
        
                                Marianne Ehrmann
                                     Amalie
                       Eine wahre Geschichte in Briefen.
                                        
                Von der Verfasserin der Philosophie eines Weibs
                                   Erster Band
                         Vorerrinnerung des Herausgebers.
Feinheit der Gedanken und Leichtigkeit des Ausdruks zeichneten von jeher die
Schriften der Frauenzimmer aus, welche sich zu Selbstdenkerinnen
emporgeschwungen hatten.
    Auch diese Briefe tragen das Gepräge dieses karakteristischen Kennzeichens
an sich, woran die Leser und Leserinnen der Geschichte Amaliens leicht das
Frauenzimmer erkennen werden, das ihnen durch ihre so liebenswürdige Philosophie
schon allzuwol bekannt sein wird, als dass ich nötig hätte, meiner wenigen
Beredsamkeit aufzubieten, um ihr Lobredner zu werden.
    Das edle, jedem Wohlwollen offne Herz, der ausgebildete Verstand, der
muntre, kühne Wiz dieser Denkerin, bedarf keiner Empfehlung an alle Die, welche
Tugend und Geistesfähigkeiten zu schäzzen wissen; aber Schade ist es, dass bisher
die Talenten dieser liebenswürdigen Schriftstellerin nicht allgemeiner bekannt
geworden sind; da doch so manches Frauenzimmer im lieben Deutschland auf den
Flügeln wohlwollender Freude zum Tempel des Ruhms emporgetragen wird, welcher
vielleicht selbst vor der Höhe schwindelt!
    Warum sollte es nicht Pflicht sein, im Verborgenen schimmernde Talenten
hervor ans Licht zu ziehen, damit auch Andre sich drob freuen, sich daran laben
können; - damit sie blühen, diese verkannte Talenten, und Früchten tragen mögen
zum Vorteile der Gesellschaft? -
    Einen kleinen Teil dieser Pflicht glaube ich nach meinem wenigen Vermögen
zu erfüllen, indem ich dem Publikum dies Werkchen vorlege, dessen unverkennbare
Schönheiten das Zischen des Neides überstimmen werden, der so selten den
Verdiensten eines denkenden Frauenzimmers Gerechtigkeit widerfahren lässt!
    Es sind Briefe, die eine im Grunde wahre Geschichte entalten; - Briefe, in
welchen die feinsten Empfindungen mit den edelsten Grundsäzzen verwebt sind; -
Briefe, deren natürlicher, ungeschminkter, launigter Ton, deren warmgefühlte
Ausdrükke, und kühne, vorurteilfreie Schreibart, sich den Lesern ebensowohl,
als das Interessante der Geschichte selbst empfehlen werden.
    Treffende Schilderungen von Situazionen - tiefe Blikke ins menschliche Herz
- launigte Erzählungen - satirische Anmerkungen - kühne Ausfälle auf verjährte
Vorurteile wechseln mit der Sprache des Gefühls und der Leidenschaften ab, die
mit ihren feinsten Schattirungen in diesen Briefen ausgemalt werden.
    Unter die ersten Verdienste dieses Werkchens gehört auch die edle
Freimütigkeit, mit welcher unsre Denkerin die Torheiten bekriegt, und dem
verkappten Laster die Maske vom Gesichte reisst; nicht in heiliges Dunkel
verhüllte Rechte tief eingewurzelter Vorurteile, nicht Furcht vor dem Gekrächze
blödsinniger Dummköpfe hält sie ab, die selbstgefühlte Wahrheit zu denken und zu
schreiben; und jeder Denker wird mit innigem Vergnügen ein Werk lesen, das bloss
ein Kind der Natur ist, und als ein solches ohne künstlichen Wortprunk, ohne
gesuchten Schmuk, ohne Ziererei so geradehin sich jedem Freunde der Aufklärung
empfiehlt, der den Kern nicht über der Schale vergessen, und an pedantischen
Wortklaubereien hängen bleiben wird.
    Wenn man schon gewöhnlich dem schönen Geschlechte das Denken untersagt, weil
es Kopfweh machen soll, so glaube ich doch meine Leser versichern zu dürfen, dass
selbst Männer von geübterem Nachdenken bei der Grösse der Gedanken und
Empfindungen dieser Schriftstellerin staunen, und, wenn ihre Eigenliebe es ihnen
schon verbietet, ihre Früchte des Nachdenkens zu bewundern, doch den stillen
Beifall nicht versagen werden.
    Ich bin zu wenig von den Künsten gedungener Lohntrompeter unterrichtet, als
dass ich es wagen wollte, durch meinen Posaunenton das laute Jubelgeschrei zu
überstimmen, womit so manche, weniger denkende Frauenzimmer von gewissen Leuten
ausgeschrieen werden, deren Stimme auch bei der besten Lunge doch am Ende
heischer wird.
    Ich schweige - dies Werk mag seine Verfasserin selbst empfehlen, und diese
Wirkung wird es auch bei jedem Freunde des Nachdenkens hervorbringen, der
geborgten Wiz von dem eigentümlichen Gedankenschwunge einer Schriftstellerin zu
unterscheiden weis, die ohne auf das Prädikat einer Gelehrten Anspruch zu
machen, vielleicht weiter denkt, als manche von hoher und tiefer Gelehrsamkeit
strozzende Dame.
    Genug davon! - Die Leser dieses Werks werden sicher mit mir darin
übereinstimmen, dass es unverantwortlich wäre, eine Schriftstellerin nicht
aufzumuntern, deren erste Arbeiten uns noch so vieles für die Zukunft erwarten
lassen.
    Aber freilich ist es das gewöhnliche Loos der Frauenzimmer, die sich
erkühnen, ihre Geistesprodukten dem Publikum vorzulegen, dass man ihnen die Ehre,
Verfasserinnen zu sein, rauben will, wenn ihre Arbeiten sich über das
Mittelmässige erheben, und sie mit lautem Spotte belohnt, wenn sie ihre Gedanken
nicht gerade nach der einmal üblichen Form gemodelt haben; wenn ihre Schreibart
nicht eben so fehlerfrei ist, als der Styl des Gelehrten, der seine Jugendjahre
mit Silbenstechereien zugebracht hat.
    Der Beifall der Denker wird der Verfasserin dieses Werks Reiz genug sein,
auch fernerhin der Lesewelt ihre Arbeiten aufzutischen.
    Mehr darf ich izt nicht sagen, und ich glaube schon zu viel gesagt zu haben,
als dass ich mich nicht gefasst machen sollte, mich mit den Abgesandten des Neides
recht schriftstellerisch herumzubalgen, die wohl nicht unterlassen werden, auch
dies Werk mit ihrem Gifte zu besudeln.
    Für alle Andere bedarf es keiner Empfehlung, es empfiehlt sich selbst; und
ich befürchte den Unwillen der Leser auf mich gezogen zu haben, da ich sie durch
meine geschwäzzige Vorrede so lange von der Lektur des Werkes selbst abhielt.
Im Dezember 1787.
                                                                        T. F. E.
 
                                    I. Brief
                                Amalie an Fanny
                           Besste teuerste Freundin!
Wenn Du jenes guterzige Mädchen bist, so öffne deinen Busen meinem Kummer. Seit
einer Stunde! - Gott im Himmel! - Seit einer Stunde ist meine Mutter todt! -
Diese teure, für mich so gütige Freundin ist nicht mehr! - O, fühle, wenn Du
kannst, die Last dieses Schmerzens! Aber Du kannst unmöglich das mit mir fühlen,
denn Du verlorst keine Mutter, keine Führerin, keine Beschüzzerin, wie ich! O
Mutter! Mutter! Könnten Dich meine Tränen zurückrufen! Könntest Du sehen, wie
dieser Verlust in mir tobt; wie er mir hineingreift in das Innerste meiner
Seele; wie es mich drückt, dieses Andenken; wie es mich ängstigt; meine Leiden
spannen sich auf den höchsten Grad der schwarzen Schwermut! - O Fanny! Sage mir
doch nie wieder, dass Entusiasmus die Menschen glücklich mache! Matt und ohne
Tränen überdenke ich meine Lage, finde nirgends Trost, und ausser deinem Busen
scheint mir alles hart und unbarmherzig! Die Menschen sagen immer, Luft müsse man
sich machen und seinen Brokken Elend wegseufzen. - Gut wäre dies - für mich
besonders gut! Aber sind doch die meisten Menschen zum wahren Anteil so
ungeschikt, so hölzern! - Doch Du, meine Freundin, bist keine von diesen, Du
bist nicht von der Alltagsgattung, dein Gefühl ist fein genug, um mich zu
verstehen. O! ich erinnere mich noch recht gut, wie sich deine Tränen mit den
meinigen mischten. Und wenn ich dann gleichwohl diese Tränen unter stärkern
Herzensstössen herausweinte, so war mein Weinen doch nicht so bitter, weil Du
mitweintest. Wahrhaftig es rollt diesen Augenblick etwas feuchtes aufs Papier! -
o, Gott sei Dank, es ist eine Träne! Jezt kommen sie, diese Erleichterungen
meines schweren Herzens; ich will sie zu tausenden wegschluchzen, und dann sez
ich meinen Brief weiter fort. - Um etwas ist es mir jezt leichter, doch freilich
ist dieses Etwas nur wenig. Glaube mir, Fanny! auch bei kälterem Blute scheint
mir der Verlust meiner Mutter grässlich! Alles erinnert mich augenbliklich daran.
Die Leere in unsern Zimmern, der Mangel meiner Mutter in allen Anlässen, ihre
müssigen Kleidungsstükke! - Gott! Gott! ich habe sie verloren, sie kömmt nicht
wieder, meine innigstgeliebte Mutter! Bis izt war ihr Tod für mich bloss ein
halbwahrer, dumpfer Gedanke, mein Gehirn war zu heiss, um seiner Ursache
nachzudenken; aber jezt, liebe Mutter, erinnere ich mich, dass Unglück und
Misvergnügen deine Mörder waren! Die Blüte deiner Jahre ist doch ein zu teurer
Preis! - Nicht wahr, Fanny, Du kennst die Güte meines Vaters? Wehe uns armen
Kindern, wenn sein verheirateter Bruder fortfährt, auf den Sturz unsers Hauses
anzutragen! Er ist ein verschwenderischer Heuchler, und mein Vater ist zu gut
und zu leichtgläubig. Welch eine gefährliche Gabe ist doch ein gutes Herz! Wie
oft muss es sich tretten lassen, und wie wenig bindet es sich an Erfahrung!
Selten entwischt ein zu gutes Herz der Gefahr betrogen zu werden, und wenn es
ihr entwischt, so wirkt eigner Unwille kontrastmässig auf seinen Hang zur
verschwenderischen Guteit; immer wird so ein Herz von Bösewichtern umgeben und
bezaubert, und ehe sich der Betrug sonnenklar entwikkelt, bleibt solch ein Herz
gewis hartnäkkig gut. Lebe wohl, gutes, liebes Mädchen, und bedaure deine arme
                                                                         Amalie.
 
                                   II. Brief
                                Amalie an Fanny
                             Meine Besste, Liebste!
Weist Du es wohl, dass der denkende Mensch weit mehr leidet, als der
nichtdenkende? Der lezte fühlt weiter nichts als den ersten Streich des Unglücks,
aber der erstre den ganzen Wiederhall. Die Grade unsres Gefühls misst unsre
Einbildungskraft ab, und wo der Tiefsinn mehr oder minder wirkt, da drükt er
mehr oder weniger. - Enge Köpfe und steife Herzen sind arme, aber ruhige
Geschenke. Das ist nun richtig, dass auch mit meiner Einbildung mein Kummer
wächst. Jener unersättliche Oheim reisst unser Vermögen mit Riesenmacht ins
Verderben. Vater, dacht ich leztin, deine Güte ist Verschwendung, aber keine
lasterhafte Verschwendung, möchte Dich der Himmel entschuldigen! - Weiter würd'
ich noch gedacht haben, aber mein Herz war Wachs, Tränen rollten gewaltig auf
meinen Busen. - Nun Mädchen! jezt wirst Du ausrufen, zu was all dein Jammern?
Hast schon Recht, Fanny! Wenn nur die lokkende Hoffnung kein so elender Trost
wäre, so möcht ich mich an diesen Pfad allein halten; aber sich von dieser
Heuchlerin täuschen, und so oft täuschen lassen, das ist hart! Nicht wahr,
Liebe! Glük und Unglück hat einen gewissen Lauf, und wen das leztre schlägt, der
hat Stärke nötig, seine Streiche auszuhalten? Denn es ist eine so hartnäkkige
Schlange, die sich von einem Gliede zum andern windet, überall den Elenden
verwundet und doch nicht tödtet. Wenn für mich eine so lange Reihe von Martern
bestimmt wäre! - - Wie ich mich doch so eigensinnig in die Zukunft drängen
möchte! Das Hineingukken ist eine Plage, die der melancholische Mensch überall
mit sich schleppt; klein und rasch sind seine Erholungen, aber anhaltend und
schwarz seine darauffolgende Leiden. O Fanny! mein Vater scheint gebeugt, und
ich bin zu blöde, um ihm seinen Kummer abzuzärteln. Ich möchte ihm kein
Geständnis ablokken, das ihm hart ankäme. Ach Mutter! - Warum bist Du hin, für
uns alle hin? Mädchen! mir ahndet, und meine Ahndung ist gewis nicht ohne Grund.
Mein Vater stekt in Schulden, und die rohen Menschen gaben ihm nur wenige Wochen
Termin. Kein Ausweg ist vorhanden, keine nahe Rettung lässt sich blikken. Gott!
wir sind im Elend!
                                                                         Amalie.
 
                                   III. Brief
                                Fanny an Amalie
                          Liebe unglückliche Freundin!
Wenn es Mittel gäbe, einen so tiefen Gram, wie der deinige ist, zu lindern, dann
hätt ich Dich gewis nicht so lange warten lassen, was hätt ich Dir wohl mitten
in deinem Jammer sagen sollen? Es gehört eine gewisse Kunst dazu, Unglückliche zu
trösten, und Du sagtest mir schon selbst, dass ich hiezu sehr ungeschikt wäre.
Ich habe Dich also im Innern bedauert und viele stille Tränen für Dich
verweint. Wenn ich schon nicht, wie Du, alles exzessmässig fühle, so fühle ich
doch gewis tief, sehr tief. Tröste Dich, besste Amalie, tröste Dich über den
Verlust deiner Mutter, überdenke das menschliche Schiksal, und sieh zu, ob
dieses Opfer nicht eine Folge der Menschlichkeit sei? Wahr ist es, die Natur
empört sich, wenn ein so teurer Teil sich in Nichts verwandelt, wenn es aber
so sein will, so sein muss, warum soll denn ein Mensch gegen eine unabänderliche
Bestimmung rasen? Ja, Freundin! Entusiasmus macht glücklich, wenn er nicht
überstimmt wird, und Du besonders, liebes Kind! Du räumst ihm nur im Tragischen
einen Platz ein; deine Einbildung wird mehr dein Tirann als dein Wohltäter.
Besstes Mädchen, suche Dich gelassener zu stimmen; vielleicht ist es noch Zeit,
wenn Du anders deine Heftigkeit nicht schon zu stark gezögelt hast. Und dann,
meine Liebe, wo ist dein Zutrauen auf die Vorsicht? Willst Du nicht lernen gross
denken und im Elend sich fest an Den halten, der die Tränen der Unglücklichen zu
belohnen weis; an Den, der uns retten kann, wenn wir es verdienen gerettet zu
sein? Dein Vater, Du und deine Schwester sind bedaurungswürdig. Es ist eine
grausame Gabe um ein gutes Herz; es lässt sich so leicht bis zum Leichtsinn
heruntertäuschen. Doch, liebes Mädchen, es ist einmal dein Vater; ehre seine
Würde und beweine seine Handlungen. Ich kenne dein Herz, besste Amalie, es ist so
edel gestimmt, es schlägt so rein, glaube deiner Freundin, es kann nicht
unbelohnt bleiben. - Nein es kann nicht! Gutes Mädchen! Wie edel ist nicht dein
Kummer über einen innerlichen Vorwurf deines Vaters! Du duldest so viel, und
bist doch noch so sanft, so äusserst guterzig. Amalie! Dein Gefühl hat einen
Wert, der sich nicht bestimmen lässt, weil es so selten unter Kindern zu finden
ist. All dein Unglück muss Dich doch weniger drükken, wenn Du denkst, mein Herz
verehrt ihn dennoch, Den - der mir das Leben gab. Fahre fort, Freundin, so zu
handeln, ich will Dich ewig verehren und nie aufhören zu sein, deine teuerste
                                                                          Fanny.
 
                                   IV. Brief
                                    An Fanny
                                Teures Mädchen!
Was mit uns vorgeht, verdient aller Menschen Mitleid. Mein Vater weint, und
seine Tochter badet sich in seinen Tränen. Die fühllosen Gläubiger! Die
garstigen Menschen! Ich weis es freilich schon, dass die bestimmte Zeit vorbei
ist. Man schreit um Geld, und Freunde entfernen sich. Welch ein Anblik! - Wie
barbarisch muss der Vorwurf an meines Vaters Herzen nagen! Seine Liebkosungen
gleichen einer freudigen Verzweiflung. Er flieht mich zuweilen! - Ja, ja, er
flieht! Ha! - Das schröklichste, was er mir tun kann! Du gütige, sanfte Stimme
des Bluts, häng dich an ihn, reiss ihn mit Gewalt an den Busen seiner Tochter
hin, lass es ihm nicht fühlen, lass ihm seine Schuld nicht fühlen! Man sagt mir,
er würde seinen Aufentalt ändern, wenn es wahr wäre! wenn er sich von seinem
Bruder losrisse! wenn er es täte! - O Gott! leite sein Herz! Wie gerne, wie
warm, wie zärtlich sollte er von mir seine Tage verlängern sehen! Sein Alter
wäre für mich ein Heiligtum, dass ich ohne Aufhören küssen und verehren würde.
Mit der sorgfältigsten Aufmerksamkeit würde ich seiner pflegen, dem
unbedeutendsten seiner Wünsche zuvorkommen, um ihn der möglichsten Ruhe geniessen
zu lassen. Kein Elend dürfte sich zu unserer Oekonomie drängen; ich würde eine
gute Hausmutter machen, alles so mässig einzurichten suchen als möglich, nicht
prahlen und doch glücklich sein. Sein gutes Herz würd ich geizig an mich ziehen,
und sein Bruder sollt und könnt es sodann nicht weiter aussaugen. Ich würde ihn
aufzuraffen suchen, und mitten im mutwilligsten Scherze wollt' ich ihm
Freudentränen ablokken, ihm um den Hals fallen und sagen: Vater! wir sind so
glücklich! - - Wie gefällt Dir mein Ideal? meinst Du wohl, dass es wahr werden
könnte? Du glaubst nicht, was ich mir oft für himmlische Situazionen zu schaffen
weis? O wenn doch nur einige wahr würden! Wie leicht lies sich hernach aller
Gram wegdenken! Lebe wohl, und sei meiner Zärtlichkeit gewis.
                                                                         Amalie.
 
                                    V. Brief
                                    An Fanny
Liebe, gute Fanny! unsre Abreise ist nach Verfluss einiger Tage festgesezt. Freue
Dich! Das ist nun seit zwei Jahren der erste Brief, den ich Dir mit leichtem
Herzen schreibe. Mein Gefühl ist also der Freude noch offen? Aber wenn mein
Ausschnaufen nur ein Anschein von Erholung wäre, und wenn sich alles das bald
wieder ins Trübe zöge! Unglückliche sind doch gegen alles mistrauisch! - Mein
Vater überliess einen Teil seiner Güter den Gläubigern, und der Ueberrest ist
für seine noch übrigen Tage bestimmt! Klein und rasch ist diese Erholung! Doch,
wenn er sich von diesem Wuste losreisst, so kann uns kein hülfloses Elend drohen.
Glüklicher Entschluss, der Himmel hat dich gezeugt! Jezt scheint mir der gute
Mann nicht mehr so finster, seine Zärtlichkeit wirkt übernatürlich auf mein
Herz. Er zürnt nicht mehr, und fährt mich auch nicht mehr so hizig an. Wenn
schon mein ganzes Wesen ihm zu lebhaft scheint, so lächelt er und zankt nicht.
Mich dünkt es, als ob er sich über meine Haspelei freute, und, wenn ich mich
nicht irre, so sieht er meine Lebhaftigkeit für eine gute Grundlage an. Mehrmal
nennt er mich einen kleinen Husar, und ich säume gar nicht, diesen Namen zu
verdienen. Zu Dir im Vertrauen! Oft dacht ich bei mir selbst: ein wakrer Junge
möchte ich gar zu gerne sein! Das ist ein Wunsch, den ich beständig im Kopf
herumjage und dessen Grund ich kaum angeben kann. Wenn ich mich oft so selber
frage: warum? dann bleibt meine Antwort über dem Zwang unsres Geschlechts
stehen. Kann etwas Unbemerkteres auf der Welt sein, als ein Weibergeschöpf, und
gibt es was Elenderes, wenn sie zu stark bemerkt wird? Sind wir nicht ein
wahres Schlachtopfer eines gewissen Vorurteils, und ist dieses Vorurteil bei
unsrer Erziehung nicht nötig um unsre Eitelkeit zu schrökken und der Männer
Herrschsucht ihr Opfer zu bringen? Das ist doch allerliebst! Was uns zum Laster
angerechnet wird, das ziert ihre Freiheit, und wenn es ihnen gleichwohl keinen
Ruhm macht, so bestraft oder beschnarcht sie doch Niemand darüber, am wenigsten
aber sie sich selber untereinander. Sie reizen uns zu Fehltritten, wir geben
ihnen Gehör, und wenn es alsdann fehlschlägt, so fällt die ganze Last nur auf
uns. Sie nennen uns schwach, und wir sind doch in gewissen Fällen weit stärker
als sie. Ueberhaupt finde ich sie in vielen Stükken äusserst ungerecht, und gäbe
es unter uns nicht so viele leere, hirnlose Puppen, ich würde die erste Rebellin
werden, alle andere zur gesunden Vernunft aufzuhezzen. Dass man uns so fad
erzieht, und dass sich so wenige von uns auszeichnen und zu regieren wissen, das
mag wohl die Ursache eines so strengen Gesezzes sein; und da haben die Männer
Recht. Denn dumme Weiber sind oft aus Notwendigkeit tugendhaft, und gescheide
Weiber schweifen aus Eitelkeit aus. Bei einem andern Anlass ein Mehreres über
diesen Punkt. Gute Nacht, Liebe!
                                                                         Amalie.
 
                                   VI. Brief
                                   An Amalie
Lose Freundin, schon wieder kein Mittelweg! Wie reimen sich wohl deine leztern
Briefe mit den übrigen? - Meine Lage ist anders, also auch andere Briefe: wirst
Du sagen. Ja ja! Aber lauter, lauter Extreme in allen Sachen. Doch um deine
Briefe zu beantworten: Dein Vater hat also seinen Wohnort geändert? Nu, das mag
gut gehen, nur wünscht ich, dass er recht weit wegzöge! Doch was nüzt mein
Wunsch? Es wird doch gehen, wie es gehen muss, und wir Menschen wissen meistens
zum Voraus, dass wir für Nichts wünschen, und doch wünschen wir. Er mag schon
Recht haben, dass in Dir zu viel Feur braust. Mädchen, Mädchen! sieh zu und mach
es mir nach, sonst wirst Du bald stürmischer, als ein junger Bursche; und Du
weisst, wie gram die meisten Geschöpfe bei unsrer Zeit einer Amazonin sind. -
Kleine Närrin! wie kömmst Du auf den Einfall: ich möchte ein Junge sein! Glaubst
Du wohl, dass die Männer so gar vielen Vorzug vor uns haben? Du hast Recht, sie
können freier handeln als wir, aber im Gegenteil setzen sie sich auch mehreren
Zufällen aus. Ihr Leben steht bei ihnen beständig auf der Waagschale; ein
Streit, ein Krieg - und weg ist es. Es ist nun einmal so eingeführt, dass wir auf
dieser Weltbühne als zerschiedene Geschöpfe agiren müssen. Kann es wohl anders
sein? Man legt uns Zwang an; aber es gibt würdige Weiber, für die kein Zwang
bestimmt ist; Zwang ist nur für armselige, blöde, widerspenstige Weiber, die
sich an Kleinigkeiten binden und grosse Pflichten verabsäumen, weil sie in allen
Stükken aus Dummheit maschinenmässig nachhandeln müssen. Ein ungebildetes Weib ist
das schlimmste Geschöpf auf Erden; ein Ding, dass der Menschheit zur Last
herumwandelt; ein Geschöpf voll Eigensinn und Hochmut; eine Kreatur, die alles,
was um sie ist, fast zu Tode martert. Wenn ein Weib boshaft ist, so ist sie es
in einem Grade, wozu kein Mann gelangen kann. Siehst Du, Freundin, so ist unser
Geschlecht bestellt. Glaubst Du also wohl, dass solche Geschöpfe keinen Zwang
nötig haben? Was würde wohl aus einer menschlichen Gesellschaft werden, wenn
man einen solchen Haufen (denn auszeichnen tun sich nicht viele) wenn man sie
nach ihrer blöden Einsicht und ihrer Dummheit angemessen handeln liesse? - Meine
Amalie! es ist so schon recht! bleib du immer ein Mädchen, kannst dessentwegen
doch männlich denken! Lebe wohl und schlafe wohl!
                                                                          Fanny.
 
                                   VII. Brief
                                    An Fanny
Das Abschiednehmen ist doch eine unnüzze aber traurige Sache. Liebe hat bis
daher von mir noch keinen Tribut gefodert; aber ebendeswegen, weil sie mich so
lange durchschlüpfen lies, schnürt sie mich jezt bis zur Tirannei. Wenn ich nur
in diesem Fache mich zu mässigen wüsste! Aber es reisst so gewaltig an meinem
Herzen und drükt so stark in meinem Kopfe, dass ich selbst nicht weis, ob es mich
zum Weinen oder zum Seufzen zwingen will. Wenn ich so nacheinander meine Wünsche
untersuche, dann gehen sie wie Lauffeuer straks zu Dem hin, der mir gefällt, und
wenn sie dort sind - diese Wünsche, und ich mit ihnen, dann ist es mir wohl. -
Du glaubst es nicht, Besste, das ist ein so namenloser Hang, den ich nicht
Laster, aber auch nicht Tugend nennen kann. Jezt wieder auf das Abschiednehmen!
- Ich stehe mit einem Jungen in Bekanntschaft, ich möchte mich gerne bereden,
dass er mir gut wäre, aber gegen meine Zärtlichkeit, gegen meine Wärme ist es
ausgemacht, ist er ein wahrer Hakstok. Ich versuche alles, um ihn recht oft zu
sehen; aber so zornig bin ich, wenn ich mich an den verzweifelten Kontrast
seiner Kaltblütigkeit erinnere. Warum fühlt er nicht auch meine Unruhe? Warum
ist er nicht auch eifersüchtig, wenn andere Herrchen mich reizend finden? Seine
Seele ist so gedankenlos, so einbildungsleer, wenn ich so im Taumel von
Zufriedenheit recht unschuldig und doch wie Glut an seiner Seite sizze. Ich
sollte also fortfahren ihn zu lieben? Mich quält es ja doch, und ich finde kein
wahres Mitleid. - Halt, Amalie, wirst Du denken, Du fiengst deinen Brief mit
Abschiednehmen an, und nun ist Liebe dein Tema! Vielleicht hast du Recht! aber
wer plaudert denn nicht gerne von Liebe, besonders wem sie noch so fremd ist? -
Alle, Alle müssen opfern, nur ist diese Einbildung ohne Ende so verschieden.
Gestern um diese Stunde sah ich ihn das leztemal, ich weinte, eins, zwei, drei
Tränchen, und er - er zupfte indessen an seinen Manschetten. Pfui, pfui! dacht
ich, meine Zärtlichkeit ist übel angerannt. - Adieu Monsieur, und husch zur Tür
hinaus. Ich schreibe Dir bald wieder. Lebe wohl! -
                                                                         Amalie.
 
                                  VIII. Brief
                                   An Amalie
Nicht wahr, liebes Mädchen, wie sich meine Laune Troz meinem Flegma nach der
deinigen stimmt, da ich sonst jeden deiner Briefe nicht so geschwind
beantwortete? Aber nun siehst Du, dass ich Dir schon zum zweiten Male keine
Antwort schuldig bleibe. Freilich ist das Abschiednehmen eine unnüzze Sache und
ein Zeremoniel, wider welches alle empfindsame Herzen protestiren sollten. Doch
zu was Wichtigerm! Gott helfe Dir! Du dauerst mich, denn Liebe ist für ein Herz,
wie das deinige, eine gefährliche Sache. Ich erschrak, als ich die Ausdrükke,
die Dir deine erhitzte Einbildungskraft eingab, überlas. Mädchen, Du hast viele
Anlagen zu einer unglücklichen Schwärmerin. Wenn ich Dir raten darf, so schränke
deine Einbildungskraft mehr ein, wenn sie Dir so feurig von Liebe
vorschmeichelt; und tust Du das nicht, so glaube mir, Du wirst gewis noch
elend. Sei nicht böse über meine Einwendung; ich kenne Dich, und nie würde ich
Dir so nahereden, wenn ich nicht wüsste, dass dein zukünftiges Loos aus Träumen
bestehen könnte. Wahr ist es, jezt lachest, jezt tändelst Du noch; deine Seele
ist nur obenhin berührt, Leichtsinn und Unerfahrenheit lassen Dir und deinem
Kopfe nicht so vielen Raum übrig, um Dich unzufrieden und taub zu machen.
Findest Du aber einmal Den, der sich in dein Herz schleicht, Den, worauf sich
dein Eigensinn steif angeheftet hat, dann magst Du Acht haben, was aus Dir
werden wird! Du bist keine gemeine Seele, die ohne Kopf lieben wird; deine
Eigenliebe wird sich stark ins Spiel mischen, Du wirst Gegenliebe fodern, und
vielleicht von einem Menschen, den der Zufall zu ungeschikt geschaffen hat, um
deine Eitelkeit zu nähren. Das wird Dich aufbringen, und doch! wenn Du
vielleicht schon zu stark hingerissen bist, so wirst Du leiden, und dennoch mit
Dem nicht brechen, der Dich von der Weiber Lieblingsseite zu küzzeln weis. Nun
wird sich noch Eifersucht, Furcht, Wünsche, und was weis ich alles, dazu
gesellen; dann merk auf, wie Dirs um das Herz sein wird? - Du wirst Dir Ideale
in deinem Liebling schaffen, und findest Du Dich in etwas getäuscht, so wirst Du
murren und üble Laune bekommen. Dein Stolz wird sich empören, Du wirst keinen
Anbeter nach deinen Schimären stimmen wollen; widerspricht er Dir, so wirst Du
toll werden; dann wird es Zank absetzen, und nach diesem Maulhenkerei, und nach
diesem Tränen, Schwermut, und so kann es sich leicht fügen, dass Du Dich
schlaflose Nächte hindurch mit deiner Todfeindin, mit der Liebe, herumbalgest.
Morgen sag ich Dir noch mehr, magst sauer oder süss drein sehen, musst es doch
wissen. Lebe wohl!
                                                                          Fanny.
 
                                   IX. Brief
                                    An Fanny
Teure Fanny! Wir kamen in W** glücklich an. Der Graf empfieng uns sehr gut. Mein
Vater ist jezt heiterer als jemals. Die Reise und das Lossein von seinem Bruder
machten ihn munter. Meine Hausgeschäfte sind häufig, alles liegt mir jezt auf
dem Halse. Doch Kleinigkeiten für ein williges Mädchen! Mein Schwesterchen
wächst recht artig heran, sie ist der Liebling meines Vaters, und da er mir
nebst dem auch noch ziemlich wohl will, so kann ich die häufigen Liebkosungen an
sie leicht ertragen. - Nun für Dich ein Reisehistörchen: Wir kamen in F***
Abends in einer ehrbaren, saubern Schenke an; ein halbreifer Junge empfieng uns
an der Treppe. Mein Vater hatte Louisen an der Hand und ging der Stube zu, ich
hintendrein, und das an der Seite besagten Kerlchens. Seine emsige Bedienung,
sein: Mademoiselle schaffen sie nicht? machten mich lachen. Mein Vater merkte
den Eifer dieses Jungen nicht, weil er sich eben mit Fremden in ein Gespräch
eingelassen hatte; aber stelle Dir nur vor: Der Flegel machte sich dieser
Gelegenheit zu Nuzze und wich nie von meiner Seite. Er tat sein Möglichstes,
aber mit dem half es bei mir nichts. Halte mich ja nicht etwa für spröde! aber
lies zuvor die Schilderung dieser drolligten Kreatur: Ein junger müssiger Held,
mit glattem Kinn, ohne Gehirn, kraftlos und ungeschikt in seinen Ausdrükken und
im Hut verliebt wie eine Kazze. Du weist, dass ich der Liebe gar nicht feind bin;
aber da hiess es: Mein Herr! Sie sind zu gütig! - ich wünschte Ihnen eben so
viele Vorsicht, - und so weiter. Aber Mademoiselle, können sie mir verdenken,
wenn ich in Sie rasend verliebt bin? - Ich könnte unmöglich rasende Leute
entschuldigen. - So haben sie denn kein Herz? O ja, sagte ich, und das ein recht
zärtliches. Nun wenn das so ist, warum denn? jezt fiel ich ihm in die Rede: Das
Warum und das Darum sind keine Sachen für Sie. - Sie wollen also meine Pein? Sie
wollen, dass ich - Hier haben Sie mein Riechfläschchen, wenn Sie es nicht mehr
ausstehen können. Lose Schöne! schrie er aus, wie schalkhaft sind Sie nicht! und
Sie mein Herr! wie unerträglich sind Sie nicht! Ich? ich? - fragte er betroffen;
bin doch gegen Sie mit keinem zweideutigen Worte aufgetretten! Das hätten sie
noch wagen sollen, um ganz ihre Schwäche von einem Mädchen bestrafen zu lassen! -
O diese Strafe wäre ja süss. Noch hatte er den halben Gedanken im Munde, als der
Papa rief: Amalie! nimm deine Schwester bei der Hand, wir gehen zu Bette. Und
das taten wir auch, schliefen so ziemlich wohl, stunden wieder früh auf, und
nun giengs weiter nach W** zu. - Bleibe mir gut, Besste! Du weist wie sehr ich
bin
                                                                   Deine Amalie.
 
                                    X. Brief
                                   An Amalie
Vermutlich musst Du, meine Liebe, deinen lezten Brief, den ich Dir heute auch
beantworten werde, abgeschikt haben, ehe Du meine leztre Antwort erhieltest. Ich
sagte Dir rund heraus, wie es Dir gehen könnte, wenn Du Dich einmal im Ernste
vergaftest. Freilich kannst Du mir entgegenschreien: Freundin! nicht Allen muss
es so gehen! Lass sehen, armes Kind, was Du allenfalls einzuwenden hast. O, schon
höre ich Dich widersprechen! Wenn ich liebe, so werde ich aus Simpatie und
nicht aus Eigensinn lieben. Gut, meine Besste, muss ich Dir sagen, können wir uns
nicht täuschen? Glaubt nicht oft ein entusiastischer Kopf, dass er da oder dort
Simpatie erhascht habe? Lass ihn nur wieder kälter werden, diesen Kopf; lass ihn
seinen Abgott, den er sich nach seiner ganzen glühenden Hizze so schuf, wie es
ihm gefiel, noch einmal, lass ihn denselben mit kaltem Blute und kritischer
Menschenkenntnis untersuchen, dann gieb Acht, ob es noch Simpatie ist! Glaubst
du denn, dass die Menschen so leicht und so oft simpatisiren? Ist nicht der
grösste Menschenteil so sehr verdorben, dass man unter einer grossen Zahl
Geschöpfe wenige wahre Menschen findet? und wird nicht ein gutes, gefühlvolles
Herz zehnmal betrogen, ehe es das Glük hat, eine andere gute Seele zu finden? Es
gibt gleichdenkende Menschen, aber selten oder nie findet man sie. Sei
mistrauisch, liebes Mädchen, ich bitte Dich, wenn Du dein Herz keinen
Mishandlungen aussetzen willst. Ich mag Dir nun keine Silbe mehr weiter zureden,
Du möchtest sonst Ekkel bekommen, und das mag ich nicht; also zu deiner
Reisebeschreibung: Du bist ein näkkisches Ding! Wenn Du deine Avanturen alle so
komisch behandeln könntest, dann würde ich weniger Sorge haben; aber nicht
allemal wird deine Kritik über deine Neigung siegen; so lang dein Herz noch
gesund bleibt, und deine Einbildung nicht verstimmt wird, so hast Du nichts zu
fürchten; wenn Dich aber einmal wizzige, galante schöne Herrchens, statt solchen
halbreifen Jungen, verfolgen werden, wie wird es dann aussehen? Es gibt Männer,
die unser Geschlecht so gut kennen, und die uns tändelnd zur Liebe zu reizen
wissen. Du bist offenherzig und empfindsam, Du hast Menschen gesehen aber sie
nicht studiert, und was braucht es mehr, um deine Leichtglaubigkeit zu täuschen?
Der Himmel bewahre Dich vor solchen Ruhestörern! Sei aufrichtig gegen mich, und
Du wirst finden, dass Dich niemand mehr liebt als deine
                                                                          Fanny.
 
                                   XI. Brief
                                    An Fanny
Besste! Ich möchte Dir von uns Neuigkeiten sagen, und weis doch keine. Bisher
geht alles im alten Trabe fort, und ausser deiner Amalie gibts in unserm Hause
nichts Abenteuerliches. Du kennst ja meinen Oheim in K**? er ist ein
seelenguter Mann! Von ihm erhielt ich zwei schöne Kopfzeuge, die mir aber mein
Vater recht sehr verbitterte. Ihm will die alte Mode durchaus nicht aus dem
Kopfe, und ich habe mich ganz in die neue vergaft. Wir Mädchen haben ja unsern
besondern Abgott, ich kann eben nicht sagen, dass ich ihm eigensinnig durchaus
alles opfern will; aber eitel bin ich doch, wie wir alle sind. Die Männer sind
es mit einem gelindern Ueberzug, und wir sind es in Kindereien. Wenn doch dieser
Vater nur suchte, meine Eitelkeit mit gelindern Mitteln zu bändigen! Aber so
raschweg, alles, was nicht erst grossmuttermässig aussieht, zu verbieten, das
schmerzt. Vorhin ging ich nie so oft zum Spiegel, aber seit mein Vater mir es
so macht, bespiegle ich meine altfränkische Haube so oft, und sinne auf Alles,
um ihn zu bewegen, dass er mich einen andern Puz tragen lässt. Mein Oheim weis
auch schon, dass eine ziemliche Porzion Eitelkeit in mir stekt; aber er zankt
nicht in seinen Briefen, er lärmt nicht, vielmehr sucht er sie auf Nachahmung
und Ehrgeiz festzusetzen; und wenn ich mein Herz recht untersuche, so ist es
mehr auf das Ernstafte, Nüzliche, als auf das Lächerliche angewandt. Es wird
sich zeigen. - Wenn Du, meine Liebe, wissen könntest, was für eine Menge
avantürische Hoffnungen mir durch den Kopf kreuzen, Du würdest lachen. Sollten
das wohl Ahndungen von einer besondern Zukunft sein? Das wollen wir uns von
heute in acht Jahren sagen können. Noch Eins! Ich bin eben so faul nicht, wie Du
Dir vorstellest; meine Tagesordnung scheint mir doch so ziemlich wohl
eingerichtet und vollständig. Aufstehen und ankleiden, in die Kirche gehen, und
nach diesem hurtig im Hause herumhüpfen und anordnen, so wird es Abend, ehe ich
mir es versehe. Dann heisst es meinem Vater vorlesen, eins mit ihm in Karten
spielen, hernach auf mein Zimmer, noch eins lesen, und ins Bett. Du kennst ja
den jungen B***, den mein Vater vor zwei Jahren nach Mainz schikte? Er bildet
sich treflich und schreibt wakkere Briefe. Und wenn er ja gleichwohl ein Kind
von jenem vielgeliebten Bruder meines Vaters ist, so zeichnet er sich doch aus.
Mein Vater liebt ihn unaussprechlich, ich bin ihm auch recht gut; und da meine
Brüder todt sind, so wünsch ich einen Ersaz in ihm. Wie lebst denn Du? Steht es
gut um deine Gesundheit? - Bist du noch immer so flegmatisch? Wie glücklich bist
Du nicht mit deinem ruhigen Temperament! Ich liebe Dich gewis feurig, glaube es
deiner
                                                                         Amalie.
 
                                   XII. Brief
                                    An Fanny
Gutes Mädchen! So hat doch nichts eine Dauer. Schon wiederum Auftritte, die mein
Vater mit mir durchlebte, und nun laufen Nachrichten ein, die uns schon wieder
drohen. Mir scheint es natürlich was man sagt. Stelle Dir nur einen Mann vor,
wie sein Bruder ist, der durch üble Kinderzucht alles in Abgrund liefert; einen
Mann, der auf der Haut meines Vaters ruhig forttrommelte, und nun fehlt ihm
Lezteres; er ist bloss sich selbst und der Verschwendung seiner Kinder
überlassen. Der Aufwand ist gros, die Stüzze ist weg; also wohin? wo aus? Das
mag die Vorsicht wissen, ich nicht. Himmel! wenn dieser Bruder uns samt seinem
Anhang wieder - Nein, ich mag es nicht ausdenken! Wie! eine solche Last sollte
uns wieder aufs neue drükken? Klein ist jezt unser Aufwand, aber doch
hinlänglich. Ja, weis Gott! wenn er grösser würde, so wäre bitteres Elend unser
Ziel! O Freundin! wir sollten darben? Kennst Du was Grausamers? Es schrekt mich
der blose Anblik, wenn ich Andere in solch einer bedaurungswürdigen Lage sehe;
wie schwer würde mich erst die Erfahrung selbst drükken! Der Philosoph schränkt
seine Wünsche ein, aber was Natur und Gesellschaft fodert, an das wird er sich
doch nicht wagen. Seitdem wir Menschen so viele Bedürfnisse haben, seitdem sind
wir auch unglücklicher. Es ist ja Alles so unregelmässig ausgeteilt, der Schurke
ist reich und der Rechtschaffene arm, und doch reich, aber nur in seinem Herzen.
Der Mensch muss dem Interesse nachjagen, weil er dazu gezwungen wird. Meinetwegen
möchte man Alles versuchen, um ehrlicher Weise Geld zu gewinnen, wenn nur die
Menschen es wieder für andere Menschen verwendeten; aber wer hat mehr Geld als
viele Menschen? und wer ist harterziger als eben diese? Höre doch noch was!
Mein Vetter in Mainz schreibt mir vieles artiges Zeugs. Der Lose, wie er meiner
Eitelkeit küzzelt! er nennt mich ein erhabnes Mädchen; er schwört mir Liebe,
Freundschaft und Treue zu. Was meinst Du wohl? Sind denn die Männer so guterzig
wie wir? Dies Geschlecht ist noch für mich ein Rätsel. Möchte es immer eins
bleiben! aber ich zweifle. Mein Gefühl wächst, und ich wünsche mir bald ein
solches Untier. Mein Herz, mein Entusiasmus, Alles in mir ist zum Lieben
geschaffen. Oft, wenn ich einsam bin, fühle ich mich so leer, so öde, überdies
so wünschvoll, und Tränen sind gemeiniglich das Ende meiner Schwärmerei. Wie
nötig hätte ich jezt den Rat meiner Mutter! Aber ach! Freundin! - Du musst sie
sein; nicht wahr, Du willst?
                                                                         Amalie.
 
                                  XIII. Brief
                                    An Fanny
Dass doch meine Ahndungen fast immer eintreffen müssen! Begreife, wenn Du kannst,
liebes Mädchen, meinen wirklichen Zustand. Vor wenigen Wochen kam der Bruder
meines Vaters mit acht Kindern hier an; mein Vater vergass bei diesem Anblikke,
Folgen und Zukunft, nahm sie auf, und nun ist unser Schiksal gänzlich in des
Himmels Händen. Ja, Freundin! wäre auch diese Last unsern ökonomischen Umständen
angemessen, so würde doch eine solche pöbelhafte Gesellschaft für mich
Zuchtausstrafe sein. Fünf Mädchen und drei Buben, lauter grobe, boshafte
Kinder, die kurzweg Kontraste von meiner Erziehung sind. Kreaturen, die zur
Plage andrer guten Menschen in der Gesellschaft herumirren. Geschöpfe, die ohne
Grundsäzze erzogen wurden, und im Unflate aufwachsen. Mancher Plage kann man,
wenn man sie vorsieht, ausweichen; aber dummen, bösen Menschen, die täglich um
uns sind, wie ist es möglich diesen auszuweichen? Ach Fanny! wie bitter ist doch
die Jugend deiner Amalie! Mein Leben besteht aus zu manchfaltigem Verdruss, als
dass in mir nicht verschiedne Wünsche entstehen sollten. Ich liebe meinen Vater,
aber ich würde seine Kniee weit feuriger umfassen, wenn er sich von den
Unwürdigen loszureissen suchte; aber sein gutes Herz lässt ihn nicht; geduldig
stürzt er sich in sein eigenes Verderben, und ist ungehalten, wenn ihn seine
Tochter deswegen ahndet. So ganz von Gram übertäubt fiel mir leztin ein, weg -
weit weg von diesem Hause! - Undankbare! Deinen Vater kannst du verlassen? -
Gott kennt mein Herz, es ist nicht Undank; es ist eine volle Seele, die alles
dieses nicht länger erträgt. Ueberdenke nur, Freundin! wie gräslich mir alle die
Ausschweifungen, alle die unsinnigen Schwärmereien meiner Vettern und Basen
auffallen müssen. Keine Ordnung, keine Ehre, keine Tugend lässt sich in der
geringsten Handlung blikken. Meinem Vater selbst muss es heimlich über diese
zügellose Kinder ekkeln. Unser Haus gleicht einem Zuchtause, in dem man alle
Gattungen von Gebrechen antrift; nur bin ich unter diesen Tollen am meisten zu
bedauern; denn ich muss das werden aus Gram, was die andern aus Leichtsinn sind.
Wahrhaftig, meine Besste, ich fühle mich ganz am Rande des Trostes. Ich ehre die
Vorsicht, aber wenn der Mensch sich selbst gedankenlos stürzt, dann verdient er
ja diese Vorsicht nicht. Und was tut denn mein Vater anders, als aus seinen
Kindern Elend zögeln? Meinem Oheim zu K*** werde ich schreiben; der soll reden,
der muss reden, sonst ist er mein Oheim nicht. Schlafe wohl! Es schlägt zwei Uhr,
und noch versagt mir die Natur ihren Zoll.
                                                                         Amalie.
 
                                   XIV. Brief
                                   An Amalie
Liebe Freundin! Dein Schiksal ist wirklich wider Dich, und besonders in Rüksicht
deiner wirklichen Lage. Schon freute ich mich über deine Ruhe, schon dachte ich,
es wird besser werden, denn sie sind fort von Dem, der sie zu Grunde richten
wollte. O Freundin! wie oft täuschen wir Menschen uns doch, und freuen uns über
ein Nichts! Das ist gerade der Fall, wenn ich auf Dich zurücksehe; ich möchte
Dich so gerne gründlich trösten: aber finde ich wohl hinlänglichen Trost, um
Dich zu beruhigen? Ich will tun was mir möglich ist. Wahr ist es, das
ungeschliffene Betragen deiner Basen ist und muss für Dich auffallend sein. Denn
deine Bildung und ihre Ungezogenheit sind zu starke Widersprüche, als dass Du
dadurch nicht solltest gekränkt werden. Doch was ist zu tun? Aendern wirst und
kannst Du sie nicht; dulde sie, so lange es dein Schiksal fodert, beruhige Dich
mit einem edlen Stolz, der Dich weit über sie wegsetzen muss. Es gibt Geschöpfe
in der Welt, die man nicht einmal einer Verachtung würdiget, und Verachtung ist
doch der lezte Grad, mit dem man einen Beleidiger strafen kann. Deine Basen
verdienen Mitleid, aber ihre Eltern verdienen Verachtung, denn ihr Betragen ist
eine blose Folge ihrer Erziehung. Strafbar sind jene Eltern, die ein so
wichtiges Werk versäumen, wovon unser ganzes Leben abhängt; aber noch
unglücklicher sind ihre Kinder, wenn sie ein Opfer der dummen Nachlässigkeit ihrer
Eltern werden müssen. Dein Vater ist sehr bedaurungswürdig, und ihr armen Kinder
seid es mit ihm. Siehst du, Freundin, dass zu gut nicht gut ist? Ein allzu guter
Mensch ohne Ueberlegung gleicht einem trägen Insekte, das sich aus Schlafsucht
tretten lässt, ohne seinen Untergang zu fühlen. Nie muss man über Andern sich
selbst vergessen. Die Menschheit selbst bürdet uns keine Pflicht auf, wenn sie
auf Unkosten unsers eigenen Wohls geht. Es gibt auch blöde Menschen, die man
für gut ausgibt, und im Grunde sind sie es nicht. Ihre Wohltaten verschwenden
sie mehr aus Schwachheit als aus überzeugter Güte. Jede Wohltat muss ihren
Endzwek haben; aber bei solchen Menschen kann sie keinen haben, weil sie sie
ohne Vernunft so oft unwürdig verschwenden. Das ist wirklich der Zustand deines
Vaters, er macht sich und seine Kinder elend, tut Gutes aus Unbesonnenheit, und
nährt das Laster, weil es über seine Schwachheit siegt. Traue auf Den, der die
Quelle deines Kummers einsehen muss. Ich bin zu sehr über deinen Gram gerührt,
als dass ich Dir mehr sagen könnte. Schreibe mir bald wieder, nie soll es an mir
fehlen, Dir ewig zu sagen, dass ich Dich mit Tränen in den Augen heute verlasse.
Lebe wohl, Amalie!
                                                                          Fanny.
 
                                   XV. Brief
                                    An Fanny
Ich schrieb Dir lange nicht, Besste, und würde es jezt noch nicht tun, wenn Du
nicht ein so gutes Geschöpf wärest. Es muss Dir ja über meinen Ton ekkeln; doch
nur mein Schiksal und deine Güte sind Anlas zu meinen Klagen. Ich könnte es
nicht allein ertragen, wenn ich es auch nicht mitteilen dürfte. Oft weine ich
so in einem Winkel und umfasse eine Säule oder einen Fensterstok und bilde mir
ein, er nehme Anteil an meinen Leiden. Könnten wir uns nicht mitteilen, wir
wären weit unglücklicher; das ist so etwas, worinn wir fühlen, wie gut unser
Schöpfer ist. Stelle Dir nur vor, liebe Freundin, ein neuer Mischmasch von
Unordnungen nimmt jeden Tag in unserm Hause seinen Anfang, und endet nicht eher,
bis diese Kreaturen sich genug herumgebalgt haben. Ihre Spötteleien, ihre
Bosheiten, ihre Tollheiten sind mir unerträglich, sind Sachen, worüber ich den
Verstand verlieren möchte. Selbst mein Vater, ihr Wohltäter, dient öfters zum
Gegenstand ihrer Ungezogenheit; kurz, wo ich nur immer hinsehe, sehe ich nichts,
als garstige, unflätige Herzen, Kinder, die im Zorne Gottes müssen geschaffen
sein; wie schröklich bange ist mir für meine arme Schwester! Gott im Himmel! was
könnte wohl aus einem so zarten Kinde bei einem solchen Beispiele werden? Das
Mädchen muss um sie sein, ich kann es nicht ändern. O könnte ich das, Fanny,
könnte ich das! heute noch würde ich sie mir alle vom Halse schaffen; aber Du
weisst es, Freundin, ich kann es nicht, gar nicht, denn mein Vater verbot mir die
geringste Anmerkung über diesen Punkt und drohete mir dabei so fürchterlich, dass
ich es nun nicht mehr wage, meine Tränen an seinem Busen zu verweinen. Auch
dieser Trost ist für mich nicht mehr; ich zittre jezt mehr als je vor seinen
Blikken und verberge meinen Kummer, der so tief in meiner Seele herumschleicht.
Glaube mir, Freundin, jezt schon fangen wir alle an die Folgen einer solchen
Last zu fühlen, denn es geht so abgekürzt in unsrer Oekonomie zu, als ob sie
schon an Mangel gränzte. Mein Vater sucht es zu verbergen, aber für mich nüzzen
solche Kunstgriffe nichts; denn ich allein, vor allen Andern, überrechne unsre
Ausgaben, und jammere gewis nicht um des blosen Schattens willen. Könnte mein
Gram uns retten, so hättest Du, meine Liebe, heute gewis den lezten Abriss unsers
Elends. Lebe wohl! Denke doch an deine
                                                                         Amalie.
 
                                   XVI. Brief
                                    An Fanny
Liebe Fanny! Siehe doch, wie geschwind das Menschenschiksal sich ändert! Du
weisst, wie sehr ich mich hinwegsehnte, und schon heute erhältst Du diesen Brief
aus meiner Vaterstadt. Geschäfte, die Niemand anders besorgen konnte, bestimmen
mich hieher. Meinen Vater verlies ich unter tausend Tränen, und ohne seinen
Willen wäre ich gewis nicht fort. Er selbst fand es nötig, ich sah es auch ein,
und so reiste ich in Gesellschaft seines Bruders und eines seiner Söhnen ab.
Müde bin ich noch ziemlich, denn wir mussten die Reise aus Geldmangel zu Fusse
machen. Es war ein kleiner Spaziergang von dreissig Meilen, schlechter Weg und
eine harterzige Gesellschaft dazu. Das Leztere besonders fiel mir schwer, sehr
schwer; auch mein Herz empfand eine solche Demütigung; aber dennoch überhüpfte
meine Jugend diese Epoche mit einer Art von Leichtigkeit. Meine Begleiter waren,
wie gesagt, harterzig und unartig; oft verdoppelten sie ihre Schritte, liessen
mich stundenlang in den fürchterlichen Gegenden zurück, und dann musste ich sie
atemlos einholen. Ja, Freundin, so muss ich mein Schiksal nachschleppen. Ich
gewöhne mich nach und nach an verschiedene Arten von Unbequemlichkeiten, und
lerne recht fleissig Sachen ertragen, die nur für Unglückliche bestimmt sind; zum
Glükke, dass mein Körper dauerhaft ist, sonst müsste ein Mädchen von meinem Alter
gewis unterliegen. Tausend Dank meiner Mutter, dass sie mich ohne Weibersucht
erzog. Wenn mich auf dieser Reise meine Einbildung gemartert hätte, wenn ich
über ein rohes Lüftchen, über eine Erhizzung, einen Jammer, aus Gewohnheit,
andern Leuten zur Last angestimmt hätte, da Fanny, wäre es mir gewis übel
ergangen! aber geduldig, wie ein Schulfrazze, mussten mich meine Beine
fortschleppen; fort hiess es, und so kamen wir hier an. Ein Vetter und eine Base
nahmen mich in ihr Haus auf. Mit Nächstem etwas weitläufiger von dieser Base.
Für jezt schlaf wohl, recht wohl! Ich bin
                                                                   Deine Amalie.
 
                                  XVII. Brief
                                    An Fanny
Besste, teuerste Freundin! Wieder ein neuer Auftritt, und für mich ganz neu.
Meine Base, die Törin, ist auf mich eifersüchtig. Was wird mein Vater sagen,
wenn ihm das tolle Weib im Taumel ihrer Leidenschaft schreibt? Doch er kennt
mich, wird nichts schlimmes glauben. Gewis, Freundin, ich bin unschuldig. Ich
konnte ja die kleinen Gefälligkeiten ihres Mannes nicht mit Gewalt von mir
abwenden. Oft stund mir der Schweis auf der Stirne, wenn er so auf mich lauerte
und nach jeder Gelegenheit haschte, um mir seinen Eifer zu zeigen. Bis jezt kann
ich Dir in Rüksicht seiner keinen Bescheid geben, denn wenn er nicht dringender
wird, so mag es noch immer hingehen. Indessen kümmert mich doch diese Avantüre,
denn zu was ist wohl eine eifersüchtige Frau nicht fähig? Ich wünschte Dich bei
mir, um von Dir zu lernen, wie man dergleichen Auftritte mit Vernunft ausharren
muss. Jezt noch ein Bischen von meinen hiesigen Verrichtungen: Du weist, dass
meine Mutter ein Vermögen hinterlies, so für uns Kinder in Verwahr genommen
worden. Du kannst leicht denken, wie es aussehen mag, da mein Vater schon seit
zwei Jahren keine Rechnung von unserm Vormunde erzwingen kann. Stelle Dir vor,
ich bin hier, um meinen rohen, fühllosen Vormund zur Gewissenhaftigkeit zu
zwingen, und das mag wohl eine nicht kleine Unternehmung sein, denn mein Vormund
sieht einem geizigen Advokaten ähnlich, der unter dem Schein der
Rechtschaffenheit seinen Beutel spikt. - Er empfieng mich mit einer Staatsmine
die an Barbarei gränzt. In wenig Tagen mehr von diesem Toffe. - Jezt rufen mich
Geschäften. Lebe wohl, meine Fanny!
                                                                   Deine Amalie.
 
                                  XVIII. Brief
                                   An Amalie
Nicht wahr, meine Besste, meine Kleinmut, die Du in meinem lezten Briefe magst
bemerkt haben, war Ursache, dass Du mir so lange nicht schriebst? - Vergieb mir,
ich bitte Dich! - Es war Liebe zu Dir, die mir auf einmal das Herz brach und
mich zur armseligsten Philosophin machte. Es gibt gewisse Augenblicke wo man
fühlt, dass man Mensch ist, und keine Moral ist in einem solchen Zeitpunkte
kräftig genug, unserm Kummer Schranken zu setzen. Du hieltest mich immer für
flegmatisch; aber nicht Flegma war es, sondern eine Art von Philosophie, die ich
mir frühe schon eigen machte, um etwas ruhiger die Leiden der Menschheit zu
durchwandern. - Doch auch im Auge eines Philosophen steht eine mitleidige Träne
reizend. - Und nun, meine Liebe, bist Du also in deinem Vaterland? - Fürwahr
deine Reise war ziemlich mönchenmässig. - Nicht wahr, Freundin, wie künstlich das
Schiksal uns auch an Unbequemlichkeiten zu gewöhnen weis? Hätte Dich deine
Mutter in der Erziehung verzärtelt, so würdest Du nicht mit solchem Mut eine
Reise vollendet haben, die Dir Ehre macht. Man kann vieles Elend ertragen, wenn
es nur nicht durch Lästerzungen verbittert wird. - Einem Menschen von guter
Geburt und Erziehung ist die Erniedrigung mehr Qual, als dem Bettler, weil er
nie was anders als Bettler war und noch ist. - Aber was, meine Teuerste, was
sagst Du? - Deine Base ist auf Dich eifersüchtig? Mein Gott! - Welcher Unsinn! -
Ein Mädchen, die nicht die geringste Spur von Ausschweifung an sich blikken
lässt; wie kann man die mit Argwohn kränken? - Uebrigens, meine Liebe, hast Du
Ueberlegung genug, die Gefälligkeiten deines Vetters zu untersuchen, findest Du
sie anstössig, so gibts ja Mittel und Wege, seinen Lüsten zu entgehen. Jedes
Mädchen muss so viel Vernunft besizzen, um den Männern Ehrfurcht einzuflössen;
wollen sie nicht nachgeben, je nun, so straft man ihre Verwegenheit durch eine
tüchtige Satire! - Die Männer sind nun einmal zum Angriffe bestimmt und gewöhnt,
und oft kömmt es auf uns Mädchen an, sie durch Delikatesse zu gewinnen. - Giebt
ein solcher stürmischer Ritter nicht nach; dann verdient er weiter nichts als
einen troknen Verweis. - Das, liebe Freundin, ist mein angenommenes Sistem und
meine unmassgebliche Meinung in Ansehung der Herren Männer. Und ich denke immer,
die Angriffe von Seiten der Männer würden seltener sein, wenn die meisten
Mädchen mehr Denkkraft über diesen Punkt im Kopfe trügen. - Nun noch eins, meine
Traute; ich bin recht zufrieden über den guten Fortgang deiner Geschäfte; gieb
mir bald nähere Nachrichten von ihrem Ausgang und sei indessen der Redlichkeit
deiner Fanny gewis.
 
                                   XIX. Brief
                                    An Fanny
O, meine Besste! - Ich bin ganz ausser mir! Mein hirnloser nervenstumpfer Vormund
jagt mir täglich mehr Galle ins Blut. - Unter seiner schwarzen, zerzaussten
Perrükke stekt eine grosse Portion Spizbüberei verborgen. - Du kannst Dir leicht
vorstellen, dass dieser Mann uns arme Kinder gewissenlos einem schändlichen
Eigennuz aufopfert. Er entwandte uns einige Kleinodien von grossem Werte, und
ich armes Mädchen konnte ihm diese Dieberei nicht beweisen, ob ich sie
gleichwohl sichtbarlich entdekte. Aber, so wahr Gott lebt! - Er soll es mir
gewis unter vier Augen zu verstehen bekommen, wie klar ich seine betrügerische
Larve durchsah! - Und nun, meine Teuerste, zu etwas anderm: Du erinnerst Dich
doch noch jener eifersüchtigen Base, wovon ich Dir schon einmal schrieb? - Das
Weib wird immer wütender, und bald macht sie mir es zu bunt! - Du lieber,
gütiger Himmel! - Was diese Kreatur für Bosheiten in sich trägt. - Sie macht
selbst Seitensprünge und sucht sorgfältig die Laster in ihrem Manne auf, um die
ihrigen damit zu vermänteln. - Jeder Bissen Brod, den ich in diesem Hause
geniesse, wird mir von ihr verbittert; sie ist ein gallsüchtiges Untier, nährt
sich vom Mistrauen, und lauert dabei auf jeden meiner Schritte. Meine selige
Mutter hat viele Wohltaten an sie verschwendet, und mich lohnt sie dafür mit
Undank. Freundin! - Wenn es nicht mehrere gute Menschen in der Welt gibt, als
ich bis jezt kennen lernte, so ist ja die Welt ein Sammelplaz von Misgeburten,
die sich an der sanften Mutter Natur, versündigen. Möchte sich doch das
eifersüchtige Fieber meiner Base von selbst heilen; durch mich soll es
wenigstens nicht tödtlich werden; eher brech ich auf, und ziehe weiter. - Zu dem
wird ihr Mann gegen mich immer dringender. Seine Sinnen scheinen ganz betäubt,
aber die meinigen um desto wachender, und so hat es noch keine nahe Gefahr.
Freilich ist das Gewinsel eines solchen Weichlings für mich ekkelhaft, wenn ich
so einen Sklaven der Wollust um mich herum muss kriechen sehen. - Doch, Freundin,
wundere Dich ja nicht über meine Kälte gegen so viele Versuche auf mein
siedheisses Blut; halte sie nicht für Romanenstärke; sie ist die natürlichste
Folge meiner noch unentwikkelten Empfindung. - Ich bin zu wenig noch mit dem
Gebrauch der Sinnen bekannt, um nach dem lüstern zu sein, was mein sauberer
Vetter mir wider meinen Willen abdringen will. - Mein Herz ist frei von
Leidenschaft und Interesse; das sind zwo gefährliche Klippen, woran so viele
Mädchen scheitern. - Nicht, dass ich etwa ein Triumphlied über meine
Entaltsamkeit anstimmen will; mich deucht, ich würde dadurch die Menschheit
lästern, wenn ich ihre Triebe für unbezwinglich hielte. - Ich glaube zwar gerne,
dass einige Mädchen von gelindem Temperamente, gewisse Jugendjahre rein
platonisch durchwandern; nur ahndet mir, (ob mich meine Ahndung betrügt, weis
ich nicht) dass der dümmere Teil strauchelt, noch eh er Hymens Brautbett
besteigt. Ein Mädchen, das nicht denkt, kann ihren Sinnen ja keine Ueberlegung
entgegensetzen. - Der Vernunft einiger Romandichter muss es also sehr sauer
ankommen, wenn sie durchaus alle Mädchen bloss schimärisch engelrein in Romanen
handeln lassen. - Mir scheint, dergleichen Bücher bilden aus jungen Leuten
Fantasten, und dienen dem Menschenkenner zum Gespötte. - Du wirst mir sagen, ob
mein Schluss richtig ist. - Wäre es denn nicht besser, die jungen Mädchen durch
eine wahre Schilderung der Welt von Irrwegen abzuhalten, als durch eine
erdichtete Romanenmoral ihre Einbildung bis zur Engelssphäre zu spannen, damit
sie noch tiefer fallen, wenn ein empfindsamer Schurke an ihrer Seite seine Rolle
gut zu spielen weis? - Ich meines Teils würde nicht halb so neugierig sein;
wenn ich ganz wüsste, wie es in der Welt zugeht, und was allenfalls das
Verhältnis der menschlichen Kräfte nicht überstiege. - Nicht wahr, Freundin,
eine allerliebste Anmerkung, für so ein junges Ding von meiner Art? - Je nun!
Bin ich denn nicht alt genug, um über eine Sache zu plaudern, die alle, durchaus
alle Mädchen von Fleisch und Blut angeht. - Also nichts für ungut! Und nun gute
Nacht von
                                                                  Deiner Amalie.
 
                                   XX. Brief
                                   An Amalie
Vortrefliches Mädchen! - Du räsonnirst ziemlich deutsch über einen für euch
junge Mädchen so gefährlichen Punkt. - Doch das Mehrere hierüber hernach. - Für
jezt wünsche ich Dir Geduld, bis dein verworrener Handel mit deinem Vormund zu
Ende geht. Indessen tröste Dich, Teure! - Es gibt ja doch noch viele gute
Menschen in der Welt, leider, dass eben die meisten davon unglücklich sind, und
sich aus eigenem Elend ihren Mitmenschen nicht bemerkt machen können. Aber nun
rate ich Dir, Mädchen, mache Dich von deinem dringenden Verführer bald los; wir
sind Menschen, und eh wir es uns versehen, fühlen wir es nur zu sehr, dass wir es
sind. - Gegen unsere Sinnen lässt sichs weder tändeln, noch trozzen; das erstere
ist gefährlich, und das leztere lächerrlich. - Wohl Dir! Meine Liebe, wenn deine
Eimpfindung noch lange unentwikkelt bleibt, sonst würdest Du vielleicht zu bald
erfahren, wie schwach wir alle sind. Du kennst Dich selbst und unser Geschlecht
zu wenig, wir haben so reizbare Nerven, so feurige Sinnen, eine so baufällige
Vernunft und können so leicht überrascht werden, wäre es auch bloss aus
Guterzigkeit. - Viele Männer sind undankbar genug, diese Himmelsgabe an uns
Weibern zu ihrem Vorteil zu nüzzen. - Was nun den Dichter eines Romans betrift,
so will ich Dir sagen; dieser muss seine Heldin engelrein schildern, um zu
beweisen, dass er bloss als Dichter - und nicht als Mensch schreibt. - In so
vielen Duzzend Romanen erscheinen die meisten Heldinnen mit Larven; was
darhinter stekt, muss sich der Vernünftige selbst denken, denn die Fälle in der
Welt sind zu verschieden und die wenigsten originell geschildert. - Wäre der
Stoff des Dichters immer Original, so würde die Welt voll von unschuldigen
Mädchen strozzen. - Dergleichen gute Beispiele sollen nun freilich zur guten
Nachahmung führen, sie würden auch ihren Zwek erreichen, wenn ihr Verfasser
nicht über die Menschheit hinausschwärmte, und nicht unnachahmlich wäre. Wir
wissen ja, dass es in der Natur des Menschen liegt, Fehler zu begehen; warum
wollen wir sie verläugnen? Und findet man auch zuweilen einige seltene Menschen
in der Welt, die beinahe völlig Herren über ihre Sinnen sind, so können doch
diese einzelne nicht zum Beweis für viele hundert schwächere dienen, worunter
der Hauptteil von gröbern Empfindungen, bloss zur Einschränkung ihrer Begierden,
nicht aber zu Heldenzügen von gänzlicher Entaltsamkeit, Anlage in sich fühlt. -
Zur Ausübung einer geistigen Schwärmerei gehören ganz eigne Köpfe; bisweilen
finden sich solche gleichgesinnte Entusiasten: Furcht - Neuheit der Liebe -
Stolz - Blödigkeit - gegenseitige Schamhaftigkeit und Ehrfurcht schrökken die
wärmsten Begierden zurück, ob aber dies reine platonische Feuer nach mehreren
Jahren von Umgang rein bleibt? - Diese Frage beantworte ich mir ganz still in
mein eignes Ohr, und für Dich junges Mädchen mags so lang ein Geheimnis bleiben,
bis Du mir einstens selbst die Frage bejahest oder verneinest. - Liebe, traute
Kleine! - Sei während deiner Unerfahrenheit geizig auf die Ruhe deiner Seele und
die Reinheit deines Körpers, die Stunden sind selig so lang der leztere
schweigt. Tobende Leidenschaft möge Dich nie quälen! das ist der aufrichtigste
Wunsch
                                                                   Deiner Fanny.
 
                                   XXI. Brief
                                Amalie an Fanny
Nun ists entschieden, meine liebe Fanny! - Die Eifersucht meiner Base wurde mir
unausstehlich! - Ich verlies dieses Haus, ging zu einer andern Verwandtin, und
nun endlich gar von dem nemlichen Orte weg. - Auch erhältst Du jezt diesen Brief
aus dem Hause meines Oheims von mütterlicher Seite, der in L*** wohnt. Auch
dessen Weib, ist eine von den Alltagsseelen, die man so häufig gerade unter
Blutsverwandten findet. Sie empfieng mich mit einer stolzen Fühllosigkeit, die
mich beim ersten Eintritt zurückgeschrökt hätte, wenn mir nicht meine gute
Grossmutter desto zärtlicher um den Hals gefallen wäre. Die arme alte Frau! - Wie
dauert sie mich! Sie hatte die guterzige Unbesonnenheit, ihr ganzes Vermögen
ihrem Sohne und seiner unbarmherzigen Ehehälfte zu überlassen. Wofür sie sich
ein Leben voll Zank und Mishandlungen eintauschte. Die junge ausgemästete
Schwiegertochter poltert, schreit, lärmt, wie eine Furie, in ihrem Hauswesen,
und stopft mit der armen Alten die Dienste einer Kindsmagd aus. - Die bittern
Tränen einer grauen Mutter rühren den Sohn nicht, weil ihn sein Weib bei seiner
Schwäche pakt, und ihm alle Klagen dieser Frau als Grillen des Alters schildert.
- Hier denke ich wohl nicht lange mehr zu verweilen, denn ich kann die
allzusauren Gesichter meiner Tante eben so wenig leiden, als die allzusüssen,
womit mich mein Oheim beehrt. - Blos um meiner lieben Grossmutter willen zögere
ich noch einige Tage, denn das Bild meiner verlornen Mutter erneuert sich in mir
durch ihren Anblik. - Auch wünscht mich mein lieber Vater, durch seine Briefe,
mit jedem Posttage zurück. - Und wie leid tut es mir, dass ich ohne Rechnung von
meinem Vormund zurückkehren muss, da dies doch eigentlich die Absicht meiner Reise
war. - Muss mich nun mein Vater nicht für nachlässig in diesem Geschäfte halten? -
Aber wer kann Schurken zur Redlichkeit zwingen? - Wenigstens konnte ich keine
Rechnung von ihm erzwingen. Auch muss ich Dir noch sagen; nicht weit von der
hiesigen Stadt, wohnt eine Bekannte von mir, die ich ehemals als ein gutes
Mädchen kannte; vorher noch will ich diese besuchen, und dann kehre ich in die
Arme meines Vaters zurück. - Dieses Mädchen hat sich erst vor Kurzem
verheiratet, und ich bin äusserst neugierig, wie ihr das neue Eheband schmeckt?
- Ehemals sprachen wir Beide oft miteinander von Liebe, aber sehr wenig von der
Ehe, weil wir zu verschiedene Begriffe davon hatten, und uns oft ein wenig
darüber zankten. - Sie hielt den Ehestand für Tändelei, für Blumenfesseln; ich
hingegen hielt ihn für den gefährlichsten Schritt in unserer weiblichen
Laufbahne. Sie war eine Schäkkerin von der ersten Gattung, und immer etwas
leichtsinniger als ich. Eben darum bin ich begierig, wie es mit ihr ausgefallen
ist. - Das nächstemal ein mehreres, lebe wohl, liebe ernstafte Freundin!
                                                                   Deine Amalie.
 
                                  XXII. Brief
                                   An Amalie
Liebe Freundin! - Dass doch fast alle deine Blutsverwandte, ein einiger
ausgenommen, so roh dich behandeln! - Was mag wohl für Blut in diesen Geschöpfen
rinnen, wenn sie die Stimme dieses Bluts so wenig hören wollen? - Sei froh, dass
Du entfernt von der eifersüchtigen Base bist, sie ist deiner zu ihrer Beruhigung
los und Du ihrer. Der kalte Empfang deiner Tante ist Hochmut, und dieser ist
fast überall die Folge der Dummheit. Sezze Dich darüber hinweg, dies ist die
besste Rache des Vernünftigen. - Deiner bedaurungswürdigen Grossmutter bin ich
herzlich gut, und ich wünsche ihr hinlängliche Seelenstärke, die Bosheiten ihrer
Schwiegertochter mit Geduld zu ertragen. - Hat denn ihr undankbarer Sohn keine
Augen, keine Ohren? oder trägt er diese bloss für sein boshaftes Weib? - So einem
Halbmann gehört die Rute, der sich von seinem Weibe bis zur Harterzigkeit
einschläfern lässt. Was ist das für eine Schande, wenn der Mann ein kriechender
Hausknecht seines Weibes ist! - So einer feigen Memme könnt ich mehr gram sein,
als einem in seinen Schranken stürmischen Manne, der sein Hausrecht nicht so
leicht vergibt. Doch genug hievon! Du bist jezt vermutlich schon bei dem
jungen Eheweibchen? - Ich bin sehr neugierig auf Nachrichten von ihrer neuen
Verbindung. Der Ehestand wird ihren Leichtsinn schon dämpfen, er ist ein
tüchtiges Mittel wider die gute Laune, besonders wenn er nach der alltäglichen
Mode gestiftet wird. Zum Ehestand gehört eine grosse, standhafte Vernunft, um
eines Andern Gebrechen und Torheiten mit Güte zu bessern oder geduldig zu
ertragen. Und dann die ewige Gewohnheit, die jedem Dinge den bessten Geschmak
raubt, bringt oft im Ehestand Wirkungen hervor, die grässlich sind, wenn nicht
durch beiderseitige Nachsicht und Güte des Herzens alle übeln Folgen verhütet
werden. Der Ehestand ist bei den Meisten ein Kaos voll rosenfarbenen Elendes. Du
hast Recht, Mädchen, diesen Schritt für gefährlich, für entscheidend zu halten;
er reizt, lokt, beglückket und vergiftet eben so geschwind das Leben, je nachdem
man's trift; und - leider sind so wenig Treffer in diesem Glükstopfe! - Ich
möchte Dir zwar nicht gerne einen übeln Vorschmak von einem Stande beibringen,
der auch Deiner wartet. Aber kann ich wohl von einer Sache schweigen, die in
unserm Leben eine so unglückselige Epoche ausmacht? - Neigung, Vernunft, Güte des
Herzens sollten diese Bande knüpfen, und nicht Eigennuz, Uebereilung,
Sinnlichkeit, Konvenzionen, oder Eitelkeit. Die wenigsten Ehen haben wahre
Harmonie der Herzen zum Grund, und die jungen Eheleute finden sich eben darum
nach dem abgekühlten Taumel getäuscht. Grobe Herrschsucht, Gebieterei des Mannes
wekt die Eitelkeit, den Starrsinn des Weibes auf; Zank, Widerspruch, Brausen
gegen einander sind die richtigen Merkmale zweier misverstandener Gemüter.
Ekkel und beiderseitige Verbitterung, ist die Glokke, welche der Liebe zu Grabe
läutet, und das Ende davon, ein schändliches beiderseitiges Lasterleben, unter
dem Dekmantel der heiligsten Verbindung. Lass uns abbrechen, Freundin, von so
schröklichen Auftritten der Menschheit! - Ein Mädchen, wie Du, darf vorsichtig
wählen, aber deswegen sich nicht abschrökken lassen. - Schreibe mir bald wieder
und erinnere Dich deiner bessten
                                                                          Fanny.
 
                                  XXIII. Brief
                                    An Fanny
Dass ich zu dem neuverheirateten Weibchen reisen wollte, sagt ich leztin, und
dass ich nun bei ihm bin, sag ich Dir heute. - O Gott! - Wie hat sich dies
Geschöpf geändert! - Weg ist aller Leichtsinn, weg alle Lebhaftigkeit, weg alle
Freuden der Jugend! - Sie lebt mit ihrem Manne in einer Kälte, die nahe an
Gleichgültigkeit gränzt. Sie schweift nicht aus, aber erfüllt mürrisch ihre
Pflichten, sie lässt ihn keine Bosheit fühlen, aber zeigt ihm auch kein gutes
Herz, sie ist nicht munter, aber auch nicht empfindsam traurig, sie liebt nicht
und hasst nicht, kurz sie ist eine freudenlose Maschine. Ihr Mann ist auf sie
eifersüchtig und mistrauisch, und sezt dem guten Weibchen gerade auf der rohen
Seite zu. Gelinde Vorwürfe sind dermalen schon von beiden Seiten aus ihrem
Umgange entfernt, und es wird nicht lange dauern, so bricht eine Rebellion gegen
das Bischen Duldung aus, das sie einander aus Wohlstand noch schuldig sind; und
dann gute Nacht Hausfrieden, gute Nacht Ehre! - Ich mag jezt der Unglücklichen
keine Vorwürfe über den zu leichten Begriff, den sie von der Ehe hatte, machen;
sie würde sonst den Betrug und ihr Elend doppelt fühlen. Und zu Dir im
Vertrauen, liebe Freundin, ich habe wenig Hoffnung zu glücklichern Zeiten für
diese zwei jungen Leutchen, denn beide besizzen einen so halsstarrigen
Eigensinn, der für den Zuschauer bis zum Ekkel geht. Ueberdies noch sind die
Mutter und Schwester des Mannes sehr wider die junge Frau eingenommen, und die
schieben Holz zum Feuer, so oft und viel sie können. Uebrigens bin ich hier wohl
aufgenommen und gut bewirtet worden. Auch will ich mich einige Tage länger hier
aufhalten, und wäre es auch bloss um eines gewissen Doktors willen, der mir so
ziemlich ans Herz geht. Du weist ja, dass es nur einer schmachtenden, süssen
Schwärmerei bedarf, um meiner schon fertig gestimmten Einbildungskraft zu
begegnen. Und denk Dir nur, das allerliebste Herrchen scheint mich ganz zu
verstehen. Er ist wizzig, schäkkernd, tändelnd, und bringt meiner Eigenliebe
manches Opfer. Stürmisch ist er nicht, aber sanft, gut und gefällig; kurz, was
weis ich, was meine gährende Einbildung noch alles für Vorzüge in ihm entdekt? -
Du wirst mir wieder mit einem tüchtigen Sittenspruch in deiner Antwort entgegen
kommen, das weis ich schon zum Voraus. Aber bei einer Träumerin von meiner
Gattung, bleibt es leider immer beim Sittenspruch und nicht bei seiner Wirkung.
Sage mir aber dennoch deine Meinung darüber; aber, liebe Freundin, nur nicht
mehr so strenge. - Ich freue mich auf deine Strafpredigt und küsse Dich zur guten
Nacht. -
                                                                   Deine Amalie.
 
                                  XXIV. Brief
                                   An Amalie
Kannst wirklich froh sein, ausgelassnes Dingelchen! dass ich Dir mitten in meinen
vielen Geschäften doch antworte. Ohne Strafpredigt wird's zwar nicht ablaufen,
das darfst Du Dir nicht einbilden; aber vorher zur Sache des jungen Weibchens. -
Die hat sich also so sehr geändert? - Ja, mein liebes Mädchen! - Die Männer im
Ehestand bleiben weiter nichts, als Männer, und keine Anbeter, die ehemals auf
den Knieen krochen, und jezt mit den Füssen stampfen, wenn das liebe Weibchen
nicht hübsch folgen will. Im Ehestand fällt der Schleier von beiden Seiten weg,
und man erblikt sich als Mensch, wo man zuvor den Engel sah. Die Wünsche sind
befriedigt, und keine Furcht einander zu verlieren, hält die gegenseitigen
Ungefälligkeiten im Zaum. Der Mann wird finster, befehlend; das Weib, das
ehedessen an tausend Schmeicheleien gewohnt war, rasst, tobt gegen so neue
Auftritte, und wird zulezt ein unnachgiebiger Haust****. Fehlt es dergleichen
Eheleuten obendrein an Erziehung, dann sind niedrige Schlägereien der tägliche
Schluss eines solchen Jaunerlebens. - Doch denke ich, die meisten Ehen würden
glücklicher sein, wenn mehrere Menschen hinlänglich gute Herzen hätten, um
dasjenige, was man aus tausend Gründen nicht mehr schwärmerisch lieben kann,
doch wenigstens nicht zu verachten und nicht zu kränken. Es gibt eine Art von
vernünftiger Duldung, die jede Ehe vor öffentlichen Auftritten schüzt. Es muss
aber sowohl vom Manne als vom Weibe dazu beigetragen werden, sonst arbeitet der
eine Teil bloss, um den andern in der Bosheit zu bestärken. Von beiden Seiten
gutwillig nur halb seine Pflicht erfüllen, ist besser, als sie ganz zu erfüllen
scheinen, und dabei - besonders von Seiten des Mannes - mancherlei Betrügereien
hinter dem Rükken zu spielen. Hinterlist, heimlicher Aufwand von einem
lüderlichen Ehemanne, ist tausendmal sträflicher, als seine Unbeständigkeit in
der Liebe. Unsere Neigung ist das Spiel eines Augenbliks, und nicht jeder findet
liebenswürdige Abwechslung genug in seinem Weibe, um sie ewig fort
leidenschaftlich lieben zu können. Aber sein Weib mishandeln, seine Kinder ins
Elend stürzen, aus Unbeständigkeit sogar harterzig werden, so was kann nur ein
Schurke tun. Seine Gattin freundschaftlich ehren, sein Hauswesen nicht
versäumen, seine Kinder gut erziehen, das hängt von jedem Ehemann ab, er mag
übrigens auch noch so flatterhaft denken. Aber sogar, wie es jezt Mode wird,
sein Weib verlassen, das ist teuflisch und unmenschlich! - Wie wenig kostet
nicht einem vernünftigen Ehemanne Güte des Herzens gegen die ehemalige
Schöpferin seiner Freuden? - Ist es nicht Pflicht, ist es nicht Stimme der
Natur, dass man seine unglückliche Gattin wenigstens mit einer schönen Lüge
schadlos hält? - Und dann sie mit Sanftmut und Aufrichtigkeit belehren, dass
Kälte gegen sie, nicht Mangel an Pflicht, sondern bloss in der unbeständigen
Menschheit liege, dass zu langer Besiz endlich ermüde und die Einbildungskraft in
etwas abspanne? - Jedes vernünftige Weib wird sodann mit ihrem Manne Mitleid
fühlen und das nicht mit Gewalt fodern, was ihre Bemühung, durch Grossmut, durch
Nachsicht mit den Schwachheiten ihres Mannes, wieder nach und nach zu erlangen
hofft. Wie viele würdige Weiber bezauberten schon ihre Männer aufs Neue durch
Nachgiebigkeit, durch Rüksichten, die ein Undankbarer nicht vermutet hätte. Und
wie viel, Freundin, könnte ich Dir noch über diesen Punkt sagen. Aber nun zur
Geschichte deines Doktors. Ich sage deines, und kann mich doch nicht bereden,
dass er dein ist, oder werden wird. Warum? - wirst Du fragen. Aufrichtig,
Freundin, um Dir Schwärmerin ans Herz zu gehn, brauchts eben so viel Mühe nicht.
Ob aber Du ihm wirklich auch ans Herz gehst? - Ja, das ist nun eine andere
Frage. Es braucht ein wenig mehr, als bloss lebhafter Wiz, um der Männer ihre
ernstafte Seite zu treffen. Sie tändeln oft statt der Liebe mit unserer
Eitelkeit, wir desgleichen mit der ihrigen, bis eine jüngere Tändelei der ältern
Platz macht. - Die Herrchen sind galant, weil es ihnen nur um Galanterie zu tun
ist; wizzig, um mit ihrem Wiz zu glänzen; aus Stolz nicht stürmisch, aber desto
schlauer im Schleichen. Du verstehst mich doch? - Ueberhaupt, Mädchen, bist Du
zu leichtgläubig. Mistrauen am rechten Ort angebracht, ist ein trefliches Mittel
für junge unerfahrne Seelen. Lebe wohl, lose Schwärmerin! - Lebe wohl!
                                                                    Deine Fanny.
 
                                   XXV. Brief
                                    An Fanny
Herzliebe Freundin! - Du bist ja eine leibhafte Misantropin geworden -
Freudenstörerin will ich eben nicht sagen, denn dazu liess es dein gutes Herzchen
nicht kommen.- Aber sag mir nur, warum bist Du denn so äusserst mistrauisch gegen
die Männer? - Die armen Narren dünken mich doch so gut, oder wenigstens scheinen
sie es zu sein. Freilich könnte Leichtgläubigkeit bei mir ein Fehler werden,
aber noch ist er es nicht. Ich kann mir doch nicht vorstellen, dass ich gerade
das Unglück haben müsse, auf einen Modegekken zu stossen, der mich betrügen will? -
Noch hab ich am Doktor keine Spur von Schleicherei bemerkt. Lass mir doch diese
liebe Träumerei; ist doch alles Traum, was man Gutes hat auf der Welt! - Wenn
ich in der Liebe kein Vergnügen suchen dürfte, wo sollt' ich es denn finden? -
Menschen, die nicht lieben, haben Sand im Herzen und Wasser im Gehirne. Die
Lebhaftigkeit meiner Einbildungskraft fodert durchaus Liebe, und alle deine
Kernworte werden diese glühende Einbildungskraft vielleicht leiten, aber nicht
abkühlen. Der liebe Wohlstand mag es mir nicht übeldeuten, wenn ich ungeheuchelt
einem Triebe folge, den ich mir nicht in die Seele gelegt habe. - Alle
Einwendungen, die ich mir darüber mache, sind ein schwacher Damm, die den Strom
zwar aufhalten, aber desto heftiger anschwellen. Es wohnt in mir nur ein grosser,
feuriger Gedanke, und wenn ich ihn verdrängen will, so teilt er sich in tausend
kleinere, aber husch ist der grosse Gedanke wieder in meinem Kopfe da und
herrscht in meiner Seele. Kurz, Freundin, meine Einbildungskraft muss ziemlich
brennen, denn weil ich mir unter Tags Zwang antun muss, so rebellirt sie desto
heftiger bei der Nacht. - Als ich leztin, Schäkkerei halber, bei meiner
Freundin im nemlichen Bette schlief, (ihr Mann war abwesend) begieng ich einen
Streich, der mich des andern Morgens schamrot machte. Denk dir einmal: Im
Schlaf umfasste ich meine Freundin, küsste, herzte sie und seufzte laut den Namen
des Doktors dazu. Die boshafte Beischläferin störte mich gar nicht in meiner
Freude, und als ich aufwachte, schämte ich mich fast zu Tode, denn ich erinnerte
mich nur zu gut meines begeisterten Traumes. Läugnen half jezt nichts und der
unschikliche Ort, wo ich meine Gefühle ausdrükte, war für mich eine ärgerliche
Erinnerung. Was mich aber vor Zorne weinen machte, war der Leichtsinn, mit dem
meine Freundin diesen Vorfall dem Doktor erzählte. - Nun ist der junge Herr von
meiner Schwachheit ganz überzeugt. - Wirklich Schwachheit, denn meine Neigung
ist um viele Grade heftiger, als die seinige. Bin ich nicht eine Törin, dass ich
meinem Gefühl so den Zügel lasse? - Vielleicht wieder für einen Undankbaren
lasse? - Nun ja wieder! Liebte ich nicht schon einmal, und das umsonst, ohne
Gegenliebe? - Hilf mir der liebe Gott! Was wird aus meinem weichen Herzchen
werden, wenn es nicht bald seinen Wiederhall findet? - Und ist denn ein solcher
Wiederhall so leicht zu finden? Gegenliebe scheint mir ein so seltenes Ungefähr,
dass es einem schaudern sollte, welche zu suchen. Haben denn die Männer in der
Liebe wirklich so selten eine ernstafte Seite? - Was gäbe ich nicht, Freundin,
wenn ich ganz mistrauisch sein könnte! - Wie soll ich es denn anfangen, um es zu
werden? - Mein ganzes Wesen ist offen, und immer dachte ich mir andere Menschen
auch so. Und besonders Dich, Freundin, kann ich zu meinem Trost nicht anders,
als äusserst redlich und äusserst liebevoll denken. -
                                                                         Amalie.
 
                                  XXVI. Brief
                                   An Amalie
Wahrhaftig! - Du bist ein tolles Mädchen! In deiner verliebten Schwärmerei sehr
gefährlich für deine eigene Ruhe. Es würde Dir sehr übel bekommen, wenn man Dich
so deinen Trab fortschlendern liess. Höre, Mädchen, meine Furcht in der Liebe hat
ihre Ursachen, wenn Dir diese Liebe, die bei Dir so herzlich willkommen ist, so
oft und so garstig den Kopf verrükt hat, wie mir, denn wirst Du Dich gewiss auch
vor ihr hüten. Noch einmal! Du bist zu leichtgläubig gegen die Männer; - oder
hast Du etwa mit den Zufällen in der Welt einen Bund geschlossen, dass sie just
dich vor einem Modegekken schüzzen? - Dünkt Dich denn die Zahl der bieder
Liebenden so gross? - Warum willst Du Dich so leicht von einer Hoffnung täuschen
lassen, die so lokkend zum Abgrunde führt, und nur Wenige nicht betrügt? -
Blinde Träumerin! - Dein Doktor wird so dumm nicht sein, und sein Schleichen
merken lassen. Dem Feind zur Schlacht Mut machen, tut kein erfahrner
Kriegsheld. - Fahre meinetwegen fort, so oft und so lange zu lieben als Du
willst, nur nicht zu aufrichtig, zu heftig, eh Du gewis bist, dass man Dich
wieder liebt. - Freundin, sei mir nicht zu guterzig gegen die Männer; die
wenigsten verdienen es. Adle deine Neigung mit Mistrauen, hernach darfst Du Dir
nicht so vielen Zwang antun; denn jedes Mädchen, das in der Liebe sich
verstellt, stolpert um desto geschwinder, weil Zwang einen feurigern Ausbruch
zubereitet. Es gibt Menschen, die eine Zeitlang unterdrükt handeln, aber um so
viel närrischer nach der Hand, wenn der Daum wieder wegglitscht, den sie auf die
Leidenschaften drükten. - Dein Traum vom Doktor war drolligt; so etwas muss
freilich die Eitelkeit eines Liebhabers kizzeln. - Nur hätte deine Freundin ihn
nicht wieder erzählen sollen, das war unvorsichtig von ihr gehandelt. - Es taugt
gar nicht, dass er nun ganz überzeugt von deiner Liebe ist. Wer weis, ob er bei
dieser Gewisheit nicht aufs Neue nach einer andern lüstern wird, wenigstens ist
dies die herrschende Krankheit unserer jezzigen Adamssöhnen. - Ich wünsche zum
Schluss von Herzen, dass Du bald einen harmonischen Wiederhall finden mögest - für
izt kann ich es noch nicht glauben. Lebe wohl!
                                                                    Deine Fanny.
 
                                  XXVII. Brief
                                    An Fanny
Freundin! - Die Zeit meiner Abreise kam, ich musste zurück zu meiner alten
Grossmama. - Kannst Dir leicht denken wie mir's so bang war, dass ich alle meine
guten Bekannten verlassen musste. - Der Abschied vom Doktor war von meiner Seite
äusserst angreifend, er aber zeigte sich kälter und munterer als ich, und das
ging mir durch die Seele. Während als mein Wagen einige Stunden fortrollte,
schwärmte ich in einer Hizze fort von dem Zurükgelassenen, und mein Blut war so
in Wallung, dass ich gar nicht mehr weis, wie ich in das Haus meines Oheims
zurückkam. Der zweite Empfang meiner hochnasigten Tante schien mir etwas milder,
ich war aber gar nicht heiter genug, um auf das was vorgieng, hinlänglich
aufzumerken, denn mich verlangte nach Einsamkeit; ich trug eine Last im Herzen,
die mich sehr drükte. Wenn alle Verliebten sich so lange fühlen, wie ich mich
fühlte, so sind sie arme Würmchen, die sich mit Herzensfreude tretten lassen,
und sich wenig um die Folgen kümmern. Ich war so ganz voll Qual, voll Unruhe,
voll Leiden! - Meine heitere Laune, wo ist sie hingekommen? - Ich wage es kaum
Dir zu sagen: der Doktor liebte mich nie. Wäre er nicht noch zum lezten Abschied
in meine Arme geflogen? - Er versprach mir heilig nach L*** zu kommen, ehe ich
gänzlich diese Gegenden verlassen würde. - Aber der Elende kam nicht! - Heisst
das nicht harterzig sein? - Auch nicht einmal schrieb er mir. Warum wekte der
Leichtsinnige meine Empfindung auf? - Warum reizte er mich zur Liebe? Warum
nährte er einen Hang in mir, den kein ehrlicher Mann nährt, wenn er nicht wieder
lieben will? - Man sagte mir, er habe schon ein Mädchen vor mir geliebt; sie
soll sehr schön sein; wenn das wahr ist, dann muss ich es leiden. - Muss! - Ein
garstiges Wort für freigeborne Menschen! - O meine verwünschte Eigenliebe! die
war an der ganzen Geschichte Schuld! - Diese garstige Betrügerin ist es, die mir
von Gegenliebe vorschwazte; und nun bin ich getäuscht. Aber mit Blut will ich
das Wort Täuschung in mein Herz schreiben, und der es auslöschen will, muss es
tausendfach würdig sein, oder es bleibt stehen. Ich weis auch gar nicht, warum
die Männer kühn genug sind, mit uns zu wizzeln, und mit jedem Wort auf Liebe zu
zielen, wenn sie denn durchaus nur lügen und nicht lieben wollen. Das sind doch
abgefeimte Heuchler, die ihre Lügen mit so vieler Anmut in ein junges
Mädchenherz hineinräsonniren! Mich reut meine gute Laune, mit der ich den
Bösewicht so viele Stunden unterhielt. Aufs Gesicht hätt ich's ihm schreiben
sollen: Du bist ein Betrüger! - Damit das vor mir betrogene Mädchen noch frühe
genug von ihrem Schiksal wäre unterrichtet worden. Ich mag wohl seinem Kopf
besser, als seinem Herzen getaugt haben sonst hätte er nicht so viele Stunden
mit mir verplaudert. Wäre ich von seiner ersten Bekanntschaft unterrichtet
gewesen, so hätte ich ihn wie Gift geflohen, und kein nagender Gram hätte sich
meiner bemächtigt. Nun sei es aber geschworen, ich will die Männer von nun an
fürchten, ich will sie fliehen, ich will ihnen ausweichen, wenn sie mein Gefühl
in Versuchung führen wollen. Aber die verwünschte Verkettung meines Schiksals
bringt mich auch immerfort in die Gesellschaft der Männer; es dauert nur wenige
Tage, so muss ich schon wieder mit zween andern zu meinem Vater reisen. Aber ich
beteuere Dir, Freundin, sie mögen gut oder böse sein, wild oder zahm, mein Herz
soll Stein bleiben. Es sollen, so wie ich höre, Kaufleute sein, denen mich meine
ökonomische Tante nur deswegen übergibt, damit ihre Börse besser geschont
werde, denn diese ist ihr Abgott. - Es mag nun bequem oder nicht bequem sein,
meine Reisegefährten mögen höfliche oder unhöfliche Leute sein, mir ist es
gleichviel; nur von Liebe soll mir keiner sprechen, wenn er nicht Zank haben
will. Du erhältst bald eine vollständige Reisebeschreibung von deiner bessten
                                                                         Amalie.
 
                                 XXVIII. Brief
                                    An Fanny
Vergieb mir, Freundin, dass ich schon wieder an Dich schreibe, eh ich Antwort von
Dir erhielt. Du weist, Aufrichtigkeit ist für mich Bedürfnis geworden. Eben mit
der nemlichen Aufrichtigkeit muss ich Dir doch zeigen, was ich für ein
flatterhaftes Ding bin. - Stell Dir einmal vor, auf der ganzen Reise dachte ich
sehr wenig auf den hinterlassenen Doktor. War's Zerstreuung der Reise, oder was
war's? - Das ist nun sehr natürlich, jede Schwärmerei muss aufhören, wenn sie
nicht erwiedert wird. Aber so geschwind meinem Herzen Richtung zu geben, das
habe ich mir nicht vermutet. Was ich Dir leztin von Standhaftigkeit gegen die
Männer vorschwazte, war ein Vorsaz, wie aller Menschen Vorsäzze sind; feurig,
wenn man sie nimmt, aber um desto schwächer, wenn es zur Ausführung kömmt. Denn
meine Schwüre, keine Artigkeiten mehr vom andern Geschlecht anzuhören, sind
gebrochen. An hartnäkkiger Unglaubigkeit lies ich es Anfangs gegen einen meiner
Reisegefährten nicht fehlen, aber sein sanftes ehrerbietiges Wesen reizte mich
doch zur Aufmerksamkeit; aber weiter soll es auch nicht kommen. Er ist ein
feingebildeter Protestant, ganz Duldung, ganz edler Mensch, ganz voll von allem
dem, was diese Art von guten Menschen an sich haben, die mehr empfinden, als sie
sagen können. Alle seine Reden waren überdacht, und so mit einer gewissen
reizenden Schwermut begleitet, dass ich ihn bewunderte. Er säumte gar nicht mit
seiner Menschenkenntnis einen Blik in mein Herz zu werfen, und wenn ich aus
Groll gegen die Männer ganz bittere Säzze verteidigte, so versicherte er mich,
dass das nicht die Sprache eines aufrichtigen, eines redlichen Gefühls wäre, und
dass nichts in der Welt existirte, das nicht eine Ausnahme litte. Er traf meinen
Sinn so stark, dass ich mit allem meinem Geplauder gutwillig schwieg und nur ihm
zuhörte. Dieser Mann, liebe Freundin, ist fürwahr ein ganz neues Original; er
hat gar nichts von der grellen Lüsternheit, von der lächerlichen
Selbstgefälligkeit, die so viele seines Geschlechts haben. Er ist so viel
möglich Herr über seine Begierden, und Mann über seine Eigenliebe. Seine Gefühle
sind nicht entlehnt, oder auf Worte geschraubt, sie kommen vom Innern und gehen
wieder dahin zurück. Nun auch ein paar Wörtchen von seinem Mitgesellschafter.
Dieser gehört ohne Widerrede unter die Alltagsmenschen und empfindet weiter
nichts als das Quantum seiner Prozenten. Mich deucht es also wohl nicht der Mühe
wert, weiter von ihm zu sprechen. - Endlich kamen wir alle sehr guten Muts in
St*** an. Meines Freundes Gattin drükte, küsste mich bloss, weil ich in
Gesellschaft ihres Mannes war. Ich musste mit Gewalt einige Tage da verweilen,
sah die schöne Gegend ganz, und mir ward recht wohl. Tausend Menschen, die einen
ähnlichen Fall nicht kennen, werden es nicht begreifen wollen, dass ausser einem
schüchternen Mäulchen, mit meinem Freund weiter nichts vorgieng. Ich verehrte
den Mann so, dass er mir in wenig Tagen nach meiner Abreise unentbehrlich wurde.
Seine Lehren, seine Macht über sich selbst, seine Grossmut, meine Schwachheit
nicht einmal prüfen zu wollen, seine Gefälligkeiten nähren in mir ein ewiges,
heiliges Andenken! Von seiner Hand geführt, stieg ich ins Schiff, das mich von
ihm trennen sollte, er drükte mir mit dem Ausdruk einer kämpfenden Seele einen
Kuss auf, unter den Worten: Freundin! Leben Sie wohl, bis aufs Wiedersehen, ist
es hier nicht, so ist es dort! Das ausgeredt und verschwunden war er aus meinen
Augen. Ich weinte ihm häufige Tränen des Danks nach und empfand um mich herum
eine Leere, die meine Reise zur See sehr traurig machte. Denn izt erst lernte
ich den Verlust wahrer Menschen kennen. Nun bin ich zu Hause, und gestern traf
wider Vermuten ein Brief von meinem sanften Freunde ein. Vor der Hand hatte ich
nicht so viel Zeit gefunden, das Bild dieses vortreflichen Mannes, meinem Vater
zu entwerfen. Mein Vater stuzte gewaltig über den Anblik dieses Briefs, weil er
überzeugt ist, dass ich ihm nie etwas verhele. Auch hatt' ich nie Ursache ihm
etwas zu verbergen, denn er ist äusserst duldend gegen junge Leute. Nur kann er
keine Verstellung leiden; denn daher, sagt er, käme das Verderbnis der jungen
Herzen. Sehr ernstaft stellte er mich vor Eröfnung des Briefs zur Rede, aber
kaum las er die Züge eines herrlichen Mannes, so freute er sich herzlich über
diese Bekanntschaft, und befahl mir, ihm zu antworten. Hier hast Du die ganze
Beschreibung dieser Reise, so wie ich Dir's versprach. Lebe wohl, und vergiss
dein Malchen nicht.
 
                                  XXIX. Brief
                                   An Amalie
Ja wohl, Freundin, bist Du ein flatterhaftes Mädchen! Mit einem solchen Grade
Ueberspannung über den Verlust eines Liebhabers zu winseln, und dann doch diesen
Verlust nicht länger beklagen, als bis sich der Ort aus den Augen verloren, den
er bewohnt! - Ich würde Dir Vorwürfe über diese geschwinde Veränderung machen,
wenn es der Undankbare nicht um Dich verdient hätte. Siehst Du, wir Menschen
alle sind in unsern Handlungen so widersprechend! - Besonders ist die Liebe ein
unbeschreibliches Wesen, die von Umständen und Begriffen ihre Karakteristik
erhält, und da die meisten Menschen sich in jeder Handlung ihres Lebens so wenig
verstehen und mit einander nicht übereinkommen, so muss also auch die Liebe
dieser Unordnung und Verschiedenheit der Gemüter ausgesezt sein. Für
nichterwiederte Liebe ist Stolz das besste Heilungsmittel. Man muss sich seine
Ruhe durch stolze Verachtung wieder zurückbringen, die so ein Schandbube
vielleicht auf einige Zeit raubte. Doch ist bei einem empfindsamen Mädchen der
feste Entschluss, nicht wieder zu lieben, ein elendes prahlendes Nichts, dass bei
der ersten bessten Gelegenheit, wie ein Hauch zusammenstürzt. Diese Erfahrung
habe ich leider mehrmalen selbst gemacht; und beinahe glaube ich, dass Du,
Mädchen, mit der Zeit mehr von diesem Punkt wirst sprechen können als ich;
wenigstens ist deine Anlage dazu gefährlicher. Ich habe schon manches betrogne
Mädchen während ihren Tränen über einen verlornen Liebhaber aus Eitelkeit
lächeln gesehen, wenn ein geschikter Schmeichler ihre schwache Seite zu berühren
wusste. Ich kann einmal nicht anders von unserm Geschlechte sprechen; die Güte
unserer Herzen und die Reizbarkeit unserer Nerven machen uns zu schwachen
Geschöpfen. Ein Weib mit dem bessten Herzen wird am leichtesten überrascht, weil
ihre Guteit in der Liebe keinen Widerspruch kennt. - Blos Religion, Vernunft
und Ehre kann uns Weiber im Zaum halten, aber die Liebe spielt über kurz oder
lang ihre Rolle, und wir alle spielen mit, mehr oder weniger, doch gerade so
viel, als uns Schiksale und Umstände ins Spiel mischen. Indessen freut es mich
doch, dass Du Dich mit deinem neuen Freunde so tapfer hieltest, und um so mehr
freut es mich, weil es so wenig Männer gibt, welche die Gesellschaft eines
reizenden Mädchens bei einer solchen Gelegenheit nicht misbraucht hätten. Dein
sanfter Freund muss bessere Grundsäzze haben, als unsere meisten brutalen
Mädchenstürmer, die alles, was ihnen unter die Hände kömmt, pflükken wollen. - -
Doch, Mädchen, erlaube mir auch über deinen Freund eine Anmerkung: Glaube ja
nicht, dass ein Mann mit so vielem Gefühl, wie dieser war, lange um Dich herum
ohne Leidenschaft hätte ausdauern können. Der strengste Moralist über diesen
Punkt ist so wohl Mensch als andere, wenn ein überraschender Augenblick ihn
hinreisst. Und wenn er vielleicht seine Gattin bloss ehrt und nicht liebt, was
würde ihm übrig geblieben sein, als ein volles Herz und unbefriedigte Wünsche
für Dich? - Du bist nun schon in den Jahren, wo man so etwas mit Dir sprechen
darf; schaffe Dir das leichtgläubige Zeug aus dem Kopfe und schaue den Männern
scharf hinter ihre Larve - und Du wirst Menschen finden. Doch ist ein Mann, der
mit seinen Leidenschaften kämpft, viel verehrungswürdiger und reizender, als ein
frecher Weichling, der, ohne Rüksicht auf die Person, bloss den Trieben seines
Temperaments folgt. Es schmeichelt uns Weibern gar zu sehr, wenn wir an unserer
Seite einen so stillschmachtenden Liebhaber seufzen sehen, der aus lauter
Ehrfurcht sich beinahe zu Tode martert. Die Männer heissen das Koketterie. - Lass
Dir aber nichts darüber in Kopf setzen. Ein Mädchen muss bis zur Ueberzeugung dass
es wahrhaft geliebt wird, ein wenig die Kokette spielen, sonst weh' ihrem guten
Herzchen, es würde zerrissen, getretten, und äusserst oft betrogen. - Ich weis,
dass Dir diese Lehre nicht behagen wird, denn ich kenne deine Liebe zum
Romanenmässigen. Künftig ein Mehreres über dieses Kapitel von
                                                                   Deiner Fanny.
 
                                   XXX. Brief
                                    An Fanny
Liebe ernstafte Freundin! - Du ahndest in deinem Leztern meine
Flatterhaftigkeit; aber sag mir nur, was blieb mir bei einer so traurigen
Verfassung übrig? - Musste ich nicht Den vergessen lernen, der mich betrog? -
Ganz vergessen hab ich ihn demungeachtet nicht, es gibt dann und wann noch
stille ungestörte Augenblicke, wo das Bild des Undankbaren lebhaft vor meinen
Augen schwebt. Aber sich so fest an etwas zu ketten, wie ich mich zu ketten
pflege, ist Unsinn, ist Höllenmarter! - Doch was nüzt es? ich bin einmal schon
so unglücklich gestimmt, und Betrug ist mir so wenig bekannt, dass ich ihn hinter
keinem Sterblichen vermute. Ja wohl sind wir Menschen widersprechend in unsern
Handlungen, ja wohl ist die Liebe eine Sache, die vom Zufall regiert wird. Ich
glaube immer, die mehresten Menschen fangen umgekehrt zu lieben an. Wenn unser
Geschlecht ein Widerspruch in der Liebe ist, so liegt es gewis in unserer
unfesten Erziehung. Bis dahin haben mich die Herren Männer mit
Temperamentsversuchen so ziemlich in Ruhe gelassen. Mein sanfter Freund war
gerade von Denen einer, die ihre Seligkeit nicht bloss im Körper finden. - Und
was in Zukunft aus ihm geworden wäre - das hätte ich erwarten müssen. Dass der
Kampf eines wünschenden Liebhabers für uns ein Opfer ist, mag wahr sein; doch,
liebe Fanny! - Lass mir meinen Glauben an platonische Liebhaber; es würde übel
genug für mich sein, wenn ich vom Gegenteil überzeugt sein müsste. Koketterie,
heisst in meinen Augen so viel, als seine Empfindungen vertuschen, und Freude an
den Martern der Männer haben. Gott bewahre mich vor einer solchen Verstellung! -
Ich würde ja mein Herz lästern und die liebe Natur beleidigen, die uns zum
Fühlen schuf! Weh dem, der einst mein redliches, aufrichtiges Gefühl nicht
erwiedert, und doppelt weh ihm, wenn mich die Rükerinnerung schmerzte, wenn ich
mich ihrer zu spät schämen müsste! Hier hast Du meine Gesinnung; noch sind wir um
ein ziemliches in unserer Denkungsart von einander entfernt. Vielleicht kömmt
ein Tag, wo Du Recht erhalten wirst; aber für jezt lass mir meinen glücklichen
Schlendrian in der Liebe. Doch, demungeachtet, höre von mir noch ein Geständnis:
- Es wacht in mir seit der Zeit meines hiesigen Aufentalts ein gewisser
avantürischer Geist auf, der mir die einsame Lebensart meines Vaters
unschmakhaft macht. Ich möchte so gerne die Welt sehen und mehrere Menschen
kennen lernen. Eben aus dieser Ursache wandte ich mich an meinen Oheim in K***,
der nichtsweniger als geizig ist. - Er ist mir sehr gut und wird den Mittler
zwischen mir und meinem Vater machen; denn mein Vater will von meinem Wunsche
(bald wieder in die Welt hinein zu reisen) nichts weiter hören; aber mein Oheim
ist desto billiger und wird gewis bald Auswege finden, mich unter fremde Leute
zu bringen, damit ich mich in Puzarbeiten so gut als möglich für die Zukunft
bilden kann. Giebt mein Vater aber seine Einwilligung nicht, so reise ich nicht,
denn ungehorsam war ich nie. Bald schreibe ich Dir wieder, dann kannst Du mir
mit einer Mühe zween Briefe beantworten. Deine besste
                                                                         Amalie.
 
                                  XXXI. Brief
                                    An Fanny
Ueber dein Stillschweigen bin ich weiter nicht böse, und um Dich vollkommen
davon zu überzeugen, so fiel mir's gerade jezt ein, an Dich zu schreiben; und
zwar eine Neuigkeit, die darin besteht, dass ich mit nächstem nach A*** abreisen
werde. - Ich komme dort in das Haus einer Bekannten, um als Kostgängerin
Modearbeiten zu lernen. Mein Vater gab, auf das gütige Ansuchen meines Oheims,
seine Einwilligung, weil er einsieht, dass alle Arten Arbeiten für ein Mädchen
nötig sind. - Wie es mir dorten gehen wird und was ich auf der Reise für
Bemerkungen machen werde, sollst Du alles hören. Es hat sich hier während dieser
Zeit ein junger Laffe an mich gemacht, der mir unausstehlich ist. Nur Schade,
dass ihn mein Vater gut leiden kann und er uns unter diesem Vorwande öfters
besucht. Ich glaube, mein Vater hätte Lust mir dieses Geschöpf zum Manne
anzuhängen. Das wäre entsezlich, wenn ich so einem jungen Springer zu Teil
würde! Er stüzt seine Neigung für mich auf das Ansehen meines Vaters und wird
dabei den Kürzern ziehen, denn in meinen Herzensangelegenheiten kenne ich keinen
Zwang. Dieser Mensch hat mir seit meinem Hiersein schon manche bittere Stunde
gemacht; ich würde mich darüber ärgern, wenn mich nicht der Umgang meines
Vetters aus Mainz dafür schadlos hielte. Erinnerst Du Dich noch, was ich Dir
einmal alles für gute Sachen von diesem Jungen sagte? - Er war immer mein
Liebling und hat sich auf der Universität treflich gehalten. Wir bewohnen einen
der schönsten Gärten in unserer Gegend, und oft schleichen wir beide zusammen
ganz Gefühl mit einem Buch in dem Garten herum. - Er ist noch weit romanenmässger
als ich, und wären wir beide nicht so nahe verwandt, so gäbe es aus uns ein
nettes Pärchen. Der Junge liest so reizend vor, und empfindet so vieles dabei,
dass ich ihm mit der grössten Wollust manche liebe Stunde zuhöre. Auch sind seine
Gefühle so harmonisch mit den meinigen, er fühlt alles so heftig, und wird
leider mit seinem Herzen eben so wenig glücklich werden als ich! - Er ist sehr
traurig über meine baldige Abreise. Auch meine Schwester ist durch seine Leitung
ein artiges Mädchen geworden, nur Schade, dass sie noch so jung ist. O, Freundin,
könnt ich doch das Glük dieser Lieben machen! - Sie darben nicht, aber wenn mein
Vater sterben sollte, dann weh den Hinterlassenen! - Diesmal verlass ich meine
Familie mit schwerem Herzen. Gott soll meine Ahndung nicht übel ausschlagen
lassen! - Ich küsse Dich herzlich und bin wie allezeit
                                                                   Deine Amalie.
 
                                  XXXII. Brief
                                   An Amalie
Lass Dir mein Stillschweigen nicht auffallen, meine Liebe; Du weist, man kann
nicht allezeit wie man will. - Du willst also schon wieder reisen, oder musst
vielmehr zu deinem Nuzzen reisen? - Die Absicht deiner Reise ist gut, nur bin
ich böse, dass dein unruhiger Kopf nirgends fest hält. Zu was soll all das
Avantürische in deinem Kopfe? - Die verwünschten Romanen haben deine Einbildung
mit Schimären angefüllt. Glaube mir, Mädchen, unter jedem Himmelsstriche findet
man mehr Böses als Gutes, und ein Mädchen wird heute oder morgen unzufrieden,
wenn es sich in seinen Hoffnungen getäuscht sieht. - Dein Wunsch, die Welt zu
sehen, wäre so übel nicht, aber dass Du Dir von der Welt mehr versprichst, als Du
erhalten wirst, ist für mich ein trauriger Gedanke. Du kennst den Wirrwarr unter
den Menschen zu wenig, um nicht davor zu zittern. Leider bist Du eines von jenen
Geschöpfen, die wider ihren Willen den Aenderungen des Schiksals ausgesezt sind;
aber deine bestimmten Wege vernünftig durchzuwandern, ist nun deine Pflicht.
Schreib mir, so oft Dir etwas Widriges aufstösst, Du kennst mein Herz, mit dem
ich Dich immer leitete und noch ferner leiten werde. Ich bin in der Tat froh,
wenn Du von deinem schwärmenden jungen Vetter wegkömmst; der würde Dir den Kopf
vollends verrükken. Empfindelei und wahres Gefühl sind zwei verschiedene Dinge;
das erstere ist schädlich, das leztere für die Menschheit rühmlich. Dass man Dich
in dem Hause, worein Du bestimmt bist, lieb haben wird, dafür ist mir nicht
bange, denn Du hast eine Art von gutem Willen an Dir, der Jedermann an sich
reisst. - Die Stadt, worein du kömmst, ist gross und folglich mit mehreren
Verführern angefüllt; Du weist, was ich sagen will, und dessen magst Du Dich
erinnern, wenn es nötig sein wird. Schreibe deinem lieben Vater oft, damit er
nicht Anlass bekömmt, über Dich zu murren. - Sei rechtschaffen, liebenswürdig und
bescheiden, wenn Du deiner Fanny Freude machen willst.
 
