
        
                             Johann Wolfgang Goete
                         Die Leiden des jungen Werter
 Was ich von der Geschichte des armen Werter nur habe auffinden können, habe ich
mit Fleiss gesammelt und lege es euch hier vor, und weiss, dass ihr mir's danken
werdet. Ihr könnt seinem Geist und seinem Charakter eure Bewunderung und Liebe,
seinem Schicksale eure Tränen nicht versagen.
    Und du gute Seele, die du eben den Drang fühlst wie er, schöpfe Trost aus
seinem Leiden, und lass das Büchlein deinen Freund sein, wenn du aus Geschick
oder eigener Schuld keinen nähern finden kannst.
 
                                  Erstes Buch
                                                                 Am 4. Mai 1771.
Wie froh bin ich, dass ich weg bin! Bester Freund, was ist das Herz des Menschen!
Dich zu verlassen, den ich so liebe, von dem ich unzertrennlich war, und froh zu
sein! Ich weiss, du verzeihst mir's. Waren nicht meine übrigen Verbindungen recht
ausgesucht vom Schicksal, um ein Herz wie das meine zu ängstigen? Die arme
Leonore! Und doch war ich unschuldig. Konnt' ich dafür, dass, während die
eigensinnigen Reize ihrer Schwester mir eine angenehme Unterhaltung
verschaften, dass eine Leidenschaft in dem armen Herzen sich bildete? Und doch -
bin ich ganz unschuldig? Hab' ich nicht ihre Empfindungen genährt? hab' ich mich
nicht an den ganz wahren Ausdrücken der Natur, die uns so oft zu lachen machten,
so wenig lächerrlich sie waren, selbst ergetzt? hab' ich nicht - O was ist der
Mensch, dass er über sich klagen darf! Ich will, lieber Freund, ich verspreche
dir's, ich will mich bessern, will nicht mehr ein bisschen Übel, das uns das
Schicksal vorlegt, wiederkäuen, wie ich's immer getan habe; ich will das
Gegenwärtige geniessen, und das Vergangene soll mir vergangen sein. Gewiss, du
hast recht, Bester, der Schmerzen wären minder unter den Menschen, wenn sie
nicht - Gott weiss, warum sie so gemacht sind! - mit so viel Emsigkeit der
Einbildungskraft sich beschäftigten, die Erinnerungen des vergangenen Übels
zurückzurufen, eher als eine gleichgültige Gegenwart zu ertragen.
    Du bist so gut, meiner Mutter zu sagen, dass ich ihr Geschäft bestens
betreiben und ihr ehstens Nachricht davon geben werde. Ich habe meine Tante
gesprochen und bei weitem das böse Weib nicht gefunden, das man bei uns aus ihr
macht. Sie ist eine muntere, heftige Frau von dem besten Herzen. Ich erklärte
ihr meiner Mutter Beschwerden über den zurückgehaltenen Erbschaftsanteil; sie
sagte mir ihre Gründe, Ursachen und die Bedingungen, unter welchen sie bereit
wäre, alles herauszugeben, und mehr als wir verlangten - Kurz, ich mag jetzt
nichts davon schreiben, sage meiner Mutter, es werde alles gut gehen. Und ich
habe, mein Lieber, wieder bei diesem kleinen Geschäft gefunden, dass
Missverständnisse und Trägheit vielleicht mehr Irrungen in der Welt machen als
List und Bosheit. Wenigstens sind die beiden letzteren gewiss seltener.
    Übrigens befinde ich mich hier gar wohl. Die Einsamkeit ist meinem Herzen
köstlicher Balsam in dieser paradiesischen Gegend, und diese Jahrszeit der
Jugend wärmt mit aller Fülle mein oft schauderndes Herz. Jeder Baum, jede Hecke
ist ein Strauss von Blüten, und man möchte zum Maienkäfer werden, um in dem Meer
von Wohlgerüchen herumschweben und alle seine Nahrung darin finden zu können.
    Die Stadt selbst ist unangenehm, dagegen rings umher eine unaussprechliche
Schönheit der Natur. Das bewog den verstorbenen Grafen von M.., einen Garten auf
einem der Hügel anzulegen, die mit der schönsten Mannigfaltigkeit sich kreuzen
und die lieblichsten Täler bilden. Der Garten ist einfach, und man fühlt gleich
bei dem Eintritte, dass nicht ein wissenschaftlicher Gärtner, sondern ein
fühlendes Herz den Plan gezeichnet, das seiner selbst hier geniessen wollte.
Schon manche Träne hab' ich dem Abgeschiedenen in dem verfallenen Kabinettchen
geweint, das sein Lieblingsplätzchen war und auch meines ist. Bald werde ich
Herr vom Garten sein; der Gärtner ist mir zugetan, nur seit den paar Tagen, und
er wird sich nicht übel dabei befinden.
                                                                     Am 10. Mai.
Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich den süssen
Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen geniesse. Ich bin allein und freue
mich meines Lebens in dieser Gegend, die für solche Seelen geschaffen ist wie
die meine. Ich bin so glücklich, mein Bester, so ganz in dem Gefühle von ruhigem
Dasein versunken, dass meine Kunst darunter leidet. Ich könnte jetzt nicht
zeichnen, nicht einen Strich, und bin nie ein grösserer Maler gewesen als in
diesen Augenblicken. Wenn das liebe Tal um mich dampft, und die hohe Sonne an
der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht, und nur
einzelne Strahlen sich in das innere Heiligtum stehlen, ich dann im hohen Grase
am fallenden Bache liege, und näher an der Erde tausend mannigfaltige Gräschen
mir merkwürdig werden; wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen,
die unzähligen, unergründlichen Gestalten der Würmchen, der Mückchen näher an
meinem Herzen fühle, und fühle die Gegenwart des Allmächtigen, der uns nach
seinem Bilde schuf, das Wehen des Alliebenden, der uns in ewiger Wonne schwebend
trägt und erhält; mein Freund! wenn's dann um meine Augen dämmert, und die Welt
um mich her und der Himmel ganz in meiner Seele ruhn wie die Gestalt einer
Geliebten - dann sehne ich mich oft und denke: Ach könntest du das wieder
ausdrücken, könntest du dem Papiere das einhauchen, was so voll, so warm in dir
lebt, dass es würde der Spiegel deiner Seele, wie deine Seele ist der Spiegel des
unendlichen Gottes! - Mein Freund - Aber ich gehe darüber zugrunde, ich erliege
unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen.
 
                                                                     Am 12. Mai.
Ich weiss nicht, ob täuschende Geister um diese Gegend schweben, oder ob die
warme, himmlische Phantasie in meinem Herzen ist, die mir alles rings umher so
paradiesisch macht. Da ist gleich vor dem Orte ein Brunnen, ein Brunnen, an den
ich gebannt bin wie Melusine mit ihren Schwestern. - Du gehst einen kleinen
Hügel hinunter und findest dich vor einem Gewölbe, da wohl zwanzig Stufen
hinabgehen, wo unten das klarste Wasser aus Marmorfelsen quillt. Die kleine
Mauer, die oben umher die Einfassung macht, die hohen Bäume, die den Platz rings
umher bedecken, die Kühle des Orts; das hat alles so was Anzügliches, was
Schauerliches. Es vergeht kein Tag, dass ich nicht eine Stunde da sitze. Da
kommen dann die Mädchen aus der Stadt und holen Wasser, das harmloseste Geschäft
und das nötigste, das ehemals die Töchter der Könige selbst verrichteten. Wenn
ich da sitze, so lebt die patriarchalische Idee so lebhaft um mich, wie sie,
alle die Altväter, am Brunnen Bekanntschaft machen und freien, und wie um die
Brunnen und Quellen wohltätige Geister schweben. O der muss nie nach einer
schweren Sommertagswanderung sich an des Brunnens Kühle gelabt haben, der das
nicht mitempfinden kann.
 
                                                                     Am 13. Mai.
Du fragst, ob du mir meine Bücher schicken sollst? - Lieber, ich bitte dich um
Gottes willen, lass mir sie vom Halse! Ich will nicht mehr geleitet, ermuntert,
angefeuert sein, braust dieses Herz doch genug aus sich selbst; ich brauche
Wiegengesang, und den habe ich in seiner Fülle gefunden in meinem Homer. Wie oft
lull' ich mein empörtes Blut zur Ruhe, denn so ungleich, so unstet hast du
nichts gesehn als dieses Herz. Lieber! brauch' ich dir das zu sagen, der du so
oft die Last getragen hast, mich vom Kummer zur Ausschweifung und von süsser
Melancholie zur verderblichen Leidenschaft übergehen zu sehn? Auch halte ich
mein Herzchen wie ein krankes Kind; jeder Wille wird ihm gestattet. Sage das
nicht weiter; es gibt Leute, die mir es verübeln würden.
                                                                     Am 15. Mai.
Die geringen Leute des Ortes kennen mich schon und lieben mich, besonders die
Kinder. Eine traurige Bemerkung hab' ich gemacht. Wie ich im Anfange mich zu
ihnen gesellte, sie freundschaftlich fragte über dies und das, glaubten einige,
ich wollte ihrer spotten, und fertigten mich wohl gar grob ab. Ich liess mich das
nicht verdriessen; nur fühlte ich, was ich schon oft bemerkt habe, auf das
lebhafteste: Leute von einigem Stande werden sich immer in kalter Entfernung vom
gemeinen Volke halten, als glaubten sie durch Annäherung zu verlieren; und dann
gibt's Flüchtlinge und üble Spassvögel, die sich herabzulassen scheinen, um ihren
Übermut dem armen Volke desto empfindlicher zu machen.
    Ich weiss wohl, dass wir nicht gleich sind, noch sein können; aber ich halte
dafür, dass der, der nötig zu haben glaubt, vom so genannten Pöbel sich zu
entfernen, um den Respekt zu erhalten, ebenso tadelhaft ist als ein Feiger, der
sich vor seinem Feinde verbirgt, weil er zu unterliegen fürchtet.
    Letztin kam ich zum Brunnen und fand ein junges Dienstmädchen, das ihr
Gefäss auf die unterste Treppe gesetzt hatte und sich umsah, ob keine Kamerädin
kommen wollte, ihr es auf den Kopf zu helfen. Ich stieg hinunter und sah sie an.
- »Soll ich Ihr helfen, Jungfer?« sagte ich. - Sie ward rot über und über. - »O
nein, Herr!« sagte sie. - »Ohne Umstände.« - Sie legte ihren Kringen zurecht,
und ich half ihr. Sie dankte und stieg hinauf.
                                                                    Den 17. Mai.
Ich habe allerlei Bekanntschaft gemacht, Gesellschaft habe ich noch keine
gefunden. Ich weiss nicht, was ich Anzügliches für die Menschen haben muss; es
mögen mich ihrer so viele und hängen sich an mich, und da tut mir's weh, wenn
unser Weg nur eine kleine Strecke miteinander geht. Wenn du fragst, wie die
Leute hier sind, muss ich dir sagen: wie überall! Es ist ein einförmiges Ding um
das Menschengeschlecht. Die meisten verarbeiten den grössten Teil der Zeit, um zu
leben, und das bisschen, das ihnen von Freiheit übrig bleibt, ängstigt sie so,
dass sie alle Mittel aufsuchen, um es los zu werden. O Bestimmung des Menschen!
    Aber eine recht gute Art Volks! Wenn ich mich manchmal vergesse, manchmal
mit ihnen die Freuden geniesse, die den Menschen noch gewährt sind, an einem
artig besetzten Tisch mit aller Offen - und Treuherzigkeit sich herumzuspassen,
eine Spazierfahrt, einen Tanz zur rechten Zeit anzuordnen, und dergleichen, das
tut eine ganz gute Wirkung auf mich; nur muss mir nicht einfallen, dass noch so
viele andere Kräfte in mir ruhen, die alle ungenutzt vermodern und die ich
sorgfältig verbergen muss. Ach das engt das ganze Herz so ein. - Und doch!
missverstanden zu werden, ist das Schicksal von unsereinem.
    Ach, dass die Freundin meiner Jugend dahin ist, ach, dass ich sie je gekannt
habe! - Ich würde sagen: Du bist ein Tor! du suchst, was hienieden nicht zu
finden ist! Aber ich habe sie gehabt, ich habe das Herz gefühlt, die grosse
Seele, in deren Gegenwart ich mir schien mehr zu sein, als ich war, weil ich
alles war, was ich sein konnte. Guter Gott! blieb da eine einzige Kraft meiner
Seele ungenutzt? Konnt' ich nicht vor ihr das ganze wunderbare Gefühl
entwickeln, mit dem mein Herz die Natur umfasst? War unser Umgang nicht ein
ewiges Weben von der feinsten Empfindung, dem schärfsten Witze, dessen
Modifikationen, bis zur Unart, alle mit dem Stempel des Genies bezeichnet waren?
Und nun! - Ach ihre Jahre, die sie voraus hatte, führten sie früher ans Grab als
mich. Nie werde ich sie vergessen, nie ihren festen Sinn und ihre göttliche
Duldung.
    Vor wenig Tagen traf ich einen jungen V.. an, einen offnen Jungen, mit einer
gar glücklichen Gesichtsbildung. Er kommt erst von Akademien, dünkt sich eben
nicht weise, aber glaubt doch, er wisse mehr als andere. Auch war er fleissig,
wie ich an allerlei spüre, kurz, er hat hübsche Kenntnisse. Da er hörte, dass ich
viel zeichnete und Griechisch könnte (zwei Meteore hierzulande), wandte er sich
an mich und kramte viel Wissens aus, von Batteux bis zu Wood, von de Piles zu
Winckelmann, und versicherte mich, er habe Sulzers Teorie, den ersten Teil,
ganz durchgelesen und besitze ein Manuskript von Heinen über das Studium der
Antike. Ich liess das gut sein.
    Noch gar einen braven Mann habe ich kennen lernen, den fürstlichen Amtmann,
einen offenen, treuherzigen Menschen. Man sagt, es soll eine Seelenfreude sein,
ihn unter seinen Kindern zu sehen, deren er neun hat; besonders macht man viel
Wesens von seiner ältesten Tochter. Er hat mich zu sich gebeten, und ich will
ihn ehster Tage besuchen. Er wohnt auf einem fürstlichen Jagdhofe, andertalb
Stunden von hier, wohin er nach dem Tode seiner Frau zu ziehen die Erlaubnis
erhielt, da ihm der Aufentalt hier in der Stadt und im Amtause zu weh tat.
    Sonst sind mir einige verzerrte Originale in den Weg gelaufen, an denen
alles unausstehlich ist, am unerträglichsten ihre Freundschaftsbezeigungen.
    Leb' wohl! der Brief wird dir recht sein, er ist ganz historisch.
                                                                     Am 22. Mai.
Dass das Leben des Menschen nur ein Traum sei, ist manchem schon so vorgekommen,
und auch mit mir zieht dieses Gefühl immer herum. Wenn ich die Einschränkung
ansehe, in welcher die tätigen und forschenden Kräfte des Menschen eingesperrt
sind; wenn ich sehe, wie alle Wirksamkeit dahinaus läuft, sich die Befriedigung
von Bedürfnissen zu verschaffen, die wieder keinen Zweck haben, als unsere arme
Existenz zu verlängern, und dann, dass alle Beruhigung über gewisse Punkte des
Nachforschens nur eine träumende Resignation ist, da man sich die Wände,
zwischen denen man gefangen sitzt, mit bunten Gestalten und lichten Aussichten
bemalt - Das alles, Wilhelm, macht mich stumm. Ich kehre in mich selbst zurück,
und finde eine Welt! Wieder mehr in Ahnung und dunkler Begier als in Darstellung
und lebendiger Kraft. Und da schwimmt alles vor meinen Sinnen, und ich lächle
dann so träumend weiter in die Welt.
    Dass die Kinder nicht wissen, warum sie wollen, darin sind alle hochgelahrten
Schul- und Hofmeister einig; dass aber auch Erwachsene gleich Kindern auf diesem
Erdboden herumtaumeln und wie jene nicht wissen, woher sie kommen und wohin sie
gehen, ebensowenig nach wahren Zwecken handeln, ebenso durch Biskuit und Kuchen
und Birkenreiser regiert werden: das will niemand gern glauben, und mich dünkt,
man kann es mit Händen greifen.
    Ich gestehe dir gern, denn ich weiss, was du mir hierauf sagen möchtest, dass
diejenigen die Glücklichsten sind, die gleich den Kindern in den Tag hinein
leben, ihre Puppen herumschleppen, aus- und anziehen und mit grossem Respekt um
die Schublade umherschleichen, wo Mama das Zuckerbrot hineingeschlossen hat,
und, wenn sie das gewünschte endlich erhaschen, es mit vollen Backen verzehren
und rufen: »Mehr!« - Das sind glückliche Geschöpfe. Auch denen ist's wohl, die
ihren Lumpenbeschäftigungen oder wohl gar ihren Leidenschaften prächtige Titel
geben und sie dem Menschengeschlechte als Riesenoperationen zu dessen Heil und
Wohlfahrt anschreiben. - - Wohl dem, der so sein kann! Wer aber in seiner Demut
erkennt, wo das alles hinausläuft, wer da sieht, wie artig jeder Bürger, dem es
wohl ist, sein Gärtchen zum Paradiese zuzustutzen weiss, und wie unverdrossen
auch der Unglückliche unter der Bürde seinen Weg fortkeucht, und alle gleich
interessiert sind, das Licht dieser Sonne noch eine Minute länger zu sehn - ja,
der ist still und bildet auch seine Welt aus sich selbst und ist auch glücklich,
weil er ein Mensch ist. Und dann, so eingeschränkt er ist, hält er doch immer im
Herzen das süsse Gefühl der Freiheit, und dass er diesen Kerker verlassen kann,
wann er will.
                                                                     Am 26. Mai.
Du kennst von alters her meine Art, mich anzubauen, mir irgend an einem
vertraulichen Orte ein Hüttchen aufzuschlagen und da mit aller Einschränkung zu
herbergen. Auch hier habe ich wieder ein Plätzchen angetroffen, das mich
angezogen hat.
    Ungefähr eine Stunde von der Stadt liegt ein Ort, den sie Wahlheim1 nennen.
Die Lage an einem Hügel ist sehr interessant, und wenn man oben auf dem Fusspfade
zum Dorf herausgeht, übersieht man auf einmal das ganze Tal. Eine gute Wirtin,
die gefällig und munter in ihrem Alter ist, schenkt Wein, Bier, Kaffee; und was
über alles geht, sind zwei Linden, die mit ihren ausgebreiteten Ästen den
kleinen Platz vor der Kirche bedecken, der ringsum mit Bauerhäusern, Scheuern
und Höfen eingeschlossen ist. So vertraulich, so heimlich hab' ich nicht leicht
ein Plätzchen gefunden, und dahin lass' ich mein Tischchen aus dem Wirtshause
bringen und meinen Stuhl, trinke meinen Kaffee da und lese meinen Homer. Das
erstemal, als ich durch einen Zufall an einem schönen Nachmittage unter die
Linden kam, fand ich das Plätzchen so einsam. Es war alles im Felde; nur ein
Knabe von ungefähr vier Jahren sass an der Erde und hielt ein anderes, etwa
halbjähriges, vor ihm zwischen seinen Füssen sitzendes Kind mit beiden Armen
wider seine Brust, so dass er ihm zu einer Art von Sessel diente und ungeachtet
der Munterkeit, womit er aus seinen schwarzen Augen herumschaute, ganz ruhig
sass. Mich vergnügte der Anblick: ich setzte mich auf einen Pflug, der gegenüber
stand, und zeichnete die brüderliche Stellung mit vielem Ergetzen. Ich fügte den
nächsten Zaun, ein Scheunentor und einige gebrochene Wagenräder bei, alles, wie
es hinter einander stand, und fand nach Verlauf einer Stunde, dass ich eine
wohlgeordnete, sehr interessante Zeichnung verfertiget hatte, ohne das mindeste
von dem Meinen hinzuzutun. Das bestärkte mich in meinem Vorsatze, mich künftig
allein an die Natur zu halten. Sie allein ist unendlich reich, und sie allein
bildet den grossen Künstler. Man kann zum Vorteile der Regeln viel sagen,
ungefähr was man zum Lobe der bürgerlichen Gesellschaft sagen kann. Ein Mensch,
der sich nach ihnen bildet, wird nie etwas Abgeschmacktes und Schlechtes
hervorbringen, wie einer, der sich durch Gesetze und Wohlstand modeln lässt, nie
ein unerträglicher Nachbar, nie ein merkwürdiger Bösewicht werden kann; dagegen
wird aber auch alle Regel, man rede was man wolle, das wahre Gefühl von Natur
und den wahren Ausdruck derselben zerstören! Sag' du: Das ist zu hart! sie
schränkt nur ein, beschneidet die geilen Reben etc. - Guter Freund, soll ich dir
ein Gleichnis geben? Es ist damit wie mit der Liebe. Ein junges Herz hängt ganz
an einem Mädchen, bringt alle Stunden seines Tages bei ihr zu, verschwendet alle
seine Kräfte, all sein Vermögen, um ihr jeden Augenblick auszudrücken, dass er
sich ganz ihr hingibt. Und da käme ein Philister, ein Mann, der in einem
öffentlichen Amte steht, und sagte zu ihm: Feiner junger Herr! Lieben ist
menschlich, nur müsst Ihr menschlich lieben! Teilet Eure Stunden ein, die einen
zur Arbeit, und die Erholungsstunden widmet Eurem Mädchen. Berechnet Euer
Vermögen, und was Euch von Eurer Notdurft übrig bleibt, davon verwehr' ich Euch
nicht, ihr ein Geschenk, nur nicht zu oft, zu machen, etwa zu ihrem Geburts -
und Namenstage etc. - Folgt der Mensch, so gibt's einen brauchbaren jungen
Menschen, und ich will selbst jedem Fürsten raten, ihn in ein Kollegium zu
setzen; nur mit seiner Liebe ist's am Ende und, wenn er ein Künstler ist, mit
seiner Kunst. O meine Freunde! warum der Strom des Genies so selten ausbricht,
so selten in hohen Fluten hereinbraust und eure staunende Seele erschüttert? -
Liebe Freunde, da wohnen die gelassenen Herren auf beiden Seiten des Ufers,
denen ihre Gartenhäuschen, Tulpenbeete und Krautfelder zugrunde gehen würden,
die daher in Zeiten mit Dämmen und Ableiten der künftig drohenden Gefahr
abzuwehren wissen.
                                                                     Am 27. Mai.
Ich bin, wie ich sehe, in Verzückung, Gleichnisse und Deklamation verfallen und
habe darüber vergessen, dir auszuerzählen, was mit den Kindern weiter geworden
ist. Ich sass, ganz in malerische Empfindung vertieft, die dir mein gestriges
Blatt sehr zerstückt darlegt, auf meinem Pfluge wohl zwei Stunden. Da kommt
gegen Abend eine junge Frau auf die Kinder los, die sich indes nicht gerührt
hatten, mit einem Körbchen am Arm und ruft von weitem: »Philipps, du bist recht
brav.« - Sie grüsste mich, ich dankte ihr, stand auf, trat näher hin und fragte
sie, ob sie Mutter von den Kindern wäre? Sie bejahte es, und indem sie dem
ältesten einen halben Weck gab, nahm sie das kleine auf und küsste es mit aller
mütterlichen Liebe. - »Ich habe«, sagte sie, »meinem Philipps das Kleine zu
halten gegeben und bin mit meinem Ältesten in die Stadt gegangen, um weiss Brot
zu holen und Zucker und ein irden Breipfännchen.« - Ich sah das alles in dem
Korbe, dessen Deckel abgefallen war. - »Ich will meinem Hans (das war der Name
des Jüngsten) ein Süppchen kochen zum Abende; der lose Vogel, der Grosse, hat mir
gestern das Pfännchen zerbrochen, als er sich mit Philippsen um die Scharre des
Breis zankte.« - Ich fragte nach dem Ältesten, und sie hatte mir kaum gesagt,
dass er sich auf der Wiese mit ein paar Gänsen herumjage, als er gesprungen kam
und dem Zweiten eine Haselgerte mitbrachte. Ich unterhielt mich weiter mit dem
Weibe und erfuhr, dass sie des Schulmeisters Tochter sei, und dass ihr Mann eine
Reise in die Schweiz gemacht habe, um die Erbschaft eines Vetters zu holen. -
»Sie haben ihn drum betriegen wollen«, sagte sie, »und ihm auf seine Briefe
nicht geantwortet; da ist er selbst hineingegangen. Wenn ihm nur kein Unglück
widerfahren ist, ich höre nichts von ihm.« - Es ward mir schwer, mich von dem
Weibe los zu machen, gab jedem der Kinder einen Kreuzer, und auch fürs jüngste
gab ich ihr einen, ihm einen Weck zur Suppe mitzubringen, wenn sie in die Stadt
ginge, und so schieden wir von einander.
    Ich sage dir, mein Schatz, wenn meine Sinne gar nicht mehr halten wollen, so
lindert all den Tumult der Anblick eines solchen Geschöpfs, das in glücklicher
Gelassenheit den engen Kreis seines Daseins hingeht, von einem Tage zum andern
sich durchhilft, die Blätter abfallen sieht und nichts dabei denkt, als dass der
Winter kommt.
    Seit der Zeit bin ich oft draussen. Die Kinder sind ganz an mich gewöhnt, sie
kriegen Zucker, wenn ich Kaffee trinke, und teilen das Butterbrot und die saure
Milch mit mir des Abends. Sonntags fehlt ihnen der Kreuzer nie, und wenn ich
nicht nach der Betstunde da bin, so hat die Wirtin Ordre, ihn auszuzahlen.
    Sie sind vertraut, erzählen mir allerhand, und besonders ergetze ich mich an
ihren Leidenschaften und simpeln Ausbrüchen des Begehrens, wenn mehr Kinder aus
dem Dorfe sich versammeln.
    Viel Mühe hat mich's gekostet, der Mutter ihre Besorgnis zu nehmen, sie
möchten den Herrn inkommodieren.
                                                                     Am 30. Mai.
Was ich dir neulich von der Malerei sagte, gilt gewiss auch von der Dichtkunst;
es ist nur, dass man das Vortreffliche erkenne und es auszusprechen wage, und das
ist freilich mit wenigem viel gesagt. Ich habe heute eine Szene gehabt, die,
rein abgeschrieben, die schönste Idylle von der Welt gäbe; doch was soll
Dichtung, Szene und Idylle? muss es denn immer gebosselt sein, wenn wir teil an
einer Naturerscheinung nehmen sollen?
    Wenn du auf diesen Eingang viel Hohes und Vornehmes erwartest, so bist du
wieder übel betrogen; es ist nichts als ein Bauerbursch, der mich zu dieser
lebhaften Teilnehmung hingerissen hat. Ich werde, wie gewöhnlich, schlecht
erzählen, und du wirst mich, wie gewöhnlich, denk' ich, übertrieben finden; es
ist wieder Wahlheim, und immer Wahlheim, das diese Seltenheiten hervorbringt.
    Es war eine Gesellschaft draussen unter den Linden, Kaffee zu trinken. Weil
sie mir nicht ganz anstand, so blieb ich unter einem Vorwande zurück.
    Ein Bauerbursch kam aus einem benachbarten Hause und beschäftigte sich, an
dem Pfluge, den ich neulich gezeichnet hatte, etwas zurecht zu machen. Da mir
sein Wesen gefiel, redete ich ihn an, fragte nach seinen Umständen, wir waren
bald bekannt und, wie mir's gewöhnlich mit dieser Art Leuten geht, bald
vertraut. Er erzählte mir, dass er bei einer Witwe in Diensten sei und von ihr
gar wohl gehalten werde. Er sprach so vieles von ihr und lobte sie dergestalt,
dass ich bald merken konnte, er sei ihr mit Leib und Seele zugetan. Sie sei nicht
mehr jung, sagte er, sie sei von ihrem ersten Mann übel gehalten worden, wolle
nicht mehr heiraten, und aus seiner Erzählung leuchtete so merklich hervor, wie
schön, wie reizend sie für ihn sei, wie sehr er wünsche, dass sie ihn wählen
möchte, um das Andenken der Fehler ihres ersten Mannes auszulöschen, dass ich
Wort für Wort wiederholen müsste, um dir die reine Neigung, die Liebe und Treue
dieses Menschen anschaulich zu machen. Ja, ich müsste die Gabe des grössten
Dichters besitzen, um dir zugleich den Ausdruck seiner Gebärden, die Harmonie
seiner Stimme, das heimliche Feuer seiner Blicke lebendig darstellen zu können.
Nein, es sprechen keine Worte die Zarteit aus, die in seinem ganzen Wesen und
Ausdruck war; es ist alles nur plump, was ich wieder vorbringen könnte.
Besonders rührte mich, wie er fürchtete, ich möchte über sein Verhältnis zu ihr
ungleich denken und an ihrer guten Aufführung zweifeln. Wie reizend es war, wenn
er von ihrer Gestalt, von ihrem Körper sprach, der ihn ohne jugendliche Reize
gewaltsam an sich zog und fesselte, kann ich mir nur in meiner innersten Seele
wiederholen. Ich hab' in meinem Leben die dringende Begierde und das heisse,
sehnliche Verlangen nicht in dieser Reinheit gesehen, ja wohl kann ich sagen, in
dieser Reinheit nicht gedacht und geträumt. Schelte mich nicht, wenn ich dir
sage, dass bei der Erinnerung dieser Unschuld und Wahrheit mir die innerste Seele
glüht, und dass mich das Bild dieser Treue und Zärtlichkeit überall verfolgt, und
dass ich, wie selbst davon entzündet, lechze und schmachte.
    Ich will nun suchen, auch sie ehstens zu sehn, oder vielmehr, wenn ich's
recht bedenke, ich will's vermeiden. Es ist besser, ich sehe sie durch die Augen
ihres Liebhabers; vielleicht erscheint sie mir vor meinen eigenen Augen nicht
so, wie sie jetzt vor mir steht, und warum soll ich mir das schöne Bild
verderben?
                                                                  Am 16. Junius.
Warum ich dir nicht schreibe? - Fragst du das und bist doch auch der Gelehrten
einer. Du solltest raten, dass ich mich wohl befinde, und zwar - Kurz und gut,
ich habe eine Bekanntschaft gemacht, die mein Herz näher angeht. Ich habe - ich
weiss nicht.
    Dir in der Ordnung zu erzählen, wie's zugegangen ist, dass ich eins der
liebenswürdigsten Geschöpfe habe kennen lernen, wird schwer halten. Ich bin
vergnügt und glücklich, und also kein guter Historienschreiber.
    Einen Engel! - Pfui! das sagt jeder von der Seinigen, nicht wahr? Und doch
bin ich nicht imstande, dir zu sagen, wie sie vollkommen ist, warum sie
vollkommen ist; genug, sie hat allen meinen Sinn gefangengenommen.
    So viel Einfalt bei so viel Verstand, so viel Güte bei so viel Festigkeit,
und die Ruhe der Seele bei dem wahren Leben und der Tätigkeit. -
    Das ist alles garstiges Gewäsch, was ich da von ihr sage, leidige
Abstraktionen, die nicht einen Zug ihres Selbst ausdrücken. Ein andermal - nein,
nicht ein andermal, jetzt gleich will ich dir's erzählen. Tu' ich's jetzt nicht,
so geschäh' es niemals. Denn, unter uns, seit ich angefangen habe zu schreiben,
war ich schon dreimal im Begriffe, die Feder niederzulegen, mein Pferd satteln
zu lassen und hinauszureiten. Und doch schwur ich mir heute früh, nicht
hinauszureiten, und gehe doch alle Augenblick' ans Fenster, zu sehen, wie hoch
die Sonne noch steht. - - -
    Ich hab's nicht überwinden können, ich musste zu ihr hinaus. Da bin ich
wieder, Wilhelm, will mein Butterbrot zu Nacht essen und dir schreiben. Welch
eine Wonne das für meine Seele ist, sie in dem Kreise der lieben, muntern
Kinder, ihrer acht Geschwister, zu sehen! -
    Wenn ich so fortfahre, wirst du am Ende so klug sein wie am Anfange. Höre
denn, ich will mich zwingen, ins Detail zu gehen.
    Ich schrieb dir neulich, wie ich den Amtmann S.. habe kennen lernen, und wie
er mich gebeten habe, ihn bald in seiner Einsiedelei oder vielmehr seinem
kleinen Königreiche zu besuchen. Ich vernachlässigte das, und wäre vielleicht
nie hingekommen, hätte mir der Zufall nicht den Schatz entdeckt, der in der
stillen Gegend verborgen liegt.
    Unsere jungen Leute hatten einen Ball auf dem Lande angestellt, zu dem ich
mich denn auch willig finden liess. Ich bot einem hiesigen guten, schönen,
übrigens unbedeutenden Mädchen die Hand, und es wurde ausgemacht, dass ich eine
Kutsche nehmen, mit meiner Tänzerin und ihrer Base nach dem Orte der Lustbarkeit
hinausfahren und auf dem Wege Charlotten S.. mitnehmen sollte. - »Sie werden ein
schönes Frauenzimmer kennenlernen.« sagte meine Gesellschafterin, da wir durch
den weiten, ausgehauenen Wald nach dem Jagdhause fuhren. - »Nehmen Sie sich in
acht,« versetzte die Base, »dass Sie sich nicht verlieben!« - »Wieso?« sagte ich.
- »Sie ist schon vergeben,« antwortete jene, »an einen sehr braven Mann, der
weggereist ist, seine Sachen in Ordnung zu bringen, weil sein Vater gestorben
ist, und sich um eine ansehnliche Versorgung zu bewerben.« - Die Nachricht war
mir ziemlich gleichgültig.
    Die Sonne war noch eine Viertelstunde vom Gebirge, als wir vor dem Hoftore
anfuhren. Es war sehr schwül, und die Frauenzimmer äusserten ihre Besorgnis wegen
eines Gewitters, das sich in weissgrauen, dumpfichten Wölkchen rings am Horizonte
zusammenzuziehen schien. Ich täuschte ihre Furcht mit anmasslicher Wetterkunde,
ob mir gleich selbst zu ahnen anfing, unsere Lustbarkeit werde einen Stoss
leiden.
    Ich war ausgestiegen, und eine Magd, die ans Tor kam, bat uns, einen
Augenblick zu verziehen, Mamsell Lottchen würde gleich kommen. Ich ging durch
den Hof nach dem wohlgebauten Hause, und da ich die vorliegenden Treppen
hinaufgestiegen war und in die Tür trat, fiel mir das reizendste Schauspiel in
die Augen, das ich je gesehen habe. In dem Vorsaale wimmelten sechs Kinder von
eilf zu zwei Jahren um ein Mädchen von schöner Gestalt, mittlerer Grösse, die ein
simples weisses Kleid, mit blassroten Schleifen an Arm und Brust, anhatte. Sie
hielt ein schwarzes Brot und schnitt ihren Kleinen rings herum jedem sein Stück
nach Proportion ihres Alters und Appetits ab, gab's jedem mit solcher
Freundlichkeit, und jedes rief so ungekünstelt sein »Danke!«, indem es mit den
kleinen Händchen lange in die Höhe gereicht hatte, ehe es noch abgeschnitten
war, und nun mit seinem Abendbrote vergnügt entweder wegsprang, oder nach seinem
stillern Charakter gelassen davonging nach dem Hoftore zu, um die Fremden und
die Kutsche zu sehen, darin ihre Lotte wegfahren sollte. - »Ich bitte um
Vergebung,« sagte sie, »dass ich Sie hereinbemühe und die Frauenzimmer warten
lasse. Über dem Anziehen und allerlei Bestellungen fürs Haus in meiner
Abwesenheit habe ich vergessen, meinen Kindern ihr Vesperbrot zu geben, und sie
wollen von niemanden Brot geschnitten haben als von mir.« - Ich machte ihr ein
unbedeutendes Kompliment, meine ganze Seele ruhte auf der Gestalt, dem Tone, dem
Betragen, und ich hatte eben Zeit, mich von der Überraschung zu erholen, als sie
in die Stube lief, ihre Handschuhe und den Fächer zu holen. Die Kleinen sahen
mich in einiger Entfernung so von der Seite an, und ich ging auf das jüngste
los, das ein Kind von der glücklichsten Gesichtsbildung war. Es zog sich zurück,
als eben Lotte zur Türe herauskam und sagte: »Louis, gib dem Herrn Vetter eine
Hand.« - Das tat der Knabe sehr freimütig, und ich konnte mich nicht entalten,
ihn, ungeachtet seines kleinen Rotznäschens, herzlich zu küssen. - »Vetter?«
sagte ich, indem ich ihr die Hand reichte, »glauben Sie, dass ich des Glücks wert
sei, mit Ihnen verwandt zu sein?« - »O,« sagte sie mit einem leichtfertigen
Lächeln, »unsere Vetterschaft ist sehr weitläufig, und es wäre mir leid, wenn
Sie der schlimmste drunter sein sollten.« - Im Gehen gab sie Sophien, der
ältesten Schwester nach ihr, einem Mädchen von ungefähr eilf Jahren, den
Auftrag, wohl auf die Kinder acht zu haben und den Papa zu grüssen, wenn er vom
Spazierritte nach Hause käme. Den Kleinen sagte sie, sie sollten ihrer Schwester
Sophie folgen, als wenn sie's selber wäre, das denn auch einige ausdrücklich
versprachen. Eine kleine, naseweise Blondine aber, von ungefähr sechs Jahren,
sagte: »Du bist's doch nicht, Lottchen, wir haben dich doch lieber.« - Die zwei
ältesten Knaben waren hinten auf die Kutsche geklettert, und auf mein Vorbitten
erlaubte sie ihnen, bis vor den Wald mitzufahren, wenn sie versprächen, sich
nicht zu necken und sich recht fest zu halten.
