiben, weil
sie Wahnsinn befürchtet. - Als ich von dieser Nachricht ausgetobt hatte, kam
Schark und fand mich noch sinnlos! - Vermutlich hat ihm Röschen eine andre
Ursache vorgesagt, denn er ging wieder fort, ohne sich viel um mich zu
bekümmern, dabei tat er aber auch sehr wohl, denn sein Anblik würde mich noch
kränker machen.
    Höre nun meine Unterredung mit Holbaur und urteile von meinem damaligen
Zustande. -
                                    Holbaur.
                             (in sehr guter Laune.)
Guten Morgen schönes Weibchen! - Guten Morgen! - - Warum so finster? - -
                                      Ich.
                             (In sehr übler Laune.)
Damit Sie etwas zu fragen haben. -
                                    Holbaur.
Glauben Sie, dass ich sonst keine Beschäftigung habe, als mich für mein gutes
Herz hudeln zu lassen?
                                      Ich.
Wenn Ihnen eine andere Beschäftigung mehr Vergnügen gemacht hätte, so wären Sie
gewiss von mir weg geblieben. - Ihr gutes Herz kömmt mir gerade so vor, wie ein
wurmichtes angefülltes Stük Fleisch, das einem Unglücklichen in der äussersten
Not zum Lekker-Bissen aufgedrungen wird. - -
                                    Holbaur.
Sie sind doch heute grässlich verstimmt! - Wissen Sie es etwa schon? - -
                                      Ich.
Was soll ich wissen? - Was? - Sollten meine angstvollen Ahndungen. - - -
                                    Holbaur.
Sie sollen hören, was mit ihrem G... vorgeht. - Aber ich kenne ihre Hizze, und
will lieber schweigen. -
                                      Ich.
Herr, Sie sind ein Abgesandter der Hölle! - Wenn Sie mich noch länger peinigen!
- - Doch was brauche ich auch bei Ihnen um Nachricht zu betteln (aufspringend)
Frizens Wohnung ist ja nicht ferne. - - -
           (Hier lief ich zur Türe, aber der Bube hielt mich zurück.)
                                    Holbaur.
Gelassen Madame! - Und mir keine ferneren Vorwürfe, oder Schark erfährt ihr
ganzes Betragen! -
(Jezt fuhr mir Schauder durch den ganzen Leib, und die Furcht einer neuen Kabale
                            machte mich zittern! -)
                                      Ich.
(mit verbissnem Grame) Nun so reden Sie doch endlich, oder die Geschichte nimmt
ein grässliches Ende! -
                                    Holbaur.
Sie haben sehr übel getan, mich nicht zu ihrem beiderseitigen Vertrauten zu
machen. - Doch zur Sache. - Freund G... sollte eine reiche Wechslers Tochter
heiraten, und als er sich widersezte, sperrten ihn seine Eltern ein. -
                                      Ich.
Jesus Maria! - Mein Friz eingekerkert! - Mein Friz, wie ein Missetäter gefangen!
- Und das wegen mir! - Gott! - - (häufig rollten hier meine Tränen.)
                                    Holbaur.
Also auch so verliebt wie er? - - Ei! - Ei! - -
                                      Ich.
Ja Plagteufel! - Ja! - Und damit Du siehst, dass ich Dich, und Deinesgleichen
nicht fürchte ... (Ich wollte mich von Ihm loswinden, aber er war stärker.)
                                    Holbaur.
Gelassen Weib! - Oder Schark....
                                      Ich.
Ha! - ha! - wie mir der eigennitzige Satan Moral predigt! - - Lass mich Kerl! lass
mich! ....
Mein lautes Geschrei brachte die Hausleute und mein Mädchen ins Zimmer, der
Heuchler gab mich für wahnsinnig aus, man bemächtigte sich meiner, ich sank in
Ohnmacht, und als ich erwachte, war mein erstes Wort Friz! - Um Gotteswillen
gebt mir meinen Friz!!! -
    Mein Röschen hatte vom Doktor den Auftrag, mir sehr gelinde zu begegnen, das
arme Mädchen zitterte, weil ein neuer Anfall sich meiner Sinnen bemeisterte! - -
Ich bin jezt zum fernern Schreiben zu matt, ich kann Dir also bloss noch sagen,
Friz, um Deiner Nina willen sei standhaft, lass Dich nicht beugen! - Wenn Du
anders meine Seligkeit nicht verscherzen willst!!! - Deine ewig, ewig
                                                                     treue Nina.
 
                                   XXX. Brief
Haben Sie Dich endlich wieder losgelassen Deine tigermässigen Eltern? - Es war
auch hohe Zeit, sonst hätten Sie ihre Tirannei zu spät bereuen können! - Dass man
doch das Gefühl gewisser tierischer unbeseelter Menschen bloss mit
Gewalttätigkeit erweichen kann? - - Ich möchte das Gesicht Deiner Mutter
gesehen haben, als Du vor ihren Augen Deine Terzerolen laden wolltest. - -
    Nicht wahr, Du wolltest Pillen einnehmen, um Dich einer Tieger-Welt zu
entreissen, wo Eigennuz und Ehrgeiz Deine Mörder ohnehin geworden wären.
    Sei versichert, ich würde Dir gefolgt sein wenn mir auch meine weibische
Zagheit den Mut zu dieser selbstmörderischen Reise versagt hätte, so würde doch
die Krankheit, die ich mir auf den Hals zog, gewiss meine Retterinn geworden
sein, der Gram hat im Elende auch seine süsse Hoffnungen. -
    Noch glaubt mich der Doktor nicht aus der Gefahr, weil von Zeit zu Zeit
Konvulsionen und Blutsturz zurückkehren. Ohne meine äusserst starke Natur hättest
Du Deine Nina schon nicht mehr. Eile heute so geschwind als Du kannst, zu mir,
auch jezt muss ich wieder vom Schreiben wegeilen, sonst lermt der Doktor, weil er
mir ausdrüklich jede Nerven-Anstrengung verboten hat, komme, Deine Nina erwartet
Dich. - -
 
                                  XXXI. Brief
Dass Du mich so lange nicht besuchen darfst, will mir gar nicht behagen, um so
weniger, da meine Gesundheit fast wieder hergestellt ist - Indessen will ich mir
auch das auf einige Zeit gefallen lassen, aber nur auf einige Zeit, wenn es Dir
Ruhe schafft, ob es gleichwohl die grässlichste Marter ist, von Dir entfernt
seufzen zu müssen! - Dies Leben muss sich bald ändern, oder bei Gott, ich schreie
es auf dem öffentlichen Markt aus, dass Du mein gehörst, und dass ich Dich in
Ewigkeit nicht lasse!!! - Wenn das Volk diese Neuigkeit genug gehört hat, dann
wird es aus Gewohnheit müde werden, davon zu plaudern, selbst Deine Verwandten
werden die Unmöglichkeit einer Trennung einsehen, und schweigen! - Verschone
mich doch mit Deiner kalten raisonnierenden Moral, Du kennst ja doch Deine
feurige
                                                                           Nina.
 
                                  XXXII. Brief
Lieber teurer Friz, es ist doch gut, dass die Drangsalen in der Welt auch wieder
mit Ruhe abwechseln, wenn sie zu sehr an Schmerz gränzen. - Ich schlief heute
Nacht herrlich, und meine Gesundheit ist nun auch wieder völlig hergestellt. -
    Hat Dir Dein Freund K... nichts gesagt? - Er und Röschen haben mir gestern
die Langeweile vertrieben, ich quälte ihn ziemlich, er musste mir immer von Dir
erzählen, und sagte mir doch nie genug.
    Morgen kommst Du erst um halb drei Uhr, ich sage Dir dann mündlich die
Ursache, aber ja nicht später. Wie war es Dir denn gestern? - - Ich hätte Dich
bald durch Deinen Freund holen lassen, wenn ich nicht neue Verdriesslichkeiten
besorgt hätte, auch ging Schark lange nicht vom Zimmer, Herr Jesus! - Was er
mich mit seiner augenbliklichen Schwärmerei in Verlegenheit sezte! - Sie kam mir
so unvermutet. - - Gott was ist dies für ein widersprechendes Geschöpf! -
    Mich dünkt, er ahndet den Verlust meiner Liebe und weis sich dabei nicht zu
helfen. Das heisst wohl ein elendes wankendes Gefühl, wenn man etwas eben so
leicht vergöttert, als es leichtsinnig beleidigt. - Doch genug hievon; so etwas
ist nicht für Deine Ohren. Ich will Dir lieber sagen, dass ich Dich mit der
wärmsten Zärtlichkeit liebe, dass unsere kleine Trennung beim ersten Wiedersehen
soll eingebracht werden, so viel für heute von Deiner besten
                                                                           Nina.
 
                                 XXXIII. Brief
Tausend Küsse zum guten Morgen Herzliebchen? - Du hast gewiss gut geschlafen? -
Wer könnte nach so seligen ungestörten Stunden daran zweifeln? - -
    Ja wohl waren wir ungestört, ungesehen von unsern Feinden, glücklich in der
frohen Heimat der Natur, unter der Aufsicht eines Schöpfers, der uns liebt, und
den wir wieder lieben! -
    Siehst Du Friz, wenn sich zween Menschen mit einem Herzen, und mit hellem
Kopf treffen, so kann ihnen die Unterhaltung nie ausgehen. - Für uns sollten die
Stunden immer länger dauern, als für andere Leute, weil wir uns so vieles zu
sagen wissen. Unter tausend Paar Liebenden drükt gewiss neun und neunzig Paar die
Langeweile, wenn sie sich so oft sehen, wie wir uns sehen. Aber wir ... O du
lieber Himmel, wir sind unersättlich im Wunsch der ewigen Daur unsers Umgangs.
Was Du mich gestern wieder so brav unterhieltest, mit welcher Engels-Güte Du das
Bild des unglücklichen Scharks entwarfst! -
    O Friz, es kann Dich nicht kränken, ich gestehe Dir, ich habe bis zwölf Uhr
darüber nachgedacht, und konnte dem Elenden eine Träne nicht versagen, der wie
ein Knecht seiner Leidenschaften dem nahen Abgrund zuläuft! - Gott! - Warum muss
denn gerade ich mit einem weichen empfänglichen Herzen so etwas erleben? - Ich
bin gestern äusserst schwermütig darüber geworden, und doch geht Deine Ruhe, und
meine Gesundheit vor! - Ich darf dieser Schwermut nicht nachhängen, weil ich
ihn ohnehin nicht retten, nicht bessern kann, ohne mich selbst zu stürzen. - -
    Friz! - Lieber guterziger Friz, bedaure ihn, Du bist ja gewohnt edel und
brüderlich gegen Verirrte zu handeln. - - Und nun kein Wörtchen von dem mehr.
    Hast Du Freund K... heute noch nicht gesehen? - - Haben Deine Eltern nichts
gesagt? - - Hast Du meine Briefe gut aufgehoben? - Bring doch immer den Schlüssel
mit, wenn Du zu mir kömmst, sonst könnte es wieder neuen Lerm absetzen, wenn Du
den Schrank offen liessest und man meine Briefe fände. - -
                                                               Deine beste Nina.
 
                                  XXXIV. Brief
Holder, guter, sanfter Friz! - Gerade zehn Uhr, und ich bin sehr ärgerlich, weil
mir Schark wieder nicht von der Seite weichen wollte. - - -
    Nun will ich Dir aber mit inniger Wärme gute Nacht wünschen und Dich bitten,
morgen so früh als möglich zu kommen. - Noch eins! Freund K... war heute bei
mir, und klagte über Deine Spässchen, die Du immer mit ihm treibst, nekke ihn
doch nicht so unbarmherzig den guten Jungen, oder wenn Du ihn nicht in Ruhe
läst, satirisiere ich Dich dafür. - Wir sprachen lange von Dir, frage ihn
einmal, wie ich wieder schwärmte? - Jezt schläfst Du gewiss schon, Du Liebling
meines Herzens! - Ruhe sanft von den Küssen Deiner lieben Nina eingewiegt, zwar
nur noch ein Traum, aber doch ist es süss so etwas zu fühlen und zu träumen! -
Gute Nacht Trauter! -
                                                                           Nina.
 
                                  XXXV. Brief
Zwölf Uhr vorbei, aber im Bette es aushalten, das kann ich nicht! - Ich las den
Aufsatz Deiner Philosophie, sprang aus dem Bette, riss dies Briefchen auf, und
muss Dir, herrlicher Junge, sagen, was ich fühle! - So viel ist gewiss, dass ich
bei Durchlesung dieses Aufsazzes laut weinte, die Hände gegen den Himmel rang,
und den Allmächtigen mit Innbrunst um Deinen Besiz anflehte! - Gott! - Was bist
Du für ein Engel, der bloss kommen musste, um durch Deine erhabenen Begriffe von
Gott mir Beruhigung zu geben. - Du bist also mein Führer, mein Tröster, mein
Freund, mein Gatte, mein Lehrer, fasse diese Wonne, wer da will, ich kann sie
nicht fassen? - Ich bin zu voll, zu unerschöpflich von dem Bild einer glücklichen
Zukunft angefüllt! - O Friz, und das alles schriebst Du, das alles empfandest
Du? - -
    Teurer Jüngling! - Deine reine erhabne Seele fliegt weit über die meinige
hinaus in den geläuterten Begriffen von menschlicher Bestimmung! - Ich bin durch
das Schiksal verstimmt worden, gutes fühlendes Herz liegt in mir, aber keine
völlige Aufklärung der Begriffen, die mich im Leiden hinlänglich beruhigen
könnten. - Sieh, ich bin so aufrichtig, dass ich selbst vor Gott nicht
aufrichtiger sein könnte, aber wer auch an Deiner Seite nicht ganz Christ wird,
der ist gewiss für immer verloren! -
    Lass mich, Besster, an Deinem Busen Tränen der Wehmut weinen! - Dass ich Dich
so lange entbehren musste, dass Du erst jezt kamst, um meine Seele zu stärken zu
jener Ergebenheit, die in Deinen Armen mich einst ruhig wird hinschlummern lassen
ins andere Leben! - Heute kann ich gewis wieder nicht schlafen! - Dass Du auch so
viel Gutes an Dir haben must, um mich zum entzükkenden Taumel hinzureissen. O Du
Holder, Trauter mit Deiner reizenden Seele! - Ich küsse Dich hier vor Gott! - -
Nina ewig die Deinige.
 
                                  XXXVI. Brief
                                  Mein Besster!
Werde nicht stolz, junger Herr, wenn ein unbesonnenes schamloses schlecht
erzogenes Gänschen so beherzt um Deinen Besiz buhlt! - Bald wird es um Dich eine
blutige Fehde absetzen, wenn ihr mein Brief den Mut nicht abgekühlt hat, mir
fernere Grobheiten zu schreiben. - Lies Beilage nebst der Antwort und lache! - -
-
                                    Madame!1
Ich kann nicht unterlassen Ihnen zu sagen, dass ich Ihnen über die Verführung
meines Bräutigams herzlich feind bin! - Sie wenden alles an, meinen Friz immer
mehr und mehr an Sie zu lokken, und das ist für ein honnettes Frauenzimmer (wie
Sie sein wollen) gar nicht räsonnabel. - Dann der junge Mann wird mir, und nicht
Ihnen zu Teil werden, seine Eltern haben es den meinigen heilig versprochen. -
Nebst allem dem bin ich reich und schön, das sind gewiss Qualitäten, die Sie
nicht besizzen, - und von ihrer blossen Vernunft werden Sie gewiss schmale Bischen
zu essen bekommen, besonders wenn Sie fortfahren, aus den vermaledeiten gelben
Blättern zu studieren, dann werden Sie ohnehin kein Glük noch Segen erhalten. -
- Auch sagte man mir, Sie wären um einige Jahre älter, als Frize, und hätten
viele Blatter-Narben im Gesichte, sehen Sie also, dass Sie mir lange nicht an die
Seite stehen dürfen. - Ich weiss recht gut, was recht und billig ist, und ich
sage Ihnen, Sie werden am Ende bei der Historie doch den Kürzern ziehen. -
    Folglich wollte ich Ihnen meine stolze Madame wohl raten, den jungen
Menschen nicht ferner zu verführen, oder Sie sollen sehen, wie weit es unsere
adeliche Familie treiben kann! - Sie müssen jezt Friz als meinen versprochnen
Bräutigam betrachten, und Ihnen keine fernere Hoffnung machen, das sagt Ihnen
....
                                                              Eleonora von .....
                                    Antwort.
                               Mademoiselle! - -
So mannsüchtig, unbesonnen, pöbelhaft Ihr Brief auch immer ist, so will ich mir
doch die Mühe nehmen, ihn zu beantworten, und noch dazu Saz für Saz. -
    1.) Wie kann ich Ihnen einen Bräutigam verführen, wenn Sie noch keinen
besizzen? - - Ist Ihnen aber mit einem Wesen gedient, das weder Herz noch
Neigung für Sie fühlt, je nun, dann rate ich Ihnen sich statt Ihren Bräutigam
eine leblose Statue zu kaufen, denn Friz hat gar nicht Lust sich auf solche Art
verhandeln zu lassen. - - -
    2.) Muss ich Ihnen schwören, dass es mich nicht die geringste Mühe kostete,
Friz an mich zu lokken, er kömmt von selbst gerne, weil er mich liebt. - Einen
Liebhaber, der mich freiwillig besucht, empfangen, ist gewiss ehrbarer, als ihm
nachlaufen, oder sich ihm durch Briefe aufdringen.
    3.) Ob der junge Mann Ihnen oder mir zu Teil wird, ist gar keine Frage
mehr, denn jedes Geschöpf wird frei geboren, und darf sich eine Gattinn nach
eignem Willen wählen, Eltern haben hierinnen nichts zu befehlen. -
    4.) Dass Sie reich und schön sind, ist ein Ungefehr, und in den Augen eines
Denkers eine pralende Bettelei, die nur zu leicht die Glükseligkeit einer Ehe
stören kann. Der sich selbst fühlende Mann heiratet lieber ein edeldenkendes
Mädchen, als eine vergoldete Schönheit, die ihm in der Ehe durch ewigen Vorwurf
seine Tage trüben könnte.
    5.) Wenn ich Vernunft besizze, so soll Sie für mich ein ewiges Kapital
bleiben, das mich mit Beihülfe eines Gatten für Mangel schüzzen wird. - Ob ich
denn an seinem liebevollen Busen bürgerlich oder adelich leben werde, können nur
Dummköpfe ahnden, die an Überfluss gewöhnt sind. -
    6.) Mademoiselle müssen sehr wenig gelesen haben, dass Sie das Wort
Belles-Lettres nicht auszusprechen wissen. Ich empfehle Ihnen einige gutgewählte
Bücher von dieser Gattung, damit Sie aufhören, aus Vorurteil Ihre Nebenmenschen
zu verdammen.
    7.) Dass ich um einige Jahre älter bin, als Friz, und Blatter-Narben im
Gesicht trage, ist ganz wahr. - Aber dem ohngeachtet kann ich Sie versichern,
dass ich diese Kleinigkeit noch nie an meines Frizzens Küssen bemerkte, sie waren
immer so feurig, so begeistert, als sie es je an der Seite eines ganz schönen
Mädchens sein könnten.
    8.) Sie müssen doch nicht wissen, was recht und billig ist, sonst würden Sie
selbst sehen, dass gerade diejenigen Mädchen den Kürzern ziehen, die sich selbst
beim andern Geschlecht wegwerfen und bloss geben. - - Pfui! - Bei so etwas laufen
ja die Manns-Leute schon von weitem! -
    9.) Bleibt der junge Mensch immer und ewig das Eigentum der stolzen Madame,
und wenn sich ihre adeliche Familie auf den Kopf stellte! - Folglich kam ihr
Rat bei mir zu spät. - -
    10.) Ist Friz eben so wenig Ihr versprochner Bräutigam, als Sie je durch
ihre Denkungsart einen andern erhalten werden, wenigstens keinen, der denkt.
Frazzen von Ihrer Gattung muss man bedauern, das sagt Ihnen....
                                                                   Nina von ....
                                                             ja, ja, auch - von,
                                                           wenn dies Wörtchen so
                                                          viel zur Sache tut. -
Soll mich doch wundern, was das schnippische eitle Kreatürchen von meinem Brief
sagt? - - Ei dass Dich! - So muss ich Dich denn völlig erkämpfen? - - -
    Warte nur, aufgeblasner Junge, vielleicht kömmt auch noch die kämpfende
Reihe an Dich. -
    Das Mädchen würde doch nicht uneben für Deinen Brausekopf taugen, wenigstens
liefe er nicht Gefahr untätig zu werden. - Ihr Hochmut und ihre Eitelkeit
würde ihm schon zu schaffen geben. - Hu! - Hu! - Da gäbe es ein abscheuliches
Leben unter euch zweien! - - Immer spötteln, und nichts als spötteln, wirst Du
denken. - Ja warum bekam ich auch so vielen Anlass zum spotten. - Es würde mir
eine flegmatische Sünde scheinen, Dir nicht auch ein bisschen Eifersucht merken
zu lassen. Eifersucht? - Ha! - ha, ha, hi, hi, zu so etwas gehört ein anderer
Gegenstand, als so ein dummes rohes Gänschen. - Nimm hin diesen Kuss von
                                     Deiner
                                                              gutlaunigten Nina.
 
                                 XXXVII. Brief
                                                                         Abends.
Kann man sich etwas tolleres denken! - Kaum bist Du fort, morgen kömmst Du
wieder, und doch sizze ich schon wieder da und schreibe an Dich. - Höre, Friz,
wenn das Ding so fort geht, so wird unsere Liebe zum grössten Staats-Geschäfte. -
Es ist ja fast keine Stunde im Tag, wo wir nicht an einander schreiben, oder
verstohlner weise beisammen sizzen, oder andere Leute plagen, dass sie uns
wechselseitig von einander erzählen, oder an einander denken, träumen und
schwärmen. Ha! - Wahrlich so geht es ja allerliebst! - So unersättlich in der
Liebe war ich in meinem ganzen Leben noch nie, bis der niedliche kleine
Sprudel-Kopf kam, und Feuer in mein Herzchen warf. - -
    Was hältst Du nun vom heutigen Tag? Das war ein rechter Durcheinander von
beiderseitigen Launen. - Weist Du auch, dass Du wieder alle Augenblicke auf dem
Punkt stundest, Deine gewöhnliche Laune zu bekommen? - Weist Du auch, dass ich
Mühe hatte Deine kleinen Wallungen zu dämpfen? - - Du Troz-Kopf! - Du
Starr-Kopf! - Du Eigensinniger, Du Brauser, - Du - - - Du - - - - - - - - - - -
- -
    Friz stund hinter Nina, als Sie die Litanei vergrössern wollte, und stopfte
ihr mit einem Duzend überraschenden Mäulchen den Mund. - - -
 
                                 XXXVIII. Brief
Guten Morgen Herzens-Mann! - Guten Morgen! Hast Du auf den gestrigen schönen
Abend wohl geschlafen? - Ich nicht ... aber doch träumte mir von Deiner Liebe, o
sie erschien mir in Engels-Reinheit! - -
    So glänzend wie die schöne-Morgensonne, und so voll Trost für künftige
Glükseligkeit, dass ihr unmöglich ein Sturz drohen kann. - Du feuriger
Biedermann, wie Du gestern Abend so beredt, so innig das Wort nahmst! - Und doch
drang mir eine von Deinen Reden etwas ins Herz; studiere doch meine Empfind
samkeit besser. - Es ist wahr, ich beleidige durch grillenhaften Kummer den
Bessten auf der Erde, aber wenn man in der Liebe immer ist betrogen worden, und
nie, bei Gott, nie betrogen hat, o dann zittert man über den blossen Schatten! -
    Die Treue Deiner Liebe wiegt mich zwar in den entzükkendsten Wonne-Taumel
ein, aber desto schröklicher würgt mich dann der Gedanke Deines Verlusts, wenn
er gerade zur nämlichen Zeit in mir unwillkührlich aufsteigt. - Trage Geduld mit
mir, bald hört dieser Kummer auch auf. - Noch habe ich eine harte Prüfung,
Abwesenheit auszustehn, aber dann entweder Tod, oder glücklich, ungestört an
Deiner Seite, geschworen sei es!! 1 -
    Du stellest Dir meine Abwesenheit immer leichter vor, täusche Dich nicht,
Holder, sie ist hart, und sie wird Dich vieles kosten! - Denn jezt sind wir an
die lieben göttlichen Stunden unsers Umgangs zu sehr gewöhnt. - Gott gebe Dir
mit mir Stärke, und so wollen wir harren bis sie reif wird die Glükseligkeit
unserer Vereinigung. - Nun lebe wohl, innig geliebter Friz, das wünscht Dir
Deine liebende
                                                                           Nina.
 
                                  XXXIX. Brief
Guten Morgen teurer Gatte! - Guten Morgen, nebst einem warmen Mäulchen. Ich
habe heute Nacht wieder mein gewöhnliches Schiksal erlebt, folglich gar, auch
nicht eine Stunde geschlafen. - Bist Du jezt wieder gelassner? - Ist Deine kleine
gestrige Wildheit vorüber? - - Hast Du keinen Verdruss gehabt? - Alles kümmert
mich, was Dich angeht, so bald ich keine Gewissheit davon weiss. -
    Gestern Abend war ich recht boshaft, nicht wahr? - Warum hast Du aber auch
so mit mir gebrausst? - Du weist doch, dass ich es nicht leiden kann. - Gewöhne
Dir es doch ab - oder - ich fange mich wieder an zu schminken, ganz gewiss tue
ich es Dir zu Leide, wenn Du Dich nicht besserst. - Hörst Du! - - -
    Uebrigens ist es recht gut, Herzchen, dass wir bald in eine andere Lage
kommen, es wird Dich wohl auch, wie mich, recht sehr darnach verlangen. - Ich
wenigstens kann diese Abänderung kaum erwarten. - An einem andern Orte können
mir doch Deine Verwandten Deinen ahnenmässigen Adel nicht mehr vorwerffen, auch
ihr Reichtum wird mir nicht ferner unter die Nase gerieben werden. - - Kurz das
Vorurteil, das unsere Verbindung bis jezt so unmenschlich hinderte, wird an
einem fremden Orte aufhören müssen. - O wäre der Augenblick nur schon da! - Der
Zwang ist mir zur Last, er ist mir wieder die Natur, Dir nicht auch? - Denke
Dir, wenn Du einstens frei neben mir schwärmen kannst ... nein, ich will diese
Wonne lieber nicht vollkommen ausdenken, sonst macht sie mich noch ungedultiger.
- Heute sehe ich Dich doch!
                                                                           Nina.
 
