
        
                                 Wilhelm Heinse
                        Ardinghello und die glückseligen
                                     Inseln
                                   Erster Band
                          Vorbericht zur ersten Auflage
Es ist eine Lust, in den italienischen Biblioteken herumzuwühlen: man spürt
auch in den geringern zuweilen unbekannte Handschriften auf. Ob ich an dieser,
von welcher ich hier die getreue Übersetzung liefre, einen guten oder schlechten
Fund getan habe, mag jeder Leser für sich bestimmen. Ich entdeckte sie bei
Cajeta in einer verfallnen Villa, die auf einer reizenden Anhöhe den zaubrischen
Meerbusen beherrscht, unter alten Büchern und Papieren, als ich mit einem jungen
Römer, während er die Verlassenschaft seines Oheims in Besitz nahm, einen
glücklichen Herbst dort zubrachte.
    Sollte verschiednen, wegen Ferne des Landes und der Zeit, einiges dunkel
oder zu gelehrt vorkommen, so können sie solches bequem überschlagen und sich
bloss an den Faden der Begebenheiten halten; in der Natur selbst müssen die
Weisesten manches so vorbeigehn.
    Vielleicht findet mein Freund noch anderswo das übrige der Geschichte; aus
Familiennachrichten scheint hier Fiordimona, die man darin kennenlernen wird,
ihre Tage beschlossen zu haben.
    Der Verfasser setzt seiner Schrift folgende Fabel vor, um sinnlich zu
machen, dass auch das Nützlichste unschuldigerweise schädlich sein kann:
    Ein wächserner Hausgötze, den man ausser acht gelassen hatte, stand neben
einem Feuer, worin edle campanische Gefässe gehärtet wurden, und fing an zu
schmelzen.
    Er beklagte sich bitterlich bei dem Elemente. Sieh, sprach er, wie grausam
du gegen mich verfährst! Jenen gibst du Dauer, und mich zerstörst du!
    Das Feuer aber antwortete: Beklage dich vielmehr über deine Natur; denn ich,
was mich betrifft, bin überall Feuer.
                                                   Geschrieben im Dezember 1785.
Bei der neuen Auflage dieses Werks ist zu erinnern, dass es 1785 fertig war.
Einige Jahre nach Erscheinung desselben haben sich Begebenheiten zugetragen, die
der Herausgeber, so plötzlich, nicht ahnden konnte. Man betrachte also manches
nicht gegen ihn aus dem verrückten Gesichtspunkte. Auch hat er Gedanken, darin
zerstreut, in spätern berühmten Schriften angetroffen; einen und den andern,
seiner Meinung nach, zu weit getrieben.
    Er will sich hiermit nur von dem vielleicht sonst künftigen Vorwurfe
befreien, dass er sie daraus genommen habe; und weiss wohl, dass mehrere über
gleiche Gegenstände ähnlich und gleich empfinden und urteilen können.
    Eine Menge Druckfehler, die ein Nachdrucker hässlich vermehrte, sind
ausgemerzt und einige Stellen ergänzt und berichtigt worden.
    Und nun, Ardinghello, überlass ich dich deinem Schicksal. Unter welschem
Himmel erzeugt und in teutschem Wind und Wetter aufgewachsen, magst du darin
bestehen oder vergehen.
 
                                  Erster Teil
Wir fuhren an einem türkischen Schiffe vorbei, sie brannten ihre Kanonen los:
die Gondel wankte, worin ich aufgerichtet stand; ich verlor das Gleichgewicht
und stürzte in die See, verwickelte mich in meinen Mantel, arbeitete vergebens
und sank unter.
    Als ich wieder zu mir gekommen war, befand ich mich bei einem jungen
Menschen, welcher mich gerettet hatte; seine Kleider lagen von Nässe an, und aus
den Haaren troff das Wasser. »Wir haben uns nur ein wenig abgekühlt!« sprach er
freundlich mir Mut ein; ich drückte ihm die Hände.
    Das Fest war für uns verdorben. Meine vorigen Begleiter eilten nun von
dannen. Wir liessen den Bucentoro zwischen tausend Fahrzeugen, unter dem Donner
des Geschützes von allen Schiffen aus den Häfen, in die offne See stechen und
den Dogen sich mit dem Meere vermählen; und er brachte mich mit seinem Führer
nach meiner Wohnung.
    Hier schied er von mir, ohne dass er mir weder sein Quartier noch seinen
Namen sagen wollte; bloss aus der Mundart bemerkte ich, dass er ein Fremder war;
jedoch versprach er, mich bald zu besuchen. Wir umarmten uns, und mir wallte das
Herz, es regte sich eine Glut darinnen. Seine Jugend stand eben in schöner
Blüte, um Mund und Kinn flog stark der liebliche Bart an; seine frischen Lippen
bezauberten im Reden, und die Augen sprühten Licht und Feuer; gross und
wohlgebildet am ganzen Körper, mit einer kühnen Wildheit, erschien er mir ein
höheres Wesen.
    Sein Bild wich den ganzen Tag nicht aus meiner Seele; ich konnte weder essen
noch trinken und vor Ungeduld nicht bleiben.
    Abends war Gondelrennen, das auf der See, was Wettlauf auf dem Lande;
wodurch unsre Leute zu mutigen Schiffern sich bilden: ein Spiel, wo Stärke,
Gewandteit und Führung des Ruders den Preis davonträgt und welchem nur ein
Pindar fehlt, es wie die olympischen zu verherrlichen. Der ganze Grosse Kanal
schäumte und war Getümmel von schönem Leben; die Fenster der Paläste prangten
mit ihren Tapeten, und die untergehende Sonne glänzte daraus wider in
unzählbaren frohlockenden Gestalten.
    Ich fuhr an den Markusplatz und ging darauf in Gedanken herum, bis die Nacht
einsank und ihre Kühle verbreitete; die Erleuchtung der Buden mit den
Kostbarkeiten der Messe gab eine neue Augenweide. Ich blickte in verschiedene
Weinschenken unter den Hallen; in einer dünkte mich, den jungen Mann gesehen zu
haben, der mich so grossmütig der Gefahr entzog. Ich kehrte sogleich um und ging
in meiner Maske hinein.
    Es war der Versammlungsort der Künstler, und ich hatte recht gesehen. Sie
schienen im Streite zu sein. Paul von Verona führte das Wort und sagte:
    »Wer über ein Kunstwerk am richtigsten urteilen kann? Ich glaube, wer die
Natur am besten kennt, die vorgestellt ist, und die Schranken der Kunst weiss.
Ich verachte die Elenden, die von einem Manne von Geist und Welt verlangen, dass
er ein Schmierer wie sie sein soll, eh er über ein Gemälde urteilen will. Das
komische Approbatum sogar, welches die teutschen Rosstäuscher an die Pferde vor
der Markuskirche mit ihren Namen schrieben, gilt mir zum Exempel mehr hier als
jener ganze Tross; in Stutereien geboren und erzogen, fühlten sie die herrliche
lebendige Pferdsnatur und wie jeder von den vier jungen mutigen Hengsten seinen
eigenen Charakter hat. Die Vortrefflichkeit ihrer Köpfe und wie sie schnauben
und ungeduldig sind, dass sie im Zügel gehalten werden, lernt man durch kein
blosses Gekritzel von Zeichnung. Selbst der grösste Maler, der immer auf festem
Lande lebte, kann über kein Seestück urteilen; und der erste beste Sultan, der
liebt und noch Kraft in den Adern hat, darf eher sprechen aus seinem Serail über
eine nackende Venus von unserm Alten als der fromme Fra Bartolommeo.«
    »Wahr!« versetzte ein andrer, der deutlichen hellen und volltönigen
Aussprache nach ein Römer; aber der Geschmack kömmt nicht von selbst. Man muss
erst wissen, was Kunst ist, und den Vorrat der Kunstwerke mit naturerfahrnem
Sinn geprüft haben, sonst geht man der Prozession mit der Madonna von Cimabue
hinterdrein und bejubelt sie als das Non plus ultra. Die Leute glauben, es wäre
nicht möglich, etwas Bessers zu machen, weil sie nichts Bessers gesehen haben;
und denken, wie ihnen zumute wäre, wenn sie den Pinsel in die Hand nehmen
sollten. Daher alle die albernen Urteile von sonst sehr gescheiten und gelehrten
Männern über die Künstler der vorigen Zeit; sie schwatzten gleich vom Zeuxis und
Apelles, weil sie platterdings von diesen Namen keinen sinnlichen Begriff
hatten. Und so wird's bei den Ausländern, wo die Kunst anfängt und die
Meisterstücke nicht vorhanden sind, mit euch und dem Tizian und Raffael ergehen;
ihr werdet ebenso gemissbraucht werden.
    Und dann muss man gewiss mehr als ein Werk und viel von einem Meister gesehn
haben, ehe man nur ihn recht kennenlernt. So geht's auch mit den Menschen
überhaupt; die trefflichen muss man studieren. Es ist nichts eitler und törichter
als die Reisenden und Hofschranzen, die einen wichtigen Mann gleich beim ersten
Besuch und Gespräch weghaben wollen.
    Doch um nicht auszuschweifen: »Keiner kann einen Teil vollkommen verstehen,
ohne vorher einen Begriff vom Ganzen zu haben, und so wieder umgekehrt. Jedes
einzelne Gemälde zum Beispiel macht folglich einen Teil von der gesamten
Malerei, so wie sie gegenwärtig in der Welt ist; und man muss wenigstens ihr
Bestes überhaupt kennen, ehe man dem einzelnen seinen Rang anweisen will.«
    Mein junger Mann erwiderte jetzt mit Feuer:
    »Ich mag nicht bestimmen, inwiefern der Herr recht hat. Das Geräusch der
Messe um uns erlaubt keine nüchterne Beratschlagung; ich glaube, Meister Paul
hat das Seinige gesagt, damit, dass ein befugter Richter noch die Grenzen der
Kunst kennen muss.
    Allein, ihr Lieben, jede Form ist individuell, und es gibt keine abstrakte;
eine bloss ideale Menschengestalt lässt sich weder von Mann noch Weib und Kind und
Greis denken. Eine junge Aspasia, Phryne lässt sich bis zur Liebesgöttin oder
Pallas erheben, wenn man die gehörigen Züge mit voller Phantasie in ihre
Bildungen zaubert: aber ein abstraktes bloss vollkommnes Weib, das von keinem
Klima, keiner Volkssitte etwas an sich hätte, ist und bleibt meiner Meinung nach
ein Hirngespinst, ärger als die abenteuerlichste Romanheldin, die doch
wenigstens irgendeine Sprache reden muss, deren Worte man versteht.
    Und solche unerträglich leere Gesichter und Gestalten nennen die armseligen
Schelme, die weiter nichts als ihr Handwerk nach Gipsen erlernt haben und
treiben, wahre hohe Kunst; und wollen mit Verachtung auf die Kernmenschen
herunterschauen, die die Schönheiten, welche in ihrem Jahrhundert aufblühten,
mit lebendigen Herzen in sich erbeutet haben.
    »Dies ist der wahre Weg«, beschloss der Römer. »Inzwischen kann man über
nichts urteilen, wovon man kein Ideal hat; und dies entwirft der Verstand mit
der Wahl aus vielem.«
    Hier trennte sich die Gesellschaft; Paul ging weg und nahm den Jüngling in
Arm. Ich folgte nach. Sie zogen den Platz ein paarmal herum und hörten da und
dort der Musik und den Scherzen lustiger Truppen zu. Beim Eingang in die
Merceria verliess ihn endlich Paul; ich nahm meine Maske ab und machte mich an
ihn.
    Er erkannte mich gleich und freute sich, dass mein Zufall keine schlimme
Folgen gehabt hätte. Ich bezeugte ihm vom neuen meine Dankbarkeit und wünschte
ihm irgendworin für seine edle Tat Dienste leisten zu können.
    Dies setzte ihn in Verlegenheit. »Was hab ich getan,« erwiderte er, »das ich
nicht bei jedem andern Erdensohn getan hätte? hätte tun müssen? Wie mancher Bube
holt ein Stück Geld vom Sand aus der Tiefe und stürzt sich noch obendrein von
Höhen in die Flut. Übertriebnes Lob für Schuldigkeit macht die Menschen feig und
eitel. Das ist ein elendes Volk an Heldenmut und Verstand, wo bei jeder
Kleinigkeit eine Ehrensäule muss aufgerichtet werden. Was geschehen ist, sei
geschehen!«
    »Gross auf Ihrer Seite,« verfügt ich, »und gewiss ist der Rettende schon in
sich der Göttliche. Inzwischen glaub ich aber doch, dass die Dankbarkeit das
festeste und sanfteste Band der Gesellschaft sei, und auch ein wenig
Ausschweifung darin eine Nation immer liebenswürdig und den wackern Männern
derselben das Leben froher mache.«
    Er sah mich hierbei mit einem neuen seelenvollen Blick an, und wir fassten
uns traulicher. Ich bat ihn inständig, diesen Abend bei mir zu bleiben; und wir
liessen uns am Broglio über den Kanal setzen.
    Wir assen und tranken, und das Tischgespräch wurde immer lebendiger, sobald
die Bedienten uns verlassen hatten. Der erste Vorwurf war der heutige Tag. Er
rühmte die Klugheit unsers Senats, dass sie sich aus dem bitterbösen Kriege nach
dem Bündnisse bei Cambrai und jetzt aus dem Überfalle der ganzen türkischen
Macht so glorreich gezogen hätten und in der alten Würde noch mit dem Meere
vermählen könnten. Nur tat es ihm leid, dass der Cypernwein in Italien nun
seltner und teurer werden würde.
    »Wir sind unter vier Augen«, erwidert ich, um ihm das etwanige Misstrauen
gegen einen Nobile zu benehmen; denn ich fühlte den Zug der Liebe
unwiderstehlich. »Nach jenem unglückseligen Bunde war ein arger Staatsfehler nur
einigermassen wieder gutgemacht, den man vorher hätte vermeiden müssen. Und auch
jetzt würden wir das süsse Königreich, die Insel der Liebe, nicht eingebüsst
haben, wenn man dem Sultan, als der Silen noch Stattalter in Cilicien gegenüber
war, einige Fässer von ihrem Nektar wohlfeiler vergönnte; und die christlichen
Freibeuter mit seinen weggekaperten schönen Knaben und Sklavinnen nicht allzu
sicher zu Famaugusta in der Nachbarschaft einliefen.
    Unsre Braut scheint uns übrigens nicht mehr so treu bleiben zu wollen, wenn
man auf Vorbedeutungen gehen darf. Sie wissen, dass das Fest schon vorgestern
sollte gehalten werden; aber die wilde Göttin weigerte sich, war Aufruhr und
stürmte und warf ein Dutzend ertrunkner Schiffbrüchigen zum Grossen Kanal herein
bis an den Palast des alten Dogen. Papst Alexander der Dritte, der noch Gewalt
über die Mutwillige hatte, ist leider längst gestorben; und Kolumb, der Held,
dessen Genua nicht wert war, und andre welsche Piloten haben dem portugiesischen
Heinrich und den kastilianischen Fürsten die wahre Amphitrite ausgekundschaftet,
wogegen unsre nur eine Nymphe ist. Und überhaupt gibt sie sich nur den Tapfern
und Klugen preis, wie alle freie Schönheit, und es hilft da keine Zeremonie. Wir
hätten uns besser um unsre Braut bewerben sollen, anstatt uns um Steinhaufen
viel zu plagen, nachdem sie uns einmal günstig war.«
    »Vielleicht ist dies Schicksal«, antwortete er schalkhaft-bitter; »Ihr Doge
vermählt sich vermutlich nicht umsonst so oft und trägt von jeher die phrygische
Mütze mit Hörnern! und dann ist so eine Zeremonie gut fürs Volk und macht ihm
Mut; und was einmal so prächtige Gewohnheit ist, lässt sich so leicht nicht
abschaffen. Ihr Herrn tut vielleicht bald wieder einen andern Fang im
Archipelagus und fischt ein neues Königreich. Es ist genug, dass man eins hundert
Jahre lang ruhig besitzt. Dreimalhunderttausend Zechinen kann man hernach leicht
für den Genuss bezahlen; dreitausend Zechinen fürs Jahr war die Residenz der
Venus selbst wohl unter Brüdern wert. Dies hat euch eine Venezianerin vermacht,
als ihr Gemahl, der König, starb und seine Kinder, eins nach dem andern, kurz
darauf in eurer Stadt: nun ist die Reihe an euch Jünglingen, eine Königin in
Osten zu heiraten.«1
    Dieser Stachel schnitt ein und verwundete mein damals noch allzu
parteiisch-vaterländisches Herz. Mir geschah, als ob ich vor der Zeit vernünftig
gewesen wäre; doch gefiel mir überaus seine Freimütigkeit gegen mich. Er
bemerkte mit scharfem Blicke gleich das Unheimliche und fuhr fort: »Aber wir
sind doch immer in Venedig, und die Mauern haben da Ohren; sprechen wir von
etwas anderm!«
    Nach einer kleinen Stille fing er an: »Ich muss Ihnen doch etwas von mir
sagen, damit Sie wissen, wer ich bin und wie ich mit andern zusammenhange.
    Ich bin ein Maler aus Florenz; und halte mich hier auf, um nach den
toskanischen Gerippen mich am venezianischen Fleische zu weiden. Tizian hat den
wesentlichen Teil von der Malerei, ohne welchen alles andre nicht bestehen kann.
Es ist freilich da, aber ungesund und siech; sei's noch so himmlisch und
vortrefflich oder als Gaukelspiel ohne Wahrheit. Wer nicht wie Tizian zu Werke
schreitet, wird auch nie ein wahrhaft grosser Maler werden. Die allgemeine Stimme
entscheidet hier, nicht die Künstler. Tizian ergreift alle, die keine Maler
sind; und diese selbst im Hauptstücke der Malerei, welches platterdings die
Wahrheit der Farbe ist, so wie die Zeichnung der wesentliche Teil der Zeichnung.
Malen ist Malen: und Zeichnen Zeichnen. Ohne Wahrheit der Farbe kann keine
Malerei bestehen, eher aber ohne Zeichnung.«
    »Wenn ich als Laie bei Euch strengen Herrn ein Wort reden darf,« fiel ich
ein, »so mag Ihnen das venezianische Fleisch nach den Knochen und Sehnen des
Michelangelo desto besser schmecken und bekommen.«
    »Dies ist lauter Sophisterei«, antwortete er. »Der Maler gibt sich mit der
Oberfläche ab, und diese zeigt sich bloss durch Farbe; und er hat mit dem
Wesentlichen der Dinge im eigentlichen Verstande wenig zu schaffen. Wer sich
einmal in diese Grillen verliert, kann so leicht nicht wieder herauskommen. Das
Zeichnen ist bloss ein notwendiges Übel, die Proportionen leicht zu finden: die
Farbe das Ziel, Anfang und Ende der Kunst. Es versteht sich, dass ich hier vom
Materiellen spreche. Dem Gerüste den Rang über das Gebäude geben zu wollen ist
ja lächerrlich; dem Zeichen, welches menschliche Schwachheit erfand, vor der
Sache selbst, wenn ich so reden darf. Das Hohle und das Erhobne, Dunkle und
Helle, das Harte und Weiche, und Junge und Alte, wie kann man es anders
herausbringen als durch Farbe? Form und Ausdruck kann nicht ohne sie bestehen.
Die schärfsten und strengsten Linien, selbst eines Michelangelo, sind Traum und
Schatten gegen das hohe Leben eines Tizianischen Kopfs. Profile kann jeder
Stümper abnehmen, da braucht sich der andre nur vors Licht zu setzen, richtiger
als sie ein Raffael aus freier Hand zeichnet; aber das Lebendige mit allen den
feinen Tinten in ihrer Vermischung und schwindenden Umrissen, die keine blosse
Linie fasst: da gehört Auge und Gefühl dazu, das die Natur nur wenigen gab. Wer
sich einmal an das Leichte gewöhnt, der kömmt mit dem Schweren gar selten fort.«
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    »Sie mögen im Grunde recht haben«, versetzt ich darauf; »nur verfällt man
bei Ihrer Art leicht in den Fehler, dass man sich allzusehr an das Materielle
hält und das Geistige darüber ausser acht lässt. Inzwischen möchte Ihnen der Römer
- wahrscheinlich war es einer diesen Abend im Weinhause -, was Sie sagten,
scharf bestreiten.«
    »Der Vorurteile sind noch mehr in der Kunst, die ebenso hartnäckig
verfochten werden«, sprach er ferner. »Was das Geistige betrifft, das lernt sich
und verlernt sich nicht; da gehört guter Instinkt aus Mutterleibe dazu und
vollkommne Gegenstände von aussen herum. Deuten und hinführen kann man wohl; aber
wo kein Zug, keine innere Richtung ist, kömmt lauter Manier hervor, dem
Menschen, der seinen Durst löschen will, soviel als nichts und überdrein
vergebliche Mühe; denn er hat sich an den leeren Schein hinbemühen und
untersuchen müssen.
    Der Römer hat viel Verstand; nur malen soll er nicht: er hätt ein
Schriftsteller werden sollen; jetzt aber ist er einmal im Geleise und schwatzt
sich durch. Dieser ahmt eine Natur nach, welche nur noch in Steinen existiert,
eine Natur ohne Farbe mit Farbe: und will täuschen! eine feste starre Bewegung
von den Millionen Lebendigen, die immer um uns herum entstehen! weil es freilich
jedermann leichter und dem schachmatten Stubensitzer bequemer ist, einen
bretternen Hirsch zu schiessen als einen, der durch die Wälder streicht und über
Büsche und Gräben setzt; zumal da wir heutiges Tages meist verbotene Jagd haben.
    Er hat ein langes und breites an der Hochzeit zu San Giorgio Maggiore von
unserm herrlichen Paul getadelt. Christus mit seinen Aposteln sitzt freilich im
Mittelgrund am Tische ziemlich unbedeutend; und sie sind bloss deswegen da, weil
sie dasein müssen, weil wir andern Menschenkinder uns keinen sinnlichen Begriff
von den Gestalten dieser Wundermänner machen können.
    Die Hauptsache aber bleibt immer der Schmaus, das Fest und der Wein über
alle Weine; erste erfreuliche Bekräftigung unsrer Religion nach dem Johannes.
Und in dieser Rücksicht ist das Stück voll Laune und die Begebenheit darin
erzählt wie eine spanische romantische Novelle. Die Hauptfiguren sind ein Tisch
mit Spielleuten, die auf lieblichen Instrumenten Musik machen. Paul selbst
spielt eine Geige der Liebe; Tizian den Regenten der Harmonie, den Bass; Bassano,
Tintorett andere Instrumente. Sie sind meisterhaft gemalt, haben treffliche
Gestalten, passenden Ausdruck und sind schön gekleidet. Am Tische der Braut ist
eine Sammlung der ersten Menschen dieser Zeit, alles voll Chronikwahrheit und
Laune; sie müssen ihm das Drama aufführen. Die Luft im Hintergrunde ist gar
leicht und heiter. Architektur, Gefässe und Speisen verzieren sehr gut. Die
Beleuchtung breitet das Ganze auseinander und scheint vollkommen natürlich. Wer
sieht so etwas nicht gern und weidet seine Augen daran!
    Derselbe hat gross Ärgernis genommen an der Verletzung des Kostüms in der
Familie des Darius beim Alexander mit seinen Helden, und bejammert, dass soviel
Herrlichkeit dadurch gestört werde.
    Sie kennen das Stück zu gut, da es bei Ihren Verwandten sich befindet. Man
kann es den Triumph der Farben nennen; mehr Harmonie, mehr Pracht, mehr
Lieblichkeit ist nicht möglich schier zu zeigen. Ausserdem herrscht noch Wahrheit
des Ausdrucks in allen Köpfen, die meistens Porträte sind. Wenn man nicht an die
alte Geschichte denkt, und glaubt, es wäre der Sieg eines Helden der neuern
Zeiten: so ist es ein wahrhaftes Meisterstück durchaus. Die Architektur im
Hintergrunde gibt den Ton zum Ganzen; und es gehörte so tiefes Gefühl im Auge
von Farbe, Pracht und Harmonie derselben dazu, wie Paul hatte, um auf einem
solchen weissen Grunde die Gesichter und Stoffe so hervorgehen und leben zu
lassen. Die Gruppe der vier weiblichen Figuren, die der Alte in eine Pyramide
bringt, ist durchaus reizend, die Gesichter lebendig und von wunderbarer
Frischheit. Alexander hat einen schönen Jünglingskopf, der freilich eher Weibern
gefallen kann als die Welt bezwingen. Dass er ganz bis auf die Füsse von oben
herab in Purpur überein gekleidet ist, macht zwar einen grossen roten Fleck bei
längrer Betrachtung; doch hebt es ihn als Hauptfigur hervor. Sie sehen, dass im
Wein die Wahrheit liegt! aber Paul kann sie vertragen. Parmenion hat einen
herrlichen Kopf und ein zauberisches gelbes Gewand; die Prinzessinnen haben
schön geflochten blondes Haar. Und welche Menge Figuren, wie auf der Hochzeit,
fast alle in Lebensgrösse! Man kann dies wohl das prächtigste und zauberischeste
Gemälde nennen, was Farben betrifft; mit jedem Blicke quillt neuer Genuss daraus
fürs Auge; nächst dem noch göttlichern und reichern Hingang zum Tempel der
Madonna als Kind in der Scuola della Carità von Tizian, dem Triumph aller
Malerei. Sie werden lange unübertroffen bleiben und einzeln in der Welt dasein.
    Die Vernachlässigung des Kostüms ist eigentlich ein Fehler für die
Antiquaren; denn der grosse Haufe weiss nichts davon und merkt's nicht. Freilich
wär es besser, die Künstler wählten keine alte Geschichten, wenn sie
Naturwahrheit und Farbenpracht in den Gewändern zeigen wollten; griechische
Gestalt und leichte Kleidung ist uns ganz entrückt. O wie verlangt mein Herz,
jene glückseligen Inseln und das feste Land auf beiden Seiten noch heutzutag zu
sehen und wie das heitre milde Klima noch jetzt dort das Lebendige bildet! Ach,
wir sind so weit von der Natur abgewichen und von der wahren Kunst zurück, dass
wir fast insgesamt einen bekleideten Menschen für schöner halten als einen
nackten! Das kostbarste, prächtigste, feinste und niedlichste Gewand ist für den
echten Philosophen und das Wesen, das nach klarem frischen Genuss trachtet, ein
Flecken, eine Schale, die ihn hemmt und hindert.«
    »Hätt ich Sie doch damals schon gekannt,« sagt ich ihm hierauf, »als ich
diesen Zug begann: so wär Ihr Wunsch erfüllt! So wie Sie mich hier sehen, hab
ich dieses alles schon durchwandert; leider zu früh. Mein Vater nahm mich mit
sich nach Griechenland, wohin er von der Republik abgeschickt wurde; und ich
blieb mit ihm daselbst drei Jahr. Das Beste, was ich zurückgebracht habe, ist
Kenntnis des Griechischen; ich lese das alte ziemlich geläufig und schreibe und
spreche das neue.«
    Hier sprang er auf vor Freuden, ganz ausser sich, so dass die Gläser vom
Tische flogen, und rief: »O glücklicher, seltner, wunderbarer Zufall! so jung
und schön, und voll Verstand und Erfahrung! wir müssen ewig Freunde sein, und
nichts soll uns trennen; du bist der Liebling meiner Seele.«
    So fiel er mir um den Hals. Uns verging auf lange die Sprache, und wir waren
zusammengeschmolzen durch Kuss und Blick und Umarmung.
    Endlich nahm er wieder das Wort und sagte: »Hier ist nichts als wir! und
alles andre in der Welt steht uns nur da zum Dienst.«
    Ich war ganz erschüttert, durchbrannt von seinem Feuer, seiner Heftigkeit.
Es wurde überhaupt wenig mehr gesprochen ausser unzusammenhangende Reden im
lyrischen Taumel, Akzente der Natur. Wir glühten beide von Wein und
Leidenschaft: er riss sich los, schon spät in der Nacht, mit den Worten: »Morgen
sind wir wieder beisammen.«
    Ich legte mich zu Bette. Herz und Seele und alles in mir war wie ein
Bienenschwarm, so sumsend, stechend heiss und ungeduldig; ich schlummerte wenig
Stunden und fuhr oft dazwischen auf.
    Den andern Morgen kam er bei guter Zeit. Mich überlief bei seinem Anblick
ein leichter Schauder vor seinem gestrigen Ungestüm; aber er erschien mir von
neuem so liebenswürdig, dass ich hingerissen wurde und dem unwiderstehlichen Zuge
nachfolgte.
    Ich hatte noch keinen Menschen gekannt, mit welchem ich so zusammenstimmte,
in der Art zu empfinden und zu handeln; nur war er reicher und stärker an Natur
als ich, seine Seele voller, aber auch unbändiger, und seine Geburt warf ihn in
andre Umstände, unter andre Menschen, in eine andre Laufbahn. Wer einen Freund
ohne Fehler finden will, der mache sich aus dieser Welt heraus oder geh in sich
selbst zurück, die Vollkommenheit erscheint hienieden nur in Augenblicken, und
diese allein sind unser Genuss. Ein grosser Geist, ein edel Herz wiegt manches
Laster auf, wohinein uns die Schlechtigkeit bürgerlicher Verfassungen stürzt.
    »Wir schieden gestern voneinander wie im Rausche«, trat er ins Zimmer.
»Glück ist die grösste Gabe, die Sterblichen zuteil werden kann, nur muss man es
mit Verstand brauchen.«
    Nachdem wir einigemal stillschweigend auf und ab gegangen waren, fragte er
mich: »Habt Ihr nie etwas von Kunst getrieben?« Ich antwortete ihm, dass ich nach
der hiesigen Erziehung zeichnen gelernt hätte, Augen, Mäuler, Nasen, Ohren und
Gesichter, und Hände und Füsse nach Vorschriften; im Grunde soviel als nichts:
denn bis zum eigentlichen Lebendigen wär ich nicht gekommen; welches mir
herzlich leid tue! mich reize sie unendlich, und ich möcht es gern darin bis zu
einer gewissen Fertigkeit für mein eigen Vergnügen gebracht haben. Jetzt mach
ich nur noch zuweilen die Hauptumrisse schöner Gegenden, der Erinnerung wegen.
    »Da ist noch nichts verloren«, fuhr er fort; »wir wollen einander helfen.
Alle Künste sind verwandt; sie zusammen erhöhen und verstärken die
Glückseligkeit des Menschen, bilden sein Gefühl, mehr als alles, für die
Schönheiten der Natur und setzen ihn über das Tier. Wie fangen wir es am besten
an, damit Ihr so geschwind als möglich Euch diese Fertigkeit erwerbt? Ich
denke,« fügt' er scherzhaft hinzu, »Ihr braucht mich zum Modell, nach kurzen
Wiederholungen von dem, was Ihr schon wisst; so wie ich Euch dann zuweilen bei
meiner Arbeit.
    Im Griechischen hab ich mich hauptsächlich nur mit den Dichtern beschäftigt,
mit dem Homer, Pindar, Sophokles, Euripides, weil mein Lehrmeister selbst ein
Dichter war; und dabei aus den Geschichtschreibern nur die Beschreibungen der
glänzenden Siege über die Perser gelesen. Die Schätze der Weisheit im
Aristoteles, Plato, Xenophon kenn ich meistens nur aus Gesprächen und vom
Hörensagen und habe wenig von den Quellen selbst getrunken. Wir könnten damit
manchen folgenden schönen Sommerabend uns himmlisch ergötzen, wenn Euch dazu
Zeit übrigbliebe.
    Mein eifrigstes Verlangen aber ist, dass Ihr mich in dem noch Lebendigen
dieser Göttersprache, im Neugriechischen, unterrichten möchtet; damit ich bald
mit Bequemlichkeit und grösserm Nutzen und Vergnügen eine Wallfahrt beginnen
könne nach dem echten klassischen Boden.
    Ihr habt genug am Zeichnen, wie einer, der selbst kein Dichter werden,
sondern nur die Meisterstücke der Alten und Neuen in ihrer ganzen Vollkommenheit
fassen will, an der Poetik des Aristoteles. Jede Kunst, bis zum letzten Ziel
erlangt, ist etwas anders und erfordert eines Menschen ganzes Leben. Für Euch
soll's nur Spiel sein; Ihr seid zu Höherm bestimmt und müsst glänzen wie der
Morgenstern in Eurer Republik. Dies wird immer neuen Reiz in unsre Freundschaft
bringen, und wir werden leben in der Natur, soviel uns mit Sinnen, Phantasie und
Verstand vergönnt ist.«
    »Du erfüllst mich mit Hoffnung und Freude«, antwortet ich ihm. »Mein Vater
ist jetzt in Dalmatien, und ich bin mit meiner Mutter allein. Sie zieht bald
aufs Land, vielleicht noch diese Woche. Die Gegend ist eine der angenehmsten der
ganzen Lombardei. Das Gut, wohin wir wollen, liegt am Lago di Garda, wo Catull,
vor welchem Cäsar sich neigte, zuweilen vom römischen Taumel ausruhte. Er sang
von dem Orte:
Peninsularum, Sirmio, insularumque
Ocelle, quascunque in liquentibus stagnis
Marique vasto fert uterque Neptunus.3
Willst du mich begleiten: so werden wir nach dem Pindar in die Burg des Kronos
gelangen, umweht von kühlen Seelüften; wo in schattigen Gärten Goldblumen
funkeln, diese der Erd entspriessen und anmutigen Bäumen, andre aber der klare
Bach erzieht. Wir wollen mit ihren Angehängen und Kränzen uns die Arme
umflechten und die Schläfe umwinden.
    Vorher aber muss ich dich meiner Mutter vorstellen; jedoch du musst hübsch
gescheit sein. Sie ist eine gar gute Frau, die mich zärtlich liebt. Sie weiss
schon, dass ein junger Mensch mich aus dem Kanale gerettet hat, und es wird ihr
gefallen, dass du es bist. Sie hat grosse Freude an schönen Madonnen; und wenn du
ihr eine in ihre Kapelle malst und fromm bist: so hält sie dich wie ein Kind.«
    Es ging hierbei eine sonderbare Bewegung in ihm vor, die mir lange hernach
erst erklärlich wurde; er sah mich an, neugierig mit heissen Blicken, und fragte:
»Also nicht weit vom Ausflusse des Mincio ist Euer Landsitz?«
    »Wenig davon«, versetzt ich. Darauf ging er nachdenkend einigemal mit mir
auf und ab. Endlich sprach er: »Gut; ich reise mit euch und male deiner Mutter
eine Madonna, wenn ich ihr anstehe. An Gescheiteit bei ihr soll's hoffentlich
nicht ermangeln.«
    Es wurde beschlossen, ihn den Abend noch ihr vorzustellen; bei Tische wollt
ich alles einlenken.
    Hier schied er von mir. Ich brachte die Sache vor; und meine Mutter war's
gleich zufrieden, ohne ihn noch gesehen zu haben, aus Willfährigkeit gegen mich.
    Mir schwellte aber die neue Bekanntschaft immer mehr das Herz; einen jungen
Maler der Art hatte ich noch nicht gekannt. Ich war überrascht; es ging alles so
schnell fort, und ich konnte keiner gehörigen Überlegung Raum geben.
    Beim ersten Blick und Gespräche schon gefiel er meiner Mutter, wie ihr noch
kein Fremder gefallen hatte. Hier erfuhr ich, dass er sich Ardinghello nannte;
ich hatte, voll von ihm, nicht daran gedacht, ihn von neuem um seinen Namen zu
befragen. Er gab sich hernach verschiedne andre; doch dieser soll ihm fortin
bleiben.
    Den folgenden Morgen sah ich einige angefangne Gemälde von ihm. Sein
Lebendiges war frisch und meisterhaft in der Arbeit und kam dem Tizianischen
ziemlich nahe; doch war es nicht Manier, sondern sein eigen und verschieden nach
der Natur: wenig Gewand, das meiste nach dem Nackenden; Studien von
Mädchenköpfen, voll Geist und Lieblichkeit, und Brüsten und Leibern, und Rücken,
und Schenkeln und Beinen, nackten Buben im Baden, Laufen und Balgen. Für
Bezahlung, sprach er, und nach andrer Belieben hab er noch nichts gemacht. »Das
Weitre«, fügte er wie unbedeutend hinzu, »will ich dir einmal erzählen, wenn wir
mehr in Ruhe sind.«
    Er besuchte die Tage darauf den alten Greis Tizian noch einmal und seine
Freunde, und zu Ende der Woche reisten wir ab. Meine Mutter fuhr mit ihren
Leuten voraus und wir hinterdrein, weil wir zu Vicenza uns einen Tag wegen der
Gebäude des Palladio aufzuhalten gedachten. Wegen des Griechischen nahm ich noch
die Bücher mit, die nicht in der Bibliotek auf dem Gute sich befanden; und er
das nötige Gerät zum Malen und Zeichnen.
    Als wir eine Strecke vom Grossen Kanal entfernt waren, setzte sich
Ardinghello aufs Verdeck der Barke und blickte tief gerührt nach der Stadt mit
unverwandten Augen; die Feuchtigkeit trat hinein, und sein Herz ward erweicht.
Seine Seele schien zu ahnden, dass er sie nie wieder sehen sollte. So wälzen die
Schicksale den Menschen fort wie die Fluten des Meers einen schwachen Trümmer!
Die Sonne war eben aufgegangen, und die Türme, Kirchen, Paläste und Inseln lagen
da im dünnen Nebel.
    Mir war wohl, dass ich herauskam. Im Winter ist Venedig angenehm, weil die
Menschen so enge beisammen sind und alles zur Ergötzlichkeit treibt, Lage und
Regierung; aber im Sommer ist's ein ungesunder und gefährlicher Ort. Ein
Eingeborner kann die Wahrheit besser wissen als ein Dichter aus Neapel. Es mag
der Natur nach ein ganz andrer Unterschied sein zwischen Rom und Venedig, ob es
gleich prächtig klingt:
                   Illam homines dices, hanc posuisse deos.4
Wenn einer die Geschichte kennt und da gelebt hat und es beim Ausflusse der
Brenta vom Ufer betrachtet: so sieht es richtiger aus wie ein endlich sichrer
Zufluchtsort von dem Lande weggeprügelter und weggescheuchter furchtsamer Hasen,
die sich hernach gross und zu geflügelten Löwen gemacht haben, als ihnen die
Feinde übers Wasser nicht nachkonnten und sie von fern sicher sehen mussten. Eine
unüberwindliche Festung ist's gewiss, weil durch die Sümpfe vom Land aus nichts
anders als kleine Barken anländen können und man von der See her in die Häfen
den Faden der Ariadne braucht; und eben weil es unüberwindlich und unzukommbar
ist ausser Verräterei, trägt es, vom Meer umgeben, eine gewisse Majestät an sich.
Götter aber flüchten sich nicht in Sümpfe. Inzwischen hat Sannazar der reizenden
Dichtung wegen seine sechstausend Dukaten doch verdient. Die Wahrheit bezahlt
man selten so teuer.
    Der grosse Doge Peter Ziani hat sie gar wohl erkannt, als er den kühnen
Entschluss fasste, noch zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts eine neue
Völkerwanderung anzustellen. Konstantinopel ist ohne Streit ein glückseliger
Plätzchen auf diesem Erdboden. Die Venezianer hatten es damals mit den Franken
eingenommen, und wir besassen mehr von Griechenland als jetzt. Er riet mit
stärkern Gründen als je Demostenes, diese Lagunen zu verlassen und dort uns
anzupflanzen; und Dido und Äneas waren dagegen Luftgestalten. »Wenn der Mond mit
seiner Ebbe und Flut unsern Kanälen das Wasser entzieht,« sprach er im Grossen
Rate, »der Schlamm sich zeigt und seinen Gestank ausdünstet: welche gute Nase
kann da vor Ekel auf den Wegen bleiben? Sind nicht immer unsre Lazarette voll
und die jahraus, jahrein nicht von dannen schiffen wie gefangen? Überdies haben
wir Erdbeben, noch ausserdem, dass das Meer oft hereinstürmt und unsre Zisternen
und Warenlager verderbt. Und welch ein Wohnsitz, um auszuhalten, wo nichts als
schlechte Fische Nahrung gibt, weder Korn noch Wein und Öl wächst, weder Baum
hervorkömmt, noch trinkbar Wasser quillt, wo alle Elemente verdorben sind,
Wasser, Luft und Erd und Feuer? und von allen Seiten Feindschaft um uns her?
Dort sind wir gleich in unsern Besitzungen, und welche Aussichten in die
Zukunft!« Jedoch überwand ihn der Prokurator von San Marco, der Greis Anzolo
Falier, unter fünfhunderten mit einer Stimme, indem er nach dem Aristoteles
behauptete: dass die Festigkeit, ohngeachtet aller Übel bei einer Hauptstadt, der
glücklichen Lage, ohne dieselbe, vorzuziehen wäre; und dass gerade die
Unfruchtbarkeit ein Volk zur Tapferkeit zwänge und über andre erhöbe.
    Darin bestand unsre Unterhaltung bis nach Padua, und Ardinghello beschloss
mit folgenden Worten: »Wo die Verständigen nicht herrschen, ist keine
Staatsverfassung gut; jedoch mit dem Unterschiede, dass zum Exempel bei einer
Million Bürgern in einer Demokratie fünfmalhunderttausend und etliche Narren
über viermalhunderttausendundneunhundert gescheite Leute den Ausschlag geben:
und in einer Monarchie ein Narr
neunmalhunderttausendneunhundertundneunundneunzig Philosophen ins Verderben
stürzen könnte, wenn sie nach dem auf Schulen gelehrten Staatsrechte keine
Rebellen sein wollten.«
    Als wir von Vicenza weggereist waren, sprachen wir viel über die Gebäude zu
Venedig und den Palladio. Ardinghello hielt Venedig für einen der merkwürdigsten
Örter in der Baukunst; und sagte: hier wäre nicht nur ein Stil, sondern man sähe
darin die Geschichte derselben der neuern Jahrhunderte; und erkenne immer, dass
ein Senat von vielen Personen da herrsche und nicht ein einzelner oft elender
Mensch ohne Talent und Geschmack, weil man nichts ganz Schlechtes unter den
öffentlichen Gebäuden fände wie in andern Residenzen.
    Er liebte den Palladio vor allen neuern Baumeistern, nannte ihn eine heitre
Seele voll des Vortrefflichsten aus dem Altertum, und dass er davon mitteile, und
aus sich selbst, soviel sich für seine Zeitverwandten schicke.
    In Vicenza wird leider von ihm nichts recht ausgebaut, und die Gebäude
gleichen fast nur angefangnen Modellen von seinen Ideen; aber welch ein
Wunderwerk ist der Palast Cornaro am Kanal! wie schön die Kirchen zu San Giorgio
und al redemtore in Venedig! und die Brücke zu Vicenza über den Bacchilion, so
leicht und reizend und sicher in ihrem Bogen wie ein beherzter Amazonensprung!
Wie angenehm das durchbrochne Geländer, damit man das erfreuliche Wasser dadurch
wegströmen sehe!
    Jedoch gefiel Ardinghello das Rataus nicht, obgleich es Palladio selbst
unter die schönsten Werke neuerer Kunst setzt. Die Fassade, an und für sich
richtig und schön, glich doch nur einer Schminke, die einer alten Matrone
aufgetragen wäre; die Bogen derselben entsprächen nicht denen des gotischen
Gebäudes, das überall schief durchguckte. Julio Romano hätte, damals schon älter
und erfahrner, mehr Geschmack gezeigt, als er eine meisterhafte gotische dazu
erfand. Es sei etwas anders, einen Riss auf dem Papier anschauen und ein Gebäude
aufgemauert in der Luft; dies haben die Ratsherrn, die des Palladio seinen
wählten, wie viele Grosse, die bauen lassen, nicht gewusst.
    Unser Gespräch lenkte sich endlich auf die Architektur überhaupt; und er
sagte, soviel ich mich erinnere:
    »Von Schönheit in der Baukunst hab ich wenig Begriff, weil sie mir ganz
ausser der lebendigen Natur zu sein scheint. Höchstens entspringt ihr Reiz bloss
aus der Metaphysik davon, wenn ich das Wort hier brauchen darf, und nicht aus
Wirklichkeit; deswegen ihre Verschiedenheit bei allen Völkern, die sich einander
nicht nachahmen. Eine strenge Teorie davon verliert sich in das Dunkel der
Schöpfung. Schönheit ist, was Vergnügen wirkt; was bloss Schmerz stillen und
verhüten soll, braucht eigentlich keine Schönheit an und für sich zu haben. So
geht's mit den Gebäuden; sie halten bloss Ungemach ab. Sobald das Wetter gut ist,
mag ich in keinem bleiben und will ins freie Feld. Alles muss auf Ungemach,
Krankheit, Feindseligkeit und Bedürfnis von Zusammenkünften berechnet werden;
dies bestimmt hernach ihre Vollkommenheit. Harmonie, Ebenmass, Übereinstimmung
mit jedes Zweck macht dessen Schönheit, wenn man das, was nichts Lebendiges
nachahmt, so nennen will;5 was sollen uns alle die überflüssigen, unbedeutenden
Zieraten? Ein Gebäude ist ein Kleid, das Menschen und Tiere vor bösem Wetter
schützt, und muss darnach beurteilt werden.
    Geht man in die Wildheit zurück: so findet man Grotten und Waldung, und
durchgerissne Felsen, um über Abgründe von Strömen zu gelangen. Dies hat zwar der
sittliche Mensch zuerst nachgebildet, und noch jetzt sind die Spuren da unter
tausend gemachten Bedürfnissen; wir ahmen die ursprünglichen Formen nach, von
Fels und Baum in demselben Gebäude durchaus von Stein. Dieser ist inzwischen
ungelenk, und wer ihn allzusehr zu leichtem Holze schnitzelt, besonders am
Boden, wo er gerade vor Augen liegt, wird abgeschmackt und lächerrlich. Holz hat
seine natürliche Form in Stamm und Zweigen: woher die Säulen und zum Teil die
Gewölbe. Je weniger man von der natürlichen Form abnimmt: desto reiner ihre
Schönheit; so übertrifft eine Säule immer einen Pilaster. Das meiste aber
bezieht sich auf Zweck und hat mit Nachahmung der Natur wenig zu schaffen. Die
Schönheit der Massen muss aus einem glücklichen geheimen Gefühl hervorkommen, das
sich an der Harmonie der Teile des Menschen, des Grossen in der Natur und
überhaupt alles Lebendigen lange geweidet hat, und wieder mit einem solchen Sinn
genossen werden. Hier lassen sich, was Erfindung betrifft, keine bestimmte
Regeln geben; ein ganz anders ist, wenn man bloss nachahmt, was Griechen und
Römern gefiel.«
    »Und dies bleibt wohl immer das Zuversichtlichste,« fiel ich ein, »da sie
ausgemacht die menschliche Natur mehr durchgearbeitet und zur höchsten
Vollkommenheit gebildet haben, die wir kennen.«
    »Wenn der Erdboden durchaus gleiches Klima hätte«, versetzte er darauf, »wie
die Gegenden, welche sie bewohnten; die Menschen überall dieselben Bedürfnisse,
dieselben Sitten und Gebräuche, die gleiche Idee von Glückseligkeit, dieselben
Feste und Spiele! Und überhaupt will der Mensch Neues; er hat ohnedies zuviel
vom Gesetz zu leiden, das er nicht abwerfen kann; warum von freien Stücken sich
eins auf den Nacken legen, das ihm nicht gefällt?
    Die Kunst wird, ausser dem Reichtum an schönen Formen und Begebenheiten in
der Natur, schon geweckt im Menschen durch vortreffliche Mittel zur Darstellung.
Die Obelisken, Pyramiden, Tempel in Ägypten hatten ihre Entstehung schon den
Marmor-, Granit-, Porphyr- und Jaspisgebirgen am Roten Meer zu verdanken. Der
leichteste Gegenstand in der Natur reizte hernach; zum Beispiel zu Syene die
Wendung der Sonne und die Anzahl der Tage im Jahr zu bestimmen. So gab der
parische Marmor den Griechen Gelegenheit, die menschlichen Formen nachzuahmen;
so ihre Sprache zu verschiednen Silbenmassen und Gedichten. So werden wir von der
unsrigen zum Gesange gelockt und zum Bauen vom Reichtum an Baumaterialien.
Verschiedne Mittel, als Holz, Backstein und Marmor, veranlassen schon
verschiedne Formen.
    Ein Umstand allein verändert oft das Ganze. Bei den Griechen und Römern war
ein Tempel meistens nur für einen ihrer vielen Götter; eine Wohnung, für
denselben abgepasst gewissermassen, wenn er vom Olymp hernieder in die Gegend kam,
wie ein König aus seiner Residenz in ein Schloss einer seiner Provinzen.
    
    Die Form desselben war also nicht gross; und die Säulen richteten sich nach
der Proportion. Jeder Bürger opferte entweder einzeln; oder war allgemeines
Fest: so ging der Priester oder die Priesterin hinein, und das Volk stand innen
und aussen herum. Gleiche Bewandtnis hat es bei ihren Orakelsprüchen.
    Unsre Kirchen hingegen sind grosse Versammlungsplätze, wo oft die Einwohner
einer ganzen Stadt stundenlang sich aufhalten sollen. Ein feierlicher gotischer
Dom mit seinem freien ungeheuern Raume, von vernünftigen Barbaren entworfen, wo
die Stimme des Priesters Donner wird und der Choral des Volks ein Meersturm, der
den Vater des Weltalls preist und den kühnsten Ungläubigen erschüttert, indes
der Tyrann der Musik, die Orgel, wie ein Orkan dareinrast und tiefe Fluten
wälzt: wird immer das kleinliche Gemächt im Grossen, sei's nach dem niedlichsten
Venustempel von dem geschmackvollsten Atenienser! bei einem Mann von
unverfälschtem Sinn zuschanden machen.
    Wir hätten dafür, deucht mich, eher ihre Teater zum Muster nehmen sollen,
die natürlichste Form für eine grosse Menge, worin jede Person ihren Posten wie
in einer Republik, einer Demokratie einzunehmen scheint und ein herrliches
Ganzes bildet. Und sind wir nicht gegen das Wesen der Wesen alle gleich? König
und Bettler, Philosoph und Bäuerlein arme blinde Würmer, die nichts wissen, die
hieher gesetzt sind wie verraten und verkauft, in Nacht und Nebel, wo wir
vergebens die Köpfe in die Höhe strecken?
    Ich habe hier und da in Klostergärten doch gefunden, wie sich die liebe
Natur auch in ihrer grössten Einfalt selbst regt. Der Bruder Redner sass unten
zwischen alten schattigen Bäumen, und vor ihm hatten sie an einem Hügel in
hohler Rundung Sitze mit Rasen nacheinander in der Höhe rückwärts angelegt; und
so sassen sie übereinander und hörten zu: und oben an beiden Seiten schlossen das
Andachtsörtchen wieder Bäume, wo der Wind die zarten Zweige bewegte und die
Blätter flisterten, als ob Engel darinnen spielten, sich ihrer Frömmigkeit
freuten.
    In unsern Kirchen mit langem gleichplatten Boden kann man nicht einmal das
Messamt gehörig verwalten; die hintersten sehen's nicht vor den vordern, was der
Priester beginnt, und sie stehen und liegen ohne Ordnung untereinander, im
eigentlichsten Verstande wie die Schafe.
    Übrigens ist die Qual aller Baumeister, dass sie für Sommer und Winter
dasselbe Gebäude machen müssen, einen Rock für die grösste Hitze und die grösste
Kälte. Weil sie nun in Süden sich nach dem Sommer richten: so frieren sie im
Winter am meisten; und in Norden nach dem Winter: so schwitzen sie dort im
Sommer am meisten; ob's gleich nach der Natur ganz umgekehrt sein sollte.«
    Die Gegend von Vicenza hatte ihm ungemein gefallen, besonders aber der
herrliche Spazierplatz des Campo Marzo mit der neu herausempfundenen
Triumphpforte vom Palladio zum Eingang. In der Tat lagern sich reizend die schön
bewachsnen Hügel darum her, und die Tirolergebirge machen in blauer Ferne süsse
Augenweide.
    Mehr aber gefiel ihm noch Verona wegen der Etsch, der Alpentochter, die
wellenschlagend aus den Felsen sich mitten durch die Stadt in
Schlangenkrümmungen reisst, worüber die Brücke der Skaliger sich in kühnen Bogen
hebt, weiter, heroischer und kunstgebildeter als selbst die Brücke Rialto, das
Wunder von Venedig, welche mit ihren sechzig Stufen herauf und hinunter mehr
Treppe als fortgesetzter bequemer Weg ist.
    Wir machten den letzten Strich in unvergleichlicher Nacht, wo der Mond,
beinahe voll, immer mit uns ging und uns durch die schönen Ulmen begleitete, die
ihre Kränze von dichtbelaubten Weinranken lieblich zusammenpaarten; und Blitze
von einem fernen Gewitter flammten herüber in die heitre Luft. Mond und
Abendstern und Sirius und Orion schienen wie Schutzgeister unsrer Sphäre
näherzuschweben. »Ach, ihr Götter,« rief Ardinghello, »warum so einen kleinen
Punkt uns zum Genuss zu geben und nach den unendlichen Welten uns schmachten zu
lassen! Wir sind wie lebendig begraben.«
    Schon regte sich ein leichter frischer Morgenwind und säuselte durch die
Blätter; ein milder Lichtrauch stieg auf in Osten, von einzelnen Strahlen
durchspielt, als wir bei unserm Landgut anlangten, wo der See sich ausbreitete
und seine Ufer von Wellen rauschten. Sie brachen sich ergötzend übereinander und
schäumten; und wir fanden die Beschreibung Virgils: Fluctibus et fremitu
assurgens marino,6 ganz nach der Natur. Ich legte mich zu Bette, weil ich den
vorigen Tag nicht geschlafen hatte. Ardinghello aber wollte nicht und machte
Bekanntschaft mit der Gegend.
    Die Zimmer für uns waren schon zubereitet; den Nachmittag richteten wir uns
völlig ein. Ardinghello bekam eins gegen Norden zum Malen, wo er Licht und
freien Himmel hatte, wie er wünschte, und überdies den Ausgang aufs Feld.
    Wir beschifften die ersten Tage die Küsten, stiegen da und dort ans Land und
schweiften herum an den schönen Hügeln bis nach Brescia. Ardinghello legte
alsdenn gleich seine Madonna an für meine Mutter, damit er in den guten Stunden
hernach daran arbeiten könnte.
    Im Griechischen waren wir schon einig wegen Ton oder Akzent und Aussprache;
wir richteten uns gänzlich hierin nach den, obgleich verwilderten, Abkömmlingen
der Alten, zumal da wir doppelten Endzweck hatten. Wir gelangen zur Kenntnis
toter Sprachen nicht allein durch Vernunftschlüsse und Vergleichungen, sondern
noch durch Herkommen; und da hat doch das Volk, dessen Sprache die älteste
Tochter ist von der abgestorbnen, oder vielmehr selbst noch Mutter, nur durch
die Zeit verändert und verwandelt, das nächste Recht zur Erklärung. Kein
auswärtiger Bücherheld wird mit seinem blossen Buchstabieren auch je dem Runden
und Lebendigen desselben bei Lesung der übriggebliebnen Denkmale gleichkommen.
    Man kann wohl sagen, dass wir kein grösser und vollkommner Ganzes vom
menschlichen Leben haben als die griechische Sprache, wenn man sie vom Homer an
zusammennimmt bis auf unsre Zeiten.
    Im Homer steht sie schon als ein starker junger saftiger zweige- und
laubvoller Baum da; in den tragischen und komischen Dichtern Atens, dessen
Philosophen und Rednern in höchster Schönheit und Fruchtbarkeit, so wie noch nie
etwas Menschliches erschienen ist: und bei den Neugriechen zusammengeschrumpft,
verwachsen und ästezerbrochen, bepfropft mit mancherlei fremdartigen, und doch
noch gross und reich; in einem Alter von dreitausend Jahren.
    Die feinen Ausbildungen, die geschmeidigen Darstellungen aller
Verschiedenheit der Natur sind, so wie die Wirklichkeit selbst, in den Zeiten
der Barbarei verlorengegangen. Die Neugriechen haben keinen Dativum in ihren
Deklinationen, und ihre Verba sind steif geworden. Das Futurum wird mit dem
Hülfsworte wollen gemacht, das reiche Perfektum ist verschwunden und der erste
Aorist darein verwandelt. Sie haben keinen Dual, kein Medium, keine Verba in mi,
sogar keinen Infinitiv mehr. Die Partizipia sind verunstaltet; die Präpositionen
ohne Regierung fast: ihrer bloss acht an und für sich, haben alle den platten
Akkusativum hinter sich; und die Partikeln bringen wenig Geschmeidigkeit mehr
hervor.
    Und doch hat die Sprache noch Wohllaut und mannigfaltigen Klang; schöne
ursprüngliche Form, aber wenig Beweglichkeit. Die italienische ist aus der
römischen weit mehr von Leben und Geist gebildet; das Neugriechische aus dem
alten lange nicht so bearbeitet. Vieles darin sieht aus wie zerschmettert und
versetztes Bruchstück, und manches ist noch völlig so wie bei dem alten.
    Ich brachte dem Ardinghello bald alles bei, was zum täglichen Leben gehört;
obgleich die gemeinsten Dinge bei den Überfällen verschiedner Völkerschaften
hauptsächlich ihre Benennungen verändert erhalten haben. So heisst zum Beispiel
jetzt: Brot psomi, Wasser neron, Wein krasy, der Leib kormi, die Tür porta, der
Weg strata, das Haus spiti; chrysaphi, asimi Gold und Silber.
    Überhaupt lieben die Neugriechen das I; und man findet oft das alte Wort,
wenn man es wegtut, als bei mati Auge, avti Ohr.
    Die Evangelien und Episteln versteht man so ziemlich noch im Griechischen
des Neuen Testaments, aber vom Xenophon und Plato wenig. Die Geistlichen,
Vornehmern und Kaufleute reden, was man Schriftsprache nennen kann. Die grösste
Barbarei ist eigentlich auf den Inseln, weil diese mehr als das feste Land von
den Fremden überschwemmt wurden; auch weichen die Sitten hier mehr von den alten
ab.
    Der Mundarten sind vielleicht mehr als bei den Alten; und so geht's mit der
Aussprache. Die jetzigen Spartaner sprechen zum Beispiel ch aus wie die
Franzosen.
    Überhaupt war die Aussprache schon bei den Alten verschieden nach Ort und
Zeit, wie bei uns und überall. Die ersten Pelasger sprachen vermutlich ihr
Griechisch anders aus als die Atenienser unter dem Perikles, und so Homer und
seine Zeitverwandten. Plato beklagt sich im Gespräche Kratylos, kurz nachher,
als die zwei langen ionischen Vokalen zu Aten, unter dem Archon Euklid, im
zweiten Jahre der vierundneunzigsten Olympiade in allgemeinen Gebrauch gekommen
waren, dass man das Wort, welches den Tag ausdrückt, nicht mehr himera wie die
Vorfahren ausspreche, sondern entweder hemera oder neuerdings hmera, und dabei
den schönen Ursprung nicht mehr fühle, dass es von himeros, das Verlangen,
herkomme, weil man nämlich in der Nacht und Dunkelheit nach dem Licht und
Aufgang der Sonne verlangt.
    Aus diesem Beispiele dürfte man vielleicht schliessen, dass die neuern
Griechen in manchem zur Aussprache der ältern und selbst Homers wieder
zurückkehrten, und dass auch hier, wie sonst in der Welt, alles im Kreise
herumgeht.
    Am besten ist es, man richtet sich nach der jedesmaligen lebendigen
Aussprache und dem grossen Haufen; und man muss es, wenn man verständlich sein
will.7 Von den Alten lasen wir die Abende bald ein Stück aus dem Plato, bald aus
dem Aristoteles oder Xenophon, kehrten aber von ihrem Scharfsinn und Adel, der
reinsten Empfindung und ihren hohen Flügen oft zurück unter das ateniensische
Volk zum Demostenes und Aristophanes.
    Ardinghello hatte den letztern nur dem Namen nach gekannt und weidete seine
Seele nun an ihm leibhaftig mit Entzücken. Er brütete so recht über seinem
Witze, seiner Laune, seinen kühnen Erdichtungen, und hielt seine Possenspiele
für das allerhöchste Denkmal menschlicher Freiheit, welchem sich keins unter den
Millionen andrer Schriften von weitem nähere. Wer mit den Griechen wetteifern
wolle, müsse in beiden leben und weben. Hier erscheine der Mensch, wie er sei,
mit allen seinen natürlichen Herrlichkeiten und Schlechtigkeiten. Hier
entsprängen und rännen die lautersten Lebensbäche.
    Mein Freund steckte mich mit seiner Meinung an, und Redner und Dichter
wirkten mächtig auf uns: wir wurden selbst freier im Umgange, und unsre
Sprachkenntnis wuchs wie eine üppige Pflanze. Wir hielten uns ganz an Aten vom
Temistokles an bis zum Tod Alexanders; drangen immer tiefer ein in dessen
Staatsverfassung, Gesetze, Gerichte; ruhten im Schatten an den bemoosten Wurzeln
des schönen lebendigen Baums, der seine Zweige über ganz Griechenland
verbreitete; und gingen aus diesem Kreise, und was sich damit verband, selten
heraus.
    dabei beschrieb ich ihm den gegenwärtigen Zustand der Inseln und des festen
Landes; Gesellschaften, Sitten und Gebräuche, Feste und Spiele, Klima,
Jahrszeiten, Wind und Wetter, Gewächse und Früchte, und was von den Alten noch
übrig ist.
    Ohngeachtet seiner Lust an dem Aristophanes, der glänzenden Satire der
Wolken gegen den Dämon des Philosophen und des bittern Angriffs der Lehre
desselben, dass kindliche Liebe und Verehrung der Eltern und Verwandten dem
Verstande nachstehen müsse: hielt er nichtsdestoweniger die Denkwürdigkeiten des
Sokrates für das gediegenste Kleinod aller Weisheit und die Moral aller Moralen.
    Übrigens kamen wir darin überein, dass man die Wolken nach ihrer und nicht
nach unserer Zeit beurteilen müsse. Die Menschen waren damals gewohnt, einander
nackend zu sehen, und scherzten zur Ergötzlichkeit für den Augenblick über ihre
Mängel und Gebrechen und vergassen es hernach bald wieder. Aristophanes war so
wenig schuld an dem gewiss bis zum Vergessen seines Mutwillens lang hernach
erfolgten Tode des Sokrates als an dem des Euripides; und beide wurden im Grunde
nicht minder hochgeschätzt, trotz aller Lächerrlichkeiten, die er auf sie warf.
Welche possierliche Rolle lässt er nicht den Weisen letztern im Feste der Ceres
und Proserpina spielen! Bei uns wäre freilich so etwas wie Mord und Totschlag.
Und ausserdem war man es gewohnt, dass Philosophen und Dichter, und von diesen
wieder die tragischen und komischen, sich zur Kurzweil des Volks einander zum
besten hatten. Wer weiss, wie hart Sokrates und Euripides vorher dem Aristophanes
begegneten? Das beste Zeugnis für das, was ich sage, ist, dass Plato nicht
aufhörte, den komischen Dichter hochzuschätzen.
    Dieser hohe Genius schien uns überhaupt einen viel weitern Gesichtskreis als
Xenophon zu haben und selbst über seinen Lehrmeister hinauszugehen. Wir meinten,
nicht wenige seiner Gespräche müssten die Lieblingsschriften für jeden guten Kopf
sein, der sie fertig in der bezaubernden Ursprache lesen kann; und dies zwar
hauptsächlich deswegen, weil er selten seine Materie erschöpft, aber mit
gewaltiger Hand in tiefe, reiche Fundgruben hineinführt. Wir bewunderten oft an
ihm, diesen Tag, die allergewandteste attische Feinheit, die so edel kein
Schriftsteller, unsers Wissens, weder seiner noch viel weniger irgendeiner
andern Nation je erreicht hat; und den folgenden wieder die erhabensten Gedanken
in der kühnsten Sprache.
    Demostenes ist freilich gegen ihn, wie der noch junge, zu strenge Dionys
von Halikarnass wahr spricht, Held im Streite, wo es das Leben gilt, und jeder
Hieb und Stoss Wunde. Aber ein andres ist Schlachtfeld, ein andres Akademie! wo
unter kühlen Lauben auch zuweilen bloss angenehmes Geschwätz ergötzt, und
lyrische Verzückungen süsser Trunkenheit bei sternenheller Nacht am seligsten
machen.
    Mitten unter dieser Seelenweide legt ich mich eifrig auf die Zeichnung. Ich
fing vom neuen damit an, allerlei matematische Figuren aus freier Hand bis zur
Vollkommenheit zu entwerfen, um sie zur Sicherheit im Zuge zu bringen. Alsdenn
plagte mich Ardinghello nur kurze Zeit mit menschlichen Gerippen und ging gleich
über auf den Umriss der Teile und ihre Verhältnisse zueinander; und endlich
gelangt ich zum Lebendigen, wie aus einer trocknen Wüste zu schattichten
frischen Quellen. Wir waren schon aus der ruhigen Schönheit am
Leidenschaftlichen: als eine schreckliche Begebenheit erfolgte, die uns auf
lange trennte.
    Über die Verhältnisse des menschlichen Körpers gingen wir, ausser den
Vorschriften der beiden grossen Florentiner, noch ein Werk durch von dem
Teutschen Albrecht Dürer. Er sagte, wenige hätten die Teorie ihrer Kunst wohl
so innegehabt unter allen neuern Malern und Bildhauern als dieser; man fände bei
ihm ein erstaunliches Studium: aber zum Hohen und Schönen derselben sei er nicht
gelangt, weil niemand aus seiner Nation und seinem Zeitalter könne. Dies hange
ausser dem Innern noch gar zuviel von Glück und Zufall ab. Wir könnten das
Lebendige nicht anders nachbilden, als bis wir es entweder selbst gelebt oder
mit unsern Sinnen in ergreifender Wirklichkeit empfunden hätten. Ohne Perikles
und Aspasia, Alkibiaden, Phrynen und ihresgleichen alt und jung: kein Phidias,
Praxiteles und Apelles. Albrecht Dürer habe den Nürnberger Goldschmiedsjungen
nie völlig aus sich bringen können; in seinen Arbeiten sei ein Fleiss bis zur
Angst, der ihm nie weiten Gesichtskreis und Erhabenheit habe gewinnen lassen:
und bloss deswegen hätte ihn Michelangelo so sehr gehasst. Seine meisten
Kompositionen wären Passionsgeschichten und Hexen und Teufel. Er als verlorner
Sohn am Troge bei Schweinen, die Trebern fressen; Proserpina, wie sie Pluto auf
einem Bocke holt; Diana, wie sie eine Nymphe mit dem Knittel bei einem Satyr
prügelt: zeigten genug seine missleitete Phantasie. Sonst sei er ein wackrer
Meister, habe Kraft und Stärke; und ein guter Kopf von richtigem Geschmack könne
viel von ihm lernen.
    Wir hatten bei unserm Leben auf dem Lande uns zum Gesetz gemacht, dass keiner
den andern in seinem Tun und Lassen stören sollte; und alles Beisammensein war
freier Wille von beiden Seiten. Wenn also einer allein sein wollte: so sagte er
es dem andern oder schloss die Tür ab. Zuweilen gingen wir miteinander, zuweilen
zog einer allein aus: und Ardinghello kam manchen Tag und manche Nacht nicht
nach Hause, ohne mir vorher zu sagen, wenn er fortging, und ohne dass es mich
befremdete. Die immer grünen, mit hohen Bäumen eingefassten Wiesen und die vielen
klaren Flüsse, von den Seen reingewaschen, erfreuten ihn unendlich in der
Lombardei; solche Natur war dem Toskaner fremd. Er nistete sich in den schönsten
Dörfern überall ein und machte Bekanntschaft mit den Landleuten.
    Einigemal kam er abends auf einem lustigen Nachen mit Weinlaub und Efeu
geschmückt, der Ziter am Arm im Dityrambengesang gleich einem jungen Bacchus
wieder, oder in einem andern Aufzug: und es war immer ein allgemeiner Jubel;
denn jedermann wollte ihm wohl. Er liess sich mit jedem ein und drang in dessen
Innres, half ihm fort oder machte ihm das Leben froh und leichter. Er hatte eine
von den seltnen gefühligen Stimmen, die das Herz anlocken; ihr Ton war fest und
voll; süss und gelind bei Liebe und heftig eindringend wie ein Sturmwind in der
Höhe bei widrigen Leidenschaften. Er spielte zwar auch trefflich die Laute: aber
die Ziter zog er allen Instrumenten zur Begleitung vor. Er sang wenig andrer
Dichter Worte, sondern eigne Poesie, wie sie seinem Wesen entquoll, meistens
ohne Reime; oder diese, wie sie sich schicken wollten. Es war bezaubernd, dem
jungen Schwärmer zuzuhören, und wie in lächelnder Kühnheit das Feuer aus ihm
wehte. Wie oft haben wir hernach in heitern Nächten uns in den See gestürzt!
denn er hatte mir das Schwimmen bald beigebracht; und in der unermesslichen
gestirnten Natur frei herumgewallt wie die Götter!
    Noch hab ich ihm eine grössere Geschicklichkeit im Fechten zu verdanken,
worin er ein grosser Meister war; wie er denn seinen Körper überhaupt äusserst
gewandt und ausgebildet hatte.
    So flog himmlisch leicht unser Leben dahin unter Spiel und Fest und
reizender Beschäftigung.
    Mit seiner Madonna war er im August schon fertig. Er hatte die Begebenheit
der Flucht nach Ägypten gewählt. Sie sass mit dem Kind an der Brust unter einem
Ahorn, der seine Zweige weit umher verbreitete und Dämmerung herniederwarf; in
der Nähe und Ferne standen Pinien und Zypressen anmutig vermählt und zerstreut.
Die Gegend war ein Gebirg, woheraus ein Fluss in Katarakten sich stürzte, in
fernem Schaum und Dampf von Silberstaub, dann eine kleine Ebne durchfloss und in
einen stillen See ruhig dahinwallte. Die bezauberndste Seite von der
romantischen Wildnis unsers Lago war ganz treu hier zu sehen; vom Glanz der
untergehenden Sonne blitzten Fels und See und schimmerte das Laub der Bäume.
Äusserst kühn gewagt! Die Madonna war eine holde Jungfrau, die ihr erstes Kind in
Armen hält und der Geschichte davon in entzückender Grazie nachdenkt; ein Kopf
ganz aus der Natur, nur erhöht und ins reine gebracht, von unaussprechlicher
Wirkung auf jeden fühlenden Menschen. Auch der Bube, so recht in Liebe erzeugt,
trug die Spuren der vollen Wonne seines Werdens in der Gestalt; er hielt sich
mit dem einen Händchen an der rechten halb entblössten Brust unter dem rötlichten
Gewand an, und lächelte von der offnen straff geschwellten jugendlichen linken
ab mit seinem blonden Köpfchen in die schöne Natur. Das braune Haar der Madonna
war in ein rötlicht gestreiftes Netz gebunden, wovon noch einige Locken ins
Gesicht und die Backen fielen; der blaue Mantel zerflossen, und die Beine und
zarten Füsse ruhten in reizender Lage. Beider Augen, besonders der Madonna,
blicken heiter schön, in Empfindung schwimmend. In den Zweigen des Ahorns
schweben Engel wie junge Liebesgötter; abwärts weidet der Esel, und Joseph steht
auf seinen Stab gelehnt, wie ein alter treuer Wärter, der sein Anvertrautes
glücklich aus der Gefahr über die Grenze gebracht hat.
    Form und Ausdruck und Kolorit in allen Teilen des Lebendigen, Bekleidung und
Beleuchtung und Szene macht eine süsse Harmonie zusammen. Das Gemälde war gross,
und die Figuren im Vordergrunde an die zwei Drittel in Lebensgrösse; jedoch ging
ihm die Arbeit geschwind vonstatten, weil er die Studien zur Madonna und dem
Kleinen mitgebracht hatte und nur zum Joseph und den Engeln einen Alten und
Kinder aus der Nachbarschaft brauchte.
    Meine Mutter konnte sich darüber nicht satt freuen und gewann ihn immer
lieber.
    Inzwischen bemerkt ich doch bei seinem fröhlichen und traulichen Wesen eine
leidenschaftliche Hastigkeit an ihm und etwas Verborgnes in seinen
Gesichtszügen, auch fiel mir endlich sein Ausbleiben auf. Er sagte zwar: »Ich
bin ein Herumschweifer und kann nicht wohl an einer Stelle bleiben«; aber er
nahm mich doch zu selten mit sich. Ich wollte wissen, was in ihm vorging; und
dies klärte sich denn auf einmal in einer stillen Mitternacht auf, wo alle Winde
schwiegen und kein Laut sich regte.
    Wir sassen am kühlsten Platz unsers Gartens auf einer Anhöhe, in einer Laube
von Lorbeer und Myrtengesträuch, von einem alten Hain grüner Eichen umfasst; und
hatten oft die Gläser ausgeleert, und gesungen und gesprochen; viel vom Menschen
und den Begebenheiten der Welt, jugendlich, erfahren und unerfahren. Mein Herz
stand offen; und ich entdeckt ihm auf die letzt meine kleine Liebesgeschichten,
womit ich hier den Lauf nicht unterbrechen will; gestand ihm aber, dass ich noch
nicht alles fände, was ich verlangte. »Du wirst mir guten Unterricht geben
können«, fügt ich hinzu; »denn nach deinen Studien in der Malerei und Leibes-
und Seelentugenden musst du schon ein Held unter Amors Fahne sein.«
    Er antwortete hierauf: »Ich spreche nicht gern von diesen Dingen; denn sie
machen alle Menschen neidig, Freund und Feind. Aber weil du einmal angefangen
hast, so will ich auch dir bekennen. Doch vorher den Todesbund ewiger
Freundschaft feierlicher vom neuen; wir kennen uns nun vollkommen.«
    Hier zog er einen Dolch hervor, streifte sich den linken Arm auf, stach
hinein und liess das Blut in den Becher rinnen; überreichte mir den Dolch: und
ich tat, wie von einer furchtbaren Macht ergriffen, voll Glut und Rührung
dasselbe. »Wie unser beider Blut hier im Weine vermischt ist«, rief er aus, »und
in unser Leben sich ergeusst: so sollen unsre Herzen und Seelen auf dieser Welt
zusammenhalten; dies schwören wir dir, Natur! und deiner Gotteit! Wer scheidet,
fall in Elend und Verderben.«
    Wir tranken, umschlangen uns fester und inniger, stillten darauf die Wunden,
und der eine verband mit lächelndem Ernst den andern.
    Dies geschehen und aus dem Taumel uns wieder gefasst und in Ordnung, fing er
an: »Das herrliche Geschöpf, das ich liebe, bekränz als Priesterin unsern Bund!
Cäcilia ist ihr Name, von der Heiligen, der himmlischen Musik, entlehnt. O du
dort oben, walte über uns! Auch unser Fest ist Saitenspiel und Gesang; und sind
wir nicht so fromm als du, wozu nur Auserwählte gelangen: so ist doch unsre
Liebe heilig; denn sie ist ganz Natur und hat mit bürgerlichem Wesen nichts zu
schaffen. Diese Cäcilia wohnt eine Stunde von hier, ist einzige Tochter bei zwei
Brüdern, ihr Vater leider der grosse C***, und soll sich in kurzer Frist mit dem
reichen Mark Anton vermählen; welches du schon alles weisst.« Ich blieb hierbei
stumm vor Erstaunen und hörte mit beiden Ohren.
    »Wir wurden durch einen blossen Zufall näher bekannt«, fuhr er fort; »denn
schon vorher hatte ich sie als den schönsten weiblichen Kopf in Venedig
einigemal in Kirchen auf den Raub abgezeichnet und ein paarmal in Gesellschaft
gesehen. Nie aber wollt es mir gelingen, in ihrem Hause Zutritt zu erhalten oder
sie allein zu sprechen. Dieses geschah endlich beim Schlusse des letzten
Karnevals, auf dem Markusplatz, in einer Ecke an der neuerbauten Kirche San
Zeminiano, als es Nacht werden wollte. Ich trug schier eine Maske wie einer
ihrer Brüder; sie sah mich im Getümmel für denselben an, ging auf mich zu, fasste
mich bei der Hand und flisterte mir etwas freudig ins Ohr. Ob ich sie festielt
und wie, kannst du denken; ich hatte sie schon auf den Platz hereinkommen sehen,
auch war ihr lieblich Gesicht wenig verhüllt. Männer und Weiber, die sie
begleiteten, mochten ebenfalls im Irrtume wie sie sein; denn sie liessen uns
beisammen, gaukelten auf dem bunten Weltteater im kleinen ihre Mummereien fort
und hatten keinen Argwohn. Ich gebrauchte die schnelle Gelegenheit, so gut mir
möglich war. Sie musste mich auch mit einem Blick erkennen können: unsre Augen
hatten sich schon oft mit Seele begegnet. Ich verlangte zu wissen, ob ich etwas
über sie vermöchte; hob ein wenig meine Maske vom Gesicht: und sie wollte sich,
errötend von den ründlichen Wangen bis an den schneeweissen Hals, zurückziehen;
allein ich hielt das warme Händchen fest.
    Ich blickte rasch umher, und sie desgleichen; wir wurden in der Dämmerung
nicht beobachtet, und ein Possenreisser hatte überdies aller Augen auf sich
gezogen; und sagte ihr: aber wie kann ich genau die Worte wiederholen! dass ich
sie liebte, anbetete; dass ich verschwiegen wäre wie ein Stein, eine Mauer, mich
der geringsten Gunst nie rühmen würde; mich ihr in allem unterwerfen wollte,
allen meinen Verstand zu unserm Vorteil anwenden wollte; wir seien füreinander
geschaffen, und das Verhältnis mit andern Menschen solle uns nicht trennen.
Alles dies und mehr ging aus meinem Munde wie ein Lauffeuer, leis, aber mächtig
ihr ins Ohr. Sie trat fort und hielt ein, zuckte mit der Hand und überliess sie
wieder den heissen Wallungen meiner Liebespulse. Endlich riss sie sich los, sagte
mir aber mit einer schüchternen gebrochnen Stimme die Honigworte, die wie
eiskühlend und brennendsüss erquickend Labsal durch Mark und Gebein rannen:
Morgen früh zu Santi Giovanni e Paolo.
    Ich schwand von ihr weg wie der Blitz, zur ersten Probe meiner Aufführung:
und schlief die ganze Nacht nicht, war so wach und lebendig, als ob ich nie
geschlafen hätte und nie wieder schlafen würde, durchaus Feuer und geistig
Toben. Was hab ich da nicht für Plane gemacht!
    Ich hielt schon lange vor der Zeit Wacht um die Kirche; und wie sie aufging,
war ich der erste drinnen. Ich wartete und wartete und verging vor Ungeduld; so
langweilig war mir das Messlesen der Priester noch nicht vorgekommen. Wie es
allzu lange währte, so liess ich mir den Vorhang von dem göttlichen Tizian
wegziehen, wo Peter, der Märtyrer, von einem Räuber erschlagen wird, sein
Gefährte flüchtet und ein paar reizende Buben als Engel auf die Bäume der
herrlichen Landschaft herabschweben. -
    Welch ein Meisterstück! Die Szene schon äusserst lebendig; welche Lokalfarben
haben nicht die schlanken Stämme der hohen Kastanienbäume! wie verliert sich das
Land in ferne blaue Felsen! der Mörder voll räuberischem Wesen in Gestalt und
Stellung und jeder Gebärde bis auf Kleidung und Kolorit! der Heilige hat ganz
das Entsetzen eines Überfallnen und eines guten weichen Mannes, der sein Leben
banditenmässig verliert: auf seinem Gesichte ist die Blässe der Todesangst; und
mit welcher Natur in der Lage ist er niedergeworfen! der, welcher flieht, ebenso
täuschend in allen Teilen. Die drei Figuren machen einen vortrefflichen Kontrast
in Stellung, Charakter und Kolorit und den Gewändern von Mönchs- und
Räubertracht. Welch ein trefflicher Ton im ganzen, und wie schön hält es die
Beleuchtung zusammen!
    Dies half etwas, aber wenig, ich hatte keine Ruhe. Endlich erschien sie
doch, und armer Tizian, wie fielst du weg! O alle Kunst, neige dich vor der
Natur! Sie zog zur Pforte herein, den Kopf in eure Tracht versteckt, wie im
dünnen Gewölk aufgehende Sonne; vor ihrem Glanz verschwand alles oder bekam
Ansehen, Wesen, lenkte sich zu einem Ganzen.
    Sie kam mit ihrer Mutter. Beide knieten erst vor dem Altare nieder, wo Messe
gelesen werden sollte; und setzten sich hernach, sie mit abgeworfener Hülle vom
Haupte. Im Knien blickte sie einigemal gen Himmel und seufzte; ich bemerkte
alles. Sie wurde mich hernach im Sitzen gleich gewahr und mass mich mit einer
Engelschönheit, ruhig dem Anschein nach, vom Wirbel bis zur Zehe, in tiefem
Nachdenken. Was für Seele aus ihrem weitgewölbten schwarzen Auge blickte, ist
nicht zu sagen; und um ihre Lippen regten sich bange Gefühle, die jedoch in
Lächeln übergingen. Ach, dass ich nicht gleich mit ihr sprechen durfte!
    Ich sass nicht weit von ihr rechter Hand, schräg auf der Seite, und
verwandte, soviel ich unbemerkt sein konnte, kein Auge. Sie las hernach in ihrem
Buche, und nahm ein Zeichen heraus, und deutete mir mit einem Winke darauf.
    Die Messe war vorbei, und man ging auseinander; ich folgte ihr auf dem Fusse.
Bei der Kirchtür hatt ich im Gedränge, mit der feinsten Wendung, die Karte
unvermerkt in der Hand. Ich konnte nicht geschwind genug in einen Winkel kommen
und lesen. Zwei Stunden nach Mitternacht an der Tür auf die Strasse hinter dem
Kanale. Weiter stand nichts darauf, und es war genug.
    Nur dies und sie empfand und dacht ich den ganzen Tag. Gegen Abend ging ich
schon dort einigemal auf und ab, und wusste alle Türen und Fenster und
Gelegenheiten auswendig. Ich versah mich alsdenn auf allen Fall in meinem
Quartiere mit Gewehr; meinen Gondelfahrer hatt ich ohnedies schon vorher immer
bei der Hand.
    Nach Mitternacht macht ich mich auf den Platz bei Maria Formosa. Wie wurde
mir die Zeit so lang! Die Hoffnung hob mich vom Boden weg durch alle Himmel: die
Natur hingegen wollte gar nicht fort; Orion, Adler, Schwan und Wagen schienen
mich zum besten zu haben, ich hätte sie gern himmelab aus Ungeduld mit den
Händen gerückt und sprang oft närrisch in die Höhe, sie zu erreichen.
    Endlich schlug die letzte Viertelstunde, und ich eilte an den bestimmten
Ort. Alles war still auf den Wegen, und ich lief über die Brücken weg, und
wartete in einer Ecke nahe bei der Tür, in meinen Mantel eingehüllt, lauter Ohr
und Auge.
    Ich war kaum da, so ging sie schon auf. Ich machte mich herbei und vernahm
die leisen Worte: Herein!; ich schlüpfte durch und war im Dunkeln. Die Schuh
aus! flisterte sie, mir die Treppe herauf nach! Und sachte, sachte, Hand in
entzückend zarter, warmer, festaltender Hand tappten wir in ein Zimmer auf den
Kanal; und wieder zugeschoben mit dem Riegel wurde die Pforte des Himmels.
Cäcilia war in einem leichten Nachtgewande, den Kopf entblösst und das lange Haar
nur in einen Knoten gebunden, das weich in den Seiten mir in die Finger fiel.
    Ich hielt sie umschlungen und raubte den ersten Kuss, der wie ein süsser Blitz
mein Wesen durchfuhr; und sie sagte seufzend: O was wag ich nicht, Euch näher
kennenzulernen! Ich weiss, dass Ihr ein Florentiner seid und hier die Malerei
treibt, aber dass dies Eure Bestimmung nicht ist, sondern Nebenbeschäftigung, und
Euer Ziel im verborgnen höher steckt. Eine Freundin Eurer Tante und von mir, die
Euch als eine andre zärtliche Mutter wohlwill und durch jene Euch Eure Wechsel
auszahlt, hat es mir unter dem Siegel des Stillschweigens anvertraut. Eure edle
schöne Gestalt und Jugend und, es muss nun von meinen Lippen! ein
unwiderstehlicher Zug im Innern, den ich noch bei keinem Sterblichen fühlte,
haben mich dazu verleitet.
    Verlasst euch in Geheimnissen auf Weiber, dacht ich, wenigstens, die sie
nicht selbst betreffen! und geriet in ein Labyrint.
    Ein andermal von unsern Umständen, erwidert ich. O dass ich dich endlich
habe, du Stolz von Venedig und Zierde der Welt! Lass uns jetzt ganz allein sein
und die vorübereilenden Augenblicke geniessen in junger feuriger Liebe, o du
Seele meiner Seele, Geist und Licht meines Lebens! Hier hob ich sie mit Macht in
meine Arme und trug sie unüberwindlich so auf einen Sofa, der in der Ecke am
Fenster stand.
    Unglücklicher, sagte sie, was willst du beginnen? und stiess mir mit allen
Kräften das Gesicht von ihrer Brust. Dies ist kein falsches Sträuben! Ein
einziger Ruf von mir, den meine Brüder hören, und du bist des Todes und ich im
Hause auf immer elend! Dies war in einem so festen sichern Tone gesagt wie ein
Schwertschlag die Schulter herein, dass ich nachlassen musste; ich wurde wie
voneinandergerissen, als das himmlische warmlebendige Geschöpf meinen Armen
entwich.
    Nicht so heftig, holder Verwegner! So war es nicht gemeint! fing sie nach
einer kleinen Pause an und streichelte mir die Backen, die Sirene.
    Ganz ausser mir, ergriff ich sie wieder mit Gewalt vom neuen. Hier aber
geriet sie in bittern Zorn und riss mich mit den Haaren von sich: Glaube nicht,
sagte sie, dass ich ein Kind bin, das nicht weiss, was es tut, und mit sich
anfangen lässt, was ein wütender Mensch will! Ich konnte nichts dagegen
aufbringen, und Unmöglichkeit, Liebe und Bewunderung machten, dass ich meine
Leidenschaften bändigte.
    Wir setzten uns denn. Ich war auf dem stürmischen Meere, herumgewühlt von
tausend Wogen. Sonderbare Szene! Sie schlang hernach ihren rechten Arm um meinen
Nacken und ich meinen linken um ihre Lenden, und die zwei andern Hände schlossen
sich in ihrem Schosse zusammen; vor uns stand auf einem Tischchen ein Nachtlicht.
Ach, wie sie blühte! ein voller Rosenbusch im Mai am frischen Morgen im neuen
Glanze des Himmels und den Chören der Nachtigallen herum. Ihre jungen festen
Brüste kochten und wallten, und im Netz ihrer verwirrten blonden Haare zappelte
meine arme Seele wie ein gefangner Vogel.
    Ich flog ihr mit flehendem Gesicht an Busen und klagte schmachtend: Was hast
du mit mir vor, Zauberin?
    Liebe! Sei ohne Sorge! antwortete sie darauf; sonst würd ich nicht getan
haben, was ich tat; süsse Traulichkeit, wo ihrer zwei sich das Leben froh machen,
die füreinander geschaffen sind.
    Uns verging die Sprache, und wir sassen lang, eine schmerzlich entzückende
Stille, in heisser Empfindung aneinandergegossen.
    Mir rollten endlich unaufhaltbare Tränen übers Gesicht von dem wütenden
Kampf im Innern.
    O ich sehe, dass du liebst, sagte sie und hob mir das Gesicht in die Höhe,
das ich knieend wie ein Kind in ihrem Schosse verbarg, nachdem ich ihr wenig
Worte von meinen Schicksalen erzählt hatte, nahm mich auf und küsste mir
zärtlich, am ganzen Leibe zitternd, die Augen und das blosse Herz, wovon sie das
Hemde wegriss. Nun geh fort, sagte sie; wir können jetzt nicht reden und nicht
länger bleiben. Versprich, bescheidner zu sein, und komme heut über acht Tage
wieder früh nach Santi Giovanni e Paolo; wenn ich dir ein Zeichen gebe: so sind
wir dieselbe Stunde in der Nacht ebenso beisammen.
    Mir war selbst zu wohl und weh im Herzen, und sie brachte mich unter
brennenden Küssen und glühenden Umarmungen leise wieder von sich. Dies war die
erste Zusammenkunft. Morgen, Benedikt, das übrige, wenn wir wieder dazu gestimmt
sind«, sagte hier Ardinghello.
    Wir machten uns alsdenn berauscht auf unsre Zimmer. »O Freundschaft und
Liebe,« rief er, nach dem Wunsche, gut zu schlafen, »was ist ohne dich die Welt!
Ein Haufen Unsinn für alle Philosophen.«
    Was Ardinghello gesagt hatte und die Vorbereitung dazu, machte mich äusserst
unruhig; mein Gesichtskreis war zwar erweitert: verlor sich aber in
undurchdringlichen Nebel, und mich schreckte die Zukunft. Seine Leidenschaften
kümmerten mich. Jedoch verliess ich mich wieder auf seinen hellen Geist und sein
edel Herz; und schwur ihm vom neuen bei mir ewige Treue und ihn überall, wo Not
an Mann ging, zu unterstützen. Er sollte mir auf der Stelle forterzählen, aber
er wollte nicht und sagte: »Wir haben ja dazu genug Zeit und Musse; mein Kopf ist
zu sehr im Taumel.«
    Den Tag darauf bekamen wir Besuch; und wer war es? Es war der Bräutigam der
Cäcilia mit ihren Brüdern, die ihm bis Verona entgegenritten, welcher ein
kleines Geschäft abmachen wollte. Sie selbst war einigemal mit ihrer Mutter bei
uns gewesen, und ich hatte nichts gemerkt: so sehr konnten sie sich verstellen.
Er gestand mir zwar damals ein, der Schalk, dass sie die schönste weibliche
Gestalt wäre, die er je gesehen hätte, was Gesicht und Wuchs und Hand und Fuss
beträfe; wenn das Verborgne dem Äusserlichen gleichkäme, so wüsste er nicht, ob
die griechische Venus zu Florenz noch das Wunder bliebe; und bedauerte, dass so
etwas ungenützt für die Kunst vergehen sollte. Allein eben am Verborgnen habe
Phryne so sehr die andern Mädchen übertroffen; vollkommne Bildung an diesen
Teilen, der Reife nahe, ohne Überfluss und Magerkeit, die zarten häufigen und
doch festen Schwingungen des Lebens in den reinsten Formen mit aller reizenden
Mannigfaltigkeit zur grössten harmonischen Einheit durch keine Kleidung und
Stubenluft verdorben, immer in gehöriger Munterkeit und Bewegung erhalten, von
hohem und heiligem und wollüstigem Geist beseelt, ein wenig Überfülle, wo sie
sein müsse, üppige sanfte Wölbung und wieder straffer Umriss sei äusserst selten
und ein Wunder in der Natur, und man könn es immer, wenn man es fände, als das
Allergöttlichste auf diesem Erdenrund betrachten. Es fiel mir nun freilich ein,
dass sie höher glühte, wenn er von fern im Schatten die Laute spielte oder mit
seiner verführerischen Stimme zur Ziter sang; und sie selbst war es, was er bei
mir schilderte.
    Ihr jüngster Bruder - sie war das letzte Kind - konnt ihn gleichwohl leiden.
Sie besahen sein Gemälde und machten ihm darüber grosse Lobsprüche; nur der
Bräutigam, eine kalte Staatsperücke von widrigem Gesichte, tadelte ihm einiges
ohne rechten Verstand, um nach dem gewöhnlichen Kniffe der Grossen sich damit ein
Ansehen zu geben, welches Ardinghello jedoch gefällig aufnahm, indem er sich
damit entschuldigte, dass die Malerei sehr schwer und selten einer in allen
Teilen nur erträglich wäre; und rühmte dabei seine grosse Einsicht. Dies gefiel
ihm denn; und er fragte ihn wie einen jungen Malergesellen, ob er ihn und seine
Braut abkonterfeien wolle. Ardinghello verbeugte sich und erwiderte, dass ihm
dies grossen Ruhm zuwege bringen würde, wenn es nach Wunsch gelänge. Jener
beschloss, ihn abrufen zu lassen, sobald es sich schickte. Darauf ritten sie
fort, nachdem sie ohngefähr ein paar Stunden angehalten hatten.
    Den Abend blieben wir bei meiner Mutter. Sie freute sich über den Beifall
für sein Gemälde und dass er durch diese Gelegenheit, besonders wenn noch die
Porträte gefielen, in dem neuen Palaste des Bräutigams viel Arbeit bekommen
könne. Geld sei da genug; und dies brauchten die Maler. Die gute Frau war fern,
etwas weiter zu mutmassen; aber Ardinghello stellte sich auch so fromm an. Wir
mussten bis spät in die Nacht bei ihr aushalten; und er erzählte, um die Zeit
auszufüllen, einige rührende Märchen.
    Wir machten noch vor Schlafengehen aus, den andern Morgen auf dem See ins
Gebirg hinein zu schiffen und zum Mittagsmahl das Gehörige mitzunehmen; ich
brannte vor Verlangen, mehr und alles von ihm zu erfahren.
    Die Vögel begrüssten vielstimmig den neuen Tag. Die Sonne kam herauf im
herrlichen Lichtkreis am Ende der Bergstrecke des Monte Baldo und schritt kühn
übers Gebirg bei Verona im gelben Feuer; die Stirn, womit sie sich emporwarf,
war Majestät, die der Blick nicht aushielt; und je voller sie hereintrat: desto
öfter musste sich das geblendete Auge von dem göttlichen Glanze wegwenden, der
doch so entzückend nach der blinden Dunkelheit war, dass es immer durstiger sich
in den köstlichen Strahlen berauschte.
    Breit lag der See da im Morgenduft und die Hügel im dünnen Nebel; ein leises
Wehen in der Mitte kräuselte die Wellen, und weckte seine Schönheit wie auf, und
machte sie lebendig. Die Häuserchen zwischen den Bäumen am Ufer schienen allein
zu schlummern mit ihrer Unbeweglichkeit und weil die Menschen noch nicht heraus
waren.
    Unser Nachen wallte leicht mit voll geschwelltem Segel über die nassen
Pfade.
    Es war ein heiter Wetter zu Anfang Oktobers und einer meiner unvergesslichen
Tage. Sirmio lag lieblich da in Strahlen und sonnte sich; und die unabsehliche
Kette der Felsen dahinter, wie eine neue Welt, als ob sie bestimmt wäre, lauter
Titanen zu tragen. Süsser rötlicher Dunst bekleidete glänzend den östlichen
Himmel, und die wollichten Wölkchen schwebten still um den lichten Raum des
Äters, worin entzückt in hohen Flügen die Alpenadler hingen.