                                 XXXIII. Brief
                                    An Fanny
Vor allem, Fanny, muss ich Dir den ersten Saz deines Briefs beantworten. Ist es
wohl meine Schuld, wenn sich eine Art avantürischer Hang in meiner Einbildung
festgesezt hat? - Mich deucht, jeder Mensch reitet sein Stekkenpferd, und das
ist nun gerade das meinige. Ich würde diesen Hang ganz unterdrükken lernen, wenn
mich nicht mein abwechselndes Schiksal darin bestärkte. Wäre ich zu einem
ruhigen, einfachen Leben bestimmt, so würde sich mein flüchtiger Geist nach und
nach legen, so aber wird er durchs Reisen und durch die vielen unwillkührlichen
Abänderungen genährt. Wenn meine Ahndung wahr spricht, so wartet auf mich eine
gewaltig unruhige Zukunft. Wer nicht Meister über seine ökonomischen Umstände
ist, der muss sich in der Welt wie ein Ball herumwerfen lassen; und dann bei
solchen Lagen, wohl dem Mädchen, das Grundsäzze hat! Dass es so viele böse
Menschen in der Welt gibt, habe ich, wie mich dünkt, schon bemerkt; es wird
Unglück genug für mich sein, wenn ich in der grossen Welt die wenigen guten eben
nicht finde. Ob ich nun meine Schiksale gelassen und vernünftig durchwandern
werde - das weis Gott; aber dass meine Schwachheiten nicht zu Bosheiten ausarten
sollen, dafür steh ich. - Dann müsste mich alles Gefühl meiner Erziehung
verlassen haben, und der Gedanke an eine Freundin nicht mehr in meinem Herzen
wohnen, die so nachsichtsvoll mich von jedem Irrwege zurückrufen würde. Mein
phantasirender Vetter schreibt mir jezt eben so phantasirende Briefe, und ich
gesteh es, seine Schwärmerei ist für mich anstekkend. - Ich bin nun schon einige
Wochen hier; der Abschied von meinem Vater war mir diesmal äusserst drükkend; ich
weinte bitter, und doch riss mich die Notwendigkeit von den Meinigen weg;
Notwendigkeit ist ein grässlicher Tirann unter den Menschen, sie trennt die
bessten Geschöpfe. - Ich stieg so traurig, so schluchzend in den Postwagen, dass
meine Reisegefährten, die schon im Wagen sassen, darüber stuzten. - Ich fühlte
mich zwo Stunden lang äusserst fremd unter dieser Gesellschaft, und mein Herz
wollte sich durchaus nicht der Freundlichkeit öffnen, mit der mir alle diese
Leute begegneten. Ich weis nicht, war es Zagheit; genug ich war den ganzen Tag
für alles kalt, was um mich vorgieng. Die Gesellschaft bestund aus einem
Frauenzimmer, zween jungen Offiziers und einem Juristen. Man schäkkerte, lachte,
philosophirte, moralisirte durcheinander bis es dunkel ward. Ich blieb bei allem
dem stumm, und würde es ferner geblieben sein, wenn mich der Wohlstand nicht zum
Danken genötigt hätte, indem der Wagen stille hielt, und mich gleich darauf der
eine Offizier heraushob. Jezt ging alles ins Postaus, das Mädchen an der Seite
des einen Offiziers, und ich mit meinem Nachbar, der mir um vieles schüchterner
zu sein schien, als sein Reisegesellschafter. - Man ass, man trank, und während
als ich mit meinem Nachbar und mit dem Juristen schwazte, verlor sich jener
Offizier mit unserer Reisegefährtin und kamen beide nach einer halben Stunde
sehr zerstört zur Gesellschaft zurück. Was zwischen ihnen unterdessen
vorgegangen, mag der Göttin der Wollust besser bekannt sein, als mir. Das
Mädchen schien mir an das löbliche Handwerk schon ziemlich gewöhnt, denn sie
schäkkerte mit einer Frechheit, die mich erzürnte; doch dünkte sie mich dabei
äusserst arm, und eben darum entschuldigte ich sie mit einer Duldung, die jeder
Vernünftige seinem Nebenmenschen schuldig ist. Endlich fieng der Postillion an
zu blasen, wir stiegen wieder in den Wagen, und rollten so die ganze Nacht durch
fort. An meiner Seite sass jezt der stürmische Krieger, dem es vermutlich nach
etwas Neuem gelüstete, weil es ihm an seiner ersten so leichten Eroberung schon
zu ekkeln schien. Es war dunkel, und was braucht es mehr um das Zügellose eines
solchen Geschöpfes zu reizen? - Der Ritter fieng an, an meiner Seite unruhig zu
werden, und zwar so unruhig, dass ich, um mich vor ihm zu sichern, ihm seine
neugierigen Hände fast blau zwikte. Schreien wollt ich nicht, denn das schien
mir zu affektirt, zu heldenmässig, und plagen wollt ich mich doch auch nicht
lassen; also was glaubst Du wohl, dass ich in dieser kritischen Lage tat? - Ich
nahm ein Paar Steknadeln zu Hülfe, und peinigte seine Hände so, dass er heimlich
darüber zu allen Teufeln fluchte. Das Schnaufen, das Geräusche der Kleider
mussten einige im Wagen bemerkt haben, denn die Dirne fieng helllaut an zu lachen
und wollte eben zotigte Anmerkungen darüber machen, als der andere sanftere
Offizier sich meiner annahm und sagte: Bruder, lass mir deinen Platz und nimm Du
den deinigen wieder; denn gleich und gleich gesellt sich gerne. - Nun wechselte
man die Pläzze; ich verkroch mich in eine Ekke des Wagens und hütete mich sehr
meinem neuen Nachbar nur mit einem Finger zu begegnen. Zwo Stunden vergiengen
ganz ruhig, alles schnarchte wieder, nur ich und mein Nachbar schliefen nicht.
Durch ein Ungefähr erhaschte er meine Hand, hielt sie fest und drükte sie an
seine Lippen. Mir fieng bei diesem neuen Sturm an bange zu werden; doch als ich
merkte, dass er sehr mit sich selbst kämpfte und nicht so unverschämt wie der
andere war, schlief ich ruhig ein. - Aber wie das zugieng, weis ich nicht; -
genug, als ich erwachte, fand ich, dass mein Kopf an seinen Busen gelehnt war. Ob
mich nun das fatale Stossen des Postwagens in diese Stellung gebracht, oder ob
der junge Herr mich im Schlafe selbst hinzog; - ist mir unbewusst. - Doch schlief
ich in dieser Lage ruhig und süss, und, wenn ich mich nicht irre, so träumte
mir's, als ob mich mein Nachbar im Schlafe recht sanft geküsst hätte. Wir Mädchen
sind doch närrische Dinger; nichts reizt uns mehr, als wenn die Männer sanft
genug sind, mit ihren eignen Trieben recht lange zu kämpfen und mit uns recht
platonisch zu schwärmen. Fanny, löse mir doch dies Rätsel in deiner Antwort
auf; ich bitte Dich darum. - Auf diese Art also verstrich der erste Tag meiner
Reise, und für heute nichts weiter mehr, als lebe wohl! -
                                                                   Deine Amalie.
 
                                  XXXIV. Brief
                                   An Amalie
Mädchen, grüble mir nicht schon wieder in die Zukunft hinein! - Dass Du zu einem
abwechselnden Schiksale bestimmt bist, glaube ich selbst; dafür hat Dir aber
auch der Schöpfer Geist und Talente gegeben, nun kömmts auch viel auf Dich an,
guten Gebrauch davon zu machen. Du hast völlig Recht, dass die ökonomischen
Umstände den Menschen in der Welt manchmal zum Untiere machen. Denn man sagt
gewöhnlich: Not hat keine Gesezze; und der grösste Philosoph ist ein elender
Wurm, wenn ihn hungert. Mässig essen und uns standsmässig kleiden, das müssen wir,
wenn aber uns alles das Troz unserer Bemühung versagt wird? - Nicht wahr, dann
fallen wir Menschen in die rohe Natur zurück, suchen, wo wir finden, um unsere
Bedürfnisse zu befriedigen, die wir unwillkührlich an uns haben? - Es gibt nun
eine Menge dummdenkender Köpfe, die weder die Welt, noch ihre Zufälle, und am
allerwenigsten das heimlich dringende Elend mancher Unglücklichen kennen. Diese
Strohköpfe behaupten, es dürfe kein Mensch verhungern, wenn er nur arbeiten
wolle. - Der Bettler verhungert auch nicht, wenn er nur täglich seine
Kapuzinersuppe geniesst. Aber gibt es nicht noch tausend andere Klassen von
Menschen, denen sogar diese armselige Suppe versagt ist? - Giebt es nicht Winkel
der Erde, wo Schande, Gefühl, Mangel und Verzweiflung an den Herzen der
Notleidenden nagt? - Findet man nicht oft in den finstersten Löchern arme
Familien aufs Stroh hingestrekt, die von ihrem Kummer sich nähren, ihren Durst
mit eignen Tränen stillen, und dem Zufall fluchen, dass er seine Reichtümer
bloss an harterzige Teufel verschwendet hat? - Keine Tugend ist seltener als
Menschenfreundlichkeit, und keine wird so wenig geübt, als eben diese. Der
Reiche pralt mit diesem herrlichsten Gefühle der Schöpfung, und kennt es nicht,
will es nicht kennen, oder wendet dieses Gefühl gerade nicht da an, wo er dazu
aufgefodert wird. Der wahre Menschenfreund muss geizig jeden Anlass suchen, die
Tränen der Notleidenden zu stillen; er muss Gefühl, gutes Herz,
Menschenkenntnis besizzen, er muss vom Vorurteil frei, ohne Rüksicht auf Stand
oder Person, das Elend oder die gekränkte Ehre untersuchen, er muss sich vor der
ganzen Welt nicht schämen einen zerfezten Elenden an seinem Arm zu führen, wenn
er in ihm das gelungene Meisterstük der Schöpfung entdekt hat. - Er muss stolz
auf eine solche Handlung sein, weil sie ihn vom gemeinen Trosse wie einen Gott
unterscheidet. Er muss selbst dem Spötter kaltblütig den Rükken zeigen, und sich
grösser dünken als der tapferste Krieger, der sich durch seine Mordsucht adelt.
Er muss im vollen Verstand gut gegen sein Mitgeschöpf sein und das nur für Zufall
ansehen, dass er reicher als sein Nebenmensch ist; auch muss er seine Wohltaten
bescheiden und mit der feinsten, sanftesten Kunst austeilen, sonst martert er
das fühlende Herz eines Unglücklichen weit ärger, als ihn der langsam verzehrende
Mangel mordete! - Elend ohne Zeugen ist für den Denkenden schwer, aber Elend mit
Zeugen ist noch schwerer, besonders für Den, der nicht Vernunft genug hat, sich
auch in der Armut erhaben zu fühlen und den übel ausgeteilten Durcheinander
für weiter nichts als Kaos anzusehen. Wenn Du länger in der Welt lebst, meine
Liebe, wirst Du noch viele solche dürftige Geschöpfe finden, die aus Mangel an
Nahrung mit ihrem Körper Gewerb treiben müssen, doch gibt es mehrere dergleichen
Mädchen, die aus Liebe zum Puz, aus Hang zum Wohlleben, aus Gewohnheit und
Uebertäubung, aus Faulheit und Unverschämteit, aus Mangel an richtigem Gefühl
und Erziehung, sich im Lasterleben fortwälzen, bis zu gewissen einsamen Stunden,
wo der Ekkel der Natur in diesen Elenden aufwacht und ihr Inneres weit ärger
martert, weit ärger zerreisst, als Reue über ihre Sünden, deren sie aus
Verzweiflung, aus Abscheu gegen sich selbst, keiner mehr fähig sind! - So
ungefähr kömmt mir der Zustand dieser Bedaurungswürdigen vor. Denn, wenn weder
Gesez noch Religion wäre, so liegt doch wider ein solches Leben etwas
Schauderndes in der Natur! - Woher käme sonst die Verachtung, der Abscheu, die
Scham, der Ekkel eines abgekühlten Wollüstlings gegen so eine Verworfene? - Ich
habe mehr als einmal das Geständnis der grössten Weichlinge mit Erstaunen
angehört, die mich versicherten, dass der bitterste Hass auf den Genuss folge, und
dass der erste Augenblick von Ueberlegung ein bitterer Fluch über sich und die
Gehülfin ihrer Ausschweifungen sei! - Was ist nun dieses Erwachen anders, als
Scham über sich selbst? - Was ist es anders, als Eingeständnis des Lasters und
Meineids an der Liebe? - Was ist es anders, als ein übelverschwendeter Instinkt,
der einem jeden ohne Herz, ohne reine Liebe, ohne Empfindung, ohne Dank
erwiedert wird. Muss sich da nicht bei kaltem Blute der Stolz eines jeden sich
fühlenden Mannes empören, dass er seine Triebe mit so etwas Allgemeinem
beschmuzte? - Ist sein eigener Wert nicht dadurch sehr erniedrigt? - Ein Mann,
der denkt, opfert seine Triebe einer Herzensfreundin und der Liebe. - Mich
deucht, nur Männer, die sich unwürdig fühlen wahrhaft geliebt zu werden, können
Schritte tun, wovor sie sich selbst im Innern schämen müssen. - Genug hievon! -
Nun zu deiner Steknadelanekdote: Du bist wahrlich eine tapfere Heldin! - Glaube
mir, Mädchen, wenn sich alle bösen Buben durch Steknadeln zurückschrökken liessen,
so würden ihrer eine Menge mit blutenden Händen umherlaufen. Der Einfall war
indessen launigt und fein ausgedacht, nur glaub ich nicht, dass Du immerfort bei
jedem Angriffe mit Steknadeln bei der Hand sein wirst. Dass Stürmer Dir nichts
abgewinnen, das weis ich schon lange, aber um desto gefährlicher sind deinem
empfindsamen Herzen die sanften Männer. Nimm Dich in Acht, Malchen, und schlafe
mir ja nicht so leicht ein, wenn Du wieder an die Seite eines solchen Nachbars
zu sizzen kömmst! Die Männer lauren immerfort, und heucheln sich zuerst in unser
Zutrauen, damit sie hernach mit einem unwiderstehlichen Feuer uns um desto
sicherer überraschen können. Heute deucht mich genug geplaudert zu haben. Lebe
wohl, Besste! -
                                                                    Deine Fanny.
 
                                  XXXV. Brief
                                    An Fanny
Traute, liebe Freundin! - Ich habe Dir in meinem lezten Briefe vieles von meiner
zurückgelegten Reise vorgeplaudert, dass ich Dir gar nichts in Rüksicht des
Hauses, darin ich mich gegenwärtig aufhalte, sagen konnte. Die Familie, bei der
ich wohne, besteht aus Vater, Mutter und einer erwachsenen Tochter. Von dem
Karakter der beiden Alten lässt sich eben nicht viel Gutes, aber auch nicht viel
Böses sagen. Sie folgen beide dem gewöhnlichen Schlendrian alter Leute, der in
Andächtelei und pedantischer Moral besteht. Die Tochter aber lebt schon auf
einem aufgeklärteren Fuss, und liebt mich eben so herzlich als ich sie. Wir
schäkkern und lesen oft zusammen und schwazzen überdies von unsern kleinen
Liebeshistörchen. Leztin erlaubte uns Frau Mama, nach vielen Bitten, das
Schauspielhaus zu besuchen. Für mich war's ganz was Neues; denn in meinem Leben
hatte ich noch kein Schauspiel gesehen. Wie stark aber dieses erste auf meine
Nerven wirkte, kann ich Dir nicht sagen. - - Ich weinte... staunte... fühlte...
und das Bild der Liebe, das darin erschien, riss mich bis zum Entzükken hin! -
Ich habe die Tage meines Lebens keine Unterhaltung gefunden, die für mich mehr
zur Leidenschaft werden könnte, als eben diese. Als wir beiden Mädchen wieder zu
Hause waren, sprach ich den ganzen Abend durch kein Wort, ass nichts, und träumte
unaufhörlich von dem, was ich gesehen hatte. Die Vorstellung war ein
Trauerspiel, Romeo und Julie genannt. Ob die Schauspieler gut spielten, kann ich
Dir nicht sagen, weil meine Kenntnis in diesem Fache noch klein ist. Aber so
viel weis ich, dass mir die Liebe des guten, liebevollen Romeo äusserst ins Herz
drang, und dass ich vollkommen das ängstliche, ungeduldige Sehnen und Warten der
Julie mitfühlte, wenn sie voll Liebe und Wollust, voll Furcht und Zärtlichkeit,
bange nach ihrem Geliebten seufzt! - Unter so vielen unangenehmen Dingen, denen
die Menschen unterworfen sind, deucht mich für einen feurig, ungeduldig
wünschenden Kopf das Warten das allergrausamste. Wie schröklich mag es wohl erst
für Verliebte sein, wenn furchtsame Phantasien ihre Augenblicke zu Jahrhunderten
schaffen! Ich muss jezt von dem Artikel der Liebe abbrechen, sonst würde er zu
sehr auf mein Herz wirken; und nun zu einigen Stellen deines Briefs gerükt!
Deine Äusserung, dass die Not so viel Unheil unter den Menschen stiftet,
erfüllte mich mit Traurigkeit. Bald hätte ich Lust mit Dir die Einrichtungen in
der Welt zu verwünschen, welche die Menschen aus Eigennuz erfunden haben. Die
Natur fodert doch so wenig, und gibt uns alles, was wir am nötigsten brauchen.
Hätte sich nicht Politik und Herrschsucht unter uns eingeschlichen, so wüsste man
nichts vom Reichtum, nichts vom Vorzug, nichts von überflüssigen Wünschen; aber
so müssen die Menschen gleichsam in einer Kette durcheinander geschlungen leben,
wovon dem einen ein grosses Stük, dem andern aber gar nichts zu Teil wird. - Und
hat denn der Arme, der vom gleichen Stoff, wie der Reiche, geschaffen ist, nicht
Ursache sich zu beklagen? - Was kann er dafür, dass ihm seine Eltern in einem
Augenblicke des Vergnügens sein Dasein gaben, um ihn durch unverdiente Armut
von dem Schiksale martern zu lassen. Unsere Geburt ist unwillkührlich, und die
Last unserer Schiksale drükt uns so oft unschuldig, aber desto schröklicher! -
Ich will gerne glauben, Freundin, dass es Dummköpfe gibt, die das heimliche
Elend so vieler Menschen nicht kennen. Überfluss macht den Reichen faul,
gedankenlos und hart. Wenn die lüsternen Wünsche des Reichen befriedigt sind,
dann wird er schläfrig, untätig, auch ist die Vernunft und das Gefühl da am
wenigsten zu Hause, wo Taumel von aller Art Wollust herrscht. - Fast gar keine
Reiche gibt es, die mitten im Wohlleben der Menschheit eine Träne zollen. Du
hast, meine Liebe, das Bild eines Menschenfreundes so vortreflich entworfen, dass
sich selbst der Schöpfer darüber freuen müsste, wenn er Viele unter seinen
Geschaffenen fände, die diesem Bilde glichen! - Auch muss die Wollust, die der
Menschenfreund nach einer schönen Tat empfindet, die grösste Seligkeit sein. -
Kein Andenken in der Welt gräbt sich tiefer ins fühlende Herz, als
Menschenfreundlichkeit und die Erinnerung an eine gute Handlung; alle übrigen
wezt die Zeit aus, aber der Gedanke, einen Elenden unterstüzt zu haben, bleibt
ewig, und muss dem Wohltätigen in seiner lezten Todesstunde Vorgeschmak des
Himmels sein! - Die Tränen des Danks... Die Freude eines Geretteten... Die
Verlängerung seines Lebens... sind lauter Lorbeeren, die sich der Menschenfreund
um sein Haupt sammelt, die seine Todesstunde versüssen und ihn triumphirend zum
gerechten Richter führen! Wie viele Laster kann der Menschenfreund verhindern,
die oft von Generation zu Generation erblich sind, wenn Armut die Quelle davon
war. Den Grossen der Erde und ihren Vertrauten käme es zu, in ihren Städten jeden
Stand in Klassen einzuteilen, und Alles, was darin lebt und webt, durch
vernünftige Anstalten so viel möglich vor Mangel zu schüzzen. Warum richtet man
nicht für so viele müssige Freudenmädchen eine Art von Fabrikke auf, wo jede
ihrem Stand angemessene Beschäftigung bekäme? - Dirnen, die aller Besserung
unfähig wären, wärfe man, nach allen nur möglichen vorhergegangenen Versuchen,
an den Ort, der für öffentliche Bedürfnisse privilegirt wäre. - Dann bekäme doch
das Laster lauter freiwillige Auswürflinge und keine Unschuld mehr durch Armut
verführt zum Raub! - Ueberhaupt, um bessere Grundsäzze der Jugend einzuflössen,
als sie oft bei ihren nichtswürdigen Eltern bekommen, wäre ein allgemeines
Erziehungshaus für arme Kinder der zuträglichste Ort, von dem unsere
Nachkömmlinge bessere Sitten zu hoffen hätten. Wider den Willen der Eltern
hätten die Grossen das Recht, nach befundener übler Erziehung und Armut, für das
Wohl der Jugend zu sorgen und sie in besagtes Haus aufzunehmen. Gewalt zum Guten
hat jeder regierende Herr. - Wenn von der Erziehung nicht so viel geschrieben
und mehr ausgeführt würde, so bekäme die Menschheit eine ganz andere Wendung.
Denn in der Erziehung liegt Glük oder Verderben. - So ungefähr, meine Freundin,
denke ich mir die Sachen. - Lebe wohl, meine Besste! -
                                                                   Deine Amalie.
 
                                  XXXVI. Brief
                                   An Amalie
Mich freut es ausserordentlich, liebe Amalie, dass Du Dich bei so redlichen Leuten
befindest. - Lass dem Alter immer seine Gewohnheiten, dafür sind wir jung um
diese Schwachheiten zu ertragen. - Du warst also in dem Schauspiele? - Will es
gerne glauben, dass es deinen Sinnen auffiel. Du hast ja ohnehin Überfluss an
Gefühl, ein unverdorbenes Herz, und Sinnen, die reizbar sind. Und nichts bringt
diese Sinnen mehr in Gährung, als eben das Schauspiel. - Es ist der Weg zur
Bildung für junge Leute, wenn es nicht von einer falschen Seite genommen wird,
aber auch zur Ausschweifung. - Uebrigens hast Du ganz Recht, meine Freundin,
Armut und Not sind die herrschenden Leiden in dieser Welt, und es wird so
wenig über diese zween Gegenstände nachgedacht, dass es unglaublich scheint, wenn
so viele Elende, Verlassne, ohne bemerkt zu werden, heimlich ihr Grab finden! Der
überflüssige Aufwand ist nun einmal eingeführt, wer ihn nicht bestreiten kann und
der Tugend getreu bleiben will, wird verspottet, verachtet und verhönt. - Kein
Wunder, wenn sich so viele Schwache an der Armut zu rächen suchen und nur zu
oft auf Irrwegen nach Hülfe schnappen. Der einzige Trost, der einem Armen übrig
bleibt, ist Religion; diese allmächtige Mutter kann Stärke, kann Seelenkraft
geben, und wo diese nicht ist, tritt Ausschweifung und Verzweiflung an ihre
Stelle. - Was könnte sonst den darbenden Armen vom Selbstmord abhalten, wenn er
nicht auf eine bessere Belohnung hoffen dürfte? Er müsste gegen die Vorsicht
murren, statt, dass er sie im Herzen segnet; er müsste über sein Leben bitter
eifern, wenn er nicht eine Seele hätte, die auf dauerhaftere Glükseligkeit
Ansprüche machen könnte. - Religion macht den Armen duldsam, den Elenden
standhaft, den Verfolgten erhaben, den Gekränkten stark, den Verlassenen mutig,
überall hofft der Unglückliche von seinem Schöpfer Hülfe. - Er überlässt sich der
Vorsicht, und grübelt nicht über ihre herrlichen Fügungen nach, weil er sie
verehrt. Dass es nun in der Welt so wenig Menschenfreunde gibt, ist auch wieder
Mangel an Religion. Liebe Gott und deinen Nächsten, sind Worte, die man der
katolischen Jugend zu wenig ins Herz schreibt. Ueberflüssige Bigotterie,
sinnloses Gebet, Frazzereien, damit wird ein junges Herz angefüllt. - Liebe,
Gefühle und Duldung für seine unglücklichen Mitgeschöpfe wird es nicht gelehrt.
Daher so viele Afterchristen, die ihre Religion zum Handwerk machen, und
grausame Untiere statt liebender Brüder werden. Wie kann der Mensch in seinen
alten Tagen menschlich handeln, wenn er in seiner Jugend nicht hat fühlen
gelernt? - Wie kann er Mitleid empfinden, wenn er nicht gelernt hat, seine
Brüder zu lieben? - Wie kann die Stimme der Religion auf ihn Eindruk machen,
wenn er nicht durch sie überzeugt wird, dass wir alle Brüder und Schwestern sind?
- Auch der niedrigste Pöbel hat wenigstens ein Fünkchen Gefühl für seinen
Mitmenschen im Herzen, wenn es durch die Lehrer der Religion erhalten, statt
erstikt wird. - Aber Unmenschlichkeit, Menschenhass, Höllenfluch, ist meistens
die Sprache der bigottischen Lehrart; ihr Eigensinn, ihre Dummheit macht der
Natur Schande, die uns doch alle für einander schuf. Ist es nicht ein hässliches
Vorurteil, dass man den gemeinen Katoliken das Lesen so vieler vortreflichen
Bücher verbietet, oder seine Leichtgläubigkeit durch Sündenfurcht abschrökt? -
Wenn der Mensch fühlen will, so muss er zuerst denken lernen, und wie kann der
gemeine Mann bei den Katoliken über die Pflichten der Religion und
Menschenliebe denken, wenn er so selten durch ein gutes Buch, durch eine
vernünftige Predigt, oder durch die sanfte Anweisung seines Seelsorgers dazu
geleitet wird? - Gebt dem gemeinen Manne so viel Aufklärung, als er nötig hat,
und er wird ein guterzigerer Mensch und ein besserer Christ werden. - - Aber
nun, meine Besste, will ich dir das Uebrige deines Briefs beantworten: Du hast
Recht, meine Freundin, die Grossen der Erde könnten alles, was unter ihrer
Obsicht steht, vor Mangel schüzzen, wenn sie nur wollten, oder wenn sich ihre
Vertrauten weniger in der Wollust herumwälzten, damit es ihnen zu dergleichen
rühmlichen Projekten nicht an Zeit fehlte. - Den grossen Schwarm von
Freudenmädchen zu vertilgen, stünde bloss in der Gewalt der Grossen, weil durch
ihre Schuld so viele tausend Menschen vom Tode hingerafft werden, und durch
deren Abschaffung oder Verminderung diesem Uebel gesteuert würde. - Wenn man die
häufigen Opfer in mehreren Städten Deutschlands bedenkt, die an Lustseuchen
elend dahin sterben, so möchte man bis zu Tränen gerührt werden! - Dein
Vorschlag, meine Liebe, Fabrikken zu errichten, könnte für die Zügellosigkeit
unseres Zeitalters trefliche Dienste tun, wenn sich die Grossen der Erde mit
Ernst darein mischen wollten. Doch müssten diese Häuser mit den mildesten,
vernünftigsten Gesetzen geziert werden, damit Vernunft und Religion, durch
anständige Freiheiten, die man diesen Mädchen zukommen lies, über sie den Sieg
erhielten, der vielleicht noch bei vielen zu finden wäre, die aus Armut und
Verführung zum Lasterleben hingerissen wurden. Man dürfte nur die Verfertigung
und den Verkauf der Puzwaaren ausserhalb diesen Fabrikken verbieten, und es
würden dadurch die Einkünften hinlänglich genug, alle Mädchen nach ihrem Stande
zu nähren, zu kleiden und zu beschäftigen. - Die Mädchen müssten nach Maassgabe
ihrer Aufführung Freiheit geniessen. - Den vernünftigen Aufseherinnen stünde es
dann zu, die Mädchen zu untersuchen, ob mit Sanftmut, oder mit Gewalt mehr
auszurichten wäre? Die, welche Troz aller Ermahnungen die Stimme der Ehre
überhörten, müssten dann einer schärfern Züchtigung übergeben werden. - Fremde
und Einheimische könnten in einem solchen Hause zu einer Besserung ihres
Schiksals gelangen. O, meine Besste! - Welch eine Wonne wäre es für uns, wenn
diese unsere gute Meinung in die Hände eines Menschenfreundes fielen, und irgend
einem Grossen der Erde zum Wohl der Menschheit übergeben würden. Lebe wohl, meine
Liebe! - -
                                                                    Deine Fanny.
 
                                 XXXVII. Brief
                                    An Fanny
Wenn ich Dich so lange Zeit auf einen Brief warten lies, so schreibe diese
Nachlässigkeit nicht auf Rechnung meines Herzens. Die vielen Modearbeiten gaben
mir und meiner Freundin so viel zu tun, dass ich mein Lieblingsgeschäft, Dir zu
schreiben, hintansetzen musste. Ich habe seiter im Puz wakker arbeiten gelernt,
und Frau Mama lies mich zur Belohnung meines Fleisses öfters das hiesige
Schauspielhaus besuchen. Da sah ich allerhand Zeugs und besonders mehr schlechte
als gute Stükke. - Meine Kenntnisse in diesem Fache fangen nun an sich zu
entwikkeln, weil ich jede Vorstellung in Gesellschaft von Kennern mitansehe und
beobachte. Da wird denn nun vieles über diese Kunst gesprochen und kritisirt,
bei welcher Gelegenheit ich mir immer das Wichtigste merke. Das Schauspiel ist
mir nun nicht mehr so neu, als da ich es zum erstenmale besuchte, und eben darum
sind jezt meine Urteile mit kälterm Blute abgefasst und wie mir dabei dünkt,
richtiger, als zu Anfang, wo meine lebhafte Einbildungskraft alles gierig
verschlang, was ich vorher noch nicht gesehen hatte. Der Direktor der
Gesellschaft ist Herr Sch***, ein schöner junger Mann; Schade nur, dass seine
Gesundheit durch ein unregelmässiges Leben auf der Neige steht. - Eine gewisse
M*** spielt die Rolle einer Liebhaberin auf der Bühne mit viel treuer
Schwärmerei; wenn sie nur ausser der Bühne nicht das Gegenteil behauptete! - Des
Direktors Weibchen ist ein lebhaftes, feuriges Ding, handelt aber wie die
meisten Schauspielerinnen, denen es an Erziehung fehlt, ohne Grundsäzze, bloss
sinnlich. - Mangelt es bei solchen herumreisenden Gesellschaften dem Haupte
davon an guten Sitten, so weis man, was sich von den Uebrigen denken lässt.
Während der Zeit, dass diese Schauspielergesellschaft sich hier aufhielt, fielen
unter ihnen einige merkwürdige Auftritte vor, die dem Zuschauer jede Moral, die
aus dergleichen Leute Munde kömmt, unwahrscheinlich machen muss. So feurigen Hang
ich in mir fühle, mich einstens dieser Kunst widmen zu können, so sehr schrökt
mich der zügellose Wandel dieser Leute davon ab. - Ist es nun zu verwundern,
wenn der gesittete Mann die Türe vor solchen Geschöpfen schliesst? - Ist es zu
verwundern, dass der gemeine Mann, der nicht Einsicht genug hat, hie und dort
eine Ausnahme zu machen, den Schauspieler bei lebendigem Leibe für verdammt
hält? - Ich finde es unverzeihlich, dass die Obrigkeit auf reisende Schauspieler
kein wachsameres Auge hat. Sie machen doch einen wichtigen Gegenstand aus, und
sollten eben darum, weil sie zu Verbesserung der Sitten bestimmt sind, zu einem
exemplarischern Lebenswandel, als andere Menschen, gehalten werden. Doch jezt zu
andern Neuigkeiten! Ich schrieb meinem Vater von hier aus schon einige Briefe,
und leztin antwortete mir der junge schwärmerische Vetter B**** im Namen meines
Vaters. Ich kann Dir nicht genug sagen, wie sehr er meine Schreibart erhebt.
Lies einmal eine Stelle aus einem seiner Briefe, die ich Dir hersetzen will. -
Du bist ein teures vortrefliches Geschöpf, und wirst einstens manchem von
unserm Geschlecht den Kopf verdrehen! Dein Geist bildet sich täglich mehr, und
welche Wonne für Den, der Dich einstens mit deinen Engelsvorzügen ganz besizzen
wird! - Ei, du kreuzbraver Schmeichler! dachte ich mir bei Lesung seines Briefs,
und antwortete ihm mit einer beissenden Satire. - Aber, nicht wahr, meine
Freundin, er hat sie verdient? - Warum schreibt mir der Junge Albernheiten von
der Art? - Die gefährlichen Jungens, wenn sie kaum lallen können, so fangen sie
schon an uns zu schmeicheln, und wissen recht gut, dass das bei den meisten
Mädchen der Weg zum gefallen ist. Zu allem Unglück für uns hat uns die Natur
weich genug gemacht, diesen Weihrauch mit Güte des Herzens zu erwiedern. Ich
wünschte, dass alle Mädchen philosophisch dächten, um jedes Gefühl vom andern
Geschlecht für Betrug anzusehen und die Männer so lange mit Ungewisheit zu
kränken, bis sie uns besser und treuer behandelten. Ueberall findet man so viele
von beiden Geschlechtern betrogen. Woher kömmt denn doch ein so ungeheures Kaos
von beiderseitigem Betrug? - Ich bin so böse, wenn ich die wechselseitigen Lügen
betrachte, die man sich in der Liebe so leicht, so ungezwungen hinsagt. - In
meinen vaterländischen Alpen, da geht's nicht so zu, man sagt einander nie was
von Liebe, wenn man es nicht fühlt, aber wenn man es sagt, dann hält man sich
auch Wort. Mich deucht, nur standhafte Liebe allein kann das Band der
Glükseligkeit im menschlichen Leben knüpfen, und ich freue mich so herzlich,
wenn ich so von ungefähr auf zwei Verliebte stosse, ich möchte alsdann den
Schöpfer laut loben, der der Urheber dieser beiderseitigen namenlosen
Guterzigkeit ist, die zwei Zärtliche so gränzenlos mit einander teilen! -
Länger kann ich aber heute nicht mehr mit Dir schwazzen, und ausser einem
Mäulchen, das ich dir aufdrükke, sag ich bloss noch, dass ich bin
                                                                   Deine Amalie.
 
                                 XXXVIII. Brief
                                   An Amalie
Hättest Du mir noch einen Monat länger nicht geschrieben, so würde ich mich
schon bei Dir selbst gemeldet haben, denn mir war für dein Schiksal bange. -
Uebrigens, meine Liebe, bin ich mit deinen Bemerkungen über das Schauspiel sehr
zufrieden, und will Dir izt auch meine Meinung darüber sagen: Die Sitten
reisender Schauspieler sind fast durchaus verdorben. Der Grund davon liegt in
unendlichen, wovon ich nur den Hauptteil berühren will. Die Bühne ist der lezte
Zufluchtsort aller Gattung verlassner Menschen. Die meisten sind lüderliche
Bursche, oder ausgelassne Mädchen, die die Kunst bloss zum Dekmantel wählen. Die
allerkleinste Anzahl davon sind wahre Unglückliche, die aus Schiksal, aus Mangel
diesen Stand wählten. Wenn nun diese erstere Klasse von Menschen ohne Erziehung,
ohne Ehrengefühl, mit gränzenlosen Leidenschaften begabt, eine Bahn betreten, wo
so viel tausend Gelegenheiten diese Leidenschaften reizen, so müssen solche
Menschen weit ausschweifender werden als andere, die in den engen Schranken
ihres bürgerlichen Lebens nichts vom Neid, nichts vom Eigennuz und nichts von
der Wollust wissen. Schwäche der Seele, wenige Moral bei so häufigen
Versuchungen sind die Fehler dieser Unglücklichen, die sich den Lüsten eines
Jeden darstellen müssen und nicht Stärke genug haben, den Angriffen auszuweichen,
die das Vorurteil so frei, so allgemein, besonders bei den Schauspielerinnen
wagt. Man rechnet diese Frauenzimmer unter die allgemein buhlenden, und die
meisten leider beweisen es auch mit der Tat, dass man ihnen nicht Unrecht tut,
sie darunter zu rechnen. Veränderung der Lage, Armut, weibliche Eitelkeit,
Liebe zur Verschwendung, die durch schwärmerische Rollen gereizte Nerven,
Neuheit der Bekanntschaften, wozu diese Leute auf ihrem Herumreisen verleitet
werden, alles das zusammen genommen, bringt diese Schwachen zu so vielen
Ausschweifungen; und da die meisten aus ihrer Kunst ein Handwerk machen, so ist
es sehr wahrscheinlich, dass die Moral, die sie täglich auf der Bühne im Munde
führen, auf sie selbst nicht mehr wirkt. Ich habe Schauspielerinnen gekannt, die
es so weit im Mechanismus brachten, dass sie hinter den Koulissen manche der
Moral widrige Handlungen trieben, und einen Augenblick hernach mit allem
möglichen Schein auf der Bühne ernstafte Empfindungen und eine Art Träume
nachahmten, dass der gröbere Teil des Publikums ihnen sogar Beifall zuklatschte.
- Der Kenner sieht nun freilich durch so eine Larve hindurch, und weis recht gut
zu unterscheiden, was für Gefühle Mutter Natur in eine Schauspielerin gelegt
hat, oder nicht. - Es ist kein richtigerer Weg um die hervorragenden Züge der
Karakteristik eines Schauspielers zu entziffern, als sein Spiel selbst;
besonders bei dem Frauenzimmer kann man es beinahe auf den Wink erraten,
welcher Karakter im bürgerlichen Leben ihnen eigen ist, wenn man sie lange und
ohne Vorurteil beobachtet. Die Kokette wird in der sanftesten Rolle mit einer
gewissen Frechheit hervorblikken, und das gutgezogene Mädchen wird im Gegenteil
in der ausschweifendern Rolle der Kokette doch hervorschimmern. - Und gesezt,
beide von dieser Art Schauspielerinnen hätten es auch in ihrer Kunst so weit
gebracht, die Täuschung fast glaubbar zu machen, so ist es doch für den ächten
Menschenkenner nichts Unmögliches, so eine Person in Rollen, die sie bloss als
Künstlerin liefert, zu karakterisiren und ihren sittlichen Wandel zu entdekken.
Wenn der Kopf einer Schauspielerin in Rollen, die nicht auf ihren Karakter
passen, allein arbeitet, so merkt es der feinfühlende Kenner recht gut, dass das
Herz dabei fehlt. - Wenn gewisse Sinnen des empfindsamen Zuschauers nicht durch
das vollkommene Spiel des Schauspielers befriedigt werden, so wird er über kurz
oder lang das Fehlende am Schauspieler entdekken, woraus er die
Hauptleidenschaften seines Karakters von seiner spielenden Rolle unterscheiden
kann. - Der Schauspieler selbst, so weit er es auch im Studium gebracht hat, muss
es an sich fühlen, dass ihm entweder der Ton, das Gefühl, oder das Wahre fehlt,
wenn er in einer Rolle spielt, die nicht mit seinem Karakter harmonirt. Erinnere
Dich, meine Liebe, dieser Bemerkungen, und sie werden Dich zu Kenntnissen führen,
die bloss in der Natur liegen und also untrüglich sind. Es gehört aber lange
Erfahrung und eine genaue Beobachtung dazu, sonst kann man sich leicht irren;
besonders junge Mädchen, die des Schauspielers sittlichen Karakter bloss aus der
glänzenden Rolle beurteilen, und ihm eben die Tugenden ausserhalb der Bühne
zuschreiben, die ihnen ihre Neigung für sein Spiel (es mag gut oder schlecht
sein) eingibt. Man ist auch gar zu sehr geneigt, den Karakter im sittlichen
Leben nach der Güte einer Rolle abzumessen und man betrügt sich nur zu oft
grässlich, denn die Moral ist auch in dem Munde eines Nichtswürdigen geduldig,
und sträubt sich nicht, ob sie ein guter oder böser Mensch auf die Welt bringt.
Dazu gehört aber tiefe Kenntnis der Kunst, wenn man unterscheiden will, ob der
Spielende der Natur seines Karakters gemäss arbeitete; ob er die Moral als
trugloser Heuchler so darstellte, dass man es für Harmonie mit seinen Tugenden
halten kann; oder ob er bloss durch die Kunst eine glänzende Larve trägt, die
durch Festigkeit auf der Bühne, durch seine eigne Einsicht für den Zuschauer so
täuschend wird, dass man das für die Sprache der Tugend hält, was blose
Gewohnheit im Handwerk ist. - Manchem unschuldigen Mädchen glitscht so ein
moralischer Pasquillant unvermerkt ins Herz, und reizt mit seinem Flitterstaat
ihr Auge so sehr als ihr Zutrauen. Denn dem Mädchen oder dem Jungen ohne
Erfahrung ists unbegreiflich, dass es Schauspieler geben könne, die mit der Moral
so vertraut sind, und doch dabei so ausschweifend handeln. Die Jugend ist gar zu
sehr geneigt für die Schauspieler und Schauspielerinnen Leidenschaften der Liebe
zu empfinden, weil ihre vorteilhaften Rollen und überhaupt ihr ganzes
Aeusserliches unendlich reizt! - Nun zum Beschluss ein warmes Mäulchen von deiner
Freundin!
                                                                          Fanny.
 
                                  XXXIX. Brief
                                    An Fanny
O teure, Besste! - Schlag, auf Schlag donnert das Elend meine Jugend nieder! -
Noch kann ich die entsezliche Nachricht kaum fassen, die mich vollends zur Waise
machte! - Mein Vater ist todt, und mit ihm alle Freuden der Schöpfung, die mich
durch die vertrauten Bande der Natur noch an sie fesselten. So schnell, so früh
hat sie ihn mir entrissen, die Hand des Schiksals! - Und mich nebst meiner noch
unerzognen Schwester zu verlassenen Waisen gemacht! - Alle Menschen, die um mich
herum waren, suchten mit dem äussersten Gefühl des Mitleids mir diese
herzerschütternde Neuigkeit zu verbergen, weil man die Heftigkeit meines Grams
kennt. O, das war ein grausam barmherziger Aufschub! - Denn die Ungewisheit, die
ich auf allen Gesichtern im Hause las, folterte meine Seele um so mehr, weil ich
zum Voraus von der Krankheit meines Vaters unterrichtet war. Sinnlose Betäubung,
so behutsam diese Menschenfreunde ihre Nachricht einkleideten, schlug mich zur
Erde hin!!! - Und als ich zum neuen Menschenelend wieder erwachte, war
anhaltender Gram mein Loos! - Die Trennungen des Bluts sind die schröklichsten
in der Natur; wenn diese Urheberin unsers Daseins einen Teil ihrer schönsten
Harmonie von uns reisst, dann fühlt sich der übrig gebliebene einem kränkelnden
Blümchen ähnlich, das bloss noch zur marternden Strafe sein Leben behält. Ich
dünke mich jezt elternlos so verloren in der ganzen weiten Schöpfung! -
Gepeinigt von dem drükkenden, für glückliche Menschen so unbegreiflichen Kummer,
und erst jezt bin ich überzeugt, dass Furcht, Zagheit und äusserster Jammer das
Erbteil des nervenschwachen Weibes sind! - Meine Schwester! - Das unschuldige
Opfer des Zufalls! - Meine Schwester! Was wird aus ihr werden? - Ihre Erziehung,
die ich aus Mangel an Glüksgütern nicht besorgen kann, ist ein Gegenstand mehr,
der mir meinen Kummer noch verbittert! - Gott im Himmel, wie mich der Gedanke
durchzittert! - Dass vielleicht ihre junge, weiche Seele aus Zwang in die Hände
ihres Vormunds fällt, unter die Aufsicht eines Manns, der zwischen Tier und
Mensch bloss den Unterscheid der Gestalt trägt. - Ich muss hin zu meiner
Schwester, ich will sie ihm aus den geizigen Klauen reissen, diese arme verwaiste
Unschuld; deren verwahrloste Bildung mich einstens schröklich in meiner lezten
Stunde drükken würde! - Die Natur hat mir Jugend, ein gutes Herz, Kopf und
Gesundheit gegeben, ich muss dies alles mit meiner Schwester teilen, das sagt
mir die wohltätige Stimme der Natur, das sagt mir mein Gewissen, das sagt mir
der Geist meines Vaters, der mich diesem Kinde zur Trösterin, zur Mutter
hinterlies! - Wie viel bittere Tränen wird das arme Mädchen auf dem Grabe ihres
Vaters verweinen! - Was sie jammern wird, die Verlassne, um meine Zurükkunft! - -
Was ihrem jungen Gefühle die Bilder des Grams für Wunden schlagen werden! Kaum
öfnet sich ihr zartes Herz den Eindrükken der Freude, und schon wird diese
Freude durch Angst und Leiden getrübt! - O Schiksal! - Du bist manchmal gegen
deine Untergebenen zu hart, dass du nicht einmal die blühende Unschuld
verschonst! - Fanny! - Wenn ich mir das Kind, neben dem kalten Leichnam meines
Vaters, blass und verweint denke, wie sie da steht, einsam und verlassen, seine
starre Hand ergreift, sie tausendmal küsst, und nicht weis, an welches fühlende
Menschenherz sie sich wenden soll, weil ihr mit dem Vater Alles starb, woran sie
sich ketten konnte! - Ich muss mich wegwenden von diesem schröklichen Bilde,
sonst beugt es mich zu tief! - Gott! - Wie elend ist der Mensch, wenn er das
Bischen Freude wegrechnet, das er während seines unschuldigen Puppenspiels
geniesst! - Mit ihm wird Gram und Drangsal geboren und die Freude über seine
Geburt ist der Tod seiner Zufriedenheit. Traum des menschlichen Glüks, du bist
es, der das hervorragende Elend nur mehr vergiftet! - Weil du die lüsterne
Sinnen der Menschen auf einige Minuten zu belügen weisst! - Immer behält das
Unglück unter der Menschheit die Oberhand, und wer sich auf etwas besseres freut,
hält sich an eine Seifenblase, die mit jedem Hauche wieder verschwindet. Bei
meinem Alter sollte mich die Natur von allen Seiten anlachen, und doch ist
finsterer Tiefsinn das Loos, was sie mir zuwarf! - Nicht einmal ein wenig
Leichtsinn gab sie mir, diese Mutter ihrer Kinder; nein! - So barmherzig war für
mich die Natur nicht; sie hat mich dafür tief fühlen gelehret, sie hat mir
weiche Nerven gegeben, damit ich die Härte meiner Schiksale weit schröklicher
als ihre Lieblinge empfinde, die mit ihren kalten Herzen eben dieser Natur nicht
einmal eine Träne des Danks zu weinen im Stande sind! Teuerste! - Du allein
bist Zeuge meiner unglücklich verlebten Tage, sei also auch Zeuge meines Dankes,
den ich jezt knieend dem Schöpfer bringe, der mich zu allen diesen Martern
bestimmt hat! - Bitte mit mir, Fanny, den Vater im Himmel um seinen Beistand für
meine trostlose Schwester und mich! - Gerne würde ich jezt beim Troste der
Religion mit Dir verweilen, aber man ruft mich wegen einem Brief, der vom guten
Oheim aus K*** eintraf. Ich muss hineilen, vielleicht entält er Trost! Und dann,
meine Liebe, bin ich bald wieder bei Dir...... Fanny! - Das Herz meines Oheims
in K*** ist einer Krone wert! - Ist es möglich, dass der Mann bei seinen wenigen
Einkünften die reiche Tiegerbrut meiner übrigen Anverwandten in der Grossmut so
sehr beschämt! - Im Kloster S... G..... lebt noch ein reicher Oheim zu mir. -
Ein Mann, der heimliche Schäzze besizt und sich aus Fühllosigkeit in die Kutte
wikkelte. - Kalt, harterzig, voll Bigotterie und Pfaffenstolz ist seine Seele.
Geiz und Eigennuz haben die Unmenschlichkeit in ihm erzeugt, - auch nicht eine
Träne dringt von uns armen Waisen in sein Felsenherz, das er mit Heuchelei der
leidenden Menschheit verschliesst. Und dieser Unmensch, der der geistlichen Würde
Schande macht, ist eben sowohl mein leiblicher Oheim als der in K***. Lezterer
hat ihn zur Hülfe für uns elternlose Kinder aufgefordert, und ein lügenhaftes
Kazzengeschrei von geschworner Armut und dergleichen Gaukeleien war seine
Antwort. Es ist doch bewiesen, dass dieser harte Mann jährlich eine ansehnliche
Summe Spielgeld von seinen Obern erhält, die er freilich mit mehr Sinnlichkeit
verschwenden wird, als wenn er es für die hinterlassenen Kinder seines gegen ihm
so wohltätig gewesenen Bruders anwenden würde. Es scheint unbegreiflich, dass so
verschiedene Herzen durch das nemliche Blut belebt werden können. - Auch mein
teurer, gütiger Oheim in K*** ist ein Diener Gottes, aber zur Ehre dieses
Gottes gefühlvoll und menschlich, wohltätig, aufgeklärt, barmherzig, ohne
Heuchelei, und nicht wie jener unreine Priester der Religion, der aus Eigennuz
die Stimme der Natur erstikket. - Vergieb mir, meine Liebe, wenn ich keine Larve
leiden kann, die mancher guterzige Tor nicht so leicht durchsieht, wenn sie
ihm unter dem Dekmantel der Andächtelei aufgetischt wird. Tugend an einem
Gesalbten zu vermissen, kränkt mich weit mehr, als an andern Menschen, weil er
als ein treuer Diener der Tugend, wenigstens nur öffentlich, erscheinen soll. -
Wahr ists, der würdige Priester hat, bei den so sehr verdorbenen Sitten der
Priesterschaft, Stärke der Vernunft nötig, um das Vorurteil zu beschämen, und
verdient Lorbeeren, wenn er seine Moral aufs gute Beispiel und auf das Wohl der
Menschheit festsezt. In diese leztere Klasse gehört gewis mein würdiger Oheim in
K***. Er steht in Diensten seines Fürsten, hat keine andere Einkünften, als die
Belohnung seiner Dienste, und ist doch dabei so überschwenglich
menschenfreundlich, als ob ihm das Schiksal überflüssige Glüksgüter zugeworfen
hätte. - Reich an gutem Herzen wird dieser Mann von allen Unglücklichen verehrt,
geliebt und, ich darf es wohl sagen, als eine feste Stüzze der Religion, als ein
duldender Christ, als ein sanfter biederer Freund der Elenden beinahe angebetet.
- O, dieser Gute! - Er beschwört mich, über den Verlust meines Vaters nicht
meine Gesundheit aufs Spiel zu setzen, er wundert sich über meine übertriebene
Kleinmut und öffnet mir sanft sein neues Vaterherz, drükt mich in Gedanken
tröstend an seinen Busen, und ist willig, sein Aeusserstes für uns arme Waisen zu
tun. Nur bittet er um Zutrauen, um Beruhigung, um Schonung meiner Gesundheit.
In wenig Tagen reise ich auf seinen Wink zu dem Grabe meines Vaters und in die
Arme meiner bessten einzigen Schwester. - Vergiss deine gebeugte Amalis nicht! -
 
                                   XL. Brief
                                   An Amalie
Liebe, teure, unglückliche Freundin! - Wenn mich in meinem Leben jemals, mit all
meiner Religion, ein Schiksal gebeugt hat, so ist es das deinige! - So anhaltend
- so unaussprechlich, wie es Dich verfolgt, - so Kummer auf Kummer - ist meinem
Gefühle unbegreiflich. - Die feurigste Einbildungskraft des geschiktesten
Dichters wäre zu schwach, um das hartnäkkige Unglück so hinlänglich zu ersinnen,
wie die Wahrheit deines bittern Schiksals es mit sich führt. - - So bist Du denn
zum Leiden geboren? - Bist Du denn geboren, um Alles neben Dir unglücklich zu
machen, was mit Dir harmonirt? - Die gütige, sonst so mitleidige Natur rächt
sich wahrlich an Dir, denn sie gab Dir ein schmelzendes Herz, einen unglücklichen
Schwung der Einbildungskraft, Weiberschwäche und ein unendliches, ineinander
gewebtes, unerbittliches Schiksal! - Aber sie gab Dir auch Vernunft, eine
Vernunft deren Stärke über die leidenden Teile des Körpers mächtig zu herrschen
im Stande ist. - Lass sie immer auf den gekränkten Busen rinnen, die Tränen des
schwächlichen Körpers, lass es ausklopfen das bange, vom Schiksal geängstigte
Herz, es ist das Loos der unvollkommnen Menschheit, es ist die Versicherung
künftiger Belohnungen, wenn wir mit Christenstandhaftigkeit die Hand küssen, die
uns dazu bestimmte. Wenn der Tod einen Vater oder eine Mutter vom Kinde reisst,
so lässt dieser traurige Verlust einen Wiederhall zurück, der die ganze Natur im
Kinde erschüttert! - Trift es nun ein fühlendes, bebendes, schwaches Mädchen,
dann schleppt er sie hin, der zehrende Gram zum Altar der Tränen und der
Wehmut! - Ich begreife deinen Jammer, fühle ihn mit, und wenn warme Tränen der
innigsten Teilnahme Linderung schaffen können, nun so drükke ich Dich an mein
Herz, Amalie, und diese Tränen seien Dir so lange geweint, bis es Dir leichter
wird ums kranke Gemüt. - Du mildes, gutes Geschöpf! - Mit welcher Engelsgüte
sprichst Du von dem Wohl deiner Schwester! Er wird deine Seufzer hören, der
mächtige Vater der Waisen, er wird sie aufzeichnen ins Buch der Ewigkeit, die
Güte deines unverbesserlichen Herzens! Wenn deine Schwester das Ebenbild deiner
Güte wird, so seid ihr zwei Mädchen, die der Schöpfung zur Ehre ihr Dasein
erhielten. Ich will Dir nicht schmeicheln, aber innigst gerührt über den
grossmütigen Zug deiner Sorgfalt wegen der Erziehung deiner noch unmündigen
Schwester, möchte ich es die ganze Welt wissen lassen, was Du für ein Mädchen
bist! - Vortrefliche Freundin! - Die schönste Gabe Gottes ist dein Herz, ein
Geschenk, worinnen für Dich und Andere tausendfaches Wohl liegt! - Wohl für
Andere, weil es sich so gränzenlos mitteilt, aber auch Weh für Dich, weil es zu
unaussprechlich tief fühlt! - Bei dem festen Band unserer Freundschaft beschwöre
ich Dich, verkürze die Tage deines Lebens nicht durch übermässigen Gram! Lerne
Dich selbst schonen um deines bessten Oheims, um meinetwillen! - Die Stunden
unsers Traums sind so kurz, und warum willst Du in der Blüte deiner Jahre mit
gewaltsamer Hand ihren Lauf hemmen? - Deine Schwermut ist Dir zur Wollust
geworden, ich gönne sie Dir gerne, diese Schmeichlerin des leidenschaftlichen
Tiefsinns, ich selbst opfere dieser Göttin der denkenden Leiden oft genug mit
blutendem Herzen, aber nur überlasse Du Dich nicht zu viel dem schmeichelnden
Gifte, das deine Gesundheit untergräbt. - Ich kann zwar die allzu lustigen
Mädchen auch nicht leiden, denn ihr Leichtsinn macht ihre Seele stumpf und
verjagt jedes Gefühl, was zum ernstaftern Glükke der Menschheit beiträgt. -
Eine zum stillen Leiden gewöhnte Seele ist allen Eindrükken der Tugend offen,
nur muss Wiz und Laune bei einem ganz liebenswürdigen Mädchen durch eigne
Ueberlegung die Wunde der Schwermut zuweilen ausheilen, die durch die Kenntnis
des menschlichen Elends in ihr ist aufgerissen worden. Dein Oheim in S... G.....
ist das, wozu ihn der Eigennuz umschuf; das abscheulichste aller Laster! - Ein
Laster, das alle andere überwägt und den Menschen zur grässlichsten
Harterzigkeit verleitet. Siehst Du nun, meine Liebe, die gute Mutter Natur hat
Schatten ins Licht geworfen, da sie ihn und seinen herrlichen Bruder schuf,
damit der Leztere das in der Religion verherrliche, was der Andere, der
gleichfalls ihr Beschüzzer sein sollte, an ihr versäumte. Die Priester sind
Menschen wie wir, und hangen, was ihren moralischen Karakter betrift, von der
Erziehung, vom Beispiel und von ihren Leidenschaften ab, die nur darum auf
Unkosten ihrer Nebenmenschen gehen, weil man so wenig Priester in ihrer Jugend
fühlen und unterscheiden lehrt. Deinem Herzen muss freilich ein solcher grausamer
Mann Zentnerschwer auffallen! - Aber, glaube mir, ein einziger guter
Geistlicher, der sein Herz vor Religionshass, vor Dummheit und Vorurteil
verwahrt, hält uns für alle übrigen schadlos. In jedem Stande findet man eine
grössere Anzahl Sünder als Tugendhafte, nur ist dieser geheiligte Stand mehr den
Vorwürfen ausgesezt, weil er von der Religion zum guten Beispiel bestimmt ist. -
Die Beschreibung deines edeldenkenden Oheims in K*** versüsste mir den Aerger
wieder, den mir dein anderer Oheim verursachte. Was für ein trefliches Herz, was
für gute Grundsäzze muss dieser Menschenfreund nicht haben? - So ein glänzendes
Beispiel der Menschheit sollte billig die Verehrung eines jeden gränzenlos
geniessen. Tausend Segen dem Wohltätigen, und Dir tausend Küsse von
                                                                   Deiner Fanny.
 
                                   XLI. Brief
                                    An Fanny
So wie ich Dir leztin schrieb, reisste ich von A... nach W... und diese
gefühlvolle Träne, die jezt in meinem Auge glänzt, hat sich auf dem einsamen
Grabe meines Vaters darein gedrängt! - Wie war es mir möglich diesen
schaudernden Anblik zu ertragen, als ich in das fürchterlich stille Zimmer trat,
wo bloss der Geruch des Todes und meine arme, weinende Schwester mich
bewillkommten? - Das arme Kind fiel mir hastig um den Hals und stotterte etwas
vom Papa und dergleichen. - Dieser Auftritt der sprechenden Natur würde jedem
eine Träne des Mitleids entlokt haben, wenn er anders zum geheiligten Tempel
der Empfindung jemals Zutritt gehabt hätte. - Ein treues, gutes Dienstmädchen,
die sich schon lange bei uns aufhält und meine Schwester leidenschaftlich liebt,
entzükte mich bei dem Eintritt ins Haus durch den herzlichen Anteil, den sie an
unserm Schiksal nahm. Gewis, Fanny! - Auch unter gemeinen Leuten gibt es Seelen
von höherm Schwung der Empfindungen, und manches gute Menschengefühl geht im
niedrigen Stande verloren, weil es so selten Anlass bekömmt sich zu üben. Der
junge Vetter B*** ist auch noch hier, empfieng mich aber flüchtiger, als ich
vermutet hatte. Man sagt der gute Junge hienge an dem Umgang eines Weibs, die
eben nicht viel taugte, und daher mag wohl sein ehmaliges Gefühl für
Freundschaft und Wohlwollen einen kleinen Stoss erlitten haben. Indessen war er
doch äusserst gebeugt über den schnellen Hintritt meines Vaters und seines
Wohltäters. - Man versicherte mich, dass er beim Begräbnis desselben, in ein
lautes, fürchterliches Stöhnen ausgebrochen wäre. Der Bedaurungswürdige verlor
mit mir Unterstüzzung und Trost, und wird eben so wohl als ich dem flüchtigen,
ungewissen Schiksale Preis gegeben. Noch ist unser Aller Schiksal unentschieden.
Unser Oheim in K*** befahl sein Gutdünken darüber abzuwarten. Was mich aber sehr
kränkt, ist der verachtungswürdige, niederträchtige Vormund, der so bald er den
Todesfall erfuhr, unverzüglich hieher reiste, vermutlich um seine interessirte
Grausamkeit aufs Äusserste zu treiben. Er überraschte mich mit der schröklichen
Nachricht, dass er entschlossen wäre, meine Schwester mit sich zu führen und von
den Interessen unsers Vermögens im Kloster erziehen zu lassen. Ich verbat mir
diese Unternehmung aufs Ernstafteste und berief mich auf die Entscheidung
unsers Oheims, der jezt Vaterstelle bei uns Kindern vertretten würde. - Grosser
Gott! - Freundin! - Was höre ich? - Was ist das für ein Lärm, der mein Ohr
erschüttert? - - Ich muss nachsehen; mein Herz schlägt ängstlich! - Bald bin ich
wieder bei Dir. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . O, bei dem
Allmächtigen; das ist zu viel! - Zu viel in einer Christenheit, die uns
Gerechtigkeit vorheuchelt und dabei Barbarei ausübt!!! - Ha! - So hat er es denn
mit Gewalt weggerissen, das Opfer seines unersättlichen Geizes! - O, meine
Schwester! - Meine Schwester! - Du bist auf ewig für mich verloren! - Teure,
einzige! - So bist du denn wirklich in der Gewalt dieses hungrigen Satans, der
zu sehr Andächtler ist, um kein Bösewicht zu sein! Barmherziger Richter der
Gekränkten! - In diesen, von den Tränen armer Waisen feuchten Händen liegt also
die ewige und zeitliche Glükseligkeit meiner Schwester! - Wenn mir dieser
einzige Gedanken nicht meine Seele zerreisst, o! dann hat diese Seele
Heldenstärke, um mehrere Angriffe von dergleichen Scheusalen zu ertragen!
Verzeihe, Liebe, dem Schwindel meines Kopfs und den Bangigkeiten meines Herzens,
wenn ich in Wildheit ausarte! - Wenn mir jezt die Sinnen nicht ihren Beistand
versagen, so will ich Dir erzählen, was ich gesehen, was ich gehört habe: Als
ich mich dem Auftritt nahte, der mich im Schreiben dieses Briefs unterbrach,
fand ich wegen der Uebergab meiner Schwester den heftigsten Streit zwischen
Vetter B*** und meinem vor Galle rasenden Vormund. Wir alle sträubten uns bis
zum Entsetzen gegen sein Vorhaben, wir hielten das Kind fest, das er uns mit
Gewalt wegreissen wollte, B*** eilte nach Hülfe, mich riss in dem entscheidenden
Augenblick meine Heftigkeit zur Sinnlosigkeit hin. - Gewalt ging während dieser
Pause über Recht; er schleppte das wehrlose Kind zum Wagen, und führte sie mit
sich ins Kloster. - Die Natur hatte mir während dieser Ohnmacht nicht den lezten
Stoss gegeben; ich musste noch einmal zum neuen Elend erwachen! Heulend lief ich
zum Richter, foderte meine Schwester; aber seine Fühllosigkeit ging so weit,
dass er sie in den Händen dieses Mannes für besser versorgt hielt, als in den
meinigen, indem er mir meine Jugend und meine wenige Erfahrung vorwarf. Gebeugt
bis zum Unsinn kehrte ich jammernd in meine Wohnung zurück, und nun mag der
Menschenvater aus mir machen, was er will, ich bin meiner nicht mehr Meister!!!
- Deine bitterweinende
                                                                         Amalie.
 
                                  XLII. Brief
                                    An Fanny
Ich zittre, liebe Freundin, Dir die Verstimmung meiner Seele zu entdekken; sie
ist nur allein mir begreiflich, an jedem andern Kaltblütigern glitscht sie ab...
muss abglitschen! - Eine fürchterliche Kleinmut, ein feuriges Sehnen nach
Auflösung, kühne, wollüstige Reize, die nach glücklichern Gegenden verlangen,
setzen meine grässlich arbeitende Phantasie in Bewegung. Die Angst des Todes
scheint sich von mir zu entfernen und der Gedanke meiner Rettung tritt
verführerisch lokkend an ihre Stelle. Die Religion allein hält noch die
schwachen Bande, da es bloss eines mutigern Augenbliks bedürfte, um sie zu
zerreissen! - Der Selbstmord ist nicht immer Zagheit der schwachen Seele, er ist
nur gar zu oft ein Rätsel, das in dem ewigen Kaos verborgen liegt. - Jemehr die
Einbildungskraft feurigen Schwung hat, jemehr naht sie sich jener unglücklichen
Sphäre, wo die Vernunft vom Gram übertäubt, nicht mehr mächtig genug ist, dem
Sturm zu gebieten. Der Schwermütige sieht hoffnungslos dem Labyrinte seines
Elends entgegen, träumt sich in einer andern Welt bessere Zeiten und nährt den
lindernden Gedanken einer augenbliklichen Zernichtung so lange in seinem
jammernden Busen, bis der schwindelnde Kopf sich vergisst - und den innerlich
tobenden Leidenschaften zum Ausbruch den Weg öffnet! - Der Hang zur Schwermut
liegt bei vielen Menschen im Temperamente, nur wird er durch Nachsinnen und
durch harte Schiksale mehr in einem Herzen genährt, dass sich von allen Seiten
gepeitscht, zerfleischt, und getretten sieht. - Der heimliche Wurm, der im
Innern frisst, ist dem Gesunden, dem Nichtschwermütigen so fremd, als dem
Schwermütigen die Freuden sind, die von seinen stumpfen, kranken Nerven
zurückprellen. - O wenn nur kein diknerviges Menschengeschöpf diesen Brief
einstens zu lesen bekömmt, die Empfindung darin würde mich noch in der Ewigkeit
reuen! - Es gibt leere Köpfe genug, die den Zustand eines Schwermütigen nicht
fassen können; - die es sogar wagen über solche Unglückliche zu spotten. - Mir
sind diese Art Märtirer ihrer Leidenschaften, ihres feinen Gefühls nicht neu. -
Verrükkung der Sinnen ist ja eine Krankheit, die man so häufig in der so vielen
Gebrechen unterworfenen Menschheit erblikt. - Und braucht es denn mehr, als
einen Augenblick Verrükkung um einen Selbstmord zu begehen und dem kochenden
Blute Luft zu machen, das wie sprudelndes Feuer sich nach dem Gehirne drängt? -
Eine Melankolie, die schon zur Krankheit geworden, hat ihre reifenden
Zeitpunkte; rasch steigt manchmal durch eine Gährung die würkende Galle auf -
und geschehen ists um das Leben eines Menschen, auf dessen Vernunft man Häuser
gebaut hätte. Ich zeige Dir heute mit Vorbedacht die Spuren meiner kränkelnden
Vernunft, damit Du sie, durch deine milde, sanfte Güte wieder in die Schranken
zurückbringst, worinnen sie als Führerin des duldenden Menschen ihren Wohnsiz zum
Triumph der Religion behaupten soll. Ja, meine Liebe, scharfe Vorwürfe würden
mir jezt tödtendes Gift sein!!! Denn nichts in der Welt ist delikater zu
behandeln und leichter zu Grunde zu richten, als ein schwermütiger Mensch, dem
man roh begegnet. Wenn bei solchen Elenden das Fieber sich meldet, wenn
fürchterliche Stösse das schwellende Herz bäumen, wenn die Nerven sich verdähnen,
wenn die Träne aus dem Auge flieht, wenn der Zustand der eiskalten
Fühllosigkeit, dem dikken Blute seinen Lauf hemmet, wer kann denn da die
Gefahren des Selbstmords begreifen, wenn er diesen Zustand nicht schon selbst
empfunden hat? - Und es gibt leider nur zu viel Menschen in der Welt, deren
Seelen eben so bengelstark als ihre Nerven sind, und Weh dann dem
Schwermütigen, wenn er in solche Gesellschaft gerät! - Solche Klözze von
Menschen opfern oft aus Mangel an Menschenkenntnis und Gefühl manches
unglückliche Wesen dem Selbstmord. - Erst kürzlich hat ein liebekrankes Mädchen
sich in die kalten Arme des Todes gestürzt. - Das ruhigere, kälter gestimmte
Gefühl ihres Liebhabers ahndete nichts Arges, hielt ihre Schwermut für
Romanensprache und trauete einer weichgeschaffenen Weiberseele den Mut nicht
zu, eigenmächtig ihren Kerker zu sprengen. Du wirst Dir's leicht vorstellen,
meine Teure, warum der finstere, melankolische Ton von mir heute so unendlich
verfolgt wird; - warum ich mich so lange bei Schilderungen aufhalte, die meinem
armen Herzen so eine gewisse Erleichterung geben? Das ungewisse Schiksal meiner
so sehr geliebten Schwester, die kalte Begegnung des jungen B***, der tükkische
Troz seines protegirten Weibes, das frische Grab meines Vaters, die unendlichen
Gefühle meiner herumirrenden Seele, Alles das wird Dir hinlänglich sein, um mich
heute zu verstehen.
                                                                   Deine Amalie.
 
                                  XLIII. Brief
                                   An Amalie
Zween Briefe auf einmal will ich Dir heute beantworten! doch ist der erstere
nicht so wichtig für deine Ruhe, als der leztere. - Um Gotteswillen, reiss Dich
weg, Freundin, von dem Grabe deines Vaters; - dies traurige Andenken wütet zu
sehr in deinem Innern! - Eben darum will ich Dich so viel möglich von diesen
Gedanken abzuleiten suchen. Und nun zu einer andern Stelle deines Briefs! -
Freilich, meine Besste, gibt es manchmal unter gemeiner Gattung Menschen recht
gute Herzen, weil die Natur sie einförmig und ohne Falten schuf. - Auch sind die
Wünsche gemeiner Menschen mässiger, als derjenigen ihre, welche seit ihrer Geburt
an Überfluss und Bedürfnisse gewöhnt worden sind. Menschen von gemeiner Gattung
bleiben meistens ohne raffinirten Eigennuz, ohne Forderungsgeist, ohne
Lüsternheit, unverdorben und zufrieden mit jener Lage, worein sie ihre niedrige
Geburt sezte. Doch weiter! Wahrhaftig, meine Liebe, der junge B*** muss seinen
Verstand verloren haben, dass er Dir nicht mit derjenigen Sanftmut und Liebe
begegnet, die deinem blutenden Herzen so nötig ist. - Es ist in der Tat
unstreitig; die Leitung eines Weibs, kann den Mann gut oder schlimm machen. -
Das Wort Mann verfängt sich so leicht in den Schlingen der Wollust und verliert
durch einen einzigen hinreissenden Blik seine Stärke. Denn nie ist das Herz eines
Mannes zur Tugend und zum Laster empfänglicher, als wenn er in den Armen der
Liebe schwelgt. - Sonst wäre es schon mancher Buhlerin nicht geraten, ganze
Länder zu Grunde zu richten. Ich verzeihe zwar diesem Jungen eine Schwachheit
gerne, aber nur soll er nicht ein Mädchen roh behandeln, das die Schonung aller
Menschen verdient. Weist Du noch, was der Junge Dir ehemals für entusiastische
Briefe schrieb? - Und das Alles sollte bloss Federwiz gewesen sein, wovon sein
Herz keine Silbe wusste? - Aber so machen sie's die Helden der Falschheit;
schwärmend schreiben sie ihre Moral, ohne ihr Herz zu fragen, ohne Ueberlegung
aufs geduldige Papier hin, üben ihren Wiz, und ihr Herz bleibt nicht länger an
diesen schönen Lügen kleben, als bis der Brief aus ihren Händen ist. Es ist mir
wirklich unbegreiflich, wie man so von Grundsäzzen, von Moral, von Grossmut, von
Liebe und Standhaftigkeit in Briefen windbeuteln kann, ohne darnach zu handeln.
- Ich selber habe mich einstens sechs Monate lang von dergleichen giftigen
Lokspeisen hintergehen lassen; und als ich nach der Hand die Briefe gegen den
Handlungen abwog, da entsezte mich der Abstand, und ich zitterte für junge
Mädchen, die sich so gerne und so oft solche gefährliche Speise auftischen
lassen, - um nach der Hand zu rasen, wenn das Zutrauen gegen ihren Liebhaber
durch seinen Wankelmut in Kot sinken muss! - Jezt ein Paar Worte von deinem
Vormunde! Mir graute über sein Betragen. Aber beruhige Dich, Besste, er wird
nicht Unmensch genug sein, um deine Schwester darben zu lassen. Du kannst Dich
ja bisweilen unter der Hand nach ihr erkundigen, oder dein Schiksal ändert sich
vielleicht während dieser Zeit, damit Du sie selbst retten kannst. Der tobende
Ausbruch deiner leidenschaftlichen Schwesterliebe über die Christenheit, war von
Dir sehr stark, sehr feurig. Du fängst an stark kolerisch zu werden. An deinem
Feuer gienge ein Mann verloren, Du würdest aus Liebe zur Rechtschaffenheit
manchem lokkern Buben die Hölle warm gemacht haben. - Doch nun zur Beantwortung
deines leztern Briefs, den Du sicher nicht mit gesunder Vernunft schriebst! -
Aber Liebe und Güte seien allein meine Wegweiserinnen zu deinem gepressten
Herzen, zu diesem Herzen, dessen Leiden einen grossen Teil seiner Veredlung
ausmachen. - Du bist eine duldende Streiterin für das unsterbliche Wohl deiner
Seele, und nie wirst Du es wagen über unsere sterbliche Hülle zu murren, die
nach einem schnell hineilenden Traume des Lebens sich von selbst losreisst! -
Lass, meine Traute, deinen Geist nicht bis zur Schwachheit heruntersinken, er ist
zu grossen Opfern bestimmt, und schimmert erst alsdann mit wahrem Glanz, wenn ihn
keine gemeine Tugend adelt. So, meine Amalie, kenn' ich den Wert deiner
Seelenstärke, und so, meine Freundin, wollen wir einst eng aneinander geschlossen
hin zum barmherzigen Richter, wenn dieser Richter endlich die Fesseln der
rebellischen Menschheit von uns lösst. Sanfte, gute Seele, kniee hin vor den
allmächtigen Tröster der Unglücklichen, ruf ihm deine Leiden mit warmer, feuriger
Zuversicht zu, lass sie ausbrechen, die lindernden Seufzer der Wehmut; weine
laut, weine so lange, bis es Dir leichter wird! - Denn der gütige Vater im
Himmel lässt auch nicht eine Träne unvergolten! - Ich weis es recht gut, dass der
Schwermütige bei der kalten alltäglichen Moral nur noch schwermütiger wird,
dass er seinen eignen, den verrükten Sinnen angemessnen Ton haben will, wenn er
von dem schaudernden Scheideweg unverlezt zurückkehren soll, der zwischen seinem
verhassten Dasein und dem Tode liegt. - Der Selbstmord könnte ganz gewis öfter
verhütet werden, wenn Menschen für Menschen aufmerksamer, vernünftiger und
sanfter handelten. Derjenige, welcher am meisten denkt und nachsinnt, nährt auch
diese Krankheit am meisten in seinem Körper, und gesellt sich dann die
hinreissende Wirkung eines gallsüchtigen Temperaments noch dazu, so wird sie zur
gefährlichen Hypochondrie, deren Folgen oft durch Lebhaftigkeit des Temperaments
die gefährlichsten sind! - Fast überall wirket die Sorgfalt der Aerzte in jeder
andern Krankheit zur Ehre ihrer Kunst; aber in dieser Art Krankheit sind noch
wenig ausgezeichnete Kuren gemacht worden. So viele Aerzte kennen nicht einmal
das heimlich schleichende Gift der innern Schwermut, und werfen dabei keinen
Blik in die stille Seelenkrankheit, die beim ruhigsten Puls um sich frisst und
manchmal plözlich den Faden des Lebens abreisst, eh sichs der Arzt versieht. -
Ich fodere durchaus, dass ein Arzt ein vorzüglicher Menschenkenner sein muss. -
Ich fodere, dass er die Teile der verschiedenen Leidenschaften bei jeder Gattung
von Krankheiten genau kennen muss. - Ich fodere, dass er die verschiedenen Grade
der Reizbarkeit der Nerven zu unterscheiden weis. - Ich fodere, dass er solche
Patienten so gelassen, so gefühlvoll, so sanft, so guterzig, wie ein Kind,
behandelt; denn wenn der Arzt den Grad der Krankheit nicht durch Zutrauen zu
erfahren sucht, wenn er bloss den dummen, troknen, Pulsverkündiger beim
Krankenbett vorstellt, so prellt seine Kur am melankolischen Kranken ab und er
bleibt Doktor fürs Geld und weiter nichts. - Ich bin weit in der Welt gekommen,
und die meisten Aerzte, die ich antraf, waren entweder alte, steife,
eigensinnige Pedanten, deren Gefühl eben so rostig als ihre Beurteilungskraft
aussah, oder junge, flüchtige, schwindelnde, unerfahrne Gekken, die ihre Kunst
eben so handwerksmässig trieben, als ob es in der lieben Natur eine Lüge wäre,
dass alle Krankheiten nach den Verschiedenheiten der Temperamenten müssten
behandelt werden. Einsicht, Kenntnisse der menschlichen Leidenschaften,
Ueberlegung, genaue Untersuchung des herrschenden Temperaments werden immer die
Wege sein, die einem schlussfähigen Mann seine Kuren bei Melankolischen
erleichtern. - Eine starke Gemütsbewegung, wilde Konvulsionen, eine Erstarrung
der Glieder, dumpfes Aechzen, die Ergiessung des Bluts durch Mund und Nasen, und
dann die darauf folgenden Schwachheiten sind lauter Grade der Krankheit, denen
besonders das weibliche Geschlecht unterworfen ist, und die dem forschenden Auge
des Arztes nicht entgehen dürfen. Nur ist es leider traurig, dass die Herren
Doktoren dergleichen Krankheiten manchmal nicht zu unterscheiden wissen, von
welchen Leidenschaften sie eigentlich herrühren, - und das öfters für Mannssucht
halten, was im Grunde die tiefste, eingewurzeltste Schwermut ist, deren Wirkung
von der Verschiedenheit der Schiksale herkömmt. - Unvermerkt eilt der Raum
dieses Briefs zu Ende, und Du, meine Besste, hättest Ursache über seine Länge zu
klagen, wenn Du mich nicht liebtest. -
                                                         Deine ganz eigne Fanny.
 
                                  XLIV. Brief
                                    An Fanny
Dank, Millionen Dank, meine Werteste, für den Trost, den Du mir in deinem
leztern Brief mitteiltest. - Du wälztest mir durch deine vortrefliche Moral den
Stein der drükkenden Schwermut vom Herzen. Wie künstlich Du mir in meinem
verstokten Zustand des Schmerzens Tränen abzulokken wusstest! - Wie Du
hineindrangst in die schwache empörende Natur, wie Du sie hervorsuchtest, die
wankende Tugend aus dem gefährlich kranken Körper! Gott lohne deine Mühe, deine
Güte! - Lass nicht ab, Freundin, mich von den Abgründen zurückzurufen, denen mich
mein tirannisches Schiksal Preis gibt. - Dort in jenen ruhigen Gefilden wirst
Du den Lohn deiner Bemühungen einärndten. O, Freundschaft! Gütige Wohltäterin
der Menschheit! - Dein Besiz ist Götterseligkeit für den Unglücklichen! - Mit
einem Herzen voll unaussprechlicher Güte, mit einem Kopf voll Sorge und
Wachsamkeit über den innerlichen Zustand des der Freundschaft anvertrauten Guts,
hängst du dich fest an die Seite des jammernden Freundes, ruhst nicht eher, als
bis der Friede wieder in seine Seele zurückkehrt, woraus ihn namenlose Leiden
verbannten. Dieser unendliche Hang des beiderseitigen Wohls, dieses Zittern bei
irgend einer Gefahr seines Freundes, diese unersättliche gegenseitige Guteit,
diese lautschreiende, nachsichtsvolle Stimme im bekümmerten Herzen gegen die
Schwachheit eines Freundes, dieses Echo der unauflösslichen Harmonie, ist
Uebereinstimmung der Seele, ist Freundschaft, ist Wohltat, die der Schöpfer nur
Wenigen erteilte. - Kein Alter, kein Stand ist von dieser festen Vereinigung
ausgeschlossen; es braucht nur ein unverdorbenes Herz, gleiche Grundsäzze dazu,
und geknüpft ist der Knoten der unzertrennlichen Freundschaft. So gar
Lasterhafte fühlen eine Art von Entzükken in ihren Verbindungen, und wie weit
seliger müssen die Reize sein, wenn Rechtschaffenheit, wenn Religion, wenn
Streben nach dem Zwecke unserer Bestimmung, wenn standhaftes Dulden, wenn
Menschenpflichten dieses Band unauflösslich durcheinander schlingen, bis der Tod
zur ewigen Dauer es auf wenige Zeit von einander reisst, um es sodann vor dem
gütigen Schöpfer desto fester auf ewig zu binden! Die Menschen sind blind, dass
sie mehr nach dem Taumel der sinnlichen fieberhaften Liebe greifen, als nach der
zweklosen, unveränderlichen Freundschaft. - Die Menschen sind rasend unbesonnen,
dass sie so kalt, so wenig aneinander gekettet, so freudenlos, ohne Freundschaft
ihr Leben verschlummern. Die Freundschaft hat ihren Wohnsiz im Heiligtum des
Herzens, die meiste Liebe klebt am Körper und stirbt ohne Freundschaft für alle
Menschen nach der Sättigung. - Nur Freundschaft kann sie zur Beständigkeit
anfeuern. Der Kopf des Liebenden muss in dem Gegenstand seiner Liebe, durch
Betrachtung seiner moralischen Vorzüge, Beschäftigung finden; seine Verehrung
muss für diesen Gegenstand zunehmen, so wie die Neuheit der Sinnlichkeit sich
verliert; die Reize der Seele müssen die Wollust zu neuen Entzükkungen auffodern;
es muss nach dem Genuss der Liebe eine ausgedähnte Freundschaft daraus
entspringen, sonst scheitert die Standhaftigkeit mit dem Rausche der Liebe, und
das Ende davon ist tolle abscheuliche Flatterhaftigkeit von beiden Seiten. Doch,
meine Freundin, rede ich hier nur von denkenden Menschen, denn die übrigen
gehören unters Vieh und werden wie Missetäter von dem Tempel der Freundschaft
ausgeschlossen. So viel sagt mir meine natürliche Vernunft, so viel sagt mir mein
Herz, das zur freundschaftlichen Liebe ein unstreitiges Recht behaupten will. -
Wenn also je ein Glük in der Welt noch auf mich harret, so will ich es in der
Freundschaft erwarten. Doch wie kann ich vom Warten sprechen? Fand ich dieses
Glük nicht schon überschwenglich in Dir? - Bist Du nicht meine Führerin, meine
Wohltäterin, meine Freude, mein Alles? - Sind wir beide nicht bloss eine Seele,
bloss ein Gedanke? - Giesst sich nicht mein ganzes Dasein mit dem schröklichsten
Gewebe seiner Leiden in deinen für mich offnen Busen? - Lass uns dieses
Ineinandergiessen mit dem feurigsten Kuss versiegeln; lass uns einander
unaufhörlich auch in den Stunden unserer Verirrungen mit der offenherzigsten
Aufrichtigkeit begegnen, und die Wirkung dieses Betragens wird mächtiger auf
unsere schwachen sündhaften Anlagen zur Besserung wirken, als das donnernde
Gebrumm im Beichtstuhl eines gewaltätigen, unduldsamen, halsstarrigen
Priesters, der von der schwachen Menschheit oft ohne Einsicht, ohne Ueberlegung,
ohne in die Natur der Dinge zu dringen, mit Feuer und Schwerd, als strenger
Teolog, mehr fodert, als er selbst in der nemlichen Lage zu vollbringen im
Stande wäre. Auch im Beichtstuhl, so wie am Krankenbette, meine Freundin, gehört
tiefe Menschenkenntnis und viele, sehr viele Unterscheidungskraft den Schwachen
von dem Boshaften, den Bigotten von dem wahren Andächtigen, den vernünftigen
Mann von dem leichtgläubigen, phantastischen Bürger zu unterscheiden. - Auf das
Herz, auf den guten Willen des Menschen, auf seine Begriffe von der Sünde muss
der einsichtsvolle Priester einen Blik werfen, da muss er hineindringen, und das
Laster nach dem Grade von Zutrauen seines Beichtkindes zu vertilgen wissen. Er
muss nicht Einen wie den Andern mit der nemlichen feuerspeienden Moral behandeln:
Der Pöbel will sklavisch sein Urteil hören, der Vernünftige will überzeugte
Beruhigung haben. Aendert doch so oft bei dem weltlichen Richter der kleinste
Umstand, der zur Entschuldigung des armen Sünders angeführt werden kann, das
Todesurteil; warum denn nicht im Beichtstuhl, wenn die Fehler aus der Natur der
Dinge in etwas können entschuldigt werden? - Die Protestanten beichten
freiwillig und öffentlich ihre Fehler, und diese Fehler werden von ihnen keinem
schwachen, gebrechlichen Nebenmenschen dem Detail nach zur Schau aufgetischt. -
Und doch dringt wahre Reue dieser Christen sowohl und oft viel besser zum
Schöpfer, als wenn die Reue bloss aus Furcht der Höllenstrafe bei den Katoliken
von ihren Priestern erpresst wird. Man lasse dem katolischen Pöbel die
Ohrenbeicht, weil es einmal heisst, dass die Gewohnheit hie oder dort einige
Schamhafte von der Sünde abhält; - doch gehört diese mechanische, diese von der
Politik erzwungne Tugend in die Reihe jenes pöbelhaften Verdienstes, das nicht
aus freiwilliger Pflicht das Böse unterlässt. Wenn der Priester in der Beicht
nicht künstlich in das menschliche Herz zu schleichen weis, wenn er den Grund
desselben nicht zu erforschen sucht, wenn er nicht hartnäkkige Laster von
Schwachheit, Gleisnerei und Mechanismus von der wahren innigen Zerknirschung des
Sünders zu unterscheiden weis, was nüzt denn dem Lasterhaften und dem Schwachen
ein solches einförmiges Geschwäz von Zuspruch, das an dem Erstern aus Gewohnheit
abglitscht und den Leztern gar nicht rührt? - Ueberhaupt, meine Freundin, ich
könnte Dir über diesen Punkt noch vieles sagen, was meinem Verstand
unbegreiflich ist, wenn ich nicht dächte, dass dergleichen Spekulationen für
andere Köpfe als die unsrigen gemacht sind. - Und nun zu einer Neuigkeit: - Mein
lieber Oheim in K*** hat sich entschlossen mich bei einem anverwandten
Landgeistlichen zu Besorgung seines Hauswesens unterzubringen. - Eine Aussicht
zu deren Ergreifung mich die Notwendigkeit zwingt, auch weil mir der hiesige
Aufentalt beim jungen B*** täglich saurer gemacht wird. Du weist ja, dass mein
Oheim keine eigne Wirtschaft führt, sondern am geistlichen Hofe lebt und mich
nicht zu sich nehmen kann. - Von dem Karakter dieses Landgeistlichen weis ich
Dir nichts zu sagen, aber so viel weis ich, dass sich mein Oheim sehr lange
bedachte, eh er sich entschloss, mich ihm zu übergeben. Er hätte gewis nicht
darein gewilligt, wenn ich ihn nicht so dringend um die Abänderung meiner
verdriesslichen Lage gebeten hätte. - Der junge B*** taumelt jezt blind fort in
den Armen seiner Buhlerin. Glük der Liebe kann es für diesen Jungen nicht sein,
denn sie stekt sein Herz zur Verderbnis an. Ich bedaure ihn herzlich und
wünschte, dass ihn ein würdigeres Geschöpf von dieser garstigen Leidenschaft
heilte, die ihm diese künstliche Kokette einzuflössen wusste. Für heute genug des
Geschwäzzes; und nun lebe wohl, Besste, Einzige, Liebe aller Lieben!
                                                                   Deine Amalie.
 
                                   XLV. Brief
                                   An Amalie
Liebes, gutes Malchen! - Dein lezter Brief freute mich unendlich, weil er das
Gepräge der wieder heranrükkenden Heiterkeit auf deiner Stirne an sich trug. -
Deinem Herzen ist Anteil nötig. Ich fühle es, ich bin es überzeugt, dass Du die
ganze Zeit deines Lebens nicht ohne Etwas wirst aushalten können, woran Du Dich
nicht in deinen Trübsalen ketten kannst; das ist das Schiksal jedes gefühlvollen
Herzens, jedes feurigen Kopfes; sie müssen sich ergiessen, sie müssen sich
mitteilen können, sonst gerät dieses Herz und dieser Kopf aus Mangel an
Mitteilung auf Abwege, die nach dem Gang des Temperaments schon manchmal in
gefährliche Leichtgläubigkeit ausarteten. Dein Temperament ist nun eben nicht
das glücklichste, es gränzt zu sehr an Schwermut. Doch lass es gut sein, meine
Freundin, und arbeite ihm wakker entgegen, diesem Feind deiner heitern Stunden.
Dein warmes Herz ist ja zu allem Guten offen, und wie unendlich sind diese
Gefühle fürs Gute und Schöne in der lieben Natur, die deine Aufmerksamkeit
beschäftigen können. Der Denkende hat nie Langeweile; der Denkende fühlt jedes
Glük doppelt; der Denkende ist auch einsam zufrieden. - Nur hüte Dich, Dir zum
Denken solche Gegenstände zu wählen, die deine Schwermut reizen und dein
Temperament in Gährung bringen. Deine Empfindungen über die Schwermut sind
meisterlich aus deinem Herzen entworfen. Mit Wollust las ich diesen herrlichen
Schwung von Einbildungskraft, mit Entzükken wiederholte ich diese Gefühle der
innigsten, vertrautesten Freundschaft unter uns, und bedaure die Menschen, denen
dieser Vorgeschmak des Himmels nicht zu Teil wird. - Wie ist es möglich, dass
man das Wort Freundschaft in der Welt so mishandelt? - Der Schurke, der
Heuchler, der Lasterhafte, der Fühllose, der Dumme, der Niederträchtige, Jeder
verschwendet dieses heilige Wort so leichtsinnig an den ersten Bessten, der ihm
begegnet. Es wird zur gemeinen Waare herabgewürdigt, ein Schleichhandel des
Eigennuzzes wird damit getrieben, Betrügereien angesponnen, Guterzige damit
hintergangen, Unschuldige verführt, Weinende auf lügnerische Art getäuscht, und
das alles unter der Larve der Freundschaft! - Warum ist doch diese sanfte
Leiterin der menschlichen Fehler so selten unter den Menschen? - Fehlt es denn
in der Welt so sehr an Gutmütigen, an Verständigen, an Tugendhaften? - Mich
dünkt, der Jüngling ist aus Uebermas seiner zügellosen Leidenschaften nicht so
leicht der Freundschaft fähig; wird er zum Mann, dann hält ihn Eigennuz und
mürrische Laune davon zurück; wird er zum Greis, o dann ist sein Herz vollends
kalt für diese herrlichste der Gaben! - Und bei unserm Geschlecht, da, meine
Besste, sieht es vollends traurig um die Freundschaft aus. Das junge tändelnde
Mädchen hascht gieriger nach einem Kopfpuz als nach einer Freundin. Der Neid,
die Eitelkeit, die Verläumdungssucht halten frühe schon eine weiche Weiberseele
in ihrem Nezze, und erstikken jedes Gefühl für Wohlwollen und Freundschaft, noch
ehe der junge Verstand reift. Die meisten Weiber haben ihren angewöhnten Ton
unter sich, feiner oder gröber, nach der Art ihrer Erziehung; doch ist es immer
der kalte Komplimententon, das abgeschmakte Alltagsgeschwäz, das am Ende doch
immer mit Verläumdung aufhört. - So wenig Weiber wissen liebenswürdige
Lebhaftigkeit in Gesellschaften ohne Koketterie, Offenherzigkeit ohne Ziererei,
Anstand ohne Sprödigkeit, Freimütigkeit ohne sklavische Furcht anzubringen. Da
sizzen sie zusammengeschraubt, an die fade Etikette gebunden, an teuflische
Verstellung und Politik gewöhnt, falsch eine gegen die andere, aus Hochmut, aus
Dummheit, oder aus Eifersucht. - Der Mund ist süss, die Komplimenten zierlich und
das Herz eiskalt und zurückhaltend. - Würden die Weiber ihrem Leben durch
natürlichen, wizzigen, gesellschaftlichen Umgang, mehrere Nahrung geben, so
würden beide Geschlechter glücklicher sein, und die Verläumdung müsste aufhören,
wenn man bei den Weibern etwas mehr, etwas besseres, als blossen Genuss ihres
Körpers suchen könnte. - Aber so lange es so wenig unterhaltende Weiber im
Umgange gibt, eben so lange wird die Vernünftige an der Seite ihrer Besuche mit
all ihrer Unschuld unter die Buhlerinnen gerechnet. - Die meisten zur guten
Gesellschaft unfähigen Weiber kennen nur zween Wege im Umgang, den fleischlichen
oder den gleichgültigen. Daher kömmt der Unglauben an den reinen Umgang einer
vernünftigen Frau mit Männern. - Doch nun wieder zur Freundschaft zurück: - Da
nun die Verläumdungssucht den dummen Weibern so sehr anhängt, so sind sie ohne
Grundsäzze für Menschenliebe, ohne Standhaftigkeit im Karakter, ohne Gefühl fürs
wahre gesellschaftliche Leben; bloss Insekten, die sich untereinander vertilgen,
so oft sie können, und durchaus mit solchen Denkungsarten zur Freundschaft
unfähig. - Die Weiber teilen sich mit ihren Torheiten und Bosheiten in Klassen
ein, und jede Klasse hat ihr Anstössiges, woran die Bande der Freundschaft
scheitern. Die Wizzige ist nasenweise und verschliesst ihr zu wenig gutes Herz
aus Stolz. - Die Eitle opfert der Misgunst ihr Herz für ihre Moden, für ihre
Stuzzer; wagt es eine andere in der Gestalt einer reizenden Freundin ihren Neid
zu empören, o dann stösst die Eitle den blutigen Dolch der Rache der
Freundschaft, die ihr begegnet, tief ins Herz! - Die Geschwäzzige naht sich der
Freundschaft mit dem leichtsinnigen Geplauder einer faselnden, unsinnigen
Törin, beschimpft die Tugend der Freundschaft durch niedriges Gassengewäsch...
und so wird auch die Geschwäzzige als eine Unwürdige von jedem fühlenden Herzen
zurückgestossen. - Die Fühllose schleppt ihr Maschinenherz in der Welt herum, und
wird, von der Freundschaft ungesucht, dem elenden Schlendrian ihres ungeselligen
Lebens überlassen. - Die ganz Dumme ist todt für die Natur, todt für die
Freundschaft, todt für die Liebe, und ein unerträgliches Untier, das jede
Gesellschaft mit ihrer Dummheit zum Stillschweigen zwingt. - Die Spielerin
erstikt durch ihren Eigennuz die wohltätige Freundschaft und sezt ihrer
göttlichen Grossmut Geldbegierde entgegen. - Die Kokette misbraucht die arme
Freundschaft in lauter Lügen, sie zerfezt sie, und wirft die Teile davon
verschwenderisch überall hin, und wird doch am Ende, als eine unwürdige Tochter
derselben, aus dem Tempel der Redlichkeit und der Freundschaft verbannt. - Die
Buhlerin ist ohnehin schon von der Natur von jedem Genusse des feinen Gefühls
ausgeschlossen, und folglich auch von der Freundschaft. - Die Heuchlerin entsezt
sich bei den offnen, freien Blikken der Freundschaft und kriecht beschämt zum
heimlichen Laster zurück. - Die Andächtlerin ermüdet dieselbe mit ihrer
Afterreligion und erhascht zu ihrer Geisel einen skrupulösen Schwarzrok zum
Vertrauten ihres Aberglaubens. - Die freudenlose, finstere Hausmutter wagt es
auch nicht, sich den Freuden zu nahen, die sie verschafft, und wird von der
geselligen Freundschaft zum Umgang ihrer Bosheits-vollen, pöbelhaften
Dienstboten verdammt. - Die adeliche Dame versagt dem unadelichen ehrlichen
Manne nur zu oft aus Ahnenstolz ihre Freundschaft, und gerät, zur Schande ihrer
wenigen Philosophie, aus Langerweile, aus Bedürfnis, in die freundschaftlichen
Arme ihres unadelichen Kammerdieners. - Ist es nicht traurig, meine Freundin,
dass es unserm Geschlecht so sehr an einer guten, zur Freundschaft fähigen
Denkungsart fehlt, die doch das Glük der meisten Weiber machen würde? - Ich
staune über mein Geschlecht, bemitleide es, und schweige. Doch nun zur
katolischen Beicht: - Der Menschenkenner, der Philosoph im Beichtstuhl ist mir
immer verehrungswürdig, aber den übrigen Lastträgern der Bigotterie sollte man
dieses Amt durchaus verbieten. Sie machen den gemeinen Mann zum Märtirer seiner
Sünden, und haben nicht Kopf genug, das Zutrauen des Denkers zu gewinnen. Warum
wählt denn die weltliche Obrigkeit die Mitglieder ihres Gerichts, so viel
möglich, aus der aufgeklärten Klasse von Menschen? - Nicht wahr, bloss darum,
damit keinem Schuldigen zu wenig und keinem Unschuldigen zu viel geschehe? -
Eben so gerecht sollte es im Beichtstuhl aussehen. Die Vernunft muss da ohne
Vorurteil mit offnen Augen hinblikken, das Ohr muss mit Weltkenntnis zu
unterscheiden wissen, und das weiche Herz des Priesters muss da Mitleid fühlen,
wo es selbst vielleicht schon oft mit der nemlichen Schwachheit gefehlt hat. -
Nun aber, meine Liebe, will ich abbrechen, mit dem Gefühl der ewigen festen
Freundschaft -
                                                                    Deine Fanny.
 
                                  XLVI. Brief
                                    An Fanny
Ha! - Meine Freundin! - So ist denn alles Betrug, Heuchelei und Verführung, wo
ich nur immer meinen Fusstritt hinsezze! - Der Oheim in K*** rief mich vor kurzem
zu sich und übergab mich mit Tränen der Rührung jenem weitschichtigen
geistlichen Vetter, wovon ich Dir leztin sprach. Du hättest sie hören sollen,
die seelendringende Moral, mit der mich mein Oheim diesem schwarzrökkichten
Heuchler empfahl. - »Sie kennen meine Lage, sagte er zu ihm; Sie wissen, dass ich
dieses Mädchen nicht bei mir behalten kann, handeln Sie grossmütig, handeln Sie
edel an ihr, sie ist eine Waise, und in den Jahren, wo sie Schuz, wo sie Hülfe
benötigt ist. - Die Rechtschaffenheit dieses Mädchens sei Ihnen heilig! Sie ist
lebhaft, aber hat dabei ein gutes Herz. - Rein und unverdorben ist ihr Karakter,
er teilt sich mit vollem Zutrauen Andern mit. - Sie hat Vernunft, aber nicht
hinlängliche Menschenkenntnis. Sie ist gerade in den Jahren, wo jeder Trieb in
ihr zum Kampf und jede Leidenschaft zur Gefahr wird.« - So dringend sprach
dieser Edle dem Verführer ins Herz. - Endlich reiste ich in seiner Gesellschaft
ab. - Die Reise ging nach einem benachbarten gräflichen Hofe, wo eben dieser
Geistliche noch zuvor den Grafen, seinen Freund, besuchen wollte. Arglos, voll
Zutrauen sass ich neben ihm im Wagen, dachte an nichts, als an meinen
zurückgelassenen Oheim. - Der Stern, den dieser Elende auf der Brust trug, glänzte
mächtig, aber um destoweniger das Herz, das darunter schlug. Seine prächtige
Equipage, die vielen Bedienten, die auf jeden Wink von mir lauerten, um ihn zu
erfüllen, kurz der grosse Ton, auf den wir reisten, gefiel meiner Eitelkeit
unbeschreiblich, bis mir endlich auf einmal die schleichenden Gefälligkeiten
dieses Weichlings verdächtig wurden. Ich hätte eher die Welt verwettet, als von
so einem Manne Absichten auf mich armes verlassenes Ding vermutet. Und doch,
meine Fanny, fiel es diesem Verworfnen ein, mich mit Reden zu ängstigen, die mir
die ganze Abscheulichkeit seiner Seele verrieten. Gott! - Was werden das für
Tage werden, in der Gewalt eines solchen Weichlings! - Zwar ist mir mein freier
Wille und mein Abscheu fürs Laster Bürge für jeden Fehltritt, wenn derselbe auch
zu unverschämt dringend würde. Ein Mädchen, das Ehrengefühl und Kopf hat, läuft
wohl Gefahr geplagt, aber nicht so leicht überrascht zu werden. Doch weiter: Wir
blieben also etliche Wochen an obbemeldtem Hofe. Die Tage, die ich daselbst
verlebte, waren mir zur Last. Ich sah da die Falschheit mit Schmeicheleien, mit
Büklingen und mit Küssen verschwistert; ich sah die Lüge im goldenen Kleide
prangen; ich sah Wollust, Harterzigkeit, Eigennuz, Betrug, Heuchelei vom
Morgen bis in die späte Nacht in voller Bewegung. Dummheit, Neid, Torheit,
Verläumdung wurden in das Gewand des Wizzes gehüllt. Redlichkeit, Gefühl,
Menschenliebe hatte der Überfluss sogar aus dem Herzen des untersten
Küchenjungen verjagt. Diese Höflinge schwelgten wie unsinnig im Laster und waren
unter einander so wenig vertraut, dass sich Einer vor dem Betrug des Andern
fürchtete. Du kannst Dir leicht denken, was bei diesem Gaukelspiel das arme
simple Naturmädchen für eine alberne Rolle spielte. Man gaffte mich an, ich
machte es wieder so, man lachte, ich weinte, und als man mich um die Ursache
fragte, war meine Antwort, in meinem Lande wäre es gebräuchlich, die Verrükten
aus Mitleid zu beweinen: - und doch küsste man mir für diese aufrichtige Grobheit
die Hand. - Diese Begegnung gab mir Mut bei jedem andern lächerlichen Anlass
ohne Herzdrükken zu räsonniren. - Es geschah rundweg, schweizerisch, wie ich mir
es dachte. - Einige Zofen rümpften zwar bisweilen die Nase darüber, aber die
Männer hielten mich dafür ziemlich schadlos. Es ist doch immer wahr, dass es
leichter ist mit Männern fortzukommen als mit Weibern, besonders wenn die
leztern einmal anfangen ins Antike zu gehen, dann mischt sich die Schlange
Eifersucht gleich ins Spiel. Auf einmal hatte nun dieser Hofbesuch ein Ende und
wir reiseten der Pfarrei zu. Der Ort besteht aus einem grossen Schloss, das Dorf
ist eine halbe Stunde weit davon entfernt. - Diese Pfarrei hat sieben Kirchen
unter sich, ist gross, und ihre Einkünften beträchtlich. Sieben Kapläne sind zur
Besorgung der Pfarrei bezahlt. - Sie halten sich im Schloss auf, speisen mit uns
und verfaullenzen ihre übrigen Stunden auf ihren einsamen Zimmern. Ich kann Dir
die wenige Lebensart und den Mangel an Aufklärung dieser Klözze nicht
hinlänglich beschreiben. Ihr Verstand ist verwildert, ihre Sitten sind
pöbelhaft, ihre Andacht maschinenmässig und ihr Umgang bis zum Entsetzen roh und
bäurisch. Es scheint sogar, dass sie ihr Bischen auf den Schulen gelernten
Studentenwiz vergessen haben, denn sie reden die ganze Tischzeit entweder gar
nichts, oder doch alles mit einem solchen gravitätischen Tone, den sie sich
gewis bei den Bauern müssen angewöhnt haben. Wenn mir so von ungefähr die Namen
Gellert, Gessner u.s.w. entwischen, o dann rasen diese Bigotten vollends und
nennen mich öffentlich einen Freigeist. Ich habe die Wut des Despotismus
nirgends fürchterlicher gefunden, als sie hier in B** unter diesen Söhnen der
Dummheit herrscht. Menschenscheu, ungesellig, mürrisch leben sie, alle von
einander entfernt. - Einer von diesen Kaplänen ist dem Geize bis zum Entsetzen
ergeben. Er verbirgt sein zusammengescharrtes Geld in alte Scherben von
zerbrochnen Krügen, er trägt, so wie unsere Bedienten sagen, bei der Sommerhizze
kein Hemde, um die Wäsche zu ersparen, und läuft im blossen Schlafrok im Zimmer
herum. Er rafft auf der Strasse die kleinsten Stükchen Papier zusammen und
schreibt seine Predigten darauf; - brennt kein Licht und hört fleissig Beicht,
weil sie hier in B** bezahlt wird. - Er hält sich eine alte Rosinante von Pferd,
um beim schlimmen Wetter auf die Pfarre und beim guten Wetter zu den Bäurinnen
auf die Sammlung zu reiten. Sein Anzug besteht aus einem uralten Kapotrokke, aus
einem schmuzzigen Häubchen, aus dem man Oehl sieden könnte, aus selbstgeflikten
Schuhen, die Peitsche in der Hand und den Sporn im Kopf, macht er manchen
solchen Ritt, und kömmt nie ohne Beute zurück. - Ich erstaunte, als ich diese
Priester sah, die unmöglich zur Ehrfurcht reizen können. Sie haben leztin über
mich und meine kleinen Spöttereien meinem Vetter, dem Pfarrer, heimlich in die
Ohren geflüstert, als stünde ich mit meiner Lebhaftigkeit auf dem geraden Weg
zur Hölle. - Wunderlich! - Als ob die Tugend nirgends, als in einem geschraubten
Wesen stekken könnte. - Ich habe sie alle zusammen bei Tische für diesen Einfall
büssen gemacht, ich nekte sie dafür, bis ich satt war, die Herren in Harnisch
kamen, mürrisch aufstanden und brummend meine Gesellschaft verliessen. - So
einsam dieser Ort ist, so unterhält mich doch die drolligte Karakteristik dieser
Herren mit Herzenslust. So viel also, meine Liebe, für heute. Lebe wohl, und
erinnere Dich deiner bessten
                                                                         Amalie.
 
                                  XLVII. Brief
                                    An Fanny
Du musst gewis auf deinem Landgut sein, meine Freundin, dass Du mir meinen lezten
Brief so lange unbeantwortet lässest; oder es halten Dich vielleicht deine vielen
Geschäften ab. - Bei mir ist es nun ganz anders, ich habe dann und wann ein
müssiges Stündchen, das ich Dir schenken kann, und meine Leidenschaften haben in
meiner Seele nicht allein Platz, sie müssen sich ergiessen können. Wirklich liefert
mir mein Schiksal hinlänglichen Stoff, um täglich davon schreiben zu können.
Stell Dir vor, unsere Haushälterin bekam aus Eifersucht auf einmal den Raps,
davon zu laufen. Nun so muss mich denn der Neid immer und ewig verfolgen? - Ich
habe diesem Geschöpf nichts zu Leide getan; es müssen Heimlichkeiten dahinter
stekken, sonst hätte sie nicht den Mut gehabt, mich, als Anverwandte, um kleine
Vorzüge zu beneiden, die mir der Herr des Hauses einräumte. Ich habe nun um ein
anderes Mädchen geschrieben, der dieser Dienst sehr willkommen sein wird. Es
wird mir in jedem Betracht sehr lieb sein, wenn diese neue Haushälterin bald
eintrift. - Denn der Herr Pfarrer, mein Vetter, wird täglich stürmischer gegen
mich, und sein Betragen schmerzt mich um so mehr, weil es das Zutrauen meines
Oheims hintergeht. Ich wage es nicht, diesem Wohltäter etwas von den zügellosen
Absichten dieses Mannes zu melden, es möchte ihn zu sehr schmerzen. Ich studiere
Tag und Nacht, um diesem Verführer mit Vernunft auszuweichen. Meine hülflose
Lage, entfernt von meinem Oheim, fodert durchaus eine gemässigte Sprödigkeit und
doch die strengste Rechtschaffenheit, wenn er es zu weit triebe. Unglück macht
den Menschen überlegen, und nötigt ihn zu handeln, wie es die Klugheit fodert.
Leib und Seele zittern mir oft, wenn er mich zur Ausrede umsonst und um nichts
auf sein Zimmer rufen lässt. Ich habe immer, eh ich dahin komme, eine Treppe zu
steigen, auf welcher ein Kruzifix steht. Die Gefahr des drohenden Fehltritts
empört sich in mir bei dem Anblikke dieses Bildes unsers Erlösers. - Mein
unverdorbnes Herz wallt der religiösesten Empfindung entgegen, und noch immer
flehte ich knieend vor diesem Bild um Mut, um Standhaftigkeit in diesen
Versuchungen. Schamhaftigkeit und Ehrengefühl haben mich bis jezt noch nie
verlassen, und ich kann es nicht begreifen, warum just ich, ohne schön zu sein,
doch die Sinnen reizen muss? - Just ich, muss durch solche Gefahren laufen, da mir
die Natur reizbare Nerven und ein fühlendes Herz in den Busen gab. - Doch ist
wahrlich der Kampf eines jungen Mädchens, die ihr Herz frei hat, kein so grosser
Triumph, wie ihn die Romanendichter schildern, denn der Widerstand gegen einen
Ungeliebten streitet mit keiner Neigung, und die Verachtung gegen den Verführer
erwekt in dem Mädchen hinlänglichen Ekkel, der es zu jenem halsstarrigen
Eigensinn der Widerspenstigkeit bringt, den ein solches Mädchen mehr der
Disharmonie der Gemüter als der Tugend zu verdanken hat. - Meine Sinnen habe
ich so ziemlich durchs Denken in Ordnung gebracht, und wenn mich Liebe einstens
nicht überrascht, dann glaube ich schwerlich, dass es andere Wege dahin bringen
werden. Es ist übrigens ein trauriges Schiksal um dasjenige eines Mädchens, der
die Natur keine Glüksgüter zuwarf. Armut ist fast immer das Grab der Unschuld,
und ein armes Mädchen muss äusserst aufmerksam die lokkenden Wünsche zum Wohlleben
aus ihrem Herzen zu verbannen suchen, wenn ihre Entaltsamkeit nicht wanken
soll. Gestern erhielt ich einen Brief von meiner lieben Schwester: Der Vormund
hat sie ins Kloster gestekt, wo sie zwar ordentlich bedient wird, aber wenig
Hoffnung zur Bildung ihres Geistes haben kann. Sie beschreibt mir mit sehr
naiven Zügen die steife Erziehungsart der Nonnen, und bittet, ich möchte sie so
bald als möglich aus diesem Hause der Sklaverei erretten. Bitter nagt der
Gedanke der Unmöglichkeit an meinem Herzen. Mit der feurigsten Wollust würde ich
es tun, wenn es in meiner Gewalt stünde. Wenn ich mich je einstens zu einer
Heirat entschliesse, geschieht es bloss um den Schuz dieses Mädchens auszumachen.
Nun, meine Besste, schreibe mir bald, deine Briefe sind für mich alles, was man
Entzükken in den Stunden der trüben Einsamkeit nennt. - Lebe wohl bis dortin!
Das wünscht Dir dein trautes
                                                                        Malchen.
 
                                 XLVIII. Brief
                                   An Amalie
Schon wieder, meine gütige, nachsichtsvolle Freundin, lies ich zween Briefe von
Dir zusammenkommen; aber da Du meine Familiengeschäften kennst, so wirst Du mir
es gewis nicht übel deuten. Dein Schiksal, liebes Malchen, hasst Dich entsezlich,
dass Du immerfort auf unrechte Menschen stössest, gerade als ob alle bloss auf Dich
lauerten, nur um Dich zu kränken und zu martern. - Du hast Dich indessen
unverbesserlich in einer Lage gezeigt, wo jedes Mädchen vielleicht gestrauchelt
hätte. Bleib standhaft, meine Freundin, der Tag der Rettung ist vielleicht nicht
mehr ferne. - Mit Abscheu durchdrang mich die Schilderung jenes Mannes, der
deinem Oheim hoch und teuer versprach Vaterstelle an Dir zu vertretten; - jenes
Mannes, der mit der heiligsten Würde seine Begierden nicht zu bemeistern weis;
jenes Mannes, der mit seinem grauen Kopfe auch graue Leidenschaften in sich
nährt. Glaube mir, meine Liebe, wenn sich die katolischen Geistlichen begatten
dürften, so gerieten sie auch minder auf Abwege. Die Natur ist eine mächtige
Bestürmerin des menschlichen Herzens und wenig Menschen sind ihrer Triebe
mächtig. Ich begreife nicht, warum man in dem Menschen durch Gesezze
Empfindungen erstikken will, die dem Schöpfer und seiner Macht Ehre machen. Der
Mensch ist ein Tier, dessen Willen der Vernunft untergeordnet ist, er hat durch
diesen Willen seine tierischen Triebe einzuschränken, zu verfeinern gelernt,
aber aus dem Körper ganz vertilgt sind sie darum nicht, diese Triebe der
schwachen Menschheit; - und eben darum verdienen die Menschen, die man zwingt
den Keim der gährenden Menschheit zu unterdrükken, mein wahrhaftes Mitleid. -
Nur müssen Geistliche von gewissem Alter, wie dein Verführer ist, nicht darunter
gerechnet werden, denn da sind es nicht mehr Wallungen der hinreissenden Jugend,
es sind Ueberbleibsel der sich angewöhnten Wollust. - Du hast vollkommen Recht,
Dich so gegen diesen Mann zu betragen, wie es deine Grundsäzze erlauben. - Die
Tugend verdient erst alsdann eine Krone, wenn sie von der Vernunft einen
strengen und wichtigen Sieg erhält. Die Beschreibung deines Hoflebens war
lebhaft. Am Hofe findet man freilich das meiste Verderbnis. - Häufig eilen da
die Herzen der Fäulnis zu, die Vernunft wird durch das Geräusch verjagt, die
Ueberlegung vom Taumel übertäubt, und die Sitten durch das Beispiel vergiftet.
Kaltblütig lernen da die Menschen lügen, der Leichtsinn ist die herrschende
Triebfeder, Galanterie die Sprache der Gewohnheit, und so weicht das
Menschengefühl für Wohlwollen und Tugend aus dem Herzen eines Höflings.
Mistrauen wird einem jeden Höfling zur Regel, weil er selbst schwarze Falschheit
im Busen trägt, und eben darum fürchtet er diese Falschheit mit so vieler
Ueberzeugung an Andern. Wenn dann unter diese Menschen hinein ein unverdorbnes
Herz gerät, so wird es von ihnen gleich einem Fremdlinge betrachtet. Die Weiber
buhlen bei Hofe bis es ihnen die Natur versagt, und die Männer werden durch
frühe Ausschweifungen zu jungen Greisen. Doch weiter zu deinen possierlichen
Kaplänen. - Nimmermehr hätte ich mir in einem Winkel der Erde solche Originale
geträumt. Ist es möglich, dass man sie duldet, ist es möglich, dass das Vorurteil
noch so in voller Stärke da tront? - Diese Menschen müssen gar nicht denken,
sonst würde sie die Natur selbst der Aufklärung etwas näher bringen. Ich bilde
mir ein, dass diese Geschöpfe ihre Stunden so gleichgültig wegschlummern, so
lange sich die Maschine, in der sie stekken, fortwälzt. Unwissenheit ist ihnen
zu vergeben, denn es ist Mangel an Erziehung, an Einsicht; aber Eigensinn,
Verdammungsgeist, Teologenwut, ist sträflich, ist Meineid an der Natur, die
alle Menschen von jeder Religion zum ewigen Frieden schuf. - Der Mensch kömmt
unwillkührlich zur Welt, der Mensch wird in der Folge das, was seine Eltern aus
ihm ziehen; und wer wollte es da wagen, dem Unschuldigen die Belohnung
abzustreiten, die ihm von der Vorsicht in seiner Religion geöffnet wurde? - Wozu
denn Eigensinn und Zänkereien in der Religion, wenn es dem mächtigen Richter im
Himmel selbst gefiel, mich in dieser oder jener Religion geboren werden zu
lassen? - Das Kind in Mutterleib ist das Werk der Allmacht; seine Geburt macht
es zum Menschen, die Erziehung zum Christen, und die gute Ausübung seiner
Pflichten zum Seligen. Man lasse jedem, was ihm zur Beruhigung dient, und zanke
sich nicht bloss untereinander, um den gegenseitigen Hochmut zu empören. Die
Religion braucht keine Verteidiger, sie verteidigt sich in ihren wichtigsten
Punkten selbst. - Jeder Schulfuchs glaubt sich an Dinge wagen zu dürfen, die
bloss dem Vernünftigen, dem Hellsehenden zur Entscheidung überlassen werden
müssen. Die Kopfrebellion ist die gefährlichste, weil die Dummheit am meisten in
den Köpfen stekt. Duldung für Alle ruft uns der Schöpfer zu, und wer seine
Stimme überhört, sündigt gegen die Rechte der Religion und Menschheit. Der Kern
der Moral ist einfach, ein jeder geniesse ihn nach seiner Weise. Der Willen
steigt zum Ewigen, das Uebrige ist das Werk der unruhigen Köpfe. Und nun auch
noch ein Wörtchen von deinem geizigen Kaplan. - Ich habe mich über diese
Schilderung fast krank gelacht. Dass doch die Leidenschaften überall ihren
Wohnsiz haben! - So ein Mann hat ja sein Auskommen, warum wagt er es, sich und
seine Würde durch Geiz zu erniedrigen? Was sagt denn der Pfarrer zu dieser
Aufführung? - Oder ist es vielleicht schon so stark zur Gewohnheit geworden, dass
man diese Unanständigkeiten gar nicht mehr ahndet? - Ueble Gewohnheiten fassen
tiefe Wurzeln, die der Wohlstand nicht so leicht mehr ausrottet, wenn sie
verjährt sind. - Spare übrigens deinen Wiz nicht gegen solche Menschen;
vielleicht lässt sich einst noch ein Schein von Empfindung blikken. - Was Du mir
nach der Hand von der Eifersucht der Haushälterin erzählst, ist mir nicht
unbegreiflich, ich kenne dieses Ungeheuer, das immer tief in dem Herzen der
Weiber wohnt. Wenn die neue Haushälterin eintrift, so gieb Acht, sie ist gewis
kaum warm, so wirds das Nemliche sein. Schone deinen Oheim noch mit der
Nachricht von den Verfolgungen, die Du duldest, es ist noch Zeit genug, ihm
Kummer zu machen, wenn Dir sonst keine Rettung mehr übrig bleibt. - Zum Beschluss
eine feste Umarmung, und gute Nacht!
                                                                          Fanny.
 