                                   XL. Brief
Liebe! - liebe Seele! - Ich drükke Dich heute millionenmal feuriger als sonst an
mein Herz! - Liebe Dich, wenn es möglich wäre millionenmal heftiger als je! -
    Und die Ursache? - Die sollst Du gleich hören. - Der elende überdrüssige
Sünder Schark fängt nun an, den rasend Eifersüchtigen zu spielen, unser heutiges
Nahebeisammensizzen, als er in's Zimmer trat, muss ihm aufgefallen sein. - Und
dann meine alberne Verlegenheit, als er mich so sehr in's Auge fasste. - -
    O um alle Schäzze der Erden ich möchte und könnte keine Heuchlerinn werden!
Mein ganzes Wesen kann sich bei der geringsten Kleinigkeit nicht verstellen,
alles wird an mir zum Verräter. - Du kennst die Reinheit unserer Liebe, und
doch zitterte ich über Scharks Gegenwart, der mich noch dazu schon so oft selbst
hintergieng. -
    Als Du fort warst, gab er mir einige spöttische Reden, ich nahm sie kalt
auf, ob sie mich gleich wohl vor Aerger fast erstikten. - Blos um unsere Liebe
nicht noch grösserm Unheil auszusetzen, handelte ich klug. - Mit allem möglichen
Troz brachte ich den Fühllosen doch nicht vom Halse, weil ihn andere
Leidenschaften ausser der Liebe an mich fesseln. - -
    Doch sei ruhig, Lieber, Einziger, Besster, sei ruhig, sonst richtest Du mich
vollends zu Grunde, Deine Rache kann izt nichts nüzzen, ich will mich bald
selbst so rächen, dass er es derbe fühlen soll.
    Aber Friz, ich muss bald reisen, hörst Du, bald! - Auch auf Röschen ist er
izt argwöhnisch, und die alte Baase scheint ihm beizustimmen. - Also behutsam! -
Lass Deine Vertrauten nie ohne Buch zu mir kommen, vertraue Dich keiner fremden
Seele an, und komme izt immer frühe, oder Abends etwas später. -
    O der Verworfne verdient wohl nicht, dass wir uns um ihn viel kümmern! - Aber
bloss um den einbilderischen Toren nicht wütend zu machen, muss ich vorsichtig
handeln, sonst bricht er aus Jähzorn los, geht zu Deinen Eltern, und dann haben
wir von ihnen wieder neue Verfolgungen zu erwarten.
    Gott im Himmel! - Kniefällig will ich Dir danken, wenn Du mir bald aus
dieser vielfachen Kabale los hilfst! - - Lieber Friz! wir wollen uns izt noch
ein Bischen Mässigung unseres gerechten Zorns angewöhnen, wir sind es unserer
beiderseitigen Gesundheit schuldig. - Wie gerne hätte ich Schark heute das
Geständnis meiner Liebe gegen Dich bekannt gemacht, wie gerne hätte ich ihm
gesagt: Ja Betrüger, Deine Laster sind izt zu meiner Glükseligkeit gerächt, ich
bin es satt mich länger heimlich von Dir tretten zu lassen, ich habe gewählt, und
bin glücklich! -
    Aber bei diesem feurigen, unvorsichtigen Vorsaz sah ich meinen lieben Friz
neben mir stehen, mich zurückhalten, und ich wurde wieder vernünftig. - Nach
diesem Auftritt wollte ich ausgehen, aber er verhielt mir die Türe, endlich
ging er, und das Vögelchen durfte fliegen aus den Händen des Despoten, der sich
immer mit meiner Baase vereinigt, um mich zu kränken. -
    Nun sizze ich wieder da, küsse Dich, schäkkere mit Dir gerade, wie gestern
Abends. - Morgen wird es wieder ein langer, langer Tag werden, weil ich Dich
nicht sehen kann, willst Du nicht bei der Freundinn Sch... vorbei gehen, damit
ich Dich doch von weitem sehen kann? - -
    Lass Dich nicht beugen, Liebchen, sieh ich bin recht munter, aber fehlte auch
die Gewissheit meiner Rettung, o dann ... dann ... Friz, verzeihe mir, ich wollte
etwas Grausames sagen! - Noch muss verborgner Gram in meinem Herzen liegen, aber
Du wirst bald wieder Freude in dies blutende Herz bringen, und wäre es auch bloss
darum, weil mir der Niederträchtige die kleinen Unterstüzzungen, die er mehr
meiner Baase gab, als mir, tagtäglich vorwirft.
    Ha! - Bei Gott! - Ich möchte über mein Schiksal rasen!!! - O wenn mein
Liebchen nicht wäre.... Du allein verscheuchst noch den wilden Gram aus meiner
Seele, Du allein giebst mir Stärke zum Dulden. - Du holder Liebling meines
Herzens, Du Guter, Vortrefflicher, Bester, Liebenswürdigster, sei ruhig, denn
sieh, hier schwöre ich Dir, dass mich die blutigste Masshandlung um Deinetwillen
nicht einmal kränken soll. - Ewig, bei Gott dem Allmächtigen, bin ich Dein! -
Dein! - Dein! - Auf ewig Dein Weib! -
 
                                   XLI. Brief
Endlich wieder einen Tag ohne Dich durchgegrämt! - Blos Dein Andenken, holder
Sohn der gütigen Natur, hat mir Mut gegeben, die Gesellschaft eines Menschen zu
ertragen, der mich so unendlich unglücklich macht, so lange ich ihn noch um mich
dulden muss. -
    Ich war heute mit Schark auf dem hohen Kirchturm, noch hatte ich den Weg
nicht halb zurückgelegt, als mir schon der Kopf schwindelte, ich musste umkehren,
ohne seine Höhe erreicht zu haben. Dann schleppte er mich längst einem trüben
Teich spazieren, von da giengs zu einer Flasche Wein, und das alles wurde von
mir so mechanisch getan, dass es mich an seiner Stelle schaudern würde, wenn ich
ein solches kaltes Mädchen an meiner Seite dulden müsste! - Aber was helfen
solche Eindrükke bei einem Karakter, der alles nur augenbliklich fühlt? - Zu
meinem Glükke war er heute ein wenig milder, ohne kleine Zänkereien lief es zwar
unter uns nicht ab, aber ich lies es doch nicht zur Heftigkeit kommen, gewiss
lieber Friz, ich hatte eine beschwerliche Rolle zu spielen. - Du kennst mein
Herz, Du weisst, wie niederträchtig er mich hintergieng, und doch muss ich dulden
und schweigen, muss auf zudringliche Reden mit stotternder Lüge antworten, die
mir denn immer zum voraus auf der Zunge stirbt. -
    Ich habe heute in der Kirche, als er einstweilen auf's Kaffehaus ging, vor
dem Allmächtigen auf den Knieen gelegen und ihn für meine baldige Rettung und um
Belohnung für deine Liebe angefleht! - Friz! - Wenn Du mich gesehen hättest,
Dein Herz wäre geschmolzen aus Wehmut für Deine arme traurige Nina, die so da
lag vor ihrem Schöpfer; alles vergass, nur Einen nicht, den Einzigen, den
Einzigen vergas sie nicht, eben so wenig, als sie von ihm vergessen wird! - -
Herr Jesus! - Meine Seele war wieder durch und durch erschüttert! - Nein dies
Gefühl kann nicht leicht eine Liebende besizzen, es ist beinahe unmöglich! -
    Ich war den ganzen Nachmittag so traurig, so freudenlos, dachte nur an Dich,
nur an Deine Liebe, und was mein Busen dabei arbeitete, was er sich empörte....
Ich fühle izt grässliche Nervenspannungen und muss aufhören zu schreiben. - Friz,
sei nicht böse, ich bin Dir ja herzlich gut, ich liebe Dich ja so innig, bis der
Tod mir diese Wonne versagt, schlafe ruhig, Besster, Teuerster, schlafe ruhiger
als Deine
                                                                           Nina.
 
                                  XLII. Brief
Was ich doch für extreme Launen besizze! - Heute bin ich wieder so ziemlich
munter, ob mich gleichwohl Scharks tolle Aufführung in der Gesellschaft rasend
ärgerte. Hast Du es gehört, wie er bei Seite zu seinem Vertrauten sagte, er
bekömmt die Nina gewiss, so viel ich merke!
    - Ich habe diese heimliche Wahrheit recht gut gefühlt, gewiss besser, als der
Eitle, aus dessen Munde sie kam. - Auch Du hast darüber gelacht, aber es war wohl
eine Art bitteres Lachen; um Gotteswillen, seine Eifersucht wird Dir doch nicht
ausfallen? -
    Mein Glük war die Dämmerung, sonst würde ich mich bei seinen Spöttereien
über und über verraten haben, ich bin gar ein einfältiges Ding, wenn mein Herz
eine Wunde hat. - Sonst habe ich wohl für die grosse Welt getaugt, aber izt, o du
lieber Gott, izt bin ich wie das albernste Landmädchen, und bloss das, was meine
zur Liebe weichgestimmte Gefühle aus mir machen, ein schüchternes Weibchen. - -
    Wie war es Dir denn wieder ums Herz, während unsern heutigen Vorlesungen? -
Du schienst mir hingerissen zu sein zu den Gefühlen der Liebe. - War es nicht
so? Wenigstens sagten es Deine halbgeschlossnen matten Augen. - O Du Guter aller
Guten, warum durfte ich Dir denn nicht vor der Welt um den Hals fallen, und laut
sagen: seht ihr, dies herrliche Geschöpf ist mein! - O pfui! - Was dies für ein
abscheulicher Zwang ist, den man sich antun muss, und was es Dich Mühe kostet,
um mich zu erhaschen aus einem Labyrint, worinn mich mein Schiksal stürzte.
Aber wie es Dir denn auch einstens, so wohl als mir, göttlich schmekken wird das
errungene Pfand Deiner teutschen Biedermannsliebe, Deiner Vernunft und Deiner
männlichen Festigkeit. - Diese Hindernisse versüssen den Wert unserer Liebe bis
zum unauslöschlichen Eindruk! - Friz! - Sässe ich nur mit Dir im Luftballon, o
dann wollten wir schäkkern, mehr als heute, eh wir in die Gesellschaft giengen,
wo ich mit Dir so kindisch tändelte. - -
    Der blonde Puder, den ich Dir mit Gewalt aufdrang, stund Dir doch
allerliebst, nur ein Bischen philosophischer Eigensinn glänzte daran, weil Du
ihn wieder mit Gewalt wegwischtest, ist aber auch kein Wunder, Du weisst, dass
Dein Köpfchen ohnehin genug Eroberungen macht. - Du brauchst seine Schale nicht
zu zieren, der Kern ist reizend genug für denkende Mädchen. - - Freilich gibt
es nicht viele denkende Mädchen, aber ich dächte Du solltest es unserem
Geschlecht verzeihen, denn das Deinige hält uns ja nicht zum Denken an. Lebe
wohl bester, edelster Jüngling, lebe für Deine zärtliche
                                                                           Nina.
 
                                  XLIII. Brief
Teurer! - Schreiben kann ich beinahe nicht, aber für Dich und mich zittern! -
Um Gotteswillen beruhige Dich; kann Dich meine Liebe nicht sanft machen? - O
dann helfe mir Gott! - Du sagtest einmal, Stolz müsse nicht über Liebe siegen;
aus Barmherzigkeit beruhige Dich! - - Kannst Du die unbedeutenden Sticheleien
eines elenden Kerls nicht vergessen? - Kannst Du einen Schark nicht verachten
lernen, der keiner Verteidigung wert ist? - Kannst Du Deiner Hizze nicht
Gewalt antun, wenn sie sich gegen einen Unwürdigen empört? - Dein edler Stolz,
Dein Ehrengefühl machen Dich verehrungswürdig, aber aus Liebe, um Folgen
auszuweichen, um Dein Weib nicht unglücklich zu machen, verschwende dieses schöne
Ehrengefühl nicht an den Nichtswürdigen. - - Sei Philosoph, sei denkender Mann,
sei Gatte, sei Freund und erbarme Dich meiner Angst!! -
    Komm so geschwind, als möglich zu mir, sonst tödtet mich Kummer und
Ungewissheit! - O sei milde gegen Deine - -
                                                                           Nina.
 
                                  XLIV. Brief
Hast Du Wort gehalten, Liebchen? - Hast Du Dich nun so gut, als möglich
beruhigt, über eine Sache, die nicht länger verdient, dass Du Deine und meine
Gesundheit daran wagest? - - Sei immer empfindlich für Ehre, aber gegen ehrliche
Leute und nicht gegen Schufte, die Dich nicht beleidigen können. - Gott! Was Du
gestern so krank warst, was Du mich dauertest, und was mir bange wurde bei
Deiner schröklichen Verstimmung! -
    Gewiss, lieber Friz, es braucht bloss meine Liebe, meine Empfindsamkeit, meine
Herzensgüte, um nicht vor mehrern dergleichen Launen zu zittern, die Dich und
mich peinigen könnten, wenn sie zur Gewohnheit würden. - Doch keine Vorwürfe,
Dein Herz war nicht dabei, und Nina will mit Dir alles tragen. - Sei ruhig, ich
beschwöre Dich; sei ruhig! - Du bist von meiner Liebe versichert, troz allen
teuflischen Kunstgriffen, die sie zu stören suchen. Was willst Du denn mehr? -
Das übrige sind Nebendinge, denen Du nicht nachhängen musst, wenn Du eine Gattinn
schonen willst, die es nicht zu tragen vermag. Sei ruhig, bei dem biedern Namen
Deines liebenden Weibes, sei ruhig! - Fasse Dich bei jedem Anlass, wo der elende
Spötter Dir wieder aufstösst. - Doch Du versprachst es mir ja, o Du wirst gewiss
Wort halten, Du kannst eine gute Seele nicht quälen.
    Nicht wahr Friz, Du willst wieder sanft werden? - Du willst nie wieder so
beharrlich einer übeln Laune nachhängen? - O die Männer sind doch viel wilder
als wir! - Man muss sich auch ein Bischen Gewalt antun, wenn es Liebe und
Gesundheit gilt. - Du kennst Dich ja selbst hinlänglich, um solche Launen nicht
zu stark einwurzeln zu lassen. Doch wozu Moral für einen Friz, der mich und
andere darinnen übertrift. -
    Liebe! - Liebe, will ich Dir aus der Fülle meines Herzens zurufen, und Du
wirst ihre Stimme nicht zurückstossen. - Wenn Du willst, so komm heute noch einmal
zu mir, ich will schon sehen, dass wir uns allein sprechen können. - Nimm hin
diesen Kuss der feurigsten Liebe! - -
                                                                           Nina.
 
                                   XLV. Brief
Teurer Liebling! - Warum sah ich Dich heute nicht über die Brükke gehen? - -
Diese Kleinigkeit machte mir Kummer, denn ich wusste nicht samt meinem Fernglas,
was aus Dir geworden wäre. -
    Wenn Du nur wohl bist, wenn Du nur keinen Verdruss hast, o dann will ich ja
gerne zufrieden sein. Friz! - Gatte! - Besster, Einziger, ich leide wieder Angst,
der leichtsinnige Schark kam heute vom Wohlleben halb taumelnd nach Hause und
sagte mir, er hätte sich mit Holbaur gar trefflich unterhalten, besonders hätten
sie wieder vieles von mir geschwärmt. - Sein spöttischer Ton, womit er dies
alles aussprach, liess mich vermuten, das Verräterei vorhanden sei, und gleich
fiel mir Holbaurs schändlicher Karakter ein. - Schark hatte Lust weiter zu
sprechen, aber zum Glükke wurden wir von einigen freundschaftlichen Besuchen
unterbrochen, und er verliess mich ohne weitere Erklährung. - Hat der Bube
Holbaur geplaudert, dann soll ihm Gott gnädig sein! - Wenn er es anders wieder
wagt mein Zimmer zu betreten! O dass Du Besster noch nicht öffentlich auftreten
darfst, dass Du noch in der Stille mit mir die Schikanen des Lasters dulden musst,
das tut mir weh, weh bis zu Tränen. -
    Deine Gedult werde ich Dir auch einstens hinlänglich vergelten, wenn es
einem armen zerknirschten Geschöpf anders möglich ist, Dir Freuden des Lebens zu
verschaffen. - Sei zufrieden, Du Liebling, an meinem guten Willen soll es nicht
fehlen, macht uns das Schiksal auch Kummer, so soll es doch nicht über uns
Meister werden, denn wenn auch alle Hoffnungen niedergedonnert werden, so bleibt
uns doch das Glük der Liebe!
    Was machst Du wohl izt? - Quälen Dich etwa Deine Eltern wieder? - Herr
Jesus, Friz, was das mir fremd ist, nicht von den Seinigen geliebt zu werden! -
Da ich doch die ganze Zeit meines Lebens auch von den unbedeutendsten Geschöpfen
geliebt worden bin. - Friz, nenne es nicht Eitelkeit, es ist vielmehr Hang zum
Frieden, den ich mit jedermann stiften möchte, und mit Deinen Eltern vollends,
die mir um Deinetwillen so grossen Wert haben. Was kann ich dafür, dass meine
Familie nicht reich, nicht von stiftsmässigem Adel ist? - Was kann ich dafür, dass
meine Eltern mich so frühe zur Waise machten, und einem schröklichen Schiksal
Preis gaben? - - Es war der Vorsicht Werk, und die dürfen Christen nicht tadeln.
- Glaube mir, besässe ich Hochmut, so würde ich diesen Wunsch der Versöhnung mit
Deinen Eltern unterdrükken, aber ich kann es nicht lassen, ich muss es Dir sagen,
es ist mir fast unerträglich, dass sie Vorurteil wider mich haben, schon viele
Tränen hat es mich gekostet. -
    Wenn Du sie von meinem Herzen, von meiner Liebe, von meiner
Rechtschaffenheit nicht zu überzeugen vermagst, so sage mir lieber gar nichts
mehr von ihnen, denn es geht mir immer ein Stich durch's Herz, wenn ich den
Namen derjenigen höre, die mich unschuldig von sich stossen, es ist hart, Friz,
für ein fühlendes Herz, Ungerechtigkeiten zu dulden! - - Lebe wohl, und vergiss
nicht Deine liebende Gattinn. -
 
                                  XLVI. Brief
Endlich sind meine Ahndungen erfüllt, und der Erzbösewicht Holbaur hat uns bei
Schark verraten, folgende Unterredung wird Dich davon überzeugen.
                                    Schark.
                            (Mit heimlicher Galle.)
Wie kömmt's Madame, dass Sie heute nicht ausgehen, Oder ist vielleicht die
tägliche Zusammenkunft hier im Hause festgesezt? - -
                                      Ich.
                                 (erschrokken)
Zusammenkunft, was für eine Zusammenkunft? -
                                    Schark.
Täubchen, stelle Dich nicht so unschuldig, Dein Gesicht verrät Dich! -
                                      Ich.
                                 (mich fassend.)
Freilich mein Herr, so weit habe ich es in der Verstellungskunst nicht gebracht,
wie Sie, möchte es auch so weit nicht bringen; - denn ihre Laster....
                                    Schark.
Donner und alle Wetter! - Was reden Sie da von Lastern? - Wollen Sie mich durch
diese Beschuldigungen von meinem Verdacht abbringen? - - Es wird Ihnen nicht
gelingen, ich bin zu gut von Ihrer heimlichen Intrigue mit dem jungen G...
unterrichtet, und wagt er noch einen Besuch, dann nehme ich meine Rache an
Ihnen. -
                                      Ich.
Daran tun Sie sehr wohl, es ist immer leichter sich mit einem hülflosen Weibe
herum zu balgen, als mit der Degenspizze eines ehrlichen Mannes. - Uebrigens
haben Sie mir nichts zu verbieten, Sie sind mein Mann nicht. -
                                    Schark.
Aber doch Ihr versprochner Bräutigam, die ganze Stadt ist Zeuge, und mehr
brauche ich nicht um überall Recht zu finden. -
                                      Ich.
Die Bande die Sie leichtsinnig zerrissen, kann eine ganze Welt mit all ihrem
Reichtum nicht wieder knüpfen. - Mein Herz und meine Vernunft haben ihre eigne
Rechte, was kümmert mich das Urteil Anderer, ich wähle für mich....
                                    Schark.
Was, Unverschämte! - Was? Jemand andern wählen als mich? - Wer untersteht sich
so etwas zu sagen? - Wer? - -
   (Hier sprang er so wütend auf mich zu, als ob er mich erwürgen wollte, und
lärmte so laut, dass ich um öffentliche Schande in der Rachbarschaft zu verhüten,
                               nachgeben musste.)
Siehst Du Friz, dass mit dem tollen, brutalen Burschen gar nichts anzufangen ist.
- Sag selbst, wer möchte sich ihm widersetzen? - Und wenn ich es auch wagte, was
würde es mich nüzzen? - Soll ich mich seinen Misshandlungen bloss geben,
obrigkeitliche Hülfe anrufen und meinen guten Namen dabei in's Geschrei bringen?
- Oder Deine Eltern durch solche Auftritte noch mehr in Harnisch jagen? - Da ist
keine andere Rettung übrig, als meine Entfernung. -
                                                                 Deine Nina. - -
 
                                  XLVII. Brief
Ich bin gestern im Schreiben unterbrochen worden, Du warst doch nicht böse, dass
ich so geschwind abbrach? - Freundinn Sch... kam auf mein Zimmer, und ich musste
schliessen. Indessen dauern meine Leiden vom gestrigen Auftritt noch immer fort,
o ich war die ganze Nacht durch so krank an Leib und Seele, dass es kein
Sterblicher ausser Dir zu fühlen vermag! - Du kennst mein Schiksal, Du weist mehr
davon, als alle Andern, und Dich musste gerade das Unglück treffen, eine
Misshandelte zu finden, sie zu lieben, Tage mit ihr durchzuweinen, die Du Besster
unter Freude und Wonne zu verträumen verdienst. -
    Nun denn du gütiger Gott im Himmel, lass mich dulden an der Seite eines so
gütigen Gatten, eines Biedern, der es sich zur Pflicht machte, mich zu retten
aus den Händen eines Undankbaren, der mich im Stillen so grässlich martert! -
    Mein Gott, ich spreche jezt so warm von Rettung, gerade als ob ich bloss an
Rettung und nicht an unsere Liebe dächte, die doch bei aller meiner finstern
Schwermut so brennend in meinem Herzen wohnt! Vergieb Teuerster, wenn Wehmut
mein erstes Gefühl war, ich bin Mensch, ich bin Weib, ich bin schwach, ich habe
zu feines Gefühl, ich leide schon lange. - Stüzze mich, halte mich, wenn ich aus
Schiksal hinsinke zum tiefsten Kummer, der so heimlich in meinem Busen wütet! -
Ich weis, dass ich mir um Deinetwillen Selbsterhaltung schuldig bin, ich tue
auch alles, was ich kann, aber ist es meine Schuld, wenn es mich bisweilen
übermannt? Wenn der Gram in meinem Körper Wirkungen hervorbringt, die zu
unterdrükken nicht mehr in meiner Gewalt stehen? - Ich will kämpfen, ich will
dulden, ich will leiden, aber lange kann es deswegen gewiss nicht mehr dauern, es
muss bald brechen, oder ich werfe mich Dir öffentlich in die Arme, kette mich
fest an Dich, und Du magst dann tun was Du willst! - Meine Liebe wird Dich zum
stärksten, feurigsten Mitleiden auffodern, Du wirst mir dann aus Barmherzigkeit
eher den Dolch in's Herz stossen, und mein Leben zu meiner Ruhe enden, wenn Dir
das Schiksal, oder böse Menschen den Weg mit Gewalt abschnitten, mich zu retten!
-
    Nimm diesen Kuss mit der wärmsten Träne des Kummers gemischt! - - Komm heute
so frühe als möglich - und habe Gedult mit Deiner gebeugten
                                                                      Gattinn. -
 
                                 XLVIII. Brief
Guten Morgen, Lieber, Besster, guten Morgen! - Bist Du nicht wieder besser? - O
sage doch zu meiner Glükseligkeit, ja! - - Sag es Friz, sonst flieht mich alle
Heiterkeit, und dauernder schwarzer Gram wird mein Loos! - -
    Muntere Dich auf, Teuerster! - Muntere Dich auf, bald müssen sich unsere
Leiden enden! - - Oder zieht sich die Sache noch in die Länge, so will ich dich
bitten, sie mit Gewalt zu enden. - Nicht wahr, Friz, Du willst? - - Mit diesem
festen Zutrauen in Deine Tätigkeit will ich mich jezt beruhigen. -
    Als Du gestern fort warst, wollte Holbaur noch zu mir, mein Mädchen wies ihn
ab, der Kerl wird immer dringender, bald glaube ich, dass er von Schark bestochen
ist. - - Gott im Himmel, glauben denn die Elenden, dass sie mich von Dir abwendig
machen können? - - Meine Liebe für Dich ist ja so allmächtig, meine Guteit und
Dankbarkeit zu feurig, als dass ich Dich nicht ewig lieben sollte. - Sonst wäre
ich ja mehr als Heuchlerinn. -
    Siehst Du, wie es mir bei solchen Ueberlegungen gleich im Kopf stürmt! - Wie
dieser Kopf meinen Grundsäzzen fest folgen muss, weil mein Herz für Alles ausser
Dir eiskalt schlägt.
    Aufrichtigkeit unter zwei Liebenden ist die erste Tugend zur standhaften
Liebe, und wenn mich der höchste Richter diesen Augenblick zu sich riefe, so weis
ich nichts, gar nichts, was er und Du nicht wüsstest. - Kurz, wir sind zwo
Seelen, die ein Verbrechen an der Natur begiengen, wenn wir uns je trennten. Ha!
- Was trennen! - So etwas ist ja unmöglich, und wenn es von meiner Seite je
möglich sein könnte, so wollte ich mir lieber das Gehirn an der Wand zum Voraus
versprüzzen, als Dich Liebling der Tugend, Dich, guter, braver, herrlicher
Jüngling, zu hintergehen!!! -
    Höre diesen Schwur allgewaltige Gotteit! zum Zeichen meiner äussersten
Liebe, und Du, höre ihn auch Friz von Deiner teutsch gesinnten
                                                                           Nina.
 
                                  XLIX. Brief
Herzens-Mann! - Du warst zwar heute fast den ganzen Tag um mich, aber glaubst Du
denn, dass ich darum satt bin? - Gränzenlos ist meine Liebe, gränzenlos mein
Sehnen nach deinem Busen, und gränzenlos sind meine Wünsche, nie, nie von Dir
getrennt zu sein! - Sage Trauter, warum behagst Du denn meinem Herzen so
ausgezeichnet vor allen Andern, - - die mir ehedessen auch von Liebe vorsagen
wollten? - Warum bist Du so ganz mein Wiederhall? - Warum sind wir uns allein
zwischen vier Mauern so genug? - Ja, so genug, dass auch nicht der kleinste
Wunsch nach rauschendem Vergnügen weder in Dir, noch in mir aufsteigt, o Friz,
das sind Vorboten unserer künftigen Glükseligkeit, die in vollem Maas auf uns
herab strömen wird, wenn kein Zwang uns mehr schrökken kann. -
    Liebe fodert Freiheit, Zwang stärkt zwar die eigensinnige Liebe auch, aber
sanfte innige Liebe, wie die unsrige, will sich ergiessen können, sie will
entfernt sein von der Verläumdung, von der Missgunst. - Der vernünftige Umgang
erhöht die Liebe und gibt ihr den wahren Wert einer ewigen Dauer, entfernt sie
von der blossen Sinnlichkeit. - - Angestekte Romanen-Helden fühlen meistens nur
die sinnliche Neuheit der Liebe, aber denkende Geschöpfe fühlen ihre moralische
Wonne und wissen sie durch gegenseitiges Verständnis des Kopfes und Herzens zur
Unsterblichkeit zu bringen. - Sage mir doch, lieber Philosoph, könnte wohl eine
Liebe, wie die unsrige, jemals aufhören? -
    Wenn wir uns auch dem Äußern nach einmal nicht mehr neu sind, so liegt doch
eine Unendlichkeit von neuen Reizen in unseren Köpfen und Herzen, die uns ewig
vor Ekkel schüzzen wird. - -
    Wenn dieser Saz nicht Wahrheit entielte, unleugbare Wahrheit, wenn ich ihn
nicht mit Ueberzeugung tief fühlte, so wollte ich mir lieber heute noch mit
einer Steknadel den Puls an der Stirne durchboren! - - Merke Dir diesen Saz,
merke Dir ihn! - Beim heiligen Gott beschwöre ich Dich, merke Dir ihn! - Es ist
der feurigste, den ich je schrieb, seitdem ich lebe. -
    Noch eins: Schark machte es heute Abend wieder so toll, dass ich ihm geradezu
meine baldige Abreise eingestand, zum Glük für meine Uebereilung war er zu
hochmütig um es zu glauben. - Ist das nicht ein erbärmliches, schwaches
Geschöpf? Eine viertel Stunde nach dem Streit wusste er von allen Bitterkeiten
nichts mehr, die ich ihm gesagt hatte. - Wie oft verbot ich ihm schon das
Zimmer, und doch drang er sich durch meine Base wieder ein; nein, da hilft
nichts, als meine Entfernung. - -
    Gottlob, dass Deine Eltern nun auch wieder etwas ruhiger sind. - Es war doch
immer gut, dass wir in der ganzen Sache gelassen und behutsam handelten; dass ich
meine angewöhnte Offenherzigkeit ablegte, dass ich meine Liebe zu Dir nirgends
verriet. -
    Immer war mir sonst der Grundsaz eigen, Liebe nur für Einen Mann ohne
Eigennuz sei Tugend, von der man öffentlich sprechen dürfe, aber die
Verläumdungssucht hiess mich diese Tugend für mich im Stillen geniessen und sie
nicht den Schandmäulern und dem Vorurteil bloss geben. - Gute Nacht bester
Gatte! - Gute Nacht! - - -
                                                                     Deine Nina.
 
                                    L. Brief
Gerade zehn Uhr, und eben hörte ich auf mit aller Begeisterung an Deiner
Philosophie zu deklamiren, dieser Aufsaz ist gar zu herrlich geschrieben, ich
kann ihn nicht genug lesen! - Alles ist jezt Geist, Feuer und Seele in mir! -
Meine Nerven sind zu sehr gespannt, mein Blut zu stark in Wallung, als dass ich
jezt schlafen könnte. - Ich muss diese Gefühle mit Dir teilen, lass mich,
Liebchen, noch ein Bischen mit Dir plaudern. - -
    Gestern Abend um diese Zeit lag ich an Deinem Busen, genoss alle Wonne, bis
der dumme Zufall, wo wir glaubten von Schark belauscht zu sein, uns beide
schrökte. - Dank Dir, Trauter, für den Kummer, den Du um meinetwillen trugst,
ich will Dir Deine Sorgfalt gewiss wieder vergelten. -
    Ich habe heute so wenig mit Dir tändeln können, weil mein Mädchen
Arbeitshalber immer um uns sein musste, böse kannst Du über solche Zufälle nicht
sein, denn dazu schlägt Dein Herz zu rein, auch weisst Du recht gut, dass einstens
andere Zeiten kommen werden, wo aller Zwang aufhört. - - Wir sollten uns
eigentlich keinen Zwang antun, dann noch hat kein Laster unsern Umgang beflekt.
- -
    Aber es ist nun einmal schon so in der Welt, Redliche müssen sich
verkriechen, damit Niederträchtige desto freier sündigen können. - Schark war
heute Abend wieder in einer sehr lüsternen Laune, mein schlimmes Kammermädchen
foppte ihn darüber mit der einfältigsten Miene, das Mädchen hat Wiz genug, ihm
seine Wenigkeit fühlen zu lassen. - Doch was kümmert mich Schark, lass Dich lieber
dafür recht warm küssen von Deiner
                                                                           Nina.
 
