
        
                              Karl Philipp Moritz
                                  Anton Reiser
                           Ein psychologischer Roman
                                   Erster Teil
                                     Vorrede
                                     (1785)
Dieser psychologische Roman könnte auch allenfalls eine Biographie genannt
werden, weil die Beobachtungen grösstenteil/s aaus dem wirklichen Leben genommen
sind. - Wer den Lauf der menschlichen Dinge kennt und weiss, wie dasjenige oft im
Fortgange des Lebens sehr wichtig werden kann, was anfänglich klein und
unbedeutend schien, der wird sich an die anscheinende Geringfügigkeit mancher
Umstände, die hier erzählt werden, nicht stossen. Auch wird man in einem Buche,
welches vorzüglich die innere Geschichte des Menschen schildern soll, keine
grosse Mannigfaltigkeit der Charaktere erwarten: denn es soll die vorstellende
Kraft nicht verteilen, sondern sie zusammendrängen und den Blick der Seele in
sich selber schärfen. - Freilich ist dies nun keine so leichte Sache, dass gerade
jeder Versuch darin glücken muss - aber wenigstens wird doch vorzüglich in
pädagogischer Rücksicht das Bestreben nie ganz unnütz sein, die Aufmerksamkeit
des Menschen mehr auf den Menschen selbst zu heften und ihm sein individuelles
Dasein wichtiger zu machen.
In Pyrmont, einem Orte, der wegen seines Gesundbrunnens berühmt ist, lebte noch
im Jahre 1756 ein Edelmann auf seinem Gute, der das Haupt einer Sekte in
Deutschland war, die unter dem Namen der Quietisten oder Separatisten bekannt
ist, und deren Lehren vorzüglich in den Schriften der Mad. Guion, einer
bekannten Schwärmerin, entalten sind, die zu Fénelons Zeiten, mit dem sie auch
Umgang hatte, in Frankreich lebte.
    Der Herr von Fleischbein, so hiess dieser Edelmann, wohnte hier von allen
übrigen Einwohnern des Orts und ihrer Religion, Sitten und Gebräuchen ebenso
abgesondert, wie sein Haus von den ihrigen durch eine hohe Mauer geschieden war,
die es von allen Seiten umgab.
    Dies Haus nun machte für sich eine kleine Republik aus, worin gewiss eine
ganz andre Verfassung als rund umher im ganzen Lande herrschte. Das ganze
Hauswesen bis auf den geringsten Dienstboten bestand aus lauter solchen
Personen, deren Bestreben nur dahin ging oder zu gehen schien, in ihr Nichts
(wie es die Mad. Guion nennt) wieder einzugehen, alle Leidenschaften zu ertöten
und alle Eigenheit auszurotten.
    Alle diese Personen mussten sich täglich einmal in einem grossen Zimmer des
Hauses zu einer Art von Gottesdienst versammlen, den der Herr von Fleischbein
selbst eingerichtet hatte, und welcher darin bestand, dass sie sich alle um einen
Tisch setzten und mit zugeschlossnen Augen, den Kopf auf den Tisch gelegt, eine
halbe Stunde warteten, ob sie etwa die Stimme Gottes oder das innre Wort in sich
vernehmen würden. Wer dann etwas vernahm, der machte es den übrigen bekannt.
    Der Herr von Fleischbein bestimmte auch die Lektüre seiner Leute, und wer
von den Knechten oder Mägden eine müssige Viertelstunde hatte, den sah man nicht
anders als mit einer von der Mad. Guion Schriften, vom innern Gebet oder
dergleichen, in der Hand in einer nachdenkenden Stellung sitzen und lesen.
    Alles bis auf die kleinsten häuslichen Beschäftigungen hatte in diesem Hause
ein ernstes, strenges und feierliches Ansehn. In allen Mienen glaubte man
Ertötung und Verleugnung und in allen Handlungen Ausgehen aus sich selbst und
Eingehen ins Nichts zu lesen.
    Der Herr von Fleischbein hatte sich nach dem Tode seiner ersten Gemahlin
nicht wieder verheiratet, sondern lebte mit seiner Schwester, der Frau von
Prüschenk, in dieser Eingezogenheit, um sich dem grossen Geschäfte, die Lehren
der Mad. Guion auszubreiten, ganz und ungestört widmen zu können.
    Ein Verwalter, namens H., und eine Haushälterin mit ihrer Tochter machten
gleichsam den mittlern Stand des Hauses aus, und dann folgte das niedrige
Gesinde. - Diese Leute schlossen sich wirklich fest aneinander, und alles hatte
eine unbegrenzte Ehrfurcht gegen den Herrn von Fleischbein, der wirklich einen
unsträflichen Lebenswandel führte, obgleich die Einwohner des Orts sich mit den
ärgerlichsten Geschichten von ihm trugen.
    Er stand jede Nacht dreimal zu bestimmten Stunden auf, um zu beten, und bei
Tage brachte er seine meiste Zeit damit zu, dass er die Schriften der Mad. Guion,
deren eine grosse Anzahl von Bänden ist, aus dem Französischen übersetzte, die er
denn auf seine Kosten drucken liess und sie umsonst unter seine Anhänger
austeilte.
    Die Lehren, welche in diesen Schriften entalten sind, betreffen
grösstenteils jenes schon erwähnte völlige Ausgehen aus sich selbst und Eingehen
in ein seliges Nichts, jene gänzliche Ertötung aller sogenannten Eigenheit oder
Eigenliebe und eine völlig uninteressierte Liebe zu Gott, worin sich auch kein
Fünkchen Selbstliebe mehr mischen darf, wenn sie rein sein soll, woraus denn am
Ende eine vollkommne, selige Ruhe entsteht, die das höchste Ziel aller dieser
Bestrebungen ist.
    Weil nun die Mad. Guion sich fast ihr ganzes Leben hindurch mit nichts als
mit Bücherschreiben beschäftigt hat, so sind ihrer Schriften eine so
erstaunliche Menge, dass selbst Martin Luter schwerlich mehr geschrieben haben
kann. Unter andern macht allein eine mystische Erklärung der ganzen Bibel wohl
an zwanzig Bände aus.
    Diese Mad. Guion musste viel Verfolgung leiden und wurde endlich, weil man
ihre Lehrsätze für gefährlich hielt, in die Bastille gesetzt, wo sie nach einer
zehnjährigen Gefangenschaft starb. Als man nach ihrem Tode ihren Kopf öffnete,
fand man ihr Gehirn fast wie ausgetrocknet. Sie wird übrigens noch jetzt von
ihren Anhängern als eine Heilige der ersten Grösse beinahe göttlich verehrt, und
ihre Aussprüche werden den Aussprüchen der Bibel gleich geschätzt; weil man
annimmt, dass sie durch gänzliche Ertötung aller Eigenheit so gewiss mit Gott sei
vereinigt worden, dass alle ihre Gedanken auch notwendig göttliche Gedanken
werden mussten.
    Der Herr von Fleischbein hatte die Schriften der Mad. Guion auf seinen
Reisen in Frankreich kennen gelernt, und die trockne, metaphysische Schwärmerei,
welche darin herrscht, hatte für seine Gemütsbeschaffenheit so viel Anziehendes,
dass er sich ihr mit eben dem Eifer ergab, womit er sich wahrscheinlich unter
andern Umständen dem höchsten Stoizismus würde ergeben haben, womit die Lehren
der Mad. Guion in Ansehung der gänzlichen Ertötung aller Begierden usw. oft eine
auffallende Ähnlichkeit haben.
    Er wurde nun auch von seinen Anhängern ebenfalls wie ein Heiliger verehrt
und ihm wirklich zugetrauet, dass er beim ersten Anblick das Innerste der Seele
eines Menschen durchschauen könne.
    Zu seinem Hause geschahen Wallfahrten von allen Seiten, und unter denen, die
jährlich wenigstens einmal dieses Haus besuchten, war auch Antons Vater.
    Dieser, ohne eigentliche Erziehung aufgewachsen, hatte seine erste Frau sehr
früh geheiratet, immer ein ziemlich wildes, herumirrendes Leben geführt, wohl
zuweilen einige fromme Rührungen gehabt, aber nicht viel darauf geachtet. Bis er
nach dem Tode seiner ersten Frau plötzlich in sich geht, auf einmal tiefsinnig
und, wie man sagt, ein ganz andrer Mensch wird und bei seinem Aufentalt in
Pyrmont zufälligerweise erstlich den Verwalter des Herrn von Fleischbein und
nachher durch diesen den Herrn von Fleischbein selber kennen lernte.
    Dieser gibt ihm denn nach und nach die Guionschen Schriften zu lesen, er
findet Geschmack daran und wird bald ein erklärter Anhänger des Herrn von
Fleischbein.
    Demohngeachtet fiel es ihm ein, wieder zu heiraten, und er machte mit Antons
Mutter Bekanntschaft, welche bald in die Heirat willigte, das sie nie würde
getan haben, hätte sie die Hölle von Elend vorausgesehen, die ihr im Ehestande
drohete. Sie versprach sich von ihrem Manne noch mehr Liebe und Achtung, als sie
vorher bei ihren Anverwandten genossen hatte, aber wie entsetzlich fand sie sich
betrogen.
    So sehr die Lehre der Mad. Guion von der gänzlichen Ertötung und Vernichtung
aller, auch der sanften und zärtlichen Leidenschaften mit der harten und
unempfindlichen Seele ihres Mannes übereinstimmte, so wenig war es ihr möglich,
sich jemals mit diesen Ideen zu verständigen, wogegen sich ihr Herz auflehnte.
    Dies war der erste Keim zu aller nachherigen ehelichen Zwietracht.
    Ihr Mann fing an, ihre Einsichten zu verachten, weil sie die hohen
Geheimnisse nicht fassen wollte, die die Mad. Guion lehrte.
    Diese Verachtung erstreckte sich nachher auch auf ihre übrigen Einsichten,
und je mehr sie dies empfand, je stärker musste notwendig die eheliche Liebe sich
vermindern und das wechselseitige Missvergnügen aneinander mit jedem Tage
zunehmen.
    Antons Mutter hatte eine starke Belesenheit in der Bibel und eine ziemlich
deutliche Erkenntnis von ihrem Religionssystem, sie wusste z.E. sehr erbaulich
davon zu reden, dass der Glaube ohne Werke tot sei, usw.
    In der Bibel las sie wirklich zu ganzen Stunden mit innigem Vergnügen, aber
sobald ihr Mann es versuchte, ihr aus den Guionschen Schriften vorzulesen, so
empfand sie eine Art von Bangigkeit, die vermutlich aus der Vorstellung
entstand, sie werde dadurch in dem rechten Glauben irregemacht werden.
    Sie suchte sich alsdann auf alle Weise loszumachen. - Hiezu kam nun noch,
dass sie vieles von der Kälte und dem lieblosen Wesen ihres Mannes auf Rechnung
der Guionschen Lehre schrieb, die sie nun in ihrem Herzen immer mehr zu
verwünschen anfing, und bei dem völligen Ausbruch der ehelichen Zwietracht sie
laut verwünschte.
    So wurde der häusliche Friede und die Ruhe und Wohlfahrt einer Familie
jahrelang durch diese unglücklichen Bücher gestört, die wahrscheinlich einer so
wenig wie der andere verstehen mochte.
    Unter diesen Umständen wurde Anton geboren, und von ihm kann man mit
Wahrheit sagen, dass er von der Wiege an unterdrückt ward.
    Die ersten Töne, die sein Ohr vernahm und sein aufdämmernder Verstand
begriff, waren wechselseitige Flüche und Verwünschungen des unauflöslich
geknüpften Ehebandes.
    Ob er gleich Vater und Mutter hatte, so war er doch in seiner frühesten
Jugend schon von Vater und Mutter verlassen, denn er wusste nicht, an wen er sich
anschliessen, an wen er sich halten sollte, da sich beide hassten und ihm doch
einer so nahe wie der andre war.
    In seiner frühesten Jugend hat er nie die Liebkosungen zärtlicher Eltern
geschmeckt, nie nach einer kleinen Mühe ihr belohnendes Lächeln.
    Wenn er in das Haus seiner Eltern trat, so trat er in ein Haus der
Unzufriedenheit, des Zorns, der Tränen und der Klagen.
    Diese ersten Eindrücke sind nie in seinem Leben aus seiner Seele verwischt
worden und haben sie oft zu einem Sammelplatze schwarzer Gedanken gemacht, die
er durch keine Philosophie verdrängen konnte.
    Da sein Vater im Siebenjährigen Kriege mit zu Felde war, zog seine Mutter
zwei Jahre lang mit ihm auf ein kleines Dorf.
    Hier hatte er ziemliche Freiheit und einige Entschädigung für die Leiden
seiner Kindheit.
    Die Vorstellungen von den ersten Wiesen, die er sah, von dem Kornfelde, das
sich einen sanften Hügel hinanerstreckte und oben mit grünem Gebüsch umkränzt
war, von dem blauen Berge und den einzelnen Gebüschen und Bäumen, die am Fuss
desselben auf das grüne Gras ihren Schatten warfen und immer dichter und dichter
wurden, je höher man hinaufstieg, mischen sich noch immer unter seine
angenehmsten Gedanken und machen gleichsam die Grundlage aller der täuschenden
Bilder aus, die oft seine Phantasie sich vormalt.
    Aber wie bald waren diese beiden glücklichen Jahre entflohen!
    Es ward Friede, und Antons Mutter zog mit ihm in die Stadt zu ihrem Manne.
    Die lange Trennung von ihm verursachte ein kurzes Blendwerk ehelicher
Eintracht, aber bald folgte auf die betrügliche Windstille ein desto
schrecklicherer Sturm.
    Antons Herz zerfloss in Wehmut, wenn er einem von seinen Eltern unrecht geben
sollte, und doch schien es ihm sehr oft, als wenn sein Vater, den er bloss
fürchtete, mehr recht habe als seine Mutter, die er liebte.
    So schwankte seine junge Seele beständig zwischen Hass und Liebe, zwischen
Furcht und Zutrauen zu seinen Eltern hin und her.
    Da er noch nicht acht Jahr alt war, gebar seine Mutter einen zweiten Sohn,
auf den nun vollends die wenigen Überreste väterlicher und mütterlicher Liebe
fielen, so dass er nun fast ganz vernachlässiget wurde und sich, sooft man von
ihm sprach, mit einer Art von Geringschätzung und Verachtung nennen hörte, die
ihm durch die Seele ging.
    Woher mochte wohl dies sehnliche Verlangen nach einer liebreichen Behandlung
bei ihm entstehen, da er doch derselben nie gewohnt gewesen war und also kaum
einige Begriffe davon haben konnte?
    Am Ende freilich ward dies Gefühl ziemlich bei ihm abgestumpft; es war ihm
beinahe, als müsse er beständig gescholten sein, und ein freundlicher Blick, den
er einmal erhielt, war ihm ganz etwas Sonderbares, das nicht recht zu seinen
übrigen Vorstellungen passen wollte.
    Er fühlte auf das innigste das Bedürfnis der Freundschaft von
seinesgleichen: und oft, wenn er einen Knaben von seinem Alter sah, hing seine
ganze Seele an ihm, und er hätte alles drum gegeben, sein Freund zu werden;
allein das niederschlagende Gefühl der Verachtung, die er von seinen Eltern
erlitten, und die Scham wegen seiner armseligen, schmutzigen und zerrissnen
Kleidung hielten ihn zurück, dass er es nicht wagte, einen glücklichern Knaben
anzureden.
    So ging er fast immer traurig und einsam umher, weil die meisten Knaben in
der Nachbarschaft ordentlicher, reinlicher und besser wie er gekleidet waren und
nicht mit ihm umgehen wollten, und die es nicht waren, mit denen mochte er
wieder wegen ihrer Liederlichkeit und auch vielleicht aus einem gewissen Stolz
keinen Umgang haben.
    So hatte er keinen, zu dem er sich gesellen konnte, keinen Gespielen seiner
Kindheit, keinen Freund unter Grossen noch Kleinen.
    Im achten Jahre fing denn doch sein Vater an, ihn selber etwas lesen zu
lehren, und kaufte ihm zu dem Ende zwei kleine Bücher, wovon das eine eine
Anweisung zum Buchstabieren und das andre eine Abhandlung gegen das
Buchstabieren entielt.
    In dem ersten musste Anton grösstenteils schwere biblische Namen, als:
Nebukadnezar, Abednego usw., bei denen er auch keinen Schatten einer Vorstellung
haben konnte, buchstabieren. Dies ging daher etwas langsam.
    Allein, sobald er merkte, dass wirklich vernünftige Ideen durch die
zusammengesetzten Buchstaben ausgedrückt waren, so wurde seine Begierde, lesen
zu lernen, von Tage zu Tage stärker.
    Sein Vater hatte ihm kaum einige Stunden Anweisung gegeben, und er lernte es
nun zur Verwunderung aller seiner Angehörigen in wenig Wochen von selber.
    Mit innigem Vergnügen erinnert er sich noch jetzt an die lebhafte Freude, die
er damals genoss, als er zuerst einige Zeilen, bei denen er sich etwas denken
konnte, durch vieles Buchstabieren mit Mühe herausbrachte.
    Nun aber konnte er nicht begreifen, wie es möglich sei, dass andre Leute so
geschwind lesen konnten, wie sie sprachen; er verzweifelte damals gänzlich an
der Möglichkeit, es je so weit zu bringen.
    Um desto grösser war nun seine Verwunderung und Freude, da er auch dies nach
einigen Wochen konnte.
    Auch schien ihn dieses bei seinen Eltern, noch mehr aber bei seinen
Anverwandten in einige Achtung zu setzen, welches von ihm zwar nicht unbemerkt
blieb, aber doch nie die eigentliche Ursach ward, die ihn zum Fleiss anspornete.
    Seine Begierde zu lesen war nun unersättlich. Zum Glücke standen in dem
Buchstabierbuche ausser den biblischen Sprüchen auch einige Erzählungen von
frommen Kindern, die mehr wie hundertmal von ihm durchgelesen wurden, ob sie
gleich nicht viel Anziehendes hatten.
    Die eine handelte von einem sechsjährigen Knaben, der zur Zeit der
Verfolgung die christliche Religion nicht verleugnen wollte, sondern sich lieber
auf das entsetzlichste peinigen und nebst seiner Mutter als ein Märtyrer für die
Religion sein Leben liess; die andre von einem bösen Buben, der sich im
zwanzigsten Jahre seines Lebens bekehrte und bald darauf starb.
    Nun kam auch das andre kleine Buch an die Reihe, worin die Abhandlung gegen
das Buchstabieren stand, und er zu seiner grossen Verwunderung las, dass es
schädlich, ja seelenverderblich sei, die Kinder durch Buchstabieren lesen zu
lehren.
    In diesem Buche fand er auch eine Anweisung für Lehrer, die Kinder lesen zu
lehren, und eine Abhandlung über die Hervorbringung der einzelnen Laute durch
die Sprachwerkzeuge: so trocken ihm dieses schien, so las er es doch aus Mangel
an etwas Besserm mit der grössten Standhaftigkeit nach der Reihe durch.
    Durch das Lesen war ihm nun auf einmal eine neue Welt eröffnet, in deren
Genuss er sich für alle das Unangenehme in seiner wirklichen Welt einigermassen
entschädigen konnte. Wenn nun rund um ihn her nichts als Lärmen und Schelten und
häusliche Zwietracht herrschte oder er sich vergeblich nach einem Gespielen
umsah, so eilte er hin zu seinem Buche.
    So ward er schon früh aus der natürlichen Kinderwelt in eine unnatürliche
idealistische Welt verdrängt, wo sein Geist für tausend Freuden des Lebens
verstimmt wurde, die andre mit voller Seele geniessen können.
    Schon im achten Jahre bekam er eine Art von auszehrender Krankheit. Man gab
ihn völlig auf, und er hörte beständig von sich wie von einem, der schon wie ein
Toter beobachtet wird, reden. Dies war ihm immer lächerrlich oder vielmehr war
ihm das Sterben selbst, wie er sich damals vorstellte, mehr etwas Lächerliches
als etwas Ernstaftes. Seine Base, der er doch etwas lieber wie seinen Eltern zu
sein schien, ging endlich mit ihm zu einem Arzt, und eine Kur von einigen
Monaten stellte ihn wieder her.
    Kaum war er einige Wochen gesund, als ihn gerade bei einem Spaziergange mit
seinen Eltern auf das Feld, der ihm sehr etwas Seltnes und eben daher desto
reizender war, der linke Fuss an zu schmerzen fing. Dies war nach überstandner
Krankheit sein erster und sollte auf lange Zeit sein letzter Spaziergang sein.
    Am dritten Tage war die Geschwulst und Entzündung am Fusse schon so
gefährlich geworden, dass man am vierten zur Amputation schreiten wollte. Antons
Mutter sass und weinte, und sein Vater gab ihm zwei Pfennige. Dies waren die
ersten Äusserungen des Mitleids gegen ihn, deren er sich von seinen Eltern
erinnert, und die wegen der Seltenheit einen desto stärkern Eindruck auf ihn
machten.
    An dem Tage vor der beschlossnen Amputation kam ein mitleidiger Schuster zu
Antons Mutter und brachte ihr eine Salbe, durch deren Gebrauch sich die
Geschwulst und Entzündung im Fusse während wenigen Stunden legte. Zum Fussabnehmen
kam es nun nicht, aber der Schaden dauerte demohngeachtet vier Jahre lang, ehe
er geheilt werden konnte, in welcher Zeit unser Anton wiederum unter oft
unsäglichen Schmerzen alle Freuden der Kindheit entbehren musste.
    Bei diesem Schaden konnte er zuweilen ein ganzes Vierteljahr nicht aus dem
Hause gehen, nachdem er eine Weile zuheilte und immer wieder aufbrach.
    Oft musste er ganze Nächte hindurch wimmern und klagen und die
abscheulichsten Schmerzen fast alle Tage beim Verbinden erdulden. Dies entfernte
ihn natürlicherweise noch mehr aus der Welt und von dem Umgange mit
seinesgleichen und fesselte ihn immer mehr an das Lesen und an die Bücher. Am
häufigsten las er, wenn er seinen jüngern Bruder wiegte, und wann es ihm damals
an einem Buche fehlte, so war es, als wenn es ihm jetzt an einem Freunde fehlt:
denn das Buch musste ihm Freund und Tröster und alles sein.
    Im neunten Jahre las er alles, was Geschichte in der Bibel ist, vom Anfange
bis zu Ende durch; und wenn einer von den Hauptpersonen, als Moses, Samuel oder
David, gestorben war, so konnte er sich tagelang darüber betrüben, und es war
ihm dabei zumute, als sei ihm ein Freund abgestorben, so lieb wurden ihm immer
die Personen, die viel in der Welt getan und sich einen Namen gemacht hatten.
    So war Joab sein Held, und es schmerzte ihn, sooft er schlecht von ihm
denken musste. Insbesondre haben ihn oft die Züge der Grossmut in Davids
Geschichte, wenn er seines ärgsten Feindes schonte, da er ihn doch in seiner
Gewalt hatte, bis zu Tränen gerührt.
    Nun fiel ihm das Leben der Altväter in die Hände, welches sein Vater sehr
hochschätzte, und diese Altväter bei jeder Gelegenheit als Autoritäten anführte.
So fingen sich gemeiniglich seine moralischen Reden an: die Madam Guion spricht,
oder der heilige Makarius oder Antonius sagt usw.
    Die Altväter, so abgeschmackt und abenteuerlich oft ihre Geschichte sein
mochte, waren für Anton die würdigsten Muster zur Nachahmung, und er kannte eine
Zeitlang keinen höhern Wunsch, als seinem grossen Namensgenossen, dem heiligen
Antonius, ähnlich zu werden und wie dieser Vater und Mutter zu verlassen und in
eine Wüste zu fliehen, die er nicht weit vom Tore zu finden hoffte, und wohin er
einmal wirklich eine Reise antrat, indem er sich über hundert Schritte weit von
der Wohnung seiner Eltern entfernte und vielleicht noch weiter gegangen wäre,
wenn die Schmerzen an seinem Fusse ihn nicht genötigt hätten, wieder
zurückzukehren. Auch fing er wirklich zuweilen an, sich mit Nadeln zu pricken
und sonst zu peinigen, um dadurch den heiligen Altvätern einigermassen ähnlich zu
werden, da es ihm doch ohnedem an Schmerzen nicht fehlte.
    Während dieser Lektüre ward ihm ein kleines Buch geschenkt, dessen
eigentlichen Titel er sich nicht erinnert, das aber von einer frühen
Gottesfurcht handelte und Anweisung gab, wie man schon vom sechsten bis zum
vierzehnten Jahre in der Frömmigkeit wachsen könne. Die Abhandlungen in diesem
Büchelchen hiessen also: Für Kinder von sechs Jahren, Für Kinder von sieben
Jahren usw. Anton las also den Abschnitt Für Kinder von neun Jahren und fand,
dass es noch Zeit sei, ein frommer Mensch zu werden, dass er aber schon drei Jahre
versäumt habe.
    Dies erschütterte seine ganze Seele, und er fasste einen so festen Vorsatz
sich zu bekehren, wie ihn wohl selten Erwachsene fassen mögen. Von der Stunde an
befolgte er alles, was von Gebet, Gehorsam, Geduld, Ordnung usw. in dem Buche
stand, auf das pünktlichste und machte sich nun beinahe jeden zu schnellen
Schritt zur Sünde. Wie weit, dachte er, werde ich nun nicht schon in fünf Jahren
sein, wenn ich hierbei bleibe. Denn in dem kleinen Buche war das Fortrücken in
der Frömmigkeit gleichsam zu einer Sache des Ehrgeizes gemacht, wie man etwa
sich freuet, aus einer Klasse in die andere immer höher gestiegen zu sein.
    Wenn er, wie natürlich, sich zuweilen vergass und einmal, wenn er Linderung
an seinem Fusse fühlte, umhersprang oder lief, so fühlte er darüber die
heftigsten Gewissensbisse, und es war ihm immer, als sei er nun schon einige
Stufen wieder zurückgekommen.
    Dieses kleine Buch hatte lange einen starken Einfluss auf seine Handlungen
und Gesinnungen: denn was er las, das suchte er auch gleich auszuüben. Daher las
er auf jeden Tag in der Woche sehr gewissenhaft den Abend- und Morgensegen, weil
im Katechismus stand, man müsse ihn lesen; auch vergass er nicht, das Kreuz dabei
zu machen und das walte zu sagen, wie es im Katechismus befohlen war.
    Sonst sah er nicht viel von Frömmigkeit, ob er gleich immer viel davon
reden hörte und seine Mutter ihn alle Abende einsegnete und niemals vergass, ehe
er einschlief, das Zeichen des Kreuzes über ihn zu machen.
    Der Herr von Fleischbein hatte unter andern die geistlichen Lieder der Madam
Guion ins Deutsche übersetzt, und Antons Vater, der musikalisch war, passte ihnen
Melodien an, die grösstenteils einen raschen, fröhlichen Gang hatten.
    Wenn es sich nun fügte, dass er etwa einmal nach einer langen Trennung wieder
zu Hause kam, so liess sich denn doch die Ehegattin überreden, einige dieser
Lieder mitzusingen, wozu er die Ziter spielte. Dies geschahe gemeiniglich kurz
nach der ersten Freude des Wiedersehens, und diese Stunden mochten wohl noch die
glücklichsten in ihrem Ehestande sein.
    Anton war dann am frohesten und stimmte oft, so gut er konnte, in diese
Lieder ein, die ein Zeichen der so seltnen wechselseitigen Harmonie und
Übereinstimmung bei seinen Eltern waren.
    Diese Lieder gab ihm nun sein Vater, da er ihn für reif genug zu dieser
Lektüre hielt, in die Hände und liess sie ihn zum Teil auswendig lernen.
    Wirklich hatten diese Gesänge, ohngeachtet der steifen Übersetzung, immer
noch so viel Seelenschmelzendes, eine so unnachahmliche Zärtlichkeit im
Ausdrucke, solch ein sanftes Helldunkel in der Darstellung und so viel
unwiderstehlich Anziehendes für eine weiche Seele, dass der Eindruck, den sie auf
Antons Herz machten, bei ihm unauslöschlich geblieben ist.
    Oft tröstete er sich in einsamen Stunden, wo er sich von aller Welt
verlassen glaubte, durch ein solches Lied vom seligen Ausgehen aus sich selber
und der süssen Vernichtung vor dem Urquelle des Daseins.
    So gewährten ihm schon damals seine kindischen Vorstellungen oft eine Art
von himmlischer Beruhigung.
    Einmal waren seine Eltern bei dem Wirt des Hauses, wo sie wohnten, des
Abends zu einem kleinen Familienfeste gebeten. Anton musste es aus dem Fenster
mit ansehen, wie die Kinder der Nachbarn schön geputzt zu diesem Feste kamen,
indes er allein auf der Stube zurückbleiben musste, weil seine Eltern sich seines
schlechten Aufzuges schämten. Es wurde Abend, und ihn fing an zu hungern; und
nicht einmal ein Stückchen Brot hatten ihm seine Eltern zurückgelassen.
    Indes er oben einsam sass und weinte, schallte das fröhliche Getümmel von
unten zu ihm herauf. - Verlassen von allem, fühlte er erst eine Art von bitterer
Verachtung gegen sich selbst, die sich aber plötzlich in eine unaussprechliche
Wehmut verwandelte, da er zufälligerweise die Lieder der Madam Guion aufschlug
und eins fand, das gerade auf seinen Zustand zu passen schien. - Eine solche
Vernichtung, wie er in diesem Augenblick fühlte, musste nach dem Liede der Madam
Guion vorhergehen, um sich in dem Abgrunde der ewigen Liebe wie ein Tropfen im
Ozean zu verlieren. - - Allein, da nun der Hunger anfing, ihm unausstehlich zu
werden, so wollten auch die Tröstungen der Madam Guion nichts mehr helfen, und
er wagte es, hinunterzugehen, wo seine Eltern in grosser Gesellschaft
schmauseten, öffnete ein klein wenig die Türe und bat seine Mutter um den
Schlüssel zum Speiseschranke und um die Erlaubnis, sich ein wenig Brot nehmen zu
dürfen, weil ihn sehr hungere.
    Dies erweckte erst das Gelächter und nachher das Mitleid der Gesellschaft
nebst einigen Unwillen gegen seine Eltern.
    Er ward mit an den Tisch gezogen und ihm von dem Besten vorgelegt, welches
ihm denn freilich eine ganz andre Art von Freude als vorher die Guionschen
Trostlieder gewährte.
    Allein auch jene schwermutsvolle tränenreiche Freude behielt immer etwas
Anziehendes für ihn, und er überliess sich ihr, indem er die Guionschen Lieder
las, sooft ihm ein Wunsch fehlgeschlagen war oder ihm etwas Trauriges
bevorstand, als wenn er z.B. vorher wusste, dass sein Fuss verbunden und die Wunde
mit Höllenstein bestrichen werden sollte.
    Das zweite Buch, was ihn sein Vater nebst den Guionschen Liedern lesen liess,
war eine Anweisung zum innern Gebet von eben dieser Verfasserin.
    Hierin ward gezeigt, wie man nach und nach dahin kommen könne, sich im
eigentlichen Verstande mit Gott zu unterreden und seine Stimme im Herzen, oder
das eigentliche innre Wort, deutlich zu vernehmen; indem man sich nämlich zuerst
soviel wie möglich von den Sinnen loszumachen und sich mit sich selbst und
seinen eignen Gedanken zu beschäftigen suchte oder meditieren lernte, welches
aber auch erst aufhören und man sich selbst sogar erst vergessen müsse, ehe man
fähig sei, die Stimme Gottes in sich zu vernehmen.
    Dies ward von Anton mit dem grössten Eifer befolgt, weil er wirklich begierig
war, so etwas Wunderbares als die Stimme Gottes in sich zu hören.
    Er sass daher halbe Stunden lang mit verschlossnen Augen, um sich von der
Sinnlichkeit abzuziehen. Sein Vater tat dieses zum grössten Leidwesen seiner
Mutter ebenfalls. Auf Anton aber achtete sie nicht, weil sie ihn zu keiner
Absicht fähig hielt, die er dabei haben könne.
    Anton kam bald so weit, dass er glaubte, von den Sinnen ziemlich abgezogen zu
sein, und nun fing er an, sich wirklich mit Gott zu unterreden, mit dem er bald
auf einen ziemlich vertraulichen Fuss umging. Den ganzen Tag über bei seinen
einsamen Spaziergängen, bei seinen Arbeiten und sogar bei seinem Spiele sprach
er mit Gott, zwar immer mit einer Art von Liebe und Zutrauen, aber doch so, wie
man ohngefähr mit einem seinesgleichen spricht, mit dem man eben nicht viel
Umstände macht, und ihm war es denn wirklich immer, als ob Gott dieses oder
jenes antwortete.
    Freilich ging es nicht so ab, dass es nicht zuweilen einige Unzufriedenheit
sollte gesetzt haben, wenn etwa ein unschuldiges Spielwerk oder sonst ein Wunsch
vereitelt ward. Dann hiess es oft: aber mir auch diese Kleinigkeit nicht einmal
zu gewähren! oder: das hättest du doch wohl können geschehen lassen, wenn's
irgend möglich gewesen wäre! und so nahm es sich denn Anton nicht übel, zuweilen
ein wenig mit Gott nach seiner Art böse zu tun; denn obgleich davon nichts in
der Madam Guion Schriften stand, so glaubte er doch, es gehöre mit zum
vertraulichen Umgange.
    Alle diese Veränderungen gingen mit ihm vom neunten bis zum zehnten Jahre
vor. Während dieser Zeit nahm ihn auch sein Vater wegen des Schadens am Fusse mit
nach dem Gesundbrunnen in Pyrmont. Wie freute er sich nun, den Herrn von
Fleischbein persönlich kennen zu lernen, von dem sein Vater beständig mit
solcher Ehrfurcht wie von einem übermenschlichen Wesen geredet hatte, und wie
freute er sich, dort von seinen grossen Fortschritten in der innern Gottseligkeit
Rechenschaft ablegen zu können: seine Einbildungskraft malte ihm dort eine Art
von Tempel, worin er auch als Priester eingeweiht und als ein solcher zur
Verwunderung aller, die ihn kannten, zurückkehren würde.
    Er machte nun mit seinem Vater die erste Reise, und während derselben war
dieser auch etwas gütiger gegen ihn und gab sich mehr mit ihm ab als zu Hause.
Anton sah hier die Natur in unaussprechlicher Schönheit. Die Berge rund umher
in der Ferne und in der Nähe und die lieblichen Täler entzückten seine Seele und
schmolzen sie in Wehmut, die teils aus der Erwartung der grossen Dinge entstand,
die hier mit ihm vorgehen sollten.
    Der erste Gang mit seinem Vater war in das Haus des Herrn von Fleischbein,
wo dieser den Verwalter, Herrn H., zuerst sprach, ihn umarmte und küsste und auf
das freundschaftlichste von ihm bewillkommt wurde.
    Ohngeachtet der grossen Schmerzen, die Anton durch die Reise an seinem Fusse
empfand, war er doch beim Eintritt in das Haus des Herrn von Fleischbein vor
Freuden ausser sich. Anton blieb diesen Tag in der Stube des Herrn H., mit dem er
künftig alle Abend speisen musste. Übrigens bekümmerte man sich doch im Hause
lange nicht so viel um ihn, wie er erwartet hatte.
    Seine Übungen im innern Gebet setzte er nun sehr fleissig fort; allein es
konnte denn freilich nicht fehlen, dass sie nicht zuweilen eine sehr kindische
Wendung nehmen mussten. Hinter dem Hause, wo sein Vater in Pyrmont logierte, war
ein grosser Baumgarten: hier fand er zufälligerweise einen Schiebkarren und
machte sich das Vergnügen, damit im ganzen Garten herumzuschieben.
    Um dies nun aber zu rechtfertigen, weil er anfing, es für Sünde zu halten,
bildete er sich eine ganz sonderbare Grille. Er hatte nämlich in den Guionschen
Schriften und anderwärts viel von dem Jesulein gelesen, von welchem gesagt
wurde, dass es allentalben sei und man beständig und an allen Orten mit ihm
umgehen könne.
    Das Diminutivum machte, dass er sich einen Knaben, noch etwas kleiner wie er,
darunter vorstellte, und da er nun mit Gott selber schon so vertraut umging,
warum nicht noch viel mehr mit diesem seinen Sohne, dem er zutraute, dass er sich
nicht weigern werde, mit ihm zu spielen, und also auch nichts dawider haben
werde, wenn er ihn ein wenig auf den Schiebkarren herumfahren wollte.
    Nun schätzte er es sich aber doch für ein sehr grosses Glück, eine so hohe
Person auf den Schiebkarren herumfahren zu können und ihr dadurch ein Vergnügen
zu machen; und da diese Person nun ein Geschöpf seiner Einbildungskraft war, so
machte er auch mit ihr, was er wollte, und liess sie oft kürzer, oft länger an
dem Fahren Gefallen finden, sagte auch wohl zuweilen mit der grössten
Ehrerbietigkeit, wenn er vom Fahren müde war: so gern ich wollte, ist es mir
doch jetzt unmöglich, dich noch länger zu fahren.
    So sah er dies am Ende für eine Art von Gottesdienst an und hielt es nun
für keine Sünde mehr, wenn er sich auch halbe Tage mit dem Schiebkarren
beschäftigte.
    Nun aber bekam er selbst mit Bewilligung des Herrn von Fleischbein ein Buch
in die Hand, das ihn wieder in eine ganz andre und neue Welt führte. Es war die
Acerra philologika. Hier las er nun die Geschichte von Troja, vom Ulysses, von
der Circe, vom Tartarus und Elysium und war sehr bald mit allen Göttern und
Göttinnen des Heidentums bekannt. Bald darauf gab man ihm auch den Telemach
ebenfalls mit Bewilligung des Herrn von Fleischbein zu lesen, vielleicht weil
der Verfasser desselben, Herr von Fénelon, mit der Madam Guion Umgang hatte.
    Die Acerra philologika war ihm zur Lektüre des Telemach eine schöne
Vorbereitung gewesen, weil er dadurch mit der Götterlehre ziemlich bekannt
geworden war und sich schon für die meisten Helden interessierte, die er im
Telemach wiederfand.
    Diese Bücher wurden verschiedne Male nacheinander mit der grössten Begierde
und mit wahrem Entzücken von ihm durchgelesen, insbesondere der Telemach, worin
er zum ersten Male die Reize einer schönen zusammenhängenden Erzählung
schmeckte.
    Die Stelle, welche ihn im ganzen Telemach am lebhaftesten gerührt hat, war
die rührende Anrede des alten Mentors an den jungen Telemach, als dieser auf der
Insel Cypern die Tugend mit dem Laster zu vertauschen im Begriff war, und ihm
nun sein getreuer, lange von ihm für verloren gehaltener Mentor plötzlich wieder
erschien, dessen traurender Anblick ihn bis in das Innerste seiner Seele
erschütterte.
    Dies hatte nun freilich für Antons Seele weit mehr Anziehendes als die
biblische Geschichte und alles, was er vorher in dem Leben der Altväter oder in
den Guionschen Schriften gelesen hatte; und da ihm nie eigentlich gesagt worden
war, dass jenes wahr und dieses falsch sei, so fand er sich gar nicht ungeneigt,
die heidnische Göttergeschichte mit allem, was da hineinschlug, wirklich zu
glauben.
    Ebensowenig konnte er aber auch, was in der Bibel stand, verwerfen; um
soviel mehr, da dies die ersten Eindrücke auf seine Seele gewesen waren. Er
suchte also, welches ihm allein übrigblieb, die verschiedenen Systeme, so gut er
konnte, in seinem Kopfe zu vereinigen und auf diese Weise die Bibel mit dem
Telemach, das Leben der Altväter mit der Acerra philologika und die heidnische
Welt mit der christlichen zusammenzuschmelzen.
    Die erste Person in der Gotteit und Jupiter, Kalypso und die Madam Guion,
der Himmel und Elysium, die Hölle und der Tartarus, Pluto und der Teufel machten
bei ihm die sonderbarste Ideenkombination, die wohl je in einem menschlichen
Gehirn mag existiert haben.
    Dies machte einen so starken Eindruck auf sein Gemüt, dass er noch lange
nachher eine gewisse Ehrfurcht gegen die heidnischen Gotteiten behalten hat.
    Von dem Hause, wo Antons Vater logierte, bis nach dem Gesundbrunnen und der
Allee dabei war ein ziemlich weiter Weg. Anton schleppte sich demohngeachtet mit
seinem schmerzenden Fusse, das Buch unterm Arm, hinaus und setzte sich auf eine
Bank in der Allee, wo er im Lesen nach und nach seinen Schmerz vergass und bald
nicht nur auf der Bank in Pyrmont, sondern auf irgendeiner Insel mit hohen
Schlössern und Türmen oder mitten im wilden Kriegsgetümmel sich befand.
    Mit einer Art von wehmütiger Freude las er nun, wenn Helden fielen, es
schmerzte ihn zwar, aber doch deuchte ihn, sie mussten fallen.
    Dies mochte auch wohl einen grossen Einfluss auf seine kindischen Spiele
haben. Ein Fleck voll hochgewachsener Nesseln oder Disteln waren ihm so viele
feindliche Köpfe, unter denen er manchmal grausam wütete und sie mit seinem
Stabe einen nach dem andern herunterhieb.
    Wenn er auf der Wiese ging, so machte er eine Scheidung und liess in seinen
Gedanken zwei Heere gelber oder weisser Blumen gegeneinander anrücken. Den
grössten unter ihnen gab er Namen von seinen Helden, und eine benannte er auch
wohl von sich selber. Dann stellte er eine Art von blinden Fatum vor, und mit
zugemachten Augen hieb er mit seinem Stabe, wohin er traf.
    Wenn er dann seine Augen wieder eröffnete, so sah er die schreckliche
Zerstörung, hier lag ein Held und dort einer auf den Boden hingestreckt, und oft
erblickte er mit einer sonderbaren wehmütigen und doch angenehmen Empfindung
sich selbst unter den Gefallenen.
    Er betrauerte dann eine Weile seine Helden und verliess das fürchterliche
Schlachtfeld. Zu Hause, nicht weit von der Wohnung seiner Eltern, war ein
Kirchhof, auf welchem er eine ganze Generation von Blumen und Pflanzen mit
eisernem Zepter beherrschte und keinen Tag hingehen liess, wo er nicht mit ihnen
eine Art von Musterung hielt.
    Als er von Pyrmont wieder nach Hause gereist war, schnitzte er sich alle
Helden aus dem Telemach von Papier, bemalte sie nach den Kupferstichen mit Helm
und Panzer und liess sie einige Tage lang in Schlachtordnung stehen, bis er
endlich ihr Schicksal entschied und mit grausamen Messerhieben unter ihnen
wütete, diesem den Helm, jenem den Schädel zerspaltete und rund um sich her
nichts als Tod und Verderben sah.
    So liefen alle seine Spiele, auch mit Kirsch- und Pflaumkernen, auf
Verderben und Zerstörung hinaus. Auch über diese musste ein blindes Schicksal
walten, indem er zwei verschiedne Arten als Heere gegeneinander anrücken und nun
mit zugemachten Augen den eisernen Hammer auf sie herabfallen liess, und wen es
traf, den traf's.
    Wenn er Fliegen mit der Klappe totschlug, so tat er dieses mit einer Art von
Feierlichkeit, indem er einer jeden mit einem Stücke Messing, das er in der Hand
hatte, vorher die Totenglocke läutete. Das allergrösste Vergnügen machte es ihm,
wenn er eine aus kleinen papiernen Häusern erbauete Stadt verbrennen und dann
nachher mit feierlichem Ernst und Wehmut den zurückgebliebenen Aschenhaufen
betrachten konnte.
    Ja, als in der Stadt, wo seine Eltern wohnten, einmal wirklich in der Nacht
ein Haus abbrannte, so empfand er bei allem Schreck eine Art von geheimen
Wunsche, dass das Feuer nicht so bald gelöscht werden möchte.
    Dieser Wunsch hatte nichts weniger als Schadenfreude zum Grunde, sondern
entstand aus einer dunklen Ahndung von grossen Veränderungen, Auswanderungen und
Revolutionen, wo alle Dinge eine ganz andre Gestalt bekommen und die bisherige
Einförmigkeit aufhören würde.
    Selbst der Gedanke an seine eigne Zerstörung war ihm nicht nur angenehm,
sondern verursachte ihm sogar eine Art von wollüstiger Empfindung, wenn er oft
des Abends, ehe er einschlief, sich die Auflösung und das Auseinanderfallen
seines Körpers lebhaft dachte.
    Antons dreimonatlicher Aufentalt in Pyrmont war ihm in vieler Rücksicht
sehr vorteilhaft, weil er fast immer sich selbst überlassen war und das Glück
hatte, diese kurze Zeit wieder von seinen Eltern entfernt zu sein, indem seine
Mutter zu Hause geblieben war und sein Vater andre Geschäfte in Pyrmont hatte
und sich nicht viel um ihn bekümmerte; doch aber sich hier, wenn er ihn zuweilen
sah, weit gütiger als zu Hause gegen ihn betrug.
    Auch logierte mit Antons Vater in demselben Hause ein Engländer, der gut
Deutsch sprach und sich mit Anton mehr abgab, wie irgendeiner vor ihm getan
hatte, indem er anfing, ihn durch blosses Sprechen Englisch zu lehren und sich
über seine Progressen freute. Er unterredete sich mit ihm, ging mit ihm
spazieren und konnte am Ende fast gar nicht mehr ohne ihn sein.
    Dies war der erste Freund, den Anton auf Erden fand: mit Wehmut nahm er von
ihm Abschied. Der Engländer drückte ihm bei seiner Abreise ein silbern
Schaustück in die Hand, das sollte er ihm zum Andenken aufbewahren, bis er
einmal nach England käme, wo ihm sein Haus offen stände: nach funfzehn Jahren
kam Anton wirklich nach England und hatte noch sein Schaustück bei sich, aber
der erste Freund seiner Jugend war tot.
    Anton sollte einmal diesen Engländer gegen einen Fremden, der ihn besuchen
wollte, verleugnen und sagen, er sei nicht zu Hause. Man konnte ihn auf keine
Weise dazu bringen, weil er keine Lüge begehen wollte.
    Dies wurde ihm damals sehr hoch angerechnet und war just einer der Fälle, wo
er tugendhafter scheinen wollte, als er wirklich war, denn er hatte sich sonst
eben aus einer Notlüge nicht so sehr viel gemacht; aber seinen wahren innern
Kampf, wo er oft seine unschuldigsten Wünsche einem eingebildeten Missfallen des
göttlichen Wesens aufopferte, bemerkte niemand.
    Indes war ihm das liebreiche Betragen, das man in Pyrmont gegen ihn bewies,
sehr aufmunternd und erhob seinen niedergedrückten Geist ein wenig. Wegen seiner
Schmerzen am Fusse bezeugte man ihm Mitleid, im von Fleischbeinschen Hause
begegnete man ihm leutselig, und der Herr von Fleischbein küsste ihn auf die
Stirne, sooft er ihm auf der Strasse begegnete. Dergleichen Begegnungen waren ihm
ganz etwas Ungewohntes und Rührendes, das seine Stirne wieder freier, sein Auge
offner und seine Seele heitrer machte.
    Er fing nun auch an, sich auf die Poesie zu legen, und besang, was er sah
und hörte. Er hatte zwei Stiefbrüder, die beide in Pyrmont das Schneiderhandwerk
lernten, und deren Meister ebenfalls Anhänger der Lehre des Herrn von
Fleischbein waren. Von diesen nahm er in Versen, die er selbst gemacht und
auswendig gelernt hatte, sehr rührend Abschied, sowie auch von dem von
Fleischbeinschen Hause.
    Freilich kehrte er nun nicht so wieder von Pyrmont zu Hause, wie er erwartet
hatte, aber doch war er in dieser kurzen Zeit ein ganz andrer Mensch geworden
und seine Ideenwelt um ein Grosses bereichert.
    Allein zu Hause wurden durch die erneuerte Zwietracht seiner Eltern, wozu
vermutlich die Ankunft seiner beiden Stiefbrüder vieles beitrug, und durch das
unaufhörliche Schelten und Toben seiner Mutter die guten Eindrücke, die er in
Pyrmont und besonders in dem von Fleischbeinschen Hause erhalten hatte, bald
wieder ausgelöscht, und er befand sich aufs neue in seiner vorigen gehässigen
Lage, wodurch seine Seele ebenfalls finster und menschenfeindlich gemacht wurde.
    Da Antons beide Stiefbrüder bald abreiseten, um ihre Wanderschaft
anzutreten, so war auch der häusliche Friede eine Zeitlang wiederhergestellt,
und Antons Vater las nun zuweilen selber anstatt aus der Madam Guion Schriften
etwas aus dem Telemach vor oder erzählte ein Stück aus der ältern oder neuern
Geschichte, worin er wirklich ziemlich bewandert war; denn neben seiner Musik,
worin er es im Praktischen weit gebracht hatte, machte er beständig aus dem
Lesen nützlicher Bücher ein eignes Studium, bis endlich die Guionschen Schriften
alles übrige verdrängten.
    Er redete daher auch eine Art von Büchersprache, und Anton erinnert sich
noch sehr genau, wie er im siebenten oder achten Jahre oft sehr aufmerksam
zuhörte, wann sein Vater sprach, und sich wunderte, dass er von allen den
Wörtern, die sich auf heit und keit und ung endigten, keine Silbe verstand, da
er doch sonst, was gesprochen wurde, verstehen konnte.
    Auch war Antons Vater ausser dem Hause ein sehr umgänglicher Mann und konnte
sich mit allerlei Leuten über allerlei Materien angenehm unterhalten. Vielleicht
wäre auch alles im Ehestande besser gegangen, wenn Antons Mutter nicht das
Unglück gehabt hätte, sich oft für beleidigt und gern für beleidigt zu halten,
auch wo sie es wirklich nicht war, um nur Ursach zu haben, sich zu kränken und
zu betrüben und ein gewisses Mitleid mit sich selber zu empfinden, worin sie
eine Art von Vergnügen fand.
    Leider scheint sich diese Krankheit auf ihren Sohn fortgeerbt zu haben, der
jetzt noch oft vergeblich damit zu kämpfen hat.
    Schon als Kind, wenn alle etwas bekamen und ihm sein Anteil hingelegt wurde,
ohne dabei zu sagen, es sei der seinige, so liess er ihn lieber liegen, ob er
gleich wusste, dass er für ihn bestimmt war, um nur die Süssigkeit des
Unrechtleidens zu empfinden und sagen zu können, alle andren haben etwas und ich
nichts bekommen!
    Da er eingebildetes Unrecht schon so stark empfand, um so viel stärker musste
er das wirkliche empfinden. Und gewiss ist wohl bei niemanden die Empfindung des
Unrechts stärker als bei Kindern, und niemanden kann auch leichter unrecht
geschehen; ein Satz, den alle Pädagogen täglich und stündlich beherzigen
sollten.
    Oft konnte Anton stundenlag nachdenken und Gründe gegen Gründe auf das
genaueste abwägen, ob eine Züchtigung von seinem Vater recht oder unrecht sei.
    Jetzt genoss er in seinem elften Jahre zum ersten Male das unaussprechliche
Vergnügen verbotner Lektüre.
    Sein Vater war ein abgesagter Feind von allen Romanen und drohete ein
solches Buch sogleich mit Feuer zu verbrennen, wenn er es in seinem Hause fände.
Demohngeachtet bekam Anton durch seine Base die schöne Banise, die Tausend und
eine Nacht und die Insel Felsenburg in die Hände, die er nun heimlich und
verstohlen, obgleich mit Bewusstsein seiner Mutter, in der Kammer las und
gleichsam mit unersättlicher Begierde verschlang.
    Dies waren einige der süssesten Stunden in seinem Leben. Sooft seine Mutter
hereintrat, drohete sie ihm bloss mit der Ankunft seines Vaters, ohne ihm selber
das Lesen in diesen Büchern zu verbieten, worin sie ehemals ein ebenso
entzückendes Vergnügen gefunden hatte.
    Die Erzählung von der Insel Felsenburg tat auf Anton eine sehr starke
Wirkung; denn nun gingen eine Zeitlang seine Ideen auf nichts Geringers, als
einmal eine grosse Rolle in der Welt zu spielen und erst einen kleinen, denn
immer grössern Zirkel von Menschen um sich her zu ziehen, von welchen er der
Mittelpunkt wäre: dies erstreckte sich immer weiter, und seine ausschweifende
Einbildungskraft liess ihn endlich sogar Tiere, Pflanzen und leblose Kreaturen,
kurz alles, was ihn umgab, mit in die Sphäre seines Daseins hineinziehen, und
alles musste sich um ihn, als den einzigen Mittelpunkt, umher bewegen, bis ihm
schwindelte.
    Dieses Spiel seiner Einbildungskraft machte ihm damals oft wonnevollre
Stunden, als er je nachher wieder genossen hat.
    So machte seine Einbildungskraft die meisten Leiden und Freuden seiner
Kindheit. Wie oft, wenn er an einem trüben Tage bis zum Überdruss und Ekel in der
Stube eingesperrt war und etwa ein Sonnenstrahl durch eine Fensterscheibe fiel,
erwachten auf einmal in ihm Vorstellungen vom Paradiese, vom Elysium oder von
der Insel der Kalypso, die ihn ganze Stunden lang entzückten.
    Aber von seinem zweiten und dritten Jahre an erinnert er sich auch der
höllischen Qualen, die ihm die Märchen seiner Mutter und seiner Base im Wachen
und im Schlafe machten: wenn er bald im Traume lauter Bekannte um sich her sah,
die ihn plötzlich mit scheusslich verwandelten Gesichtern anbleckten, bald eine
hohe düstre Stiege hinaufstieg und eine grauenvolle Gestalt ihm die Rückkehr
verwehrte, oder gar der Teufel bald wie ein fleckigtes Huhn, bald wie ein
schwarzes Tuch an der Wand ihm erschien.
    Als seine Mutter noch mit ihm auf dem Dorfe wohnte, jagte ihm jede alte Frau
Furcht und Entsetzen ein, so viel hörte er beständig von Hexen und Zaubereien;
und wenn der Wind oft mit sonderbarem Getön durch die Hütte pfiff, so nannte
seine Mutter dies im allegorischen Sinn den handlosen Mann, ohne weiter etwas
dabei zu denken.
    Allein sie würde es nicht getan haben, hätte sie gewusst, wie manche
grauenvolle Stunde und wie manche schlaflose Nacht dieser handlose Mann ihrem
Sohne noch lange nachher gemacht hat.
    Insbesondre waren immer die letzten vier Wochen vor Weihnachten für Anton
ein Fegefeuer, wogegen er gerne den mit Wachslichtern besteckten und mit
übersilberten Äpfeln und Nüssen behängten Tannenbaum entbehrt hätte.
    Da ging kein Tag hin, wo sich nicht ein sonderbares Getöse wie von Glocken
oder ein Scharren vor der Türe oder eine dumpfte Stimme hätte hören lassen, die
den sogenannten Ruprecht oder Vorgänger des heiligen Christs anzeigte, den Anton
denn im ganzen Ernst für einen Geist oder ein übermenschliches Wesen hielt, und
so ging auch diese ganze Zeit über keine Nacht hin, wo er nicht mit Schrecken
und Angstschweiss vor der Stirne aus dem Schlaf erwachte.
    
    Dies währte bis in sein achtes Jahr, wo erst sein Glaube an die Wirklichkeit
des Ruprechts sowohl als des heiligen Christs an zu wanken fing.
    So teilte ihm seine Mutter auch eine kindische Furcht vor dem Gewitter mit.
Seine einzige Zuflucht war alsdann, dass er, so fest er konnte, die Hände
zusammenfaltete und sie nicht wieder auseinanderliess, bis das Gewitter vorüber
war; dies, nebst dem über sich geschlagenen Kreuze, war auch seine Zuflucht und
gleichsam eine feste Stütze, sooft er alleine schlief, weil er dann glaubte, es
könne ihm weder Teufel noch Gespenster etwas anhaben.
    Seine Mutter hatte einen sonderbaren Ausdruck, dass einem, der vor einem
Gespenste fliehen will, die Fersen lang werden; dies fühlte er im eigentlichen
Verstande, sooft er im Dunkeln etwas Gespensterähnliches zu sehen glaubte. Auch
pflegte sie von einem Sterbenden zu sagen, dass ihm der Tod schon auf der Zunge
sitze; dies nahm Anton ebenfalls im eigentlichen Verstande, und als der Mann
seiner Base starb, stand er neben dem Bette und sah ihm sehr scharf in den
Mund, um den Tod auf der Zunge desselben, etwa wie eine kleine schwarze Gestalt,
zu entdecken.
    Die erste Vorstellung über seinen kindischen Gesichtskreis hinaus bekam er
ohngefähr im fünften Jahre, als seine Mutter noch mit ihm in dem Dorfe wohnte
und eines Abends mit einer alten Nachbarin, ihm und seinen Stiefbrüdern allein
in der Stube sass.
    Das Gespräch fiel auf Antons kleine Schwester, die vor kurzem in ihrem
zweiten Jahre gestorben war, und worüber seine Mutter beinahe ein Jahr lang
untröstlich blieb.
    Wo wohl jetzt Julchen sein mag? sagte sie nach einer langen Pause und
schwieg wieder. Anton blickte nach dem Fenster hin, wo durch die düstre Nacht
kein Lichtstrahl schimmerte, und fühlte zum ersten Male die wunderbare
Einschränkung, die seine damalige Existenz von der gegenwärtigen beinahe so
verschieden machte wie das Dasein vom Nichtsein.
    Wo mag jetzt wohl Julchen sein? dachte er seiner Mutter nach, und Nähe und
Ferne, Enge und Weite, Gegenwart und Zukunft blitzte durch seine Seele. Seine
Empfindung dabei malt kein Federzug; tausendmal ist sie wieder in seiner Seele,
aber nie mit der ersten Stärke, erwacht.
    Wie gross ist die Seligkeit der Einschränkung, die wir doch aus allen Kräften
zu fliehen suchen! Sie ist wie ein kleines glückliches Eiland in einem
stürmischen Meere; wohl dem, der in ihrem Schosse sicher schlummern kann, ihn
weckt keine Gefahr, ihm drohen keine Stürme. Aber wehe dem, der von
unglücklicher Neugier getrieben, sich über dies dämmernde Gebirge hinauswagt,
das wohltätig seinen Horizont umschränkt.
    Er wird auf einer wilden stürmischen See von Unruh und Zweifel hin und her
getrieben, sucht unbekannte Gegenden in grauer Ferne, und sein kleines Eiland,
auf dem er so sicher wohnte, hat alle seine Reize für ihn verloren.
    Eine von Antons seligsten Erinnerungen aus den frühesten Jahren seiner
Kindheit ist, als seine Mutter ihn in ihren Mantel eingehüllt durch Sturm und
Regen trug. Auf dem kleinen Dorfe war die Welt ihm schön, aber hinter dem blauen
Berge, nach welchem er immer sehnsuchtsvoll blickte, warteten schon die Leiden
auf ihn, die die Jahre seiner Kindheit vergällen sollten.
    Da ich einmal in meiner Geschichte zurückgegangen bin, um Antons erste
Empfindungen und Vorstellungen von der Welt nachzuholen, so muss ich hier noch
zwei seiner frühesten Erinnerungen anführen, die seine Empfindung des Unrechts
betreffen.
    Er ist sich deutlich bewusst, wie er im zweiten Jahre, da seine Mutter noch
nicht mit ihm auf dem Dorfe wohnte, von seinem Hause nach dem gegenüberstehenden
über die Strasse hin und wieder lief und einem wohlgekleideten Manne in den Weg
rannte, gegen den er heftig mit den Händen ausschlug, weil er sich selbst und
andre zu überreden suchte, dass ihm Unrecht geschehen sei, ob er gleich innerlich
fühlte, dass er der beleidigende Teil war.
    Diese Erinnerung ist wegen ihrer Seltenheit und Deutlichkeit merkwürdig;
auch ist sie echt, weil der Umstand an sich zu geringfügig war, als dass ihm
nachher jemand davon hätte erzählen sollen.
    Die zweite Erinnerung ist aus dem vierten Jahre, wo seine Mutter ihn wegen
einer wirklichen Unart schalt; indem er sich nun gerade auszog, fügte es sich,
dass eines seiner Kleidungsstücke mit einigem Geräusch auf den Stuhl fiel: seine
Mutter glaubte, er habe es aus Trotz hingeworfen, und züchtigte ihn hart.
    Dies war das erste wirkliche Unrecht, was er tief empfand und was ihm nie
aus dem Sinne gekommen ist; seit der Zeit hielt er auch seine Mutter für
ungerecht, und bei jeder neuen Züchtigung fiel ihm dieser Umstand ein.
    Ich habe schon erwähnt, wie ihm der Tod in seiner Kindheit vorgekommen sei.
Dies dauerte bis in sein zehntes Jahr, als einmal eine Nachbarin seine Eltern
besuchte und erzählte, wie ihr Vetter, der ein Bergmann war, von der Leiter
hinunter in die Grube gefallen sei und sich den Kopf zerschmettert habe.
    Anton hörte aufmerksam zu, und bei dieser Kopfzerschmetterung dachte er sich
auf einmal ein gänzliches Aufhören von Denken und Empfinden und eine Art von
Vernichtung und Ermangelung seiner selbst, die ihn mit Grauen und Entsetzen
erfüllte, sooft er wieder lebhaft daran dachte. Seit der Zeit hatte er auch eine
starke Furcht vor dem Tode, die ihm manche traurige Stunde machte.
    Noch muss ich etwas von seinen ersten Vorstellungen, die er sich ebenfalls
ohngefähr im zehnten Jahre von Gott und der Welt machte, sagen.