    Wir hatten uns kaum zurecht gesetzt, die Frauenzimmer sich bewillkommt,
wechselsweise über den Anzug, vorzüglich über die Hüte ihre Anmerkungen gemacht
und die Gesellschaft, die man erwartete, gehörig durchgezogen, als Lotte den
Kutscher halten und ihre Brüder herabsteigen liess, die noch einmal ihre Hand zu
küssen begehrten, das denn der älteste mit aller Zärtlichkeit, die dem Alter von
fünfzehn Jahren eigen sein kann, der andere mit viel Heftigkeit und Leichtsinn
tat. Sie liess die Kleinen noch einmal grüssen, und wir fuhren weiter.
    Die Base fragte, ob sie mit dem Buche fertig wäre, das sie ihr neulich
geschickt hätte. - »Nein,« sagte Lotte, »es gefällt mir nicht, Sie können's
wiederhaben. Das vorige war auch nicht besser.« - Ich erstaunte, als ich fragte,
was es für Bücher wären, und sie mir antwortete:2 - Ich fand so viel Charakter
in allem, was sie sagte, ich sah mit jedem Wort neue Reize, neue Strahlen des
Geistes aus ihren Gesichtszügen hervorbrechen, die sich nach und nach vergnügt
zu entfalten schienen, weil sie an mir fühlte, dass ich sie verstand.
    »Wie ich jünger war«, sagte sie, »liebte ich nichts so sehr als Romane. Weiss
Gott, wie wohl mir's war, wenn ich mich Sonntags in so ein Eckchen setzen und
mit ganzem Herzen an dem Glück und Unstern einer Miss Jenny teilnehmen konnte.
Ich leugne auch nicht, dass die Art noch einige Reize für mich hat. Doch da ich
so selten an ein Buch komme, so muss es auch recht nach meinem Geschmack sein.
Und der Autor ist mir der liebste, in dem ich meine Welt wiederfinde, bei dem es
zugeht wie um mich, und dessen Geschichte mir doch so interessant und herzlich
wird als mein eigen häuslich Leben, das freilich kein Paradies, aber doch im
ganzen eine Quelle unsäglicher Glückseligkeit ist.«
    Ich bemühte mich, meine Bewegungen über diese Worte zu verbergen. Das ging
freilich nicht weit: denn da ich sie mit solcher Wahrheit im Vorbeigehen vom
Landpriester von Wakefield, vom -3 reden hörte, kam ich ganz ausser mich, sagte
ihr alles, was ich musste, und bemerkte erst nach einiger Zeit, da Lotte das
Gespräch an die anderen wendete, dass diese die Zeit über mit offenen Augen, als
sässen sie nicht da, dagesessen hatten. Die Base sah mich mehr als einmal mit
einem spöttischen Näschen an, daran mir aber nichts gelegen war.
    Das Gespräch fiel aufs Vergnügen am Tanze. - »Wenn diese Leidenschaft ein
Fehler ist,« sagte Lotte, »so gestehe ich Ihnen gern, ich weiss mir nichts übers
Tanzen. Und wenn ich was im Kopfe habe und mir auf meinem verstimmten Klavier
einen Contretanz vortrommle, so ist alles wieder gut.«
    Wie ich mich unter dem Gespräche in den schwarzen Augen weidete - wie die
lebendigen Lippen und die frischen, muntern Wangen meine ganze Seele anzogen -
wie ich, in den herrlichen Sinn ihrer Rede ganz versunken, oft gar die Worte
nicht hörte, mit denen sie sich ausdrückte - davon hast du eine Vorstellung,
weil du mich kennst. Kurz, ich stieg aus dem Wagen wie ein Träumender, als wir
vor dem Lustause stille hielten, und war so in Träumen rings in der dämmernden
Welt verloren, dass ich auf die Musik kaum achtete, die uns von dem erleuchteten
Saal herunter entgegenschallte.
    Die zwei Herren Audran und ein gewisser N. N. - wer behält alle die Namen -,
die der Base und Lottens Tänzer waren, empfingen uns am Schlage, bemächtigten
sich ihrer Frauenzimmer, und ich führte das meinige hinauf.
    Wir schlangen uns in Menuetts um einander herum; ich forderte ein
Frauenzimmer nach dem andern auf, und just die unleidlichsten konnten nicht dazu
kommen, einem die Hand zu reichen und ein Ende zu machen. Lotte und ihr Tänzer
fingen einen Englischen an, und wie wohl mir's war, als sie auch in der Reihe
die Figur mit uns anfing, magst du fühlen. Tanzen muss man sie sehen! Siehst du,
sie ist so mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele dabei, ihr ganzer Körper eine
Harmonie, so sorglos, so unbefangen, als wenn das eigentlich alles wäre, als
wenn sie sonst nichts dächte, nichts empfände; und in dem Augenblicke gewiss
schwindet alles andere vor ihr.
    Ich bat sie um den zweiten Contretanz; sie sagte mir den dritten zu, und mit
der liebenswürdigsten Freimütigkeit von der Welt versicherte sie mir, dass sie
herzlich gern deutsch tanze. - »Es ist hier so Mode,« fuhr sie fort, »dass jedes
Paar, das zusammen gehört, beim Deutschen zusammenbleibt, und mein Chapeau walzt
schlecht und dankt mir's, wenn ich ihm die Arbeit erlasse. Ihr Frauenzimmer
kann's auch nicht und mag nicht, und ich habe im Englischen gesehen, dass Sie gut
walzen; wenn Sie nun mein sein wollen fürs Deutsche, so gehen Sie und bitten
sich's von meinem Herrn aus, und ich will zu Ihrer Dame gehen.« - Ich gab ihr
die Hand darauf, und wir machten aus, dass ihr Tänzer inzwischen meine Tänzerin
unterhalten sollte.
    Nun ging's an, und wir ergetzten uns eine Weile an mannigfaltigen
Schlingungen der Arme. Mit welchem Reize, mit welcher Flüchtigkeit bewegte sie
sich! und da wir nun gar ans Walzen kamen und wie die Sphären um einander
herumrollten, ging's freilich anfangs, weil's die wenigsten können, ein bisschen
bunt durcheinander. Wir waren klug und liessen sie austoben, und als die
Ungeschicktesten den Plan geräumt hatten, fielen wir ein und hielten mit noch
einem Paare, mit Audran und seiner Tänzerin, wacker aus. Nie ist mir's so leicht
vom Flecke gegangen. Ich war kein Mensch mehr. Das liebenswürdigste Geschöpf in
den Armen zu haben und mit ihr herumzufliegen wie Wetter, dass alles rings umher
verging, und - Wilhelm, um ehrlich zu sein, tat ich aber doch den Schwur, dass
ein Mädchen, das ich liebte, auf das ich Ansprüche hätte, mir nie mit einem
andern walzen sollte als mit mir, und wenn ich drüber zugrunde gehen müsste. Du
verstehst mich!
    Wir machten einige Touren gehend im Saale, um zu verschnaufen. Dann setzte
sie sich, und die Orangen, die ich beiseite gebracht hatte, die nun die einzigen
noch übrigen waren, taten vortreffliche Wirkung, nur dass mir mit jedem
Schnittchen, das sie einer unbescheidenen Nachbarin ehrenhalben zuteilte, ein
Stich durchs Herz ging.
    Beim dritten englischen Tanz waren wir das zweite Paar. Wie wir die Reihe
durchtanzten und ich, weiss Gott mit wieviel Wonne, an ihrem Arm und Auge hing,
das voll vom wahrsten Ausdruck des offensten, reinsten Vergnügens war, kommen
wir an eine Frau, die mir wegen ihrer liebenswürdigen Miene auf einem nicht mehr
ganz jungen Gesichte merkwürdig gewesen war. Sie sieht Lotten lächelnd an, hebt
einen drohenden Finger auf und nennt den Namen Albert zweimal im Vorbeifliegen
mit viel Bedeutung.
    »Wer ist Albert?« sagte ich zu Lotten, »wenn's nicht Vermessenheit ist zu
fragen.« - Sie war im Begriff zu antworten, als wir uns scheiden mussten, um die
grosse Achte zu machen, und mich dünkte einiges Nachdenken auf ihrer Stirn zu
sehen, als wir so vor einander vorbeikreuzten. - »Was soll ich's Ihnen leugnen,«
sagte sie, indem sie mir die Hand zur Promenade bot. »Albert ist ein braver
Mensch, dem ich so gut als verlobt bin.« - Nun war mir das nichts Neues (denn
die Mädchen hatten mir's auf dem Wege gesagt) und war mir doch so ganz neu, weil
ich es noch nicht im Verhältnis auf sie, die mir in so wenig Augenblicken so
wert geworden war, gedacht hatte. Genug, ich verwirrte mich, vergass mich und kam
zwischen das unrechte Paar hinein, dass alles drunter und drüber ging und Lottens
ganze Gegenwart und Zerren und Ziehen nötig war, um es schnell wieder in Ordnung
zu bringen.
    Der Tanz war noch nicht zu Ende, als die Blitze, die wir schon lange am
Horizonte leuchten gesehn und die ich immer für Wetterkühlen ausgegeben hatte,
viel stärker zu werden anfingen und der Donner die Musik überstimmte. Drei
Frauenzimmer liefen aus der Reihe, denen ihre Herren folgten; die Unordnung
wurde allgemein, und die Musik hörte auf. Es ist natürlich, wenn uns ein Unglück
oder etwas Schreckliches im Vergnügen überrascht, dass es stärkere Eindrücke auf
uns macht als sonst, teils wegen des Gegensatzes, der sich so lebhaft empfinden
lässt, teils und noch mehr, weil unsere Sinne einmal der Fühlbarkeit geöffnet
sind und also desto schneller einen Eindruck annehmen. Diesen Ursachen muss ich
die wunderbaren Grimassen zuschreiben, in die ich mehrere Frauenzimmer
ausbrechen sah. Die klügste setzte sich in eine Ecke, mit dem Rücken gegen das
Fenster, und hielt die Ohren zu. Eine andere kniete vor ihr nieder und verbarg
den Kopf in der ersten Schoss. Eine dritte schob sich zwischen beide hinein und
umfasste ihre Schwesterchen mit tausend Tränen. Einige wollten nach Hause;
andere, die noch weniger wussten, was sie taten, hatten nicht so viel
Besinnungskraft, den Keckheiten unserer jungen Schlucker zu steuern, die sehr
beschäftigt zu sein schienen, alle die ängstlichen Gebete, die dem Himmel
bestimmt waren, von den Lippen der schönen Bedrängten wegzufangen. Einige
unserer Herren hatten sich hinabbegeben, um ein Pfeifchen in Ruhe zu rauchen;
und die übrige Gesellschaft schlug es nicht aus, als die Wirtin auf den klugen
Einfall kam, uns ein Zimmer anzuweisen, das Läden und Vorhänge hätte. Kaum waren
wir da angelangt, als Lotte beschäftigt war, einen Kreis von Stühlen zu stellen
und, als sich die Gesellschaft auf ihre Bitte gesetzt hatte, den Vortrag zu
einem Spiele zu tun.
    Ich sah manchen, der in Hoffnung auf ein saftiges Pfand sein Mäulchen
spitzte und seine Glieder reckte. - »Wir spielen Zählens!« sagte sie. »Nun gebt
acht! Ich geh' im Kreise herum von der Rechten zur Linken, und so zählt ihr auch
rings herum, jeder die Zahl, die an ihn kommt, und das muss gehen wie ein
Lauffeuer, und wer stockt oder sich irrt, kriegt eine Ohrfeige, und so bis
tausend.« - Nun war das lustig anzusehen: Sie ging mit ausgestrecktem Arm im
Kreise herum. »Eins«, fing der erste an, der Nachbar »zwei«, »drei« der
folgende, und so fort. Dann fing sie an, geschwinder zu gehen, immer
geschwinder; da versah's einer: Patsch! eine Ohrfeige, und über das Gelächter
der folgende auch: Patsch! Und immer geschwinder. Ich selbst kriegte zwei
Maulschellen und glaubte mit innigem Vergnügen zu bemerken, dass sie stärker
seien, als sie den übrigen zuzumessen pflegte. Ein allgemeines Gelächter und
Geschwärm endigte das Spiel, ehe noch das Tausend ausgezählt war. Die
Vertrautesten zogen einander beiseite, das Gewitter war vorüber, und ich folgte
Lotten in den Saal. Unterwegs sagte sie: »Über die Ohrfeigen haben sie Wetter
und alles vergessen!« - Ich konnte ihr nichts antworten. - »Ich war«, fuhr sie
fort, »eine der Furchtsamsten, und indem ich mich herzhaft stellte, um den
andern Mut zu geben, bin ich mutig geworden.« - Wir traten ans Fenster. Es
donnerte abseitwärts, und der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der
erquickendste Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Sie
stand auf ihren Ellenbogen gestützt, ihr Blick durchdrang die Gegend; sie sah
gen Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge tränenvoll, sie legte ihre Hand auf
die meinige und sagte: »Klopstock!« - Ich erinnerte mich sogleich der herrlichen
Ode, die ihr in Gedanken lag, und versank in dem Strome von Empfindungen, den
sie in dieser Losung über mich ausgoss. Ich ertrug's nicht, neigte mich auf ihre
Hand und küsste sie unter den wonnevollsten Tränen. Und sah nach ihrem Auge
wieder - Edler! hättest du deine Vergötterung in diesem Blicke gesehen, und
möcht' ich nun deinen so oft entweihten Namen nie wieder nennen hören!
                                                                  Am 19. Junius.
Wo ich neulich mit meiner Erzählung geblieben bin, weiss ich nicht mehr; das weiss
ich, dass es zwei Uhr des Nachts war, als ich zu Bette kam, und dass, wenn ich dir
hätte vorschwatzen können, statt zu schreiben, ich dich vielleicht bis an den
Morgen aufgehalten hätte.
    Was auf unserer Hereinfahrt vom Balle geschehen ist, habe ich noch nicht
erzählt, habe auch heute keinen Tag dazu.
    Es war der herrlichste Sonnenaufgang. Der tröpfelnde Wald und das erfrischte
Feld umher! Unsere Gesellschafterinnen nickten ein. Sie fragte mich, ob ich
nicht auch von der Partie sein wollte; ihrentwegen sollt' ich unbekümmert sein.
- »So lange ich diese Augen offen sehe«, sagte ich und sah sie fest an, »so
lange hat's keine Gefahr.« - Und wir haben beide ausgehalten bis an ihr Tor, da
ihr die Magd leise aufmachte und auf ihr Fragen versicherte, dass Vater und
Kleine wohl seien und alle noch schliefen. Da verliess ich sie mit der Bitte, sie
selbigen Tags noch sehen zu dürfen; sie gestand mir's zu, und ich bin gekommen -
und seit der Zeit können Sonne, Mond und Sterne geruhig ihre Wirtschaft treiben,
ich weiss weder dass Tag noch dass Nacht ist, und die ganze Welt verliert sich um
mich her.
                                                                  Am 21. Junius.
Ich lebe so glückliche Tage, wie sie Gott seinen Heiligen aufspart; und mit mir
mag werden was will, so darf ich nicht sagen, dass ich die Freuden, die reinsten
Freuden des Lebens nicht genossen habe. - Du kennst mein Wahlheim; dort bin ich
völlig etabliert, von da habe ich nur eine halbe Stunde zu Lotten, dort fühl'
ich mich selbst und alles Glück, das dem Menschen gegeben ist.
    Hätt' ich gedacht, als ich mir Wahlheim zum Zwecke meiner Spaziergänge
wählte, dass es so nahe am Himmel läge! Wie oft habe ich das Jagdhaus, das nun
alle meine Wünsche einschliesst, auf meinen weiten Wanderungen, bald vom Berge,
bald von der Ebne über den Fluss gesehn!
    Lieber Wilhelm, ich habe allerlei nachgedacht, über die Begier im Menschen,
sich auszubreiten, neue Entdeckungen zu machen, herumzuschweifen; und dann
wieder über den inneren Trieb, sich der Einschränkung willig zu ergeben, in dem
Gleise der Gewohnheit so hinzufahren und sich weder um Rechts noch um Links zu
bekümmern.
    Es ist wunderbar: wie ich hierher kam und vom Hügel in das schöne Tal
schaute, wie es mich rings umher anzog. - Dort das Wäldchen! - Ach könntest du
dich in seine Schatten mischen! - Dort die Spitze des Berges! - Ach könntest du
von da die weite Gegend überschauen! - Die in einander geketteten Hügel und
vertraulichen Täler! - O könnte ich mich in ihnen verlieren! - - Ich eilte hin,
und kehrte zurück, und hatte nicht gefunden, was ich hoffte. O es ist mit der
Ferne wie mit der Zukunft! Ein grosses dämmerndes Ganze ruht vor unserer Seele,
unsere Empfindung verschwimmt darin wie unser Auge, und wir sehnen uns, ach!
unser ganzes Wesen hinzugeben, uns mit aller Wonne eines einzigen, grossen,
herrlichen Gefühls ausfüllen zu lassen. - Und ach! wenn wir hinzueilen, wenn das
Dort nun Hier wird, ist alles vor wie nach, und wir stehen in unserer Armut, in
unserer Eingeschränkteit, und unsere Seele lechzt nach entschlüpftem Labsale.
    So sehnt sich der unruhigste Vagabund zuletzt wieder nach seinem Vaterlande
und findet in seiner Hütte, an der Brust seiner Gattin, in dem Kreise seiner
Kinder, in den Geschäften zu ihrer Erhaltung die Wonne, die er in der weiten
Welt vergebens suchte.
    Wenn ich des Morgens mit Sonnenaufgange hinausgehe nach meinem Wahlheim und
dort im Wirtsgarten mir meine Zuckererbsen selbst pflücke, mich hinsetze, sie
abfädne und dazwischen in meinem Homer lese; wenn ich in der kleinen Küche mir
einen Topf wähle, mir Butter aussteche, Schoten ans Feuer stelle, zudecke und
mich dazusetze, sie manchmal umzuschütteln: da fühl' ich so lebhaft, wie die
übermütigen Freier der Penelope Ochsen und Schweine schlachten, zerlegen und
braten. Es ist nichts, das mich so mit einer stillen, wahren Empfindung
ausfüllte als die Züge patriarchalischen Lebens, die ich, Gott sei Dank, ohne
Affektation in meine Lebensart verweben kann.
    Wie wohl ist mir's, dass mein Herz die simple, harmlose Wonne des Menschen
fühlen kann, der ein Krautaupt auf seinen Tisch bringt, das er selbst gezogen,
und nun nicht den Kohl allein, sondern all die guten Tage, den schönen Morgen,
da er ihn pflanzte, die lieblichen Abende, da er ihn begoss, und da er an dem
fortschreitenden Wachstum seine Freude hatte, alle in einem Augenblicke wieder
mitgeniesst.
                                                                  Am 29. Junius.
Vorgestern kam der Medikus hier aus der Stadt hinaus zum Amtmann und fand mich
auf der Erde unter Lottens Kindern, wie einige auf mir herumkrabbelten, andere
mich neckten, und wie ich sie kitzelte und ein grosses Geschrei mit ihnen
erregte. Der Doktor, der eine sehr dogmatische Drahtpuppe ist, unterm Reden
seine Manschetten in Falten legt und einen Kräusel ohne Ende herauszupft, fand
dieses unter der Würde eines gescheiten Menschen; das merkte ich an seiner Nase.
Ich liess mich aber in nichts stören, liess ihn sehr vernünftige Sachen abhandeln
und baute den Kindern ihre Kartenhäuser wieder, die sie zerschlagen hatten. Auch
ging er darauf in der Stadt herum und beklagte, des Amtmanns Kinder wären so
schon ungezogen genug, der Werter verderbe sie nun völlig.
    Ja, lieber Wilhelm, meinem Herzen sind die Kinder am nächsten auf der Erde.
Wenn ich ihnen zusehe und in dem kleinen Dinge die Keime aller Tugenden, aller
Kräfte sehe, die sie einmal so nötig brauchen werden; wenn ich in dem Eigensinne
künftige Standhaftigkeit und Festigkeit des Charakters, in dem Mutwillen guten
Humor und Leichtigkeit, über die Gefahren der Welt hinzuschlüpfen, erblicke,
alles so unverdorben, so ganz! - immer, immer wiederhole ich dann die goldenen
Worte des Lehrers der Menschen: »Wenn ihr nicht werdet wie eines von diesen!«
Und nun, mein Bester, sie, die unseresgleichen sind, die wir als unsere Muster
ansehen sollten, behandeln wir als Untertanen. Sie sollen keinen Willen haben! -
Haben wir denn keinen? und wo liegt das Vorrecht? - Weil wir älter sind und
gescheiter! - Guter Gott von deinem Himmel, alte Kinder siehst du und junge
Kinder, und nichts weiter; und an welchen du mehr Freude hast, das hat dein Sohn
schon lange verkündigt. Aber sie glauben an ihn und hören ihn nicht - das ist
auch was Altes! - und bilden ihre Kinder nach sich und - Adieu, Wilhelm! Ich mag
darüber nicht weiter radotieren.
                                                                   Am 1. Julius.
Was Lotte einem Kranken sein muss, fühl' ich an meinem eigenen armen Herzen, das
übler dran ist als manches, das auf dem Siechbette verschmachtet. Sie wird
einige Tage in der Stadt bei einer rechtschaffnen Frau zubringen, die sich nach
der Aussage der Ärzte ihrem Ende naht und in diesen letzten Augenblicken Lotten
um sich haben will. Ich war vorige Woche mit ihr, den Pfarrer von St.. zu
besuchen; ein Örtchen, das eine Stunde seitwärts im Gebirge liegt. Wir kamen
gegen vier dahin. Lotte hatte ihre zweite Schwester mitgenommen. Als wir in den
mit zwei hohen Nussbäumen überschatteten Pfarrhof traten, sass der gute alte Mann
auf einer Bank vor der Haustür, und da er Lotten sah, ward er wie neu belebt,
vergass seinen Knotenstock und wagte sich auf, ihr entgegen. Sie lief hin zu ihm,
nötigte ihn sich niederzulassen, indem sie sich zu ihm setzte, brachte viele
Grüsse von ihrem Vater, herzte seinen garstigen, schmutzigen jüngsten Buben, das
Quakelchen seines Alters. Du hättest sie sehen sollen, wie sie den Alten
beschäftigte, wie sie ihre Stimme erhob, um seinen halb tauben Ohren vernehmlich
zu werden, wie sie ihm von jungen, robusten Leuten erzählte, die unvermutet
gestorben wären, von der Vortrefflichkeit des Karlsbades, und wie sie seinen
Entschluss lobte, künftigen Sommer hinzugehen, wie sie fand, dass er viel besser
aussähe, viel munterer sei als das letztemal, da sie ihn gesehn. - Ich hatte
indes der Frau Pfarrerin meine Höflichkeiten gemacht. Der Alte wurde ganz
munter, und da ich nicht umhin konnte, die schönen Nussbäume zu loben, die uns so
lieblich beschatteten, fing er an, uns, wiewohl mit einiger Beschwerlichkeit,
die Geschichte davon zu geben. - »Den alten«, sagte er, »wissen wir nicht, wer
den gepflanzt hat; einige sagen dieser, andere jener Pfarrer. Der jüngere aber
dort hinten ist so alt als meine Frau, im Oktober funfzig Jahr. Ihr Vater
pflanzte ihn des Morgens, als sie gegen Abend geboren wurde. Er war mein Vorfahr
im Amt, und wie lieb ihm der Baum war, ist nicht zu sagen; mir ist er's gewiss
nicht weniger. Meine Frau sass darunter auf einem Balken und strickte, da ich vor
siebenundzwanzig Jahren als ein armer Student zum erstenmale hier in den Hof
kam.« - Lotte fragte nach seiner Tochter; es hiess, sie sei mit Herrn Schmidt auf
die Wiese hinaus zu den Arbeitern, und der Alte fuhr in seiner Erzählung fort:
wie sein Vorfahr ihn liebgewonnen und die Tochter dazu, und wie er erst sein
Vikar und dann sein Nachfolger geworden. Die Geschichte war nicht lange zu Ende,
als die Jungfer Pfarrerin mit dem sogenannten Herrn Schmidt durch den Garten
herkam: sie bewillkommte Lotten mit herzlicher Wärme, und ich muss sagen, sie
gefiel mir nicht übel; eine rasche, wohlgewachsene Brünette, die einen die kurze
Zeit über auf dem Lande wohl unterhalten hätte. Ihr Liebhaber (denn als solchen
stellte sich Herr Schmidt gleich dar), ein feiner, doch stiller Mensch, der sich
nicht in unsere Gespräche mischen wollte, ob ihn gleich Lotte immer hereinzog.
Was mich am meisten betrübte, war, dass ich an seinen Gesichtszügen zu bemerken
schien, es sei mehr Eigensinn und übler Humor als Eingeschränkteit des
Verstandes, der ihn sich mitzuteilen hinderte. In der Folge ward dies leider nur
zu deutlich; denn als Friederike beim Spazierengehen mit Lotten und gelegentlich
auch mit mir ging, wurde des Herrn Angesicht, das ohnedies einer bräunlichen
Farbe war, so sichtlich verdunkelt, dass es Zeit war, dass Lotte mich beim Ärmel
zupfte und mir zu verstehn gab, dass ich mit Friederiken zu artig getan. Nun
verdriesst mich nichts mehr, als wenn die Menschen einander plagen, am meisten,
wenn junge Leute in der Blüte des Lebens, da sie am offensten für alle Freuden
sein könnten, einander die paar guten Tage mit Fratzen verderben und nur erst zu
spät das Unersetzliche ihrer Verschwendung einsehen. Mich wurmte das, und ich
konnte nicht umhin, da wir gegen Abend in den Pfarrhof zurückkehrten und an
einem Tische Milch assen und das Gespräch auf Freude und Leid der Welt sich
wendete, den Faden zu ergreifen und recht herzlich gegen die üble Laune zu
reden. - »Wir Menschen beklagen uns oft«, fing ich an, »dass der guten Tage so
wenig sind und der schlimmen so viel, und, wie mich dünkt, meist mit Unrecht.
Wenn wir immer ein offenes Herz hätten, das Gute zu geniessen, das uns Gott für
jeden Tag bereitet, wir würden alsdann auch Kraft genug haben, das Übel zu
tragen, wenn es kommt.« - »Wir haben aber unser Gemüt nicht in unserer Gewalt;«
versetzte die Pfarrerin; »wie viel hängt vom Körper ab! Wenn einem nicht wohl
ist, ist's einem überall nicht recht.« - Ich gestand ihr das ein. - »Wir wollen
es also«, fuhr ich fort, »als eine Krankheit ansehen und fragen, ob dafür kein
Mittel ist?« - »Das lässt sich hören,« sagte Lotte, »ich glaube wenigstens, dass
viel von uns abhängt. Ich weiss es an mir. Wenn mich etwas neckt und mich
verdriesslich machen will, spring' ich auf und sing' ein paar Contretänze den
Garten auf und ab, gleich ist's weg.« - »Das war's, was ich sagen wollte,«
versetzte ich, »es ist mit der üblen Laune völlig wie mit der Trägheit, denn es
ist eine Art von Trägheit. Unsere Natur hängt sehr dahin, und doch, wenn wir nur
einmal die Kraft haben, uns zu ermannen, geht uns die Arbeit frisch von der
Hand, und wir finden in der Tätigkeit ein wahres Vergnügen.« - Friederike war
sehr aufmerksam, und der junge Mensch wandte mir ein, dass man nicht Herr über
sich selbst sei und am wenigsten über seine Empfindungen gebieten könne. - »Es
ist hier die Frage von einer unangenehmen Empfindung«, versetzte ich, »die doch
jedermann gerne los ist; und niemand weiss, wie weit seine Kräfte gehen, bis er
sie versucht hat. Gewiss, wer krank ist, wird bei allen Ärzten herumfragen, und
die grössten Resignationen, die bittersten Arzeneien wird er nicht abweisen, um
seine gewünschte Gesundheit zu erhalten.« - Ich bemerkte, dass der ehrliche Alte
sein Gehör anstrengte, um an unserm Diskurse teilzunehmen, ich erhob die Stimme,
indem ich die Rede gegen ihn wandte. »Man predigt gegen so viele Laster,« sagte
ich, »ich habe noch nie gehört, dass man gegen die üble Laune vom Predigtstuhle
gearbeitet hätte.«4 - »Das müssten die Stadtpfarrer tun,« sagte er, »die Bauern
haben keinen bösen Humor; doch könnte es auch zuweilen nicht schaden, es wäre
eine Lektion für seine Frau wenigstens und für den Herrn Amtmann.« - Die
Gesellschaft lachte, und er herzlich mit, bis er in einen Husten verfiel, der
unsern Diskurs eine Zeitlang unterbrach; darauf denn der junge Mensch wieder das
Wort nahm: »Sie nannten den bösen Humor ein Laster; mich deucht, das ist
übertrieben.« - »Mit nichten,« gab ich zur Antwort, »wenn das, womit man sich
selbst und seinem Nächsten schadet, diesen Namen verdient. Ist es nicht genug,
dass wir einander nicht glücklich machen können, müssen wir auch noch einander
das Vergnügen rauben, das jedes Herz sich noch manchmal selbst gewähren kann?
Und nennen Sie mir den Menschen, der übler Laune ist und so brav dabei, sie zu
verbergen, sie allein zu tragen, ohne die Freude um sich her zu zerstören! Oder
ist sie nicht vielmehr ein innerer Unmut über unsere eigene Unwürdigkeit, ein
Missfallen an uns selbst, das immer mit einem Neide verknüpft ist, der durch eine
törichte Eitelkeit aufgehetzt wird? Wir sehen glückliche Menschen, die wir nicht
glücklich machen, und das ist unerträglich.« - Lotte lächelte mich an, da sie
die Bewegung sah, mit der ich redete, und eine Träne in Friederikens Auge
spornte mich fortzufahren. - »Wehe denen,« sagte ich, »die sich der Gewalt
bedienen, die sie über ein Herz haben, um ihm die einfachen Freuden zu rauben,
die aus ihm selbst hervorkeimen. Alle Geschenke, alle Gefälligkeiten der Welt
ersetzen nicht einen Augenblick Vergnügen an sich selbst, den uns eine neidische
Unbehaglichkeit unsers Tyrannen vergällt hat.«
    Mein ganzes Herz war voll in diesem Augenblicke; die Erinnerung so manches
Vergangenen drängte sich an meine Seele, und die Tränen kamen mir in die Augen.
    »Wer sich das nur täglich sagte:« rief ich aus, »du vermagst nichts auf
deine Freunde, als ihnen ihre Freuden zu lassen und ihr Glück zu vermehren,
indem du es mit ihnen geniessest. Vermagst du, wenn ihre innere Seele von einer
ängstigenden Leidenschaft gequält, vom Kummer zerrüttet ist, ihnen einen Tropfen
Linderung zu geben?
    Und wenn die letzte, bangste Krankheit dann über das Geschöpf herfällt, das
du in blühenden Tagen untergraben hast, und sie nun daliegt in dem
erbärmlichsten Ermatten, das Auge gefühllos gen Himmel sieht, der Todesschweiss
auf der blassen Stirne abwechselt, und du vor dem Bette stehst wie ein
Verdammter, in dem innigsten Gefühl, dass du nichts vermagst mit deinem ganzen
Vermögen, und die Angst dich inwendig krampft, dass du alles hingeben möchtest,
dem untergehenden Geschöpfe einen Tropfen Stärkung, einen Funken Mut einflössen
zu können.«
    Die Erinnerung einer solchen Szene, wobei ich gegenwärtig war, fiel mit
ganzer Gewalt bei diesen Worten über mich. Ich nahm das Schnupftuch vor die
Augen und verliess die Gesellschaft, und nur Lottens Stimme, die mir rief, wir
wollten fort, brachte mich zu mir selbst. Und wie sie mich auf dem Wege schalt
über den zu warmen Anteil an allem, und dass ich drüber zugrunde gehen würde! dass
ich mich schonen sollte! - O der Engel! Um deinetwillen muss ich leben!
                                                                   Am 6. Julius.
Sie ist immer um ihre sterbende Freundin, und ist immer dieselbe, immer das
gegenwärtige, holde Geschöpf, das, wo sie hinsieht, Schmerzen lindert und
Glückliche macht. Sie ging gestern abend mit Marianen und dem kleinen Malchen
spazieren, ich wusste es und traf sie an, und wir gingen zusammen. Nach einem
Wege von andertalb Stunden kamen wir gegen die Stadt zurück, an den Brunnen,
der mir so wert und nun tausendmal werter ist. Lotte setzte sich aufs Mäuerchen,
wir standen vor ihr. Ich sah umher, ach, und die Zeit, da mein Herz so allein
war, lebte wieder vor mir auf. - »Lieber Brunnen,« sagte ich, »seiter hab' ich
nicht mehr an deiner Kühle geruht, hab' in eilendem Vorübergehn dich manchmal
nicht angesehn.« - Ich blickte hinab und sah, dass Malchen mit einem Glase Wasser
sehr beschäftigt heraufstieg. - Ich sah Lotten an und fühlte alles, was ich an
ihr habe. Indem kommt Malchen mit einem Glase. Mariane wollt' es ihr abnehmen:
»Nein!« rief das Kind mit dem süssesten Ausdrucke, »nein, Lottchen, du sollst
zuerst trinken!« - Ich ward über die Wahrheit, über die Güte, womit sie das
ausrief, so entzückt, dass ich meine Empfindung mit nichts ausdrücken konnte, als
ich nahm das Kind von der Erde und küsste es lebhaft, das sogleich zu schreien
und zu weinen anfing. - »Sie haben übel getan,« sagte Lotte. - Ich war
betroffen. - »Komm, Malchen,« fuhr sie fort, indem sie es bei der Hand nahm und
die Stufen hinabführte, »da wasche dich aus der frischen Quelle geschwind,
geschwind, da tut's nichts.« - Wie ich so dastand und zusah, mit welcher
Emsigkeit das Kleine mit seinen nassen Händchen die Backen rieb, mit welchem
Glauben, dass durch die Wunderquelle alle Verunreinigung abgespült und die
Schmach abgetan würde, einen hässlichen Bart zu kriegen; wie Lotte sagte: »Es ist
genug!« und das Kind doch immer eifrig fortwusch, als wenn Viel mehr täte als
Wenig - ich sage dir, Wilhelm, ich habe mit mehr Respekt nie einer Taufhandlung
beigewohnt; und als Lotte heraufkam, hätte ich mich gern vor ihr niedergeworfen
wie vor einem Propheten, der die Schulden einer Nation weggeweiht hat.