                                   LI. Brief
Endlich ist er fort, mein Peiniger, und ich kann wieder mit Dir sprechen. - Aber
denke nur, Schark foderte durchaus einige Briefe zu lesen, die Du an mich
schriebst, und als ich sie ihm versagte, dann wurde er finster und schwermütig.
- Einstens täuschten mich diese Grimassen, aber jezt nicht mehr, er sündigte
lange genug auf mein gutes Herz hin, nun mag er auch büssen, ich bin kalt, wie
der Tod für seine Winseleien! - Er hat mich beschimpft, mich elenden Kreaturen
an die Seite gesezt, er ist nun öffentlicher Wollüstling, und meiner ganz
unwürdig. - Bei der Gefahr mich zu verlieren, fühlt er erst den Wert meines
redlichen Herzens; oft vergab ich ihm, oft duldete ich im Stillen, aber sobald
er mich versöhnt glaubte, dann blieb er der alte Wollüstling. -
    Friz, bei meiner Liebe sei es geschworen, dass ich die Wahrheit rede, hätte
ich meine Guterzigkeit an einen bessern Jungen verschwendet, dieser Undank würde
mir nie zu Teil geworden sein, - ich würde mir ein Geschöpf gebildet haben, das
mein Leben hätte beglückken können. - - -
    Aber auch gut, dass es so gekommen ist, sonst hätte ich ja Dich nicht kennen
gelernt, Dich Einziger, den ich so feurig liebe! - - O wüsstest Du, was alles für
Unerträglichkeiten in Scharks Karakter liegen, die ich erst jezt recht kennen
lerne, Du würdest Dich wundern, dass es solche Menschen geben kann, die von ihren
Leidenschaften hin und her getrieben werden. Hochmut, Dummheit, Widerspruch,
Drohungen, Grobheiten, Schimpfreden, Geiz sind die Gesellschafter seiner meisten
Launen. -
    Besserung ist bei ihm wohl wenig mehr zu hoffen; Unglück allein könnte ihn
vielleicht bessern; der Himmel schenke ihm Selbstkenntniss und baldige Erinnerung
seiner Fehler. -
    Liebchen lass mich gleich wissen, wie es um Deine Gesundheit steht? - Gott! -
Wenn Du nur nicht etwa recht krank wirst! - Ich wäre die verlassenste, die
ärmste, die elendeste unter allen Weibern! - O Allgütiger erhalte ihn! - Erhalte
ihn, zum Trost seiner armen
                                                                           Nina.
 
                                   LII. Brief
                                                             Abends um zehn Uhr.
Nicht wahr, lieber guter Friz, gestern um diese Zeit war ich recht glücklich an
Deiner Seite; genoss alle die Wonne, die Deine Liebe und Dein gutes Herz für mich
aufbewahrt hatte? - Und heute? - O das war wieder ein verwünschter Abend! - Ich
sass tiefsinnig am Fenster, während als Schark mit meiner Base zu Nacht speisste,
ersterer hiess mich zu sich sizzen, und ich tolles, unverstelltes Ding tat es
nicht. - Dann brach er in die abscheulichsten Grobheiten aus, die ich mir durch
meine Unvorsichtigkeit zugezogen hatte. - Ich träumte da gerade von Dir und
hätte um Alles nicht loskommen können von dieser süssen Träumerei. - O Du lieber
Einziger! - Musst mich doch bald retten, ich beschwöre Dich! - Denn jeder Tag,
denk Dir dies Wort, jeder Tag droht mir Misshandlung. - Sieh Liebchen, ich kann
es fast nicht mehr aushalten, Du wirst, Du kannst Deine Nina nicht mehr länger
leiden lassen. - Eine ungedultige Träne von mir verweint wäre Deinem
empfindsamen Herzen gewiss ein schröklicher Vorwurf. - Ich muss bald von hier weg,
bald! -
    Aber weisst Du auch lieber Friz, dass Du heute wieder allerliebst in Deinem
Umgang warst? - Mir ist immer bange, dass Du in meinem Umgange nicht alle die
schwärmerischen Reize entdekkest, die ich in dem Deinigen finde. - Dank sei nun
freilich meiner lieben Einbildungskraft, die mir alles bis zum
unwidersprechlichsten Zauber an Dir malt. - Ich bin auch so zufrieden mit meiner
Wahl, dass es vielleicht wenige begreifen würden, die nicht so lieben, wie ich
liebe. - Du bist aber auch der Jüngling, der leicht ein Mädchen finden würde,
aber eine Liebe, wie die meinige, die täglich mehr wächst, daran zweifle ich bei
der jezzigen Welt. - Wir sind in unserem Umgang wie zwei Kinder, zanken, weinen,
küssen, moralisiren, schäkkern, alles wechselt so artig unter uns ab; das werden
Tage werden! - - Das werden! - Freue Dich Lieber, freue Dich, ich will mich auch
freuen, und nun Millionen Küsse zur guten Nacht von Deiner
                                                                           Nina.
Eine verwünschte Nacht war das. Friz, eine schlaflose, abscheuliche Nacht! - -
Erst um ein Uhr legte ich mich zu Bette und vergass die Fenster zu zumachen, da
flog das Ungeziefer herein und quälte mich die ganze lange Nacht durch. - Du
weisst, dass mein Zimmer auf's Wasser geht, und aus dieser Ursache fast immer mit
stechenden Mükken angefüllt ist, wenn ich nicht gleich mit Sonnen Untergang die
Fenster zuschliesse. - - In Zeit drei Stunden war mein ganzes Gesicht
angeschwollen und kein Auge konnte ich vor Schmerz schliessen, dann kam über
alles dieses noch ein starkes Donnerwetter dazu und schrökte mich auch ein
Bischen! Als sich das Wetter verzogen hatte, sprang ich mit rasendem Zorn aus
dem Bette, und legte mich auf den harten grossen Sopha, dahin dachte ich mir,
werden gewiss die Mükken nicht so leicht kommen, weil der Sopha im Nebenzimmer
steht, aber umsonst, auch da fanden mich die heisshungrigen Tiere, Du kannst
leicht denken, wie es mir auf diesem harten Lager behagte? - - Ich glaubte, alle
Knochen zu verlieren, konnte es durchaus nicht länger aushalten, schlug Licht,
und beschreibe Dir jezt die tolle Nacht. - Der Schlaf drükt meine Augen sehr
schwer, aber was mich noch am meisten ärgert, ist das abscheuliche Schnarchen
meines Nachbars, der an der Seite seines leiben Weibchens, wie ein Kloz ruhig
fort schläft, seine zähe Haut fühlt das giftige Beissen des Ungeziefers nicht. -
Wie er so glücklich ist, der flegmatische Dummkopf, dass seine kalte Seele so
kummerfrei die gütige Gabe des süssen Schlafs geniessen kann, der mir nicht
gegönnt ist. - O ich bin ärgerlich bis zum Unsinn! - Gestern Abends plagte mich
ein zweifüssiges Insekt, und diese Nacht saugen viele hundert andere mein Blut
heraus. - Wärest doch Du nur da, dann wollte ich noch gerne alles dulden, ich
wollte mir mein wundes Gesicht von Deinen Küssen abkühlen lassen, aber so bin ich
mit Röschen ganz allein in der melankolischen Morgendämmerung, höre das
halblaute Gezwitscher der aufwachenden Vögel und grüsse Deine lieben grossen
geschlossnen Augen mit dem feurigsten Kuss eines guten Morgens in meinen Gedanken.
-
    Wache doch auf, Herzens-Junge! - Wache auf! - - Deine Nina ruft Dir! -
Faullenzer, wie gut Dir der Schlaf schmekt, wie Du Dich wieder herumdrehst, und
nicht ahnden willst meine Küsse. Ha! - Eigennüzziger, das tust Du mit Fleiss,
damit ich wakker drauf los küssen soll, und Du Deinen Vorteil dabei findest.
    Aber warte, jezt will ich Dich anfangen zu kneipen, bis Du aufwachst. - Wenn
ich nicht schlafen soll, darfst Du auch nicht schlafen, wenn mich die Mükken
beissen, sollst Du Dich auch beissen lassen, wenn ich küssen und schäkkern will, so
sollst Du auch mit mir küssen und schäkkern, oder Du bekömmst Schläge, ja ... ja,
Schläge, ich bin heute stark genug dazu, denn meine Glieder ruhten ja aus. - -
    Müsste ich heute nicht ausgehen, ich legte mich am hellen Tage schlafen, und
schliefe bis Du kämst und mich durch Küsse aufwektest. Sei nicht böse über diesen
kindischen Brief, Du kennst ja meine Launen, äusserst munter, oder äusserst
traurig! - Vergiss Dein gutes Weibchen nicht. - -
 
                                  LIII. Brief
O Du herrlicher, herrlicher, lieber Friz! - - Was heute unser Umgang wieder so
häufig abwechselte und sich in selige Unterhaltungen einteilte, in
Unterhaltungen, um die uns eine Welt beneiden würde, wenn sie Zeuge sein könnte
von den göttlichen Stunden, die wir durchleben. - -
    Dank Dir, Guter, für Dein Gefühl, mit dem Du zu Hausse giengest und an mich
schriebst, aus einem Herzen schriebst, worinnen Engelsgüte wohnt. -
    Hier gebe ich Dir wieder eben so viele Küsse zurück, sie kommen von Deiner
Nina, die ihr Glük durch Deine Liebe zu tief fühlt, um es beschreiben zu können.
- - O Du edelster, guterzigster, anbetungswürdigster, junger Mann! - Um den
mich Engel beneiden müssen, gewiss beneiden, Du übest Deine Wohltaten im Stillen
aus. O die gestrige gute Handlung, die Du vor meinen Augen unternahmst, hat Dir
in meinem Herzen ein ewiges Denkmal errichtet! - Ha! - Du guter, guter Friz, lass
mich an Deinem Busen aller anderer Menschen Bosheit vergessen, die mich mein
ganzes Leben hindurch so oft kränkte! - -
    Aber vergiss ja nicht über jede Stunde unsrer Unterhaltung nachzudenken und
dabei ein Herz, wie das meinige, zu untersuchen, dessen Liebe ewig, ewig, nur
für Dich glüht - Um diese Aufmerksamkeit bittet Dich Dein gutes Weibchen. - -
    Gott segne unsre Liebe; schlaf wohl und sanft, teuerster, liebenswürdigster
Gatte! - Träume alle Auftritte unserer Liebe wieder lebhaft zurück, die wir
heute mit einander genossen und teile dann Dein Entzükken in Gedanken mit Deiner
                                                                           Nina.
 
                                   LIV. Brief
Schwerlich, lieber Friz, wird sich der Schurke Holbaur wieder unterstehen mein
Zimmer zu betretten; meine Hizze hat mich übermannt, ich habe ihm derb die
Wahrheit gesagt, wie Du aus folgender Unterredung sehen wirst. - Nun mag er
Galle speien der Elende, so viel er will, ich konnte mich unmöglich mässigen....
                                    Holbaur.
(Wie ein wahrer Wollüstling.) Guten Tag! - - Guten Tag, mein Engel! Wie gehts,
wie befinden Sie sich? - -
                                      Ich.
Dies brauchen Sie doch wohl nicht erst von mir zu erfahren, Scharks Vertrauter
ist ja ohnehin von allem unterrichtet, was bei mir vorgeht. - -
                                    Holbaur.
Wie so meine schöne Göttinn? - -
                                      Ich.
Herr! - Ich verbitte mir diese vertrauliche Sprache. Uebrigens mögen Sie sich
ihre Frage selbst beantworten, ich bin nicht gewohnt, Mannsleuten, die in
Weiberrökken stekken, Vorwürfe zu machen. -
                                    Holbaur.
Also wohl gar böse auf mich? - - Ei, ei, womit hätte ich mir denn dieses Unheil
zugezogen? - - Hat vielleicht Schark seine Klappereien auf mich schieben wollen,
wovon er der Urheber ist? - -
                                      Ich.
Er, oder Sie, Sie, oder Er, das gilt mir gleich. Es ist immer schändlich, wenn
sich Mannsleute mit Ohrenbläsereien abgeben. -
                                    Holbaur.
Keine Regel ohne Ausnahme, nicht allzeit, meine Besste, sind Warnungen
Ohrenbläsereien; besonders wenn sie das Wohl eines Freundes betreffen. -
                                      Ich.
Seit wenn sind Sie denn so gewissenhaft gegen Ihre Freunde geworden? - - Ist
Schark ein unmündiger Knabe, dass Sie ihm mit teuflischer Bosheit Grillen
einhauchen mussten? - - Was kümmert Sie meine Bekanntschaft mit G...? - -
                                    Holbaur.
(Herausplazzend.) O sehr viel Madame! - Sehr viel kümmert mich Ihre
Bekanntschaft mit G....! - (Sich wieder fassend.) Denn sehen Sie, der junge Mann
taugt gar nicht für Sie, er wird Sie gewiss nicht heiraten, ich kenne die
Verhältnisse, worunter er schmachtet, und ich wette mein Leben, er muss seiner
Familie nachgeben. - -
                                      Ich.
O sagen Sie doch lieber: ich wünsche es, dass er seiner Familie nachgibt; denn
an Ihren Bemühungen fehlt es gewiss nicht, wenn er es nicht tut. - O ich kenne
Ihre Sprache, die sich nach allen Tönen zu stimmen weiss! - -
                                    Holbaur.
Aber mit Ihrer Erlaubnis, meine Schöne, doch immer mit Wahrheit und
Aufrichtigkeit begleitet. - -
                                      Ich.
Bei Gott! - Ich bin mehr vom Gegenteil überzeugt.
                                    Holbaur.
Wie so? - Wie so? - - Sie würden doch Ihre schönen grossen Augen stark aufreissen,
wenn ich Ihnen jezt gleich mit der untrüglichsten Wahrheit versicherte, dass der
junge G... mit einem überaus reizenden Mädchen in sehr engem Verständnis .....
                                      Ich.
Nicht ausgeredt Verläumder! - Oder bei Gott, Sie sollen mich kennen lernen!!! -
                                    Holbaur.
Schon wieder brausen? - - Ich - ich ... wollte ja nur sagen dass G... leztin mit
einigen Frauenzimmern sehr vertraut schäkkerte. -
                                      Ich.
(Mit Wut) Lügen! - Höllische Lügen sind das! - Ich kenne sein Herz, noch eine
verdächtige Silbe von ihm, und ich werfe Ihnen alles an Kopf, was mir unter die
Hände kömmt! - -
                                    Holbaur.
Hu! - Hu, was Sie eifersüchtig sind! - Ist dann der alberne Junge auch so viel
wert? - -
                                      Ich.
(Ganz ausser mir.) Elender, kein Wort weiter! - - Kein Wort weiter, das rate ich
Dir; und nun fort aus meinem Zimmer, niederträchtiger Ehren-Bandit! - - (Hier
weigerte er sich mich zu verlassen.) Dann griff ich Ihn rükwärts bei den Haaren
und schleppte ihn bis zur Türe, laut schreiend würde ich ihm bis über die
Treppe gefolgt sein; wenn mich nicht Röschen mit Gewalt zurück gehalten hätte. -
Friz, ich bitte Dich um Gotteswillen, schaffe mir vor dem Kerl Ruhe, sonst
vergreife ich mich noch an ihm! - Deine
                                                                           Nina.
 
                                   LV. Brief
Das war wieder eine jammervolle, schrökliche Nacht! - Friz, ende Deine
eifersüchtigen Vorwürfe wegen Schark, oder Du bringst mich in's Grab! - -
    Hatte ich nicht gestern mit dem Buben Holbaur Verdruss genug? - - War das von
Dir vernünftig sich so zu vergessen, und mir bittere Dinge zu sagen? Musstest Du
auch noch kommen und mir den lezten zufriedenen Gedanken wegstehlen? -
Ueberdenke heute bei kälterem Blute unsere Lage, vergiss nicht einen Blik auf die
Folgen zu werfen, die daraus entstehen könnten; und zittere! - -
    Du kennst meine Rasereien, wenn ich anfange; Du weisst, zu welchen Torheiten
ich fähig bin, wenn Dein Misstrauen und Dein beleidigter Stolz fortfährt auf mich
loszustürmen. Ist es denn meine Schuld, dass ich noch hier bin? - Ist es nicht
die Schuld der Umstände, dass meine Abreise noch auf wenige Zeit verschoben
werden muss? - Und kann ich meine Base zwingen, dass sie dem Schark unser Haus
verbietet? -
    Noch mehrere solche ungerechte Vorwürfe, Friz, und ich stehe weder für
Scharks, noch für mein Leben! - Der Gedanke, dass meine feurige Liebe von Dir
verkannt wird, machte mich so hart, so wahnsinnig, dass mir mein Leben um eine
Steknadel feil würde! - - Ich habe Schark mit aller Gewalt zu einer Zänkerei
zwingen wollen, ich hätte ihn gerne aus Verzweiflung mit Vorsaz verleitet, mir
ein Messer in's Herz zu stossen, so sehr war ich meiner Lage müde! - Zum Glükke
donnerte ihn meine Wut zusammen, dass er weggieng und staunte! - Nenne es immer
sträfliches Extrem; aber wer brachte mich dazu? - - Wer ist sträflicher, ich,
oder Du? - - Gott! - Was hast Du mir für herzangreifende Vorwürfe gemacht! - Du
sprachst mir alles Gefühl ab, nanntest mich eine Lieblose, eine Undankbare, und
das bloss, weil mir ein unbedeutendes Wort über Schark entwischte, dass Du zu
seinem Vorteil auslegtest. - Du bist wahrlich überzeugt, dass ich die wenige
Nachsicht, die ich gegen Schark brauche, bloss aus Politik brauchen muss; Du musst
davon überzeugt sein, sonst würde ich Dich verachten, wenn Du mich ohne diese
Gewissheit lieben könntest. - -
    O Friz! - Friz, ist es möglich, dass Du so lange Zeit aus Liebe nachzugeben
wusstest, und jezt auf einmal überfällt Dich eine höllische Eifersucht? - Sei
sanft, sei vernünftig, um Deines guten Herzenswillen bittet Dich Deine
                                                                      Gattinn. -
 
                                   LVI. Brief
Teurer Friz! - So süss auch gestern unsre Versöhnung war, so hat sie doch den
tiefen Gram, der mich seit einigen Tagen wieder so schröklich drükt, nicht ganz
aus meiner Seele getilgt! - Ich taugte wohl besser in's Grab, als an Deine Seite,
wo Dir das Bischen Vergnügen durch tausend Schiksale vergällt wird. - Kein Tag,
keine Stunde geniessen wir ganz ruhig, mitten unter dummen und bösen Menschen
verstreichen unsere schönsten Augenblicke, und mit ihnen unsere Gesundheit.
    Ich bin ausser mir, wenn es nicht bald zu Ende geht! - Ich kann diese
Verfassung, beim Allmächtigen sei's geschworen, nicht länger ertragen! - Und doch
muss ich alle Stärke zusammen suchen, um den Ausgang abzuwarten? - - - O wenn Du
mich liebst, so verschone mich diese Zeit über, versezze mir nicht den lezten
schröklichsten Todesstoss, durch Dein Misstrauen! - - Sei barmherzig, bei Deinem
Ehrengefühl beschwöre ich Dich, sei barmherzig! - Sei mein Führer, mein Tröster,
sei gut, sei gedultig, sei Mann, ich will Dir es tausendfach lohnen! - Die
Wehmut lässt mich heute nicht weiter schreiben.....
                                                             Nina die gekränkte.
 
                                  LVII. Brief
Innig geliebter Gatte! - Endlich ist meine Laune wieder etwas heiter. - Was
dachtest Du heute wohl von mir? - Meine Augen haben, dünkt mich, mehr
gesprochen, als sonst, wenigstens hiengen sie wonnetrunken sehr lange an den
Deinigen. Siehst Du, wie mein Zutrauen wächst? - - Folge fein meinem Beispiel,
hörst Du? - - -
    Friz, wie viele Briefe hast Du wohl schon von mir, ich habe von den Deinigen
über fünfzig Stükke. - Es sind lauter teure Pfänder Deiner Liebe, redende
Beweise Deiner Zärtlichkeit, und feurige Versicherungen Deiner Standhaftigkeit,
nie sollen sie aus meinen Händen kommen diese reizende Gemälde Deiner schönen
Seele! - -
    Heute habe ich auch wieder Deine Haarflechte frisch geflochten, die ich Dir
mit eigner Hand aus Deinen langen Haaren heraus schnitt. - O diese Haarflechte
ist gerade so weich, wie Dein Herz! - Mein Röschen ist ein loses Ding, sie
machte mich mit ihren Schäkkereien fast närrisch, immer schrie sie, während als
ich die Haarflechte frisch auskämmte, geben Sie doch Acht, es tut Ihrem Friz ja
weh! - Dann zukte ich wieder während dieser Arbeit mit einem lauten Schrei,
worüber sie sich fast zu Tode lachte.
    Ich bin dem Mädchen recht gut, weil sie ziemlich viel von Dir zu sprechen
weis, Stunden lang schwazt sie mir von Dir vor, ist das nicht ein gutes, braves
Röschen? - - Komme morgen recht frühe, damit ich Dir Millionenmal sagen kann,
wie sehr Dich liebt Deine
                                                                           Nina.
 
                                  LVIII. Brief
Trauter, als mich der gütige Schöpfer schuf, war Liebe und ihre Glükseligkeiten
seine erste Gabe, die er mir mitteilte, und in die Seele hauchte. - Liebe
empfand ich schon lange mit allem ihrem Kummer, aber ihre Glükseligkeit
entfernte sich von mir, bis ich den Redlichsten, bis ich Dich kennen lernte. -
    Du hast nicht Unrecht, wenn Du behauptest, dass ich noch nie so geliebt
worden bin. - O Du Vortreflichster, lass mich mein Glük öffentlich ausschreien,
lass meinem vollen, mit Wonne angefüllten Busen Luft, damit ich die Gefühle
meiner seligsten Hoffnungen hinsagen kann den eiskalten Geschöpfen, die meine
Entzükkungen nur bloss in der Ferne anstaunen dürfen! - -
    Dank Dir für den heutigen Tag, den ich wieder so ganz Liebe, an Deiner Seite
hinbrachte. - Ich trug eine schwere Last im Herzen, als Du kamst, aber wie ein
Engel des Trostes hobst Du mir sie weg und spieltest mich in eine Laune, die ich
nicht um ein Königreich vertauscht hätte! -
    O Du Guter, was Du nachgiebig und sanft sein kannst, wenn Du nur willst. -
Du hast zwar ganz Recht, dass Du nicht alle Tage so bist, sonst würde ich immer
mit mir selbst hadern, dass ich Dein herrliches Betragen nicht erwiedern könnte.
Heute war ich wieder in Deinen Armen so verloren im Taummel der reinsten Freude
und auch so ganz ohne Furcht, ohne bange Ahndung, dass ich mich beinahe in einer
andern Welt dünkte! - Gewiss unterhielten wir uns wieder herrlich! - Es war kein
augenbliklicher Sinnenrausch, wie bei den meisten Liebenden, der uns entzükte,
Vernunft, Seele, alles nährte sich dabei, und muss sich ewig dabei nähren. -
    Nicht wahr lieber Friz, wir wollen immer so gut mit einander leben? - - So
ganz Guteit einander nachgeben, und verbannt sei nun auf ewig aus unsrem Umgang
Deine Eifersucht, und meine zu starke Empfindsamkeit! - Nie sollst Du mich
wieder so sehen, das verspreche ich Dir heilig.
    Noch eins; Schark laurte schon am Fenster, als ich heute zu Hause kam, aber
merkte nichts. - Gott gebe, dass Du Dich eben so heiter schlafen legest, als ich,
dann bin ich glücklich. - Vielleicht träumst Du jezt, mit einer Pfeife Tobak im
Munde, von mir? - Tust Du dies gewiss? - O ich fühle es, diese warme Ahndung
strömt meinem Herzen zu, und bürgt mir für die Wahrheit meiner Vermutung. -
Gute Nacht! - Aller Segen des Himmels auf mein Liebchen! - Gute Nacht, sagt
Deine
                                                                           Nina.
 
                                   LIX. Brief
Innigst Geliebter, ich habe Dir gestern in einer Stunde mehr gesagt, als ich Dir
in Jahrhunderten schreiben kann. - Oder war es etwa nicht so, Du unersättlicher
Schwärmer? - Warst Du wohl jemals gegen ein anderes Mädchen ein so warmer
gefühlvoller Junge? - Ist es etwa für meine Eitelkeit zu viel Triumpf, wenn ich
das allerliebste Nein so gerne über diesen Punkt aus Deinem Munde höre? -
    Wenn man sich der Liebe nicht freuen darf, wenn man über ihre herrlichen
Entzükkungen nicht nachdenken soll, o dann ist sie ja bloss Begierde, und ich
hasse Begierden ohne die Begleitung eines feinen denkenden Gefühls. - Unsere
Liebe hat den ächten dauerhaften Gang, wir wollen ihr folgen, aber auch Du
lieber Friz, musst Dich ein Bischen ändern. - Lass doch nicht immer Deinen
feurigen Kopf und Deine reizbaren Nerven sprechen, sei im vollen Verstand Herr
über Deine Leidenschaften, Du kannst es ja, wenn Du nur willst, die Liebe macht
Dich biegsam, wenn Du ihr nur Gehör geben willst. - Wir wollen uns doch nicht
ferner mit Grillen martern, willst Du? - Ich fodere dies kleine Opfer Deiner
Vernunft jezt durchaus, bis das Verhängnis uns näher vereinigt. - - Das
unglückliche Schiksal soll nicht Meister über uns werden, nein, durchaus nicht,
ich würde mich schämen ihm nachzugeben. - Wir wollen von nun an Zank und alle
gefährlichen Auftritte zu verhüten suchen, die Dich und mich gränzenlos elend
machen könnten. - Dein Weibchen lebt und atmet ja nur für Dich, für Deine Liebe
- -
                                                                           Nina.
 
                                   LX. Brief
Du lieber Gott! - Was war das gestern wieder für ein verstimmter Abend! - Es ist
gerade, als ob wir beide eine Zeiter verhext würden! - Ich mag Dir Ruhe
vorpredigen, so viel ich immer will, es nüzt nichts. - Gott im Himmel, wie
können Schiksale Menschenherzen verstimmen! - Ich kannte Dich kaum mehr;
Faulheit, weniges Gefühl, zwei Worte, die ich gestern wieder so oft hören musste.
- Ein anders minder liebendes Weib hätten diese garstigen Ausdrükke wohl zum
Brausen verleitet, aber ich blieb gelassen, weil mein Herz Deine Entschuldigung
übernahm. -
    Sag Unbesonnener! - Seit wann habe ich denn dies alles verdient? - Warum
schreibst Du den Eifer über das ehrabschneiderische Volk auf meine Rechnung? - -
Oder noch besser, warum warst Du unvorsichtig genug, mir so etwas zu
hinterbringen? - Darf ich meine Gefühle nicht mehr an Deiner Seite ausweinen? -
Ich sah Dich stumm und finster, das machte mich verdriesslich, weil ich Dich doch
schon so oft bat, Dir in meinem Umgang Gewalt anzutun. - Bin ich denn nicht so
viel wert? - Ist es nicht Deine Pflicht, jede Zänkerei in ihrem Ursprung zu
erstikken? - Aufbrausen und davon laufen ist dann immer Deine löbliche
Gewohnheit, und die Früchten davon, Verzweiflung und schlaflose Nächte für Dich
und für mich. - -
    Meine ganze Seligkeit liegt bloss in Deinem Blikke, und da dieser eine
Zeitlang her so düster ist, so ist es ganz natürlich, dass ich auch verstimmt
werden muss. - Bin ich denn von mir selbst so gallsüchtig, gabst Du mir nicht
immer den ersten Anlass dazu? - - Ich hoffe, dass Du bald anfangen wirst mein Herz
zu schonen. - Der Himmel lasse uns heute wieder Friede finden, das wünscht von
ganzer Seele Deine
                                                                  gebeugte Nina.
 
