
        
                              Karl Philipp Moritz
                       Andreas Hartknopf. Eine Allegorie
Non fumum ex fulgore
Sed ex fumo dare lucem.
 
                                  Vorbericht.
                Der Buchstabe tödtet,
                 aber der Geist macht lebendig.
Hier will ich still stehen - - sagte mein lieber Andreas Hartknopf, da er sich
plötzlich, auf seiner Wanderschaft an einem breiten Graben befand, und weder Weg
noch Steg sah, der ihn hinüberführen konnte; und doch war es schon beinahe
dunkle Nacht, und der Wind wehte scharf aus Norden ihm einen seinen Staubregen
ins Gesicht, der schon seine Kleider bis auf die Haut durchnetzt hatte - - er
hat nun ausgewandert, der gute Hartknopf - - aber mir däucht, ich sehe ihn noch
da stehen mit seinem langen Knotenstocke, den messingnen Kamm in sein dickes
schwarzbraunes Haar geschlagen, und seinen Rock mit den steifen Schössen von oben
bis unten zugeknöpft -
    Er war eine gute Seele - ob er gleich in der Gotteit vier Personen annahm,
und glaubte, dass die ganze Welt aus alkalischem Salz geschaffen sei - Dies
öffentliche Zeugnis von seinem Charakter und seinem Herzen, das gewiss ein
Unparteiischer fällt, möge ihn gegen die Beschuldigungen retten, womit Bosheit
und Verläumdung seinen Nahmen oft gebrandmarkt haben.
    Du guter Andreas Hartknopf magst wohl nicht gedacht haben, dass deine besten
Freunde, die auch wie du an die Viereinigkeit, und an die Schöpfung der Welt aus
alkalischem Salze glaubten, und mit dir, wie du meintest, ein Herz und eine
Seele waren, dass diese dein Gedächtnis nach deinem Tode so schändlich
verunglimpfen würden.
    Ach, es war dir auch nicht bei der Wiege gesungen, wie es dir einmal in der
Welt ergehen sollte - dass du verstossen, verjagt, von aller Welt verlassen,
umherirren, irgendwo ein freundliches Obdach suchen und es nicht finden solltest
- dass du an die Türen deiner Brüder, deiner Freunde klopfen, und sie dir nicht
aufgetan werden sollten - dass du - o nichts weiter! meine Seele ergrimmt gegen
die Menschen, wenn ich bedenke, dass sie den Edelsten unter sich ausstiessen, den
Diamant, der auf diese harten Kieselsteine seinen unnachahmlichen Glanz hätte
werfen können, wodurch sie auch bemerkt worden wären, wenn man ihn unter ihnen
gesucht hätte!
    Oft unterhält sich meine Seele in einsamen Stunden mit dir in Gesprächen;
ich sehe dich in meine kleine Kammer treten; wir sehen uns und sehen den Himmel
aus dem eröfneten Fenster an - und ob wir gleich nur gegen ein altes Gemäuer
blicken, so erhebt sich doch unser Herz, wenn die Sonne darauf scheint, und
unsre Seelen ergiessen sich gegeneinander in Liebe und Wärme, in süssen Gesprächen
von Zukunft und Vergangenheit - -
    Ich soll von dir reden, mein Guter! und rede mit dir - Steh' ich muss wieder
Abschied von deinem Geiste nehmen, wenn ich von dir reden soll - das wird mir
schwer - o habt Geduld mit mir meine Leser! es ist mir schwer geworden, mich von
meinem Freunde zu trennen - ich sprach mit ihm, da ich mit euch sprechen sollte
- denn ich wollte euch doch seine Geschichte erzählen.
    Hier will ich still stehen! sagte er also, da er plötzlich an dem breiten
Graben stand, über den kein schmaler Steg ihn führte - er ging eine weite
Strecke auf und ab, und fand keinen Weg hinüber - die Nacht brach immer tiefer
herein - der Wind ging immer schärfer, und jagte schon den Regen in grossen
Tropfen meinem Wandrer ins Gesicht - hinter ihm war ein meilenlanger Wald - Hier
will ich still stehen, sagte er noch einmal - weil ich nicht weiter kann - und
das will sagte er mit einem gewissen Trotz, aber auch zugleich mit einer
Erhabenheit der Seele, womit er dem Regen und dem Sturmwinde zu befehlen und
über die Elemente zu herrschen schien.
    Ich will, was ich muss, war sein Wahlspruch bis an den letzten Hauch seines
Lebens - Es war seine höchste Weissheit, der er bis zum Tode getreu blieb - die
ihn über die Dornenpfade seines Lebens sicher hinleitete, die ihm am Rande des
Grabes noch einmal ihre freundschaftliche Rechte bot.
    Weil ich das nun alles weiss, und ich mich fast eben so in seine Seele
hineindenken kann, als in meine eigne Seele - so genau waren wir miteinander
verwebt - so kann ich nun auch das alles von ihm erzählen, was gewiss sonst
niemand leicht von ihm würde erzählen können: wie seine ganze Seele dabe
arbeitete, als er die Worte sagte - hier will ich still stehen bleiben! Er
fühlte dabei einen unwiderstehlichen Mut, womit er der Kälte, dem Regen, dem
Winde, der Dunkelheit der Nacht, und der Ohnmacht der menschlichen Natur selbst
Troz bot - er zog sich in sich selbst zurück, wie der Igel in seine Stacheln,
wie die Schildkröte in ihr felsenfestes Haus; seine Brust war mit ehernem Mute
gestählt, sein Körper zum Leiden abgehärtet - die rauhen Elemente noch immer
seine Freunde, denn sie behandelten ihn gütiger, wie die Menschen.
    Legen konnte er sich nicht, denn der Boden war vom Regen durchnässt - Er
stand und ging am Graben auf und nieder, dann stand er wieder eine Weile, und
pfiff die halbe Nacht hindurch im Winde sein Leibstückchen, dass es weit in die
Ferne schallte, wo es der Wind hintrug - Ein paar Eulen auf den nahen Bäumen
fingen an, statt der Nachtigall, ihn zu akkompagnieren, und ein paar Fledermäuse
schwirreten statt der Lerchen ihm um den Kopf - und er ward nicht böse darüber,
sondern liess sich, da er es nicht besser haben konnte, den Wettgesang gern
gefallen, und freute sich, dass selbst in der stillen Todten Nacht, die Natur
noch Funken von Leben sprüht - sie machte ihm jetzt, seine sonst so getreue,
liebevolle, zwar eine etwas saure Miene - und er hätte ihr in der Dunkelheit der
Nacht, durch eine sehr unfreundliche Verzerrung seiner Gesichtszüge den Gruss
sehr gut erwiedern können - aber das tat er nicht - seine Stirne zog sich nicht
in düstre Falten, sein Auge blieb so heiter, dass er sich vor der hellen Sonne
nicht hätte schämen dürfen, wenn sie in diesem Augenblicke sein Antlitz
beleuchtet hätte.
    Indem er noch so da stand und pfiff, hörte er in der Ferne Menschenstimmen,
und seine gute Laune, in die er sich hineingepfiffen hatte, erhielt beinahe
einen kleinen Stoss - bald aber ermannte er sich wieder, und die Menschenstimmen
klangen seinen Ohren beinahe wieder so lieblich, als der Gesaug der Eulen, mit
denen er vorher in Gesellschaft des rauschenden Windes ein angenehmes Konzert
aufgeführt hatte.
    Die Menschenstimmen tönten wild in die Nacht - der Laut war wie von
stammelnden Zungen, und ihr Ausruf war, wie der Ausruf derer, die voll süssen
Weins sind. - Schon waren sie dicht heran, und es war doch schändlich! die Eulen
und Fledermäuse hatten meinem Hartknopf zur Gesellschaft mitgemacht - und diese
Unmenschen - - es waren ihrer zwei - He da! Landsmann, stammelte der eine, was
wankt er hier noch so spät umher? - Ich kann nicht über den Graben - - I Narr,
so schwimm er durch, lachte jener laut auf, und stiess ihn in den Graben hinein -
Hartknopf rafte sich im Fallen so gut er konnte zusammen, und siehe da, es war
eine Grube, wie die, worin weiland Joseph von seinen mitleidigen Brüdern
hinabgelassen wurde, es war ein Graben, worin kein Wasser war, und durch welchen
er gleich anfangs trocknes Fusses hätte durchgehen können, wenn er statt seiner
philosophischen Resignation, seine beiden Sinne Gesicht und Gefühl
zusammengenommen hätte, um sich vermittelst seines Dornstockes und seiner
gesunden Füsse, erst einen Durchgang durch den Graben zu erproben, ehe er sich
entschloss, die Nacht über disseits zu bleiben, und mit seinem Pfeiffen ein paar
Eulen zu akkompagniren.
    Hartknopf kam nun auf der andern Seite des Grabens wieder in die Höhe, und
machte auch nicht einmal in Gedanken seinem Beleidiger Vorwürfe, der ihm
freilich wider Willen einen Dienst geleistet hatte, indem er ihn durch einen
zwar etwas unsanften, Stoss durch einen Graben half, wodurch ihn vorher alle
seine Philosophie nicht hatte helfen können. Was aber noch mehr war, so machte
Hartknopf sich selber nicht einmal Vorwürfe, dass er wie mit Blindheit geschlagen
gewesen war - das war nun einmal seine Art so - er hielt es für noch einen
kindischen und läppischen Streich mehr, wenn man sich über irgend einen
kindischen und läppischen Streich, den man einmal gemacht hatte, die Haare
ausraufen wollte. - Ueberhaupt hatte er sich, seitdem er anfing, weise zu
werden, die Reue abzugewöhnen gesucht, die er nur für ein Arzneimittel der
Toren hielt. Ich will, was ich muss! war sein Wahlspruch, wenn er von aussen her
getrieben wurde, und ich muss, was ich will, wenn ihn etwas von innen trieb.
Gefühl seiner Kraft, insbesondre der widerstrebenden, war seine höchste
Glückseligkeit. - Darum mochte er zuweilen gern wider den Strom schwimmen, ob es
ihm gleich sauer wurde, und wider die Wand rennen, ob er sich gleich den Kopf
zerstiess. - Darum war er auch die Nacht disseits des Grabens geblieben, als er
nur einige Wahrscheinlichkeit hatte, dass er nicht würde durchkommen können. Und
er gefiel sich nun einmal so; und weil ihm die Zeit nicht sehr übel verstrichen
war, so würde er sich über jeden Aerger geärgert haben, den er über sich selbst
hätte in sich aufsteigen lassen, darum ärgerte er sich dann am Ende lieber gar
nicht.
    Er verdoppelte seine Schritte, um sich warm zu gehen, und befand sich
ungleich besser, da er wieder auf der Landstrasse war, und mit Zweck und Absicht
sich nach einer festern Richtung fortbewegen konnte, als vorher, da er gehen
musste um zu gehen, und immer wieder an denselben Fleck zurückkam - Dies führte
ihn zu tiefsinnigen Betrachtungen über die gerade und über die krumme Linie, und
in wie fern die gerade Linie gleichsam das Bild des Zweckmässigen in unsern
Handlungen sei, indem die Tätigkeit der Seele den kürzesten Weg zu ihrem Ziele
nimmt - die krumme Linie hingegen das Schöne, Tändelnde und Spielende, den Tanz,
das Spatzierengehen bezeichnet - - indem waren die beiden besoffnen Kerl schon
wieder hinter ihm, und fassten ihn brüderlich, der eine unter dem rechten, der
andre unter dem linken Arm - der unter dem linken Arm hatte ihn in den Graben
gestossen, und war wie der böse Schächer zur Linken am Kreutze, die Tugend und
Weissheit ging in der Mitten.
    Die beiden besoffnen Kerl aber waren ein paar Weltreformatoren und
Kosmopoliten - und der zur Linken war der Anführer einer kleinen
Kosmopolitenbande, die im Lande umherzog, und sich jetzt in einem kleinen
Städtchen aufhielt, um ihr Gaukelspiel da zu treiben, und aus allen vier Enden
der Erde Menschen hinzulocken, die sich vor ihrer grossen Bude versammlen, und
ihre Markschreier- und Taschenspielerkünste anstaunen sollten - -
    Der Anführer zur Linken hatte grosse schwarze struppigte Augenbraunen, und
borstiges Haar, und trug ein sammtnes Kleid vom Schweiss und Blut der betrognen
Menschheit - Er kniff meinem guten Hartknopf in den Arm, dass es ihm blau wurde,
da er ihn untergefasst hatte, und sagte: Du alter Kauz, wie ist dir denn das
Schwimmen bekommen? - daraus war denn zu schliessen, dass er ihn nicht in einen
trocknen sondern mit Wasser angefüllten Graben hatte stossen wollen, dieser
Borstige.
    Der Kosmopolit zur Rechten war der reuige Schächer, und sagte: Lieber
Bruder, wir hätten dieses Menschen schonen sollen - - und hätten ihn nicht
sollen in die Grube stossen, worin kein Wasser war - der arme Mensch! - indem
drückte er Hartknopfen sanft die Hand - und dieser sagte halb im Schlummer:
Heute wirst du mit mir im Paradiese sein! Er meinte aber den Gastof in dem
Städtchen, das vor ihnen lag, wo er immer einzukehren pflegte, wo die Zöllner
und Sünder herbergten, und wohin jetzt sein sehnlichstes Wünschen ging. - Die
Idee vom Paradiese schlug in den beiden Kosmopolitenköpfen, wie ein Feuerfunken
an - - sie hatte so etwas Erhabenes und Feierliches in der dunkeln,
schauervollen Nacht, so wenig Erhabenes sich auch mein guter ehrlicher Hartknopf
dabei gedacht hatte - - Der Schächer zur Rechten und der Schächer zur Linken
fühlten die ganze Macht der Worte, die sie nun wirklich auf sich abgezielt
glaubten. - - Ihre Seelen wurden zerknirscht, Tränen entströmten ihren Augen;
sie fingen an, sich wirklich für ein paar arme Schächer zu halten, welche in
ihrem verkehrten Sinn die hohe Würde der Menschheit beleidigt hätten: - -
    Fühlst du das, lieber Bruder? sagte der zur Rechten - - Ich fühl' es!
antwortete der Linke mit bebender Stimme - lass uns hier niederfallen im Staube,
und den grossen Allvater bitten, dass er uns vergebe die Sünden unsrer Jugend und
die Sünden unsrer grauen Jahre; dass er nicht ansehe unsre Missetat, und uns
nicht strafe, wie wir es verdient haben - denn wo will man einen Reinen finden,
unter denen da keiner rein ist - Bewahre meinen Fuss - - und so lang wie er war
lag der borstige Betende ausgestreckt da - denn sein Gebet war schwarze
Heuchelei und verflog in den Lüften - er mass die Erde mit seiner Länge, denn er
hatte sich an einem alten Stubben am Wege sein Schienbein zerstossen, dass es ihn
bis in den Wirbel hinauf schmerzte. - Das sanfte Erbarmen meines Hartknopfs mit
seinem Beleidiger hob den Gefallnen wieder auf - und der Gefallne dankte ihm
nicht, denn sein böser Geist hatte dem Stubben Hartknopfs Gestalt gegeben - und
der Gefallne sagte zu dem Schächer zur Rechten: mein Bruder, was meinst du, der
Schurke da hat mir ein Bein untergeschlagen, um sich an mir zu rächen! Ei so
soll ihn ja auch - - rief der reuige Schächer, und fing an tüchtig auf meinen
Hartknopf losszuschlagen, und der zur Linken war dabei sein getreuer Rat und
Assistent - - aber das Blättchen fing sich bald an zu wenden. - - Die Weissheit
in der Mitte nahm ihren Dornenstock in die Hand, und schlug damit rechts und
links um sich, und die Torheit taumelte an beiden Seiten von ihren
wiederhohlten Schlägen zu Boden, und als mein Hartknopf die beiden Besoffnen
nach Herzenslust durchgeprügelt hatte, so sagte er: Vater vergieb ihnen, denn
sie wissen nicht was sie tun! - -
    Und nun hob er sie beide wieder auf, und sie wanderten wieder einträchtig
und brüderlich miteinander fort - darüber brach der Tag an, und der Rausch in
den Köpfen der beiden Kosmopoliten fing allmälig an zu verfliegen - ihr
nächtlicher Zwist mit Hartknopfen verlohr sich in ein dunkles Schattenbild - und
sie sahen jetzt seine offne Stirn und sein edles freies Auge, womit er sie im
Glanz der aufgehenden Sonne anblickte, und schlugen beschämt ihre Augen nieder.
    Alle drei schienen stillschweigend in einen Vertrag eingewilligt zu haben,
alles in der Nacht vorgefallne in gänzliche Vergessenheit zu begraben. Sie
unterhieltet sich miteinander über die Schönheit des Morgens, über die Pracht
der aufgehenden Sonne, und über den herrlichen Anblick der wiedererwachenden
Natur - und liessen ihren strafenden Unwillen gegen diejenigen aus, die den
schönsten Morgen in ihren Pflaumfedern verschlafen könnten. - Dann fragten erst
die beiden Kosmopoliten ihren nächtlichen Gefährten, wo er denn eigentlich
herkomme, und wo er eigentlich hinwolle?
    Beides wusste er nicht eigentlich zu beantworten. - Er kam aus dem Abend, und
wanderte gerade gegen den Morgen zu; denn der Weg von Westen nach Osten hatte
für ihn so etwas Reitzendes und Anziehendes, das sich zum Teil mit auf seine
besondern Meinungen gründete. - Da er nun in Süden und Norden eben so wenig
Schätze zu hohlen hatte, als in Osten und Westen, so nahm er seine Richtung
immer nach Osten zu, und richtete es gemeiniglich so ein, dass er den ersten
frühen Strahl der Sonne mit seinem Morgengebet begrüssen konnte. Welche Städte
und Dörfer nun hier auf seinem Wege lagen, durch diese ging er oft hindurch,
ohne nur nach ihrem Nahmen zu fragen, und wenn man ihn denn auch nicht nach
seinem Nahmen fragte, sondern wie irgend ein unbedeutendes Wesen, einen Hund
oder eine Katze, ihn durchwandern liess, ohne nur einen Blick auf ihn zu werfen,
wie froh war er dann!
    Als er aber durch das Land kam, wo man am Tore die Geheimnisse seines
Herzens und seiner Taschen ausforschen wollte, ehe man ihn durchliess; so nahm er
einen weiten, weiten Umweg, wenn er an eine Stadt kam, und musste von seiner
geliebten Direktionslinie nach Osten manche Abweichung machen, ehe er wieder in
sein Gleis kam - dann schüttelte er den Staub von seinen Füssen über einer
solchen Stadt, und freute sich, wenn er in irgend eine dürre sandigte Heide kam,
wo keine Spur von Taschendurchsuchenden und Geheimnisseerforschenden Menschen zu
sehen war, und er nun wieder freier atmen konnte.
    Damit der Leser auch keinen Augenblick länger etwa den Gedanken hege, als
habe sich Hartknopf von Westen gegen Osten hingebettelt - so muss ich versichern
- denn ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass man dies auch nur von ihm
denken könne - so muss ich den Leser versichern, dass Hartknopf sich lieber auf
irgend einer Vestung oder in irgend einem Zuchtause würde von selbst angegeben
haben, um zu karren oder zu raspeln, ehe er das getan hätte. - Auch brauchte er
es nicht: denn er war seines Handwerks ein Grobschmidt und ein Priester, und
konnte sich also mit seiner Hände Arbeit sowohl, als vom Evangelium nähren, das
er den Leuten gern verkündigte, die es hören wollten - aber von der Predigt des
Evangeliums nährte er sich nicht, sondern vom Schmiedehammer; denn er dachte,
umsonst habt ihrs empfangen, umsonst sollt ihr es auch wiedergeben. - Ein
Arkanum für die Schwindsucht, welches er besass, will ich nicht einmal erwähnen;
er besass ein noch weit grössres Arkanum, den Leib des Menschen durch die Seele zu
heilen - wie oft hat er hiervon Gebrauch gemacht! er nährte sich aber eben so
wenig davon als vom Evangelium, das er verkündigte - sondern der Schmiedehammer,
den er mit seinem nervigten Arm wohl auf dem Ambos zu führen wusste, verschafte
ihm Nahrung und Kleider; und wenn er dann mit dem Allernotwendigsten versehen
war, so liess er eine Weile seinen Arm wieder ruhen, um seinen Lauf gegen Osten
fortzusetzen, und seinen Weg, den er nahm, durch wohltätige Handlungen zu
bezeichnen. Am heissen Mittage begegnete ihm dann die Sonne in ihrem Laufe, und
schien, ihm, als ihrem grossen Nachahmer, Beifall zuzulächeln.
Das Geheimnis des Erdenlebens meines Hartknopfs ist mir heilig. Mit Ehrfurcht
wage ich es, allmälig den Schleier wegzuziehen, der grosse, der Ewigkeit werte
Taten vor dem Auge der Welt verhüllte, die dermaleinst im höchsten Glanze
schimmern, und die Taten der Könige verdunkeln werden. -
    Du hörest sein Säuseln wohl, aber du weissest nicht, von wannen er kömmt,
noch wohin er führet. - - Der Fromme geht seinen Gang vor sich hin, so lange er
hienieden wallet, ist in sich gekehrt, und merkt auf jeden seiner Schritte, die
er tut - seine Blicke schweifen nicht umher auf den Töchtern des Landes - denn
eine ist seine auserwählte Braut, die verlässt er und sie ihn in Ewigkeit nicht,
sie reicht ihm noch ihre sanfte Hand im finstern Tal des Todes, und geleitet
ihn in bessere Welten hinüber, wo kein Kosmopolit den müden Wandrer mehr in einen
Graben stösst, und kein böser Geist mehr einen Stubben in Hartknopfs Gestalt
verwandelt, um ihm von zwei Weltreformatoren eine Tracht Schläge zuzuziehen.
    Wohin er eigentlich ginge? - fragten ihn also die beiden Weltreformatoren -
eigentlich habe er sich kein festes Ziel gesetzt, gab er zur Antwort, aber er
wolle mir ihnen in das nächste Städtchen gehen - und dort im Paradiese
einkehren, wo der Gastwirt noch sein Herr Vetter sei -
    Das Städtchen aber, auf welches sie nun zu gingen, hiess Gellenhausen, und
war Andreas Hartknopfs Geburtsort - den er jetzt besuchte, weil er auf seiner
Direktionslinie nach Osten lag - denn er kam aus dem äussersten Ende von
Westphalen, und ging durch ganz Niedersachsen und Obersachsen immer auf das
jetzige preussische Pohlen zu, und nun war er bis an Gellenhausen gekommen, ohne
bis jetzt daran zu denken, dass er da geboren war - bis er, noch den Abend
vorher, ehe er an den breiten Graben kam, die hohe Turmspitze in der Ferne
schimmern sah, welche die einzige in dem Städtchen war, und mit ihrer Pracht
alle übrigen Häuser, die in einem Klümpchen zusammen gedrängt da lagen,
verdunkelte und beschämte. -
    Das Städtchen hatte sich auch in dem Turme ganz verbauet, und der Magistrat
von Gellenhausen wäre beinahe darüber bei den höchsten Landesgerichten in
Inquisition gekommen. - Das war aber nun einmal die Art dieses Städtchens, dass
es schimmern wollte, von jeher - davon zeugten noch die Ueberreste eines alten
Walles, worauf ein paar ungeheure Kanonen gepflanzt waren - und ein Prediger,
der ein Buch geschrieben hatte unter dem Titel: die sich entknospende
Frühlingsrose oder die Hoffnungen des Christen jenseit des Grabes, wo sie nicht
eher ruhten, bis sie ihn in ihr Städtchen zogen, wo er auf dem Kirchhofe bei
Mondschein Predigten hielt, und die Jünglinge und Mädchen des Ortes auf den
Grabhügeln ihrer Väter um sich her versammelte, um ihnen die sich entknospende
Frühlingsrose vorzupredigen.