    Wenn oft der Himmel umwölkt und der Horizont kleiner war, fühlte er eine Art
von Bangigkeit, dass die ganze Welt wiederum mit ebenso einer Decke umschlossen
sei wie die Stube, worin er wohnte, und wenn er dann mit seinen Gedanken über
diese gewölbte Decke hinausging, so kam ihm diese Welt an sich viel zu klein
vor, und es deuchte ihm, als müsse sie wiederum in einer andern eingeschlossen
sein, und das immer so fort.
    Ebenso ging es ihm mit seiner Vorstellung von Gott, wenn er sich denselben
als das höchste Wesen denken wollte.
    Er sass einmal in der Dämmerung an einem trüben Abend allein vor seiner
Haustüre und dachte hierüber nach, indem er oft gen Himmel blickte und dann
wieder die Erde ansah und bemerkte, wie sie selbst gegen den trüben Himmel so
schwarz und dunkel war.
    Über den Himmel dachte er sich Gott; aber jeder, auch der höchste Gott, den
sich seine Gedanken schufen, war ihm zu klein und musste immer wieder noch einen
höhern über sich haben, gegen den er ganz verschwand, und das so ins Unendliche
fort.
    Doch hatte er hierüber nie etwas gelesen noch gehört. Was am sonderbarsten
war, so geriet er durch sein beständiges Nachdenken und Insichgekehrtsein sogar
auf den Egoismus, der ihn beinahe hätte verrückt machen können.
    Weil nämlich seine Träume grösstenteils sehr lebhaft waren und beinahe an die
Wirklichkeit zu grenzen schienen, so fiel es ihm ein, dass er auch wohl am hellen
Tage träume und die Leute um ihn her, nebst allem, was er sah, Geschöpfe seiner
Einbildungskraft sein könnten.
    Dies war ihm ein erschrecklicher Gedanke, und er fürchtete sich vor sich
selber, sooft er ihm einfiel, auch suchte er sich dann wirklich durch
Zerstreuung von diesen Gedanken loszumachen.
    Nach dieser Ausschweifung wollen wir der Zeitfolge gemäss in Antons
Geschichte wieder fortfahren, den wir eilf Jahre alt bei der Lektüre der schönen
Banise und der Insel Felsenburg verlassen haben. Er bekam nun auch Fénelons
Totengespräche nebst dessen Erzählungen zu lesen, und sein Schreibmeister fing
an, ihn eigne Briefe und Ausarbeitungen machen zu lassen.
    Dies war für Anton eine noch nie empfundene Freude. Er fing nun an, seine
Lektüre zu nutzen und hie und da Nachahmungen von dem Gelesenen anzubringen,
wodurch er sich den Beifall und die Achtung seines Lehrers erwarb.
    Sein Vater musizierte mit in einem Konzert, wo Ramlers Tod Jesu aufgeführt
wurde, und brachte einen gedruckten Text davon mit zu Hause. Dieser hatte für
Anton so viel Anziehendes und übertraf alles Poetische, was er bisher gelesen
hatte, so weit, dass er ihn so oft und mit solchem Entzücken las, bis er ihn
beinahe auswendig wusste.
    Durch diese einzige so oft wiederholte zufällige Lektüre bekam sein
Geschmack in der Poesie eine gewisse Bildung und Festigkeit, die er seit der
Zeit nicht wieder verloren hat; so wie in der Prose durch den Telemach; denn er
fühlte bei der schönen Banise und Insel Felsenburg, ohngeachtet des Vergnügens,
das er darin fand, doch sehr lebhaft das Abstechende und Unedlere in der
Schreibart.
    Von poetischer Prose fiel ihm Carl von Mosers Daniel in der Löwengrube in
die Hände, den er verschiedne Male durchlas, und woraus auch sein Vater zuweilen
vorzulesen pflegte.
    Die Brunnenzeit kam wieder heran, und Antons Vater beschloss, ihn wieder mit
nach Pyrmont zu nehmen; allein diesmal sollte Anton nicht so viel Freude als im
vorigen Jahre dort geniessen, denn seine Mutter reiste mit.
    Ihr unaufhörliches Verbieten von Kleinigkeiten und beständiges Schelten und
Strafen zu unrechter Zeit verleidete ihm alle edlern Empfindungen, die er hier
vor einem Jahr gehabt hatte; sein Gefühl für Lob und Beifall ward dadurch so
sehr unterdrückt, dass er zuletzt beinahe seiner Natur zuwider eine Art von
Vergnügen darin fand, sich mit den schmutzigsten Gassenbuben abzugeben und mit
ihnen gemeine Sache zu machen, bloss weil er verzweifelte, sich je die Liebe und
Achtung in Pyrmont wieder zu erwerben, die er durch seine Mutter einmal verloren
hatte, welche nicht nur gegen seinen Vater, sooft er zu Hause kam, sondern auch
gegen ganz fremde Leute beständig von nichts als von seiner schlechten
Aufführung sprach, wodurch dieselbe denn wirklich anfing, schlecht zu werden und
sein Herz sich zu verschlimmern schien. Er kam auch nun seltner in das von
Fleischbeinsche Haus, und die Zeit seines diesmaligen Aufentalts in Pyrmont
strich für ihn höchst unangenehm und traurig vorüber, so dass er sich oft noch
mit Wehmut an die Freuden des vorigen Jahres zurückerinnerte, ob er gleich
diesmal nicht so viel Schmerzen an seinem Fuss auszustehn hatte, der nun, nachdem
der schadhafte Knochen herausgenommen war, wieder an zu heilen fing.
    Bald nach der Zurückkunft seiner Eltern in Hannover trat Anton in sein
zwölftes Jahr, worin ihm wiederum sehr viele Veränderungen bevorstanden: denn
noch in diesem Jahre sollte er von seinen Eltern getrennt werden. Fürs erste
stand ihm eine grosse Freude bevor.
    Antons Vater liess ihn auf Zureden einiger Bekannten in der öffentlichen
Stadtschule eine lateinische Privatstunde besuchen, damit er wenigstens auf alle
Fälle, wie es hiess, einen Kasum solle setzen lernen. In die übrigen Stunden der
öffentlichen Schule aber, worin Religionsunterricht die Hauptsache war, wollte
ihn sein Vater, zum grössten Leidwesen seiner Mutter und Anverwandten,
schlechterdings nicht schicken.
    Nun war doch einer von Antons eifrigsten Wünschen, einmal in eine
öffentliche Stadtschule gehen zu dürfen, zum Teil erfüllt.
    Beim ersten Eintritt waren ihm schon die dicken Mauern, dunklen gewölbten
Gemächer, hundertjährigen Bänke und vom Wurm durchlöcherten Kateder nichts wie
Heiligtümer, die seine Seele mit Ehrfurcht erfüllten.
    Der Konrektor, ein kleines muntres Männchen, flösste ihm, ohngeachtet seiner
nicht sehr gravitätischen Miene, dennoch durch seinen schwarzen Rock und
Stutzperücke einen tiefen Respekt ein.
    Dieser Mann ging auch auf einen ziemlich freundschaftlichen Fuss mit seinen
Schülern um: gewöhnlich nannte er zwar einen jeden Ihr, aber die vier öbersten,
welche er auch im Scherz Veteraner hiess, wurden vorzugsweise Er genannt.
    Ob er dabei gleich sehr strenge war, hat doch Anton niemals einen Vorwurf
noch weniger einen Schlag von ihm bekommen: er glaubte daher auch in der Schule
immer mehr Gerechtigkeit als bei seinen Eltern zu finden.
    Er musste nun anfangen, den Donat auswendig zu lernen; allein freilich hatte
er einen wunderbaren Akzent, der sich bald zeigte, da er gleich in der zweiten
Stunde sein Mensa auswendig hersagen musste, und indem er Singulariter und
Pluraliter sagte, immer den Ton auf die vorletzte Silbe legte, weil er sich beim
Auswendiglernen dieses Pensums wegen der Ähnlichkeit dieser Wörter mit Amoriter,
Jebusiter usw. fest einbildete, die Singulariter wären ein besonderes Volk, das
Mensa, und die Pluraliter ein andres Volk, das Mensä gesagt hätte.
    Wie oft mögen ähnliche Missverständnisse veranlasst werden, wenn der Lehrer
sich mit den ersten Worten des Lehrlings begnügen lässt, ohne in den Begriff
desselben einzudringen!
    Nun ging es an das Auswendiglernen. Das amo, amem, amas, ames ward bald nach
dem Takte hergebetet, und in den ersten sechs Wochen wusste er schon sein oportet
auf den Fingern herzusagen; dabei wurden täglich Vokabeln auswendig gelernt, und
weil ihm niemals eine fehlte, so schwang er sich in kurzer Zeit von einer Stufe
zur andern empor und rückte immer näher an die Veteraner heran.
    Welch eine glückliche Lage, welch eine herrliche Laufbahn für Anton, der nun
zum ersten Male in seinem Leben einen Pfad des Ruhms vor sich eröffnet sah, was
er so lange vergeblich gewünscht hatte.
    Auch zu Hause brachte er diese kurze Zeit ziemlich vergnügt zu, indem er
alle Morgen, während dass seine Eltern Kaffee tranken, ihnen aus dem Tomas von
Kempis von der Nachfolge Christi vorlesen musste, welches er sehr gern tat.
    Es ward alsdann darüber gesprochen, und er durfte auch zuweilen sein Wort
dazugeben. Übrigens genoss er das Glück, nicht viel zu Hause zu sein, weil er
noch die Stunden seines alten Schreibmeisters zu gleicher Zeit besuchte, den er,
ohngeachtet mancher Kopfstösse, die er von ihm bekommen hatte, so aufrichtig
liebte, dass er alles für ihn aufgeopfert hätte.
    Denn dieser Mann unterhielt sich mit ihm und seinen Mitschülern oft in
freundschaftlichen und nützlichen Gesprächen, und weil er sonst von Natur ein
ziemlich harter Mann zu sein schien, so hatte seine Freundlichkeit und Güte
desto mehr Rührendes, das ihm die Herzen gewann.
    So war nun Anton einmal auf einige Wochen in einer doppelten Lage glücklich:
aber wie bald wurde diese Glückseligkeit zerstört! Damit er sich seines Glücks
nicht überheben sollte, waren ihm fürs erste schon starke Demütigungen
zubereitet.
    Denn ob er nun gleich in Gesellschaft gesitteter Kinder unterrichtet ward,
so liess ihn doch seine Mutter die Dienste der niedrigsten Magd verrichten.
    Er musste Wasser tragen, Butter und Käse aus den Kramläden holen und wie ein
Weib mit dem Korbe im Arm auf den Markt gehen, um Esswaren einzukaufen.
    Wie innig es ihn kränken musste, wenn alsdann einer seiner glücklichern
Mitschüler hämisch lächelnd vor ihm vorbeiging, darf ich nicht erst sagen.
    Doch dies verschmerzte er noch gerne gegen das Glück, in eine lateinische
Schule gehen zu dürfen, wo er nach zwei Monaten so weit gestiegen war, dass er
nun an den Beschäftigungen des öbersten Tisches oder der sogenannten vier
Veteraner mit teilnehmen konnte.
    Um diese Zeit führte ihn auch sein Vater zum erstenmale zu einem äusserst
merkwürdigen Manne in Hannover, der schon lange der Gegenstand seiner Gespräche
gewesen war. Dieser Mann hiess Tischer und war hundertundfünf Jahre alt.
    Er hatte Teologie studiert und war zuletzt Informator bei den Kindern eines
reichen Kaufmanns in Hannover gewesen, in dessen Hause er noch lebte und von dem
gegenwärtigen Besitzer desselben, der sein Eleve gewesen und jetzt selber schon
beinahe ein Greis geworden war, seinen Unterhalt bekam.
    Seit seinem funfzigsten Jahre war er taub, und wer mit ihm sprechen wollte,
musste beständig Tinte und Feder bei der Hand haben und ihm seine Gedanken
schriftlich aufsetzen, die er denn sehr vernehmlich und deutlich mündlich
beantwortete.
    dabei konnte er noch im hundertundfünften Jahre sein kleingedrucktes
griechisches Testament ohne Brille lesen und redete beständig sehr wahr und
zusammenhängend, obgleich oft etwas leiser oder lauter, als nötig war, weil er
sich selber nicht hören konnte.
    Im Hause war er nicht anders als unter dem Namen der alte Mann bekannt. Man
brachte ihm sein Essen und sonstige Bequemlichkeiten; übrigens bekümmerte man
sich nicht viel um ihn.
    Eines Abends also, als Anton gerade bei seinem Donat sass, nahm ihn sein
Vater bei der Hand und sagte: »Komm, jetzt will ich dich zu einem Manne führen,
in dem du den heiligen Antonius, den heiligen Paulus und den Erzvater Abraham
wiedererblicken wirst.«
    Und indem sie hingingen, bereitete ihn sein Vater immer noch auf das, was er
nun bald sehen würde, vor.
    Sie traten ins Haus. Antons Herz pochte.
    Sie gingen über einen langen Hof hinaus und stiegen eine kleine Windeltreppe
hinauf, die sie in einen langen dunklen Gang führte, worauf sie wieder eine
andre Treppe hinauf und dann wieder einige Stufen hinabstiegen; dies schienen
Anton labyrintische Gänge zu sein.
    Endlich öffnete sich linker Hand eine kleine Aussicht, wo das Licht durch
einige Fensterscheiben erst von einem andern Fenster hineinfiel.
    Es war schon im Winter und die Türe auswendig mit Tuch behangen; Antons
Vater eröffnete sie: es war in der Dämmerung, das Zimmer weitläufig und gross,
mit dunkeln Tapeten ausgeziert, und in der Mitte an einem Tische, worauf Bücher
hin und her zerstreut lagen, sass der Greis auf einem Lehnsessel.
    Er kam ihnen mit entblösstem Haupt entgegen.
    Das Alter hatte ihn nicht daniedergebückt, er war ein langer Mann, und sein
Ansehn war gross und majestätisch. Die schneeweissen Locken zierten seine Schläfe,
und aus seinen Augen blickte eine unnennbare sanfte Freundlichkeit hervor. Sie
setzten sich.
    Antons Vater schrieb ihm einiges auf. »Wir wollen beten«, fing der Greis
nach einer Pause an, »und meinen kleinen Freund mit einschliessen.«
    Darauf entblösste er sein Haupt und kniete nieder, Antons Vater neben ihm zur
rechten und Anton zur linken Seite.
    Freilich fand dieser nun alles, was ihm sein Vater gesagt hatte, mehr als zu
wahr. Er glaubte wirklich neben einem der Apostel Christi zu knien, und sein
Herz erhob sich zu einer hohen Andacht, als der Greis seine Hände ausbreitete
und mit wahrer Inbrunst sein Gebet anhub, das er bald mit lauter, bald mit
leiserer Stimme fortsetzte.
    Seine Worte waren wie eines, der schon mit allen seinen Gedanken und
Wünschen jenseits des Grabes ist und den nur noch ein Zufall etwas länger, als
er glaubte, diesseits verweilen lässt.
    So waren auch alle seine Gedanken aus jenem Leben gleichsam herübergeholt,
und so wie er betete, schien sich sein Auge und seine Stirne zu verklären.
    Sie standen vom Gebet auf, und Anton betrachtete nun den alten Mann in
seinem Herzen beinahe schon wie ein höheres, übermenschliches Wesen.
    Und als er den Abend zu Hause kam, wollte er schlechterdings mit einigen
seiner Mitschüler sich nicht auf einen kleinen Schlitten im Schnee herumfahren,
weil ihm dies nun viel zu unheilig vorkam und er den Tag dadurch zu entweihen
glaubte.
    Sein Vater liess ihn nun öfters zu diesem alten Manne gehen, und er brachte
fast die ganze Zeit des Tages bei ihm zu, die er nicht in der Schule war.
    Alsdann bediente er sich dessen Bibliotek, die grösstenteils aus mystischen
Büchern bestand, und las viele davon von Anfang bis zu Ende durch. Auch gab er
dem alten Manne oft Rechenschaft von seinen Progressen im Lateinischen und von
den Ausarbeitungen bei seinem Schreibmeister. So brachte Anton ein paar Monate
ganz ungewöhnlich glücklich zu.
    Aber welch ein Donnerschlag war es für Anton, als ihm beinahe zu gleicher
Zeit die schreckliche Ankündigung geschahe, dass noch mit diesem Monate seine
lateinische Privatstunde aufhören und er zugleich in eine andre Schreibschule
geschickt werden sollte.
    Tränen und Bitten halfen nichts, der Ausspruch war getan. Vierzehn Tage
wusste es Anton vorher, dass er die lateinische Schule verlassen sollte, und je
höher er nun rückte, desto grösser ward sein Schmerz.
    Er griff also zu einem Mittel, sich den Abschied aus dieser Schule leichter
zu machen, das man einem Knaben von seinem Alter kaum hätte zutrauen sollen.
Anstatt dass er sich bemühete, weiter heraufzukommen, tat er das Gegenteil und
sagte entweder mit Fleiss nicht, was er doch wusste, oder legte es auf andre Weise
darauf an, täglich eine Stufe herunterzukommen, welches sich der Konrektor und
seine Mitschüler nicht erklären konnten und ihm oft ihre Verwunderung darüber
bezeugten.
    Anton allein wusste die Ursache davon und trug seinen geheimen Kummer mit
nach Hause und in die Schule. Jede Stufe, die er auf die Art freiwillig
herunterstieg, kostete ihm tausend Tränen, die er heimlich zu Hause vergoss; aber
so bitter diese Arznei war, die er sich selbst verschrieb, so tat sie doch ihre
Wirkung.
    Er hatte es selber so veranstaltet, dass er gerade am letzten Tage der
Unterste werden musste. Allein dies war ihm zu hart. Die Tränen standen ihm in
den Augen, und er bat, man möchte ihn nur noch heute an seinem Orte sitzen
lassen, morgen wolle er gern den untersten Platz einnehmen.
    Jeder hatte Mitleiden mit ihm, und man liess ihn sitzen. Den andern Tag war
der Monat aus, und er kam nicht wieder.
    Wie viel ihm diese freiwillige Aufopferung gekostet habe, lässt sich aus dem
Eifer und der Mühe schliessen, wodurch er sich jeden höhern Platz zu erwerben
gesucht hatte.
    Oft, wenn der Konrektor in seinem Schlafrocke aus dem Fenster sah und er
vor ihm vorbeiging, dachte er: o könntest du doch dein Herz gegen diesen Mann
ausschütten. Aber dazu schien doch die Entfernung zwischen ihm und seinem Lehrer
noch viel zu gross zu sein.
    Bald darauf wurde er auch, ohngeachtet alles seines Flehens und Bittens, von
seinem geliebten Schreibmeister getrennt.
    Dieser hatte freilich einige Nachlässigkeit in Antons Schreib- und
Rechenbuche passieren lassen, worüber sein Vater aufgebracht war.
    Anton nahm mit dem grössten Eifer alle Schuld auf sich und versprach und
gelobte, was nur in seinen Kräften stand, aber alles half nichts; er musste
seinen alten treuen Lehrer verlassen und zu Ende des Monats anfangen, in der
öffentlichen Stadtschule schreiben zu lernen.
    Diese beiden Schläge auf einmal waren für Anton zu hart.
    Er wollte sich noch an die letzte Stütze halten und sich von seinen
ehemaligen Mitschülern jedes aufgegebene Pensum sagen lassen, um es zu Hause zu
lernen und auf diese Weise mit ihnen fortzurücken; als aber auch dies nicht
gehen wollte, so erlag seine bisherige Tugend und Frömmigkeit, und er ward
wirklich eine Zeitlang aus einer Art von Missmut und Verzweiflung, was man einen
bösen Buben nennen kann.
    Er zog sich mutwilligerweise in der Schule Schläge zu und hielt sie alsdann
mit Trotz und Standhaftigkeit aus, ohne eine Miene zu verziehen, und dies machte
ihm dazu ein Vergnügen, das ihm noch lange in der Erinnerung angenehm war.
    Er schlug und balgte sich mit Strassenbuben, versäumte die Lehrstunden in der
Schule und quälte einen Hund, den seine Eltern hatten, wie und wo er nur konnte.
    In der Kirche, wo er sonst ein Muster der Andacht gewesen war, plauderte er
mit seinesgleichen den ganzen Gottesdienst über.
    Oft fiel es ihm ein, dass er auf einem bösen Wege begriffen sei, er erinnerte
sich mit Wehmut an seine vormaligen Bestrebungen, ein frommer Mensch zu werden;
allein sooft er im Begriff war umzukehren, schlug eine gewisse Verachtung seiner
selbst und ein nagender Missmut seine besten Vorsätze nieder und machte, dass er
sich wieder in allerlei wilden Zerstreuungen zu vergessen suchte.
    Der Gedanke, dass ihm seine liebsten Wünsche und Hoffnungen fehlgeschlagen
und die angetretene Laufbahn des Ruhms auf immer verschlossen war, nagte ihn
unaufhörlich, ohne dass er sich dessen immer deutlich bewusst war, und trieb ihn
zu allen Ausschweifungen.
    Er ward ein Heuchler gegen Gott, gegen andre und gegen sich selbst.
    Sein Morgen- und Abendgebet las er pünktlich wie vormals, aber ohne alle
Empfindung.
    Wenn er zu dem alten Manne kam, tat er alles, was er sonst mit aufrichtigem
Herzen getan hatte, aus Verstellung und heuchelte in frommen Mienen und
aufgeschriebnen Worten, worin er fälschlich einen gewissen Durst und Sehnsucht
nach Gott vorgab, um sich bei diesem Manne in Achtung zu erhalten.
    Ja, zuweilen konnte er heimlich lachen, indes der alte Mann sein
Geschriebnes las.
    So fing er auch an, seinen Vater zu betrügen. Dieser liess sich einmal gegen
ihn verlauten: damals vor drei Jahren sei er noch ein ganz andrer Knabe gewesen,
als er in Pyrmont sich weigerte, eine Notlüge zu tun, indem er den Engländer
verleugnen sollte.
    Weil sich nun Anton bewusst war, dass gerade dies damals mehr aus einer Art
von Affektation als würklichem Abscheu gegen die Lüge geschehen sei, so dachte
er bei sich selber: wenn sonst nichts verlangt wird, um mich beliebt zu machen,
das soll mir wenig Mühe kosten. Und nun wusste er es in kurzer Zeit durch eine
Art von blosser Heuchelei, die er doch aber vor sich selber als Heuchelei zu
verbergen suchte, so weit zu bringen, dass sein Vater über ihn mit dem Herrn von
Fleischbein korrespondierte und demselben von Antons Seelenzustande Nachricht
gab, um seinen Rat darüber einzuholen.
    Indes wie Anton sah, dass die Sache so ernstaft wurde, ward er auch
ernstafter dabei und entschloss sich zuweilen, sich nun im Ernst von seinem
bösen Leben zu bekehren, weil er die bisherige Heuchelei nicht länger mehr vor
sich selbst verdecken konnte.
    Allein nun fielen ihm die Jahre ein, die er von der Zeit seiner vormaligen
wirklichen Bekehrung an versäumt hatte, und wie weit er nun schon sein könnte,
wenn er das nicht getan hätte. Dies machte ihn äusserst missvergnügt und traurig.
    Überdem las er bei dem alten Manne ein Buch, worin der Prozess der ganzen
Heilsordnung durch Busse, Glauben und gottselig Leben mit allen Zeichen und
Symptomen ausführlich beschrieben war.
    Bei der Busse mussten Tränen, Reue, Traurigkeit und Missvergnügen sein: dies
alles war bei ihm da.
    Bei dem Glauben musste eine ungewohnte Heiterkeit und Zuversicht zu Gott in
der Seele sein: dies kam auch.
    Und nun musste sich drittens das gottselige Leben von selber finden: aber
dies fand sich nicht so leicht.
    Anton glaubte, wenn man einmal fromm und gottselig leben wolle, so müsse man
es auch beständig und in jedem Augenblicke, in allen seinen Mienen und
Bewegungen, ja sogar in seinen Gedanken sein; auch müsse man keinen Augenblick
lang vergessen, dass man fromm sein wolle.
    Nun vergass er es aber natürlicherweise sehr oft: seine Miene blieb nicht
ernstaft, sein Gang nicht ehrbar, und seine Gedanken schweiften in irdischen
weltlichen Dingen aus.
    Nun, glaubte er, sei alles vorbei; er habe noch so viel wie nichts getan und
müsse wieder von vorn anfangen.
    So ging es oft verschiedne Male in einer Stunde, und dies war für Anton ein
höchst peinlicher und ängstlicher Zustand.
    Er überliess sich wieder, aber beständig mit Angst und klopfendem Herzen,
seinen vorigen Zerstreuungen.
    Dann fing er das Werk seiner Bekehrung einmal von vorn wieder an, und so
schwankte er beständig hin und her und fand nirgends Ruhe und Zufriedenheit,
indem er sich vergeblich die unschuldigsten Freuden seiner Jugend verbitterte
und es doch in dem andern nie weit brachte.
    Dies beständige Hin- und Herschwanken ist zugleich ein Bild von dem ganzen
Lebenslaufe seines Vaters, dem es im funfzigsten Jahre seines Lebens noch nicht
besser ging, und der doch immer noch das Rechte zu finden hoffte, wornach er so
lange vergeblich gestrebt hatte.
    Mit Anton war es anfänglich ziemlich gut gegangen: allein seitdem er kein
Latein mehr lernen sollte, litte seine Frömmigkeit einen grossen Stoss; sie war
nichts als ein ängstliches, gezwungenes, Wesen, und es wollte nie recht mit ihm
fort.
    Er las darauf irgendwo, wie unnütz und schädlich das Selbstbessern sei, und
dass man sich bloss leidend verhalten und die göttliche Gnade in sich würken
lassen müsse: er betete daher oft sehr aufrichtig: Herr, bekehre du mich, so
werde ich bekehret! Aber alles war vergeblich.
    Sein Vater reiste diesen Sommer wieder nach Pyrmont, und Anton schrieb ihm,
wie schlecht es mit dem Selbstbessern vorwärts ginge, und dass er sich wohl darin
geirrt habe, weil die göttliche Gnade doch alles tun müsse.
    Seine Mutter hielt diesen ganzen Brief für Heuchelei, wie er denn wirklich
nicht ganz davon frei sein mochte, und schrieb eigenhändig darunter: Anton führt
sich auf wie alle gottlose Buben.
    Nun war er sich doch eines wirklichen Kampfes mit sich selbst bewusst, und es
musste also äusserst kränkend für ihn sein, dass er mit allen gottlosen Buben in
eine Klasse geworfen wurde.
    Dies schlug ihn so sehr nieder, dass er nun wirklich eine Zeitlang wieder
ausschweifte und sich mutwillig mit wilden Buben abgab, worin er denn durch das
Schelten und sogenannte Predigen seiner Mutter noch immer mehr bestärkt wurde:
denn dies schlug ihn immer noch tiefer nieder, so dass er sich oft am Ende selbst
für nichts mehr als einen gemeinen Gassenbuben hielt und nun um desto eher
wieder Gemeinschaft mit ihnen machte.
    Dies dauerte, bis sein Vater von Pyrmont wieder zurückkam. Nun eröffneten
sich für Anton auf einmal ganz neue Aussichten.
    Schon zu Anfange des Jahres war seine Mutter mit Zwillingen niedergekommen,
wovon nur der eine leben blieb, zu welchen ein Hutmacher in Braunschweig, namens
Lobenstein, Gevatter geworden war.
    Dieser war einer von den Anhängern des Herrn von Fleischbein, wodurch ihn
Antons Vater schon seit ein paar Jahren kannte.
    Da nun Anton doch einmal bei einem Meister sollte untergebracht werden (denn
seine beiden Stiefbrüder hatten nun schon ausgelernt, und jeder war mit seinem
Handwerke unzufrieden, wozu er von seinem Vater mit Gewalt gezwungen war), und
da der Hutmacher Lobenstein gerade einen Burschen haben wollte, der ihm fürs
erste nur zur Hand wäre: welch eine herrliche Türe öffnete sich nun nach seines
Vaters Meinung für Anton, dass er ebenso wie seine beiden Stiefbrüder bei einem
so frommen Manne, der dazu ein eifriger Anhänger des Herrn von Fleischbein war,
schon so früh könne untergebracht und von demselben zur wahren Gottseligkeit und
Frömmigkeit angehalten werden.
    Dies mochte schon länger im Werk gewesen sein und war vermutlich die Ursach,
warum Antons Vater ihn aus der lateinischen Schule genommen hatte.
    Nun aber hatte Anton, seitdem er Latein gelernet, sich auch das Studieren
fest in den Kopf gesetzt; denn er hatte eine unbegrenzte Ehrfurcht gegen alles,
was studiert hatte und einen schwarzen Rock trug, so dass er diese Leute beinahe
für eine Art übermenschlicher Wesen hielt.
    Was war natürlicher, als dass er nach dem strebte, was ihm auf der Welt das
Wünschenswerteste zu sein schien?
    Nun hiess es, der Hutmacher Lobenstein in Braunschweig wolle sich Antons wie
ein Freund annehmen, er solle bei ihm wie ein Kind gehalten sein und nur leichte
und anständige Arbeiten, als etwa Rechnungen schreiben, Bestellungen ausrichten
und dergleichen übernehmen, alsdann solle er auch noch zwei Jahre in die Schule
gehen, bis er konfirmiert wäre und sich dann zu etwas entschliessen könnte.
    Dies klang in Antons Ohren äusserst angenehm, insbesondere der letzte Punkt
von der Schule; denn wenn er diesen Zweck nur erst erreicht hätte, glaubte er,
würde es ihm nicht fehlen, sich so vorzüglich auszuzeichnen, dass sich ihm zum
Studieren von selber schon Mittel und Wege eröffnen müssten.
    Er schrieb selber zugleich mit seinem Vater an den Hutmacher Lobenstein, den
er schon im voraus innig liebte und sich auf die herrlichen Tage freute, die er
bei ihm zubringen würde.
    Und welche Reize hatte die Veränderung des Orts für ihn!
    Der Aufentalt in Hannover und der ewige einförmige Anblick eben derselben
Strassen und Häuser ward ihm nun unerträglich: neue Türme, Tore, Wälle und
Schlösser stiegen beständig in seiner Seele auf, und ein Bild verdrängte das
andre.
    Er war unruhig und zählte Stunden und Minuten bis zu seiner Abreise.
    Der erwünschte Tag war endlich da. Anton nahm von seiner Mutter und von
seinen beiden Brüdern Abschied, wovon der ältere, Christian, fünf Jahr und der
jüngere, Simon, der nach dem Hutmacher Lobenstein genannt war, kaum ein Jahr alt
sein mochte.
    Sein Vater reiste mit ihm, und es ging nun halb zu Fusse, halb zu Wagen mit
einer wohlfeilen Gelegenheit fort.
    Anton genoss jetzt zum ersten Male in seinem Leben das Vergnügen zu wandern,
welches ihm in der Zukunft mehr wie zu häufig aufgespart war.
    Je mehr sie sich Braunschweig näherten, je mehr war Antons Herz voll
Erwartung. Der Andreasturm ragte mit seiner roten Kuppel majestätisch hervor.
    Es war gegen Abend. Anton sah in der Ferne die Schildwache auf dem hohen
Walle hin und her gehen.
    Tausend Vorstellungen, wie sein künftiger Wohltäter aussehen, wie sein
Alter, sein Gang, seine Mienen sein würden, stiegen in ihm auf und verschwanden
wieder.
    Er setzte endlich von demselben ein so schönes Bild zusammen, dass er ihn
schon im voraus liebte.
    Überhaupt pflegte Anton in seiner Kindheit durch den Klang der eignen Namen
von Personen oder Städten zu sonderbaren Bildern und Vorstellungen von den
dadurch bezeichneten Gegenständen veranlasst zu werden.
    Die Höhe oder Tiefe der Vokale in einem solchen Namen trug zur Bestimmung
des Bildes das meiste bei.
    So klang der Name Hannover beständig prächtig in seinem Ohre, und ehe er es
sah, war es ihm ein Ort mit hohen Häusern und Türmen und von einem hellen und
lichten Ansehen.
    Braunschweig schien ihm länglicht, von dunklerm Ansehen und grösser zu sein,
und Paris stellte er sich nach eben einem solchen dunklen Gefühle bei dem Namen
vorzüglich voll heller weisslichter Häuser vor.
    Es ist dieses auch sehr natürlich: denn von einem Dinge, wovon man nichts
wie den Namen weiss, arbeitet die Seele, sich auch vermittelst der entferntesten
Ähnlichkeiten ein Bild zu entwerfen, und in Ermangelung aller andern
Vergleichungen muss sie zu dem willkürlichen Namen des Dinges ihre Zuflucht
nehmen, wo sie auf die hart oder weich, voll oder schwach, hoch oder tief,
dunkel oder hell klingenden Töne merkt und zwischen denselben und dem sichtbaren
Gegenstande eine Art von Vergleichung anstellt, die manchmal zufälligerweise
eintrifft.
    Bei dem Namen Lobenstein dachte sich Anton ohngefähr einen etwas langen
Mann, deutsch und bieder, mit einer freien offnen Stirne usw.
    Allein diesmal täuschte ihn seine Namendeutung sehr.
    Es fing schon an dunkel zu werden, als Anton mit seinem Vater über die
grossen Zugbrücken und durch die gewölbten Tore in die Stadt Braunschweig
einwanderte.
    Sie kamen durch viele enge Gassen, vor dem Schloss vorbei und endlich über
eine lange Brücke in eine etwas dunkle Strasse, wo der Hutmacher Lobenstein einem
langen öffentlichen Gebäude gegenüber wohnte.
    Nun standen sie vor dem Hause. Es hatte eine schwärzliche Aussenseite und
eine grosse schwarze Tür, die mit vielen eingeschlagenen Nägeln versehen war.
    Oben hing ein Schild mit einem Hute heraus, woran der Name Lobenstein zu
lesen war.
    Ein altes Mütterchen, die Ausgeberin vom Hause, eröffnete ihnen die Tür und
führte sie zur rechten Hand in eine grosse Stube, die mit dunkelbraun
angestrichnen Brettern getäfelt war, worauf man noch mit genauer Not eine halb
verwischte Schilderung von den fünf Sinnen entdecken konnte.
    Hier empfing sie denn der Herr des Hauses. Ein Mann von mittlern Jahren,
mehr klein als gross, mit einem noch ziemlich jugendlichen, aber dabei blassen
und melancholischen Gesichte, das sich selten in ein andres als eine Art von
bittersüssen Lächeln verzog, dabei schwarzes Haar, ein ziemlich schwärmerisches
Auge, etwas Feines und Delikates in seinen Reden, Bewegungen und Manieren, das
man sonst bei Handwerksleuten nicht findet, und eine reine, aber äusserst
langsame, träge und schleppende Sprache, die die Worte wer weiss wie lang zog,
besonders wenn das Gespräch auf andächtige Materien fiel: auch hatte er einen
unerträglich intoleranten Blick, wenn sich seine schwarzen Augenbrauen über die
Ruchlosigkeit und Bosheit der Menschenkinder und insbesondere seiner Nachbarn
oder seiner eignen Leute zusammenzogen.
    Anton erblickte ihn zuerst in einer grünen Pelzmütze, blauem Brusttuch und
braunen Kamisol drüber nebst einer schwarzen Schürze, seiner gewöhnlichen
Hauskleidung, und es war ihm beim ersten Blick, als ob er in ihm einen strengen
Herrn und Meister statt eines künftigen Freundes und Wohltäters gefunden hätte.
    Seine vorgefasste innige Liebe erlosch, als wenn Wasser auf einen Funken
geschüttet wäre, da ihn die erste kalte, trockne, gebieterische Miene seines
vermeinten Wohltäters ahnden liess, dass er nichts weiter wie sein Lehrjunge sein
werde.
    Die wenigen Tage über, dass sein Vater da blieb, wurde noch einige Schonung
gegen ihn beobachtet; allein sobald dieser abgereist war, musste er ebenso wie
der andre Lehrbursch in der Werkstatt arbeiten.
    Er wurde zu den niedrigsten Beschäftigungen gebraucht; er musste Holz
spalten, Wasser tragen und die Werkstatt auskehren.
    So sehr dies gegen seine Erwartungen abstach, wurde ihm doch das Unangenehme
einigermassen durch den Reiz der Neuheit ersetzt. Und er fand wirklich eine Art
von Vergnügen, selbst beim Auskehren, Holzspalten und Wassertragen.
    Seine Phantasie aber, womit er sich alles dies ausmalte, kam ihm auch sehr
dabei zustatten. - Oft war ihm die geräumige Werkstatt mit ihren schwarzen
Wänden und dem schauerlichen Dunkel, das des Abends und Morgens nur durch den
Schimmer einiger Lampen erhellt wurde, ein Tempel, worin er diente.
    Des Morgens zündete er unter den grossen Kesseln das heilige belebende Feuer
an, wodurch nun den Tag über alles in Arbeit und Tätigkeit erhalten und so
vieler Hände beschäftiget wurden.
    Er betrachtete dann dies Geschäft wie eine Art von Amt, dem er in seinen
Augen eine gewisse Würde erteilte.
    Gleich hinter der Werkstatt floss die Oker, auf welcher eine Fülle oder
Vorsprung von Brettern zum Wasserschöpfen hinausgebaut war.
    Er betrachtete dies alles gewissermassen als sein Gebiet - und zuweilen, wenn
er die Werkstatt gereinigt, die grossen eingemauerten Kessel gefüllt und das
Feuer unter denselben angezündet hatte, konnte er sich ordentlich über sein Werk
freuen - als ob er nun einem jeden sein Recht getan hätte - seine immer
geschäftige Einbildungskraft belebte das Leblose um ihn her und machte es zu
wirklichen Wesen, mit denen er umging und sprach.
    Überdem machte ihm der ordentliche Gang der Geschäfte, den er hier bemerkte,
eine Art von angenehmer Empfindung, dass er gern ein Rad in dieser Maschine mit
war, die sich so ordentlich bewegte: denn zu Hause hatte er nichts dergleichen
gekannt.
    Der Hutmacher Lobenstein hielt wirklich sehr auf Ordnung in seinem Hause,
und alles ging hier auf den Glockenschlag: Arbeiten, Essen und Schlafen.
    Wenn ja eine Ausnahme gemacht wurde, so war es in Ansehung des Schlafs, der
freilich ausfallen musste, wenn des Nachts gearbeitet wurde, welches denn
wöchentlich wenigstens einmal geschahe.
    Sonst war das Mittagessen immer auf den Schlag zwölf, das Frühstück morgens
und das Abendbrot abends um acht Uhr pünktlich da.
    Dies war es denn auch, worauf bei der Arbeit immer gerechnet wurde- so
verfloss damals Antons Leben: des Morgens von sechs Uhr an rechnete er bei seiner
Arbeit aufs Frühstück, das er immer schon in der Vorstellung schmeckte, und wenn
er es erhielt, mit dem gesundesten Appetit verzehrte, den ein Mensch nur haben
kann, ob es gleich in weiter nichts als dem Bodensatz vom Kaffee mit etwas Milch
und einem Zweipfennigbrote bestand.
    Dann ging es wieder frisch an die Arbeit, und die Hoffnung aufs Mittagessen
brachte wiederum neues Interesse in die Morgenstunden, wenn die Einförmigkeit
der Arbeit zu ermüdend wurde.
    Des Abends wurde Jahr aus, Jahr ein eine Kalteschale von starkem Biere
gegeben. Reiz genug, um die Nachmittagsarbeiten zu versüssen.
    Und dann vom Abendessen an bis zum Schlafengehen war es der Gedanke an die
bald bevorstehende sehnlichgewünschte Ruhe, der nun über das Unangenehme und
Mühsame der Arbeit wieder seinen tröstlichen Schimmer verbreitete.
    Freilich wusste man, dass den folgenden Tag der Kreislauf des Lebens so von
vorn wieder anfing. Aber auch diese zuletzt ermüdende Einförmigkeit im Leben
wurde durch die Hoffnung auf den Sonntag wieder auf eine angenehme Art
unterbrochen.
    Wenn der Reiz des Frühstücks und des Mittags-und Abendessens nicht mehr
hinlänglich war, die Lebens- und Arbeitslust zu erhalten, dann zählte man, wie
lange es noch bis auf den Sonntag war, wo man einen ganzen Tag von der Arbeit
feiern und einmal aus der dunklen Werkstatt vors Tor hinaus in das freie Feld
gehen und des Anblicks der freien offnen Natur geniessen konnte.
    O, welche Reize hat der Sonntag für den Handwerksmann, die den höheren
Klassen von Menschen unbekannt ist, welche von ihren Geschäften ausruhen können,
wenn sie wollen. - Dass deiner Magd Sohn sich erfreue! - Nur der Handwerksmann
kann es ganz fühlen, was für ein grosser, herrlicher, menschenfreundlicher Sinn
in diesem Gesetze liegt! -
    Wenn man nun auf einem Tag Ruhe von der Arbeit schon sechs Tage lang
rechnete, so fand man es wohl der Mühe wert, auf drei oder gar vier Feiertage
nacheinander ein Dritteil des Jahres zu rechnen.
    Wenn selbst der Gedanke an den Sonntag oft nicht mehr fähig war, den
Überdruss an dem Einförmigen zu verhindern, so wurde durch die Nähe von Ostern,
Pfingsten oder Weihnachten der Lebensreiz wieder aufgefrischt.
    Und wenn dies alles zu schwach war, so kam die süsse Hoffnung an die
Vollendung der Lehrjahre, an das Gesellenwerden hinzu, welches alles andre
überstieg und eine neue grosse Epoche ins Leben brachte.
    Weiter ging nun aber auch der Gesichtskreis bei Antons Mitlehrburschen nicht
- und sein Zustand war dadurch gewiss um nichts verschlimmert.
    Nach einer allgütigen und weisen Einrichtung der Dinge hat auch das
mühevolle, einförmige Leben des Handwerksmannes seine Einschnitte und Perioden,
wodurch ein gewisser Takt und Harmonie hereingebracht wird, welcher macht, dass
es unbemerkt abläuft, ohne seinem Besitzer eben Langeweile gemacht zu haben.
    Aber Antons Seele war durch seine romanhaften Ideen einmal zu diesem Takt
verstimmt.
    Dem Hause des Hutmachers grade gegenüber war eine lateinische Schule, die
Anton zu besuchen vergeblich gehofft hatte - so oft er die Schüler heraus-und
hineingehen sah, dachte er mit Wehmut an die lateinische Schule und an den
Konrektor in Hannover zurück - und wenn er gar etwa vor der grossen Martinsschule
vorbeiging und die erwachsenen Schüler herauskommen sah, so hätte er alles
darum gegeben, dies Heiligtum nur einmal inwendig betrachten zu können.
    Einmal eine solche Schule besuchen zu dürfen, hielt er zwar bei seinem
jetzigen Zustande beinahe für unmöglich; demohngeachtet aber konnte er sich
einen schwachen Schimmer von Hoffnung dazu nicht ganz versagen.
    Selbst die Chorschüler schienen ihm Wesen aus einer höhern Sphäre zu sein;
und wenn er sie auf der Strasse singen hörte, konnte er sich nicht entalten,
ihnen nachzugehen, sich an ihrem Anblick zu ergötzen und ihr glänzendes
Schicksal zu beneiden.
    Wenn er mit seinem Mitlehrburschen in der Werkstatt alleine war, suchte er
ihm alle die kleinen Kenntnisse mitzuteilen, welche er sich teils durch eignes
Lesen und teils durch den Unterricht, den er genossen, erworben hatte.
    Er erzählte ihm vom Jupiter und der Juno und suchte ihm den Unterschied
zwischen Adjektivum und Substantivum deutlich zu machen, um ihn zu lehren, wo er
einen grossen Buchstaben oder einen kleinen setzen müsse.
    Dieser hörte ihm denn aufmerksam zu, und zwischen ihnen wurden oft
moralische und religiöse Gegenstände abgehandelt. Antons Mitlehrbursche war bei
diesen Gelegenheiten vorzüglich stark in Erfindung neuer Wörter, wodurch er
seine Begriffe bezeichnete. So nannte er z.B. die Befolgung der göttlichen
Befehle die Erfülligkeit Gottes. - Und indem er vorzüglich die religiösen
Ausdrücke des Herrn Lobenstein von Ertötung usw. nachzunahmen suchte, geriet er
oft in ein sonderbares Galimatias.
    Mit vorzüglichem Nachdruck wusste er sich einiger Stellen aus den Psalmen
Davids, worin eben keine sanftmütigen Gesinnungen gegen die Feinde geäussert
werden, zu bedienen, wenn er glaubte, durch die Haushälterin oder jemand anders
angeschwärzt und verleumdet zu sein.
    So waren fast alle Hausgenossen mehr oder weniger von den religiösen
Schwärmereien des Herrn Lobenstein angesteckt, ausgenommen der Geselle: dieser
warf ihm, wenn er ihm manchmal zuviel von Ertötung und Vernichtung schwatzte,
einen solchen tötenden und vernichtenden Blick zu, dass Herr Lobenstein sich mit
Abscheu wegwandte und stillschwieg.
    Sonst konnte Herr Lobenstein zuweilen stundenlange Strafpredigten gegen das
ganze menschliche Geschlecht halten. Mit einer sanften Bewegung der rechten Hand
teilte er dann Segen und Verdammnis aus. Seine Miene sollte dabei mitleidsvoll
sein, aber die Intoleranz und der Menschenhass hatten sich zwischen seinen
schwarzen Augenbrauen gelagert.
    Die Nutzanwendung lief denn immer, politisch genug, darauf hinaus, dass er
seine Leute zum Eifer und zur Treue - in seinem Dienste ermahnte, wenn sie nicht
ewig im höllischen Feuer brennen wollten.
    Seine Leute konnten ihm nie genug arbeiten - und er machte ein Kreuz über
das Brot und die Butter, wenn er ausging.
    Dem Anton, der ihm vielleicht nicht genug arbeiten konnte, verbitterte er
sein Mittagessen durch tausend wiederholte Lehren, die er ihm gab, wie er das
Messer und die Gabel halten und die Speise zum Munde führen sollte, dass diesem
oft alle Lust zum Essen verging, bis sich der Geselle einmal nachdrücklich
seiner annahm und Anton doch nun in Frieden essen konnte. -
    Übrigens aber durfte er es auch nicht wagen, nur einen Laut von sich zu
geben, denn an allem, was er sagte, an seinen Mienen, an seinen kleinsten
Bewegungen fand Lobenstein immer etwas auszusetzen; nichts konnte ihm Anton zu
Danke machen, welcher sich endlich beinahe in seiner Gegenwart zu gehen
fürchtete, weil er an jedem Tritt etwas zu tadeln fand. - Seine Intoleranz
erstreckte sich bis auf jedes Lächeln und jeden unschuldigen Ausbruch des
Vergnügens, der sich in Antons Mienen oder Bewegungen zeigte: denn hier konnte
er sie einmal recht nach Gefallen auslassen, weil er wusste, dass ihm nicht
widersprochen werden durfte.
    Während der Zeit wurden die ganz verblichnen fünf Sinne an dem schwarzen
Getäfel der Wand wieder neu überfirnisst - die Erinnerung an den Geruch davon,
welcher einige Wochen dauerte, war bei Anton nachher beständig mit der Idee von
seinem damaligen Zustande vergesellschaftet. So oft er einen Firnisgeruch
empfand, stiegen unwillkürlich alle die unangenehmen Bilder aus jener Zeit in
seiner Seele auf; und umgekehrt, wenn er zuweilen in eine Lage kam, die mit
jener einige zufällige Ähnlichkeiten hatte, glaubte er auch, einen Firnisgeruch
zu empfinden.
    Ein Zufall verbesserte Antons Lage in etwas.
    Der Hutmacher Lobenstein war ein äusserst hypochondrischer Schwärmer; er
glaubte an Ahndungen und hatte Visionen, die ihm oft Furcht und Grauen
erweckten. Eine alte Frau, die zur Miete im Hause gewohnt hatte, starb und
erschien ihm bei nächtlicher Weile im Traume, dass er oft mit Schaudern und
Entsetzen erwachte, und weil er dann wachend noch fortträumte, auch ihren
Schatten in irgendeiner Ecke seiner Kammer noch zu sehen glaubte. Anton musste
ihm von nun an zur Gesellschaft sein und in einem Bette neben ihm schlafen.
Dadurch wurde er ihm gewissermassen zum Bedürfnis, und er wurde etwas gütiger
gegen ihn gesinnt. - Er liess sich oft mit ihm in Unterredungen ein, fragte ihn,
wie er in seinem Herzen mit Gott stehe, und lehrte ihn, dass er sich Gott nur
ganz hingeben solle; wenn er dann zu dem Glück der Kinder Gottes auserwählt
wäre, so würde Gott selbst das Werk der Bekehrung in ihm anfangen und vollenden
usw. - Des Abends musste Anton, ehe er zu Bette ging, für sich stehend leise
beten, und das Gebet durfte auch nicht allzu kurz sein - sonst fragte Lobenstein
wohl, ob er denn schon fertig sei und Gott nichts mehr zu sagen habe? - Dies war
für Anton eine neue Veranlassung zur Heuchelei und Verstellung, die sonst seiner
Natur ganz entgegen war. - Ob er gleich leise betete, so suchte er doch seine
Worte so vernehmlich auszusprechen, dass er von Lobenstein recht gut verstanden
werden konnte - und nun herrschte durch sein ganzes Gebet nicht sowohl der
Gedanke an Gott als vielmehr, wie er sich durch irgendeinen Ausdruck von Reue,
Zerknirschung, Sehnsucht nach Gott und dergleichen wohl am besten in die Gunst
des Herrn Lobenstein einschmeicheln könnte. - Das war der herrliche Nutzen, den
dies erzwungne Gebet auf Antons Herz und Charakter hatte.
    Doch aber fand Anton auch zuweilen im einsamen Gebete noch eine Art von
heimlichen Vergnügen, wenn er in irgendeinem Winkel der Werkstatt kniete und
Gott bat, dass er doch eine einzige von den grossen Veränderungen in seiner Seele
hervorbringen möchte, wovon er seit seiner Kindheit schon so viel gelesen und
gehört hatte. Und so weit ging die Täuschung seiner Einbildungskraft, dass es ihm
zuweilen wirklich war, als ginge etwas ganz Besonders im Innersten seiner Seele
vor; und sogleich war auch der Gedanke da, wie er nun diesen seinen
Seelenzustand etwa in einem Briefe an seinen Vater oder den Herrn von
Fleischbein einkleiden oder ihn Herrn Lobenstein erzählen wollte. Es waren also
dergleichen eingebildete innere Gefühle immer eine süsse Nahrung seiner
Eitelkeit, und das innige Vergnügen, was er darüber empfand, wurde vorzüglich
durch den Gedanken erweckt, dass er doch nun sagen könnte, er habe ein solches
göttliches, himmlisches Vergnügen in seiner Seele empfunden - - es schmeichelte
ihn immer sehr, wenn erwachsene und bejahrte Leute seinen Seelenzustand für so
wichtig hielten, dass sie sich darum bekümmerten. Das war der Grund, dass er sich
so oft einen abwechselnden Seelenzustand zu haben einbildete, um dann etwa dem
Herrn Lobenstein klagen zu können, dass er sich in einem Zustande der Leere, der
Trockenheit befinde, dass er keine rechte Sehnsucht nach Gott bei sich verspüre
usw., und sich alsdann den Rat des Herrn Lobenstein über diesen seinen
Seelenzustand ausbitten zu können, der ihm denn auch immer mit vieler für ihn
schmeichelhaften Wichtigkeit erteilt ward.
    Ja, es kam gar einmal so weit, dass über seinen Seelenzustand mit dem Herrn
von Fleischbein korrespondiert und ihm eine Stelle in dem Briefe des Herrn von
Fleischbein, die sich auf ihn bezog, gezeigt wurde. Was Wunder, dass er auf die
Weise veranlasst wurde, sich durch allerlei eingebildete Veränderungen seines
Seelenzustandes in seinen eignen Augen sowohl als in den Augen andrer bei dieser
Wichtigkeit zu erhalten, da er als ein Wesen betrachtet wurde, bei dem sich eine
ganz eigne besondre Führung Gottes offenbarte.
    Er bekam nun auch eine schwarze Schürze wie der andre Lehrbursche, und
anstatt dass ihn dieser Umstand hätte niederschlagen sollen, trug er vielmehr
vieles zu seiner Zufriedenheit bei. Er betrachtete sich nun als einen Menschen,
der schon anfing, einen gewissen Stand zu bekleiden. Die Schürze brachte ihn
gleichsam in Reihe und Glied mit andern seinesgleichen, da er vorher einzeln und
verlassen dastand - er vergass über die Schürze eine Zeitlang seinen Hang zum
Studieren und fing an, auch an den übrigen Handwerksgebräuchen eine Art von
Gefallen zu finden, der ihn nichts eifriger wünschen liess, als dieselben einmal
mitmachen zu können. - Er freute sich innerlich, so oft er den Gruss eines
einwandernden Gesellen hörte, der das gewöhnliche Geschenk zu fordern kam; und
keine grössere Glückseligkeit konnte er sich denken, als wenn er auch einmal als
Geselle so einwandern und dann, nach Handwerksgebrauch, den Gruss mit den
vorgeschriebenen Worten hersagen würde. -
    So hängt das jugendliche Gemüt immer mehr an den Zeichen als an der Sache,
und es lässt sich von den frühen Äusserungen bei Kindern, in Ansehung der Wahl
ihres künftigen Berufes, wenig oder gar nichts schliessen. - Sobald Anton lesen
gelernt hatte, fand er ein unbeschreibliches Vergnügen darin, in die Kirche zu
gehen; seine Mutter und seine Base konnten sich nicht genug darüber freuen. Was
ihn aber in die Kirche trieb, war der Triumph, den er allemal genoss, wenn er
nach dem schwarzen Brette, wo die Nummern der Gesänge angeschrieben waren,
hinsehen und etwa einem erwachsenen Menschen, der neben ihm stand, sagen konnte,
was es für eine Nummer sei: und wenn er denn ebenso und oft noch geschwinder als
die erwachsenen Leute diese Nummer in seinem Gesangbuche aufschlagen und nun
mitsingen konnte. -
    Die Zuneigung des Herrn Lobenstein gegen Anton schien jetzt immer grösser zu
werden, je mehr dieser nach seiner geistlichen Führung ein Verlangen bezeigte. -
Er liess ihn oft bis um Mitternacht an den Gesprächen mit seinen vertrautesten
Freunden teilnehmen, mit denen er sich gemeiniglich über seine und anderer
Erscheinungen zu unterhalten pflegte, welche zuweilen so schaudervoll waren, dass
Anton mit berganstehendem Haare zuhorchte. Gemeiniglich wurde erst spät zu Bett
gegangen. Und wenn der Abend mit solchen Gesprächen zugebracht war, so pflegte
Lobenstein am folgenden Morgen beim Aufstehen wohl zu fragen, ob Anton die Nacht
nichts vernommen, nichts in der Kammer gehen gehört habe?
    Manchmal unterhielt sich auch Lobenstein des Abends mit Anton allein, und
sie lasen dann zusammen etwa in den Schriften des Taulerus, Johannes vom Kreutz
und ähnlichen Büchern. - Es schien, als ob zwischen ihnen eine dauerhafte
Freundschaft entstehen würde. Anton fasste auch wirklich eine Art von Liebe gegen
Lobenstein, aber diese Empfindung war immer mit etwas Herben untermischt, mit
einem gewissen Gefühl von Ertötung und Vernichtung, welches durch Lobensteins
bittersüsses Lächeln erzeugt wurde.
    Indes blieb Anton jetzt von harten und niedrigen Arbeiten mehr wie sonst
verschont. Lobenstein ging zuweilen mit ihm spazieren; ja, er nahm ihm sogar
einen Klaviermeister an. - Anton war entzückt über seinen Zustand und schrieb
einen Brief an seinen Vater, worin er demselben auf das lebhafteste seine
Zufriedenheit bezeigte.
    Nun hatte aber auch Antons Glück im Lobensteinschen Hause den höchsten
Gipfel erreicht, und sein Fall war nahe. Alles sah ihn mit neidischen Augen an,
seitdem ihm der Klaviermeister gehalten wurde. Es wurden hier Kabalen, wie an
einem kleinen Hofe gespielt; man verleumdete ihn, man suchte ihn zu stürzen.
    So lange Lobenstein gegen Anton hart und unbillig verfahren war, genoss er
des Mitleids und der Freundschaft aller übrigen Hausgenossen; sobald es aber
schien, als ob dieser ihm seine Freundschaft und Vertrauen zuwenden würde, nahm
in eben dem Masse ihre Feindschaft und Misstrauen gegen ihn zu. Und sobald es
ihnen nur gelungen war, ihn wieder zu sich herunterzubringen, und man es so weit
gebracht hatte, dass der Klaviermeister wieder abgedankt war, hatte man auch
weiter nichts mehr gegen Anton: man war sein Freund wie zuvor.
    Nun hielt es aber nicht schwer, ihn der Gewogenheit eines so argwöhnischen
und misstrauischen Mannes, wie Lobenstein war, zu berauben; man durfte nur einige
lebhafte Äusserungen von ihm erzählen, man durfte Herrn Lobenstein nur auf
verschiedne wirkliche Fehler der Nachlässigkeit und Unordnung, die Anton an sich
hatte, bei jeder Gelegenheit aufmerksam machen, um seinen Gesinnungen bald eine
andre Richtung zu geben. Dies wurde denn von der Haushälterin und den übrigen
Untergebenen sehr gewissenhaft getan. - Indes dauerte es doch noch einige
Monate, ehe man völlig seinen Zweck erreichte. Während welcher Zeit Lobenstein
sogar Antons Klaviermeister zu bekehren sich Mühe gab, welcher ein sehr
rechtschaffner und frommer Mann war, aber Herrn Lobensteins Meinung nach sich
Gott noch nicht ganz hingegeben hatte und sich nicht leidend genug gegen ihn
verhielt.
    Dieser Mann musste denn auch oft bei Herrn Lobenstein speisen, verdarb es
aber am Ende dadurch, dass er sich zu viel Butter auf das Brot schmierte. Auf
diesen Umstand machte die Haushälterin Herrn Lobenstein aufmerksam, um dadurch
ihren Zweck zu erreichen, dem Klavierspielen Antons ein Ende zu machen, damit er
nicht mehr über die andern Hausgenossen erhoben wäre.
    Anton hatte überdem nicht viel Genie zur Musik und lernte folglich nicht
viel in seinen Stunden. Ein paar Arien und Choräle waren alles, was er mit
vieler Mühe fassen konnte. Und die Klavierstunde war ihm immer eine sehr
unangenehme Stunde. Auch wurde ihm die Applikatur sehr schwer, und Lobenstein
fand immer an der Figur seiner weit ausgespreiteten Finger etwas auszusetzen.
    Indes gelang es ihm doch einmal, wie dem David beim Saul, den bösen Geist
des Herrn Lobenstein durch die Kraft der Musik zu vertreiben. Er hatte ein
kleines Versehen begangen, und weil die Neigung des Herrn Lobenstein gegen ihn
schon anfing, sich in Hass zu verwandeln, so hatte dieser ihm des Abends vor dem
Schlafengehen eine harte Züchtigung dafür zugedacht. Anton merkte dies an allem
wohl. Und als die Stunde heranzunahen schien, fasste er den Mut, einen Choral,
den ersten, den er gelernt hatte, auf dem Klavier zu spielen und dazu zu singen.
Dies überraschte Herrn Lobenstein, er gestand ihm, dass grade diese Stunde zu
einer nachdrücklichen Bestrafung bestimmt gewesen wäre, die er ihm nun schenkte.
    Anton erdreistete sich nun sogar, ihm einige Vorstellungen wegen der
anscheinenden Abnahme seiner Freundschaft und Liebe gegen ihn zu tun, worauf
Lobenstein ihm gestand, dass seine Zuneigung gegen ihn freilich so stark nicht
mehr sei, und dass dieses notwendig an Antons verschlimmertem Seelenzustande
liegen müsse, wodurch gleichsam eine Scheidewand zwischen ihm und seiner
ehemaligen Liebe gezogen wäre. Er habe die Sache Gott im Gebet vorgetragen und
diesen Aufschluss darüber erhalten.
    Dies war nun sehr traurig für Anton, und er fragte, wie er es denn
anzufangen habe, um seinen verschlimmerten Seelenzustand wieder zu verbessern. -
Seinen Weg in Einfalt zu wandeln und sich ganz Gott zu überlassen, war die
Antwort, sei das einzige Mittel, seine Seele zu retten. - Weiter wurden keine
nähern Anweisungen erteilt. Herr Lobenstein hielt es nicht für gut, Gott
gleichsam vorzugreifen, der sich selber von Anton abgezogen zu haben schien. -
Die nachdrücklich ausgesprochnen Worte aber, seinen Weg in Einfalt zu wandeln,
hatten darauf Bezug, dass ihm Anton seit einiger Zeit zu klug zu werden anfing,
zu viel sprach und vernünftelte und überhaupt wegen der Zufriedenheit mit seinem
Zustande zu lebhaft wurde. - Diese Lebhaftigkeit war ihm der gerade Weg zu
Antons Verderben, der nach dieser Heiterkeit in seinem Gesichte notwendig ein
ruchloser, weltlichgesinnter Mensch werden musste von dem nichts anders zu
vermuten stand, als dass ihn Gott selbst in seinen Sünden dahingeben würde. -
    Hätte Anton seinen Vorteil besser verstanden, so hätte er jetzt durch ein
niedergeschlagenes, misantropisches Wesen, vorgegebene Beängstigungen und
Beklemmungen seiner Seele noch alles wieder gutmachen können. Denn nun würde
Lobenstein geglaubt haben, Gott sei im Begriff, die verirrte Seele wieder zu
sich zu ziehen. -
    Aber weil Lobenstein den Grundsatz hatte, dass derjenige, welchen Gott
bekehren wolle, auch ohne sein Zutun bekehrt werde; und dass Gott erwählet,
welchen er will, und verwirft und verstocket, welchen er will, um seine
Herrlichkeit zu offenbaren - so schien es ihm gleichsam gefährlich, sich in die
Sache Gottes zu mischen, wenn es etwa den Anschein hatte, als ob einer wirklich
von Gott verworfen wäre.