                                  XLIX. Brief
                                    An Fanny
Drei volle Monate schrieb ich Dir nicht, weil mich seiter die Schwermut, die
Verwirrung meines Schiksals davon abhielt. Dafür sage ich Dir aber auch heute
sehr vieles. - Erstens hat deine Prophezeihung bei der Haushälterin
eingetroffen. Der Anlass zu dieser Frechheit liegt in einem Geheimnis, das Du
leicht erraten kannst. Wenn die Herren ihre Untergebenen zu Vertrauten machen,
denn ist es immer schlimm in einem solchen Hause zu wohnen. Ich habe dieses
Mädchen aus dem Staub des Elendes gezogen, ich habe ihr Brod verschafft, und nun
ist sie samt dem Pfarrer meine erklärte Feindin. Wo des erstern Verfolgung
herrührt, weisst Du schon lange, und die Feindschaft der leztern liegt in der
Herrschsucht, im Eigennuz, in der weiblichen Eitelkeit. Sie arbeitet mit aller
Macht ihrer Reize wider mich. Was nun der fühllose, unmoralische Pfarrer weiter
aus mir machen wird, weis ich nicht. - Wir haben jezt eine Menge Gäste in unserm
Hause, worunter sich auch der junge Vetter B*** befindet. Seine Donna hat ihn
betrogen, beschimpft und verlassen. Das ist so das gewöhnliche Ende von
unvorsichtigen Liebeshändeln. Die übrigen Gäste bestehen aus einer adelichen
Familie von M***, die hier der freien Landluft geniessen. - Mann, Frau und
Stieftochter des erstern. Der Vater ist ein ausschweifender Mann, der sein
liebes Stieftöchterchen zur Verzweiflung der Mutter mit schändlichen Absichten
verfolgt. - Die Mutter ist ein Weib in ihren bessten Jahren, voll Gefühl und
Menschenliebe; das Fräulein ein junges vortrefliches Mädchen und ganz das
Ebenbild ihrer Mutter. Der junge schöne Vetter B***, die Einsamkeit auf dem
Lande, die schwärmerischen Bücher, das einfache Landleben, das wallende Blut
eines feurigen Mädchens, rissen diese liebenswürdige Unschuld bald zu den
Gefühlen hin, die dem Vetter B*** und ihrer Mutter sehr willkommen waren, aber
um desto wütender raste im Stillen der Stiefvater darüber. Der Umgang wurde nun
diesen beiden jungen Leuten von demselben untersagt, die Leidenschaften bäumten
sich um desto heftiger, und jezt sah man sich heimlich, aber desto öfter. Diese
durch einander geflochtene Intrigue von Eifersucht und Liebe, von Stolz und
gährenden Leidenschaften, bringt manchen bittern Streit unter dieser Familie
hervor. Der Vater widerspricht, die Mutter widerspricht, und die Tochter kämpft
fürchterlich mit dem Gefühl der Liebe und des Gehorsams. Das Mädchen ist mir in
die Seele gewachsen, wir schlafen beide in einem Zimmer. Sie weint ganze Nächte
durch, die arme Gekränkte. Ihr Zustand wirkt auf den meinigen, die Leiden des
Unglücks sind für mein wundes Herz anstekkend, und wir beide sind durch die Bande
der teilnehmenden Freundschaft unzertrennlich aneinander gekettet. Sie ist nun
freilich als ein Stadtfräulein eitler als ich, aber unsere Seelen harmoniren
durch gleiche Grundsäzze. Und dann hängt die Arme, wie eine eigensinnige Klette,
immer an meinem Halse, wenn es ihr nicht gegönnt ist, den jungen B*** zu sehen.
Die liebe Schwärmerin sagt, ich wäre sein Bäschen, und sie glaubte an meinem
Busen sein Herz schlagen zu hören. Die Mutter ist ganz die Vertraute dieser
Leidenschaft, und wünscht dem jungen Vetter B*** bald eine gute Versorgung, um
das Glük ihrer Tochter zu machen. - Das Mädchen und der junge Mann sehen
hoffnungslos einer finstern Zukunft entgegen, und doch fühlen sie sich zu
ohnmächtig, ihre schröklich herrschenden Leidenschaften zu unterdrükken! Ich bin
trostlos für meine Freundin, ich leide mit ihr! - Sie nährt in ihrem Busen eine
zehrende Schwermut, und das Mitleid ihrer Mutter brachte sie auf den Einfall,
mich zur tröstenden Gesellschaft auf einige Zeit vom Pfarrer auszubitten. Noch
hat er ihr es nicht zugesagt. Wenn es diese Dame dahinbringt, so warten auf mich
in der grossen lebhaften Stadt M*** einige Tage Erholung für ein Jahr voll
ausgestandner Leiden. - Schon vor einigen Wochen drang der eifersüchtige Vater
meiner Freundin auf die Abreise, aber die vernünftige Gattin wusste es mit
Anstand zu verhindern, denn seiter ist sie noch immer mit Entwürfen
beschäftigt, die jungen Leute zu verbinden und ihre Tochter den Augen des
sträflichen Stiefvaters zu entziehen. - Eben dieser Mann ist gar mein Freund
nicht, weil ihn das Vertrauen seiner Tochter zu mir ärgert. - Er blikt mit einem
gewissen kalten Stolz auf mich herab. Er ist der Busenfreund des Pfarrers, weil
gleiche Grundsäzze, gleiche Laster die Harmonie ihres Umgangs befestigen. Man
begegnet mir in diesem Hause jezt schröklich erniedrigend; es scheint, als ob
man mir mit jedem Blik die wenigen Wohltaten vorwerfen wollte, die man mich so
aus ungefährer Barmherzigkeit geniessen lässt. - So ist denn überall die Tugend
den wütenden Fusstritten des Lasters ausgesezt! - Wird sie denn so fortdauern
diese feste, aneinanderhängende Kette von unendlichen Verfolgungen? - Bei Gott!
- Es ist unbegreiflich, dass ich rastlos und ohne Aufhören, wo ich nur hinkomme,
Menschen finde, die mich durch und durch peinigen und verfolgen! Dieses
hartnäkkige, unleidentliche Schiksal muss mit mir zur Welt gekommen sein, sonst
könnte es mich nicht so grässlich anhaltend verfolgen! Manchem würden diese
schnell aufeinander folgende Unglücksfälle unbegreiflich scheinen, und doch sind
es lautere, reine Wahrheiten. Wer kann in das unendliche Kaos der Schiksale
hineindringen? - Wer kann es fassen, dass eine Waise von der ganzen Natur gehasst
wird? - Wem wird es glaublich scheinen, dass die Jugend eines elternlosen
Mädchens der Tirann ihrer Ruhe ist? - Will so ein Mädchen der Stimme ihrer
rechtschaffenen Erziehung folgen, will sie, ohne ins Abenteuerliche zu
verfallen, ihr Herz rein behalten, was für Stürmen ist sie da nicht ausgesezt? -
Es gibt ja der Niederträchtigen so viele, die auf die Verfolgung einer
schwachen, wehrlosen Waise ein Recht der Unverschämteit zu haben glauben. - Die
Menschen sind fast alle verdorben, und nach dem Sturze desjenigen lüstern, der
sich durch seine Unschuld auszeichnet. Wenn der ewige Vater nicht über mich
wacht, so weis der Himmel was in der Zukunft noch aus mir wird. - Wer bürgt mir
für Standhaftigkeit in gränzenlosen Verfolgungen, in unbeschreiblichen Lagen? -
Romanenheldinnen doch nicht? - Die Menschheit bleibt Menschheit, und der
Gebeugte unterliegt oft da am ersten, wo er sich sicher glaubt. Ich habe bisher
alle Gründe der Moral streng zu meiner Beruhigung hervorgesucht, ich habe mich
fest an sie gekettet, ich habe jede Lage wohl überdacht; aber wer steht mir bei
drohendem Mangel für die Zukunft? - Mein Oheim ist gütig, aber nicht reich;
meine Schwester lebt von meinen Zinsen, die gerade für sie hinlänglich sind;
durch Händearbeit zu leben, dazu brauchts Ueberlegung, Geld um sich dazu
einzurichten, und hinlängliche Kunst sich mit Prahlerei zu empfehlen. Du kennst
meine Schüchternheit, Freundin, besonders da sich bei so einem Gewerbe eine
gewisse Art Schamhaftigkeit bei mir einschleicht. Ich bin nicht dazu geboren;
nur das Schiksal würde mich dazu erniedrigen. Zwar tausendmal besser als
lasterhaft werden, aber doch immer ein schwerer Kampf für die Eitelkeit eines
Mädchens von gutem Hause. Wahrlich, meine Teure, ich würde noch einen solchen
Brief anfüllen, wenn ich Dir die Gedanken über mein künftiges Schiksal ganz
hersagen sollte, wie sie in meinem Kopf herumirren. Nahrungssorge ist eine
schrökliche Sache für ein denkendes Mädchen! Du wirst so gut sein und mir nicht
eher schreiben, als bis Du wieder einen Brief von mir erhältst. Ich möchte etwa
während dieser Zeit abreisen und der Brief in unrechte Hände kommen. Lebe wohl!
                                                                   Deine Amalie.
 
                                    L. Brief
                                    An Fanny
Wie wirst Du aufspringen vor Wut, meine Fanny! wenn Du hören wirst, was seiter
mir begegnete! - Die unbarmherzigste, grässlichste Handlung ist nun an mir
vollendet! - Von jenem geistlichen Vetter vollendet, der mich aus Rache
verstossen, hülflos, ohne Geld, der Verführung, dem Elend und der grossen Welt
Preis gab! - Schröklich wird der Richter einst von ihm Rechenschaft fodern für
eine junge Seele, die er auf eine so niederträchtige, schlechte Art in die Welt
hineinstiess. - Die Verzweiflung mag nun aus mir machen, was sie will, so geht es
auf Rechnung dieses Ungeheuers, der mich gewissenlos und heuchlerisch von sich
entfernte. Er hat die Pflichten der Menschheit leichtsinnig zerrissen, er ist
meineidig geworden an meinem Oheim, er hat an Gott und an mir ein Verbrechen
begangen, das man nur bei Barbaren und nicht unter gesalbten Christen suchen
würde. Sein Groll, die Anstiftung seiner Haushälterin, die gute Gelegenheit mich
mit einer schiklichen Ausrede vom Halse zu bringen, alles half dazu, seine
giftigen Anschläge zu erfüllen. - Sie waren gut ausgesonnen, diese Schlingen der
überdachten Bosheit. Man lies mich ruhig und ohne dass ich je diese Falschheit
hätte merken können, mit der Dame und ihrer Familie nach M*** abreisen. Wir alle
argwohnten nichts, sassen zufrieden beisammen im Wagen, und vollendeten in zween
Tagen unsere kleine Reise. Ein feiler Schurke von Bedienten wurde mir unter dem
Vorwand, dass er mich bedienen sollte, mitgegeben. Kaum waren wir in M***, als
dieser Bote des Lasters mir ein Billet folgenden Innhalts von seinem Herrn
zustellte:
»Madememoiselle! Sie haben sich durch ihre wenige Verträglichkeit ihres hiesigen
Aufentaltes unwürdig gemacht. Wenn man nicht viel Vermögen hat, muss man sich in
alle Menschen schikken können. Schreiben Sie sich nun alle Folgen selbst zu. Sie
sind jung, schön, gesund und wizzig; suchen Sie nun ihr Glük in der grossen Welt.
- Das Versprechen, das ich Ihrem Oheim tat, war willkührlich, und folglich in
meiner Gewalt es aufzuheben. Wenn Sie Ihren eignen Vorteil verstehen, so werden
Sie in dem Hause Ihres jezzigen Aufentalts so lange schweigen, bis sich Ihnen
einige Aussichten öffnen, damit Sie nicht zu frühzeitig das Recht der
Gastfreiheit verscherzen. Der Bediente hat Ordre unter einem politischen Vorwand
zurückzukehren, und von ihm werden Sie auch ihre wenigen Kleidungsstükke zu Ihrem
Gebrauche erhalten. Ich wünsche, dass Ihr Köpfchen geschmeidiger werde, und mehr
können Sie doch wahrhaftig nicht von mir fordern.«
                                                             Ihr ergebner Diener
                                                                          ******
Ha! - Fanny! - Ich glaubte zu versinken, als ich diese Beweise der
marmorherzigen Grausamkeit las! - Ich warf mich wie unsinnig aufs Bett! - Ich
fühlte die Trostlosigkeit eines Fremdlings, der, wie ein überflüssiges Mitglied,
von keinem Menschen geschäzt und geliebt, freudenlos in der Natur herumwandelt!
Meine Börse war so schlecht bestellt, dass sie mir für keinen Monat Unterhalt
bürgte. Unentschlossen der Dame vom Haus etwas zu entdekken, mistrauisch gegen
ihren Mann, niedergebeugt und schüchtern gegen das junge Fräulein, verlebte ich
zween schrökliche Tage. - Meine Schwermut lag mit hellen Zügen auf meiner
Stirne; Tränen glänzten in meinen Augen, so oft man mich um die Ursache dieser
Schwermut fragte. Die Verstellung, die Unterdrükkung meines Kummers presste
meine Seele zusammen, mein Kampf machte Aufsehen, und die Dame drang in mich. -
Antworten konnte ich durchaus von Anfang nicht, denn die Wehmut erstikte mich
beinahe. Ich gab ihr das empfangene Billet und harrte zitternd auf ihren
Entschluss. Zu allem Glük beruhigte mich diese Menschenfreundin so gut sie
konnte. Nur sagte sie mir, dass dieser Vorfall ihrem Gemahl noch ein Geheimnis
bleiben müsste, bis sie die Entscheidung meines Schiksals von meinem Oheim, dem
sie den ganzen Vorfall berichten wollte, erhielte. - Das Fräulein, die bei
dieser Unterredung zugegen war, brausste feurig auf über die schlechte Behandlung
eines Verwandten, eines Geistlichen. Mit dem heftigsten Feuer der beleidigten
Freundschaft eilte sie zur Feder, und schrieb diesem Unmenschen einen sehr
beissenden, empfindlichen Brief. - Sie lies ihn alle die Verachtung fühlen, die
er verdiente. So harre ich ungewis und bange, bis zu ferneren Nachrichten von
meinem Oheim. Gewis, meine Liebe, nichts ist quälender, als wenn man es weis,
wenn man es fühlt, dass man der Menschenhülfe bedarf. Ich sass oft mit marternder
Furcht bei Tische, wagte es kaum, das Bischen Gastfreiheit zu geniessen, weil ich
alle Minuten ahndete, dass der Herr des Hauses meine Lage erfahren und mich für
einen überflüssigen Gast ansehen könnte. Er war ohnehin kalt und mürrisch gegen
mich, und das blosse Wiedervergeltungsrecht für die bei dem Pfarrer genossenen
Höflichkeiten hielten diesen Mann noch in den Schranken des Wohlstandes. Auf
diese Art, meine Freundin, ist deine arme Amalie für diesmal in den Händen des
Ungefährs. Ob es mich nun in Abgrund hinschleudert oder nicht..... das sollst Du
bald hören von deiner unglücklichen
                                                                         Amalie.
 
                                   LI. Brief
                                   An Amalie
Ich würde lügen, meine Teure, wenn ich diese schändliche Entehrung der
Menschheit kaltblütig übergehen könnte! Ha! - Religion! - Ha! - Tugend! - Ha! -
Menschlichkeit! - Was ist aus euch geworden? - So seid ihr denn von einem
Strafbaren auf einmal heruntergewürdigt, der nicht einmal den Schein seiner
Würde zu behaupten wusste. So hat er es denn ohne Bedenken gewagt, dieser Elende,
deine Jugend, deine Schwachheit dem Laster und seinen Lokkungen entgegen zu
stossen? - Mir steht vor Kummer der Verstand stille, wenn ich das Getümmel der
grossen Welt überdenke, dem er Dich ohne Rüksicht, ohne Mitleid, ohne
Gewissensangst, ohne Vorwurf blosgab! - Mit Abscheu ist meine Seele für so ein
Andenken angefüllt! - Und ein Priester wagte es, die Unschuld den Verführungen
des Lasters zu opfern? - Wo soll die Tugend Trost finden, wenn er ihr von den
Dienern der himmlischen Moral versagt wird? - Ist so ein Ärgernis nicht
tausendmal mehr Sünde, als das strafbarste Laster, das doch wenigstens vor den
Augen der Welt verborgen bleibt! Wenn Nächstenliebe in so einem Mann ihren
Wohnsiz nicht hat, wo soll man sie denn finden? - So hat denn die Unschuld
keinen Retter, die Tugend und Menschheit keine Stimme mehr? - Kein Vieh lässt
sein Junges verhungern, und Menschen begegnen sich einander so fühllos? -
Menschen, die durch die Vernunft ihre Pflichten kennen, mit dem Mund vor den
Augen Gottes Wahrheit schwören, und dabei eine garstige, rachsüchtige Seele im
Busen tragen! - Ich bin hingerissen vom Gefühl der äussersten Traurigkeit, über
die Bosheit, die in dem Herzen der Menschen sich heimlich einnistet. Es ist ein
trostloser Gedanke für den Guten, wenn er seinen Nebenmenschen bis in Staub der
Niederträchtigkeit gesunken neben sich erblikt. In welchem Sturm der zerrütteten
Leidenschaften mag dieser harte Mann wohl das für dich drükkende Billet
geschrieben haben? - Verblendung für jene Dirne muss ihn hingerissen haben, sonst
wäre es unmöglich, dass er mit einem Herzen im Leibe so hätte gegen Dich handeln
können. Ich will Dir gerne glauben, meine Inniggeliebte, dass Dir dieser lezte
unvermutete Streich des gebrandmarkten Zutrauens bis in die Seele stürmte! -
Nichts ist grässlicher, als auf unsere Unkosten das Lasterhafte zu entdekken, wo
ein geheiligtes Ansehen uns für das Gegenteil bürgte. Falschheit, Mishandlung,
böses Herz, drükken den Verfolgten weit ärger, wenn sie unerwartet erscheinen.
Nun, meine Liebe, halte Dich indessen an jene Dame, die nun deine einzige
Beschüzzerin ist. - Wie entzükte mich der gütige Eifer des wakkern jungen
Fräuleins. - Unverdorbene Menschen müssen über die schwarzen Handlungen von
Bösewichtern brausen, weil es ihnen schwer fällt, fremdes Laster zu dulden,
wovon ihr eignes Herz so rein ist. Wie beschämend ist die Moral eines so jungen
Mädchens für einen Mann, der nach seinem Berufe eben diese Moral Andern predigen
sollte. Wenn dieser Verdorbene diese Stimme der Warnung fühlen könnte, wenn er
merken wollte, dass ihm der Himmel eben durch die Moral dieses Fräuleins Besserung
zuruft! - Aber wie kann er es fühlen, wie kann er es merken, wenn die Gewohnheit
schon die Gewissensbisse übertäubt hat? - Doch überlassen wir ihn der ängstlichen
Stunde des Todes, da mag er dann ringen um die gränzenlose Barmherzigkeit, die
der gütige Schöpfer Keinem versagt, wenn er sein Laster wahrhaft bereuet.
Uebrigens, meine Liebe, sind die wenigen Wohltaten, die Du bei dieser Familie
geniessest, nur so lang Wohltaten, bis sie dein Oheim bezahlt, welches denn auch
geschehen wird. Geniesse sie also nicht mit so grosser Zaghaftigkeit, Du möchtest
dadurch dem unartigen Hausherrn zum Argwohn Anlass geben, eh es Zeit ist. -
Heitere Dich auf, Amalie, noch ist keine nahe Gefahr, dass Du Dich mit
Handarbeiten abgeben musst. - Du wirst sehen, dass die Hülfe am nächsten, wenn das
Unglück am grössten ist. Und nun ein Kuss von deiner teilnehmenden
                                                                          Fanny.
 
                                   LII. Brief
                                    An Fanny
Heute, meine gütige Fanny, kann ich Dir schon etwas Mehreres von meinem Schiksal
sagen. Der liebe Oheim will in Zukunft für meinen Unterhalt sorgen. Doch
wünschte er mich in dem stillen Aufentalt eines Klosters zu sehen. Ich bin
seinem Wunsche gar nicht entgegen; mich verlangt selbst nach Einsamkeit, nach
Ruhe. Nur fürchte ich, dass die Stille des Klosters zu stark auf meinen lebhaften
Geist wirken wird, und dass sich meine Leidenschaften erst dann zu empören
anfangen werden, wenn der Mangel an Freiheit sie aufwekt. Dieser Aufentalt wird
mir Anfangs ein Grab scheinen, wo man leblos den Freuden der Natur entsagt, und
sich der Schöpfung nur verstohlner Weise in den traurigen Winkeln der Zellen
freuen darf. Nie würde ich mich entschliessen, ein Mitglied dieses unsinnigen
Vorurteils zu werden. Aber so als Zuschauerin, als Beobachterin dieser heimlich
Unzufriedenen auf einige Zeit einen solchen Aufentalt zu wählen, dient mir zur
Menschenkenntnis. Da mich mein Oheim nicht dazu zwingt, so ist meine Neugierde
die Triebfeder meines freien Willens. Man wollte mich versichern, dass es in
solchen Gefangenschaften eben so viel Zufriedene, als Unzufriedene gebe.- Dies
kann ich unmöglich glauben; bald sollst Du hierüber mein Urteil aus Erfahrung
hören. Der Mann meiner Wohltäterin hat nun meine Lage durch ein Ungefähr
erfahren. - Dieses und die fortdauernde Liebe des Fräuleins mit meinem Vetter
B*** hat ihn so sehr in Harnisch gejagt, dass er mir es derb fühlen liess. Seine
Frau wusste diesem Groll vorzubeugen, und gab mich in das Haus ihrer Schwester.
Das Fräulein und ihre Mama eiferten freilich wider meine Klostergedanken - und
haben mir zu einer Heiratsabsicht die Bekanntschaft eines Mannes angezettelt,
der jezt eine ansehnliche Stelle beim hiesigen Hofe begleitet. Dieser Mann hat
Talenten, stund ehedessen in spanischen Diensten als Offizier. Er hat Amerika,
Spanien, Portugal, Frankreich, Italien und mehrere Länder durchreist. - Das
stille bürgerliche Leben will nun freilich seinem unruhigen Geiste nicht
behagen, er wird nächstens in andere Kriegsdienste treten, und dieser junge Mann
buhlt um meine Liebe. Sein Blik ist etwas finster und untersichgeschlagen, er
hat Lektur genug, um von Moral zu plaudern. Was übrigens für Leidenschaften in
ihm herrschen und wie sein Herz aussieht, weis ich nicht, denn er ist mehr
verschlossen, als offen in seinem Wesen. - Frau von D***, das Fräulein und meine
Hausfrau loben ihn übrigens mit vielem Affekt. Er scheint in seinen Briefen
einen fliegenden Entusiasmus zu behaupten, denn er schrieb mit feurigem Schwung
der Liebe wegen meiner an meinen Oheim. - Wenn ich mich je entschliessen könnte,
so ein Band zu knüpfen, so wäre meine liebe Schwester die Hauptursache davon.
Denn ich muss das Mädchen bald in meine Arme rufen, sie ist es satt, eines
Kerkers satt, den sie aus Zwang wählen musste. - Indessen bleibt mein Entschluss
für jezt fest, mich auf einige Zeit nach A*** ins Kloster zu begeben. Vielleicht
entscheidet die Vorsicht bald mein Schiksal, wenn mein Freier mit
Standhaftigkeit auf meine Liebe dringt. Er hat zwar nicht vollkommen das an
sich, was die Eitelkeit eines Mädchens befriedigen könnte. Doch ist er ohne
hässlich zu sein, nur etwas steif und kalt, nach spanischer Art. - Wenn ich nun
sein Herz besser kennen lernen wollte, so müsste das meinige weniger gut sein,
denn eben dieses zu gute Herz macht mir bei jeder kritischen Anmerkung einen
Dunst vor die Augen, der am Ende mein Unglück machen könnte. - Ich bin durchaus
nicht im Stande Menschen zu untersuchen, weil es mir an Erfahrung und
hinlänglicher Kälte fehlt, die Menschen zu erforschen. Ich finde aus angeborner
Guteit überall mein Echo, bis die leidige Ueberzeugung von Menschenfalschheit
mich leider zu spät immer vom Gegenteile überführt. - Noch warte ich deine
Antwort ab, und dann fort ins Kloster. Bis dortin
                                                                   Deine Amalie.
 
                                  LIII. Brief
                                    An Fanny
Freundin! - Dein Malchen wird zur Lügnerin, ich muss Dir noch, eh Du mir
schreibst, vor meiner Abreise die gefährlichen Auftritte für mein Herz erzählen.
- Das ist ausgemacht, entschieden, und ich bins auch jezt zum erstenmale in
meinem Leben überzeugt, dass die Liebe beim ersten Anblik einer Person hinreisst,
bis zur süssen Schwermut hinreisst! - Mein Unglücksstern führte mich gestern ins
Schauspiel, ich kam gerade neben einem schwarzbraunen schönen Jungen zu sizzen.
Kaum war der düstere Nebel, von dem man gewöhnlich beim Eintritt überfallen
wird, meinen Augen entflohen, so stieg mir auf den ersten Blik, den ich auf
meinen Nachbar warf, eine brennende Röte ins Gesicht! Wir sassen beide
sprachlos, wie angenagelt, nur zuweilen begegneten wir uns mit Blikken. - Er
fieng endlich zu sprechen an, ich antwortete ihm so gut ich konnte, und dabei
bat er mich um die Erlaubnis, mich bis an meine Haustüre zu begleiten. Schon
wartete ich auf den Antrag einer Bekanntschaft, aber mit einer getäuschten
Hoffnung, die mir durch die Seele zitterte, sah ich mich auf einmal betrogen. -
»Lange schon, fieng er nun an, liebe ich Sie, mich deucht, dass sie erwiedert
würde von Ihnen, diese Liebe, wenn mich die Ehre nicht davon abhielt, nach einem
Gut zu greifen, dessen Entbehrung mich vielleicht eben so schröklich für immer
verdammt! - Ich bin arm, unversorgt, um ihre Hand buhlt ein Anderer, der Sie
wenigstens durch seinen Stand glücklich machen kann. Gott segne Sie beide, und
mir gebe er Ruhe, oder.... Tod!« - Rasch flog dieser Jüngling von mir, und ich
sah ihn seiter nicht wieder, auch weis ich nicht einmal wer er ist. Sein
Andenken ist ein schleichender Wurm in meinem Herzen, und meine schmeichelnde
Eigenliebe sagt mir immer, er hätte nicht entfliehen sollen, der Undankbare! -
Während dieser Zeit wuchs die Leidenschaft meines Freiers bis zum Grade, dass er
Mitleiden verdient. - Der obige Auftritt hat mein Herz in etwas gegen ihn
verstimmt, und da er mit seiner Leidenschaft vorbeieilte, ohne auf den Grad der
meinigen zu achten, so sind wir beide noch um ein ziemliches von einander
entfernt. - Mitleiden wallt in meinem Herzen für ihn, aber Mitleiden ist noch
lange nicht Liebe. - Er hat übrigens einen Anschein von stiller Gemütsart, wenn
es Solidität ist, dann wäre schon ein starker Grad meines Zutrauens gewonnen.
Die Leute, die mit aller Ueberredungskunst auf diese Heirat dringen, behaupten
durchaus, dass es wirklich ein fester, gebildeter Karakter sei. Furcht, Angst
und Begierde nach Versorgung, um meine Schwester zu retten, streiten in meinem
Kopfe. - Ich bin das elendeste Mädchen unter der Sonne, wenn sich mein gutes
Herz leichtgläubig ins Spiel mischt, ehe die Vernunft und ihre Ueberlegung den
Rat zu dieser Heirat gibt. Du weist, ich habe noch ein artiges Vermögen, auch
spricht er mir davon, dass er welches besässe... Doch was kümmert mich Vermögen,
wenn nur mein armes Herz Ruhe bei ihm fände! - Ich bin traurig bis zum Tiefsinn!
- Lebe wohl! Deine schwermütige
                                                                         Amalie.
 
                                   LIV. Brief
                                   An Amalie
Nun so verfällst Du denn schon wieder ins Abenteuerliche, meine Besste! - Ich
muss Dich zanken über deinen Klostergedanken. Vielleicht kömmt dieser Brief zu
spät, und dann gute Nacht heitere Täge meiner Amalie! - Du, mit deiner Anlage
zur Schwermut willst die Einsamkeit suchen? - Du, mit deiner Lebhaftigkeit
willst Dich unter die Kostgängerrute beugen? - Du, mit deinem Freiheitssinn
willst heucheln lernen.... oder Dich hassen lassen? - Du, mit deiner Anlage zum
Natürlichen, willst Dich in das Joch des Ueberspannten werfen? - Du, mit deinem
Herzen voll Liebe, willst zwischen Riegel und Gitter die Männer entbehren? - O!
Du wirst gewis auf meine Gründe der Warnung denken! - Ich wette, was Du willst,
dein Bräutigam siegt in dieser Lage über deine Liebe. Du bist dann entfernt von
allen andern Männern; dein Herz muss Beschäftigung haben, und die Notwendigkeit
wird gewis das Loos auf deinen Freier lenken. - Wenn mir je eine Uebereilung im
Geiste vorgeht, so ist es gewis diese hier. - Und warum wähltest Du denn dieses
Leben, da dein Oheim es nicht geradezu foderte? - Nicht wahr aus Dankbarkeit, um
diesen lieben Mann auch nicht mit einem Winke zu widersprechen? - O! Ich kenne
deine Grossmut; Du bist aus Freundschaft und Dankbarkeit grosser Handlungen
fähig. - Was würdest Du erst aus Liebe tun, wenn Dich Einer recht zu bezaubern
wüsste. - Es ist ewig Schade, dass der braune Junge so schnell von Dir ablies. Ihr
zwei würdet euch fest aneinander gekettet haben. Harmonische Liebe wäre das
Losungswort gewesen, und eine glückliche Ehe die Belohnung für deine Drangsalen.
- Dass doch die bessten Menschen arm sein müssen! - Dass es dort liegen muss, das
elende Metall, auf einem Haufen an der Seite des fühllosen Dummkopfs. - Doch,
Freundin! - Hänge dem Verlust dieses Jünglings nicht zu sehr nach; er war Dir
nicht von der Vorsehung beschieden. Was nun deinen Freier betrifft, so hast Du
mich fast durch einige Anmerkungen über ihn erschrökt. - Wenn mich anders nicht
die Versicherung deiner Wohltäterin in Betreff seines Karakters beruhigt hätte,
so würde ich dieses zurückhaltende Wesen in ihm für verborgene Heuchelei halten.
Sei vorsichtig, die Frau von D*** kann mit dem bessten Herzen mit Dir betrogen
werden. - Du kannst leicht die Züge seines Karakters unrecht deuten, und das für
Ruhe nehmen, was oft böses Gewissen oder tükkisches Wesen ist. Ueberhaupt,
Menschen, die keinen offnen Karakter haben, sind gefährlich. Ich will lieber
Spuren der Leidenschaften in einem Mann erblicken, so kann man doch untersuchen,
wie weit diese Leidenschaften gehen. - Dasjenige, was verschlossen ist, wütet
beim Ausbruch desto heftiger. Ich zweifle gar nicht, dass Du seine Begierden
entflammt hast. - Ein so hübsches, schlankes, vollbusigtes, lebhaftes
Schweizermädchen, kann schon Zerrüttungen in den Sinnen eines Mannes stiften.
Doch wäre es mir weit lieber, wenn dein Anbeter minder heftig und mehr mit
Ueberlegung liebte. Treibt man die Leidenschaften zu hoch, dann spannen sie sich
um desto geschwinder ab. - Untersuche deine Wünsche wohl, prüfe Dich selbst, ob
Du ihn lieben könntest? - Denn die Ehe ist ein ewiges Band, und knüpft auch
ewiges Verderben, wenn nicht Liebe den Grund dazu legt. - Lebe wohl in deiner
Einsamkeit, wenn Du allenfalls schon darinnen sein solltest! - Deine treue
                                                                          Fanny.
 
                                   LV. Brief
                                    An Fanny
Dein lezter Brief, meine Liebe, wurde mir ins Kloster nach A*** nachgeschikt.
Mit allem Fleis hab ich ihn einen ganzen Monat bis zur Beantwortung liegen
lassen. - Um Dir jezt desto besser sagen zu können, wie mir meine Einsamkeit
behagt. - Du hast alles erraten, meine Freundin! - Die fürchterlich stillen
Mauern reizen mich zum tiefsten Nachdenken. Das von Menschen entfernte Leben
häuft Empfindungen in meinem Herzen, die in eine völlige Sehnsucht der
Mitteilung ausbrechen. Ich finde, dass die Natur durchaus keinen andern Zwang
leidet, als den, der von der gesunden Vernunft gebilligt wird. - Ein Herz, das
mit gesunden Gefühlen und mit einem heitern Kopfe geschaffen worden, muss etwas
haben, wo es sich anschmiegen kann. Liebe ist nun freilich das erste, nach
welchem ein solches Herz greift, und wenn es dann im Kerker des Vorurteils
eingesperrt nichts erhaschen kann, was zur Befriedigung seiner Leere beiträgt,
dann ist es lebendig todt, dieses Herz. - Unzufrieden, mit einer todkranken
Seele schleichen die armen Nonnen dem Grabe zu, das ihrer Jugend von
Naturfeinden, von Menschenhassern so frühzeitig ist gegraben worden. - Das ist
nun der erbärmliche Zustand so mancher gefühlvollen Nonne, die aus
Leichtgläubigkeit oder Uebereilung auf ewig der Liebe und ihren Seligkeiten
entsagte! - So manches gute Mädchen welkt da mit den tobenden Trieben der Natur
im Busen als eine Märtirin der Grausamkeit dahin! - Die ganze Natur erinnert sie
im düstern Klostergarten an Freiheit, an Liebe; mit Wehmut sieht sie die
kleinsten Insekten sich paaren, und schröklich schwer drükt dann der Gedanke der
Unmöglichkeit ihr unglückliches Herz. - Sie flucht im Stillen der Schöpfung, weil
sie ihr Triebe gab, die ihr zur lebenslänglichen Marter dienen. - Zwang reizt
ohnehin jede Schwachheit zum Laster, und eine gute Seele braucht keine
Schranken, weil sie sie selbst hinlänglich zu setzen weis. - Dummköpfe und von
der Natur Verwahrloste schleppen blind die Kette des Vorurteils, und kleiden
ihre Ausschweifungen in die Maske der Heimlichkeit ein. - - - - Es ist zum
Entsetzen, was man da leblose, gebeugte Mädchen an den hohen fürchterlichen
Klostermauern herumschleichen sieht. - Die Unglücklichen können sich der Natur
nicht freuen, weil sie ihnen eine fürchterliche Tirannin scheint, der sie mit
tausend Kämpfen, mit tausend Tränen entgegenstreiten müssen. - Natur und
Vernunft können recht gut miteinander bestehen, und die leztere gibt der
erstern mit gewisser Mässigung nach. Aber Dummheit, Vorurteil, Bigotterie und
Natur sind von jeher die schröklichsten Feinde gewesen. - Mich deucht, die
Einsamkeit des Klosters ist der Tugend eben so schädlich, als das grosse Getümmel
der Welt. Das leztere überstimmt die Tugend, und führt aus Taumel, aus
Zerstreuung, aus Beispiel zum Laster, und die erste aus Langerweile, aus Mangel
der nötigen Erholung, wozu die Natur uns schuf. - Aber im mittelmässigen
Bürgerleben, entfernt von den Torheiten, frei vom Zwang in den Armen eines
Gatten, (scheint mir) ist der Weg zur zeitlichen und ewigen Glükseligkeit. Der
Mensch braucht in diesem mühsamen Leben Aufmunterung, und wo findet er sie
besser, als in den Armen der tugendhaften Liebe? - Weich gestimmt ist dann seine
Seele, und selten wird man einen wahrhaft Liebenden lasterhaft sehen. Zufrieden
im Zirkel seiner Wünsche arbeitet er fleissig, flieht das Geräusch, und lebt ohne
übrige Leidenschaften, bloss für sich und seine Familie. - O meine Teuerste! -
Die Liebe hat für mich unendlich viele Reize. - Noch kenne ich zwar ihre
Schiksale nicht ganz, aber wenn sie sich meinem schönen Ideal nur halb nahen,
dann verlasse ich diese Mauern in aller Eilfertigkeit, so bald sich die Liebe
meldet. Zum Denken ist mir zwar dieser Ort reizend, aber das Denken macht
wollüstig, und eben dadurch fühlt ein junges Herz die traurige Leere desto
heftiger. Ich habe hier eine Freundin; sie ist schon seit einigen Jahren Nonne.
Jung, feurig und voll Schwärmerei musste sie aus tollem Eigensinn ihrer Eltern
den Schleier ergreifen. Sie kann weder dem Gefühle der Liebe, noch der
Frömmigkeit opfern; ihr Wille ist zwar der Sklave ihrer Handlungen, aber ihr
Herz, ihr Kopf murrt bis zum Grausen über die vorgesezten Regeln, womit man die
Natur tirannisirt. - Die Frömmigkeit, die man in Gesezze einkleidet, ist immer
das Werk der träumenden Bigotten, und nicht des freiwilligen Herzens. - Wenn das
arme menschliche Herz nicht von selbst aus Ueberzeugung nach Moral greift, so
ist das übrige ein erpresstes Opfer aus Gewohnheit, aus Menschenfurcht. - Andacht
und Laster haben ihre Extremen, beide werden zur kalten Gewohnheit, und manchmal
ist das leztere nicht weit vom erstern, wenigstens in Gedanken. Mich deucht, man
kann in der Welt eben so gut das Gute üben und das Böse lassen, wie in Klöstern,
und vielleicht besser, denn wer will in diesen Häusern des Haders dem Neid und
der Feindschaft entgehen? - Es gibt ja in Klöstern vollkommene
Sündenerfinderinnen, die in ihren phantastischen Köpfen an ihrem Nebenmenschen
Alles als strafbar verdammen. Kurz, unser Geschlecht ist zu seicht im Kopfe, um
die reine Moral nicht ins Abenteuerliche zu verwandeln. Ebendeswegen sollte man
durchaus keine solche Pflanzschulen des Aberglaubens dulden. Die Weiber, die
sich auf ein Häufchen sammeln, sind zu blödsichtig, um das Ehrwürdige der
Religion nicht auf lächerliche Abwege zu leiten. Ihre Absicht in den Mauern, der
Natur zum Troz, aus Selbstbezwingung zu vergrauen, mag für kurzsichtige
Weiberköpfe gut sein, aber für hellere taugt sie nicht. Die Tugend, die keinen
öffentlichen Streit auszuhalten vermag, hat keinen Wert. Die Gelegenheit zur
Sünde, die man in der Welt freiwillig meidet, verdient weit mehr Belohnung, als
die Aufopferung seiner Begierden in Klöstern, die nie anders als durch eigne
Gedanken gereizt werden. - Wenn ein Mädchen in der Welt frühe ans Denken gewöhnt
wird, wenn ihre Leidenschaften geordnet, ihr Herz gefühlvoll und gut ist, dann
wird sie triumphirend mit ihrem Ehrengefühl durch das Verderbnis der Welt
hinwandern, und wenn sie auch zuweilen strauchelt, so versöhnt ihre empfindsame
Reue den Schöpfer weit besser, als jene monotonen Bussgebeter der Nonnen, die nur
die Oberfläche von den bei ihnen im stillen wütenden Leidenschaften berühren. -
Du wirst über meine Anmerkung lachen, und beinahe glauben, dass ich diesen
Aufentalt bloss wählte, um die darin herrschenden Torheiten auszukundschaften.
- Ganz Unrecht hast Du darin wohl nicht. Lebe wohl! Deine
                                                                         Amalie.
 
                                   LVI. Brief
                                   An Amalie
Es freuet mich, meine Liebe, dass bei Dir meine Prophezeihung in Ansehung deines
Klosterlebens eingetroffen hat. Nun siehst Du doch, dass meine Ueberlegungen eben
nicht die unrichtigsten sind. - Das Einförmige, die wenige Beschäftigung in
Klöstern nährt überhaupt alle Leidenschaften. Die Wünsche haben da mehr Macht in
den Herzen der Menschen zu toben, weil keine Hoffnung, diese Wünsche jemals zu
erfüllen, diese Macht hindert. Unzufriedenheit, nagende Schwermut ist das
Erbteil dieser unglücklichen Schlachtopfer. - Melankolie, Hypochondrie, sezt
sich in ihrem Busen fest, und wählt zum Gegenstand ihrer Nahrung, diese oder
jene Leidenschaft. Doch ist Liebe die allgemein herrschende Qual für solche arme
Mädchen. Sie opfern der Liebe oft im Stillen ihre Ruhe, ihre Gesundheit, ihre
Seligkeit auf, denn Verzweiflung ist gewöhnlich die Nachbarin der Sklaverei. -
Selbst die reinste, unerfahrenste Unschuld fühlt nicht so leicht Hang zum
Laster, aber doch Hang zur Liebe, zur Begattung. - Die grösste Schwärmerei der
Religion ist nicht vermögend einen Trieb zu besänftigen, der so unwillkührlich
im menschlichen Körper wohnt. - Auch die grössten Bigotten halten im Stillen
Liebe nicht für sträflich, und wenn sie über diese grosse Menschenbezwingerin
siegen, so ist es tief eingewurzeltes Vorurteil, Heuchelei, oder glückliches
Temperament. - Der Mensch hat da keinen freien Willen, wo die Natur ihr Recht
fodert: aber diese Natur nicht durch gesezwidrige Ausschweifungen zum Gegenstand
der Zügellosigkeit zu machen, dazu hat der Mensch vom Schöpfer freien Willen
erhalten. Jedes Mädchen hat doch wenigstens bisweilen einige Spuren der
urteilenden Vernunft in sich. Eben diese Spuren werden ihr in den Stunden der
Langweile laut ins Ohr rufen: Törin! - Die Natur hat Dich frei geschaffen, und
Du wagst es zu deiner eigenen ewigen innerlichen Qual, Dich von Unwissenden in
das Joch einer gezwungenen Entaltsamkeit werfen zu lassen! Die Religion selbst
billigt Liebe, und zwischen Liebe und Laster ist ein grossmächtiger Unterschied.
- Die Klostermenschen versäumen immer die erstere, und haschen nach dem leztern.
Die Weltkinder hingegen vertauschen wahre Liebe mit Wollust, mit Sinnlichkeit.
Liebe hat ihre besondere Gesezze, und das ist eben nicht Liebe, was man ohne
Vereinigung der Moral, bloss zur Befriedigung der Begierden geniesst. Wenn die
Nonnen von ihren Eltern den wahren, würdigen Gebrauch der Liebe gelernt hätten,
wenn sie gelernt hätten diesen Alles belebenden Trieb mit Vernunft, mit
Ueberlegung, ohne Absichten, bloss zur Seelenentzükkung zu geniessen, welche Nonne
würde nicht über die Mauern hinaus ohne Sündenfurcht in die Arme der Liebe
springen? - Die Begriffe, die man diesen armen Kindern beibringt, gehen meistens
auf Unkosten der tugendhaften Liebe; man malt diesen unerfahrnen Mädchen
Ausschweifungen statt gemässigten Trieben vor, man zeigt ihnen Laster, statt
Tugend, in der wahren Liebe. - Man schreit über die böse Welt, und endlich
überrascht von solchen schwarzen Schilderungen, eilt das junge leichtgläubige
Mädchen hin zum Altar, und von diesem - in ewige Fesseln. - So verlieren aus
Gewohnheit, aus Uebermas der Andächtelei, die wenig zufriedenen Nonnen, die etwa
noch in Klöstern zu finden sind, ihr Gefühl für Gott und die Menschen. - Denn
wer für Wohlwollen, für die Natur, für das gesellige Leben kein Gefühl hat, der
hat auch keines für seinen Schöpfer. Unnüz fürs Gute, leben diese Geschöpfe bloss
der Nahrung, dem Schlaf, dem Neid, der Weiberei, und der mechanischen
Religionsübung, die sie eben so wenig verstehen, als die Erziehung der Kinder,
mit der sich einige Klöster zum Unheil der Menschheit beschäftigen. Du hast
Recht, meine Liebe, ein mittelmässiges Leben ist dem Kloster und dem Geräusch der
grossen Welt vorzuziehen. Beides ist überspannt, beides gefährlich. Indessen musst
Du Dir in den Armen eines Gatten nicht lauter Himmel versprechen; es kömmt erst
darauf an, in wie weit deine Wahl gut ausschlägt. - Nicht jeder Jüngling hat
gutes Herz genug, in der Ehe die beiderseitige Zufriedenheit zu befestigen. Du
weisst, was Du mir selbst leztin über jenes junge Weibchen schriebst. - Für dein
Herz, für deine Vernunft steh ich gut, wenn Du nur an Jemanden gerätst, der
dieses Herz mit Güte zu leiten weiss. - Nur, meine Freundin, sind die bessten
Herzen immer die schwächsten, und geraten sehr leicht auf Irrwege, wenn ihnen
Rohheit, oder brutales Betragen entgegengesezt wird. - Du bist lebhaft, meine
Teuerste! - Du hast einen hellen Geist und sehr wenig Vorurteil; zu welchen
Exzessen wärest Du nicht aufgelegt, wenn Dich ein Gatte übel behandeln sollte! -
Ueberlege deine Heirat wohl, und versage deiner Freundin das Zutrauen nicht.
                                                                          Fanny.
 
                                  LVII. Brief
                                    An Fanny
Teuerste, besste Fanny! - Ich muss mich heute schon wieder ans Klosterleben
halten, denn dieses liefert mir täglich mehr Stoff zum Lachen und zum Erbarmen.
Zwar sind diese Sammelpläzze der Dummheit in den kaiserlichen Ländern jezt sehr
vermindert; aber um desto schröklicher schmachten die armen Nonnen in andern
Gegenden ohne Rettung, umsonst nach Freiheit, und beneiden jene um das Glük
ihrer Sklaverei entledigt zu sein. Nun will ich Dir doch das Wichtigste vom
Klosterleben entwerfen. Gehorsam und unverlezte Keuschheit ist der Nonnen
Hauptregel. Die geringste Uebertretung des erstern wird unter ihnen frazmässig
gestraft. - Da kann man alle Tage Nonnen am Kazzentischchen, andere mit
hölzernen Kochlöffeln im Munde, wieder andere auf der Erden sizzend sehen,
u.s.w. Zwanzigjährige Mädchen müssen da wie Kinder vor der Rute ihrer Mutter
zittern; müssen der Vernunft widrige Strafen dulden, die ihnen durch
Weibergesezze aufgelegt werden. - Müssen einer kindischen Moral folgen, die ihren
Kopf zum Starrsinn, und ihr Herz zur Fühllosigkeit bringt. - Steif zusammen
gedrängt, trauen sich die armen Kinder kaum Gottes freie Luft zu geniessen. Denn
wohin reicht nicht das scharfe Auge einer stolzen, aufgeblasenen würdigen
Mutter? - Der Neid und die natürliche Schwazhaftigkeit der Weiber dringt in den
Klöstern bis zu den geringsten Fehlern des Nebenmenschen. Man besucht sich unter
einander, bloss um Anmerkungen unter sich zu machen; man plaudert zusammen, um
Neuigkeiten zu erfahren; kurz man macht willkührlich Jagd auf die Vergehungen
Anderer, um sie zu verachten und der Misgunst Nahrung zu geben. Was nun die
Keuschheit betrifft, diese wird in Heuchelei eingekleidet, so gut es einer Jeden
möglich ist. - Freilich sind ihre Gedanken dabei zollfrei. - Nun wollen wir ihre
Andachtsübungen untersuchen. - Die Nonnen beten viel, und doch nichts. Sie
beichten oft, aber immer, aus Gewohnheit, kalt. Der Schlaf wird bei ihnen um
Mitternacht gestört, aber desto träger, desto untüchtiger sind sie in ihren
Empfindungen zum Lobe des Schöpfers, weil es ihrem Körper an der nächtlichen
Ruhe mangelt. - Bei Tische geniessen sie die Früchten der gütigen Natur mit
milzsüchtiger Laune, denn ihre melankolischen Vorlesungen hemmen die Säfte der
Verdauung. Ein barbarisches Stillschweigen... man denke sich das Wort Weib
hinzu... martert ihre Seele, und macht sie jede Fröhlichkeit vermissen, die der
gute Gott bloss zur Erholung der Tugendhaften schuf. Speis und Trank muss ihnen
zur Last sein, weil sie es unter der Obsicht der Tirannei geniessen. Es ist zum
Entsetzen, wie erfinderisch der Unsinn da jede Freiheit vergiftet, die der liebe
Vater im Himmel, uns Allen zur Erholung, der leidenden Menschheit mitteilte.
Die Erholungsstunden der Nonnen bestehen aus Gaukeleien, aus Kinderspielen,
worüber die Vernunft weinen möchte. - Die jungen Nonnen unterhalten sich aus
Raserei, aus Langerweile, mit dergleichen läppischen Possen, weil ihnen jede
geschmakvollere Unterhaltung untersagt ist. Die alten Nonnen verkriechen sich
mürrisch in ihre Zellen, und freuen sich sehnsuchtsvoll auf ihren Tod. Bücher
sind durchaus bis auf ein Paar Kapuzinerautoren bei hoher Strafe verboten.
Schreiben darf keine Nonne ohne die Erlaubnis ihrer Oberin. Alle Briefe werden
von dieser versiegelt, und auch die Antworten wieder von ihr gelesen. - Das ist
doch eine unverzeihliche Nasenweisheit! - Das beweist doch recht, dass man den
Nonnen jeden Weg abschneidet, freiwillig im Kloster zu bleiben und freiwillig
sich der Entaltsamkeit zu opfern. So verleben diese Armseligen im ewigen Streit
ihrer Leidenschaften, mit dem herznagenden Hang zur Freiheit ihre Tage, entfernt
von allen Freuden des Lebens, entfernt von der gesunden Vernunft, entfernt von
den Rechten der Menschheit. Unwissenheit, Menschenhass, Vorurteil, Einfalt
begleitet die Vorsteherin solcher Häufchen überall. - Ja wohl, meine Freundin,
ist Klostererziehung die abgeschmakteste von der Welt. Wie können die
Frauenzimmer, denen es selbst an Welt-und Menschenkenntnis fehlt, junge Seelen
bilden? - Wie können sie in jungen Mädchen Leidenschaften erforschen, wenn sie
über ihre eigenen nicht nachdenken dürfen? - Wie können sie die rohe Natur in
Kindern zu verfeinern suchen, wenn sie die Stimme derselben in sich selbst
erstikken und mit übertriebener Selbstverläugnung brandmarken müssen? Wie können
sie das Temperament eines Kindes nach seiner gehörigen Art zur Tugend ordnen,
wenn in ihren eigenen Köpfen nichts als Rohheit, verwirrte Leidenschaften und
wütender Gähzorn herrscht? - Unzufriedene Menschen sind überhaupt mürrisch, und
unfähig das zarte Herz eines weichen Kindes zu bilden. Wie viele zufriedene
Nonnen haben wir denn, denen es nicht an Geduld zur Erziehung fehlte? - Diese
Eigenschaft, die, nebst eigener Erziehung, zu diesem Geschäfte höchst nötig
ist, mangelt den Nonnen vorzüglich. - Das wenige Menschengefühl, das sie ins
Kloster bringen, wird durch Vorurteil unterdrükt, verdorben, oder gar
ausgerottet; - und im Gefühl liegt doch der grösste Keim der Tugend. - Aber um zu
fühlen, muss man zuerst denken lernen, und um gut zu handeln, muss man fühlen
lernen. Es ist ein wahres Elend, wenn man die an Seel und Sitten schwachen
Klosterkostgängerinnen betrachtet. - Unerfahren, steif, blöde, ohne Herz, ohne
wahren Begriff von Gott, ohne Menschenverstand, schüchtern wie Hasen, trippeln
sie mit abgemessenen Schritten, in der Schule umher. Jeder Keim von aufsteigendem
Wiz wird in diesen Schülerinnen zurückgeschrekt. - Die Lebhaftigkeit der Kinder
wird in tükkisches Wesen verwandelt. - Sie lernen heucheln, lügen, sie lernen
sich aus sklavischer Furcht verstellen, sie lernen Falschheit und Bosheit. - Man
spricht den Kindern von Lastern, und öffnet ihnen dabei den Weg, darüber
nachzudenken. Man lehrt sie die Mannspersonen ohne Ausnahme verabscheuen; Liebe
zu ihnen schildert man den jungen Zöglingen als Verbrechen. Sie lernen dieses
Geschlecht nicht anders als mit Vorurteil kennen; bleiben von ihm entfernt so
lange die Natur schweigt, überlassen sich dann aber desto zügelloser den
Schmeicheleien der Stuzzer, wenn sie in die Welt tretten, und nehmen in ihrer
Leichtgläubigkeit das für baare Münze an, was ihnen jeder Gek vorlügt.
Unerfahrenheit, Neuheit, wachsende Leidenschaften, Eitelkeit, Liebe zum
Weihrauch, sind die baufälligen Säulen ihrer Klostertugend. Ihr Lärvchen blendet
den Wollüstling, und ihr Körper wird allen Denen zu Teil, die den Mut haben,
sie zu überraschen. - Ein dummes Mädchen ist tausendmal schwächer, als ein
vernünftiges. Wiz, Wohlstand und Beurteilungskraft sind für junge Mädchen
durchaus nötige Dinge, wenn sie nicht das Spiel eines jeden Angrifs werden
will. Und wie ist es denn möglich, meine Besste, dass ein Mädchen zwischen den
Mauern die Welt kennen lernen kann? - Wie ist es möglich, dass man
Nonnenerziehung nicht völlig abschaft? - Sie taugt zu nichts, kann zu nichts
taugen. Jezt nur noch etwas weniges von meinem Freier: Er schreibt mir so
schwärmerische Briefe, die gewis jedes andere Mädchen zur unheilbarsten
Leidenschaft hinreissen würden. So viel mich deucht, liebt mich der Mann mit
einiger Leidenschaft; nur tut es mir leid, dass diese Leidenschaft ihn so sehr
martert. - Denn man schreibt mir, dass er seit meiner Abwesenheit kränklich sei.
Was nun aus dieser Bekanntschaft noch werden wird, sollst Du bald hören von
deiner ewig treuen
                                                                         Amalie.
 
                                  LVIII. Brief
                                    An Fanny
Ich konnte unmöglich Deine Antwort abwarten, denn heute habe ich Dir viele und
wichtige Dinge zu sagen. Meine arme Schwester schreibt mir und ruft mich im Tone
des äussersten Jammers um Hülfe an! - Der Vormund ist im Begrif sie wider ihren
Willen zur Nonne zu machen. Die übrigen Nonnen, die um sie herum sind, wenden
alle Kunstgriffe an, dieses unschuldige Geschöpf zum Vorteil ihres Klosters zu
erobern. - Sie schreibt, sie vermute ganz sicher, der Vormund habe mit den
Nonnen einen gewissen Kontrakt geschlossen, kraft dessen der vierte Teil ihres
Vermögens dem Vormund in Händen bliebe, der Ueberrest aber dem Kloster bestimmt
wäre. Eigennuz muss doch dahinterstekken, sonst würde mein Vormund nicht so
gewaltig auf die Einkleidung meiner Schwester dringen. - Sie lebt wirklich aus
Zwang in den Tagen der Prüfung, und schaudert vor Furcht, wenn man sie zu einem
Schwur zwingen sollte, wovon ihr Herz durchaus nichts wissen will. - Ewiger
Gott! - Ich würde rasend, wenn ich sie müsste hinschleppen lassen, diese arme
Waise, zum Altar, und schwören lassen, die schwärzeste Lüge! - Stürmen wollte
ich den Altar, und laut ausrufen: Betrüger gebt mir sie zurück! Wie doch die
lasterhaften Kreaturen aus Eigennuz um das Unglück einer Seele buhlen! Wie sie da
stehen die Heuchlerinnen, mit Zukkerbrod, um das leichtgläubige Mädchen in das
grässliche Joch einer ewigen Gefangenschaft zu lokken! - Wie die
Frazzenpriesterinnen der Tugend dem Kinde mit täuschender Wahrscheinlichkeit
bloss das wenige Gute des Klosterlebens schildern, und dabei das Übermass der
Plagen verschweigen! - Wie sie die Laster der Welt herzählen, und dabei ihre
eigene verbergen! - Nein! - Beim Allmächtigen! ich kann meine Schwester nicht
einer so gränzenlosen Verzweiflung zueilen lassen! - Ich will, ich muss auf
Rettung denken, und wenn es auch auf Kosten meiner eigenen Ruhe wäre! - Der Kopf
möchte mir bersten, weil ich mir ihn durch unaufhörliches Projektiren beinahe
verrükte. - Seit dieser Nachricht ist der Schlaf aus meinen Augen entflohen; so
wie ich das Bett besteige, ist marterndes Nachsinnen meine unzertrennliche
Gesellschaft. - Den Anbruch jedes Tages erlebe ich mit offnen Augen. Matt von
den Anstrengungen einer schlaflosen Nacht, sind meistens bittere Tränen mein
erstes Frühstük. Fanny! - Fanny! - Was wird es noch werden mit deiner armen
Amalie? - Wie werde ich mich herausreissen aus diesem neuen Auftritt meines
unglückseligen Lebens? - Alles stürmt wieder mit neuen Kräften auf mich los! -
Mein Oheim in K*** ist mit seinem Fürsten auf sechs Monate in entfernte Länder
verreisst, und kömmt zu meiner Schwester Verderben zu spät zurück. - Er befahl mir
in meinem jezigen Aufentalt bis zu seiner Zurükkunft ruhig zu harren. Noch will
er nicht zu meiner Verheiratung seine Einwilligung geben, und mein Freier
dringt jezt mehr als jemals auf meine Entscheidung. Seine Klagen über
Ungewisheit zerreissen mein Herz! - Es ist mir unmöglich, jemanden um
meinetwillen leiden zu sehen! Er war vor einigen Tagen heimlich hier, und
jammerte so fürchterlich, dass mein banges Herz darüber laut pochte! - Ich bin
äusserst traurig über seinen Zustand; seine Leidenschaft erwekt in mir jene
taumelnde Unruhe, die so oft an Liebe gränzt. - Ich fühle, dass ich ihm mehr, als
bloss gut bin.... Die Entfernung von andern Männern, sein eifriges Bestreben,
sein weiches Herz, die Hoffnung, dass ich durch diese Verbindung meine unglückliche
Schwester retten könnte; o diese Hoffnung ist es, die einen Wunsch in mir nährt,
den ich mir kaum einzugestehen traue. - Ich will ihn zum Vertrauten meiner
Leiden machen, diesen rechtschaffenen Mann, ich will ihn bitten, sich meiner
Schwester anzunehmen, und er wird es tun. - Dann meine Liebe, dann gebe ich ihm
zum Lohne meine Hand. - Frau von D*** schreibt mir, dass ich die Hoffnung dieses
jungen Mannes nicht länger martern sollte. Sie schreibt, dass er seit unserer
lezten Zusammenkunft weit unglücklicher herum irre als vorher. Dass er zum Spotte
der Menschen, wie ein bleicher Schatten herumschleiche, und dass sie es mir auf
mein Gewissen gäbe, wenn ich die Verbindung nur noch um einen Monat verzögerte.
- Aber um Gotteswillen, die Frau muss nicht wissen, dass mein Oheim abwesend ist,
und dass mir seine Befehle heilig sind! - Sie muss nicht wissen, dass ich keinen
Schritt aus dem Kloster wagen darf, der meine Ehre, meinen guten Namen, und das
Zutrauen meines Oheims enteiligen würde! - Warum will mich denn die Frau zu
einem Verbrechen zwingen, um die schmachtende Leidenschaft eines Mannes zu
befriedigen, der mein Mitleid, meine Liebe ohnehin schon hat? - Die Frau hat für
diesen Mann viel gutes Herz; sie hat alles angewandt, meine Eitelkeit für ihn in
Gährung zu bringen. Sie schilderte mir ihn so reizend, als es ihr nur möglich
war. Sie schreibt, dass er wirklich wieder in Kriegsdienste getretten wäre, und
dass er mir in der niedlichen Uniform gewis mehr als vorher gefallen würde. Das
ist wohl eine böse Frau von D***! Nicht wahr, Fanny? -
                                                                         Amalie.
 
                                   LIX. Brief
                                   An Amalie
Liebstes, besstes Malchen! - Ich bin Dir zwo Antworten schuldig. Aber Du sollst
sie heute reichlich ersezt bekommen. Also zum Voraus zu deinem erstern Briefe,
in welchem Du mir so treffende Klosterschilderungen lieferst: Du bist glücklich,
dass Du nicht unter die Klasse von armen Nonnen gehörst. Menschen, die sich mit
gesundem Körper begraben! - Menschen, die es wagen, aus Eigendünkel der
Schöpfung zu widersprechen! - Menschen, die aus Fantasterei ihren Leib kasteien,
und dabei ihre Seele zu Grunde richten! - Menschen, die dem Ewigen freventlich
ins Richteramt greifen! - Kurz, arme, bedaurungswürdige Menschen, die blind nach
Fesseln, nach ewiger Unzufriedenheit haschen! Möchte es doch jedem Monarchen
einfallen, Bande zu lösen, die unmöglich zur Seligkeit dienen können. Möchten
die Grossen der Erde mit forschendem Blik hineinschleichen in die von Tränen der
Unzufriedenen feuchten Mauern des Klosterkerkers! - Möchten sie fühlen, möchten
sie hören, wie der wütende Gram so vieler Nonnen laut wimmert! - O dass eine
milde Hand diese nach Freiheit seufzenden Mädchen trösten und retten möchte! -
O, dass diese Hand rächen möchte die misbrauchten Rechte der Natur! - Dies, meine
Teuerste, sind gewis die wärmsten Wünsche meines Innern! - Was nun die
Erziehung anbelangt, die in Klöstern gegeben wird, so ist es leicht zu
begreifen, dass sie die Kinder mehr verderbt, als bessert, Weiber, die aus
Vorurteil sich untereinander selbst martern, können unmöglich gute Menschen
bilden. Das leidige Vorurteil ist das Grab der Vernunft, der Tod der Tugend und
des guten Herzens. Man muss hell sehen, selbst empfinden und viel denken, wenn
man Kinder erziehen will. - Es erfodert den schärfsten Blik, die reifste
Ueberlegung und die richtigsten Kenntnisse der menschlichen Leidenschaften, die
in jedem Kinde verschieden wirken. Besonders sollten die Nonnen einen
mitleidigen, nachsichtsvollen Blik mehr auf mannbare Mädchen werfen, bei denen
sich der erste und heftigste Trieb der Liebe zu melden pflegt. Sie sollten sich
dieser jungen Mädchen Zutrauen zu erwerben suchen; dies wäre der einzige Weg,
sie durch eben diesen Trieb der Liebe sanft zu ihrer Pflicht zu führen. Aber wie
roh, wie unmenschlich, wie strenge werden von den Nonnen eben diese armen
Mädchen behandelt. Man bewacht ihre Handlungen, aber nicht ihre Begierden, man
droht ihren Leidenschaften, und macht die Liebe zum Eigensinn ausarten, man
kerkert sie ein, und zeigt ihnen dadurch den Weg zu heimlichen, frechen
Zusammenkünften. Die Nacht muss alsdann die Stelle des Tages vertretten, und
tollkühn besteigt das feurig verliebte Mädchen die hohen, festen Mauern der
Unempfindlichkeit, schwelgt, von dem Verbote gereizt, in den Armen ihres
Lieblings. Liebe kann auch die bessten Herzen zu Grunde richten, wenn ihr
Züchtigung oder hässlicher Kontrast entgegengesezt wird. Das unverdorbene Mädchen
kämpft willig mit ihrer Leidenschaft, aber eine teilnehmende, vernünftige
Vertraute muss ihr Aufmunterung und Hülfe darbieten. - Heftig brennt das Feuer
der ersten Liebe, und gewaltsame Mittel fachen es nur noch mehr an. Vernunft! -
möchte ich laut diesen Schulvorsteherinnen zurufen! - - Nun zu deinem zweiten
Briefe: - Das Schiksal deiner Schwester liegt auf einer gefährlichen Wagschale;
sie steht am Scheideweg, die Arme, ihres ewigen Unglücks! - Man will ihr
barbarisch eine Freiheit rauben, deren Wert in dem Buche des gerechten Richters
musste verrechnet werden! Der Vormund und die Nonnen sind leichtfertige Menschen,
dass sie sich an den Willen eines Mädchens wagen, dem selbst der Schöpfer
Freiheit gab. - Es ist unverantwortlich, den freigebornen Menschen auf Zeit
Lebens mit Leib und Seele dem Eigennuz zu verhandeln! Die Nonnen geben zwar
diesem Freiheitstausche einen ganz andern Namen, sie nennen es Beruf, wenn ein
junges unwissendes Mädchen aus Furcht, aus Mangel an Selbstkenntniss, gereizt von
falschen Lokspeisen ein zaghaftes Ja daherstottert. Der freie Willen eines
Mädchen wird vom öftern Zureden übertäubt; ihre Vernunft ist noch zu schwach, um
den Folgen nachzudenken; sie sieht nur das Gegenwärtige, und will Denen, die
über ihr sind, nicht gerne widersprechen; sie kann aus Mangel an Erfahrung nicht
urteilen, und hält das selbst für Beruf, was ihr Leben vergiften wird! - Das
was die Nonnen Noviziat nennen, ist keine wahre Prüfung, sondern eine blosse
Spiegelfechterei ihrer eigennüzzigen Absichten. Das schüchterne, an tausend
Bussen gewöhnte Mädchen kann ihre Geduld in diesen Prüfungstagen nicht viel mehr
auf die Probe setzen, als in der Kostgängerschule, wo sie eben so oft beten,
fasten und auf dem Boden sizzen musste. Blos zu Rettung ihres guten Namens
brauchen die Nonnen bei der Aufnahme einer Schwester diese Zeremonie, damit die
Welt glauben solle, dass jedes Mädchen seinen eignen Willen dazu gäbe. Nun kann
doch ein Mädchen vor fünf und zwanzig Jahren zu einem solchen Schwure keinen
freien Willen haben, besonders, wenn sie die Welt gar nicht kennt, und mehr
Böses als Gutes von ihr weis. - Ich bleibe bei meinem Saz. Jede Einkleidung
eines jungen unerfahrnen Mädchens ist ein mörderischer Raub an dem
Menschengeschlecht. - Raffe Dich auf, Freundin! und schleppe sie weg vom Altar,
deine arme Schwester, wenn es je so weit mit ihr kommen sollte! - Dein Oheim ist
abwesend, Du bist diesem Kinde Elternpflicht schuldig. Doch beschwöre ich Dich,
handle mit Vorsicht, und begehe keine Uebereilung. - Ich kenne deinen hizzigen
Kopf, und zittere für Dich! - Schreibe Dir diese Worte tief ins Herz, meine
teure, unglückliche Amalie! - Jezt auch noch ein Wörtchen von deinen
Herzensangelegenheiten: Du liebst also deinen bestimmten Bräutigam? - Doch nicht
mit der lebhaften Leidenschaft glaub ich, wie er Dich liebt. - Eben dieser
Unterschied, meine Liebe, verspricht mir von deiner Seite mehr Standhaftigkeit,
als von der seinigen. - Man will behaupten, was in der Liebe zu überspannt sei,
müsse brechen. - Doch in der Liebe ist nicht leicht zu raten, ich muss Dich für
diesmal schon deiner eigenen Führung überlassen, weil ich den Mann nicht kenne,
der sich mit Dir verbinden will. Nur scheint er mir - vergieb mir meine
Aufrichtigkeit - durch seinen zügellosen Wunsch, Dich so bald zu besizzen, etwas
verdächtig. Ist es Furcht Dich zu verlieren? - Du bist ja im Kloster gut
verwahrt! - Ist es reine gränzenlose Liebe! - Nun, sie wird ihm ja erwiedert! -
Aber, meine Liebe, wenn es bloss Begierde nach Genuss wäre? - Wenn es ein
stürmisches Sehnen nach Sättigung seiner Wollust wäre? - Ich würde unsinnig,
wenn Du Dich täuschtest! - Sei vorsichtig! - Das ruft Dir zu deine liebe
                                                                          Fanny.
 
                                   LX. Brief
                                    An Fanny
Meine Besste! Es sei nun in der Welt wie es wolle, wir Menschen hängen
unstreitig von gewissen Augenblikken ab: Gestern trat er zu mir ins Zimmer, der
liebe Junge! - Du musst aber auch wissen, dass ich ausser der Klausur wohne, und
folglich unter der Aufsicht meiner Aufseherin den Besuch meines Bräutigams
annehmen darf. Also gestern sah ich ihn in seinem völligen Glanze. Er war gepuzt
wie ein Engel, und die Uniform steht ihm göttlich! - Wie sie da stund vor mir
die symmetrisch gepuzte Puppe, meinem Auge so reizend, und meiner Eitelkeit so
lokkend. Der stille Gram der Liebe hat sein Gesicht gebleicht: und dieses
schmachtende Aussehen stimmt ganz mit seinen langen blonden Haaren überein. -
Meine Sinnen hiengen heute zum erstenmal an der äussern Seite eines Jünglings,
und irrten verschwiegen und wollüstig auf seinen Reizen umher. Man mag mir sagen
was man will, ein artiger Junge in der Uniform ist für das Auge eines Mädchens
gefährlich, besonders wenn kein zügelloser Wildfang darinnen stekt, der zu wenig
der Delikatesse der Mädchen schont. - Es ist nichts reizender, als ein milder,
denkender, empfindsamer, gutgezogener, bescheidener junger Offizier. -
Ueberrascht von einem so seltenen Funde, muss jedes freie Mädchenherz schmelzen,
wenn es anders die rohe Wildheit, die ungezogene Brutalität, die
Verläumdungssucht der meisten übrigen Offiziers kennt. - Ich fodere nicht, dass
ein Krieger Weib sein soll. - Aber an der Seite seines Mädchens, in den Armen
der Liebe gewinnt seine Lebhaftigkeit unendlich, wenn weiches Gefühl der
Dankbarkeit, wenn sanfter Affekt seine fühlende Seele adelt! - Stürmerei im
Umgang, Unverschämteit der Sitten, ist doch immer die Sache des gemeinen
Mannes, und lässt in der Uniform gar nicht. - Ich habe schon mehrere Offiziere
von diesem Schlag in Gesellschaft gefunden, und es schien, als ob ihnen die
Uniform ein Recht zur Ausgelassenheit gäbe. Sie erhoben öfters ihren gebietenden
Hochmut über die Tugend eines armen Mädchens, gerade als stünde diese Tugend
unter der Subordinazion ihrer Begierden. Doch mein zukünftiges Männchen ist
artiger, wenigstens hat er sich bis daher sehr liebevoll betragen. Du sprichst
mir zwar in deinem Brief von Begierde nach Genuss. O du lieber Gott! - Wer kann
die Absichten eines Liebhabers so genau bestimmen? - Er zeigt sich immer auf der
bessten Seite, und weis unsere Leichtgläubigkeit so täuschend zu beruhigen. Ich
versichere Dich, meine Besste, je mehr man den Liebhaber studirt, je weniger
kennt man ihn. Ich schmeichle mir doch auch ein Bischen Gehirne zu haben, und
doch bin ich mit meiner unendlichen Bemühung ihn zu untersuchen nicht weiter
gekommen, als bis dahin, wo er mich vielleicht mit voller Ueberlegung wollte
kommen lassen. - Denn der Mann hat Kopf. - Was ist nun zu tun? - Wie übel ist
derjenige daran, der zwischen Liebe und Furcht zu wählen hat.? - Die erstere ist
bisweilen so übereilt, so geschwind entschlossen, dass keine späte Reue den
Schritt mehr zurück tun kann, den sie vielleicht unbesonnen, bloss aus Uereilung
wagte. - Mit banger Aengstlichkeit werde ich mich vielleicht einer Verbindung
nahen, die mich zum glücklichen Weibe, oder zum elendesten Wurm machen kann. - So
eben erhalte ich durch einen expressen Boten einen Brief von meiner Schwester.
Ich will ihn lesen, und wenn er Wichtigkeiten entält, so werde ich ihn Wort für
Wort hier einrükken. - - - -
    Ja wohl entält er Wichtigkeiten dieser Brief! - Die schröklichsten, die wir
Beide uns je denken könnten! - Lies - und schenke ihr eine Träne, der
Verfolgten! .....
    »Liebe, gute Schwester! - - Schreibe mein langes Stillschweigen auf die
Rechnung meiner Gefangenschaft, in der ich seit deinem leztern Briefe halb
verzweifelt schmachte! - Du hieltst diese Pause meines Schiksals vermutlich für
eine gute Wendung; aber Du irrst Dich, denn mein Elend ist aufs Höchste
gestiegen! - Meine Prüfungszeit geht in wenig Tagen zu Ende, und dann will man
mich hinschleppen zu jenen fürchterlichen Gebräuchen der Einkleidung! - Sie
haben mir meine Einwilligung abgezwungen, die grausamen Mörder meines
Seelenheils! - Ich werde mich in die finstere Todtengruft unter die rasselnden
Knochen, meiner verweseten Vorfahrerinnen verbergen, wenn Du, einzig geliebte
Schwester, mich nicht rettest! - Meine Gesundheit ist ohnehin angegriffen; aber
doch möchte ich die wenigen Tage meines Lebens nicht unter dem Drukke einer
schändlichen Lüge verseufzen! - O meine verstorbene Eltern! - Hört, hört eure
nach Hülfe schreiende Tochter! - Steigt hervor aus dem Grabe ihr schleichenden
Schatten meiner Erlösung! - Reisst es weg, das Leichentuch, wenn man es mir nahe
am Altar der milden Gotteit über meinen Kopf wirft! - Ich will den Kranz meiner
Unschuld, den Brautschmuk meines Hochzeittages in Stükken zerfezzen, denn mein
Schwur ist gezwungen, und folglich ungültig! - Ich bin eine Waise; Alles ist
taub für mein Geschrei! - Man wusste meine Zunge durch Furcht und Zagheit zu
binden. Die Guterzigkeit einer verliebten Nonne half mir zu dieser Gelegenheit
an Dich zu schreiben. Zögerst Du nur noch auf wenige Tage, so ist auf ewig für
Dich verloren deine jammernde Schwester Louise von B***.«
    Verloren auf ewig für mich! - Fühle diesen Schlag, der mein Herz zerreisst,
wenn Du kannst, und lass mich!!! - -
 
                                   LXI. Brief
                                    An Fanny
Es ist geschehen, meine Freundin! - Zittere nicht; deine Amalie ist vermählt! -
Und nun ist sie aus dem Kloster entflohen. - Die harten Nonnen haben mir meine
Bitte abgeschlagen, zu meiner Schwester zu reisen, und was war mir in einer so
dringenden Lage anders übrig? - Ich bin undankbar an meinem Oheim geworden, ich
habe pflichtlos an ihm gehandelt, und den Nonnen einen Streich gespielt, an
[den] sie denken werden! - Ich habe einem Mann mit Zittern die Hand gegeben,
dessen dürstende Leidenschaft den entscheidenden Zeitpunkt zu benüzzen wusste! -
Ich habe vielleicht unsinnig, rasend gehandelt, und das alles aus Liebe zu
meiner Schwester! - Aber eigennüzzig hätte mein Gatte meine Hand nicht
erschleichen sollen; es verrät zu viel Liebe zur Befriedigung. Doch, was konnte
ich da in so verwirrten Augenblikken viel untersuchen? - Ich sah meine Schwester
im Todtengewande vor meinem Bette knieen, ich sah sie im Sarg liegen, sprang
hastig aus meinem Schlafzimmer, und kroch im Dunkeln über Stiegen und Brükken,
öffnete mit Kühnheit Schlösser und Türen, achtete nicht des nächtlichen
Grausens, das mir durch die Glieder schauerte; und so kam ich eine Stunde vor
unserer Abrede in den Klostergarten. Schweiss und Kälte lag auf meiner Stirne,
das Rauschen eines jeden Blattes folterte mein Gewissen bis zur Todesangst! - Ich
fluchte der Erde, ihren Bewohnern und dem Schiksal! - Ich fühlte Rache gegen die
Nonnen im Herzen, weil sie mir meine Bitte abschlugen; und doch zitterte ich vor
dem Anblik dieser Schwestern der Fühllosigkeit. - Bang, wie ein entspringendes
Reh, irrte ich im finstern Garten herum. Mein Freund Mond hatte sich verhüllt,
um meinen Frevel zu bedekken, den ich aus Schwesterliebe begieng. Bald sah ich
vor meinen Augen den durch mich gekränkten Oheim, bald den funkelnden Zorn der
beleidigten Nonnen, die mir mit Bigottengrausamkeit nachfluchten, sobald sie
meine Flucht entdekten. - Mit Seelenangst erwartete ich jede Minute meinen
Liebhaber! - Fürchterlich, bis zum Entsetzen tobte der Gedanke der Ungewisheit
in meinem Busen. - Wenn er dich nicht heiratet! - Wenn er dich bloss entführt
und entehrt! - fuhr mir dann bei seinem langen Ausbleiben donnernd durch den
Kopf! - Schon hob ich den Fuss um ins Zimmer zurückzukehren, wo das Andenken
meines Vergehens unauslöschlich eingeprägt bleiben wird. - Aber eine heilige
sympatetische Macht hielt mich zurück. Ich sah meine Schwester mir wieder
leibhaft nachschleichen; ich fühlte gleichsam wie sie mich am Rokke festielt;
ich sah sie ihre Hände ringen; ich hörte ihr dumpfes Aechzen; sie bat mich um
die lezte schwesterliche Umarmung; ich haschte nach ihr mit leidenschaftlicher
Phantasie, als auf einmal der Wurf eines Steines meinen Sinnen wieder Richtung
gab! - Ich eilte schnell dem Orte zu, da dieses Zeichen gegeben worden - sank
ohnmächtig.... wohin? - in die Arme meines Geliebten! - Mein Herz schlug heftig
an seinem Busen; ich bat ihn um Schonung und um Rettung meiner Schwester! -
Kampf, Furcht, weniges Zutrauen durchkreuzten meine Seele. - Ich hatte leichte
Kleider an, war ohne Schuhe, und der Morgentau überfiel mich mit einer
fieberhaften Kälte. - Meinem Liebhaber war für meine Gesundheit bange; er schwur
mir vor Gott, noch eh der Tag anbräche mein Gatte zu werden! - So liess ich mich
fortschleppen, um das unauflösliche Band des Ehestandes zu knüpfen. Er hielt
auch Wort; denn ehe zwo Stunden vergiengen, waren wir vermählt. - Berauscht von
Liebe und Wollust, taumelten wir einige Stunden fort! - Doch gränzte mein
Entzükken mehr an Wehmut, als an das gewöhnliche Entzükken junger Eheleute! -
Mein Gatte machte sich Tages darauf fertig zur Reise nach dem Kloster, wo meine
Schwester mit Angst seiner wartete. Er hatte den Entschluss gefasst, sie gutwillig
oder mit Gewalt den Händen der Grausamkeit zu entreissen. - Jede Stunde erwarte
ich Briefe von ihm, und schröklich ängstlich sehne ich nach der Entwiklung
dieses traurigen Romans! - Teure! - Bleib doch meine Freundin, meine Vertraute
im Kummer! Solltest Du in meiner Handlung Schwachheit entdekken, so ahnde sie
mit Nachsicht; denn sie kömmt gewiss aus dem bessten Herzen
                                                                  Deiner Amalie.
 
                                  LXII. Brief
                                   An Amalie
Mädchen, Du lässt mich Dinge erleben, die mein Herz angreifen! - So wirst du denn
immer und ewig fortbrausen im Wirbel deiner hizzigen Leidenschaften? - Ich
möchte die Klosterweiber bei den Köpfen kriegen, dass sie Dir die Ausführung
einer Handlung versagten, die deinem guten Herzen Pflicht war! - Warum hast Du
ihn aber auch gewählt, diesen Aufentalt der eigensinnigen Bosheit? - Ich wusste
es schon vorher recht gut, dass dein Temperament durchaus keinen Widerspruch
dulden würde - und besonders da nicht, wo Natur, Teilnahme und
Rechtschaffenheit Dich zur Rettung auffoderten. Ewiges Weh über die
Nichtswürdigen, wenn dein übereilter Schritt übel ausschlägt! - Gutes
unbegreifliches Geschöpf! - Aus Guterzigkeit opferst Du Dich selber auf, um
deine Schwester zu retten. Aus Guterzigkeit wagst Du Ehre, guten Namen und
vielleicht die ganze Ruhe deines Lebens! - Wer kann so ein Herz begreifen? - Wer
kann es bezahlen? - Wer kann ihm an Güte gleichkommen? - Es ist wahr, der Brief
deiner Schwester dringt bis ins Innerste! - Aber Freundin! - Freundin! - Wie
kühn und männlich wagtest Du es, aus einem Kloster zu entspringen, da
unbeschreibliche Schande dein Loos gewesen wäre, wenn man Dich eingeholt hätte!
- Du bist rasch in deinen Unternehmungen, Du bist standhaft in deinen
Entschlüssen, Du bist fürchterlich in deinem Zorne, wenn man ihn reizt! - Darf
ich es sagen, ohne Dich zu beleidigen? Du besizzest grosse Tugenden, hast aber
auch zugleich Anlage zu grossen Ausschweifungen. Blos dein Herz bürgt mir dafür,
dass die lezteren nie zum Ausbruch kommen werden, wenn es so geführt wird, wie
ich es wünsche. Also jezt, liebes Malchen, bist Du in den Armen deines Gatten,
ruhst unter dem Schuzze Dessen, der dir Alles sein muss? - Amalie! - Darf ich
Dich wohl mit wenigen Worten um Nachsicht, um Sanftmut, um die strengste
Erfüllung deiner Pflichten gegen ihn bitten? - Erwarte in deinem Mann bloss den
Menschen mit allen seinen anklebenden Gebrechen, und Du wirst Dich dadurch
weniger selbst täuschen, Du wirst Geduld mit seinen Fehlern haben. Die Männer
sind oft launigt, mürrisch und roh. Fasse Dich auf alles, liebes Kind, dann
wirst Du jeder seiner Leidenschaften mit Vernunft begegnen. - Wenn dein Mann
seine Pflichten erfüllt, so bist Du ihm die der deinigen doppelt schuldig - als
Gattin und als dankbare Freundin. - Und wirst Du endlich einst Mutter, o dann
teile mir deine Freude mit, lass mich sie mitempfinden diese reizende Hoffnung
deines verjüngten Ebenbildes. - Gerne würde ich mich heute länger mit Dir
unterhalten, aber die Krankheit meiner Mutter hält mich davon ab. - Lebe ruhig -
glücklich - und mir hold. - Das wünscht deine ewig zärtliche Freundin
                                                                          Fanny.
 
                                  LXIII. Brief
                                    An Fanny
Von tiefem Schmerz angeschwollen ist mein Herz über die Streiche meines
grausamen Schiksals! - Sie ist hin, meine innig geliebte Schwester, sie ist
todt! - Der Gram hat sie geopfert! - Sie haben ihren Zwek erreicht, die Mörder
ihres Lebens! - Sie haben sie so lange gequält, gemartert, gepeinigt, bis der
schwache Körper mürbe war zum Grabe, das man ihr vorsezlich grub! - -
Menschen-Grausamkeit geht über allen Ausdruk, denn sie ist so manchfaltig, und
hat so viele heimliche Triebfedern zu ihrer Ausübung. - Ich glaube, dass der
Richter einst nichts so unbarmherzig strafen wird, als die Tränen, die man
seinem Nebenmenschen abpresst. - Wenigstens scheint in der Natur nichts
sträflicheres, als dieses! - Und doch richten sich die Menschen untereinander
lachend zu Grunde! - Also habe ich denn jezt Alles mit dieser einzigen Schwester
verloren, was meinem Herzen teuer war? - Nun so bin ich denn hingeworfen, in
die weite, für mich trostlose Schöpfung! - Vater, Mutter, Schwester, alles ruht
in der unendlichen Ewigkeit! - Sie haben mich zurückgelassen, die Grausamen, in
einer Welt, wo vielleicht keine Seele mehr mein Herz zu schäzzen weis. In einer
Welt, wo ich, ohne von den Banden des Bluts gefesselt zu sein, verlassen
herumirre. - Nichts werde ich diesen Teuren mehr mitteilen können, jede Last
muss ich jezt allein tragen! - Zutrauen, Mitteilung, Linderung im Kummer, in
welchem Menschenherz werde ich euch wieder finden? - Wenn mein Gatte mein
unendlich fühlbares Herz verkennte, wenn er mit Leichtsinn darüber hinweghüpfte?
- Wenn ihm die Feinheit meiner Empfindungen unbegreiflich wäre? - Wenn ich mich
irren sollte in seinem Karakter? - O Tod! - Tod! - wie willkommen wärst du mir
dann! - Noch ist er nicht zurück, dieser einzige Mann in der Natur, auf dem mein
Wohl oder mein Elend beruht. - Er schrieb mir, dass er meine Schwester mitten im
hizzigen Fieber angetroffen hätte, dass ihr erster und lezter Laut mein Namen
gewesen wäre, dass es ihn fast vor Wehmut erstikt hätte, diese Unschuld, diese
Jugend am Rande des Grabes zu finden! - Dass die Nonnen die Ursache ihrer
Krankheit läugneten, und dass der Vormund mehr als jemals den Heuchler spielte.
Mit Engelssanftmut starb diese Dulderin der Menschenbosheit! - Mit inniger
Seelengüte drükte sie meinen Mann, statt meiner, an ihre sterbenden Lippen. -
Mit der heiligsten Wahrheit einer Sterbenden beschwor sie ihn, mir Alles zu
werden, was zu meinem Trost gereichen könnte! - Und so, meine Fanny, flog ihr
Geist in die Arme ihres Erlösers. Ewig wird mir diese einzige geliebte Schwester
unvergesslich bleiben! - Ich liebte sie eben so leidenschaftlich, wie ich
überhaupt ohne Unterschied des Geschlechts zu lieben pflege. Denn meine Liebe
ruht in der Güte des Herzens und nicht in der Wollust. Mit brennender Sehnsucht,
mit marternder Ungeduld, kann ich den Tag kaum erwarten, wo mein Gatte
zurückkehren wird. - Er wird mein Vermögen mitbringen, und wie glücklich bin ich,
dass ich dadurch das seinige vergrössern kann! - Bis jezt hab ich aus Verwirrung
der Umstände nicht im geringsten Einsicht in seine ökonomische Lage bekommen.
Wenn er ein Betrüger sein wollte, er könnte sein Vermögen ganz verschwenden,
ohne dass ich den geringsten Anspruch darauf machen könnte, denn ich habe mich in
der rasenden Angst bloss an seine Ehrlichkeit verheiratet. - Glaube mir, Fanny,
der Mensch gehört in gewissen entscheidenden Augenblikken nicht sich selbst zu.
Ist meine Heirat nicht ein Beweis davon? - Die Leidenschaft des Mitleidens
bemächtigte sich meiner, und die kalte Ueberlegung bei einem so gewagten Schritt
kam da zu spät, wo die Schwesterliebe so mächtig sprach! - Ich habe gelernt das
Elend Anderer tiefer zu fühlen als das meinige. Ich habe ein Herz, das nur dann
zufrieden ist, wenn Andere es auch sind, Nächstenliebe war mir von Jugend an
heilig und feurig ins Herz geschrieben, und wenn es etwa eine Strohseele
gelüsten sollte, meine Handlung für übertrieben anzusehen, die will ich auf das
Gesez Gottes zurückweisen, das uns laut zuruft; Liebe deinen Nächsten wie dich
selbst! - Und wer war mir näher als meine Schwester? - Wen liebte ich dazumal
feuriger als meine teure Louise? - O du holder verklärter Schatten blikke
zuweilen herab mit Mitleiden auf deine hinterlassene Amalie! - Sei mein
Schuzgeist im Leiden, meine Führerin auf den felsigten Wegen der gefährlichen
Welt! - Deine Unschuld sei meine Fürsprecherin vor dem Trone des Allmächtigen!
- Deine Tugend meine Begleiterin, und dein Andenken halte mein Herz der
Rechtschaffenheit offen. Traurig ohne Dich werden meine Tage dahinschleichen;
aber die Hoffnung, Dich einstens dort wieder zu sehen, wird mir Stärke und Mut
verleihen. Die Tränen, die ich jezt während dieses Briefs weine, seien deiner
Liebe geweiht, die Du mir in deinem lezten Atemzug noch zuhauchtest. - Liebste,
besste Fanny! - Schreibe es meiner Lage zu, wenn ich deine Seele mit Bildern der
finstern Schwertnut anfülle. Wer sollte nicht darüber nachdenken and empfinden?
- wenn eben diese Lage mein Herz von allen Seiten angreift! - Hab Geduld, habe
Nachsicht mit deiner unendlich leidenden
                                                                         Amalie.
 
                                  LXIV. Brief
                                   An Amalie
Liebe, gute Amalie! - Die neue Wunde, die Dir wieder dein Schiksal schlug, muss
tief in dein Herz gedrungen sein! - Aber ist es nicht der Vorsehung Werk? -
Beruhige Dich um Gotteswillen, du bist es Dir, Du bist es deinem Gatten, Du bist
es deiner Fanny schuldig! - Ich will Dir ja mit einem fühlenden Herzen Alles
sein, Schwester, Mutter und Freundin! - Kannst Du in einer an guten Menschen
darbenden Welt mehr fodern? - Mein Geschik ist zwar neidisch genug, mich nicht
an deiner Seite zu lassen. - Aber Trost, Freundschaft, Rat, Tränen, Mitleid,
das alles, mit Dir, auch in der Entfernung zu teilen, ist für mich
Götterwollust! Lass es austoben dein hartes Schiksal, es kann nicht immerfort so
rasen, es muss brechen, wenn seine Wut auf den höchsten Gipfel gestiegen ist.
Tröste Dich mit dem Leiden Anderer, es gibt noch weit Unglücklichere. Es gibt
Menschen in der Welt, die im Stillen am tiefsten Gram dahinzehren. Die sich
nicht einmal können, nicht einmal dürfen mitteilen, die finster, in sich
geschlossen zurückgeschrökt von der Menschheit, durch die Folter ihrer Ruhe bis
zum Grabe hingeschleppt werden! Verlust der Ehre, des guten Namens,
Gefangenschaften, verfolgte oder betrogne Armut, Falschheit der Freunde,
Todesfälle, unglückliche Ehen, böses Gewissen, sind so ungefähr die herrschenden
Plagen dieser Welt, auf die wir uns gefasst halten müssen. Schon hast Du mehrere
dieser Klassen durchwandert, und Dir dadurch einige Stufen zum ungestörten Leben
jenseits gebaut. - Ist diese Hoffnung nicht reizend? - Ist sie nicht ein starker
Schuz gegen die Kleinmut? - Sagt Dir nicht deine Vernunft, es eilt dahin dies
träumende Leben zu einem bessern? - Werden nicht alle irrdischen Hoffnungen in
dem unglücklichen Menschengehirn gestört? - als gerade diese nicht, wenn sie in
einem Herzen liegt, das sich der Religion öffnet. Diese Stimme, die jeden
Christen bei den Abgründen seines grausamen Schiksals zurückruft, muss untrügliche
Warheit sein, denn sie ist zu mächtig, zu tröstend für den armen Wanderer! - Sei
billig, meine Freundin, gegen die Fügungen des Schöpfers. Empfinde sie, aber
murre nicht. Dein Herz ist zu gross, deine Seele zu erhaben, um nicht über kurz
oder lang mit Standhaftigkeit eine Aenderung abzuwarten. Anhaltendes Unglück
untergräbt freilich unsere Gesundheit, wenn die Natur uns schwache Nerven gab,
aber es bildet das Herz, veredelt die Seele, klärt den Verstand auf, und macht
uns zu wahren denkenden Menschen. Unsere Empfindung wird durchs Unglück feiner,
unser Herz mitleidiger, und unsere Tugend erhabner. - Ich glaube immer, der
wahre gute Mensch muss wenigstens einmal in seinem Leben unglücklich gewesen sein,
sonst kann er nicht wahrhaft gut sein, denn Befriedigung aller Wünsche im
menschlichen Leben stumpft die Seele ab, erwekt Ekkel und Harterzigkeit. Die
Menschen, die in ungestörten Freuden des Lebens dahin taumeln, mit nichts zu
kämpfen haben, besizzen wenig Seelenkräfte, und besonders gar keine
Standhaftigkeit, wenn es darauf ankömmt Andern zu helfen oder mit ihnen zu
fühlen. Sie sind Maschinen, die, wenn sie dem Wohlleben entrissen werden, nichts
weiter empfinden, als den Verlust ihrer unbefriedigten Sinnlichkeit. Im Unglück
lernt man denken und moralisch handeln, denn kein Herz das einmal selbst
geblutet hat, wird ein anderes zum bluten bringen. Man muss die Leiden selbst
empfunden haben, wenn man Andere damit schonen will. Man muss schon mehrmalen das
Opfer der Untreue, der Falschheit, der Niederträchtigkeit gewesen sein, um sie
nicht an Andern auszuüben. Kurz, das Herz wird unstreitig durchs Unglück besser.
Streite also mutig, Freundin, mit deinem Schiksale. Nimm es auf, wie es die
Absicht des gütigen Schöpfers ist. Hättest Du nicht mit so unendlichen
Schwierigkeiten zu kämpfen, wer weis, ob nicht Leichtsinn und Ausschweifung bei
deiner äussersten Lebhaftigkeit Dir zu Teil geworden wäre. - Wer weis, ob Du
nicht schon als ein Opfer der Wollust auf dem Krankenbette jammertest. - Wer
weis, ob dein Herz nicht stolz, ob alle deine Leidenschaften nicht über den Kopf
geherrscht hätten. - Komm, meine Amalie, lass uns fest entschlossen, mit aller
Tugend der Sanftmut, mit aller Ergebenheit für die Geheinmisse des
unbegreiflichen Schiksals, bis zu jenen schaudernden Augenblikken fortwandeln,
wo die Natur ihr Nichts wieder zurückfodert, und der Schöpfer eine Seele
erwartet, die er zu seiner Verherrlichung in einen zertrennlichen Körper legte.
Das ist unser Endzwek, meine Teure; das übrige, was in dem menschlichen Leben
vorgeht, ist ein Traum, der länger oder kürzer dauert. -
                                                                    Deine Fanny.
 
                                   LXV. Brief
                                    An Fanny
Du liebe Freundin wirst über mein Stillschweigen gestaunt, gezittert und
unablässlich der Ursache davon nachgeforscht haben. Ich weis, dass ich dadurch
dein Herz zerrissen, deine Freundschaft beleidigt und deiner Seele Kummer gemacht
habe. Es war nicht meine Schuld, Fanny; halte es zurück dein Verdammungsurteil!
- Ich habe deinen leztern Brief wohl tausendmal gelesen, eben so innig gefühlt,
und ihn bei seiner Durchlesung durch Tränen des guten Willens völlig
aufgezehrt. Bei Gott sei es geschworen, meine Freundin! - Ich habe alles
versucht, mein neues Unglück, das deine ganze Vernunft niederdonnern wird, zu
dulden! - Ich lebte vier ganzer Monat ohne Trost mit der Gelassenheit einer
Christin; aber nun harre ich nicht länger in der entsezlichen Lage aus, ich muss
mir Luft machen! Du sollst es erfahren, was mit deiner Amalie vorgeht; Du sollst
mich in der Welt allein bedauern, denn von Andern mag ich nicht bedauert sein! -
Ich kann ihn nicht wieder zurücktun, diesen Schritt, der mir eine schaudervolle
Zukunft verspricht! - Er ist geknüpft vor dem Altar der Knoten meines ewigen
Kummers! - Und nun höre wie deine Freundin für ihr gutes Herz belohnt wird. -
Ungefähr einen Monat nach der Zurükkunft meines Mannes, genos ich noch selige,
wonnevolle Tage, doch die Täuschung wurde kurz hernach in eine schrökliche
Aussicht verwandelt. Ich entdekte in meinem Manne den leidenschaftlichsten
Spieler, den je die Erde trug! - Er war schon so tief in diesem Laster gesunken,
dass er mich in dem zweiten Monate meiner Ehe ganze Nächte durch von ihm
verlassen mit der Verzweiflung ringen lies. Ich versuchte alles, um ihn durch
Sanftmut davon abzuhalten, anfänglich schien es auf ihn zu wirken, er versprach
mir Besserung, aber der Schwache täuschte sich selbst, denn er war wieder auf
dem alten Weg, eh er mir nur Zeit lies, neue Kunstgriffe der Zärtlichkeit gegen
ihn anzuwenden. Die Gewohnheit des Spiels half ihm zur Verstellung, zur Lüge, er
täuschte meine Leichtgläubigkeit mit Unwahrheit, wenn er sein langes Ausbleiben
mit nichts anders zu entschuldigen wusste. Er ist kalt, rauh, leichtsinnig,
nachlässig in seiner Pflicht durchs Spiel geworden. Er nährt nur den Endzwek des
Eigennuzzes, und diesen verfolgt er auf Kosten seiner Ehre und seines guten
Namens. Er war von jeher Spieler von Profession; und die niederträchtigen Stifter
meiner Ehe, sagten mir es nicht, oder wussten es vielleicht selbst nicht. - Aus
Barmherzigkeit, Freundin, gieb mir Rat, gieb mit Auskunft, wie ich mich in
dieses Elend finden soll! - Mein Mann herrscht unumschränkt über unser
beiderseitiges Vermögen, und ist schon so weit verwildert, dass er mir keinen
Blik in seine ökonomische Lage erlaubt. Er befriedigte zwar bis jezt die
Bedürfnisse des Hauses, lies es mir an nichts fehlen, aber ist übrigens
verschlossen und geheimnisvoll. Ich habe ihn beobachten lassen; er verspielt
täglich grosse Summen und gewinnt selten; er hat noch überdies die rasende Sucht
an sich, das Spiel zwingen zu wollen, und nichts bringt ihn vom Spieltisch weg,
wenn er sichs in den Kopf gesezt hat zu gewinnen. Gott! - Gott! - Wie kann ein
fühlender Mensch seine Ruhe, die Liebe seines Weibs, die Glükseligkeit seines
Hauses dem eigensinnigen Glük des Spiels entgegensetzen? - Lokkere Gesellen sind
sein Umgang, eine Art kalter Sorglosigkeit seine Philosophie, Ekkel an Allem,
ausser dem Spiel, scheint seine Seele zu bemeistern. Sein Herz dünkt mich nicht
ganz böse, aber seine Grundsäzze sind nicht weit her. Er scheint mich mehr im
Taumel seiner Leidenschaften zu vergessen als zu verachten. Seine Liebe sucht
nicht die moralische Nahrung in meinem Herzen, die unser Beider Glük ausmachen
könnte. Er sieht mehr auf die Befriedigung körperlicher Pflichten bei mir, als
auf die Beruhigung meines verstimmten Gemüts. Er hat nicht unbefangenen Geist
genug, um in den innern unglücklichen Zustand meines Herzens zu dringen. Er hält
mein sprachloses Leiden für Schüchternheit, meine Tränen für Schwachheit, meine
Guteit für Einfalt, mein Nachgeben für Sklaverei, meine Liebe für überspannt.
So beurteilt er mich, und so bin ich sein Geschöpf, aus dem er machen kann, was
er will. Heimliche Raserei hat sich schon oft meiner bemächtigt, oft war ich im
Begrif bei Erblikkung der nächsten lebenden Kreatur in lautes Geheul
auszubrechen und ein Menschenherz zu suchen, das Anteil an meinen Leiden nähme!
Blos die Schonung unsers beiderseitigen guten Namens hielt mich bis jezt noch
von Entschlüssen ab, die fürchterlich ausfallen könnten! - In vier Wochen kömmt
mein Oheim von seiner Reise zurück; wie werde ich mein Verbrechen vor ihm
entschuldigen können? - Wie werde ich erscheinen, vor einem Manne, der Freude an
mir zu erleben glaubte? - Wie werde ich beben, ihm das Geständnis meiner übel
getroffenen Ehe zu entdekken! - Wie grässlich wird mein selbstgewähltes Schiksal
seine Vorwürfe erschweren! - Er wird mich von sich stossen, er wird mich meinem
Gram überlassen! - Ich werde erliegen unter der Last meines Elends! - O
Freundin! - Mitleiden - Mitleiden mit deiner äusserst schwermütigen
                                                                         Amalie.
 
                                  LXVI. Brief
                                   An Amalie
Du hast mich, meine Liebe, während dieser vier Monaten manche Träne vergiessen
machen! - Nichts ist quälender, als Ungewisheit über den Zustand einer Freundin,
die man so liebt, wie ich Dich liebe. - Oft nahm ich mir vor, Dir zu schreiben,
aber doch wagt ich es nicht, weil ich eine Ahndung im Herzen fühlte, die mich
zurückschrökte! - Wer weis, in welcher Lage sie lebt? - Wer weis, ob sie Briefe
ohne Aufsehen empfangen kann? - Wer weis, ob sie ihrem Gatten diese geheime und
offenherzige Korrespondenz anvertraut hat? - So, und dergleichen sagt ich mir
wohl tausenderlei vor, bis endlich dein Brief kam, der mich bis zum
unbegreiflichsten Gefühl beugte! - Ueber jedes andere Laster, das dein Gatte an
sich haben möchte, wäre ich nicht so erschrokken, als über seine Spielsucht,
denn diese ist das entsezlichste unter allen! - Ein Spieler vergisst Gott, Natur
und Menschen! - Jedes Laster der Männer kann gesättigt werden, wenn ein
vernünftiges Weib den Zeitpunkt zu nuzzen weis, wo die Leidenschaften den Mann
zum Kinde machen. Aber Spielsucht ist ohne Sättigung, ist beinahe untilgbar aus
dem Herzen eines Mannes, der das Spiel zur Hauptleidenschaft werden lies. Der
Wollüstling kehrt zurück, wenn die Nachsicht seines Weibs ihn zur Ueberlegung
zwingt, wenn er einzusehen anfängt, dass er das reine Herz seiner Gattin mit dem
feilen Körper einer Buhldirne vertauschte. Der Trinker entsagt manchmal dem
Trunk, wenn ein vernünftiges Weib seine Ehre vor den Menschen hinlänglich zu
reizen weis, oder wenn er durch den Trunk seine Gesundheit in Gefahr sieht. Der
Geizige vergisst aus Liebe zu seiner Gattin den Reiz des Geldes, und überlässt ihr
willig seine Oekonomie, wenn sie sich sein Zutrauen zu gewinnen weis. Der
Brausende mildert sein Feuer, wenn eine verstohlne Träne im Auge seiner Gattin
ihn entwaffnet. Der Untätige wird fleissig, wenn er sein liebes Weibchen dankbar
dafür sieht. Der Leichtsinnige lernt denken, wenn ihm die Tugenden seiner Gattin
so häufig begegnen, dass er ihnen selbst folgen muss. - Aber der Spieler ist fast
für alles fühllos, denn der Reiz des Gewinnstes versüsst ihm die Gefahr des
Verlusts und tilgt in ihm den Vorwurf der Verschwendung. Sein lasterhaftes Ideal
ist auf eine trügerische Hoffnung gegründet. - Die Gewohnheit macht kühn, die
Kühnheit im Spielen unternehmend, und nicht selten ist Verzweiflung, Dieberei
und andere Niederträchtigkeiten, das endliche Loos eines leidenschaftlichen
Spielers. Es schmerzt mich schröklich teure Amalie, dass ich Dir alles das sagen
muss, es geschieht auch bloss um Dich anzufeuern, dein Alleräusserstes zur
Besserung deines Mannes anzuwenden. Wer weis, vielleicht hat diese Leidenschaft
nicht gar zu tiefe Wurzeln! - Vielleicht ist es Langweile oder Verführung! -
Mache ihm ja keine Vorwürfe darüber, Du würdest ihn in dieser Gewohnheit
stärken. Such ihn zu Hause in Gesellschaft guter Freunde zu unterhalten.
Vielleicht vergisst er nach und nach seine übrigen Bekanntschaften. Zeig ihm
nicht zu viel Guteit, aber auch keinen Troz; suche seine Vernunft durch ein
muntres Gespräch zu fesseln; lass nur unvermerkt ein Wort in Betreff seiner üblen
Gewohnheit fallen. Vielleicht gelingt Dir ein Meisterstük der Besserung an ihm.
Ich hoffe alles von deinem Kopfe und Herzen. Ich weis, dass, wenn er sich nicht
bessert, es gewis nicht deine Schuld ist. Darum bitte ich Dich, Liebe, Teure,
lass deinen Gram nicht zu hoch steigen! Es ist ja nicht deine Schuld, wenn er
durchaus mit vollen Schritten dem Verderben zueilt. - Du verkennst übrigens das
Herz deines Oheims, wenn Du Bitterkeiten von ihm erwartest, die gewis nicht in
seinem Karakter liegen. Er wird freilich ein wenig über deinen Ungehorsam
zürnen, aber nie wird er ihn auf Rechnung deines Herzens schreiben. Ein Mann,
wie dieser, kann keine Handlung verdammen, die aus Überfluss des Gefühls
unternommen wurde. Er wird über deinen Ehestand trauren, weinen, aber Dich nie
aus einem Herzen verstossen, worinn Du so tief eingegraben bist. Sei ruhig in
Ansehung dieses, meine Liebe; Du kannst es sein, Du darfst es sein! Schreib mir,
ich bitte Dich, bald wieder, denn meine Angst um dein Wohl ist nicht klein. -
Mitleiden gegen deinen Mann und Liebe für Dich, erfüllen meine ganze Seele, und
stündlich flehe ich den Himmel an, Dir in deiner traurigen Lage Geduld zu
verleihen. -
                                                                    Deine Fanny.
 
                                  LXVII. Brief
                                    An Fanny
Vier Wochen sind wieder vorbei, und ich habe sie durchgeweint und durchgeseufzt!
- Es ist aus, meine Fanny, mit der Besserung meines Mannes! - Ich habe Alles
angewandt, Alles versucht, und nichts hat auf ihn gewirkt! - Er fängt an über
meine Sanftmut mürrisch zu werden, er bleibt jezt des Nachts länger als jemals
aus. Wenn er dann zu Hause kömmt, so beherrscht ihn eine Laune, die mich durch
und durch erschüttert! - Schlaflos, voller Furcht, unter banger Erwartung
schleichen meine Stunden des Nachts dahin, bis ich die Türe öffnen höre. Mein
ganzer Körper fängt an zu zittern, noch eh er sich mir naht. Erwürgen möchten
mich beinahe der innerliche Schmerz über beleidigte Liebe, der Verdruss und
Aerger über seine Zügellosigkeit; und doch wagte ich es noch nie, nur eine Silbe
von Vorwurf gegen ihn fahren zu lassen. - Ich bin gewis, dass in dieser kurzen
Zeit unser halbes Vermögen verspielt worden ist. Dieser Gedanke an seine
Verschwendung tobt fürchterlich in mir; ich betrachte ihn als einen
Niederträchtigen; der mich unsinnig dem Elend Preis geben wird. - Du weisst,
Freundin, wir sind Menschen, wir haben Galle... und wenn Du empfändest wie
eiskalt mir seine Schmeicheleien, denen er sich bisweilen aus Temperament
überlässt, durch den ganzen Körper schaudern, Du würdest Dich entsetzen, und für
meine Liebe zittern! - Ich habe sein Herz, seinen Anteil an mir verloren, und
nichts ist mir übriggeblieben, als die Bedürfnisse seines Temperaments. O das ist
eine abscheuliche Enteiligung der Liebe, wenn ihre Triebe nicht aus gutem
Herzen quillen! - Und wie kann sein Herz gut sein, wenn er mich mit sich zur
Dürftigkeit hinschleppt? - Wenn er mich hinschleppt zu jenen Abgründen der
Armut, die das wohlgezogene Weib entweder zum Grab führen - oder wenn sie nicht
standhaft genug ist, wenn sie glitscht, die Elende, in die Arme der
Ausschweifung. Gott! - Ich kann den Ueberrest unsers Vermögens durch keine
Zwangsmittel verwahren lassen. Ich laufe Gefahr von seiner Wut mishandelt zu
werden! - Und wer lässt überhaupt gerne die Streitigkeiten der Ehe wissen? -
Gutgezogene Menschen scheuen sich ihr Unglück öffentlich bekannt zu machen; denn
der Mitleidigen sind wenige, aber desto mehr der Verläumder, besonders bei einer
unglücklichen Ehe, wo die Stimmen so geteilt sind. Oft trag ich in Gesellschaft,
worein mich der Wohlstand zwingt, die lachende Gestalt der Freude, und im Herzen
sieht es finster wie die Nacht aus. - Der Kummer welkt meine blühende Farbe, sie
sind beinahe abgepflükt vom Gram, die Rosen des Frühlings. Alles neigt sich bei
mir immer mehr und mehr zur Schwermut. Jede Kleinigkeit rührt mich bis zu
Tränen, jeder Hauch erschüttert mich, jeder Schatten macht mich zittern; sie
fangen an zu sinken die weichen Nerven der weiblichen Natur! - Und wenn ich denn
vollends einen Blik auf mein Kind werfe, das ich unter dem Herzen trage, o dann
wacht alles Feuer der Leidenschaft wieder in mir auf, ich möchte ihm dann um den
Hals fallen, dem Vater meines Kindes; ich möchte so lang an seinem Halse hängen
bleiben, bis mein Schluchzen die Natur erweichte! - Kurz war die Freude, die
diese Nachricht meiner Schwangerschaft auf sein Herz machte; kalt ist dieses
Andenken des Entzükkens in ihm; übertäubt ist sein Gefühl vom Eigennuz. - Kein
Mitleid, keine Schonung, keine Sorgfalt für die Mutter seines Kindes lässt er
blikken. Das Spiel macht ihn grausam, hart und unmenschlich! - Gott! gieb mir
Mässigung! - Ich fürchte, ich fürchte, wenn meine Heftigkeit einstens losbricht,
dass ich dann die Schranken der Gattin übertretten werde!!! - Lange lässt sich der
Wurm tretten; aber wenn er sich loswindet, so sind seine lezten Krümmungen die
schrekhaftesten! - Blos um meines Kindes Willen trag ich die Last mit der
möglichsten Duldung. Aber wer bürgt mir für die Standhaftigkeit dieses
Vorsazzes? - Wer ist fühlloser Mensch genug, mich zur andauernden Marter zu
verdammen? - Fanny! - Fanny! - Ich bin in der gefährlichsten Stimmung! - Nur die
Religion ist mir noch ehrwürdig, sonst würde ich sie zerreissen diese Bande der
Barbarei, die den Pflichtlosen an den Unschuldigen, zu des Leztern Verzweiflung,
ketten! - Mein Oheim ist zurück; er hat mir vergeben, und fodert Rechenschaft von
meines Mannes Verhalten. Weh mir! - Was kann ich ihm sagen, als .... o Gott! Lass
mich nicht murren, lass mich dulden, so lange es Dir gefällig ist!
                                                                   Deine Amalie.
 
                                 LXVIII. Brief
                                    An Fanny
Gegenwärtiger Brief wird meinen leztern an Gram übertreffen, denn er hat seiter
in meinem Herzen Wurzeln gefasst, dieser Gram, ist gewachsen und reif geworden! -
Alles stürmte auf mich los! - Und ich wagte in der Verzweiflung einen Schritt,
den nur eine Wahnsinnige wagen kann. - Lebhafte Temperamente sind die Mörder der
Ueberlegung; man rast der ersten bessten Aussicht entgegen, die man sich im
Anlauf der Galle so willkommen sieht! - Hizzige, gallsüchtige Köpfe, denen es an
guten Herzen fehlt, nehmen meistens ihre Rache an dem Beleidiger; aber ich nahm
sie an mir selbst, an meinem Kinde, an meiner Gesundheit, an meiner Ehre, an
meiner Familie! - Es ist freilich wahr, ich wurde mit mörderischer Hand
mishandelt! - Mein Kind ist durch Grausamkeit vertilgt worden aus dem Schoos
ihrer Mutter! - Sie ist dahin die Frucht meiner süssesten Hoffnungen! - Ein
wütender Augenblick meines Mannes hat mich bis zu dem Rande des Todes geschleppt,
dem ich mit entzükkender Erwartung entgegen sah! - Ich will Dir diesen Auftritt
seiner abscheulichen Leidenschaften schildern, um Dir, wenn es möglich ist, nur
einen Schatten meines Elendes zu zeigen! - Mein Mann blieb einstens, wie
gewöhnlich, bis spät in die Nacht hinein in seiner Spielgesellschaft. - Was ich
während diesen langen sechs Stunden, die ich schlaflos auf ihn vergebens harrte,
ausstund, das lässt sich nicht beschreiben! - Angst, Furcht, Schrekken, grässliche
Bilder der Zukunft, der hofnungslose Gedanke seiner Besserung, die Kälte meines
Oheims, den er durch Heuchelei zu gewinnen wusste, Sehnsucht nach einem andern
bessern Herzen, die Herannahung der drohenden Dürftigkeit machten meine Seele in
einem Labyrint des unbegreiflichsten Schmerzens verirren! - Ich konnte weder
weinen, noch klagen, ich konnte weder schlafen, noch wachen, ich träumte fort
bis es mein Gehirn angriff, und der trostlose Zustand meiner Lage mich beinahe
ums Leben brachte! - Auf einmal hörte ich Lärm und Gepolter; ein kalter Schauer
durchzitterte meine Nerven, mein Mann stürzte rasend, mit zerrissenen Haaren,
ins Zimmer, ich bebte, er sprang auf mich zu, fasste mich an und fluchte
schröklich! - Die Todesangst trieb mich aus dem Bette, ich suchte ihn zu
entwaffnen, stürzte zu seinen Füssen, aber seine Raserei wurde immer heftiger, er
wand meine langen Haare um seine Hand und schleppte mich barbarisch im Zimmer
herum! Ich schrie nicht, ich klagte nicht, und das machte ihn noch boshafter,
denn er hätte gern eine Furie in mir getroffen, um seiner Wut mehr Nahrung zu
geben. Er tobte über meine Gelassenheit, und sehnte sich nach Anlass, mir mit
Recht so begegnen zu können. - Meine Standhaftigkeit, meine Seelengrösse schien
seine Wut zu verdoppeln! - Er schäumte nach einer Mordtat, und wusste nicht, ob
er sich oder mich zuerst umbringen sollte! - Meine Natur und meine Leibesfrucht
wurden über diesem Auftritt erschüttert! - Ich sank in Betäubung hin, und er
liess mich mehrere Stunden sinnlos ohne Hülfe liegen. - Keine Seele von unsern
Bedienten durfte ins Zimmer, worinn ich mit ihm war. Endlich fiel ihm der
Gedanke an sein Kind ein und erweichte ihn in etwas; er nahte sich mir und
fragte um meinen Zustand? - Die erste Träne zitterte jezt seit so vielen
Stunden aus meinem Auge! - Ich verhelte ihm die Gefahr meiner Frucht und meines
Lebens; fragte ihn sanft um sein Befinden und um die Ursache seiner Krankheit? -
Er gestand mir, dass er diese Nacht beinahe das ganze Vermögen verspielt hätte,
dass Verzweiflung sich seiner bemächtigt hätte, die ihn am Leben ekkelnmachte,
dass er mich in dem Augenblick gehasst hätte, weil ihm mein Anblik eine tödtende
Erinnerung seiner Ausschweifungen gewesen sei! - Er gestund es selbst, dass ihn
ewig und ewig nichts von der Spielsucht retten könnte! - Er schien mich zu
bedauern, und ging doch wieder aufs Kaffeehaus, seiner Neigung entgegen.
Während dieser Zeit verliessen mich meine Kräften, ich verlor mein Kind, und
niemand zweifelte an meinem nahen Tode. - Man hinterbrachte ihm diese Nachricht,
er schien darüber zu stuzzen, aber kam demungeachtet mehrere Tage nicht nach
Hause. Die Sorgfalt der Aufwärterin und meine Jugend beförderten bald wieder
meine Gesundheit. Man riet mir, meinen Mann zu verlassen, um mein Leben zu
schonen, das bei ihm in augenbliklicher Gefahr stünde. Ich hielt diesen Rat
anfangs für abscheulich, bis ich endlich überlegte, dass die Pflichten gegen sich
selbst immer die ersten sind, und verliess ihn heimlich, zwar ohne Plane, bloss
mit der kleinen Hoffnung auf die Hülfe meines Oheims; und so harre ich schon seit
mehreren Wochen auf das Gutdünken desselben. Wie's weiter mit mir gehen wird,
weis ich nicht, aber so viel weis ich, dass ich die Elendeste unter den
Sterblichen bin! -
                                                                         Amalie.
 