    Nun wird man sich auch leicht erklären können, wie sich in dem Städtchen
eine Kosmopolitenbande einnisteln konnte - nachdem eine herumwandernde Truppe
Komödianten schon die Hälfte von dem Haab' und Gut der armen Einwohner mit sich
hinweggenommen hatte.
    Das Philantropin in Dessau existirte damals schon seit einigen Jahren, und
hatte in den Köpfen der Deutschen einen Schwindel hervorgebracht, der sie damals
noch in vollem Wirbel umherdrehte - und so wie bei der Teaterepoche, die sich
nun auch allmälig ihrem Ende nähert, mancher ehrliche Handwerksmann sich mit in
den Wirbel hineinziehen liess, und den Leisten mit dem tragischen Koturn
verrauschte - so wären auch Hartknopfs beide Begleiter, der eine zur Rechten
Nahmens Küster, wirklich ein Küster, und der borstige zur Linken Nahmens
Hagebuck, ein ehrsamer Schuster gewesen, der eine höhere Flamme in sich lodern
fühlte, und glaubte, dass er gar wohl fähig sei, in den Köpfen der Menschen ein
Licht anzuzänden, deren Füssen er jetzt Schuhe anmessen musste.
    Denn er hatte seines grossen Handwerksgenossen Jakob Böhmens Schriften
gelesen, dadurch war zuerst der Funke in ihm angefacht worden - denn es war ihm
einmal, da er gerade den Pechdrat zog, als ob ihm eine Stimme vom Himmel
zuriefe: Hagebuck! und er sagte: Herr, was ists? - Da rief ihm die Stimme weiter
zu: Lass deinen Pechdrat liegen, und wirf deinen Pfriemen von dir, und gehe hin
in ein Land, dass ich dir zeigen will!
    Er nahm drauf plötzlich von seinem Meister Abschied, welcher seinen
verstörten Minen nach zu urteilen, glaubte, er sei toll im Kopfe geworden, ihm
seinen Lohn auszahlte, und froh war, dass er ihm los wurde - denn er war manchmal
des Nachts bei Mondschein auf dem Dache herumgeklettert, und hätte das Haue
beinahe wegen eines Spuckes in üblen Ruf gebracht; dies war aber ein Fehler, der
ihm noch aus seiner Kindheit anklebte; denn er war einer der unheilbarsten
Nachtwandler, die es je gegeben hat, und auch einer der geschicktesten: so dass
er, wenn man ihn nicht bei seinem Taufnahmen rief, auf einer Dachspitze tanzen
konnte. -
    Hans Hagebuck schnürte also sein Bündel, steckte seinen Jakob Böhme in die
Tasche, und wanderte auf Dessau zu. - Hier verkannte man seine Talente nicht,
und er fand Gelegenheit, den Unterricht des Philantropins zu geniessen, und
studirte Basedows Elementarwerk in der deutschen Uebersetzung, dass ihm der Kopf
rauchte; der Erfolg davon war, dass er binnen einem Jahre, sich schon stark genug
fühlte wieder ein Lehrer der Menschen zu werden, und in dem Städtchen
Gellenhausen, wohin er berufen wurde, ein Philantropin nach dem Muster des
Dessauischen zu errichten.
    Sein Mitgehülfe war, wie schon gesagt, ein Küster, welcher zugleich Küster
hiess - Er war aber wegen seines tumultuarischen Charakters seines Dienstes
entsetzt worden - denn er wollte sich nicht in die gewöhnliche Ordnung der Dinge
fügen, seinem Pastor nachzutreten, sondern er wollte ihm an der Seite gehen, und
den Pastor, wie seinen Freund und Kollegen betrachten - er meinte, sie wollten
zusammen in brüderlicher Eintracht auf ihr Zeitalter wirken, und dem alten
Vorurteil entgegen kämpfen. - Der Herr Pastor verstund aber keinen Spass, und
verbat sich dergleichen Familiaritäten von seinem Untergebnen; und da der Küster
einmal andre Lieder in der Kirche anschlug, als der Pastor ihm gesagt hatte, so
machte dieser einen Bericht aus Konsistorium, worin er diese nebst mehrern
gröblichen Vergehungen gegen die Subordination anzeigte - und wovon die Folge
war, dass dieser Küster, welcher zugleich Küster hiess, seines Dienstes entsetzt
wurde - er hatte die Basedowschen Schriften gelesen, und die Weltreformirsucht
spückte ihm auch im Kopfe - er reiste also geradesweges nach Dessau, und machte
Bekanntschaft mit dem Schuknecht Hagebuck, der so eben nach Gellenhausen
abreisen wollte - ihre Seelen begegneten sich schon in ihren Blicken; sie
umarmten sich schon, da sie kaum einander nennen konnten - und ihr
Freundschaftsbündniss war auf ewig geschlossen; um es aber noch fester und
feierlicher zu machen, liessen sie sich im Gastofe zum goldnen Scepter, eine
Bouteille Pontak geben, und tranken Brüderschaft - nachdem sie vorher aus dem
Basedowischen Liederbuche das Lied über die Freundschaft gesungen hatten.
    Und nun ging es denn geradesweges auf Gellenhausen zu - Da war nun viel
aufzuräumen - da herrschte noch recht der alte Schlendrian im Schulwesen - da
regierte noch der Stock und die Rute - da wurden noch Vokabeln auswendig
gelernt - - Aber wie bald war das alles ganz anders! und Stock und Rute wie
weggeblasen!
    Bald wurde eine Meritentafel in der Kirche mit dem hohen Turme aufgehängt,
und jeder Junge in Gellenhausen, mochte er auch sein, wer er wollte, bekam für
jede edle Tat, die er getan hatte, einen goldnen Punkt darauf - und es kamen
plötzlich so viel edle Taten zum Vorschein, dass ganz Gellenhausen darüber
erstaunte. -
    Wer erst eine gewisse Anzahl solcher goldnen Punkte hatte, der bekam ein
Ordensband, und da galt, wie billig, kein Ansehen der Person; mochte der Junge
auch barfuss gehen, und die Schweine hüten, so bekam er ein Ordensband. -
    Der Rektor des Städtchens nannte zwar die Hagebuck- und Küstersche Anstalt
eine Klippschule, weil kein Latein darin gelehrt wurde, und schlug ein
Schnippchen dazu, allein sein Beutel und seine Küche empfanden es - dass diese
neue Klippschule in Gellenhausen etwas mehr sagen wolle - da flogen Braten und
Weinflaschen, und Zuckerhüte den beiden Weltreformatoren ins Haus, als ob sie
mit dem leidigen Drachen ein Bündnis gehabt hätten. -
    Aber machten denn diese beiden allein die ganze Kosmopolitenbande aus? -
nein, es gehörte noch ein Schneider und ein Friseur dazu, die sie unterweges
aufgerafft hatten - der Friseur musste ihnen alle Morgen auf philantropinische
Art ihr abgeschnittenes Haar im Nacken in runde Locken kräuseln, um der Natur
getreu zu bleiben, und dann erklärte er zugleich den kleinsten Kindern die
Kupfer des Basedowischen Elementarwerks - der Schneider flickte ihnen ihre
Kleider mit seiner Nadel, und ihre Reden mit seinem Witz aus - er war zugleich
ein grosser Kinderfreund, und lehrte Kinder von vier Jahren lesen, ohne, dass sie
erst buchstabiren lernten.
    Es wurden nun Spatziergänge, Wettrennen, gymnastische Uebungen angestellt -
Wie stauntest du Gellenhausen, da du zuerst deine hoffnungsvolle Jugend, unter
den Augen ihrer vier Lehrer sich öffentlich balgen sahest! - da du sie zum
erstenmal mit Knüppeln vor den Toren exerzieren, und mit klingendem Spiel in
deine Tore einziehen sahest! - Da du zuerst den Knaben mit dem Ordensbande auf
der Brust hinter den Schweinen hergehen, und sie nun menschenfreundlich und
liebevoll von ihm behandelt sahest! -
    Aber wie stauntest du, mein Hartknopf, da du mit deinen beiden Gefährten in
die Tore deiner Geburtsstadt eingingest, und die ganze nunmehro
philantropinisch gewordne Jugend deiner Vaterstadt, angeführt von ihren andern
beiden Lehrern, dem Schneider und Friseur, in bester Ordnung dir entgegen kam,
und deine beiden besoffnen Gefährten, mit einem lautgellenden Freudengeschrei
bewillkommte; und wie deine beiden Gefährten umhalset und geliebkoset, und im
Triumph durch die Strassen der Stadt, bis nach ihrer Wohnung in dem neuen
Erziehungshause geführt wurden; das eines der ansehnlichsten Gebäude in der
Stadt war.
    Der Triumph, womit Hagebuck und Küster eingehohlt wurden, bezog sich auf
eine Wette, die sie angestellt hatten, dass sie in Zeit von vier und zwanzig
Stunden sieben Meilen zu Fusse hin und her gehen wollten. - Diese Wette hatten
sie nun gewonnen, indem sie von dem Orte, der sieben Meilen weit von
Gellenhausen lag, Brief und Siegel mitbrachten, dass sie da gewesen waren. -
Solche Wetten wurden öfter angestellt, um dadurch einen edlen Wetteifer zu
befördern - Und Hagebuck und Küster glaubten auch, schon des Beispiels wegen,
solche Touren machen zu müssen, damit es nicht schiene, als ob sie selbst ihren
Körper nicht abzuhärten, und das nicht auszuüben suchten, was sie doch andern
predigten. - Nun schien aber vorzüglich das zu Fuss reisen, so etwas
philantropinisches Weltbürgermässiges zu sein, dass sie nicht mit Unrecht
glaubten, es verdiene wohl durch ihr eignes Beispiel den Menschen angepriesen zu
werden. - Hagebuck hatte von seiner Wanderschaft als Schuhknecht her noch eine
grosse Geläufigkeit in seinen Füssen, ob er gleich mit den Knieen etwas einwärts
ging, dass er noch ziemlich munter auf den Beinen war, da Küster schon anfing
ziemlich schachmatt zu werden - endlich aber da es gegen Abend ging, konnten sie
beide nicht mehr fort - und hatten doch noch beinahe fünf Meilen vor sich; war
es nun diesen Leuten, die es sich um das Beste der Menschheit so sauer werden
liessen, wohl zu verdenken, wenn sie, da sie sich mit ein wenig Wein erquicken
wollten, des Guten zuviel taten, und nun die übrigen fünf Meilen in einem weg
auf die lustigste Art hintaumelten, die sie sonst auf die langweiligste Art
hätten gehen müssen.
    Und hatten sie gleich im betrunknen Mute den armen Hartknopf in einen
Graben geworfen, so hatten sie ihm doch nachher brüderlich wieder unter die Arme
gegriffen - und hatten sie ihm gleich für sein Mitleid gegen den Gefallnen mit
Schlägen gelohnt; so hatten sie ihm doch auch wieder verziehen, da er ihnen
doppelt und dreifach vergalt, was ihre blinde Nachsucht an ihm ausübte. -
    Und Hagebuck - denn man muss doch auch dem Teufel Gerechtigkeit wiederfahren
lassen - war, seine Heuchelei und Verstellung, und seine menschenfeindliche
Gemütsart abgerechnet, die aus seinen schwarzen Augenbraunen hervorleuchtete,
ein Mensch, der niemanden leicht etwas zu leide tat; ausgenommen wenn es ihm
Nutzen brachte, oder er sich etwa einmal einen kleinen Spass machen wollte, wie
mit Hartknopfen, den er in den Graben stiess! -
    Der einzelne Mensch war ihm, wie nichts - den unversehens in einen Graben zu
stossen, und in den Arm zu kneifen, indem er sich stellte, als ob er ihn
brüderlich unterfasste, daraus machte er sich nichts - aber die ganze Menschheit
konnte er liebevoll umfassen - gegen die schlug sein Herz, wie er sagte, mit
mächtigen Schlägen; für die opferte er, indem er in vier und zwanzig Stunden
sieben Meilen hin und zurück ging, seine Kräfte auf.
    Demohngeachtet aber fehlte es ihm nicht an einem wirklich unternehmenden
Geiste; und er pflegte sich deswegen auch oft mit Lutern, und seinen Kollegen
Küster mit Melanchton zu vergleichen; und als er auf der Reise nach Gellenhausen
begriffen war, so dachte er sich alle die Schwierigkeiten, die dort seinem
grossen Reformationsgeschäfte von der Geistlichkeit des Orts würden
entgegengesetzt werden, und konnte sich nicht entalten, seinem grossen Vorgänger
Luter die merkwürdigen Worte nachzusprechen: wenn auch in Gellenhausen so viel
Teufel als Ziegel auf den Dächern wären, so wolle er doch den Sieg behalten; er
verstand aber unter den kleinen Teufeln, die Menge der Vorurteile, die er nun
in Gellenhausen besiegen, und was er sonst noch alles ausrichten würde, so dass
sein Angedenken noch nach Jahrhunderten nicht verloschen sein sollte.
    Küster war eine gute schwache Seele, der allem Beifall gab, und alles für
Orakelsprüche hielt, was sein Herr und Meister, Hagebuck nur über seine weisen
Lippen strömen liess. - Wenn Hagebuck diktirte, so fasste Küsters Feder seine
Worte, wie die Worte eines Heiligen auf, und brachte sie mit zitternder Hand zu
Papier, dass ja nicht eine Silbe davon verloren ging - denn brach er oft in
laute, freudige Ausrufungen über die hohe Weissheit aus, die in Hagebucks Worten
lag, welche er das Glück hatte niederzuschreiben -
    Er war Hagebucks getreues Echo - wenn dieser diktirte, so schrieb er, und
las ihm seine Worte wieder vor; wann dieser auf den Stock und die Rute
schimpfte, so schalt er auf das Auswendiglernen und die Vokabeln; wenn dieser
seinen undankbaren Zeitgenossen fluchte, dass sie ihn nicht zum allgemeinen
Weltreformator mit einem Gehalt ernennen wollten, so seufzte er über das
undankbare Gellenhausen, welches doch, wie ich vorher bemerkt habe, was
Viktualien anbetraf, sich nichts weniger, als undankbar bewiess; wenn Hagebuck
mit dem höchsten Patos eine Rede über Menschenglück und Menschenwohlfahrt
hielt, und seine Hände fochten, und alle seine Muskeln angestrengt waren; so
sah Küster wie das Amen zu der Predigt dazu aus - und er war auch wirklich das
Ja und Amen von allen Reden, die Hagebuck je in seiner Gegenwart gehalten hat.
    Man wundre sich nicht, dass dieser Küster, da er noch wirklicher Küster war,
sich gegen seinen Pastor so übermütig betrug - das Herz des Pastors war ein
noch stolzeres und verzagteres Ding, als das Herz seines Küsters - aber
Hagebucks Genius war stärker als Küsters Genius - und sein Übermut verwandelte
sich gegen diesen in Ehrfurcht und Anhänglichkeit, welche immer bei dem
Schwächern gegen den Stärkern statt findet, wenn der Stärkere einmal sein Herr
geworden ist.
    Diese beiden Leute wurden nun, wie gesagt, im Triumph in Hartknopfs
Vaterstadt eingehohlt, und um Hartknopfen bekümmerte sich keine Seele, als ein
alter Pudel, der seinem Herrn Vetter dem Gastwirt Knapp im Paradiese gehörte,
und auch vor Alter schon auf einem Auge blind, und auf zwei Füssen lahm war. -
Dieser sprang auf, und liebkosete Hartknopfen, da er vor der Türe des Gastofes
stand, und das uralte Schild besah, wo noch der Cherubim mit dem flammenden
Schwerdte stand, und unsre beiden ersten Eltern nakt und bloss dem schönen
Paradiese den Rücken zukehrten. Hier stand Hartknopf - denn die beiden
Weltbürger mit denen er gewandert war, hatten nicht zu ihm gesagt: bleibe bei
uns, denn es will Mittag werden, und dich wird wohl hungern; sondern sie sagten:
behüt' ihn Gott, mein Freund! da sie von ihm Abschied nahmen, und gaben ihm
nicht die Hand vor den Leuten, sondern nickten ihm nur ein wenig mit dem Kopfe,
und Hagebuck nickte ihm bloss mit seinen schwarzen Augenbraunen zu.
Und Hartknopf kehrte nun nach einer langen mühseligen Wanderschaft in seinem
Geburtsorte im Paradiese ein. Hier fand er doch Freunde und Bekannte wieder -
erstlich den alten lahmen Pudel, und dann seinen Herrn Vetter Knapp, die ihn
beide herzlich bewillkommten.
    Der Herr Vetter Knapp war ein Mann von kurzen Antworten, und seine Rede war
im eigentlichen Verstande Ja! Ja! Nein! Nein! - wenn man ihn aber auf den
rechten Punkt brachte, wo er zu Hause war, und wo ihm eine Sache am Herzen lag,
so sprach er mit einem Fluss der Rede, wo er kein Aufhören finden konnte. Also:
    H. Lieber Herr Vetter Knapp kennt er mich noch?
    K. Ja! Ja! (indem er ihm die Hand-schüttelte.)
    H. Lebt seine Frau noch?
    K. Nein! Nein! (indem er sich die Augen wischte.).
    H. Kann ich die Nacht hier herbergen?
    K. Ja! Ja! (indem er ihn in seine beste Stube führte.)
    Knapp besorgte zu essen und zu trinken für seinen Vetter, und beide setzten
sich nun zu Tisch, und sprachen in zwei Stunden kein Wort miteinander, denn
Hartknopf kannte seinen Vetter noch voll Alters her. - Endlich fing Hartknopf
an:
    Lieber Vetter, wer sind denn eigentlich die beiden, die mich da unterweges
begleitet haben, der Hagebuck und der Küster, und was machen diese Leute hier?
    K. Ja! Ja! mein Freund, da liesse sich viel von reden - aber er weiss, das ist
nun einmal meine Sache nicht - es tut einem in der Seele weh, wenn man der
Narretei und dem Unwesen so zusieht! - Erst hat sich der Magistrat in dem
grossen spitzen Turm verbauet - was die Feldschlangen auf dem Walle sollen, das
weiss der liebe Gott - und nun lässt er da ein paar Landläufer herüber kommen, die
uns allen den Kopf toll machen - seh er einmal meine beiden Nachbarsjungen: -
die Jungen sehen aus, wie die Narren, mit ihrem rochen Ordensbände, das sie um
ihre schäbichten Kamisöhler hängen haben - der eine hat einmal einen gefangnen
Vogel wieder fliegen lassen, und der andre hat für einen Hund gebeten, der
Prügel haben sollte, dafür haben sie nun beide den Orden gekriegt - alles wohl
gut - aber die Jungen wissen nun einmal, was für ein Aufhebens davon gemacht
wird, wenn sie so etwas tun; da werden ihnen nichts als kleine Geschichten
erzählt, wo dergleichen edle Handlungen zu Dutzenden darin vorkommen; anstatt
dass sie nun denken sollten, das müsste schon so sein, das verstünde sich schon
von selbst, lernen sie etwas ganz besonderes daraus machen, und tun vor ihren
Eltern und erwachsenen Leuten gross damit - Lieber Vetter, was soll das? - Die
alten Tafeln, worauf die zehn Gebote standen, haben sie in unsrer Kirche
abgenommen, und dafür eine Tafel mit Punkten hingehängt - sehe er nur, das heisst
eine Meritentafel, da stehen die Nahmen der Jungen oben angeschrieben, und wer
die meisten Meriten hat, der hat auch die meisten goldnen Punkte, nun sag' er
mir, was kann so ein Junge wohl für Meriten haben? Wenn wir von Moral reden
wollen, so sind doch die zehn Gebote auch eine recht kurze und nachdrückliche
Moral - warum sollen wir denn die nun wegen der goldnen Punkte abschaffen? Der
Mensch behält alles so leicht an den Zahlen, er zählt sich so gern etwas an den
Fingern ab - Mit den zehn Geboten war man nun einmal so schön eingerichtet - man
durfte nur sagen, du musst nicht wider das siebente, wider das sechste, wider das
achte Gebot, sündigen, und jedermann verstand einen gleich - die neue Moral ist
zu weitläuftig, Herr! für uns gemeines Volk! Wir müssen etwas Kurzes und
Bündiges haben, das wir auf den Fingern abzählen können, und das uns immer zu
rechter Zeit wieder einfällt, wenn wirs brauchen. - Wer die fünf Species rechnen
kann, der hat so viel rechnen gelernt, als er fürs Haus braucht, und wer die
fünf Hauptstücke von Luters Katechismus im Kopfe und im Herzen hat, der hat
auch so viel Christentum und Moral gelernt, als er fürs Haus braucht - Was die
drei Glaubensartikel anbetrift, so ist mir der von Gott den Vater immer der
erbaulichste gewesen, der mich erschaffen hat, und noch erhält, der mir
Vernunft, Augen, Ohren, und alle Sinne gegeben hat, und der ein Schöpfer Himmels
und der Erden ist - die andern beiden Glaubensartikel lasse ich aber auch in
ihren Würden, ob ich sie gleich nicht so ganz verstehe, wie den ersten.
    Hier hatte nun Herr Knapp eine Saite auf Hartknopfs Seele berührt, die
sogleich einen hellen und sanften Ton von sich gab, welcher den, der ihn hörte,
auf eine Weile in angenehme Schwärmereien einwiegte; bis auf einmal seine
trockne Laune wieder da war, die den horchenden Träumer aus seinem Schlummer
weckte, und ihn wieder auf den gegenwärtigen Lebensfleck zurückbrachte.