    Der See ist würklich einer der schönsten, die ich gesehen habe, so reizend
sind dessen Ufer und zugleich majestätisch und wild, mit soviel Abwechslung von
Lokalfarben; und Licht und Schatten macht immer neue Szenen. Die Halbinsel
Sirmio liegt in der Tat da wie der Sitz einer Kalypso, um von da aus das Land zu
beherrschen, und hat das prächtige Teater von ungeheuren Gebirgen vor sich.
    Wir kamen bei guter Zeit am bestimmten Ort an und machten uns noch in der
Kühle den Berg hinauf. Als wir die erste Anhöhe erstiegen hatten, lagerten wir
uns in dem Wäldchen von Kastanien unten an den Quell der mit Efeu bekleideten
Felsenwand ins weiche Gras, von hohen dunkeln Eichen und Buchen hier umschattet,
nachdem wir erst unsre Weinflaschen an den frischesten Platz gestellt, gerade wo
der Sprung hervorstrudelte. Dem Schiffer sagten wir, er sollte vor
Sonnenuntergang uns wieder abholen; und so blieben wir allein.
    Wir ruhten vom Aufsteigen aus und streckten uns die Länge lang auf die
bequemsten Fleckchen; noch niedrig beim Aufgehen hatte schon die Sonne durch die
Stämme den Tau weggeküsst, und es war nun alles trocken. Wir genossen vom neuen
das Labsal des letzten Schlummers, als wir so früh aus den Betten mussten; und
die einzelnen Lichtstrahlen zitterten süss von oben schräg durch die bewegten
Zweige auf unsre Augenlider und schimmerten in die Dämmerung. »O Sonn und Erde,«
rief endlich Ardinghello, »wie gut macht ihr's euern Kindern, wenn sie sich
selbst das Leben nicht verbitterten!« und sprang auf. Auch ich rastete nicht
länger: der frische Duft der fortrieselnden Quelle machte den ganzen Körper
doppelt rege.
    Ich nahm ihn in Arm und ging mit ihm auf und nieder durch die Bäume und
sagte: »Das ist doch nicht fein, da wir so lange beisammen sind und ich dich
liebe wie mein ander Ich, dass du mir noch nichts von deinen Lebensumständen
bekannt gemacht hast und immer damit hinter dem Berge hieltest! Sooft die Rede
auf deine Familie kam, bogst du davon aus, als ob du aus dem Kraute gewachsen
wärest; was Cäcilien betrifft, lass ich's noch angehen, und deine Entschuldigung
wäre bei jedem andern gut gewesen.«
    »Lieber!« versetzte er darauf, »mein Schutzgeist hat mich davon abgehalten.
Ich glaube, dass jeder Mensch einen Dämon hat, der ihm sagt, was er tun soll, und
dass Sokrates nicht einen allein hatte; wenn wir nur dessen Stimme hören und uns
nicht übereilen wollten! In jedem Menschen wohnt ein Gott; und wer sein inner
Gefühl geläutert hat, vernimmt ohne Wort und Zeichen dessen Orakelsprüche,
erkennt seinen eignen höhern Ursprung, sein Gebiet über die Natur und ist nichts
untertan.
    Ich stamme aus einem der guten Häuser von Florenz: mein Vater war Astorre
Frescobaldi und meine Mutter Maria von der verfolgten Familie der Albizi! Beide
sind nicht mehr, und ich bin allein noch übrig, ihr erstes und letztes Kind.
Mein Vater entbrannte in Leidenschaft für Isabellen, die dritte Tochter des
Cosmus, vermählt mit dem Römer Paul Orsini: und sie gab ihm leicht Gehör; er war
noch jung, wohlgebildet und hatte tausend Reize, sie zu fesseln. Sie wurde
gleichfalls gegen ihn entzündet; und in Abwesenheit ihres Mannes, der von ihr
wie geschieden lebte und sich meistens zu Rom aufhielt, hatten sie erwünschte
Gelegenheit, ihr Liebesspiel zu treiben. So gebar sie denn zwei Töchter, von
welchen wenigstens die erste meine natürliche Schwester ist. Sie hat sich
hernach vielen preisgegeben und mag wohl selbst nicht wissen, mit wem sie die
übrigen Kinder erzeugte; jung und schön über alle Weiber, voll Witz und Geist
und Leben, und so durch Erziehung gebildet, dass sie Spanisch, Französisch und
sogar Lateinisch spricht, verschiedne Instrumente spielt, wie eine Sirene singt,
und Verse macht, oft aus dem Stegreif, herrschte sie am Hofe wie eine Göttin und
tat, was sie wollte. Noch jetzt übt sie Gewalt aus, obgleich der Zepter ihres
Vaters ihr nun entwandt ist.8 Ihre Liebhaber verfolgten sich einer den andern,
und wie die Sonne strahlte die Mutwillige, ungestört vom Krieg der Elemente um
sie herum; immer mit neuen Vergnügungen beschäftigt, liess sie ihre Geliebtesten
im Elend verderben und machte sich darüber keine Sorge. Ein göttlich schönes
Ding bloss für die Gegenwart! ein Feuer, das alles aufzehrt, was sich ihm nähert.
    Mein Vater wurde das erste Opfer; der Herzog liess ihn gefangensetzen. Er
machte sich los und flüchtete nach Venedig und von dort in die Levante. Man zog
seine Güter ein, unter Vorwand von Verschwörung und Staatsverbrechen; meine
Mutter starb darüber für Gram. Mich nahm meine Tante Lucrezia zu sich. O guter
Freund, du weisst noch nicht, was ein kluger Tyrann tun kann! von fern sieht die
Tigerkatze schön aus, wegen ihrer Stärke und Behendigkeit. Wenn Cosmus ein
zweiter Augustus ist in Unterjochung der Freiheit und Wollust gegen seine
Landestöchter und in seinen Julien: so ist er noch viel grausamer als sein
Urbild.
    Durch ein blosses Ohngefähr hab ich die beste Erziehung erhalten. Als Knabe
folgt ich meistens meinem Hange, und wurde hernach bei dem gestörten Hausfrieden
durch die Leidenschaft meines Vaters gegen Isabellen wenig mit vorgesetzten
Lehrmeistern geplagt. Ich ging mit Kindern von allerlei Klassen um, und die
fähigsten waren meine Spielgesellen; ich suchte sie zu übertreffen im Laufen und
Ringen und Schwimmen im Arno und in listigen Streichen. Ich habe freilich manche
Beule im Balgen und Fallen davongetragen, bin aber davon weder ein Krüppel
geworden noch gestorben. Mein Vater, ein mutiger tapfrer Mann, nahm mich im
ersten zarten Alter einigemal mit zur See, wo er als Befehlshaber der Galeeren
die Küsten gegen die Korsaren bestrich: und die reinen grossen ewigen Gegenstände
erfüllten hier meine ganze Seele und erregten mächtig alle Triebe zum Freien und
Edlen.
    Wie ich zum Jüngling heranwuchs, hatten die bildenden Künste und höhern
Leibesübungen den grössten Reiz für mich, und nächst diesen griechische und
römische Sprache und die Geschichte dieser hohen Völker; auch hierin wollt ich
jeden übertreffen, und Glück und Gestalt und Wesen führte mich zu den besten
Meistern.
    In der Zeichnung und Malerei kam ich auf die letzt unter die Hände des Georg
Vasari, der zwar nie ein schöpferisches Werk hervorgebracht hat, aber voll
Kenntnis und Geschmack war, bei allen seinen Vorurteilen. Der alte Schwätzer
blies wie ein Boreas mit vollen Backen in meinen Entusiasmus. Mein Vater,
dessen Augapfel ich war, liess mir zwar nach seiner Jovialität und nach Georgens
Verheissungen, dass ich ein Licht werden würde, alles zu verdunkeln, freien
Willen: doch bracht er mich noch kurz vor seiner Gefangenschaft und Flucht zu
verschiednen philosophischen Köpfen, in deren Umgang ich nach und nach mich zu
einer andern Richtung lenkte. Meine erste Neigung behielt aber immer die
Oberhand.
    Ich glaube, die Hauptregel bei der Erziehung sei, den Kindern Zeit zu
lassen, sich selbst zu bilden. Das beste, was man tun kann, ist, dass man die
Triebe schärft und reizt, ein vortrefflicher Mensch zu werden, und ihnen die
eigne Arbeit soviel wie möglich dabei erleichtert. Alle Natur, wenn sie gross und
herrlich werden soll, muss freie Luft haben. Freilich muss der Stoff dazu in den
Urkräften liegen, und ein guter Erzieher sollte doch einigermassen die
Vortrefflichkeit der Pflanzen kennen. Jeder gewaltige Geist wirft schon in der
Kindheit, obgleich noch im Chaos und Nebel, helle Strahlen von sich. Alkibiades
legt sich als spielender Knabe Wagen und Ochsen in den Weg, zwingt den Treiber,
zu halten; Scipio erkannte den künftigen Marius im jungen Soldaten. Ein einziger
Gedanke, nur eine Tat, von scharfem tiefen Gefühl oder vielfacher Überlegung
entsprossen, obgleich noch roh auf verschiednen Seiten, ist eine glückliche
Vorbedeutung; und so Schnelligkeit, zu fassen und zu behalten: hingegen
Allgehorsam und Fraubasengutartigkeit, so beliebt bei Pedanten, eine
unglückliche; denn da ist kein Mut und keine Kraft. Alles, was in die jungen
Seelen eingetrichtert wird, was sie nicht aus eigner Lust und Liebe halten,
haftet nicht und ist vergebliche Schulmeisterei. Was ein Kind nicht mit seinen
Sinnen begreift, wovon es keinen Zweck ahndet, zu seinem eigenen Nutzen und
Vergnügen: das verfliegt wie Spreu im Winde. So ist die Natur des Lebendigen vom
Baum und Gras an, und der Mensch macht davon keine Ausnahme. Jeder geh in sein
Leben zurück und sehe, ob etwas von allen dem Vorzeitigen geblieben ist, wo
nicht etwa bloss zum Verderb des Genusses. Viel Natur und wenig Bücher, mehr
Erfahrung als Gelerntes hat die wahren vortrefflichen Menschen in jedem Stand
hervorgebracht.
    Ein Kind muss erst den Boden kennenlernen, worauf es geboren ist, Gewächse,
Tiere und Menschen, eh es etwas Ausländisches fassen kann: sonst kömmt ein
Papagei heraus. Keine Schrift, sagt Plato mit Recht, und wäre sie von dem
echtesten Trismegist, gibt mehr als Erinnerung der Dinge, die man schon kennt,
und ist für den, der sie nicht kennt, ebenso unbedeutend als die Hieroglyphen
für die Römer auf ihren prächtigen Obelisken. Von der sinnlichen Natur aber geht
man hernach über in die Geisterwelt, und macht in Entzücken Bekanntschaft mit
den grossen Griechen und Römern und allen ausserordentlichen Wesen, die diese
Nacht erleuchten.
    »Als mein Vater einige Jahre weg war,« fuhr er fort, »bekam ich eine solche
Sehnsucht nach ihm, dass ich nicht länger bleiben konnte. Ich fühlte die
Ungerechtigkeit des Grossherzogs wegen seiner buhlerischen Tochter erst recht
lebendig, sah meine eigne Gefahr und machte mich ohngeachtet der Vorstellungen
meiner Tante auf und reiste ihm nach, ohne zu wissen, wo er sich eigentlich
aufhielt.
    Ich ging unter anderm Namen nach Venedig, um dort, während ich ihn
auskundschaftete, die Werke Tizians zu studieren und vom Paul Veronese und
Tintorett zu lernen; und meine Tante schickte mir von meinem Mütterlichen,
soviel ich brauchte. Paul gewann mich bald lieb, so wie der Greis Tizian, den
ich in seinen letzten Tagen oft mit Singen und Spielen ergötzte; und sie weihten
mich in verschiednen von ihren Geheimnissen ein, weil sie Auge bei mir fanden.
Es war mir nun lieb, dass ich ausser meinem eignen Vergnügen noch etwas gelernt
hatte, womit ich mich auf allen Fall durch die Welt schlagen konnte.
    Den Herbst vor meiner Bekanntschaft mit dir erfuhr ich endlich, dass mein
Vater zu Kandia als Hauptmann in Diensten eurer Republik stünde, unter dem
General Malatesta, einem Florentiner, dessen Sohn Cosmus in den Armen seines
Vaters dort umbringen liess, weil er mit seiner ersten Tochter Maria zu tun
hatte, die er deswegen selbst, der kalte Barbar ohne Eingeweide, mit Gift
hinrichtete. Ich war schon zur Abreise fertig und wartete nur auf ein Schiff zur
Abfahrt, als meine Tante mir die neue traurige Nachricht meldete, dass auch er
durch Meuchelmörder, eben wie der junge Malatesta, längst, noch vor dem Kriege
mit den Türken, das Leben eingebüsst habe. Dies traf mich wie ein Wetterschlag;
ich schwur in meinem Herzen hohe Rache und kochte lauter Galle. Noch bis jetzt
kann ich nichts ausrichten, wenn ich mein junges Blut nicht für ein altes
ausgemergeltes auf der Stelle hingeben will: aber das Verderben reift über ihren
Häuptern.«
    Dem Edlen standen hier die Tränen in den Augen, er warf sich nieder an die
Quelle, mit dem Gesicht auf dem Boden; sein Inneres war beklommen; er schwieg
und knirschte mit den Zähnen.
    Ich fasste ihn bei der Hand und redt ihm zu: »Mich jammert dein Schicksal,
und du hast recht, zu zürnen. Aber die Welt ist voll von Unglücklichern! und du
kannst noch stolz sein; wo sind diejenigen, die soviel Leben in ihrem Innern
haben wie du, um alles zu bekämpfen? Freude und Leid umtanzt und umringt
wechselsweise jeden Menschen, und hierin ist kein Unterschied zwischen König und
Knecht.«
    »O ihr Venezianer«, fuhr er auf, »und ihr Genueser habt gut reden! Euch hat
kein Haus, wie uns das Mediceische, so niederträchtig zugrunde gerichtet, und
ihr strahlt frohlockend in Osten und Westen von Italien wie das Zwillingsgestirn
am Himmel; Toskana, die alte Glorie von Welschland, liegt da in Schmutz und
Trauerkleidern, mit Ketten behangen von seinen eignen Söhnen.«
    Unser Gespräch ging dann auf die Geschichte dieser Staaten über, das hier zu
weitläuftig wäre und ausser meinem Kreise.
    Es war schon gegen Mittag, und der Dunst vom Sonnenbrand auf den Gegenden
benahm alle Aussicht; unten schien der See zu kochen und eine ungeheure
Feuerpfanne von geschmolznem Silber; Eidechsen, Käfer, Mücken und unzählbare
Insekten hielten in der Glut ein allgemeines Fest, und die Grillen betäubten mit
ihrem Gezirp wie ein Meerbrausen die Ohren: wir machten uns also an unsere
Quelle in die grüne kühle Nacht, wo die undurchdringlichen Eichen und
Buchengewölbe und Felsen mächtiglich vor der Hitze Dampf beschirmten.
    Wir stärkten uns mit Speise, und der frische Purpursaft der Traube weckte
unbezwinglich die Freude wieder in jeder Nerve. Wie ein paar junge Götter lagen
wir da im Schatten, und unsre Augen und Lippen lächelten vom vergangnen Kummer
wie die Blumen des Frühlings von süssem Abendtau. O Jugend, o glückselige Jugend,
ach, warum verlässest du uns so bald!
    Wir schwiegen und überliessen uns der neuen Wonne; und plätscherten, denn wir
hatten Roch und Strümpfe ausgezogen, mit den Händen und Füssen in dem klaren
Wasser, das ungern in die Wärme hinausrann, um über Klippen zu schäumen. Jeder
von uns ahndete so das Gefühl seiner Laufbahn.
    Nachdem wir lange in Genuss und Empfindung gelegen hatten, und mit den Wellen
und Kieseln gespielt, und Kräutern und jungen Sprossen, brach ich zuerst das
Stillschweigen und fragte leise: »Und Cäcilia?«
    »Ach, Cäcilia«, erwidert' er hastig, »ist für mich verloren; ein schwarzer
Unhold entführt sie mir. Selige Augenblicke, wo an mir alles Irdische sich bei
ihr zu Geist erhöhte, ich vor mir selbst verschwand, in einem Meer untergetaucht
von unsterblicher Reinheit und Klarheit! Die Arme dauert mich; aber da ist keine
Rettung, wo ein Gott nicht hilft.
    Das goldne Geschöpf hat über mich vermocht, was ich nie glaubte. Unsre
nächtlichen Zusammenkünfte in Venedig waren leider selten, und wir sahen uns
einander nur bei grösster Sicherheit. Noch während dieser Zeit warb mancher um
sie, so wie schon viele vorher um sie geworben hatten; besonders der junge
Bartolommeo F** mit einer völligen verliebten Raserei, übrigens ein Mann nicht
ohne treffliche Eigenschaften, wie du weisst, nur von geringem Vermögen: aber
keine Partie war ihren Eltern und Brüdern gut genug, und keiner von den Helden
ergriff ihr Herz. Mir gab sie nach und nach alles preis, Seel und Leib, nur die
letzte Gunst ward mir vorbehalten; ihr Entschluss hierin war stahlfest und
unwankbar: weder Beredtsamkeit noch Gewalt und die feinste Verschlagenheit konnt
etwas ausrichten. Sie hat mir gute Proben abgelegt, dass ein Weib vor der
Verführung sicher sein kann, wenn es nicht verführt sein will. Du magst immer
darüber lächeln; aber sie hat es geleistet. Ich sehe dich in Gedanken fragen,
was wir zusammen taten. Was Adam und Eva, lieber Freund, ehe sie aus dem
Paradiese verstossen wurden. Wir lebten im Stande der Unschuld nach und nach;
freilich ging dies auf einmal aus der bürgerlichen Welt nicht, wo alles seine
sündliche Blösse doppelt und dreifach bedeckt. Wir offenbarten uns so wie von
Angesicht zu Angesicht unser Innres. Du kannst mich immer zu dieser Zeit einen
holden einfältigen Schäferknaben nennen: aber ohne solche Vorbereitung gelangst
du nie bis in den achten und neunten Himmel; nur höchstens auf die grüne Wiese,
wo, wie man sagt, diejenigen hinkommen, die weder selig noch verdammt sind. Wer
alle Himmel durchwandert hat und in jedem genossen und gelitten zum Aufflug in
den höhern: darf von dem Reiche der Liebe reden. Glaube nicht, dass ich hier wie
Petrarca schwärme; dieser war ein armer Sünder und hing nur am Schein, nie an
der Wirklichkeit; er hat mit seinem Geächz und Jammer schier unsre ganze Poesie
zugrunde gerichtet. Die Toren seufzten ihm jahrhundertelang nach, und mancher
besang bei einer feilen Dirne die Grausamkeit der berühmten Provenzalin in
unerträglichem Einerlei, anstatt die verschiednen Reize der Erdentöchter in
ihrer Mannigfaltigkeit wie die heitern Griechen aufzuempfinden. Er selbst zwang
die kluge Frau zur unerbittlichen Strenge: sie schwebte ja in augenscheinlicher
Gefahr, dass er bei der ersten Gunst noch einen Band Sonette und berühmtere Oden
auf etwas anders als ihre schönen Augen machte.
    An Planen von Entführung und ewiger Verbindung wurde von uns im Anfange
stark gearbeitet; aber weil wir keine Luftgestalten waren und Sinn hatten, und
sie auf keine Weise von ihrer Familie lassen wollte, die sie allzu zärtlich
liebte, und besonders ihre Mutter totzukränken befürchtete: legten sie sich bei
näherer Bekanntschaft nach und nach. Wir sahen die misslichen Folgen bei den
grossen Hindernissen zu deutlich, und erkannten inzwischen innig, dass die Natur
unter allem bürgerlichen Verhältnis bei Menschen von reiner Empfindung und
klarem Begriff immer durchgeh, trotz allen Gesetzen. Sie richten sich zwar im
Äusserlichen nach der Ordnung des grossen Haufens: betreiben aber in geheim ihre
eigne Art von Glückseligkeit, ohne welche kein Leben Wert hat. So verstrichen
denn die himmlischen Tage, und wir liessen die Götter walten.
    Eben im Frühling nach geschlossnem Frieden kam endlich Mark Anton G*** aus
Griechenland dahergestürmt mit neuem Gold und Schätzen. Sein Weib und seine zwei
kleinen Kinder, Töchter, waren dort an der Pest gestorben; und die heissen
Strahlen, die Cäciliens Schönheit von sich warf, schienen während der ersten
Besuche bei ihren Eltern gerade den Reiz zu haben zu andern Erben für sein
Vermögen. Gleich einige Wochen nach seiner Ankunft hielt er um sie an: und sie
ward ihm versprochen und musste drein willigen; ob er gleich schon in die
Vierzig, sie erst mannbar ist und ihn nicht leiden kann; aber er hat seine
grossen Besitzungen bei seiner Stattalterschaft in Kandia noch reichlich
vermehrt mit Grausamkeiten und Erpressungen, und Unterschleifen in Verhandlungen
mit den Türken, steht in grossem Ansehn; und ihre Familie, obgleich bemittelt,
bedarf doch wegen ihrer Brüder einer solchen Verwandtschaft. Unser Liebesknoten
schlang sich dadurch nur fester; jedoch drohte das nahe Hagelwetter in der Ferne
die Blumen aller unsrer Freuden zu zerschlagen.
    Mein Aufentalt diesen Sommer hier am Lago in kurzen Lustreisen von Venedig
aus war schon beschlossen, eh ich mit dir bekannt wurde; und dein Antrag, mit
dir zu ziehen, setzte mich anfangs in Verlegenheit: allein ich wusste nun der
Sache keinen bessern Rat. Auch Cäcilia, die äusserst besorgt ist, wurde furchtsam
darüber; doch ist alles insoweit nach Wunsch abgelaufen.
    Hier kamen wir weit öftrer zusammen. Sie hat ihre Wohnung auf dem Gut in dem
Garten, gerade vor einer Pflanzschule von jungen Bäumen, nicht weit von einem
Brunnen mit einem weiten Marmorbecken, von hohen Ahornen umgeben, wo man sehr
bequem über die Mauer klettert. Sie kann von der Seite zu einer Tür herein; und
überdies ist ein Fenster in ihr Zimmer wegen des Lattenwerks für die Reben daran
leicht zu ersteigen; welches ich aber doch, aus Furcht, gesehen zu werden, nur
einigemal die letzten Nächte, wo es völlig dunkel war und weder Mond noch Stern
leuchtete, um die Umschweife zu ersparen, gewagt habe: und ich erstieg immer
damit alle neun Himmel; mit der Nachricht von der Ankunft des Bräutigams zur
Hochzeit erobert ich endlich, ach, unter wieviel Schmeicheleien, beredten
Bitten, heissen Wollustküssen und Gewalttätigkeiten! das heilige Palladium,
umrungen von Glanz und Feuer, jede Fiber süsse Wut.«
    Ardinghello hatte sich bei den letzten Reden von mir abgewandt, und hielt
nun sein Gesicht in den frischen klaren Quell hinein, um die Glut davon
abzukühlen.
    Wir machten uns vom neuen über die Flaschen her, und ich gab ihm den Rat,
weder sie noch ihn zu malen, und lieber sich zu rechter Zeit zu entfernen; die
Sache käme mir allzu gefährlich vor.
    »Flieh du,« antwortete er, »wenn du keinen Willen hast und dir die Füsse
gebunden sind! Ja, fliehen möcht ich, aber mit ihr; jedoch wohin?«
    Schon senkte sich der Tag, und der Abend rückte näher; wir erstiegen noch
die Höhen und übersahn weit die Lombardei und ihre Lustreviere. Beim
Heruntergehen nahmen wir einige Zeichnungen von reizenden Winkeln und Aussichten
ab, fanden alsdenn unsern Steuermann auf uns warten, verliessen Quell und
Wäldchen und den leichten erhebenden Äter: wandelten wieder in die Tiefe und
segelten unter dem lieblichen Zauberspiel von Abendröte nach Hause, zwischen den
Gesängen frohlockender Winzer über den Segen des Herbstes.
    Ardinghello wagte noch dieselbe Nacht eine Zusammenkunft mit Cäcilien. Sie
hielten Rat, und es wurde beschlossen, dass er die Porträte malen sollte, indem
es anstössig sein würde und sogar Verdacht erregen könnte, wenn er es nicht täte.
Übrigens verliessen sie sich auf ihre Gegenwart des Geistes und Verstellungsgabe
und nahmen deswegen die sichersten Massregeln.
    Den dritten Tag darauf holt' ihn auch ihr jüngrer Bruder dazu ab, und er
begleitete ihn mit allem Zugehörigen; der Bräutigam wollte ihr Ebenbild noch vom
Stand ihrer Jungfräulichkeit.
    Sie hätte gar nicht nötig gehabt, ihm zu sitzen; aber er zauderte mit Fleiss
und schien auf nichts achtzugeben, als die eigensten und bedeutendsten Züge von
ihr recht zu fassen. Er bat sie, so ganz bloss als unbekannter Maler, sie möchte
sich nur völlig frei ihrem Wesen überlassen und tun wie sonst in der
Gesellschaft oder als ob sie allein wäre; er müsse von selbst aus den mancherlei
Bewegungen ihrer Seele auf der Oberfläche des Körpers ihren Charakter abnehmen
und seine Phantasie das Ganze bilden. Ein gutes Porträt sei platterdings keine
blosse Abschrift, und es gehöre dazu das tiefste Studium des Menschen, wovon er
noch leider weit entfernt, wozu er auch zu jung wäre; aber er wolle nach
Vermögen das Seinige tun.
    Ihre Mutter war immer dabei zugegen, und der Bräutigam und einige von seinen
und ihren Verwandten gingen auf und ab. Cäcilia war sehr aufgeräumt, sprach und
scherzte und hatte die Malerei zum besten; schien zwar dem holden Jüngling in
seiner Beschäftigung gern zuzusehen, warf sogar unverstellte Blicke auf ihn, wie
man auf Schönheit wirft, aber alles wie fremd und zum ersten Mal; und ihre Worte
hatten immer etwas von dem vornehmern Ton gegen einen, den man für seine Arbeit
bezahlt.
    Die erste Sitzung geschah des Nachmittags gegen Abend. Nach wenig Umriss und
Zeichnung fing er sogleich am Kopf an zu malen. Sie sass den andern Morgen beim
Frühstück noch einmal; und dann wollt er sie nicht weiter plagen, ausser bei der
Vollendung, um hier und da nachzuhelfen. Den Nachmittag und ganzen dritten Tag
und vierten Morgen bracht er damit fast allein zu: und siehe da! sie kam heraus
wie völlig lebendig. Alt und jung bewunderten die erstaunliche Gleichheit. Er
hatte sie in einem leichten sömmerlichen Morgenanzuge vorgestellt, meist von
grüner Seide, worunter die vollkommnen Formen ihrer jugendlichen Glieder reizend
aufwallten und durchleuchteten. Sie stand in Lebensgrösse, nachdenkend, wie
gerührt, in die Zukunft blickend, den Kopf in der Linken auf einen Pult
gestützt, in einem Zimmer, wo durch ein ganz offnes Fenster die Aussicht auf den
See ging, an welchem Sirmio in der Nähe und ein wenig blaue Ferne von den
Gebirgen wohl angebracht waren. Ardinghello hatte im Gesichte schon Züge von
ihrem Charakter ausgespähet, die sich nachher erst entwickelten.
    Den fünften Nachmittag gab er sich an den Bräutigam. Nach den ersten
Umrissen gestand er ihm gleich, dass ihm sein Kopf sehr schwer vorkomme und dass
er noch keine rechte Idee von der ursprünglichen Einheit seines Charakters in
der Einbildung habe. Mit allen grossen Männern müss' ein Künstler lange leben, um
nur eine von ihren bedeutendsten Aussenseiten in täuschender Wahrheit fest zu
haschen; und überhaupt sei es schier unmöglich, irgend jemand sicher
darzustellen, den man nicht an Geist und Kraft gewissermassen übertreffe.
    Es ging hierbei im Mark Anton eine gewaltige Veränderung vor, und er
errötete und wurde wieder blass augenscheinlich, so dass er aufstehen und ans
Fenster gehen und Ardinghello einhalten musste.
    Dieser fasste darauf all sein Bewusstsein zusammen, und jener kam nach einer
langen Pause wieder und setzte sich. Ardinghello zeichnete vom neuen, und ihre
Blicke begegneten sich einander wunderbar: die des Ardinghello hell und
durchdringend, doch von aufgewühltem Herzen, flammten in die seinigen wie in
eine düstre Nacht voll Irrfeuer.
    Mark Anton fragte ihn endlich, ob er sich schon lange in Venedig und der
Gegend aufhalte. Ardinghello antwortete mit Besinnung: »Es ist noch nicht lange;
die Werke des Tizian und Paul von Verona und Tintorett haben mich dahin gezogen;
und auch am Johann Bellini ist noch zu studieren und andern; besonders aber an
der herrlichen Menschenart zum Kolorit.«
    »Seid Ihr aus Florenz selbst?« verfolgte er ferner. »Ja«, war die Antwort.
»Und Euer Vater?« »Mein Vater ist tot, und meine Mutter ist tot, ich ohne
Geschwister bin allein übrig.«
    »Wer war er, was trieb er?« Diese Frage machte Ardinghellon endlich
ungeduldig, er schnickte den Pinsel aus und antwortete: »Er war ein Schwertfeger
und machte gute Klingen.«
    Bei diesen Worten trat Cäcilia herein und hemmte das Gespräch; denn sie
waren vorher ganz allein. »Nun, geht's gut?« fragte sie lächelnd. »Es würde
besser gehen,« antwortete Ardinghello, »wenn ich das Glück gehabt hätte, Ihro
Exzellenz länger zu kennen.« »An mir ist nicht soviel gelegen«, erwiderte der
Bräutigam; »wisst Ihr was, lasst es für jetzt gut mit mir sein und macht die
Signora vollends fertig. Wir werden näher bekannt werden, und künftigen Winter
einmal ist's bessere Zeit.«
    »Wie Sie befehlen«, versetzte Ardinghello und rückte die Staffelei weg.
    »O nein,« sprach heftig Cäcilia, »im Winter gibt's lauter Nebel und Regen
und keine gute Luft zum Malen!«
    »Nun gut,« sagte der Bräutigam, »da kann es ja noch nach unsrer Vermählung
hier geschehen. Jetzt bin ich ohnedies zu sehr beschäftigt; und kann nicht so
ruhig sein wie Sie, mein Herz.«
    Sie nahm ihn bei der Hand, und sah ihn zärtlich an, und führte ihn fort.
Ardinghello gab seiner Zeichnung einen Nasenstüber, brachte die Sachen in
Ordnung, und ging darauf von ihrem Gut, und kam zu mir nach Hause.
    Er erzählte mir, was vorgegangen sei: und mir wurde darüber warm im Kopfe.
Ich konnte nicht anders glauben, als Mark Anton habe Lunte gerochen; und warnte
und beschwur ihn mit Bitten inständig, äusserst auf seiner Hut zu sein und für
jetzt sich ganz stille zu halten. Er aber meinte, seine Art, rot und blass zu
werden, müsse von etwas anderm herrühren als Eifersucht; soviel er sich selbst
fühle und an andern beobachtet habe, offenbare sich dieselbe auf eine andre
Weise. Jedoch sei wahr, dass die Grundverschiedenheit der Menschen hierin
sonderbare Abweichungen mache. Inzwischen hätt er sich noch nirgend so betrogen,
wenn dies Eifersucht sein solle; auch reime sich dies nicht zu seinem übrigen
Charakter, wie er ihn aus Hörensagen und den wenigen Augenblicken kenne. Dass er
auf seiner Hut sein würde, dafür brauch ich nicht zu sorgen; aber ein Feiger nur
flieh alle Gefahr. Man müsse standhalten, mit unerschrocknem Mut, solange das
Verderben nicht unüberwindlich einbräche; dies allein rette und beglücke den
Mann.
    Sein Verdacht ging' auf etwas anders; und ein wahrsagerischer Geist geb ihm
ein, der Stattalter von Kandia sei bei Ermordung seines Vaters nicht ganz ausser
Spiele gewesen und die Ähnlichkeit seiner Gestalt ihm aufgeschossen.
    Mir fiel heiss hierbei ein, dass Mark Anton, vor seiner Stattalterschaft von
der Republik abgeschickt, einige Zeit zu Florenz gestanden und mit dem
Grossherzog auf einem so guten Fuss umgegangen sei, dass er seinen schwierigen
Auftrag glücklich ausgeführt habe; ich schwieg jedoch hiervon stille, um nicht
Öl ins Feuer zu giessen, und sagte im Gegenteil: dies käme mir nicht
wahrscheinlich vor, er solle sich deswegen nichts in Kopf setzen.
    Den folgenden Morgen bracht er das Bild dahin, dass es im Rahmen konnte
aufgespannt werden; und bekam für seine Arbeit von Cäcilien selbst einen schönen
goldnen Ring mit einem kostbaren Rubin zum Geschenk, der gerad an den
Herzensfinger seiner linken Hand passte. Dies gefiel ihm denn; und er freute sich
und lachte darüber, wie die Dinge dieser Welt so sonderbar untereinander laufen.
Am dritten Tag hierauf sollte das Beilager gehalten werden; alle Anstalten dazu
waren schon gemacht und die Nachbarschaft zu einem festlichen Ball eingeladen.
    Ardinghello ging inzwischen tiefsinnig herum, ass wenig und trank viel, und
konnt es nicht länger verbergen, dass er vom Stempel der Liebe mächtig gezeichnet
war; er mied alle Gesellschaft. Morgens, abends und des Nachts kam er nie auf
sein Zimmer und schlief nur des Mittags. Ich hatte mit dem Armen Mitleiden: aber
da war nicht zu raten; er hörte wie ein Meersturm. Die ersten Stunden der Nacht
am Tage vor der Hochzeit trat er auf einmal plötzlich hastig auf mein Zimmer,
blass und fürchterlich; ich schrieb eben an einem Briefe. Wie ich ihn aber so
erscheinen sah, fiel mir die Feder aus der Hand, und ich sprang auf: »Was
gibt's, was hast du?«
    »Mein Argwohn war nur zu gut gegründet; höre!« sprach er und ging mit mir
zum äussersten Ende von der Tür weg.
    »Du kennst den schönen einsamen Platz, wo die grossen babylonischen Weiden
vom hohen Felsengestad herunter nach dem See hangen und das Ganze zu einer
stillen melancholischen Vertiefung sich einschliesst: dahin war die letzte Zeit
immer mein liebster Spaziergang; schon vorher sind wir dort beisammen gewesen.
Auch diesen Abend ging ich dahin und nahm ein Instrument mit. Es fing an zu
dämmern, als ich noch auf der entblössten Wurzel der vordersten Weide nach dem
Tale zu sass und meine Leiden sang. Der Inhalt von meinem Liede war: Ach, mein
Vater tot, meine Mutter tot, meines Lebens Lust in fremder Gewalt! Ist dies
nicht, ein junges Herz zu brechen? Saitenspiel, klag's mit mir! Und bei den
Worten, nach dem Blick und der Empfindung: Flisterst du Lüftchen in den Blättern
mir Trost zu?, kam's über mich, als ob ich meinen Vater vor mir und mir winken
sähe. Warum erscheinst du, was verlangst du von mir? rief ich und sprang auf.
Zugleich erblickt ich nicht weit von mir einen Kerl mit dem Messer in der Hand,
welcher alsbald davonging mit diesen Worten: Flieh, junger Mensch, du dauerst
mich, ich sollte dich ermorden! Flieh, so geschwind du kannst, so weit dich
deine Beine tragen, und meide den Mark Anton. Schon wurde durch ihn dein Vater
umgebracht. Meide das Gebiet des Grossherzogs.
    Mir wurde dabei das Herz im Leibe umgekehrt; aber ich besann mich doch nicht
lange, sondern riss meine Pistole hervor (er ging auf seinen Wegen nie ohne
Gewehr aus) und jagte ihm von der Seite eine Kugel durch die Brust, dass er auf
der Stelle stürzte. Stirb, Elender, für deine Schlechtigkeit in der
Schlechtigkeit, und bereite das Quartier deinem Patron in der Unterwelt! vernahm
er noch die Antwort. Darauf gab ich ihm noch einen sichern Stoss mit seinem
eignen Messer und wälzte den Körper in die Dornen und das Gesträuch hinein, den
Felsen hinunter. Niemand war schon längst mehr auf dem Felde und es schon
finster; und der Ort ist überhaupt, wie du weisst, völlig abgelegen. Den Kerl
erkannt ich noch, wie ich ihn näher besah; ich habe vor kurzem in einem
Wirtshause zum Zeitvertreib mit ihm a la Mora gespielt und ihm nicht allein
seinen Verlust geschenkt, sondern die Zeche obendrein bezahlt.«
    Dies entsetzte mich; ich sah die grässlichen Folgen bei seiner kühnen
Entschlossenheit voraus und wusste nichts zu antworten als: »Es ist ungeheuer!«
    »Du sollst nichts dabei zu tun und nichts dabei zu verantworten haben«, fuhr
er fort; »nur beschwör ich dich beim Himmel und deinem letzten Tropfen Liebe zu
mir, lass mich's ausführen, einen hässlichen politischen Meuchelmörder mehr aus
der Welt zu schaffen. O Vernunft, breit allen deinen heitern Äter in meinem
Verstand aus, dass ich kalt genug zu Werke schreite! Wenn er morgen auf der
Hochzeit mit dir von mir sprechen sollte, so sage nur, du habest mich die
letztern Tage nicht gesehen, ich streiche so oft im Lande herum und suche
Schönheit in Gegenden und unter Menschen; und gib im übrigen auf alles acht, was
vorgeht, besonders auf dem Ball in der Nacht.«
    Ich war betäubt von allen diesen Dingen und wusste mir nicht zu helfen. Es
war da kein Rat, als entweder ihn oder den andern aufzuopfern; und vor dem
ersten Gedanken schauderte meine Seele wie vor ihrem Nichtsein; den königlichen
Jüngling vom rächerischen Arm der Natur bewaffnet, voll innerm Gehalt, der
überall hervorstrahlt: oder den missgeschaffnen Boshaften, der das
Vortrefflichste aus kleinlicher Leidenschaft und elendem Interesse wegtilgt? Es
fand weder Wahl noch ein ander Mittel statt.
    Ich gab ihm nach der Überlegung zur Antwort: »Du sollst mich als deinen
Freund erkennen; an deinem Mut und deiner Klugheit im übrigen darf ich nicht
zweifeln. Jedoch bedenke vorher, was du tust und dass dein Leben selbst dabei in
äusserster Gefahr ist.«
    »Was soll mir ein Leben, das Sklaverei duldet und Unrecht leidet?« erwiderte
er, »schändliches Unrecht! und das grausamste! O ich weiss, dass das ewig lebt,
was in mir lebt, und dass dies keine Gewalt zugrunde richtet. Ich war, was ich
bin, und werd es sein: ein edler Geist, den sein göttlich Urwesen durch alle
Zeiten von der Drangsal niedriger Verbindungen immer bald erlösen wird. O wären
viele wie ich! der Tyrannei unter unserm Geschlecht sollte bald weniger sein.
Aber da fürchten sie sich vor dem Wörtchen Tod und glauben, sie wären das, was
da kalt und bleich und starr ausgestreckt auf dem Brette liegt, da es nur das
Gespenst der eigentlichen Unterwelt ist, das ihre niedrigre Gattung von Wesen
nach seinen jämmerlichen Bedürfnissen herumfoltert, und alle reine Seele mit
Apostelstimme den verachtet, der keinen Mut hat, zu sterben und sich von dem
Elend frei zu machen.«
    Mich dünkte, einen Gott reden zu hören: so stolz und gross stand der Mensch
vor mir; ich musste ihn an mein Herz drücken.
    Allein der misslichste Punkt bei der Sache war Cäcilia; dies machte ihm am
meisten zu schaffen, und er überlegte auf allen Seiten. Er glaubte, dass es
endlich auch hier gehen würde, und sei der Gewalt sicher, die er über ihren
Willen habe! sie selbst ins Spiel verflochten, und der ausserordentlichen
Biegsamkeit ihres Geistes und ihren andern Fähigkeiten die Rolle nicht zu
schwer. Er müsse das Äusserste wagen, sie diese Nacht noch zu sprechen: es wäre
notwendig, dass sie sich vorher darauf bereite.
    Übrigens sahen wir immer klärer in dem, was vorgegangen war. Mark Anton
stieg nicht aus blosser Höflichkeit bei seiner letzten Ankunft an unserm Haus ab,
da er es bei den vorigen Besuchen nicht tat, die er bei seiner Braut ablegte;
der Grossherzog mochte Wind bekommen haben, wie der junge Frescobaldi heranwüchse
und dass kein blosser Maler in ihm stecke, weswegen ihn der Adel zu Florenz
gewissermassen verachtete, und wollte beizeiten der gefährlichen Brut den Nacken
brechen. Der Mörder des Vaters hatte denselben in Venedig ausgekundschaftet und
sein eigen bös Gewissen dazu angetrieben. Das andre ergab sich von selbst; er
liess ihn bei sich malen, um ihn genauer kennenzulernen und ob er wirklich
gefährlich wäre; und Ardinghello beschleunigte mit den ohne alles Arg gesagten
Worten: er war ein Schwertfeger und machte gute Klingen, die ihm vielleicht der
Zorn des Himmels eingab, dem Verbrecher das Todesurteil anzukündigen, seinen
Untergang, wenn es nicht anders verhängt gewesen wäre.
    Der Ursprung dieser Begebenheiten war uns aber damals unbekannt, und
Ardinghello erfuhr ihn erst, als er wieder nach Florenz kam. Mark Anton
verliebte sich dort gleichfalls in Isabellen und bracht es so weit mit seinem
Geld und seiner ihr neuen gefälligen venezianischen Mundart, dass auch ihm, der
Seltenheit wegen, eine Zusammenkunft versprochen wurde. Allein statt des
gehofften Vergnügens fand er durch geheime Veranstaltung des Vaters von
Ardinghello in ihrem Zimmer eine alte magre Ziege angebunden; und schlich wieder
davon, als ob er nicht dagewesen wäre. Lächerlich dadurch bei ihr gemacht, hatte
die ganze Liebesgeschicht ein Ende. Mark Anton nahm dies zwar nicht wie einen
lustigen Streich bei dergleichen Laufbahnen auf die leichte Achsel; doch konnt
er sich sogleich nicht rächen und liess die Sache lieber im verborgnen. Der
Grossherzog, in der Folge davon benachrichtiget, gebrauchte ihn hernach, als ein
Mann, der seine Leute kannte, zu seinen Absichten. Ardinghello, noch Knabe,
bekümmerte sich nicht um solche Dinge. So entstehen immer die wichtigsten Folgen
aus Kleinigkeiten.
    Ich ging darauf zu meiner Mutter, und er schloss sich auf sein Zimmer. Um
Mitternacht schlich er heraus und stieg in Cäciliens Garten. Sie hatten sich
gleich im Anfang ihrer Liebe Zeichen für Augen und Ohren erfunden, die kein
andrer Mensch verstand und die ohne allen Verdacht waren. Sie vernahm ihn und
erschrak: diese Zeit über sollte keine Zusammenkunft mehr gehalten werden; und
besann sich, ob sie kommen oder nicht kommen wollte. Als er aber darauf das
Zeichen gab, wo alles musste gewagt werden; denn auch dies hatten sie, im Fall,
wo sie sich die höchste Gefahr entdecken mussten: so ging sie zitternd nach der
Tür, und ihr sanken die Knie ein.
    »Cäcilia,« sprach er zu ihr, wie sie im verborgensten Buschwerk an der Mauer
beisammen waren, »ich bin verloren, wenn ich deinem Bräutigam nicht zuvorkomme«;
und erzählte ihr die Begebenheit den Abend mit dem Banditen und alles in wenig
Worten, was sie noch nicht wusste. »Morgen nachts, wo nur immer möglich, schaff
ich ihn aus der Welt, und ich hoff, es soll bei dem festlichen Geräusche nicht
an Gelegenheit fehlen, wenn du nicht lieber mich willst hingerichtet sehen.«
    Jedes Wort war ihr ein Donnerschlag.
    »O welch ein Sturm wälzt sich über mich her!« rief sie aus, entsetzt, nach
langer Betäubung; »schon tauml ich mitten in den erzürnten Wogen, von Abgründen
zu Abgründen geworfen, und alle Winde rasen. Ach, wär ich mit dir aus dem
Schiffbruch auf einer wüsten unbewohnten Insel nur! Aber wir gehen unter in den
wilden Fluten.«
    »Mir sagt's mein Herz,« erwidert' er darauf, »dass wir glücklich der Gefahr
entkommen. Habe Mut, himmlisch Wesen! Der Wellen Ungestüm verletzt kein Gestirn;
es tritt desto glänzender bald wieder auf und strahlt in ewiger Klarheit.
    Niemand weiss von unsrer Liebe (der Edle wollte seinen Freund auf alle Weise
ausser Gefahr setzen). Niemand weiss von dem schändlichen Vorhaben des Mark Anton
gegen mich; sein Spion und Mörder meines Vaters modert schon zwischen Klippen
und Dornen: solche Dinge vertraut man nicht, ausser gegen wen man muss. Der
Grossherzog ist noch weit von hier, mich soll er so leicht nicht in die Schlinge
bekommen. Schlage mich aus dem Sinn die kurze Zeit des Getümmels, und tu, als ob
du von mir nichts wüsstest: und du bist sicher. Über mich waltet die Vorsicht:
sonst wär ich dem Tod nicht entgangen, und sie hätte mir meinen Pfad nicht
gezeigt.«
    »O wie kann ich dich, Geliebter, einen Augenblick vergessen? Wie kannst du
vergessen meine Seligkeit und mein Leiden?« fiel sie ihm mit Tränen an seine
hochklopfende Brust; fuhr aber bald hastig auf und ergriff ihn, zurückstossend,
klammernd bei der Hand: »Fort von hier, über Berg und Tal, lass mich! O hätt ich
dich nie gesehen, o ich Unglückselige! Ich beschwöre dich bei aller unsrer
Wonne, bei deiner und meiner Liebe,« stürzte sie sich ihm zu Füssen und umwand
seine Knie: »überwältige dich meinetwegen, der Ruhe meiner Familie wegen,
verschiebe wenigstens die Rache! Mich fesselt das grausame Schicksal mit
eisernen Ketten an mein Elend, und ich kann ihm nicht entrinnen: du aber geh in
ein ander Land, sei glücklich bei allen deinen Vollkommenheiten, und lass mich. O
Gott,« schluchzte sie, »wer weiss, wenn und wie und wo und ob wir je uns wieder
sehen!«
    Ardinghello umwand sie fest mit seinen Armen und träufelt' ihr mit der
Stimme des lebendigsten Gefühls ins Ohr: »Welche sklavische Furcht hat sich
deiner bemeistert! Komme wieder zu dir, und rede mit Besinnung. Es siege die
Liebe, die in der Natur allem andern vorging, und die Gerechtigkeit! Hast du
keinen Blick in die Tage der Zukunft? Einem solchen bösartigen Ungeheuer
wolltest du an der Seite liegen und deine glänzende Wohlgestalt von ihm schänden
lassen, in lauter Gram und Ekel, da die edelsten Jünglinge voll Eifer und Feuer
vor dir schmachten? Hat dies so mächtig wallende Herz in deinem Busen so wenig
eigne Kraft, dass es nichts für sich tut, sondern seine angebornsten Regungen
nach andrer Willen umlenkt? O Cäcilia, erhabnes Wesen, erkenne deinen Wert! Zu
deinem eignen Wohl und weil ich dich kannte, vertraut ich dir das Geheimnis.
    Soll ich den Schlechten verklagen, ihn zu einem Zweikampf herausfordern? Wie
albern! Warten in der äussersten Gefahr? Wie töricht! Ihn gehen lassen, dulden,
leiden, schweigen und mich davonmachen? O ich wäre nicht wert, dich an meine
Seele zu fassen, nicht wert, auf diesem Boden zu atmen; tief, tief unter der
Erde, der armseligste halb zertretenste Wurm müsst ich sein.
    Die Zeit ist edel, wir haben keine Worte zu verlieren; ich sage dir aus dem
Buche des ewigen Verhängnisses: Mark Anton, der niederträchtige Meuchelmörder,
muss sterben von meiner rächerischen Hand für alle seine Bosheiten; oder du musst
mich und dich dem Tod und der öffentlichen Schmach preisgeben. Es findet hier
keine Wahl statt, und ich kenne dazu genug deinen hellen Geist und deine hohen
Gefühle. Meinetwegen hab in jeder Rücksicht keine Sorge: für dich wird dein
scharfsichtiges Auge leicht den Ausweg finden und deine Gewandteit ohne
Verletzung und Gefahr darüber weggleiten.«
    »Nun, so fürchte denn alles, unerbittliches Felsenherz!« versetzte sie ihm
aufgebracht; »und wenn du sicher sein willst, so zücke den Stahl zuerst auf
mich. O herbeigeführt durch die Lüfte, steh ich an dem Kessel eines
feuerspeienden Gebirgs, Verderben rund um mich, und mir vergehen die Sinnen. O
könnt ich mein unabsehliches Elend aller Unschuld zur Schau aufstellen und sie
damit vor dem ersten Fehltritt warnen!«
    Ardinghello konnt ihr nicht mehr antworten, so schnell riss sie sich von ihm
fort nach ihrem Zimmer; doch drehte sie sich unterwegs noch einigemal um, kam
aber, ausser sich, nicht wieder zurück.
    Er sagte mir anfangs von dieser Unterredung nur so viel, dass sie ohngefähr
den von ihm erwarteten Ausschlag genommen habe.
    Den andern Morgen in aller Frühe geschah die Trauung. Cäcilia erschien am
Nachmittage, wo das Gelag war, reizender als je; Schlaflosigkeit und die
beständige Überlegung dessen, was vorgehen sollte, hatte ihre Lebensgeister
erhitzt und überzog ihr Gesicht mit der lieblichsten Schamröte.
    Ardinghello bereitete sich den Tag über auf die Tat: machte sich selbst auf
den Notfall eine Maske, kämmte sein Haar anders, veränderte Hut und Kleidung, um
einen Landmann der Gegend vorzustellen, und setzte sich in gute Verfassung zur
Flucht auf jeden Fall. Meine Mutter und ich waren beim Feste.
    Eine zahlreiche Gesellschaft hatte sich eingefunden. Pracht und Überfluss,
mit feiner Kunst angeordnet, herrschten an der Tafel und in Sälen und Zimmern
Glanz und Freude. Die Braut schien in neuen Empfindungen verloren, antwortete
aber doch leicht jedem Schalk, und immer in jungfräulicher Bescheidenheit;
jedermann schien den Glücklichen zu beneiden, dessen Beute sie ward, und den
Wunsch im Herzen zu hegen, mit süsser Gier im Liebesbette, statt seiner, der
zarten Schönheit Blume zu pflücken.
    Gegen Abend erhob sich der Ball. Als die Kerzen brannten, vermisste man bald
Braut und Bräutigam und lächelte darüber. Der Bräutigam kam nach langer Zeit
zuerst wieder, und seine Unentaltsamkeit und Entaltsamkeit beklatschte ohne
Scheu der Mutwill junger Männer. Doch hörte man zu seiner Entschuldigung von
einer Stimme den frechen fescenninischen Scherz: der versuchte Ritter wird den
Morgen schon bei hartem Sturm die Fahne auf die Festung gepflanzt haben. Er
lachte, jedoch dünkte mich's nicht das Lächeln der Lust nach gepflogner Liebe,
und winkte mit der Hand nach den Fenstern. Und sieh! Raketen stiegen auf in der
Luft und kreuzten sich über dem See und zerknallten, in schönen Kreisen sinkend.
Gleich hernach erschien auch die Braut wieder und wurde beglückwünscht von
Müttern und Weibern, indes sie glühte wie eine Rose.
    Man führte sie an den Erker zum besten Platz, das Schauspiel anzusehen: und
auf einmal rauschte die Girandola gen Himmel wie ein ungeheurer brennender
Palmbaum. Darauf folgten mancherlei neue Feuerwerkskünste. Der Ort dazu war auf
einem hohen felsichten Ufer des Sees nicht weit vom Palaste; der Bräutigam,
welcher dergleichen verstand und es angeordnet hatte, lief hernach selbst
hinunter, um die Leute, die es abbrannten, zum Eifer zu treiben, weil einigemal
starke Pausen vorgingen: und gerad am Ende der Stiege wurd er vom Ardinghello an
der Kehle fest gepackt und empfing den schärfsten mörderlichsten Dolchstich von
unten auf ins Herz. Ardinghello sagt' ihm schleunig noch ins Ohr: »Bin der junge
Frescobaldi! Deine Braut war meine Geliebte, die Frucht unsrer Liebe wird dein
Vermögen erben statt dessen meines Vaters.«
    Er lag da und regte sich nicht mehr: Ardinghello entwischte. Niemand
bemerkte ihn, die Bedienten unten sperrten alle, weit von dem Palaste, Augen und
Mäuler auf über das Feuerwerk und jubelten und lärmten; und oben plauderte man
gleichfalls und betrachtete.
    Er lag da, solange das Feuerwerk dauerte. Wie es vorbei war und die
Bedienten wieder hereinsprangen, erscholl auf einmal ein Zetergeschrei. Man
drängte sich zu den Türen heraus: »Der Bräutigam ist ermordet!« lief plötzlich
von einem Mund zum andern. Cäcilia rennte mit Geheul hervor, und wie sie
deutlich vernahm: »unten an der Stiege mit einem Stoss in die Brust ermordet!«
sank sie auf der Stelle nieder in Ohnmacht, und Arm' und Beine welkten, ihr
Antlitz entfärbte sich, und der Kopf hing im Nacken. Man hob sie auf und brachte
sie auf Sitze, und besprengte sie mit starken Wassern; es war ein allgemeines
Gewühl und Lärmen.
    Der Tote ward unten in ein Zimmer gebracht; man zog die Kleider weg und
besichtigte die Wunde: sie ging nett ins Herz, und da war an keine Hülfe mehr zu
denken. Cäcilia kam wieder zu sich. »Was ist mir? wo bin ich?« sprach sie
stöhnend mit verirrten Blicken. »Ach, tot, tot! Wer hat ihn umgebracht! o ich
Unglückselige!« und so zerraufte sie sich die schönen blonden Locken, und riss
die Kleidung vom Leibe, und wütete wie eine Bacchantin.
    Ich darf sagen, dass, bei Kummer und Sorge für Ardinghellon, mich doch dies
entzückte. O ihr Weiber, welch ein Mann erreicht je eure Verstellung! Sie wollte
mit Gewalt zu ihm, aber man hielt sie ab. »O Gott, welch ein Vermählungsfest!«
schluchzte sie, und die Tränen stürzten ihr aus den Augen. Hätt ich aber alles
gewusst, so würd ich tiefes Mitleiden mit ihr gehabt haben.
    Die Verwandten des Mark Anton, worunter eine verheuratete Schwester von ihm
war, verstummten und machten allerlei Gesichter und wussten nicht, wo sie
angreifen sollten: die Brüder und Eltern der Cäcilia verloren aber den Kopf
nicht; und der älteste, auch schon verheiratet, ergriff sie bei der Hand und
sagte zu ihr: »Fasse dich, was geschehen ist, kann man nicht ändern, und sei
vernünftig, für dich ist jetzt ein kritischer Zeitpunkt! Sprich, und rede laut:
hat Mark Anton schon wirklich seinen Bund in der Tat mit dir vollzogen oder
nicht? Das andre soll hernach, soviel menschmöglich ist, aufs schärfste
untersucht werden.« Sie warf den Kopf in die Arme und bedeckte die Augen, und
sagte seufzend und weinend: »Ach, wär es nicht geschehen und ich noch, was ich
war!«
    Die Schwester antwortete hierauf: »Wir sind hier auf einmal in sonderbare
Umstände geraten und werden schwerlich so friedlich auseinandergehen können, als
wir zusammengekommen sind.«
    »Damit Sie erkennen,« versetzte der Vater der Cäcilia, »dass wir nichts
Unbilliges verlangen, soll meine Tochter gleich in sichre Verwahrung gebracht
werden, und einige von Ihren Verwandten und meine Söhne mögen sie begleiten. Der
Fall ist ausserordentlich. Wir ergeben uns dann in den Ausspruch des hohen Rats.
Inzwischen wollen wir alles aufs strengste ausfragen und untersuchen.«
    Die Ältesten und Angesehensten von der Republik, die hier zugegen waren,
versammelten sich gleich auf ein Zimmer allein und machten einen Kreis; die
Verwandten blieben in der Nähe, die übrigen Gäste im Tanzsaal, und unten wurden
die Türen gesperrt. Die Bedienten kamen erst einzeln nacheinander vor. Keiner
wusst etwas, und man fand nirgendwo die geringste Spur. Der Gäste waren viel und
mancherlei. Man hatte zwar auf ein paar derselben Argwohn, weil sie vor dem
Ermordeten um Cäcilien warben und gegen denselben heimliche Feindschaft hegten,
jedoch durfte man sie so bloss darauf öffentlich nicht antasten; man erkundigte
sich nur sehr scharf unter der Hand, wo sie während der Tat sich befunden
hätten. Sichre Personen legten gut Zeugnis für sie ab, dass sie in ihrer
Gegenwart gewesen wären.
    Insoweit war also die Untersuchung vergeblich. Man schickte darauf Leute in
die Gegend aus, um jeden Verdächtigen festzuhalten, welches man freilich eher
hätte tun sollen: allein im ersten Aufruhr dachte niemand daran; und
Ardinghello, einer der schnellsten Fussgänger, befand sich zu dieser Zeit schon
in Sicherheit.
    Was Cäcilien betraf, konnte man nicht nach aller Strenge verfahren, da es
der Wohlstand und das Ansehen ihrer Eltern und Brüder nicht zuliess, welche beide
letztere bei dem Sieg über die türkische Flotte sich den Namen grosser Helden
erworben hatten; alle waren ausserdem dem reizenden Geschöpf gewogen und keiner
von Herzen dem Bräutigam. Mancher machte sich in Rücksicht ihrer Hoffnung,
entweder sie ganz zu besitzen, nun eine der reichsten Partien von Venedig, noch
unabgeweidet in frischer Blüte; oder doch auf irgendeine Gefälligkeit bei
solcher Lage Rechnung. Wenn ein Mensch einmal tot ist, hört bald alle Gunst auf;
und wer am Leben bleibt, hat immer das beste Spiel. Dies ist in der Natur der
Dinge; einem Toten ist doch nicht mehr zu helfen, denken sie, und es kömmt dabei
nichts heraus. So ging's zu Venedig, wohin Cäcilia sich noch dieselbe Nacht
unter Begleitung ihrer Brüder und der Verwandten ihres Bräutigams, mit etlichen
Personen vom Rat, auf den Weg machen musste, bis ihre Schwangerschaft sich völlig
offenbarte. Sie wurde zwar nach der Form gehörig bewacht und befragt: allein da
man gar keine Angaben, nicht den geringsten Verdacht und sie einen Bartolus und
Baldus in derselben Person zum Advokaten hatte, endlich freigesprochen; und sie
selbst verstand meisterlich die Seelen zu fesseln und spielte durchaus ihre
Rolle vortrefflich: in dem kurzen Umgange mit Ardinghellon hatten sich ihre
seltne Naturgaben herrlich noch entwickelt und ausgebildet.
    Zu Anfang des neunten Monats darauf wurde sie, in Beisein gerichtlicher
Zeugen, von einem gesunden kräftigen Sohn entbunden, welcher in der Taufe die
Namen S. Marco Giovanni e Paolo empfing; und niemand wusste die geheime
Bedeutung. Sie gelangte damit zum rechtlichen Besitz aller Güter Mark Antons,
dem ihre Brüder ein prächtiges Grabmal von dem berühmtesten Bildhauer mit einer
sinnreichen Inschrift von dem besten lateinischen Poeten besorgten, und trauerte
lange und hielt sich eingezogen von allen Lustbarkeiten.
    Ardinghello hatte sich nach glücklich vollbrachter Tat durch Umwege schnell
auf sein Zimmer gemacht und geschwind umgekleidet; er war sicher, von niemand
bemerkt worden zu sein, und wollt im Freien unter der fremden Kleidung nicht
länger bleiben. In unsre Wohnung konnt er nach Belieben herein und heraus, weil
er den Schlüssel zu der einen Aussentür von seinem Flügel hatte. Auch war
ohnedies alles aus dem Palaste nach einem guten Platz zum Feuerwerk gelaufen,
dem zauberischen Schauspiel über dem See. Inzwischen machte er sich doch behend
auf jeden Fall gefasst und lauerte nahe bei seinem Zimmer im Garten, bis ich mit
meiner Mutter nach Hause kam und ihm das glückliche Zeichen gab; das Fest war
gänzlich verstört, und ich hielt nur so lange aus, als es sich schickte, um
nichts zu versäumen.
    Auf ihn fiel nicht der mindeste Verdacht, weder hier noch in Venedig. Dort
wurde bei einigen jungen Herren strenge Nachforschung gehalten, die mit heftiger
Leidenschaft vorher um Cäcilien warben; aber es kam nichts heraus, und die
Ermordung blieb ein Rätsel.
                                  Zweiter Teil
Ardinghello wollte nun nicht länger in der Gegend bleiben: die Sonne war hinweg,
die ihn an sich zog und um die er sich herumbewegte; aber auch für jetzt nicht
wieder nach Venedig. Und wenn sich dort die Sachen aufs glücklichste setzten, so
sah sein Geist in der Zukunft Dinge, die ihn folterten. Süssigkeit vollführter
Rache, Gram, von Cäcilien geschieden zu sein, Kummer ihretwegen und Sorge für
seine eigne Sicherheit wechselten in seinem Herzen plötzlich auf und ab wie ein
Aprilwetter. Sich länger aufzuhalten war gefährlich, weil man unter den Papieren
Mark Antons vielleicht Aufträge von Cosmus finden konnte: und sich gleich aus
dem Lande zu machen, schien verdächtig. Endlich entschloss er sich, nach
Überlegung aller Umstände, noch einige Tage zu harren und inzwischen scharf auf
seiner Hut zu sein. Es kam uns nicht wahrscheinlich vor, dass der Grossherzog
seinen und seines Vaters Tod schriftlich sollte verhandelt haben; und ein
Vertrauter, wenn er auch noch da wäre, wie nicht zu vermuten, durfte bei
Schlechtigkeiten von so üblem Erfolg keinen Lärm machen, zumal da er doch nicht
sicher wäre und nur mutmassen könnte.
    Ardinghello stellte sich aufgeräumter an als je; und wenn in Gesellschaft
die Rede auf die Begebenheit kam, so schwieg er entweder oder pries Mark Antonen
glücklich, dass er so gerad in voller Freude starb; und auch Cäcilien, dass sie so
geschwind als möglich von dem harten Joche der Ehe sei ausgespannt worden.
    Wir fischten dann auf dem See, gingen auf die Jagd und lasen noch dabei zu
guter Letzt die schönsten Oden im Pindar, der seine Seele vom neuen mit hohem
Taumel schwellte und in etwas seinen Sinn von der Gegenwart wegwandt. Die
Romanze aller Romanzen auf die Insel Rhodos besonders entzückte ihn so, dass er
sie bald auswendig konnte. Seine Phantasie kam wieder ganz in das Götterreich
der Poesie hinein, die Spiele griechischer Jugend rissen sein Herz dahin, süsse
Liebe und solche Taten pries er allein ein würdig Frühlingsleben; alle seine
Kräfte tobten und wurden ungestüm: er wollte fort in die Welt, in Bewegung, auf
eine neue Bühne, und war nicht mehr zu halten.
    Keine volle zwei Wochen nach Cäciliens Abreise brach er auf. Er schrieb
vorher an seine Tante um einen Wechsel nach Genua; er gedachte von dort nach
Frankreich zu schiffen und dadurch nach Spanien zu wandern, bis an die letzten
Küsten von Portugal. Mir band er unterdessen Cäcilien aufs Herz und dass ich ihm
von ihr bei jeder guten Gelegenheit Nachricht geben sollte. Sobald sie frei
wäre, müsste vermittelt werden, dass wir alle drei zusammen eine Freundschaft
ausmachten. Für unsre Heimlichkeiten bildeten wir uns eine jedem andern
unergründliche Schrift und wollten bei den Hauptpunkten das Neugriechische
gebrauchen. Seine Wiederkunft würde alsdenn von den fernern Umständen abhangen.
    Seine Reise nach Genua nahm er sich vor zu Fusse zu tun, und so sollt es sein
Leben lang durch alle schöne Gegenden geschehen; er hielt es für Torheit, sie
anders zu machen, wenn man gesund und stark wäre und keine notwendige Eile
hätte: die Natur von Land und Leuten könne man auf keine andre Weise so gut
kennenlernen; und was die Strassenräuber beträfe, so sei man im Wagen der Gefahr
weit eher ausgesetzt, und die ärgsten würden von Billigkeit zurückgehalten gegen
ein harmloses Geschöpf, das ohne bürgerlichen Reichtum, wie sie, bloss menschlich
einherschreitet.
    Er liess mir alle seine Habseligkeiten zurück und nahm nichts mit sich als
einen wohlgespickten Beutel und Hemder und Strümpfe.
    An einem Abend beurlaubte er sich von meiner Mutter, die Tränen vergoss und
ihn an ihre Brust drückte; er wurde von ihr geliebt wie mein Zwillingsbruder.
Sie gab ihm ihren reinsten Segen und bat zu Gott, dass er sie erhören möchte, da
er nicht länger bleiben wollte; und sagte ihm zuletzt, dass sie sich oft nach
seinem Umgang sehnen würde. Ihr machten wir weis, dass er wieder in seine Heimat
zöge.
    Wir brachten die Nacht alsdenn beisammen zu, so recht wie klare Quellen von
Leben, wo alle Blicke durchgehen; ich wünsche mir nie eine grössere Seligkeit.
Aber ach! was ist der Mensch? ein Punkt, zerfetzt und zerrissen vom Schicksal
auf allen Seiten, und unaufhaltbar fortgetragen in den wilden Fluten der Dinge,
wo er weder Anfang noch Ende sieht.
    Gegen Morgen fuhr er auf, steckte die alte Handschrift von den
Denkwürdigkeiten des Sokrates in die Tasche, die ich ihm fein und
wohlgeschrieben mit auf den Weg gab, und die griechischen lyrischen Dichter von
Heinrich Stephan; warf seine Ziter über die Schulter, dass sie stürmisch
erklang, drückte mich noch einmal an sein Herz und küsste seine ganze Seele auf
meine Lippen, und schoss von dannen. Ich erbebte wie von einem Todesschauer und
sank wie ins Grab. O Elend und Jammer, hienieden ohne Freund zu sein! und Stolz
und Jubel und Kühnheit, wo zwei ihr Wesen verdoppeln!
    Meine Mutter und ich gingen darauf zu Ende Oktobers wieder nach Venedig, wo
mein Vater aus Dalmatien schon angekommen war. Der Weg dahin erfüllte mich mit
Traurigkeit. Gegend und Menschen und Gebäude hatten den vorigen Reiz verloren
und standen da wie Schatten. Ich erkannte innig, dass zu allem Genuss zwei Herzen
notwendig sind, die sich lieben.
    Die Zärtlichkeit meines Vaters, meiner ältern Brüder und verwittibten
Schwester, die ihn begleitet hatten, linderten und versüssten allein meinen Gram
zu Hause. Cäcilia sass noch in strenger Verwahrung: doch war jedermann für sie,
wegen ihrer ehemaligen klugen und bescheidnen Aufführung bei aller ihrer
Schönheit. Auch ich tat unter der Hand mein Bestes; das zärtliche Geschöpf hatte
sich von dem Zuge der Natur überwältigen lassen und konnte hernach nicht anders
handeln.
    Verschiedne junge Leute, alle von grossem Talent und genaue Bekannten von
Ardinghello, kamen zu mir, seinen gegenwärtigen Aufentalt zu erfahren, welchen
ich ihnen aber nicht entdeckte, mit Vorspiegelung, er habe in seine Heimat
gewollt.
    Zu Anfang Novembers erhielt ich folgenden Brief von meinem Freunde:
                                                                Genua, November.
Wie ich aus dem fruchtbaren grossen Tale der Lombardei, von hundert Flüssen
durchströmt, das seinesgleichen in der Welt nicht hat, durch die wilden kahlen
Felsenkrümmen des Apennin hinauftrat und endlich aus der Bocchetta hervor, von
heitern Lüften umspielt, dass die Locken um meine heissen Schläfe flatterten, oben
auf der Höhe das tiefe breite Meer unter mir glänzen sah, vom süssen
Strahlengewölk des Abends umlagert: Gott, wie ergriff das mein Herz und alle
Sinne! Wie die Tetis Homers mit einem Sprung vom Olymp hätt ich mich in die
ewige Lebensfülle hineinstürzen und wie ein Walfisch darin herumtaumeln und alle
meine Leiden abkühlen mögen.
    Ich blieb hier die Nacht bei einem alten Schäfer, der Chronik der Gegend,
und sah die Sterne auf- und untergehen und das Weltlicht wieder erscheinen, und
tronte so über Italien, dies Paradies mit allen seinen Bewohnern von Anbeginn
der Zeit, Menschen und Tieren und Pflanzen und Bäumen, und ich, machten ein
friedliches Eins, so rein und heilig zerflossen war meine Seele.
    Den Morgen schritt ich hinab und schlief des Nachmittags in einem reizenden
Dorf an der Küste nicht weit von der Stadt. Gegen Mitternacht wacht ich wieder
auf vom Saitenspiel und einer Stimme, die lieblich mein Wesen durchdrang. Ich
lauschte und vernahm die Worte und sprang ans Fenster: die Musik kam aus einem
alten Gemäuer, an einen Hügel gebaut, der in hohen Pinien und Zypressen und
niedern Fruchtbäumen sich aus dem Meer hervorstreckte; es waren Stanzen eines
Märchens vom Pulci, die ich gar wohl kannte. Als darauf noch eine weibliche
Stimme zu der männlichen einfiel, so zog auch ich meine Guitarra hervor, brachte
sie leis in Stimmung und sang, als sie aufhörten, nach einigen Griffen von ihrer
traurigen Harmonie in eine fröhlichre hinüber: »Wer seid ihr süssen Sänger dort,
die ihr mich so entzückend aus dem Schlafe weckt? Habt Dank, habt Dank, dass ihr
den Menschen so Freude macht und ihr Herz rührt in der stillen Dämmerung.«
    »Wir sind Vater und Tochter, die ein holdes Kind in Schlummer spielen samt
dem Gatten, den der heisse Tag abgemattet«, ertönte zur Antwort herüber, indem
ein Alter mit langem Bart an den Bogen der Tür sich stellte.
    »O ihr Glücklichen!« verfolgt ich darauf und sang, von Begeisterung
ergriffen, die Zeiten des Saturnus von Hesperien, wo alle so lebten, wo noch
kein Phalaris die goldne Insel der drei Vorgebirge folterte und keine Cäsarn mit
Bürgerblute die Felder düngten.
    »Und wer bist du, edler Geist?« fragt' er mich dann.
    »Ein junger Pilgrim, der nach dem Vortrefflichen auf Erden wandert und seine
Seele nun hier an Honig labt.«
    Er ging herunter, ich ihm entgegen; wir bewillkommten uns und füllten die
Becher. Es war ein herrlicher Mann, an die sechzig, ein echter Dichterkopf, viel
vom Ideale des Homer, nur nicht blind: wie es der hohe Ionier auch nicht war,
der nur nicht sah, was gewöhnliche Menschen immer gegenwärtig mit ihren leeren
Köpfen sehen, wovon er endlich den launigten Namen bekam, und der griechische
Künstler, der sein Bild erfand, richtete sich nach dem Volkswitz.
    Wir machten geschwind Bekanntschaft. Er war ein Architekt gewesen und, weil
er wenig zu bauen fand, seinem Hange zur Poesie gefolgt; und man hielt ihn nun
für einen der besten Reimer aus dem Stegreife weit und breit, und er zog als ein
solcher im Lande herum und ergötzte die Leute. Seine Frau war früh gestorben,
und seine einzige Tochter gab er vor wenig Jahren einem wackern Landmann zur
Ehe, der hier ein Gut gepachtet hatte und bei dem er sich meistens aufhielt. Die
Wirtschaft war wirklich aus der goldnen Zeit, wie ich hernach mit Vergnügen
erfuhr.
    Ich sagte ihm, dass ich schier ebenso die Malerei triebe wie er ehemals die
Baukunst. Dies freute ihn denn von Herzen; er fasste meinen jungen Kopf und
steckte ihn in seinen grauen Bart hinein, und küsste mich über und über: ergriff
alsdenn das Saitenspiel und sang mit einer Schwärmerei das Lob der Dichtkunst,
wie ein wahrer Priester des Apollo, dass ich mich vor Lust nicht regte. Das halbe
Dorf kam zusammen und girrte vor den offnen Türen und Fenstern leisen Beifall.
Und als er endigte, schien das Meer stärker ans Gestade zu brausen, und alle
riefen: »Es lebe Boccadoro!« So nannte man ihn.
    Zur fernern Kurzweil fing ich darauf einen Gegengesang an und richtete
Pindars Xrysea pormigx Apollonos nach Ort und Umständen ein; und schilderte zum
Beschlusse den Alten vor mir nach dem Leben und erhob seinen Stand über den
eines Königs. Und mit einem Jubelgeschrei: »Es lebe der schöne fremde Jüngling
und der göttliche Alte!« zog man von dannen, als wir gegen Morgen schieden.
    Ich machte, wie es Tag war, einen Spaziergang auf den Hügel und besah die
Lage von Genua: ein reizendes Teater, das von jeher seine Bewohner angetrieben
hat, das Meer zu beherrschen, und woheraus immer die grössten Seehelden
hervorgekommen sind. Heiliger Kolumbus und du, Andreas Doria, die ihr nun mit
den Temistoklessen und Scipionen in Elysium Paar und Paar herumwandelt, euch
Halbgötter unter den Menschen bet ich im Staube an. Ach, dass auch mir kein
solches Los bestimmt ist! Ich sah hinaus in die unermessliche Sphäre von
Gewässer, und die ungeheure Majestät wollte mir die Brust zersprengen; mein
Geist schwebte weit über der Mitte der Tiefen und fühlte ganz in
unaussprechlicher Wonne seine Unendlichkeit.
    Nichts auf der Welt füllt so stark und mächtig die Seele; das Meer ist doch
das Schönste, was wir hienieden haben. Sonn und Mond und Sterne sind dagegen nur
einzelne glänzende Punkte und samt dem blauen Mantel des Äters darüberher nur
Zierde der Wirklichkeit. Dies ist das wahre Leben: hierauf gibt sich der Mensch
Flügel, die ihm die Natur versagt, und verbindet in sich die Vollkommenheiten
aller andern Geschöpfe. Wer das Meer nicht kennt, kömmt mir unter den Menschen
wie ein Vogel vor, der nicht fliegen kann oder der seine Flügel nicht braucht,
wie die Straussen, Hühner und Gänse. Hier ist ewige Klarheit und Reinheit; und
alles Kleine, was sich in den Winkeln der Städte in uns nistet, wird hier von
den grossen Massen weggescheucht. Wie dort die Seealpen aufsteigen! gleich Helden
bei Aspasien und Phrynen; wie die zarte Linie am Horizont sich so weich
herumründet! In den Ozean hinaus möcht ich; wie klopft mir das Herz!
    Boccadoro wartete schon auf mich, als ich wieder ans Wirtshaus kam. Er
sagte, ich müsste ihn heute begleiten zu einem grossen Feste, das die ganze Woche
fortdauerte.
    Marchese S*** vermählte sich mit einer jungen Fregosa in allem ersinnlichen
Pomp; der Bräutigam sei wohl jetzt einer der reichsten Privatedelleute von
Europa. Diesen Abend würde Wettrennen gehalten, darauf Schmaus und Ball; morgen
Stierhetze, und so weiter fort, jeden Tag eine andre Lustbarkeit; Komödie,
Seiltänzereien und allerlei Künste sollten sich auf dem Land und Wasser zeigen.
Er wäre aufgefordert, zwischen andrer Musik bei der Tafel zu singen, und er bäte
inständig, auch mich darauf vorzubereiten; wir könnten unterwegs ein hübsches
Tema zum Wechselgesang ausdenken. Der Palast läge wenige Miglien weit von der
Stadt auf der andern Seite der See; ein paar Knechte von seinem Schwiegersohne
würden uns mit ihm selbst und seiner Tochter auf einer Barke dahin fahren. Doch
er glaube, dass ich dieses alles schon wisse und vermutlich eben deswegen hier
eingetroffen sei.
    Ich versicherte ihn, dass ich heruntergekommen wäre, ohne das mindeste von
dieser Hochzeitfeier zu wissen. Aus dem Stegreife könnt ich in so hoher
Gesellschaft nicht singen; und ausserdem müsst ich immer erst ein wenig die Art
meiner Zuhörer kennen, um leicht den Eingang in ihr Herz und ihre Phantasie zu
finden: sonst tue überhaupt das Vortrefflichste oft nicht seine Wirkung. Doch
woll ich ihn begleiten; sein Epitalamium zu hören schon allein reize mich. Er
könne mich als Stimmer seiner Ziter beim Schmause mit einführen.
    Ich lernte nun seine Tochter kennen, eine erzgute frohe junge Hausmutter;
und ihren Mann, einen muntern trefflichen Wirtschafter; und einen kleinen Engel
von Söhnchen: so dass ein schönes Ganzes in lebendiger Ordnung war. Das alte mit
Efeu bewachsne Gemäuer der kleinen Landburg fand ich innen bequem eingerichtet.
Ich nahm gegen Mittag bei ihnen ein gesundes köstliches einfaches Mahl ein. Nach
Tische schlummerten wir alle ein paar Stunden; und dann fuhren wir ab, und mich
ergötzten unendlich die Seewellen, so grünlicht klar und weich und furchtbar
lieblich schroff über den Abgründen, wo jede auch in ihrer Kleinheit sich
majestätisch als Tochter des unermesslichen Ozeans zeigte.
    Wir langten gerad auf den Rennplatz an, als die Pferde schon vorgeführt
wurden. Die Sitze waren lauter Licht und Glanz von schönen und prächtig
gekleideten Herren und Damen, mit einer Menge Volks überall. Der Pferde waren
nur drei; aber alle drei mutschnaubende königliche Tiere, so dass es schwer war,
vorauszubestimmen, welches den Preis davontragen würde. Man hatte deswegen grosse
Wetten angestellt; die mehrsten waren für einen göttlich schönen Rappen, der
sich an den Schranken gar nicht wollte halten lassen. Ein Falk stand dagegen
still da: doch brach der Blick seines Augs in die Bahn wie ein Sonnenstrahl, und
sein Fuss hob sich leicht wie lauter volle Nerve. Wie das Seil fiel, tat auch der
Rapp einen Vorschuss; in der Mitte der Bahn aber zog der Falk so aus und
überholte die andern, dass sein Gang schneller war als die Geschwindigkeit eines
Sturmwinds über gelbe Saaten; er flog dahin, und seine Bewegung war das
Entzücken aller Augen, selbst derer, die gegen ihn gewettet hatten. Kurz, er
gewann den Preis, jedoch mit Not, und ward hernach erst unbändig.
    Nach dem Wettrennen war Komödie und nach der Komödie der nächtliche Schmaus.
Gegen Ende desselben, als Wein und Gespräch die Lebensgeister in stärkre Wallung
gebracht hatten, fing Boccadoro an sein Saitenspiel zu rühren. Es entstand eine
allgemeine Stille: und die Töne seiner Griffe waren wie ein leises Flistern am
heissen Mittag in kühlen Wäldern von den Seelüften. Sein Geist taumelte darauf
durch die alten Zeiten der griechischen Heroen; und er sang die Hochzeit des
Peleus und der Tetis, schmückte die Fabel aus mit lieblichen Worten und ging
davon auf die Gegenwart über, schilderte den Bräutigam als einen neuen Peleus,
ebenso von den Göttern beglückt, und seine Braut als die jüngre Tetis.
    Auf einmal wendete sich dann der alte Schalk an mich, der ich hinter ihm
unter den andern Spielleuten in der Ecke stand, und zog mich hervor als einen
andern Apollo, wenn ich seine Worte wiederholen darf, der plötzlich den Apennin
herabgekommen sei, dies Fest noch zu verherrlichen: und überreichte mir die
Ziter.
    Ich ward überrascht und glühte vor Scham auf in der fremden glänzenden
Gesellschaft. Ein freudiges Murmeln lief durch den ganzen Saal, und aller Blicke
flogen auf mich. Es half hier keine Weigerung, wenn ich nicht wollte zum Gespött
und zuschanden werden. Ich entschloss mich also kurz, die Sache so gut
abzumachen, als mir möglich war, und wählte die mir leichteste Versart, nach der
Melodie, die den immer stärker einschlagenden anapästischen Rhytmus hat und
Dich so oft ergötzte.
    Nach wenig einfachen Akkorden sang ich geradeso, wie es war, meine
Überraschung und Verwirrung, und dass ich Boccadoren hieher folgte, die Pracht
und Schönheit des Festes zu sehen, ganz fremd und unbekannt, ein blosser Wandrer
hier, seit wenig Stunden. Doch Euer Ruhm, fuhr ich fort, geht über Meer und
Alpen; und wer ist der kalte neidische Mensch, den Eure glückliche Liebe nicht
begeistern sollte? Nehmt gefällig die wenigen Blumen an, die ich mit geschwindem
Raub über Eure Tafel streue.
    Der Sohn der Tetis strahlt nun durch alle Nachwelt, weil er einen Homer zum
Sänger hatte: wieviel grösser aber waren Kolumb und Doria? und wie weit kann die
Frucht Eurer Liebe an edlern Taten über ihn hervorragen, als wegen eines
verblühten durchgegangnen Weibes von einem Manne, den die Natur zum Hahnrei
bestimmte und der weder in Bund noch Freundschaft mit ihm stand, dreimal um die
Mauern von Troja herumzulaufen und alsdenn den ermüdeten Feind in den Hals zu
stechen! Als wegen eines abgewiesenen Pfaffen einen greulichen Lärm anzufangen,
und dann seine Geliebte darüber geduldig hergeben und sich ans Meer setzen und
weinen!9
    Verzeihe mir diese Lästerungen, bester Freund; Du weisst, dass ich die
Homerische Natur tiefer fühle als das vornehme Weltvolk auf der Oberfläche, die
nicht zu ihren Moden passt. Aber Du kennst das Sprichwort: unter den Wölfen muss
man mit heulen.
    Ich beschrieb darauf die Gegend von Genua und ihre Bewohner; pries dieser
Heldenmut von den fernsten Zeiten an; und dass es besser läge als selbst das alte
Rom, die Inseln des Tyrrhenischen Meers und Küsten von Afrika zu beherrschen.
Erzog nun im Gesange den jungen Temistokles, die Seligkeit der Mutter und des
Vaters über denselben und die goldnen Zeiten seiner Bürger, und machte allen
Gästen nach den süssen Gütern das Maul wässerig; jeder schien im Herzen zu
schwören, sich dabei anders aufzuführen als ihre Vorfahren beim Kolumb, von
dessen hohem erfindrischen Geiste sie mehr Schimpf und Verachtung als Ehre
haben.
    Ich wurde während des Liedes bei einigen glücklichen Stanzen von lautem
Jubel unterbrochen und erhielt, wie ich aufhörte, grossen Beifall, der mir nur
insofern wohlgefiel, weil ich mich aus der Verlegenheit gezogen hatte.
    Man stand nun vom Tisch auf, und es ging zum Ball. Als die Braut vor mir
vorbeigeführt wurde, begrüsste sie mich mit einem festen lüsternen Blick und
wollüstigem Lächeln und rief mir zu: »Bravo!« Sie hielt noch den Kopf zurück,
als sie vorbei war, und Mienen und Gebärden gestatteten Kuss und Umarmung, wenn
wir allein wären; ganz die Gestalt einer Bacchantin in Glut und Üppigkeit, voll
Körperreiz mit frecher Seele: welche Weiber mir nur in gewissen Momenten
gefallen können. Ich fühlte wenig Neigung, nähere Bekanntschaft mit ihr zu
machen; wohl aber mit einem andern Frauenzimmer, dessen Mutter, was die Formen
des Gesichts betrifft, sich an dem Vatikanischen Apollo versehen zu haben
scheint, nur ohne Stolz und Zorn, vielmehr alles heilige Güte; ein wunderbares
Geschöpf!
    Ich erfuhr von Boccadoren, es sei eine Freundin der Braut und hielt sich bei
ihr auf. Die Eltern wären verunglückte Kaufleute aus Nizza in der Provence
gewesen und vor einigen Jahren gestorben. Die Braut heisst Fulvia und die
Freundin Lucinde; ich verlangte die letztere tanzen zu sehen, aber sie tanzte
nicht.
    Etwa zwei Stunden nach Mitternacht darauf, als der Ball am lebendigsten war,
hörte man einige Schüsse fallen, und bei der plötzlichen Stille darüber ein
ängstlich Schreien und wieder Schüsse, und Getümmel die Treppe herauf nach dem
Saal. Und in einem Augenblick, ehe man eine Hand umwendet, brachen grässliche
Männer mit Säbeln und Gewehr in den Händen zur vordern Tür herein. Man stand wie
versteinert, und wollte fliehen und konnte nicht, und wusste nicht, wohin. Alles
drängte sich auf die Seiten nach den Fenstern und wo nur eine Öffnung war; und
heulte und jammerte, und alle Gesichter färbte die Todesblässe.
    Wir wurden von Seeräubern überfallen, nach den gelben afrikanischen
Gestalten; und an Gegenwehr war wenig zu denken. Ein Teil von denselben besetzte
die Tür, wo sie hereinkamen, andre fassten gleich die Braut und griffen zuerst
nach den Frauenzimmern und schleppten sie fort. Ich stand zu Ende des Saals an
den Fenstern nach dem Garten; die ersten von Adel sprangen mit Gefahr hinaus.
Ich wurde fast vom Getümmel erdrückt und konnte kaum eine Pistole losreissen, die
ich sogleich nach dem stärksten Kerl an der Tür abbrannte. Die Kugel traf so
glücklich ihn zum linken Ohr hinein, dass er auf der Stelle stürzte. Der Knall
verschafte mir einigen Raum, so dass ich die andre zog und zugleich meinen
Degen. Während der Zeit hatten sich noch andre Genueser und Bedienten mit Gewehr
versehen und schlugen im Mangel desselben mit Stühlen drein. Die Räuber hieben
mit ihren Säbeln um sich und spalteten etlichen die Köpfe und verwundeten
diejenigen, welche voran waren. Doch brachten wir sie endlich zur Tür hinaus,
die sie aber von aussen besetzt hielten, so lange, bis ihre Gefährten mit der
Beute bis ans Meer kamen und sie einschifften. Alsdenn wichen sie, und wir
hatten das Nachsehen, ohne ihnen viel Schaden zufügen zu können, weil sie ihren
Angriff zu gut angeordnet hatten.
    Der Bräutigam selbst bekam eine starke Wunde; und ein paar von den
vornehmsten Gästen lagen ohne Hülfe niedergestreckt. Die Wackersten machten sich
mit dem Johann Andreas Doria, welcher, wie Du weisst, die türkische Flotte mit
besiegen half, von dem Geschlecht des grossen alten, gleich auf nach Genua, um
den Räubern nachzusetzen: und ich wollte mit dabeisein. Es war eine Frechheit
seit undenklichen Jahren ohne Beispiel.
    Wir langten dort gegen Morgen an. Fünf Dreiruderige wurden ausgerüstet, und
wir stachen eine Stunde am Tag in die See, als noch die Sonne mit einem
eingefallnen Nebel kämpfte; der Wind hatte sich die Nacht geändert, und ein
Schirokko blies von Südosten! Wir wussten nicht, wohin unsre Fahrt zu halten, und
machten uns auf die Höhe zwischen beide Küsten. Endlich nach und nach, obgleich
langsam, erweiterte sich der Gesichtskreis: und die Gebirge fingen an sich zu
zeigen unter der grauen Hülle; und erst gegen Mittag lag die Wasserwelt uns
einigermassen vor Augen, jedoch von allen Seiten so mit Dunst umfangen, dass wir
nichts entdecken konnten.
    Doria beschloss nun, zwei Schiffe abzusondern und dieselben auf Sizilien zu
streichen zu lassen: er selbst wollte mit den andern über Korsika hinaus in die
provenzalischen Gewässer. Noch ehe wir ausliefen, wurden auf beide Seiten
Jagdboote ausgesendet; keines aber war zurückgekommen. Ich blieb auf dem
Schiffe, wo er selbst war. Es ging nun in vollem Zuge. Noch kannten wir die
Stärke der Feinde nicht; bei Nacht und Nebel hatten wir die Anzahl ihrer Barken
nicht unterscheiden können.
    Am Abend kam das Jagdboot wieder und verkündigte, dass es den Feind bei
Monaco im Gesicht erreicht hätte; die Räuber seien vier grosse Galeeren stark.
Wir ruderten die ganze Nacht; und den andern Morgen, als sich das Wetter
aufheiterte, erblickten wir ihre Segel. O wie klopfte mir das Herz, bald im
Schlachtgetümmel zu sein! Der Tod ist dabei doch nichts anders als eine freie
Bahn auf die edelste Art in die Geisterwelt aus diesem Chaos von Unwissenheit.
    Sie entdeckten uns gleichfalls und verdoppelten ihre Ruderschläge. So
strebten wir den ganzen Tag.
    Eben als die Sonne, nach dem Stesichoros, aus den Lüften in den goldnen
Becher trat und den Ozean hinabschwamm zu den finstern Tiefen der heiligen
Nacht, taten wir die ersten Kanonenschüsse nach ihnen; wir hatten den Vorteil
des Windes über sie, und sie machten darauf halt, weil sie nicht weiter flüchten
konnten. Wir griffen sie schier in gerader Linie an und dehnten uns etwas aus,
damit sie uns nicht von den Seiten ankonnten. Wir brachten ihnen einige
herrliche Lagen bei und waren weit besser als sie mit grobem Geschütz versehen.
Nach mancherlei Wendungen kamen wir, als schon die Dämmerung sich einsenkte, mit
zwei Schiffen aneinander zum Handgemenge, und unser drittes suchte die zwei
andern Galeeren abzuhalten, die es entern wollten.
    Ich befand mich auf dem erstern und kämpfte mit aller Gewalt und
Besonnenheit, deren ich fähig war. Noch hatt ich zum Glück keine Wunde, aber die
Kugeln vom kleinen Gewehr und Säbelhiebe streckten manchen an mir nieder.
Endlich drangen wir ein in ihre grösste Galeere, und ich war unter den erstern,
mit einem starken Dolch in der Linken, und in der Rechten den Degen, und im Gurt
noch eine geladne Pistole. Bevor ich übersprang, stiess ich einen ihrer Kecksten
darnieder, der schon im Zuge war, dem Doria mit seinem sichelförmigen
Damaszenersäbel den Unterleib durchzuschneiden, und rettete diesem so das Leben.
Mit einem andern auf der feindlichen Barke, der auf mich einhieb, wurd ich
hernach bald fertig; doch konnt ich mit dem Dolch seinen Streich aus beiden
Fäusten nicht so ganz abhalten, dass er mir nicht ein wenig im Herunterschellern
den linken Arm streifte: ich traf ihm darüber gerade die Kehle, dass er die Zunge
herausstreckte.
    Sie wichen und ergaben sich; nur der, welcher der Anführer schien, sprang
unters Verdeck: und ich ihm nach. Und sieh! hier steckte die Braut mit der
andern Beute. Er holte mit dem Säbel weit nach ihr aus, um ihr den Kopf vom
Rumpfe zu hauen: ich aber kam ihm zuvor und stach ihm die Klinge mit ganzem
Leibe unter dem aufgehobnen Arm ins Haarwachs, dass er auf die Seite stürzte, zog
sie heraus und gab ihm dann vollends den Rest.
    Die Hauptgaleere war nun übermannt, allein die andre wehrte sich desto
fürchterlicher. Ein junger Mann, noch ohne Bart, focht wie ein Verzweifelter und
hatte neben sich viele Toten liegen; und er würde sich frei gemacht haben, wenn
wir andern nicht den Unsern zu Hülfe gekommen wären. Auch dieser musste sich dann
ergeben. Inzwischen flüchteten die zwei andern, nachdem sie unser drittes
Fahrzeug eroberten, mit diesem. Wir setzten ihnen nach, verloren sie aber in der
Dunkelheit: und den Morgen darauf waren sie uns aus dem Gesichte, und wir
konnten ihren Weg nicht entdecken.
    Doria kehrte ärgerlich nach Hause, dass die Sache nicht besser abgelaufen
war. Vielleicht hätt er gar nicht angegriffen, wenn nicht einer seiner
Verwandten aus dem Tanzsaal mit wäre weggeschleppt worden, den er nun doch
wieder frei machte. Es ging hier Not an Mann, und die äusserste Gefahr war in der
Säumnis. Die zwei andern Schiffe hätt er freilich nicht nach Sizilien
ausschicken sollen; aber wer kann alles vorhersehen? Wer wusste, dass die Räuber
so stark waren? Nach geschehener Tat ist jeder Tropf klüger als Hannibal und
Cäsar.
    Ich hingegen war glücklich wie ein Gott; mich dünkte, dass ich erst das wahre
Leben recht geschmeckt hätte. Doria, der Strenge, machte bei allem seinen
Verdruss mir grosse Lobsprüche und sagte öffentlich: »Du hast einen schönen Anfang
gemacht, Junge; wenn du länger lebst und so fortfährst, wird ein berühmter Held
aus dir werden.« Fulvia, deren Schutzengel ich gewesen war, dankte mir mit
Tränen voller Zärtlichkeit. Aber mehr als alles, auch die schöne Provenzalin
Lucinde befand sich unter den Geretteten; die nur noch jämmerlich an der
Seekrankheit litt und bis aufs Blut von sich gab. Ich hatte nicht die geringste
Anwandlung davon gespürt; und es erquickte mich durch Mark und Bein, dass ich
dieses Element und dessen lebendige Bewegung noch immer von meinem Knabenalter
an so wohl vertrage.