    Mit Anton hatte es nun, seinen lebhaften und weltlich gesinnten Mienen nach,
bei dem Herrn Lobenstein würklich beinahe diesen Anschein. - Die Sache war ihm
so wichtig gewesen, dass er darüber mit dem Herrn von Fleischbein korrespondiert
hatte. - Und nun zeigte er Anton wiederum in dem Briefe des Herrn von
Fleischbein eine Stelle, die ihn betraf; und worin der Herr von Fleischbein
versicherte, allen Kennzeichen nach habe der Satan seinen Tempel in Antons
Herzen schon so weit aufgebauet, dass er schwerlich wieder zerstört werden könne.
-
    Das war wirklich ein Donnerschlag für Anton - aber er prüfte sich und
verglich seinen jetzigen Zustand mit dem vorhergehenden, und es war ihm
unmöglich, irgendeinen Unterschied dazwischen zu entdecken; er hatte noch ebenso
oft eingebildete göttliche Rührungen und Empfindungen wie sonst; er konnte sich
nicht überzeugen, dass er ganz aus der Gnade gefallen und von Gott verworfen sein
sollte. Er fing an der Wahrheit des Orakelspruchs von dem Herrn von Fleischbein
an zu zweifeln.
    Dadurch verlor sich seine Niedergeschlagenheit wieder, die ihm sonst
vielleicht aufs neue den Weg zu der Gunst des Herrn Lobenstein würde gebahnt
haben, dessen Freundschaft er nun durch seine fortgesetzten vergnügten Mienen
vollends verscherzte.
    Die erste Folge davon war, dass ihn Lobenstein aus seiner Kammer entfernte
und er wieder bei dem andern Lehrburschen schlafen musste, der nun anfing, wieder
sein Freund zu werden, weil er ihn nicht mehr beneidete; die andre, dass er
wieder anfangen musste, mehr wie jemals die schwersten und niedrigsten Arbeiten
zu verrichten, wobei er immer in der Werkstatt bleiben musste und nur selten zu
Herrn Lobenstein in die Stube kommen durfte. Der Klaviermeister wurde nur noch
deswegen beibehalten, weil Lobenstein das angefangne Werk der Bekehrung in ihm
vollenden und also statt einer verlornen Seele Gott wieder eine andre zuführen
wollte.
    Der Winter kam heran, und jetzt fing Antons Zustand wirklich an, hart zu
werden: er musste Arbeiten verrichten, die seine Jahre und Kräfte weit
überstiegen. Lobenstein schien zu glauben, da nun mit Antons Seele doch weiter
nichts anzufangen sei, so müsse man wenigstens von seinem Körper allen möglichen
Gebrauch machen. Er schien ihn jetzt wie ein Werkzeug zu betrachten, das man
wegwirft, wenn man es gebraucht hat.
    Bald wurden Antons Hände durch den Frost und die Arbeit zum Klavierspielen
gänzlich untauglich gemacht. - Er musste fast alle Woche ein paarmal des Nachts
mit dem andern Lehrburschen aufbleiben, um die geschwärzten Hüte aus dem
siedenden Färbekessel herauszuholen und sie dann unmittelbar darauf in der
vorbeifliessenden Oker zu waschen, wo zu dem Ende erst eine Öffnung in das Eis
musste gehauen werden. Dieser oft wiederholte Übergang von der Hitze zum Frost
machte, dass Anton beide Hände aufsprangen und das Blut ihm heraussprützte.
    Allein statt dieses ihn hätte niederschlagen sollen, erhob es vielmehr
seinen Mut. Er blickte mit einer Art von Stolz auf seine Hände und betrachtete
die blutigen Merkmale daran als so viel Ehrenzeichen von seiner Arbeit; und
solange diese harten Arbeiten noch für ihn den Reiz der Neuheit hatten, machten
sie ihm ein gewisses Vergnügen, das vorzüglich im Gefühl seiner körperlichen
Kräfte bestand; zugleich gewährten sie ihm eine Art von süssem Freiheitsgefühl,
das er bisher noch nicht gekannt hatte.
    Es war ihm, als wenn er nun auch sich selbst etwas mehr nachsehen könne,
nachdem er ebenso wie die andern gearbeitet und des Tages Last und Hitze wie sie
getragen hatte. Unter den beschwerlichsten Arbeiten empfand er eine Art von
innerer Wertschätzung, die ihm die Anstrengung seiner Kräfte verschafte; und
oft würde er diesen Zustand kaum gegen die peinliche Lage wieder vertauscht
haben, worin er sich beim Genuss der strengen und alle Freiheit vernichtenden
Freundschaft Lobensteins befand.
    Dieser aber fing jetzt an, ihn immer härter zu drücken: oft musste er in der
bittersten Kälte den ganzen Tag über in einer ungeheizten Stube Wolle kratzen.
Dies war ein klüglich ausgesonnenes Mittel des Herrn Lobenstein, um Antons
Arbeitsamkeit zu vermehren: denn wenn er nicht vor Kälte umkommen wollte, so
musste er sich rühren, soviel nur in seinen Kräften stand, dass ihm Abends oft
beide Arme wie gelähmt und doch Hände und Füsse erfroren waren.
    Diese Arbeit machte ihm wegen ihrer ewigen Einförmigkeit sein Los am
bittersten. Besonders, wenn manchmal seine Phantasie dabei nicht in Gang kommen
wollte; war diese hingegen durch den schnellern Umlauf des Bluts einmal in
Bewegung geraten, so flossen ihm oft die Stunden des Tages unvermerkt vorüber.
Er verlor sich oft in entzückenden Aussichten. Zuweilen sang er seine
Empfindungen, in Rezitativen von seiner eignen Melodie. Und wenn er sich
besonders von der Arbeit ermüdet, seine Kräfte erschöpft und von seiner Lage
gedrückt fühlte, mochte er sich am liebsten in religiösen Schwärmereien von
Aufopferung, gänzlicher Hingebung usw. verlieren, und der Ausdruck Opfersaltar
war ihm vorzüglich rührend, so dass er diesen in alle die kleinen Lieder und
Rezitative von seiner Erfindung mit einwebte.
    Die Unterhaltungen mit seinem Mitlehrburschen (dieser hiess August) fingen
nun wieder an, einen neuen Reiz für ihn zu bekommen, und ihre Gespräche wurden
vertraulich, da sie nun einander wieder gleich waren. Die Nächte, welche sie oft
zusammen durchwachen mussten, machten ihre Freunschaft noch inniger.
    Am allervertraulichsten wurden sie aber, wenn sie zusammen in der
sogenannten Trockenstube sassen. Dieses war ein in die Erde gemauertes, oben mit
Backsteinen zugewölbtes Loch, worin gerade ein Mensch aufrecht stehen und
ohngefähr zwei Menschen sitzen konnten. In dieses Loch wurde ein grosses
Kohlenbecken gesetzt und an den Wänden umher die mit Scheidewasser bestrichnen
Hasenfelle aufgehangen, deren Haar hier weichgebeizt wurde, um nachher zu den
feinern Hüten als Zutat gebraucht zu werden.
    Vor diesem Kohlenbecken und in diesem Dunstkreise sassen Anton und August in
dem halbunterirdischen Loche, in welches man mehr hineinkriechen als hineingehen
musste, und fühlten sich durch die Enge des Orts, der nur durch die Glut der
Kohlen schwach erleuchtet wurde, und durch das Abgesonderte, Stille und
Schauerliche dieses dunklen Gewölbes so fest zusammengeschlossen, dass ihre
Herzen oft in wechselseitigen Ergiessungen der Freundschaft überströmten. Hier
entdeckten sie sich die innersten Gedanken ihrer Seele; hier brachten sie die
seligsten Stunden zu.
    Lobenstein war, wie der Herr von Fleischbein und alle seine Anhänger, ein
Separatist, der sich nicht zu Kirche und Abendmahl hielt. Solange also die
Freundschaft zwischen ihm und Anton gedauert hatte, war dieser fast gar in keine
Kirche in Braunschweig gekommen. Jetzt nahm ihn August des Sonntags mit in die
Kirche und sie gingen immer in andre, weil Anton ein Vergnügen daran fand, die
verschiedenen Prediger nacheinander zu hören. -
    Nun sassen Anton und August einmal um Mitternacht zusammen in der
Trockenstube und sprachen über verschiedene Prediger, die sie gehört hatten, als
der letztre dem Anton versprach, ihn künftigen Sonntag mit in die Brüdernkirche
zu nehmen, wo er einen Prediger hören würde, der alles überträfe, was er sich
denken und vorstellen könnte. Dieser Prediger hiess Paulmann, und August konnte
nicht aufhören, zu erzählen, wie er oft durch die Predigten dieses Mannes
erschüttert und bewegt sei. Nichts war für Anton reizender, als der Anblick
eines öffentlichen Redners, der das Herz von Tausenden in seiner Hand hat. Er
hörte aufmerksam auf das, was August ihm erzählte. Er sah schon im Geist den
Pastor Paulmann auf der Kanzel, er hörte ihn schon predigen. Sein einziger
Wunsch war, dass es nur erst möchte Sonntag sein!
    Der Sonntag kam heran. Anton stand früher wie gewöhnlich auf, verrichtete
seine Geschäfte und kleidete sich an. Als geläutet wurde, hatte er schon eine
Art von angenehmen Vorgefühl dessen, was er nun bald hören werde. Man ging zur
Kirche. Die Strassen, welche nach der Brüdernkirche führten, waren voller
Menschen, die stromweise hinzueilten. - Der Pastor Paulmann war eine Zeitlang
krank gewesen und predigte nun zum ersten Male wieder: das war auch die Ursach,
warum August nicht gleich zuerst mit Anton in diese Kirche gegangen war.
    Als sie hereinkamen, konnten sie kaum noch ein Plätzchen der Kanzel
gegenüber finden. Alle Bänke, die Gänge und Chöre waren voller Menschen, welche
alle einer über den andern wegzusehen strebten. Die Kirche war ein altes
gotisches Gebäude mit dicken Pfeilern, die das hohe Gewölbe unterstützten, und
ungeheuren langen bogigten Fenstern, deren Scheiben so bemalt waren, dass sie nur
ein schwaches Licht durchschimmern liessen.
    So war die Kirche schon von Menschen erfüllt, ehe der Gottesdienst noch
begann. Es herrschte eine feierliche Stille. Auf einmal ertönte die vollstimmige
Orgel, und der ausbrechende Lobgesang einer solchen Menge von Menschen schien
das Gewölbe zu erschüttern. Als der letzte Gesang zu Ende ging, waren aller
Augen auf die Kanzel geheftet, und man bezeigte nicht minder Begierde, diesen
fast angebeteten Prediger zu sehen, als zu hören.
    Endlich trat er hervor und kniete auf den untersten Stufen der Kanzel, ehe
er hinaufstieg. Dann erhob er sich wieder, und nun stand er da vor dem
versammleten Volke. Ein Mann noch in der vollen Kraft seiner Jahre - sein
Antlitz war bleich, sein Mund schien sich in ein sanftes Lächeln zu verziehen,
seine Augen glänzten himmlische Andacht - er predigte schon, wie er da stand,
mit seinen Mienen, mit seinen stillgefaltenen Händen.
    Und nun, als er anhub, welche Stimme, welch ein Ausdruck! - Erst langsam und
feierlich, und dann immer schneller und fortströmender: so wie er inniger in
seine Materie eindrang, so fing das Feuer der Beredsamkeit in seinen Augen an zu
blitzen, aus seiner Brust an zu atmen und bis in seine äussersten Fingerspitzen
Funken zu sprühen. Alles war an ihm in Bewegung; sein Ausdruck durch Mienen,
Stellung und Gebärden überschritt alle Regeln der Kunst und war doch natürlich,
schön und unwiderstehlich mit sich fortreissend.
    Da war kein Aufentalt in dem mächtigen Erguss seiner Empfindungen und
Gedanken; das künftige Wort war immer schon im Begriff hervorzubrechen, ehe das
vorhergehende noch völlig ausgesprochen war; wie eine Welle die andere in der
strömenden Flut verschlingt, so verlor sich jede neue Empfindung sogleich in der
folgenden, und doch war diese immer nur eine lebhaftre Vergegenwärtigung der
vorhergegangnen.
    Seine Stimme war ein heller Tenor, der bei seiner Höhe eine ungewöhnliche
Fülle hatte; es war der Klang eines reinen Metalls, welcher durch alle Nerven
vibriert. Er sprach nach Anleitung des Evangeliums gegen Ungerechtigkeit und
Unterdrückung, gegen Üppigkeit und Verschwendung; und im höchsten Feuer der
Begeisterung redete er zuletzt die üppige und schwelgerische Stadt, deren
Einwohner grösstenteils in dieser Kirche versammelt waren, mit Namen an; deckte
ihre Sünden und Verbrechen auf; erinnerte sie an die Zeiten des Krieges, an die
Belagerung der Stadt, an die allgemeine Gefahr zurück, wo die Not alle
gleichmachte und brüderliche Eintracht herrschte; wo den üppigen Einwohnern,
statt ihrer jetzo unter der Last der Schüsseln seufzenden Tische, Hunger und
Teurung, statt ihrer Armbänder und Geschmeide Fesseln drohten. - Anton glaubte
einen der Propheten zu hören, der im heiligen Eifer das Volk Israel strafte und
die Stadt Jerusalem wegen ihrer Verbrechen schalt. -
    Anton ging aus der Kirche nach Hause und sagte zu August kein Wort; aber er
dachte von nun an, wo er ging und stund, nichts als den Pastor Paulmann. Von
diesem träumete er des Nachts und sprach von ihm bei Tage; sein Bild, seine
Miene und jede seiner Bewegungen hatten sich tief in Antons Seele eingeprägt. -
Beim Wollekratzen in der Werkstatt und beim Hütewaschen beschäftigte er sich die
ganze Woche über mit den entzückenden Gedanken an die Predigt des Pastor
Paulmann und wiederholte sich jeden Ausdruck, der ihn erschüttert oder zu Tränen
gerührt hatte, zu unzähligen Malen. Seine Einbildungskraft schuf sich dann die
alte majestätische Kirche und die lauschende Menge und die Stimme des Predigers
hinzu, welche jetzt in seiner Phantasie noch weit himmlischer klang - er zählte
Stunden und Minuten bis zum nächsten Sonntage.
    Dieser kam; und ist je ein unauslöschlicher Eindruck auf Antons Seele
gemacht worden, so war es die Predigt, die er an dem Tage hörte. - Die Anzahl
von Menschen war womöglich noch grösser als am vorigen Sonntage - Vor der Predigt
wurde ein kurzes Lied gesungen, worin die Worte des Psalms vorkommen: Herr, wer
wird wohnen in deiner Hütte? wer wird bleiben auf deinem heiligen Berge?
    Wer ohne Wandel einhergehet und recht tut und redet die Wahrheit von Herzen.
    Wer mit seiner Zungen nicht verleumdet und seinem Nächsten kein Arges tut
und seinen Nächsten nicht schmähet.
    Wer die Gottlosen nichts achtet und ehret die Gottesfürchtigen: Wer seinem
Nächsten schwöret und hälts.
    Wer sein Geld nicht auf Wucher gibt und nimmt nicht Geschenk über den
Unschuldigen. Wer das tut, der wird wohl bleiben.
    Durch dies kurze und erschütternde Lied wurde man gleichsam voll Erwartung
dessen, was da kommen sollte. Das Herz war zu grossen und erhabnen Eindrücken
vorbereitet, als der Pastor Paulmann mit feierlichem Ernst in seiner Miene, wie
ganz in sich versenkt, auftrat und ohne Gebet und Eingang mit ausgestrecktem Arm
zu reden anhub und sprach:
    »Wer nicht Witwen und Waisen drückt; wer nicht heimlicher Verbrechen sich
bewusst ist; wer seinen Nächsten nicht mit Wucher übervorteilet; wem kein Meineid
die Seele belastet; der hebe voll Zutrauen seine Hände mit mir zu Gott empor und
bete: Vater unser! usw.«
    Und nun las er das Sonntagsevangelium von Johannes dem Täufer, wo dieser
gefragt wird, ob er Christus sei: Und er bekannte und leugnete nicht, und er
bekannte, ich bin nicht Christus! Von diesen Worten nahm er Gelegenheit, vom
Meineide zu predigen, und nachdem er die Worte des Evangeliums mit einer etwas
gedämpften, feierlichern Stimme gelesen hatte, hub er nach einer Pause an:
Weh dir, der du gewissenlos
Gott, deinen Herrn, verleugnet!
Was trägst du deine Stirne bloss,
Die schwarzer Meineid zeichnet? -
Mit dieser Stirne logst du Gott,
Sein heilger Name war dir Spott,
Wie tief bist du gefallen!
Weh dir, vor Gottes Angesicht
Trittst du - er kennet deiner nicht -
Unglücklicher von allen,
Die einer Mutter Brust gesäugt -
Verzweifle nicht - vielleicht, vielleicht,
Dass einst nach deiner Tränen Menge,
Die Flamm in deinem Busen löscht
Und Reue, mit der Jahre Länge,
Die Schuld von deiner Seele wäscht.
Der du die Freveltat begannst,
O gib, wenn du noch weinen kannst,
Die Hoffnung nicht verloren -
Gott wendet noch sein Angesicht,
Er will den Tod des Sünders nicht,
Sein Mund hat es geschworen. -
Diese Worte, mit öftern Pausen und dem erhabensten Patos gesprochen, taten eine
unglaubliche Wirkung. - Man atmete, da sie geendigt waren, tiefer herauf, man
wischte sich den Schweiss von der Stirn. - Und nun wurde die Natur des Meineides
untersucht, seine Folgen in ein schreckliches und immer schrecklicher Licht
gestellt. Der Donner rollte auf das Haupt des Meineidigen herab, das Verderben
nahte sich ihm, wie ein gewappneter Mann, der Sünder erbebte in den innersten
Tiefen seiner Seele - er rief: »Ihr Berge fallet über mich, und ihr Hügel
bedecket mich!« - Der Meineidige erhielt keine Gnade, er wurde vor dem Zorn des
Ewigen vernichtet. -
    Hier schwieg er wie erschöpft - ein panisches Schrecken bemächtigte sich
aller Zuhörer. - Anton rechnete in der Eile die Jahre seines Lebens hindurch, ob
er sich nicht etwa eines Meineids schuldig gemacht habe.
    Aber nun begann der Zuspruch - dem Verzweifelnden wurde Gnade und Verzeihung
angekündigt - wenn er zehnfach büsste, was er Witwen und Waisen entrissen; wenn
er sein ganzes Leben hindurch seine Schuld mit Tränen der Reue und guten Werken
wieder abzuwaschen suchte.
    Die Gnade wurde dem Verbrecher nicht so leicht gemacht; sie musste durch
Gebet und Tränen errungen werden. Und jetzt war es, als wolle er sie durch sein
eignes Gebet und Tränen vor allem Volke vor Gott erringen, indem er sich selbst
an die Stelle des seelenzerknirschten Sünders setzte. -
    Dem Verzeifelnden wurde zugerufen: knie nieder in Staub und Asche, bis deine
Knie wund sind, und sprich: ich habe gesündigt im Himmel und vor dir - und so
fing sich ein jeder Periode an mit: ich habe gesündigt im Himmel und vor dir!
und dann folgte nach der Reihe das Bekenntnis: Witwen und Waisen hab ich
unterdrückt; dem Schwachen hab ich seine einzige Stütze, dem Hungrigen sein Brot
genommen - so ging es durch das ganze Register der Freveltaten. - Und jeder
Periode schloss sich dann: Herr, ist es möglich, dass ich noch Gnade finde! -
    Alles zerschmolz nun in Wehmut und Tränen. - Der Refrain bei jedem Perioden
tat eine unglaubliche Wirkung - es war, als wenn jedesmal die Empfindung einen
neuen elektrischen Schlag erhielt, wodurch sie bis zum höchsten Grade verstärkt
wurde. - Selbst die zuletzt erfolgende Erschöpfung, die Heiserkeit des Redners
(es war, als schrie er zu Gott für die Sünden des Volks) trug zu der allgemeinen
um sich greifenden Rührung bei, die diese Predigt verursachte; da war kein Kind,
das nicht sympatetisch mitgeseufzt und mitgeweint hätte.
    Drittehalb Stunden waren schon wie Minuten verflossen - plötzlich hielt er
inne und schloss nach einer Pause mit denselben Versen, womit er begann. - Mit
erschöpfter gedämpfter Stimme las er nun die öffentliche Beichte, das
Sündenbekenntnis und die darauf erfolgende angekündigte Vergebung ab; darauf
betete er für diejenigen, welche zum Abendmahl gehen wollten, worin er sich mit
einschloss, und dann sprach er mit aufgehobenen Händen den Segen. - Der Abfall
der Stimme bei diesem allen gegen den Ton, welcher in der Predigt herrschte,
hatte viel Feierliches und Rührendes.
    Anton ging nun nicht aus der Kirche, er musste erst den Pastor Paulmann zum
Abendmahl gehen sehen. - Alle Schritte desselben waren ihm nun heilig. Mit einer
Art von Ehrfurcht trat er auf den Fleck, wo er wusste, dass der Pastor Paulmann
gegangen war. - Was hätte er jetzt darum gegeben, dass er schon zum Abendmahl
hätte mitgehen dürfen! Er sah nun den Pastor Paulmann zu Hause gehen, dessen
Sohn, ein Knabe von neun Jahren, nebenherging. - Seine ganze Existenz hätte
Anton darum gegeben, um dieser glückliche Sohn zu sein. - Wenn er nun den Pastor
Paulmann sah, wie er mit der Gemeine, die ihn von allen Seiten umwallte, über
die Strasse ging und immer von beiden Seiten denen, die ihn grüssten, freundlich
dankte, so war es, als ob er um sein Haupt einen gewissen Schimmer erblickte und
unter den übrigen Sterblichen ein übermenschliches Wesen dahin wandeln sah -
sein höchster Wunsch war, durch sein Hutabnehmen nur einen seiner Blicke auf
sich zu ziehen - und als ihm das gelungen war, eilte er schnell nach Hause, um
diesen Blick gleichsam in seinem Herzen zu bewahren.
    Den folgenden Sonntag predigte der Pastor Paulmann des Mittags von der Liebe
gegen die Brüder, und so seelenerschütternd seine Predigt wider den Meineid
gewesen war, so sanftrührend war diese; die Worte flossen nun wie Honig von
seinen Lippen, jede seiner Bewegungen war anders, sein ganzes Wesen schien sich
nach dem Stoff, wovon er predigte, verändert zu haben. Und doch war hierbei
nicht die mindeste Affektation. Es war ihm natürlich, sich mit allen seinen
Gedanken und Empfindungen, die der Stoff seiner Rede veranlasste, zu verweben.
    Diesen Vormittag hatte Anton mit erstaunlich langer Weile dem andern
Prediger dieser Kirche zugehört - er geriet ein paarmal in eine Art von Wut
gegen ihn, da sich alles anliess, als ob er jetzt Amen sagen würde, und er dann
von neuem in dem alten Tone wieder anfing. Jetzt war es mehr wie jemals Antons
grösste Qual, einer solchen langweiligen Predigt zuzuhören, da er sich nicht
entalten konnte, beständig Vergleichungen anzustellen, nachdem er sich einmal
die Predigt des Pastor Paulmann als das höchste Ideal gedacht hatte, welches ihm
von jedem andern unerreichbar schien.
    Als die Vormittagspredigt vorbei war, so war die Reihe an dem Pastor
Paulmann, die Einsegnung beim Abendmahl zu verrichten, welche Anton nun zum
erstenmal von ihm hörte. - Und nun, in welcher ehrwürdigen Gestalt erschien er
ihm jetzt! Er stand im Hintergrunde der Kirche vor dem hohen Altare und sang die
Worte: Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich
- mit einer so himmelerhebenden Stimme und einem so mächtigen Ausdruck, dass
Anton sich in dem Augenblick in höhere Regionen verzückt glaubte - auch war ihm
dies alles wie etwas, das hinter einem Vorhange, im Allerheiligsten geschahe,
wozu sich sein Fuss nicht nahen durfte - wie beneidete er einen jeden, der zum
Altar hinzutreten und aus den Händen des Pastor Paulmann das Abendmahl empfangen
durfte! - Ein sehr junges Frauenzimmer, die schwarz gekleidet, mit blassen
Wangen und einer Miene voll himmlischer Andacht zum Altar hinzutrat, machte
zuerst auf Antons Herz einen Eindruck, den er bisher noch nicht gekannt hatte.
Er hat dies junge Frauenzimmer nie wieder gesehen, aber ihr Bild ist nie in
seiner Seele verloschen.
    Nun hatte seine Phantasie ein neues Spiel. - Die Idee vom Abendmahl war
jetzt diejenige, womit er zu Bette ging und aufstund, und womit er sich den
ganzen Tag über, wenn er bei seiner Arbeit allein war, beschäftigte; dabei
schwebte ihm immer der Pastor Paulmann im Sinne mit seiner sanften, schwellenden
Stimme und seinem gen Himmel gehobnen Auge, das von mehr als irdischer Andacht
erleuchtet schien. Zuweilen drängte sich denn auch in seiner Phantasie das Bild
des schwarz gekleideten jungen Frauenzimmers mit der blassen Farbe und
andachtsvollen Miene wieder vor.
    Durch dies alles wurde seine Einbildungskraft so begeistert, dass er sich
jetzt für den glücklichsten Menschen unter der Sonne würde gehalten haben, wenn
er den künftigen Sonntag hätte zum Abendmahl gehen dürfen. Er versprach sich
eine so überirdische himmlische Tröstung beim Genuss des Abendmahls, dass er schon
im voraus Freudentränen darüber vergoss; wobei er zugleich ein gewisses sanftes
beruhigendes Mitleid mit sich selber empfand, das ihm nun alles Bittre und
Unangenehme seiner Lage versüsste, wenn er bedachte, dass ihn doch als
Hutmacherbursche einmal niemand dieses Trostes würde berauben können. Alle
vierzehn Tage wenigstens nahm er sich dann vor, zum Abendmahl zu gehen, wenn er
erst so weit wäre - und dann schlich sich ganz geheim in diesen Wunsch die
Hoffnung mit ein, dass durch dies öftere Zumabendmahlgehen der Pastor Paulmann
ihn vielleicht am Ende bemerken würde: und dieser Gedanke war es wohl
vorzüglich, welcher bei ihm die unaussprechliche Süssigkeit in diese
Vorstellungen brachte. So lag auch hier die Eitelkeit im Hinterhalt verborgen,
wo sie mancher vielleicht am wenigsten vermutet hätte.
    Das war ihm unmöglich zu glauben, dass er immer so, wie jetzt, würde verkannt
und vernachlässiget werden. Gewissen romanhaften Ideen nach, die er sich in den
Kopf gesetzt hatte, musste es sich etwa einmal fügen, dass ein edler Mann, der auf
der Strasse ihm begegnete, etwas Auffallendes an ihm bemerkte und sich dann
seiner annehme. - Eine gewisse schwermütige melancholische Miene, die er zu dem
Ende annahm, glaubte er, würde am ersten diese Aufmerksamkeit erregen. - Darum
affektierte er sie nun oft noch in höherm Grade, als sie ihm natürlich war. -
Ja, oft war er schon beinahe im Begriff, wenn ihm die Physiognomie irgendeines
vornehmen Mannes Zutrauen einflösste, ihn geradezu anzureden und ihm seine
Umstände zu entdecken. - Der Gedanke schreckte ihn aber immer wieder zurück, dass
ihn dieser vornehme Mann vielleicht für närrisch halten möchte.
    Zuweilen sang er auch, wenn er auf der Strasse ging, mit einer gewissen
klagenden Stimme einige von den Liedern der Madam Guion, die er auswendig
gelernt hatte, und worin er Anspielungen auf sein Schicksal zu finden glaubte;
und dann dachte er, weil zuweilen in den Romanen durch ein solches klagendes
Lied, das einer singt, Wunderdinge gewürkt werden, würde es auch ihm vielleicht
gelingen, dadurch, dass er die Aufmerksamkeit irgendeines Menschenfreundes auf
sich zöge, seinem Schicksal eine andere Wendung zu geben.
    Für den Pastor Paulmann ging seine Ehrfurcht viel zu weit, als dass er es je
hätte wagen sollen, ihn anzureden. - Wenn er nahe bei ihm stand, so überfiel ihn
ein Schauder, als ob er sich in der Nähe eines Engels befände. - Er konnte es
sich entweder gar nicht denken oder suchte den Gedanken mit Fleiss zu vermeiden,
dass dieser Pastor Paulmann wie andre Menschen aufstände und zu Bette ginge und
alle natürliche Handlungen wie sie verrichtete. Sich ihn im Schlafrock und der
Nachtmütze vorzustellen, war ihm ganz unmöglich - oder er flohe vielmehr vor
diesem Gedanken, als wenn dadurch eine Lücke in seiner Seele wäre hervorgebracht
worden. Besonders war ihm das Bild von der Nachtmütze ganz etwas
Unausstehliches, sooft es ihm bei dem Pastor Paulmann einfiel; es war, als ob
dadurch eine Disharmonie in alle seine übrigen Vorstellungen käme.
    Nun fügte es sich aber einmal, dass Anton gerade in der Kirchtüre stand, als
der Pastor Paulmann hereintrat und in plattdeutscher Sprache zu dem Küster
sagte, dass sie nachher noch ein Kind zu taufen hätten.
    Würkte je ein Kontrast lebhaft auf Antons Seele, so war es dieser - den
Mann, welchen er sich nie anders als mit jenem feierlichen herzerschütternden
Tone zu dem versammelten Volke redend gedacht hatte, zuerst plattdeutsch wie der
simpelste Handwerksmann mit dem Küster über eine so feierliche Sache, als die
Taufe war, sprechen zu hören; und das in einem Tone, der nichts weniger als
feierlich war, und womit man einem sagen würde, er solle ja nicht vergessen, das
Waschbecken zu bringen.
    Durch diesen einzigen Vorfall wurde Antons Abgötterei gegen den Pastor
Paulmann einigermassen herabgestimmt. Er betete ihn etwas weniger an und liebte
ihn desto mehr.
    Indes hatte er sich sein Ideal von Glückseligkeit völlig von dem Pastor
Paulmann abstrahiert. - Er konnte sich nichts Erhabeners und Reizenderes denken,
als, wie der Pastor Paulmann, öffentlich vor dem Volke reden zu dürfen und
alsdann so wie er manchmal gar die Stadt mit Namen anzureden. - Dies letzte
hatte insbesondre für ihn etwas Grosses und Patetisches - so dass er sich oft
ganze Tage über in seinen Gedanken beständig mit dieser Anrede beschäftigte -
und sogar, wann er etwa, um Bier zu holen, über die Strassen ging und ein paar
Jungen sich balgen sah, nicht unterlassen konnte, im Geiste die Worte des
Pastor Paulmann zu wiederholen und die ruchlose Stadt vor ihrem Verderben zu
warnen, wobei er zugleich den Arm drohend in die Höhe hob. - Wo er ging und
stand, harangierte er in Gedanken für sich selber, und wenn er dann in recht
heftigen Affekt geriet, so hielt er die Predigt gegen den Meineid.
    So schwebte er eine Zeitlang in diesen angenehmen Phantasien hin, die ihn
das Wollekratzen in der kalten Stube, das Hütewaschen im Eise und den Mangel des
Schlafs, wenn er oft mehrere Nächte hindurch wachen musste, fast ganz vergessen
liessen. - Die Stunden entflohen ihm zuweilen während der Arbeit wie Minuten,wenn
es ihm gelang,sich in den Charakter eines öffentlichen Redners hinein zu
phantasieren.
    Allein, sei es nun, dass diese unnatürliche Überspannung seiner Seelenkräfte
oder die für seine Jahre zu grosse Anstrengung seines Körpers zur Arbeit ihn
zuletzt niederwerfen musste - er ward gefährlich krank. Seine Pflege war nicht
die beste. Er phantasierte im Fieber und lag oft ganze Tage lang allein, ohne
dass sich jemand um ihn bekümmerte.
    Endlich arbeitete doch seine gute Natur sich durch: er ward
wiederhergestellt. - Eine gewisse Trägheit und Niedergeschlagenheit blieb aber
demohngeachtet von dieser Krankheit zurück - und der menschenfreundliche Herr
Lobenstein hätte ihm beinahe durch eine seiner sanften Ermahnungen ein tödliches
Rezidiv verursacht.
    Es war eines Abends in der Dämmerung, da Lobenstein in einem dunklen
abgelegenen Gemache sich eines warmen Kräuterbades bediente, wobei ihm Anton zur
Hand sein musste. Da er nun in diesem Bade schwitzte und grosse Angst ausstund, so
sagte er zu Anton mit einer Stimme, die ihm durch Mark und Beine drang: Anton!
Anton! hüte dich vor der Hölle! - und dabei sah er starr in eine Ecke hin. -
    Anton zitterte bei diesen Worten, ein plötzlicher Schauder lief ihm durch
den ganzen Körper. Alle Schrecken des Todes überfielen ihn - denn er zweifelte
nicht im geringsten, dass Lobenstein in diesem Augenblick eine Erscheinung gehabt
habe, wodurch ihm Antons Tod angedeutet sei; und das habe ihn zu dem
fürchterlichen Ausruf: Hüte, ach! hüte dich vor der Hölle! bewogen.
    Lobenstein stieg nach diesem Ausruf plötzlich aus dem Bade, und Anton musste
ihn zu seiner Kammer leuchten. Mit bebenden Knien ging er vor ihm her: und
Lobenstein schien ihm blasser als der Tod auszusehen, da er von ihm wegging.
    Ist nun je mit wahrer Andacht und Heftigkeit zu Gott gebetet worden, so
geschahe es jetzt von Anton, sobald er allein war; er warf sich in einem
Verschlag bei der Werkstätte nicht auf die Knie, sondern aufs Angesicht nieder
und flehte zu Gott und bat ihn, wie ein Missetäter, über den schon der Stab
gebrochen ist, um sein Leben - nur um eine Frist zur Bekehrung, wenn er ja
sterben solle - denn ihm fiel ein, dass er mehr als zwanzigmal auf der Strasse
gelaufen, gesprungen und mutwillig gelacht hatte - und nun lagen alle die Qualen
der Hölle auf ihm, welche er dafür ewig würde erdulden müssen. - Hüte, ach hüte
dich vor der Hölle! gellte noch immer in seinen Ohren, als ob ein Geist aus dem
Grabe ihm diese Worte zugerufen hätte - und er fuhr fort eine volle Stunde
nacheinander zu beten und würde die ganze Nacht nicht aufgehört haben, wenn er
keine Linderung seiner Angst verspürt hätte; - aber so wie seine Brust einen
ängstlichen Seufzer nach dem andern ausstiess und endlich seine Tränen flossen,
schien es ihm, als sei ihm von Gott Erhörung seiner Bitte gewährt - der nun
lieber, wie dort bei den Niniviten, einen Propheten wolle zuschanden werden
lassen, als dass er eine Seele verderben liesse. - Anton hatte sein Fieber
weggebetet, worin er wahrscheinlich wieder zurückgefallen sein würde, wenn seine
empörten Geister nicht diesen Ausweg gefunden hätten. - So heilt oft eine
Schwärmerei, eine Tollheit die andere - die Teufel werden ausgetrieben durch
Beelzebub.
    Anton wurde nach dieser Ermattung durch einen ruhigen Schlaf erquickt und
stand am andern Morgen wieder gesund auf - aber der Gedanke an den Tod erwachte
wieder mit ihm - höchstens glaubte er, sei ihm eine kleine Frist zur Bekehrung
gegeben, und nun müsse er sehr eilen, wenn er noch seine Seele retten wolle.
    Das tat er denn auch, so sehr er konnte; er betete des Tages unzähligemal in
einem Winkel auf seinen Knien und erträumete sich zuletzt dadurch eine feste
Überzeugung von der göttlichen Gnade und eine solche Heiterkeit der Seele, dass
er sich oft schon im Himmel glaubte und sich nun manchmal den Tod wünschte, ehe
er wieder von diesem guten Wege abkommen möchte.
    Aber es konnte nicht fehlen, dass bei allen diesen Ausschweifungen seiner
Phantasie die Natur ihren Zeitpunkt wahrnahm, wo sie wieder zurückkehrte - und
dann die natürliche Liebe zum Leben um des Lebens willen in Antons Seele wieder
erwachte. - Dann war ihm freilich der Gedanke an seinen bevorstehenden Tod sehr
etwas Trauriges und Unangenehmes, und er betrachtete diese Augenblicke als
solche, wo er wieder aus der göttlichen Gnade gefallen sei, und geriet darüber
in neue Angst, weil es ihm nicht möglich war, die Stimme der Natur in sich zu
unterdrücken.
    Jetzt empfand er doppelt alle die traurigen Folgen des Aberglaubens, der ihm
von seiner frühesten Kindheit an eingeflösset war - seine Leiden konnte man im
eigentlichen Verstande die Leiden der Einbildungskraft nennen - sie waren für
ihn doch würkliche Leiden, sie raubten ihm die Freuden seiner Jugend. -
    Von seiner Mutter wusste er, es sei ein sicheres Zeichen des nahen Todes,
wenn einem beim Waschen die Hände nicht mehr rauchen - nun sah er sich sterben,
so oft er sich die Hände wusch. -
    Er hatte gehört, wenn ein Hund im Hause mit der Schnauze zur Erde gekehrt
heule, so wittre er den Tod eines Menschen; - nun prophezeite ihm jedes
Hundegeheul seinen Tod. - Wenn sogar ein Huhn wie ein Hahn krähete, so war das
ein untrügliches Zeichen, dass bald jemand im Hause sterben würde - und nun ging
hier gerade ein solches unglückweissagendes Huhn auf dem Hofe herum, welches
beständig auf eine unnatürliche Weise wie ein Hahn krähte. - Für Anton klang
keine Totenglocke so fürchterlich als dieses Krähen; und dieses Huhn hat ihm
mehr trübe Stunden in seinem Leben gemacht als irgendeine Widerwärtigkeit, die
er sonst erlitten hat.
    Oft schöpfte er wieder Trost und Hoffnung zum Leben, wenn das Huhn einige
Tage schwieg - sobald es sich dann wieder hören liess, waren alle seine schönen
Hoffnungen und Entwürfe plötzlich gescheitert.
    Da er nun so schon mit lauter Todesgedanken umging, fügte es sich, dass er
das erstemal nach seiner Krankheit wieder zu dem Pastor Paulmann in die Kirche
kam. Dieser stand schon auf der Kanzel und predigte über - den Tod.
    Das war für Anton ein Donnerschlag; denn da er nun einmal gelernet hatte,
nach dem, was ihm von einer besondern göttlichen Führung in den Kopf gesetzt
war, alles auf sich zu beziehen - wem anders als ihm sollte nun wohl die Predigt
vom Tode gehalten werden? - Mit nicht mehr Herzensangst kann ein Missetäter sein
Todesurteil anhören als Anton diese Predigt. - Der Pastor Paulmann fügte zwar
Trostgründe gnug gegen die Schrecken des Todes hinzu, aber was verschlug das
alles gegen die natürliche Liebe zum Leben, die trotz aller Schwärmereien, wovon
Anton den Kopf vollgepropft hatte, dennoch bei ihm die Oberhand behielt.
    Niedergeschlagnes und betrübtes Herzens ging er zu Hause, und vierzehn Tage
lang machte ihn diese Predigt melancholisch, die der Pastor Paulmann, wenn er
gewusst hätte, dass sie noch auf zwei Menschen solche Würkung wie auf Anton tun
würde, wahrscheinlich nicht würde gehalten haben.
    So war Anton nun in seinem dreizehnten Jahre durch die besondre Führung, die
ihm die göttliche Gnade durch ihre auserwählten Werkzeuge hatte angedeihen
lassen, ein völliger Hypochondrist geworden, von dem man im eigentlichen
Verstande sagen konnte, dass er in jedem Augenblick lebend starb. - Der um den
Genuss seiner Jugend schändlich betrogen wurde - dem die zuvorkommende Gnade den
Kopf verrückte. -
    Aber der Frühling kam wieder heran, und die Natur, die alles heilet, fing
auch hier allmählich an, wieder gutzumachen, was die Gnade verdorben hatte.
    Anton fühlte neue Lebenskraft in sich; er wusch sich, und seine Hände
rauchten wieder - es heulten keine Hunde mehr - das Huhn hörte auf zu krähen -
und der Pastor Paulmann hielt keine Todespredigten mehr. - Anton fing wieder an,
des Sonntags für sich allein spazieren zu gehen, und einmal fügte es sich, dass
er, ohne es erst selbst zu wissen, gerade an das Tor kam, wo er vor ohngefähr
andertalb Jahren mit seinem Vater zuerst von Hannover eingewandert war. Er
konnte sich nicht entalten, hinauszugehn und die mit Weiden bepflanzte breite
Heerstrasse zu verfolgen, die er damals gekommen war. Sonderbare Empfindungen
entwickelten sich dabei in seiner Seele. - Sein ganzes Leben von jener Zeit an -
da er zuerst die Schildwache auf dem hohen Walle hin und her gehend erblickte
und sich allerlei Vorstellungen machte, wie nun wohl die Stadt inwendig aussehen
und wie das Lobensteinsche Haus beschaffen sein würde - stand jetzt auf einmal
in seiner Erinnerung da. - Es war ihm, als ob er aus einem Traume erwachte - und
nun wieder auf dem Flecke wäre, wo der Traum anhub; - alle die abwechselnden
Szenen seines Lebens, die er diese andertalb Jahre hindurch in Braunschweig
gehabt hatte, drängten sich dicht ineinander, und die einzelnen Bilder schienen
sich nach einem grössern Massstabe, den seine Seele auf einmal erhielt, zu
verkleinern. -
    So mächtig wirkt die Vorstellung des Orts, woran wir alle unsre übrige
Vorstellungen knüpfen. - Die einzelnen Strassen und Häuser, die Anton täglich
wieder sah, waren das Bleibende in seinen Vorstellungen, woran sich das immer
Abwechselnde in seinem Leben anschloss, wodurch es Zusammenhang und Wahrheit
erhielt, wodurch er das Wachen vom Träumen unterschied. -
    In der Kindheit ist es insbesondre nötig, dass alle übrigen Ideen sich an die
Ideen des Orts anschliessen, weil sie gleichsam in sich noch zu wenig Konsistenz
haben und sich an sich selber noch nicht festalten können.
    Es fällt daher auch würklich in der Kindheit oft schwer, das Wachen vom
Traume zu unterscheiden; und ich erinnere mich, dass einer unserer grössten
jetztlebenden Philosophen mir in dieser Rücksicht eine sehr merkwürdige
Beobachtung aus den Jahren seiner Kindheit erzählet hat.
    Er war wegen einer gewissen bösen Angewohnheit, die bei Kindern sehr
gewöhnlich ist, oft mit der Rute gezüchtigt worden. Es hatte ihn aber, wie es
auch gewöhnlich ist, immer sehr lebhaft geträumet, er habe sich an die Wand
gestellt und ... Wenn er sich nun manchmal bei Tage zu dem Ende wirklich an die
Wand gestellt hatte, so fiel ihm die harte Züchtigung ein, die er so oft
erlitten hatte, - und er stand oft lange an, ehe er es wagte, einem dringenden
Bedürfnis der Natur ein Gnüge zu tun, weil er befürchtete, es möchte wieder ein
Traum sein, für den er wieder eine scharfe Züchtigung erwarten müsste - bis er
sich erst allentalben umgesehen und dann auch in Ansehung der Zeit
zurückgerechnet hatte, ehe er sich völlig überzeugen konnte, dass er nicht
träume.
    Auch pflegt man des Morgens beim Erwachen oft noch halb zu träumen, und der
Übergang zum Wachen wird allmählich dadurch gemacht, dass man erst anfängt, sich
zu orientieren, und wenn man denn nur erst einmal den hellen Schein des Fensters
gefasst hat, so ordnet sich nach und nach alles übrige von selber.
    Daher war es sehr natürlich, dass Anton, nachdem er schon einige Wochen in
Braunschweig im Lobensteinschen Hause war, des Morgens noch immer glaubte, er
träume, wenn er schon wirklich wachte, weil der Stift, woran er sonst immer des
Morgens beim Erwachen die Ideen vom vorigen Tage sowohl als von seinem vorigen
Leben anknüpfte, und wodurch sie erst Zusammenhang und Wahrheit erhielten, nun
gleichsam verrückt war; weil die Idee des Orts nicht mehr dieselbe war.
    Ist es also wohl zu verwundern, wenn die Veränderung des Orts oft so vieles
beiträgt, uns dasjenige, was wir uns nicht gern als wirklich denken, wie einen
Traum vergessen zu machen?
    In spätern Jahren und insbesondre, wenn man viel gereist ist, verliert sich
dies Anschliessen der Ideen an den Ort in etwas. Wo man hinkömmt, sieht man
entweder Dächer, Fenster, Türen, Steinpflaster, Kirchen und Türme, oder man
sieht Wiese, Wald, Acker oder Heide. - Die auffallenden Unterschiede
verschwinden; die Erde wird sich überall gleich. -
    Wenn Anton in Braunschweig auf der Strasse ging, so war es ihm besonders des
Abends im Anfange der Dämmerung manchmal plötzlich wie im Traume. - Auch pflegte
sich dies bei ihm zu ereignen, wenn er in irgendeine Strasse ging, die ihm eine
entfernte Ähnlichkeit mit einer Strasse in Hannover zu haben schien. - Dann
deuchte ihm einige Augenblicke sein Zustand in Hannover wieder gegenwärtig; die
Szenen seines Lebens verwirreten sich untereinander.
    Bei seinen Spaziergängen fand er nun immer einen besondern Reiz darin,
Gegenden in der Stadt aufzusuchen, wo er noch gar nicht gewesen war. Seine Seele
erweiterte sich dann immer, es war ihm, als ob er aus dem engen Kreise seines
Daseins einen Sprung gewagt hätte; die alltäglichen Ideen verloren sich, und
grosse angenehme Aussichten, Labyrinte der Zukunft eröffneten sich vor ihm.
    Allein es war ihm noch nie gelungen, sein ganzes Leben in Braunschweig mit
allen seinen mannigfaltigen Veränderungen in einen einzigen vollen Blick
zusammenzufassen. Der Ort, wo er sich jedesmal befand, erinnerte ihn immer zu
stark an irgendeinen einzelnen Teil desselben, als dass noch für das Ganze in
seiner Denkkraft Platz gewesen wäre; er drehete sich mit seinen Vorstellungen
immer in einem engen Zirkel seines Daseins herum.
    Um von dem Ganzen seines hiesigen Lebens ein anschauliches Bild zu haben,
war es nötig, dass gleichsam alle die Fäden abgeschnitten wurden, die seine
Aufmerksamkeit immer an das Momentane, Alltägliche und Zerstückte desselben
hefteten; und dass er zugleich in den Standpunkt wieder versetzt wurde, aus
welchem er sein Leben in Braunschweig betrachtete, ehe er es anfing, da es noch
wie eine dämmernde Zukunft vor ihm lag.
    In diesen Standpunkt wurde er nun gerade versetzt, da er zufälligerweise aus
dem Tore ging, durch welches er vor ohngefähr andertalb Jahren auf der breiten,
mit Weiden bepflanzten Heerstrasse hereingekommen war und die Schildwache auf dem
hohen Walle hatte hin und her gehen sehen.
    Dieser Ort musste es gerade sein, der ihn durch die plötzliche Erinnerung an
tausend Kleinigkeiten gerade in den Zustand wieder zu versetzen schien, worin er
sich unmittelbar vor dem Anfange seines hiesigen Lebens befand. - Alles, was
dazwischen lag, musste sich nun in seiner Einbildungskraft zusammendrängen, wie
Schatten ineinandergehen, einem Traum ähnlich werden. Denn sein jetziges
Dastehen auf der Brücke und den Hohen-Wall-hinaufsehen, wo die Schildwache
stand, schloss sich dicht an sein Dastehen und den Hohen-Wall-hinaufsehen vor
andertalb Jahren an. Die Vergangenheit, alle die Szenen des Lebens, das Anton
in Braunschweig geführet hatte, stellte er sich jetzt wieder vor, wie er sie
sich damals vor andertalb Jahren noch als zukünftig gedacht hatte, und die zu
lebhafte Vorstellung und Wiedererinnerung des Orts machte, dass die Erinnerung an
den Zwischenraum der Zeit, welche unterdes verflossen war, verlosch oder
schwächer wurde - anders wenigstens lässt sich wohl schwerlich das Phänomen jener
sonderbaren Empfindung erklären, die Anton damals hatte, und die ein jeder
wenigstens einige Male in seinem Leben gehabt zu haben sich erinnern wird.
    Mehr als zehnmal stand Anton auf dem Punkte, nicht wieder in die Stadt
zurückzukehren, sondern gerade den Weg vor sich hin wieder nach Hannover zu
gehen, wenn ihn nicht der Gedanke an Hunger und Kälte wieder zurückgeschreckt
hätte.
    Aber von dem Tage an blieb der Vorsatz fest bei ihm, im Lobensteinschen
Hause nicht länger mehr zu bleiben, es koste auch, was es wolle. Er wurde daher
auch gegen alles gleichgültiger, weil er sich vorstellte, dass es nun nicht lange
mehr so dauern würde. Lobenstein selbst fing nun an, seiner so überdrüssig zu
werden, dass er endlich nach Hannover an Antons Vater schrieb, dieser möchte
seinen Sohn, mit dem nichts anzufangen wäre, nur immer wieder abholen.
    Nichts hätte für Anton erwünschter sein können als die Nachricht, dass sein
Vater ihn nun mit nächsten wieder zu Hause holen würde. - In eine Schule, schloss
er, müsse er doch in Hannover auf alle Fälle geschickt werden, ehe er zum
Abendmahl zugelassen würde, und dann wollte er sich schon so auszeichnen, dass
man aufmerksam auf ihn werden solle. So sehr er vorher nach Braunschweig zu
kommen gestrebt hatte, so sehr verlangte ihn jetzt nach Hannover wieder zurück,
und er wiegte sich nun aufs neue in angenehmen Träumen von der Zukunft ein.
    Ohngeachtet seiner harten Lage aber waren ihm dennoch viele Dinge in
Braunschweig sehr lieb geworden, so dass sich in seine angenehmen Hoffnungen oft
eine Wehmut mischte, die ihn in eine sanfte Melancholie versetzte. - Oft stand
er einsam an der Oker und sah irgendeinem vorbeifahrenden kleinen Kahne nach,
soweit er ihn mit den Augen verfolgen konnte - dann war es ihm oft plötzlich,
als habe er einen Blick in die dunkle Zukunft getan, aber wenn er eben das
angenehme Blendwerk festzuhalten glaubte, so war es auf einmal verschwunden.
    Er suchte sich nun an allen Gegenden der Stadt, die er bisher auf seinen
Spaziergängen des Sonntags besucht hatte, gleichsam noch einmal zu letzen und
nahm von einer nach der andern wehmütig Abschied, so wie er sie nie wieder zu
sehen hoffte.
    Er hörte von dem Pastor Paulmann noch verschiedne Predigten, worin manche
einzelne Stellen nie aus seinem Gedächtnis gekommen sind. -
    Ganz ausserordentlich rührte ihn in einer Predigt vom Leiden Jesu der
immersteigende Affekt, womit der Pastor Paulmann die Worte sagte: mitleidsvoll
sieht er auf seine Mörder herab, und betet, und betet, und betet - Vater, vergib
ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!
    Und in einer Predigt über die Beichte, welche über das Evangelium vom
Aussätzigen gehalten wurde, der sich dem Priester zeigen sollte, die Anrede an
die Heuchler, die alle äussere Gebräuche der Religion gewissenhaft beobachten und
doch ein feindseliges Herz im Busen tragen, und wo sich jeder Periode anfing
mit: ihr kommt in den Beichtstuhl, ihr zeigt euch dem Priester, aber er kann in
euer Herz nicht schauen usw. - Dann wurde in dieser Predigt auch oft ein
Ausdruck wiederholt, der für Anton ausserordentlich rührend war, dieser klang ihm
als: »ihr kommt in den Heben«. - Das letzte Wort nämlich, was immer verschlungen
wurde, so dass er es nicht recht verstehen konnte, klang ihm wie Heben, und dies
Wort oder dieser Laut rührte ihn bis zu Tränen, so oft er wieder daran dachte.
    Ebenso reizend klang ihm der Ausdruck, der sehr oft in den Predigten des
Pastor Paulmann vorkam. Die Höhen der Vernunft - dies hatte aber seine besondern
Ursachen, deren Entwickelung nicht unnütz sein wird. Das Chor in der Kirche, wo
die Orgel war und die Schüler sangen, schien ihm immer etwas für ihn
Unerreichbares zu sein; sehnsuchtsvoll blickte er oft dahin auf und wünschte
sich keine grössere Glückseligkeit, als nur einmal den wunderbaren Bau der Orgel
und was sonst da war, in der Nähe betrachten zu können, da er dies alles jetzt
nur in der Ferne anstaunen durfte. - Diese Phantasie war mit einer andern
verwandt, die er noch aus Hannover mitgebracht hatte - schon dort war ein
gewisser Turm für ihn immer ein äusserst reizender Gegenstand gewesen; er
betrachtete ihn mit Entzücken und beneidete oft die Stadtmusikanten, die oben
auf der Galerie standen, um des Morgens und Abends hinunter zu blasen.
    Stundenlang konnte er diese Galerie betrachten, die ihm von unten so klein
schien, dass sie ihm nicht bis an die Knie reichen würde, und über welche doch
kaum die Köpfe der blasenden Stadtmusikanten hervorragten; und vollends das
Zifferblatt, welches nach der Versicherung verschiedner Leute, die oben gewesen
waren, so gross sein sollte wie ein Wagenrad, und ihm doch unten nicht grösser als
irgendein Rad in einem Schiebkarren vorkam. - Dies alles erregte seine Neugierde
im höchsten Grade, so dass er oft ganze Tage lang mit nichts als dem Gedanken und
dem Wunsch umging, diese Galerie und dies Zifferblatt einmal in der Nähe
betrachten zu können.
    Nun konnte man auf dem Turme in Hannover durch die Schallöcher, welche über
der Galerie offen standen, auch die Glocken treten sehen; und Anton verschlang
beinahe mit seinen Augen dieses ihm ganz neue Schauspiel, da er die grosse
metallne Maschine, die den alles erschütternden Klang verursachte, unter den
Füssen der ganz klein scheinenden Leute, die in dieser Höhe standen und auf die
Balken traten, wechselsweise in die Höhe steigen sah.
    Es war ihm, als habe er in das innerste Eingeweide des Turms geblickt, und
als habe sich ihm das geheimnisvolle Triebwerk des wunderbaren Schalles, den er
so oft mit Rührung vernommen hatte, nun in der Ferne entüllt. - Allein seine
Neugierde wurde hierdurch nur noch mehr erregt, statt befriedigt zu werden - er
hatte nur die eine Hälfte der Glocke, die sich mit ihrer ungeheuren Wölbung
emporhub, und nicht ihren ganzen Umfang gesehen - von der Grösse dieser Glocke
hatte er von Kindheit an gehört, und seine Einbildungskraft vergrösserte das Bild
in seiner Seele noch zu unzähligen Malen, so dass er sich davon die
romanhaftesten und ausschweifendsten Ideen machte.
    Bei seinen Schmerzen nun, die er am Fusse erduldete; bei aller Bedrückung von
seinen Eltern, worunter er seufzte; was war sein Trost? was war der angenehmste
Traum seiner Kindheit? was sein sehnlichster Wunsch, über den er oft alles
vergass? - - Was anders, als die nahe Beschauung des Zifferblatts und der Galerie
am neustädtischen Turme in Hannover und der Glocken, die darin hingen.
    Länger als ein Jahr hindurch versüsste ihm dies Spiel seiner Phantasie die
trübsten Stunden seines Lebens - aber ach, er musste Hannover verlassen, ohne
seines sehnlichsten Wunsches gewährt zu werden. - Doch das Bild vom
neustädtischen Turme wich nie aus seinen Gedanken, es verfolgte ihn nach
Braunschweig und schwebte ihm dort oft in nächtlichen Träumen auf hohen Treppen
in tausend labyrintischen Krümmungen vor, wo er den Turm hinaufstieg, auf der
Galerie stand, und mit unaussprechlichem Vergnügen das Zifferblatt am Turme
betastete und dann inwendig nicht nur die grosse Glocke, sondern noch unzählige
andre kleinere nebst mehr wunderbaren Dingen dicht vor Augen sah, bis er etwa
mit dem Kopfe an den unübersehbaren Rand der grossen Glocke stiess und erwachte.
    So oft nun der Pastor Paulmann von den Höhen der Vernunft sprach, so dachte
Anton mit Entzücken an die Höhen seines geliebten Turms, an die Glocke darin und
an das Zifferblatt - und dann auch an das hohe Chor, worauf die Orgel in der
Brüdernkirche stand - dann erwachte auf einmal alle seine Sehnsucht wieder, und
der Ausdruck die Höhen der Vernunft presste ihm Tränen der Wehmut aus den Augen.
    Der eigentliche abhandelnde Teil von den Predigten des Pastor Paulmann, wo
derselbe mit erstaunlicher Geschwindigkeit sprach, war für Anton freilich
verloren, weil er ihm mit seinen Gedanken unmöglich folgen konnte. In der
Hoffnung aber auf den ermahnenden Teil hörte er ihn dennoch mit Vergnügen an -
es war ihm dann, als wenn sich nun erst die Wolken zusammenzögen, die bald in
ein wohltätiges Gewitter oder einen sanften Regen ausbrechen würden.
    Nun ging er aber einmal mit dem Gedanken in die Kirche, die Predigt des
Pastor Paulmann zu Hause aufzuschreiben, und auf einmal war es, als ob es, indem
er zuhörte, in seiner Seele licht wurde, seine Aufmerksamkeit hatte eine neue
Richtung erhalten - vorher hatte er mit dem Herzen zugehört, jetzt hörte er zum
ersten Male mit dem Verstande zu - er wollte nicht nur durch einzelne Stellen
erschüttert werden, sondern das Ganze der Predigt fassen, und nun fing er an,
den abhandelnden Teil ebenso interessant als den ermahnenden Teil zu finden. -
Die Predigt handelte von der Nächstenliebe, wie glücklich die Menschen sein
würden, wenn jeder das Wohl aller übrigen und alle übrige das Wohl jedes
einzelnen zu befördern suchten. - Nie ist ihm diese Predigt mit allen ihren
Abteilungen und Unterabteilungen aus dem Gedächtnis gekommen, die er mit dem
Vorsatz hörte, um sie aufzuschreiben, welches er tat, sobald er zu Hause kam und
den August, dem er es nun vorlas, sehr dadurch in Verwunderung setzte.
    Das Aufschreiben dieser Predigt hatte gleichsam eine neue Entwickelung
seiner Verstandeskräfte bewirkt. - Denn von der Zeit fingen seine Ideen an sich
allmählich untereinander zu ordnen - er lernte selbst für sich über einen
Gegenstand nachdenken - er suchte die Reihe seiner Gedanken wieder ausser sich
darzustellen, und weil er sie niemanden sagen konnte, so machte er schriftliche
Aufsätze, die denn freilich oft sonderbar genug waren. - Denn hatte er vorher
mit Gott mündlich gesprochen, so fing er nun an, mit ihm zu korrespondieren, und
schrieb lange Gebete an ihn, worin er ihm seinen Zustand schilderte.
    Er fühlte sich jetzt um so mehr zu schriftlichen Aufsätzen gedrungen, weil
es ihm gänzlich an aller Lektüre fehlte - denn Lobenstein hatte ihm schon lange
kein Buch mehr in die Hände gegeben, ausgenommen Engelbrechts, eines
Tuchmachergesellen zu Winsen an der Aller Beschreibung von dem Himmel und der
Hölle, welches er ihm geschenkt hatte. -
    Einen ärgern Aufschneider kann es nun wohl in der Welt nicht mehr geben, als
dieser Engelbrecht gewesen sein muss, von dem man geglaubt hatte, dass er wirklich
tot wäre, und der nun, nachdem er sich wieder erholt hatte, seiner alten
Grossmutter weismachte, er sei wirklich im Himmel und in der Hölle gewesen; diese
hatte es dann weiter erzählt, und so war dies köstliche Buch entstanden.
    Der Kerl entblödete sich nicht zu behaupten, er sei mit Christo und den
Engeln Gottes bis dicht unter dem Himmel geschwebt und habe da die Sonne in die
eine und den Mond in die andre Hand genommen und am Himmel die Sterne gezählt.
    Demohngeachtet waren seine Vergleichungen zuweilen ziemlich naiv - so
verglich er z.B. den Himmel mit einer köstlichen Weinsuppe, wovon man auf Erden
nur wenige Tropfen gekostet hat und die man alsdenn mit Löffeln essen könne -
und die himmlische Musik war ebenso weit über die irdische Musik erhaben als ein
schönes Konzert über das Geleier eines Dudelsacks oder über das Tüten eines
Nachtwächterhorns.
    Und was ihm für Ehre im Himmel widerfahren war, davon konnte er nicht genug
rühmen.
    In Ermangelung besserer Nahrung musste sich nun Antons Seele mit dieser losen
Speise begnügen, und wenigstens wurde doch seine Einbildungskraft dadurch
beschäftigt, - sein Verstand blieb gleichsam neutral dabei - er glaubte es
weder, noch zweifelte er daran; er stellte sich das alles bloss lebhaft vor.