    Was die Glaubensartikel anbetrift, mein lieber Vetter - sagte Hartknopf -
was die anbetrift, so scheint er mir darin auf einem recht guten Wege zu sein,
dass er den von Gott dem Vater für den erbaulichsten hält, und die andern beiden
doch auch in ihren Würden lässt. - Lieber Vetter! der Vater wäre nicht Vater,
wenn der Sohn nicht wäre - der Vater muss durch den Sohn erkannt werden, wie der
Gedanke durch das Wort - Das Wort ist das Kleid, das den Gedanken umhüllet -
aber ohne das Wort wäre der Gedanke nichts - das Wort ist allmächtig - es war im
Anfange, und war bei Gott, und Gott war das Wort, und durch das Wort ist alles
gemacht, was gemacht ist - Lieber Vetter, unser ganzes Leben und Sein drängt
sich in ein grosses Wort zusammen, aber ich kann es nicht buchstabieren - dies
Wort hat den Himmel gewölbet, es hat aus der dunkeln Mitternacht die
Morgensterne hervorgerufen - Es geht aus vom Vater, Sohn, und Geist, so wie der
Geist vom Vater und Sohn, und der Sohn vom Vater allein ausgehet - Viere sind,
die da zeugen im Himmel: der Vater, der Sohn, der Geist, und das Wort, und diese
viere sind eins - Das Wort aber ist Fleisch geworden, und hat unter uns
gewohnet, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, als eine Herrlichkeit des
eingebohrnen Sohnes Gottes, und - Vetter, wir können sie noch alle Tage sehen,
und dürfen sie nicht weit suchen. - Die Weisheit stehet auf den Gassen und
spricht: kommet her zu mir, und lernet von mir; ich will euch Worte des Lebens
sagen! Die Worte des Lebens aber tönen sanft und voll, und wer sie einmal gehört
und sein Ohr daran gewöhnet hat, dem tönen sie sein ganzes Leben hindurch in
einem fort, und sind der harmonische Takt zu allem, was er denkt, und spricht,
und tut. - - Wer auf diesen Takt horcht, dessen Blut fliesst leicht in seinen
Adern, seine Seel' ist immer heiter, sein Auge beständig offen für den
Lichtstrom, der sich aus Gottes Schöpfung hinein ergiesst; sein Schlummer ist
sanft, sein Erwachen froh - sein Tod wie erwünschter Schlaf in der schwülen
Mittagshitze - Vetter, wir sind ist das höchste, was wir sagen können - die Welt
um uns her ist unendlich gross, und uns ist doch hier so wohl zwischen seinen
vier Pfählen - nun lass' er uns auch eine Pfeiffe Toback stopfen, und hört er
nicht, sein Junge schreit!
    Hartknopf hatte gleichsam den ersten Buchstaben von dem grossen Worte gesagt,
und glaubte, sein Vetter würde vielleicht mit dem zweiten Buchstaben einfallen -
weil er aber dies nicht tat, so lenkte er bald wieder ein, und sagte: lass er
uns doch eine Pfeiffe Toback stopfen, und: hört er nicht wie sein Junge schreit?
    Der Junge schrie aber erbärmlich, weil ihn einer von den barfüssigen
philantropinischen Buben, der aber schon ein Ordensband trug, bei den Haaren
herumzausste. Er hatte diesen Burschen mit seinem Ordensbande ausgehöhnet, und
der veestand keinen Spass, sondern fing an von seinem gymnastischen Unterricht
jetzt die praktische Anwendung zu machen, und baxte den kleinen zehnjährigen
Knapp zur Erde nieder, welches ihm nicht schwer fiel, da er selbst schon ein
grosser Tölpel von sechzehn Jahren war.
    Vater Knapp lief hinaus, und rettete seinen Sohn aus den Fausten des grossen
Hagebuckschen Zöglinges, den er mit einigen fühlbaren Verweisen entliess, und mit
seinem zerzaussten und zerschlagnen Jungen zu seinem Vetter Hartknopf wieder in
die Stube trat. - Da haben wir nun die Früchte, sagte er; so muss mein armer
Junge es oft entgelten, wenn ich mich über die Albernheiten aufhalte, und ihn
nach meiner eignen Weise ziehe. - Und wenn das Wesen noch lange so fortdauret,
so werden wir doch am Ende noch alle zu Narren werden -
    Auf einmal fuhr ein Geist des Eifers in Hartknopfen, als solle er die Käufer
und Verkäufer aus dem Tempel treiben, und er stiess mit seinem Dornstock heftig
auf die Erde, und sagte: Vetter, das soll hier gewiss nicht so bleiben.
    Nun pflegte aber Hartknopf nichts zu sagen, was er nicht halten konnte. -
Als sie sich den Abend zu Tische setzten, wurden Rettiche aufgetragen, wovon
Hartknopf ein Liebhaber war, und da man nun das Salzfass brachte, rückte es
Hartknopf vor sich hin, und fing darüber leise an zu beten, so dass sich sein
Vetter darüber wunderte, und ihn um die Ursach dieses Beginnens fragte, worauf
Hartknopf aber weiter nichts antwortete, als dass das Salz eine vorzügliche Gabe
Gottes sei, wofür man ihn also auch vorzüglich mit einer aufmerksamen Hinsicht
auf die Sache danken müsse - dabei schien es nun dem Vetter Knapp, als ob
Hartknopf immer noch starr auf das Salzfass hinsähe, und mit seinen Augen
gleichsam in das Allerinnerste dieser ihm heiligen und geweihten Körner
einzudringen suchten - Mit diesem Blicke noch immer auf das Salzfass geheftet,
fing er an von den gegeneinander wirkenden Kräften in der Natur, von Neuheit und
Jugend, von ewiger Auffrischung des Alten und Vergangnen zu reden - und Knapp
sah auch aus einem sympatetischen Zuge bald auf das Salzfass und bald wieder
auf seinen Vetter, der mit einer Art von heiliger Ehrfurcht, das Salz auf die
Rettigscheiben zu streuen schien, indem er sprach - und der in jedem Salzkorn
auf seiner Zunge einen hohen Sinn, eine wundersame Bedeutung gleichsam zu
schmecken schien.
    Da sie nun gegessen hatten, so gingen sie in der Stadt umher, und besahen
die bekannten Plätze, wo Hartknopf als Kind gespielt hatte. - Die Hütte, wo
zuletzt Hartknopfs Eltern wohnten, war eingefallen - sie gingen auf den
Kirchhof, um ihre Grabhügel zu sehen - es war Mondschein - da stand der
Verfasser der sich entknospenden Frühlingsrose und stellte auf den Gräbern der
Tobten eine dramatische Uebung an. Es hatten nehmlich eine Anzahl Jünglinge und
Mädchen, jeder eine von den Personen, die in Klopstocks Messjade vorkommen, als
eine Rolle übernommen, und die Reden, welche sie sagt, auswendig gelernt: der
Frühlingsrosenentknosper hatte dem Ganzen eine Art von dramatischer Form
gegeben, und er selbst spielte denn natürlich die Hauptperson, den
Auferstandnen, um den die Weiber weinen und klagen, und der ihnen dann plötzlich
erscheinet. Diesen Abend wurden die Jünger von Emaus aufgeführt, wovon Hagebuck
den einen und Küster den andern, der Stifter des Spiels selbst aber Christum
vorstellete. - Das Parterre war eine Reihe von Grabhügeln, worauf die Zuschauer
sassen, und eine Reihe Lindenbäume, hinter welchen die spielenden Personen
hervorkamen, waren die Kulissen. Die Erleuchtung machte, wie gesagt, der Mond. -
Sie hatten nun die Reden aus der Messiade auswendig gelernt; Hagebuck machte den
etwas lebhaftern und Küster den sanftern Jünger; und gerade da der eine sagt:
bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget, kamen
Knapp und Hartknopf auf den Kirchhof gewandert, und die beiden Jünger von Emaus
erkannten Hartknopfen, mit dem sie die Nacht gewandert hatten, und ob sie ihn
nun gleich in so unangenehmer Gesellschaft kommen sahen - denn der Gastwirt
Knapp war ihnen immer ein Dorn im Auge gewesen - so nötigten sie ihn doch, im
Ernst bei ihnen zu bleiben, und mit ihnen vorlieb zu nehmen - denn es wurde
wirklich, da es so weit kam, dass die beiden Jünger von Emaus ihren unbekannten
Gefährten zum Essen einluden, ein artig besetzter Tisch unter einen der
Lindenbäume gebracht, und Parterre und Teater floss nun in eins zusammen; denn
die bisherigen Zuschauer setzten sich alle mit an den Tisch, und waren also nun
Personen mit im Spiele - Jesus brach das Brodt und dankte, aber er verschwand
nicht, nachdem er sich zu erkennen gegeben hatte, sondern liess es sich mit den
übrigen recht gut schmecken, und Hartknopf mit seinem Vetter mussten sich auch
mit an den Tisch setzen, ehe liess man ihnen keine Ruhe. - Es war dies eine Art
von Pickenik, wozu ein jeder das seinige mit beitrug; die beiden Jünger von
Emaus gingen frei aus; um desto herzhafter aber fingen sie an zu zechen; denn
für gute Leute, sang Hagebuck, ist der gute Wein, und dabei machte er
Hartknopfen ein schiefes Maul zu - denn so oft ihn Hartknopf ansah, so war es
immer, als wenn der Hahn zum zweitenmal gekrähet hätte - Der Blick durchschaute
Hagebucks Geist und Seele, aber er war schon zu hart zum Schmelzen, er ging
nicht hinaus, und weinte bitterlich, sondern, da er sich nicht anders mehr zu
helfen wusste, machte er Hartknopfen ein schiefes Maul zu. - Die Verzerrung
seiner Muskeln dabei war krampfhaft und fürchterlich - Du wirst der Schlange den
Kopf zertreten, aber sie wird dich in die Fersen stechen. - - Hartknopf sass erst
da, still und unbemerkt und schwieg - Die Sonne war untergesunken, das Gespräch
lenkte sich auf Tod und Unsterblichkeit Hartknopf sagte ein paar Worte darüber,
die der einfältigste Bauer auch hätte sagen können, so kunstloss und ungelehrt
waren sie - und doch ward eine allgemeine Stille, da er gesprochen hatte, und es
getraute sich eine Weile niemand weiter zu reden. - So gross war die Herrschaft
über die Gemüter, die Hartknopfen angebohren zu sein schien.
    Man stand nun vom Tische auf, die Gesellschaft zerstreute sich nach und nach
- und ganz zuletzt taumelten denn die beiden Jünger von Emaus auch wohlbezecht
von dannen.
    Hartknopf und sein Vetter blieben auf dem Kirchhof allein - der Mond ging
auf und beleuchtete die hohe Spitze des Kirchturms und die alten langen Fenster
der Kirche. - Die beiden Vettern suchten den Grabhügel, wo Hartknopfs Eltern
lagen. Sie fanden ihn endlich unter vielen heraus - er war schon beinahe durch
die Zeit geebnet; der Staub darunter war eingesunken, und der Hügel mit -
    Nahe dabei lag ein alter, abgehauener Baumstamm, sie wälzten ihn heran, und
setzten sich darauf -
    Nicht weit von hier sagte Knapp, und zeigte über zwei fremde Gräber weg,
nicht weit von hier liegt meine Frau - funfzehn Jahre lang habe ich mit ihr
glücklich gelebt, und von den funfzehn Jahren gereuet mich auch kein einziger
Tag - ich habe sie doch gehabt, sagte er, sollte ich denn nun murren, dass ich
sie nicht mehr habe?
    Eben so wenig wie er murren kann, dass es heute nicht mehr gestern ist,
antwortete Hartknopf. - Was heisst haben? - Wir haben den Tag nicht eher bis er
vorbei ist. Niemand schätze sich glücklich, bis seine letzte Stunde da ist -
Wohl dem, der denn sagen kann: ich habe gelebt - Seine Frau hat gelebt, lass er
sie in Frieden ruhn!
    Mir ist so wohl ums Herz, da ich mit ihm rede, erzähl' er mir doch nun auch
seine Lebensgeschichte, wie es ihm zeitero gegangen ist, sagte Knapp - er geht
doch nun wohl schon stark in die Vierziger, - und in Zeit von zwanzig Jahren
kann einem schon vielerlei begegnen - denn er mochte doch wohl ohngefähr ein
Bursche von neunzehn Jahren sein, da er als Geselle hier auswanderte - aber das
muss ich sagen, viel Sorge und Kummer muss er die Zeit her nicht gehabt haben,
sein Gesicht hat sich fast gar nicht verändert - ja! ja! ein Handwerk hat einen
güldnen Boden, es lässt niemanden sinken, das habe ich immer gesagt, wenn sein
Vater sich die Grille in den Kopf setzte ihn studieren zu lassen - hätte sein
Vater weniger über Büchern gesessen, und das verwünschte Laboriren unterwegs
gelassen, so wäre ihm Haus und Hof nicht mit in Rauch aufgegangen, so hätte er
nicht zuletzt in der alten Hütte wohnen, und in Kummer und Elend sterben müssen.
- Er hätte denn auch nicht auswandern dürfen, lieber Andreas, und hätte bei
fremden Leuten nicht sein Brodt suchen dürfen. - Doch das ist im Grunde
einerlei, - er hat sich doch nun was versucht, und wird sich schon
durchgeschlagen haben. - Aber Jammer und Schade ist es, um die schöne Schmiede,
die sein Vater hier hatte - Gut war es, dass meine Schwester es nicht erlebte,
wie sie verkauft wurde, es war ein schmuckes Mädchen, da sie seinen Vater
heiratete.
    Indem sie noch so miteinander sprachen, kam ein alter Greis gebückt auf
einem Stabe im Mondschein daher geschlichen, bot ihnen einen guten Abend,
gesellte sich zu ihnen, und setzte sich auf den Grabhügel bei ihnen nieder.
    Es war der Rektor Emeritus von der lateinischen Schule in Gellenhausen,
Hartknopfs ehemaliger Lehrer, der jetzt von einem Gnadengelde von jährlich
funfzig Talern kümmerlich lebte. - Die Belohnung seiner treuen Dienste
erwartete ihn dort oben, und nicht hienieden auf Erden. -
    Er erkannte sogleich seinen ehemaligen Schüler, und eilte mit offnen Armen
auf ihn zu: - so sehe ich dich denn wieder, mein Getreuer, und sehe dich weise
und glücklich, das sagt mir dein Blick und deine Farbe! - »und dieser
Händedruck!« sagte Hartknopf, und der alte Rektor Emeritus erkannte das Zeichen
ihres ehemaligen Bundes der Weissheit und Tugend, den sie ohngeachter der
Verschiedenheit des Alters, zu einer ewigen Freundschaft geschlossen hatten - in
dem Augenblick fühlte er sich hoch begeistert - die Vergangenheit stand mit
diesem Zeichen plötzlich in ihrer ganzen Klarheit vor seiner Seele wieder da -
    - Es ist voll Mittag! sagte Hartknopf und
    - Es ist hoch Mitternacht! antwortete der Greis.
    Und Knapp sagte: es ist Zeit, dass wir zu Hause gehen; denn die Luft fängt
an, kühl zu werden.
    Seine Geschichte, Vetter, ein andermal! Morgen Abend wollen wir uns hier
wieder finden, sagte der Emeritus, und zu Knapp:
    Gute Nacht Herr Gevatter! denn Knapps zehnjähriger Sohn war sein Pate.
    Darauf schieden sie voneinander.
    Und Knapp und Hartknopf gingen zu Hause und legten sich nieder.
    So ward aus Morgen und Abend Hartknopfs erster Tag in seinem Geburtsorte.
 
               Hartknopfs erstes Erwachen in seinem Geburtsorte.
Als Hartknopf am andern Morgen die Augen aufschlug, stand ein kleines
Kammerfenster offen, und er konnte durch dasselbe in der Ferne einen Hügel
sehen, worauf das Gellenhausische Hochgericht stand. -
    Von diesem Hügel hatte man in der ganzen Gegend umher die reizendste
Aussicht - gleichsam als wenn man dem Verbrecher, der hier das Ende seiner Tage
finden sollte, noch zur doppelten Strafe, vorher alle Herrlichkeit der Erde
zeigen wollte, die er nun auf einmal mit gesundem Leibe verlassen musste.
    Auf diesem Hügel unter dem Galgen hatte Hartknopf oft gespielt, und mit den
andern Knaben des Orts Ball geschlagen. - Von diesem Galgenhügel hatte er zuerst
in Gottes schöne Welt geblickt, und seinen Vater oft gefragt, was dieser offne
Torweg unter freiem Himmel bedeuten sollte, und wozu man die Lumpen und
schwarzen Knochen darin aufgehangen hätte? - Uebrigens diente ihm das Bild
dieses Galgens in der Folge zum Kommentar über die Geschichte Simsons, und kam
ihm vor die Seele, so oft er las, dass Simson ein Stadttor ausgehoben, und auf
einen Berg getragen habe.
    Diese Eindrücke waren so fest bei ihm geworden, dass sich ihm, so oft er
einen Galgen sah, das Bild einer reizenden Gegend, und so oft er eine reizende
Gegend sah, das Bild eines Galgens unwillkührlich aufdrängte.
    Itzt, da er nun denselben Galgen wiedersah, an dessen Vorstellung sich alle
die süssen Erinnerungen aus seiner Kindheit anknüpften, wurde er plötzlich mit
einer unaussprechlichen Wehmut erfüllt - was damals blühte, fing nun schon an
zu welken - was damals welkte, war nicht mehr -
    Er stand auf, schlug seinen messingnen Kamm in sein Haar, knüpfte seinen
Rock von oben bis unten zu, sah, ob sein Vetter noch schlief - und dann liess er
ihn ruhig schlafen, und wanderte an seinem Stabe in der kühlen Morgenlust dem
geliebten Hügel zu - und der alte einäugige Pudel begleitete ihn.
    Es war noch früh am Tage - die Türen waren alle verschlossen und
Gellenhausen lag noch im tiefen Schlummer begraben - Da war ein Ziehbrunnen
nicht weit von der ehemaligen Wohnung seiner Eltern. - Beim Anblick desselben
war ihm sonderbar zu Mute - Es war ihm plötzlich, als ob er einen Blick hinter
den undurchdringlichen Vorhang getan hätte, der irgend ein vergangnes Dasein
von seinem gegenwärtigen Dasein trennte. - Er erinnerte sich an einen Zustand,
der diesem ganz gleich war, und wusste doch diese Erinnerung nicht an Zeit und
Ort zu knüpfen. -
    Endlich fiel ihm ein, dass seine Mutter in seiner frühesten Kindheit, ihn,
wenn er die Frage tat, woher er gekommen sei, immer den Brunnen nicht weit vom
Hause, als den Urquell seines Daseins genannt habe. -
    So oft er nun die Wörter Brunn oder Brunnquell hörte, entstand jene
sonderbare Empfindung in seiner Seele, die man immer zu haben pflegt, wenn man
sich an etwas aus den Jahren seiner allerfrühesten Kindheit erinnert.
    Nach Hartknopfs Meinung hatte es auch mit diesen Erinnerungen eine ganz
eigne Bewandtnis, und er hegte hierüber seine ganz besondern Gedanken -
    »Die allerfrüheste Kindheit war ihm gleichsam der Letefluss, aus welchem wir
Vergessenheit aller unsrer vorigen Zustände trinken - Der Faden, der unser
gegenwärtiges Dasein an irgend ein vergangnes knüpfte, meinte er, sei hier so
dünne gesponnen, dass ihn das Auge fast nicht mehr bemerken könnte; durch eine
starke Hinsicht aber entdeckte man zuletzt doch etwas davon, so wie man oft am
gestirnten Himmel, indem man seine Blicke fest drauf heftet, immer da einen
Stern nach dem andern entdeckt, wo man vorher nur das Blaue sah.« - Aber nun
hat man einen Stern gesehen, und ist fest überzeugt, dass man ihn gesehen hat,
und sucht allentalben mit den Augen, ohne ihn wieder finden zu können. - So
zählte Hartknopf viele Augenblicke in seinem Leben, wo ihm über gewisse Dinge
ein plötzliches Licht in seiner Seele aufging, aber es war auch eben so schnell
wieder verschwunden - allein er wusste denn doch, dass er dieses Licht gehabt
hatte - und wenn es gleich verschwand, so liess es doch immer einen sanften
Schimmer, ein in der Ferne dämmerndes Abendrot zurück, welches über jede Stunde
seines Lebens einen stillen Reiz verbreitete, der ihn in süsse Ahndungen und
Träume einwiegte, das er sich denn gern gefallen liess, weil er, wie er sagte,
doch nichts damit zu versäumen hätte.
    Aber das Wiedersehen dieses Ziehbrunnen ging ihm über alles - er betrachtete
ihn lange und fest, ob es noch derselbe sei, und es war derselbe, wo er als ein
Kind von zwei Jahren auf den niedrigen Rand geklettert war, und seine Mutter mit
Geschrei und Schelten herzueilte, um ihn aus der Gefahr zu retten - dieser
heilige Brunnen, den sich seine ersten Gedanken, als den Ursprung seines Daseins
gedacht hatten, in dessen Bilde gleichsam, alle die folgenden unzähligen Bilder
seiner Seele zusammenströmten - Verkleinert schien sich zwar das Bild zu haben:
der grosse Ziehbaum, der in der Luft schwebende Eimer, hatten ihm Gegenstände
geschienen, die beinahe bis an die Wolken reichten. - -
    Mögen nun Hartknopfs Grillen hierüber gewesen sein, welche sie wollen - ein
Ziehbrunnen in einer Landschaft angebracht macht immer einen sonderbaren schwer
zu erklärenden Effekt. Sei es nun das Einfache in dem Baue, oder sonst etwas,
wodurch das Auge auf eine vorzügliche Art gerührt wird, so gibt es immer dem
Ganzen das Ansehen des Ländlichen, des Altertums, und der simplen Natur.
    Eine Zugbrücke hat in der Wirkung für mich etwas ähnliches mit jenem Bilde.
Ich denke mir dabei weite Reisen - - ferne Stadt - - Anfang, Ende - - Kurz es
gibt einige körperliche Gegenstände, bei deren Anblick wir eine dunkle
Uebersicht unsers ganzen Lebens, und vielleicht unsers ganzen Daseins erhalten.
- Diese Gegenstande mögen freilich immer bei einem jeden wieder andre sein. -
Was mir Hartknopf oft von Ziehbrunnen erzählt hat, das habe ich ihm wieder von
der Zugbrücke gesagt, und unsre beiderseitigen Bemerkungen treffen in Ansehung
der Wirkung, die diese Gegenstände auf uns taten, richtig zusammen.