    Wir liefen gegen Abend in dem Hafen von Villafranca ein, nachdem wir den
ganzen Tag vergebens herumgekreuzt hatten, um die Verwundeten zu pflegen, unsre
Toten zu begraben (die gebliebnen Feinde warfen wir gleich über Bord) und den
abgehärmten Frauenzimmern einige Ruhe geniessen zu lassen; nur ein Paar Vermählte
unter denselben waren von Kanonenkugeln zerschmettert worden, die übrigen alle
blieben unversehrt. Wir führten sie den Berg hinauf in das Städtchen, das hinten
im Kessel unter dem gähen Felsen mit wenigen Häusern nur wie eine Einsiedelei
liegt zwischen Ölbäumen. Ich nahm Lucinden in Arm, die auf dem festen Boden
gleich wieder zu sich kam, und sprach ihr Mut ein nach überstandner Gefahr.
»Ach,« antwortete sie seufzend, »warum leb ich noch, um auf immer unglücklich zu
sein! Niemand weiss mein Leiden. O wär ich nur dort oben bei den Auserwählten
unter den Heiligen und Engeln!« Und hier tat sie einen schmachtenden Blick aus
ihren grossen schwarzen Augen gen Himmel und zerschmelzte mir ganz mein Herz
damit. »So viel Schönheit ist nicht gemacht,« versetzt ich ihr, »um hienieden
sich zu quälen; wirf allen Kummer weg; und sei selbst so selig, als du andere
selig machst.« Sie schwieg, und neigte das Haupt wie eine welke Blume, und ging,
ohne auf meine Reden achtzugeben, mit mir voran; ihre traurige Miene und blasse
Farbe, ihr verwirrtes Haar und losgegangnes Gewand vollendeten das Bild einer
bezaubernden Heiligen. Wir quartierten sie zusammen in ein Haus ein, und sie
wurden gut verpflegt und gewartet. Ich selbst blieb in dem Städtchen und ruhte
die Nacht aus; meine Streifwunde hatte zwar nichts zu bedeuten.
    Den andern Morgen nach der Messe unterhielt ich mich noch ein paarmal auf
den Raub wenige Augenblicke allein mit Lucinden, die nun wieder zu Kräften
gekommen war; und erfuhr, dass der Anführer der Räubergaleeren, den ich
niedergestossen hatte, ein Liebhaber von Fulvien gewesen sei, ein Genueser, der
gefangen seinen Glauben verleugnete und alsdenn unter dem berühmten Ulazal
diente, grösstem Seehelden unsrer Zeiten. In sie entbrannt, ohne dass seine
Leidenschaft je ihr Ziel erreichte, unternahm er die Tat nach hinlänglich
eingezogner Nachricht von allen Umständen der Hochzeit, und hätte sie bald
glücklich ausgeführt. Er war Bastard von einem Adorno, und man nannte ihn zu
Genua Biondello. Jungfräulich versicherte sie mir, dass die Braut noch ihre Ehre
bewahrt hätte mit heissen Bitten und Beschwörungen, dass er sie nur so lange
verschonen möchte, bis er ans Land käme, bei ihrem üblen Befinden; und sie sei
rein bis auf einige Küsse, die sie dem Verdammten unterdessen habe gestatten
müssen. Die andern wären meistens noch viel ärger als die Braut von der
Seekrankheit befallen gewesen, so dass die Barbaren selbst Mitleiden und
Barmherzigkeit gegen sie gehabt hätten, ohne sie weiter noch zu martern.
Ausserdem habe die Not, in Sicherheit zu kommen, die Räuber zu äusserster
Geschäftigkeit angetrieben, und die Menge die Begierden jedes einzelnen im Zaum
gehalten; und so seien sie noch glücklich der Schand entrissen worden, und eine
könne für die andre zeugen. Biondello habe denn in der Verzweiflung Fulvien aus
Eifersucht niedersäbeln wollen, als ich sie errettet hätte. »Heilloses Geschenk
der Schönheit,« rief sie aus, »in wie viele Drangsale stürzest du uns! Und wenn
wir andre damit glücklich machen, so geraten wir dadurch selbst in das äusserste
Elend. Wie die Könige, die alles vermögen, nur dass unsre Herrschaft kurze Zeit
dauert, haben wir durch dich keinen Freund; und die vortrefflichsten Männer, mit
allen Vollkommenheiten ausgerüstet, wie zum Exempel Ihr seid, legen uns hässliche
Fallstricke.«
    Diese Apostrophe ging mir wie eine Kugel vor den Kopf, und ich fiel in Staub
vor der Himmlischen nieder.
    Nachmittags drehte sich der Wind, und wir fuhren mit Rudern und Segeln
wieder ab. Auf unser Schiff war mit einigen andern Gefangnen der junge Held
gebracht worden, der auf der zweiten eroberten Galeere so tapfer kämpfte, so dass
wir unser drittes Fahrzeug darüber einbüssten. Ich hörte ihn hernach im
Neugriechischen mit einem seiner Gefährten sprechen; und er stampfte noch mit
dem Fusse vor Zorn, dass die zwei andern Galeeren sie im Stiche gelassen hatten;
jedoch mit Unrecht: denn jene wurden gleich im Anfang des Gefechts von unserm
Geschütz sehr übel zugerichtet. Er sprach inzwischen so frei und ohne Furcht in
der Gefangenschaft, und seine Gestalt war so schlank und edel in der wilden
Farbe von Meer und Sonnenbrand, dass mein Herz gegen ihn von Zuneigung wallte.
Ich beschloss, alles mögliche anzuwenden, ihn von der Knechtschaft loszumachen,
welches mir denn auch glückte; noch ehe wir zu Genua einliefen, schenkt' ihn mir
Doria zur Belohnung. Ich nahm ihn zu mir, wie wir von Bord traten, erklärte ihm
seine Freiheit, worüber er mir an die Brust flog, und liess ihn wenig Tage darauf
mit einem venezianischen Schiffe nach Konstantinopel abfahren. Er bat mich
vorher um meine Zuschrift, die ich ihm denn an Dich gab.
    »Du sollst dich nicht in mir betrogen haben«, sprach er zu mir beim
Abschied; »solche Menschen wie wir müssen einander ihr Leben lang helfen.«
    Die Männer, die ihre schönen jungen Weiber wiederbekamen, freuten sich
wenigstens, dass ihnen Grund und Boden geblieben war; und die Väter und Mütter
hofften bei ihren Töchtern das Beste. Wegen der Braut wurden insgeheim von der
Familie des noch verwundet darniederliegenden Bräutigams verschiedne Personen
besonders in Verhör genommen; und als ihre Aussagen übereinstimmten und
derselben Unschuld bekräftigten, so überliess man sich wieder ganz der Freude.
    Der Himmel beschere mir nur immer so fort ein Leben und lasse mich nie in
Untätigkeit schmachten; von Cäcilien und Dir geschieden zu sein aber tut mir weh
im Herzen. Wenn wird einmal wieder die Zeit der Vereinigung kommen! Ach, wenn es
ihr nur wohl geht! Dies ist jetzt alles, was ich von ihr verlange.
                                                                     Ardinghello
Ich meldete Ardinghellon den Empfang seines Briefs, und dass die Sachen der
Cäcilia erwünschten Ausschlag nähmen, und dass man auf ihn gar keinen Verdacht
hätte, und andre Dinge, die mich betrafen und nicht zu dieser Geschichte
gehören; und erhielt von ihm im Dezember folgende weitere Nachricht:
                                                                Genua, Dezember.
Die See ist hier doch etwas ganz anders als in Euren Brentasümpfen! Die Stürme
machen mir jeden Tag ein neues Schauspiel; und ich begreife nun, wie Kolumben
der Mut im Herzen erwuchs, sich mit einer Bande Gesindel in den unwirtbaren
Ozean hinauszuwagen, gleich einem Gotte, der Wasserfluten und Orkane kennt und
in ihr grausames wildes Spiel sich zu finden weiss, kühner als Herkules und alle
Helden der vorigen Zeitalter. Wenn die Wogen so den Hafen hereinbrechen und sich
an seine hohe Mauer hinaufwälzen, bis über die Dächer der Häuser, die da stehen,
und Schaum und Meer wie ein Wolkenbruch wieder herabströmt, und mit dem neu
herbeirauschenden Ungestüm sich klatschend zu Staub wirbelt: wie lebt die Natur
da in meinem Sinn und ergreift mit ihrer Musik mein Wesen!
    Ich habe angefangen, es mit Farben darzustellen, aber alles wieder
weggeworfen: dahin reicht keine Kunst; sie bleibt hier zu sehr bloss toter
winziger Buchstabe.
    Dafür geb ich mich desto mehr mit den hiesigen Seeleuten ab; studiere den
Schiffbau; lasse mir ihre Züge durch das Mittelländische Meer erzählen, ihre
Gefechte, Gefangenschaften, ihren Handel; bewirte die besten oft, und teile
ihnen wieder von demjenigen mit, was ich weiss; und erkenn immer mehr, dass der
Mensch eher so gut ist, als er sein kann, als dass er so böse wäre, als er sein
könnte, im ganzen genommen.
    Zufriedner bin ich mit ein paar Skizzen, die ich aus den Begebenheiten
gemacht habe, welche ich Dir in meinem vorigen Brief erzählte. Die eine stellt
die Szene vor, wie die Räuber in den Tanzsaal fielen und Braut und Frauenzimmer
entführten; doch würde mir die nächtliche Beleuchtung bei der Ausführung im
Grossen schwer werden. Die andre ist, wie ich den Biondello unter dem Verdeck
niederstiess. Wenn ich den Ausdruck der Wut und Verzweiflung in seinem Kopf
erreichen könnte, und den höchsten Schrecken, der an die Ohnmacht grenzt, in den
schönen Weibergestalten, die ich in ihren Gruppen und zerzausten Kleidungen ganz
nach der Natur genommen habe, samt den zwei Niedergeschmetterten: so müsste
dieses Bild im Grossen jedermann ergreifen. Fulvia besitzt sie, und sie mag sich
dieselben einmal von einem andern ausmalen lassen. Ich bin mit ihr schon
bekannter geworden, als ich anfangs wollte.
    Ich stecke in einer Lage, die ich Dir kaum mit Worten andeuten kann. Wenn
Lucinde an Fulvias Stelle wäre, so führten wir ein Götterleben; so aber ist
Natur und bürgerlicher Stand einander ganz entgegen. Fulvia hat eine
Phrynenseele; und diese sollte Lucinde haben, um das glückseligste Geschöpf zu
sein. Ich habe Gespräche mit der letztern gehabt, mich auf ewig mit ihr zu
fesseln, wenn die Ehe nicht der Tod bei lebendigem Leibe für meinen freien Sinn
wäre. Ach, es geht bei ihr alles so schön hinüber und herüber! Was dies
weibliche Wesen für einen süssen Klang hat, ist unaussprechlich. Und ihre
Ahndungen und Gefühle von unsichtbaren Welten, so fremd und sonderbar und
kindlich zuweilen sie mir auch vorkommen, ergötzen mich doch wie Homerische und
Platonische Dichtungen.
    Es ist mancher von ihr angebrannt und lüstern bis zur Wut nach ihrem
Ambrosia und Nektar: aber wen sie etwa möchte, der will oder darf sie nicht
heiraten; und so ist der Engel melancholisch und unglücklich. Sie will mir wohl,
das seh ich, und leidet Pein, und tut sich die äusserste Gewalt an. Warum müssen
wir so gebunden sein und jeden Tropfen Lust mit Ach und Weh erkaufen! Alles in
der Natur ist glücklich, nur der Mensch nicht; das, was wir Vernunft nennen,
steht ihm immer als ein tyrannischer Zuchtmeister zur Seite; und diejenigen,
welche man ihrer Vollkommenheit wegen bewundert, sind die Armseligsten unter
allen.
    Als ich mich einst an einem Abend tiefer mit ihr im Gespräch hierüber
verlor, und ihr dieses einleuchten machen, und sie, wie mich dünkt, auf ihren
rechten Lebenspfad führen wollte: sah ich auf einmal Fulvien neben uns, die ich
im Eifer nicht bemerkt hatte; wir sonderten uns vorher von der Gesellschaft ab
und standen an einem Fenster im Saal mit der Aussicht übers Meer hin. Der Ernst
kehrte sich dann in Kurzweil; Fulvia foppte mich als einen blöden Schäfer, und
in Rücksicht auf sie war der Spott nicht ungerecht: und Lucinden sagte sie
einige unanständige Dinge, welche deswegen errötend ausschied.
    Folgenden Nachmittag erhielt ich durch ein Weib, das Lucinden bediente, ein
Zettelchen, worauf geschrieben stand: Ich muss Sie allein sprechen, mich zwingt
die Not dazu; warten Sie eine Stunde nach Einbruch der Nacht unten am Palaste;
die Überbringerin wird Sie an Ort und Stelle führen.
    Ich wusste nicht, was ich denken sollte, und von der Frau war weiter nichts
herauszubringen; inzwischen versprach ich, gewiss zu kommen.
    Dieselbe führte mich auch die bestimmte Zeit die Treppe hinauf und oben
durch den kleinen Garten. Es war finster, und regnete, und der Wind sauste.
Alsdenn machte sie ein Zimmer auf, schloss mich hinein, und ich war völlig im
Dunkeln. Sogleich wurd ich von einer warmen Hand fest gefasst und auf ein
Ruhebettchen gebracht, schüchtern erst und endlich inbrünstig umarmt und geküsst
unter heissen Seufzern, ohne weiter nur ein Wort zu hören. Mein ganzes Blut
geriet in Wallung an den in Liebe klopfenden Brüsten; ich glaubte, Lucinde sei
plötzlich eine heitre Griechin geworden und wollt ihr himmelschönes junges Leben
geniessen und mit mir den Anfang machen. Mir wich das Gewand unter immer mehr
verführerischem Sträuben; und ich gelangte bei dem höchsten Reize, den junge
zarte nackte vollkommne weibliche Formen in der Dunkelheit für unsern stärksten
Sinn nur haben können, zum entzückendsten Ziel meiner entflammten Begierden.
    Das bacchantische Leben, das endlich alle Verstellung vergass, brachte mich
hernach doch etwas aus meiner Unüberlegung, obgleich noch ganz im Rausche.
»Lucinde, Lucinde,« rief ich, »welch eine glückliche Verwandlung! Lass mich deine
Stimme hören.«
    »O du mein alles!« hört ich nun Fulvien statt ihrer, »verzeihe mir diesen
Betrug: was ich bin und habe, ist dein Eigentum, du bist mein Herr und Meister!
Du hast mir das Leben errettet, und ich kann nichts weniger tun als dir wie Magd
und Sklavin dienen, Engel, Gott! Wo find ich einen Namen, der alles das
ausdrückt, was ich in dir umfasse? Auch Lucinde soll dir zuteil werden! Stolz
und Eifersucht samt der Person will ich deinem Vergnügen aufopfern.« Hier umrang
sie mich aufs heftigste und biss mich wie rasend in die Brust.
    Ich musste mir's gefallen lassen; ich war angeführt auf eine Weise, die mir
hohe Lust gewährte. Wenn ich auch ein Joseph hätte sein wollen, so war die
Flucht zu spät. Ihr Gemahl erzeigt mir Freundschaft; aber wer kann dafür, dass er
einfältig ist und kein besser Schicksal verdient? Warum hat er so geheuratet?
Dies sind natürliche Folgen, die selten ausbleiben. Fulvia hat ein heisses
Temperament, und er ist schwach und kalt und träge: solch ein Paar tut kein gut
zusammen, wie mancher wegen des Kontrastes sich wohl einbilden möchte.
    Ich verwunderte mich über den Schritt, den sie getan hätte; freute mich
ihrer Liebe und pries ihre Reize; gestand ihr aber aufrichtig, wie närrisch der
Mensch sei, und dass mein Herz auch beim lebendigsten Genuss der Wonne noch nach
Lucinden schmachte.
    »Und warum sollen wir dich nicht als Freundinnen lieben können? O du bist
ein so teuer Gut, dass wir beide an dir überflüssig genug haben; und ihrer
mehrere, wenn du willst. Du sollst als der edelste Wein nur zum höchsten Fest
aufgespart werden, der mit seinem Balsam allen köstlichen Geschmack überflügelt.
Warum sollen vernünftige Schwestern nicht friedlich miteinander an dir Teil
nehmen? Warum sollen wir uns von Gewohnheiten und Gesetzen im Zaum halten
lassen, die bloss für den Pöbel sind, eben weil er Pöbel ist, der sich nicht
selbst regieren kann?«
    Du siehst hieraus, dass ich doch mit einem gutartigen Geschöpfe noch zu tun
habe. Ich musste über ihre Aspasienberedsamkeit und feinen Lobsprüche lächeln;
band ihr aber aufs Gewissen, behutsam zu sein; und so war der neue Liebeshandel
fertig.
    Es läuft mir heiss über den Leib, da ich mit Dir von Cäcilien sprechen will,
und ich erröte wie ein Unheiliger; sie bleibt immer die Krone von Venedig.
Möchte sie und Lucinde nur so Schwestern sein, wie Fulvia sagte! Aber ich bin
ein Tor und unersättlich. Ach, die Arme wird verlangen, Nachricht von mir zu
hören; und dies ist noch nicht einzulenken. Wie, bin ich strafbar, dass ich mich
mit dem Schönen zu vereinigen suche, wo ich's finde? Ist dies nicht der edelste
Trieb unsers Geistes? Ist der nicht ein Elender, ein von Gott Verworfner, der
diesen Trieb nicht hat, nicht ausübt? In was für einer Welt bin ich, wo dies
Naturlaster sein soll? Den Menschen zerrüttende blosse bürgerliche Ordnung ist
es. Komm, göttlicher Plato, und stürz alle die barbarische Gesetzgebung über den
Haufen, und führe deine Republik ein, wo wenigstens Mann und Weib mit ihrer
Liebe heilig und frei sind.
                                                                     Ardinghello
Ich erhielt mit diesem Briefe fast zur selben Zeit ein Kästchen von Smyrna an
Ardinghellon, und konnt es ihm sogleich durch einen Veroneser, einen alten
Bekannten von unserm Hause, welcher in Handlungsgeschäften nach Genua abreiste,
übersenden. dabei meldete ich ihm die völlige Befreiung seiner Cäcilia. Im
Februar schrieb er mir wieder wie folgt, mit dem von Verona bei dessen
Zurückkunft.
                                                                 Genua, Februar.
Sieh, teurester Schatz meines Lebens, edles Herz, hoher Geist, gute Taten
bleiben nicht unbelohnt! Lies dieses kostbare Zettelchen: für Dich hab ich kein
Geheimnis.
Du hast den Sohn des Kalabresers Ulazal gerettet, ein Kind der Liebe, das er mit
einer Griechin aus Rhodos erzeugte. Nimm hier einen kleinen Dank dafür, und reiss
Dich los und komm in meine Arme. Bei meiner Mutter Platane Stephani zu Smyrna
kannst Du mich immer ausfinden; dahin richte auch Deine Antwort. Ich versichere
Dich, dass kein besser Leben ist, als vom Archipelagus bis an die Säulen des
Herkules auf den klaren Wassern in beständiger Bewegung zu sein und durch seine
Tapferkeit die Schönheit aller der reizenden Küsten zu geniessen. Königlicher
Jüngling, erquicke bald mit Deinem mutigen Anblick meine Seele!
                                                                 Diagoras Ulazal
In dem Kästchen sind Edelsteine und Ringe und einige andre orientalische
Kostbarkeiten von grossem Wert.
    Alle diejenigen, die wir ihm gefangennahmen, hat er schon frei gemacht und
meistens mit andern Christensklaven ausgewechselt. Er versprach es ihnen, wenn
sie ihn nicht entdecken würden; und die auserlesene Schar war entschlossen genug
dazu: solche Zuneigung hatte jeder für den jungen Helden.
    Nun höre meine andre Begebenheiten! Den Antrag des Diagoras müssen wir
weiter überlegen; ich kann mich noch nicht entschliessen, das schöne Italien zu
verlassen, da ich noch so wenig davon gesehen habe.
    Fulvia nahm über sich, Lucinden zu bekehren; meine Leidenschaft gegen
dieselbe schwoll immer mehr an, je härter und unerbittlicher sie wurde. Vor
vierzehn Tagen ohngefähr liess sie endlich etwas von ihrer Strenge nach; da sie
vorher immer alle Gesellschaft mied, wo sie wusste, dass ich zugegen war. Eine
gewisse Heiterkeit und Frühlingsrosenröte ging in ihrem himmlischen Antlitz auf,
das sonst ein innrer Gram mit einer melancholischen Lilienblässe überzog, die
mir so das Herz zusammenklemmte, dass ich aus der Haut fahren mochte, um dem
Engel zu helfen. Sie gestattete sogar, dass ich auf einem vermummten Ball eine
Menuett mit ihr tanzte. Gott! welcher hohe Reiz entüllte sich in jeder Bewegung
ihres schlanken Körpers! wie heiss die Augen in mich sonnten, und sich doch so
selbst überlassen! wie süss die zarten Lippen in so frischer feuchter Röte
lächelten, und die festen glänzenden Brüste von der Ebbe und Flut der Jugend
wallten! Ich ward umflochten von einem unzerreisslichen Liebesnetz; und die
Berührung ihrer Finger entflammte mich, als ob ich lauter Salpeter und Schwefel
wäre. Wo ich den Blick hinrichtete, entstanden neue Zaubereien; so hatten mich
ihre behenden sichren Füsse nie entzückt, und nie so ihre braunen sich hebenden
Locken über den schönen weissen Hals, samt aller ihrer Kleidung. Wir schwebten
umeinander wie klare lichte Empfindung; sie schien zu fühlen, was ich fühlte,
und zitterte auf die letzt vor Bangigkeit, so dass wir plötzlich aufhören mussten.
    Noch dieselbe Nacht ward eine Verräterei gegen sie ausgedacht und vollführt.
Ich stahl mich mit Fulvien vom Ball weg, und diese verbarg mich in einen grossen
Schrank, der in Lucindens Schlafzimmer stand, worin einige alte
Familienkostbarkeiten hingen; Fulvia liess mich allein und kam unbemerkt wieder
zurück.
    Lucinde machte sich gleich darauf vom Tanzsaal; ich erbebte vor Schrecken
und Lust, wie ich sie hereinrauschen hörte. Sie sang alsdenn beim Auskleiden ein
provenzalisch Lied, mit einer Stimme, woraus die Töne so gefühlig und rein wie
Perlen hervorkamen, die ich noch nie vernommen hatte: nur befremdete mich
äusserst dessen Inhalt. Es war der Seelenjubel einer Jungfrau, die ihren
Geliebten wiederfindet, frei von Not und Drangsal, worin er lang geschmachtet
hat, und ihn mit tausend Küssen, Liebkosungen und Zärtlichkeiten empfängt. Doch
vielleicht, dacht ich, ist es etwas auswendig Gelerntes, und es fällt ihr eben
so ein; aber es machte mir heftige Unruhe, als sie beim Schluss in die Hände
klatschte und ausrief: »O hätt ich dich schon, mein Florio! aber wie weit bist
du noch entfernt! doch Flügel wieder meiner Hoffnung, dass du noch lebst. O du
heilige Magdalena, beschere mir den Holden, die du auf deinem Felsen zu
Marseille schon oft über ihn gewaltet hast und den Verwegnen aus den Fluten des
Meers und tödlichen Gefahren nach meinen Bitten errettet! O du liebe heilige
Magdalena, ich falle hier vor dir nieder und fleh dich an, überlass, o Freundin
des Erlösers, mein Gemüt nicht immer dem bittern Kummer! Mache mein Herz leicht
und wieder froh, und stehe bei meiner Liebe! Ardinghello, der Flüchtling,
heuratet mich doch nicht. Was hilft mir's, wenn ich seine Qual auch noch so hoch
treibe: er machte mich endlich unglücklich. Wohlwollen muss ich ihm, ach ja! er
ist ein verführerischer Bube. O Florio, erscheine bald! Heilige, gib mir ihn!«
    Ich wurde fast zum Narren, so griffen mich diese Reden der Unschuld in
meinem Schrank an; und musste alle meine Kräfte zusammenspannen, um auszuhalten.
Noch war ich unentschlossen, was ich tun wollte, Tumult und Aufruhr in allen
Nerven und Adern. Und so harrte ich, bis sie sich zu Bette legte, und harrte
noch hernach über eine Stunde; und lange und lange, bis ich endlich in der
Verzweiflung, mit meinen Gedanken und Gefühlen ins reine zu kommen, leise die
Tür eröffnete und heraustrat.
    Den Mantel hatte ich schon vorher abgeworfen und die Schuh ausgezogen; ich
ging auf den Zehen und hielt mich mit den Händen im Gleichgewicht. Sie lag vom
Schlaf aufgelöst mit dem Kopf über den rechten Arm und den linken sanft
ausgestreckt, mit den Knien jungfräulich ein wenig zusammengezogen, die Decke
von sich geworfen, und nur den Unterleib mit dem leinenen Tuche verhüllt; es war
eben eine laue Nacht.
    Ich besah alsdenn ihr Zimmer. Vor einer Madonna mit dem Kinde, nach der
reizenden von Raffael auf dem Stuhl von einem seiner besten Schüler kopiert,
brannt eine Lampe; und ebenso brannt eine andre vor einer Magdalena, gewiss von
dem Wundermanne der Lombardei Antonio Allegri: solch eine unbeschreibliche Anmut
war in den Umrissen ihres Gesichts, so lieblich die Farbe, und unübertrefflich
das blonde Haar gemalt, über die jungen Brüste reizend wie von einem Lüftchen
verweht. Vor beiden standen Blumenstöcke; vor der Magdalena aufgeblühte Rosen
und Knospen, vor der Madonna Lilien und Nelken, die sie sich selbst den Winter
erzog. Auf dem Tische vor jener lagen die Gedichte des Petrarca; und
Schreibzeug, Federn und Tinte und Papier und beschriebne Blätter. Ich las das
eine, wo ausgestrichen und verändert war: und fand das Lied im Provenzalischen,
was sie gesungen hatte. Das wusst ich auch noch nicht, dass sie ihre Gefühle in so
schöne Form von Worten bringen konnte: mir wallte dabei eine Glut nach der
andern auf im Herzen. Im Petrarca war das Gediegenste, immer gerade das wenige
Vortrefflichste, mit ausgetrockneten verschiednen Blumenblättern belegt und
bezeichnet; besonders in den Reimen nach dem Tode der Laura. Neben der Madonna
stand ihre Näharbeit in einem Rahmen; sie hatte angefangen, die lebendigen Rosen
und Lilien vor sich dahinein zu sticken. Mich überlief ein Schauder, als ob ich
in den Tempel der Keuschheit eingebrochen wäre und lästerlichen Frevel ausüben
wollte. Ich blickte durch das Fenster am Bette, und der volle Mond wich hinter
die Seealpen, den Greuel nicht anzusehen; unten rauschte zürnend das Meer auf.
Ich ward erschüttert, und es fehlte nicht viel, dass ich mich wieder in den
Schrank verborgen hätte; doch kniet ich vor sie hin und stemmte mich sachte mit
beiden Händen auf ihr Lager; ihr ambrosischer Atem berührte mich wie Wonne des
Himmels. So lag ich eine Weile in ihrem Anschauen versunken und verloren und
meiner endlich nicht mehr mächtig. Ich warf die Kleider von mir und näherte mich
nach und nach leise mit ganzem Leibe dem Schönsten, was die Welt hat. Ich schob
alsdenn mit den äussersten Fingern das Hemd auf beide Seiten von den Brüsten, die
mich mit ihren Knospen der Unschuld anlächelten, als ob sie Verschonen ihrer
Jungfräulichkeit bäten; und so bracht ich das Tuch von ihren reinen trocknen
Füsschen und den netten Beinen bis an die Mitte der wie Säulen runden üppig
hinaufschwellenden Schenkel, worunter es festing.
    O all ihr Mächte des Himmels und der Erden, welche Vollkommenheiten habt ihr
hier vereinbart! Ich zerrann in nicht mehr zu hemmendes Entzücken und riss das
Tuch los: und sie fuhr auf und tat einen Schrei unter meinen Küssen.
    »Habe keine Furcht,« stammelt ich ihr, »ich bin Ardinghello und werde dir
kein Leid zufügen.« Sie hörte nicht und rief: »Bösewicht! Schändlicher! Hülfe!«
und wand sich los und bedeckte sich und weinte in voller Verzweiflung: ich war
wie von einem Wetterstrahl durchschlagen in allen Gebeinen.
    »Vergib, o Himmelskind, einem von unwiderstehlicher Liebe ganz
Niedergeworfnen und Überwältigten diese Frechheit. Ich schwöre dir bei allen
deinen und meinen Heiligen, ich werde dir kein Leid zufügen!« so fasst ich sie
mit Gewalt bei ihrer Rechten und hielt sie an mein laut schlagend Herz.
    »Weg von mir, grausamer Verderber!« schluchzte sie.
    »Komm wieder zu dir, Lucinde«, sprach ich ihr ein; »sieh! ich berühre dich
nicht mehr. Ich bin schon glücklich, wenn ich dich nur sehe; und wenn ich von
dir bin, ist alles vor mir in Leerheit. Deine Gestalt allein, auch ohne Wort und
Zuneigung, ist mir mehr als andrer feurige Liebe. Sende mich in Gefahren, worin
ich tausendmal mein Leben wage: dein Wink wird mein Gesetz sein. Du bist meine
bessere Seele, die alle meine Fähigkeiten füllt. Du herrschest über mich wie mein
strengster Verstand; sieh! das zeig ich dir; und alles kann ich für dich tun,
ausser was mir unmöglich ist.«
    »O Ardinghello! Ardinghello!« weinte sie, »verlass mich! o verlass mich!«
»Göttliche, und warum? Warum können zwei Menschen, wie wir sind, nicht ohne
Sünde so beisammen sein! Warum immer eine Scheidewand von Mauer und Kleidung und
mechanischer Gesellschaft dazwischen! Bedenke, wie die Seligen im Himmel sind
und unsre erste Eltern waren. Alles dies dient nur, wenn man unter dem grossen
Haufen ist.«
    »Und was willst du von mir? was kann ich für dich tun, ohne mich unglücklich
zu machen?« versetzte sie etwas ruhiger, sich rundum einhüllend.
    »Sage mir, wen du liebst«, fuhr ich fort; »denn dass du liebst, das weiss ich,
und weiss noch, dass du unglücklich geliebt hast.«
    »Ach,« antwortete sie darauf nach einigem Stillschweigen, »den Hauptmann
einer Galeere! der mich, wie ich noch ein kleines Kind zu Nizza war, schon
aufblühender grosser Knabe, bei meinen Eltern lesen und schreiben lehrte. Hernach
legte er sich auf die Handlung und führte mit der Zeit Kauffahrteischiffe; und
endlich wurd er Anführer einer spanischen Galeere. Als solchen sah ich ihn nach
langer Zeit vor zwei Jahren in Genua wieder, wo wir uns einander versprachen und
die Vermählung feiern wollten, wenn er wieder aus dem Türkenkriege käme. Allein
er kam nicht wieder; und ich hielt ihn für tot, bis ich vor wenig Tagen die
zugleich frohe und traurige Botschaft hörte, dass er zu Konstantinopel in harter
Sklaverei sich befinde. Mir brachte sie ein alter Schiffer aus Antibes, der von
dort abfuhr und uns beide kennt. Nun hoff ich, dass man ihn erlösen und ihm
seinen ehemaligen Posten wiedergeben und wir endlich glücklich sein werden.«
    »Zärtliche,« verfügt ich darauf, »deine Hoffnung steht auf schwachen Füssen.
Spanien ist noch im heftigen Kriege mit den Türken; und wenn dein Bräutigam ein
Held war, so werden sie ihn so leicht nicht herausgeben.« Hier verbarg sie ihr
Gesicht ins Küssen und seufzte und weinte, und ich fuhr fort: »Doch wenn es von
Spanien aus nicht geschieht, so kann vielleicht ein andrer ihn frei machen; und
was schenkst du mir, Englische, wenn ich es wäre?« drückt ich ihr mit der
Rechten in die Hand und mit der Linken ins Herz; »und ich will es dir fast so
gut als gewiss versprechen; ich hab einen Freund am türkischen Hofe selbst, der
alles kann.« Sie verbarg ihr Gesicht noch tiefer und sagte gebrochen unten
hervor: »Ach, mein Bestes! aber du bist grausam!« »Und die Versicherung?« redt
ich ausser mir ihr zu. »Gib dort mir her Feder, Papier und Tinte, und leuchte!«
Dies war nun mein Wille nicht, aber ich verlangte zu wissen, was das schwärmende
Mädchen begänne; und nahm die Lampe von der Magdalena, Feder, Tinte und Papier,
und den Petrarca zur Unterlage; und die Fromme schrieb, und lächelte unter
Tränen:
    Wenn Ardinghello mir meinen Bräutigam Florio Branca aus der Sklaverei erlöst
und frei wieder herstellt, und zärtlich liebt und schweigt, so soll er meine
erste höchste Gunst haben mit diesen Zeilen oder Madonna mich nie zu Gnaden
annehmen, aber eher auch nicht einen gütigen Blick verlangen.
                                                                         Lucinde
Darauf gab sie mir das Zettelchen mit einem strengen Blick voll Bedachtsamkeit
und sagte: »Nun gehorche, und verwahr es sorgfältiglich, wenn ich so viel über
dich vermag, als du sprichst. Und noch eins: wer hat dich hiehergebracht?«
    Hier musste mir nun platterdings eine Lüge aus der Not helfen; ich sagte, ich
sei ihr nachgegangen und habe mich dort hinter den Schrank versteckt, ohne von
ihr bemerkt zu werden. »Bist du so ein Tausendkünstler?« sagte sie spottend.
    Der Morgen brach an; ich wollt ihr einen Kuss zum Abschied geben, aber er
ward mir nicht verstattet. Ich kleidete mich geschwind wieder zurecht und
verliess sie, machte für Fulvien auf der Treppe das verabredete Zeichen, dass
nichts geschehen sei und sie schweigen sollte, eröffnete sachte die Tür des
Palastes und schlich in meine Wohnung.
    Den ganzen Morgen konnt ich kein Auge zutun; und als ich des Nachmittags ein
paar Stunden geschlummert hatte, dünkte mich alles ein Traum.
    Als es dunkel wurde, ging ich zu Fulvien in Gesellschaft: sie und ihr Gemahl
hatten mir ein- für allemal Erlaubnis gegeben, zu kommen, wenn ich wollte. Es
befanden sich mehrere Personen vom gestrigen Ball da; man sprach darüber und
spielte hernach. Lucinde sass unterdessen für sich am Fenster, mit dem Kopf in
der Hand, und blickte mich nicht an, und war in geheimer Betrachtung verloren.
Ich machte mich alsdenn zu ihr; sie schlug die grossen schönen feuchten Augen
nieder und seufzte und errötete über und über. Ich getraute mich kein Wort zu
reden. Endlich legte sie den andern Arm auch ins Fenster und betrachtete mich
still mit einer gewissen Wehmut voll Empfindung; wir sassen allein, und sie sagte
nun leise mit Engeltönen zu mir: »Was hab ich getan! was hast du getan die
vorige Nacht!«
    Inzwischen holt ich einen Ring hervor mit dem grössten strahlendsten Diamant
unter denen vom Diagoras und schob ihn ihr unbemerkt an den vorletzten Finger
ihrer linken leichten Charitinnenhand, und antwortete Aug und Aug in süssem
Liebesgenuss: »Nimm hin, du Braut meiner Seele!« Sie erschrak und war zwischen
Weigern und Zärtlichkeit, und blickte darauf und um sich; und verbarg dann die
Hand im Schoss, und zitterte und glühte.
    »Sag mir nur noch, mein Leben,« fragt ich sie flisternd, »ob der alte
Schiffer aus Antibes hier ist und wie er heisst, damit ich ihn ausfragen kann, wo
man den Florio in Konstantinopel findet.«
    »Er heisst Gabriotto«, versetzte sie hastig, »und liegt mit seinem Schiff im
Hafen.« dabei stand sie behend auf, trat zu Fulvien an deren Spieltisch, die
eben einen feinen Streich machte, worüber gelacht wurde, und verlor sich dann
aus dem Saale und kam nicht wieder zum Vorschein.
    Mit Fulvien hatt ich noch vor Mitternacht eine kurze Zusammenkunft, die sich
den ganzen Tag bedachtsam aufführte und nichts merken liess, und erzählte ihr,
dass ich nicht übers Herz habe bringen können, Lucinden Gewalt anzutun, und es
auch vergebens gewesen sein würde. Machte ihr eine ganz andre Beschreibung, wie
sie mir ihren Geliebten entdeckt hätte, der in der Sklaverei lebe; und, mit
einem Wort, dass ich das himmlische Mädchen zu hoch schätze, um es zu verführen
und unglücklich zu machen. Ich bat sie ihrer selbst wegen, von diesem allen
stille zu sein.
    Sie war's gar wohl zufrieden und antwortete, dass sie die Geschichte wisse.
Auch sie woll ihr möglichstes beitragen, dass der Armen geholfen werde; sie liebe
sie als ihre beste Freundin und eine der vollkommensten Personen ihres
Geschlechts: nur könne sie ihre allzugrosse Frömmigkeit, Eingezogenheit und Kälte
nicht vertragen; die Jugend unsers Lebens, besonders beim Frauenzimmer, sei zu
kurz, um sie so ungenossen wegstreichen zu lassen, und in diesem Punkt Lucinde
gewiss immer albern.
    Darauf ging es an das Catullische Da mihi basia mille, wovon ich mich bald
losmachte. In solche neckende Händel geraten wir Liebesritter! Aber ich stelle
mich auch auf keinen philosophischen Lehrstuhl, wo man zu sein befiehlt, was der
Mensch nie war.
    Den andern Morgen sucht ich den Gabriotto auf, und traf ihn endlich gegen
Mittag in einem Weinhause, nachdem ich ihn im Hafen nicht gefunden hatte. Es ist
ein herrlicher Alter, in seinem Leben von mancherlei Schicksalen
durchgearbeitet. Dreimal war er in Sklaverei, in Ägypten, Mauritanien und
Griechenland; und sah Mekka und das Heilige Grab, zog mit seinen Patronen über
den Kaukasus und Atlas und kam jedesmal wunderbar wieder los; führte nun ein
Kauffahrteischiff und liess sich's wohl sein in seinen letzten Tagen. Was ist
eines Königs Leben, der seine Zeit durchgähnt, gegen die Wanderungen und Gefühle
eines solchen Erdensohns? O gütiger Himmel, lass mich nur nie auf einer Stelle
klebenbleiben! Ich machte bald mit ihm Bekanntschaft, er liebte die
lehrbegierige Jugend: wir setzten uns in einen Winkel allein, und ich sorgte
dafür, dass wir nicht Durst litten.
    Ich verschwieg im Anfange mein Geschäft, und wir kamen auf die ägyptischen
Pyramiden zu sprechen. Er machte die gescheite Bemerkung dabei, dass die Leute
damals entsetzlich unter der Zucht ihrer Könige müssten gestanden haben, um so
ungeheure Steinhaufen aus ferner Gegend her zusammenzutragen, die am Ende doch
nur eine Kleinigkeit gegen die vielen Felsen des Kaukasus, Atlas und der Alpen
wären, welche die Regen des Himmels binnen den Jahrtausenden zu ebensolcher
unzerstörbaren Form gespült. Ich erzählte ihm dabei zum Scherz aus dem Herodot
das Märchen von der reizenden Königstochter, die bloss durch ihre Liebhaber sich
eine erbaut habe, der sie für jede Gunst doch nur einen Stein herbeischaffen
durften; und dass folglich bei allen die Arbeit nicht gleich sauer gewesen sein
möge. »Wer den letzten lieferte«, antwortete er lachend, »und dem Werk die Krone
aufsetzte, muss wenigstens guten Mut gehabt haben.«
    Er machte mir alsdenn eine angenehme Beschreibung von den Sitten mancher
Länder, die er durchstrichen war. Zum Exempel von Georgien und Cirkassien, wo
die schönsten Menschen leben, sagt' er, dass die Kinder da hervorkämen wie die
Blumen und Früchte auf dem Felde und man von keiner Eifersucht wisse. Die Männer
hielten sich bloss für das Mittel ihrer Entstehung, und bildeten sich nicht ein,
als ob sie dieselben etwa selbst verfertigten, wie ein Kunstwerk, und wären
dabei eitel auf ihren Verstand oder ihre Geschicklichkeit wie bei uns; und alle
Welt lebte glücklicher ohne die Ketten und Fesseln.
    Von der Schönheit, besonders der Weiber dort, gingen wir auf unsre
Landestöchter über; und von diesen behauptete er doch, dass sie mehr Geist und
Form in ihrer Gestalt hätten, obgleich nicht die Zarteit und die Blüte des
Fleisches jener. »Als hier in Genua«, fügte er hinzu, »ist ein junges
Frauenzimmer, Lucinde von Montefeltro, die ich allem Reiz vorziehe, den ich dort
gesehen habe.«
    Diese Reden gingen mir, wie Du leicht denken kannst, gar süss vom Ohr zum
Herzen durch all mein Wesen. Wir tranken dabei mit durstigern Zügen. Der
Zaubertau des Weinstocks setzte ihn in meine Jugend zurück und durchglühte seine
Adern wieder mit der ersten Lebenswärme. Ich fragte ihn darauf, ob er diese
Lucinde von Montefeltro genau kenne.
    »Wie oft hab ich den Engel als Kind auf meinen Armen getragen, und ihr
Leibchen rundum bepatscht und gestreichelt, was ich noch immer tun möchte, ohn
ihr mehr Schaden zuzufügen!« fuhr er lieblich zu sprechen fort. »Ihr Vater war
ein heruntergekommener Edelmann, der, um sich wieder zu erholen, hernach
Handlung trieb. Mit seiner ersten Frau zeugte er keine Kinder; alsdenn schon in
die funfzig, vermählte er sich mit einer armen, aber jungen und äusserst schönen
Anverwandtin der Mutter der Fulvia Fregosa, die nun in das Haus S*** getreten
ist, bei welcher sich Lucinde aufhält. Sie hiess Sophia und lebte mit dem alten
Montefeltro schier an die drei Jahr in Ehe, als sie wider Verhoffen schwanger
wurde und mit Lucinden niederkam.
    Jedoch unter den Rosen der Gastfreundschaft! Es hielt sich damals zu Nizza
wegen des milden Winterklimas unter fremdem Namen ein wunderschöner und tapfrer
portugiesischer Prinz auf, der eine Wunde im Krieg mit den Sarazenen bekommen
hatte, die in seinem Lande nicht recht heilen wollte. Dieser mietete sich einen
Garten neben dem des Montefeltro auf dem Weg über den Berg nach Villafranca; und
wir alle haben nie anders gemeint, als er habe mit Fug und Recht getan, was der
Alte nicht konnte. Und so ward ein süss verlassen Weib glücklich gemacht, und es
lebt ein himmlisch Geschöpf auf der Welt mehr, aller Augen zu entzücken.
    Als Lucinde ohngefähr zehn Jahr alt war, starb ihre Mutter, die sie als ihr
einzig Kind mit aller Zärtlichkeit liebte; ihr Vater tat sie darauf zur
Erziehung in ein adelig Nonnenkloster. Nachher ward ich von einem schrecklichen
Sturm verschlagen, zum drittenmal gefangen und diente bei einem reichen Kaufmann
in Griechenland. Wie ich nach einigen Jahren wieder loskam, hatte sich alles
verändert; dem Montefeltro waren etliche reiche Schiffe nacheinander teils
weggenommen worden, teils zugrunde gegangen, zu gleicher Zeit brachen einige
starke Bankerotte in Marseille aus, wobei er so viel einbüsste, dass die Gläubiger
sich seines übrigen Vermögens bemächtigten. Er flüchtete zuvor mit wenigem
hieher, da der Reichtum der Kaufleute mehr in Forderungen als barem Gelde
besteht, und gab binnen kurzem vor Kummer seinen Geist auf. Lucinden nahmen aus
dem Kloster ihre mütterlichen Anverwandten zu sich. Und so strahlt sie denn wie
der Morgenstern, der bei einer Nacht ohne Mond aus den stürmischen Wellen der
See aufgeht und Glanz von sich träufelt, am genuesischen Himmel.
    Aber o wäre sie auch so glücklich, als sie schön ist und alle weibliche
Tugenden besitzt! Sie könnt es sein, wenn das Schicksal ihr nicht einen Strich
durch die Rechnung gemacht hätte. Florio Branca liebte sie und ihn Lucinde; und
sie lebten schon in seliger Ehe miteinander, wenn er nicht in Sklaverei geraten
wäre. Er wuchs an den Ufern des Varo auf, kam in das Haus ihres Vaters, ging
alsdenn zur See und bildete sich zu einem Helden.
    Im Dienste von Spanien lief er mit einem Geschwader nach der Neuen Welt aus
und streifte in Mexiko und Peru herum. Kam wieder zurück mit Ruhm und Schätzen,
und sah das edle Reis zu einem schönen Baum emporgeschossen in süsser Blüte
stehen, und wollte sich unter dessen anmutigem Schatten letzen, als er unter dem
Johann von Austria mit der Galeere, die er anführte, gegen die Ungläubigen
musste. Die Flotte der Feinde von zweihundertundsechzig Schiffen wurde zwar
geschlagen und von den Christen bei den Echinadischen Inseln der grösste Sieg
seit langen Zeiten erlangt, den sie sich nur jämmerlich zunutze machten: allein
Ulazal, der tapfre Korsar, entkam, mit dreissig Dreiruderigen, und führte den
Florio mit sich nach Konstantinopel gefangen; welcher unter dem Doria beim
ersten Angriffe sich befand und nach vielen Wunden nicht mehr imstande war, von
den Scharen umzingelt, sich durchzukämpfen. Sie kennen ihn dort wie die Reiger
den schnellen gewandten Falken; und werden ihn nicht loslassen. Er dient als
Sklave beim Grosswesir selbst; ich hab ihn gesprochen und ein Briefchen von ihm
seiner traurigen Geliebten hier überbracht, worin er sie beschwört, ihn zu
vergessen und einen Glücklichern zu wählen, wenn er noch ein Jahr lang
ausbleibt.«
    Diese Nachricht wühlte mir das Herz auf, und Florio dauerte mich; ich
seufzte heftig bewegt und im Gesichte glühend: Armer Schelm!
    Der Alte fuhr fort: »Wenn du ihn sähest, mein Sohn, du würdest ihn lieben;
er ist ein gar guter junger Mann bei soviel rauher Tapferkeit. Wie oft haben wir
vor wenigen Jahren zusammengesessen und einander erzählt! Wenn ich ihm vom
Kaukasus und Atlas sprach, so beschrieb er mir, wieviel höher die Gebirge von
Amerika wären; und wir gerieten dann in einen freundschaftlichen Streit. Ich
hatte die unendlich schönern Weiber, Männer und Tiere von weit edlerer Natur für
mich: und er pries und rühmte zum Scherz die reichen Gold- und Silberminen,
womit man die ganze Alte Welt erkaufen könnte, wenn man alle Beute herausholte.«
    Wir tranken alsdenn auf seine Gesundheit und baldige Befreiung.
    Ich fragte den Gabriotto noch, ob er vielleicht den Ulazal von Person kenne;
und er sagte mir, dass er ihn einmal zu Rhodi gesehen habe, und schilderte mir
ihn als einen andern Hannibal auf der See. Er machte hierbei die Beobachtung,
würdig eines solchen Graubarts: »Colonna zog zu Rom im Triumph ein wegen seines
Drittelsiegs; wenn einer aber die Taten beider in jenem Treffen genau abwiegen
könnte, in welchem Glanze würde da noch der flüchtige Kalabreser vor ihm
erscheinen! Ein solcher sichrer Rückzug eines einzelnen Mannes mit seinen
Freunden, nachdem er Wunder des Verstandes und der Tapferkeit für die Flotte der
andern Admirale getan hatte, aus der vollen Macht der Überwinder, bezeugt die
grösste Unerschrockenheit, Übersicht und Erfahrung. Schade, und ewig schade, dass
er unserm Glauben abtrünnig geworden ist.«
    »Zumal«, setzt ich hinzu, »da ihn der Heilige Vater Pius wieder zu Gnaden
annehmen wollte und Philippen beredete, alles anzuwenden, dem Helden
Herrschaften und Reichtümer zu schenken, wo er sie nur immer haben möchte, in
Spanien, seinem Vaterlande, oder Sizilien, wenn er die Heiden verliesse. Doch
gefällt mir nicht, dass man denselben mit solchen Anträgen bei dem Sultan
wenigstens verdächtig machen sollte, damit er ihn selbst aus der Welt schaffte:
weil man keine andre Mittel dazu vor sich sähe. Ulazal aber war zu klug für
solche Versprechungen, scheute überdies die künftige feige schale Rolle und trat
folgenden Frühling nun selbst als Admiral auf, mit einer neuen Flotte.
    Es ist närrisch, dass man von den Kalabresern verlangt, sie sollen nicht zu
den Türken übergehn. Die Türken plündern ihre Gegenden und führen sie selbst in
Sklaverei; und ihre Fürsten sehen gelassen zu, ohne sie zu verteidigen, und
saugen sie noch obendrein mit allerlei Auflagen aus. Sie werden also mit
doppelten Ruten gezüchtigt. Was hat ein Mann, der Kopf hat und Mut im Herzen,
anders zu tun, da er allein sich nicht wehren kann gegen beide Feinde, die ihn
berauben? Er schlägt sich zur Partei der Sieger.«
    »Ich will doch lieber in dem Glauben leben und sterben, worin ich geboren
und erzogen bin, und ein wenig Unrecht leiden«, erwiderte der Alte; »das Dulden
ist auch süss, wenn man das Vermögen noch in sich fühlt, auszudauern, und grosse
Belohnung dereinst unter seinen Geliebten dafür erwartet.«
    »Ein guter Glaube überwindet freilich alles«, antwortet ich ihm darauf; und
dachte im Herzen, wer damit nur immer in der glückseligen Dunkelheit herumtappen
könnte!
    Noch denselben Abend lief ein französisches Schiff im Hafen ein, mit dem
neuen Gesandten und Konsul für Konstantinopel und Smyrna, das nur Wasser einnahm
und mit dem ersten guten Wind wieder absegeln wollte. Ich bediente mich der
Gelegenheit, eilte sogleich nach Hause und schrieb an den Diagoras, so rein und
frei, wie's in meinem Geiste lebte, frisch von der Hand weg; und bat hernach den
Edeln inständig, den Florio Branca zu befreien, wenn er könnte, oder mir
wenigstens die Art zu melden, wie es möglich wäre, ohn ihm jedoch etwas von mir
zu sagen; und dann nach Genua zu schicken.
    Die Aufschrift macht ich an seine Mutter, damit der Brief desto sichrer
möchte abgegeben werden. Der Patron des Schiffs erhielt von mir schon zum voraus
eine Belohnung; und ich versprach ihm mehr, wenn er mir gute Antwort bringen
würde, und sagte ihm zugleich, was es beträfe. Er gelobte mir heilig an, ihn
aufs beste zu besorgen.
    Den andern Morgen gegen Mittag ging das Jagdboot auch wieder ab, und mir
schwoll das Herz von verschiednen Leidenschaften, sowie der Wind die Segel
schwellte. Ich muss selbst über das Gleichnis lächeln, und doch ist's wahr und
gefällt mir; ach, unsre Gedanken und Empfindungen sind so zart und veränderlich,
und heiter und wild und stürmisch wie die Lüfte.
                                                                     Ardinghello
Hierauf gab ich dem Ardinghello keine Antwort und erhielt im März wieder
folgenden Brief von ihm:
                                                                    Genua, März.
Sie hat mich zum ersten Mal geküsst, freiwillig; und meine Lippen schmachten in
einem fort nach ihrem süssen Munde. Schüchtern, jungfräulich und doch
naturnotwendig, wie der Magnet sich zieht, flog unerwartet plötzlich der
himmlische Kuss auf mich. Wie selbst darein verwandelt schlief ich die Nacht, ein
wollüstig stechend Feuer, und bin nun erwacht wie ein seliger Engel. O ein
glücklicher Tag der gestrige! wie der neue Frühling ging die Sonne auf und
unter. Wir sassen gegen Abend oben allein im Garten, unten hatte Fulvia und ihr
Gemahl Gesellschaft; und die See spielte in kleinen Wellen, um, wie zärtliches
Leben, sich in die Lüfte zu verbreiten.
    Ich zeigte Lucinden erst einige Griffe auf der Laute, alsdenn sangen wir
zusammen, und unsre Herzen ergossen sich endlich ineinander durch Gespräch und
Blicke. »Ein Weib ist doch das armseligste Ding auf Erden!« seufzte sie auf die
letzt wehmütig, nach mancherlei Reden über Welt und Dasein und Bestimmung, und
kehrte die Augen von mir ab gen Himmel; »gefesselt auf allen Seiten, dürfen wir
keinen freien Schritt tun, wo uns der Geist hinleitet, ohne Schmach und Schande.
Nicht über die Strasse können wir gehn allein und sonder Mama und Base, wenn man
uns für wohlgebildet hält, ohne dass die Lästerzungen auf uns stechen. Natur und
Leben und Sitten und Gebräuche in andern Gegenden zu sehen und zu hören ist uns
gänzlich versagt: wir müssen auf einer Stelle bleiben, wie die Pflanzen, und
glauben, was man uns vorlügt, ohne sinnlichen Begriff; Wahn und Traum und
Gehorsam unser Eigentum: kein Tropfen Wahrheit, die Seele zu erquicken.
    Wenn eine schön ist, so legt man ihr überall Schlingen; und derjenige
selbst, welchem sie in einer gewitterhaften Stunde gefällig war, verleumdet sie
oft hernach am ärgsten, und tritt zum schimpfenden Pöbel über, wenn er einen
andern vorgezogen glaubt; oder sie wird von unvernünftiger Eifersucht noch
fester eingekerkert.
    Sind wir nicht schön, so erwerben wir keine Liebe mit aller Weisheit und
allen Künsten der Musen und der Minerva; und ausserdem heisst's immer noch: sie
ist doch nur ein Weib, und kann und darf nichts recht sehen, wie es ist;
Pedanterei und Ziererei ohne Zweck und Nutzen! Ein Weib hat weder Stärke noch
Überlegung, etwas Grosses in irgendwo zu erlangen und zu fassen; die Guten und
Verständigen haben Mitleiden mit dessen Schwäche, und die Boshaften verspotten
es und suchen es mit ihrem Lobe vollends zur Närrin zu machen. So geht man mit
uns um.
    Am besten wär es, nie geboren worden zu sein; denn was wir wollen und
lieben, dürfen wir doch nicht haben! oder, sobald diese Neigungen in unserm
Herzen aufgehn, geschwind von der Erde weggenommen zu werden. Unser Los ist
Traurigkeit und Leiden und wenig heitre Augenblicke; ein vergnügter sichrer
Zustand ist uns nicht beschieden: unser Leben ein schwacher Kahn im stürmischen
Meer, oft von Wellen überschlagen.«
    Aber warum schreib ich Dir den toten Sinn und Buchstaben von dem, was sie so
göttlich in bezaubernden Worten, Tönen und Gebärden sagte!
    Ich hielt ihre Linke in meinen beiden Händen, und sie überliess die
entzückenden Wallungen ihrer innern Schönheit ruhig meinem heissen Gefühl.
    »O Lucinde,« antwortet ich ihr darauf, »du hast viel Wahres gesagt, wir sind
ungerecht gegen euch! aber auch unser Los ist hart. Uns liegt die Arbeit ob, und
ihr wirkt still wie die Sonne, und macht schon glücklich bloss durch eure
Schönheit. Wir müssen alles erringen und erkämpfen; und ihr strahlt nur um euch:
so liegt man euch zu Füssen.
    Hohe Schönheit ist freilich äusserst selten; aber auch eine Jungfrau, die sie
besitzt und zu gebrauchen weiss, ist, was bei uns Alexander und Cäsar mit Heeren
von Helden; es kömmt nur auf sie an, was sie erobern will! Das ewige Schicksal
hat ihr alle Herzen unterworfen.
    Liebe und Geist ist eins und dasselbe unter verschiednen Namen, nur dass man
Überfluss von Geist Liebe nennt: hohe Schönheit beherrscht alle Geister. Sie
vereinigt sich deswegen gern mit grosser Gewalt oder grossem Verstande, weil da
die Liebe am mächtigsten ist. Der Mensch für sich allein, überhaupt jedes Wesen,
abgesondert, ist unglücklich. Was kümmert den Vortrefflichen im Grunde Wahn und
bürgerliches Vorurteil? Das Gesetz ist toll und töricht, das ihm Eigentum und
freien Gebrauch seiner Person abspricht; und er tritt es mit Füssen, sobald er
kann.«
    »Ich möchte lieber Ardinghello sein«, versetzte sie schnell in leisem
Nachtigallenton, ganz auf mich geheftet, »als Semiramis und Laura, so jung und
schön mit soviel Tapferkeit und Talent!« und hier neigte sie ihre Lippen nach
den meinigen, ich ward von einem süssen Blitz durchschlängelt, und meine Seele
schwebte in der Herrlichkeit des Entzückens wie aufgelöst von allen Banden. So
hielten wir uns lang umschlungen, bis unsre Blicke in Wollusttränen untergingen
und sie ausrief, rosenrot und lilienblass, und sich losriss: »O du, mein Abgott,
was wird noch aus mir werden!« ohne mir mehr zuzugestehen.
    Fulvia kam bald darauf, als ich noch an einen Baum gelehnt stand und mit den
Armen die Augen zuhielt, um nichts Irdisches zu betrachten. Die Schlaue merkt
alles und erkennt die Momente wie ein edles Raubtier.
    So schiff ich denn zwischen einer Scylla und Charybdis im Wonnemeere der
Liebe; und lasse mich von ihren Strudeln herumwälzen in Gefahren, damit mein Mut
nicht müssig liege. Doch erschreck ich zuweilen vor Lucinden; sie hat in manchen
Punkten nicht die Biegsamkeit ihres Geschlechts, und in ihrer Gestalt entdeck
ich Züge von fürchterlicher Heftigkeit; und eben diese sind es, was mich so
gewaltsam ergreift und an sie fesselt. Ich fühle durch und durch, was das
himmlische Geschöpf verlangt, und dies foltert mich, da es unmöglich geschehen
kann: und doch ist der Engel zu schön für die Welt, die ihn mit ihren Sitten
angesteckt hat, als dass ein Natursohn ihr ihn so ungenossen sein Leben lang
überlassen sollte.
    Übrigens studier ich hier immer mehr die Schiffahrt und streiche öfters an
der Küste herum. Zu Korsika bin ich auch schon gewesen, und das rauhe Volk
gefällt mir: es liegt Stoff darin. Es kömmt kein Schiff an und geht keins ab,
das ich nicht ausforsche. Und so beschäftigt sich auch noch meine bildende Kunst
mit der See; ich habe die eine Skizze, wo ich den Biondello niederstosse, im
grossen angelegt.
    Den Helden Doria besuch ich fleissig und lerne viel aus seinen Gesprächen; er
will mir wohl, das seh ich aus seinen Mienen und Gebärden und seiner
Offenherzigkeit. Er weiss, wer ich bin, und Fulvia und ihr Gemahl wissen es mit
Lucinden; ich bin gleich anfangs von einem meiner Landesleute verraten worden,
der mich erkannte. In Venedig blieb ich eher verborgen, während des Kriegs mit
den Türken und weil es dort viel Maler gibt, worunter man sich leicht verstecken
kann; hier sind deren kaum ein paar. Auch kam ich bei Euch in keine so vornehme
öffentliche Gesellschaften. Inzwischen hab ich keinen Schaden davon, sondern
Vorteile; man schätzt mich desto mehr, und ich habe, wo ich will, freien
Zutritt.
    Vor dem Tyrannen von Toskana fürcht ich mich nun wenig mehr; meine Tante
meldet mir, dass es übel mit ihm aussieht. Er hat durch seine Ausschweifungen
schon längst seine Gesundheit zugrunde gerichtet und bei der Camilla Martella
die Neige seiner Kräfte vollends so abgezapft, dass ihm die Zunge steif geworden
ist und verdorrt und er nicht mehr sprechen kann. Alles dies ist buchstäblich
wahr, und so unklug wirtschaftete kein Tiberius auf der Insel Capri und kein
Nero in beiderlei Gestalt, die noch immer wussten, wenn sie für sich aufhören
sollten. Ein neuer Hippokrates von Macchiavell wird den jungen Tarquinen auch
noch hierin die Anfangsgründe vorbuchstabieren müssen; denn von selbst wird
selten einer so gescheit sein.
    Der neue Herzog, sein Sohn, führt sich auf wie ein Blödsinniger, und Eure
berühmte Bianca behandelt ihn auch so mit Fug und Recht.
    O Cäcilia, Aphrodite des adriatischen Paphos, wie lebst Du und unsre Liebe?
Du sollst gewiss noch dereinst voll Zärtlichkeit Lucinden und auch Fulvien als
Deine Gespielinnen umarmen. Meine Seele schmachtet nach ihr und Dir; sei nicht
so karg mit Deinen Worten.
                                                                     Ardinghello
Zu Ausgang des März schrieb ich ihm, da ich aus dem Schluss seines Briefes sah,
dass er ohngeachtet seiner Leidenschaft doch den Kopf noch nicht verlor und immer
den Edelmut im Grunde seines Herzens hatte.
                                                                  Venedig, März.
Ich möchte mich lieber mit Dir nur wenige Augenblicke mündlich unterhalten als
in dem längsten triftigsten Buchstabenwechsel.
    Ich habe Cäcilien schon zum zweitenmal gesprochen; das erstemal in
Gesellschaft und darauf vor wenig Tagen allein. Sie ist hoch schwanger, gesund
und bei Kräften; und Mutter und Brüder und Freunde und Gespielinnen geben sich
alle Mühe, ihr neue Ergötzlichkeiten zu verschaffen. Es ist eine wahre
Augenweide, eine so junge reizende Frau am Ziel ihrer Bestimmung zu sehn; und
einem Fremden, der nichts von ihr hofft und erwartet, muss sie so selbst schöner
und vollkommner sein, als sie als Mädchen war; geschweige dem glücklichen
Geliebten, der die süsse Frucht seiner Liebe so heranreifen sähe. Ardinghello, Du
bist ein Göttersohn, zu hohem Wohl erkoren; nur verscherze Dein Heil nicht!
    Das erstemal wagte sie nicht nach Dir zu fragen; aber das Spiel ihrer Blicke
um mich, Deinetwegen, war mir ein Himmelreich. Sie errötete, wurde blass,
seufzte, suchte sich zu verbergen: doch die Natur triumphierte: ihr Busen wallte
stärker, und sie kam endlich zu mir und liess sich mit mir in ein Gespräch ein,
lieblich und traulich. Ich fasste mich dabei so, als ob ich in diesen
Augenblicken Deiner nicht gedächte; und sie ging froher von mir, sie mochte nun
argwohnen oder nicht argwohnen: denn sie musste fühlen, dass ich ihr wohlwollte,
und dies schon vorher wissen.
    Vor wenig Tagen liess ich mich bei ihres Vaters Palast anfahren, bei welchem
sie noch immer wohnt, bis nach ihrer Niederkunft, um ihren jüngsten Bruder zu
besuchen, den ich nun näher kenne; und als er nicht zu Hause war, ging ich
inzwischen zu seiner Mutter, und traf Cäcilien gerade bei ihr. Die Mutter
verliess uns denn eine Weile wegen Geschäften, und wir blieben allein. Ihre
schönen grossen Augen ruhten lang hell und klar auf mir, und ihre Lippen
lächelten, wie wenn man einen zum Reden zwingen will. Mich dauerte die Verlassne,
und ich fing an von dem Gemälde zu sprechen, das eben vor uns hing; und kaum
hatte sie mir den Meister gesagt, so war die Frage darauf: »Wo ist jetzt Ihr
Freund Ardinghello? Ich hab ihn nicht wieder gesehen, seitdem er mich gemalt
hat: er wird also wohl nicht mehr in Venedig sein.«
    Ich antwortete: »Den letzten Brief von ihm hab ich aus Genua; es geht ihm
dort sehr wohl.« Du hättest sehen sollen, wie sie darauf lebendig ward und sich
alles an ihr regte; ein neuer Morgen ihr Gesicht mit heissen Sonnenblicken. Nicht
mehr festalten konnt ihr Herz: »Es ist ein trefflicher Mensch, voll Verstand
und Talent, und das Geringste ist der Maler an ihm, so weit er's auch schon in
seiner Kunst gebracht hat.« Hier glühte sie auf wie eine Rose und fügte lächelnd
hinzu, sich fühlend: »Ich glaube, dass ich in ihn verliebt geworden wäre; es ist
gut, dass er weg ist.«
    Mir waren hier die Daumenschrauben aufgesetzt: aber doch bekannt ich nicht
wegen ihrer selbst, und Deiner und meiner; noch scheint es mir nicht Zeit zu
sein. Ich antwortete wie kalt und schier eifersüchtig darauf: »Dies würde den
jungen Herrn bis ins kleinste Gelenk kitzeln, wenn ich ihm so etwas berichtete;
er war ganz bezaubert von Ihrer Schönheit, wie er Sie malte, und beneidete
mutwillig Ihren unglücklichen Gemahl.«
    Dies Wort kam wie eine finstre Wolke vor ihrer Schönheit Glanz, sie
entfärbte sich und versetzte: »Nun, so arg und gefährlich ist es nicht; Sie
brauchen ihm auch nichts hiervon zu schreiben; doch grüssen Sie ihn von mir und
melden ihm, dass ich seine Kunst bewundre, und grosse Dinge von ihm erwarte, und
den eifrigsten Willen habe, ihm in Zukunft nützlich zu sein.« Hierüber trat die
Mama wieder ins Zimmer, und ich verliess sie bald darauf.
    Du siehst daraus, dass alle Verstellung ein Ende hat gegen einen, der Person
und Sache kennt: es ist ein Glück für Euch, dass kein solcher unter ihren
Richtern sass. Wer die Wege gut weiss, geht auch im Nebel sicher; und ein
Wollüstling von Auge sieht oft die Gegenstände darin mit mehr Freude als bei
hellem Wetter. Inzwischen dauert sie mich doch von Grund der Seele; denn sie ist
unglücklich.
    Dein Umgang mit Lucinden gefällt mir nicht. In Rücksicht ihrer wenigstens
kann ich die Grundsätze nicht billigen, die Du ihr einflössest; besonders wenn
Florio der Mann ist, wie ihn der alte Schiffer schildert: ich befürchte, dass es
schlimme Händel absetze. Überhaupt muss sich jeder nach dem Staate richten, worin
er lebt, wenn er ihn nicht gewissermassen übersieht und heraus kann, wenn er
will: sonst trifft am Ende das Sprichwort ein: Der Krug geht so lange zu Wasser,
bis er zerbricht. Wenn Lucinde Deinen Geist hätte bei ihrer Jugend und
Schönheit: o dann stünden ihr Königreiche zu Gebot; so aber musst Du sie erst in
das alte Korint oder Aten bringen, wenn sie nach Dir glücklich sein soll. Und
noch dazu scheint mir ihr Charakter sich nie recht zu bequemen. Mit einem Worte:
sobald ein Weib eines Mannes Frau wird, begibt es sich im Punkt der Liebe seiner
Freiheit, hernach eine andre Wahl zu treffen; und was opfert der Mann nicht
dafür auf, dass ihm dasselbe treu sein möge? Schönheit und Keuschheit beisammen
wird ewig eine höhere Vollkommenheit sein als Lais und Phryne, setze sie in
einen Staat, in welchen Du willst. Doch red ich, was Lucinden betrifft, in der
Ferne; und ein einziger Blick auf sie und wenig Worte von ihren Lippen könnten
vielleicht meine eigne Moral wegbannen. Das Zettelchen, welches sie Dir im Bette
schrieb, bleibt immer ein wunderbarer Flug, von dem andern Erdenvölkchen weg,
wozu eine starke Leidenschaft gehört, die alle Furcht von Vorurteilen
überwältigt.
    Es schweben Gefahren über ihr und Dir; aber wer sich selbst nicht raten
kann, dem ist nicht zu helfen. Jeder weiss am besten, wie ihn die Umstände
umringen.
    Fulvien geb ich Dir gerne preis, nimm mir's nicht übel! echte Genueserin
nach dem Sprichwort;10 ein Gesetz, von keiner Gewalt in Ausübung gebracht, ist
kein Gesetz in Wirklichkeit. Wer seine Rechte nicht behauptet, der hat keine; so
geht's allen Männern, die nicht auf ihrer Hut sind. Dies sahen die Spartaner
wohl ein; und welcher Kopf nicht, der noch Vernunft hat?
    Ich mag nicht daran denken, dass Du mir vom Diagoras sollst entrissen werden.
Bleib in Deinem Italien, und lies das andre in Geschichten und
Reisebeschreibungen; der Mensch braucht zu seinem Glücke nicht den ganzen
Erdboden. Die See ist weiter nichts als ein ungeheurer leerer Weg etc.
Erst in der Mitte des Mai erhielt ich wieder einen Brief von ihm, und zwar aus
Lucca, welches mir sonderbar auffiel. Er lautete wie folgt:
                                                                     Lucca, Mai.
Auch Du bist schuld daran! Lucinde ist von Sinnen gekommen.
    Florio Branca kam, erlöst vom Diagoras, und obendrein mit Geschenken
ausgestattet; ein Held wie ein junger Diomed, nur im Gesicht voll Ehrennarben.
Er wusste nicht, dass ich sein Retter war, und wir wurden bald Freunde. Er drang
auf seine Vermählung: zu Messina, wo ein Teil der spanischen Flotte liegt, war
ihm von den obersten Befehlshabern nicht allein sein voriger Posten, sondern
eine weit ansehnlichre Stelle zugesichert worden. Ich befand mich eben nicht in
Genua, wie er seine Braut überraschte; Fulvia erzählte mir, sie sei in Ohnmacht
gefallen, als sie ihn so unerwartet plötzlich vor sich gesehen hätte. Man
schrieb es der Freude zu. Sie fasste hernach alle ihre Kräfte zusammen, alte
Liebe und Verstellungskünste: und Florio hielt sie in seinen Armen stumm vor
Heftigkeit der Wonne nach so vielen Drangsalen.
    Ich traf bei meiner Ankunft den Florio zuerst bei ihr und Fulvien und ihrem
Gemahl in Gesellschaft. Seine Gestalt und sein Wesen machte gleich auf mich
grossen Eindruck; starker Gliederbau, scharfe Gesichtszüge, kleines blitzend
verwegnes Auge, verbrannte Farbe, krauses Haar und derbes Fleisch und wenig
Worte zeigten mir ein Muster von Seemann; und sein Knebelbart und kurzer Säbel
vollendeten das Bild. Ich wünschte beiden herzlich Glück über ihre
Wiedervereinigung. Lucinde sah mich still an und glich einem Gewitter von
Empfindung.
    Die Tage darauf macht ich nähere Bekanntschaft mit dem Florio; und meine
kalte Vernunft rang immer mehr, meine heissen Begierden zu bekämpfen; der Tapfre
war die edelste der Blumen ganz wert.
    Ich sprach Lucinden alsdenn allein im Garten. Sie jammerte über die Unruhen
des Seelebens und die Kriegsgefahren. O wie mein Herz ihr entgegenschlug, als
ich die Morgenröte von Küssen um ihre Lippen schweben sah! Aber ich verwüstete
schändlich alle Inbrunst der Natur wie ein Gotteslästrer, und gab ihr das teure
Zettelchen wieder, und stammelte die tollen Silben hervor: »Ich kann deine Gunst
nicht annehmen; Florio ist deiner Liebe ungeteilt wert: in mir ist jede Fiber
Wunde; aber seid glücklich miteinander, rein und ohne Flecken.«
    Sie blieb wie eine Säule stehen, las die Zeilen ihrer Hand und zerpflückte
darauf langsam mit den Zähnen das Blatt, Stückchen vor Stückchen, indes ich von
ihr ging und mir die Tränen in die Augen tobten.
    Dies geschah nach der Mittagsmahlzeit. Fulvia, die von diesem allen jedoch
nichts wusste und auch nie erfahren soll, berichtete mir, dass sie den ganzen
Abend in ihr Zimmer eingeschlossen gewesen wäre und sie niemand weiter gesehen
hätte bis spät den andern Morgen, wo man mit einem andern Schlüssel dasselbe
aufgemacht und sie in ihrer Kleidung auf dem Bette gefunden, die Hände ringend,
mit dem Oberleibe aufgerichtet und seufzend mit vor sich niedergeschlagnen
unverwandten Augen. Weder Fulvia noch der Bräutigam, noch irgend jemand hat nach
der Zeit ein Wort von ihr herausbringen können, so dass sie völlig die Sprache
verloren zu haben scheint. Sie lässt sich geduldig hinführen, wohin man will,
geht auch für sich herum, ringt aber immer die Hände und seufzt, versteht
platterdings nichts mehr, was man sagt, und nimmt an keinem Gespräche mit Mienen
und Gebärden Anteil. Sie isst und trinkt wenig; sobald sie aber genug hat, ringt
sie wieder die Hände und seufzt. Es sind von den Ärzten verschiedne Mittel
versucht worden, aber alles vergeblich. Sie kennt Fulvien nicht mehr, ihren
Bräutigam nicht mehr, und mich nicht mehr; wie sie dieser küssen wollte, hat sie
nach ihm geschlagen und ihn ins Gesicht gekratzt. Auch von ihren Freundinnen
leidet sie dies nicht; sonst ist sie in allem geduldig. Ich mochte mir immer mit
einem Strick die Gurgel zusammenziehn, wenn sie mich so starr ansah und die
Hände rang und seufzte.
    Jetzt steckt sie nun in einem Nonnenkloster zur Verpflegung. Florio war im
Begriff, sich eine Kugel vor den Kopf zu schiessen, und ist nun bei der Flotte,
um in der Verzweiflung gegen die Tuneser sein Ende zu finden; und ich habe mich
so auf den Weg nach Florenz gemacht. O Natur, deine schönste Zierde ist
zerrüttet und zugrunde gerichtet! Das arme Mädchen, zur Lust erschaffen und
aller Augen und Herzen zu entzücken, hat nie die höchste Süssigkeit des Daseins
gekostet und lebt nun ein unaufhörlich Gefühl von unaussprechlichem tiefen
Leiden.
    Du hast so etwas nicht erfahren und kannst Dir's folglich auch nicht denken:
so schön, so reizend, so geliebt, so liebend und so voll Geist, und nun auf
einmal alles im Ruin ohne Zusammenhang; dasselbe nicht mehr dasselbe, es ist
grässlich! Wer sie kennt, vergisst Tränen über ihr Schicksal; ganz Genua trauert.
Weide dich, barbarische Moral, Feindin des Lebendigen, mit Wolfsgrimm hier an
deinem Opfer!
    Aber auch ich, o Gott, wo werden mich meine heftigen Leidenschaften nicht
noch hinreissen! Ach, ich habe ihren Zügel nicht so am sichern Griff, dass sie auf
halsbrechenden Wegen nicht einmal mit mir davonrennen, der Wagen überschlägt und
Ross und Führer in den Abgrund taumeln, wo man Blut und Gehirn noch lange dem
Wandrer an Klippen zeigt, bis die Regengüsse des Himmels die Reste des Verwegnen
vom Felsen waschen!
                                                                     Ardinghello
Ich konnt ihm hierauf nicht antworten, weil er mir keine Zuschrift meldete. Die
Begebenheit war entsetzlich und ging mir selbst durchs Herz. Je mehr ich darüber
nachdachte, desto natürlicher aber kam sie mir vor. Fulvia mochte wohl die
grösste Schuld haben, und weit weniger Cäcilia und ich; ausser der eignen Grossmut
von Ardinghello. Lucinde war mit allen Reizen bei ihrer Jungfräulichkeit zu
beklagen: ein schwacher Feind in der Festung ist fürchterlicher als der stärkste
von aussen.
    Seine Reise nach Florenz schien mir immer gewagt, ob ich gleich schon längst
wusste, dass Cosmus gestorben war.
 
                                  Dritter Teil
                                                                     Lucca, Mai.
Ich sitze hier an den Höhen des Tals von Lucca, wo über mir der Wind durch die
Buchen säuselt und unter mir die Quellen rieseln, bewegt in der innersten Seele,
wie am Scheidewege meines Lebens. O wer die Zukunft aufhüllen könnte! Aber diese
kennt niemand als der, der alles weiss; wir sind nur Funken, unsers Schicksals
ungewiss, die in dem Unermesslichen herumstäuben. Wohl dem, der wie ein
Schmetterling sich an den Blumen ergötzt, die er vor sich findet! Hat der,
welcher mit Gefahren kämpfte und sein Ziel errang, am End etwas Bessers? Genuss
jedes Augenblickes, fern von Vergangenheit und Zukunft, versetzt uns unter die
Götter. Was hat der Mensch und jedes Wesen mehr als die Gegenwart? Traum ohne
Wirklichkeit alles übrige.
    Doch weg mit dieser Mückenweisheit! Unser Geist hat mehr Tiefe. Nur die
Kraft ist selig, die Widerstand nach ihrem Mass überwältigt und ihn nach ihrem
Wesen ordnet, sei's auch unter Pein und Leiden. Dem Herkules, als er den Antäus
bezwang, rannen die Schweisstropfen süsser hervor aus seiner Stirn, als ihm je die
Umarmungen einer schwachen gefälligen Dirne waren; und nur Omphale, die ihn die
Spindel drehen machte, verdiente die Liebe des Helden.
    Meine Tante schrieb mir nach dem Tode des Cosmus, dass wichtige Veränderungen
am Hofe vorgefallen wären und unsre Feinde einen starken Stoss erlitten hätten;
ich sollte mich auf den Weg in mein Vaterland machen: sie sei versichert, dass
alles gut gehen und ich meine väterlichen Güter wiedererhalten würde; und noch
ausserdem woll ihr der Kardinal wohl, der alles vermöge.
    Diese Nachricht kam mir nun gelegen und ungelegen, nach Lucindens
Verwirrung; ich hatte ganz andre Dinge im Kopfe zur Ausführung: aber niemand
kann sich von seiner Wurzel losreissen; und so bin ich auf der Grenze. Der junge
Herzog ist wenig Schritte von mir zu Pisa und bei ihm Bianca, von welcher man
sagt, dass sie ihm einen Zaubertrank eingegeben habe: so sehr hält sie ihn an
sich gefesselt. Beide gebrauchen die Bäder, weil sie gern einen Erben von ihm
bekommen möchte.11
    Es geht mir hart an, dass ich in diese Sphäre hinein soll; wenn ich
hineinkomme, so erlieg ich vielleicht unter den Trümmern.
                                                                     Ardinghello
                                                       Pisa, zu Ausgang des Mai.
    Da sieh mich nun schon am Hofe! Noch aber bin ich wie ein fremdes Tier hier,
wie ein Sperber unter dem zahmen Federvieh, das mit aller Macht herbeigelaufen
und -geflattert kömmt, wenn man ihm Futter hinwirft, und seine Eier legt.
    Ich hörte von einer neuen Art olympischen Spielen, die in den Bädern sollten
gehalten werden; und ging den Tag, der zum Fest anberaumt war, bei guter
Morgenzeit von Lucca durch das fruchtbare Tal über den Berg.
    Unentschlossen, wie von einem andern Wesen geleitet, wandelt ich herunter
und langte bei den Häusern an; mir widerstand die Luft, und ein geheimer Ekel
hielt mich so ab, dass ich zusammenschauderte und mir die Ohren brausten; doch
aber drang ich durch.
    Ich hatte mich kaum im Wirtshause zu einem Frühstücke niedergesetzt, als
zwei von meinen ehemaligen Kameraden hereintraten, mich anstaunten und mir um
den Hals fielen; wir waren wie in einer neuen Welt beieinander, und mein Blut
stürmte in Katarakten von meinem Herzen. »Willkommen! willkommen, Prospero!«
riefen sie; »bleibst du bei uns? O du musst bei uns bleiben! Es soll dir wohl
gehen, du hast uns immer gefehlt.«
    Mich freuten die natürlichen Aufwallungen, ihre Blicke schienen nicht
erlogen, und ich vergass gleich zum erstenmal das apistein des Sizilianers.12
    Ich antwortete ihnen bloss auf ihre Fragen, dass ich nach Rom reisen wolle und
jetzt von Genua käme, und soeben in Lucca von ihrem Feste gehört hätte.
Währenddem überraschten mich noch verschiedne andre alte Bekannten, und sie
liessen nicht ab, bis ich versprach, mit Anteil an ihren Spielen zu nehmen.
Öffentlich konnte man mir nichts zuleide tun; ich war weder verbannt, noch hatt
ich etwas gesündigt.
    Ein Teil von ihnen machte darauf mit mir einen Spaziergang; und ich suchte,
durch eingeleitete Gespräche mit diesem und jenem, nach und nach geschwind
kennenzulernen, was sich seit meiner Abwesenheit verändert hatte.
    Zu Mittage speist ich in grosser Gesellschaft; und bemerkte bald ein paar
Spürhunde, die auf mich ausgesandt waren; und führte ihre Nasen auf allerlei
Abwege. Das Völkchen war überaus lustig und witzelte und sang und scherzte; aber
überall fehlte der edle Kern der Selbstständigkeit, bis auf einen meiner alten
Freunde, Mazzuolo, der seinen Geist wunderbar gestärkt hatte: und wir teilten
einander unsern Seelenjubel mit im Winkel durch Blick und Kuss und Händedruck und
kurze abgebrochne Reden.
    Nach einundzwanzig Uhr kam der Herzog an mit seinem Gefolge von Pisa in den
zu dem Feste besonders aufgepflanzten Zelten; und gleich darauf wurden die
Spiele mit Trompeten und Paukenschall eröffnet. Das erste war ein
Pistolenschiessen und der Preis ein herrlicher spanischer Hengst aus seinem
Marstall. Der Mitstreiter waren mit mir sechzehn, lauter junge Leute aus den
besten Häusern im Florentinischen, der älteste nicht über dreissig Jahre und der
jüngste nicht unter siebzehnen.
    Sie baten insgesamt für mich um Erlaubnis mitzustreiten, zumal da einer an
der geraden Zahl fehle, der plötzlich krank geworden war. Der Herzog liess mich
in meinen Reisekleidern vor sich und sagte, nachdem ich ihm einen Lobspruch wie
einem andern Herkules gemacht hatte: es gefall ihm, dass ich eben bei dieser
Gelegenheit von meiner langen Reise zurückkomme. Bianca, die zugegen war,
blickte mich an mit einer grossen Neugierde, und tausend Fragen schwebten auf
ihren Lippen.
    Du wirst Dich verwundern über meine Kühnheit und mich vielleicht für
unbesonnen halten: allein fürs erste reizten mich die Spiele selbst, und mein
ganzer Mut sagte mir, dass ich wenigstens in einem den Preis davontragen würde,
da ich meine Gegenstreiter so vor mir sah; und dann scheint es mir allemal
zuträglicher, von ohngefähr mit den Tyrannen der Welt Bekanntschaft zu machen,
als durch lange Vorbereitungen, wo die Zeremonien alle Natur ersticken.
    Ich will Dich nicht lange mit der Erzählung aufhalten. Wir schossen mit
Pistolen zu Fuss und zu Pferde, und ich traf allemal bei weitem das Ziel, dreissig
Schritt entfernt, am besten. Es war ausgemacht, dass im andern Falle die zwei
ersten Schützen noch einmal um den Preis kämpfen sollten; dies unterblieb also,
und die adriatische Zauberin überreichte mir den Zügel des stolzen jungen Rosses
mit diesen Worten: »Seid auch so trefflich im Streite, wo es das Leben gilt,
fürs Wohl des Vaterlandes.« Ich sah sie an mit einem kühnen Blick und wieder
schamhaft, und berührte ihre schöne Hand wie in der Zerstreuung zärtlich mit den
letzten Fingern der meinigen, und antwortete: »O wäre schon die Gelegenheit da,
Euch, o Wunderfrau, und demselben meinen Eifer zu zeigen.«
    Darauf wurde aus freier Hand mit Büchsen nach der Scheibe geschossen,
zweihundert Schritt weit, und Mazzuolo kam dem Mittelpunkte vor mir näher; ich
hatte hier mein eigen Gewehr nicht. Der Preis bestand in einem andern
neapolitanischen Hengst und einem schönen Jagdhunde.
    Den andern Tag waren die Fechterspiele. Erst fochten acht Paar nach dem
Lose, einzeln jedes Paar. Die den Stoss beibrachten, machen dann wieder vier
Paar; diese vier alsdenn zwei, bis endlich eins und einer allein der Sieger
blieb.
    Die Herrchen fochten mit vieler Zierlichkeit und sagten ihre Lektionen her;
ich aber gewann ihnen mit gegenwärtigem Auge und fast lauter geraden Stössen,
womit ich in ihre Gaukeleien hineinfuhr, den Preis ab; dem letzten und
Geschicktesten schlug ich zweimal mit starken unhöflichen Paraden das Rapier aus
der Hand und setzte ihm alsdenn noch obendrein nach einer Sekundenfinte eine
Quart über den Arm, gerad auf den rechten Zitz, so dass der schwarze Fleck eine
vollkommne sichtbare Finsternis auf seiner weissen Weste machte.
    Für dieses Probstück gab mir Isabella, die Geliebte meines Vaters, einen
goldnen mit Steinen besetzten Degen; und mir schwoll die Hand von Grimm, wie ich
ihn am Griffe fasste: »Tapfrer,« sprach sie leise zu mir mit blitzenden Augen und
Honiglippen, »ziehe stolz damit wieder in Florenz ein, und trag ihn mir zum
Angedenken.«
    Den dritten Morgen, nachdem Bianca sich gebadet hatte, war Wettlauf in
sandiger Bahn, und abends Ringen, wovon Mazzuolo und ich ausschieden, um weder
aus Höflichkeit uns überwinden zu lassen, noch den andern vielleicht auch diese
Preise wegzunehmen und so die allgemeine Freude zu stören. Und damit es uns kein
stolzes Ansehen gab, schieden noch mehrere davon aus. Zu Elis hätten wir dieses
nicht nötig gehabt; aber man merkte noch ausserdem, dass wir uns nicht in
Griechenland befanden: der Olivenkranz wäre mir lieber gewesen als Ross und
Degen; sie blieben immer eine kindische, tyrannische und sklavische Belohnung.
    Mir überlief die Galle, wie ich abends zu Pisa einritt und sehen musste, dass
man mehr das Pferd und den Degen als mich betrachtete; und wahrlich nicht etwa
deswegen, weil ich auf meine Person eitel wäre, sondern dass die Nation seit
weniger als hundert Jahren so den grossen Sinn verlor, wodurch sie sich in den
Zeiten der Freiheit auszeichnete.
    Mit einem Wort: eine Weiberanstalt. Bianca wollte dem Herzog eine Kurzweil
machen und zugleich den jungen Adel von Florenz sich verbinden; an einen andern
Zweck wurde wenig dabei gedacht; denn wenn man im Ernste daran gedacht hätte, so
wär alles unterblieben.
    So sieht man oft bei einer Ausführung ohne Gedanken, dass Fürstin und Fürst
etwas Gutes in einem Buche mag gelesen haben.
                                                                     Ardinghello
                                                                   Pisa, Junius.
Ich werde die Güter meines Vaters wiedererhalten, Bianca hat es mir versprochen,
mit welcher ich oft im Gespräch bin; und dies ist mir sichrer, als ob es mir der
Herzog selbst versprochen hätte. Sie ist wirklich ein reizendes Weib, voll
Schlauheit und Verstellung, weiss das Leben zu geniessen und führt bei ihrem Honig
einen scharfen Stachel. Sie macht Venedig, der hohen Schule der Weiber,
gewisslich vor einer grossen Anzahl Ehre; und es ergötzt sie, dass ich dies so gut
kenne. Das gefällige Wesen, das sie dabei hat, wie alle vorzügliche Personen
ihres Geschlechts, wärmt und erheitert mich sehr angenehm. Sie weiss sich wie die
meisten ein wenig viel mit ihrem Spiegel; und dies muss man benutzen.
    Auch der Herzog will mir wohl, vermutlich durch sie. Ich habe schon
verschiednemal mit ihm Schach spielen müssen, worin er sich einbildet, ein
grosser Meister zu sein. Ich verlor mit Fleiss das erste Spiel und gab ihm
Gelegenheit zu feinen Zügen, die meine Stellung sehr spannten; doch macht ich
ihm seinen Sieg noch sauer, welcher ihn dann höchlich freute. Das zweite Spiel
dreht ich so lange, bis keiner mehr gewinnen konnte; und überliess ihm wieder das
dritte. Beim vierten und fünften aber macht ich den Herrn schachmatt in einer
Reihe von Kettenzügen, rühmte seine Geschicklichkeit und entschuldigte ihn mit
kleinen Versehen. Bis an den zehnten und zwölften Zug und in die Mitte spielt er
in der Tat vortrefflich, hat pünktliche Erfahrung, und man muss bei jeder Art von
Spiel wohl auf seiner Hut sein; aber bei den Ausgängen, was eigentlich nur
Freude macht und tief verwickelte Mannigfaltigkeit hat, hapert's.
    Soweit ging es nun alles gut; aber Isabella ist in mich verliebt! Mir sagen
es ihre wollüstigen Augen und das Herneigen ihrer Seele, wenn ich in ihre
Gesellschaft komme. Sie hält wie ein Lämmchen und scheint zwischen
Blutsfreundschaft und andrer Liebe, gegen die Gesetze des Judenlykurgs, keinen
Unterschied zu machen; oder die erstre dünkt ihr vielleicht ohne diese ein
leerer Name, wobei niemand vom Ursprung an einen sinnlichen Begriff habe. Und
ihr Vater und ihre drei Brüder lebten so mit ihr nach der allgemeinen Rede.
Stammen sie etwa wie Alexander der Sechste und dessen Söhne und Lukrezia von
einer besondern Menschenart? Es mag Fehler der Erziehung sein oder von dem Mord
herrühren: mir kömmt es abscheulich vor, und ich werde zuverlässig mit ihr
keinen Bastarden von Magus zeugen.
    Ich finde hier eine gute Schule, den Menschen zu studieren, wo er in
verschiednen Punkten seine Vorurteile abgelegt hat und bloss nach seiner innern
Natur lebt; schier wie unter den Imperatoren Claudius und Nero. So viel ist
wenigstens richtig: man trifft unter ein Dutzend Personen von beiderlei
Geschlecht beisammen, wie in wohlgeordneten Staaten, kaum drei oder vier an, die
jederseits Pein litten, wenn sie sich einander helfen könnten. Sorgten nur die
Gesetze für die Folgen, wie in Sparta!
    Mit klopfender Sehnsucht hoff ich auf Nachricht von Euren Gewässern.
                                                            Prospero Frescobaldi
Ardinghello schien mir schon von dem Wirbel des Hofs ergriffen, und mir war
bange vor den Gefahren, die ihn umgaben. Ich glaubte, dass, was ihm so schnell
und heftig aufeinander begegnete, sein junges Gemüt in etwas aus seiner
Grundverfassung gesetzt habe; und rief ihm zu als warmer Freund von fern unter
manchem andern:
    Kein hoher Geist, der frei sein kann, verpflichtet sich an den Hof eines
Despoten; er erwählt lieber Wasser und Brot. Bei einem schlechten Fürsten kann
keiner ausdauern, ohne schlechte Streiche zu begehn: es ist platterdings nichts
anders zu tun für einen Edeln, der sich retten will, als zu fliehen. So hätte
Seneca unter dem schicklichsten Vorwand erst Agrippinen und dann den Nero
verlassen, wenn er ein Stoiker, wie sich gebührt, hätte bleiben wollen. Allein
es gefiel dem Herren zu herrschen: er blieb bei den Tigern und duckte sich unter
ihre Klauen.
    Ich erinnerte ihn an seine ehemaligen republikanischen Gesinnungen, warnte
ihn vor den Ausschweifungen in der Liebe; und beschloss mit der Nachricht, die
ihm so freudenvoll sein musste, dass Cäcilia schon vorigen Monat auf dem Landgut
ihres Vaters am Lago di Garda von einem gesunden und starken Knäblein ohne lange
Mutterwehen glücklich entbunden worden sei; und ich mich nun wieder in der
Nachbarschaft befinde, wo unsre Freundschaft so frisch und mächtig aufgrünte und
in unsern Herzen unzerstörliche Wurzeln schlug. Er könne nun alles einlenken,
sein Leben in Zukunft äusserst angenehm zu machen.
                                                                Florenz, Julius.
Deine zärtliche Sorge für mein Heil rührt mich bis ins Innerste, und die
Nachrichten von Cäcilien freuen mich herzlich: allein die Zeiten meiner Ruhe,
des glückseligen Maulwurflebens sind noch nicht gekommen.
    Ich verstehe alles, was Du sagst: nur möcht ich das Blättchen umwenden und
behaupten: bei einem trefflichen Fürsten kann keiner ausdauern, ohne schlechte
Streiche zu begehen. Die Sokratische Philosophie hat den Fehler, dass sie fast
alles auf den Nebenmenschen und die Gesetze des Staats bezieht und nichts an und
für sich betrachtet, welches natürlicherweise allemal vorgeht. Nach der Meinung
des alten Patrioten, der doch den Schierlingsbecher zu seinem eignen Besten
ausleerte, wäre nur der Löwe gut und schön, der seinen Ateniensern Hasen fing.
Nero, der zwar immer im Taumel lebte und selten klar sah und bei Überlegung, hat
wenigstens damit der wahren Politik ein Ziel gesteckt, dass er sagte: keiner habe
so wie er vor ihm verstanden zu herrschen. In der Tat zeigt die Geschichte des
Decemvirn Appius mit der Virginia die Einfalt der damaligen Zeiten, und Sylla,
Augustus und Tiberius sind schon Virtuosen dagegen im Despotismus.
    Mit der Idee von einem vollkommnen Staate kann man leider geschwinder fertig
werden als der Wirklichkeit; da legen Grund und Boden, Ursprung und Geschichte
des Volks, gegenwärtige Stärke an Leib und Seele, dessen Glauben, Meinungen und
Sitten und Nachbarn unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg und kommen lauter
unbezwingliche borstige Ungeheuer zum Vorschein. Hier hast Du kurz mein
Glaubensbekenntnis; und ich will Dir reinen Wein einschenken:
    Man betrachtet eine Gesellschaft von Menschen, die man einen Staat nennt, am
besten als ein Tier, das von innen Kräfte, Proportion aller Teile haben und
gesund sein muss, und volle Nahrung, um für sich auf die Dauer zu existieren und
glücklich zu sein; und von aussen Stärke, Erfahrung und Klugheit, um sich gegen
die Feinde zu erhalten; denn alles von aussen, wie Kindern bekannt, ist Feind.
    Das Wohl des Ganzen ist das erste Gesetz, wie bei jedem lebendigen Dinge;
und jede Staatsverfassung, wo nur ein Teil sich wohl befindet oder gar
abgesondert wäre, ist ein Ungeheuer, eine Missgeburt.