                                   LXI. Brief
Liebster, Besster! - Wie hast Du geschlafen? - Das war doch brav, dass Du mich
gestern Abend nicht mit blutendem Herzen zu Bette gehen liessest. - Lieber Friz,
wenn ich Dir teuer bin, laufe mir nur nicht wieder davon, wenn wir uns ein
Bischen zanken, denn das Davonlaufen ist mir unerträglich! -
    Leicht, wie eine glückliche Braut, ging ich gestern Abend nach unserer
Aussöhnung zu Bette, aber ein Schrekken, der mir durch alle Glieder fuhr, wekte
mich wieder plözlich auf! - Dass doch bei jedem Zufall Du mein erster Gedanke
bist. - Gott! - Ist das etwa mein Friz! - Schrie ich laut, sprang an's Fenster
und hörte die ächzende Stimme eines Sterbenden, den man mit einer Wunde vorbei
trug. - Sein Röcheln machte mein Blut erstarren, Du lagst mir noch im Sinne, ich
horchte aufmerksam um den Ton der Stimme zu entscheiden, zum Glükke aber war sie
mir fremd diese Stimme, und Mitleiden mit dem Sterbenden trat jezt an die Stelle
der Verzweiflung. - -
    Demungeachtet folterte mich Ungewissheit, ich brach in lautes Wehklagen aus,
meine erhitzte Einbildung zeigte mir fürchterliche Dinge, ich sah Dich in Deinem
Blute schwimmen. - Röschen hatte wieder die halbe Nacht durch an mir zu trösten.
- Schreibe Dir diese Ahndung fest in's Herz, wenn Dir etwa einmal Schark
aufstossen sollte. - - Erinnere Dich meines Jammer-Geschreis bei so einem
Auftritte, und schwöre mir beim heiligen Gott Deine Selbst-Erhaltung in jedem
Falle! - Meine Furcht mag Dir jezt, da es noch Zeit ist, Bilder vormalen, sie
mag Dir sagen, dass, wenn Du Dich je in einen Streit einliessest, ich dann, wie
eine Rasende, meinen lezten Hauch mit dem Deinigen vereinigen würde! - -
    Lebe wohl Teuerster! - Ich schreibe dieses Briefchen unter Furcht und Angst
überfallen zu werden, bin aber demungeachtet ewig, ewig Dein trautes
                                                                           Weib.
 
                                  LXII. Brief
Friz kannst Du es verantworten, mich wieder so zu misshandeln? - Unschuldig so zu
misshandeln? - Ich habe bei der gestrigen Mahlzeit weder geschäkkert, noch
gelacht, und am allerwenigsten, wie Du sagst, geschwelgt, davon ist ja die ganze
Gesellschaft Zeuge, die mich in Deiner Gegenwart über meine schwermütige Laune
aufzog. - Ich hatte über den lüsternen Buben, der an meiner Seite sass, eben so
wohl Galle, als Du, und bitter waren meine Antworten, die ich ihm gab, aber
nicht leichtsinnig! -
    Wenn Dich der elende Kerl durch seine Zudringlichkeit beleidigte, was kann
ich dafür? - - Gieng mir sein Betragen nicht durchs Herz? - - - - Ich bitte, ich
beschwöre Dich, sei vernünftig, bedenke wohl, was Du tust. - Du bist mir
Pflichten schuldig und darfst sie ohne Niederträchtigkeit nicht verlezzen, dann
ich verlezze sie bei Gott auch nicht? - Dein Zweifel an meiner Liebe ist
Höllenverbrechen, das Dir Satan eingegeben hat! - Willst Du mich mit Gewalt zur
elenden Kreatur erniedrigen; dann wird diese lieblose Beschuldigung ein Werk
vollenden, dass meine Lebenstage so geschwind als möglich abkürzen soll!!! -
    Beruhige mich, wenn Du nicht ein undankbares Geschöpf bist, wenn ich Dir
nicht einstens in der Todesstunde noch fluchen soll! - Wie kannst Du gegen Dein
Weib so hart sein, die Dich ewig mit aller Deiner übeln Laune doch lieben wird?
- Friz, habe ich dies wohl um Dich verdient? - Du machst mich elend, bei Gott
äusserst elend, wenn Du mich nicht recht bald beruhigst! - Ich muss Dich heute
sprechen, ich muss, sonst sollst Du das entschlossene Weib kennen lernen! - -
                                                                           Nina.
 
                                  LXIII. Brief
Guten Morgen, liebe Seele! - Wie ist Dir? - Um Gotteswillen, wie ist Dir! - Mir
war gestern Abend gerade, als stieg ich in einer Todesangst vom Schaffot
herunter. - Ich fühlte die Erstarrung meiner Glieder, und tiefen stummen
Schmerz, der an Wahnsinn gränzte! - Mein Gehirn war durcheinander geworfen,
meine Vernunft zerknikt und siedheiss mein Blut! - -
    Du dauertest mich, Armer, und ich konnte Dir doch nicht helfen. - Sei ruhig,
einziger Liebling meines Herzens, Nina hat gewis nie aufgehört Dich zu lieben. -
Ich bin heute wie zusammengeschlagen, aber dabei so ziemlich ruhig, sei es doch
auch Friz, sei es auch, meine Glükseligkeit fodert es von Dir. - -
    Bei den heiligen Gattenpflichten fasse Dich, sonst wird meine Abreise noch
immer mehr und mehr verschoben. -
    Uebrigens kümmere Dich um nichts weiter, so kühn die Anschläge der
Wollüstlinge auch immer scheinen, so wird es doch keiner wagen, sich mir zu
nahen. - Die Lasterhaften können wohl ihre Zähne blökken, aber beissen dürfen sie
nicht, sonst tritt man sie mit dem Fuss zurück. - Also ruhig und keine Sorge, wenn
es aufs Äusserste kömmt, so sollst Du Deinen Karakter nicht mit ihnen
besudeln..... Dann reise ich in einigen Tagen fort, und hiemit Punktum! -
                                                             Deine liebe Gattin.
 
                                  LXIV. Brief
                                                   Rosental, den 19ten Oktober.
Teuerster, bester Gatte! - - Untersuche den Kummer bei unserer Trennung in
Deinem eignen Herzen, und Du wirst den Wiederhall des meinigen finden. - Sezze
dann von meiner Seite noch weibliche Furcht, Zagheit und Schwäche meines
Geschlechts hinzu, und mein Gram wird den Deinigen überwiegen. -
    Nun bin ich entfernt von Dir, auf einmal entfernt von der Wärme eines
Busens, an den ich mich jede Stunde des Tags vertraut anschmiegen konnte. - Noch
ist mir alles Traum, noch bin ich zu wehmütig um an die Möglichkeit dieser
Trennung denken zu dürfen. -
    Wir kamen in unserer Einsidelei glücklich an, die Leute empfiengen uns gut,
und Röschen suchte mir den Kummer vom Herzen wegzuschäkkern, aber für diesmal
ist es ihr nicht gelungen. - Gestern Abend konnte ich nichts tun, als staunen
und weinen über eine Trennung, die mir schröklich schwer fallen wird. - Zanke
mich nicht Friz, ich musste weinen, wie ein Kind, und was ist denn auch meine
Gesundheit gegen den süssen wollüstigen Leiden einer zärtlichen Sehnsucht? - Ich
will ja gerne ruhig werden, aber gewiss nicht eher, als bis ich an Deiner Seite
bin; ein Weib ohne Mann ist ein schwaches Pflänzchen, das jeder Sturm
niederreissen kann? - Wie stehts um Deine Gesundheit? - Gott! - Du sahest so blass
aus, als Du mir den lezten nassen Kuss aufdrüktest! Halte Dich gesund, denn, wenn
Du sinkst, so bin ich unwiederbringlich verloren! - -
    Die Liebe mag Dich jezt zur Tätigkeit anfeuern, wenn es Dir nicht vor
meinem Grabe schaudern soll, das ganz gewiss meiner wartet, wenn meine
Lebhaftigkeit durch zu lange Trennung getäuscht würde! - - Bang ist mir schon
ein Tag, aber unausstehlich eine Woche Entfernung von Dir! - Doch das Schiksal
will es, und ich darf nicht dagegen murren. - - Auch darf ich Dich wohl an keine
Pflichten erinnern, Du weisst, dass mein Loos das schröklichste wäre, wenn Dich je
Menschenbosheit zur Veränderung stimmen könnte. Ich bin jezt so ganz Zutrauen in
Dich, verkenne nicht den ehrlichen Mann, der mich rettete und jezt an mir so
handeln wird, wie ich es von Deinen herrlichen Grundsäzzen erwartete. -
    Einem weniger Edlen hätte ich mein Schiksal nicht anvertraut, und ich bin
versichert, dass, wenn auch die Hölle sich öffnet, Du dennoch standhaft bleiben
wirst. - Immer hieltest Du mich für zu schwach, um mich von der unwürdigen Base
und Schark loszureissen; hast Du denn bei meiner heimlichen Abreise nur eine
einzige Spure Schwachheit erblikt? - Menschheit war es, die sich in mir empörte,
und sonst nichts. - Willig liess ich mich von Deinem Arm leiten, und wenn Du mich
auch zum Tode geführt hättest, gleich viel! - - -
    Du kömmst also in einigen Tagen? - - Kömmst zu Deiner Nina, die einsam auf
dem Lande sich bloss mit dem Gedanken an Deine Liebe nährt, kömmst an den Busen
Deines treuen
                                                                         Weibes.
 
                                   LXV. Brief
                                                    Rosental den 21ten Oktober.
Lieber Herzens-Gatte! - Ist das nicht zum todt ärgern, gestern kam die Post
nicht und ging auch nicht ab, folglich blieben unsere Briefe liegen, und wir
erhalten sie erst heute. - Montags kannst Du mir schreiben, aber ich Dir nicht,
Dienstag kömmst Du selbst, dann reden wir wegen der Post-Ordnung ab. - Trage ja
Deine Briefe zeitig genug auf die Post, sonst leide ich Todes-Angst, wenn einer
liegen bleibt! -
    Lieber Friz, wenn Dich nicht wichtige Gründe abhalten, so musst Du ohne
Fehler kommen. - - Du wirst grosse Augen machen, die Wirts-Leute fangen mich an
zu drükken, und meine Börse wird es tüchtig empfinden, wenn Du nicht gleich eine
andere Einrichtung triffst. - Das Volk muss mich für eine verwunschene Prinzessin
halten, weil es mich so übertrieben zahlen macht. - Schreibe mir, ob Du geritten
oder gefahren kömmst und welchen Weg Du eigentlich einschlägst, damit ich Dir
entgegen kommen kann. - Reite mit Tor-Aufschluss von Hause weg, und nimm ja eine
geschikte Ausrede. - - Gott! - Gott! - Warum darf der Mann sein eignes Weib
nicht öffentlich herzen und küssen? - O Vorurteil, du abscheuliches Ungeheuer! -
Sonst hieng ich um diese Zeit an Deinen Lippen, und nun weg von Dir, entfernt
von einem Umgang, der mich so manches lehrte, der mich so glücklich machte. -
Gott! - So ein Verhängnis greift in die Seele! - Ist schröklich für ein
liebendes Weib, die sich ihrer Liebe vor aller Welt Augen nicht schämen dürste!
- -
    Ha! - Wenn ich Dich wieder sehe, wenn Du mich wieder küssest, wenn Du wieder
im trunknen Taumel Nina herausstotterst, dann, o dann, will ich weinen und
fühlen! - Friz, wie ist Dir denn? - Ich bin wie verloren, ich würde es ohne Dich
nicht länger aushalten können, ich würde Dich abholen und mitschleppen, und
sollte es auch bis an's Ende der Welt gehen! - -
    Du musst, Du musst mir aus Liebe bald folgen, sonst weh, weh Dir! - Tausend
Küsse, tausend Lebewohl von Deiner abwesenden Gattinn. - -
 
                                  LXVI. Brief
                                                    Rosental den 23ten Oktober.
Teuerster Gatte! - Zwei Briefe erhielt ich gestern, und zwei heute. - Wie kömmt
es, dass Du den Sonntag vorbeistreichen liessest, ohne an mich zu schreiben? -
Jesus Maria! - dachte ich mir, was ist das? - - Was ist meinem Gatten
zugestossen? - Entsetzen überfiel mich, bis ich aus Deinem lieben Briefe wieder
Herzens-Trost einsog. - Ich würde mich über diese Kleinigkeit nicht beunruhigt
haben, wenn ich Dein Feuer, Deine Tätigkeit nicht kännte. Gesezt Du könntest
Mittwochs nicht kommen und auch keine Briefe - Gott im Himmel, ich würde
verzagen. - -
    Der morgende Tag und die heutige Nacht werden für mich schröklich sein, weil
ich diesen Tag mit wollüstiger Wehmut an Deinem Busen zu verträumen hoffte. - -
-
    Nun will ich versuchen, einige Stellen Deines Briefs zu beantworten. - - Ist
es möglich, Schark war bei Dir? - O ich bewundere Deine Stärke und verehre Deine
Liebe, die aus Klugheit selbst Schimpfworte über mich zu ertragen wusste. - Denke
Dir einmal mich Arme in die Klauen dieses Menschen, wenn er mich entdekte? - - O
dann hätte ich ausgelebt! - Besonders, wenn die alte habsüchtige Baase mitkäme
um mich aufzusuchen; so etwas wolle der Himmel verhüten! -
    Ich habe meinen Plan schon entworfen. - Ich sizze den ganzen Tag im
verschlossenen Nebenzimmer, und sobald ich Scharks Stimme höre, dann wage ich den
mir vorgesezten Sprung aus dem Fenster in Garten; springe ich glücklich, so ist
es gut für Dich und mich, versteht sich, wenn Du zu meinem Schuz nicht bei der
Hand sein solltest. - Anders wüsste ich mich nicht zu retten, denn was ist ein
schwaches Geschöpf gegen einen Rasenden? - Hier im Hause sind indessen die
besten Maasregeln getroffen, wenn Du kömmst, so magst Du es noch vorsichtiger
einrichten. - Für Deine übrige Sorgfalt tausend Dank! Meine Liebe sei Dein Lohn,
kannst Du mehr fordern, da ich doch ausser Dir so arm bin? - Mein Röschen ist
sehr gebeugt, die Stille will ihr nicht behagen, ich kann es ihr nicht
verdenken, man muss so wie ich lieben, um den ärgsten Kerker erträglich zu
finden. - Das Mädchen kann gar nicht begreifen, wie man aus Liebe einen solchen
Aufentalt, von aller Menschheit entfernt, wählen kann? - Die Eiskalte hat wohl
nie keinen Friz gekannt! - Dein Bildnis hängt an meinem Bette, es ist bald
völlig abgenüzt, von lauter Küssen.
    Uebrigens segne ich meinen Aufentalt, so schröklich er auch immer ist,
wärst Du bei mir, dann willkommen die erste beste Hütte. Mein Mädchen sagt zwar
immer, um einen König würde sie sich keinen solchen Aufentalt wählen, aber sie
hat gut schwäzzen, sie weis ja nicht, wie sehr ich Dich liebe. -
    Engel unter den Menschen, lass mich in Deinen Schuz werfen; nie werde ich
Deinen Zorn verdienen, aber vielleicht Dein Mitleid, Deine Nachsicht, Deine
Sanftmut, Deine Führung. - Und wenn ich dann je einen Wert besizze, so sei er
Dein und werde durch Dich vollkommen, durch Dich erhöht, durch Dich zum wahren
Wert. - Kannst Du von einem Weibe mehr fordern, der Du immer so viel Stolz
vorrüktest. - - -
    Du warst seiter einmal bei der M... es freut mich, wenn sie mir gut ist, o
wie wollte ich das Mädchen dafür herzen und küssen, wenn sie Dir Deine Leiden
tragen hälfe! - Sei aber behutsam, Du weist, unsere Lage erfordert es. - Besuche
immer zuweilen eine meiner Freundinnen, und heitere Dich auf, lieber Friz, Deine
Nina bittet Dich darum aus ihrer Einsamkeit. - Ich will es gerne glauben, dass
Dich alles an mich erinnert, Deine Liebe ist ja so unermüdet, dass Dich jeder
Gegenstand zur Vergleichung anruft. - O Du sagst mir mehr von Deiner Liebe, als
mir ein ganzer Himmel voll Engel versichern könnten. - Und doch bin ich
unersättlich von Deiner Liebe reden zu hören, und doch bin ich noch etwas
weniges furchtsam, weil ich mir in der weiten Schöpfung kein solches Ideal
träumte. - Es ist mir so neu, so fremd, so entzükkend, ich könnte den erwürgen,
der mir die Wahrheit davon abstreiten wollte. - O gesegnet sei mir Deine Liebe,
gesegnet, wie am ersten Tag ihrer Entstehung. - Sag, Teurer, wie könntest Du je
eifersüchtig sein? - Du kennst ja das Innerste meines Herzens, alles ist Dein,
meine Schwachheiten und Tugenden, meine Fehler und Vorzüge, verstosse dieses Herz
nie, oder ... Mein Gott! - Zu was mich meine Schwermut wieder verleitet! - Aber
denke Dir auch einen Ort, wo man den ganzen Tag keinen menschlichen Laut hört,
denke Dir Dein Weibchen in ihrem Kämmerchen verschlossen, wie sie da sizt und die
Stunden Deiner Ankunft zählt, wie Liebe, Kummer, Furcht und Sehnsucht an Ihrem
Herzen nagen, denke Dir alle diese Beweggründe und wundere Dich nicht mehr über
meine Schwermut. - Heute hörte ich ein Pferd daher traben, da sprang ich zum
Fenster und ... es war nur ein Bauer. - Röschen erschrak, die Täuschung drohte
mir eine Ohnmacht. Nein, so rasch darf ich in Zukunft nicht mehr sein, sonst
schade ich meiner Gesundheit. - Lebe wohl liebster Gatte, komm bald in die Arme
Deiner Nina. -
                  Phantasie einer fühlenden Gattinn, von Nina
Mit gepresstem Herzen, mit ängstlich kämpfendem Busen, mit einer Träne im Auge
sass ich einst schwermütig an meinem Schreibpult. - Alles um mich herum war
feierlich stille, kein Menschenlaut liess sich hören, nur Sehnsucht und Andenken
an Dich, Einziger, schwellten mein Herz. - Ich träumte mich wonnetaumelnd an
Deinen Busen hin. - Leiden, die vielleicht noch kein weibliches Herz empfunden,
tobten in meiner Seele! - - Trennung! - Ha! - Dies grässliche Wort erschütterte
mich durch und durch! - Wo bist Du jezt Sohn der Liebe? - rief ich laut ... Wo
bist Du jezt? - - Komm, o komm doch wieder einmal in meine Arme! - Gott! -
Welche Seligkeit wäre der meinigen gleich, wenn ich Dich jezt nur eine Minute an
dies klopfende Herz drükken könnte! -
    Teure, edle, gute Seele, wenn Du wüsstest, wie unausstehlich mir Deine
Abwesenheit, wie jeder Gedanke mir verhasst ist, der mich nicht an Dich erinnert,
wenn Du sehen könntest, die Tränen, die um Dich fliessen, den Gram, der Dir
geopfert wird, die Qualen, die ich anbete, Ha! - Du würdest eilen, Du würdest
laufen, um durch einen feurigen Kuss alles zu heilen, was mich jezt so
unbarmherzig martert! - Gerechter Gott! - Was bin ich für eine Träumerinn, als
ob es bloss bei Dir stünde, als ob Du kommen könntest, als ob Dich nicht das
Schiksal davon abhielte. - Nun so lass mich denn weinen, laut weinen über Deine
Entfernung! - O willkommen ihr süssen Zeugen meiner Wehmut, willkommen ihr
Tränen der gekränkten Liebe, fliesst immer fort, ihr seid mir gesegnet, denn ihr
fliesst um den Bessten unter den Menschen, um einen Jüngling, dessen Wert in der
grossen Schöpfung für mich nicht mehr zu finden ist, - und wenn alle Königs-Söhne
zu meinen Füssen lägen. - -
    O der holde, der liebevolle Junge, was seine sanfte Art in der Liebe
entzükken kann! Wie sein Feuer, seine glühende Schwärmerei sich in's weibliche
Herz schleicht! - Wie er mich hinzuzaubern wusste in die grösste Glükseligkeit
durch seine Liebe! - Wie er so lange küsste, bis ich hinsinken musste an sein laut
pochendes Herz! - Und das alles jezt nicht mehr? - Nicht mehr für mich Arme? - O
Schöpfung! O Menschheit! O Natur! - Ihr seid schön, aber für mich nicht mehr,
einst liebte ich euch an der Seite meines Frizzen, einst fühlte ich für euch in
den Armen meines Gatten, aber jezt ... O mein Gott! - Jezt bin ich allein, bin
entfernt von ihm, und liebe nichts weiter, als dich schwarzer Gram, du wirst
mich bald hinraffen in eine Welt, wo Ruhe meiner wartet! -
    Lasst mich doch ihr Menschen, ihr Stöhrer meiner Liebe, lasst mich hinsizzen
und staunen über mein hartes Schiksal! - Ha! - Es drükt, es drükt fürchterlich
auf meiner Brust! - Der Wunsch Dich zu sehen, mein Gatte, lässt sich nicht mehr
zurückweisen, ich will, ich muss Dich haben, ich muss, ich muss Dich aufsuchen!!! -
Halt! - Wer klopft? - - Allmächtiger Gott, meine Ahndung ist erfüllt, er ists!!!
-
    Du süsser Liebling meiner Freuden, erstikke mich nicht mit Deinen Küssen! -
Sei gelassen, sieh, wie meine Kniee zittern! - Diese Ueberraschung, und das
gerade in den Augenblikken meiner grössten Leiden... Schwärmer halt ein! - Du
erdrükst mich! - Sprachlos war während seiner Unterredung meine Zunge, wallend
mein Blut, nass meine Augen. Wem dieser Zustand begreiflich ist... Der fühle mir
nach!!! -
 
                                  LXVII. Brief
                                                   Rosental, den 26ten Oktober.
Teurer, unendlich teurer Gatte! - O wie kurz war der Augenblick unserer
Umarmung! - Wie geschwind eilte er vorbei, der seligste Traum unserer
Wiedervereinigung nach so vielen überstandenen Leiden. - Ich hatte ja kaum Zeit
Dich anzustaunen, in den wenigen Minuten Deines Aufentalts konnte ich nichts
tun, als küssen und weinen. - Trug ich nicht ein volles Herz im Busen, das in
meiner Einsamkeit auf Deine Teilnahme wartete? - - Einsamkeit nährt die Liebe,
nährt die Schwermut, und dann keine fühlende Seele um mich herum zu haben, die
mich verstünde ... O Gott! - Braucht ein so warmes Herz, wie das meinige, wohl
diese Reize in der Liebe zu seiner völligen Prüfung? - Ist es nicht ohnehin
glühend, feurig und schwärmerisch genug gestimmt? - Hast Du es nicht gefühlt,
Friz, das lebhafte Weib an Deinem Halse? - Hast Du ihr leidenschaftliches
Zittern nicht gemerkt? - Bei Gott! - Wenn ich auch keine Gegenliebe von Dir
verdiente, so verdiente ich doch das wärmste Mitleid! - Wer kann sich Mensch
dünken, ohne dass er wahren Anteil an den Leiden eines Liebenden nimmt? - -
    Ich will in meinem jezigen Zustande vor dem Allmächtigen schwören, alle
Liebenden, die mir einst aufstossen werden, zu pflegen, zu trösten, zu laben,
denn ich weis, wie wohl es mir tut, wenn die Menschen nur von weitem Mitleid
gegen mich zeigen. - -
    Als Du mich verliessest, durfte ich nicht weinen, traurig sah ich Dir nach,
und wenn Röschen mich nicht mit Gewalt von dem grünen Pläzchen gerissen hätte,
ich glaube, die Nacht hätte mich auf dieser Heide unvermerkt überfallen. - -
    Unwillig liess ich mich nach Hause schleppen, dachte dann einsam wieder alles
durch, was Du mir sagtest, und sah izt Deine Vorzüge millionenfach, weil ich
Dich vermisste. - Nur Kummer und Sorge unterbrachen zuweilen die nachgekauten
Freuden meiner genossenen Liebe. -
    Mehr trübe als heiter wollte ich die Treppe hinauf steigen, als mich die
Wirtin zu sich in die Küche bat, ich ging, und dann berührte das gute Weib
gerade die gespannte Saite eines von Liebe angeschwollenen Herzens. Sie
versicherte mich mit innigster Freude, dass Du meine Stiege zu zwei Stufen auf
einmal atemlos hinauf gesprungen seist. - Was mich diese Entdekkung wieder
aufs neue erfreute, wie ich mir das Nemliche wohl zehenmal von dem Weibe
wiederholen liess, wie Röschen mich heimlich stossen musste, um meinem Taumel vor
dem umherstehenden Gesinde ein Ende zu machen, o mein Friz, das hättest Du alles
sehen sollen! - Doch was wäre dies gegen Deine Liebe, Du übertriffst mich ja
tausendmal in der Zärtlichkeit. - Und ich glücklich und doch unglückliches
Weibchen kann Dir mit nichts hinlänglich danken. - Freilich habe ich ein Herz,
das lieben muss, ein ewiges Loos hat es über mich verhängt, und doch war ich so
unglücklich, an Elende zu geraten, die dieses Herz mit all seiner Liebe so
unbarmherzig zerfleischten! - Beleidigt, in Staub getreten, betrogen,
hintangesezt, verlassen, und hintergangen! - Siehst Du, wie dies Andenken wieder
in mir tobt? Das Gift der Schwermut hat Wurzeln gefasst, sie würden wieder
aufkeimen, wenn ich sie nicht um meines Frizens willen in diesem Augenblicke
erstikte. -
    Deine Liebe sei nun mein Himmel auf dieser und jener Welt, Deine Liebe sei
der einzige Gedanke zur Vergeltung meines überlebten Elendes, sie sei mir Alles
in Allem, aber auch gute Nacht Licht der Sonne ... Hier bei dem ehrwürdigen
Namen der Natur sei es geschworen. - Gute Nacht Licht der Sonne, wenn mir das
Schiksal und böse Menschen Deine Liebe raubten! -
    Weg nun vom Altar des Schwures, dieses heilige feierliche Gelübde komme nie
zur Ausführung. - Du hast mir geschworen, dass Dich tausend Schiksale nicht
abhalten sollen von mir zu lassen. - Du bist Mann, denkender Mann, dem sich jedes
Mädchen anvertrauen dürfte. - Aber für Deine Standhaftigkeit will ich Dich auch
so pflegen, dass Du im grauen Alter noch sagen sollst, es lebe doch nur eine
Nina! - Zeige mir eine von meinem Geschlechte, die Dich mehr schäzt, und ich
will ihr mit Verlust meiner ganzen zeitlichen Glükseligkeit, auf Unkosten meiner
Verzweiflung Deinen Besiz abtreten! - Ja das will ich! - Aber Du findest keine,
ich darf es mit kühnem Stolz behaupten, die so innig überzeugt von Deinen
moralischen Vorzügen ist, so fest an Dich gekettet, so unzertrennlich an Dir
hängt, und so sehr an Dich gewöhnt ist. - - Ja Friz, das ist Deine Nina, die
sich alles dies mit Liebe in ihr Herz schrieb, und es soll darinnen stehen
bleiben, bis Du mir die Augen zudrükst. - - O mein Gatte! - Mein Friz! - Könnte
Nina Dich mehr lieben? - - Engel, Teuerster, Liebster, lebe wohl bis Morgen
....
                                                            Dein liebendes Weib.
               Nina's Empfindungen, an dem Tage da keine Post war
Traurige, bittere Tage, wie qualvoll seid ihr für mein Herz, das seine
Glükseligkeit in eine Nachricht sezt! - Fürchterlich einsam schleicht ihr dahin
und macht mir meine Einsamkeit zur unerträglichsten Marter! - Jesus Christus! -
Was litte ich heute, was werde ich erst morgen leiden, wenn sich die Sehnsucht
nach einem Briefe noch vergrössert? Sonst sah ich meinen Gatten täglich, und nun
so lange Zeit weder ihn, noch seine Zuschrift. - Die ganze Natur hat sich wider
mich verschworen, denn sie versagt mir den Schlaf und ruft mit Barbarei die
Stunden in mein Andenken zurück, wo ich sonst so ruhig an seinem Busen lag! - O
Gott! - Sei milde, nimm weg von mir den Drang, der gewiss meiner Gesundheit mit
ihrem Sturz drohet! -
    Du liebst mich, holder Gatte, aber fühlst Du auch in der grossen Welt mein
Elend? - Hebt Dir der Kummer Deinen Busen auch so hoch? - - Stokt der finsterste
Gram Deinen Atem auch so geschwind? - - Komm liebes Bildnis meines Gatten, lass
Dich an dies ängstliche Herz drükken, bis Du zu leben anfängst! - O Du
abscheuliche, hässliche, eiskalte Materie!!! - Warum lebst Du denn nicht auf? -
Warum bist Du eben so undankbar, als es die Menschen sind? - Küsste ich Dich
nicht warm genug? - Vergoss ich nicht Tränen auf Dich? - Drükte ich Dich nicht
wie ein Heiligtum an dies jammernde Herz? - Und doch leblos, und doch
unbeweglich? - Kann Dich denn mein Gefühl nicht bewegen? - Bist Du so grausam,
mich laut weinen zu lassen? - Ha! - Wohl mir! - Es wird leichter! - Sie rollen
herunter über meine Wangen, die Zeugnisse meiner Schwermut. - Den ganzen Tag
über fühlte ich schon unterdrükte Leiden, die Tränen brechen jezt wider meinen
Willen los, und wer mich hierüber tadelt, ist ein Elender, dessen Gefühl
gescheitert hat. - Wer denkt auf seine Gesundheit, wenn er liebt? - Wer denkt
auf seine Selbst-Erhaltung, wenn süsse Schwermut das Herz überwältigt? - - Wer
kann jezt meinen Zustand begreifen? -
                                                              Frühe um fünf Uhr.
    Das war eine Nacht! - So schröklich habe ich noch keine erlebt! Hier liegen
sie auf diesem Papier die Tropfen der innigsten Wehmut, die ich diese Nacht aus
Liebe weinte! - Schlaf kam keiner in meine Augen, aber ein dumpfer Zustand war
mein Loos, in dem man Alles und auch Nichts fühlt! - Süsse Wollust hatte sich
meiner bemeistert, ich schwärmte in meiner Phantasie bis zur äussersten
Mattigkeit in den Armen der Liebe herum! - Aber auch nur wenige Minuten
übertäubte dieses Gefühl den Gram, der an meiner Seele nagte, und als sich meine
Sinnen plözlich zur neuen Denkkraft erholten, Gott im Himmel, da fühlte ich
wieder alle Leiden der Einsamkeit und der Trennung!!! - Ich überdachte die mir
bevorstehende schrökliche Länge des heutigen Tages, zitterte vor mir selbst und
fluchte meiner Hizze, die mich zur Mörderinn meiner Ruhe macht! -
    Heilige Mutter Gottes! was wird das werden? - Friz, um Gotteswillen, Friz,
Du verlierst Deine Nina! - Die Liebe wird ihr Grab, sei doch mitleidig, komm ihr
nicht mit kalten Trostgründen entgegen. Ist sie nicht ohnehin Dulderinn genug? -
Kämpft sie nicht mit Trieben, die sie ausser Dir nicht ein einzigesmal in ihrem
Leben empfand? - O Barmherzigkeit, Vater im Himmel, Barmherzigkeit! - Ich kenne
mich nicht mehr! - So werden denn sogar meine Sinnen die mitelfenden Tirannen,
die mich ganz zu Boden drükken! - Ha! - Ich Elende, wo ist meine Ruhe? - Wo das
sanfte Gefühl der Liebe, das mich ehdessen zu keiner Wildheit verleitete? - Friz,
Du bist an Allem Schuld, Du hast mich hingerissen zur wunschvollen Liebe, und Du
bist Der, bei dem alle meine Wünsche stehen bleiben. - Bei andern
Bekanntschaften schwärmte nur mein Geist, das Blut blieb kalt, aber jezt ist
Alles wider mich, Alles kocht, Alles vereinigt sich, mich in Staub zu werfen,
wohin unglückliche Liebe gehört! - -
    O meine Ruhe, o meine Gesundheit! Wäre es auch nicht um Dich Friz, möchte
immer diese leztere schwinden. - Wäre Gesundheit dahin, Alles würde dann
schweigen; was könnte dann ein Gerippe wohl mehr fühlen? - Todesschauer machte
dann den siedenden Wallungen Luft, die jezt so glühend durch meine Adern
kreuzen! - - Lieber Gott im Himmel, sag, warum hört mich denn mein Friz nicht? -
Komm wieder, Du Bildnis, so kalt du auch immer bist, so will ich mich doch an
dir satt küssen, vollends will ich mich vergiften zu namenlosen Leiden!!!
                                                            Sonntags nach Tisch.
    Ich bin zurück, mein Geliebter, von einer grossen Strekke Wegs, die ein
schwächeres Weib gewiss nicht zurück gelegt haben würde. - Ich musste hinaus in
Gottes frische Luft, es litt mich nicht mehr im Zimmer, da irrte ich denn und
irrte, ohne zu wissen wohin? - Wälder, Wiesen und Weinberge habe ich der Menge
nach durchgelaufen. - Du hättest mich sehen sollen, wie es mich herum trieb,
gerade wie das böse Gewissen eine Sünderinn herum treibt. - Trübe war das Wetter,
so trübe wie mein Inneres! - Ich lief B... zu, ohne es zu wissen. - Bald hätte
ich Gefahr und alles vergessen und wäre schnurstraks zu Dir geloffen, kaum konnte
ich noch meine widerspenstigen Wünsche bezähmen, sie tobten wütend nach Dir,
nach Dir!!! -
    Mit aller Macht meiner Vernunft musste ich die feurigste Sehnsucht bändigen
und ich kehrte dann wieder, wie eine Verirrte, wie eine Wahnsinnige, zurück. Drei
Stunden waren schon zurückgelegt, eh ich nur die Gegend wieder erkannte. -
Bedenke einmal, wenn mich in diesem Zustande die Nacht überfallen hätte. - Doch
was wäre denn auch ein hartes nasses Lager gegen die Leiden der Liebe gewesen? -
Der Himmel zu meiner Dekke, wilde Tiere zu meiner Gesellschaft, Tränen zu
meiner Labung. - Friz! - Gatte! - Mann! - Du weisst gewiss nicht was und wie viel
ich bei dieser Trennung leide? - O meine verstorbene Mutter sagtest Du nicht
oft: Liebe, Liebe, bringt Dich um!!! -
 