    Des Abends konnte ich nicht umhin, in der Freude meines Herzens den Vorfall
einem Manne zu erzählen, dem ich Menschensinn zutraute, weil er Verstand hat;
aber wie kam ich an! Er sagte, das sei sehr übel von Lotten gewesen; man solle
den Kindern nichts weis machen; dergleichen gebe zu unzähligen Irrtümern und
Aberglauben Anlass, wovor man die Kinder frühzeitig bewahren müsse. - Nun fiel
mir ein, dass der Mann vor acht Tagen hatte taufen lassen, drum liess ich's
vorbeigehen und blieb in meinem Herzen der Wahrheit getreu: Wir sollen es mit
den Kindern machen wie Gott mit uns, der uns am glücklichsten macht, wenn er uns
in freundlichem Wahne so hintaumeln lässt.
                                                                   Am 8. Julius.
Was man ein Kind ist! Was man nach so einem Blicke geizt! Was man ein Kind ist!
- Wir waren nach Wahlheim gegangen. Die Frauenzimmer fuhren hinaus, und während
unserer Spaziergänge glaubte ich in Lottens schwarzen Augen - ich bin ein Tor,
verzeih mir's! du solltest sie sehen, diese Augen. - Dass ich kurz bin (denn die
Augen fallen mir zu vor Schlaf): siehe, die Frauenzimmer stiegen ein, da standen
um die Kutsche der junge W.., Selstadt und Audran und ich. Da ward aus dem
Schlage geplaudert mit den Kerlchen, die freilich leicht und lüftig genug waren.
- Ich suchte Lottens Augen; ach, sie gingen von einem zum andern! Aber auf mich!
mich! mich! der ganz allein auf sie resigniert dastand, fielen sie nicht! - Mein
Herz sagte ihr tausend Adieu! Und sie sah mich nicht! Die Kutsche fuhr vorbei,
und eine Träne stand mir im Auge. Ich sah ihr nach und sah Lottens Kopfputz sich
zum Schlage herauslehnen, und sie wandte sich um zu sehen, ach! nach mir? -
Lieber! In dieser Ungewissheit schwebe ich; das ist mein Trost: vielleicht hat
sie sich nach mir umgesehen! Vielleicht! - Gute Nacht! O, was ich ein Kind bin!
                                                                  Am 10. Julius.
Die alberne Figur, die ich mache, wenn in Gesellschaft von ihr gesprochen wird,
solltest du sehen! Wenn man mich nun gar fragt, wie sie mir gefällt? - Gefällt!
das Wort hasse ich auf den Tod. Was muss das für ein Mensch sein, dem Lotte
gefällt, dem sie nicht alle Sinne, alle Empfindungen ausfüllt! Gefällt! Neulich
fragte mich einer, wie mir Ossian gefiele!
                                                                  Am 11. Julius.
Frau M.. ist sehr schlecht; ich bete für ihr Leben, weil ich mit Lotten dulde.
Ich sehe sie selten bei einer Freundin, und heute hat sie mir einen wunderbaren
Vorfall erzählt. - Der alte M.. ist ein geiziger, rangiger Filz, der seine Frau
im Leben was Rechts geplagt und eingeschränkt hat; doch hat sich die Frau immer
durchzuhelfen gewusst. Vor wenigen Tagen, als der Arzt ihr das Leben abgesprochen
hatte, liess sie ihren Mann kommen (Lotte war im Zimmer) und redete ihn also an:
»Ich muss dir eine Sache gestehen, die nach meinem Tode Verwirrung und Verdruss
machen könnte. Ich habe bisher die Haushaltung geführt, so ordentlich und
sparsam als möglich; allein du wirst mir verzeihen, dass ich dich diese dreissig
Jahre her hintergangen habe. Du bestimmtest im Anfange unserer Heirat ein
Geringes für die Bestreitung der Küche und anderer häuslichen Ausgaben. Als
unsere Haushaltung stärker wurde, unser Gewerbe grösser, warst du nicht zu
bewegen, mein Wochengeld nach dem Verhältnisse zu vermehren; kurz, du weisst, dass
du in den Zeiten, da sie am grössten war, verlangtest, ich solle mit sieben
Gulden die Woche auskommen. Die habe ich denn ohne Widerrede genommen und mir
den Überschuss wöchentlich aus der Losung geholt, da niemand vermutete, dass die
Frau die Kasse bestehlen würde. Ich habe nichts verschwendet und wäre auch, ohne
es zu bekennen, getrost der Ewigkeit entgegengegangen, wenn nicht diejenige, die
nach mir das Hauswesen zu führen hat, sich nicht zu helfen wissen würde, und du
doch immer darauf bestehen könntest, deine erste Frau sei damit ausgekommen.«
    Ich redete mit Lotten über die unglaubliche Verblendung des Menschensinns,
dass einer nicht argwohnen soll, dahinter müsse was anders stecken, wenn eins mit
sieben Gulden hinreicht, wo man den Aufwand vielleicht um zweimal so viel sieht.
Aber ich habe selbst Leute gekannt, die des Propheten ewiges Ölkrüglein ohne
Verwunderung in ihrem Hause angenommen hätten.
                                                                  Am 13. Julius.
Nein, ich betriege mich nicht! Ich lese in ihren schwarzen Augen wahre
Teilnehmung an mir und meinem Schicksal. Ja ich fühle, und darin darf ich meinem
Herzen trauen, dass sie - o darf ich, kann ich den Himmel in diesen Worten
aussprechen? - dass sie mich liebt!
    Mich liebt! - Und wie wert ich mir selbst werde, wie ich - dir darf ich's
wohl sagen, du hast Sinn für so etwas - wie ich mich selbst anbete, seitdem sie
mich liebt!
    Ob das Vermessenheit ist oder Gefühl des wahren Verhältnisses? - Ich kenne
den Menschen nicht, von dem ich etwas in Lottens Herzen fürchtete. Und doch -
wenn sie von ihrem Bräutigam spricht, mit solcher Wärme, solcher Liebe von ihm
spricht - da ist mir's wie einem, der aller seiner Ehren und Würden entsetzt und
dem der Degen genommen wird.
                                                                  Am 16. Julius.
Ach wie mir das durch alle Adern läuft, wenn mein Finger unversehens den ihrigen
berührt, wenn unsere Füsse sich unter dem Tische begegnen! Ich ziehe zurück wie
vom Feuer, und eine geheime Kraft zieht mich wieder vorwärts - mir wird's so
schwindelig vor allen Sinnen. - O! und ihre Unschuld, ihre unbefangne Seele
fühlt nicht, wie sehr mich die kleinen Vertraulichkeiten peinigen. Wenn sie gar
im Gespräch ihre Hand auf die meinige legt und im Interesse der Unterredung
näher zu mir rückt, dass der himmlische Atem ihres Mundes meine Lippen erreichen
kann: - ich glaube zu versinken, wie vom Wetter gerührt. - Und, Wilhelm! wenn
ich mich jemals unterstehe, diesen Himmel, dieses Vertrauen -! Du verstehst
mich. Nein, mein Herz ist so verderbt nicht! Schwach! schwach genug! - Und ist
das nicht Verderben? -
    Sie ist mir heilig. Alle Begier schweigt in ihrer Gegenwart. Ich weiss nie,
wie mir ist, wenn ich bei ihr bin; es ist, als wenn die Seele sich mir in allen
Nerven umkehrte. - Sie hat eine Melodie, die sie auf dem Klaviere spielet mit
der Kraft eines Engels, so simpel und so geistvoll! Es ist ihr Leiblied, und
mich stellt es von aller Pein, Verwirrung und Grillen her, wenn sie nur die
erste Note davon greift.
    Kein Wort von der Zauberkraft der alten Musik ist mir unwahrscheinlich. Wie
mich der einfache Gesang angreift! Und wie sie ihn anzubringen weiss, oft zur
Zeit, wo ich mir eine Kugel vor den Kopf schiessen möchte! Die Irrung und
Finsternis meiner Seele zerstreut sich, und ich atme wieder freier.
                                                                  Am 18. Julius.
Wilhelm, was ist unserem Herzen die Welt ohne Liebe! Was eine Zauberlaterne ist
ohne Licht! Kaum bringst du das Lämpchen hinein, so scheinen dir die buntesten
Bilder an deine weisse Wand! Und wenn's nichts wäre als das, als vorübergehende
Phantome, so macht's doch immer unser Glück, wenn wir wie frische Jungen davor
stehen und uns über die Wundererscheinungen entzücken. Heute konnte ich nicht zu
Lotten, eine unvermeidliche Gesellschaft hielt mich ab. Was war zu tun? Ich
schickte meinen Diener hinaus, nur um einen Menschen um mich zu haben, der ihr
heute nahe gekommen wäre. Mit welcher Ungeduld ich ihn erwartete, mit welcher
Freude ich ihn wiedersah! Ich hätte ihn gern beim Kopfe genommen und geküsst,
wenn ich mich nicht geschämt hätte.
    Man erzählt von dem Bononischen Steine, dass er, wenn man ihn in die Sonne
legt, ihre Strahlen anzieht und eine Weile bei Nacht leuchtet. So war mir's mit
dem Burschen. Das Gefühl, dass ihre Augen auf seinem Gesichte, seinen Backen,
seinen Rockknöpfen und dem Kragen am Surtout geruht hatten, machte mir das alles
so heilig, so wert! Ich hätte in dem Augenblick den Jungen nicht um tausend
Taler gegeben. Es war mir so wohl in seiner Gegenwart. - Bewahre dich Gott, dass
du darüber lachest. Wilhelm, sind das Phantome, wenn es uns wohl ist?
                                                                 Den 19. Julius.
»Ich werde sie sehen!« ruf' ich morgens aus, wenn ich mich ermuntere und mit
aller Heiterkeit der schönen Sonne entgegenblicke; »ich werde sie sehen!« Und da
habe ich für den ganzen Tag keinen Wunsch weiter. Alles, alles verschlingt sich
in dieser Aussicht.
                                                                 Den 20. Julius.
Eure Idee will noch nicht die meinige werden, dass ich mit dem Gesandten nach ***
gehen soll. Ich liebe die Subordination nicht sehr, und wir wissen alle, dass der
Mann noch dazu ein widriger Mensch ist. Meine Mutter möchte mich gern in
Aktivität haben, sagst du, das hat mich zu lachen gemacht. Bin ich jetzt nicht
auch aktiv, und ist's im Grunde nicht einerlei, ob ich Erbsen zähle oder Linsen?
Alles in der Welt läuft doch auf eine Lumperei hinaus, und ein Mensch, der um
anderer willen, ohne dass es seine eigene Leidenschaft, sein eigenes Bedürfnis
ist, sich um Geld oder Ehre oder sonst was abarbeitet, ist immer ein Tor.
                                                                  Am 24. Julius.
Da dir so sehr daran gelegen ist, dass ich mein Zeichnen nicht vernachlässige,
möchte ich lieber die ganze Sache übergehen als dir sagen, dass zeiter wenig
getan wird.
    Noch nie war ich glücklicher, noch nie war meine Empfindung an der Natur,
bis aufs Steinchen, aufs Gräschen herunter, voller und inniger, und doch - Ich
weiss nicht, wie ich mich ausdrücken soll, meine vorstellende Kraft ist so
schwach, alles schwimmt und schwankt so vor meiner Seele, dass ich keinen Umriss
packen kann; aber ich bilde mir ein, wenn ich Ton hätte oder Wachs, so wollte
ich's wohl herausbilden. Ich werde auch Ton nehmen, wenn's länger währt, und
kneten, und sollten's Kuchen werden!
    Lottens Porträt habe ich dreimal angefangen, und habe mich dreimal
prostituiert; das mich um so mehr verdriesst, weil ich vor einiger Zeit sehr
glücklich im Treffen war. Darauf habe ich denn ihren Schattenriss gemacht, und
damit soll mir g'nügen.
                                                                  Am 26. Julius.
Ja, liebe Lotte, ich will alles besorgen und bestellen; geben Sie mir nur mehr
Aufträge, nur recht oft. Um eins bitte ich Sie: keinen Sand mehr auf die
Zettelchen, die Sie mir schreiben. Heute führte ich es schnell nach der Lippe,
und die Zähne knisterten mir.
                                                                  Am 26. Julius.
Ich habe mir schon manchmal vorgenommen, sie nicht so oft zu sehn. Ja wer das
halten könnte! Alle Tage unterlieg' ich der Versuchung und verspreche mir
heilig: morgen willst du einmal wegbleiben. Und wenn der Morgen kommt, finde ich
doch wieder eine unwiderstehliche Ursache, und ehe ich mich's versehe, bin ich
bei ihr. Entweder sie hat des Abends gesagt: »Sie kommen doch morgen?« - Wer
könnte da wegbleiben? Oder sie gibt mir einen Auftrag, und ich finde schicklich,
ihr selbst die Antwort zu bringen; oder der Tag ist gar zu schön, ich gehe nach
Wahlheim, und wenn ich nun da bin, ist's nur noch eine halbe Stunde zu ihr! -
Ich bin zu nah in der Atmosphäre - Zuck! so bin ich dort. Meine Grossmutter hatte
ein Märchen vom Magnetenberg: die Schiffe, die zu nahe kamen, wurden auf einmal
alles Eisenwerks beraubt, die Nägel flogen dem Berge zu, und die armen Elenden
scheiterten zwischen den übereinanderstürzenden Brettern.
                                                                  Am 30. Julius.
Albert ist angekommen, und ich werde gehen; und wenn er der beste, der edelste
Mensch wäre, unter den ich mich in jeder Betrachtung zu stellen bereit wäre, so
wär's unerträglich, ihn vor meinem Angesicht im Besitz so vieler
Vollkommenheiten zu sehen. - Besitz! - Genug, Wilhelm, der Bräutigam ist da! Ein
braver, lieber Mann, dem man gut sein muss. Glücklicherweise war ich nicht beim
Empfange! Das hätte mir das Herz zerrissen. Auch ist er so ehrlich und hat
Lotten in meiner Gegenwart noch nicht ein einzigmal geküsst. Das lohn' ihm Gott!
Um des Respekts willen, den er vor dem Mädchen hat, muss ich ihn lieben. Er will
mir wohl, und ich vermute, das ist Lottens Werk mehr als seiner eigenen
Empfindung; denn darin sind die Weiber fein und haben recht; wenn sie zwei
Verehrer in gutem Vernehmen mit einander erhalten können, ist der Vorteil immer
ihr, so selten es auch angeht.
    Indes kann ich Alberten meine Achtung nicht versagen. Seine gelassene
Aussenseite sticht gegen die Unruhe meines Charakters sehr lebhaft ab, die sich
nicht verbergen lässt. Er hat viel Gefühl und weiss, was er an Lotten hat. Er
scheint wenig üble Laune zu haben, und du weisst, das ist die Sünde, die ich
ärger hasse am Menschen als alle andre.
    Er hält mich für einen Menschen von Sinn; und meine Anhänglichkeit zu
Lotten, meine warme Freude, die ich an allen ihren Handlungen habe, vermehrt
seinen Triumph, und er liebt sie nur desto mehr. Ob er sie nicht manchmal mit
kleiner Eifersüchtelei peinigt, das lasse ich dahingestellt sein, wenigstens
würd' ich an seinem Platze nicht ganz sicher vor diesem Teufel bleiben.
    Dem sei nun wie ihm wolle, meine Freude, bei Lotten zu sein, ist hin. Soll
ich das Torheit nennen oder Verblendung? - Was braucht's Namen! erzählt die
Sache an sich! - Ich wusste alles, was ich jetzt weiss, ehe Albert kam; ich wusste,
dass ich keine Prätension an sie zu machen hatte, machte auch keine - das heisst,
insofern es möglich ist, bei so viel Liebenswürdigkeit nicht zu begehren - Und
jetzt macht der Fratze grosse Augen, da der andere nun wirklich kommt und ihm das
Mädchen wegnimmt.
    Ich beisse die Zähne auf einander und spotte über mein Elend, und spottete
derer doppelt und dreifach, die sagen könnten, ich sollte mich resignieren, und
weil es nun einmal nicht anders sein könnte. - schafft mir diese Strohmänner vom
Halse! - Ich laufe in den Wäldern herum, und wenn ich zu Lotten komme, und
Albert bei ihr sitzt im Gärtchen unter der Laube, und ich nicht weiter kann, so
bin ich ausgelassen närrisch und fange viel Possen, viel verwirrtes Zeug an. -
»Um Gottes willen,« sagte mir Lotte heut, »ich bitte Sie, keine Szene wie die
von gestern abend! Sie sind fürchterlich, wenn Sie so lustig sind.« - Unter uns,
ich passe die Zeit ab, wenn er zu tun hat; wutsch! bin ich drauss, und da ist
mir's immer wohl, wenn ich sie allein finde.
                                                                   Am 8. August.
Ich bitte dich, lieber Wilhelm, es war gewiss nicht auf dich geredet, wenn ich
die Menschen unerträglich schalt, die von uns Ergebung in unvermeidliche
Schicksale fordern. Ich dachte wahrlich nicht daran, dass du von ähnlicher
Meinung sein könntest. Und im Grunde hast du recht. Nur eins, mein Bester! In
der Welt ist es sehr selten mit dem Entweder - Oder getan; die Empfindungen und
Handlungsweisen schattieren sich so mannigfaltig, als Abfälle zwischen einer
Habichts - und Stumpfnase sind.
    Du wirst mir also nicht übelnehmen, wenn ich dir dein ganzes Argument
einräume und mich doch zwischen dem Entweder - Oder durchzustehlen suche.
    Entweder, sagst du, hast du Hoffnung auf Lotten, oder du hast keine. Gut, im
ersten Fall suche sie durchzutreiben, suche die Erfüllung deiner Wünsche zu
umfassen: im anderen Fall ermanne dich und suche einer elenden Empfindung los zu
werden, die alle deine Kräfte verzehren muss. - Bester! das ist wohl gesagt, und
- bald gesagt.
    Und kannst du von dem Unglücklichen, dessen Leben unter einer schleichenden
Krankheit unaufhaltsam allmählich abstirbt, kannst du von ihm verlangen, er
solle durch einen Dolchstoss der Qual auf einmal ein Ende machen? Und raubt das
Übel, das ihm die Kräfte verzehrt, ihm nicht auch zugleich den Mut, sich davon
zu befreien? Zwar könntest du mir mit einem verwandten Gleichnisse antworten:
Wer liesse sich nicht lieber den Arm abnehmen, als dass er durch Zaudern und Zagen
sein Leben aufs Spiel setzte? - Ich weiss nicht! - und wir wollen uns nicht in
Gleichnissen herumbeissen. Genug - Ja, Wilhelm, ich habe manchmal so einen
Augenblick aufspringenden, abschüttelnden Muts, und da - wenn ich nur wüsste
wohin, ich ginge wohl.
                                                                         Abends.
Mein Tagebuch, das ich seit einiger Zeit vernachlässiget, fiel mir heut wieder
in die Hände, und ich bin erstaunt, wie ich so wissentlich in das alles, Schritt
vor Schritt, hineingegangen bin! Wie ich über meinen Zustand immer so klar
gesehen und doch gehandelt habe wie ein Kind, jetzt noch so klar sehe, und es
noch keinen Anschein zur Besserung hat.
                                                                  Am 10. August.
Ich könnte das beste, glücklichste Leben führen, wenn ich nicht ein Tor wäre. So
schöne Umstände vereinigen sich nicht leicht, eines Menschen Seele zu ergetzen,
als die sind, in denen ich mich jetzt befinde. Ach so gewiss ist's, dass unser
Herz allein sein Glück macht. - Ein Glied der liebenswürdigen Familie zu sein,
von dem Alten geliebt zu werden wie ein Sohn, von den Kleinen wie ein Vater, und
von Lotten! - dann der ehrliche Albert, der durch keine launische Unart mein
Glück stört; der mich mit herzlicher Freundschaft umfasst; dem ich nach Lotten
das Liebste auf der Welt bin! - Wilhelm, es ist eine Freude, uns zu hören, wenn
wir spazierengehen und uns einander von Lotten unterhalten: es ist in der Welt
nichts Lächerrlichers erfunden worden als dieses Verhältnis, und doch kommen mir
oft darüber die Tränen in die Augen.
    Wenn er mir von ihrer rechtschaffenen Mutter erzählt: wie sie auf ihrem
Todbette Lotten ihr Haus und ihre Kinder übergeben und ihm Lotten anbefohlen
habe, wie seit der Zeit ein ganz anderer Geist Lotten belebt habe, wie sie, in
der Sorge für ihre Wirtschaft und in dem Ernste, eine wahre Mutter geworden, wie
kein Augenblick ihrer Zeit ohne tätige Liebe, ohne Arbeit verstrichen, und
dennoch ihre Munterkeit, ihr leichter Sinn sie nie dabei verlassen habe. - Ich
gehe so neben ihm hin und pflücke Blumen am Wege, füge sie sehr sorgfältig in
einen Strauss und - werfe sie in den vorüberfliessenden Strom und sehe ihnen nach,
wie sie leise hinunterwallen. - Ich weiss nicht, ob ich dir geschrieben habe, dass
Albert hier bleiben und ein Amt mit einem artigen Auskommen vom Hofe erhalten
wird, wo er sehr beliebt ist. In Ordnung und Emsigkeit in Geschäften habe ich
wenig seinesgleichen gesehen.
                                                                  Am 12. August.
Gewiss, Albert ist der beste Mensch unter dem Himmel. Ich habe gestern eine
wunderbare Szene mit ihm gehabt. Ich kam zu ihm, um Abschied von ihm zu nehmen;
denn mich wandelte die Lust an, ins Gebirge zu reiten, von woher ich dir auch
jetzt schreibe, und wie ich in der Stube auf und ab gehe, fallen mir seine
Pistolen in die Augen. - »Borge mir die Pistolen«, sagte ich, »zu meiner Reise.«
- »Meinetwegen,« sagte er, »wenn du dir die Mühe nehmen willst, sie zu laden;
bei mir hängen sie nur pro forma.« - Ich nahm eine herunter, und er fuhr fort:
»Seit mir meine Vorsicht einen so unartigen Streich gespielt hat, mag ich mit
dem Zeuge nichts mehr zu tun haben.« - Ich war neugierig, die Geschichte zu
wissen. - »Ich hielt mich«, erzählte er, »wohl ein Vierteljahr auf dem Lande bei
einem Freunde auf, hatte ein paar Terzerolen ungeladen und schlief ruhig. Einmal
an einem regnichten Nachmittage, da ich müssig sitze, weiss ich nicht, wie mir
einfällt: wir könnten überfallen werden, wir könnten die Terzerolen nötig haben
und könnten - du weisst ja, wie das ist. - Ich gab sie dem Bedienten, sie zu
putzen und zu laden; und der dahlt mit den Mädchen, will sie erschrecken, und
Gott weiss wie, das Gewehr geht los, da der Ladstock noch drin steckt, und
schiesst den Ladstock einem Mädchen zur Maus herein an der rechten Hand und
zerschlägt ihr den Daumen. Da hatte ich das Lamentieren, und die Kur zu bezahlen
obendrein, und seit der Zeit lass' ich alles Gewehr ungeladen. Lieber Schatz,
was ist Vorsicht? die Gefahr lässt sich nicht auslernen! Zwar... « - Nun weisst
du, dass ich den Menschen sehr lieb habe bis auf seine Zwar; denn versteht sich's
nicht von selbst, dass jeder allgemeine Satz Ausnahmen leidet? Aber so
rechtfertig ist der Mensch! wenn er glaubt, etwas Übereiltes, Allgemeines,
Halbwahres gesagt zu haben, so hört er dir nicht auf zu limitieren, zu
modifizieren und ab - und zuzutun, bis zuletzt gar nichts mehr an der Sache ist.
Und bei diesem Anlass kam er sehr tief in Text: ich hörte endlich gar nicht
weiter auf ihn, verfiel in Grillen, und mit einer auffahrenden Gebärde drückte
ich mir die Mündung der Pistole übers rechte Aug' an die Stirn. - »Pfui!« sagte
Albert, indem er mir die Pistole herabzog, »was soll das?« - »Sie ist nicht
geladen.« sagte ich. - »Und auch so, was soll's?« versetzte er ungeduldig. »Ich
kann mir nicht vorstellen, wie ein Mensch so töricht sein kann, sich zu
erschiessen; der blosse Gedanke erregt mir Widerwillen.«
    »Dass ihr Menschen,« rief ich aus, »um von einer Sache zu reden, gleich
sprechen müsst: das ist töricht, das ist klug, das ist gut, das ist bös! Und was
will das alles heissen? Habt ihr deswegen die innern Verhältnisse einer Handlung
erforscht? Wisst ihr mit Bestimmteit die Ursachen zu entwickeln, warum sie
geschah, warum sie geschehen musste? Hättet ihr das, ihr würdet nicht so
eilfertig mit euren Urteilen sein.«
    »Du wirst mir zugeben,« sagte Albert, »dass gewisse Handlungen lasterhaft
bleiben, sie mögen geschehen, aus welchem Beweggrunde sie wollen.«
    Ich zuckte die Achseln und gab's ihm zu. - »Doch, mein Lieber,« fuhr ich
fort, »finden sich auch hier einige Ausnahmen. Es ist wahr, der Diebstahl ist
ein Laster; aber der Mensch, der, um sich und die Seinigen vom gegenwärtigen
Hungertode zu erretten, auf Raub ausgeht, verdient der Mitleiden oder Strafe?
Wer hebt den ersten Stein auf gegen den Ehemann, der im gerechten Zorne sein
untreues Weib und ihren nichtswürdigen Verführer aufopfert? Gegen das Mädchen,
das in einer wonnevollen Stunde sich in den unaufhaltsamen Freuden der Liebe
verliert? Unsere Gesetze selbst, diese kaltblütigen Pedanten, lassen sich rühren
und halten ihre Strafe zurück.«
    »Das ist ganz was anders,« versetzte Albert, »weil ein Mensch, den seine
Leidenschaften hinreissen, alle Besinnungskraft verliert und als ein Trunkener,
als ein Wahnsinniger angesehen wird.«
    »Ach ihr vernünftigen Leute!« rief ich lächelnd aus. »Leidenschaft!
Trunkenheit! Wahnsinn! Ihr steht so gelassen, so ohne Teilnehmung da, ihr
sittlichen Menschen, scheltet den Trinker, verabscheut den Unsinnigen, geht
vorbei wie der Priester und dankt Gott wie der Pharisäer, dass er euch nicht
gemacht hat wie einen von diesen. Ich bin mehr als einmal trunken gewesen, meine
Leidenschaften waren nie weit vom Wahnsinn, und beides reut mich nicht: denn ich
habe in meinem Masse begreifen lernen, wie man alle ausserordentlichen Menschen,
die etwas Grosses, etwas Unmöglichscheinendes wirkten, von jeher für Trunkene und
Wahnsinnige ausschreien musste.
    Aber auch im gemeinen Leben ist's unerträglich, fast einem jeden bei halbweg
einer freien, edlen, unerwarteten Tat nachrufen zu hören: Der Mensch ist
trunken, der ist närrisch! Schämt euch, ihr Nüchternen! Schämt euch, ihr
Weisen!«
    »Das sind nun wieder von deinen Grillen,« sagte Albert, »du überspannst
alles und hast wenigstens hier gewiss unrecht, dass du den Selbstmord, wovon jetzt
die Rede ist, mit grossen Handlungen vergleichst: da man es doch für nichts
anders als eine Schwäche halten kann. Denn freilich ist es leichter zu sterben,
als ein qualvolles Leben standhaft zu ertragen.«
    Ich war im Begriff abzubrechen; denn kein Argument bringt mich so aus der
Fassung, als wenn einer mit einem unbedeutenden Gemeinspruche angezogen kommt,
wenn ich aus ganzem Herzen rede. Doch fasste ich mich, weil ich's schon oft
gehört und mich öfter darüber geärgert hatte, und versetzte ihm mit einiger
Lebhaftigkeit: »Du nennst das so Schwäche? Ich bitte dich, lass dich vom
Anscheine nicht verführen. Ein Volk, das unter dem unerträglichen Joch eines
Tyrannen seufzt, darfst du das schwach heissen, wenn es endlich aufgärt und seine
Ketten zerreisst? Ein Mensch, der über dem Schrecken, dass Feuer sein Haus
ergriffen hat, alle Kräfte gespannt fühlt und mit Leichtigkeit Lasten wegträgt,
die er bei ruhigem Sinne kaum bewegen kann; einer, der in der Wut der
Beleidigung es mit sechsen aufnimmt und sie überwältigt, sind die schwach zu
nennen? Und, mein Guter, wenn Anstrengung Stärke ist, warum soll die
Überspannung das Gegenteil sein?« - Albert sah mich an und sagte: »Nimm mir's
nicht übel, die Beispiele, die du da gibst, scheinen hieher gar nicht zu
gehören.« - »Es mag sein«, sagte ich, »man hat mir schon öfters vorgeworfen, dass
meine Kombinationsart manchmal an Radotage grenze. Lasst uns denn sehen, ob wir
uns auf eine andere Weise vorstellen können, wie dem Menschen zu Mute sein mag,
der sich entschliesst, die sonst angenehme Bürde des Lebens abzuwerfen. Denn nur
insofern wir mitempfinden, haben wir Ehre, von einer Sache zu reden.
    Die menschliche Natur«, fuhr ich fort, »hat ihre Grenzen: sie kann Freude,
Leid, Schmerzen bis auf einen gewissen Grad ertragen und geht zugrunde, sobald
der überstiegen ist. Hier ist also nicht die Frage, ob einer schwach oder stark
ist, sondern ob er das Mass seines Leidens ausdauern kann, es mag nun moralisch
oder körperlich sein. Und ich finde es ebenso wunderbar zu sagen, der Mensch ist
feige, der sich das Leben nimmt, als es ungehörig wäre, den einen Feigen zu
nennen, der an einem bösartigen Fieber stirbt.«
    »Paradox! sehr paradox!« rief Albert aus. - »Nicht so sehr, als du denkst.«
versetzte ich. »Du gibst mir zu, wir nennen das eine Krankheit zum Tode, wodurch
die Natur so angegriffen wird, dass teils ihre Kräfte verzehrt, teils so ausser
Wirkung gesetzt werden, dass sie sich nicht wieder aufzuhelfen, durch keine
glückliche Revolution den gewöhnlichen Umlauf des Lebens wieder herzustellen
fähig ist.
    Nun, mein Lieber, lass uns das auf den Geist anwenden. Sieh den Menschen an
in seiner Eingeschränkteit, wie Eindrücke auf ihn wirken, Ideen sich bei ihm
festsetzen, bis endlich eine wachsende Leidenschaft ihn aller ruhigen
Sinneskraft beraubt und ihn zugrunde richtet.
    Vergebens, dass der gelassene, vernünftige Mensch den Zustand des
Unglücklichen übersieht, vergebens, dass er ihm zuredet! Ebenso wie ein Gesunder,
der am Bette des Kranken steht, ihm von seinen Kräften nicht das geringste
einflössen kann.«
    Alberten war das zu allgemein gesprochen. Ich erinnerte ihn an ein Mädchen,
das man vor weniger Zeit im Wasser tot gefunden, und wiederholte ihm ihre
Geschichte. - »Ein gutes, junges Geschöpf, das in dem engen Kreise häuslicher
Beschäftigungen, wöchentlicher bestimmter Arbeit herangewachsen war, das weiter
keine Aussicht von Vergnügen kannte, als etwa Sonntags in einem nach und nach
zusammengeschaften Putz mit ihresgleichen um die Stadt spazierenzugehen,
vielleicht alle hohen Feste einmal zu tanzen und übrigens mit aller
Lebhaftigkeit des herzlichsten Anteils manche Stunde über den Anlass eines
Gezänkes, einer übeln Nachrede mit einer Nachbarin zu verplaudern - deren
feurige Natur fühlt nun endlich innigere Bedürfnisse, die durch die
Schmeicheleien der Männer vermehrt werden; ihre vorigen Freuden werden ihr nach
und nach unschmackhaft, bis sie endlich einen Menschen antrifft, zu dem ein
unbekanntes Gefühl sie unwiderstehlich hinreisst, auf den sie nun alle ihre
Hoffnungen wirft, die Welt rings um sich vergisst, nichts hört, nichts sieht,
nichts fühlt als ihn, den Einzigen, sich nur sehnt nach ihm, dem Einzigen. Durch
die leeren Vergnügungen einer unbeständigen Eitelkeit nicht verdorben, zieht ihr
Verlangen gerade nach dem Zweck, sie will die Seinige werden, sie will in ewiger
Verbindung all das Glück antreffen, das ihr mangelt, die Vereinigung aller
Freuden geniessen, nach denen sie sich sehnte. Wiederholtes Versprechen, das ihr
die Gewissheit aller Hoffnungen versiegelt, kühne Liebkosungen, die ihre
Begierden vermehren, umfangen ganz ihre Seele; sie schwebt in einem dumpfen
Bewusstsein, in einem Vorgefühl aller Freuden, sie ist bis auf den höchsten Grad
gespannt, sie streckt endlich ihre Arme aus, all ihre Wünsche zu umfassen - und
ihr Geliebter verlässt sie. - Erstarrt, ohne Sinne steht sie vor einem Abgrunde;
alles ist Finsternis um sie her, keine Aussicht, kein Trost, keine Ahnung! denn
der hat sie verlassen, indem sie allein ihr Dasein fühlte. Sie sieht nicht die
weite Welt, die vor ihr liegt, nicht die vielen, die ihr den Verlust ersetzen
könnten, sie fühlt sich allein, verlassen von aller Welt, - und blind, in die
Enge gepresst von der entsetzlichen Not ihres Herzens, stürzt sie sich hinunter,
um in einem rings umfangenden Tode alle ihre Qualen zu ersticken. - Sieh,
Albert, das ist die Geschichte so manches Menschen! und sag', ist das nicht der
Fall der Krankheit? Die Natur findet keinen Ausweg aus dem Labyrinte der
verworrenen und widersprechenden Kräfte, und der Mensch muss sterben.
    Wehe dem, der zusehen und sagen könnte: Die Törin! Hätte sie gewartet, hätte
sie die Zeit wirken lassen, die Verzweifelung würde sich schon gelegt, es würde
sich schon ein anderer sie zu trösten vorgefunden haben. - Das ist eben, als
wenn einer sagte: Der Tor, stirbt am Fieber! Hätte er gewartet, bis seine Kräfte
sich erholt, seine Säfte sich verbessert, der Tumult seines Blutes sich gelegt
hätten: alles wäre gut gegangen, und er lebte bis auf den heutigen Tag!«
    Albert, dem die Vergleichung noch nicht anschaulich war, wandte noch einiges
ein, und unter andern: ich hätte nur von einem einfältigen Mädchen gesprochen;
wie aber ein Mensch von Verstande, der nicht so eingeschränkt sei, der mehr
Verhältnisse übersehe, zu entschuldigen sein möchte, könne er nicht begreifen. -
»Mein Freund,« rief ich aus, »der Mensch ist Mensch, und das bisschen Verstand,
das einer haben mag, kommt wenig oder nicht in Anschlag, wenn Leidenschaft wütet
und die Grenzen der Menschheit einen drängen. Vielmehr - Ein andermal davon...«
sagte ich und griff nach meinem Hute. O mir war das Herz so voll - Und wir
gingen auseinander, ohne einander verstanden zu haben. Wie denn auf dieser Welt
keiner leicht den andern versteht.
                                                                  Am 15. August.
Es ist doch gewiss, dass in der Welt den Menschen nichts notwendig macht als die
Liebe. Ich fühl's an Lotten, dass sie mich ungern verlöre, und die Kinder haben
keinen andern Begriff, als dass ich immer morgen wiederkommen würde. Heute war
ich hinausgegangen, Lottens Klavier zu stimmen, ich konnte aber nicht dazu
kommen, denn die Kleinen verfolgten mich um ein Märchen, und Lotte sagte selbst,
ich sollte ihnen den Willen tun. Ich schnitt ihnen das Abendbrot, das sie nun
fast so gern von mir als von Lotten annehmen, und erzählte ihnen das
Hauptstückchen von der Prinzessin, die von Händen bedient wird. Ich lerne viel
dabei, das versichre ich dich, und ich bin erstaunt, was es auf sie für
Eindrücke macht. Weil ich manchmal einen Inzidentpunkt erfinden muss, den ich
beim zweitenmal vergesse, sagen sie gleich, das vorigemal wär' es anders
gewesen, so dass ich mich jetzt übe, sie unveränderlich in einem singenden
Silbenfall an einem Schnürchen weg zu rezitieren. Ich habe daraus gelernt, wie
ein Autor durch eine zweite, veränderte Ausgabe seiner Geschichte, und wenn sie
poetisch noch so besser geworden wäre, notwendig seinem Buche schaden muss. Der
erste Eindruck findet uns willig, und der Mensch ist gemacht, dass man ihn das
Abenteuerlichste überreden kann; das haftet aber auch gleich so fest, und wehe
dem, der es wieder auskratzen und austilgen will!