    Wenn wir oft so miteinander aus dem Innersten unsrer Seelen heraus sprachen,
so war es eine Zeitlang, als ob wir unsre Ichheit miteinander vertauscht hätten,
wir fühlten uns ineinander - die innerste Folge der Gedanken des einen war für
den andern nicht mehr verschlossen. -
    Auf diese Weise unterhielten wir uns ohne Sprache - - Es herrschte zwischen
uns ein bedeutendes geistvolles Stillschweigen, das der Engländer a Silent
Conversation nennt - und welches man aus unsern faden Gesellschaftszirkeln immer
mit Gewalt zu verscheuchen sucht - indem man dieses heilige Stillschweigen für
eine Beleidigung des Wohlstandes hält. -
    O mein Hartknopf, wenn ich einst aus diesem fieberhaften Traume des Lebens
zu deiner Umarmung wieder erwache, durch was für unbekannte geheimnisvolle Wege
werden dann unsre Gedanken zueinander gelangen, und sich miteinander unterreden?
wenn das Gewölbe des Ohrs in Staub zerfallen, dieser feuchte Crystall des Auges
vertrocknet, und diese Lippe verwesst ist? - Wenn diese Brust nicht mehr atmet
um mit dem sanften Hauche der Luft den Gedanken zu bekleiden, dass er sich
mitteilt von aussen, und in dem Geiste des Hörenden sich vervielfältigt? -
Sollte dann eine ewige Kluft zwischen unsern Gedanken befestigt sein? - sollte
es unmöglich sein, dass sie unmittelbar zu einander gelangen könnten - o mein
Hartknopf, dann wärest du für mich verloren, und für mich wäre eine ewige
melancholische Einsamkeit - - aber wir haben uns einst ohne Sprache verstanden,
da selbst unsre Augen verschlossen waren - - diese Minuten sollen mir heilig
sein, an der Stütze will ich mich festalten, wenn manchmal in trüben Stunden
meine Zuversicht und mein Glaube wankt! -
    Hartknopf eilte nun weiter dem Tore zu, welches auf den Galgenberg führte -
er sah die breite Heerstrasse vor sich, auf welcher er seine erste Wanderschaft,
als Schmiedeknecht, angetreten hatte. - Hier fühlte er sich in seiner ganzen
jugendlichen Stärke wieder - die weite Welt lag wieder vor ihm, wie damals -
auch führte der Weg zum Galgen gerade nach Osten zu - er war auch auf seiner
ersten Wanderschaft schon einige Meilen nach Osten fortgerückt, hatte sich aber
nachher wieder weit gegen Westen geschlagen - da ging ihm denn die Sonne seines
Glücks unter, aber sie ging in seiner Seele desto herrlicher wieder auf. -
    Das Erdreich fing sich an zu heben, der Horizont wurde immer weiter - Türme
von Dorfkirchen und einzelne Häuser, die Hartknopfen alle bekannt waren,
stellten sich nacheinander seinem Auge wieder dar; die ganze Gegend schien ihn,
wie ihren alten Freund und Bekannten wieder zu begrüssen - Gellenhausen lag tief
im Tale, und er konnte bis in die Strassen hinabsehen -
    Endlich wälzte sich die Sonne mit einem Feuerberge umgeben, am Himmel
herauf, und rötete zuerst die Spitze des Galgens auf dem Hügel, und dann die
Spitze des hohen Turms in Gellenhausen - Endlich kam sie nun gerade hinter den
Galgen zu stehen, der Hartknopfen wieder, so wie ehemals in seiner Kindheit, wie
Simsons grosses Tor vorkam, und eine Ehrenpforte zu sein schien, wodurch die
majestätische Sonne ihren feierlichen Durchzug halten wollte.
    Gerade unter dem Galgen war der weiteste Prospekt, und mit welchen Entzücken
nun Hartknopf da stand, und die Wonne des Wiedersehens und der Wiedererinnerung
genoss, vermag ich nicht zu beschreiben. - Er faltete seine Hände zu Gott empor,
der ihn bis hieher geführt habe. -
    So stand Hartknopf und betete, sein Gesicht gegen Osten gekehrt, zu dem
Erhalter des Weltalls - in der stillen Einsamkeit, unter dem Hochgerichte bei
Gellenhausen - Dieser Hügel war sein Altar, und die ganze Natur sein Tempel.
    Auf den Altären in den Kirchen, die mit Menschenhänden gebauet sind, steht
zum Schmuck ein Creutz; diesen grossen Altar schmückte ein Galgen, an welchem
vielleicht schon mancher, als ein Opfer der unerbittlichen strafenden
Gerechtigkeit, unschuldig gelitten hatte. Und hätte auch nur ein einziger
unschuldig daran gelitten, so war dies Holz dadurch schon eingeweiht.
    Ach, und die Schuldigen - die hier einen schmählichen und schändlichen Tod
fanden - wer hat das Labyrint ihrer von Kindheit auf verflochtnen Schicksale
durchschaut? welcher Richter in die innersten Falten ihres Herzens geblickt? wer
den Uebergang von dem Gedanken zur Tat bemerkt? bemerkt, von welchen
Gegenständen, während dieses Uebergangs, Lichtstrahlen ins Auge, Töne ins Ohr
sich stahlen? ob der Himmel heiter oder trübe war, die Sonne sich hinter einer
Wolke verbarg oder sanft dem noch nicht gewordnen Verbrecher ins Auge glänzte? -
Wie manchen hat der Anblick der vollen Natur, der Anbruch des Morgens von einer
Tat zurückgehalten, worüber seine Seele in nächtlicher Stille gebrütet hatte? -
- Ja, wer hat sein eignes Herz durchschaut, um ein Richter seiner eignen
Handlungen sein zu können? - Verzeihe mir, Herr, die verborgnen Fehler! sagte
Hartknopf, indem sah er sich um, und hinter ihm stand sein aller Vektor
Emeritus, der sich eben von einem Husten erhohlte, den ihm das Aufsteigen auf
den Berg, und die kühle Morgenluft verursacht hatte. - Sie setzten sich nieder,
und fingen, ihr Antlitz gegen Osten gekehrt, folgendes Gespräch an:
 
      Hartknopfs Unterredung mit seinem alten Lehrer unter dem Galgen von
                                 Gellenhausen.
Der Emeritus. Ich glaubte dich hier zu finden, mein lieber Andreas, und ich
sehe, dass ich mich nicht geirrt habe - mit Entzücken lese ich heute noch wie
gestern, in deinem Auge, in deinen blühenden Wangen, auf deiner heitern Stirn,
dass unser Bund der Weissheit und der Tugend noch fest steht, und dass er fest
stehen wird, wenn diese meine morsche Hütte längst zerfallen ist - Sonnen sind
aufgegangen und Sonnen sind untergegangen, seit ich dich nicht gesehen habe,
Menschen sind in Staub gesunken, und Menschen sind geworden, der Schnee hat oft
diese Hügel and diese Täler bedeckt, und ist wieder von den Strahlen der Sonne
hinweggeschmolzen, seit ich dich nicht gesehen habe - dennoch ist der Faden,
womit sich meine Gedanken an die deinigen knüpften, nicht abgerissen - wir
sprachen, da wir vor ein und zwanzig Jahren zuletzt auf diesem Hügel voneinander
Abschied nahmen - von meiner alten messingnen Studierlampe mit dem grünen Schirm
- da wollen wir also wieder anfangen: - wie doch so ein Ding ausdauern kann -
die Lampe steht dir noch unversehrt auf dem Schrank hinter der Türe, und meine
alte Haushälterinn scheuert sie alle acht Tage so blank, dass sie wie ein Spiegel
glänzt, und doch ist sie noch wenig oder gar nichts abgenutzt - wie manchen
Abend hat sie uns beiden, Weissheit und Wahrheit durch das Auge in die Seele
geleuchtet, und der grüne wohltätige Schirm milderte ihren Schein, dass unser
Auge nicht ermüdete - Du hast nachher wohl bei mancherlei Lampen gesessen - aber
ich bin dieser einen getreu geblieben - Du sollst sie auch wieder sehen! -
Lieber Andreas, was ist diese Hülle von Staub? Dieser hinfällige Körper, den
eine alte Studierlampe überlebt - Es ist doch Schade, dass dieser kunstreiche Bau
des Auges, durch welches Licht und Wahrheit in die Seele strömt, eher wieder in
Staub versinken soll, als die Lampe, die ihm leuchtete - Diese Hand liess es ihr
nie an Oehl und Tacht gebrechen, und in kurzem wird sie verwesst sein - was wären
wir, lieber Andreas, wenn das, was wir unsre Hülle nennen, unser ganzes Ich
wäre? - Aber es kann nicht so sein, und es ist nicht so - du sollst mich auf
meinem Todtbette beobachten, wenn meine Augen brechen, und meine Lebensgeister
hinsinken, und indem meine Brust zu atmen aufhört, werd ich dir noch einen
Druck mit der Hand geben - der soll dir sagen, dass ich noch bin, in dem
Augenblick, da ich aufhöre zu leben. (Er gab drauf Hartknopfen die Hand auf die
Art, wie er sie ihm auf dem Todbette geben wollte - und Hartknopf vergoss keine
Träne, da er den Emeritus so reden hörte, sondern es leuchtete vielmehr eine
himmlische Heiterkeit und Zuversicht aus seinem Auge hervor - Der Händedruck
hatte etwas Erhabenes, Nerven- und Seelenerschütterndes, und eine überzeugende
Kraft, die mehr als der bündigste Syllogismus wirkte.)
    Hartknopf. O mein Elias! - dies war sein Taufnahme, und da sie den Bund
schlossen, hatte der Rektor Hartknopfen, ihn immer so zu nennen befohlen - lass
deinen Geist zwiefach auf mir deinem Jünger ruhn, wenn du auffährest! - Ich will
dir nachblicken, so weit ich kann, aber lass auch deine Gedanken mit meinen sich
zusammen finden! - wenn du noch bist, so muss das geschehen, - wenn ich dich
nicht mehr höre und nicht mehr sehe, so muss doch mein Geist mit deinem Geiste
noch Umgang pflegen - wenn ich rede, musst du mir antworten, wenn ich dich rufe,
musst du nicht ferne sein - -
    Der Emeritus. Ja, um wieder auf die Lampe zu kommen, weisst du auch, wie wir
einmal beim Shakespear sassen - der schönen Shakespearabende hast du dich gewiss
oft erinnert - wir lasen den Otello. - Wir sahen eine Welt von Leidenschaften
vor unsrer Seele aufsteigen - und unsre Erwartung der schrecklichen Katastrophe
war aufs höchste gespannt, als plötzlich die Lampe verlosch - und wir konnten
sie nicht wieder anzünden - das ganze erhabne Zauberwerk war verschwunden, bloss
weil eine armseelige Lampe verlosch - - wir legten uns missvergnügt zu Bette. -
Und wenn nun das Oehl in dieser Lebenslampe versiegt, und der Tocht vertrocknet
ist, und die leuchtenden Sterne dieser Augen auf immer verloschen sind - dann
ist auf einmal der sonst feste Zusammenhang so vieler Dinge für uns
abgeschnitten - wir legten uns damals missvergnügt zu Bette, als die Lampe
verloschen war - weil wir den Zusammenhang einer blossen Phantasie, einer
Schöpfung der Einbildungskraft nicht weiter verfolgen konnten. - O mein Freund,
wie gut ist es, sich nicht zu tief in den Lebenstext hereinzulesen - immer auf
der Warte zu stehn - um bereit zu sein, sobald die Ordre zum Aufbruch gegeben,
und das grosse Feldsignal aufgesteckt wird, dass wir kennen. -
    Ist es dir nicht oft im Traume gewesen, mein lieber Andreas, als ob du das
Erwachen fürchtetest; und wenn du erwachtest, wünschtest du denn nicht manchmal
wieder einzuschlafen, um nur den Faden von dem abgerissnen Traume wieder
anzuknüpfen - aber wenn du recht erwacht, und deiner selbst dich völlig wieder
bewusst warest, musstest du da nicht über dein Beginnen lächeln?
    Sieh, so lange, bis wir erst recht und vollkommen von diesem Lebensschlaf
erwacht sind, werden wir auch noch immer wünschen den schönen Traum wieder
anzuknüpfen, der durch den Tod unterbrochen wird - aber wenn uns erst die
Schlummerkörner aus den Augen gewischt sind - dann werden wir ins Freie schauen
- dann werden wir uns in der Wahrheitswelt erst wieder zu orientieren suchen, so
wie wir beim Erwachen aus dem Schlafe nach irgend einem Fenster oder einer Türe
fest hinblicken, und uns die Gegenstände rund um uns her merken, um uns zu
überzeugen, dass wir nicht mehr träumen sondern wachen - dann wird der
Zusammenhang der Dinge, den wir durchschauen, den gegenwärtigen eben so sehr
übertreffen, als wie der Tag die Nacht an Klarheit übertrift. -
    Warum sollte diese Stufenfolge nicht statt finden, mein Lieber? - mir hat
oft geträumet, dass ich aus einem Traume erwacht sei, und ich habe im Traume über
meinen gehabten Traum nachgedacht - und beim Erwachen konnt' ich über beides
nachdenken. - Der Traum war wegen seiner grössern Deutlichkeit eine Art von
Erwachen gegen den ersten - dies anscheinende Erwachen aber war doch wieder nur
ein Traum gegen das ordentliche Erwachen - und dies ordentliche Erwachen, wer
sagt uns, dass es gegen eine noch deutlichere Einsicht in den Zusammenhang der
Dinge, uns nicht wieder wie ein Traum dereinst vorkommen wird. -
    Jemehr Zusammenhang, jemehr Wahrheit - jemehr Ordnung, jemehr Licht. - Wie
vieles ist uns hier noch dunkel und verwirrt - es kann unmöglich das rechte
Wachen sein. - -
    Indem der Emeritus noch so sprach, wurde auf einmal sein Auge starr, und
seine Lippen bewegten sich nicht mehr - Hartknopf erschrak - allein der
entzückte Greis kam bald wieder zu sich, drückte Hartknopfen die Hand, und
sagte:
    Das war eine sonderbare Empfindung - indem ich eben jetzt so lebhaft dachte,
dass dies unmöglich das rechte Wachen sein könnte - so war es mir gerade als wenn
einem im Traume einfällt, dass man träumt; man pflegt denn zu erwachen - mir
däucht, ich war jetzt auf dem Wege zu erwachen, aber well ich dich vor mir sah,
so war mir der Traum zu süss; ich mochte ihn noch nicht fahren lassen, und der
Faden, welcher zu zerreissen drohte, ist noch einmal wieder angeknüpft - - Ich
gab dir aber doch die Hand, wenn er etwa reissen sollte - bald wird er reissen,
das fühl' ich wohl, mein Lieber!
    Hartknopf vergoss wiederum keine Träne, da er dies hörte, sondern sein
Antlitz schien sich bei diesen Gesprächen zu verklären, so wie das Antlitz
seines Lehrers und Meisters -
    Hier war wohl ein rechtes Tabor - obgleich ein Galgen die höchste Spitze des
Berges schmückte; so hätte man doch wohl sagen können, hier ist gut sein, hier
lasset uns Hütten bauen - denn das Verwessliche war hier im Begriff anzuziehen
das Unverwessliche - und der unsterbliche Geist durchbrach hier seine Hülle, und
strahlte aus Auge und Stirn hervor - Der Emeritus schwieg, und Hartknopf hub mir
halb gedämpfter Stimme an zu singen:
Wenn ich einst aus jenem Schlummer,
Welcher Tod heisst aufersteh,
Und von dieses Lebens Kummer
Frei, den schönern Morgen seh -
O, dann wach' ich anders auf,
Schon am Ziel ist dann mein Lauf,
Träume sind des Pilgers Sorgen,
Grosser Tag, an deinem Morgen!
Dies war schon seit einiger Zeit Hartknopfs Morgenlied gewesen - und dies Lied
war nun gleichsam die Musik zu dem grossen Text, den der Emeritus so eben
abgehandelt hatte. Darum schlug es in dessen Seele Feuer - er liess es sich zu
dreienmalen von Hartknopfen wieder vorsingen - da war es seinem Gedächtnis
eingeprägt, das lange schon Neues zu fassen aufgehört hatte, um nur das Alte
noch mühsam zusammen zu halten. -
    Die erhabne Melodie zu diesem Gesange scheint wie das Feuer des Prometeus
einer andern höhern Sphäre entwandt zu sein, mit solchen unbekannten
Empfindungen füllt sie die Seele, und macht das Herz zerschmelzen. -
    Erst hebt sie sich sanft und stuffenweise, bis sie sich bald in höhern
Regionen zu verlieren scheint, aus denen sie nun beruhigt, gestärkt, und
getröstet mit festem Tritt wieder herabsteigt, um sich aufs neue im höhern Fluge
mit Jauchzen emporzuschwingen - sanft hinwegzugleiten über diese niedre Welt -
mit Lächeln herabzuschauen auf die Sorgen und mühevollen Arbeiten der Bewohner
dieser Erde - und dann in einem einzigen grossen Gefühl der erweiterten Ichheit
allen Kummer des Lebens mit einemmal zu versenken.
    O es liegt ein grosses Geheimnis in dem Fall dieser melodischen Töne, die, so
wie sie auf und absteigen, die Sprache der Empfindungen reden, welche Worte
nicht auszudrücken vermögen - Welch ein weitläuftiges Gebiet von Ideen liegt
hier ausser den Grenzen der Sprache: wo ist der neue Kolumbus, der diesen bisher
noch leeren und unbeschriebnen Raum auf der grossen Charte der menschlichen
Kenntnisse, durch neue Entdeckungen ausfüllt? - -
 
                   Wo ein Aas ist, versammeln sich die Adler.
Indem Hartknopf und der Emeritus noch im tiefen Gespräch begriffen waren, hörten
sie Fusstritte den Berg herauf, und wunderten sich, dass sie schon so früh
Gesellschaft bekamen - als sie von der westlichen Seite die beiden
Weltreformatoren Küster und Hagebuck hinaufklimmen sahen, welche mit einem Trupp
der Gellenhausischen Jugend die Sonne wollten aufgehen sehen - sie waren aber
ein wenig zu spät gekommen.
    Sie kamen mit viel Geräusch und Lerm, und Hartknopf und der Emeritus zogen
sich in eine kleine Bucht am Abhange des Hügels zurück - und überliessen ihren
Platz den Weltreformatoren - diese nahmen ihn denn auch feierlich in Besitz;
Hagebuck liess seine Zöglinge sich im Kreise umherstellen, und zeigte ihnen von
dieser Höhe alle Herrlichkeit der Welt - darauf stellte er sich hin, und hielt
eine Rede an den ganzen Erdkreis, den er aufforderte, das Licht, welches ihm nun
so wohltätig aufgesteckt würde, willig anzunehmen, und die Nacht der
Vorurteile fahren zu lassen - hierauf redete er von dem Berge die Stadt
Gellenhausen an, dass sie doch ihr wahres Wohl nicht verkennen, und sich dem
wohltätigen Einfluss der allgemein sich verbreitenden Aufklärung nicht
widersetzen möchte - dann redete er die Gellenhausische Jugend an, dass sie dies
erhabne Schauspiel des Aufgangs der Sonne doch recht empfinden sollten - Und nun
fing er an, ein Gedicht in Hexametern auf den Sonnenaufgang vorzulesen, welches
sich anhub:
O seht, wie die blitzende Sonn' im Strahlengewande emporsteigt,
In majestätischer Pracht, ihr Völker grüsst ihr entgegen,
Jud', und Türke, und Christ, und selbst der schwärzeste Neger,
Sei von Danke belebt, dass ihm der Sonn' Antlitz zulächelt -
Indem nun Hagebuck noch weiter fortlesen wollte, zog sich auf einmal ein trüber
Nebelschleier vor die Sonne, der schon lange im Aufsteigen begriffen war, und
sie nun ereilte; dadurch war Hagebucken sein ganzes Koncept verdorben - denn das
Gedicht war ganz lokal, und es sollte nun eins nach dem andern daran kommen;
Hügel, Bäche und Täler, wie sie allmälich vom Strahl der Sonne vergoldet
wurden, und wie nun der Tau auf den Blumen blitzte - Das war nun alles
vergeblich - der Tau blitzte nicht mehr auf den Blumen - die Spitzen der Hügel
wurden nicht mehr vergoldet - Hagebuck machte eine lange Pause, und wartete, dass
der Nebel sich wieder wegziehen sollte - aber der Nebel zog sich nicht wieder
weg - Darüber wurde Hagebuck verdriesslich, und als ihm der alte lahme Pudel des
Gastwirts Knapp, der Hartknopfen begleitet hatte, zu nahe kam, so gab er ihm
mit dem Fuss einen Stoss, dass das arme schwache Tier nach einem lauten Schrei
verschied - Das war also an diesem Morgen des Pudels letzter Gang gewesen -
    Dass er von Hagebuck den unsanften Stoss erhielt, kam bloss daher, well er dem
Gastwirt Knapp angehörte, der Hagebucken beständig ein Dorn im Auge gewesen war
- denn er warnte das Volk - und so oft Hagebuck mit ihm reden wollte, war seine
Rede beständig ja! ja! nein! nein! gewesen.
Hartknopf hatte in seiner Bucht den Schrei des Hundes vernommen, und der
Emeritus hatte den Stoss gesehen - Da ergrimmte Hartknopf im Geiste, und sprang
auf, pakte den erschrocknen Hagebuck bei der Brust und sagte: »Unmensch, was hat
dir der Hund getan, dass du ihn todtgetreten hast?« - Er ist mir zu nahe
gekommen - - er hat mich gebissen - stammelte Hagebuck zitternd und zagend - »Er
ist dir nahe gekommen, aber er ist dir nicht zu nahe gekommen und hat dich auch
nicht gebissen« - erwiederte Hartknopf und schüttelte ihn noch stärker - Um
Gottes willen lass mich, flehte Hagebuck, und mach mich nicht zu Schanden vor dem
Volk! Ich will dir für den Hund ein Stück Geld bezahlen - musste er denn nicht so
bald verrecken - »Dass du verdammt seist mit deinem Gelde!« sagte Hartknopf, und
stiess ihn von sich, dass er einige Schritte rückwärts taumelte, dann seinen
Haufen um sich her versammelte, und schnell mit ihnen den Berg herunter eilte. -
    Und als er unten am Fuss des Berges war, mussten sich alle niedersetzen, und
er hielt ihnen eine Vorlesung, von der boshaften Nachsucht, und stellte
Hartknopfen zum Beispiel auf - und von der Grossmut und der süssen Pflicht zu
verzeihen, wozu er die Beispiele grösstenteils aus seinem eignen Leben hernahm.
-
    Oben auf dem Berge war nun das Feld wieder rein - Hartknopf und der Emeritus
nahmen noch eine Weile ihren Platz wieder ein - und der Nebel verzog sich,
sobald Hagebuck verschwunden war, und die Sonne glänzte wieder in aller ihrer
Klarheit.
    Dies wäre nun freilich so etwas zufälliges, das kaum bemerkt zu werden
verdiente - wenn nicht in den Seelen der Menschen eine gewisse Harmonie und
Disharmonie mit der sie umgebenden Natur statt fände - so dass bei dem einen alle
äussere Veränderungen in der Natur, in die natürlich auseinander folgenden
Veränderungen seines Ichs harmonisch eingreiffen - und hingegen bei dem andern
eine ewige Dissonanz aller äussern Umstände mit seinen innern Wünschen und
Bestrebungen statt findet. -
    Hartknopfs Seele traf immer wie eine richtig gestellte Uhr mit dem Lauf der
Sonne, mit Abend und Morgen, mit der Abwechselung der Jahrszeiten, mit Sturm und
Regen sowohl, als mit dem Säuseln des Westwindes, auf einen Punkt zusammen - und
eben so war es auch bei dem Emeritus Elias - sie gaben wie nicht zu schlaff und
nicht zu stark gespannte Saiten in dem grossen Konzert der Schöpfung immer den
rechten Ton an - ihnen konnte nichts mehr unerwartet kommen, nichts den Frieden
ihrer Seelen stören - sie waren in dem grossen Zusammenhange der Dinge, und in
sich selbst gesichert. -
    Als hingegen Hagebuck seine Hexameter deklamiren wollte, so zog sich auf
einmal ein Nebelstreif vor die Sonne - und es war auf einmal zwischen ihm und
der Natur eine gänzliche Dissonanz, die der arme lahme Pudel noch vermehrte, den
er auch dafür in den Staub darnieder trat - Was hätte er wohl mit der ganzen
Natur getan, wäre er in diesem Augenblick ihr Herr gewesen? - aber er fühlte
seine Ohnmacht, da Hartknopf ihn schüttelte - und knirschte in der Tiefe seiner
Seele, dass er die Obermacht des Gerechten anerkennen, und vor ihm wieder in
Staub versinken musste. -
    Wohl dem, wer sich mit der grossen Natur so steht wie Hartknopf und der
Emeritus! - der darf nicht Pest, nicht Teurung, nicht Ueberschwemmung fürchten
- - nicht Krankheit, nicht Verwesung - er schlummert so sicher auf dem Schoss
und in dem Schoss der Erde, wie das Kind im Schoss der Mutter - -
    Der alte lahme einäugige Pudel lag nun da in süsser Ruhe - er musste in seinem
Leben oft Hunger und Kälte ausstehen, musste manchen Fusstritt erdulden - - aber
keiner war ihm doch so hart gefallen, als der von Hagebuck, welcher seinem
sinkenden Alter den Rest gab. -
 
        Eine Leichenpredigt auf einen alten lahmen und einäugigen Pudel.