                                 LXVIII. Brief
                                                     Rosental, den 30 November.
Ewig teurer Friz! - Gestern konnte ich Deinen Brief kaum abwarten, es trieb
mich, ich musste wenigstens Röschen entgegengehen. - Lies aus beiligendem Aufsaz,
was ich die zween Tage ausstund, weil die Post nicht kam. - Gott, so macht denn
eine Sorge der andern Platz? - Kaum entzükte mich eine Nachricht von Dir, so
sehne ich mich schon wieder nach einer andern. - O warum bin ich denn ein so
ungedultiges Geschöpf? - Sonst war ich überall sanft, nachgebend, nur in der
Liebe kennen meine Wünsche keine Gränzen. - Diese Entfernung Friz, diese
Entfernung ist härter, als ich glaubte! - Ich bin so ganz taub für alle Ruhe;
Dein Andenken, Dein Bild, Deine Stimme, Dein Wesen folgt mir in meiner Einöde,
wie ein Schatten; bald sehe ich Dich lächelnd, bald mit einer Träne im Auge,
bald finster, bald ruhig, bald gepeinigt von Verdriesslichkeiten wegen meiner. -
Ich wünsche, dass Du Dich bald von Deiner Familie losrissest! - O Ja Friz! - O ja,
sieh Dein Weib bittet Dich darum. - Du sollst meine Dankbarkeit kennen lernen,
ein dankbares, durch Liebe beseeltes Herz ist doch wohl im Stande das Leben
eines fühlenden Mannes zu beglückken? - Nicht wahr, Friz, Dankbarkeit ist die
erste Tugend und der grösste Beweis eines unverdorbenen Herzens. -
    Englische, herrliche Seele von einem jungen Mann, sag, wer hat Dich denn so
gross, so hervorragend in der Liebe und Freundschaft, in der Grossmut und
Menschenfreundlichkeit geschaffen? - - Ich würde mein Leben, meine Seligkeit
Deinen Händen anvertrauen. - - O sei mir gesegnet fünfter April, wo ich Dich zum
erstenmal sah! - Sei mir gesegnet Augenblick, wo Du von mir Liebe fodertest, die
ich schon so lange heimlich für Dich im Busen trug. - Und wie ich dann so hastig
zugriff, wie ich nach Dir haschte, wie ich Die wurmstichigen Seelen, die ich vor
Deiner kannte, gleich alle von mir wies und nur Dir anklebte. - Weisst Du noch,
Friz, - wie ich Dich gleich vor jenen Galanterie-Helden verehren musste, - wie Du
mich hinzogst an Dich mit Göttermacht, wie ich alle kleinen Eitelkeiten vergass,
wie ich nur Dich sah, nur Dich hörte, nur von Dir wissen wollte? - Ha! - Seliges,
seliges Andenken, dass mich in meiner lezten Stunde noch erquikken soll! - Nun
gehe hin Du Liebling und suche Dir in der weiten Welt ein Weib, die das fühlt
und die jedes Gefühl durch Denken verfeinert, vergrössert, die das kleinste
Teilchen von Deinen Verdiensten sich zum Himmel schaffet. - - Mit dieser
Ueberzeugung Deiner moralischen Verdienste lieben gewiss wenige Mädchen ihre
Liebhaber, ich kenne mein Geschlecht, es hängt sich zu gerne an die Schale, zu
gerne bloss an Körper. - Unter dem Schwarm meiner Anbeter war ich in Rüksicht
Deiner immer misstrauisch gegen mich, ich glaubte Dich nicht wonnetrunken genug,
um Dich an meine mächtige Liebe hinzureissen, nur zuweilen flüsterte mir meine
Eitelkeit in's Ohr: Vielleicht würde ihm doch mein Herz willkommen sein, wenn er
es recht kännte, weil ich nur zu gut die elenden Fleischbrokken von andern
Mädchenherzen kenne. - Du, in den Händen einer solchen kaltblütigen Seele, von
Gleichgültigkeit und Dummheit zusammen gestoppelt, Du in den Händen einer
solchen hökkerichten Alltags-Seele, die an Dir abglitschte, wie an einem harten
Stein. - O bei Gott, wenn Du einem solchen Geschöpfe in die Hände geraten
wärst, ich würde als Freundinn über Dein Schiksal rasend geworden sein, wenn ich
Dich auch nur in der Entfernung hätte lieben dürfen. - -
    Eine solche Erinnerung kann mich trübe machen, Du kennst meine Begriffe von
Dir, sie sind hell, trügen mich nicht leicht, aber wenn ich auch einmal den
Wert einer Person einsah, dann lies ich mich nicht von ihr entfernen, und wenn
mich das Vorurteil in Stükke zerrisse! - -
    Nun denn, lieber Gatte, lass mich Dir künftigen Montag nicht umsonst entgegen
zittern, wenn es anders die Klugheit erlaubt und Du kommen kannst. - Sei
vorsichtig, dass man Dir nicht etwa auflauert. - - Komm, o komm sicher in die
Arme Deiner treuen Gattinn. - -
                                                                           Nina.
 
                                  LXIX. Brief
                                                  Rosental, den 1sten December.
Nicht wahr, teurer Friz, ich war gestern beim Abschiede ein sehr schwaches
Geschöpf? - - Gebeugt bis zur Erde, grausam bis zur Sträflichkeit, gegen einen
liebevollen, fühlenden Gatten. - Aber wahrhaftig wenn die Welt zu meiner Strafe
Einsturz gedrohet hätte, meine Tränen würden doch nicht aufgehört haben zu
fliessen, so schröklich tobte der Gram in meiner Seele! - Nie weinte ich sonst
bei einem Abschiede, aber bei dem Deinigen war ich so schwach, so traurig, dass
mich eine Fliege hätte über den Haufen stossen können. - Glaubst Du denn, dass ich
mich vor den umherstehenden Leuten auch nur im geringsten schämte? - Als ich
Deinen Wagen aus den Augen verlor, dann weinte ich laut über die Stiege hinauf,
Röschen und die Wirtin weinten mit. - Du hast den Jammer nicht bemerkt, den Du
beim Abschiede allen diesen guten Leuten verursachtest, man liebt und schäzt
Dich hier äusserst, o Du reissest durch Dein edles Betragen die Herzen so hin, dass
sie an Dir hangen bleiben mussten! - Innigen Dank diesen guten Leuten für ihre
Liebe gegen Dich, ich möchte sie alle dafür küssen, aber das alles macht mich
noch mehr für Dich fühlen, wenn gleichgültige Menschen so an Dir hangen, wo
gibt es denn eine Liebe, die Dir entspräche? - - Ueber diesen Gedanken sann ich
sehr lange nach, und fand ... dass nur mein Tod hinlänglicher Dank für Dich Edler
wäre! - O könntest Du Dich über einen Verlust trösten, könnte es Dir noch in
einer Welt gefallen, wo keine Nina mehr lebte, wie feurig, wie unbeschreiblich
geschwind, wollte ich Dir dieses Opfer bringen! - Ein Opfer, wozu kein anderes
Weib so leicht Mut besässe, ein Opfer, wofür kein anderes Weib hinlängliche
Liebe im Busen trüge, ein Opfer, das die Welt von meiner heftigen Liebe
überzeugte, ein Opfer, das allen Denen, die meine Einsicht in deine Verdienste
kennen, sagen würde, es muss ein göttlicher Jüngling gewesen sein, denn Nina
starb nicht um etwas Geringes! - -
    Denke, Friz, so würden die wenigen Empfindsamen sprechen, die mir gut sind
und mich von Person kennen, Eitle würden darüber spotten, weil sie nie ein
solches Opfer zu erwarten hätten, Sinnliche würden sich nach Deiner Figur
erkundigen, Toren würden es mir zur Narrheit anrechnen, Bösewichter für Sünde,
und Niederträchtige für Unersättlichkeit des Lasters, dessen Ausübung mir durch
Deine Abwesenheit nach ihrer Denkungsart versagt wäre. - Gott! - So würde man
urteilen, wenn mich nicht Religion und unerklärbare Liebe zurückhielte den Weg
zu wandeln, den gemeiniglich nur gute Seelen aus zu grosser Empfindsamkeit
wandeln.
    Lies diese Stelle der M... vor und sie wird mit mir ausrufen, für Friz G...
ist selbst vergossnes Blut noch zu wenig! - Dank dir Allgütiger, dass du Frizzens
erstem Mädchen Dummheit statt Einsicht in seine Verdienste gabst, sonst hätte
ich ihn gewiss verloren, wenn das Mädchen Menschenverstand und nicht Stroh im
Kopfe getragen hätte. - Auch Dir danke ich, Vorsicht, dass du mir bei meinen
übrigen Bekanntschaften, Stolz und Kraft gabst mein Herz zu bändigen. - -
    Nicht wahr, Friz, in der Liebe bin ich äusserst kritisch, äusserst heftig,
mein Liebhaber darf mich mit keinem unbefriedigten Wunsche zu Bette gehen lassen,
den meine Menschenkenntnis von ihm fodert, sonst erscheint mir der Betrüger in
seiner wahren Gestalt, und wenn ich mich dann bei einer solchen Wahl verbluten
sollte, so wüsste ich mir über kurz oder lang aus edlem Stolze Richtung zu geben,
meine Leidenschaft müsste da schweigen, wo ich Niederträchtigkeit zu entdekken
glaubte. - Ist meine Epoche mit K... nicht der Beweis davon? - - Er sezte mir
schwärmerisch zu, aber Dank seiner Familie, dass sie ihn in's Kindersesselchen
zurückrief. -
    Nun auch wieder zu unserer Liebe zurück: Als Du fort warst, kam die Wirtin
auf mein Zimmer, weil sie mich krank glaubte. Meine Augen waren angeschwollen,
mein Herz vollgepresst vom Kummer über Deine Rükreise. - - Die Guterzigkeit der
Wirtin rührte Anfangs meinen wilden Gram gar nicht, aber als sie mit einer Art
Entzükken von Dir zu sprechen anfieng, o da wurde ich weich wie ein Kind und
stimmte in ihrem Ton mit ein, dass das Weib die Hände über dem Kopf zusammen
schlug und laut rief: Nein, so eine Liebe, wie unter diesen Leuten herrscht,
haben wir noch nicht erlebt! - -
    »Aber, Madame, das ist alles recht« (fuhr die Wirtin fort) »das ist alles
recht, Sie können immer lieben, aber nur ein wenig moderat zu Werke gegangen.
Bedenken Sie einmal die Feinheit ihres Körpers, Sie sind wahrhaftig von keinen
gemeinen Leuten da, nein, nein, das lasse ich mir nicht weis machen. - Man darf
ja nur Ihre Glieder ansehen und ihre Lebensart, es ist alles so etwas Hohes
darinnen« ... Stille, mein liebes Weib, ich gehöre zur Menschheit wie sie, und
komme einstens, wenn der Gram mein Herz abgestossen hat, in eine finstere Grube
wie sie. Hier flossen sie wieder über meine Wangen die Kennzeichen meiner weichen
Seele. -
    »Aber du lieber Himmel!« - (Fieng das Weib wieder an) »aber du lieber
Himmel, so trösten Sie sich doch, sehen Sie, Ihr Schaz liebt Sie ja wie seine
eigne Seele, wäre er sonst in diesem Schandwetter gekommen? - - Und für
Verfolgungen von seiner Familie dürfen Sie auch nicht sorgen, ich will Den
sehen, der sich in Ihr Zimmer drängt!« -
    O das Weib war so beredt! - Dass Du sie ja mit einer Kleinigkeit beschenkst,
damit sie es zu meiner Freude immerfort bleibt! - Du kennst ja die eigennüzzige
Seele des Pöbels, ob mich das Weib gleichwohl von einer guten Art Pöbel dünkt. -
Röschen hatte nach diesem Auftritt wieder an mir zu schleppen, denn ich war
matt, und sie brachte mich aufs Bette, dann schlief ich bis gegen Abend, wo das
Mädchen auf meinen Hauch horchte, ob ich denn auch noch lebte; denn die Wirtin
hatte ihr in Kopf gesezt, ich könnte aus Gram gähling sterben. -
    »Ja, ja, (sagte die Wirtin ganz leise) ja, ja, die Frau hat alles
innwendig und ist nicht wie unser eins, dass sie so vieles ertragen kann.« - -
    Nun stund ich endlich, müde über dieses Geschwäz, auf und lief nach dem
Burschen, der Dich begleitet hatte, er musste mir sagen, wie Du fort gekommen
seist. - O recht gut, recht gut! - Tausend Rüsse schikt er Ihnen zurück, sagte der
Kerl, und ich ward etwas ruhiger.
    Endlich wurde zu Nacht gespeisst; um 8 Uhr lag ich schon wieder im Bette und
überdachte die festen Bündnisse unserer Zärtlichkeit, die wir uns vor dem
Angesicht des Ewigen, unter dem äussersten Gefühl, dessen die Menschheit nur
fähig ist, wieder erneuert hatten; dachte, mein Friz müsste die Liebe und ihre
Seligkeiten hassen, wenn er jezt nicht feurig an unserer baldigen Vereinigung
arbeitete. - Dann fielen mir auch die glücklichen mit Dir verlebten Stunden
wieder ein; ich bin doch eine unbegreifliche Schwärmerinn, weis mir aus jeder
Kleinigkeit im häuslichen Leben eine Seligkeit zu schaffen. - -
    Wie lebhaft sah ich Dich jezt wieder, mit Deinem blassen Gesichte, mit
offenem Halskragen, zufrieden wie ein König an meiner Seite sizzen, wie Du dann
meine Hand fest hieltest, mich zuweilen feurig küsstest, während dass Deine
Seelenbildenden Gespräche mir Tränen ablokten. - Wäre ich bis zu Deiner
Bekanntschaft eine Sünderinn gewesen, Du würdest mich mit Engelsgüte von der
Verdammnis zurück gebracht haben. - Aber nicht wahr Friz, das war ich doch nie? -
- O wie mich die Menschen und Dein Bruder vor Deiner Bekanntschaft so sehr
verkannten! - Ich war doch bloss feurig, lebhaft, ein Bischen eitel, wegen dem
vielen Weihrauch, der meinen Talenten gestreut wurde, aber nicht ausschweifend,
wie es Dir Dein liebloser Bruder weis machen wollte. -
    Ich hatte gegen die Männer Hass im Herzen und wandte meinen Kopf dazu an, um
mich durch Koketterie an ihnen zu rächen, mich vor den Betrug schadlos zu
halten, den ich auf Unkosten meines empfindsamen Herzens durch sie erleben
musste. - Aber erst jezt sehe ich ein, wohin mich dieser unglückliche Entschluss
hätte leiten können. - -
    Mein Herz wäre in der grossen Welt nach und nach der Liebe abgestorben und
endlich gewiss auch der Tugend. - Zur Menschenfeindinn würde ich zwar nie
geworden sein, dazu war ich zu eitel; zur stoïschen Maschine auch nicht, dazu
war mein Temperament zu lebhaft; zur wahren Philosophinn auch nicht, dazu waren
meine Grundsäzze noch zu unreif; aus mir wäre ein falsches Unding geworden, die
am Ende von den Sinnen hingerissen der Raub von mehrern Bösewichtern hätte werden
können. - -
    Friz, ich will es Dir noch in der Ewigkeit danken, ich will es der ganzen
Welt sagen, dass Du mich in Deine Arme zurückriefst, dass Du mich zu einer Liebe
auffodertest, die meine Seele verbesserte. - Sich es als ein Werk der
Barmherzigkeit an, das Dir Lohn sammeln wird vor dem Trone des Ewigen, Du hast
nun Seele und Leib von mir in Deiner Gewalt, kannst sie aufrecht halten, oder
zernichten. - O ich Undankbare, wie ich nur so etwas aussprechen kann! - Gegen
einen so moralisch denkenden Engel aussprechen, der auch ohne Liebe doch ewig,
ewig für mein beiderseitiges Wohl sorgen würde. - Nimm hin den feurigsten Dank,
guter, sorgfältiger Gatte! - Die Gotteit schuf Dich um mir den lezten Atem zu
segnen zum ewigen Wohl. - Ja gewiss, Friz, überlebst Du mich, ich weis es so
gewiss, als ich Deine Liebe kenne. - Urteile von der Heftigkeit meiner
Empfindungen, und wenn nun diese Empfindungen alle Tage nur einen Hauch von
meinem Leben abrizzen, so eile ich wohl in wenig Jahren meiner Auflösung zu,
aber nicht ohne Dich, o nur dies nicht! - Wo wäre mehr auf dieser Welt ein
Geschöpf, das Deine Seele ausfüllte? - Das so mit unaussprechlicher Güte an Dir
hienge, Dich liebkoste, Dich verehrte, Dich schäzte. - O vergieb, holder Engel,
vergieb meiner trüben Laune, kümmere Dich nicht, sie schadet meiner Gesundheit
nichts, und wenn es auch wäre, Deine guterzige Sorgfalt würde mich ja noch am
Rande des Grabes retten, und dann flehe ich ja täglich den Schöpfer um
Gesundheit an, zum Troste meines Frizzen. -
                                                                         Abends.
Guterzige Seele was magst Du wohl von meiner äussersten Schwärmerei denken? - -
Ist sie bei Deiner gränzenlosen Liebe nicht sehr natürlich, da ich noch nie so
geliebt worden bin? - - Und kann ich dafür, dass Schwermut mir Glükseligkeit
ist, wenn ich aus Liebe leide? - - Kann ich dafür, wenn mich ausser Dir niemand
kennen will? - Kann ich dafür, wenn meine Gefühle auf einen solchen Grad
gestimmt sind? - - O mein Gatte, entweder habe ich Dir einstens völlige
Gesundheit und gelassnere Richtung zu danken, oder der Gram reibt mich auf, noch
eh Du an meinem Busen liegst, wenn Du anders noch lange nicht kommen solltest. -
Lass dies für keinen Vorwurf gelten, ich wäre ein Ungeheuer, wenn ich an Deiner
Tätigkeit zweifelte, aber es liegt so schwer auf meinem Herzen, es ist mir
immer als zwängst Du Dein Schiksal nicht. - Schon wieder rükt meine verwünschte
Zagheit heran, o Friz, zanke mich armes, jammerndes Weibchen doch tüchtig; sei
schärfer gegen meine Kleinmut, heile mein Fieber, das freilich in meinem
Nerven-Bau liegt, aber Dich so barbarisch zusammenschlägt! - - - -
    Gott! - Wie wirst Du Dich wieder über meine Melankolie grämen! - Sei
gelassen, Du kennst mich ja, meine Empfindsamkeit, Deine Trennung und dann meine
äusserste Anlage zur Schwermut sind Gegenstände, die mich bei Dir entschuldigen
müssen. Der Allgütige ist mein Zeuge, dass ich es nicht aushalten könnte, wenn ich
Dir nicht vorweinen dürfte; trage gedultig mein Gatte, es kommen Entzükkungen,
die Dich schadlos halten werden. - - O dann wirst Du die Freuden der Liebe auch
ungestört geniessen, wenn ich einstens wieder in Deinen Armen bin! -
                                                 Tages darnach in der Dämmerung.
Guten Abend, mein inniggeliebter Gatte! - Guten Abend! - Hier sizze ich nun in
der Dämmerung bei einer Grabes-Stille, unter den melankolischen Schatten der
herannahenden Nacht und denke an Dich, ob es Dir wohl auch so wehmutsvoll um's
Herz ist, wie mir. - Ob Du auch so oft unsere Liebe in Gedanken durchläufst, die
trüben Stunden zusammen rechnest, die wir schon mit einander durchlebt haben.
    Ja wohl Friz, waren es der trüben mehr als unsere Herzen verdienten. - Weist
Du noch die schröklichen Auftritte wegen beiderseitiger Eifersucht? - - O sage
mir, was Du willst, man kann eifersüchtig sein ohne Misstrauen; aber unmöglich
kann man so heftig lieben, ohne dass sich nicht ein wenig Furcht einander zu
verlieren einmischt. Weist Du noch, wie oft Du bei jedem gefälligen Worte, das
in Gesellschaften an mich addressirt wurde, toll werden konntest? - Wie sehr
Dich die Schmeichler ärgerten, wenn sie so um mich herum sumsten? - O Du lieber
Grillenfänger! - Um ein ganzes Jahrhundert haben dergleichen Auftritte Deine
Liebe noch mehr befestigt. - Du wolltest ja nur Deine Vorrechte behaupten, die
ich Dir, Herzens-Mann, mit voller Liebe eingeräumt hatte. - - -
    O die abscheulichen Stuzzer, die bloss um mich herum krochen, weil mein
Bischen Verstand Aufsehen machte und ihrer Eitelkeit schmeichelte, die Affen,
die sich nichts weiter um mein Herz kümmerten und nur den blossen Ruf in mir
genossen! Ich kann K... noch in Gedanken verachten; wenn ich denke, wenn ich mich
erinnere, wie er sich denselbigen Abend Dir zum Troz so läppisch stellte. - Aber
tüchtig spottete ich auch seiner, ich war gewiss grob genug gegen die
stuzzerischen Maulaffen, hätte es doch nur der Wohlstand erlaubt, ich wollte
ihnen gesagt haben: Seht ihr Toren, seht ihn dort sizzen, den biederen,
teutschen Jüngling, für den mein Herz fühlt? Er lehrte mich euch verabscheuen,
denn sein Herz ist rein, es ist weder vom Eigennuz, noch von der Sinnlichkeit
geschwärzt. Er windbeutelt freilich nicht mit seinen Vorzügen wie ihr, er erhebt
seine schöne Seele wie ein Heiliger in der Stille über euch Budenkrämer der
politischen Laster. -
    Denke Friz, wie ich mich bei dergleichen Beobachtungen wieder aufs neue
Deiner Liebe freuen musste, wie ich an Deiner Seite so stolz daher schlenderte. -
- In Gesellschaften hatte ich oft um Deinetwillen drolligte Auftritte! -
Einstens sagte ich einem elenden Geschöpfe ins Gesicht: Um diesen Jüngling zu
kennen und zu schäzzen, muss man selbst ein reines, unbefangenes Herz im Busen
tragen. - -
    Ich bin recht froh, dass in B... Deine Liebe meine Seligkeit ausmachte, ich
hätte sonst mit Höllen-Hass eine Stadt verlassen, wo unter den Männern ausser Dir
keiner nach meinem Herzen war. -
    O Gott! - Du bist doch ein guter Gott, dass Du mir meinen Friz schiktest! -
Was wäre ich jezt ohne ihn? - Noch in dem Umgange eines Sträflichen, der mich am
Ende mitverdorben hätte. - Das Weiber-Herz ist doch ein närrisches Ding, so
unbesonnen gut, so leichtgläubig, selbst gegen Unwürdige. - Aber nun sei mir
willkommen glücklicher Anlass, wo ich dieses Herz mit seiner Empfind samkeit an
den Busen eines tugendhaften Gatten drükken kann! - Tausendmal noch werde ich
dem Schöpfer für diesen Anlass danken, durch den ich meinen rechtschaffenen Friz
erhielt!!! -
                                                                     Nach Tisch.
Ich und Röschen assen recht munter zusammen, Du warst der einzige Gegenstand
unsers Gesprächs. - - O wie die lose Schäkkerinn mir so fleissig, so beredt von
Dir zu erzählen wusste! -
    Denke, Friz, das Mädchen hat ein recht gutes Herz, und wird jezt so brav, so
arbeitsam; wir haben den ganzen Tag zusammen gestrikt, und vieles, recht vieles
von Deiner Liebe geschwäzt. - Leben wir nicht wie die leibhaften
Einsiedlerinnen? - - So eingezogen, so entfernt von den Menschen. -
    O Du Ebenbild meiner Wünsche, was gäbe ich nicht um einen Nachkömmling von
Dir, der mir in meiner Einsamkeit Gesellschaft leisten könnte! - Ha! - Dieses
Glük überstiege wohl alle Leiden meines Lebens!!! - Jezt mein Herzens-Gatte will
ich mich mit Deinem Andenken zur Ruhe legen, und erst morgen diesen ziemlich
langen Brief an Dich abschikken. - - Gute Racht teurer Friz! - -
                                                                        Morgens.
Teuerster, liebster Gatte! - Ich hatte einen grässlichen Traum! - Die Tränen
rollten so häufig auf mein Kopf-Küssen, dass es wie gewaschen nass wurde! - - Es
träumte mir, Du hättest mich verlassen, ohne mir die Ursache anzugeben, darüber
verlor ich den Verstand, und war so bedaurungswürdig glücklich in meinem
Wahnsinn, dass sich ein Stein erbarmt haben würde! - Du kamst dazu und jammertest
um meinen Verstand, riefst laut; »O ich Ungeheuer! - Du armes, armes Weib, Du
hast Deinen so schönen Verstand durch mich verloren! - -
    Nicht doch, (antwortete ich) mein Verstand ist ja nur spazieren gegangen,
weisst Du, auf jenes grüne Pläzchen, und ins grüne Zimmer zu B..., überall hin,
wo ich einst mit Dir glücklich war, ist mein Verstand gegangen. - Am Ende fieng
ich gar an, Dich laut auszulachen, dass Du mich für unglücklich hieltst, und mir
war doch so wohl, ich fühlte es ordentlich, dass alle Begriffe von Liebe und
Ehre, von Beleidigungen und andern Leidenschaften, nicht mehr in meinem Kopfe
wohnten. - Ich war bloss tierische Maschine mit einer zerrütteten Seele, Kind
ohne Kraft, und doch zuweilen so rasend stark, dass man mich in Spital trug, und
an die Ketten legen musste, die Schwere dieser Ketten drükte meine feinen Knochen
schröklich! - - -
    Aber Gott sei ewiger Dank gesagt, es war nur ein Traum! Ich bin gesund,
besizze Deine Liebe und meinen gesunden Verstand. - - Tausend Küsse von Deiner
bessten Gattinn. -
                                                                           Nina.
 