                                  LXIX. Brief
                                   An Amalie
Arme, bedaurungswürdige Freundin! So ist denn immer und ewig wahr, dass Du die
Unglücklichste unter den weiblichen Geschöpfen bist! - Grässlich ist deine Lage,
grausam das Betragen deines Mannes, tirannisch dein Schiksal; ich möchte weinen,
bis mir das Herz bräche, ich möchte trauern, bis zum Tage deiner Auflösung, wenn
ich der Stimme ganz Gehör geben wollte, die mir laut zuruft: Herr Jesus! - Wie
wird mit deiner Amalie gehandelt! - Man martert Dich bis auf den Tod! - Man
raubt Dir Gesundheit und Seelenruhe! - So jung, und so unendlich unglücklich! -
So jung, und so erbärmlich mishandelt! - Mein Gott! - Mein Gott! - Wenn ich nur
bei Dir sein könnte! - Wenn ich sie nur auffangen könnte, die Streiche deines
schröklichen Schiksals! - Wenn ich nun vollends deine Lebhaftigkeit bedenke;
wenn ich denke, dass ein beleidigtes gutes Herz zu Allem fähig ist; wenn ich
denke, dass Dich einst Verzweiflung zu Allem verleiten könnte; o dann schwindelt
mir vor der Zukunft! - Aber wie? - Auch dein guter Oheim ist für Dich nicht mehr
das, was er war? - Nein, das ist unmöglich, Malchen! - Die Heuchelei deines
Mannes hat bloss die Oberfläche berührt, sie ist nicht in sein Herz gedrungen.
Ich kenne sein Menschengefühl, ich kenne seine Liebe für Dich. Vaterliebe,
Gewissen, Vernunft, Mitleiden, werden bald wieder an die Stelle dieser Kälte
tretten; Du wirst siegen über ihn, dein Mann mag ihm geschrieben haben, was er
will! - Hat dieser Oheim Dich nicht erzogen? - kennt er nicht die innersten
Falten deines Herzens? - Liebt er Dich nicht innig und warm? - Getrost, Liebe!
bald wird dein Oheim Dich selbst trösten. - Herr Gott im Himmel! - Wie der
Gedanke an deinen Mann wieder von neuem in meinem Kopf stürmt! - Und dieses
Ungeheuer hatte den Mut, Dich arme Dulderin bei den Haaren herumzuschleppen? -
Und Du Engel der Sanftmut, liessest Dich ohne Murren, ohne den geringsten Laut
von Dir zu geben, so teuflisch behandeln! - O diese Standhaftigkeit ist
unbegreiflich, ist die grösste Seelenstärke, die je in einem Weibe wohnte! -
Auftretten mag sie, das Weib in der Schöpfung, wenn es noch eine gibt, und mit
Dir um Preis einer solchen Tugend ringen! - Malchen! - Malchen! - Du musst schon
Überdruss an deinem Leben fühlen, sonst könntest Du nicht mit der Gelassenheit
die Gefahr Deiner Gesundheit ertragen. - Herrliche, brave Seele von einem Weib!
- Schone Dich um Gottes Willen, kehre zurück zu den Freuden der Natur! - Höre
auf, Dich selbst zu tödten! Welches Gesez wird es billigen? - - Höre auf, dein
Leben zu Grunde zu richten! - Natur, Gott und Menschen sind nicht so grausam,
dass sie eine Unschuldige mit den Ausschweifungen eines Lasterhaften geisseln
wollen! - Dein Mann ist verloren, keine Besserung ist mehr zu hoffen! - Sein
Gefühl ist weg für Dich, für ihn selbst! - Wer könnte Dir raten an der Seite
eines Barbaren zu schlafen, der alle Augenblicke bereit ist, dein Mörder zu
werden! - Wer wäre unempfindsam genug, ein holdes weibliches Geschöpf länger
unter der Tirannei eines Verrükten zu lassen? - So ein armes schwaches Weibchen
sollte, bei dem geringsten Geräusche, bei dem mindesten Knarren der Wand,
zittern, beben, und Todesangst fühlen? - sollte sich guterzig unter den Klauen
eines Unsinnigen würgen lassen? - Und warum? - Weil ihre Guteit an einen
Unglückseligen geriet, der sie nicht zu schäzzen weis! - An einen Mann, der
seine Uebermacht bloss darum fühlt, weil seine Frau nicht pöbelhaft genug ist,
bei dem Richter Hülfe zu suchen. - Bei Gott! - Das wäre wider die Menschheit! -
Da sinkt sie hin in einem Winkel des Zimmers, das Opfer der schröklichsten
Grausamkeit, kämpft mit der augenscheinlichsten Lebensgefahr, schreit zu Gott um
Beistand, ringt die Hände, und bittet im Stillen ihren Henker um den lezten
Todesstreich! - So ein armes, schwaches, empfindsames Weib sollte noch länger
ihre feinen Glieder peinigen lassen! - O menschliches Gesez, ich würde dich
verabscheuen, wenn du das fodern wolltest! - Du hast wohl getan, Freundin, Dich
zu entfernen, jede Pflicht ist nur dann heilig, wenn unsere Selbsterhaltung
nicht darunter leidet! - Wie kann die Religion, wie können die Gesezze von Dir
ein so teures Opfer fodern? - Ist Deine Entfernung nicht Klugheit? - Nimmermehr
kann ich zugeben, dass Du Dich neuen Auftritten blosgiebst. Lass ihn fortwandeln,
den Verworfnen auf dem Wege, der zum Abgrunde führt! - Bleib seinem Auge
verborgen; sorge für deine Gesundheit, und bitte den Allgütigen um
Standhaftigkeit in deinem Entschluss. O Amalie! - Was wäre Dir bevorgestanden,
wenn Du geblieben wärest! - Mord und Tod wäre vielleicht das Ende dieser
unglückseligen Ehe! - Wer weis, ob Dich nicht Raserei zu einem blutigen Entschluss
verleitet hätte! - Ich kenne den Grad deiner Leidenschaften und deiner
Melankolie. Dank dem Ewigen im Himmel, dass Du weg bist! - Nimm hin tausend Küsse
von Deiner
                                                                          Fanny.
 
                                   LXX. Brief
                                    An Fanny
Dein lezter Brief traf mich etwas ruhiger. Nimm meinen wärmsten Dank für dein
Mitleiden. Noch nie hab ich Dich mit solchem Feuer mein Wohl verteidigen
gehört. - Noch nie hast Du Dich unterstanden, als aufgeklärte Philosophin,
Pflichten gegen Andere mit der gesunden Vernunft abzuwägen. - Die Liebe zu mir
riss Dich hin, die Liebe zu mir lies Dich vergessen, dass kleine Tugend kleines
Opfer, und grosse Tugend grosses Opfer fodert. - Was wäre es denn auch gewesen,
wenn er ihn zum Krüppel gestossen hätte, diesen elenden Körper, der über kurz
oder lang doch zu Staub werden wird? - Seine Mishandlung war doch im Grunde bloss
Uebereilung und Krankheit des Gehirnes. Wäre ich so glücklich nur eine Spure von
Besserung in ihm zu entdekken, so müssten tausend solche Mishandlungen nichts
gegen meine Geduld sein! - Die ganze Welt sollte mich dann nicht von ihm
trennen, die ganze Menschheit nichts über mich vermögen, und alle Leiden meines
kranken Körpers würde ich für lauter Andenken ansehen, die mir halfen über mich
selbst zu siegen. Tugend ist in wahrhaft tugendhaften Menschen eben so äusserst
standhaft, als gross das schwelgende Laster beim Niederträchtigen ist. -
Unverdorbene Menschen können unmöglich mit Willen lasterhaft werden, denn die
Leidenschaften unterjochen ihre Begierden, aber nicht ihren Willen. Noch hängt
mein gutes Herz an dem bedaurungswürdigen Gegenstand der schröklichsten
Erinnerung. Noch kann ich mir den Gedanken der süssen Wiedervereinigung nicht aus
dem Kopfe bringen. Was wird er machen? - Wie wird er gerast haben über meine
plözliche Entfernung? - Wie wird ihn in einsamen Stunden das Andenken an sein
Weibchen ängstigen? - Wie werden beissende Vorwürfe seinen Schlaf stören und
sein Leben vergiften! - O du gütiger Gott im Himmel, und an allem dem bin ich
Schuld! - Warum verlies ich einen unglücklichen Gatten, den die Leidenschaft des
Spiels zu Boden drükte, um diese Frazze von einem jugendlichen Gesicht, um diese
mürben Knochen zu schonen? - Ha! - Ich bin eine Verworfene! - Eine Pflichtlose!
- Eine Nichtswürdige! - Wie konnte ich mich so zur gemeinen Gattung von Weibern
herabstimmen? - Wie konnte Rache in meinem Herzen Platz finden, das bloss der
Pflicht offen stehen soll? - Freundin, deine Philosophie mag gut sein, aber sie
beruhigt weder mich, noch mein Gewissen! - Lass mich hineilen in die Arme meines
Gatten, der mir gewis verzeihen wird! - Handlungen, die nicht aus bösem Herzen
kommen, verzeiht man ja so leicht! Auch mein Oheim wünscht unsere
Wiedervereinigung. - O Gott! - Wenn das Zurükkehren nur schon überstanden wäre!
- Ich schäme mich vor meinem Manne zu erscheinen, der jezt Beweise von meiner
wankenden Tugend hat. - Nun habe ich sein Zutrauen verloren, ich Arme! - Sieh
herab, Vater meines Schiksals, sieh herab auf mich Elende, erfülle meinen
feurigsten Wunsch, wieder zu meinen ehemaligen Pflichten zurückkehren zu können!
Sünde ist ja nur das, was mit Vorsaz und Bosheit geschieht; und davon weis ich
nichts. - Schwachheit ist das Erbteil eines gefühlvollen Herzens; aber Tugend
wohnt darin, wenn der Gram es nicht verwildert. O hätte mein Gatte Ueberlegung
genug, dränge er mit tiefer Untersuchung in mein Herz, wie glücklich könnte er
sein! - Ich fühle mich so ganz Nachsicht gegen seine Fehler, so ganz Guteit
gegen sein wildes Wesen, so ganz Sorgfalt für sein Wohl! - Es sollen nicht zween
Tage vergehen, so bin ich wieder bei ihm, diesen Schritt bin ich den Augen der
Welt und meiner Pflicht schuldig. Ist es wieder nicht von Dauer, so habe ich mir
doch nichts vorzuwerfen, so bin ich doch nicht sträflich. Siehst Du, Freundin,
so kämpft der Mensch auf dieser armseligen Erde mit Tugend und Laster, mit Leben
und Tod, mit Elend und Glükseligkeit, mit Rechtschaffenheit und Versuchung, bis
sie heranrükt die Stunde, wo wir Rechenschaft geben müssen, und wo der
barmherzige Richter alles selbst untersucht. Wohl mir, wenn ich einst vor ihm
mit reinem Herzen erscheinen kann; wohl mir, wenn er nur Schwachheit und kein
Laster in mir entdekt; und doppelt wohl mir, wenn mir die Belohnung zu Teil
wird, die auf alle guten Seelen wartet! - Lebe wohl Fanny! - Antworte mir nicht,
bis Du wieder Nachrichten von mir hast. Es küsst Dich innig
                                                                   Deine Amalie.
 
                                  LXXI. Brief
                                    An Fanny
Seit wenigen Wochen bin ich wieder an dem Orte meiner Bestimmung. Mein Mann
holte mich selbst zurück. Er schien Reue über sein Betragen zu fühlen. - Er
bleibt nun Nachts nicht mehr so lange aus, wie sonst; aber ich denke, dass seine
leere Börse die Ursache davon ist; denn er lässt mich jezt förmlich darben. Bald
wird mir meine Haushaltung den Spott der Dienstboten zuziehen; bald werde ich
ausser Stand gesezt sein, mit Anstand vor der Welt zu erscheinen. Einige
Nichtswürdige von seinen Freunden nahmen sich die Kühnheit heraus, mir
Unterstüzzung anzubieten. Wenn das eine Probe von Seiten meines Mannes ist, so
könnte ich ihn verachten! - Und eine Probe muss es sein, denn sonst hätten diese
Elenden den Mut nicht, so etwas zu wagen. Armut ist ohnehin für Tausende eine
Klippe; aber für mich ist sie es nicht, denn ich habe denken und entbehren
gelernt. Ich bin auf Alles gefasst; ich murre über nichts, als über den Verlust
seines Herzens! - Tödtliche Langeweile plagt ihn jezt sehr oft, Geldmangel
versagt ihm das Spiel, und so sizt er oft acht ganzer Tage in stummer
Hypochondrie zu Hause; sorgt für nichts, arbeitet nichts, und scheint heimlich
sein Schiksal zu verfluchen! - Es ist traurig, wenn zween Menschen zur
beständigen Gesellschaft so aneinander gekettet sind, um sich das Leben zu
verbittern. Er rast und tobt nicht mehr mit mir, aber dagegen lebt er so
unempfindlich fort, ohne an sein Dasein oder an meine Ruhe zu denken. Wenn ich
ihm schmeichle, so stösst er mich mit einer geschikten Ausrede von sich. Und ich
muss gestehen, Freundin, dass mein Herz seit dem leztern Auftritt eine gefährliche
Wunde bekommen hat, die ich in der Abwesenheit nicht so fühlte, und die mir
nichtsweniger als Abneigung schien. So bald Eheleute gegen einander die Achtung
verlieren, dann ist Liebe und Zärtlichkeit ebenfalls dahin. Diese Achtung allein
beherrscht das Herz, den Kopf und die natürlichen Triebe. So bald es unter
Eheleuten zu niedrigen Auftritten kömmt, so mischt sich eine Art von Hass ins
Spiel, man vergisst wohl die Mishandlung, aber der Eindruk bleibt doch, und der
beiderseitige Stolz ist unversöhnlich beleidigt. Ich vergebe meinem Manne von
Grund der Seele, aber Mistrauen, übler Begrif ist an die Stelle der Achtung
getretten, mit der ich einen sanften, gutandelnden Gatten verehren würde. Ein
gutgezogenes Weib ist in diesem Punkt äusserst delikat. - Mit guter Art, mit wohl
eingerichter Behandlung kann ein Mann von Erziehung alles mit einem solchen
Weibe ausrichten. - Aber wenn er sich durch sein Betragen bis zum Pöbel
erniedrigt, wenn er sich an ihren Körper wagt - o dann duldet das gute Weib,
aber entsezt sich dennoch über so ein gemeines Betragen. Doch weg davon, Liebe!
Ich hoffe, dass er sich nicht so leicht wieder vergessen wird, denn in weniger
Zeit reisen wir beide zu meinem Oheim, er ist dorten für die Werbung bestimmt.
Mein Oheim lernt ihn bei dieser Gelegenheit näher kennen: denn, ich muss Dir
sagen, dieser gute Oheim ist, dem Vorgegangenen ungeachtet, noch sehr für meinen
Mann eingenommen; er lässt sichs nicht aus dem Kopf reden, dass er nach seinen
Briefen mehr Gefühl haben müsse, als ich ihm zugestund. Er erwartet uns beide mit
Verlangen. Niemand ist darüber froher als ich. Da ist denn der Ort, wo sich mein
Unglück dem Auge meines Oheims klar zeigen wird. Vielleicht bessert dieser gute
Vater meinen Mann durch seinen Umgang. - Vielleicht öffnet er sein Herz, seinen
Karakter, die so sehr verschlossen sind; vielleicht erhalte ich seine Liebe
wieder. - Ach! - Wie viele Vielleicht wüsste ich mir noch zu sagen, um meinem
kranken Herzen Freude zu machen. - Aber leider, dass es nur blosse Vielleicht, und
keine Gewisheiten sind! Ich muss Dir noch einen Sturm erzählen, den mein Herz
durch einen Leichtfertigen ertrug: Jener Junge, den ich vor meinem Mann kannte,
und der mich so grossmütig zum Altar hinschleudern lies, hatte die Kühnheit, mir
einen sehr schwärmerischen Brief heimlich zuzuschikken. - Er klagt über die
Heftigkeit seiner jezt aufwachenden Leidenschaften; er flucht den Banden, die
mich fesseln; er erfuhr mein Unglück, und verabscheut seinen Urheber. Der
Unglückselige macht mich zu einer heimlichen Verbrecherin, indem er jenes alte
Feuer der Leidenschaft wieder anfacht, und in einer Lage anfacht, wo es nur zu
gerne und zu geschwinde in helle Flammen ausbrechen könnte. - Mitleid,
Misvergnügen, Anlage zu schwärmerischen Neigungen, Leere meines Herzens, der
Wunsch leidenschaftlich beklagt zu sein, alles das reizte mich unwiderstehlich
zum Antworten. Er ist zwar von mir entfernt, aber bin ich dadurch minder
strafbar? - Das Herz eines empfindsamen Weibes ist doch ein unbegreifliches
Rätsel, das sich so leicht und so strafbar auflösst. - Da sezte ich mir so
philosophische Säzze in Kopf, und bildete mir ein, dass sie nicht erwiedert würde
meine Liebe, die ich für meinen Mann nährte - und hielt sie also für
Verschwendung. Undank schmerzt schröklich, und unbelohnte Liebe ist Hölle für
ein zur Liebe geschaffenes Weib. - So viel heute von deiner unzufriedenen
                                                                         Amalie.
 
                                  LXXII. Brief
                                   An Amalie
Du bist also wieder bei deinem Manne, und mein Brief, worinn ich Dich so innig
bat, von ihm weg zu bleiben, tat auf Dich keine Wirkung? - Liebes, liebes
Malchen, diese Tugend ist übertrieben, aber sie macht demungeachtet deiner
Denkungsart Ehre. Gott gebe, dass es lange bei ihm gut tun möge! Wenn ich aber
aufrichtig reden soll, so zweifle ich sehr daran. - Ihr beide habt nun einmal
eure Herzen gegen einander verstimmt, und schwerlich werden sie sich wieder
finden. Ist es möglich, dein Mann vernachlässigt sein Hauswesen und lässt Dich
darben? - Wahrhaftig Stoff genug zur vollkommenen Abneigung! - Ein Herz dessen
Güte durch die Not muss auf die Probe gestellt werden, hält selten die Probe
aus. Ich zweifle nun nicht an der Güte deines Herzens, aber Mangel macht doch
den willkührlichen Urheber desselben verabscheuen. - Wenn es in einer
Haushaltung zu fehlen anfängt, o dann kommen tausend unerwartete
Verdriesslichkeiten dazu, die dem bessten Menschen seine Geduld benehmen. Schulden,
Troz von Seiten der Dienstboten, Kummer für Nahrung beugen ein empfindliches
Herz zu sehr, als dass es nicht oft in üble Laune ausarten sollte. Man fühlt sein
Unglück weit lebhafter, wenn man die Ursache davon vor Augen sieht; die Galle
wirkt heftiger, sobald ihr der Stoff dazu alle Augenblicke aufstösst. - Gute
Herzen sind zwar nicht unversöhnlich, aber wenn gute Herzen zu stark beleidigt
werden, dann werden sie gleichgültig. - Dass Dir in deiner harten Lage
niederträchtige Mannspersonen Unterstüzzung anboten, darüber wundere ich mich
keineswegs. Es gibt ja eine Menge solcher Elenden, die ein kummervolles,
zerrissenes Herz bloss um ihrer teuflischen Wollust willen unterstüzzen. Wie kann
man doch an einem Körper Freude haben, wenn die Seele darin blutet? - Wie kann
der reiche Schwelger um sein Geld bei armen, aber fein denkenden Frauenzimmern
Gunstbezeugungen geniessen, wenn jeder Angrif von ihm ein Schlangenbiss für so
eine Unglückliche ist? - O Menschen, wie lange wird es noch dauern, bis ihr
denken lernt, und dadurch euer Gefühl verfeinert? - Doch, um jezt auf was
anderes zu kommen: ja wohl ist es traurig, meine Freundin, dass oft so
disharmonirende Karakter in der Ehe ewig an einander gefesselt bleiben müssen! -
Wir haben doch nur eine Glükseligkeit im menschlichen Leben, die in der
Zufriedenheit eines mit uns gleichdenkenden Geschöpfs besteht, und wenn wir nun
gerade das Unglück haben, an etwas Unrechtes zu geraten, so ruht der Fluch einer
zeitlichen Verdammnis schwer auf unserm Herzen. Sie schleichen dahin, die
schröklichen Tage des Hasses, in Gesellschaft einer Person, mit der man nichts
gemein hat, als den Zwang sich einander zur Last sein zu müssen. So lange die
Eltern nicht in der Wahl für ihre Kinder vorsichtiger werden, so lange die
Mädchen und Jungens nicht denken und absichtlos, bloss aus Güte des Herzens und
mit Ueberlegung lieben lernen, eben so lange werden die vielen unzufriedenen
Ehen nicht aufhören, und die Menschheit wird durch dieses göttliche Band mehr
unglücklich als glücklich sein. Galanterie schleicht sich an die Stelle der Liebe,
Eigennuz an die Stelle der Güte, Verstellung an die Stelle der Redlichkeit,
Widerspruch an die Stelle der Nachsicht, Falschheit an die Stelle des
Nachdenkens; und so leben diese Mietlinge des Lasters mit entferntem Herzen,
bloss zum Schein, in einer entlehnten und nie empfundenen Glükseligkeit ihre Tage
fort, ohne Vergnügen, ohne Zutrauen, ohne wechselseitigen Anteil, kalt gegen
einander bis ins Grab. Die adeliche Dame schämt sich des Worts Mann, sie nennt
ihren Gatten den Herrn von .... Sie mag der Redlichkeit keine Lüge aufbürden,
wenn sie ihren Gatten nach deutscher biederer Art ihren Mann nennen würde. - Der
vertrauliche Ton der gefühlvollen Guterzigkeit ist aus den adelichen Ehen
verbannt. Komplimenten, steife Zurükhaltung, süsse Betrügereien, affektirte
Zierereien, ist der Gang ihrer beiderseitigen Lebensart. - Der Mann schläft in
der vordern Ekke des Hauses voll Projekten für das Wohl seiner Konkubinen; die
Frau in der hintern Ekke voll Beschäftigung für die Erhaltung ihrer Sklaven.
Keines kümmert sich um das Andere. Die Kinder, wenn je der erste Taumel der
Triebe noch welche erzeugt hat, werden wie Fremdlinge, weit von Vater und Mutter
erzogen, lernen, wenn sie wieder zu ihnen kommen dürfen, Stolz und Fühllosigkeit
vom Vater, Torheit und Eitelkeit von der Mutter. - Das sind die sogenannten
adelichen Verbindungen, wo bei der Wahl weder gesunde Vernunft noch Neigung,
sondern bloss Eigennuz und Konvenienz herrscht. Doch nun wieder auf deine Ehe
zurück: Du bist wirklich geschaffen das Glük eines guten Mannes zu machen.
Musstest Du denn gerade auf so einen Wildfang stossen, der dein Herz verstimmt
und deinen Kopf widerspenstig macht? - O Schade! - Schade, Amalie, für Dich! -
Das will ich Dir wohl glauben, dass seine rohe Behandlung deine Neigung
verkleinert. Wenn sich der Stoff zur Hochachtung für einen Mann durch sein
Betragen verliert, was bleibt denn dem guten Weib übrig, als Mitleid und
Abneigung? - Wir Weiber sind in diesem Stük zu tieffühlend, um den Mann
schwärmerisch fortzulieben, der sich selber unserer Hochachtung unwürdig
machte. Wir bleiben einem solchen Manne wohl so treu, als möglich, aus Pflicht;
aber Pflicht ist doch noch lange nicht das entzükkende Opfer der Liebe! - Ein
Opfer, das sonst ein schwärmerisch liebendes Weib so frei, so feurig ihrem
Gatten bringt! Wenn es den Männern gerät ein Weiberherz zur wirklichen Liebe zu
reizen, o dann darf, bei Gott, keiner besorgen, dass sie ihm untreu werde. - Aber
er muss Vernunft, Leidenschaft, Güte des Herzens besizzen und das Ehrengefühl
eines Weibes anfachen können, auch manchmal kleinen Grillen auszuweichen wissen,
und dann möchte ich das empfindsam denkende Weib sehen, die so einen Gatten
nicht bloss lieben, sondern anbeten würde! Versteht sich, wenn anders ihr Herz
noch von Modesucht und Lastern frei ist. Die angeborne Güte eines Weibes ist so
leicht für die Glükseligkeit eines Mannes zu gebrauchen, wenn der Mann Feinheit
genug hat, diese Güte zu seinem Vorteil zu nüzzen und ihren Schwachheiten mit
männlichen Grundsäzzen zu Hülfe kömmt. Das Weib ist nicht als Furie geboren, sie
wird erst zur Furie gemacht, wenn ihre Güte durch Mishandlung verhärtet, ihre
Schwachheit durch Bosheit gereizt, und ihre Sanftmut durch Undank beleidigt
wird. Das, meine Liebe, wäre gerade dein Fall, Du würdest das besste, getreueste,
herrlichste Weibchen auf Gottes Erdboden sein, wenn deine Güte erkannt und nach
Verdienst behandelt würde. Harre standhaft meine Traute, vielleicht knüpfest Du
einst ein anderes Band, das Dir doppelte Seligkeiten verspricht. - Doch noch
Eins: Brich den Briefwechsel mit dem Jungen ab, der an Dich schrieb; er ist ein
undankbarer Tollkopf, der zu spät an deine Rettung dachte. Die Liebe ist
erfindsam, sie zwingt zwar nicht immer die Umstände, aber bei kalten,
furchtsamen Menschen zwingen immer die Umstände die Liebe. Ein Weibergeklatsch,
das Gebrumm der Verwandten kann leicht einen haasenfüssigen Liebhaber wanken
machen. Aber so etwas, das wanken kann, war nie Liebe - es war Lüge, es war
Betrug, es war elender Alltagskram! - Warum liess denn der Einfältige von Dir ab,
sobald er fand, dass Du das Mädchen wärest, welches sein Leben beglückken könnte?
- Warum überliess er ein junges, unerfahrnes Mädchen dem Ungefähr der Lage? -
Warum überdachte er nicht statt Deiner die Folgen deiner Verbindung? - Du gabst
ihm ja Nachricht von deinen Aussichten; hätte er sich nicht wenigstens als
Menschenfreund, um den Karakter deines Mannes erkundigen sollen? - Er brachte
Dir aus Stolz ein Opfer seiner Leidenschaft, und liess sich dabei fühllos,
unvorsichtig einem Abgrund zugängeln, worein er sich jezt selbst gerne noch
stürzen möchte. Brich ab, Amalie, mit diesem unvernünftigen Geschöpfe, und
erinnere Dich deiner Dich liebenden
                                                                          Fanny.
 
                                 LXXIII. Brief
                                    An Fanny
Zürne doch nicht, Herzensfreundin, dass ich Dir erst jezt Nachricht von mir und
meinem Schiksal gebe. Gerade so, meine Traute, wie ich Dir leztin schrieb, kam
es mit dem Werbungsgeschäft zu Stande; ich und mein Mann sind dermalen schon bei
meinem Oheim in K... Du würdest staunen, Liebe, wenn ich Dir die vielen
Verdriesslichkeiten hinlänglich beschreiben könnte, die mir aus übler Wirtschaft
meines Mannes noch vor meiner Abreise über den Hals fielen. - Ich glaube, es
kann keine verdrüsslichere Lage in der Welt sein, als die, wenn man Schulden
bezahlen soll, und es aus Unvermögen nicht kann. - Ich meines Teils, wüsste mich
in diese Lage gar nicht zu finden. Mein Mann kümmerte sich gar nichts darum,
lief aus dem Hause, und überliess mich armes schüchternes Ding leichtsinnig den
Grobheiten des Pöbels. Du glaubst nicht, was ich da für eine einfältige Figur
spielte, als man Anforderungen an mich machte, zu stolz, um eine solche
Erniedrigung nicht zu fühlen, und zu redlich, um unsere Gläubiger mit Lügen
abzuweisen. - Endlich raffte ich mein Bischen Geschmeide zusammen, zahlte wie
ich konnte, und wir reisten in Gottes Namen ab. Dass uns nun mein Oheim mit aller
Wärme empfieng, das versteht sich von selbst, und davon bist Du auch zum Voraus
überzeugt, weil Du sein Herz kennst. Dass aber mein guter Oheim beim ersten
Anblik meines Mannes blind war, das wirst Du wohl nicht ganz begreifen können?
Es war wirklich ein sonderbarer Auftritt! - Denn Du weisst, mein Mann trägt die
untrüglichste Larve eines sehr soliden Mannes an sich. Der feinste
Menschenkenner hat Mühe verborgene Leidenschaften auf seinem Gesichte zu
entdekken. Er scheint gleichgültig gegen alle Versuchungen des Lasters und trägt
das Ansehn eines tiefdenkenden Philosophen auf seiner Stirne. Als ihn nun mein
Oheim mit dieser Maske zu sehen bekam, rief er mir bei Seite, und flüsterte mir
ins Ohr: Malchen, Malchen! Du hast mir die Unwahrheit geschrieben; dein Mann
sieht zu redlich aus, um das zu sein, was du behauptest... Nur Geduld, lieber
Oheim, sagt ich ihm wieder ganz leise zurück - es wird sich schon zeigen, wenn
Sie ihn einst näher kennen. - Jezt wurde mein Mann auf unsere geheime
Unterredung aufmerksam, und wir kehrten beide wieder zur Gesellschaft zurück, die
sich eben versammelt hatte. - Dann fieng man zusammen an zu essen, zu trinken
und sich wechselseitig über unsere Ankunft zu freuen. Ich sass sehr nahe an der
Seite meines guten Oheims, griff nach seiner Hand, so oft es sich schikte, und
küsste sie mit Entzükken! Mein Herz klopfte diesem herrlichen Manne bei jeder
Bewegung entgegen, und ich ärgerte mich über die eiskalten Gespräche von Reisen
und dergleichen, mit denen man sich während der Essenszeit unterhielt. Mein von
Dankbarkeit volles Herz war unter dieser Zeit zum Weinen, zum Küssen gestimmt. -
Ich hätte gerne mit der feurigsten Liebe alles getan, was nur ein fühlendes
zärtliches Kind zu tun im Stande ist, wenn es nach einigen Jahren seinen
Wohltäter, seinen Erzieher, seinen Vater wieder findet. Allgütiger im Himmel,
wie glücklich ich mich da dünkte! wie ich mich auf die Tage freute, die ich nun
an der Seite dieses guten Vaters verleben würde! - O liebe, liebe Freundin, der
Mann ist gar zu sanft, gar zu gut gegen mich, ich verdiene es beinahe nicht.
Aber schröklich stark fühlte ich den Abstand zwischen der Behandlung meines
Mannes und ihm. Was der liebe Vater sich meiner freute; wie er jedem Ausdruk von
mir holden Beifall zulächelte; wie er heimlich stolz war auf mein Herz, dessen
Bildung sein Werk ist; wie er mit Vergnügen sah, dass ich seit einigen Jahren
Abwesenheit so gewachsen sei, und wie er dann wieder sein Auge von wir
wegwandte, um einer melankolischen Träne Luft zu machen! Gott! dabei muss ihm
das Unglück meines Ehestandes eingefallen sein! - - Und denk Dir nur, meine Gute,
alle diese Auftritte sah mein stoischer Mann mit einer fühllosen Kälte mit an. O
du lieber Gott, was es doch für Menschen in der Welt gibt! - Nichts rührte den
Empfindungslosen, als bloss die vorzüglich gute und höfliche Behandlung, mit der
ihm mein Oheim und die Uebrigen des Hofes begegneten. Sehr natürlich musste so
etwas seiner Eitelkeit schmeicheln, denn der Fürst selbst hatte, in Rüksicht
meines Oheims, viele Gnaden für ihn. Den nemlichen Abend ging mein Oheim um
unserer Gesellschaft willen, nicht zur fürstlichen Tafel. - Wir speisten alle
zusammen auf seinem Zimmer, und kaum waren wir einige Minuten zusammen, so
versammelten sich mehrere Kavaliers, und freuten sich über unsere Ankunft. Baron
Sch... war auch einer davon; wahrlich, ein sehr herrlicher junger Mann! Er ist
der besste Freund meines Oheims, und so ganz gefühlvoller Mensch, ohne
Ahnenstolz, ohne Forderungsgeist; nebst einer grossen Seele trägt er ein
vortrefliches Herz im Busen und den lebhaftesten Geist im Kopf, der ihn weit
über alle Andern erhebt; es ist ein Mann ohne Vorurteil, der bloss der
Freundschaft, der Redlichkeit und der Tugend lebt. Er ist sanft ohne
Schüchternheit, gut ohne Schwachheit, lustig ohne Wildheit, erhaben ohne
Hochmut, wizzig ohne Ziererei; kurz das Muster eines sehr würdigen Kavaliers.
Die übrigen, so zugegen waren, sind muntere Herrchens, denen man es ansieht, dass
es ihnen nicht am Wohlleben fehlt. - Du kannst Dir nicht vorstellen, liebe
Fanny, wie aufgewekt den nämlichen Abend mein Oheim noch geworden ist. Ich
säumte gar nicht meinen ganzen Wiz aufzubieten, um alles so gut als möglich zu
unterhalten. - Du kennst ja meine Lebhaftigkeit, wenn ich anfange munter zu
werden? Schon oft wurde ich nachher über mich selbst ärgerlich, wenn meine
Ueberlegung mir sagte, dass eben diese Lebhaftigkeit mir den Schein des
Leichtsinns gäbe, der doch gar nicht in meinem Karakter liegt. - Aber ich bin
nun einmal schon so, und kann nichts halb geniessen, sondern alles ganz, alles
äusserst. Doch freut mich in Gesellschaften nichts mehr, als wenn ich Anlass
bekommen kann, die Männer recht tüchtig zu satirisiren. Oefter treffen mich dann
dabei auch tüchtige Hiebe; und, Fanny, ich bin Dir dann Mäuschenstille dazu,
wenn man mir wieder die Wahrheit zurücksagt. Ueberhaupt gefällt mir der
fein-satirische Ton in Gesellschaften unendlich. Er muss zwar an keine
Beleidigungen gränzen, aber er muss munter, vernünftig frei, nach Laune handeln
dürfen. Es ist in Gesellschaften eine wahre Freude, wenn man die Stunden, so
unter frohem Gelächter dahineilen sieht. O möchten sich doch die Frauenzimmer
mehr aufs Gesellschaftliche verlegen! - Möchten doch die langweiligen, unnüzzen
Geschöpfe lernen die Männer mit etwas Besserem, als mit ihrem blosen Körper zu
unterhalten. Ausschweifung und Verachtung würde dann weniger obwalten, wenn die
Männer nicht an der Seite der Weiber zur erstern aus Langerweile, und zur
leztern aus Ueberzeugung schreiten müssten. - Es ist eine ewige Schande, dass die
Männer bei den Weibern, bloss Genuss suchen können, und dass die Weiber nichts
Besseres zu geben wissen. Daher kömmt die gewaltige Mishandlung der Männer, weil
so wenig Weiber den guten Ton der Gesellschaft verstehen. Lebe wohl, besste,
liebste meiner Freundinnen! -
                                                                   Deine Amalie.
 
                                  LXXIV. Brief
                                    An Fanny
Da bin ich Dir schon wieder, meine Teuerste, und will mich recht herzlich mit
Dir unterhalten. Wenn Du mir aber so oft antworten müsstest, als ich Dir
schriebe, so würdest Du wahrlich nicht viele andere Geschäfte darneben treiben
können. Indessen will ich es mit Dir nicht so genau nehmen, wenn Du mir auf drei
Briefe nur eine Antwort zukommen lässest, so bin ich völlig zufrieden. Genug ich
habe es mir einmal vorgenommen, Dir so oft und so viel zu schreiben, als es mich
gelüsten wird. Und auf diese Art, sollst Du heute schon wieder etwas von meinem
ungezogenen Mann zu lesen bekommen. - Bedenke einmal, kaum sind wir Beide einige
Wochen hier, und schon fängt der Leichtsinnige seine alten Ausschweifungen
wieder an, ohne sich Schranken zu setzen. - Mein guter Oheim hat ihm mit dem
besten Zutrauen Geld vorgestrekt; das war gerade sein Verderben, weil er wieder
damit aufs Neue zu spielen anfieng. - Ich habe bis jezt seine Aufführung mit
allem Fleiss - bloss um nachher meinen Oheim desto augenscheinlicher davon zu
überzeugen - verborgen gehalten. - Wenn der Elende aber so fortfährt, so wird er
sich selbst bald in einem Lichte zeigen, worüber mein Oheim staunen wird. - Da
er nebst dem so viele Werbungsgelder in Händen hat, so ängstige ich mich fast zu
Tode, denn es sind lauter Reize fürs Spiel. - Auch ist er sehr unordentlich und
nachlässig in seiner Pflicht. - Gott! wie kann bei so einem Betragen sein guter
Name vor den Stabsoffizieren ohne Argwohn bleiben? - Selbst seine Untergebnen
murren über seine Lüderlichkeit; und Militärdienste sollten doch heilig sein;
die geringste Nachlässigkeit darin ist ein Verbrechen. - Will denn um
Gotteswillen dieser Mann nicht begreifen lernen, dass er ganz anders handeln muss,
wenn er seiner Uniform Ehre machen will? - Allgütiger, gieb ihm doch Vernunft
und Rechtschaffenheit! - O möchte er als ehrlicher Mann sein Leben durchwandeln!
Möchte es mir nie an Geduld fehlen, seine Aufführung zu ertragen; denn bessern
werde ich ihn doch nimmermehr! - Nun aber, holde Fanny, will ich von diesem
Punkte abbrechen, sonst werde ich wieder schwermütig, und schade meiner
Gesundheit. - Also zu etwas anderm! - Und das wäre? Was meinst Du wohl? - Eine
kleine Beschreibung vom hiesigen Orte will ich Dir jezt liefern: Der Hof ist ein
altes adeliches Stift, das aus lauter stiftsmässigen Kavalieren besteht. Sie
erwählen unter einander selbst ihren eigenen Fürsten, der zugleich souveräner
Herr seines Landes wird. - Dieser Fürst hält sein eigen Militär und alle Zierden
eines vornehmen Hofes, ist aber nebst den übrigen Stiftsherren einem geistlichen
Orden zugetan, zu dessen Pflichterfüllung einige Stunden des Tages in der Frühe
gewiedmet werden. - So bald nun diese Stunden der Andacht vorüber sind, so
geniessen die Geistlichen alle möglichen Freuden eines weltlichen Hofes. Sie
halten grosse Tafel, fahren, reiten, haben prächtige Zusammenkünften, ergözzen
sich auf ihren Landgütern, stellen Jagden an, u.s.w. Doch geschieht dies alles,
wie ich glaube, mit Erlaubnis ihres Fürsten. - Ich muss überhaupt die ganze
schöne Einrichtung dieses Hofes loben; nur eines gefällt mir nicht; und es will
mir durchaus nicht in den Kopf, dass zwischen diesem Hofe und der so nahe daran
gebauten protestantischen Stadt, bei unsern aufgeklärten Zeiten, noch ein
Bischen Religionshass Platz findet. - Aber leider ist es nur zu wahr, man nekt
sich von beiden Seiten; man ist gegen einander mehr kalt als brüderlich, mehr
mistrauisch als gütig, mehr böse als christlich, und das alles aus
eingewurzeltem Vorurteil, das sich wie Klettensamen in den Familien
fortpflanzt. - Uebrigens haben bei allem dem die schönen Wissenschaften auch in
der Stadt ihren Wohnsiz. - Versteht sich, wie in den meisten Reichsstädten, nur
in einigen Häusern. Eben das ist auch die Ursache, warum der vortrefliche,
aufgeklärte junge Baron Sch..., so wie mein Oheim, sehr freundschaftlich mit
diesen Häusern verbunden ist. Es herrscht unter diesen Denkern, troz der
Verschiedenheit ihrer Religion, eine Harmonie des Geistes, die kein katolischer
Bigottismus und kein protestantischer Eigensinn zerstören kann. - Pressfreiheit,
Duldung der bessten Schriften ist auch da zu Hause; und was braucht es mehr, um
sich einstens die herrlichste Aufklärung von beiden Seiten zu versprechen? -
Mein Oheim arbeitet unermüdet an der beiderseitigen Duldung. Ueberall erblicke
ich in ihm den tätigen Menschenfreund. Wirklich hat er auch einen jungen
Anverwandten bei sich, den er selbst erzieht. Was der neunjährige Knabe für
Talenten zeigt, ist nicht zu beschreiben; und dann die liebevolle, schöne Art
meines Oheims ihn zu bilden, lässt mir von diesem Jungen alles Gute hoffen. - Er
ist jezt schon frei und natürlich in seinem Betragen, offenherzig, gut und
sanft, sein Herz öffnet sich allem Guten, das in der lieben Natur liegt. Der
wakkere Junge liebt seinen Oheim eben so sehr, als ich ihn liebe. So viel für
heute, traute, liebe Fanny, von deiner Dich gewis liebenden
                                                                         Amalie.
 
                                  LXXV. Brief
                                   An Amalie
Willkommen, liebe Freundin, mit deinen herzigen zween Briefen! - Armes
bedaurungswürdiges Malchen, so quält Dich denn dein Mann noch immerfort! - Der
Unbesonnene, konnte Dir vor eurer Abreise durch seine Schulden noch Plagen
verursachen! - Weis denn der Fühllose nicht, dass, um Schuldner zur Geduld zu
verweisen, eine gewisse Unverschämteit oder Schamlosigkeit erfodert wird, die Du
gewis nicht in deiner Gewalt hast? Fast immer ziehen mit Schulden beladene
Menschen, denen es an Kühnheit mangelt, den Kürzern, und werden von
eigennüzzigen Gläubigern aufs empfindlichste beleidigt. - Besonders, wenn sie es
mit Pöbel, oder noch weit ärger, wenn sie es mit jüdischen Kaufleuten zu tun
haben. - Nichts macht den Kaufmann harterziger als Eigennuz. - Man wird sehr
wenig wahre guterzige Leute in dieser Menschenklasse finden. - Der
hassenswürdige Eigennuz macht die meisten von ihnen grausam, unempfindlich und
stolz. - Um dieses Lasters willen haben die wenigsten Kaufleute Gefühl für
Grossmut und fürs gesellschaftliche Leben. An den Eigennuz gewöhnt, fühlen sie
nicht den Mangel Anderer; von dem Geize beherrscht, tirannisiren sie ihre
Nebenmenschen; im Überfluss vergraben, kennen sie die Empfindungen der Armut
nicht; und so bleiben sie von der Gesellschaft zurückgezogen für sich, stolz auf
ihr Geld, und unerträglich für den Vernünftigen. Kann man etwas Widrigeres
sehen, als einen alten Geizhals von Kaufmann, der steif wie Holz und mürrisch
wie ein Menschenhasser, hinter seinem Geschäftpult neben seinem Geldkasten sizt?
- Taub für das Elend der Dürftigen, lebt derselbe bloss für seinen Eigennuz.
Möchte sich doch dieser Stand mehr für Menschenfreundlichkeit bilden! Möchten
die lieben Leutchen in ihren Reichsstädten aufhören ihre steife Etikette zu
behaupten, welche sie zum Spott für Fremde und zur Ehre ihrer Geldkisten
beibehalten. - Männer und Weiber aus diesem Stande verfallen fast immer auf zwo
Extremitäten: Die erstern sind entweder kahle, pedantische, unerträgliche
Murrköpfe; oder aufgeblasene französirende, junge Gekken. Und so geht es gerade
mit den Weibern auch: Ein Teil opfert der Alfanzerei und dem Vorurteil, und
der andere dem Hochmut und der Koketterie. Ich kenne keinen dümmern,
hervorstechendern Stolz, als den Stolz einer Kaufmannsfrau. - Bald werden sie
anfangen sich in Gesellschaften ihre Kapitalien vorzurechnen, um dadurch den
ersten Platz auf einem Sofa zu erringen. Wem dies etwa unglaublich scheint, dem
mag folgende wahre Geschichte zum Beweise dienen:
    Zwei hochmütige, auf ihr elendes Geld stolze Kaufmannsweiber, befanden sich
vor einigen Wochen in einem Schauspielhause, und nahmen den Platz einer
dreisizzigen Loge ein. Die Loge war nicht geschlossen, sondern fürs Geld dem
ersten Bessten zu Befehl. Ein braves munteres Weibchen, die Gattin eines
Tonkünstlers, geriet aus Zufall in diese nemliche Loge, und wollte den dritten
noch unbesezten Platz einnehmen. Die Kaufmannsweiber, von sinnloser Eitelkeit
hingerissen, weigerten sich dieser Frau Platz zu machen; aber unser Weibchen, die
als Künstlersfrau sich besser fühlte, als diese seichten, lieblosen Seelen,
bestund auf dem begehrten noch freien Sizze, und lies sich für ihr Geld nicht
abweisen; nach langem Zanken mussten die Kaufmannsweiber dennoch rükken; - aber
jezt ging es unter ihnen an ein Ohrenflüstern, das gar kein Ende nahm. Unser
liebes kleines Weibchen aber dachte indessen auf Wiedervergeltung für diese
abgeschmakte Aufführung; und siehe da, auf einmal wusste sie die schönste
Ohnmacht zu fingiren, die ihre Nachbarinnen nicht wenig erschrökte. Nun trat
Heuchelei bei diesen Frazzenseelen an die Stelle der Menschenliebe, und
geschwind wurde der Ohnmächtigen mit Riechfläschchens zu Hülfe geeilt. - Das
Weibchen wurde gerüttelt, aufgeschnürt und mit wohlriechenden Wassern begossen,
bis sie sich wieder erholte und die eine Kaufmannsfrau sie fragte: Madame, wird
Ihnen noch nicht besser? O Sie haben uns sehr erschrökt! - Ach nein! -
erwiederte die boshafte Kranke - Ach nein! - Es kann mir hier unmöglich besser
werden, denn es riecht zu stark nach Stokfischen, nach Oehl, nach Sardellen,
u.s.w. Im nemlichen Augenblicke erscholl von den Umstehenden ein lautes
Gelächter, und jede Ekke des Teaters war mit dieser Anekdote in einem Hui
angefüllt. - Alles, was im Schauspielhause war, fieng an zu zischen, zu
stampfen, und zu pfeifen, bis die zwo Huldgöttinnen der Dummheit von einer Menge
Buben begleitet nach Hause eileten. - Die Künstlersfrau aber trug das Lob eines
wizzigen Weibes davon, und würde um diesen Preis wohl gerne noch mehr solche
Ohnmachten ausstehen.
    Und nun, meine Besste, hast Du hier den wahren Beweis meines obigen Sazzes,
über den hervorragenden Hochmut der meisten Kaufmannsweiber. - Doch jezt auch
ein Paar Wörtchen über die Liebe zu deinem Oheim: - Dieser Edle muss nun ganz
gewis seine Herzenslust an Dir gehabt haben, wenn Du so glühend von Dank an
seiner Seite sassest. - O wie sehr verdient dieser Vortrefliche deinen Dank, und
Du das namenlose Entzükken danken zu können. Uebrigens, Teuerste, kümmere Dich
nicht in Gesellschaften über das Vorurteil in Ansehung deiner Lebhaftigkeit.
Der Umgang eines denkenden Mädchens muss Feuer, muss Freiheit haben, sonst tut er
keine Wirkung, und macht die Männer in Gesellschaften gähnen. Munterkeit und ein
Bischen wildes Wesen an einem Mädchen ist reizender, als der geschraubte,
ängstliche Ton der Blöden, die unter dem Wort Wohlstand ihre wenige Beredsamkeit
und ihre flegmatische Dummheit verbergen. Gerade diese Mädchen müssen die Männer
lehren den blosen Schein vom Laster selbst zu unterscheiden. - Sie müssen sie
lehren einen Blik ins Innere eines Mädchenherzens zu werfen. Sie müssen über
alles das die Männer lehren, dass nichts als ein liebenswürdiger Umgang das ächte
Mittel ist, die Männer vom Tierischen abzuhalten. - Die herrlichste aller
weiblichen Künsten ist, die Männer mit Kopf zu unterhalten. - Dieser Vorzug
gehört der Hässlichen so wie der Schönen, und nur zu oft welkt die leztere durch
Krankheit frühe schon dahin, dahingegen die erstere mit ihren untilgbaren Reizen
ihr ganzes Leben hindurch glänzet. O Mädchen, Mädchen! wie lange wird es noch
dauern, eh ihr die Kunst, durch Vernunft zu gefallen, so hinlänglich werdet
studirt haben, dass die Männer (den Körper ausgenommen) über euern Umgang nicht
mehr die Nase rümpfen? - So eben unterbricht man mich. Noch einen Kuss, und jezt
ein warmes Lebewohl von
    
                                                                   Deiner Fanny.
 
                                  LXXVI. Brief
                                    An Fanny
Liebe, traute Freundin! - Muss mich doch gleich hinsetzen und Dir dein Leztes
beantworten: - der Stoff, den Du darin über den Stolz der Kaufmannsweiber
berührst, verdient wirklich meine Aufmerksamkeit. Deine Gedanken darüber sind
richtig; ich selbst habe es auf meinen Reisen erfahren, wie trokken, ungesellig,
hochmütig und von oben herab einer Fremden in den meisten Handelsstädten
begegnet wird. Und was mich noch dabei am empfindlichsten ärgerte, ist die
niedrige Behandlung ihrer Dienerschaft. - Wenn ich so von ungefähr einen Blik in
ein Komptoir tat, was ich da für dummen Stolz erblikte! - Dieser unzeitige
Despotismus der Kaufleute gegen ihre Bedienten schien mir ungerecht und
verachtungswürdig. - - Jeder Untergebene gehört in der Menschheit in eine
gewisse Klasse; aber dass die Kaufmannsbedienten nicht in die Livereiklasse
gehören, ist doch gewiss Jedem begreiflich. - Kann der grosse vorurteilsfreie
Kaiser Joseph zu dem lezten seiner Beamten Sie sagen, so dünkt mich, wirds der
Kaufmann gegen seine Bedienten auch tun können, wenn er anders nicht beim
blosen Häringsfang ist erzogen worden. Der Kaufmann und sein Bedienter
verrichten beide die nemlichen Geschäfte, und wenn der erstere den grössten
Nuzzen davon zieht, so sehe ich gar nicht ein, warum er dem leztern grob
begegnen soll. - Der Unterschied zwischen dem Herrn und seinem Diener besteht
nicht in der niedrigen, sklavischen Behandlung, wohl aber in der gegenseitigen
Achtung, die sich beide verhältnismässig und nach Masgabe des beiderseitigen
Betragens schuldig sind. Geld und Glük gibt uns kein Recht, auf minder
Glükliche verächtlich herabzusehen. Verdienste, Fleis und Talente sind unserer
Achtung würdig, sie mögen wohnen in welcher Gegend der Erde sie wollen. Es muss
einem Handlungsdiener von gutem Hause äusserst empfindlich sein, wenn er mit den
Livereibedienten per Er behandelt wird. Woher hat ein Kaufmann das Recht seinem
Mitgehülfen so viel Uebergewicht fühlen zu lassen? - Vorurteil ist es, vom
Stolz erzeugtes Vorurteil, das ohnehin harte Schiksal eines Untergebenen nicht
erleichtern zu wollen. - Wenn der Herr sein Ansehen auf keine gelindere Art, als
durch dergleichen Herabsezzung zu behaupten weis, dann ist er mit seinen
Untergebenen zu beklagen, weil der erstere die ihm gehörige Ehrerbietung
sklavisch erzwingt, und der leztere aus Zwang bloss mürrisch seine Pflichten
erfüllt. - Der Kaufmannsstand sollte sich in unsern Gegenden so viel möglich von
den Sitten des Pöbels zu unterscheiden suchen. - Es ist ein würdiger, nüzlicher
Stand; Fleiss und gute Einrichtung sind seine ersten Pflichten; schmuzziger
Eigennuz aber, Rohheit und Hochmut erniedrigen ihn. - Es ist mir unbegreiflich,
wie man unter diesem Stande, bei so häufigen Glüksgütern, doch so wenig Bildung
des Herzens und der Sitten trift? - Der Fehler liegt in der Erziehung.
Kaufmannssöhne werden in ihrer ersten Jugend als Ladenjungen zu Knechtsarbeiten
verdammt. - Mancherlei niedrige Verrichtungen und schmuzzige Arbeiten sind ihre
Beschäftigungen. In Gesellschaft von Knechten und Mägden vergessen sie ihr
Herkommen, lernen eine pöbelhafte Lebensart, in welcher sie sich noch zu
vervollkommnen suchen, weil es ihnen Pflicht scheint, sich in diese Gesellschaft
schikken zu müssen. - Endlich geht in so einem armen Jungen alles Ehrengefühl
verloren, erhabene Begriffe werden bei ihm erstikt, er lernt nicht denken, nicht
empfinden, und lebt wie ein gutwilliges Lasttier auf seiner unwürdigen Laufbahn
fort, bis ihn sein Schiksal zum Bedienten erhöht. - Da sizt er nun wieder vom
Morgen bis in die späte Nacht am Schreibtisch wie angenagelt, krizzelt seinen
troknen Schlendrian fort, und zittert wie ein Gefangener, wenn ihn sein roher,
eigennüzziger Gebieter in einer augenbliklichen Erholung überrascht. So viele
mit Vorurteil bestrikte Herren nehmen sich sogar die Freiheit heraus ihren
Bedienten nüzliche Bücher zu verbieten, und schränken junge Leute bei müssigen
Stunden zuchtausmässig ein. O der steifen Dummheit, die ihrem Nebenmenschen
jeden Weg zur Weltkenntnis und zur Bildung abschneidet! Wie kann so ein junger
Mensch Geist und Denkkraft erhalten? - Wie kann er ein taugliches Mitglied der
menschlichen Gesellschaft werden? Wie kann er als Herr einst vernünftiger gegen
seine Untergebenen handeln, wenn er selbst so elend ist behandelt worden? -
Pöbelhafte Sitten, Unempfindlichkeit, Grobheit, Vorurteil müssen bei ihm ewig
hervorscheinen, weil es die ersten Eindrükke sind, die er, als sogenannter
Hundsjunge, in seiner frühen Jugend einsog. - Väter und Mütter, lasst euere
Kinder Zuschauer von allen Beschäftigungen werden, die zu diesem Stande gehören;
aber hütet euch wohl, sie ausser einem Notfall selbst an niedrige Arbeiten zu
gewöhnen, sie kommen dadurch mit dem Pöbel in Gemeinschaft. - Ladenkehren,
Einheizen, Kinder herumschleppen, Betten machen, u.s.w. sind lauter unwürdige
Beschäftigungen, die ihr Herz und ihre Bildung verunedeln. - Bald schreib ich
Dir wieder mit eben dem Herzen, das nur Dir gehöret.
                                                                         Amalie.
 
                                 LXXVII. Brief
                                    An Fanny
O meine guterzige Freundin! - Das war wieder für mich ein entsezlicher
Auftritt! - Ein Auftritt, der jedes warme, fühlende Menschenherz zum innigen
Mitleiden hinreissen muss! - Ich will Dir ihn schildern diesen Auftritt, wenn ich
es vermag: - Vor einigen Tagen musste mein Mann einen Transport Mannschaft nach
G.... liefern. - Mein Oheim befürchtete diese Mannschaft möchte in den Händen
der Unteroffiziere eben nicht am sichersten sein. - Aus diesem Grund riet er
meinem Mann, er möchte aus Vorsicht selbst mitreiten. - So sauer nun diese
kleine Reise meinen Mann ankam, so durfte er meinem Oheim doch nicht
widersprechen, und es geschah. - Er machte sich nebst seinem Bedienten auf den
Weg, geriet aber auf der Rükreise in eine Spielgesellschaft und - Gott erbarme
sich seiner und meiner! - - Er verspielte in eben dieser Gesellschaft Pferd,
Geld und alle übrigen Kostbarkeiten, die er bei sich führte. - Ha! - Meine
Fanny! Wie erschrak ich, als sein Bedienter mit dieser Nachricht bei mir
anlangte! - Der Kerl versicherte mich, dass Verzweiflung auf dem nächsten Dorf
sich seines Herrn bemächtigt hätte! - Starrend, staunend sah ich dem Burschen
ins Gesicht, konnte weder denken noch handeln, alle Fassung hatte mich verlassen!
- - Es war mir unmöglich dieses Elend meinem Oheim anzukündigen! - Ich sah jezt
seine Wut, seine Verwünschungen zum voraus! - Und konnte ich es ihm verdenken
diesem guten Manne, der sein ganzes Vermögen, seine Ruhe, seine Gesundheit an
einen lüderlichen Spieler gewagt hatte? Ja, Fanny, Alles, Alles, bloss aus Liebe
zu mir, aus Menschenfreundlichkeit, aus Hoffnung, dass er sich bessern würde. Er
gab diesem Undankbaren was er nur immer entbehren konnte; und nun betrogen, von
einem Elenden, dessen Aufführung ihm und seiner Ehrenstelle bald öffentliche
Schande gedroht hätte! - Jesus Christus! Ich komme fast von Sinnen, wenn ich die
Folgen bedenke, die unserer Familie zur ewigen, unauslöschlichen Beschimpfung
durch diesen Leichtsinnigen noch bevorstehen. Trostlos kämpfte ich lange mit
fürchterlicher Bangigkeit, unentschlossen irrte ich im Hause herum, mehr als
zehen Mal nahte ich mich der Treppe, um diese Nachricht meinem Oheim zu bringen;
aber umsonst, es war mir geradezu unmöglich! - Was? - den grössten Wohltäter
unter den Sterblichen soll ich so schröklich beugen! - Dies fuhr mir dann wieder
durch den Kopf. - Endlich fieng ich an zu rasen, zu wüten, mit den Zähnen zu
knirschen, warf mich aufs Bett, rang die Hände, bis meine sinnlose Betäubung
meine Qual einschläferte. - Ich phantasirte, rief meinem Mann mit grässlicher
Stimme - so viel erzählte man mir nachher - Rette dich, armer Sünder! - schrie
ich - rette dich - vor den Händen der Henker! - Siehst du, wie sie dich pakken
wollen! - Siehst du! Haltet ein! um Gotteswillen haltet ein! - Hier ergriff ich
den Bedienten beim Halse, der jammernd an meinem Bette stund, und riss ihm in der
Verzweiflung seinen Halskragen in Stükke. - Der arme Junge wand sich von mir
los, und lief mit Angstschweis bedekt nach Hofe zu meinem Oheim. Gott! wie
dieser gefühlvolle Mann zusammenfuhr, wie er hereilte zu meinem Krankenbette! -
Mit aller Wärme eines leidenden Freundes bemühte er sich lange umsonst, mich ins
Leben zurückzurufen. Grässlich schwer drükte der Anblik meines so schnelldrohenden
Todes sein blutendes Herz! - Dieses ängstliche Gefühl schien den Eindruk zu
lindern, den er durch die pflichtvergessene Aufführung meines Mannes tief
empfunden hatte. - Wenn mehrere Leiden auf den Sterblichen zusammenstürmen,
sagte er mir nach der Hand, so sind doch immer diejenigen am stärksten, wofür
sich die Stimme des Bluts verwendet! - Meine kalte, konvulsivische Erstarrung
dauerte noch so lange, bis die Tränen und Küsse meines Oheims mich wieder zum
Leben erwekten. - In seinen Armen öffnete ich meine Augen, an seinem Herzen
fühlte ich das meinige wieder zum ersten Male klopfen. Hoch pochte mein Busen
auf, aber sprachlos war meine Zunge, bis mein Oheim mich versicherte, dass er von
Allem unterrichtet wäre. Jezt fieng bei dieser Erklärung neuer Schrekken an
durch meine Glieder zu schaudern; alle Umstehenden zitterten vor einem Rükfall
der Krankheit, und mein Oheim beschwor mich um seiner Liebe willen, ruhig zu
sein! - Die Natur hatte sich ermattet, ein schwermütiger Schlaf gab mir die
wenigen Kräften wieder, die sich noch in meinem kränkelnden Körper zu neuen
Leiden befanden. - Als mich nun mein Oheim etwas stärker glaubte, fieng er mit
Männerkraft an über die Zügellosigkeit jenes Ehrvergessenen auszubrechen: Er ist
ein Betrüger! - Er mordet dich und mich! - Wir wollen dieses Ungeheuer der
menschlichen Gesellschaft verabscheuen! - Fliehe ihn, meine Tochter! Fliehe ihn!
- Er hat mutwillig, mit Vorsaz alle Bande zerrissen! - Ach! um seines
Seelenheils willen, mein Oheim, nur diesmal noch Verzeihung! - Nur diesmal! -
Heilige Mutter Gottes, hilf mir bitten! - Nur diesmal noch! - Strafbares, zu
guterziges Weibchen, versezte er, soll ich seine Laster durch neue
Unterstüzzung nähren? - Soll ich mich der Gefahr aussetzen, Schimpf und Schande
an einem Buben zu erleben, der die Kühnheit hatte, fremde Gelder anzugreifen? -
Soll ich mein Ansehen, meinen guten Ruf, meine geistliche Würde dem Tadel Preis
geben, verstokte Sünder durch unbesonnene Guteiten im Laster gestärkt zu haben?
- Gewis, liebes Malchen, ich bin es bei Gott müde, länger einen Undankbaren zu
schonen! - Er hat meine Ruhe zerstört, er hat dich, meinen Liebling, dem Grab
zugeschleppt; er hat mich an Glüksgütern entblöst; was will er denn mehr, der
Verwegene? - Um der Barmherzigkeit Gottes willen, mein Oheim, nicht weiter! -
Sie tödten mich! - Vergieb, arme gute Seele, vergieb! Der Eifer riss mich hin! -
Siehst Du, mein Kind, Dir zu Gefallen will ich jezt Mann sein, und aus Liebe zu
Dir, Herzens-Malchen, will ich auch diesmal auf Mittel denken, unsere
allerseitige Ehre zu retten. Nur hüte Dich, dass mir dein Mann nicht zu frühe
unter die Augen kömmt; denn noch blutet die Wunde, die der schwärzeste Undank
mir schlug! - Noch siehst Du blass aus, wie der Tod, meine Arme, und trägst die
Zeichen der Grausamkeit auf deinem Gesichte! - Ich gab diesem Edeln mein Wort,
dass ich dafür sorgen würde, meinen Mann seinem Anblik zu entziehen, und so
verlies mich der gute sanfte Vater. - Es dauerte aber nur wenige Stunden, so
folgte eine Summe Gelds die dieser Herrliche auf seinen Kredit hin geborgt
hatte, zum Ersaz für meines Mannes Rükstand. Tages darauf kam der niedrige
Sklave seiner Leidenschaften wie ein Verdammter von seiner Reise zurück. Sein
Gesicht war zerstört, seine Züge in Unordnung, seine Augen hohl, seine Farbe
gelb, seine Haare zerrauft, seine Kleider kotigt, und seine Laune stumm. -
Rasch trat er ohne Gruss ins Zimmer! - Angst, Seelenangst überfiel mich
Armselige! - Er schien weder meine Krankheit, noch meinen Gemütszustand
bemerken zu wollen. Der beleidigte Hochmut empörte sich in ihm bei dem Gedanken
sträflich zu sein, und übermannte ihn so sehr, dass er sich einen ganzen Tag lang
ohne Speise zu sich zu nehmen in sein Zimmer verschloss. Er schien gar keine Reue
zu fühlen. Die Notwendigkeit, wieder von meiner Seite Hülfe annehmen zu müssen,
machte ihn beinah rasend! - Und doch zwangen ihn seine Werbungsgeschäften, dass
er mir durch seinen Diener Geld abfodern lies. Ohne den mindesten Vorwurf
schikte ich ihm die ganze Summe. Seit dieser Zeit sah ich ihn mit keinem Auge.
Mein Unglück ist meine einzige Gesellschaft! - O Fanny! Warum nicht auch der Tod?
Wenn es in einer solchen Lage Verbrechen ist, ihn zu wünschen, o so vergieb
Allsehender, der gebeugten
                                                                         Amalie.
 
                                 LXXVIII. Brief
                                   An Amalie
Holdes, liebes Malchen, es würde mir Sünde scheinen, Dich in deiner wirklichen
Verstimmung nicht zu trösten. Meine Amalie, ich schrieb eine Lüge! Denn welches
menschliche Wesen hat in einer solchen Lage Trost für Dich? - Keine Macht, keine
Gründe, keine bittende Freundschaft vermögen Dich von einem Untier zu trennen,
das Dich mit Hohngelächter zum Abgrunde hinschleppt! - Bist Du denn seiner
Misshandlungen noch nicht müde? - Hängt dein Herz noch immer an einem Barbaren,
der Dich lebendig tausendfach würgt und doch nicht tödtet! - O das Weiberherz
ist eine geringe Waare, die jeder Schandbube misbrauchen kann, wenn er sie
einmal im Besiz hat. - Teure Märtirerin der unaussprechlichsten Leiden, komm in
meine Arme; verlass ihn den verabscheuungswürdigsten Unmenschen; er ist für Dich
und für die Tugend unwiederbringlich verloren! - Wo Ehre weicht, weicht alles
was zum rechtschaffnen Mann gehört. - Gott im Himmel! - Er stürzt Dich und
deinen Oheim ins Verderben! - Sei vorsichtig, entferne Dich, dieweil es noch
Zeit ist! - Deine Standhaftigkeit ist eine Sünde, die Du auf Kosten deines
Lebens und deiner Gesundheit begehst. - Warum hörtest Du nicht schon lange auf
meine Warnungen? - Warum folgtest Du nicht meinem Rate? - Warum öffnetest Du
ihm wieder ein Herz, das der Leichtfertige in Stükke zerreisst? - Du bist Weib im
vollen Verstande, ein schwaches Weib, sonst würdest Du deinem Mörder nicht
selbst den Nakken darbieten. Deine sträfliche Guterzigkeit ist anstekkend, Du
betörst damit deinen Oheim, reissest ihn mit ins Verderben! Grausames,
unbesonnenes Geschöpf! Höre die Wahrheit deiner Dich liebenden Freundin, und
folge der Stimme der Vernunft! - Ich bitte, ich beschwöre Dich jezt zum lezten
Mal, folge meinem Rat! - Wer kann, wer darf ihn tadeln? - Ist er nicht der
Menschheit angemessen? - Grausamkeit zu dulden, kann kein Gesez fodern! -
Verhärtetes Laster muss hier oder dort gestraft werden, sonst weh dem
Unschuldigen, wenn Niemand seine Klagen hören will! - Und, gesezt denn auch, die
Ohren der geistlichen Richter wären unter euch Katoliken für so ein Elend taub,
so dürfen es doch die deinigen nicht sein, gegen ein Leben, dessen Verkürzung Du
einstens schwer deinem Schöpfer wirst verrechnen müssen! Was könntest Du wohl
länger einem Schurken an seiner Seite nüzzen, der sich mit Lasterwut im Kote
herumwälzt? - Oder sind Spielsucht, Mordsucht und Betrügerei etwa nicht
hinlängliche Gründe zur ewigen Trennung? - Wenn der eigene Mann sein angetrautes
Weib durch Spielsucht der Armut und ihren Versuchungen Preis gibt; ist er denn
nicht sträflicher, als der gekannte Böswicht, der nicht wie dieser öffentlich,
sondern im Stillen, unter dem Dekmantel der Religion Seelen mordet? - Wenn so
ein Meineidiger der am heiligsten Altar Fleis, Sorgfalt und alle Arten von
Pflichten schwur, wenn so ein heuchlerischer Lügner mit Satans Grausamkeit,
durch Hunger, selbstverursachten Mangel und Misshandlung die Gesundheit seiner
Gattin schwächt, und ihr Leben verkürzt: O dann sagt mir, ihr eiskalten Richter,
wo gibt es unter der Sonne einen verdammungswürdigern Mörder, als in einer
solchen Ehe? - Wie er dann im Dunkeln das an ihn gefesselte Weib dahinwürgt! -
Wie er als Mann überall den Stärkern behaupten kann; wie die Menschen geneigt
sind, Männerhärte zu entschuldigen, und wie sie dann schreien und wimmern kann,
die arme gepeinigte Unschuld, bis der Tod sie von Banden befreit, die leider nur
bei den wenigen vernünftigen Protestanten, auf dieser Erde gelösst werden können.
- Beim Himmel! - Meine Freundin, zu wenig kann das Auge des Richters in die
verschlossene Mauern so vieler unglücklichen katolischen Eheleute dringen, wo
Tirannei des Mannes und sanfte Duldung des gekränkten Weibes, das leztere
hinwelken machen, weil dasselbe zu viel Ehrengefühl besizt, um zur Schande des
erstern, ihr Hauskreuz öffentlich bekannt zu machen! Es ist doch die
schröklichste Unmenschlichkeit, dass Tugend und Laster in einer solchen Ehe in
einem Hause wohnen, an einem Tische speisen und in einem Bette schlafen muss! -
Wie leicht kann eine unerfahrne junge Waise, aus Umständen, aus Uebereilung, mit
einem leidenschaftlichen Bösewicht ein Band knüpfen und sich dadurch für die
ganze Zeit ihres Lebens eine Hölle bereiten! - Bei jeder Klage, die über üble
Ehen vor den Richter kommt, sollte derselbe genau alle Umstände der
beiderseitigen Unzufriedenheit untersuchen: Oft sind es disharmonirende
Gemüter, oft Ausschweifungen und verhärtete üble Gewohnheiten, die eine Ehe
ohne Hoffnung, dass sie besser werden könnte, vergiften. - Wir haben in
katolischen Ländern kein häufigers Uebel, als unzufriedene Ehen. Würde man die
vielen menschlichen Teufel, die einander täglich, stündlich wie Furien plagen,
ohne Umstände von einander scheiden, so gäbe es minder boshafte Kinder und
minder unglückliche Ehen. - Der Richter muss Menschenkenner genug sein, um ins
Innere zweier Gemüter zu dringen, er muss mit Ueberlegung untersuchen, ob wegen
Verschiedenheit der Herzen, der Temperamenten, der Gemütsarten, der Grundsäzze,
alle Hoffnung verloren ist, solche Leute je wieder zu vereinigen, dass kein
Rükfall zu befürchten ist. Eingewurzelte, überwiesene Ausschweifung oder
Sorglosigkeit des Mannes sind auch Ursachen, die durchaus Ehen für immer
scheiden sollten; besonders dann, wenn keine Kinder vorhanden sind. Man urteile
nur selbst, ob nicht die Religion weit mehr durch die Unmöglichkeit der Trennung
eines Bandes enteiligt werde, welche oft beide Eheleute zur Verzweiflung
bringt, und sie in ihrem heimlichen Lasterleben nur noch hartnäkkiger und
verstokter macht, als durch die Lösung desselben, vermöge welcher vielleicht
noch Besserung für den einen oder den andern Teil zu hoffen ist. - Zwang nährt
überhaupt alle Laster, aber freiwillige Tugend macht der Religion und ihren
sanften Banden Ehre. - Es geschieht dann doch im Stillen in solchen Ehen so viel
Uebels, als man sich kaum denken kann. Und ist denn bei dergleichen Entdekkungen
das Ärgernis nicht weit sträflicher als die Trennung? - Sollen denn zwei
abgeneigte, verbitterte Gemüter wie Kettenhunde so lange mit Wut an ihren
Ketten nagen, bis sie von selbst zerbrechen? - O Menschheit! - Menschheit! Wenn
werden deine Gesezze anfangen der lieben Vernunft und der schönen Natur Ehre zu
machen? - Aber nun, meine bedaurungswürdige Amalie, sei Dir das genug gesagt,
von einem Gesez, das auch Dich unglücklich macht! - O, meine Arme, wach auf aus
deinem guterzigen Schlummer, suche Ruhe, suche Zufriedenheit; Du bist nicht
dazu geschaffen, Dich durch eines Andern Laster in Staub tretten zu lassen.
Amalie! ich fühle dein Elend jezt wieder aufs Neue zu tief... um Dir etwas
weiter zu sagen, als dass ich mit Dir unglücklich bin! Deine fühlende
                                                                          Fanny.
 
                                  LXXIX. Brief
                                    An Fanny
Ja wohl, meine einzige, vortreflichste, guterzigste Freundin! Ja wohl, scheint
mir Alles in meiner Lage trostlos! - Nicht taub gegen deine Bitte, nicht taub
gegen die Vernunft, aber unfähig zu jeder Unternehmung, schleppe ich meine
Geschikke von Gedanke zu Gedanke, und kann keinen finden der mich beruhigt. - Ob
ich der Mishandlungen meines Manns nicht müde bin? - O meine Besste! - Mein
schwacher Körper ist es schon lange, aber mein Herz ist es nicht. - Lass es immer
an dem Pflichtvergessenen hängen, dieses zu gute Herz; mag er es bis zum lezten
Schlage peinigen, so bleibt ihm die Strafe und mir die Belohnung dort oben
übrig! Und wenn denn doch Schandbuben so leicht aus teuflischem Leichtsinn das
Herz eines guten Weibes zerfleischen können, so muss es unter unserm Geschlecht
auch Weiber geben, die es bei ihnen so lang als möglich auszuhalten wissen. Wo
bliebe sonst das sanfte, guterzige Gefühl der Natur, das bloss dem Weibe zur
Zierde von dieser gütigen Führerin zugeteilt wurde? - Mein Gatte ist nun auf
ewig für mich verloren! aber werde ich glücklicher sein, wenn die Entfernung von
ihm an meiner Seele noch schröklicher nagt? - Er hat mich arm gemacht, in
Schande gestürzt, aber bin ich denn bei seiner Abwesenheit reicher? - Ha! -
Meine Fanny, ich will Dir folgen, wenn Du mir die Seelenruhe wieder geben
willst, deren Verlust mich sonst martern würde! - Meine Standhaftigkeit wäre
Sünde, sagst Du? - O, dann ist seine Behandlung teuflisch und mein Nachgeben
himmlisch! - Doch pfui! was meine Eigenliebe mir da wieder vorgaukelt! - O, ich
schäme mich! - Das zu tun, wozu wir verbunden sind, verdient kein Lob, sonst
verliert es seinen Wert. - Aber wahrlich, wahrlich, Du hast Recht,
liebenswürdige Denkerin, ich bin ein schwaches, schwaches Weib, die gutwillig
ihrem Tod zueilt! Bei Gott! das Weib ist, wie es alle Menschenkenner sagen -
entweder Engel oder Teufel. - Und nun auch zum lezten Mal, meine Freundin: lass
ab von deiner Foderung, ich kann, ich darf ihn nicht verlassen! Was würde die
Welt, was würden meine Feinde sagen? Die Richter meinst Du? - O, die Richter
unserer Religion sind bloss Maschinen, die vom Vorurteil oder vom Eigennuz in
Bewegung gebracht werden! - Soll ich mich ihren fühllosen Untersuchungen und
wenigen Einsichten Preis geben? - Mein Schmerz würde mich vor ihrem Angesichte
stumm machen, da indessen der kaltblütige, beredtere Ehemann seine Sache unter
dem Schuz der Bigotterie mit Nachdruk verteidigen würde. Sollte ich unverschämt
genug sein können, ihm vor Andern seine Fehler vorzurückken, und mir selbst durch
seine Galle vergrösserte andichten lassen? Nur gemeine Weiber können in den
Gerichtssaal hinstehen und ihre Männer mit sich öffentlich beschimpfen! - Und
wenn sie dann auch zu meinem Vorteil vollendet würde diese Scheidung, was würde
es mir bei meiner Religion nüzzen? Bin ich hernach freier? - Kann ich meine Hand
einem Andern geben, die ewig durch Kirchengesezze gefesselt bleiben muss! - O des
grässlichen Gedankens, der mir jezt zentnerschwer aufs Herz fällt! - Hinstürzen
möchte ich zu den Füssen eines Josephs, und seine Weisheit, sein Menschengefühl
mit aufgehobnen Händen anflehen! - Dieser grosse Monarch, der die bigottische
Tirannei von dieser Art auch im Einzelnen untersucht, der ohne Geld, ohne
Nebenwege gedrängten Eheleuten zu Hülfe eilt. - - Ha! - Meine Fanny! Das war
bloss ein kleiner vorübereilender Trost, der mir in meiner kummervollen Lage
nichts hilft. - Zaghaft ist jeder Unglückliche, und selten wagt es ein Weib sich
dem Trone eines Fürsten zu nahen, wenn es auf Unkosten eines Gatten gehen soll.
Und nun sage selbst, meine Freundin, was bleibt mir übrig? Soll ich mich an
geistliche Richter wenden, die eine unglückliche Ehe kaum dem Namen nach kennen?
- Soll ich diesen harten ans Zölibat gewöhnten Menschen meine Leiden vorjammern,
die nur zu oft fremdes Elend gar nicht einmal begreifen. - Angejocht an ihren
geistlichen Stand, tragen sie zu wenig Kenntnis der Welt in ihrem umnebelten
Kopfe, um sich hinlänglich in die Lage einer unglücklichen Ehe hinein denken zu
können. Und wenn denn auch unter diesen Richtern zuweilen ein denkender Kopf
ist, der von keinem Vorurteil sein Gefühl erstikken lässt, was würde mir dieser
einzelne nüzzen, da hingegen so viele andere zum Unheil der Menschheit ihre
eingeführten grausamen Rechte behaupten müssen! O! für mich ist in dieser Welt
keine menschliche Hülfe mehr! Ich bin an Bande gefesselt, die Menschendummheit
so enge, so unauflöslich bei meiner Religion zusammenknüpfen! - Es ist
schröklich, schröklich, die ganze Zeit seines Lebens lebendig todt ans Laster
verheiratet sein zu mussen; aber doch ist es nun einmal so, und der gütige,
gerechte Gott im Himmel gebe mir Stärke, das fürchterliche Verhängnis zu dulden,
das mir seine Geschöpfe auflegten! Glaube mir, Fanny, wenn unsere Geistlichen
sich begatten dürften, so würde hie oder dort einer fühlen, wie übel
ausgeschlagene Ehen das Leben zur Hölle machen können. Ha! - Wie würden sie
eilen diese nun so kurzsichtigen Schwärmer, um ein Band zu lösen, unter dessen
Druk auch sie schmachten müssten. - Nun aber leben diese vom Vorurteil selbst
gefolterte Menschen schwer - schwer ihrer erzwungenen Entaltsamkeit nach, und
befriedigen ihre Triebe im Stillen, mehr oder weniger, nach der Anlage ihres
Temperaments und vermöge ihrer Grundsäzze. - Mich deucht, dass nur durch langes -
langes Nachdenken und durch strenge Beobachtung ihrer selbst in ihnen können
Triebe erstikt werden, denen so viele Tausend unterliegen. Der Körper wird beim
bequemen Leben, bei nahrhaften Speisen so leicht Herr über die Seele, wenn er
nicht durch äusserste Aufmerksamkeit fleissig bewacht wird. So viel gestund mir
leztin ein helldenkender, braver junger Geistlicher selbst. - Doch, liebe
Fanny, wo gerate ich hin? ich moralisire über Andere und vergesse mein eigenes
Elend. - Vergessen? - O gewis nicht - gewis nicht! - Meine teilnehmende
Freundin! es drükt zu schwer in dem Herzen deiner armen, armen
                                                                         Amalie.
 
                                  LXXX. Brief
                                   An Amalie
Meine teuerste Amalie! Was kann ich Dir auf deinen lezten Brief weiter sagen,
als was ich Dir schon zu wiederholten Malen gesagt habe? - Du bist zu gut, zu
nachsichtsvoll gegen Fehler, die einer dritten Person Abscheu erwekken müssen.
Nicht immer, meine Freundin, ist Guteit Tugend. Wenn diese Guteit das Laster
nährt, dann wird sie sträflich. Erschöpft sind beinahe meine Worte, Dich zu
einem Entschlusse zu bewegen, den Du über kurz oder lang doch ergreifen musst. Ich
wollte mein Leben daran setzen, dass dein heilloser Mann Dich noch einstens von
selbst verlässt! - Gieb Acht, wenn die Hülfsmittel erschöpft sind, an denen er
sich bis hieher erholte, was dann geschieht? - Ich sehe ins Innerste seines
Herzens: Eigennuz hält ihn noch an Dich, und sonst kein anderes Gefühl. - Dein
Heldenmut, Dich im Stillen martern zu lassen, ist überspannt. - Der gütige Gott
im Himmel fodert von seinen Geschöpfen kein so teures Opfer, das dieselben
zernichtet. - Er schuf uns zur Eintracht, und wenn wir in der Welt unglücklich
genug sind, diese Eintracht unter unsern Mitbrüdern nicht zu finden, dann ist es
unsere Pflicht, die Verfolger zu bedauern, aber nicht unsere gebrechlichen
Körper unter ihre leichtsinnigen Bosheiten zu schmiegen. Ein jedes getrettene
Tierchen sucht Rettung und Hülfe; und wenn es sich dann zur Verteidigung zu
ohnmächtig fühlt, dann ist Flucht der erste Trieb dem es folgt. Und kann denn
etwas Hüfloseres unter den Menschen gefunden werden als ein Weib, die in
Ansehung der Stärke sogar bei ihrer Schöpfung den Kürzern zog? - Wenn Sanftmut
und Tränen das Herz eines Mannes nicht zum Mitleiden bewegen, was bleibt ihr
dann übrig, einen so mächtigen Wütrich zu besänftigen? Das Vorurteil hat schon
von Anbeginn der Welt seinen Tron aufgeschlagen; der Mann fühlt sein
Uebergewicht und lässt es so oft dem armen schwächern Weib auch wieder fühlen. -
Aber jezt, meine Werte, komme ich auf den Punkt, ob Du in der Entfernung von
deinem Manne glücklicher sein wirst oder nicht. - Hier sagt mir meine Vernunft:
Ja, Du wirst glücklicher sein. Ist es nicht besser, bloss das traurige Andenken
seiner Misshandlungen zu tragen als die Misshandlungen selbst? - Und wie kann Dir
dein Gewissen über einen Schritt Vorwürfe machen, zu dem er Dich selbst durch
sein Betragen reizt? - Du verlässt ja keinen Gatten, Du verlässest einen Peiniger,
der Dich nur desto ärger martert, weil er deine Mutlosigkeit kennt. Ich wette
alles, dass er sich in lokkern Stunden, über deine Guterzigkeit noch tapfer
lustig macht. - Ich kenne das menschliche Herz: hat es einmal einen übeln Bug,
dann ist es zu tausend Verwirrungen fähig. - Wenn das Herz eines Gatten an
kleinen Gefühlen, die zur häuslichen Glükseligkeit gehören, keine Freude mehr
hat, so ist in einer solchen Ehe der Friede auf ewig verloren! - Rechnen wir
einmal die grossen Laster deines Mannes hinweg, und bleiben wir bloss bei den
Kleinigkeiten stehen, die ein sorgender Mann seiner Gattin schuldig ist: - Aber
weh uns, meine Freundin! - Ich finde nicht einen Zug in ihm, der von
Menschlichkeit zeugte! - Ist er nicht mürrisch, gebieterisch, starrsinnig,
unordentlich in seinem ganzen Wesen? - Musst Du ihn nicht wie einen achtjährigen
Knaben pflegen? - Bist Du nicht seine Magd, die aus Guterzigkeit seine
Erziehungsfehler mit Engelsgeduld erträgt? - Genug davon, Amalie, ich weis
tausend Dinge, die Du mir nicht einmal schriebst, und die Dich in meinen Augen
zur unbegreiflichsten Märtirerin machen! - Uebrigens, meine Freundin, was
kümmert Dich das Gezisch deiner Feinde, bei einer Trennung, die jeder
Vernünftige nach genauer Untersuchung billigen muss? - Die Welt und deine Feinde,
geben Dir ja deine Gesundheit nicht wieder, wenn Du vor Gram da liegst, am Rande
deines jungen Lebens! - Dass Du Dich nun, meine Liebe, in deinem Unglück keinen
geistlichen Richtern anvertrauen willst, billige ich recht sehr. Sie würden Dir
unstreitig dein Elend noch schwerer machen, wenn Du bei Menschen Hülfe suchen
wolltest, die Dir sie am Ende des Prozesses doch nur zur Hälfte reichten. Du
hast selbst Vernunft und edles Herz genug, um in dieser Sache dein eigner
Richter zu sein. Wozu brauchst Du Erlaubnis zu einer Trennung, die die
natürlichste Folge einer so unglücklichen Ehe ist? - Lass sie auftretten, die
strengen Richter, und deine Standhaftigkeit bei solchen ausgestandenen Leiden
mit der ihrigen abwägen, und ich will verloren sein, wenn einer davon Dir den
Sieg streitig machen würde? - Was nun, traute Amalie, die Art bei euch
Katoliken Ehen zu scheiden betrift, kraft welcher man Unzufriedene von Tisch
und Bett trennt, so gefällt mir dieselbe durchaus nicht. - Die gegenseitigen oft
vorkommenden skandalösen Klagen, sind für denkende Zuhörer solcher
Prozessführungen ekkelhaft, und die Kosten solcher Prozesse zu gross, um eine
blose Trennung von Tisch und Bette dadurch zu erhalten. - Diese Art Trennung
macht, im Grunde genommen, Eheleute noch weit unglücklicher. Sie entgehen
freilich dadurch vielen Zänkereien, aber nur zu oft werden feurige an Ehestand
gewöhnte Temperamente noch weit unzufriedener. - An solche harte Fesseln
gebunden zu sein, die Natur für alle Triebe wegen diesen Fesseln erstikken zu
müssen, fühllos gegen alles zu werden, was uns aus Liebe das Leben versüsst, mag
so ein Zustand nicht eine schleichende Verzweiflung hervorbringen? - Doch,
Liebe, jezt kein Wort weiter mehr über einen Zustand, der mich für Dich, arme,
gedrängte, gefühlvolle Seele, so manche Tränen kosten wird! - Sei stark, meine
Besste, bring darin der Tugend ein Opfer, das mehr wert ist, als tausend
heuchlerische Ordensgelübde einer Gattung Menschen, die sich so leicht der
Entaltsamkeit wiedmen können, weil ihre Gefühle abgestorben sind. - Doch bei
dieser Gelegenheit etwas mehr über die Geistlichen von deiner Religion, wozu mir
dein Anmerkung Anlass gibt: Erst seit einigen hundert Jahren trauern diese Armen
unter der Last des Zölibats. Vorzeiten war es ihnen erlaubt an dem sanften Busen
einer Gattin hinzuschmelzen und im Gefühl der Liebe ihren Schöpfer zu preisen,
der Natur zu danken, und ihr Herz wärmer zu stimmen für Religion und
Rechtschaffenheit, die sie jezt ehelos und kalt treiben müssen. - Es ist eine
wahre Freude, wenn man den zärtlichen, den warmen, gefühlvollen protestantischen
Geistlichen betrachtet; wie er sein von Gattenliebe angefülltes Herz jedem
seiner Nebenmenschen öffnet, wie er weich ist für Religion und Pflicht, wie er
als Vater seiner Kinder, als guter Bürger seine Tage in den Armen seines
liebevollen Weibes dahineilen sieht. - Da indessen der katolische Geistliche
sein Gefühl tirannisirt, von Langerweile gemartert wird, die Religion kalt und
unzufrieden ausübt, oder gar aus Menschenschwäche auf ärgerliche Irrwege gerät.
- Gott! - Gott! - Warum duldest Du im Menschen so viele Erfindungskraft, sich
unter einander selbst zu Grunde zu richten? Warum legtest Du Gefühle in die
Natur, deren mässiger Gebrauch uns unaussprechlich glücklich macht? - Und warum
werden denn diese Gefühle von versengten Menschengehirnen uns zum Laster
angerechnet? O du guter Gott! - Besser bist Du in deinen Geboten, als es die
Menschen sind! - Du strafst nur den Misbrauch deiner Wohltaten. Du schufst uns
ja zur Liebe, zur Begattung; und Menschen wollen es wagen deine Schöpfung zu
tadeln, Triebe zu unterdrükken, die uns doch so weich zum Guten machen. - Es ist
unstreitig wahr, meine Amalie, nur tugendhafte, auf Grundsäzze befestigte Liebe
macht den Menschen zum wahren Menschen. O, was man da alles fühlt! In den Armen
der Liebe ist Seligkeit genug, um jede andere Leidenschaft mit leichter Mühe zu
unterdrükken! Aber so lange die Menschen nicht lieben, und nicht durch das
Lieben denken lernen, eben so lange wird das Laster noch überall seinen Wohnsiz
behaupten. Lebe wohl für heute, teures Malchen!
                                                                   Deine Fanny.-
 
                                  Zweiter Band
                                   LXXXI. Brief
                                Amalie an Fanny
                              Liebenswürdigste! -
Ich habe Dir heute eine sehr interessante Begebenheit zu erzählen, und kann mich
also nicht an die Beantwortung deines lezten Briefs binden. Zudem ist ja der
Inhalt desselben auch schon beiderseits beantwortet, also nichts weiter davon!
Es wird Dir aber fast unbegreiflich scheinen, wenn ich Dir sage, dass mein Mann
zu seinen übrigen Fehlern auch noch Tollkühnheit hinzusezt. - Eine Tollkühnheit,
die vom wahren Mut zu weit entfernt ist, um Lob zu verdienen. - Aber nun höre!
- Ganz von Ungefähr lief vor einigen Tagen durch unsere Unteroffiziere die
Nachricht ein, dass sich an dem jenseitigen Ufer des hiesigen Flusses sechs sehr
wohlgewachsene Desertörs aufhielten, die auf einen fremden Werboffizier passten,
der sie anwärbe und übers Wasser brächte. - Eigennuz und Unbesonnenheit rissen
meinen Mann bei dieser Nachricht bis zum kühnsten Entschlusse hin! - Er wagte es
ohne Ueberlegung, mit seinem Bedienten in falscher Uniform ein fremdes Gebiet zu
betretten, wodurch er Ehre und Leben aufs Spiel sezte, wenn mich nicht die
Vorsicht noch frühe genug zu seiner Rettung gesandt hätte. - Ich beschwur ihn
mit ängstlicher Ahndung, einen Schritt zu unterlassen, der mein ganzes Wesen
erschütterte! - Aber es half nichts; er lief wie ein Rasender von der
Werbungswut beseelt zu einem Schiffer an unserm Ufer. Donnernde
Offiziersdrohungen und Geld beschleunigten eine Fahrt auf deren Unternehmung mit
Militärpersonen der Verlust des Kopfes steht, wenn ein Schiffer es wagt solche
Dienste zu leisten. - Aber genug, die kleine Reise ging vor sich, und bald kam
mein Mann an den Ort hin, wo diese Unglücklichen mit heisshungriger
Rettungsbegierde seiner warteten. - Er fand sie in einer Scheune aufs Stroh
hingestrekt, mit Verzweiflung und Hunger ringend. - Schon mehrere Tage harrten
die Elenden unter Kummer und Jammer auf den nahen Tod, den ihnen Verzweiflung
oder Strafe drohten, wenn sie entdekt würden. - Mutlos lagen die Kerls mit dem
ängstigenden Gefühl des Verbrechens im Herzen da. - Blos mit leichten
Leinwandkitteln bedekt starrten ihre sonst nervigten Glieder vor dem rauhen
Frost des herannahenden Winters. - Die Furcht erkannt zu werden, machte sie
diesen armseligen Anzug wählen. Einige davon fluchten jezt bei reiferer
Ueberlegung ihrem Schiksale, das sie sich selbst so unbesonnen zugezogen; andere
würden gerne den Rükweg angetretten haben, wenn sie nicht die Furcht der Strafe
davon zurückgeschrökt hätte. - Endlich kam mein Mann und kündigte ihnen eine
Erlösung an, bei der er selbst alles wagte, um sie zu Stande zu bringen. - Nun
wurde die Abrede genommen und der Entschluss gefasst, erst bei der dunkeln Nacht
den Weg ihrer Rettung miteinander anzutretten. Das Schwelgen raubte nun Allen
die Besinnungskraft, und keiner davor ahndete das nahe Unglück, das ihnen wegen
der herumstreifenden Häscher drohte. Meines Mannes Bedienter allein blieb bei
gesundem Verstand, und eilte, so geschwind er konnte, auf seinem Pferd zu mir
zurück. - Todesfurcht hatte unterdessen meine Einbildungskraft gefoltert! - Schon
sah ich meinen Mann in den Händen der Gerechtigkeit für sein Vergehen bluten! -
Der Bediente traf mich in einer Verstimmung an, die an stumme Verzweiflung
gränzte! - Seine Erscheinung ohne meinen Mann drang mir ein lautes Geschrei ab,
denn er schien mir ein Bote des Unglücks zu sein. Der gute Kerl beschwur mich um
Gotteswillen meine Sinnen zu sammeln, und auf eilige Mittel zu denken, seinen
Herrn aus dieser schröklichen Gefahr zu retten! - Unglück macht erfinderisch, und
die Angst bringt oft gute Köpfe in der Eile zu den bessten Entschlüssen. - Von der
Furcht getrieben riss ich schnell meine Kleider vom Leibe, zog bürgerliche
Mannskleider an, lies mir ein Pferd satteln und meine Frauenzimmerkleidung dem
Burschen in den Mantelsak stekken. Wie wir beide eilten, kannst Du leicht
denken, und dass unsere Eile nötig war, ist unstreitig; denn kaum waren wir ein
halbes Stündchen vorwärts galoppiert, so begegneten uns jene fürchterlichen
Diener der Gerechtigkeit, die auf dem Lande herumstreiften, um Strafbare
aufzufangen. - Diese schnurrbärtigen Männer hielten den guten Lorenz an, und
fragten nach meinem Namen, da ich gerade eine Strekke Weges vorausgeritten war.
Aber der brave, treue Kerl hatte Mut genug, ihnen trozzig zu erwiedern: »Mein
Herr ist ein Jurist aus dieser Gegend, der sich mit einem Spazierritt
erlustigt.« Doch ohne ihre Antwort abzuwarten, spornte er sein Pferd, und wir
kamen in einer Stunde an den Ort, wo mein verwegner Mann ruhig im Taumel des
Schlafes schnarchte. - Kaum vermochte ich so viel über den flegmatischen
Wagehals ihn leise zu bereden meine Kleider anzuziehen, seine Uniform mit
Steinen beschwert ins Wasser zu werfen und auf meinem mitgebrachten Pferde
zurückzureiten. Zum Glükke schliefen die berauschten Desertörs hart genug, um von
unserer Unterredung nichts zu vernehmen, sonst wären sie aus hofnungsloser
Verzweiflung vielleicht die ersten Verräter an meinem Manne geworden. Denn nun
war für diese Armseligen alle Hoffnung der Rettung verloren. - Sie mussten
entweder ihren Rükken der Spiesrute bieten, oder sich ins Wasser stürzen, da
sie ohne Beistand eines Schiffmanns nicht überkommen konnten. - Während dieser
geheimnisvollen Umkleidung musste der wakkere Lorenz Wache halten; dabei sah er
mit bebendem Herzen die Häscher in der Gegend umher lauern. - Mein Mann stund
izt in Bürgerskleidern bereit zum Rükweg, und ich hatte nun auch meine
mitgebrachten Frauenzimmerkleider wieder angezogen. - Endlich sezte sich mein
Mann aufs Pferd und sprengte mit Lorenz in diesem Aufzug unerkannt vor den
herumschwärmenden Häschern vorbei! - Meine List hatte den erwünschtesten Erfolg,
man sah ihn jezt für mich an. Laut pochte aber mein Herz bei dieser gewagten
Unternehmung, die vor meinen Augen eine fürchterliche Wendung hätte nehmen
können, weil man schon lange zuvor bei ähnlichen Anlässen der Kühnheit meines
Mannes nachgespürt hatte. - Ich folgte mit bebenden Schritten hintendrein zu
Fusse, und sah meine Flüchtlinge den Zoll ohne Anstand passiren. Das Glük war auch
meiner Verkleidung günstig, und bei meiner glücklichen Nachhausekunft dankte ich
feurig dem Vater im Himmel für diesen Mut bei Drangsalen von so besonderer Art!
- Mein Mann schien sich der überstandenen Gefahr zu freuen; aber doch wurmten
ihm noch die schönen hinterlassenen Rekruten im Kopfe. Statt des Dankes erhielt
ich von ihm ein unzufriedenes Gebrumm über übereilte Zagheit eines furchtsamen
Weibes und so weiter. Mein Oheim hingegen drükte und küsste mich für diese
Handlung. - Du, meine Fanny, sollst mich aber bei Leibe nicht darüber loben. -
Hörst Du, Liebe? Besser, gar keine Antwort auf diesen Brief! Denn Du weist ja,
Lob verderbt nur zu gerne das ohnehin so sehr zur Eitelkeit gestimmte Herz eines
Weibes. - So denkt Dein
                                                                   Dein Malchen.
 
                                 LXXXII. Brief
                                Amalie an Fanny
                          Innigstgeliebte Freundin! -
Fünf volle Wochen schrieb ich Dir keine Zeile! - Gewis, meine Teuerste, ich
wollte Dir durch die Nachricht von meiner sehr wankenden Gesundheit keinen
Kummer verursachen. Ein schleichendes Fieber hat mich seiter keinen Tag
verlassen. Die Aerzte bezweifeln mein Aufkommen, und behaupten, es wäre
verschlossner Gram, der im Innern wütete. - Mein Zustand gleicht jezt einem im
Stillen lodernden Feuer, das heimlich um sich frisst. Bei mir sind die Leiden nun
so hochgespannt, dass ich weder weinen noch klagen kann. Eine sprachlose Kälte
für alles was in der Natur ist, hat meine Seele eingenommen, und beherrscht mich
von frühe bis Abends. Diese stumme Fühllosigkeit - sagen die Aerzte - sei
meiner Gesundheit weit nachteiliger als das in laute Klagen ausbrechende
Gefühl, das sonst bei geringern Leiden, als die jezzigen sind, bei mir
gewöhnlich war. Mich dünkt, eine heimlich nagende Verzweiflung hat sich in
meiner Seele eingeschlichen, und der lezte empfindliche Streich, den mir mein
Mann ohnlängst versezte, wird vielleicht auch der lezte Stoss sein, den er meinem
Leben gab! - Ich fühle so etwas Drohendes in diesem kranken Körper, das mir izt
sehr willkommen sein würde, wenn es lindernde Ankündigung meiner nahen Auflösung
wäre! - Aber ach, eine so schnelle und glückliche Erlösung gönnt mir die Natur
nicht! - Sie hat sich an mir vergriffen, da sie meinem Körper dauerhafte Anlage
schenkte, diese unbarmherzige Erhalterin meines Lebens! - Sie hat mich zur
anhaltenden Verzweiflung geschaffen, und ahndete wohl nicht, dass gränzenloses
Elend meine armseligen Tage verbittern würde! - Doch wozu diese Klagen für ein
Herz, das nicht einmal mehr die süsse Wonne der Mitteilung fühlt? - Sonst war es
mir Linderung, Dir Tränen vorzuweinen, die mir das Unglück abnötigte. Aber nun
ist sie vertroknet die Quelle dieser Erleichterung; aller Trost ist unvermerkt
aus meiner Seele gewichen, und dumpfe Raserei an seine Stelle getretten! - Ich
will Dir izt mit dem eiskalten, verstokten Gefühl einer Trostlosen die
barbarische Grausamkeit erzählen, die ich wieder aufs Neue von meinem Manne
duldete! - Eines Abends hatte das Spiel denselben wie gewöhnlich, gehasst. Schon
rükten die schwermütigen Dämmerungsstunden heran, und noch harrte ich seiner,
von bangen Ahndungen gemartert, am Fenster. Tausendmal blikte ich mit
hochangeschwollenem Herzen den schönbeleuchteten Himmel an, als ob ich seine
Gestirne um Mitleid anflehen wollte! - Die schauerliche Stille der Nacht
harmonierte so ganz mit dem Kummer, der schwer auf meinem Herzen lag! - Eine
wollüstige Schwermut riss mich zu Träumen hin, die man gedankenlos geniesst, wenn
der leidenschaftliche Gram in dem Herzen eines Melankolischen ein Kaos von
unnennbaren Ideen erzeugt. Nur bisweilen wekte mich die schauervolle Erinnerung
meines abwesenden Mannes aus diesem fürchterlichen Schlafe! - Ich sah ihn jezt
am Spieltische fremde Gelder in leidenschaftlicher Hizze darwerfen, zur
Befriedigung des schändlichen Eigennuzzes seiner lokkern Mitgesellen! - Meine
Tränen rollten auf seine sträflichen Hände, und flehten um Mitleid, um
Erbarmung! - Erschrokken blikte der Leichtsinnige um sich, und sah sein vom
Kummer blasses Weib vor seinen Augen stehen! - Das Gefühl schien einige Minuten
seine Rechte behaupten zu wollen, aber rasch, von dem übermannenden Laster
hingerissen, vergass er im nemlichen Augenblicke wieder seine leidende Gattin, die
zitternd am Spieltische ihr Schiksal erwartete! - So, meine Freundin, schwärmte
meine herumirrende Phantasie fort, bis das Knarren meiner Türe mich darin
störte, und der Bediente Licht brachte. Es war schon neun Uhr vorbei, und noch
schwelgte mein Mann in den Armen des Lasters, da indessen meine Tränen
stromweise flossen! - Ich hatte nicht den Mut mich um ihn zu erkundigen, denn
wie leicht würde sein vom Spiel gereizter Zorn mir Tod und Verderben gedroht
haben! - So oft nun die Glokke eine neue Stunde anzeigte, eben so oft fuhr mir
ein schmerzhafter Stich der grausamsten Ungewisheit durch die Seele! In dem
Drang meiner unbeschreiblichen Marter eilte ich zu meinen Büchern, und wählte
Cäciliens Leiden zur Zerstreuung. - Der Jammer dieser Dulderin milderte auf
einige Minuten den meinigen. - Ich sah dieses guterzige Mädchen als eine
Gehülfin meiner Leiden an, die durch gleiches Schliksal an mich gekettet, meine
Drangsalen mit mir teilte! Ganz in diese für mich so passende Lektüre vertieft,
durchblätterte ich mehrere Stellen dieses so herrlich schönen Buchs, das so ganz
meinem Kummer Nahrung gab! - Auf einmal öffnete sich die Türe des Zimmers, und
mein Mann erschien in der Furiengestalt eines Wütrichs! - Kaum vermochte ich
mich aufrecht zu halten! - Noch staunte ich ihn zitternd an, als er rasch mit
verbissner Wut das aufgeschlagene Buch vom Tische auf den Boden warf! - Wie eine
unschuldige zum Gericht verurteilte arme Sünderin hob ich das Buch mit
gänzlicher Ergebung wieder vom Boden auf! Ich fühlte den Angstschweiss auf meinem
Gesichte; doch, ohne den geringsten Laut von mir zu geben, erwartete ich jeden
Augenblick den lezten willkommenen Druk von einem Rasenden, der seine Vernunft
verloren hatte! - Auch hatte das Leben für mich wirklich zu wenig Reize mehr, um
wegen dieser elenden Last nach Hülfe zu rufen. Ich schämte mich seiner
Ausschweifungen zu sehr, um ihre schändlichen Folgen fremden Leuten zu
offenbaren. Ehrengefühl übertäubte jezt in mir die Furcht des Todes, und so sehr
sich auch mein junges Blut gegen diese vielleicht plözliche Zernichtung
sträubte, so war doch meine Seele stolz genug, mit Männerstärke den Ausgang
dieser Mörderszene ohne das geringste Winseln abzuwarten! - Kaum hatte ich dem
Schöpfer einen reuigen Seufzer über meine Sünden zugeschikt, so ergriff mich das
Ungeheuer beim Halse, und war zum Morden bereit!!! - Jesus sei mir gnädig! -
rief ich ihm halb röchelnd zu! - Dieser halb erstikte Schrei brachte ihn wieder
zur Vernunft, und er lies ab von einer Handlung, die ihn in Henkershände würde
geliefert haben, wenn er sie vollendet hätte! - Die Todesangst mit all ihren
Bangigkeiten trieb mich Arme jezt von einem Zimmer ins andere! - Ueberall suchte
ich Erbarmen und Rettung! - Bis ich endlich auf einmal dem Ausgang der Türe
zutaumelte, forteilte zu meinem Oheim, und mehr todt als lebendig zu seinen
Füssen hinstürzte! - Ich lag bis den andern Morgen betäubt im Blute, das durch
die heftige Wallung durch Mund und Nase sich drängte! - Die geschwinde Öffnung
einer Ader kühlte aber auch bald wieder die fieberischen Zukkungen ab, welche
diese Angst mir zugezogen hatte. Doch kaum konnte ich meinen Mund vor
Schwachheit wieder öffnen, so war mein erstes Wort: Verzeihung dem Unsinnigen,
der bloss aus kranken Sinnen nach meinem Blute dürstete! - Noch stand mein Oheim
versteinert an meinem Bette, als diese Erinnerung ihn schnell aufwärmte zur
feurigsten Rache!!! -
    »O des marmorherzigen Mörders! - schrie er jezt - Ha! - Bei meiner
Priesterwürde seis geschworen, ich will ihm durch meinen Fürsten Schranken
setzen lassen, diesem grässlichen Untier! - Ich will hineilen zu den Füssen
meines Fürsten; meine grauen Haare sollen meiner Forderung das Gewicht der
Wahrheit geben! - Ich will ihm diese brennenden Tränen eines Greises auf sein
Herz weinen; er wird mich hören, er wird ihn aufsuchen lassen, den Böswicht, der
meine alten Tage mit der unmenschlichsten Grausamkeit vergiftet! - Lass mich,
mein Kind! - lass mich! - Bald sollst du von deinem Vertilger befreit werden! -«
    Schon wollte der gefühlvolle Mann aus meinen kraftlosen Händen sich
loswinden, als ich meine lezten Kräfte sammelte, und mich ihm fest an den Hals
warf! - Mein heulendes, dumpfes Schluchzen tönte unserm nahen Freunde grässlich
in die Ohren! - Ganz unvermuter kam jezt Baron von Sch.... ängstlich ins Zimmer
geeilt, und fand uns beide in dieser erschütternden Stellung! - Aber doch war
dieser würdige Mann stark genug, meine fest angeklammerten Hände von dem Halse
meines Oheims zu lösen. Er wandte alle Künste der Beredsamkeit an, ihn zu
besänftigen.
    »Nein, mein Freund, - sagte er - Sie müssen sich nicht durch ihn beschimpfen,
wenn Sie seine Schande dem Richter aufdekken. Trennen Sie Amalien auf ewig von
ihm, und überlassen Sie den Verworfenen seinem eigenen Verhängnis! -«
    Nun, liebste, teuerste Fanny, hast Du hier eine Nachricht, die Dir gewis
willkommen sein wird. Gott gebe mir Kraft zur Ausführung, und Dir gebe er
glücklichere, zufriedenere Stunden, als deine Amalie erlebt! - -
 
                                 LXXXIII. Brief
                                Fanny an Amalie
                                  Meine Besste!
Wollte der Himmel, dass alle Martern deiner sinkenden Kräfte deinem abscheulichen
Manne auf die Seele fielen, damit er büssen möchte für deine Gesundheit, die er
Dir so mörderisch raubte! - Gott! verzeihe mirs! - Noch nie hat mein Herz Böses
gewünscht. Aber wäre es denn auch möglich, den Wert und die Leiden einer Amalie
zu kennen, und nicht Dem zu fluchen, der so einen Engel mishandelt? - O meine
guterzigste Dulderin! - Wenn Du mich je liebtest, so raffe Dich auf von den
Gefahren des Todes, die so drohend deiner warten! - Um Gotteswillen pflege mit
aller Vorsicht deiner Gesundheit! - Bei meiner Liebe, bei den heiligsten Banden
der Freundschaft beschwöre ich Dich, muntere Dich auf, verscheuche durch
Zerstreuung den Kummer, der dein armes Herz benagt! Der Gedanke, Dich vielleicht
zu verlieren, ist für mich eine folternde Angst, und reisst mich zur tiefsten
Wehmut hin! - So selten findet man auf Erden ein Herz wie das deinige, und wer
würde mir denn die Wonne der süssesten Vereinigung wiedergeben, wenn Du für mich
hinwelktest in den Staub der Verwesung? - Ha! - deine fürchterliche Schwermut
hat mich durch und durch erschüttert! - Was doch dein Schiksal ein unglaubliches
Labyrint ist! nur wenige Menschen würden seine andauernde Härte begreifen. -
Ich selbst mit all meiner Ueberzeugung stand schon oft staunend dabei stille,
und schlug die Hände über mir zusammen, wenn mir die Erfahrung für die
Wirklichkeit bürgte. Die meisten Menschen würden deine Geschichte für das
Hirngespinste irgend eines melankolischen Dichters halten, wenn sie ihnen unter
die Augen käme, denn man ist zu sehr gewöhnt, in Romanen Lügen zu finden. Auch
fehlt es den meisten Menschen zu sehr an Erfahrung, um das so mannigfaltige
heimliche Elend ihrer Mitmenschen zu glauben. - Bosheit und Verfolgung wird
unter ihnen zu heuchlerisch getrieben, um den Umfang ihrer Vertilgung zu kennen.
- Nur dem Auge des Menschenkenners sind solche Schiksale begreiflich, der grosse
Haufen hüpft darüber weg, sobald er das Unglück nicht auf dem öffentlichen Markte
ausgeschrieen findet. - Besonders gehen in der Liebe und Ehe oft Dinge unter
beiden Geschlechtern vor, die man bei den wildesten Nazionen kaum antrift. - Es
scheint, als ob alle Güte des Herzens bei Männern und Weibern in der Liebe und
Ehe verschwunden wäre. Man findet gerade da die unmenschlichsten Grausamkeiten,
wo die sanften Bande des Gefühls ihre besste Wirkung tun sollten. - Da doch aber
Liebe und Ehe in dem menschlichen Leben die grössten Epochen ausmachen, so
sollten sich die Moralisten besonders Mühe geben, die gegenseitigen, so sehr
einreissenden Mishandlungen durch gute, vernünftige Lehren zu verhindern. Wenn
die Liebe den Menschen zum sanften Nachdenken hinreisst, warum sollte die Liebe
nicht auch in jedem Stand Guterzigkeit und Vernunft hervorbringen? - Aber
leider wird in unsern verdorbenen Zeiten die Liebe zur Buhlerei herabgewürdigt!
- Man knüpft ihre tugendhaft sein sollende Bande nur körperlich, und dann bleibt
ihr nichts mehr übrig, als Sättigung. Selbst die Romanendichter enteiligen die
Liebe mit ihren unächten Schilderungen. - Sie machen diese vortrefliche
Lehrmeisterin zur empfindelnden Sucht, oder im Gegenteil zur heuchlerischen
Heldin, die in der schwachen Menschheit keine Nachahmer findet. Die Menschen
würden ihre beiderseitigen Betrügereien in der Liebe weit eher unterlassen, wenn
das Männer- Herz durchs Denken moralischer, besser, und das weibliche stärker
würde. - Von übelm Beispiele angestekt, scheut sich kein Jüngling mehr, die
Liebe durch Leichtsinn zu entweihen, und eine weinende, genossene Unschuld
barbarisch der öffentlichen Schande zu opfern! - Eben so wenig als eine
diebische Kokette es für Verbrechen hält, ganze Reihen voll Jünglinge an Seel
und Leib zu Grunde zu richten. Gerade so sündhaft geht es in den jezzigen
meisten Ehen zu. Der Mann brutalisirt das schwächere Weib, und sie beschimpft
ihn dafür im Dunkeln in den Armen eines Eheschänders! - Doch weg, meine
Freundin, von einem Gemälde, das jezt gar nicht für dein blutendes Herz taugt.
Könnt ich Dich doch mit etwas Besserm trösten, als mit der Hoffnung einer
glücklichern Zukunft, die Dir in diesem Leben noch alles versüssen muss, was Dich
bisher so grässlich peinigte! - Ha! - Wie gerne würde ich all meine Vernunft zu
diesem Vorsaz aufbieten, die meiner Freundin vielleicht Linderung verschafte! -
Aber wir arme Menschen sind so ohnmächtig in unsern Unternehmungen, und können
weiter nichts als bloss wünschen. - Doch sei ruhig, mein liebes, gutes, sanftes
Malchen, und freue Dich über ein wohlwollendes, freundschaftlich pochendes
weibliches Herz, weil Du keines unter den Männern fandest, das feurig genug für
Dich schlug! Ist dieses Andenken in einer so feindseligen Welt nicht Trost
genug, um die Stunden deines Harrens zu erleichtern? - Fasse Dich, meine sanfte
Amalie! Fasse Dich, und wähle Dir je eher je lieber einen ruhigern Aufentalt,
wo bessere Tage deiner warten, als in dem Umgang eines blutdürstigen Tiegers,
der Dich in seiner Gallsucht unmenschlich würgte! - Tausend Segen, Teuerste, zu
deiner Trennung - - und von mir Millionen Küsse mit einem Herzen voll
schwesterlicher Liebe! -
                                                          Deine zärtliche Fanny.
 