Wohl dir! sagte Hartknopf, da er mit untergeschlagenen Armen, den Kopf gesenkt,
auf die Leiche herunter sah - und: wohl dir! stimmte der Emeritus ein -
    Sie scharrten darauf mit ihren Stäben, so gut sie konnten, ein Loch in die
Erde, legten den Pudel sanft hinein, und scharrten mit den Füssen einen kleinen
Hügel von Erde über ihn zusammen - darauf gingen sie Hand in Hand den Berg
herunter, und wanderten wieder dem Tore zu, und als sie nun bald am Tore
waren, kam ihnen der Gastwirt Knapp entgegen, und fragte, ob sein Pudel nicht
bei ihnen wäre; denn er pflegte sonst immer des Morgens vor sein Bette zu
kommen, und ihn durch ein sanftes Bellen zu wecken - und heute habe er die Zeit
verschlafen -
    Sei er unbekümmert, sein Pudel verschläft auch die Zeit, sagte Hartknopf, er
liegt in guter Ruhe - der Scharfrichter Hagebuck hat ihn auf dem Galgenberge
durch einen sanften Stoss vom Leben zum Tode gebracht - und wir haben ihn ehrlich
begraben, dass kann er versichert sein - will er ihm auch ein Epitaphium setzen,
so will ich ihm den Fleck zeigen, wo er liegt.
    Ja, ja! sagte der Gastwirt Knapp, er hat gut Reden - der Pudel ist ihm wohl
freilich nicht so aus Herz gewachsen - aber er wird doch auch zurückdenken
können, dass ich und der Pudel ihm noch das Geleite gaben, da er auf die
Wanderschaft ging, und das ist doch keine kleine Zeit her - wodurch wächst einem
denn eine Sache ans Herz, als durch die Zeit? - Zwar er hat während der Zeit mit
dem Pudel weiter keinen Umgang gehabt, und hat auch durch Briefe nichts von ihm
erfahren - - mich aber hat er alle Morgen frühzeitig geweckt, indem er vor mein
Bette kam, und sanft bellte. - Lieber Vetter, der Hund ist meine Uhr gewesen -
ich konnte mich nach ihm richten, wenn es Essenszeit war; dann scharrte er an
der Türe, und ich fand immer, dass es gerade die rechte Zelt zum Essen war - dass
er mir zweimal das Leben gerettet hat, wird er wissen, oder weiss er es nicht, so
will ich es ihm erzählen. -
    Ich weiss es, er hat es mir gestern erzählt, sagte Hartknopf - Nun so wird er
doch auch wissen, dass er dabei das erstemal lahm wurde, und das zweitemal ein
Auge verlohr - darum lass' er meinen Pudel in Frieden ruhen, und spotte er nicht
mit dem Epitaphium! -
    Ich spotte nicht, sagte Hartknopf - sondern wenn er will, so will ich ihm
selbst eine Grabschrift machen helfen, die wollen wir aufschreiben und wie eine
Fahne an einen Stock heften, dass sie Hagebuck morgen früh mit seinen Zöglingen
lesen kann:
Der einäugig und lahm
Hier sein Ende nahm,
War einäugig und lahm,
Weil er zweimal seinem Herrn
In Todesnot zu Hülfe kam.
Ein Schuft erschlug ihn,
Sein Herr beweint ihn,
Die Erde deckt ihn,
Sie deck' ihn leicht!
    Schreib' er mir doch das auf Vetter, sagte Knapp - und Hartknopf schrieb es
ihm auf -
    Drauf tröstete der Emeritus seinen Gevatter Knapp, über den Verlust seines
Pudels, und sagte, der Pudel sei gleichsam ein Emeritus, oder ein ausgedienter
gewesen, der denn doch auch einmal in Ruhe zu sein wünschte. -
    Aber er war auch gewiss ein sehr meritirter Emeritus, erwiederte Knapp - war
er es nicht?
    Allerdings, sagte der Emeritus - das verlohrne Auge war sein Stern, und das
lahme Bein sein Ordensband -
    Das Gleichniss hinkt! - sagte Hartknopf - Lass er es hinken! erwiederte der
Emeritus.
 
                       Der hohe Beruf eines Gastwirtes.
Während diesen Gesprächen waren sie wieder bis an den Gastof zum Paradiese
gekommen - der Emeritus nahm Abschied - und ging zu Hause - er wohnte aber nicht
weit um die Ecke nach der Kirche zu, in einem alten Schulhause, wo ein kleines
Fenster in seiner Kammer auf den Kirchhof zu ging; aus diesem Fenster hatte er
den Abend vorher, die dramatische Uebung mit angesehen, und drauf hatte er
Hartknopfen mit seinem Vetter Knapp kommen sehen, und war zu ihnen
heruntergeeilt.
    Man wird sich wundern, dass Hartknopf nicht gleich bei seiner Ankunft nach
dem Emeritus fragte - aber er war nicht von vielen Fragen - und der Emeritus war
ihm in seinem Herzen sicher genug, er mochte nun leben oder todt sein.
    Seinen Vetter Knapp aber fragte er jetzt, wie er denn gelebt hätte, und ob
er auch den hohen Beruf eines Gastwirts nach allen seinen Kräften zu erfüllen
gesucht hätte - Knapp meinte, er hätte noch weit mehr tun können, er wollte
aber das Versäumte noch so viel wie möglich wieder nachzuhohlen suchen. - Weiter
sagte er nichts. -
    Da nun des guten Knapps Bescheidenheit ihn so stumm machte, so muss ich wohl
das Wort für ihn nehmen, und etwas weniges von seiner Lebensweise beibringen,
das ihn dem Leser bemerkenswerter macht, als er ihm bisher vielleicht
geschienen hat.
    Ich habe schon bemerkt, dass im Gastofe zum Paradiese die Zöllner und
Sünder, die Niedrigsten aus dem Volke herbergten - wer zu Ross oder zu Wagen kam,
der kehrte schwerlich im Paradiese ein, wenn nicht die drei Kronen oder der
goldne Hirsch schon besetzt waren - aber der ermüdete Wandrer, fand hier eine
sichre und wohlfeile Herberge - Der Handwerksbursch der mit seinem Felleisen
belastet, oft mit leerem Beutel und leerem Magen, bloss wandert um zu wandern,
und den strengen Zunftgesetzen ein Gnüge zu leisten, die ihn aus seiner süssen
Heimat, von seiner verlobten Braut, und von den Gespielen seiner Jugend auf
eine Anzahl Jahre verbannen - damit er einst bei seiner Zurückkunst von der
grossen Glocke in Erfurt, von dem Münster in Strasburg, und dem grossen Fasse zu
Heidelberg zu erzählen wisse. -
    Diese, und höchstens etwa einmal ein Fuhrmann, oder irgend ein in Fortunens
Ungnade gefallner Erdensohn, den vielleicht in bessern Tagen selbst der goldne
Hirsch und die drei Kronen eine zu schlechte Herberge gewesen wären, kehrten
jetzt hier im Paradiese ein, und nahmen willig mit einer Streue vorlieb, die
ihnen der Gastwirt Knapp, so gut und bequem, wie irgend einer, machen liess, und
ihnen, wenn der Schläfer nicht zu viele waren, gern noch ein Kopfküssen dazu
gab.
    In welchem Lichte aber wird der Gastwirt Knapp erscheinen, wenn ich sage,
dass von allen denen, die je bei ihm herbergten, keiner war, der nicht besser
wieder aus dem Paradiese ging, als er hereingekommen war - Da war kein Bettler,
kein Zigeuner, den Knapp nicht mit liebevollen Augen sah; keiner, den er als
einen wildfremden Menschen nicht seiner Aufmerksamkeit wert geachtet hätte. -
    Knapp hätte nicht dürfen ein Gastwirt werden, wenn er nicht gewollt hätte;
es standen ihm in seiner Jugend tausend Wege offen - auch fehlte es ihm nicht an
Kopf - er hatte die lateinische Schule besucht - der Emeritus, der jetzt
Gevatter zu seinem Sohne war, war auch sein Lehrer gewesen - und mit dem hatte
er überlegt, was er für eine Lebensart wählen wollte -
    Und sein Hang floss über von Mitleid gegen den armen verachteten Wandrer,
gegen den herumziehenden Erdensohn, um den sich niemand bekümmert - dem niemand
mit Rat und Trost zu Hülfe eilet; gegen den Bettler am Wege, dem der mitleidige
Vorübergehende eine Gabe in den Hut wirst, aber ihn seines Zuspruchs nicht
würdigt, oder nicht Zeit hat, sich aufzuhalten, weil seine Geschäfte ihn zu
etwas andern rufen, als der im Elend versunknen Menschheit wieder aufzuhelfen. -
    Mögen andre für die Glücklichen sorgen, sagte Knapp zu sich selber, dass sie
noch glücklicher werden, durch schöne Gemählde, schöne Statüen, und schöne
Gedichte - wenn ich nur etwas dazu beitragen kann, dass die Unglücklichen nach
ihrer Art ein wenig glücklicher werden, durch Gesundheit, Zufriedenheit, und
Arbeit - Das grosse Gebäude der menschlichen Glückseligkeit müssen doch auch
einige von unten angreifen, wenn es nicht einmal plötzlich zertrümmern soll. -
    Gesundheit, Arbeit, und Zufriedenheit sind doch die grosse feste Basis,
worauf alle die leichtern Zierraten von schönen Gemählden, Statüen, und
Gedichten ruhen müssen, wenn wir uns ihrer mit gutem Gewissen freuen sollen -
    So dachte Knapp oft in einsamen Stunden, und so hatte ihn der Emeritus
denken lehren. - Nun fasste er bald seinen Entschluss, kaufte sich den Gastof zum
Paradiese, dessen voriger Eigentümer gestorben war, und mit dem sich keiner
gern wieder befassen wollte, weil er gemeiniglich die Bettelherberge genannt
wurde - und hier stellte er sich nun freudig an seinen Posten, fing das grosse
Geschäft seines irrdischen Lebens an, und wartete den täglichen Zufluss der
verworfensten und verachtetesten Menschenklasse, mit der Treue und
Gewissenhaftigkeit eines vom Himmel bestellten Wächters der menschlichen
Glückseligkeit ab -
    Wo er noch einen Funken nicht ganz erstorbenen Menschengefühls entdeckte,
den suchte er wieder aufzublasen - und durch Uebung brachte er es in dieser
Kunst gewiss sehr weit; ob er gleich noch kein Adept war, wie Hartknopf und der
Emeritus, und die andere Hälfte zu dem grossen Worte nicht deutlich hatte
buchstabieren können - und obgleich seine Rede ja! ja! nein! nein! war, so bald
er nicht mehr Worte nötig fand - - das Wort war ihm so heilig, wie es
Hartknopfen nur immer sein konnte, ob er es gleich nicht, als die vierte Person
in der Gotteit verehrte - darum war er so sparsam mit seinen Worten, um sich
gleichsam alle Kraft und allen Nachdruck der Rede zu dem Augenblicke
aufzusparen, wo er in der Seele eines Menschen gleichsam eine neue Schöpfung
bewirken, und das Licht von der Finsternis scheiden wollte. -
    Wie es bei einem Meisterwerke, wenn es vollkommen sein soll, fast mehr
darauf ankömmt, dass der Künstler die wenigen Flecken, die etwa noch darin sind,
auszutilgen wisse, als dass er noch immer mehr neue Schönheiten hinzufügt,
wodurch vielleicht das Ganze mehr verliert, als gewinnt, so scheint derjenige
auch den sichersten Weg gewählt zu haben, dessen Bemühung in seinem Leben dahin
geht, in dem grossen Meisterstücke des grössten Künstlers, mehr dem entgegen zu
arbeiten, wodurch das Ganze entstellt zu werden scheinet, als neue künstliche
Verzierungen zu demselben hinzuzufügen. - Denn was ist Pracht und Zierrat gegen
Reinlichkeit? - heisst doch Mundus nicht umsonst die Welt. -
Wer auf die Weise bloss negativ zu Werke geht, wird freilich nicht den Ruhm
eines Weltreformators davon tragen - aber ihn wird das selige Gefühl beglücken,
dass er mit seinen Bestrebungen in den Plan der ewigwürkenden Liebe harmonisch
einstimmt - Er fühlt es, dass jeder Stein des Anstosses, den er weggeräumt hat,
Gewinn für das Ganze ist - und weiss es, dass ein einziger ausgetilgter Fleck aus
diesem grossen Gemählde es der Vollkommenheit näher bringt, als der zierlichste
Rahmen, worinnen es eingefasst wird.
    O ihr Menschenfreunde, die ihr den Willen und die Kraft habt, ausser euch zu
wirken, stellt euch doch wie Knapp, und Hartknopf, und der Emeritus, und wie der
gute Pestalozze in der Schweitz, unten an, wenn ihr wirken wollt - das sinkende
Gebäude braucht Stützen, und nicht Statüen. - Wollt ihr anders wirken, so ist es
um den wahren Frieden eurer Seele, und den schönen Takt eures Lebens, wodurch
ihr allein in das grosse Ganze eingreift - es ist um euren ächten innern Wert
geschehen! -
    Knapp hatte sich in dieser Welt unten an gestellt, und es wird ihm in jener
Welt gewiss nicht gereuen.
    Er hat hier unten im Paradiese manchen Hungrigen umsonst gespeiset, manchen
Durstigen umsonst getränket, und manchen Bekümmerten getröstet und aufgerichtet;
dafür wird er einst in jenem Paradiese dort oben wieder getröstet werden. -
    Durch die tägliche Uebung hatte sich Knapp eine solche Fertigkeit in der
Beurteilung der Menschen erworben, dass er immer nach wenigen Minuten mit
ziemlicher Wahrscheinlichkeit schliessen konnte, ob an einem Menschen noch was
zu tun sei oder nicht - aber wie ungern, gab er dennoch gänzlich alle Hoffnung
zur Bessrung auf - musste er sie aufgeben, so machte ihn das auf viele Tage
traurig und niedergeschlagen; er schob die Schuld immer mehr auf den Arzt, als
auf die Krankheit. - Er verzweifelte nicht daran, selbst für den Seelenschaden,
der am unheilbarsten scheint, noch ein bewährtes Heilungsmittel zu finden. -
    Darauf ging sein Tichten und Trachten sein ganzes Leben lang - denn er
fühlte es nur allzuwohl, dass nicht Hunger und Durst, nicht Lahmheit oder
Blindheit, die wahren Uebel des Lebens ausmachen; sondern dass eingewurzelter
Neid, eingewurzelter Eigennutz, die eigentlichen Flecken sind, welche diese
schöne Schöpfung Gottes entstellten. -
    Diese Flecken, wo er nur konnte, auszutilgen, dass war ihm mehr wert, als
grosse Schätze zu gewinnen. - Und unter lausenden ist es ihm bei zwei Menschen
gelungen, wovon der eine taub und stumm, und der andre ein verarmter
holländischer Seelenverkäufer war, der in seinem Alter in Deutschland sein Brodt
betteln musste, und nun auch nach Gellenhausen kam, wo er im Paradiese einkehrte,
und der Gastwirt Knapp seine Seele vom Verderben rettete.
    An diesen beiden Menschen machte aber auch Knapp ein wahres Meisterstück -
denn er hielt selbst ihre Krankheit für unheilbar - den Tauben und Stummen, weil
er nicht durch die Sprache auf ihn wirken konnte, und den ehemaligen
Seelenverkäufer, weil er schon ein Greiss war, und in seinem Alter die schwere
Hand des Schicksals, die ihn darnieder drückte, sein hartes Herz nicht hatte
erweichen können.
    Knapps unaufhörlichen Bemühungen gelang es, den Seelenverkäufer so weit zu
bringen, dass er sich nicht freute, da dem Nachbar ein Haus abbrannte; über einen
Dachdecker, der den Tag vor seiner Hochzeit vom Dache herunter stürzte, und sich
den Kopf zerschmetterte, sogar eine mitleidige Träne weinte; und anfing, ein
Vergnügen daran zu finden, mit Knapps einäugigen und lahmen Pudel zuweilen sein
Brodt zu teilen.
    Der Taube und Stumme war sehr verhärtet; ohngeachtet nie in sein Ohr die
Sprache des Verführers eindringen konnte, so hatte doch Neid und Eigennutz so
tiefe Wurzel bei ihm geschlagen, dass er der Blume den Sonnenschein, und der
Heerde die sich unter einen Baum gelagert hatte, den Schatten missgönnete - Alle
seine Mienen und Bewegungen waren widerwärtig und liefen auf Zerstörung und
Verderben hinaus. -
    Es war rührend anzusehen, wie Knapp sich oft Stunden lang mit einer eiserner
Geduld damit beschäftigen konnte, diesem Taubstummen durch die Zeichensprache
nur erst einigen schwachen Begriff von Sanftmut und Menschenliebe beizubringen,
die sein Herz bis jetzt noch gar nicht gekannt hatte.
    Dies waren denn die beiden unheilbarschelenden, an deren Herzen Knapp
gleichsam eine Art von Wunderkur verrichtet hatte - - Die Art nun, wie er mit
ihnen zu Werke gegangen ist, verdiente freilich wohl allgemein bekannt zu werden
- allein die Beschreibung davon wütde ein eignes Buch erfordern, und doch
vielleicht unvollkommen und unverständlich bleiben - denn wer kann Knapps
Mienen, Knapps Auge, und jede seiner Bewegungen beschreiben, und den sanften
liebevollen Händedruck, womit er seine Reden begleitete? -
    Wenn in einer bessern Welt dereinst des Taubstummen Zunge gelösst sein wird,
mit welchem lauten Jubel wird er da noch seinem Erretter danken; und der
Seelenverkäufer, dessen Seele durch Knapp vom Verderben gerettet wurde, wo wird
er Worte hernehmen, um seinen Dank zu stammeln!
    Und alle die getrösteten Betrübten, die traurig und niedergeschlagen in dem
Gastofe zum Paradiese einkehrten, und vergnügt und fröhlich wieder von dannen
gingen; wenn sie einst auftreten und sagen werden: dieser hat unsre Tränen auf
Erden abgetrocknet; - mit welchem gekrönten Haupte würde dann der Gastwirt
Knapp wohl tauschen?
    Wenn die gekrönten Häupter nun da stehen werden, beschämt und
niedergeschlagen, und Millionen um sie her, die auf Erden von ihnen mit eisernem
Scepter beherrscht, und um alle die unschuldigen natürlichen Freuden des Lebens,
um die Rechte der Menschheit gebracht; und wie eine in ihren einzelnen Teilen
unbedeutende Masse, in ein Ganzes umgeformt wurden, wie etwa Holz und Steine,
behauen und beschnitten werden, um zusammen ein Gebäude auszumachen, wodurch
jedes einzelne erst brauchbar wird.
    Weh euch dann, die ihr den Menschen ihren einzelnen ächten Wert raubtet, um
Lücken mit ihnen auszustopfen; wenn ihr es nötig fandet, Moräste mit ihnen
auszudämmen, damit dem stampfenden Ross ein Weg zum Feinde gebahnet sei - die ihr
um einer Chimäre, um eines allgemeinen abstrakten Begriffs willen, den ihr
Staatskörper nennt, den Menschen nicht mehr um sein selbst, sondern bloss um
dieser Chimäre, um dieses abstrakten Begriffs willen, wollt existiren lassen!
    Also damit es einen Staat gebe, müssen so viele tausende auf alle Ansprüche
Verzicht tun, wozu sie ihre angestammte Menschenwürde berechtiget?
    Sie müssen sich für bloss nutzbare Wesen halten, wie das Korn, das gemähet,
und der Baum, der gefällt wird, damit der eine dem Menschen Wärme und Obdach,
und das andre ihm Nahrung gebe.
    Tausende müssen sich von Jugend auf gewöhnen, zu denken, dass sie nur um
andrer willen, keiner aber um ihrentwillen da ist, und dass sie keinen eignen für
sich bestehenden Wert haben. O wenn einst alle dieser willkürlich angenommener
Unterschied verschwunden ist, und nun wieder jene allgemeine natürliche
Gleichheit herrscht, wodurch ein jeder in seinem wahren Lichte erscheint,
nachdem aller Flitterstaat von Titeln und Ordensbändern hinweggenommen ist; wie
wird alsdann der Gastwirt Knapp, unter vielen tausenden hervorleuchten!
    Wer wird dann wohl zweifeln, dass dieser getreue Knecht über vieles wird
gesetzt werden, nachdem er hier über weniges getreu gewesen ist. -
    Dazu war Knapp ein Pädagoge, wie es wohl weniges auf Erden gibt - ohne den
Emil und Basedows Elementarwerk gelesen zu haben, war er auf gewisse Geheimnisse
in der Erziehungskunst gefallen, welche dicke Bünde von Erziehungsteorien
unnötig machen würden, wenn sie bekannt wären - aber sie lassen sich eben so
wenig vollkommen beschreiben, als seine Metode, einen eingewurzelten Schaden
der Seele zu heilen - Knapps zehnjähriger Sohn aber wird einmal aufstehen, und
wirken, und alle Philantropine beschämen, wenn er anfangen wird, das im Grossen
auszuüben, was sein Vater im Kleinen tat - Knapps Sohn wird einst seines Vaters
Andenken durch seine Taten auf die Nachwelt fortpflanzen, wenn es schon längst
in Gellenhausen verloschen ist.
 
                        Des Gastwirt Knapps Pädagogik.
Knapp erzog seinen Sohn auf seine eigne Weise, und nicht nach der Weise
Hagebucks des Weltreformators.
    Sobald er gehen konnte, setzte er ihm ein Ziel, und setzte ihm allerlei
Hindernisse, als Blöcke, Stühle, und dergleichen, in den Weg, wodurch er sich
den kürzesten Weg zum Ziele durcharbeiten musste.
    Wenn er ein Kartenhäuschen bauete, so hielt er ihn an, es immer wieder zu
bauen, wenn es auch zehnmal umfiel, und am Ende belohnte er ihm seine Geduld mit
einem wurmstichigen Apfel.