    Ein Despot also, das ist, ein Mensch, der ohne Gesetze, die aus dem Wohl des
Ganzen entspringen, über die andern herrscht, bloss nach seinem Gutbefinden, ist
kein Kopf am Ganzen des Staats, sondern ein Ungeziefer, ein Bändelwurm im Leibe,
eine Laus, Mücke, Wespe, das sich nach Lust an seinem Blute nährt; oder will man
lieber: ein Hirt, weil doch dies das beliebte Gleichnis ist, der seine Schafe
schiert und melkt und die jungen Lämmer schlachtet und die fetten Alten,
wahrlich nicht zu ihrem Besten, sondern zu seinem Besten.
    Der Staat ist endlich ein Tier, das seine Gesetze hat, weder von Kühen noch
Schafen, sondern von der Natur des Menschen, weil er aus Menschen besteht; und
kein Mensch ist so über andre wie ein Hirt über seine Herde. Ein vollkommner
Staat muss ein Tier sein, das sich selbst nach seiner Natur, seinen Bedürfnissen
und Erfahrungen regiert, wie ein Ulysses für sich nach den Umständen und gegen
andre.
    Eine reine Aristokratie, wo mehrere beständig herrschen nach ihrem
Gutbefinden, ohne Gesetze aus dem Wohl des Ganzen, nur mit Gesetzen für ihr
Wohl, die sie nach Belieben ändern, ist eine vielköpfige Hyder von Despotismus,
viel Ungeziefer auf dem Leibe statt eines.
    Ein Staat von Menschen, die des Namens würdig sind, vollkommen für alle und
jeden, muss im Grund immer eine Demokratie sein; oder mit andern Worten: das Wohl
des Ganzen muss allem andern vorgehn, jeder Teil gesund leben, Vergnügen
empfinden, Nutzen von der Gesellschaft und Freude haben; der allgemeine Verstand
der Gesellschaft muss herrschen, nie bloss der einzelne Mensch.
    Diese Lage aber zu erhalten, dazu gehört ein durchgearbeitetes Volk, das
sich selbst, seine Kräfte und sein Interesse kennt und sich in einen Punkt
vereinigen kann; und selten ist einer, der an der Spitze steht, aus Liebe oder
Gewalt, imstande, eine andre Verfassung in eine solche umzuändern, geschweig ein
Philosoph auf seinem Studierzimmer. Die ursprüngliche Ungleichheit der Menschen
und die daraus entspringende äusserliche Ungleichheit der Besitzungen und der
Gewalt und des Ansehens machen noch überdies den gordischen Knoten, der durch
keine Vernunft an und für sich, ohne Rücksicht auf die jedesmalige Verfassung,
aufzulösen ist. Nur ein Dichter kann auf einmal Tausende und Millionen von
Menschen wie überein gedrechselte Maschinen in einen Raum, wo kein Grad der
Breite von Europa, Afrika, Asien und Amerika ist, hinstellen und in beliebige
Ordnung bringen.
    Was für Mühe kostete es nicht dem römischen Volke, das in dieser ersten
Kunst über alle Nationen hervorragt, ehe es sich von der Gewalt der Könige
losmachte und hernach durch seine Tribunen die Aristokraten bändigte! O es ist
dem Menschen so süss, über andre zu herrschen, deren Knaben und Töchter und
Weiber sich aufwarten zu lassen, ihren besten Wein zu trinken, ihre besten
Früchte, ihr bestes Gemüs und Fleisch zu schmausen, sie im Sonnenbrand arbeiten
zu sehen und selbst in kühlen Schatten faulenzen, sie unter den Schwertern und
dem donnernden Geschütz der Feinde zu wissen, wenn junge zarte Dirnen ihm
sorgsam die Fliegen wegwedeln! Jeder will dazu Recht haben, und göttliches Recht
haben, sobald er im Besitz ist, und liess eher den letzten Kopf von allen seinen
Untertanen, Vater und Sohn, Mutter, Bruder, Schwester, Tochter, über die Klinge
springen, die es rebellisch leugneten, und befände sich lieber allein in einer
Wüste zwischen der Pest der Hingerichteten, als dass er zum Exempel einem Rom
gestattete, ausser seiner Unterjochung das erste Volk der Welt zu sein. Dies ist
in der Natur; so elend ist der Mensch; alle unsre Moral ist gemacht und steht
nur in Büchern: lehrt es nicht alle Geschichte?
    Dasselbe tut man, um Herrschaft zu erlangen, und düngt die Felder mit
Bürgerblute; Du kennst die Verse des Euripides, die Cäsar im Munde führte.
    Sie haben allerlei Blendwerk von Beschönigung ausersonnen, worunter das
täuschendste ist, dem Staate Ruh und Ordnung zu verschaffen und behende Stärke
zu geben; und sie stellen sich an, als ob sie nur dessen erste Diener wären und
grosse Lasten auf sich trügen. Wie ist aber einer Bedienter, dem niemand
befiehlt, der keinen Herrn über sich erkennt? Wie ist einer Bedienter, der nach
Gutbefinden Gesetze macht und gibt und keins annimmt? nach Willkür ohne Gesetze
straft? Gesetzt auch Ruh und Ordnung: ist dies Glückseligkeit? Im Kerker ist
auch Ruh und Ordnung.
    Behende Stärke? Xerxes erfuhr sie anders von den Temistoklessen der
Griechen; und die Diktatoren der Römer, die Camille, sind andre Leute, als
vielleicht je einer unter ihnen war, und kosteten sicherlich weniger zu
unterhalten. Doch wenden wir unsre Ohren ab von diesem Larifari, die Sache
springt von selbst in die Augen. Kein Tyrann wird wohl je so ein Narr sein und
sein Sklavenreich einem freien Rom, Aten oder Sparta vorziehen, strahlende
Namen durch alle Zeitalter; allein wenn er gescheit ist und mit einem Gescheiten
unter vier Augen spricht, ganz etwas anders behaupten; etwa folgendes:
    Jedes Wesen darf von Natur um sich greifen, soviel es Macht hat, es sei
unter seinesgleichen oder andern Dingen. Du zürnst, dass du gehorchen musst?
Gehorche nicht, wenn du kannst! und du erhältst ein ander Recht. Dass ich,
Sultan, zu Konstantinopel herrsche, da es mir Millionen und Millionen Sklaven
erlauben, wie nimmst du das mir übel? Willst du über nichts herrschen? Ist nicht
jeder Mensch ein Sultan, wenn er kann, nicht jeder Stier und Hirsch? Die
Verständigen werden freilich nie gehorchen, wenn sie nicht müssen. Gehorchet
nicht, wenn ihr könnt, solange bis ihr alle Herren seid! und euer Staat ist die
Vereinigung des reinsten Ganzen, eine Sonne, wo jeder Teil Licht hat und flammt
und brennt, und einer den andern verstärkt und entzückt, und alle insgesamt dann
fremde träge Erdenkörper zum Leben erwecken wie jetzt allein ich.
    Es liess sich vielleicht hierauf noch immer antworten: Dass der Löwe minder
starke Tiere zerreisst und ihr Blut aussaugt, ist nun freilich einmal so in der
Natur und erhält ihn und macht ihn glücklich. Dass du Sultan aber über Millionen
herrschest, ist Stelzenwerk und macht dich im Grunde unglücklich; denn du lebst
nur im Traum und Nebel, ohne eigentlichen Genuss. Der Zufall hat dich obenan
geschleudert, nicht deine Kraft hingestellt. Du füllst deine Sphäre nicht aus
und bist immer in einem ohnmächtigen Streben, Gefühl von Schwäche; hast den
Anschein von Held und Sieger und das Innre von einem niedergetretnen
Überwundenen! und so weiter, wenn man ohngeachtet aller Traulichkeiten Lust
hätte, auf der Stelle gespiesst zu werden.
    Um zum Beschluss hiervon nach der Schule noch zu reden: so teilt man die
Staaten ein in Demokratien, Aristokratien und Monarchien; und sagt, jede
Verfassung sei schier gleich vortrefflich, wenn die Menschen gut da wären, das
ist: wenn jeder, oder doch diejenigen, welche regieren, die andern lieben wie
sich selbst und ihr Wohlsein nur in dem des Ganzen finden; und führt zu
Beispielen an Aten nach dem Pisistrat, Rom nach der Vertreibung der Könige und
den Teseus und Cyrus und Romulus aus den dunkeln Zeiten der Fabel.
    Weil aber ein böses principium im Menschen stecke und der reine Geist nicht
allein in ihm herrsche, welches alle die Schlechtigkeiten bewiesen, die sonst
unerklärlich blieben: so habe jede von diesen glückseligen Verfassungen nur
äusserst kurze Dauer und arte bald entweder in Tyrannei aus, denn fast allemal
folge auf einen raren weissen Raben Mark Antonin eine Menge Commodusse, oder in
Oligarchie, wie nach den Scipionen und Gracchen in Rom unter dem Marius und
Sylla, Pompejus und Cäsar; oder Anarchie und zügellose Frechheit. Und in
Betrachtung der Natur dieser Dinge schmieden sie denn einen Staat zusammen, der
aus allen dreien Verfassungen zugleich besteht, und erhalten ihn unsterblich und
ewig vollkommen durch ihre Gesetze, als ob das Leben sich festalten liesse,
besser als Metall und Holzwerk bei Maschinen! Inzwischen sind solche Ideale der
Vollkommenheit von scharfsinnigen und erfahrnen Männern äusserst erspriesslich und
verdienen warmen Dank und hohen Ruhm und Preis, ob ich mich gleich lieber an Rom
und Sparta halte, den edelsten und vollkommensten Greisen unter allen Staaten,
die wir kennen und die vielleicht je gelebt haben. Jeder, der in der
bürgerlichen Welt sich herumschlägt und da und dort gross und herrlich und
menschenfreundlich wirken will oder irgendwo an der Spitze steht, les' ihre
Geschichte und denke sie tief durch mit einer Seele voll Erfahrung: und sie wird
ihm ganz ander Licht gewähren als auch die besten Massregeln eines einzelnen
Politikers.
    Einem Tyrannen den Dolch ins Herz: ändert allein noch keinen Staat um, wenn
er nicht reif zu einer bessern Verfassung ist; das göttliche Wesen, und wenn es
sich auch lauter und rein erkennt, als es von seinem Ursprung gekommen ist, muss
sich überall nach der Materie bequemen, wohinein es vom unerbittlichen Schicksal
getrieben fuhr. Einer, der aus beiden Brutussen zusammengesetzt wäre, würde nun
bei uns immer als Pöbel herumgehen, wenn er ohne Hoffnung sich selbst immer gram
bleiben könnte.
    Unsre Tarquine hatten wir schon verjagt, allein sie wurden uns von einer
unendlich grössern Macht als der des Porsenna wieder aufgebunden, und unsre
innerliche Einrichtung war bei weitem noch nicht so wie die römische zur
Republik gediehen; und noch ausserdem war der heidnische toskanische König gewiss
ein bessrer Mensch als der ortodoxe Karl der Fünfte. Dieser, voll Ehrgeiz und
kalter List und Schlauheit, ohne eigentlichen weitsehenden Verstand, kam zu früh
zur Regierung von grossen Reichen, um ein Mann von natürlichem Gefühl bleiben zu
können. Er ging übrigens noch auf dem Weltteater mit den Menschen um wie
hernach in der Einsamkeit mit seinen Uhren; und es gehörte ein Sturm von Leben
wie beim Rückzug von Algier dazu, und Untergang und Verderben mussten grässlich
vor Augen liegen und seine eigne Person ergreifen, bevor sein Herz in wärmere
Wallung gebracht und gegen fremde Not empfindlich wurde. Geboren zu Anfang des
Jahrhunderts, hat er mit wunderbarem Glück die ganze erste Hälfte desselben
durchgeherrscht, und alles musste gewissermassen sich in seinen Ton stimmen. Unsre
Freiheit und die Glückseligkeit von Millionen künftiger Seelen vernichtete er so
ganz ohne Gefühl, wie ein Vogelsteller einem Gramsvogel im Garn die Brust
eindrückt.
    Es bleibt uns nun nichts anders übrig, nachdem der eiserne Arm mit Gericht
und Beil über uns vereinzeltem bunten Haufen schwebt, der sich nicht mehr
vereinigen kann, als dass einer des andern innerliche Kraft im Vertrauen klüglich
anrege und wenigstens den einen grossen Grundsatz auf die sinnlichste Weise
ausbreite, dass der Staat der beste sei, wo alle überhaupt und die Bessern und
der ausbündig Vortreffliche bei den Vorfallenheiten ihre Rechte geniessen; und
dass man dabei nicht allein auf glücklichre Zeiten hoffe, sondern dieselben
herbeileite. Unter dem Cosmus hat der Despotismus schon zu tiefe Wurzeln gefasst,
und sein Sohn mag so schwach sein und immer mehr schwach werden, als er will: so
lässt er sich sogleich nicht ausrotten.
    Ich für mein Teil darf mich jedoch wenig über Franzen beklagen: er hat mir
nun meine väterlichen Güter wiedergegeben, in besserm Stand, als sie waren, und,
um mich sich desto mehr zu verbinden, noch eine kleine dichterische Villa dazu
geschenkt, nahe bei Cortona, mit der reizenden Aussicht über das fruchtbare Tal
der Chiana und den Trasimenischen See; und mich zugleich zum Oberaufseher aller
seiner Kunstsachen, Schlösser und Gebäude angestellt. Freilich, wenn ich
Isabellen sehe, flammen nichtsdestoweniger immer aufs neue rächerische Blitze
von meinem Herzen.
    Meine Tante und der Kardinal Ferdinand13, der ein ganz andrer Mann ist,
scheinen sich das Leben sehr froh zu machen; so wunderbarlich laufen die
Begebenheiten ineinander.
    Wegen meiner Ausschweifungen in der Liebe brauchst Du nicht sehr bange zu
sein: der hat gewiss ein verwahrlostes Haupt, der nicht beizeiten erkennt, dass
die Gesundheit der Grund und Boden aller unsrer Glückseligkeit ist, ohne welchen
kein Vergnügen bestehen kann; und überhaupt, dass volle Existenz das höchste Gut
in der Welt ist und alles andre dagegen nur Freude von kurzer Dauer.
    Ohnerachtet dieser Grundsätze schweb ich vom neuen in Götterwonne, mehr als
jemals. Ich war noch keine funfzehn Jahr, als ich mit einem kleinen Engel aus
der Nachbarschaft, noch unter meinem Alter, eine Tochter zeugte. Meine Eltern
vermittelten, verbargen und bemäntelten die Sache mit der Schwiegermama, der
hinterlassnen Witwe von einem Buchhändler, so gut als es geschehen konnte. Meine
Geliebte ward in ein Kloster getan und den Augen der Leute so entrückt, und die
Frucht der Unschuld mit lächelnder Zärtlichkeit erzogen.
    Ich habe beide wiedergefunden. In einem Garten voll Blumen aus einem
Traubengeländer flog Emilia auf mich und hing an meinen Lippen, an meinem Herzen
mit tausend neuen Reizen; und führte mir behende dann das süsse Geschöpf zu, das
liebkosend mit ausgestreckten Armen nach mir aufsah und »Vater! Vater!«
entzückend mir durch Mark und Bein frohlockte.
    Sobald ich's möglich machen kann, reis' ich zu Euch; ich muss Cäcilien selbst
sehen und sprechen, mit Briefen ist's nicht getan; und Du begleitest mich dann
hieher. Wir wollen wie in einem Paradiese leben.
                                                                     Frescobaldi
                             Cäcilia an Ardinghello
Nur die Liebe zu Dir hat mich erhalten. O dass ich nicht bei Dir bin! Welch ein
Gegenstück zu unsrer bangen furchtbaren Trennung! Aber noch ist mir die Sonne
der Freude nicht ganz aufgegangen; doch weiden sich meine Blicke an ihrer
lieblichen Morgenröte, und schon wall ich auf den purpurnen östlichen Fluten
entgegen ihrem blendenden ersten Feuer.
    O Du mein alles, Licht und Leben und Heiterkeit meiner Seele, wenn werd ich
mich wieder um Dich winden? mich in Dich verwandeln, nur voll von Dir, nichts
mehr, Dein unaussprechliches entzückendes Selbst sein?
    Wie eine Rebe den Ulmbaum werd ich Dich umflechten, und die süsse Traube soll
Dich schmücken.
    Hand in Hand wollen wir nun die Gestirne blinken und den Mond aufgehn sehen,
im kühlen erquickenden Geflister der bewegten Zweige, ohne Furcht bei der Nacht;
und uns laut küssen und unsre Wonne girren, zwischen Rosen gelagert unter dem
hohen Ahorn, worin die muntern Philomelen seufzen und zwitschern und schlagen.
    Lange lebt ich eine Gefangne, mit schrecklichen Phantasien und Träumen: nur
Du, nur Du, mein Abgott, und wär ich auch ein Vogel in den Lüften, bist in der
weiten Welt meine Freiheit.
                             Fulvia an Ardinghello
Grösster und strahlendster Diamant von allen jungen Rittern!
    O wär ich so die schönste und grösste Perle! nur Deinetwegen.
    Fortuna und Victoria halten nun den Rosen- und Lorbeerkranz über Deinen
Scheitel verschlungen hinten auf Deinem Triumphwagen: aber ich war auch
glücklich! die Glücklichste unter den Weibern. Jene Königin der Amazonen musste
den Überwinder von Asien aufsuchen: und Du kamst zu mir, Genua zu verherrlichen,
und den schwachen kraftlosen Stamm, womit ich vermählt bin.
    Ich trage mit üppiger Hoffnung die Frucht unter meinem Herzen, und sie
beginnt zu reifen. Die Parzen selbst haben ihr künftig Leben aus Deinem Munde
gesungen. Die Korsaren und das Misstrauen meiner Verschwägerten machten, dass ich
noch unverdorben in Deine Arme kam.
    Dir fehlt zum König aller Könige nichts als ein Konstantinopel, ein Ispahan.
                                                             Florenz, September.
Man muss das Eisen schmieden, weil es warm ist. Wir Besten haben es miteinander
abgekartet und den Minister gestürzt, eh er sich's versah. Es war mit dem alten
Ziegenfüssler ohne Bestechung nichts anzufangen, und er hat uns Tort und Drangsal
genug angetan. Wir sind jedoch säuberlich mit ihm verfahren, und er darf in
Einsamkeit und Musse noch seine Beute überzählen. Die Kammerjungfer der Bianca
und der Kammerdiener des Grossherzogs schlugen ihm für eine Summe Zechinen das
Bein unter; das ist: sie brachten ihm aus den Morgenstunden falsche, ganz
entgegengesetzte und doch fein und wahrscheinlich erdichtete Nachrichten von
dem, was man gern sähe: und er plumpte hinein. Wir warfen bei der Gelegenheit
noch einige Lächerrlichkeiten auf ihn und empfohlen unvermerkt den, welchen wir
an seine Stelle wollten.
    Ich hätte den Posten vielleicht für mich erobern können; aber ich mocht ihn
nicht. Auch bei einem wackern Fürsten, dem ein schlaues Weib gelüstet, kömmt der
trefflichste Mann zu kurz; er hält ihn mit seinen allerweisesten Ratschlägen
doch nur immer bei den Ohren: und die reizende Kreatur, mit geringerm Aufwande,
weit stärker anderswo in nektarsüssen Banden. Überdies musst ich scheuen, bei
erster Gelegenheit ein Opfer der Eifersucht zu werden.
    Der neue lässt sich gut an; er scheint ein Mann von Kopf und hat Aufwallungen
von Mut, doch merk ich Winkelzüge. Wir wollen sehen, wie lang er aushält: noch
ist er den Zauberfelsen der Sirenen nicht vorbei und keine Scylla und Charybdis
durch, und an seiner Stelle werden die mehrsten bald über einen Leisten
geschlagen. Jetzt gefällt er sehr der Bianca und dem Fürsten. Es war eben kein
Bessrer da. - Ich hab ihn beredet, sogleich in der Stadt und auf dem Lande einige
neue Anordnungen einzurichten, die erspriessliche Folgen haben dürften.
    Fürs erste ist die Anzahl der täglichen Lehrstunden in den öffentlichen
Schulen vermindert, das bloss leere scholastische Geschwätz, soviel möglich,
daraus verbannt; und es sind andre wackre Meister in verschiednen Fächern mit
guten Besoldungen angesetzt worden.
    Die Geschichte von Florenz und dessen bürgerlicher Verfassung wird nun
gelehrt, woran man nicht mehr dachte, nebst der von Griechenland und Rom, nach
kurzen einfachen vorläufigen Begriffen von menschlicher Gesellschaft überhaupt.
    Alsdenn die Naturgeschichte des Landes; mit sinnlicher Anzeige dessen, was
der Boden gut hervorbringt, am besten zum Lebensunterhalt dient und am besten
verkauft wird. Noch überdies sollen die Zöglinge während der Ferien bei den
Wallfahrten alles an Ort und Stelle in eignen Augenschein nehmen.
    Ferner haben wir den Festen und Spielen der Jugend einen edlern Zweck
zugesellt; und man wird nun Schwert und Schiessgewehr mit Leichtigkeit bei
Beleidigungen gebrauchen lernen. Zugleich sind sie unvermerkt Gelegenheit, dass
der Kern der Mannschaft sich geschwind vereinigen kann, wenn es die Not
erfordert. Alle Woche ist in den Städten und wichtigsten Flecken eine
Fechtakademie und doppelte Ehrenpreise, weil die Verdorbnen die Belohnung doch
gleich in der Hand haben müssen; und in Stadt und auf dem Lande wird ebenso nach
dem Ziele geschossen.
    Und endlich sind nun für Knaben und Mädchen öffentliche Musikschulen und
Tanz- und Zeichnungssäle; was ist Leben ohne Freude?
    In das Seewesen hab ich mich noch nicht einmischen können. Mehr ist nicht
möglich, für jetzt zu tun: so ist das Volk schon gesunken.
    Unser junger Monarch ist übrigens leicht zu leiten; und er findet, obgleich
nicht ohne gute natürliche Anlagen und manche helle Blicke, doch dies, aus einer
sonderbaren Schwachheit, selbst zu handeln, fast immer das beste, was der letzte
Wohlredner ihm entschlossen vorträgt.
    Äusserst selten tut er etwas aus sich: Hülfe und Gesellschaft muss er überall
haben.
    Gewohnheit ist eine schreckliche Tyrannin! Die Quelle des Übels liegt darin,
dass die bequemlich gewordnen Romulusse und Cäsarn durch blosse Geburt von
Kindheit an bei der geringsten Kleinigkeit bedient werden und hernach Maschinen
sind, von einer Menge Leuten zusammengesetzt, nie ganz und unabhängig, eher
Schnecken und Schildkröten als Adler in den Lüften, die sie doch sein möchten.
Bauer und Bettler haben mehr Gefühl eigner Existenz als sie und geniessen grössere
Glückseligkeit.
    Noch isst und trinkt er gern etwas Gutes; und er hat seine Zunge im Geschmack
so ausgebildet wie ein grosser Tonkünstler sein Ohr und ein Correggio sein Auge.
Auch lässt er die besten Reben kommen von Osten und Westen und pflanzt sie an in
Toskana: und dies verdient gewisslich allen Dank. Die Zunge ist der Massstab
seiner Gesundheit; wenn sie nämlich gerade das Mittel hält zwischen Trocken und
Feucht, befindet er sich am besten. Süss und Bitter unterscheidet er nach allen
Graden wie Licht und Finsternis mit ihren Farben.
                                                                     Frescobaldi
                                                                   Rom, Oktober.
Ich bin mit dem Kardinal hieher gereist, um Kunstsachen zu kaufen und in Ordnung
zu bringen; und streiche nun herum wie eine Flamme, so ist alles bei mir in
Bewegung.
    Wer Rom in seinen Ruinen und seiner Versunkenheit ganz fühlen wollte, müsst
ein neuer und doppelt und dreifach grosser Marius auf den zerstörten und
zerfallnen Kaiserpalästen des Monte Palatino sitzen. Kein Mensch auf dem
heutigen Erdboden vermag dies; alles ist dagegen zu klein, was herkömmt und was
da ist. Meine Tränen rinnen auf die heilige Asche der Helden, und ich schaudre
zusammen in der Unwürdigkeit, wozu mich das Schicksal verdammt hat. Welch ein
Glück, bei seiner Geburt in ein Rom zu den Zeiten der Scipionen auf die Welt
geworfen zu werden! Aber dies kann niemand mehr begegnen.
    Wer sich eine Idee von der römischen Gegend machen will, muss sie an einem
heitern Morgen oder Abend auf dem Turme vom Kapitol sehen. Weit, voll grosser
reinen Gegenstände, ein entzückend Stück Welt, zu handeln und wieder auszuruhn,
ist sie; schöne Hügel, fruchtbare Flächen, ferne Ketten kühl Gebirg und das
unermessliche Meer in der Nähe zum leichten Ausflug in alle Nationen. Und wie
stolz und königlich nun Rom in der Mitte liegt auf seinen freundlichen
mannigfaltigen Höhen, an der Schlangenwindung des Tiberstroms, als stark
anziehender Vereinigungspunkt! Zeigt mir eine andre Stadt in der Welt, im
herrlichen Europa, von wo aus man dasselbe und Afrika und Asien so bequem
beherrschen könne, gerad im mildesten menschlichsten Klima zwischen Hitze und
Kälte!
    Es bleibt dabei: Luft und Land macht den Hauptunterschied von Menschen:
alsdenn kömmt Zufall und die Kette der Begebenheiten, Neuheit und Ablebung;
alles geht im Kreis und Taumel, und die Bewegung läuft immer fort. Es kann nicht
fehlen, jede Gegend stimmt mit der Zeit die Seelen der Einwohner nach sich. Rom
ist weit, glänzend und gross in prächtigen Fernen, schön in der Nähe; still auf
seinen bekränzten Hügeln und einsam zum Genuss und Nachdenken: und so die Römer
von jeher, was die Form betrifft, und sie werden's bleiben. Jetzt geben ihnen
ihre eignen Ruinen etwas Zerstörendes, das noch entferntere Gegenden als ehemals
empfinden.
    O dass Du nicht hier bist und mich begleiten kannst! Doch ist auch wieder
Genuss und Rührung stärker bei traurigen Gefühlen, wenn der Mensch allein ist.
    Ich bin die ersten Tage in den Gebirgen herumgeritten zu Tivoli, Palestrina,
Frascati und Albano; und hernach an der See herum zu Nettuno, Ostia,
Civitavecchia. Wie ein Hannibal such ich es einzunehmen, das unbändige Rom: aber
es wird mir wie ihm nicht gelingen. Alsdenn hab ich es wieder von seinen Höhen
betrachtet: und nun stürz ich mich hinein in die Tiefe. Meine Seele kann wegen
der vorigen Stürme noch keine rechte Ruhe finden, und dies treibt mich oft nach
kurzem Schlummer vom Lager auf; hier will ich Dir denn, um mich zu zerstreuen
und vielleicht zu Deinem Vergnügen etwas beizutragen, zuweilen einige Worte über
mein gegenwärtig Leben hinwerfen. Für Eingeweihte ist das willkürliche Zeichen
immer ein guter Zauberstab, die Gefühle eines andern wieder hervorzurufen, zumal
wenn sie dereinst dieselben Gegenstände vor sich haben.
    Gestern früh bin ich an dem Kolosseum herumgeklettert. Es liegt auf dem
herrlichsten Platze, den man sich denken kann; gerad in der Mitte des alten
Roms, in dem Tale zwischen den drei Hügeln Palatino, Celio und Esquilino; und
war der bequemste Freudenort für alle Einwohner. Es ist rührend und schrecklich
zugleich, wie einige Zwergenkel der heroischen Urväter und die Barbaren an den
erhabnen, in schöner Form erbauten Massen genagt und zerstört haben und sie doch
nicht zugrund richten konnten. Die eine Hälfte der äussern Einfassung ist
weggetragen, und aus den geraubten Trümmern sind die stolzesten Paläste der
neuern Welt aufgeführt; die andre steht noch, ein weiter Kreis in hoher grauer
Majestät mit lauter Quaderstücken von Felsen und dreifachen festen Säulen
übereinander mit korintischen kleinen Pilastern oben gekränzt. Die
Zusammenfügungen von Stein auf Stein hat das Maulwurfsgeschlecht überall
durchlöchert, um die metallnen Pflöcke herauszuholen; und die breiten Sitze von
Bausteinen stehen auf Gewölben noch zum Teil rundum in Trümmern, und zum Teil
hat sie die Zeit in Ruinen darniedergestürzt, und sie liegen unten im Schutte.
    Gras und Kraut und Gesträuch mit Lorbeerstauden grünt und blüht überall, wie
auf einem Anger von fruchtbarem Boden, und das Oval der Arena ist eine
vollkommne Wiese.
    Eine solche Gestalt hat jetzt das ehemalige Wunder der Welt, das
achtzigtausend Zuschauer fasste, welche alle binnen wenig Minuten wieder auf der
Strasse sein konnten, und erschüttert noch den kühnsten der heutigen Erobrer.
Herum trauern der Esquilino und Palatino und Celio mit ihren zerfallnen Tempeln,
Bädern, Wasserleitungen und niedern Gewölben.
    Der Plan zum Ganzen ist äusserst einfach. Die Rundung eiförmig; und der
grössere Durchmesser teilt sich in vier kleine, von denen zwei die Arena einnimmt
und einen auf jeder Seite der Gang vom Gebäude selbst, die zusammen etwas über
achtundert Palme ausmachen; die Peripherie hat deren drittehalbtausend.
    Die Höhe besteht aus vier Absätzen. Die drei untern sind mit Säulen nach
dorischer, ionischer und korintischer Ordnung in Bogen übereinander, der vierte
ist mit kleinen korintischen Pilastern geziert und schliesst ohne Bogen mit
einem prächtigen dreigestreiften Gebälke. Die ganze Höhe macht
zweihundertundzweiunddreissig Palme.
    Es muss viel Holz darinnen gewesen sein, weil es verschiednemal abbrannte,
und zuweilen bloss einfach und zuweilen reich verziert und vergoldet war. Die
innre Aussicht ging in eine Ordnung von einzelnen Säulen aus, die das Zelt
festielten, nach den Münzen des Titus und Domizian.
    Die Schönheit der Säulen besteht mehr im Verhältnis der Teile als der
Arbeit; ihre Form ist rauh und einfach, wie es die ungeheure Festigkeit
erheischt.
    Das Amphiteater von Verona ist kleinlich und provinzial dagegen.
    Mir winkte obenauf durch Ruinen und Gesträuch, ewig jung und unversehrbar,
die Pyramide des Cestius von fern in blauer Luft, und ich konnte nicht erwarten,
dahin zu gelangen; strich an dem halb eingefallnen Septizonium des Severus
vorbei durch die Niederlagen des Circus Maximus zwischen den Aventinischen und
Palatinischen Bergen nach dem Tiberstrom zu und daran fort, bis ich der reinen
schroffen Felsenspitze immer näher kam. Ach, wie alle die Herrlichkeit so
verwüstet liegt! Und doch sind die Überbleibsel der Verwüstung nur klein gegen
das, was stand: vom Circus Flaminius, Agonalis, Florealis, Vaticanus, von denen
des Sallust und Nero ist keine Spur mehr zu finden. Und was waren die Gebäude
selbst in ihrer Vollkommenheit gegen das ungeheure Leben darin! Die Phantasie
des Menschen mit ihrer Götterkraft scheut sich zurück, wenn sie sich eine
Vorstellung machen soll, wie nach dem Siege des Metellus in Sizilien über
Kartago hundertundzweiundvierzig Elefanten auf einmal kämpften und erlegt
wurden, und von hundert Löwen unter dem Sylla es bis auf sechshundert unter dem
Pompejus kam. Unter den Kaisern vollends folgte hierin eine Ausschweifung auf
die andre. Trajan gab nach dem Dacischen Kriege und dem Tode des Decebalus
hundertunddreiundzwanzig Tage lang dergleichen Schauspiele, wo zuweilen bis auf
zehntausend zahme und wilde Tiere und unzählbare Gladiatoren kämpften; und
Commodus brachte nach dem Lampridius hundert Elefanten mit eigner Hand um.
    Es ist klar genug, dass ein solches Volk, welches noch überdies wirkliche
Könige und Helden am Leben, wie Jugurta, ihren letzten Tropfen Existenz in
seinen öffentlichen Gefängnissen bis auf den äussersten Hunger ausdauern sah, der
kleinern ateniensischen Tragödie nicht bedurfte, um das Herz nach dem
Aristoteles von Furcht und Schrecken zu reinigen. Und was sind wir, denen die
Vorstellungen des Sophokles und Euripides zu grausam vorkommen?
    Es ist wohl wahr, der Mensch bezieht alles auf sich selbst, und also auch
die Werke der Kunst; sein Gefühl ist wie sein Charakter. Ein Miltiades,
Temistokles, ein Sylla und Cäsar können bei Gegenständen Vergnügen empfinden,
die bei einem Schwachen Abscheu erregen und ihn martern, weil er nicht die grosse
starke Selbstständigkeit hat, die Leiden andrer ausser sich zu fühlen, ihre Natur
und Eigenschaften wie jene mit ihren Kräften zu ergründen und zu erkennen, die
Sphäre seines Geistes dabei zu erweitern und zugleich über alles dies
emporzuragen, ohne sich als Teil damit zu vermischen und selbst zu leiden.
Griechen und Römer vergnügte vieles, wovor wir fromme moralische Seelen Abscheu
haben. Der letztern Fechter waren meist zum Tode verdammte Sklaven; und die
Tragödien der erstern zeigten ihnen, wie Menschen untergehen, die nicht
vollkommen genug sind, und wie Held und Heldin bei Ausübung hoher Tugenden
leiden soll oder sich weise mit ganzem Bewusstsein unter das Gesetz der
Notwendigkeit, den ungefähren Zusammenstoss der Begebenheiten beugt. Dies
ergreift männliche Seelen, und ein solch ausgewählt Leben, von trivialen
Lumpereien fern, dringt in nichtsdestoweniger rein und scharf fühlende Herzen;
es ging nach dem grossen paradoxen, unsrer empfindelnden Welt unbegreiflichen
Grundsatze der Stoiker: der Weise erbarmt sich, hat aber kein Mitleiden.
    Die Pyramide ist ein gar herrlich Werk, hundert und etliche Fuss hoch. Sie
steht ewig jung da, obgleich das Grün von Gesträuchen sich hineingenistet hat,
wie ein gediegner Feuerwurf aus der Erde, so scharfflammend; grade gegen die
vier Weltteile mitten zwischen den Ringmauern, die Seite nach der Stadt gegen
Norden. Üppig fest trotzt sie der Luft, dem Himmel und seinen Wolken. Eine
dauerhaftere Form gibt's nicht: alles, was von oben herunterfällt und in der
Erde anzieht, macht sie stärker, die mächtigste Feindin der Zerstörung. Aber was
hilft's? Der Geist und das Leben ist doch weg aus dem Menschen, der darunter
begraben liegt; sein Name bleibt indessen immer etwas. Wie das zarte Schwarz dem
innen blendendweissen Marmor so lieblich lässt! Sie steigt hervor so natürlich wie
ein Gewächs, und die ägyptische Nachahmung schlägt alle römische Grabmäler,
selbst die der Metella, des August und Hadrian, darnieder.
    Da ich so nahe mich befand, wandelte ich noch zum Tore hinaus über die alte
Via Ostia nach der Sankt-Pauls-Kirche, die Konstantin der Grosse angelegt haben
soll. Welch ein Eindruck von verschiednen Empfindungen! Schönheit und Pracht in
ihrer grössten Herrlichkeit entzückt Augen und Phantasie: und die Armseligkeiten
darum her setzen einem das Messer an die Kehle wie Diebsgesindel. Man hat hier
Roms ungeheure Macht und Ruin beisammen.
    Sie ist von innen wie ins Kreuz gebaut, doch merkt man's kaum, und sie
bleibt ein Oblongum; nachher erst hat man die Verehrung vom Kreuz ins Alberne
getrieben. Die vierzig gestreiften haushohen korintischen Säulen und die
vierzig kleinen glatten unter dem Schiffe machen, mit den über doppelt breiten
mittlern, fünf Gänge, die ihresgleichen in der Welt nicht haben. Unter den
gestreiften sind zwei Dutzend von parischem Marmor in höchster Schönheit. Das
Scheurendach und Obergebäude darüber mit den acht Fenstern macht damit einen
wunderbaren Kontrast, der aber doch einfach ist und gewissermassen dem Untern
entspricht, und dies gibt dem Ganzen eine furchtbare Grösse; die entzückendste
griechische Schönheit muss, vom Schicksal unwiderstehlich genötigt, den wilden
Barbaren dienen.
    Der Boden ist aus Marmortrümmern, worin hier und da noch Fetzen von
Inschriften sich befinden. Im Kreuzgange, wenn ich ihn so nennen darf, sind
sechs grosse und zwei kleine Altäre mit dreissig Porphyrsäulen, alle, zwei oder
drei etwa ausgenommen, aus einem Stück, wie die achtzig weissen Marmorsäulen; und
noch tragen da die Decke sechs ungeheure von ägyptischem Granit und vier ebenso
grosse von Marmor. Der herrliche freie Raum tut einem ungemein wohl zwischen den
Säulen, samt der uneingeschränkten Höhe.
    Diese Kirche bleibt die höchste Pracht der Welt, und nichts übertrifft sie.
Man mag von den gefangnen rührenden Schönheiten nicht weggehn, wie von lauter
Iphigenien in Tauris, und die ganze Seele stimmt sich daran rund und
geschmeidig.
    Man sagt, die Säulen wären vom Grabmale Hadrians, der jetzigen Engelsburg,
genommen, und es ist sehr wahrscheinlich. Die Asche des Kaisers muss dort wie in
Blumen gelegen haben; unglückliche Manen! Übrigens ist es den Römern wieder
ergangen, wie sie es den Griechen machten; und derjenige, welcher diese Kirche
baute, hat vielleicht, wie Mummius bei Fortschaffung der geplünderten Statuen
von Korint den Schiffern, ebenso den Baumeistern gedroht, sie sollten andre
Säulen machen lassen, wenn sie etwas daran verdürben oder zerbrächen.
    Mich überfiel der Mittagsbrand, wie ich wieder in der freien Sonne war, als
ob ich aus einem kühlen Bade käme; und ich verdoppelte meine Schritte nach dem
Tore, wo die zwei wilden Türme aus den mittlern Kriegszeiten und die mit Efeu
dicht behangne alte Stadtmauer neben der Pyramide mit ihrem Schatten mich
erfreulich an sich zogen. Mir schien der Weg zu weit bis auf den Spanischen
Platz, und ich begab mich unter die Pinien, Zypressen, grüne Eichen und
Maulbeerbäume, nach den frischen Weinkellern des Monte Testaccio; liess mir's
köstlich bei einem alten Wirt, einem Sizilianer und Sohn des Ätna, schmecken,
und legte mich nach wohlgehaltnem Mahl und angenehmem Geschwätz in ein Zimmer
gen Norden zur süssen Ruh nieder, und fiel in einen erquickenden Schlaf.
    Gegen Abend erwacht ich wieder und hörte in einem Saale neben mir:
Michelangelo, Raffael und Antiken und unten Trommel und Geige. Ich sprang auf,
und sah zwischen den Bäumen Fest und Tanz und Schönheit, und trat in den Saal.
Der Streit war so heftig, dass man mich nicht bemerkte. »Michelangelo«, sprach
ein reizender junger Mensch, »gehört gar nicht unter die Maler, so wenig als
einer, der bloss den Kontrapunkt versteht, unter die grossen Sänger und Geiger.
Was hat er denn hervorgebracht? Seine Capella Sixtina, und weiter nichts als
seine Capella Sixtina. Ist dies gemalt? Ist dies Natur? Wer kann sich erinnern,
irgend etwas in der Welt gesehen zu haben, das seinen Herrgöttern, Propheten und
Sibyllen und vollends seinen Seligen und Verdammten gliche? Geschöpfe einer
ungeheuren Einbildungskraft, die zwar erstaunlich viel für Studium den
Künstlern, aber wenig für Volksverstand und nichts für Auge und Herz sagen.
    Der elende Florentinerschmeichler Vasari hat mit dem Dampf von seinem
Weihrauchkessel, den er dem alten Kunstdespoten unter der Nase herumschwenkte,
damit er durch dessen Empfehlung etwas zu malen bekäme, den Leuten das Gehirn
benebelt. Und ist dies gross im Geiste, wie er die gütige himmlische Seele, den
Raffael, verfolgt hat? Weil er selbst sein Unvermögen in der Farbe erkennen
musste, so zeichnete er mit aller seiner Gelehrsamkeit die Umrisse dem Venezianer
Bastian, und dieser sollte mit seinem Kolorit den Pfeil vergiften. Aber was kam
zum Vorschein in Pietro Montorio? Ein Zwitterding, welches seiner Einsicht
wahrlich wenig Ehre macht, und der Göttliche blieb, wer er war. Raffael
hingegen, der edle reine Jüngling, der nur die Vollkommenheit der Kunst im Auge
hatte, sonder Neid, strebte in Unschuld, das zu dem Seinigen noch zu gewinnen,
was der weit Ältere, der Mann in Rücksicht seiner, Vortreffliches besass; und
wahrlich meistens aus kindlicher Guterzigkeit: denn die Antiken sind doch auch
hierin ganz andre Muster, und Michelangelo ist dagegen ein Wilder. Und endlich
konnte Raffael wohl von Michelangelo lernen, aber Michelangelo nicht von ihm;
denn was den Raffael zum ersten Maler macht, lehrt und lernt sich nicht.«
    Ein Landsmann von mir, der eigentlich mit diesem im Klopfgefechte begriffen
war, wurde darüber vor Ärger grün und gelb, und die Nase schwoll ihm zusehends:
doch konnt er vor Zorn nichts hervorbringen, so wortreich er auch sonst ist, und
hätte bald wie Markus Tullius Cicero vor dem schönen Clodius, dem rebellischen
Tribun, das Hasenpanier ergriffen, wenn ich nicht einigermassen seine Partie
aufnahm. Ich antwortete:
    »Die Herrgötter von Michelangelo könnt Ihr freilich nicht in der Welt
gesehen haben: aber gibt's in der neuern Kunst erhabnere Gestalten? und
entsprechen sie nicht doch alle dem, was der gemeine Mann bei uns sich als
Zauberer vorstellt? Eure Gestalt selbst, Freund, ist zu edel und Eure Blicke zu
hochgeistig,« fuhr ich fort, »als dass der Gott, der die Sonne schafft, und der,
welcher die Eva schafft, Euch nicht ergriffen haben sollten. Das Erhabne schlägt
ein wie ein Wetterstrahl und berührt am ersten die grossen Seelen. Die Propheten
und Sibyllen sind lauter mächtige Charakter in Feuer, Eifer und Begeisterung.
Und im Jüngsten Gericht verdammt Christus streng, droht die Sünder majestätisch
mit aufgehobner Rechten fort: indes die zärtliche Mutter mit angelegten Armen
und Händen an die Brust die Seligen heraufwinkt; und es ist ein Spiel der
Phantasie, wo der menschliche Körper in allen möglichen Stellungen wunderbar
sicher ausgezeichnet ist.
    Ich habe vor wenig Tagen«, fügt ich hinzu, »ein kleines Gemälde von ihm
gekauft, welches vorstellt Christum am Kreuz, wo der Erlöser gesagt hat: Weib,
siehe, das ist dein Sohn! und zu dem Jünger, den er liebhatte: Siehe, das ist
deine Mutter! Unten auf beiden Seiten mit der Mutter und dem Johannes, sie
rechts, dieser links; und an den Armen des Gekreuzigten schweben zwei Engel in
einem Gewitterhimmel voll Dunkelheit und Feuergewölk.
    Christus und die Madonna sind die erhabensten tragischen Gestalten, die ich
je in Malerei gesehen habe. Christus ist ein leidender Alexander, Hannibal,
Cäsar und was man Grosses und Erhabenes von Menschheit kennt. Ein göttlicher
Jüngling voll Güte für den grossen Haufen, welcher der Menge unterlag: ein
Tiberius Gracchus, und die Mutter eine Cornelia, voll Geistesstärke und Grösse.
    O wie verschwinden alle Madonnen und wie ist selbst Raffael, den ich
bewundre und liebe wie den neuern Apelles, klein dagegen und gewöhnlich!
Stellung von ihr, Blick zu ihm, zu seinem schmerzenbändigenden scharfen Aug und
hohen Angesicht; herabgehaltne Rechte, voll Kraft und Zorn angehaltner linker
Arm, Daum und Zeigfinger nach dem Jünger hin gerichtet; der Wurf des blauen
Mantels über das rote Gewand: alles harmoniert und macht ein Ganzes. Johannes
sinkt vor Schmerz zusammen mit übereinandergeschlagnen auf die Brust gelegten
Händen.
    Welch Meisterwerk von Zeichnung ist der Körper des Gekreuzigten! Wahrheit
bis in die kleinsten Teile und zugleich Leben und Leiden durchaus in Einheit.
    Man fühlt wirklich hier etwas von dem, was Vasari im allgemeinen sagt, der
zuweilen so golden beschreibt, ob es gleich wahr ist, dass ihn seine antike
Vaterlandsliebe zu Ungerechtigkeiten gegen die drei grossen Apostel der Kunst,
Raffael, Tizian und Correggio, verleitet: es ist, als ob ein himmlischer
kraftvoller Genius heruntergekommen wäre und Mitleiden mit allen den Stümpern
gehabt und denselben gezeigt hätte, wie ein Christus am Kreuz und eine Madonna
und ein Johannes dabei vorzustellen sei. Er ist bis zur Täuschung angenagelt und
bewegt sich gerade dazu, wie es sich schickt.
    Die Mutter ist ein hohes Weib, noch in unverwelkter Schönheit, ihres Adels
bewusst, die über die Grausamkeit zürnt, welche man an dem Sohn ausübt, sein
ganzes Leiden fühlt mit dem weinenden Feuerblick: aber in der Zerknirschung noch
solche Festigkeit und Erleuchtung hat, um erhabner als eine Niobe dabeizustehen
und anzuschauen.«
    Der junge Künstler fuhr auf, drückte mir beide Hände, freudig und verschämt
im Gesichte glühend, und sprach freundlich zu mir: »Ich habe nur gelästert, um
den dort zu schrauben; und überhaupt erfährt man mit den bittersten
Widersprüchen am besten die Wahrheit, die man sonst selten aus den verborgnen
Tiefen eifersüchtiger Virtuosen hervorholt. Ich kenne das kleine Gemälde von
Michelangelo wohl; wievielmal ist es nicht kopiert worden! Nur wünscht ich, dass
die Figuren in Lebensgrösse wären. Ich kann das Kleine nicht leiden, es geht mir
wider den Sinn; und ist ein Schlupfwinkel, wohinein sich Mittelmässigkeit und
Schwäche verbirgt und bei Weibern und Kindern und Unverständigen grosstut.«
    Ich antwortete ihm, dass ich hierin gar sehr seiner Meinung wäre, dass aber
doch am Ende alle Kunst bloss Zeichen sei und Verstand und Geist am mehrsten von
einem Menschen entscheide; und dass, wer keinen Verstand habe, nirgendwo obenan
stehen könne. Michelangelo hätte sich überaus mit seinen Enakskindern, den
Propheten und Sibyllen genug gerechtfertigt. Unterdessen sei wieder wahr, es
könn einer ausserordentlich viel Verstand und Erhabenheit in der Denkungsart
haben und doch ein schlechter Maler sein.
    Hier tat einer in der Ecke mit hämischem Blick und boshaftem Lächeln den
Mund voll gerader weisser scharfer Zähne aus einem prächtigen schwarzen Bart auf,
streckte die rechte Hand hervor aus einem abgetragnen grauen Mantel, fuhr in
meiner Rede fort und sagte:
    »Und einer blutwenig Verstand haben und ein sehr berühmter, vielleicht auch
guter Maler sein.
    In dieser Kunst kann es einer ohne Schöpfungskraft, Erfindungsgeist, ohne
eigentlichen Verstand, oder wie Ihr das heisst, was im Leben einen Menschen über
den andern setzt, nach dem allgemeinen Urteile weiter bringen als in irgendeiner
andern, wenn er nur ein gutes Auge hat, sich eine fertige Hand erwirbt im
Schweisse seines Angesichts und überdies Achtung gibt, was denen gefällt, die
reich sind und kaufen. Und je mehr er blosser Kopist der Natur ist, desto mehr
wird er gefallen. Und er muss behaupten, dies sei das Wahre, und alle Überflüge
der Einbildungskraft, die nur hie und da einige Sonderlinge aufhielten, als
leeres Zeug verachten und fragen, was nennt ihr erhaben?«
    Ich wusste nicht, ob ich dies für Mutwillen, Satire oder Ernst aufnehmen
sollte; doch hetzt' es mich schnell auf, und ich antwortete geradezu, wie es die
Lage der Sachen erheischte.
    »Erhaben?« versetzt ich, »ist ein höher Wesen, das in uns eindringt mit
Empfindungen, Gedanken, Gestalt, Gebärde, Handlung; und man bedarf da keiner
weitläuftigen Schreiberei von Sophisten. Wer nicht über andre ist, soll sie
nicht zu Paaren treiben und ihnen vorpredigen wollen, es sei, worin es sein mag.
Pracht lässt sich wohl damit vereinigen, aber Pracht ist nicht Erhabenheit.
Erhaben im höchsten Grade, was die Kräfte des Menschen unendlich übersteigt.
Überall füllt es die Seele mit Entzücken, Schauder und Erstaunen, dass sie die
Zeit vergisst, und versetzt den Menschen unter die Götter.«
    »Wir werden nie mit der Kritik nur einigermassen ins reine kommen,« erwiderte
er darauf kalt und trocken, »wenn wir nicht die Grenzen jeder Kunst bestimmen
und feststellen, was sie überhaupt selbst ist. Und wir sind jetzt da, uns zu
freuen, und nicht, den Weg durch dieses Labyrint auszuspähen. Lassen wir es
also bei dem Gesagten bewenden.«
    »Nein, nein!« riefen hier einstimmig verschiedne, »es ist noch hoch am Tage,
und die schönste Zeit dazu; setzen wir das angenehme Gespräch weiter fort.« Und
so baten sie ihn: und der so heftig gegen Michelangelo sprach, streichelte ihn
liebkosend am Barte, bis er folgendermassen anfing:
    »Das erste und heftigste Verlangen der Seele, welches sie nie verlässt, ist
Neuheit, und dann Durchschauung, und endlich Vollkommenheit oder Zerstörung der
Dinge. Dies treibt die Unsterbliche durch alle Welten. Sie schafft und wirkt,
ihre Schwingen sind unermüdlich und verlieren ihre Kraft nie, und sie kann nicht
aufhören, sich zu bewegen und bewegt zu werden; so bescheiden gegen sich, dass
sie von sich selbst nichts weiss: aber die Iliade zeugt überall genug von
Homeren.
    Nun ist der Mensch selten in der Lage, dass seine Seele in der Wirklichkeit
hienieden nach diesen ihren Neigungen glücklich sein könnte: sie wirft sich also
aus Verzweiflung in die Kunst und treibt damit ihr Spiel. Wohl derjenigen, die
lange in den seligen Träumen hinschwebt, ohne zu erwachen!
    Alle Kunst ist Darstellung eines Ganzen für die Einbildungskraft. Sie
unterscheidet sich nach den Mitteln, die sie dazu braucht; und diese sind in
jeder Art ihre notwendigen Schranken, wohinein sich ein Weiser leicht bequemt
und worüber nur die Unklugen hinauswollen.
    Aristoteles, und wer ihm folgt, schränkt die Poesie auf Handlungen ein, als
ob die Sprache nichts anders sinnlich vorstellen könnte: aber selbst die
griechischen Dichter haben sich nie diesem Gesetz unterworfen; und Virgils
Georgica und die Natur der Dinge des Lukrez und manche hohe Hymne blosser
Empfindung werden Meisterstücke bleiben.
    Die meisten haben wunderliche Begriffe von Poesie und meinen, sie könne ohne
Nebel und Wolken nicht bestehen, und müsse platterdings ein Rausch, eine Raserei
sein, und scheue das Licht der Vernunft; und die albernsten Pöbelmärchen und
Kinderfabeln wären ihr Bestes und Wesentliches, und würdigen sie so herab von
ihrem Adel. Wenn sie nur den Sophokles und Euripides wollten sprechen hören, die
diese Kunst zur Vollkommenheit gebracht, so könnten sie sich leicht von ihrem
Wahn befreien.
    Die Bildhauerei und Malerei stellt Oberflächen von Körpern dar, die
letztere, insoweit sie sich durch Farben zeigen.
    Ein neues Ganzes, wie schon gesagt, oder ein altes neu auf die wahrste und
lebendigste Weise den Menschen in die Seele bringen ist Kunst. Das Schicklichste
für den Dichter sind Handlungen, oder Bewegungen im Zeitraum, weil seine
Zeichen, das sind Worte, nur nach und nach können gehört werden; aber doch kann
er immer auch damit Dinge nebeneinander oder Körper darstellen, und der Zuhörer
denkt sie sich zusammen, wie er am Ende bei den Begebenheiten selbst muss. Homer
würde wohlgetan haben, wenn er die Gegend von Troja nicht für bekannt angenommen
und die Jahrszeit, worin alles geschah, sinnlicher gemacht hätte. Wer denkt an
Zeit, wenn ich einem mit Worten etwas beschreibe und dieser getäuscht dasselbe
dabei sich vorstellt? Bei jedem Genusse sind wir ewig und scheinen die Zeit
nicht mehr zu fühlen.
    Unser Leben ist kurz: wer uns ein Ganzes täuschend am geschwindesten in die
Seele bringt, erhält den Vorzug.
    Wenn einer inzwischen gar zu grosse Begierde hat, ein neues Ganzes zu wissen:
so behilft er sich auch mit dem mangelhaftesten Mittel, bis er ein bessers
vorfindet.
    Ein Dichter muss dem Maler immer in Schilderung körperlicher Gegenstände
unterliegen: und geradeso geht's dem Maler im Gegenteil mit Handlungen.
Nichtsdestoweniger ragt doch die Poesie mit ihren willkürlichen Zeichen über
alle ihre Schwestern hervor. Kein Maler kann die Grösse der Alpen, das unendliche
Meer, den unendlichen Himmel schildern auf seinem Läppchen Leinwand; und kein
Tonkünstler Kanonenschall, Donner und Orkan, ob er gleich das
seelenergreifendste Mittel unter allen hat, da das Lebendigste, woraus wir
bestehen, selbst Luft und Feuer ist.
    Die Musik überhaupt geht ganz aus der sichtbaren Welt hinaus und wirkt mit
blossen verschiednen Arten von Bewegung, die von der Materie nur den Punkt zu
ihrem Aufflug nehmen, und durch ihre Proportionen Empfindungen erregen: und ich
glaube schier nach dem Pytagoras, dass das eigentliche Element, worin die
Geister existieren, reiner Klang und Ton ist.
    Geschichtmaler ist ein wahrer Widerspruch, da ein Maler nur einen Moment
vorstellen kann und Geschichte notwendig eine Reihe von Begebenheiten erheischt.
Es versuch es nur einer und erzähle mir mit seiner Malerei Begebenheiten, die
ich nicht schon weiss, von Menschen, die ich noch nicht kenne! Und gesetzt auch,
einer stellte mir eine Geschichte zum Beispiel vom ältern Scipio mit lauter
Porträten dar, so wahr und vortrefflich, als ob sie alle Tizian gemacht hätte:
was weiss ich dadurch mehr als den Moment? Weiss ich, was entweder vorher oder
nachher geschehen ist, da keiner auch von seinem bekanntesten Freunde
zuversichtlich mit einem momentanen Blicke weiss, was er vorher getan hat oder
nachher tun wird? So tief im Verborgnen lebt der Urquell unsrer Wirkungen. Und
wo ist der Zauberer, der mir aus einer Tat oder aus tausend Taten das Gesicht
nur eines Mannes darstellt, das er noch nicht sah, mit allem seinen
Eigentümlichen? Dazu gehört der Gott Platons, um den sich das Weltall rollt, und
kein Sterblicher. Alles, was der Maler erfinden kann, ist Ideal von Gestalt
dieser oder jener Klasse von Menschen, oder Gattung von Geschöpfen im
allgemeinen.
    Jedes Werk der bildenden Kunst mit dem Ausdruck von Leidenschaft ist alsdenn
doch nur eine unaufgelöste Dissonanz. Das vollkommenste historische Gemälde, das
ist, wo der interessanteste Moment aus einer Begebenheit gewählt ist und man das
Vorhergehende und Nachfolgende am besten erkennen kann, bleibt also immer an und
für sich schon ein quälendes Fragment, das weder Herz noch Geist befriedigt.
    Um hierüber nicht zu streiten, so bleibt ausgemacht: das Vortrefflichste
derselben ist das schöne Nackende; mit dem Ausdruck geht's hernach wie bei der
Musik: er ist die Blüte der Vollkommenheit, aber nicht eigentlich die
Vollkommenheit selbst. Jeder Sinn hat sein eignes Element, worin der Ausdruck
nur schwimmt. Die Poesie arbeitet zwar für alle, aber doch ist auch die Sprache
und Harmonie derselben für das Ohr ihr Grundstoff. Die schlechten Künstler
meinen, sie hätten genug getan, wenn sie nur eine rührende interessante
Geschichte mit ihren Wechselbälgen ausstaffieren und ein schmachtend Auge
hineinbringen: Ihr Toren! eine einzige vortreffliche griechische Statue ohne
Kopf und allen Ausdruck von Leidenschaft geht bei dem Kenner von kunstfertigem
Sinn über all Euer Fratzenwesen von unreifen Gesichtszügen, noch so affektiert
geworfnen Gewändern und tausenderlei nachgeäfftem Kostüme. Aber auch im
Gegenteil ist's nicht genug getan, wenn einer einen Haufen nackender Körper
hervorheckt, die weiter nichts haben als ihre gehörige Anzahl von Rippen und
Knochen, und Muskeln, und Augen, Mäulern, Nasen, Ohren.
    Mit einem Worte: die Schönheit nackender Gestalt ist der Triumph bildender
Kunst; viel für Auge und den ganzen körperlichen Menschen, wenig für den innern.
Sie allein ergreift das Unsterbliche nicht; dazu gehört etwas, was selbst
gleichwie unmittelbar von der Seele kömmt und ihrer regenden unbegreiflichen
Kraft: Leben, Bewegung. Und dies haben unter allen Künsten allein Musik und
Poesie: neigt euch, ihr andern Schwestern, vor diesen Musen.«
    Ich sah wohl, mit was für einem Feind ich's hier zu tun hatte; ein
Federmesserstich von ihm verwundete tödlicher als der Schlag von einer Keule;
doch wollt ich ihn erst ganz herauslocken und bat: er möchte die Grenzen jeder
Kunst näher bestimmen, und insbesondere von Bildhauerei und Malerei, und alsdenn
uns seine Begriffe von der Schönheit entdecken. Und freute mich unaussprechlich,
einen solchen Meister so unvermutet plötzlich anzutreffen. Er wollte abbrechen:
allein wir liessen ihn nicht. Ich setzte mich ihm gegenüber, und wir stutzten die
Gläser an, die von dem besten Monte Giove schäumten.
    »Die Bildhauerei ist eigentlich für einzelne Figuren«, fing er vom neuen an;
»die Malerei hat die Not emporgebracht, mehrere vorzustellen. Sie hat dies den
Siegen der Griechen zu verdanken, besonders nach der Schlacht bei Maraton. Der
Bruder des Phidias, Panäos, malte dieselbe, da dieser selbst sie in Stein nicht
vorstellen konnte, weil kleine Figuren darin nicht wirken und die Materie fürs
Weitläuftige zu unbehülflich ist.
    Es ist wohl keine Frage, welche von beiden Künsten die Formen des Menschen
besser darstellen kann. Die Malerei ist eine beständige Lüge und ihre
Erhabenheit und Tiefe erkünstelt. Wir lassen uns täuschen, weil völlige Wahrheit
und Wirklichkeit wie bei Bildhauerei unmöglich ist, und geben uns zu unserm
eignen Vergnügen alle Mühe, die Köpfe und überhaupt das Nackende zum Beispiel
vom Tizian rund und hervorgehend und die Fernen und Mittelgründe seiner
Landschaften im gehörigen Abstand zu sehen. Ihre eigentlichen Gegenstände sind,
wo die Farbe, leichte Bewegung und zarter Stoff einen vorzüglichen Teil
ausmacht. Die Neuheit hauptsächlich und dann die überwundne Schwierigkeit
machten sie unter dem Zeuxis und Apelles so reizend; und gewiss ist's, dass die
Farbe viel zur Täuschung, im ganzen genommen, beiträgt. Auf den ersten Blick
wirkt ein gemaltes Bild auch auf den Verständigen mehr als eine ebenso
vortreffliche Statue in ihrer Art; aber wenig Zeit und Besinnung macht die
Malerei dagegen ganz verschwinden. Unter tausend Gesichtern findet man ferner in
einem guten Klima nur äusserst wenige für den Marmor, aber weit mehrere für die
Farbe. Die Bildhauerkunst ist die echte Probe schöner Form und geht ins
Wesentlichre und das Erhabne: die Malerei gibt sich mit allem ab, wo sie nur ein
wenig Reiz findet.
    Die letztere muss sich also vor allem hüten, was schon die Bildhauerei
vollkommen darstellen kann; und beide müssen sich davor hüten, das Reich der
Poesie zu beschreiten: denn jede bleibt überwunden, sobald sich nur ein
gewöhnlich guter Meister der andern Kunst an den Kampf macht. Poesie entält
sich der Formen und Farben; Bildhauerei entält sich der Farben und Geschichten
von vielen Figuren; Malerei entält sich alles dessen, was sich bloss durch Form
zeigt, und so wie die Bildhauerei noch der Geschichten, wo man das Ganze nicht
mit einem Blicke herausnehmen kann. Dienste und Gefälligkeiten mögen sie sich
übrigens gern erzeigen. Rom allein ist voll von Beispielen, wie gute und wackre
Meister verunglückt sind, indem sie über diese Regeln hinauswollten, und den
schönsten Teil ihres Lebens umsonst dagegen kämpften.
    Apelles nahm sich wohl in acht, kein blosses Porträt vom Alexander zu machen;
hierin musst er allezeit dem Lysipp wegen seiner Formen nachstehen. Er bildete
ihn also mit dem Blitz in der Hand; mit dem Kastor und Pollux und der Victoria;
auf einem Triumphwagen mit dem Krieg hinterdrein, diesem die Hände auf den
Rücken gebunden. Dies musste Lysipp so natürlich wohl bleiben lassen. Aber
Bildhauerei behält doch immer den Rang; denn sie zeigt das edelste der bildenden
Kunst, nämlich die Form, am vollkommensten. Bei Weibern, es ist wahr, und bei
Knaben ist die Farbe auch sehr reizend; allein sie ist doch bloss ein seichter
Augengenuss, der nicht in den ganzen Menschen so eindringt wie die Form.
    Das Klassische überall ist das gedrängt Volle, wenn einer alles Wesentliche
und Bezeichnende von einem Gegenstande herausfühlt und nachahmt; und in diesem
Verstande kann man gewiss schon aus einer Hand oder irgendeinem Teil am
menschlichen Körper bei einem Künstler den grossen Mann erkennen, wie aus der
Klaue den Löwen. Phantasie, die aus Tausenden zusammenträgt, aber nicht das
Rechte, sondern Ausserwesentliche, ist das Gegenteil und Bettlerarmut; Lumpen und
Lappen und kein ganz Stück. Ein Ding recht fassen, zeigt den trefflichen
Menschen und macht den Virtuosen.
    Der schöne Mensch im blossen Gefühl seiner Existenz ohne Leidenschaft in Ruhe
ist der eigentlichste Gegenstand der Nachahmung des bildenden Künstlers, und
seine Nummer eins; in dieser Verfassung ohne alle Bekleidung liegt die reinste
Harmonie der Schönheit, und sie passt am allerbesten zu dem gänzlichen Mangel an
Bewegung seiner Werke. Alle Leidenschaft, alle Handlung zieht, leitet unsre
Betrachtung von ihren schönen körperlichen Formen ab. Zur Schönheit selbst
gehört der Charakter oder das, wodurch sich eine Person von der andern
unterscheidet. Schönheit mit lebendigem Charakter ist das Schwerste der Kunst.
    Bei Gruppen von Figuren sind Spiele, Scherze, die wenig bedeuten, die besten
Handlungen, weil sie von der Schönheit und den angenehmen Stellungen der Formen
am wenigsten abziehen. Die entzückendste Handlung für den Betrachtenden hierbei
ist freilich, wo gerad ein Körper den andern geniesst: Kuss, Umarmung -
    Nach diesen Grundsätzen arbeiteten die Alten: nicht, wie einige Antiquaren
sagen, weil die Stille der eigentlichste Zustand der Schönheit wäre, wie bei der
See, und die schönsten Menschen überhaupt von gesittetem Wesen zu sein pflegten.
Das Meer ist im Gegenteil natürlich immer in Bewegung, und gewiss schöner im
Sturm als in der Stille; und Alkibiades, und Phryne, und Tais, welche
Persepolis in Brand steckte, die schönsten Menschen unter den Griechen, sind
wahrlich nicht berühmt wegen ihres stillen gesitteten Wesens; und Clodius nicht,
und die Faustinen, und die grössten Schönheiten. Es sind die Schranken der Kunst!
Sie kann das hohe Leben, schnelle Bewegung selten darstellen; und es ist
wunderlich, dies deswegen mit Verachtung in der Wirklichkeit selbst ansehen
wollen.
    Wenn das Kunstwerk eine Geschichte darstellen soll: so muss der Ausdruck
herrschen; denn dieser ist alsdenn der Hauptzweck, und Schönheit in Stellung und
Formen und Gestalten muss hier der Wahrheit aufgeopfert werden. Allein
Geschichte, Szenen aus Dichtern bleiben immer die letzten Vorwürfe der bildenden
Kunst; weil sie dieselben nie ganz und nie so mit dem ergreifenden Leben
darstellen kann wie ein Herodot und Homer. Der bildende Künstler begibt sich
ausserdem von selbst schon hierbei ganz unter den Geschichtschreiber und Dichter
und schafft als Gehülfe zu dessen Leben und Bewegung nur die Körper alsdenn;
augenscheinlich hat dieser das Ganze und er nur den Teil.
    Die alten Künstler wagten es ausserdem nicht, den Kern von manchen tragischen
Geschichten darzustellen, weil sie bloss das Grausame würden dargestellt haben,
und das andre nicht konnten, was die Tat mildert; zum Beispiel Medeen im Morden
ihrer Kinder: die vereinzelte Szene hätte durch ihre Gegenwart alle Geschichte
überblendet. Nur Agesander und Michelangelo unter den Neuern sind darüber
hinausgegangen: der eine der Kunst, der andre der Religion wegen. Ähnliche
Bewandtnis hat es bei wahrer Darstellung einer alten Hekuba; man denkt sich bei
der gerunzelten Haut ihr ganzes Leben nicht, um davon gerührt zu werden. Und
eine junge oder noch schöne Hekuba ist Widerspruch und Unsinn.
    Kurz, eine lebendige Gestalt von einem Charakter sich vorzustellen, in aller
Vollkommenheit und Schönheit, ist das Meisterstück des bildenden Künstlers;
welches wenige noch bis dato geleistet haben.
    Schönheit überhaupt in allen Künsten ist, wie mich dünkt, leichtfassliche
Vollkommenheit für Sinn und Einbildungskraft. Wer damit nicht zufrieden sein
will, kann sich an die Erklärung des Erzbischofs della Casa halten, welcher das
weltberühmte Kapitel über den Backofen geschrieben hat; dieser sagt: Schönheit
ist eins, soviel nur immer möglich; und Hässlichkeit im Gegenteil ist viel.
Allein der Künstler bedarf solcher tiefen Philosophie nicht bei seiner Arbeit.
Vergebt übrigens, lieben Brüder und Freunde, wenn ich an dem Ziele
vorbeigeschossen habe, und macht es besser.«
    Der Mann zog mich doch an sich, trotz aller seiner hämischen Blicke auf
bildende Kunst und besonders Malerei, und ich verlangte genauere Bekanntschaft
mit ihm zu machen. »Schade,« rief ich aus, »dass ich kein junges Lorbeerreis
habe, Euer weises Haupt zu bekränzen! ob ich gleich in manchem nicht Eurer
Meinung sein kann. Um Kopf und Schweif gleich zusammen zu paaren: so glaub ich
nicht, dass ein Künstler etwas Gutes hervorbringen werde, der ohne deutlichen
Begriff, ohne klares Gefühl von Schönheit zu Werke schreitet.
    Nach Platons Erklärung, den Ihr mir wohl zu kennen scheint, ist die
Schönheit die ursprüngliche Idee der Dinge in Gott. Und die Seelen, die sein
Anschauen genossen und diese Ideen erkannten, schaudern, wenn sie in diesem
Leben die Bilder davon mit den Augen erblicken, erinnern sich dunkel ihres
vorigen Zustandes, erschrecken und werden entzückt. Ihre Schwingen regen sich,
gehen vom warmen Einfluss auf, der Federstock keimt und so weiter.
    Es ist gewiss eine erhabne Hymne auf die Liebe und liegt tiefe Wahrheit
zugrunde.
    Was sich selbst bewegt, ist Seele, ewig, ohne Anfang: davon alles Werden und
alle Körper, die sich bewegen. Schönheit ist die vollkommenste Harmonie der
Bewegung, und die Seele erkennt darin ihren reinsten Zustand. Schönheit gibt der
Seele das lauterste Gefühl ihres Daseins. Schönheit ist die freieste Wohnung der
Seele. Schönheit erinnert die Seele an ihre Gotteit, an ihre Schöpfungskraft,
und dass sie über alle die Körperwelt, die sie umgibt, ewig erhaben ist. Im
Anfang macht ihr dies Freude, aber endlich Pein; sie sieht sich gefangen, und
dass sie nicht mehr ist, was sie war: und die Tränen rinnen über ihren nichtigen
gegenwärtigen Zustand. Doch stärkt sie wieder ihre ewige Natur, und die süsse
himmlische Hoffnung regt ihre Fittige, dass sie doch bald aus dieser Dunkelheit,
aus diesem Wahne von Irrgestalten sich erheben werde in das Licht zu den Scharen
der seligen Geister, wo weder Frost noch Hitze abwechseln, und alles ist in
seiner mannigfaltigen Wahrheit und ursprünglichen Schönheit.
    Nicht geboren werden übertrifft alle irdische Glückseligkeit; und wenn du da
sein wirst, so ist, je geschwinder, je besser, wieder dahin zu kehren, wo du
herkömmst. Sobald die Jugend sich einstellt mit ihren tollen Streichen, wer
windet sich mit aller Arbeit daraus? wer steckt nicht in Plagen und Leiden?
Morde, Parteien, Streitigkeiten, Gefechte und Neid. Auf die letzt überschleicht
uns das unzufriedene, schwache, menschenscheue, verhasste Alter, wo alle Übel
haufenweise zusammen wohnen.
    So seufzte selbst der bewunderte Sophokles am Ende seiner glücklichen und
glänzenden Laufbahn.
    Ihr sagt: Schönheit nackender Gestalt sei viel für Auge und den ganzen
körperlichen Menschen, wenig für den innern? Sie allein ergriff das Unsterbliche
nicht?
    Wenn wahr ist, was Ihr selbst behauptet, dass, wer ein Ganzes täuschend am
geschwindesten in die Seele bringt, den Vorzug erhalte: so steht wohl bildende
Kunst aller andern voran; die Seele geniesst vor ihren Werken, der mühseligen
Zeitlichkeit entrückt. Ihre Zeichen, wodurch sie darstellt, scheinen die Sache
selbst zu sein, so leicht verschwinden sie; sie sind die natürlichsten und
sichersten und gelten überall einerlei ohne Missverstand. Ich habe hier volle
Gewissheit, da ich bei Poesie immer träumen muss und nach Wirklichkeit hasche. Bei
ihr hab ich alles zusammen mit einem Blick, und dies ergreift den Niedrigsten
bis zum Höchsten. Mit einem Wort: ihr ist allein die Schönheit im strengsten
Verstand eigen; denn diese muss mit einem Blick aufgewogen werden können.«
    Hier wurd er erbittert und schüttete auf einmal das Kind mitsamt dem Bad
aus, und fiel in meine Rede:
    »Alle bildende Kunst«, behauptete er streng, »ist am Ende bloss Oberfläche.
Und dies ist die Ursache, warum wahrhaftig grosse Menschen unter den Künstlern
mit ihren Werken so selten zufrieden waren. Sie konnten nur wenig von dem
hineinbringen, was sie fühlten; und dies nicht einmal so rein bestimmt, dass es
gerade dasselbe Leben wieder erregte. Ein gen Himmel gekehrtes Auge, nehmen wir
das edelste Glied, das am deutlichsten vom Innern spricht, was kann dies zum
Exempel nicht für vielerlei ausdrücken? Ich brauch es nur obenhin; denn ich weiss
wohl, dass alle Professoren im Grunde der Natur keins nachmachen. Bei einem Volke
von Stummen, da möchten die bildenden Künste in der Tat viel vermögen; denn sie
hätten da mehr Natur für sich nachzuahmen; bei uns andern Menschen aber, die wir
den grössten Teil unsrer Empfindungen und Gedanken mit der Sprache ausdrücken, wo
sich besonders bei den Vortrefflichen am wenigsten die Gebärden ändern, die, wie
man sogar bei Gelegenheit des Laokoon bemerkt hat, auch bei den heftigsten
Gefühlen sich selten von aussen regen, lässt sie ihnen vielleicht gerade das
Schlechteste übrig; und der grösste Künstler kann oft so wenig von einem
Sokrates, Lykurg und Epaminondas darstellen als von einem unvergleichlichen
Sänger oder Geiger.
    Nehmen wir vollends, wie sauer, und selbst nach dem Ausspruch des alten
Michelangelo, kinder- und weibermässig auch dies Schlechteste muss nachgeahmt
werden, und welch eine unerträglich mechanische Übung auch für Menschen von der
höchsten Fähigkeit dazu gehört, ehe sie es zur Vollkommenheit bringen; und dass
das meiste Wirkliche der bildenden Kunst in den Sälen der Grossen jämmerlicher
Wust und Unsinn ist: so gehört wahrlich ein starker Entschluss dazu, sich in ihr
Feld zu wagen. Ihre besten Gegenstände bleiben gewiss die andern Tiere und
Pflanzen, Gras und Bäume; diese können sie darstellen, die Künstler! den
Menschen sollen sie dem Dichter überlassen. Die Landschaftsmalerei wird auch
endlich alle andre verdrängen. Und also können wir gewissermassen die Griechen
übertreffen, weil wir uns gerad an die wahren Gegenstände machen, die sie
verfehlt haben.
    Nichts wirkt recht auf den Menschen, was stillesteht; aller Stillstand wird
bald Tod.
    Es bleibt gewiss eine Kleinigkeit, einen Cäsar, einen Brutus von aussen auch
vertrefflich zu malen und zu bildhauen, gegen das herauszuholen, was in ihnen
steckt. Auf der Oberfläche kann man den Menschen leicht kennenlernen: aber im
Innern, in der Tiefe? Da gehört ganz andrer Gehalt und Stand dazu.
    Wer behaupten wollte, dass die bildende Kunst über Poesie, Beredtsamkeit und
Philosophie ginge, müsste behaupten: dass eine Statue oder Brustbild vom Homer,
Pindar, Demostenes, Aristoteles, oder nehmen wir neuere, dass ein vollkommen,
wie möglich auch, getroffnes Bild in Farbe oder Stein von Ariost, Machiavell
über ihre Schriften ginge. Und gewiss möcht ein Gott mehr daran haben, wenn sie
mit Haut und Haar so wären wie sie selbst; welches jedoch menschlicher Hand
unmöglich: aber ein Sterblicher muss eine gigantische Einbildung von seinem
physiognomischen Sinn haben, um dies zu wollen. Ein solcher versuch es einmal
und ersetz uns aus dem übriggebliebnen Kopfe des Sophokles seine hundert
verlorne Trauerspiele!
    Man schaue einen Sokrates an, einen Plato, einen Euripides: wer wird ihre
Marmorbüsten für ihre lebendigen Reden und Gedichte nicht gleich weggeben? Wir
können an uns selbst nicht im Spiegel wahrnehmen, auch in dem nämlichen Moment,
was wir denken und empfinden; und sogar verschiedne Leidenschaften zeigen sich
bis auf ihre hohen Grade im Gesicht überein. Die ganze bildende Kunst ist ein
vages unbestimmtes Wesen, das seinen Hauptwert eigentlich von der Schönheit der
Formen und Umrisse entält; und dann ausserwesentlich ist sie eine grosse Zierde
der Poesie und Geschichte, die aber ganz natürlich ohne sie bestehen können.
Poesie ist das innre Leben selbst: Bild von Farbe oder Stein bloss das Zeichen;
wer jenes nicht schon in sich hat, kann bei diesem wenig fühlen und erkennen.
    Wo hat in aller Welt je ein Gemälde die Wirkung hervorgebracht, die die
Ödipe und Iphigenien hervorbrachten? Und wo wird es je möglich sein, dass eins
solche hervorbringen könne, wenn man auch den Raffael, Correggio und Tizian in
ein Wunderwesen zusammenschmelzte? Es versteht sich wahrlich, dass hier nicht
davon die Rede sei, was päpstliche Neffen und Mönchs- und Nonnenklöster teurer
bezahlen.
    Ich leugne übrigens gar nicht, dass eine erstaunliche Phantasie und Fülle von
Leben dazu gehört, sich einen Alkibiades, Perikles oder die Aspasia so
vorzustellen und ihre Bilder durch die spätere Kunst lange Zeit nach ihnen so
wirklich zu machen, aus blossen Geschichtbüchern, wie sie lebendig waren und
handelten; denn in der Tat - hat es auch keiner noch getan. Allerlei Gestalten
träumen mag man sich wohl, und wer sich an leerer Spreu satt isst, mag darnach
gaffen und hinlaufen: aber Wahrheit, physiognomische mit Leib und Leben wie
Wirklichkeit, ohne Miene und Gebärde Punkt für Punkt von der Natur selbst
abzukonterfeien, diese aus blossen Erzählungen und selbst eignen Reden der
Menschen zu erfinden: geht über des Menschen Kräfte; dazu haben wir noch keine
Wissenschaft, keine Gründe und Regeln, weder Ja noch Nein. Unser Bestes sind
noch die allgemeinen Züge der Leidenschaften und andern Empfindungen, die sich
in Bewegungen besonders von aussen zeigen, durch öftre Wiederholung bei
wirklichen Menschen sich in die Gestalt prägen und nach und nach Charakter
bilden; aber mit dem Allgemeinen wird man bald fertig, und es entsteht endlich
ein rasendes Einerlei.
    Kurz, ich habe von dem Menschen, ausser der wirklichen Vermischung,
hauptsächlich Genuss durch seine Reden und Handlungen, durch Worte und
Bewegungen; beides kann mir die bildende Kunst nicht geben. Man stelle sich
seinen Freund auch in dem interessantesten Moment der Freundschaft auf einmal
wie zu einer Büste versteinert, unveränderlich mit seinen Mienen und Gebärden
vor! Mit Erinnerung der Worte aller vor und nach dem Moment wird das Bild gewiss
lieblich in die Seele leuchten und anfangs einen Freudenschauer erregen. Aber
wie die Erinnerung sich schwächt, wird es nach und nach immer weniger bedeuten
und bei den Gedanken an hundert andre Szenen endlich leer und sogar Spott
werden: statt dass nur ein herzlicher Brief von demselben immer neu die Seele
erquickt, sooft man ihn nötig hat wieder durchzulesen. Was soll nun so ein Bild
auf andre für Wirkung machen, die sich dabei platterdings nichts Gewisses
vorstellen können, die die Person nicht kennen, nicht gekannt haben, nichts von
ihr aus der Geschichte wissen?
    Geschieht dies bei wirklichen Menschen: was wollt Ihr mit Euren Idealen,
wovon Ihr nicht eine Form als wahr beweisen könnt? Die schönsten Bilder sind
weiter nichts als ein geistig Licht in die Seele, die sie aufheitern und
allerlei unbestimmte süsse Gefühle in ihr erregen, wie ein reiner, vollkommner
Akkord auf einem wohlklingenden Instrumente. Und solche Schönheit ist das
eigentliche Wesen der bildenden Kunst, und keine Handlung, die die Poesie weit
wahrer und lebendiger vorstellt. Die Handlung kann höchstens nur dienen, der
Schönheit den besondern Charakter zu geben; das ist, die Handlung ist des
Körpers wegen und der Körper nicht der Handlung wegen da.
    Es ist wahr, die Schönheit ist ein momental Gefühl und unterscheidet sich
dadurch von blosser Vollkommenheit, die für den Verstand, so wie jene für den
Sinn, gehört. Wo sie aber in der Zeit folgt, wie bei Tanz und Melodie und
Gedicht, ist sie hauptsächlich für die Seele, eigentliche Seelenschönheit,
tiefe, lebendige; denn die Seele hat die Kraft, eine Folge sich wie ein
Beisammen auf einmal vorzustellen und zu denken. Daraus die Regel: dass ein
solches Ganzes nicht zu verwickelt sein müsse, damit man wie in einem Atem alle
dessen Teile und ihre Verbindung im Geist übersehe. Dies erregt dann, was man
Begeistrung nennt. Ein schönes Gedicht, eine schöne Musik, ein schöner Tanz muss
diese allezeit auf die letzt hervorbringen: so wie der Dichter, Tonkünstler,
Tänzer sie vorher in der Seele haben muss, ehe er sie in einen Strom dahinwallt;
eine volle Seele, die sich ausschüttet und eine andre wieder schwängert.
    Alle bloss bildende Kunst macht auch den stärksten Liebhaber und Besitzer
über kurz oder lang zum Tantalus. Das schönste Bild, sei's auch eine Venus vom
Praxiteles, wird endlich ein Schatten ohne Saft und Kraft, es regt und bewegt
sich nicht und verwandelt sich nach und nach wieder in den toten Stein oder Öl
und Farbe, woraus es gemacht war; und für den lebendigsten Menschen am
geschwindesten. Ich glaube, dass, wenn die goldnen Zeiten der Griechen länger
gedauert hätten, sie endlich alle Statuen würden ins Meer geworfen haben, um des
unerträglich Toten, Unbeweglichen einmal ledig zu werden. Und wir finden auch
nicht, dass Temistokles, Plato und Euripides und die andern grossen Griechen der
ersten Zeiten sich schon viel darum bekümmert hätten: die Bildsäulen gingen
immer die Religion und das gemeine Volk an. Alkibiades schlug sogar vor Überdruss
einer Menge öffentlicher Hermen die Nasen entzwei; und hernach gehörten sie mit
den Gemälden zum Luxus der Reichen, die vor ihrer gewöhnlichen Langenweile nicht
wussten, was sie anfangen sollten. Plutarch fragt ehrlich in seinem Perikles:
Welcher gutartige Jüngling wird Phidias oder Polyklet sein wollen wegen des
Olympischen Jupiters oder der Juno zu Argos?, und so setzt der verständige Horaz
eine Ode von Pindar über hundert Statuen; und die aufgeheitertsten Kaiser zu
Rom, Antonin und Mark Aurel, waren wirklich schon des steinernen Volkes satt:
und so ist das steinerne und gemalte Volk bei den heutigen Römern blosser Prunk,
und man sieht es den besten an, dass auch sie dessen von Herzen satt sind. Die
Natur übt ihr Recht aus und zeigt ihnen mit Gewalt, dass es doch nur eitel
Träumerei ist.
    Die beste Kunst ist ein blosses Denkmal verflossnen Genusses oder Leidens für
den Künstler selbst, das ihm lediglich Anlass gibt, sich das Ganze wieder
vorzustellen und in sein Gedächtnis zurückzurufen. Welch ein Abstand von Poesie
und ihrer Gewalt über die Herzen! Überhaupt ist die bildende Kunst eine
jugendliche Sache, wo der Mensch noch an der Hülle herumschwebt. Ein alter
Maler, ein armer Sünder! Wenn einer innen ist, kann er nicht mehr aussen sein. Es
käme darauf an, ob Raffael nicht den Pinsel würde weggeworfen haben, wenn er
älter geworden wäre! Wenigstens sind seine ersten Gemälde im Vatikan die besten,
und er trachtete nicht umsonst nach dem Kardinalshut.«
    Sein Mund glich einem vollen Springbrunnen, so goss er hervor. Mir riss
endlich die Geduld, und ich ergrimmte. »Bist du noch nicht fertig, Barbar,
Bilderstürmer?« zürnt ich ihm entgegen.
    »Was du wahr gesagt hast, trifft alle menschliche Kunst. In der Natur haben
wir freilich alles beisammen, und die verschiednen Künste teilen sich nur in
sie. Jede muss dagegen ihre Mängel, ihre Schranken erkennen. Die Malerei hat
keine wirkliche Bewegung, nur den Schein davon, Zeichen; die Poesie kann keine
Gestalt, keine Schönheit für den Sinn darstellen, bleibt ewig unglückselig
blind; und Musik an und für sich ist ohne bestimmten Ausdruck und nur eine Magd
der Musen.
    Der Dichter ahmt und stellt im Grunde nicht einmal etwas Wirkliches selbst
dar, sondern nur Mittel, nämlich die Reden der Menschen; und wie weit liegt die
erste Natur der Sprache in den Abgründen der Zeit verborgen! Für uns
Schaumblasen auf ihren Tiefen ist sie meistens bloss willkürlicher Schall. Wir
haben allen unsern Genuss durch Körper, und von diesen kann er nichts
Individuelles darstellen; alles ist bei ihm allgemein, bis auf die Namen schier
Peter, Paul, und Lukas und Johannes, wenn ihm gute Schauspieler nicht zu Hülfe
kommen. Dafür hat er freilich ein weitschweifig Reich und flattert überall an,
wo die Malerei und Bildhauerkunst wegen enger Schranken ihrer unbeweglichen
Mittel nicht hin kann.
    Das höchste Leben ist das schwerste in allen Künsten, sowohl in den
bildenden als Poesie und Musik: Sturm in der Natur, Mord zwischen Mann und Mann,
Seelenvereinigung zwischen Mann und Weib, und Trennung, Abgeschiedenheit
verliebter Seelen. Das Tote kann auch der blosse Fleiss darstellen, aber das Leben
nur der grosse Mensch. Wen beim Ursprung seiner Existenz nicht die Fackel der
Gotteit entzündet, der wird weder ein hohes Kunstwerk noch eine erhabne
Handlung hervorbringen. Schönheit ist Leben in Formen und jeder Regung, und
nichts Totes ist schön, ausser in einem Verhältnis von Leben.
    Warum ist der Torso schön, warum die Kolossen auf dem Monte Cavallo, warum
unsre Venus? Weil sie in höchster Vollkommenheit menschlicher Kraft im freudigen
Genuss ihrer Existenz sich befinden. Warum Apollo, warum der Fechter? Weil ihr
Leben in der Vollkommenheit seiner Kraft sich in hoher Wirkung zeigt. Warum
Laokoon, Niobe? Weil auch ihr höchstes Leben einer stärkern Macht unterliegt.
Der Dichter deutet's mit Worten an, der bildende Künstler stellt's mit dessen
Oberfläche selbst dar.
    Zu der Zeit, wo die Menschen am mehrsten lebten und genossen, war die Kunst
am grössten: zu der Zeit, wo sie am elendesten waren, am schlechtesten; dies ist
die Geschichte derselben in wenig Worten.
    Wie bis zum blossen Tier herabgesunken, kalt und gefühllos muss der Mensch
sein, den es nicht ergreift, dessen Herz es nicht erhebt, wenn er in die Hallen
tritt, wo die Helden unsers Geschlechts, die Weisen, die Dichter von Phidiassen
und Praxitelen aufgestellt wie lebendig atmen! Der Armselige wird erschrecken
wie in einer Götterversammlung, der Edle schüchterne aber begeistert werden, die
glorreiche Bahn zu verfolgen; welche Kunst kann ihr hohes Leben sinnlicher in
die Seele blitzen? Und eine Fromme, die alle Morgen die schönen himmlischen
Figuren an den Wänden im Tempel mit inniger Freude schaut, kann kein hässliches
und böses Kind gebären.
    Die Griechen mussten denn doch mehr Leben in der Malerei finden als
Bildhauerkunst, weil sie dieselbe, wo sie am verständigsten waren, mehr als
diese belohnten und beförderten. Ein Bild in Stein war ihnen nur Zeichen
einzelner Wahrheit, nämlich der Form: die Malerei aber Zeichen aller Wahrheit
und Wirklichkeit und von ungleich grösserm Umfange; jenes gleichsam nur
Dämmerung, Ding im Mondschein: Gemälde von Apelles, Gestalten wirklicher Welt in
ihrem Tage; und Zeichen bleibt immer weiter nichts als Zeichen, sei's von Stein
oder Farbe. Und eben dies ist es, warum die Bildhauerei sank, nachdem die
Malerei emporstieg, und bei uns nun nie wird fortkommen können, solang es noch
gleich gute Maler als Bildhauer gibt.
    Welcher Bildhauer wollte zum Exempel die Waffenläufer des Parrhasius
übertreffen, wo der eine im Lauf zu schwitzen schien, der andre aber die Waffen
ablegte und keuchte? Freilich kannte dieser Wollüstling den höchsten Reiz des
Eigentümlichen seiner Kunst.
    Für Gestalt gibt es keine matematische Wissenschaft, wo man alles und jedes
mit Zirkeln und Linien und Zahlen beweisen könnte; das geläuterte Gefühl
erfahrner hoher Menschen entscheidet hier allein endlich und hat zu aller Zeit
jedem Kunstwerk seinen Rang angewiesen. Deswegen aber beruht Ideal nicht auf
blossen Hirngespinsten, sondern die Natur selbst ist die ewige Regel: und ein
Künstler muss von ihren Quellen schöpfen, wenn er neue Schönheit und neuen
unsterblichen Reiz hervorbringen will. Durch Übung gewinnt man nach und nach
doch auch sichre wissenschaftliche Fertigkeit.
    Was bildet den lebendigen Körper von innen hervor, vom ersten Stoff zum
Dasein an, so wie er ist, die erste regende Kraft; hernach sein Leben in der
Welt?
    Kann ich von der äussern Bildung auf die Art des Geistes schliessen?
    Warum nicht? Vom Werk auf den Meister; nur gehört Erfahrung und Verstand
genug dazu und Adlerheit über andre, es mit Gewissheit zu können und nicht eine
Ursache für die andre zu halten. Jede Gestalt zeigt Ursprünglichinnres,
wenigstens was jung in Tätigkeit war, das Leben in der Welt und die Begriffe und
Einbildungen darüber. Und wer das Innre nicht kennt, kennt gewiss auch schlecht
das Äussere.
    Warum soll der Künstler keine Handlungen darstellen dürfen? Körper und
Handlungen machen hier eins aus, das ist: Leben; und beides ist dafür da; hohes
edles Leben; dies ist sein letzter Endzweck. Bei einzelnen Figuren gibt dies
Schönheit; bei mehrern zu Darstellung einer Begebenheit kann und muss er zuweilen
gar die Hässlichkeit abbilden, wie zum Beispiel den Maxentius in einer Schlacht
vom Konstantin, einen Attila, einen Heliodor. Vollkommenheit zeigt sich von
aussen durch Schönheit, Unvollkommenheit durch Hässlichkeit; und die mehrsten
Begebenheiten in der Welt sind ein Kampf zwischen Tugend und Laster. Soll er das
Laster schön darstellen? Und ist er deswegen ein Kotmaler, wenn er es hässlich
darstellt? Hässlichkeit verändert hier seinen Namen und wird zu Schönheit der
Kunst. Die Geschichte soll auch bei dem Maler nicht bloss Augenweide sein,
sondern tiefer dringen. Der Kunst dieses nehmen wollen heisst sie zum schalsten
Zeitvertreib machen. Ausserdem sind immer diese dreierlei Gattungen getrieben
worden, wie schon in Griechenland, wo, nach dem Aristoteles, Polygnot die
Menschen besser malte, als sie waren, Pauson schlechter und Dionys nach der
Wirklichkeit.
    An Ausdruck und Bewegung von Leidenschaften wird die Natur hoffentlich immer
ebenso unerschöpflich bleiben als an neuen Gesichtern und Gestalten.
    Kurz, der Künstler stellt wie ein Zaubrer für den Verständigen mit einem
Blick auf einmal die wirkliche Tat dar, wo der Augenschein über alle andre
Vorstellung hinreisst; und darüber macht der Geschichtschreiber und Dichter für
die Unwissenden nur eine Brühe darum her, gleichsam seines Evangeliums Ausleger
und Dolmetscher, - stellt die schönsten Denkmale der Begebenheiten auf für
Herrscher, Philosophen und Völker dem ersten feinsten Sinn des Geistes, und ihm
am naturnächsten, dem Auge. Und es ist nicht mehr als billig, dass Zaubrer nicht
darben.
    Die Dichter, die einen Epaminondas aufführen, wie er leibte und lebte, lasst
sie auch alles in der Geschichte dazunehmen, werden so rar sein wie die Maler,
die seine Gestalt so treffend aus ihrem Kopf erfinden, dass sie seinem Porträte
gliche; und es erwächst dem Praxiteles und Apelles daraus wohl wenig Nachteil,
dass ihre Phryne den neuen Namen Venus aus der Mytologie, oder Helena oder
Iphigenia aus den Dichtern, oder einen andern in ihren Kunstwerken aus der
Geschichte habe: so wie dem Raffael, dass sein Oheim Bramante in der durch alle
Zeiten göttlichen Gruppe der Schule den Archimedes vorstelle, wenn sich auch
einmal des letztern Bildnis finden sollte.«
    »Vortrefflich, mutiger, tapfrer, edler Jüngling!« rief er mir hier zu, »und
nun genug. Wir haben den Kreis durchlaufen und sind unvermerkt auf derselben
Seite wieder angekommen, wovon wir ausgingen. Ich reich Euch zum Frieden die
Hand, schlagt ein; ich hoffe, dass wir gute Freunde sein werden, sobald wir uns
ein wenig besser im Innern kennen. Man behauptet in der Hitze des Streits oft
Dinge, die man selbst für falsch und übertrieben hält. Zuhörer, die Verstand
haben, nehmen von selbst das Wahre heraus; und die keine Unterscheidungskraft
besitzen, müssen überall Schwärmern oder der grossen Herde wie die Kälber folgen.
Der Abend ist zu schön, als dass wir ihn hier im Zimmer verplaudern sollten; und
die unten tanzen und sich ergötzen, haben uns schon längst gerufen.«
    Wir umarmten uns denn beide mit glühendem Gesicht und klopfendem Herzen.