                                 LXXXIV. Brief
                                    An Fanny
Sie ist vollbracht die Trennung, meine Fanny, die meinem Herzen doch noch so
viel Mühe kostete! - Mich dünkt, es ist für eine gute Seele leichter, sich
martern zu lassen, als Jemand zu kränken. Mein Herz bleibt mir ein ewiges
Rätsel! - Wenn alle Weiberherzen so viel Schwachheit besizzen, dann wundere ich
mich nicht mehr über die vielen guterzigen Fehler, die unserm Geschlechte so
häufig ankleben. Kannst Du es begreifen, meine Freundin? Ich habe bei seinem
Abschiede noch Tränen der äussersten Wehmut vergossen. Er schien mir jezt ein
hingeworfenes Opfer, das auf dem schlüpferigen Pfade des Lasters ohne Freunde
dem Abgrunde zustrauchelt! - Der Friede wurde geschlossen, die Werbungen
eingeschränkt, und er musste zu seinem Regimente zurück. - Mein Oheim verliess den
Armseligen mit einer empfindsamen Bitterkeit, die seinem so sehr beleidigten
männlichen Karakter leicht zu vergeben ist.
    »Nimmermehr - sagte er leztin - soll er es wieder wagen, dich oder mich zu
beunruhigen! -«
    Er hat aber auch diesen guten Oheim fast ganz an Glüksgütern entblöst, und
nun zwingt ihn die Not, die Hülfe eines Freundes zu meiner fernern
Unterstüzzung anzurufen. - Ich habe mir selber eine Art Kloster zu meinem
Aufentalte gewählt, dessen Orden mehr ans Weltliche gränzt. - Ich werde bald
mit gewissen kleinen Vorbehältnissen dorten als Kostgängerin meine traurigen Tage
verleben. Die Welt ist mir jezt zu verhasst, um ihrer Reize zu geniessen, denen
mein armes Herz sich gewis nicht öffnen würde. Wenn die Schwermut einmal Wurzel
gefasst hat, dann hat sie ihre stillen Entzükkungen, und man geniesst ihrer im
einsamen Nachdenken. Ich kann oft heftig zürnen, wenn es Jemand wagt, mich in
einer Seligkeit zu stören, die ich in den stillen, sanften Stunden einer
denkenden Schwermut geniesse! - Traurigkeit wird durch Gewohnheit zu einer
Leidenschaft, die überall Stoff zur Nahrung findet, wenn sie in einem fühlenden
Herzen ihren Wohnsiz hat. Das Unglück macht denken, das Denken wehmütig, und
diese Wehmut vergilt dann wieder mit süsser, unaussprechlicher Wonne den Eindruk
des ersten Schmerzens. Wenn die Menschen das entzükkende, stille Gefühl einer
schleichenden Melankolie recht zu empfinden wüssten, sie würden es gerne mit den
wilden, rauschenden Vergnügungen vertauschen, die nur den gröbern Teil des
Menschen sättigen. O Fanny! - Ich will mich laben an meiner Lieblingslaune in
den stillen Mauern der Einsiedelei! Kein Zwang wird mich dann wie ehmals nach
den Freuden der Welt lüstern machen. Ich werde freiwillig einer Unterhaltung
entsagen, deren Genuss in meiner Willkühr stünde. Du wirst Dich wundern, Fanny,
ich darf Besuche annehmen, und auch wieder geben, nur alles unter gewissen
Einschränkungen. Auch will ich in meinen Büchern schon Unterhaltung genug
finden, die mich sättigen wird an Leib und Seele; und denn wird es ja doch im
Kloster etwa eine gute Seele geben, an die ich mich werde ketten können, sonst
würde ich die Leere wohl nicht aushalten, das für empfindsame Herzen eine
völlige Unmöglichkeit ist. - Ich will dann auch, meine Fanny, Dir zu Gefallen
einer Gesundheit so viel möglich pflegen, von welcher deine Ruhe so sehr
abhängt. Das Andenken meiner vorigen Tage soll mir dann die Ruhe der
gegenwärtigen schmekken lassen - und sollten sich dann auch meine übrigen
lebhaften Leidenschaften melden, die so stark in meinem Körperbau liegen, dann
sei Du, meine Freundin, der Schuzengel, der mich leitet. Du hast einen so
aufgeklärten Verstand, dass ich Dir nicht einmal meine Fehler verschweigen würde,
weil ich deine sanfte Leitung kenne. - Aber nun, meine Teuerste, Reiseanstalten
machen den heutigen Brief etwas kürzer! Doch nichts in der Welt soll im Stande
sein, ein Herz mit Kälte zu erfüllen, das ewig, ewig nur an Dir hangen wird.
    
                                                                         Amalie.
 
                                  LXXXV. Brief
                                   An Amalie
Millionen Glükwünsche zu deiner Erlösung, gutes, sanftes Weibchen! - Die
Nachricht davon erfüllte mich mit unbeschreiblichem Entzükken! - Meine Freude
über deine Rettung brachte mich in einen Taumel von Seligkeit, dem ich mich
nachher freiwillig überlies, um mich von der Wirklichkeit derselben ganz zu
durchdringen. - O du gute, vortrefliche Seele, vergossest noch Tränen bei dem
Abschiede eines Undankbaren, der Dich vielleicht für die ganze Zeit deines
Lebens unglücklich gemacht hätte! - Aber, meine geliebte Amalie, deine guterzige
Schwachheit ist demungeachtet weit von jener sinnlosen Schwäche verschieden, die
man bei unserm Geschlechte leider so oft findet! - Ein Weib, das nicht denkt; -
und wie viele denken denn? - Ein Weib ohne moralisches System, ist ein Wesen
ohne Grundfeste, das der blose Hauch des Lasters zu jeder Ausschweifung
hinreissen kann. Wenn der Kopf eines Weibes ihrer Reizbarkeit nicht Grundsäzze
entgegensezt, dann ist sie verloren für Ehre und Tugend. - Mangel an Denken
macht sie bei ihrer ohnehin schwachen Anlage wankelmütig, leichtsinnig, eitel,
und bereitet ihr am Ende manchmal unwillkührlich das Grab ihrer Tugend. Bei den
meisten Weibern wird Liebe und Freundschaft verwahrloset oder gar verraten,
wenn ihre angeborne Schwachheit durch Gewohnheit zum Laster ausartet. Ihr Herz
führt sie ohne Beistand des Kopfs bei den geringsten Versuchungen irre. Das
weibliche Herz ist von der Natur zu weich geschaffen, und ist durch seine
Schwäche, wenn es nicht durch Vernunft zum Nachdenken geleitet wird, allzu
empfänglich fürs Böse. - Die Ausschweifung der Weiber hat von jeher an Grösse und
Mannigfaltigkeit die Tollheiten der Männer übertroffen. Man wird immer weit mehr
sträfliche Weiber als sträfliche Männer finden; denn der Kopf taugt bei den
wenigsten Weibern etwas, und dann sinken sie gedankenlos hin in alle Fehler der
Menschheit, die sich ihrer Schwachheit darbieten: Bosheit, Dummheit und
Eitelkeit sind ihre mächtigsten Triebfedern zu allen übrigen Ausschweifungen.
Die meisten Weiber sind zu wankelmütig, um in der Liebe und Freundschaft jene
Standhaftigkeit zu behaupten, die das Glük derselben ausmacht. Aus Romanensucht
verliebt sich wohl hie und dort ein Mädchen; aber kaum hat sie die Hindernisse
der Liebe überstiegen, so gelüstet es ihrem lekkern Gaumen schon wieder nach
etwas anderem. - Das Wort Weib ist ein ewiges Geheimnis, dessen Karakteristik
nie kann entwikkelt werden. Ich habe manches Weib durch Liebe sehr glücklich
gesehen, die in den Armen ihres Gatten alle nur mögliche Glükseligkeit zu
geniessen schien, und doch war oft der elendeste Stuzzer im Stande, die
geheiligten Bande eines Biedermannes zu beflekken. Die abscheuliche Eitelkeit
macht so viele Weiber zu tändelnden Kindern, denen man so leicht Flittergold,
statt dem ächten, in die Hände drükken kann. Das nichtdenkende Weib bleibt bloss
am Sinnlichen hangen und ist samt seinem weichen Herzen nur zu oft das Opfer
eines schöngewachsenen Schandbubens. Schmeichelei und Eigennuz macht den grössten
Haufen von Weibern zu elenden Werkzeugen der Wollust, dessen sich jeder
Bösewicht bedienen kann, wenn er Kunst dazu besizt. - Siehst Du, Amalie, so ist
unser Geschlecht beschaffen. Ein Geschlecht, dem die meisten männlichen
Schriftsteller so vielen Weihrauch streuen, so dass es sich nicht einmal bessern
kann, wenn es auch schon wollte. - Fehler aus Höflichkeit nicht aufdekken
wollen, war nie meine Sache, und das Bestreben die Mängel meines eigenen
Geschlechts zu verbergen, würde mich zu jener elenden Eigenliebe herabwürdigen,
die so leicht an kriechendes Wesen gränzt. - Wenn ich mir denn auch das
Nasenrümpfen meiner eitlern Mitschwestern dadurch zuziehe, so ertrage ich es
weit leichter als die Beschuldigung einer heuchlerischen Schilderung, die mir
von Kennern zur Last gelegt werden könnte, die mit Aufmerksamkeit unser
Geschlecht studiert haben. Giebt es nun unter unserm Geschlechte zuweilen auch
Ausnahmen, so mögen mir diese Wenigen durch ihr ruhiges Gewissen beweisen, dass
sie über eine Wahrheit nicht böse sein können, die nur die Schuldigen trift. -
Keine Würdige wird sich so leicht in meine Schilderung eindringen, dahingegen
eine Getroffene sich vielleicht von selbst aus beleidigter Eitelkeit verrät.
Aufrichtigkeit war von jeher mein erster Grundsaz, und ich kann unmöglich durch
dieselbe meine Mitschwestern beleidigen, wenn bei ihnen die Verstellung nicht
schon ganz die Aufrichtigkeit verdrängt hat. - Zu dem kümmere ich mich auch um
unser Geschlecht zu wenig, als dass sein Zorn mich kränken könnte. Weiberzorn ist
ja oft so ungegründet, und gränzt so sehr an tausendfache Dummheit! - Der Neid
meines Geschlechts war von meiner ersten Jugend an mein Gegner, und meine
Gespielinnen verfolgten mich oft aus Gewohnheit, aus Langerweile, aus Hang zur
Verläumdung, aus Misgunst, nie aber aus Ueberzeugung eines an mir entdekten
Lasters. Ich liebte sie als Menschenfreundin alle, wie sie mir aufstiessen, aber
schäzzen konnte ich, wegen ihren abgeschmakten Bosheiten, nur wenige. -
Wirklich, meine Amalie, ausser Dir wird wohl mein Herz ewig der Freundschaft und
Achtung für dieses Geschlecht verschlossen bleiben. - Aber, nicht wahr, meine
Teuerste, heute verweile ich zu lange bei einem Punkte, der fast den ganzen
Raum dieses Briefs anfüllt? - Nun will ich aber auch geschwind wieder zu dem
Aufentalt deines Klosters zurückeilen: Ich zittere für deine Gemütsruhe, meine
Liebe; ich entdekte in deinem Briefe zu viel Schwermut, um diese einsamen
Mauern nicht als deine heimlichen Mörder zu betrachten, die Dich durch ihre
betrügerischen Reize zur tödtlichen Melankolie hinreissen werden! - Es liegt eine
gefährliche Anlage zur Verrükkung der Sinnen in Dir; Du nährst mit Wollust einen
Hang, den das Unglück schon so tief in deiner Seele Wurzel fassen lies, um ihn
wieder so leicht ausrotten zu können. Hüte Dich, Amalie, vor zu langwieriger
Einsamkeit, sie würde in kurzer Zeit dein Blut vollends verdikken. - Und dann,
wenn ich noch die Bedürfnisse deiner Empfindsamkeit bedenke, o, so möchte ich
laut aufrufen: O gütiger Allvater im Himmel! schenke meiner Amalie bald wieder
einen andern, bessern Gatten, in dessen Armen sie für Leib und Seele Nahrung
findet! - Lebe wohl, liebenswürdiges Weibchen, und vergiss nicht deine traute
                                                                          Fanny.
 
                                 LXXXVI. Brief
                                    An Fanny
Seit vierzehn Tagen bin ich hier, bei den sogenannten englischen Fräulein. - Das
Kloster ist ein sehr altes Gebäude, hat aber einen sehr hübschen Garten. - Die
Damen dieses Stifts sind meistens adeliche, die aus Familienverdrüsslichkeiten,
aus Hang zur Einsamkeit, oder sonst aus geheimen Ursachen diesen Aufentalt
wählten. Auch nach dem Gelübde haben sie immer noch die Freiheit zu heiraten.
Ihr Orden scheint bloss eine Geburt des weiblichen Eigensinns zu sein, um unter
Müssiggang und verschiedenen Zänkereien ihren Launen abzuwarten. Die ältern
Fräulein hängen sich an Bigotterie und ihre hässlichen Folgen; die jüngern
ergeben sich den schönen Wissenschaften und der Liebe. Doch muss ich es gestehen,
es gibt unter diesen Damen, troz den vielen männlichen Besuchen, selten
auffallende Szenen, die ans Aergerliche gränzten. Sie misbrauchen ihre Freiheit
nicht, sondern folgen willig der weisen Leitung einer vernünftigen Oberin, wenn
sie das Glük haben, eine solche Führerin zu besizzen. - Die Beschäftigung
einiger Damen ist Erziehung der Jugend, und die Schulen, worinnen mehrerlei
Sprachen gelehrt werden. Aber auch da hat das Vorurteil in der Erziehungsart
seine Stelle eingenommen; freilich nicht so stark, wie in andern Nonnenklöstern;
aber dennoch werden die Kinder steif und abgeschmakt erzogen. - Ein mechanisches
Einerlei ist die Beschäftigung ihrer Kostgängerinnen von frühe bis Abends. - Die
Arbeiten dieses Häufchens von jungen Mädchen teilen sich unter Nähen, Strikken,
Beten, Essen, Schlafen, Schwazzen und die Erlernung eines unregelmässigen
Dialekts der französischen Sprache. - Die Schulaufseherinnen geben sich zu wenig
Mühe, die aufkeimenden Gefühle der Liebe in ihren schon etwas erwachsenen
Kostgängerinnen zu studieren. Das achtzehnjährige Mädchen wird eben so strenge
als das achtjährige bewacht, und muss seine Gefühle heuchlerisch unterdrükken.
Männer statten bei ihren Lehrmeisterinnen Besuche ab, und reizen dadurch die
Einbildungskraft eines empfindsamen Mädchens, die bei ihrer harten Einschränkung
sich das nemliche Vergnügen wünscht. Und dann die Verschiedenheit der Herkunft
dieser Mädchen, die alle beisammen wohnen und schlafen müssen, ist die
gefährlichste Lage für ein gutartiges Gemüt, das, vom übeln Beispiele
hingerissen, alle Unsittlichkeiten einsaugt, die durch Kinder aus dem Pöbel
getrieben werden. Die jüngern werden von den ältern in allerhand Untugenden
unterrichtet, und lernen oft vor der Zeit die Triebe der Natur kennen.
Schwazhaftigkeit, Neid, Boshaftigkeit und andere üble Gewohnheiten, keimen unter
ihnen im Stillen, durch böses Beispiel erzeugt, hinter dem Rükken ihrer
Lehrmeisterinnen auf, die ihre kurzsichtigen Augen nicht überall haben können,
um so viele Kostgängerinnen in ihren einzelnen Leidenschaften zu beobachten. Die
Tochter eines Edelmanns wird oft von der Tugend eines Bürgermädchens beschämt,
und dann im Gegenteil wieder die Tochter eines Edelmanns durch das rohe Laster
eines Bürgermädchens verdorben, ohne dass es ihre Lehrmeisterin einmal gewahr
wird. Keine von diesen Mädchen erhält ihrem Stand angemessene Bildung. - Mich
dünkt, der blose Eigennuz ist der Endzwek dieser Erziehungsanstalt; denn
mehrmalen wird eine reiche unartige Bürgerstochter im Schoss ihrer bestochenen
Lehrmeisterin verzärtelt, da indessen die ärmere adeliche unter der rohen
Behandlung des grossen Haufens mitlaufen muss. Man untersagt zwar den Kindern die
Lesung guter Bücher nicht, aber man lehrt sie über kein Buch urteilen;
öffentliche Vorlesungen, durch welche die Kinder so viele Vorteile auf einmal
erhalten, sind gar keine hier gebräuchlich. Man sucht den Kindern bloss das
Gedächtnis durch Auswendiglernen zu überladen, ob sie dann mit oder ohne Gefühl
lesen, das ist den Lehrmeisterinnen völlig gleich. - Diese mechanische Lesart
erzeugt Dummköpfe, welche in der Zerstreuung hastig und eintönig die schönste
Moral hinwegplappern, wobei sie gar nicht denken, und also ihrem Geiste wenig
oder gar keine Nahrung dadurch geben können. Wer nicht beim Lesen denken lernt,
kann nichts verstehen, und wer nichts versteht, der fühlt auch nichts. - Das
laute Vorlesen beschäftigt fast alle Sinnen und gibt jedem eine regelmässige
Richtung. Die Fertigkeit im Lesen, der edle Ausdruk, werden unvermerkt einer
solchen Schülerin zur Gewohnheit; da indessen ihr Herz, ihr Verstand, ihr
Gefühl, ihre Beurteilungskraft auch unendlich viel dabei gewinnen. - Man lege
den jungen Mädchen Fragen über das Vorgelesene vor, damit solche von einer jeden
nach ihren Begriffen schriftlich beantwortet werden; und dann wird die
Lehrmeisterin entdekken können, wer mit Vorteil gelesen oder zugehört hat. -
Diese Art junge Seelen unterhaltend zu bilden, ist die grösste Kunst, Menschen
leicht denken und schliessen zu lehren. - Es gibt auch bei Tische und in den
Erholungsstunden so viele nüzliche Unterhaltungen, die den jugendlichen Geist
lehrreich und angenehm beschäftigen; aber freilich dazu gehört ein Bischen mehr,
als bloss ein weiblicher Klosterkopf, um so eine Unterhaltung zum Nuzzen
anzuwenden. Jedes Alter unter denen Kostgängerinnen sollte seine besondere
Lehrmeisterin, seinen besondern Tisch und seine besonderen Zimmer haben. Kinder
müssen wieder kindisch und spielend zum Denken und Fühlen angeleitet werden;
hingegen Mädchen von gewissen Jahren müssen durch ernstaftere Anweisung, die
gerade zu den sich allmählich entwikkelnden Ideen passt, geführt werden. Liebe,
Freundschaft, Grossmut, Ehestands- und Mutterpflichten, Religion und Lebensart
müssen ihnen im reinen Lichte ohne Fantasterei, ohne Vorurteil vorgelegt werden,
damit sie untereinander durch solche ungezwungene Unterredungen erhaben denken
und handeln lernen. Alle Moral hat für die Jugend ihre Reize, wenn sie ihr sanft
und offenherzig genug, so wie es der gütige Schöpfer haben will, ins Herz
geprägt wird. - Die Lehrmeisterinnen dürfen an einem Zögling in Rüksicht auf
Liebe durchaus keine Verstellung dulden, sie lehrt heucheln, und ist der erste
Grund zum Verderben eines jungen Herzens. So bald aber die jungen Mädchen
einsehen lernen, dass reine, wahre Liebe nicht sträflich ist, so haben sie sich
nicht eines Triebes zu schämen, der öfters bloss aus Zwang ausartet. - Die zu
scharfen Verbote einer sinnlosen Lehrerin in Ansehung der Liebe verderben die
bessten Herzen. - Ohne Zutrauen gegen ihre strenge Führung folgen dann solche
Mädchen heimlich ihren Wünschen, und finden den Weg zum doppelten Laster, zur
Lüge, und zur fleischlichen Befriedigung. - Das Verbot macht ihnen die Sünde
kennbar, wo eine bessere Leitung in der Liebe sie zur Rechtschaffenheit geführt
hätte. - Doch genug, meine Fanny, von einer Erziehungsart, die unter Weibern
ewig nie zu Stande kommen wird. - Warum? - Das beantworte Dir selbst! Und nun
für heut ein recht warmes Mäulchen von
                                                                  Deiner Amalie.
 
                                 LXXXVII. Brief
                                    An Fanny
                                Meine Traute! -
Ich kann unmöglich deine Antwort abwarten, die Zeit würde mir sonst tödtlich
lange werden! - Ich habe Dir leztin die hiesige Erziehung in etwas entworfen. -
Aber wie viel Stoff wäre noch vorhanden, um sie auszumalen, diese elende
Erziehungsart. Täglich erwekt sie mir mehr Ekkel. - Wo ich nur hinblikke, fallen
meinem Auge neue Mängel darin auf. - Kaum kehrt die Lehrmeisterin ihren
Zöglingen den Rükken, so geht es an ein Hadern, an ein Schreien unter diesen
Mädchen, dass man gehörlos werden möchte. Schwazhaftigkeit ist ohnehin von Natur
der Fehler unsers Geschlechts. - Man denke sich nun so ein Häufchen weiblicher
Geschöpfe in ihrer Freiheit zusammen, die in Gegenwart ihrer Lehrmeisterin
keinen Laut von sich geben durften. - Da sizzen sie dann die armen Schlachtopfer
der Dummheit, flüstern sich einander heimlich in die Ohren, und zittern bei dem
geringsten Wort ihrer mürrischen Lehrerin. - Durch das strenge Verbot gereizt,
werden sie lüstern nach Freiheit, und hängen dann in Gedanken dieser Lüsternheit
so sehr nach, dass ihr Geist unfähig wird zum Lernen. - Unter einer vernünftigern
Einschränkung frei und munter begreifen die Kinder mit unendlich weniger Mühe.
Der gute Willen eines Kindes durch Ehre angefeuert, erfüllt weit leichter und
besser seine Pflichten, und führt dem Zwecke näher, als die rauhe Art, womit man
sie dazu zwingen will. - Sie werden durch eine solche strenge Art verstokt,
hinterlistig, verschmizt, und lernen nie aus eigenem Trieb ihre Pflichten
kennen. - Auch die Art, die etwas ältern Mädchen zu bestrafen, will mir durchaus
nicht gefallen! - Durch öffentliche kindische Züchtigungen wird das Ehrengefühl
eines solchen armen Mädchens mehr verdorben als gebessert. - Sobald das
erwachsene Mädchen mit dem Kinde einerlei Strafe dulden muss, so wird ihm diese
kindische Beschämung zur Gewohnheit, und erstikt in ihr jene edle Begriffe von
wahrer Schamhaftigkeit, die für ihre Jahre die erste Triebfeder zum Guten werden
könnten. - Doch weg hievon, meine Fanny; und in den Speisesaal dieser
Kostgängerinnen: Du wirst Dich wundern, wie sie ihr französisches Tischgebet so
kalt und flüchtig daherschnattern, dass es dem lieben Gott im Himmel gewis nicht
gefallen kann. - Weder ihr Herz, noch ihr Kopf sind von den dankbaren Gefühlen
durchdrungen, die wir doch Alle so warm dem Ewigen schuldig sind! - Gemein weg,
wie man es unter so vielen Katoliken antrift, sind ihre Begriffe von Gott; nie
das, was sie sein sollten. Ihr Religionsgefühl ist der seichten Lehrart ihrer
Vorsteherinnen angemessen. Sie werden Christinnen ohne Empfindung, bloss dem
Munde nach. - Der Mangel ihres Gefühls lässt sie nicht weiter über die Grösse
Gottes nachdenken, als ihre Begriffe ihn fassen können, diesen so gütigen Gott,
dessen Allmacht sie nicht einmal aus der Natur einsehen und verehren lernen!
Weinen möchte man darüber, dass der heiligste Gegenstand der Religion in der
weiblichen Erziehung so verstümmelt wird! - Bei ihren Mahlzeiten geniessen diese
armen Kinder Gottes gütige Gaben mit der äussersten Schüchternheit. Keine Silbe
von Gespräch, durch welches man die Denkungsart der Kinder so leicht kennen
lernt, darf in Gegenwart ihrer Lehrmeisterin unter ihnen geführt werden! - Sie
lernen nicht einmal mit Anstand, ohne Zwang ihre Speisen geniessen; die Furcht
schraubt sie in jeder ihrer Bewegungen wie Dratpuppen zusammen. Nach Tische
besteht ihre Erholung in einem Spaziergang im Garten; aber auch hier dürfen sie
nicht einmal der lieben Freiheit geniessen. Wenn nun zwo sympatisirende
Freundinnen sich einander gerne allein ihr Herz mitteilen möchten, so werden
sie wie ein Bliz von der mistrauischen Lehrmeisterin getrennt, weil sie
befürchtet, ihr Herz möchte sich dem Gefühl der Freundschaft öffnen. Sonntags
müssen die Zöglinge paarweis in Gesellschaft einer Lehrerin, den Jünglingen zur
Schau, eine Hauptkirche besuchen. Ganze Reihen junger Mannsleute stellen sich
ihnen alsdann in den Weg, und reizen die schon zu fühlen beginnenden Mädchen zu
heimlichen Leidenschaften. Diese sklavische Behandlung bringt sie nach und nach
zur schändlichsten Erkältung in der Religion. - Hingerissen beim Kirchengehen
vom Wohlgefallen am männlichen Geschlecht, opfern sie bei ihrer Andachtsübung
eher dem Gott der Liebe, als dem Allgewaltigen im Himmel! - Kann man die
Religion den jungen Mädchen gefährlicher einkleiden, als in solche gleissnerische
Bigotterie? - Kurz, meine Fanny, überall finde ich, dass dieser Erziehungsplan
gar nicht zum Wohl der Menschheit entworfen ist. Wäre ich auch mit Kindern
überhäuft, so würde ich sie lieber an meiner Seite einfach, nach dem schönen
Wink der Natur erziehen, als an solche Orte hingeben, wo jedes gute Gefühl in
ihnen erstikt wird. - Die Erziehung ist ja so wichtig für unsere Glükseligkeit;
und doch gibt es Eltern, die sogar ihr Vermögen daran wenden, ihre Kinder an
solchen Orten verderben zu lassen. - Kein Monarch sollte Erziehungshäuser
dulden, wenn sie nicht vorher strenge untersucht worden sind. Vorurteil,
Religionshass, Bigotterie und Weibergrille sollten da durchaus nicht ihren
Wohnsiz haben, wo es darauf ankömmt, liebenswürdige Gattinnen, vernünftige
Mütter und rechtschaffene Bürgerinnen zu bilden. - Aber was meinst Du wohl,
Fanny, wenn die Weiber unter einander es wüssten, dass ich es wage Anmerkungen
über sie zu machen? - Hu! - wie würde mich ihre gereizte Eitelkeit verfolgen! -
Doch, Misbräuche mit Wahrheit anfeinden, darf eine jede Denkerin. Ich schwöre
Dir, dass ich es ungerne tue, Dinge zu entdekken, die unserm aufgeklärten
Jahrhundert nichts weniger als Ehre machen. - So viel für heute von
                                                                  Deiner Amalie.
 
                                LXXXVIII. Brief
                                   An Amalie
Deine beiden Briefe, meine Freundin, bestätigen ganz meinen Grundsaz, dass mit
den wenigsten Weibern etwas vernünftiges anzufangen ist. - Ich kann nicht
begreifen, wie man ihren Köpfen, die beinahe alle verdorben sind, das Werk der
Erziehung anvertraut. - Die Nonnen erschleichen sich durch den Schein der
Frömmigkeit das Zutrauen der leichtgläubigen Eltern, auf Unkosten der armen
Jugend. Die Eltern sind gewohnt, das Kloster als eine sichere Festung der Tugend
für ihre Kinder zu betrachten. - Riegel und Schlösser scheinen solchen
blödsichtigen Leuten das besste Mittel, das jugendliche Feuer eines raschen
Mädchens einzuschränken. Die Kurzsichtigen begreifen nicht, dass gerade das der
Weg ist, ihre Töchter dem Abgrund zu nähern, dem sie an der Seite einer guten
Mutter leichter entgehen würden. Lebhafte Temperamente bahnen sich durch
Einsperrung den Weg zum hartnäkkigen Laster. - Das besste Mädchen wird dann durch
Zwang zur boshaften Dirne, und befolgt nur widerspenstig ihre Pflichten.
Klostererziehung ist eine verderbende Seuche, die durch schiefe Leitung die
bessten Herzen zur Fäulnis bringt. Doch ist die üble Lehrart unter diesen Weibern
nicht so sehr Nachlässigkeit, als Mangel an Einsichten. - Dumme Erziehung pflanzt
sich von einer Nonne zur andern fort, und nur selten gibt es ein Weib, die
Fähigkeit genug besizt, Menschen (im ganzen Verstande dieses Wortes) zu bilden.
Ihr Despotismus ist gerade das gefährlichste Mittel, junge Seelen zu Grunde zu
richten. Guteit, Sanftmut, Vernunft, Nachdenken, Ergründung der Temperamenten
ist zwar nicht die Sache einer Jeden, weil ihr dieser Weg, aus Mangel an eigener
Erziehung, selbst fremd ist. Solche Nonnen arbeiten meistens fürs liebe Brod,
und kümmern sich wenig um das einzelne Wohl eines Zöglings, der für sein Geld
sich seinen Untergang eintauscht. - Wäre es diesen Weibern um das Glük ihrer
Zöglinge zu tun, so würden sie nicht mehr Kostgängerinnen annehmen, als sie
übersehen können. Die Vernünftigste unter ihnen kann denn doch in ihren Mauern
die nötige Erfahrung nicht haben, um ein Mädchen mit Welt- und Menschenkenntnis
zu erziehen. Wo findet man unter den Weibern so leicht selbsterworbene
Menschenkenntnis? - Ihre Köpfe sind mit etlich Duzzend Alltagssäzzen angefüllt,
und auf diese gründet sich ihre ganze Erziehung, ohne Rüksicht auf die
Verschiedenheit der Temperamente. Die klügern Protestanten lehren ihre Kinder in
keinem Kloster, sondern im Kindersesselchen schon die Pflichten gegen Gott und
ihre Nebenmenschen kennen; da hingegen die katolischen Klosterzöglinge manchmal
ihr ganzes Leben hindurch kaum ihr Dasein fühlen. - Das Buch der göttlichen
Offenbarung ist ihnen eben so fremd, als das schöne Gefühl der lieben Natur,
worinn die Allmacht des Schöpfers so kennbar geschrieben steht. Gellert, dieser
vortrefliche Lehrer der erhabensten Begriffe von der Herrlichkeit Gottes ist in
den Augen der meisten Nonnen ein Kezzer. Ihre rasende Ignoranz geht bis zum
Abscheu! - Die Wut des Vorurteils sizt mächtig stark in ihren elenden Köpfen;
und so pflanzen sie die Unerträglichkeit auch in ihren Zöglingen fort. Die
Protestanten sind weit guterziger, und sorgen feuriger für das Wohl ihrer
Kinder. - Ich selbst war einst Augenzeuge, dass die katolischen Starrköpfe von
Nonnen ein protestantisches junges Mädchen nicht in ihre Verpflegung aufnehmen
wollten. - Kann man den unsinnigen Hass weiter treiben? Wer gibt diesen
Boshaften das Recht, eine andere Religion anzufeinden? - Die Elenden wagen es,
ihrem unschuldigen Nebenmenschen Liebesdienste zu verweigern, die der Heiland
selbst nicht versagte! - Von elenden Grillen angestekt, wandeln sie auf dieser
Erde den verdienstlosen Weg fort, der ihnen von einem gallsüchtigen
Gewissensrat vielleicht in der Beicht ist angewiesen worden. Wie kann denn ein
junges Herz bei so einem Beispiel Menschenliebe lernen? - Wer das Unglück seiner
Mitbrüder nicht erleichtert, wer sie nicht liebt, sie mögen auch hingehören, wo
sie wollen, der wird meineidig am Schöpfer! - Und nun genug von einer Sache, die
wir doch nicht ändern werden! Lebe wohl, gutes Malchen! - - Lebe wohl! -
                                                                          Fanny.
 
                                 LXXXIX. Brief
                                    An Fanny
                                  Teuerste! -
So einsam mein Aufentalt auch immer ist, so findet sich doch immer etwas zum
plaudern. Durch meine Beobachtungen erweitere ich meine Kenntnisse, und erhalte
dadurch eine Beschäftigung, die mich vor Langerweile schüzt. Unter den Menschen
findet man überall Stoff genug zum Denken. Unvermerkt lernt man Tugend von
Gleissnerei, Schwachheit vom Laster unterscheiden. Wie nüzlich wäre jedem
Frauenzimmer Menschen- und Sittenkenntnis. Wie unterhaltend ist dieses Studium
für ein denkendes Weib! Die Frauenzimmer wären in der Glükseligkeit zu beneiden,
wenn sie ihre müssigen Augenblicke dazu verwendeten. Sie würden eigene Fehler
durch fremde kennen lernen, und überall den schlechten Zustand des menschlichen
Herzens entdekken. Sie würden auch ihre Stunden weniger mit Puz an der Toilette
tödten, und dadurch ihrer sträflichen Eitelkeit eine Nahrung benehmen, die so
oft in Laster ausartet. - Sie würden dann aufhören ihre übrige Zeit mit
verläumderischer Schwazhaftigkeit zu brandmarken. - Kurz, sie würden denken
lernen, und durchs Denken fühlende, nüzliche Mitglieder der menschlichen
Gesellschaft werden. Weibliche Tändeleien, die den Kopf stumpf und das Herz zum
Biedersinn unfähig machen, sind die unrühmlichen Beschäftigungen, womit sich
unser Geschlecht abgibt. - Die Weiber sind oft in ihrem fünfzigsten Jahre noch
unmündige Kinder, die in ihren eiteln Puz verliebt, vom frühen Morgen bis Nachts
damit spielen; leer im Kopf, und fühllos fürs Moralische im Herzen, freuen sie
sich einer Arbeit, die bloss dem törichtsten Gott der Mode opfert. - Schöpfer
und Pflichten werden über diesen allwichtigen Punkt ihrer Eitelkeit vergessen,
und nur selten bleibt ein junges eitles Weib bloss eitel. - Ist doch eine
Modekleinigkeit im Stande ihr schwaches Herz zu entzükken, um so viel leichter
wird es die Schmeichelei eines Stuzzers zum Laster bereden. Die Liebe zum Puz
wird unter den Frauenzimmern zur umsichfressenden Seuche, und raubt, unterstüzt
vom Eigennuz, ihnen ganz gewis Ehre, Tugend und guten Namen. So viele Weiber
machen aus Eitelkeit die Schande ihrer Männer, den Fluch ihrer Eltern und den
Abscheu eines ganzen Publikums aus! - Sie wollen durch Verschwendung ihre Larve
zum gefallen zwingen, und erkaufen sich diese Reize durchs Laster, um sie wieder
zum Laster zu benuzzen. Es ist zum Erbarmen, wenn man unser Geschlecht
betrachtet, wie erfinderisch es sich bemühet, durch Körper zu gefallen! - Die
Männer werden gleichsam gezwungen, nur nach dem lokkenden Körper zu haschen,
weil sie darin fast überall eine edle Seele vermissen. Die ganze Zeit ihres
Lebens an physische Reize gewöhnt, läugnen die Männer sogar die seltene Tugend
der Frauenzimmer rundweg. Würden die Frauenzimmer nicht ihre Verehrer bloss durch
blendende, sinnliche Reize an sich ziehen, so gäbe es nicht eine so grosse Menge
Lotterbuben, die durchgehends dem blosen Genus nachjagen. O Freundinnen! - Bei
dem geheiligten Gefühl der Mutterliebe beschwöre ich euch, um das Wohl euerer
künftigen Töchter, leitet das verwöhnte Männergeschlecht durch moralische
Vorzüge zu der Achtung zurück, die es unserm Geschlecht schuldig ist! - Lehrt es
die wahre Liebe im Glanz ihrer göttlichen Zufriedenheit kennen! - Macht das
durch Brutalität verwilderte Männerherz sanft, empfänglich für eine Liebe, die
der Schöpfer zur Triebfeder alles Guten so wonnevoll in den Bau unsers Körpers
legte! - Liebe Freundinnen! - denkt über die Anträge der Männer selbst nach, und
lernt genau, Liebe von Wollust, Guterzigkeit von Galanterie, Temperament von
wirklicher Zärtlichkeit unterscheiden. Beide Geschlechter werden dann aufhören
unter dem Vorwand der Liebe einander zu hintergehen, und gegenseitige Treue wird
in der wahren Liebe das blose schändliche Bedürfnis beschämen, das man ausser
dieser so tierisch untereinander befriedigt. Gewis, meine Fanny, wenn ich den
traurigen Zustand der gegenwärtig herrschenden Mishandlungen, von Afterliebe
erzeugt, überdenke, so kostet es mich Tränen, wenn ich sehen muss, dass so viele
Unschuldige den schändlichsten Betrügereien ihren Nakken aus Leichtgläubigkeit
darbieten. - Jeder Betrug wird doch von den Gesetzen scharf bestraft, aber
Betrug in der Liebe ahndet keine Seele, da er doch unter jungen Leuten um
tausend Grade stärker als der andere getrieben wird. Man wechselt jezt unter
beiden Geschlechtern bloss Körper um Körper, und kein leichtsinniger Schurke
bedenkt, dass oft die Seligkeit eines beschimpften Mädchens auf dem Scheideweg
steht zur ewigen Verdammnis! - Befriedigt sind nun seine Triebe im Schoose einer
vertraulichen Unschuld, die, durch Schwüre erweicht, das hingab was an ihr
heilig sein sollte, um dann durch seinen gebrochnen Eid reif zu werden, als
Kindermörderin, zum Schaffot! - Schröklich wird Gott einst so einen Bösewicht
richten, der mit Tiegergrausamkeit zwei Geschöpfe auf einmal mordete! - Wie er
dann da stehen wird, der meineidige Ehrendieb eines guterzigen Geschöpfs, die
von Kunstgriffen besiegt, ihm eine lange Ewigkeit durch flucht! - Gott! - Gott!
- wie mich dieser Gedanke hinreisst zum heftigsten Eifer! - Ich muss abbrechen,
Fanny! - Mein Herz fühlt zu viel, bei einer Sache, die man in der Welt so häufig
antrift. - Gute Nacht für diesmal! - gute Nacht! -
                                                                         Amalie.
 
                                   XC. Brief
                                   An Amalie
                              Herzens-Weibchen! -
Du hast in deinem Brief mit Wahrheit und Nachdruk über den beiderseitigen Betrug
in der Liebe gesprochen, und ich stimme Dir von Grunde des Herzens darin bei.
Nur zuerst noch ein Wörtchen von der weiblichen Eitelkeit: - Ja, meine Freundin,
diese abscheulichste aller Torheiten beherrscht das weibliche Geschlecht bis
zur Sträflichkeit. - Auch das dümmste Weib ist selten zum Puz zu dumm. Es
scheint, als ob die Eitelkeit im Mutterleibe schon auf die Töchter fortgepflanzt
würde. Diese sträfliche Neigung hält unser Geschlecht vom Denken ab, und macht
aus Menschen bloss Affen, die sich nach der Modegrille drehen. So viele Weiber
taumeln träumend, mit ihrer Eitelkeit beschäftigt, die Tage ihres Lebens durch,
und erinnern sich erst auf dem ungepuzten Sterbebette, dass sie Diebinnen der
kostbaren Zeit waren. - Der Fehler rührt von der Mutter her, weil sie durch
eigenes Beispiel ihrer Tochter leichtsinnig den Weg des zeitlichen und ewigen
Verderbens zeigt. Ein elender Wunsch zu gefallen, macht die alte Matrone eben so
erfinderisch im Puzze, als das junge schlecht erzogene Mädchen, die unter der
Leitung ihrer koketten Mutter ihre grössten Pflichten über der Mode versäumt. -
Die erfinderischen eiteln Frauenzimmer haben die Reinlichkeit in kostbaren Staat
verwandelt, der Ehemänner zu Grunde richtet, und Jungfrauen zu Buhldirnen macht.
Dieser abscheuliche Hang öffnet das Herz eines Weibes dem Neid und der Misgunst.
- Ehrabschneiderei hat unter den Frauenzimmern am meisten ihren Aufentalt, weil
ihre eiteln Herzen so leicht über den schönern Puz ihrer Gespielinnen bluten.
Kurz, Eitelkeit ist für ein schwaches weibliches Herz der erste Wegweiser zu
allen Ausschweifungen. Kein Laster hält schwerer unter den Weibern auszurotten,
als gerade Eitelkeit. - Eben durch diese wird oft im ehrlichsten Weibe eine
heimliche Eroberungssucht genährt, die über kurz oder lang ihren Mann gewis
beschimpft. - Nur die liebende Gattin unterhält mit Geschmak und mässigem
Aufwande ihre reinlichen Kleider, und gefällt ihrem liebenden Manne weit besser,
als die übertünchte Kokette ihrem buhlenden Stuzzer, dessen flatternder Neigung
sogar am schönsten Puzze ekkelt. - Würden die Weiber über ihre Bestimmung mehr
nachdenken lernen, so bliebe ihnen zur verschwenderischen Eitelkeit keine Zeit
übrig, die sie dann mit Buhlen oder Schminken tödten müssen. Sie tragen ja bloss
ihre verhunzte Larve zu Markte, und kümmern sich nicht, um den leichtgläubigen
Käufer, wenn er nur ihre Eitelkeit, ihren Eigennuz befriedigt. - Die Männer
haschen mit ihren feurigern Trieben bloss nach dem, was sich ihnen so leicht
darbietet, und vergessen im Taumel ihrer Befriedigung, dass sie eine öffentlich
feile Waare vor sich haben. Eine Menge solcher feiler, eitler Weiber sind nicht
im Stande, eine Männerseele zu reizen, und mitten im Genuss schon verlieren sie
des Mannes Achtung. - Dann eilt dieses Männervolk auf den Flügeln der Wollust
und Galanterie von Körper zu Körper, und vermisst bei so vielen Weibern das,
wodurch er zur ernstaften moralischen Liebe gefesselt werden könnte. Gewis,
Freundin! - Viel ist es auch die Schuld der Weiber, dass die Mannsleute überall
hin flattern und so oft der blossen Schale nachjagen. Die üble Gewohnheit, nur
Bedürnisse zu befriedigen, reisst unter jungen Leuten so sehr ein, dass sie darüber
Menschenliebe, Ehre, gutes Herz und Rechtschaffenheit aus der Acht lassen. Wenn
ihre rohen Triebe gesättigt sind, dann kümmern sie sich wenig um das Geschehene,
und wenn es auch die grässlichsten Folgen nach sich zöge! Der vorbeieilende
Taumel des Temperaments verhärtet das Herz eines Jünglings gegen das Weheklagen
eines Gegenstandes, der seinem Körper bloss augenblikliche Dienste leistete. Kopf
und Seele wird bei einer solchen Handlung zu wenig in dem flatternden Jüngling
interessirt, als dass eine solche Gehülfin durch ihren Dienst auf einige Schonung
und Rüksicht hoffen könnte. Die bloss tierische Befriedigung ist der äussersten
Harterzigkeit fähig. Jünglinge, die ihre Leidenschaften nicht durchs Denken
verfeinern, verkennen am Rande des Grabes noch ihr eigenes Blut; und nur zu oft
fliessen die Tränen einer verführten Unschuld für ihren angewöhnten Leichtsinn
ohne sie zu rühren; leicht vergessen ist von den Grausamen ein Mädchen, die sich
ihren Lüsten anvertraute. - Treulosigkeit in der Liebe ist ein so gemeines
Laster, dass man es unter den Menschen schon ohne Ahndung duldet. Der Fehler
dieser Unbeständigkeit liegt auch sehr viel im weiblichen Geschlechte, weil es
die Männer aus Mangel am Denken zu nichts Besserm gewöhnt. - Leichtsinn in der
Liebe ist so üblich unter den Mannsleuten geworden, dass ein rechtschaffenes
Frauenzimmer bei einem Liebesantrag eher zwanzig Jünglingen ins Gesicht schlagen
sollte, ehe sie es wagte, Einem zu glauben. - Die guterzigsten Mädchen werden
gerade am meisten betrogen, weil ihnen Unbeständigkeit fremd ist. Wie manche
gute weibliche Seele überlässt ihr ganzes Dasein einem heuchlerischen Schurken,
der schlechtes Herz genug hat, sie nach dem Genuss zu verlassen. Aber alle Flüche
der Erde sind eine zu leichte Strafe, für so einen Lügner, der die Kühnheit hat,
die ganze Ruhe eines armen Geschöpfs zu zernichten! - Galere und Gefängnisse
sollten für dergleichen Ungeheuer eben so wohl offen stehen, als für andere
Missetäter, die vielleicht nie mit Vorsaz ein gutes Herz zerfleischten! - Wenn
der vertrauliche Umgang eines ehrlichen Frauenzimmers so schändlich misbraucht
wird, so hat die Arme das Recht einer Natur zu fluchen, die ihr Triebe gab, um
sie aus Gefühl und Guterzigkeit zur ewigen Schande von einem Ehrenräuber
misbrauchen zu lassen. - So bald der Ruf eines Frauenzimmers untadelhaft ist, so
begeht ein Jüngling das grösste Verbrechen, wenn er sie nach dem Genuss verlässt! -
Dieses enge, entzükkende Band der seligsten Wonne, kann von einem denkenden
Jüngling nie ohne Meineid gebrochen werden. So wie es ihm bei der feilen
Befriedigung keine Pflichten, nur Abscheu auflegt; eben so unzerreisslich muss es
ihn in den Armen eines ehrlichen gefühlvollen Frauenzimmers binden, die voll
Zutrauen ihre Ehre, ihre Ruhe, ihre ganze Seligkeit einem Geliebten überlies. -
O der unmenschlichen Grausamkeit! nach so einem warmen Zutrauen, nach so vielen
Entzükkungen diejenige zu verlassen, welche die Schöpferin eines Vergnügens war,
das man ewig nie in den Armen einer feilen Dirne findet. - Möchten nun Jünglinge
und Mädchen über meine Beobachtung nachdenken, Sie würden hineilen in die Arme
der Liebe - und Schwelgerei, Eitelkeit und Bedürfnis nur den Lasterhaften
überlassen. - Nächstens ein Mehreres von deiner Dich liebenden
                                                                          Fanny.
 
                                   XCI. Brief
                                    An Fanny
                               Liebes Fannchen! -
Ich habe Dir heute einen komischen Auftritt zu beschreiben, der Dich gewis
unterhalten muss! - Was tut doch das Vorurteil nicht; besonders unter einer
gewissen Art Menschen, die ohnehin einen teuflischen Eigensinn besizzen! - Vor
einigen Wochen fühlte ich grosse Anlage zu meiner gewöhnlichen Schwermut. Ich
fiel darüber auf den Gedanken, mir mit unsern Kostgängerinnen einen nützlichen
Zeitvertreib zu verschaffen, um durch Zerstreuung dieser Krankheit vorzubeugen.
- Du kennst nun meinen grossen Hang zu Schauspielen. - Schon lange hätte ich
darinnen gerne meine Anlage geprüft, aber bis izt hatte es sich noch nie
schikken wollen. Zwo von unsern aufgeklärten jungen Damen, wovon die Oberin eine
ist, billigten mein Vorhaben, und halfen mir in den Anstalten zur Aufführung
eines Trauerspiels, - worinnen ich nebst einigen wenigen von diesen
Kostgängerinnen zu spielen bestimmt waren. Ich unternahm da eine Sache, die mit
nicht wenigen Schwierigkeiten verbunden war; denn ich musste mich dazu
entschliessen, Mädchen für Mädchen abzurichten. Die wohlgebautesten wählte ich zu
männlichen Rollen, und die übrigen zu Nebenrollen. Das war für mich eine schwere
Unternehmung, denn keine von den Mädchen hatte im mindesten Kenntnis vom
Schauspiel. Einige darunter haben ihre ganze Lebenszeit kein Schauspielhaus
betretten. Natürliche Anlage, den Dichter bei Lesung zu verstehen, und ihn
wieder richtig auf die Welt zu schaffen, war bei keinem von diesen Mädchen zu
finden. - Demungeachtet nahm ich mir vor, durch fleissigen Unterricht die Mädchen
wenigstens mechanisch nur zu einer einzigen Rolle tauglich zu machen. Ich
teilte unter ihnen die Rollen so gut als möglich nach ihren Temperamenten aus;
und befahl, dass sie dieselben bloss leise in Gedanken recht fest memoriren
sollten. - Eine solche Arbeit war den jungen Mädchen sehr willkommen, und sie
befolgten auch willig meine Vorschrift. - Nun nahm ich eine um die andere auf
mein Zimmer, und lies sie ihre Rolle ohne die mindeste Deklamation bloss eintönig
herunterbeten. Meine Absicht war, zu entdekken, ob sie gut memorirt hätten, um
dass sie nach der Hand bei Erlernung der Deklamation nicht irre würden. - Die
Mädchen waren izt bald in ihren Rollen fest, aber plapperten sie auch erbärmlich
eintönig herab. - Nach diesem ersten Schritt in der Kunst, unterstrich ich in
ihren Rollen diejenigen Worte, wo der Nachdruk hingehörte. Dann mussten sie mir
diese Unterscheidungswörter des Sinns, aufs Neue memoriren. Endlich schritt ich
mit ihnen zur lauten Deklamation, und lies sie fast alle Stellen so lange
wiederholen, bis sie den ächten Konversazionston in etwas trafen. - Das war für
mich nun freilich eine unbeschreibliche Mühe, und doch glückte es mir, diese
Mädchen in Zeit von einem Monat, ohne eigene Kenntnis, bloss papageimässig zu
einer erträglichen Vollkommenheit zu bringen. - Ihren Gang, Bewegung und
Mienenspiel, reinigte ich so viel möglich von lächerlicher Stellung, von
Grimassen und falschen Gesten. Genug, die Kinder machten mir die äusserste
Freude. - Ich lies sie öfters in ihren bestimmten Mannskleidern probieren, um
durch die Uebung eine Gewohnheit zur Natur zu machen. Das vielfältige
Wiederholen brachte sogar in diesen Mädchen Empfindung hervor, und schon fiengen
sie an ihre Worte mit besserm Gefühl herzusagen. - Ihr Herz nahm an der Handlung
einigen Teil, so wenig auch ihr Kopf davon verstund. Jede Stelle des Stüks
erklärte ich ihnen so richtig, als es sein konnte, und hielt mit den Mädchen
Vergleichungen aus dem menschlichen Leben, um ihnen den Sinn des Autors
begreifen zu machen. Die wizzigsten davon fanden eine tausendfache Unterhaltung
in dieser Beschäftigung, und die dümmern brachten mir, aller Mühe ungeachtet,
eine Menge oratorischer Mistöne hervor, und ich hatte ausserordentlich viel
Arbeit, um wenigstens die wichtigsten Stellen vor falschem Sinn und Monotonie zu
schüzzen. - Mein mühsames Werk war nun beinahe vollendet - und Niemand, ausser
den zwo Damen, wusste im Kloster ein Wörtchen davon. Bei dieser Verschwiegenheit
bis zur Aufführung glaubte ich den Verdriesslichkeiten desto leichter zu entgehen,
die mir zum voraus ahndeten. Ich hatte ziemliche Unkosten gehabt, und aus meiner
Börse im grossen Gartensaal ein artiges Teater aufrichten lassen. Der Tag, der
zur Aufführung des Stüks bestimmt war, rükte heran; die lezten Hauptproben
wurden gehalten; die Noblesse der Stadt dazu eingeladen; kurz, alles war jezt
richtig. - Als auf einmal der Satan zwei alte Fräulein mit Furien-Zorn zur
Oberin führte, die darwider feierlich protestirten. - Man lies mich zur Oberin
rufen, und ich musste von den Weibern Dinge anhören, die mich bis zur Tollheit
ärgerten! - »Was? - fiengen die Betschwestern an - was? - Sie wollen unser
Kloster durch solches Teufelszeug entehren? - Sie wollen junge Mädchen in
Beinkleider stekken, und ihnen mit uns Anfechtungen bereiten? - Sie wollen der
ganzen Stadt Anlass geben, über unsere Aufführung zu lästern? - Sie wollen
Komödiantinnen aus unsern Mädchen ziehen, damit sie samt Ihnen der Hölle
zufahren können? - O du keuscher, heiliger Aloysius! Steh den armen Kindern und
uns bei, gegen die Versuchungen des Fleisches! - - Nein, Madame, das geschieht
gewis nicht! - Eher wollen wir unsern Schuzpatron bitten, dass er das ganze Haus
samt der Teufelskapelle, worinn sie spielen wollen, abbrennen lasse. - Ei - das
wäre schön! - fuhren die Weiber in einem Atem fort - ei, das wäre schön! dass
Sie uns durch ihre Komödie den Weg zur Unkeuschheit zeigten! Wir haben ohnehin
genug Feinde! und kaum betritt ein ehrwürdiger Pater unsre Schwelle, so schreit
die Welt gleich, er sei unser Liebhaber; da wir doch noch so rein, wie Kinder im
Mutterleibe sind.« - Zehenmal wollte ich diese hizzigen Schnattergänse
unterbrechen, aber erst nach einer halben Stunde kam ich zum Wort. Meine Damen,
fieng ich an: legen Sie meine Absicht nicht so schwarzgallicht aus; ich kann Sie
versichern, sie ist gut. Ich will weder Andere, noch Sie dadurch verführen, wenn
Sie nicht schon lange ohnehin zum Verführen reif waren. Die Beinkleider können
für Sie, meine Damen, keine Versuchung sein, wenn Sie noch unschuldig genug
sind, ihr Herkommen nicht zu kennen! - Wer heisst Sie über die Vorzüge der
Beinkleider nachdenken? - Wer nötigt Sie, den Unterschied zu bemerken, ob sie
einen weiblichen oder männlichen Körper bedekken? - Ihre Tugend muss sehr schwach
sein, wenn der blose Anblik von Beinkleidern Sie wanken macht. Lernen Sie erst
Ihren Gedanken gebieten, wenn Sie den Willen in Ihrer Gewalt haben wollen, sonst
gebe ich für ihre Entaltsamkeit nicht einen Heller, die beim blosen
Beinkleideranschauen schon lüstern wird. Aber sehen Sie, meine Damen, ehe Sie
die Beinkleider fliehen, müssen Sie zuerst dem Männerbesuch entsagen, denn
Versuchungen von der Art sind weit gefährlicher, als die Beinkleider an
Mädchenkörpern. »O, du heiliger Antonius von Padua! -« wollte mich jezt eine
davon, vor Galle schäumend, unterbrechen. - Erlauben Sie, Madame! - versezte ich
kalt - dass ich ihre Vorwürfe vollends beantworte! - Glauben Sie nicht, dass
vernünftige Leute in der Stadt über die Aufführung eines moralischen Stüks
lästern werden! Diese Beschäftigung gehört ja zur Erziehung, und bildet in den
Zöglingen Herz, Kopf und Verstand. Auch wird keine davon so leicht eine
öffentliche Schauspielerin werden. - Und, gesezt denn auch! so wird sie alsdann
bloss ihre Aufführung, nicht aber ihr Stand zur Hölle liefern. - Wenigstens
gerät eine wohlgesittete Schauspielerin nicht so geschwind, wie Sie, in
Versuchung über unschuldige Beinkleider. - »Aber ums Himmelswillen! - schrie die
eine - so hören Sie doch einmal auf diesen sündlichen Namen zu wiederhoholen! -
Wahrhaftig, Sie machen mich ganz weich zum weinen! -« Doch nicht aus
Schamhaftigkeit, Madame? - Aber nun genug, meine Damen! - Ich habe die Erlaubnis
der Oberin - und werde von meinem Vorhaben nicht abstehen, Sie mögen meinetwegen
mit Bigottenwut das Kloster bestürmen, es gilt mir gleich viel! - Jezt brannte
das Feuer aufs Neue über mich los! - »So fahren Sie denn hin, verstokte
Sünderin, ins.... Gott verzeihe mir! - bald hätte ich geflucht! - Aber dass Sie
es nur wissen, schrieen die Weiber zusammen - dass Sie es nur wissen, unsere
Oberin hat nicht Macht, so was zu erlauben! - Und kurz und gut, wir wollen gewis
Mittel finden, diese Kezzerei zu hintertreiben! - Gott bewahre uns! - Unser
Gotteshaus soll nicht so angefochten werden von einer Freigeistin! - Nein, das
soll es nicht! -« Und so rasten die Furien zur Türe hinaus, und schlugen sie
hinter sich zu, dass alle Wände zitterten. - Der armen Oberin wurde izt ein
Bischen bange; - sie lief hinter ihnen drein, um sie zu besänftigen; - kam aber
bald wieder zurück, um mir einen Vorschlag zu machen, der mich beinahe vor Lachen
erstikt hätte. -
    So weit treibt es das Vorurteil! - Die Weiber liessen mir durch die Oberin
den Vorschlag machen - ich sollte den Mädchen wenigstens Schürzen vor die
Beinkleider hängen; dann sollt ich ihrentwegen das Stük aufführen - sie wollten
schon den Himmel bitten, dass der Teufel nicht sein Spiel dabei triebe. -
»Madame! die Fräuleins sind neidisch, sie beneiden sogar Andere um diesen
Anblik. - Nein, das kann ich unmöglich eingehen, liebe Frau Oberin; ich würde
mich und das Trauerspiel lächerrlich machen! - Für heute schlafen Sie nur ruhig,
morgen ein Mehreres von ihrer ergebensten Dienerin!« - Und so verlies ich sie. -
- Du sollst nächstens den Ausgang der Geschichte erfahren. - Das verspricht Dir
    
                                                                   Deine Amalie.
 
                                  XCII. Brief
                                    An Fanny
Denk um aller Welt willen, liebe Fanny! - Denk, das Weibergeschmeiss hatte den
Mut mich beim hiesigen Bischoff wegen der Aufführung des Trauerspiels zu
verklagen. Die bissigen Schlangen raunten heulend und schluchzend diesem Manne
manche Lüge ins Ohr, die ihren Klagen über mich sicher Gewicht gegeben hätten,
wenn sie nicht zum Glükke an einen würdigen, vorurteilfreien Mann geraten
wären. - Dieser brave, unparteiische Richter lies unsere Oberin nebst mir zu
sich rufen, und foderte mit Sanftmut und Menschenliebe Beruhigung über eine
Sache, der man den Schein des Bösen angehängt hatte. - Was mir die Kühnheit
dieser Weiber im Kopfe wurmte! O das kann ich Dir nicht genug sagen!
Demungeachter aber antwortete ich dem Bischoff mit einer satirischen Fassung,
die mehr an Spott als an Bitterkeit gränzte. - Der vernünftige Vorsteher lachte
am Ende selbst über die tolle Grillenfängerei, womit die Weiber ihn bestürmt
hatten. - Nun durfte ich frei eine Unternehmung fortsetzen, auf der ich jezt
eigensinniger als jemals beharrte. - Die Andächtlerinnen verkrochen sich während
dieser Zeit brummend in ihre Zellen. Eine lief izt zur andern, und es ging an
ein heimliches Flüstern, dass der Himmel sich darüber hätte erbarmen mögen! -
Ebenfalls von Galle gereizt, lies ich diesen Friedensstörerinnen geradezu den
Eintritt in mein Schauspiel verbieten, und kümmerte mich wenig um die ihrige,
die sie jezt untereinander über mich versprüzten. - Alle meine Anstalten zum
Stük waren so lärmend, so pompös, dass ich dadurch nicht wenig, ungeachtet ihres
Zorns, die Neugierde dieser Bigotten reizte. - Kaum hatten die schönen
Vorbereitungen ihren Anfang genommen, und die glänzende Gesellschaft von
Zusehern sich versammelt, als eine nach der andern, aus Neugierde hinzuschlich,
und sich unter der Menge versteckte. - Der Saal war enge angefüllt von Zusehern,
welche grösstenteils die Begierde zu spotten hergetrieben hatte, weil sie hier
hinlänglichen Stoff dazu zu finden glaubten. - Schöngeister, Stuzzer,
Muttersöhnchen, Maulaffen, Komödianten, allerhand Zeugs hatte sich ungeachtet
der guten Anstalten unter die Zuseher gedrängt. Nur die Noblesse sass voll
nachsichtlicher Erwartung stille an ihrem angewiesenen Orte - und machte ihrer
Erziehung nicht durch voreiligen Spott Schande; wenigstens geschah es nicht
laut. Schon bei den Proben hatte ich von Kennern zu vielen Beifall in einer
Rolle erhalten, die zu sehr zu meiner Schwermut passte, als dass mich izt
Bangigkeit hätte überfallen können. Auch selbst meine Schülerinnen waren zu gut
geübt, um nicht weit erträglicher zu spielen, als so viele hölzerne
Schauspieler, die mit ihrer stumpfen gefühllosen Seele so manches gute Publikum
verstimmen. - Endlich war das Stük aufgeführt, und Vernünftige waren mit uns
zufrieden, Fühlende weinten, Spötter schwiegen, und einige gegenwärtige eitle
Gekken schlichen beschämt davon. - Mehrere Personen kamen zu mir hinter die
Koulissen, und küssten mich wegen meiner wohlgespielten Rolle mit einer
Begeisterung, die mich entzükte. - Ich fühlte aber auch ohne Eigenliebe mit
meiner eigenen Teaterkenntnis, dass uns Allen, ausser gehöriger Einrichtung des
Teaters, nicht viel zur guten Aufführung eines Stüks gefehlt hätte, dessen Gang
rasch auf einander folgte, so wie es die Leidenschaften erfoderten. Selbst die
boshaften Frazzengesichter von Nonnen weinten über die richtige Vorstellung des
Gefühls. - Reichlich durch den allgemeinen Beifall für die Verdriesslichkeiten
belohnt, die ich vorher auszustehen gehabt hatte, verlies ich mit innigem
Vergnügen den Gartensaal. Gewis, Freundin! - Es kostet mich Mühe, diesem
leidenschaftlichen Hang fürs Teater zu widerstehen. - Aber der Himmel bewahre
mich ja vor seiner Befriedigung an öffentlichen Oertern! Nein ausser der
dringendsten Not würde ich nie so einen Schritt wagen! - Zu viel kenne ich die
jezzige schändliche Verfassung der meisten Bühnen, als dass mich nicht eine
solche Aussicht abschrökken sollte! - Leb für izt tausendmal wohl, gute, besste,
liebste Freundin!
                                                                         Amalie.
 
                                  XCIII. Brief
                                   An Amalie
                          Teuerste, liebste Amalie! -
Ich habe mich satt über deinen Weiberkrieg gelacht! - Der Sieg, den Du aber auch
davon trugst, war herrlich! - Du hast es gewagt, dem Vorurteil und seinen
Anhängern zu beweisen, dass man ihnen trozzen kann, wenn man anders den Mut dazu
hat. Aber nimm Dich in Acht, Amalie, Du wirst überzeugt werden, dass diese
Geschichte Dir unter dem Weibsvolke Feindseligkeiten zuziehen wird. Die Nonnen
werden Dich durch tausend Nekkereien so lange quälen, bis Du ihr Kloster gerne
freiwillig verlässest. Die Verfolgung der Bigotterie ist anhaltend hartnäkkig,
und ruht nicht eher, als bis der verfolgte Gegenstand sie von selbst flieht,
oder zu Boden liegt! - Wie viele brave Männer haben leider dies Schiksal schon
erlebt! - Der äusserste Winkel der Erde war oft keine sichere Freistätte für
solche Märtirer der Wahrheit, die es wagten, den Misbräuchen und Vorurteilen
die Stirne zu bieten. Kaiser Joseph und König Friedrich waren die Schuzgötter so
vieler von der Andachtssucht ins Elend verwiesener Unglücklichen, die mit der
Aufrichtigkeit eines ehrlichen Mannes die Heuchelei entwaffneten, womit
guterzige Christen so viele Jahre durch geprellt wurden. Sei vorsichtig, meine
Liebe! die Schlingen unter dem Dekmantel der Religion gelegt, sind weit
gefährlicher, als Du Dir vorstellst. Weisst Du nicht, Weiberhass ist gränzenlos,
er erreicht erst dann sein Ende, wenn die so ihn besizt in den lezten Zügen
liegt. Also vorsichtig, mein Malchen! - Doch nun zu der Unterrichtung deiner
Kostgängerinnen, die mir äusserst wohlgefiel. Es dürfte sich wohl mancher
Vorsteher einer deutschen Schauspielergesellschaft diese Art merken, damit er
sein Häuschen erträglicher stimmte, als die vielen herumschweifenden schlechten
Gesellschaften, die ausser dem Schuldenmachen und der Buhlerei nicht das
geringste von der Kunst verstehen. Du hast es durch deine Bemühung bewiesen, dass
die Kunst bloss durch starke Uebung und Fleis zu einer gewissen Vollkommenheit zu
bringen ist. Aber noch immer verfehlt die deutsche Bühne ihren Endzwek; noch
immer stiftet sie mehr Schlechtes als Gutes, schaffet mehr unerträgliches Zeugs
als Unterhaltung. Noch immer nicht ist diese Bühne rein von schlechtem
Lebenswandel und abscheulichen Lastern. Noch immer predigt die Ausschweifung
selbst eine verdächtige Moral, die im Munde des lüderlichen Schauspielers
enteiligt wird. Ordnung und Gesezze zieren nur ganz wenig einige
Nazionalteater; unmöglich sind diese wenigen gutgesitteten Teater im Stande,
den moralischen Nuzzen zu ersetzen, der von so vielen herumziehenden Dieben und
Diebinnen der Tugend durch ihr übles Beispiel geraubt wird. Man möchte vor
Entsetzen schaudern, wenn man das herumstreichende verkappte Laster in den
kleinsten Städten willkommen sieht. - Keine Obrigkeit scheint sich um diese
heimlichen Stifter des Verderbens zu kümmern. Würde man nur wenige Bühnen
dulden, und diese wenigen durch scharfe Gesezze in Ansehung der Sittlichkeit im
Zaume halten, so hätte die kleinere Anzahl gesitteter Schauspieler bequemeres
Brod zu geniessen, und die übrige Menge von Landstreichern würden in ihre
schändliche Atmosphäre zurückkehren, woselbst sie dem Zuchtause gewis nicht
entgangen wären, wenn sie nicht bei einer solchen Gesellschaft Zuflucht gefunden
hätten. - Amalie, um Gotteswillen tue nur in der äussersten Not diesem Hang
zum Teater Genüge! - Du würdest Dir unbeschreibliche Leiden über den Hals
laden. Denke nur einmal dem giftigen Neide nach, der Dich armes gefühlvolles
Mädchen so geschwind ins Grab drükken würde. - Ewig nie würdest Du, eben so
wenig als ich, mit deiner Aufrichtigkeit die wetterläunische Gunst der boshaften
Teaternimphen erhalten; gerade so wenig, als Du mit deiner
Beinkleidergeschichte den Anmerkungen einiger alten Zieraffen von Weibern
entgehen wirst. So naiv, launigt und wahr Du sie skizzirtest, so wird sie doch
ihrer Heuchelei, mit der sie gewohnt sind, ihre Keuschheit zu übertünchen, ein
grosses Hindernis sein. Diese heimlichen Sünderinnen scheuen sich nur, öffentlich
von Beinkleidern zu sprechen, und sättigen dann ihre verborgene Lüsternheit
unter vier Augen. - O, man traue nur keinem Weibe, wenn sie Ziererei affektirt!
denn dadurch verrät sie gerade Kenntnis des Lasters. - Ein schuldloses Geschöpf
gibt jedem Kleidungsstük den einfachen Sinn, und findet ohne Erfahrung des
Gegenteils nicht leicht eine Zweideutigkeit darin. - Glaube mir, Besste; die
Frauenzimmer, welche am ersten über ein anstössiges Wort in Gesellschaft
schreien, hören es am liebsten, und entdekken nichts Neues darin. Die wahre
Tugend bleibt mitten in allen Versuchungen kalt, und hängt unerschütterlich fest
an den Grundsäulen ihrer Reinheit. - Das Frauenzimmer, das beim übeln Beispiel
zwischen Verachtung und Wohlgefallen einen Mittelweg findet, ist gewis das
vernünftigste und tugendhafteste. Ein feiner Scherz entehrt ein Frauenzimmer
eben so wenig, als ganz gewis eine grobe, kühne Zote sie in Gesellschaften
beschämt. - Aftertugend herrscht so allgewaltig in diesem Punkt unter den
Frauenzimmern, und nur wenige wissen sich durch feinen Wiz die Achtung eines
Menschenkenners zu erwerben, der heuchlerische Ziererei von der Aechteit des
Karakters zu unterscheiden weiss. - Wenn die Weiber über ihr Loos nachdenken
wollten, sie würden bis zu ihrer lezten Stunde nicht fertig. - Doch, meine
Besste, für heute muss ich von Dir Abschied nehmen, weil es meine Geschäfte
erfodern. - Leb indessen ruhig, zufrieden, bis deine Fanny Dir bald wieder sagen
wird, wie sehr sie Dich liebt! - -
 
                                  XCIV. Brief
                                    An Fanny
                             Liebste, Teuerste! -
Lass mich an deinem Busen ausweinen, und hilf mir dann tragen! - Der Kummer fängt
wieder aufs Neue an in mein Herz zu schleichen - und meine Schwermut rükt an
ihre vorige Stelle. - O des elenden Kerls von einem Manne! Er schreibt seit
seiner langen Abwesenheit auch nicht eine Zeile des Dankes an meinen Oheim. Er
kümmert sich mehr um seine Hunde, als um sein armes Weib. Dürftigkeit und Gram
könnten mich hinraffen, ehe der Undankbare nur einen Laut von Erbarmung von sich
hören liesse. Das Herz dieses Ruchlosen ist verstokt; er hat mich izt auf ewig
verlassen. Nun so lebe denn wohl, grausamer Störer meiner zeitlichen Ruhe! -
Geniesse dein leichtsinniges Leben, Bösewicht, bis wir uns einst an jenem Tage
wiedersehen, wo der Allgewaltige dir die Last meines Elends vorwägen wird! -
Gott möge an dir die Flüche nicht ahnden, die dein Leichtsinn mir abzwingt! - Du
- du Verworfener! - wusstest mich in Ketten zu lokken, die ich nun mein ganzes
Leben hindurch verzweiflungsvoll nachschleppen muss! - Gebunden ist izt meine
Freiheit an dich, Sünder! - O Freundin! - verloren sind in der Zukunft für mich
alle Freuden der Liebe! - Erstikken soll ich meine Gefühle für fremde, aber
bessere Herzen. Widerspenstig gegen dieses Gebot werde ich hinwelken, bis mein
Blut aus Raserei stokt! - Gott im Himmel! - Sieh herab auf meine Kämpfe! -
Erbarme dich meines Händeringens! - Sieh, wie ich ringe und streite, um der
Menschen grausame Gesezze zu befolgen! - Sieh, wie die Wallung meines
jugendlichen Bluts mir Angstschweis kostet! - Schon in meinen Kinderjahren war
Liebe für mich das einzige Geschenk deiner Güte, das für mein fühlendes Herz so
sehr passte. Liebe war die einzige Empfindung, nach welcher ich so feurig
haschte! - Mein ganzes Wesen schien nur Liebe zu atmen. Alle meine
Glükseligkeit suchte ich bloss in ihr; und die seligste Wonne, mich an etwas
Liebendes vertraut schmiegen zu dürfen, wurde mir dann zum Bedürfnis. Feurig
klopfte mein warmes Herz einem zukünftigen Gatten entgegen, und.... O
Allmächtiger! - wie grässlich fand ich mich betrogen!!! - So soll ich denn auf
immer meine Stunden so einsam verwimmern? Soll ich gänzlich entsagen allen
meinen schönsten Hoffnungen, die mir dieses irdische Leben in den Armen eines
gutdenkenden Gatten schon zum voraus zum Paradiese schufen! - Und das alles um
eines Bubens willen, der mich so künstlich zu einem unzerbrechlichen Schwur vor
dem Altare lokte! - Ha! - weh mir! - weh mir! - Ich werde entweder rasend, oder
unterliege! - Ausser der Liebe ist für mich alles zu einsam, zu leer; eine
tödtliche Langeweile richtet mich zu Grunde! - Meine unbeschäftigte
Einbildungskraft kann sich an nichts mehr halten, was ihr in der Liebe
Schwungkraft zu allem Entzükken gab. O, die Augenblicke des herrlichsten
Vergnügens, wo die stärkste Liebe um noch stärkere gegenseitige zu erringen sich
bemühet, dürfen sich mir von nun an nicht mehr nähern! - Ich kann nicht
hinsinken an den Busen eines andern Gatten, um dorten unter wollüstigen Tränen
meinen Kummer zu verschwärmen! - Das feurigste Verlangen nach einer andern
harmonischeren Vereinigung darf in meinem Herzen nicht auflodern! Ich bin
verbannt aus dem Vergnügen der seligsten Gattenliebe, für immer und ewig! Man
würde mich sonst als eine Verbrecherin mit Schande belegen, bei einer Religion,
die keinen mislungenen Schritt zurücktun lässt! - Und wenn ich darüber meinen
Verstand verlöre, so muss ich Fesseln tragen lernen, die mir meine guterzige
Leichtgläubigkeit aufbürdete! Gott! - Gott! - wie werde ich mich in einen
Zustand schikken können, der alle meine Gefühle für Liebe in mir lebendig
begraben soll? - Freundin! - Der hiesige Aufentalt ist mir izt schröklich zur
Last! Die Nonnen schleichen um mich herum, wie falsche Kazzen. Schon bei ihrer
Erschaffung teilte die Natur diesen Weibern den Fluch der Unempfindlichkeit
mit; und ich verachte sie um ihres wenigen Gefühls willen. - Auch nicht einer
einzigen davon möchte ich eine Träne anvertrauen! - Ihr kalter, dummer Trost
würde mich vollends unsinnig machen. - Das Blut in ihren Adern ist zu
eingefroren, um dem meinigen harmonisch zu begegnen. Nur die wenigen
gefühlvollen Nonnen haben meine Achtung, wenn sie wonnetrunken an dem Busen
ihrer Lieblinge schwärmen. - Doch auch diese Auftritte reizen mich izt zum
schröklichsten Fluche über mein wirkliches Loos! - Ich beneide die Freuden
dieser Glüklichen, und empfinde dann meine Leiden desto schwerer!!! - Gerechter
Himmel! - nimm zurück ein Leben, das ich nicht länger mehr zu schleppen vermag. -
- Liebe Fanny! - o habe Mitleiden mit
                                                       Deiner kämpfenden Amalie.
 
                                   XCV. Brief
                                    An Fanny
                                 Meine Besste! -
Vor einigen Tagen hat man mir auf die lezten Pulsschläge gewartet! - Dass
Krankheit in mir lag, musst Du aus meinem lezten Briefe schon gemerkt haben. -
Dass es aber so weit in dieser Krankheit mit mir kommen würde, hätte ich selbst
nicht geglaubt. - Kaum war der Brief aus meinen Händen, so überfiel mich ein
unüberwindlicher Menschenhass! - Ich floh alles im ganzen Kloster, ging nicht
zum Tische, und sass ganze Täge allein auf meinem Zimmer. Von frühe bis Abends
dachte ich in einer unbeweglichen Stellung bloss der Schröklichkeit meines
Schiksals nach! - Selbst die Nonnen durften es nicht wagen, meine stille
Schwermut zu stören. Ich verriegelte mit der grössten Entschlossenheit meine
Türe, und blieb einstens einen Tag lang ohne Nahrung. - Sie schrieen und
pochten umsonst. - Ich blieb troz ihrem Gelärme fest auf meinem Stuhl, wie
angenagelt, und hörte aus Uebermacht des Grams nicht weiter auf ihr Geschrei. -
Endlich entschlossen sie sich vermittelst einer Leiter in mein Zimmer zu
steigen, weil sie mich für todt hielten. - Kaum aber erblikte ich am Fenster den
Kopf einer Nonne, so brach auch auf einmal meine schlummernde Wut los!!! Sie
hatten Mühe mich von Gewalttätigkeit abzuhalten! - Ich pakte sie an, aber man
bemächtigte sich meiner! - Meine gallsüchtige Raserei stieg von Minute zu
Minute, bis zu einem Grad, dass mich die Nonnen wirklich an Ketten legen wollten!
- Der eilends beschikte Arzt war während dieser Zeit auch gekommen, und verbot
den Nonnen ihre fürchterliche Unternehmung. - Schon hatten diese Unbesonnenen
meine Hände gefesselt, und eine blaurote Farbe auf meinen schwachen Knochen
bewies die Schwere dieser drükkenden Eisen. - Der Arzt zögerte izt nicht lange,
mir zwo Adern auf einmal zu öffnen, und lies das sprudelnde Blut so lange
herauslaufen, bis Kraftlosigkeit meine Raserei entwaffnete! - Ohnmächtig sank
ich dann in seine Arme; und Dank sei es seiner Sorgfalt! bald erhielten meine
Sinnen wieder ihre vorige Richtung. - Dieser Mann war bescheiden genug, nicht in
das Geheimnis meines Kummers zu dringen, ob er gleichwohl eine starke
Gemütskrankheit in mir entdekte. - Er schrieb sogleich durch einen Expressen an
meinen Oheim. - Was? - das weis ich bis auf die jezzige Stunde noch nicht. Zween
Täge darnach kam der Bote zurück, und stellte mir ein Briefchen von meinem guten
Oheim zu, worinnen er mir schrieb, dass ich mich zu Herstellung meiner Gesundheit
entschliessen möchte, eine Lustreise zu unternehmen. Die Wahl einer Stadt, in
Italien oder Frankreich, überlies mir dieser gefühlvolle Mann. - Doch wäre ihm
das erste Land weit lieber, weil er mich dort Anverwandten empfehlen könnte,
u.s.w. - Freudig dankte ich izt dem gütigsten der Menschen für diesen neuen
Beweis seiner Liebe, und beschäftigte mich von nun an mit Reiseanstalten. Die
Nonnen hatten Befehl, mir in der Eile für ein Dienstmädchen zu sorgen, und es
dauerte nicht lange, so brachten sie mir zu dieser Absicht eine etwas ältliche
Figur aufs Zimmer. - Das Gesicht dieses Mädchens gefiel mir ganz und gar nicht,
aber die gute Empfehlung der Nonnen und meine Eile machten bald alle
Schwierigkeiten vergessen. In etlichen Tagen reise ich nebst ihr von hieraus mit
dem Postwagen nach Venedig. - Ein kühner Entschluss für meine Jugend, nicht wahr?
- Aber doch nicht zu kühn gegen meine Grundsäzze, die mir auch ausser den Mauern
eines Klosters für alles bürgen. - Du weist übrigens, dass ich die italienische
Sprache hinlänglich spreche, um durchzukommen; auch meine Börse hat der gute
Oheim in den nötigen Stand gesezt; und nun fehlt mir nichts als die völlige
Herstellung meiner Gesundheit, um Dir bald eine umständliche Reisebeschreibung
zuschikken zu können. - Lebe indessen wohl, meine ewig geliebte Freundin, und
nimm hin diese Küsse auf Abschlag, bis deine Amalie wieder nach Teutschland
zurückkehrt! -
 
                                  XCVI. Brief
                                   An Amalie
Ich eile, meine teure Amalie, Dir deine zween Briefe zu beantworten: Holdes
Weibchen! - Vergiss doch einmal deinen abwesenden Henker! - Hast Du denn je von
ihm was anders erwartet, als dass Dich der Verabscheuungswürdige nicht auch ganz
vergessen wird? - Du armes guterziges Kind willst immer den Wiederhall deines
guten Herzens finden, - und wirst dann am Ende schröklich betrogen! Tilg ihn aus
diesen unwürdigen Namen aus deiner Brust, in der ihm zu wohnen nicht mehr
vergönnt sein soll! Lass deinen Mut nur nicht sinken, Besste, Liebste, die
Freuden der Liebe können Dir einst wieder werden, wenn ihn sein ausschweifendes
Leben hinruft in die Arme des frühen Todes. - Der Schöpfer gab Dir nicht umsonst
ein Herz voll Liebe, seine weisen Absichten werden Dir auch Trost geben. All
dein Jammer muss Dir noch an dem Busen eines edlern Gatten vergolten werden. -
Dein Herz hält izt die grösste Prüfung aus, und sein Wert wird durch seine
Leiden erhöht. - Nur nicht zaghaft, liebe Kleine! - Schiksale, die wir nicht
ändern können, werden durch zu vieles Nachdenken nur noch unerträglicher. - Du
zerrüttest deine Gesundheit, härmst Dich ab, und erweichst doch nicht die
unbarmherzigen Gesezze. - Deine Tränen und dein Jammer dringen nicht ins
Priester-Ohr, das sich für Dich, und andere Unglückliche so eigenmächtig
verschloss! - Der Heiland selbst würde in der Ehe guterziger richten, wenn er
wieder auf dieser Erde in Menschengestalt herumwandelte. Dieser gute
Menschentröster im Himmel kann nichts dafür, dass seine Geschöpfe seinen Willen
nach ihrem eigenen Kopf drehen. Er gab ihnen zum urteilen Vernunft, und wenn
sie nun die Stimme derselben aus Eigendünkel überhören, so muss ganz gewis auf
diese Unbiegsamen das schröklichste Strafgericht warten! - Alle Unglücklichen von
der Art, werden sich einstens versammeln, und dann jenen grausamen Priestern
ewigen Fluch zuwerfen! - Diese kühnen Starrköpfe sind es, die es wagten, aus
einem bürgerlichen Vertrag unzertrennliche Bande zu machen. - Können die
Priester durch Ansehen und Geld die katolischen Ehen lösen, warum denn nicht
ohne dieses schändliche Hülfsmittel? - Selbst der Schöpfer urteilt von der
schwachen Menschheit mit Ausnahme, warum denn nicht seine Gesalbten bei
übereilten Ehen? - Hat der Aermere ein stärkeres Herz, die Leiden einer
fehlgeschlagenen Verbindung zu ertragen, die von der andern Seite mit Betrug,
bloss aus Absichten, geknüpft wurde? - Es ist zum Erstaunen, wenn man dieser
Ungerechtigkeit bei deiner Religion nachdenkt! - Wer nicht Glanz oder Vermögen
hat, muss lebenslänglich an etwas Widersprechendes gefesselt bleiben; und doch
gibt es so viele Unschuldige, die unter diesem Joch seufzen. - Aber lass uns
abbrechen von einer Sache, die mir Abscheu erwekt. - Sag mir, liebe, teuerste
Amalie, ob es nun um deine Gesundheit besser steht. - Ob Du mir versprechen
willst, es durch Nachgrübeln nie mehr so weit kommen zu lassen. - Ob Du mich
noch hinlänglich liebst, um diese Bitte zu erfüllen. - Ob Du izt wohl schon auf
der Reise bist. - Und ob Du auch überall das Bild deiner Freundin im Herzen
trägst, die Dich mit Millionen Küssen durch die ganze Welt begleitet. -
                                                              Deine besste Fanny.
 
                                  XCVII. Brief
                                    An Fanny
Schon aus Venedig, meine Traute, erhältst Du diesen Brief. - Ja, ja, aus Venedig
schon! - Nicht wahr, das heisst zugefahren? - Aber mein armer Körper fühlt es
auch tüchtig! - O! der abscheuliche Postwagen stiess mir fast alle Rippen
entzwei! - Demungeachtet soll mich die äusserste Müdigkeit nicht abhalten Dir
meine Reise zu beschreiben. - Nun wo blieb ich denn im lezten Brief an Dich
stehen? - Ach - Ha! - weiss schon! Als nun die ältern Nonnen den Tag meiner
Abreise festgesezt sahen, so fiengen sie an, mich mit Skapuliren, Amuleten, und
mit mehr dergleichen Kinderpossen schwer zu beladen. »Ja, - sagten diese
einfältigen Närrinnen: - Ja, auf der Reise, da haben die Hexen just am meisten
Gewalt! und glauben Sie sicher, Madame, dass Ihre lezte Krankheit gar nicht
natürlich war; selbst der grundgelehrte Pater Guardian hat es bestättigt, als
wir ihm Ihre Krankheit beschrieben. Gott segne von heute an alle ehrlichen
Mutterkinder! - Hier schikt Ihnen der Pater Guardian ein Päkchen hochgeweihtes
Pulver, das Sie täglich vor Sonnenuntergang nebst einem heiligen Sprüchelchen
mit Weihwasser gemischt, einnehmen müssen.« - Ich musste mit Gewalt diesen
Schwachköpfen ein bereitwilliges Ja zunikken, bloss um ihrer los zu werden.
Endlich stieg ich unter ihren murmelnden Einsegnungen in den sündhaften
Postwagen, der - nach ihrer Prophezeihung - einstens mit samt den Passagieren
schnurstraks zur Hölle fahren würde! - Es sass ein junger und ein alter Italiener
im Wagen, die ich beide für Kaufleute hielt. Aber lange wurde meine Neugierde
nicht befriedigt, weil ein allgemeines Stillschweigen herrschte; ich
beschäftigte mich indessen mit Nachdenken. Jemehr ich den jungen schwarzbraunen
Mann betrachtete, desto minder konnte ich entdekken, zu welchem Stande er
eigentlich gehörte! - Sein Wesen war höflich, aber dabei geheimnisvoll. Sein
Betragen mehr kriechend, als edel stolz, und seine Reden gar nicht
zusammenhängend. Kurz, sein Karakter schien mir ein seltsamer Mischmasch zu
sein. Uebrigens war er nicht ungesellig, aber dennoch äusserst verschlossen,
niemand konnte erraten, wohin seine Reise gienge. - Der alte Kaufmann hingegen
gestund uns allen mit der äussersten Offenherzigkeit, dass er ein Bürger aus
Verona wäre, und dortin zu reisen gedächte. Dieser Mann gewann bald meine
Achtung, und, so viel ich sah, ich auch die seinige. - Zuweilen ärgerte sich der
gute Alte freilich ein Bischen, wenn der jüngere Reisegefährte mir höflich
begegnete; da gab es dann wechselsweis grimmige Augen. - Doch schien mir, als
wäre der junge Held zu feige, um laute Anmerkungen über den Kaufmann zu machen;
daher lies er mich auch ruhig mit demselben fortplaudern, und, um sich schadlos
zu halten, schäkkerte er unterdessen mit meinem Kammermädchen. Das alte
affektirte Ding fand sich ganz wohl dabei, und glaubte ganz sicher, dass ihre
abgestandenen Reize mit Beihülfe der Kloster-Reliquien Mirakel gewirkt hätten.
Fast hätte mich beinahe selbst die Kraft des Klosterfrauen-Krams in Erstaunen
gesezt; bis auf einmal die gesunde Vernunft mir ins Ohr flüsterte: Der junge
Ritter heuchelt bloss aus Neugierde dem verrunzelten Gesichte Schmeicheleien vor!
So strenge ich nun auch dieser alten unkeuschen Dirne das Vertrauttun mit dem
jungen Menschen verwehrte, so konnte ich es doch nicht verhindern, dass sie nicht
zusammen beim Aussteigen einen ganz kleinen Seitensprung machten. Doch da mir
ihre Hässlichkeit für alle Folgen bürgte, so störte ich sie auch nicht weiter in
ihrer mirakulösen Eroberung. - Indessen rollte izt unser Wagen unter starken
Erschütterungen weiter; schon waren wir über einen guten Teil eines
Tirolerbergs weg. - Ein schneidender Wind bewillkommte uns alle, und hurtig
wikkelte mich der sorgfältige alte Kaufmann in seinen Pelzrok ein. - Meine
Kammerzofe fieng izt auch an über Kälte zu winseln, und geschwinde versah man
sie mit einer Dekke. Doch das Geschöpf gebärdete sich demungeachtet, als ob ihre
Haut von Fliesspapier wäre. - Ich ärgerte mich nicht wenig über so viel Ziererei,
und durfte doch um des Wohlstandes willen meiner Galle nicht Luft machen. -
Endlich und endlich kamen wir in der Stadt T... an, wo jeder Mitreisende aufs
Neue bezahlen musste. Das unbarmherzige Stossen des Wagens hatte alle so
schwindelnd gemacht, dass keiner beim Aussteigen ohne Taumel einen Fuss auf die
Erde setzen konnte. Es herrschte izt eine allgemeine Zerstreuung unter uns, und
der junge Mensch benuzte diesen Zeitpunkt zu seinem Vorteil recht herrlich. -
»Mein Freund! - (rief er dem Kaufmann zu) sind Sie doch so gütig, und bezahlen
einstweilen meinen Platz auf der Post bis Verona. Ich komme im Augenblick wieder.
Ein kleines Geschäft nötigt mich geschwinde irgendwohin zu gehen! -« Der
truglose Mann gab ihm sein Jawort, und flugs verschwand unser Ritter durch die
Gasse. - Wir beide eilten nun dem Postamt zu, und bezahlten unsere Pläzze. -
Noch hatte der Postillion nicht geblasen, und die nächste Wirtsstube musste uns
indessen vor Kälte schüzzen. Ich lies mir izt den süssen Tirolerwein recht gut
schmekken! - Selbst das verjährte Blut meines alten Begleiters wurde durch
diesen herrlichen Trank aufgewärmt. Wir beide schwazten nun mit geläufigerer
Zunge über verschiedene moralische, philosophische Gegenstände, und der
guterzige Alte taumelte vor Entzükken über mein Bischen Unterhaltung. Er trieb
seine Zufriedenheit so weit, dass er so gar darüber die Forderung an den jungen
Menschen vergass, der während dessen auch wieder zu uns gekommen war. - Wir
fuhren nun ab, und unterwegens machte mir der Alte einen Lobspruch um den
andern, worinn der junge Bursche feurig beistimmte. - Holla! - dachte ich izt
bei mir selbst - der Vogel pfeift mit aus Eigennuz, und ist vielleicht gar ein
Betrüger! - Doch auf einmal sahen wir unter muntern Gesprächen die Stadt Verona
vor uns liegen. - Der Postillion klatschte, und der Wagen hielt stille. Ein
schmuzziger Wirt, dem der italiänische Eigennuz auf der Stirne geschrieben
stund, hob mich unter vielen Büklingen aus dem Wagen; schnell haschte der gute
Kaufmann nach meiner Hand und führte mich die Treppe hinan. Während dieser
kleinen Pause machte sich der junge Ritter aus dem Staube, und prellte den guten
Kaufmann um sein ausgelegtes Geld. - Es schien diesen alten ehrlichen Mann gar
nicht zu befremden; er zükte kaltblütig die Achseln, und eilte dann in die Arme
seiner Familie. - Nun nahm ich mir vor, diesen Rasttag recht nüzlich in dieser
berühmten Stadt zuzubringen. Schon schlich ich in Gedanken bei den Altertümern
Veronens umher, als plözlich das laute Geheul meines Mädchens mich in diesem
Traum störte: Sie gab vor, das Heimweh überfiele sie, und tat dabei wie halb
verrükt! - Ich fragte sie hin und her, was ihr wäre. - Lange wollte sie nicht
mit der Sprache heraus; als ich aber der Dirne Ernst zeigte - dann fieng sie an
die reine Wahrheit zu beichten: »Ach! - Herzens-Madame! (schluchzte sie) ich
glaube, der junge Mensch hat mich um mein halbes Geld betrogen!« - Ei, (schrie
ich lebhaft) warum hast du dich betrügen lassen? »Ja, - versezte sie - Sehen Sie
nur diese Brieftasche an! - Er gab mir sie zum Unterpfand. Da, sehen Sie nur ein
Bischen hinein!« (das Leder war auf einer Seite etwas zerschnitten, um den
Betrug glaublicher zu machen) »Schauen sie nur; es sieht wirklich einem
Freimäurerpatent ähnlich! - Aber reissen Sie das Schloss bei Leibe nicht auf! ich
darf es bis zu seiner Zurükkunft nicht erbrechen; die Freimäurer würden ihn
sonst lebendig rädern lassen, wenn sie erführen, dass dies Patent in Weiberhände
gefallen ist! - Es ist sein einziges Hab und Gut, fuhr sie fort - und wer weiss,
ob der arme Mensch wirklich so...« Plözlich sprang ich izt mit beiden Füssen auf
das Schloss der Brieftasche, und die arme Alte fiel darüber fast sinnlos auf die
Erde hin, als sie lauter altes Papier herausrollen sah! - Nun ging es bei ihr
an ein Schimpfen, an ein Fluchen, an ein Schreien, dass ich ihr aus lauter Angst
eilfertig die Geschenke des Pater Guardians auf die Stirne band. - Doch für
diesmal half es nicht. Ich glaube, wenn ich ihr den frommen Pater Guardian
selbst in eigener hochwürdiger Gestalt aufgebunden hätte, es würde bei dieser
wütenden Furie wenig genüzt haben. - Seine kräftigsten Benediktionen wären gewis
an der wilden Kreatur abgeprellt, so sehr tobte sie! - Ich wusste mir nun nicht
mehr anders zu helfen, als ich versprach ihr, um sie zu besänftigen, den Verlust
ihres Geldes zu ersetzen. Plözlich riss dann die eigennüzzige Kreatur mit eigenen
Händen alle Heiligtümer von ihrer Stirne los! - - Gewis, Freundin! ich bin
sonst nicht feindselig gegen meine Dienstleute; aber dieses Mädchen scheint mir
eine alte Kupplerin zu sein, die ehedessen vom Handwerk lebte. - Ich kann sie
gar nicht ausstehen, und wünschte sie gern wieder nach Teutschland zurück. -
Morgen erhältst Du die Fortsezzung meiner Beschreibung; - izt unterbricht mich
der Wirt! -
 
                                 XCVIII. Brief
                                    An Fanny
Hinaus mit dir, elender Kuppler! - schrie ich dem italienischen Wirt nach - und
schlug die Zimmertüre hinter seinem Rükken zu, dass die Fenster zitterten! - Was
sich der infame welsche Kerl nicht alles unterstund! - Was? - mir, einer
biedern, ehrlichen Teutschen, italienisches Laster anzubieten? - Dafür hab ich
ihn auch wakker heruntergehudelt, den bestochenen Schandbuben! - Hu! was meine
Alte über diesen Auftritt für grosse Augen machte! - Sie hat gewis die liebe
goldene Zeit zurückgewünscht, wo sie der Unzucht noch um baare Münze Opfer
bringen konnte; aber sie durfte sich bei allem dem nicht unterstehen, einen Laut
von sich zu geben, sonst hätt ich sie wahrhaftig die Treppe hinuntergeworfen. -
Es ist übrigens doch sehr traurig, dass ein Frauenzimmer nicht allein reisen
darf, ohne sich dem Vorurteil auszusetzen. Die Menge herumziehender feiler
Dirnen ist daran Schuld. - Ein Frauenzimmer muss nur in solchen Fällen nicht
blöde sein, sonst spottet das freche Laster der Unschuldigen ins Gesicht, und
hält sie für eine Romanenheldin. Diesmal kam mir mein Feuer recht gut zu
Statten, sonst hätte mich der Wirt und die Alte gewis heimlich verkuppelt. -
Die übrigen Stunden meines Aufentalts hielt ich mein Zimmer verschlossen, und
die Alte durfte mir nicht von der Stelle. - Der Morgen meiner Abreise rükte
heran; ich eilte dieses Haus zu verlassen, ohne Veronens Merkwürdigkeiten
gesehen zu haben. - Es ging nun unter uns Zweien ganz einförmig zu, denn der
Postwagen war ausser uns ganz leer. - Unter Denken, Grillenmachen und Schlafen
kamen wir endlich in der schwarz gemauerten Stadt Padua an. - Das nächste besste
Wirtshaus musste uns bis zur Abfart des Marktschiffes für einen Tag lang zum
Aufentalt dienen. - Von essen und trinken war ich satt, Schlaf hatt ich keinen,
und Madame Langeweile fieng an mich grässlich zu martern. Gretchen! schrie ich,
pak meine Mannskleider aus, und zieh meine Amazone an! - »Ei, Madame, was wollen
Sie?« - Nicht lange gefragt, Jungfer! unterbrach ich das neugierige Ding. Sie
brachte mir dieselben, und in wenig Minuten waren die Kleider am Leibe, der
Mantel nach Stuzzerart bis über die Nase geschlagen, und so schlenderten wir
beide einem Kaffeehause zu. - Alle Gäste lachten bei meinem Eintritt über die
alte Matrone, und mich armen jungen Lekker schien man herzlich zu bedauern. Da
es aber in Italien eine Menge dergleichen hungeriger Burschen gibt, die den
alten Damen ums Geld ihre süssen Gewohnheiten forttreiben helfen, so lies man
mich auch in diesem Betracht ruhig. Ich sezte mich ganz getrost an ein Tischchen
und stellte meine Beobachtungen über die versammelten Gäste an. Bescheidenheit
lässt mir nicht zu, zu sagen, aus wie vielen Klassen dieselben bestunden, und es
würde demjenigen unglaublich scheinen, der nicht selbst Augenzeuge davon war. -
Jeder von dieser schönen Gesellschaft passte mit begierigen Augen auf seine
Kundleute, um den Hunger zu stillen. - An diesen Tischen wurde gebuhlt, an jenen
moralisirt, wieder an andern einander geheimnisvoll ins Ohr gelogen, oder laut
die Ehre abgeschnitten. Hier wucherte ein alter Geizhals mit den Reizen seiner
Tochter; dort verschwendete ein ungeratner Sohn die vom Vater gesammelten
Reichtümer; - da hörte man plumpe Grobheiten; dort höfliche Lügen; - einer
rauchte, der andere schnarchte, der dritte fluchte, der vierte seufzte, der
fünfte schwadronirte, u.s.w. - Es war ein jämmerlicher Durcheinander. - Was in
einem so grossen Narrenhaus alles gelogen, betrogen, geheuchelt, gekuppelt und
gewindbeutelt wird, ist nicht zu beschreiben. - Selbst meine gute Alte verlor
fast ihre Sinnen über dem Schwarm von Müssiggängern und Stuzzern, die aus
Neugierde um uns herumflatterten. - Diese frechen Tagdiebe redeten mich mit
einer Kühnheit an, als ob es zwischen uns Brüderschaft gälte. - Ho! Ho! dachte
ich mir, und blieb wie ein fester Teutscher auf meinem Stuhle sizzen, bis ich
endlich ihre Neugierde mit fremden Sprachen ermüdete, die sie nicht verstunden.
Nun bekam ich auf einmal Luft meinen Kaffee in Ruhe auszuschlürfen. (In Italien
ist es Mode den Kaffee auszuschlürfen.) Aber was? schon neun Uhr? - Hurtig,
Gretchen, lass sie uns eilen! Und nun trippelten wir dem Gastause zu; - aber
hernach? - ins Bett, meine Liebe! -
    Madame, belieben Sie doch aufzustehen, sonst versäumen wir das Marktschiff!
(raunte mir das Mädchen schon sehr frühe ins Ohr.) Husch, flog ich aus dem
Bette, trank meinen Tee, bezahlte meine Zeche, und eilte mit meiner Alten dem
Ufer des Kanals zu. Schon war das Schiff über und über mit Leuten angefüllt. -
Dienstfertige Nimphen, die ihren Fleischhandel hin und her trieben, alte
Seelenverkäuferinnen, Juden, Bonzen, Mausfallkrämer, Fleischhakker,
Murmeltierträger, welsche Sbirren und eine grosse Menge ausländischer
vertriebener Spizbuben eilten izt mit den übrigen der freien Republik Venedig
zu. - Ich sah hin und her um ein gutes abgesondertes Pläzchen zu finden. -
Endlich erblikte ich ein Seitenstübchen, worinn sich vermutlich die
Stiftmässigen dieser löblichen Versammlung aufzuhalten schienen. Nu, nu, das ist
eine saubere Gesellschaft! - Ei was? Dachte ich mir, Not hat in dringenden
Fällen kein Gesez! - Also kurz und gut; und ich befahl dann meinem Mädchen ins
Seitenstübchen zu steigen. - »O du heiliger Johann von Nepomuk, steh mir bei!«
rief sie laut, indem sie sich hartnäkkig weigerte. - Poz alle tausend und ...
wollte ich schon anfangen, als ich mich plözlich fasste, und einem Lastträger
herbeirief, der mir sie mit Gewalt ins Schiff schleppen musste. - Izt riss die
ganze Versammlung über meine Entschlossenheit Augen und Nasen auf! - Ueberall
bot man mir (vermutlich aus Neugierde) Platz zum sizzen an; was konnte ich in
dieser Lage besseres tun, als mein Gesicht in Falten ziehen, um das freche
Laster abzuschrekken, das sich so gerne an reisende Frauenzimmer wagt. - Doch,
dem finstern Gesichte ungeachtet, wagte es ein landstreicherischer Abbe meine
ernstafte Stille mit süssen Fragen zu unterbrechen. - Ich konnte diesen
Zudringlichen durchaus nicht los werden; er plapperte vieles von fremden
Ländern; kramte seine Zeugnisse so bereitwillig aus, als ob er mir seinen
verdächtigen Kredit mit Gewalt aufzudringen suchen wollte. - Ich fieng an dieses
Kerlchen mit einigem Beifall zu beglückken, und er glühete darüber vor Entzükken.
- Schon glaubte der Windbeutel meine Leichtgläubigkeit überredet zu haben, als
ich ihm plözlich mit bitterm Spotte das Gegenteil bewies. Nichts destoweniger
bat er mich dringend um den Namen meines Absteigquartiers. - Und siehe da, der
Graf Sakonello (so war sein entlehnter Name) war in wenigen Tagen vor meiner
Haustüre, von welcher er aber recht höflich abgewiesen wurde. - Doch, lassen
wir diesen Einfaltspinsel ein Bischen stehen, um ans Ufer zurückzukehren! - Alles
drängte sich da noch haufenweis unter sumsen, lärmen und schreien aus dem
angekommenen Marktschiffe. Es herrschte lauter Getümmel und Verwirrung; nur der
Herr Abbe und ich blieben ganz ruhig bei dieser komischen Auswanderung im
Schiffe an unserm Orte sizzen, bis mir auf einmal die am Ufer stehenden, mit
prächtigen Uhrketten behängten und vergoldeten Herrchen in die Augen fielen,
welche gierig auf jeden aussteigenden Weiberrok lauerten. -
    Was mögen denn dies für Maulaffen sein? fragte ich den Abbe; der mir dann
ganz geheimnisvoll ins Ohr flüsterte: »Es sind lauter Kuppler, die auf fremde
Mädchen passen, um sie durch künstlichen Betrug in Bordels zu verhandeln. Nehmen
Sie sich in Acht, Sie sind auch jung und nicht hässlich!« - Herr Graf, erwiederte
ich, jeder kehre vor seiner Tür! - und so stieg ich ans Ufer, und er, er bükte
sich, und ging; ich hingegen mietete eine Gondel, und fuhr darin sanft bis an
die Behausung meiner Anverwandten. - Und?... Nicht zu viel gefragt, meine
Freundin! Morgen das Weitere! -
    Endlich, meine Liebe, hat das Küssen und Herzen unter uns so ziemlich ein
Ende, um auch wieder mit Dir plaudern zu können: Die Lage meiner Wohnung ist
ganz nach meinem Geschmak. Das Haus liegt in einer einsamen Gegend und wird von
einem Garten geziert, dessen Aussicht auf den lebhaften Kanal geht. Da sizze ich
dann am Fenster dieses Gartens, und manche liebe Stunde durch betrachte ich die
vielen vorbeischwimmenden Gondeln, die grosse Welt samt ihren grossen Torheiten.
Zu Wasser und zu Lande findet man Verschwendung und Luxus; überall beherrscht
der Menschen Eitelkeit, Wollust und Schwelgerei. - In Teutschland fahren die
Vornehmen in prächtigen Wägen, und hier in gezierten Gondeln; dorten ziehen
rasche Pferde ihre Herrschaft, und hier die ausgelassenen Gondolieri; bei uns
schmükk man die Pferde mit Silber und bunten Federbüschen, hier die Gondolieri
mit weiten Pumphosen und buntschäkkiger Kleidung. - In Teutschland sind die
Pferde die unwissenden Kuppler ihrer Herrschaft, und hier sind es die Gondolieri
mit Vorbedacht. Hier ist es durchaus nötig, dass der Gondolieri die Kupplerei
aus dem Grunde versteht; bei uns überlässt es der Kutscher dem Bedienten oder dem
Kammermädchen. - In Venedig kann kein Bursche sich auf den Dienst einer Dame
Hoffnung machen, wenn er nicht gefällig und à Tempo den Vorhang in einer Gondel
zu ziehen weis; in Teutschland hingegen begnügen sich die Damen mit einer
langsamern Bedienung. Hier muss der Gondolieri die Schwelgereien seiner
Gebieterin geduldig abwarten, und bei uns gebietet der begünstigte Lakai seiner
Dame, wenn er sie mit einem vielbedeutenden Blik an ihre heimlichen
Schwachheiten erinnert. In Venedig jagen die Damen den Fremdlingen nach; in
Teutschland sind sie mit ihren einheimischen Leuten zufrieden. - Ländlich,
sittlich! - dachte ich mir bei der Verschiedenheit dieses Geschmaks. - Die
Weiber sind ja in allen Ländern in allen Stükken eigensinnig, folglich auch in
der Wahl ihrer Bedienten. - Doch sind die hiesigen Damen in ihren
Bequemlichkeiten weit mehr zu beneiden: Sie schwimmen ganze Täge in den Armen
ihrer Lieblinge unbemerkt herum; da hingegen unsere guten Damen ohne Rüksicht
auf ihre adelichen Schwachheiten so leicht wegen ihren heimlichen
Ausschweifungen unter dem Pöbel verschrieen werden. - Was zahlte nicht bei uns
manche Dame für so eine allerliebste Gondel, vermittelst welcher sie ihre minder
verborgenen Schlupfwinkel entbehren könnte! Selbst der Puz der hiesigen Damen
wird in diesen sanft fortschleichenden Behältnissen weniger verschoben, als in
einem engen Gefärte in Teutschland, wo der schmachtende Nachbar unwillkührlich
durch das Stossen des Wagens vom Strichrok bis zum Kopfpuz alles in Unordnung
bringen muss. - Auch bedienen sich hier die Damen keiner Schminke mehr, weil die
dunkle, verschlossene Gondel und der wohl abstechende Anstrich derselben ihre
Wangen ohnehin schon hochrot färbt! - Es ist eine allerliebste Erfindung um die
Gondeln! - sagte leztin ein flatterhafter Ehemann zu mir, dem unter dem
mitleidigen Schuz derselben manche galante Unternehmung geglückt war; - und bei
uns, schrie eine verbuhlte, leichtsinnige, hizzige italienische Brunette, bei
uns kann kein beleidigter Ehemann seine Equipage mit eifersüchtigen Augen
verfolgen; denn bei uns sind die Gondeln alle gleich; sie tragen die feurige
Prinzessin mit ihrem Liebling eben so geheimnisvoll, als die ausschweifende
Opersängerin mit ihrem ausgemergelten Prinzen. Bei Ihnen (fuhr sie fort) müssen
die armen Damen ihre Kammermädchen, Bedienten, Weiber, oder gar Kupplerinnen um
schweres Geld zu jeder kleinen Lustpartei erkaufen, und hier in Venedig versieht
die Gondel den gleichen Dienst weit geringer. - Ueberall herrscht hier Freiheit
und Liebe zur zeitlichen Freude. - Selbst die andächtigste Dame schwimmt hier,
ohne sich dem mindesten Verdacht auszusetzen, mit ihrem Gewissensrat in die
Kirche... oder in seine Arme. - Belieben Sie einzuhalten. Madame! - (unterbrach
ich sie) In Teutschland schleicht das Laster nur kaltblütig unter den Menschen
herum, und hier in Italien galoppiert es aus allen Kräften, besonders unter der
Maske der Frömmigkeit! Bei uns ist man aus übelm Beispiel oder aus Zufall
lasterhaft, und bei Ihnen aus natürlicher Anlage und weniger Kultur. - Hier
vergisst der Eigennuz täglich Blut, und bei uns treibt er es selten zu so einem
Schritt. - Bei Ihnen liegt Falschheit und Mordsucht im Herzen, und bei uns
kommen sie bloss zuweilen durch üble Erziehung oder Verführung hinein. - Ihre
Damen beten viel und buhlen viel. - Die unsrigen beten weniger, aber buhlen auch
weniger. - Das welsche Frauenzimmer ist betrügerisch, rachgierig, ausgelassen
und wild; das teutsche wohltätiger, sanfter, aber desto mehr koket. - Die
teutschen Damen foppen mit ihren kalten Temperamenten die Männer nach
Herzenslust, und die Italienerinnen wollen Sieg - oder Mord. - Uebrigens ist
Modesucht, Eigenliebe, Grillen und Ziererei unter unserm Geschlecht bei allen
Nazionen zu finden. - Wenn es aber unter den Weibern auf Betrügerei und
Verstellung ankömmt, so läuft in dieser Kunst doch immer die Italienerin der
Teutschen den Rang ab. - Unser Geschlecht ist zwar überall ziemlich verdorben,
nur verleitet die angeborne Guterzigkeit eine Teutsche weniger zu Betrug. Das,
Madame, sind meine unmassgeblichen Gedanken! - Und nun leben Sie wohl! - sagte
ich zu dem brunetten Frauenzimmer, und trollte mich gerades Weges nach Hause. -
Bald das Mehrere von
    
                                                                  Deiner Amalie.
 
                                  XCIX. Brief
                                   An Amalie
                           Meine teuerste Amalie! -
Ich durchlas deine Reisebeschreibung mit innigem Vergnügen, und freute mich
herzlich über deine muntere Laune, die mir wieder für die Herstellung deiner
Gesundheit bürgte. - Du bleibst doch immer das alte feurige Mädchen, das überall
geschäzt werden muss. - Aber weisst Du auch, dass Du dabei eine recht lose
Schäkkerin bist, die ihre Anmerkungen in den launigsten Wiz einzukleiden weis? -
Hätten die Nonnen nur die Oberfläche deiner Grundsäzze gekannt, ich wette, sie
würden Dich nicht mit ihren gesegneten Gaukeleien beladen haben. - O Aberglaube,
der du die Menschen so verfinsterst, verrükke doch die armen Nonnen nicht
weiter; - und du ehrwürdige gesunde Vernunft, sei ihren fantastischen Köpfen
gnädig! - Lass ihre schwache Leichtgläubigkeit nicht ferner durch
schmarozzerische Mönche anfachen. Ist es möglich, dass die wahre Religion in
ihrer schönen natürlichen Gestalt durch solche Possen so tief kann
heruntergesezt werden? - Ihr bonzischen Mörder der gesunden Vernunft, jagt dem
schwachen Volke Furcht und Angst ein, bloss um euere Bäuche zu mästen! - Gesegnet
sei Kaiser Joseph, der in seinem Lande auf einmal diesem Puppenspiel ein Ende
machte! - Doch izt vorwärts zu der Geschichte deines jüngern
Reisegesellschafters: Jeder Reisende (dachte ich bei dieser Geschichte) muss im
Postwagen Augen, Ohren, Herz und Börse wohl in Acht nehmen, wenn er nicht
betrogen sein will, denn fast immer sind die Postwägen von dergleichen Rittern
und Ritterinnen angefüllt, die darauf Jagd machen; - indessen ist es (die
Unbequemlichkeit weggerechnet) im Postwagen äusserst unterhaltend zu reisen. Die
Verschiedenheit der Gesellschaft unterhält den denkenden Kopf, und nirgends wird
lebhafter raisonnirt und mehr geschäkkert, als in den Postwägen. Madame
Neugierde ist da die Beherrscherin aller Herzen. - So viel über diesen Punkt! -
Aber nur Geduld, Leichtsinnige, nur Geduld! Der Pater Guardian wird sich einst
schon an Dir rächen! Mache Dir ja auf die ganze Zeit deines Lebens auf keinen
Kapuzinersegen Rechnung; hörst Du! - Was? - Du hattest die Kühnheit über seine
dikke Unwissenheit zu spotten? - Warte nur, böses Weibchen, der rachsüchtige
Bonze wird Dich bald behexen, und nicht entexen, so sehr hast Du seine
hochwürdige Dummheit angegriffen! Aber nun lass uns auch ein Bischen von dem
italienischen Wirt schwazzen: Recht getan! - recht getan, dass Du ihn aus dem
Zimmer jagtest! Ehrengefühl ziert das Weib eben so schön, als den Mann. -
Glaub's wohl, dass deine Alte über diesen Auftritt die Augen verzerrte, denn
unser Geschlecht hat zu wenig gelernt die Tugend ausser den Mauern ohne
Affektation zu behaupten. - Suche Dir die Alte vom Halse zu schaffen, sie taugt
für deine Denkungsart eben so wenig, als jene saubere Kaffeehausgesellschaft. -
Siehst Du nun, meine Liebe, wie es in der grossen Welt drunter und drüber zugeht?
- Wenn junge Leute noch unverdorben in solche Versammlungen eintretten, wie
leicht können sie dann an solchen Orten durchs üble Beispiel ihre
Unverdorbenheit verlieren! - Aber um Gotteswillen, meine Liebe! hüte Dich in
Venedig, dass Dir deine Aufrichtigkeit nicht etwa Verdriesslichkeiten zuziehet! -
Lass ja kein Wörtchen wider den Staat fahren, sonst bist Du ohne Rettung
verloren! - Auch sind die Italiener verschmizte Bursche, die einer Teutschen mit
leidenschaftlicher Hizze nachzustellen wissen, um sie ins Garn zu lokken. - So
unverschämt und zudringlich die Männer in Venedig sich aufführen, eben so
tollkühn treiben es die Weiber mit teutschen Jünglingen: ihr hizziges Naturel
macht sie zu jedem Laster fähig. Gott segne Dich und wache über Dich, meine
Amalie! -
 
                                    C. Brief
                                    An Fanny
Also, wie gesagt, meine Besste, als ich die Gesellschaft der brunetten Dame
verlies, ging ich nach Hause, legte mich zu Bette, und schlief herrlich, bis
mich meine Base des andern Morgens aufwekte. -
    »Kommen Sie, Sie müssen heute mit meinem Mann den Markusplaz besehen!« -
(sagte sie mir ganz sanft ins Ohr.) Ich rieb mir noch etliche Mal die Augen, und
taumelte dann hin zur Toilette. - Nun wollte mich die gute Frau nötigen eine
Maske vor mich zu nehmen, aber ich sträubte mich tapfer dagegen! - Nicht doch,
Frau Base! - Warum soll ich das Gesicht, das mir Gott gegeben hat, verkappen? -
Darf ich dasselbe nicht sehen lassen? -
    »O ja, mein Kind! - Aber Sie müssen sich maskieren, es ist hier zu Lande
durchaus nötig, um den Nachstellungen der Mannsleute zu entgehen.« - -
    Ei was Mannsleute! - die werden mich doch nicht mit Gewalt am hellen Tag
anpakken! - Nein, so wahr ich eine Teutsche bin, Frau Base, ich verdekke mein
Gesicht nicht! - Und so zog ich meinen Vetter mit mir zur Tür hinaus. - Aber
kaum hatten wir ein paar schmale Gässchen durchwandert, so streiften schon eine
Menge Masken sehr nahe und unglimpflich an mir vorbei. - Ich schob dieses
Betragen auf die Rechnung des engen Raums der Strasse, bis mein Vetter auf einmal
zu brummen anfieng, und mich überzeugte, dass seine Frau Recht gehabt hätte. -
Die hiesigen Masken nehmen sich gegen ein fremdes unmaskiertes Frauenzimmer die
ungezogensten Frechheiten heraus. - Eine Fremde muss sich in Mannskleider
stekken, wenn sie ungestört über die Strasse gehen will. - Bei uns sezt diese Art
Verkleidung ein Frauenzimmer in übeln Ruf, und hier dient sie zu seiner
Verteidigung. - O Vorurteil, du widersprechendes Wesen! - sagte ich zu mir
selbst - als wir gerade unter den gedekten Seitengängen auf dem Markusplaz
anlangten. - Hu! - wie mir da der Kopf zu schwindeln anfieng, als ich die Menge
Masken erblikte, die auf Strohsesseln vor den Kaffeebuden sassen, und mich dabei
so starr angafften, dass es mir ganz heiss in die Wangen stieg. Fast alle meine
Sinnen waren über und über beschäftigt. - Ich sah izt in den offenen Kaffeebuden
verwegen spielen, unverschämt buhlen, und jedes lasterhafte Gewerb in voller
Uebung treiben. Auf allen Seiten unterhielten sich diese beschäftigten
Müssiggänger mit ihren Modelastern. Spionen lauerten; Spieler zankten;
Buhlerinnen schäkkerten emsig mit ihrer feilen Waare; - Andächtlerinnen seufzten
über die Unerträglichkeit ihrer Keuschheit; alte Weiber brummten an der Seite
ihrer ungetreuen Anbeter; junge Damen warfen nach ihrer Gewohnheit ihre Nezze
aus; Bonzen liebäugelten; Schurken lehnten sich tiefsinnig an die Seitenwand,
und dachten auf spizbübische Anschläge; Stuzzer strikten Filet, fremde junge
Windbeutel trugen ihre Figur zu Markte, und Ausländer, die kaum dem Galgen
entronnen waren, genossen hier der goldenen Freiheit! - Alles war in lebhafter
Tätigkeit, und jeder schwelgte nach seiner Weise. - Mit zerstreuter
Verwunderung schlenderte ich einigemal an dem Arm meines Vetters den Seitengang
hin und her. - Der überraschende Lärm hatte meinen Körper in etwas aus seinem
Gleichgewicht gebracht. - Ich schmiegte mich nahe an die rechte Seite meines
Führers, und lehnte meine rechte Hand rükwärts auf meine Hüfte. - Schon glaubte
ich in dieser Stellung unter dem Getümmel unbemerkt durchschlüpfen zu können;
schon fieng ich an über alle diese Tollhäuser philosophisch nachzudenken, als
ich plözlich meine rükwärts gelehnte Hand feurig gepresst fühlte! - Aergerlich
blikte ich hinter mich, und sah... lauter gleich gekleidete Masken. - Es schien
mir in diesem Falle schwer den Täter zu unterscheiden; ich zog daher meine Hand
ganz stillschweigend aus dieser Stellung. - Um Streitigkeiten zu verhindern,
verschwieg ich diese neue Unverschämteit meinem Vetter, indem ich glaubte nun
sicher und ruhig an seiner Seite fortwandeln zu können. Aber umsonst, kaum hatte
ich einige Schritte vorwärts getan, so tändelte schon wieder eine Maske an
meinen Haaren, die bis über meine Hüften hinunter hiengen. - Endlich zwang mich
die Notwendigkeit mit meinem Vetter in eine Gondel zu steigen, um nach Hause zu
fahren. - Hier hast Du nun die Geschichte des heutigen Tags von
    
                                                           Deiner bessten Amalie.
 