                                   LXX. Brief
                                                    Rosental den 3ten November.
Lieber, holder Gatte! - Tausend Küsse für Deine Nachricht! O ich bin so froh, dass
Du so glücklich zu Hause anlangtest! - Zwar habe ich heute wieder einen finstern
Tag verlebt, aber Gott Lob er ist zu Ende. -
    Was hat wohl heute mein Liebchen getan? - - O Du Armer, dass meine
Entfernung Dir auch so schwer auf's Herz fällt, wie mir. - Um meiner Seelen Heil
willen, beschleunige unsere Vereinigung, wenn Du nicht haben willst dass wir
beide zu Grunde gehen? - Lange hier aushalten, werde ich beim herannahenden
Winter ohnehin nicht können, sonst würde Schwermut, durch den Aufentalt in
dieser abscheulichen Einöde verdoppelt, meiner Gesundheit allzu schädlich sein.
-
    Ich nahm mir heute vor, ein Bischen spazieren zu gehen, aber die morastige
Strasse hielt mich zurück, dann sass ich zu Hause in meinem Stübchen und Röschen
erzählte mir, dass der Erzschurke Holbaur sie einstens zur Kupplerinn hätte
bestechen wollen. - Siehst Du nun, dass ich mich in dem Buben nicht geirrt habe?
- Dem Himmel sei Dank gesagt, dass ich allen diesen Nachstellungen entwischte! -
Meine Einsamkeit schüzt mich jezt vor dergleichen Kabalen. - Kopfschmerzen
hindern mich jezt mehr mit Dir zu sprechen. - -
                                                                   In der Frühe.
Guten Tag, bester Gatte! So kann ich denn gar keine Nacht mehr schlafen? - Der
düstere Zustand meines Gemüts muss daran Schuld sein, und doch treibe ich zu
meiner Zerstreuung alle nur mögliche Beschäftigung, damit ich Dir den Kummer
über meine Gesundheit erspare. -
    Weil aber das Nachdenken jezt meine einzige Gesellschaft ist, so kannst Du
leicht erraten, wie sehr es mir in der stillen Nacht zusezt. - Da denke ich,
und denke so acht, neun Stunden durch, aber dabei doch so wenig
Zusammenhängendes, dass ich mich über mein Denken schon oft ärgerte. - Willkommen
wäre mir jezt ein Bischen Leichtsinn und ein wenig minder Aengstlichkeit, -
Weist Du auch, wo das alles herkömmt? - - Von den vielen überstandenen
Schiksalen, die mir in grässlichen Bildern in dieser Einsamkeit wieder aufs neue
erscheinen und Furcht für die Zukunft einjagen. - -
    Dein lezter Brief, Teuerster, war nicht kalt, wie ich Dich beschuldigte,
aber etwas zerstreut geschrieben! Und könnte er in einer Lage wohl anders sein,
wo Glük und Kummer alle Minuten mit einander abwechseln, in einer Lage die nur
wenige Stunden so reizend bleibt, und dann bei der geschwinden Trennung schnell
wieder alle Leiden der Menschheit zusammenruft, um Dich und mich zu foltern! -
Könnte ich Dir doch Riesenkraft wünschen, damit Du in wenig Wochen Alles
ändertest! - - Aber der Kampf, der Kampf, eh Du abkommen kannst, wird Dich noch
vieles kosten! -
    Sei vorsichtig, lieber Friz, sonst bringst Du mich um, wenn ich erfahre, dass
man Dich bei Deiner Abreise mit Gewalt zurückhalten will! - - Die Unmenschen
würden auf unsere Liebe nicht achten, sie würden mich für eine Verführerinn
ausschreien, Gott! verdiente dies wohl Deine Nina? - - Deine Nina, die so ganz
von allen Nebenabsichten entfernt, nur Dich allein liebt. - Wie lange soll denn
mein Herz noch miskannt werden? Sind denn meine Gefühle zu fein, um Andern
begreiflich zu werden? - Und doch liessen mir einige von Denen die mich
misshandelten, zuweilen Gerechtigkeit wiederfahren, lobten die Güte meines
Herzens. -
    Löse mir doch dies Nätsel auf, von Denjenigen misshandelt werden, die bei
kälterm Blute meine Denkungsart nicht misskannten. - Pfui, wie die Menschen so
schwach sind, und immer nach ihren Leidenschaften auf das Wohl ihrer
Nebenmenschen hin sündigen. Mich dünkt mein Herz ist zu gut für eine Welt, wo
ausser Dir so viele Bosheit herrscht, zu gut für Menschen, die nicht wie Du ein
gutes unverdorbenes Herz zu vergelten wissen. -
    Dachte ich doch immer, Guteit und Grossmut sei Adel der Seele, der jedem
guterzogenen Frauenzimmer eigen sein müsse? - Aber warum verstehen denn diese
Tugenden so Wenige? - Warum knikte man denn mein Herz nur um desto grässlicher
zusammen, je mehr es seine Güte blikken liess? - O noch viele Warum könnte ich
über diesen Punkt hersetzen! -
    Ich bin eitel genug, es Deiner Einsicht in meinen moralischen Karakter
zuzutrauen, dass, wenn Du mich auch nicht lieben dürftest, Du dennoch mit
entusiastischer Freundschaft für mein Wohl sorgen würdest. - Die übrigen
Menschen sahen bei mir immer auf meine Aussenseite, die ihrer Eitelkeit Genüge
leistete, und nie auf meinen innern Seelen-Wert, auf meine Begriffe von Liebe,
von Grossmut, von edlem Stolz, von Uneigennüzigkeit; darnach fragte die Welt
nicht. - - Das gebeugte Wesen, das mich bei allem Schein meines Leichtsinns doch
oft genug überfiel, hielt man für Heuchelei und Affektazion; meine Schwermut
vom Schiksal in's Herz gedrükt, für Ziererei; meine Guteit, für Unbesonnenheit;
meine Sanftmut für Empfindelei; alles, was mir Pflicht schien, wurde mir für
Torheit angerechnet; der blosse Schein für wirkliches Laster. - -
    Ich bekam eine Gemüts-Krankheit, und es gefiel mir nicht mehr in einer
Welt, wo man mich so sehr misskannte, nur zuweilen überlies ich mich aus Verdruss
einer Lebhaftigkeit, die mir den Schein einer Welt-Puppe gab, und doch ächzte
mein Herz im Stillen nach Liebe, nach Tugend. -
    Hier hast Du wieder einen Teil von einem aufrichtigen Geständnis, dessen
sich so viele Weiber mit ihren zur Reue unfähigen Herzen schämen würden. - Wenn
der Allmächtige einst nur den bösen Willen des Menschen straft, dann wohl mir,
ich darf mit allen meinen Schwachheiten vor ihm erscheinen! - - Nun muss ich
Röschen entgegen eilen, um zu erfahren, ob sie mir keine Nachrichten, oder sonst
etwas von Dir bringt? - - - -
                                                                     Nach Tisch.
Ja wohl, Friz, ist Etwas von Dir angekommen! - Etwas dass meine ganze Seele
zerreisst!!! - Ich will Dir demungeachtet, wenn es anders möglich ist, ohne
Leidenschaft antworten. - Will nicht alle Stükke ahnden, mit denen Dein
argwöhnischer Bruder mein Herz zerreisst; will nicht ahnden, dass er Dich für
einen Dummkopf hält, der in drei Vierteljahren Umgang kein Herz zu studieren im
Stande ist; will nicht ahnden, dass er selbst ein Teufel in der Verstellung sein
muss, weil er Andere dafür hält! - Kurz, mit diesem Klatschmaul, will ich
durchaus nichts zu tun haben, weil er mich Deiner unwürdig hält. - - Traut er
mir nicht, so traue ich ihm nicht. - - Dein Bruder muss eine Frazze sein, sonst
würde er nicht Deine fünf Sinnen für närrisch halten, und meine
Rechtschaffenheit aus blossen Vermutungen anfeinden. -
    Was will denn der elende für fernere Beweise von meiner Redlichkeit? -
Heiratest Du oder Er mich? - - Gott gieb mir Mässigung, oder Tod! - Was kümmerte
sich das alte Weib um meinen jezzigen Aufentalt? - Warum liess er mich
auskundschaften? Hat er mich endlich in meiner Einöde ausspioniert? - Ha! - Wenn
er .... Dann soll mich Dein Bruder kennen lernen!!! - -
    O meine Ahndung wegen Deinem gewissenlosen Bruder ist jezt erfüllt, erfüllt,
um mich unglücklich zu machen! - Wie kann denn dieser von Dir so hoch gepriesene
Bruder so feindselig von einem Weibe denken, die er nicht einmal kennt? - Sind
das die menschenfreundlichen Pflichten eines Freimaurers? - - So schmeichlend er
auch immer mit Dir zu Werke geht, so werde ich ihm doch nie trauen. Nimm Dich in
Acht, Friz, er legt Dir süsse Fallstrikke, um Dich von mir zu reissen! - Sogar bis
in meine Einöde dringt dieser Menschenfeind, wo ich aus Liebe und gewiss nicht
aus Eigennuz wie eine Selbst-Mörderin meine Gesundheit abhärme! -
    Wenn er Dir wieder von meiner Heuchelei spricht, so frag ihn doch, aus
welcher Ursache sollte sie denn heucheln? - Aus Eigennuz, aus Begierden, aus
Hoffnung künftiger Vorteile? - - O bei Gott nicht! - - Ich sage Dir, Friz, Du
musst fort, sonst schmiedet man noch ein Paar Intriken wider mich zusammen und
dann ist und bleibt die arme Nina verlassen im Elend! - Siehst Du denn nicht, dass
man eben auf dies anträgt? - Du musst mich weiter reisen lassen, damit ich den
Verfolgungen entwische. - Sage Deinem Bruder, dass ich lieber wie eine Rasende im
Walde herumirren will, als ferner seinen Verdacht leiden! - Sage ihm, dass ich
mehr Ehre im Busen trage, als er Menschheit, sag ihm ... nein, sag ihm nichts,
sonst wird er gar noch mein Henker! -
    Da ist er nun erfüllt mein Traum! - Wenn Du nicht mehr anders kannst, wirst
Du schon an der Klippe hängen bleiben müssen, die Dir durch meine Bekanntschaft
ist zubereitet worden! - Lies Deinem Bruder diesen Brief nicht vor, er ist zu
fühllos um ihn zu begreifen, er würde mich für unsinnig halten und meiner
spotten! - Kränkt er nicht durch seinen Verdacht meine Ehre? - Bald wird er wohl
auch noch meine Seligkeit angreifen! -
    Röschen weint über diesen neuen Streich wie rasend! - Ist das nicht eine
guterzige Närrinn, lachen sollte sie über die harten, ehrenkränkenden
Ausdrükke, die Dein Bruder gegen mich ausstiess! - Nicht wahr, Friz, eine
Heuchlerinn fühlt auch so tief bei einer solchen Kränkung? - - Wie konntest Du
nur dieser verläumderischen Schlange trauen? - - Friz, sie wollen Dich durch
Lokkungen um Dein Weib bringen! - - Sei auf Deiner Hut! - - Höre ich noch das
mindeste von Deinem Bruder, so kehre ich zurück, und Verzweiflung werde dann mein
Loos! - Wenigstens soll dieser Ruhestörer kennen lernen, was ein
leidenschaftliches Weib zu tun im Stande ist! - Ein Weib, die Ehre im Busen
trägt und sich nicht unschuldiger Weise zur Heuchlerinn machen lässt! -
    Da nimm diesen Kuss! - Schmekt er Dir? - Um Gotteswillen lass Deinen Bruder
nichts davon wissen! Du weist ja, er hält ihn für giftig! - - Jesus! - Jesus! -
Wohin verleitet mich der Gram! Du dringst gewiss nicht durch dieses Gewebe der
Bosheit durch, weil man troz unserer Klugheit doch meinen Aufentalt entdekte. -
-
    Sie wollen Dich an Ketten legen, Deine Verwandten? - O Du armer Sklave, ich
sehe Dich gewiss nicht so leicht wieder! - - In Deiner Lage spränge ich zum
Fenster hinaus! - Die Liebe mag Dich jezt schlau machen, ich will niederknieen
und Gott um Deinen und meinen Verstand bitten! -
    Weh! - Weh, deinem Bruder! - Er hat keine gemeine Seele zu Grunde gerichtet!
- Lebe wohl, sei ruhiger, als Dein trostloses Weib. -
 
                                  LXXI. Brief
                                                   Rosental, den 5ten December.
Friz, glaubst Du wohl ich könnte die Post abwarten, bis sie abgeht und wieder
kömmt? - So was mag wohl für flegmatische Klözze taugen, aber für mich nicht. -
Heute Abend noch muss ich durch diesen Expressen Beruhigung von Dir haben, sonst
... - Traue doch um Gotteswillen Deinem Bruder nicht, er ist gewiss falsch! -
Denke nur, wie er Dich erst vor Kurzem um meinetwillen foppte, o traue ihm
nicht! - Du wirst sehen, er lebt uns zu Leide, Du wirst sehen, er will mich
unglücklich machen, er will mich von Dir reissen, er will uns trennen! - - Ich,
eine Heuchlerinn! - Jesus Christus! - Ich eine Heuchlerinn! - Ich, die ich mich
um Deinetwillen lebendig in eine Einöde begrabe! - Ich soll mich wie eine
Verbrecherinn untersuchen lassen? - O, um's Blut Christi willen, er soll aufhören
Verdacht auf mich zu werfen, da er mich nicht einmal von Person kennt! - Ist das
christlich? - Ist das menschenfreundlich? - Ist das edel, wenn man von seinem
Nebenmenschen ohne einige Ueberzeugung lieber Böses, als Gutes glaubt? -
    Der rechtschaffne Mann, der ein menschliches Herz besizt, bleibt bei einer
üblen Nachrede kalt und im Gleichgewicht, wenn er den Verläumdeten nicht selbst
prüfen kann. - Aber ohne Gewissheit das Angedichtete weiter sagen, Verdacht
nähren, mit Gewalt eigensinnig das Ueble glauben wollen und dadurch ein armes
Weib zur Verzweiflung, zum Selbstmord bringen, ist das nicht teuflisch? - -
Siehst Du, man trägt darauf an, mich zu Grunde zu richten! - Und Du eilst nicht
zu Fusse fort? - Du lässt es darauf ankommen, dass man mir Vergehungen andichtet? -
Um Dich zu betrügen, um Dich abwendig zu machen, tun sie das, Ha! - Wie kannst
Du nur so gelassen dabei bleiben? - Aber fein, fein wollen sie Dich hintergehen,
merkst Du denn nichts? - -
    Nun so sei Gott mein Schuz, mein Retter, wenn mein eigner Mann nichts
ahndet! - Nicht wahr ich bin eine zaghafte Kreatur? - Vielleicht wohl gar aus
Heuchelei! - - Aber bei Gott, bei Allem was heilig ist, bei dem schönen Wort
Liebe, bei der Natur sei's geschworen, eher Tod, als Dich lassen!!! - Zeig diesen
Brief Deinem Bruder nicht, er würde mich hinabheucheln, in Abgrund! O! er hasst
mich ja, und ich tat ihm nie etwas zu Leide, kenne ihn nicht einmal. - -
    O Gott! - Wie wird mir? - Es ist mir als sollte ich zusammen sinken ...
Hülfe! - Rettung! - Für Deine
                                                                           Nina.
 
                                  LXXII. Brief
                                                   Rosental, den 6ten December.
Liebster, bester Gatte! - Sagt ich es Dir nicht, dass ich Dich sehen müsste? - O
wie geschwind eilte ich bei diesem Anlass, wobei mir Dein Bruder so tödtlichen
Verdruss verursachte, in Deine Arme! - Das hättest Du doch wohl nicht geglaubt,
dass ich nicht einmal des Boten Zurükkunft abwarten würde? - Dass ich es wagen
würde, bis fast an Deine Stadtmauern zu fahren, um Trost von einem Gatten zu
holen? - O ich hätte mich um die ganze Welt nicht von dieser kleinen Reise
abhalten lassen! -
    Indessen will ich Dich jezt bitten, mir in Zukunft nichts mehr von Deinem
Bruder zu schreiben, wenn Du nicht Tollheiten erleben willst! - Verteidige ihn
und liebe ihn so viel Du willst, ich kann ihn nicht lieben, wenigstens lässt es
meine stolze Seele nicht zu, die nicht leicht jemanden beleidigt, aber auch
keine Beleidigungen ertragen kann. - Ein Beweis, dass ich von keinem Pöbel
herstamme, der so gerne Niederträchtigkeiten duldet. - Deine guten Absichten
mich durch seinen Karakter zu beruhigen, der im Grunde nicht bös sein soll, ist
Dir nicht gelungen. - Wer seinen Nebenmenschen nur bei einem Haare kränkt, ist
schon kein Christ und würde mehr tun, wenn er Anlass dazu bekäme. -
    Am allerwenigsten kann ich begreifen, wie ein Mann, der die Ehre mit seiner
Gattinn teilen muss, einen Verdacht, der die Güte meines Herzens streitig machen
wollte, wie er einen solchen Verdacht, flegmatisch ertragen konnte? - - Um
Gotteswillen, Friz, lobe ihn nur nicht wieder! - Er verfolgt eine ihm unbekannte
Person aus Liebe für Dein Wohl? - - Was soll diese teuflische Moral? - - Kennt
er mich als eine Niederträchtige, dann lege er Dir Beweise vor; weis er aber
nichts, als was ihm alte Weiber in's Ohr raunten, dann bleibt er ein Verläumder
unter dem Dekmantel der Guterzigkeit, ein höllischer Verläumder! - - Wer ein
Geschöpf vom blosen Hörensagen zu Grunde richtet, der will es mit Vorsaz zu
Grunde richten und bleibt in meinen Augen ärger als ein öffentlicher Feind. - -
    Vergieb, Teurer, wenn Du mich ausschweifend wild findest, Du kennst die
Stärke meiner Leidenschaften. Liebe und Furcht Dich zu verlieren ist an dieser
Wildheit Schuld. - Rache machte bis jezt der Liebe noch immer Platz, aber wenn
Dein Bruder nicht aufhört mich eine Heuchlerinn zu nennen, dann wird mich Ehre
und kummervolle Liebe zu einem Schritt verleiten, der Dich und Deinen
argwöhnischen Bruder gewiss zu Boden schlagen wird!!! -
    Friz, bei meiner gränzenlosen Liebe, bei dem namenlosen Entzükken, dass ich
gestern wieder in Deinen Armen genoss, schone, o schone mich! - Lobe Deinen
Bruder nicht wieder, bis ich ihn selbst lobenswert finde. - Wirst Du mir
folgen, Friz, wirst Du Dich überzeugen lassen, dass er mich durch seinen Verdacht
schändlich kränkte? - O wenn Du mit mir fühlst, wenn Deine Liebe das einzige
Gefühl ist, dass in Deiner Seele herrscht, so rede mir nichts mehr von ihm, rede
mir nichts mehr von dem Allsanzen, der sich in Herzenssachen einmischt. - -
    Dein Herz muss mir dieses Opfer bringen; brachte ich Dir nicht jedes Opfer zu
Deiner Beruhigung? - Gott im Himmel, ich fürchte, ich fürchte Dein Bruder hat
den Samen der Zwistigkeit zwischen uns ausgestreut! - Ich muss mir alle Gewalt
antun, um Dir wegen ihm keine Bitterkeiten zu sagen! - -
    Gerechter Gott! - Soll der uns trennen können? - Doch was trennen! - - Ja er
soll es, aber von meiner Seite nicht anders, als durch den Tod! - Erfahre ich
noch den mindesten Verdacht in meine Liebe, dann, heilige Mutter Gottes, bitte
für meine arme Seele und für meinen armen Friz!!! - Meine Schwermut, meine
Lebhaftigkeit bürgen für nichts! - Ich muss so sprechen damit Du gegen mich
vorsichtig handelst; wärst Du an meiner Seite, dann könnte mich Dein Bruder
eines Schaffots würdig achten, es würde mich nicht beugen, meine rastlose Liebe
würde Dich so lange in süsse Wollust einwiegen, bis Du den elenden Lügner bei den
Haaren zurückschleudertest, der Dein trautes Weib kränken konnte! - Aber ich bin
von Dir entfernt, und der Gedanke, dass Du doch schwach sein könntest, ist ein
höllischer, undankbarer Gedanke, aber bei der Entfernung kann ich ihm doch nicht
widerstehen! -
    Es ist gebeugte Liebe, Krankheit und hizziger Kopf, die ich Deiner sanften
Leitung anempfehle. - Friz, willst Du über mich wachen? - Willst Du? - Denke,
ich habe ungeachtet den gestrigen Seligkeiten, die ich an Deinem Busen genoss,
eine grässliche Nacht gehabt! - - Nenne es nicht Ueberspannung, ich hin nicht
selbst daran Schuld .... Das Wetter stürmte schröklich, und mich dünkt ich
harmoniere so sehr mit den Elementen, dass ich meinem Gram nicht widerstehen
konnte. - Gott! Sollen dies etwa Ahndungen sein? - - Droht mir schon wieder
Verfolgung, will man mich schon wieder mit Verdacht zu Boden drükken? - Was kann
ich armer Wurm für mein Schiksal? - Was kann ich für den Neid, der wich aus der
Menschheit rotten will? - Sei wenigstens Du barmherzig! - Wenn Dich Liebe nicht
dazu treibt, so treibe Dich die Menschheit dazu, ein Weib zu verteidigen, die
auf ihre Ehre so empfindlich ist!!! - -
    Grosser Gott! - Warum schufst Du doch das Weib zur Misshandlung für die
ehrendiebisschen Männer! - Warum schufst Du nur so wenige rechtschaffne Weiber,
und warum müssen gerade diese wenigen das Opfer eines lieblosen Verdachts werden?
- - Ha! - Ueberzeugung! - An Dich richte ich meinen Fluch, wenn Du mir meine
Ehre nicht wieder zurückgiebst, dann ist alles Lüge, alles auf dieser Welt!!!
                                                                           Nina.
 
                     LXXIII. Brief. Röschen an F. von G****
                                                   Rosental, den 6ten November.
                              Teuerster Herr! - -
Nehmen Sie es mir doch nicht übel, dass ich an Sie schreibe, ich muss es aus Liebe
zu meiner guten Frau tun. - O warum haben Sie ihr doch alles geschrieben was
Ihr ungerechter Bruder über die gute Frau argwöhnt? - Ich bitte Sie herzlich,
schreiben Sie ihr nichts solches wieder, sonst bringen Sie sie um! - Sie kennen
ja doch ihre Heftigkeit, Sie wissen, wie schröklich sie jede Kleinigkeit zu
Herzen nimmt, und schonen sie doch nicht! -
    Da liegt sie nun wieder, die arme Frau, wie dazumalen in B..., wo wir alle
auf ihr Ende warteten. - Ich bin die ganze Nacht durch nicht von ihrer Seite
gekommen, und ich wollte, dass ihr böser Bruder weis Gott wo wäre, weil er so
eine brave Frau niederträchtig glaubt und sie bis in den Tod betrübte. - Mein
Gott die gute Frau ist ja so unschuldig wie ein Kind und so tugendhaft, als es
ein jeder Christ nur von ihr fodern kann. -
    Wahrhaftig, und wenn sie jedermann verlässt und verfolgt, so will doch ich,
auch in der äussersten Not, nicht von ihrer Seite weichen, weil ich sie mehr als
meine eigne Schwester liebe. - O glauben Sie mir, Sie werden von ihr äusserst
geliebt, hören Sie doch auf kein Geschwäz. - Ich bitte Sie, machen Sie, dass wir
bald von hier fortkommen, ich stehe für nichts, meine Gebieterinn führt
grässliche Entschlüsse in ihrem Sinne! - Sie läuft mir immer davon, ich kann sie
gar nicht mehr aufhalten, und doch mag ich nicht, dass die Wirtsleute etwas von
ihrem Kummer wissen sollen. - -
    Gestern ist sie mir mitten in der Nacht davongesprungen, ich habe die grösste
Angst ausgestanden bis ich sie wieder fand! - Mit aller Gewalt habe ich sie kaum
wieder auf unser Zimmer gebracht, wo sie dann bis in der Frühe ganz sinnlos
gelegen ist. - Die gute liebe Frau, ich möchte mich todt weinen, sie hat beinahe
ihren Verstand verloren, und nichts hat sie mehr gekränkt als das Wort
Heuchlerinn, sie hat es in der Fieberhizze wohl tausendmal wiederholt. - Gott
gebe, dass es mit ihr besser werde. Seien Sie indessen ohne Sorge, es soll ihr
nichts abgehen, denn ich liebe sie um ihres guten Herzenswillen zu sehr, als dass
ich nicht Tag und Nacht ihr beistehen sollte. -
    Lieber Herr, ich bitte Sie um Gotteswillen, schonen Sie doch in Zukunft
meine Gebieterinn mit traurigen Nachrichten, Sie wissen ja, sie ist gar zu
empfindlich. - Sollte es mit ihr schlimmer werden, so erhalten Sie eiligst einen
Boten, bis dortin suchen Sie sich zu beruhigen. - Ich bin übrigens mit aller
Hochachtung
                                      Dero
                                                            Ergebenste Dienerinn
                                                                   Rosine ......
 
                                  LXXIV. Brief
                                                   Rosental, den 8ten November.
Lieber Gatte! - Die Natur hat sich noch einmal meiner erbarmt, und ich bin
wieder aus dem Bette. Wie stark meine Krankheit war, weis ich nicht, denn ich
war die wenigste Zeit bei Vernunft, aber so viel weis ich doch, dass mir das Wort
Heuchlerinn, das ich von Deinem Bruder dulden musste, öfter in's Gedächtnis kam.
- Lass mich nichts mehr von ihm hören, ich verzeihe ihm, ob er aber für meine
Seele nicht einst Rechenschaft geben muss, ist eine andere Frage. -
    Bedenke nur, wie schändlich er Dein Weib beleidigte! - Oder reizen Dich
seine grossen Versprechungen die er Dir vorspiegelte? - Ist Dir Deines Bruders
Liebe mehr wert, weil Du ihre feindseligen Ausbrüche, die alle mich trafen, so
entschuldigst? - - Kannst Du Deine Eigenliebe, bei der er Dich um Deiner
Talentewillen küzzelt, nicht unterdrükken, um meine Liebe desto feuriger zu
fühlen? - Und wenn ich jezt auch von seinem moralischen Karakter besser überzeugt
würde, so kann ich ihn doch nicht mehr als einen wohldenkenden Mann achten, er
war doch immer ein heimlicher Verläumder; ob er nun seine Nebenmenschen durch
Dummheit, oder Vorurteil zu Boden schlägt, gleich viel, es bleibt immer
Verläumdung, zu der Niemand ohne Ueberzeugung ein Recht hat. - Wenn er aus Liebe
zu Dir für Dein Wohl sorgen will, so muss er dabei Dein Herz und Deine Delikatesse
schonen, muss das gute Urteil über mich eben so leicht annehmen, als das böse. -
    Du solltest von mir zur Probe eine grosse Summe Gelds fodern! - O der
Niederträchtige, der Dich zu einer solchen schmuzzigen Prüfung anstiften wollte!
- Kennt er denn meine Armut nicht, die gewis keiner Lasterhaften so leicht
eigen ist? - Und gesezt ich wäre reich, wäre es mir nicht Pflicht Alles mit Dir
zu teilen? - O Menschengrausamkeit, wie gross sind deine Gränzen! -
    Siehst Du, wie dieser Gedanke meinen Kopf angreift? - Siehst Du, wie er im
Herzen liegt der Stein, den dieser Harterzige hineingeworfen hat? - - Siehst
Du, wie mein gallsüchtiges Temperament schröklich, schröklich in Gährung ist? -
- O bei dieser feurigen Träne fühl doch mit und sei nicht so schwach, Dich von
jeder Scheintugend Deines Bruders täuschen zu lassen. -
    Giebst Du mir nicht nach ... dann gehe hin und sage, dass es ihm gelang mich
elend zu machen! - Sag ihm, dass es ihm gelang dich zur Dankbarkeit zu reizen und
mich dadurch auf ewig unglücklich zu machen!!! - Noch scheint es mir unmöglich,
dass Du mich von ihm beschimpfen lassen kannst! - Mich, Dein Weib, Deinen Stolz,
Deine Liebe, Deine arme verfolgte Gattin! - Gott! - Gott! - -
                                                                           Nina.
 