                                                                  Am 18. August.
Musste denn das so sein, dass das, was des Menschen Glückseligkeit macht, wieder
die Quelle seines Elendes würde?
    Das volle, warme Gefühl meines Herzens an der lebendigen Natur, das mich mit
so vieler Wonne überströmte, das rings umher die Welt mir zu einem Paradiese
schuf, wird mir jetzt zu einem unerträglichen Peiniger, zu einem quälenden
Geist, der mich auf allen Wegen verfolgt. Wenn ich sonst vom Felsen über den
Fluss bis zu jenen Hügeln das fruchtbare Tal überschaute und alles um mich her
keimen und quellen sah; wenn ich jene Berge, vom Fusse bis auf zum Gipfel, mit
hohen, dichten Bäumen bekleidet, jene Täler in ihren mannigfaltigen Krümmungen
von den lieblichsten Wäldern beschattet sah, und der sanfte Fluss zwischen den
lispelnden Rohren dahingleitete und die lieben Wolken abspiegelte, die der
sanfte Abendwind am Himmel herüberwiegte; wenn ich dann die Vögel um mich den
Wald beleben hörte, und die Millionen Mückenschwärme im letzten roten Strahle
der Sonne mutig tanzten, und ihr letzter zuckender Blick den summenden Käfer aus
seinem Grase befreite, und das Schwirren und Weben um mich her mich auf den
Boden aufmerksam machte, und das Moos, das meinem harten Felsen seine Nahrung
abzwingt, und das Geniste, das den dürren Sandhügel hinunter wächst, mir das
innere, glühende, heilige Leben der Natur eröffnete: wie fasste ich das alles in
mein warmes Herz, fühlte mich in der überfliessenden Fülle wie vergöttert, und
die herrlichen Gestalten der unendlichen Welt bewegten sich allbelebend in
meiner Seele. Ungeheure Berge umgaben mich, Abgründe lagen vor mir, und
Wetterbäche stürzten herunter, die Flüsse strömten unter mir, und Wald und
Gebirg erklang; und ich sah sie wirken und schaffen ineinander in den Tiefen der
Erde, alle die unergründlichen Kräfte; und nun über der Erde und unter dem
Himmel wimmeln die Geschlechter der mannigfaltigen Geschöpfe. Alles, alles
bevölkert mit tausendfachen Gestalten; und die Menschen dann sich in Häuslein
zusammen sichern und sich annisten und herrschen in ihrem Sinne über die weite
Welt! Armer Tor! der du alles so gering achtest, weil du so klein bist. - Vom
unzugänglichen Gebirge über die Einöde, die kein Fuss betrat, bis ans Ende des
unbekannten Ozeans weht der Geist des Ewigschaffenden und freut sich jedes
Staubes, der ihn vernimmt und lebt. - Ach damals, wie oft habe ich mich mit
Fittichen eines Kranichs, der über mich hin flog, zu dem Ufer des ungemessenen
Meeres gesehnt, aus dem schäumenden Becher des Unendlichen jene schwellende
Lebenswonne zu trinken und nur einen Augenblick in der eingeschränkten Kraft
meines Busens einen Tropfen der Seligkeit des Wesens zu fühlen, das alles in
sich und durch sich hervorbringt.
    Bruder, nur die Erinnerung jener Stunden macht mir wohl. Selbst diese
Anstrengung, jene unsäglichen Gefühle zurückzurufen, wieder auszusprechen, hebt
meine Seele über sich selbst und lässt mich dann das Bange des Zustandes doppelt
empfinden, der mich jetzt umgibt.
    Es hat sich vor meiner Seele wie ein Vorhang weggezogen, und der Schauplatz
des unendlichen Lebens verwandelt sich vor mir in den Abgrund des ewig offenen
Grabes. Kannst du sagen: Das ist! da alles vorübergeht? da alles mit der
Wetterschnelle vorüberrollt, so selten die ganze Kraft seines Daseins ausdauert,
ach, in den Strom fortgerissen, untergetaucht und an Felsen zerschmettert wird?
Da ist kein Augenblick, der nicht dich verzehrte und die Deinigen um dich her,
kein Augenblick, da du nicht ein Zerstörer bist, sein musst; der harmloseste
Spaziergang kostet tausend armen Würmchen das Leben, es zerrüttet ein Fusstritt
die mühseligen Gebäude der Ameisen und stampft eine kleine Welt in ein
schmähliches Grab. Ha! nicht die grosse, seltne Not der Welt, diese Fluten, die
eure Dörfer wegspülen, diese Erdbeben, die eure Städte verschlingen, rühren
mich; mir untergräbt das Herz die verzehrende Kraft, die in dem All der Natur
verborgen liegt; die nichts gebildet hat, das nicht seinen Nachbar, nicht sich
selbst zerstörte. Und so taumle ich beängstigt. Himmel und Erde und ihre
webenden Kräfte um mich her: ich sehe nichts als ein ewig verschlingendes, ewig
wiederkäuendes Ungeheuer.
                                                                  Am 21. August.
Umsonst strecke ich meine Arme nach ihr aus, morgens, wenn ich von schweren
Träumen aufdämmere, vergebens suche ich sie nachts in meinem Bette, wenn mich
ein glücklicher, unschuldiger Traum getäuscht hat, als säss' ich neben ihr auf
der Wiese und hielt' ihre Hand und deckte sie mit tausend Küssen. Ach, wenn ich
dann noch halb im Taumel des Schlafes nach ihr tappe und drüber mich ermuntere -
ein Strom von Tränen bricht aus meinem gepressten Herzen, und ich weine trostlos
einer finstern Zukunft entgegen.
                                                                  Am 22. August.
Es ist ein Unglück, Wilhelm, meine tätigen Kräfte sind zu einer unruhigen
Lässigkeit verstimmt, ich kann nicht müssig sein und kann doch auch nichts tun.
Ich habe keine Vorstellungskraft, kein Gefühl an der Natur, und die Bücher ekeln
mich an. Wenn wir uns selbst fehlen, fehlt uns doch alles. Ich schwöre dir,
manchmal wünschte ich, ein Tagelöhner zu sein, um nur des Morgens beim Erwachen
eine Aussicht auf den künftigen Tag, einen Drang, eine Hoffnung zu haben. Oft
beneide ich Alberten, den ich über die Ohren in Akten begraben sehe, und bilde
mir ein, mir wäre wohl, wenn ich an seiner Stelle wäre! Schon etlichemal ist
mir's so aufgefahren, ich wollte dir schreiben und dem Minister, um die Stelle
bei der Gesandtschaft anzuhalten, die, wie du versicherst, mir nicht versagt
werden würde. Ich glaube es selbst. Der Minister liebt mich seit langer Zeit,
hatte lange mir angelegen, ich sollte mich irgendeinem Geschäfte widmen; und
eine Stunde ist mir's auch wohl drum zu tun. Hernach, wenn ich wieder dran denke
und mir die Fabel vom Pferde einfällt, das, seiner Freiheit ungeduldig, sich
Sattel und Zeug auflegen lässt und zuschanden geritten wird - ich weiss nicht, was
ich soll. - Und, mein Lieber! ist nicht vielleicht das Sehnen in mir nach
Veränderung des Zustands eine innere, unbehagliche Ungeduld, die mich überallhin
verfolgen wird?
 
                                                                  Am 28. August.
Es ist wahr, wenn meine Krankheit zu heilen wäre, so würden diese Menschen es
tun. Heute ist mein Geburtstag, und in aller Frühe empfange ich ein Päckchen von
Alberten. Mir fällt beim Eröffnen sogleich eine der blassroten Schleifen in die
Augen, die Lotte vor hatte, als ich sie kennen lernte, und um die ich sie
seiter etlichemal gebeten hatte. Es waren zwei Büchelchen in Duodez dabei, der
kleine Wetsteinische Homer, eine Ausgabe, nach der ich so oft verlangt, um mich
auf dem Spaziergange mit dem Ernestischen nicht zu schleppen. Sieh! so kommen
sie meinen Wünschen zuvor, so suchen sie alle die kleinen Gefälligkeiten der
Freundschaft auf, die tausendmal werter sind als jene blendenden Geschenke,
wodurch uns die Eitelkeit des Gebers erniedrigt. Ich küsse diese Schleife
tausendmal, und mit jedem Atemzuge schlürfe ich die Erinnerung jener Seligkeiten
ein, mit denen mich jene wenigen, glücklichen, unwiederbringlichen Tage
überfüllten. Wilhelm, es ist so, und ich murre nicht, die Blüten des Lebens sind
nur Erscheinungen! Wie viele gehn vorüber, ohne eine Spur hinter sich zu lassen,
wie wenige setzen Frucht an, und wie wenige dieser Früchte werden reif! Und doch
sind deren noch genug da; und doch - O mein Bruder! - können wir gereifte
Früchte vernachlässigen, verachten, ungenossen verfaulen lassen?
    Lebe wohl! Es ist ein herrlicher Sommer; ich sitze oft auf den Obstbäumen in
Lottens Baumstück mit dem Obstbrecher, der langen Stange, und hole die Birnen
aus dem Gipfel. Sie steht unten und nimmt sie ab, wenn ich sie ihr
herunterlasse.
                                                                  Am 30. August.
Unglücklicher! Bist du nicht ein Tor? Betriegst du dich nicht selbst? Was soll
diese tobende, endlose Leidenschaft? Ich habe kein Gebet mehr als an sie; meiner
Einbildungskraft erscheint keine andere Gestalt als die ihrige, und alles in der
Welt um mich her sehe ich nur im Verhältnisse mit ihr. Und das macht mir denn so
manche glückliche Stunde - bis ich mich wieder von ihr losreissen muss! Ach
Wilhelm! wozu mich mein Herz oft drängt! - Wenn ich bei ihr gesessen bin, zwei,
drei Stunden, und mich an ihrer Gestalt, an ihrem Betragen, an dem himmlischen
Ausdruck ihrer Worte geweidet habe, und nun nach und nach alle meine Sinne
aufgespannt werden, mir es düster vor den Augen wird, ich kaum noch höre, und es
mich an die Gurgel fasst wie ein Meuchelmörder, dann mein Herz in wilden Schlägen
den bedrängten Sinnen Luft zu machen sucht und ihre Verwirrung nur vermehrt -
Wilhelm, ich weiss oft nicht, ob ich auf der Welt bin! Und - wenn nicht manchmal
die Wehmut das Übergewicht nimmt und Lotte mir den elenden Trost erlaubt, auf
ihrer Hand meine Beklemmung auszuweinen, - so muss ich fort, muss hinaus, und
schweife dann weit im Felde umher; einen jähen Berg zu klettern ist dann meine
Freude, durch einen unwegsamen Wald einen Pfad durch - zuarbeiten, durch die
Hecken, die mich verletzen, durch die Dornen, die mich zerreissen! Da wird mir's
etwas besser! Etwas! Und wenn ich vor Müdigkeit und Durst manchmal unterwegs
liegen bleibe, manchmal in der tiefen Nacht, wenn der hohe Vollmond über mir
steht, im einsamen Walde auf einen krumm gewachsenen Baum mich setze, um meinen
verwundeten Sohlen nur einige Linderung zu verschaffen, und dann in einer
ermattenden Ruhe in dem Dämmerschein hinschlummre! O Wilhelm! die einsame
Wohnung einer Zelle, das härene Gewand und der Stachelgürtel wären Labsale, nach
denen meine Seele schmachtet. Adieu! Ich sehe dieses Elendes kein Ende als das
Grab.
                                                                Am 3. September.
Ich muss fort! Ich danke dir, Wilhelm, dass du meinen wankenden Entschluss bestimmt
hast. Schon vierzehn Tage gehe ich mit dem Gedanken um, sie zu verlassen. Ich
muss fort. Sie ist wieder in der Stadt bei einer Freundin. Und Albert - und - ich
muss fort!
                                                               Am 10. September.
Das war eine Nacht! Wilhelm! nun überstehe ich alles. Ich werde sie nicht
wiedersehn! O dass ich nicht an deinen Hals fliegen, dir mit tausend Tränen und
Entzückungen ausdrücken kann, mein Bester, die Empfindungen, die mein Herz
bestürmen. Hier sitze ich und schnappe nach Luft, suche mich zu beruhigen,
erwarte den Morgen, und mit Sonnenaufgang sind die Pferde bestellt.
    Ach, sie schläft ruhig und denkt nicht, dass sie mich nie wieder sehen wird.
Ich habe mich losgerissen, bin stark genug gewesen, in einem Gespräch von zwei
Stunden mein Vorhaben nicht zu verraten. Und Gott, welch ein Gespräch!
    Albert hatte mir versprochen, gleich nach dem Nachtessen mit Lotten im
Garten zu sein. Ich stand auf der Terrasse unter den hohen Kastanienbäumen und
sah der Sonne nach, die mir nun zum letztenmale über dem lieblichen Tale, über
dem sanften Fluss unterging. So oft hatte ich hier gestanden mit ihr und eben dem
herrlichen Schauspiele zugesehen, und nun - Ich ging in der Allee auf und ab,
die mir so lieb war; ein geheimer sympatetischer Zug hatte mich hier so oft
gehalten, ehe ich noch Lotten kannte, und wie freuten wir uns, als wir im Anfang
unserer Bekanntschaft die wechselseitige Neigung zu diesem Plätzchen entdeckten,
das wahrhaftig eins von den romantischsten ist, die ich von der Kunst
hervorgebracht gesehen habe.
    Erst hast du zwischen den Kastanienbäumen die weite Aussicht - ach, ich
erinnere mich, ich habe dir, denk' ich, schon viel davon geschrieben, wie hohe
Buchenwände einen endlich einschliessen und durch ein daranstossendes Boskett die
Allee immer düsterer wird, bis zuletzt alles sich in ein geschlossenes Plätzchen
endigt, das alle Schauer der Einsamkeit umschweben. Ich fühle es noch, wie
heimlich mir's ward, als ich zum erstenmale an einem hohen Mittage hineintrat;
ich ahnete ganz leise, was für ein Schauplatz das noch werden sollte von
Seligkeit und Schmerz.
    Ich hatte mich etwa eine halbe Stunde in den schmachtenden, süssen Gedanken
des Abscheidens, des Wiedersehens geweidet, als ich sie die Terrasse
heraufsteigen hörte. Ich lief ihnen entgegen, mit einem Schauer fasste ich ihre
Hand und küsste sie. Wir waren eben heraufgetreten, als der Mond hinter dem
buschigen Hügel aufging; wir redeten mancherlei und kamen unvermerkt dem düstern
Kabinette näher. Lotte trat hinein und setzte sich, Albert neben sie, ich auch;
doch meine Unruhe liess mich nicht lange sitzen; ich stand auf, trat vor sie,
ging auf und ab, setzte mich wieder: es war ein ängstlicher Zustand. Sie machte
uns aufmerksam auf die schöne Wirkung des Mondenlichtes, das am Ende der
Buchenwände die ganze Terrasse vor uns erleuchtete: ein herrlicher Anblick, der
um so viel frappanter war, weil uns rings eine tiefe Dämmerung einschloss. Wir
waren still, und sie fing nach einer Weile an: »Niemals gehe ich im Mondenlichte
spazieren, niemals, dass mir nicht der Gedanke an meine Verstorbenen begegnete,
dass nicht das Gefühl von Tod, von Zukunft über mich käme. Wir werden sein!« fuhr
sie mit der Stimme des herrlichsten Gefühls fort; »aber, Werter, sollen wir uns
wieder finden? wieder erkennen? Was ahnen Sie? Was sagen Sie?«
    »Lotte,« sagte ich, indem ich ihr die Hand reichte und mir die Augen voll
Tränen wurden, »wir werden uns wiedersehn! Hier und dort wiedersehn! « - Ich
konnte nicht weiterreden - Wilhelm, musste sie mich das fragen, da ich diesen
ängstlichen Abschied im Herzen hatte!
    »Und ob die lieben Abgeschiednen von uns wissen,« fuhr sie fort, »ob sie
fühlen, wann's uns wohl geht, dass wir mit warmer Liebe uns ihrer erinnern? O!
die Gestalt meiner Mutter schwebt immer um mich, wenn ich am stillen Abend unter
ihren Kindern, unter meinen Kindern sitze und sie um mich versammelt sind, wie
sie um sie versammelt waren. Wenn ich dann mit einer sehnenden Träne gen Himmel
sehe und wünsche, dass sie hereinschauen könnte einen Augenblick, wie ich mein
Wort halte, das ich ihr in der Stunde des Todes gab: die Mutter ihrer Kinder zu
sein. Mit welcher Empfindung rufe ich aus: Verzeihe mir's, Teuerste, wenn ich
ihnen nicht bin, was du ihnen warst. Ach! tue ich doch alles, was ich kann; sind
sie doch gekleidet, genährt, ach, und, was mehr ist als das alles, gepflegt und
geliebt. Könntest du unsere Eintracht sehen, liebe Heilige! du würdest mit dem
heissesten Danke den Gott verherrlichen, den du mit den letzten, bittersten
Tränen um die Wohlfahrt deiner Kinder batest.« -
    Sie sagte das! o Wilhelm, wer kann wiederholen, was sie sagte! Wie kann der
kalte, tote Buchstabe diese himmlische Blüte des Geistes darstellen! Albert fiel
ihr sanft in die Rede: »Es greift Sie zu stark an, liebe Lotte! ich weiss, Ihre
Seele hängt sehr nach diesen Ideen, aber ich bitte Sie...« - »O Albert,« sagte
sie, »ich weiss, du vergissest nicht die Abende, da wir zusammensassen an dem
kleinen, runden Tischchen, wenn der Papa verreist war, und wir die Kleinen
schlafen geschickt hatten. Du hattest oft ein gutes Buch und kamst so selten
dazu, etwas zu lesen - War der Umgang dieser herrlichen Seele nicht mehr als
alles? Die schöne, sanfte, muntere und immer tätige Frau! Gott kennt meine
Tränen, mit denen ich mich oft in meinem Bette vor ihn hinwarf: er möchte mich
ihr gleich machen.«
    »Lotte!« rief ich aus, indem ich mich vor sie hinwarf, ihre Hand nahm und
mit tausend Tränen netzte, »Lotte! der Segen Gottes ruht über dir und der Geist
deiner Mutter!« - »Wenn Sie sie gekannt hätten,« sagte sie, indem sie mir die
Hand drückte, - »sie war wert, von Ihnen gekannt zu sein!« - Ich glaubte zu
vergehen. Nie war ein grösseres, stolzeres Wort über mich ausgesprochen worden -
und sie fuhr fort: »Und diese Frau musste in der Blüte ihrer Jahre dahin, da ihr
jüngster Sohn nicht sechs Monate alt war! Ihre Krankheit dauerte nicht lange;
sie war ruhig, hingegeben, nur ihre Kinder taten ihr weh, besonders das kleine.
Wie es gegen das Ende ging und sie zu mir sagte: Bringe mir sie herauf! und wie
ich sie hereinführte, die kleinen, die nicht wussten, und die ältesten, die ohne
Sinne waren, wie sie ums Bette standen, und wie sie die Hände aufhob und über
sie betete, und sie küsste nach einander und sie wegschickte und zu mir sagte:
Sei ihre Mutter! - Ich gab ihr die Hand drauf! - Du versprichst viel, meine
Tochter, sagte sie, das Herz einer Mutter und das Aug' einer Mutter. Ich habe
oft an deinen dankbaren Tränen gesehen, dass du fühlst, was das sei. Habe es für
deine Geschwister, und für deinen Vater die Treue und den Gehorsam einer Frau.
Du wirst ihn trösten. - Sie fragte nach ihm, er war ausgegangen, um uns den
unerträglichen Kummer zu verbergen, den er fühlte, der Mann war ganz zerrissen.
    Albert, du warst im Zimmer. Sie hörte jemand gehn und fragte und forderte
dich zu sich, und wie sie dich ansah und mich, mit dem getrösteten, ruhigen
Blicke, dass wir glücklich sein, zusammen glücklich sein würden...« - Albert fiel
ihr um den Hals und küsste sie und rief: »Wir sind es! wir werden es sein!« - Der
ruhige Albert war ganz aus seiner Fassung, und ich wusste nichts von mir selber.
    »Werter,« fing sie an, »und diese Frau sollte dahin sein! Gott! wenn ich
manchmal denke, wie man das Liebste seines Lebens wegtragen lässt, und niemand
als die Kinder das so scharf fühlt, die sich noch lange beklagten, die schwarzen
Männer hätten die Mama weggetragen!«
    Sie stand auf, und ich ward erweckt und erschüttert, blieb sitzen und hielt
ihre Hand. - »Wir wollen fort,« sagte sie, »es wird Zeit.« - Sie wollte ihre
Hand zurückziehen, und ich hielt sie fester. - »Wir werden uns wieder sehen,«
rief ich, »wir werden uns finden, unter allen Gestalten werden wir uns erkennen.
Ich gehe,« fuhr ich fort, »ich gehe willig, und doch, wenn ich sagen sollte auf
ewig, ich würde es nicht aushalten. Leb' wohl, Lotte! Leb' wohl, Albert! Wir
sehn uns wieder.« - »Morgen, denke ich.« versetzte sie scherzend. - Ich fühlte
das Morgen! Ach, sie wusste nicht, als sie ihre Hand aus der meinen zog -. Sie
gingen die Allee hinaus, ich stand, sah ihnen nach im Mondscheine und warf mich
an die Erde und weinte mich aus und sprang auf und lief auf die Terrasse hervor
und sah noch dort unten im Schatten der hohen Lindenbäume ihr weisses Kleid nach
der Gartentür schimmern, ich streckte meine Arme aus, und es verschwand.
 
                                  Zweites Buch
                                                            Am 20. Oktober 1771.
Gestern sind wir hier angelangt. Der Gesandte ist unpass und wird sich also
einige Tage einhalten. Wenn er nur nicht so unhold wäre, wär' alles gut. Ich
merke, ich merke, das Schicksal hat mir harte Prüfungen zugedacht. Doch gutes
Muts! Ein leichter Sinn trägt alles! Ein leichter Sinn? Das macht mich zu
lachen, wie das Wort in meine Feder kommt. O ein bisschen leichteres Blut würde
mich zum Glücklichsten unter der Sonne machen. Was! da, wo andere mit ihrem
bisschen Kraft und Talent vor mir in behaglicher Selbstgefälligkeit
herumschwadronieren, verzweifle ich an meiner Kraft, an meinen Gaben? Guter
Gott, der du mir das alles schenktest, warum hieltest du nicht die Hälfte zurück
und gabst mir Selbstvertrauen und Genügsamkeit?
    Geduld! Geduld! es wird besser werden. Denn ich sage dir, Lieber, du hast
recht. Seit ich unter dem Volke alle Tage herumgetrieben werde und sehe, was sie
tun und wie sie's treiben, stehe ich viel besser mit mir selbst. Gewiss, weil wir
doch einmal so gemacht sind, dass wir alles mit uns und uns mit allem
vergleichen, so liegt Glück oder Elend in den Gegenständen, womit wir uns
zusammenhalten, und da ist nichts gefährlicher als die Einsamkeit. Unsere
Einbildungskraft, durch ihre Natur gedrungen sich zu erheben, durch die
phantastischen Bilder der Dichtkunst genährt, bildet sich eine Reihe Wesen
hinauf, wo wir das unterste sind und alles ausser uns herrlicher erscheint, jeder
andere vollkommner ist. Und das geht ganz natürlich zu. Wir fühlen so oft, dass
uns manches mangelt, und eben was uns fehlt, scheint uns oft ein anderer zu
besitzen, dem wir denn auch alles dazu geben, was wir haben, und noch eine
gewisse idealische Behaglichkeit dazu. Und so ist der Glückliche vollkommen
fertig, das Geschöpf unserer selbst.
    Dagegen, wenn wir mit all unserer Schwachheit und Mühseligkeit nur gerade
fortarbeiten, so finden wir gar oft, dass wir mit unserem Schlendern und Lavieren
es weiter bringen als andere mit ihrem Segeln und Rudern - und - das ist doch
ein wahres Gefühl seiner selbst, wenn man andern gleich oder gar vorläuft.
                                                           Am 26. November 1771.
Ich fange an, mich insofern ganz leidlich hier zu befinden. Das beste ist, dass
es zu tun genug gibt; und dann die vielerlei Menschen, die allerlei neuen
Gestalten machen mir ein buntes Schauspiel vor meiner Seele. Ich habe den Grafen
C.. kennen lernen, einen Mann, den ich jeden Tag mehr verehren muss, einen
weiten, grossen Kopf, und der deswegen nicht kalt ist, weil er viel übersieht;
aus dessen Umgange so viel Empfindung für Freundschaft und Liebe hervorleuchtet.
Er nahm teil an mir, als ich einen Geschäftsauftrag an ihn ausrichtete und er
bei den ersten Worten merkte, dass wir uns verstanden, dass er mit mir reden
konnte wie nicht mit jedem. Auch kann ich sein offnes Betragen gegen mich nicht
genug rühmen. So eine wahre, warme Freude ist nicht in der Welt, als eine grosse
Seele zu sehen, die sich gegen einen öffnet.
                                                           Am 24. Dezember 1771.
Der Gesandte macht mir viel Verdruss, ich habe es vorausgesehn. Er ist der
pünktlichste Narr, den es nur geben kann; Schritt vor Schritt und umständlich
wie eine Base; ein Mensch, der nie mit sich selbst zufrieden ist, und dem es
daher niemand zu Danke machen kann. Ich arbeite gern leicht weg, und wie es
steht, so steht es; da ist er imstande mir einen Aufsatz zurückzugeben und zu
sagen: »Er ist gut, aber sehen Sie ihn durch, man findet immer ein besseres
Wort, eine reinere Partikel.« - Da möchte ich des Teufels werden. Kein Und, kein
Bindewörtchen darf aussenbleiben, und von allen Inversionen, die mir manchmal
entfahren, ist er ein Todfeind; wenn man seinen Period nicht nach der
hergebrachten Melodie heraborgelt, so versteht er gar nichts drin. Das ist ein
Leiden, mit so einem Menschen zu tun zu haben.
    Das Vertrauen des Grafen von C.. ist noch das einzige, was mich schadlos
hält. Er sagte mir letztin ganz aufrichtig, wie unzufrieden er mit der
Langsamkeit und Bedenklichkeit meines Gesandten sei. »Die Leute erschweren es
sich und andern. Doch«, sagte er, »man muss sich darein resignieren wie ein
Reisender, der über einen Berg muss; freilich, wäre der Berg nicht da, so wäre
der Weg viel bequemer und kürzer; er ist nun aber da, und man soll hinüber!« -
    Mein Alter spürt auch wohl den Vorzug, den mir der Graf vor ihm gibt, und
das ärgert ihn, und er ergreift jede Gelegenheit, Übels gegen mich vom Grafen zu
reden, ich halte, wie natürlich, Widerpart, und dadurch wird die Sache nur
schlimmer. Gestern gar brachte er mich auf, denn ich war mit gemeint: zu so
Weltgeschäften sei der Graf ganz gut, er habe viele Leichtigkeit zu arbeiten und
führe eine gute Feder, doch an gründlicher Gelehrsamkeit mangle es ihm wie allen
Belletristen. Dazu machte er eine Miene, als ob er sagen wollte: »Fühlst du den
Stich?« Aber es tat bei mir nicht die Wirkung; ich verachtete den Menschen, der
so denken und sich so betragen konnte. Ich hielt ihm stand und focht mit
ziemlicher Heftigkeit. Ich sagte, der Graf sei ein Mann, vor dem man Achtung
haben müsse, wegen seines Charakters sowohl als wegen seiner Kenntnisse. »Ich
habe«, sagt' ich, »niemand gekannt, dem es so geglückt wäre, seinen Geist zu
erweitern, ihn über unzählige Gegenstände zu verbreiten und doch diese Tätigkeit
fürs gemeine Leben zu behalten.« - Das waren dem Gehirne spanische Dörfer, und
ich empfahl mich, um nicht über ein weiteres Deraisonnement noch mehr Galle zu
schlucken.
    Und daran seid ihr alle schuld, die ihr mich in das Joch geschwatzt und mir
so viel von Aktivität vorgesungen habt. Aktivität! Wenn nicht der mehr tut, der
Kartoffeln legt und in die Stadt reitet, sein Korn zu verkaufen, als ich, so
will ich zehn Jahre noch mich auf der Galeere abarbeiten, auf der ich nun
angeschmiedet bin.
    Und das glänzende Elend, die Langeweile unter dem garstigen Volke, das sich
hier neben einander sieht! die Rangsucht unter ihnen, wie sie nur wachen und
aufpassen, einander ein Schrittchen abzugewinnen; die elendesten, erbärmlichsten
Leidenschaften, ganz ohne Röckchen. Da ist ein Weib, zum Exempel, die jedermann
von ihrem Adel und ihrem Lande unterhält, so dass jeder Fremde denken muss: Das
ist eine Närrin, die sich auf das bisschen Adel und auf den Ruf ihres Landes
Wunderstreiche einbildet. - Aber es ist noch viel ärger: eben das Weib ist hier
aus der Nachbarschaft eine Amtschreiberstochter. - Sieh, ich kann das
Menschengeschlecht nicht begreifen, das so wenig Sinn hat, um sich so platt zu
prostituieren.
    Zwar ich merke täglich mehr, mein Lieber, wie töricht man ist, andere nach
sich zu berechnen. Und weil ich so viel mit mir selbst zu tun habe und dieses
Herz so stürmisch ist - ach ich lasse gern die andern ihres Pfades gehen, wenn
sie mich auch nur könnten gehen lassen.
    Was mich am meisten neckt, sind die fatalen bürgerlichen Verhältnisse. Zwar
weiss ich so gut als einer, wie nötig der Unterschied der Stände ist, wie viel
Vorteile er mir selbst verschafft: nur soll er mir nicht eben gerade im Wege
stehen, wo ich noch ein wenig Freude, einen Schimmer von Glück auf dieser Erde
geniessen könnte. Ich lernte neulich auf dem Spaziergange ein Fräulein von B..
kennen, ein liebenswürdiges Geschöpf, das sehr viele Natur mitten in dem steifen
Leben erhalten hat. Wir gefielen uns in unserem Gespräche, und da wir schieden,
bat ich sie um Erlaubnis, sie bei sich sehen zu dürfen. Sie gestattete mir das
mit so vieler Freimütigkeit, dass ich den schicklichen Augenblick kaum erwarten
konnte, zu ihr zu gehen. Sie ist nicht von hier und wohnt bei einer Tante im
Hause. Die Physiognomie der Alten gefiel mir nicht. Ich bezeigte ihr viel
Aufmerksamkeit, mein Gespräch war meist an sie gewandt, und in minder als einer
halben Stunde hatte ich so ziemlich weg, was mir das Fräulein nachher selbst
gestand: dass die liebe Tante in ihrem Alter Mangel von allem, kein anständiges
Vermögen, keinen Geist und keine Stütze hat als die Reihe ihrer Vorfahren,
keinen Schirm als den Stand, in den sie sich verpalisadiert, und kein Ergetzen,
als von ihrem Stockwerk herab über die bürgerlichen Häupter wegzusehen. In ihrer
Jugend soll sie schön gewesen sein und ihr Leben weggegaukelt, erst mit ihrem
Eigensinne manchen armen Jungen gequält, und in den reifern Jahren sich unter
den Gehorsam eines alten Offiziers geduckt haben, der gegen diesen Preis und
einen leidlichen Unterhalt das eherne Jahrhundert mit ihr zubrachte und starb.
Nun sieht sie im eisernen sich allein und würde nicht angesehn, wär' ihre Nichte
nicht so liebenswürdig.
                                                             Den 8. Januar 1772.
Was das für Menschen sind, deren ganze Seele auf dem Zeremoniell ruht, deren
Dichten und Trachten jahrelang dahin geht, wie sie um einen Stuhl weiter hinauf
bei Tische sich einschieben wollen! Und nicht, dass sie sonst keine Angelegenheit
hätten: nein, vielmehr häufen sich die Arbeiten, eben weil man über den kleinen
Verdriesslichkeiten von Beförderung der wichtigen Sachen abgehalten wird. Vorige
Woche gab es bei der Schlittenfahrt Händel, und der ganze Spass wurde verdorben.
    Die Toren, die nicht sehen, dass es eigentlich auf den Platz gar nicht
ankommt, und dass der, der den ersten hat, so selten die erste Rolle spielt! Wie
mancher König wird durch seinen Minister, wie mancher Minister durch seinen
Sekretär regiert! Und wer ist dann der Erste? Der, dünkt mich, der die andern
übersieht und so viel Gewalt oder List hat, ihre Kräfte und Leidenschaften zu
Ausführung seiner Plane anzuspannen.
                                                                  Am 20. Januar.
Ich muss Ihnen schreiben, liebe Lotte, hier in der Stube einer geringen
Bauernherberge, in die ich mich vor einem schweren Wetter geflüchtet habe.
Solange ich in dem traurigen Nest D.. unter dem fremden, meinem Herzen ganz
fremden Volke herumziehe, habe ich keinen Augenblick gehabt, keinen, an dem mein
Herz mich geheissen hätte, Ihnen zu schreiben; und jetzt in dieser Hütte, in
dieser Einsamkeit, in dieser Einschränkung, da Schnee und check wider mein
Fensterchen wüten, hier waren Sie mein erster Gedanke. Wie ich hereintrat,
überfiel mich Ihre Gestalt, Ihr Andenken, o Lotte! so heilig, so warm! Guter
Gott! der erste glückliche Augenblick wieder.
    Wenn Sie mich sähen, meine Beste, in dem Schwall von Zerstreuung! Wie
ausgetrocknet meine Sinne werden! Nicht einen Augenblick der Fülle des Herzens,
nicht eine selige Stunde! nichts! nichts! Ich stehe wie vor einem
Raritätenkasten und sehe die Männchen und Gäulchen vor mir herumrücken, und
frage mich oft, ob es nicht optischer Betrug ist. Ich spiele mit, vielmehr, ich
werde gespielt wie eine Marionette und fasse manchmal meinen Nachbar an der
hölzernen Hand und schaudere zurück. Des Abends nehme ich mir vor, den
Sonnenaufgang zu geniessen, und komme nicht aus dem Bette; am Tage hoffe ich,
mich des Mondscheins zu erfreuen, und bleibe in meiner Stube. Ich weiss nicht
recht, warum ich aufstehe, warum ich schlafen gehe.
    Der Sauerteig, der mein Leben in Bewegung setzte, fehlt; der Reiz, der mich
in tiefen Nächten munter erhielt, ist hin, der mich des Morgens aus dem Schlafe
weckte, ist weg.
    Ein einzig weibliches Geschöpf habe ich hier gefunden, eine Fräulein von
B.., sie gleicht Ihnen, liebe Lotte, wenn man Ihnen gleichen kann. »Ei!« werden
Sie sagen, »der Mensch legt sich auf niedliche Komplimente!« Ganz unwahr ist es
nicht. Seit einiger Zeit bin ich sehr artig, weil ich doch nicht anders sein
kann, habe viel Witz, und die Frauenzimmer sagen, es wüsste niemand so fein zu
loben als ich (und zu lügen, setzen Sie hinzu, denn ohne das geht es nicht ab,
verstehen Sie?). Ich wollte von Fräulein B.. reden. Sie hat viel Seele, die voll
aus ihren blauen Augen hervorblickt. Ihr Stand ist ihr zur Last, der keinen der
Wünsche ihres Herzens befriedigt. Sie sehnt sich aus dem Getümmel, und wir
verphantasieren manche Stunde in ländlichen Szenen von ungemischter
Glückseligkeit; ach! und von Ihnen! Wie oft muss sie Ihnen huldigen, muss nicht,
tut es freiwillig, hört so gern von Ihnen, liebt Sie. -
    O säss' ich zu Ihren Füssen in dem lieben, vertraulichen Zimmerchen, und
unsere kleinen Lieben wälzten sich mit einander um mich herum, und wenn sie
Ihnen zu laut würden, wollte ich sie mit einem schauerlichen Märchen um mich zur
Ruhe versammeln.