                                   CI. Brief
                                    An Fanny
Wenn wir gutchristlichen Katoliken in eine fremde Stadt geraten, so eilt sonst
gewöhnlich unser erster Schritt der Kirche zu. - Bei mir war es zwar nicht der
erste, aber der lezte soll es gewis sein! Ich begab mich in eine Kirche; aber
die schändliche Aufführung der italienischen Nazion im Tempel Gottes hat mich
sehr geärgert! - Als ich in den Vorhof der Kirche trat, drängten sich die alten
Bettelweiber haufenweis auf mich zu, und baten zur Liebe des heiligen Antonius
um ein Allmosen. Ich gab hin so viel ich konnte, ob ich gleichwohl beim Weggehen
einige von diesen nemlichen alten Weibern besoffen in Winkeln liegen sah. - Die
Kirche war dicht angefüllt; alles murmelte mit verkehrten Augen Gebete daher.
Die Damen zerschlugen sich aus Andacht die Brust, und die Männer schwizten
heuchlerisch im Gedränge. Die ganze Versammlung behauptete den Schein einer
ausserordentlichen Frömmigkeit. - Schon fieng ich an mich über diese eifrigen
Diener des Herrn zu freuen; schon beklagte ich die kalten Teutschen, die in der
Verehrung des Schöpfers so wenig Feuer im Aeusserlichen zeigen. - O! dachte ich,
welch ein Unterschied! - Hier strozzen die Kirchen an Werktägen von Andächtigen,
und bei uns kaum an Sonntägen; und so würde ich weiter Vergleichungen angestellt
haben, wenn mich nicht der verstohlne Seitenblik einer eifrig betenden Nachbarin
darin gestört hätte. - Die gute fromme Scheinheilige schien nach etwas begierig
zu schmachten, bis sich auf einmal ein frecher Bursche zu ihr hindrängte, und in
ihr Gebetbuch ein Liebesbriefchen stekte. - Sie nahm dann ihr Buch zu sich,
klopfte ans Herz, rief einigemal: O Dio santo! dazu, und verlor sich. - Als
dieser Auftritt, den die übrigen frommen Christen nicht einmal bemerken wollten,
sein Ende erreicht hatte, wollte ich nach meiner Uhr sehen, aber siehe da - man
hatte mir sie gestohlen! - Ich sah ganz natürlich links und rechts nach dem
Dieb, und erblikte nichts, als Grimasse der Frömmigkeit. Was blieb mir nun ausser
der christlichen Geduld übrig an einem Orte, wo jeder Heuchler der Religion Ehre
zu machen schien? - Demungeachtet drängte sich mein Blut häufig dem Kopf zu, und
es war mir unmöglich mich länger in einem Hause aufzuhalten, wo Andächtelei dem
Laster den Schein der Ehrlichkeit borgen muss. - Ich drängte mich hin und her
durch alle Lükken durch, um in die freie Luft zu kommen. Eine alte cara Mama
zupfte mich rükwärts am Arme, und schien mir zu folgen. - Was mag denn die
wollen? - fuhr mir durch den Kopf, indem ich sie aufmerksam betrachtete. - Sie
brummte ihre Gebeter halb laut fort, hielt ihren Rosenkranz fest, sties
andächtige Seufzer aus, und folgte mir bis an die Treppe. - Carissima bella
Signorina! - redete sie mich an. - Geh zum Henker, Alte, mit deinen
Schmeicheleien! - schrie ich ihr zu, als sie mich ganz andächtig bei Seite zog,
und mir einen förmlichen Antrag zu einer Lustpartie machte: - Schandlose
Heuchlerin! - lass mich mit Friede, oder... auf einmal war sie izt weg und wieder
in der Kirche. - So geht es also hier im Tempel Gottes zu! - Das ist das fromme,
andächtige Volk! - sagte ich unwillig zu mir selbst - und besuchte aus Neugierde
mehrere Kirchen nach einander. - Alle fand ich eben so voll wie jene. - Gott im
Himmel! wie viel falsches Scheinopfer bringt man dir! - seufzte ich dann laut -
und kehrte zurück nach Hause. -
    Ja, meine Fanny! - die Geschichte in der Kirche hatte mich so sehr erzürnt,
dass ich mehrere Tage keinen Schritt aus dem Hause tun wollte. - Auf einmal
wurde meine üble Laune dem guten Vetter zur Last, und ich musste ihm mit Gewalt
in eine adeliche Gesellschaft folgen.
    Aber ums Himmels willen, lieber Vetter, ich bin ja nicht stiftmässig; die
Damen werden Bedenken tragen, mich unter sich aufzunehmen! - sagte ich ihm
sträubend. -
    »Ei was stiftmässig! - antwortete mein Vetter, hier braucht ein Fremder das
nicht; geben sie unserer Noblesse nur ihren Exzellenz-Titel, und Sie sind gewis
mit Ihrer Lebensart willkommen.« -
    Genug ich lies mich aus Neugierde bereden, und besuchte mit ihm eine solche
Versammlung. - Als wir in Cassino anlangten, so wimmelten schon die Vorzimmer
voll Bedienten. Ich streifte mit philosophischem Unwillen an diesem schimmernden
Ungeziefer vorbei, das sich kriechend bis zur Erde beugte; dann stellte man mich
einigen Damen vor. Ich muss gestehen, ich fand einen himmelweiten Unterschied
zwischen ihnen und unsern aufgeblasenen, stolzen Nasenrümpferinnen in
Teutschland: Sie empfiengen mich mit einer vernünftigen Güte und Leutseligkeit,
die so willig eher dem Verdienst als einer bloss zufälligen Geburt ihre Arme
öffnen. - Sie marterten mich mit keiner steifen Etikette, womit man Fremde in
Teutschland zu quälen pflegt. Freiheit, Munterkeit und gute Laune herrschten
überall in dieser Gesellschaft. - Die Damen flüsterten einander keinen
Ahnenstolz in die Ohren, und fielen mir nicht mit naseweisen Fragen zur Last;
eben so wenig, als ich von ihnen geschraubte, hochmütige Antworten erhielt. -
Keine gaffte mich mit teutscher Grobheit an, als ob sie sagen wollte: - »Selbst
dein Anzug ist nicht einmal hochadelich! -« In wenig Minuten achtete ich mich in
dieser Versammlung schon nicht mehr fremde. - Man lies mir Freiheit, ohne mich
aus Verachtung zu vergessen, und man schien mich zu vergessen, bloss um mir
Freiheit zu lassen. - Niemand zwang mich zum Spiele. - Jedem stund es frei, sich
mit Kopf und Herz nach seiner Weise zu unterhalten; - weder Eifersucht noch
Misgunst trübte die Damen unter einander. - Jede hielt ihren Liebling fest, ...
und störte nicht durch Koketterie die Ruhe einer andern.-Alle hatten für sich
hinlängliche Herzens-Beschäftigungen. - Kurz, die hiesigen Damen sind selbst bei
ihren raschen Leidenschaften weit erträglicher als die in Teutschland. - Liebe
übertäubt alle ihre übrigen Leidenschaften; und was Liebe nicht angreift, das
beleidigt sie auch nicht. - Sie haben überhaupt im Durchschnitt mehr Kultur als
die Männer. Mutter Natur war ihre Leiterin. Ziererei - Vapeurs - und Grillen
scheinen sie gar nicht zu kennen. - In Gesellschaften handeln sie viel freier
als die Teutschen, und bei Weitem nicht so geschraubt. - Die Hizzigkeit ihres
Temperaments gestehen sie offenherzig, und verderben nicht ihr Herz durch
heuchlerische Verstellung. - Unsere teutschen Damen hingegen verbergen ihre
Herzens-Angelegenheiten, und werden dabei doppelte Sünderinnen. - Hier rechnen
sichs die Damen zur Schande, mehr als Einen zu lieben, und bei uns schämen sie
sich dieser einfachen Zahl, und tändeln mit allen, die ihnen aufstossen, aus
Schwachheit, aus Ueberraschung oder aus Zufall. Liebe wird bei den Italienern
zum ernstaften Geschäfte, bei den Teutschen hingegen zur Galanterie, oder
Heuchelei. - Wechsel ist hier Verbrechen, der den Stolz einer Dame beleidigt -
und bei uns wechselt man mit der Liebe eben so gleichgültig, wie mit
Handschuhen. - Die hiesigen Damen lernen ausser ihrer Muttersprache selten eine
andere, und saugen nicht, wie bei uns, mit der französischen Sprache zugleich
französischen Leichtsinn ein. Sie studieren fleissiger ihre Muttersprache, als
manche teutsche Dame, welche die ihrige kaum buchstabieren kann. - Auch Eigennuz
verunstaltet ihre Seele nicht so leicht, weil sie weniger als bei uns dem Spiel,
sondern mehr der Liebe nachhängen. - Verläumdungssucht ist ihnen fast durchaus
fremde, denn sie verschäkkern ihre Stunden meistens in der Gesellschaft ihrer
Liebhaber. - Selbst Eitelkeit hat sie weit weniger vergiftet, weil die
Einförmigkeit ihrer Masken keinen so grossen Aufwand erfodert. Wären nur die
hiesigen Damen ihren Männern getreuer, verschwelgten sie nur weniger ihre
Gesundheit in den Armen der Wollust, man könnte diese Engel von Weibern nicht
besser wünschen, als man sie hier unter dem adelichen Stande findet. - So weit
ging meine heutige Beobachtung. Morgen auch etwas weniges von den hiesigen
Männern; und nun gute Nacht, meine Liebe, von
    
                                                                  Deiner Amalie.
 
                                   CII. Brief
                                    An Fanny
Wort halten, ist Pflicht! - ruft uns die alte teutsche Redlichkeit zu. Also muss
ich wohl heute ihrer Stimme folgen, und Dir, meine Fanny, mein Versprechen
erfüllen. So eben komme ich wieder aus einer adelichen Gesellschaft zu Hause;
und ich kann Dich versichern, dass die hiesigen Edelleute männlichen Geschlechts
fast durchaus über eine Form gemodelt sind. - Ich fand in einem die andern alle.
Ihr Wesen ist einfach, und ihre Nazional-Mundart ist dem einen wie dem andern
eigen. Selbst Liebe, die doch bei der italienischen Sprache sehr gewinnt, wird
durch ihre Nazionalsprache verunstaltet. - Schon einige haben es versucht, auf
mein Herz Ausfälle zu wagen, aber sie prellten ab. - Das Zuhausesizzen versagt
ihnen die nötige Kultur. Sie besizzen die hochmütige Grille, dass keiner von
ihnen ohne fürstlichen Aufwand reisen dürfe; und doch haben die wenigsten davon
Glüksgüter genug, um diese Grille zu befriedigen; also bleiben sie lieber an
ihrem Kaminfeuer sizzen, und gewöhnen sich dabei an eine simple nazionale
Lebensart, dass es dem Fremden schwer wird, den Edelmann vom Lakaien zu
unterscheiden. - Sie lesen wenig, studieren (ihre Landesgesezze ausgenommen)
fast gar nichts, und bleiben bis an ihr Ende gutwillige Pagoden zur Bedienung
ihrer aufgeklärteren Damen. - Ihre besondere Höflichkeit, ihr hübscher Körperbau
und ihre feurige Liebe für unser Geschlecht, sind noch die einzigen kleinen
Vorzüge, die sie erträglich machen; demungeachtet sind sie sehr zur Schwelgerei
geneigt. Wenn ein junger Venezianer ohne Liebesfesseln lebt, dann lebt er gewis
bis zum Ekkel ausschweifend. - Nun so ist denn doch Ausschweifung immer das
gewöhnliche Extrem eines Gelehrten oder eines Dummkopfs! - (fuhr mir bei dieser
Anmerkung durch den Sinn...) Doch weiter! - Wiz besizzen sie gar keinen, aber
desto mehr Nazionalsprüchelchen. Vernunft findet man noch am meisten unter den
Advokaten, weil sie ihnen Geld einträgt. - Gekken sind sie fast alle, denn ihr
Müssiggang macht sie dazu. Stolz auf ihre Freiheiten erlauben sie sich in ihren
Masken viele kindische Torheiten. Bigottismus und Wollust schlürfen sie ohne
den mindesten Vorwurf aus einem Becher, weil sie gewohnt sind, ihre Rechnung
alle Monate wenigstens einmal in dem Beichtstuhl abzulegen. Der Grundzug ihres
Karakters bleibt so lange guterzig, bis er von einer Leidenschaft auf die Probe
gestellt wird; alsdann erst artet er in feurige Rachsucht aus. - So bald man
ihren vaterländischen Stolz nicht beleidigt, so ist gut mit ihnen auszukommen.
Litteratur und schöne Wissenschaften verrosten gänzlich unter ihnen; aber desto
fleissiger üben sie Rechtsgelahrteit und Handelschaft. - Sie machen gutwillig
die Küchenjungen ihrer Weiber; aber nie die Sklaven ihrer Vorgesezten. - Ein
Venezianer läuft leichter mit dem Gemüskorb auf den Markt, als dass er nur um ein
Haar seine Freiheit verlezzen liesse. Sie lieben auch die Fremden, aber trauen
ihnen nicht gerne. - Eine grosse Menge Advokaten leben da auf Kosten ihrer
Klienten, deren Rechtssache sie auf dem Rathause öffentlich verteidigen müssen.
Die Landestracht wird von dem Nobili und Advokaten nur an Gerichtstägen
getragen, und besteht aus einer Knotenperükke, einem langen schwarzen Rokke mit
einer silbernen Kette um den Leib. - Der Staat unterhält nur wenig Soldaten,
aber destomehr Sbirren. Man behauptet, dass der Magistrat durch die
Geschiklichkeit dieser Sbirren in kurzer Zeit den Namen und das Gewerb eines
Fremden wissen kann, wenn ihm die Neugierde ankömmt. - Hm! hm! - Wie mag denn
das zugehen? - (fragte ich mich selbst) da man doch hier zu Lande keinen Fremden
mit dem Namenaufschreiben tirannisirt? - Aber desto aufmerksamer ist unsere
Polizei, die den Unschuldigen nicht statt des Schuldigen plagt! - (flüsterte mir
mein Vetter ins Ohr, der mein Selbstgespräch musste gehört haben). Liebschaften,
Mätressen, und alles, was ins Reich der Frau Venus gehört, steht nicht unter dem
mindesten Zwang, - wenn nicht Mordtaten, oder Diebstähle damit verknüpft sind.
- Wer sich in öffentlichen Häusern beschmuzzen will, kann es ohne Hindernis
wagen. Doch laufen bei aller dieser Freiheit die hiesigen Männer weit weniger
diesen Oertern zu, als bei uns, wo Vorurteil, Fraubasen-Geklatsch, oder der
bestochene Polizeirichter die Liebschaften von besserer Gattung so unbarmherzig
stören. - Jeder unterhält sich hier sein eigenes Liebchen nach dem Maasstab
seiner Einkünfte. Die öffentlichen Bedürfnishäuser werden meistens nur von
Fremden, oder von den allerlüderlichsten Einheimischen besucht. - Ich habe
diesen Saz meinem Vetter nicht glauben wollen; aber morgen, sagte er, müssen Sie
Beinkleider anziehen, und ich will Sie davon überzeugen. - Lebe wohl
unterdessen, meine Besste!
                                                                   Deine Amalie.
 
                                  CIII. Brief
                                   An Amalie
                               Liebste, Besste! -
Ländlich, sittlich! - so sagtest Du leztin selbst, und doch weigertest Du Dich,
Dich zu maskiren; wie kömmt denn das? - O Du eigensinniges Weibchen, Du! -
Verhülle in Zukunft dein blühendes Gesichtchen, sonst läufst Du Gefahr ferner
beunruhigt zu werden. - Es muss übrigens doch für eine Fremde ein sonderbarer
Anblik sein, wenn sie das lebhafte Gemische so vieler Masken erblikt! - Mir
würde zwar dieses Getümmel nicht behagen; Mitleiden und Abscheu würden mich zur
tiefsten Traurigkeit hinreissen! - Schröklich ist es, meine Freundin, zu hören,
dass selbst der geheiligte Tempel Gottes vom Laster nicht geschont wird! -
Christen sollen das sein? - Christen, die die Grösse und Allmacht ihres Schöpfers
weder fühlen, noch kennen! - Christen, die aus keinem reinen Unterricht gelernt
haben, die Gegenwart Gottes zu fürchten! - Diese Verworfenen beten zu oft, um
mit wahrer Zerknirschung des Herzens, mit wahrer Andacht beten zu können. - Ihr
kaltes, flüchtiges, abwesendes Herz wiedmet sich aus Langerweile unter ihrem
mechanischen Gebet bloss sündhaften Nebenbeschäftigungen. Sie hüllen ihre Laster
in Andachts-Uebungen ein, um desto freier ausschweifen zu können. - Bigottismus
ist der Sünden Schuz, und ihr gleissnerisches Gebet ist ein grässliches Verbrechen
an der Majestät Gottes! - Schein der Frömmigkeit ist bei den Italienern fast
immer der Vorbote des Lasters. - Man hält in diesen Ländern vieles auf
äusserliche Gebräuche, aber desto weniger auf das innere Gefühl eines denkenden
Christen, der mit einem Worte seinen gütigen Schöpfer anzubeten weis. - Da
zwingt man die Menschen zum Gottesdienst; sie müssen Predigten anhören, beichten,
und alle Gebräuche mitmachen, wenn sie der Bonzen Wut entgehen wollen. - Der
freie Willen wird unterjocht, und öffnet dann das Herz der Heuchelei und der
Falschheit. - Wenn der Diener seinem Herrn nur aus Zwang unterwürfig ist, dann
entfernt sich sein Gefühl weit von dem guten Willen, der das Lob seiner
Herrschaft verewigen sollte. - Die Katoliken werden mit Gewalt zur
Religions-Uebung geschleppt, und ihr widerspenstiges wildes Gefühl artet dann
bei diesem Zwang in Lüge aus, die sie bloss zum Schein dem Allmächtigen täglich
vorheucheln. - Man verschliesse diesen Afterchristen die Kirche, um sie erst den
Wert Gottes fühlen und kennen zu lehren! - Man rufe ihnen die donnernde
Allmacht des Ewigen feurig ins Ohr, um sie aufmerksamer zu machen auf die
Herrlichkeit Gottes, der bloss auf das Herz des Menschen sieht! - Mit
gefühlvoller Beredsamkeit sollten es die Seelsorger versuchen, ihr angewöhntes
kaltes Gebet in warme, innige Empfindung zum Lobe des Allgütigen umzustimmen! -
Priester! - ihr seid die Seelen-Hirten der Christen, ihr seid die Abgesandten
des Welteilandes! - Euch kömmt es zu, mit Eifer ins menschliche Herz zu
dringen; euch ist es Pflicht, das Gefühl für den Urheber der Natur darinnen
aufzuwekken und es zu reinigen von falschen Empfindungen! Dringt mit Kunst, mit
Menschenkenntnis, mit Güte und Sanftmut hinein; macht es willig zum Dienste
Gottes! - Rührt den freien Willen des Menschen, und ihr werdet siegen!
...................
    Ei, da bin ich ja gar zum Prediger geworden, und nahm mir doch vor recht
launigt zu schreiben. - Lass sehen, ob ichs jezt wieder dazu bringen kann! - Ich
für mein Teil, meine Liebe, will mich eher mit Ruten streichen lassen, als in
die Gesellschaft unserer adelichen Damen tretten. - Ein fühlendes Geschöpf muss
sich da mit Leib und Seel entsetzen über den stolzen, schnippischen Blik, womit
sie empfangen wird, - wenn es ihr anders noch gelingt in eine solche Versammlung
zu kommen. - Es ist gar zu drolligt, wenn manchmal der aufgeklärte Kopf einer
Bürgerin dem adelichen Strohkopf mit einer tiefen Verbeugung zunikt! - Ist es
möglich? - So muss denn das wahre Verdienst des Herzens vor der Dummheit im
Staube liegen bleiben? - Natur, Nächstenliebe und Menschlichkeit werden von
diesen Weibern erstikt. - Wer nicht das Glük hat, Ahnen zu zählen, muss mit dem
edelsten Herzen, mit dem aufgewektesten Geiste im Winkel stehen bleiben und die
adelichen Gänschen bewundern. Würden die Weiber sich durch Tugend und Bildung
auszuzeichnen suchen, dann möchte es wohl mancher Dame nicht gelingen, ihr Herz
mit einer Unadelichen im Gleichgewicht zu halten. - Der unerträglichste
Ahnenstolz verrükt das kranke Gehirn so vieler teutschen Damen, die sich aus
Mangel an eigenem Verdienste durch dieses Unding allein wichtig machen müssen.
Geburt ohne Philosophie ist ein Geschenk, das so gerne durch Hochmut bis zur
Unmenschlichkeit ausartet; denn wie oft vergessen nicht die Adelichen die Stimme
des Mitleidens gegen ihre Untergebenen? - Wenn das Andenken verdienstvoller
Voreltern unter den Söhnen zur Aufmunterung fortgepflanzt werden kann, so geht
es doch die Töchter nichts an. Ihre ganzen Heldentaten bestehen, wie die der
Bürgerin, im Heiraten, Kindergebähren und Sterben. Sind das nicht Törinnen,
die mit entlehntem Verdienste prahlen wollen? - Herablassung! - Herablassung,
meine adelichen Damen, ruft ihnen der gesunde Menschenverstand zu! - Blos
Geistesvorzug, Talenten, Menschenfreundlichkeit und edles Herz werden sie
wahrhaft in aller Welt Augen adeln; alles übrige ist Eigensinn, Eitelkeit oder
Hirngespinst. - -
    Doch lass uns izt auch noch ein Bischen die unterscheidenden Vorzüge der
jungen Kavaliers untersuchen: - So simpel, guterzig und albern die Venezianer
auch immer sein mögen, so sind sie doch gewis erträglicher, als unsre
spöttischen, dummdreisten, naseweisen Stuzzerchen, die mit boshaftem Herzen in
Gesellschaften ihren geborgten französischen Wiz auskramen. - So ein gereister
Zieraffe hat Dreistigkeit genug, das ehrwürdige Alter eines biedern Mannes
lächerrlich zu machen. - Ihre geistlichen Hofmeister, die sie meistenteils
begleiten, lassen über der Neuheit der grossen Welt das Herz ihrer Zöglinge aus
der Acht, und geniessen mit ihnen die Süssigkeiten der Schwelgerei. - Uebles
Beispiel, unerfahrne Hofmeister und Überfluss verderben auf Reisen so viele
junge Leute. Flatterhaftigkeit, Laster, Galanterie-Krankheiten, Weichlichkeit,
sind fast immer die Früchten ihrer Reisen. Nur selten kehrt ein junger Edelmann
aufgeklärt, als wahrer Patriot und mutiger Held zurück. - Das ganze Verdienst
dieser verwöhnten Muttersöhnchen besteht in der Windbeutelei und französischem
Unsinn. - Diese wollüstigen Gekken verstehen die allerliebste Kunst, den Damen
Strumpfbänder zu knüpfen, wohlriechende Wasser zu versprüzzen und mit
Herzhaftigkeit eine Fliege todt zu schlagen, wenn sie es wagt auf eine
hochadeliche Nase zu sizzen. - Der Kriegsdienst, dem sich unsere Edelleute
wiedmen, macht sie gar zu oft brutal und unverschämt. - Wie oft wird ihr
stumpfes, verdorbnes Gefühl von den bessern Empfindungen eines gemeinen Soldaten
übertroffen! - Unschuldige Mädchen verführen, den guten Namen ehrlicher Weiber
verschreien, sich mit Gassennimphen beschmuzzen, Schulden machen, Bürger
prügeln, ist alsdann die Beschäftigung, die sie in der Uniform in voller Uebung
treiben. - So roh unsre alten Teutschen auch immer waren, so hielten sie doch
auf Zucht und Ehre, und befolgten als Biedermänner strenge ihre Gesezze, die
nach ihren Begriffen gut waren. - Aber izt, meine Freundin, ist alte Redlichkeit
in Staub gesunken! - Milchbärte haben ihr Andenken entehrt! - O das ist traurig,
meine Amalie! Doch ich muss schliessen! Ewig
    
                                                                    Deine Fanny.
 
                                   CIV. Brief
                                    An Fanny
Denke nur, meine Liebe, mein Vetter lies mir nicht eher Ruhe, bis ich mich
entschloss, mit ihm in Mannskleidern öffentliche Lustäuser zu besuchen; - er
wollte mir durchaus die Wahrheit seines Sazzes beweisen; - und er behauptete ihn
mit Recht; denn wir fanden in diesen öffentlichen Lustäusern mehr Ausländer,
als Einheimische. - Da es eines Abends anfieng dunkel zu werden, führte er mich
in eines dieser Häuser. Eine sehr dunkle Treppe leitete uns in ein Vorzimmer,
worinnen ein altes Weib sass, die laut betete. - Sie lies uns gerade so lange
stehen, bis sie noch einige Korallen ihres Rosenkranzes hin und her geschoben
hatte; dann schlug sie das Kreuz über die Brust, ging ohne ein Wort zu reden
ins Nebenzimmer, und eilte bald wieder mit der Antwort zurück: »Dass ihre Tochter
bereit wäre, uns zu empfangen.« - Gerechter Himmel! schon wieder eine solche
heuchlerische Satans-Christin, die ihre lasterhafte Tochter unter frommer Lüge
verkuppelt! - So wollte ich eben laut seufzen, als wir gerade in das Zimmer der
Buhlerin eintraten. - Die Dirne empfieng uns mit einer frechen, zuversichtlichen
Miene, und war schon so in ihrer schändlichen Kunst erfahren, dass sie mein
Geschlecht auf den ersten Blik entdekte. - »Mit Ihnen, junger Herr, ist wohl
nicht viel zu unternehmen; und du alter Kamerad, (redete sie uns an) du bist der
Freude auch schon abgestorben; also muss ich wohl auf andere Mittel denken, euch
zu unterhalten! -« Dann warf sie eiligst ihre schlampigten Kleider vom Leibe,
und machte die schändlichsten wollüstigen Stellungen. - Das Blut stieg mir wie
Feuer ins Gesicht; ich wandte meine Blikke von dieser Schandmezze weg; - sie
merkte meine Verlegenheit, und spottete laut über die blöde Schamhaftigkeit der
Teutschen. - Gott! welcher Abscheu durchschauderte meine Seele! - Tränen des
Entsetzens rollten über meine Wangen! - Die ganze Natur empörte sich in mir! -
Ich griff hastig nach meiner Börse, und warf dieser elenden Kreatur etwas Geld
hin, wornach sie heisshungerig schnappte. - Mein Vetter konnte mich kaum mehr
trösten, so schröklich hatte mich dieser grässliche Auftritt verstimmt. -
Gebeugt, schwermütig, durchirrten wir einige Strassen; als uns plözlich das
laute Weinen einer weiblichen Stimme aufmerksam machte. - Der Schall kam aus
einem Stübchen, dessen Fenster nicht hoch von der Erde waren; die ganze Wohnung
hatte das Ansehen eines Bordels, worinnen das Laster sich durch Armut selbst zu
strafen schien. Die Neugierde trieb uns hinein; wir fanden den Hauswirt im
heftigsten Streite mit einem jungen Mädchen, das verzweiflungsvoll die Hände
rang! - Als dieser Kerl uns erblikte, stimmte er augenbliklich seinen Ton um,
kneipte das betrübte Mädchen in die Wangen, wünschte uns kriechend gute
Unterhaltung, und verlies das Zimmer. - Das arme Geschöpf warf sich dann
jammernd zu unsern Füssen, bat um Barmherzigkeit, um Schonung! - So sehr auch
diese Art Mädchen die Gewohnheit an sich haben, ganze Romanen zu erdichten, um
ihren Lebenswandel zu entschuldigen, so fand ich doch bei dieser eine geheime
Stimme der Wahrheit, die mein Herz zum warmen Mitleid rührte. - Mein Gott! -
fuhr mir in teutscher Sprache über die Zunge, - als die Arme mit feurigem
Entzükken laut ausrief: Gott sei Dank! Sie sind ein Teutscher; Sie werden mich
retten! Mit kurzen Worten erzählte sie mir nun ihre Geschichte. - Sie ist eine
Kaufmannstochter aus A....; ein Böswicht entführte sie, und überlies sie dann in
einem fremden Lande dem Mangel. - Sie geriet durch Kuppelei in die Hände dieses
Wirts, dessen Eigennuz sie mit ihrem noch ungewöhnten Körper nicht hinlänglich
befriedigte, und der sie eben deswegen schon seit einiger Zeit tirannisch
behandelte. Sie rang in dieser Gefangenschaft des Lasters schon lange mit der
äussersten Verzweiflung. - Ihr Flehen rührte keinen Wollüstling, keiner schonte
ihrer Tugend, alle genossen die Sträubende mit teuflischer Lust, und achteten
nicht der heissen Tränen, die auf ihre gewalttätige Hände brannten! - Grosser
Weltbeherrscher! - warum zögerte deine Strafe über diese Schänder der
Menschheit? - Warum gefiel es der unendlichen Barmherzigkeit nicht, sie
augenbliklich auszurotten? - O menschliches Gefühl! wo sind deine Rechte? - Wo
ist deine Stimme? - Kommen Sie, lieber Vetter, ich kann es nicht mehr aushalten!
- Ich küsste die Bedaurungswürdige auf die Stirn - versprach ihr Hülfe, - empfahl
ihr Verschwiegenheit - und eilte nach Hause. - Dass ich dann noch in der
nemlichen Stunde an ihre Eltern schrieb, wirst Du gewis von meinem Herzen
hoffen, dessen Empfindungen Du so genau kennst. - Lebe wohl, meine Teuerste! -
Lebe wohl! -
                                                                         Amalie.
 
                                   CV. Brief
                                    An Fanny
Ich wundere mich sehr, meine Teuerste, dass Du mich so lange ohne Nachrichten
lässt. - Doch keine Vorwürfe! - Vielleicht kreuzzen sich unsere Briefe, oder Du
hast Geschäften, welche Dich abhalten. - Freue Dich mit mir, besste Fanny, jenes
unglückliche Mädchen, von dem ich Dir im lezten Briefe sprach, ist gerettet! -
Sie ruht nun im Schoose ihrer ausgesöhnten Familie! - Dir Allgütiger! sei dafür
ewiger Dank gesagt, dass Du mir Gelegenheit gabest, einem meiner Nebenmenschen zu
dienen. - O! dieses selige Gefühl hält mich izt für alle Leiden meines Lebens
schadlos! - Venedig soll mir um dieses Glüks willen nie aus meinem Andenken
schwinden, so wenig ich sonst hier Unterhaltung für Kopf und Herz fand. - Selbst
im Schauspiel genoss ich keine Geistes-Nahrung, weil es so äusserst schlecht
bestellt ist. - Ton- und Tanzkunst ausgenommen, sind die hiesigen Schauspiele
keinen Heller wert. - Elende Harlekinaden, Marionettenspielereien,
Possenreissereien, damit wird der Zuschauer bis zur Langeweile eingeschläfert. -
Ich habe keine einzige Komödie gesehen, deren Verfasser mit gesundem Kopfe
geschrieben hätte. - Goldoni's Burlesken werden hier so zotenmässig vorgestellt,
dass man es dabei nicht aushalten kann. Trauerspiele hat man fast gar keine, und
die wenigen schlechten, die man hier gibt, werden durch frazhafte Episoden bis
zum Ekkel heruntergesezt. - Man möchte toll werden, wenn man die steife,
empfindungslose Opernsängerin wie eine Dratpuppe in einem Trauerspiel agieren
sieht. - Sie arbeitet so viel mit ihren Händen, deklamiert so widersinnig, als
ob Kopf und Herz mit dem kalten Fieber behaftet wären. - Eine hiesige
Opernsängerin ist so sehr Maschine, dass sie sich bloss hinter der Gardine hören
lassen muss, wenn sie nicht will, dass fast alle Sinnen des Zuschauers, ausser dem
Gehör, ihre Ankläger werden. - Was kümmert mich eine helle Kehle, wenn ihre
Besizzerin nicht die Kunst versteht, die Töne durch Seelen-Affekt in mein Herz
zu giessen? - Ein bloses musikalisches Instrument tut mehr Wirkung auf die
Empfindung der Zuhörer, weil das Auge dabei keine Foderung machen darf. - Ich
höre hier allen Opernsängerinnen mit geschlossenen Augen zu, um mir den Aerger
über ihre hölzerne Geschmaklosigkeit zu ersparen. - Schade ist es für eine so
feurige Nazion, dass ihr die noch nötige Kultur fehlt; sie könnte grosse
Fortschritte in der Schauspielkunst machen, wenn sie durch Lektur und gute
Anleitung geführt würde. Ich habe diese Bemerkung in ihren Balletten gemacht,
die mir noch am bessten gefielen. - Die Lebhaftigkeit gibt ihr einen so feurigen
Schwung der Affekten, dass ich ihre leidenschaftlichen Pantomimen mit Vergnügen
bewunderte. - Uebrigens sind die Sitten dieser Leute noch fast verdorbener, als
bei uns. - Die Mutter einer Schauspielerin wuchert ganz öffentlich mit der
Unschuld ihrer Tochter, und bewahrt ihr Kind den Meistbietenden auf. - Bei jedem
Teatereingange findet man eine Menge von andern Freudenmädchen, und zur Seite
des Schauspielhauses ganze Reihen von Bordellen. - Die Türen sind zu ebener
Erde, eine jede davon ist numerirt, und mit einem Marienbildchen, nebst einem
kleinen Wachslichte geziert, welches alle Sonnabende von der Nimphe angezündet
wird. Diese Kreaturen stehen am Eingang der Türe, um die Vorübergehenden zur
Verführung zu lokken; und da die Gassen sehr enge sind, so schlüpfen viele
Mannspersonen (vermutlich aus Furcht zerdrükt zu werden) in diese unreinen
Winkel. - Wenn aber eine von diesen Nothelferinnen des Lasters ohne Bekehrung
schnell dahinstirbt, so wird sie in einem Sak ins Meer geworfen. - Jede davon
trägt einen Dolch zur Verteidigung bei sich. Man hat mich versichert, dass es
Männer gegeben habe, die nach Befriedigung ihrer viehischen Begierden ihre
Raserei so weit aus Abscheu getrieben hätten, dass sie ihre Gehülfin auf der
Stelle ermordeten. - Bisweilen sezt es wegen Bezahlung oder Dieberei
Streitigkeiten ab, dass man schon mehrmalen dergleichen Weibsleute oder
Mannsleute todt antraf. - Was nun die Einrichtungen ihrer Gesundheits- Umstände
betrift, so soll man in Berlin weit bessere getroffen haben. - Die hiesige
Polizei mischt sich nicht so scharf in diese einzelnen Umstände, und überlässt es
dem verdorbenen Geschmak eines Jeden sich der Gefahr auszusetzen. - Gerade ruft
mich mein Vetter zu Tische. Nimm also diesen eiligen Kuss von
                                                                  Deiner Amalie.
 
                                   CVI. Brief
                                   An Amalie
                             Liebes, gutes Malchen!
Eine kleine Lustreise hielt mich bis izt ab, deine lezteren Briefe zu
beantworten! Du schreibst es doch nicht auf Rechnung meines Herzens? - O ich
habe wohl unterdessen recht oft an Dich gedacht; und dein erster Brief
überraschte mich gerade in dieser liebevollen Beschäftigung. Ich durchlas ihn
mit innigem Vergnügen; nur befürchtete ich dabei zu sehr, dass Du Dich durch dein
offenherziges Betragen einigen weibischen Lästermäulern blosgeben möchtest. Sie
werden nicht begreifen wollen, dass auch ein Frauenzimmer als Philosophin reisen
kann, und dass es ihrem kritischen Auge ebenmässig erlaubt ist, Stoff zum Denken
zu suchen. - Aber richtiger werden dafür die wenigen Vernünftigen urteilen, die
kein gallsüchtiges, neidisches Herz im Busen tragen. - Was kümmert uns übrigens
das Vorurteil einiger abgelebten Matronen, die ohnehin bloss zum Ofensizzen und
Gänsehüten geschaffen sind. Du lernst dadurch das menschliche Herz kennen; und
das ist einem jeden Vernünftigen Pflicht, der in der Welt nicht untätig leben
will. - Aber noch staune ich, meine Amalie, über den italienischen Bigottismus,
der, mit dem Laster verschwistert, einer Religion Schande macht, die im reinsten
Gewande prangen könnte, wenn verdorbene Begriffe sie nicht zur Heuchelei
entstellte. Giebt es denn in Venedig keine Priester, die solche abscheuliche
Misbräuche zu verhindern wissen? - Warum duldet man dergleichen Gebräuche? - Ist
das die reine Lehre Christi, die das menschliche Herz veredeln sollte? - Die
Italiener müssen den Wert der Religion eben so wenig kennen, als die
Hässlichkeit des Lasters, sonst würden sie ihn nicht zur Ausübung solcher
Misbräuche anwenden. Den Priestern käme es zu, Religion und Laster im ächten
Lichte den Menschen zu zeigen, und dann es ihrem Herzen zu überlassen, wenn es
noch boshaft genug sein könnte, beides nach erlangter Kenntnis mit einander zu
vermengen. Wer sich dann troz diesem den öffentlichen Bedürfnissen Preis geben
wollte, der könnte es auf Unkosten seiner eigenen Ruhe wagen. - Die
Gewissensstimme wäre denn der verborgene Tirann, der so ein Herz bei müssigen
Stunden grausam zerfleischte! - Nicht immer unterdrükt Schamlosigkeit den Ekkel
der Natur. Es gibt Augenblicke, wo das Bildnis einer langen Ewigkeit so eine
Kreatur grässlich martert! - Indessen kann ich doch diese Häuser nicht ganz
misbilligen. Sie verhüten grössere Ausschweifungen, und bieten dem verdorbenen
Geschmak der Menschen Befriedigung an. - Die Triebe der Natur arten bloss durch
Weichlichkeit und Bosheit zum Laster aus. - Der blose Instinkt strebt nur nach
genugsamer Befriedigung, aber die Einbildungskraft der Menschen schafft ihn zur
ausschweifenden Wollust um. - Man betrachte das Tier; es hat nur seine gewisse
Zeiten zur Befriedigung; aber der Mensch, dieser edlere Teil der Schöpfung, ist
in seinen Lüsten unersättlich, weil er der Einbildungskraft den freien Zügel
lässt. - Die meisten Menschen denken zu wenig, um ihre Begierden einschränken zu
können. Ihre Sinnen verirren sich so leicht bei jedem neuen Gegenstande, wo
hingegen das Tier keinen Unterschied kennt, um ausser seiner gehörigen Zeit
lüstern zu werden. - Gott gab den Menschen Vernunft, um ihre Handlungen nach der
Mässigkeit einzurichten; aber die wenigsten hören auf ihre Stimme, sondern
folgen, vom Beispiel hingerissen, den Reizen des Lasters auf Kosten ihrer Ehre,
ihrer Gesundheit. - O! die Menschheit ist ein unglückseliges, schwaches Wesen,
das so leicht ausglitscht, wenn nicht genaue Aufmerksamkeit über sich selbst und
Religion dieselbe leitet. - Man darf sich nur einen geringen Fehler nicht
vorwerfen, dann eilt man schnell bis zum äussersten Grade des Lasters. - Fleissige
Selbstbeobachtung ist der erste und sicherste Weg zur Tugend. So bald aber der
Mensch leichtsinnig alles Gefühl in sich erstikt, dann wird er gerade so
verstokt, so lasterhaft, wie jene Wollüstlinge, die das arme teutsche Mädchen im
Bordell wider derselben Willen geniessen konnten. - Gott segne die Gerettete in
den Armen ihrer Familie, und Dich lohne er dafür einstens mit unaussprechlicher
Glükseligkeit! dein Herz verdient es in der Tat! -
    Aber izt weiter zu deinem zweiten Brief: - Dass es in Italien ausser der
Malerei und Tonkunst mit den übrigen Wissenschaften schlecht bestellt ist, wusste
ich schon lange. - Die Nazion muss äusserst träge sein, dass sie Schauspielkunst
und Lektur so sehr vernachlässigt. - Sie ist von jeher in der Aufklärung eine der
lezten gewesen, und hat in der Litteratur von ihren Geistesfrüchten wenig
aufzuweisen. - Wenn ihr Gefühl durch Denken verfeinert würde, dann könnte sie
nicht zu dem äussersten Grade des Lasters fähig sein. - Roh und gedankenlos folgt
sie bloss der Stimme ihres leidenschaftlichen Bluts, und überlegt aus Mangel der
Bildung zu wenig ihre feurigen Handlungen. - Lebhaftigkeit führt zur Tugend oder
zum Laster, je nachdem sie geleitet wird. - Eigennuz ist auch ein Hauptfehler
dieser Nazion; um ihrer Befriedigung willen sind sie in Possenreissereien so
erfinderisch. - Selbst bei uns belustigen sie einige teutsche Fürsten mit
unsinnigen Frazzen. Mancher Hof bezahlt schweres Geld für eine welsche
Opersängerin, die in Italien ums Allmosen in Kaffeehäusern ihre schmuzzigen
Liedchen heruntertrillerte. - Bald werden die italienischen Landstreicher mit
ihren Murmeltierchen auf teutschen Bühnen ihr Glük machen, da es einmal so sehr
Mode ist, welsche Insekten zu dulden. - Keine auswärtige Nazion lokt die unsrige
zu sich und füttert sie. Wir guterzigen, schwachen Teutschen allein bezahlen
ausländischen Unsinn und ungesittete Aufführung. - Und warum? - Aus Vorurteil!
- So lange der Teutsche dem inländischen Talent Schuz und Aufmunterung versagt,
eben so lange bleibt er ein alberner Affe, der nach der verstimmten Pfeife eines
Fremdlings tanzen muss. - O! die Grossen, die Grossen könnten vieles anders
einrichten, wenn sie wollten! - Ist es nicht Schande, dass man fremde faule Waare
auf Unkosten der fleissigern, aufgeklärtern einheimischen duldet. - Einige Höfe
strozzen voll italienischer Comte und Markisse, die es durch Speichellekkerei so
weit zu bringen wussten, dass man ihre zerlöcherten Adelsbriefe nicht einmal in
Verdacht hat; besonders wenn sie das Glük hatten, irgend einer empfindsamen
Fürstin zu gefallen. Diese Abenteurer machen sich der teutschen Guterzigkeit
zu Nuzze, und wandern häufig aus ihrem Vaterland, um den Hunger zu stillen und
die bessten Aemter verdienstvollern Patrioten wegzukapern. - Bisweilen mislingt
ihnen dann ihre Rolle, und der Herr Comte verwandelt sich in einen Lakaien, der
seinem Herrn mit dem Adelsbriefe als ein Betrüger entfloh. - Teutschland ist mir
der Aufklärung ungeachtet in vielen Stükken ein Rätsel! - So viel von
    
                                                            Deiner bessten Fanny.
 
                                  CVII. Brief
                                    An Fanny
O Vorsehung! wie wunderlich sind doch deine Wege! - Unverhofft, Freundin, bin
ich auf einmal, wenigstens in einem Punkt glücklich, ruhig an Seel und Leib, denn
ich habe meine Freiheit wieder! - Der Tod hat meinen ausschweifenden Mann früher
hingerafft, als es von seinem Alter zu vermuten war. - Er ist dahin; Gott gebe
seiner Seele Friede, und mir die vorige Gesundheit wieder! - Nichts hat er mir
hinterlassen, als eine Menge Schulden, wofür mein guter Oheim noch bei seiner
Lebzeit bürgte. - Dieser zu frühe Hintritt kann vielleicht doch für meinen Oheim
und für mich üble Folgen haben. - Gott! - Wenn ich dadurch die fernere
Unterstüzzung meines Oheims verlöre! - Ich kränkle ohnehin eine Zeit her, und
werde wohl nimmermehr meine völlige Gesundheit wieder erhalten! - Schon seit
einigen Wochen verlasse ich mein Zimmer nicht. - Die grosse Welt ist mir zur
Last, ich sehne mich von ihr hinweg! - Das unruhige Getümmel füllt mein leeres
Herz nicht aus! - Du kannst nun leicht einsehen, dass Schwermut für mich eine
Nahrung ist, der ich aus Langerweile nachhängen muss. - Mein Mistrauen gegen die
Männer geht izt bis zur Menschenfeindlichkeit; ich würde keinem trauen, und wenn
er sich in der Gestalt eines Engels zeigte. - Dass mich doch meine Vernunft nie
verlassen möge; dass sie mir beistehe bei Begebenheiten, wie ich leztin eine
erlebte! - An einem Morgen meldete mir mein Gretchen, dass ein Fremder mich zu
sprechen verlange; ich lies ihn, so wie ich es in Ansehung der Mannspersonen
immer tat, abweisen. Er beharrte aber auf seiner Bitte, und lies mir melden,
dass er Briefe von meinem Oheim zu übergeben hätte. - Die lebhafteste Freude
durchströmte mich bei dieser Nachricht; ungeduldig wartete ich izt seiner; er
kam, zog eilig seine Brieftasche heraus, und übergab mir den Brief. - Hastig,
ohne die Schrift zu unterscheiden, riss ich das Petschaft auf - und fand....
einen buhlerischen Antrag vom römischen Konsul! - Versteinert stand ich da,
fasste mich aber eilig wieder; griff nach einem Terzerol, und jagte den Kuppler
aus meinem Zimmer! - Dann sah ich Gretchen ihm nachschleichen, welches mich
vermuten liesse, dass sie mit ihm einverstanden sei! - Täglich wird mir diese
Kreatur verhasster! - Sie darf ohne meinen Befehl mit keinem Fuss mein Zimmer
betretten; demungeachtet wagte es die freche Plaudertasche mich durch kahle
Entschuldigungen zum Zorne zu reizen! - Sie trieb es in Lügen so weit, dass ich
ihr aus Aerger ein Glas nachwarf! - Die Uebereilung war hizzig, ich gesteh es
selbst; aber derjenige, welcher weis, wozu mich die beleidigte Güte meines
Herzens bringen kann, entschuldigt sie leicht! - Morgen erst schliesse ich diesen
Brief. -
Des andern Tags.
    Nun so muss ich denn immer Schlangen im Busen nähren! - So ist es denn mein
ewiges Geschikke an Nichtswürdige zu geraten! Mein undankbares Dienstmädchen
hat mich nun gar bestohlen! - Ich fand den Beweis in der Rechnung, als ich meine
Börse untersuchte. - Die Dirne läugnete anfangs hartnäkkig, bis ich sie
überwies; alsdann erst flehte sie kniefällig um Schonung. - Sie soll von dieser
Stunde an meinen Anblik meiden, und so mag sie, bis ich selbst abreise, bei mir
bleiben. Ich werde ohnehin vermutlich in wenig Wochen nach Teutschland
zurückkehren müssen. - Dann kann ich Dir, liebe Fanny, vielleicht mündlich sagen,
wie warm mein Herz für Dich schlägt. -
    
                                                                         Amalie.
 
                                  CVIII. Brief
                                    An Fanny
Schon einige Wochen sind vorüber, und ich schrieb nicht an Dich! - Die Erzählung
meines Abenteuers soll Dich aber für diese kleine Nachlässigkeit recht sehr
entschädigen. Du magst dann entscheiden, ob ich mich nicht dabei verhielt, wie
es mir zustand? - Vor einiger Zeit führte mich mein Vetter Abends in sein
gewöhnliches Kaffeehaus. - Um bei diesen lezten Karnevalstägen dem Schwarme der
häufigen Masken auszuweichen, eilten wir beide einem Seitenstübchen zu. Es waren
daselbst nur wenige Masken zugegen; die einen davon spielten, die andern
plauderten, die übrigen schliefen auf den Bänken herum. - Ich hatte eine
Kouriersmaske an, und sezte mich mit den plumpen Stiefeln so derbe zwischen zwo
schlafende Masken, dass sie darüber aufwachten. Nun fiengen die Masken an sich
die Augen zu reiben, träge Töne herauszustammeln, und ihre Larve vom Gesicht zu
lüpfen, um mich desto bequemer betrachten zu können. - Questo è una Donna! sagte
die eine Maske; nein, erwiederte die andere, es ist kein Frauenzimmer. - Sie
zankten sich wegen meiner aus Neugierde hin und her, bis die eine davon
folgendes Gespräch mit mir anfieng: -
                                   Die Maske
Schöne Maske! - hätten Sie nicht Lust, unsern Streit durch Ihr eigenes
Bekenntnis zu entscheiden? -
                                      Ich
Wenn ich erkannt sein wollte, würde ich mich nicht maskiert haben. -
                                     Maske
O! Ihre Stimme verrät Sie! - Sie sind ein Frauenzimmer. -
                                      Ich
Aber demungeachtet doch nicht gemacht, um ihre Neugierde zu befriedigen. -
                                     Maske
Wenn wir Sie aber recht freundlich bitten, uns ihr liebes Gesichtchen zu zeigen;
würden Sie uns diese Gefälligkeit abschlagen? -
                                      Ich
Es ist wider meine Gewohnheit, mit meiner Larve zu prahlen, um so weniger würde
ich es wagen, da mein Gesicht dem Wuchs nicht das Gleichgewicht hält.
                                     Maske
Das ist unmöglich! - Verzeihen Sie, schöne Maske; auf so einem zierlichen Körper
muss auch ein hübsches Gesichte ruhen. - - -
                                      Ich
Ihr Schluss leidet Ausnahme; denn die Natur hat an mir nicht so verschwenderisch
gehandelt. -
                                     Maske
Klagen Sie Ihre Wohltäterin nicht an! Mich dünkt, sie hat Ihnen Alles gegeben;
Schönheit und Gefühl. Warum handeln Sie denn so neidisch mit ihren Gaben? -
                                      Ich
Weil ich diese Gaben, wenn ich sie auch besässe, nicht der Gefahr aussetzen will,
übel belohnt zu werden.
                                     Maske
Sie halten uns also für Betrüger?
                                      Ich
Das nicht; aber für Leute aus der grossen Welt. -
Hier wurde mir für diese Wendung so feurig die Hand geküsst, dass der laute Schall
davon plözlich mehrere Masken herbeilokte. Aber die vorige Maske lies sich nicht
stören, und fragte mich weiter: -
                                     Maske
Sie sind also unerbittlich - und wollen uns das Glük Ihrer Bekanntschaft
durchaus nicht gönnen? -
                                      Ich
Es ist erst noch die Frage, ob es für Sie ein Glük sein würde; ich möchte nicht
gerne meine Eigenliebe auf eine so gefährliche Probe setzen; denn wer weis, in
welche Vorzüge Sie eigentlich Ihr Glük setzen? -
                                     Maske
Auf die, die wir schon zum voraus an Ihnen bemerken. - Wagen Sie es kühn, ihr
Gesicht sehen zu lassen, wenn es auch nicht ganz unserm Ideal entspräche; Ihre
übrigen Verdienste halten uns gewis schadlos. -
                                      Ich
Genug meine Masken! der gefasste Entschluss bleibt fest, ich demaskiere mich
nicht; weil Sie sich doch bloss nach einer glatten Haut sehnen, so mögen Sie für
diesmal neugierig schlafen gehen; - mir ist um keine Eroberung zu tun.
Unser Gespräch fieng an hizzig zu werden. Alle umstehenden Masken streuten mir
Weihrauch; jede drängte sich an mich hin, um ihre Neugierde zu befriedigen. Nur
die Maske zu meiner Linken hatte bis izt ohne den mindesten Laut an meiner Seite
gesessen. - Ein verschwiegener, sanfter Händedruck war alles, was sie zuweilen
gegen mich wagte. - Schon war ich im Begrif mein Gespräch an sie zu wenden, als
mich wieder auf einmal die vorige Maske unterbrach. -
                                     Maske
Sie sind eine Dame von der bessten Erziehung, das fühlen wir Alle, und Sie sollen
sehen, dass wir Sie zu schäzzen wissen! - Nur eine Bitte versagen Sie uns nicht,
bei deren Erfüllung Sie mehr gewinnen als verlieren! -
                                      Ich
Und worinn bestünde denn diese Bitte? -
                                     Maske
Einige von uns werden sich die Freiheit nehmen an Sie zu schreiben. Versprechen
Sie uns nur unsern Brief an einem dritten Orte abholen zu lassen; und dann mögen
Sie selbst entscheiden, wer unter uns Ihrer Bekanntschaft würdig ist! -
                                      Ich
Nun denn so viel verspreche ich Ihnen; aber sehen Sie nur, mein Vetter gähnt; er
hat Schlaf. - Bona sera! - sagte ich zu meinem Nachbar zur Linken, der bei
meinem lezten Wort tief seufzete, und ging dann mit meinem Vetter nach Hause. -
Der ganze Vorfall war mir des andern Morgens aus dem Kopfe verschwunden; als auf
einmal mein Vetter lachend mit drei Briefen in der Hand bei mir erschien. -
»Da lesen Sie einmal Bäschen! - Lesen Sie doch! Ich habe diese Briefe aus Spass
am dritten Orte abholen lassen. -«
Er drang so launigt in mich; ich musste sie erbrechen. - Zween von diesen Briefen
entielten lauter unsinnige Schmeicheleien; aber geschwind flogen sie dann auch
aus meiner Hand ins Kaminfeuer. - Nur der lezte hielt mich seiner sonderlichen
Sprache wegen für die übrigen schadlos. - Hier hast Du ihn; - ich habe seinen
Inhalt ins Teutsche übersezt. -
                            Verehrungswürdige Dame!
»Die vielen kriechenden Schmeichler, die gestern um Sie herum flatterten,
machten mich an Ihrer linken Seite stumm. - Sie müssen mein Stillschweigen
bemerkt haben, sonst wären Sie die Denkerin nicht, die Sie sind. - Nur im
Stillen überströmte mein Herz von der Hochachtung, die ein Jeder Ihren Vorzügen
schuldig ist. - Ein biederer Mann, der sich in den Augen einer solchen
Menschenkennerin nicht verdächtig machen will, konnte bei dieser Gelegenheit
nichts anders tun, als schweigen und fühlen. Ich trage ein redliches Herz im
Busen; bin Advokat; wohne bei meinen Eltern in Campo Sant Crisostomo. Wollen Sie
mir auf diese Versicherung hin das Glük Ihrer Bekanntschaft schenken, so
verbinden Sie durch dieses Zutrauen unendlich«
                                                                           Ihren
                                                       ehrfurchtsvollsten Diener
                                                     Geronimo Lustrini, Avocato.
Ist dieser Brief nicht allerliebst naiv? - Lies einmal meine Antwort! -
                                   Mein Herr!
»Mit Mitleid sah ich gestern auf die Schmeichler herab, die durch alltägliche
Kunstgriffe meiner Eitelkeit Schlingen legten, um dadurch ihre lüsterne
Neugierde zu befriedigen. - Ich kenne die Welt, und halte aus Erfahrung mehr auf
Gefühl, als auf leere Worte. - Hätte ich nun das Glük ein erträglicheres Gesicht
zu besizzen, so würde ich keinen Augenblick anstehen, ihre Bekanntschaft zu
machen. - Aber leider, so flüstert mir meine weibliche Eitelkeit ins Ohr, dass
ich bei diesen traurigen Umständen in Ihren Augen unendlich verlieren würde. -
Die meisten Männer hangen doch am Sinnlichen, und blose Seelenvorzüge machen Sie
über kurz oder lang kalt. - Um also diesem empfindlichen Streich auszuweichen,
muss ich mir die Ehre ihrer Besuche verbitten. -«
                                                                  Amalie von ***
Nicht wahr, Fanny, das heisst fein gequält? - Aber genug, ich bleibe bei diesem
Vorwand; und eh er nicht die Probe ausgehalten hat, soll er mit keinem Fuss mein
Zimmer betretten. Lies folgenden Briefwechsel, und dann urteile von meiner
Standhaftigkeit!
                                    Madame!
»Sie rechnen mich also auch unter die Wollüstlinge, die der blosen Schönheit
nachjagen? - Hab ich dies wohl bei meinem ernstaften Betragen um Sie verdient?
- Was kümmert mich Ihr Gesicht, wenn ich in Ihrem Umgang Nahrung für meinen Kopf
und mein Herz finde? - Ich dünke mich Philosoph genug, um es der weiblichen
Eitelkeit nie fühlen zu lassen, dass ihr Gesicht von der Natur ist vernachlässigt
worden. - Und warum wollen Sie mir demungeachtet ein Vergnügen versagen, das
meine Glükseligkeit ausmachen würde? - Empfangen Sie mich zu allen Zeiten,
maskiert, wenn Sie wollen, und ich willige ein; - wenn Sie aber über diesen
Vorschlag meinen feurigsten Wunsch noch länger nicht befriedigen, so bringen Sie
mich auf den Gedanken, dass Sie auf Ihre Seelenvorzüge sehr neidisch sind. - Sie
haben das Wort Mann misbraucht! - Nicht Männer, sondern Lekker hängen bloss dem
Körperlichen an, und werden kalt, wenn eine andere Neuheit sie reizt. - Doch ist
ungefähr meine Meinung mit der wärmsten Bitte vereinigt, mich nicht länger nach
ihrem liebenswürdigen Umgang ringen zu lassen, den Sie einem jeden
Rechtschaffenen gönnen müssen, wenn Sie anders nicht als Nonne sterben wollen. -«
                                                       Ihr ergebenster Verehrer,
                                                                    G. Lustrini.
                                   Mein Herr!
»Ich bin sehr weit davon entfernt, Sie für einen Wollüstling zu halten; sonst
würde ich wahrlich nicht gesäumt haben, Ihren Brief mit den übrigen ins Feuer zu
werfen. - Ihr Betragen hat das Ansehen eines Denkers, der mich verstehen kann,
wenn er mich anders verstehen will. Nur müssen Sie mich dann auch gründlicher zu
überzeugen suchen, dass Ihnen an meinem Gesichte sehr wenig gelegen ist, denn dass
Sie aus bloser Gefälligkeit meiner weiblichen Eitelkeit schonten, könnte meinen
Stolz doppelt schmerzen. - Was sagen Sie? - Ich sollte Sie beständig in der
Maske empfangen? -Bedenken Sie einmal die grosse Unbequemlichkeit, die damit
verknüpft wäre; und könnten Sie denn über alles das so unartig sein, und mir
durch diese Verkappung das Andenken meiner Hässlichkeit fühlbarer machen? - Wer
weis, ob Sie selbst Ihre Philosophie schon auf eine so schlüpfrige Probe
stellten? - Oder wollen Sie den Triumph geniessen, sich mit eigenen Augen von
meiner unglücklichen Gestalt zu überzeugen, damit Sie mir nach der Hand Ihr
philosophisches Mitleiden zuwerfen könnten? - Ist es etwa für ein weibliches
Herz nicht genug, mit Aufrichtigkeit gegen sich selbst zu sprechen? - Könnten
Sie wohl um Ihres Wunsches willen fodern, dass ich Sie gar der Gefahr aussezte,
bei meinem ersten Anblik aus dem Zimmer zu fliehen? - Ich bin auf meine
Seelenvorzüge nicht neidisch, aber ausser der Maske weis ich sie in der grossen
Welt nirgends hinzustellen, wo sie nicht eine barmherzige Figur machen würden.
Ohne körperlichen Empfehlungsbrief prellen sie gewis überall an der menschlichen
Torheit ab, die so sinnlich selbst bei manchem Philosophen ihren Wohnsiz hat. -
Man hat wenig Beispiele, dass Philosophen sich an ein verunstaltetes weibliches
Gesichte nahten, um seine Abscheulichkeit zu lieben. - Diese Herren lieben
entweder gar nicht, oder suchen doch wenigstens ein mittelmässiges Gesicht; -
wenn ich es mit meinen Seelenvorzügen nur so weit bringe, in der Entfernung von
einem Philosophen geliebt zu werden; wäre ich dann nicht eine Törin, auf
Unkosten meiner Eitelkeit mehr zu fodern? - Was kann ich für das Wort Weib,
dessen Loos es ist, durchaus gefallen zu wollen? - Stekt nun hinter Ihren
Wünschen keine sinnliche Neugierde, so werden Sie mit meinem Briefwechsel eben
so zufrieden sein, als ich es mit dem Ihrigen bin. - Philosophen sollen ja so
leicht ihre Sehnsucht unterjochen können, hat man mir gesagt. - Uebrigens denke
ich, nicht als Nonne, sondern vielmehr als Philosophin zu sterben. -«
                                                                 Ihre Ergebenste
                                                                 Amalie von ***.
                                   Madame! -
»Sie sind eine schalkhafte Sophistin, die mich ganz aus meiner philosophischen
Ruhe herausschleudert! - Wären Sie minder Spötterin, so wollte ich Ihnen von
einem Gefühl vorsagen, welches Sie überzeugen könnte, wie äusserst nötig Ihr
Umgang für meine Glükseligkeit ist. - Noch einmal beschwöre ich Sie, mir nichts
ferner von Ihrer unglücklichen Gesichtsbildung vorzusagen! - Ich ertrage sie
gerne, sie mag aussehen, wie sie immer will! - Lieben könnte ich sie so gar bei
ihren andern bessern Vorzügen, wenn ich die Erlaubnis dazu erhielte. Mein Herz
ist gewohnt, in solchen Fällen willig meinem Kopf zu folgen. Seien Sie
versichert, Madame, Sie sollen mein Mitleiden nicht erbetteln! - Bald werde ich
aber wohl das Ihrige anflehen müssen, so sehr erhizzen Sie durch Ihren Widerstand
meine feurige Einbildungskraft! - Ha! mit welcher Zufriedenheit würde ich
vorbereitet zu Ihnen eilen! - Ihr Herz, Ihr Verstand, Ihr Wiz, sind Verdienste,
die mich weit über die Gestalt Ihres Gesichts erheben! - Lassen Sie doch auch
einmal für mich Ihr Gefühl sprechen, und sorgen Sie dann nicht um das Uebrige! -
Ich wäre glücklich genug, Sie lebenslänglich bloss mit verbundenen Augen schäzzen
zu dürfen; wenn mir dann nur Ihr Mistrauen nicht vergönnte, an Ihrer Seite zu
sizzen, Sie zu hören - und zu bewundern! - Warum verdammen Sie mich eigensinnig
zu einer Entfernung, die mir täglich bitterer wird? - O, gelänge es mir doch Sie
zu überzeugen, dass ich nur ihre schöne Seele anbete! - Wollen Sie denn
unerbittlich meinen sehnsuchtsvollen Kummer Ihrer grausamen Eitelkeit opfern? -
Gott sei mein Zeuge, dass ich es nie an der gehörigen Hochachtung werde gegen Sie
ermangeln lassen! - Das versichert Sie mit wahrem Gefühl«
                                                                             Ihr
                                            redlicher Freund und wahrer Verehrer
                                                                    G. Lustrini.
                                   Mein Herr!
»Kann man wohl in diesem flatterhaften Jahrhunderte Sophistin genug sein, um
nicht betrogen zu werden? - Wie konnte ich Sie aus Ihrer Ruhe herausschleudern,
da ich nichts von Ihrer Liebe wusste? - Nie werde ich über Gefühl spotten; nur
ist es mir unbegreiflich, dass Sie sich täglich mehr nach meinem hässlichen
Gesichte sehnen. - Könnte ich doch mein Gesicht während Ihres Umgangs in ein
Winkelchen hinlegen, dann würden wir heute noch einig! - Aber so bin ich verzagt
genug, zu glauben, dass Sie wohl keinen zweiten Besuch mehr bei mir machen
würden, wenn Sie mich gesehen hätten. - Und überdenken Sie dann den Zustand, in
dem Sie mich zurückliessen? - Hätte ich nicht Ursache meine unbesonnene
Leichtgläubigkeit zu verwünschen? - Nein, mein Herr! so weit soll meine
Uebereilung nicht gehen, so sehr Sie sich auch darum mit Feinheit bemühen. Sagen
Sie mir doch, wie kann ich durch einen Widerstand Ihre Einbildungskraft
erhizzen, da es Ihnen doch bloss um meine moralischen Verdienste zu tun ist? -
Können Sie diese nicht hinlänglich auch abwesend schäzzen? - Ich glaube nicht,
dass Herz, Vernunft und Wiz Sie an meiner Seite so zufrieden stellen könnten, als
es meine weibliche Eitelkeit verlangen würde, wenn Sie mir auch gleichwohl zuvor
Ihr Wort gegeben hätten, an meiner Seite ganz auf mein Gesicht zu vergessen.
Mein Gefühl würde dann von Ihnen Nachsicht fodern, und das Ihrige mir Sie gerne
gewähren, wenn... ja, wenn Ihre andern Sinnen sich nicht so mächtig gegen diese
Nachsicht sträubten. Wissen Sie nicht, dass das Auge sehr stark auf die übrigen
Sinnen wirkt? - Es kann freilich beim Philosophen durch die Einbildungskraft
viel nach seinen Wünschen geleitet werden; - wenn aber die Einbildungskraft gar
nichts in einem entstellten Gesichte findet, woran sie sich halten kann, dann
muss sie nebst dem Auge bis zum Ekkel scheitern. - Opfern Sie Ihren Kummer der
Klugheit auf, ich will den meinigen der Vorsichtigkeit opfern; und so werden wir
immer bei aller Entfernung die bessten Freunde bleiben. -«
                                                                 Amalie von ***.
                                    Madame!
»Kann man wohl ein grillenhafteres Frauenzimmer finden, als Sie sind? - So bald
Sie mir den Karakter eines ehrlichen Mannes zutrauen, so muss die Furcht,
betrogen zu werden, bei Ihnen auch wegfallen. - Ich Tor, habe Sie meine Liebe
schon zu viel merken lassen, um nicht tirannisirt zu werden! - Sie befriedigen
mit Herzenslust ihre unersättliche Eitelkeit an meinem Gram! - Alle meine Gründe
werden auf Worte geschraubt und fein abgewiesen. - Immer geben Sie die
Hässlichkeit Ihres Gesichtes vor, wenn ich Sie gleich immer mit Wärme
versicherte, dass mein Herz diesem unerachtet schon so leidenschaftlich an Ihnen
hängt! - Laben Sie sich nur ferner an meiner marternden Sehnsucht; es liegt in
der weiblichen Natur, Unschuldige aus Eigensinn zu kränken! - Noch einmal
beteuere ich Ihnen, dass, wenn Sie auch bis zum Abscheu hässlich wären, so würde
mich doch Ehre zurückhalten, Sie nur mit einem Schatten zu beleidigen! - Ihr
Mistrauen kränkt meine Seele, und doch sehnt sie sich noch mitten unter dem
Schmerz nach Ihrem Umgange! - Sie zertretten bei Gott ein Herz, dessen Wert Sie
nicht einmal kennen! - Schäzte ich Ihren Karakter nicht so unendlich hoch, bald
würde ich vermuten, dass kokettische Kunstgriffe Sie so hart machten. - Gott! -
was fuhr mir da über die Zunge! - Verzeihen Sie es einem Gepeinigten, der wie
verloren herumirrt! -«
                                                                    G. Lustrini.
Nun hatte ich Zeit einzulenken; der junge Herr fieng an trozzig zu werden; und
da es mir doch in etwas um seine Beruhigung zu tun war, so schrieb ich ihm
folgendes Briefchen:
                                  Mein Herr! -
»Um Ihre Achtung nicht zu verlieren, die Sie mir schenkten, muss ich wohl ihrem
Troz nachgeben. So schwer es mich auch ankömmt, mein Gesicht Ihrer Entscheidung
darzustellen. - Bringen Sie ja eine starke Porzion Philosophie mit, damit ich
nicht Ursache haben möge, mein Geschik zu beklagen. - Und nun leben Sie wohl,
bis ich Ihnen mündlich sagen kann, mit welcher Achtung ich bin
                                                                 Ihre Ergebenste
                                                                 Amalie von ***.
Kaum erhielt er diese wenige Zeilen, so eilte er zu mir, mit der völligen
Gewisheit, die hässlichste Gestalt auf Gottes Erdboden zu finden! - Noch sehe ich
ihn an meiner Zimmertür staunen über ein Gesicht, das eben nicht schön, aber
doch auch nicht hässlich ist. -
    »Und Sie konnten mich so auf die Probe stellen? - So konnten Sie mich
hintergehen?«- rief er mir entgegen.
    Ich musste laut lachen, unterhielt ihn aber dafür mit einer guten Laune, die
ihn hinlänglich für meine Schäkkerei zu entschädigen schien. - Innigste
Zufriedenheit lächelte auf seinem Gesichte; - und doch war er so bescheiden,
seinen ersten Besuch abzukürzen. - Aber ich, meine Fanny! ich muss wohl diesen
Brief auch abkürzen, sonst wird er zu lange.
    
                                                                   Deine Amalie.
 
                                   CIX. Brief
                                   An Amalie
Innigen Dank dem Allmächtigen, dass er Dir durch deines Mannes Tod wieder die
vorige Freiheit schenkte! -
    Richte Dich auf, meine Liebe, vielleicht ruhest Du bald wieder an dem Busen
eines bessern Gatten! - Kümmere Dich nicht zu viel über die Zukunft, es schwächt
deine Seelenkräfte! -
    Du wirst zwar in der grossen Welt nie die sanfte Ruhe finden, deren Du
bedarfst. - Sie ist für Herzen von unserm Schlage nicht gemacht. - Redlichkeit
und Tugend trägt da die Larve der Verstellung, deren wir unfähig sind! - Dass Du
aber, meine Teuerste, keiner Mannsperson mehr trauen willst, ist eine Lüge, die
Dir bloss deine Schwermut in düstern Stunden eingibt. - Vielleicht hat Lustrini
izt schon dein Herz in Versuchung geführt! - Du hast den guten Jungen doch
äusserst gemartert. - Er wird sich schon rächen, wenn es ihm gelingt deine
Neigung zu reizen. - Handle ja aufrichtig gegen mich über diesen Punkt, wenn Du
mir wieder schreibst. - Um Dir mit gutem Beispiel vorzugehen, sollst Du izt
offenherzig etwas von meinem Karl zu hören bekommen. -
    Ja, ja, Amalie! - von meinem Karl, von dem ich Dir noch kein Wort schrieb. -
Schon seit langer Zeit hielt er die grössten Prüfungen der Standhaftigkeit aus. -
So sehr mir auch das Andenken betrogener Liebe noch im Kopfe schwirrte, so
konnte ich doch dem guten Jungen nicht länger widerstehen. Er liebt mich mit
einem Feuer, das einstens meine Glükseligkeit ausmachen wird, weil es ihm
gelang, die Wunden ganz zu heilen, die mir ein Treuloser schlug. -
    Liebe hat troz der kältesten Vernunft eine so unumschränkte Gewalt über das
menschliche Herz, dass es den grössten Philosophen nicht immer gelingt ihr zu
entgehen. - Mein Karl und ich sizzen oft ganze Stunden beisammen und plaudern
von Dir. - Er ist im Umgang ein allerliebster Junge, hat Kopf, Herz und vieles
Gefühl. Möchten doch unsere Glüksumstände eine bessere Wendung nehmen - um Dich
deinem ungewissen Schiksale entreissen zu können! - Du wirst doch nicht
vorbeireisen, ohne bei uns einzukehren? - Aber bringe uns dein Gretchen nicht
mit, sie taugt nicht unter uns. - Schaffe sie Dir mit Anstand vom Halse, sie ist
ein verdorbenes, elendes Geschöpf. -
    Du magst es bei deiner Ankunft entscheiden, ob ich es aufs Neue wagen darf,
ein Band zu knüpfen, das Karl so leidenschaftlich wünscht! - Wenn er nur keine
Stiefmutter hätte! - Wenn er nur schon mit mir am Altar stünde! - Wenn.... Ha! -
Ich habe der Wenn noch so viele, die mir Kummer machen! - Schreib mir doch noch
vor deiner Abreise, und sei meiner freundschaftlichen Liebe versichert, mit der
ich immer sein werde
    
                                                             Deine traute Fanny.
 
                                   CX. Brief
                                    An Fanny
Ausgelacht, schöne Philosophin! Ausgelacht! - Endlich hat Herr Amor auch wieder
einmal sein Spiel mit Dir! Ei, Ei! - so etwas hätte ich mir doch nie träumen
lassen! - Glük zu, Fanny! - Ich wünsche Dir mit deinem Karl allen Segen des
Himmels, aber auch ein Bischen Eifersucht dazu, wenn ich bei Dir eintreffe, und
deinen Karl mit gewissen Augen betrachte, die seine hochgepriesene
Standhaftigkeit in Versuchung führen sollen. -
    Was meinst Du wohl, darf ich es wagen? - Wirst Du Philosophin genug sein, um
eine junge Wittwe nicht zu fürchten, die bloss den siebenden Tag in der Woche in
ihrer Gewalt hat, um in Gesellschaft nicht den Kopf zu hängen; die sich über die
geringste Kleinigkeit mit ihrer zügellosen Einbildungskraft ganze Täge langen
Kummer schafft; die manchmal alles flieht, was menschliche Töne von sich gibt,
sich menschenfeindlich in ihr Zimmer verschliesst und der Schwermut nachhängt? -
Dünkt Dir so ein Weibchen nicht gefährlich? - Sei nur ruhig! ich habe zu viel
mit mir selbst zu schaffen, um Andere stören zu können. -
    Lustrini trägt für mich starke Leidenschaft im Busen, das merke ich täglich
mehr. - Als ich ihm meine Abreise ankündigte, änderte sich seine Gesichtsfarbe;
der gute Junge dauert mich! - Aber kann ich mein Schiksal ändern? - Darf ich
darin meinem Oheim widersprechen der es so gut mit mir meint? - Der arme Junge
suchte mich auf alle nur mögliche Weise zu bereden, in Venedig zu bleiben; er
wollte so gar an meinen Oheim selbst schreiben; bis ich ihm die Unmöglichkeit
seines Wunsches durch Gründe bewies; dann verlies er mein Zimmer in tiefster
Traurigkeit. -
    Der gute Junge hat das Unglück, eine sehr wankende Gesundheit zu besizzen. -
Verschiedene Schiksale und ein fühlbares Herz sind die Ursachen davon. - Dass
doch die bessten Menschen auf dieser Welt so sehr leiden müssen! - Dass sie
austrinken müssen bis auf den lezten bittern Tropfen den Becher des Schiksals! -
    Morgen, meine Teuerste, reise ich von hier ab. - Ich kehre über Padua
zurück, und schikke dann mein Mädchen seitwärts über K.... nach ihrer Vaterstadt,
aus der ich sie zwar nicht mitnahm; demungeachtet will ich ihr die Wohltat
erweisen, und sie frei dahin zurückliefern; dann mag sie zusehen, was aus ihr
wird! - Behalten kann ich sie nicht mehr. -
    Noch eins! Ich mache für diesmal meine ganze Reise in Mannskleidern aus
Bequemlichkeit und aus Eigensinn. - Bald erhältst Du wieder eine
Reisebeschreibung von deiner bessten
    
                                                                         Amalie.
 
                                   CXI. Brief
                                    An Fanny
                                  Teuerste! -
Wenn mir doch nur der Himmel kein so weiches Herz gegeben hätte! denn es ist die
Quelle unendlicher Leiden. -
    Lustrini weinte wie ein Kind beim Abschiede - ich weinte ganz natürlich auch
mit! - Gott segne den braven Dulder, der glücklicher zu sein verdiente, als er
ist! - Traurig schlich er vom Ufer hinweg, als meine Gondel seinen Blikken
entfloh. - Ich kann meinem damaligen Zustand noch keinen Namen geben. Ohnehin
zur Schwermut geneigt, kränkten mich die Leiden des Hinterlassenen bis zur
tiefsten Melankolie! - Warum musste ich denn die lezten Tage meines Aufentalts
noch diese gute Seele kennen lernen? - Ohne ihn würde ich Venedig gleichgültig
verlassen haben; - und durch ihn wird mir doch das Andenken an diese Stadt
teuer. - Bald wird er mir schreiben, ich werde ihm mit Vergnügen antworten.
Dies ist doch alles, was ich in dieser Lage für ihn tun kann! -
    Unter solchen finstern Phantasieen langte ich in Padua an. Aus Zerstreuung
eilte ich ins Schauspiel, und fand es eben so schlecht bestellt, als in Venedig.
- Da der Wagen erst des andern Morgens spät abfuhr, so trieb mich die Langeweile
in die Kirche des heiligen Antonius. Das Gebäude ist majestätisch schön, gross,
aber etwas düster. - Das Grabmal des ebengemeldten Heiligen bietet sich dem Auge
dar, sobald man eintritt. - Meine Kenntnisse in der Baukunst sind zu gering, um
dessen Wert beurteilen zu können. - Die heilige Stille, die in dieser Kirche
herrschte, riss mich zur andächtigsten Empfindung hin! - Ich würde sie mit einer
tief gefühlten Seelenruhe verlassen haben, wenn mich nicht an der Kirchentüre
die Bettelweiber, Kupplerinnen und andere lüderliche Waare durch ihre
unverschämte Zudringlichkeit verstimmt hätten. Dieses Ungeziefer trieb zuvor
allerhand ausgelassenes Gespötte, sobald es mich aber über der Schwelle
erblikte, so musste ihm der Namen Gottes zum Mittel dienen, um durch Bettelei
meine Ungeduld zu reizen. -
    Der italienische Pöbel ist äusserst eigennüzzig; ums Geld ist er zu jeder
Niederträchtigkeit fähig. - Die Armut mag wohl die stärkste Triebfeder dazu
sein; denn mich dünkt, es sind in diesem Lande zu wenig gute Anstalten, um dem
Hunger vorzubeugen. - Unter dergleichen und mehr Gedanken kam ich mit Gretchen
zu dem Postwagen. - Keine andere Seele sass darin, ich hatte bis Verona Musse
genug meinen Grillen nachzuhängen. - Der alte Kaufmann war von meiner Ankunft
unterrichtet, und empfieng mich sehr artig. - Ich bat ihn, mich in die
sogenannte Recca zu begleiten. Ein grosses Tor führte uns an den Ort, wo die
Alten ehedessen ihre öffentlichen Tierhezzen hielten. Der Anblik dieses grossen
runden Plazzes durchschauderte meine Seele! - Lebhaft zeigte mir da meine
Einbildungskraft die von Christenblut gefärbte Erde! (Denn man sagt, dass hier
die Christen mit den wilden Tieren kämpfen mussten.) Mitten darin ist ein
tiefer Brunnen, und rings umher sind stufenweise gebaute Mauern, worauf die
Zuschauer sassen, und deren Gewölber die tiefsten Kerker in sich schliessen. Ich
wagte es mit einem Blik diese fürchterlichen Gefängnisse zu übersehen. - Aber
Entsetzen überfiel mich bei dem Andenken jener Unglücklichen, die vorzeiten als
Märtirer da büssen mussten! - Von da giengen wir auf die Akademie, die bei ihrem
kleinen Umfange doch sehr artige Altertümer entält. Am Ende sah ich dann in
einem Bürgershause ein prächtiges Naturalien-Kabinet, dessen Sammlung ausnehmend
schön, und wie mich dünkt, so ziemlich vollständig ist. - Da es aber anfängt
spät zu werden, so muss ich wohl meine Reisebeschreibung für heute beschliessen. -
                                                              Am folgenden Tage.
Diesmal war der Postwagen dicht angefüllt. - Einige Kaufleute, eine italienische
Dame, nebst einem barmherzigen Bruder aus M.... waren meine Gesellschafter. Die
Dame war jung, schön und feurig, schien aber nicht in den bessten ökonomischen
Umständen zu sein. - Sie sass an meiner Seite und schmiegte sich nahe an mich
hin. - Die muss eine grosse Liebhaberin von teutschen Milchbärten sein: fiel mir
dabei ein, und ich lies sie bei ihrer Täuschung. - Einige aus der Gesellschaft
errieten unerachtet meiner Verkleidung bald mein Geschlecht; nur die Dame und
der barmherzige Bruder schienen mich für einen Jüngling zu halten. - So oft wir
ausstiegen, hieng mir das Weib am Arme. - In jedem Gastause fieng ich an mit
den Aufwärterinnen zu schäkkern, um der Verlegenheit zu entgehen, in die mich
ihre Zudringlichkeit sezte. Aber auf einmal überhäufte mich die eifersüchtige
Italienerin mit Vorwürfen.
    Sie sprach: Wenn alle Teutschen so grob sind, gemeine Dirnen Damen von
Stande vorzuziehen, dann wünsche ich mir lieber einen italienischen
Handwerkspurschen an die Seite! -
                                      Ich
Madame! - Meinen Sie mich? -
                                      Dame
Wen sonst, als Sie? - Sie zeigen sehr wenig Erziehung. -
                                      Ich
Madame! - Ich bin frei geboren, philosophisch erzogen, und halte nur dasjenige
für grob, wozu keine Zudringlichkeit uns zwingt; da ich nicht das Glük habe mit
Ihnen in einiger Verbindung zu stehen, so kann ich auch leicht der Ehre
entbehren, der Vorgänger eines italienischen Handwerkspurschen zu werden. -
                                      Dame
Höflichkeit steht aber einer jeden Nazion gut; Sie sollten sich schämen, das für
Zudringlichkeit zu halten, was vielleicht ein anderer für sein grösstes Glük
schäzzen würde. -
                                      Ich
Was Andere tun, geht mich nichts an; auch hat das Glük bei Frauenzimmern gar
verschiedene Farben. Uebrigens glaube ich gerne, dass Madame Verdienste besizzen,
die meine blöden Einsichten überwägen. - Schieben Sie mein Betragen auf die
Kälte meines Temperaments, das den meisten Teutschen angeboren ist. - - Was? den
Teutschen angeboren? - schrie ein junger Gek aus vollem Halse aus einer Ekke der
Stube hervor, und lies dabei auf die Dame einen feurigen Blik schiessen. - Da
irren Sie sich sehr, mein Herr! - Es gibt Teutsche, denen es nicht am Feuer
fehlt. - - - Dreissig, vierzig, fünfzig, sechszig Zekini und meiner Margret
einen Unterrok, wenn wir des Handels einig werden wollen! - So träumte izt ein
schlafender Kaufmann. - Ein allgemeines Gelächter unterbrach nun unsern Streit,
und die Dame kneipte mich zum Zeichen der Aussöhnung in die Bakke. Sie schien
mein Feuer durchaus nicht bezweifeln zu wollen. - Die Neigung dieses Weibes
fieng an mir zur Last zu werden; ich zitterte vor ihrer Rache, und hatte doch
nicht den Mut ihr mein Geschlecht zu entdekken; ich dachte hin und her, wie ich
mich, ohne öffentliches Aufsehen zu erregen, aus der Schlinge ziehen möchte, als
sich auf einmal jener junge Gek, der zuvor das teutsche Feuer verteidigt hatte,
zu ihr hinschlich, und ihr etwas ins Ohr flüsterte. Es muss meine Verkleidung
betroffen haben, denn sie warf mir einen grimmigen Blik zu, und eilte an seinem
Arm schnell in ein Seitenzimmer. In wie weit sie da ihren Streit über die Kälte
des teutschen Temperaments entschieden haben, kann ich nun nicht mehr erfahren,
denn ich nehme Extrapost, schikke mein Gretchen seitwärts, und eile zu Dir. - Du
erhältst diesen Brief noch ehe ich ankomme. Lebe indessen wohl, meine Teuerste,
und liebe
                                                                   Deine Amalie.
 
                                  CXII. Brief
                                    An Fanny
                           Teure Herzens-Freundin! -
So bin ich denn wieder auf einmal deinen liebevollen Armen entrissen! - Wie kurz
dauerte dieser entzükkende Traum; und wie viel Wonne genoss ich doch in diesen
wenigen Tagen an deinem Busen! - Sag deinem Karl alles Schöne von mir... O es
ist ein vortreflicher Junge, ganz deines Herzens würdig! - Gäbe doch der Himmel
euch beiden bessere Aussichten, so wäre auch mein ungewisses Schiksal gehoben. -
Wien gefällt mir recht wohl; nur wird mein hiesiger Aufentalt durch
ökonomischen Kummer getrübt. - Meine Ahndung ist erfüllt! - Lies hier den Brief
meines Oheims. -
                                Liebste Nichte!
Mein Vaterherz möchte zerspringen, wenn ich die Umstände überdenke, die mich
ausser Stand setzen, dich fernerhin zu unterstüzzen. Die hinterlassenen Schulden
deines Mannes setzen mich täglich mehr in Verlegenheit. Sie dringen auf
Bezahlung und da ich Bürgschaft leistete, so kann ich ohne mein Ansehen zu
verlezzen, sie zu keiner Geduld mehr verweisen. - Du weisst, dass die Summe gross
ist, und ich werde mich lange einschränken müssen, um sie wieder einzubringen. -
Fasse dich, meine Liebe, und suche irgendwo als Gouvernantin unterzukommen. -
Hier und da werde ich trachten, dir noch kleine Unterstüzzungen zufliessen zu
lassen, aber deine Bedürfnisse standsmässig zu bestreiten, steht leider nicht
mehr in meiner Gewalt, so sehr ich es auch mit meinem gefühlvollen Herzen
wünsche!
                                                       Dein besstgeneigter Oheim,
                                                                           .....
Siehst Du, meine Freundin, wie das Schiksal mich Schlag auf Schlag verfolgt? -
O, meine Fanny, der Kummer presst mich heute zu sehr, um Dir mehr sagen zu
können, als dass ich mit Schwesterliebe bin
                                                                   Deine Amalie.
 
                                  CXIII. Brief
                                    An Fanny
Ich habe Dir mit Vorbedacht schon einige Wochen nicht mehr geschrieben, um Dir
doch etwas mehreres von meinem Schiksal berichten zu können. - Glaubst Du wohl,
dass es mir hier mit einer Gouvernantenstelle gar nicht glückken will? - Troz
aller Mühe, nebst den bessten Empfehlungen werde ich überall abgewiesen. - Der
einen Dame bin ich zu jung, der andern zu teutsch, der dritten zu lebhaft, der
vierten zu belesen, u.s.w. O! was ich mich über diese adelichen Dummköpfe
ärgerte! - Ich gehe izt ganz von dem Gedanken ab, je wieder solche Dienste zu
suchen, wo man so sehr mit Weiberdummheit zu kämpfen hat. - Und was meinst Du
wohl, was für einen Stand ich izt wählen will und wählen muss, aus dringender
Not wählen muss! - Erschrekke nicht bei dem Wort Teater; habe Mitleiden mit
mir, und urteile ohne Vorurteil. - Du kennst meine gute Anlage so wie meinen
leidenschaftlichen Hang zu dieser Kunst. - Nun kömmt gar das Schiksal noch dazu;
wie kann ich also in einer solchen Lage anders? - Mich Jemanden anzuvertrauen,
wäre für mich zu bitter. - Ich muss, meine Fanny, ich muss; mir bleibt sonst
nichts übrig, als die äusserste Dürftigkeit. - Sei versichert, dass es meinem
Herzen nicht schaden soll. - Es ist freilich ein Platz, wo jeder gute Karakter
Gefahr läuft verdorben zu werden: - aber bei meinen festen Grundsäzzen darf ich
es kühn wagen. Der Anblik so vieler Ausschweifungen wird mich noch mehr zum
Denken leiten; und Denken ist der sicherste Weg zur dauerhaften
Rechtschaffenheit. Täglich erwarte ich die Erlaubnis meines Oheims zu diesem
Schritte. - Er ist ein Mann ohne Vorurteil, und so schwer es ihm auch ankömmt,
so wird er es doch bei diesen dringenden Umständen zugeben. - Auch dein
Gutdünken erwartet
                                                             Deine besste Amalie.
 
                                  CXIV. Brief
                                   An Amalie
Gott im Himmel! - was ist das? - Du auf die Bühne? - Du aus Not an einen Platz
hingestellt, wo jeder Weichling seinen wollüstigen Scherz an Dir kühlen wird! -
O, das hat mich ganz zu Boden geschlagen! - Ich verwünschte im ersten Augenblick
dein und mein Schiksal! - Ich war untröstlich, weil ich die bittern Folgen zum
voraus sah, die Du wirst dulden müssen. - Nicht Vorurteil gegen den Stand, aber
gegen die, die ihn zum Dekmantel brauchen, ist es, was mich darwider eifern
macht. Gott! - was wirst Du da alles ertragen müssen! - Neid, Verfolgung,
Unterdrükkung und alle erdenkliche Mishandlungen werden dein Loos sein. Dein
Herz wird zwar nichts dabei verlieren; Du kennst die Welt zu viel, um Reize an
ihr zu finden. Aber bedenke einmal die schröklichen Kabalen, die oft unter dem
Publikum herrschen, wenn eine Schauspielerin sich nicht jedem Wollüstling Preis
gibt, - und dann die schlechten ökonomischen Umstände, in denen sich die
meisten Schauspielerinnen durch ihre schlechten Besoldungen bei herumirrenden
Gesellschaften befinden. - Sie erhalten ja kaum so viel, um sich ernähren zu
können; - und wo bleibt denn der Puz, den sie bestreiten müssen? - Gehört da
nicht ein fester Karakter dazu, um sich über das alles wegsetzen zu können? - O
Amalie! - Amalie! - Bedenke es wohl! - Könnte ich Dich an meinen Busen
zurückrufen! Wäre ich unabhängig, wie bald solltest Du bei mir sein! - Ist Dir
mit einer kleinen Hülfe gedient, so will ich Dir mein Spielgeld schikken. -
Grosser, gütiger Gott! warum bin ich izt noch nicht die Gattin meines Karls! -
    Wenn es doch nicht anders sein kann, so waffne Dich mit Standhaftigkeit; sei
munter, und betrette die Bühne mit einem edeln Selbstgefühl; damit Du Dich
auszeichnest von jenen unverschämten Buhlerinnen, die mit frecher Stirne auf
Eroberung ausgehen. - Es muss in dem Wesen einer gutgezogenen Schauspielerin ein
gewisses Etwas liegen, das den meisten Zuschauern Hochachtung einflösst. - Sanfte
Bescheidenheit entwischt dem Auge des Kenners nie. Du hast ohnehin zuweilen
einen tiefsinnig leidenden Blik an Dir, der den Zuschauer für Dich einnehmen
wird. - Lass deine Lebhaftigkeit nicht zu viel hervorblikken, sie könnte Dir den
Schein des Lasters geben. Und dann wandle hin mit meinem Segen an einen Ort, an
den ich nicht ohne Tränen denken darf! -
    
                                                                          Fanny.
 
                                   CXV. Brief
                                    An Fanny
                                Edle Freundin! -
So sehr mein Herz blutet, meinem Schiksale folgen zu müssen, so will ich Dir
dennoch eine sehr komische Unterredung zwischen mir und dem Direktor der
Gesellschaft erzählen, unter der ich nun bald werde aufgenommen werden.
                                      Ich
Mein Herr! ich bin Schauspielerin, und wünsche bei Ihnen aufgenommen zu werden.
                                    Direktor
Legen Sie ihren Mantel ab und lassen Sie sehen, ob Sie keine Kissen in der
Schnurbrust tragen, ob Sie gut gewachsen sind, ob Sie einen schönen Fuss, eine
schöne Hand haben. -
(Nun drehte er mich rund um, und fuhr fort) Ihr Wuchs mag gut sein! - Aber
schminken müssen Sie sich, denn ihre dunkelroten Wangen sind bäurisch. -
                                      Ich
Mein Herr! Sie scheinen Fleischhakker gewesen zu sein, dass Sie mich von oben bis
unten so betrachten, als ob Sie mich zur Schlachtbank führen wollten.
                                    Direktor
Ja, meine schöne Madame! - das müssen Sie sich nicht verdriessen lassen! Unser
einer muss gar genau auf eine schöne Figur sehen, wenn er sein Geld nicht
einbüssen will.
                                      Ich
Sie handeln also mit schönen Körpern, und treiben die Kunst bloss zur Ausrede? -
                                    Direktor
Die Sprache ist mir zu hoch, und ich nehme nicht gerne so schnippische Aktrisen
an. - Wenn Sie bei mir bleiben wollen, so müssen Sie nicht böse werden, wenn ich
auch noch mehrere Untersuchungen anstelle. -
                                      Ich
Nur keine wider den Wohlstand, dann erlaube ich Ihnen jede andere Frage. -
                                    Direktor
Sind Sie schon auf einer andern Bühne gewesen? - Wo? - Wie lange? - Und was
haben Sie denn da gespielt? -
                                      Ich
Ich stund schon zwei Jahre in St... (das musste ich sagen, um nicht als
Anfängerin gehunzt zu werden,) und spielte immer erste Rollen. -
                                    Direktor
Ja! erste Rollen, die kann ich Ihnen nicht immer geben! - Doch wir wollen sehen,
ob Sie dem Publiko gefallen. - Was wollen Sie Besoldung? -
                                      Ich
Wöchentlich neun Gulden. -
                                    Direktor
Sind Sie toll? - Ich gebe keinen Heller mehr als sechs Gulden, und wenn Madame
Sakko selbst käme!
                                      Ich
Darum wollen wir uns nicht streiten; nur bitte ich mir mehr Zutrauen aus! -
                                    Direktor
Zutrauen! - Ja, das sollen Sie haben; aber können Sie auch lesen? -
                                      Ich
Herr!!! -
                                    Direktor
Nur nicht so hizzig! Ich habe noch selten eine Aktrise gehabt, die lesen konnte.
Und hier zu Lande können ohnehin die wenigsten lesen. Der Souffleur muss Ihnen
die Rollen eintrichtern.
                                      Ich
Ha, ha, ha! -
                                    Direktor
Nu! was lachen Sie denn so? -
                                      Ich
Ueber die sauberen Schauspielerinnen, die ihr Talent der Barmherzigkeit des
Souffleurs abborgen! - Das müssen doch allerliebste Schulfrazzen sein, die alles
aus einem andern Hirnkasten mechanisch daher plappern. -
                                    Direktor
Und ich kann Sie doch versichern, dass meinen Aktrisen allezeit rasend Beifall
zugeklatscht wird.
                                      Ich
Ja, mein Herr! das glaub ich gerne; aber der Beifall gilt nur selten der Kunst.
-
                                    Direktor
Genug, wenn Sie Lust haben, so komme ich morgen mit einem Teaterkenner zu
Ihnen, und wir sprechen das weitere. -
                                      Ich
Ich will Sie erwarten. - Leben Sie wohl! -
Warte Dummkopf, du sollst es bekommen; und den nemlichen Abend machte ich noch
folgenden Aufsaz. -
    »Wenn ein Schauspiel-Unternehmer seiner Bühne mit Ehre und Vorteil
vorstehen will, so muss er die Schauspielkunst selbst aus dem Grunde studiert
haben, sonst scheitert in der ersten Woche schon seine Ehre nebst dem Kredit. -
Streng muss er unter seinen Leuten auf Zucht und gute Sitten halten, - sonst
versäumt er den moralischen Endzwek und wird ein privilegierter Bordellwirt. -
Gute Wirtschaft muss er nicht mit dem Schweis seiner Untergebenen treiben, die
ihm eben darum bloss aus Hunger arbeiten, und das gute Publikum um sein Geld
betrügen. -
    Parteilichkeit im Rollenausteilen, Kabale, Feindschaft soll er durch
sanfte, vernünftige Leitung zu verhindern suchen, sonst stürzt sein ganzes
Gebäude zusammen, eh es völlig aufgeführt ist. - Wenn ein Unternehmer nicht
selbst Lektur genug hat, um gute Stükke und wakkere Schauspieler zu wählen, so
gebe ich für seine ganze Unternehmung nicht einen Kreuzer. - Leider sind
dermalen nur zu viele Unternehmer, die Oberherren einer Zigeunerbande, die auf
schmuzzige Abenteuer herumzieht. - -«
    Fertig ist jezt mein Aufsaz, und morgen soll der Tölpel tüchtig für seine
tolle Frage dadurch beschämt werden! - O ich kann den morgenden Tag kaum
erwarten! - - - Holla, man pocht.... Nur herein! - - -
Ah ha! - Sind Sie es Herr Direktor? - Noch so spät habe ich die Ehre? - Ich habe
Sie erst morgen erwartet. -
                                    Direktor
Ja, morgen habe ich zu viel Geschäfte; und ich habe die Ehre Ihnen diesen Abend
noch diesen Herrn aufzuführen. Lassen Sie uns hören, ob wir des Handels einig
werden können. -
                                      Ich
Zweifle gar nicht daran; - nur erst eine Bitte! - Da hat man mir heute diesen
Aufsaz zugeschikt; wollten der Herr Direktor wohl die Gefälligkeit haben und mir
ihn vorlesen.
                                    Direktor
Ich Madame? - Ich? -
                                      Ich
Ja, Sie! - Wenn Sie so gut sein wollen. -
                                    Direktor
Ja, sehen Sie... ich... ich... (jezt rieb er sich die Augen) ich kann die kleine
Schrift nicht lesen; - denn meine Augen sind etwas schwach.
                                      Ich
Ei was Augen! - Ei was kleine Schrift! - Kommen Sie, kommen Sie; stellen Sie
sich doch gerade, als ob Sie nicht lesen könnten. -
Dann hielt ich ihm den Aufsaz mit Gewalt vor die Nase, und er fieng an zu lesen:
We...nn ... We...nn ... We...nn e...in ... ei...n ein Unter... Unter...
nehmer... Unternehmer -
Der Fremde lachte izt aus vollem Halse, nahm den Auffaz, und las ihn selbst vor.
- »Eine schöne Moral! - merken Sie sich's, Herr Direktor, und fragen Sie Madame
nicht weiter unüberlegt; Sie sehen izt, wie viel Talent dieses Frauenzimmer hat.
- Handeln Sie würdig gegen sie; sie verdient es. -«
Ach ja! - (seufzte der gute Jost von Bremen) - und beide empfahlen sich. - Bald
hörst Du das Weitere von
                                                                  Deiner Amalie.
 
                                  CXVI. Brief
                                    An Fanny
                                Meine Liebste! -
Die Abreise der Schauspieler-Gesellschaft wurde festgesezt, der kleine Zug ging
nach S.... Ich genoss den Vorzug mit dem Direktor und seiner Favoritin zu fahren.
Die Reise endigte sich mit ziemlichen Anstand. - Das erste Stük wurde gewählt,
und die Hauptrolle darin mir bestimmt. - Ich hatte diese Rolle zum voraus schon
studiert, um glauben zu machen, als ob sie von mir schon anderswo gespielt
worden wäre. - Die Favoritin, eine kleine dikke Kokette, die den Direktor unter
ihren Pantoffel schiebt, hat die Direktion dieser Gesellschaft. - Sie zeigte
ihre Herrschsucht besonders bei den Proben; machte dummdreiste Anmerkungen,
hunzte die Schauspieler, lies aus Bosheit Szenen wiederholen, u.s.w.; nur mich
ganz allein schonte sie, weil ich ihr fühlen lies, dass ich ihrer Führung gar
nicht bedürfte. - Der Abend war herangerükt, das Schauspielhaus angefüllt; mir
pochte das Herz; meine Rolle nahm ihren Anfang, aber kaum hatte ich eine Stelle
geendigt, so schallte schon lauter Beifall über und über. - Die feierlichste
Aufmerksamkeit herrschte während meines Spiels. - Die Rolle harmonierte mir
meinen Leidenschaften, sie war tiefsinnig schwärmerisch. - Diese
Uebereinstimmung der Affekten war es, die in mir alle Teaterfurcht übertäubte.
Ich genoss jene Wonne, die ein heimlich Leidender immer geniesst, wenn der innere
Gram durch heftigen Ausbruch Luft bekömmt.
    Kein Mensch kam auf den Einfall in mir eine Anfängerin zu vermuten. Das
Publikum vergass über dem Feuer meiner Deklamazion die Unrichtigkeit des
Teaterspiels. - Meine zu Boden gesenkten Augen hielt man für die Folge einer
hervorragenden Schwermut, die mir durch Temperament eigen zu sein schien, und
die so gut zu der traurigen Rolle passte. - Nun ging das Schauspiel zu Ende, der
Direktor kneipte mich in die Bakke, seine Favoritin rümpfte die Nase, die
Schauspielerinnen flüsterten ihren Neid hinter den Koulissen aus - und ich ging
demungeachtet vergnügt auf mein Zimmer. - Der Beifall des Publikums schmeichelte
mir zu sehr, um ihre Misgunst zu fühlen. - Aber wenig Tage hernach musste ich
eine etwas kältere Rolle spielen, worinnen meine heftigen Leidenschaften keine
hinlängliche Beschäftigung fanden; dann fühlte ich zum erstenmal die Furcht
einer Anfängerin in mir. - Doch verlies mich die Gegenwart des Geistes nicht,
und niemand wusste, was in mir vorgieng. - Ob es aber in Ansehung der Oekonomie
in die Folge bei dieser Gesellschaft Dauer haben wird, daran zweifle ich sehr. -
Weiberregiment und schlechte Anstalten drohen ihr den baldigen Sturz; - bis izt
erhielte ich meine richtige Bezahlung; aber: - aber... - Die eitle Favoritin
spielte leztin eine meiner Rollen, wurde aber durchs misvergnügte Publikum mit
Auspfeifen zu Hause geschikt. - Nun rast sie furienmässig, und schreit es für
angezettelte Kabale meiner Anbeter aus, ob ich gleichwohl noch keine männliche
Seele auf meinem Zimmer sah. - Das Laster ist gar zu sehr geneigt, seines
gleichen zu suchen. - Unter der ganzen Gesellschaft ist nicht eine Seele, mit
der ich Umgang haben möchte. - Sie schrieen mich meiner einsamen Lebensart wegen
für stolz aus, und nekken mich hier und da so viel sie können. - Gott gebe mir
Standhaftigkeit, es ferner zu ertragen. - Sollte während dieser Zeit eine
Veränderung vor sich gehen, so sollst Du es erfahren von deiner Freundin
    
                                                                         Amalie.
 
                                  CXVII. Brief
                                Fanny an Amalie
                                Besste Amalie! -
Du hast ihn also wagen müssen den Schritt zum Teater! - Du, ein Mädchen von
gutem Herkommen, musstest Dich dem Urteile eines Dummkopfs Preis geben, um eines
Bissen Brodes willen, der Dir nebst deiner harten Arbeit noch schröklich
vergällt wird. - Gott! - wie verschieden sind doch Menschenschiksale! - Kann es
eine grössere Demütigung geben, als aus Not, der Dummheit, dem Neid, der
Bosheit, dem Laster, der Verfolgung seinen Nakken darbieten zu müssen? - Und
dies, armes Weibchen, ist jezt dein Loos! - Doch wann der Mensch Vernunft
besizt, so weis er auch dieses zu ertragen; er wird mit Gewalt philosophisch. -
O Teuerste! - die Vorsicht wacht über Dich, lass dich nicht beugen.
    Der Beifall, den Du bei deinem Debut erhieltst, freut mich eben so sehr, als
mich der Neid schmerzt, der Dich schon im Anfange zu verfolgen beginnt. - Dieser
abscheuliche Entehrer der Menschheit wütet beim Teater am ärgsten! - Ich glaube
nicht, dass bei der Bühne in die Länge ein einziges Herz unverdorben bleiben
kann. - Führt nicht der Neid immer eine Reihe anderer Laster mit sich? - Gar zu
selten trift man einen Schauspieler, dessen Herz nicht voll Vertilgungsgeist
ist; besonders sind die Weiber beim Teater äusserst zur Bosheit geneigt. Sie
hängen sich gerne an die Wollust des Direktors, um andere Schauspielerinnen
desto grässlicher verfolgen zu können. - Die schmuzzigste Buhlerin wird nur zu
oft der wahren verdienstvollen Schauspielerin vorgezogen. - Es geschehen Dinge
beim Teater, die schnurstraks der gesunden Vernunft und der guten Ordnung
zuwider sind. -
    Möchtest Du, Edle, nie mehr erfahren, als Du izt schon weisst! - Möchtest Du
bald wieder diesem elenden Stande entsagen können! - O wie feurig wird deine
Freundin den Himmel um diese Wohltat anflehen! - Deine liebende
    
                                                                          Fanny.
    N. S. Mein Karl grüsst Dich herzlich. -
 
                                 CXVIII. Brief
                                    An Fanny
Gott wolle mich ferner vor dergleichen Schauspieler-Gesellschaften bewahren! -
Ich geriet unter ein wahres Gesindel. - Einige davon wagten es sogar unter
einer Ausrede in mein Zimmer zu schleichen, von meiner Toilette Silberzeug
wegzukapern, Geld und Kleider von mir auszuleihen, wofür ich von diesem
Lumpengepak nie wieder einen Ersaz zu hoffen habe. Das Elend dieses Volks hat
seinen äussersten Grad erreicht. - Meine Ahndungen sind erfüllt. Der Direktor hat
Bankrott gemacht. - Die Schuldner nahmen ihm sogar seine Garderobe hinweg.
Einige von der Gesellschaft können kaum mehr ihren Hunger stillen; und doch lässt
sich dieses Volk durch einen teuflischen Leichtsinn beherrschen. - Ich würde
unsinnig, wenn mich die Schande alle träfe, die diesem Gesindel von seinen
Gläubigern zu Teil wird. -
    Der Pöbel ist doch ein unverschämtes Wesen; wälzt sich im Kote, ohne es zu
fühlen. - Unser Direktor mit seinem Konkubinchen gedenket wieder nach Wien
zurückzukehren. - Auch ich führe das Nemliche im Sinn, und will Dir in wenig
Tagen, ehe ich diesen Brief schliesse, das Weitere von meinem gefassten Entschluss
melden. -
    Das gute Glük schikte dem Direktor eine Retourkutsche zu, und ich entschloss
mich in seiner Gesellschaft zu fahren. - Als wir drei kaum im Wagen sassen,
machte uns ein lauter Lärm aufmerksam. - Wir strekten unsere Köpfe heraus, und
sahen einen tollen Auftritt. -
    Zween von unsern Schauspielern balgten sich mit einigen Handwerksmännern
gewaltig herum. - Ein Schuster hatte dem einen die unbezahlten Stiefel
ausgezogen, und ein Schneider dem andern die Weste. Nun stunden die lokkern
Hallunken halb entkleidet da, und schämten sich nicht vor den Gassenbuben, die
sie mit Kot warfen. - Um der öffentlichen Schande, die uns alle traf, ein Ende
zu machen, rief ich die Gläubiger vor den Wagen hin, und bezahlte die kleine
Summe; - dann liefen diese Bursche singend und pfeifend neben unserm Wagen her,
bis wir den ersten Gastof erreichten, wo es dem Direktor zukam seine hungerigen
Gäste zu füttern, ob er gleichwohl nicht einen blutigen Heller in der Tasche
hatte. - Der leichtgläubige Strohkopf verlies sich auf die Börse seiner
Favoritin; aber die Mahlzeit war geendigt, und sie blieb ihm verschlossen. - So
zeigt sich im Notfall das Herz einer Kokette! - sagt ich ihm ins Ohr - und
drükte dabei eine kleine Summe in seine Hände. - Der Mann fühlte innig meine
Handlung! - Sein Dank hätte mich beinahe verraten. -
    So gering diese Ausgaben auch waren, so fühlte ich sie in meiner Lage doch.
- Eine kleine Unterstüzzung, die ich von meinem Oheim erhielt, hat mich wieder
dafür entschädigt. - In wenig Tagen reise ich nach P.... vielleicht gelingt es
mir auf einem grossen Teater besser; und ich kann Dir dann in Zukunft
vergnügtere Nachrichten mitteilen.
    
                                                                   Deine Amalie.
 
                                  CXIX. Brief
                                    An Fanny
Wie ich nach P.... kam, brauchst Du wohl nicht zu wissen, die Reise ist zu klein
und zu unbedeutend; was aber da mit mir vorgieng, mag jede brave Schauspielerin
zur Warnung lesen, damit sie sich vor einem solchen flegelhaften Direktor hüten
möge, wie mir einer aufsties - Als ich in seine Wohnung eintrat, schnurrte mir
ein Bedienter im Vorzimmer entgegen. -
    »Mein Herr ist heute nicht zu sprechen! -«
    Und warum denn nicht? -
    »Weil der Namenstag der Mad. K... gefeiert wird. -«
    Ei! wer ist denn die Mad. K...?
    »Eines andern dummen Kerls sein Weib - aber izt die Favoritin des Direktors
und eine sehr gute Komödiantin, sie spielt alle ersten Liebhaberinnen.«
    Dass dich doch! - so finde ich denn überall lauter Favoritinnen! - Nun da
komme ich wieder schön an. - Hier, mein Freund, etwas weniges für seine
Aufrichtigkeit; - aber sag er mir doch, war diese Mad. K... nicht ehmals
Mätresse eines gewissen Kardinals? -
    »Ja freilich ist das die nemliche - aber Sie müssen mich nicht verraten; sie
hat diesen Kardinal völlig ausgesogen, er stekt izt in Schulden bis über die
Ohren - und sie mag ihn nun auch nicht weiter. - Dann kam sie hieher, schikte
sich fürs Geld in alle Stände, niedrig und hoch, wie sie kamen; Bedienten,
Kavaliere, Handwerkspursche, Fuhrknechte, Pfaffen, Studenten, Juden, Alles hatte
freien Zutritt; bis sich endlich unser Herr - der sein armes Weib in Hamburg im
Elend sizzen lässt, in sie verliebte. - Und nun tut sie den ganzen Tag nichts -
als uns arme Teufel plagen, dem Herrn Hörner aufsetzen, mit dem Grafen K....
spazieren fahren, von den andern Schauspielerinnen Handküsse mit stolzer Miene
empfangen - und spielt alle Rollen, die ihr gefallen. -«
    Genug für einmal! - dachte ich mir, und ging nach meinem Gastof. - Des
andern Tags lies mich der Grobian von Direktor erst eine Stunde im Vorzimmer
passen, eh es ihm gefiel mir seine plumpe Herrlichkeit zu zeigen, die noch
äusserst nach der Werkstätte roch, wo er ehedessen im Eisen gearbeitet hatte. -
Endlich öffnete sich auf einmal der Tempel des Hochmuts; ich sah eine
aufgeblasene, hochnasigte, vierschrötigte Figur im Sessel sizzen, die mich kaum
des Dankes würdigte. -
    »Herr, ich bin Schauspielerin! -« fuhr ich zornig heraus, weil mir der
Handwerksflegel keinen Stuhl anbot.
    »Kann wohl sein, dass sie Schauspielerin ist« (antwortete der unverschämte
Kerl, der sich der einzige geschikte Schauspieler zu sein dünkt - und seine
Rollen doch dabei so affektirt herunterschnarrt, wie der ärgste Stuzzer, der bei
der Toilette einer eiteln Dame durch diese Mode-Gewohnheit sein Glük machen
will. Alles, was dieser Hasenfuss spielt, trägt das Gepräge des Hochmuts an
sich, in jeder Rolle sieht man diese Leidenschaft hervorblikken. - Despoten,
stolze Narren spielt er mit vieler Natur; ob er gleich den Mut hatte unsern
unsterblichen Schröder in seiner Kunst anzugreifen, und ihm aus Neid den Beifall
in Wien streitig machen wollte. - Doch nun wieder auf meine Antwort, die ich ihm
gab:)
    »Herr! wollen Sie bewiesen haben, dass ich Schauspielerin bin, so lassen Sie
mich debutiren. -«
    »So etwas erlaube ich bei meiner Bühne durchaus nicht.«
    »So despotisch kann nur ein Monarch sprechen, und kein Direktor, der vom
Publiko abhängt! -« In vollem Zorn schlug ich ihm die Türe vor der Nase zu, und
ging zu Herrn von H..., der mir ohne Anstand einen Debut zusagte. O dann fieng
der Direktor und sein Kebsweib vollends zu rasen an, zettelten unter dem
Publikum Kabalen wider mich an, so viel sie nur konnten. Ich lies dem boshaften
Kerl verschiedene Stükke vorschlagen, worinnen gute Rollen waren, aber sie
wurden mir unter verschiedenen Ausreden von ihm versagt. - Ich musste am Ende in
einer Rolle auftretten, die nicht so empfehlend für mich war, als ich sie
gewünscht hatte. - Demungeachtet entschloss ich mich troz aller Kabale zum Debut.
Der Zufall wollte es, dass sich gerade zu dieser Zeit die meisten Herrschaften
auf dem Lande befanden, und die Zuschauer bestunden meistens aus zügellosen
Offiziers und Schulbuben; nur in den vordern Logen schienen stille Kenner des
Teaters zu sizzen. Wie man mein Spiel aufnahm, sollst Du hernach hören; izt zur
Probe des Stüks zurück, die am gleichen Tage meines Debuts gehalten wurde. - Als
ich in das Schauspielhaus eintrat, sassen die mitspielenden Personen in der
Garderobe, und bewillkommten mich mit lautem Gelächter. - Eine gewisse Kreatur
Namens R..., und ihre Konsortin Z... spieen ihren giftigen Geifer gerade so
zügellos über mich aus, wie es einer ausgeschämten Zuchtaus-Kandidatin eigen
ist, die einige Jahre zuvor zum Schubkarrenziehen nach Temeswar mit andern H....
verurteilt war. - Es erinnern sich einige Leute noch recht gut, wie eben diese
saubere R... wegen lüderlicher Aufführung P... verlassen musste. - Es ist zu
wünschen, dass sie sich izt in Russland besser aufführt. - Wer beim Teater sein
Brod suchen muss, hüte sich vor den zwei Schandweibern R... und Kr... Selbst die
Hölle speit keine schwärzern Kreaturen aus, als diese zwei Weiber sind. Die
leztere wird zwar für ihr Lasterleben hinlänglich gestraft, sie zigeunert als
Taliens Lastträgerin bei kleinen Gesellschaften im Lande herum. -
    Doch izt zu meinem Debut. - Kaum erblikte man meinen Kopf, - noch hatte ich
kein Wort gesprochen, so ging es schon an ein Räuspern, an ein Sumsen im
Parterre, als ob die Kabale Luft hätte, mir den Hals umzudrehen, noch eh ich zu
spielen anfieng. - Ich gestehe es offenherzig, die Angst stokte meinen Atem,
ich spielte nicht so gut, wie ich es sonst in der Gewohnheit hatte; aber die
Kabale trieb es auch so teuflisch, das jedes Menschenfreundes Herz geblutet
haben muss! - Kaum klatschten einige mir Beifall zu, so trieben die bestochenen
Buben so lange ihren Unfug, bis sie den Beifall übertäubt hatten. - Möchte sich
jedes fühlende Herz in meine damalige Lage versetzen können und den Jammer
empfinden, der meine Seele durchwühlte! - Ich war in einer wilden,
verzweiflungsvollen Laune! - Hätte es die Kabale bis zum öffentlichen Auspfeifen
getrieben, mein Ehrengefühl würde mich in der Wut zu einer Mordtat verleitet
haben. - Doch zum Glük liess man mich mit geteiltem Beifall durchschlüpfen;
besonders wurde meine Geistesgegenwart in einer Stelle äusserst applaudirt, wo
die boshafte Z..., als mein Kammermädchen, mir in der Sterbszene den Stuhl
wegzog, um diesen Auftritt durch mein Bodensinken ins Lächerliche zu bringen;
aber kaum hatte ich die tödtliche Wunde empfangen, so blikte ich rükwärts, gab
meinem Körper ein gutes Gleichgewicht, und sank so künstlich auf den Boden hin,
dass das Bild unendlich viel dabei gewann. -
    Ich duldete mehrere dergleichen Streiche, unter andern spielte der Herr
Direktor an meiner Seite den Liebhaber mit halb weggewandtem Gesichte, u.s.w.
Endlich ging das Schauspiel zu Ende, und ich eilte mit zerrissenem Herzen nach
Hause.
    Ein gewisser Direktor Seipp schreibt mir izt aus Temeswar, und begehrt mich
zu seiner Gesellschaft. - In wenig Tagen reise ich dahin ab. Lebe indessen wohl,
meine gütige Freundin, und grüsse mir deinen Karl tausendmal! -
    
                                                                         Amalie.
 