    Indes ging jetzt Lobensteins Unwillen und Hass gegen ihn häufig bis zu
Scheltworten und Schlägen; er verbitterte ihm sein Leben auf die grausamste
Weise; er liess ihn die niedrigensten und demütigendsten Arbeiten tun. - Nichts
aber war für Anton kränkender, als wie er zum ersten Male in seinem Leben eine
Last auf dem Rücken, und zwar einen Tragkorb mit Hüten bepackt, über die
öffentliche Strasse tragen musste, indem Lobenstein vor ihm herging - es war ihm,
als ob alle Menschen auf der Strasse ihn ansähen.
    Jede Last, die er vor sich oder unter dem Arme oder an den Händen tragen
konnte, schien ihm vielmehr ehrenvoll zu sein, als dass er glaubte, sie mache ihm
Schande. - Nur dass er jetzt gebückt gehen, seinen Nacken unter das Joch beugen
musste wie ein Lasttier, indes sein stolzer Gebieter vor ihm herging, das beugte
zugleich seinen ganzen Mut darnieder und erschwerte ihm die Last tausendmal. Er
glaubte sowohl vor Müdigkeit als vor Scham in die Erde sinken zu müssen, ehe er
mit seiner Bürde an den bestimmten Ort kam.
    Dieser bestimmte Ort war das Zeughaus, wo die Hüte, welche Kommissarbeit
waren, abgeliefert wurden. - Nicht sehnlicher hatte sich Anton gewünscht, die
Glocken und das Zifferblatt auf dem neustädtischen Turm in Hannover als dies
Zeughaus inwendig zu sehen, vor welchem er so oft, ohne seinen Wunsch
befriedigen zu können, vorbeigegangen war. Aber wie sehr wurde ihm jetzt dies
Vergnügen versalzen, da er es in solchem Zustande zu sehen bekam.
    Dies Tragen auf dem Rücken schwächte seinen Mut mehr als irgendeine
Demütigung, die er noch erlitten hatte, und mehr als Lobensteins Scheltworte und
Schläge. Es war ihm, als ob er nun nicht tiefer sinken könne; er betrachtete
sich beinahe selbst als ein verächtliches, weggeworfenes Geschöpf. Es war dies
eine der grausamsten Situationen in seinem ganzen Leben, an die er sich nachher,
so oft er ein Zeughaus sah, lebhaft wieder erinnerte, und deren Bild wieder in
ihm aufstieg, sooft er das Wort Unterjochung hörte.
    Wenn ihm so etwas begegnet war, so suchte er sich vor allen Menschen zu
verbergen; jeder Laut der Freude war ihm zuwider; er eilte auf das Plätzchen
hinter dem Hause an die Oker hin und blickte oft stundenlang sehnsuchtsvoll in
die Flut hinab. - Verfolgte ihn dann selbst da irgendeine menschliche Stimme aus
einem der benachbarten Häuser, oder hörte er singen, lachen oder sprechen, so
deuchte es ihm, als treibe die Welt ihr Hohngelächter über ihn, so verachtet, so
vernichtet glaubte er sich, seitdem er seinen Nacken unter das Joch eines
Tragkorbes gebeugt hatte.
    Es war ihm denn eine Art von Wonne, selbst in das Hohngelächter mit
einzustimmen, das er seiner schwarzen Phantasie nach über sich erschallen hörte
- in einer dieser fürchterlichen Stunden, wo er über sich selbst in ein
verzweiflungsvolles Hohngelächter ausbrach, war der Lebensüberdruss bei ihm zu
mächtig, er fing auf dem schwachen Brette, worauf er stand, an zu zittern und zu
wanken. - Seine Knie hielten ihn nicht mehr empor; er stürzte in die Flut -
August war sein Schutzengel; er hatte schon eine Weile unbemerkt hinter ihm
gestanden und zog ihn beim Arm wieder heraus - es waren demohngeachtet mehr
Leute dazu gekommen - das ganze Haus lief zusammen, und Anton wurde von dem
Augenblick an als ein gefährlicher Mensch betrachtet, den man so bald wie
möglich aus dem Hause fortschaffen müsse. - Lobenstein schrieb den Vorfall
sogleich an Antons Vater, und dieser kam vierzehn Tage darauf mit unmutsvoller
Seele nach Braunschweig, um seinen missratenen Sohn, in dessen Herzen sich nach
dem Urteil des Herrn von Fleischbein der Satan einen unzerstörbaren Tempel
aufgebauet hatte, nach Hannover wieder abzuholen.
    Er hielt sich noch ein paar Tage bei dem Hutmacher Lobenstein auf, während
welcher Zeit Anton noch mit verdoppeltem Eifer in Gegenwart seines Vaters alle
seine Geschäfte verrichtete und eine Beruhigung darin suchte, noch zuletzt alles
zu tun, was in seinen Kräften stand. Von der Werkstatt, von der Trockenstube,
vom Holzboden und von der Brüdernkirche nahm er nun in Gedanken Abschied - und
seine allerangenehmste Vorstellung, wenn er wieder nach Hannover kommen würde,
war, dass er dann seiner Mutter von dem Pastor Paulmann würde erzählen können.
    Je näher die Abschiedsstunde herannahte, desto leichter wurde ihm ums Herz.
- Er sollte nun bald aus seiner engen drückenden Lage herauskommen. - - Die
weite Welt eröffnete sich wieder vor ihm.
    Von August war der Abschied zärtlich, von Lobenstein kalt wie Eis - es war
an einem Sonntagnachmittage bei trübem Himmel, da Anton mit seinem Vater wieder
aus dem Lobensteinschen Hause ging - er blickte die schwarze Türe mit den grossen
eingeschlagenen Nägeln noch einmal an und wandte ihr getrost den Rücken, um
wieder aus dem Tore zu wandern, vor welchem er vor kurzem noch einen so
interessanten Spaziergang gemacht hatte. - Die hohen Wälle der Stadt und der
Andreasturm waren bald aus seinem Gesicht verschwunden, und er sah nur noch den
Brocken in der Ferne mit Schnee bedeckt in trüber Dämmerung sich in den dicht
aufliegenden Wolken verlieren.
    Das Herz seines Vaters war gegen ihn kalt und verschlossen; denn dieser
betrachtete ihn völlig mit den Augen des Hutmacher Lobenstein und des Herrn von
Fleischbein, als einen, in dessen Herzen der Satan einmal seinen Tempel
errichtet habe - es wurde unterwegs wenig gesprochen, sondern sie wanderten
immer stillschweigend fort, und Anton bemerkte kaum die Länge des Weges, auf
eine so angenehme Art unterhielt er sich mit seinen Gedanken, - wenn er nun
seine Mutter und seine Brüder wiedersehen und ihnen seine Schicksale würde
erzählen können.
    Die vier schönen Türme von Hannover ragten endlich wieder hervor - und wie
einen Freund, den man nach langer Trennung wieder sieht, betrachtete Anton den
neustädtischen Turm, und seine Glockenliebe erwachte auf einmal wieder. -
    Er sah sich nun wieder in den Mauern von Hannover, und alles war ihm neu -
seine Eltern hatten eine andre kleinere und dunklere Wohnung auf einer
abgelegenen Strasse bezogen - das war ihm alles so fremd, indem er die Treppen
hinaufstieg, als ob er da unmöglich zu Hause gehören könne. - Allein so kalt und
abschreckend das Betragen seines Vaters gegen ihn gewesen war, so laut und
ausbrechend war jetzt die Freude, womit ihm seine Mutter und Brüder entgegen
eilten, die seine von Frost aufgesprungenen Hände besahen, und von denen er nun
zum erstenmal wieder bedauert wurde.
    Als er am andern Tage ausging, besuchte er alle die bekannten Plätze, wo er
sonst gespielt hatte - es war ihm, als sei er während der Zeit alt geworden, und
als wollte er sich nun an die Jahre seiner Jugend zurück erinnern - ihm
begegnete ein Trupp seiner ehemaligen Mitschüler und Spielkameraden, die ihm
alle die Hände drückten und sich über seine Wiederkunft freueten.
    Und sobald er nur mit seiner Mutter allein war, was konnte er wohl anders
tun, als ihr von dem Pastor Paulmann erzählen? - Sie hatte ohnedem eine
unbegrenzte Ehrfurcht gegen alles Priesterliche und konnte mit Anton recht gut
in seinen Gefühlen für den Pastor Paulmann sympatisieren. - O welche selige
Stunden waren das, da Anton so sein Herz ausschütten und stundenlang von dem
Manne sprechen konnte, gegen den er unter allen Menschen auf Erden die meiste
Liebe und Achtung hatte.
    Er hörte nun die hannoverschen Prediger, aber welch ein Abstand! Unter allen
fand er keinen Paulmann, einen ausgenommen namens N ..., der, wenn er im
heftigen Affekt sprach, einige Ähnlichkeit mit ihm hatte. -
    Kein Prediger konnte bei Anton Beifall finden, wenn er nicht wenigstens so
geschwind wie der Pastor Paulmann sprach, - und ich weiss nicht, wenn der
Prediger als Redner betrachtet wird, ob er denn so ganz unrecht hatte? - Der
Lehrer muss langsam, der Redner muss geschwind sprechen. - Der Lehrer soll
allmählich den Verstand erleuchten, der Redner unwiderstehlich in das Herz
eindringen - mit dem Verstande muss man langsam, mit dem Herzen schnell zu Werke
gehen, wenn man seines Zweckes nicht verfehlen will - freilich wird der immer
ein schlechter Lehrer sein, der nicht zuweilen Redner wird, und der ein
schlechter Redner, der nicht zuweilen Lehrer wird - aber wenn Fox im englischen
Parlamente spricht, so geschieht es mit einer Geschwindigkeit, die ihresgleichen
nicht hat, und in diesem brausenden Strome reisst er alles mit sich fort und
erschüttert die Seelen seiner Zuhörer, wie es der Pastor Paulmann durch seine
Meineidspredigt tat.
    Einen Prediger namens Marquard an der Garnisonkirche in Hannover hörte Anton
eines Sonntags mit dem grössten Widerwillen predigen, weil derselbe auch nicht
die mindeste Ähnlichkeit mit dem Pastor Paulmann hatte, sondern in Ansehung
seiner etwas langsamen und bequemen Sprache fast gerade das Gegenteil von ihm
war. Anton konnte sich nicht entalten, da er zu Hause kam, gegen seine Mutter
eine Art von Hass zu äussern, den er auf diesen Prediger geworfen hatte - aber wie
erstaunte er, als diese ihm sagte, dass er bei eben diesen Prediger würde zum
Religionsunterricht und Beichte und Abendmahl gehen müssen, weil er ihr
Beichtvater wäre, und sie zu seiner Gemeine gehörte.
    Wem hätte es Anton geglaubt, dass er diesen Mann, gegen den er damals eine
unwiderstehliche Abneigung empfand, einmal würde lieben können, dass dieser
einmal sein Freund, sein Wohltäter werden würde?
    Indes ereignete sich ein Vorfall, der Antons Seele, die schon zur Schwermut
geneigt war, in eine noch traurigere Stimmung versetzte: seine Mutter wurde
tödlich krank und schwebte vierzehn Tage lang in Lebensgefahr. - Was Anton dabei
empfand, lässt sich nicht beschreiben. - Es war ihm, als ob er in seiner Mutter
sich selbst absterben würde, so innig war sein Dasein mit dem ihrigen verwebt. -
Ganze Nächte durch weinte er oft, wenn er gehört hatte, dass der Arzt die
Hoffnung zur Genesung aufgab. - Es war ihm, als sei es schlechterdings nicht
möglich, dass er den Verlust seiner Mutter würde ertragen können. - Was war
natürlicher, da er von aller Welt verlassen war und sich nur noch in ihrer Liebe
und in ihrem Zutrauen wieder fand.
    Der Pastor Marquard kam und reichte Antons Mutter das Abendmahl - nun
glaubte er, sei keine Hoffnung mehr, und war untröstlich - er flehte zu Gott um
das Leben seiner Mutter, und ihm fiel der König Hiskias ein, der ein Zeichen von
Gott erhielt, dass seine Bitte erhört und ihm sein Leben gefristet sei.
    Nach einem solchen Zeichen sah sich jetzt auch Anton um, ob nicht etwa der
Schatten an der Mauer im Garten zurückgehen wollte? Und der Schatten schien ihm
endlich zurückzugehen - denn eine dünne Wolke hatte sich vor der Sonne
hingezogen - oder seine Phantasie hatte diesen Schatten zurückgedrängt - aber
von dem Augenblick an fasste er neue Hoffnung; und seine Mutter fing wirklich
wieder an zu genesen. Er lebte nun auch von neuem wieder auf - und tat alles, um
sich bei seinen Eltern beliebt zu machen. Allein bei seinem Vater gelang es ihm
nicht; dieser hatte, seitdem er ihn aus Braunschweig wieder abgeholt, einen
bittern, unversöhnlichen Hass auf ihn geworfen, den er ihn bei jeder Gelegenheit
empfinden liess - jede Mahlzeit wurde ihm zugezählt, und Anton musste oft im
eigentlichen Verstande sein Brot mit Tränen essen.
    Sein einziger Trost in dieser Lage waren seine einsamen Spaziergänge mit
seinen beiden kleinern Brüdern, mit denen er ordentliche Wanderungen auf den
Wällen der Stadt anstellte, indem er sich immer ein Ziel setzte, nach welchem er
mit ihnen gleichsam eine Reise tat. -
    Dies war seine liebste Beschäftigung von seiner frühesten Kindheit an, und
als er noch kaum gehen konnte, setzte er sich schon ein solches Ziel an einer
Ecke der Strasse, wo seine Eltern wohnten, welches die Grenze seiner kleinen
Wanderungen war.
    Er schuf sich nun den Wall, welchen er hinaufstieg, in einen Berg, das
Gesträuch, durch welches er sich durcharbeitete, in einen Wald, und einen
kleinen Erdhügel im Stadtgraben in eine Insel um; und so stellte er mit seinen
Brüdern in einem Bezirk von wenigen hundert Schritten oft viele meilenweite
Reisen an - er verlor sich und verirrte sich mit ihnen in Wäldern, erstieg hohe
Klippen und kam auf unbewohnte Inseln - kurz, er realisierte sich mit ihnen
seine ganze idealische Romanenwelt, so gut er konnte. -
    Zu Hause stellte er allerlei Spiele mit ihnen an, wobei es oft scharf zuging
- er belagerte Städte, eroberte Festungen, von den Büchern der Madam Guion
zusammengebaut, mit wilden Kastanien, die er wie Bomben darauf abschoss. -
Zuweilen predigte er auch, und seine Brüder mussten ihm zuhören. - Das erstemal
hatte er sich denn eine Kanzel von Stühlen zusammengebaut, und seine Brüder
sassen vor ihm auf Fussschemeln; er geriet in heftigen Affekt - die Kanzel stürzte
ein, er fiel herunter und zerschlug mit dem Stuhle, worauf er stand, seinen
Brüdern die Köpfe. - Das Geschrei und die Verwirrung war allgemein - indem trat
sein Vater herein und fing an, ihn für die gehaltne Predigt ziemlich derbe zu
belohnen. - Antons Mutter kam dazu und wollte ihn den Händen seines Vaters
entreissen; da sie das nicht konnte, so nahm ihr Zorn eine ganz entgegengesetzte
Richtung, und sie fing nun auch aus allen Kräften an, auf Anton zuzuschlagen,
dem alle sein Flehen und Bitten nichts half - Nie ist wohl eine Predigt
unglücklicher abgelaufen als diese erste Predigt, welche Anton in seinem Leben
hielt. - Das Andenken an diesen Vorfall hat ihn oft noch im Traume erschreckt.
    Indes wurde er dadurch nicht abgeschreckt, noch öfter wieder seine Kanzel zu
besteigen und ganze geschriebne Predigten mit Evangelium, Tema und Einteilung
abzulesen. - Denn seitdem er angefangen hatte, zum erstenmal die Predigt des
Pastors Paulmann nachzuschreiben, war es ihm auch leichter, seine Gedanken zu
ordnen und sie in eine Art von Verbindung miteinander zu bringen.
    Kein Sonntag ging hin, wo er jetzt nicht eine Predigt nachschrieb, und er
bekam dadurch bald eine solche Fertigkeit, dass er das Fehlende dazwischen durch
sein Gedächtnis ergänzen und eine Predigt, die er gehört und die Hauptsachen
nachgeschrieben hatte, zu Hause beinahe vollständig wieder zu Papier bringen
konnte.
    Anton war nun über vierzehn Jahre alt, und es war nötig, dass er, um
konfirmiert oder in den Schoss der christlichen Kirche aufgenommen zu werden,
einige Zeit vorher in irgendeine Schule gehen musste, wo Religionsunterricht
erteilt wurde.
    Nun war in Hannover ein Institut, in welchem junge Leute zu künftigen
Dorfschulmeistern gebildet wurden, und womit zu gleich eine Freischule verknüpft
war, welche den angehenden Lehrern zur Übung im Unterricht diente. Diese Schule
war also eigentlich mehr der Lehrer wegen, als dass die Lehrer gerade dieser
Schule wegen dagewesen wären, - - weil aber die Schüler nichts bezahlen durften,
so war diese Anstalt eine Zuflucht für die Armen, welche dort ihre Kinder ganz
unentgeltlich konnten unterrichten lassen; und weil Antons Vater eben nicht
gesonnen war, viel an seinen so ganz aus der Art geschlagenen und aus der
göttlichen Gnade gefallenen Sohn zu wenden, so brachte er ihn denn endlich in
diese Schule, wo derselbe nun auf einmal wieder eine ganz neue Laufbahn vor sich
eröffnet sah.
    Es war für Anton ein feierlicher Anblick, da er gleich in der ersten Stunde
des Morgens alle die künftigen Lehrer mit den Schülern und Schülerinnen in einer
Klasse versammelt sah. - Der Inspektor dieser Anstalt, der ein Geistlicher war,
hielt alle Morgen mit den Schülern eine Katechisation, welche den Lehrern zum
Muster dienen sollte. - Diese sassen alle an Tischen, um die Fragen und Antworten
nachzuschreiben, während dass der Inspektor auf und nieder ging und fragte. In
einer Nachmittagsstunde musste denn irgendeiner von den Lehrern in Gegenwart des
Inspektors die Katechisation mit den Schülern wiederholen, welche derselbe am
Morgen gehalten hatte.
    Nun war das Nachschreiben für Anton schon eine sehr leichte Sache geworden,
und als der Lehrer den Nachmittag die Vormittagslektion wiederholte, so hatte
sie Anton weit besser als der Lehrer stehend in seiner Schreibtafel
nachgeschrieben und konnte also freilich mehr antworten, als jener fragte,
welches bei dem Inspektor einige Aufmerksamkeit zu erregen schien, die äusserst
schmeichelhaft für ihn war.
    Allein damit er sich nun nicht seines Glücks überheben sollte, stand ihm am
andern Tage eine Demütigung bevor, die beinahe jene in Braunschweig noch
übertraf, da er zum ersten Mal mit dem Tragkorbe auf dem Rücken gehen musste.
    Es wurde nämlich in der zweiten Stunde den folgenden Morgen eine
Buchstabierübung angestellt, wo einer der Knaben immer eine Silbe erst allein
buchstabieren und vorschreien und dann die andern alle, wie aus einem Munde,
nachschreien mussten. - Dies Geschrei, wovon einem die Ohren gellten, und diese
ganze Übung kam Anton wie toll und rasend vor, und er schämte sich nicht wenig,
da er sich schmeichelte, schon mit Ausdruck lesen zu können, dass er hier erst
wieder anfangen sollte, buchstabieren zu lernen, - aber die Reihe,
vorzuschreien, kam bald an ihn, denn dies ging wie ein Lauffeuer herum; und nun
sass er und stockte, und die ganze schöne Musik geriet auf einmal aus dem Takt. -
»Nun fort!« sagte der Inspektor, und als es nicht ging, sah er ihn mit einem
Blick der äussersten Verachtung an und sagte: »Dummer Knabe!« und liess den
folgenden weiter buchstabieren. - Anton glaubte in dem Augenblick vernichtet zu
sein, da er sich plötzlich in der Meinung eines Menschen, auf dessen Beifall er
schon so viel gerechnet hatte, so tief herabgesunken sah, dass dieser ihm nicht
einmal mehr zutrauete, dass er buchstabieren könne.
    War ehemals in Braunschweig sein Körper durch die Bürde, die er trug,
unterjocht worden, so wurde es jetzt noch weit mehr sein Geist, der unter der
Last erlag, mit welcher die Wortedummer Knabe! von dem Inspektor auf ihn fielen.
    Allein, diesmal galt bei ihm, was vom Temistokles erzählt wird, da dieser
auch einmal in seiner Jugend einen öffentlichen Schimpf erlitt: non fregit eum,
sed erexit. - Er strengte sich seit dem Tage, an welchem er diese Demütigung
erlitt, noch zehnmal mehr als vorher an, sich bei seinen Lehrern in Achtung zu
setzen, um den Inspektor, der ihn so verkannt hatte, gleichsam einst zu
beschämen und ihm über das Unrecht, das er von ihm erlitten hatte, Reue zu
erwecken.
    Der Inspektor trug alle Morgen in den Frühstunden den Lehrbegriff der
luterischen Kirche ganz dogmatisch mit allen Widerlegungen der Papisten sowohl
als der Reformierten vor und legte Gesenii Auslegung von Luters kleinem
Katechismus dabei zum Grunde. - Antons Kopf wurde dadurch freilich mit vielem
unnützem Zeuge angefüllt, aber er lernte doch Hauptabteilungen und
Unterabteilungen machen, er lernte systematisch zu Werke gehen.
    Seine nachgeschriebenen Hefte wuchsen immer stärker an, und in weniger als
einem Jahre besass er eine vollständige Dogmatik mit allen Beweisstellen aus der
Bibel und einer vollständigen Polemik gegen Heiden, Türken, Juden, Griechen,
Papisten und Reformierten verknüpft - er wusste von der Transsubstantiation im
Abendmahl, von den fünf Stufen der Erhöhung und Erniedrigung Christi, von den
Hauptlehren des Alkorans und den vorzüglichsten Beweisen der Existenz Gottes
gegen die Freigeister wie ein Buch zu reden.
    Und er redete nun auch wirklich wie ein Buch von allen diesen Sachen. Er
hatte nun reichen Stoff zu predigen, und seine Brüder bekamen alle die
nachgeschriebenen Hefte von der halsbrechenden Kanzel in der Stube wieder von
ihm zu hören.
    Zuweilen wurde er des Sonntags zu einem Vetter eingeladen, bei welchem eine
Versammlung von Handwerksburschen war, hier musste er sich vor den Tisch stellen
und in dieser Versammlung eine förmliche Predigt mit Text, Tema und Einteilung
halten, wo er denn gemeiniglich die Lehre der Papisten von der
Transsubstantiation oder die Gottesleugner widerlegte, mit vielem Patos die
Beweise für das Dasein Gottes nacheinander aufzählte und die Lehre vom Ohngefähr
in ihrer ganzen Blösse darstellte.
    Nun war die Einrichtung in dem Institut, wo Anton unterrichtet wurde, dass
die erwachsenen Leute, welche zu Schulmeistern gebildet wurden, sich des
Sonntags in alle Kirchen verteilen und die Predigten nachschreiben mussten, die
sie dann dem Inspektor zur Durchsicht brachten. - Anton fand also jetzt noch
einmal so viel Vergnügen am Predigtnachschreiben, da er sah, dass er auf die Art
mit seinen Lehrern einerlei Beschäftigung trieb, und diese, denen er nun die
Predigten zeigte, bewiesen ihm immer mehr Achtung und begegneten ihm beinahe wie
ihresgleichen.
    Er bekam am Ende einen dicken Band nachgeschriebener Predigten zusammen, die
er nun als einen grossen Schatz betrachtete, und worunter ihm insbesondre zwei
wahre Kleinodien zu sein schienen: die eine war von dem Pastor Uhle, der mit dem
Pastor Paulmann wegen der Geschwindigkeit im Sprechen die meiste Ähnlichkeit
hatte, in der Ägidienkirche gehalten und handelte vom jüngsten Gericht. - Mit
wahrem Entzücken harangierte Anton diese Predigt oft seiner Mutter wieder vor,
worin die Zerstörung der Elemente, das Krachen des Weltbaues, das Zittern und
Zagen des Sünders, das fröhliche Erwachen der Frommen in einem Kontrast
dargestellt wurde, der die Phantasie bis auf den höchsten Grad erhitzte - und
dies war eben Antons Sache. Er liebte die kalten Vernunftpredigten nicht. Die
zweite Predigt, welche er unter allen vorzüglich schätzte, war eine
Abschiedspredigt des Pastors Lesemann, die er in der Kreuzkirche hielt, und
worin derselbe fast vom Anfange bis zu Ende durch Tränen und Schluchzen
unterbrochen wurde, so beliebt war er bei seiner Gemeine. Das rührende Patos,
womit diese Rede wirklich gehalten wurde, machte auf Antons Herz einen
unauslöschlichen Eindruck, und er wünschte sich keine grössere Glückseligkeit, als
einmal auch vor einer solchen Menge von Menschen, die alle mit ihm weinten, eine
solche Abschiedsrede halten zu können.
    Bei so etwas war er in seinem Elemente und fand ein unaussprechliches
Vergnügen an der wehmütigen Empfindung, worin er dadurch versetzt wurde. Niemand
hat wohl mehr die Wonne der Tränen (the joy of grief) empfunden als er bei
solchen Gelegenheiten. Eine solche Erschütterung der Seele durch eine solche
Predigt war ihm mehr wert als aller andre Lebensgenuss, er hätte Schlaf und
Nahrung darum gegeben.
    Auch das Gefühl für die Freundschaft erhielt jetzt bei ihm neue Nahrung. Er
liebte einige von seinen Lehrern im eigentlichen Verstande und empfand eine
Sehnsucht nach ihrem Umgange - insbesondre äusserte sich seine Freundschaft gegen
einen derselben namens R ..., der dem äussern Anschein nach ein sehr harter und
rauher Mann war, in der Tat aber das edelste Herz besass, was nur bei einem
künftigen Dorfschulmeister gefunden werden kann.
    Bei diesem hatte Anton doch eine Privatstunde im Rechnen und Schreiben,
welche sein Vater für ihn bezahlte - denn Rechnen und Schreiben war noch das
einzige, welches dieser für Anton zu lernen der Mühe wert hielt. - R ... liess
ihn denn bald, weil er schon ortographisch schrieb, eigne Ausarbeitungen
machen, die seinen Beifall erhielten, welcher für Anton so schmeichelhaft war,
dass er sich endlich erkühnte, diesem Lehrer sein Herz zu entdecken und so
offenherzig und freimütig mit ihm zu sprechen, wie er lange mit niemandem hatte
sprechen dürfen.
    Er entdeckte ihm also seine unüberwindliche Neigung zum Studieren und die
Härte seines Vaters, der ihn davon abhielte, und der ihn nichts als ein Handwerk
wolle lernen lassen. Der rauhe R ... schien über dies Zutrauen gerührt zu sein
und sprach Anton Mut ein, sich dem Inspektor zu entdecken, der ihm vielleicht
noch eher zu seinem Endzweck würde behülflich sein können. Das war nun eben der
Inspektor, welcher zu Anton, da er beim Buchstabieren nicht vorschreien wollte,
mit der verächtlichsten Miene »dummer Knabe!« gesagt hatte, welches er noch
nicht vergessen konnte und also noch lange Bedenken trug, einem solchen Manne
seine Neigung zum Studieren zu entdecken, der gezweifelt hatte, ob er auch
buchstabieren könne.
    Indes nahm die Achtung, worin sich Anton in dieser Schule setzte, von Tage
zu Tage zu, und er erreichte seinen Wunsch, hier der erste zu sein und die
meiste Aufmerksamkeit auf sich gerichtet zu sehn. Dies war freilich eine solche
Nahrung für seine Eitelkeit, dass er sich oft schon im Geist als Prediger
erblickte, insbesondere, wenn er schwarze Unterkleider trug - dann trat er mit
einem gravitätischen Schritt und ernstafter als sonst einher. -
    Am Ende der Woche des Sonnabends wurde immer, nachdem vorher das Lied Bis
hieher hat mich Gott gebracht gesungen war, von einem der Schüler ein langes
Gebet gelesen, - wenn dies an Anton kam, so war das ein wahres Fest für ihn - er
dachte sich auf der Kanzel, wo er noch während der letzten Verse des Gesanges
seine Gedanken sammelte und nun auf einmal wie der Pastor Paulmann mit aller
Fülle der Beredsamkeit in ein brünstiges Gebet ausbrach. - Seine Deklamation
bekam also für einen Schulknaben freilich zu viel Patos, als dass dieses nicht
hätte auffallend sein sollen. Der Lehrer liess ihn also nur selten das Gebet
lesen. -
    Ja, es entstand zuletzt sogar eine Art von Neid gegen ihn bei den Lehrern. -
Einer derselben stellte eine Übung an, wo eine von Hübners biblischen Historien
von den Schülern mit eignen Worten musste wiedererzählt werden. Anton schmückte
diese Historie mit aller seiner Phantasie auf eine poetische Art aus und trug
sie mit einer Art von rednerischem Schmuck wieder vor - das beleidigte den
Lehrer, der am Ende die Bemerkung machte, Anton solle kürzer erzählen. Das
künftigemal fasste er also die ganze Erzählung in ein paar Worte zusammen und war
in zwei Minuten damit fertig. - Das war dem Lehrer wieder zu kurz und brachte
ihn aufs neue auf - endlich liess er ihn gar keine Historien mit eignen Worten
mehr erzählen. - Des Nachmittags fürchteten sich die Lehrer, welche die
Katechisation wiederholten, ihn zu fragen, weil er immer mehr als sie
nachgeschrieben hatte - er konnte also gar nicht einmal mehr dazu kommen, seine
Fähigkeiten zu zeigen, welches doch sein höchster Wunsch war, um Aufmerksamkeit
auf sich zu erregen.
    Voller Unwillen darüber, dass er immer ungefragt und stumm dasitzen musste,
ging er endlich einmal mit tränenden Augen zum Inspektor, der ihn in den
Morgenstunden nun auch öfter gefragt hatte und sein Urteil über ihn geändert zu
haben schien, - dieser fragte ihn, was ihm fehle, ob ihm etwa von einem seiner
Mitschüler Unrecht geschehen sei, und Anton antwortete: nicht von seinen
Mitschülern, sondern von seinen Lehrern sei ihm Unrecht geschehen, diese
vernachlässigten ihn, und niemand fragte ihn mehr, wenn er gleich die Sache
besser als andre wüsste. Hierin möchte man ihm doch Recht verschaffen!
    Der Inspektor suchte ihm das auszureden und entschuldigte die Lehrer mit der
Menge der Schüler, von der Zeit an aber fing er an, selbst aufmerksamer auf ihn
zu werden, und fragte ihn des Morgens in der Frühstunde öfter als sonst.
    In einer Stunde wöchentlich wurde eine Übung mit den Psalmen angestellt, wo
ein jeder der Schüler sich Lehren herausziehn musste; diese wurden auf ein Blatt
Papier oder eine Rechentafel geschrieben und dann abgelesen, wobei mancher stark
zu schwitzen pflegte. - Der Inspektor war dabei. Anton schrieb nichts auf. Als
aber die Reihe an ihn kam, ging er den ganzen Psalm durch und hielt eine
ordentliche Abhandlung oder Predigt darüber, die fast eine halbe Stunde dauerte,
so dass der Inspektor selbst am Ende sagte: es sei nun genug; - er solle den
Psalm nicht eigentlich erklären, sondern nur einige moralische Lehren
herausziehen.
    Auf die Weise ging beinahe ein Jahr hin, wo Anton so ausserordentliche
Fortschritte in seinem Fleiss tat und sich so untadelhaft betrug, dass er seinen
Zweck, Aufmerksamkeit auf sich zu erregen, im höchsten Grade erreichte, indem er
sich sogar den Neid seiner Lehrer zuzog.
    Nun stand er aber auch auf dem entscheidenden Punkte, wo er irgendeine
Lebensart wählen sollte, und die Härte seines Vaters, der nun daran arbeitete,
ihn bald loszuwerden, nahm von Tage zu Tage gegen ihn zu, so dass die Schule
gleichsam ein sichrer Zufluchtsort für ihn vor der Bedrückung und Verfolgung zu
Hause war.
    Sein geliebter Lehrer R ... wurde indes zu einem Dorfschulmeister befördert,
und nun hatte er keinen eigentlichen Freund mehr unter seinen Lehrern. - Dieser
riet ihm bei seinem Abschiede noch einmal, sich geradezu an den Inspektor zu
wenden - und weil es nun ohnedem die höchste Zeit war, irgendeinen Entschluss zu
fassen, so wagte er es eines Tages mit klopfendem Herzen, den Inspektor um Gehör
zu bitten, weil er ihm etwas Wichtiges zu sagen habe. - Dieser nahm ihn mit auf
seine Stube, und hier wurde Anton freimütiger, erzählte ihm seine Schicksale und
entdeckte ihm sein ganzes Herz. - Der Inspektor schilderte ihm die
Schwierigkeiten, die Kosten des Studierens, benahm ihm aber demohngeachtet nicht
alle Hoffnung, sondern versprach, sich wo möglich für ihn zu verwenden, dass er
unentgeltlich eine lateinische Schule besuchen könnte - indes war das alles sehr
weit aussehend, weil er von seinen Eltern zu seiner Unterstützung gar nichts,
nicht einmal Wohnung und Nahrung hoffen durfte, indem sein Vater noch sechs
Meilen hinter Hannover eine kleine Bedienung erhalten hatte und also in kurzem
ganz aus Hannover wegziehen musste.
    Indessen hatte der Inspektor mit dem Konsistorialrat Götten, unter dessen
Direktion das Schulmeisterinstitut stand, Antons wegen geredet, und dieser liess
ihn zu sich kommen. - Der Anblick dieses ehrwürdigen Greises schlug zuerst
Antons Mut darnieder, und seine Knie bebten, da er vor ihm stand - als ihn aber
der Greis leutselig bei der Hand fasste und mit sanfter Stimme anredete, fing er
an, freimütig zu sprechen und seine Neigung zum Studieren zu entdecken. - Der
Konsistorialrat Götten liess ihn darauf eine von Gellerts geistlichen Oden laut
lesen, um zu hören, wie seine Ausrede und Stimme beschaffen sei, wenn er sich
dereinst dem Predigtamt widmen wollte. - Darauf versprach er, ihm freien
Unterricht zu verschaffen und ihn mit Büchern zu unterstützen; das sei aber auch
alles, was er für ihn tun könne. - Anton war so voller Freuden über dieses
Anerbieten, dass seine Dankbarkeit gar keine Grenzen hatte, und er nun alle Berge
auf einmal überstiegen zu haben glaubte. Denn dass er ausser freiem Unterricht und
Büchern auch noch Nahrung, Wohnung und Kleider brauche, fiel ihm gar nicht ein.
    Triumphierend eilte er nach Haus und verkündigte seinen Eltern sein Glück. -
Aber wie sehr wurde seine Freude niedergeschlagen, da sein Vater ihm ganz
kaltblütig sagte: er dürfe, wenn er studieren wolle, auf keinen Heller von ihm
rechnen - wenn er sich also selbst Brot und Kleider zu verschaffen imstande sei,
so habe er gegen sein Studieren weiter nichts einzuwenden. - In einigen Wochen
würde er von Hannover wegreisen, und wenn Anton alsdann noch bei keinem Meister
wäre, so möchte er sehen, wo er unterkäme und nach Gefallen abwarten, ob einer
von den Leuten, die ihm das Studieren so eifrig anrieten, auch für seinen
Lebensunterhalt sorgen würde.
    Traurig und tiefsinnig ging Anton jetzt umher und dachte seinem Schicksal
nach. - Der Gedanke zu studieren war fest in seiner Seele, und sollten sich ihm
auch noch weit mehr Schwierigkeiten in den Weg setzen - mancherlei Projekte
durchkreuzten sich in seinem Kopfe. - Er erinnerte sich, gelesen zu haben, dass
es einst in Griechenland einen lehrbegierigen Jüngling gab, der für seinen
Unterhalt Holz haute und Wasser trug, um die Zeit, die ihm noch übrig blieb, dem
Studieren widmen zu können. - Diesem Beispiele wollte er folgen und war oft
schon willens, sich als Tagelöhner auf gewisse Stunden zu verdingen, um die
übrige Zeit zu seinem freien Gebrauch zu haben - dann konnte er aber wieder die
Schulstunden nicht ordentlich abwarten - so machte ihn alle sein Nachdenken und
Überlegung immer nur noch tiefsinniger und unentschlossner. Indes rückte der
entscheidende Zeitpunkt immer näher heran, wo er einen Entschluss fassen musste. -
Er sollte nun die Schule, die er bisher besucht hatte, verlassen, um noch eine
Zeitlang in die Garnisonschule zu gehen, weil er von dem Garnisonprediger
Marquard konfirmiert werden sollte, dessen Vorbereitungs- und
Katechisationsstunden er jetzt schon zu besuchen anfing, und der wegen seiner
Antworten aufmerksam auf ihn geworden war. Allein er würde es von selbst nie
gewagt haben, diesem Mann, zu welchem er zuerst gar kein Zutrauen fassen konnte,
den Kummer seiner Seele zu entdecken.
    Da sich nun für Anton keine solide Aussicht zum Studieren eröffnen wollte,
so würde er doch am Ende wahrscheinlich den Entschluss haben fassen müssen,
irgendein Handwerk zu lernen, wenn nicht wider Vermuten ein sehr geringfügig
scheinender Umstand seinem Schicksal in seinem ganzen künftigen Leben eine andre
Wendung gegeben hätte. -
 
                                  Zweiter Teil
                                     Vorrede
                                     (1786)
Um fernern schiefen Urteilen, wie schon einige über dies Buch gefällt sind,
vorzubeugen, sehe ich mich genötigt, zu erklären, dass dasjenige, was ich aus
Ursachen, die ich für leicht zu erraten hielt, einen psychologischen Roman
genannt habe, im eigentlichsten Verstande Biographie und zwar eine so wahre und
getreue Darstellung eines Menschenlebens bis auf seine kleinste Nüancen ist, als
es vielleicht nur irgendeine geben kann. -
    Wem nun an einer solchen getreuen Darstellung etwas gelegen ist, der wird
sich an das anfänglich Unbedeutende und unwichtig Scheinende nicht stossen,
sondern in Erwägung ziehen, dass dies künstlich verflochtne Gewebe eines
Menschenlebens aus einer unendlichen Menge von Kleinigkeiten besteht, die alle
in dieser Verflechtung äusserst wichtig werden, so unbedeutend sie an sich
scheinen. -
    Wer auf sein vergangnes Leben aufmerksam wird, der glaubt zuerst oft nichts
als Zwecklosigkeit, abgerissne Fäden, Verwirrung, Nacht und Dunkelheit zu sehen;
je mehr sich aber sein Blick darauf heftet, desto mehr verschwindet die
Dunkelheit, die Zwecklosigkeit verliert sich allmählich, die abgerissnen Fäden
knüpfen sich wieder an, das Untereinandergeworfene und Verwirrte ordnet sich -
und das Misstönende löset sich unvermerkt in Harmonie und Wohlklang auf. -
 
Der Umstand, wodurch Anton Reisers Schicksal unvermutet eine glücklichere
Wendung nahm, war: dass er sich auf der Strasse mit ein Paar Jungen balgte, die
mit ihm aus der Schule kamen und ihn unterwegs geneckt hatten, welches er nicht
länger leiden wollte; indem er sich nun mit ihnen bei den Haaren herumzauste,
kam auf einmal der Pastor Marquard dahergegangen - und wie gross war nun Reisers
Beschämung und Verwirrung, da ihn die beiden Jungen selbst zuerst aufmerksam
darauf machten und ihm mit einer Art von Schadenfreude den Zorn vorstellten, den
nun der Pastor Marquard auf ihn werfen würde.
    Was? - ich will einst selbst solch ein ehrwürdiger Mann werden, wie
daherkömmt - wünsche, dass mir das jetzt schon ein jeder ansehen soll, damit sich
irgendeiner findet, der sich meiner annimmt und mich aus dem Staube hervorzieht,
und muss nun in der Stellung von diesem Manne überrascht werden, bei dem ich
konfirmiert werden soll, wo ich Gelegenheit hätte, mich in meinem besten Lichte
zu zeigen? - Dieser Mann, was wird er nun von mir denken, wofür wird er mich
halten?
    Diese Gedanken gingen Reisern durch den Kopf und bestürmten ihn auf einmal
so sehr mit Scham, Verwirrung und Verachtung seiner selbst, dass er glaubte in
die Erde sinken zu müssen. - Aber er ermannte sich, das Selbstzutrauen arbeitete
sich unter der erstickenden Scham wieder hervor und flösste ihm zugleich Mut und
Zutrauen gegen den Pastor Marquard ein - er fasste schnell ein Herz, ging
geradesweges auf den Pastor Marquard zu und redete ihn auf öffentlicher Strasse
an, indem er zu ihm sagte, er sei einer von den Knaben, die bei ihm zur
Kinderlehre gingen, und der Pastor Marquard möchte doch deswegen keinen Zorn auf
ihn werfen, dass er sich eben jetzt mit den beiden Jungen dort geschlagen hätte,
dies wäre sonst gar seine Art nicht; die Jungen hätten ihn nicht zufrieden
gelassen: und es sollte nie wieder geschehen. -
    Dem Pastor Marquard war es sehr auffallend, sich auf der Strasse von einem
Knaben auf die Weise angeredet zu sehen, der sich eben mit ein paar andern Buben
herumgebalgt hatte. - Nach einer kleinen Pause antwortete er: es sei freilich
sehr unrecht und unschicklich, sich zu balgen, indes hätte das weiter nichts zu
sagen, wenn er es künftig unterliesse; darauf erkundigte er sich auch nach seinem
Namen und Eltern, fragte ihn, wo er bis jetzt in die Schule gegangen wäre usw.,
und entliess ihn sehr gütig. - Wer war aber froher als Reiser, und wie leicht war
ihm ums Herz, da er sich nun wieder aus dieser gefährlichen Situation
herausgewickelt glaubte!
    Und wie viel froher würde er noch gewesen sein, hätte er gewusst, dass dieser
ohngefähre Zufall allen seinen ängstlichen Besorgnissen ein Ende machen und die
erste Grundlage seines künftigen Glücks sein würde. - Denn von dem Augenblick an
hatte der Pastor Marquard den Gedanken gefasst, sich näher nach diesem jungen
Menschen zu erkundigen und sich seiner tätig anzunehmen, weil er nicht ohne
Grund vermutete, dass, sobald des jungen Reisers Betragen gegen ihn nicht
Verstellung war, es keine gemeine Denkungsart bei einem Knaben von dem Alter
voraussetzte - und dass es nicht Verstellung war, dafür schien ihm seine Miene zu
bürgen.
    Den Sonntag darauf fragte ihn der Pastor Marquard des Nachmittags in der
Kinderlehre öfter wie sonst; und Reiser hatte nun schon gewissermassen einen
seiner Wünsche erreicht, in der Kirche vor dem versammelten Volke wenigstens auf
irgendeine Art öffentlich reden zu können, indem er die Katechismusfragen des
Pastors mit lauter und vernehmlicher Stimme beantwortete, wobei er sich denn
sehr von den übrigen unterschied, indem er richtig akzentuierte, da jene ihre
Antworten in dem gewöhnlichen singenden Ton der Schulknaben herbeteten.
    Nach geendigter Kinderlehre winkte ihn der Pastor Marquard beiseite und
entbot ihn auf den andern Morgen zu sich - welch eine freudige Unruhe
bemächtigte sich nun auf einmal seiner Gedanken, da es schien, als ob sich
irgendein Mensch einmal näher um ihn bekümmern wollte - denn damit schmeichelte
er sich nun freilich, dass der Pastor Marquard durch seine Antworten aufmerksam
auf ihn geworden sei; und er nahm sich nun auch vor, Zutrauen zu diesem Manne zu
fassen und ihm alle seine Wünsche zu entdecken.
    Als er nach einer fast schlaflosen Nacht den andern Morgen zu dem Pastor
Marquard kam, fragte ihn dieser zuerst, was für einer Lebensart er sich zu
widmen dächte, und bahnte ihm also den Weg zu dem, was er schon selbst
vorzubringen im Sinn hatte. Reiser entdeckte ihm sein Vorhaben. - Der Pastor
Marquard stellte ihm die Schwierigkeiten vor, sprach ihm aber doch auch zugleich
wieder Mut ein und machte den Anfang zur tätigen Ermunterung damit, dass er
versprach, ihn durch seinen einzigen Sohn, der die erste Klasse des Lyzeums in
Hannover besuchte, in der lateinischen Sprache unterrichten zu lassen, womit
auch noch in derselben Woche der Anfang gemacht wurde.
    Bei dem allen glaubte Reiser in den Mienen und dem Betragen des Pastor
Marquard zu lesen, dass er noch irgend etwas Wichtiges zurückbehielte, welches er
ihm zu seiner Zeit sagen würde; in dieser Vermutung wurde er noch mehr durch die
geheimnisvollen Ausdrücke des Garnisonküsters bestärkt, dessen Lehrstunden er
noch besuchte, und der ihm immer einen Stuhl setzte, wenn er kam, indes die
andern auf Bänken sassen. - Dieser pflegte denn wohl, wenn die Stunde aus war, zu
ihm zu sagen: Sein Sie ja recht auf Ihrer Hut und denken Sie, dass man genau auf
Sie achtgibt. - Es sind grosse Dinge mit Ihnen im Werke! und dergleichen mehr,
wodurch nun Reiser freilich anfing, sich eine wichtigere Person als bisher zu
glauben, und seine kleine Eitelkeit mehr wie zu viel Nahrung erhielt, die sich
denn oft töricht genug in seinem Gange und in seinen Mienen äusserte, indem er
manchmal in seinen Gedanken mit allem Ernst und der Würde eines Lehrers des
Volks auf der Strasse einhertrat, wie er dies schon in Braunschweig getan hatte,
besonders wenn er schwarze Weste und Beinkleider trug. Bei seinem Gange hatte er
sich den Gang eines jungen Geistlichen, der damals Lazarettprediger in Hannover
und zugleich Konrektor am Lyzeum war, zum Muster genommen, weil dieser in der
Art sein Kinn zu tragen etwas hatte, das Reisern ganz besonders gefiel.
    Nie kann wohl jemand in irgendeinem Genuss glücklicher gewesen sein, als es
Reiser damals in der Erwartung der grossen Dinge war, die mit ihm vorgehen
sollten. - Dies erhitzte seine Einbildungskraft bis auf einen hohen Grad. Und da
nun der Zeitpunkt immer näher heranrückte, wo er zum Abendmahl sollte gelassen
werden, so erwachten auch alle die schwärmerischen Ideen wieder, die er sich
schon in Braunschweig von dieser Sache in den Kopf gesetzt hatte, wozu noch die
Lehrstunden des Garnisonküsters kamen, der denjenigen, die er zum Abendmahl
vorbereiten half, dabei Himmel und Hölle auf eine so fürchterliche Art
vorstellte, dass seinen Zuhörern oft Schrecken und Entsetzen ankam, welches aber
doch mit einer angenehmen Empfindung verknüpft war, womit man das Schreckliche
und Fürchterliche gemeiniglich anzuhören pflegt, und er empfand dann wieder das
Vergnügen, seine Zuhörer so erschüttert zu haben, welches ihm wonnevolle Tränen
auspresste, die den ganzen Auftritt, wenn er so des Abends in der erleuchteten
Schulstube zwischen ihnen stand, noch feierlicher machten.
    Auch der Pastor Marquard hielt wöchentlich einige Stunden, worin er
diejenigen, die zum Abendmahl gehen sollten, vorbereitete; aber das, was er
sagte, kam lange nicht gegen die herzerschütternden Anreden seines Küsters, ob
es Reisern gleich zusammenhängender und besser gesagt zu sein schien. - Nichts
war für Anton schmeichelhafter, als da der Pastor Marquard einmal den Begriff,
dass die Gläubigen Kinder Gottes sind, durch das Beispiel erklärte, wenn er mit
irgendeinem aus der Zahl seiner jungen Zuhörer genauer umginge, ihn besonders zu
sich kommen liesse und sich mit ihm unterredete, dieser ihm denn auch näher als
die übrigen wäre, und so wären die Kinder Gottes ihm auch näher als die übrigen
Menschen. Nun glaubte Reiser unter der Zahl seiner Mitschüler der einzige
gewesen zu sein, auf den der Pastor Marquard aufmerksamer als auf alle übrigen
wäre, - allein so schmeichelhaft auch dies für seine Eitelkeit war, so erfüllte
es ihn doch bald nachher wieder mit einer unbeschreiblichen Wehmut, dass nun alle
die übrigen an diesem Glück, was ihm allein geworden war, nicht teilnehmen
sollten und von dem nähern Umgange mit dem Pastor Marquard gleichsam auf immer
ausgeschlossen sein sollten. - Eine Wehmut, die er sich schon in seinen
frühesten Kinderjahren einmal empfunden zu haben erinnert, da ihm seine Base in
einem Laden ein Spielzeug gekauft hatte, das er in Händen trug, als er aus dem
Hause ging; und vor der Haustüre sass ein Mädchen in zerlumpten Kleidern
ohngefähr in seinem Alter, das voll Verwunderung über das schöne Stück Spielzeug
ausrief: Ach, Herr Gott, wie schön! - Reiser mochte etwa damals sechs bis sieben
Jahre alt sein - der Ton des geduldigen Entbehrens, ohngeachtet der höchsten
Bewunderung, womit das zerlumpte Mädchen die Worte sagte: Ach, Herr Gott, wie
schön! drang ihm durch die Seele. - Das arme Mädchen musste alle diese
Schönheiten so vor sich vorbeitragen sehen und durfte nicht einmal einen
Gedanken daran haben, irgendein Stück davon zu besitzen. Es war von dem Genuss
dieser köstlichen Dinge gleichsam auf immer ausgeschlossen und doch so nahe
dabei - wie gern wäre er zurückgegangen und hätte dem zerlumpten Mädchen das
kostbare Spielzeug geschenkt, wenn es seine Base gelitten hätte! - So oft er
nachher daran dachte, empfand er eine bittere Reue, dass er es dem Mädchen nicht
gleich auf der Stelle gegeben hatte. Eine solche Art von mitleidsvoller Wehmut
war es auch, die Reiser empfand, da er sich ausschliessungsweise mit den Vorzügen
in der Gunst des Pastor Marquard beehrt glaubte, wodurch seine Mitschüler, ohne
dass sie es verdient hatten, so weit unter ihn herabgesetzt wurden.
    Grade diese Empfindung ist nachher wieder in seiner Seele erwacht, so oft er
in der ersten von Virgils Eklogen an die Worte kam: nec invideo usw. Indem er
sich in die Stelle des glücklichen Hirten versetzte, der ruhig im Schatten
seines Baums sitzen kann, indes der andere sein Haus und Feld mit dem Rücken
ansehen muss, war ihm bei dem nec invideo des letzern immer gerade so zumute, als
da das zerlumpte Mädchen sagte: »Ach, Herr Gott, wie schön ist das!«
    Ich habe hier notwendig in Reisers Leben etwas nahholen und etwas
vorweggreifen müssen, wenn ich zusammenstellen wollte, was nach meiner Absicht
zusammengehört. Ich werde dies noch öfter tun; und wer meine Absicht eingesehen
hat, bei dem darf ich wohl nicht erst dieser anscheinenden Absprünge wegen um
Entschuldigung bitten.
    Man sieht leicht, dass Anton Reisers Eitelkeit durch die Umstände, welche
sich jetzt vereinigten, um ihm seine eigne Person wichtig zu machen, mehr als zu
viel Nahrung erhielt. Es bedurfte wieder einer kleinen Demütigung für ihn, und
die blieb nicht aus. Er schmeichelte sich nicht ohne Grund, unter allen, die bei
dem Pastor Marquard konfirmiert wurden, der erste zu sein. Er sass auch oben an
und war gewiss, dass ihm keiner diesen Platz streitig machen würde. Als auf einmal
ein junger wohlgekleideter Mensch in seinem Alter und von feiner Erziehung die
Lehrstunden des Pastor Marquard mit besuchte, der ihn durch sein feines äusseres
Betragen sowohl als durch die vorzügliche Achtung, womit ihm der Pastor Marquard
begegnete, ganz in Dunkel setzte, und dem auch sogleich über ihm der erste Platz
angewiesen ward.
    Reisers süsser Traum, der erste unter seinen Mitschülern zu sein, war nun
plötzlich verschwunden. Er fühlte sich erniedrigt, herabgesetzt, mit den übrigen
allen in eine Klasse geworfen. - Er erkundigte sich bei dem Bedienten des Pastor
Marquard nach seinem fürchterlichen Nebenbuhler und erfuhr, dass er eines
Amtmanns Sohn und bei dem Pastor Marquard in Pension sei, auch mit den übrigen
zugleich konfirmiert werden würde. Der schwärzeste Neid nahm auf eine Zeitlang
in Antons Seele Platz; der blaue Rock mit dem samtnen Kragen, den der
Amtmannssohn trug, sein feines Betragen, seine hübsche Frisur schlug ihn nieder
und machte ihn missvergnügt mit sich selbst; aber doch schärfte sich bald wieder
das Gefühl bei ihm, dass dies unrecht sei, und er wurde nun noch missvergnügter
über sein Missvergnügen. Ach, er hätte nicht nötig gehabt, den armen Knaben zu
beneiden, dessen Glückssonne bald ausgeschienen hatte. Binnen vierzehn Tagen kam
die Nachricht, dass sein Vater wegen Untreue seines Dienstes entsetzt sei. Für
den jungen Menschen konnte also auch die Pension nicht länger bezahlt werden,
der Pastor Marquard schickte ihn seinen Anverwandten wieder, und Reiser behielt
seinen ersten Platz. Er konnte seine Freude wegen der Folgen, die dieser Vorfall
für ihn hatte, nicht unterdrücken, und doch machte er sich selber Vorwürfe wegen
seiner Freude - er suchte sich zum Mitleid zu zwingen, weil er es für recht
hielt - und die Freude zu unterdrücken, weil er sie für unrecht hielt; sie hatte
aber demohngeachtet die Oberhand, und er half sich denn am Ende damit, dass er
doch nicht wider das Schicksal könne, welches nun den jungen Menschen einmal
habe unglücklich machen wollen. Hier ist die Frage: wenn das Schicksal des
jungen Menschen sich plötzlich wieder geändert hätte, würde ihn Reiser aus
erster Bewegung freiwillig mit lächelnder teilnehmender Miene wieder haben über
sich stehen lassen, oder hätte er sich erst mit einer Art von Anstrengung in
diese Empfindung versetzen müssen, weil er sie für recht und edel gehalten
hätte? - Der Zusammenhang seiner Geschichte mag in der Folge diese Frage
entscheiden!
    Alle Abend hatte nun Reiser eine lateinische Stunde bei dem Sohn des Pastor
Marquard und kam wirklich so weit, dass er binnen vier Wochen ziemlich den
Kornelius Nepos exponieren lernte. Welche Wonne war ihm das, wenn denn etwa der
Garnisonküster dazu kam und fragte, was die beiden Herren Studenten machten -
und als der Pastor Marquard damals gerade seine älteste Tochter an einen jungen
Prediger verheiratete, der eines Sonntags nachmittags für ihn die Kinderlehre
hielt und dieser auf Reisern immer aufmerksamer zu werden schien, je öfter er
ihn antworten hörte: welch ein entzückender Augenblick für Reisern, da derselbe
nun nach geendigtem Gottesdienst zum Pastor Marquard kam und der Schwiegersohn
des Pastors ihn nun mit der grössten Achtung anredete und sagte, es sei ihm
gleich in der Kirche, da Reiser ihm zuerst geantwortet, aufgefallen, ob das wohl
der junge Mensch sein möchte, von dem ihm sein Schwiegervater so viel Gutes
gesagt, und es freue ihn, dass er sich nicht geirrt habe.
    In seinem Leben hatte Anton keine solche Empfindung gehabt, als ihm diese
achtungsvolle Begegnung verursachte. - Da er nun die Sprache der feinen
Lebensart nicht gelernt hatte und sich doch auch nicht gemein ausdrücken wollte,
so bediente er sich bei solchen Gelegenheiten der Büchersprache, die bei ihm aus
dem Telemach, der Bibel und dem Katechismus zusammengesetzt war, welches seinen
Antworten oft einen sonderbaren Anstrich von Originalität gab, indem er z.B. bei
solchen Gelegenheiten zu sagen pflegte, er habe den Trieb zum Studieren, der ihn
unaufhaltsam mit sich fortgerissen, nicht überwältigen können und wolle sich nun
der Wohltaten, die man ihm erzeige, auf alle Weise würdig zu machen und in aller
Gottseligkeit und Ehrbarkeit sein Leben bis an sein Ende zu führen suchen.
    Indes hatte der Konsistorialrat Götten, an den sich Reiser schon vorher
gewandt hatte, für ihn ausgemacht, dass er die sogenannte Neustädter Schule
unentgeltlich besuchen könnte. - Allein der Pastor Marquard sagte, das dürfe nun
nicht geschehen; er solle, bis er konfirmiert würde, noch von seinem Sohne
unterrichtet werden, damit er alsdann sogleich die höhere Schule auf der
Altstadt besuchen könne, wo der Direktor sich seiner annehmen wolle; und wegen
der Eifersucht, die zwischen den beiden Schulen zu herrschen pflegte, würde er
besser tun, wenn er jene nicht zuerst besuchte. - Dies musste Reiser dem
Konsistorialrat Götten selber sagen, um den freien Unterricht, welchen er ihm
verschafft hatte, abzulehnen, worüber denn derselbe sehr empfindlich wurde und
Reisern sehr hart anredete, ihn aber doch zuletzt wieder mit der Aufmunterung
entliess, dass er sich auf andre Weise dennoch seiner annehmen wolle.
    So schien nun an Reisers Schicksale, um den sich vorher niemand bekümmert
hatte, auf einmal alles teilzunehmen. - Er hörte von Eifersucht der Schulen
seinetwegen sprechen. - Der Konsistorialrat Götten und der Pastor Marquard
schienen sich gleichsam um ihn zu streiten, wer sich am meisten seiner annehmen
wollte. Der Pastor Marquard bediente sich des Ausdrucks, er solle nur dem
Konsistorialrat Götten sagen, es wären seinetwegen schon Anstalten getroffen
worden und würden noch Anstalten getroffen werden, dass er zu der höhern Schule
auf der Altstadt hinlänglich vorbereitet würde, ohne vorher die niedere Schule
auf der Neustadt zu besuchen. - Also Anstalten sollten nun seinetwegen getroffen
werden, wegen eines Knaben, den seine eigenen Eltern nicht einmal ihrer
Aufmerksamkeit wert gehalten hatten.
    Mit welchen glänzenden Träumen und Aussichten in die Zukunft dies Reisers
Phantasie erfüllt habe, darf ich wohl nicht erst sagen. Insbesondre, da nun noch
immer die geheimnisvollen Winke bei dem Garnisonküster und die Zurückhaltung des
Pastor Marquard fortdauerte, womit er Reisern etwas Wichtiges zu verschweigen
schien. -
    Endlich kam es denn heraus, dass der Prinz Carl auf Empfehlung des Pastor
Marquard sich des jungen Reisers annehmen und ihm monatlich ... Rtlr. zu seinem
Unterhalt aussetzen wolle. - Also war nun Reiser auf einmal allen seinen
Besorgnissen wegen der Zukunft entrissen, das süsse Traumbild eines sehnlich
gewünschten, aber nie gehofften Glückes war, ehe er es sich versehn, wirklich
geworden, und er konnte nun seinen angenehmsten Phantasien nachhängen, ohne zu
fürchten, dass er durch Mangel und Armut darin gestört werden würde. -
    Sein Herz ergoss sich wirklich in Dank gegen die Vorsehung. - Kein Abend ging
hin, wo er nicht den Prinzen und den Pastor Marquard in sein Abendgebet mit
eingeschlossen hätte - und oft vergoss er im stillen Tränen der Freude und des
Danks, wenn er diese glückliche Wendung seines Schicksals überdachte.
    Reisers Vater hatte nun auch nichts weiter gegen sein Studieren einzuwenden,
sobald er hörte, dass es ihm nichts kosten sollte. Überdem kam die Zeit nun
heran, wo er seine kleine Bedienung an einem Ort sechs Meilen von Hannover
antreten musste, und sein Sohn konnte ihm also auf keine Weise mehr zur Last
fallen. - Allein nun war die Frage, bei wem Reiser nach der Abreise seiner
Eltern wohnen und essen sollte. Der Pastor Marquard schien nicht geneigt zu
sein, ihn ganz zu sich ins Haus zu nehmen. Es musste also drauf gedacht werden,
ihn irgendwo bei ordentlichen Leuten unterzubringen. Und ein Hoboist, namens
Filter, vom Regiment des Prinzen Carl erbot sich von freien Stücken dazu,
Reisern unentgeltlich bei sich wohnen zu lassen. Ein Schuster, bei dem seine
Eltern einmal im Hause gewohnt hatten, noch ein Hoboist, ein Hofmusikus, ein
Garkoch und ein Seidensticker erboten sich jeder, ihm wöchentlich einen
Freitisch zu geben.