    Unten erfuhr ich, dass mein Mann ein Grieche sei aus der Insel Scio, den die
Giustiniani als Knaben mit sich genommen hatten. Er hielt sich nun für beständig
in Rom auf und lebte frei von einer kleinen Pension aus diesem Hause, und erwarb
sich das übrige damit, dass er griechische Handschriften aus der vatikanischen
Bibliotek für auswärtige Gelehrten teils kopierte, teils die verschiednen
Lesarten daraus sammelte. Er heisst Demetri und mag an die vierzig Jahr alt sein.
Sein Wuchs ist gross und stämmicht, und seine Gestalt so kühn und unabhängig, und
seine Sitte so gegen alles Vornehme, dass er wie Diogenes dem Dionysios von
Syrakus zu Korint hätte sagen können: er sei des glücklichen Lebens nicht wert,
das er nun führe. Wie mir dies in meinen Eingeweiden herumging, kannst Du Dir
leicht vorstellen.
    Der bildschöne Jüngling, welcher den Streit erregte, heisst Tolomei, ist ein
weitläuftiger Anverwandter von ihm, Sohn eines griechischen Kaufmanns zu
Brindisi, treibt hier die Malerei und steht unter seiner Aufsicht.
    Ich sah ihn mit einer schlanken Römerin tanzen und musste lächeln, dass der
holde Bube den alten strengen Michelangelo so hart angegriffen hatte; das Rätsel
liess sich nun leicht auflösen. Das süsse Paar wallte in jeder Bewegung neue
entzückende Schönheit von sich; der Knabe schien ein Mädchen und die Jungfrau
mit ihrem zündenden Blick ein verkleideter Jüngling. Die Menge stand umher, und
kein Auge verwendete sich von ihnen aus den erheiterten Gesichtern.
    Der Monat Oktober wird in Rom und auf dem Lande herum ganz der Freude
gewidmet: jedes spart dafür den Sommer auf.
    Ich machte mich bald wieder an den Griechen; ich hatte noch manchen Punkt
mit ihm ins reine zu bringen, der kaum war berührt worden. Er erzeigte sich
gefällig. Wir stiegen den Monte Testaccio hinauf, um die Gegend zu überschauen,
und trafen oben Künstler an, die nach der Natur zeichneten. Man hat hier
reizende Aussichten hin überall und verschiedne Landschaften, jede so vollkommen
für Gemälde, um sie schier nur abzunehmen. Pyramide, die das Kleinod der Gegend
bleibt; Sankt Paul und Tiber; Steffano rotondo, alte Wasserleitungen, Kolosseum,
Grabmal der Metella; Pietro Montorio; Porta Portese zeigen immer neue
bezaubernde Seiten mit Pinien, romantischen Villen, Rebenhügeln und den
herrlichen Fernen der Gebirge von Frascati, Tivoli und dem Sabinerlande. Wir
setzten uns nieder, und jeder drehte sich dahin und dortin; die grosse Augenlust
machte uns eine Weile stumm, und alle die andern Sinnen verloschen.
    Wir fingen endlich an, von Rom zu sprechen, dem alten und dem neuern, gingen
über auf Griechenland und dessen ehemaligen und gegenwärtigen Zustand: und unsre
Reden stimmten so schön zur untergehenden Sonne an der unvollendeten
Peterskuppel des unsterblichen Michelangelo! »Ach, alles geht auf und unter,
Völker und wir, und die Werke der Menschen! Der Mensch ist ein stolzes
Geschöpf«, rief ich aus; »er hat die Oberfläche der Erde gebildet, beherrscht
den Adler und Löwen und bändigt das ungeheure Meer mit seinen Schiffen: aber er
weiss nicht, von wannen er kömmt, noch wohin er fähret; erscheint, verändert sich
augenblicklich, unsicher, ob er ein eignes Wesen ausmacht, und verschwindet. O
ihr, die ihr um uns herum schlummert, ihr Scipionen, Camille, Lucrezien und
Cornelien, was und wo seid ihr? Könnt ihr nicht erwachen und uns belehren?«
    »Ein andermal hiervon,« gab er zur Antwort, »wenn wir mehr in Einsamkeit
sind, nicht umgeben von soviel zerstreuender Herrlichkeit.« Er hielt diese
Kuppel selbst für den kühnsten kolossalischen Gedanken eines Riesengeistes und
glaubte, dass die alten Griechen und Römer ihn bewundern würden.
    Wir kamen alsdenn wieder auf unser altes Tema, die bildende Kunst, und
deren Wesentliches, den Menschen, und die Vollkommenheit seiner Gestalt; und
unser beider Schluss war, dass der neuern hierin der Kern mangle. Man kann wohl
sagen, dass die Werke der alten griechischen Meister eine Frucht ihrer Gymnasien
waren, und dass, wo diese nicht sind, sie schwerlich kann eingeerntet werden. Der
erfahrne und geübte Sinn des ganzen Volks am Nackenden, dies ist die Hauptsache,
die uns fehlt, nebst dem der Arbeiter selbst; das schönste Nackende der Kunst
wird endlich nur durch Erinnerung geschaffen und genossen.
    Man kann die Natur nicht abschreiben; sie muss empfunden werden, in den
Verstand übergehen und von dem ganzen Menschen wieder neu geboren werden.
Alsdenn kommen allein die bedeutenden Teile und lebendigen Formen und Gestalten
heraus, die das Herz ergreifen und die Sinnen entzücken; die Regung in
vollstimmiger Einheit durch den ganzen Körper des gegenwärtigen Augenblicks
bildet kein blosser Fleiss nicht. Je grösser und erhabner der Künstler, desto edler
und eingeschränkter die Auswahl. Im Nackenden der bei uns gewöhnlich bekleideten
Teile, also des ganzen Körpers bis auf Kopf und Hände und Füsse, können wir den
Alten nicht gleichkommen, weil wir ihre Gymnasien und Termen nicht haben. In
Köpfen, Händen und Beinen und Kindern halten wir ihnen vielleicht die Waage,
insoweit wir noch Periklesse, Platonen, Alkibiadesse und Aspasien und Phrynen
haben. Die höchste Vollkommenheit ist überall der letzte Endzweck der Kunst, sie
mag Körper oder Seele oder beides zugleich darstellen, und nicht die blosse
getroffene Ähnlichkeit der Sache und das kalte Vergnügen darüber. Der Meister
sucht sich dann unter den Menschen, die ihn umgeben, zu seiner Darstellung das
beste Urbild aus und erhebt dessen individuellen Charakter mit seiner Kunst zum
Ideal. Die Schönheit muss allgemein, der Charakter aber individuell sein, sonst
täuscht er nicht und tut keine Wirkung; und das Individuelle kann der Mensch so
wenig als das Gold erfinden. Dies ist das Problem, an dessen Auflösung so viele
scheitern.
    Der ganz ausserordentlichen Menschen sind bei allen Nationen äusserst wenig
gewesen; es gehört eine unendliche Menge von glücklichen Umständen dazu, solche
alleredelste Gewächse und Herrlichkeiten der Natur hervorzubringen. Nehmen wir
den Griechen, der bei weitem geistreichsten Nation unter allen, die wir in der
Geschichte kennen, auf Erdboden, nur ein Dutzend dieser hervorragenden Männer:
einen Lykurg, Temistokles, Pytagoras, Sokrates, Aristoteles, Homer, Sophokles,
Aristophanes, Perikles, Demostenes, Phidias, Apelles: und wir werden sehen, wie
ihr Sonnenfeuer zu den Sternen andrer Völker zurückweicht, zumal wenn wir
bedenken, dass ihre übrige Vortrefflichen grossenteils nur von diesen bestrichne
Magnetnadeln waren.
    Die Ehre des Volks und der Fürsten besteht darin, solche seltne
Erscheinungen bei ihrem Aufgang zu erkennen und sie zu pflegen und zu warten.
Bei ihnen konnte kein Lärmmacher so leicht mit seinen ausgeschickten Trabanten
das erfahrne Ohr übertäuben, das scharfe geübte Auge benebeln; sie kannten den
nackenden Menschen aus ihren Gymnasien und die hohen Gestalten aus ihren
gemeinen Versammlungen. Die Verständigen prüften, gaben Rat, verdammten,
belohnten. Eins trieb und vervollkommte das andre.
    Und so ging's noch bei den Römern. August hat keinen Virgil und Horaz
hervorgebracht; aber weil sie einmal jung da waren, so hielt er sie warm.
    Ausserdem hatten die Alten mehrere Arten von Schönheiten, und wir kennen die
reizende Mannigfaltigkeit nicht von Ringern, Faustbalgern, Wettläufern,
Wurfpfeilschützen, Diskuswerfern und dergleichen; und so machten ihre Götter
wieder verschiedne allgemeine Klassen. Bei uns ist alle Gestalt in ein einzig
doppelartig gabelförmig vollkommen Tier zusammengeschrumpft.
    Die Sonne war prachtvoll untergegangen, und das schönste Abendrot zog
lieblich hintennach. »Wenn ich ein Landschaftsmaler wäre,« rief Demetri, »ich
malte ein ganzes Jahr weiter nichts als Lüfte, und besonders Sonnenuntergänge.
Welch ein Zauber, welche unendliche Melodien von Licht und Dunkel, und
Wolkenformen und heiterm Blau! Es ist die Poesie der Natur. Gebirge, Schlösser,
Paläste, Lustaine, immer neue Feuerwerke von Lichtstrahlen, Riesen, Krieg und
Streit, flammende Schweife wechseln mit neuen Reizen ab, wenn das Gestirn des
Tages in Brand und Gluten untersinkt. Aber leider mit eurem Licht in der Malerei
sieht es übel aus!«
    »Und was man davon malen kann,« fuhr ich fort, »dauert nur wenig Momente;
die glücklichste Phantasie und Empfindung gehört dazu, es aufzubewahren, nach
Hause zu tragen, und wunderbare Kunst, es täuschend langsam hinzupinseln.«
    Wir gingen wieder hinunter; es war leer geworden, und die übrigen zogen auch
noch von dannen. Endlich blieben ein halb Dutzend Mädchen, ebensoviel Künstler,
Demetri, Tolomei und ich. Wir machten uns zusammen wieder auf den Saal, eine
auserlesene Gesellschaft. Die Mädchen waren echte Römerinnen an Wuchs und
Gestalt, mit der erhabnen antiken, noch republikanischen Gesichtsbildung, die
auch auf fremde Fürsten wie nur Barbaren herunterschaut. Sie hätten, wie die
alten, dem hohen Senat mit berichten lassen, wenn sie das Verbot gegen eine
gewisse Lustbarkeit von ihnen nicht aufhüben, dass sie nicht mehr gebären
wollten.
    Paar und Paar standen im vertrauten Umgang miteinander; die reizenden
Geschöpfe liessen sich von ihren Geliebten als Modelle brauchen und gaben ihre
Schönheiten deren Kunst preis. Sie machten sich selbst Musik und tanzten lauter
Nationaltänze, wo wenig gezogner, gedehnter, französischer Schritt, sondern
immer neuer Freudensprung ist. Ich liess dabei wacker auftischen und einschenken
und wurde selbst von dem Wirbel ergriffen.
    Nach Mitternacht ging es in ein echtes Bacchanal aus; das erhitzte Leben
blieb nicht mehr in den gewohnten Schranken, und jedes tobte nach seinem Gefühl
und seiner Regung. Demetri machte seinen Einfall zu einem spartanischen Tanz
laut, und dieser wurde mit Jauchzen ausgeführt. Doch machte man vorher den
feierlichen Vertrag, nichts Schändliches zu beginnen und die Leidenschaften bis
ans lange Ziel gleich olympischen Siegern im Zügel zu halten, wie's braven
Künstlern gezieme.
    Man entkleidete die Jungfrauen, die, Glut in allen Adern, sich nicht sehr
sträubten, zuerst bis auf die Hemder, und schljetzte diese an beiden Seiten auf
bis an die Hüften; und die Haare wurden losgeflochten. Demetri schlug die
Handtrommel, und ich spielte die Ziter.
    Sie schwebten in Kreisen, drückten einzeln ihre Empfindungen aus, und jede
entüllte in den süssesten Bewegungen ihre Reize, bis Paar und Paar wieder sich
fassten und hoben und wie Sphären herumwälzten. Es war gewiss ein Götterfest,
soviel mannigfaltige Schönheit herumwüten und herumtaumeln zu sehen, und ich
habe in meinem Leben noch kein vollkommner weiblich Schauspiel genossen.
    Man holte hernach aus der nahen Villa Sacchetti Efeu zu Kränzen und belaubte
Weinranken mit Trauben zu Tyrsusstäben, und jeder Jüngling warf alle Kleidung
von sich. Es ging immer tiefer ins Leben, und das Fest wurde heiliger; die Augen
glänzten von Freudentränen, die Lippen bebten, die Herzen wallten vor Wonne.
    Wir führten auf die letzt allerlei Szenen auf, aus Fabel, komischen und
tragischen Dichtern und Geschichte, in himmlischen Gruppen, wo eine wahrhaftige
Phryne an Schönheit darunter mit errötendem und lächelndem Stolze sich endlich
ganz nackend zeigte, in den verschämtesten und mutwilligsten Stellungen.
    Tolomei wetteiferte mit ihr; er hatte wirklich Schenkel wie ein junger Gott,
entzückend Feuer schon der Hand, und die Sprossen zum künftigen Strauchwerk
waren an seinem Leibchen eben angeflogen.
    Demetri glich dem Zeus, und ihm fehlte dazu nur Donnerkeil und Adler.
    Die Phryne riss alsdenn der andern Schönsten das Hemd weg und beide den
übrigen, und nun ward ich von ihr wie von einer wütenden Pentesilea gefasst, der
höchste bacchantische Sturm rauschte durch den Saal, der alles Gefühl
unaufhaltbar ergriff, wie donnerbrausende Katarakten, vom Senegal und Rhein, wo
man von sich selbst nichts mehr weiss und gross und allmächtig in die ewige
Herrlichkeit zurückkehrt.
    Gegen Morgen macht ich die Zeche richtig, und wir schwärmten im
Geisterglanze des Vollmonds unter Chor und Rundgesang an dem Tiber vorbei und
hernach durch die hehren Ruinen und Triumphpforten über den Tarpejischen Felsen.
 
                                  Zweiter Band
                                   Vierter Teil
                                                                   Rom, Oktober.
Ich habe seit meiner letztern Begebenheit mit Lucinden gerungen und gekämpft, in
keine solche Torheit wieder hineinzugeraten; aber alles muss seiner Natur folgen.
Ich zittre und knirsche mit den Zähnen, dass es nicht anders ist: der Mensch hat
keine Freiheit. Sieh die Inseln der Glückseligkeit vor Dir, mit vor Verlangen
kochendem Herzen nach ihrer Lust, von üppigem Mut alle Nerven geschwellt: und
widerstehe mit kalter Überlegung der Gefahren, die vielleicht auf Dich warten,
indes der günstigste Wind über Dir in den Wipfeln hinsäuselt! Was ist das, dass
der Mensch so nach Ruhe trachtet und sie hernach doch nicht leiden kann? Dass das
Ziel keins mehr für ihn ist, sobald er es erreicht hat, und er immer ein neues
haben muss? Ach, unser Wesen hat keinen Frieden, und Brand und Glut in und über
alles ist dessen erste Urkraft!
    Wo ich gehe und stehe, schwebt sie mir vor Augen; ich strecke meine Arme
nach ihr aus, und meine Füsse bewegen sich von selbst nach dem Ort ihres
Aufentalts. In diesen Kreis bin ich wie gebannt, und mir scheint kein ander
Licht. O sie ist so ganz, was ich wünsche! und alles andre, was ich schon
genossen habe, dünkt mir nur ein Vorschmack von der Fülle ihrer Seligkeit.
Fiordimona, o Fiordimona, mit dir möcht ich ewig leben und unauflöslich mich mit
dir verflechten! Du allein kannst bei allen Reizen der Schönheit meine Freundin
sein; einen so hohen kräftigen Geist hab ich bei deinem Geschlechte noch nicht
gefunden.
    Glaub indessen nicht, Benedikt, dass ich mich aus Musse und Langerweile
verliebe; ich beschäftige mich gerade mit den ersten Werken der bildenden Kunst,
der alten und der neuern: allein das Leben selbst triumphiert über alles und
gewinnt im Gegenteil dadurch noch mehr Stärke.
    Der Oktober ist hier wie Wetter aus dem Paradiese, jeder Tag heiter und Fest
schon an und für sich. Ich habe mich auf eine Woche in das Vatikan eingesperrt
und genösse Götterlust, wenn mein Herz ruhiger wäre. Ich wohne oben im Belvedere
bei dem Manne, der die Antiken in seiner Verwahrung hat, und die Aussicht von
meinem Zimmer ist bezaubernd. Rom liegt still da, wie ein friedlich Überbleibsel
von der Herrschaft der Welt; wie ein junger Spross steigt es hervor aus dem
uralten hohlen Stamme der ehemals erhabnen ungeheuern Eiche. Voran grünt das
fruchtbare lange und breite Tal, wodurch der Tiber strömt, zwischen reizenden
Hügeln, die schöne Villen bekränzen; und in grauem Duft und blauer Ferne lagern
sich die Gebirge von Sabina, Tivoli und Frascati majestätisch herum. Man sieht
so den Aufentalt von süssen Geschöpfen vor sich, mit denen man auf allen Seiten,
da und dort in die Höhen, um allein zu sein, hinaus flüchten könnte.
    Die Nachwelt hat die grössten Meisterstücke der Malerei dem wilden und kühnen
Papst Julius zu verdanken; und es ist ein seltnes Glück, dass der Heftige einen
so scharfen und sichern Blick für das Wesentliche hatte und sich durch kein
Gepränge oder Höflingsgeschwätz täuschen und irreführen liess. Er erkannte das
wahre Talent und verachtete dagegen allen Modekram. Die berühmtesten Künstler
damaliger Zeit hatten schon in den Stanzen die Wände mit allerlei Larven bemalt,
woran vielleicht nach ihren Regeln nichts auszusetzen war, als Bramante den
Raffael von siebzehn Jahren herbeibrachte, dass auch er in einem Zimmer sich
versuchen möchte. Die alten Meister lächelten höhnisch und spotteten unter sich
über die Unerfahrenheit des Knaben. Der hohe Jüngling liess sich nicht stören und
entwarf in seiner Phantasie, dem Schauplatz angemessen, vier Bilder: von der
Teologie, der Philosophie, Poesie und Gerechtigkeit, und legte gleich im ersten
Feuer Hand an die Teologie.
    Die Philosophie war noch nicht ganz vollendet, als Julius von der Wahrheit
und dem Reiz der Gemälde so entzückt wurde, dass er auf der Stelle befahl, alles,
was die andern gemacht hatten, wieder herunterzuschlagen: dieser junge Mensch
sollte die Zimmer allein ausmalen. Die alten Herrn schrien über Tyrannei und
Unverstand, aber Welt und Nachwelt hat diesen harten Ausspruch gerechtfertigt.
    Ein solcher Schutz der Kunst macht Ehre, und keine Millionen, die man an
Stümper und ein buntes Gemisch von Kunstsachen verschwendet, indes der
eigentliche Mann bei seiner Bescheidenheit entweder verborgen bleibt und darbt
oder doch nur als ein gewöhnlicher Taglöhner sein Stück Arbeit nebenher durch
irgendeines Vernünftigen Empfehlung von ohngefähr bekömmt.
    Die Teologie ist ein geistig Bild der Religion; die vornehmsten Personen
des Alten und Neuen Testaments sind hier beisammen, jede nach ihrem Charakter.
Das Ganze stellt gleichsam die christliche Kirche vor im Werden.
    Gott der Vater schwebt obenan als Architekt mit freundlichem Ernste, dass
alles so ist, wie er's haben wollte. Christus ruht selig auf einem Wolkentron
in der Glorie der Ausführung, die Mutter voll Zärtlichkeit neben ihm.
Patriarchen, Jünger und Apostel umgeben ihn als ihren Mittelpunkt, auf Wolken
von Engeln getragen. Und unten auf dem Erdboden handeln noch die ersten
Kirchenlehrer und Christen in der Grundlage des Gebäudes.
    Die Hauptgestalten zeugen von der lebhaftesten jugendlichen Einbildungskraft
und haben wunderbare Bestimmteit in den Umrissen. Die vier grossen Kirchenlehrer
gehen mit ihrer Kraft allen andern hervor. Wenn irgend ein Sterblicher zum Maler
geboren war, so ist es gewiss Raffael. Seine Figuren sind mit einer Quelle von
Leben hervorgefühlt und voneinander unterschieden bis auf eine eigne Art von
Reiz im Ausdruck.
    Die Schule von Aten ist ebenso ein geistig Bild der Philosophen beisammen.
Pytagoras fängt an, Sokrates folgt, alsdenn kömmt Plato mit dem Aristoteles und
weiter Archimed. Die Gruppe des letztern mit den vier Jünglingen ist wirklich
unaussprechlich schön und reizend, ein entzückend Bild von einem Meister mit
seinen Schülern; die Aufmerksamkeit zweier, die Verwunderung und Begeisterung
des Aufblickenden besonders göttlich hingezaubert, gerad im Momente, wo er die
Erklärung des schweren Problems findet. Gesicht mitsamt dem Haar ist von hoher
Schönheit und Wahrheit. Archimed selbst voll Schärfe des Verstandes und
Überlegung. Zeichnung und Malerei überall spricht den grossen Meister von heiterm
Sinn. Der eine studiert; der andre begreift; der dritte hat's begriffen und
verwundert sich; und der vierte frohlockt und möchte jemand, der's auch lernte.
    Für ein Gymnasium von Philosophen wäre das Ganze ein wahrer Zauber und würde
jederzeit die Seele zur Empfänglichkeit stimmen. In verschiednen Köpfen von
Raffael herrscht eine Wirklichkeit, wobei man über die frische Kraft seiner
Phantasie erstaunen muss. Sein heiliger Gregorius muss ein Teolog sein, sein
Pytagoras ein Philosoph und keine andre Menschen.
    Der Parnass ist wieder so ein geistig Bild der Poesie. Homer improvisiert,
von Begeisterung hingerissen; Apollo ist mit seinen schönen Augen verzückt in
himmlische Phantasien; Musen, Laura, Sappho und die besten Dichter, die
teatralischen ausgenommen, sind dabei zugegen.
    Die Gerechtigkeit besteht aus drei vortrefflichen allegorischen Figuren:
Klugheit, Stärke zur Rechten, Mässigkeit zur Linken.
    Dieses Zimmer war seine erste Arbeit zu Rom; es bleibt aber doch das
vorzüglichste wegen Menge und Adel von Gestalten. Seele und Auge jedes
verständigen und in der Welt erfahrnen Menschen müssen sich so recht daran wie
an süssem Kern weiden. Überall blickt da und dort eine himmlische Blume hervor,
und je tiefer man sich mit seinem Stachel hineingräbt, desto nahrhafter Honig
findet man. So hat mich spät noch erfreut sein Evangelist Johannes in der
Teologie, neben dem David, welcher vor der Menge grösserer Figuren einem erst
nach und nach mit seinem süssen Lächeln und halb zugedrückten innigseligen Blick
aus seiner Engelsschönheit ins Herz blitzt. Das blonde Haar wallt ihm reizend
nieder auf die Schultern, und er scheint einen Liebesbrief zu schreiben.
    Die Schule von Aten ist mir das angenehmste von allen seinen Werken: eine
solche Fülle von Heiterkeit und Ruhe kömmt mir daraus entgegen; ob das Ganze im
Grunde gleich einen Streit vorstellt, nämlich den Sieg der Aristotelischen
Philosophie über die Platonische, wie die triumphierenden und widerlegten
Gesichter zeigen. Alles neben den beiden grossen Helden scheint sich darauf zu
beziehen. Plato hat zur Seite den Sokrates mit dem Alkibiades und den
Pytagoras, Aristoteles den Kardinal Bembo14 und Archimed. Wahrscheinlich fehlen
deswegen Epikur und Zeno mit ihrem Anhange. Welche vollkommne Meisterstücke sind
darin Pytagoras, Sokrates, Plato, Aristoteles, Archimed oder Bramante mit dem
jungen Herzoge von Mantua! Alles ist hier so Natur, dass man die Kunst vergisst
und nicht an sie denkt: so voll und verliebt darein und fertig war der Meister.
Die Gruppen sind schön zusammengehalten, und jede richtet sich nach dem
Philosophen, der Unterricht erteilt. In die antiken Gewänder hat er sich gut
hineingedacht, und man merkt nichts Gezwungenes.
    Zusammengedrängte Jahrhunderte machen in jedem von den drei Gemälden ein
einzig Bild für die Phantasie.
    In dem Zimmer darauf tut der Genius Raffaels, wenn ich mich so ausdrücken
darf, pittoreskere Flüge, ist aber nicht mehr so reich an hoher individueller
Gestalt.
    Sein Heliodor ist vielleicht die schönste Allegorie neuerer Zeiten. Das
Ganze teilt sich in drei Gruppen und tut grosse Wirkung. Die Gruppe der Engel mit
dem niedergeworfnen Heliodor gehört unter Raffaels Höchstes; sie sind durchaus
Natur in Gestalt, Gebärde und Bewegung; er hat sie vermutlich von feurigen
römischen Buben in Zorn und Sprung abgesehn. Der Engel zu Pferde in der Kirche
ist etwas ungereimt, aber er macht ein herrlich Bild von Schnelligkeit und
unwiderstehlicher Gewalt. Heliodor und seine Gefährten schreien; und es gehört
zur Schönheit des Ganzen, ob sie gleich gegen die Teorie einiger Antiquaren
dazu den Mund auftun müssen.
    Die Gruppe von Weibern neben dem Papste, der von Schweizern, nach der Natur
kopiert, hereingetragen wird, macht einen reizenden Kontrast; die Köpfe der
beiden Frauen, die mit den Händen zeigen, sind die schönsten, und der dritte
daneben hat einen wunderbaren Ausdruck. Julius schaut voll Majestät, als ob
seine Befehle gut ausgeführt würden.
    Der Hohepriester in der Mitte am Altar bittet voll Zuversicht in Ergebung.
Der Bube, welcher auf den Säulenfuss steigt, um recht zuzuschauen, ist sehr
pittoresk, wie überhaupt alles samt der Beleuchtung.
    Dies Gemälde gehört gewiss zu dem Vortrefflichsten, was Raffael
hervorgebracht hat; und zu der Zeit, wo soeben erst die Franzosen von Italien
hinausgetrieben waren, muss es jedermann innig ergötzt haben. Man sieht
inzwischen deutlich, dass ihm seine Schüler an den Nebensachen halfen. Es ist ein
ungeheurer Unterschied, wenn man Raffaelen nach den meisten gegenwärtigen Malern
sieht; bei ihm lebt alles und bedeutet, und greift ein ins Ganze. Man kömmt bei
ihm einmal wieder zu einem verständigen Menschen.
    Damit Du aber siehst, dass ich doch nicht schwärme, so meld ich Dir dagegen,
dass der bewunderte Attila gegenüber auf mich wenig Wirkung macht. Ich finde
darin kein recht zusammenhängend Ganzes in der wirklichen Malerei und den
Charaktern, obgleich die Anlage trefflich ist, und zuviel Kompliment auf Leo den
Zehnten, dessen Kopf sich wahrlich zu keiner solchen Szene schickt. Attila sieht
viel zu gütig aus für einen Hunnenkönig, ohnerachtet der ungefühlten Worte von
Griechenheit darüber, und Leo zu feist für einen Heiligen. Die Apostel sind zu
schwer, zu gross und zu nah in der Luft für schwebende Figuren, haben wenig
Gestalt und bitten eher, als dass sie drohen sollten, und halten ihre Schwerter
wie die Weiber.
    Nichtsdestoweniger bleibt das Gemälde mit den Porträten, Pferden und
verschiednen Gewändern eine reizende Wandverzierung für einen geistlichen
Fürsten, und es ist darin immer mehr natürliche Gestalt für Verstand und Auge
als vielleicht in hundert neuern.
    Das Wunder bei der Messe ergötzt besonders wegen Einheit und
Mannigfaltigkeit des Ausdrucks durch alle die verschiednen Gesichter, die
meistens Porträte sind, und zeigt so recht Raffaels wunderbare Einbildungskraft.
Es ist der lebendige Glaube. Der überführte Priester, mit den Augen kaum
blinzend und voll Beschämung und Erstaunen in den Lippen, und Julius der Papst
sind hohe Meisterstücke. Das Ganze ist am besten gemalt unter allen.
    Petrus, befreit aus dem Gefängnisse, ist ein angenehmes Spiel von Licht und
Schatten, wozu jedoch kein Raffael gehörte, und das Ganze gut entworfen, der
erschrockne Soldat auf der Treppe meisterlich.
    In diesem Zimmer merkt man schon, dass Raffael seine Schüler bei seinen
Arbeiten brauchte; aber noch weit mehr in dem dritten, hintersten, wo das meiste
von diesen ist.
    Der Burgbrand ist hier das Vorzüglichste. Viele Gestalten sind darin
vortrefflich, nur war die Szene selbst eher ein Vorwurf für den Tizian oder
Correggio. Überhaupt aber sind Wunder eher für Poesie als bildende Kunst; sie
täuschen das Auge selten, weil man natürlicherweise nichts so gesehn hat.
    Die Dirne mit dem Krug auf dem Kopfe ist eine göttliche Figur, eine Amazone
unter den modernen Weibern, voll Leben und Frischheit in ihren Formen und
reizend in dem vom Wind angewehten Gewande. Die knienden Frauen sind gleichfalls
trefflich und die Gruppe des Sohns, des Äneas, der seinen Vater rettet, mit dem
Buben daneben Meisterwerk. Der Tumult der Weiber und Kinder, weinend und
schreiend, flehend und erschrocken, ergreift die Phantasie, und es gibt da
schöne Gestalten. Jedoch ist er am Nackenden gescheitert; dies muss gut koloriert
sein, wenn es Wirkung hervorbringen soll. Der nackende Kerl, welcher
herabspringt, ist ziegelfärbig und sieht aus wie geschunden.
    Leo der Vierte, welcher auf das Evangelium schwört. Die Hauptfigur ist das
Beste im Ganzen; man kann gutes Gewissen nicht trefflicher ausdrücken im grossen,
kräftigen, freien Charakter. Herrlicher Blick gen Himmel! Ausserdem sind noch
einige meisterhafte Köpfe darin; scharfer Verstand, Getrosteit, und
Verwunderung und Aufmerksamkeit darum her, und die Menge mit verschiednen
Empfindungen. Es ist reizend, überall den tiefen Seelenklang zu finden. Er war
in der Tat ein klares stilles tiefes Wasser, worin sich die beste Natur rein
abspiegelte.
    In der Schlacht bei Ostia ist das Beste der geharnischte Soldat mit den
grünen Hosen; ein christlicher Held. Das übrige in diesem Stücke ist
unbedeutend; der Papst selbst hat eine fromme Schafsgestalt.
    In der Krönung Karls des Grossen macht Karl selbst eine einfältige Figur und
passt so gut zu dieser Szene, die mit viel Empfindung und Feinheit ausgeführt
ist; er sieht wie ein alter Schweizerkorporal aus und kniet mit abgestutztem
Haar vor dem Papst.
    Es sind in diesem Gemälde ganz vortreffliche Köpfe, besonders unter den
Bischöfen und geharnischten Schweizern. Die Gescheitesten sind am entferntesten
von ihm und um die Handlung her, und zum Teil mit ernstaftem und heiterm
Nachdenken. Die Bischofsmützen sind sehr fatal für die Malerei und ihr Weiss in
doppelter gerader Reihe besonders im Vordergrunde grell. Die Einheit des Ganzen
verbreitet sich bis auf die Sänger in der Ecke oben. Die Kerl, welche Geschenke
tragen, silbernen Tisch und Gefässe, bringen Mannigfaltigkeit hinein. Es ist viel
zusammengedrängte Pracht darin.
    Im vierten und letzten Zimmer, beim Eingang das erste und grösste, ist alles
bloss nach Raffaels Zeichnungen und Anlage, bis auf zwei Figuren, die er selbst
in Öl ganz ausgemalt hat, nämlich die Gerechtigkeit und Gütigkeit, welche,
obgleich nur allegorisch und wenig bedeutend, doch mit ihrer Wahrheit und
Wirklichkeit alles von Julio Romano und Fattore niederschlagen. Es kömmt einem
vor, als ob Raffaels warmes Leben kalt geworden wäre; er ist's, und ist's nicht
mehr. Er selbst ist ganz lebendig: hier sind's nur seine Masken. Es fehlt die
Bestimmteit in allen Teilen, fehlen die feinen entscheidenden Züge, die nur von
der schöpferischen Phantasie allein unmittelbar in die Hand quellen. Man muss
sich zwingen, die Personen wirklich zu sehen; bei ihm kann man nicht anders.
    Die Schlacht Konstantins gehört mit der Verklärung unter Raffaels grösste
Kompositionen; sie macht ein schönes Ganzes und ist vortrefflich angeordnet. Die
Hauptfiguren gehen gut hervor. Konstantin drückt noch Zorn aus, und die Freude
regt sich bei ihm über den Sieg. Der Kopf des Maxentius stellt einen schlechten,
grausamen und elenden Tyrannen dar überhaupt, wohl meistens von Julio erfunden,
und jetzt in Verzweiflung und gänzlicher Ohnmacht und der Gefahr, überall
umzukommen. Sein Pferd und wie er sich beim Untersinken im Wasser daran hält,
der Strom und die darin schwimmen, in die Barke steigen wollen und sie umwerfen,
ist trefflich. Sonst sind die Haufen vielleicht zu voll, der Feind zu flüchtig,
ohne allen Widerstand; es bleibt aber doch die erste Schlacht wegen Wahrheit der
Gestalten. Die Gruppe, wo einer vom Pferde heruntergebohrt wird, und die des
gefallnen Sohns mit der Fahne bei seinem Vater tun grosse Wirkung.
    Die drei übrigen Gemälde in diesem Saale kommen nach den andern wenig in
Betrachtung. Die Anrede Konstantins mit dem erscheinenden Kreuz in der Luft ist
noch das beste; sie ist nach den Anreden Trajans auf Konstantins Triumphbogen.
Einige Porträte nur ziehen das Auge an sich, als die zwei Jünglinge unter
Konstantin.
    In der Schenkung Konstantins sind im Vordergrunde auf beiden Seiten ein paar
schöne Gruppen von Weibern, samt denen, die sich durch die Säulen drängen.
    Vor den Stanzen sind die Logen, mit lauter kleinen Gemälden aus dem Alten
Testamente und am Ende mit einigen wenigen aus dem Neuen verziert. Raffael
selbst hat nur ein paar Erker etwa selbst flüchtig ausgemalt und hier und da
Hand angelegt, alles andre ist von seinen Schülern nach seinen Zeichnungen. Und
so die Arabesken. Alles voll schöner reizender Ideen. Ich betrachte diesen Gang
als die Schule Raffaels im eigentlichen Verstande, den trefflichen Meister unter
seinen grossen und kleinen Schülern, und es freut mich zu sehen, wie sie die
Schwingen versuchen.
    Man kann nicht wohl umhin, unter den grossen Meistern der neuern Zeit den
Michelangelo und Raffael obenan zu stellen; jenen wegen Richtigkeit im Nackenden
und Erhabenheit seiner Denkungsart; doch hat er wenig Gefühl für schöne Form
gehabt und ein elendes Auge für Farbe, und war arm an Gestalt.
    Raffael ist lauter Herz und Empfindung, und eine Quelle von Leben und
Schönheit, wie je wenig Sterbliche. Edel und liebenswürdig, und bereit, von
seiner Fülle mitzuteilen für jedermann, hat er die Gunst und Bewunderung von dem
Kerne der Menschheit erhalten. Alles Nackende, was zu unsern Zeiten am Menschen
sichtbar ist, besitzt er in seiner Gewalt. An Gestalt ist keiner reicher als er,
und darin fühlt er einige Gattungen von Seelenschönheit aufs lebendigste. Die
Farbe war ihm zu sehr Oberfläche; im Nackenden hat er aber doch oft ihren Reiz
gefühlt und besonders bei Köpfen in höchster Vortrefflichkeit übergetragen. Die
Zaubereien von Hell-Dunkel sind ihm fremd. Sein Fehler ist seine Gefälligkeit
überall, auch wo sie nicht sein soll. Es scheint, als ob er nie ein widerwärtig
Gesicht recht habe ansehen können; in seinen Köpfen von Attila und Heliodor, und
Mördern schier, ist Grazie und Gefälligkeit. Heldencharakter, welche für sich
bestehen, einen Apollo, Herkules, Jupiter, und diesen Ähnliche unter Menschen
hat er nie oder höchst selten durch blosse Kopie erreicht. Sein Nackendes in den
Teilen, die man nach unsern Sitten nicht sieht, ist wie aller andern Neuern
meist Abschrift eines Modells; doch freut einen darin seine feste Hand. Die
Vollkommenheit unsrer besten Antiken kannt er nicht; und sein Vortrefflichstes
ist wahrlich nicht das wenige, worin er sie nachgeahmt hat. Dies Nackende, wenn
er sich auch noch so sehr plagte, tut wenig Wirkung; es ist nicht wieder andre
Natur geworden wie bei den Griechen, ausgenommen Kinder, Arme, Beine, Brüste,
Hände, Füsse.
    Übrigens sieht man recht im Vatikan, dass er mit den vorzüglichsten Personen
seines Zeitalters umging und ihre Gestalten, Mienen und Gebärden, Stellungen und
Bewegungen und den Reiz in den Gewändern seiner Kunst eigen machte. Welche
Meisterstücke Archimed, Aristoteles, Plato, Pytagoras, seine Teologen und
Kirchenlehrer! Um sie so wohl zu fassen, dazu gehört gewiss ein verliebter Umgang
mit grossen Männern. Sappho, Laura, die drei Musen neben dem Apollo im Parnass,
Pindar, Horaz, welche Gestalten! Und wieder welch ein unschuldiges
unbehülfliches und doch unbesorgtes Wesen in seinen Kindern zum Beispiel im
Burgbrande!
    Die Schönheit von Ausdruck und Empfindung hat er verstanden wie keiner. Auch
dem Gemeinsten hat er immer einen Anstrich von Empfindung gegeben, ihn wie in
Seele getunkt. Er konnte fast nichts anders machen; und die gefühligen Gebärden
von inniger Rührung sind bei ihm zuweilen für den scharfen Denker blosse Manier
und finden sich, wo sie sich nicht hin schicken. Seine wahrhaftig schöne Seele
hat sich von Kindheit an dazu gewöhnt.
    Gefühlvolle Gestalten, die nicht sprechen, sind aber auch der eigentlichste
Gegenstand der Malerei; wo diese nicht das Hauptwerk in einer historischen
Komposition ausmachen, ergreift das andre wenig.
    Die vorige Woche war eine Seligsprechung zu Sankt Johann im Lateran, und
dabei wurden Raffaels Tapeten ausgehängt, das Fest zu schmücken. Sie machen die
andre grosse Reihe von Gemälden aus, wenn man sie so nennen will, die sich von
ihm hier befinden, und belaufen sich an die zwanzig Stücke. Es sind Bilder aus
dem Leben Jesu und der Apostelgeschichte. Raffael malte die Kartons dazu, wenig
Jahre vor seinem Tode, auf Verlangen Leo des Zehnten, und sie wurden in Flandern
unter Aufsicht zwei seiner guten dortigen Schüler gewirkt.
    Man trifft darunter Vorstellungen an von hoher Vortrefflichkeit und
Schönheit: bei einigen aber gab er sich freilich nicht viel Mühe; doch erblickt
man auch hierin einzelne Figuren, die entzücken. Er musste sich darauf
einschränken, was auf Tapeten Wirkung tut, und konnte nicht ins Feine gehen, in
die zarten Züge, die oft soviel entscheiden. Deswegen hat man vermutlich auch
aus einer schändlichen Nachlässigkeit die Originale zurückgelassen; und der
Himmel weiss, wo sie in den Nebelländern hingeraten sind.
    Der Kindermord, die Auferstehung, die Austeilung der Schlüssel, wo man dem
Paulus opfern will, derselbe im Areopag, Petrus, der einen Gichtbrüchigen heilt,
der blinde Zaubrer, der Fischzug gehören unter die besten. Es ist wunderbar, wie
das Leben aus der groben Materie hervorbricht und die Herzen ergreift; und man
wird selbst zum glücklichen, seligen Kinde, wenn das Volk so daran vorbeizieht,
da und dort stillesteht und sich dieses und jenes Schöne zeigt, sich dabei der
Religion freut und fromm und gut nach Hause geht.
    Vor seinem Kindermorde muss jeder andre Künstler die Segel streichen. Ich
habe manches schöne Weib davor Tränen vergiessen sehen, so rührend ist die
Mutterliebe und die Unschuld der Kinder auf mancherlei Art ausgedrückt. Die
Mutter, welche mit ausgebreiteten Armen und flatternden Haaren im Schrecken
flieht; welche sitzt und über ihr totes Kind weint; welche den Mörder wütend
fortstösst, indes das Kind sich an sie festklammert: sind göttliche Gestalten.
    Es ist ein unendlicher Reiz von Leben, Bewegung und Schönheit in diesem
Stücke, das aus drei grossen Tapeten besteht.
    Wie Petrus den Gichtbrüchigen heilt, ist ein gleiches Meisterstück und hat
die trefflichsten Naturgestalten zur Begebenheit und macht noch ein vollkommner
Ganzes. Ein gleiches, wo dem Paulus geopfert wird und wo Petrus die Schlüssel
empfängt.
    Wie Christus aufersteht, ist äusserst sinnlich erfunden. Die Wache erschrickt
und flieht davon, wie vor einem Gespenste. Der Hauptmann mit dem Spiesse, der im
Entsetzen noch tapfer aushalten will, und der Soldat, der sich vor Furcht an ihn
schmiegt, und ein andrer mit Schild und Armen über dem Kopfe, und der, welcher
ausreisst, sind Meisterwerk. Die drei Marien in der Ferne vollenden die
Heiterkeit des Ganzen.
    Es lässt sich wenig darüber sagen, wenn man nicht selbst davorsteht und auf
die Schönheiten hindeuten kann. Auch muss man vieles aus einer nähern
Bekanntschaft mit Raffaelen nur ahnden.
    Unter allen seinen teologischen Werken behält aber doch immer den Preis
sein letztes, die Verklärung, weil es gewissermassen die Quintessenz aller seiner
heiligen Gefühle in sich hält, den Zuschauer in den Mittelpunkt der christlichen
Religion zaubert und die Vollkommenheit seiner Kunst ist. Schade nur, dass das
Gemälde die Haltung verloren hat, die Schatten alle schwarz geworden, die feinen
Tinten verschwunden sind und die Luft keine gute Wirkung tut. Inzwischen müssen
die Gestalten der hohen Menschen, die hier versammelt sind, schon an und für
sich ergreifen. Jeder von den untern Aposteln möchte gern voll Guterzigkeit
helfen, aber kann nicht. Auch die Notleidenden sind edle Seelen, und die kniende
Jungfrau mit dem königlichen Profil erhebt besonders die Szene. Der besessne Bube
ist ein gutes Kind; der Kopf hat in der Tat den Ausdruck, als ob ihm ein böser
Geist etwas angetan hätte, und sein Arm ist ein Meisterstück von Wut der Qual.
Der Kopf des Weibes, welches ihn mit der Hand hält, voll Angst und blasser
Melancholie, rührt bis zur Bangigkeit.
    Oben auf dem Berge wird der göttliche Jüngling, der das menschliche
Geschlecht von seinem Elend befreit und auf welchen die untern Gefährten zeigen,
in Verzückung emporgehoben vom Boden, und ihn umschweben die grössten Geister der
Vorwelt herab vom Himmel. Die eingeschlummerten Begleiter erwachen auf der
Anhöhe von der Glut der Begeisterung.
    Jede Gestalt ist äusserst rein und bestimmt, individuell, voll Physiognomie
und Schönheit in grossen Formen. dabei sind die Köpfe doch fast alle Natur aus
der römischen Welt und täuschen deswegen so sehr. Ein Fremder kann es nicht so
geniessen wie einer, der diese kennt.
    Mit einem Wort, es ist, was es sein soll: eine wahre Verherrlichung und
Verklärung; die Doppelszene, so vereinigt, füllt den Moment so mächtig, als die
Malerei nur leisten kann; und was leere Kritiker tadeln, entzückte gerade den
Meister bei der Erfindung und macht den Triumph der Kunst für den Menschen von
Gefühl aus.
    Man muss gewiss erstaunen über die grosse Anzahl seiner Werke bei so kurzem
Leben und seinem Hange zur Wollust, besonders wenn man das meiste so gefühlt und
ausempfunden sieht. Bei blosser Manier und Fabrik lässt sich grosse Anzahl leicht
begreifen, wo arme Sünder denselben Puppenkram, den kein Vernünftiger mehr
erblicken mag, nur in andre Stellungen versetzen; aber alles Vollkommne, aus der
Natur hergeholt, will reine volle Seele und kostet Anstrengung.
    Raffael hat sich innig, von zarter Kindheit an, als einzig liebes
Künstlersöhnchen voll frischer Kraft selbst zum Maler in der Einsamkeit und beim
Leben in der Welt gebildet, und früh sich angewöhnt, Gestalten und Bewegungen
derselben sich in der Phantasie zu sammeln und vorzustellen; und diese Übung und
Gewohnheit ist nach und nach bei ihm zur stärksten Fertigkeit geworden. Seine
Hand hat er gleichfalls geübt wie Auge und Phantasie, und dabei seines Geistes
Sphäre erweitert; und so ist der göttliche Jüngling zum Vorschein gekommen. Die
Hauptsache, worin er alle übertrifft, bleibt eben die vollkommne Fertigkeit,
sich Gestalten vorzustellen, die Grund in der Natur haben, mit Zweck und
Absicht. Daher die wunderbare Menge seiner Gemälde. Das Höchste in der Malerei,
Gestalt, wobei sich andre, zuweilen die scharfsinnigsten Köpfe, vergebens
abmartern, war sein Leichtestes, ging von ihm aus wie Quelle. Aber doch sieht
man bei seinen Kompositionen deutlich allemal die Figuren, wo er sich
angestrengt und die wirkliche Natur nachgeahmt hat. Er besass einen gar guten
Volksverstand und dachte und empfand bei jeder Geschichte gleich das
Natürlichste; und seine Gestaltenphantasie und sein kernhafter Stil, wo alles
bestimmt ist, machte das Ganze gleich lebendig.
    Nach diesem allen seh ich mich doch genötigt, ein Gegenlied von dem Lobe
anzustimmen, was ich dem Papst Julius gab. Es war ein Glück für Raffaelen, dass
dieser seiner Kunst Arbeit verschafte, und vielleicht auch keins und das
Gegenteil; denn dadurch ist er fast zum blossen Kirchenmaler geworden. Das
einzige grosse Werk ausser seinen teologischen Gemälden und Porträten ist die
Geschichte der Psyche in der Farnesina; und diese gehört, einzelne vortreffliche
Figuren ausgenommen, nicht unter sein Bestes. Die Götter und Göttinnen darin
machen einen grossen Abstand gegen die Antiken.15 Jedoch muss man zu seiner
Entschuldigung sagen, dass er das vom Apulejus so kostbar erzählte Märchen schier
lucianisch behandelte; das Ganze ist ein Malerscherz und stellt ein kokettes
Weib vor, welches keine reizende Schwiegertochter haben will und sie endlich
haben muss.
    Er und seine Schüler scheinen überdies sich auf Kosten des reichen Kaufmanns
Chigi von Siena, der aus verschwenderischer Pracht bei einer Mahlzeit für
Kardinäle und Prälaten die silbernen Gefässe, sowie sie abgetragen wurden, in den
vorbeifliessenden Tiberstrom werfen liess, sich mehr nur einen Zeitvertreib
gemacht zu haben, als dass ihnen, von der vatikanischen Strenge her, die Arbeit
Ernst gewesen wäre; und der welsche Amsterdamer musste ihm dabei noch ein Zimmer
für seine Geliebte einräumen, damit er sie allemal gleich bei der Hand hätte,
sooft ihm die Lust unter den wollüstigen Zeichnungen der nackenden weiblichen
Gestalten zu ihr ankäme.
    Die Allegorie mit den Liebesgöttern ist das Sinnreichste, Venus und Psyche
übrigens einigemal bezaubernd, Zeus und Amor beisammen griechisch empfunden,
Merkur und die Grazie vom Rücken Meisterwerk. Und Johann von Udine hat bei
seinen Blumen einen himmlischen Frühling genossen.
    In seiner Galatee neben diesem Saal ist die Zärtlichkeit und Empfindung der
ersten Liebe ausgedrückt; sie hat viel Unschuld im Blick, aber noch etwas
Unreifes in der Gestalt, und ihr Gesicht ist noch nicht so klar und rein wie zum
Exempel die Köpfe in der Verklärung. Die drei fliegenden Bübchen schweben
reizend in schönen Umrissen.
    In den Stanzen sind zwar einige Gemälde, die nicht zur Kirchengeschichte
gehören, allein er musste die Personen darin doch dem Orte nach so fromm
behandeln, dass sogar Vasari seinen Plato und Aristoteles in der Schule von Aten
für die Apostel Petrus und Paulus ansah und ein andrer Unwissender dieselben mit
dem heiligen Schein in Kupfer stach. Sein Parnass würde vermutlich in einem Saale
von Ariosts Gartenhause ein ander und besser Werk geworden sein.
    Und wie sind die Zimmer alle an und für sich schon schlecht beleuchtet und
angeordnet, mit Malerei überladen! Man sollte fast denken, der Halbgott habe den
grössten Teil seines Lebens mit seinen Schülern hier gefangen gesessen und einem
teologischen Tyrannen zu gefallen alle Wände vollgepinselt, um ihn zur Erlösung
zu bewegen.
    Raffael hat durch diesen Druck äusserst wenig und vielleicht nichts gemacht,
wo sein ganzes Wesen mit allen seinen Gefühlen und Neigungen und Erfahrungen ins
Spiel gekommen wäre, wo die Sonne seines himmlischen Genius ganz auf einen
Brennpunkt gezündet hätte.
    Es ist zwar wahr, aus der freisten oder schlüpfrigsten Szene der Welt kann
der Künstler eine Gestalt in das frömmste Gemälde übertragen; allein es
geschieht doch allemal mit Zwang, der, anstatt dass eine Begebenheit aus der
profanen Geschichte oder Fabel die Phantasie erhöbe und begeisterte, die
eigentlich lebendigen Züge verwirrt und verunstaltet, so dass sie ihre beste
Kraft verlieren. Wie würden Raffaels Weiber, zum Exempel, dieselben Gestalten zu
seinem Kindermorde, zu seinen vortrefflichen Sibyllen in der Kirche alla Pace,
zu verschiednen seiner Madonnen noch andre Wirkung in den Vorstellungen aus dem
Leben einer Sophonisbe, Kleopatra, Cornelia, der Geschichte des Coriolan
hervorbringen?
    Es bleibt ausgemacht: Das Element der grossen Geister ist die Freiheit; und
wer sie unterstützen will, muss diese ihnen erst gewähren. Aller Zwang hemmt und
drückt die Natur, und sie kann ihre Schönheit nicht in vollem Reize zeigen.
Deswegen die Atenienser unter ihrer Demokratie und Anarchie der höchste Gipfel
der Menschheit.
                                                                  Rom, November.
Ich freue mich, dass Du mit mir auf gleichen Lebenspfaden gehst und also leichter
an meinen Schicksalen teilnehmen kannst; nur ist Deine Chiara von ganz andrer
Art als meine Fiordimona; sie hat mich nicht so lange schmachten lassen, ihrer
Macht und Herrlichkeit bewusst. Das hab ich noch nicht erfahren, in der Liebe so
von einem Weibe überflogen zu werden. Ich habe Nebenbuhler, und vielleicht
glückliche Nebenbuhler: nur schein ich der glücklichste zu sein; und dies
fesselt mich an ihren Triumphwagen, worauf die stolze junge Römerin einherzieht
wie ein alter Sylla nach den Siegen über die grössten Könige der Erden und die
ersten Helden seines Vaterlandes. Und ich fühl es, ach ich fühl es, dass sie mich
so ganz unaussprechlich liebt! Was das für eine Empfindung ist und wie es mein
Wesen in vollen Schlägen durchkreuzt, kann niemand fassen, als wer selbst in
Feuer und Flammen unter einem solchen schrecklichen Gewitter gestanden hat.
    Das erste Mal, als wir unsre Seelen vereinigten, geschah in der Nacht auf
den Raub, zwischen Gebüsch und Gesträuch, unter den ewigen Lichtern des Himmels,
auf dem Gipfel des Monte Mario. O Gott, wie war ich da in Reiz versunken und
verloren! Ach, wenn es ein Leben gibt, das so unaufhörlich fortdauert, in
welcher Tiefe von Elend winden wir uns herum! Sie riss sich allzubald mit heissen
Küssen los, damit ihre Abwesenheit vom Ball, den ein Prinz ihretwegen auf der
Villa Melini gab, nicht bemerkt würde; und ich wandelte ausser mir, nicht mehr
derselbe, noch lange zwischen den Bäumen herum, tat Freudensprünge wie ein Knabe
und jauchzte vor unfassbarem Entzücken hinab in die Täler des Tiberstroms, dass
alle Hügel widerhallten.
    Du solltest sie sehen! Eine erhabne Gestalt, die das Auslesen hat; bei
Lüsternheit sprödes Wesen. Ein froh und edel wollüstiger Gesicht gibt's nicht.
Mit Adleraugen schaut sie umher und bezauberndem, doch nicht lockendem Munde.
Das stolze Gewächs ihres schlanken Leibes schwillt unterm Gewand so reizend
hinab, dass man dieses vor Wut gleich wegreissen möchte; und die Brüste drängen
sich heiss und üppig hervor wie aufgehende Frühlingssonnen. Wangen und Kinn sind
in frischer Blüte und bilden das entzückendste Oval, woraus das Licht der Liebe
glänzt. O wie die braunen Locken im Tanze bacchantisch wallten, der himmlische
Blick nach der Musik und Bewegung in Süssigkeit schwamm, die netten Beine in
jugendlicher Kraft sich hoben, wie schnelle Blitze verschwanden und wiederkamen!
Doch warum beginn ich ein unmögliches Unternehmen? Der geniesst das höchste Los
des Daseins, den ihre zarten Arme wie Reben umflechten; mehr hat kein König und
kein Gott.
    Ach, und sie ist mehr Wunder der Natur noch am Geiste! eine Kreatur, worüber
ich zum ersten Mal mit geheimen Ingrimm rase, dass sie so vortrefflich ist. O lass
mich! ruf ich zuweilen für mich in Verzweiflung aus; doch muss ich dem unbändigen
Zuge folgen und unterliegen. Ich habe nie geglaubt, dass eine Dirne derart mich
in Ketten und Banden legen würde, und tobe über mich selbst; aber niemand weiss,
was ihm bevorsteht.
    Ich will Dir gleich den falschen Wahn benehmen, der bei Dir aufsteigen wird.
Sie ist reich, besitzt ein unmässiges Vermögen und hat weder Vater, Mutter noch
Geschwister. Ihr Vater war der Sohn eines päpstlichen Neffen, und sie ist nun
allein geblieben. Wie um sie geworben wird, kannst Du Dir leicht vorstellen;
aber sie will ihre Freiheit behaupten und sich platterdings nicht vermählen.
    Kurz darauf bracht ich bequemer und freier eine ganze Nacht mit ihr zu in
ihrem Schlafgemach, bis Morgenrot und Sonne die Blumen ihrer Schönheit
bestrahlten und ich so ganz in ungestörtem Genusse mein Dasein mit allen Sinnen
darinnen wiegte. Welche Reden! welche Gefühle! wie schwand die Zeit dahin;
welcher süsse Scherz, was für Mutwill, was für Spiel, kindlich und himmlisch!
Trunken und lechzend taumelt ich von dannen. Wohl recht hatte jener Weise: wenn
man die Wollust dem Leben abzieht, so bleibt nichts als der Tod übrig. Sie hat
so ganz das, was Sappho bei Weibern allein Grazie nennt, das Liebreizende, was
so oft den schönsten und verständigsten fehlt. Diese versteht die Kunst, zu
lieben, und kennt die Wirklichkeit der Sache mit allen ihren Mannigfaltigkeiten;
sie ist eine Virtuosin darin, und andre wissen dagegen kaum die Anfangsgründe.
Bei ihr könnte Sokrates mit allem seinen unendlichen Verstande noch in die
Schule gehen; Natur selbst übersteigt alle Einbildung. O wie sie so bloss als
erquickende Frucht an einem hängt, als volle süsse Traube, woran man mit
durstigen Zügen saugt: und dann wieder bezaubernde unüberwindliche Tyrannin ist
des Herzens und des Geistes! Sicher bei ihrer Vollkommenheit, bedarf sie die
Zierereien der andern nicht. Die Grausame begnügt sich, gleich der Spinne, nicht
an einer Seele und verlangt nicht, wie sie sagt, gegen die Unmöglichkeit zu
streben; o ich möchte töricht werden!
    »Lass uns aufrichtig sein!« sprach sie an einem andern Abend im
Spazierengehen nach Saitenspiel und Gesang bei meinen Liebkosungen und Klagen
der Eifersucht.
    »Jedes muss sich selbst am besten der Kräfte zu seiner Glückseligkeit
bedienen, womit es auf diese Welt ausgesteuert worden ist, und der Lage und
Sphäre, wohinein es bei seiner Geburt gesetzt wurde. Dies hebt den Menschen über
Menschen und macht einen weit grössern Unterschied zwischen den Graden ihres
Genusses, als zum Exempel zwischen den verschiednen Weinen und ihrem Geschmack
ist, wo man nicht glauben sollte, dass sie alle von derselben Rebe herkämen. So
wären die Könige Halbgötter und Löwen unter Rindern, wenn sie ihre Stelle zu
gebrauchen wüssten.16
    Ein Frauenzimmer ist unklug, das mit einer Gestalt, die gefällt, erwuchs und
Vermögen besitzt, wenn es sich das unauflösliche Joch der Ehe aufbinden lässt.
Eine Göttin bleibt es unverheuratet, Herr von sich selbst, und hat die Wahl von
jedem wackern Manne, auf solang es will. Es lebt in Gesellschaft mit den
verständigsten, schönsten, witzigsten und sinnreichsten; erzieht seine Kinder
mit Lust, als freiwillige Kinder der Liebe; erhöht sich zum Manne: da es
hingegen im Ehestande wie eine Sklavin weggefangen worden wäre, nichts mehr
vermöchte nach Gesetz und Gewohnheit, und sich endlich von dem kleinen Sultan
selbst, welchem es sich aufgeopfert hätte, verachtet sehen müsste, ohn einem
andern Vortrefflichen seine Hochachtung wirklich auf eine seelenhafte Art, nicht
bloss mit Tand und Worten, erkennen geben zu dürfen.
    Ich werde dies einem Prospero nicht weiter auseinanderzusetzen brauchen, und
ferner nicht, ob das Wohl des Staats oder Ganzen dadurch gewinnt oder verliert.
Die etwanige Sünde kann man sich ja vergeben lassen! und eigentlich ist es bei
uns nicht einmal eine gegen das sechste Gebot, sonst würden diese Lebensart
fromme Regierungen nicht gestatten.
    Was die Eifersucht betrifft, so ist sie gewiss, wenigstens auf Eurer Seite,
eine unnatürliche Leidenschaft und entsteht ganz allein aus armseliger Schwäche,
Mangel oder Vorurteil; Brüder und Helden, jeder wert, ein Mann zu sein, sollten
sich eine Freude daraus machen, ein schönes Weib gemeinschaftlich zu lieben. Der
geringste Genuss wird durch Anteilnehmung mehrerer verstärkt und gewinnt dadurch
erst seinen vollen Gehalt: warum sollte es nicht so sein bei dem grössten? Und
ist eine junge Schönheit nicht imstande, ihrer viele zu vergnügen? Verliert der
eine etwas, wenn der andre auch von der Quelle trinkt, woran er schon seinen
Durst gelöscht hat? In einer guten bürgerlichen Gesellschaft sollte platterdings
auch gesellschaftliche Liebe und Freundlichkeit sein; allein wir können uns von
dem Krebsschaden der Vorurteile vieler Jahrtausende noch nicht heilen. Eins und
eins ist wahrlich nicht viel mehr als einsiedlerisch und gegen die Natur; sie
behauptet deswegen auch immer ihre Rechte, wie jeder weiss, der nicht ganz blind
ist. Bei der grossen Mannigfaltigkeit wär es Unsinn, jederzeit von blossem Brot zu
leben. Jeder Mensch existiert für sich und in keinem andern; wenn dies die Natur
gewollt hätte, so wären wir zusammengewachsen. Und geht's nicht so unter allen
andern Gattungen von Tieren, Gras und Kraut und Bäumen? Jedes vereinigt sich mit
dem andern nach Gelegenheit. O ihr Armseligen, die ihr keinen Begriff von Leben
und Freiheit habt und Grossheit des Charakters! Dass dies die reine wahre Lust
ist, mit seiner ganzen Person, so wie man ist, wie ein Element göttlich einzig
unzerstörbar, lauter Gefühl und Geist, gleich einem Tropfen im Ozean durch das
Meer der Wesen zu rollen, alles Vollkommne zu geniessen und von allem Vollkommnen
genossen zu werden, ohne auf demselben Flecke klebenzubleiben. Sobald etwas ganz
genossen ist, weg davon! Dies ist das allgemeinste Gesetz der Natur, wodurch sie
sich ewig lebendig und unsterblich erhält.«
    Ich erschrak und erstaunte über diesen pindarischen Schwung; so weit hatt
ich meine Philosophie noch nicht getrieben. Was lernt man nicht in Rom! Es
bleibt gewiss in jeder Rücksicht die Hauptstadt der Welt. Ich sah sie an wie ein
junges arabisches Ross, das nie Zügel und Gebiss erfahren, mit flatternden Mähnen
durch die Fluren schweift und mit üppiger Kraft über alle Hecken und Gräben
setzt.
    Sie lächelte über meine Verwunderung, milderte ihren feurigen kühnen
Adlerblick, fasste mich zärtlich bei der Hand und fuhr fort:
    »Wenn man mit euch Weisen spricht, so muss man wie Zeno und Plato reden und
sich dem Höchsten nähern, sonst habt ihr nur Mitleiden mit uns Schwachen. Glaube
nicht, dass mein Herz aus mir sprach; es waren nur Abstraktionen kalter Vernunft
und leichte Flüge mutwilliger Phantasie, dich zu necken und zu warnen. O du bist
mein Abgott, ich werde dich immer lieben, solange du mir getreu bleibst; und ich
habe keine Furcht vor einem andern, solange du es sein wirst. Kennst du etwa
einen, der so viel über mich vermöchte als du? so viel über mich vermocht hätte?
Nur schweig und verbirg, und lass uns unsre Glückseligkeit im stillen geniessen;
denn du siehst, ich bin von Feinden umringt, die mich und meine Güter zur Beute
machen wollen.«
    Alles dies ist Schatten und nichts schier gegen das, was und wie sie es
gesagt hat, mit einer Leichtfertigkeit, und einem Spiel von Mienen und Gebärden,
und Pausen und Fragen und Antworten und Errötungen und Wegwendungen des
Gesichts, und als ob ihr manches nur entschlüpfte, dass ich mich schäme, es
hingeschrieben zu haben. Doch mag der blosse Inhalt allein Deiner Moral, wenn Du
noch die alte hast, genug zu schaffen geben; ich wenigstens bin mit meinem
Latein am Ende und denke keine Spanne weiter mehr darüber hinaus, von den
Wonnestrudeln des paradiesischen Lebens bei meiner Zauberin ergriffen und
festgehalten.
    Nach diesem sonderbaren Liebesgespräch ist noch sonderbarer, dass sie keiner
Ausschweifungen beschuldigt wird und alle Abbati nichts wissen, die sich an ihr
blind schauen. Sie hält sich eingezogen in ihrem Palast auf, wenn sie sich nicht
auf ihren Landgütern befindet, und hat eine alte Base bei sich; und so führt sie
die Wirtschaft mit ihren Kammerweibern und Bedienten. Sie weiss sich so von jedem
Ehrerbietung und Gehorsam zu verschaffen, dass sie keines Mannes dazu bedarf und
ihr alter Vormund, den sie noch erbt, gute Musse hat. Entweder ihr Vater oder
ihre Mutter müssen ausserordentliche Menschen gewesen sein: sonst kann ich es
nicht begreifen. Beide sind erst vor wenig Jahren nacheinander gestorben.
    Etwas von dem Rätsel kann Dir noch das erste Gespräch aufschliessen, wodurch
ich mit ihr bekannt wurde, welches wir zusammen in einer Gesellschaft hielten,
wohin ich kurz nach meiner Ankunft den Kardinal begleitete. Es betraf die drei
grossen Lichter der welschen Literatur, den Dante, Petrarca und Boccaccio. Von
dem letztern behauptete sie, dass er am mehrsten Mensch und der Klügste und,
gegen die gewöhnliche Meinung, am mehrsten Dichter gewesen wäre. Aus seinen
Novellen allein leuchte unendlich mehr Erfindungsgeist hervor als in den Werken
der beiden andern, und dies bestimme doch hauptsächlich den Rang der Dichter.
Vers und Reim sei nur Verzierung, wie Licht und Schatten bei der Malerei, und
nicht das Wesentliche. Und auch in Charakter und Sprache dürfe man ihn den guten
Klassikern an die Seite setzen.
    Ich wandt ihr dagegen verschiednes ein und scherzte über ihre Verteidigung
dieses gefährlichen weiblichen Moralisten. Sie zog sich mit unbeschreiblicher
Anmut und leichtem Witz aus der Schlinge und beschloss, er habe die Sitten seiner
Zeit geschildert, und es gehöre zur Vollkommenheit von Held und Heldin, alle
Wege und Abwege eines Landes zu kennen; und es habe noch niemand zum Vorwurf
gereicht, durch andrer Schaden klug zu werden. »Ich betrachte die Komödie des
Dante«, fügte sie ernstaft hinzu, »eigentlich nur als eine Satire über seine
Feinde. Übrigens war er ein Mann wie ein Fels, welches auch seine Gestalt zeigt,
voll hohen Ehrgeizes. Der letztere hat ihn vermutlich zu seiner unverständlichen
Teologie und Philosophie verleitet; er wollte über die berühmtesten Personen
seines Zeitalters hervorragen. Wenn er Kraft genug gehabt hätte, die Modemänner
zu verachten, und einen bessern Plan zu seinem Gedichte wählte als ein so
gotisches Gewirr, so wär er vielleicht eine neue Art Homer für uns. Er hat
Stärke, Feuer, tiefes Gefühl, Einbildung und männliche Würde. Die Schicksale
nach seiner Verbannung liessen ihm nicht Ruhe und Heiterkeit genug.
    Petrarca geht zuviel in der Luft; doch entzückt nicht selten lauter und rein
sein himmlischer Geist, in guter Gesellschaft gebildet. Allein Boccaccio hat am
mehrsten Natur und war am mehrsten unter seinen Menschen: und hat deswegen auch
am mehrsten gewirkt. Was an ihm zu tadeln ist, muss man billig auf Rechnung
seines Zeitalters setzen.«
    Ich würde einen Mann wegen dieser Urteile nicht bewundert haben; aber sie
bezauberten mich von so schönen Lippen aus zwei Perlenreihen Zähnen hervor. Was
für innrer Gehalt gehörte nicht dazu, dieselben in Beisein eines Kardinals
auszusprechen!
    Es ist ein Glück für mich, dass ich sie so fand; mit ihr hätt ich die Torheit
begehen können, zu heiraten und alle meine brennenden Begierden und Hoffnungen
in ihrer Liebe dämpfen zu wollen. Bei den Grundsätzen, die sie wenigstens
auszudenken imstande war, wenn sie dieselben auch nicht ausüben sollte, würde
mir dieses eine erspriessliche Ehe geworden sein! Inzwischen ist wieder wahr: mit
Verstand kann man alles anfangen; sie würd es schon so gemacht haben, dass auf
beiden Seiten nichts Böses erfolgt wäre. Jedoch nur der fernste Gedanke, in
einen gewissen Orden hineinzugeraten, treibt mich auf und von dannen.
    Aber ich weiss selbst nicht recht, woran ich bin, und die Heillose foppt
mich. Noch einen Hauptpunkt hab ich vergessen, Dir zu erzählen: Sie macht und
singt aus dem Stegreif vortreffliche Verse, mit einer so tonvollen silbernen
Stimme, dass sie alle Augenblick eine Muse auf dem Parnass oder eine Sirene in den
Fluten vorstellen kann. Dies bringt zwischen uns grosse Ergötzlichkeit hervor in
Einsamkeit und Gesellschaft; und sie sagt im Scherz, wir wären so füreinander
geschaffen, um die erste Ehe stiften zu können, wenn nicht schon ein ander Paar
den Fluch aller Unglücklichen, die an diesem Joche ziehn, auf sich geladen
hätte.
    Ach, wer weiss, wie dies enden wird! Mir ist so warm in der Brust, dass mich's
wie auf einen Punkt brennt, und dabei zuweilen bange. Eine Glut scheint mein
innerstes Leben anzugreifen und davon zu zehren; ich gehe herum wie ein Tier,
das an einem Schusse blutet. In Augenblicken fahr ich vor Schrecken zusammen wie
ein junges Rind, dem der Löwe brüllt. Ich habe meine Freiheit verloren und kann
mich nicht ermannen. Aber wenn ich meine Kräfte anspanne, kann ich noch einen
Strick zerreissen. Ist sie eine Semiramis, dass ich weit und breit vor ihr in
Süden und Norden keine Freistatt finde? Gott im Himmel, dass sie so allen Reiz
haben muss, wornach mir je gelüstete! Sie hat einen Blitz in den Augen, womit sie
alles niederschmettert.
    Doch was rase ich? Bin ich nicht glücklich, emporgehoben zu den Sternen? Der
Wahnsinn muss Dir in Deiner Lage gefallen.
    Ich sitze noch im Vatikan, weil ich hier am bequemsten zu ihr komme. Von der
Villa Medicis ist es zu weit, und ich befürchte, man möchte über mein Ausbleiben
Verdacht schöpfen und mich beobachten. Der Kardinal ist ein Schalk; o ich merke,
dass er seinen Bogen auch auf dieses Ziel spannt und seinen Pfeil dahin richtet.
    Mein Petrus ist eine junge hübsche Mohrin vom Senegal, die noch wenig
Italienisch versteht. Fiordimona hält sie so in der Zucht, dass sie bei der
geringsten Untreue befürchten muss, auf der Stelle niedergestossen zu werden.
    Die noch immer schönen und heitern Morgen bring ich im Belvedere zu,
lästerlich! bloss um mich zu zerstreuen und auf andre Gedanken zu kommen. Aber
Apollonios und Agesander verstehen ihre Kunst doch auch so, dass sie mich allemal
früh oder spät mit ihrer Schönheit und Wahrheit an sich locken und einnehmen. O
wie erhebt dies meinen Geist, dass er solche Brüder hat! Wir sind ewig,
unsterblich, bewegen uns selbst und schaffen; nichts kann uns Schranken setzen!
Die Materie, die meinen freien Vogelflug hemmt, werf ich ab, sobald ich will.
    Ich bin für heut ins Schwärmen hineingeraten; morgen mehr.
                                                                  Rom, Dezember.
Nach einigen Tagen Schirokko, der Regen in Wolkenbrüchen ergoss, hat sich heute
wieder eine klare Tramontana eingestellt; Hügel und Täler und Gebirge schweben
weit und breit in lauter erquickendem Himmel, und ein leichter Äter hebt von
der Erd empor und von dannen. Dies sind meine letzten Stunden im Vatikan; ich
will, ich muss nun scheiden. Ach, scheiden von der Kunst überhaupt! Sie ist meine
Bestimmung nicht; ich habe mich nur jugendlich getäuscht. Nach dem geheimen
Gefühl, dass der Endzweck aller Existenz ist, gut zu sein und Schönheit zu
geniessen, und dass Gott selbst keine andre Glückseligkeit habe, wähnt ich, am
ersten meine Beruhigung in der Malerei zu finden, und arbeitete mich herum mit
Traum und Schatten. Herz und Geist trachtet nach einer kräftigern Nahrung und
findet diese allein in der lebendigen Natur und Gesellschaft der Menschen, in
wirklichem Kampf und Krieg und Liebe und Friede mit denselben. Wir sind die
Quintessenz der Schöpfung füreinander, allein unsre Freunde und Feinde und einer
des andern Beute, sind füreinander die höchste Sphäre zu handeln.
    Aber ach, Scheiden ist der eigentliche Tod, vor dem die Natur schaudert!
Mein Leben blutet, und ich kann mich noch nicht ganz losreissen. Wär ich Künstler
und Mitgenoss einer alten Republik, so könnt ich vielleicht ausharren, bis mich
der Schlangenstrom der Ewigkeit wieder in seine klare Flut aufnimmt oder als
neuen Schaum an ein ander Ufer im Weltall setzt. Goldne Zeiten von Aten, wo
seid ihr hin? Werd ich keinen Schatten von euch auf diesem Erdenrunde wieder
finden?
    Doch was sag ich: Mitgenoss einer alten Republik?
    Hätt ich in dem glänzenden Zeitalter gelebt, worin Sokrates aufwuchs, so
hätt ich meine Malerei gewiss noch eher als er seine Bildhauerei verlassen, und
sie wäre nicht einmal Spiel für mich gewesen. Plutarch lallte freilich kindisch,
wie manches, nach, in ganz andern Umständen: Welcher gutartige Jüngling wird
Phidias oder Polyklet sein wollen! Noch brennt mich der Pfeil, den mir Demetri
tief ins Leben abdrückte.
    Nach der Schlacht bei Plataia bis in den Peloponnesischen Krieg hinein war
Aten ein halbes Jahrhundert das Rom von Griechenland, jeder Bürger über die
Inseln und Kleinasien schier Fürst und Herr, und alle Kunst ihm unanständig, die
nicht zum Helden und Staatsmann bildete.
    Überhaupt aber hatte schon vorher Solon mit seinen Fünfhundertschefflern,
Reitern und Halbreitern und so fort, obgleich von der Lage der Sachen vielleicht
dazu genötigt, doch ärgerliches Mass und Gewicht für das Verdienst eingeführt:
jeder war unedel, der nicht von seinen Renten lebte, er mochte mit göttlicher
Wissenschaft und Kunst sich seinen Unterhalt erwerben.
    Die erhabnen Sieger über den grossen König hatten recht, sich diesen
verwünschten Massstab vom Halse zu schaffen; wäre hernach nur ihr Senat und
Areopag bei seiner Würde geblieben. Doch ich will hiervon nichts weiter reden;
Lukian hat es, mit dem treffendsten Witze in seinem Meisterstücke, dem Zeus
Tragikos, genug lächerrlich gemacht.
    Der Lehrer des Weltbezwingers wies alsdenn nach der reinen Vernunft den
Künsten im Staat ihren Rang an und sagt: alle Kunst ist unedel, die Leib und
Seele der Gewandteit beraubt, sich frei zu regen und zu bewegen; folglich jede,
wobei man sitzen oder in einer gezwungnen Stellung und Lage sein muss.
    Die bildenden Künste möchten freilich nach dieser Regel übel wegkommen,
besonders die Malerei, wenn die Arbeit dabei, wie Michelangelo behauptet,
kinder-und weibermässig ist. Jedoch auch selbst die Philosophie: wenn man so viel
lesen und schreiben müsste, als der Stagirit gelesen und geschrieben hat; und
noch mehr, um soweit Freiheit der Seele die des Leibes übersteigt, die
ehrwürdigsten Ämter. Mein Nachbar hier mit seiner dreifachen Krone wäre der
Hauptsklav; gebunden wie ein Wickelkind, der alle Welt löst!
    Aber das beste ist, man weiss sich bei diesem allen schon schadlos zu halten
und versteht dies nur auf wenige Tage und Stunden.
    Übrigens hatten die Griechen darin recht, dass derjenige sich zum Handwerker
erniedrigt, welcher seine Kunst des blossen Gewinsts wegen eines andern
beliebigen Befehlen unterwirft. Das Werk behält hingegen auch wieder immer
seinen Rang; und eine Venus von Tizian bleibt auf alle Weise eine Venus von
Tizian und gerät nie an Wert von Erfindung und Arbeit unter die Hosen und
Stiefeln von Schustern und Schneidern. Selbst die Gesetze der hohen Ehre sollen
die Kunst nicht zu streng und gewaltsam fesseln; keiner ist gleich am Ziele!
jeder hilft sich fort nach den Umständen, bis er dahin gelangt und einigermassen
herrscht unter wenig echtem Gefühl und einem Haufen Wahn und Mode.
    Für jetzt nur noch einige Zeilen als geringe Spuren meines glücklichen
Aufentalts in dem wahrhaftigen Belvedere von innen und aussen.
    Wehmütig muss man zwar das Häufchen Ruinen betrachten, wenn man an die
unzählbaren Schätze des Altertums denkt: an die hundert metallne Kolossen der
Insel Rhodos allein oder die manchen hundert Meisterstücke von Lysipp,
geschweige die Völkerschaften von Statuen zu Delphi und Elis, die Pracht und
Herrlichkeit von Aten, Korint, Gnid, Ephesos. Ein Grieche vor den römischen
Räubereien würde die heutigen Antiken insgesamt gleichsam ansehen wie ein
Lucull, von der Tafel aufgestanden, ein paar verschimmelte Brocken aus eines
Bettlers Sack. Und doch schlagen sie allen unsern Stolz nieder und zeigen uns
deutlicher unsre Barbarei als irgend etwas, was übriggeblieben ist.
    Man begreift nicht wohl, wo die Alten die Kosten nur der Materie hernahmen,
binnen so kurzer Zeit eine so grosse Menge von Kunstwerken aufzustellen, da
heutzutag nicht die grösste Monarchie zu leisten imstand ist, was zum Beispiel in
dem kleinen Sizilien nur das Sandkorn, das kaum bemerkbare Girgent, tat. Die
Verwunderung des Xenophon, in den blühendsten Zeiten der Kunst und wo die
Griechen schon selbst von ihrer strengen Lebensart sehr abgewichen waren, über
die Schwelgerei der Perser, dass sie ihre Schlafzimmer mit Tapeten belegten,17
damit der unnachgiebige Boden nicht zu hart gegen ihre weichlichen Füsse
anstrebte, kann uns einigermassen den Schlüssel dazu verleihen. Hohe
Selbstständigkeit des Menschen, Vergnügen des Herzens und Freude des Geistes an
Wahrheit und Schönheit ging aller leeren Pracht vor; die Stärke scheute den
Kitzel erschlaffter Sinnen. Und die kleinste Republik, wo zu gemeinschaftlicher
Lust jeder so denkt und für seine Person sich abbricht, kann Berge versetzen und
eine andre Natur schaffen.
    So glänzt jedoch, zur Ehre unsrer Religion sei es gesagt, die noch das
einzige allgemeine Band ist, ohne weitere Vergleichung mit den Alten, auch jetzt
manches ärmliche Städtchen in Italien mit einem himmlischen Bilde von Raffael
oder Correggio wie ein Stern hervor gegen ungeheure Reiche in Norden, nächtliche
Wüsten, wo keine Schönheit erscheint.
    Lysipp, der wie Apelles in seiner Art den höchsten Gipfel der Kunst
erreichte, goss alle seine Bilder aus Erz: weil der Gesang der entzückendste, wo
man die Musik, und die Poesie die vollkommenste ist, wo man die Sprache nicht
merkt; und so geht es in den bildenden Künsten mit der Arbeit und der Materie,
dem Zeichen.
    In den feierlichen Werken des Phidias und Polyklet von Gold und Elfenbein
erscheint die Kunst noch wie eine geschmückte unreife Jungfrau, in denen des
Praxiteles und Lysipp wie eine Phryne aus dem Bad hervor, alles Fremde,
Verdunkelnde abgeworfen, in lebendiger Vollkommenheit. Sie wollten die Formen,
das Wirksame nur, gleichsam in die Seelen zaubern, das Wesentliche, schier
unsichtbar dabei wie die Götter; und verbannten alle Pracht, die das Auge
abzieht und den Geist dämpft.
    So gebrauchten die grossen Maler dieser Zeit nur die notwendigsten Farben;
und gleiche Bewandtnis hat es mit den Reden des Demostenes, der weit von dem
nicht selten eitlen Wortschwall des Cicero entfernt ist. Und so findet man beim
Sophokles und Euripides, die früher zur reinen Schönheit gelangten, äusserst
wenig oder nichts von dem spanischen Pomp.
    Uns ist von den Meistern, welche die Kunst auf eine höhere Stufe setzten,
namentlich nichts übrig. Das meiste sind Bilder und Kopien von Lehrlingen, die
man auf die Gipfel der Tempel und Paläste zu Rom und von dessen Landhäusern
stellte, welche mit der Zeit und in dem Getümmel des Kriegs und der Barbarei
herunterstürzten, zerschmettert und im Schutt der verwüsteten Gebäude begraben
wurden. Nach langen Jahrhunderten grässlicher Nacht, die in diesen Gegenden die
Menschheit benebelte, hat man, wie nach Gold- und Silberminen, die Wünschelrute
wieder auf sie angelegt. Die Kleinodien aber sind fast alle gleich zu Anfange
weggeführt worden, in Schiffbrüchen und auf ihrem ursprünglichen Boden in
Griechenland selbst in mancherlei Zerstörungen verschwunden. Und doch haben wir
daran genug, um wenigstens den Geschmack zu bekommen, wie an etlichen, obgleich
nicht den besten, Flaschen Rest Lacrimae Christi und andrer köstlichen Getränke
von in Erdbeben untergegangnen Weinlagern.
    Die Sache hat folgende Bewandtnis:
    Die alte Kunst teilte sich in besondre Klassen von Schönheiten, und die
grossen Meister beeiferten sich, das Ideal von jeder vollkommen darzustellen.
Wenn nun einmal das Höchste da war, so blieb den andern nichts übrig, als ein
ähnliches nachzumachen, wenn sie in dieser Klasse arbeiten sollten. Man kann
sagen: Phidias hat das Problem vom Jupiter aufgelöst, und sein Bild davon genoss
allgemeine Verehrung an dem berühmtesten Schauplatz. So ging es mit der Venus
des Praxiteles und Apelles, den berühmten Apollen, Merkuren, Junonen, Minerven,
Amazonen; die andern mussten ihren Weg einschlagen oder wurden nicht verstanden
oder geachtet, wenn sie dieselben nicht übertrafen. Ein guter Kopf schaut auch
durch schwache Nachahmungen der ersten erhabnen Männer Gefühl für Form und
eigentümliche Schönheit jedes Ganzen.
    Der Torso, der Farnesische Herkules, der (Borghesische) Fechter sind zum
Beispiel gewiss hohe Meisterstücke; doch finden wir die Namen ihrer sich
nennenden Arbeiter bei den Alten nicht aufgezeichnet. Warum? Sie waren bloss
Nachahmer des schon Erfundnen und brachten nichts Neues hervor, um besondre
Aufmerksamkeit zu erregen. Und so können wir noch in Rom den Geist des Phidias,
Polyklet und Praxiteles schauen, ohne etwas von ihnen selbst zu haben. Freilich
würde für den innigen Wollustsinn noch ein grosser Unterschied bei ihren
Originalen sein.
    Die vier Statuen vom ersten Range der alten Kunst im Belvedere, und, nebst
wenigen andern, auf dem ganzen Erdboden, sind der Apollo, der Torso, der Laokoon
und sogenannte Antinous; nachdem der letztern doch einmal der ehrenrührige Name
von blinden Antiquaren aufgehängt ist. Man hat dieselben in Versen und Prosa bis
zum Ekel beschrieben, ihre Gipsabgüsse wie Apostel zu Türken und Heiden
versandt, jeder neue Ankömmling trägt Anmerkungen darüber in sein Tagebuch ein:
und bei allen Predigern auf den Dächern sind wir schlimmer geworden; kein
Leonardo da Vinci, kein Michelangelo, kein Raffael ist mehr aufgestanden.
Anstatt das Licht zum Wegweiser zu wählen, hat man sich die Augen daran
verblendet.
    Das grösste Aufsehen hat der Laokoon gemacht, weil Plinius noch mitten unter
allen den höchsten Meisterstücken der Kunst davon meldet, er sei ein Werk, allen
andern der Malerei und Bildhauerkunst vorzuziehen, und man bei dem
Alles-Aus-und-Ab-und-Aufschreiber glauben durfte, dies sei nicht seine eigne
Lieblingsmeinung, sondern die Stimme des damaligen römischen Publikums gewesen.
    Einige, voll von den Wundern des Phidias, Polyklet und Praxiteles, gingen so
weit, dass sie mutmassten, der Laokoon möchte aus dem Zeitalter des
Geschichtschreibers der Natur selbst und sein Lob ein gewöhnliches
Gelehrtenkompliment sein; allein der Augenschein zeigt jedem Erfahrnen, dass die
Gruppe aus der schönsten Blüte der Kunst stammt.
    Sonderlinge wollten sie im Schwindel des Paradoxen, um vielleicht dem
Vatikan wehe zu tun, jedoch gar zur blossen Kopie machen, weil Plinius ferner
sagt, die allervortrefflichsten Künstler hätten nach gemeinschaftlich gepflognem
Rate den Laokoon, Kinder und Drachen, alles aus einem Block Marmor verfertigt;
und sie bestehen offenbar aus zwei Stücken, und wenn Agesander und seine Freunde
nicht Zeit und Arbeit vergebens verschwenden wollten, aus mehrern, da der Sohn
zur linken Seite sonst um einer Taschenspielerei willen unsinnige Mühe würde
gekostet haben. Plinius sah vermutlich die Gruppe aus einem niedrigen
Standpunkt, und die Fugen waren versteckt, wie sie bei dem rechten Sohne noch
sind, wenn man nicht hinsteigt; und es war schon in den alten Zeiten Mode, dass
die Aufseher den Ankommenden Märchen wie Religion vorschwatzten; und der
Geschichtschreiber der Natur hat in der Eile viel unglaublichre Fabeln sich
aufbinden lassen, wenn er bei seiner Lebensart noch nicht recht ausgeschlafen
hatte. Inzwischen will ich dem wackern Manne hier nicht zu Leibe gehn; er sagt
sonst Dinge mit göttlichem Verstand, und zuweilen erhabne Poesie. Sein Werk ist
wahrscheinlich der erste Zusammenraff des ungeheuern Ganzen, und die
Wolkenbrüche von Feuerasche aus dem Vesuv erstickten ihn, bevor er nur die
zweite Hand daran legte.
    Es ist wohl eine zu handgreifliche moralische Unmöglichkeit, dass ein
Künstler, der so hätte arbeiten können, einige der kräftigsten Jahre seines
Lebens mit blossem Nachmachen ohne weitern Zweck sollte verschwendet haben und
dass die Kopie, gerade wo das Original stand, durch ein Wunder vom Himmel
gefallen und das Original dafür verschwunden wäre: um sich bei Erörterung dieses
silbenstecherischen Verdachts länger zu verweilen.
    Man hat bis jetzt das Lob des Plinius entweder für bloss übertrieben
hingesagt gehalten und sich unter den verlornen höchsten Meisterstücken der
ersten Künstler, vom Phidias an bis zum Lysipp, ungleich vortrefflichre Bilder
vorgestellt, oder die Dichter haben nur den schönen Ausdruck der Vaterliebe in
der Gruppe angepriesen, und der grosse Haufe hat mit seinen Augen überhaupt
keinen wahren Endzweck aus der Vorstellung holen können und gedacht: es ist
unglücklich genug für uns, dass Löwen und Schlangen in der Welt sind; warum soll
man einen guten Mann mit seinen Kindern noch damit in Marmor quälen sehen?
    Es wär erfreulich, wenn man schon aus der Teorie der Kunst und den blossen
Nachrichten beweisen könnte, dass das Lob des Plinius gerecht sei, auch ohne den
Olympischen Jupiter vor sich zu haben.
    Und gewiss, wem zuerst die Idee von der Gruppe des Laokoon in der Seele
aufging, und wer in seinem Herzen, in seiner Hand Mut und Fertigkeit genug
fühlte, sie auszuführen: der war zum Bildhauer geboren wie Sophokles zum
Dichter. Man darf kein grosser Psycholog sein, um zu erkennen, dass das Ganze nur
von einem Wesen stammt und dass die zwei andern Triumvirn allein ihre
Geschicklichkeit dazu herliehen.
    Die schönsten Formen aller Art an der Doppelgattung des menschlichen Körpers
waren von dem feinsten Gefühl, dem heitersten griechischen Sinn in den manchen
tausend Statuen schier erschöpft, als die Götterkraft unsers Geistes im
Agesander noch den kühnsten Flug begann und alles überschwebte.
    Der hohe Meister fand den herrlichsten Vorwurf zu seinem Kunstwerk in der
griechischen Religion und umgriff damit Himmel und Erde. Die Gruppe des Laokoon
ist von derselben Gattung wie die der Niobe, nur atmet daraus mehr tragischer
und bildender Geist. Lesen wir zuerst, was von seiner Geschichte aufgezeichnet
steht, im Hygin.
    Laokoon, erzählt dieser, war ein Sohn des Akötes, Bruder des Anchises und
Priester des Apollo. Da er wider dessen Willen heuratete und Kinder zeugte und
ihn alsdenn das Los traf, dass er dem Neptun am Gestade opfern sollte, sandte
Apollo bei der Gelegenheit von Tenedos her durch die Fluten des Meers zwei
Drachen, damit sie seine Söhne Antiphas und Tymbräos umbrächten. Laokoon wollte
denselben Hülfe leisten, wurde aber selbst umflochten und getötet. Welches die
Phrygier deswegen geschehen zu sein glaubten, weil er einen Spiess in das
Trojanische Pferd warf.
    Servius gibt jedoch die bessere Erklärung und sagt, es sei deswegen
geschehen, weil er seine Frau aus Unentaltsamkeit im Tempel des Apollo
beschlafen habe.
    Das Ganze vom Laokoon zeigt einen Menschen, der gestraft wird und den
endlich der Arm göttlicher Gerechtigkeit erreicht hat; er sinkt in die Nacht des
Todes unter dem schrecklichen Gerichte, und um seine Lippen herum liegt noch
Erkenntnis seiner Sünden. Über dem rechten Auge und dem weggezuckten Blick aus
beiden ist der höchste Ausdruck des Schmerzens. Sein ganzer Körper zittert und
bebt und brennt schwellend unter dem folternden tötenden Gifte, das wie ein
Quell sich verbreitet.
    Seine Gesichtsbildung mit dem schönen gekräuselten Barte ist völlig
griechisch und aus dem täglichen Umgange von einem tiefschauenden Menschen
weggefühlt, und drückt einen gescheiten Mann aus, der wenig ander Gesetz als
seinen Vorteil und sein Vergnügen achtet, und der dazu den besten Stand in der
bürgerlichen Gesellschaft gewählt hat; voll Kraft und Stärke des Leibes und der
Seele. Die zwei Buben werden mit umgebracht, als Sprossen vom alten Stamme; das
ganze Geschlecht von ihm wird vertilgt.
    Es leidet ein mächtiger Feind und Rebell der Gesellschaft und der Götter,
und man schaudert mit einem frohen Weh bei dem fürchterlichen Untergange des
herrlichen Verbrechers. Die Schlangen vollziehen den Befehl des Obern feierlich
und naturgross in ihrer Art, wie Erdbeben die Länder verwüsten.
    Das Fleisch ist wunderbar lebendig und schön; alle Muskeln gehn aus dem
Innern hervor, wie Wogen im Meere bei einem Sturm. Er hat ausgeschrien und ist
im Begriffe, wieder Atem zu holen. Der rechte Sohn ist hin, der linke wird
derweile festgehalten, und die Drachen werden bald hernach mit ihm vollends
kurzen Prozess machen.
    Selbst die Schamteile des Alten richten sich empor von der allgemeinen
Anspannung, Hodensack und Glied zusammengezogen; und Hand und Fuss ist im
Krampfe. Die linke Seite mag wohl zum Höchsten gehören, was die Kunst je
hervorgebracht hat.
    Die Söhne haben gerade so viel Ausdruck, als ihnen gebührt. Der eine ist im
Sterben wie tot schon, und der andre leidet noch nicht an Gift und Wunde und
entsetzt sich bloss. Der Vater zieht alle Aufmerksamkeit auf sich.
    Der Gruppe fehlt ein Hauptteil, der rechte Arm des Laokoon. Michelangelo
wollte denselben ansetzen, hatte schon das Modell dazu gemacht und angefangen,
ihn in Marmor auszuhauen; aber welcher andre will sich in das lebendige warme
Fleisch und die ganze Natur hineinfühlen? Er war so bescheiden und verwarf seine
Arbeit. Es ist jammerschade, dass der alte Arm verlorengegangen ist, wegen des
Zugs der einen Schlange und weil Laokoon damit seine stärkste Kraft muss geäussert
haben.
    Diese flog mit grimmigem Satze rechts her18 von oben herein, umflocht den
aufgehobnen Arm, der sie abhalten wollte, schwingt sich geschwollen um den
Rücken herum, an der Seite über dessen linken und um den rechten Arm des ältern
noch lebendigen Sohns beim Ellenbogen, windet sich um den obern Arm, und
schlingt sich dann um den untern wieder, und macht einen schrecklichen Knoten
darum her, schiesst nach der linken Hüfte des Vaters mit dem Kopfe, der sie mit
mächtiger Faust am Halse noch ergriff, und setzt mörderlich den Zahn ein. Alles
Sträuben, alle Rettung ist vergebens und hört auf: es ist geschehen, die Tat
vollzogen.
    Die andre Schlange fährt linker Seite her von unten auf durch die Beine,
kuppelt sie wie Raub und Beute zusammen, umschlingt dem Sohne rechts den linken
Arm und hinter dem Rücken herum den andern, und setzt ihm den giftigen scharfen
Zahn ein nach dem jungen Herzen. Der Vater sank auf den kleinen Altar zurück,
weil er sich nicht mehr halten konnte; der ältere Sohn linker Hand steht auf dem
rechten Beine, und der andre mit dem linken Fuss auf den Zehen, und die Schlange
hält ihn oben an den Altar gelehnt noch aufrecht. Alle warfen die Gewänder ab,
zu entfliehen.
    Man mochte die Gruppe in den Zeiten, für welche sie bestimmt war,
betrachten, wie man wollte: so musste sie die stärkste Wirkung hervorbringen;
entweder als Naturtrauerspiel für das ganze menschliche Geschlecht: ein Vater,
der bei Rettung seiner Kinder umkömmt; oder als Strafe der Götter. Und als
Kunstwerk konnt ihr kein anders den Rang der ersten Klasse streitig machen. Für
uns bleibt sie Naturtrauerspiel, und die Kreatur seufzt dabei im Innern über die
notwendigen Leiden auch des Guten und Gerechten und schaudert in ihr Unvermögen,
ihre Unwissenheit zurück.