    Die Sonne geht herrlich unter über der schneeglänzenden Gegend, der Sturm
ist hinüber gezogen, und ich - muss mich wieder in meinen Käfig sperren. - Adieu!
Ist Albert bei Ihnen? Und wie -? Gott verzeihe mir diese Frage!
                                                                 Den 8. Februar.
Wir haben seit acht Tagen das abscheulichste Wetter, und mir ist es wohltätig.
Denn so lang ich hier bin, ist mir noch kein schöner Tag am Himmel erschienen,
den mir nicht jemand verdorben oder verleidet hätte. Wenn's nun recht regnet und
stöbert und fröstelt und taut: Ha! denk' ich, kann's doch zu Hause nicht
schlimmer werden, als es draussen ist, oder umgekehrt, und so ist's gut. Geht die
Sonne des Morgens auf und verspricht einen feinen Tag, erwehr' ich mir niemals
auszurufen: Da haben sie doch wieder ein himmlisches Gut, worum sie einander
bringen können! Es ist nichts, worum sie einander nicht bringen. Gesundheit,
guter Name, Freudigkeit, Erholung! Und meist aus Albernheit, Unbegriff und Enge
und, wenn man sie anhört, mit der besten Meinung. Manchmal möcht' ich sie auf
den Knieen bitten, nicht so rasend in ihre eigenen Eingeweide zu wüten.
                                                                 Am 17. Februar.
Ich fürchte, mein Gesandter und ich halten es zusammen nicht mehr lange aus. Der
Mann ist ganz und gar unerträglich. Seine Art zu arbeiten und Geschäfte zu
treiben ist so lächerrlich, dass ich mich nicht entalten kann, ihm zu
widersprechen und oft eine Sache nach meinem Kopf und meiner Art zu machen, das
ihm denn, wie natürlich, niemals recht ist. Darüber hat er mich neulich bei Hofe
verklagt, und der Minister gab mir einen zwar sanften Verweis, aber es war doch
ein Verweis, und ich stand im Begriffe, meinen Abschied zu begehren, als ich
einen Privatbrief5 von ihm erhielt, einen Brief, vor dem ich niedergekniet, und
den hohen, edlen, weisen Sinn angebetet habe. Wie er meine allzu grosse
Empfindlichkeit zurechtweiset, wie er meine überspannten Ideen von Wirksamkeit,
von Einfluss auf andere, von Durchdringen in Geschäften als jugendlichen guten
Mut zwar ehrt, sie nicht auszurotten, nur zu mildern und dahin zu leiten sucht,
wo sie ihr wahres Spiel haben, ihre kräftige Wirkung tun können. Auch bin ich
auf acht Tage gestärkt und in mir selbst einig geworden. Die Ruhe der Seele ist
ein herrliches Ding und die Freude an sich selbst. Lieber Freund, wenn nur das
Kleinod nicht eben so zerbrechlich wäre, als es schön und kostbar ist.
                                                                 Am 20. Februar.
Gott segne euch, meine Lieben, geb' euch alle die guten Tage, die er mir
abzieht!
Ich danke dir, Albert, dass du mich betrogen hast: ich wartete auf Nachricht,
wann euer Hochzeittag sein würde, und hatte mir vorgenommen, feierlichst an
demselben Lottens Schattenriss von der Wand zu nehmen und ihn unter andere
Papiere zu begraben. Nun seid ihr ein Paar, und ihr Bild ist noch hier! Nun, so
soll es bleiben! Und warum nicht? Ich weiss, ich bin ja auch bei euch, bin dir
unbeschadet in Lottens Herzen, habe, ja ich habe den zweiten Platz darin und
will und muss ihn behalten. O ich würde rasend werden, wenn sie vergessen könnte
- Albert, in dem Gedanken liegt eine Hölle. Albert, leb' wohl! Leb' wohl, Engel
des Himmelst Leb' wohl, Lotte!
                                                                   Den 15. März.
Ich habe einen Verdruss gehabt, der mich von hier wegtreiben wird. Ich knirsche
mit den Zähnen! Teufel! er ist nicht zu ersetzen, und ihr seid doch allein
schuld daran, die ihr mich sporntet und triebt und quältet, mich in einen Posten
zu begeben, der nicht nach meinem Sinne war. Nun habe ich's! nun habt ihr's! Und
dass du nicht wieder sagst, meine überspannten Ideen verdürben alles, so hast du
hier, lieber Herr, eine Erzählung, plan und nett, wie ein Chronikenschreiber das
aufzeichnen würde.
    Der Graf von C.. liebt mich, distinguiert mich, das ist bekannt, das habe
ich dir schon hundertmal gesagt. Nun war ich gestern bei ihm zu Tafel, eben an
dem Tage, da abends die noble Gesellschaft von Herren und Frauen bei ihm
zusammenkommt, an die ich nie gedacht habe, auch mir nie aufgefallen ist, dass
wir Subalternen nicht hineingehören. Gut. Ich speise bei dem Grafen, und nach
Tische gehn wir in dem grossen Saal auf und ab, ich rede mit ihm, mit dem
Obristen B.., der dazu kommt, und so rückt die Stunde der Gesellschaft heran.
Ich denke, Gott weiss, an nichts. Da tritt herein die übergnädige Dame von S..
mit ihrem Herrn Gemahl und wohl ausgebrüteten Gänslein Tochter mit der flachen
Brust und niedlichem Schnürleibe, machen en passant ihre hergebrachten,
hochadeligen Augen und Naslöcher, und wie mir die Nation von Herzen zuwider ist,
wollte ich mich eben empfehlen und wartete nur, bis der Graf vom garstigen
Gewäsche frei wäre, als meine Fräulein B.. hereintrat. Da mir das Herz immer ein
bisschen aufgeht, wenn ich sie sehe, blieb ich eben, stellte mich hinter ihren
Stuhl und bemerkte erst nach einiger Zeit, dass sie mit weniger Offenheit als
sonst, mit einiger Verlegenheit mit mir redete. Das fiel mir auf. Ist sie auch
wie all das Volk, dacht' ich, und war angestochen und wollte gehen, und doch
blieb ich, weil ich sie gerne entschuldigt hätte und es nicht glaubte und noch
ein gut Wort von ihr hoffte und - was du willst. Unterdessen füllt sich die
Gesellschaft. Der Baron F.. mit der ganzen Garderobe von den Krönungszeiten
Franz des Ersten her, der Hofrat R.., hier aber in qualitate Herr von R..
genannt, mit seiner tauben Frau etc., den übel fournierten J.. nicht zu
vergessen, der die Lücken seiner altfränkischen Garderobe mit neumodischen
Lappen ausflickt, das kommt zu Hauf, und ich rede mit einigen meiner
Bekanntschaft, die alle sehr lakonisch sind. Ich dachte - und gab nur auf meine
B.. acht. Ich merkte nicht, dass die Weiber am Ende des Saales sich in die Ohren
flüsterten, dass es auf die Männer zirkulierte, dass Frau von S.. mit dem Grafen
redete (das alles hat mir Fräulein B.. nachher erzählt), bis endlich der Graf
auf mich losging und mich in ein Fenster nahm. - »Sie wissen«, sagt' er, »unsere
wunderbaren Verhältnisse; die Gesellschaft ist unzufrieden, merke ich, Sie hier
zu sehn. Ich wollte nicht um alles« - »Ihro Exzellenz«, fiel ich ein, »ich bitte
tausendmal um Verzeihung; ich hätte eher dran denken sollen, und ich weiss, Sie
vergeben mir diese Inkonsequenz; ich wollte schon vorhin mich empfehlen. Ein
böser Genius hat mich zurückgehalten.« setzte ich lächelnd hinzu, indem ich mich
neigte. - Der Graf drückte meine Hände mit einer Empfindung, die alles sagte.
Ich strich mich sacht aus der vornehmen Gesellschaft, ging, setzte mich in ein
Kabriolett und fuhr nach M.., dort vom Hügel die Sonne untergehen zu sehen und
dabei in meinem Homer den herrlichen Gesang zu lesen, wie Ulyss von dem
trefflichen Schweinhirten bewirtet wird. Das war alles gut.
    Des Abends komm' ich zurück zu Tische, es waren noch wenige in der
Gaststube; die würfelten auf einer Ecke, hatten das Tischtuch zurückgeschlagen.
Da kommt der ehrliche Adelin hinein, legt seinen Hut nieder, indem er mich
ansieht, tritt zu mir und sagt leise: »Du hast Verdruss gehabt?« - »Ich?« sagt'
ich. - »Der Graf hat dich aus der Gesellschaft gewiesen.« - »Hol' sie der
Teufel!« sagt' ich, »mir war's lieb, dass ich in die freie Luft kam.« - »Gut,«
sagt' er, »dass du's auf die leichte Achsel nimmst. Nur verdriesst mich's, es ist
schon überall herum.« - Da fing mich das Ding erst an zu wurmen. Alle, die zu
Tisch kamen und mich ansahen, dachte ich, die sehen dich darum an! Das gab böses
Blut.
    Und da man nun heute gar, wo ich hintrete, mich bedauert, da ich höre, dass
meine Neider nun triumphieren und sagen: da sähe man's, wo es mit den
Übermütigen hinausginge, die sich ihres bisschen Kopfs überhöben und glaubten,
sich darum über alle Verhältnisse hinaussetzen zu dürfen, und was des
Hundegeschwätzes mehr ist - da möchte man sich ein Messer ins Herz bohren; denn
man rede von Selbständigkeit was man will, den will ich sehen, der dulden kann,
dass Schurken über ihn reden, wenn sie einen Vorteil über ihn haben; wenn ihr
Geschwätze leer ist, ach da kann man sie leicht lassen.
                                                                    Am 16. März.
Es hetzt mich alles. Heut' treff' ich die Fräulein B.. in der Allee, ich konnte
mich nicht entalten, sie anzureden und ihr, sobald wir etwas entfernt von der
Gesellschaft waren, meine Empfindlichkeit über ihr neuliches Betragen zu zeigen.
- »O Werter«, sagte sie mit einem innigen Tone, »konnten Sie meine Verwirrung
so auslegen, da Sie mein Herz kennen? Was ich gelitten habe um Ihrentwillen, von
dem Augenblicke an, da ich in den Saal trat! Ich sah alles voraus, hundertmal
sass mir's auf der Zunge, es Ihnen zu sagen. Ich wusste, dass die von S.. und T..
mit ihren Männern eher aufbrechen würden, als in Ihrer Gesellschaft zu bleiben;
ich wusste, dass der Graf es mit ihnen nicht verderben darf, - und jetzt der
Lärm!« - »Wie, Fräulein?« sagt' ich und verbarg meinen Schrecken; denn alles,
was Adelin mir ehegestern gesagt hatte, lief mir wie siedend Wasser durch die
Adern in diesem Augenblicke. - »Was hat mich es schon gekostet!« sagte das süsse
Geschöpf, indem ihr die Tränen in den Augen standen. - Ich war nicht Herr mehr
von mir selbst, war im Begriffe, mich ihr zu Füssen zu werfen. - »Erklären Sie
sich!« rief ich. - Die Tränen liefen ihr die Wangen herunter. Ich war ausser mir.
Sie trocknete sie ab, ohne sie verbergen zu wollen. - »Meine Tante kennen Sie,«
fing sie an, »sie war gegenwärtig und hat - o, mit was für Augen hat sie das
angesehen! Werter, ich habe gestern nacht ausgestanden und heute früh eine
Predigt über meinen Umgang mit Ihnen, und ich habe müssen zuhören Sie
herabsetzen, erniedrigen, und konnte und durfte Sie nur halb verteidigen.«
    Jedes Wort, das sie sprach, ging mir wie ein Schwert durchs Herz. Sie fühlte
nicht, welche Barmherzigkeit es gewesen wäre, mir das alles zu verschweigen, und
nun fügte sie noch hinzu, was weiter würde geträtscht werden, was eine Art
Menschen darüber triumphieren würde. Wie man sich nunmehr über die Strafe meines
Übermuts und meiner Geringschätzung anderer, die sie mir schon lange vorwerfen,
kitzeln und freuen würde. Das alles, Wilhelm, von ihr zu hören, mit der Stimme
der wahrsten Teilnehmung - ich war zerstört und bin noch wütend in mir. Ich
wollte, dass sich einer unterstünde, mir's vorzuwerfen, dass ich ihm den Degen
durch den Leib stossen könnte; wenn ich Blut sähe, würde mir's besser werden.
Ach, ich hab' hundertmal ein Messer ergriffen, um diesem gedrängten Herzen Luft
zu machen. Man erzählt von einer edlen Art Pferde, die, wenn sie schrecklich
erhitzt und aufgejagt sind, sich selbst aus Instinkt eine Ader aufbeissen, um
sich zum Atem zu helfen. So ist mir's oft, ich möchte mir eine Ader öffnen, die
mir die ewige Freiheit schaffte.
                                                                    Am 24. März.
Ich habe meine Entlassung vom Hofe verlangt und werde sie, hoffe ich, erhalten,
und ihr werdet mir verzeihen, dass ich nicht erst Erlaubnis dazu bei euch geholt
habe. Ich musste nun einmal fort, und was ihr zu sagen hattet, um mir das Bleiben
einzureden, weiss ich alles, und also - Bringe das meiner Mutter in einem
Säftchen bei, ich kann mir selbst nicht helfen, und sie mag sich gefallen
lassen, wenn ich ihr auch nicht helfen kann. Freilich muss es ihr wehe tun. Den
schönen Lauf, den ihr Sohn gerade zum Geheimenrat und Gesandten ansetzte, so auf
einmal Halte zu sehen, und rückwärts mit dem Tierchen in den Stall! Macht nun
daraus, was ihr wollt, und kombiniert die möglichen Fälle, unter denen ich hätte
bleiben können und sollen; genug, ich gehe, und damit ihr wisst, wo ich hinkomme,
so ist hier der Fürst **, der vielen Geschmack an meiner Gesellschaft findet;
der hat mich gebeten, da er von meiner Absicht hörte, mit ihm auf seine Güter zu
gehen und den schönen Frühling da zuzubringen. Ich soll ganz mir selbst gelassen
sein, hat er mir versprochen, und da wir uns zusammen bis auf einen gewissen
Punkt verstehn, so will ich es denn auf gut Glück wagen und mit ihm gehen.
                                 Zur Nachricht.
                                                                   Am 19. April.
Danke für deine beiden Briefe. Ich antwortete nicht, weil ich dieses Blatt
liegen liess, bis mein Abschied vom Hofe da wäre; ich fürchtete, meine Mutter
möchte sich an den Minister wenden und mir mein Vorhaben erschweren. Nun aber
ist es geschehen, mein Abschied ist da. Ich mag euch nicht sagen, wie ungern man
mir ihn gegeben hat, und was mir der Minister schreibt - ihr würdet in neue
Lamentationen ausbrechen. Der Erbprinz hat mir zum Abschiede fünfundzwanzig
Dukaten geschickt, mit einem Wort, das mich bis zu Tränen gerührt hat; also
brauche ich von der Mutter das Geld nicht, um das ich neulich schrieb.
                                                                      Am 5. Mai.
Morgen gehe ich von hier ab, und weil mein Geburtsort nur sechs Meilen vom Wege
liegt, so will ich den auch wiedersehen, will mich der alten, glücklich
verträumten Tage erinnern. Zu eben dem Tore will ich hinein gehn, aus dem meine
Mutter mit mir heraus fuhr, als sie nach dem Tode meines Vaters den lieben,
vertraulichen Ort verliess, um sich in ihre unerträgliche Stadt einzusperren.
Adieu, Wilhelm, du sollst von meinem Zuge hören.
                                                                      Am 9. Mai.
Ich habe die Wallfahrt nach meiner Heimat mit aller Andacht eines Pilgrims
vollendet, und manche unerwarteten Gefühle haben mich ergriffen. An der grossen
Linde, die eine Viertelstunde vor der Stadt nach S.. zu steht, liess ich halten,
stieg aus und hiess den Postillon fortfahren, um zu Fusse jede Erinnerung ganz
neu, lebhaft, nach meinem Herzen zu kosten. Da stand ich nun unter der Linde,
die ehedem, als Knabe, das Ziel und die Grenze meiner Spaziergänge gewesen. Wie
anders! Damals sehnte ich mich in glücklicher Unwissenheit hinaus in die
unbekannte Welt, wo ich für mein Herz so viele Nahrung, so vielen Genuss hoffte,
meinen strebenden, sehnenden Busen auszufüllen und zu befriedigen. Jetzt komme
ich zurück aus der weiten Welt - o mein Freund, mit wie viel fehlgeschlagenen
Hoffnungen, mit wie viel zerstörten Planen! - Ich sah das Gebirge vor mir
liegen, das tausendmal der Gegenstand meiner Wünsche gewesen war. Stundenlang
konnt' ich hier sitzen und mich hinüber sehnen, mit inniger Seele mich in den
Wäldern, den Tälern verlieren, die sich meinen Augen so freundlichdämmernd
darstellten; und wenn ich dann um die bestimmte Zeit wieder zurück musste, mit
welchem Widerwillen verliess ich nicht den lieben Platz! - Ich kam der Stadt
näher, alle die alten, bekannten Gartenhäuschen wurden von mir gegrüsst, die
neuen waren mir zuwider, so auch alle Veränderungen, die man sonst vorgenommen
hatte. Ich trat zum Tor hinein und fand mich doch gleich und ganz wieder.
Lieber, ich mag nicht ins Detail gehn; so reizend, als es mir war, so einförmig
würde es in der Erzählung werden. Ich hatte beschlossen, auf dem Markte zu
wohnen, gleich neben unserem alten Hause. Im Hingehen bemerkte ich, dass die
Schulstube, wo ein ehrliches altes Weib unsere Kindheit zusammengepfercht hatte,
in einen Kramladen verwandelt war. Ich erinnerte mich der Unruhe, der Tränen,
der Dumpfheit des Sinnes, der Herzensangst, die ich in dem Loche ausgestanden
hatte. - Ich tat keinen Schritt, der nicht merkwürdig war. Ein Pilger im
heiligen Lande trifft nicht so viele Stätten religiöser Erinnerungen an, und
seine Seele ist schwerlich so voll heiliger Bewegung. - Noch eins für tausend.
Ich ging den Fluss hinab, bis an einen gewissen Hof; das war sonst auch mein Weg,
und die Plätzchen, wo wir Knaben uns übten, die meisten Sprünge der flachen
Steine im Wasser hervorzubringen. Ich erinnerte mich so lebhaft, wenn ich
manchmal stand und dem Wasser nachsah, mit wie wunderbaren Ahnungen ich es
verfolgte, wie abenteuerlich ich mir die Gegenden vorstellte, wo es nun
hinflösse, und wie ich da so bald Grenzen meiner Vorstellungskraft fand; und
doch musste das weiter gehen, immer weiter, bis ich mich ganz in dem Anschauen
einer unsichtbaren Ferne verlor. - Sieh, mein Lieber, so beschränkt und so
glücklich waren die herrlichen Altväter! so kindlich ihr Gefühl, ihre Dichtung!
Wenn Ulyss von dem ungemessnen Meer und von der unendlichen Erde spricht, das ist
so wahr, menschlich, innig, eng und geheimnisvoll. Was hilft mich's, dass ich
jetzt mit jedem Schulknaben nachsagen kann, dass sie rund sei? Der Mensch braucht
nur wenige Erdschollen, um drauf zu geniessen, weniger, um drunter zu ruhen.
    Nun bin ich hier, auf dem fürstlichen Jagdschloss. Es lässt sich noch ganz
wohl mit dem Herrn leben, er ist wahr und einfach. Wunderliche Menschen sind um
ihn herum, die ich gar nicht begreife. Sie scheinen keine Schelmen und haben
doch auch nicht das Ansehen von ehrlichen Leuten. Manchmal kommen sie mir
ehrlich vor, und ich kann ihnen doch nicht trauen. Was mir noch leid tut, ist,
dass er oft von Sachen redet, die er nur gehört und gelesen hat, und zwar aus
eben dem Gesichtspunkte, wie sie ihm der andere vorstellen mochte.
    Auch schätzt er meinen Verstand und meine Talente mehr als dies Herz, das
doch mein einziger Stolz ist, das ganz allein die Quelle von allem ist, aller
Kraft, aller Seligkeit und alles Elendes. Ach, was ich weiss, kann jeder wissen -
mein Herz habe ich allein.
                                                                     Am 25. Mai.
Ich hatte etwas im Kopfe, davon ich euch nichts sagen wollte, bis es ausgeführt
wäre: jetzt, da nichts draus wird, ist es ebenso gut. Ich wollte in den Krieg;
das hat mir lange am Herzen gelegen. Vornehmlich darum bin ich dem Fürsten
hierher gefolgt, der General in ***schen Diensten ist. Auf einem Spaziergang
entdeckte ich ihm mein Vorhaben; er widerriet mir es, und es müsste bei mir mehr
Leidenschaft als Grille gewesen sein, wenn ich seinen Gründen nicht hätte Gehör
geben wollen.
                                                                  Am 11. Junius.
Sage was du willst, ich kann nicht länger bleiben. Was soll ich hier? die Zeit
wird mir lang. Der Fürst hält mich, so gut man nur kann, und doch bin ich nicht
in meiner Lage. Wir haben im Grunde nichts gemein mit einander. Er ist ein Mann
von Verstande, aber von ganz gemeinem Verstande; sein Umgang unterhält mich
nicht mehr, als wenn ich ein wohl geschriebenes Buch lese. Noch acht Tage bleibe
ich, und dann ziehe ich wieder in der Irre herum. Das Beste, was ich hier getan
habe, ist mein Zeichnen. Der Fürst fühlt in der Kunst und würde noch stärker
fühlen, wenn er nicht durch das garstige wissenschaftliche Wesen und durch die
gewöhnliche Terminologie eingeschränkt wäre. Manchmal knirsche ich mit den
Zähnen, wenn ich ihn mit warmer Imagination an Natur und Kunst herumführe und er
es auf einmal recht gut zu machen denkt, wenn er mit einem gestempelten
Kunstworte dreinstolpert.
                                                                  Am 16. Junius.
Ja wohl bin ich nur ein Wandrer, ein Waller auf der Erde! Seid ihr denn mehr?
                                                                  Am 18. Junius.
Wo ich hin will? Das lass dir im Vertrauen eröffnen. Vierzehn Tage muss ich doch
noch hier bleiben, und dann habe ich mir weisgemacht, dass ich die Bergwerke im
**schen besuchen wollte; ist aber im Grunde nichts dran, ich will nur Lotten
wieder näher, das ist alles. Und ich lache über mein eigenes Herz - und tu' ihm
seinen Willen.
                                                                  Am 29. Julius.
Nein, es ist gut! es ist alles gut! - Ich - ihr Mann! O Gott, der du mich
machtest, wenn du mir diese Seligkeit bereitet hättest, mein ganzes Leben sollte
ein anhaltendes Gebet sein. Ich will nicht rechten, und verzeihe mir diese
Tränen, verzeihe mir meine vergeblichen Wünsche! - Sie meine Frau! Wenn ich das
liebste Geschöpf unter der Sonne in meine Arme geschlossen hätte - Es geht mir
ein Schauder durch den ganzen Körper, Wilhelm, wenn Albert sie um den schlanken
Leib fasst.
    Und, darf ich es sagen? Warum nicht, Wilhelm? Sie wäre mit mir glücklicher
geworden als mit ihm! O er ist nicht der Mensch, die Wünsche dieses Herzens alle
zu füllen. Ein gewisser Mangel an Fühlbarkeit, ein Mangel - nimm es, wie du
willst; dass sein Herz nicht sympatetisch schlägt bei - o! - bei der Stelle
eines lieben Buches, wo mein Herz und Lottens in einem zusammentreffen; in
hundert andern Vorfällen, wenn es kommt, dass unsere Empfindungen über eine
Handlung eines Dritten laut werden. Lieber Wilhelm! - Zwar er liebt sie von
ganzer Seele, und so eine Liebe, was verdient die nicht! -
    Ein unerträglicher Mensch hat mich unterbrochen. Meine Tränen sind
getrocknet. Ich bin zerstreut. Adieu, Lieber!
                                                                   Am 4. August.
Es geht mir nicht allein so. Alle Menschen werden in ihren Hoffnungen getäuscht,
in ihren Erwartungen betrogen. Ich besuchte mein gutes Weib unter der Linde. Der
älteste Junge lief mir entgegen, sein Freudengeschrei führte die Mutter herbei,
die sehr niedergeschlagen aussah. Ihr erstes Wort war: »Guter Herr, ach, mein
Hans ist mir gestorben!« - Es war der jüngste ihrer Knaben. Ich war stille. -
»Und mein Mann«, sagte sie, »ist aus der Schweiz zurück und hat nichts
mitgebracht, und ohne gute Leute hätte er sich heraus betteln müssen, er hatte
das Fieber unterwegs gekriegt.« - Ich konnte ihr nichts sagen und schenkte dem
Kleinen was; sie bat mich, einige Äpfel anzunehmen, das ich tat und den Ort des
traurigen Andenkens verliess.
                                                                  Am 21. August.
Wie man eine Hand umwendet, ist es anders mit mir. Manchmal will wohl ein
freudiger Blick des Lebens wieder aufdämmern, ach, nur für einen Augenblick! -
Wenn ich mich so in Träumen verliere, kann ich mich des Gedankens nicht
erwehren: wie, wenn Albert stürbe? Du würdest! ja, sie würde - und dann laufe
ich dem Hirngespinste nach, bis es mich an Abgründe führet, vor denen ich
zurückbebe.
    Wenn ich zum Tor hinausgehe, den Weg, den ich zum erstenmal fuhr, Lotten zum
Tanze zu holen, wie war das so ganz anders! Alles, alles ist vorübergegangen!
Kein Wink der vorigen Welt, kein Pulsschlag meines damaligen Gefühles. Mir ist
es, wie es einem Geiste sein müsste, der in das ausgebrannte, zerstörte Schloss
zurückkehrte, das er als blühender Fürst einst gebaut und mit allen Gaben der
Herrlichkeit ausgestattet, sterbend seinem geliebten Sohne hoffnungsvoll
hinterlassen hätte.
                                                                Am 3. September.
Ich begreife manchmal nicht, wie sie ein anderer lieb haben kann, lieb haben
darf, da ich sie so ganz allein, so innig, so voll liebe, nichts anders kenne,
noch weiss, noch habe als sie!
                                                                Am 4. September.
Ja, es ist so. Wie die Natur sich zum Herbste neigt, wird es Herbst in mir und
um mich her. Meine Blätter werden gelb, und schon sind die Blätter der
benachbarten Bäume abgefallen. Hab' ich dir nicht einmal von einem Bauerburschen
geschrieben, gleich da ich herkam? Jetzt erkundigte ich mich wieder nach ihm in
Wahlheim; es hiess, er sei aus dem Dienste gejagt worden, und niemand wollte was
weiter von ihm wissen. Gestern traf ich ihn von ungefähr auf dem Wege nach einem
andern Dorfe, ich redete ihn an, und er erzählte mir seine Geschichte, die mich
doppelt und dreifach gerührt hat, wie du leicht begreifen wirst, wenn ich dir
sie wiedererzähle. Doch wozu das alles? warum behalt' ich nicht für mich, was
mich ängstigt und kränkt? warum betrüb' ich noch dich? warum geb' ich dir immer
Gelegenheit, mich zu bedauern und mich zu schelten? Sei's denn, auch das mag zu
meinem Schicksal gehören!
    Mit einer stillen Traurigkeit, in der ich ein wenig scheues Wesen zu
bemerken schien, antwortete der Mensch mir erst auf meine Fragen; aber gar bald
offner, als wenn er sich und mich auf einmal wiedererkennte, gestand er mir
seine Fehler, klagte er mir sein Unglück. Könnt' ich dir, mein Freund, jedes
seiner Worte vor Gericht stellen! Er bekannte, ja er erzählte mit einer Art von
Genuss und Glück der Wiedererinnerung, dass die Leidenschaft zu seiner Hausfrau
sich in ihm tagtäglich vermehrt, dass er zuletzt nicht gewusst habe, was er tue,
nicht, wie er sich ausdrückte, wo er mit dem Kopfe hingesollt. Er habe weder
essen noch trinken noch schlafen können, es habe ihm an der Kehle gestockt, er
habe getan, was er nicht tun sollen; was ihm aufgetragen worden, hab' er
vergessen, er sei als wie von einem bösen Geist verfolgt gewesen, bis er eines
Tages, als er sie in einer obern Kammer gewusst, ihr nachgegangen, ja vielmehr
ihr nachgezogen worden sei; da sie seinen Bitten kein Gehör gegeben, hab' er
sich ihrer mit Gewalt bemächtigen wollen; er wisse nicht, wie ihm geschehen sei,
und nehme Gott zum Zeugen, dass seine Absichten gegen sie immer redlich gewesen,
und dass er nichts sehnlicher gewünscht, als dass sie ihn heiraten, dass sie mit
ihm ihr Leben zubringen möchte. Da er eine Zeitlang geredet hatte, fing er an zu
stocken, wie einer, der noch etwas zu sagen hat und sich es nicht herauszusagen
getraut; endlich gestand er mir auch mit Schüchternheit, was sie ihm für kleine
Vertraulichkeiten erlaubt, und welche Nähe sie ihm vergönnet. Er brach zwei -,
dreimal ab und wiederholte die lebhaftesten Protestationen, dass er das nicht
sage, um sie schlecht zu machen, wie er sich ausdrückte, dass er sie liebe und
schätze wie vorher, dass so etwas nicht über seinen Mund gekommen sei und dass er
es mir nur sage, um mich zu überzeugen, dass er kein ganz verkehrter und
unsinniger Mensch sei. - Und hier, mein Bester, fang' ich mein altes Lied wieder
an, das ich ewig anstimmen werde: Könnt' ich dir den Menschen vorstellen, wie er
vor mir stand, wie er noch vor mir steht! Könnt' ich dir alles recht sagen,
damit du fühltest, wie ich an seinem Schicksale teilnehme, teilnehmen muss! Doch
genug, da du auch mein Schicksal kennst, auch mich kennst, so weisst du nur zu
wohl, was mich zu allen Unglücklichen, was mich besonders zu diesem
Unglücklichen hinzieht.
    Da ich das Blatt wieder durchlese, seh' ich, dass ich das Ende der Geschichte
zu erzählen vergessen habe, das sich aber leicht hinzudenken lässt. Sie erwehrte
sich sein; ihr Bruder kam dazu, der ihn schon lange gehasst, der ihn schon lange
aus dem Hause gewünscht hatte, weil er fürchtet, durch eine neue Heirat der
Schwester werde seinen Kindern die Erbschaft entgehn, die ihnen jetzt, da sie
kinderlos ist, schöne Hoffnungen gibt; dieser habe ihn gleich zum Hause
hinausgestossen und einen solchen Lärm von der Sache gemacht, dass die Frau, auch
selbst wenn sie gewollt, ihn nicht wieder hätte aufnehmen können. Jetzt habe sie
wieder einen andern Knecht genommen, auch über den, sage man, sei sie mit dem
Bruder zerfallen, und man behaupte für gewiss, sie werde ihn heiraten, aber er
sei fest entschlossen, das nicht zu erleben.
    Was ich dir erzähle, ist nicht übertrieben, nichts verzärtelt, ja ich darf
wohl sagen, schwach, schwach hab' ich's erzählt, und vergröbert hab' ich's,
indem ich's mit unsern hergebrachten sittlichen Worten vorgetragen habe.
    Diese Liebe, diese Treue, diese Leidenschaft ist also keine dichterische
Erfindung. Sie lebt, sie ist in ihrer grössten Reinheit unter der Klasse von
Menschen, die wir ungebildet, die wir roh nennen. Wir Gebildeten - zu Nichts
Verbildeten! Lies die Geschichte mit Andacht, ich bitte dich. Ich bin heute
still, indem ich das hinschreibe; du siehst an meiner Hand, dass ich nicht so
strudele und sudele wie sonst. Lies, mein Geliebter, und denke dabei, dass es
auch die Geschichte deines Freundes ist. Ja so ist mir's gegangen, so wird mir's
gehn, und ich bin nicht halb so brav, nicht halb so entschlossen als der arme
Unglückliche, mit dem ich mich zu vergleichen mich fast nicht getraue.
                                                                Am 5. September.
Sie hatte ein Zettelchen an ihren Mann aufs Land geschrieben, wo er sich
Geschäfte wegen aufhielt. Es fing an: »Bester, Liebster, komme, sobald du
kannst, ich erwarte dich mit tausend Freuden.« - Ein Freund, der hereinkam,
brachte Nachricht, dass er wegen gewisser Umstände so bald noch nicht
zurückkehren würde. Das Billett blieb liegen und fiel mir abends in die Hände.
Ich las es und lächelte; sie fragte worüber? - »Was die Einbildungskraft für ein
göttliches Geschenk ist,« rief ich aus, »ich konnte mir einen Augenblick
vorspiegeln, als wäre es an mich geschrieben.« - Sie brach ab, es schien ihr zu
missfallen, und ich schwieg.
                                                                Am 6. September.
Es hat schwer gehalten, bis ich mich entschloss, meinen blauen einfachen Frack,
in dem ich mit Lotten zum erstenmale tanzte, abzulegen, er ward aber zuletzt gar
unscheinbar. Auch habe ich mir einen machen lassen ganz wie den vorigen, Kragen
und Aufschlag, und auch wieder so gelbe Weste und Beinkleider dazu.
    Ganz will es doch die Wirkung nicht tun. Ich weiss nicht. - Ich denke, mit
der Zeit soll mir der auch lieber werden.
                                                               Am 12. September.
Sie war einige Tage verreist, Alberten abzuholen. Heute trat ich in ihre Stube,
sie kam mir entgegen, und ich küsste ihre Hand mit tausend Freuden.
    Ein Kanarienvogel flog von dem Spiegel ihr auf die Schulter. - »Einen neuen
Freund,« sagte sie und lockte ihn auf ihre Hand, »er ist meinen Kleinen
zugedacht. Er tut gar zu lieb! Sehen Sie ihn! Wenn ich ihm Brot gebe, flattert
er mit den Flügeln und pickt so artig. Er küsst mich auch, sehen Sie!«
    Als sie dem Tierchen den Mund hinhielt, drückte es sich so lieblich in die
süssen Lippen, als wenn es die Seligkeit hätte fühlen können, die es genoss.
    »Er soll Sie auch küssen.« sagte sie und reichte den Vogel herüber. - Das
Schnäbelchen machte den Weg von ihrem Munde zu dem meinigen, und die pickende
Berührung war wie ein Hauch, eine Ahnung liebevollen Genusses.
    »Sein Kuss«, sagte ich, »ist nicht ganz ohne Begierde, er sucht Nahrung und
kehrt unbefriedigt von der leeren Liebkosung zurück.«
    »Er isst mir auch aus dem Munde.« sagte sie. - Sie reichte ihm einige
Brosamen mit ihren Lippen, aus denen die Freuden unschuldig teilnehmender Liebe
in aller Wonne lächelten.
    Ich kehrte das Gesicht weg. Sie sollte es nicht tun, sollte nicht meine
Einbildungskraft mit diesen Bildern himmlischer Unschuld und Seligkeit reizen
und mein Herz aus dem Schlafe, in den es manchmal die Gleichgültigkeit des
Lebens wiegt, nicht wecken! - Und warum nicht? - Sie traut mir so! sie weiss, wie
ich sie liebe!
                                                               Am 15. September.