    Dies verringerte Reisers Freude in etwas wieder, welcher glaubte, dass das,
was der Prinz für ihn hergab, zu seinem Unterhalt zureichen würde, ohne dass er
an fremden Tischen sein Brot essen dürfte. Auch verringerte dies seine Freude
nicht ohne Ursach, denn es setzte ihn in der Folge oft in eine höchst peinliche
und ängstliche Lage, so dass er oft im eigentlichen Verstande sein Brot mit
Tränen essen musste. - Denn alles beeiferte sich zwar, auf die Weise ihm
Wohltaten zu erzeigen, aber jeder glaubte auch dadurch ein Recht erworben zu
haben, über seine Aufführung zu wachen und ihm in Ansehung seines Betragens Rat
zu erteilen, der dann immer ganz blindlings sollte angenommen werden, wenn er
seine Wohltäter nicht erzürnen wollte. Nun war Reiser gerade von so viel Leuten
von ganz verschiedener Denkungsart abhängig, als ihm Freitische gaben, wo jeder
drohte, seine Hand von ihm abzuziehen, sobald er seinem Rat nicht folgte, der
oft dem Rat eines andern Wohltäters geradezu widersprach. Dem einen trug er sein
Haar zu gut, dem andern zu schlecht frisiert, dem einen ging er zu schlecht, dem
andern, für einen Knaben, der von Wohltaten leben müsse, noch zu geputzt einher,
- und dergleichen unzählige Demütigungen und Herabwürdigungen gab es mehr, denen
Reiser durch den Genuss der Freitische ausgesetzt war, und denen gewiss ein jeder
junger Mensch mehr oder weniger ausgesetzt ist, der das Unglück hat, auf Schulen
durch Freitische seinen Unterhalt zu suchen und die Woche hindurch von einem zum
andern herumessen zu müssen.
    Dies alles ahndete Reisern dunkel, als die Freitische insgesamt für ihn
angenommen und keine Wohltat verschmäht wurde, die ihm nur irgend jemand
erweisen wollte. - An dem guten Willen aber pflegt es nie zu fehlen, wenn Leute
einem jungen Menschen zum Studieren beförderlich sein zu können glauben - dies
erweckt einen ganz besondern Eifer - jeder denkt sich dunkel, wenn dieser Mann
einmal auf der Kanzel steht, dann wird das auch mein Werk mit sein. - Es
entstand ein ordentlicher Wetteifer um Reisern, und jeder, auch der Ärmste,
wollte nun auf einmal zum Wohltäter an ihm werden, wie denn ein armer Schuster
sich erbot, ihm alle Sonntagabend einmal zu essen zu geben - dies alles wurde
mit Freuden für ihn angenommen und von seinen Eltern mit dem Hoboisten und
dessen Frau überrechnet, wie glücklich er nun sei, dass er alle Tage in der Woche
zu essen habe, und wie man nun von dem Gelde, das der Prinz hergebe, für ihn
sparen könne.
    Ach, die glänzenden Aussichten, die sich Reiser von dem Glück, das auf ihn
wartete, gemacht hatte, verdunkelten sich nachher sehr wieder. Indes dauerte
doch der erste angenehme Taumel, in welchen ihn die tätige Vorsorge und die
Teilnehmung so vieler Menschen an seinem Schicksale versetzt hatte, noch eine
Weile fort. -
    Das grosse Feld der Wissenschaften lag vor ihm - sein künftiger Fleiss, die
nützlichste Anwendung jeder Stunde bei seinem künftigen Studieren war den ganzen
Tag über sein einziger Gedanke, und die Wonne, die er darin finden, und die
erstaunlichen Fortschritte, die er nun tun und sich Ruhm und Beifall dadurch
erwerben würde: mit diesen süssen Vorstellungen stand er auf und ging damit zu
Bette - aber er wusste nicht, dass ihm das Drückende und Erniedrigende seiner
äussern Lage dies Vergnügen so sehr verbittern würde. Anständig genährt und
gekleidet zu sein gehört schlechterdings dazu, wenn ein junger Mensch zum Fleiss
im Studieren Mut behalten soll. Beides war bei Reisern der Fall nicht. Man
wollte für ihn sparen und liess ihn während der Zeit wirklich darben.
    Seine Eltern reisten nun auch weg, und er zog mit seinen wenigen
Habseligkeiten bei dem Hoboisten Filter ein, dessen Frau insbesondre sich schon
von seiner Kindheit an seiner mit angenommen hatte. - Es herrschte bei diesen
Leuten, die keine Kinder hatten, die grösste Ordnung in der Einrichtung ihrer
Lebensart, welche vielleicht nur irgendwo stattfinden kann. Da war nichts, keine
Bürste und keine Schere, was nicht seit Jahren seinen bestimmten angewiesenen
Platz gehabt hätte. Da war kein Morgen, der anbrach, wo nicht um acht Uhr Kaffee
getrunken und um neun Uhr der Morgensegen gelesen worden wäre, welches allemal
kniend geschahe, indes die Frau Filter aus dem Benjamin Schmolke vorlas, wobei
denn Reiser auch mit knien musste. Des Abends nach neun Uhr wurde auf eben die
Art, indem jeder vor seinem Stuhle kniete, auch der Abendsegen aus dem Schmolke
gelesen und dann zu Bette gegangen. Dies war die unverbrüchliche Ordnung, welche
von diesen Leuten schon seit beinahe zwanzig Jahren, wo sie auch beständig auf
derselben Stube gewohnt hatten, war beobachtet worden. Und sie waren gewiss dabei
sehr glücklich, aber sie durften auch schlechterdings durch nichts darin gestört
werden, wenn nicht zugleich ihre innre Zufriedenheit, die grösstenteils auf diese
unverbrüchliche Ordnung gebaut war, mit darunter leiden sollte. Dies hatten sie
nicht recht erwogen, da sie sich entschlossen, ihre Stubengesellschaft mit
jemanden zu vermehren, der sich unmöglich auf einmal in ihre seit zwanzig Jahren
etablierte Ordnung, die ihnen schon zur andern Natur geworden war, gänzlich
fügen konnte.
    Es konnte also nicht fehlen, dass es ihnen bald zu gereuen anfing, dass sie
sich selbst eine Last aufgebürdet hatten, die ihnen schwerer wurde, als sie
glaubten. Weil sie nur eine Stube und eine Kammer hatten, so musste Reiser in der
Wohnstube schlafen, welches ihnen nun alle Morgen, sooft sie hereintraten, einen
unvermuteten Anblick von Unordnung machte, dessen sie nicht gewohnt waren, und
der sie wirklich in ihrer Zufriedenheit störte. - Anton merkte dies bald, und
der Gedanke, lästig zu sein, war ihm so ängstigend und peinlich, dass er sich oft
kaum zu husten getrauete, wenn er an den Blicken seiner Wohltäter sah, dass er
ihnen im Grunde zur Last war. - Denn er musste doch seine wenigen Sachen nun
irgendwo hinlegen, und wo er sie hinlegte, da störten sie gewissermassen die
Ordnung, weil jeder Fleck hier nun schon einmal bestimmt war. - Und doch war es
ihm nun unmöglich, sich aus dieser peinlichen Lage wieder herauszuwickeln. -
Dies alles zusammengenommen versetzte ihn oft stundenlang in eine
unbeschreibliche Wehmut, die er sich damals selber nicht zu erklären wusste und
sie anfänglich bloss der Ungewohnheit seines neuen Aufentaltes zuschrieb.
    Allein es war nichts als der demütigende Gedanke des Lästigseins, der ihn so
danieder druckte. Hatte er gleich bei seinen Eltern und bei dem Hutmacher
Lobenstein auch nicht viel Freude gehabt, so hatte er doch ein gewisses Recht da
zu sein. Bei jenen, weil es seine Eltern waren, und bei diesem, weil er
arbeitete. - Hier aber war der Stuhl, worauf er sass, eine Wohltat. - Möchten
dies doch alle diejenigen erwägen, welche irgend jemanden Wohltaten erzeigen
wollen, und sich vorher recht prüfen, ob sie sich auch so dabei nehmen werden,
dass ihre gutgemeinte Entschliessung dem Bedürftigen nie zur Qual gereiche.
    Das Jahr, welches Reiser in dieser Lage zubrachte, war, obgleich jeder ihn
glücklich pries, in einzelnen Stunden und Augenblicken eines der qualvollsten
seines Lebens.
    Reiser hätte sich vielleicht seinen Zustand angenehmer machen können, hätte
er das nur gehabt, was man bei manchen jungen Leuten ein insinuantes Wesen
nennt. Allein zu einem solchen insinuanten Wesen gehört ein gewisses
Selbstzutrauen, das ihm von Kindheit auf war benommen worden; um sich gefällig
zu machen, muss man vorher den Gedanken haben, dass man auch gefallen könne. -
Reisers Selbstzutrauen musste erst durch zuvorkommende Güte geweckt werden, ehe
er es wagte, sich beliebt zu machen. - Und wo er nur einen Schein von
Unzufriedenheit andrer mit ihm bemerkte, da war er sehr geneigt, an der
Möglichkeit zu verzweifeln, jemals ein Gegenstand ihrer Liebe oder ihrer Achtung
zu werden. Darum gehörte gewiss ein grosser Grad von Anstrengung bei ihm dazu,
sich selber Personen als einen Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit vorzustellen, von
denen er noch nicht wusste, wie sie seine Zudringlichkeit aufnehmen würden.
    Seine Base prophezeite ihm sehr oft, wie ihm der Mangel jenes insinuanten
Wesens an seinem Fortkommen in der Welt schaden würde. Sie lehrte ihn, wie er
mit der Frau Filter sprechen und ihr sagen solle: »Liebe Frau Filter, sein Sie
nun meine Mutter, da ich ohne Vater und Mutter bin, ich will Sie auch so lieb
haben wie eine Mutter.« - Allein wenn Reiser dergleichen sagen wollte, so wars,
als ob ihm die Worte im Munde erstarben; es würde höchst ungeschickt
herausgekommen sein, wenn er so etwas hätte sagen wollen. - Dergleichen
zärtliche Ausdrücke waren nie durch zuvorkommendes, gütiges Betragen irgendeines
Menschen gegen ihn aus seinem Munde hervorgelockt worden; seine Zunge hatte
keine Geschmeidigkeit dazu. - Er konnte den Rat seiner Base unmöglich befolgen.
Wenn sein Herz voll war, so suchte er schon Ausdrücke, wo er sie auch fand. Aber
die Sprache der feinen Lebensart hatte er freilich nie reden gelernet. - Was man
insinuantes Wesen nennt, wäre auch bei ihm die kriechendste Schmeichelei
gewesen.
    Indes war nun die Zeit herangekommen, wo Reiser konfirmiert werden und in
der Kirche öffentlich sein Glaubensbekenntnis ablegen sollte - eine grosse
Nahrung für seine Eitelkeit - er dachte sich die versammelten Menschen, sich als
den ersten unter seinen Mitschülern, der alle Aufmerksamkeit bei seinen
Antworten vorzüglich auf sich ziehen würde, durch Stimme, Bewegung und Miene. -
Der Tag erschien, und Reiser erwachte, wie ein römischer Feldherr erwacht sein
mag, dem an dem Tage ein Triumph bevorstand. - Er wurde bei seinem Vetter, dem
Perückenmacher, hoch frisiert und trug einen bläulichen Rock und schwarze
Unterkleider, eine Tracht, die der geistlichen gewissermassen sich schon am
meisten näherte.
    Aber so wie der Triumph des grössten Feldherrn zuweilen durch unerwartete
Demütigungen verbittert wurde, dass er ihn nur halb geniessen konnte, so ging es
auch Reisern an diesem Tage seines Ruhms und seines Glanzes. - Seine Freitische
nahmen mit diesem Tage ihren Anfang. - Er hatte den ersten des Mittags bei dem
Garnisonküster und den andern des Abends bei dem armen Schuster - und obgleich
der Garnisonküster ein Mann war, der das grossmütigste Herz besass und Reisern
seinen Lebenslauf erzählte, wie er auch erst als ein armer Schüler ins Chor
gegangen sei, aber schon in seinem siebzehnten Jahre den blauen Mantel mit dem
schwarzen vertauscht habe - so war doch die Frau desselben der Neid und die
Missgunst selber, und jeder ihrer Blicke vergiftete Reisern den Bissen, den er in
den Mund steckte. Sie liess es sich zwar am ersten Tag nicht so sehr wie nachher,
aber doch stark genug merken, dass Reiser niedergeschlagenen Herzens, ohne selbst
recht zu wissen, worüber, zur Kirche ging und die Freude, die er sich an diesem
sehnlich gewünschten Tage versprochen hatte, nur halb empfand. - Er sollte nun
hingehn, um sein Glaubensbekenntnis auf gewisse Weise zu beschwören. -
    Dies dachte er sich, und ihm fiel dabei ein, dass sein Vater vor einiger Zeit
zu Hause erzählt hatte, wie er wegen seines Dienstes vereidet worden war, dass er
nichts weniger als gleichgültig dabei gewesen sei - und Reiser schien sich, da
er zur Kirche ging, gegen den Eid, den er ablegen sollte, gleichgültig zu sein.
- Aus dem Unterricht, den er in der Religion bekommen, hatte er sehr hohe
Begriffe vom Eide und hielt diese Gleichgültigkeit an sich für höchst strafbar.
Er zwang sich also, nicht gleichgültig, sondern gerührt und ernstaft zu sein
bei diesem wichtigen Schritte und war mit sich selber unzufrieden, dass er nicht
noch weit gerührter war; aber die Blicke der Frau des Garnisonküsters waren es,
welche alle sanfte und angenehme Empfindungen aus seinem Herzen weggescheucht
hatten.
    Er konnte sich doch nicht recht freuen, weil niemand war, der an seiner
Freude recht nahen Anteil nahm, weil er dachte, dass er auch selbst an diesem
Tage an fremden Tischen essen musste. Da er indes in die Kirche kam und nun vor
den Altar trat und obenan in der Reihe stand, so erwärmete das alles zwar wieder
seine Phantasie - aber es war doch lange das nicht, was er sich versprochen
hatte. - Und gerade das Wichtigste und Feierlichste, die Ablegung des
Glaubensbekenntnisses, welches einer im Namen der übrigen tun musste, kam nicht
an ihn, und er hatte sich doch schon viele Tage vorher auf Miene, Bewegung und
Ton geübt, womit er es ablegen wollte.
    Er dachte, der Pastor Marquard würde ihn etwa den Nachmittag zu sich kommen
lassen, aber er liess ihn nicht zu sich kommen - und während dass seine Mitschüler
nun zu Hause gingen und der zärtlichen Bewillkommnung ihrer Eltern entgegen
sahen, ging Reiser einsam und verlassen auf der Strasse umher, wo ihm der
Direktor des Lyzeums begegnete, der ihn anredete und fragte, ob er nicht
Reiserus hiesse - und als Reiser mit Ja antwortete, ihm freundlich die Hand
druckte und sagte, er habe schon durch den Pastor Marquard viel Gutes von ihm
gehört und würde bald näher mit ihm bekannt werden.
    Welche unerwartete Aufmunterung für ihn, dass dieser Mann, den er schon oft
mit tiefer Ehrfurcht betrachtet hatte, ihn auf der Strasse anzureden würdigte und
ihn Reiserus nannte.
    Der Direktor Ballhorn war wirklich ein Mann, welcher einem jeden, der ihn
sah, Ehrfurcht und Liebe einzuflössen imstande war. Er kleidete sich zierlich
und doch anständig, trug sich edel, war wohlgebildet, hatte die heiterste Miene,
worin ihm sooft er wollte der strengste Ernst zu Gebote stand. Er war ein
Schulmann, gerade wie er sein sollte, um von diesem Stande die Verachtung der
feinen Welt, womit die gewöhnliche Pedanterie desselben belegt ist, abzuwälzen.
    Wie es nun kam, dass er Reisern Reiserus nannte, mag der Himmel wissen, gnug,
er nannte ihn so, und es schmeichelte Reisern nicht wenig, auf die Weise seinen
Namen zum erstenmal in us umgetauft zu sehen. - Da er mit dieser Endigung der
Namen immer die Idee von Würde und einer erstaunenswürdigen Gelehrsamkeit
verknüpft hatte und sich nun schon im Geiste den gelehrten und berühmten
Reiserus nennen hörte.
    Diese Benennung, womit er so zufälligerweise von dem Direktor Ballhorn
beehrt wurde, ist ihm nachher auch oft wieder eingefallen und manchmal mit ein
Sporn zum Fleisse gewesen; denn mit dem us an seinem Namen erwachte auf einmal
die ganze Reihe von Vorstellungen, einmal ein berühmter Gelehrter zu werden, wie
Erasmus Roterodamus und andere, deren Lebensbeschreibungen er zum Teil gelesen
und ihre Bildnisse in Kupfer gestochen gesehen hatte.
    Am Abend ging er nun zu dem armen Schuster und wurde wenigstens mit
freundlichern Blicken als von der Frau des Garnisonküsters empfangen. Der
Schuster Heidorn, so hiess sein Wohltäter, hatte die Schriften des Taulerus und
andre dergleichen gelesen und redete daher eine Art von Büchersprache, wobei er
manchmal einen gewissen predigenden Ton annahm. Gemeiniglich zitierte er einen
gewissen Periander, wenn er etwas behauptete, als: Der Mensch muss sich nur Gott
hingeben, sagt Periander - und so sagte alles, was der Schuster Heidorn sagte,
auch dieser Periander, der im Grunde nichts als eine allegorische Person war,
die in Bunians Christenreise oder sonst irgendwo vorkommt. Aber Reisern klang
der Name Periander so süss in seinen Ohren. - Er dachte sich dabei etwas
Erhabenes, Geheimnisvolles und hörte den Schuster Heidorn immer gern von
Periander sprechen.
    Der gute Heidorn hatte ihn aber etwas zu spät aufgehalten, und als er zu
Hause kam, hatten sein Wirt und seine Wirtin schon ihren Abendsegen gelesen und
nicht unmittelbar darauf zu Bette gehen können, welches seit Jahren nicht
geschehen sein mochte. Dies war denn Ursach, dass Reiser ziemlich kalt und
finster empfangen wurde und sich an diesem Tage, dem er so lange voll sehnlicher
Erwartung entgegengesehen hatte, mit traurigem Herzen niederlegen musste.
    Diese Woche musste er nun zum ersten Male herumessen und machte am Montage
bei dem Garkoch den Anfang, wo er sein Essen unter den übrigen Leuten, die
bezahlten, bekam, und man sich weiter nicht um ihn bekümmerte. - Dies war, was
er wünschte, und er ging immer mit leichterem Herze hieher.
    Den Dienstag Mittag ging er zu dem Schuster Schantz, wo seine Eltern im
Hause gewohnt hatten, und wurde auf das liebreichste und freundlichste
empfangen. Die guten Leute hatten ihn als ein kleines Kind gekannt, und die alte
Mutter des Schusters Schantz hatte immer gesagt, aus dem Jungen wird noch einmal
etwas - und nun freute sie sich, dass ihre Prophezeiung einzutreffen schien. Und
wenn es Reiser je nicht fühlte, dass er fremdes Brot ass, so war es an diesem
gastfreundlichen Tische, wo er oft nachher seines Kummers vergessen hat und mit
heitrer Miene wieder wegging, wenn er traurig hingegangen war. Denn mit dem
Schuster Schantz vertiefte er sich immer in philosophischen Gesprächen, bis die
alte Mutter sagte: Nun Kinder, so hört doch einmal auf und lasst das liebe Essen
nicht kalt werden. O, was war der Schuster Schantz für ein Mann! Von ihm konnte
man mit Wahrheit sagen, dass er vom Lehrstuhle die Köpfe der Leute hätte bilden
sollen, denen er Schuh machte. - Er und Reiser kamen oft in ihren Gesprächen
ohne alle Anleitung auf Dinge, die Reiser nachher als die tiefste Weisheit in
den Vorlesungen über die Metaphysik wiederhörte, und er hatte oft schon
stundenlang mit dem Schuster Schantz darüber gesprochen. - Denn sie waren ganz
von selbst auf die Entwickelung der Begriffe von Raum und Zeit, von
subjektivischer und objektivischer Welt usw. gekommen, ohne die
Schulterminologie zu wissen, sie halfen sich dann mit der Sprache des gemeinen
Lebens, so gut sie konnten, welches oft sonderbar genug herauskam, - kurz, bei
dem Schuster Schantz vergass Reiser alles Unangenehme seines Zustandes, er fühlte
sich hier gleichsam in die höhere Geisterwelt versetzt und sein Wesen wieder
veredelt, weil er jemanden fand, mit dem er sich verstehn und Gedanken gegen
Gedanken wechseln konnte. Die Stunden, welche er hier bei den Freunden seiner
Kindheit und seiner Jugend zubrachte, waren gewiss damals die angenehmsten seines
Lebens. Hier war es allein, wo er sich mit völligem Zutrauen gewissermassen wie
zu Hause fühlte.
    Am Mittwoch ass er denn bei seinem Wirt, wo das wenige, was er genoss, so gut
es auch diese Leute übrigens mit ihm meinen mochten, ihm doch fast jedesmal so
verbittert wurde, dass er sich vor diesem Tage fast mehr wie vor allen andern
fürchtete. Denn an diesem Mittage pflegte seine Wohltäterin, die Frau Filter,
immer nicht geradezu, sondern nur in gewissen Anspielungen, indem sie zu ihrem
Manne sprach, Reisers Betragen durchzugehen, ihm die Dankbarkeit gegen seine
Wohltäter einzuschärfen und etwas von Leuten mit einfliessen zu lassen, die sich
angewöhnt hätten, sehr viel zu essen und am Ende gar nicht mehr zu sättigen
gewesen wären. - Reiser hatte damals, da er in seinem vollen Wachstum war,
wirklich sehr guten Appetit, allein mit Zittern steckte er jeden Bissen in den
Mund, wenn er dergleichen Anspielungen hörte. Bei der Frau Filter geschahe es
nun wirklich nicht sowohl aus Geiz oder Neid, dass sie dergleichen Anspielungen
machte, sondern aus dem feinen Gefühl von Ordnung, welches dadurch beleidiget
wurde, wenn jemand ihrer Meinung nach zu viel ass. - Sie pflegte denn auch wohl
von Gnadenbrünnlein und Gnadenquellen zu reden, die sich verstopften, wenn man
nicht mit Mässigkeit daraus schöpfte.
    Die Frau des Hofmusikus, welche ihm am Donnerstag zu essen gab, war zwar
dabei etwas rauh in ihrem Betragen, quälte ihn aber doch dadurch lange nicht so
als die Frau Filter mit aller ihrer Feinheit. - Am Freitage aber hatte er wieder
einen sehr schlimmen Tag, indem er bei Leuten ass, die es ihn nicht durch
Anspielungen, sondern auf eine ziemlich grobe Art fühlen liessen, dass sie seine
Wohltäter waren. Sie hatten ihn auch noch als Kind gekannt und nannten ihn nicht
auf eine zärtliche, sondern verächtliche Weise bei seinem Vornamen Anton, da er
doch anfing, sich unter die erwachsenen Leute zu zählen. Kurz, diese Leute
behandelten ihn so, dass er den ganzen Freitag über missmütig und traurig zu sein
pflegte und zu nichts recht Lust hatte, ohne oft zu wissen worüber. Es war aber
darüber, dass er den Mittag der erniedrigenden Begegnung dieser Leute ausgesetzt
war, deren Wohltat er sich doch notwendig wieder gefallen lassen musste, wenn es
ihm nicht als der unverzeihlichste Stolz sollte ausgelegt werden. - Am Sonnabend
ass er denn bei seinem Vetter, dem Perückenmacher, wo er eine Kleinigkeit
bezahlte und mit frohem Herzen ass, und den Sonntag wieder bei dem
Garnisonküster.
    Dies Verzeichnis von Reisers Freitischen und den Personen, die sie ihm
gaben, ist gewiss nicht so unwichtig, wie es manchem vielleicht beim ersten
Anblick scheinen mag - dergleichen kleinscheinende Umstände sind es eben, die
das Leben ausmachen und auf die Gemütsbeschaffenheit eines Menschen den
stärksten Einfluss haben. - Es kam bei Reisers Fleiss und seinen Fortschritten,
die er an irgendeinem Tage tun sollte, sehr viel darauf an, was er für eine
Aussicht auf den folgenden Tag hatte, ob er gerade bei dem Schuster Schantz oder
bei der Frau Filter oder dem Garnisonküster essen musste. Aus dieser seiner
täglichen Situation nun wird sich grösstenteils sein nachheriges Betragen
erklären lassen, welches sonst sehr oft mit seinem Charakter widersprechend
scheinen würde.
    Ein grosser Vorteil würde es für Reisern gewesen sein, wenn ihn der Pastor
Marquard wöchentlich einmal hätte bei sich essen lassen. Aber dieser gab ihm
statt dessen einen sogenannten Geldtisch, so wie auch der Seidensticker; von
diesen wenigen Groschen nun musste Reiser wöchentlich sein Frühstück und
Abendbrot bestreiten. So hatte die Frau Filter es angeordnet. Denn was der Prinz
hergab, sollte alles für ihn gespart werden. Sein Frühstück bestand also in ein
wenig Tee und einem Stück Brot, und sein Abendessen in ein wenig Brot und Butter
und Salz. Dann sagte die Frau Filter, er müsse sich ans Mittagessen halten, doch
aber gab sie ihm zu verstehen, dass er sich ja hüten müsse, sich zu überessen.
    So war nun Reisers Ökonomie eingerichtet, was seinen Unterhalt anbetraf.
Aber auch zu seiner Kleidung wurde nicht einmal von dem Gelde, was der Prinz für
ihn hergab, etwas genommen, sondern ein alter, grober, roter Soldatenrock für
ihn gekauft, der ihm zurechtgemacht wurde und womit er nun die öffentliche
Schule besuchen sollte, in welcher nun auch der Allerärmste besser als er
gekleidet war; ein Umstand, der nicht wenig dazu beitrug, gleich anfänglich
seinen Mut in etwas niederzuschlagen.
    Dazu kam nun noch, dass er das Kommissbrot, welches der Hoboist Filter
empfing, holen und unter den Armen durch die Stadt tragen musste, welches er
zwar, wenn es irgend möglich war, in der Dämmerung tat, aber es sich doch auf
keine Weise durfte merken lassen, dass er sich dies zu tun schäme, wenn es ihm
nicht ebenfalls als ein unverzeihlicher Stolz sollte ausgelegt werden; denn von
diesem Brote wurde ihm selbst wöchentlich eins für ein geringes Geld überlassen,
wovon er denn sein Frühstück und seinen Abendtisch bestreiten musste.
    Gegen dies alles durfte er sich nun nicht im mindesten auflehnen, weil der
Pastor Marquard in die Einsichten der Frau Filter, was Reisers Erziehung und die
Einrichtung seiner Lebensart anbetraf, ein unbegrenztes Zutrauen setzte. In
derselben Woche machte er auch noch seinen Besuch bei diesen Leuten und dankte
ihnen, dass sie die nähere Aufsicht über Reisern hätten übernehmen wollen, den er
nun völlig ihrer Sorgfalt anvertraute. Reiser sass dabei halbtraurig am Ofen, ob
er gleich nicht gerne undankbar für die Vorsorge des Pastor Marquard sein
wollte. Aber er hing nun von diesem Augenblick an ganz und gar von Leuten ab,
bei denen er die wenigen Tage schon in einem so peinlichen Zustande zugebracht
hatte. Bei aller dieser anscheinenden Güte, die ihm erwiesen wurde, konnte er
sich nie recht freuen, sondern war immer ängstlich und verlegen, weil ihm jede,
auch die kleinste Unzufriedenheit, die man ihm merken liess, doppelt kränkend
war, sobald er bedachte, dass selbst der eigentliche Fleck seines Daseins, das
Obdach, dessen er sich erfreute, bloss von der Güte so sehr empfindlicher und
leicht zu beleidigender Personen abhing, als Filter und noch weit mehr seine
Frau war.
    Bei dem allen war ihm nun doch der Gedanke aufmunternd, dass er in der
künftigen Woche die sogenannte hohe Schule zu besuchen anfangen sollte. Das war
so lange sein sehnlichster Wunsch gewesen. Wie oft hatte er mit Ehrfurcht das
grosse Schulgebäude mit der hohen steinernen Treppe vor demselben angestaunt,
wenn er über den Marktkirchhof ging. - Stundenlang stand er oft, ob er etwa
durch die Fenster etwas von dem, was inwendig vorging, erblicken könnte. Nun
schimmerte von dem grossen Kateder in Prima zufälligerweise ein Teil durch das
Fenster - wie malte sich seine Phantasie das aus! Wie oft träumte ihm des Nachts
von diesem Kateder und von langen Reihen von Bänken, wo die glücklichen Schüler
der Weisheit sassen, in deren Gesellschaft er nun bald sollte aufgenommen werden.
    So bestanden von seiner Kindheit auf seine eigentlichen Vergnügungen
grösstenteils in der Einbildungskraft, und er wurde dadurch einigermassen für den
Mangel der wirklichen Jugendfreuden, die andre in vollem Masse geniessen, schadlos
gehalten. - Dicht neben der Schule führten zwei lange Gänge nach den
nebeneinander gebauten Priesterhäusern. Die machten ihm einen so ehrwürdigen
Prospekt, dass das Bild davon nebst dem Schulgebäude Tag und Nacht das
herrschende in seiner Seele war - und denn die Benennung hohe Schule, welche
unter gemeinen Leuten im Gebrauch war, und der Ausdruck hohe Schüler, welchen er
ebenfalls oft gehört hatte, machten, dass ihm seine Bestimmung, diese Schule zu
besuchen, immer wichtiger und grösser vorkam.
    Der Zeitpunkt wo dies geschehen sollte, war nun da, und mit klopfendem
Herzen erwartete er den Augenblick, wo ihn der Direktor Ballhorn in einen dieser
Hörsäle der Weisheit führen würde. Er wurde von dem Direktor geprüft und tüchtig
befunden, in die zweite Klasse gesetzt zu werden. Die mit einer natürlichen
Würde verknüpfte Freundlichkeit, womit ihn dieser Mann zuerst mein lieber Reiser
nannte, ging ihm durch die Seele und flösste ihm das innigste Zutrauen verbunden
mit einer unbegrenzten Ehrfurcht gegen den Direktor ein. O, was vermag ein
Schulmann über die Herzen junger Leute, wenn er gerade so wie der Direktor
Ballhorn den rechten Ton einer durch Leutseligkeit gemilderten Würde in seinem
Betragen zu treffen weiss!
    Den Sonntag nach der Konfirmation ging nun Reiser zuerst zum Abendmahl und
suchte nun aufs gewissenhafteste die Lehren in Ausübung zu bringen, welche er
sich darüber aufgeschrieben und auswendig gelernt hatte, als die vorhergehende
Prüfung nach dem Buss- und Sündenspiegel und dann das Hinzutreten zum Altar mit
einem freudigen Zittern. - Er suchte sich auf alle Weise in eine solche Art von
freudigen Zittern zu versetzen; es wollte ihm aber nicht gelingen, und er machte
sich selbst die bittersten Vorwürfe darüber, dass sein Herz so verhärtet war.
Endlich fing er vor Kälte an zu zittern, und dies beruhigte ihn einigermassen.
    Allein die himmlische Empfindung und das selige Gefühl, das ihm nun diese
Seelenspeise gewähren sollte, alles das empfand er nicht - er schrieb aber die
Schuld davon bloss seinem eigenen verstockten Herzen zu und quälte sich selbst
über den Zustand der Gleichgültigkeit, worin er sich fühlte.
    Am meisten schmerzte es ihn, dass er nicht recht zur Erkenntnis seines
Sündenelendes kommen konnte, welches doch zur Heilsordnung nötig war. Auch hatte
er den Tag vorher in einer auswendig gelernten Beichte im Beichtstuhl bekennen
müssen, dass er leider viel und mannigfaltig gesündigt mit Gedanken, Worten und
Werken, mit Unterlassung des Guten und Begehung des Bösen.
    Die Sünden nun, deren er sich schuldig glaubte, waren vorzüglich
Unterlassungssünden. Er betete nicht andächtig gnug, liebte Gott nicht eifrig
gnug, fühlte nicht Dankbarkeit gnug gegen seine Wohltäter und empfand kein
freudiges Zittern, da er zum Abendmahle ging. - Dies alles ging ihm nun nahe,
aber er konnte es doch mit Zwang nicht abhelfen, darum war es ihm insofern recht
lieb, dass ihm für diese Vergehungen von dem Pastor Marquard die Absolution
erteilet wurde.
    dabei blieb er aber doch immer mit sich selber unzufrieden: denn zu der
Gottseligkeit und Frömmigkeit rechnete er vorzüglich die Aufmerksamkeit auf
jeden seiner Schritte und Tritte, auf jedes Lächeln und auf jede Miene, auf
jedes Wort, das er sprach, und auf jeden Gedanken, den er dachte. - Diese
Aufmerksamkeit musste nun natürlicherweise sehr oft unterbrochen werden und
konnte nicht wohl über eine Stunde in einem fortdauern - sobald nun Reiser seine
Zerstreuung merkte, ward er unzufrieden mit sich selbst und hielt es am Ende
beinahe für unmöglich, ein ordentlich gottseliges und frommes Leben zu führen.
    Die Frau Filter hielt ihm an dem Tage, da er zum Abendmahl ging, eine lange
Predigt über die bösen Lüste und Begierden, die in diesem Alter zu erwachen
pflegten, und wogegen er nun kämpfen müsse. Zum Glück verstand Reiser nicht, was
sie eigentlich damit meinte, und wagte es auch nicht, sich genauer darnach zu
erkundigen, sondern nahm sich nur fest vor, wenn böse Lüste in ihm erwachen
sollten, sie möchten auch sein von welcher Art sie wollten, ritterlich dagegen
anzukämpfen.
    Er hatte bei seinem Religionsunterricht auf dem Seminarium zwar schon von
allerlei Sünden gehört, wovon er sich nie einen rechten Begriff machen konnte,
als von Sodomiterei, stummen Sünden und dem Laster der Selbstbefleckung, welche
alle bei der Erklärung des sechsten Gebots genannt wurden, und die er sich sogar
aufgeschrieben hatte. Aber die Namen waren auch alles, was er davon wusste; denn
zum Glück hatte der Inspektor diese Sünden mit so fürchterlichen Farben gemalt,
dass sich Reiser schon vor der Vorstellung von diesen ungeheuren Sünden selbst
fürchtete und mit seinen Gedanken in das Dunkel, welches sie umhüllte, nicht
tiefer einzudringen wagte. - Überhaupt waren seine Begriffe von dem Ursprung des
Menschen noch sehr dunkel und verworren, ob er gleich nicht mehr glaubte, dass
der Storch die Kinder bringe. - Seine Gedanken waren gewiss damals rein; denn ein
gewisses Gefühl von Scham, das ihm natürlich zu sein schien, war Ursach, dass er
weder mit seinen Gedanken über dergleichen Gegenständen verweilte, noch sich mit
seinen Mitschülern und Bekannten darüber zu unterreden wagte. Auch kamen ihm
seine religiösen Begriffe von Sünde wohl hiebei zustatten. - Es war ihm
fürchterlich genug, dass es wirklich dergleichen Laster, die er nur den Namen
nach kannte, in der Welt gab, geschweige denn, dass er nur einen Gedanken hätte
haben sollen, sie näher kennen zu lernen.
    Am Montag morgen introduzierte ihn nun der Direktor Ballhorn in die zweite
Klasse des Lyzeums, wo der Konrektor und der Kantor unterrichteten. - Der
Konrektor war zugleich Prediger, und Reiser hatte ihn oft predigen hören. - Er
war es eben, dessen Art, sich in seinem Priesterornat zu tragen, Reisern
besonders gefiel, so dass er dieselbe mit einem gewissen Auf-und Niederbewegen
des Kinns zuweilen nachzuahmen suchte. Auch war der Pastor Grupen, so hiess er,
noch ein sehr junger, der Kantor hingegen war ein alter und etwas
hypochondrischer Mann.
    In der zweiten Klasse waren schon ziemlich erwachsene junge Leute, und
Reiser bildete sich nicht wenig darauf ein, nun ein Sekundaner zu sein.
    Die Lehrstunden nahmen ihren Anfang: der Konrektor lehrte die Teologie, die
Geschichte, den lateinischen Stil und das griechische Neue Testament. - Der
Kantor den Katechismus, die Geographie und die lateinische Grammatik. Des
Morgens um sieben Uhr fingen die Stunden an und dauerten bis zehn, und des
Nachmittags um ein Uhr fingen sie wieder an und dauerten bis um vier Uhr. - Hier
musste nun also Reiser nebst zwanzig bis dreissig andern jungen Leuten einen
grossen Teil seines damaligen Lebens zubringen. Es war also gewiss kein
unwichtiger Umstand, wie diese Lehrstunden eingerichtet waren.
    Alle Morgen früh wurde nach der vorgeschriebenen Ordnung zuerst ein Kapitel
aus der Bibel gelesen, wie es jedesmal in der Reihe folgte, es mochte nun so
lang oder kurz sein, wie es wollte. Darauf wurde denn nach einer gewissen
Heilsordnung zweimal die Woche eine Art von Teologie doziert, worin z.B. die
opera ad extra und die opera ad intra vorkamen, die vorzüglich eingeprägt
wurden. Unter den erstern wurden nämlich die Werke verstanden, woran alle drei
Personen in der Gotteit teilnahmen, als die Schöpfung, Erlösung usw., ob sie
gleich einer Person vorzüglich zugeschrieben werden; und unter den letztern
wurde das verstanden, wodurch sich eine Person von der andern unterschied, und
was ihr nur ganz allein zukommt, als die Zeugung des Sohnes vom Vater, das
Ausgehen des heiligen Geistes vom Vater und Sohn usw. Reiser hatte diese
Unterschiede zwar schon auf dem Seminarium gelernet, aber es freute ihn doch
sehr, dass er sie nun auch lateinisch zu benennen wusste. Die opera ad extra und
die opera ad intra prägten sich ihm von dem teologischen Unterricht am tiefsten
ein.
    Zwei Stunden in der Woche trug der Konrektor eine Art von
Universalgeschichte nach dem Holberg vor, und der Kantor lehrte die Geographie
nach dem Hübner. Das war der ganze wissenschaftliche Unterricht. Alle übrige
Zeit wurde auf die Erlernung der lateinischen Sprache verwandt. Diese war es
denn auch allein, worin sich jemand Ruhm und Beifall erwerben konnte. Denn die
Ordnung der Plätze richtete sich nur nach der Geschicklichkeit im Lateinischen.
    Der Kantor hatte nun die Metode, dass er über eine Anzahl von Regeln aus der
grossen Märkischen Grammatik wöchentlich einen kleinen Aufsatz diktierte, der ins
Lateinische übersetzt werden musste, und wo die Ausdrücke so gewählt waren, dass
immer gerade die jedesmaligen grammatikalischen Regeln darauf konnten angewandt
werden. Wer nun auf die Erklärung derselben am besten achtgegeben hatte, der
konnte auch sein sogenanntes Exerzitium am besten machen und sich dadurch zu
einem höhern Platze hinaufarbeiten.
    So sonderbar nun auch die um des Lateinischen willen zusammengelesenen
deutschen Ausdrücke zuweilen klangen, so nützlich war doch im Grunde diese
Übung, und solch einen Wetteifer erregte sie. - Denn binnen einem Jahre kam
Reiser dadurch so weit, dass er ohne einen einzigen grammatikalischen Fehler
Latein schrieb und sich also in dieser Sprache richtiger als in der deutschen
ausdrückte. Denn im Lateinischen wusste er, wo er den Akkusativ und den Dativ
setzen musste. Im Deutschen aber hatte er nie daran gedacht, dass mich z.B. der
Akkusativ und mir der Dativ sei, und dass man seine Muttersprache ebenso wie das
Lateinische auch deklinieren und konjugieren müsse. - Indes fasste er doch
unvermerkt einige allgemeine Begriffe, die er nachher auf seine Muttersprache
anwenden konnte. - Er fing allmählich an, sich deutliche Begriffe von dem zu
machen, was man Substantivum und Verbum nannte, welche er sonst noch oft
verwechselte, wo sie aneinander grenzten, als z.B. gehn und das Gehen. Weil aber
dergleichen Irrtümer in der lateinischen Ausarbeitung immer einen Fehler zu
veranlassen pflegten, so wurde er beständig aufmerksamer darauf und lernte auch
die feinern Unterschiede zwischen den Redeteilen und ihren Abänderungen
unvermerkt einsehen, so dass er sich nach einiger Zeit zuweilen selbst
verwunderte, wie er vor kurzem noch solche auffallende Fehler habe machen
können.
    Der Kantor pflegte unter jede lateinische Ausarbeitung, nachdem er an den
Seiten mit roten Strichen die Anzahl der Fehler bemerkt hatte, sein vidi (ich
habe es durchgesehen) zu setzen. Da nun Reiser dies vidi unter seinem ersten
Exerzitium sah, so glaubte er, es sei dies ein Wort, das er selbst immer ans
Ende der Ausarbeitung schreiben müsse, und dessen Auslassung ihm der Kantor mit
als einen Fehler angerechnet habe. Er schrieb also mit eigner Hand unter sein
zweites Exerzitium vidi, worüber der Kantor und sein Sohn, der dabei war, laut
auflachten und ihm erklärten, was es hiesse. - Auf einmal sah nun Reiser seinen
Irrtum und konnte nicht begreifen, wie er nicht selbst auf die richtige
Erklärung des vidi gefallen sei, da er doch sonst wohl wusste, was vidi hiess.
    Es war ihm, als ob er mit Beschämung aus einer Art von Dummheit erwachte,
die ihm angewandelt hatte. Und er wurde auf einige Augenblicke fast ebenso
niedergeschlagen darüber, als da der Inspektor auf dem Seminarium einst zu ihm
sagte: dummer Knabe, indem er glaubte, dass er nicht einmal buchstabieren könne.
Eine solche Art von wirklicher oder anscheinender Dummheit bei gewissen
Vorfällen rührte zum Teil aus einem Mangel an Gegenwart des Geistes, zum Teil
aus einer gewissen Ängstlichkeit oder auch Trägheit her, wodurch die natürliche
Kraft des Denkens auf eine Zeitlang an ihrer freien Wirksamkeit gehindert wurde.
    Noch eine Hauptlektion waren die Lebensbeschreibungen der griechischen
Feldherrn vom Kornelius Nepos, wovon wöchentlich ein Kapitel aus der
Lebensbeschreibung irgendeines Feldherrn auswendig musste hergesagt werden. Diese
Gedächtnisübungen wurden Reisern sehr leicht, weil er nicht sowohl die Worte als
die Sachen sich einzuprägen suchte, welches er allemal des Abends vor dem
Schlafengehen tat und des Morgens, wenn er aufwachte, die Ideen weit heller und
besser geordnet als den Abend vorher in seinem Gedächtnis wiederfand, gleichsam,
als ob die Seele während dem Schlafen fortgearbeitet und das, was sie einmal
angefangen, nun während der gänzlichen Ruhe des Körpers mit Musse vollendet
hätte.
    Alles, was Reiser dem Gedächtnis anvertraute, pflegte er auf die Weise
auswendig zu lernen.
    Er fing nun auch an, sich mit der Poesie zu beschäftigen, welches er schon
in seiner Kindheit getan hatte, wo denn seine Verse immer die schöne Natur, das
Landleben und dergleichen zum Gegenstand zu haben pflegten. Denn seine einsamen
Spaziergänge und der Anblick der grünen Wiesen, wenn er etwa einmal vor das Tor
kam, war wirklich das einzige, was ihn in seiner Lage in eine poetische
Begeisterung versetzen konnte.
    Als ein Knabe von zehn Jahren verfertigte er ein paar Strophen, die sich
anfingen:
In den schön beblümten Auen
Kann man Gottes Güte schauen, usw.
welche sein Vater in Musik setzte. Und das Gedicht, das er jetzt hervorbrachte,
war eine Einladung auf das Land, worin wenigstens die Worte nicht übel gewählt
waren. - Dies kleine Gedicht gab er dem jungen Marquard, durch welchen es in die
Hände des Pastor Marquard und des Direktors kam, die ihren Beifall darüber
bezeigten, so dass Reiser beinahe angefangen hätte, sich für einen Dichter zu
halten. Aber der Kantor benahm ihm fürs erste diesen Irrtum, indem er sein
Gedicht Zeile vor Zeile mit ihm durchging und ihn sowohl auf die Fehler gegen
das Metrum als auf den fehlerhaften Ausdruck und den Mangel des Zusammenhangs
der Gedanken aufmerksam machte.
    Diese scharfe Kritik des Kantors war für Reisern eine wahre Wohltat, die er
ihm nie genug verdanken kann. Der Beifall, den dies erste Produkt seiner Muse so
unverdienterweise erhielt, hätte ihm sonst vielleicht auf sein ganzes Leben
geschadet.
    Demohngeachtet wandelte ihm der furor poeticus noch manchmal an, und weil
ihn jetzt wirklich das Vergnügen, dem Studieren obzuliegen, am meisten
begeisterte, so wagte er sich an ein neues Gedicht zum Lobe der Wissenschaften,
welches sich komisch genug anhob:
An euch, ihr schönen Wissenschaften,
An euch soll meine Seele haften, usw.
Der Kantor lehrte auch lateinische Verse machen, trug die Regeln der Prosodie
vor, die er nachher auf Catonis disticha beim Skandieren derselben anwenden
liess. Reiser fand hieran sehr grosses Vergnügen, weil es ihm so gelehrt klang,
lateinische Verse skandieren zu können und zu wissen, warum die eine Silbe lang
und die andere kurz ausgesprochen werden musste; der Kantor schlug mit den Händen
den Takt beim Skandieren. Das anzusehen und mitmachen zu können, war ihm denn
eine wahre Seelenfreude. - Und als nun gar der Kantor zuletzt eine Anzahl
durcheinandergeworfener lateinischer Wörter, welches Verse gewesen waren,
diktierte, damit sie wieder in metrische Ordnung gebracht werden sollten, welch
ein Vergnügen für Reisern, da er nun mit wenigen Fehlern ein paar ordentliche
Hexameter wieder herausbrachte und von dem Kantor einen alten Kurtius zum
Prämium erhielt.
    Hier herrschte nun gewiss der sogenannte alte Schulschlendrian, und Reiser
kam demohngeachtet in einem Jahre so weit, dass er ohne einen grammatikalischen
Fehler Latein schreiben und einen lateinischen Vers richtig skandieren konnte. -
Das ganz einfache Mittel hierzu war - die öftere Wiederholung des Alten mit dem
Neuen, welches doch die Pädagogen der neuern Zeiten ja in Erwägung ziehen
sollten. Eine Sache mag noch so schön vorgetragen sein, sobald sie nicht öfter
wiederholt wird, haftet sie schlechterdings nicht in dem jugendlichen Gemüte.
Die Alten haben gewiss nicht in den Wind geredet, wenn sie sagten: dass die
Wiederholung die Mutter des Studierens sei.
    Von zehn bis elf Uhr gab der Konrektor noch eine Privatstunde im deutschen
Deklamieren und im deutschen Stil, worauf sich Reiser immer am meisten freute,
weil er Gelegenheit hatte, sich durch Ausarbeitungen hervorzutun und sich
zugleich vom Kateder öffentlich konnte hören lassen, welches einige Ähnlichkeit
mit dem Predigen hatte, das immer der höchste Gegenstand aller seiner Wünsche
war.
    Ausser ihm war nun noch einer, namens Iffland, der an dieser Übung im
Deklamieren ein ebenso grosses Vergnügen fand. Dieser Iffland ist nachher einer
unsrer ersten Schauspieler und beliebtesten dramatischen Schriftsteller
geworden; und Reisers Schicksal hat mit dem seinigen bis auf einen gewissen
Zeitpunkt viel Ähnliches gehabt. - Iffland und Reiser zeichneten sich immer in
der Deklamationsübung am meisten aus. - Iffland übertraf Reisern weit an
lebhaftem Ausdruck der Empfindung - Reiser aber empfand tiefer. - Iffland dachte
weit schneller und hatte daher Witz und Gegenwart des Geistes, aber keine
Geduld, lange über einem Gegenstande auszuhalten. - Reiser schwang sich daher
auch in allen übrigen bald über ihn hinauf. - Er verlor allemal gegen Iffland,
sobald es auf Witz und Lebhaftigkeit ankam, aber er gewann immer gegen ihn,
sobald es darauf ankam, die eigentliche Kraft des Denkens an irgendeinem
Gegenstande zu üben. - Iffland konnte sehr lebhaft durch etwas gerührt werden,
aber es machte bei ihm keinen so dauernden Eindruck. Er konnte sehr leicht und
wie im Fluge etwas fassen, aber es entwischte ihm gemeiniglich ebenso schnell
wieder. - Iffland war zum Schauspieler geboren. Er hatte schon als ein Knabe von
zwölf Jahren alle seine Mienen und Bewegungen in seiner Gewalt - und konnte alle
Arten von Lächerrlichkeiten in der vollkommensten Nachahmung darstellen. Da war
kein Prediger in Hannover, dem er nicht auf das natürlichste nachgepredigt
hatte. Dazu wurde denn gemeiniglich die Zwischenzeit, ehe der Konrektor zur
Privatstunde kam, angewandt. Jedermann fürchtete sich daher vor Iffland, weil er
jedermann, sobald er nur wollte, lächerrlich zu machen wusste. - Reiser liebte ihn
dennoch und hätte schon damals gern nähern Umgang mit ihm gehabt, wenn die
Verschiedenheit der Glücksumstände es nicht verhindert hätte. Ifflands Eltern
waren reich und angesehn, und Reiser war ein armer Knabe, der von Wohltaten
lebte, demohngeachtet aber den Gedanken bis in den Tod hasste, sich auf
irgendeine Weise Reichen aufzudringen. - Indes genoss er von seinen reichern und
besser gekleideten Mitschülern weit mehr Achtung, als er erwartet hatte, welches
zum Teil wohl mit daher kommen mochte, weil man wusste, dass ihn der Prinz
studieren liesse, und ihn daher schon in einem etwas höhern Lichte betrachtete,
als man sonst würde getan haben. - Dies brachte ihm auch von seinen Lehrern
etwas mehr Aufmerksamkeit und Achtung zuwege.
    Ob nun gleich zum Teil schon erwachsene Leute von siebzehn bis achtzehn
Jahren in dieser Klasse sassen, so herrschten doch darin noch sehr erniedrigende
Strafen. Der Konrektor sowohl als der Kantor teilten Ohrfeigen aus und bedienten
sich zu schärfern Züchtigungen der Peitsche, welche beständig auf dem Kateder
lag; auch mussten diejenigen, welche etwas verbrochen hatten, manchmal zur Strafe
am Kateder knien.
    Reisern war der Gedanke schon unerträglich, sich jemals eine solche Strafe
von Männern zuzuziehen, welche er als seine Lehrer im hohen Grade liebte und
ehrte, und nichts eifriger wünschte, als sich wiederum ihre Liebe und Achtung zu
erwerben. Welch eine Wirkung musste es also auf ihn tun, da er einmal, ehe er
sichs versah und ganz ohne seine Schuld, das Schicksal einiger seiner
Mitschüler, welche wegen eines vorgefallenen Lärms vom Konrektor mit der
Peitsche bestraft wurden, teilen musste. Gleiche Brüder, gleiche Kappen, sagte
der Konrektor, da er an ihn kam, und hörte auf keine Entschuldigungen, drohte
auch noch dazu, ihn bei dem Pastor Marquard zu verklagen. Das Gefühl seiner
Unschuld beseelte Reisern mit einem edlen Trotze, und er drohte wieder, den
Konrektor bei dem Pastor Marquard zu verklagen, dass er ihn unschuldigerweise auf
eine so erniedrigende Art behandelte.
    Reiser sagte dies mit der Stimme der unterdrückten Unschuld, und der
Konrektor antwortete ihm kein Wort. Aber von der Zeit an war auch alles Gefühl
von Achtung und Liebe für den Konrektor wie aus seinem Herzen weggeblasen. Und
da der Konrektor nun einmal in seinen Strafen weiter keinen Unterschied machte,
so achtete Reiser eine Ohrfeige oder einen Peitschenschlag von ihm ebenso wenig,
als ob irgendein unvernünftiges Tier an ihn angerannt wäre. Und weil er nun
sah, dass es gleichviel war, ob er sich die Achtung dieses Lehrers zu erwerben
suchte oder nicht, so hing er auch nun seiner Neigung nach und war nicht mehr
aus Pflicht, sondern bloss, wenn ihn die Sache interessierte, aufmerksam. Er
pflegte denn oft stundenlang mit seinem Freunde Iffland zu plaudern, mit dem er
denn zuweilen gesellschaftlich am Kateder knien musste. Iffland fand auch hierin
Stoff, seinen Witz zu üben, indem er das Kateder, worauf sich der Konrektor mit
den Ellenbogen gestützt hatte, mit dem mecklenburgischen Wappen und sich und
Reisern mit den beiden Schildhaltern verglich. - Ifflands Schalkhaftigkeit war
durch keine Strafen zu unterdrücken, ausgenommen durch eine, wo er einmal eine
ganze Stunde lang mit dem Gesicht gegen den Ofen gekehrt stehen musste und also
seinen Witz nicht spielen lassen oder gegen jemand irgendeine Pantomime machen
konnte. - Diese Strafe presste ihm zum erstenmal Tränen aus, und er legte sich im
Ernst aufs Bitten, welches er sonst nie tat. - So war die Disziplin des
Konrektors beschaffen. - Es hatte einmal einer aus Versehen seine Nachtmütze
statt des Buchs in die Tasche gesteckt, und er liess ihn mit der Nachtmütze auf
dem Kopfe eine Stunde lang vor der ganzen Klasse knien, worüber denn Iffland
seinen tausend Spass hatte und seinen Nachbarn, die sich über seine Pantomime und
seine drollichten Einfälle zuweilen des Lachens nicht entalten konnten, manche
Ohrfeige zuzog.
    Was nun diese Disziplin des Konrektors auf das Gemüt und den Charakter
seiner Untergebenen für eine Würkung getan, was für ein rühmliches Andenken er
sich dadurch in den Herzen seiner Schüler gestiftet habe, und was für einen
Kranz er sich dadurch erworben habe, mag seinem eigenen Gewissen anheimgestellt
sein. - Wenn er sich denn oft so recht als ein Held gezeigt hatte, so pflegte er
wohl zu sagen: Ich bin keine Schlafmütze wie andre, und deutete damit, dass es
jedermann merken konnte, auf seinen Kollegen, den Kantor, der, ohngeachtet
seiner hypochondrischen Laune und einiger ihm anklebenden Pedanterie, ein weit
besserer Mann war als der Konrektor.
    Nie hat Reiser von diesem einen Schlag bekommen, ob derselbe gleich sonst
eben nicht karg mit Ohrfeigen und ziemlich freigebig mit der Peitsche war. Aber
er sah doch ein, dass es Reisern im Ernst darum zu tun war, Strafe zu vermeiden,
und nun schlug er doch nicht blindlings zu. Bei ihm lernte auch Reiser weit mehr
als bei dem Konrektor, weil er aus Pflicht aufmerksam war, wenn ihn gleich die
Sache nicht interessierte. - Und da es ihm gelang, sich durch die lateinischen
Ausarbeitungen bis zum ersten Platze hinaufzuarbeiten: wie aufmunternd war ihm
nun das Lob des Kantors und wie eindringend der Zuspruch desselben, dass er sich
nun auf diesem Platze solle zu behaupten suchen! - Nun erteilte der Kantor immer
dem Ersten in der Klasse das Amt eines Zensors oder Aufsehers über das Betragen
der übrigen, und da nun Reiser sich immer auf seinem ersten Platze behauptete,
so gab ihm der Kantor den ehrenvollen Titel eines censor perpetuus oder
immerwährenden Aufsehers. Er verwaltete dies Amt mit der grössten
Gewissenhaftigkeit und Unparteilichkeit und sah es oft mit Wehmut an, wie die
Buben den guten Kantor, der freilich auch nicht immer den rechten Weg der
Disziplin einschlug, ärgerten und ihm das Leben sauer machten, so dass derselbe
oft in der Betrübnis seines Herzens ausrief: Quem Dii odere, paedagogum fecere,
wen die Götter hassten, den machten sie zum Schulmann. - Für den Kantor hätte
Reiser alles aufgeopfert, weil er nie ungerecht gegen ihn gewesen war, obgleich
das Betragen desselben sonst auch nicht immer das freundlichste war. - Wie
rührend war es Reisern oft, wenn in der Katechismusstunde alles um ihn her
lärmte und tobte, und der Kantor denn mit Gewalt aufs Buch schlug und sagte: Ich
habe Gottes Wort an euch! - Nur schade, dass der gute Mann dergleichen Ausdrücke,
die, zu rechter Zeit angebracht, ihre Wirkung nicht verfehlen, zu oft anbrachte
und gewisse Gemeinplätze als: Torheit steckt dem Knaben im Herzen und
dergleichen, alle Augenblicke im Munde führte, wodurch man sich denn am Ende so
sehr daran gewöhnte, dass niemand mehr darauf achtete, und eben daher entstand
die ewige Unruhe in den Lehrstunden des Kantors. - Der Konrektor sprach weniger
bei seinen Züchtigungen, darum bewirkten sie mehr Stille und Ordnung.
    Da nun Reiser auf eine kurze Zeit die Schule besucht hatte, so kam er auf
den Einfall, ins Chor zu gehen; nicht sowohl um Geld zu verdienen, als vielmehr
in einen neuen ehrenvollen Stand zu treten, wovon er sich schon als
Hutmacherbursche in Braunschweig immer so grosse Begriffe gemacht hatte. -
    Seine Phantasie hatte hier wieder Spielraum. - Das war ihm alles so
himmlisch, so feierlich, in die Lobgesänge zur Ehre Gottes öffentlich mit
einzustimmen. - Der Name »Chor« tönte ihm so angenehm. - Das Lob Gottes in
»vollen Chören« zu singen war ein Ausdruck, der ihm immer im Sinn schallte. - Er
konnte die Zeit kaum abwarten, wo er in diese glänzende Versammlung würde
aufgenommen werden.
    Einer seiner Mitschüler, der schon lange im Chor gesungen hatte, versicherte
ihm zwar, er sei es so satt und überdrüssig, dass er lieber heute als morgen
davon frei sein möchte. - Reiser konnte sich das unmöglich einbilden. Er
besuchte mit grossem Eifer die Lehrstunde, wo der Kantor Unterricht im Singen
erteilte, und beneidete nun jeden, der eine bessere Stimme besass als er.
    Nicht weit von Hannover ist ein Wasserfall, wo er auf Anraten des Kantors
oft stundenlang hinging, um sich recht auszuschreien und seine Stimme zu üben. -
Allein es wollte mit dem Singen nie recht fort. Denn es fehlte ihm zugleich an
dem, was man musikalisches Gehör nennt. Aber das Teoretische, was der Kantor
bei seinem Unterricht mit einfliessen liess, war ihm desto willkommner, und er
machte dem Kantor durch seine Aufmerksamkeit viel Vergnügen.
    Reiser empfand nun wirkliche Liebe gegen den Kantor und machte allentalben
sehr viel Rühmens von ihm, so wie dieser ihn wieder bei den Leuten lobte. - Da
fügte es sich einmal, dass Reiser dem Kantor für das gute Zeugnis dankte, das ihm
derselbe bei einem seiner Gönner gegeben hatte, und der Kantor erwiderte: Reiser
habe ihm ja auch ein gutes Zeugnis gegeben; denn es war ihm wieder zu Ohren
gekommen, wie gut Reiser allentalben von ihm sprach.
    Die Freude dieses Augenblicks hätte Reiser um vieles in der Welt nicht
gegeben, so angenehm war es ihm, dass sein Lehrer es nun selber wusste, wie sehr
er ihn liebte. - Wer ihm das beim ersten Anblick gesagt hätte, dem würde er es
nicht geglaubt haben, dass der Kantor einmal so sehr sein Freund sein würde. Denn
der Konrektor war erstlich sein Mann; dessen lächelnde freundliche Miene und
glatte Stirne nahmen ihn ein, indes die finstere Miene des Kantors und seine
runzelvolle Stirn ihn zurückscheuchten. Ach, was für ein artiger freundlicher
Mann ist der Konrektor gegen den alten mürrischen Kantor! pflegte er im Anfang
oft zu sagen: aber bei der genauern Bekanntschaft wandte sich das Blatt gar bald
um.
    Reiser suchte sich auch auf alle Weise in der Achtung des Kantors immer
fester zu setzen. Dies ging so weit, dass er auf einem öffentlichen
Spazierplatze, wo der Kantor hinzukommen pflegte, mit einem aufgeschlagenen
Buche in der Hand auf und nieder ging, um die Blicke seines Lehrers auf sich zu
ziehen, der ihn nun für ein Muster des Fleisses halten sollte, weil er sogar beim
Spaziergehen studierte. - Ob nun Reiser gleich an dem Buche, das er las,
wirklich Vergnügen fand, so war doch das Vergnügen, von dem Kantor in dieser
Attitüde bemerkt zu werden, noch weit grösser, und man sieht auch aus diesem
Zuge seinen Hang zur Eitelkeit. Es lag ihm mehr an dem Schein als an der Sache,
obgleich die Sache ihm auch nicht unwichtig war.
    Man hatte eine erstaunliche Meinung von seinem Fleiss und pflegte ihm immer
anzuraten, dass er seiner Gesundheit schonen sollte. Dies war ihm äusserst
schmeichelhaft, und er liess die Leute bei dieser Meinung, obgleich sein Fleiss
lange nicht so gross war, wie er hätte sein können, wenn das Drückende seiner
Lage in Ansehung seiner Nahrung und Wohnung ihn nicht oft träge und missmütig
gemacht hätte.
    Denn die unwürdige Behandlung, der er zuweilen ausgesetzt war, benahm ihm
oft einen grossen Teil der Achtung gegen sich selbst, welche schlechterdings zum
Fleiss notwendig ist. - Oft ging er mit traurigem Herzen zur Schule, wenn er aber
denn einmal darin war, so vergass er seines Kummers, und die Schulstunden waren
im Grunde noch seine glücklichsten Stunden.
    Wenn er aber dann wieder zu Hause kam und sich manchmal verblümterweise
musste zu verstehen geben lassen, wie überdrüssig man seiner Gegenwart wäre -
dann sass er stundenlang und getraute sich kaum Atem zu holen - er war dann in
einem entsetzlichen Zustande - und hätte in der Welt nichts arbeiten können,
denn sein Herz war ihm durch diese Begegnung zerrissen. -
    So konnten auch die Blicke der Frau des Garnisonküsters, wenn er dort
gegessen hatte, ihn auf einige Tage niederschlagen und ihm den Mut zum Fleiss
benehmen.