    Wenn man die Vorstellungen, wo der Körper leidet und das Leben vergeht,
unter eine besondre Klasse bringen wollte, so möchte das Lob, welches Plinius
dieser Gruppe erteilt, wohl am wenigsten können bestritten werden und sie unter
allen dieser Art mit der Niobe obenan stehen. Der an seiner Wunde Sterbende des
Ktesilaos, woran man sehen konnte, wieviel noch Seele übrig war, gehörte als
einzelne Figur dahin, so wie der Hinkende, vielleicht Philoktet, des
Leontinischen Pytagoras, dessen Geschwüres Qual die Betrachtenden zu empfinden
meinten; die Verwundeten Amazonen, bis auf den berühmten Hund des Lysipp im
Kapitol, der voll Schmerz und natürlicher Todesschrecken in abgesetztem Lauf und
Hast seine Wunde leckte und für welchen die Aufseher mit ihrem Leben stehen
mussten.
    Der letzte Akt unsers Drama hienieden scheint vorzüglich ein Vorwurf der
Malerei gewesen zu sein: Apelles tat sich darin hervor; alle aber übertraf der
Landsmann Pindars: Aristides. König Attalus erkaufte einen Kranken von ihm mit
hundert Talenten; und Alexander liess das Gemälde, wo die an ihren Wunden
sterbende Mutter das sich anklammernde Kind von der Brust abhielt, damit es kein
Blut saugte, nach seinem Geburtsort bringen. In eben dieses Meisters Schlacht
mit den Persern von hundert Figuren war ohne Zweifel manches Vortreffliche
dieser Art. Die Farbe macht hier keine Kleinigkeit aus und reisst, gut aus der
Natur empfunden, mit Gewalt zur Täuschung. Unter den neuern Werken mag Peter der
Märtyrer von Tizian wohl hierin obenan stehen.
    Für Sultane sind dies heilsame Bilder, um sie zuweilen an ihre
Menschlichkeit zu erinnern; und das grösste Meisterstück davon stand in den
kaiserlichen Bädern an seinem rechten Platz. Ich aber für mich muss aufrichtig
gestehen, dass ich in meinem Bad oder Schlafzimmer ein Kunstwerk erfreulichrer
Art aufgestellt haben möchte; wär es auch der verstümmelte Herkules, an welchem
meine Phantasie noch obendrein immer zu schaffen hätte; denn für beständig möcht
ich die Gnidische Venus nicht.
    Der Torso ist das Höchste von einem Ringerkörper; der Sohn der Wundernacht,
aus dessen Armen sich der dreifache Geryon nicht loswand, ruht und sitzt auf
seinem Löwenfell. Man findet nichts mehr übrig von alter Kunst, wo Kernstärke
schöner und vollfleischiger und alles in der lebendigsten Form mit dem feinsten
Wahrheitsgefühl so abgewogen wäre. Er senkt die rechte Seite und hatte den
linken Arm in der Höhe. Das mächtige Brustbein ist so zart gehalten und mit
nerviger Fettigkeit überzogen, dass man es kaum merkt. Brust und Schultern und
Mark vom Rücken herum sitzen über der schlanken Mitte ganz unüberwindlich und
erdrückend. Die Schenkel sind lauter Kraft. Alles ist an ihm in Fluss und
Bewegung in den allergelindesten Umrissen. Man sieht alle Teile und ihre Macht
und Gewalt, jede Fiber ist in Regung: und doch tritt weder Muskel noch Knochen
scharf hervor. Es ist recht das höchste Vermögen in höchster Bescheidenheit und
Schönheit.
    Vielleicht hat er ein süsses Geschöpf der Lust auf seinen Armen gewiegt; denn
sie trugen, und die Zapfenlöcher der Stützen sind noch in den Schenkeln.
Glückseligste Sphäre der Welt, an dieser Achse du von ihm Geliebte! Du musstest
ganz in Entzücken schweben und hangen und von aller andern Berührung frei und
los sein! Doch dies zum Scherze; so wie ich beim Demetri behauptete: der fromme,
zornige und schnellfüssige Achill Homers komme gegen diesen Helden nicht auf.
    Der Farnesische Herkules hat den Charakter von einem Faustbalger, so feist
und breit und vollgenährt sind die Formen gegen die Cestusschläge. Seine Stärke
fällt zentnermässig über das Gefühl eines heutigen schwachen Römers; aber auch
ausserdem macht er alle Welt zu Hunden und Katzen gegen einen Löwen in seiner
vollsten Kraft.
    Er hat im Farnesischen Hof einen zu niedrigen Standpunkt; deswegen schwillt
die Brust zu sehr aus ihrer natürlichen Grossheit, und noch Hüften und Seiten.
    
    Sein Kopf ist vollkommen Eisen und Stahl unüberwindlichen Mutes und
unerbittsam im Zähneinschmeissen.
    Der Künstler, welcher ihn erfand, scheint ihn nach dem Ideale des Sophokles
gebildet zu haben, wo der Held aller Helden ein ganzes Reich verheert, um Iolen
in seine Gewalt zu bekommen; Vater und Brüder ermordet, weil sie bei einem
Besuch ihren süssen Reiz ihm nicht zum heimlichen Beischlafe geben wollten;
Dörfer und Städte verbrennt und die Einwohner als Sklaven gefangen führt: so
tobte in ihm die Liebe.
    Ich habe bei dieser Gelegenheit zu guter Letzt nicht unterlassen können,
noch eine Skizze nach diesem Sonnenmut der Lust von sich strahlenden, jetzt
meinem Lieblingsstücke unter allen des tragischen Dichters zu entwerfen, um mir
damit eine eigne Kopie von der heroischen Gestalt und dem Farnesischen Stier
aufzubewahren.
    Dieser ist das grösste Meisterstück in Marmor von allen Tieren aus der Zeit
der Griechen. Man kann kein natürlicher Ochsenfleisch sehen, und Myrons Kuh war
vielleicht nicht besser. Nur die Beine daran sind neu, sonst ist an ihm selbst
alles wohlerhalten. Wahrhaftige wilde Stiernatur in Stellung, Bewegung durch den
ganzen herrlichen Körper! Besonders strotzt die Kraft wunderbar vom Hintern über
den königlichen Rücken. Schönes Bild von Stärke, um Herden zum Preise
davonzutragen!
    Die Skizze stellt den göttlichen Chor vor, wo Herkules und der Fluss Acheloos
als Rind, beide von Kraft geschwellt, um Dejaniren miteinander kämpfen, welche
in zarter Wohlgestalt am fernglänzenden Ufer sitzt und den Gatten erwartet,
schüchtern wie ein Kalb von der Mutter fern: ob es der Sohn des Zeus sein werde
oder das vierfüssige Tier, indes der Löwenwürger, nach langem Kriege, diesem das
gewaltige Horn ausreisst.
    Der erfreulichste Genuss dieser Werke ist für uns verschwunden, weil wir
keine olympischen Kämpfe und Siege mehr daran sehen. Beide Atenienser
verherrlichen mit diesen hohen Mustern noch hier ihre Vaterstadt; doch möcht ich
lieber der Apollonius des Torso sein als der Glykon des farnesischen
Keulenschwingers.
    Der sogenannte Antinous, welcher einen jungen Helden, vielleicht den
Meleager, vorstellt, wie man aus einem andern Bilde schliessen kann, das in Figur
und Stellung ähnlich ist, wo unten zu den Füssen der wilde Schweinskopf sich
befindet, hat für uns unter den vier Hauptstatuen die mehrste Wirklichkeit.
    Eine echte griechische jugendliche Schönheit voll geistigen Reizes und süsser
lieblichen Hoheit. Er blickt empfindend zur Erde, als ob er sich besänne, zu
welchem Mädchen er gehen wolle; und Lippen, Stirn und Wangen und Kinn sehen
recht kräftig, zartnervig und anhaltend im Genuss aus. Die Formen am Unterleibe
sind nicht klar hervor, und er muss im Ringen noch zusammengeschlungen und seine
Natur geübt werden. Die Brust, besonders vom rechten Arm her, schwillt milchig;
und ich kenne nichts so Verführerisches für ein Weib zur Umfassung. Mit einem
Wort, es ist der schönste junge Mensch unter allen alten Statuen. Der Bauch
allein ist ein wenig zu flach gehalten, vielleicht verhauen.
    Will man auf eine andre Weise lieber: so sinnt der junge Held, wie er einen
Kampf mit dem besten Verstand abmachen soll. Der Zug des Denkens ist über dem
rechten Auge, wodurch der Knochen schärfer hervorkömmt als bei dem linken; und
das Heroische sitzt in der kräftigen Stirn, und dem gefassten Blick, und den
Lippen, wo sich das Gefühl seiner bewussten Stärke öffnet und hervorblüht. Wenn
er ein Zeichen hätte, so könnte man sich noch den Sohn der Maja unter ihm
vorstellen, der seine Gesandtschaft überdenkt. Es ist ein himmlisches Bild und
erregt auf jede Art entzückende Gefühle, dessen Schönheiten am leichtesten und
sichersten in die neuere Kunst überzutragen sind.19
    So wie dieser Jüngling am mehrsten an die Menschheit grenzt, so ist hingegen
Apollo ganz Gott, und es herrscht eine Erhabenheit durchaus, besonders aber im
Kopfe, die niederbljetzt; göttliche Schönheit in allem von dem nachlässig sanft
gewundnen Haare bis zu den schlanken behenden Schenkeln und Beinen, ihre
geistigste Blüte, nicht die irdische Fülle. Stand und Blick, und Lippen voll
Verachtung geben seine Hoheit zu erkennen. Die Augen sind selig, leicht aufzutun
und zu schliessen, in weiten Bogen. Sein kurzer schlank und zart geformter
Oberleib zu den langen Beinen macht ihn zu einer ganz besondern Art von Wesen
und gibt ihm Übermenschliches.
    Ein erstaunliches Werk von Erfindung und Phantasie! Das Problem ist
aufgelöst: da steht ein Gott, aus der Unsichtbarkeit hervorgeholt und in weichem
Marmor festgehalten für die Melancholischen, die ihr Leben lang nach einem
solchen Blicke schmachteten. Es ist der höchste Verstand und die höchste
Klugheit mit Zornfeuer und Übermacht gegen Verächtliches; darauf zweckt alle
Bildung. Was Apollo hat, ist ihm eigen und lässt sich wenig durch Nachahmen
übertragen.
    Auch dessen Altertum hat man angetastet und ihn zwar für keine Kopie, doch
für ein Werk aus der Kaiser Zeiten halten wollen; weil der Marmor karrarischer
zu sein schien, welcher kurz vor dem Plinius entdeckt wurde, und kein parischer,
woraus die Griechen ihre mehrsten Bildsäulen verfertigten.
    Wenn man dieses beweisen könnte, so wär es wohl ausgemacht wahr; allein
daran fehlt viel. Der parische ist nicht durchaus gleich, und man hat sichre
neuere Proben kommen lassen, die von dem Marmor des Apollo im Korn nicht
unterschieden sind. Und ferner gibt es so zarten karrarischen, dass er mit dem
besten parischen übereinkömmt. Und wo ist der übergrosse Marmorkenner, der von
irgendeinem Stücke sagen will, gerade woher es sei, da dieser Stein in jedem
Klima zu finden ist? Apollo hat nicht das gelbliche Alter des Laokoon und andrer
griechischen Bildsäulen; vielleicht weil er nicht der Witterung so ausgesetzt
war. Er ist augenscheinlich für einen bestimmten Platz gemacht, und das Bild tut
nur Wirkung, wenn man es von der linken Seite im gehörigen Standpunkte
betrachtet; von der rechten steht er da gerade wie ein Seiltänzer, so gespannt,
und sein Kopf sitzt offenbar auf der rechten Schulter, viel zu weit von der
Mitte. Wenn man denselben von seiner Richtung zurechtdrehte, so wär es
abscheulich. Aber von der linken Seite betrachtet, wohin er schaut, ist es
homerischer Apollogang; man sieht ihn fortschreiten, sieht das Gesicht ganz, und
der Kopf kömmt in die Mitte. Ein wahrer Gott des Lichts dann und der Musen! Man
darf sich ihm nicht viel nähern; er kann keinen Flecken leiden, und man müsste
bei ihm immer haarscharf gescheit sein und vernünftig sich aufführen: so erhaben
ist er über die Menschheit.
    Wenn man dies einmal gefasst und seine Schönheit im ganzen genossen hat, so
mag man sich hernach doch an ihm herumdrehen, wie man will, und er bleibt ein
erstaunlich Werk von Vollkommenheit. Er ist zwar lauter Ideal,
nichtsdestoweniger hat der Kopf Natur, die man gesehen hat, welches der Ausdruck
noch verstärkt. Ein ausserordentlicher Jüngling gab gewiss den Stoff dazu her, und
der Künstler brachte das Höchste und Äusserste von lebendiger Einheit hinein.
    Einige stolze Erdensöhne können dies bewunderte und schier noch angebetete
Bild nicht ohne Verdruss und Widerwillen betrachten; und behaupten, ihr Gefühl
empöre sich allezeit, sooft sie sich das Gesicht als griechisch denken wollten.
Der Kopf des Perikles und auch des Alexander habe schon im blossen Porträt viel
göttlichre Art von Erhabenheit; Apollo sei dagegen eher hager und ärgerlich im
ganzen, und es wittre daraus etwas von einem römischen Kaiserprinzen, etwas
Neronisches, das nicht auf eigner natürlicher Kraft beruhte; und dies wäre für
sie ein andrer Beweis als der von Marmor.
    So verschieden sind die Meinungen der Menschen!
    Gegen solche Ateisten will ich nicht predigen; ihr eigen Missvergnügen sei
ihnen Strafe, und der Neid an andrer Freude.
    Gewiss ist, dass das Bild verliert, weil es kein vollkommen Ganzes ausmacht
und man nicht weiss, worüber der Gott zürnt. Hätt er zu einer Gruppe der Niobe
gehört, wie er denn in einer erhobnen Arbeit davon in Person auf der einen Seite
und seine Schwester Diana auf der andern ihre Pfeile abdrücken, so würden die
Unzufriednen mit ihm desto mehr Mitleiden mit der unglücklichen reizenden
Familie haben. Doch ist eher wahrscheinlich, dass dem Meister der Apollo des
Leontinischen Pytagoras vorschwebte, welcher den Pytischen Drachen erlegte.
Und beiden war ohne Zweifel der Homerische, von den Gipfeln des Olymp herunter,
das Urbild.
    Genug von diesen Heiligtümern!
    Das eigentliche Kernleben der Kunst dauert vom Perikles bis zum Tod
Alexanders; das übrige sind Nachahmungen und Treib- und Gewächshäuser. Wenn man
bedenkt, was die Griechen binnen dieser kurzen Zeit getan haben, so sind wir
ganz tot dagegen; welch eine Menge von Statuen und Gemälden und Gedichten nur
für so ein kleines Volk! Welch eine Menge von Helden, Philosophen und Rednern!
So etwas kann nur in der heitersten Gegend der Welt bei der besten Regierung vor
sich gehen. Lysipp allein hat mehr Bildsäulen verfertigt als alle neuere
Bildhauer zusammen, und jede zeigt den Mann von hoher Schöpfungskraft.
    Der Künstler von geläutertem Gefühl, der nicht bloss nach Brot und eitler
Ehre trachtet, sondern sich selbst genugtun will, befindet sich heutzutag in
einem Zustande von immerwährender Verzweiflung; er sieht die Vollkommenheit vor
sich und erkennt deutlich die Unmöglichkeit, sie zu erreichen. Und diese Wermut
im Herzen mildert das allgemeinste Lob nicht. Es ist damit nicht genug getan,
ein Bildchen einzelner schöner Natur wegzufangen! Dies bleibt jedem Fremden, wie
alles blosse Porträt, unverständlich, und er kann es nicht mit Saft und Kraft
geniessen, viel weniger damit, dass er ein Knie, einen Unterleib, eine Brust den
Alten wegstiehlt und gleichsam mit etlichen Phrasen aus dem Demostenes oder
Cicero ihre Sprache sprechen und den grossen Redner machen will: die
Vollkommenheit des Nackenden vom Menschen, als des höchsten Vorwurfs der Kunst,
und seiner mannigfaltigen Form und Bewegung ist unserm Sinn von Jugend auf in
der Wirklichkeit verhüllt oder zeigt sich ganz und gar nicht mehr in unsrer
Welt.
    Lass mich frei reden! Die Kunst hat so lange gedauert, als die Gymnasien
dauerten, der Tanz spartanischer, chiischer Jungfrauen, ihr Ringen, selbst mit
den Männern, öffentliche Sitte war und die Priesterinnen der Liebesgöttin zu
Aten und Korint Religion feierten. In Venedig ist von dem letztern noch ein
Schatten, und der Künstler hat jahraus, jahrein immer eine Menge frischer neuer
Modelle, Augen und Phantasie wie Zeuxis zu Girgent zu weiden. Deswegen haben
auch keine andre Maler solch weiblich Fleisch wie Tizian und Paul von Verona
hervorgebracht; und der Malernestor lebt an der Grenze von hundert Jahren, da
der göttliche Raffael auf eigne Kosten sein junges Leben einbüssen musste.
    Bei einer gotischen Moral kann keine andre als gotische Kunst stattfinden.
Solange nicht ein Sokrates mit seiner Schule am hellen Tag über die Strasse zu
einer neuen reizenden Buhlerin ziehen darf, um ihre Schönheit in Augenschein zu
nehmen, wird es nicht anders werden. Es ist wohl klar jedem, der Welt und keine
Welt hat, dass nicht die Hässlichen diese Lebensart erwählen.
    Vielleicht red ich hier bei manchem bittrer gegen die Kunst als Demetri in
seiner Laune; allein gibt es eine Wirkung ohne Mittel? Die schulgerechten
Antiquaren sprechen berauscht von der Venus des Praxiteles und seinem Liebesgott
und mit Abscheu von Phrynen und Batyllen, wie die Toren, die nicht wissen, was
sie wollen. Freilich kömmt bei der geringsten Untersuchung das geheuchelte
konventionelle Geschwätz zum Vorschein und die innre geheime Denkungsart, wo
sich Drachen mit Tauben paaren. Die heiligen Katarinen spazieren nicht vom
Wirbel bis zum Fuss nackend mit losgebundnen Haaren vor den Malern herum, und
keine Lucrezia lässt sich so in der reinsten Beleuchtung allein mit allein von
einem Pinsel- und Palettmann in beliebige Stellung legen; und kein Künstler kann
von so festem Gletschereis sein, dass er bei Blicken von Sommersonnen nicht
schmelzen sollte. Und doch wollen die ehrwürdigen Herrn bei dem allgemeinen
Menschenverstand in keinen solchen Verdacht der Einfalt kommen, dass sie sich auf
die Seite der züchtigen Koer stellten, welche die bekleidete Venus vorzogen und
kauften, da sie die Wahl der nackten Gnidischen hatten, und noch bis heutzutage
als Tröpfe verlacht werden.
    Hiermit sehen wir das Nackende, ausser dem einzelnen von Geliebten, am
Menschen jedoch nur entweder frech oder in unregsamer Albernheit; und die
stärkste Einbildungskraft kann es nicht so veredeln, dass es die freie gebildete
Natur des Alten hätte, wozu die Edelsten und Weisesten und Wohlgebildetsten des
Volks von jedem Alter auf den Ringplätzen in unaufhörlicher immer neuer
Abwechslung die Modelle abgaben.
    Wenn wir nicht durch einen wunderbaren Umlauf der Dinge irgendwo aus unserm
unmündigen kindischen Wesen wieder zur reifen Menschheit gelangen und die
Gymnasien der Griechen, ihre Spiele und Sitten vom neuen aufkommen, so wird die
ehemalige Kunst auch verloren bleiben. Und dennoch hätten wir damit ihre
Religion noch nicht, die fruchtbare Mutter der schönsten Gestalten.
    Wenn wir wenigstens nur noch die Bekleidung der Alten hätten! Bei unsrer
wirklichen sieht man meistens bloss den Schneider und wenig oder nichts von der
eignen Art des Menschen, zu handeln und sich zu bewegen, und den Formen seines
Gewächses; und alle Schönheit erliegt und versinkt unter den Falten und Wülsten
oder wird im Gegenteil steif gepresst und geschnürt und mit eckichten hässlichen
Lappen ohne Zweck behangen. Die Lage der Unterkleider, den Wurf der Mäntel und
Togen können wir an den Bildsäulen der Alten noch weit weniger nachahmen als die
Form der Glieder; denn uns fehlt dabei ganz die Natur. Wir suchen uns zwar wie
Amphibia mit eigen erfundner malerischer Tracht zu helfen; aber sie bleibt fast
immer eine blosse Ziererei, ohne Reiz und Wirkung für den, welcher Natur und
Wahrheit verlangt, und ist aller Täuschung zuwider.
    Und obendrein noch sind die Künstler weit übler dran, wenn sie den Gang der
Alten einschlagen wollen, als die Philosophen, Redner, Dichter; diese haben
immer das unermessliche Reich der Natur und Sprache unter den Menschen vor sich,
und Gesetz und Gewohnheit hemmt sie weit minder. Wenn einer auch an
Vollkommenheit den Phidias oder Polyklet, Praxiteles, Lysipp, Zeuxis und Apelles
erreichen könnte: was hat er vom nackten Menschen in der Geschichte, der
heutigen Fabel, unsrer Religion vorzustellen, das wahrscheinlich und natürlich,
nicht erkünstelt und bloss erlernter fremder Kram wäre? Das Höchste ist eine
allgemeine, ewig einerleie idealische Gestalt von Mann und Weib in jedem Alter
ohne Zweck und Charakter.
    Nehmen wir zum Beispiel unsern Heiland als den Hauptvorwurf zur Auszierung
unsrer Tempel! Was hat der menschliche Körper mit dem Gott der Christen zu
schaffen? Welche Schönheiten von Apollo, Merkur, anderm griechischen himmlischen
Jüngling oder wirklichem Erdensohn soll man, technisch zu reden, dem ganz
ausserordentlichen jungen Juden anbilden, ohne auf irgendeine Weise in
Widerspruch zu geraten? Jede griechische Gotteit war nur ein Ideal einer
besondern Klasse menschlicher Vollkommenheit. Sein Bild ist lediglich ein Werk
übernatürlichen Ausdrucks im Gesichte, und neue Art übriger Schönheit findet
hier nicht statt. Der Künstler macht vor den Leiden und ans Kreuz und beim
Herunternehmen davon einen richtigen ordentlichen Leib, sonst hat die
eigentliche Kunst da kein weiter Feld, höhere Formen aus der Natur zu schöpfen.
    An gewisse Teile und ihre Bestimmung darf man gar nicht denken, und wie sie
bei andern Menschen nicht umsonst sind und wirken: geschweige, sie langsam mit
dem Reiz der alten Künstler bilden. Seine Gestalt kann also nie ein vollkommen
freies Ganzes, ein Werk der ersten Klasse werden.
    Wollen wir in die griechische Fabel und Geschichte übergehen und unsre
Vorstellungen daraus hernehmen, so erhalten wir meistens nur einen verwirrten
Nachklang, ein wahres Echo ohne Sinn, das nur einzelne Silben wiederholt. Wer
ist ausserdem so frech eitel, dass er sich einbilden kann, einen bessern Apollo
als den Vatikanischen, einen bessern Herkules als den Torso und Farnesischen,
eine schönere Juno, Venus und so weiter zu erkünsteln als die Alten? Und wird es
nicht ekelhaft, sie oder auch nur einzelne Formen davon immer und ewig zu
kopieren, mit den angewiesnen Plätzen zu schänden? Steht nicht fast allemal der
hohe strahlende Purpurlappen lächerrlich und ärgerlich für den Erfahrnen in einem
Harlekinsgewande?
    Und doch tut es so weh, uns in unsre Armut und Dürftigkeit einzuschränken!
Wir bauen gleichsam noch in den bildenden Künsten, wie zu Konstantins und den
mittlern Zeiten, setzen aus den zertrümmerten Tempeln und Palästen der
zurückgewichnen Erdengötter die Säulen aller Ordnungen nebeneinander und führen
ein neues Mauerwerk kindisch, verzerrt und unförmlich, ohne klare und dunkle
Idee, wie es werden will, darum her und darüber auf, im Schweiss und der
Affenfreude unsers Angesichts.
                                                                  Rom, Dezember.
Nacht ist doch die schönste Beruhigung von Geschäften, wo die Phantasie die
freisten Flüge tut und der Mensch am mehrsten seiner selbst geniesst. So raste
ich jetzt hier oben auf der Villa Medicis in meinem Zimmer. Rom schläft; der
blaue unermessliche Äter schwebt darüber wie eine Henne über ihren Küchlein, und
blinkend hell Gestirn erleuchtet selig die Gegenden. Alles ist still; nur
plätschern angenehm die Springbrunnen: heilige Symbole des ewigen Lebens in der
Natur.
    Mit der Einbildung überschau ich unter mir den alten Campus Martius in der
lieblichen Dunkelheit; und mir fängt das Herz stärker an zu schlagen, und Feuer
rinnt durch meine Adern. Hier balgt sich die römische Jugend auf grünem Rasen
herum im Schatten hoher Platanusse und treibt ihre kriegerischen Spiele; dort
schwimmen sie durch den schnellen tiefwirbelnden Tiberstrom, die Ufer hieben und
drüben mit schönem Gesträuch bewachsen; und in der nahen Ferne lagern sich die
Hügel von Monte Mario bis zu Pietro Montorio in majestätischem Kreise, wo der
Edeln Gefühl mit erhebenden Schauern die Geister von Brutussen, Camillen und
Scipionen gegenwärtig erkennt. Hier steigt der Sonnenobelisk empor, dort die
prächtigen Teater vom Pompejus und Balbus, die traulichen Hallen, runden und
hohen Mausoleen, feierlichen Tempel. Die Väter des Volks gehen auf und ab in den
kühlen Hainen und pflegen Rat über den Erdboden. Nebenan prangen die schönen
Gärten.
    Ich habe heute wieder einen schönen Tag gehabt! Es ist ein unaufhörlich
Vergnügen, in Rom zu sein; man findet immer Neues, was von der Gewalt und
Herrlichkeit des alten Volks zeugt und oft einen entzückt oder erschüttert. Es
ist eine wahre Tiefe von Menschheit; die andern Städte sind dagegen wie erst
angepflanzt. Besonders reizen und rühren vom Kapitol an die ungeheuern Ruinen,
welche die neuen Villen mit ihren Pinien, Lorbeern, Zypressen und beständig
grünen Eichen ausschmücken.
    Den Vormittag zog ich hier herum und ging dem ersten Ursprung dieser
heroischen Republik nach, und gelangte von den Rostris und dem Tempel des
Romulus am Monte Palatino, gleich daneben in einem Winkel, zur Quelle der
Juturna, die kristallhell gerade beim Anfang der Cloaca maxima aufsprudelt und
sich dahinein nun ferner ungebraucht ergiesst. Ich schöpfte mit der hohlen Hand
daraus, und trank und ward erquickt, und konnte nicht müde werden, sie rinnen zu
sehen. Ein heiliges Plätzchen, rundum verbaut und eingemauert! Die Wände sind
überall mit breitblätterigem Efeu überzogen und kleinem Gesträuch bewachsen. Man
kennt sie nicht mehr vor den stolzen Wasserleitungen; und gewiss war sie doch die
Hauptursache, warum Romulus oder vor ihm ein junger Ausflug Griechen hier sich
annistete, da in den jetzigen weiten Ringmauern sich keine andre Quelle
befindet.
    In schwärmerischen Betrachtungen verloren wand ich hernach in den
Farnesischen Gärten für sie einen Myrtenkranz mit allerlei Blumen, holte aus der
Nachbarschaft ein Gefäss mit Milch und Honig, goss es in sie aus, bekränzte sie
und sang ihr wehmütig ein kurzes Trauerlied bei dem Opfer, das sie Jahrtausende
nicht genoss.
    Ein Zusammenklang von lauter rührenden Gefühlen, wandelt ich nach Hause
durch die drei noch übrigen Triumphpforten von den ehemaligen sechsunddreissigen.
Ein solcher Freudenbogen, ausgeziert mit den schönsten Lebensszenen dessen, den
man empfängt, ist doch ein so recht verliebter Gedanke. Herzlicher und
dauerhafter kann ein Volk einem Helden keine Ehre antun.
    Die Kunst bleibt ein sonderbares Ding; sie scheint ganz ihren Weg für sich
zu gehn. Wenn man von ihrer Vortrefflichkeit auf die Vortrefflichkeit der
Menschen zu gleicher Zeit sollte schliessen können und umgekehrt: welche Popanzen
müssten die Römer zu Septimius' und Konstantins Zeiten gewesen sein gegen die
unter Trajans? Der Kontrast ist gar zu possierlich an des christlichen Kaisers
Bogen, wo die Bildhauer unter ihm zu den Wechselbälgen seiner Geschichte die
Meisterstücke von Figuren aus einem andern zum Ruhme des Siegers von Dazien
hineingeflickt haben. Was konnte Alexander dafür, dass er keinen Homer fand bei
seinem Leben, überhaupt keinen grossen Dichter, der ihn besang?
    Ferner ist rückwärts gewiss, dass die Kunst bei gleich vortrefflichen Menschen
nur nach und nach zur Höhe wuchs; so schwer ist es, alles Lebendige vollkommen
zu bilden und nichts, was noch rührt und reizt, auszulassen, und dafür bloss
matematische Linien und Placken hinzustellen. Das Ganze wird nur nach und nach
gewonnen; das Individuelle lebendige geistige bleibt aber immer das, was den
grossen Menschen von dem andern unterscheidet. Und so kann einer zwar ein
ungleich grössrer Künstler als ein andrer, aber ein weit kleinrer Mensch sein. So
war der Jupiter und die Minerva des Phidias wahrscheinlich erhabner als manches
andre Bild, das nachher ein weit natürlicher Fleisch und mehr lebendiges in der
Materie hatte. Und darauf kömmt's doch an, die unterscheidenden wesentlichen
Züge von jedem Dinge bestimmt zu fassen und dem Empfinder und Denker gleich
darzustellen. Das Hauptvergnügen an einem Kunstwerke für einen weisen Beobachter
macht immer am Ende das Herz und der Geist des Künstlers selbst und nicht die
vorgestellten Sachen.
    Den Nachmittag ging ich nach der Rotunda; ich hatte den Mann mit den
Schlüsseln dahin bestellen lassen, um obenhinauf zu steigen. Sie ist das einzige
Werk von alter Architektur, was in Rom noch ganz ist; das vollkommenste in
seinen Verhältnissen und prächtigste dabei wegen seiner Säulen auf dem Erdboden;
die Paulskirche erscheint dagegen doch nur als Flickwerk.
    Wenn man in die Vorhalle tritt, so ist es, als ob man in das schönste
Plätzchen eines Waldes von lauter hohen herrlichen Stämmen käme, die ein Gott zu
einer Zeit gepflanzt hätte.
    Wie breit und mächtig einen dann das Innre selbst umfasst und bedeckt, ist
lauter Majestät; und feierlich stehen unten die Säulen umher und der dämmernde
Raum dahinter, wie das Allerheiligste der Gotteiten. Was dies für eine Ruh ist!
wie einen so nichts stört! wie die Rundung mit Liebesarmen empfängt, wie ein
leiser Schatten einen umgibt, so dass man das Gebäude selbst nicht merkt! Oben
Heiterkeit und Freiheit, und unten Schönheit. Überall ist der Tempel schön und
harmonisch, man mag sich hinwenden, wo man will; überall wie die schöne Welt in
ihren Kreisen von Sonn und Mond und Sternen. Endlich scheint alles lebendig zu
werden und die Kuppel sich zu bewegen, wenn man an dem reinen süssen Lichte des
Himmels oben durch die weite Öffnung sich eine Zeitlang weidet. Sooft ich mich
so ins Stille hinsetze und meinem Gefühl überlasse, werd ich da entzückt wie von
einem Brunnquell unter kühlen Bäumen zur heissen Zeit. Es ist das erhabenste
Gebäude, das ich kenne; selbst Schöpfung und nicht bloss Nachahmung. Die
Schönheit voll Majestät scheint alle Barbaren von der Verwüstung
zurückgeschreckt zu haben.
    Freilich hat man, was daran zu plündern war, ohne die Mauern niederzureissen
und in Schutt zu stürzen, doch daraus und davon weggeraubt. Es stand hier eine
Minerva aus Gold und Elfenbein von der Hand des Phidias und eine berühmte Venus,
welche die halbe Perle zum Ohrgehenke hatte, von der die andre Hälfte Kleopatra
trank, um den Antonius im Verschwenden zu übertreffen, und die man für sich
allein auf eine halbe Million Scudi schätzte. Konstantin der Dritte schleppte
auch diese Bilder wahrscheinlich mit den andern schönsten Statuen nach Syrakus,
so wie er die Silberplatten samt dem Bronz- und Schmelzwerk herausschlagen liess,
womit das Gewölbe oben verziert war.
    Die ursprünglichen Kapitäler von Erz nach dem Plinius an den innern Säulen
sind hernach wieder abgenommen worden und mit weissem Marmor gut ergänzt, der dem
Giallo antico des Schaftes lieblich lässt. Davon sind noch die Basen und das
Gesims, das letztre mit Streifen von Porphyr. Die erhaltnen äussern aber von
Granit wie die kolossalischen Säulen selbst gehören unter die schönsten der
korintischen Ordnung, die übrig sind, und machen mit den drei freistehenden
Säulen auf dem Campo Vaccino und dem Bogen des Titus20 die Muster hierin aller
neuern Baukunst. Wo an einem Gebäude keine Säulen sind, fehlt gewiss die edelste,
stärkste und schönste Form. Die korintischen haben, wenn die Blätter rein
gearbeitet sind, am mehrsten Leben und den grössten Reiz; und die gefugten,
welche die Rinde nachahmen, erhöhen noch Natur und Leichtigkeit.
    Der Plan des Ganzen ist zirkelrund, und der Durchmesser davon entält mit
der Dicke der Mauern zweihundertundfunfzig Palme und der Umfang
siebenhundertundfünfundachtzig. Die Mauern betragen achtundfunfzig Palme. Die
Höhe hat gerade die Breite des Bodens. Der Bogen innen von der aussen in der
besten Proportion viereckten Tür den fünften Teil dieses Masses; und der Bogen
gegenüber, jetzt vom Hauptaltar, ist etwas grösser, wodurch der Eingang
unmerklicher erscheint.
    In der Antike trugen ohne Zweifel die Karyatiden, wovon Plinius spricht;
jetzt sind an deren Statt kleine platte Säulen ohn einigen Vorsprung mit einem
Gesims darüber, worauf die Kuppel ruht. Man glaubt wegen der Arbeit, dass die
Veränderung unter den Antoninen und dem Kaiser Pertinax geschah. Es muss ein
paradiesischer Zauber an dem Auge des Himmels gewesen sein! Nun ist das
ehemalige junge blühende Gesicht im reizenden Schmuck gewissermassen zur Matrone
im Trauerschleier geworden; doch dauert die erhabne Form noch und hält die Moden
und Sitten aller Zeiten aus, wie wahre Schönheit.
    Es ist wohl klar und augenscheinlich, dass die Rotunda anfangs einen Teil der
Bäder des Agrippa ausmachte, gleichsam die strahlende Stirn derselben; noch sind
die Ruinen davon angemauert und erstrecken sich weit dahinter. Die prächtige
Vorhalle wurde hernach hinzugefügt und das Innre ausgeschmückt; und der Tempel
gehörte alsdenn mit dem des Jupiter Maximus auf dem Kapitol und dem des Friedens
unter die ersten Wundergebäude Roms. Agrippa wurde in einem Triumphwagen auf den
Giebel an dem Portikus gestellt, aus Erz gearbeitet, mit den zwei Löwen von
Granit zu beiden Seiten und der porphyrnen Urne mit seiner Asche dazwischen, die
jetzt noch unten vor der Halle stehen. Er schenkte seine Bäder und Gärten dem
Volke mit Einkünften zur Unterhaltung.
    Der sogenannte Tempel der Minerva Medica, eine der pittoreskesten Ruinen bei
der Porta maggiore, war eben ein solcher Anfang von Bädern: und noch ebenso
jetzt, die Kirche des heiligen Bernhard von den Bädern Diokletians. Sie kommen
in der Hauptform mit der Rotunda völlig überein. Bei der überschwenglichen
Pracht durften die Götter nicht vergessen werden, und man errichtete ihnen
gleichsam diese Wachtäuser voran als Beschützern. Das Panteon war dem
rächerischen Jupiter, der Ceres und allen Göttern gewidmet.
    Ihre breiten Gewölbe in weiten Bogen leuchten gleich beim Eintritt
Erhabenheit in die Seele, die die unermessliche Peterskirche dagegen mit ihrem
schmalen und engen des mittlern Schiffs nie erregen wird, der eher einen Sarg
als einen Bogen vom freien schönen gestirnten Himmel Gottes nachahmt; weswegen
die Leute sich verwundern, dass sie nicht erstaunen.
    Die Römer liebkosten den Sinn des Gefühls mit Baden wie wir ohngefähr unsre
Nasen mit Düften und unsre Zungen mit Brühen und Weinen. Sie fingen vom Heissen
an und gingen alsdenn alle Grade der Wärme durch, teils im Wasser, teils in
lauer Luft, bis zum Kalten: Wollust, die alle verschiedne Wärme der Existenz
nachahmt, vom heissesten Herzensgetümmel der hohen Leidenschaften bis zur
frischen Besonnenheit; alle Grade des physischen Gefühls, ohne das Seelenleben,
das Geistige, welches sie sich doch in gewisser Rücksicht auch vorphantasieren
konnten, indem ihre weiblichen Schönheiten sich unter den Kaisern, wenigstens
zuverlässig vom Domitian an, öffentlich nackend mit den Männern badeten. Sie
ahndeten etwas vom Paradiese und dem Stande der Unschuld, ohne die Bücher Mosis
gelesen zu haben. Und überdies hatten sie gleich daneben ihre Fechterspiele und
Ringplätze.
    Die Termen in Italien entstanden aus den Gymnasien der Griechen; nur waren
bei diesen die Leibesübungen das Vornehmste und bei den Römern das Baden.
Darnach mussten sich die Architekten in der Anlage der Gebäude richten.
    Die Bäder waren eigentlich der Hauptgenuss, den die stolzen Enkel des Romulus
und seiner Räuberbande von den Siegen ihrer Vorfahren über die Welt hatten, und
die Gebäude dazu das Höchste der Architektur, was wir mit den ägyptischen
Labyrinten und einigen Tempeln der Griechen in der Geschichte der Menschheit
kennen. Es war da alles, was das Leben freut und angenehm macht, beisammen. Wir
können uns, ohngeachtet der ungeheuern Ruinen, wenig davon vorstellen, weil uns
diese Gattung Genuss ganz entrückt ist. Wenn wir ein halbes Säkulum alter Römer
und Römerinnen der ersten Jahrhunderte erwecken könnten, so würden sie sich aus
Ekel, Langerweile und Verzweiflung über das heutige Elend binnen wenig Tagen
aufhenken.
    Das Dachgewölbe der Rotunda, mit starkem Blei gedeckt, ist, wie schon
gesagt, äusserst flach gehalten; man steigt zur weiten Öffnung auf wenig grossen
Stufen, rundum aber laufen an die vierzig kleinere im Kreise. Wenn man
hineinschaut, kömmt das Innre einem vor wie ein runder hoher Turm.
    Als ich oben stand, mich umsah und die verkleinerten Leute auf den Strassen
betrachtete, wurd ich den Demetri gewahr und rief ihm zu, heraufzukommen,
welches er auch gleich tat.
    Demetri ist ein wackrer Mann, viel Kern mit wenig Schale; der Mensch ist bei
ihm recht durchgearbeitet und ins reine gebracht. Er herrscht in Rom über die
Geister, mehr als irgendein andrer, geniesst hohe Glückseligkeit und ist der
Leitammel von einer Menge jungen Leuten. Unter diesen hab ich nicht wenig
gefunden voll Lebensmut und den grössten Fähigkeiten, genaue Bekanntschaft mit
ihnen errichtet und unbeschreiblich Vergnügen in ihrem Umgange genossen. Wie
jammert's mich, dass soviel herrliche Kraft wegen schlechter Regierungsverfassung
ungenutzt versauren soll!
    Im Neugriechischen bin ich bei ihm noch sehr gewachsen. Auch hat er mir
manche dunkle Stelle der griechischen dramatischen Dichter, besonders in den
Chören, ins klarste Licht gesetzt und meisterhaften Unterricht über den
unendlichen Reiz ihrer Silbenmasse gegeben. Bei seinem Brotgeschäfte mit alten
Handschriften sind ihm eine Menge bessrer Lesarten aufgestossen; und er könnte wie
ein andrer Herkules die Aldinischen und Juntischen Ausgaben ausmisten, wenn ihm
der Silbenkrieg am Herzen läge.
    Überhaupt aber hält er Ruhm für ein notwendig Übel, wobei man leicht selbst
zur Bildsäule auf dem Markte werden und sich endlich fast nicht mehr regen und
bewegen könne. Wirken, frei und mächtig handeln nach Art seiner Natur! Dies sei
die allererste und ursprünglichste Glückseligkeit.
    Der Kernmensch gebrauche Ruhm als Hülfstruppen und stosse den einen von sich,
wenn es sein müsste, sobald er in eine andre Sphäre schreite.
    Nur einen Fehler kenn ich an ihm, und dieser ist, dass er in dem heillosen
Labyrinte der Metaphysik herumkreuzt. Du sollst hier in der Unterredung mit mir
eine starke Probe davon sehen, obgleich ihn noch nicht in seinem ganzen Wesen,
weil er sich nach mir richten musste, der ich hierin bloss meiner eignen Vernunft
folge, ohne mich mit andrer Hypotesen viel zu plagen. Wenn er mutwillig ist,
spricht er keinen Tag wie den andern. Mich trieb er vorzüglich nur in dem
angegebnen System herum und sagte zuweilen verwirrte hochtrabende Dinge, um
auszuweichen oder vorzubereiten und zu sehen, was ich damit anfing. Wenig
Auserwählten reicht er auf die letzt den Faden der Ariadne, den er andern, wegen
der heiligen Inquisition, bedächtlich zu verbergen weiss, die ihm die einzige
esoterische Philosophie vielleicht der alten Kirche bald mit langsamer Glut
ausbraten würde; an dessen Sicherheit er aber selbst noch scheint zu zweifeln.
    Vielleicht macht Dir eine und die andre komisch ernstafte Behauptung gerade
das mehrste Vergnügen, da Du wohl weisst, dass man hier nur meinen kann, weil
unsre Sinnen nicht bis dahin dringen.
    »Jetzt ist wenig hier zu schauen«, sprach er, wie er zu mir kam; »aber zu
mancher andern Zeit möcht ich da gestanden haben!«
    Wir setzten und legten uns bald in die Sonne, die das Dach angenehm erwärmt
hatte, und sagten erst dieses und jenes über alte und neuere Architektur. Der
Schluss war, dass der Zweck, der vom Plan und den grossen Massen an bis aufs
geringste einzelne und die Verzierungen aus allem rein hervorleuchte, die alten
von den neuern Gebäuden unterscheide, wo oft blosse nachgeahmte Kunst und leere
Schönheit sei, auch bei den besten, sonder Absicht und Nutzen. Übrigens liessen
wir doch dem Bramante, Antonio da San Gallo, Michelangelo, Palladio und den
andern grossen Meistern ihr gebührend Lob völlig angedeihen und waren der
Meinung, dass kein alter Architekt vielleicht einen heroischern Palast dem Cäsar
als der Palast Farnese und einen lieblichern glänzendern der Kleopatra als der
Palast von Cornaro zu Venedig würde haben erbauen können.
    »Bei unsern Kirchen,« fügte Demetri hinzu, »worauf wir das mehrste wenden,
haben wir die reizende Mannigfaltigkeit nicht der Alten; Tempel des Jupiter,
Apollo, Mars, Bacchus: Tempel der Juno, Pallas, Diana, Venus. Jeder machte ein
eigen Ganzes in Plan, Verzierung und Ausschmückung und Gegend.«
    Die Meister sollten sich mehr nach den Heiligen richten, versetzt ich, denen
die Kirchen geweiht werden. Der Papst, welcher die Rotunda hier allen Heiligen
einweihte, so wie sie ehemals allen Göttern geweiht war, scheint so etwas im
Sinn gehabt zu haben.
    Es ist doch sonderbar, entfuhr mir hierbei, dass die Griechen, das
aufgeheiterte Volk, sich mit den Fabeln über die Gotteit so ernstaft und
zuweilen so abergläubisch grausam beschäftigen konnten, da sie, der vielen
andern Weisen nicht zu gedenken, einen Anaxagoras hatten.
    »Grausam«, versetzt' er, »sind sie in Vergleichung mit uns zu ihren guten
Zeiten nur wenigemal gewesen. Und dann lassen sich Meinungen, wo nicht offenbare
Widersprüche sind und das Gewisse tief verborgen steckt, nicht so leicht
wegarbeiten. Es hält bei den ausgemachtesten Dingen schwer, den grossen Haufen
unter einen Hut zu bringen, wenn er sich mit eingewurzelten Vorurteilen dagegen
sträubt.
    Mit den griechischen Gotteiten ging es gewissermassen wie mit vielen Wörtern
in jeder Sprache; wir haben einen deutlichen oder dunkeln Sinn dabei, wissen
aber ihren ersten Ursprung nicht und wo sie herstammen; und jene waren schon vor
Mosen und den Propheten in der ägyptischen Zeittiefe, ehe noch ein Trismegist
unter den Sterblichen die Buchstaben erfand. Homer hat damit seine Iliade
ausgeziert, wie mit Edelsteinen, Gold und Perlen, und zuweilen lauter Schmuck
gemacht, wie den Kampf des Skamander mit dem Vulkan.
    Religion wurde, dünkt mich, in der bürgerlichen Gesellschaft zuerst bestimmt
eingeführt, um den Streit über verschiedne Verehrung der Gotteit bei Familien
zu verhüten.21 Jeder Staat oder Gesetzgeber ergriff eine Partei der Ordnung
wegen und liess andern Republiken und Selbstköpfen natürlicherweise ihre
Freiheit, über das Weltall zu denken, was sie wollten, wenn sie nicht mit Fackel
und Schwert seine Verfassung störten.
    Bei den Griechen musst es einer sehr arg machen, wenn Richter und Volk
Meinungen dagegen ahnden sollten. Was hat nur Aristophanes nicht für Witz über
die Götter ausgegossen! Wir im heiligen Rom erschrecken noch nach Jahrtausenden
über seinen Mutwillen, wenn wir uns einmal mit der Phantasie in dessen Zeiten
gedacht haben. Das Scherzen über die Bewohner des Olymp mochten die Griechen,
scheint es, sehr wohl leiden; nur durfte sie einer nicht mit Stumpf und Stiel
ausrotten wollen und als Schwärmer deren Bildsäulen zerschlagen, ohne ihnen
dafür andre Freuden, andern Zeitvertreib zu gewähren. Jeder begriff an sich
selbst, dass sich das Gefühl der Wahrheit und Falschheit nicht so ganz bändigen
lässt, wenn man den Bürger nicht als blossen Sklaven haben will. Bürgerliche
Ordnung soll nur Gewalttätigkeit hemmen, und nicht den freien Gebrauch der
Seelenkräfte: sonst bleibt der Mensch nicht Mensch mehr und wird zum Tier der
Herde, verliert seine eigentümliche Glückseligkeit und allen Wetteifer, wie wir
in den tyrannischen Staaten sehen, wo die Natur auch ihre geistigsten Gaben am
reichlichsten ausspendet, in den Gefilden der Wahrheit und Schönheit nach Lust
immer weiter zu schreiten und hienieden die höchsten Gipfel zu ersteigen, wo er
Meer und Land überschaut.
    Die mehrsten Streitigkeiten über Gott kommen davon her, dass Laien selten
wissen, was sie wollen; und Philosophen meistens für den eingeführten Glauben,
sei's unter Heiden, Juden, Christen, sich von ihm ein Ideal bilden, und ihn
nicht annehmen und zu ergründen suchen, wie er in Natur sich befindet; als ob er
sich bei der Menge verächtlich machte, wenn er wäre, was er ist.
    Anaxagoras unter den Griechen gab mit seinem Verstandwesen für die folgenden
Zeiten hauptsächlich dazu Anlass. Das System des Lehrers des Perikles und
Euripides hat durch ihr sinnliches und glückliches Zeitalter geherrscht, trotz
den schulwidrigen Behauptungen vielleicht grössrer Scheidekünstler, erhielt sich
bis in die christlichen Jahrhunderte und herrscht gewissermassen trüb und dunkel
wieder jetzt, obgleich die erste Quelle nun unbekannt geworden ist. Er stattete
eine Weltseele, die alle Materie der Elemente durchdringt und über sie Gewalt
hat, in dem in der Erde steckendsten Wurm und himmelhöchsten Adler dieselbe.22
    Sokrates verwarf alles System, ahndete nur und betete an in heiligem
Stillschweigen nach seinem tiefsten Forschen; verehrte übrigens die Gotteit
nach den Landesgesetzen unter mancherlei Namen, ohne sie näher zu bestimmen, und
riet seinen Freunden dasselbe.
    Dem Plato, Aristoteles und andern Denkern aber war damit wenig gedient, und
sie gingen so weit, als sie nur vermochten. Jener sprach über den allgemeinen
Verstand in erhabnen Dichtungen; und der kühne Titan von Stagira belagerte
regelmässig endlich nach den feinsten Erfindungen der scharfsinnigsten Taktik;
und seine Anhänger behaupten, er sei in die innerste Festung eingedrungen.
Darauf und daran muss der Herrliche, der in so vielem andern an der Spitze der
Menschheit stand, gewiss gewesen sein.
    Plato schreibt noch am Ende seiner Tage den Gestirnen den höchsten Verstand
zu. Anfangs bedacht er sich lang über die Sonne und konnte nur damit nicht ins
reine kommen, wie wir lebten und so hell im Geiste sähen, wenn sie unterginge
und es Nacht wäre.23 Dass alles Lebendige erfrieren, zu toten Klumpen erstarren
müsste, wenn nichts von ihren Strahlen zurückbliebe, wird ihm wohl einmal im
Winter die Bedenklichkeit gehoben haben. Vielleicht schloss er gar noch ferner,
dass alles Licht und alles Feuer und alle Wärme auf unserm kleinen Erdboden bloss
in Materie gefahrne Strahlen der Göttlichen und der Gestirne sind, die jene, von
nichts gehemmt, durchdringen, regen, richten; woher alles einzelne Lebendige
denn Bildung, Form und sein Recht hat; bis sie wieder von andern aufgenommen
werden oder sich selbst absondern in Rückerinnerung der alten überschwenglichen
Wonne; und dass die Massen und Körper, die deren am mehrsten entalten, die
lebendigsten sind. Wenigstens ist dies der Grundstoff zu seinem glänzenden
teologischen System, worüber Julian noch abtrünnig wurde.
    Überhaupt hielten die mehrsten alten Philosophen das Feuer für das
Göttlichste in der Natur.«
    »Die grossen Dichter dieser hohen Zeiten für die Menschheit«, fiel ich ein,
»hatten um eine Stufe natürlichre Metaphysik und nahmen das Sinnlichre und
Nähere. Sie meinten, wir schöpften die bewegende Kraft mit dem Atem, und sie sei
in der Luft befindlich, und nannten sie Zeus, nach dem wörtlichen Sinn, wodurch
sie lebten; und einige Philosophen schlugen sich zu ihrer Partei.
    Sophokles sagt: Zeus, der alles fasst, in alles dringt, uns näher verwandt
ist als Vater, Mutter, Bruder, Schwester. Und an einem andern Orte: Welcher
Menschen Übermut, o Zeus, hemmt deine Macht, die der uralte Schlaf nicht
ergreift und die unermüdlichen Monden! Unalternd durch der Jahre Wechsel nimmst
du Herrscher den strahlenden Glanz vom Olymp ein; dir ist der Augenblick, die
Zukunft und Vergangenheit untertan.
    Und Euripides sagt geradezu: Siehst du über und um uns den unermesslichen
Äter, der die Erde mit frischen Armen rund umfängt? Das ist Gott!
    Und Aristophanes, sein Antagonist, ruft ebenso aus: Unser Vater Äter,
heiligster, aller Lebengeber!
    Und Pindar ging schon vorher noch weiter und singt stolz in lyrischer
Begeisterung: Eins das Geschlecht der Menschen! Eins das der Götter! Alle beide
atmen von einer Mutter.
    Nach der ältesten Meinung seines Volks glaubte Tales das Göttliche im
Wasser zu finden, weil alles Lebendige sich davon nährt und aller Same feucht
ist. Die Erde aber blieb immer nur Pflanzstätte, die das Himmlische durch Wind
und Regen empfängt und Tiere und deren Nahrung damit gebiert; obgleich Mutter
aller, selbst ohne Geist und Leben. Manche hielten sie nicht einmal für Element,
sondern wie Hesiodus nur ersten Körper.
    Alles kehrte zurück, wo es herkam; was von der Erde entspross, zur Erde: das
Himmlische wieder in die lustschwebenden äterischen Zärtlichkeiten.
    Doch, gestehen wir es nur, wir tappen damit noch in Nacht und Ungewissheit!
wie die Alten selbst; von denen nur einer mehr oder weniger als der andre dreust
war mit seinen Behauptungen. Ein bestimmtes deutliches System hierüber darf man
bei keinem Sterblichen suchen; die grössten Weisen haben für sich keins gehabt
und nicht klar gesehen, wie kein Mensch die ganze Welt klar durchschauen kann.
Sie nahmen gewisse Sätze an und bauten darauf hin, und wurden immerwährend von
der Natur wieder in Verwirrung gesetzt.
    Eines jeden Gefühl muss ihm sagen, dass er etwas Getrenntes von einem Ganzen
ist und dass er sucht, sich wieder mit demselben zu vereinigen. Als Menschen
suchen wir dies am ersten bei andern Menschen zu bewerkstelligen: die Natur
leitet den Mann zum Weibe und das Weib zum Manne. Beide finden alsdenn doch noch
nicht dies in sich allein und suchen ihr Ganzes bei mehrern ihresgleichen. Wo
dieser Trieb lauter wirkt: die glückseligste Republik. Aber auch hier wird der
Mensch endlich seine freie Vollkommenheit, sein Ganzes nicht finden. Es ist also
klar, dass uns entweder der Tod mit diesem vereinigt oder doch nähert oder nach
mancherlei Durchwanderungen von Körpern wieder dahin bringen muss. Aus diesem
Gefühl stirbt eine Alkeste für ihren Gatten, als der minder edle Teil des
Ganzen, und übergibt sich ein Regulus freiwillig Schmach und Leiden. Aus diesem
Grunde sieht man mehrere Menschen, jeden schier von demselben Schlag und Gehalt,
zusammen für verständiger an und ein ganzes Volk für die klare ausgemachte
Weisheit; und wir können oft mit der sichersten Gewissheit von dem Gegenteil und
dem stärksten Vorsatz nicht auf gegen die Macht der Täuschung.«
    »O wie lieb ich das,« rief Demetri mir mit lebendigern Augen froh lächelnd
zu, »wenn so einer aus dem andern Funken schlägt! O könnten wir uns Licht machen
und einander einen Pharos anzünden in diesem nächtlichen Meer, wo Boreas und Süd
und Ost und West verschiedner Meinungen stürmisch ungestüme Wogen wälzen! -
wenigstens einer den andern wie ein noch scheues edles Ross vor den
fürchterlichen Einbildungen auf allen Seiten herumführen.
    Welches der König der Elemente ist: Luft oder Feuer, wär also der Streit bei
den griechischen Dichtern und Philosophen. Um das Höchste und Edelste zu sein,
muss er die Massen aller andern durchdringen, Gewalt darüber haben, sie an sich
ketten und nach seiner eignen Natur formen und bewegen. Nach diesem Grundsatze
würden die Dichter wohl den Philosophen nachgeben und alle lebendige Wesen eine
Art von Flamme sein; Feuer so über Luft wie Bewegung des Lichts gegen Schall.
    Auch war das Wesentliche zwei der ältesten Religionen des menschlichen
Geschlechts in der Mitte der zwei grössten Weltteile, Asien und Amerika,
Verehrung der Sonne und des Feuers; und ihre Frommen bemitleideten die so mit
geistiger Blindheit Geschlagnen, dass sie in Finsternis nach Gespenstern
herumtappen, vom Lichte der Natur, durch alle Himmel dasselbe, lieblich und
freundlich und erwärmend hell lebendig umstrahlt. Selbst in Rom, da edle
Weisheit und Tapferkeit in seinem Senate noch den Erdboden regierte, bewahrten
jungfräuliche Hände dessen Glut als das Allerheiligste.
    Lassen wir aber auch noch einen Priester des Zeus mit seinem Pomp in diese
Versammlung treten und die Religion seines Volks behaupten, weil wir einmal im
erfreulichen Schwärmen der Phantasie darüber sind:
    Toren ihr alle! ruft er aus; die Welt macht nur ein Ganzes, und ihr haltet
euch an den Teil. Alle verschiedne Urwesen in der Natur sind göttlich, jedes so
ewig als das andre, und keins kann von dem andern herkommen und geworden sein.
    Rein abgesondert nennen wir sie Elemente; untereinander vermengt, für uns
ohne Ordnung und Schönheit, nennen wir sie Materie.
    Wie alle diese Kräfte zusammengekommen sind, sich verbinden und scheiden und
allerlei Erscheinungen hervorbringen, hat noch kein menschlicher Kopf für Sinn
und Verstand erklärt.
    Tun wir den äussersten Flug menschlicher Einbildungskraft und nehmen Anfang
an, wo es nur immer möglich ist.
    Stellt euch das Chaos vor, das alle Götter, Menschen, Tiere, Pflanzen,
Metalle und Steine gebar, wie einen unermesslichen heissen Nebel im unendlichen
Raume, worin Sonnen und Planeten noch zerstäubt schwimmen mit den Meeren, Erden
und Lüften.
    Es begann die Zeit: Feuer und Lüfte und Wasser und Erden schieden sich, und
ein gleichartiges Wesen gesellte sich seiner ewigen Natur nach zu dem andern.
Die jungen Sonnen wälzten sich und wuchsen, bis jede sich aus ihrer Sphäre
gleich ewigen blendenden Gewittern von lauter Blitzen und Wetterstrahlen (wovon
wir an unsern Wolken zuweilen nur winzige dunkle Schatten sehen)
zusammengesammelt hatte, und besäeten die Himmel. Die gröbern Massen sanken
unter, jede nach ihrem verschiednen Grade, und machen nun die Planeten aus, die
immer schwebend herumtanzen, sich wieder mit dem holden Lichte zu vereinigen,
aber wegen ihrer Schwere nicht zum Anflug gelangen.
    Und die Liebe ward geboren, der süsse Genuss aller Naturen füreinander, der
schönste, älteste und jüngste der Götter, von Uranien, der glänzenden Jungfrau,
deren Zaubergürtel das Weltall in tobendem Entzücken zusammenhält. Und alle
lebendigen Geschöpfe erhaschten in diesem Getümmel ihren Anfang; und vermehren
sich nach alter Art immer wieder aus einem kleinen neuen Chaos von Elementen,
nach Anzahl, Mass und Form der ersten Zusammensetzung.
    Das Element, das alles füllt, das sich am freisten und ungebundensten durch
das Unermessliche breitet, ohne welches nichts bestehen kann, was lebt, selbst
das Feuer nicht, ist die Luft. Wir Trismegisten und Orpheuse gaben ihm den Namen
Zeus und stellten diesen den Völkern in Wolken auf einem Donnerwagen mit dem
flammichten zackichten Keil voll furchtbarer Majestät als dessen Regenten vor,
weil sie nicht bis zu dem Unsichtbaren gelangen und Gestalt für den Sinn haben
müssen.
    Sein erstgeborner Sohn, Licht und Feuer, ist Apollo, der Sonnengott.
    Der Beherrscher der Wasser, Zeus' Bruder, Neptun.
    Den Erden, den Sammlungen unzählbarer andrer Elemente, setzten wir das Heer
der übrigen Götter vor und erteilten dem dritten Bruder Pluto in den Unterwelten
den höchsten Zepter.
    Eure Grossväter, die Pytagorasse und Homere, haben hernach unsre kühnen
grossen Erfindungen angenehm und lieblich und erfreulich ausgearbeitet und die
Phidiasse und Polyklete denselben das Siegel aufgedrückt. Und so waren die
Urkräfte der Natur für die Phantasie geordnet und jeder von ihren
Lieblingskindern, den Menschen, schöne Tempel aufgestellt.
    Verwundert Euch nicht, Freund,« fuhr Demetri fort, »über die astronomischen
Ketzereien, die ich meinen Priester sagen lasse! Es wird eine Zeit kommen, und
nach der Freiheit, womit die grossen Geister schon anfangen ihre Flügel zu
schwingen, kann sie nicht mehr fern sein, wo die Sonne und die Fixsterne auch
bei den Menschen ihren erhabnen Posten behaupten werden wie in der Natur und
unsre kleine Erde mit den andern Planeten um ihre Lebendigmacherin herumrollen
wird;24es wird die Zeit kommen, wo der kleinste Nebelstern Sonne sein wird und
ein hellerer Morgen in unsern Kerker einbrechen, bis wir uns endlich alle Bande
abstreifen und des ewigen Daseins, unsers Eigentums, als echte Kinder Gottes
geniessen, in unaussprechlicher Wonne, sonder Grausen vor den armseligen
Schreckwörtern Tod und Zerstörung.
    Es war besser, dass Millionen Sonnen sind, um nur Zahl zu nennen, als eine,
die zu ungeheuer gewesen sein würde! Die Billionen Planeten hätten sich zu oft
darumher einander verfinstert und die rasende Masse von Feuer sie verzehrt.
    Alles Wesen besteht aus unergründlich Kleinem. Was unendlich klein ist, kann
nur wenig Kraft und Bewegung haben. Um freier und gewaltiger zu sein, paart es
sich mit seinesgleichen und vermehrt sich bis zu Sonnen- und Planetensphären,
die sich durch die Himmel wälzen und schweben für uns in unbegreiflicher Fülle
von Wonne; paart sich mit seinesgleichen und anderm, was es wie zum Fuhrwerk
oder gleichsam Reittier brauchen kann. Und dies hat's auch wieder gut, indem es
an der Lust des Edlern teilnimmt und für seinen Dienst reichlich versorgt wird.
    Das Zusammengesetzte aber aus Verschiednem ist in Betrachtung des Einfachen
eine wahre Kleinigkeit. Was sind alle Vögel, Tiere und Fische gegen die
unermessliche Luft, das blendende Gewimmel der Gestirne und gegen Meere und Erden
in ihrer ursprünglichen Reinheit? Zusammengerottete winzige Sonderlinge! Die
grossen Massen allein leben und schweben in ewiger angestammter Wonne und
Glückseligkeit: nur wir Heterogenen leiden und sind elend und plagen uns mit
unsrer Erhaltung, immer in der jämmerlichen Furcht, zu vergehen. Mitteldinger
zwischen Sein und Nichtsein! Zusammengeballte Grenzen des Verschiednen! Die sich
mit Träumen plagen und ihre eigentliche Natur nicht finden können; und auf das
kranke Gewinsel zerrütteter Kreaturen horchen, da uns das ewige Licht in die
Augen blitzt, Meere in die Ohren rauschen und alles augenblicklich in uns
strebt, sich mit dem grossen Mächtigen wieder zu vereinigen.
    Die Toren glauben, sie kämen einmal in eine ganz andre Welt, wo keine Sonne
wäre, weder Mond noch Sterne, noch Meer und Land wie bei uns, und sie hätten
vielleicht dort doppelte goldne Hüften, wie hier nur eine Pytagoras hatte.
    Unsre Philosophen nehmen sich sehr in acht, wenn sie von Seele reden, auf
Erde, Wasser, Luft und Feuer zu kommen, vermutlich, um sich nichts zu vergeben.
Nicht also die Griechen! Wir zucken die Achseln deswegen über sie? Je erhabner
der Mann, desto eher der Kinder Spott!«
    Demetris Wangen wurden röter in diesem lyrischen Taumel; ich rief ihm zu:
»Mässigt Euren Schwung, wenn ich nachfolgen soll!
    Etwas Besonders, Adler oder Mensch und zum Beispiel Alexander zu sein nach
gewonnenen Schlachten«, fügt ich leise hinzu, »macht doch auch grosse Freude und
kömmt einem angenehmer vor, als wenn man sich zu unendlich kleinen Teilchen von
Erde, Luft und Wasser und Feuer denkt. Jedes einzelne Wesen wird seine Existenz
bloss durch andre gewahr; je reiner es sich damit vereinigt, desto grösser
wahrscheinlich seine Glückseligkeit. Alles in der Natur strebt deswegen, sich in
andres zu verbreiten.«
    Demetri. Bei solchem Einfachen gibt's kein Teilchen; jedes, wenn man sich es
auch denkt, gehört so zum Ganzen, dass das Ganze zusammengenommen nichts Bessers
ist. Das Teilchen ist wie das Ganze und das Ganze wie das Teilchen; eins wirkt
und regt sich wie das andre, jedes Gefühl blitzt durch das ganze All. Was das
eine angeht, das geht auch das andre an; es ist eins so mächtig, so ungeheuer
und unermesslich gross, wenn man eine solche Grösse annehmen will, wie das andre.
Die Meere und Tiefen von ursprünglichen Elementen sind es, woraus wir immer neu
strömen und zusammenrollen; und unsre Urnatur ist unendlich göttlicher und
erhabner als das augenblicklich zusammengeballte Eins verschiedner Kräfte; nach
dem hohen Plato nur eine Stockung im unsterblichen Flusse der Glückseligkeit.
    Ardinghello. Aber dass etwas sein muss, was das Weltall zusammenhält, ist wohl
klar genug! eine unbekannte Ursache an und für sich, doch bekannt in ihren
Wirkungen; ein Wesen, das die andern Elemente zusammenbändigt von ihrem Schlafe
zum Leben, zur Existenz, zur Harmonie und Einheit.
    Wenn ich meinen Körper betrachte und bedenke, dass ich ihn selbst soll
zusammengearbeitet und gebildet haben, und doch nichts davon weiss oder, welches
einerlei ist, dass das erste Menschenpaar dies soll getan haben: so dünkt mir
augenscheinlich, dass ich nicht von mir selbst abhange und dass eine unbekannte
Ursach im Spiel ist. Anfang und Ende ist für keines Menschen Kopf und ebenso
unbegreiflich, wie Verschiednes ein lebendiges Eins macht. Unsre offenbare
Willkür, der vorher bestimmte Endzweck aller unsrer Sinnen zum Beispiel, das
Forterhalten der Gattungen, bleibt unerklärlich und übersteigt die feinste
Philosophie.
    Demetri. Vielleicht wird sich dies noch aufhüllen.
    Wir erkennen uns bloss als Zusammensetzung, als Wirkung und nicht als
Ursache. Bei uns ist sie mit unserm Verstand eins, und es findet da kein
Gezweites statt; bei andern Dingen lässt sie vielleicht den Sonnenstrahl, so wie
ihn unser grobes Auge blickt, nicht in ihre Verborgenheit. Rein existiert sie
bloss in ihrer ursprünglichen Vortrefflichkeit, schwebt im Genuss ihrer selbst:
und vermischt erkennt sie nur die Vermischung.
    Liebe und Krieg ist ewig auf den Grenzen verschiedner Natur; jene nennen wir
Ordnung, Leben, Schönheit, und wie die Namen alle lauten. Wie Kinder scheuen wir
Tod und Vergehen; wir würden bei beständiger Dauer in immer einerlei
Zusammensetzung vor Langerweile endlich auf ewiger Folter liegen in unsrer
kleinen Eingeschränkteit. Die Natur hat sich aus eignen Grundtrieben dies Spiel
von Werden und Auflösen so zubereitet, um immer in neuen Gefühlen selig
fortzuschweben; und unser Beruf ist, dies zu erkennen und glückselig zu sein.
Pytagoras hatte recht: die Welt ist eine Musik! Wo die Gewalt der Konsonanzen
und Dissonanzen am verflochtensten ist, da ist ihr höchstes Leben; und der Trost
aller Unglücklichen muss sein, dass keine Dissonanz in der Natur kann
liegenbleiben. Die höchsten Granitfelsen der Alpen und des Kaukasus zermalmen
endlich die Regen des Himmels und die Katarakten der Eisdecken auf ihren
Gipfeln, und unsre Jahrtausende sind Momente der Ewigkeit. Kommen wir einmal zum
Teil in den Mittelpunkt des Ozeans und der Erdkugel, so kommen wir auch in
Sonnen und Gestirne und werden eins damit.
    Jedes Element hat nach höhern und mindern Graden von Regsamkeit die
Eigenschaft, zu leben, zu empfinden; und die mancherlei Proportion gibt jedem
einzelnen Dinge seinen besondern Urcharakter. Dem Affen ein wenig Licht und Luft
mehr im Urton: und er stünd auf der Leiter der Schöpfung über den Homeren und
Zenonen, freilich alsdenn auch in andrer Gestalt. Unser Gehirn scheint der hohe
Rat der Republik zu sein, sich augenblicklich zu bewegen und die neuen
Erscheinungen und Gefühle der Sinnen aufzunehmen und darnach für das kleine
Ganze zu sorgen.
    Wer hat die Elemente so untersucht, dass er einem allein das Leben und Denken
zuschreiben will? Warum sollten nicht alle mehr oder minder dazu fähig sein und
die ganze Natur leben, denken und empfinden?
    Der Mensch macht ein Ganzes aus, und es ist alte Pedanterei, denselben nur
in zwei ganz entgegengesetzte verschiedne Hälften zu teilen, wie man hernach bei
allen Tieren und der kleinsten Mücke tun muss. Aber Gewohnheit zwingt alles unter
ihre eiserne tyrannische Herrschaft, bis auf die sich frei wähnendsten
philosophischen Häupter, die davon nichts träumen.
    Ardinghello. Auf einen Hieb fällt kein Baum, geschweig eine Zeder, die so
viele Jahrhunderte, durch alle bekannte Zeitalter steht und mit ihrem immer
grünenden Gipfel jedem Sturm trotzt. Die Menschen werden heutzutag schwerlich
glauben, dass das Beste von ihnen nur Sonne war und die Planeten erleuchtete; sie
sind zu stolz dazu geworden. Geschweige dass ihre Körper nur eine gewisse Ordnung
seien, Wohnungen, Gastöfe der Elemente, die augenblicklich durch sie reisten,
sich nur Momente aufhielten, sie lebendig, vollkommner und bequemer für die
nachfolgenden machten.
    Demetri. Und doch muss auch dem Dümmsten auffallen, dass er alle Woche
wenigstens ander Fleisch und Blut hat; dass ihn sein Magen jeden Tag ein paarmal
an neuen Ersatz erinnert; dass er stündlich stirbt und wieder aufersteht; immer
etwas anders ist, immer ist wie das Wetter, das er sieht und einatmet. Und was
wollt Ihr mit allen bekannten Zeitaltern? Habt Ihr vielleicht den Aristoteles
gelesen?
    Ardinghello. Seine metaphysischen Schriften nur durchblättert! teils, weil
sie mir zu weitläuftig und gleich anfangs mit Fleiss dunkel und rätselhaft
geschrieben schienen, und teils, weil ich für wahr hielt, was Xenophon beim
Eingange der Denkwürdigkeiten vom Sokrates meldet, nämlich: die Metaphysiker
wären ihm vorgekommen wie Rasende, da die berühmtesten derselben schnurstracks
sich entgegenstehende Meinungen behaupten. Die ganze Wissenschaft sei zu nichts
nütze; und er hätte sich verwundert, wie es ihnen nicht offenbar wäre, dass unser
Verstand darüber nichts Gewisses erfinden könnte. Die menschlichen Dinge allein
machten uns genug zu schaffen.
    Demetri. Auch beim Sokrates ist nicht alles Gold! Dies war zuverlässig in
die Luft gesprochen, ohne hinlängliche Überlegung. Das Allgemeine können wir
wissen, aber nicht das Besondre. Ohne Arbeit und Mut wird dem Menschen nichts
Grosses verliehen. Wer weiss, wie viele Jahrhunderte noch dazu gehören, ehe wir in
Erkenntnis der Natur so weit gelangen, als unser Verstand reicht, und das
höchste Ziel berühren! Viele verzweifeln daran, nur etwas Wahres zu finden, und
wollen immer im Finstern herumtappen; aber es kommen Augenblicke, wo sie
erschrecken, ein blosses Nichts zu sein, ohne sich mit der Natur zusammen zu
denken. Harmonie mit dem Weltall ist das höchste Gut! und welcher gute Kopf will
sein Lebelang zu dem Gesindel gehören, das die Wetterfahne aller Meinungen ist?
Jeder muss hier endlich so weit, als er kann; und es hilft da kein Sträuben.
Unsre Bestimmung, wenn wir eine haben sollen, kann keine andre sein, als die
verschiednen Naturen des Weltalls in der Zusammensetzung zu fassen, woraus wir
bestehen. Der Mensch selbst ist gleichsam eine herumwandelnde Metaphysik; wer
wollte sich nicht damit beschäftigen? Sie ist die erste und höchste aller
Wissenschaften.
    Wenn wahr ist, wie es denn allen Schein der Wahrheit an sich trägt, was
Alkibiades vom Sokrates in Platons Gastmahl erzählt, so hat auch hierin der, den
das Orakel (vielleicht hauptsächlich deswegen, was Ihr eben aus den
Denkwürdigkeiten von ihm angeführt habt!) zum Weisesten erklärte, doch auch
hierin seine Schuldigkeit beobachtet. Er stand einst im freien Felde vom Morgen
an, den ganzen Tag über und die Nacht durch, unbeweglich auf einem Fleck in dem
allertiefsten Nachdenken versunken und verloren: und betete die Sonne an, als
ihre reine volle Feuersphäre über die östlichen Gipfel Strahlen des Lebens
wehte.
    In den geringsten Wissenschaften und Künsten herrschen verschiedne
Meinungen; und es ist natürlich, dass in der höchsten die mehrsten herrschen,
weil alle zum steilen Gipfel wollen und nur äusserst wenige dazu genug Atem in
der Brust, Stärke in den Knochen und ausdauernden Mut und Verstand gegen alle
die Gefahren haben, die in den halsbrechenden Pfaden auf sie lauern.
    Nutzen? Soll man denn alles des Mauls und Magens wegen tun? und macht
Erkenntnis der Wahrheit nicht schon an und für sich glückselig? ist sie nicht
die höchste Glückseligkeit? Gehört das Vergnügen, die Freude nicht zu Nutzen?
    Freilich muss jeder den Weg endlich selbst machen. Es muss erst einer wissen,
wo der Ätna liegt, eh er hinauf will. Und dann ist für uns die Reise durch die
Scylla und Charybdis die kürzeste, und durchaus zu Pferd ist nicht möglich.
Oder: man muss ohngefähr so weit sein, als sie selbst waren, ehe man die Systeme
grosser Philosophen vollkommen versteht; und ferner sie nicht auf den ersten
Seiten vollkommen begreifen wollen; man muss sie erst ganz kennen, ehe man nur
etwas von ihnen in allem seinen Verhältnis einsieht.
    Das System des Aristoteles liegt, es ist wahr, noch zum Teil da im Chaos;
aber binnen zweitausend Jahren hat sich kein bessrer Architekt gezeigt. Er trug
allen philosophischen Reichtum jener glücklichen Zeiten zusammen und brütete
darüber wie ein Gott. Seine physischen und metaphysischen Werke sind ein
langwieriges Studium, und es lässt sich in einem Gespräche davon kein Auszug
machen. Ihr müsst sie selbst lesen; und es wird Euch Lust sein, zu sehen, wie er
die Natur herumarbeitet und bis auf ihre kleinsten Bestandteile zergliedert,
wenn Ihr auch nur den Tiefsinn des Menschen an ihm bewundern solltet.
    Für jetzt nur noch einige Rhapsodien nach ihm und gegen ihn, und Launen und
Einfälle. Stellt Euch das Universum wie eine Laute vor, worauf ich Euch nach
augenblicklicher Lust und Liebe vorphantasiere. O nichts ist reizender und
lockender dazu! es ist der schönste Gegenstand meiner Poesie in der Einsamkeit.
O es macht mich glücklich, und mich überläuft wieder zuweilen ein menschlicher
Schauder, wenn ich bedenke, was ich vielleicht schon war und ferner sein werde!
was ich jetzt bin und den folgenden Morgen, die folgende Stunde schon vom neuen
anfange zu sein. Übrigens geniess ich jeden Moment der Spanne meines
gegenwärtigen Lebens, so gut ich kann, und ergebe mich Kleinigkeit in die
Umwälzungen der ungeheuern Massen. -
    Was Demetri darauf ferner sagte, davon mehr nur den Inhalt als seine Worte,
insoweit ich denselben gefasst habe. Ich blieb bis jetzt noch immer der Meinung
des Sokrates, dass auch die beste Metaphysik ein schönes Gebäude sei, welches
bloss in der Luft schwebt, und dass man sich nur damit beschäftigen müsse, um sich
nichts weismachen zu lassen und seinem Vergnügen in dieser Rücksicht ungestört
nachzuhängen.
    »Die Sinnen allein zeigen uns,« begann er vom neuen,25 »dass etwas ausser uns
da ist: Verstand selbst ist die Wurzel der Sinne. Von Sinn und Verstand alle
unsre Erkenntnis; und was finden wir da?
    In uns gekehrt die wunderbare Sicherheit, dass wir Wirkliches und kein Nichts
sind, und allen Grund zu denken und zu handeln. Ausser uns Sonne, Mond und Sterne
im unermesslichen Äter, und Luft und Meer und Land voll unzählbarer lebendiger
Dinge.
    Doch solche Menge Verschiedenheiten entdeckt nur das Auge, unser reichster,
aber auch flachster Sinn; wir haben einen andern, der tiefer dringt und zu
einfachern kömmt: das Gefühl. Kein Tier kann ohne dasselbe, aber ohne die andern
Sinnen bestehen.
    Und dieser Sinn erkennt?
    Warm und Kalt und Feucht und Trocken.
    Nichts weiter! denn alles übrige fällt in eins von diesen; daraus besteht
die unendliche Mannigfaltigkeit des Weltalls.
    Doch werden wir auch mit diesem so mächtig ergreifenden Sinn nur Oberflächen
gewahr; allein tiefer in die Natur der Dinge können wir nicht eindringen, wenn
wir nicht sie selbst werden. Und dann hört aller Sinn auf; wir sind es selbst
und schweben im Genuss ohne alle wissentliche Unterscheidung.
    Warm und trocken ist das Feuer. Warm und feucht die Luft. Kalt und trocken
die Erde. Kalt und feucht das Wasser. Mit Flamme und Eis fängt Stockung und
Zerstörung an, daraus keine Zeugung.
    Wenn Feuer sich in Luft verwandelt, braucht es nur die Feuchtigkeit
anzunehmen, und so, wenn Wasser sich in Erde, nur die Trockenheit. Wasser wird
Luft durch die Wärme; Luft wird Wasser durch die Kälte. Feuer verwandelt sich in
Erde durch die Kälte, Erde in Feuer durch die Wärme. Leicht ist dann der
Übergang einer Natur in die andre und leicht Werden und Zeugen. Wenn aber Feuer
Wasser werden soll und Wasser Feuer, Luft Erde und Erde Luft: dann ist ein
doppelter Damm durchzustürmen; allein der Schleichweg ist bald gefunden. Feuer
wird erst entweder Luft oder Erde; und so bleibt der Übergang auch bei den
andern immer leicht.
    Daraus alle die sonderbaren Erscheinungen! Und so verändert sich ewig in
sich die Welt, begattet sich mit sich selbst und bringt neue Geschöpfe hervor
und Blumen und Früchte.
    Dies sind die vier Elemente, die der gemeine Menschenverstand durch alle
Zeiten anerkannt hat; und sie sind die Grundverschiedenheiten nicht nur für das
Gefühl, sondern auch für die übrigen Sinne, die alle verschiedene Abarten
desselben sind und darauf beruhen.
    Dass die Luft wieder so verschieden sein könne, als wir die Erde erkennen,
wer will dies leugnen? und so das Wasser, und vielleicht noch das Feuer; wer hat
die Elemente so untersucht? und wie wenig wissen wir noch von den Erden? Genug,
dass der Übergang eines Elements in das andre gefunden ist.
    Doch warum suchen wir Vervielfältigung der Elemente! Es hat Philosophen
gegeben, die behaupteten, dass das Weltall, welches wir zusammen mit einem Namen
Natur nennen, durchaus eins und dasselbe sei; die alle Evidenz leugneten, um
ihren Verstand an einem Mutterwesen zu weiden, das bloss reiner Stoff und nichts
von allem andern ist, was wir kennen, sondern alles zugleich in jedem Punkte;
andern Menschen schier ebenso undenkbar wie Alles aus Nichts und Nichts aus
Allem, das es auch bedeutet.
    Die ältesten der Art blieben jedoch noch bei einem Elemente. Heraklit
meinte, das Feuer sei der gemeinschaftliche Quell aller Dinge: und Tales das
Wasser; beide aus dem heitern Ionien, von den Griechen, sonderbarlich! für die
frühesten echten philosophischen Köpfe anerkannt und der erste als Stammvater
aller eigentlichen Weisheit zum Sprichwort bei ihnen durch alle Zeiten geworden.
Das organische Wasser, zum Beispiel der Mensch, ersaufe in dem einfachen Wasser;
und das organische Feuer verbrenne in dem Feuer, das die Lust verliert, etwas
anders zu sein. Feuer, Luft und Erde sei Wasser, und Wasser sei Erde, Luft und
Feuer, und alles eins und dasselbe. Feuer sei heiss und kalt, und Wasser sei nass
und trocken.
    Andre suchten in der Folge den Widerspruch wenigstens im Ausdrucke zu
vermeiden und setzten für irgendein Element überhaupt: Eins ist Alles und Alles
Eins.
    Nach dem Aristoteles war Xenophanes der erste, der dem Wesen seine
eigentliche Reinheit gab, aber auch nichts weiter darüber bestimmte, sondern nur
mit erhabner Stirn in den unermesslichen Äter hin schaute und sagte: Das Eins
ist Gott.
    Parmenides, sein Schüler, brütete nach ihm mehr darüber und suchte zu
beweisen, dass Wesen der Vernunft nach notwendig nur Eins sein könne, für die
Sinnen aber müsse man zwei Ursachen: Kalt und Warm, annehmen. Kalt sei das
Unwesen und Warm das Wesen. Andre setzten dafür das Dicke und Dünne; nämlich das
Wesen dehne sich aus und ziehe sich ein; und daraus alles Werden und Zeugen,
alle Erscheinungen. Wenn es sich verdünne, werd es Luft und Feuer; und verdickt
sei es Erde und Wasser; aber alles im Grund eins und dasselbe.«
    Ardinghello. Wenn also die unendliche Ausdehnung, ausser den einzeln
Bewegungen, durchaus sich einmal recht einzöge, so würden wir vielleicht alle
zusammen mit ihr den allergrössten Stein ausmachen und die Welt als ein Diamant
im leeren Raume hangen.
    Demetri (ein ander Gesicht annehmend). Wer weiss, was geschehen kann! Zeit
hat sie nun in der Ewigkeit genug dazu, zur Kurzweil sich in allerlei Gestalten
zu verwandeln.
    Diese Philosophen gaben übrigens keine Ursache der Veränderung an und liessen
noch Ruh und Bewegung unerörtert.
    Wer beweisen will, dass aus Einem Alles sei, muss erst dartun, dass aus Allem
Eins werde; und so weit hat es noch keine Chemie gebracht.
    Wenn bloss Eins ist, so muss es in Ruhe sein; denn ohne Reiz keine Bewegung,
und das Gleichförmige reizt nicht. -
    In den Elementen liegen die Quellen der Bewegung. Sie ist allen eigen, und
keins hat sie als einen besondern Vorzug; nur scheint das Feuer einen weit
höhern Grad von Reizbarkeit dazu zu haben als Erde, Luft und Wasser. Alles in
der Natur regt sich von selbst und hat Freiheit, Erkenntnis und Begierde. Jeder
Teil, den wir von einem ihrer unvermischten Ganzen annehmen, hat alle innerliche
Eigenschaften des Ganzen; ihre Wesen sind unendlich zart, verbreiten und
verlieren sich ineinander, unergründlich allen unsern Sinnen. Je mehr das Kleine
einerlei Art beisammen, desto grösser seine Macht und Stärke; und so kann Erde,
Luft oder Wasser das Feuer überwältigen, und so unterliegt beim Menschen der
sogenannte Geist der Materie. Doch nur im Einzeln kann dies geschehen, denn im
Weltall selbst herrscht Geist unermesslich und ohne Schranken. Geist bringt die
Welt in Ordnung und Schönheit nach seiner Natur, und selbst in uns fuhr er
deswegen; und dadurch hat der Mensch Gewalt über den Erdboden.
    Bewegung ist Wirksamkeit der Kraft auf einen Gegenstand. Wo Kraft und
Gegenstand ist, ist auch Bewegung. Wo doppelte Kraft aufeinander wirkt: Liebe
oder Krieg, Neueswerden oder Abprallung.
    Gedanke ist Anfang und Ziel der Bewegung, Anfang und Mittel und Ende der
Bewegung zusammen Handlung. Alles in der Natur hat das Vermögen, zu denken und
zu empfinden, und das Selbstgefühl ist Grund und Boden; denn alles, was ist, hat
Kraft, wodurch es ist, was es ist.
    Und folglich hat das System des Anaxagoras seinen guten Grund in der Natur.
Verstand hat die Welt gebildet: nur in allem auf seine eigne Art. Verstand ist
prüfende und unterscheidende Fassung des Ganzen; Verstand, in der
Zusammensetzung, das Meer, wohin alle Empfindungen laufen, sich begegnen und
sich läutern; und besteht selbst nur aus empfindender Kraft. Es ist der
eigentliche Kern jedes einzelnen Lebendigen, jedes Ganzen, das schlechterdings
an und für sich mit einer ersten Empfindung beginnen und sich mit gleichartigen
und andern Wesen paaren und hernach zusammenschaffen und bilden musste. Wenn nun
Verstand ursprüngliche Empfindung ist, so ist er auch der Schöpfer von allem
Individuellen.
    Der erste Trieb in jedem Lebendigen ist das Vergnügen oder nicht allein und
vereinzelt zu sein. Der zweite weitere Erkenntnis und grössere Kraft zugleich:
dadurch erhob sich die vereinzelte Natur vom Wurm an bis zum erhabnen, freien,
vielfassenden und verbindenden klaren Menschen, der deswegen die Sprache und
alle Künste erfand. Der dritte, ungeheure, der alles unglücklich macht, die
ganze Welt zu erkennen und sie sein zu wollen; und in der Tat tobt immer das
dunkle Gefühl in uns auf, sie einmal gewesen zu sein und wieder zu werden.
    Ardinghello. Ich erstaune über Eure kühnen Behauptungen, und es wird mir
vieles Nachdenken kosten, deren Wahrheit oder Falschheit zu finden.
    Wenn Feuer sich in Luft verwandelt: bleibt es Feuer oder nicht? Und ferner:
so wie nur eine gewisse Materie ist, die Licht hat, und eine, die Ton hat, so
kann es ja auch eine geben, wenn man das Wort hierbei brauchen darf, die nur
denkt und Verstand hat, Ursache der Bewegung ist, immer wirkt und nie leidet,
bis das ganze Gebäude um sie her zusammenfällt.
    Demetri. Wenn Feuer sich in Luft verwandelt, so entsteht eben ein neues
Ganzes aus Luft und Feuer. Und so sind wir selbst ein Ganzes aus verschiednen
Elementen, so rein und harmonisch verschmolzen, dass wir in uns bei gesundem
Zustande durch das feinste Bewusstsein nichts unterscheiden.
    Wenn nicht jede Art von Element sich selbst regte und bewegte, so würde
jeder Leichnam ewige Mumie sein und der Wind immer von Osten her wehen.
    Was den Verstand betrifft, so nimmt Aristoteles selbst, wie Plato, nach dem
Anaxagoras, dessen Meinung ich freilich nach meinem eignen Begriff erklärte,
eine eigne Materie für den Verstand an und unterscheidet sie von aller andern,
und sogar von der Seele, die, wie er sagt, im ganzen Körper sich befindet. Die
Seele des Auges ist das Sehen, die Seele des Ohrs das Hören und so die des
Gefühls das Fühlen. Die Seele des Baums ist, dass er wächst und seine Nahrung mit
den Wurzeln einsaugt. Sie ist in allem Lebendigen dieselbe. Kraft in Ausübung
ist ihm Seele, und kein Körper, kein Element ohne Seele. Aber Verstand hat seine
eigne Natur, behauptet er, die nicht leidet. Das Auge kann verblendet, das Ohr
betäubt werden, der Verstand hingegen von dem tiefsten Denken unbefangen auf das
leichteste übergehen. (Vielleicht nur bei dem Fürsten der Philosophen! Andre
müssen wenigstens ein Schachspiel dazwischensetzen.) Und doch soll derselbe ein
besonder eigen Teilchen, wie er sich ausdrückt, nur der menschlichen Seele sein,
und sagt, diejenigen hätten recht, die ihn darin den Ort der Formen nennten;
Denken, Urteilen wäre Aufnehmung, Schaffung von Formen. Die sinnliche Kraft der
Seele könne nicht ohne Körper bestehen, der Verstand aber davon abgesondert
werden; er sei sich allein Materie. Nur sei er leidend und vergänglich, insofern
er etwas denke und sich an etwas erinnere; gleichsam wie der Sonnenstrahl, wenn
er an den Dingen Farbe wird. Das Denken aber und Erinnern mache sein Wesen nicht
aus; an und für sich selbst denk er nichts, und so sei er unsterblich.
    Folglich ist die Seele, als Verstand betrachtet, nur unsterblich, insofern
sie nichts denkt.
    Dies ist wohl eine von den schwachen Seiten seines Systems, um den Vorrang
des Menschen vor andern Tieren zu erklären; und hierin weicht er ab vom
Anaxagoras, der seinen Verstand allem Lebendigen zuschreibt.
    Wenn der Verstand nur unsterblich ist, insofern er nichts denkt, so ist alle
andre Materie auf eben die Weise unsterblich, nämlich insofern sie ausser der
Zusammensetzung gedacht wird; und wenn ich den Verstand auf eine andre Art
erklären kann, so brauch ich keinen Gott, den Knoten des Drama aufzuhauen. Kurz,
es ist ein Schlupfwinkel, worin wir nicht weiterkommen.
    Der Beweis, womit Anaxagoras, Plato und Aristoteles das Dasein des
Verstandes dartun, ist: es muss ein Wesen geben, das unvermischt ist und alles
durchdringen kann, damit es Gewalt darüber habe und erkenne.
    Fürs erste also ist jedes Element in seiner Reinheit unvermischt; und so
Haufen Elemente in ihrer Reinheit beisammen.
    Sind die Elemente an ursprünglicher Feinheit verschieden, so ist, nach aller
Erfahrung, wahrscheinlich das Feuer oder Lichtelement das feinste. Folglich
hätte das Feuer alle Eigenschaften, die sie zu ihrem Verstand erheischen.
    Ist dies Seele, was, nach dem allgemeinen Begriff, andres durchdringt, so
kann man auch mehrere Arten von Seelen annehmen. Feuer durchdringt die Luft;
Luft und Feuer durchdringen das Wasser; und Feuer, Wasser und Luft durchdringen
die Erde, und bändigen sie nach ihrem Wohlgefallen, und bequemen sich wieder als
der Grundfeste freundlich nach ihr. Und so überhaupt eins nach dem andern.
Herrschen ist Wohltun, alle andre Gewalt Tyrannei. Wer weiss, ob der Gegensatz
von Feuer und Erde nicht zu stark ist, ob Erde nicht zu grob und Feuer nicht zu
fein gegeneinander sind, um vollkommen aufeinander zu wirken? Ob nicht Mittel
dazwischen sein müssen? (wie zum Exempel in den mildern Erdstrichen; in
Griechenland, dem Klima der Schönheit.)
    Überhaupt sagt uns alles, dass da die höchste Vollkommenheit und
Glückseligkeit ist, wo die höchste Fülle. Wenn die Zusammensetzung so
harmonisch, so proportioniert ist, dass jedes Element sich regen kann nach seinen
Kräften, entsteht der höchste Verstand; eins erkennt das andre auf diese Weise
am reinsten und vollkommensten. Und dies möchte wohl der Aristotelische Verstand
sein, der durch alle die feinen Röhren des menschlichen Gebäudes im Gehirne sich
absondert; die reinsten Verschiedenheiten von Feuer, Luft und Wasser und Erde
kommen hier lauter zusammen und machen ein göttliches Ganzes, wie in unendlichen
Massen die Welt ist.26 Bei den andern Tieren sondern sie sich nur nicht so rein
und in der Fülle und Proportion ab, von Urbeginn durch den Druck der umgebenden
Kräfte daran verhindert.
    Ardinghello. Aber die ersten Geschöpfe Paar und Paar, Tier und Mensch, und
Gras und Baum, wo leitet Ihr und Aristoteles diese her?
    Demetri. Wie unser Verstand in der Zusammensetzung Wissenschaften und Künste
aus verschiednen Erfahrungen der Sinne bildet, aus Empfindungen, die mit
Bewegung und Sturm und Aufruhr in uns kommen, eine Iliade, einen Ödip, so kann
er auch von Anbeginn mit Hülfe der ganzen Natur die Gestalten der verschiednen
Gattungen gebildet haben. Man muss bei Zeugung und Untergang allezeit auf
Elemente kommen, die unzerstörbar sind und aus welchen alles Zusammengesetzte
wird.
    Unser Erdboden hat ohne Zweifel, nach Vernunft und Naturgeschichte, einmal
in einer weit glücklichern Lage zu Entstehung der Geschöpfe geschwebt als jetzt.
Und wer weiss, ob nicht die edelsten nach Aufhörung derselben untergegangen sind?
Die Geschöpfe sind ihrer Natur nach nicht in einem Lande und wahrscheinlich
nicht auf einmal entstanden.
    Aristoteles braucht gewöhnlich das Gleichnis: Der Mensch und die Sonne
erzeugt den Menschen; doch erklärt er sich etwas deutlicher hierüber in seiner
Lehre von Gott und der Zeugung. Und sehen wir nicht, dass die Sonne noch jetzt
Ursache des Frühlings und der Begattung ist? Warum sollte sie nicht auch im
Anfange bei den ersten Geschöpfen Hülfe gewesen sein? Jedes Geschöpf wächst aus
seinen Elementen hervor, und die Sonne löst mit ihrer Wärme deren Kräfte, dass
sie frei wirken können.