                                  LXXV. Brief
                                                  Rosental, den 10ten November.
Ha! - Mein inniggeliebter Gatte! - Was ich gestern und heute wieder litte, dass
der Postwagen nicht kam, das ist gewiss allen Menschen unbegreiflich! - So ist
denn meine Ruhe auf ewig dahin! - So ist denn mein Gemüt unheilbar vom Gift der
Schwermut angestekt? - - Nimm mir es nicht übel, teurer, angebeteter Mann,
aber nimmermehr glaube ich, dass ich Deine Ankunft erleben werde! -
    O rette mich bald, um Gottes Barmherzigkeit willen! - Wenn Du wüsstest, wenn
Du fühltest das Schrökliche, das in mir vorgeht!!! - - Ha, bin ich nicht eine
elende Winslerinn! - Warum stürme ich denn so auf Dein Mitleiden los? - - Mich
dünkt, Du bist jezt mein Gott, mein Schuz, meine Zuflucht, mein Trost, mein
Alles! - Ich bin abgerissen von der ganzen Menschheit, hingeworfen ganz allein
in's unendliche Kaos der Schiksale! -
    Friz, es gilt jezt Leben oder Tod! - Merk Dir's und sage es Deinem Bruder
auch, es gilt jezt Leben oder Tod, - nachdem es sich mit Dir entwikkelt! - - Ich
muss also weiter reisen? - Muss Dich zurücklassen? - O, und wenn mich in der
volkreichen Stadt V... alle Reichtümer erwarteten, wenn man mich dort
vergötterte, so würde ich mich doch ohne Dich abhärmen! - Tödtendes Gift wird
diese Entfernung für meine Liebe werden, das mich hinraffen wird in's
Tollhaus!!! -
    Warum brennt es mich heute wieder so schröklich im Gehirne? - Warum spannt
mich der Kopf wieder so? - Warum treibt es mir meine Adern wieder so in die
Höhe? - O Friz! Friz! Warum wektest Du mich zur Liebe auf, zu einer Liebe, die
Dir ihrer Heftigkeit wegen zur Last sein muss! - - Immer schreit Deine kalte
Vernunft von Ueberspannung; freilich erreicht mein hoher Grad von
Einbildungskraft niemand so leicht. - Du liebst zwar besser als Millionen Andere,
aber Du fühlst doch nicht so anhaltend, wie ich fühle. Auch hierinnen empfindt
das Weib ihren Fluch, ich bin es überzeugt! - -
    Könnte Dich das Schiksal unwillkührlich von mir trennen, sollte sie einst
anlangen diese schauervolle Nachricht dann beim Himmel, bei den Elementen,
geschehen soll es sein um mein Leben mit lachendem Munde, und mein lezter Fluch
donnere Dem in die Ohren, der mich zu einem Schritt brachte, wovor jezt meine
ganze Natur zittert!!! - -
    Schreie mir nicht schon wieder entgegen: Hast Du Misstrauen in mich? - Ich
habe keines in Dich, aber in Dein Schiksal, in Deine Ohrenbläser. -
    Jezt wirst Du alle meine Briefe haben, und ich habe von Dir noch keine
Zeile. - Die verdammte Post! - - Nun so quält mich denn alles, alles! - Weist Du
auch, dass es gut ist, dass ich den hiesigen Ort bald verlasse? - So einsam er auch
immer ist, so müssen mich doch städtische Lotterbuben ausgespäht haben, sie
schmieden jezt untereinander Entwürfe, um zu erfahren, wer ich bin? - Die
Wirtin selbst hat mich davon benachrichtigt, und dein gutes Weib sizt da,
ringt die Hände, verflucht die Menschen, die ihr in der abgelegensten Einsidelei
nicht einmal Ruhe lassen! -
    Aber wie ich Dir schon einmal schrieb, was ist ein Weib ohne Mann? Jeder
Hauch stösst sie zu Boden! - Wer bürgt mir in dieser Verfassung für Verräterei? -
Wer bürgt mir für mich selbst, dass mich der allgewaltige Gram nicht zu Erzessen
verleitet? - - Friz, der Tag in dieser einsamen Höle ist lang, der Stunden sind
viele zum kränken, und die Einsamkeit ist das wahre Gift für eine schwermütige
Seele! - Denke, leztin bin ich dem Mädchen entlaufen, sie hat mich suchen
müssen. O ich kann, ich kann nicht mehr ohne Dich leben! - Melde mir den Tag
meiner Abreise, wenn Du nicht selbst kömmst. -
                                                                Des andern Tags.
Schon wieder eine kummervolle Nacht verseufzt! - Meine Schwermut kümmert sich
wenig um den Zusammensturz meines Körpers, ich glaube auch, dass er nicht
zusammen stürzen kann, dieser elende schwache Bau, sonst müsste er schon längst
dahin sein. - Sei nicht böse, dass ich der Melankolie wieder so sehr nachhänge,
ich kann Dich nicht mehr schonen, so sehr mein gutes Herz sich dagegen sträubt,
ich muss, ich muss Dir sagen, was mit mir vorgeht. - Du wirst selbst entdekken,
wie anhaltend dermalen meine Gemütskrankheit ist ... Lies seit meiner
Abwesenheit alle meine Briefe durch, keine heitere Stelle wirst Du darinnen
finden. - Du bist unglücklich durch mich, unglücklich auf ewig! - All Dein Trost
prellt an Deinem kranken Weibe ab, nur Du ... oder Tod steht mir bevor! - Du
kennst meine schrankenlose Ungedult, Du müsstest Bösewicht sein, wenn Du nicht
alles anwendetest, um mich bald dieser martervollen Sehnsucht zu entreissen. - -
Diesen Augenblick erwarte ich Röschen mit Briefen von Dir. - Was wird wohl
darinnen stehen? Freude, Kummer, Angst, Furcht, lassen mich das Siegel nie anders
als zitternd erbrechen. - In der Liebe bin ich das kummervollste Weib, und in
der Ehre und in feurigen Entschlüssen so sehr Mann. O ich möchte mich selbst
anklagen, dass ich so ein unglücklich gestimmtes Weib sein muss! - - Es steht nicht
mehr in meiner Gewalt es zu ändern, das Fieber hat Seele und Kopf angegriffen,
da muss Gott helfen, sonst ist wohl jede Besserung für mich verloren! - -
    Du wolltest leztin wissen, was ich den ganzen Tag durch machte? - Sehr
wenig, das einer gesunden Vernunft ähnlich sieht, herumlaufen, weinen, rasen,
dichten, das ist meine grösste Beschäftigung. Denke nur, was mir leztin einfiel,
ich hätte mich bald entschlossen, Dir durch eine dritte Person eine tüchtige
Falschheit von mir in die Ohren blasen zu lassen, um Dich dann zu beobachten, wie
Du Dich dabei betragen würdest? - Eine solche Probe dünkte mich Sicherheit, wenn
Du sie standhaft, mit Zutrauen ausgehalten hättest, falls Dein Bruder neue Lügen
wider mich Dir hinterbringen würde. - Vergieb mein Gatte, vergieb meinem Kummer,
Du kennst ja die Ursache, Du musst wohl recht viel mit mir leiden, lasse es Dir
aber von nun an zur Warnung dienen, behandle mich vorsichtiger, sage mir nichts
mehr von Deinem Bruder. - Ich will gar nichts mehr von ihm hören, die blosse
Erinnerung verwirrt mich schon! - -
    Friz, wenn Du meine Seele retten willst, so komme an meine Seite, beruhige
mich durch Deine Grundsäzze. Wieder eine Ursache mehr, die Dich an mich
hinreissen muss! - Die arme, bedaurungswürdige Nina ist ohne Dich verloren, ist
hin, ist weg, ihre Vernunft hintersinnt sich! - Der Schöpfer wird Dir fluchen,
wenn Du mich nicht bald auf den ruhigen Pfad der Religion zurückweisest, mein
Blut würde über Dich um Rache schreien, Du musst mich heilen von einer
Seelen-Krankheit, die Deine Liebe in mir aufwekte. - Ha! - Wenn Du mich
tröstest, dann will ich Dir in der Todes-Stunde, beim Gericht Gottes
Segenswünsche zurückschikken! - Für jezt Amen! - Ich fühle, dass es mich wieder
drükt ...........
    Ich habe versucht im Grünen herum zu laufen, aber es will mich dort auch
nicht dulden. Zehn Uhr vorbei, und Röschen ist noch mit keinem Briefe da? -
Grosser Gott! - Was ist die Erwartung für Unglückliche eine namenlose Marter! -
Erwartung ist für den Fühlenden mehr Folter, als dem Alltags-Bösewicht Schande
und Henkers-Hand ist! - Es ist kein Geschenk um eine fühlende Seele, kein
Geschenk um einen denkenden Kopf. -
    Lass ihn kommen, Deinen Bruder, und meine heisse Angst betrachten, er soll die
Augen öffnen, und der Menschheit Gehör geben, er soll sehen wie es mich
herumtreibt, er soll fühlen, wie es mich durch und durch messert, er soll
barmherzig sein gegen Liebende, wenn er Mensch ist!!! -
    Röschen kam eben, und ich erhielt wieder alle Briefe auf einmal. - Also
kömmst Du diese Woche schon wieder nicht? - - Tue was Du willst, ich halte es
ohne Dich nicht mehr länger aus, ich komme in die Stadt, und gerate ich Deinem
Bruder in die Hände, so sprechen wir uns! - Ich kann, ich will, ich mag diese
tödtende Ungewissheit nicht mehr länger dulden! - wenn Du nicht selbst kömmst, so
komme ich so gewiss als ich Dein Weib vor den Augen Gottes bin! -
                                                                           Nina.
 
                                  LXXVI. Brief
                                                  Rosental, den 12ten November.
Teuerster Gatte! - So hast Du mich endlich beredt, dass ich mich noch weiter von
Dir entferne. - Ich soll also weg von Deinem liebevollen, lautklopfenden Busen?
- Weg von allen Seligkeiten der unbegreiflichsten Wollust, die ich bei dieser
kleinen Entfernung doch zuweilen an Deiner Seite genoss! - -
    O dass ich zurückkehren dürfte von meinem Entschluss! - O dass Deine Familie
versöhnt und Schark entfernt wäre! - O dass ich wieder in Deine Arme stürzen
dürfte, mein lieber Friz, wie gestern Abend! -
    Lieber, feuriger Flüchtling, wie hast Du mich erschrökt, als Du so
unvermutet in mein Kämmerchen eindrangst. - Drei himmlische Stunden lag ich
wieder in Deinen Armen, und dann ... und dann - Ha, Schiksal! warum entrissest Du
mir ihn wieder? - - Verzeihe, bester Gatte, dass ich Dich beim Abschiede durch
mein lautes Geschrei wieder so schröklich beugte. - Bei dem Allgewaltigen, bei
Deiner reinsten Gatten-Liebe, vergieb dem schwachen Weibe, die in Dir eine Welt,
eine Seligkeit vermisst. - Möchten Dich die Engel der Liebe ohne Schaden in Dein
Zimmer zurückgebracht haben, möchtest Du dort das Bild Deines entfernten Weibes
anstaunen und ihm eine Träne des Dankes verweinen, für ihre bange Liebe! -
Gott, erst in einigen Tagen erfahre ich Deine Zuhausekunft, und erst in zween
Tagen kann ich von hier abreisen. - - Der Dir bekannte Post-Sekretär in H...
bot mir alle Dienste an, er wird mir nach F... ein Empfehlungs-Schreiben
mitgeben. Gewiss Friz, es gibt in der Welt auch noch absichtslose
Menschenfreunde, Du weist, dass ich den Mann erst seit einigen Tagen kenne. -
    Seine Guterzigkeit rührte mich in meiner Lage recht sehr, der Mann denkt
teutsch und bieder, aber ist nichts weniger als ein aufgeklärter Kopf. Ehe er
meine Verfassung wusste, fieng er mir an einige drolligte Schmeicheleien
vorzusagen, worüber Röschen laut lachte. - »O wenn Sie Wittwe wären! (fuhr er
fort) wahrhaftig Ihr Humor gefällt mir so ausnehmend.« (Da wollte er vermutlich
von meinem Bischen Verstand sprechen, und wusste sich nicht auszudrükken.) -
Eilig zog ich dann Dein Bildnis aus meinem Busen, und küsste und herzte es vor
seinen Augen so derbe, dass der gute Mann vor Staunen fast ausser sich geriet. -
»Wahrhaftig (fieng er wieder an) so ein Frauenzimmer habe ich mein Lebtag noch
nicht angetroffen, die ihren Gatten so leidenschaftlch liebt. - Heute habe ich
es aber gleich gedacht, unsere schöne Einsiedlerinn muss gewiss Besuche haben,
weil kein Brief an Sie kam, denn Ihr Herr Liebster schreibt ja alle Posttage so
richtig, wie eine Uhr. - Und ich gestehe es, die Neugierde trieb mich eine
Stunde Wegs in dieses Tal, um Sie doch endlich auch einmal kennen zu lernen. Es
tut mir weis Gott sehr leid, dass Sie so geschwinde fortreisen wollen; die
Wirtin und die Bauern lieben Sie ja ausserordentlich.«
    Er würde fortgeplaudert haben, wenn ich ihn nicht wegen einigen
Reise-Anstalten unterbrochen hätte. - Friz, danke ihm doch in einem Briefe,
willst Du? - - Für heute Millionen Küsse von Deiner ewig treuen Gattinn ......
                                                                           Nina.
                                                                Frühe um 6. Uhr.
Endlich wieder einmal eine Nacht gut geruhet! - Und Du Herzens-Gatte, auch Du? -
Möchte ich doch morgen noch vor meiner Abreise Nachricht von Dir erhalten, aber
es ist umsonst, es kann nicht sein, weil Du die Verlängerung meines hiesigen
Aufentalts nicht weist, und ich Dich bat, mir geradezu nach F... zu schreiben.
-
    O bis Freitag früh ist es eine lange martervolle Ewigkeit! Dass doch der
dumme Postwagen nicht eher kömmt und ich auf ihn warten muss! - Noch heute gehe
ich mit Röschen nach H... und gebe dorten diesen Brief auf die Post, eh ich
abreise, Du sollst gewiss nicht umsonst auf Briefe warten. - Aber nicht wahr
Liebchen, Du schreibst doch recht geschwinde nach F...? - - - Denke Dir Dein
liebes Weib allein ohne Gatte in einer fremden Stadt, mit einer kummervollen
Seele im Busen, wie sie gebeugt daherwandelt und sich nach Erlösung sehnt. Gewiss
ein fremdes Weib ist ein verlassnes Wesen! - Hat sie Geld, so muss sie es den
geizigen Wirten zuwerfen, hat sie keines, so wird sie das Opfer ihrer
Grausamkeit und der Gegenstand der Verfolgung für Wollüstlinge. -
    Gott, was ist ein Weib ohne ihren Gatten für Gefahren ausgesezt! - Trift
dieses Loos eine Fühlende, dann empfindet sie die Last ihres Elendes doppelt. An
der Seite eines Gatten kann man der Not, dem Vorurteil, der Verläumdung und
der Misshandlung des eigennüzzigen Pöbels trozzen, aber allein fällt der Troz auf
sie zurück, sie muss sich unterdrükken lassen, das Laster merkt es recht gut, dass
es mit einem schwächern Teile zu tun hat. Ich bin ohnehin so schamhaft, so
verzagt, so blöde, dass der Pöbel erst recht Mut bekömmt, mich mit Füssen zu
stossen, wenn ich seine Dienste brauchte und sie zum Unglück nicht bezahlen
könnte. Kann man etwas barbarischers finden, als des Pöbels Eigennuz? - Wegen
ihm wird der Pöbel zum Mörder an seinem Nebenmenschen, mordet er ihn nicht
gewalttätig und geschwind, so mordet er ihn langsam durch seine Zügellosigkeit!
- Lass mich, lieber Friz, nie solchen Auftritten ausgesezt sein, bemühe Dich,
mich bald zu erlösen. -
    An Deiner Seite, mein Gatte, nur Bauern-Kost, und himmlisch sollte sie mir
schmekken! - O wie wollte ich Gott danken, für das teure Geschenk meines
Frizzen. Weist Du noch Lieber, wie willig, wie liebetrunken ich Dir jeden Wink
im häusslichen Leben befriedigte? - Wie Du mir meine Guterzigkeit dann wieder
mit einem Kuss lohntest, und wie Du dann wieder nachdachtest über Deine Nina, die
Dir Alles, Alles tat, was Dein Herz nur fordern konnte. Wenn Du Dir auf dieser
Welt einen Himmel denken willst, so denke Dir solche Auftritte aus unserm
häusslichen Leben. -
    Und nun, teuerster Gatte, Millionen Küsse von Deinem Weibchen im Kaput mit
dem blauen Bändchen am Halse, waran Dein Bildnis hängt. - Weist Du, wie gut es
mir steht? - - Deine besste, aufrichtigste, treueste
                                                                           Nina.
 
                                 LXXVII. Brief
                                                  Rosental, den 13ten November.
Teurer, äusserst geliebter Gatte! - Das war doch heute ein sehr wunderlicher
Tag! - Bis zehn Uhr hatte ich noch mit Pakken zu tun, dann kam eine Schäse mit
fünf Mannspersonen gefahren, ich erschrak, denn es waren lauter Leute aus B...;
nun hiess es im Zimmer sizzen bleiben, und doch wäre ich gerne mit Röschen
ausgegangen, wenn wir uns unvermerkt aus unserm Kämmerchen hätten schleichen
können. Gerade heute, den lezten Tag meines Aufentalts, mussten diese
Stadtflüchtlinge diese Einöde besuchen. - Mir wurde etwas bange, denn die
Stuzzer sumsten um die Türe herum, als ob sie Verräter abgeben wollten. -
Endlich schlichen wir uns ungesehen fortund kreuzten bis gegen Abend alle Berge
und Wiesen in der Nachbarschaft durch. -
    Als wir zu Hause kamen, sagte uns die Wirtin, dass die Fremden bis gegen
sechs Uhr auf unsere Rükkunft gewartet hätten, und doch gelang es ihnen nicht,
ihre Neugierde zu befriedigen. - Morgen gehe ich nach H... und erst übermorgen
frühe fahre ich weg. - - Ich bin müde, ich muss zu Bette, tausend Küsse von Deiner
lieben
                                                                           Nina.
 
                                 LXXVIII. Brief
                                                        H... Den 14ten November.
O, Du Lieber, Du bist wohl tausendmal mehr wert, als alle Beschwerlichkeiten,
die ich bei diesem Herumziehen ausstehen könnte. - Nun bin ich hier mit Sak und
Pak, und warte unter abscheulicher Langerweile, bis der Postwagen abfährt. -
    Wie mir's ums Herz ist, kannst Du leicht vermuten, weil ich mich bald so
weit von Dir entfernen muss. - Hart ist doch ein solches Schiksal für ein
liebendes Weib! - Doch nein, es ist nicht hart, es ist süss, denn die Wollust aus
Lieb zu dulden erkauft man nie zu teuer. - Ich bin bei allen, dem so innig
zufrieden, so selig, als ob es ewig, ewig meine Bestimmung wäre, um Dich zu
leiden.
    Bist Du denn auch wohl, Liebchen? - Wirst Du mich auch bald unterstüzzen? -
Wirst Du bald nach F.... kommen? - Werde ich Dich bald wieder an mein Herz
drükken können? - O tröste mich lieber Gatte mit Hoffnungen, tröste mich! - -
    Ha! - Was ist Entfernung! - Eine Qual, worüber man rasend werden möchte! -
Wäre Schark und Dein Bruder nicht, ich könnte zurückkehren, Friz und Nina wären
jezt ruhiger. - Doch es ist einmal nicht zu ändern, und ich erwarte einstens
dafür namenlose Belohnungen in Deinen Armen. Sage, teuerster Gatte, erwarte ich
zu viel? - - O lass mich dann hinsinken an Deinen Busen und Deinem Bruder sagen,
dass er sich irrte, wenn er glaubte, eine Schwärmerei daure in der Liebe nicht
lange. - Das ist eine Lüge; wenn ein Weib nach und nach zu schwärmen anfängt,
wenn sie Geist, Vernunft, die Seele, das Herz in einem Manne liebt, dann muss
ihre Liebe ewig dauern weil sie auf unsterbliche Verdienste gegründet ist. -
Gerade jezt fällt mir ein herrlicher Gedanke ein, ich will Röschen auf die Post
schikken, der Sekretär muss mir Deinen Brief ausliefern, wenn er auch gleichwohl
nach F... laufen soll. - Du weist doch, dass alle Deine Briefe hiedurch müssen? -
-
    O wenn nur Röschen schon wieder da wäre, wenn er ihr nur den Brief gibt,
wie ruhig, wie ruhig will ich dann reisen! - - Gott! - Gott! - Was ist Erwartung
für ein lebhaftes Temperament! -
    Dank, tausend Dank, mein Gatte! Röschen zeigte mir Deinen Brief schon von
weitem. - - Kümmere Dich nicht Liebchen, ich nehme Dir ja Deine Zerstreuung in
Deinem Briefe nicht übel, in der Lage kann es nicht anders sein. - Nach Tisch
noch ein Wörtchen mit Dir. -
                                                                     Nach Tisch.
Aeusserst plagt mich die Langeweile, weil ich nicht geradezu an den Ort meiner
Bestimmung reisen kann; hätte ich Deinen Brief nicht, ich würde völlig zu Grunde
gehen. - Wohl zehenmal habe ich ihn schon durchlesen. - Da muss ich nun wieder in
einem fremden Wirtshause sizzen und alle Leiden der Abwesenheit allein tragen.
- Wärst Du jezt da und rauchtest Dein Pfeifchen an meiner Seite, wie glücklich
würde ich sein! - Weist Du Liebchen, heut acht Tage waren wir in N...; weist Du,
wie ich alle Entzükkungen Deiner Liebe fühlte? - - Wie ich hingerissen in
Wonnetaumel Dir für Dein Gefühl dankte. - O unser Leben ist doch eine Kette von
Abwechslungen seit dem wir uns kennen. -
                                                                         Abends.
Denk Liebchen, so eben ging der Sekretär von uns weg, ich muss Dir gestehen, er,
ich und Röschen, wir waren recht munter. - Er nekte mich wegen meiner Heftigkeit
und sagte: »Sie würden bei meiner Seele sterben vor Ungedult, wenn ein Brief von
ihrem Gatten nur um eine Stunde zu spät ankäme. Ja, ja ich schäzze Ihren Herrn
Gemahl recht sehr, aber wenn Sie Wittwe wären. »... - Röschen lachte wie eine
Närrinn über den guten Mann. Schreib ihm ja recht bald, er handelt gegen mich
sehr dienstfertig. - Ich muss zu Bette, vielleicht geht der Postwagen in der
Nacht fort. - Ruhe sanft, gute Seele! - -
                                                               Morgens um 4 Uhr.
Noch vor meiner Abreise meinem Gatten zwei tausend Küsse! - Gott sei bei Dir, und
meine Liebe immer und ewig vor Deinen Augen! - Lebe wohl! - Lebe wohl!!! - Nimm
hier noch den Abschiedskuss von Deiner armen Wanderinn, Dein gutes, liebes,
                                                                    treues Weib.
 
                                  LXXIX. Brief
                                                        F... den 17ten November.
Mein Gott kann man sich etwas Schröklicheres denken als meinen Zustand! - Sage
mir aus Barmherzigkeit, schriebst Du mir denn Mittwochs nicht, dass ich heute
keine Briefe erhielt? - Und warum nicht? - Heiliger Gott! Warum nicht? - - Um
Gottes Christi willen, was ist Dir begegnet? - Wenn Du geschrieben hättest, so
müsste ich heute Deinen Brief erhalten haben. Oder übergabst Du vielleicht Deinen
Brief fremden Leuten, die ihn zu spät auf die Post trugen? - - O wenn das die
Ursache wäre, wie gerne wollte ich diesen unachtsamen Leuten ihre Nachlässigkeit
verzeihen! -
    Dass ich erst Donnerstags abreiste, musst Du jezt schon wissen, dass ich aber
erst heute in der Nacht hier sehr elend ankam, sollst Du gleich erfahren. - Als
es in H... zum Einsteigen Zeit wurde, brachte mich Röschen fast nicht in den
Wagen, ich wollte Deine Nachbarschaft durchaus nicht verlassen. - Der Postwagen
war voller Leute, ich sas wie eine Verdammte, sprach kein Wort und blieb in
dieser jammervollen Betäubung bis es dunkel wurde, dann fieng ich an heimlich zu
schluchzen, zu weinen, dass es mich beinahe erstikt hätte. - Ein
menschenfreundlicher Kaufmann, der mir gegenüber sas, bemerkte meinen stillen
Jammer und gab sich alle Mühe mich zu trösten. - Eine tiefe Ohnmacht, die mir
auch zum Teil das unbequeme Fahren zugezogen hatte, war das Ende dieses
Auftrittes. - Sinnlos trug man mich in's Wirtshaus, alle Passagiers wurden jezt
auf mein Schiksal neugierig, aber Röschen ist ein schlaues Mädchen, denn nicht
eine Seele erfuhr das Geringste von meiner Verfassung. -
    Ha, mein Gatte, wie viele solcher Leiden wirst Du mir noch aufbürden? - - Du
kannst nicht begreifen, wie mir das avantürische Herumziehen zusezt und zur Last
wird. - Ohne Dich kann ich's nicht mehr tragen, sähst Du die elenden
Behandlungen, denen ein Weib ohne Mann ausgesezt ist, Du würdest rasend! - - Und
besonders so ein schwaches, empfindliches Ding, wie ich bin. Ha! - Ich bleibe
nicht mehr so, ich kann nicht mehr so bleiben, ich muss Dich an meiner Seite
haben, Du musst mich schüzzen. Längstens in drei Wochen kömmst Du an meinen
Busen, oder bei Gott ich bin für Dich auf ewig verloren!!! - Das ist hart, nicht
wahr Friz? - -
    Aber höre nur erst obenhin eine kleine Beschreibung von den unangenehmen
Dingen, welchen ein Weib ohne Mann ausgesezt ist. - Unter zwölf Personen, die im
Postwagen sassen, war nur ein einziger, der uns nicht für herumziehende
liederliche Dirnen hielt. - So bescheiden, so gramvoll ich auch da sass, so ruhte
doch das Vorurteil schwer auf mir, ich sah es aus verschiedenen Anmerkungen. -
Selbst Röschen mit ihren kleinen Unbesonnenheiten betrug sich sehr vernünftig.
Das Mädchen trägt vieles mit mir. Denke nur die Angst, die sie wegen meinen
schwermütigen Anfällen duldet. - -
    Unzufrieden, krank und kummervoll kam ich Nachts um drei Uhr in F... an,
foderte ein Zimmer, und was glaubst Du wohl, man gab uns ein kaltes Loch,
worinnen ein Bett mit einem blossen Strohsak stund, und dessen Fenster ganz
durchlöchert waren. Der Wirt sah uns ungeachtet unserer guten Kleidung doch für
blose Abendteurerinnen an. - Das war ein Anblik für mich! - Finstere Nacht,
ausser Stand eine bessere Schenke zu suchen, harrte ich Arme auf dem Strohsak und
mein Röschen, die mich mit ihren Tränen wärmte an meiner Seite. -
    Ist wohl je einer Missetäterinn ein solches Schiksal beschieden? - - Und
doch geht es einem Weibe ohne Mann nicht anders; nun denke Dir erst die
Barbarei, wenn so ein Weib ohne Geld wäre. - Röschen war fast ausser sich, dass
wir in einen solchen Lumpenwinkel gerieten! - - Der Konduktör nebst seinen
Passagiers reissten gleich wieder weiter, nachdem der erstere auf meinen Konto hin
brav gezecht hatte. - Grobheiten zu verhüten, musste ich bezahlen, wenn ich schon
nichts dafür genossen hatte. -
    Als es anfieng Tag zu werden, ging ich mit Röschen in ein anderes
Wirtshaus, die Wirtin begegnete uns spöttisch, nahm uns aber doch auf, dann
musste ich ganz natürlich bezahlen was ihrem Eigennuz gelüstete. - Gott, was wird
das werden, wenn mir die L..., an die ich heute den Empfehlungs-Brief abgeben
werde, nicht für ein besseres Quartier sorgt? -
    Auch fängt das hiesige Männervolk schon zu laufen an, da sie uns vermutlich
am Fenster müssen erblikt haben. - Grosser Gott, wie weh tut mir das Vorurteil!
- Gatte meines Herzens, bei Deiner Sorgfalt, bei Deiner Liebe, komme bald und
tröste Dein
                                                                     armes Weib.
 