    Sicher wäre Reiser glücklicher und zufriedener und gewiss auch fleissiger
gewesen, als er war, hätte man ihn von dem Gelde, das der Prinz für ihn hergab,
Salz und Brot für sich kaufen lassen, als dass man ihn an fremden Tischen sein
Brot essen liess.
    Es war abscheulich, in was für eine Lage er einmal geriet, da die Frau des
Garnisonküsters über Tische erst anfing von den schlechten Zeiten und von dem
harten Winter und dann von dem Holzmangel zu reden und endlich über die
Besorgnis in Tränen ausbrach, wo man noch zuletzt Brot herschaffen solle; und da
Reiser in der Verlegenheit über diese Reden unversehns ein Stück Brot an die
Erde fallen liess, ihn mit den Augen einer Furie anblickte, ohne doch etwas zu
sagen. - Da sich Reiser über diese unwürdige Begegnung der Tränen nicht
entalten konnte, so brach sie gegen ihn los, warf ihm mit dürren Worten
Unhöflichkeit und ungeschicktes Betragen vor und gab zu verstehen, dass
dergleichen Leute, die ihr den Bissen im Munde zu Gift machten, an ihrem Tische
nicht willkommen wären. - Der gute Garnisonküster, der Reisern innig bedauerte,
aber das Regiment nicht im Hause führte, erbarmte sich seiner und sagte ihm
sogleich den Tisch auf. - So beschämt, erniedrigt und herabgewürdigt musste nun
Reiser aus diesem Hause gehen und durfte es kaum wagen, sich zu Hause davon
etwas merken zu lassen, dass er einen Freitisch verloren habe.
    Wenn ihm der Garnisonküster nachher zuweilen auf der Strasse begegnete,
drückte er ihm einen halben Gulden in die Hand, um ihn für die Missgunst und den
Geiz seiner Frau schadlos zu halten.
    Nun gab es wieder eine Art Leute, welche, wenn sie Reisern eine Mahlzeit zu
essen gaben, alle Augenblick zu sagen pflegten, wie gern es ihm gegönnt sei, und
dass er sichs nur recht sollte schmecken lassen, denn für eine Mahlzeit werde es
ihm nun doch einmal gerechnet und dergleichen mehr, welches Reisern nicht
weniger verlegen machte, so dass ihm das Essen, statt des Vergnügens, was man
sonst dabei empfindet, gemeiniglich eine wahre Qual war. - Wie glücklich fühlte
er sich, da er am ersten Sonntage, nachdem er den Tisch bei dem Garnisonküster
verloren und es zu Hause noch nicht hatte sagen wollen, ein Dreierbrot verzehrte
und dabei einen Spaziergang um den Wall machte.
    Es schien, als ob sich alles vereinigt habe, Reisern in der Demut zu üben;
ein Glück, dass er nicht niederträchtig darüber wurde dann würde er freilich
zufrieden und vergnügter gewesen sein, aber um alle den edlen Stolz, der den
Menschen allein über das Tier erhebt, das nur seinen Hunger zu stillen sucht,
wäre es bei ihm getan gewesen.
    Der Stand des geringsten Lehrburschen eines Handwerkers ist ehrenvoller als
der eines jungen Menschen, der, um studieren zu können, von Wohltaten lebt,
sobald ihm diese Wohltaten auf eine herabwürdigende Art erzeigt werden. Fühlt
sich ein solcher junger Mensch glücklich, so ist er in Gefahr, niederträchtig zu
werden, und hat er nicht die Anlage zur Niederträchtigkeit, so wird es ihm wie
Reisern gehen; er wird missmütig und menschenfeindlich gesinnet werden, wie es
Reiser wirklich wurde, denn er fing schon damals an, in der Einsamkeit sein
grösstes Vergnügen zu finden.
    Einmal schickte ihn die Frau Filter sogar mit einem grossen Stück Leinwand in
des Prinzen Haus, welches dort an die Leute zum Verkauf vorgezeigt werden
sollte. - Alles Sträuben dagegen würde nichts geholfen haben - denn der Pastor
Marquard hatte einmal der Frau eine unbeschränkte Gewalt über Reisern erteilet -
und jede Weigerung würde ihm als ein unverzeihlicher Stolz ausgelegt worden
sein. - Es würde ihm nicht ins Schild gemalt werden, pflegte dann die Frau
Filter wohl zu sagen. - Ebenso wenig durfte er sich sträuben, das Brot zu holen,
welches der Hoboist vom Regiment bekam, und ob er dies gleich immer in der
Dämmerung tat und die abgelegensten Strassen wählte, damit ihn keiner seiner
Mitschüler sehen möchte, so bemerkte ihn doch einmal einer derselben zu seinem
grössten Schrecken, welcher aber zum Glück so gut gesinnet war, dass er ihm
völlige Verschwiegenheit versprach und hielt, ihm aber doch, wenn sie sich in
der Klasse zuweilen verunwilligten, drohete, es ruchtbar zu machen.
    Endlich wurde ihm denn doch von dem Gelde des Prinzen ein neues Kleid
geschafft, weil sein alter roter Soldatenrock gar nicht mehr halten wollte; aber
gleichsam, als wenn es recht eigentlich auf seine Demütigung abgesehen wäre,
wählte man ihm graues Bediententuch zum Kleide - wodurch er wiederum gegen seine
Mitschüler fast ebenso sonderbar als mit dem roten Soldatenrock abstach; und das
Kleid durfte er anfänglich doch nur bei feierlichen Gelegenheiten, wenn etwa in
der Schule Examen war, oder wenn er zum Abendmahl ging, anziehen.
    Was ihn aber von allen Demütigungen, die er erlitt, am meisten kränkte und
was er der Frau Filter nie hat vergessen können, war eine ungerechte
Beschuldigung, die ihn bis in die Seele schmerzte, und die er doch durch keine
Beweise von sich ablehnen konnte.
    Die Frau Filter hatte ein kleines Mädchen von etwa drei bis vier Jahren von
einer ihrer Anverwandtinnen zu sich genommen. Diesem Kinde dachte sie zu
Weihnachten eine überraschende Freude zu machen und hatte zu dem Ende einen Baum
mit Lichtern aufgeputzt und mit Rosinen und Mandeln behangen. Reiser blieb
allein in der Stube, während die Frau Filter in die Kammer ging, um das Kind zu
holen. Nun fügte es sich, da sie wieder hereinkam, dass vermutlich durch die
Bewegung der Türe der Baum mit allen Lichtern umfiel und Reiser in demselben
Augenblick hinzulief, um ihn aufrecht zu erhalten, da dies aber nicht gehen
wollte, sogleich wieder seine Hand davon abzog, welches nun gerade so aussah,
als ob er sich die ganze Zeit über mit dem Baum beschäftigt habe und nun, da die
Frau Filter hereinkam, erschrocken sei und folglich den Baum habe fahren lassen,
der nun wirklich umfiel. In den Gedanken der Frau Filter war es nun ausgemacht,
dass er von dem Baum hatte naschen wollen und auf die Weise ihr und dem Kinde
eine unschuldige Freude verdorben habe.
    Diesen entehrenden Verdacht gab sie Reisern mit deutlichen Worten zu
verstehen, und wie sollte er ihn von sich abwälzen? Er hatte keinen Zeugen. Und
der Anschein war wider ihn. - Schon die Möglichkeit, dass man einen solchen
Verdacht gegen ihn hegen konnte, erniedrigte ihn bei sich selber, er war in
einem solchen Zustande, wo man gleichsam zu versinken oder in einem Augenblick
gänzlich vernichtet zu sein wünscht.
    Ein Zustand, der eine Art von Seelenlähmung hervorzubringen vermag, welche
nicht so leicht wieder gehoben werden kann. - Man fühlt sich in einem solchen
Augenblick gleichsam wie vernichtet und gäbe sein Leben darum, sich vor aller
Welt verbergen zu können. - Das Selbstzutrauen, welches der moralischen
Tätigkeit so nötig ist als das Atemholen der körperlichen Bewegung, erhält einen
so gewaltigen Stoss, dass es ihm schwer hält, sich wieder zu erholen.
    Wenn Reiser nachher irgendwo zugegen war, wo man etwa eine Kleinigkeit
suchte, von der man glaubte, dass sie weggenommen sei, so konnte er sich nicht
entalten, rot zu werden und in Verwirrung zu geraten, bloss weil er sich die
Möglichkeit lebhaft dachte, dass man ihn, ohne es sich geradezu merken lassen zu
wollen, für den Täter halten könnte. - Ein Beweis, wie sehr man sich irren kann,
wenn man oft die Beschämung und Verwirrung eines Angeklagten als ein
stillschweigendes Geständnis seines Verbrechens auslegt. - Durch tausend
unverdiente Demütigungen kann jemand am Ende so weit gebracht werden, dass er
sich selbst als einen Gegenstand der allgemeinen Verachtung ansieht und es nicht
mehr wagt, die Augen vor jemanden aufzuschlagen - er kann auf die Weise in der
grössten Unschuld seines Herzens alle die Kennzeichen eines bösen Gewissens an
sich blicken lassen, und wehe ihm dann, wenn er einem eingebildeten
Menschenkenner, wie es so viele gibt, in die Hände fällt, der nach dem ersten
Eindruck, den seine Miene auf ihn macht, sogleich seinen Charakter beurteilt. -
    Unter allen Empfindungen ist wohl der höchste Grad der Beschämung, worin
jemand versetzt wird, eine der peinigendsten.
    Mehr als einmal in seinem Leben hat Reiser dies empfunden, mehr als einmal
hat er Augenblicke gehabt, wo er gleichsam vor sich selber vernichtet wurde -
wenn er z.B. eine Begrüssung, ein Lob, eine Einladung oder dergleichen auf sich
gedeutet hatte, womit er nicht gemeinet war. - Die Beschämung und die
Verwirrung, worin ein solcher Missverstand ihn versetzen konnte, war
unbeschreiblich. -
    Es ist auch ein ganz besonderes Gefühl dabei, wenn man aus Missverstand sich
eine Höflichkeit zurechnet, die einem andern zugedacht ist. Eben der Gedanke,
dass man zu sehr von sich eingenommen sein könne, ist es, der so etwas
ausserordentlich Demütigendes hat. Dazu kömmt das lächerliche Licht, in welchem
man zu erscheinen glaubt. - Kurz, Reiser hat in seinem Leben nichts
Schrecklichers empfunden als diesen Zustand der Beschämung, worin ihn oft eine
Kleinigkeit versetzen konnte. - Alles andere griff nicht so sein innerstes
Wesen, sein eigentliches Selbst an als grade dies. In Ansehung dieser Art des
Leidens hat er auch das stärkste Mitleid empfunden. Um jemanden eine Beschämung
zu ersparen, würde er mehr getan haben, als um jemanden aus würklichem Unglück
zu retten: denn die Beschämung deuchte ihm das grösste Unglück, was einem
widerfahren kann.
    Er war einmal bei einem Kaufmann in Hannover, der gemeiniglich statt der
Person, mit der er sprach, einen andern anzusehen pflegte. Dieser bat, indem er
Reisern ansah, einen andern, der mit in der Stube war, zum Essen, und da Reiser
die Einladung auf sich deutete und sie höflich ablehnte, so sagte der Kaufmann
mit sehr trockner Miene: Ich meine Ihn ja nicht! - Dies Ich meine Ihn ja nicht!
mit der trocknen Miene tat eine solche Wirkung auf Reisern, dass er glaubte, in
die Erde sinken zu müssen; dies Ich meine Ihn ja nicht! verfolgte ihn nachher,
wo er ging und stund, und machte seine Stimme gebrochen und zitternd, wenn er
mit Vornehmern reden sollte, sein Stolz konnte dies nie wieder ganz verwinden.
    »Wie kann Er glauben, dass man Ihn zum Essen bitten sollte?« So legte Reiser
das Ich meine Ihn ja nicht! aus, und er kam sich in dem Augenblick so
unbedeutend, so weggeworfen, so nichts vor, dass ihm sein Gesicht, seine Hände,
sein ganzes Wesen zur Last war und er nun die dümmste und albernste Figur
machte, so wie er dastand, und zugleich dies Alberne und Dumme in seinem
Betragen lebhafter und stärker als irgend jemand ausser ihm empfand. -
    Hätte Reiser irgend jemanden gehabt, der an seinem Schicksal wahren Anteil
genommen hätte, so würden ihm dergleichen Begegnungen vielleicht nicht so
kränkend gewesen sein. Aber so war sein Schicksal an die eigentliche Teilnehmung
anderer Menschen nur mit so schwachen Fäden geknüpft, dass die anscheinende
Ablösung irgendeines solchen Fadens ihn plötzlich das Zerreissen aller übrigen
befürchten liess und er sich dann in einem Zustand sah, wo er keines Menschen
Aufmerksamkeit auf sich mehr erregte, sondern sich für ein Wesen hielt, auf das
weiter gar keine Rücksicht genommen wurde. - Die Scham ist ein so heftiger
Affekt wie irgendeiner, und es ist zu verwundern, dass die Folgen desselben nicht
zuweilen tödlich sind.
    Die Furcht, in einem lächerlichen Lichte zu erscheinen, war bei Reisern
zuweilen so entsetzlich, dass er alles, selbst sein Leben, würde aufgeopfert
haben, um dies zu vermeiden. - Niemand hat das
    Infelix paupertas, quia ridiculos miseros facit,
    Traurig ist das Los der Armut, weil sie die Unglücklichen lächerrlich macht,
wohl stärker empfunden als er, dem lächerrlich zu werden das grösste Unglück auf
der Welt dünkte. - Es gibt eine Art des Lächerlichen, welche ihm noch am
erträglichsten war - wenn nämlich Leute bloss der Sonderbarkeit wegen über etwas
lachen, das sie sich selbst nicht nachzutun getrauen, ohne es deswegen in einem
verächtlichen Lichte zu betrachten.
    Wenn er z.B. etwa von sich sagen hörte: Der Reiser ist doch ein sonderbarer
Mensch, er geht des Abends ganz im Finstern dreimal um den Wall und spricht mit
niemand als mit sich selbst, indem er sich die Lektion des Tages wiederholt,
usw. - so war ihm das gar nicht unangenehm zu hören, es hatte vielmehr etwas
Schmeichelhaftes für ihn, auf die Weise in einem gewissen sonderbaren Lichte zu
erscheinen. - Aber als Iffland seinen Vers:
An euch, ihr schönen Wissenschaften,
An euch soll meine Seele haften,
lächerrlich machte, das war für ihn sehr kränkend und beschämend, und er hätte
viel darum gegeben, dass er diesen Vers nicht gemacht hätte.
    Nachdem Reiser ein Vierteljahr lang die Singstunden des Kantors besucht
hatte, erreichte er nun auch das so sehnlich gewünschte Glück, ins Chor zu
gehen, wo er die Altstimme sang. -
    Die Freude über seinen neuen Stand eines Chorschülers dauerte einige Wochen,
solange es nämlich gut Wetter blieb. Er fand ein gar grosses Vergnügen an den
Arien und Motetten, die er singen hörte, und an den freundschaftlichen
Unterredungen mit seinen Mitschülern, während dass sie von einem Hause und einer
Strasse zur andern gingen.
    Ein solches Chor hat viel Ähnliches mit einer herumwandernden Truppe
Schauspieler, in der man auch Freude und Leid, gutes und schlechtes Wetter usw.
auf gewisse Weise miteinander teilt, welches immer ein festeres
Aneinanderschliessen zu bewirken pflegt.
    Am meisten hatte sich Reiser auf den blauen Mantel gefreut, der ins künftige
seine Zierde sein würde. - Denn dieser Mantel näherte sich doch schon etwas der
priesterlichen Kleidung. - Aber auch diese Hoffnung täuschte ihn sehr; denn die
Frau Filter liess, um für ihn zu sparen, aus ein paar alten blauen Schürzen einen
Mantel für ihn zusammennähen, womit er unter den übrigen Chorschülern eben keine
glänzende Figur machte.
    Nun bemerkte Reiser gleich am ersten Tage unter den Chorschülern einen, der
sich von den übrigen ganz besonders auszeichnete. - Man sah es ihm gleich an,
dass er ein Ausländer war, wenn man es auch nicht an seiner Sprache gehört hätte.
Denn alle seine Mienen und Bewegungen zeigten mehr Lebhaftigkeit und Gewandteit
als das Äussere der steifen und schwerfälligen Hannoveraner. - Reiser konnte sich
immer nicht satt an ihm sehen; und da er ihn nun reden hörte, so konnte er sich
nicht entalten, seine wohlgesetzten Ausdrücke in dem obersächsischen Dialekt zu
bewundern; alles, was die Hannoveraner sagten, kam ihm dagegen plump und
abgeschmackt vor. - Nun war der Präfektus im Chore ein alter versoffener Kerl,
mit dem sich dieser Ausländer immer am meisten herumzankte und ihm gemeiniglich
sehr treffende und beissende Antworten zu geben pflegte, wenn der Präfektus sich
eine Art von Oberherrschaft über ihn anmassen wollte. Und als dieser unter andern
einmal zu ihm sagte, er sei schon zu lange Präfektus, als dass er sich von so
einem Gelbschnabel dürfe Anzüglichkeiten sagen lassen, so antwortete der
Ausländer, es bringe ihm freilich eben nicht viel Ehre, dass er so ein alter
Knabe und noch immer Präfektus sei. - Diese Überlegenheit des Witzes, womit der
Ausländer den Präfektus auf einmal niederschlug, machte Reisern noch
aufmerksamer auf ihn, und da er sich nach dem Namen desselben erkundigte, erfuhr
er, dass er Reiser hiesse und aus Erfurt gebürtig sei.
    Nun war es Reisern sehr auffallend, dass dieser junge Mensch, den er schon so
liebgewonnen hatte, gerade mit ihm einerlei Namen führte, ohngeachtet er wegen
der Entfernung des Geburtsortes schwerlich mit ihm verwandt sein konnte. - Er
hätte gern gleich mit ihm Bekanntschaft gemacht, aber er wagte es noch nicht,
weil sein Namensgenosse ein Primaner und er nur ein Sekundaner war. - Auch
fürchtete er sich vor dem Witze desselben, dem er sich nicht gewachsen fühlte,
wenn er einmal auf ihn sollte gerichtet werden. Indes fügte sich ihre
Bekanntschaft von selber, indem Philipp Reiser auf Anton Reisers stilles und in
sich gekehrtes Wesen ebenso wie dieser auf das lebhafte Wesen von jenem immer
aufmerksamer wurde und sie sich ohngeachtet dieser Verschiedenheit ihrer
Charaktere bald unter der Menge herausfanden und Freunde wurden.
    Dieser Philipp Reiser war gewiss ein vortrefflicher Kopf, der aber auch durch
die Umstände, worin ihn das Schicksal versetzt hat, unterdrückt worden ist. -
Nebst einer feinen Empfindung besass er viel Witz und Laune, wirkliches
musikalisches Talent und war zugleich ein vorzüglicher mechanischer Kopf - aber
er war arm und dabei im höchsten Grade stolz - ehe er Wohltaten angenommen
hätte, würde er Hunger gelitten haben, welches er auch wirklich öfters tat. -
Hatte er aber Geld, so war er freigebig und gastfrei wie ein König, - dann
schmeckte ihm wohl, was er genoss, wenn er reichlich davon mitteilen konnte -
aber er hatte freilich Einnahme und Ausgabe nicht allzu gut berechnen gelernt
und hatte daher sehr oft Gelegenheit, sich in der grossen Kunst des freiwilligen
Entbehrens von dem, was man sonst gern hätte, zu üben. - Ohne jemals Anweisung
dazu gehabt zu haben, verfertigte er sehr gute Klaviere und Fortepianos, welches
ihm zuweilen ansehnliche Einnahmen verschafte, die ihm aber freilich bei seiner
gar zu grossen Freigebigkeit nicht viel halfen. - dabei hatte er den Kopf
beständig voll romanhafter Ideen und war immer in irgendein Frauenzimmer
sterblich verliebt; wenn er auf diesen Punkt kam, so war es immer, als hörte man
einen Liebhaber aus den Ritterzeiten. - Seine Treue in der Freundschaft, seine
Begierde, den Notleidenden zu helfen, und selbst seine Gastfreiheit kam auf
diesen Schlag heraus und gründete sich zum Teil auf die romanhaften Begriffe,
womit seine Phantasie genährt war, obgleich sein gutes Herz der eigentliche
Grund davon war - denn nur auf dem Boden eines guten Herzens können dergleichen
Auswüchse von romanhaften Tugenden emporkeimen und Wurzel fassen. In einer
eigennützigen Seele und zusammengeschrumpften Herzen wird die häufigste
Romanenlektüre nie dergleichen Wirkungen hervorbringen. - Man sieht nun leicht
ein, warum Philipp und Anton Reiser sich auf halbem Wege begegneten und bei dem
nähern Umgange füreinander gemacht zu sein schienen. Der erstere war beinahe
zwanzig Jahre alt, da Reiser ihn kennen lernte; die Jahre, die er vor ihm voraus
hatte, machten ihn also gewissermassen zu seinem Führer und Ratgeber, nur schade,
dass in dem Hauptpunkte, was die Ordnung des Lebens betraf, Reiser keinen bessern
Führer und Ratgeber fand. - Indes hatte er doch nun den ersten eigentlichen
Freund seiner Jugend gefunden, dessen Umgang und Gespräche ihm die Stunden, die
er im Chore zubringen musste, noch einigermassen erträglich machten.
    Denn nun war das schöne Wetter vorbei, und es stellten sich Regen, Schnee
und Kälte ein - demohngeachtet musste das Chor seine gewissen Stunden auf der
Strasse singen. - O, wie zählte Reiser jetzt, da er vom Frost erstarret war, die
Minuten, ehe das lästige Singen vorbei war, das ihm sonst eine himmlische Musik
in seinen Ohren dünkte.
    Den ganzen Mittwoch - und Sonnabendnachmittag und den ganzen Sonntag nahm
nun allein das Chorsingen weg - denn alle Sonntagmorgen mussten die Chorschüler
in der Kirche sein, um vom Chore herunter das Amen zu singen. - Auch des
Sonnabendnachmittags bei der Vorbereitung zum Abendmahle mussten die jüngern
Chorschüler mit dem Kantor ein Lied singen und einer von ihnen einen Psalm oben
von dem hohen Chore herunter lesen, welches nun für Reisern wieder ein grosser
Fund war - durch eine solche öffentliche und laute Vorlesung eines Psalms hielt
er sich wieder für alle Beschwerlichkeiten des Chorsingens belohnt. - Er dünkte
sich nun schon wie der Pastor Paulmann in Braunschweig dazustehen und mit
erschütternder Stimme zu dem versammleten Volke zu reden.
    Übrigens aber wurde das Chorsingen für ihn bald die unangenehmste Sache von
der Welt. Es raubte ihm alle Erholungsstunden, die ihm noch übrig waren, und
machte, dass er nun keinem einzigen ruhigen Tage in der Woche entgegensehen
konnte. Wie verschwanden die goldnen Träume, die er sich davon gemacht hatte! -
Und wie gern hätte er sich nun aus dieser Sklaverei wieder losgekauft, wenn es
noch möglich gewesen wäre. - Aber nun war das Chorgeld einmal zu seinen
gewöhnlichen Einkünften mit gerechnet, und er durfte gar nicht einmal daran
denken, je wieder davon loszukommen.
    Den Gefährten seiner Sklaverei ging es grösstenteils nicht besser wie ihm,
sie waren dieses Lebens ebenso überdrüssig. - Und das Leben eines Chorschülers,
der sich sein Brot vor den Türen ersingen muss, ist auch wirklich ein sehr
trauriges Leben. Wenn einer den Mut nicht ganz dabei verliert, so ist das gewiss
ein seltner Fall. Die meisten werden am Ende niederträchtig gesinnet und
verlieren, wenn sie es einmal geworden sind, nie ganz die Spur davon.
    Einen sonderbaren Eindruck auf Reisern machte das sogenannte Neujahrsingen,
welches drei Tage nacheinander dauert und wegen der sehr abwechselnden Szenen,
die dabei vorfallen, mit einem Zuge auf Abenteuer sehr viel Ähnliches hat. - Ein
Häufchen Chorschüler steht in Schnee und Kälte dicht aneinander gedrängt auf der
Strasse, bis ein Bote, der von Zeit zu Zeit abgeschickt wird, die Nachricht
bringt, dass in irgendeinem Hause soll gesungen werden. - Dann geht man in das
Haus hinein und wird gemeiniglich in die Stube genötigt, wo denn erst eine Arie
oder Motette, die sich auf die Zeit passt, gesungen wird. - Alsdann pflegt
mancher Hauswirt so höflich zu sein und die Chorschüler mit Wein oder Kaffee und
Kuchen zu bewirten. Diese Aufnahme in einer warmen Stube, nachdem man oft lange
in der Kälte gestanden hatte, und die Erfrischungen, die einem gereicht wurden,
waren eine solche Erquickung, und die Mannigfaltigkeit der Gegenstände, indem
man an einem Tage wohl zwanzig und mehr verschiedene häusliche Einrichtungen und
Familien in ihren Wohnzimmern versammelt sah, machte einen so angenehmen
Eindruck auf die Seele, dass man diese drei Tage über in einer Art von Entzückung
und beständigen Erwartung neuer Szenen schwebte und sich die Beschwerden der
Witterung gern gefallen liess. - Das Singen dauerte bis fast in die Nacht, und
die Erleuchtung des Abends machte dann die Szene noch feierlicher. - Unter
andern wurde auch in einem Hospital für alte Frauen zum Neujahr gesungen, wo
sich die Chorschüler mit den alten Müttern in einen Kreis zusammensetzen und mit
gefalteten Händen singen mussten: Bis hieher hat mich Gott gebracht usw. - Bei
diesem Neujahrsingen schien alles freundschaftlicher gegeneinander zu sein. Man
sah nicht so sehr auf die Rangordnung, die Primaner sprachen mit den
Sekundanern, und eine ungewöhnliche Heiterkeit verbreitete sich über die
Gemüter.
    An diesem Neujahr überfiel auch Reisern eine erstaunliche Wut, Verse zu
machen. - Er schrieb Neujahrwünsche in Versen an seine Eltern, seinen Bruder,
die Frau Filter und wer weiss an wen und sprach darin von Silberbächen, die sich
durch Blumen schlängeln, und von sanften Zephirs und goldnen Tagen, dass es zum
Bewundern war. - Sein Vater hatte vorzügliches Vergnügen an dem Silberbach
gefunden; seine Mutter aber verwunderte sich, dass er seinen Vater bester Vater
nenne, da er doch nur einen Vater habe.
    Seine poetische Lektion bestand damals fast in nichts als Lessings kleinen
Schriften, die ihm Philipp Reiser geliehen hatte, und die er fast auswendig
wusste, so oft hatte er sie durchgelesen. Übrigens sieht man leicht, dass er,
seitdem er ins Chor ging, zu eignen Arbeiten, die von ihm abhingen, eben nicht
viel Zeit übrig behielt. Demohngeachtet hatte er allerlei grosse Projekte; der
Stil im Kornelius Nepos war ihm z.E. nicht erhaben gnug, und er nahm sich vor,
die Geschichte der Feldherrn ganz anders einzukleiden; etwa so wie der Daniel in
der Löwengrube geschrieben war - dies sollte denn auch eine Art von
Heldengedicht werden.
    In einer Privatstunde bei dem Konrektor wurden des Terenz Komödien gelesen,
und schon der Gedanke, dass dieser Autor unter die schweren gezählt wird, machte,
dass er ihn mit grösserm Eifer als etwa den Phädrus oder Eutropius studierte und
jedes Stück, was in der Schule gelesen wurde, sogleich zu Hause übersetzte. -
    Als er nun auf die Weise wirklich in sehr kurzer Zeit starke Fortschritte
getan hatte, besuchte er den alten tauben Mann wieder, der nun weit über hundert
Jahre alt und schon eine Zeitlang kindisch gewesen war, zu aller Verwunderung
aber noch ein Jahr vor seinem Tode seinen völligen Verstand wieder erhielt. -
Reiser wusste seine Stube am Ende des langen finstern Ganges, und ihm wandelte
ein kleiner Schauer an, als er von ferne den scharrenden Gang des alten Mannes
hörte, der ihn, da er hereintrat, sehr freundlich willkommen hiess und ihm mit
der Hand winkte, dass er ihm etwas aufschreiben solle.
    Mit vielem Entzücken schrieb ihm nun Reiser auf, dass er jetzt studiere und
schon den Terenz und das griechische Neue Testament übersetze.
    Der Greis liess sich herab, an Reisers kindischer Freude teilzunehmen, und
wunderte sich darüber, dass er bereits den Terenz verstünde, wozu doch schon eine
Menge von Wörtern gehöre. Am Ende schrieb ihm Reiser, um seine Gelehrsamkeit
ganz auszukramen, mit griechischen Buchstaben etwas auf - und der alte Mann
ermunterte ihn zum fernern Fleiss und ermahnte ihn, des Gebets nicht zu
vergessen, worauf er sich mit ihm auf die Knie niederwarf und gerade so wie vor
fünf Jahren, da Reiser ihn zum ersten Male sah, wieder mit ihm betete.
    Mit gerührtem Herzen ging Reiser zu Hause und nahm sich vor, sich ganz
wieder zu Gott zu wenden, das hiess bei ihm, unaufhörlich an Gott zu denken - er
erinnerte sich mit Wehmut des Zustandes, worin er sich als ein Knabe befunden
hatte, da er mit Gott Unterredung hielt und immer voll hoher Erwartung war, was
nun für grosse Dinge in ihm vorgehen würden. - In diesen Erinnerungen lag eine
unbeschreibliche Süssigkeit, denn der Roman, den die frömmelnde Phantasie der
gläubigen Seelen mit dem höchsten Wesen spielt, von dem sie sich bald verlassen
und bald wieder angenommen glauben, bald eine Sehnsucht und einen Hunger nach
ihm empfinden und bald wieder in einem Zustande der Trockenheit und Leere des
Herzens sind, hat wirklich etwas Erhabnes und Grosses und erhält die
Lebensgeister in einer immerwährenden Tätigkeit, so dass auch die Träume des
Nachts sich mit überirdischen Dingen beschäftigen, wie denn Reisern einst
träumte, dass er in die Gesellschaft der Seligen aufgenommen war, die sich in
kristallnen Strömen badeten. - Ein Traum, der oft wieder seine Einbildungskraft
entzückt hat.
    Reiser liehe sich nun von dem alten Tischer die Guionschen Schriften wieder
und erinnerte sich, indem er sie las, an jene glücklichen Zeiten zurück, wo er
seiner Meinung nach auf dem Wege zur Vollkommenheit begriffen war. - Wenn er nun
manchmal durch seine äussern Umstände traurig und missmütig gemacht war und ihm
keine Lektüre schmecken wollte, so waren die Bibel und die Lieder der Madam
Guion das einzige, wozu er wegen des reizenden Dunkels, das ihm darin herrschte,
seine Zuflucht nahm. Ihm schimmerte durch den Schleier des rätselhaften
Ausdrucks ein unbekanntes Licht entgegen, das seine erstorbne Phantasie wieder
anfrischte - aber mit dem eigentlichen Frommsein oder dem beständigen Denken an
Gott wollte es demohngeachtet nicht mehr recht fort. - In den Verbindungen,
worin er jetzt war, bekümmerte man sich eben nicht mehr um seinen Seelenzustand,
und er hatte in der Schule und im Chore viel zu viel Zerstreuung, als dass er
auch nur eine Woche lang seiner Neigung zum ununterbrochnen Insichgekehrtsein
hätte getreu bleiben können.
    Indes besuchte er doch den Greis vor seinem Tode noch verschiedene Male, bis
er auch einmal zu ihm gehen wollte und erfuhr, dass er tot und begraben sei. -
Seine letzten Worte waren gewesen: Alles! alles! alles! - Diese Worte erinnerte
sich Reiser oft mitten im Gebet oder auch sonst nach einer Pause in einer Art
von Entzückung von ihm gehört zu haben. - Es schien dann zuweilen, als wollte er
mit diesen Worten seinen zur Ewigkeit reifen Geist aushauchen und in dem
Augenblick seine sterbliche Hülle abstreifen. - Darum war es Reisern sehr
auffallend, da er hörte, dass der alte Mann mit diesen Worten gestorben sei, und
doch war es ihm auch, als sei er nicht gestorben, so sehr schien dieser fromme
Greis immer schon in einer andern Welt zu leben. - Tod und Ewigkeit waren die
letzten Male, da ihn Reiser sprach, fast sein einziger Gedanke. - Es war Reisern
diesmal fast nicht anders, als ob der alte Mann ausgezogen sei, da er ihn habe
besuchen wollen, und dies war bei ihm nichts weniger als Gleichgültigkeit,
sondern eine innige Vertraulichkeit mit dem Gedanken an den Tod dieses Mannes.
    Indes hatte er an dem alten Mann wieder einen Freund seiner Jugend verloren,
dessen Teilnehmung an seinem Schicksale ihm oft Freude gemacht hatte. Er fühlte
sich in manchen Stunden, ohne selbst zu wissen warum, verlassner wie sonst. - Die
Frau Filter wurde der Last, welche ihr sein Aufentalt bei ihr machte, ebenfalls
immer überdrüssiger und sagte ihm endlich, nachdem sie dreiviertel Jahre lang
Geduld gehabt hatte, die Wohnung auf, mit dem wohlgemeinten Rate, dass er sich
nun nach einem andern Logis umsehen solle. - Indes war der Rektor des Lyzeums
abgegangen, und der neue Rektor Sextroh, welcher an dessen Stelle gewählt wurde,
war ein guter Freund von dem Pastor Marquard, der nun darauf dachte, Reisern bei
diesem Mann ins Haus zu bringen, und ihn im voraus auf die grossen Vorteile
aufmerksam machte, welche ihm dadurch erwachsen würden, wenn er das Glück haben
sollte, von diesem Manne in sein Haus aufgenommen zu werden. - Also bei dem
Rektor sollte nun Reiser ins Haus ziehen - wie sehr schmeichelte dies seiner
Eitelkeit! Denn, dachte er sich, wenn es ihm glücken sollte, sich bei dem Rektor
beliebt zu machen, was für eine glänzende Aussicht sich ihm dann eröffnete, da
überdem nun der Rektor sein Lehrer wurde, indem er nach Endigung seines ersten
Schuljahres gleich nach Prima versetzt werden sollte, worin der Direktor und der
Rektor allein Unterricht gaben.
    Im Grunde war es ihm äusserst angenehm, dass ihm die Frau Filter die Wohnung
aufsagte, weil er es nie hätte wagen dürfen, nur ein Wort davon zu erwähnen, dass
er von ihr wegziehen wolle. - Hiezu kam nun noch, dass er die grosse Erwartung
hatte, ein Hausgenosse des Rektors, seines künftigen Lehrers, zu werden. Allein
um diese Zeit hatte sich eine neue Grille in seiner Phantasie zu bilden
angefangen, welche auf sein ganzes künftiges Leben einen grossen Einfluss gehabt
hat.
    Ich habe nämlich schon der Deklamationsübungen erwähnt, welche in Sekunda
von dem Konrektor veranstaltet wurden. Dies hatte für ihn und Iffland einen so
ausserordentlichen Reiz, dass alles andre sich dagegen verdunkelte und Reiser
nichts mehr wünschte, als Gelegenheit zu haben, mit mehreren seiner Mitschüler
einmal eine Komödie aufzuführen, um sich im Deklamieren hören zu lassen - dies
hatte einen so unendlichen Reiz für ihn, dass er eine Zeitlang Tag und Nacht mit
diesem Gedanken umging und selber den Entwurf zu einer Komödie machte, wo zwei
Freunde voneinander getrennt werden sollten und darüber untröstlich waren usw. -
Auch fand er in Leidings Handbibliotek, die ihm jemand geliehen hatte, ein
rührendes Drama in Versen: Der Einsiedler, welches er gern mit Iffland aufführen
wollte. Er wünschte sich denn eine recht affektvolle Rolle, wo er mit dem
grössten Patos reden und sich in eine Reihe von Empfindungen versetzen könnte,
die er so gern hatte und sie doch in seiner wirklichen Welt, wo alles so kahl,
so armselig zuging, nicht haben konnte. - Dieser Wunsch war bei Reisern sehr
natürlich; er hatte Gefühle für Freundschaft, für Dankbarkeit, für Grossmut und
edle Entschlossenheit, welche alle ungenutzt in ihm schlummerten; denn durch
seine äussere Lage schrumpfte sein Herz zusammen. - Was Wunder, dass es sich in
einer idealischen Welt wieder zu erweitern und seinen natürlichen Empfindungen
nachzuhängen suchte!
    In dem Schauspiel schien er sich gleichsam wiederzufinden, nachdem er sich
in seiner wirklichen Welt beinahe verloren hatte. - Darum wurde auch in der
Folge seine Freundschaft mit Philipp Reisern beinahe eine teatralische
Freundschaft, die oft so weit ging, dass einer für den andern zu sterben
entschlossen war. - Nun wurde ihm die Teatergrille so wert, dass die Sucht zu
predigen beinahe ganz dadurch aus seiner Seele verdrängt wurde - denn hier fand
seine Phantasie einen weit grössern Spielraum, weit mehr wirkliches Leben und
Interesse als in dem ewigen Monolog des Predigers. - Wenn er die Szenen eines
Dramas, das er entweder gelesen oder sich selbst in Gedanken entworfen hatte,
durchging, so war er das alles nacheinander wirklich, was er vorstellte, er war
bald grossmütig, bald dankbar, bald gekränkt und duldend, bald heftig und jedem
Angriff mutig entgegenkämpfend.
    dabei war ihm nun die Aussicht auf Prima äusserst glänzend - denn die
Primaner des Lyzeums in Hannover hatten wirklich so viele äussere in die Augen
fallende Vorzüge, wie in wenigen Schulen stattfinden mögen. - Sie hielten alle
Neujahr bei einer grossen Menge Zuschauer einen öffentlichen Aufzug mit Musik und
Fackeln, indem sie dem Direktor und dem Rektor ein Vivat brachten. - Am Abend
darauf überreichten sie das eine Jahr dem Direktor und das andere dem Rektor ein
freiwillig zusammengebrachtes Geschenk, das gemeiniglich über hundert Taler
betrug, und wobei derjenige, der es überreichte, eine kurze lateinische Rede
hielt - alsdann wurden sie mit Wein und Kuchen bewirtet und durften sich die
Freiheit herausnehmen, ihrem Lehrer in seiner Behausung ein lauterschallendes
Vivat zu rufen.
    Fast ein Vierteljahr vorher wurde immer schon von der Anordnung dieses Zuges
gesprochen.
    Alle Sommer in den Hundstagen wurde von den Primanern öffentlich Komödie
gespielt, wo ihnen die Wahl der Stücke und die Anordnung ebenfalls allein
überlassen war. - Dies beschäftigte sie fast den ganzen Sommer über. - Dann fiel
im Jenner das Geburtsfest der Königin und im Mai das Geburtsfest des Königs ein,
wo allemal mit grosser Feierlichkeit ein Redeaktus veranstaltet wurde, bei dem
der Prinz, die Minister und fast alle Honoratioren der Stadt erschienen. Die
Vorbereitung hiezu nahm nun jedesmal sehr viel Zeit weg. - Dazu kamen jährlich
noch zwei öffentliche Prüfungen, die auch allemal mit Ferien begleitet waren. -
Hiedurch ging freilich viel Zeit verloren. - Indes waren dies alles doch so
viele glänzende Ziele für einen ehrgeizigen Jüngling, welche ihm den Reiz der
Schuljahre immer wieder auffrischten, sobald er verlöschen wollte.
    Etwa einmal einer der Anführer bei dem Zuge mit Fackeln zu sein oder die
lateinische Rede bei Überreichung des Geschenks zu halten oder eine Hauptrolle
in einem der aufgeführten Stücke zu bekommen oder gar eine Rede an des Königs
oder der Königin Geburtstage zu halten, das waren die Wünsche und Aussichten
eines Primaners des Lyzeums in Hannover. - Hiezu kam nun noch der elegante
Hörsaal der ersten Klasse, mit dem zierlich gebauten doppelten Kateder von
schöngebohnten Nussbaumholz und vor den Fenstern die grünen Vorhänge, welches
alles sich vereinigte, um Reisers Phantasie aufs neue mit reizenden Bildern von
seinem künftigen Zustande anzufüllen und seine Erwartung von dem, was nun mit
ihm vorgehen würde, bis auf den höchsten Grad zu spannen. Sogleich nach seinem
ersten Schuljahre ein Primaner zu werden, das war ein Glück, welches er sich
kaum hätte träumen lassen.
    Erfüllt von diesen Hoffnungen und Aussichten reiste er nun in der
Ferienwoche vor Ostern mit Fuhrleuten, die denselben Weg nahmen, zu seinen
Eltern, um ihnen sein Glück zu verkündigen. - Auf dieser Reise, da der Weg
grösstenteils durch Wald und Heide ging, nahm seine vorher erwärmte Phantasie
einen ausserordentlichen Schwung; er entwarf Heldengedichte, Trauerspiele, Romane
und wer weiss was - zuweilen fiel ihm auch der Gedanke ein, sein Leben zu
schreiben; der Anfang, den er sich dachte, lief aber immer auf den Schlag der
Robinsons hinaus, die er gelesen hatte, dass er nämlich in dem und dem Jahre zu
Hannover von armen, doch ehrlichen Eltern geboren sei, und so sollte es denn
weiter fortgehen.
    Sooft er nachher zu seinen Eltern reiste, es mochte nun zu Fuss oder zu Wagen
sein, war unterwegens seine Einbildungskraft immer am geschäftigsten - ein
ganzer Zeitraum seines verflossnen Lebens stand vor ihm da, sobald er die vier
Türme von Hannover aus dem Gesicht verlor - der Gesichtskreis seiner Seele
erweiterte sich denn mit dem Gesichtskreis seiner Augen. - Er fühlte sich aus
dem umschränkten Zirkel seines Daseins in die grosse weite Welt versetzt, wo alle
wunderbaren Ereignisse, die er je in Romanen gelesen hatte, möglich waren - dass
etwa von jenem Hügel plötzlich sein Vater oder seine Mutter wie aus der Ferne
ihm entgegenkommen und wie er denn freudig auf sie zueilen würde - er glaubte
schon den Ton der Stimme seiner Eltern zu hören - und da er nun das erstemal
diese Reise tat, so empfand er wirklich das reinste Vergnügen der sehnlichen
Erwartung, bei seinen Eltern zu sein: denn was hatte er ihnen nicht für grosse
Dinge zu erzählen!
    Da er nun am folgenden Mittag hinkam, bewillkommten ihn seine Eltern und
seine beiden Brüder mit herzlicher Freude in ihrer ländlichen Wohnung. Sie
hatten einen kleinen Garten hinter dem Hause und waren soweit recht gut
eingerichtet. Aber mit dem Hausfrieden stand es leider, wie er bald sah, noch
nach wie vor. Er hörte indes von seinem Vater wieder die Ziter spielen und die
Lieder der Madam Guion dazu singen. - Sie unterredeten sich nun auch über die
Lehren der Madam Guion, und Reiser, der sich in seinem Kopfe schon eine Art von
Metaphysik gebildet hatte, die nahe an den Spinozismus grenzte, traf mit seinem
Vater oft wunderbar zusammen, wenn sie von dem All der Gotteit und dem Nichts
der Kreatur, das die Madam Guion lehrte, sprachen. Sie glaubten sich einander zu
verstehen, und Reiser empfand ein unendliches Vergnügen in diesen Unterredungen
mit seinem Vater, denn es war ihm schmeichelhaft, dass sich sein Vater, der ihn
sonst nur für einen dummen Jungen zu halten schien, nun selbst über dergleichen
erhabne Gegenstände mit ihm unterredete. Dann besuchten sie den Prediger und die
Honoratioren des Orts, wo Reiser allentalben mit ins Gespräch gezogen wurde und
sich auch, weil ihm diese Behandlung Selbstzutrauen einflösste, dabei ganz gut
nahm. - Die Nachbaren seiner Eltern, und wer sonst hinkam, waren alle aufmerksam
auf den Sohn des Lizentschreibers, den der Prinz in Hannover studieren liesse. -
Die reine, ungetrübte Freude, die Reiser in diesen wenigen Tagen genoss,
verbunden mit den angenehmsten Hoffnungen ersetzte ihm reichlich allen Kummer
und unverdiente Demütigungen, die er ein ganzes Jahr hindurch erlitten hatte.
    So nahe wie seine Mutter nahm doch niemand in der Welt an seinem Schicksal
teil - sooft er sich des Abends zu Bette legte, sprach sie das Gott walte über
ihn und schlug über seine Stirne das Kreuz dazu, wie sie ehemals getan hatte,
damit er sicher schlafen sollte, und kein Abend und kein Morgen verging, wo sie
ihn auch in seiner Abwesenheit nicht mit in ihr Gebet einschloss. - Mit Wehmut
nahm Reiser Abschied von seinen Eltern, und da er die Türme von Hannover
wiedersah, so beklemmten traurige Ahndungen sein Herz.
    Den andern Tag nach seiner Zurückkunft wurde er von dem Direktor zu der
Klassenversetzung geprüft, und da er aus des Cicero Buche von den Pflichten
etwas aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzen sollte, so fügte es sich, dass
er in dem Exemplar, das ihm der Direktor gab, unglücklicherweise ein Blatt mit
solcher Ungeschicklichkeit umschlug, dass er es beinahe zerrissen hätte. Durch so
etwas konnte nun die Empfindlichkeit des Direktors, der in allem stets die
äusserste Delikatesse suchte, gerade am stärksten beleidigt werden. - Reiser
verlor unendlich bei ihm durch diesen Zug von anscheinenden Mangel an feiner
Empfindung und feiner Lebensart. Der Direktor verwies ihm auf eine sehr bittere
Art seine Ungeschicklichkeit, so dass Reisers Zutrauen zu dem Direktor, durch die
Beschämung, worin er durch diesen bittern Verweis versetzt wurde, ebenfalls
einen gewaltigen Stoss erhielt, wovon es sich nie wieder erholen konnte. Das
schüchterne Wesen, das Reiser auf diese Veranlassung von nun an in der Gegenwart
des Direktors bewies, diente dazu, ihn bei denselben noch immer mehr
herabzusetzen. - Kurz, von einem einzigen zu schnell umgeschlagenen Blatte in
dem Exemplar des Direktors von Ciceros Buche von den Pflichten schrieben sich
grösstenteils alle die Leiden her, die Reisern von nun an in seinen Schuljahren
bevorstanden, und welche sich vorzüglich auf den Mangel der Achtung des
Direktors gründeten, dessen Beifall, woran ihm so viel lag, er zuerst durch das
zu schnelle Blattumschlagen verscherzt hatte.
    Hiezu kam nun noch, dass die Frau Filter, ob er gleich von ihr wegzog, ihm
doch sein neues Kleid einschloss und er mit einem alten Rock, den er noch von dem
Hutmacher Lobenstein hatte, Prima besuchen musste, wo er neben sich fast lauter
wohlgekleidete junge Leute sah. Der Rock gab ihm ein lächerliches Ansehen, weil
er ihm zu kurz geworden war. Dies fühlte er selbst, und der Umstand trug sehr
viel zu der Schüchternheit in seinem Wesen bei, das er in Prima mehr wie jemals
äusserte. - Auch waren der Kantor und der Konrektor äusserst auf ihn aufgebracht,
dass er ihnen von seiner Versetzung nach Prima vorher nichts gesagt und ohne
ihren Rat diesen Schritt getan hätte. Er entschuldgte sich so gut er konnte
damit, dass er es nicht bedacht hätte. Der Kantor verzieh ihm auch bald, aber der
Konrektor hat es ihm nie verziehen, sondern es ihn noch lange nachher entgelten
lassen. Er machte nämlich eine starke Forderung an Reisern für die
Privatstunden, die dieser bei ihm gehabt hatte, und wovon jedermann glaubte, dass
er sie ihm umsonst würde gegeben haben - dies Geld liess er Reisern einige Jahre
hindurch von seinem Chorgelde abziehen, wenn es dieser oft am nötigsten
brauchte. - Ein Umstand, der ihn ebenfalls sehr niederschlug.
    Nun bekam er in dem Hause des Rektors zwar eine Stube und Kammer, aber auch
weiter nichts, denn der Rektor war selbst noch nicht recht eingerichtet. Reiser
hatte noch eine wollene Decke von seinen Eltern, dazu mietete man ihm ein
Kopfküssen und Unterbette, um ja so viel wie möglich zu sparen; wenn es nun des
Nachts kalt war, so musste er seine Kleider zu Hülfe nehmen, um sich hinlänglich
zu bedecken. Ein altes Klavier, das er hatte, diente ihm statt eines Tisches,
dazu hatte er eine kleine Bank aus dem Auditorium des Rektors, über dem Bette
ein kleines Bücherbrett an einem Nagel hängend, und in der Kammer hatte er einen
alten Koffer mit ein paar abgetragenen Kleidungsstücken stehen - das war seine
ganze häusliche Einrichtung, wobei er sich aber doch um ein grosses glücklicher
befand als in der Stube der Frau Filter, in welcher sonst weit mehr
Bequemlichkeiten waren.
    Wenn er nun allein auf seiner Stube war, so befand er sich so weit recht
wohl, aber zu dem Rektor konnte er noch kein Zutrauen fassen. Wenn er ihn gleich
im Schlafrock und in der Nachtmütze sah, so schien doch immer ein Nimbus von
Ernst und Würde sich um ihn her zu verbreiten, der Reisern in grosser Entfernung
von ihm hielt - er musste ihm seine Bibliotek in Ordnung bringen helfen; wenn er
denn zuweilen so dicht bei ihm stand, indem er ihm Bücher zureichte, dass er
seinen Atem hören konnte, so fühlte er oft einige anschliessende Kraft in sich -
aber in dem folgenden Augenblick war die Schüchternheit und Verlegenheit wieder
da. - Demohngeachtet liebte er den Rektor - und sein mit romanhaften Ideen
angefüllter Kopf liess ihn manchmal den Wunsch tun, dass er doch mit dem Rektor
auf irgendeine unbewohnte Insel versetzt werden möchte, wo sie durch das
Schicksal gleichgemacht auf einen freundschaftlichen und vertrauten Fuss umgehen
könnten.
    Der Rektor tat alles, um Reisern Mut und Zutrauen einzuflössen; er liess ihn
verschiedne Mal mit sich allein an seinem Tische speisen und unterredete sich
mit ihn. - Reiser hatte damals schon Schriftstellerprojekte: er wollte die alte
Acerra philologika in einen bessern Stil bringen, und der Rektor war so gütig,
ihn zu ermuntern, dass er immer dergleichen Projekte für die Zukunft nähren und
sich mit dergleichen Ausarbeitungen beschäftigen solle.
    Wenn nun Reiser über so etwas mit dem Rektor sprach, so fehlte es ihm immer
an den rechten Ausdrücken, deren er sich bedienen sollte, welches seine Perioden
sehr unterbrochen machte. - Denn er schwieg lieber, ehe er das unrechte Wort zu
dem Gedanken wählte, den er ausdrücken wollte. - Der Rektor half ihm dann mit
vieler Nachsicht zurecht. - Er liess ihn auch zuweilen des Abends zu sich auf die
Stube kommen und sich von ihm vorlesen.
    Reiser erdreistete sich denn auch manchmal, Fragen an ihn zu tun: in wiefern
z.B. ein Stuhl ein Individuum zu nennen sei, da man ihn doch immer noch wieder
teilen könne, welcher Zweifel ihm bei der Logik, die er vom Direktor hörte,
aufgefallen war - und der Rektor löste ihm sehr herablassend seinen Zweifel auf
und lobte ihn dabei wegen seines Nachdenkens über dergleichen Gegenstände; ja,
er scherzte zuweilen gar mit ihm, und wenn er ihm den Auftrag gab, irgendein
Buch oder sonst etwas zu holen, so tat er dies nie in einem befehlenden Tone,
sondern bittweise. - So war nun alles soweit recht gut - aber das
Blattumschlagen schien nun einmal für Reisern eine unglückliche Sache zu sein -
er musste einmal für den Rektor geheftete Bücher aufschneiden und machte das so
ungeschickt, dass er mit dem Federmesser tiefe Einschnitte in die Blätter machte,
wodurch ein paar Bücher fast ganz verdorben wurden. - Der Rektor wurde darüber
sehr böse und machte ihm den bittern Vorwurf, als ob er aus Bosheit die
Einschnitte in die Blätter gemacht habe, um von der Arbeit frei zu sein. - Das
war nun freilich nicht der Fall - der Vorwurf schmerzte Reisern und trug viel
dazu bei, seinen allmählich wachsenden Mut wieder niederzuschlagen.
    Indes erholte er sich doch noch einmal wieder, da ihn der Rektor auf einer
kleinen Reise nach einer benachbarten katolischen Stadt mitnahm, um die Feier
des Fronleichnamsfestes mit anzusehen. - Der Rektor, der Konrektor, der Kantor
und ein paar Kandidaten der Teologie fuhren auf einem Wagen mit Extrapost, wo
Reiser auch ein Plätzchen erhielt. - Nun hörte er diese ehrwürdigen Männer, die
durch das Aneinanderschliessen, welches gemeiniglich bei einer kleinen
Reisegesellschaft stattzufinden pflegt, vertraulich gemacht waren, sehr lebhaft
miteinander scherzen; und dies tat eine ganz besondere Wirkung auf Reisern. -
Der Nimbus um ihre Köpfe verschwand allmählich, und er sah an ihnen zum ersten
Male Menschen, wie andre Menschen sind. - Denn noch nie hatte er eine
Gesellschaft von Schwarzröcken zusammengesehen, die sich ohne Zwang miteinander
besprachen und alle das steife, zeremonienmässige Wesen, das ihnen sonst von
ihrem Stande anklebt, auf eine Zeitlang gegeneinander ablegten. Nur der gute
Kantor behielt immer ein gewisses steifes Wesen bei, und da unterwegs eine grosse
Menge Bettler, die geistliche Lieder absangen, dem Wagen entgegenkamen,
schraubte man den Kantor mit diesem Auftritt, indem man ihn wegen dieser
schrecklichen Disharmonien, wodurch sein Gehör ganz erschüttert wurde, herzlich
bedauerte. - Es war zum ersten Male, dass Reiser sah, wie sich solche ehrwürdige
Männer auch ebenso wie andre Leute untereinander schrauben könnten. Und diese
Erfahrung, die er machte, war ihm sehr nützlich, indem er nun jeden Priester,
den er sonst noch immer gewissermassen als eine Art von übermenschlichem Wesen
betrachtete, sich etwa in den Zirkel einer solchen Reisegesellschaft dachte und
ihn denn in seiner Vorstellung von dem Nimbus, der ihn vorher umgab, mit
leichter Mühe entblösste.
    Allein er fühlte es demohngeachtet wieder lebhaft, welch ein unbedeutendes
Wesen er in dieser Gesellschaft war; und da man alle Merkwürdigkeiten der
Klöster und andre Sachen in der katolischen Stadt besah, wozu noch eine Anzahl
zum Teil auch fremder Personen sich gesellte, so fühlte er, wie es sich immer
von selbst verstand, dass er bei allem der letzte war, und dass er dies noch als
eine grosse Ehre ansehen musste, die ihm widerfuhr - dieser Gedanke machte, dass er
sich in der Gesellschaft verlegen, albern und dumm betrug, und dies verlegene
und alberne Betragen fühlte er auch wieder selbst weit stärker, als es
vielleicht irgend jemand ausser ihm bemerken mochte; darum war er die Zeit über,
in welcher er so viel Neues zu hören und zu sehen bekam, nichts weniger als
glücklich und wünschte sich wieder auf sein einsames Stübchen mit der Bank und
dem alten Klaviere und dem Bücherbrett, das über dem Bett am Nagel hing.
    Was aber nun vorzüglich anfing, ihm sein Schicksal zu verbittern, war eine
neue unverdiente Demütigung, wozu seine gegenwärtige Lage, die er doch wiederum
nicht ändern konnte, die Veranlassung gab.
    Als er nämlich die ersten Male Prima besuchte, so hörte er schon zuweilen
hinter sich zischeln: Sieh, das ist des Rektors Famulus! Eine Benennung, mit
welcher Reiser den allerniedrigsten Begriff verband; denn er wusste von den
Verhältnissen eines Famulus auf der Universität noch nichts. Ihm bezeichnete
Famulus womöglich noch weniger als einen Bedienten, der seinem Herren die Schuh
putzt. - dabei deuchte es ihm, als ob er allgemein von seinen Mitschülern mit
einer Art von Verachtung betrachtet würde. - Dann dachte er sich in seinem
kurzen Rocke, womit er sich immer selbst in einer lächerlichen Gestalt erschien.
- In Sekunda war er ohngeachtet seiner schlechten Kleidung von seinen
Mitschülern noch geachtet worden, wegen der hohen Meinung, die man davon hatte,
dass ihn der Prinz studieren liess. In Prima wusste man dies zwar auch zum Teil,
aber die Idee, dass er beim Rektor Famulus war, schien ihn in aller Augen
herabzusetzen. - Nun kam in Prima ausserordentlich viel auf den Platz an, wo man
sass: höhere Plätze konnten nur durch langen fortgesetzten Fleiss erlangt werden.
Gemeiniglich rückte man alle halbe Jahre nur eine Bank in die Höhe. - Die ersten
vier Bänke machten den untern und die letztern drei den obern Zötus aus. - Wer
nun bei den halbjährigen Versetzungen zurückblieb, für den war dies eine der
grössten Erniedrigungen.
    Nun hatte Reiser gleich am dritten Morgen, während dass ein Primaner von dem
untern Kateder ein geschriebnes Gebet ablas, da ihm sein Nachbar etwas sagte,
eine lächelnde Miene gemacht, und da er sah, dass er vom Direktor bemerkt wurde,
diese Miene plötzlich in eine ernstafte zu verwandeln gesucht. - Und der
Eindruck, welcher noch von dem Blattumschlagen in seiner Seele zurückgeblieben
war, machte, dass diese plötzliche Veränderung seiner Miene nicht im mindesten
auf eine edle, sondern vielmehr höchst misstrauische, gemeine und sklavische
Furcht verratende Art geschahe, woraus der Direktor mit einem Blick des Zorns
und der Verachtung, den er währendem Gebet auf Reisern warf, seine niedrige,
gemeine Denkungsart zu schliessen schien. - Ein solcher Blick vom Direktor war
schon etwas, das allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen pflegte. - Da nun aber das
Gebet vorbei war, so sagte er Reisern ein paar Worte über das Niederträchtige in
seiner Miene, welche diesen auf einmal der Verachtung der ganzen Klasse
aussetzten, der die Aussprüche des Direktors Orakel waren.
    Reiser getraute sich von nun an nicht mehr, seine Augen zu dem Direktor
aufzuschlagen, und musste sich in den Stunden desselben wie ein Wesen betrachten,
auf das nicht die mindeste Rücksicht genommen ward: denn der Direktor rief ihn
niemals auf. - Ein paar junge Leute, die nach Reisern in Prima kamen, wurden
über ihn gesetzt, und er musste verschiedene Monate lang der letzte von allen
bleiben. - Der junge Rehberg, ein vorzüglicher Kopf, der sich nachher als Maler
berühmt gemacht hat, sass neben Reisern und schien sich an ihn schliessen zu
wollen; allein ein Blick des Direktors, womit derselbe ihn ansah, da er einmal
mit Reisern sprach, dämpfte jeden Funken von Achtung, den er gegen Reisern zu
haben schien, und machte sein Herz von ihm abgewandt. - Das Betragen des
Direktors gegen Reisern war eine Folge von dessen schüchternen und misstrauischen
Wesen, das eine niedrige Seele zu verraten schien; allein der Direktor erwog
nicht, dass eben dies schüchterne und misstrauische Wesen wieder eine Folge von
seinem ersten Betragen gegen Reisern war.
    Dieser war nun einmal in der Achtung seiner Mitschüler gesunken, und jeder
nahm sich jetzt heraus, zum Ritter an ihm zu werden, jeder wollte seinen Witz an
ihm üben, und nahm er es gleich mit einem auf, so waren wieder zwanzig andre,
die miteinander wetteiferten, ihn zum Ziel ihres Spottes zu machen; selbst seine
Bravour, wenn er sich zuweilen mit denen, die es zu arg machten, schlug, wodurch
jeder andre sich vielleicht wieder in Achtung gesetzt hätte, wurde lächerrlich
gemacht. - Man zischelte sich nicht mehr in die Ohren: Seht da, des Rektors
Famulus! sondern sobald er des Morgens hereintrat, hiess es: Da kömmt der
Famulus! und diese Ehrenbenennung schallete ihm aus allen Ecken entgegen. Es
war, als ob sich alles verschworen hätte, sich auf ihn zu setzen und ihn
lächerrlich zu machen. -
    Dieser Zustand wurde ihm eine Hölle - er heulte, tobte und geriet in eine
Art von Raserei darüber, und auch dies wurde lächerrlich gemacht. - Zuletzt trat
denn zuweilen eine Art von Dumpfheit der Empfindung an die Stelle seines bis zur
Wut und Raserei beleidigten Stolzes - er hörte und sah nicht mehr, was um ihn
her vorging, und liess alles mit sich machen, was man wollte, so dass er in dem
Zustande ein würdiger Gegenstand des Spottes und der Verachtung zu sein schien.