Man möchte rasend werden, Wilhelm, dass es Menschen geben soll ohne Sinn und
Gefühl an dem wenigen, was auf Erden noch einen Wert hat. Du kennst die
Nussbäume, unter denen ich bei dem ehrlichen Pfarrer zu St.. mit Lotten gesessen,
die herrlichen Nussbäume, die mich, Gott weiss, immer mit dem grössten
Seelenvergnügen füllten! Wie vertraulich sie den Pfarrhof machten, wie kühl! und
wie herrlich die Äste waren! Und die Erinnerung bis zu den ehrlichen
Geistlichen, die sie vor vielen Jahren pflanzten. Der Schulmeister hat uns den
einen Namen oft genannt, den er von seinem Grossvater gehört hatte; und so ein
braver Mann soll er gewesen sein, und sein Andenken war immer heilig unter den
Bäumen. Ich sage dir, dem Schulmeister standen die Tränen in den Augen, da wir
gestern davon redeten, dass sie abgehauen worden - abgehauen! Ich möchte toll
werden, ich könnte den Hund ermorden, der den ersten Hieb dran tat. Ich, der ich
mich vertrauern könnte, wenn so ein paar Bäume in meinem Hofe stünden und einer
davon stürbe vor Alter ab, ich muss zusehen. Lieber Schatz, eins ist doch dabei:
Was Menschengefühl ist! Das ganze Dorf murrt, und ich hoffe, die Frau Pfarrerin
soll es an Butter und Eiern und übrigem Zutrauen spüren, was für eine Wunde sie
ihrem Orte gegeben hat. Denn sie ist es, die Frau des neuen Pfarrers (unser
alter ist auch gestorben), ein hageres, kränkliches Geschöpf, das sehr Ursache
hat, an der Welt keinen Anteil zu nehmen, denn niemand nimmt Anteil an ihr. Eine
Närrin, die sich abgibt, gelehrt zu sein, sich in die Untersuchung des Kanons
meliert, gar viel an der neumodischen, moralisch - kritischen Reformation des
Christentumes arbeitet und über Lavaters Schwärmereien die Achseln zuckt, eine
ganz zerrüttete Gesundheit hat und deswegen auf Gottes Erdboden keine Freude. So
einer Kreatur war es auch allein möglich, meine Nussbäume abzuhauen. Siehst du,
ich komme nicht zu mir! Stelle dir vor: die abfallenden Blätter machen ihr den
Hof unrein und dumpfig, die Bäume nehmen ihr das Tageslicht, und wenn die Nüsse
reif sind, so werfen die Knaben mit Steinen darnach, und das fällt ihr auf die
Nerven, das stört sie in ihren tiefen Überlegungen, wenn sie Kennikot, Semler
und Michaelis gegen einander abwiegt. Da ich die Leute im Dorfe, besonders die
alten, so unzufrieden sah, sagte ich: »Warum habt ihr es gelitten?« - »Wenn der
Schulze will, hier zu Lande,« sagten sie, »was kann man machen?« - Aber eins ist
recht geschehen. Der Schulze und der Pfarrer, der doch auch von seiner Frauen
Grillen, die ihm ohnedies die Suppen nicht fett machen, was haben wollte,
dachten es mit einander zu teilen; da erfuhr es die Kammer und sagte: »Hier
herein!« Denn sie hatte noch alte Prätensionen an den Teil des Pfarrhofes, wo
die Bäume standen, und verkaufte sie an den Meistbietenden. Sie liegen! O, wenn
ich Fürst wäre! Ich wollte die Pfarrerin, den Schulzen und die Kammer - Fürst! -
Ja wenn ich Fürst wäre, was kümmerten mich die Bäume in meinem Lande!
                                                                 Am 10. Oktober.
Wenn ich nur ihre schwarzen Augen sehe, ist mir es schon wohl! Sieh, und was
mich verdriesst, ist, dass Albert nicht so beglückt zu sein scheinet, als er -
hoffte - als ich - zu sein glaubte - wenn - Ich mache nicht gern
Gedankenstriche, aber hier kann ich mich nicht anders ausdrücken - und mich
dünkt deutlich genug.
                                                                 Am 12. Oktober.
Ossian hat in meinem Herzen den Homer verdrängt. Welch eine Welt, in die der
Herrliche mich führt! Zu wandern über die Heide, umsaust vom Sturmwinde, der in
dampfenden Nebeln die Geister der Väter im dämmernden Lichte des Mondes
hinführt. Zu hören vom Gebirge her, im Gebrülle des Waldstroms, halb verwehtes
Ächzen der Geister aus ihren Höhlen, und die Wehklagen des zu Tode sich
jammernden Mädchens, um die vier moosbedeckten, grasbewachsenen Steine des
Edelgefallnen, ihres Geliebten. Wenn ich ihn dann finde, den wandelnden grauen
Barden, der auf der weiten Heide die Fussstapfen seiner Väter sucht und, ach,
ihre Grabsteine findet und dann jammernd nach dem lieben Sterne des Abends
hinblickt, der sich ins rollende Meer verbirgt, und die Zeiten der Vergangenheit
in des Helden Seele lebendig werden, da noch der freundliche Strahl den Gefahren
der Tapferen leuchtete und der Mond ihr bekränztes, siegrückkehrendes Schiff
beschien. Wenn ich den tiefen Kummer auf seiner Stirn lese, den letzten
verlassenen Herrlichen in aller Ermattung dem Grabe zuwanken sehe, wie er immer
neue, schmerzlich glühende Freuden in der kraftlosen Gegenwart der Schatten
seiner Abgeschiedenen einsaugt und nach der kalten Erde, dem hohen, wehenden
Grase niedersieht und ausruft: »Der Wanderer wird kommen, kommen, der mich
kannte in meiner Schönheit, und fragen: Wo ist der Sänger, Fingals trefflicher
Sohn? Sein Fusstritt geht über mein Grab hin, und er fragt vergebens nach mir auf
der Erde.« - O Freund! ich möchte gleich einem edlen Waffenträger das Schwert
ziehen, meinen Fürsten von der zückenden Qual des langsam absterbenden Lebens
auf einmal befreien und dem befreiten Halbgott meine Seele nachsenden.
                                                                 Am 19. Oktober.
Ach diese Lücke! diese entsetzliche Lücke, die ich hier in meinem Busen fühle! -
Ich denke oft, wenn du sie nur einmal, nur einmal an dieses Herz drücken
könntest, diese ganze Lücke würde ausgefüllt sein.
                                                                 Am 26. Oktober.
Ja es wird mir gewiss, Lieber, gewiss und immer gewisser, dass an dem Dasein eines
Geschöpfes wenig gelegen ist, ganz wenig. Es kam eine Freundin zu Lotten, und
ich ging herein ins Nebenzimmer, ein Buch zu nehmen, und konnte nicht lesen, und
dann nahm ich eine Feder, zu schreiben. Ich hörte sie leise reden; sie erzählten
einander unbedeutende Sachen, Stadtneuigkeiten: Wie diese heiratet, wie jene
krank, sehr krank ist. - »Sie hat einen trocknen Husten, die Knochen stehn ihr
zum Gesichte heraus, und kriegt Ohnmachten; ich gebe keinen Kreuzer für ihr
Leben.« sagte die eine. - »Der N. N. ist auch so übel dran.« sagte Lotte. - »Er
ist schon geschwollen.« sagte die andere. - Und meine lebhafte Einbildungskraft
versetzte mich ans Bett dieser Armen; ich sah sie, mit welchem Widerwillen sie
dem Leben den Rücken wandten, wie sie - Wilhelm! und meine Weibchen redeten
davon, wie man eben davon redet - dass ein Fremder stirbt. - Und wenn ich mich
umsehe und sehe das Zimmer an, und rings um mich Lottens Kleider und Alberts
Skripturen und diese Möbeln, denen ich nun so befreundet bin, sogar diesem
Tintenfass, und denke: Siehe, was du nun diesem Hause bist! Alles in allem. Deine
Freunde ehren dich! Du machst oft ihre Freude, und deinem Herzen scheint es, als
wenn es ohne sie nicht sein könnte; und doch - wenn du nun gingst, wenn du aus
diesem Kreise schiedest? würden sie, wie lange würden sie die Lücke fühlen, die
dein Verlust in ihr Schicksal reisst? wie lange? - O, so vergänglich ist der
Mensch, dass er auch da, wo er seines Daseins eigentliche Gewissheit hat, da, wo
er den einzigen wahren Eindruck seiner Gegenwart macht, in dem Andenken, in der
Seele seiner Lieben, dass er auch da verlöschen, verschwinden muss, und das so
bald!
                                                                 Am 27. Oktober.
Ich möchte mir oft die Brust zerreissen und das Gehirn einstossen, dass man
einander so wenig sein kann. Ach die Liebe, Freude, Wärme und Wonne, die ich
nicht hinzubringe, wird mir der andere nicht geben, und mit einem ganzen Herzen
voll Seligkeit werde ich den andern nicht beglücken, der kalt und kraftlos vor
mir steht.
                                                          Am 27. Oktober abends.
Ich habe so viel, und die Empfindung an ihr verschlingt alles; ich habe so viel,
und ohne sie wird mir alles zu Nichts.
 
                                                                 Am 30. Oktober.
Wenn ich nicht schon hundertmal auf dem Punkte gestanden bin, ihr um den Hals zu
fallen! Weiss der grosse Gott, wie einem das tut, so viele Liebenswürdigkeit vor
einem herumkreuzen zu sehen und nicht zugreifen zu dürfen; und das Zugreifen ist
doch der natürlichste Trieb der Menschheit. Greifen die Kinder nicht nach allem,
was ihnen in den Sinn fällt? - Und ich?
                                                                 Am 3. November.
Weiss Gott! ich lege mich so oft zu Bette mit dem Wunsche, ja manchmal mit der
Hoffnung, nicht wieder zu erwachen: und morgens schlage ich die Augen auf, sehe
die Sonne wieder, und bin elend. O dass ich launisch sein könnte, könnte die
Schuld aufs Wetter, auf einen Dritten, auf eine fehlgeschlagene Unternehmung
schieben, so würde die unerträgliche Last des Unwillens doch nur halb auf mir
ruhen. Wehe mir! ich fühle zu wahr, dass an mir allein alle Schuld liegt - nicht
Schuld! Genug, dass in mir die Quelle alles Elendes verborgen ist, wie ehemals
die Quelle aller Seligkeiten. Bin ich nicht noch ebenderselbe, der ehemals in
aller Fülle der Empfindung herumschwebte, dem auf jedem Tritte ein Paradies
folgte, der ein Herz hatte, eine ganze Welt liebevoll zu umfassen? Und dies Herz
ist jetzt tot, aus ihm fliessen keine Entzückungen mehr, meine Augen sind
trocken, und meine Sinne, die nicht mehr von erquickenden Tränen gelabt werden,
ziehen ängstlich meine Stirn zusammen. Ich leide viel, denn ich habe verloren,
was meines Lebens einzige Wonne war, die heilige, belebende Kraft, mit der ich
Welten um mich schuf; sie ist dahin! - Wenn ich zu meinem Fenster hinaus an den
fernen Hügel sehe, wie die Morgensonne über ihn her den Nebel durchbricht und
den stillen Wiesengrund bescheint, und der sanfte Fluss zwischen seinen
entblätterten Weiden zu mir herschlängelt, - o! wenn da diese herrliche Natur so
starr vor mir steht wie ein lackiertes Bildchen, und alle die Wonne keinen
Tropfen Seligkeit aus meinem Herzen herauf in das Gehirn pumpen kann, und der
ganze Kerl vor Gottes Angesicht steht wie ein versiegter Brunnen, wie ein
verlechter Eimer. Ich habe mich oft auf den Boden geworfen und Gott um Tränen
gebeten, wie ein Ackersmann um Regen, wenn der Himmel ehern über ihm ist und um
ihn die Erde verdürstet.
    Aber, ach, ich fühle es, Gott gibt Regen und Sonnenschein nicht unserm
ungestümen Bitten, und jene Zeiten, deren Andenken mich quält, warum waren sie
so selig, als weil ich mit Geduld seinen Geist erwartete und die Wonne, die er
über mich ausgoss, mit ganzem, innig dankbarem Herzen aufnahm!
                                                                 Am 8. November.
Sie hat mir meine Exzesse vorgeworfen! Ach, mit so viel Liebenswürdigkeit! Meine
Exzesse, dass ich mich manchmal von einem Glase Wein verleiten lasse, eine
Bouteille zu trinken. - »Tun Sie es nicht!« sagte sie, »denken Sie an Lotten!« -
»Denken!« sagte ich, »brauchen Sie mir das zu heissen? Ich denke! - ich denke
nicht! Sie sind immer vor meiner Seele. Heute sass ich an dem Flecke, wo Sie
neulich aus der Kutsche stiegen...« - Sie redete was anders, um mich nicht
tiefer in den Text kommen zu lassen. Bester, ich bin dahin! sie kann mit mir
machen, was sie will.
                                                                Am 15. November.
Ich danke dir, Wilhelm, für deinen herzlichen Anteil, für deinen wohlmeinenden
Rat und bitte dich, ruhig zu sein. Lass mich ausdulden, ich habe bei aller meiner
Müdseligkeit noch Kraft genug durchzusetzen. Ich ehre die Religion, das weisst
du, ich fühle, dass sie manchem Ermatteten Stab, manchem Verschmachtenden
Erquickung ist. Nur - kann sie denn, muss sie denn das einem jeden sein? Wenn du
die grosse Welt ansiehst, so siehst du Tausende, denen sie es nicht war,
Tausende, denen sie es nicht sein wird, gepredigt oder ungepredigt, und muss sie
mir es denn sein? Sagt nicht selbst der Sohn Gottes, dass die um ihn sein würden,
die ihm der Vater gegeben hat? Wenn ich ihm nun nicht gegeben bin? Wenn mich nun
der Vater für sich behalten will, wie mir mein Herz sagt? - Ich bitte dich, lege
das nicht falsch aus; sieh nicht etwa Spott in diesen unschuldigen Worten; es
ist meine ganze Seele, die ich dir vorlege; sonst wollte ich lieber, ich hätte
geschwiegen: wie ich denn über alles das, wovon jedermann so wenig weiss als ich,
nicht gern ein Wort verliere. Was ist es anders als Menschenschicksal, sein Mass
auszuleiden, seinen Becher auszutrinken? - Und ward der Kelch dem Gott vom
Himmel auf seiner Menschenlippe zu bitter, warum soll ich grosstun und mich
stellen, als schmeckte er mir süss? Und warum sollte ich mich schämen, in dem
schrecklichen Augenblick, da mein ganzes Wesen zwischen Sein und Nichtsein
zittert, da die Vergangenheit wie ein Blitz über dem finstern Abgrunde der
Zukunft leuchtet und alles um mich her versinkt und mit mir die Welt untergeht?
Ist es da nicht die Stimme der ganz in sich gedrängten, sich selbst ermangelnden
und unaufhaltsam hinabstürzenden Kreatur, in den innern Tiefen ihrer vergebens
aufarbeitenden Kräfte zu knirschen: »Mein Gott! mein Gott! warum hast du mich
verlassen?« Und sollt' ich mich des Ausdruckes schämen, sollte mir es vor dem
Augenblicke bange sein, da ihm der nicht entging, der die Himmel zusammenrollt
wie ein Tuch?
                                                                Am 21. November.
Sie sieht nicht, sie fühlt nicht, dass sie ein Gift bereitet, das mich und sie
zugrunde richten wird; und ich mit voller Wollust schlürfe den Becher aus, den
sie mir zu meinem Verderben reicht. Was soll der gütige Blick, mit dem sie mich
oft - oft? - nein, nicht oft, aber doch manchmal ansieht, die Gefälligkeit,
womit sie einen unwillkürlichen Ausdruck meines Gefühls aufnimmt, das Mitleiden
mit meiner Duldung, das sich auf ihrer Stirne zeichnet?
    Gestern, als ich wegging, reichte sie mir die Hand und sagte: »Adieu, lieber
Werter!« - Lieber Werter! Es war das erstemal, dass sie mich Lieber hiess, und
es ging mir durch Mark und Bein. Ich habe es mir hundertmal wiederholt, und
gestern nacht, da ich zu Bette gehen wollte und mit mir selbst allerlei
schwatzte, sagte ich so auf einmal: »Gute Nacht, lieber Werter!« und musste
hernach selbst über mich lachen.
                                                                Am 22. November.
Ich kann nicht beten: »Lass mir sie!« und doch kommt sie mir oft als die Meine
vor. Ich kann nicht beten: »Gib mir sie!« Denn sie ist eines andern. Ich witzle
mich mit meinen Schmerzen herum; wenn ich mir's nachliesse, es gäbe eine ganze
Litanei von Antitesen.
                                                                Am 24. November.
Sie fühlt, was ich dulde. Heute ist mir ihr Blick tief durchs Herz gedrungen.
Ich fand sie allein; ich sagte nichts, und sie sah mich an. Und ich sah nicht
mehr in ihr die liebliche Schönheit, nicht mehr das Leuchten des trefflichen
Geistes, das war alles vor meinen Augen verschwunden. Ein weit herrlicherer
Blick wirkte auf mich, voll Ausdruck des innigsten Anteils, des süssesten
Mitleidens. Warum durft' ich mich nicht ihr zu Füssen werfen? warum durft' ich
nicht an ihrem Halse mit tausend Küssen antworten? Sie nahm ihre Zuflucht zum
Klavier und hauchte mit süsser, leiser Stimme harmonische Laute zu ihrem Spiele.
Nie habe ich ihre Lippen so reizend gesehn; es war, als wenn sie sich lechzend
öffneten, jene süssen Töne in sich zu schlürfen, die aus dem Instrument
hervorquollen, und nur der heimliche Widerschall aus dem reinen Munde
zurückklänge - Ja wenn ich dir das so sagen könnte! - Ich widerstand nicht
länger, neigte mich und schwur: Nie will ich es wagen, einen Kuss euch
aufzudrücken, Lippen, auf denen die Geister des Himmels schweben. - Und doch -
ich will - Ha! siehst du, das steht wie eine Scheidewand vor meiner Seele -
diese Seligkeit - und dann untergegangen, diese Sünde abzubüssen - - Sünde?
                                                                Am 26. November.
Manchmal sag' ich mir: Dein Schicksal ist einzig; preise die übrigen glücklich -
so ist noch keiner gequält worden. - Dann lese ich einen Dichter der Vorzeit,
und es ist mir, als säh' ich in mein eignes Herz. Ich habe so viel auszustehen!
Ach, sind denn Menschen vor mir schon so elend gewesen?
                                                                Am 30. November.
Ich soll, ich soll nicht zu mir selbst kommen! Wo ich hintrete, begegnet mir
eine Erscheinung, die mich aus aller Fassung bringt. Heute! o Schicksal! o
Menschheit!
    Ich gehe an dem Wasser hin in der Mittagsstunde, ich hatte keine Lust zu
essen. Alles war öde, ein nasskalter Abendwind blies vom Berge, und die grauen
Regenwolken zogen das Tal hinein. Von fern seh' ich einen Menschen in einem
grünen, schlechten Rocke, der zwischen den Felsen herumkrabbelte und Kräuter zu
suchen schien. Als ich näher zu ihm kam und er sich auf das Geräusch, das ich
machte, herumdrehte, sah ich eine gar interessante Physiognomie, darin eine
stille Trauer den Hauptzug machte, die aber sonst nichts als einen geraden guten
Sinn ausdrückte; seine schwarzen Haare waren mit Nadeln in zwei Rollen gesteckt,
und die übrigen in einen starken Zopf geflochten, der ihm den Rücken herunter
hing. Da mir seine Kleidung einen Menschen von geringem Stande zu bezeichnen
schien, glaubte ich, er würde es nicht übelnehmen, wenn ich auf seine
Beschäftigung aufmerksam wäre, und daher fragte ich ihn, was er suchte? - »Ich
suche«, antwortete er mit einem tiefen Seufzer, »Blumen - und finde keine.« -
»Das ist auch die Jahrszeit nicht.« sagte ich lächelnd. - »Es gibt so viele
Blumen.« sagte er, indem er zu mir herunterkam. »In meinem Garten sind Rosen und
Jelängerjelieber zweierlei Sorten, eine hat mir mein Vater gegeben, sie wachsen
wie Unkraut; ich suche schon zwei Tage darnach und kann sie nicht finden. Da
haussen sind auch immer Blumen, gelbe und blaue und rote, und das
Tausendgüldenkraut hat ein schönes Blümchen. Keines kann ich finden.« - Ich
merkte was Unheimliches, und drum fragte ich durch einen Umweg: »Was will Er
denn mit den Blumen?« - Ein wunderbares, zuckendes Lächeln verzog sein Gesicht.
»Wenn Er mich nicht verraten will,« sagte er, indem er den Finger auf den Mund
drückte, »ich habe meinem Schatz einen Strauss versprochen.« - »Das ist brav.«
sagte ich. - »O!« sagte er, »sie hat viel andere Sachen, sie ist reich.« - »Und
doch hat sie Seinen Strauss lieb.« versetzte ich. - »O!« fuhr er fort, »sie hat
Juwelen und eine Krone.« - »Wie heisst sie denn?« - »Wenn mich die Generalstaaten
bezahlen wollten,« versetzte er, »ich wär' ein anderer Mensch! Ja, es war einmal
eine Zeit, da mir es so wohl war! Jetzt ist es aus mit mir. Ich bin nun... « Ein
nasser Blick zum Himmel drückte alles aus. - »Er war also glücklich?« fragte
ich. - »Ach ich wollte, ich wäre wieder so!« sagte er. »Da war mir es so wohl,
so lustig, so leicht wie einem Fisch im Wasser!« - »Heinrich!« rief eine alte
Frau, die den Weg herkam, »Heinrich, wo steckst du? Wir haben dich überall
gesucht, komm zum Essen.« - »Ist das Euer Sohn?« fragt' ich, zu ihr tretend. -
»Wohl, mein armer Sohn!« versetzte sie. »Gott hat mir ein schweres Kreuz
aufgelegt.« - »Wie lange ist er so?« fragte ich. - »So stille«, sagte sie, »ist
er nun ein halbes Jahr. Gott sei Dank, dass er nur so weit ist, vorher war er ein
ganzes Jahr rasend, da hat er an Ketten im Tollhause gelegen. Jetzt tut er
niemand nichts, nur hat er immer mit Königen und Kaisern zu schaffen. Er war ein
so guter, stiller Mensch, der mich ernähren half, seine schöne Hand schrieb, und
auf einmal wird er tiefsinnig, fällt in ein hitziges Fieber, daraus in Raserei,
und nun ist er, wie Sie ihn sehen. Wenn ich Ihnen erzählen sollte, Herr... « -
Ich unterbrach den Strom ihrer Worte mit der Frage: »Was war denn das für eine
Zeit, von der er rühmt, dass er so glücklich, so wohl darin gewesen sei?« - »Der
törichte Mensch!« rief sie mit mitleidigem Lächeln, »da meint er die Zeit, da er
von sich war, das rühmt er immer; das ist die Zeit, da er im Tollhause war, wo
er nichts von sich wusste.« - Das fiel mir auf wie ein Donnerschlag, ich drückte
ihr ein Stück Geld in die Hand und verliess sie eilend.
    Da du glücklich warst! rief ich aus, schnell vor mich hin nach der Stadt zu
gehend, da dir es wohl war wie einem Fisch im Wasser! - Gott im Himmel! hast du
das zum Schicksale der Menschen gemacht, dass sie nicht glücklich sind, als ehe
sie zu ihrem Verstande kommen und wenn sie ihn wieder verlieren! - Elender! und
auch wie beneide ich deinen Trübsinn, die Verwirrung deiner Sinne, in der du
verschmachtest! Du gehst hoffnungsvoll aus, deiner Königin Blumen zu pflücken -
im Winter - und trauerst, da du keine findest, und begreifst nicht, warum du
keine finden kannst. Und ich - und ich gehe ohne Hoffnung, ohne Zweck heraus und
kehre wieder heim, wie ich gekommen bin. - Du wähnst, welcher Mensch du sein
würdest, wenn die Generalstaaten dich bezahlten. Seliges Geschöpf, das den
Mangel seiner Glückseligkeit einer irdischen Hindernis zuschreiben kann! Du
fühlst nicht, du fühlst nicht, dass in deinem zerstörten Herzen, in deinem
zerrütteten Gehirne dein Elend liegt, wovon alle Könige der Erde dir nicht
helfen können.
    Müsse der trostlos umkommen, der eines Kranken spottet, der nach der
entferntesten Quelle reist, die seine Krankheit vermehren, sein Ausleben
schmerzhafter machen wird! der sich über das bedrängte Herz erhebt, das, um
seine Gewissensbisse loszuwerden und die Leiden seiner Seele abzutun, eine
Pilgrimschaft nach dem heiligen Grabe tut. Jeder Fusstritt, der seine Sohlen auf
ungebahntem Wege durchschneidet, ist ein Linderungstropfen der geängsteten
Seele, und mit jeder ausgedauerten Tagereise legt sich das Herz um viele
Bedrängnisse leichter nieder. - Und dürft ihr das Wahn nennen, ihr Wortkrämer
auf euren Polstern? - Wahn! - O Gott! du siehst meine Tränen! Musstest du, der du
den Menschen arm genug erschufst, ihm auch Brüder zugeben, die ihm das bisschen
Armut, das bisschen Vertrauen noch raubten, das er auf dich hat, auf dich, du All
liebender! Denn das Vertrauen zu einer heilenden Wurzel, zu den Tränen des
Weinstockes, was ist es als Vertrauen zu dir, dass du in alles, was uns umgibt,
Heil - und Linderungskraft gelegt hast, der wir so stündlich bedürfen? Vater,
den ich nicht kenne! Vater, der sonst meine ganze Seele füllte und nun sein
Angesicht von mir gewendet hat, rufe mich zu dir! Schweige nicht länger! Dein
Schweigen wird diese dürstende Seele nicht aufhalten - Und würde ein Mensch, ein
Vater, zürnen können, dem sein unvermutet rückkehrender Sohn um den Hals fiele
und riefe: »Ich bin wieder da, mein Vater! Zürne nicht, dass ich die Wanderschaft
abbreche, die ich nach deinem Willen länger aushalten sollte. Die Welt ist
überall einerlei, auf Mühe und Arbeit Lohn und Freude; aber was soll mir das?
mir ist nur wohl, wo du bist, und vor deinem Angesichte will ich leiden und
geniessen.« - Und du, lieber himmlischer Vater, solltest ihn von dir weisen?
                                                                 Am 1. Dezember.
Wilhelm! Der Mensch, von dem ich dir schrieb, der glückliche Unglückliche, war
Schreiber bei Lottens Vater, und eine Leidenschaft zu ihr, die er nährte,
verbarg, entdeckte und worüber er aus dem Dienst geschickt wurde hat ihn rasend
gemacht. Fühle bei diesen trocknen Worten, mit welchem Unsinne mich die
Geschichte ergriffen hat, da mir sie Albert ebenso gelassen erzählte, als du sie
vielleicht liesest.
                                                                 Am 4. Dezember.
Ich bitte dich - Siehst du, mit mir ist's aus, ich trag' es nicht länger! Heute
sass ich bei ihr - sass, sie spielte auf ihrem Klavier, mannigfaltige Melodien,
und all den Ausdruck! all! - all! - Was willst du? - Ihr Schwesterchen putzte
ihre Puppe auf meinem Knie. Mir kamen die Tränen in die Augen. Ich neigte mich,
und ihr Trauring fiel mir ins Gesicht - meine Tränen flossen - Und auf einmal
fiel sie in die alte, himmelsüsse Melodie ein, so auf einmal, und mir durch die
Seele gehn ein Trostgefühl und eine Erinnerung des Vergangenen, der Zeiten, da
ich das Lied gehört, der düstern Zwischenräume des Verdrusses, der
fehlgeschlagenen Hoffnungen, und dann - Ich ging in der Stube auf und nieder,
mein Herz erstickte unter dem Zudringen. - »Um Gottes willen,« sagte ich, mit
einem heftigen Ausbruch hin gegen sie fahrend, »um Gottes willen, hören Sie
auf!« - Sie hielt und sah mich starr an. »Werter,« sagte sie mit einem Lächeln,
das mir durch die Seele ging, »Werter, Sie sind sehr krank, Ihre
Lieblingsgerichte widerstehen Ihnen. Gehen Sie! Ich bitte Sie, beruhigen Sie
sich.« - Ich riss mich von ihr weg und - Gott! du siehst mein Elend und wirst es
enden.
                                                                 Am 6. Dezember.
Wie mich die Gestalt verfolgt! Wachend und träumend füllt sie meine ganze Seele!
Hier, wenn ich die Augen schliesse, hier in meiner Stirne, wo die innere Sehkraft
sich vereinigt, stehen ihre schwarzen Augen. Hier! ich kann dir es nicht
ausdrücken. Mache ich meine Augen zu, so sind sie da; wie ein Meer, wie ein
Abgrund ruhen sie vor mir, in mir, füllen die Sinne meiner Stirn.
    Was ist der Mensch, der gepriesene Halbgott! Ermangeln ihm nicht eben da die
Kräfte, wo er sie am nötigsten braucht? Und wenn er in Freude sich aufschwingt
oder im Leiden versinkt, wird er nicht in beiden eben da aufgehalten, eben da zu
dem stumpfen, kalten Bewusstsein wieder zurückgebracht, da er sich in der Fülle
des Unendlichen zu verlieren sehnte?
                          Der Herausgeber an den Leser
Wie sehr wünscht' ich, dass uns von den letzten merkwürdigen Tagen unsers
Freundes so viel eigenhändige Zeugnisse übrig geblieben wären, dass ich nicht
nötig hätte, die Folge seiner hinterlassnen Briefe durch Erzählung zu
unterbrechen.
    Ich habe mir angelegen sein lassen, genaue Nachrichten aus dem Munde derer
zu sammeln, die von seiner Geschichte wohl unterrichtet sein konnten; sie ist
einfach, und es kommen alle Erzählungen davon bis auf wenige Kleinigkeiten
miteinander überein; nur über die Sinnesarten der handelnden Personen sind die
Meinungen verschieden und die Urteile geteilt.
    Was bleibt uns übrig, als dasjenige, was wir mit wiederholter Mühe erfahren
können, gewissenhaft zu erzählen, die von dem Abscheidenden hinterlassnen Briefe
einzuschalten und das kleinste aufgefundene Blättchen nicht gering zu achten;
zumal da es so schwer ist, die eigensten, wahren Triebfedern auch nur einer
einzelnen Handlung zu entdecken, wenn sie unter Menschen vorgeht, die nicht
gemeiner Art sind.
    Unmut und Unlust hatten in Werters Seele immer tiefer Wurzel geschlagen,
sich fester untereinander verschlungen und sein ganzes Wesen nach und nach
eingenommen. Die Harmonie seines Geistes war völlig zerstört, eine innerliche
Hitze und Heftigkeit, die alle Kräfte seiner Natur durcheinanderarbeitete,
brachte die widrigsten Wirkungen hervor und liess ihm zuletzt nur eine Ermattung
übrig, aus der er noch ängstlicher empor strebte, als er mit allen Übeln bisher
gekämpft hatte. Die Beängstigung seines Herzens zehrte die übrigen Kräfte seines
Geistes, seine Lebhaftigkeit seinen Scharfsinn auf, er ward ein trauriger
Gesellschafter, immer unglücklicher, und immer ungerechter, je unglücklicher er
ward. Wenigstens sagen dies Alberts Freunde; sie behaupten, dass Werter einen
reinen, ruhigen Mann, der nun eines lang gewünschten Glückes teilhaftig
geworden, und sein Betragen, sich dieses Glück auch auf die Zukunft zu erhalten,
nicht habe beurteilen können, er, der gleichsam mit jedem Tage sein ganzes
Vermögen verzehrte, um an dem Abend zu leiden und zu darben. Albert, sagen sie,
hatte sich in so kurzer Zeit nicht verändert, er war noch immer derselbige, den
Werter so vom Anfang her kannte, so sehr schätzte und ehrte. Er liebte Lotten
über alles, er war stolz auf sie und wünschte sie auch von jedermann als das
herrlichste Geschöpf anerkannt zu wissen. War es ihm daher zu verdenken, wenn er
auch jeden Schein des Verdachtes abzuwenden wünschte, wenn er in dem Augenblicke
mit niemand diesen köstlichen Besitz auch auf die unschuldigste Weise zu teilen
Lust hatte? Sie gestehen ein, dass Albert oft das Zimmer seiner Frau verlassen,
wenn Werter bei ihr war, aber nicht aus Hass noch Abneigung gegen seinen Freund,
sondern nur weil er gefühlt habe, dass dieser von seiner Gegenwart gedrückt sei.
    Lottens Vater war von einem Übel befallen worden, das ihn in der Stube
hielt, er schickte ihr seinen Wagen, und sie fuhr hinaus. Es war ein schöner
Wintertag, der erste Schnee war stark gefallen und deckte die ganze Gegend.
    Werter ging ihr den andern Morgen nach, um, wenn Albert Sie nicht abzuholen
käme, sie hereinzubegleiten.
    Das klare Wetter konnte wenig auf sein trübes Gemüt wirken, ein dumpfer
Druck lag auf seiner Seele, die traurigen Bilder hatten sich bei ihm
festgesetzt, und sein Gemüt kannte keine Bewegung als von einem schmerzlichen
Gedanken zum andern.
    Wie er mit sich in ewigem Unfrieden lebte, schien ihm auch der Zustand
andrer nur bedenklicher und verworrner, er glaubte, das schöne Verhältnis
zwischen Albert und seiner Gattin gestört zu haben, er machte sich Vorwürfe
darüber, in die sich ein heimlicher Unwille gegen den Gatten mischte.
    Seine Gedanken fielen auch unterwegs auf diesen Gegenstand. »Ja, ja,« sagte
er zu sich selbst, mit heimlichem Zähneknirschen, »das ist der vertraute,
freundliche, zärtliche, an allem teilnehmende Umgang, die ruhige, dauernde
Treue! Sattigkeit ist's und Gleichgültigkeit! Zieht ihn nicht jedes elende
Geschäft mehr an als die teure, köstliche Frau? Weiss er sein Glück zu schätzen?
Weiss er sie zu achten, wie sie es verdient? Er hat sie, nun gut, er hat sie -
Ich weiss das, wie ich was anders auch weiss, ich glaube an den Gedanken gewöhnt
zu sein, er wird mich noch rasend machen, er wird mich noch umbringen - Und hat
denn die Freundschaft zu mir Stich gehalten? Sieht er nicht in meiner
Anhänglichkeit an Lotten schon einen Eingriff in seine Rechte, in meiner
Aufmerksamkeit für sie einen stillen Vorwurf? Ich weiss es wohl, ich fühl' es, er
sieht mich ungern, er wünscht meine Entfernung, meine Gegenwart ist ihm
beschwerlich.«
    Oft hielt er seinen raschen Schritt an, oft stand er stille und schien
umkehren zu wollen; allein er richtete seinen Gang immer wieder vorwärts und war
mit diesen Gedanken und Selbstgesprächen endlich gleichsam wider Willen bei dem
Jagdhause angekommen.
    
    Er trat in die Tür, fragte nach dem Alten und nach Lotten, er fand das Haus
in einiger Bewegung. Der älteste Knabe sagte ihm, es sei drüben in Wahlheim ein
Unglück geschehn, es sei ein Bauer erschlagen worden! - Es machte das weiter
keinen Eindruck auf ihn. - Er trat in die Stube und fand Lotten beschäftigt, dem
Alten zuzureden, der ungeachtet seiner Krankheit hinüber wollte, um an Ort und
Stelle die Tat zu untersuchen. Der Täter war noch unbekannt, man hatte den
Erschlagenen des Morgens vor der Haustür gefunden, man hatte Mutmassungen: der
Entleibte war Knecht einer Witwe, die vorher einen andern im Dienste gehabt, der
mit Unfrieden aus dem Hause gekommen war.
    Da Werter dieses hörte, fuhr er mit Heftigkeit auf. - »Ist's möglich!« rief
er aus, »ich muss hinüber, ich kann nicht einen Augenblick ruhn.« - Er eilte nach
Wahlheim zu, jede Erinnerung ward ihm lebendig, und er zweifelte nicht einen
Augenblick, dass jener Mensch die Tat begangen, den er so manchmal gesprochen,
der ihm so wert geworden war.
    Da er durch die Linden musste, um nach der Schenke zu kommen, wo sie den
Körper hingelegt hatten, entsetzt' er sich vor dem sonst so geliebten Platze.
Jene Schwelle, worauf die Nachbarskinder so oft gespielt hatten, war mit Blut
besudelt. Liebe und Treue, die schönsten menschlichen Empfindungen, hatten sich
in Gewalt und Mord verwandelt. Die starken Bäume standen ohne Laub und bereift,
die schönen Hecken, die sich über die niedrige Kirchhofmauer wölbten, waren
entblättert, und die Grabsteine sahen mit Schnee bedeckt durch die Lücken
hervor.
    Als er sich der Schenke näherte, vor welcher das ganze Dorf versammelt war,
entstand auf einmal ein Geschrei. Man erblickte von fern einen Trupp bewaffneter
Männer, und ein jeder rief, dass man den Täter herbeiführe. Werter sah hin und
blieb nicht lange zweifelhaft. Ja, es war der Knecht, der jene Witwe so sehr
liebte, den er vor einiger Zeit mit dem stillen Grimme, mit der heimlichen
Verzweiflung umhergehend angetroffen hatte.