    Als er etwas mehr heranwuchs lehrte er ihn die grosse Kunst, nicht zwei Wege
nach etwas zu tun, das man auf einem Wege hohlen kann; oder, was man mit einem
grausamen Sprüchworte nennt, mit einer Klappe zwei Fliegen schlagen.
    Er lehrte ihn fünf Weingläser in der Hand zwischen den Fingern tragen, und
beim An- und Ausziehen lehrte er ihn zu gleicher Zeit beide Hände brauchen, so
dass er sich mit einemmal beide Schuh aufschnallen konnte.
    Sein Haar musste er zuweilen lange unausgekämmt lassen, und es sich denn am
Ende selbst auskämmen, wenn es ganz ineinander geraten war - sobald er dann
ungeduldig wurde, riss er sich und verursachte sich selber Schmerzen; wenn er
aber geduldig einen Schopf Haar nach dem andern vornahm, und das Verwirrte
auseinander zu bringen suchte, so konnte er den Schmerz vermeiden - auf die
Weise musste er sich in der Geduld üben.
    Er lehrte ihn bei jeder Gelegenheit die Kürze des Lebens empfinden, und
machte ihn aufmerksam auf den Seigerschlag - Er machte ihn allmälig mit dem Tode
in der ganzen Natur bekannt, von dem kleinsten verwelken Grashalm, bis zum
verdorrten Eichbaum, und von dem zertretnen Wurme, bis zu den ehrwürdigen
Ueberresten des zerstörten Bau's menschlicher Körper.
    Und wie oft hat dieser Sohn seinem Vater diese Lehre nicht verdankt! Diesem
von Kindheit auf seiner Seele fest eingeprägten Bilde des Todes, verdankt er den
sichern und ruhigen Genuss, aller der Freuden seines Lebens - dies ist es allein,
was ihn standhaft in Gefahren, mutig und unerschrocken bei allen
Vorfallenheiten seines Lebens gemacht hat. - Dies ist die Ursach, warum er auch
nie eine Viertelstunde lang den quälenden Überdruss der Langenweile schmeckte -
Wie kann ein Mensch Langeweile haben, dem der Tod zur Seite steht?
    Dieser feste Gedanke heiterte ihm die trübsten Stunden seines Lebens auf -
denn wenn kein Wechsel ihm mehr bevorzustehen schien, so blieb ihm doch diese
einzige grosse Veränderung gewiss.
    Der feste Gedanke an den Tod war es, der ihm den Genuss jeder Freude
verdoppelte, und jeden Kummer ihm versüsste. - Der wollustreiche Gedanke des
Aufhörens drängte seine ganze Lebenskraft immer in den gegenwärtigen Augenblick
zusammen, und machte, dass er in einzelnen Tagen mehr, als andre Menschen in
Jahren, lebte. - -
    Niemand hat wohl mehr in ihrer Fülle, und ungetrübter alle einzelne
Vergnügungen des Lebens, die jedem Alter zukommen, genossen, als der Sohn des
Gastwirts Knapp - weil er wusste, dass er keinen Augenblick zu versäumen hatte,
weil ihm jeder Tag, jede Stunde, ein Ganzes war. -
    Besonders war ihm immer die gegenwärtige Stunde lieb, und der Seigerschlag
das angenehmste Getön in seinen Ohren - denn es wurde ihm dadurch merklich, wie
er immer den Lebensstrom hinunterschifte, und alles in unaufhörlicher Bewegung
blieb - durch jeden Seigerschlag wurde der Reiz des Lebens wieder aufgefrischt -
und wenn ein Tag, eine Woche, ein Jahr verflossen war, so empfand er die Wonne
des Lebens in immer grössern Masse - Er kannte keinen Verlust der Zeit, denn für
jede Minute seines Lebens hatte er Weisheit und Selbstzufriedenheit eingekauft.
-
    So wie ohne Tod kein Leben ist, so ist ohne wahres Gefühl des Todes auch
kein wahres Gefühl des Lebens - aus der dunkeln Mitternacht bricht das
Morgenrot hervor - und aus dem Schatten der Nacht bildet sich der schöne Tag -
    O pflanzt den Gedanken an den Tod fest in die jungen Seelen, ihr Pädagogen
unsrer Zeiten, und ihr werdet wieder Männer statt Knaben ziehen - Euer ganzes
Gebäude wird sich fester auf diese Basis stützen; wenn die Menschen erst wissen
werden, dass sie leben, dann erst werden sie jeden Augenblick ihres Lebens nutzen
- und wenn sie jeden Augenblick ihres Lebens nutzen, dann erst ist Euer Werk
gekrönt.
    Denn hin und wieder eine wohlangewandte Stunde oder ein wohlangewandter Tag
ist mehr ein Werk des Zufalls, als ein Werk der Kunst. - Die Lebenskunst muss
durch alle Stunden und Minuten durchgehen, wie die Regel durch das Werk. -
    Dazu ist nötig, dass der Mensch in jedem Augenblick wisse und empfinde, dass
er lebe, welches ohne den festen Gedanken an den Tod unmöglich ist. - Wer sich
aber den einmal zu eigen gemacht hat, der kann sein
                                  memento mori
mit eben so unumwölkter und heitrer Stirne sagen, womit er im Kreise seiner
Freunde ein fröhliches Trinklied singt.
    Hierin bestand also vorzüglich Knapps Pädagogik, und denn auch noch darin,
dass er seinen Sohn empfinden lehrte, wie töricht es sei, einen Stein, an den
man sich gestossen hat, mit dem Stocke zu schlagen, oder sich gegen den Regen,
die Kälte, und den Sturmwind aufzulehnen - er lehrte ihn früh die
Notwendigkeit, sich der unvernünftigen Stärke zu unterwerfen. - -
    Am meisten aber suchte er seine Lebensgeister beständig in Bewegung zu
erhalten, und war in den Augenblicken am aufmerksamsten auf ihn, wo er mit dem
Finger Figuren in den Sand zeichnete, oder mit Kreide auf den Tisch mahlte, oder
die Gestalt der Wolken am Himmel zu aufmerksam betrachtete.
    Das ABC liess er ihn lernen, da er zehn Jahre alt war, und vor dem
vierzehnten Jahre durfte er den Nahmen Gottes nicht aussprechen.
 
                        Etwas von Nägeln und Schlössern.
Was Wunder nun, dass Hartknopf seine Wanderung gegen Osten eine Zeitlang
unterbrach, da er hier solch einen Vetter und solch einen Freund an dem Emeritus
wiedergefunden hatte - obgleich Hagebuck und Küster, und der empfindsame und
aufgeklärte Prediger ihm nicht so sehr behagen konnten, dass er um ihrentwillen
länger in Gellenhausen geblieben wäre.
    Mit der Erzählung seiner Schicksale aber, die er seinem Vetter Knapp
versprochen hatte, hielt es etwas hart - hie und da einmal ein Stück aus seinem
Leben, wo er es nützlich und schicklich fand, das war alles, was man aus ihm
herausbringen konnte.
    Ich werde also wohl auch für ihn nur das Wort nehmen müssen, wenn der Leser
etwas erfahren soll.
    Woher ich nun aber mehr von ihm weiss, und erfahren habe, als Knapp und der
Emeritus, und in was für Verhältnissen ich mit ihm gestanden habe, und wie es
mir gelungen ist, mir seine Freundschaft in dem Grade zu erwerben, dass er mich
in das Innerste seiner Seele hat blicken lassen; davon sollte ich wohl ein
Wörtchen beibringen - es wird aber zu seiner Zelt geschehen.
    So viel habe ich schon verraten, dass Hartknopf seines Handwerks ein
Priester und ein Grobschmidt war - seiner leiblichen Geburt Nach war er nehmlich
ein Grobschmidt - seiner geistlichen Geburt nach aber ein Priester, von Kindheit
auf geweiht, kein Unheiliges anzurühren, um einst in Unschuld und Reinigkeit des
Herzens in dem grossen Tempel des Heiligen und Wahren als ein Priester Gottes zu
dienen.
    Tubalkain war sein grosser Ahnherr - man fand diesen Nahmen in sein
Petschaft eingegraben, und auf dem Taschenmesser stand er auch, das er sich
selbst geschmiedet hatte - denn Messer konnte er auch schmieden.
    Da er noch ein Kind war, lernten seine zarten Hände zuerst mit dem grossen
schweren Hammer spielen, der er kaum zu heben vermochte - aber sein Arm wurde
früh nervigt, und stark; bald musste unter seinen wiederhohlten Schlügen der
Ambos seufzen, und das glühende Eisen geschmeidig werden. - Der Nagel war das
erste, was durch seine Hände aus der unförmlichen Masse Bildung und Form
erhielt, die Fugen des losen zu befestigen, das zertrennliche unzertrennbar zu
machen, und auf die Weise eine Schöpfung neuer Wesen zusammenzuzwängen, worüber
die alte Natur erstaunt, wenn sie aus der Tiefe der grauen Vorzeit auf die neuen
Geburten emporschaut, die in ihrem Schoss erstanden sind -
    Dass der Mensch, von ihr gezeugt, in ihre Eingeweide herabstieg, und das
Eisen hervorgrub, womit er sie zu einer neuen Geburt beschwängerte; dass aus den
Wäldern und Steinbrüchen Städte mit Pallästen und Türmen sich erhuben, Schiffe
auf dem Rücken des Meeres emporstiegen; der aufgerissnen Erde der Saamen
eingestreut, und volle Erndten aus ihrem Schoss hervorgezwängt wurden; dass der
zersägte Eichenstamm sich zum Stuhle krümmte, und zum Tische erhub, auf dessen
glatter Fläche Auge und Hand sanft hingleitet.
    Das mächtige Schloss verwahrt und schützt das Eigentum, und hat Gemeinschaft
und Absondrung in des Menschen Willkühr gesetzt. -
    Ist es nicht Tubalkain, der verschlossne Türen eröfnet? - -
    Ihm klingt auch das frohe Spiel der Sensen an schwülen Erndtetagen - ihm
tönet das Gehämmer vor den dampfenden Feueröfen - ihm das Leben und Wirksamkeit
atmende Geräusch, aus den Werkstätten der Künstler und Arbeiter in allerlei
Stein und Erzt -
    Ihn preisen die Chöre der arbeitsamen Sänger mehr als den Flötenspieler. - -
    Aber ach, die Schärfe des Eisens wendet sich - die Geister der gefällten
Eichstämme seufzen durch die Lüfte, und verkündigen Unheil über das
Menschengeschlecht -
    Das Spiel der Sensen ertönt nicht mehr - Feuerschlünde eröfnen sich - die
Bombe kracht - Schwerster wühlen in menschlichen Eingeweiden - Ketten klirren
laut - Despoten lachen, Sklaven heulen. -
    Die Chöre der arbeitsamen Sänger stehen einsam und weinen, in das Gewand der
Trauer gehüllt, und singen Klagelieder - und seufzen: Tubalkain! -
    Was soll ich aus dem Jungen machen? fragte Hartknopfs Vater den Emeritus: -
nichts anders als einen Grobschmidt, war des Emeritus Antwort, und Hartknopfs
Vater schüttelte den Kopf: er hat doch so ein vortreffliches Ingenium! - desto
besser! sagte der Emeritus.
    Der Emeritus kam alle Tage in des alten Hartknopfs Schmiede - sie wurde von
ihm zum Heiligtum der Weissheit und hoher Geheim, nisse eingeweiht - der junge
Hartknopf sass da zu seinen Fussen und sog die süssen Lehren von seinen Lippen ein
- unter ihm bildete sich sein Geist, und wuchs mit seinem Körper, den die Arbeit
abhärtete und gesund erhielt. -
    Aber leider, wich der alte Hartknopf von der rechten Strasse ab - nur noch
einen Schritt, so wäre er vor dem gefährlichen Abgrunde vorbei gewesen - aber er
tat ihn nicht, und nun konnte nichts ihn retten. - Er eilte unaufhaltsam seinem
Verderben zu - Gold, Gold, Gold! war sein einziger Gedanke, vom frühen Morgen an
bis in die späte Mitternacht, und das edle Eisen war verdrängt -
    Mitleidig streckte der Emeritus noch seine Hände nach ihm aus, und wollte
ihn retten, aber vergeblich, er versank in dem Abgrunde, vor dem ihn sein Freund
so oft gewarnt hatte.
    Der Unglückliche musste im Elend sterben - sein Vermögen war im Rauch
aufgegangen, die Schmiede verkauft - und in einer armseeligen Hütte musste er
seinen Erlöser, den Tod, erwarten. - Dieser kam, und er empfing ihn mit
freudigem Entzücken, nachdem der Emeritus vorher noch seine Beichte gehört, und
ihm im Nahmen Gottes die Absolution erteilet hatte.
    Da der Emeritus den Vater nicht hatte retten können, so hatte er doch den
Sohn zu retten gesucht, und sobald der Vater anfing zu laboriren, trieb er, dass
der Sohn auf die Wanderschaft gehen musste, da er erst neunzehn Jahr alt war -
und dies war auch hohe Zeit, wenn er nicht an eben der Klippe scheitern sollte,
woran sein Vater gescheitert war. - -
 
                               Auri Sacra Fames.
Schrieb der Emeritus mit ein wenig Bleistift auf des alten Hartknopfs
Leichenstein.
    O du verfluchter Durst nach Gold! von welchem Satan stammst du her? War es
nicht jener gefallne Geist, der statt sein Auge zu Gott seinem Urheber
emporzuheben, nur immer auf das goldne Estrich des Himmels seine Blicke heftete,
ehe die Hand des Ewigen ihn in den Abgrund hinunter schleuderte?
    Ein jeder, der die ächte Weissheit suchte, kam an diesen Scheideweg - wenige
vermieden den zur Linken -
    Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwähler.
    Hier liegt der Grenzstein, der die Weissheit von der Torheit scheidet - ein
ungeheurer Klumpen Gold - wer ihn mit Gleichmut betrachtet und vorübergeht -
den hat die Weissheit schon in der Wiege angelächelt, und ihn zu ihrem Schüler
eingeweiht - den leitet sein guter Genius zum Ziele hin, und lässt ihn den ächten
Stein der Weisen finden, den Hartknopfs Vater vergeblich gesucht hatte, weil
sein Sohn ihn einst finden sollte.
    Der den Vater verworfen hatte, der hatte den Sohn erwählet - es musste ein
solcher Vater sein, um einen solchen Sohn zu zeugen! - aber auch eine solche
Mutter, wie Hartknopfs Mutter war - saust und mild, wie das Abendrot - sie
welkte dahin, nachdem sie diesen einzigen Sohn geboren hatte - sie hatte mit
ihm ihr Ziel erreicht:
Denn nach Unsterblichkeit sehnet sich nur der Himmelgebohrne,
Aber Vernichtung ist süss dem müden Waller im Staube
    Wäre Hartknopfs Vater den Goldklumpen vorbeigegangen - - Doch er ist es nun
einmal nicht - seine Asche ruhe im Frieden!
    Tausende sind wie er von der rechten Bahn abgewichen, und welchen noch
täglich davon ab - denn blendend und lockend ist die Frucht des Baumes, von dem
da nicht essen sollst, wenn du nicht willst eines doppelten Todes sterben.
    Gold siegt über die Kraft des Eisens - sprengt Schlösser auf; hält
Schwerdter in den Scheiden - löset das Verbundne auf, und bindet das Gelösste
wieder - bildet Armeen - bauet Städte; lässt Palläste himmelan steigen -
befestiget Könige auf ihren Tronen und stürzt sie herab - welch ein
allmächtiges Spielwerk ist das Gold in der Hand des Sterblichen!
    Was Wunder, dass Toren bis zu ihrem letzten Atemzuge darnach die Hände
ausstrecken, und Weisen Mühe haben, hier nicht Toren zu sein! Was Wunder dass
oft selbst der missverstandne Bund der Weissheit und der Tugend im Chor der
arbeitsamen Sänger, nach diesem höchsten Gute zu streben heischt, wie ein
Irrlicht durch seinen falschen Schimmer auch zuweilen das Auge des vorsichtigen
Wandrers blendet, und ihn in Sümpfe und Moräste führt, wo sein Fuss keinen Grund
mehr findet, und er ohne Rettung versinken muss.
    Verstopfet eure Ohren, ihr Schüler der Weissheit, vor dem heisern Geschrei
der falschen Wegweiser, die euch zu dem Quell führen wollen, woraus Gold unter
dem dreifach gestalteten rötlichen Quaderstein in hellen Strömen hervorquillt -
    Horcht nicht auf ihre Stimme - der Goldstrom ist nicht rein - die Quelle ist
getrübt - und der rötliche Quaderstein ist mit falschen Farben angestrichen -
ein Betrüger hat ihn hingewälzt - den rechten hat eine unsichtbare Hand
hinweggenommen.
 
                           Hartknopfs Gesellenjahre.
Als Schmiedeknecht wanderte Hartknopf in Erfurt ein, als Kandidat der Teologie
wanderte er wieder aus, ohne dass er deswegen aufgehört hätte, ein Schmidt zu
sein.
    In einem halben Jahre hatte er sich so viel gespart, dass er füglich ein halb
Jahr ohne Arbeit leben konnte - und diese Zeit über befriedigte er den
brennenden Durst nach Wissenschaft, der ihn schon so manche Träne gekostet
hatte
    Freilich hatte er vom Emeritus in Gellenhausen mehr gelernt, als ihn alle
Doktoren in Erfurt lehren konnten - aber es war ihm doch auch nun um Ausbreitung
des Geistes, es war ihm um das Extensive zu tun, da er es in dem Intensiven
schon ziemlich weit gebracht hatte.
    Er hörte Matematik, Geschichte, Naturlehre, u.s.w. - Aber er las mehr, als
er hörte - Die Erfurter Universitätsbibliotek mag wohl lange ihren geringen
Schatz nicht so sorgfältig gebraucht gesehen haben, als es von Hartknopfen
geschahe.
    Hartknopf machte erstaunliche Fortschritte; denn zu allem was er begann,
brachte er ein Licht mit, das ihm der Emeritus angezündet hatte, und wodurch es
ihm da schnell Tag wurde, wo es andern oft lange Nacht bleibt, ehe sie sich
durch die Finsternisse durchgearbeitet haben.
    Er lebte übrigens in Erfurt sehr verborgen - und ich habe ihn dort im Jahr
177*, bei einem gewissen Doktor Sauer, der nun todt ist, kennen lernen.
    Möge die Asche des Doktor Sauers in Frieden ruhen; er verdiente wohl von
Hartknopfen gekannt zu werden; ob ihn gleich die Welt nicht gekannt hat. -
Welche herrliche Talente, welch ein Umfang von Kenntnissen sind mit diesem Manne
begraben worden, der die Bewunderung seiner Zeitgenossen hätte sein können, wenn
der edle Sprössling nicht in der Jugend zerknickt worden wäre.
    Solch ein Kopf mit solch einem Herzen vereinigt, musste ohne eine Spur hinter
sich zu lassen, unrühmlich in die Verwesung übergehen. - Er wohnte in einer
kleinen Ggsse, in eines Schusters Hause, und da man seinen Sarg heraustrug,
fragte nicht einmal ein Nachbar: wen begräbt man da? Und keine Träne wurde ihm
nachgeweint.
    Hier lernte ich Hartknopfen dem Leibe nach und zum Teil auch dem Geiste
nach kennen - die eigentliche Bekanntschaft unsrer Seelen aber fällt in das Jahr
178*, zwei Jahr vor seinem Märtyrerstode.
    Als ich ihn nun beim Doktor Sauer zuerst erblickte, war es mir, als sähe ich
einen Unsterblichen hereintreten - Er kam aber in der Dämmerung, da es
Feierabend war, und hatte sein Schurzfell vor - denn es war damals gerade sein
Arbeitshalbesjahr. - Da er dem Doktor Sauer die Hand gab, so war es, als wolle
er mit seinem starken nervichten Arm, das zerknickte Rohr wieder aufrichten;
jedes seiner Worte goss neuen Mut in die Seele des darniedergebeugten - dem die
Führer seiner Jugend, da sie ihn Bescheidenheit lehren wollten, unglücklicher
Weise das Selbstzutrauen, diese unentbehrliche Stütze des schwachen Sterblichen
aus den Händen entwunden hatten - Hartknopf wollte sie ihm wiedergeben, aber
auch die Hände waren schon gelähmt, die sie ergreifen und festalten sollten.
    Unaufhaltsam sank der Hülflose hinab; die Kräfte seines Geistes und seines
Körpers verzehrten sich in sich selber. - Um nicht vor Hunger umzukommen, musste
er das elende Geschmiere eines marktschreierischen Arztes für ein Spottgeld ins
Lateinische übersetzen; und dieser erwarb sich dennoch, bei der Welt, die einmal
betrogen sein will, Ruhm und Ehre damit, und wurde mit einem ansehnlichen Gehalt
irgendwo, als Brunnenarzt befördert, während dass der ehrliche Sauer die Zöllner
und Sünder heilte, und für das Geld, was er mit dem Uebersetzen verdient hatte,
noch die Arzeneien anschafte, die er statt Bezahlung von den Kranken zu nehmen,
ihnen noch unentgeldlich dazu gab.
    Der Schwung seines Geistes in einigen vortrefflichen Gedichten wurde einem
elenden Geschmiere von Wochenschrift zu Teil, das ein Buchdrucker in Erfurt
herausgab, für welchen Sauer zuweilen als Korrektor Tagelöhnerarbeit
verrichtete.
    Endlich schien ihm die Glückssonne ein wenig zu lächeln; der Stadtalter von
Dahlberg lernte ihn kennen, und dachte auf seine Beförderung, als der Tod ihn
weit schneller und besser beförderte, wie alle Fürsten und ihre Stadtalter
hätten tun können.
    Ok..rd, wo du auch seist, der du von ohngefähr dieses liesest, erinnere dich
mit mir des guten Sauers, mit dem wir manche frohe Stunde verbrachten, der dich
auch Weissheit lehrte, und lass uns seinem Andenken noch eine freundschaftliche
Träne weihen!
    Hast du je den Schmiedegesellen bei ihm gesehen, so erinnere dich, wenn du
kannst, seiner Gestalt und seiner Rede, und wisse, dass dieser mein Hartknopf
war.
    Nachdem ich ihn das erstemal beim Doktor Sauer gesehen hatte, sprach ich ihn
nur noch einigemale; denn er verliess bald darauf Erfurt, wo er sich eine geraume
Zeit aufgehalten hatte, ohne dass man sich um ihn bekümmerte - da es sonst in
Erfurt, weil die Universität sehr klein ist, für einen der sich mit den
Wissenschaften beschäftigt, schon ziemlich schwer hält, ganz unbemerkt zu
bleiben; nun war aber Hartknopf ordentlich als Student inskribirt - weil er
jedoch nach dem ersten halben Jahre nur noch selten die öffentlichen Vorlesungen
besuchte, in keine Studentengesellschaft ging, und überhaupt sich nicht viel
öffentlich sehen liess, so betrachtete man ihn, als ob er gar nicht da gewesen
wäre.
    Der Doktor Froriep stellte damals mit einigen Studenten Predigtübungen in
der Universitätskirche an, die in der Woche bei verschlossnen Türen gehalten
wurden. - Hier hat auch Hartknopf, wie ich weiss, einmal gepredigt, ich glaube
aber schwerlich, dass sich der Doktor Froriep seiner erinnern wird; denn wenn er
in sich zurückgezogen da stand, so hielt man ihn für einen äusserst unbedeutenden
Menschen.