    Was Wunder, wenn er am Ende durch diese fortgesetzte Behandlung würklich
niederträchtig gesinnt geworden wäre? - Aber er fühlte noch immer Kraft genug in
sich, in gewissen Stunden sich ganz aus seiner wirklichen Welt zu versetzen. -
Das war es, was ihn aufrecht erhielt. - Wenn seine Seele durch tausend
Demütigungen in seiner wirklichen Welt erniedrigt war, so übte er sich wieder in
den edlen Gesinnungen der Grossmut, Entschlossenheit, Uneigennützigkeit und
Standhaftigkeit, sooft er irgendeinen Roman oder heroisches Drama durchlas oder
durchdachte. - Oft träumte er sich auf diese Weise über allen Kummer der Erde
hinaus, in heitre Szenen hin, wenn er vom Frost erstarrt im Chore sang, und
verphantasierte so manche Stunde, wo denn gewisse Melodien, die er hörte und
mitsang, seinen Traum oft fortpflanzen halfen. - Nichts klang ihm z.B. rührender
und erhabener, als wenn der Präfektus anhub zu singen:
Hylo schöne Sonne
Deiner Strahlen Wonne
In den tiefen Flor -
Das Hylo allein schon versetzte ihn in höhere Regionen und gab seiner
Einbildungskraft allemal einen ausserordentlichen Schwung, weil er es für
irgendeinen orientalischen Ausdruck hielt, den er nicht verstand und eben
deswegen einen so erhabnen Sinn, als er nur wollte, hineinlegen konnte: bis er
einmal den geschriebenen Text unter den Noten sah und fand, dass es hiess:
Hüll, o schöne Sonne, usw.
Diese Worte sang der Präfektus nach seiner türingischen Mundart immer: Hylo
schöne Sonne. - Und nun war auf einmal das ganze Zauberwerk verschwunden,
welches Reisern so manchen frohen Augenblick gemacht hatte. - Ebenso war es ihm
immer sehr rührend, wenn gesungen wurde: Du verdeckest sie in den Hütten oder:
lieg ich nur in deiner Hut, o so schlaf ich sanft und gut. -
    Er wiegte sich oft so sehr in die süssen Empfindungen von dem Schutz eines
höhern Wesens ein, dass er Regen und Frost und Schnee vergass und sich in der ihn
umgebenden Luft wie in einem Bette sanft zu ruhen schien.
    Allein von aussen her schien sich alles zu vereinigen, um ihn zu demütigen
und niederzubeugen.
    Da es Sommer wurde, verreiste der Rektor auf einige Wochen, und er blieb nun
während der Zeit allein in dessen Hause zurück, wo er die Zeit zu Hause ziemlich
vergnügt zubrachte, indem er sich aus der Bibliotek des Rektors einiger Bücher
zum Lesen bediente und unter andern auf Moses Mendelsohns Schriften und die
Literaturbriefe verfiel, woraus er sich damals zuerst Exzerpte machte. -
    Insbesondre zog er sich alles aus, was das Teater anging, denn diese Idee
war jetzt schon die herrschende in seinem Kopfe und gleichsam schon der Keim zu
allen seinen künftigen Widerwärtigkeiten.
    Durch das Deklamieren in Sekunda war sie zuerst lebhaft in ihm erwacht und
hatte die Phantasie des Predigens allmählich aus seinem Kopf verdrängt - der
Dialog auf dem Teater bekam mehr Reize für ihn als der immerwährende Monolog
auf der Kanzel. - Und dann konnte er auf dem Teater alles sein, wozu er in der
wirklichen Welt nie Gelegenheit hatte - und was er doch so oft zu sein wünschte
- grossmütig, wohltätig, edel, standhaft, über alles Demütigende und
Erniedrigende erhaben - wie schmachtete er, diese Empfindungen, die ihm so
natürlich zu sein schienen und die er doch stets entbehren musste, nun einmal
durch ein kurzes, täuschendes Spiel der Phantasie in sich wirklich zu machen. -
    Das war es ohngefähr, was ihm die Idee vom Teater schon damals so reizend
machte. - Er fand sich hier gleichsam mit allen seinen Empfindungen und
Gesinnungen wieder, welche in die wirkliche Welt nicht passten. - Das Teater
deuchte ihm eine natürlichere und angemessnere Welt als die wirkliche Welt, die
ihn umgab.
    Nun kamen die Sommerferien heran, und die Primaner führten, wie sie alle
Jahr zu tun pflegten, öffentlich verschiedene Komödien auf. - Reiser konnte bei
der allgemeinen Verachtung, der er als ein sogenannter Famulus des Rektors
ausgesetzt war, sich nicht die mindeste Hoffnung machen, eine Rolle zu erhalten;
ja, er konnte nicht einmal von irgendeinem der Mitschüler ein Billett erhalten,
um zuzusehn. Dies schlug ihn mehr als alles Bisherige nieder - bis er auf den
Einfall kam, mit zwei bis dreien seiner Mitschüler, welche auch keine Rollen
hatten, gleichsam eine Partie der Missvergnügten auszumachen und auf deren
Wohnstube bei einer kleinen Anzahl Zuschauer eine Komödie besonders aufzuführen.
-
    Hiezu wurde denn Philotas gewählt, wo Reiser einem andren, der die Rolle des
Philotas schlecht machte, sie mit Geld abkaufte und also nun den Philotas
spielte.
    Nun war er in seinem Elemente. - Er konnte einen ganzen Abend lang
grossmütig, standhaft und edel sein - die Stunden, wo er sich zu dieser Rolle
übte, und der Abend, wo er sie spielte, waren von den seligsten seines Lebens -
obgleich das Teater nur ein schlechtes Zimmer mit weissen Wänden und das
Parterre eine Kammer war, die daran stiess, und wo man statt der ausgehobenen
Türe eine wollene Decke angebracht hatte, die zum Vorhang dienen musste; und
obgleich das ganze Auditorium nur aus dem Wirt des Hauses, der ein Töpfer war,
nebst dessen Frau und seinen Gesellen bestand und die ganze Erleuchtung nur mit
Pfenniglichtern bewerkstelligt wurde, die auf kleinen an die Wand geklebten
Stücken von nassen Leimen brannten. -
    Zum Nachspiel wurde aus Millers historisch-moralischen Schilderungen der
sterbende Sokrates gegeben, worin Reiser nur einen Freund des Sokrates und der
eine von seinen Mitschülern, namens G ..., den sterbenden Sokrates selbst
machte, welcher denn ordentlich den Giftbecher leerte und zuletzt unter
Zuckungen auf einem Bette, das in die Stube gesetzt war, verschied.
    Dies letzte Nachspiel war es nun, was Reisern nachher fast seine ganzen
Schuljahre verbittert hat. -
    Die andern Primaner hatten nämlich erfahren, dass ausser der ihrigen von
denen, welchen sie keine Rollen gegeben hatten, noch besonders eine Komödie
aufgeführt worden sei - sie sahen dies als einen Eingriff in ihre Rechte an, und
als ob es gleichsam aus Trotz und Verachtung geschehen sei. -
    Sie suchten sich für diese unverzeihliche Beleidigung, wofür sie es hielten,
auf alle Weise zu rächen, und von der Zeit an durfte von den vieren, welche den
Philotas und den sterbenden Sokrates aufgeführt hatten, keiner des Abends sicher
auf der Strasse gehen. - Diese viere waren von der Zeit an ein Gegenstand des
Hasses, der Verachtung und des Spottes, welcher Reisern gerade am meisten traf;
denn die andern besuchten die Schulstunden selten. - Gegen Reisern hatte man
schon vorher nichts als Verachtung bezeigt, die ausser einer Art von
unerklärbarer allgemeiner Antipatie gegen ihn ihren Grund vorzüglich in seiner
erniedrigenden oder wenigstens für erniedrigend gehaltenen Situation, seiner
blöden Miene und seinem kurzen Rock haben mochte; zu dieser Verachtung gesellte
sich nun jetzt noch eine allgemeine Erbitterung gegen ihn, welche den Spott,
womit man ihn überhäufte, so beissend wie möglich zu machen suchte. -
    Und ob nun gleich nicht er, sondern G ... die Rolle des sterbenden Sokrates
in dem Nachspiel gemacht hatte, so hiess er doch von nun an mit einem allgemeinen
Spottnamen »der sterbende Sokrates« und verlor diesen beinahe nicht eher, bis
diese ganze Generation nach und nach die Schule verlassen hatte; noch ein Jahr
vorher, ehe er selbst die Schule verliess, war er eine lange Zeit kränklich
gewesen und gar nicht aus dem Hause gekommen; als er nun wieder einer Komödie
zusehen wollte, welche die Primaner damals aufführten, liess man ihn zwar herein,
aber man sah ihn mit einem verächtlichen, höhnischen Blick an und sagte: Da ist
der sterbende Sokrates, so dass Reiser gleich umkehrte und traurig wieder zu
Hause ging. -
    Sonst pflegt doch immer bei den Menschen eine gewisse Gutmütigkeit zu
herrschen, dass sie nur denjenigen zum Gegenstande ihres Spottes machen, der
gewissermassen unempfindlich dagegen ist; sehen sie hingegen, dass einer durch den
Spott wirklich beleidigt und gekränkt wird, so treiben sie's wenigstens nicht
unaufhörlich, sondern das Mitleid gewinnt doch endlich über die Spottsucht die
Oberhand.
    Aber das war bei Reisern der Fall nicht - seine Gestalt verfiel von Tage zu
Tage, er wankte nur noch wie ein Schatten umher; es war ihm beinahe alles
gleichgültig; sein Mut war gelähmt - wo er konnte, suchte er die Einsamkeit -
aber das alles erweckte auch kein Fünkchen Mitleid gegen ihn. - So sehr waren
aller Gemüter mit Hass und Verachtung gegen ihn erfüllt. -
    Ausser ihm war noch ein gewisser T ... ein Gegenstand des Spottes, der zum
Teil durch seine stotternde Sprache Veranlassung dazu gab. - Dieser aber
schüttete den Spott ab, wie das Tier mit der unempfindlichen Haut die Schläge. -
Indem man seiner spottete, so rechtfertigte man sich selbst damit, dass ihn der
Spott nicht kränkte. - Bei Reisern nahm man darauf keine Rücksicht. Dies
erbitterte endlich sein Herz und machte ihn zum offenbaren Menschenfeinde.
    Wo sollte nun wohl bei ihm ein rühmlicher Wetteifer, Fleiss und Lust zum
eigentlichen Studieren herkommen? - Er wurde ja ganz aus der Reihe
herausgedrängt - er stand einsam und verlassen da und suchte nur das, wodurch er
sich immer noch mehr absondern und in sich selbst zurückziehen konnte; alles,
was er für sich allein auf der Stube arbeitete, las und dachte, machte ihm
Vergnügen, aber zu allem, was er in den Schulstunden mit andern gemeinschaftlich
arbeiten sollte, war er träge und verdrossen; es war ihm immer, als ob er gar
nicht dazu gehörte. -
    Das war nun die schöne Erfüllung seiner Träume von langen Reihen von Bänken,
auf denen die Schüler der Weisheit sassen, unter deren Zahl er sich mit Entzücken
dachte, und mit denen er einst um den Preis zu wetteifern hoffte. -
    Der Rektor, bei dem er wohnte, kam nun auch von seiner Reise wieder zurück
und hatte seine Mutter mitgebracht, die seine Wirtschaft auf das genaueste
einzurichten suchte. - Es wurde Winter, und man dachte nicht daran, Reisers
Stube zu heizen - er stand erst die bitterste Kälte aus und glaubte, man würde
doch endlich auch an ihn denken - bis er hörte, dass er sich bei Tage in der
Gesindestube mit aufhalten sollte. -
    Nun fing er an, sich um seine äussern Verhältnisse gar nicht mehr zu
bekümmern. - Von seinen Lehrern sowohl als von seinen Mitschülern verachtet und
hintangesetzt - und wegen seines immerwährenden Missmuts und menschenscheuen
Wesens bei niemand beliebt, gab er sich gleichsam selber in Rücksicht der
menschlichen Gesellschaft auf - und suchte sich nun vollends ganz in sich
zurückzuziehen.
    Er ging zu einem Antiquarius und holte sich einen Roman, eine Komödie nach
der andern und fing nun mit einer Art von Wut an zu lesen. - Alles Geld, was er
sich vom Munde absparen konnte, wandte er an, um Bücher zum Lesen dafür zu
leihen; und da nach einiger Zeit der Antiquarius ihn kennen lernte und ihm ohne
jedesmalige bare Bezahlung Bücher zum Lesen liehe, so hatte sich Reiser, ehe er
es merkte, tief in Schulden hineingelesen, die, so klein sie sein mochten,
damals für ihn unerschwinglich waren.
    Er suchte diese Schuld zum Teil durch den Verkauf seiner angeschaften
Schulbücher zu tilgen, die ihm der Antiquarius für ein Spottgeld abnahm - und
ihm dafür aufs neue Bücher zum Lesen lieh, bis er wieder in neue Schulden geriet
und denn wieder ängstlich auf Tilgung derselben denken musste.
    Das Lesen war ihm nun einmal so zum Bedürfnis geworden, wie es den
Morgenländern das Opium sein mag, wodurch sie ihre Sinne in eine angenehme
Betäubung bringen. - Wenn es ihm an einem Buche fehlte, so hätte er seinen Rock
gegen den Kittel eines Bettlers vertauscht, um nur eins zu bekommen. - Diese
Begierde wusste der Antiquarius wohl zu nutzen, der ihm nach und nach alle seine
Bücher ablockte und sie oft in seiner Gegenwart sechsmal so teuer wieder
verkaufte, als er sie ihm abgekauft hatte.
    Es war unter diesen Umständen keinem zu verdenken, der Reisern für einen
lüderlichen aus der Art geschlagnen jungen Menschen hielt, welcher seine
Schulbücher verkaufte, statt seine Kenntnisse zu vermehren und den Unterricht
seiner Lehrer zu nutzen, nichts als Romane und Komödien las - und dabei sein
Äusseres ganz vernachlässigte; denn es war sehr natürlich, dass Reiser keine Lust
zu seinem Körper hatte, da er doch niemanden in der Welt gefiel - und dann wurde
auch alle das Geld, was die Wäscherin und der Schneider hätten bekommen sollen,
dem Bücherantiquarius hingebracht - denn das Bedürfnis zu lesen ging bei ihm
Essen und Trinken und Kleidung vor, wie er denn wirklich eines Abends den
Ugolino las, nachdem er den ganzen Tag nicht das mindeste genossen hatte, denn
seinen Freitisch hatte er über dem Lesen versäumt und für das Geld, was zum
Abendbrot bestimmt war, hatte er sich den Ugolino geliehen und ein Licht
gekauft, bei welchem er in seiner kalten Stube in eine wollene Decke eingehüllt
die halbe Nacht aufsass und die Hungerszenen recht lebhaft mitempfinden konnte.
    Indes waren diese Stunden noch die glücklichsten, welche er gleichsam aus
dem Gewirre der übrigen herausriss - seine Denkkraft war vollkommen wie berauscht
- er vergass sich und die Welt. -
    Er las auf die Weise nach der Reihe die zwölf oder vierzehn Bände durch,
welche damals vom deutschen Teater heraus waren, und weil er Yoriks empfindsame
Reisen mit grossem Vergnügen zwei- bis dreimal durchgelesen hatte, so lieh er
sich auch von dem Antiquarius die empfindsamen Reisen durch Deutschland von
Schummel.-
    Nun hatte er damals schon angefangen, sich die Titel der Bücher, welche er
gelesen hatte, in einem dazu bestimmten Buche niederzuschreiben und sein Urteil
dabei zu setzen, das mehrmalen ziemlich richtig ausfiel; wie er denn z.B. bei
die empfindsamen Reisen durch Deutschland von Schummel das Urteil schrieb: ein
exercitium extemporaneum, weil der Verfasser selbst gestand, dass er alle die
verschiedenen Sachen in diesem dicken Buche bloss zusammengeschrieben habe, damit
man urteilen solle, zu welchem Fach in der Schriftstellerei er sich wohl am
besten schicken würde. - Der Verfasser dieser empfindsamen Reisen hat nachher
dies exercitium extemporaneum durch seinen Spitzbart hinlänglich wieder
gutgemacht.
    Aber nicht leicht hat Reisern bei irgendeinem Buche die Zeit, welche er auf
das Lesen desselben gewandt hatte, mehr gereut als bei diesen empfindsamen
Reisen. -
    So lernte er nun von selbst allmählich das Mittelmässige und Schlechte von
dem Guten immer besser unterscheiden. -
    Bei allem aber, was er las, war und blieb nun die Idee vom Teater immer bei
ihm die herrschende - in der dramatischen Welt lebte und webte er - da vergoss er
oft Tränen, indem er las, und liess sich wechselsweise bald in heftige, tobende
Leidenschaft des Zorns, der Wut und der Rache und bald wieder in die sanften
Empfindungen des grossmütigen Verzeihens, des obsiegenden Wohlwollens und des
überströmenden Mitleids versetzen. -
    Seine ganze äussere Lage und seine Verhältnisse in der wirklichen Welt waren
ihm so verhasst, dass er die Augen davor zuzuschliessen suchte. - Der Rektor rief
ihn im Hause bei seinem Namen, wie man einen Bedienten ruft; und einmal musste er
einen seiner Mitschüler, der ein Sohn eines Freundes vom Rektor war, bei
demselben zum Essen bitten; und während dass dieser des Abends bei dem Rektor
speiste, musste Reiser Wein holen und in der Gesindestube sein, die gleich neben
der Stube war, wo gespeist wurde, und wo er hören konnte, wie sein Mitschüler
sich mit dem Rektor unterhielt, während dass er bei der Magd in der Stube sass.
    Der Rektor gab verschiedene Privatstunden - wenn er nun etwa eine davon
nicht halten konnte, so musste Reiser bei seinen Mitschülern, mit denen er doch
auch an diesem Unterricht teilnahm, herumgehen und ihnen die Privatstunde
absagen, welches den Übermut derselben gegen ihn noch vermehrte.
    Diese Zurücksetzung hatte ihren guten Grund in seinem Betragen - er war
unteilnehmend an allem, was ausser ihm vorging, und zu jedem Geschäft, was ihn
aus seiner Ideenwelt herauszog, träge und verdrossen. - Was Wunder, da er an
nichts teilnahm, dass man auch wieder an ihm nicht teilnahm, sondern ihn
verachtete, hintansetzte und vergass?
    Allein man erwog nicht, dass eben dies Betragen, weswegen man ihn
zurücksetzte, selbst eine Folge von vorhergegangner Zurücksetzung war. - Diese
Zurücksetzung, welche in einer Reihe von zufälligen Umständen gegründet war,
hatte den Anfang zu seinem Betragen und nicht sein Betragen, wie man glaubte,
den Anfang zur Zurücksetzung gemacht.
    Möchte dies alle Lehrer und Pädagogen aufmerksamer und in ihren Urteilen
über die Entwicklung der Charaktere junger Leute behutsamer machen, dass sie die
Einwirkung unzähliger zufälliger Umstände mit in Anschlag brächten und von
diesen erst die genaueste Erkundigung einzuziehen suchten, ehe sie es wagten,
durch ihr Urteil über das Schicksal eines Menschen zu entscheiden, bei dem es
vielleicht nur eines aufmunternden Blicks bedurfte, um ihn plötzlich
umzuschaffen, weil nicht die Grundlage seines Charakters, sondern eine
sonderbare Verkettung von Umständen an seinem schlecht in die Augen fallenden
Betragen schuld war.
    Anton Reisers Schicksal schien es nun einmal zu sein, Wohltaten zu seiner
Qual zu empfangen. - Es war Wohltat, dass er ein Jahr lang bei der Frau Filter im
Hause war, und in welcher peinlichen und drückenden Lage brachte er dieses Jahr
zu! - Es war Wohltat, dass er bei dem Rektor im Hause war, nur was für unzählige
Demütigungen und Verachtung von seinen Mitschülern zog ihm dieser ihm so reizend
geschilderte Aufentalt zu!
    Dem äussern Anschein nach konnte nun auch von Reisern niemand als schlecht
urteilen - und der Rektor sagte selbst zum Pastor Marquard, es würde höchstens
einmal ein Dorfschulmeister aus ihm werden. - Dies hielt der Pastor Marquard
nachher Reisern wieder vor, und sein Mut wurde durch dies Urteil des Rektors
über ihn, dem er damals noch nicht viel Selbstgefühl entgegensetzen konnte, noch
mehr niedergeschlagen.
    Weil nun der Rektor sicher zu glauben schien, dass aus Reisern doch nie etwas
würde, so brauchte er ihn indes, wozu er noch zu brauchen war, nämlich zu
allerlei kleinen Diensten, die er ihn in und ausser dem Hause verrichten liess -
und Reiser wurde nun im Grunde völlig wie ein Domestik betrachtet, ob er gleich
ein Primaner hiess.
    Einmal genoss er denn doch noch die Vorrechte eines Primaners, da er von dem
Chorgelde, das er erhielt, seinen Teil zum Neujahrgeschenke für den Rektor mit
hergab und auch dem Aufzuge mit Fackeln beiwohnte, da dem Direktor und dem
Rektor nach hergebrachter Weise zum Neujahr eine Musik gebracht und ein Vivat
gerufen wurde. -
    Ob er gleich bei diesem Zuge der letzte oder einer der letzen in der Ordnung
war, so erhob es doch seinen Mut ausserordentlich wieder, da er sich ohngeachtet
der vielen Herabwürdigungen und Demütigungen, die er erfahren hatte, doch hier
gleichsam wieder in Reihe und Glied mit den übrigen stehen sah, einen Degen
nebst einer Fackel tragen und das Vivat mit rufen durfte.
    Die Musik, die Zuschauer, die Erleuchtung von den Fackeln, die Anführer mit
Federhüten und entbössten Degen - das alles beseelte ihn wieder mit neuem Mut, da
er sich in diesem glänzenden Aufzuge mit befand. -
    Und da er am andern Tage mit unter der Zahl der Primaner stand und dem
Rektor mit einer lateinischen Anrede an ihn das Neujahrsgeschenk, wozu Reiser
doch auch seinen Teil beigetragen hatte, auf einem silbernen Teller überreicht
wurde, so fühlte er sich einmal mit einigem Wohlgefallen wieder in der
wirklichen Welt. - Er sah sich doch hier nicht ganz ausgeschlossen und
verdrängt. - Allein wie sehr verbitterte ihm der Hass und Übermut seiner
Mitschüler auch diese kleine Aufmunterung wieder! -
    Der Rektor bewirtete die Primaner, welche ihm das Geschenk gebracht hatten,
mit Wein und Kuchen. - Diese tranken zu wiederholten Malen seine Gesundheit,
wobei sie denn am Ende, da ihnen der Wein in die Köpfe stieg, ziemlich laut
wurden. - Reiser trank einige Gläser Wein, ohne schlimme Folgen zu besorgen
allein die gänzliche Ungewohnheit des Weintrinkens machte, dass ihn ein paar
Gläser schon etwas berauschten; nun legten es seine edeldenkenden Mitschüler
darauf an, ihn gänzlich betrunken zu machen, welches ihnen teils durch List und
teils durch Drohungen gelang, so dass Reiser allerlei verwirrtes Zeug redete und
am Ende zu Bette gebracht werden musste. -
    War nun Reiser vorher schon in dem Zutrauen und der Achtung aller derer, die
ihn kannten, gesunken, so gab dieser Vorfall seinem guten Kredit nun vollends
den letzten Stoss. - Vorher war er schon ein träger, unordentlicher und
unfleissiger, nun war er auch ein unmässiger und schlechter Mensch, weil er in dem
Hause seines Lehrers, der zugleich sein Wohltäter war, durch sein unanständiges
Betragen zugleich das undankbarste Herz verraten hatte.
    Alle diese Folgen sah Reiser dunkel voraus, da er am andern Morgen
erwachte, und indem er sich anzog, machte er sich schon auf Bitte und
Entschuldigung bei dem Rektor wegen seines gestrigen Betragens gefasst. -
    Er hatte seine Anrede recht gut ausstudiert und versicherte unter andern,
dass er diesen Flecken auf alle Weise wieder würde auszutilgen suchen, worauf ihm
denn der Rektor eben nicht sehr tröstlich antwortete, dass die nachteiligen
Folgen von diesem Vorfall, wenn er bekannt würde, wohl schwerlich zu verhüten
sein würden.
    Der Rektor hatte darin sehr recht - denn der Vorfall wurde bald bekannt, und
es hiess nun: Wie! der junge Mensch lebt von Wohltaten, selbst der Prinz wendet
so viel an ihn, und da er in dem Hause seines Lehrers, seines Wohltäters, der
ihm Obdach gibt, gastfreundlich bewirtet wird, beträgt er sich so - wie
niederträchtig, wie undankbar!
    Ohngeachtet nun Reisern diese Folgen ahndeten, und er höchst traurig darüber
war, empfand er doch am andern Tage, da er ins Chor kam und seine Mitschüler
über sein blasses und verwirrtes Ansehn, das er noch von dem gestrigen Rausche
hatte, lachten, eine Art von sonderbarem Stolz, gleichsam als ob er durch das
gestrige Betrinken eine gewisse Bravour bezeigt hätte, dass er sogar affektierte,
als ob sein Taumel noch fortdauerte, um dadurch Aufmerksamkeit auf sich zu
erregen. -
    Denn die Aufmerksamkeit der übrigen auf ihn, die diesmal mehr mit einer
gewissen Art von Beifall als mit Spott verknüpft war, schmeichelte ihm. - Auch
betrachteten ihn die andern so, wie man einen zu betrachten pflegt, der in
demselben Fall ist, worin man selbst einmal war - denn der Präfektus war fast
immer betrunken - dies geheime Vergnügen, welches Reiser empfand, da es ihm zu
gelingen schien, sich durch das Schlechte bemerkt zu machen, ist wohl die
gefährlichste Klippe der Verführung, woran die meisten jungen Leute zu scheitern
pflegen.
    Indes wurde dieser Übermut bei Reisern sehr bald wieder gedämpft, da er die
nachteiligen Folgen, welche ihm der Rektor prophezeit hatte, nur zu bald
empfand. - Allentalben empfing man ihn mit kalten und verächtlichen Blicken. -
Er liess daher die meisten Freitische einen nach dem andern freiwillig fahren und
hungerte lieber oder ass Salz und Brot - ehe er sich diesen Blicken aussetzen
wollte. - Bei dem einzigen Schuster Schantz ging er noch immer mit Vergnügen
hin, denn hier wurde er nach wie vor mit freundlichen Blicken empfangen, und man
liess ihn hier nicht für sein widriges Schicksal büssen.
    Er war damals weit entfernt, dass er sich gegen sich selbst hätte
entschuldigen sollen. - Vielmehr trauete er dem Urteil so vieler Menschen mehr
als seinem eigenen Urteil über sich selbst zu - er klagte sich oft an und machte
sich die bittersten Vorwürfe über seine Versäumnis im Studieren, über sein Lesen
und über sein Schuldenmachen beim Bücherantiquarius - denn er war damals nicht
imstande, sich das alles als eine natürliche Folge der engsten Verhältnisse,
worin er sich befand, zu erklären. - In solcher Stimmung der Seele, wo er gegen
sich selbst aufgebracht und seine Phantasie noch durch ein Trauerspiel, das er
eben gelesen hatte, erhitzt war, schrieb er einmal einen verzweiflungsvollen
Brief an seinen Vater, worin er sich als den grössten Verbrecher anklagte, und
der mit unzähligen Gedankenstrichen angefüllt war, so dass sein Vater nicht
wusste, was er aus dem Briefe machen sollte und für den Verstand des Verfassers
im Ernst zu fürchten anfing. - Der ganze Brief war im Grunde eine Rolle, die
Reiser spielte. - Er fand ein Vergnügen daran, sich selbst, wie es zuweilen die
Helden in den Trauerspielen machen, mit den schwärzesten Farben zu schildern und
dann recht tragisch gegen sich selbst zu wüten.
    Da er nun niemand auf der Welt und auch sich selbst nicht einmal zum Freunde
hatte, was konnte wohl anders sein Bestreben sein, als sich so viel und so oft
wie möglich selbst zu vergessen?
    Der Bücherantiquarius blieb daher seine immerwährende Zuflucht, und ohne
diesen würde er seinen Zustand schwerlich ertragen haben, den er sich nun in
manchen Stunden nicht nur erträglich, sondern sogar angenehm zu machen wusste,
wenn er z.B. bei seinem Vetter, dem Perückenmacher, ein kleines, freilich eben
nicht glänzendes Auditorium um sich versammlen und dem mit aller Fülle des
Ausdrucks und der Deklamation, die ihm nur möglich war, irgendeines seiner
Lieblingstrauerspiele, als Emilia Galotti, Ugolino oder sonst etwas
Tränenvolles, wie z.B. den Tod Abels von Gessner vorlesen konnte, wobei er denn
ein unbeschreibliches Entzücken empfand, wenn er rund um sich her jedes Auge in
Tränen erblickte und darin den Beweis las, dass ihm sein Endzweck, durch die
Sache, die er vorlas, zu rühren, gelungen war. -
    Überhaupt brachte er die vergnügtesten Stunden seines damaligen Lebens
entweder für sich allein oder in diesem Zirkel bei seinem Vetter, dem
Perückenmacher, zu, wo er gleichsam die Herrschaft über die Geister führen und
sich zum Mittelpunkte ihrer Aufmerksamkeit machen konnte - denn hier wurde er
gehört - hier konnte er vorlesen, deklamieren, erzählen und lehren - und er liess
sich wirklich mit den Handwerksgesellen, welche dort zusammenkamen, zuweilen in
Dispüte über sehr wichtige Materien, als über das Wesen der Seele, die
Entstehung der Dinge, den Weltgeist und dergleichen ein, wodurch er die Köpfe
verwirrte indem er die Aufmerksamkeit dieser Leute auf Dinge lenkte, an die sie
in ihrem Leben nicht gedacht hatten. -
    Mit einem Schneidergesellen insbesondre, der anfing, an seinen Grübeleien
Gefallen zu finden, unterhielt er sich oft stundenlang - über die Möglichkeit
der Entstehung einer Welt aus nichts endlich gerieten sie auf das
Emanationssystem und auf den Spinozismus - Gott und die Welt war eins.-
    Wenn dergleichen Materien nicht in die Schulterminologie eingehüllt werden,
so sind sie für jeden Kopf und sogar Kindern verständlich. -
    Bei einem solchen Gespräch pflegte Reiser aller seiner Sorgen und seines
Kummers zu vergessen - das, was ihn drückte, war denn viel zu klein für ihn, um
seine Aufmerksamkeit zu beschäftigen - er fühlte sich aus dem umringenden
Zusammenhange der Dinge, worin er sich auf Erden befand, auf eine Zeitlang
hinaus versetzt und genoss die Vorrechte der Geisterwelt - wer ihm dann zuerst in
den Wurf kam, mit dem suchte er sich in philosophische Gespräche einzulassen und
seine Denkkraft an ihm zu üben. -
    Indes wandte er doch seine Schulstunden ohngeachtet der wenigen
Aufmunterung, die er darin genoss, und der vielen Demütigungen, die er darin
erduldete, nicht ganz unnütz an. - Er schrieb bei dem Direktor neue Geschichte,
Dogmatik und Logik und bei dem Rektor die Erdbeschreibung und einige
Übersetzungen lateinischer Autoren nach, wodurch er denn doch immer neben seiner
Komödien - und Romanlektüre noch einige wissenschaftliche Kenntnisse auffing
und, ohne es eigentlich mit Absicht zu treiben, auch im Lateinischen noch einige
Fortschritte machte. -
    Das war aber alles nur wie zufällig - manche Stunde versäumte er dazwischen,
und manche Stunde las er, während dass der Livius oder ein andrer lateinischer
Autor gelesen wurde, für sich heimlich einen Roman, weil er doch einmal wusste,
dass der Direktor ihn nicht mehr aufzurufen würdigte. - Denn wenn er in den
Schulstunden mitten unter einer Anzahl von sechs bis siebenzig Menschen sass, von
denen fast kein einziger sein Freund war, und denen er fast insgesamt ein
Gegenstand des Spottes und der Verachtung war, so musste ihm dies
natürlicherweise beständig eine sehr ängstliche Lage sein, wo er sich am meisten
gedrungen fühlte, sich in eine andre Welt zu träumen, in der er sich besser
befand. -
    Aber auch diese Zuflucht missgönnte man ihm - und indem er gerade einmal,
noch ehe die Stunde anging, in einem Bande vom Teater der Deutschen las, so
nahm man, während dass der Rektor hereintrat, ihm das Buch weg und legte es dem
Rektor aufs Kateder hin, dem man nun auf Befragen, woher das Buch käme, sagte,
dass Reiser während den Stunden darin zu lesen pflegte. Ein Blick voll
wegwerfender Verachtung auf Reisern war die Antwort des Rektos auf diese
Anklage.
    Und dieser Blick kostete Reisern wiederum einen Teil des wenigen
Selbstzutrauens, das ihm noch übrig geblieben war; denn weit entfernt, sich
gegen sich selbst zu entschuldigen, glaubte er vielmehr diese Verachtung
wirklich zu verdienen und hielt sich in dem Augenblick ebenso sehr für ein
weggeworfnes verächtliches Wesen, als ihn der Rektor nur immer dafür halten
konnte. -
    Er sank durch diesen Vorfall noch tiefer als vorher in der Verachtung des
Rektors - sein äussrer Zustand verschlimmerte sich daher von Tage zu Tage; und da
er einmal vergessen hatte, einen Auftrag, den ihm ein Fremder an den Rektor
gegeben hatte, auszurichten, so bediente sich der Rektor zum ersten Male des
harten Ausdrucks gegen ihn, diese Vernachlässigung eines ihm gegebnen Auftrags
sei ja eine wahre Dummheit.
    Dieser Ausdruck brachte auf eine lange Zeit eine Art von wirklicher
Seelenlähmung in ihm hervor. - Diesen Ausdruck und das »dummer Knabe« vom
Inspektor auf dem Seminarium und das »ich meine Ihn ja nicht« von dem Kaufmann S
... hat er nie vergessen können - sie haben sich in alle seine Gedanken verwebt
und ihm lange nachher oft alle Gegenwart des Geistes in Augenblicken benommen,
wo er sie am meisten bedurfte.
    Ein Freund des Rektors, welcher einige Wochen bei ihm logierte, und für den
Reiser auch einige Gänge tun musste, gab der Magd und ihm bei seinem Abschiede
ein Trinkgeld. - Reiser hatte eine sonderbare Empfindung dabei, da er das Geld
nahm; es war ihm, als ob er einen Stich erhielte, wo sich der erste Schmerz
plötzlich wieder verlor - denn er dachte an den Bücherantiquarius, und in dem
Augenblick war alles übrige vergessen - für das Geld konnte er mehr als zwanzig
Bücher lesen - sein beleidigter Stolz hatte sich noch zum letztenmal empört und
war nun besiegt. - Reiser nahm von diesem Augenblick an keine Rücksicht mehr auf
sich selbst - und warf sich in Ansehung seiner äussern Verhältnisse völlig weg. -
    Seine Kleidung, die immer schlechter und unordentlicher wurde, kümmerte ihn
nicht mehr.
    In der Schule, im Chore und wenn er auf der Strasse ging, dachte er sich
mitten unter Menschen wie allein - denn keiner war, der sich um ihn bekümmerte
oder an ihm teilnahm. - Sein eignes äussres Schicksal war ihm daher so
verächtlich, so niedrig und so unbedeutend geworden, dass er aus sich selbst
nichts mehr machte an dem Schicksal einer Miss Sara Sampson, einer Julie und
Romeos hingegen konnte er den lebhaftesten Anteil nehmen; damit trug er sich oft
den ganzen Tag herum.
    Nichts war ihm unausstehlicher, als, wenn die Lehrstunden geendigt waren,
sich beim Herausgehen unter dem Schwarm seiner insgesamt besser gekleideten,
muntern und lebhaftern Mitschüler zu befinden, von denen ihn keiner mehr an
seiner Seite zu gehen würdigte - wie oft wünschte er sich in solchen
Augenblicken endlich von der Last seines Körpers befreit und durch einen
plötzlichen Tod aus diesem quälenden Zusammenhange gerissen zu werden! Wenn er
denn etwa durch ein Gässchen, wo niemand neben ihm ging, sich den Blicken seiner
Mitschüler entziehen konnte, wie froh eilte er dann in die einsamsten und
abgelegensten Gegenden der Stadt, um seinen traurenden Gedanken eine Weile
ungestört nachzuhängen.
    Der grösste Dummkopf unter allen, welcher auch allgemein verachtet war -
gesellte sich zuweilen zu ihm, und Reiser nahm seine Gesellschaft mit Freuden
an; denn es war doch ein Mensch, der sich zu ihm gesellte - wenn er dann mit
diesem ging, so hörte er oft hie und da einen seiner Mitschüler zu dem andern
sagen: Par nobile Fratrum! (Ein edles Paar Gebrüder!) Mit diesem wirklichen
Dummkopf wurde er also zugleich in eine Klasse geworfen. -
    Da nun der Rektor auch gesagt hatte, es würde höchstens ein Dorfschulmeister
aus ihm werden, so kam dies alles zusammen, um Reisern sein Selbstzutrauen
gänzlich zu rauben, so dass er nun fast alles Zutrauen zu seinen eignen
Verstandeskräften fahren liess und oft im Ernst anfing, sich selbst für den
Dummkopf zu halten, wofür er so allgemein erkannt wurde. - Dieser Gedanke artete
denn aber auch zugleich in eine Art von Bitterkeit gegen den Zusammenhang der
Dinge aus - er verwünschte in den Augenblicken die Welt und sich - weil er sich
als ein höchst verächtliches Wesen zum Spott der Welt geschaffen glaubte. -
    Wie weit das Vorurteil seiner Mitschüler gegen ihn und ihre Überzeugung von
seiner angebornen Dummheit ging, davon mag Folgendes zum Beweise dienen:
    Der Rektor hatte ihm erlaubt, die Privatstunden, welche er in seinem Hause
gab, mit zu besuchen. - Unter andern gab nun der Rektor auch eine englische
Stunde. - Reiser hatte das Buch nicht, worin gelesen wurde, und konnte sich also
zu Hause nicht üben, er musste mit einem andern einsehen; demohngeachtet begriff
er in ein paar Wochen von blossem Zuhören die meisten Regeln der englischen
Aussprache; und da ihn der Rektor zufälligerweise auch einmal mit zum Lesen
aufrief, so las er weit fertiger und besser als alle übrigen, die das Buch
gehabt und sich zu Hause geübt hatten. -
    Er hörte also einmal in der Nebenstube über sich sprechen, der Reiser müsse
doch so dumm nicht sein, weil er die schwere englische Aussprache so bald gefasst
hätte; um nun diese günstige Meinung von ihm ja nicht aufkommen zu lassen,
behauptete sogleich einer geradezu, Reisers Vater sei ein geborner Engländer,
und er erinnre sich also der englischen Aussprache noch von seiner Kindheit her;
die übrigen waren sehr bereit, dies zu glauben - und so war denn Reiser aufs
neue zu seiner vorigen Niedrigkeit in den Augen seiner Mitschüler herabgesunken.
    Man sieht aus diesem allen, dass die Achtung, worin ein junger Mensch bei
seinen Mitschülern steht, eine äusserst wichtige Sache bei seiner Bildung und
Erziehung ist, worauf man bei öffentlichen Erziehungsanstalten bisher noch zu
wenig Aufmerksamkeit gewandt hat. -
    Was Reisern damals aus seinem Zustande retten und auf einmal zu einem
fleissigen und ordentlichen jungen Menschen hätte umschaffen können, wäre eine
einzige wohlangewandte Bemühung seiner Lehrer gewesen, ihn bei seinen
Mitschülern wieder in Achtung zu setzen. Und das hätten sie durch eine etwas
nähere Prüfung seiner Fähigkeiten und ein wenig mehr Aufmerksamkeit auf ihn sehr
leicht bewirken können. -
    So verstrich nun dieser Winter für ihn höchst traurig - seine kleine
Ökonomie war gänzlich zerrüttet - er hatte sich in seinem schlechten Aufzuge
nicht getraut, sein monatliches Geld von dem Prinzen zu holen. - Bei dem
Bücherantiquarius war er für seine Einkünfte tief in Schulden geraten - auch
hatte er seine übrigen notwendigsten Bedürfnisse an Wäsche und Schuhen von den
wenigen Groschen, die er wöchentlich einnahm, und dem Chorgelde, das er erhielt,
nicht bestreiten können, da er überdem dem Bücherantiquarius alles zubrachte.
    Unter diesen Umständen reiste er in den Osterferien zu seinen Eltern, wo er
den Degen ansteckte, mit dem er sich im Philotas erstochen hatte, und nun seinen
Brüdern täglich diese Rolle noch einmal vorspielte, sich auch von seinem
verlassenen Zustande und der Verachtung, worin er bei seinen Mitschülern stand,
hier nicht das mindeste merken liess, sondern vielmehr das Angenehme und
Ehrbringende, was er von sich sagen konnte, auf alle Weise heraussuchte - dass
ihn nämlich der Rektor auf einer Reise zur Gesellschaft mitgenommen, dass er in
einer Privatstunde Englisch bei ihm gelernt habe, dass er bei dem Aufzug mit
Fackeln und Musik gewesen und wie es dabei zugegangen sei usw.
    Auch für sich selbst suchte er so viel wie möglich alles Unangenehme und
Niederdrückende aus seinen Ideen zu verbannen - denn er wollte hier nun einmal
in einem vorteilhaften, ehrenvollen Lichte erscheinen, so wenig beneidenswert er
auch war. -
    In dieser angenehmen Selbsttäuschung brachte er hier einige Tage sehr
vergnügt zu - allein so leicht wie ihm diesmal geworden war, da er aus den Toren
von Hannover gekommen und er die vier Türme der Stadt allmählich aus dem Gesicht
verloren hatte, so schwer wurde ihm ums Herz, da er sich diesen Toren wieder
näherte und die vier Türme wieder vor ihm dalagen, die ihm gleichsam die grossen
Stifte schienen, welche den Fleck seiner mannigfaltigen Leiden bezeichneten.
    Insbesondre war ihm der hohe, eckigte und oben nur mit einer kleinen Spitze
versehene Marktturm, da er ihn jetzt wieder sah, ein fürchterliche Anblick -
dicht neben diesem war die Schule das Spotten, Grinsen und Auszischen seiner
Mitschüler stand mit diesem Turm auf einmal wieder vor seiner Seele da - das
grosse Zifferblatt an diesem Turm war er gewohnt, zum Augenmerk zu nehmen, sooft
er die Schule besuchte, um zu sehen, ob er auch zu spät käme. - Dieser Turm war
so wie die alte Marktkirche ganz in gotischer Bauart von roten Backsteinen
aufgebaut, die vor Alter schon schwärzlich geworden waren. -
    In eben dieser Gegend war es, wo den Missetätern ihr Todesurteil vorgelesen
wurde - kurz, dieser Marktkirchtum brachte alles in Reisers Phantasie zusammen,
was nur fähig war, ihn plötzlich niederzuschlagen und in eine tiefe Schwermut zu
versetzen. -
    Er hätte in der Tat nicht schwermütiger sein können, als er es jetzt war,
wenn er auch alles das vorausgewusst hätte, was ihm von nun an in diesem Orte
seines Aufentalts noch begegnen sollte. - War aber schon vor einem Jahre, da er
auch von seinen Eltern nach Hannover wieder zurückkehrte, seine Traurigkeit
nicht ohne Grund gewesen, so war sie es diesmal noch viel weniger, da ihm einer
der schrecklichsten Zeitpunkte in seinem Leben bevorstand. -
    Ohne indes eine Ahndungskraft bei ihm vorauszusetzen, liess sich seine
Schwermut sehr natürlich erklären - wenn man erwägt, dass seine Einbildungskraft
jeden engsten Kreis seines eigentlichen wirklichen Daseins, worin er nun wieder
versetzt werden sollte, schnell durchlief: die Schule, das Chor, das Haus des
Rektors - in diesen Kreisen, wovon ihn immer einer noch mehr wie der andre
einengte und alle seine Strebekraft hemmte, sollte er sich von nun an wieder
drehen - - wie gern hätte er in diesem Augenblick seinen ganzen Aufentalt in
Hannover gegen den dunkelsten Kerker vertauscht, der gewiss weit weniger
Fürchterliches und Schreckliches für ihn gehabt haben würde, als alle diese
ängstlichen Lagen.
    Indem er nun so in schwermütige Gedanken vertieft einherging und schon nahe
am Tore war, schoss auf einmal wie ein Blitz ein Gedanke durch seine Seele, der
alles aufhellte und wodurch sich ihm alles wieder in einem schönern Lichte malte
- er erinnerte sich, dass er schon zu Hause bei seinen Eltern gehört hatte, es
wäre eine Schauspielergesellschaft nach Hannover gekommen, die den Sommer über
dort spielen würde. - Dies war die damalige Ackermannsche Truppe, welche fast
alle die jetzt hin und her zerstreuten Zierden aller Bühnen Deutschlands in sich
vereinigte. -
    Mit schnellen Schritten eilte nun Reiser der Stadt zu, die ihm vorher so
verhasst und nun plötzlich wieder über alles lieb geworden war - ohne erst zu
Hause zu gehen (es war noch Vormittag, denn er war die Nacht an einem Orte
unterwegens geblieben, von welchem er nur noch ein paar Meilen bis nach Hannover
zu gehen hatte), eilte er sogleich nach dem Schloss, wo er wusste, dass der
Komödienzettel mit dem Personenverzeichnis angeschlagen war, und las, dass man an
demselben Abend noch Emilia Galotti aufführen würde. -
    Sein Herz schlug ihm für Freuden, da er dies las, gerade dies Stück, bei dem
er schon so manche Träne geweint und so oft bis ins Innerste der Seele
erschüttert worden, und was bis jetzt nur noch in seiner Phantasie aufgeführt
war, nun auf dem Schauplatz mit aller möglichen Täuschung wirklich dargestellt
zu sehn. -
    Er wäre den Abend nicht aus der Komödie geblieben, hätte es auch kosten
mögen, was es gewollt hätte - da er nun zu Hause kam, so wurde die Stube, worin
er schlief, geweisst und etwas darin gebaut, wodurch sie ganz unbewohnbar gemacht
wurde. - Dieser misströstende Anblick des Orts seines eigentlichsten Aufentalts
trieb ihn noch mehr aus der wirklichen ihn umgebenden Welt hinaus - er
schmachtete nach der Stunde, wann das Schauspiel anheben würde.
    Wohin er kam, konnte er seine Freude nicht verbergen; da er bei der Frau
Filter in die Stube trat, war sein erstes Wort die Komödie, welches sie ihm
lange nachher vorwarf - und ebenso war es, da er zu seinem Vetter, dem
Perückenmacher, kam, wo er nun einige Nächte auf dem Boden schlafen musste,
während dass seine Stube in dem Hause des Rektors erst wieder bewohnbar gemacht
wurde. -
    Folgende Rollenbesetzung mag ohngefähr einen Begriff davon geben, was Emilia
Galotti als das erste Schauspiel, das er in dieser Stimmung der Seele sah, für
eine Wirkung auf ihn müsse gehabt haben.
    Die verstorbene Charlotte Ackermann spielte die Emilia, ihre Schwester die
Orsina, und die Reinecken spielte die Claudia, Borchers den Odoardo, Brockmann
den Prinzen, Reineck den Appiani und Dauer den Conti. - Wo mag Emilia Galotti
wohl je wieder so aufgeführt worden sein?
    Wie mächtig musste Reisers Seele hier eingreifen; da sie nun die Welt ihrer
Phantasie gewissermassen wirklich gemacht fand! - Er dachte von nun an keinen
andern Gedanken mehr als das Teater und schien nun für alle seine Aussichten
und Hoffnungen im Leben gänzlich verloren zu sein. -
    Was er nun irgend an Geld auftreiben konnte, das wurde zur Komödie
angewandt, aus welcher er nun keinen Abend mehr wegbleiben konnte, wenn er es
sich auch am Munde abdarben sollte. - Um der Komödie willen ass er oft den ganzen
Tag über nichts als etwas Salz und Brot, wenn ihm nicht etwa die alte Mutter des
Rektors Essen auf seine Stube schickte, welches sie doch zuweilen aus Mitleid
tat. -
    Und weil es nun Sommer war, so genoss er auch der Wonne, auf seiner Stube
wieder allein sein zu können - welches ihm mehr wert war als die köstlichsten
Speisen, die er hätte geniessen können. - Die Aussicht auf die Komödie am Abend
tröstete ihn, wenn er am Morgen zu einem traurigen Tage erwachte, wie er denn
nie anders erwachte. - Denn die Verachtung und der Spott seiner Mitschüler und
das dadurch erregte Gefühl seiner eignen Unwürdigkeit, welches er allentalben
mit sich umhertrug, dauerte noch immer fort und verbitterte ihm sein Leben. -
Und alles, was er tat, um sich hievon loszureissen, war im Grunde eine blosse
Betäubung seines innern Schmerzes und keine Heilung desselben, sie erwachte mit
jedem Tage wieder, und während dass seine Phantasie ihm manche Stunde lang ein
täuschendes Blendwerk vormalte, verwünschte er doch im Grunde sein Dasein. -
    Die häufigen Tränen, welche er oft beim Buche und im Schauspielhause vergoss,
flossen im Grunde ebensowohl über sein eignes Schicksal als über das Schicksal
der Personen, an denen er teilnahm, er fand sich immer auf eine nähere oder
entferntere Weise in dem unschuldig Unterdrückten, in dem Unzufriednen mit sich
und der Welt, in dem Schwermutsvollen und dem Selbstasser wieder. -
    Die drückende Hitze im Sommer trieb ihn oft aus seiner Stube in die Küche
oder in den Hof hinunter, wo er sich auf einen Holzhaufen setzte und las und oft
sein Gesicht verbergen musste, wenn etwa jemand hereintrat und er mit
rotgeweinten Augen dasass. -
    Das war wieder the Joy of Grief, die Wonne der Tränen, die ihm von Kindheit
auf im vollen Masse zuteil ward, wenn er auch alle übrigen Freuden des Lebens
entbehren musste.
    Dies ging so weit, dass er selbst bei komischen Stücken, wenn sie nur einige
rührende Szenen entielten, als z.B. bei der Jagd, mehr weinte als lachte - was
aber auch ein solches Stück damals für Wirkung tun musste, kann man wieder aus
der Rollenbesetzung schliessen, indem die Charlotte Ackermann Röschen, ihre
Schwester Hannchen, die Reinecken die Mutter, Schröder den Töffel, Reineck den
Vater und Dauer den Christel spielte. -
    Wenn irgend äussere Umstände fähig waren, jemanden einen entschiednen
Geschmack am Teater beizubringen, so war es, Reisers Vorliebe und seine
besondern Verhältnisse abgerechnet, der Zufall, welcher diese vortrefflichen
Schauspieler damals in eine Truppe zusammenbrachte.
    Man kann nun leicht schliessen, wie Romeo und Julie, die Rache von Young, die
Oper Klarisse, Eugenie, welche Stücke auf Reisern den stärksten Eindruck
machten, gegeben werden mussten. -
    Dies hatte nun auch so sehr alle seine Gedanken eingenommen, dass er alle
Morgen den Komödienzettel gleichsam verschlang und alles, auch das: der Anfang
ist präzise um halb sechs Uhr und der Schauplatz ist auf dem königlichen
Schlossteater, gewissenhaft mitlas - und für einen vorzüglichen Schauspieler,
den er etwa auf der Strasse erblickte, fast so viel Ehrfurcht wie ehemals gegen
den Pastor Paulmann in Braunschweig empfand. - Alles, was zum Teater gehörte,
war ihm ehrwürdig, und er hätte viel darum gegeben, nur mit dem Lichtputzer
Bekanntschaft zu haben.
    Vor zwei Jahren hatte er schon den Herkules auf dem Oeta, den Grafen von
Olsbach und die Pamela spielen sehen, wo Ekhof, Böck, Günter, Hensel, Brandes
nebst seiner Frau und die Seilerin die vorzüglichsten Rollen spielten, und schon
von jener Zeit her schwebten die rührendsten Szenen aus diesen Stücken noch
seinem Gedächtnis vor, worunter Günter als Herkules, Böck als Graf von Olsbach
und die Brandes als Pamela fast jeden Tag wechselsweise einmal in seine Gedanken
gekommen waren - und mit diesen Personen hatte er denn auch bis zur Ankunft der
Ackermannschen Truppe die Stücke, die er las, in seiner Phantasie grösstenteils
aufgeführt. -
    Es fügte sich also gerade bei ihm, dass er, wenn jene mit diesen
zusammengenommen wurden, nun alle die vorzüglichsten Schauspieler Deutschlands
zu sehen bekommen hatte, die jetzt in ganz Deutschland zerstreut sind. -
    Dadurch bildete sich ein Ideal von der Schauspielkunst in ihm, das nachher
nirgends befriedigt wurde und ihm doch weder Tag und Nacht Ruhe liess, sondern
ihn unaufhörlich umhertrieb und sein Leben unstät und flüchtig machte. -
    Weil er ehemals Böck und jetzt Brockmannen die Rollen spielen sah, wobei am
meisten geweint wurde, so waren diese auch seine Lieblingsakteurs, mit denen
sich seine Gedanken immer am meisten beschäftigten. -
    Allein bei alle den glänzenden Szenen, die aus der Teaterwelt beständig
seiner Phantasie vorschwebten, wurden seine äussern Umstände von Tage zu Tage zu
schlechter. - Er verlor immer mehr in der Achtung der Menschen, geriet immer
tiefer in Unordnung, - seine Kleidung und Wäsche wurden immer schlechter, so dass
er am Ende Scheu trug, sich vor Menschen sehen zu lassen - er versäumte daher,
so oft er konnte, die Schule und das Chor und hungerte lieber, als dass er
irgendeinen seiner noch übrigen Freitische besucht hätte, ausgenommen den bei
dem Schuster Schantz, wo er auch unter diesen misslichen Umständen noch immer
gastfreundlich empfangen und mit der liebreichsten Art bewirtet wurde. -
    Da nun dem Rektor endlich Reisers inkorrigible Unordnung und insbesondere
das immerwährende späte Zuhausekommen aus der Komödie unausstehlich wurde, so
sagte er ihm das Logis auf. -
    Reiser hörte die Ankündigung des Rektors, dass er zu Johanni ausziehen und
sich während der Zeit nach einem andern Logis umsehen sollte, mit gänzlicher
Verhärtung und Stillschweigen an, und da er wieder allein war, vergoss er nicht
einmal eine Träne mehr über sein Schicksal - denn er war sich selbst so
gleichgültig geworden und hatte so wenig Achtung gegen sich und Mitleid mit sich
selber übrig behalten, dass, wenn seine Achtung und Empfindung des Mitleids und
alle die Leidenschaften, wovon sein Herz überströmte, nicht auf Personen aus
einer erdichteten Welt gefallen wären, sie notwendig sich alle gegen ihn selbst
kehren und sein eignes Wesen hätten zerstören müssen.
    Da ihm der Rektor das Logis aufgesagt hatte, so zog er daraus die sichere
Folge, dass nun auch der Pastor Marquard sich nicht weiter um ihn bekümmern
würde, und so war es nun auf einmal mit allen seinen Aussichten und Hoffnungen
vorbei. - Die paar Wochen, welche er noch bei dem Rektor blieb, brachte er nach
seiner gewöhnlichen Weise zu - dann zog er bei einem Bürstenbinder ins Haus, wo
nun das Vierteljahr, welches er von Johanni bis zu Michaelis zubrachte, das
schrecklichste und fürchterlichste in seinem ganzen Leben war, und wo er oft am
Rande der Verzweiflung stand. -
    Da er nun hier eingezogen war, so fühlte er sich auf einmal aus alle den
Verbindungen, die er vormals so ängstlich gesucht hatte, herausgesetzt und zwar,
wie er selbst glaubte, durch seine eigne Schuld herausgesetzt. - Der Prinz, der
Pastor Marquard, der Rektor, alle die Personen, von denen sein künftiges
Schicksal abhing, waren nun nichts mehr für ihn, und damit verschwanden zugleich
alle seine Aussichten. -
    Was Wunder, dass sich durch diese Veranlassung eine neue Phantasie in seiner
Seele bildete, in der er von nun an Trost suchte und sie Tag und Nacht mit sich
umhertrug, und welche ihn von der gänzlichen Verzweiflung rettete.
    Er hatte nämlich damals unter andern die Operette Klarissa oder das
unbekannte Dienstmädchen gesehen, und nicht leicht hätte in seiner Lage
irgendein Stück mehr Interesse für ihn haben können als dieses. -
    Der vorzüglichste Umstand, wodurch dies grosse Interesse bei ihm bewürkt
wurde, war, dass ein junger Edelmann sich entschliesst, ein Bauer zu werden, und
auch wirklich seinen Entschluss ausführt. - Reiser nahm auf die Veranlassung, die
ihn dazu brachte, weil er nämlich das unbekannte Dienstmädchen liebte usw., gar
keine Rücksicht, sondern es war ihm eine so reizende Idee, dass ein gebildeter
junger Mensch sich entschliesst, ein Bauer zu werden, und nun ein so feiner,
höflicher und gesitteter Bauer ist, dass er sich unter allen übrigen auszeichnet.
-
    In dem Stande, worin sich Reiser begeben, war er nun einmal ganz
zurückgesetzt, und es schien ihm unmöglich, sich je wieder darin
emporzuarbeiten. - Allein für einen Bauer hatte doch sein Geist einmal weit mehr
Bildung erhalten, als es sonst zu diesem Stande bedarf - als Bauer war er über
seinen Stand erhoben, als ein junger Mensch, der sich dem Studieren widmet und
Aussichten haben soll, fand er sich weit unter seinen Stand erniedrigt. Die
Idee, ein Bauer zu werden, wurde also nun bei ihm die herrschende und verdrängte
eine Zeitlang alles übrige. -
    Nun besuchte damals eines Bauern Sohn, namens M ..., die Schule, dem er im
Lateinischen zuweilen einigen Unterricht gegeben hatte - diesem sagte er seinen
Entschluss, ein Bauer zu werden, worauf ihm dann derselbe eine detaillierte
Schilderung von den eigentlichen Arbeiten eines Bauernknechtes machte, die
Reisern seine schönen Träume wohl hätten verderben können, wenn seine Phantasie
nicht zu stark dagegen angewürkt und nur immer die angenehmen Bilder mit Gewalt
nebeneinander gestellt hätte. -
    Sonst kömmt auch selbst in der Operette Klarissa schon eine Stelle vor, wo
ein Bauer dem jungen Edelmann, der ihm sein Gütchen abkaufen will, von seinem
Vorsatz abrät - und am Ende eine sehr ausdrucksvolle Arie singt, wie der
Landmann gerade im besten Arbeiten begriffen ist, und auf einmal steigt ein
Gewitter auf:
Die Blitze schiessen,
Die Donner rollen,
Und der Landmann geht verdriesslich,
Verdriesslich zu Hause. -
Das verdriesslich insbesondere war durch die Musik so ausgedrückt, dass die ganze
Zauberei der Phantasie schon durch dies einzige Wort hätte zerstört werden
können - welches gleichsam das Gegengift aller Empfindsamkeit und hohen
Schwärmerei ist, womit das Schmerzhafte, das Schreckliche, das Niederbeugende,
das in Zorn Setzende, aber nur das Verdriesslichmachende nicht wohl bestehen
kann.
    Aber dies Gegengift half bei Reisern nicht - er ging ganze Tage einsam für
sich umher und dachte darauf, wie er es machen wollte, ein Bauer zu werden, ohne
doch in der Tat einen Schritt dazu zu tun - vielmehr fing er an, sich in diesen
süssen Schwärmereien selbst wieder zu gefallen - wenn er sich nun als Bauer
dachte, so glaubte er sich doch zu etwas Besserm bestimmt zu sein und empfand
über sein Schicksal wieder eine Art von tröstendem Mitleid mit sich selbst.
    Solange ihn nun diese Phantasie noch emporhielt, war er nur schwermutsvoll
und traurig, aber nicht eigentlich verdriesslich über seinen Zustand. - Selbst
seine Entbehrung der notwendigsten Bedürfnisse machte ihm noch eine Art von
Vergnügen, indem er nun beinahe glaubte, dass er für sein Verschulden doch zu
sehr büssen müsse, und also noch die süsse Empfindung des Mitleids mit sich selbst
behielt. -
    Endlich aber, nachdem er zum ersten Male drei Tage ohne zu essen zugebracht
und sich den ganzen Tag über mit Tee hingehalten hatte, drang der Hunger mit
Ungestüm auf ihn ein, und das ganze schöne Gebäude seiner Phantasie stürzte
fürchterlich zusammen - er rannte mit dem Kopfe gegen die Wand, wütete und tobte
und war der Verzweiflung nahe, da sein Freund Philipp Reiser, den er so lange
vernachlässigt hatte, zu ihm hereintrat und seine Armut, die freilich auch nur
in einigen Groschen bestand, mit ihm teilte. -
    Indes war dies nur ein sehr geringes Palliativ - denn Philipp Reiser befand
sich damals in nicht viel bessern Umständen als Anton Reiser.
    Dieser geriet nun wirklich in einen fortdauernden fürchterlichen Zustand,
der der Verzweiflung nahe war.
    Sowie sein Körper immer weniger Nahrung erhielt, verlosch allmählich seine
ihn sonst noch belebende Phantasie, und sein Mitleid über sich selbst
verwandelte sich in Hass und Bitterkeit gegen sein eignes Wesen. Ehe er nun einen
Schritt zu der Verbesserung seines Zustandes getan oder sich an irgendeinen
Menschen nur mit dem Schein einer Bitte gewandt hätte, unterwarf er sich lieber
freiwillig mit der beispiellosesten Hartnäckigkeit dem schrecklichsten Elende. -
    Denn mehrere Wochen hindurch ass er wirklich die Woche eigentlich nur einen
einzigen Tag, wenn er zum Schuster Schantz ging, und die übrigen Tage fastete er
und hielt mit nichts als Tee oder warmen Wasser, das einzige, was er noch
umsonst erhalten konnte, sein Leben hin. - Mit einer Art von schrecklichem
Wohlbehagen sah er seinen Körper eben so gleichgültig wie seine Kleider von
Tage zu Tage abfallen.