    Jedoch haben immer über die Entstehung des Einzeln die alten Weisen die
sonderbarsten Meinungen behauptet. Einige nahmen für jedes Geschöpf ein
verschieden Element an, und nicht allein für jedes Geschöpf, sondern für jedes
Glied desselben. Da waren zum Beispiel verschiedne Elemente für den Menschen,
die sich wieder für Kopf und Hand und Fuss abteilten und zerstreut in der Natur
lagen. Die Weiber sammelten dieselben bei der Begattung in sich, wo sie sich
alsdenn zu einem Ganzen vereinigten. Freilich die leichteste Art, das Rätsel
aufzulösen! wenn noch andre Schwierigkeiten dadurch gehoben würden. Wie geht es
zu, dass ein Weib immer so vollkommen alle Teile sammelt, und nicht bloss
Kopfteile oder Herzteile oder Arm- und Beinteile? Und so genau alle von
derselben Proportion? Und wie halten sich diese Teile in den Speisen auf, wovon
sie sich nähren? Das Herz eines Alexander in Tauben und Hasen, und Prokoli und
Blumenkohl, und anderm Fleisch und Gemüse, wovon Olympia ihre Mahlzeiten hielt?
Der Kopf Homers in Hühnern und Gänsen und den Fischen des Ionischen Meers?
Offenbare Albernheiten!
    Andre glaubten, der Same jedes Individuums wäre von Ewigkeit im Weltall und
folglich nur eine gewisse Anzahl von Menschenkernen, Löwen- und Adlerkernen, die
kommen und wieder gehen und jedesmal sich in die vorhandne Materie kleiden. Zum
Beispiel: Alkibiades war einmal da zu Aten und so ein andermal zu Rom und
Konstantinopel und Lappland und Peru. Es gehörte nur Glück oder Unglück dazu,
dass er von diesem oder jenem Winde da- oder dortin geführt und von einer
Königin oder Magd aufgefangen und geboren wurde; und seine Individualität
änderte sich jedesmal nach den Umständen.
    Diese Meinung hat weniger Schwierigkeiten. Aber aller Same ist
zusammengesetzt: und wie erhält sich die Zusammensetzung in der unaufhörlichen
Zermalmung desselben, die wir bei allem Einzelnen in der Natur sehen? Und noch
finden wir überall, dass Same wird und nicht ist.
    Im Gegenteil ist sehr wahrscheinlich, dass, wenn alles, was auf unsrer
Erdkugel Mensch werden könnte, auf einmal wirklich Menschen und unzählbare
Scharen von Völkern wäre und man sie an einen neuen Ort, in andre Planeten
versetzte: dass, sag ich, vielleicht wenig von derselben übrigbleiben und wir
alsdenn erkennen würden, dass sie, samt allen Tieren, Pflanzen und Bäumen, nur
ein runder Klumpen Kirchhof gewesen sei, wo die Lebendigen von den Toten assen.
Und ist's nicht augenscheinlich, dass immer ein neu gesundes Paar aus den
Früchten von wenig Hufen Landes alle andre Zonen bevölkern könnte?
    Kurz, jedes Einzelne ist nur durch die zusammengesetzte Form das, was es
ist; jede Art von Wesen ist sich übrigens gleich. Und die Form entsteht durch
die innre Proportion verschiednen Wesens mit Hülfe der äussern Dinge.
    Ardinghello. Also könnte die Erdkugel möglicherweise zu ebenso ungeheuern
Scharen Eseln, Maulwürfen, zu einem unendlichen Mückenschwarm werden als zu
unzählbaren Völkern von Menschen; und Mann und Weib sind weiter nichts als Anlass
zu neuen Männern und Weibern, wozu sich die Elemente von selbst bilden? Der
Mensch zum Beispiel ist also nur eine gewisse Proportion verschiedner Elemente?
Ein Knabe von dreissig Pfund bestünd ohngefähr aus sechzehn Pfund Erden und
Salzen, dreizehn Pfund Wassern und einem Pfunde Lüften und Feuern; und der
einzige Unterschied zwischen ihm und einem Kälbchen wäre, dass dies etwa nur ein
halbes Pfund Lüfte und Feuer zu seinen Bestandteilen habe! Dies allein
veränderte die Form und machte Sokraten und Platone zu Kälbern und Kälber zu
Platonen und Sokraten?
    Der Schluss daraus, ist er nicht, dass alle Geschöpfe die Gegenstände nur nach
ihrer Form empfinden und beurteilen und wir so vielerlei Wahrheit von demselben
Dinge haben, als verschiedne Gattungen schon von Tieren sind? Jedes handelte und
dächte nach seiner Form und hätte nach derselben seine Begierden; und es gäbe
überhaupt keine allgemeine Wahrheit, und die ganze Welt sei ein Tollhaus? Also
wär es wohl keine Fabel mehr, dass Medea einen Greis in kleine Stücke zerhacken
und wieder jung machen könnte, wenn sie nur den gehörigen Grad der Wärme träfe,
wodurch sie sich wieder zu einem harmonischen Ganzen zusammenzögen?
    Demetri. Richtig, mein Freund, wenn sie den gehörigen Grad der Wärme träfe
und wieder hinzubrächte alle Augenblicke, was vom gehörigen Wesentlichen
abdünstete, wie im Mutterleibe geschieht, und die vorige Lebenszeit schon
abgedünstet wäre.
    Die zusammengesetzte Form ist nur das Mittel: das Wesen selbst erkennt, wie
vom Urbeginn, die Wahrheit. Alle Sinnen fassen nur einseitig: Verstand das
Ganze, und der reinste Verstand am vollständigsten. Die Tiere sind nur dadurch
verschieden, wie der Mensch, dass sie mehr oder weniger, vollkommen geläutert
oder minder vollkommen, davon besitzen. Und eben dieser ist die erste gegebne
Proportion ihrer ganzen Zusammensetzung.
    Ardinghello. Aber wieder alle Gattungen von Tieren und Pflanzen, Paar und
Paar von dem Grashälmchen an bis zum Menschen? Männchen und Weibchen, wie wollt
Ihr dies erklären?
    Macht der Verstand in den Elementen allein Mann und Weib, so muss einmal,
nach dem komischen Einfall des Aristophanes beim Plato, Mann und Weib bei allen
Gattungen zusammengewachsen gewesen sein und ein Ganzes gebildet haben: sonst
bleibt's unerklärlich, wie die Geschöpfe sich aus sich selbst so verschieden und
doch paarweise sollten geformt haben.
    Demetri. Man kann gewiss leichter über diese Dinge schreiben als ein Gespräch
führen! Dort lässt man solche Fragen aus, und ich habe noch bei keinem Weisen
hierüber eine Antwort aus blosser Vernunft gefunden. Weil ich aber einmal, wie
einst der Platonische Sokrates, die Löwenhaut umgeworfen habe, so will ich
aushalten.
    Alles, was ich darauf sagen kann (fuhr er lächelnd fort), ist folgendes:
Wenn ich keine Menschen- und Eselelemente, keine Nasen- und Lippen- und
Lefzenelemente anzunehmen Ursach finde, so find ich es eher notwendig, männliche
und weibliche Elemente in der Natur anzunehmen. Der Mann ist der vollkommenste,
der ganz aus männlichen Elementen zusammengesetzt ist, und das Weib vielleicht
das vollkommenste, welches nur gerade so viel weibliche Elemente hat, um Weib
bleiben zu können; so wie der Mann der schlechteste ist, der gerade nur so viel
männliche Elemente hat, um Mann zu heissen.
    Männliche und weibliche Elemente machten ausserdem am begreiflichsten die
Natur lebendig und erklärten die ewige unaufhörliche Bewegung und den wütenden
Trieb zur Begattung, welche Aristoteles für die Bestimmung jedes einzelnen
Dinges hält, am besten. Liebe, Hochzeit, Ehe und Ehescheidung: daraus bestünde
die Welt. Ferner wäre das Rätsel aufgelöst, welches noch niemand, soviel ich
weiss, berührt hat, warum von jedem Geschlechte, fast durch alle Tiere, ohngefähr
soviel von dem einen als andern geboren würden.
    Wem dies nicht gefallen sollte, der könnte jedoch noch immer annehmen, dass
zu einem Ganzen ein Paar gehört und dass der Verstand von Anfang an alles
paarweise hervorgebracht hat, ohne dass eben das Zusammengewächs mehr als jetzt
nötig war: in einer solchen bequemen Lage von Materialien zu Schaffung seines
mächtigen Ganzen befand er sich.
    Ardinghello. Ihr geht wie ein echter Kretenser, Zögling des Minos, mit dem
schönen Geschlecht um! Ich glaube, dass ein Mädchen wie ein Mann immer ein
unnatürliches Ding sei und dass die tapferste Amazone selbst unter einer Phryne
stehe. Ich will Euch hierüber zu keiner neuen Hypotese treiben; wiederholen wir
noch einmal Euer Hauptstück.
    So von allem Wirklichen abgesondert mag es wohl endlich leicht sein, zu
denken, Verstand des Menschen hat den Menschen hervorgebracht, und ebenso,
Verstand jedes Dinges hat das Ding hervorgebracht, durch Hülfe einer Kraft, die
allem Raum schafft, sich nach Willkür oder Verlangen zu bewegen; allein sich die
Sache auch nur einigermassen sinnlich vorzustellen ist gewiss ohne Vergleich
schwerer.
    Nehmen wir einmal, wie der Verstand des ungebornen ersten Kindes sich das
Auge gebildet hat, nur eins fürs erste.
    Wozu braucht er das Auge?
    Zum Sehen.
    Kann er nicht sehen ohne dasselbe?
    Allerdings; da er alles durchdringt, berührt er an und für sich auch gewiss
die Sonnenstrahlen oder wird ihre Wirkung gewahr auf Oberflächen.
    Was will er also damit?
    In einen Körper eingeschlossen sich eine Öffnung für dieselben machen.
    Gut. Warum schliesst er sich aber in einen Körper ein, da er ohne Auge sehen
kann? und demnach auch ohne Ohren hören, ohne Zunge schmecken, ohne Nase riechen
und ohne Finger und andre Glieder fühlen?
    Es scheint, er ist des Herumvagierens müde und will einmal einen steten
Punkt haben; oder eine Portion Verstand hasst die andre, wie sich Spinnen, und
verlangt abgesondert ihr eigen Nest; oder er will weder unendlich gross noch
unendlich klein beisammenbleiben, sondern in bequemer Anzahl und ergötzlichem
Masse, wie die feinen Wollüstlinge unter Griechen und Römern nur soundso viel
Gäste an ihren Tafeln verlangten; oder überhaupt, er kann die Materie in allen
Arten von Zusammensetzungen nicht besser geniessen, als wenn er sich selbst in
sie hineinsteckt; oder endlich das Schicksal zwingt ihn dazu, ob dies gleich für
ein Wesen, das alles durchdringt und folglich nicht gebunden werden kann,
ungereimt ist. Kurz, dem mag sein, wie ihm will: er macht alles auf einmal
zusammen, sich in grösserm Umfang, und wie Pygmalion, seine Geliebte. Nach Euern
Begriffen ist freilich Verstand selbst so verschiedner Gattung, als Elemente
sind; und nur einer ist der König. Also der menschliche Verstand selbst macht
einen Bund aus von verschiednen Elementen; und jedes präsidiert darin im Namen
der übrigen seiner Gattung und dringt auf besondern und eignen Genuss dafür.
    Warum aber ist der Verstand des Kindes, wenn es fertig oder völlig
ausgebildet ist, nicht mehr so gescheit, als er im Anfang war?
    Demetri. Das ist er und bleibt es, durch alle Stufen des menschlichen Alters
derselbe; alle Teile, die abgehen, ersetzt er wieder und bedient sich überdies
seiner neuen Sinne. In der Komposition selbst, deren Ursprung ich schon auf
verschiedne Weise berührte, muss er freilich erst Erfahrung sich erwerben.
Verstand kömmt von stehen27; er muss alsdenn lange vor den Dingen einer Gattung
gestanden haben, ehe er sie vollkommen mit seinen Sinnen durcherkennt und sich
davon ein Ideal bildet.
    Einige Alten behaupteten auch, dass er schon lange studiert habe, bevor er
ein so herrliches Ganzes wie den Menschen ausklügelte; es liesse sich dieses aus
der auffallenden Ähnlichkeit, grössern und mindern Vollkommenheit der Teile von
Tieren schliessen. Die Pytagoräer nahmen nach dem Aristoteles als einen
Grundsatz an: Speise und Raub ist eher gewesen, als was sich davon nährt; und
wahrscheinlich! je ausgearbeiteter die Speise, desto leichter der Übergang zu
höherm Leben. Kein vernünftiger Arzt wird daran zweifeln, dass der Mensch selbst
die beste Kost für den Menschen wäre. Wer weiss, ob die Welt jetzt so vollkommen
ist, als sie sein kann. Obgleich ewig, mag sie doch Kind, Jüngling und Mann,
Jungfrau und Matrone zur Abwechslung werden; denn sie ist nicht ganz vollkommen
solange noch Unvollkommenheit darinnen da ist.
    Ardinghello. Von Menschenfressern also hätten wir die eigentliche Verklärung
zu erwarten, das tausendjährige Reich? Ein starker Kontrast mit den Schulen der
Weisen!
    Demetri. Aus dem scheusslichsten Dünger, wenn ich ein verkehrtes Gleichnis
brauchen darf, wachsen die schönsten Blumen und Früchte. Wir schätzen unsern
Körper viel zuwenig; und doch muss jeder fühlen, dass ihn ein Händedruck, Kuss und
Umarmung von einer schönen Person ganz anders ergreift als der
wohlstilisierteste ciceronianische Brief von blossem Geist oder einer, die er
nicht kennt.
    Ardinghello. Wir schweifen aus; wieder zur Sache!
    Warum wissen wir aber nicht, dass der Verstand die Teile ersetzt, die er im
Körper nicht festalten kann und die demselben durch die Zeit abgehen?
    Demetri. Wir wissen nur durch unsre äussern gröbern Sinne; und dahin dringt
keiner.
    Ardinghello. Erstaunliche Richtigkeit und ein Gefühl von Mass, das das der
Goldwaage zentillionenmal übersteigt, gehört gewiss dazu, ein Bein nicht kürzer
und länger gleich im Anfang zu machen als das andre, und so einen Arm wie den
andern, und Auge wie Auge; und so die Zähne und die Rippen in höchst genauer
Proportion; und dann zu vergrössern und zu erhalten! Und dies sind nur grobe
Sachen gegen anders bei Insekten.
    Demetri. Er ist auch nicht umsonst so fein! und es gelingt nicht immer; die
Alkibiaden und Phrynen sind bei jeder Tierart selten.
    Ardinghello. Auf einer andern Seite betrachtet, ist's nun wieder gar nichts
Ausserordentliches und Erhabnes; weil er wie ein Affe alles nur nachahmt, wie
er's vor sich findet, und gar nichts ändert: so recht im alten Schlendrian der
lieben Gewohnheit versunken und verloren. Er gibt sich gar nicht mehr die Mühe,
etwas Neues zu erdenken.
    Demetri. Woher wisst Ihr das? Und doch schon genug, wenn er sich so wohl
befindet! Er kann nicht mehr als die Materie aufs beste verarbeiten, in die er
kömmt. Die Natur geht äusserst langsam und bedächtig in ihren Fortschritten, sie
hat unendliche Jahrtausende vor sich und wir nur einen Augenblick Lebensdauer in
der Komposition, sie zu beobachten.
    Ardinghello. Mich deucht, Ihr hättet schon gesagt, im Anfange wär alles
besser gewesen. Vielleicht sind wir doch von der Höhe des Bogens herunter!
    Aber Freund, warum kann der Verstand den Körper nicht umändern, wenn er
ungestaltet, hässlich oder krank ist? warum nicht verjüngen?
    Wolken, lieber Demetri, nichts als Wolken und metaphysische Träume! Nehmen
wir lieber doch noch die gewöhnliche Meinung an, die Ihr kurz vorhin verwarft.
Ich glaube, dass, so wenig sich der Mensch jetzt selbst hervorbringt, er von
Ewigkeit sich nicht selbst hervorgebracht hat. Er ist! aber es muss allezeit ein
mächtiger Wesen ihm den ersten Stoss und die Bequemlichkeit zum vollen Dasein
verschaffen.
    Die vier Aristotelischen Elemente allein werden nie in allen möglichen
Zusammensetzungen mehr als die vier Aristotelischen Elemente sein; es gehört
gewiss noch etwas anders zu meinem Ich und deinem Du.
    Wenn wir etwas ohne fernern Grund annehmen, warum sträuben wir uns, alles,
was wir nicht anders erklären können, ohne fernern Grund anzunehmen? Jedes
Individuum ist von Ewigkeit der Form nach da in der Natur und von allem andern
unterschieden; und keine Urform lässt sich weder schaffen noch zerstören. Nur
gehört ein höher Wesen dazu, sie in die Bequemlichkeit zu setzen, dass sie sich
in ihre höchste Fülle verbreite. Wie unendlich vieles wird bloss Blüte oder
Frucht, ohne zum Baume zu gedeihen!
    Auch gibt Aristoteles selbst nicht undeutlich zu verstehen, dass er derselben
Meinung anhange; die menschliche Seele oder überhaupt der Mensch, dessen Form
sie entält, ist ihm eine von Ewigkeit fertige Vollkommenheit. Und so war jedes
lebendige Ding der Form nach oder in seinem ersten Keime unzerstörbar von
Ewigkeit da, und die Sonnenwärme, oder sein Gott, löst es nur von den Banden und
setzt es in freie Wirksamkeit, wo es so lange geniesst und leidet, als es sich
mit seinem neuen Umkreis halten kann oder bis es die umgebenden Kräfte wieder in
seinen unzerstörbaren Punkt zurückdrängen. Deswegen sagt der Weise auch, es gibt
nur wenig Menschen, die göttlichen Verstand haben. Und gewiss, denen, in deren
Urkraft er nicht liegt, kann denselben keine Bildung und Erziehung geben. Wer
fühlt dies nicht durch all sein Wesen, wenn er einen ursprünglichen Laffen und
Toren vor sich hat? Er war von Ewigkeit Tor, und weder Sparta noch Rom wird ihn
je zu einem Brutus oder Leonidas umschaffen. Teophrast konnte sich in seinem
neunundneunzigsten Jahre noch immer nicht genug verwundern, woher unter
demselben Himmelsstriche und bei derselben Erziehung die Menge von verschiednen
Charaktern herkäme. Sobald man dies annimmt, hört die Verwunderung auf oder
verliert sich in die Unbegreiflichkeit alles Daseins, des grössten aller
Geheimnisse.
    Wir sind, was wir sind und werden nie etwas anders werden. Wohl dem, der
edel und herrlich ist! Er bleibt es ewig.
    Demetri. Erhaben; wenn's nur wahr wäre und nicht dieselben Schwierigkeiten
stattfänden! Anaxagoras hätte schon klüger deswegen in der Verzweiflung alles:
Knochen, Haare, Nägel, Klauen, für von Ewigkeit fertige Vollkommenheiten
gehalten, wenn dem Stagiriten bei der Seele so etwas in Sinn gekommen wäre, als
Ihr von ihm meint. Schwerlich kann ein arabischer Hengst je in Dänemark
wiedergeboren werden und ein Epaminondas in einem grossmogulischen Serail!
Inzwischen wird dieser bezaubernde stolze Glaube an persönliche Unsterblichkeit,
die man freilich alsdenn auch jedem Wurm wie Alexandern und Cäsarn zuerkennen
muss, noch lange herrschen.
    Jedoch es ist Zeit, von diesen Dunkelheiten auf den Aristotelischen Gott zu
kommen, den König der Elemente, der alles auflöst und aus seiner Trägheit in die
Freiheit, zu handeln, setzt.
    Eine Bewegung, sagt der Weise, muss die erste oder muss ewig sein, die durch
keine andre hat können hervorgebracht werden. Sie bedarf der Regung nicht von
etwas anderm, sondern ist selbstständig, immer in Wirklichkeit und nie bloss in
Möglichkeit, sonst würde aller Grund von Leben und andrer Bewegung fehlen. Sie
ist schlechterdings notwendig, und man muss sie an und für sich annehmen.
    Wir können uns keine andre Bewegung in sich selbst ewig denken als die
kreisförmige, und kreisförmig ist sie der Vernunft und der Tat nach.
    Sie bewegt, von nichts bewegt, für sich das Begehrliche und Verständliche.
    In ihr schwebt der Himmel und die Natur. Ihr Leben ist das beste, so wie wir
es nur kurze Zeit haben; denn sie bleibt immer dieselbe, welches uns unmöglich
ist. Ihre Wirksamkeit ist Wollust; durch sie ist das Wachen, die Empfindung, das
Denken das erfreulichste. Hoffnungen und Erinnerungen stammen davon.
    Das Denken an und für sich selbst gehört zum Besten an und für sich selbst
und das abgezogenste zum Vortrefflichsten. Der Verstand denkt sich aber durch
Annehmung von Verständlichem; und verständlich wird er berührend und denkend, so
dass Verstand und Verständliches dasselbe; denn das Fassende des Verständlichen
und des Wesens ist Verstand. Er wirkt im Haben, so dass jenes mehr als dieses,
was der Verstand Göttliches zu haben scheint, und die Betrachtung ist das
Erfreulichste und das Beste.
    Wenn also Vollkommenheit ist, wie wir zuweilen beschaffen sind, so ist Gott
immer verehrungswürdig; wenn Höheres, noch verehrungswürdiger. Und so verhält es
sich.
    Auch herrscht wahrhaftig Leben in ihm; denn Wirksamkeit des Verstandes ist
Leben, und er ist die Wirksamkeit. Die Wirksamkeit aber an und für sich ist sein
bestes und immerwährend Leben. Und wir sagen, dass Gott ein immerwährend bestes
lebendiges Wesen sei, so dass Gott Leben und beständige immerwährende Dauer hat.
Denn das ist Gott. -
    Das Gute und Beste ist aller Natur Zweck. Sie gleicht einer Armee mit ihrem
Feldherrn, und das Wohl besteht in der Ordnung. Vögel, Tiere und Pflanzen, und
was schwimmt, hat seine gewisse; keins aber scheint füreinander, sondern es ist
Eins, wofür alles geordnet ist. -
    Alles in der Natur hat wieder etwas Böses in sich, insofern es nicht das
Eins ist, auf welches sich alles bezieht. Wir alle nehmen Anteil an Gott, und er
macht das Ganze. -
    Kurz, es ist eine allgemeine Bewegung, die alle Elemente zu ihrem Vergnügen
in Ordnung erhält und macht, dass sie sich ihrer Natur nach zu einzelnen Ganzen
formen, und jedem von sich mitteilt wie ein Hausvater seinen Kindern, Sklaven
und Tieren. Jedes ist glückselig nach Art seiner Bestandteile und trägt so die
Übel seiner Zusammensetzung. Gott allein ist ewig im Genuss seines reinen Wesens,
wie jedes nur die wenigen Momente seiner höchsten Kraft und Einheit.
    Darauf folgert er: Es sind so viel Götter als selbstständige kreisförmige
Bewegungen, der Fixsternhimmel fasst sie, und alle insgesamt machen nur einen. -
    Wenn Wesen verschieden ist, so muss wohl eine Art davon das beste und
mächtigste sein. -
Die Sonne hatte sich geneigt, und wir stiegen vom Gewölbe der Rotunda wieder
hinab.
    Ich beschloss auf der Treppe:
    »Jeder versteht sich selbst am besten; und so mag auch Aristoteles am besten
verstanden haben, was Wahres und Erträumtes in seiner gestirnten Nacht von
Worten liegt. Über Wesen, dessen Begierde und Scheu, Ruhe und Bewegung und
Entstehen des Einzelnen werden wir uns noch lange vergebens die Köpfe zerbrechen
und die erhabensten Männer Schwachheiten vorbringen. Wenn alles in der Welt so
begreiflich wäre, wie wir verlangen, so würden wir nicht halb so glücklich leben
und vor Langerweile über aller der Klarheit und Deutlichkeit vergehen. Es müssen
Wunderdinge für uns sein! Wir müssen Rätsel haben, wie die Kinder, um das, was
in uns denkt, damit zu beschäftigen.« Wir traten wieder in das Panteon. Und um
diese Zeit muss man es sehen, wenn die stille Dämmerung sich einsenkt! Da fühlt
man unaussprechlich die Schönheit des Ganzen; die Masse wird noch einfacher für
das Auge und erquickt es lieblich und heilig. Dann ist es so recht der weite
hohe schönheitsvolle Zauberkreis, worin man von dem Erdgetümmel in die blauen
heitern Lüfte oben wegverzückt wird, und schwebt, und in dem unermesslichen
Umfange des Himmels atmet, befreit von allen Banden.
    Wir setzten uns in den süssesten Punkt und genossen.
    Nach langer Stille umschlang mich Demetri zärtlich und sagte einige Worte
über die ehemalige Minerva des Phidias (Tochter aus dem Haupte des Zeus,
Verstand aus dem Wesen) und die griechische Venus hier (Lust der Sinnen, Wonne
des Daseins) - und fuhr gerührt dann weiter fort:
    »Gott ist entweder die ganze Natur oder ein Teil der Natur, oder die Natur
besteht für sich aus ewiger notwendiger Bindung und Lösung verschiedner Wesen,
und es ist kein Gott, sonder lauter Schicksal.
    Dass Gott die ganze Natur selbst sei, ist der älteste Glaube.
    Dass er ein Teil der Natur sei, der jüngere; das edelste beste Leben darin,
wie Aristoteles sagt; ein Wesen, das sich von selbst in sich, seinen Einheiten,
wenn ich mich so ausdrücken darf, immerfort bewegt, ganz aus Tätigkeit besteht.
Dessen Charakter gerad es ist, nie gebunden zu werden, es sei von was es wolle;
das lieber das Böse freiwillig täte als das Gute gezwungen, wenn es ein Böses
für dasselbe geben könnte. Das vermöge dieses Charakters alles andre löst, was
sich seiner minder regsamen Natur nach bindet; kurz, eine unendliche Unruhe in
der unendlichen Uhr der Zeit.
    Anaxagoras führte zuerst diesen Glauben ein, Plato verschönerte ihn mit
Dichtungen, Aristoteles plagt sich, denselben in ein vernünftig System zu
bringen, scheint aber mit sich selbst darüber noch nicht einig.
    Verstand dünkt ihm das Göttlichste unter allem, was wir kennen; und dies
zwar wegen des Denkens, welches keine zufällige Eigenschaft, sondern immer rege
Wirksamkeit, selbstständig Leben sei, indem es dem Verstande sonst beschwerlich
werden müsse.
    Wenn aber der Verstand das Göttlichste und selbstständige Wirksamkeit sein
solle, so könn er, dünkt ihm ferner, nichts anders als sich selbst denken; denn
er würde, wenn er etwas anders dächte, zu einer bloss zufälligen Eigenschaft, und
könnte denken und nicht denken, ausser dem, dass er sich erniedrigte.
    Ich sehe nicht ein, was uns ein solcher Gott hilft, auf was für Art er alles
bewegt, wie er sich den Geschöpfen mitteilt. Und was ist dann Materie, was sind
Elemente? Wo kommen sie her, und wie sind sie mit ihm in Zusammenhang, Ordnung
und Schönheit? Wenn die Natur selbst lebt und wirkt und ihre notwendige Art zu
sein hat und alles Einzelne aus sich hervorgeht und sich selbst fortilft: wozu
brauch ich einen Gott? und welch ein Greuel, im andern Fall, das höchste
Lebendige, das sich mit dem Tode gattet? Lauter Lücken und Mängel, die nach
seinem System nicht auszufüllen sind und wobei wir wieder von vorn anfangen
müssen.
    Hypotesen und Hypotesen! Aber es kömmt darauf an, welche die denkbarste
und vernünftigste ist. Einer, der keine Lust hat, auch für sich zu glauben, was
man will, oder blinde Fenster der blossen Ordnung wegen an einem Gebäude
verträgt, wo gerade das beste Licht hereinbrechen und die schönste Aussicht sein
sollte, kann nicht eher Ruhe finden.«
    Ardinghello (für sich). Die Müdigkeit wird's ihn schon endlich lehren.
    Demetri. Dass alles ewig ist, in sich sein wird, was es war, müssen wir wohl
ohne fernern Grund annehmen, denn es ist die Grenze des Nichts.
    Wie es aber verschieden ist, sich bindet und scheidet, was alles will und
nicht will, darüber hat mir das System noch keines Philosophen Genüge geleistet.
    Ruhe und Bewegung! Wer davon die eigentlichen Ursachen entdeckte, würde den
Kapitalschlüssel zum Palaste der Wahrheit und ihrem innersten Kabinette finden.
    Bewegung ist Streben nach Genuss oder Flucht vor Leiden. Genuss ist Berührung,
Ruhe deren möglichste Fülle und Werden eines neuen Ganzen, das wieder nach
Berührung trachtet. So fühlt sich das Wesen und taumelt von Zone zu Zone, durch
alle Himmel des Weltalls.
    Nehmen wir die einfachste Substanz von Leben, die Einheit von irgendeinem
Element an und denken sie uns allein und abgesondert weit ausser der Welt in den
leeren Raum hin.
    Vorstellen kann sie sich nichts, weil sie nichts um sich hat. Innerliches
Leben, Verstand in Ausübung, Gedächtnis, Einbildung findet nicht statt, weil sie
ganz ohne Teile ist und sich nicht regen kann; ein Etwas wie das Nichts und der
letzte Begriff von Tod; ein Punkt von Selbstbewusstsein mag in ihr stecken.
    Nun gesellen wir dieser Substanz eine andre zu:
    Erster Ursprung von Gefühl.
    Nehmen wir nach dem Demokrit in beiden Urform an und denken sie uns zum
Exempel vollkommen rund.
    Und sie werden nicht satt werden, sich umeinander zu bewegen und sich zu
berühren.
    Platt oder eckicht:
    Und sie werden aneinander festangen, weil sie nicht herum können.
    Eckicht und rund beisammen:
    Vermischte Empfindung, Freude und Leid.
    Denken wir nun das Weltall als himmelunendliche Menge solcher Substanzen mit
ewigem Streben nach neuem Genuss, an Stoff und Feinheit und Form zentillionenfach
verschieden und ähnlich und gleich, und daraus notwendigerweise von selbst die
beste Ordnung zur allervollkommensten und mannigfaltigsten Berührung, und wir
werden, glaub ich, uns der Erklärung des Rätsels nähern und einigermassen obenhin
begreifen lernen, warum die Gestirne in Flammen sich wälzen, die Winde rasen,
die Meere toben, die Erden fest halten und dass der Strahl in einen Pulverturm
glücklicher sein kann als Herkules bei allen seinen Liebeshändeln.
    Man könnte auf diese Weise aber wohl doch noch die sonderbare Meinung des
Xenophanes und seiner Schüler Parmenides und Melissos erklären, dass Eins Alles
und Alles Eins sei. Nämlich, aller Grundstoff ist sich gleich, nur die Form
seines unendlichen Wesens verschieden.
    Des Exempels wegen; denn was wissen wir Bestimmtes hierüber mit unsern
groben Sinnen? In den Sonnen rund, in der Luft rund und halbrund, im Meere platt
und eckicht, in der Erde platt. Und Platt käme unserm Gefühle kalt und trocken
vor, und Rund in heftiger Bewegung heiss und trocken, und so weiter. Das Platte
werde wieder platt und eckicht, Erde Meer. Wasser durch Ausdünstung zu Wolken
und Regen. Und das Runde und Halbrunde endlich ganz rund, wie auf unsrer Erde im
grossen sich Berg und Tal und Ebne umändert. Das Runde übrigens herrsche wegen
seiner leichten Bewegung. Und so mache sich das Wesen in möglichster Lust die
Ewigkeit zu kurzer Zeit.
    Gewiss bleibt's allemal, dass Verschiedenheit und Änderung, die unsre Sinnen
am Wirklichen empfinden und wir Qualität, Organismus nennen, bloss in innrer Form
besteht und dass man ohne Form alles nur einerlei, ein Wesen denken muss.
    Alle Form ist ferner Wirkung und kann sein und nicht sein; das Wesen allein
ist notwendig und ewig.
    Wie dies Eins aus seiner Formlosigkeit zu Form gekommen wäre und sich in
unendliche Gestalten verwandelt? Wie gesagt, durch Streben nach Genuss, um
lebendig zu sein, aus Ekel vor Tod, an sonst unendlicher Langerweile; durch
Bewegung, Ausdehnung und Anziehung, bis ins Innerste uns freilich unbegreiflich,
die wir jedoch durch die ganze Natur wahrnehmen und Forscher bis auf den Embryon
verfolgen, wo sie Sinn und Erfahrung verlässt. Wenn wir Anfang von Zeit annehmen
wollen, so ginge sie hier aus der Ewigkeit hervor, und es hätte seine
Richtigkeit: Gott schuf die Welt aus Nichts.
    Das Problem wäre aufgelöst, wie die Welt Eins sei und doch verschieden, und
Ruhe und Bewegung in ihren ersten Lagerstätten gefunden.
    Also sinnlich und jedermann fasslich gesprochen!
    Im Anfange war Alles Eins, das Wesen so zart zerflossen, fein und dünn wie
der Raum schier.
    Und es regte sich; da ward Form.
    Aus der unvollkommnen ging die vollkommnere hervor; und so entstanden die
Elemente: Wasser, Luft, Erde, Feuer; Pflanzen, Tiere und Mineralien.
    Alles wechselt miteinander ab und geht wieder in das Eins zurück. Vater
Äter, aller Lebengeber!
    Und so wird und vergeht ewig alles, was ist.
    Das Holz zum Exempel brennt und wird Feuer, Rauch und Erde. Feuer und Rauch
wird Luft, und Luft wird Wasser; und jedes kehrt wieder zurück, wo es herkam.
Erde, Wasser, Luft und Feuer wird Pflanze, Pflanze Tier, Tier und Pflanze das
Herz einer Victoria Colonna, der Kopf eines Machiavell. Form und Wesen, und
Wesen und Form, das sind die zwei Pole des Weltalls, um welche sich alles
herumdreht.
    Die bildende Kraft liegt in dem Wesen und ist ein Streben nach Genuss.
    Es bleibt wahr, was den Alten ohne Sinn so oft ist nachgesagt worden: Gott
der grösste Geometer.
    Wenn Wesen an Wesen sich fühlt, entsteht das reinste Bewusstsein.
    Wenn es sich zu den ersten Formen bildet, entsteht das abgezogenste Denken.
Das Wesen berührt sich und wird verständig, indem es Verständliches zu sich
nimmt; und kann nichts anders als sich selbst denken, wie Aristoteles tiefsinnig
sagt. Denken überhaupt ist Verwandlung des Wesens in Formen; und Wesen muss alles
selbst werden, was es denkt.
    Wenn Wesen sich zu Idealen formt, entsteht Phantasie.
    Wenn es die Ideale in sich und die Formen ausser sich befestigt, Gedächtnis.
Sonnen und Planeten und Kometen sind nichts anders in der grossen Welt: Formen in
Bewegung, Denkmale von Leben.
    Alle Gefühle, alle Arten von Leidenschaften, Schmerzen und Vergnügen sind
nur verschiedne Formen in dem Wesen.
    Ohne diesen fruchtbarsten aller Grundsätze von reinem Wesen und Form, ohne
Kontinuum, das alle mögliche Formen wird, scheint die ganze Welt, aller
Zusammenhang, Erhalten, Wachsen, Zeugen, Vergehen, der Mensch, sein Denken und
Empfinden, sein Dichten und Trachten, kurz, alle Art Verwandlung völlig
unerklärlich.
    Die Vollkommenheit des Weltalls besteht in allen möglichen Arten von Formen.
    Alle Geschöpfe sind bloss Gedanken Gottes und des höchsten Vergnügens in
ihrem Masse fähig.
    Gott dachte: Es werde Licht! und es ward Licht.
    Dass Gott demnach als Griechen gegen sich, die Trojaner, streitet; als Paris
sich, die schöne Helena, verführt; Stier, und Hund und Zwiefel, und das
Verächtlichste, nach unsern Begriffen, wird, sich selbst isst und verdaut, darf
uns wenig kümmern; denn dieses folgt wohl aus den meisten eingeführten Systemen.
Die alten Ägyptier verehrten vielleicht Gott erhabner, als der heutigen Menschen
Verstand reicht; und wir sind gegen sie, was unsre Häuslein gegen ihre Obelisken
und Pyramiden. Gott ist unendlich Eins, und in jedem Punkt Eins, und Eins in
jedem angenommnen Masse, das dann Verhältnis in Bewegung und Verbindung nach
seiner Realität und Form zueinander hat.
    Wie er unendlich wirkt und ist, allgegenwärtig, erhaltend und über seine
Schöpfung erhaben, was weiss der Mensch! das geht nicht in uns, wie er ein Ganzes
sei nichts ausser ihm; solche Gewalt und Schönheit ist der verschwindenden
Kleinheit allzu unermesslich. Wir erliegen und können nur anbeten, bewundern und
erstaunen.
    Aber den Grund und die Wahrheit von allem andern Lebendigen haben wir in
uns, wovon die Sinnen nur die Oberflächen oder einzelne Äusserungen empfinden;
oder das Wesen hat die Regeln von allem in sich, wie es Verschiednes wird und
ist.
    Wesen, als das erste, ohne Form, und Form in Bewegung, gedacht, ist weder
Verstand noch Körper; beide können nicht ohne Form bestehen, handeln nicht,
sondern sind Handlung, Wesen in Form, und Wesen an und für sich in beiden
gleich. Jedes kann die Folge von dem andern in dem Wesen sein, wie ein Gedanke
von dem andern; denn beides, Gedanke und Körper, samt dessen Bewegung ist von
demselben Wesen Tat. Wesen vollendet ein zusammengesetztes Ganzes in Folgen von
Handlungen, eine Salaminische Schlacht, einen Olympischen Jupiter, wie
Geschöpfe. Sein Bewusstsein, das auf einmal alle Folgen fasst, gibt die Einheit.
    Dass Gott unendlichen Verstand habe und unendliche Welten ausmache, scheint
ein Widerspruch; denn alle Form ist Schranke. Gewiss dünkt mir schon, dass ich,
und so jeder andre Mensch, und jedes andre lebendige Geschöpf nicht immer lauter
Wesen in Form sei. Die Freiheit, etwas anzufangen, Ursache von einer Wirkung zu
sein und nicht zu sein, sich von der Stelle zu bewegen oder nicht zu bewegen,
Form anzunehmen und nicht anzunehmen, welche nicht kann geleugnet werden, wenn
nicht alles von einem grundlosen Schicksale gepeitscht handeln soll, erfordert
ein reines Wesen ohne Form, einen Mittelpunkt der Sammlung.
    Und dies ist das Heilige (welches einige Alten für Feuer, Ursprung der
Lebenswärme hielten, weil Feuer wäre: Wesen in seine grösste Freiheit
verbreitet), wovon alles in jedem lebendigen Eins ausgeht, sinnlich wird und
erscheint und in dessen Liebesschoss sich alles wieder einsenkt; vor dessen Sein
und wunderbarer Allmacht, Despotismus und allertiefstem Gehorsam jede
Philosophie verstummt, nur erkennt: es ist, und ihm seine Art zu handeln
ablauert.
    Manches in der erhabnen Beschreibung des Aristoteles von Gott scheint
hierauf zu passen.
    Dies ist das unbegreiflich Göttliche, was in allem lebendigen Einzeln
verdaut und Körper wieder zu reinem Wesen auflöst, sich selbst und dieses wieder
nach Form seines gegenwärtigen Eins verwandelt, neue derselben Art erzeugt und
auf deren immer grössere Vollkommenheit und mehrere Freuden denkt.
    Wenn Eins Alles ist, so ist jede Form desselben ursprünglich freie Handlung;
denn es lässt sich kein Grund denken als seine Lust, warum es aus sich so
mancherlei wird. Und Allgenuss seiner Kraft ist die höchste Freiheit.
    Das Wesen hat also die Welt nach seiner Lust aus sich erschaffen und in
mannigfaltige, für uns unendliche Formen geordnet. Wie, und ob auf einmal oder
nacheinander, können wir nicht ergründen. Soviel wissen wir, dass sich die
Schöpfung durch immerwährende Erneuerung immerfort erhält. Genug; die erste Form
muss einen Anfang gehabt haben, weil keine notwendig und ewig ist. Unendliches
lässt sich nur von einem Wesen denken, und der Verstand kann nur in einem seine
Ruhe finden.28
    Durch Wirken und Gegenwirken ist das All in schönem Leben. Das Wesen äussert
immer seine Kraft, so wie immer die Sterne leuchten und umeinander durch die
Himmel schweben. Auch wenn wir schlafen, bewegen wir unsern Erdball um seine
Sonne. Wie vieles andre mag das Wesen in uns tun, ohne dass wir uns dessen bewusst
sind und wofür die Sinne keine Sprache haben! Unsre innige Vereinigung mit dem
Ganzen herrscht immerfort, und wir sind nur zum Schein ein Teil davon und jedes
besondre Ding ein Spiel, ein Mutwille des Wesens, und kann keinen Augenblick
ohne das Ganze bestehen.
    Das ist eine ganz andre Hoffnung, Sicherheit von Unsterblichkeit, wenn ich
Stürme durch die Atmosphäre brausen höre und in mir fühle: bald wirst auch du
die Wogen wälzen und mit dem Meer im Kampf sein! Wenn ich den Adler in den
Lüften schweben sehe und denke: bald wirst auch du in mächtigem Fluge so über
dem Rund der Erde hangen, als Komet durch die Himmel schweifen, Sonne Welten
beglücken! und, stolzer Gedanke! wieder in das Meer des Wesens der Wesen
einströmen!
    Aber auch das Verächtlichste werden?
    Wer weiss alles, woran das Wesen seine Freude hat? Offenbar erscheint es uns
in unendlichen Gestalten. Und dann könnten wir noch für so viel Genuss ein wenig
leiden, für so lange Herrschaft kurze Zeit dienen.
    Eins zu sein und Alles zu werden, was uns in der Natur entzückt, ist doch
etwas ganz anders als das Schlaraffenleben, welches, vernünftigerweise und aller
Erfahrung nach undenkbar, bezauberte Phantasien sich vorstellen.
    Und warum sollten wir nicht in der ewigen Natur noch verehren, was wir immer
wirksam, schön und gewaltig darin empfinden? Die ersten Ausgesandten - Diener
Gottes? - uns sinnlich vereinigen mit den höhern Schwestern und Brüdern? Nur
Verstand von wenigen dringt durch all das prächtige Getümmel durch bis zum
Trone des Herrn! Warum wollen wir die Welt nicht nehmen, wie sie ist?
    Aber wir alle sind über kurz oder lang mit der Gegenwart nicht zufrieden,
und das Wesen trachtet immer nach Neuem. - So viel mögen wir wohl auch bei dem
hartnäckigsten Zweifler herausgebracht haben, dass etwas ausser uns ist,
unermesslich unsern Sinnen; und da Anfang aus Nichts der Realität nach unmöglich
ist, notwendig und ewig; und dass dies Wesen, bis auf das alleräusserste
aufgelöst, entweder durchaus einerlei sein muss oder verschieden.
    Wenn verschieden, so muss eine Art davon, wo nicht das Höchste, Beste und
Mächtigste, doch wenigstens so gut sein als die Art Wesen, die in uns (und allem
Lebendigen) denkt und Verstand hat. Und wo nicht verschieden, so muss es
wenigstens wieder ebenso gut sein, da es alles ist. Und da wir augenscheinlich
nur geringe Kleinigkeiten sind gegen das Universalwesen entweder unsrer Art oder
das Wesen überhaupt, so wär es arg, wenn wir es nicht als etwas Höheres verehren
wollten.
    Das letztere wäre denn die allerreinste Weltmonarchie.
    Und darauf beruhte vielleicht (denn wer kann die farbenwechselnden
Einbildungen der Hohenpriester und Schriftgelehrten darüber bestimmt ansagen?)
das jüdische System und das geheime ägyptische und noch das christliche. Jesus,
der Stifter des letztern, wäre mit seiner göttlichen Natur Symbol des
unendlichen Wesens in Formen,29da das unendliche Wesen ganz und vollkommen, ohne
Widerspruch kein Mensch in Person sein kann. Die alten Ägyptier mochten bei
Verehrung verschiedner Geschöpfe und Gewächse ähnliches denken. Und noch andre
alte morgenländische Religionen scheinen davon auszugehn.
    
    Das erstere wäre entweder reine Weltaristokratie, jedes Element nämlich so
göttlich als das andre; wo nach dem Homer Juno, Neptun und Apollo den Zeus
binden könnten. Oder aristokratische Weltmonarchie; ein Element unter den andern
der König. Oder demokratisch-aristokratische Weltmonarchie; Tiere und Pflanzen
schon der Form nach von Ewigkeit da, wie Ihr oben selbst meintet.
    Aus diesem haben die Griechen ihre reizenden Dichtungen und schönen
Göttergestalten geschöpft; und die erhabensten Philosophen dieser gefühlvollen
Nation, wie selbst Aristoteles und Plato, konnten sich davon nicht losmachen.
Wenn ein grosser Haufe zusammen glaubt, kann er leicht einen guten Mann
überwältigen! Durch Lesung ihrer Meisterstücke von Poesie und Beredtsamkeit und
bezaubernden sinnlichen Vorstellungen wissen wir aus unserm eignen Glauben nicht
mehr recht klug zu werden. Wer ihren Nektar rein und unverfälscht von der
atletisch schönen Ursprache gekostet hat, kann sich schwerlich in anderm
Getränke berauschen. Die Namen ihrer Gotteiten ertönen noch immer von den
Lippen der Edlern des aufgeklärten Europa und erheitern die Gesichter der
Zuhörenden, auch verhunzt und entstellt.
    Gesetzt noch das Allerausschweifendste und Letzte, es gäbe gar kein
Universalwesen, die Welt bestünde aus lauter unteilbaren Stäubchen, grösser oder
kleiner und verschieden in ihrer Form, ohngefähr wie die Buchstaben, die sich
gatten und scheiden und von selbst Sinn oder Unsinn hervorbringen: so müssten wir
doch billig Hochachtung vor der wiewohl komischen und bunten ungeheuern Menge
haben, obgleich diese Meinung bei keinem, der den Abgrund des Äters anschaut,
und fühlt und denkt, Ernst sein kann, sondern ein grillenhaftes
Nadelspitzensystem ist.
    Und dies wäre denn Weltdemokratie oder das eigentliche ateistische System,
welchem nun wohl einige unentschieden anhangen, in der Verzweiflung, sich Gott
als ein frei wirkendes Ganzes vorzustellen, da sie alles in der Natur
verschieden und in notwendiger Verbindung sehen. Sie selbst aber müssen sich
folglich als ein erstaunliches Rätsel vorkommen und, auch noch so bescheiden,
mehr einbilden als Sonne, Mond und Sterne. -
    Sich des Daseins freuen unter allen Formen und Gestalten, diese dazu
vervollkommnen, und sie zernichten, sobald sie nicht mehr dazu taugen oder in
Sklaverei taugen können, und alle Traurigkeit fliehen, predigt die Natur. Und
dann, nichts Unnützes heischen und beginnen.
    Alles Wesen ist frei, sobald es frei sein will; das ist, es kann für sich
allein handeln und reisst sich los, sobald es kein Vergnügen mehr in der
Verbindung hat. Tyrannei dauert höchstens überall nur bis auf den Grad, wo die
letzte Lust wegfällt. Unser kleines Ganzes verliert sich bald mit allen seinen
Folgen im Unendlichen; aber Wesen kann von keinem Gott vernichtet werden. Dies
ist der Grundpfeiler des Adels und der Stärke bei tiefen Gefühlen. Zertrümmre
mich tausendmal mit deinen Wetterstrahlen, ich stehe immer jung wieder auf! Aber
du verlangst nichts von mir, was ich dir versagen könnte; und ich kann dir
nichts zuwider tun. Was ich tue, tu ich durch dich.
    Ardinghello. Ihr seid auf eine andre Weise zu der göttlichen Sicherheit und
Furchtlosigkeit gekommen, weswegen die Lehre des Epikur so geschwind um sich
griff, dessen Atomen nach Zufall und abwechselnder Lust und Unlust alles
hervorbringen und wieder zerstören, Menschen, Mücken und Elefanten, Fische und
Sterne, und womit er den beschwerlichen Herrn und Aufseher, der alles beobachtet
und von allem Rechenschaft verlangt, aus der Natur verbannte, den alberne
Philosophen und Physiker, nach seinem Bedünken, zu Auflösung ihrer Knoten
herbeirufen, damit er niederschlage, wenn's anziehen, und aufhebe, wenn's in die
Höhe steigen soll.
    Das beste für den, der Zweifel hat, bleibt immer, sich zur Partei der
edelsten Menschen von allen Nationen zu halten.
    Ob diese aber den ältern oder jüngern Glauben gehabt habe und habe oder zu
welchem von den drei Systemen sich die Vernunft neige, werden wohl allezeit die
mehrsten gegenwärtigen Stimmen entscheiden. Denn notwendige verschiedne Natur,
die das Zusammengesetzte bildet, ist nicht schwerer zu begreifen als Anfang
desselben von einem Wesen.
    Wie hat sich Euer Eins geregt? Vermutlich verschieden! Vorher war es etwa in
der Aristotelessischen Bewegung, da sich Leben nicht wohl ohne Bewegung denken
lässt. Und irgendwo! Denn ganz konnt es nicht Form werden. Und welcher Teil Form
und Körper geworden wäre, den müsste wahrscheinlich das Los getroffen haben; denn
Verstand war noch nicht da; der kann nur werden, wenn schon mehr Formen da sind,
welche das Wesen in seinem Bewusstsein vereinigt.
    An Grenzenloses will ich gar nicht denken; denn unendliche - Realität - sind
ein paar Wörter, die man wohl zusammen sprechen und schreiben, aber nicht denken
kann. Und Euer formloses Wesen, fein wie Äter und Raum schier, müsste schon eine
Lücke im Unendlichen machen, wenn es sich nur in einen Zentner Gold
zusammenzöge, geschweig in eine reiche Mine, in ganz Peru, da ging gewiss ein
Sonnensystem Grösse von Formlosigkeit zugrunde. Und ich seh Euern Beweis noch
nicht ein, dass keine Form notwendig und ewig wäre, worauf lediglich Euer Eins
beruht. Die Frage woher? bleibt so gut bei einem Wesen als bei mehrern; und wie
ich Eins notwendig und ewig annehme, kann ich ihrer Zentillionen annehmen. Und
denn müsst es sich verzweifelt plagen, eh es die mancherlei Qualitäten nur für
unsre Sinne herausbrächte; wer weiss, ob es nicht noch Geschöpfe mit andern
Sinnen gibt! mit einem rednerischen Exempel: von Holz in Feuer, Rauch und Asche;
und, es lässt sich nicht anders erklären, mit täuschender, selbst wahrhafter
Schilderung von dem Regenten in uns ist's nicht genug getan. Was den Verstand
oder das Wesen betrifft, das in uns denkt, so könnte Anaxagoras gar wohl recht
haben und das feinste Wesen sich nach den andern richten müssen (die, wie Ihr
selbst bewiesen habt, nichts weniger als tot sind), wenn es dieselben brauchen
will, ohne dass wir eben wissen, wie es zugeht. Man kann freilich das
Liebesgeheimnis nicht bis ins Innerste aufdecken, wie Verschiednes ein
lebendiges Eins wird, und so fortdauert, und zusammen handelt; aber ebenso
schwer lässt sich das Wesen, welches Gedanke und Verstand, und das, welches
Körper wird, als Eins erklären. Qualität ist so etwas Sonderbares, dass es blosse
verschiedne Art von Ausdehnung und Anziehung nicht überall hervorbringen kann.
Der Verstand bleibt dabei ein Blindgeborner, trotz aller möglichen Anwendung von
Figur und Dauer; und sie ist allein Gegenstand der Empfindung. Jede voll
Majestät in ursprünglicher Reinheit eigne Substanz und Vollkommenheit der Natur,
welche Völker von lebhaftem Sinn und scharfem Gefühl, deren Vernunft Ursachen
für Augen und Ohren mit Einbildungen nie ganz umtauscht, immer als göttlich
verehrten; denn Glaube ohne Empfindung ist Grille. Ihr habt oben, um Eure
Gesinnung auch mir so wie andern zu verbergen, aus Scherz gesagt: Wer beweisen
will, dass aus Einem Alles sei, muss erst dartun, dass aus Allem Eins werde.
Widerlegt Euch nun im Ernste.
    Und denn behaupten die Spötter, Vorsehung, Plan von einer allmächtigen
Regierung in der Welt wäre nicht so auffallend sichtbar, und Propheten, Apostel
und Geschichte hätten uns mehr dawider als dafür hinterlassen. Es stünde mit uns
nicht besser, weil sie dagewesen wären, und sie selbst möchten lieber in Aten
zu den Zeiten des Perikles leben und in dem alten Rom als in dem neuern, wo es
auch am frömmsten da zuging.
    Ihr sagt, der Verstand könne nur in einem einzigen notwendigen unendlichen
Wesen, das Alles ist, seine Ruhe finden; und ich weiss nicht, wie es zugeht: mir
klopft das Herz vor Angst und sausen die Ohren, je länger ich darüber nachdenke.
Es bleibt immer einerlei, es mag werden, was es will (ein Herr ohne Untertanen,
Widerspruch! oder der selbst sich in seinen Geschöpfen lobpreist oder selbst
bestraft), und kann seinem Schicksal der grässlichen Einöde nicht entrinnen; ist
schlimmer daran, als die alten Feen in den Ritterbüchern, die sich bei widrigen
Begebenheiten die Augen zerweinen, dass sie sich nicht ermorden können. Alle Lust
und Pracht und Herrlichkeit der Welt wird zum Gaukelspiel und schwindet zurück,
für uns in ein Unding.
    Aristoteles ertrug nie ein solches Wesen und sträubt sich dagegen aus allen
Kräften; und mich dünkt, der Hohe, Edle hatte recht.30
    Es fällt uns schwer, bei Betrachtung des Weltalls Sinn und Verstand in
reiner und keuscher Verbindung zu bewahren. Die einen lassen lediglich und
allein nur Verstand gelten und ziehen, wo möglich, alle Natur aus: und die
andern halten sich zu sehr an die sinnlichen Vorstellungen und taumeln mit ihrer
Einbildungskraft herum in Paradiesen und Höllen. Hohe Schönheit ist ein Gewächs
auf seltnem Boden und wird nur Glücklichen zur Beute.
    Und glücklich die Gesellschaft, die einen solchen freudenreichen Glauben
nach Klima und Verfassung für ihr Dasein auf diesem Erdenrund bekommen hat oder
selbst erwählt! Sei er auch, um alle zu befriedigen, eine mystische Komposition
von Weltmonarchie, Aristokratie und Demokratie. Ihr werden Männer, die mit der
Natur und dem Volke gelind umgehn, und sie den Philosophen hold sein. Warum
sollten wir, wenn das vorige Zeitalter barbarische Begriffe hatte, uns auch
damit schleppen? Der Mensch kann nichts Göttlichers als Verstand ergründen, muss
man wohl der Schule des Anaxagoras zugeben; auch bleibt er in ihm mit Sinnen
samt Vernunft die höchste Regel der Wahrheit, und gegen ihre vereinigten
Aussprüche gilt weder Verjährung, Wunder noch Zeugnis.
    Je mehr man das Weltall und seine Verbindung damit kennt, desto
vortrefflicher die Religion.
    Und wer den reizbarsten, innigsten Sinn für die Schönheiten der Natur hat,
ihre geheimsten Regungen fühlt, deren Mängel nicht vertragen kann und denselben
abhilft nach seinen Kräften, der übt aller Religionen Wahrstes und Heiligstes
aus. Sein Tempel ist das unendliche Gewölbe des Himmels; sein Fest jede schöne
Sommernacht, ein herrlicher Aufgang; und er bringt seine Opfer dar an Menschen,
an Tiere, die ihrer bedürfen, an alles Lebendige.
    Metaphysik hat Gott allein, sie ist sein Ehrenamt! sagte derselbe Dichter
Simonides, welcher sich so klug über die Frage Was ist Gott? beim weisen Hieron
aufführte. Aristoteles will dies zwar nicht zugeben und meint: Gott wäre nicht
so neidisch; sie sei die Glorie des Menschen und es einem freien Mann
unanständig, sie nicht zu erforschen. Plato aber, sonst so stolz gegen die
leichten geflügelten heiligen Wesen, wie er die Dichter nennt, gestand, obgleich
bei einer andern Gelegenheit, demütig: Simonides habe selten unrecht; er sei ein
verständiger und göttlicher Mann.
    In den Sonnensystemen des Orion, der Milchstrasse steigen wir vielleicht zu
einer höhern Religion auf.
    Demetri. Solch ein Angriff gefällt mir! Das ist eine Gymnastik des
Verstandes und auf beiden Seiten Gewinn; entweder geübte nacktere gelenkere
Wahrheit oder Befreiung von dem schädlichen Übel der Falschheit. Wer weiss, was
Menschen sind und was er selbst ist, der verwundert sich weder über Ost noch
West, sondern untersucht ferner fort getrost, woraus sie beide bestehen.
    Ardinghello. Aber die Säulen hüllen ihre jungfräuliche Schönheit schon ins
Dunkel, und oben ist kaum noch Dämmerung. Der Pförtner wartet, die Tür zu
schliessen. Wer unrecht hat (drückt ich ihn zärtlich und traulich bei der Hand),
will immer das letzte Wort behalten.
    Demetri. Nur die Hauptpunkte! Das übrige ein andermal, welches überdies
hauptsächlich auf eines jeden Gefühl beruht und womit hinüber und herüber
Mutwille kann getrieben werden.
    Wie ich merke, habt Ihr von Belvedere noch nicht ganz Abschied genommen!
Inzwischen spielt Ihr trefflich die Rolle, die ich bei der Pyramide; nur dass ich
schon da zu Hause war, wo Ihr vielleicht erst einkehrt.
    Ohne Eins, das sich in verschiedne Formen verwandelt, bleibt alles völlig
unerklärlich; ich mag darüber nicht wiederholen, was ich schon gesagt habe. Und
denn:
    Gott ist nicht Mensch, Antropomorphit! und Ihr selbst müsst Eure Menschheit
ablegen, wenn Ihr ihn denken wollt, und Eure stolzen republikanischen und
spartanischen Gesinnungen.
    Und doch können wir schon in unserm Pünktchen, Plätzchen von Formen nach dem
Aristoteles, Ideen gross und klein, also irgendwo darin, erdenken, umbilden,
aufbewahren und wieder neu beleben. Reines Wesen kann in blossem Bewusstsein
harren, das ist sein Leben, aber auch Formen in sich schaffen und sammeln, das
ist sein Geschäft und seine Lust.
    Woher es ist, unendlich? Wie es war, wüst und leer? wie der erste Gedanke in
ihm entstand? und Körper? hier ist's noch immer finster auf der Tiefe; Abgrund,
wir versinken, und Abgrund! Ewigkeiten! Ewigkeiten! Kein Untertaucher, nicht die
berühmtesten der Schulen von Syme,31vermochten zu entdecken.
    Aristoteles hat nicht zuviel gesagt, wohl Simonides. Aber Freunde werden wir
sein, solange wir leben, und selige Stunden miteinander haben.
 
                                  Fünfter Teil
                                                                  Terni, Jenner.
Neid und Eifersucht sind die Dornen im Rosengarten der Liebe.
    Ich habe von Rom abreisen müssen, der Herzog ruft mich zu Geschäften. Aber
ich erkenne wohl, der Kardinal wollte mich fort; er hatte schon längst ein Auge
auf mich und fand bei meinem Aufentalte nicht seine Rechnung.
    Ich reise vorwärts und meine Phantasie rückwärts; Herz und alle Freude ist
in Rom geblieben. Zähren des tiefsten Gefühls rannen unaufhaltbar hervor mit
ihren letzten heissen Seelenblicken; wir schieden aus glühender Umarmung. O sie
liebt mich, gross und edel! Erhabnes Wesen!
    Ich befinde mich hier in einer Wasserwelt; die Fluten rauschen, und Ströme
stürzen sich mit donnerndem Gebrüll von den Gebirgen: und doch ist mein Sinn nur
wie im Taumel gegenwärtig. Das Wetter ist ausserordentlich lau und warm für die
Jahrszeit; aller Schnee auf dem Apennin schmilzt. Die Nera ist mächtig
angeschwollen, und der königliche Velino reisst sich wie eine Sündflut aus seinem
See schräg übers Gebirg herab, setzt alle Gärten und Felder der Terner in
Überschwemmung und verheert sie mit seinem Schutte.
    Rührend ist bei dem fürchterlichen Schauspiel, wie die hülflosen Menschen so
gut und freundlich und gesellig gegeneinander bei der allgemeinen Not werden und
jeder erkennt, wie wenig er für sich selbst vermag.
    Im schmalen Tal, an der Nera, vor dem Einflusse des Velino, liegt ein
Dörfchen von wenig Häusern, Torrosina, wie in einem kleinen Kessel. Nachdem ich
die ganze Lage besehen hatte, so fand ich, dass die Terner weit weniger und fast
nichts leiden würden, wenn man oben auf dem Gebirge den Velino dahin führte, dass
er in die Felsenkluft, wo die Nera furchtsam hervorschleicht, sich mit seinem
Tartar stürzte. Ausserdem gewännen sie noch das ganze breite Bett des Flusses an
die zwei Miglien lang für ihre Waldung; und der senkelrechte Sturz selbst würde
an Höhe und Schönheit seinesgleichen nicht in Europa haben, da er jetzt nur
gemach schräg herabrauscht. Weil aber Grund und Boden den Torrosinern gehört, so
müssten sie denselben ihnen abkaufen, welcher jedoch an und für sich keinen Wert
hat, da er lauter Felsen ist, und den etwanigen zukünftigen Schaden zu ersetzen
versprechen, der für sie entstehen könnte, wenn die Nera bei grossen Wassern vor
der einbrechenden Gewalt des Velino sollte zurückgehalten werden.
    Ich ging darauf in die Ratsversammlung von Terni und machte mein Gutachten
als ein Werksverständiger bekannt. Alle, keiner ausgenommen, gaben dazu ihren
Beifall; und dieser und jener sagte, dass er dies schon längst auch gedacht
hätte. Und siehe da, man schickte kluge Redner zu den Torrosinern ab, und der
gute Anschlag wurde mit wenig Kosten genehmigt.
    Aus Furcht, dass es diesen gereuen möchte, will man sogleich Hand ans Werk
legen und oben das kurze neue Bett ausgraben, welches ich diesen Morgen half
abstecken.
    Die Sache wegen Verlegung des Velinosturzes ist alt und wurde schon zu
Ciceros Zeiten verhandelt. Es scheint, die Torrosiner sind guterziger geworden,
dass sie jetzt so bald nachgaben; oder der grosse Schaden und Jammer der Terner
hat sie mehr als jemals ergriffen und zum Mitleiden bewogen, da ihr zukünftiger
Verlust gegen dieser ihren doch nur äusserst klein sein kann und vergütet werden
wird.
                                                                Perugia, Jenner.
Ich streiche durch alle die himmlischen Gegenden ohne rechten Genuss, und nur
ergreift mich noch des Wasserelements Sturm und Aufruhr und die Luft mit ihren
Gewittern und Wetterstrahlen.
    Der Ort entält einen Schatz von Gemälden, und sie und die prächtig
gepflasterten Strassen und schönen Paläste und Tempel zeigen allein noch den
ehemaligen Wohlstand der Freiheit.
    Für jetzt flüchtige Anzeige einiger Raffaele auf meinem Wege.
    Foligno hat deren zwei, die allein wert sind, in dies Paradies zu reisen. Im
Nonnenkloster delle Contezze ein Altarblatt, welches die Madonna vorstellt, vom
Himmel herniederschwebend, wie sie der heilige Franziskus, Hieronymus, Johannes
der Täufer und ein Kardinal anbeten. Es ist aus des Meisters bester Zeit. Welche
Gestalten, welche Charakter! Wie ist alles so rein bis aufs Haar bestimmt! Echte
klassische Arbeit.
    Der Kopf der Madonna ist einer der schönsten welschen weiblichen Köpfe. Wie
klar die Stirnen, wie reizend das lichte Kastanienhaar nach den Ohren weggelegt,
der bräunliche Schleier wie sanft und lieblich, in den holden
herniederblickenden Augen welche Güte! wie schön die grossen Augenlider, vollen
jugendlichen Wangen mit Schamröte überzogen, wie jungfräulich, wie süss der
völlige Mund, das zarte Kinn, und die Nase wie edel herein! welch ein schönes
Oval und wie reizend auf der rechten Seite herum im Schatten gehalten! wie
reizend schwellen die Brüste unter dem roten sittsamen Gewand hervor!
    Welch eine feurige, eifrige Frömmigkeit und Wahrheit im Kopfe des Heiligen
von Assisi und welch ein schöner kniender Akt! Wie kräftig der Kopf des heiligen
Hieronymus gemalt und in welchem feierlichen Ernste von Betrachtung! Johannes
ist ein echter wilder Eremit, der sich nicht auf bürgerliche Höflichkeiten
versteht und dreust sagt, was er denkt. Der Kardinal bloss Porträt voll
Bewunderung.
    Der Engel unten mit dem Täfelchen ist trefflich gemalt, nur weiss man nicht,
was er soll, weil man vergessen hat, es daraufzuschreiben.
    Das Kolorit in den Köpfen ist täuschend abgewechselt, wie die Natur tut. Die
Figuren sind alle in Lebensgrösse und die Madonna noch darüber, um sie zur ersten
Person zu erheben. Sie ist am lebendigsten und wirft Glanz um sich wie Sonne.
Unten ist freies Feld und ein Flecken, wo die Heiligen sich beisammen befinden,
sie anrufen und anbeten und in Betrachtung verloren sind.
    Im Dom eben hier am Ende des linken Kreuzgangs ein Halbbogen, worin Madonna
mit dem kleinen Christus zur Linken und dem kleinen Johannes zur Rechten vor
sich; zwei holde nackte Bübchen in schöner Bewegung. Hinter ihr zur Rechten der
heilige Joseph und zur Linken der heilige Antonius und auf beiden Seiten neben
ihr zwei Jungfrauen. Alle sind in kniender Stellung, ausser den Kindern. Die drei
Weiber haben treffliche Gewänder; besonders ist das Mädchen zur Linken, von
welchem man den blossen linken Fuss sieht, ganz wollusterregend und göttlich, so
zeigt sich das Nackende und die schöne Form des Unterleibs, der vollen Hüften
und Schenkel; das Gewand macht eine ungekünstelte Falte zwischen den Schenkeln
und zieht sich im Knien an; das lüsterne Auge des Meisters sah diesen Reiz der
Natur ab. Die jungen Brüstchen schwellen lockend über dem Gürtel hervor. Die
Kleidung von allen dreien ist rot, griechisch, wie leichte Hemder.
    Die Gesichter sind voll Huld, und die Madonna hat besonders etwas mütterlich
Süsses in Aug und Mund und blickt in stiller Entzückung nieder.
    Alle sind vertieft in die Kinder, die aufeinander kindlich zeigen und sich
freuen. Der Kopf des heiligen Joseph ist zugleich gemalt wie vom Tizian nebst
dem herrlichen Ausdruck. Der heilige Antonius allein weicht sehr von den andern
ab und ist mittelmässig durchaus, als ob er ihn nur weggejagt hätte, um fertig zu
werden. Alles andre ist mit Liebe entworfen, und es herrscht die stille
Raffaelische Empfindung.
    Nach Rom kann man Raffaelen zu Perugia am besten kennenlernen. Das meiste
von ihm ist hier in der Kirche des heiligen Franziskus. Überhaupt will ich Dir
in Perugia nur drei Stücke von ihm vorzüglich empfehlen, eins aus seinem
Knabenalter, eins aus seiner Jünglingschaft und eins, das er wenig Jahre vor
seinem Tode vollendete, in einem Nonnenkloster vor der Stadt, welches zum Teil
alles übertrifft, was er je aus sich hervorgebracht hat; das übrige wirst Du
leicht einmal selbst finden.
    Die zwei erstern sind bei den Franziskanern; das jüngste, in der Capella
degli Oddi, stellt vor die Himmelfahrt der Madonna. In der Luft empfängt sie der
Heiland, ihr Sohn mit Engeln, die Musik machen, und krönt sie; unten stehen die
zwölf Apostel an ihrem offnen Sarge. In der Einfassung, die auf dem Altar ruht,
sind noch drei ganz kleine Gemäldchen angebracht: der Englische Gruss, die
Anbetung der Heiligen Drei Könige und die Beschneidung. Alles ein himmlischer
Inbegriff einer Menge schöner Gestalten, die in seiner Seele aufblühten.
    Der Kopf der Madonna ist heilig und selig im neuen Schauen; in einigen
Engelsgestalten süsse Anmut, besonders der mit der Handtrommel eine wahre
Volkslust. Aber das Wunderbarste sind die zwölf Apostel; welche Charakter schon
Paulus, Petrus und Johannes! Paulus hat viel von seinem Aristoteles, Johannes
von dem aufblickenden Jüngling beim Bramante.
    In dem ersten Gemäldchen unten erscheint der Engel der Madonna in einem
korintischen Tempel. Sie betet und blickt erhaben vor sich hin, ohne ihn
anzusehen; in einem Landschäftchen davor zeigt sich Gott der Vater und der
Heilige Geist als Taube.
    In der Anbetung der Heiligen Drei Könige sind eine Menge Figuren, worunter
einige voll Ausdruck mit Erstaunen. Die Hütte in zerfallnen Ruinen und das
Landschäftchen ist kindlich angenehm und erfreulich.
    Die Beschneidung ist das beste unter den kleinen. Ein ionischer Tempel; die
zwei Priester mit trefflichen Köpfen voll Charakter und Ausdruck, und die
Seitenfiguren gefühlt und gedacht.
    Das Ganze ist freilich äusserst hart und die Formen unausgebildet; alle Natur
arbeitet bei ihm nur auf das erste Bedürfnis: gestaltlos; aber das Wesentliche,
wobei man das andre bei Anfängern übersehen soll.
    Das zweite ist die Abnehmung vom Kreuze. Das Gemälde hat zehn Figuren, fünf
Männer und fünf Weiber, mit dem toten Christus und der in Ohnmacht gesunknen
Mutter, die viel grösser sind als im vorigen, ohngefähr zwei Drittel Lebensgrösse.
    Es ist in zwei Gruppen geordnet; die eine macht der von zweien getragne
Tote, und Joseph von Arimatias, und Magdalena, und hinten vermutlich noch
Johannes: und die andre die Mutter mit den Jungfrauen; der den Leichnam bei den
Beinen hält, verbindet sie beide.
    Die Hauptfiguren leuchten gleich hervor, der tote Jüngling, die schöne
Magdalena voll Schmerz, und die Mutter. Besonders aber ist die Gruppe der
letztern das Vortrefflichste. Alle Gestalten sind voll Seele, jede lebt, und
empfindet dabei nach ihrem Charakter. Die Mädchen, welche die Mutter fassen,
sind wie die drei griechischen Grazien; vorzüglich hat das, welches den Kopf
derselben hält, eine Gestalt so tiefen grossen Gefühls und hoher Schönheit
durchaus in Formen und Bekleidung, dass man sie gleich zu einer Euripidischen
Polixena brauchen könnte.
    Über die ganze Szene verbreitet sich ein sanftes Abendlicht.
    Dies war seine letzte Arbeit, bevor er nach Rom kam; und man sieht darin,
wie sich seine Kunst schon ihrer Vollkommenheit nähert. Sie ist das Höchste aus
dieser Zeit von ihm.
    Ich kann hier nicht unterlassen, ein Gemälde von Correggio anzuführen,
welches dieselbe Szene vorstellt und in der Johanniskirche zu Parma in einer
Seitenkapelle befindlich ist. Nach meinem Gefühl hat er alle übertroffen und
erhält den Preis wie ein Sophokles: so streng und einfach und rührend, mit
Verleugnung seiner sonstigen blühenden Farbenpracht und lächelnden Manier
behandelt er die Begebenheit.
    Erblasst und ausgestreckt liegt der göttliche Jüngling da. Magdalena sitzt an
seiner Seite und vergisst für sich in Wehmut versunken heisse Tränen, wie eine
untröstliche Geliebte; und der Schmerz der zärtlichen Mutter an seinem Haupt
über das entsetzliche Schicksal grenzt an des Todes Bitterkeit. Ein trübes
Regenlicht um sie her; alles in Lebensgrösse.
    Man soll nie bei Bewunderung des einen schülerhaft gegen andre ungerecht
sein. Raffael selbst Märtyrer für Amorn, hat ferner nie das Entzücken der Liebe,
den höchsten Vorwurf vielleicht für alle bildende Kunst, mit so tiefem
Seelenklang und heitrer Phantasie zugleich ausgedrückt als der bei seinen
Lebenstagen unberühmte hohe Lombard, Ariosts Nachbar, in seiner Io; wenn ihm
auch die antike kleine Leda, mit der im Stehen sich Zeus als Schwan begattet
(welche treffliche wollüstige Gruppe ihr zum Zeichen eurer freien Denkungsart
öffentlich gerade vor dem Eingange der Markusbibliotek aufstelltet), Anlass zur
ersten Idee davon gegeben haben sollte.
    Das dritte und Hauptgemälde von Raffael zu Perugia ist in dem Nonnenkloster
zu Monte Luce, welches er drei Jahre vor seinem Tode vollendete. Ein Altarblatt,
die Figuren völlig in Lebensgrösse.
    Es stellt wie das erste vor die Himmelfahrt und Krönung der Muttergottes;
aber alle Spur von seines Lehrmeisters enger und schmaler Manier ist hier
verschwunden. Die zwölf Apostel stehen um den Sarg, statt der Madonna mit
Blumen, Rosen, Lilien, Nelken und Jasminen, angefüllt, und blicken erstaunt auf,
wo ihr Sohn sie von Wolken emporgetragen mit Engeln empfängt und krönt.
    Die Mutter ist eine der frischesten weiblichen Gestalten, noch blühend wie
eine Jungfrau, doch voll edlem Ernst, wie eine Matrone, und heisser wunderbarer
Empfindungen der Seligkeit, im Taumel neuer Gefühle, wie vom Erwachen, alles
gross an ihr und herrlich schön. Sie faltet die Hände kreuzweis an die Brüste und
blickt durchaus gerührt mit entzücktem Aug auf ihren Sohn. Ihr Gesicht ist nach
ihm hingewandt, und man sieht ganz die rechte Seite und vom linken Auge nur den
heissen Blick; grosse schwarze Augen mit einem zarten Bogen Augenbraue, und
dunkelblondes Haar unter dem langen grünen Schleier, der sich hinter dem rechten
Ohr hinabzieht.
    Christus ist feurig im Gesicht, wie ein sonnenverbrannter Kalabrier aus
seinem starken Bart um die Kinnbacken, und sein ausgestreckter rechter Arm voll
Kraft und Nerve, womit er ihr den Kranz aufsetzt. Der Engel mit Blumen in der
Rechten an ihm hat einen Kopf voll himmlischer Schönheit, sonniglich entzückt;
es scheint ihm überall Glanz aus seinem Gesicht hervorzubrechen.
    Die Anordnung durchaus ist reizend und bildet das schönste Ganze. Madonna
ist oben in der Mitte, Christus zu ihrer Linken, an beiden ein Jüngling von
Engel bekleidet, unter diesen bei jedem ein zart nackend Bübchen, und über allen
der Heilige Geist in einem dichten Duft von gelbem Himmelsglanz.
    Die Auffahrt geschieht ganz gemach auf einer dunkeln dicken Wolke mit
lichtem Saum und hat nicht das leichte Schweben wie in andern Gemälden davon;
aber eben dadurch gewinnt die Handlung Natur und Majestät. Raffael hatte eine
sehr reine klare Empfindung, die ihn minder fehlen liess als andrer scharfer
Verstand.
    Je länger man den Christus betrachtet, desto mehr findet man etwas
übernatürlich Göttliches, das sich nur gütig herablässt; das Demütige der Madonna
vor ihm stimmt einen nach und nach dazu. Es ist etwas erstaunlich Mächtiges und
Gebieterisches in seinem Wesen, das mehr im Ausdruck liegt als den Formen
selbst; wunderbare Strenge und Güte miteinander vereinbart. Ich habe noch wenig
neuere Kunstwerke gesehn, die den Eindruck in der Dauer immer tiefer und tiefer
auf mich gemacht hätten. Je mehr man nachdenkt und fühlt und Gestalt nachgeht,
desto wahrer findet man diesen Christuskopf. Ich kann von diesem Gemälde nicht
wegkommen und möchte tagelang mit Wonne daran hangen. Hoher göttlicher Jüngling,
der du warst, Raffael! Unsterblicher, empfang hier meine heisseste aufrichtigste
Bewunderung, und nimm gütig meinen zärtlichen Dank auf. Es gehört unter das
Höchste, was die Malerei aufzuzeigen hat, diese Mutter und dieser Sohn und die
vier Engel um sie her; und ich kann mich nicht von der Herz und Sinn
ergreifenden Wahrheit und Hoheit wegwenden. Die zwei Hauptfiguren sind ganz
wunderbar gross gedacht, in der Tat Pindarische Grazie und des Tebaners Schwung
der Phantasie bis in die Draperien, die mächtige Falten werfen. Welch ein Arm,
Christus aufgehabner rechter mit den weiten Ärmeln! wie ganz vollkommen
gezeichnet und gemalt, und welche wetterstrahlende Wirkung tut er in der ganzen
Gruppierung! und wie bescheiden zeigt sich daneben das Nackende der Mutter und
füllt leicht das blaue Obergewand! So kräftig hat er nichts anders gemalt, und
nirgend anderswo sind seine Formen so vollkommen reif, stark in der Art
Schönheit, die ihm eigen war.
    Die Apostel unten sind schwach und matt dagegen und nur wie verwelkend
sterblich Fleisch, des Kontrasts wegen, aber durchaus vortreffliche
Männergestalten, besonders Petrus und ein andrer im Vordergrunde, in Bewegung
und Leben.
    Mit denen in der Verklärung sind in drei Gemälden allein sechsunddreissig
Apostel; und in jedem sehen sie anders aus und keiner wie der andre; und doch
scheinen die meisten trefflich zu sein und zu passen.
    Die Malerei ist wie die Musik; zu denselben Worten können grosse Meister,
kann einer allein ganz verschiedne Melodien machen, die alle doch in der Natur
ihren guten Grund haben; es kömmt nur darauf an, wie man sich den Menschen
denkt, der sie singt.
    Nehmen wir zum Beispiel ein Lied der Liebe! Bei denselben Worten wütet ein
Neapolitaner: und ein andrer im Gletschereise der Alpen bleibt ganz gelassen.
    Ausserdem lieben wenige immer überein stark schon bei derselben Person; und
es wird anders geliebt bei einer Blonden und Schwarzen, einer Sizilianerin von
zwölf Jahren und einer nordischen Patriarchin. Und diese selbst lieben wieder
anders Knaben, Jünglinge, Männer und Greise.
    Dichter und Maler und Tonkünstler nehmen von allem diesen das Vollkommenste,
was am allgemeinsten wirkt, welches aber weder Rechenmeister noch Philosoph zu
keinem Zeitalter bestimmt festsetzen konnten. Und dies hat die Natur sehr
weislich eingerichtet; sonst würde unser Vergnügen sehr eingeschränkt sein oder
bald ein Ende haben.
    Die Kuppel des Correggio zu Parma in der Johanniskirche, welche Christus'
Himmelfahrt vorstellt, gehört zu einer besondern Gattung der Malertaktik und
macht ein eigen Kunstwerk aus, das sich mit dem des Raffael, was malerische
Wirkung betrifft, nicht vergleichen lässt, ohne diesem unrecht zu tun.
    Man erstaunt dort, wenn man in den Kreis tritt, und wurzelt am Boden fest
wie bezaubert, und sieht: einen wirklichen Jüngling von übernatürlichen Gaben in
ferne Höhen steigen, von dienstbaren Sturmwinden emporgetragen, die liebkosend
mit seinem weiten Purpurmantel spielen.
    Selbst Apelles und Zeuxis und die ganze griechische Zunft würden dem
Götterfluge mit entzückender Bewunderung nachschaun und keiner das Herz haben,
zu sagen: anch' io son pittore!
                                                                Florenz, Jenner.
Ich habe mich unterwegs länger aufgehalten, als ich wollte, und auf meinem Gute
bei Cortona verschiedne Anstalten zu Pflanzungen und bessrer Einrichtung der
Gebäude gemacht. Die Kunstsachen, die ich in Rom teils ankaufte, teils schon bei
dem Kardinal vorrätig fand, waren vor mir angekommen.
    Der Herzog empfing mich heiter und freundschaftlich und bezeugte alsdenn
seine grosse Freude darüber, so wie Bianca und die andern Damen und Herrn vom
Hofe.
    Man stand hier noch im Handel über eine nackende Venus vom Tizian und
wartete nur auf meine Entscheidung. Sie ist ungezweifelt ganz von seiner Hand;
und der Kauf wurde gleich richtiggemacht.
    Jetzt lass ich in der Galerie, die mein alter Lehrmeister Vasari erbaut
hatte, ein Zimmer für das ausgesucht Vollkommenste zubereiten, das
seinesgleichen hernach wohl schwerlich in der Welt haben wird, Belvedere
ausgenommen.
    Von der griechischen Venus will ich den neuen untern linken Arm vom
Ellenbogen an wieder abnehmen lassen, weil er allzu schlecht ergänzt ist; der
rechte von der Schulter an ist zwar auch nicht zum besten, doch will ich noch
damit warten. Es ist ein Wunder, dass dies hohe Meisterstück so glücklich brach,
dass die Teile nichts gelitten haben und alle so gut ineinander passen. Die Figur
der Göttin selbst ging in dreizehn Bruchstücke und das Ganze in die dreissig
Trümmern.
    Der Kopf ist am Halse angesetzt und etwas klein in Proportion, wie aber bei
andern griechischen weiblichen Bildsäulen; jedoch ganz von demselben Marmor,
derselben Arbeit; der Zug des Halses passt so trefflich und alles harmoniert so
bis auf die allerschönsten Füsschen, dass an seiner Echteit zur Figur keinen
Augenblick zu zweifeln ist. Ein Gesicht voll hohem Geist und ionischer Grazie!
Die Nase schiesst nur ein klein wenig von der Stirn ab, nicht den dritten Teil
wie ein Strahl im Wasser. Der Leib ist die frischeste, kernigste, ausgebildete
Wollust; Brust und Schenkel schwellen markicht vorn und hinten. Sie hat durchaus
den süssesten überschwenglichen Reiz eines soeben reif gewordnen himmlischen
Geschöpfes vor der ersten Liebesnacht, welches Vater Homer mit dem Wundergürtel
hat ausdrücken wollen.
    Sie hat ein Grübchen im Kinn: Zeichen von Fülle und Kraft zugleich und
Reifheit der göttlichen Frucht, und nur halb eröffnete oder zugehaltne Augen,
die das Innre nicht erkennen lassen wollen, sprödiglich.
    Kurz, es ist Erscheinung eines überirdischen Wesens, von dem man nicht
begreift, wo es herkömmt; denn es hat hienieden keine Leiden ausgestanden, alles
ist zur Vollkommenheit ungestört an ihm geworden. Selbst der schönste und
edelste Jüngling unter den Sterblichen muss sich vor ihm niederwerfen; und das
Höchste, was er verlangen kann, ist ein Moment, nicht Huldigung auf ein ganzes
Leben.
    Schönheit, zur Reife gediehen und gedeihend, noch ungenossen. Das sich
regendste Leben wölbt sich sanft hervor in unendlichen Formen und macht eine
entzückende ganze. Adel, für sich bestehend, blickt aus den süssen lustseligen
Augen, ein sonnenheisser Blick von Liebesfülle; flammt die Stirn herab, schwebt
auf dem Munde, wo Stolz und Zärtlichkeit zusammenschmelzen.
    Die Mitte des Oberleibs ist kräftig und gar nicht dünn; die Schultern sind
völlig so breit wie die Hüften und gehen noch darüber hinaus, sanft vom Halse
herabgesenkt. Der Unterleib hat zwei zarte Einwölbungen, bis wo die Höhen der
Freuden sich heben. Die Schenkel steigen wie Säulen hernieder und verbergen den
Eingang der Lust mit einem gelinden Druck.
    Die Waden sind straff und voll bis an die Kniekehlen, ohne auszuschweifen.
    Sie erscheint von den Seiten her schmal und von dem Rücken breit; alles
Fleisch lebt, und nichts ist leer und müssig.
    Aus dem Ganzen spricht jungfräulicher Ernst und Stolz, nichts Lockendes; es
ist Inbegriff höchster weiblicher Liebesstärke. Sie blickt auf wie eine
Jugendgöttin, von den Edelsten angebetet.
    Sie erhält den ersten Preis unter den weiblichen antiken Schönheiten. Ihr
Gesicht schon für sich, das glücklich ganz unversehrt blieb, ergreift
unaussprechlich reizend, mehr als irgendein andres, ist gewiss ursprünglich in
der Natur selbst voll Geist und hohem eigentümlichen Wesen aufgeblüht und stammt
wahrscheinlich von einer Lais oder Phryne. Bei der Niobe und ihrer schönsten
Tochter, bei der Juno und einer kolossalischen Muse in Rom mag man mehr
Erhabenheit finden; aber sie haben den lautern Quell von Leben nicht, der den
Durst nach aller Art von Glückseligkeit im Menschen erquickend stillt. Hier ist
alles beisammen, Körperreiz und Seelenreiz, Feuer und Schnelligkeit der
Empfindung und heller ausgebildeter Verstand bei jedem Vorfall in der Welt.
    Doch was verschwend ich Worte darüber; komm und sieh! und fühle! und traure
herzinniglich, dass sie nicht den Mantel von Dir sich umwirft, Dich zu begleiten.
    Tizians Venus wird eine schlimme Nachbarin an ihr erhalten.
    Diese ist eine reizende junge Venezianerin von siebzehn bis achtzehn Jahren,
mit schmachtendem Blick, aufs weisse widerstrebende Sommerbett, im frischen
Morgenlichte, faselnackend vor innrer Glut von aller Decke und Hülle, bereit und
kampflüstern hingelagert, Wollust zu geben und zu nehmen; die, anstatt die Hand
vorzuhalten, schon damit die stechende und brennende Süssigkeit der Begierde wie
abkühlt und mit den Fingerkoppen die regsamsten gefühligsten Nerven ihres
höchsten Lebens berührt.
    Bezaubernde Beischläferin und nicht Griechenvenus, Wollust und nicht Liebe,
Körper bloss für augenblicklichen Genuss.
    Ihre Formen machen einen starken Kontrast mit der griechischen. Wie das
Leben sich an dieser in allen Muskeln regt und sanft hervorquillt und
hervortritt: und bei der Venezianerin der ganze Leib nur eine ausgedehnte Masse
macht! Aber es ist schier nicht möglich, ein schmeichelnder und sich ergebender
und süss verlangender Gesicht zu sehen.
    Sie neigt den Kopf auf die rechte Seite, sonst liegt sie ganz auf dem
Rücken. Das linke Bein in schöner Form ist reizend gestreckt, und das erhobne
rechte Knie lässt unten die süsse Fülle der Schenkel sehen. Der Kopf hat die
Gestalt nach der Natur, ist aber, hingelassen nachdenkend mit dem zerflossnen
Körper, matt und wenig gebildet gegen die Griechin.
    Die Blumen in der Rechten geben Hand und Arm durch den Widerschein
bezaubernde Farbe und drücken den Leib zurück. Ihr Haar ist kastanienbräunlich
und lieblich verstreut über die rechte Schulter mit einem Streif auf den linken
Arm. Der Schatten an der Scham und die emporschwellenden Schenkel davor im
Lichte sind äusserst wollüstig, so wie die jungen Brüste. Die grossen
grünlichtbraunen Augen mit den breiten Augenbraunen blicken in Feuchtigkeit. Sie
ist lauter Huld, es recht zu machen in reizender sömmerlicher Lage, und gibt
sich ganz preis, und wartet mit gierigem Verlangen furchtsamlich auf den
Kommenden. Man sieht's ihr deutlich an, dass das Jungfräuliche schon einige Zeit
gewichen ist, und sie scheint nur Besorgnis vor mehrern zugleich zu haben wegen
der Eifersucht.
    Tizian wollte keine Venus malen, sondern nur eine Buhlerin; was konnt er
dafür, dass man diese hernach Göttin der Liebe taufte? Sein Fleisch hat allen
Farbenzauber, ist mit wahrem jugendlichen Blut durchflossen; was er darstellen
wollte, hat er besser als irgend ein andrer geleistet.
    Unter den Antiken aber, die ich mitgebracht habe, ist ein himmlischer Bube,
ein junger Apollo, welcher stark mit der Göttin wetteifern wird. Er lehnt sich
mit der Linken an einen Stamm mit über den Kopf geschlagner Rechten; die ganze
Stellung ist voll Reiz, besonders der schlanke Zug der rechten Seite. Das
Gesicht blüht wonniglich selig und edel in seiner Gotteit auf. Das Leibchen ist
äusserst zart gehalten, und doch regt und bildet sich alles. Es ist eine wahre
Wollust, Venus und ihn zugleich von hinten zu sehen, das Weibliche und üppig
Bübliche des Gewächses; Venus ist ein Schwall von hinten, etwas speckicht:
Apollo lauter süsser Kern. Ebenso kernfleischig spaltet sich sein Rücken; die
Schenkel sind am vollsten und schier zirkelrund. Die zwei Hände muss ich ergänzen
lassen und noch die Nase.
    Der Ausdruck ist bezaubernd; er empfindet in sich und sinnt in Stille. Erste
Ahndung von Verlangen in Ungewissheit, und doch mit dem entzückendsten Blick der
Liebe.
    Zwei junge Ringer aus einem Block Marmor gehören unter die gelehrtesten
Arbeiten, die uns aus dem Altertum übrig sind. Sie sind im schönsten Moment
eines Ringspiels verflochten, und es kann dazu keine auserlesenere Stellung
geben. Die angestrengten Sehnen zeigen ihre Kraft in höchster Stärke und doch
nicht schroff, und nichts erscheint gekünstelt, wie unsre Meister schon bei
Körpern in Ruhe prahlen.
    Noch hab ich Bruchstücke von einem Merkur, wo zum Ganzen nur die Hände
fehlen. Das Gewächs ist zart und schlank, der Kopf voll Schönheit und Kraft und
stellt einen klugen sinnreichen Jüngling dar. Er trägt einen Helm, wie einen
Teller, mit Flügeln; die Haare waren abgeschnitten, und es sind kleine Löckchen
wieder daraus geworden.
    Von Gemälden, deren viel sind, will ich Dir nur ein Paar von Raffael
anführen:
    Papst Julius den Zweiten. Man kann nichts Wahrers von Gestalt sehen; und wie
gemalt! Es hält sich neben dem besten Tizian. Erhabenheit und Scharfsinn im
Nachdenken bilden ein Ideal von Heiligem Vater. Welch ein gediegnes festes Feuer
in der ganzen Arbeit! Der schöne herabfliessende Bart wie herrlich aufgesetzt!
Hände, Stellung im Stuhl mit beiden aufgestützt, alles vortrefflich. Es ist die
Natur. Die Stirn ist stark beleuchtet und geht hervor, und so fällt noch Licht
auf den Bart; ein Meisterstück auch hierin.
    Das zweite ist ganz klein, wenig über einen Fuss lang und breit und von ihm
die grösste Seltenheit, jedoch mit aller Liebe in seiner besten Zeit vollendet.
    Gottvater sitzt auf einem Adler in den Lüften, von zwei Engeln, wovon
besonders der rechter Hand wunderschön ist, an den Armen leicht gehalten; und
unter ihm sind die vier Evangelisten mit ihren Tieren; dann Wolken, dann Erde
mit Bäumen. Um den Ewigen vergeht eine Glorie andrer geflügelter Buben im
Glanze.
    Der Kopf ist lauter Erhabenheit, ganz derselbe des Michelangelo in der
Capella Sixtina, welcher die Sonne schafft. Das Nackende der Brust bis auf die
bekleideten Schenkel in seiner Kleinheit vollkommen wie eine schöne Antike. Er
stützt die Füsse auf den geflügelten Stier und Löwen und sieht jovialisch gut und
stark und mächtig in die Bestien und Menschen. Haar und Bart fliegen im Winde.
Ein himmlisch Bildchen; reizende apokalyptische Laune!
    Bianca freute sich darüber kindlich; und ich hab ihr damit ein Geschenk
gemacht, weil ich's für mich erkaufte. Der Herzog nahm es übergnädig auf, und
sie drückte mir eifrig die Hand dafür.
    Die Schlaue stellt sich hochschwanger. Jetzt will er ihr einen Palast in
eine unsrer angenehmsten Gegenden bauen lassen; und ich wurde gerufen, alles zu
besorgen.
                                                               Florenz, Februar.
Florenz gefällt mir nicht mehr; ich gehöre nicht zu dem Hasengeschlechte, das
nirgends am liebsten ist, als wo es geheckt ward. Unsre grossen Männer haben wir
gehabt; Tacitus sagt mit Recht, dass nach der Schlacht bei Actium in Rom kein
grosser Mann mehr aufstand. Wo der Bürger nichts mehr zu sagen hat, da ist es mit
der Vaterlandsliebe eitel Ziererei.
    Ein so grosser Freund ich auch von Geschäftigkeit bin, so ekelt mich doch die
blosse Schuster- und Schneider- und Tuchknappengeschäftigkeit an. Romulus, der
hohe Geist, verbot aus gutem Grunde jedem Mitgenossen seiner Republik die
niedern Handwerke; und dies wurde hernach so zur Sitte, dass noch jetzt im
dritten Jahrtausend die Teutschen und Spanier und Franzosen dieselben schier
allein noch in den Ruinen der alten Herrlichkeit treiben. Sokrates wollte den
nicht zum Gefährten durchs Leben, der auf Geld und Gut erpicht zu nichts Edlerm
Musse hätte; und bei den stolzen Ottomanen kann der Überwundne und Sklave noch
heutzutag alle Schuld deswegen aufs Schicksal schieben.