    Nachdem ich ihn nur erst einmal beim Doktor Sauer gesehen hatte, sass ich an
einem Sontagabend einmal oben am Steigerwalde, und las in Klopstocks Messiade -
Der Steiger ist ein Wald nahe bei Erfurt, auf einer Anhöhe, von welcher man die
ganze Stadt übersehen kann, die mit ihrer unbeschreiblichen Menge Gärten rund
umher einen sehr schönen Prospekt macht - Hier lag ich also im Grase
hingestreckt, und erwartete, indem ich in Klopstocks Messiade, die Erzählung von
den beiden Jüngern von Emaulas, den Untergang der Sonne.
    Indem kam Hartknopf den schrägen Abhang herausgegangen, seinen blauen
Sontagsrock mit gelben Knöpfen und steifen Schössen von oben bis unten
zugeknöpft, und seinen Dornstock in der Hand - grüsste mich, und setzte sich
neben mich -
    Und ich machte schnell mein Buch zu, und wollte es einstecken, denn es war
mir, als ob ich mich, ich weiss selbst nicht aus was vor Ursachen, vor ihm
schämte. - Ich fühlte mich auf einmal so klein, so schwach in seiner Gegenwart -
da ich mir noch kurz vorher gar nicht so vorgekommen war - sein Blick durchdrang
mein Innerstes, und schlug mich nieder.
    Aber heilig soll mir dieser Abend sein, so lang ich lebe -
    Das Gespräch lenkte sich von der Schönheit des Abends, bald auf die
Schönheit und Aufrichtigkeit der Seele, die einen solchen Abend nur allein
empfinden kann, wenn sie von allen Schlacken der Eitelkeit und Selbsttäuschung
gesäubert, die schöne Natur wie ein reiner und heller Spiegel in sich darstellt.
    Es war ja wohl recht schön am Steiger die Sonne untergehen zu sehen, und
dabei in Klopstocks Messiade zu lesen - aber die Scene musste nicht gleichsam
herbeigezwungen werden, bloss um denn nachher, auch nur zu sich selber, sagen zu
können: ich habe am Steiger die Sonne untergehen sehen, und Klopstocks Messiade
dabei gelesen - ich bin doch gewiss kein gemeiner Mensch - so etwas lässt doch
schön im Leben, wenn man so zurückschaut. -
    O unbegreifliche Eitelkeit! nicht genug dass du andre durch falschen Schimmer
zu täuschen suchst, willst du vor dir selbst mit Zwang eine dir nicht
abgemessene Rolle spielen - Die Sonne mit dem Buche in der Hand untergehen zu
sehen, ist dir Arbeit nicht Genuss - Du machst die Scene, sie fügt sich nicht von
selbst; deine Seele ist nicht aufrichtig, deine Empfindungen sind erkünstelt,
der Abdruck der schönen Natur in dir ist verfälscht!
    Dies ist ohngefähr der Inhalt von dem, was ich an dem Abend von Hartknopfen
gelernt habe. - Es ist ein sehr angenehmer Spaziergang bei Erfurt nach den
sogenannten drei Brunnen, wo sich der Weg zwischen Gärten und Gebüschen in
mancherlei Krümmungen hinschlängelt, indes sich von allen Seiten her kleine
Bäche ergiessen, an deren schmalen Ufern man hinwandelt - Hinter sich sieht man
denn die alten hohen Klöster und Türme der Stadt, die mit der erstaunlichen
Menge blühender Gärten umher einen so angenehmen Kontrast machen -
    Hier trafen wir uns einmal um Mitternacht, da der Vollmond am Himmel stand -
und Hartknopf war doch gewiss keiner der empfindsamen Nachtwandler, die über dem
Anschauen des Mondes ihr Tagewerk versäumen. - Er hatte seit einiger Zeit
angefangen, die Kunst des grossen Saumeisters in dem gestirnten Himmel bewundern
zu lernen.
    Er hatte sich wirklich astronomische Kenntnisse erworben, und kam jetzt, mit
einem kleinen Tubus in der Hand, eine Anhöhe herunter, auf welcher er einige
Stunden zugebracht hatte. - Er hatte eine besondre Gabe, dergleichen Kenntnisse
mitzuteilen - Seine Astronomie war keine leere Nahmenkenntniss von Sternbildern
- Es war ein mächtiges Eingreifen der Gedanken in den grossen Weltplan, wovon nur
so ein kleiner Teil von unsern Sinnen gefasst wird.
    Ich sitze im Zimmer - ein Strahl der Sonne fällt hinein, und macht einen
Strich der Staubwolke sichtbar, die sich auf und nieder wälzt - in dem
erleuchteten Striche schwimmen unzählige Sonnenstäubchen, und drehen sich teils
umeinander, teils ein jedes um seine eigne Axe - der Bewohner eines solchen
Sonnenstäubchens schaut über sich, und sieht eine unzählbare Menge ähnlicher
kleiner Körper, die sich alle in einem und ebendemselben Lichtstrahl drehen, und
ruft mit Verwunderung und Erstaunen aus: o du unendliches Weltgebäude, wer
misset dich?
    Ich eröfne das Fenster, und sehe den Himmel an, der nächtlich mit Millionen
Sternen besäet ist, die sich alle, wie unser Erdball in einem, grossen Lichtmeer
wälzen; und rufe mit Verwunderung und Erstaunen aus: o du unendliches
Weltgebäude, wer misset dich - Und ein höheres Wesen lächelt vielleicht, indem
es alle diese Welten mit einer Hand zusammenfasst, über meinen Ausruf; so wie ich
über den Ausruf des Weltbürgers auf einem Sonnenstäubchen. -
    Man denke nicht dass Hartknopf lehrte, wenn er so sprach - nein, Lehren, das
war gewiss seine Sache nicht - er warf nur Vermutungen hin, gab Winke - hüllte
die herrlichen Wahrheiten in demütige Zweifel ein - liess aus der Dunkelheit der
Zweifel allmälich das Licht hervorbrechen - und wusste Empfindung und Gedanken
auf eine so wunderbare Art zu verflechten, dass man kaum mehr zu unterscheiden
wusste, ob man die Wahrheit aus Liebe zu ihr, oder aus fester Ueberzeugung
annahm.
    War ich je in einem Augenblick meines Lebens fest und unerschütterlich von
der Fortdauer meines Geistes überzeugt, so war ich es in jener Nacht, wo ich mit
Hartknopfen spazieren ging - Und oft habe ich mich noch nachher an der
Erinnerung von jener Ueberzeugung, die ich doch damals wirklich hatte,
festgehalten, wenn meine Zuversicht wieder wanken wollte.
    Ich habe oft Youngs Nachtgedanken gelesen, aber keinen Schatten von her
Empfindung haben sie in meiner Seele hervorgebracht, welche damals Hartknopfs
kurzes Gespräch in mir erweckte.
    Young ist in vielen Stellen erhaben auch zuweilen rührend und
seelenschmelzend; aber er war nur in den Zelten der Lieblingsdichter meines
Herzens, wo meine Seele selbst verstimmt war - Er hat die Nacht aus der Natur
herausgeschnitten, und sie einzeln aufgestellt - er hat die Finsternis vom
Lichte gesondert - er hat uns in einem vollen gerüttelten Masse die Schrecken des
Todes aufgetischt, dass wir auf einmal den Gaumen unsere Geistes daran laben
sollen.
    Hartknopf lehrte mich die Nacht lieben ohne den Tag zu scheuen, und den Tag
ohne die Nacht zu scheuen. - Finsternis und Licht - Tod und Leben - Ruhe und
Bewegung - mussten in sanfter Mischung sich ineinander verschwimmen. -
    Der Blick zum Himmel gekehrt, musste sich von neuem Lichte gestärkt, wieder
zur Erde senken - um Dort und Hier Gegenwart und Zukunft in schöne Harmonie
miteinander zu vereinen. -
    O wie ich damals an seinen Lippen hing - es war eine warme Sommernacht - wir
sassen auf einem Rasenhügel - zu unsern Füssen rauscht' ein Bach, über uns hing
ein grünes Gesträuch - in der Ferne sah man das Karteuserkloster - Der Himmel
umschloss uns von oben -
    So war alles zusammen bis auf den innersten Gedanken in unsrer Seele ein
vollendetes Ganze.
    Ich fühlte mein Dasein zum erstenmale; fühlte mich in dieser grossen Kette
eingezwängt; sicher, fest, und unerschütterlich -
    Ich ward zum erstenmal auf den rechten Lebensfleck geführt -
    Ich lernte die grosse Weissheit:
                              Des Alles im Moment.
Ich ward zum neuen geistigen Leben geboren.
    Von dem Augenblick an war es ruhig in meiner Seele - Die tobenden Stürme des
Ehrgeizes legten sich - die Furcht verschwand, die Hoffnung ward Zuversicht.
    Die Stille der Seele hatte einen wohltätigen Einfluss auf meinen Körper;
mein Pulsschlag war wieder sanft und regelmässig - leicht und ungehindert strömte
das Blut in frohen Kreisen fort -
    Mein kränklicher Körper ward durch die Seele geheilt; ich fühlte mich an
Leib und Geiste neugebohren.
    Diese Nacht war es, wo ich Hartknopfen dem Geiste nach kennen lernte. - Das
heisst, sein Geist war mir nun gesichert, er mochte abwesend oder gegenwärtig,
todt oder lebend sein - Ich blickte durch den Geist in seine Augen, so wie ich
vorher durch das Auge in seinen Geist geblickt hatte.
    Unsere Zusammenkunft in dieser Nacht schien ein Werk des Zufalls - aber sie
war es nicht - denn ich möchte doch nicht gern die notwendige Glückseligkeit
meines Lebens an etwas schuldig sein, das sich eben so leicht nicht hätte fügen
können, als es sich gefügt hat.
    Nein, in eben dem ewigen Zusammenhange, worin mein ganzes Dasein gegründet
ist, worin ich mich so gesichert fühle - war auch jener Augenblick meines Lebens
fest gegründet, wo sich Hartknopfs Seele gegen die meinige aufschloss; und ich
weiss es gewiss, dass er mir nicht entgehen konnte.
    Hartknopf fand mich der Mitteilung seines Geistes wert; welches er gewiss
nicht getan haben würde, wenn seine erste Lektion am Steigerwald bei mir nicht
angeschlagen hätte - aber er sah, dass meine Seele aufrichtig war; dass ich mich
der törichten Verstellung, und des törichten Zwanges schämte; dass ich die
Nacht nicht herausgegangen war, um zwischen der Natur und mir gleichsam eine
feierliche Scene zu veranstalten; sondern dass ich diesmal einem lockenden Rufe
gefolgt war, und dass mein Herz sich willig eröfnete, um den reinen Lichtstrohm
aus ihr aufzunehmen.
    Ich war so gestimmt, dass ich mich an der Figur eines Blattes auf den Wipfeln
der Bäume ergötzen konnte, und alles aus meinen Gedanken verbannt war, was diese
schöne Ordnung der Natur, die sich jetzt unverfälscht in mir abdrückte, hätte
stören können.
    Diese wohltätige Stimmung bemerkte Hartknopf sogleich, und nutzte sie mit
solcher Macht, dass er, ehe ich es noch selbst wusste, eine neue Schöpfung in mir
hervorgebracht hatte.
    Das Licht hatte sich von der Finsternis gesondert, der Morgen war
angebrochen.
    Das verwirrte Chaos der Ideen, die von Jugend auf in meine Seele geströmt
waren, ordnete sich plötzlich zu einem schönen Ganzen.
    Selbst das, was ich glaubte unnütz und umsonst gelernt, und in Büchern
gelesen zu haben, fand hier seinen angewiesenen Platz - und da war nichts mehr,
das nicht in den schönen Plan gehört hätte.
    Die Fluten, die vorher sich mit dem Erdreich vermischt, und es schlammicht
und bodenloss gemacht hatten, sonderten sich jetzt in Meere und Flüsse, und
stellten das Antlitz des Himmels dar, der sich darin spiegelte, und die Erde
ward fest und hart, dass Menschen und Tiere drauf wandeln, und Bäume und
Pflanzen drauf emporschiessen konnten.
    Wahrlich ich sage dir, es sei denn, dass jemand geboren werde, aus dem
Wasser und Geist, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.
    Wer nicht den ganzen Nutzen von dem, was er gelernt, getan, gedacht, gelebt
hat, in einen Moment zusammen ziehen kann, bei dem ist die neue Schöpfung noch
nicht vorgegangen, und noch nicht alles so geordnet, wie es soll. -
    Der Moment ist und bleibt der letzte Punkt, wohin alle Weissheit der
Sterblichen streben kann und muss - alles andre ist Chimäre und Einbildung.
    O wer leihet mir Hartknopfs Sprache, womit er in meine Seele rief: es werde
Licht!
    Wer lenkt meine Feder, dass sie nur ein schwaches Bild jener unnachahmlichen
Sprache durch gemahlte Töne auf dem Papier entwerfe.
    Göttliche Kunst, die du die Gedanken des schwachen Sterblichen auf kommende
Geschlechter hinüber trägst - wenn sein Mund schon lange im Grabe verschlossen
ist - o, wie engst du den Geist ein, der sich dir hingibt; der den
zusammengedrängten Lichtstrahl schwächt, damit er sich weit umher verbreite!
    Der Buchstabe tödtet, aber der Geist macht lebendig.
    Hartknopf nahm seine Flöte aus der Tasche, und begleitete das herrliche
Recitativ seiner Lehren, mit angemessnen Akkorden - er übersetzte, indem er
phantasierte, die Sprache des Verstandes in die Sprache der Empfindungen: denn
dazu diente ihm
                                   die Musik.
Oft, wenn er den Vordersatz gesprochen hatte, so bliess er den Nachsatz mit
seiner Flöte dazu.
    Er atmete die Gedanken, so wie er sie in die Töne der Flöte hauchte, aus
dem Verstande ins Herz hinein.
    Bewafnetes Auge, bewafneter Mund, bewafnete Hand, pflegte er wohl zu sagen:
                     Der Tubus, die Flöte, und der Hammer.
    Auf dem Klavier hat er sich manche verworrne Idee herausgespielt, und ins
klare gebracht -
    Sein Studium aber ging darauf, die Musik zur eigentlichen Sprache der
Empfindungen zu machen, wozu sich die artikulirten Töne nicht so wohl schicken,
als die unartikulirten, die das Ganze nicht erst zerstücken, um es dann wieder
zusammenzufassen, sondern die es gleich, so wie es ist, ganz und in seiner Fülle
lassen.
    Er verstand die Kunst, durch die Musik auf die Leidenschaften zu wirken -
darum trug er immer seine Flöte bei sich in der Tasche - und durch unablässige
Uebung hatte er es so weit darin gebracht, dass er oft durch ein paar Griffe, die
er, wie von ohngefähr tat, aufgebrachte Gemüter besänftigen, Bekümmerte
aufrichten, und den Verzagten neue Hoffnung einflössen konnte.
    Es war weiter nichts künstliches bei der Sache, als dass der gewählte Ton
grade eingreifen musste, wo er sollte. - Und denn war es oft eine sehr simple
Kadanz, oder Tonfall, welche die wunderbare Wirkung hervorbrachten.
    Ein jeder wird einigemale wenigstens in seinem Leben die Bemerkung an sich
gemacht haben, dass irgend ein sonst ganz unbedeutender Ton, den einer etwa in
der Ferne hört, bei einer gewissen Stimmung der Seele, einen ganz wunderbaren
Effekt auf die Seele tut; es ist, als ob auf einmal tausend Erinnerungen,
tausend dunkle Vorstellungen mit diesem Tone erwachten, die das Herz in eine
unbeschreibliche Wehmut versetzen. -
    Da hatte nun Hartknopf der Natur auf die Spur zu kommen, und das in Kunst zu
verwandeln gesucht, was sich sonst nur zuweilen wie durch Zufall ereignet.
    Freilich musste er den schon etwas kennen, auf welchen seine Töne dergleichen
Wirkung hervorbringen sollten - aber er lernte auch wieder durch die Wirkung,
welche diese Töne machten, allmälig das Herz dessen immer besser kennen, mit dem
er umging.
    Das höchste in der Musik liegt in der Kenntnis ihrer einfachsten Elemente.
    Hartknopf wäre ein grosser Musikus gewesen, wenn er gleich nie hätte die
Flöte blasen, und das Klavier spielen lernen.
    Er verband aber mit Fleiss ein Blaseninstrument, mit einem Seiteninstrumente.
- Das Blaseninstrument ist ganz Ausdruck der Empfindung, das Seiteninstrument
schon zum Teil den Ideen geweiht - durch das Seiteninstrument entwickelte sich
Hartknopf, was er durch Blaseninstrumente im Ganzen empfunden hatte.
    Die Blaseninstrumente sind dem Herzen näher. -
    Die Violine ahmet durch die geschleiften Töne die Blaseninstrumente nach,
und macht gleichsam den Uebergang zwischen ihnen, und den mit immer
wiederhohlten Unterbrechungen vibrirenden Seiteninstrumenten.
    Dass durch gleiche Taktteile Ernst und Würde - durch ungleiche lebhafte
Empfindungen - durch drei oder vier kurze Töne zwischen zwei längern,
Frölichkeit - durch einen oder zwei kurze Töne vor einem langen Wildheit,
Ungestüm - durch das Schwerfällige ausgedruckt wird - wie geht das zu? Worin
liegt hier die Aehnlichkeit zwischen den Zeichen und der bezeichneten Sache?
    Wer das herausbringt, der ist im Stande ein Alphabet der Empfindungssprache
zu verfertigen, woraus sich tausend herrliche Werke zusammen setzen lassen. -
Ist nicht die Musik der Sterblichen eine Kinderklapper, sobald sie sich nicht an
die grosse Natur hält, sobald sie die nicht nachahmt?
    Musik und Astronomie war Hartknopfen nahe miteinander verknüpft - Er lehrte
mich in jener Nacht einen Teil der Astronomie bloss durch die unnachahmlichen
Töne seiner Flöte - die eines Kenners Ohren gewiss würden beleidigt haben, weil
sie sogar einfach waren.
    Eigentlich geschahe dies aber nur, well er das Klavier nicht zur Hand hatte,
durch das lehrte er sonst die meisten Wissenschaften und vorzüglich auch
Lebensweissheit und Moral.
    Noch ein sehr merkwürdiger Gegenstand seiner Beobachtung, in Ansehung der
Musik, waren die verschiedenen Veränderungen des Pulsschlages bei den
verschiedenen Veränderungen der Leidenschaften.
                       Mit der Musik verband er aber auch
                                 die Dichtkunst
im hohen Grade - und nahm seine Zuflucht oft zu ihr, wenn er kranke Seelen
heilte. O dann flossen die Worte im metrischen Silbenfall, wie Balsam von seinen
Lippen -
    Nicht, dass er so ein Wunderdichter gewesen wäre, der gleich aus dem
Stegereif auf jeden Vorfall in Versen etwas Vortreffliches hätte sagen können -
sondern alles, was er von andern vortrefflich gesagtes auswendig wusste, hatte er
sich in seiner Seele so gemerkt, dass er es immer zur rechten Zeit in
Bereitschaft hatte. -
    Und so wie fleissigen Bibellesern manchmal ein auswendig gelernter Spruch,
gerade zur rechten Zeit einfällt, wo er ihnen, mitten in der Verzweiflung Trost
und neuen Mut einflösst - so brauchte Hartknopf auch die Dichtkunst, wozu sie
eigentlich da ist, zur Veredlung und Erhebung des Geistes, zur Beruhigung der
Leidenschaften - sie diente ihm oft nach vielen misslungenen Versuchen zu einer
heilsamen Seelenarzenei, wo alles andre fehlschlug. -
    Darum war auch unter den Alten Horaz sein Lieblingsdichter, weil er mit wohl
abgemessnen, reizenden Silbenfall den rechten Takt des Lebens lehrt - und sein
Lieblinsgedicht unter den Neuern war - Wielands Musarion.
    Hartknopf machte zwar selbst auch Verse - allein er tat es nur, um irgend
eine Pflicht zu erfüllen, wie Sokrates einst kurz vor seinem Tode sich noch
durch den Genius, der ihm immer zur Seite war, gedrungen fühlte, einige
Aesopische Fabeln in Verse zu bringen.
    Seine grösste Stärke aber bestand in der Deklamation; diese hatte er so in
seiner Gewalt, dass er sich des Fremden, was er vorlass, gleichsam bemächtigte,
und es sich zu eigen machte.
    Es war ihm auch im Grunde nichts fremd, was irgend ein unverfälschtes
Produkt des Geistes war - sondern so wie die Strahlen der Sonne ein
gemeinschaftliches Gut sind, dessen sich alle Sterblichen freuen, so schienen
ihm auch die Strahlen des Geistes, sie mögen sich nun ausbreiten, wie und wo sie
wollen, ein gemeinschaftliches Gut denkender und vernünftiger Wesen zu sein,
dessen sie alle ohne Rückhalt froh werden sollen - Dieser Gedanke machte, dass
Hartknopf auch nie einen Funken von Neid empfand, so oft er etwas las, was ihm
Bewunderung und Erstaunen einflösste, indem er sich nicht zutrauere, dass er es
selbst würde haben hervorbringen können.
    Er nahm demohngeachtet an der Ehre des menschlichen Geistes Teil, und
vergass, wie ein achter Republikaner, sein eignes Individuum, in der Vorstellung
von der grossen Geisterrepublik, mit welcher verbunden er nur sich selber
schätzte, und seiner eignen Existenz einen Wert beilegte.
    Denn unter allen sogenannten philosophischen Systemen, war ihm das der
Egoisten das abgeschmackteste von der Welt - ob er gleich als Knabe einigemal
Anfälle von dieser subtilen Raserei gehabt hatte - da es ihm einfiel, alle die
Wesen ausser ihm, wären eigentlich nur Traumbilder, die in ihm da wären, und er
wäre das einzige einsame Wesen in dieser weiten öden Welt; die denn, wie eine
Schaumblase mit ihm aufgestiegen sei, und auch mit ihm wieder in ihr Nichts
versinken würde.
    Wie gesagt, er hatte nur als Knabe diese Anfälle, und da er ein Mann
geworden war, dachte er wie ein Mann, und drückte seinem Nachbar
freundschaftlich die Hand, und blickte seinem Freunde getrost ins Auge, ohne sie
nur eine Minute lang für Traumbilder oder Wesen seiner Einbildungskraft zu
halten.