                                   CXX. Brief
                                    An Fanny
Noch ehe ich P... verlies, konnte ich mich nicht entalten, folgendes Briefchen
an dortigen Direktor zu schreiben. -
                                   Mein Herr!
»So unverschämt und pöbelhaft Sie und Ihre Rotte mich auch immer behandelten, so
kann ich doch den hiesigen Ort nicht verlassen, ohne noch ein Paar Wörtchen mit
Ihnen zu sprechen. Glauben Sie sicher, Sie hatten es mit keiner Hüttenspielerin
zu tun, bei der Sie es wagen durften, ihren lächerlichen Hochmut blikken zu
lassen. Zu Ihrem Stolz stünde bessere Erziehung recht gut; dann würden Sie
vielleicht Ihre lüderlichen Untergebenen in den Schranken der Ehrbarkeit zu
erhalten wissen, womit Sie fremden Leuten begegnen sollten. Bei den kleinsten
Schauspielergesellschaften findet man kaum ein solches boshaftes, mutwilliges
Zigeunergesindel, wie das, wovon Sie, mein Herr, das Oberhaupt sind. - Gott möge
nie wieder eine gute Seele unter Ihre ausgelassene Bande geraten lassen!
Verzweiflung würde sonst bei so einer schandvollen Behandlung das Loos einer
Jeden sein, die weniger Selbstgefühl im Busen trägt, als ich. - Sie, Herr
Direktor, nähren ein Häufchen Lasterhafte, deren gebrandmarkte Herzen einstens
zu ihrer Schande ganz aufgedekt werden müssen. - Bühnen, wie Sie eine
unterhalten, sind die wahre heimliche Pest in einem Staat, die unter dem Vorwand
der Sittenverbesserung jede Moral untergraben. - Blos um in Zukunft einer andern
ärmern reisenden Schauspielerin den bei andern Teatern gewöhnlichen Debut auch
bei Ihrer Bühne zu eröffnen, habe ich an höhern Orten mit Gewalt auf eine Rolle
gedrungen. - Teilen Sie mein mir angehöriges Geschenk unter die Armen aus,
damit sie den Himmel um Verbesserung Ihres Herzens anflehen mögen; - überdies
schenke ich Ihnen noch den Ersaz der Ausgaben, die mir die Anschaffung des zu
meiner gespielten Rolle nötigen Puzzes verursachte, und die ich über mich zu
nehmen gezwungen ward, weil sie mir aus Neid von Ihrer Favoritin versagt wurde.
- Ich weis recht gut, dass sie sogar Leute anstiftete, um mich zum Gespötte des
Publikums zu einer widersinnigen Kleidung zu bereden. - Aber sowohl diese
Kabale, als so viele andere sinnreiche Streiche prellten an mir ab. - Wäre ich
Mann, so würde ich für alle die äusserst gallsüchtigen Beleidigungen auf eine
andere Art Genugtuung fodern; aber so begnüge ich mich mit der Verachtung, die
Sie und Ihre Anhänger verdienen, und die Ihnen hiemit in vollem Mase zusichert«
                                                                    Amalie *****
    So bald ich dieses Briefchen dem Direktor zugeschikt hatte, so reiste ich
ab. - - -
    Wenn Du die Gegenden in Ungarn kennst, so wirst Du leicht begreifen können,
wie langweilig meine Reise war. - Eine sehr schlechte Reisegesellschaft, üble
Bewirtungen und die bangste Furcht, als ich über die unermesslichen entvölkerten
Haiden fahren musste, wurden mir zu Teil. - Wir trafen in den Wirtshäusern
meistens Kerls an, die alle Räubern ähnlich sahen. - Menschen, die sich wie das
rohe Vieh in ihrem Schafpelz im Schnee hinlagern, und nur bei der Nacht in ihre
Hütten kriechen, die alle tief in die Erde gebaut sind. Unter heftiger Kälte und
andern Unbequemlichkeiten kam ich endlich in Temeswar an. Herr Seipp nebst
seinem Weibchen empfiengen mich sehr gut. - Sie ist ein Fräulein von K.... aus
P... und verrät viel Erziehung; - er, ein vernünftiger, einsichtsvoller, auf
Ehre haltender Mann, ein braver Schauspieler, hält streng auf gute Ordnung,
versteht das Teaterwesen vollkommen, ist selbst Dichter und der Erfinder der
bessten Einrichtung, die ich noch jemals bei einem Teater antraf. - Einige
lüderliche Schauspieler wollen ihm keine Gerechtigkeit wiederfahren lassen, weil
er ihre Sitten sowohl, als ihre elenden Fähigkeiten zu verbessern suchte. - Ich
kann Dir aber auf Ehre versichern, dass er und sie meine völlige Hochachtung
gewonnen haben. - Sie ist ein gutes wirtschaftliches Weibchen - liebt ihren
Mann - hat Teatertalent und Kopf. Kurz, beide sind ein wahres Muster
moralischer Sitten, woran sich so viele andere spiegeln könnten; sie söhnen mich
wieder ganz mit der Bühne aus. - Gespielt habe ich hier noch nicht, weil die
Gesellschaft gerade auf dem Punkt steht, nach Herrmannstadt abzureisen. So bald
wir dorten sind, beschreibe ich Dir unsere Reise. - Schreib Du auch bald wieder
    
                                                           Deiner bessten Amalie.
 
                                  CXXI. Brief
                                   An Amalie
Um Gottes willen, Freundin! - was hast Du seiter nicht alles erlebt, und wie
weit bist Du izt von mir entfernt! - Nicht wahr, meine Gute, ich habe Dir die
schröklichen Teaterschiksale zum voraus verkündigt. - Alle nur möglichen
Niederträchtigkeiten scheinen diesen Leuten von Natur anzukleben; sie lassen
ihre Herzen so tief im Morast versinken, dass ihnen alle Laster zur kalten
Gewohnheit werden, womit sie Tugendhafte tirannisiren, wenn diese das Unglück
haben unter sie zu geraten. -
    In diesem Stande sind gute Ausnahmen von rechtschaffenen Seelen so äusserst
selten zu finden, weil sich bei den vielen Bühnen eine Menge Pöbel
zusammenrottet, und den Freiheiten dieses Standes einen ewigen Schandflek
anhängt. - So manche Schauspieler-Gesellschaft gleicht einem Schwarm streifenden
Ungeziefers, das sein Gift überall zurücklässt; dass man aber die Bosheit und
Schadenfreude so weit treiben könnte, wie es das Häufchen Buben und Bübinnen in
P... gegen Dich trieb, hätte ich doch nie vermutet. - Mein Karl sagte: »Unter
den Hunden gibt es tausendmal bessere Herzen.«
    Von der Erzbuhlerin R.... habe ich schon öfters abscheuliche Streiche
erzählen gehört. Sie ist in der halben Welt als die ärgste Mezze bekannt, die
die Obrigkeit wieder aufs Neue ins Zuchtaus stekken sollte. - Was wäre denn
aber auch von einem Schustersweibe besseres zu erwarten, deren Mann um den
Übermut seines Weibes willen, den Leist verlassen musste. - Er soll ein braver
komischer Schauspieler gewesen sein; Gott gönn ihm izt in jener Welt die Ruhe,
die er hier an der Seite seines ehrvergessenen Weibes nicht genoss. - Auch sie -
sagt man - spiele die Rollen niederträchtiger Weiber, unverschämter Buhlerinnen,
komischer Kupplerinnen, boshafter, zänkischer, lasterhafter Kreaturen mit vieler
Natur; ... nur in edeln Karakteren, in den Rollen moralischer, guterzogener
Mütter, wäre sie unausstehlich. - So viel erzählte mir leztin ein
unparteiischer Teaterkenner selbst. -
    Gott schenke Dir izt bei Seipp alles Vergnügen, das Du verdienst; weil er
selbst Talenten besizt, wird er gewis die deinigen nicht verkennen. Nur
Dummköpfe unterdrükken aus Neid die Vorzüge an Anderen. - Dass dieser brave Mann
unter seiner Gesellschaft so tapfer auf gute Sitten hält, freut mich unendlich;
- nur der Kummer wegen deiner gefährlichen Reise ängstigt mich noch ein Bischen,
bis ich einmal weis, dass Du glücklich angekommen bist! Man versichert mich,
Siebenbürgen wäre ein wahres Räuberland. - -
    Ich und mein Karl wünschen Dir allen Segen von Gott, und uns dabei eine
geschwinde Nachricht von deiner glücklichen Ankunft. - Hier diesen Kuss zum
Zeichen meiner unveränderten Liebe. -
    
                                                                          Fanny.
 
                                  CXXII. Brief
                                    An Fanny
Gott sei ewiger Dank gesagt, dass auch diese Reise vollendet ist! So äusserst
elend habe ich noch keine zu machen gehabt. - Die Strassen waren abscheulich
schlecht; je tiefer wir unter die Wallachen hineinkamen, desto grässlicher wurde
unsere Furcht und alle Arten von Unbequemlichkeiten. -
    Die Räuber schonten uns, der Himmel sei gepriesen! ob es gleich hier zu
Lande sehr gewöhnlich ist, ganze Rotten von dreissig bis fünfzigen zu treffen,
die alle mit vierfachem Schiessgewehr versehen sind. - Da sie sich auch gerne in
Wirtshäusern einnisten, so zwang uns die Klugheit, uns mit Militärorder zu
versehen, um bei Dorfrichtern Herberge zu nehmen, und zogen aus dieser Ursache
vor auf Heu zu schlafen, selber zu kochen, u.s.w. Es war eine allerliebste
Wirtschaft! - Unsre Mannsleute mussten Geflügel zuschleppen, die Wallachinnen
gaben uns Spek, und wir Weiber besorgten die Küche. - Seipp sorgte ohne
Eigennuz, als wahrer Vater, für seine Kinder; sein armes schwangeres Weibchen
duldete auf dieser Reise sehr vieles mit Standhaftigkeit; nur ein einzigesmal
überfiel sie Wehmut, die dann der rechtschaffene teilnehmende Gatte mit warmer
Zärtlichkeit zu zerstreuen wusste. - O, diese zwei Leutchen lieben sich wie die
Engel; ein liebenswürdiger dreijähriger Knabe knüpft das Band ihrer Gattenliebe
noch enger. - Sie gehören zur protestantischen Religion, und sind eifrige
Christen; in ihrem Betragen herrscht überall Pünktlichkeit, und ihre Aufführung
ist untadelich. - Seipp duldet unter seinen Leuten keine von schlechten Sitten.
- Die Mitglieder der Gesellschaft sind aber auch so geehrt, dass jedem davon der
Eintritt in die angesehensten Familien offen stehet.
    Schon seit vier Jahren durfte wegen schlechter Aufführung keine
Schauspieler-Gesellschaft mehr über die hiesigen Gränzen; nur unserm braven
Seipp gelang es durch Empfehlungen von etlichen Ministern, durchzudringen. Alle
lieben und schäzzen ihn. Das Publikum stürmt zahlreich ins Schauspielhaus, und
verlässt es wieder mit entusiastischem Beifall. Wir bekommen Alle richtige
Bezahlung, und stehen gut, weil es hier äusserst wohlfeil zu leben ist. -
    Leztin spielte ich zum erstenmale, und wurde recht gut vom hiesigen Publiko
aufgenommen. Ich lass es aber auch nicht am Fleiss mangeln, und arbeite mit Lust,
weil uns keine Stuzzer hinter den Koulissen stören dürfen. - Es ist allen jungen
Leuten untersagt, weder bei den Vorstellungen selbst, noch bei den Proben auf
Abenteuer hinter den Koulissen herumzuschleichen. Auch keiner der Mitspielenden
darf es wagen, über einen andern nur eine Miene von Anmerkung zu machen. - Seipp
weis den Neid in Schranken zu halten. - Sein entusiastischer Eifer für die
Richtigkeit der Schauspielkunst macht ihn freilich manchmal ein Bischen hizzig,
aber nicht pöbelhaft, wie es seine Feinde vorgeben. - Ich gedenke mich recht gut
in seine Anführung zu schikken, und verehre seine Kenntnisse mit inniger
Zufriedenheit.
    Und nun, liebe Fanny, küsse mir deinen Karl, und danke ihm in meinem Namen
für seine Sorgfalt!
    
                                                     Deine Dich liebende Amalie.
 
                                 CXXIII. Brief
                                    An Fanny
Zürne doch nicht, liebes Fannchen, dass ich Dir einige Monate gar nicht schrieb.
Mein Direktor überhäufte mich seiter mit einer Menge Rollen. - Sein Weibchen
ist nahe an ihrer Niederkunft, und mich trift es izt, ihre Rollen ganz allein zu
spielen. Es bleibt mir ausser meinen Berufsgeschäften kaum so viel Zeit übrig,
zuweilen ein kleines Briefchen an meinen Oheim zu verfertigen. Uebrigens lebe
ich recht zufrieden. Das Publikum ist mir hold; der Direktor behandelt mich gut;
was will ich also mehr? - Nur ein einzigesmal überraschte mich sein gewöhnlicher
Eifer für die Kunst etwas feuriger als sonst, bei einer Probe; der gute Mann
kannte mein zu weiches Herz nicht, und wurde erst nach der Hand überzeugt, dass
seine rasche Zurechtweisung mich im Spielen noch blöder machte. - Ich nährte
dadurch heimliches Mistrauen gegen mich selbst, und Zagheit bemeisterte sich
meiner während meines Spiels; nur seine sanftere Leitungsart rief mich wieder in
das Geleise zurück, woraus mich eine gewisse bange Furcht gebracht hatte. - Er
sah wohl ein, dass es für meinen Kopf und mein Gefühl nur des kleinsten Winkes
bedürfe, um mich nach seinem Willen abzurichten. - Der Mann besizt
ausserordentlich viele Kenntnisse, dringt mit seinem Fleiss bis ins Innerste der
Kunst, und ich bin stolz darauf, Seippens Schülerin zu sein! - Es ist
unbegreiflich, was er sich mit einigen beinahe unbrauchbaren Mitgliedern unserer
Gesellschaft für Mühe gibt, um sie zu belehren; er hält ordentliche Schulen,
giesst ihnen die Rollen so zu sagen ein, studiert den Hang eines Jeden, gibt ihm
angemessene Rollen; alle unter seiner Gesellschaft stehen an ihren rechten
Pläzzen; da erblikt man keine Spur von Parteilichkeit. So oft das Schauspiel zu
Ende ist, tritt er unter die Schauspieler hinein, sagt einem jeden sein und auch
des Publikums Urteil mit biederer Wahrheit ins Gesicht. - Leztin kam die Reihe
zuerst an mich. - »Madame! (sagte er.) Mit Ihnen ist man durchaus zufrieden, bis
auf die wenige Schüchternheit, die ihre Stimme unterdrükt, und sie etwas
unverständlich macht.« - »Und Sie, Mademoiselle! - (sagte er zu einer andern)
Sie haben in ihrem Kammermädchen durch Ihre unbescheidene Manieren bloss dem
Pöbel gefallen, u.s.w.«
    Ist so ein Vorsteher nicht zu verehren? - Würde die Bühne nicht bald der
Wohnsiz der Rechtschaffenheit sein, wenn es mehrere dergleichen gäbe? -
    Noch ein Anekdötchen von ihm: - Einige Stuzzer, welche die Schauspielerinnen
bloss für feile Geschöpfe ansehen, zu denen ihre Begierden ein volles Recht
hätten, sagten einstens zu ihm:
    »Aber Herr Seipp, Sie haben ja gar kein einziges recht schönes Frauenzimmer
unter ihrer Gesellschaft!« - Worauf er antwortete: - »Meine Herren, alle meine
Frauenzimmer sind hinlänglich schön, um in ihren Rollen jene Täuschung zu
erwekken, die dazu erfodert wird. - Ich bin der Unternehmer einer gesitteten
Schauspieler-Gesellschaft und keiner Fleischbanke, wo jeder Wollüstling seine
Bedürfnisse hinzutragen Lust hätte. - Meine Frauenzimmer sollen bloss zu
Schauspielerinnen und nicht zu Lustnimphen taugen.« -
    Von dieser Zeit an wagte kein Weichling mehr die mindeste Anmerkung zu
machen; wir leben alle in dem unbescholtensten Rufe. - Aber sage mir jezt auch,
meine Liebe, was macht denn dein Karl? - Werde ich euch zwo teure Seelen auch
bald wieder zu sehen bekommen? - O ich hätte wohl noch recht viele Fragen, wenn
mich nicht die Pflicht zu meinen Geschäften riefe. -
    Lebe wohl, Teure, Einzige. -
    
                                                      Ich bin ewig Deine Amalie.
 
                                  CXXIV. Brief
                                   An Amalie
                                  Teuerste! -
Endlich hat unser Kummer ein Ende, und wir wissen, dass Du gut versorgt bist.
Karl war entzükt über diese Nachricht; dass ich es auch bin, das weisst Du
ohnehin. - Wir beide haben ein Projekt zur Sitten-Verbesserung der Bühnen
entworfen, und teilen es Dir zur gütigen Einsicht mit.
    Unser grosse Kaiser Joseph hat über alle Gegenstände in seinen Ländern gute
moralische Anstalten getroffen, und wir hoffen, dass er auch noch auf die
Reinigung der Bühnen kommen wird, wenn es ein Patriot einmal wagt ihm den wahren
Zustand derselben zu schildern. - Bis izt streifen noch immer schwarmweis kleine
Schauspieler- nicht doch - Komödianten-Gesellschaften dem Bürger zur Last und
den Sitten zur Schande in unsern Ländern herum; - führen das abscheulichste
Leben, verbreiten Zoten, sind der Zufluchtsort so vieler Tagdiebe,
Herumstreicher, verjagter Friseurs, lüderlicher Studenten, fauler
Handwerkspursche, verloffner Dienstmädchen, u.s.w.
    Erstens ist ihre Aufführung ärgerlich, und verbreitet, bestärkt das
Vorurteil über besser gesittete Schauspieler, benimmt dem Publikum den Glauben
an jede Moral, die auf gesittetern Bühnen vorgetragen wird, weil die Menschen
daran gewöhnt werden, zu glauben, dass dort wie da - der Fuchs bloss den Gänsen
predigt. -
    Zweitens führt diese hungerige Komödianten-Waare schandlose, ärgerliche,
sündliche Frazzen auf, und verwildert dadurch die Sitten des Pöbels noch mehr,
der ohnehin schon zügellos genug ist. -
    Drittens kommen sie durch ihre Schwelgerei in Schulden, betrügen den Bürger,
verführen seine Söhne und Töchter, fahren in allen Bierschenken herum, nähren im
gemeinen Volk Aberglauben und Vorurteil, verleiten es zu Abenteuern,
Schazgräbereien, Taschenspielereien, und dergleichen; durch ihre Ausschweifungen
pflanzen sie also auf alle Schauspieler den schmuzzigen Begriff fort, den man
ehedessen von den öffentlichen Possenreissern und Marktschreiern hatte. - Zur
Schande der Schauspielkunst verderben sie das leichtgläubige Herz des Bürgers,
und würden ihrem Landesherrn unter der Muskete gewis bessere Dienste leisten.
    Sobald der Monarch überzeugt ist, dass eine gesittete Bühne zur Aufklärung
beiträgt, so wird er auch bei grossen und kleinen Bühnen jeden Schein auszurotten
suchen, der diesem moralischen Endzwek widerspricht. - - Bei der übersezten
Menge von kleinen fliegenden Gesellschaften sollte notwendiger Weise Musterung
gehalten werden, damit es dem fähigern Schauspieler nicht an Versorgung fehlte,
die diese Herumstreicher ihm mit einer geringern Besoldung hier oder da vor dem
Munde wegschnappen. Zu viele Gesellschaften in einem Lande richten einander
selbst zu Grunde, weil das Publikum sie nicht alle zu nähren vermag. - Nur in
den ansehnlichsten Städten jeder Provinz sollte eine gute
Schauspielergesellschaft geduldet werden, auf deren sittliche Aufführung die
Obrigkeit ein wachsames Auge haben sollte - und den übrigen kleinen
herumziehenden Gesellschaften sollte bei Strafe das Land verboten werden. Die
Direktoren sollten verbunden sein, miteinander alle Jahre ihren Ort zu
verwechseln, damit jede Provinzstadt um ihr Geld Abwechslungen zu sehen bekäme.
-
    In der Hauptstadt Wien sollte von Professoren oder sonst unparteiischen
Teaterkennern eine Art Prüfungsschule errichtet werden, wo jeder brodsuchende
Schauspieler seine Probe ablegen müsste; - wo man die Fähigkeiten und Lebensart
der Schauspieler einige Zeit prüfte, und sie dann mit einem guten Zeugnisse einem
Provinz-Teater zuschikken könnte, dessen Direktor verbunden sein müsste sie
anzunehmen, und nach dem Masstab ihrer Talenten zu besolden. - Viele hundert
Halunken beiderlei Geschlechts würden diese Prüfung scheuen, und weniger ihre
Zuflucht zum Teater nehmen. - Ein würdiger Schauspieler hätte dann nicht mehr
Ursache aus Unterdrükkung und Kabale am Bettelstab herumzuirren; das Publikum
würde besser bedient; die Sitten dieser Leute würden nach und nach reiner; der
gute Endzwek der Schaubühne erfüllt, und die Herren Direktoren vor so vielen
Bankrotten gesichert, die ihnen meistens durch die Kabale dieses herum
schwärmenden Volks zugezogen werden. - Nur müssten die Aufseher der
Prüfungsschule nicht aus Schauspielern bestehen, sonst liefe sicher
Parteilichkeit mit unter; denn der grösste Schauspieler trägt immer heimlichen
Neid im Busen, und kann in einer solchen Sache nie als Richter dienen.
Ueberhaupt sollten alle Schauspieler strenger als andere Bürger in ihrem
Lebenswandel gehalten werden, um das Vorurteil auszurotten; der Moral, die sie
predigen, Ehre zu machen, um durch ihr so öffentliches Lasterleben unter dem
Volk nicht so viel unverantwortliches Aergernis zu erregen. -
    Was hältst Du von meinem Gedanken? - Ich habe ihn nur so obenhin entworfen!
- Möchte ihn ein Menschenfreund besser überdenken - ausarbeiten - und dem grossen
Kaiser Joseph vorlegen, wie glücklich wollte ich mich schäzzen! - Die
Einrichtungen deines jezzigen Direktors gefallen mir sehr wohl. - Es muss ein
würdiger Mann sein! - Der Himmel segne ihn und seine Familie! - Schreibe mir
mehr von seiner guten Führung; ich höre es äusserst gerne. - Karl und ich wollen
Dich dann recht herzlich dafür küssen - wann wir Dich einst wiedersehen. - Das
verspricht Dir
    
                                                                    Deine Fanny.
 
                                  CXXV. Brief
                                    An Fanny
Dass Dich doch! - Schon wieder eine Reisebeschreibung? - wirst Du deinem Karl ins
Ohr flüstern. - Ja, meine Liebe; und überdies eine recht artige Geschichte, die
mir mit einer ganz fremden Dame begegnete, über die meinetwegen Spötter lachen
mögen; genug - ich bürge für ihre Wahrheit.
    An einem Tage musste unsere ganze Gesellschaft in einer elenden Hütte ihr
Mittagsmahl halten. - Die Wirtsleute waren äusserst arm, und hatten kaum so
viel, um den Hunger unserer Pferde zu stillen. - Ich will Dir die Unruhe von
etlich dreissig Personen nicht schildern, wovon nur wenigen ein hartes Stükchen
Fleisch, den andern gar nur troknes Brod zu Teil wurde. -
    Ganz niedergeschlagen sassen einige von uns an einem Tische - und staunten
auf die hölzernen Bestekke hin, die uns vorgelegt wurden; als plözlich ein Wagen
mit vier Pferden den Hof hereinrasselte und uns die Neugierde aus dem Zimmer
trieb. - Zween Bediente hoben ein Wesen aus dem Wagen, das seiner Kleidung nach
einer Mannsperson glich. Eine Art Kaput, Stiefel und Hut war seine Kleidung. -
Der Fremdling blieb einige Minuten stehen, sah uns alle nach der Reihe an,
besonders aber mich... und flog mir mit einem Mal feurig an den Hals! - Ich
erschrak, hielt es für Frechheit, und wollte mich loswinden. - »Fürchten Sie
nichts, meine Besste! - (hörte ich eine Weiberstimme sagen) Ihre Phisiognomie
gefällt mir; wollen Sie meine Freundin sein?« - Dann zog sie mich in das
Kämmerchen, wo die hölzerne Bestekke lagen, befahl ihren Bedienten unsern Tisch
mit Silbergeschirr zu bedekken, Wein und Essen aus dem Wagen hereinzutragen, um
uns auf die freundschaftlichste Weise zu bewirten. - Während der Mahlzeit
liebkoste sie mir wie einem Kinde, und wiederholte öfters: »Haben Sie nicht Lust
nach Siebenbürgen zurückzukehren? - Welcher Zufall brachte Sie zu diesem Stande?
- Schreiben Sie mir doch, hier haben Sie meine Addresse!« - Am Ende beschenkte
sie mich noch mit verschiedenen Sachen, und stieg dann weinend in den Wagen. -
    Sie ist eine gewisse Baronesse von L... aus Klausenburg, ihr Betragen ist
lebhaft, aber mit einer heimlichen Schwermut durchwebt; ihr Gesicht trägt die
Spuren der Redlichkeit. Nur Schade, dass ich die Liebenswürdige so bald verlassen
musste, die sich aus wahrer Sympatie meinem Herzen näherte. Seiter hat sie mir
schon einmal geschrieben, und mit einer Wärme, die ganz ihrem edeln Herzen eigen
ist. -
    So viel von dieser Geschichte. - Nun endlich auch einmal zur Beantwortung
deines leztern Briefes.
    Wie vortreflich, meine Teure, ist dein Entwurf; und wie vielen moralischen
Nuzzen könnte es bei den jezzigen so zügellosen Teater-Sitten schaffen, wenn er
ausgeführt würde! - Es wundert mich sehr, dass noch kein Moralist auf diesen
Gedanken geriet; dass man die Reinigung der Bühnen so lange anstehen liess, bis
ihre moralischen Sitten schon fast bis in Grund verdorben sind; wo Jeder dabei
treiben kann, was seinem Laster gelüstet; wo man ungeahndete Freiheit geniesst,
sich in jeder Weichlichkeit herumzuwälzen; wo sich die wenigsten Polizeien um
die Aufführung des Schauspielers kümmern; wo die meisten Direktoren bloss
Pflanzschulen der schändlichsten Ausschweifungen unterhalten; wo Religion, Ehre
und Redlichkeit keinen Wohnsiz haben. - Und solche Bühnen werden nicht
untersucht; es werden ihnen keine Schranken gesezt? -
    Kaum ist es begreiflich; da doch schon so viele würdige Schriftsteller
darüber jammerten und all ihr Gefühl anstrengten, um den Staat aufmerksam darauf
zu machen. - Nur einige Fürsten gaben in Rüksicht dessen kluge Gesezze heraus,
und liessen sie in öffentlichen Blättern einrükken, um sie überall bekannt zu
machen und um Nachahmer zu finden. - Möchten diese edeln Absichten von mehreren
genehmiget werden! - - Möchten Minister und Polizei-Räte von keinem
Privat-Interesse verleitet werden, ausschweifende Schauspielerinnen zu schonen,
und es nicht ferner verhindern, dass die Stimme der bessern Einrichtung so selten
bis zum Ohr des Herrschers dringen kann. - So denkt
    
                                                                   Deine Amalie.
 
                                  CXXVI. Brief
                                    An Fanny
                           Liebe Herzens-Freundin! -
Heute muss ich Dir wieder einmal deinen Willen erfüllen, und Dir etwas mehreres
von den guten Einrichtungen unsers wakkern Seipps schreiben. - Bedenke nur
einmal diesen Hauptpunkt, der durch seine Klugheit unter uns Weibern so herrlich
Statt findet: - Seine eigene Frau spielt neben mir erste Rollen; und doch sezte
es unter uns noch nicht den geringsten Streit ab. -
    Der unparteiische Mann weis für uns beide die Rollen so gut einzuteilen,
dass auch selbst die ehrgeizigste Schauspielerin nichts dagegen einzuwenden
wüsste. - Madame Seipp spielt unschuldige, naive, leidende junge Mädchen
allerliebst! - Ihr niedlicher kleiner Wuchs, ihr natürliches Gefühl, ihr Fleiss,
ihre durch Lektur erhaltene Kenntnisse machen sie zur guten Schauspielerin. -
Hätte sie das Glük eine stärkere Brust zu haben, sie würde sich auch in
heftigen, affektvollen Rollen vielen Beifall zu versprechen haben. - Sie hat bei
andern Bühnen aus Kabale nur unbedeutende kleine Rollen zu spielen bekommen, wo
ihr Talent, so wie das von mancher ihrer Mitschwestern, unerkannt blieb. - Aber
seit der Direktion ihres Mannes darf sie es in ihren unschuldigen Rollen kühn
wagen, sich jedem Kenner zu zeigen; denn seiter wurde das vergrabene Talent in
Uebung gebracht, das fähig ist dem Publikum Freude zu machen, - Feurige
Heldinnen, rasche Liebhaberinnen, und überhaupt Rollen, worinnen heftige
Leidenschaft herrscht, und wozu starke Brust erfodert wird, wurden mir
zugeteilt. - Herr Seipp spielt alle Rollen erträglich - aber äusserst gut spielt
er feine Intriken-Rollen, gefühlvolle Männer und Väter. - Gott! wie viel der
Mann in seiner Deklamazion Natur behauptet! - Was er hineinzudringen weis in die
feinste Kunst, um sie durch den herrlichsten Konversazionston zur unleugbaren
Natur zu machen! - Wie lebhaft er seine Leidenschaften mit den unbegreiflichsten
Abwechslungen hervorbringt! - Wie er seine Organen nach dem Sinn des Autors und
nach seinem Gefühl zu stimmen weis! - Wie er die schwersten Erzählungen so
ausdruksvoll, von aller Monotonie entfernt, dem Zuschauer vormalt! - Wie er
Seele, Gefühl, Feuer, Stimme, Körper, Wendung, Uebergang in seiner Gewalt hat,
um das Publikum in gewissen Rollen bis zum lezten Grad der Wahrheit zu täuschen!
- Selbst den schiefen Sinn eines schwülstigen Autors, weis er während seines
Spiels zu verbessern. - Es ist eine wahre Freude an der Seite dieses braven
Schauspielers zu agieren. - Wie oft schmolz sein Gefühl in das meinige über,
wenn ich an seiner Seite die Rolle der Tochter spielte, und wie oft gab er
meiner arbeitenden Leidenschaft den Nachdruk, der sich dann noch mächtiger in
das fühlende Herz des Zuschauers übergoss; und doch ist dieser gute Schauspieler
bis izt noch so wenig für seine Verdienste belohnt worden! - Er musste immer im
Dunkeln arbeiten, ohne dass ihn der Posaunenklang hervorzog! - Ei! - Ei! -
Teaterglück, wie rätselhaft bist du! -
    Doch nun weg von dem, und auch ein Bischen etwas vom hiesigen Orte: -
Temeswar ist unstreitig troz des kleinen Umfangs eine der lebhaftesten Städte. -
Man ist hier äusserst zum Wohlleben geneigt. Das viele Militär, die Menge
gutbesoldeter Beamten, die wohlfeile Nahrung, tragen zu den hiesigen
Lustbarkeiten unendlich vieles bei. - Unsere Leute müssen sich ordentlich
verstekken, oder wichtige Beschäftigungen vorgeben, wenn sie nicht täglich zu
einem Gastmahl wollen gezogen werden. Hier herrscht in Rüksicht der Stände nicht
das geringste Vorurteil. Man lebt untereinander in der zufriedensten Freiheit.
Wenn der lange hagere Mann mit seiner Sense nicht so oft und so grässlich durch
die beständig herrschenden Fieber in den Familien Zerrüttungen anstellte, nichts
würde den Freiheitssinn unter diesen Leuten trüben. - Bis auf diese Stunde ist,
ausser der guten Madame Seipp, bei unserer Gesellschaft noch Alles gesund. Hier
ist es grosse Mode Chinarinde statt Tabak zu schnupfen, und wer überdies nicht im
Stande ist dreissig bis vierzig Doses China in Zeit zwei Tagen zu verschlingen,
der bleibe von Temeswar weg - sonst kömmt er auf den Kirchhof. -
    Gieb deinem Karl für mich ein recht warmes Mäulchen, und denke öfters an
deine besste
    
                                                                         Amalie.
 
                                 CXXVII. Brief
                                    An Fanny
Dass doch das Unglück nur immer rechtschaffene Seelen verfolgt. - Ich kann Dir den
Jammer nicht hinlänglich beschreiben, der sich izt bei unserer Gesellschaft
eingeschlichen hat. - Schon seit sechs Wochen liegen alle bis auf mich am kalten
Fieber darnieder. - Nur erst seit wenig Tagen macht dieser hässliche Gast izt
auch bei mir seinen täglichen Besuch. - Du solltest mit deinem gefühlvollen
Herzen sehen, wie die Leute aus Liebe für ihren guten Direktor ihre lezten
Kräften anstrengten, und ohne dass er es einem zumutet, von selbst aus gutem
Willen mitten im Fieber spielten. - Bis izt wechselte das Fieber unter einigen
ab, und nicht alle wurden gerade zu der Stunde der Vorstellung davon überfallen,
sie konnten daher unter einander mit Spielen abwechseln, so dass unser
Schauspielhaus an den bestimmten Tagen nicht verschlossen bleiben durfte. - Aber
nun hat das täglich anhaltende Fieber die Kräften eines Jeden so abgemattet, dass
sie alle zum Spielen untauglich sind; alle Hoffnung ist nun verloren, fernerhin
Vorstellungen geben zu können. - Der menschenfreundliche Direktor zahlt seinen
Leuten schon seit einiger Zeit grosse Summen, ohne die geringste Einnahme zu
haben. - Endlich aber wird dieser brave Mann aus Liebe für seine Familie
gezwungen die Direktion völlig aufzugeben, um mit seiner kranken Gattin zu
seiner Swiegermutter nach P... zu reisen. - Höre seine vortreflichen Anstalten
in einer Lage, wo jeder minder fühlende Direktor gewis nicht so edel handeln
würde: - Er liefert auf seine eigenen Kosten die ganze Gesellschaft bis Wien,
gibt jedem noch sechs Wochen Gage obendrein, und empfiehlt sie der Vorsehung. -
Kann der würdige Mann bei einem solchen starken Verlust mehr tun? - O, es
schmerzt mich unendlich, diese brave Familie verlassen zu müssen! -
    In wenig Tagen reisen wir alle zusammen von hier ab. Gott! wenn nur diese
Reise schon ihr Ende erreicht hätte! - Denke Dir einmal ein solches Häufchen
kranker Leute zusammen, die alle durchs Reisen noch kränker zu werden befürchten
müssen. - Der Allmächtige möge unser Geleitsmann sein! - Ei, das ist doch
ärgerlich! - Schon wieder schaudert der Fieberfrost durch meine Glieder, und ich
muss wegen starken Kopfschmerzen aufhören mich mit Dir zu unterhalten. - Kümmere
Dich nicht um meinetwillen, meine Freundin, es wird besser werden; - ich habe
seit einigen Tagen schon ausserordentlich viel China zu mir genommen.
    So bald ich in Wien anlange, und mich nicht überhäufte Geschäften daran
hindern, erhältst Du wieder Nachricht von meiner Gesundheit. - Sollte sie sich
noch mehr verschlimmern, so lass ich Dir durch jemand andern schreiben. Sei also
ruhig, und liebe fernerhin deine arme kranke Freundin
    
                                                                         Amalie.
 
                                 CXXVIII. Brief
                                    An Fanny
                                Meine Liebste! -
Wirklich hat die Wiener-Luft meine Gesundheit völlig wieder hergestellt. Ich
eile, um Dir diese gute Nachricht zu melden: Als ich hier anlangte, nahm ich mir
fest vor, Niemanden meinen Schauspieler-Stand zu entdekken. Der Zufall leitete
mich bei meiner Ankunft zu einer alten Obrists-Wittwe, bei der ich auf einen
Monat ein Zimmer zu mieten suchte: -
    Diese alte Dame musste sich wegen eingeschränkter Pension mit Vermietung
solcher Zimmer abgeben; - war aber ein Weib, das gute Erziehung genossen hatte.
- Uebrigens soll es ausser ihrer Gewohnheit gewesen sein, je ein junges
Frauenzimmer in ihr Haus zu nehmen, wie man mich versichert hat. - Sie mag ihre
Gründe gehabt haben, die vermutlich darin bestunden, damit kein Frauenzimmer
von schlechter Lebensart ihr Haus in übeln Ruf bringen möchte. - Ich weis nicht,
war es meine offene, glückliche Gesichtsbildung, oder was sonst; genug, die Dame
liebte mich beim ersten Anblik, und nahm mich ohne das geringste Vorurteil in
ihr Haus. - Sie drang in mich, um etwas genauer mit meinem Schiksal bekannt zu
werden, ich hielt an mich so lang es mir nötig schien, bis ich ihr endlich
meinen Schauspieler-Stand offenherzig eingestand, und sie mir versprach, ihn vor
Jedermann geheim zu halten. - Aber auch nur einige Wochen hielt sie Wort, und in
weniger Zeit wurde der Direktor vom hiesigen Kärntnertor-Teater Herr über ihr
Geheimnis. - Ihm war um eine gute Schauspielerin zu tun, weil er eben im
Begriffe stand mit einer neuen Gesellschaft seine Bühne zu eröffnen, und er
ihrer sehr bedurfte. - Die Dame und er wandten alle Schmeicheleien an, um mich
zu einem Debut zu bereden. Man versprach mir glänzende Besoldung, und alle
mögliche Vorzüge. - Kurz, die zwei Leutchen drangen so lange in mich, bis ich
endlich nachgab. - Da ich aber den Gang der Wienerischen Kabale kannte, so
handelte ich vorsichtig. -
    Hier ist es nicht gebräuchlich den Namen der Schauspieler auf den
Anschlagzettel zu setzen. - Ich benuzte dies, und der Herr Direktor G.....
durfte weder meinen Namen, noch weniger die Ankündigung meines Debuts darauf
bekannt machen. Teils wollte ich das Publikum mit meinem Bischen Fleiss
überraschen, teils mochte ich mich keinem Vorurteil Preis geben, das jeder von
einer unbekannten Schauspielerin zum voraus hegt. - Der Tag meines Debuts wurde
festgesezt, die Stunde rükte heran; schon war der erste Aufzug des Schauspiels
geendigt, und einige Mitspielende ausgezischt worden, als ich noch in
tausendfacher Angst hinter den Koulissen harrte, bis die Reihe zu spielen an
mich käme. - Meine Rolle war kurz, aber in ihrem innern Wert eben so
empfehlend, als mein äusserlicher Anzug. - Ich stellte die Gattin eines Helden
vor, die aus Leidenschaft für ihren Mann in Mannskleidern bis ins Lager drang,
um ihn aus der Gefangenschaft zu retten. - Das Feuer, womit ich aus der Koulisse
herausstürzen musste, verjagte auf einmal alle meine Furcht, und ich fühlte mich
in dem Augenblick ganz das, was ich vorstellte. - Noch war mein erster Dialog
nicht zu Ende, als mir Seine Königl. Hoheit Prinz Maximilian ein lautes Bravo
zuriefen, dem das ganze Publikum folgte, ohne dass eine Seele darunter meinen
Namen wusste. - Wenn je ein Beifall unparteiisch war, so war es gewis dieser. -
Wäre der Direktor ein besserer Wirt, so würde es mir bei dieser Gesellschaft
gefallen; der Mann hat Kenntnisse, und schäzt die Kunst. -
    Was mit mir ferner geschieht, sollst Du bald hören von deiner Freundin. -
    
                                                                         Amalie.
 
                                  CXXIX. Brief
                                   An Amalie
Es scheint, meine Liebe, dass das Unglück auch auf mich loszustürmen anfängt! -
Kaum erhielt ich die Nachricht von deiner Krankheit, so wurde auch mein Karl mit
einem hizzigen Fieber überfallen. - Der arme Junge war dem Tode und ich der
Verzweiflung nahe! - Jesus Christus! - wie ich da mit der äussersten
Trostlosigkeit rang, als die Aerzte mir alle Hoffnung seiner Herstellung
absprachen! - Hätte ich ihn verloren, den Mann meines Herzens, ein freudenloses,
elendes, jammervolles Leben würde dann meiner gewartet haben! - Ich wäre in der
häuslichen Glükseligkeit an jedes Andern Seite zur ärmsten Bettlerin geworden! -
Denn ausser meinem Karl ist für mich unter den Menschen keine Harmonie mehr; - ob
uns gleich das Schiksal noch nicht ganz vereinigt hat, so sind doch die wenigen
Stunden, die wir izt schon mit einander verlebten, ein Vorgeschmak des Himmels,
der uns einstens bei näherer Verbindung erwartet! - O! diese Bilder der
seligsten Zukunft wären dann durch seinen Verlust alle auf einmal
zusammengestürzt! - Ha! - Ich würde es nicht überlebt haben! -
    Allgütiger! dir sei ewiger, inniger Dank gesagt, dass du mir ihn wieder
schenktest! - O, was der gute Junge in seiner Krankheit für Engels-Geduld
zeigte! - Wie ich an seinem Krankenbette mit nassen Augen ganze Nächte durch
wachte und alle seine Schmerzen doppelt fühlte! - Bei einem solchen Anlass kann
der Wert eines guten Herzens am bessten erkannt werden. - Da ist der Zeitpunkt,
wo eine Geliebte durch tausend kleine Gefälligkeiten ihre Gefühle an Tag geben
kann. - Selbst mein Karl sagte während seiner Krankheit, dass die geringste
Wohltat in solchen Fällen dem Kranken Himmels-Wonne wäre, die er von der
guterzigen Hand einer Geliebten erhielte. - Noch ist er sehr schwach, der Gute,
aber ganz ausser aller Gefahr, und grüsst Dich herzlich. -
    Seippens Misgeschik, das Dir einen so guten Direktor entriss, hat uns Alle
sehr gebeugt. -
    Gott! Wie sehr wünsche ich, dass Du des unbeständigen Teater-Lebens bald
satt sein und doch einmal mit Ernst auf eine andere Versorgung denken mögest. -
Das besste Teater-Schiksal ist doch fast überall mit Galle und Gift untermengt,
die der Neid auf eine oder andere Art einmischt. - Du wirst vielleicht keinen
Seipp mehr finden; und doch, meine Amalie, und doch, ungeachtet der
unerträglichsten Beschwerlichkeiten, die dieses Leben mit sich führt, nährst Du
noch in deinem Herzen einen leidenschaftlichen Hang dafür? - Lass ab, meine
Freundin, von diesen falschen Freuden des Beifalls, die meistens ihr Ende
erreichen, so wie der Vorhang fällt. - Wäge das Bischen Schmeichelei mit den
vielen Kabalen ab, die Dir bei jedem andern Teater drohen, und es bleibt Dir
gewis nichts übrig, als ein blutendes Herz, das die Bosheit zerfleischte! - Die
Teater-Sitten sind noch lange nicht das, was sie sein sollten. - Weh dem, der
mit einem fühlenden Herzen das Opfer dieser verdorbenen Sitten wird! -
    O, meine Freundin! wenn Du deine Leidenschaft für die Bühne nach und nach zu
unterdrükken trachtetest; wenn Du irgendwo einen Freund suchtest, der Dir ein
ruhigeres, zufriedeneres Leben anböte, der Dich diesem Herumirren entzöge! wie
glücklich wärest Du nicht? - Du bist zu empfindsam, um ferner die Mishandlungen,
Ränke und Kabalen zu ertragen. - Suche doch, meine Liebe, deinem Schiksal bald
eine andere Wendung zu geben, und Du wirst um vieles beruhigen
    
                                                              Deine besste Fanny.
 
                                  CXXX. Brief
                                    An Fanny
                               Besstes Mädchen! -
Wie sehr bedauerte ich Dich, als ich vernahm, dass das unbarmherzige Schiksal Dir
gedroht hatte deinen guten Karl zu entreissen. - Ich kann mir den Kummer lebhaft
vorstellen, den Du dazumal musstest gefühlt haben! - Wenn man seine ganze
zeitliche Glükseligkeit auf einen einzigen Gegenstand sezt, und das Schiksal uns
denselben zu entziehen drohet, ist es nicht, als ob wir einen Teil unseres
Selbst verlieren sollten? -
    Aber nun muss ich Dich doch auch ein Bischen über einen andern Punkt zanken:
- Was hattest Du denn dazumal für eine abscheuliche hypochondrische Laune, als
Du mir wegen meiner Leidenschaft fürs Teater eine so derbe Lektion zuschriebst?
- Ist denn meine Leidenschaft so unheilbar, oder ist sie auf tollen Eigensinn
gegründet, dass du so kräftig darüber losziehest? - So lange mir das Verhängnis
keine bessere Bestimmung gönnt, so lange das Teater meine einzige ökonomische
Aussicht bleibt, muss ich ja diese Leidenschaft nähren, denn sie spornt doch
immer den Fleiss an, der mir ausser ihr gewis mangeln würde. - Einem Stand, den
man nicht ändern kann, muss man doch wenigstens Ehre zu machen suchen. - So
reizend und lokkend meine Leidenschaft fürs Teater auch immer ist, so beraubt
sie mich doch bei ruhigen Stunden der Ueberlegung nicht. - Ich sehe dann recht
gut ein, dass sie mit der Zeit auf Kosten meiner Seelenruhe und Gesundheit in
eitle Torheit ausarten könnte.- Auch nicht der Beifall des Publikums ist es,
der mich in dieser Leidenschaft stärkt. - Er muntert mich zwar auf; aber ich
sehe ihn nie für eine hinlängliche Belohnung für die Erduldung der grausamen
Streiche des Neides an, denen jeder Schauspieler von seinen Nebenarbeitern
ausgesezt ist. - Meine innerlichen heftigen Affekte sind es, die diesen Hang in
mir nähren, weil sie durch schwermütige Rollen Anlass zum Ausbruch bekommen. -
Die Ergiessung meiner Melankolie verschafft mir dann jene Erleichterung, die
meinem gepressten Herzen so nötig ist, worinnen so stürmische Leidenschaften
toben! - Kennst Du denn die Lebhaftigkeit meines Temperaments und meiner
Einbildungskraft noch nicht genug? - Kannst Du denn nicht begreifen, dass ich
entweder auf der Bühne in einer Rolle, oder ausser dieser an dem Busen eines
Freundes schwärmen muss? - War ich denn je eine von jenen trägen Seelen, deren
Gefühl sich so willig in die engen Schranken ihrer frostigen Einbildungskraft
einkerkern lässt? - Meine Gefühle sind feurig, sie haben sich emporschwingen
gelernt, sie lassen sich nicht gerne einschränken, sie müssen Beschäftigung, sie
müssen einen Gegenstand haben, woran sie sich halten können. - Ehedessen war
Liebe meine Hauptbeschäftigung, aber seitdem ich ihre Bitterkeiten kostete, ist
es der Hang zum Teater geworden. - So bald mir das Schiksal wieder einen andern
Ausweg zeigt, will ich ihm ja gerne folgen. - So viel, meine Freundin,
verspreche ich Dir in die Zukunft! - aber für izt kann ich einmal nicht anders;
ich muss noch eine Zeitlang bei der Bühne bleiben. -
    Das hiesige Teater ist nun völlig eingegangen. - Eine fremde reisende Dame
bot mir bis F... einen Platz in ihrem Wagen an. - Ich werde mitreisen, und mir
dann bei dieser Gelegenheit einen andern Direktor suchen. - Hier in Wien ist
ohnehin keine fernere Aussicht für mich mehr zu hoffen. - Beim Nazionalteater
ist alles übersezt, und zu einer kleinen Gesellschaft mag ich mich nicht
anwerben lassen. -
    In F... soll sich dermalen ein guter Direktor aufhalten. Ein hiesiger,
angesehener Mann, gibt mir ein Empfehlungsschreiben an ihn mit. -
    Lebe indessen gesund, Teuerste, und grüsse mir Karln recht herzlich! -
    
                                                                   Deine Amalie.
 
                                  CXXXI. Brief
                                    An Fanny
Die Dame, mit welcher ich hieher reiste, ist eine unausstehliche
Prozess-Krämerin. Sie hat mir den ganzen Weg über nichts als von ihren
Streitigkeiten vorgeplaudert. - Ich musste alle nur mögliche Geduld
zusammennehmen, um nicht aus dem Wagen zu springen; so sehr hat sie mir die
Ohren voll geschrieen. - Was das Weib noch überdies ihre armen Dienstleute
grillenhaft quälte, wie die guten Geschöpfe immerfort von ihr geschimpft und
gehudelt wurden, ist wahrlich unverantwortlich. -
    Nichts ist unerträglicher, als an der Seite einer gewissen Art adelicher
Damen zu sizzen, die besonders auf der Reise ihre Untergebenen bis auf den Tod
zu plagen im Gebrauch haben. Was man da für ein Schreien, für ein Gezänke, für
ein Gewinsel anzuhören hat, wenn dem Schooshündchen oder der gnädigen
Grillenfängerin etwas zustösst, und ihre Sklaven nicht gleich bei der Hand sind!
O der belachenswürdigen Verzärtlung dieser Törinnen, die so gerne mit der
lieben Natur hadern möchten, dass sie ihre bequemen Körper nicht nach einem
andern Modell gebaut hat, damit sie nicht die Gebrechen der Menschheit mit den
Bürgerinnen gemein hätten. - Gränzenlos ist doch der weibliche Hochmut! - Der
Himmel schenke unsern deutschen Damen bald mehrere Philosophie, damit sie
aufhören mit den Geburten ihrer undenkenden Köpfen ihre bedaurungswürdigen
Untergebenen zu plagen. -
    Als wir in F... ankamen, empfahl sich die Dame; ich ging in einen Gastof,
und dann Tages darauf zu dem hiesigen Direktor, der mir sehr einsilbigt
begegnete. - So warm ich ihm auch immer empfohlen war, so kalt und herzlos
empfieng er mich doch. - Man hatte mir vieles von seinen Talenten, von seinen
guten Umständen gesprochen, aber niemand hatte ein Silbchen von seiner
Unleutseligkeit erwähnt. - Der kostbare Ton, womit er mir während meines Besuchs
nur abgebrochne Reden zufliessen lies, stieg mir gewaltig in Kopf, ich hatte
grosse Lust ihn mit einigen Zungenhieben zu geisseln, als wir plözlich
unterbrochen wurden, und ich die Zimmertüre suchen musste, und zwar ohne ein
Wort von einem Debut gesprochen zu haben. Der kleine spiznasigte Mann gab sich
die ausserordentliche Mühe, mich bis an die Treppe zu begleiten; aber überrascht
von dieser direktorischen Gnade, verneigte ich mich auch bis zur Erde. - Ich
werde wohl keines von seinen Schauspielen zu sehen bekommen, denn ein gewisser
Direktor M..... aus A... hat meinen hiesigen Aufentalt erfahren und mir gute
Anerbietungen gemacht. - Ich bin der ferneren Untätigkeit müde, deshalben habe
ich einen Kontrakt unterschrieben und meinen Koffer schon an ihn abgesandt, weil
A.... nur ein Paar Meilen von hier liegt, und mich Herr M.... in seinem
Kabriolet selbst abholen wird. - Alle Stunden erwarte ich ihn. - Ich bin doch
neugierig, was es bei dieser Gesellschaft wieder für allerlei Dinge absetzen
wird. -
    Der Direktor ist zugleich Autor, und seine Gesellschaft soll keine der
schlechtesten sein. - Diesen Brief schliesse ich erst nach seiner Ankunft, um
Dir, nachdem ich ihn werde gesprochen haben, in etwas seinen Karakter schildern
zu können. -
    Gestern ist M... gekommen; aber der Bursche hätte mir vom Halse bleiben
können! - Wäre mein Koffer nicht schon in seinen Händen, und befürchtete ich
nicht Verdriesslichkeiten, die für mich daraus entstehen könnten, wenn ich den
Kontrakt bräche, den ich bereits unterschrieben habe, so wahr Gott lebt, ich
würde nimmermehr unter seine Gesellschaft tretten, so unverschämt hat mich der
Bube beim ersten Besuche schon beleidigt. - Urteile von seinem Karakter aus
folgendem Gespräche. - -
                                      M..
Sind Sie, Madame, die Schauspielerin, die mit mir den Kontrakt schloss? -
                                      Ich
Ja, mein Herr, ich bin's. - Und Sie sind vermutlich Herr M....? -
                                      M..
Ja, meine schöne Göttin! - Und zur Bestätigung hier diesen Kuss... Sie gehören
izt ohnehin unter mein Kommando. -
                                      Ich
Sachte, mein Herr! - Mit wem glauben Sie zu sprechen? -
                                      M..
Hm! - Mit einem Teater-Frauenzimmer, wovon keine unerbittlich ist. -
                                      Ich
Und warum nicht? -
                                      M..
Weil diese Frauenzimmer an Galanterieen gewöhnt sind, und meistens vom Direktor
zuerst welche annehmen. - Man weis ja, wie's bei den Teatern zugeht. Sie werden
doch an mir nicht die einzige Ausnahme machen wollen? -
                                      Ich
Ja, mein Herr, das will ich! - Und wenn Sie tausendmal schöner gebildet wären,
als Sie wirklich sind. - Ihre Kühnheit hat meinen ganzen Stolz empört! - Sie
müssen ihren Reden nach immer saubere Waare unter ihrer Gesellschaft gehabt
haben, die ihrer Zügellosigkeit vielleicht nach Wink zu Befehl stunde. - Schämen
Sie sich, ein Frauenzimmer von Erziehung so zu behandeln! -
                                      M..
Ah! - pah - pah! - Erziehung! - Wir sind alle Menschen, und die meisten Weiber
affektiren sie gar zu gerne, bloss um desto besser geschmeichelt zu werden! -
                                      Ich
Herr M...., Sie werden immer beleidigender! - Sie sind der grösste Wollüstling,
der mir je aufsties. Ihre Grundsäzze sind die Sprache des lasterhaften Wizlings.
- Ob ich nun Mensch oder nicht Mensch bin, darüber bin ich Ihnen keine Antwort
schuldig; eben so wenig, als ich izt auf Ihre Schmeicheleien gewartet habe. -
                                      M..
Holla! - Mein liebes Täubchen! - Gewis irgendwo in Jemanden verliebt? - Pfui! -
Sie müssen Ihren Ton beim Teater herabstimmen, er macht sie gar zu lächerrlich. -
                                      Ich
Das kümmert mich wenig! - Eine Schauspielerin ohne Rechtschaffenheit ist doch
immer ein schändliches Geschöpf! - Doch genug hievon! - Wenn Sie bloss gekommen
sind dem Laster eine Moral zu predigen - so belieben Sie mein Zimmer zu
verlassen. -
                                      M..
Nicht so böse, mein schönes Weibchen! - Nicht so böse! - Darf man Sie denn nicht
lieben? -
                                      Ich
Herr! - Sie haben eine Gattin; Sie haben Kinder; und doch...
                                      M..
Ja der Geier mag auch immer mit Einerlei vorlieb nehmen, so jung auch mein Weib
ist. - Kommen Sie, liebes Weibchen! Kommen Sie; einen Kuss - -
                                      Ich
Den Augenblick mir Ruhe gelassen! - Oder bei Gott Sie sollen mich kennen lernen!
- Und von dieser Minute an sei aller Kontrakt aufgehoben; ich reise nicht mit. -
Schikken Sie mir meinen Koffer zurück! -
                                      M..
Ha, ha, ha! - Das werde ich wohl schön bleiben lassen! - Der Kontrakt ist izt
einmal unterschrieben. - Und was können Sie denn wider mich für Klagen
anbringen, wenn es zum Streit kömmt? - Haben Sie denn Zeugen? - Sie werden also
wohl die Gefälligkeit haben mitzureisen. -
                                      Ich
Eher mit dem Satan, als mit dir, tükkischer Bube! - Zum lezten Mal! verlassen
Sie mein Zimmer! -
                                      M..
Nicht eher, als bis ich weis, ob Sie mir Wort halten werden; sonst muss ich mich
bei der Obrigkeit melden. - Nun wollen Sie reisen, oder nicht? - -
                                      Ich
Ich will nicht - aber ich muss! - Doch gewis nicht an Ihrer Seite, erst morgen im
Postwagen.
                                      M..
Wie's beliebt, Madame! - Ich eile der ganzen Gesellschaft ihre Tugend - nicht
doch - ihren Eigensinn zu preisen! - Leben Sie indessen wohl, mein kostbares
Weibchen! -
Gott! - Was muss ein junges Frauenzimmer ohne Gatten an ihrer Seite dulden! -
Verführung, Spott, Grobheiten sind ihr Loos! Jeder lasterhafte Bube reibt sich
an ihr! - Jezt wird dieser Elende mein Feind werden. - Ich werde unter seiner
Direktion glückliche Tage zu erwarten haben! - O unerbittliches Schiksal! wie
lange, wie lange werden mich noch deine Streiche zermalmen. - -
                                                                         Amalie.
 
                                 CXXXII. Brief
                                    An Fanny
                               Liebste, Besste! -
Dass die Gesellschaft, unter der ich mich gegenwärtig befinde, unter einer
schlechten Direktion steht, wirst Du aus dem Gespräch mit dem Direktor
geschlossen haben. - Uebrigens ist sie zahlreich, aber darbend an guten
Schauspielerinnen. - Die Männer zeigen mehr Talent als die Weiber, und M....
spielt unter ihnen die lokkern Burschen-Rollen am bessten. - Dass mich das
Publikum gut aufnahm, kannst Du leicht vermuten. - Der Direktor scheut sich
izt, mich mit offenem Blikke anzusehen. - O Gewissen! wie beredt ist deine
Stimme! - Sein Weibchen ist mir sehr gut, und ihn quält vermutlich die Furcht
an sie verraten zu werden. - Er muss sein unbesonnenes Betragen izt besser
überdacht haben. In dieser Rüksicht hätte ich also nicht Anlass über seine
Verfolgungen zu klagen. Aber sonst will mir die ganze Einrichtung nicht
gefallen. - Es ist gar zu ärgerlich, wenn so wenig gute Schauspielerinnen bei
einer Gesellschaft sind! - Man wird zu sehr mit Arbeit überhäuft, und dadurch
entgeht dann einer Schauspielerin die Gelegenheit, mit einer andern in die Wette
zu spielen. -
    Madame M.... spielt mit vieler Lebhaftigkeit Kammermädchen, listige
Bauermädchen, lose Fräuleins, u. dgl. Ihr Wuchs schikt sich ganz vortreflich
dazu. - Sie würde in diesen Rollen mehr als mittelmässige Schauspielerin werden,
wenn ihr Ton, ihr Wesen, ihr Gang nicht zu sehr ins Niedrig-Komische fielen. -
Sie lässt die ausgelassne Dirne zu auffallend hervorblikken, und trift so selten
zwischen zügelloser Wildheit und naivem Mutwillen die Mittelstrasse. -
    Madame K.... spielt ihre unschuldig leidenden Mädchen auch nicht ganz übel.
- Aber gar zu oft nur kalt und flüchtig. - Sie arbeitet mehr aus Handwerk, als
aus Lust, - und karakterisirt unter fünf Rollen kaum eine. Ihre Empfindung
stünde ihr ziemlich zu Gebote, aber leider, wie so viele Schauspielerinnen,
besizt sie einen zu leeren Kopf, um diese Empfindungen während des Spiels zu
benüzzen. - Die Rollen, die ihr geraten, - geraten ihr mehr aus Zufall und
Teater-Festigkeit.
    Madame L... g ist die elendeste Schauspielerin unter der Sonne! - Ich
begreife nicht, wie die Frau die Frechheit haben konnte, auf mehreren grossen
Teatern zu debutiren. Doch Ungeschiklichkeit ist immer am kühnsten, weil sie
die Schwierigkeit der Kunst nicht einsieht. - Zu Liebhaberinnen wäre ihre Figur
ganz artig, aber ausser dieser ist sie auf der Bühne ein bloser Kloz. Ihr
schwäbischer Dialekt, ihre falschen Töne, ihre unsinnigen, kauderwelschen,
verdrehten Worte, die ihr der Menge nach entfahren, machen sie unausstehlich. -
-
    Madame J.... hingegen spielt Mütter und Heldinnen mit vieler Würde und
Feuer. - Es entgeht ihr selten eine Stelle, worinn sie nicht Wert zu legen
weis. - Ihr Nachdruk hat Gewicht und ist gut angebracht. - Kurz sie besizt
Beurteilungskraft, Kenntnisse und vielen Fleiss. - In mancher Stelle dient sie
mir zum Muster. -
    Die Uebrigen von der Gesellschaft sind zu unbedeutend, um ihrer zu erwähnen.
- Es werden hier viele gute Stükke aufgeführt, nur Herr M.... dürfte uns mit
seinen eigenen Wischen verschonen, die er bloss aus Eitelkeit zusammenschmiert. -
Mit den moralischen Karaktern unserer Schauspielerinnen sollst Du im nächsten
Briefe etwas näher bekannt werden. - Für heute tausend Küsse von
    
                                                         Deiner Freundin Amalie.
 
                                 CXXXIII. Brief
                                   An Amalie
                             Teure, gute Seele! -
Wie war es Dir möglich, mich auch nur einen Augenblick zu verkennen? - Wenn ich
Dir die Beschwerlichkeiten des Teater-Lebens schilderte, so geschah es bloss um
Dich aufmerksamer zu machen, aber nicht um Dich zu zanken, da Du es bis izt noch
nicht verlassen konntest. - Ich sehe recht gut ein, dass es Dir annoch unmöglich
ist, weil Dich das Schiksal daran kettet. - Meine Bitte zielte nur dahin, um
Dich aufzumuntern, Dich um eine andere Aussicht tätiger zu bemühen. - Ich bin
versichert, dass deine Leidenschaft nicht unheilbar ist, im Falle Dir das
Verhängnis eine annehmungswürdige gönnet. Bis dahin tadle ich deinen Hang nicht
- er ist Dir in deiner jezzigen Lage sehr nötig. - Wenn Dich aber der Beifall
des Publikums betören könnte, wie sehr wärest Du zu beklagen, weil eben dieser
Beifall oft so schief, so ungerecht, und so vielem Wechsel unterworfen ist. -
Jedes Publikum hat seine Laune, und nur zu oft wird es durch Unwissenheit und
Kabale gestimmt. -
    In Teutschland haben wir nur wenig aufgeklärte Publikums, die im Stande sind
Schauspielerkunst und Schauspieler selbst zu schäzzen. Der besste Schauspieler
ist doch immer der Sklave des Publikums, von dessen Willkühr er immer abhängt,
er mag eine Bühne betretten, welche er will. - Oft ist ein halb Duzzend
herumschwärmender, prahlender Dummköpfe fähig das Vorurteil wider ihn
anzuhezzen; - und ein Künstler wird an einigen Orten eben so leicht
ausgepfiffen, als dem grössten Esel geklatscht wird. -
    O meine Freundin, möchten sich doch deine heftigen Affekten bald wieder in
den sanften Busen eines Gatten ergiessen können! - Möchtest Du da wieder deine
innerlich tobenden Leidenschaften himmlisch verschwärmen können! - Nein, ich
höre nicht auf diesen feurigen Wunsch zum Himmel zu senden, bis der Allmächtige
ihn erhört und erfüllt. - Ich weis recht gut, dass die Nahrung deiner Gefühle,
die Du in schwermütigen Rollen geniessest, deiner Gesundheit schädlich ist. -
Sie unterhält deinen Hang zur Melankolie, sie ergözt deine Einbildungskraft,
aber sie schwächt deine Seelenstärke. - Untersuche Dich selbst, und Du wirst
finden, dass ich wahr rede. - Allzu traurige Menschen sind für Alles, was ausser
ihrer Lieblings-Leidenschaft ist, untätig. - So viel zu deiner Anleitung über
diesen Punkt! -
    Jene Art von Damen, wie die eine war, mit welcher Du nach F... reistest, ist
mir nicht fremde. - Ich kenne mehrere dergleichen Närrinnen, die mit ihrer
bissigen Zunge alles anpakken, was ihrem stolzen Hochmut nicht behagt. - Auch
der stolze Direktor in F.... hat nicht so sehr Dich beleidigt, als denjenigen,
der Dich ihm empfohlen hat. - Lass Dich seinen Stolz nicht anfechten; es ist
Schwachheit, die ihm Jedermann zur Last legt. - Uebrigens soll dieser Mann die
strengste Obsicht über seine Leute halten; - ein Verdienst, das dein jezziger
Direktor nicht besizt. - So viel ich aus deiner Schilderung sah, ist Herr M....
ein Weichling, der bei seiner wenigen Selbstbeherrschung seine Untergebenen
gewis nicht in der gehörigen Ordnung erhalten kann. - Das Schiksal der Madame
M.... ist unter den Schauspielerinnen allgemein. Die meisten taugen besser fürs
Niedrig-Komische, als zum Erhaben-Wizzigen; denn die wenigsten Schauspielerinnen
haben Erziehung genug genossen, um jenen würdigen Anstand, jenes bescheidene
Wesen auf der Bühne zu behaupten, das in solchen Rollen selbst die Lebhaftigkeit
erhöht, wenn es einer wohlgezogenen Schauspielerin eigen ist. - Es ist zum
Erbarmen, wenn man die frechen, unverschämten Dirnen spielen sieht, die ihre
pöbelhafte, hässliche Lebensart vor dem Publikum nicht verbergen können.
    Auch Madame K.... hat viele Mitschwestern bei der Bühne, welche die
gefühlvollsten Rollen leichtsinnig, sinnlos, ohne Fleiss, unbestimmt, eintönig
wie's Vaterunser wegplappern. - Die natürliche Empfindung allein tut bei einer
Schauspielerin nicht viel Wirkung, wenn sie nicht durch hinlängliche Kenntnisse
unterstüzt wird. Eine gute Schauspielerin muss die Worte des Schriftstellers
verstehen, sie muss bei ihrem Spiel denken und ihre Empfindungen nach dem Sinne
desselben lebhaft auszudrükken wissen. - Gar zu wenig Schauspielerinnen
verstehen, was sie sprechen. Sie gewöhnen sich durch diese Uebung an eine Art
selbsterfundenen Schlendrian in ihrer Deklamazion, und spielen alle Rollen nach
der nemlichen Form. Diese hirnlosen Maschinen stehlen hier oder da von einer
andern guten Schauspielerin einen guten Zug aus ihrem Spiel, einen
leidenschaftlichen Uebergang, eine überraschende Stellung oder so etwas dergl.,
und täuschen dann damit das guterzige Publikum, troz ihren leeren Köpfen, die
gar keine Originalität in sich haben. - Sobald aber der Kenner dieses grundlose
Gebäude durchsucht, stürzt es vor seinem Blikke zusammen, weil es nach keinen
Regeln der Kunst gebaut ist. - Das ist leider der Zustand so vieler unserer
nichtdenkenden Schauspielerinnen. -
    Zu einer guten tragischen Schauspielerin gehört unumgänglich Kopf, Lektur,
Erziehung, Gefühl, heftige Leidenschaften, sanfte Organen, starke
Einbildungskraft, eine weiche empfängliche Seele, eine schöne teutsche Sprache,
gute Brust, Entusiasmus für Tugend, Hang zur Schwermut, ein gutes Gedächtnis,
Fleis, viel Beurteilungskraft sich mit Lebhaftigkeit in die nemliche Lage
hineinzudenken! - Sobald nur eine dieser Triebfedern fehlt, so ist sie keine
gute Schauspielerin.
    Siehst Du, meine Freundin, so sehr ich an Dir treibe, diesen Stand zu
verlassen, so sehr schäzze und verehre ich doch die Schauspielerkunst, und habe
in etwas ihre Regeln studiert, ohne jemals Gebrauch davon gemacht zu haben.
    Madame L...g würde auch besser tun, wenn sie bei ihrem Strikbeutel sizzen
bliebe, als dass sie das Publikum nötigte des Aergers wegen Temperirpulver
einzunehmen. - Gerade ihre Dreistigkeit beweist, dass sie an Spott und Schande
gewöhnt ist, sonst würde sie sich wohl hüten, sich der Gefahr auszusetzen,
überall ausgepfiffen zu werden. Vor einem Jahre widerfuhr ihr dasselbe in
Leipzig. - Leider streifen noch eine Menge solcher unfähigen Kunstmörderinnen zu
Taliens Schande, bloss aus Nebenabsichten, von einer Bühne zur andern. - Ihr
glattes Lärvchen, ihr Bischen Wuchs dünkt ihnen hinlänglich Verdienst; sie
verlassen sich auf die Stimme der Wollust, und kümmern sich wenig darum, ob auch
Vernunft und Kenntnis Nahrung an ihrem Spiel finden. Selbst einige dumme
Direktörs bestärken diese unverschämten Weibspersonen in ihrer hohen Meinung von
sich selbst, indem sie würdigern Schauspielerinnen, denen es an einem schönen
Gesicht, an einer glatten Haut fehlt, Rollen entziehen und sie diesen
Stümperinnen zum verhunzen überlassen. - Eine Schauspielerin braucht keine
glänzende Schönheit zu sein; wenn sie einen regelmässigen Wuchs hat, so kann ihr
Gesicht vermittelst der Schminke für den Vernünftigen Täuschung genug
zuwegebringen. Wer mit dem nicht zufrieden ist, sucht gewis bei ihr
Privat-Interesse. -
    Madame J.... hat auch meine ganze Achtung, weil sie die deinige hat. Ich
kenne ihr Herz; es ist keines Neides fähig. - Aber nicht wahr, Malchen, heute
hab ich Dich gewis für die etlichen Antworten entschädigt, die ich Dir leztin
schuldig blieb? -
    Mein Karl ist wieder ganz gesund; er küsst Dich mit mir. -
    
                                                                    Deine Fanny.
 
                                 CXXXIV. Brief
                                    An Fanny
Tausend Küsse, meine Liebe, für dein schönes Briefchen! es ist gar zu zierlich
geschrieben! - Dafür halte ich Dir aber auch heute mein Versprechen, und teile
Dir die Bemerkungen über die moralischen Karakter unserer Schauspielerinnen mit.
- Ich würde diese Beschreibung gewis nicht unternehmen, wenn mir nicht mein
Gewissen für die Wahrheit bürgte. -
    Madame M.... ist im Grunde genommen ein gutes Weibchen, die ihre Pflichten
als Gattin und Mutter genau erfüllt; nur fehlt es ihr an guten Grundsäzzen, um
aus Ueberlegung rechtschaffen zu handeln. - Rollen-Neid zeigt sie gar keinen,
aber desto mehr andere kleine Bosheiten, wodurch sie die übrigen
Schauspielerinnen ihre Direktrisen-Herrschaft fühlen lässt. Sie besizt vielen
natürlichen Wiz; aber ohne Kultur und Erziehung treibt sie ihn gar oft bis zur
Unbescheidenheit. Von ihrem Manne wird sie auf die grausamste Weise mishandelt,
und behauptet dann dabei eine Tugend, die so wenig Weibern eigen ist, wenn ihre
Männer im Zorn sind, sie kann - schweigen. -
    Madame K... s ist ein Fleischbrokken, der jedem zu Befehl steht. Ihre
abscheuliche Sinnlichkeit gränzt an die äusserste Verachtung, die ihr von den
Männern zu Teil wird, die sie kennen. - Ihre Eroberungssucht, Eitelkeit,
Eigennuz, u.s.w. fallen beim ersten Anblik dem Beobachter in die Augen. Ihr Mann
wird wie ein Bube von ihr behandelt; sie drohet ihm mit Schlägen, wenn er es
wagt über ihren Lebenswandel nur die geringste Anmerkung zu machen. - Da er
einer von jener Gattung zaghafter Schwachköpfe ist, so geniesst sie bei ihrer
Buhlerei die ungestörteste Freiheit. - Ich habe doch in der Welt immer bemerkt,
dass die allerdümmsten Weiber allezeit die ausschweifendsten sind. - So viel von
diesem Karakter; und nun zur Madame L.... g. -
    Diesem Weibe würde man im Umgang ihre Ungeschiklichkeit in der
Schauspielkunst gar nicht anmerken. - Sie weis recht artig zu plaudern,
empfindet so gar zuweilen aus Büchern; aber alles verliert unendlich bei ihrer
schwäbischen Aussprache. - Auch Koketterie sizt tief in ihrem Herzen; wahre
Liebe ist ihr fremd, und bei allem dem ist sie auch die grösste Puznärrin im
ganzen Orte. - Aus Eitelkeit wirft sie ihr Nezchen aus, so lang es angeht, aber
mit mehr kostbarer Ziererei und Verstellung, als eine ganz pöbelhafte Buhlerin.
-
    Madame J... hingegen entschädigt den Beobachter für die übrigen alle: sie
ist ein braves soliddenkendes Weib, deren Denkungsart untadelhaft und
rechtschaffen ist. - Sie teilt ihre Beschäftigung zwischen Religion und
Berufspflicht, und lebt in der glücklichsten, zufriedensten Ehe. - Eine Menge
ausgestandener Teater-Schiksale entzogen ihr jene Glüksgüter, die sie ihres
Talents und Fleisses wegen so sehr verdient hätte. - Unglück hat das gute Weib
sanft und weise gemacht; sie fodert wenig vom Schiksale, und geniesst das Wenige
mit reinem, vorwurfsfreiem Gewissen. Wie sehr verdient diese Edle alles
Erdenglück! -
    Die übrigen Weibsleute bei unserer Gesellschaft sind meiner Beobachtung ganz
unwürdig. - Ich würde Dir auch etwas weniges von den moralischen Karaktern
unserer Schauspieler schreiben, aber da ich keinen Umgang mit ihnen pflege, so
ist es mir wohl nicht möglich sie genauer zu kennen. - Die Stunde ist da; die
Post wird abgehen; ich muss also schliessen, meine Fanny. -
    Lebe wohl! -
    
                                                                   Deine Amalie.
 
                                  CXXXV. Brief
                                    An Fanny
Nun so hat sich denn das Schiksal wider mich verschworen! - So muss ich denn so
oft wider meinen Willen von einer Bühne zur andern reisen? -
    Wer hätte denn izt diese geschwinde Veränderung wieder vermutet, an der die
Schurkerei eines schlechten Kerls Schuld ist? - M.... hat seine Büberei
vollendet, und ist vor einigen Tagen mit einigen unserer bessten Schauspieler
entloffen! - Die Veranlassung dazu war ein heftiger Streit mit seinem armen
Weibchen und einer lüderlichen Mezze von Figurantin, die ihn vermutlich zu
diesem Schritte verleitete. - Der schändliche Bösewicht konnte sein Weib und
seine Kinder dem Hunger und dem Elend Preis geben! - Er konnte ein Häufchen von
Menschen ins Elend stürzen, die sich auf diesen Schritt nicht vorgesehen hatten!
- Nun sizt sie da sein armes Weib, mit zwei noch unerzogenen armen Würmchen, und
wird von den Gläubigern ihres verloffenen Manns beinahe zerrissen! - Gott im
Himmel! Was ist das für ein Anblik! - Wenn nicht einige Menschenfreunde zu Hülfe
eilen, so muss dies arme Weib zu Grunde gehen! -
    O Armut! - wie schröklich sind deine Folgen! - Die Gesellschaft ist nun
durch diese schlechte Handlung des Direktors ganz auseinander, und unfähig
ferner fortzuspielen. - Alle werden sich in wenig Tagein trennen; und müssen sich
dann dem Ungefähr überlassen, ob es ihnen bald wieder ein Stükchen saures Brod
zuzuwerfen Lust hat! -
    Madame J... reist nach F....; wie weh tut es mir, diese wakkere Frau
verlassen zu müssen! - Was wird izt aus ihr, was wird aus mir werden? - Zum
Glükke ist meine Börse noch hinlänglich versehen, um nach W... reisen zu können,
wo sich der Direktor N... aufhalten soll. - Dann mag der Himmel ferner für mich
sorgen! - O meine Teuerste! - Nun fange ich an, die Last eines unbeständigen
Teater-Schiksals ganz zu empfinden! - Und dennoch muss ich diese Last noch
tragen; dennoch muss ich ein Leben fortführen, wobei man aus Nahrungssorge, Gram
und Kummer lebendig vermodert! -
    Bei meiner Ankunft in W... schreibe ich Dir gleich, damit Du ausser aller
Sorge sein mögest. - Wie geht es mit Karls Gesundheit? - Schreibe mir doch auch
wieder etwas von ihm! -
    Gottes Segen über Dich, holdes Mädchen, bis zu fernerer Nachricht von deiner
bessten
    
                                                                         Amalie.
 
                                 CXXXVI. Brief
                                   An Amalie
Ha! - meine Freundin! - Dein Kummer ist ein Schatten gegen dem meinigen! - Mein
Karl! - O mein Karl ist gewis auf ewig für mich verloren! - Ein niederträchtiger
Ehrenschänder hat es in seiner Gegenwart gewagt, meinen guten Namen anzutasten!
- Du kennst seine feurige Liebe für mich; - die Hizze seines Temperaments riss
ihn hin, und ein unglücklicher Zweikampf machte ihn zum mörderischen Flüchtling!
- Gerechter Gott! - Wie der arme Gebeugte beim Abschiede mit zitternder Angst an
meinen Lippen hieng! - Wie dann meine Tränen ihn fast erstikten! - Er wollte
nicht weichen von meinem Busen, hätte ihn mein Bruder nicht mit Gewalt
weggerissen! -
    O Ehre, wie barbarisch sind deine Begriffe! - Du musst deine Verteidigung im
Blute deines Nächsten suchen! - Ist denn ein Verläumder, ein Ehrenschänder, ein
schlechter Kerl noch so viel wert, um das Leben eines ehrlichen Mannes, die
Ruhe einer Geliebten seinetwillen aufs Spiel zu setzen? - Sollte nicht die
Obrigkeit mit der strengsten Strafe dergleichen Ehrendieben drohen? - Warum
züchtigt man böse Mäuler nicht durch öffentliche Schande? - Der ruhige
Biedermann hätte dann nicht nötig sich mit solchen Ehrenbanditen zu
beschmuzzen. - Und gerade meinem armen unschuldigen Karl musste so ein elender
Bube aufstossen? - Er, mit seinem edeln, gefühlvollen Herzen, wurde gezwungen
Blut zu vergiessen, - musste seine Fanny auf Kosten seines Lebens verteidigen! -
O mein geliebter Karl, wie elend hast Du uns beide gemacht! - Noch lebt der von
ihm Verwundete, aber jede Stunde droht ihm Tod - und meinem Karl Verbannung! -
Stirbt der Elende, dann hin ich verloren! - dann ist an Karls Rükkehr nicht mehr
zu denken. - Dann ist er für mich dahin, der besste Gatte, der vor Gott schon
lange der meinige war! -
    Ha! - Amalie! - Die Leiden der Trennung drükken schwer, aber die Leiden
einer hofnungslosen Liebe drükken noch schwerer! - Du kennst meine Verfassung;
kann ich ihm wohl nacheilen? - Kann ich eine Familie verlassen, deren einzige
Hoffnung ich noch bin? - O die Liebe ist allgewaltig! - Ja, ich kann's, ich
will's, ich muss, ich werde ihm nacheilen! - Stirbt der Verwundete, dann hält
mich nichts mehr auf! - Um meinetwillen ist er flüchtig! - Um meinetwillen irrt
er izt in der Welt herum! - Mir kömmt es zu, ihn zu trösten, seinen Jammer zu
lindern! - Er soll mich wiedersehen, es ist mir Pflicht, einem Geliebten zu
folgen, der ohne mich dahinwelken würde!!! -
    
                                                                          Fanny.
    N. S. Lies beigeschlossnen Brief vom armen Karl! -
    Weib, meiner Seele! - Du einzige Geliebte meines Herzens! - Mässige um Gottes
willen deinen Kummer, trokne deine Tränen! - Erhalte deinem armen Karl eine
Gattin, die vor den Augen Gottes mit ihm vermählt ist!
    Schröklich ist zwar unser Schiksal, dass wir entbehren müssen die Seligkeiten
eines Umgangs, der uns beide so himmlisch entzükte! - - Noch fühle ich die Wärme
deines Busens, wenn er an den meinigen gelehnt mir Glükseligkeit zuklopfte! -
Sie sind verschwunden diese Stunden der gränzenlosesten Glükseligkeit! - O meine
Fanny! - Wann wird dein armer Flüchtling Dich wiedersehen? - Wann wird er Dich
wieder an dies Herz drükken können? -
    Ha! - Ich bin ein Elender! - Noch rauchen meine Hände vom Blut! - Noch höre
ich den todtblassen Gegner zu meinen Füssen röcheln! - Weh mir! - Ich wurde
unschuldig zum Mörder! - Dass doch der unglückselige Verläumder mein Temperament
reizen musste! - Dass er Dich Engel so schändlich beleidigen musste! - Nur ein
Bösewicht oder ein Nebenbuhler kann die Ehre eines rechtschaffenen Mädchens so
teuflisch verdächtig machen! - Du meine Gattin, mein Stolz, mein Alles, Dich
hätte ich sollen so erniedrigen lassen? - O bei Gott! die blose Erinnerung glüht
mir wieder durch alle Adern!
    Sei mir willkommen Verbannung! - Sei mir willkommen! - Ich dulde dich gerne,
um meiner Gattin willen, die mir auch ins Elend folgen wird! - Willst Du? -
Willst Du Edle, einem Gatten folgen, der ohne Dich nicht weiter an dieses Leben
gefesselt sein will? - Ich kenne Dich, göttliches Mädchen! Liebe ist die einzige
Triebfeder deiner Seele! - Du kannst deinen Karl nicht elend machen!
    Wenn diese Hoffnung mich Unglücklichen nicht belebte, - ich würde mein
Schiksal verfluchen! -
    Lass mich bald wissen, Teure, ob Du mir folgst, oder ob ich wieder
zurückkehren darf in deine Arme? - Gott! wie schröklich ist es, wenn lebhafte
Menschen auf solche entscheidende Nachrichten harren! - Dein unglücklicher, ewig
Dich liebender
    
                                                                     Karl ***. -
 
                                 CXXXVII. Brief
                                    An Fanny
                                Arme Freundin! -
Entsetzen überfiel mich bei der Nachricht deines Unglücks! - Gott! - Wenn Dich
nur deine Leidenschaft zu keinem übereilten Schritte verleitet! - Wenn Du nur
nicht etwa unbesonnener Weise den Armen deiner Familie entfliehst, ohne
wenigstens deinen guten Bruder zum Vertrauten gemacht zu haben! - So jung er ist
- so ist er doch Mann, und wird Dir und deinem Karl Gutes raten. - Hat dieser
Brief das Glük Dich noch anzutreffen, o dann beschwöre ich Dich bei meiner
Liebe, überlege alles wohl zum voraus! - Karl liebt Dich zu feurig, um in der
Hizze jener Ueberlegung fähig zu sein, die für euch beide so nötig ist. - Ist
denn eine kurze Entfernung nicht leichter zu ertragen, als eine Reihe Jahre voll
Dürftigkeit, die ein unüberlegter Schritt euch zuziehen könnte? - Sei
vernünftig, meine Liebe! - Ueberlass Dich keinem Taumel, der Dir Reue bringen
könnte. - Freundin! - Ich muss Dir in diesem Augenblick hart scheinen! - Aber ich
bin es nicht! so wahr Gott lebt, ich bin es nicht! -
    Liebt euch, ihr Edeln! Liebt euch auf immer! - Aber baut euere Liebe auf
Aussichten für euere künftige Ruhe. - Dein Karl soll auch nur der geringsten
Einkünften gewis sein - dann folge ihm. - Aber beide als Flüchtlinge herumirren,
sich jedem Zufall Preis geben, die schröklichsten Folgen der Armut ertragen;
wolltest Du das? - Könntest Du das? - Kaum kann ich deine Antwort abwarten, so
sehr jammert mich dein Zustand! - Reisse mich so geschwind als möglich aus dieser
angstvollen Ungewisheit! -
    Von einer sehr beschwerlichen Reise abgemattet, kam ich vor einigen Tagen in
W... an. -
    Direktor N.... und sein Weibchen sind herzgute Leute, aber in sehr misslichen
Umständen. - Der gute Mann hat es mit einem äusserst undankbaren Publikum zu
tun, das seine Verdienste nicht zu schäzzen weis. - Er besizt als
rechtschaffner Mann nicht die einträgliche Gabe in Vorzimmern herumzukriechen
und dem hiesigen Adel den Staub von den Füssen zu lekken. - Wenn der Künstler
sich zu so einem Geschäft erniedrigen könnte, wo bliebe denn der Wert seiner
Kunst? - Die Mätresse aus Kabale und Liebe wurde von mir zur Debut-Rolle
gewählt. - Noch keine Rolle kostete mich so viel Kopfanstrengung, um den feinen,
feurigen Sinn eines Schillers zu studieren, als diese. - Aber auch noch keine
Rolle spielte ich mit so vielem Vergnügen. - Selbst das Publikum empfieng mich
mit weit grösserm Entusiasmus als sonst in andern Rollen. - Im grossen Monolog,
wo Lady dem Ferdinand ihr Schiksal erzählt, gab ich mir alle Mühe die
Situazionen mit gehöriger Abwechslung zu malen. - Du kennst das Stük - und
sagtest mir selbst schon, dass eben dieser schöne, lebhafte Monolog von so vielen
Schauspielerinnen kaltblütig geradebrecht und eintönig, sinnlos dahergeraunt
würde. - Dieses Vorwurfes glaubte ich mich schuldig gemacht zu haben, bis
Direktor N.... mit der feurigsten Entzükkung eines Künstlers mir aus den
Koulissen lauten Beifall zurief! - Immer genug für einen Direktor, - die sonst
aus Eigennuz nimmer gewohnt sind ihren Untergebenen Zufriedenheit merken zu
lassen! -
    Die Aufmunterung dieses kenntnisvollen Mannes war mir mehr Belohnung, als
der Schall eines Publikums, dessen Triebfedern oft nicht die richtigsten sind. -
Schade, dass der brave N.... in keinen bessern Umständen ist, die mir für fernere
Aussichten bürgten; nie würde ich diese Gesellschaft verlassen! -
    Die Notwendigkeit zwang mich in dieser Rüksicht an den Direktor K.... nach
St.... zu schreiben. - Von seiner Antwort hängt nun das künftige Schiksal deiner
Freundin ab. -
    
                                                                         Amalie.
 
                                CXXXVIII. Brief
                                   An Amalie
                               Meine Freundin! -
Wie doch der gefühlvolle Mensch in seinen leidenschaftlichen Augenblikken so
hofnungslos lärmen kann! - Der Gram zeigt ihm in seiner Begeisterung den Abgrund
schon offen, noch eh er sich geöffnet hat. - Aber auch nur liebende Menschen
sind im Unglück zaghafter als andere, weil diese Hauptleidenschaft die
geschwindeste und stärkste Zerrüttung in ihrem Gehirne anrichtet! -
    So ging es gerade mir. Ich bin eine von jenen Schwachen, die sich immer das
Aergste träumen! - Wo bleibt doch mein Zutrauen in die Vorsehung? - Vergieb mir,
gutes Weibchen, wenn ich Dich durch meinen leztern Brief zu sehr ängstigte! -
Das Unglück kam zu überraschend, um mir jene Fassung zu lassen, deren ich bedurft
hätte. - Doch dir, o Menschenbeherrscher, sei's gedankt, dass du mir mit meinem
Karl auch meine Ruhe wieder schenktest! -
    Der Verwundete starb nicht; die Sache blieb geheim; und mein einziger,
bester Karl wird in wenig Tagen wieder in meine Arme fliegen! - Feurig will ich
ihn dann an mein Herz drükken und aufrufen: Ich habe dich wieder!!! - Ich habe
dich wieder! -
    Diese wenige Wochen seiner Abwesenheit dünkten mir eine schröklich lange
Ewigkeit zu sein! - So sehr bin ich an den Umgang dieses Lieblings gewöhnt, dass
es mir eine Unmöglichkeit scheint ihn jemals entbehren zu können. - Wie kann es
doch Eheleute geben, die einander zur Last werden können? - Eine Verbindung, die
auf gutes Herz, Rechtschaffenheit, Vernunft und wahre harmonische Denkungsart
gegründet ist, hat ja keine Flitterwochen. - Wie können die Reize eines
denkenden Mannes in den Augen eines denkenden Weibes ihre Neuheit verlieren,
wenn eben dieser Mann durch tausend häusliche Gefälligkeiten, durch sein gutes
Herz, durch seine Nachsicht diese Reize alle Augenblicke auszudehnen und zu
erneuern weis? - Die Empfindsamkeit eines denkenden Weibchens muss dann aus
Dankbarkeit gegen ihren Gatten auf die nemliche Weise handeln. - Ketten sich
denn nicht solche Herzen mit der seligsten Zufriedenheit immer mehr und mehr
zusammen? - Selbst das Sinnliche unter zwei denkenden Eheleuten verliert seine
Neuheit nicht, weil Denken seinen Gebrauch zu verfeinern weis. - Es gab eine
Zeit, wo mir eheliche Glükseligkeit unbegreiflich war; wo ich bloss nach dem
Beweis so vieler misratenen Ehen urteilte; wo mir diese Sprache Romanensprache
dünkte. - Aber nun bin ich anders überzeugt, und werde von nun an jedem
denkenden Mädchen zurufen: Suche dir einen Gatten, der mit dir empfindet, der
der Wiederhall deines Herzens ist, und der dich verstehet! -
    Bald, meine Amalie, hoffe ich mit meinem Karl auch vor der Welt vereinigt zu
werden. - Stösst dir dann einstens wieder ein guter Junge auf, o so folge doch
meinem Beispiel! -
    Ist es möglich! - Also auch der gute Direktor N.... erlebt in dem traurigen
W... das Schiksal so vieler Künstler? - Pfui der Schande, dass Dürftigkeit und
Verfolgung gemeiniglich Belohnung der bessten Talenten ist! - Aber der Adel muss
sich selbst zuerst auszeichnender aus der Dummheit herausschwingen, wenn er
Verdienste will zu schäzzen wissen. -
    Nicht wahr, Amalie, Du meldest mir doch bald, wo Du Dich hinzuwenden
gedenkest, und glaubst mich doch immer
    Deine unveränderliche Freundin
    
                                                                          Fanny.
 
                                 CXXXIX. Brief
                                    An Fanny
Dein lezter Brief hat mich wieder ganz beruhigt, und ich kann Dir izt mit
aufgewekterem Kopfe von meinem künftigen Schiksal sprechen. - Dann magst Du
dieses Schiksal an der Seite deines Karls durchdenken, durchlesen, und mir
sagen, was Du davon hältst! - Gieb indessen deinem Karl ein recht warmes
Mäulchen für mich, Du liebe Schwärmerin, wenn Du ihn wieder an deiner Seite
hast! - Und nun höre! -
    Mein guter Direktor N... steht völlig auf der Neige. - Zum Glükke bieten
sich mir gerade zu rechter Zeit Aussichten in St... an, die zwar mit einigen
Bitterkeiten verbunden sind; aber da mir wohl keine andere übrig bleiben, so muss
ich sie wohl annehmen. - Dass nun diese Aussichten nach meinem Wunsche ausfallen
werden - glaube ich schwerlich; denn die Briefe dortigen Direktors K....
beweisen mir gerade das Gegenteil. -
    Erstlich räsonniert Herr K.... erzgrob gegen ein Frauenzimmer in seinen
Briefen; er scheint mir daher besser zum Stallknecht als zum Direktor zu taugen.
- Zweitens dünkt er mir ein eigennüzziger Dummkopf zu sein, der so wie viele
andere die Sinnlichkeit des Publikums zu befriedigen sucht. -
    »Madame, wenn Sie nicht recht gut gewachsen sind, so kommen Sie ja nicht zum
Debut!« - So lauten die Worte dieses Grobians - der sich schon zum voraus als
Oberaufseher eines Lustnimphen-Chors zeigt. - Wäre in meiner Lage guter Rat
nicht so teuer, ich würde mich nie zu diesem Niederträchtigen begeben haben. -
So viel Mistrauen er auch immer in mein Talent sezt, so kümmert mich doch sein
Gewäsche nicht im geringsten, und ich wage es kühn auf den blosen Debut nach
St.... zu reisen. - Gefalle ich dem Publikum, so bin ich angeworben; gefalle ich
ihm nicht, so verliert der Direktor die Reisekosten und ich meine weitere
Aussicht. -
    So weit gienge nun meine Entschliessung, die Du nach beiliegendem Brief
selbst billigen wirst, der mir von dem guten unglücklichen N.... geschrieben
wurde. - - Mein künftiges Glük hängt nun vom Zufall ab; willst Du für mich
indessen ein Paar hohle Seufzer zur Göttin Talia schikken, damit sie die Laune
des Publikums zu meinem Vorteil stimmt, so magst Du es immer tun. - Ob deine
Seufzer erhört worden oder nicht, sollst Du im nächsten Briefe erfahren. - Bei
meiner Ankunft schreibe ich Dir gleich. - Uebrigens bin ich wie allezeit dein
ergebenes, aufrichtiges
    
                                                                        Malchen.
                       Beilage zum vorhergehenden Briefe.
                                   Madame! -
Wie leid tut es mir, Ihre Teater-Verdienste nicht fernerhin nach meinem Willen
belohnen zu können! - Es schmerzt mich unendlich, eine so würdige Schauspielerin
entlassen zu müssen. Sie kennen meine Achtung für Ihre Denkungsart und Talente. -
Bedauern Sie die elende Verfassung eines Mannes, der sich alle nur mögliche Mühe
gab, seine Gesellschaft nicht eingehen zu lassen, und dem seines Fleisses
ungeachtet jede Hoffnung einer künftigen Aussicht fehlschlug. - In verschiedenen
Städten ist mir die Erlaubnis zu spielen nicht erteilt worden. - Bin ich nun
nicht zu der Aufhebung meiner Gesellschaft gezwungen, da ich es bei der geringen
Unterstüzzung des hiesigen Adels nicht länger mehr an einem Orte aushalten kann,
wo man mich mit Gewalt zu stürzen sucht? - Die Damen trieben es so weit, dass sie
zusammen schwuren, meine Bühne mit keinem Fuss mehr zu betretten. - Und warum? -
Lachen Sie nicht, Madame! - Es herrscht in kleinen Städten unter den Damen eine
gewöhnliche Seuche, die Bürgerinnen um ihres Anzuges willen gar grimmig zu
verfolgen. -
    Meine Frau ist die Tochter eines hiesigen Bürgers. - - Seitdem Sie an meiner
Seite Schauspielerin wurde, trägt sie etwas modernere Kleidung, als vorhin, die
denn freilich mit geringen Kosten ihren Körper besser zieren, als der
buntschäkkigte Puz einer solchen kleinstädtischen Mode-Aeffin. - Diese boshaften
Törinnen sind es, die einem ehrlichen Manne um einer Bettelei willen den
Untergang zugedacht haben! - Hätten Sie wohl je bei adelichen Damen aus
beleidigter Eitelkeit so eine kleine Handlung vermutet? - - Wahrlich eine
lobenswürdige Kultur herrscht in der Reichsstadt W.... unter den Weibern. - -
    Verzeihen Sie, Madame, wenn ich nicht den Mut hatte, Ihnen Ihre Entlassung
mündlich zu melden. - Ersparen Sie mir Ihren fernern Anblik; es würde mein
Gefühl zu sehr reizen, eine Schauspielerin von Ihrer Gattung entbehren zu müssen.
- Reisen Sie glücklich, von Leuten gesegnet, die Sie gewis schäzten. - Das
wünscht Ihnen meine Gattin nebst mir, der ich mit aller Hochachtung immer sein
werde,
    
                                                                         Madame,
                                                    Ihr ganz ergebenster Diener,
                                                                            N...
 
                                   CXL. Brief
                                    An Fanny
                               Meine Teuerste! -
Die Gesellschaft, die ich im Postwagen bis hieher hatte, war nicht merkwürdig
genug, um Dir etwas ausgezeichnetes davon sagen zu können; also muss ich wohl
bloss bei St.... stehen bleiben. - Aber, wie ich es zum voraus vermutete, der
Direktor bewies mir beim ersten Anblik die Leere seines Kopfs, und seine
wichtige Miene kürzte meinen Besuch ab. - Was mag denn diesen Mann so
aufgeblasen machen? - fragte ich in einer Gesellschaft, in die ich eben eintrat.
- Dann schrieen die anwesenden bösen Weiber mir entgegen:
    »Seine Börse ist seit einiger Zeit durch die Guterzigkeit der treuen
Ehehälfte so gespikt worden, dass er nun nicht mehr nötig hat als Hanswurst mit
dem hölzernen Degen Possenstreiche zu machen. - Ein reicher Kauz schoss ihm
Kapitalien vor, verschrieb Leute, und gab aus Empfindsamkeit dem ganzen
Teaterwesen bald ein anderes Ansehen. - Nun tragen die Schauspieler keine
papiernen Manschetten mehr, wie ehedessen - und die Schauspielerinnen dürfen in
keinen wollenen Kleidern mehr ihre Rollen aus Aerger verhunzen. - Aber wie
dergleichen Leute es nun machen - (fuhren die plauderhaften Frau Basen fort) -
wie sie es nun machen; sobald sie ein Bischen fliegen können, flattern sie dann
wieder andern Eroberungen entgegen. - So machte es gerade unsere Direktrise
auch. - Ihr flüchtiges unbesonnenes Temperament, womit sie sogar durch übles
Beispiel die Verführerin ihrer eigenen Kinder wurde, riss sie bald wieder von dem
reichen Kauzen weg - und aus Zufall fiel sie dann in einer starken Erhizzung
ganz ohnmächtig in die Arme eines Tänzers. - Sie sollten diesen Gekken nur erst
kennen! - Er stinkt vor Hochmut, trägt eine Eselsnase, womit er zu riechen
vorgibt, dass alle Frauenzimmer in ihn verliebt sein müssen. Er soll auch dabei
ziemlich brutal sein, und unsinnig über alles wizzeln, was ihm aufstösst - ob er
gleichwohl der grösste Dummkopf von der Welt ist.« - Die geschwäzzigen Dingerchen
hatten Lust mir noch mehr ins Ohr zu sagen, aber ich musste mich entfernen, um
der ganzen Gesellschaft meinen Besuch abzustatten. -
    Ganz natürlich wies mich die Etikette zuvorderst an die Türe der ersten
Favoritin des Direktors. - Da fand ich dann ein runzlichtes, eingefallenes,
überschminktes, gelbhäutiges Ding, das mich mit ziemlich spöttischem
Nasenrümpfen empfieng. - Die schwarzen buhlerischen Augen bestättigten den
schlechten Ruf, den ich in einigen Ländern schon von diesem Geschöpf gehört
hatte. -
    Bei meiner Durchreise in D.... sagte man mir, dass sie wegen ihrer Buhlerei
mit dem dortigen Landesfürsten von seiner Gemahlin, nebst der ganzen
Schauspielergesellschaft, sei fortgejagt worden; - und seiter darf auch keine
Schauspielergesellschaft mehr an diesem Orte spielen. -
    Auf der Universität E... soll ein neunzehnjähriger Jüngling in seiner lezten
Stunde ihr Bildnis in Stükke zerrissen haben, weil sie ihm hinlängliches Gift
mitgeteilt hatte, um ins Elysium hinüber zu segeln. - Mehrere solcher
Histörchen hat man mir auf meiner Reise von ihr erzählt. - Mein Herz war schon
mit Abscheu angefüllt, noch eh ich sie sah. - Sie schwazt recht artig von der
Teaterkunst; stellt sich aber dabei so albern, ziert sich so hochmütig, ist so
verschlossen für Gefühl und Ehre, dass man sie bei der ersten Unterredung hassen
muss. - Ich wette tausend gegen eins, in Koketten- und buhlerischen Rollen ist
sie Meisterin. -
    Von da ging ich zur Madame ....; ein Weib, die von Eigenliebe strozt, und
die ziemlich boshafte, neidische Launen haben mag. - Ihr ganzes Wesen verrät
Mangel an Bildung und Erziehung. - So faul und kalt sie auch immer scheint, so
hat sie demungeachtet ein ziemlich spizziges Züngelchen, ihre
Nebenschauspielerinnen durchzuhecheln. -
    Nun führte mich mein Weg zur Mademoiselle ...., einem erzdummen Gänschen von
der ersten Gattung. - Sie affektiert heuchlerisch die Tugendhafte - und soll
doch ihre ganze Garderobe von ihren Anbetern erhalten haben. - Wie das zugieng -
das mag ich nicht untersuchen - geht mich auch nichts an. -
    Endlich zur Madame ....; ein Weib, die in ihrem Betragen mehr einem
Grenadier ähnelt, als einer Dame, wofür sie sich ausgibt. - Sie hatte einen
französischen Windbeutel geheiratet, der sie hernach sizzen lies. - Sie hat im
Gebrauch, ziemlich von ihren Verdiensten zu schwadronnieren - räsonniert von der
Schauspielkunst wie eine blinde Kuhe - zeigt ihre Garderobe jedem der sie
besucht - ist falsch - verläumderisch, pöbelhaft - und affektiert die
Vielwisserin. -
    Von den übrigen Frauenzimmern weis ich nichts zu sagen - weil ich keine
weiter besuchte. - In einigen Wochen soll ich debutiren; bis dortin bekomme ich
Anlass mehrere Beobachtungen zu machen. Unterdessen verbleibe ich deine Dich auf
das zärtlichste liebende Freundin
    
                                                                         Amalie.
 
                                  CXLI. Brief
                                    An Fanny
Diesmal, liebes Mädchen, lässt Du mich gar zu lange auf Nachrichten warten! - Was
mag wohl die Ursache sein? - Ist etwa Dir oder deinem Liebling wieder ein neues
Unglück zugestossen? - Nicht doch! - dann hätte ich ja schon Briefe! -
Unglückliche Botschaften laufen geschwinder als andere; - und diese Grille soll
mich nun nicht in meinen ferneren Beobachtungen stören. -
    Jezt kann ich Dir, meine Liebe, die Teater-Talenten der ganzen hiesigen
Gesellschaft schildern. Ich habe sie schon alle spielen gesehen, und Madame
K.... soll mir zum Anfang dienen. -
    Aus direktrisischer Eitelkeit spielt diese Frau alle Rollen, die ihr
gefallen, sie mögen ihr passen oder nicht. - Ihr eigentliches Fach wäre naive
Mädchen und Soubretten. - Bliebe sie dabei, so könnte ihr kein Kenner seinen
Beifall versagen, den er ihr unstreitig in Trauerspiel-Heldinnen versagen muss. -
Sie besizt weder Brust, noch Kraft, noch Organen zu einer feurigen
Trauerspiel-Heldin. - Selten errät sie den Sinn des Dichters, und noch seltener
die Natur einer Situazion. - Alle Rollen von dieser Art werden von ihr
durchgeheult, durchgeschluchzt, und durchgrimassiert. - Man möchte bei ihrem
unausstehlichen Geraunz, womit sie vom Anfange bis zum Ende die Ohren der
Zuschauer martert, davon laufen. - Diese Einförmigkeit der Deklamazion beweist,
dass sie solche Rollen ohne Kenntnis spielt. - Ihr Bischen Gefühl, das nur von
Zeit zu Zeit hervorblikt, liegt in dem Bau ihrer Nerven, und ihr Herz kann
unmöglich Teil daran haben, sonst wäre sie nicht aufgelegt, in der Zwischenzeit
hinter den Koulissen die ausgelassensten Schäkkereien zu treiben. - Eine
entusiastische Schauspielerin, die mit gerührtem Herzen spielt - und deren
Seele Anteil an dem Spiel nimmt, kann da, wo die Leidenschaften in der
feurigsten Gährung sind, keiner entgegengesezten Zerstreuungen fähig sein -
sonst ist sie nicht gute Schauspielerin - aber wohl eine bezahlte Komödiantin,
die dem Publikum Scheingefühl auftischt. - Genug hievon! -
    Nun zur Madame E..., die sich ebenmässig von einer unerhörten Rollenwut
beherrschen lässt, da sie doch den wenigsten gewachsen ist. - Das muss man ihr
indessen nachsagen: sie spielt ihre Koketten mit einer Gewisheit, mit einer
Uebung, mit einer Frechheit, mit einer kalten Fühllosigkeit, mit einer
verschmizten Bosheit, mit einem heuchlerischen Eigennuz, mit einer künstlichen
Eroberungs-Sucht, mit einem gebrandmarkten Herzen, so gut als man es nur von der
Natur eines solchen Karakters fodern kann. - Auch einige karakterisirte
Konversazions-Rollen geraten ihr. Besonders wenn Verstellung, Stolz, oder Neid
darinnen liegt. - Hingegen verhunzt sie in allen gutartigen Rollen jede einzelne
Stelle, die Gefühl ausdrükt; in Trauerspielen ist sie ganz und gar nicht zum
Ansehen, noch zum Anhören. - Jede moralische Empfindung der Liebe oder Tugend
wird von ihr so steif, so anteillos, so unempfunden dahergesagt, dass es Jammer
und Schade für die gefühlvollen Arbeiten eines Autors ist, wenn sie in ihre
Hände fallen. - Ihre Deklamazion in Trauerspielen besteht aus hunderterlei
singenden Mistönen, wobei ihr in den Hauptaffekten das moralische Gefühl und
ihre schwache Brust jeden Dienst zur richtigen Vorstellung versagen. - Ich sah
sie die Königin im Macbet spielen; aber mit solchem zusammengefrornem Herzen,
mit solcher Monotonie und mit solcher unverschämten Dreistigkeit habe ich noch
niemalen eine Königin spielen gesehen. - Bei dem Auftritt, wo die Gewissensbisse
die Königin unruhig umhertreiben; wo sie mit der Todesangst kämpfend in das
schon halb angebrannte Zimmer stürzt und zu dem Allmächtigen um Barmherzigkeit
fleht - kam Madame E... ganz flegmatisch hereingeschlichen, beugte ihre Kniee
sehr gemächlich zur Erde, hob ein halb lächelndes Gebet an, gerade so eiskalt,
so zuversichtlich, so hochmütig, wie eine unverschämte Kokette, die am Rande
des Grabes sich noch in den Himmel hineinzubuhlen sucht. - Hab' ich Dir nicht
schon einmal gesagt, dass der sittliche Wandel bei einer Schauspielerin für den
Kenner auf der Bühne in entgegengesezten Rollen äusserst hervorsticht? - Hier
hast Du nun den wahren Beweis an dieser Madame E.... -
    Jezt also weiter zur Madame P..., einem langen hagern Bilde von einem Weibe,
- die, ihrer Figur nach, wohl Mütter und ansehnliche Frauen spielen könnte, wenn
ihre träge Seele nicht an der Schlafsucht kränkelte. - Sie ist in ihren
gefühlvollen Rollen noch weit weniger als eintönig, weil ihr das natürliche
Flegma und die so sehr angewöhnte Faulheit kaum erlaubt, für den Zuschauer
vernehmliche Worte über die Zunge zu stossen. - Nicht einmal den doch sonst
gewöhnlichen Handwerks-Eifer besizt sie, ihre Rollen gut zu memoriren. - Würden
dann von ihr die Rollen auch noch so unsinnig deklamirt, so wäre es doch weit
erträglicher zu hören, als jener schleppende Ton, womit sie jede Silbe Ellen
lang ausdehnet. - Sie versteht weder Pausen, noch weniger einen Uebergang der
Leidenschaften im hohen Tragischen. - Komische Rollen könnten ihr noch besser
gelingen, wenn sie nicht eitel und eigensinnig genug wäre, sich vollkommen zu
glauben. - Es ist mir unbegreiflich, wie das Weib so ganz ohne das mindeste
Feuer die interessantesten, leidenschaftlichsten Strophen überhüpfen kann; -
eben so wenig als ich begreife, wie der Direktor der Mademoiselle S.... nur die
geringste Rollen anvertrauen mag. - Ein Mädchen, die kein richtiges Wort teutsch
spricht, die keine Silbe ohne Anstoss lesen kann - untersteht sich Liebhaberinnen
und Kammermädchen zu spielen! - Die ist, weis Gott, in den Augen eines jeden
unparteiischen Kenners gewis nur das, was das Null bei den Zahlen ist. -
Freilich weis sie sich ein Bischen zu puzzen, ist jung, hat einen vollen Busen!
- Genug! - wird der Direktor denken, um die Stuzzer ins Teater zu lokken. -
    Nun kömmt die Reihe an Madame Mü...., die eigentlich nur Tänzerin ist, -
welcher aber doch zuweilen die Lust ankömmt, dem Publikum auf ein Vierteljahr
lang Ekkel einzujagen. - Sie will Soubretten spielen; kleidet sich in kurze
Rökke, wie eine Kolombine; spricht baierisch bis zum Uebelwerden, und treibt auf
der Bühne so pöbelhafte Streiche, wie ein wahres ausgeschämtes Alltags-Mensch. -
Leztin hätte sie das unwillige Publikum bald in der Rolle der Barbara, in dem
Stükke: Glük bessert Torheit, mit Pfeifen zu Hause geschikt. -
    Ferner darf ich auch die andre Tänzerin, Madame Ma..., nicht vergessen; sie
ist eine gute Tänzerin - aber eine blutschlechte Schauspielerin. Ob sie
gleichwohl die Raserei besizt, um Rollen zu buhlen. - Ihr männliches Wesen, ihre
Bassstimme, die mit widrigen, durch die Nase laufenden Tönen bis zur
Abscheulichkeit akkompagnirt wird - machen aus ihr in jeder ernstaften Rolle
die lächerrlichste Karrikatur. -
    Endlich ist noch da Madame F...., welche nur spielen muss, was die andern
nicht spielen wollen - und folglich keiner Foderung entsprechen kann. -
    Hier hast Du nun die leibhafte Schilderung unserer Schauspielerinnen. - Da
ich diesen Stand bald zu verlassen gedenke, so kann sie an keine Parteilichkeit
gränzen - und ich getraue mir, sie vor jedem Teater-Kenner zu verteidigen. -
    
                                                                   Deine Amalie.
 
                                  CXLII. Brief
                                   An Amalie
Beruhige Dich, Teuerste, es ist weder Karln noch mir ein Unglück zugestossen; -
ich bin ihm mit meinem Bruder entgegen gefahren; dies war die Ursache meines
Stillschweigens. - Nun ist er wieder an meiner Seite, der edle Jüngling! - Denke
Dir die Seligkeiten unserer Wiedervereinigung; fühle sie, Malchen - denn
beschreiben kann ich sie nicht! -
    Doch izt zur Beantwortung deiner Briefe: - Ist es möglich, meine Liebste,
dass man den ehrlichen Direktor N..., dessen Verdienste bekannt sind, dass man
diesem Biedermann in W... so begegnen konnte? - Dass doch in der Welt so viel
Unheil bloss von den Weibern herrühren muss! - Besonders in kleinen Städten
treiben sie jede lasterhafte Torheit, um ihre Nebenmenschen zu unterdrükken.
Wie gerne hätte ich Dich länger unter der Führung dieses gutgesinnten Direktors
gesehen, wenn es das Schiksal gewollt hätte! -
    Direktor K... ist gewis der Mann nicht, der Dich wird zu schäzzen wissen. -
Er hat samt seiner Gesellschaft einen sehr übeln Ruf, spielte ehedessen in
österreichischen Landen in hölzernen Buden, gab Zoten-Stükke, Hanswurstiaden,
und überhaupt niedriges Possenspiel. Der grösste Beweis seines unmoralischen
Karakters ist die Duldung, womit er seinem Weibe alle Zügellosigkeiten erlaubt -
und anderen verschrieenen Schauspielern Brod gibt. -
    E..., samt ihrer lüderlichen Schwester B..., sind schon wegen ihrer
niederträchtigen Aufführung in einer öffentlichen Monatschrift hinlänglich
geschildert. - Es sind Kreaturen, an denen jede Besserung verloren ist, -
folglich auch nicht der Mühe wert, dass wir uns länger mit ihnen aufhalten. -
    Dass Madame K... bloss für naive Mädchen- und Soubretten-Rollen gemacht ist,
bestättigen mehrere gedruckte Teater-Rezensionen; folglich ist dein Urteil
unparteiisch und richtig. - Glaubs wohl, meine teuerste Amalie! - Glaubs wohl!
- dass Madame E... ihre Koketten-Rollen unverbesserlich spielt. - Geübte Laster
können ihre Natur nicht verläugnen. -
    Madame P... war von jeher auf der Schaubühne eine Erz-Schleicherin, und noch
nirgends gefiel sie.
    Von der S... spreche ich gar nichts - weil es mich nicht der Mühe wert
dünkt; - die ist unter der Kritik: schrieb mir leztin ein Gelehrter aus St....!
    Madame M... spielte doch sonst noch nicht viel. Als sie in M... war, sah man
sie bloss tanzen! - Wie kömmts, dass sie ihre Unwissenheit erst izt zu Markte
trägt? - Ists Brodmangel - oder Eitelkeit? -
    Auch Madame M... dürfte mit dem Ruhm, den sie als gute Tänzerin hat,
zufrieden sein, und sich nicht zum Gespötte machen. - Alle Schuld dieser
Unordnung liegt indessen bloss am Direktor. - Wäre er ein Mann, der die
Wichtigkeit der Schauspielkunst verstünde, so würden es diese Weiber wohl
bleiben lassen, ihre Nasen in Dinge zu stekken, die ausser ihrer Bestimmung sind.
- Ich kann die Gelassenheit des Publikums nicht genug bewundern, das sich um
sein Geld so gerne äffen lässt. - Kaum kann ich den Augenblick deines Debüts
erwarten! - Schreibe mir ja gleich, so bald sich dein Schiksal entschieden hat.
-
    Eben kömmt mein Karl dahergestürmt! - Verzeihe, Amalie, wenn ich aus den
Armen der Freundschaft in die Arme der Liebe eile. -
    
                                                                    Deine Fanny.
 