    »Was hast du begangen, Unglücklicher!« rief Werter aus, indem er auf den
Gefangnen losging. - Dieser sah ihn still an, schwieg und versetzte endlich ganz
gelassen: »Keiner wird sie haben, sie wird keinen haben.« - Man brachte den
Gefangnen in die Schenke, und Werter eilte fort.
    Durch die entsetzliche, gewaltige Berührung war alles, was in seinem Wesen
lag, durcheinandergeschüttelt worden. Aus seiner Trauer, seinem Missmut, seiner
gleichgültigen Hingegebenheit wurde er auf einen Augenblick herausgerissen;
unüberwindlich bemächtigte sich die Teilnehmung seiner, und es ergriff ihn eine
unsägliche Begierde, den Menschen zu retten. Er fühlte ihn so unglücklich, er
fand ihn als Verbrecher selbst so schuldlos, er setzte sich so tief in seine
Lage, dass er gewiss glaubte, auch andere davon zu überzeugen. Schon wünschte er
für ihn sprechen zu können, schon drängte sich der lebhafteste Vortrag nach
seinen Lippen, er eilte nach dem Jagdhause und konnte sich unterwegs nicht
entalten, alles das, was er dem Amtmann vorstellen wollte, schon halblaut
auszusprechen.
    Als er in die Stube trat, fand er Alberten gegenwärtig, dies verstimmte ihn
einen Augenblick; doch fasste er sich bald wieder und trug dem Amtmann feurig
seine Gesinnungen vor. Dieser schüttelte einigemal den Kopf, und obgleich
Werter mit der grössten Lebhaftigkeit, Leidenschaft und Wahrheit alles
vorbrachte, was ein Mensch zur Entschuldigung eines Menschen sagen kann, so war
doch, wie sich's leicht denken lässt, der Amtmann dadurch nicht gerührt. Er liess
vielmehr unsern Freund nicht ausreden, widersprach ihm eifrig und tadelte ihn,
dass er einen Meuchelmörder in Schutz nehme; er zeigte ihm, dass auf diese Weise
jedes Gesetz aufgehoben, alle Sicherheit des Staats zugrund gerichtet werde;
auch setzte er hinzu, dass er in einer solchen Sache nichts tun könne, ohne sich
die grösste Verantwortung aufzuladen, es müsse alles in der Ordnung, in dem
vorgeschriebenen Gang gehen.
    Werter ergab sich noch nicht, sondern bat nur, der Amtmann möchte durch die
Finger sehn, wenn man dem Menschen zur Flucht behülflich wäre! Auch damit wies
ihn der Amtmann ab. Albert, der sich endlich ins Gespräch mischte, trat auch auf
des Alten Seite. Werter wurde überstimmt, und mit einem entsetzlichen Leiden
machte er sich auf den Weg, nachdem ihm der Amtmann einigemal gesagt hatte:
»Nein, er ist nicht zu retten!«
    Wie sehr ihm diese Worte aufgefallen sein müssen, sehn wir aus einem
Zettelchen, das sich unter seinen Papieren fand und das gewiss an dem nämlichen
Tage geschrieben worden:
»Du bist nicht zu retten, Unglücklicher! ich sehe wohl dass wir nicht zu retten
sind.«
Was Albert zuletzt über die Sache des Gefangenen in Gegenwart des Amtmanns
gesprochen, war Wertern höchst zuwider gewesen: er glaubte einige
Empfindlichkeit gegen sich darin bemerkt zu haben, und wenn gleich bei mehrerem
Nachdenken seinem Scharfsinne nicht entging, dass beide Männer recht haben
möchten, so war es ihm doch, als ob er seinem innersten Dasein entsagen müsste,
wenn er es gestehen, wenn er es zugeben sollte.
    Ein Blättchen, das sich darauf bezieht, das vielleicht sein ganzes
Verhältnis zu Albert ausdrückt, finden wir unter seinen Papieren:
»Was hilft es, dass ich mir's sage und wieder sage, er ist brav und gut, aber es
zerreisst mir mein inneres Eingeweide; ich kann nicht gerecht sein.«
Weil es ein gelinder Abend war und das Wetter anfing, sich zum Tauen zu neigen,
ging Lotte mit Alberten zu Fusse zurück. Unterwegs sah sie sich hier und da um,
eben als wenn sie Werters Begleitung vermisste. Albert fing von ihm an zu reden,
er tadelte ihn, indem er ihm Gerechtigkeit widerfahren liess. Er berührte seine
unglückliche Leidenschaft und wünschte, dass es möglich sein möchte, ihn zu
entfernen. - »Ich wünsch' es auch um unsertwillen,« sagt' er, »und ich bitte
dich,« fuhr er fort, »siehe zu, seinem Betragen gegen dich eine andere Richtung
zu geben, seine öftern Besuche zu vermindern. Die Leute werden aufmerksam, und
ich weiss, dass man hier und da drüber gesprochen hat.« - Lotte schwieg, und
Albert schien ihr Schweigen empfunden zu haben, wenigstens seit der Zeit
erwähnte er Werters nicht mehr gegen sie, und wenn sie seiner erwähnte, liess er
das Gespräch fallen oder lenkte es woanders hin.
    Der vergebliche Versuch, den Werter zur Rettung des Unglücklichen gemacht
hatte, war das letzte Auflodern der Flamme eines verlöschenden Lichtes; er
versank nur desto tiefer in Schmerz und Untätigkeit; besonders kam er fast ausser
sich, als er hörte, dass man ihn vielleicht gar zum Zeugen gegen den Menschen,
der sich nun aufs Leugnen legte, auffordern könnte.
    Alles was ihm Unangenehmes jemals in seinem wirksamen Leben begegnet war,
der Verdruss bei der Gesandtschaft, alles was ihm sonst misslungen war, was ihn je
gekränkt hatte, ging in seiner Seele auf und nieder. Er fand sich durch alles
dieses wie zur Untätigkeit berechtigt, er fand sich abgeschnitten von aller
Aussicht, unfähig, irgendeine Handhabe zu ergreifen, mit denen man die Geschäfte
des gemeinen Lebens anfasst; und so rückte er endlich, ganz seiner wunderbaren
Empfindung, Denkart und einer endlosen Leidenschaft hingegeben, in dem ewigen
Einerlei eines traurigen Umgangs mit dem liebenswürdigen und geliebten
Geschöpfe, dessen Ruhe er störte, in seine Kräfte stürmend, sie ohne Zweck und
Aussicht abarbeitend, immer einem traurigen Ende näher.
    Von seiner Verworrenheit, Leidenschaft, von seinem rastlosen Treiben und
Streben, von seiner Lebensmüde sind einige hinterlassne Briefe die stärksten
Zeugnisse, die wir hier einrücken wollen.
                                                               »Am 12. Dezember.
Lieber Wilhelm, ich bin in einem Zustande, in dem jene Unglücklichen gewesen
sein müssen, von denen man glaubte, sie würden von einem bösen Geiste
umhergetrieben. Manchmal ergreift mich's; es ist nicht Angst, nicht Begier - es
ist ein inneres, unbekanntes Toben, das meine Brust zu zerreissen droht, das mir
die Gurgel zupresst! Wehe! wehe! und dann schweife ich umher in den furchtbaren
nächtlichen Szenen dieser menschenfeindlichen Jahrszeit.
    Gestern abend musste ich hinaus. Es war plötzlich Tauwetter eingefallen, ich
hatte gehört, der Fluss sei übergetreten, alle Bäche geschwollen und von Wahlheim
herunter mein liebes Tal überschwemmt! Nachts nach eilfe rannte ich hinaus. Ein
fürchterliches Schauspiel, vom Fels herunter die wühlenden Fluten in dem
Mondlichte wirbeln zu sehen, über Äcker und Wiesen und Hecken und alles, und das
weite Tal hinauf und hinab eine stürmende See im Sausen des Windes! Und wenn
dann der Mond wieder hervortrat und über der schwarzen Wolke ruhte, und vor mir
hinaus die Flut in fürchterlich herrlichem Widerschein rollte und klang: da
überfiel mich ein Schauer, und wieder ein Sehnen! Ach, mit offenen Armen stand
ich gegen den Abgrund und atmete hinab! hinab! und verlor mich in der Wonne,
meine Qualen, meine Leiden da hinabzustürmen! dahinzubrausen wie die Wellen! O!
- und den Fuss vom Boden zu heben vermochtest du nicht, und alle Qualen zu enden!
- Meine Uhr ist noch nicht ausgelaufen, ich fühle es! O Wilhelm! wie gern hätte
ich mein Menschsein drum gegeben, mit jenem Sturmwinde die Wolken zu zerreissen,
die Fluten zu fassen! Ha! und wird nicht vielleicht dem Eingekerkerten einmal
diese Wonne zuteil?
    Und wie ich wehmütig hinabsah auf ein Plätzchen, wo ich mit Lotten unter
einer Weide geruht, auf einem heissen Spaziergange, - das war auch überschwemmt,
und kaum dass ich die Weide erkannte! Wilhelm! Und ihre Wiesen, dachte ich, die
Gegend um ihr Jagdhaus! wie verstört jetzt vom reissenden Strome unsere Laube!
dacht' ich. Und der Vergangenheit Sonnenstrahl blickte herein, wie einem
Gefangenen ein Traum von Herden, Wiesen und Ehrenämtern. Ich stand! - Ich
schelte mich nicht, denn ich habe Mut zu sterben. - Ich hätte - Nun sitze ich
hier wie ein altes Weib, das ihr Holz von Zäunen stoppelt und ihr Brot an den
Türen, um ihr hinsterbendes, freudeloses Dasein noch einen Augenblick zu
verlängern und zu erleichtern.«
                                                               »Am 14. Dezember.
Was ist das, mein Lieber? Ich erschrecke vor mir selbst! Ist nicht meine Liebe
zu ihr die heiligste, reinste, brüderlichste Liebe? Habe ich jemals einen
strafbaren Wunsch in meiner Seele gefühlt? - Ich will nicht beteuern - Und nun,
Träume! O wie wahr fühlten die Menschen, die so widersprechende Wirkungen
fremden Mächten zuschrieben! Diese Nacht! ich zittere, es zu sagen, hielt ich
sie in meinen Armen, fest an meinen Busen gedrückt, und deckte ihren
liebelispelnden Mund mit unendlichen Küssen; mein Auge schwamm in der
Trunkenheit des ihrigen! Gott! bin ich strafbar, dass ich auch jetzt noch eine
Seligkeit fühle, mir diese glühenden Freuden mit voller Innigkeit zurückzurufen?
Lotte! Lotte! - Und mit mir ist es aus! Meine Sinne verwirren sich, schon acht
Tage habe ich keine Besinnungskraft mehr, meine Augen sind voll Tränen. Ich bin
nirgend wohl, und überall wohl. Ich wünsche nichts, verlange nichts. Mir wäre
besser, ich ginge.«
Der Entschluss, die Welt zu verlassen, hatte in dieser Zeit, unter solchen
Umständen in Werters Seele immer mehr Kraft gewonnen. Seit der Rückkehr zu
Lotten war es immer seine letzte Aussicht und Hoffnung gewesen; doch hatte er
sich gesagt, es solle keine übereilte, keine rasche Tat sein, er wolle mit der
besten Überzeugung, mit der möglichst ruhigen Entschlossenheit diesen Schritt
tun.
    Seine Zweifel, sein Streit mit sich selbst blicken aus einem Zettelchen
hervor, das wahrscheinlich ein angefangener Brief an Wilhelm ist und ohne Datum
unter seinen Papieren gefunden worden:
»Ihre Gegenwart, ihr Schicksal, ihre Teilnehmung an dem meinigen presst noch die
letzten Tränen aus meinem versengten Gehirne.
    Den Vorhang aufzuheben und dahinter zu treten! das ist alles! Und warum das
Zaudern und Zagen? Weil man nicht weiss, wie es dahinten aussieht? und man nicht
wiederkehrt? Und dass das nun die Eigenschaft unseres Geistes ist, da Verwirrung
und Finsternis zu ahnen, wovon wir nichts Bestimmtes wissen.«
Endlich ward er mit dem traurigen Gedanken immer mehr verwandt und befreundet
und sein Vorsatz fest und unwiderruflich, wovon folgender zweideutige Brief, den
er an seinen Freund schrieb, ein Zeugnis abgibt.
                                                               »Am 20. Dezember.
Ich danke deiner Liebe, Wilhelm, dass du das Wort so aufgefangen hast. Ja, du
hast recht: mir wäre besser, ich ginge. Der Vorschlag, den du zu einer Rückkehr
zu euch tust, gefällt mir nicht ganz; wenigstens möchte ich noch gern einen
Umweg machen, besonders da wir anhaltenden Frost und gute Wege zu hoffen haben.
Auch ist mir es sehr lieb, dass du kommen willst, mich abzuholen; verziehe nur
noch vierzehn Tage, und erwarte noch einen Brief von mir mit dem Weiteren. Es
ist nötig, dass nichts gepflückt werde, ehe es reif ist. Und vierzehn Tage auf
oder ab tun viel. Meiner Mutter sollst du sagen: dass sie für ihren Sohn beten
soll, und dass ich sie um Vergebung bitte wegen alles Verdrusses, den ich ihr
gemacht habe. Das war nun mein Schicksal, die zu betrüben, denen ich Freude
schuldig war. Leb' wohl, mein Teuerster! Allen Segen des Himmels über dich! Leb'
wohl!«
Was in dieser Zeit in Lottens Seele vorging, wie ihre Gesinnungen gegen ihren
Mann, gegen ihren unglücklichen Freund gewesen, getrauen wir uns kaum mit Worten
auszudrücken, ob wir uns gleich davon, nach der Kenntnis ihres Charakters, wohl
einen stillen Begriff machen können, und eine schöne weibliche Seele sich in die
ihrige denken und mit ihr empfinden kann.
    So viel ist gewiss, sie war fest bei sich entschlossen, alles zu tun, um
Wertern zu entfernen, und wenn sie zauderte, so war es eine herzliche,
freundschaftliche Schonung, weil sie wusste, wie viel es ihm kosten, ja dass es
ihm beinahe unmöglich sein würde. Doch ward sie in dieser Zeit mehr gedrängt,
Ernst zu machen; es schwieg ihr Mann ganz über dies Verhältnis, wie sie auch
immer darüber geschwiegen hatte, und um so mehr war ihr angelegen, ihm durch die
Tat zu beweisen, wie ihre Gesinnungen der seinigen wert seien.
    An demselben Tage, als Werter den zuletzt eingeschalteten Brief an seinen
Freund geschrieben, es war der Sonntag vor Weihnachten, kam er abends zu Lotten
und fand sie allein. Sie beschäftigte sich, einige Spielwerke in Ordnung zu
bringen, die sie ihren kleinen Geschwistern zum Christgeschenke zurecht gemacht
hatte. Er redete von dem Vergnügen, das die Kleinen haben würden, und von den
Zeiten, da einen die unerwartete Öffnung der Tür und die Erscheinung eines
aufgeputzten Baumes mit Wachslichtern, Zuckerwerk und Äpfeln in paradiesische
Entzückung setzte. - »Sie sollen,« sagte Lotte, indem sie ihre Verlegenheit
unter ein liebes Lächeln verbarg, »Sie sollen auch beschert kriegen, wenn Sie
recht geschickt sind; ein Wachsstöckchen und noch was.« - »Und was heissen Sie
geschickt sein?« rief er aus; »wie soll ich sein? wie kann ich sein? beste
Lotte!« - »Donnerstag abend«, sagte sie, »ist Weihnachtsabend, da kommen die
Kinder, mein Vater auch, da kriegt jedes das Seinige, da kommen Sie auch - aber
nicht eher.« - Werter stutzte. - »Ich bitte Sie,« fuhr sie fort, »es ist nun
einmal so, ich bitte Sie um meiner Ruhe willen, es kann nicht, es kann nicht so
bleiben.« - Er wendete seine Augen von ihr und ging in der Stube auf und ab und
murmelte das »Es kann nicht so bleiben!« zwischen den Zähnen. - Lotte, die den
schrecklichen Zustand fühlte, worein ihn diese Worte versetzt hatten, suchte
durch allerlei Fragen seine Gedanken abzulenken, aber vergebens. - »Nein,
Lotte,« rief er aus, »ich werde Sie nicht wiedersehen!« - »Warum das?« versetzte
sie, »Werter, Sie können, Sie müssen uns wiedersehen, nur mässigen Sie sich. O
warum mussten Sie mit dieser Heftigkeit, dieser unbezwinglich haftenden
Leidenschaft für alles, was Sie einmal anfassen, geboren werden! Ich bitte Sie,«
fuhr sie fort, indem sie ihn bei der Hand nahm, »mässigen Sie sich! Ihr Geist,
Ihre Wissenschaften, Ihre Talente, was bieten die Ihnen für mannigfaltige
Ergetzungen dar! Sein Sie ein Mann, wenden Sie diese traurige Anhänglichkeit von
einem Geschöpf, das nichts tun kann als Sie bedauern.« - Er knirrte mit den
Zähnen und sah sie düster an. - Sie hielt seine Hand. »Nur einen Augenblick
ruhigen Sinn, Werter!« sagte sie. »Fühlen Sie nicht, dass Sie sich betriegen,
sich mit Willen zugrunde richten! Warum denn mich, Werter? just mich, das
Eigentum eines andern? just das? Ich fürchte, ich fürchte, es ist nur die
Unmöglichkeit, mich zu besitzen, die Ihnen diesen Wunsch so reizend macht.« - Er
zog seine Hand aus der ihrigen, indem er sie mit einem starren, unwilligen Blick
ansah. »Weise!« rief er, »sehr weise! hat vielleicht Albert diese Anmerkung
gemacht? Politisch! sehr politisch!« - »Es kann sie jeder machen.« versetzte sie
drauf. »Und sollte denn in der weiten Welt kein Mädchen sein, das die Wünsche
Ihres Herzens erfüllte? Gewinnen Sie's über sich, suchen Sie darnach, und ich
schwöre Ihnen, Sie werden sie finden; denn schon lange ängstigt mich, für Sie
und uns, die Einschränkung, in die Sie sich diese Zeit her selbst gebannt haben.
Gewinnen Sie es über sich, eine Reise wird Sie, muss Sie zerstreuen! Suchen Sie,
finden Sie einen werten Gegenstand Ihrer Liebe, und kehren Sie zurück, und
lassen Sie uns zusammen die Seligkeit einer wahren Freundschaft geniessen.«
    »Das könnte man«, sagte er mit einem kalten Lachen, »drucken lassen und
allen Hofmeistern empfehlen. Liebe Lotte! lassen Sie mir noch ein klein wenig
Ruh, es wird alles werden!« - »Nur das, Werter, dass Sie nicht eher kommen als
Weihnachtsabend!« - Er wollte antworten, und Albert trat in die Stube. Man bot
sich einen frostigen Guten Abend und ging verlegen im Zimmer neben einander auf
und nieder. Werter fing einen unbedeutenden Diskurs an, der bald aus war,
Albert desgleichen, der sodann seine Frau nach gewissen Aufträgen fragte und,
als er hörte, sie seien noch nicht ausgerichtet, ihr einige Worte sagte, die
Wertern kalt, ja gar hart vorkamen. Er wollte gehen, er konnte nicht und
zauderte bis acht, da sich denn sein Unmut und Unwillen immer vermehrte, bis der
Tisch gedeckt wurde, und er Hut und Stock nahm. Albert lud ihn zu bleiben, er
aber, der nur ein unbedeutendes Kompliment zu hören glaubte, dankte kalt dagegen
und ging weg.
    Er kam nach Hause, nahm seinem Burschen, der ihm leuchten wollte, das Licht
aus der Hand und ging allein in sein Zimmer, weinte laut, redete aufgebracht mit
sich selbst, ging heftig die Stube auf und ab und warf sich endlich in seinen
Kleidern aufs Bette, wo ihn der Bediente fand, der es gegen eilfe wagte
hineinzugehn, um zu fragen, ob er dem Herrn die Stiefeln ausziehen sollte, das
er denn zuliess und dem Bedienten verbot, den andern Morgen ins Zimmer zu kommen,
bis er ihm rufen würde.
    Montags früh, den einundzwanzigsten Dezember, schrieb er folgenden Brief an
Lotten, den man nach seinem Tode versiegelt auf seinem Schreibtische gefunden
und ihr überbracht hat, und den ich absatzweise hier einrücken will, so wie aus
den Umständen erhellet, dass er ihn geschrieben habe.
»Es ist beschlossen, Lotte, ich will sterben, und das schreibe ich dir ohne
romantische Überspannung, gelassen, an dem Morgen des Tages, an dem ich dich zum
letzten Male sehen werde. Wenn du dieses liesest, meine Beste, deckt schon das
kühle Grab die erstarrten Reste des Unruhigen, Unglücklichen, der für die
letzten Augenblicke seines Lebens keine grössere Süssigkeit weiss, als sich mit dir
zu unterhalten. Ich habe eine schreckliche Nacht gehabt und, ach, eine
wohltätige Nacht. Sie ist es, die meinen Entschluss befestiget, bestimmt hat: ich
will sterben! Wie ich mich gestern von dir riss, in der fürchterlichen Empörung
meiner Sinne, wie sich alles das nach meinem Herzen drängte und mein
hoffnungsloses, freudeloses Dasein neben dir in grässlicher Kälte mich anpackte -
ich erreichte kaum mein Zimmer, ich warf mich ausser mir auf meine Knie, und o
Gott! du gewährtest mir das letzte Labsal der bittersten Tränen! Tausend
Anschläge, tausend Aussichten wüteten durch meine Seele, und zuletzt stand er
da, fest, ganz, der letzte, einzige Gedanke: ich will sterben! - Ich legte mich
nieder, und morgens, in der Ruhe des Erwachens, steht er noch fest, noch ganz
stark in meinem Herzen: ich will sterben! - Es ist nicht Verzweiflung, es ist
Gewissheit, dass ich ausgetragen habe, und dass ich mich opfere für dich. Ja,
Lotte! warum sollte ich es verschweigen? Eins von uns dreien muss hinweg, und das
will ich sein! O meine Beste! in diesem zerrissenen Herzen ist es wütend
herumgeschlichen, oft - deinen Mann zu ermorden! - dich! - mich! - So sei es
denn! - Wenn du hinaufsteigst auf den Berg, an einem schönen Sommerabende, dann
erinnere dich meiner, wie ich so oft das Tal heraufkam, und dann blicke nach dem
Kirchhofe hinüber nach meinem Grabe, wie der Wind das hohe Gras im Scheine der
sinkenden Sonne hin und her wiegt. - Ich war ruhig, da ich anfing, nun, nun
weine ich wie ein Kind, da alles das so lebhaft um mich wird. -«
Gegen zehn Uhr rief Werter seinem Bedienten, und unter dem Anziehen sagte er
ihm, wie er in einigen Tagen verreisen würde, er solle daher die Kleider
auskehren und alles zum Einpacken zurecht machen; auch gab er ihm Befehl,
überall Kontos zu fordern, einige ausgeliehene Bücher abzuholen und einigen
Armen, denen er wöchentlich etwas zu geben gewohnt war, ihr Zugeteiltes auf zwei
Monate voraus zu bezahlen.
    Er liess sich das Essen auf die Stube bringen, und nach Tische ritt er hinaus
zum Amtmanne, den er nicht zu Hause antraf. Er ging tiefsinnig im Garten auf und
ab und schien noch zuletzt alle Schwermut der Erinnerung auf sich häufen zu
wollen.
    Die Kleinen liessen ihn nicht lange in Ruhe, sie verfolgten ihn, sprangen an
ihm hinauf, erzählen ihm, dass, wenn morgen, und wieder morgen, und noch ein Tag
wäre, sie die Christgeschenke bei Lotten holten, und erzählten ihm Wunder, die
sich ihre kleine Einbildungskraft versprach. - »Morgen!« rief er aus, »und
wieder morgen! und noch ein Tag!« - und küsste sie alle herzlich und wollte sie
verlassen, als ihm der Kleine noch etwas in das Ohr sagen wollte. Der verriet
ihm, die grossen Brüder hätten schöne Neujahrswünsche geschrieben, so gross! und
einen für den Papa, für Albert und Lotten einen und auch einen für Herrn
Werter; die wollten sie am Neujahrstage früh überreichen. Das übermannte ihn,
er schenkte jedem etwas, setzte sich zu Pferde, liess den Alten grüssen und ritt
mit Tränen in den Augen davon.
    Gegen fünf kam er nach Hause, befahl der Magd, nach dem Feuer zu sehen und
es bis in die Nacht zu unterhalten. Den Bedienten hiess er Bücher und Wäsche
unten in den Koffer packen und die Kleider einnähen. Darauf schrieb er
wahrscheinlich folgenden Absatz seines letzten Briefes an Lotten.
    »Du erwartest mich nicht! du glaubst, ich würde gehorchen und erst
Weihnachtsabend dich wieder sehn. O Lotte! heut oder nie mehr. Weihnachtsabend
hältst du dieses Papier in deiner Hand, zitterst und benetzest es mit deinen
lieben Tränen. Ich will, ich muss! O wie wohl ist es mir, dass ich entschlossen
bin.«
Lotte war indes in einen sonderbaren Zustand geraten. Nach der letzten
Unterredung mit Wertern hatte sie empfunden, wie schwer es ihr fallen werde,
sich von ihm zu trennen, was er leiden würde, wenn er sich von ihr entfernen
sollte.
    Es war wie im Vorübergehn in Alberts Gegenwart gesagt worden, dass Werter
vor Weihnachtsabend nicht wieder kommen werde, und Albert war zu einem Beamten
in der Nachbarschaft geritten, mit dem er Geschäfte abzutun hatte, und wo er
über Nacht ausbleiben musste.
    Sie sass nun allein, keins von ihren Geschwistern war um sie, sie überliess
sich ihren Gedanken, die stille über ihren Verhältnissen herumschweiften. Sie
sah sich nun mit dem Mann auf ewig verbunden, dessen Liebe und Treue sie kannte,
dem sie von Herzen zugetan war, dessen Ruhe, dessen Zuverlässigkeit recht vom
Himmel dazu bestimmt zu sein schien, dass eine wackere Frau das Glück ihres
Lebens darauf gründen sollte; sie fühlte, was er ihr und ihren Kindern auf immer
sein würde. Auf der andern Seite war ihr Werter so teuer geworden, gleich von
dem ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft an hatte sich die Übereinstimmung
ihrer Gemüter so schön gezeigt, der lange dauernde Umgang mit ihm, so manche
durchlebte Situationen hatten einen unauslöschlichen Eindruck auf ihr Herz
gemacht. Alles, was sie Interessantes fühlte und dachte, war sie gewohnt mit ihm
zu teilen, und seine Entfernung drohete in ihr ganzes Wesen eine Lücke zu
reissen, die nicht wieder ausgefüllt werden konnte. O, hätte sie ihn in dem
Augenblick zum Bruder umwandeln können, wie glücklich wäre sie gewesen! Hätte
sie ihn einer ihrer Freundinnen verheiraten dürfen, hätte sie hoffen können,
auch sein Verhältnis gegen Albert ganz wieder herzustellen!
    Sie hatte ihre Freundinnen der Reihe nach durchgedacht und fand bei einer
jeglichen etwas auszusetzen, fand keine, der sie ihn gegönnt hätte.
    Über allen diesen Betrachtungen fühlte sie erst tief, ohne sich es deutlich
zu machen, dass ihr herzliches, heimliches Verlangen sei, ihn für sich zu
behalten, und sagte sich daneben, dass sie ihn nicht behalten könne, behalten
dürfe; ihr reines, schönes, sonst so leichtes und leicht sich helfendes Gemüt
empfand den Druck einer Schwermut, dem die Aussicht zum Glück verschlossen ist.
Ihr Herz war gepresst, und eine trübe Wolke lag über ihrem Auge.
    So war es halb sieben geworden, als sie Wertern die Treppe heraufkommen
hörte und seinen Tritt, seine Stimme, die nach ihr fragte, bald erkannte. Wie
schlug ihr Herz, und wir dürfen fast sagen zum erstenmal, bei seiner Ankunft.
Sie hätte sich gern vor ihm verleugnen lassen, und als er hereintrat, rief sie
ihm mit einer Art von leidenschaftlicher Verwirrung entgegen: »Sie haben nicht
Wort gehalten.« - »Ich habe nichts versprochen.« war seine Antwort. - »So hätten
Sie wenigstens meiner Bitte stattgeben sollen,« versetzte sie, »ich bat Sie um
unser beider Ruhe.«
    Sie wusste nicht recht, was sie sagte, ebensowenig was sie tat, als sie nach
einigen Freundinnen schickte, um nicht mit Wertern allein zu sein. Er legte
einige Bücher hin, die er gebracht hatte, fragte nach andern, und sie wünschte,
bald dass ihre Freundinnen kommen, bald dass sie wegbleiben möchten. Das Mädchen
kam zurück und brachte die Nachricht, dass sich beide entschuldigen liessen.
    Sie wollte das Mädchen mit ihrer Arbeit in das Nebenzimmer sitzen lassen;
dann besann sie sich wieder anders. Werter ging in der Stube auf und ab, sie
trat ans Klavier und fing eine Menuett an, sie wollte nicht fliessen. Sie nahm
sich zusammen und setzte sich gelassen zu Wertern, der seinen gewöhnlichen
Platz auf dem Kanapee eingenommen hatte.
    »Haben Sie nichts zu lesen?« sagte sie. - Er hatte nichts. - »Da drin in
meiner Schublade«, fing sie an, »liegt Ihre Übersetzung einiger Gesänge Ossians;
ich habe sie noch nicht gelesen, denn ich hoffte immer, sie von Ihnen zu hören;
aber zeiter hat sich's nicht finden, nicht machen wollen.« - Er lächelte, holte
die Lieder, ein Schauer überfiel ihn, als er sie in die Hände nahm, und die
Augen standen ihm voll Tränen, als er hineinsah. Er setzte sich nieder und las.
»Stern der dämmernden Nacht, schön funkelst du in Westen, hebst dein strahlend
Haupt aus deiner Wolke, wandelst stattlich deinen Hügel hin. Wornach blickst du
auf die Heide? Die stürmenden Winde haben sich gelegt; von ferne kommt des
Giessbachs Murmeln; rauschende Wellen spielen am Felsen ferne; das Gesumme der
Abendfliegen schwärmet übers Feld. Wornach siehst du, schönes Licht? Aber du
lächelst und gehst, freudig umgeben dich die Wellen und baden dein liebliches
Haar. Lebe wohl, ruhiger Strahl. Erscheine, du herrliches Licht von Ossians
Seele!
    Und es erscheint in seiner Kraft. Ich sehe meine geschiedenen Freunde, sie
sammeln sich auf Lora, wie in den Tagen, die vorüber sind. - Fingal kommt wie
eine feuchte Nebelsäule; um ihn sind seine Helden, und, siehe! die Barden des
Gesanges: Grauer Ullin! stattlicher Ryno! Alpin, lieblicher Sänger! und du,
sanft klagende Minona! - Wie verändert seid ihr, meine Freunde, seit den
festlichen Tagen auf Selma, da wir buhlten um die Ehre des Gesanges, wie
Frühlingslüfte den Hügel hin wechselnd beugen das schwach lispelnde Gras.
    Da trat Minona hervor in ihrer Schönheit, mit niedergeschlagenem Blick und
tränenvollem Auge, schwer floss ihr Haar im unsteten Winde, der von dem Hügel
herstiess. - Düster ward's in der Seele der Helden, als sie die liebliche Stimme
erhob; denn oft hatten sie das Grab Salgars gesehen, oft die finstere Wohnung
der weissen Colma. Colma, verlassen auf dem Hügel, mit der harmonischen Stimme;
Salgar versprach zu kommen; aber ringsum zog sich die Nacht. Höret Colmas
Stimme, da sie auf dem Hügel allein sass.
                                     Colma
Es ist Nacht! - Ich bin allein, verloren auf dem stürmischen Hügel. Der Wind
saust im Gebirge. Der Strom heult den Felsen hinab. Keine Hütte schützt mich vor
Regen, mich Verlassne auf dem stürmischen Hügel.
    Tritt, o Mond, aus deinen Wolken, erscheinet, Sterne der Nacht! Leite mich
irgend ein Strahl zu dem Orte, wo meine Liebe ruht von den Beschwerden der Jagd,
sein Bogen neben ihm abgespannt, seine Hunde schnobend um ihn! Aber hier muss ich
sitzen allein auf dem Felsen des verwachsenen Stroms. Der Strom und der Sturm
saust, ich höre nicht die Stimme meines Geliebten.
    Warum zaudert mein Salgar? Hat er sein Wort vergessen? - Da ist der Fels und
der Baum und hier der rauschende Strom! Mit einbrechender Nacht versprachst du
hier zu sein; ach! wohin hat sich mein Salgar verirrt? Mit dir wollt' ich
fliehen, verlassen Vater und Bruder, die stolzen! Lange sind unsere Geschlechter
Feinde, aber wir sind keine Feinde, o Salgar!
    Schweig eine Weile, o Wind! still eine kleine Weile, o Strom, dass meine
Stimme klinge durchs Tal, dass mein Wanderer mich höre. Salgar! ich bin's, die
ruft! Hier ist der Baum und der Fels! Salgar! mein Lieber! hier bin ich; warum
zauderst du zu kommen?
    Sieh, der Mond erscheint, die Flut glänzt im Tale, die Felsen stehen grau
den Hügel hinauf; aber ich seh' ihn nicht auf der Höhe, seine Hunde vor ihm her
verkündigen nicht seine Ankunft. Hier muss ich sitzen allein.
    Aber wer sind, die dort unten liegen auf der Heide? - Mein Geliebter? Mein
Bruder? - Redet, o meine Freunde! Sie antworten nicht. Wie geängstet ist meine
Seele! - Ach sie sind tot! Ihre Schwerter rot vom Gefechte! O mein Bruder, mein
Bruder, warum hast du meinen Salgar erschlagen? O mein Salgar, warum hast du
meinen Bruder erschlagen? Ihr wart mir beide so lieb! O du warst schön an dem
Hügel unter Tausenden! Es war schrecklich in der Schlacht. Antwortet mir! hört
meine Stimme, meine Geliebten! Aber ach, sie sind stumm, stumm auf ewig! Kalt
wie die Erde ist ihr Busen!
    O von dem Felsen des Hügels, von dem Gipfel des stürmenden Berges, redet,
Geister der Toten! redet! mir soll es nicht grausen! - Wohin seid ihr zur Ruhe
gegangen? In welcher Gruft des Gebirges soll ich euch finden? - Keine schwache
Stimme vernehme ich im Winde, keine wehende Antwort im Sturme des Hügels.
    Ich sitze in meinem Jammer, ich harre auf den Morgen in meinen Tränen.
Wühlet das Grab, ihr Freunde der Toten, aber schliesst es nicht, bis ich komme.
Mein Leben schwindet wie ein Traum; wie sollt' ich zurückbleiben! Hier will ich
wohnen mit meinen Freunden an dem Strome des klingenden Felsens - Wenn's Nacht
wird auf dem Hügel, und Wind kommt über die Heide, soll mein Geist im Winde
stehn und trauern den Tod meiner Freunde. Der Jäger hört mich aus seiner Laube,
fürchtet meine Stimme und liebt sie; denn süss soll meine Stimme sein um meine
Freunde, sie waren mir beide so lieb!
Das war dein Gesang, o Minona, Tormans sanft errötende Tochter. Unsere Tränen
flossen um Colma, und unsere Seele ward düster.
    Ullin trat auf mit der Harfe und gab uns Alpins Gesang - Alpins Stimme war
freundlich, Rynos Seele ein Feuerstrahl. Aber schon ruhten sie im engen Hause,
und ihre Stimme war verhallet in Selma. Einst kehrte Ullin zurück von der Jagd,
ehe die Helden noch fielen. Er hörte ihren Wettegesang auf dem Hügel. Ihr Lied
war sanft, aber traurig. Sie klagten Morars Fall, des ersten der Helden. Seine
Seele war wie Fingals Seele, sein Schwert wie das Schwert Oskars - Aber er fiel,
und sein Vater jammerte, und seiner Schwester Augen waren voll Tränen, Minonas
Augen waren voll Tränen, der Schwester des herrlichen Morars. Sie trat zurück
vor Ullins Gesang, wie der Mond in Westen, der den Sturmregen voraussieht und
sein schönes Haupt in eine Wolke verbirgt. - Ich schlug die Harfe mit Ullin zum
Gesange des Jammers.