                                  LXXX. Brief
                                                        F... den 19ten November.
Mein Gatte, mein Herzens-Gatte! - Was habe ich seit Vorgestern, als ich keine
Briefe erhielt, nicht alles gelitten! - Schröklich waren die Tage, aber noch
schröklicher die Nähte! - Wenn ich morgen wieder keine Briefe erhalte, so mögen
sie mich an Ketten legen! - Röschen geht jezt zitternd auf die Post, sie sagt,
sie hätte nicht den Mut mir eine widrige Nachricht zu bringen. - Sie weint an
meinem Bette halbe Nächte durch und bietet alle ihre Kräften auf, um mich
aufzuheitern.
    Friz, wenn Du noch lebst ... Gott was wäre das! - Wenn Du noch lebst, so
vergelte es doch diesem Mädchen, sie ist die Einzige, die Dir Dein Weib erhält,
die Einzige, die mit sorgfältiger Schlauheit mir überall nachschleicht, und von
gewalttätigen Unternehmungen zurückhält. - Meine Denkkraft, meine Ruhe, meine
Vernunft ist hin, ist weg um einer Leidenschaft willen, die ich nie zu einer
solchen Heftigkeit hätte steigen lassen sollen! - Aber Friz, warum warst Du auch
so ein sträflicher Schwärmer, der mich bis zur äussersten Liebe hinriss? - Du
hättest sie zum Voraus überdenken sollen die tirannische Lage, die Dein Weib von
Dir entfernen wird! - Zuviel foderst Du von meiner Stärke, Du bist zu grausam,
zu leichtsinnig, Du überdenkst den verzweiflungsvollen Zustand Deines Weibes zu
wenig! - Fühle, was ich dulde! - Fremd, verlassen, von Dir entfernt, mit einer zu
Boden getrettenen Seele, mit einem Kopf voll Sorgen, mit einem kummervollen
Herzen muss Deine Gattinn ausharren. - Meine ganze Seligkeit ruht bloss auf Dir,
und wenn sie nun für mich auf einmal zusammen stürzte, wenn Du stürbest, oder
Dich Deine Leute wieder einsperrten, oder was weis ich alles ... - Ha! - Dann
wäre es ja lustig! - Nicht wahr Friz? - Lustig für einen heftigen Kopf wie der
meinige ist! - Solche Höllen-Furien von Gedanken zerfleischen mein krankes
Gemüt und entfernen sich gewis nicht eher, als bis ich in Deinen Armen ruhe! -
Ich Törinn, warum verlies ich B...? - Ich hätte doch stündlich zu Dir hinlaufen
können, und Dich nähren aus dem Becher der Liebe. - Und jezt kann ich weiter
nichts als einige kalte, jammernde Briefe schreiben, die meine Verfassung doch
nur obenhin zeichnen. - Arm bin ich jezt in dieser verdammten Entfernung! -
Vielleicht durch Krankheit bald ausser Stande zu Dir zurück zu kehren. - Friz,
Deine Nina ist wild und hart geworden durch's Unglück, das Deine Liebe ihr
zubereitete! - Sie ist nicht mehr sanft und duldend, ihr Zustand gränzt an
Unsinn!!! - Sie ist eine Gottlose, Undankbare gegen Dich, der Gram hat ihr allen
Trost aus dem Herzen verbannt, das ein liebevoller Gatte mit Engelssorgfalt zu
beruhigen suchte! - Aber es ist umsonst, gieb Dir keine fernere Mühe mehr,
entweder in drei Wochen bei mir, hörst Du! Für immer bei mir, oder Tod und
Verderben!!! - Was soll ich mich da langsam abzehren lassen, tausendmal sterben
und doch noch leben! - Warum soll ich warten, bis Furcht, Angst und Schrekken
mir den langsamen Todesstoss bringen? - Mein Feuer ist zu heftig, meine Liebe zu
ungedultig um dem Schiksal noch länger als drei Wochen nachzugeben. - Entweder
kömmst Du bis auf diese Zeit - aber keine Einwendung mehr! - Du kömmst, oder ich
werde mir schon selbst helfen. - Du sollst erleben, dass ich Entschluss habe! -
    Wenn Dich diese Drohung kränkt, dann bleibe, Allzufurchtsamer, bleibe und
überlass mich meinem Geschikke! - Ich sehe es ein, dass wir mit Wenigem leben
können. Hast Du nicht Kopf, hast Du nicht Talente? - Meine jezzigen Hausleute
(ich logiere bei der L...) sind wirklich mehr arm als reich, und doch glücklich.
- Du unmenschlicher Grübler, der mich aus Zagheit lieber todt als lebendig
aufsuchen will, wenn es einmal zu spät sein wird. - Zum leztenmale bitte ich
Dich, lass es nicht zu lange anstehen. Frisch auf, Friz, raffe zusammen was Dein
gehört und komme. - - Oder Deine Liebe ist der Fluch, den mir Gott zur
Verdammnis aufgelegt hat!!! - Könnte ich ausser Dir noch ein Geschöpf leiden, so
wäre meine Sehnsucht nicht so heiss, ich würde mit dem gewöhnlichen weiblichen
Leichtsinn auf neue Eroberungen antragen. - Aber da sizze ich eingekerkert,
verborgen, von allen Augen entfernt, mitten in einer grossen Stadt einsam auf
meinem Zimmer und leide mehr, als eine andere um ein Königreich zu leiden das
Herz hätte. -
    Entfernt von den Menschen, ungekannt von Freunden, ohne die mindeste
Bekanntschaft, unter einem fremden Namen dulde ich alles einem Manne zu Lieb,
den ich anbete! - Ha! - Du müsstest ein heilloser Bube sein, wenn Du mir auf
diesen Brief nicht so gleich den Tag Deiner Ankunft meldetest! - Ich bin des
Elendes satt, das mir die Abwesenheit zubereitet, entweder fühlst Du meinen
Zustand und hälst ihn nicht für blosen augenbliklichen Affekt, oder Du bringst
mich mit eigner Hand um!!! -
    Schreibe mir Trost zu so viel Du willst, er hilft nichts mehr. - Sag,
furchtsamer, kalter Vernünftler, was soll ich tun? - Hätte ich wohl je gedacht,
Dich so treiben zu müssen! - Hätte ich wohl je gedacht, dass ich Dich, Prahler, an
Tätigkeit überträfe? - Bald muss ich es teuflisches Flegma, oder sträflichen
Leichtsinn nennen, wenn Du noch länger zögerst. - Darüber keine Einwendung, oder
die Mutter Deines Kindes flucht Dir!!! - Nun, Herr Menschenkenner, untersuche
jezt den Zustand meines Gemüts und zittere, oder komm für immer!!! -
                                                                     Nach Tisch.
So eben sind wir vom Tisch aufgestanden, die Leute bedienten mich artig, aber
mir schmekte kein Essen. Das Gift lag in meinen Sinnen und erstikte mich
beinahe! - Wie sich doch die zwei jungen Eheleute gerade heute vor meinen Augen
so schön tun mussten, um mich vollends zu verrükken und mir die verlebten
Stunden mit Dir zurückzurufen, um mich an mein jezziges Elend zu erinnern, um
mich noch wahnsinniger zu machen! - Gott, wenn es diese Leute gewusst hätten, wie
sie dadurch an meinem Herzen nagten, dass ich so allein sizzen musste, wenn alles
sich freute und der Liebe genoss! - Die Freuden der Liebe werden wohl nicht bald
wieder für mich zurückkehren. - Ich werde wohl eher die Braut des Todes werden,
als mit Gattenliebe in Deinen Armen wieder einmal himmlische Wonne geniessen. -
Nicht wahr, Friz, himmlische Wonne? - Gott! Wenn ich so wie glühendes Feuer an
Deiner Seite sass, mich fest an Dich andrükte, mit einer Kraft, die die liebe
Mutter-Natur bloss dem Weib gab, um den rohern Mann einzuwiegen in tausendfältige
Wollust; und wie Du dann auch wollüstig zu schwärmen lehrtest, wie Du fluchtest
über die abscheulichen sinnlichen Kreaturen die die Männer bloss viehisch zu
reizen wissen. - Wie langsam, wie mechanisch, wie roh, wie sinnlos Dir die
Augenblicke bei andern Bekanntschaften vorbeistrichen, und wie wir beide
hingegen alle erdenkliche Wollust in Wiz und Guterzigkeit einzukleiden wussten.
Wie jede Tändelei Deine Seele zur Dankbarkeit leitete und wir dann alles so
harmonisch zusammen fühlten, dass wir glaubten eine Welt vergienge uns! - Wie
jeder Deiner Küsse mich durch und durch entzükte, wie Deine feurige
Einbildungskraft die Wollust zu verlängern wusste! - Nein, ich darf sie nicht
mehr zurückrufen diese Augenblicke der seltensten Liebe, oder ich höre auf zu
sein! ... - Mit Gewalt will ich davon abbrechen, oder ich verliere heute noch
meinen Verstand ...
                                                                         Abends.
Mein Blut hat sich in etwas gelegt, aber Wehmut und zitternde Erwartung der
morgenden Post ist an die Stelle der brausenden Wildheit getretten. - Man klopft
an die Treppentüre. Grosser Gott! - Was soll das? - Ein Offizier! - - Jesus, was
will der? - - - - Die L... führt ihn in's Vorzimmer .... Röschen spricht mit ihm
.... Gott, was mag es sein? - - Horch! ... O dem Himmel sei Dank, es ist nichts,
als eine verdammte Kühnheit, womit er sich in's Haus drang; er bediente sich
einer Lüge zur Ausrede, aber wurde von Röschen und der Hauswirtinn tüchtig
abgefertigt. - Wärst Du bei mir, so etwas geschähe mir nie wieder. - - Gute
Nacht Friz! -
                                                                   In der Frühe.
Ich habe die ganze Nacht vor ängstlichen Träumen wieder nicht schlafen können. -
Röschen ist auf die Post; barmherziger Gott, wenn sie keinen Brief brächte! - O
mein armes Herz, es zerspringt fast! - Bei Gott, ich unterliege, wenn diese
Ungewissheit nicht bald ihr Ende erreicht! - Mein Kopf schwindelt völlig ...
    Nun Gott sei ewiger Dank! - Röschen brachte mir Deinen zweiten Brief seit
Deiner Abreise von R... Aber um aller Welt willen warum schreibst Du denn nicht
alle Posttage? - Weist Du denn nicht, dass die Post viermal wochentlich abgeht? -
Störe nicht ferner durch Nachlässigkeit meine Seelenruhe! - -
                                                                           Nina.
 
                                  LXXXI. Brief
                                                        F... den 22ten November.
Teurer, guter, lieber Friz! - Heute ist wieder Posttag und warum denn keinen
Brief von Dir? - Ist es möglich, dass Du mit schreiben zögerst? - - Erhalte ich
in Zukunft nicht jeden Posttag Briefe, nun dann trag diese martervolle
Ungewissheit wer da will, ich kann sie gewis nicht mehr ertragen! - Der Kummer
hat mich ohnehin wieder aufs Krankenbett geworfen und meine Augen sind vom
Weinen halb blind. Kaum würdest Du mich mehr seit unserer lezten Unterredung
kennen, bei den heiligsten Gatten- und Vaterpflichten beschwöre ich Dich, zögere
nicht über die bestimmten drei Wochen, sonst findest Du mich im Sarg! - Du musst
von meiner Empfindsamkeit nicht zu viel fodern, sie könnte auf einmal
überschnappen! - Mache jezt mit allen Kräften Unmöglichkeiten möglich! Jede
Stunde Aufschub ist eine Mordtat an Deinem Kinde! - O des Leichtsinnigen, der
wegen einigen Familien-Hindernissen das Leben zweier unschuldigen Geschöpfe
aufopfert! - Liebte ich Dich nicht mehr als mein Leben? - War mir nicht dieses
Leben um Dich feil? - O ich wäre bald aufgelegt Dir blutige Vorwürfe zu machen!
- Wenigstens will ich Dir doch die Abnahme meiner Gesundheit berichten, damit Du
Dich darnach richten kannst. - Deine eignen Leiden mögen stark sein, aber gegen
die meinigen ein Schatten, Du hast Männerkraft, und ich Weiberschwäche, Du hast
vorübereilende Affekten, und ich anhaltende. - Glaube nicht, dass ich Dich durch
Schrekkenbilder lokken will, es ist Wahrheit; komm, oder Du findest mich in den
kalten Armen des Todes!!! -
    Ha, Friz! - Lass mich Dir nicht fluchen! - Schon oft dachte ich Dich
fühlloser als mich, aber gleich bat ich Dir wieder diese Beleidigung ab. - -
    O lass mich wieder in Deine Nachbarschaft ziehen, wenn es eine Unmöglichkeit
ist Deine Geschäften zu enden. Unter dem Dach in einem Winkelchen will ich mein
Quartier aufschlagen, dann wohne ich doch nahe bei Dir, und kann Dich doch im
Notfalle zu Fuss besuchen.
    Ja, ja, Friz, zu Fuss, zu so etwas wäre ich auch mitten im Winter im Stande.
- Meine Wirtsleute können nicht begreifen, dass ich mir jede Unterhaltung
versage. - Alles ist ausser Dir für mich todt!!! - Lies folgenden kleinen Aufsaz,
denn ich wieder im Gram verfertigte. - -
                 Empfindungen bei der Erwartung meines Gatten.
O gewis, mein Gatte, werden die Abschiedstränen Deiner Eltern und Verwandten
heisser brennen als meine abwesenden. - Ha! - Mein Friz! - Vergiss die jammernde
Stimme Deines Weibes nicht! - Lass Dein Ohr bei der Stimme des Bluts auch für
meinen Jammer offen! - Sieh Dich um, wenn Dich Deine Leute umringen, sieh Dich
um, Du wirst in einer Ekke des Zimmers Dein armes, blasses Weib sehen, Du wirst
sehen, wie sie ihre Hände ringt, Du wirst sehen, wie sie laut weint und zitternd
den Ausgang Deines Kampfes abwartet! - Du wirst sehen, wie Tod und Verzweiflung
auf ihrem Gesichte ruht, Du wirst sehen, wie sie hinsinken wird in Sinnlosigkeit
über die ausgestandenen Leiden der Trennung! - Friz! - Solltest Du Dein Kind und
seine Mutter vergessen können? - - Sollten es Deine eigennüzzigen, boshaften
Eltern so weit bringen, dass sie mit Heuchelei über Dein Herz Meister würden? - -
Sollten sie mich hinlänglich anschwärzen können, dass Du Dich meiner vor ihren
feindseligen Augen schämen müsstest? - O Gott! - Gott! - - Was ist ein Weib, wenn
sie unter die Hände der Verläumdung gerät? - - Mutter und Kind sind für Dich
verloren, wenn Du je wanken könntest!!! - -
                                                                         Abends.
Ich könnte kein Auge zuschliessen, ohne mit Dir noch über Verschiedenes zu
sprechen. Es würde mich Meineid dünken, wenn ich mich jezt auf die faule Haut
legte, da Du indessen mit Schweis auf der Stirne an mich denkest. O mein Gatte! -
mein Gatte, was wäre ich ohne Dich? - Denke einmal, wer würde sich in B...
meiner erbarmen, wenn Dir etwas begegnete? - Wer würde mir schreiben? - Niemand,
weil ich keiner Seele meine Lage anvertrauen dürfte. -
    Aber so gewis, als Gott im Himmel ist, erhalte ich in Zukunft drei Posttäge
lang keine Briefe, so können mich die dummen Bigotten den vierten Posttag
hinschleppen lassen an den Ort, der nach ihrem lieblosen Urteil für Verdammte
bestimmt ist. - O der Verdammungswut, mit der man Unglückliche verfolgt, denen
es auf dieser Welt zu eng wurde! Dieses höllische Vorurteil ist gewis von
keinem Liebekranken erfunden worden!
    Weist Du auch lieber Friz, dass ich jezt im ganzen Hause allein bin? -
Röschen ist mit den Wirtsleuten zum Tanz; um mich herum ist jezt niemand als
meine finstere Schwermut und Deine Liebe ... Man läutet gerade zu einem
Leichenbegängnis, noch ist es das meinige nicht, noch muss er sich herumwälzen
dieser brechende Körper, bis seine Stunde kömmt, wo er zur Ruhe hineilen kann.
Ha! - Und diese Stunde, wenn wird sie kommen? - - Wenn wird er reissen der Faden
dieses elenden Gewebes? - - O wie die kalten Menschen meiner Schwärmerei
spotten, wie sie lachen über mein Elend, wie sie es Narrheit heissen, und doch
legte diese Anlage der Allmächtige in mich! - Und doch wohnt diese Anlage tief
in meiner Seele! - -
    Deine Liebe gab meiner Schwermut den Ausbruch, ich war immer sanft,
gedultig und mit hinlänglicher Vernunft versehen, aber jezt ist alles hin, alles
weg! - Ha! - Unüberlegter Jüngling! - Warum riefst Du ein Weib zum gränzenlosen
Elend empor, wenn Du es nicht erleichtern kannst? - Warum liessest Du mich nicht
in meinem fühllosen Zustande, worinnen ich mit Allen schäkkerte und für keinen
Liebe fühlte? - Wie klein waren die Freuden meiner Liebe, und wie viel steht mir
noch bevor, ehe sie mir wieder werden. - Siehst Du, wie unermüdet ich über
unsere Liebe nachdenke? - Glaubst Du nicht, dass mir dies viele Nachhängen den
Kopf wirbeln macht? -
    Wenn in Dir Gram aufsteigt, so fängst Du an zu trillern oder Tabak zu
rauchen, und dann bist Du wieder zufrieden. - Aber ich Aermste, ich Elende, ich
Verlassne habe keine Erleichterung! - Ich kann nicht anders, ich muss denken, ich
muss nachhängen. Vielleicht dreht sich mein. Kopf bald zur Sinnlosigkeit, und
dann wird mir wohl werden. - Weist Du noch, wie ich krank war? - Weist Du noch?
- O Du warst von Anfang hart gegen mich, aber hernach, wie viel hast Du für mich
getan? Ich werde es Dir wohl nicht vergelten können. - Hättest Du mich sterben
lassen, Allzusorgfältiger, so wäre ich jezt allem überhoben. - Mein Kopf, mein
Kopf, ist heute Abend nicht wie er sein soll! - Ich muss zu Bette, Gott erhalte
Dich, vielleicht wird es hernach leichter um's Herz!!! - Gott stehe mir bei ....
                                                              Den andern Morgen.
Friz! - Fast glaubte ich dass dies die lezte Nacht meines Lebens sein würde! -
Die Angst trieb mich hin und her, kein Mensch im ganzen Hause konnte vor mir des
Schlafes geniessen. - Dreimal war ich im Begriff die Last meines Lebens zu enden,
und dreimal hinderten mich die allzugefälligen Geschöpfe daran. -
    Dass sich doch Fremde in meinen Zustand mischen wollen, dass sie mich gefangen
halten und dem Drang meiner Leidenschaften nicht Luft lassen wollen! Wissen denn
die ruhigen Klözze nicht, dass dies Leben für mich keinen Reiz mehr hat? - -
Wissen sie nicht, dass mich das Schiksal ganz gewis von Dir trennen wird, und dass
ich es ohne Dich nicht mehr länger aushalten will? - - Und doch unterstehen sich
diese Menschen, mir unwahrscheinliche Trostgründe vorzulügen! - - Duldete ich
nicht schon lange genug? - Habe ich Dir nicht eine Zeiter die schröklichsten
Briefe ohne Erfolg geschrieben? - Und was waren Deine Trostgründe? - Leere
Versprechungen und Aufschub! - - Die Leute sagen, wer vom Selbstmord spricht,
ist weit davon entfernt, und ich hingegen sage euch, ihr Vernünftler, was lange
in der Einbildung kocht, kocht nicht umsonst. -
    Wenn vom Unglücklichen alle Hoffnung weicht, wenn alle seine Aussichten
schwinden, wenn sein Schiksal hartnäkkig bleibt, wenn die Menschen wie Teufeln
an seinem Untergange arbeiten, wenn Schande, Verachtung, Armut, Verzweiflung
die schönsten Aussichten sind, denen er entgegen sieht, wenn die ganze Natur für
ihn Barbarei atmet, wenn leidenschaftliche, unbefriedigte Liebe sein Herz
zusammendrükt, wenn Sehnsucht, getäuschte Erwartung und Ungewissheit seine kranke
Seele in die Enge treiben, wenn Alles, Alles, auf den Unglücklichen losstürmt,
warum sollte er nicht mit Lebhaftigkeit nach Erleichterung haschen? - - O mein
Kopf! - Er ist siedend, brennendheiss, Gatte, Herzens-Gatte! - Hast Du mir heute
wieder nicht geschrieben? - - - - Ich muss nachsehen lassen. - Röschen! -
Geschwind, fort auf die Post! - Fort sag ich Zauderinn! - Und bringt sie mir
nichts ... auch gut! ...
                                    Röschen.
Aber Madame, vorhin waren Sie so wild und jezt so gleichgültig? - Jesus! -
Jesus! Was fehlt Ihnen wieder? - - Ich gehe nicht fort, ich verlasse Sie nicht,
bis Sie mir versprechen ruhig zu sein. -
Elende Schwäzzerinn, weg von mir, ich will allein sein! - Lass sie mich in Ruhe,
oder .....
                                    Röschen.
Um Gotteswillen, Madame L.... kommen Sie doch zu meiner kranken Frau, eher gehe
ich nicht auf die Post! -
Horch! - Da steht ja etwas! - Hu! - Ein langer, hagerer, abscheulicher Mann!!! -
Ein Todtengerippe, das dem meinigen gleicht! - Weg Friz! - Weg! - Du gehörst
nicht mehr zu mir! - Siehst Du, wie der Henker der Mutter Deines Kindes die
Ketten anlegt!!! - Siehst Du, wie der Pöbel sich hinzudrängt und mir den
Braut-Kranz auf's Schaffot trägt, wie mir ihn Deine Verwandten vom Kopf reissen!
- - Ha! - Blut! - Blut! - von Deinem Weibe sprüzt auf die Erde! - Stille,
stille! Wer kömmt? - - Was will die Kreatur vor meinem Bette mit ihren weinenden
Augen? - Mädchen, Ha! - Mädchen, bringst Du mir keine Briefe? - ......... nicht?
- - nicht? ... Weh dem Verräter! - Weh seinem Kinde! - Weh mir! - Und du noch
ungebornes Wesen unter meinem Herzen du sollst nicht reif werden zur Schande,
zur Verfolgung, du sollst Deiner Mutter nicht fluchen, Du sollst mich bei Deiner
Geburt nicht ängstigen mit dem Andenken über Dein künftiges Schiksal, du sollst
deines Vaters Bruder nicht kennen lernen, der deine Mutter aus Vorurteil
mordete. - Sei nur ruhig, Kind des Kummers, sei nur ruhig, ich will dich mit mir
abreissen von einem Leben, das dich und mich zur langsamen Verzweiflung bestimmt
hat! - Mutig will ich mein wallendes Blut mit Gift abkühlen, entschlossen die
Stunde meiner Auflösung herbeirufen, gleichgültig von deinem untätigen Vater
Abschied nehmen, er besizt Reize genug zu einer neuen Eroberung. -
    Dass mir doch die Hauswirtinn nicht von der Seite geht! - So unverschämt
zudringlich sollte sie doch wohl nicht sein! - Auch meine Kammerzofe heult dort
in einem Winkel ... Heult nur, ich will euch doch überlisten, bei meiner wilden
ungewöhnlichen Harterzigkeit, ich will euch doch überlisten! -
                                                                     Nach Tisch.
Endlich wird es doch bei mir bald ruhig werden an Seel und Leib! - Alles ist
ohnehin für mich verloren, ich habe keinen Gatten, keinen Vater zu meinem Kinde
mehr! - Hier spotten mich seine Nebenbuhler und seine Verwandten, dort ergreift
mich die Armut, hier droht mir Schande und Verachtung, dort öffnet sich das
Verderben, hier weint mein Kind aus Elend, dort liegt sein Vater aus Vorurteil
an Ketten, hier verfolgt mich der harterzige Bruder, dort kommen die Diener der
Gerechtigkeit um mich in's Gefängnis zu schleppen! - Haltet ein, ihr Unmenschen!
- Ich weis aus Liebe der Schande zu entrinnen .... Komm barmherziger Trank, ich
will Dich zubereiten ... In dir liegt Rettung, in dir liegt Auflösung von der
Menschheit, du sollst mich gelinde abstreifen von allem Elend, du sollst ....
                                    Röschen.
Madame! - Madame! - -
Weg Schlange! - Weg Dirne, warum störtest du mich! - -
                                    Röschen.
Grosser Gott! - Was machen Sie da? - Was ist in diesem Glas? - Her damit! - Gott
und alle Heiligen, her damit! - - O sagen Sie mir um Gotteswillen was darinnen
ist! - -
Wasser und Zukker, sonst nichts. -
                                    Röschen.
Heiliger Gott! - Ich glaube gar es ist Gift! - Um Gottes Barmherzigkeit willen,
Madame, erholen Sie sich doch! - Hören Sie mich! - Wachen Sie auf von ihrer
Betäubung, fassen Sie sich! - Auf meinen Knieen bitte ich Sie darum!!! - Madame
kennen Sie mich nicht mehr? - - Hören Sie doch, hören Sie doch! - Da sind Briefe
von ihrem Gatten! -
Was? - Was? - Briefe von meinem Friz? - Du lügst! ... Nein du lügst bei Gott
nicht! - - Her damit, her! - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
-
    Hier lieg ich auf meinen Knieen, allgewaltige Vorsehung! - Hier im Staube
will ich meinen Frevel an dir abbüssen! - Hier liegt die Sünderinn, die an deiner
Güte zweifelte! - Grosser, allmächtiger Gott! - Blikke herab mit Barmherzigkeit
auf meine Reue! - Lass sie zu dir dringen diese heissen Tränen der Beschämung! -
Strafe nicht mein geringes Zutrauen in deine weise Güte! - Schon stund ich
doppelte Mörderinn am Rande des Grabes, schon vergas ich Natur, Mutter,
Gattenpflicht und Religion, als du gütiger Vater im Himmel mir im nämlichen
Augenblicke Rettung schiktest! - Ewig, ewig sei deine unendliche Barmherzigkeit
gepriesen!!! - O meine Kräften ... wie wird mir? ... Diese Ueberraschung! ...
Dieser Uebergang! ... Ich fühle Schauder ... Hizze ... meine Augen verdunkeln
sich ... ich kann nicht mehr ... sei mir gnädig ... o Ewiger ...!
                                                         Einige Stunden darnach.
Meine Ohnmacht ist vorbei, o mein Friz, o mein Gatte, vergieb mir, der
Welt-Heiland hat mir auch vergeben! - Kannst Du Dich jezt entschliessen, mit
einer Verworfenen zu leben, die es wagte sich zur Selbstmörderinn zu
erniedrigen? - - Kann Dich meine blutige Reue besänftigen über den ehrvergessnen
Undank, den ich am Schöpfer, an Dir, an Deinem Kinde begieng? - - Friz, auf
meinen Knieen bitte ich Dich um Verzeihung! - Stosse die Arme nicht von Dir, die
aus Verzweiflung an keine Vorsehung mehr glaubte. Vergieb ihr, vergieb ihr um
der Unschuld willen, die sie unter ihrem Herzen trägt! - Darf ich hoffen? - Darf
ich? - - - Bei Gott, Friz, Du hast mir in diesem Augenblick vergeben, dass sagt
mir eine höhere simpatetische Macht! - Das sagt mir mein Herz, meine Ahndung! -
-
    O meine Empfindungen öffnen sich der Freude wieder, ich kann ihn jezt fassen,
den Gedanken dieser plözlichen glücklichen Veränderung! - So fieberhaft auch
immer mein Puls noch schlägt, so bin ich doch noch stark genug, um über die gute
Nachricht nachzudenken, die Du mir gabst. - So sind wir denn auf einmal
glücklich! - Unsere Familie versöhnt ... Schark abwesend! - Und ich in vier und
zwanzig Stunden in Deinen Armen! - Ja, Friz, gewis in Deinen Armen! - - -
    Die Post steht vor der Türe, ich werfe mich krank in den Wagen, Du magst
ihr entgegen eilen Deiner Nina, Du magst Dein Weib vor der Welt öffentlich an
Dein Herz drükken, Du magst den grossen, barmherzigen Weltbeherrscher ewig ewig,
mit mir verehren, Du magst Dein Kind lehren seine Allmacht preisen, die Tränen
seiner Nebenmenschen tröknen und nie an der göttlichen Vorsicht zweifeln! - - -
                                                                           Nina.
 
                                    Fussnoten
1 Um das Auge und Ohr nicht zu beleidigen hat man die erbärmliche Ortographie
dieses Briefes berichtigt. - -
 
    