                                 CXLIII. Brief
                                    An Fanny
Sei munter, meine Liebe! - Sei munter! Mein Debut ist mir gelungen, ich habe dem
Publikum gefallen, und bin nun förmlich angeworben! -
    In wenig Tagen reist die ganze Gesellschaft nach U... Indessen soll mich das
doch nicht abhalten, Dir auch die Teater-Talenten unserer Mannsleute zu
schildern. - Der Direktor spielt selten, und tut dabei recht wohl, weil ihm der
Hanswurst noch leibhaftig aus den Augen sieht. -
    Herr H.... hingegen spielt alle ersten Rollen; aber... das Gott erbarm! - so
äusserst schlecht, als man es nur von einem Tänzer fodern kann, der sein Talent
in den Füssen und nicht im Kopfe stekken hat. - Die Leute sagen zwar, dass die
Direktrise es so haben will; dass sie ihm so gar erste Liebhaber-Rollen
aufdringt. - Warum? - Vermutlich weil ihr an seiner Seite die ersten
Liebhaberinnen am bessten gelingen. - Es kam mir selbst wunderlich vor, dass
Tänzer H... bei dieser Gesellschaft zum ersten Liebhaber ist erhöht worden. -
Aber warum soll ich ihm denn die Freude nicht gönnen, sich bewundern zu lassen,
jede Rolle zu affektieren, zu kastrieren oder gar zu verhunzen? - Er verfehlt
freilich den Weg zur lieben Natur, spricht kein einziges Wort, welches nicht aus
seinem Mund gestottert, herausgeplazt, oder gepredigt kömmt. - Aber was tut das
zur Sache? - So überspannt, affektiert sein Spiel auch immer ist, so besizt der
Bursche doch gut gewachsene Knochen, mit denen die Frau Direktrise aus Eitelkeit
vor dem Publikum Wind macht. - Zuweilen wandelt dem Helden so gar die Lust an,
seine Geberden für Anstand auszuschreien, was doch weiter nichts als
Tänzer-Posituren und Verdrehungen des Körpers sind. - Sein eingebogener Rükken
sieht einem krummgewachsenen Baume ähnlich, der seiner Seltenheit wegen
Jedermann zur Bewunderung einladet. - Wenn doch der geschraubte Gekke in seinem
Wesen nur der Natur den Lauf liesse, er würde wahrlich unter den Damen weit mehr
Eroberungen machen, worauf er es eigentlich zum Leidwesen seiner ersten
Liebhaberin anträgt. -
    Nun kömmt Herr P.... zum Vorschein; - ein ganz artiger junger Mann, der
ehedessen auch das Glük genoss, sich nach Gutdünken und mit Bewilligung der
guterzigen Frau Direktrise Rollen zu wählen, aber nun, seitdem Ritter H... zum
Vorschein kam, mit lauter Nebenrollen vorlieb nehmen muss. Sein Teater-Talent
ist nicht uneben: Obgleich ein Bischen leichtsinnig im Memoriren, besizt er
dennoch die Kunst, seine Liebhaber-Rollen mit einem sanftschleichenden Wesen
vorzustellen. Zu Affekt-Rollen ist seine Brust zu schwach. -
    Dann haben wir noch einen gewissen H... n; - auch ein junger Schauspieler,
der sehr schmelzende Organen hat; - nur fehlt es ihm an gehöriger guter
Anleitung, besserer Rollen-Einsicht, mehrerem Feuer und Dreistigkeit, sonst
könnte er einstens ein braver Schauspieler werden.
    Auch Herr R.... spielt bisweilen beim hiesigen Teater einige
Liebhaber-Rollen, hat Anstand, Teaterspiel, aber zu viel singende Töne in
seiner Deklamazion, besonders im Tragischen. - Wenn er sich daran gewöhnte, im
Sprechen die Zähne besser von einander zu tun, dann würde seine Aussprache
männlicher ausfallen, und in seinen Helden-Rollen nicht den süssen, tändelnden
Stuzzer verraten. - Diesem Schauspieler wünsche ich zu seinen Kenntnissen
mehrere Vollkommenheit der Stimme. -
    Endlich zum Hauptschauspieler, Herrn N...., der bei uns alle ersten
Väter-Rollen spielt, aber auch dabei seine Eigenliebe nicht um eine Welt
hingäbe. - Ein wahrer Jesuitischer Starrkopf, der weit grössere Einbildung als
Talente besizt. - Wahr ist's, er memorirt gut - hat Entusiasmus für die Kunst,
erreicht zuweilen durch diese entusiastische Eitelkeit das gehörige Feuer in
gewissen Rollen, aber übertreibt es dabei in seinen Gradationen bis zur
äussersten Raserei einer um Beifall bettelnden Eigenliebe. - Sein Fleiss könnte
ihn zum guten Schauspieler machen, wenn in ihm nicht schon vom Jesuiten-Gift
alle gute Gefühle ekstikt worden wären. - Anstand - Erziehung - Weltton fehlen
ihm durchaus. Der gute verunglückte Bonze verlässt sich zu sehr auf den Beifall
des Publikums, welches hier daran gewöhnt ist, ausgezeichnete Stellen zu
beklatschen, sie mögen auch noch so übertrieben vorgestellt werden. - Möchte
Herr N... sich auf bürgerliche Rollen legen - sie würden ihm weit besser
gelingen, als erhabene Rollen, die mit Würde müssen vorgestellt werden, - wozu
sein Körper gar nicht gebaut ist. - Das Wort Jesuit, mag Dir von seinem
moralischen Karakter einen Begrif geben. - Er folgt ihrem Beispiel getreulich; -
macht heimliche Intriken; übt im Stillen Verfolgungen und Bosheiten aus;
unterdrükt die Nebenschauspieler; - reisst ihnen mit heuchlerischer Miene den
Bissen Brod aus dem Munde; schmiedet Kabalen; kriecht wie ein Wurm vor der
Direktrise; schmiegt sich bei Grobheiten - und drükt Jeden, der seiner Eitelkeit
nicht schmeichelt, im Stillen den Dolch ins Herz; - hingegen zittert der Feige,
wie jeder Bösewicht, wenn ihm der ehrliche Mann kühn die Stirne bietet. - So
viel hat man mir von ihm erzählt, und so viel habe ich auch selbst an ihm
bemerkt. -
    Nun endlich zu den Bedienten-Rollen, wovon Herr K... die ersten bei uns über
sich hat! - Ein Schauspieler, der keine einzige Rolle ohne Kenntnis spielt; -
Nur wünschte ich, dass er nicht zuweilen zu stark der komischen Laune des
Publikums folgte, und in einigen seiner Rollen nicht zu sehr ins
Niedrig-Komische fiele. - Auch das Komische hat seine Schranken, wenn wir es von
den Hanswursten-Zeiten entfernen wollen. - Die Rollen-Einsicht dieses
aufgeklärten Schauspielers ersezt ihm hinlänglich den Fehler seiner heisern
Stimme. - Er weis durch Nachdruk der Worte und Gestikulazion den Zuschauer für
diesen Naturfehler schadlos zu halten. -
    Herr K... r spielt die lezten Bedienten-Rollen, von deren Unwichtigkeit sich
gar nichts sagen lässt. - Diejenigen, die bei uns Nebenrollen spielen, will ich
gar nicht berühren. -
    So bald ich in U.... anlange, erhältst Du nähere Nachricht von
    
                                                                  Deiner Amalie.
 
                                  CXLIV. Brief
                                    An Fanny
Endlich, meine Besste, bin in hier in U..., und danke dem Himmel, dass eine Reise
ihr Ende erreicht hat, wobei mein Herz so vieles dulden musste. - Die sauern
Gesichter, die neidischen Blikke, die spöttischen Anmerkungen, das kalte,
herzlose Betragen, womit die Schauspieler auf dieser Reise einander begegneten,
kränkten mein neidloses Herz unendlich. -
    Gott! - Das müssen schröklich böse Menschen sein! - dachte ich traurig in
einer Ekke des Zimmers, indem eine verborgene Träne ahndungsvoll über meine
Wange rollte! -
    Seit ich St... verlies, ist mir ohnehin Schwermut eigen. - Ein junger Mann,
der viel Uebereinstimmendes mit mir zu haben schien, stürmte vor meiner Abreise
mit aller Macht einer entusiastischen Empfindsamkeit auf mein Herz los! - Die
Kürze seiner Bekanntschaft entzog mir die Gelegenheit ihn näher kennen zu
lernen; doch zog er meine Aufmerksamkeit auf sich, und wusste auch durch eine
feurige, begeisterte Unterredung mein Mitleiden rege zu machen. - Mit einem
äusserst warmen Gefühl, das mir unverfälscht schien, verfluchte er an meiner
Seite die Untreue seiner vorigen Geliebten. - Das Feuer, womit er ihr in Stükke
zerrissenes Bildnis in ein vorbeifliessendes Wasser warf, - die Träne, die ihm
das erlittene Unrecht entlokte - schienen mir heilige Beweise seines zur Liebe
geschaffenen Herzens zu sein. - Stoff genug für mein leeres Herz, um sich in die
Zukunft Hoffnungen zu schaffen, die mich vielleicht täuschen werden! - So sehr er
mir auch durch seinen fleissigen Briefwechsel das Gegenteil beweist! - Lies
innliegende Beilage von ihm, und dann urteile! -
    Gott! - wenn es nur ein brausendes, vorübereilendes Feuer wäre! - Wenn sein
Gefühl nicht anhielte, und ich dann mein Herz an ihn gekettet hätte, so fest
gekettet hätte, dass es im Wegreissen eine blutige Wunde bekäme, so bald er keiner
ächten Liebe fähig wäre! - Ich darf diesen Gedanken nicht nähren. - Mein Herz
kann die abscheuliche Leere nicht länger ertragen; es ist wieder reif zur Liebe;
- und doch zittere ich bei dieser Wahl, ohne zu wissen, warum? --
    Er scheint izt seine ganze Glükseligkeit bloss in mich zu setzen! - Er
schreibt mir mit einer Entzükkung, die jedem Frauenzimmer schmeicheln würde,
wenn ihr Herz auch minder gefühlvoll als das meinige wäre! - Seine Liebe scheint
uneigennüzzig, weil er sie auch entfernt von mir mit vieler Lebhaftigkeit
unterhält! - Ob sie aber auch standhaft ist, diese Liebe? - Ob seine flüchtige
Seele jener Grösse fähig ist, der ich bedarf? - Das mag die Zukunft entscheiden!
- Ich muss mich wieder einmal an ein Wesen halten, das mein Herz ausfüllt! - Wie
lange suchte ich schon ein solches Wesen, und fand es nicht? - Du bist
glücklicher als ich, meine Freundin; Du besizzest ein geprüftes Herz, das deiner
würdig ist! - Deine Stunden schleichen nicht wie die meinigen unter mürrischer
Laune und Langerweile dahin. - Dein sanftes Gefühl wird durch keine stuzzerische
Torheiten beunruhigt, wie das meinige. Mein Stand wird mir täglich mehr zur
Last wegen den vielen Gekken, die sich mit der grössten Unverschämteit noch an
jedem Orte an mich hindrängten. - O! die Elenden kränken durch ihre Sprache der
Weichlichkeit mein Ehrengefühl aufs Äusserste! - Oft, wenn ich in guter Laune
bin, behandle ich sie mit Spott, aber auch oft macht mich ihre Zudringlichkeit
tiefsinnig und schwermütig. Ich fühle dann die niedrigen Mishandlungen im
Innersten, denen mich mein bitteres Schiksal aussezt. - Dieses Misvergnügen ist
auch ein Beweggrund, dass ich die mir angebotene Bekanntschaft zu unterhalten
suche. Vielleicht rettet mich dieser junge Mann aus Liebe, oder doch aus
Freundschaft und Menschenfreundlichkeit! -
    Geschäfte, meine Liebste, halten mich heute ab, weitläufiger zu sein; - ich
muss also mit der alten unveränderlichen Freundschaft schliessen, mit der ich
immer bin
    
                                                     Deine aufrichtigste Amalie.
                                    Beilage.
                               Liebes Malchen! -
Du bist fort, und meine Seele ist Dir nach! - Das mag Dir der Anblik dieses
Briefes beweisen, der vor Dir in U... eintreffen wird. - Holdes, vortrefliches
Weibchen! - Wie ganz hast Du das Bild einer Ungetreuen aus meinem Herzen
vertilgt! - Wie unendlich ersezzest Du mir einen Verlust, der mich ohne Dich
vielleicht noch lange martern würde! - Heute besuchte ich jenes grüne Pläzchen
auf dem bewussten Spaziergange, wo sich mein Herz Dir ganz aufschloss. Die
Erinnerung riss mich von der seligsten Freude zur tiefsten Schwermut hin! - Ich
bin nun so ganz glücklich, seitdem Du mir Hoffnung machtest, einstens dein
göttliches Herz ganz zu besizzen, dass ich mich vor Entzükken selbst nicht mehr
kenn! - O! wenn mir doch mein Schiksal bald die Freude gönnte, Dich, gutes Weib,
für deine ausgestandene Leiden schadlos zu halten! wie äusserst froh wollte ich
dann sein! - Meine Lage ist noch etwas unvermögend, aber sie wird bald besser
werden, um Dich, Teuerste, von meiner Liebe überzeugen zu können. -
    Dass ich Dich ohne sinnliche Absichten liebe, das hast Du an dem Morgen
unseres Abschiedes gesehen. - Wusste ich mir nicht zu gebieten? - Sag, hab ich
Dich auch nur mit einer Miene beleidigt? - Ehe Du ganz mein bist, will ich unser
Band nicht enger knüpfen. - Aber hörst Du, ganz musst Du mein werden! - ganz! -
denn das ist der eigentliche Verstand einer gutartigen Liebe. -
    Wenn Dir etwas zustösst, oder was Dich immer für ein Schiksal treffen mag, so
wende Dich an mich; ich bin ja dein einziger bester Freund! - Wie lange wirst Du
wohl noch ausbleiben? Doch nicht über sechs Monate? - Schreibe mir ja recht
bald, damit ich Dir wieder sagen kann, mit welcher inniger Zuneigung und
gränzenloser Liebe ich bin
                                                        Dein Zärtlichster Freund
                                                                           *****
N. S. Nicht wahr, Fanny! der weis ein fühlendes weibliches Herz in Gährung zu
bringen? - Kann der wohl diesem Brief nach ein Heuchler sein? -
 
                                  CXLV. Brief
                                   An Amalie
Ich will heute deinen ersten Brief ganz übergehen, weil er mehr das
Teater-Wesen als Dich selbst betrift; und mich eben deswegen bloss an den
zweiten halten. -
    Kümmere Dich nicht, meine Amalie, über die Feindseligkeiten die unter eurer
Gesellschaft herrschen. - Entferne Dich von diesen Leuten, so viel es Dir nur
möglich ist; erfülle deine Pflicht, und überlass dann das Uebrige dem
Allgewaltigen. -
    Nun eile ich zu einem Geschäfte, das mir vielleicht deinen Unwillen zuziehen
wird, wenn ich es mit der äussersten Aufrichtigkeit werde vollendet haben. - Wird
sich nicht dein ganzes Herz gegen mich empören - wenn ich deine Lieblings-Idee
zu stören wage? - wenn ich aus dem mir mitgeteilten Briefe in jenem jungen
Manne Züge entdekke, die mir nicht gefallen wollen? - Traue deinem Herzen nicht
so leicht wieder; es war immer die Quelle deines Unglücks! - Begeisterung -
augenblikliche Empfindsamkeit eines Jünglings, sind noch lange nicht Festigkeit
in der Liebe. -
    Wie kann ein denkender junger Mann, den Verlust einer Geliebten beklagen
indem er um eine andere buhlt? - Ist er von ihrer Untreue überzeugt, besizt er
Ehrenliebe, dann muss sie ganz aus seiner Seele verbannt sein! - Ist er es nicht,
- dann begeht er ein doppeltes Verbrechen: - hintergeht die erste und betrügt
die zweite. -
    Auch kann er ihr Bildnis eben so wohl aus beleidigter Eitelkeit zerrissen
haben, als aus wahrem Schmerz. - Diese rasche Handlung beweist unüberlegtes
Feuer - aber deswegen noch nicht ein zur Liebe geschaffnes Herz. - Die wahre
Liebe, meine Besste, zeigt sich mit mehr sanftem Gram, der untilgbar in der
kranken Seele umherschleicht. - Der junge Mann scheint ein brausender,
empfindlicher Kopf zu sein, der seine Neigungen wenig auf Ueberlegung gründet.
Ich muss es sagen, denn ich bin es der Freundschaft schuldig, so schwer es mich
auch ankömmt.
    Was soll denn das Du gegen ein Frauenzimmer, mit der er noch in keiner so
nahen Verbindung steht? Ist das nicht Uebereilung? - Ist es nicht
Geringschäzzung? - Doch weiter zum ersten Absazze seines Briefs: -
    »Du bist fort, und meine Seele ist Dir nach! - Das mag Dir der Anblik dieses
Briefs beweisen, der noch vor Dir in U... eintreffen wird.« -
    Die Eilfertigkeit seines Briefs beweist weiter nichts, als eine
hochgespannte Schwärmerei, die durch Abwesenheit und Langeweile gereizt wurde. -
Wenn ihn auch dein Umgang zu diesem Entusiasmus hinriss, so konnte er in so
kurzer Zeit eben so wenig dein Herz kennen, als Du das seinige kanntest. - Kann
man ein redliches Herz mit so vieler Unbesonnenheit hinwerfen? -
    »Holdes, vortrefliches Weibchen! - wie ganz hast Du das Bild einer
Ungetreuen aus meinem Herzen vertilgt; und wie unendlich ersezzest Du mir einen
Verlust, der mich ohne Dich vielleicht noch lange martern würde! -«
    Fühltest Du denn die Beleidigung dieses Sazzes nicht? - Was? deine Vorzüge
sollen nur dazu gemacht sein, ein Herz auszuflikken, das eine andere Undankbare
zerriss? - Wie kann dieser Junge solche Gleichnisse anstellen? -
    »Heute besuchte ich jenes grüne Pläzchen auf dem bewussten Spaziergange, wo
sich mein Herz Dir ganz aufschloss. Die Erinnerung riss mich dann wieder von der
seligsten Freude zur tiefsten Schwermut hin.« -
    Wie kann ein zärtlicher Liebhaber über eine Liebe freudig entzükt sein, die
er selbst noch auf Hoffnungen hinaussezt? - Der wahre leidenschaftliche Liebhaber
zittert bei einer solchen Ungewisheit, und fühlt nicht eher ruhige Freude, als
bis er mit seinem Mädchen vor dem Altare steht. -
    »O! wenn mir doch mein Schiksal bald die Freude gönnte, Dich, gutes Weib,
für deine ausgestandenen Leiden schadlos zu halten! wie äusserst froh wollte ich
dann sein!«
    Dazu braucht es die Gunst des Schiksals nicht! - Besizt der junge Herr,
Kopf, Talenten, Fleiss, und liebt er Dich ohne glänzende Absichten, dann wird er
auch das Schiksal zwingen können. -
    »Meine Lage ist noch etwas unvermögend, aber sie wird bald besser werden, um
Dich, Teuerste, von meiner Liebe überzeugen zu können.«
    So spricht der Biedermann nicht! - Fühlt er die Unmöglichkeit einer
Verbindung, dann reizt er kein gutes Geschöpf zur Leidenschaft. Liebe, diese
allmächtige Bezwingerin, muss ihm Stärke geben durchzudringen, und dann schildert
er aufrichtig seine Lage und beratschlagt sich darüber mit seinem Liebchen. -
    »Dass ich Dich ohne sinnliche Absicht liebe, das hast Du am Morgen unseres
Abschiedes gesehen. Wusste ich mir nicht zu gebieten? - Sag, hab ich Dich auch
nur mit einer Miene beleidigt? -«
    So etwas ist ja die Schuldigkeit eines jeden ehrliebenden Mannes, wenn er es
mit einem wohlgezogenen Frauenzimmer zu tun hat. - Folglich kein Verdienst,
womit man prahlen soll. -
    »Ehe Du ganz mein bist, will ich unser Band nicht enger knüpfen. - Aber,
hörst Du, ganz musst Du mein werden; das ist der eigentliche Verstand einer
gutartigen Liebe.« -
    Und der Liebe besste Sicherheit, eheliche Verbindung. - Wenn es ihm wirklich
Ernst wäre, Dich zu heiraten, dann würde er deutlicher sprechen. -
    »Wenn Dir etwas zustösst, oder was Dich immer für ein Schiksal treffen mag,
so wende Dich an mich; ich bin ja dein einziger bester Freund!« -
    Hier blikt eine Spure gutes Herz hervor, wenn es nicht Eitelkeit ist.
    Und nun, meine Besste, wären das meine Gedanken über deine neue
Bekanntschaft. - Schlägt dein Herz ohne Eitelkeit, ohne Verblendungssucht, bloss
für mich, dann kannst Du nicht zürnen über die Aufrichtigkeit einer Freundin,
die mit ungeheuchelter Wahrheit bloss für dein Wohl besorgt ist. -
    
                                                                          Fanny.
 
                                  CXLVI. Brief
                                    An Fanny
Aber sage mir, Mädchen, wer sollte auch bei deiner beissenden Rezension gelassen
bleiben können? - Ich habe Dich ja bloss zur Ratgeberin und nicht zur Spötterin
aufgefodert. - Ich dächte, Du wärest dem jungen Mann doch um meinetwegen mehr
Schonung schuldig! - Jeden übereilten Ausdruk von ihm schreibst Du auf Rechnung
seines Herzens. -
    Klugheit und Vorsicht bei der Wahl eines Gatten, fodert die Vernunft, aber
zu viel grillenhafter Verdacht ist immer die Folge eines eigensinnigen
Vorurteils. Wenn wir von den Menschen gar nichts Gutes hoffen dürfen, wer würde
sich wohl wünschen in einer solchen Furien-Welt zu leben? - Unbesonnen würde ich
erst alsdann handeln, wenn ich mich jezt gleich mit ihm verbände - ohne ihn
gründlicher kennen zu lernen. -
    Täglich werden seine Briefe häufiger und feuriger; wenn er mir abwesend so
fleissige Rechenschaft von seiner Leidenschaft gibt - so wird er doch bei meiner
Ankunft nicht wanken. - Muss ich das nicht für Standhaftigkeit halten, da er
freie Wahl hätte es zu unterlassen? - Ich habe wirklich Beweise seines guten
Herzens. - - Die übrigen Fehler, die deine Menschenkenntnis in ihm zu entdekken
glaubt, will ich jezt in der Entfernung nicht untersuchen. - Zeit genug, wenn
ich einstens wieder in seiner Vaterstadt anlange. - Alles was ich tun kann,
ist, mich bei meiner Ankunft keiner zu heftigen Schwärmerei zu überlassen, wenn
ich bis dortin Veränderung in seinen Briefen entdekken sollte. -
    Mehr kannst Du von einem Weibchen nicht fodern, deren empfindsames Herz Du
kennst. - Die wenigen Zweifel, die mir leztin noch aufstiegen, sind nun durch
seinen fleissigen Briefwechsel fast ganz in mir erloschen. Warum soll er mir die
feurigste Leidenschaft und die sehnsuchtsvollste Liebe vorplaudern, wenn er
flatterhaft genug wäre, in seiner Vaterstadt Befriedigung zu suchen? - Warum
soll er gegen eine Abwesende ohne den mindesten Vorteil heucheln? - Warum soll
er ein gutes Herz zur Leidenschaft reizen, wenn er Bösewicht genug sein könnte -
schönere, reichere Frauenzimmer zum Verführen zu finden? -
    Geh - geh - Fanny, einer solchen teuflischen Heuchelei ist er doch nicht
fähig! - Kennt er mich nicht aus meinen Briefen? - Weis er nicht, dass er es mit
keinem Alltags-Geschöpfe zu tun hat, die er aus Eitelkeit, oder aus Leichtsinn
äffen kann? - Liebe ist bei mir keine Galanterie. - Ich bin ein biederes
teutsches Weib; habe ihm meine ganze Lage, alle meine Fehler und Schwachheiten
zum voraus geschildert; wenn er nun troz dem ein wankelmütiger Knabe sein will,
dann verzeih ihm's Gott! - Gesezt auch, er wäre eine elende Memme, die sich vom
Vorurteil unter die Rute beugen liesse, was verlöre ich denn auch an so einem
Geschöpf? - Ich glaube, mein Selbstgefühl, mein Stolz würde mich nach so einer
Ueberzeugung noch vom Altar zurückreissen - und wenn mein leidenschaftliches Herz
auch darüber in Stükke zerspränge! -
    Es ist wahr, ich liebe heftig; - aber mein Kopf, meine Ehrliebe, ist doch
fähig, meiner Leidenschaft zu gebieten, so bald ich Fehler in einem Gegenstand
entdekke, die ich als Denkerin verabscheuen muss. - So sehr dieser Junge mein
Zutrauen besizt, eben so schnell würde er meiner Verachtung teilhaftig werden,
wenn ich von seiner Unwürdigkeit überzeugt würde. - Aber mein gutes Herz von so
etwas zu überzeugen, das wird schwer halten! - Falschheit in der Liebe ist mir
unbegreiflich! - Eitelkeit und Eigenliebe mischen sich dann auch gerne in die
Liebe; und man ist gar zu sehr geneigt sich davon blenden zu lassen und jeden
Widerspruch zum eigenen Vorteil auszulegen. -
    Er schwärmt izt ausserordentlich in seinen Briefen - spricht von den
Seligkeiten einer glücklichen Ehe u.s.w. - Wenn er bei meiner Ankunft so
fortfährt, dann bin ich glücklich! - Aber mit durchdringender Aufmerksamkeit will
ich ihn beobachten. Für mich bleibt er die einzige Hoffnung - und ich zittere bei
dem Gedanken einer Untersuchung. - Ich schenkte ihm mein ganzes Zutrauen - er
bewies sich menschenfreundlich! - O er ist gewis unfähig eine gute Seele
unglücklich zu machen - die ihm nichts zu Leide tat! -
    Rietest Du mir nicht selbst, liebe Freundin, mich bald wieder mit einem
Gegenstand zu vereinigen? - Die Männer, die einen guten moralischen Karakter
verraten, sind nicht so häufig zu finden. - Also, meine Besste, keine Vorwürfe
mehr, wenn ich für diesmal meinem guten Herzen folge. - Deine Dich immer
liebende
    
                                                                         Amalie.
 
                                 CXLVII. Brief
                                   An Amalie
Dacht ich's doch, liebes Malchen! - Dacht ich's doch! - dass Du mir meine
ungeheuchelte Sprache übeldeuten würdest. So bitter behandelst Du deine Fanny? -
Du brandmarkest sie gar zur boshaften Spötterin, - da ich Dir doch bloss aus
reifer Ueberlegung meine Herzens-Meinung schrieb. - Warum soll ich glimpflich
gegen den jungen Mann verfahren, wenn er mit aller Macht des Leichtsinns auf
deine Ruhe losstürmt? -
    Liebe kann Dich, gutes Weibchen, zur glücklichsten Gattin, aber auch zur
unglücklichsten Märtirerin machen - wenn Du von ihr betrogen wirst. - Ich wünsche
deinem fühlenden Herzen eben so sehr Liebe, als ich mir Mühe gab, Dich gut
wählen zu machen. - Hat Dich der Schaden noch nicht klug gemacht? - Bist Du noch
immer so guterzig und leichtgläubig? - Kennst Du deine Heftigkeit nicht, wenn
Du Dich in eine Leidenschaft hineinwagst? - Sei nicht schwach, meine Amalie! -
Prüfe, ehe Du Dich derselben überlässest! - Wenn der junge Mann Dir auch alle
Minuten noch wärmere Briefe schriebe, so ist das doch kein Beweis seiner
Standhaftigkeit. - Deine Briefe schmeicheln seiner Eitelkeit; und da ihn niemand
im Schreiben stört, so kann er leicht seine augenblikliche Schwärmerei aufs
Papier hinkrizzeln. -
    O, ich bitte Dich, schränke dein Zutrauen ein, bis Du ihn näher kennen
lernst. - Bedenke, was das für dein gutes, weiches, vortrefliches Herz für ein
Schlag sein würde, wenn sein Feuer eben so schnell wieder verlösche, als es
aufbrasselte? - Der edle Stolz würde freilich deinem Herzen nach und nach
gebieten, aber doch gewis nicht unter geringem Leiden! - O wann das Herz einmal
spricht, dann kostet es die schröklichste Gewalt, es unter die Vernunft zu
beugen. - Ich beteuere Dir ein für allemal, seine Briefe, die Du mir
mitteiltest, können mir durchaus nicht gefallen! - Er spricht nicht als Mann -
denkt an keine Zukunft, macht keine vernünftige Plane zu einer Vereinigung,
verteidigt Widersprüche, und scheint äusserst zaghaft zu sein. - So viel kann
ich Dir bei dem unauslöschlichen Feuer meiner freundschaftlichen Liebe schwören!
-
    Freundin! - Freundin! - Du verkennst mein Herz, oder willst es mit Gewalt
verkennen, wann man deine gespannte Einbildungskraft an Klugheit erinnert! -
Hast Du mir wegen meiner Leidenschaft nicht auch derbe Dinge gesagt? - Und sag,
brauste ich je darüber auf? - Da ich doch meines Karls Denkungsart schon Jahre
lang geprüft hatte! - Gott! soll ich so eine edle, biedere Seele, die durch ihre
Redlichkeit jeden Vorzug verdient, hintergehen lassen? - Du bist keine
törichte, gefühllose Kokette, um eine Falschheit leichtsinnig ertragen zu
können, die Dir vielleicht ein unbesonnener, eitler Gek zubereiten will. - Weist
Du nicht, dass uns Weibern keine Rache bei dem schändlichen Verfahren eines
solchen Bubens übrig bleibt; dass wir im Gegenteil nur Spott und Hohn von einer
Welt zu gewarten haben, worinnen so Wenige wahre Liebe verstehen? -
    Geh hin und weine dann in einem solchen Falle einer vermeinten Freundin vor;
und sie wird Dir mit ihrem kalten, unmoralischen, lieblosen Herzen unbarmherzige
Vorwürfe über deine Leichtgläubigkeit machen; denn das ist die Art der meisten
Weiber, die bloss Genuss und Koketterie kennen. - Aber ich, meine Amalie, will
Dich auch im Unglück - wenn es Dich treffen sollte - sanft behandeln, - so rasch
auch immer dein lezter Brief war. -
    
                                                                          Fanny.
 
                                 CXLVIII. Brief
                                    An Fanny
Verzeihung, Edelste! - Verzeihung einer Undankbaren, die Dich im lezten Briefe
mit so übereilter Hizze behandeln konnte! - Ich mache mir izt selbst die
bittersten Vorwürfe über die tolle Eigenliebe, womit ich Dir widersprach. - Du
sollst sehen, dass ich in der Bekanntschaft mit dem jungen Mann mit aller
Vorsicht handeln will. - Indessen muss ich seine Liebe doch zu unterhalten
suchen, weil sie mir bei meiner Rükkunft in St... Erleichterung meines Schikals
verspricht. - Durch dieses Freundes Vermittelung wird mich dann der Direktor mit
mehrerer Schonung behandeln müssen. - Es wäre überflüssig, Dir die vielen
Schikanen zu schildern, womit mich izt der alte Sünder und sein löblicher Anhang
zu unterdrükken sucht. - Seit etlichen Monaten wurde mir kaum eine gute Rolle zu
Teil. - Die übrige Zeit sizze ich müssig, oder muss dann zum Notstok dienen,
wenn eine andere Schauspielerin gähling krank wird. - Es ist unverantwortlich,
wie der Idiot mit mir verfährt! - Die gränzenlose Eitelkeit seines Weibes und
seiner Mätresse zwingen den Dummkopf wider seinen eigenen Vorteil zu handeln. -
Leztin schikten sogar einige Herrschaften ihre Bedienten in meine Wohnung, und
liessen sich um die Ursache erkundigen, warum ich so selten auf der Bühne
erschiene. - Als sie erfuhren, dass es aus Kabale geschähe, stellten sie den
Direktor darüber zu Rede, der sich aber durch allerlei Lügen meisterhaft aus der
Sache zu ziehen wusste. - Mir ist eine Besoldung zur Last, die ich im Stande bin
ohne Faullenzen und Müssiggang durch mein Talent zu verdienen. -
    In wenig Wochen kehrt die Gesellschaft nach St... zurück; dann muss sich das
Blatt wenden!
    Indessen höre ein allerliebstes Abenteuer, das mir hier begegnete: - Ein
gewisser Fürst von *** besuchte vor einigen Tagen inkognito unsere Bühne, sah
mich, und bekam die Grille mir ein Billet zuzusenden, wovon ich Dir die
Abschrift, so wie von meiner Antwort beischliesse, damit Du sehen kannst, wie
bescheiden ich ihn zurückwies. -
    Grosse Herren haben grosse Schwachheiten; - das ist nun einmal richtig. - Bis
izt hat mich mein Gesicht, das auf keine blendende Schönheit Anspruch machen
kann, noch ziemlich vor solchen Avanturen geschüzt; - und ich war dessen
herzlich froh; - denn ich hielt es immer für die grösste Beleidigung, bei den
Männern bloss aufs Sinnliche zu wirken. -
    Darinnen ist gewis meine Denkungsart von derjenigen anderer Weiber sehr
unterschieden; und wenn mir auch die Natur alle mögliche Reize zugeteilt hätte,
so würde ich sie in der Liebe doch nur als ein glückliches Ungefähr betrachten, -
als eine Gabe, die beim geringsten Fieber verschwinden kann, und alsdann so
vielen Frauenzimmern bloss einen leeren Schädel zurücklässt; durch welche
Veränderung ihnen die Eroberungen, die bloss auf das Körperliche angesehen waren,
eben so geschwind wieder entgehen, als sie dieselben gemacht hatten. -
    Der denkende Anbeter liebt ein mittelmässiges Gesicht auch schwärmerisch,
wenn angenehmer Umgang, Geist, Herz und Vernunft eines Frauenzimmers seine
Einbildungskraft zu beschäftigen wissen. - Die Schönheit verliert durch die
Gewohnheit; die mittelmässige Gestalt hingegen gewinnt durch die Reize des
Geistes, die keine Gewohnheit verältert. - Ein Philosoph - ein Denker muss noch
mein Mann werden - oder ich heisse nicht
    
                                                                         Amalie.
                          Billet des Fürsten von ***.
                                   Madame! -
Ich habe Sie gestern in einem Trauerspiel spielen gesehen. - Das Feuer, womit
Sie in Affekt gerieten, gefiel mir äusserst, und brachte mich auf den Gedanken,
dass in Ihrer Seele Anlagen zu heftigen Leidenschaften liegen müssen. - Um dieses
Vorzuges willen könnte ich leicht Ihre mittelmässige Bildung einer Schönheit
vorziehen. - Ich liebe eigentlich rasche Frauenzimmer, und duldete noch nie an
meinem Hofe kaltblütige Schlafmüzzen. -
    Zu dem hat man mich auch versichert, dass Sie Vernunft und Bildung besässen;
welches bei ihrem lebhaften Geiste leicht zu glauben ist. - Können Sie sich
entschliessen bei mir die Stelle einer Gesellschafterin anzunehmen, so soll Ihre
ohnehin misvergnügte Lage bald eine bessere Wendung bekommen. -
    Ich bin zwar nicht mehr in den Jahren, wo ich Ihnen gefallen kann; - aber
meine Bemühung soll Sie ein kummervolles Leben vergessen machen; und die werden
Sie doch nicht mit Undank belohnen wollen? - Ich erwarte eine Antwort, und bin
    
                                                    Ihr geneigter Fürst von ***.
                                    Antwort.
                              Ihro Durchlaucht! -
Wenn Ihnen mein gestriges Spiel gefiel, so bin ich unendlich für meine Mühe
durch Ihren gnädigen Beifall belohnt. - Uebrigens bin ich gewis, dass alles Feuer
meiner Leidenschaften nicht für Ihro Durchlaucht taugen wird, wenn ich Sie
versichere, dass eben diese Leidenschaften unter der Herrschaft meiner Vernunft
stehen, und nach meinen Grundsäzzen nie ins Sinnliche ausarten dürfen. -
Obgleich Sie meiner mittelmässigen Bildung die Gnade anbieten, sie einer
Schönheit vorzuziehen, so würde mir doch mein grossmütiger Stolz nie erlauben,
Dero geschmakvollen Sinnen Zwang aufzubürden. -
    Dass Ihro Durchlaucht rasche Frauenzimmer lieben, ist leicht zu vermuten: -
Der Überfluss, worinnen Sie als Fürst leben, kann Ihre Leidenschaften leicht in
den Grad der Wärme bringen, worinnen Sie dann gerne den Wiederhall in Andern
erblicken möchten. -
    Ob ich nun Vernunft und Bildung besizze, darf ich aus Bescheidenheit nicht
selbst entscheiden. - Aber so viel liegt unstreitig in meiner Erziehung, dass ich
mich nie entschliessen könnte, die Gesellschafterin eines Fürsten zu werden, der
mich bloss zum Zeitvertreib wählte, da indessen mein feineres Gefühl sich darüber
empören würde. -
    So misvergnügt meine Lage auch immer ist, so geniesse ich doch einer Ruhe,
die mir aller Glanz nicht verschaffen könnte. - Auch denke ich zu redlich, um
Ihro Durchlaucht in Dero Jahren zu hintergehen; und ich bin nicht gesonnen meine
Neigung um Wohltaten hinzugeben, wozu mir weder mein Stand noch mein Herz
Erlaubnis gibt. -
    Ihro Durchlaucht werden geruhen, einem Frauenzimmer diese lebhafte
Aufrichtigkeit nicht übel zu deuten, die gewohnt ist, gerade so bieder zu
sprechen, als sie denkt. -
    In dieser Zuversicht habe ich die Ehre mit aller Untertänigkeit zu sein
    
                                                                         Amalie.
 
                                  CXLIX. Brief
                                    An Fanny
                              Liebste Freundin! -
Die unerträglichsten Verdriesslichkeiten, die ich eine Zeit her von meinem
starrköpfigen Direktor zu dulden hatte, hielten mich so lange ab, Dir meine
Ankunft in St... zu melden. - Ohne mein Bischen Philosophie würde mich der
Verdruss in meiner jezzigen Lage umbringen! - Die Verfolgungen des Direktors sind
so stark, dass es einige Personen versuchten, mir bei dieser Gesellschaft von
Teufeln Ruhe zu schaffen. - Aber was kümmert sich der Direktor ums Publikum,
dessen allgemeine Nachgiebigkeit er kennt? -
    Nun gibt er mir durchaus unbedeutende Nebenrollen, welche ich, ob sie
gleich ausser meinem Fach sind, annehme, um täglichen Zänkereien auszuweichen. -
Doch meiner Nachgiebigkeit ungeachtet, die ihn nur noch dreister machte, drang
er mir leztin wider alle Billigkeit eine sehr starke Rolle auf, die ich wegen
Kürze der bestimmten Zeit nicht einzustudieren vermochte. - Und sieh da, der
Erzbösewicht benuzt diese gesuchte Schikane, und dankt mich unter dem Vorwand,
als wäre ich eine nachlässige Schauspielerin, plözlich ab, ob ich ihn gleichwohl
sehr dringend bat, das Stük nur auf einige Tage zu verschieben.
    Zu meinem Glükke waren seine Briefe noch in meinen Händen, worinnen er mir
auf ein Jahr Engagement anbot, wenn ich dem hiesigen Publikum gefallen sollte. -
Was blieb mir also übrig, als ihn zu verklagen, wenn gleichwohl der hochmütige
Narr darüber fast unsinnig wurde, als ihn das Gericht zur Erfüllung seines Worts
anhielt? -
    Noch blutet mein Herz, wenn ich an die pöbelhaften Grobheiten denke, mit
denen ich von diesem ungezogenen Flegel bei diesem Vorfall überhäuft wurde. -
Die bitterste Galle, die unverschämtesten Lügen geiferte er mir so lange ins
Gesicht, bis ihn die Richter endlich schweigen hiessen. - Er musste sogar
versprechen, mir in Zukunft passende Rollen zuzuteilen. - Aber so etwas lies
Herr Urian wohl bleiben, sonst würde ihm seine hizzige Ehehälfte die Perükke vom
Kopfe gerissen haben, so sehr war sie gegen mein Spiel erbittert! - Das
ehrgeizige Geschöpf muss sich selbst wenig Talent zutrauen, weil sie neben sich
keine andere gute Schauspielerin dulden will. - Ist das nicht ein redender
Beweis ihrer Schwäche? - Beweist sie durch diesen Neid nicht deutlich genug, dass
sie leicht kann übertroffen werden? - Je mehr andere Schauspielerinnen mit mir
in die Wette spielen, desto lieber ist es mir. - Dann bekomme ich erst Anlass
meinen Fleiss anzustrengen und mich zu üben. - So denke ich über diesen Punkt. -
Das hiesige Publikum könnte leicht dieser Kabale vorbeugen, wenn es unter sich
einstimmiger wäre und mit vereinigten Kräften sich an den Eigensinn des
parteiischen Direktors wagte; - aber so etwas ist bei der Disharmonie, die unter
demselben herrscht, nicht zu hoffen. - Ich muss also wohl mein Geschik noch
einige Monate gelassen ertragen lernen, da ich es doch nicht auf der Stelle
ändern kann. -
    Der junge Mann, mein Freund, bezeugte sich bei diesen Streitigkeiten sehr
menschenfreundlich, und lies gegen mich viel gutes Herz blikken. - Fast hätte
ich ihm bei diesem Anlass auch Standhaftigkeit in der Liebe zugetrauet. - Schon
sprach mein dankbares Gefühl zu seinem Vorteil; - als er mich plözlich durch
sein unbesonnenes Betragen, durch sein wildes Wesen im Umgang vom Gegenteil
überzeugte. - Er scheint mir izt in der Liebe ganz und gar meinen Forderungen
nicht zu entsprechen - eben so wenig als meinem Ideal, das ich mir aus seinen
schwärmerischen Briefen zusammenfantasiert hatte. - Hätte ich ihn doch keine
Neigung merken lassen! - Zwar erneuert er seine Liebe gegen mich durch öfter
wiederholte Schwüre; aber seine flüchtigen Besuche, seine leichtsinnigen Launen
machen mich zittern! - Und doch bin ich Törin genug, diesen Spuren seiner
Flatterhaftigkeit einen guterzigen Anstrich zu geben. - O Weiberherz, wie
truglos bist du, wenn keine grobe Leidenschaften deine Gestalt verunedelt haben.
- Nächstens eine nähere Beschreibung von ihm. - Lebe indessen zufrieden in den
Armen deines vortreflichen Karls. -
    
                                                                         Amalie.
 
                                   CL. Brief
                                   An Amalie
Nu, nu, liebes Herzens-Malchen, ich habe Dir ja schon lange verziehen! - Ich war
nicht einmal böse auf Dich. - Und damit Du siehest, dass mir meine gute Laune
recht Ernst ist, so will ich Dir heute eine recht freudige Nachricht mitteilen:
- In Zeit von neun Monaten gehe ich mit meinem Karl... wohin meinst Du wohl? -
Zum Altar, meine Traute! - O freue Dich doch mit mir, meine Teuerste! freue
Dich mit mir! - Nun sollen bei dieser Aussicht deine Schiksale bald ihr Ende
erreichen; - und Du geniessest dann an meinem Busen jene ruhige Wonne der
unzertrennlichsten Freundschaft! -
    Streite bis dortin noch mutig deinen Widerwärtigkeiten entgegen; bald sind
sie überstanden, und ich teile dann mit Dir alles, was der Himmel mir an
Glüksgütern schenkte. -
    Karls Familien-Hindernisse sind izt alle gehoben, und der gute Junge taumelt
vor Entzükken über diese glückliche Veränderung. - Kaum kann der liebe Schwärmer
den Augenblick erwarten, der ihn zum zärtlichsten Gatten einweihen wird! -
    Schreibe doch geschwind an Malchen! - schrie er mir zu; - und ich musste nach
der Feder greifen. - Ich sollte Dir zwar heute deine drei Briefe nach der Reihe
beantworten. Aber kannst Du das von einer entzükten Braut fodern? - Ueberdies
mag ich Dir die erzschlechte, niederträchtige Behandlung deines Direktors nicht
ins Gedächtnis zurückrufen. - Also weg von diesen unangenehmen Erinnerung, und
hin zu deiner Fürsten-Anekdote, worüber ich und Karl aus vollem Halse lachten! -
    Du hast ihm seine Anträge mit dem feinsten Spott erwiedert. - Ich möchte
sein gnädiges Gesicht beobachtet haben, als er dein Billet las! - Denn die
grossen Herren sind meistens daran gewöhnt, mit Geld und Despotismus überall
durchzudringen. -
    Bald, meine Besste, sollen alle diese Erniedrigungen aufhören! - Ei dass dich!
- Sieh, sieh, Karl lässt mich vor seinen Küssen nicht weiter schreiben. Du musst
also schon für heute zufrieden sein mit deiner bessten, liebsten
    
                                                                          Fanny.
 
                                   CLI. Brief
                                    An Fanny
Die Ueberraschung, als ich dein Glük vernahm, hat mir eine dankbare
Freuden-Träne entlokt! - Warm dankte ich dem Schöpfer für die ewige Verbindung
zwoer so edler Seelen! - Aber darf ich es wohl ohne Erröten gestehen, dass mich
dein gütiger Antrag nicht so ganz entzükte, als es seine Grossmut verdient
hätte? - Es blieb in meinem Herzen ein gewisses unbefriedigtes Etwas übrig. -
Und was meinst du wohl, dass es sein möchte? - Ists möglich? - Du bist Braut,
schwärmst in den Armen der Liebe, geniessest Seligkeiten, um die Dich Engel
beneiden, kennst mein Gefühl, und errätst es doch nicht! - Auch mein Herz
klopft einem Gatten entgegen! - Auch ich nährte Hoffnungen, auf die ich schon
lange eine idealische Glükseligkeit gründete! - Auch ich suchte schon lange
einen biederen teutschen Jüngling - aber umsonst! -
    Die Liebe warf mir in meiner Geburts-Stunde ihren Fluch zu! - Für mich hat
der Himmel Niemand geschaffen, der mir mit Gatten-Liebe die Beschwerlichkeiten
des Lebens tragen hälfe! - Selbst die Bekanntschaft mit dem jungen Manne wird
mir fehlschlagen; ich ahnde mein Schiksal schon zum voraus! - Deine
Prophezeihung trift ein! - Lies folgende Karakteristik von ihm, die ich bloss für
Dich entwarf. -
    Im Grunde ein gutes Herz, aber dabei flüchtig, eitel, und ohne feste
Grundsäzze. - Überfluss an Wankelmut, der aus Mangel an Ueberlegung entsteht
und den lokkern Jungen eben so geschwind wieder von der Liebe wegreissen wird,
als ihn Lebhaftigkeit des Temperaments daran fesselte. -
    Hinlängliche Vernunft, Gutes vom Bösen zu unterscheiden, doch zu faselnd, zu
zerstreut, um darüber nachzudenken. - Nicht fühllos, aber vom übeln Beispiel und
französischer Galanterie schon zu sehr verdorben, empfindet er die Liebe nur
augenbliklich und verliert dieses Gefühl eben so leicht wieder, wenn ihn neue
Reize oder Eitelkeit zur Ausschweifung einladen. - Nur selten überdenkt er eine
Sache, handelt meistens aus Ungefähr, wie es der Anlass gerade mit sich bringt. -
Sein Entusiasmus in der Liebe ist Stroh-Feuer, brennt schnell, brasselt,
stinkt, und verlöscht! -
    Guterzigkeit treibt er bis zur Verschwendung, nur nicht aus Grundsäzzen,
mehr aus Schwachheit, als aus Ueberlegung. - Oft offenherzig bis zur
Unbesonnenheit, und dann wieder zur Unzeit verschlossen, bis zur Heuchelei und
Lüge. - Roh, unbescheiden gegen unser Geschlecht - und in gewissen
leichtsinnigen Augenblikken der ungereimteste Wildfang, den ich je kannte. - Er
studiert weder sein eignes Herz, noch seine Leidenschaften; seine Grundsäzze
sind zusammengeraffte Waare, die ein widersprechender Hauch zertrümmern kann! -
Ueber sich selbst denkt er nie nach, als wenn ihn Widerwärtigkeiten oder
Langeweile dazu zwingen. - Rasch in seinen Entschlüssen, aber verzagt wie ein
Kind, wenn er Widerstand findet. - Das sanfte Gefühl der Liebe kennt er nur aus
Büchern. - Sein Herz wäre vielleicht noch einer Besserung fähig, wenn wahre
Liebe die Seele zum Denken, zur Sanftmut und zur strengsten Untersuchung seiner
Handlungen leitete. - Doch dazu glaub ich nicht, dass es mit ihm ein Frauenzimmer
bringen wird, und wenn sie auch aus dem Elysium käme! - Welche Sterbliche wäre
wohl fähig, Lügen aus einem Herzen zu tilgen, die durch Leichtsinn, Gewohnheit,
Flatterhaftigkeit schon so tief hinein gegraben wurden? -
    Durch die sanfte, nachgebende Güte eines Weibes wird er noch zügelloser, -
das habe ich schon erfahren - und durch strenge Vorwürfe wird er gar halsstarrig
- und verzagt. -
    Das ist ungefähr das Bildnis dieses Jünglings, der dem allem ungeachtet doch
so artige Briefe schrieb, die mich zu seinem Vorteil einnahmen. - Gute Nacht,
Liebe! - Gute Nacht! -
    
                                                                   Deine Amalie.
 
                                  CLII. Brief
                                    An Fanny
Nun, da haben wir's ja!!! - Sagt ich's nicht zum voraus, der milchbärtige Junge
würde wie eine feige Memme zurückbeben, wenn das Bürger-Vorurteil die Zähne
gegen ihm blökte? - Da haben ihm einige alte Weiber unter seinen Verwandten
wegen meiner Bekanntschaft die Rute gezeigt, und der furchtsame Knabe verkroch
sich dann zitternd in den Winkel. -
    Unsre jezzigen Jünglinge gleichen den alten Biedermännern eben so an
Standhaftigkeit, als wie die Mükke dem Elephanten an Stärke.
    Die hinfälligen, morschen Buben krochen unsern Alten aus ihren
Schweislöchern. - Die Natur wollte sich vom Unrat reinigen, dann schuf sie
Jünglinge fürs achtzehnte Jahrhundert. -
    Weiber, die beim Zukkerbrod erzogen wurden, beschämen diese ohnmächtige
Auswürflinge durch Redlichkeit, Stärke des Geistes und Festigkeit des Karakters.
- Geschöpfe, die vom Vorurteil unter Schwächlinge gerechnet werden, machen
diesen unbärtigen Bastarten das Wort Mann, streitig. -
    Pfui! - dass sich doch die Lüge keinen bessern Stoff wählte, als in diesen
Unwürdigen liegt! - So weit sank die Redlichkeit, dass sich sogar die Unwahrheit
ihrer schämt. -
    Männer-Kraft, Seelen-Stärke, Ehrlichkeit sind unter den teutschen Jünglingen
in Staub gesunken. - Die Natur verlängert die Tage dieser kraftlosen Insekten
bloss darum, damit sie bei guter Laune über ihre erzeugten Misgeburten spotten
kann, die sie während einer Verstimmung aus Zorn schuf. - Wenn die Alten ihr
Wort hingaben, dann wurde es mit Wahrheit versiegelt und mit Redlichkeit
gehalten. - Aber wenn unsere jezzigen Milchbuben Treue schwören, dann wird sie
schon zur Lüge, noch dieweil der modische Süssling im Begriffe ist, den schlaffen
Handschlag zu tun. -
    Ha! - Wäre es doch unter uns Weibern eingeführt, dergleichen schmelzende
Zukker-Püppchen mit dem kleinen Finger zu zerquetschen; mit welcher Herzens-Lust
würde ich die erste Ausführerin dieser Rache werden! - Bei einer Treulosigkeit
schlägt sich das andere Geschlecht mit den Waffen; nur für uns ist keine
Verteidigung übrig! - Wir bleiben ewig das Spielwerk jedes mutwilligen Buben,
der sich's erlaubt, unter teuflischer Heuchelei um unser Herz zu buhlen! - Aber
bei meinem Stolz sei's geschworen; ich will mich in Zukunft an diesem
verräterischen Geschlecht rächen! - auf eine Art rächen, die nicht alltäglich
sein soll! - Mein Herz soll schweigen - meine sanften, redlichen Gefühle sollen
schlafen, und meine Zunge soll so lange eine täuschende Neigung heucheln, bis
ich die Träne irgend eines leidenschaftlichen Anbeters unter schmerzlicher
Verwirrung, unter ängstlicher Ungewisheit von seinem unruhigen Auge rollen
sehe!!! - O, und dann soll stolze, kalte Fühllosigkeit, bitteres Gespött über
das männliche Aftergefühl, der Lohn seiner Leiden sein! -
    Du weist, dass ich nicht eitel bin; - aber alle weiblichen Kunstgriffe will
ich von nun an aufbieten, um die schläfrigen Sinnen der Männer anzureizen, und
sie dann so lange mit Falschheit foppen, bis sie ihren wenigen moralischen Wert
selbst einsehen lernen. - Wenn ich mir je ausgezeichnete körperliche Reize
gewünscht hätte, so wäre es gewis zu dieser Stunde. - Doch auch meine wenigen
Reize sollen hinlänglich sein, mit Beihülfe meines Wizzes ein Geschlecht bei der
Nase herumzuführen, worunter die meisten ihre Schand-Herzen, den armen
leichtgläubigen Weibern zur Schau tragen. - Es soll mir herzlich lieb sein, wenn
ich in öffentlichen Gesellschaften die herumfaselnden Jungen an einander hezzen
kann, - die, so flatterhaft sie auch immer sind, doch wenigstens durch mich von
ihrer beleidigten Eitelkeit sollen gequält werden. - Der Ruf meines
unterhaltenden Umgangs zog mir immer teils neugieriges, teils eitles
Männer-Volk zu. - Aber kommt nur, ihr nasenweise Lekker, ihr falschen
Krokodillen, ihr sinnlichen Weichlinge; ich will euch begegnen, wie es euer
Geschlecht verdient! - Die wenigen Guten darunter bleiben ohnehin an dem treuen
Busen ihrer Mädchen hangen, und für die übrigen herumirrenden Lotterbuben ist
die boshafteste weibliche Intrike noch eine zu barmherzige Strafe. -
    Gott! so weit treibt mich der Gram meines mishandelten Herzens! - So
schröklich empört sich mein hintergangenes Zutrauen, das mich beinahe
unversöhnlich macht! - Nichterwiederte Redlichkeit wütet grässlich in einem
Herzen, darinnen edler Stolz wohnt! - Der schüchterne Hase schrieb mir meinen
Abschied, worinnen After-Moral und sehr falsche Grundsäzze herrschen, -
vermutlich um dadurch seinen Wankelmut zu entschuldigen. - Doch bei mir
entschuldigt ihn Nichts! - Die Schwüre der Liebe, die ein Mann einem
unbescholtenen Weibe ablegt, kann Nichts brechen, als boshafter Meineid, oder
Tod. - Zu einer solchen Standhaftigkeit braucht's weder Romanen-Tugend, noch
überspannte Ideen, sondern edler männlicher Stolz, Feinheit des Gefühls und
Ueberlegung, ehe man ein fühlendes Weiber-Herz zur Liebe reizt. -
    Schiksale, Verfolgungen, schlechte ökonomische Umstände müssen unter zwei
bieder Liebenden wechselseitig getragen werden, sonst sieht die Liebe einer
verräterischen Betrügerei ähnlich, die sich bei jedem Zufall aus schändlichem
Eigennuz an der Standhaftigkeit rächt. - Gerne hätte ich dem Wortbrüchigen diese
derben Wahrheiten mündlich unter die Augen gesagt; aber er floh meine Gegenwart,
scheute meinen Anblik, wich mir aus, und schien sich aus bösem Gewissen nicht
verteidigen zu wollen. - Dann riss ich in der ersten Hizze sein Bildnis von der
Wand und trat es mit Füssen! -
    Eine Zeitlang kämpfte ich noch mit beleidigtem Stolz und gutem Herzen. -
Endlich siegte der erstere und gab mir wieder jene ruhige Richtung, die immer
den lindernden Trost eines Unschuldigen ausmacht. -
    Das wäre nun der Gang einer Geschichte, die ich aus meinem Gedächtnisse
verbannen will. - Vielleicht habe ich sie mir auch selbst zu verdanken; warum
war ich nicht mistrauischer? - warum hörte ich nicht genug auf deine Warnungen?
- warum lies ich mich durch einige Duzzend Briefe betören, die aus Eitelkeit an
mich geschrieben wurden? - Merkt's euch, Freundinnen! - so giengs der
guterzigen
    
                                                                         Amalie.
 
                                  CLIII. Brief
                                    An Fanny
Meine neue Lebensart tut herrliche Wirkung! - Ich werfe in öffentlichen
Gesellschaften mein Nez aus, fange lüsterne Fliegen, und lasse sie dann wieder
aus, wenn ich sie genug gequält habe. Die Zahl meiner kriechenden Sklaven
vermehrt sich täglich. - Ich sehe sie mit kaltem Gefühl kommen, und lasse sie
wieder mit leerem Herzen abziehen. - Es ist doch ein elender, freudenloser,
bettelmässiger Zustand um ein Herz ohne Liebe! - Aber es ist auch ein
schaudernder Gedanke um die Furcht betrogen zu werden! -
    Also wieder zu meinen Müssiggängern zurück, die in galanter Beschäftigung um
mich herumsumsen. - Wie sich die eiteln Toren zu mir hindrängen! - Wie sie um
meine spöttische Unterhaltung wetteifern! - Wie einer den andern zum kritisiren
reizt! - Wie jeder mit Emsigkeit um den Vorzug buhlt! - Und wie ich troz alle
dem dies Fliegen-Geschmeiss in einer gewissen Entfernung zu erhalten weis, dass
keiner unverschämt wird. - Das ist wahrlich kein kleines Studium. - Die Klugheit
eines Weibs hat doch gränzenlose Auswege, wenn sie Welt- und Menschenkenntnis
besizt. - Es soll mir gewis keiner meinen Plan verderben, eh ich des Plagens von
selbst müde werde; - dann will ich mich in philosophischer Stille der Einsamkeit
zuziehen, und lachen, oder weinen, wie es meine Laune mit sich bringen wird. -
Ich habe meine Helden in Klassen eingeteilt, und weis jedem nach Verdienst zu
begegnen. - Alle tragen ihre Schellen-Kappen, und jeder behauptet seinen eigenen
Ton. - Zum Exempel: -
    Der Dummkopf schwazt Unsinn; der Prahler schwadronirt; der Stuzzer spricht
von wichtigen Kleinigkeiten; der Waghals poltert; der Hagestolze schimpft über
die Ehe; der Vielwisser lässt Lügen schneien; der Grosssprecher rühmt sich
ungeschehener Dinge; der Zier-Affe seufzt über die feuchte Witterung; der Gek
lässt sich bewundern und erzählt seine Eroberungen; der Wollüstling bietet seine
Schatulle an; und der verhärtete Bösewicht posaunt die genossenen
Gunstbezeugungen aus; u.s.w. - Kurz, jeder tut das seinige, um mir die
Langeweile zu vertreiben, oder einem Nebenbuhler Galle zu machen. - Das
Ungeziefer vertilgt sich selbst untereinander. - Sie nekken, foppen, schikaniren
sich, verdrehen einander die Worte, dass es einem wahren Lustspiel ähnlich sieht.
- Ich nehme dann oft die Partei von diesem; satirisire einen andern, beschäme
einen dritten, oder nekke einen vierten, bis keiner mehr weis, wo ihm der Kopf
sizt. - Dann stehen sie da, die Maulaffen, starren sich wechselsweise an, und
lachen einander selbst aus. - Dazu hab ich's schon öfters gebracht. - Eine
meiner Freundinnen, ein biederes, braves Weib, die mein schuldloses Herz kennt
und bei dergleichen Auftritten immer an meiner Seite sizt, lacht oft aus vollem
Halse, und wünscht ihnen dann beim Weggehen gute Verdauung! - Nur einer von
diesen Schmetterlingen macht sich besonders zudringlich. - Die Natur macht ihn
zwar durch sichtbare Merkmale kennbar, die jedes gutgesinnte Herz vor ihm warnen
können. - Wahrlich, die Natur lügt nicht an ihm; denn seine Seele ist eben so
verdreht, eben so disharmonisch, wie der schielende Blik seiner Augen. Er kann
schleichen, heucheln, lügen, betrügen, hofiren, spioniren, karessiren, prahlen,
verläumden, Ehr abschneiden, - alles in ausgelernter Uebung. Seinen welken
Körper, seine kranke Seele trägt er überall an, und wird auch überall
abgewiesen. - Er besizt die unverschämte Kühnheit, alle Frauenzimmer nach einem
Schlag zu beurteilen. Die vielen Lustnimphen, die er ehedessen besuchte, haben
sein Gehirn mit Vorurteil angestekt, dass er glaubt, unter dem Frauenzimmer
finde keine gute Ausnahme mehr Statt. - Er treibt seinen Verdacht so weit, dass
er so gar wegen der Aufführung rechtschaffener Personen öffentliche Wettungen
anstellt. - Dieses doppelzüngige Ungeheuer hat nun seinen Eigensinn auf mich
festgesezt. - Aber nur Geduld, du sollst deinen Teil Galle schlukken! - Bei
allen seinen Ausschweifungen habe ich die neidigste Eifersucht an ihm bemerkt. -
Anlass genug - um ihn tausendfach zu kränken. -
    Nun sagt mir noch einmal ihr Menschenkenner, dass Eifersucht die Folge der
Zärtlichkeit sei, - wenn sie in einem solchen verdorbenen Wollüstling stekken
kann! - Bald ein mehreres, meine Freundin; für heute genug - nicht wahr? -
    
                                                                         Amalie.
 
                                   CIV. Brief
                                   An Amalie
Dass die Weiber doch so sehr geneigt sind auf Extremitäten zu verfallen! - Ein
unstreitiger Beweis, dass unsere weichen, empfänglichen Herzen nur zu leicht in
Schwachheiten ausarten, besonders wenn wir nicht daran gewöhnt sind aufmerksam
über uns selbst zu wachen. -
    Teure Amalie! - Bei Allem, was Dir wert ist, beschwöre ich Dich, gieb in
deiner Lage auf dein Herz Acht! - Uebersiehst Du darinnen nur den geringsten
Flekken, dann bist Du für Ehre und Rechtschaffenheit verloren! - Ich kenne zwar
deine reine, unbefangene Seele, deine eingeschränkten Begierden, deine Ehrliebe,
und bin überzeugt, dass Dich bloss Lebhaftigkeit und Hass gegen das andere
Geschlecht zu solchen kleinen Eitelkeiten verleitet, worüber Dir beim Nachdenken
selbst ekkeln wird. - Ich bin versichert, dass bei deiner lachenden Gestalt, bei
dem Schein deiner Fröhlichkeit dein gefühlvolles Herz im Stillen an der
tödtlichsten Langeweile kränkelt! - Der Ton der grossen Welt ist eine armselige
Sache, weil weder Redlichkeit noch aufrichtige Herzenssprache seine Unterhaltung
leitet. Sich wechselsweise vorlügen; einander die lächerlichsten Torheiten zu
Markte tragen helfen; sich vieles sagen, woran das Herz keinen Teil hat; seine
offene, vertrauliche Seele in heimliches Mistrauen hüllen zu müssen; das Laster
in der ganzen Hässlichkeit unter mancherlei Gestalten ertragen lernen; Schurken
und Betrüger nicht anfeinden dürfen; - was hältst Du von so einem Zustand? -
Kann es für ein empfindsames Herz etwas Unerträglicheres geben? - Sind nicht
innerliches Misvergnügen und Abscheu die heimlichen Mörder deiner Zufriedenheit?
- Stört nicht das Getümmel deine sanfte Gemütsruhe, wenn die Augenblicke der
Ueberlegung zurückkehren? - Warum willst Du Dich auf deine Unkosten an Unwürdigen
rächen, die doch immer ungebessert bleiben werden? - Ist so ein herzloses
Betragen, so eine verstellte Vermummung deinem erhabenen Geiste wohl angemessen
gewesen? - Dein Herz muss bittere Unzufriedenheit fühlen, wenn Dir diese
glattzüngigen Heuchler mit schamloser Stirne Dinge vorschwazzen, die deine
gutartige, unverdorbene Seele empören! - Wenn sie Dir auch in öffentlichen
Gesellschaften, von der Eitelkeit und vom Beispiel angespornt, vorschmeicheln,
bis Du aus ihren Augen verschwindest; treiben sie dann nicht hinter deinem
Rükken mit Vorurteil und übler Meinung ihr teuflisches Gespött und ihre
ehrenschänderische Verläumdung? -
    Warum willst Du Dich wegen einem schlechtgesinnten Menschen ganzen Schaaren
seines gleichen aussetzen? - Dein Herz wird dadurch nach und nach alles Gefühl
für Wohlwollen und Liebe verlieren. - Die Gewohnheit des Welttons wird Dich zur
gefälligen Maschine umschaffen, die sich mit abwesendem Herzen, mit böser
Neigung, mit gallsüchtigen Ideen nach den Wünschen der Mode dreht. - Du wirst
Andern eben so wenig Gutes zutrauen, als sie Dir zutrauen werden. - Nein,
Amalie! - das ist nicht der Weg, dein Herz vom Männer-Hass zu heilen. -
Leichtsinn würde sich dabei einschleichen; und Leichtsinn ist schon ein grosser
Sprung zur Verderbnis des Herzens und zur Verunedlung der Seele. - Rechne die
immerwährenden Verdriesslichkeiten, das üble Urteil, die schiefen Auslegungen der
Andern und die Bitterkeiten weg, die Du hie und da von bösen Mäulern über dein
Betragen wirst hören müssen; und was bleibt Dir dann übrig, als ein zerrissenes
Herz? - Ich kenne deine Empfindlichkeit für deinen guten Namen; ich weis, dass
die geringste Anmerkung Dich bis in den Tod kränken kann. - Und nun urteile von
meinem Kummer über deine kleinen Verirrungen. -
    Halte meine Erinnerungen nicht für Verdacht wegen deinem Lebenswandel. - Ich
kenne das Innerste deines Herzens, weis recht gut, dass es bloss Schiksale und
erlittene Mishandlungen sind, die Dich zuweilen auf eine kurze Zeit verstimmen.
- Dein gutes Gemüt, deine fühlende Seele, dein feuriger Kopf bedürfen bloss
einer guten Leitung. - Die sanfte Vermahnung einer guten Freundin wird dein
gekränktes Herz, deine verwirrten Sinnen von den Irrtümern reinigen, die Dir am
Ende gefährlich werden könnten. - Du bist warm für Tugend und Moral, und wirst
nie eines Lasters fähig sein. - Aber auch Schwachheiten muss die Denkerin zu
vermeiden suchen; - Schwachheiten, die ihr den Schein der Rechtschaffenheit
benehmen. - Die Lobsprüche Anderer zu erwerben, soll nie die Triebfeder unserer
guten Handlungen sein, sondern eigene Ruhe und Bestreben nach Glükseligkeit, zu
der wir geschaffen sind. - Ich kann zwar von deiner Jugend nicht jene
zurückhaltende Ernstaftigkeit fodern, welche zu behaupten dein Feuer nicht
zulässt; - nichtsdestoweniger bitte ich Dich, handle mit Klugheit, bewache dein
Herz, verunstalte nicht durch Leichtsinn deine Seele, und liebe
    
                                                              Deine besste Fanny.
 
                                   CLV. Brief
                                    An Fanny
                      Meine teuerste, liebste Freundin! -
Sei doch ruhig! meine fieberische Hizze hat sich gelegt; der abscheuliche Nebel
ist vor meinen Augen verschwunden; mein Blut strömt wieder gelassener, und ich
schäme mich izt meines Leichtsinns! - Wie konnten mich doch die Torheiten
Anderer ergözzen, die sich unterdessen über meine eigenen belustigten? - Wo nahm
ich die Geduld her, in Gesellschaften der grossen Welt meine Ohren mit Unflat
anfüllen zu lassen, da sich indessen mein unverdorbenes Herz darüber entsezte? -
Eroberungen von dieser Art sind der Auswurf der Natur, weil dadurch gutdenkende
Frauenzimmer so leicht verführt werden. - Und ich Verblendete erinnerte mich
nicht eher an diese Wahrheit, bis jener schielende Wollüstling mich zur feilen
Buhlerin herabwürdigen wollte! -
    Bei einer Gelegenheit, wo seine verabscheuungswürdigen Begierden den
höchsten Gipfel erreicht hatten, nahm er seine Zuflucht zum elendesten
Hülfsmittel, das man jeder Verworfenen anträgt - zum Eigennuz. - In einer
unbegreiflichen Geschwindigkeit lag ein Wechsel in meinem Schoose. - Nur der
Wohlstand hielt mich noch zurück, das Papier in Stükke zu zerreissen und ihm
dieselben ins Angesicht zu werfen! - Schon hob ich in dieser Absicht meine Hand
in die Höhe, als ich darauf die Unterschrift jenes jungen Mannes erblikte. Eine
Andere würde sich vielleicht aus Rache an dieses Geschenk gehalten haben, um
denjenigen als Schuldner demütigen zu können, der auf eine so niedrige Art bei
mir eine Bekanntschaft endigte, die er mit so vielen Beteuerungen der Liebe
angefangen hatte. - Aber auch nicht der kleinste Gedanke einer solcher
Entschädigung stieg in meiner Seele auf. - Ein ängstliches, wehmütiges Gefühl
bemächtigte sich meiner; die Tränen rollten häufig auf meinen Busen, und
schluchzend stellte ich dann dem Wollüstling den Wechsel wieder zu. - Beleidigte
Ehre über diesen schändlichen Antrag, erneuertes Andenken an den Unwürdigen, das
Wonne-Gefühl mich nicht rächen zu wollen, erzeugten in mir ein Gemische der
unbeschreiblichsten Empfindungen. - Izt erst fieng ich an zu fühlen, welchen
Beschimpfungen mich meine leichtsinnige Schäkkerei ausgesezt hatte. - Ich
empfand die ganze Demütigung dieser Behandlung; sah mich erniedrigt,
herabgesezt und empfindlich beleidigt! - Mein Herz, meine Ehrliebe, meine
Vernunft und meine moralische Ueberlegung wachten plözlich in mir auf; und nun
trat meine sonst gewöhnliche tiefsinnige Laune wieder an ihre vorige Stelle. -
Sei mir gesegnet Nachdenken! dir allein habe ich meine Rükkehr zu danken, und
durch dich werde nun jede meiner Handlungen geleitet, welche Bezug auf meine
Ruhe, auf die Verbesserung meines Herzens, auf meine Glükseligkeit haben kann. -
    Bist Du nun mit deiner reuigen Freundin zufrieden, liebe Fanny? - Würdest Du
mich wohl zanken, wenn ich Dir izt die Nachricht von einer neuen Bekanntschaft
mit einem jungen Manne mitteilte? - Aber gewis einer Bekanntschaft, die Dir in
Rüksicht meiner keinen Kummer machen darf, und die meiner Achtung nicht unwürdig
ist, sonst würde ich sie nicht angefangen haben. -
    So viel kann ich Dich versichern, dass der erste Besuch dieses Jünglings
meine ganze Aufmerksamkeit rege gemacht hat. - Sein offenes Wesen ist beim
ersten Anblik äusserst auffallend, begleitet mit einem gewissen edeln Stolz, der
sich nicht zu den gewöhnlichen Schmeicheleien herabwürdigte, womit mich sonst
die meisten jungen Leute überhäuften. -
    Noch ist zwar das Mistrauen gegen das männliche Geschlecht zu tief in mein
Herz eingeprägt, um die guten hervorragenden Züge des moralischen Karakters
eines Individuums aus demselben in unserm verdorbenen Jahrhunderte nicht für
eine blose Erscheinung zu halten. - Vielleicht bald ein mehreres von diesem
jungen Manne. - Lebe indessen wohl, meine Besste, und erinnere Dich recht oft an
    
                                                                   Deine Amalie.
 
                                  CLVI. Brief
                                   An Amalie
Gewis, meine Freundin, ich wusste es zum voraus, dass Du bald wieder von deinem
Leichtsinn zurückkehren würdest. - Galanterie-Beschäftigungen, leeres Wortspiel
mit deinen faselnden Anbetern gab deinem Herzen nicht jene beruhigende Nahrung,
deren es zu seiner Zufriedenheit bedarf. - Der Grund der Rechtschaffenheit ist
in deiner Seele schon zu stark befestigt, als dass ihn das vorüberrauschende
lokkende Laster erschüttern, noch viel weniger zerstören könnte. - Deine kleinen
Fehler sind bloss das Werk eines Augenbliks, wozu Dich meistens deine angeborne
Lebhaftigkeit verleitet. Ein einziges gutes Wort zur rechten Zeit angebracht,
ist hinreichend deine weiche, fürs moralische Gefühl so empfängliche Seele zu
rühren. - Siehst Du, liebes, trautes Malchen, so gut kenne ich Dich! -
    Jener schielende Wollüstling hat Dich auf die niederträchtigste Art
angegriffen; - kein Wunder, dass er von deinem edeln Stolz mit aller Verachtung
abgewiesen wurde. - Dass Du Dich bei diesem Anlass an deinem ehemaligen Anbeter
nicht rächtest, sieht deinem Herzen ganz ähnlich, weil es von Jugend auf zur
Grossmut gebildet wurde. - Indessen glaube ich doch, dass der Wankelmut dieses
jungen Mannes wirklich mehr aus Mangel an festem Karakter, als aus Bosheit
herrührte; obgleich ein gutes Herz ohne Standhaftigkeit eine bettelhafte Gabe
ist. -
    Ich für mein Teil möchte nicht das Weib eines Mannes werden, der noch in
Knaben-Schuhen stekt. - So ein schüchternes Männchen kann ja jede
Fraubasen-Grille zittern machen. - Nach meinem Begriff muss derjenige, der auf
das Wort Mann Anspruch machen will, Kopf zum Denken, Kraft zum Ausführen und
Stärke zur Verteidigung seiner Unternehmungen besizzen; vorausgesezt, dass der
überlegende Mann nichts unternimmt, was er nicht auszuführen im Stande ist. -
    Wenn sich das Machtwort Mann nicht durch seine feste Beharrlichkeit
auszeichnete, so könnte jeder Swachkopf, jeder Taugenichts, jedes unnüzze
Bürschchen damit auftretten. Aber es sind zwei verschiedene Dinge, bloss damit
prahlen, und mit der Tat beweisen, dass man diesen Namen zu tragen verdient! -
Was in der Liebe nicht wider Rechtschaffenheit und Tugend geht, soll für den
Mann gar kein Hindernis sein. - Lässt er sich durch Vorurteile einnehmen und
wird wortbrüchig, so ist er nicht Mann, sondern ein Kind, dem man die Rute
geben muss, wenn es, an das Gängelband gewöhnt, allein zu gehen wagt, eh es die
Kräften dazu besizt, und dann fällt und schreit; durch die Züchtigung gewarnt,
lässt es sich alsdann gutwillig wieder das Gängelband anlegen. - Genug von dem
herrlichen Worte Mann, das leider durch die meisten, die sich dasselbe zueignen,
geschändet wird. Die wenigen guten Ausnahmen, die diesem Worte Ehre machen,
müssen uns für die übrigen entschädigen. Da ohnehin so ein gebrechliches Männchen
von einem Weibe, oder wohl gar von einem feurigen, muntern Schulknaben über den
Haufen kann gestossen werden, und ohne alle Schonung, aus Strafe, meistens in
den Kot sinkt; je nun so lassen wir den Feigen liegen, bis ihn ein
Riechfläschchen wieder aus seiner Ohnmacht zu Sinnen bringt. -
    Uebrigens, teures Malchen, bin ich mit deiner Reue sehr wohl zufrieden. -
Aber was soll denn die Schüchternheit, womit Du mir deine neue Bekanntschaft
entdekkest? - Ist sie vielleicht wohl gar der Beweis, dass Du wegen der Gefahr,
der Du Dich abermals dadurch aussezzest, Vorwürfe zu verdienen glaubst? - - O
ich werde Dir über den Umgang mit dem andern Geschlechte nie welche machen,
besonders wenn Du Dich von den häufigen Schmeichlern zu entfernen suchest. Diese
kriechenden, giftigen Insekten übertäuben so gerne die Vernunft eines
Frauenzimmers, um desto bequemer den Zutritt zu ihrer Leichtgläubigkeit zu
finden. - In der Tat, meine Freundin, edler Stolz in einem Jüngling ist schon
ein Karakterzug, welcher Verehrung verdient, weil durch ihn das Gefühl der
Rechtschaffenheit in Tätigkeit gebracht wird. -
    Oft zeigt sich aber auch unter dieser Larve nur Afterstolz, indem sich
mancher Jüngling dadurch aus Eitelkeit als Sonderling auszeichnen will. - O, der
Karakter der Männer ist in so vielen Stükken unerklärbar! - Irre Dich ja nicht
über diesen Punkt, wenn Du jenen Jüngling näher zu untersuchen Lust hast! - Du
kennst ja meine Besorglichkeit und die Liebe, mit der ich ewig bin
    
                                                                    Deine Fanny.
 
                                  CLVII. Brief
                                    An Fanny
Nicht wahr, teures Mädchen, Du wirst doch ungefähr wohl merken, warum ich Dir
schon einige Wochen nicht schrieb? - Wenn man so mit der philosophischen
Untersuchung eines Karakters beschäftigt ist, wie ich, kann man dann wohl viel
übrige Zeit zum schreiben finden? - Du hast es erraten, Freundin! Ganz gewis
hatte ich Lust den moralischen Karakter meines neuen Freundes (denn so darf ich
ihn izt ohne Bedenken nennen) näher kennen zu lernen. - Seine öfteren Besuche,
die er ununterbrochen fortsezt, erleichtern mir meine Einsamkeit unendlich. -
Wir philosophiren oft ganze Stunden zusammen; täglich verrät sein Karakter mehr
Festigkeit und Wärme für Freundschaft und Tugend. - Sein Betragen übertrift ganz
meine Erwartung, so wie es vielleicht die deinige übertreffen würde, wenn Du ihn
solltest näher kennen lernen. - Nein, liebe Fanny, nicht After-Stolz besizt er,
sonst würde er sich an meiner Seite schon längst bis zum Gekken herabgewürdigt
haben, der sich aus verstekter Eitelkeit so gerne vom Frauenzimmer bewundern
lässt, weil er Verdienste zu besizzen glaubt. -
    Er ist gerade das Gegenteil; ich kann sein biederes, ungeziertes, offenes
Betragen nicht genug bewundern, das so ungeschminkt ist und nicht an die
geringste Galanterie gränzt, woran die meisten unserer jezzigen Jünglinge
kränkeln. - Ein eitleres, undenkendes Frauenzimmer würde vielleicht in seinem
philosophischen Umgange wenig Zeitvertreib finden; selbst meine kleine Eitelkeit
fand bei seinem troknen Betragen nicht ihre Rechnung; ich wusste mir seine
Zurükhaltung bei den so oft wiederholten Besuchen nicht recht zu enträtseln; -
ganz natürlich hies mich mein Stolz den nemlichen Ton bestimmen, und so blieben
wir beide einige Zeit lang in einer gewissen Entfernung, die mir für unsere
Freundschaft zu kalt dünkte, und die mich, ohne zu wissen warum, heimlich
ärgerte. -
    Endlich würdigte er mich seines Zutrauens; ich musste hören, dass er ein
Mädchen liebte... mehr liebte, als sie es nach seiner Erzählung verdient. - Er
hätte immer mit dieser Nachricht noch schweigen können; sie hat mich so sehr
gegen dies undankbare Geschöpf aufgebracht, dass er vielleicht gar meinen
Unwillen bemerkt hat. - Ewig Schade für sein Herz, dass es in solche Hände
geraten musste! -
    Ich möchte doch das nasenweise Ding gerne kennen, das mit der
leidenschaftlichen Neigung eines Jünglings wie eine wahre Kokette spielt. - Und
doch ist der gute Junge noch so entzükt, so begeistert von diesem Mädchen! O
wäre er nicht so sehr mein Freund, ich würde ihm Unbesonnenheit vorwerfen. - Ich
muss mich in dieser Sache über alles das sehr behutsam gegen ihn betragen, sonst
könnte er leicht auf den Gedanken geraten, ich beneidete einigermassen sein
Mädchen. Er ist zu viel Menschenkenner, als dass ich ihm entwischen könnte. Ob er
gleichwohl nicht die geringste Eitelkeit besizt, so möchte ich mich doch von
dieser Seite nicht gerne bloss geben, weil es mir zu sehr um seinen Beifall zu
tun ist. - Und würde ich diesen moralischen Beifall nicht verscherzen, wenn ich
nicht Herr über den so natürlichen weiblichen Neid sein könnte? - O, ich will
gewis alles anwenden, um als Freundin seiner ganzen Achtung würdig zu werden! -
    Aber sein Mädchen wird doch nicht den tollen Einfall bekommen, ihn aus
Eifersucht meinem Umgang zu entreissen? - Ohne seinen herrlichen Umgang würden
mir izt die Stunden tödtlich lange, und er wäre wahrlich gegen sich selbst
strenge genug, mir seine Besuche zu entziehen, wenn sie auf diesen neidischen
Gedanken geraten sollte, und das würde mich sehr kränken! -
    Leztin empfand ich über seine Gewissenhaftigkeit in der Liebe Freude und
Aerger zugleich: Aerger, weil mir seine übertriebene Kälte ein Bischen
unerträglich wurde, und Freude, weil ich ihn als ein Muster der
Rechtschaffenheit bewundern musste, der es in seiner Treue so weit treibt, dass er
noch nicht einmal eine von meinen Händen berührt hat. - Mich dünkt, ein Bischen
wärmer dürfte er denn doch gegen eine Freundin immer sein; er kennt ja meine
Denkungsart; ich würde ihn nie zu einer Treulosigkeit verleiten. Du weist, wie
sehr ich so etwas hasse, weil es mein Herz ebenfalls zerreissen würde, wenn ich
an seines Mädchens Stelle wäre. Aber es ist bei allem dem so vedriesslich, dass er
meine Hand so nachlässig herunterhängen lässt, wenn er mich bisweilen am Arme
führt. - In der Tat sein Mädchen ist sehr glücklich! - O die Bösartige, dass sie
ihn nicht mit offnen Armen empfängt und ihn für seine äusserste Liebe noch mit
Ungewisheit martern kann! -
    Gestern übermannte mich der Eifer so sehr, dass ich ihn geradezu fragte, ob
denn dieser Verlust unersezlich wäre. - Ich erschrak sehr über meine unüberlegte
Frage, aber sein argloses, unbefangenes Herz gab ihr keine üble Deutung. - Dass
er sich aber auch so leidenschaftlich um die Liebe eines Mädchens bemühet, die
seiner unwürdig zu sein scheint! - Gott! - wie unglücklich sind Seelen von dieser
Gattung in der Liebe, wenn sie der Zufall auf fühllose Geschöpfe stossen lässt! -
    Was mich noch am meisten staunen machte, ist seine Beharrlichkeit bei allem
ihrem abscheulichen Betragen, indem er mir rund weg ins Gesicht sagte:
    »Nein, Madame, so lange mein Mädchen keine Entscheidung von sich gibt, eben
so lange befiehlt mir mein Ehrengefühl an keinen Ersaz zu denken. Ich merke
zwar, dass sie nicht das Mädchen ist, die mein Ideal ausfüllt, aber sie zeigte
mir heimliche Leidenschaft; sie ist vielleicht zu schüchtern, um sich ganz zu
erkennen zu geben; und sollte ich Bösewicht genug sein können, ihre Hoffnungen zu
täuschen?« -
    Mit diesen Grundsäzzen kannte ich noch keinen Mann! - Tränen stürzten mir
über die Entdekkung seines feinen Gefühls in die Augen; - zum Glükke wandelten
wir gerade auf einem Spaziergang im Dunkeln und er bemerkte meine Rührung nicht.
- Mein Herz war beklommen, mit Mitleid angefüllt über sein Schiksal, - und so
verliessen wir uns. -
    Was hältst Du von einem solchen Jüngling? - Ist sein Mädchen nicht
glücklicher als deine Freundin, der das ungünstige Schiksal ein solches edles
Geschöpf zuschikte? - Tausend Küsse von
    
                                                                  Deiner Amalie.
 
                                 CLVIII. Brief
                                   An Amalie
Nun da haben wirs ja; schon wieder verliebt! und noch obendrein so ernstaft, so
verborgen, dass Du selbst nicht einmal weist, was in deinem Herzen vorgeht.
    Noch schleicht die Liebe, diese allmächtige Beherrscherin, bei Dir unter dem
Dekmantel der Freundschaft umher, aber nimm Dich in Acht, Freundschaft unter
zwei Gefühlvollen ist ein gefährlicher Schleichhandel, der schon so oft in Liebe
übergieng. -
    Wenn dein ernstafter, empfindsamer Freund wirklich so ernstaft ist, als Du
mir ihn schilderst, dann ist er gewis auch meiner Achtung würdig. - Doch wer
bürgt mir in deinem jezzigen Zustande für die Richtigkeit deiner Beurteilung? -
Sein liebenswürdiger Karakter ist zu ausgezeichnet, als dass er auf ein
Frauenzimmer, wie Du bist, keinen Eindruk machen sollte. - Er mag immer ein
vortreflicher junger Mann sein, - Du bist es ihm schuldig, ihm Gerechtigkeit
wiederfahren zu lassen, - aber deine heimliche Neigung könnte leicht mehr für
ihn sprechen, als deiner Ruhe dienlich wäre. -
    O, es ist für ein denkendes Frauenzimmer eine zu reizbare Versuchung, den
Mann zu entdekken, der auch die geringsten seiner Begierden zu unterjochen weis,
der sich in der Liebe nicht durch kleine Galanterien zu grössern Vergehungen
verleiten lässt. - Und dieser so schöne Zug aus deines Freundes Karakter, hätte
er wohl deine unzufriedne Ahndung verdient, wenn dein Herz nicht im Stillen
Wünsche nährte, deren sich deine Vernunft schämt? - Schlüge dein Inneres nicht
jezt schon für Liebe, die Nachricht von seiner Verbindung mit jenem Mädchen
würde Dich gewis nicht so erschüttert haben. - Merkst Du denn noch nicht, wo
dein Herzchen mit all diesen Äusserungen hinaus will? - Hat dein feuriger
Unwille, der merkbare kleine Neid, der noch immer mit der schüchternen
Zurükhaltung streitet, etwa nichts zu bedeuten, das an Liebe gränzt? - He,
Weibchen! - He! - Glaube mir, in der Freundschaft bedauert man einander nicht
mit solcher stürmischen Heftigkeit; Mitleiden in dergleichen Fällen ist der
nächste Schritt zur Liebe. -
    Aber um Vergebung, besstes Malchen, sollte ich deiner Neigung hierinnen nicht
ein Bischen Uebereilung zur Last legen? - Hast Du denn auch die Folgen
überdacht? - Um Gotteswillen bedenke, wenn sein Mädchen wirklich heimliche
Leidenschaft für ihn fühlte, wie er vermutet, und er fühlte dann, ohne es
selbst recht zu wissen, für Dich und Du für ihn; was entstünde wohl hieraus für
ein Kaos? - Und wer müsste sonst wohl das Opfer dieser Leidenschaft werden, als
Du? - Täuscht euch ja nicht länger, lieben Kinder, mit eurer Freundschaft; brich
entweder die Bekanntschaft auf der Stelle ab, oder Er mag ihr eine andere
Wendung geben, so bald er überzeugt wird, dass sein Mädchen eine Undankbare ist.
-
    So viel mich dünkt, kettete ihn der Zufall und ein leeres, unbeschäftigtes
Herz an sie, und ich wollte alles darauf setzen, das Mädchen gefällt ihm nicht
mehr, seitdem er Dich kennt; noch streitet er mit Liebe und Pflicht; noch kämpft
er mit unbekannten Empfindungen, aber gewis nährt sein Herz den heimlichen
Wunsch, dass ihn sein Mädchen zurückweisen möchte; so viel habe ich aus seiner
Äusserung gegen Dich geschlossen. - So stumm auch immer sein Mund ist, so
übereilt auch seine Handlungen sind, so wenig er sich auch an deiner Seite zu
deinem Vorteil zeigt, desto mehr sprechen seine häufigen Besuche. -
    Werde mir aber ja nicht eitel, Malchen, wenn ich Dir sage, dass ich in das
Herz deines Freundes und in das deinige hineindrang, und in dem ersten Spuren
entdekte, die deiner Eigenliebe schmeicheln können. - Der junge Mann besizt
Kopf, Gefühl und Geschmak; glaubst Du also nicht, dass er in der Liebe etwas ihm
ähnliches suchen wird? - Ich kenne zwar sein Mädchen nicht, aber ich weis, dass
es wenige Mädchen gibt, die einen verdienstvollen Denker zu fesseln wissen. -
Blos aus Pflicht hängt er noch an ihr! - Ein schönes Wort für den ehrlichen
Mann! aber welch ein Unterschied zwischen kalter Pflicht - und wirklicher Liebe!
- Sei behutsam, teure Freundin! sei behutsam! warne deinen Freund vor
Selbst-Täuschung, flösse auch ihm Behutsamkeit ein, und erinnere Dich an die
Ermahnungen deiner Freundin
    
                                                                          Fanny.
 
                                  CLIX. Brief
                                    An Fanny
Liebe Fanny, mit aller deiner philosophischen Beurteilungskraft hast Du Dich
für diesmal, wie mich dünkt, doch geirrt! - Oder beharrst Du denn ganz
eigensinnig auf deiner Entdekkung? - Liebe ist mir doch nicht so unbekannt, um
ihr Dasein nicht zu bemerken. - Man muss ja nicht gleich lieben; kann man denn
nicht mit der süssen Freundschaft zufrieden sein, wenn man Kopf genug genug hat,
die Wonne derselben ohne Begierden zu geniessen? - Ich würde mich zu Tode
schämen, wenn mein Freund hierinnen mehr Selbstbeherrschung besizzen sollte, als
ich! -
    Was kann denn ich davor, wenn seine Denkungsart, sein Betragen, sein Herz
mir täglich mehr gefällt, mich mehr entzükt? - Das sind Verdienste, die eine
moralische Zuneigung erzeugen können, welche aber von der Liebe (bei der sich
doch immer etwas Sinnliches einmischt) noch weit entfernt ist. -
    Ich gestehe es, seine Grundsäzze in der Liebe sind hinreissend, werden ein
jedes Mädchen glücklich machen, aber.... sie sind nicht für mich, sie sind für
eine andere bestimmt! Es kann sein, dass sich mein Herz im Stillen
vorübergehenden kühnen Wünschen öffnete; was tut man nicht aus Uebereilung? -
Die Nachricht seiner Verbindung hat mich niedergedonnert, es ist wahr, doch mehr
in Betracht der unverschämten Koketterie seines Mädchens, als der Entdekkung
einer Neuigkeit, die mir willkommen sein musste. - Oft glaubt der Mensch sein
Ziel erreicht zu haben, und greift.... nach einem Schatten! - Dass ich sein
Mädchen beneide, läugne ich auch nicht; aber beneidet man nicht auch oft Dinge
aus Grille? - Ich habe noch mehr getan, als ihn bloss bemitleidet - ich habe ihn
sogar angefeuert bei seinem Mädchen auf die Entscheidung seines Schiksals zu
dringen, damit er doch einmal ruhig wird, der gute Junge, der um dieser
Zaudererin willen mit der schröklichsten Ungewisheit ringt. - War ich diesen
Rat nicht der Freundschaft schuldig? - Du möchtest mich doch gar zu gerne
verliebt sehen! -
    Welches feindselige Geschikke ihn zu diesem unwürdigen Mädchen führte, weis
ich nicht; aber so viel weis ich, dass er schon oft sagte, sie wäre wirklich
nicht mehr das Mädchen, die seinen moralischen Forderungen entspräche: - Ob er
nun an mir etwas besseres findet, darf ich aus Bescheidenheit nicht bestimmen;
wenigstens kämpft er seit einiger Zeit mit der äussersten Schwermut - ohne sich
jemals herauszulassen, dass ich ihm mehr als Freundin bin. -
    Ich bleibe bei meinem Saz: das Mädchen ist und bleibt eine fühllose Kokette,
sonst würde sie ihm nicht einen Tag alle möglichen Aufmunterungen der Liebe
anbieten und den folgenden durch Sprödigkeit und Ziererei wieder alle Hoffnungen
zernichten! - Empfände ich nicht Mitleiden mit seinem Kampfe, ich würde ihm
diese guterzige Blindheit derb verweisen. - Aus Mitleid, aus Freundschaft habe
ich ihn zu einer Untersuchung ihrer Gefühle beredet. - Ich überlasse die
Entwiklung dem Schiksale, und bin mit seinen Fügungen zufrieden. - -
    Ha! - Man pocht! - Es ist mein Freund; er kömmt von seinem Mädchen.... Ich
weis nicht, warum ich so zittere.....
    Er rief mir freudig entgegen: »Mein Schiksal ist entschieden! - Ich bin
glücklich!« -
    Gott im Himmel! - Was ging in diesem Augenblick in mir vor?.... Die Wehmut
übermannte mich... sie presste mir bei dieser Nachricht Tränen aus. - Ich konnte
an der Zufriedenheit meines Freundes keinen wahren Anteil nehmen; sein Glük
dünkte mich der Anfang meines Unglücks... O meine Fanny! - Deine weissagende
Seele! Du hast Recht.... ich liebe ihn!!! -
    Ha! ich möchte vor Schamröte vergehen, dass ich Dich, dass ich ihn, dass ich
mich so lange täuschen konnte! - Um deiner Liebe willen halte mein Läugnen nicht
für Verstellung; ich wusste selbst nichts von dieser Leidenschaft! Gott! - was
ist der Mensch für ein schwaches Wesen! - Wie wenig kennt er sich selbst, bis
ihn die Leidenschaften überraschen! -
    Ich kann Dir, liebe Fanny, diesen Auftritt nicht so lebhaft schildern, als
ich ihn fühlte... O die grässlichen Worte: Mein Schiksal ist entschieden! - Ich
bin glücklich! - raubten mir alle Fassung! - Kaum vermochte ich noch die Frage
herauszustottern: »Und wie ist es denn entschieden?« -
    Die Freude, die ich bei dem Eintritt auf seinem Gesichte las, tödtete in mir
alle Hoffnung, ihn je zu besizzen! - Schon fühlte ich die entwikkelte Liebe und
mein Unglück in all seiner Stärke, meinen Verlust in seinem ganzen Gewichte,
meine hofnungslose Liebe mit einer Ewigkeit voll Jammer begleitet!!! - Nach
meinen Empfindungen zu urteilen, muss dies der einzige Mann in der Schöpfung
sein, der mir bis izt mangelte! -
    Aber stelle Dir mein heimliches Entzükken vor, als er mir in wenigen Minuten
darauf gerade das Gegenteil von dem sagte, was mich so gebeugt hatte, als er
mit fröhlichem Herzen anfieng:
    »Sie haben mich unrecht verstanden. Ich bin frei; das Mädchen liebt mich
nicht, hat mich nie geliebt; sie hob auf meine dringende Bitte alle Hoffnung zur
Gegenliebe auf, aber mit einer Kälte, mit einer Kälte, die meinen ganzen Stolz
empörte!« -
    Dieser rasche Uebergang, diese glückliche Täuschung wirkte so sehr auf mich,
dass ich in lautes Weinen ausbrach! - Ich beredete ihn, dass es Tränen der
Teilnahme, Tränen der Freundschaft wären, - aber es waren Tränen... der
Liebe. - O meine Freundin, wenn er meine Leidenschaft nur nicht bemerkt hat! -
Wenn er nur auch für mich so viel empfände! - Oder wenn er nur nicht so viele
ausgezeichnete moralische Reize besässe! -
    Darf ich Den zu lieben erröten? - Den, der alle Geistesvorzüge besizt, -
der die Beleidigung dieser Kreatur mit keinem bittern Wörtchen ahndete, - der
wie ein sanfter Engel ihre Falschheit bemitleidete und seinem Herzen aus edelm
Selbstgefühl Richtung gab? - Den, der so ganz das Ebenbild meines Ideals ist? -
Den, auf dessen Herz, auf dessen moralischen Karakter, auf dessen Talenten eine
jede Denkerin stolz sein würde? -
    O Dank dir, Alltags-Mädchen, Dank dir, dass du ihn nur der Schaale nach
beurteiltest, dass du in ihm den galanten Modegekken vermisstest, der deiner
dummen Eitelkeit besser würde geschmeichelt haben; dass du seinen innern Wert
aus eigner Verdienstlosigkeit nicht entdektest! - Verzeihe, meine Freundin, wenn
ich hier abbreche! Giebt es für meine Empfindungen eine Sprache? -
    
                                                                         Amalie.
 
                                   CLX. Brief
                                   An Amalie
                               Liebes Malchen! -
Ich sollte Dich zwar ein Bischen zanken, weil Du mir deine Leidenschaft so
eigensinnig wegläugnetest, aber es liegt einmal in der Natur der Liebenden, dass
sie sich lange genug selbst täuschen, und dann - was verzeiht man nicht einer
Freundin, deren feurige Einbildungskraft, deren fühlende Seele so leicht von der
Liebe kann überrascht werden? -
    Alles gut, liebes Malchen, alles gut; dein Freund ist ein herrlicher Junge!
Melde mir aber noch mehrere Züge aus seinem Karakter, und dann will ich Dir erst
sagen, ob Du ihn zum Gatten wählen darfst. - Verstelle Dich gegen ihn wenigstens
nur so lange, bis Du gewis bist, dass er Dich eben so heftig liebt, dass er sein
voriges Mädchen ganz vergessen hat, oder ob es bei ihm nur augenbliklicher
Affekt war. - Die Liebe ist eine wunderliche Sache; je mehr ihr Hindernisse
aufstossen, desto eigensinniger wird sie. - Ich bin zwar überzeugt, dass dein
Freund Denker genug ist, um ein Mädchen zu verachten, zu vergessen, die ihn so
mishandelte. -
    Dieser Bedenklichkeiten ungeachtet befiehlt Dir der Wohlstand, deine Liebe
nicht eher zu zeigen, bis Du dazu aufgefodert wirst. - Lasse Dir nur die Zeit
nicht lange werden, dein Freund wird bald mit einer Erklärung von selbst
herausrükken. Mich dünkt, seine Fröhlichkeit über die Entscheidung seines
Schiksals ist... nichts weiter, als Liebe für Dich! - Mit deinen Tränen hättest
Du wohl an Dich halten können; es lässt gar nicht schön, wenn verliebte
Frauenzimmer weinen. - Doch Spass beiseite, sei aufmerksam auf die fernere
Handlungen deines Freundes, und statte mir treulichen Bericht davon ab. - Ich
würde Dir heute gerne mehr schreiben; aber mein Karl will durchaus mit mir
spazieren gehen, und... ei, sieh da! nun nimmt er mir gar mein Tintenfass weg. -
Ich muss also wohl schliessen. -
    
                                                                    Deine Fanny.
 
                                  CLXI. Brief
                                    An Fanny
                           Traute, liebe Freundin! -
Du kränkst mich doch mit deinen vielen Bedenklichkeiten noch halb zu Tode! - Ich
danke Dir immer für deine gütige Sorgfalt, aber Du musst dich auch von dem guten
Karakter meines Freundes überzeugen wollen. - Zu viel Furcht verbittert das
Leben; nach mehreren Prüfungen wird übertriebenes Mistrauen endlich zur
Beleidigung. - O und seine Seele ist doch so truglos, seine Vernunft so
gebildet, sein Herz so rein, dass man ihm gut sein muss! - Mitunter ist er
freilich ein Bischen Brauskopf, eine Folge seiner Lebhaftigkeit, die aber die
sanfte Güte seines Herzens gleich wieder entwaffnet. Jede seiner Handlungen wird
von dem feinsten Ehrengefühl geleitet, er fühlt die Erhabenheit seiner Seele,
aber ist demungeachtet weder eitel, noch hochmütig; selbst in der Liebe (die
seine einzige Glükseligkeit auszumachen scheint) kann er nicht kriechen. -
    »Für jezt, (sagte er mir leztin) für jezt bin ich mit Ihrer Freundschaft
zufrieden. Können Sie mir einstens mehr schenken, dann ist mein Glük ohne
Gränzen! - Aber ich werde nichts erbetteln, nichts erschleichen, nichts
ertrozzen.« -
    Wie gefällt Dir dieser neue Zug aus seinem Karakter? - Ist er nicht der
Beweis seines gefühlvollen, edeln Stolzes? - Wie unterscheidet sich der Edle von
den gewöhnlichen Männern, die bei der Bekanntschaft eines Frauenzimmers alle
Kunstgriffe anwenden, um eine eigennüzzige Eroberung zu erhaschen. - Wie
absichtslos, wie unbefangen zeigt sich seine Liebe; wie weich, wie empfänglich
ist seine Seele für jedes Gefühl der Tugend! - Und in dies Geschöpf sollte ich
noch Mistrauen setzen? - Ich sollte ihn noch länger von mir entfernen? - Noch
länger nicht hinsinken an seinen warmen, klopfenden Busen? -
    Rede mir doch in Zukunft nichts mehr von seinem vorigen Mädchen! - Er hat,
er musste die Elende ganz vergessen, sonst würde mir seine Vernunft verdächtig
geworden sein. - Noch nie fand ich ihn in seinen Entschlüssen wankend; er ist in
seinen Leidenschaften nicht Weichling; er kennt den Wert der wahren Liebe, und
weis sie durch Standhaftigkeit zu adeln. - Bis Morgen bleibt dieser Brief noch
ungesiegelt; hernach das Weitere. -
                                                               Des andern Tages.
Er ist vorbei der Augenblick der seligsten Vereinigung! - Unsere Herzen haben
sich einander ganz aufgeschlossen! - Wilhelm B.... gehört mein, und wird es auch
ewig bleiben! - Ha! der Wonnetrunkenheit, die mich berauschte, als er den ersten
warmen Kuss auf meine glühenden Lippen drükte! - Als er mich mit hinreissender,
feuriger Begeisterung seine Gattin nannte! - Wie er dabei so feurig mich an sein
lautpochendes Herz drükte, und wie er doch mitten im Taumel der Liebe Herr über
seine gereizten Sinnen blieb! - Ist das etwa nicht der grösste Beweis seiner auf
Hochachtung gegründeten Neigung? - Erhebt ihn nicht seine bescheidene
Schüchternheit über tausend andere Alltags-Liebhaber? - Wo ich nur hinblikke,
entdekke ich in ihm Seelen-Vollkommenheiten, die mich entzükken! - Gott! - Wie
gränzenlos sind die Glükseligkeiten der ächten Liebe! - Und alle diese
Glükseligkeiten warten in Wilhelms Armen auf mich!!! -
                                                            Einige Tage hernach.
So sind denn die Freuden dieses Lebens immer mit Bitterkeit gewürzt! - Hätte ich
dies wohl vor einigen Stunden vermutet? - Mein Gatte (denn das ist er izt vor
Gott) mein Gatte leidet wegen meiner von seinen Verwandten die schröklichsten
Verfolgungen! - Sie hätten ihn gerne von mir gerissen, die Habsüchtigen, aber es
gelang ihnen nicht; er kämpfte wie ein Biedermann, bot dem Vorurteile Troz, und
ist jezt viel feuriger, viel schwärmerischer (wenn es je möglich ist) als zuvor!
- Hindernisse sind in der Liebe ein mächtiger Sporn; aber er wird diese
Hindernisse alle übersteigen! Kümmere Dich nicht, meine Freundin, er ist Mann;
tausend noch ärgere Kabalen werden ihn doch nicht von der Seite seines Weibes
reissen! - O, ich kenne ihn; er trägt ein teutsches Herz im Busen und würde aus
Liebe einer Hölle trozzen, wenn sie sich gegen ihn auflehnte! - Gross ist seine
Seele, entschlossen sein Mut und unnachahmlich seine Zärtlichkeit! - Künftigen
Posttag die sichere Nachricht von meinem Brauttag, wenn nicht der Fluch des
Schiksals auf mir ruht, nie, nie glücklich werden zu dürfen!!! -
                                                                         Amalie.
 
                                  CLXII. Brief
                                   An Amalie
Mein Malchen, das verzeihe ich Dir in Ewigkeit nicht, dass Du mir bis jezt den
Namen deines Freundes verschwiegst! - Wilhelm B.... wird dein Gatte? Der liebe
B...., der so oft an dem vertrauten Busen meines Karls lag, als sie zusammen in
G.... studierten? - Jener B...., dessen grosse Seele, dessen menschenfreundliche
Handlungen in ganz G.... bekannt sind? - Jener B...., der sich zum Aerger
Anderer schon so frühe zum Denker emporschwang, der allen Ergözlichkeiten der
Jugend entsagte, um die Notleidenden unterstüzzen zu können! - Mein Karl
beteuert, dass er nie einen biederern Freund gehabt habe, als ihn. - Er
beteuert, überall herrsche Feuer, Wohlwollen, mit reizender Begeisterung
begleitet, in seinen Handlungen. - O Du glückliches, glückliches Weibchen! - Karl
taumelt vor Entzükken! - Eine herrlichere Ueberraschung hättest Du uns gewis
nicht bereiten können, ob sie gleich vielleicht wider deinen Willen geschah,
denn ich glaube nicht, dass Du von der ehemaligen Verbindung dieser zween Freunde
etwas gewusst hast. - Das Schiksal entfernte sie von einander, der junge B....
ging auf Reisen, mein Karl hatte das Gleiche im Sinne, bis ich ihm dazwischen
kam, seinen Plan scheitern machte, und ihr Briefwechsel aus Zufall unterbrochen
wurde. -
    Aber sage mir doch, wie gerietest Du denn an diesen vortreflichen Jüngling?
- Wo lerntet ihr euch kennen? - Wie ging denn das zu? - Wie kam es? - O dass Du
mir nicht auch alles bis auf den kleinsten Umstand schriebst! - Um aller Welt
willen, verhele ihm meine mistrauischen Anmerkungen! - Er müsste mir gram werden,
dass ich ihn, freilich unbekannter Weise, so beleidigen konnte. - O Malchen! -
Malchen! - mein Entzükken über diese Entdekkung ist gränzenlos! -
    Schmiege Dich fest an den Edeln, und wenn seine Verwandten sich in Furien
verwandelten, so lasse ihn doch nicht! - An der Seite eines Wilhelm B.... wird
jedes Weib zur beneidungswürdigen Sterblichen! - Und gesezt, sie entzögen ihm
alle Glüks-Güter, so wirst Du bei seinen ausgezeichneten Talenten doch nie
darben dürfen. -
    Wenn ich ihn doch nur schon von Person aus kännte; Karl und ich können den
Augenblick kaum erwarten, wo wir ihn sehen werden! - Guter, guter Vater im
Himmel, so machst du denn meine Amalie auf einmal ganz glücklich! - Hast Du ihn
endlich gefunden, Freundin, den, der einer Amalie würdig ist, - den, der Dir in
Allem so gleicht, als ob die Natur bei der Schöpfung nur Einen Gedanken, nur
Einen Endzwek zur engsten Harmonie gehabt hätte, - den, der Dir alle trüben
Schiksale wird vergessen machen, - den, der Dir, mir und meinem Karl Tränen der
innigsten Freude entlokt! - - Amalie, es gibt Wonne-Gefühle, die die Zunge
fesseln, aber das Herz desto mehr erweitern zur Empfänglichkeit für die Freuden
der Freundschaft; das ist jezt der Zustand deiner entzükten
    
                                                                          Fanny.
 
                                 CLXIII. Brief
                                    An Fanny
                          Teuerste, liebste Fanny! -
Ich habe Dir mit Vorbedacht den Geschlechts-Namen meines Wilhelms nicht früher
entdekt, um dein Urteil desto unparteiischer zu vernehmen. - Von der
Freundschaft zwischen Karl und Wilhelm, deren Erneuerung meinem Gatten die
unaussprechlichste Freude machen wird, wusste ich nicht das geringste; bloss der
glückliche Zufall hat es entdekt. - Ich halte mich überhaupt bei der Schilderung
eines Freundes nicht gerne lange bei Nebensachen auf, am allerwenigsten bei
körperlichen Reizen, an denen nur sinnlose, eitle, undenkende Frauenzimmer
kleben bleiben. - Glüklicher Weise gehört meine Wahl auch in diesem für mich so
unbedeutenden Stükke nicht unter die geschmaklosen, wie Du von deinem Karl hören
wirst. - In der glücklichen Liebe müssen die körperlichen Reize immer den
moralischen nachstehen, sonst wird dieselbe zur niedrigen Alltags-Waare. - Es
würde meinem Kopf ewig Schande machen, wenn ich mich je bei der Wahl eines
Gatten (vorausgesezt, dass er von der Natur nicht ganz verwahrlost worden ist)
bei meinen philosophischen Grundsäzzen so weit hätte verirren können. -
    Ja, meine Teuerste, Wilhelm B.... ist es, der meine zeitliche und ewige
Glükseligkeit ausmacht! - Er ist jezt mein Führer, mein Freund, mein Gatte, mein
Alles in Allem! - Wie ich an ihn geriet, würde zum erzählen zu weitläufig
werden; also nur in Kurzem: Er lernte meine Denkungsart, so wie ich die seinige,
durch die Schilderung einiger Freunde kennen. - Aus Ahndungen entstunden
Wünsche, und diese Wünsche führten uns durch einen glücklichen Zufall zur
Bekanntschaft, der wir beide mit Sehnsucht entgegen sahen. -
    Du weist, wie ich gerade zu derselbigen Zeit im Begriff war, aus mürrischem
Menschenhass zum Leichtsinn überzugehen, - als plözlich Wilhelm kam und mich
zurückrief. - So weit, wie ich es trieb, treibt es der schwache Mensch, wenn ihn
das Schiksal verwirrt macht, wenn sein gutes Herz von allen Seiten zerrissen und
seine Vernunft beinahe irre geführt wird. - Gott Lob, sie sind vorüber diese
Zeiten! - ich erhielt einen Begleiter auf diesem gefährlichen Pfade, wo man so
leicht strauchelt! -
    Aber, liebe Fanny, sei doch kein Kind, wie könnte Dir denn Wilhelm gram
werden, wenn Du unbekannter Weise für mein Wohl sorgtest? - Habe ich deinem
anteilnehmenden Herzen nicht schon bei der ersten Wahl eines Gatten den
unüberlegtesten, leichtsinnigsten Streich gespielt? - war ich nicht taub gegen
deine Ermahnungen? - hörte ich nicht bloss auf meine guterzige Hizze, um mir
unbeschreibliches Elend einzutauschen? - Du hattest ganz Recht mich zu warnen:
ein junges Frauenzimmer hat nie zu viel Welt, nie zu viel Kopf, um in der Liebe
vorsichtig genug zu handeln. Möchten sich meine Leserinnen mein ausgestandenes
Elend tief in ihr Herz schreiben, wenn ein Spieler, ein Wollüstling oder sonst
ein niedriger Schurke ihre Leichtgläubigkeit, ihre Sinnen durch heuchlerische
Schmeicheleien, durch zudringliche Kunstgriffe zu übertäuben sucht! -
    Doch endlich, meine Besste, sind sie zu Ende meine Leiden, und die
Verfolgungen, die wir wegen unserer Liebe dulden mussten, durch die
Standhaftigkeit meines Wilhelms überwunden! - Mein Schauspieler-Stand beleidigte
seine hochnasigte Familie, die sich doch der meinigen nicht zu schämen hat. -
Aber Wilhem trozte diesen Schimären und hörte bloss auf die Stimme der Vernunft,
der Redlichkeit und der Liebe! - Seine feurige Einbildungskraft gibt der Liebe
einen Schwung, den vielleicht wenig Jünglinge in unserm flatterhaften
Jahrhunderte erreichen werden, wenigstens gewis nicht mit solchen durchdachten
Grundsäzzen, mit so vieler Ueberzeugung einer zukünftigen Glükseligkeit, mit dem
warmen Ausguss des bessten Herzens, wie meines Wilhelms Liebe ist. -
    Gott ist mein Zeuge, dass aus diesem braven Jüngling nicht überspannte
Romanen-Sprache spricht; seine Liebe ist auf Ueberlegung gegründet; sie entstand
allmählig; er lernte mich durch Umgang kennen, fand seine Wünsche in
Wirklichkeit gebracht, und Seelen-Harmonie vereinigte uns auf ewig. - Alle
Nebenabsichten, denen der schwachköpfige Jüngling anhängt, mussten bei seiner
beispiellosen Liebe weichen - Nicht unbesonnenes jugendliches Feuer benebelte
seine Sinnen, sondern tiefe Ueberzeugung, dass ich das Glük seines Lebens
ausmachen würde, entschied seine Wahl. - - Glänzendere Aussichten, die Gunst
seiner Familie, Verschiedenheit unseres Standes, Unterschied der Religion, (dein
Karl wird Dir vermutlich schon gesagt haben, dass er ein Protestant ist) und
noch mehr dergleichen tirannische Vorurteile unterjochte er mit einem
philosophischen Mut, der mich staunen machte! -
    Unnennbar ist meine jezzige Glükseligkeit! Entzükken, Wonne, Gatten-Liebe
und die süsseste Schadloshaltung für meine ehemalige Schiksale strömen nun mit
unaussprechlicher Freude in mein Herz! - Oft lässt mich diese Himmelswonne kaum
zu Atem kommen! - Oft muss mein Wilhelm die Tränen der Freude stromweis von
meinen Wangen wegküssen, um das süsse melankolische Gefühl zu zerstreuen, das mich
auf Kosten meiner Gesundheit zur träumenden Schwärmerin macht. - In diesem
Zustande würde ich bloss taumeln und nicht wachen. -
    Alle meine Wünsche sind jezt erfüllt! Mein gutes Herz hat noch ein besseres
gefunden; meine Seele kann sich in ihr Ebenbild ergiessen; mein Geist findet
durch Wilhelms Vernunft Nahrung; meine kleinen Schwachheiten stehen izt unter
der Obsicht eines gütigen, liebevollen Gatten; meine Grundsäzze werden durch
seine herrliche Philosophie fester, und mein Herz findet Anlass sich mehr zu
veredeln, um es der Glükseligkeit empfänglich zu machen, zu der wir von der ewig
weisen Vorsicht bestimmt sind. -
    O, du solltest Zeuge unserer gegenseitigen Hochachtung, Gefälligkeit und
Sanftmut sein, die mit der feurigsten, zärtlichsten Leidenschaft verknüpft sind
und unsere Tage zum Elysium schaffen. - Unsere Religion ist Liebe für den
Allmächtigen und Liebe für unsere Brüder; unsere Lebensart, stille von der
grossen Welt entfernte Weisheit; unsere Unterhaltung, gegenseitiges gutes Herz,
in heitern Augenblikken mit unschuldigen Schäkkereien gewürzt, und der Endzwek
unserer Handlungen, willige Ausübung der allgemeinen Pflichten für das Wohl der
Menschheit und für unser eigenes. -
    Dies, meine Fanny, ist nur obenhin das Bild meiner glücklichen Ehe, die Du in
ihrer vollen Zufriedenheit selbst erblicken sollst. - Ja, ja, meine Freundin, Du
und dein Karl, ihr sollt beide Zeugen meiner zeitlichen Glükseligkeit werden! -
Mein Gatte gab mir sein Wort - wir besuchen euch auf unserer Reise nach der
Schweiz - und mein Wilhelm hält sein gegebenes Wort gewis! - Gewis hält er es;
ich kenne meinen Wilhelm! - Also nur Acht gegeben, wenn Du einen Wagen rollen
hörst, so denke nur, es kömmt Niemand anders, als
    
                                                         Deine glückliche Amalie.
 
                    Nachschrift an die Leser und Leserinnen.
So viel, meine wertesten Freunde und Freundinnen, kann ich Sie versichern, dass
dieses mein Werkchen eine wahre Geschichte und kein idealischer Roman ist. - Ich
werde wohl nicht nötig haben, für den Welt- und Menschenkenner diese Behauptung
deutlicher zu erklären, wenn er den geraden, natürlichen Gang meiner Geschichte
eingesehen hat, die so weit von den abenteuerlichen Episoden, romanenhaften
Windbeuteleien, u.s.w. entfern ist, und bloss bei der lieben Natur, bei
wirklichen Auftritten aus dem menschlichen Leben stehen bleibt. - Mich dünkt,
dass man aus dieser ganz begreiflichen Art Schiksale, aus dergleichen
wahrscheinlichen Begebenheiten am bessten Herzen, Menschen und Sitten studieren
lernt, weil sie auf keine Schimären, auf keine Ideale gegründet sind. Ob nun
diese meine gute Absicht bei meiner Arbeit von den Denkern und Denkerinnen so
verstanden wird, wie ich es wünsche, dies wird die Folge weisen. -
    Vielleicht hat diese ungezierte, an erdichteten Verwiklungen und gehäuften
Intriken so leere Geschichte nicht das Glük dem verwöhnten Geschmak zu gefallen,
der leider so gerne bei Hirngeburten und bei lügenhaften Geniestreichen
verweilt. - Es sollte mir wahrlich leid tun, weil ich mit allem Vorbedacht bei
der pünktlichen Wahrheit der Geschichte stehen blieb und nicht gerne
Erdichtungen einflikken wollte, um meine Leser und Leserinnen nicht mit Märchen
aus dem Reiche der Möglichkeit zu täuschen, die unsere meisten Romanen ohnehin
genug anfüllen. -
    Meine Arbeit musste ein Kind der Natur werden; wollen sich nun die
Abgesandten der Vorurteile und dienstfertige Grübler daran wagen, dasselbe zu
nekken, so wird seine Mutter aus Erfahrung wohl so viel kaltes Blut gesammelt
haben, um ihre Nekkereien mit philosophischer Gleichgültigkeit zu ertragen -
oder es zu verteidigen, - je nachdem es kömmt! -
    
                                                                Die Verfasserin.
 
    