                                      Ryno
Vorbei sind Wind und Regen, der Mittag ist so heiter, die Wolken teilen sich.
Fliehend bescheint den Hügel die unbeständige Sonne. Rötlich fliesst der Strom
des Bergs im Tale hin. Süss ist dein Murmeln, Strom; doch süsser die Stimme, die
ich höre. Es ist Alpins Stimme, er bejammert den Toten. Sein Haupt ist vor Alter
gebeugt und rot sein tränendes Auge. Alpin, trefflicher Sänger, warum allein auf
dem schweigenden Hügel? Warum jammerst du wie ein Windstoss im Walde, wie eine
Welle am fernen Gestade?
                                     Alpin
Meine Tränen, Ryno, sind für den Toten, meine Stimme für die Bewohner des Grabs.
Schlank bist du auf dem Hügel, schön unter den Söhnen der Heide. Aber du wirst
fallen wie Morar, und auf deinem Grabe wird der Trauernde sitzen. Die Hügel
werden dich vergessen, dein Bogen in der Halle liegen ungespannt.
    Du warst schnell, o Morar, wie ein Reh auf dem Hügel, schrecklich wie die
Nachtfeuer am Himmel. Dein Grimm war ein Sturm, dein Schwert in der Schlacht wie
Wetterleuchten über der Heide. Deine Stimme glich dem Waldstrome nach dem Regen,
dem Donner auf fernen Hügeln. Manche fielen von deinem Arm, die Flamme deines
Grimmes verzehrte sie. Aber wenn du wiederkehrtest vom Kriege, wie friedlich war
deine Stirne! dein Angesicht war gleich der Sonne nach dem Gewitter, gleich dem
Monde in der schweigenden Nacht, ruhig deine Brust wie der See, wenn sich des
Windes Brausen gelegt hat.
    Eng ist nun deine Wohnung, finster deine Stätte! Mit drei Schritten mess'
ich dein Grab, o du, der du ehe so gross warst! Vier Steine mit moosigen Häuptern
sind dein einziges Gedächtnis; ein entblätterter Baum, langes Gras, das im Winde
wispelt, deutet dem Auge des Jägers das Grab des mächtigen Morars. Keine Mutter
hast du, dich zu beweinen, kein Mädchen mit Tränen der Liebe. Tot ist, die dich
gebar, gefallen die Tochter von Morglan.
    Wer auf seinem Stabe ist das? Wer ist es, dessen Haupt weiss ist vor Alter,
dessen Augen rot sind von Tränen? Es ist dein Vater, o Morar, der Vater keines
Sohnes ausser dir. Er hörte von deinem Ruf in der Schlacht, er hörte von
zerstobenen Feinden; er hörte Morars Ruhm! Ach! nichts von seiner Wunde? Weine,
Vater Morars, weine! Aber dein Sohn hört dich nicht. Tief ist der Schlaf der
Toten, niedrig ihr Kissen von Staube. Nimmer achtet er auf die Stimme, nie
erwacht er auf deinen Ruf. O wann wird es Morgen im Grabe, zu bieten dem
Schlummerer: Erwache!
    Lebe wohl, edelster der Menschen, du Eroberer im Felde! Aber nimmer wird
dich das Feld sehen, nimmer der düstere Wald leuchten vom Glanze deines Stahls.
Du hinterliessest keinen Sohn, aber der Gesang soll deinen Namen erhalten,
künftige Zeiten sollen von dir hören, hören von dem gefallenen Morar. -
Laut war die Trauer der Helden, am lautesten Armins berstender Seufzer. Ihn
erinnerte es an den Tod seines Sohnes, er fiel in den Tagen der Jugend. Carmor
sass nah bei dem Helden, der Fürst des hallenden Galmal. Warum schluchzet der
Seufzer Armins? sprach er, was ist hier zu weinen? Klingt nicht Lied und Gesang,
die Seele zu schmelzen und zu ergetzen? sie sind wie sanfter Nebel, der steigend
vom See aufs Tal sprüht, und die blühenden Blumen füllet das Nass; aber die Sonne
kommt wieder in ihrer Kraft, und der Nebel ist gegangen. Warum bist du so
jammervoll, Armin, Herrscher des seeumflossenen Gorma?
    Jammervoll! Wohl das bin ich, und nicht gering die Ursache meines Wehs. -
Carmor, du verlorst keinen Sohn, verlorst keine blühende Tochter; Colgar, der
Tapfere, lebt, und Annira, die schönste der Mädchen. Die Zweige deines Hauses
blühen, o Carmor; aber Armin ist der Letzte seines Stammes. Finster ist dein
Bett, o Daura! dumpf ist dein Schlaf in dem Grabe - Wann erwachst du mit deinen
Gesängen, mit deiner melodischen Stimme? Auf, ihr Winde des Herbstes! auf,
stürmt über die finstere Heide! Waldströme, braust! Heult, Stürme, im Gipfel der
Eichen! Wandle durch gebrochene Wolken, o Mond, zeige wechselnd dein bleiches
Gesicht! Erinnre mich der schrecklichen Nacht, da meine Kinder umkamen, da
Arindal, der Mächtige, fiel, Daura, die Liebe, verging.
    Daura, meine Tochter, du warst schön, schön wie der Mond auf den Hügeln von
Fura, weiss wie der gefallene Schnee, süss wie die atmende Luft! Arindal, dein
Bogen war stark, dein Speer schnell auf dem Felde, dein Blick wie Nebel auf der
Welle, dein Schild eine Feuerwolke im Sturme!
    Armar, berühmt im Kriege, kam und warb um Dauras Liebe; sie widerstand nicht
lange. Schön waren die Hoffnungen ihrer Freunde.
    Erat, der Sohn Odgals, grollte, denn sein Bruder lag erschlagen von Armar.
Er kam, in einen Schiffer verkleidet. Schön war sein Nachen auf der Welle, weiss
seine Locken vor Alter, ruhig sein ernstes Gesicht. Schönste der Mädchen, sagte
er, liebliche Tochter von Armin, dort am Felsen, nicht fern in der See, wo die
rote Frucht vom Baume herblinkt, dort wartet Armar auf Daura; ich komme, seine
Liebe zu führen über die rollende See.
    Sie folgt' ihm und rief nach Armar; nichts antwortete als die Stimme des
Felsens. Armar! mein Lieber! mein Lieber! warum ängstest du mich so? Höre, Sohn
Arnarts! höre! Daura ist's, die dich ruft!
    Erat, der Verräter, floh lachend zum Lande. Sie erhob ihre Stimme, rief
nach ihrem Vater und Bruder: Arindal! Armin! Ist keiner, seine Daura zu retten?
    Ihre Stimme kam über die See. Arindal, mein Sohn, stieg vom Hügel herab,
rauh in der Beute der Jagd, seine Pfeile rasselten an seiner Seite, seinen Bogen
trug er in der Hand, fünf schwarzgraue Doggen waren um ihn. Er sah den kühnen
Erat am Ufer, fasst' und band ihn an die Eiche, fest umflocht er seine Hüften,
der Gefesselte füllte mit Ächzen die Winde.
    Arindal betritt die Wellen in seinem Boote, Daura herüber zu bringen. Armar
kam in seinem Grimme, drückt' ab den grau befiederten Pfeil, er klang, er sank
in dein Herz, o Arindal, mein Sohn! Statt Erats, des Verräters, kamst du um,
das Boot erreichte den Felsen, er sank dran nieder und starb. Zu deinen Füssen
floss deines Bruders Blut, welch war dein Jammer, o Daura!
    Die Wellen zerschmettern das Boot. Armar stürzt sich in die See, seine Daura
zu retten oder zu sterben. Schnell stürmte ein Stoss vom Hügel in die Wellen, er
sank und hob sich nicht wieder.
    Allein auf dem seebespülten Felsen hört' ich die Klagen meiner Tochter. Viel
und laut war ihr Schreien, doch konnt' sie ihr Vater nicht retten. Die ganze
Nacht stand ich am Ufer, ich sah sie im schwachen Strahle des Mondes, die ganze
Nacht hört' ich ihr Schreien, laut war der Wind, und der Regen schlug scharf
nach der Seite des Berges. Ihre Stimme ward schwach, ehe der Morgen erschien,
sie starb weg wie die Abendluft zwischen dem Grase der Felsen. Beladen mit
Jammer starb sie und liess Armin allein! Dahin ist meine Stärke im Kriege,
gefallen mein Stolz unter den Mädchen.
    Wenn die Stürme des Berges kommen, wenn der Nord die Wellen hochhebt, sitz'
ich am schallenden Ufer, schaue nach dem schrecklichen Felsen. Oft im sinkenden
Monde seh' ich die Geister meiner Kinder, halb dämmernd wandeln sie zusammen in
trauriger Eintracht.«
Ein Strom von Tränen, der aus Lottens Augen brach und ihrem gepressten Herzen
Luft machte, hemmte Werters Gesang. Er warf das Papier hin, fasste ihre Hand und
weinte die bittersten Tränen. Lotte ruhte auf der andern und verbarg ihre Augen
ins Schnupftuch. Die Bewegung beider war fürchterlich. Sie fühlten ihr eigenes
Elend in dem Schicksale der Edlen, fühlten es zusammen, und ihre Tränen
vereinigten sich. Die Lippen und Augen Werters glühten an Lottens Arme; ein
Schauer überfiel sie; sie wollte sich entfernen, und Schmerz und Anteil lagen
betäubend wie Blei auf ihr. Sie atmete, sich zu erholen, und bat ihn schluchzend
fortzufahren, bat mit der ganzen Stimme des Himmels! Werter zitterte, sein Herz
wollte bersten, er hob das Blatt auf und las halb gebrochen:
»Warum weckst du mich, Frühlingsluft? Du buhlst und sprichst: Ich betaue mit
Tropfen des Himmels! Aber die Zeit meines Welkens ist nahe, nahe der Sturm, der
meine Blätter herabstört! Morgen wird der Wanderer kommen, kommen der mich sah
in meiner Schönheit, ringsum wird sein Auge im Felde mich suchen und wird mich
nicht finden. -«
    Die ganze Gewalt dieser Worte fiel über den Unglücklichen. Er warf sich vor
Lotten nieder in der vollen Verzweifelung, fasste ihre Hände, drückte sie in
seine Augen, wider seine Stirn, und ihr schien eine Ahnung seines schrecklichen
Vorhabens durch die Seele zu fliegen. Ihre Sinne verwirrten sich, sie drückte
seine Hände, drückte sie wider ihre Brust, neigte sich mit einer wehmütigen
Bewegung zu ihm, und ihre glühenden Wangen berührten sich. Die Welt verging
ihnen. Er schlang seine Arme um sie her, presste sie an seine Brust und deckte
ihre zitternden, stammelnden Lippen mit wütenden Küssen. - »Werter!« rief sie
mit erstickter Stimme, sich abwendend, »Werter!«, und drückte mit schwacher
Hand seine Brust von der ihrigen; »Werter!« rief sie mit dem gefassten Tone des
edelsten Gefühles. - Er widerstand nicht, liess sie aus seinen Armen und warf
sich unsinnig vor sie hin. - Sie riss sich auf, und in ängstlicher Verwirrung,
bebend zwischen Liebe und Zorn, sagte sie: »Das ist das letzte Mal! Werter! Sie
sehn mich nicht wieder.« Und mit dem vollsten Blick der Liebe auf den Elenden
eilte sie ins Nebenzimmer und schloss hinter sich zu. - Werter streckte ihr die
Arme nach, getraute sich nicht, sie zu halten. Er lag an der Erde, den Kopf auf
dem Kanapee, und in dieser Stellung blieb er über eine halbe Stunde, bis ihn ein
Geräusch zu sich selbst rief. Es war das Mädchen, das den Tisch decken wollte.
Er ging im Zimmer auf und ab, und da er sich wieder allein sah, ging er zur Türe
des Kabinetts und rief mit leiser Stimme: »Lotte! Lotte! nur noch ein Wort! Ein
Lebewohl!« - Sie schwieg. - Er harrte und bat und harrte; dann riss er sich weg
und rief: »Lebe wohl, Lotte! Auf ewig lebe wohl!«
    Er kam ans Stadttor. Die Wächter, die ihn schon gewohnt waren, liessen ihn
stillschweigend hinaus. Es stiebte zwischen Regen und Schnee, und erst gegen
eilfe klopfte er wieder. Sein Diener bemerkte, als Werter nach Hause kam, dass
seinem Herrn der Hut fehlte. Er getraute sich nicht, etwas zu sagen, entkleidete
ihn, alles war nass. Man hat nachher den Hut auf einem Felsen, der an dem Abhange
des Hügels ins Tal sieht, gefunden, und es ist unbegreiflich, wie er ihn in
einer finstern, feuchten Nacht, ohne zu stürzen, erstiegen hat.
    Er legte sich zu Bette und schlief lange. Der Bediente fand ihn schreibend,
als er ihm den andern Morgen auf sein Rufen den Kaffee brachte. Er schrieb
folgendes am Briefe an Lotten:
»Zum letztenmale denn, zum letztenmale schlage ich diese Augen auf. Sie sollen,
ach, die Sonne nicht mehr sehn, ein trüber, neblichter Tag hält sie bedeckt. So
traure denn, Natur! dein Sohn, dein Freund, dein Geliebter naht sich seinem
Ende. Lotte, das ist ein Gefühl ohnegleichen, und doch kommt es dem dämmernden
Traum am nächsten, zu sich zu sagen: das ist der letzte Morgen. Der letzte!
Lotte, ich habe keinen Sinn für das Wort: der letzte! Stehe ich nicht da in
meiner ganzen Kraft, und morgen liege ich ausgestreckt und schlaff am Boden.
Sterben! was heisst das?
    Siehe, wir träumen, wenn wir vom Tode reden. Ich habe manchen sterben sehen;
aber so eingeschränkt ist die Menschheit, dass sie für ihres Daseins Anfang und
Ende keinen Sinn hat. Jetzt noch mein, dein! dein, o Geliebte! Und einen
Augenblick - getrennt, geschieden - vielleicht auf ewig? - Nein, Lotte, nein -
Wie kann ich vergehen? wie kannst du vergehen? Wir sind ja! - Vergehen! - Was
heisst das? Das ist wieder ein Wort, ein leerer Schall, ohne Gefühl für mein
Herz. - - Tot, Lotte! eingescharrt der kalten Erde, so eng! so finster! - Ich
hatte eine Freundin, die mein alles war meiner hülflosen Jugend; sie starb, und
ich folgte ihrer Leiche und stand an dem Grabe, wie sie den Sarg hinunterliessen
und die Seile schnurrend unter ihm weg und wieder herauf schnellten, dann die
erste Schaufel hinunterschollerte, und die ängstliche Lade einen dumpfen Ton
wiedergab, und dumpfer und immer dumpfer, und endlich bedeckt war! - Ich stürzte
neben das Grab hin - ergriffen, erschüttert, geängstet, zerrissen mein
Innerstes, aber ich wusste nicht, wie mir geschah - wie mir geschehen wird -
Sterben! Grab! ich verstehe die Worte nicht!
    O vergib mir! vergib mir! Gestern! Es hätte der letzte Augenblick meines
Lebens sein sollen. O du Engel! Zum ersten Male, zum ersten Male ganz ohne
Zweifel durch mein innig Innerstes durchglühte mich das Wonnegefühl: Sie liebt
mich! Sie liebt mich! Es brennt noch auf meinen Lippen das heilige Feuer, das
von den deinigen strömte, neue, warme Wonne ist in meinem Herzen. Vergib mir!
vergib mir!
    Ach, ich wusste, dass du mich liebtest, wusste es an den ersten seelenvollen
Blicken, an dem ersten Händedruck, und doch, wenn ich wieder weg war, wenn ich
Alberten an deiner Seite sah, verzagte ich wieder in fieberhaften Zweifeln.
    Erinnerst du dich der Blumen, die du mir schicktest, als du in jener fatalen
Gesellschaft mir kein Wort sagen, keine Hand reichen konntest? o, ich habe die
halbe Nacht davor gekniet, und sie versiegelten mir deine Liebe. Aber ach! diese
Eindrücke gingen vorüber, wie das Gefühl der Gnade seines Gottes allmählich
wieder aus der Seele des Gläubigen weicht, die ihm mit ganzer Himmelsfülle in
heiligen, sichtbaren Zeichen gereicht ward.
    Alles das ist vergänglich, aber keine Ewigkeit soll das glühende Leben
auslöschen, das ich gestern auf deinen Lippen genoss, das ich in mir fühle! Sie
liebt mich! Dieser Arm hat sie umfasst, diese Lippen haben auf ihren Lippen
gezittert, dieser Mund hat an dem ihrigen gestammelt. Sie ist mein! du bist
mein! ja, Lotte, auf ewig.
    Und was ist das, dass Albert dein Mann ist? Mann! Das wäre denn für diese
Welt - und für diese Welt Sünde, dass ich dich liebe, dass ich dich aus seinen
Armen in die meinigen reissen möchte? Sünde? Gut, und ich strafe mich dafür; ich
habe sie in ihrer ganzen Himmelswonne geschmeckt, diese Sünde, habe Lebensbalsam
und Kraft in mein Herz gesaugt. Du bist von diesem Augenblicke mein! mein, o
Lotte! Ich gehe voran! gehe zu meinem Vater, zu deinem Vater. Dem will ich's
klagen, und er wird mich trösten, bis du kommst, und ich fliege dir entgegen und
fasse dich und bleibe bei dir vor dem Angesichte des Unendlichen in ewigen
Umarmungen.
    Ich träume nicht, ich wähne nicht! Nahe am Grabe wird mir es heller. Wir
werden sein! wir werden uns wieder sehen! Deine Mutter sehen! ich werde sie
sehen, werde sie finden, ach, und vor ihr mein ganzes Herz ausschütten! Deine
Mutter, dein Ebenbild.«
    Gegen eilfe fragte Werter seinen Bedienten, ob wohl Albert zurückgekommen
sei? Der Bediente sagte: ja, er habe dessen Pferd dahinführen sehen. Darauf gibt
ihm der Herr ein offenes Zettelchen des Inhalts:
»Wollten Sie mir wohl zu einer vorhabenden Reise Ihre Pistolen leihen? Leben Sie
recht wohl!«
Die liebe Frau hatte die letzte Nacht wenig geschlafen; was sie gefürchtet
hatte, war entschieden, auf eine Weise entschieden, die sie weder ahnen noch
fürchten konnte. Ihr sonst so rein und leicht fliessendes Blut war in einer
fieberhaften Empörung, tausenderlei Empfindungen zerrütteten das schöne Herz.
War es das Feuer von Werters Umarmungen, das sie in ihrem Busen fühlte? War es
Unwille über seine Verwegenheit? War es eine unmutige Vergleichung ihres
gegenwärtigen Zustandes mit jenen Tagen ganz unbefangener, freier Unschuld und
sorglosen Zutrauens an sich selbst? Wie sollte sie ihrem Manne entgegengehen,
wie ihm eine Szene bekennen, die sie so gut gestehen durfte, und die sie sich
doch zu gestehen nicht getraute? Sie hatten so lange gegen einander geschwiegen,
und sollte sie die erste sein, die das Stillschweigen bräche und eben zur
unrechten Zeit ihrem Gatten eine so unerwartete Entdeckung machte? Schon
fürchtete sie, die blosse Nachricht von Werters Besuch werde ihm einen
unangenehmen Eindruck machen, und nun gar diese unerwartete Katastrophe! Konnte
sie wohl hoffen, dass ihr Mann sie ganz im rechten Lichte sehen, ganz ohne
Vorurteil aufnehmen würde? Und konnte sie wünschen, dass er in ihrer Seele lesen
möchte? Und doch wieder, konnte sie sich verstellen gegen den Mann, vor dem sie
immer wie ein kristallhelles Glas offen und frei gestanden und dem sie keine
ihrer Empfindungen jemals verheimlicht noch verheimlichen können? Eins und das
andre machte ihr Sorgen und setzte sie in Verlegenheit; und immer kehrten ihre
Gedanken wieder zu Wertern, der für sie verloren war, den sie nicht lassen
konnte, den sie - leider! - sich selbst überlassen musste, und dem, wenn er sie
verloren hatte, nichts mehr übrig blieb.
    Wie schwer lag jetzt, was sie sich in dem Augenblick nicht deutlich machen
konnte, die Stockung auf ihr, die sich unter ihnen festgesetzt hatte! So
verständige, so gute Menschen fingen wegen gewisser heimlicher Verschiedenheiten
unter einander zu schweigen an, jedes dachte seinem Recht und dem Unrechte des
andern nach, und die Verhältnisse verwickelten und verhetzten sich dergestalt,
dass es unmöglich ward, den Knoten eben in dem kritischen Momente, von dem alles
abhing, zu lösen. Hätte eine glückliche Vertraulichkeit sie früher wieder
einander näher gebracht, wäre Liebe und Nachsicht wechselsweise unter ihnen
lebendig worden und hätte ihre Herzen aufgeschlossen, vielleicht wäre unser
Freund noch zu retten gewesen.
    Noch ein sonderbarer Umstand kam dazu. Werter hatte, wie wir aus seinen
Briefen wissen, nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er sich diese Welt zu
verlassen sehnte. Albert hatte ihn oft bestritten, auch war zwischen Lotten und
ihrem Mann manchmal die Rede davon gewesen. Dieser, wie er einen entschiedenen
Widerwillen gegen die Tat empfand, hatte auch gar oft mit einer Art von
Empfindlichkeit, die sonst ganz ausser seinem Charakter lag, zu erkennen gegeben,
dass er an dem Ernst eines solchen Vorsatzes sehr zu zweifeln Ursach' finde, er
hatte sich sogar darüber einigen Scherz erlaubt und seinen Unglauben Lotten
mitgeteilt. Dies beruhigte sie zwar von einer Seite, wenn ihre Gedanken ihr das
traurige Bild vorführten, von der andern aber fühlte sie sich auch dadurch
gehindert, ihrem Manne die Besorgnisse mitzuteilen, die sie in dem Augenblicke
quälten.
    Albert kam zurück, und Lotte ging ihm mit einer verlegenen Hastigkeit
entgegen, er war nicht heiter, sein Geschäft war nicht vollbracht, er hatte an
dem benachbarten Amtmanne einen unbiegsamen, kleinsinnigen Menschen gefunden.
Der üble Weg auch hatte ihn verdriesslich gemacht.
    Er fragte, ob nichts vorgefallen sei, und sie antwortete mit Übereilung:
Werter sei gestern abends dagewesen. Er fragte, ob Briefe gekommen, und er
erhielt zur Antwort, dass ein Brief und Pakete auf seiner Stube lägen. Er ging
hinüber, und Lotte blieb allein. Die Gegenwart des Mannes, den sie liebte und
ehrte, hatte einen neuen Eindruck in ihr Herz gemacht. Das Andenken seines
Edelmuts, seiner Liebe und Güte hatte ihr Gemüt mehr beruhigt, sie fühlte einen
heimlichen Zug, ihm zu folgen, sie nahm ihre Arbeit und ging auf sein Zimmer,
wie sie mehr zu tun pflegte. Sie fand ihn beschäftigt, die Pakete zu erbrechen
und zu lesen. Einige schienen nicht das Angenehmste zu entalten. Sie tat einige
Fragen an ihn, die er kurz beantwortete, und sich an den Pult stellte, zu
schreiben.
    Sie waren auf diese Weise eine Stunde nebeneinander gewesen, und es ward
immer dunkler in Lottens Gemüt. Sie fühlte, wie schwer es ihr werden würde,
ihrem Mann, auch wenn er bei dem besten Humor wäre, das zu entdecken, was ihr
auf dem Herzen lag; sie verfiel in eine Wehmut, die ihr um desto ängstlicher
ward, als sie solche zu verbergen und ihre Tränen zu verschlucken suchte.
    Die Erscheinung von Werters Knaben setzte sie in die grösste Verlegenheit;
er überreichte Alberten das Zettelchen, der sich gelassen nach seiner Frau
wendete und sagte: »Gib ihm die Pistolen.« - »Ich lasse ihm glückliche Reise
wünschen.« sagte er zum Jungen. - Das fiel auf sie wie ein Donnerschlag, sie
schwankte aufzustehen, sie wusste nicht, wie ihr geschah. Langsam ging sie nach
der Wand, zitternd nahm sie das Gewehr herunter, putzte den Staub ab und
zauderte, und hätte noch lange gezögert, wenn nicht Albert durch einen fragenden
Blick sie gedrängt hätte. Sie gab das unglückliche Werkzeug dem Knaben, ohne ein
Wort vorbringen zu können, und als der zum Hause hinaus war, machte sie ihre
Arbeit zusammen, ging in ihr Zimmer, in dem Zustande der unaussprechlichsten
Ungewissheit. Ihr Herz weissagte ihr alle Schrecknisse. Bald war sie im Begriffe,
sich zu den Füssen ihres Mannes zu werfen, ihm alles zu entdecken, die Geschichte
des gestrigen Abends, ihre Schuld und ihre Ahnungen. Dann sah sie wieder keinen
Ausgang des Unternehmens, am wenigsten konnte sie hoffen, ihren Mann zu einem
Gange nach Wertern zu bereden. Der Tisch ward gedeckt, und eine gute Freundin,
die nur etwas zu fragen kam, gleich gehen wollte - und blieb, machte die
Unterhaltung bei Tische erträglich; man zwang sich, man redete, man erzählte,
man vergass sich.
    Der Knabe kam mit den Pistolen zu Wertern, der sie ihm mit Entzücken
abnahm, als er hörte, Lotte habe sie ihm gegeben. Er liess sich Brot und Wein
bringen, hiess den Knaben zu Tische gehen und setzte sich nieder, zu schreiben.
»Sie sind durch deine Hände gegangen, du hast den Staub davon geputzt, ich küsse
sie tausendmal, du hast sie berührt! Und du, Geist des Himmels, begünstigst
meinen Entschluss, und du, Lotte, reichst mir das Werkzeug, du, von deren Händen
ich den Tod zu empfangen wünschte, und ach! nun empfange. O ich habe meinen
Jungen ausgefragt. Du zittertest, als du sie ihm reichtest, du sagtest kein
Lebewohl! - Wehe! wehe! kein Lebewohl! - Solltest du dein Herz für mich
verschlossen haben, um des Augenblicks willen, der mich ewig an dich befestigte?
Lotte, kein Jahrtausend vermag den Eindruck auszulöschen! und ich fühle es, du
kannst den nicht hassen, der so für dich glüht.«
Nach Tische hiess er den Knaben alles vollends einpacken, zerriss viele Papiere,
ging aus und brachte noch kleine Schulden in Ordnung. Er kam wieder nach Hause,
ging wieder aus vors Tor, ungeachtet des Regens, in den gräflichen Garten,
schweifte weiter in der Gegend umher und kam mit anbrechender Nacht zurück und
schrieb.
»Wilhelm, ich habe zum letzten Male Feld und Wald und den Himmel gesehen. Leb
wohl auch du! Liebe Mutter, verzeiht mir! Tröste sie, Wilhelm! Gott segne euch!
Meine Sachen sind alle in Ordnung. Lebt wohl! wir sehen uns wieder und
freudiger.«
»Ich habe dir übel gelohnt, Albert, und du vergibst mir. Ich habe den Frieden
deines Hauses gestört, ich habe Misstrauen zwischen euch gebracht. Lebe wohl! ich
will es enden. O dass ihr glücklich wäret durch meinen Tod! Albert! Albert! mache
den Engel glücklich! Und so wohne Gottes Segen über dir!«
    Er kramte den Abend noch viel in seinen Papieren, zerriss vieles und warf es
in den Ofen, versiegelte einige Päcke mit den Adressen an Wilhelm. Sie
entielten kleine Aufsätze, abgerissene Gedanken, deren ich verschiedene gesehen
habe; und nachdem er um zehn Uhr Feuer hatte nachlegen und sich eine Flasche
Wein geben lassen, schickte er den Bedienten, dessen Kammer wie auch die
Schlafzimmer der Hausleute weit hinten hinaus waren, zu Bette, der sich dann in
seinen Kleidern niederlegte, um frühe bei der Hand zu sein; denn sein Herr hatte
gesagt, die Postpferde würden vor sechse vors Haus kommen.
                                                                    »Nach eilfe.
Alles ist so still um mich her, und so ruhig meine Seele. Ich danke dir, Gott,
der du diesen letzten Augenblicken diese Wärme, diese Kraft schenkest.
    Ich trete an das Fenster, meine Beste, und sehe, und sehe noch durch die
stürmenden, vorüberfliehenden Wolken einzelne Sterne des ewigen Himmels! Nein,
ihr werdet nicht fallen! der Ewige trägt euch an seinem Herzen, und mich. Ich
sehe die Deichselsterne des Wagens, des liebsten unter allen Gestirnen. Wenn ich
nachts von dir ging, wie ich aus deinem Tore trat, stand er gegen mir über. Mit
welcher Trunkenheit habe ich ihn oft angesehen, oft mit aufgehabenen Händen ihn
zum Zeichen, zum heiligen Merksteine meiner gegenwärtigen Seligkeit gemacht! und
noch - O Lotte, was erinnert mich nicht an dich! umgibst du mich nicht! und habe
ich nicht, gleich einem Kinde, ungenügsam allerlei Kleinigkeiten zu mir
gerissen, die du Heilige berührt hattest!
    Liebes Schattenbild! Ich vermache dir es zurück, Lotte, und bitte dich, es
zu ehren. Tausend, tausend Küsse habe ich darauf gedrückt, tausend Grüsse ihm
zugewinkt, wenn ich ausging oder nach Hause kam.
    Ich habe deinen Vater in einem Zettelchen gebeten, meine Leiche zu schützen.
Auf dem Kirchhofe sind zwei Lindenbäume, hinten in der Ecke nach dem Felde zu;
dort wünsche ich zu ruhen. Er kann, er wird das für seinen Freund tun. Bitte ihn
auch. Ich will frommen Christen nicht zumuten, ihren Körper neben einen armen
Unglücklichen zu legen. Ach, ich wollte, ihr begrübt mich am Wege, oder im
einsamen Tale, dass Priester und Levit vor dem bezeichneten Steine sich segnend
vorübergingen und der Samariter eine Träne weinte.
    Hier, Lotte! Ich schaudre nicht, den kalten, schrecklichen Kelch zu fassen,
aus dem ich den Taumel des Todes trinken soll! Du reichtest mir ihn, und ich
zage nicht. All! all! So sind alle die Wünsche und Hoffnungen meines Lebens
erfüllt! So kalt, so starr an der ehernen Pforte des Todes anzuklopfen.
    Dass ich des Glückes hätte teilhaftig werden können, für dich zu sterben!
Lotte, für dich mich hinzugeben! Ich wollte mutig, ich wollte freudig sterben,
wenn ich dir die Ruhe, die Wonne deines Lebens wiederschaffen könnte. Aber ach!
das ward nur wenigen Edeln gegeben, ihr Blut für die Ihrigen zu vergiessen und
durch ihren Tod ein neues, hundertfältiges Leben ihren Freunden anzufachen.
    In diesen Kleidern, Lotte, will ich begraben sein, du hast sie berührt,
geheiligt; ich habe auch deinen Vater darum gebeten. Meine Seele schwebt über
dem Sarge. Man soll meine Taschen nicht aussuchen. Diese blassrote Schleife, die
du am Busen hattest, als ich dich zum ersten Male unter deinen Kindern fand - O
küsse sie tausendmal und erzähle ihnen das Schicksal ihres unglücklichen
Freundes. Die Lieben! sie wimmeln um mich. Ach wie ich mich an dich schloss! seit
dem ersten Augenblicke dich nicht lassen konnte! - Diese Schleife soll mit mir
begraben werden. An meinem Geburtstage schenktest du sie mir! Wie ich das alles
verschlang! - Ach, ich dachte nicht, dass mich der Weg hierher führen sollte! - -
Sei ruhig! ich bitte dich, sei ruhig! -
    Sie sind geladen - Es schlägt zwölfe! So sei es denn! - Lotte! Lotte, lebe
wohl! lebe wohl!«
Ein Nachbar sah den Blick vom Pulver und hörte den Schuss fallen; da aber alles
stille blieb, achtete er nicht weiter drauf.
    Morgens um sechse tritt der Bediente herein mit dem Lichte. Er findet seinen
Herrn an der Erde, die Pistole und Blut. Er ruft, er fasst ihn an; keine Antwort,
er röchelt nur noch. Er läuft nach den Ärzten, nach Alberten. Lotte hört die
Schelle ziehen, ein Zittern ergreift alle ihre Glieder. Sie weckt ihren Mann,
sie stehen auf, der Bediente bringt heulend und stotternd die Nachricht, Lotte
sinkt ohnmächtig vor Alberten nieder.
    Als der Medikus zu dem Unglücklichen kam, fand er ihn an der Erde ohne
Rettung, der Puls schlug, die Glieder waren alle gelähmt. Über dem rechten Auge
hatte er sich durch den Kopf geschossen, das Gehirn war herausgetrieben. Man
liess ihm zum Überfluss eine Ader am Arme, das Blut lief, er holte noch immer
Atem.
    Aus dem Blut auf der Lehne des Sessels konnte man schliessen, er habe sitzend
vor dem Schreibtische die Tat vollbracht, dann ist er heruntergesunken, hat sich
konvulsivisch um den Stuhl herumgewälzt. Er lag gegen das Fenster entkräftet auf
dem Rücken, war in völliger Kleidung, gestiefelt, im blauen Frack mit gelber
Weste.
    Das Haus, die Nachbarschaft, die Stadt kam in Aufruhr. Albert trat herein.
Wertern hatte man auf das Bett gelegt, die Stirn verbunden, sein Gesicht schon
wie eines Toten, er rührte kein Glied. Die Lunge röchelte noch fürchterlich,
bald schwach, bald stärker; man erwartete sein Ende.
    Von dem Weine hatte er nur ein Glas getrunken. »Emilia Galotti« lag auf dem
Pulte aufgeschlagen.
    Von Alberts Bestürzung, von Lottens Jammer lasst mich nichts sagen.
    Der alte Amtmann kam auf die Nachricht hereingesprengt, er küsste den
Sterbenden unter den heissesten Tränen. Seine ältesten Söhne kamen bald nach ihm
zu Fusse, sie fielen neben dem Bette nieder im Ausdrucke des unbändigsten
Schmerzens, küssten ihm die Hände und den Mund, und der älteste, den er immer am
meisten geliebt, hing an seinen Lippen, bis er verschieden war und man den
Knaben mit Gewalt wegriss. Um zwölfe mittags starb er. Die Gegenwart des
Amtmannes und seine Anstalten tuschten einen Auflauf. Nachts gegen eilfe liess er
ihn an die Stätte begraben, die er sich erwählt hatte. Der Alte folgte der
Leiche und die Söhne, Albert vermocht's nicht. Man fürchtete für Lottens Leben.
Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet.
                                    Fussnoten
1 Der Leser wird sich keine Mühe geben, die hier genannten Orte zu suchen; man
hat sich genötigt gesehen, die im Originale befindlichen wahren Namen zu
verändern.
2 Man sieht sich genötiget, diese Stelle des Briefes zu unterdrücken, um niemand
Gelegenheit zu einiger Beschwerde zu geben. Obgleich im Grunde jedem Autor wenig
an dem Urteile eines einzelnen Mädchens und eines jungen, unsteten Menschen
gelegen sein kann.
3 Man hat auch hier die Namen einiger vaterländischen Autoren weggelassen. Wer
teil an Lottens Beifalle hat, wird es gewiss an seinem Herzen fühlen, wenn er
diese Stelle lesen sollte, und sonst braucht es ja niemand zu wissen.
4 Wir haben nun von Lavatern eine treffliche Predigt hierüber, unter denen über
das Buch Jonas.
5 Man hat aus Ehrfurcht für diesen trefflichen Herrn gedachten Brief und einen
andern, dessen weiter hinten erwähnt wird, dieser Sammlung entzogen, weil man
nicht glaubte, eine solche Kühnheit durch den wärmsten Dank des Publikums
entschuldigen zu können.
 
    