    Ich begreife auch kaum, wie man den Gedanken des eigentlichen Egoismus nur
einen Augenblick lang, ohne sich der Raserei zu nähern, ertragen kann. - Es ist
das allerfürchterlichste und schrecklichste; ohne Hülfe, ohne Rettung bin ich
mir selbst, als einem sich verzehrenden, sich selbst mit tausend Gefahren und
dem Untergang drohenden Ungeheuer, überlassen. - Ich kann mir selbst nicht mehr
in den Arm eines Freundes entfliehen - denn der Arm des Freundes ist eine
Täuschung meiner Sinne, ein mir verhasstes Selbst - und doch - wer rettet mich
von den fürchterlichen Gedanken? - Doch kann ich in alle Ewigkeit von dem
wirklichen Dasein irgend eines Wesens überzeugt werden, so wie ich es von meinem
eignen bin - keinen Augenblick lang kann ich das Ich eines Wesens ausser mir
sein - wie kann ich da wissen, ob dies Wesen auch ein Ich ist, ob es je den
Gedanken Ich gehabt hat -
    Das waren die Anfälle von Egoismus in Hartknopfs Knabenalter - Seit jenem
feierlichen Tage aber, da er sich in die grosse Republik der Geister aufgenommen
fühlte, verschwanden alle diese Zweifel, wie Nebel vor der Sonne - Es war ein
Geist, der durch ihn, und den Emeritus, und Knapp auf die Menschen wirkte, eine
reine Flamme, die den Erdkreis erleuchtet, aber verschieden in tausend Farben
und Gestalten der Dinge, die unter ihrem wohltätigen ununterbrochnen Einfluss
erst Bildung und Form erhalten -
    Diesen seinen eignen Geist fand Hartknopf im Emeritus, und dem Gastwirt
Knapp, nicht aber in Hagebuck und Küster wieder - diese reine Flamme, die ihn
selbst durchglühte, grüsste er in Wielands Musarion, in Homers Gesängen, in
Horazens Briefen, in Rousseau's Emil, in Mendelsohns Phädon, und würde sie in
Lessings Natan den Weisen gegrüsst haben, hätte er ihn je gelesen. - In Youngs
Nachtgedanken hatte er sie nicht gefunden; auch würde er sie nicht in dem Buche
über Irrtümer und Wahrheit gefunden haben, wenn es ihm je zu Gesichte gekommen
wäre.
    Dies Wiederfinden desselben Geistes, der ihn durchwehte, in andern, war der
erhabne Egoismus zu welchem er sich emporschwang, der die Seele seiner
Freundschaft war, und ihm zugleich seine Unsterblichkeit sichern half: denn er
fühlte, dass er sich nie selbst verlieren konnte - Er fand sich wieder, wohin er
blickte.
 
        Meine Zusammenkunft mit Hartknopfen in einem Kartäuserkloster.
Das war das letztemal, dass ich ihn in Erfurt sah, und hier war es, wo er mir
das letzte memento mori in die Seele rief, das seitdem nie wieder durch irgend
einen Freudenschall daraus verdrängt ist.
    Ob es denn etwa Kartäuser in der Welt geben mag, damit wir, weil doch alles
vollständig sein soll, auch ein lebendiges Bild des Todes vor uns haben, woran
wir uns spiegeln sollen? - denn ein solches Bild ist ein Kartäusermönch, so wie
sein Kloster das klare Bild des Grabes.
    Es war am Festtage des heiligen Bruno, da wir uns von ohngefähr und doch
auch nicht von ohngefähr, so wie die Nacht in den grünen Gängen nach den drei
Brunnen, hier zusammentrafen. - Es war des Nachmittags - die Sonne schien hell
ins Kirchfenster, und beleuchtete den Kranz des Altarblattes, und die grünen
Blätter der duftenden Citronenbäume, womit die kleine Kirche an diesem hohen
Feste geschmückt war - Die Mönche sassen in zwei Reihen auf ihren erhabnen
Sitzen, und vor jedem Sitze stand ein grüner Orangebaum in einem mit Erde
gefüllten Behältnisse - Die Mönche sassen noch, ihre weisse Kappen über das
Gesicht gezogen, in feierlicher Stille da, und die Bäume warfen einen sanften
Schatten auf ihr langes weisses Gewand, dessen weite Ermel herunter hingen. -
    Dumpf und traurig, in tiefen Tönen hub darauf ihr Gesang an - dann warfen
sie sich auf ihr Antlitz nieder, und zogen indem sie anbeteten ihre Kappen über
das Gesicht herunter. -
    Da standen Greise mit kahler Scheitel, und Jünglinge mit blassen Wangen, die
einst geblühet hatten. -
    Vor dem Altar hängt von oben ein Seil herunter, woran die Glocke gezogen
wird, und so wie der erste Mönch hereintritt, tut er den ersten Zug an dem
Seile, und überreicht es denn seinem Nachfolger, der den zweiten tut, so dass
alle an dem Läuten Teil nehmen, und alle in diesem Tempel dienen, ohne sich
dienen zu lassen. - Eben so ist es auch wieder beim Weggehen. -
    Hartknopf war nicht umsonst hier, er besuchte einen neunzehnjährigen
Jüngling, dem der Freund seiner Jugend an seiner Seite vom Blitz erschlagen war
- und der dadurch einen Ekel an allen Freuden des Lebens bekommen hatte, welcher
ihn hieher trieb, wo er dem Grabe entgegen welkte.
    Bei ihm gelang es Hartknopfen das zerknickte Rohr wieder aufzurichten - er
erhielt auf sein dringendes Anhalten, vom Prior die Erlaubnis, den Jüngling in
seiner Zelle zu besuchen: und dieser liess sich durch den erhabnen Ton seiner
Stimme, durch seinen mitleidsvollen Blick, bewegen, ihn anzuhören - und da er
ihn erst anhörte, so fesselte ihn Hartknopf schnell mit starken Banden der
erbarmenden Liebe und Freundschaft. - Solch ein Ton war noch nie in des armen
Jünglings Ohr gedrungen, seit er seinen Freund verloren hatte. - Hartknopf
brachte ihm diesen wieder, und sicherte ihm sein Dasein, und nun wurde der
Jüngling allmälig ruhig - aber Hartknopf hütete sich wohl, bei den lebend
Begrabnen den Reiz des Lebens zu sehr wieder anzufrischen - Er lehrte ihn, in
sich selber, in tausend kleinen Beschäftigungen seine Glückseligkeit finden, die
er vorher nicht gekannt hatte. -
    Hartknopf folgte in der Behandlung dieses Jünglings der Natur, welche den
Mangel des einen Sinnes dadurch einigermassen zu ersetzen sucht, dass sie die
ganze Kraft desselben in einen andern Sinn zusammendrängt, der dadurch bis zu
einem ausserordentlichen Grade erhöhet wird - so suchte Hartknopf bei diesem
Jüngling den Mangel des Entzückens, welches nur die Mitteilung gewährt, in dem
Umgang mit seinem edlern Ich, in die grossen Beschäftigungen mit seinem eignen
Geiste zurückzudrängen - er lehrte ihn in sich eine Welt finden, da die Welt
ausser ihm, auf immer vor ihm verschlossen war.
    Trauben von den Dornen und Feigen von den Disteln lesen, war Hartknopfs
Wahlspruch, so oft er etwas bemerkte, was aus dem grossen Plane der Natur
hinweggerückt zu sein schien - Hier ist das Künsteln nötig, sagte er, um das
Verdorbne wieder gut zu machen. - Was ein Unvernünftiger zu einem schlechten
Endzwecke hervorgebracht hat, kann der Vernünftige immer noch zu einem bessern
Endzwecke nützen - Die Unvernunft kann nichts so sehr verderben, dass die
Vernunft es nicht sollte wieder gut machen können - Die Unvernunft reisst nieder,
damit die Vernunft wieder etwas zu bauen habe, so bleibt alles in Tätigkeit.
    Wer sich einmal lebendig begraben will, der tur doch immer noch am besten,
wenn er sich in ein Kartäuserkloster begräbt, wo er sich doch sein Grab selbst
nach Gefallen ausschmücken, und sich, wenn es ihm beliebt, darin umwenden kann,
ob er gleich auch nicht wieder heraus darf.
    Oft wenn ich aus meinem Stubenfenster über die alte Stadtmauer nach dem
Kartäuserkloster hinüberblickte, fühlte ich eine geheime Sehnsucht nach diesen
stillen Hütten - die ihren sehr guten Grund in meinem damaligen Verhältnisse
gegen die Welt, und gegen die Menschen hatte.
    Die Kartäuser wohnen nicht, wie andre Mönche in einem Hause, wo ein jeder
seine besondre Zelle hat, sondern ein jeder Mönch hat hier sein eignes kleines
Haus, das nur ein Stockwerk hat, und mit einer hohen Mauer umgeben ist,
innerhalb welcher ein kleiner Garten bei jedem dieser Häuser befindlich ist. Die
einzelnen Häuser sind durch die hohen umgebenden Mauern so voneinander
abgesondert, dass man durch keine Türe aus einem ins andre, wohl aber aus allen
gemeinschaftlich in die Kirche und den Speisesaal kommen kann. Auf diesen Gängen
ist es also allein wo sich die Mönche begegnen, und sich durch ihr
unverbrüchliches memento mori miteinander unterhalten.
    Ein jeder hat in seinem Hause seine eigne kleine Einrichtung, bauet selbst
seinen kleinen Garten, spaltet sich selber sein Holz zum brennen, hat auch wohl
eine Drechsel- oder Hobelbank, womit er sich die Zelt verkürzt, und seinem
Körper eine heilsame Bewegung gibt. Sein Lager ist auf der blossen Erde, zu
seinen Füssen steht ein Todtenskelet, und ein harter Block dient ihm zum
Kopfküssen. Dreimal die Nacht über muss er sich des süssen Schlafs erwehren, wenn
ihn bei vollem Einbruch der Finsternis, um Mitternacht, und gegen Morgen die
Stunde zum Gebete weckt -
    Einmal im Jahr am Fest des Ordensstifters bekömmt er Fleisch zu essen, und
Wein zu trinken, der sonst nie seine Lippen berühren darf Ueber Tische herrscht
ein unverbrüchliches Stillschweigen.
    Keiner, der sich aus der Welt innerhalb dieser geweihten Mauern geflüchtet
hat, darf eine Erlösung daraus hoffen, wenn ihn je sein Entschluss wieder gereuen
sollte. Und wer es wagen wollte, diese Mauern zu überspringen, den würde, wenn
man ihn ergriffe, ein schreckliches Schicksal erwarten, und wäre er vorher noch
nicht lebend begraben gewesen, so würde er es dann sein.
    Hartknopf hatte sich diesen Kartäusermönch ausgesucht, um an ihm seine
Weissheit zu versuchen - denn hier war es, wo sie die Probe halten musste. - Wenn
es eine wahre Weissheit gibt, so muss sie lehren, wie man auch als
Kartäusermönch, sobald man es einmal ist, auf seine Weise glücklich sein kann.
    Freilich ist es besser, wenn sie einen vorher schon gelehrt hat, dass man nie
ein Kartäusermönch werden müsse - aber was hilft das besser, wenn das
schlechter nun einmal da ist. -
    Das Schlechtere was da ist, muss doch wohl mehr die Aufmerksamkeit des Weisen
an sich ziehen, als das Bessre, was nicht da ist. - Aber die Afterweisen, die
Weltreformatoren, die Hagebucks, schwärmen in den Zaubergefilden des Bessern was
nicht da ist, mit ihrer müssigen Phantasie umher, und lassen indes auf dem
verwilderten Acker des wirklichen festen Erdbodens, auf den sie treten, Dornen
und Disteln wachsen.
    Das tat nun Hartknopf nicht - der suchte die Dornen und Disteln
auszujähren, wo er sie nur fand; und aus der Seele des Jünglings hatte er einen
sehr schmerzenden Dorn gezogen, indem er ihm seinen vom Blitz erschlagenen
Freund wiedergab, und ihm in sich eine Welt zeigte, die ihn für die
Ausschliessung der äussern Welt schadloss hielt.
    Dieser junge Mensch konnte nun mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit berechnen,
dass er sein ganzes Leben hindurch keinen einzigen Tag Langeweile haben würde,
wenn er den Weg verfolgte, den ihm Hartknopf vorgezeichnet hatte.
    Ja er musste sich sogar ein ziemlich langes Leben wünschen, wenn er in diesem
Leben einige beträchtliche Fortschritte tun wollte, die ihm dort zu statten
kommen könnten.
    Und das war es, was ihm fast immer Angst und Furcht gemacht hatte, nicht der
Gedanke des Todes, der war ihm süss und erquickend, sondern der Gedanke an die
unerträgliche Last des Lebens - an alle die leeren Stunden, die er mit nichts
auszufüllen wusste, oder wo doch die Quellen mit denen er sie auszufüllen
strebte, immer sobald versiegten.
    Ach, in das einsamste voll der Welt abgeschiedenste Leben, das der Nacht des
Grabes am nächsten kömmt, lässt sich noch, wie mich Hartknopf gelehrt hat, eine
unnennbare Seligkeit des Genusses legen. -
    Eben so wie dem die Ewigkeit nie zu lang werden könnte, der von den
Millionen Welten, die aus dem Firmamente leuchten, eine nach der andern im
ungehemmten Fluge bereiste, und die unendliche Verschiedenheit des Wesens der
Bewohner aller dieser Welten nach und nach kennen lernte - eben so wenig kann
dem die Dauer seiner irrdischen Tage zu lang scheinen, der nur einen Blick in
sich selbst, in seine innere Welt getan, und die unermesslichen Gefilde des
Denkens überschaut, die sich da vor seinem Blicke eröfnen.
    Und diese Wonne des Denkens, des in sich Blickens kann doch auch der
dunkelste Kerker dem unsterblichen Geiste nicht rauben -
    Selbst der Verlust des süssen Augenlichts kann den Tag nicht verfinstern, der
noch immer in der Seele des Weisen und des Denkers strahlt -
    Nicht den Tag, der in Homers, und Miltons, und Ossians Seele glänzte, da sie
die Geschichte der Vorwelt sangen.
    Hartknopf sprach: es werde Licht! und es ward Licht in der trüben Seele des
Jünglings. Die Morgendämmerung des reinen Denkens brach hervor: die Nebel der
Vorurteile wälzten sich allmälig von dem hellen Horizont hinweg - und bei dem
allen blieb feste Resignation in Ansehung dessen, was einmal nicht zu ändern
war. Hartknopf lehrte den Jüngling die Reue überwinden - er liess ihn einen Blick
in die notwendige Verbindung der Kette der menschlichen Schicksale tun,
welcher Trost in seine Seele goss. - Er sprach sich selber frei, ohne das
Schicksal anzuklagen. - Er unterwarf sich der Notwendigkeit, und lernte sie
lieben. - -
    Und Hartknopf sah an, alles, was er hervorgebracht hatte, und siehe da es
war sehr gut -
    Darum glänzte sein Auge so heiter, da ich ihn am Feste des heiligen Bruno in
der Kirche des Kartäuserklosters traf. - Er sah in der Miene des Jünglings,
edle Lebenslust, Entschlossenheit und Standhaftigkeit nicht nur auf den
kommenden Tag, sondern auf kommende Jahre - und nun sah er mich da stehen, in
dem er seine neue Schöpfung angefangen, aber noch nicht vollendet hatte.
    Er fand diesen Ort zu einem wichtigen Fortschritt schicklich - er sagte mir
mit einer so kalten, festen, und trocknen Miene, dass ich sterben - sterben müsse
- wie es mir noch nie in meinem Leben gesagt war, wie ich es mir selbst noch nie
gesagt hatte - es war, als hätte er mich mit diesem Blick von Haut und Fleisch
entblösst -
    Und indem er meine Hand dabei anfasste, und schnell wieder fahren liess - - -
    Fuhr mir der Gedanke an die Verwesung durch die Seele, und erschütterte mein
Innerstes -
    Also - Staub, wie der, auf dei ich trete - ohne Gestalt, ohne Form, ohne
Umriss - in der ganzen weiten Welt gleich - und eins die Todtenasche aller
Sterblichen, wenn sie sich zusammen mischt -
    Die Schaumblase ist zerplatzt - dem Bilde ist sein Umriss genommen -
    Abgeschieden von der Welt, stehen sie hier die geweihten Opfer des Todes, in
das weisse Sterbegewand gehüllt, und singen sich selbst ihren Grabegesang -
    Hinweg mit dem täuschenden Schleier! Hier ist nicht der Jüngling mit der
umgekehrten Fackel - hier ist schreckliche, schändliche Verwesung - das
Meisterstück der Schöpfung liegt zertrümmert da, und der Wurm nagt an seinen
Ueberresten - sind denn Augen, wodurch der Geist geblickt hat, weniger wert,
als Augen von Glas geschliffen? dass diese modern, wenn jene dauern?
    Ist es möglich, dass dieser Körper, den ich an mir trage, der so nahe in mein
Ich verwebt ist, einst ein Auswurf der Schöpfung werde? - Nicht nur möglich,
sondern gewiss; so gewiss, dass es jetzt schon wirklich ist - und ich sollte nicht
vor mir selber zurückbeben? vor mir selber?
    Wer bin ich? Wo bin ich selber? Wo nimmt mein eigentliches Ich seinen
Anfang? Wo hört es auf? Wo verschwimmt es sich in die umgebende Welt? Kann ich
nicht alles mit in den Kreis meines Daseins ziehen, und kann ich nicht alles
wieder heraus denken? Wo nimmt mein Ich seinen Anfang?
    Hartknopf fasste meine Hand, und liess sie schnell wieder fahren, wie die Hand
eines Todten. - -
    Eins muss mir heraus helfen, oder ich bin auf ewig in diesem Labyrinte
verloren.
    Das höchste Studium des Psychologen sind:
                             die Verba Auxiliaria.
    Hab' ich denn eine Hand? Hab' ich einen Körper, so wie ich ein Kleid, und
eine Wohnung habe? - Hab' ich eine Denkkraft?
    Wo hört denn das Haben auf? wo nimmt das sein seinen Anfang?
    Ich habe - ich bin.
    Was hab' ich? was bin ich?
    Das ist der Aufschluss:
    Ich habe alles, was ich bin; aber ich bin nicht alles, was ich habe. - -
    Haben ist der mehrumfassende Begriff - Haben bezeichnet: zusammenhängen;
sein bezeichnet den stärksten Grad des Zusammenhanges - den letzten Knoten,
worin sich alles zusammenschlingt.
    Das Haben nähert sich dem Sein, je stärker der Zusammenhang wird -
    Alles was ich mein nenne, oder was ich besitze, nenne ich deswegen mein,
weil es in nähern Zusammenhange mit mir, als mit sonst irgend etwas in der Welt
steht.
    Das Kleid, das ich trage ist mehr mein, schmiegt sich näher an mein Ich, als
das Haus, worin ich wohne, und der Körper wieder mehr, als das Kleid, das ich
trage, und die Gedanken, womit ich mir meinen Körper vorstelle, wieder mehr als
der Körper selbst.
    Der Zusammenhang wird immer fester, immer in sich gedrängter. -
    Das Haben verliert sich unmerklich ins Sein.
    Das Sein ist der Stift in dem Wirbel. Ohne Mittelpunkt ist kein Cirkel, ohne
Sein ist kein Haben.
    Ich kann nicht so gut mehr sagen: ich habe eine Denkkraft oder ein denkendes
Wesen, als ich sagen kann: ich habe einen Körper - Ich bin ein denkendes Wesen.
    Könnte je der innere feste Zusammenhang meiner Gedanken aufgelösst werden, so
wie der Bau meines Körpers zerstört wird, dann würde ich aufhören zu sein -
    Hartknopf fasste meine Hand, und liess sie wieder fallen, wie die Hand eines
Todten - - und ich schauderte nicht mehr zurück vor der Verwesung, denn ich
fühlte mich in mich selbst zurückgedrängt, fest und unerschütterlich, mein
Körper war ausser mir; war ein gleichgültiger Gegenstand meiner Betrachtung.
    Je enger der Cirkel von aussen her um mich wird, je mehr diese Denkkraft in
sich selber zurück, gedrängt wird, desto fester wird der innere Zusammenhang
meiner Gedanken in sich selber; desto fester und unerschütterlicher das Gefühl
meines Daseins.
    Der Kartäusermönch, den Hartknopf die Weissheit des Lebens lehrte, war fast
bis aufs Grab umschränkt, so wenig Zusammenhang mit der äussern Welt blieb ihm
übrig, und er fand dennoch Fülle des Daseins in sich selber.
    Zu guter letzt lehrte mich Hartknopf noch ein Lied an die Weissheit, bei
welchem Worte und Melodie so wahr, so passend, so aus der Seele gehoben; der
sanfte Gang der Töne ein so lebhaftes Bild des ruhig abgemessnen Lebensschrittes;
und die Harmonie des Ganzen so Herzeindringend ist; dass einige Verse aus diesem
Liede gesungen, gleich einem wohltätigen Zauber, manchmal eine plötzliche
Veränderung in meinem Gemüt hervorgebracht; und meine empörten Leidenschaften
wieder besänftigt haben. Denn an jedes Wort, an jeden Ton in diesem herrlichen
Liede, war mir irgend eine von Hartknopfs grossen Lehren geknüpft, die nun alle
mit einemmale in meiner Seele erwachten, und durch die einfache und doch
gedankenvolle Melodie, in ein simples System gebracht, so leicht und ohne Mühe
von mir umfasst werden konnten, wie die Wölbung meines Ohrs jeden sanften Ton
auffing, den die berührte Saite meines Herzens, wie ein getreues Echo wieder gab
-
Das Lied in die Weissheit, was mich Hartknopf lehrte, und das jetzt auch in einer
wohlbekannten Sammlung steht, hiess:
O du, durch die wir auf der Bahn des Lebens
Zum grossen Ziele freudig gehn,
Und einst am Grab, in Aussicht, nicht vergebens,
Den steilen Pfad erstiegen sehn.
Durch die ein beifallgebendes Gewissen
Uns Glück und stillen Frieden beut,
Und Blümchen lockt hervor zu unsern Füssen,
Und auf die Dornenpfade streut;
Geleite mich die Dornenbahn des Lebens
Getrost und mutig fernerhin,
Und lehre mich, dass ich zu Licht vergebens
Durch Licht nicht auserkohren bin!
Mein Leben sei ein steter sanfter Friede
Und Wohlklang, wie das Saitenspiel!
Nie meine Hand zum Bau des Tempels müde
Vollendung meiner Arbeit Ziel!
Geordnet sei mein Leben nach dem Masse
Des simplen Ganzen der Natur,
So wird die Müh auf dieser Wanderstrasse,
Zur Freude einer Blumenflur.
Hell vor uns her blickt schon im Morgensterne
Elysium aus Mitternacht,
Auf meine Brüder, schaut froh in die Ferne,
Dir lohnend uns entgegen lacht!
Senkt nie den Blick auf die Beschwerden nieder
Dort ist der Quell, und dort ist Heil!
Der Geist streb' auf, kehr lichterhellter wieder
Und nehm' verklärt am Lichte Teil!
    Die Weissheit, welche Hartknopf seine Schüler lehrte, ist einzig, fest, und
unerschütterlich;
    sie heisst:
                                  Resignation.
    Der diese Weissheit lehrte, erprüfte sie, da er den Emeritus und den
Gastwirt Knapp zu ihrer Hinrichtung auf den Rabenstein von Gellenhausen
begleitete, den sie auf Satan Hagebucks Anstiften besteigen mussten.
    Er versiegelte sie fünf Jahre nachher mit seinem Märtirertode. - -
                          Mors ultima linea rerum est.
 
    