    Florenz macht einen starken Kontrast mit Rom, alles regt und bewegt sich,
und läuft und rennt und arbeitet; und das Volk kömmt einem trotzig und übermütig
und ungefällig vor gegen das Stille, Grosse und Schöne der Römer. Der Römer
überhaupt hat gewiss einen höhern Charakter. Die Politiker mögen die menschlichen
Ameisenhaufen rühmen und preisen, sosehr sie wollen, und diese selbst auf ihre
Arbeitsamkeit sich noch soviel einbilden: Maul und Magen, denn dieserwegen
geschieht's doch, ist wahrlich nicht, was den Menschen über das Vieh setzt! Wo
nicht gemeinschaftliche Freiheit der Person und des Eigentums und Rang in
menschlicher Würde vor seinen Nachbarn der erste Trieb und das Hauptband einer
bürgerlichen Gesellschaft ist, veracht ich alles andre, und jedes Verdienst
kömmt in kurze Berechnung.
    Der Boden trägt freilich auch viel hierzu bei; Rom hat das Mark von dem
mittlern Italien und Toskana die Knochen, nach dem alten Sprichwort. Auch erhebt
die Gegend nicht so, und Florenz fehlen die majestätischen römischen Fernen.
    An unserm Hofe herrscht eine unerträgliche Langeweile; alles muss sich in den
Ton des Monarchen stimmen.
    Der Minister ist geschwind schon ein Chamäleon geworden und nimmt alle
Modefarben an. Verschiedne von meinen angegebnen Einrichtungen sind wieder
abgeändert, und die andern werden nachlässig betrieben. Alle Heilungsmittel
eines Hippokrates sind vergeblich, wo die Natur sich nicht selbst hilft. Ich muss
auf und davon, weil ich das Verderben nicht mehr mit Augen ansehen kann. Wenn
man nichts Bessers weiss, so mag es sich ertragen lassen; o Griechenland und Rom,
wie glücklich macht ihr unsre Phantasie und elend unser wirklich Leben! Aber wo
soll ich hin in dem ganzen jetzigen Italien? Da ist keine Ausflucht, keine
Sphäre für einen gesunden Kopf und Arm zu handeln. Mut und Geschick schmachtet
überall ohne Gegenstand und Ausübung wie im Kerker.
    Um noch einmal von dem leidigen Minister zu reden: so hat der Fuchs ein paar
bestialische Grundsätze angenommen, von welchen der erste ist: man dürfe nie
gescheiter scheinen als der Herr; und der zweite: alle guten Köpfe, denn jeder
ist ihm ein Dorn im Auge, besonders Gelehrten, in der Ferne halten.
    Für einen, der gern im trüben fischt, hätte sie kein Machiavell besser
ausdenken können. Und bei den meisten Höfen erkennt man gleich daraus, dass da
keine Philippe, Alexander, Cäsarn und Mark Antonine herrschen.
    Es kann eben keiner höher, als ihm die Flügel gewachsen sind.
                                                                Florenz, Februar
Unser Karneval ist mit einer wirklichen ungeheuern Tragikomödie beschlossen
worden, die mir aber all mein Eingeweide, Galle und Lunge und Leber und Herz
empört hat, so dass ich hier keine bleibende Stätte mehr finde.
    Bianca, wie ich Dir schon geschrieben habe, stellte sich die ganze gehörige
Zeit vom Herzoge schwanger an, spielte ihre Rolle meisterlich und wählte dies
festliche Geräusch, weil zugleich die erkauften Weiber auf dem Lande die
Mutterwehen nahe fühlten, niederzukommen. Eine Woche lang tragodierte sie die
Geburtsschmerzen, und der gute Herr war zitternd und zagend für ihr Leben bange.
Endlich trat gegen Mitternacht die alte abgefäumte Kupplerin von Amme mit dem
eben gebornen Knäblein, welchem der Mund mit Wachs verklebt und verbunden war,
dass es nicht schreien konnte, in einer Schachtel unter dem Mantel, wie mit
Gerät, zur Tür in einem Nebenzimmer herein und winkte das verabredete Zeichen.
Bianca rief alsdenn mit Hand und Mund zum Herzoge, der mit dem Kopf in Armen am
Fenster stand: »Geht, geht, o Teurester! o weh! ich fühle mich in der
Entbindung.«
    Er ging freudig fort mit den eifrigsten Wünschen.
    Der Komödie wurde bald ein Ende gemacht. Die Alte tat das Kind heraus,
nachdem sie das übrige der Szene täuschend zubereitet und die Gebärerin laut
genug geächzt hatte, zog ihm das Wachs aus dem Munde, und dies fing an zu
schreien. Sie eilte zum eingebildeten Papa und zeigte und frohlockte: »Euch ist
ein Löwe, ein Löwe geboren, ganz Euer Gepräge! O seh Eure Hoheit das derbe
gewundne Gemächtchen, wie es den Heldensamen verkündigt!«
    Ich beschreib es Dir aristophanisch, weil es sich geradeso zugetragen hat.
Ihm war es Götterwonne, etwas Lebendiges von sich zu erblicken, was er noch nie
schaute; und er krähte vor Jubel, gleichsam wie ein Hahn, ohne weiter ein Wort
hervorbringen zu können.
    Dies ist eine Posse, welche jedoch grosse Folgen haben kann, die wir heiss
durch die Kammerjungfer erfuhren. Diese und die Alte mögen sich vor der
Hochstrebenden in acht nehmen, wenn sie nicht bald den Styx und Phlegeton wollen
sieden und brausen hören.
    Der andre Auftritt aber ist grässlich.
    Don Paolo, der Gemahl der Isabella, kam vor wenig Tagen von Rom und nahm
einen gewissen Scherz und Leichtsinn an über ihre vorige Aufführung, bis er sie
täuschte und sie froh sich wieder mit ihm versöhnt glaubte.
    Gerade dieselbe Nacht, wo Bianca ihre Farce spielte, so wunderbar fügen sich
die Begebenheiten! führte er sie nach seinem Schlafgemach; sie hatte zwar
Anstand, ihn zu begleiten, und hielt einigemal ein; ihr Geist mochte ihr
Schicksal vorausahnden! Doch folgte das ergiebige Geschöpf endlich seinem
Händedruck und hielt die racheheissen für liebewarme.
    Im Zimmer umarmt er sie und küsst sie und sinkt wie unentaltsam mit ihr aufs
Bett. Als sie auf der Breite desselben so hingestreckt liegt, wird ihr hinten
ein Strick um den Hals geworfen von einem gedungnen Mörder und sie mit langer
Marter erdrosselt. O du Elender! warum nicht kurz mit Gift, mit einem
Dolchstich, wenn du sie doch aus der Welt schaffen wolltest?
    Sie wurde die andre Nacht schon zu ihrer Familie in die Kirche San Lorenzo
begraben; und man sprengte aus, sie sei plötzlich an einem Steckfluss gestorben.
Allein ihr schwarzes Gesicht war jedem, der sie zu sehen bekam, ein
unverwerflicher Zeuge der Tat.
    Ihre Verwandten schweigen; aber Florenz murrt laut und bejammert das
scheussliche Ende ihres noch so blühenden Lebens.32
                                                              März, bei Cortona.
Der Herzog hat mir erlaubt, den künftigen Frühling hier auf meinem Gute zu sein;
doch unter der Bedingung, dass ich zuweilen nach Florenz komme und den schon
angelegten Palast der Bianca besorge. Übrigens hab ich dort eine gute Partei für
mich zurückgelassen, und in manchem Hause lebt die Hoffnung, mich zum Gemahl und
Schwiegersohn zu erhalten.
    Polybios und die Gegend ist nun mein Geschäft, und zur Abwechslung bau und
pflanz ich. Der deutliche Sinn mancher Wörter in der Taktik der alten Griechen
und Römer hat mir anfangs bei ihm zu schaffen gemacht; doch bin ich bald
durchgedrungen und damit zu Rande gekommen. Dies ist ein Geschichtschreiber, wie
sie sein sollen; der das verstand, worüber er schrieb, noch zur rechten Zeit
lebte und Menschen und Örter kannte.
    Unter allen Heldenzügen ergreift mich keiner so wie der des Hannibal durch
Italien; und es geschieht nicht bloss deswegen, weil ich Land und Boden und die
Geschichte der kriegenden Völker besser kenne. Der des Alexander durch Persien
ist romantischer und hat mehr barbarisches Getümmel um sich; aber der des
Afrikaners hat mehr Einheit, Nerve und Kernatletengeist; und es ist ein ganz
ander grosses Naturschauspiel, zwei solche Republiken sich in den Haaren liegen
zu sehn als einen blossen Darius und Sohn Philipps.
    Von seinem Satz an über den wilden schnellströmenden Rhodan unter Avignon
und kühnem Marsch durch die reissenden Wetterbäche, über den hundertjährigen
Schnee und das schneidende Eis der grässlichen tiefen Täler und himmelhohen
Alpenklippen dünkt mich in jeder Schlacht nur ein olympisches Faustbalgerspiel
zu sehen. In der bei der Trebbia, am Trasimenischen See, besonders am Aufidus,
packt er überall mit seinem tapfer gebildeten Haufen so gewandt seinen starken
ungelenken Gegner und wirft ihn zu Boden, und schlägt ihm Zahn und Nase und
Ohren und Backen in einen blutigen Brei zusammen. Er verstand die Kunst zu
siegen wie keiner, behandelte Armeen von Hunderttausenden vor und mitten und
nach der Schlacht wie einen einzelnen Mann, an jedem Fleck, bei jeder Schwäche
voll Vorsicht, Bewegsamkeit, Mut und Schlauheit und Gegenwart der Seele: bis auf
so einfache Grundsätze hatte er das weitläuftige Kriegshandwerk von der ersten
Jugend an gebracht. Halbgötter erkennt man erst recht bei wichtigen Zeitpunkten.
    Welche Reihe Taten nacheinander! Was sind Millionen Menschen gegen diesen
einen, die ihr Leben lang nicht eine einzige solche Stunde haben! Ein
Heldengedicht möcht ich singen über ihn von den Pyrenäen an bis wo die Scylla um
den Fuss des Apennin rauscht.
    Wie ein echter unbezwinglicher rächerischer Löwe streift er Italien durch,
reisst Rinder und blökende Herden nieder; und das vom Homer schon verbrauchte
Gleichnis ist zum erstenmal wahr geworden.
    Das römische Volk, das seine Bildsäulen in die Strassen stellte, wo sie am
furchtbarsten gesehen wurden, und sich hernach seinetwegen noch an den
Mauersteinen von Kartago ereiferte, zeigt den Mann auch bei dem Feind, und
anders als die ungerechten Horaze und Liviusse; und Virgil krümmt dem Überwinder
bei Cannä mit seiner Hofspötterei der Dido kein Haar.
    Der Ausbund von Kartaginenser ging dem römischen Staatskörper auf das Herz
los; und ausserdem kannt er die Menschen gut genug, um zu wissen, dass jeder seine
grössten Feinde in der Nähe hat: und fand es so bei den welschen Galliern.
    Die Schlacht an meinem See ziert mir hier die Gegend ganz anders aus als
Konstantins Schlacht vom Raffael das Vatikan. Die furchtbaren Wörter, die
wunderbar davon noch immer übriggeblieben sind, als Ponte Sanguinetto,33 Ossaja,
34 Spelonca 35 gehen mir immer wie eine Brandfackel in die Seele, wenn ich da
herumreite, so dass ich zuweilen vor Hitze und Ungeduld nicht auf dem Pferde
bleiben kann und herunter in ein Wirtshaus muss, um einen frischen Zug zu tun von
Römergrimm, der hier ins Gras biss und noch die Weinfelder düngt.
                                                                   Treve, April.
Ich schreibe Dir im Fluge, weil ich Dich künftigen Sommer bei mir haben muss, um
Dir die Schönheit und den Reiz auch meiner Gegenden zu zeigen und sie mit Dir zu
geniessen, glücklicher noch, als ich mit Dir die Lombardei an Deinem Lago genoss.
Mache Dich beizeiten auf und kehre bei meiner Tante zu Florenz ein, wo wir uns
treffen werden.
    Ich lag bei Passignano, nicht weit von meiner Wohnung, auf einer fruchtbaren
Anhöhe, wo man den See überschaut, unter hohen Ulmen und Eichen, zwischen alten
Ölbäumen und Zypressen und blühenden Wipfeln, den neuen Gesang der Nachtigallen
um mich, noch früh am Morgen; und tat nichts als hören und betrachten in Freude,
wie ein Kind ohne weitere Gedanken; doch ahndeten süsse Regungen in meinem Herzen
entzückende Dinge.
    Und sieh!
    auf einmal reitet aus dem Hohlwege, mit einem Boten voran, ein junger Ritter
hervor auf einem kastanienfarben königlichen Rosse, dem auf einem andern ein
Mohr folgt. Eine Engelsgestalt der Jüngling, wie er näher kam in rundem Hut mit
Federbusch, kurzem spanischen scharlachnen Mantel, Halbstiefeln, die vollen
Schenkel und den schlanken Leib in weiches Leder gekleidet, ein blitzend Schwert
über den Rücken an seinen Lenden und Pistolen im Sattel.
    Ich kannte das halbversteckte Gesicht und wusste mich nicht dreinzufinden.
Ist sie es, oder täusch ich mich? fuhr ich schnell auf, wie der reizende Ritter
bald bei mir war.
    Er erblickte mich, hielt ein mit lächelnder Verwundrung, sprang vom Pferde:
und Fiordimona und ich hielten uns umschlungen mit wonneglänzenden Blicken,
gierigen Seelenküssen.
    Ich schrieb ihr noch von Florenz aus; auch sie begab sich ohne weitere
Nachricht auf eins ihrer Güter in der Nachbarschaft, wovon sie mir nie etwas
gesagt hatte, und kam nun, mich zu überraschen und zu einer Lustreise abzuholen.
Zu Perugia, wo sie den Tag zuvor eintraf, sass sie gegen Morgen noch in der
Dunkelheit auf und war bei mir in wenig Stunden.
    Sie blieb nur zwei Göttertage bei mir; alles, was zu Cortona Liebe fühlen
kann, geriet schon im Vorübergehen bei ihrer Annäherung in eine solche
Feuersbrunst, dass wir uns plötzlich in der Stille davonmachen mussten, damit
meine Wohnung nicht wie Lots Haus belagert würde.
    Fiordimona veränderte ihre Kleidung in etwas, und ich gab ihr andern Hut und
Mantel, um weniger bemerkt zu reisen. Sie scherzte selbst über ihren vorigen
Putz und dass die Weiber ihn nie vergessen könnten, und so verkappten wir noch
ihre Mohrin. Ich nahm meinen jungen treuen Schweizer Häl, einen Gemsjäger aus
Wallis von den Quellen des Rhodan, mit mir; und Paar und Paar zogen wir in der
Nacht ab. Vorher schrieb ich an den Herzog eine notwendige Lüge und an meine
Tante um ein paar starke Wechsel.
    Zu Perugia weideten wir uns inniglich, nach eingenommenem Frühstück, an den
Raffaelen, welcher ihr Liebling ist, und den Werken seines Lehrmeisters. Ritten
dann die Höhen herab nach den anmutigen Tälern und über die Johannisbrücke,
worunter der Tiberstrom reissend in rauschenden wilden Fluten wegschiesst, und
hielten Mittagsrast auf dem schönen Hügel Assisi im heiligen Kloster.
    Die Nacht blieben wir in Foligno. Den Morgen darauf zogen wir durch das
reizende Tal, das an malerischen Schönheiten und Fruchtbarkeit seinesgleichen
nächst der Lombardei vielleicht nur wenig auf dem ganzen Erdboden hat, und
schieden uns bei Treve abgeredetermassen.
    Sie begab sich wieder auf ihr Gut, welches nicht weit davon liegt und wo wir
zusammenkönnen, wenn wir wollen.
    Mein Lustörtchen hat die schönste Lage der ganzen Gegend und ist an einen
runden, nicht hohen Berg die Hälfte herum gebaut, der einen weiten Olivenwald
ausmacht. Die Menschen scheinen sich wie Vögel in die Bäume mit ihren Häusern
obenhin genistet zu haben. Man übersieht von hier aus das ganze Tal von Spoleto
bis Foligno, Assisi und Perugia, und der Flecken heisst mit Recht der Balkon von
Umbrien.
    Fiordimona hat ihren Aufentalt in üppigen Gärten von Fruchtbarkeit und
Lieblichkeit bei den Quellen des Clitumnus (le Vene), die am Fuss des höchsten
Bergs im ganzen Umkreis, Campello, aus einem Felsen kommen, mit vielen uralten
Feigenbäumen bewachsen, in unzählbaren Sprüngen. Es ist ein unaussprechliches
Vergnügen, wie das klare, kristallhelle, frische gesunde Nass aufquillt, von der
Macht zu zarten Bläschen getrieben, unter dem erfreulichen Schatten, alles
innerlich sich regt und bewegt und die Fülle von selbst auf ebner Fläche
fortrinnt. Nahe dabei wallen sie in Bächen zu den Gärten Fiordimonens hinein und
drängen sich da in einen lebendigen Teich zusammen, dessen Ufer hohe Ahornen,
Pinien, Lorbeern, Reben und Haselstauden beschatten; und aus diesem strömt der
Clitunno schon ein ansehnlicher Fluss, voll schneller Forellen, so dass ich in
Italien keine so starke Quellen kenne.
    Etwa tausend Schritte davon steht ein kleiner Tempel mit korintischen
Säulen zierlich in der Ferne, obgleich aus spätern Zeiten, dem Flussgott zu
Ehren, der den Römern ihr Vieh so weiss machte. Auch haben wirklich alle Rinder
dieses Tals ein glänzendes Silberweiss und sind ausserordentlich gutartig mit
ihren ungeheuern grossen Hörnern. Der Strom, denn diesen Namen darf man ihm wohl
geben, bleibt das ganze lange Tal durch kristallhell.
    Ich gebe mich in meinem Wirtshause für einen Maler aus; und wahrlich ist da
genug zu malen und zu zeichnen an Menschen, Vieh und den Bergen mit ihren
herrlichen Formen und Tinten, wenn mir Zeit dazu übrigbliebe. Die ganze Nächte
steck ich bei Fiordimonen, und wir müssen zuweilen unsern Brand bei der heissen
Witterung in dem lieblichen See des Clitunno abkühlen, denn sie schwimmt wie ein
Fisch, von zarter Kindheit dazu angelehrt; wo wir die Schwäne von ihrem
Schlummer aufwecken, deren sie eine Herde darauf hat. Dieser König der
Wasservögel ist ihr Lieblingsvogel; und wo gibt es auch einen schönern? und ein
lockender lebendiger Bild der Lust, wenn sie ihre Hälse umflechten und vor
Entzücken leis kreischen und zusammengirren und mit ihren Flügeln schlagen, dass
der Gesang der Nachtigall davor verschwindet und zu geschwätzigem und
unaufhörlichem Getön wird. Die meisten lässt sie wild fliegen; sie kennen das
Plätzchen und kommen immer wieder.
    Morgen geht die Woche schon zu Ende, seitdem wir hier sind; Himmel, wie
schnell! Wir wollten nur einen oder zwei Tage haltmachen, aber es war gar zu
erfreulich. Sie lässt alles zurück, und die Mohrin, und begleitet mich allein.
Übermorgen in der Nacht brechen wir heimlich auf und streichen weiter; im Hause
glaubt man, dass sie nach Rom reise.
                                                                     Terni, Mai.
Ich bin im Himmelreiche! Wie ein paar kühne Adler jagen wir durch die weiten
Lustreviere! Freiheit, Quellenjugend und feurige Liebe und Zärtlichkeit!
    Gestern abend kamen wir durch den rauhen Wald und das wilde Gebirg von
Spoleto hier an, und diesen Morgen sind wir gleich nach dem neuen Sturz des
Velino in aller Frühe ausgezogen. Wir wollten ihn zuerst von oben betrachten.
    Der Weg dahin ist voll reizender Aussichten; die Berge wölben sich immer
einer höher als der andre weiter fort gen Himmel, um gleichsam dieses Paradies
ganz von der irdischen Welt abzusondern. Die Sonne ging eben auf, als wir nach
der Höhe zu ritten, gerade über dem Gebirg den Felsenriss hinein, worin eine
herrliche See von befruchtendem Taunebel in der Mitte schwamm.
    Der Wasserfall ist nun eine entzückende Vollkommenheit in seiner Art, und es
mangelt nichts, ihn höchst reizend zu machen. Ein starker Strom, der feindselig
gegen ein unschuldiges Völkchen handelte, muss sich, gebändigt durch einen tiefen
Kanal stürmend, in wilden Wogen wälzen, mit allerlei süssem lieblichen Gesträuch
umpflanzt, als hohen grünen Eichen, Ahornen, Pappeln, Zypressen, Buchen, Eschen,
Ulmen, Seekirschen, und in die greuliche Tiefe senkelrecht an die zweihundert
Fuss hinabstürzen, dass der Wasserstaub davon noch höher von unten heraufschlägt.
Alsdenn tobt er schäumend über Felsen fort, breitet sich aus, rauscht zürnend um
grüne Bauminseln, und hastig schiesst er in den Grund von dannen, zwischen
zauberischen Gärten von selbstgewachsnen Pomeranzen, Zitronen und andern Frucht-
und Ölbäumen.
    Sein Fall dauert sieben bis acht Sekunden oder neun meiner gewöhnlichen
Pulsschläge von der Höhe zur Tiefe. Das Aufschlagen in den zurückspringenden
Wasserstaub macht einen heroisch süssen Ton und erquickt mit nie gehörter
donnernder Musik und Verändrung von Klang und Bewegung die Ohren, und das Auge
kann sich nicht müde sehen.
    Fiordimona jauchzte vor Freude in das allgewaltige Leben hinein und rief
ausser sich unter dem brausenden Ungestüm: »Es ist ein Kunstwerk so vollkommen in
seiner Art als irgend eins vom Homer, Pindar oder Sophokles, Praxiteles und
Apelles, wozu Mutter Natur Stoff und Hand lieh.«
    Gewiss aber lässt es sich mit keinem andern vergleichen und ist einzig in
seiner Art; die grosse Natur der herrlichen Gebirge herum, der frische Reiz und
die liebliche Zierde der den Sturz vor dem Fall umfassenden Bäume, das einfache
Ganze, was das Auge so entzückt, auf einmal ohne alle Zerstreuung, so wollüstig
verziert und doch so völlig wie kunstlos, nährt des Menschen Geist wie lauter
kräftiger Kern.
    Wir sassen alsdenn wieder auf und ritten dem Velino oben weiter entgegen, bis
wir eine kleine Stunde vor dem Sturz an seinen See kamen, worin er sich
klarwäscht. Die Mannigfaltigkeit des Stroms von hier aus, der bald langsamere,
bald schnellere Lauf, das mit schöner Waldung eingefasste Bett überall, der See
in seiner Rundung von einem Amphiteater sich nacheinander verlierender höchster
Gebirge umlagert; alles, das fruchtbare Tal der Szene, der ehemalige Streit der
Nachbarn um ihn, macht diesen Wasserfall immer wunderbarer und ergreifender.
    Man hat ihn schon abgemalt und zeigte mir gestern bei unsrer Ankunft die
Kopie von dem Original. Aber gemalt bleibt er immer ein armseliges Fragment ohn
alles Leben, weil kein Anschauer des Gemäldes, der die Natur nicht sah, sich
auch mit der blühendsten Phantasie das hinzuzudenken vermag, was man nicht
andeuten kann. Und überhaupt ist es Frechheit von einem Künstler, das vorstellen
zu wollen, dessen Wesentliches bloss in Bewegung besteht. Tizian zeigt klüglich
allen Wasserfall nur in Fernen an, wo die Bewegung sich verliert und
stillezustehen scheint.
    Terni selbst, das Vaterland des Geschichtschreibers Tacitus, liegt äusserst
angenehm zwischen lauter Gärten. An der Nordseite erhebt sich noch ein Bogen von
Hügeln mit lustigen Landhäusern, meistens zwischen Ölbäumen, die einen kleinen
Wald ausmachen.
    Aus der Nera, worin der Velino seinen Namen verliert, werden eine Menge
Kanäle abgeleitet, die die Stadt und alles Land herum, unter immer lebendigem
Rauschen, zur höchsten Fruchtbarkeit bewässern.
    Tivoli hatte einen so grossen Reiz für die alten Römer, weil es nahe an Rom
lag, und wegen der weiten Aussicht in die Ebnen herum bis ans Meer. Es hat etwas
Feierliches, was Terni nicht hat. Aber dies hat im Grunde grössere Natur um sich
her und lässt an Fruchtbarkeit mit Tivoli gar keine Vergleichung zu; dieses ist
dürres und ödes Land meistens und Terni lauter Mark.
    Die Römer verstunden zu leben! Sie genossen den wahren Reiz von jedem und
wussten zu wählen aus tausenderlei Erfahrungen. Scipio der Jüngere wählte Terni,
dessen Landsitz man noch zeigt, der Ältere Cajeta und seine erhabne Tochter
Cornelia das Misenische Vorgebirg, welche letztern Örter wegen des Meers
freilich über alles gehen; denn nichts ist doch lebendiger als das Meer und hat
mehr Mannigfaltigkeit und Bewegung. O wie freu ich mich, das alte glückselige
Bajä bald zu finden!
    Die Terner erweisen uns alle Ehre, und dies setzt Fiordimonen nicht wenig in
Verlegenheit; sie befürchtet, erkannt zu werden; und ausserdem wollen sich ihre
mutwilligen Brüste, stolz auf ihre junge Schönheit, mit aller Kunst nicht
vollkommen verbergen lassen. Dies macht mich oft lächeln und sie erröten. Wir
begeben uns deswegen platterdings in keine sitzende Gesellschaft und sind gegen
Abend wieder nach dem Wasserfall untenhin geritten; morgen eilen wir weiter.
    Unten ist man recht der Mutter Natur im Schoss und geniesst die Höhen und
Tiefen der Erde, ihr Schaffen und Wirken und die Fülle ihres Lebens. Ein enges
Tal von neuen und äusserst reizenden Kontrasten; welsche Milde und
Schweizerrauheit vereinbart. Himmelan strebende Gebirge, donnernder Wassersturz,
hereinbrausende wilde Fluten; und daneben: die zarten Pomeranzen- und Ölbäume,
Lorbeerngänge, süsse Reben und Feigen; und mittendrin im Felsen eine Kapelle der
heiligen Rosalia, die Bildsäule der Heiligen, die auf einem weichen Lager ruht,
mit Blumen bekränzt, um sie her leisschwebende Engel.
 
                                                                Portici, Junius.
Die Freude läuft mir durch alle Glieder, dass Du mich besuchen willst; o ein
Götterjahr, dies Jahr in meinem Leben! Ich habe meiner Tante schon geschrieben,
Quartier für Dich bereitzuhalten; bei meiner Ankunft hoff ich Dich zu Florenz zu
treffen. Die nächsten Tage werden wir von hier abreisen.
    Von unsern Abenteuern hätt ich Dir so viel zu erzählen, dass ich jetzt nicht
wüsste, wo ich anfangen sollte; ich verspar es, bis wir Herzen und Seelen
mündlich gegeneinander ausschütten. O welch ein Jubel, mit Dir noch durch die
bezaubernden Plätze von Umbrien zu streichen! Fiordimona und ich sind nun völlig
ein Wesen, so zusammengeschmolzen von tausendfachem Entzücken; alles Hohe und
Schöne, Kühne und heroisch Erduldende der menschlichen Natur ist in ihr
vereinbart. Endlich werden wir denn doch noch das Band der Ehe der bürgerlichen
Ordnung wegen tragen; aber wahrlich nicht deswegen, dass es uns zusammenhalten
soll. O sie ist der glückliche Hafen aller meiner stürmischen Wünsche! Wir
kennen uns nun von innen und aussen bis auf unsre geheimsten Regungen.
    Unsre Reise war eine immerwährende Augenlust. Wir haben den Weg über Monte
Cassino genommen. Hier fühlt man erst recht die Schönheit von Italien und hat
sinnlich vor sich, wie sich der Apennin in seiner ganzen Majestät durch dessen
Mitte lagert, zur Erfrischung mit seinen luftigen und waldichten Gipfeln für den
Sommer und reizenden Tälern und Ebnen an beiden Meeren für den Winter. In weiten
Kreisen türmt sich immer ein Gebirg über das andre, und das Farbenspiel geht in
unendlichen Höhen und Tiefen durch alle Töne in süssen und furchtbaren Harmonien.
    Der heilige Benedikt hat trefflich für seine Schar gesorgt, und die Mönche
zu Monte Cassino leben wie die Fürsten. Jeder hat seine drei Bedienten, das
Kostbarste vom Lande zu essen und zu trinken und schläft in weichen Betten auf
Stahlfedern. Das übrige versteht sich von selbst; aus Vorsorge bereitete ich
meiner Fiordimona eine Krankheitsschminke und gab sie für meinen Bruder, einen
Sänger, aus, der seiner Gesundheit wegen in die Bäder von Bajä zöge. Und kaum so
sind wir durchgekommen; denn die schelmischen Faune witterten doch die blühende
Gesundheit und das Fleisch wie Mandelkern unter dem angestrichnen Gelb.
    Ihr prächtiges Kloster liegt auf einem steilen Absatze von einem der
höchsten Berge, von unten wie eine Burg des Zeus, nur dass umgekehrt von oben das
Wetter des Jahrs wenigstens ein paarmal da einschlägt, und wird in kurzer Ferne
von einem stolzen Amphiteater von Gebirgen umgeben, wo die Sonne bei ihrem
Untergang immer neue zauberische Schauspiele hervorbringt.
    Wir haben uns nur einen Tag zu Neapel selbst aufgehalten und sind gleich
aufs Land hieher gezogen, wenn man es Land nennen kann, denn Portici ist
gleichsam nur Vorstadt; bewohnen den Garten einer jungen Witwe, von Tarent
gebürtig, die mit Recht den lieblichen Namen Candida Graziosa führt, im besten
Punkt, dies wirkliche Paradies zu beschauen; denn von Neapel aus ist das
göttliche Meer zu eingeschlossen.
    Die Stadt selbst sieht man hier am wahrsten und besten; sie ist so recht ein
Sitz des Vergnügens, voll Adel, voll der lebhaftesten Menschen, rundum in
Schönheit und Fruchtbarkeit! zu strenger und erhabner Weisheit ist's fast nicht
möglich, hier zu gelangen. Zur Linken die reizende Küste von Sorrent; dann die
Fahrt nach Elysium Sizilien; dann die Insel der Freuden des Tiberius, Capri;
dann die unendlichen Gewässer breit und offen, wo sich das Auge verliert; und
daneben und darüberhin die alten Feuerauswürfe der Insel Ischia, und Procida,
und den entzückenden Strich Hügel des Pausilipp, und das Gebirg der
Kamaldolenser; welche bezaubernde Mannigfaltigkeit! Darunter wieder das Gemisch
von unzählbaren Felsenhütten von Neapel, wo eine halbe Million Menschen sich
gütlich tun; und bei uns, hinter dem schüchternen Portici, in schrecklicher
Majestät Vesuv. Ein echter wonneschäumender Becher rundum, dieser grosse
Meerbusen!
    Hier schwimmt alles und schwebt in Lust, im Wasser, am Ufer und auf den
Strassen. Die Feuermassen scheinen dies Land der Sonne näherzurücken; es sieht
ganz anders als die übrige Welt aus. Gewiss waren alle Planeten ehemals selbst
Sonnen und sind nun ausgebrannt, und Neapel ist noch ein Rest jener stolzen
Zeiten. Man glaubt in der Venus, im Merkur, einem höhern Planeten zu wohnen.
Immerwährender Frühling, Schönheit und Fruchtbarkeit von Meer und Land, und
Gesundheit von Wasser und Luft.
    Gleich die erste Woche haben wir uns mit der ganzen Gegend und der besondern
Art Menschen bekannt gemacht; und den dritten Tag schon waren wir oben auf dem
Vulkan und genossen den Anblick der höchsten Gewalt in seinem Krater, die man
auf Erdboden schauen kann. Die Risse von unten heraus, trichterförmig, gehen
über alle Macht von Wetterschlägen, auffliegenden Pulvertürmen und Einbrüchen
stürmenden Meeres. Erdbeben, die Länder bewegen wie Winde Wasserflächen, sind
dagegen nur schwache Vorboten. Man glaubt in die Wohnung der Donnerkeile wie ein
Schlangennest hineinzusehen, so blitzschnell ist alles aus unergründlicher Tiefe
gerissen, von Metall bespritzt und Schwefel beleckt: ein entzückend schauerig
Bild allerhöchster Wut.
    Sein Gipfel besteht aus lauter Schlacken; dies gibt ihm von fern eine
haarichte Riesengestalt. Dann wächst lauter Heide; und dann in der Mitte fangen
Gärten und Bäume an.
    Der Vesuv ist augenscheinlich ein uralter Berg, dessen Krater einst
zusammenstürzte, wovon die Risse noch an der Somma zu sehen sind. Alsdenn hat er
sich vom neuen durch viele Ausbrüche wieder aufgetürmt. Vorher war es ein
einziger Berg; jetzt mag er nicht so schön mehr sein, aber desto furchtbarer.
    Wir sind mehr als einmal oben gewesen, so hat uns dies Schauspiel und die
Aussicht ergötzt.
    Unser Aufentalt im Garten der Candida hat uns grosses Vergnügen gewährt,
aber auch viel von unsrer Freiheit benommen und ist Ursach, dass wir früher
zurückreisen, als wir wollten. Nebenan bewohnt einen andern die Geliebte des
Sohns vom Vizekönig, eine reizende Spanierin, kaum sechzehn bis siebzehn Jahre
alt, sogenannte Gräfin von Coimbra. Diese brennt vor Leidenschaft gegen
Fiordimonen; und Candida hat sich mit weniger Geschmack, aber besserm Instinkt
in mich und meinen jungen Bart vergafft. Beide sind wir so belagert. Coimbra ist
eifersüchtig auf mich und Candida auf Fiordimonen, und der Sohn vom Vizekönig
ward es endlich auf uns beide und schöpfte Verdacht gegen alle. Die Komödie fing
sich damit an.
    Wir kauften gleich bei unsrer Ankunft in Neapel eine Laute und Ziter zum
Zeitvertreib; und die erste Nacht in Portici hielten wir einen Wechselgesang.
Coimbra ward entzückt schon von der Stimme Fiordimonens, die, möcht ich sagen,
wie ein Arm so stark aus ihrer Kehle strömt mit aller Geschmeidigkeit und
Mannigfaltigkeit, vom leisen Lispel bis zum Sturm und in Läufen von
erstaunlichem Umfang, jeder Ton perlenrein und herzig.
    Den andern Abend hörten wir ein Lied von unsrer Nachbarin, wozu sie sich auf
einem Psalter begleitete. Ihre Stimme ist nur schwach, einfach und von wenig
vollen Tönen, aber silbern und süss von Empfindung; was sie sang, war ein
Meisterstück spanischer Poesie, und wir haben davon nur die ersten Strophen
behalten.
Quando contemplo el cielo
de innumerables luces adornado;
y miro hazia el suelo
de noche redeado
en sueño y en olvido sepultado:
El amor y la pena
despiertan en mi pecho un ansia ardiente,
despide larga vena
los ojos hechos fuente,
Oloarte, y digo al fin con voz doliente:
»Morada de grandeza
templo de claridad y hermosura,
el alma, que a tua alteza
Naciò, que desventura
la tiene en esta carcel baxa escura? -«36
Der Jüngling war vermutlich bei ihr; denn wir hörten hernach sprechen und
seufzen und Stille zu Kuss und Umarmung in der dichten Laube. Ach, es war in der
Tat ein schöner Abend! Kühlender Duft senkte sich nieder und hüllte nach und
nach das Gebirg ein, alles wurde verwischt, und Form dämmerte nur unten, indes
oben die reinen vollkommnen Sterne blinkten. Wir meinten, wir müssten uns
sogleich mit dem Liede der holden Spanierin emporheben und unsre Stelle
verlassen. Es ist unten doch alles so Nichts, wenn es nicht von dem klaren
himmlischen Licht seine Gestalt empfängt!
    Dann ging der stille Mond am wilden dampfenden Vesuv auf; dunkel lag das
Meer noch in Schatten und erwartete mit unendlichen leisen plätschernden
Schlägen seine Ankunft. Die Menschen kühlen sich ab in den Fluten, machen Chorus
und scherzen und geniessen weg ihr Dasein.
    Es ist entzückend, wie man die Erde mit sich gen Osten unaufhaltbar
fortrollen sieht und die ganze Harmonie des Weltalls fühlt!
    »Du bist glücklich, Mond«, seufzte Fiordimona; »du läufst deine Bahn ewig
fort, dein Schicksal ist entschieden!
    Ach Gott, wer wüsste, was das Licht wäre, das so schön leuchtet, und es
erkennen könnte! Es ist doch gewiss ein heilig Wesen; und tot ist es nicht, weil
es sich so schnell fortbewegt!
    O wer in den grossen Massen, Himmel und Meer und Mond und Sternen,
Frescobaldi, an Deinem liebevollen Herzen immer so schweben könnte! Was dies für
eine Ruh und Seligkeit ist! Man atmet so recht aus und schöpft mit jedem Zuge
Lust und Erquickung!«
    Denke noch zu solchen Wonnelauten, unmittelbar von ihren Quellen, Kuss und
Blick und Umarmung der Erhabnen!
    Coimbra machte hernach mit uns Bekanntschaft und redt uns zuerst an, als wir
einander auf einem Spaziergange begegneten; ein durchaus gefühlig zartes Wesen,
worin aber kühne Blitze von Leidenschaften herumkreuzen. Wörtliche
Liebeserklärung erfolgte bald, wie Fiordimona sich, zu unerfahrner Jüngling, bei
Händedruck und schmachtenden Seufzern und Blicken bezeugte. Fiordimona spielte
ihre Rolle trefflich, um sich nicht erkennen geben zu dürfen und Tätlichkeiten
bis zu unsrer Fortreise abzuhalten; und wir sind während der Zeit in der ganzen
Gegend herumgestrichen und wenig anders zu Hause geblieben, als zu schlafen. Von
Quartier wollten wir nur im höchsten Notfall ändern, wegen Anlass vielleicht zu
gefährlichen Auftritten.
    Am meisten sind wir zu Bajä, am Pausilipp und einige Tage an der Küste von
Sorrento gewesen. Von allen diesen Zaubereien mündlich weitläuftig.
    Zu Bajä ist ein Wunder der Natur an dem andern; und in der alten Römer
Zeiten war noch dabei ein Wunder der Kunst an dem andern, wovon die herrlichen
Ruinen ausser den Beschreibungen der Dichter zeugen. Was der Archipelagus sein
muss, wo das immerwährende Leben so um unzählbare Inseln herumwallt, wie hier nur
um drei oder vier! Glückliche Griechen! wenigstens zwei Drittel bewohnten und
bewohnen noch schöne Seeküsten.
    Das Grabmal Virgils, an dessen Echteit man keinen Grund zu zweifeln hat,
ist in der Tat ein rührender Winkel, der innerste Punkt des alten Partenope;
der Mittelsitz der Ruhe von der See her, die Spitze des Winkels von der Bucht.
Ich wünschte selbst an einem solchen Ort meine Asche; ohne Pomp, still, ein
kleines Gemäuer. Es liegt gerad am Pausilipp in der Höhe über der vor alters
durchgehauenen Grotte nach Pozzuolo. Die Pinien schienen allemal voll Ehrfurcht
sich zu seinem Schatten zu neigen und nur leis zu bewegen, um seinen Schlummer
nicht zu stören. Es ist schön, eine solche Stelle zu haben, wo sich die
Erinnerungen an einen grossen Menschen alle lieblich zusammensammeln!
    Das Denkmal an der mit so warmer und heller Empfindung gewählten Stätte ist
mit mancherlei Gesträuch bekränzt; Efeu und wilde Weinranken schlingen sich
überall herum; und auf der Decke selbst, wo in den vielen Jahrhunderten sich
eine Schicht Erdreich festgesetzt hat, grünt es am dichtesten. Ein Lorbeer
steigt in der Mitte stolz hervor, der nur nicht lange dauern wird, weil alle
Reisenden, Dichter, Prinzen und Damen davon abbrechen, um Anteil an dem Ruhme
des Unsterblichen zu haben.
    Man geniesst hier Neapel und den erfreulichen Meerbusen in einem der
schönsten Gesichtspunkte.
    Sorrent liegt von Bergen eingeschlossen in einem kleinen Tal, das die Form
wie ein Hufeisen hat. Es ist das bezauberndste Plätzchen des weiten Paradieses
der Gegend, wohinein das Meer noch eine besondre kleine Bucht macht. Dessen Ufer
sind hohe senkelrechte Felsen, so dass es wie auf einer Bühne sich zeigt. Man muss
aus der See eine halbe Stunde lang auf einem Wege von Terrassen hinansteigen.
Die niedlichen Häuser und Palästchen stecken in einem Gartenwald von Öl-,
Pomeranzen-, Zitronen- und Fruchtbäumen; hier wachsen die köstlichsten Melonen.
    
    Der Vesuv ist davon in seiner einfachsten, allergrössten und furchtbarsten
Gestalt zu sehen, so stolz und erhaben, dass die höchsten Alpen davor
verschwinden. Er sieht aus wie ein Wesen, das sich selbst gemacht hat, alles
andre ist wie Kot dagegen, und der Dampf aus seinem offnen Rachen ist im
eigentlichsten Verstand entsetzlich schön. An keinem andern Orte möcht ich seine
Feuerauswürfe betrachten; es muss ein wahres Bild rasender Hölle sein. Unten am
Fuss sind die Menschen mit ihren Wohnungen wie unschuldige Lämmer, die er sich
zur Beute herschleppte; und die alte Mutter, die See, zieht vergebens zärtlich
rauschend heran, sie zu retten.
    Ein entzückender Morgen, wie wir wieder Portici hinüber schifften! Ein
leichter Nebel deckte dasselbe wie eine zarte Bettdecke. Auf dem Gewässer waren
tausend Nachen, die unbesorgten Fische zu fangen, welche aus ihren Tiefen sich
dem neuen Lichte näherten. Leis wallend, wie ein unermesslicher Lebensquell,
verlor sich das Meer in ein Chaosdunkel, woraus Capri kaum sichtbar in grauem
Duft noch hervortrat. In blassem Purpur rötete sich auf den Apenninen der
Himmel, und der Vulkan atmete schrecklich der Sonn entgegen in majestätischer
Ruhe seinen schweren Dampf aus, der sich an den Seiten herabwälzt. Und nun
steigt sie empor in Strahlenglut, vollkommen und unveränderlich, der Geist ihrer
Welt, die alles mit Liebe fasst, und in ihrem Glanze spielen die Wellen.
    Was mir übrigens an Neapel doch nicht gefällt, ist, dass man weder Sonne noch
Mond und Morgen- und Abendstern im Meer auf- und untergehen sieht.
    Nachschrift: Wir müssen fort, noch heute. Coimbra brennt in lichterlohen
Flammen und drang gestern in einem herzbrechenden Briefe darauf, Fiordimona
solle sie entführen. Candida schlich sich diese Nacht, aller feinen Wendungen
überdrüssig, in mein Zimmer schier nackend und überraschte mich mit Fiordimonen,
deren Geschlecht sie erkannte. Und Häl, der so treue, dass er selbst seinen Genuss
bei dem Kammermädchen der Spanierin drangibt, verkündigt uns Mord und Tod und
die ausgestellten Wachten und Posten des getäuschten Liebhabers.
Diesen letztern Brief erhielt ich erst zu Florenz von seiner Tante, einer jungen
Witwe ohne Kinder, voll Geist und Anmut im Umgang und mannigfaltigen Reizen.
Ardinghello war noch nicht wiedergekommen bei meiner Ankunft daselbst, und sie
erteilte mir anfangs über sein Ausbleiben zweifelhafte Nachrichten von
fürchterlichen Begebenheiten, die sich hernach nur zu gewiss bestätigten. Doch
vorher etwas von mir und meiner Reisegesellschaft! Ich habe aus seinen Briefen
alles weggelassen, was meine Angelegenheiten betraf, um die Geschichte nicht zu
verwickeln und weitläuftig zu machen.
    Auch ich stand auf dem Punkte, mich zu verheuraten, als meine Geliebte von
der Seuche weggerafft wurde, die von Trient nach Verona und von da nach Venedig
kam und sich hernach durch die Lombardei verbreitete. Ich folgte nun mit Begier
der Einladung meines Freundes, um mich von den traurigen Gegenständen zu
entfernen, und sagte davon Cäcilien.
    Sie konnte gleich vor Ungeduld nicht bleiben, die Reise mitzumachen. Noch
hatt ich ihr immer nicht entdeckt, dass ich alles von ihr und Ardinghellon wusste;
ich scheute die Lage, in welche mich dies versetzen würde. Nur gab ich ihr
zuweilen von ihm Nachricht, mit Verschweigung seiner Liebesgeschichten, und sie
hatten sich auch einander selbst geschrieben, welche Briefe mir aber nicht in
die Hände gekommen waren, so dass ich nicht wusste, was für Wendungen er bei ihr
brauchte und wie sie zusammen standen. Ich mochte mich nicht mehr dreinmischen
und einem Tauben predigen, liess aber nun doch, gewissermassen dazu genötigt, der
Sache ihren baldigen Ausgang.
    Cäcilia beredete gleich ihren Vater und ihre Mutter zu einer Wallfahrt nach
Loretto. Von ihren Brüdern war einer zu Korfu, und der andre blieb zu Hause. Und
so brachen wir denn in der Geschwindigkeit zusammen auf. Sie nahm ihr Söhnchen
mit, einen kleinen Engel. Wie ein Vogel, der dem neuen Frühling zueilt, war
alles an ihr.
    »O unsern Ardinghello muss ich doch auch gleich sehen!« hiess es zu Florenz.
Das Gerücht war schon in der Stadt, dass er einen jungen Anverwandten des Papsts
ermordet und sich darauf aus dem Staube gemacht habe. Ich sagt es ihr geradezu,
damit sie bei keinem andern durch ihre Leidenschaft Verdacht erregte. »O Gott!«
war ihr Wort; und blass wie eine Lilie und verstummend begab sie sich beiseite.
Ihre Eltern befürchteten darauf, sie habe die Krankheit. Sie litt Todesqualen,
als sie ferner erfuhr, die Tat sei um Mitternacht vor dem Palaste der Fiordimona
geschehen. Die Unglückliche liebte ihn wahrhaftig, und von Grund der Seele.
    Sonderbarerweise hielt sich in demselben Gastofe Fulvia mit ihrem Gemahl
auf; sie hatten Genua wegen der bürgerlichen Unruhen verlassen, worin schon
verschiedne Edle dort ihr Leben einbüssten. Ein allgemeines Strafgericht schien
wirklich über Italien nach dem Ausspruch der Gottesgelehrten wegen seiner Sünden
und Bosheiten verhängt. Auch sie führte ihr Söhnchen, das sie aus voller
mütterlichen Liebe selbst säugte, bei sich. Eine wahrhafte Bacchantinfigur, wie
von einem griechischen Basrelief oder einer alten Gemme weg ins wirkliche Leben
gezaubert! Die Glut schlug aus ihren schwarzen Augen, und ihre Lippen schienen
berauscht zu dürsten. Auch sie musste das Gerücht von Ardinghellon erfahren
haben. Doch lief dabei noch ein andres herum: der Kardinal, Bruder des
Grossherzogs, habe den Anverwandten des Papsts ermordet, und nicht Ardinghello.
Dieser sei entwichen, vermutlich, um nicht in Verhaft genommen zu werden und die
Schuld für den mächtigen Kardinal zu büssen. So schwebten wir zwischen Furcht und
Hoffnung.
    Fulvia machte sich nach Rom auf, obgleich vor kurzem erst aus dem Kindbette
und von der von Genua nach Florenz gemachten Reise ermüdet, und wir bald ihr
nach, um an die Quelle zu gelangen. Ich ging gleich zu Demetrin, welcher von
nichts weiter etwas wissen wollte, als was jedermann sagte, ob ich ihm gleich
meine Freundschaft mit Ardinghellon aus deutlichen Proben anzeigte. So schlau
und sicher betrug er sich. Auch glaub ich, dass Ardinghellos Tante der ganzen
Begebenheit kundig war; aber beide liebten ihn schier wie sich selbst, und bei
solchen Gefahren kann man nicht genug behutsam sein.
    In Rom erfuhren wir noch, dass der Kardinal sich dieselbe Nacht, wo der
Anverwandte des Papsts sei ermordet worden, die Hände und Arme von zwei der
geschicktesten Chirurgen habe verbinden lassen, die ihm mit starken Wunden wären
verhauen gewesen. Tags darauf hab er und Fiordimona Wache vor ihr Zimmer
bekommen, seien aber bald wieder davon befreit worden; nur hätte der Papst ohne
weitere Untersuchung Fiordimonen von Rom verbannt und auf ihre Güter verwiesen.
Die Sache läge so vertuscht, und man laure Ardinghellon doch als dem Täter auf
und habe Kundschafter allerorten nach ihm ausgesandt.
    Gewissere Nachricht konnten wir nicht erhalten. Wir reisten von Rom ab nach
Loretto und hielten uns Sommer und Herbst in den Gebirgen des Apennin auf;
Cäcilia und ich mit tiefer Trauer in der Seele, dass der Kardinal unsern Liebling
heimlich möchte aus dem Wege geräumt haben. Nach und nach wurden wir vertrauter
über diesen Punkt; sie gestand mir endlich von selbst ihre Leidenschaft und
fasste Mut auf meine tiefe Treue, weinte wie ein Kind über ihre unseligen
Schicksale und dass sie endlich hatte, wo sie ihr angeschwollnes Herz erleichtern
konnte. So umschlang uns beide das Band einer vertrauten und innigen
Freundschaft.
    Endlich im November erst empfing ich einen Brief von diesem, der schon im
August geschrieben, aber von Demetri oder seiner Tante, denn von der letztern
kam er zu mir, verspätet worden war. Mir dünkte, als ob ich von einem
fürchterlichen Traum erwachte und den Glanz der Morgenröte schaute, als ich die
Züge seiner Hand erblickte.
                                                               Brindisi, August.
Meine widerwärtigen Schicksale erheben mich mehr, als dass sie mich
niederschlagen sollten; je stärker der Widerstand, desto gedrungner und
geschwellter regt sich alles in mir. Ich glaubte schon in Genuss und Ruhe zu
sein, und jetzt erst beginnen meine Arbeiten. Ich seh in ein neues Leben hin,
und das hohe Getümmel ergreift meine Sinnen. Gut, dass ich nicht wie ein Kind
hineinkomme! Das Leben des Jünglings ist Liebe, das Leben des Mannes Verstand
und Tat.
    Ach, dass ich Dich nicht noch einmal sprechen durfte! Wir kamen bei Nacht zu
Rom an; ich schickte Hälen mit meinen Pferden voraus und wollte mit Fiordimonen
auf ihr Gut alle Vene nachfahren, um uns dort zu vermählen. Sie hatte deswegen
in der Stadt verschiednes zu besorgen und mitzunehmen; aber es ist alles nun
zerstört und zerrissen. Ich versteckte mich auf die drei oder vier Tage bei
Demetrin, damit mich der Kardinal nicht wittern möchte; sie hatte mir manches
erzählt, wie er sie mit seiner Liebe verfolgte und dass sie ihn nicht leiden
könnte.
    Die zweite Nacht kam ein fürchterliches Donnerwetter ohne Regen über Rom,
und es schmetterte Schlag auf Schlag, als ob alles untergehen sollte. Statt dass
ich sonst grosse Freude an diesen Naturbegebenheiten habe und mich daran nicht
satt hören und sehen kann, wurde mir diesmal selbst bang im Herzen. Der Mensch
ist ein sonderbares Wesen und voller dunkeln Gefühle, die kein Philosoph
aufklärt; es war gewiss Ahndung dessen, was mir bevorstand. Ich warf meinen
Mantel um mich und nahm den blossen Degen auf alle Gefahr unter den Arm und ging
fort, um Fiordimonen in der schrecklichen Nacht nicht allein zu lassen; in ihrem
Palaste waren den Sommer über nur ein paar alte Bedienten und Frauen
zurückgeblieben. Sie hatte mir den Schlüssel zu einer Seitentür gegeben. Ich
eilte, und ging oft wieder langsam, und hielt im Schritt ein. Endlich kam ich in
das kleine Gässchen an den Garten, wo ihr Schlafzimmer ist, und wurde plötzlich
angefallen mit einem Dolchstoss in die Seite. Ich sprang zurück, Blitze machten
die Finsternis hell und zum Tage; erblickte den Mörder, der mir nicht ausweichen
konnte. Er rennte noch einmal auf mich zu, mich zu unterlaufen, und ich stiess
ihn auf der Stelle nieder. Bei diesem allen wurde kein Wort ausgesprochen, indes
der Donner um uns brüllte, dass die Erde dröhnte.
    Kaum war dies vorbei und ich im Begriff, den Leichnam wegzuschleppen, so
tritt eine andre verkappte Gestalt auf und setzt mit Tigersprüngen auf mich ein,
dass ich mit Not den Augenblick erhasche, mich zur Wehre zu stellen.
»Vermaledeite Brut!« hört ich die Stimme meines Kardinals, der in die
vorgehaltne Klinge mit der Brust lief, die ich bepanzert fühlte. Erstaunt und
erschrocken über alle die Folgen, tat ich nichts als ihn von mir abhalten,
gebrauchte meine ganze Stärke und war bald so glücklich, dass ich ihm den Degen
herausschlug, hieb ihn auf die Hände, womit er in Raserei mein Gewehr fassen
wollte, schonte sein Leben und lief dann davon und durch Nebenwege wieder zu
Demetrin.
    Diesem erzählt ich gleich, was geschehen war, und vertraute ihm das
Hauptsächlichste meiner Geschichte mit Fiordimonen; und sein grosser edler
Charakter erhielt hier Gelegenheit, sich zu zeigen. Er verbarg mich
unerforschlich und half mir die folgende Nacht fort, nachdem wir erfuhren, dass
der Ermordete, den wir zuerst für einen Banditen hielten, selbst Vetter des
Papsts, der jüngere B*** sei. Auch dieser war wütend in Fiordimonen verliebt, ob
sie mir gleich nie etwas von ihm gesagt hat. Meine Wunde ging nur gestreift über
die Rippen weg; das Stichblatt vom Degen im Arm hielt den Stoss auf, und wir
brauchten dazu keinen Chirurgen. Tolomei verkleidete sich mit mir in einen
Franziskaner, und so sind wir die Pontinischen Sümpfe zu Fuss durch und von Capua
durch Kalabrien nach Brindisi. Heroen, echte wie Teseus und Peritoos, wie
Orestes und Pylades, Demetri und er. O der Mensch kann gross sein in jedem
Zeitalter, und das Edle in seiner Natur bleibt immer irgendwo noch auf Erdboden!
    Fiordimona dauert mich; was kann das Feuer dafür, dass es brennt? Demetri hat
kurze Nachricht vom fernern Erfolg an Tolomein nach Brindisi gegeben, unter
andern Dingen, die er ihm meldete, dies wie im Vorbeigehen, wenn ohngefähr der
Brief sollte aufgefangen werden: sie und der Kardinal haben des Mordes wegen
Arrest bekommen. Um alles noch zu tun, was ich kann, hab ich selbst an den
Heiligen Vater geschrieben, und an den Grossherzog, und noch an den Kardinal; und
ihnen allen die Natürlichkeit und Notwendigkeit der Begebenheit und meine
Unschuld vorgestellt.
    Und nun denn hinein in die Wasserwelt; o wie klopft mir das Herz! O
Vaterland, Vaterland, dass ich dich in Ketten und Banden sehen muss und von dir
scheiden! Lebe wohl, schönes Italien, lebe wohl! Lebe wohl, Venedig, Genua und
Rom! O du warst es wert, stolzes Land, vor allen andern einmal die Herrschaft
über die Welt zu haben! Umarm und küsse Cäcilien statt meiner; das himmlische
Geschöpf wird an keines andern Brust besser aufgehoben und glücklicher sein als
der meines Freundes. Befürchtet keine Sünde; der Grösste der Halbgötter gab Iolen
mit der empfangnen Frucht seiner Liebe seinem eignen Sohne zur Gattin. Lucinde,
du allein brennst mich auf dem Herzen; aber ich will alle Verfolgungen des
erzürnten Himmels dulden, wenn ich's büssen kann.
    Lebt wohl, ihr Höhen des Apennin und ihr entzückenden Täler! wohl, du
königlicher Po, und du, Tiber und Arno! ach, und ihr klaren Quellen des
Clitumnus! Ein günstiger Wind schwellt die Segel, und ich flieg Ionien entgegen.
Ich reisse mich von Eurem Herzen, o all Ihr Lieben, um Eurer würdig zu sein.
                                                                     Ardinghello
Fiordimona war leider an allem schuld; sie mochte nun erkennen, wohin ihr
schönes System führe. Sie hatte vermutlich erst dem Neffen des Papsts Gehör
gegeben, und hatte dann dem Kardinal Gehör gegeben, und suchte beide
loszuwerden, wie sie Ardinghello mit ganz andrer Lust und Freude und Schönheit
und Inbrunst an sich fesselte; und dieser liess sich in jugendlichem Taumel von
ihren überschwenglichen Reizen fangen. Die verwegne Reise nach Neapel machte sie
wahrscheinlich deswegen, um die erstern ganz von sich abzubringen, welche
vielleicht auch den Weg zu den Quellen des Clitumnus wussten, und den Ardinghello
in aller möglichen Lust ungestört zu geniessen. Ein Weib kann seine Natur nicht
verleugnen: sie kam den folgenden Winter mit Zwillingen von beiderlei Geschlecht
nieder und fand es doch ihrem Stande gemäss, den Vater derselben als Gemahl zu
besitzen.
    Die Mohrin musste unter den heftigsten Drohungen ohne Zweifel dem Kardinal
ihre Reise mit Ardinghellon anzeigen, konnte aber nicht sagen, wohin. Und zu Rom
und alle Vene wurde voll Rache auf ihre Zurückkunft gelauert. In der
Leidenschaft hatte das zärtliche Paar seine Massregeln nicht behutsam genug
genommen.
    Ardinghello wurde allgemein bedauert, und auch Fiordimonen tadelte man nicht
sehr: sie machten miteinander das vollkommenste Paar aus, das man weit und breit
hätte finden können. Das Verständnis der letztern mit dem Neffen und dem
Kardinal liess sich durch den Ausgang nur mutmassen und blieb ausserdem im
verborgnen; ihre seltne Schönheit und hohe Naturgaben und Reichtümer sprachen
übrigens für sie, und das Geschwätz der Weiber hielt man für Neid und
gewöhnliche Lästerung. Jeder Triumph hat seine Schmählieder vom Pöbel
hinterdrein; dies ist in der Natur. Der Mann im Purpurhute schwieg hierüber
weislich und sagte nicht mehr, als was er sagen musste, ins Ohr dem Richter. Ich
habe hernach in lauter neuem Vergnügen vergessen, sie hierüber auszuforschen.
    Von den Gütern des Ardinghello wurde nichts eingezogen, der Kardinal musst es
doch gross finden, dass er sein Leben schonte, da er es in seiner Gewalt hatte;
und seine Tante übernahm deren Verwaltung, als Schwester seines Vaters. Sie
verkaufte einen Teil davon und tilgte die Schulden; der Edle hatte manchem Mann
von Talent aus der Not geholfen und in eine bequemere Verfassung gesetzt,
welches nun bekannt wurde.
    Erst den Frühling darauf erhielt ich wieder kurze Nachricht von ihm; ein
Brief war unterdessen mit einem venezianischen Schiffe verlorengegangen, das im
Sturm bei Korfu scheiterte.
                                                          Im Hafen zu Scio, Mai.
All mein Wesen ist Genuss und Wirksamkeit; heiter der Kopf, immer voll heller
Gedanken, reizender Bilder und bezaubernder Aussichten, und das Herz schlägt mir
wie einer jungen Bacchantin im ersten ganz freien Liebestaumel.
    Diagoras durchstreicht mit mir den Archipelagus, damit ich jeden
gefährlichen Pass und alle Häfen kenne. Von Smyrna sind wir ausgelaufen, den
langen Golfo durch, nach Mytileni, Tenedos, an den Dardanellen herum, nach
Stalimene, den herrlichen Posten Skyros und von hier ferner in jeden guten Hafen
der Kykladen. Jetzt sind wir an den Küsten von Asien und werden bis Rhodos, in
den Golfo von Makri segeln und von dort nach Ägypten. Die Arbeit wird mir
leicht; denn er hat von seinem Alten die trefflichsten Karten, woran wir wenig
verbessern können.
    Überall weiss mein edler Führer, wo die neuern Helenen, Aspasien und Phrynen
stecken, und hat mit mancher schon in Korsarenehe37 gelebt; Liebesgötter
umgaukeln uns, sooft wir einlaufen.
    Demetri hat einen glücklichen Geburtsort gehabt. Scio ist die schönste Stadt
aller griechischen Inseln; und die Rebenhügel und Täler und Gärten zwischen den
Gebirgen im Innern des Landes mit ihren Pomeranzen-, Zitronen- und
Granatenhainen, von klaren herabstürzenden Bächen erfrischt und belebt, sind
entzückend und bezaubernd.
    Jedoch so schön ist alles, wie Du längst weisst, unter diesem seligen Himmel;
fast immerwährender Frühling, und für die Sommerhitze kühle Nächte; dichte
Schatten, spielende Seelüfte, Menge von Quellen und Überfluss an gesunden und
erquickenden Früchten.
    Paradies der Welt, Archipelagus, Morea, Karien und Ionien, o dass ich würdig
werde, euer ganz zu geniessen!
    Die Griechen sind noch immer an Gehalt und Schönheit die ersten Menschen auf
dem Erdboden, ihre Liebe zur Freiheit und ihr Hass gegen alle Art von
Unterdrückung noch ebenso wie bei den Alten. Sobald sie nur ein wenig Luft
bekommen von der ungeheuern Masse des Schicksals, die sie drückt, wie regt sich
alles und ist Leben und Feuer! und wie halten sie an, wie blitzschnell
durchdringt ihr Verstand bei Gefahr, übersieht das Ganze und schlägt den rechten
Weg ein! Die Mainotten auf den Gebirgen von Sparta sind noch nie bezwungen
worden, sie und Montenegriner, Illyrier und Karier Helden wie ihre Urväter bei
Plataia.
    Kunst und mildere Sitten sind nur Ausbildung und machen weder eigentlichen
Kern noch Genuss aus.
    Und der Hang zur Freude, zur Lust, zu Gesang und Tanz, wie klopft er dennoch
ebenso in ihren Adern! und wie mächtig das Gefühl für Schönheit.
    O Du und Cäcilia, Ihr meine Geliebten, eilt hervor aus Euern Sümpfen!
                                                                     Ardinghello
Im Herbste schrieb er mir von Sizilien aus, in dessen Gewässern er herumkreuzte
und reiche Beute machte, am Fuss der Säule des Himmels, des stürmigen Ätna, aus
dessen hohlen Eingeweiden die lautersten Quellen unergründlichen Feuers geworfen
werden.
    Ulazal, der berühmte Kalabreser, das Schrecken der Mittelländischen See,
welcher die türkische Flotte anführte und schon verschiedenemal die Spanier
schlug, hatte ihn mit Freuden aufgenommen. Er tat sich bald hervor durch
Verstand und Tapferkeit; bekam alsdenn eine Galeere unter seine Befehle, worin
meistens italienische Renegaten und Griechen dienten; und es wurde durch
Vermittelung des Diagoras, des Sohns vom Admiral, so unter der Decke getrieben,
dass er nicht einmal seinen Glauben abschwören durfte und man dies für geschehen
annahm. Er und dieser junge Held, sein Todesbundesfreund, streiften nun jeder
mit einem kleinen Geschwader als raublüsterne Adler an den Küsten von Kalabrien,
Sizilien und Spanien herum.
    Den Winter darauf machten sie den Anfang mit Ausführung eines der kühnsten
und feinsten Plane. Der alte Ulazal und besonders sein Sohn galten alles bei dem
jungen Sultan Amurat. Diese begehrten die Inseln Paros und Naxos, um eine
italienische Kolonie hier anzulegen. Beide waren durch Krieg schier unbewohnt
geblieben. Die wenig übrigen Griechen wollte man reichlich wegen ihrer
Besitzungen entschädigen und an andre Örter verpflanzen, und zwar deswegen, weil
die Abkömmlinge ihre eigne Religion auszuüben verlangten und damit weder stören
noch darin gestört sein wollten. Es wären in diesem Jahrhundert mancherlei
Sekten unter den Christen entstanden, die sich einander bis aufs Blut hassten und
verfolgten, unter andern eine, die sich Todesleugner nennten und glaubten, dass
die Natur ein ewiger Quell von Leben und der Trieb alles Daseins Freude sei;
deren Meinungen mit der Lehre Mahomeds in wesentlichen Punkten übereinkämen. Zu
dieser hielten sich die edelsten und reichsten Jünglinge und Frauenzimmer und
hofften am ersten unter seiner Herrschaft Schutz.
    Ein Held aus ihnen, einer von ihren Anführern, habe flüchten müssen, diene
bei ihnen und verrichte seinen Grundsätzen gemäss die tapfersten Taten. Eine
Menge würde diesem nachfolgen, wenn sie Sicherheit für ihre Personen und ihr
Eigentum wüssten. Der grosse Vorteil für sein Reich dabei wäre augenscheinlich;
ausserdem dürften wohl wenige Muselmänner an Feuer im Gefecht gegen die
sogenannten Ortodoxen ihnen gleichkommen.
    Amurat wollte den Ardinghello sehen.
    Dieser trat auf in männlicher Jugend und Schönheit, kühn, als ob er selbst
ein Sultan wäre, und gefällig wie vor einer Semiramis. Sie sprachen
Neugriechisch miteinander, und Amurat blieb von ihm bezaubert; sie waren schier
von gleichem Alter, und Ardinghello schmeichelte lieblich und mächtig seiner
geheimsten Denkungsart.
    Sie erhielten, was sie wollten.
    Ardinghello schrieb gleich an Demetrin, den er bei seiner Schwäche fasste.
Jeder Mensch, auch der festeste Charakter, hat seinen Grad von Schwärmerei; die
reinste Vernunft so wie die geringste Insektenseele, ihre Ebbe und Flut unter
dem Mond. Und sandte geheime sichere Werber aus nach Venedig, Genua, Florenz mit
starken Summen zu Reisegeldern. Er kannte die vortrefflichste Jugend in allen
diesen Städten, und sein Name schon allein war genug Verführung.
    Den neuen Frühling bewegte sich alles in den lustigen Inseln. Sie
befestigten zuerst die Häfen von Paros und machten besonders den Hafen Nausa, wo
die grössten Flotten sicher liegen, ganz unüberwindlich. Demetri kam bald mit
zwei Schiffen voll jungen tapfern Römern und blühenden Römerinnen in den
zauberischen Gegenden seiner Geburt an, und Künstlern: Architekten, Bildhauern,
Malern, äusserst missvergnügt vorher über ihren Lebenswandel, und hatte seinen
Abzug mit wunderbarer Klugheit bewerkstelligt.
    Sie brachen Marmor in den reichen Gängen des Bergs Kapresso zu Tempeln,
öffentlichen Palästen mit Versammlungshallen; das alte Aten unter dem Perikles
schien wieder aufzuleben. Und es lebte wirklich und verklärt auf. Nach Vertrag
und Übereinkunft mit dem Ardinghello und Diagoras predigte Demetri erst
insgeheim Auserwählten seine neue Religion; die mehrsten andern fielen hernach
diesen bald bei, und endlich alle. Tolomei tat Wunder mit seiner Schönheit und
einschmeichelnden Zunge. Wir waren meistens lauter unbefangne Jugend.
    Ein neues Panteon wurde der Natur aufgeführt, ein Tempel der Sonne und den
Gestirnen, ein Tempel der Erde, ein Tempel der Luft und einer auf einem
Vorgebirg in die See hin tronend dem Vater Neptun, und dann noch ein Labyrint
angelegt von Zedern und Eichen zur künftigen schauervollen Nacht für Zweifler
dem unbekannten Gotte. Der Tempel der Erde, der Tempel der Luft und das
Labyrint kamen nach Naxos, der Tempel der Erde in ein entzückendes Tal.
    Während der Zeit hatte Fiordimona den grössten Teil ihrer Güter zu Gelde
gemacht und überraschte mit einem kleinen Kastor und einer kleinen Helena den
glücklichen Ardinghello; sie ward von der Coimbra begleitet, die sich mit List
und Gewalt zu Neapel mit ihr einschiffte, und einer auserlesnen Schar.
    Ich konnte Cäcilien nicht länger widerstehen, ihrem Gram und Kummer. Sie
schien dieselbe nicht mehr, die sie bei den grossen Szenen ihres Lebens war; aber
eben dies machte sie mir immer liebenswürdiger. Nach dem Tode meiner Braut und
unsrer Reise glaubte man in Venedig allgemein bei unserm vertrauten Umgange, und
selbst ihre Brüder und Eltern, dass wir uns bald vermählen würden. Sie verkaufte
unter allerlei Vorwand ihre reichsten Güter; wir segelten, wie zu einer
Lustreise, aus der alten Residenz des heiligen Markus nach Ancona, schifften uns
dort ein nach Smyrna und kamen auch an. Welch ein Auftritt, Ardinghello, sie und
ich! So hat die Freude ihren Nektarrausch noch in wenig Herzen ergossen.
    Alles ging nach Wunsch, nur Fulvia war unglücklich. Sie flüchtete auf einem
Schiffe Genueser, dem man nachsetzte. Es kam bei dem Golfo von Tarent zu einem
mörderlichen Gefechte, wo sie die volle Ladung eines Mörsers traf und in
Trümmern zerfleischte. Die jungen Helden schlugen sich jedoch durch und langten
an, und brachten zugleich die Nachricht: Lucinde sei zu Lissabon, vermählt mit
dem Florio Branca, welchen der König zum obersten Admiral seiner ganzen
Schiffahrt gemacht habe.
    Gabriotto band dem Ardinghello nichts auf, als er ihm erzählte, ein
portugiesischer Prinz sei der wahre Vater von Lucinden. Dieser war vor kurzem
auf den Tron gestiegen und liess nun die provenzalische Frucht seiner Liebe
aufsuchen, weil er mit seiner Gemahlin ohne Kinder blieb. Und Lucinde kam schon
vorher in der klösterlichen Einsamkeit wieder zu sich von ihrer Leidenschaft,
wofür sie genug gebüsst hatte, und liess ihren wohl grösstenteils verstellten
Wahnsinn. Sie ward wie im Triumph mit einem prächtigen Schiff unter Bedeckung
von andern abgeholt. Die Grossen des Reichs lagen der himmlischen Schönheit bald
zu Füssen; aber das edle Herz wählte seine erste Liebe.
    Ihre Ehe war äusserst glücklich; sie zeugten viel Söhne und Töchter, von
welchen jene der Vater zu Helden bildete und diese die Mutter durch ihr
unvergleichliches Beispiel zu trefflichen Wirtschafterinnen und frommen,
zärtlichen und keuschen Frauen.
    Ardinghellon war ein ander Los beschieden, eine andre Glückseligkeit, von
mancherlei Stürmen und Gefahren durchwütet.
    Mazzuolo brachte mit einem starken Trupp Florentinern Emilien noch in seine
Arme, und er schien für jetzt Mahomed im Paradiese bei lebendigem Leibe.
    Demetri ward zum Hohenpriester der Natur von allen einmütig erwählt.
Ardinghello zum Priester der Sonne und der Gestirne, Diagoras zum Priester des
Meers. Fiordimona zur Priesterin der Erde und Cäcilia zur Priesterin der Luft.
Coimbra und ich pflegten und warteten das Labyrint.
    Demetri und Ardinghello und Fiordimona setzten Gesänge auf aus dem Moses,
Hiob, den Psalmen, dem Hohenlied und dem göttlichen Prediger; und aus dem Homer,
dem Plato und den Chören der tragischen Dichter und ihrer eignen Begeistrung im
Italienischen für sich und die andern Priester und Priesterinnen und die
Gemeinde, und erfanden heilige Gewänder in echter alter ionischer Grazie und
Schönheit. Und die Feierlichkeiten ergriffen bei dem Reize für Aug und Ohr noch
mit den starken Bildern aus wirklicher Natur den ganzen Menschen, dass alle
Nerven harmonisch dröhnten wie Saiten, von Meistern gespielt, auf wohlklingenden
Instrumenten. Alles leere Pöbelblendwerk ward verworfen, und wir wandelten in
lauter Leben.
    Darauf richteten wir unsre Staatsverfassung ein nach Rom und Griechenland
und studierten fleissig dabei die Republik des Lykurg, des Plato, die Politik des
Aristoteles, und den Fürsten vom Machiavell, um uns vor diesem zu bewahren.
Platons doppelten Bürgerstand, wo die eine Klasse die Ehrenstellen haben und die
andre den Ackerbau treiben soll, vermieden wir weislich, behielten aber die
Gemeinschaft der Güter gegen den Aristoteles. Der Haufen Übel, den wir dadurch
verbannten, war allzu gross, und der scharfsinnige Prüfer aller zu seiner Zeit
bekannten Republiken schien uns hierin die Vorurteile der Erziehung nicht genug
abgelegt zu haben. Inzwischen fand noch immer Eigentum statt, nämlich
öffentliche Belohnungen; und jedem blieb, was er mit sich brachte, bis ans Ende
seiner Tage.
    Ferner waren die Weiber nach dem erhabnen Schüler des Sokrates, jedoch auch
nur gewissermassen, gemeinschaftlich, und so die Männer; das ist: jedes hatte
völlige Freiheit seiner Person, und alle Gewalttätigkeit wurde hart bestraft.
Für gute Ordnung war dabei wohl gesorgt; Männer und Weiber wohnten voneinander
abgesondert. Den Weibern und Kindern überliessen wir ganz Naxos, die schönste
Perle aller Inseln, von den Alten schon wegen ihrer Fruchtbarkeit und
Lieblichkeit das kleine Sizilien genannt. Ihr Wein und ihre Früchte haben an
Köstlichkeit ihresgleichen nicht auf dem weiten Erdboden. Schade nur, dass sich
jener nicht verführen, nicht einmal auf die See bringen lässt, ohne sogleich zu
verderben. Wahrer Nektar, dem Himmel unentwendbar! Alles schien für uns, von der
Natur selbst, schon vorherbereitet. Naxos hatte keinen Hafen für Schiffe, nur
die Barken der Verliebten können anländen: hingegen Paros deren fünf, rundum
einen immer schöner als den andern.
    Für die Jugend, bevor sie mannbar ward, hatte man noch andre Einrichtungen
getroffen.
    Auch die Weiber hatten Stimmen bei den allgemeinen Geschäften und wurden
nicht als blosse Sklavinnen behandelt, doch nur zehn Prozent in Vergleich mit den
Männern. Fiordimona, die unbegreiflich allein - wer kann des Menschen Charakter
fassen? - dem Ardinghello treu blieb, hatte dies durchgesetzt, wie noch andres
Amazonenhafte für ihr Geschlecht; dass sie zum Beispiel auch Schiffe ausrüsteten
und auf Streifereien ausliefen. Sie waren Mitglieder vom Staat, obgleich die
schwächern; und ihnen blieb das Recht, gut oder nicht gutzuheissen, besonders was
sie selbst betraf.
    Übrigens war immer der Hauptunterschied, dass die Männer erwarben und sie
bewahrten.
    So schwang die Liebe in allerhöchster Freiheit ihre Flügel; jedes beeiferte
sich, schön und liebenswürdig zu sein, und konnte sich weder auf Geld und Gut
noch Pflicht und Schuldigkeit verlassen. Was die Bevölkerung betraf, wollten wir
uns in der Folge nach dem Spartaner richten, von welchem die erstaunte
Priesterin zu Delphi nicht wusste, ob sie ihn als Sterblichen oder Gott begrüssen
sollte; die Kinder gehörten dem Staate, und der Tod dünkte uns bei weitem nicht
das grösste Übel.
    Kurz, wir vermieden alle die Unbequemlichkeiten, die Aristoteles und zum
Teil schon Aristophanes in seiner weiblichen Volksversammlung bei solchen
Einrichtungen berühren.
    Um jeden Tempel, auf Bergen und Anhöhen, mit den Aussichten auf die
reizenden Inseln umher, war ein schöner Hain gepflanzt, bestimmt noch ausser
Festen zur Erziehung der Jugend. Nebenan führte man nach und nach Gymnasien auf.
Wir hielten die Übung des Körpers für die Hauptsache, welcher alsdenn die
Bildung des Geistes durch zweckvollen Unterricht und im Umgange leicht
nachfolgt. Alle Tugenden und Künste müssen sich allemal nach dem gegenwärtigen
Staate richten, wenn sie wirken und Nutzen bringen sollen, oder überhaupt jede
Tugend nach der Person.
    Binnen wenig Jahren hatten wir schon alle Kykladen im Besitz und starken
Einfluss auf dem festen Lande. Bei den Griechen, fast durchgehends heitern
Sinnes, rotteten wir in gesellschaftlichen Gesprächen bald den Aberglauben aus
und verschaften ihren Geistlichen auf anständigre Weise Unterhalt. Die Türken,
die sich um uns, mitten im Meer, wenig bekümmerten, liessen wir in der Meinung,
die verschiednen Tempel seien nur für verschiedne christliche Heiligen, als für
den Heiligen des Feuers, der Wasser, der Lüfte. Überhaupt herrschte über diesen
Punkt, die Fortpflanzung, und andre bei uns unerhörte Verschwiegenheit; wir
schienen durchaus ein Orden dieser Tugend. Auf allen Fall hielten wir uns des
Schutzes vom Sultan für versichert.
    Wir machten uns die gesellschaftlichen Bürden so leicht wie möglich zu
ertragen und genossen alle Wonne dieses Lebens unter dem milden Himmelsstrich
bei den erspriesslichen und allgemein beliebten Gesetzen; und das Ganze fügte
sich immer lebendiger zusammen und wuchs zur reifen Schönheit durch neue
auserwählte Ankömmlinge, worunter sich die schönste und heldenmütigste
griechische Jugend aus beiderlei Geschlecht befand, die wir mit Behutsamkeit in
unsern Geheimnissen einweihten. Kriegerische Schiffahrt und Handlung zwischen
Kleinasien, dem Schwarzen Meer und den westlichen Ländern, und höchste Freiheit,
süsses Ergötzen und frohe Geschäftigkeit im Innern, darauf zweckte alles; durch
jene erhielten wir Sicherheit und verdienten Schutz, und durch beides gewannen
wir Sklaven und Sklavinnen und Überfluss an allen Bequemlichkeiten. Bei aller
dieser Seligkeit glaub ich jedoch, dass auf dem ganzen Erdboden kein andrer Platz
war, wo man sich so wenig vor dem Tode scheute.
    Jeden Frühling war allgemeine Versammlung, worin wir die nötigen neuen
Einrichtungen oder Abänderungen für das ganze Jahr trafen; sie wurde mit
feierlichen Spielen und Lustbarkeiten beschlossen.
    Kurz, wir kamen beieinander, so verschieden auch mancher vorher dachte, in
folgenden Grundbegriffen überein: Kraft zu geniessen, oder, welches einerlei ist,
Bedürfnis, gibt jedem Dinge sein Recht, und Stärke und Verstand, Glück und
Schönheit den Besitz. Deswegen ist der Stand der Natur ein Stand des Krieges.
    Das Interesse aller, die sich in eine Gesellschaft vereinigen, bildet darauf
Ordnung, stiftet Gesetze und innerlichen Frieden; alles richtet sich dabei, wie
bei jedem andern lebendigen Ganzen, immer nach den Umständen.
    Der beste Staat ist, wo alle vollkommne Menschen und Bürger sind; und diesem
folgt, wo die mehrsten es sind. Hier wird kein Nero gedeihen! Derjenige Mensch
und Bürger ist vollkommen, welcher seine und seines Staats Rechte kennt und
ausübt.
    Jedes hat fürs erste das Bedürfnis zu essen, zu trinken, mit Kleidung und
Wohnung sich zu schützen und zu sichern, die Wahrheit von dem Notwendigen
einzusehen und, wenn es mannbar ist, das der Liebe zu pflegen. Vermag es nicht,
sich dieses friedlich zu verschaffen, so darf es dazu die äussersten Mittel
brauchen; denn ohne dasselbe erhält es weder sich noch sein Geschlecht.
    Auf gleiche Weise geht es hernach mit den Bequemlichkeiten und Freuden des
Lebens. Ein armer schwacher Staat mag sich an den ersten rohen begnügen; allein
dieses ist zur Glückseligkeit nicht hinlänglich. Der starke und tapfre hat zu
mehrerm Recht, eben weil er weitre Bedürfnisse hat. Das beste Instrument gehört
dem besten Virtuosen, das königlichste Ross dem mutigsten und geübtesten
Bereiter. Land für Temistoklesse und Scipionen, für Praxitelesse und Horaze
keinen Mönchen und Barbaren.
    Wirkliche (nicht bloss eingebildete und erträumte) Glückseligkeit besteht
allezeit in einem unzertrennlichen Drei: in Kraft zu geniessen, Gegenstand und
Genuss. Regierung und Erziehung soll jedes verschaffen, verstärken und
verschönern.
    Der Krieg richtet greuliche Verwüstungen an, es ist wahr; bringt aber auch
die wohltätigsten Früchte hervor. Er gleicht dem Elemente des Feuers. Es ist
nichts, was den Menschen so zur Vollkommenheit treibt, deren er fähig ist. Das
goldne Jahrhundert der Griechen kam nach den Schlachten gegen die Perser. Das
goldne Jahrhundert der Römer war mitten unter ihren Bürgerkriegen, und ihr Geist
fing an zu erschlaffen bei dem langen Frieden unter Augusten. Florenz ragt in
den neuern Zeiten hervor bei innerlichem Tumult und Aufruhr.
    Die höchste Weisheit der Schöpfung ist vielleicht, dass alles in der Natur
seine Feinde hat; dies regt das Leben auf! Sterben ist nur ein scheinbares
Aufhören und kömmt beim Ganzen wenig in Betrachtung. Alles, was atmet, und wenn
es auch Nestor wird, ist ohnedies in einer kurzen Reihe von Tagen nicht mehr
dasselbe.
    Ruh und Friede ist ein herrlicher Stand, zu geniessen und sich zu sammeln;
aber der Mensch, ohne gereizt zu werden, träge, versinkt dabei in Untätigkeit.
Besser, dass immer etwas da ist, das ihn aus seinem Schlummer weckt. Wir sollen
einander bekriegen, weil kein höher Geschöpf es kann.
    Was das ganze menschliche Geschlecht betrifft, durch Meere und Gebirge und
Klima, durch Sitten und Sprachen abgesondert, welcher Kopf will es in Ordnung
bringen? Die Natur scheint ewig wie ein Kind in das Mannigfaltige verliebt und
will zu jeder Zeit deswegen rund um die Erdkugel Skyten, Perser, Aten und
Sparta.
    Das besondre Geheimnis unsrer Staatsverfassung, welches nur denen anvertraut
ward, die sich durch Heldentaten und grossen Verstand ausgezeichnet hatten,
bestand darin: der ganzen Regierung der Türken in diesem heitern Klima ein Ende
zu machen und die Menschheit wieder zu ihrer Würde zu erheben. Doch vereitelte
dies nach seligem Zeitraum das unerbittliche Schicksal.
 
                                    Fussnoten
1 Es würde allzu weitläufig sein, die hier berührten Punkte der venezianischen
Geschichte im Zusammenhange zu erzählen; wer sie noch nicht wissen sollte, kann
leicht anderswo davon Nachricht finden.
2 Man stosse sich nicht an diese jugendlichen Ausfälle auf die römischen und
florentinischen Schulen; in der Folge wird sich alles deutlicher entwickeln.
Inzwischen liegt schon Wahres hier zum Grunde. Es ging dem jungen Mann wie
allen, die in zu strenger Lehre standen: sobald sie in Freiheit kommen,
verabscheuen sie das Joch. Allein treffliche Naturen bequemen sich nach und nach
wieder zu dem Guten, was es mit sich brachte.
3 Sirmio, Augapfel aller Halbinseln und Inseln, die der Gott der Wasserwelt in
süssen Seen und dem ungeheuren Meer umfasst.
4 Du wirst sagen, dass jene Menschen, diese Götter erbaut haben.
5 In der Folge wird man den Begriff von Schönheit allgemeiner und richtiger und
nicht mehr so jugendlich sinnlich finden.
6 ... der wie ein Meer aufsteigt in rauschenden Fluten.
7 Bei unsern teutschen Übersetzungen ist dies jedoch der Fall nicht; und wir
haben recht, einzelne Namen zum Beispiel so echt altgriechisch dem Laute nach zu
übertragen, als wir zu bestimmen imstande sind. Der Laut h wird inzwischen immer
schwer mit einem Zeichen vollkommen richtig zu bestimmen sein, da ihn
wahrscheinlich schon die Alten verschieden aussprachen; nämlich nachdem die zwei
Vokalen waren, die er ausdrückte. Die neuern Griechen machten es nach und nach
damit wie die Engländer mit ihrem ee und ea und ergriffen endlich noch eine
festere Partie. Auch ist der Übergang von ee und ea in i den Sprachorganen
leichter und natürlicher, als es auf dem Papiere aussieht. Den Neugriechen
klingt ausserdem hira oder hiri, aphroditi und so fort so zärtlich, weiblich und
lichtvoll als uns cidli, silli und dergleichen. Auf ähnliche Weise ändern die
Sizilianer das Toskanische um. Über Wohlklang eines Vokals vor dem andern lässt
sich im allgemeinen nichts entscheiden; es kömmt auf jedes Wort selbst, den
Gebrauch und das Ohr des Volks an. Was uns fremd lautet bei allen andern
Nationen, lautet ihnen nicht fremd.
8 Fu amata dal Cosmo suo padre, di maniera, che era voce per la città, che egli
avesse commercio carnale seco, sagt eine florentinische Handschrift aus der
damaligen Zeit hierüber.
9 Man erinnere sich hier, dass Poesie in Italien so gemein war und noch ist, dass
Handwerksleute Homerische Fabel und Mytologie kennen.
10 Mare senza pesce, donne senza vergogna, Uomini senza fede; hat vermutlich
seinen Ursprung aus Venedig, der natürlichen Feindin von Genua.
11 Bianca war die Tochter eines venezianischen Edelmanns, Bartolomeo Capello.
Dessen Palast gegenüber hatte das Haus Salviati zu Florenz eine Bank und darin
zum Kassierer den Pietro Bonaventuri. Dieser verliebte sich in ihre aufblühende
Schönheit, selbst jung und wohlgebildet, und klug und kühn, obgleich unter ihrem
Stand und ohne Vermögen. Sie glaubte, er selbst habe Anteil an der Bank, und gab
seiner Leidenschaft unter Versprechung der Ehe Gehör, schlich sich oft des
Nachts zu ihm und kehrte vor Anbruch des Morgens wieder zurück. Einst, da sie
auch die Tür von ihrem Hause angelehnt hatte, kam, wie damals in Venedig
gewöhnlich, früh der Bäcker an die Fenster, um den Mägden zu sagen, dass der
Backofen für den Brotteig geheizt wäre, und zog die Tür zu, in der Meinung, es
sei gestern nachts vernachlässigt worden. Bianca war mit ihrem Geliebten
eingeschlummert, und beide hatten sich verschlafen. Sie fand die Tür
verschlossen, ohne zu wissen, wie es zuging, und erschrak. Eine alte Vertraute
hörte weder auf Pfeifen von Bonaventuri noch Rufen. Sie trug die Frucht der
Liebe schon unter ihrem Herzen; auf freie Einwilligung ihrer Eltern durfte sie
nicht hoffen: Bonaventuri musste mit ihr plötzlich sogleich nach Florenz
durchgehen, wo sie zu Anfang ein kümmerlich Leben führte und die niedrigsten
Arbeiten beim Vater ihres Gatten verrichtete; sie hatten sich nun vermählt. Hier
wurde hernach der junge Herzog gegen sie entzündet, als er ihre Reize von
ohngefähr auf einem Spazierritt am Fenster erblickte; und sein Hofmeister
Mondragone, ein Spanier, und dessen Frau machten die Unterhändler. Der neue
Liebhaber ernannte den Bonaventuri zum Guardaroba maggiore und schenkte ihm
einen prächtigen Palast in Via Maggio, wo er mit der Bianca in allem Überfluss
lebte. Als dieser aber sich bald zu übermütig betrug, so liess ihn der Herzog bei
Nacht auf der Strasse ermorden, wo er sich noch lange wehrte. Ihr einzig Kind,
eine Tochter mit Bonaventuri, wurde mit Ulyss Bentivoglio verheiratet und reich
ausgestattet. Keine zwei Monate nach dem Tode der Johanna von Österreich, seiner
Gemahlin, (einige Jahre nach dem gegenwärtigen Lauf dieser Geschichte) vermählte
sich der Herzog mit Biancen in geheim; welches er ein Jahr darauf allen Höfen
bekanntmachte. Nach Venedig sandt er den Grafen Sforza von Santa Fiore: und sie
läuteten alle Glocken der Stadt, brannten die Kanonen ab und erklärten die
Bianca für vera e particolar figliola della Republica; e cio in considerazione
di quelle preclarissime e singolarissime qualita, che degnissima la fanno di
ogni gran fortuna. Das ist: erklärten sie für eigentliche und vorzügliche
Tochter der Republik; und dies in Betrachtung der glänzenden und
ausserordentlichen Eigenschaften, die sie vollkommen würdig jedes Trones
machten.
                                   Sie wurde darauf als Tochter von Sankt Markus
                                       noch einmal ihm öffentlich angetraut. Aus
                                               einer gleichzeitigen Handschrift.
12 Epicharmos; Traue nicht! sagt er, dies ist alles Gelenk der Klugheit.
13 Bruder des Grossherzogs.
14 Platoni artifices disserendi, non interpretes naturae aut doctores
sapientiae, war damals die Meinung.
15 Vielleicht sprach Poussin bei dieser Gelegenheit das folglich höchst
einseitige Urteil aus, dass Raffael gegen die Antiken ein Esel wäre; denn was
möchte sonst er selbst sein?
16 Hieron beim Xenophon spricht darüber anders aus Erfahrung.
17 Kyropädie, 8. B., 8. K.
18 Die Seiten sind hier und überall immer nach dem Bilde genommen.
19 Poussin hat es auch oft genug kopiert.
20 Nebst einigen Überbleibseln in Griechenland, die damals noch nicht bekannt
waren.
21 Religion selbst kömmt nach dem Cicero her von relegere, dem fleissigen Lesen
dessen, was über den Götterdienst war festgesetzt worden. Die dies taten, hiessen
religiosi.
22 Seine Lehre findet man kurz beisammen in folgenden Worten des Plato: tn ton
allon apanton pysin, oy pisteieis' Anaxagora, noyn kai pyxhn einai tn
diakosmoysan kai exoysan. Kratylos
23 Sieh eben seinen Kratylos.
24 Das System des Preussen Kopernikus wurde am spätesten im Kirchenstaate
angenommen, und Galilei war zu dieser Zeit kaum geboren. Man kann das Folgende
für eine Prophezeiung auf ihn halten.
25 Ich habe dieses jugendliche Gespräch eine Streiferei in die Metaphysik
damaliger Zeit, wo Aristoteles noch auf dem Trone sass, des Zusammenhanges wegen
nicht ausgelassen. Wohl uns, wenn wir ein paar Jahrhunderte höher stehen! Ein
Barbar aus Preussen, einer von der Temse hätte schon den tiefsinnigsten Griechen
viel vergeblichen Kopfbrechens ersparen können.
26 Auch einige Alten hatten diese Idee; vom Licht käme das Auge, von der Luft
das Ohr her, vom Wasser Geruch und Geschmack und von der Erde das Gefühl.
27 Im Griechischen, was hier im Original gebraucht wird, von schwimmen.
28 Über Pro und Contra in diesen Dingen sind wir jetzt durch gründlich denkende
Männer, die es sich zum Hauptgeschäfte machten, besser im klaren. Demetri hat
die Idee des Xenophanes (damals in Rom, wie es scheint, noch ziemlich
unbekannt), die schon längst vor diesem da war und in den neuern Zeiten (nach
dem Cartesianischen Beweise) in Europa, mit bewunderten Systemen darüber,
allgemein angenommen wird, auf seine Art behandelt. Ich wollte nichts daran
umändern und den ersten rohen Entwurf lassen, weil es immer wenigstens ein
künstlerisches Vergnügen macht, auch des Geringsten eignen Gang wahrzunehmen.
29 Das Intelligibile, wie Leibniz in seiner Verteidigung der Dreieinigkeit, per
nova reperta logica, sagt; so wie Gott der Vater das Intellectivum und der
Heilige Geist, der von beiden ausgeht, die Intellectio.
30 Das Scharfsinnigste gegen das formlose Wesen findet man kräftig dargestellt
im ersten Buche des Lucrez, an welchen Demetri und Ardinghello bei ihrer
Unterredung nicht gedacht zu haben scheinen. Sein Nihilum ist gerade dasselbe.
31 Syme ist das Vaterland der Untertaucher in der Levante, eine kleine Insel mit
einer Stadt bei Rhodi, dem grossen Magazin der türkischen Seemacht. Niemand
erhält das Bürgerrecht, ohne vorher Beweise seiner Geschicklichkeit im
Untertauchen gegeben zu haben. Hernach werden sie in die Häfen weit und breit
herum verschrieben und untertauchen. Gleichsam Akademien und Hallen von
Metaphysikern; nur dass sie bei ihrer auch gefährlichen Kunst glücklicher sind
und öfter Verlornes ergründen und fest packen als Plato und Leibniz.
32 Eine gleichzeitige handschriftliche Chronik meldet dabei, jeder habe gesagt:
che bisognava aver rimediato prima, che il padre, e il Granduca Francesco, il
Cardinale, & altri suoi fratelli si servissero del mezzo suo per cavarsi le
lor voglie, e con le altre donne della cità menandola tutta notte fuori vestita
da Uomo, e voler poi, ch'ella fusse stata santa senza il marito. Und macht den
Beschluss mit ihr, nachdem sie von den andern schier ein gleiches erzählt hat: e
questo fu il misero fine delle figliole del Duca Cosmo de Medici.
33 Blutbrücke.
34 Knochenberg.
35 Das Mordloch.
36 Wenn ich den Himmel betrachte, mit unzählbaren Sternen ausgeziert, und nieder
auf den Boden schaue, von Nacht umgeben, in Schlaf und Vergessenheit begraben:
So erwecken Kummer und Liebe in meiner Brust eine heisse Bangigkeit, und die
Augen, zu Quellen geworden, vergiessen einen Bach von Tränen, Oloarte, und ich
sag endlich mit klagender Stimme: »Aufentalt der Herrlichkeit, Tempel der
Klarheit und Schönheit, welch ein böses Schicksal hält die Seele, für deine
Höhen geboren, in diesem tiefen dunklen Kerker? -«
37 Ist in den griechischen Häfen so im Gebrauch, wie bei den Engländern die
Soldatenehe.
 
    