    Wenn er auf der Strasse ging und die Leute mit Fingern auf ihn zeigten und
seine Mitschüler ihn verspotteten und hinter ihm her zischten und Gassenbuben
ihre Anmerkungen über ihn machten - so biss er die Zähne zusammen und stimmte
innerlich in das Hohngelächter mit ein, das er hinter sich her erschallen hörte.
-
    Wenn er aber dann wieder zum Schuster Schantz kam, so vergass er doch alles
wieder. - Hier fand er Menschen, hier wurde auf einige Augenblicke sein Herz
erweicht, mit der Sättigung seines Körpers erhielt seine Denkkraft und seine
Phantasie wieder einen neuen Schwung, und mit dem Schuster Schantz kam wieder
ein philosophisches Gespräch auf die Bahn, welches oft stundenlang dauerte, und
wobei Reiser wieder an zu atmen fing und sein Geist wieder Luft schöpfte - dann
sprach er oft in der Hitze des Disputierens über einen Gegenstand so heiter und
unbefangen, als ob nichts in der Welt ihn niedergedrückt hätte. - Von seinem
Zustande liess er sich nicht eine Silbe merken. -
    Selbst bei seinem Vetter, dem Perückenmacher, beklagte er sich nie, wenn er
zu ihm kam, und ging weg, sobald er sah, dass gegessen werden sollte - aber
eines Kunstgriffes bediente er sich doch, wodurch es ihm gelang, sich vom
Verhungern zu retten. -
    Er bat sich nämlich für einen Hund, den er bei sich zu Hause zu haben
vorgab, von seinem Vetter die harte Kruste von dem Teig aus, worin das Haar zu
den Perücken gebacken wurde, und diese Kruste nebst dem Freitische bei dem
Schuster Schantz und dem warmen Wasser, das er trank, war es nun, womit er sich
hinhielt.
    Wenn nun sein Körper einige Nahrung erhalten hatte, so fühlte er ordentlich
zuweilen wieder etwas Mut in sich. - Er hatte noch einen alten Virgil, den ihm
der Bücherantiquarius nicht hatte abkaufen wollen; in diesem fing er an, die
Eklogen zu lesen. - Aus einer Wochenschrift, die Abendstunden, die er sich von
Philipp Reisern geliehen hatte, fing er an, ein Gedicht, der Gottesleugner, das
ihm vorzüglich gefiel, und einige prosaische Aufsätze auswendig zu lernen. -
Aber mit dem bald wieder fühlbaren Mangel an Nahrung erlosch auch dieser
aufglimmende Mut wieder, und dann war die Tätigkeit seiner Seele wie gelähmt. -
Um sich vor dem Zustande des tödlichen Aufhörens aller Wirksamkeit zu retten,
musste er zu kindischen Spielen wieder eine Zuflucht nehmen, insodern dieselben
auf Zerstörung hinausliefen.
    Er machte sich nämlich eine grosse Sammlung von Kirsch - und Pflaumenkernen,
setzte sich damit auf den Boden und stellte sie in Schlachtordnung gegeneinander
- die schönsten darunter zeichnete er durch Buchstaben und Figuren, die er mit
Tinte darauf malte, von den übrigen aus und machte sie zu Heerführern - dann
nahm er einen Hammer und stellte mit zugemachten Augen das blinde Verhängnis
vor, indem er den Hammer bald hie, bald dortin fallen liess - wenn er dann die
Augen wieder eröffnete, so sah er mit einem geheimen Wohlgefallen die
schreckliche Verwüstung, wie hier ein Held und dort einer mitten unter dem
unrühmlichen Haufen gefallen war und zerschmettert dalag - dann wog er das
Schicksal der beiden Heere gegen einander ab und zählte von beiden die
Gebliebenen.
    So beschäftigte er sich oft den halben Tag - und seine ohnmächtige kindische
Rache am Schicksal, das ihn zerstörte, schuf sich auf die Art eine Welt, die er
wieder nach Gefallen zerstören konnte. - So kindisch und lächerrlich dieses Spiel
jedem Zuschauer würde geschienen haben, so war es doch im Grunde das
fürchterlichste Resultat der höchsten Verzweiflung, die vielleicht nur je durch
die Verkettung der Dinge bei einem Sterblichen bewirkt wurde. -
    Man sieht aber auch hieraus, wie nahe damals sein Zustand an Raserei grenzte
- und doch war seine Gemütslage wieder erträglich, sobald er sich nur erst
wieder für seine Kirsch - und Pflaumensteine interessieren konnte - ehe er aber
auch das konnte; wenn er sich hinsetzte und mit der Feder Züge aufs Papier malte
oder mit dem Messer auf den Tisch kritzelte - das waren die schrecklichsten
Momente, wo sein Dasein wie eine unerträgliche Last auf ihm lag, wo es ihm nicht
Schmerz und Traurigkeit, sondern Verdruss verursachte - wo er es oft mit einem
fürchterlichen Schauder, der ihn antrat, von sich abzuschütteln suchte. - Seine
Freundschaft mit Philipp Reisern konnte ihm damals nicht zustatten kommen, weil
es jenem nicht viel besser ging - und so wie zwei Wandrer, die zusammen in einer
brennenden Wüste in Gefahr vor Durst zu verschmachten sind, indem sie forteilen,
eben nicht imstande sind, viel zu reden und sich wechselsweise Trost
einzusprechen, so war dies auch jetzt der Fall zwischen Anton Reisern und
Philipp Reisern.
    Allein eben der G ..., welcher einst den sterbenden Sokrates gespielt hatte,
wovon Reiser noch immer den Spottnamen trug, entschloss sich, bei ihm zu ziehen,
und war auch gerade in denselben Umständen wie Reiser, nur mit dem Unterschiede,
dass er durch wirkliche Liederlichkeit hineingeraten war - an ihm fand also
Reiser nun einen würdigen Stubengesellschafter.
    Es dauerte nicht lange, so zog auch der Bauernsohn, namens M., zu diesen
beiden, der ebenfalls in keinen bessern Umständen war. - Es fand sich also hier
eine Stubengesellschaft von drei der ärmsten Menschen zusammen, die vielleicht
nur je zwischen vier Wänden eingeschlossen waren. -
    Mancher Tag ging hin, wo sie sich alle drei mit nichts als gekochtem Wasser
und etwas Brot hinhielten. - Indes hatten G ... und M ... doch noch einige
Freitische. -
    G ... war im Grunde ein Mensch von Kopf, der sehr gut sprach, und gegen den
Reiser sonst immer viel Achtung empfunden hatte.
    Einmal bekamen beide auch noch eine Anwandlung von Fleiss und fingen an,
Virgils Eklogen zusammen zu lesen, wobei sie wirklich das reinste Vergnügen
genossen, nachdem sie eine Ekloge mit vieler Mühe für sich selbst herausgebracht
hatten, und nun ein jeder eine Übersetzung davon niederschrieb - allein dies
konnte natürlicherweise unter den Umständen nicht lange dauern - sobald ein
jeder seine Lage wieder lebhaft empfand, so war aller Mut und Lust zum Studieren
verschwunden. -
    In Ansehung der Kleidung war es mit G ... und M ... ebenso schlecht wie mit
Reisern bestellt - sie machten daher, wenn sie ausgingen, zusammen einen Aufzug,
der das wahre Bild der Liederlichkeit und Unordnung schien, so dass man mit
Fingern auf sie wies, weswegen sie denn auch immer auf Abwegen und durch enge
Strassen aus der Stadt zu kommen suchten, wenn sie spazieren gingen.
    Diese drei Leute führten nun auch völlig ein Leben, wie es mit ihrem
Zustande übereinstimmte - sie blieben oft den ganzen Tag im Bette liegen - oft
sassen sie alle drei zusammen, den Kopf auf die Hand gestützt, und dachten über
ihr Schicksal nach; oft trennten sie sich, und ein jeder liess für sich seiner
Laune freien Lauf - Reiser ging auf den Boden und musterte seine Kirschkerne - M
... ging bei sein grosses Brot, das er sorgfältig in einem Koffer verschlossen
hatte - und G ... lag auf dem Bette und machte Projekte, die denn nicht die
besten waren, wie sich bald nachher zeigte. - Zwei Bücher las doch Reiser
damals, weil er kein anders hatte, zu verschiedenen Malen durch, indem er auf
dem Boden zwischen seinen Kirschkernen sass - das waren die Werke des Philosophen
von Sanssouci und Popens Werke nach Duschens Übersetzung, die er beide von dem
Schuster Schantz geliehen bekommen hatte.
    Diese drei Leute gingen nun auch eines Tages zusammen in einer schönen
Gegend von Hannover längs dem Fluss spazieren, in welchem sich eine kleine Insel
erhob, die ganz voller Kirschbäume stand. -
    Für unsre drei Abenteurer waren diese Kirschbäume, die alle voll der
schönsten Kirschen sassen, ein so einladender Anblick, dass sie sich des Wunsches
nicht entalten konnten, auf diese Insel versetzt zu sein, um sich an dieser
herrlichen Frucht nach Gefallen sättigen zu können.
    Nun fügte es sich gerade, dass eine Menge Flossholz den Fluss
hinuntergeschwommen kam, welches sich in der Verengung des Flusses zwischen dem
Ufer und der Insel zuweilen stopfte und eine anscheinende Brücke bis zu der
Insel bildete.
    Unter G ...s Anführung, der in der Ausführung solcher Projekte schon geübt
zu sein schien, wurde nun ein Wagestück unternommen, das leicht allen dreien das
Leben hätte kosten können. - Sie zogen nämlich da, wo das Flossholz sich gestopft
hatte, ein Stück nach dem andern aus dem Wasser heraus und trugen es alle auf
einen Fleck, wo ihnen die Passage über den Fluss zwischen dem Ufer und der Insel
am engsten zu sein schien, und nun bauten sie die Brücke, worüber sie gehen
wollten, erst vor sich her, indem sie ein Stück Holz nach dem andern vor sich
hinwarfen, um festen Fuss zu fassen - natürlicherweise musste diese Brücke unter
ihnen zu sinken anfangen, und sie kamen sehr tief ins Wasser, ehe sie kaum die
Hälfte ihres gefährlichen Weges zurückgelegt hatten - endlich landeten sie denn
doch, obgleich mit Lebensgefahr, auf der Insel an. -
    Und nun bemächtigte sich aller dreier auf einmal ein Geist des Raubes und
der Gier, dass ein jeder über einen Kirschbaum herfiel und ihn mit einer Art von
Wut plünderte. -
    Es war, als hätte man eine Festung mit Sturm erobert; man wollte für die
überstandene Gefahr, die man sich selbst gemacht hatte, Ersatz haben und dafür
belohnt sein.
    Da man sich sattgegessen hatte, wurden alle Taschen, Schnupftücher,
Halstücher, Hüte, und was nur etwas in sich fassen konnte, von Kirschen
vollgestopft - und in der Dämmerung wurde der Rückweg über die gefährliche
Brücke, wovon indes schon ein Teil weggeschwommen war, wieder angetreten und
ohngeachtet der Beute, womit die Abenteurer belastet waren, mehr durch Zufall
als Geschicklichkeit oder Behutsamkeit, glücklich geendet.
    Reiser fand sich zu dergleichen Expeditionen gar nicht übel aufgelegt - dies
deuchte ihm eigentlich nicht Diebstahl, sondern nur gleichsam eine Streiferei in
ein feindliches Gebiet zu sein, die wegen des Muts, der dabei erfordert wird,
immer noch eine ehrenvolle Sache ist. -
    Und wer weiss, zu welchen Wagestücken von der Art er noch unter G ...s
Anführung mit geschritten wäre, wenn er länger bei diesem gewohnt hätte. -
    Allein dieser G ... gehörte denn doch im Grunde mehr zu den abgefeimten als
zu den herzhaften Parteigängern - denn er war niederträchtig genug, selbst seine
beiden Stubengesellschafter und Gefährten, Reisern und M ..., zu bestehlen,
indem er ihnen ein paar Bücher und andre Sachen, die sie noch hatten, nahm und
heimlich verkaufte, wie sich nachher zeigte. - Kurz, dieser G ..., mit dem
Reiser so nahe zusammen wohnte, war im Grunde ein abgefeimter Spitzbube, der,
wenn er den ganzen Tag über auf dem Bette lag und nachsann, auf nichts als
Bübereien dachte, die er ausführen wollte - und der demohngeachtet von Tugend
und Moralität sprechen konnte wie ein Buch, wodurch er Reisern zuerst eine
solche Ehrfurcht gegen ihn eingeflösst hatte.
    Denn von der Tugend hatte er sich damals ein sonderbares Ideal gemacht,
welches seine Phantasie so sehr einnahm, dass ihn oft schon der Name Tugend bis
zu Tränen rührte. -
    Er dachte sich aber unter diesem Namen etwas viel zu Allgemeines und dachte
dies Allgemeine viel zu dunkel und mit zu weniger Anwendung auf besondre
Vorfälle, als dass es ihm je hätte gelingen können, auch den aufrichtigsten
Vorsatz, tugendhaft zu sein, auszuführen - denn er dachte immer nicht daran, wo
er nun eigentlich anfangen sollte. -
    Einmal kam er an einem schönen Abend von einem einsamen Spaziergang zu
Hause, und der Anblick der Natur hatte sein Herz zu sanften Empfindungen
geschmolzen, dass er viele Tränen vergoss und sich in der Stille gelobte, von nun
an der Tugend ewig getreu zu sein! - und da er diesen Vorsatz fest gefasst hatte,
so empfand er ein so himmlisches Vergnügen über diesen Entschluss, dass es ihm nun
fast unmöglich schien, je von diesem beglückenden Vorsatze wieder abzuweichen. -
Mit diesen Gedanken schlief er ein - und da er am Morgen erwachte, so war es
wieder so leer in seinem Herzen; die Aussicht auf den Tag war so trübe und öde;
alle seine äussern Verhältnisse waren so unwiederbringlich zerrüttet; ein
unüberwindlicher Lebensüberdruss trat an die Stelle der gestrigen Empfindung,
womit er einschlief - er suchte sich vor sich selbst zu retten und machte den
Anfang tugendhaft zu sein damit, dass er auf den Boden ging und in
Schlachtordnung gestellte Kirschkerne zerschmetterte. -
    Dies nun zu unterlassen und statt dessen etwa in dem alten Virgil, den er
noch hatte, eine Ekloge zu lesen, wäre der eigentliche Anfang zur Ausübung der
Tugend gewesen - aber auf diesen zu geringfügig scheinenden Fall hatte er sich
bei seinem heldenmütigen Entschlusse nicht gefasst gemacht.
    Wenn man die Begriffe der Menschen von der Tugend prüfen wollte, so würden
sie vielleicht bei den meisten auf ebensolche dunkle und verworrene
Vorstellungen hinauslaufen - und man sieht wenigstens hieraus, wie unnütz es
ist, im allgemeinen und ohne Anwendung auf ganz besondre und oft geringfügig
scheinende Fälle von Tugend zu predigen. -
    Reiser wunderte sich damals oft selbst darüber, wie seine plötzliche
Anwandlung von Tugendeifer so bald verrauchen und gar keine Spur zurücklassen
konnte - aber er erwog nicht, dass Selbstachtung, welche sich damals bei ihm nur
noch auf die Achtung anderer Menschen gründen konnte, die Basis der Tugend ist -
und dass ohne diese das schönste Gebäude seiner Phantasie sehr bald wieder
zusammenstürzen musste.
    Sooft es ihm während dieses Zustandes noch möglich gewesen war, einige
Groschen zusammenzubringen, so oft hatte er sie auch in die Komödie getragen -
da aber die Schauspielergesellschaft in der Mitte des Sommers wieder wegzog, so
war nun eine Wiese vor dem neuen Tore nicht nur das Ziel seiner Spaziergänge,
sondern fast sein immerwährender Aufentalt - er lagerte sich hier zuweilen den
ganzen Tag auf einen Fleck im Sonnenschein hin oder ging längs dem Flusse
spazieren und freute sich vorzüglich, wenn er in der heissen Mittagsstunde keinen
Menschen um sich her erblickte. -
    Indem er hier ganze Tage lang seinen melancholischen Gedanken nachhing,
näherte sich seine Einbildungskraft unvermerkt mit grossen Bildern, welche sich
erst ein Jahr nachher allmählich zu entwickeln anfingen. -
    Sein Lebensüberdruss aber wurde dabei aufs äusserste getrieben oft stand er
bei diesen Spaziergängen am Ufer der Leine, lehnte sich in die reissende Flut
hinüber, indes die wunderbare Begier zu atmen mit der Verzweiflung kämpfte und
mit schrecklicher Gewalt seinen überhängenden Körper wieder zurückbog. -
 
                                  Dritter Teil
                                     Vorrede
                                     (1786)
Mit dem Schluss dieses Teils heben sich Anton Reisers Wanderungen und mit ihnen
der eigentliche Roman seines Lebens an. Das in diesem Teil Entaltne ist eine
getreue Darstellung der Szenen seiner Jünglingsjahre, welche andern, denen diese
unschätzbare Zeit noch nicht entschlüpft ist, vielleicht zur Lehre und Warnung
dienen kann. Vielleicht entält auch diese Darstellung manche nicht ganz unnütze
Winke für Lehrer und Erzieher, woher sie Veranlassung nehmen könnten, in der
Behandlung mancher ihrer Zöglinge behutsamer und in ihrem Urteil über dieselben
gerechter und billiger zu sein!
 
Auf diese Weise brachte er zwölf schreckliche Wochen seines Lebens zu, bis ihn
endlich der Pastor Marquard durch die dritte Hand selbst wissen liess, dass er
sich seiner wieder annehmen wolle, sobald er sich zur ernstlichen Abbitte und
Reue über sein Betragen bequemte.
    Dies erweichte endlich sein Herz, da er überdem seines hartnäckigen Trotzes
und des darauffolgenden langwierigen Elendes müde war. Er setzte sich hin und
schrieb einen langen Brief an den Pastor Marquard, worin er sich selbst mit der
grössten Erbitterung gegen sich herabsetzte - sich als den unwürdigsten Menschen
schilderte, den je die Sonne beschienen habe - - und sich kein besser Schicksal
prophezeite, als dass er dereinst vor Armut und Dürftigkeit unter freiem Himmel
das Ende seines Lebens finden würde - - Kurz, dieser Brief war in den
überspanntesten Ausdrücken der Selbstverachtung und Selbsterabwürdigung, die
man sich nur denken kann, abgefasst und war doch nichts weniger als Heuchelei. -
    Reiser hielt sich wirklich damals für ein Ungeheuer von Bosheit und
Undankbarkeit und schrieb den ganzen Brief an den Pastor Marquard mit einer
Erbitterung gegen sich selbst nieder, wie sie vielleicht nur bei irgendeinem
Menschen möglich ist - - er dachte nicht daran, sich zu entschuldigen, sondern
sich noch immer mehr anzuklagen. -
    Indes sah er doch so viel ein, dass die Wut, Romanen und Komödien zu lesen
und zu sehen, die nächste Veranlassung seines gegenwärtigen Zustandes war - aber
wodurch ihm das Lesen von Romanen und Komödien zu einem so notwendigen Bedürfnis
geworden war - alle die Schmach und die Verachtung, wodurch er schon von seiner
Kindheit aus der wirklichen in eine idealische Welt verdrängt worden war -
darauf zurückzugehen hatte seine Denkkraft damals noch nicht Stärke genug, darum
machte er sich nun selbst unbilligere Vorwürfe, als ihm vielleicht irgendein
anderer würde gemacht haben - in manchen Stunden verachtete er sich nicht nur,
sondern er hasste und verabscheuete sich. -
    Die Beichte, welche er daher dem Pastor Marquard in dem an ihn gerichteten
Briefe ablegte, war schrecklich und einzig in ihrer Art - so dass der Pastor
Marquard erstaunte, da er sie las - denn vielleicht war ihm in seinem Leben nie
so gebeichtet worden. -
    Da Reiser diesen Brief abgegeben hatte, so wartete er nur darauf, wann er
bei dem Pastor Marquard würde vorgelassen werden; und es wurde ihm ein Tag
bestimmt, welchem er nun mit sonderbaren, vermischten Empfindungen von Furcht
und Hoffnung und resignierter Verzweiflung entgegensah. -
    Er hatte sich dabei auf eine sehr teatralische Szene gefasst gemacht, die
ihm aber gänzlich missling. - Er wollte nämlich dem Pastor Marquard zu Füssen
fallen und seinen ganzen Zorn auf sich herab erbitten. - Die ganze Anrede an ihn
hatte er sich schon in seinen Gedanken entworfen, und nun trug er sich beständig
mit dieser Idee herum, wo er ging und stund; bis zu dem Tage, wo er bei dem
Pastor Marquard sollte vorgelassen werden. -
    Allein während der Zeit ereignete sich für ihn ein höchst verdriesslicher
Umstand. - Sein Vater hatte von seinem Zustande gehört und war nach Hannover
herübergekommen, um Fürbitte für ihn einzulegen, welches Reisern deswegen höchst
unangenehm war, weil er keiner fremden Fürsprache zu bedürfen glaubte, sondern
sich selbst schon für fähig genug hielt, durch seine affektvolle Anrede, die er
sich erlernt hatte, das Herz des Pastor Marquard zu rühren. -
    Endlich erwachte er zu dem wichtigen Tage, wo er den Pastor Marquard
sprechen sollte - - und seine Phantasie ging nun mit lauter grossen Dingen
schwanger - wie er voll Reue und Verzweiflung sich dem Pastor Marquard zu Füssen
werfen - und dieser ihn dann gerührt aufheben - und ihm verzeihen würde. -
    Und da er nun endlich in das Haus des Pastor Marquard kam und sich diesem so
lange vorbereiteten Auftritte mit schauervoller Sehnsucht näherte; indem er
draussen wartete, bis man ihn hereinrufen würde, kam endlich der Bediente heraus
und sagte ihm, er solle nur hereinkommen, sein Vater sei schon bei dem Pastor
Marquard.
    Diese Nachricht war ein Donnerschlag für ihn - er stand eine Weile wie
betäubt da - in dem Augenblick scheiterte sein ganzer Plan - er wollte den
Pastor Marquard ohne Zeugen sprechen denn nur ohne Zeugen fühlte er sich
imstande, die ganze Szene mit dem Niederknieen vor dem Pastor Marquard und der
rührenden und patetischen Anrede an ihn zu spielen. - In Gegenwart eines
Dritten und vorzüglich in Gegenwart seines Vaters vor dem Pastor Marquard
niederzuknieen, war ihm unmöglich. -
    Er schickte den Bedienten wieder herein und liess sagen, er müsste den Pastor
Marquard notwendig allein sprechen. - Dies Gespräch wurde ihm abgeschlagen, und
statt der glänzenden und rührenden Szene, die er zu spielen dachte, musste er
nun, indem er hereintrat, ohne ein einziges Wort von seiner ganzen
längstentworfenen Anrede vorbringen zu können, durch die Gegenwart seines Vaters
bis zur Verachtung gedemütigt, wie ein Missetäter dastehen. -
    Es bemächtigte sich seiner hiebei ein Gefühl, das er in seinem Leben noch
nicht gekannt hatte - seinen Vater neben sich in bittender Stellung vor dem
Pastor Marquard stehen zu sehen, war ihm unerträglich - alles in der Welt hätte
er darum gegeben, dass dieser in dem Augenblick hundert Meilen weit entfernt
gewesen wäre. -
    Er fühlte sich in seinem Vater doppelt gedemütigt und beschämt - und dann
kam der Verdruss dazu, dass ihm die ganze Fussfallszene misslungen war - alles ging
nun so kalt, so gemein, so gewöhnlich zu - - Reiser stand so unausgezeichnet wie
ein ganz gemeiner, alltäglicher Bösewicht da, dem man über sein Betragen die
verdienten Vorwürfe macht - und er wollte sich doch selbst als einen recht
grossen Bösewicht schildern und selbst die härteste Strafe für sein Verbrechen
nun auf sich herab erbitten. -
    Allein kein Zufall in seinem Leben fügte sich vielleicht mehr zu seinem
wahren Vorteil als eben dieser. - Wäre es ihm diesmal mit der angelegten Szene
gelungen, wer weiss, wozu er in der Folge noch geschritten, und was für Rollen er
würde gespielt haben. Vielleicht war dies eben der entscheidende Augenblick, wo
sein Schicksal, ob er ein Heuchler und Spitzbube werden oder ein aufrichtiger
und ehrlicher Mensch bleiben sollte, auf der Spitze stand. -
    Die ganze Fussfallszene wäre doch im Grunde, obgleich nicht offenbare
Heuchelei und Verstellung, doch wenigstens Affektation gewesen, und der Übergang
von der Affektation zur Heuchelei und Verstellung, wie leicht ist der! -
    Es war gewiss eine wahre Wohltat für Reisern, dass der Pastor Marquard alle
die überspannten Ausdrücke in seinem Briefe keiner Aufmerksamkeit würdigte und,
statt dadurch gerührt zu sein, sie lächerrlich fand und sie für die unreife
Geburt einer durch Romanen und Komödienlektüre erhitzen Phantasie erklärte; mit
dem Beifügen, wenn Reiser wirklich so ein Bösewicht wäre, als er sich in dem
Briefe geschildert hätte, so würde er sich nicht das mindeste mehr um ihn
bekümmern, sondern ihn als ein Ungeheuer verabscheuen. -
    Und statt sich nun weiter in Erklärungen einzulassen, dass ihm das Vergangene
verziehen sein solle, wenn er künftig sich anders betrüge und dergleichen, kam
der Pastor Marquard auf eine gar nicht empfindsame Art sogleich auf Reisers
zerrissene Schuhe und Strümpfe und auf die Schulden, die er gemacht hatte, und
wie diese nun bezahlt und seine zerrissenen Kleidungsstücke wieder hergestellt
wurden sollten. - Nicht einmal zu feierlicher Angelobung künftiger Besserung
oder so etwas Rührendem liess er Reisern kommen. - Sein ganzes Benehmen gegen
ihn, ob er sich gleich seiner nun wieder annahm, war rauh und hart - aber eben
dies rauhe und harte Betragen war es, was Reisern aus seinem Schlummer weckte
und ihn aus seiner idealischen Romanen und Komödienwelt wieder in die wirkliche
Welt versetzte, insbesondere, da ihm sein Roman, den er mit dem Pastor Marquard
zu spielen gedachte, misslungen war und er doch nun auch wieder aus seinem
schrecklichen Zustande durch keine leere Phantasie, ein Bauer zu werden und
dergleichen, sondern wirklich herausgerissen werden sollte. -
    Unzählige gute Vorsätze und Entschliessungen drängten sich nun mit dieser
Wendung seines Schicksals in seiner Seele wieder empor, die misslungene
Fussfallszene schmerzte ihn zwar noch immer; endlich aber söhnte er sich auch
darüber mit dem Schicksal aus - und so fing nun eine neue Epoche seines Lebens
an. -
    Er zog von dem Bürstenbinder aus und wurde bei einem Schneider eingemietet,
bei dem er in derselben Stube wohnen und auf dem Boden schlafen musste. - Die
Frau Filter und der Hofmusikus, welche in demselben Hause wohnten, nahmen sich
seiner wieder an, indem sie ihm wöchentlich einmal zu essen gaben. -
    Die Frau Filter liess ihn das kleine Mädchen, welches sie bei sich hatte, im
Schreiben und im Katechismus unterrichten - er besuchte die Schule wieder
regelmässig, man schöpfte wieder neue Hoffnung von ihm - selbst der Prinz liess
ihn zu sich kommen und sprach ihn in Gegenwart des Pastor Marquard, der das Geld
zu seiner Unterstützung vom Prinzen für ihn in Empfang nahm und damit seine
Schulden tilgte.
    So ging nun alles wieder so weit gut - und er fing nun an wieder fleissig zu
sein - obgleich seine äussere Situation auch hier seinem Studieren eben nicht zu
günstig war - denn in der Stube des Schneiders hatte er nichts wie sein
angewiesenes Plätzchen, wo sein Klavier stand, das ihm zugleich zum Tische
diente, und unter welchem er zugleich seine ganze Bibliotek in ein kleines
Bücherbrett aufgestellt hatte. - Wenn er nun für sich las und arbeitete, so
konnte er um sich her nicht Stille gebieten; und solange der Winter dauerte, war
er doch genötigt, in der Stube seines Wirts zu bleiben - im Sommer zog er mit
seinem Klavier und Büchern auf den Boden, wo er schlief und einsam und ungestört
war. -
    Er war kaum einige Wochen aus seinem vorigen Logis und von seinen vorigen
Stubengesellschaftern G ... und M ... weggezogen, so ereignete sich ein
fürchterlicher Vorfall, der ihn die Grösse und Nähe der Gefahr, in welcher er
geschwebt hatte, sehr lebhaft empfinden liess. -
    G ... wurde nämlich eines Tages, da er im Chore sang, auf öffentlicher
Strasse in Verhaft genommen und sogleich geschlossen in eines der tiefsten
Gefängnisse auf dem ... Tore gebracht, welches nur für die ärgsten Missetäter
bestimmt ist. -
    Reisern ergriff Beben und Entsetzen, da er ihn hinführen sah - und was das
sonderbarste war, so machte der Gedanke, man möchte ihn etwa für einen
Mitschuldigen des noch unbekannten Verbrechens seines ehemaligen
Stubengesellschafters halten, dass sich gerade solche Merkmale der Scham und
Verwirrung bei ihm äusserten, als wenn er wirklich ein Mitschuldiger gewesen wäre
so dass seine Angst beinahe so gross wurde, als ob er wirklich selbst ein
Verbrechen begangen hätte. Dies war eine natürliche Folge seines von Kindheit an
unterdrückten Selbstgefühls, das damals nicht stark genug war, den Urteilen
anderer von ihm zu widerstehen - hätte ihn jedermann für einen offenbaren
Verbrecher gehalten, so würde er sich zuletzt vielleicht auch dafür gehalten
haben. -
    Endlich kam es denn heraus, dass sein ehemaliger Stubengesellschafter G ...
einen Kirchenraub begangen, Tressen von Altardecken bei der Nacht entwendet und,
um die in den Stühlen verwahrten mit Silber beschlagenen Gesangbücher zu
stehlen, sogar Schlösser aufgebrochen hatte.
    Das waren denn die Projekte gewesen, auf welche er ganze Tage hindurch auf
dem Bette liegend gesonnen und gegrübelt hatte.
    Den eigentlichen Kirchenraub aber hatte er erst verübt, nachdem Reiser schon
von ihm weggegangen war, ob er gleich vorher sich schon verschiedener Diebereien
schuldig gemacht hatte.
    Auf sein Verbrechen stand nun eigentlich der Strang - und Reisern wandelte
immer die Furcht vor einem ähnlichen Schicksal an, sooft er dachte, wie nahe er
diesem Menschen gewesen war, und wie leicht er stufenweise von ihm zu einem
Wagstück nach dem andern hätte verführt werden können, da mit der Expedition auf
der Kirscheninsel schon ein so heroischer Anfang gemacht worden war. - Reiser
würde in dem nächtlichen Kirchenraube immer auch mehr Heroisches als
Niederträchtiges gefunden haben, und es würde G ... vielleicht nicht schwerer
geworden sein, ihn zur Teilnehmung an einer solchen Expedition als zu der auf
der Kirscheninsel zu bereden.
    Wer weiss, ob nicht auch diese Reflexion oder dies dunkle Bewusstsein mit zu
Reisers Verwirrung beitrug, sooft von G ... gesprochen wurde - es deuchte ihm
nur noch ein so kleiner Schritt zwischen ihm und dem Verbrechen, zu dem er hätte
verleitet werden können, dass es ihm ging wie einem, dem vor einem Abgrunde
schwindelt, von welchem er noch weit genug entfernt ist, um nicht
hereinzustürzen, der sich aber dennoch selbst durch seine Furcht unaufhaltsam
hingezogen fühlt und schon in dem Abgrunde zu versinken glaubt. -
    Die leichte Möglichkeit, an G ...s Verbrechen teilzunehmen, welche Reiser
bei sich empfand, erweckte bei ihm fast ein ähnliches Gefühl, als ob er wirklich
daran teilgenommen hätte, woraus sich also seine Angst und Verwirrung sehr gut
erklären lässt.
    Indes kam es mit G ... so weit nicht, dass er gehangen wurde, sondern nachdem
er einige Monate im Gefängnis gesessen hatte, ward sein Urteil dahin gemildert,
dass er über die Grenze gebracht und des Landes verwiesen wurde. - Reiser hat von
seinem Schicksale nachher nichts weiter erfahren können. - So endigte es sich
also mit dem eigentlichen sterbenden Sokrates, von welchem Reiser so lange den
Spottnamen tragen musste, da er doch nicht den sterbenden Sokrates selbst,
sondern nur einen unbedeutenden Freund desselben vorgestellt hatte, der nicht
viel mehr tat, als dass er in einem Winkel stand und weinte, indes der sterbende
Sokrates zur Rührung aller Zuschauer den Giftbecher trinken und sich auf dem
Todbette noch in dem glänzendsten Lichte zeigen konnte.
    Reiser hatte damals schon seit länger als einem Jahre angefangen, sich ein
Tagebuch zu machen, worin er alles, was ihm begegnete, aufschrieb. - Dies
Tagebuch geriet denn ziemlich sonderbar, weil er keinen einzigen Umstand seines
Lebens und keinen einzigen von den Vorfallenheiten des Tages, er mochte so
unbedeutend sein, wie er wollte, darin ausliess. - Da er nun nur lauter wirkliche
Begebenheiten und seine Phantasien, die er den Tag über hatte, nicht mit
aufschrieb, so mussten die Erzählungen von den Begebenheiten des Tages ebenso
kahl und abgeschmackt und ohne alles Interesse sein, wie diese Begebenheiten
selbst waren. Reiser lebte im Grunde immer ein doppeltes, ganz voneinander
verschiedenes inneres und äusseres Leben, und sein Tagebuch schilderte gerade den
äussern Teil desselben, der gar nicht der Mühe wert war, aufgezeichnet zu werden.
- Den Einfluss der äussern - würklichen Vorfälle auf den innern Zustand seines
Gemüts zu beobachten, verstand Reiser damals noch nicht; seine Aufmerksamkeit
auf sich selbst hatte noch nicht die gehörige Richtung erhalten. -
    Indes verbesserte sich doch sein Tagebuch mit der Zeit, indem er anfing,
nicht nur seine Begebenheiten, sondern auch seine Vorsätze und Entschliessungen
darin aufzuzeichnen, um nach einiger Zeit zu sehen, was er davon in Erfüllung
gebracht hatte. - Er machte sich schon damals selber Gesetze, die er in seinem
Tagebuche aufschrieb, um sie in Erfüllung zu bringen. - Auch tat er sich selbst
zuweilen feierliche Gelübde, z.B. früh aufzustehen, den Tag seine Stunden
ordentlich einzuteilen und dergleichen mehr. -
    Aber es war sonderbar - gerade die feierlichsten Vorsätze, welche er fasste,
pflegten gemeiniglich am spätesten und kältesten in Erfüllung zu gehen - wenn es
zur Ausführung im kleinen kam, so war das Feuer der Phantasie erloschen, womit
er sich die Sache im ganzen und mit allen ihren angenehmen Folgen
zusammengenommen gedacht hatte - wenn er sich hingegen alles schlechtweg und
ohne allen Prunk und Feierlichkeit vornahm, so ging die Ausführung oft weit eher
und besser vonstatten. -
    An guten Vorsätzen war er unerschöpflich. - Dies machte ihn aber auch
beständig mit sich selber unzufrieden, weil der guten Vorsätze zu viele waren,
als dass er sich selber jemals hätte ein Genüge tun können. -
    Drei Tage, wo er einmal ununterbrochen mit sich zufrieden gewesen war,
zeichnete er als eine grosse Merkwürdigkeit in seinem Leben auf, welche es auch
wirklich für ihn war - denn diese drei Tage waren, fast so lange er denken
konnte, die einzigen in ihrer Art. - Es war aber gerade diese drei Tage über ein
glücklicher Zusammenfluss von Umständen, heiteres Wetter, gesundes Blut,
freundiche Gesichter bei denen Personen, zu denen er kam, und wer weiss was mehr,
wodurch ihm die Ausführung seiner guten Vorsätze nun merklich erleichtert wurde.
-
    Er nahm übrigens zu allerlei Mitteln seine Zuflucht, um sich fromm und
tugendhaft zu erhalten. - Vorzüglich suchte er alle Morgen edle und gute
Gesinnungen in sich zu erwecken, indem er Popens allgemeines Gebet, das er sich
englisch aufgeschrieben und auswendig gelernt hatte, hersagte und wirklich,
sooft er es sagte, dadurch gerührt und zu guten Vorsätzen und Entschliessungen
aufs neue belebt wurde. - Dann hatte er eine Anzahl Lebensregeln aus einem Buche
ausgeschrieben, die er des Tages über zu gewissen bestimmten Zeiten las - und
ein paar Chorarien, welche etwas zur Tugend und Frömmigkeit vorzüglich
Aufmunterndes hatten, wurden ebenfalls täglich zu bestimmten Stunden sehr
gewissenhaft von ihm gesungen. -
    Wären nun hiebei seine äussern Verhältnisse nur etwas günstiger und
aufmunternder geworden, so hätte Reiser mit diesen Vorsätzen und Bestrebungen,
die doch bei einem jungen Menschen in seinem Alter (er war damals etwas über
sechszehn Jahr) wohl sehr selten sind, ein Muster von Tugend werden müssen.
    Aber dies war es, was ihn immer wieder niederschlug, die Meinung der
Menschen von ihm, welche er mit Gewalt nicht umändern konnte, und die doch
ohnerachtet aller seiner Bestrebungen, ein bessrer Mensch zu werden, sich nicht
ganz wieder zu seinem Vorteil lenken wollte - er schien es nun einmal zu sehr
verdorben und zu sehr die Erwartung aller von ihm getäuscht zu haben, als dass er
sich je die vorige Achtung und Liebe der Menschen hätte wieder erwerben können.
-
    Insbesondre war ein Verdacht auf ihn gefallen, der ihn sehr
unverdienterweise traf - dies war der Verdacht der Lüderlichkeit, weil er bei
einem so lüderlichen Menschen, wie G ... war, gewohnt hatte. - Reiser war so
weit hievon entfernt, dass ihm drei Jahre nachher, da er zufälligerweise ein
anatomisches Buch zu sehen bekam, über gewisse Dinge ein Licht aufging, wovon
damals seine Begriffe noch sehr dunkel und verworren waren.
    Sein Lesen aber bei dem Bücherantiquarius und sein Komödiengehn wurde ihm am
schlimmsten ausgeleget und immer noch für ein unverzeihliches Vergehen gehalten.
-
    Nun fügte es sich gerade, dass eine Gesellschaft Luftspringer nach Hannover
kam, und weil ein Platz nur eine Kleinigkeit kostete, so ging er einen einzigen
Abend hin, um diese halsbrechenden Künste mit anzusehen - man hatte ihn erblickt
- und weil dies nun auch eine Art von Komödie war, so hiess es, sein alter Hang
sei nun wieder erwacht, und es gehe kein Abend hin, dass er nicht den Schauplatz
bei den Luftspringern besuchte; da trüge er nun wieder sein Geld hin - man sehe
hieraus schon, dass doch nun nichts aus ihm werden würde. -
    Seine Stimme war viel zu ohnmächtig, um sich gegen die Aussage derer zu
erheben, die ihn alle Abend bei den Luftspringern wollten gesehen haben - kurz,
der einzige Abend, an welchem er hierher ging, brachte ihn wieder weiter in der
Meinung der Menschen zurück, als ihn sein ganzer bisheriger Fleiss und
regelmässiges Betragen darin hatte vorwärts bringen können. -
    Hiezu kamen nun noch einige Sachen, die ihn sehr niederschlugen. Das Neujahr
kam wieder heran, und er freute sich schon darauf, dass er nun bei dem Aufzug mit
Fackeln und Musik doch wieder die Vorrechte seines Standes geniessen, in Reihe
und Glied mit den übrigen gehen und auch nun nicht mehr, wie das vorigemal,
einer der letzten in der Ordnung sein würde. -
    Um nun aber die Fackel und seinen Anteil zur Musik und sonstigen Kosten
bezahlen zu können, wartete er nur auf die Austeilung des Chorgeldes, das er
sich mit saurer Mühe im Frost und Regen hatte ersingen müssen, und indem er nun
zum Direktor kam, um es in Empfang zu nehmen, war es dem Konrektor eingefallen,
für die Privatstunden, die Reiser in Sekunda bei ihm gehabt und nicht bezahlt
hatte, Beschlag darauf zu legen. - Reiser ging zu dem Konrektor hin und bat ihn
flehentlich, ihm nur die Hälfte von dem Chorgelde zu lassen; allein dieser war
unerbittlich; und da Reiser wieder zum Direktor kam, so machte ihm auch der die
bittersten Vorwürfe, dass er aufs neue in der Komödie bei den Luftspringern
gewesen wäre und sich sogar auf dem Markte vor der Schule Honig und Brot gekauft
und das auf der Strasse gegessen habe. - Eine Sache, die Reiser für sehr etwas
Unschuldiges und auch nicht für erniedrigend hielt, die ihm aber jetzt als die
grösste Niederträchtigkeit ausgelegt wurde, und worüber ihn der Direktor einen
schlechten Buben schalt, der weder Ehre noch Scham hatte, und mit dem er sich
nicht weiter befassen wollte. -
    Nicht leicht war Reiser wohl in seinem ganzen Leben trauriger und
niedergeschlagener gewesen, als da er jetzt vom Direktor zu Hause ging. Er
achtete Wind und Schneegestöber nicht, sondern irrte wohl andertalb Stunden auf
dem Wall und in der Stadt umher und überliess sich seinem Gram und seinen lauten
Klagen. -
    Denn alles war ihm nun auf einmal fehlgeschlagen; sein Bestreben, sich bei
dem Direktor durch sein Betragen wieder in Gunst zu setzen; seine Hoffnung, ein
gutes Chorgeld zu erhalten, welches ohnedem zu Neujahr immer am beträchtlichsten
zu sein pflegte; und sein sehnlicher Wunsch, am morgenden Tage dem Aufzuge mit
Fackeln und Musik beizuwohnen und dort öffentlich mit in Reihe und Gliede zu
gehn. -
    Was ihn aber am meisten schmerzte, war doch im Grunde das letzte - und dies
war sehr natürlich; denn durch seine Teilnehmung an dem Aufzuge fühlte er sich
gleichsam in alle Rechte seine Standes, die ihm so sehr verleidet waren, wieder
eingesetzt - davon ausgeschlossen zu bleiben, deuchte ihm eine der grössten
Widerwärtigkeiten, die ihm nur begegnen konnte. - Das war auch die Ursach,
weswegen er den Konrektor um Erlassung der Hälfte von dem Chorgelde so
flehentlich gebeten hatte, welches zu tun er sich sonst nie würde erniedrigt
haben.
    Alle sein Sinnen und Denken, Geld zu bekommen, half nichts; er konnte sich
keine Fackel kaufen und musste den folgenden Abend, während dass alle seine
Mitschüler im glänzenden Pomp unter einer Menge von Zuschauern über die Strasse
zogen, traurig an seinem Klavier zu Hause sitzen - er suchte sich zu trösten, so
gut er konnte; aber da er von fern die Musik hörte, so tat dies eine sonderbare
Wirkung auf sein Gemüt - er dachte sich lebhaft den Glanz der Fackeln, die Menge
der Zuschauer, das Getümmel und seine Mitschüler als die Hauptpersonen dieses
prachtvollen Schauspiels - und sich nun ausgeschlossen, einsam und von aller
Welt verlassen - dies versetzte ihn in eine Wehmut, die derjenigen völlig
ähnlich war, da seine Eltern ihn oben auf der Stube allein gelassen hatten,
während dass sie unten bei dem Wirt bei einer Gasterei waren, von welcher das
frohe Gelächter und Klingen mit den Gläsern zu ihm hinauf erschallte, und er
sich da auch so einsam und von aller Welt verlassen fühlte und sich aus den
Liedern der Madam Guion tröstete. -
    Dergleichen Vorfälle drängten ihn dann immer wieder aus der Welt in die
Einsamkeit - er war nicht vergnügter, als wenn er allein bei seinem Klavier
sitzen und für sich lesen und arbeiten konnte - und wünschte nichts sehnlicher,
als dass es bald Sommer sein möchte, um auf dem Boden, wo sein Bette stand, den
ganzen Tag allein zubringen zu können.
    Und da nun dieser sehnlich gewünschte Sommer kam, so genoss er nun auch
zuallererst die Wonne des einsamen Studierens. Er liehe sich seit einiger Zeit
wieder Bücher vom Antiquarius; aber sein Geschmack fiel nun auf lauter
wissenschaftliche Bücher. - Seine Romanen - und Komödienlektüre hatte seit jener
schrecklichen Epoche seines Lebens gänzlich aufgehört. -
    Sobald die Luft nun anfing, warm zu werden, eilte er auf seinen Boden und
brachte da die vergnügtesten Stunden seines Lebens mit Lesen und Studieren zu. -
    Er hatte sich von dem Bücherantiquarius unter andern Gottscheds Philosophie
geliehen, und so sehr auch in diesem Buche die Materien durchwässert sind, so
gab doch dies seiner Denkkraft gleichsam den ersten Stoss - er bekam dadurch
wenigstens eine leichte Übersicht aller philosophischen Wissenschaften, wodurch
sich die Ideen in seinem Kopfe aufräumten. -
    Sobald er dies merkte, nahm auch sein Eifer, die Sache bald zu übersehen,
mit jedem Tage zu. - Er sah, dass das blosse Lesen nichts half - er fing also an,
sich auf kleinen Blättchen schriftliche Tabellen zu entwerfen, wo er das Detail
immer dem Ganzen gehörig unterordnete und sich auf die Weise einen anschaulichen
Begriff davon zu machen suchte. -
    Das simple Abschreiben des Hauptinhalts brachte für ihn schon ein
vorzügliches Interesse in die Sache - denn indem er nun das Blatt, auf welches
er die in dem Buche entaltenen Materien niedergeschrieben hatte, beim Lesen des
Buches vor sich hinlegte, erhielt er dadurch den Vorteil, dass er bei dem
Einzelnen nie das Ganze aus den Augen verlor, welches doch beim philosophischen
Denken immer ein Haupterfordernis ist und auch die grösste Schwierigkeit macht. -
    Alles, was er noch nicht durchdacht hatte, lag auf dieser Karte wie ein
unbekanntes Land vor ihm, welches genauer kennen zu lernen er eine ordentliche
Sehnsucht empfand. -
    Die Umrisse, das Fachwerk war durch die allgemeine Übersicht des Ganzen
einmal in seiner Seele gemacht, er strebte nun von den Lücken, die er erst jetzt
empfinden konnte, eine nach der andern auszufüllen. - Und dasjenige, was ihm
erst blosse leere Namen gewesen waren, wurden nun allmählich vollgefüllte
deutliche Begriffe, und wenn er nun eben den Namen wieder las oder wieder dachte
und ihm auf einmal alles so licht und helle wurde, was ihm vorher dunkel und
verworren gewesen war, so bemächtigte sich seiner ein so angenehmes Gefühl
dabei, als er noch nie empfunden hatte - er schmeckte zuerst die Wonne des
Denkens. -
    Die immerwährende Begierde, das Ganze bald zu überschauen, leitete ihn durch
alle Schwierigkeiten des Einzelnen hindurch. In seiner Denkkraft ging eine neue
Schöpfung vor. - Es war ihm, als ob es erst in seinem Verstande dämmerte und nun
allmählich der Tag anbräche und er sich an dem erquickenden Lichte nicht satt
sehen könnte. -
    Er vergass hierüber fast Essen und Trinken und alles, was ihn umgab, und kam
unter dem Vorwande von Kränklichkeit in einer Zeit von sechs Wochen fast gar
nicht von seinem Boden herunter - in dieser Zeit sass er vom Morgen bis an den
Abend mit der Feder in der Hand bei seinem Buche und ruhete nicht eher, bis er
vom Anfang bis zum Ende durch war.
    Was hierbei seinen Eifer nie erlöschen liess, war, wie schon gesagt, das
beständige Vor-Augen-halten des Hauptinhalts - und das immerwährende Unterordnen
und Klassifizieren der Materien in seinem Kopfe sowohl als auf dem Papiere. -
    Er brachte also diesen Sommer, ohngeachtet seine äussern Verhältnisse sich
eben nicht sehr verbessert hatten, doch ziemlich vergnügt zu.
    Wenigstens musste er die einsamen Stunden, welche er auf dem Boden zubrachte,
immer unter die glücklichsten seines Lebens zählen. - Auch war er überhaupt von
nun an minder unglücklich, weil seine Denkkraft angefangen hatte, sich zu
entwickeln. -
    Wo er ging und stund, da meditierte er jetzt, statt dass er vorher bloss
phantasiert hatte - und seine Gedanken beschäftigten sich mit den erhabensten
Gegenständen des Denkens - mit den Vorstellungen von Raum und Zeit, von der
höchsten vorstellenden Kraft usw. -
    Allein schon damals war es ihm oft, wenn er sich eine Weile im Nachdenken
verloren hatte, als ob er plötzlich an etwas stiesse, das ihn hemmte und wie eine
bretterne Wand oder eine undurchdringliche Decke auf einmal seine weitere
Aussicht schloss - es war ihm dann, als habe er nichts gedacht - als Worte. -
    Er stiess hier an die undurchdringliche Scheidewand, welche das menschliche
Denken von dem Denken höherer Wesen verschieden macht, an das notwendige
Bedürfnis der Sprache, ohne welche die menschliche Denkkraft keinen eignen
Schwung nehmen kann - und welche gleichsam nur ein künstlicher Behelf ist,
wodurch etwas dem eigentlichen reinen Denken, wozu wir dereinst vielleicht
gelangen werden, ähnliches hervorgebracht wird.
    Die Sprache schien ihm beim Denken im Wege zu stehen, und doch konnte er
wieder ohne Sprache nicht denken. -
    Manchmal quälte er sich stundenlang, zu versuchen, ob es möglich sei, ohne
Worte zu denken. - Und dann stiess ihm der Begriff vom Dasein als die Grenze
alles menschlichen Denkens auf - da wurde ihm alles dunkel und öde - da blickte
er zuweilen auf die kurze Dauer seiner Existenz, und der Gedanke oder vielmehr
Ungedanke vom Nichtsein erschütterte seine Seele - es war ihm unerklärlich, dass
er jetzt wirklich sei und doch einmal nicht gewesen sein sollte - so irrte er
ohne Stütze und ohne Führer in den Tiefen der Metaphysik umher. -
    Manchmal, wenn er jetzt im Chore sang und, statt dass seine Mitschüler sich
miteinander unterredeten, einsam vor sich wegging und diese dann hinter ihm
sagten: da geht der Melancholikus! so dachte er über die Natur des Schalles nach
und suchte zu erforschen, was sich dabei mit Worten nicht ausdrücken liess. -
Dies trat nun in die Stelle seiner vorigen romantischen Träume, womit er sich
sonst so manche trübe Stunde verphantasiert hatte, wenn er an einem traurigen
Wintertage in Schnee und Regen im Chore sang. -
    Er liehe sich nun von dem Bücherantiquarius Wolfs Metaphysik und las auch
die nach der einmal angefangenen Weise durch - und wenn er nun zu dem Schuster
Schantz kam, so war der Stoff zu ihren philosophischen Gesprächen weit
reichhaltiger wie vorher - - und sie kamen von selbst auf alle die verschiedenen
Systeme, welche von den Weltweisen der alten und neuern Zeiten vorgetragen und
immer von einer unzähligen Menge nachgebetet sind.
    Während der Zeit war nun auch der Direktor Ballhorn, von dessen Freundschaft
Reiser so viel gehofft hatte und so sehr in seiner Hoffnung getäuscht war, nach
einer kleinen Stadt nicht weit von Hannover als Superintendent befördert worden
und ein andrer namens Schumann an dessen Stelle gekommen. -
    Diese Veränderung interessierte Reisern eben nicht sehr, der damals an
nichts als an seine Metaphysik dachte. - Der neue Direktor war ein alter Mann,
welcher aber Kenntnisse und viel Geschmack besass und von Pedanterei, welches bei
alten Schulmännern ein so seltener Fall ist, ziemlich frei war.
    Während dieser Veränderung fielen eine grosse Menge Schulstunden ohnedem aus.
- Reisers Versäumnis wurde also eben so merklich nicht. - Und wenn nun ja eine
Versäumnis von öffentlichen Schulstunden gut genutzt worden ist, so war es die
seinige in welcher er in Zeit von ein paar Monaten mehr tat und sein Verstand
mit weit mehr Begriffen als seine ganzen akademischen Jahre hindurch bereichert
wurde. -
    Nie hörte er wenigstens den ganzen Kursus der Philosophie so ausführlich
wieder vortragen, als er ihn damals für sich durchdacht hatte - auch die übrigen
Wissenschaften, als Dogmatik, Geschichte usw., hörte er nie auf der Universität
so ausführlich wieder, als er sie zum Teil in Hannover auf der Schule gehört
hatte.
    Er hatte in seiner Jugend keinen Unterricht als im Rechnen und Schreiben
genossen, welcher jetzt fast gänzlich für ihn verloren ging, weil er das Rechnen
nicht zu üben Gelegenheit hatte und seine Hand durch das Nachschreiben verdarb.
- Nun fügte es sich, dass er einige Information im Schreiben bekam, die ihm zwar
wenig oder gar nichts einbrachte, wobei er aber doch merklich seine Hand übte;
da er nun wieder anfing, die Schularbeiten mitzumachen, und dem Rektor seine
Exerzitien brachte, so wunderte sich dieser sehr über die Verbesserung seiner
Hand und gab ihm sogleich etwas abzuschreiben, welches aber dort im Hause
geschehen musste, so dass er auf diese Weise wieder Zutritt zu dem Rektor erhielt;
welches ihn denn auch mit einiger Hoffnung, sich wieder in Kredit zu setzen,
belebte, die aber bald niedergeschlagen wurde, da sein Vater einmal nach
Hannover herüberkam und der Pastor Marquard demselben keinen andern Trost gab,
als dass sein Sohn ein Schl ...l sei, aus dem nie etwas werden würde. -
    Da sein Vater wieder wegreiste, begleitete er ihn bis vors Tor hinaus, und
hier war es, wo ihm derselbe die tröstlichen Worte des Pastor Marquard
hinterbrachte und ihm dabei die bittersten Vorwürfe machte, dass er die
Wohltaten, welche man ihm erwiesen, so schlecht erkennte, wobei er ihn zugleich
auf den Rock, den er trug, verwies und ihm diesen als ein unverdientes Geschenk
von seinen Wohltätern schilderte. - Dies letztere brachte Reisern auf; denn der
Rock, welcher von groben grauen Tuch war, das ihm ein völliges Bedientenansehen
gab, war ihm immer verhasst gewesen, und er liess sich daher gegen seinen Vater
verlauten, dass ein solcher Bedientenrock, den er zu seinem Ärger tragen müsse,
eben kein grosses Gefühl von Dankbarkeit bei ihm erwecken könne. -
    Darüber geriet sein Vater, dem die Grundsätze von der Demütigung und
Ertötung alles Stolzes und Eigendünkels aus den Schriften der Madam Guion heilig
waren, in eine Art von Wut - drehte sich schnell von ihm und gab ihm seinen
Fluch auf den Weg. - Reiser wurde ebenfalls hiedurch in einen Zustand versetzt,
worin er sich noch nie befunden hatte, alles, was er bisher von seinem widrigen
Schicksal gelitten und geduldet hatte, und dass nun auch sein Vater sogar ihn von
sich stiess und ihm seinen Fluch gab, fuhr ihm auf einmal durch die Seele.
    Er stiess, indem er nach der Stadt zurückging, laute Gotteslästerungen aus
und war der Verzweiflung nahe - er wünschte sich wirklich vom Erdboden
verschlungen zu sein - und der Fluch seines Vaters schien ihn im Ernst zu
verfolgen.
    Dies hemmte wieder auf eine Weile alle seine guten Vorsätze und seinen
bisher freiwillig ununterbrochenen Fleiss.
    Der Sommer ging nun zu Ende - und ein anhaltender körperlicher Schmerz fing
nun öfter wieder an, seinen Geist niederzudrücken. Er hatte von dieser Zeit an
unaufhörliches Kopfweh, welches ein ganzes Jahr anhielt, so dass fast kein Tag
und keine Stunde dazwischen ausfiel, wo er sich von diesem fortdauernden Schmerz
befreit gefühlt hätte. -
    Der Schneider, bei dem er nun ein Jahr gewohnt hatte, sagte ihm auch das
Logis auf, und er zog in einer abgelegenen Strasse bei einem Fleischer ins Haus,
wo noch einige Schüler nebst ein paar gemeinen Soldaten im Quartier lagen. -
    Er musste sich hier auch mit unten in der Stube aufhalten, und seine
Einrichtung mit dem Klavier und dem Bücherbrette darunter blieb wie vorher -
statt des Bodens aber erhielt er oben ein kleines Kämmerchen, wo er mit noch
einem Chorschüler schlief, und im Sommer, wenn es warm war, jeder für sich
allein sein konnte.
    Der Umgang mit seinem Wirt, dem Fleischer, mit den beiden Soldaten, die dort
im Quartier lagen, und ein paar lüderlichen Chorschülern, die noch nebst ihm da
wohnten, konnte zur Bildung und Verfeinerung seiner Sitten eben nicht viel
beitragen. -
    Alles versammlete sich im Winter des Abends in der Stube, und weil er bei
dem Geräusch und Lärmen doch nicht arbeiten konnte, so mischte er sich lieber
mit unter den Haufen und amüsierte sich mit den Leuten, die nun einmal den
nächsten Kreis um ihn her ausmachten, so gut er konnte.
    Ohngeachtet seiner immerwährenden Kopfschmerzen arbeitete er doch auch,
sooft er nur ein wenig in Ruhe sein konnte, für sich und lernte auf die Weise in
Zeit von einigen Wochen Französisch, indem er sich einen lateinischen Terenz mit
der französischen Übersetzung liehe und sich täglich ununterbrochen selbst eine
Lektion gab; er kam dadurch wenigstens so weit, dass er von der Zeit an jedes
französische Buch ziemlich verstehen konnte.
    Da sich indes sein äusserer Zustand nicht verbesserte und überdem noch
körperlicher Schmerz ihn unaufhörlich drückte, so versetzte ihn dies in eine
Seelenstimmung, wo ihm Youngs Nachtgedanken, die er damals zufälligerweise
erhielt, eine höchst willkommene Lektüre waren - es deuchte ihm, als fände er
hier alle seine vorigen Vorstellungen von der Nichtigkeit des Lebens und der
Eitelkeit aller menschlichen Dinge wieder. - Er konnte sich nicht satt in diesem
Buche lesen und lernte die Gedanken und Empfindungen, welche darin herrschen,
beinahe auswendig.
    Die einzige Linderung bei seinen Kopfschmerzen war, wenn er ausgestreckt
rücklings auf dem Bette liegen konnte - in dieser Stellung blieb er denn oft
ganze Tage lang und las - dies war der einzige ihm übriggebliebene Genuss des
Lebens, an dem er sich noch festielt, da sonst die tötendste Langeweile ihm das
elende Leben, was er noch fortschleppte, unerträglich gemacht haben würde. -
    Um sich nun zuweilen dem Geräusch, das ihn umgab, zu entziehen, scheute er
manchmal weder Regen noch Schnee, sondern machte des Abends, wenn es dunkel
wurde und er sicher war, dass er von niemanden gesehen, noch von irgendeinem
Menschen würde angeredet werden, einen Spaziergang auf dem Walle um die Stadt;
und bei diesen Spaziergängen war es, wo sich sein Geist immer etwas wieder
ermannte und ein Funke von Hoffnung, sich aus seinem schrecklichen Zustande
herauszuarbeiten, in seiner Seele wieder emporglimmte. -
    Wenn er dann auf den Strassen, die an den Wall grenzten, in den Häusern Licht
angesteckt sah und sich nun dachte, dass in jeder erleuchteten Stube, deren in
einem Hause oft so viele waren, eine Familie oder sonst eine Gesellschaft von
Menschen oder ein einzelner Mensch lebte, und dass eine solche Stube also in dem
Augenblick die Schicksale und das Leben und die Gedanken eines solchen Menschen
oder einer solchen Gesellschaft von Menschen in sich fasste, und dass er auch nun
nach dem vollendeten Spaziergange in eine solche Stube wieder zurückkehren
würde, wo er gleichsam hingebannt und wo der eigentliche Fleck seines Daseins
wäre, so brachte dies bei ihm zuerst eine sonderbare demütigende Empfindung
hervor, als sei nun sein Schicksal unter diesen unendlichen verwirrten Haufen
sich einander durchkreuzender menschlicher Schicksale gleichsam verloren und
werde dadurch klein und unbedeutend gemacht. - Dann erhoben aber auch eben diese
Lichter in den einzelnen Stuben in den Häusern am Walle zuweilen seinen Geist
wieder, wenn er einen Überblick des Ganzen daraus schöpfte und sich aus seiner
eigenen kleinen einengenden Sphäre, wodurch er sich unter allen diesen im Leben
unbemerkten und unausgezeichneten Bewohnern der Erde mitverlor, herausdachte und
sich ein besonderes ausgezeichnetes Schicksal prophezeite, wovon die süsse
Vorstellung, indem er dann mit schnellen Schritten vorwärts ging, ihn aufs neue
mit Hoffnung und Mut belebte.
    Eine Reihe erleuchteter Wohnzimmer in einem fremden ihm unbekannten Hause,
wo er sich eine Anzahl Familien dachte, von deren Leben und Schicksalen er
ebensowenig als sie von den seinigen wusste, hat nachher beständig sonderbare
Empfindungen in ihm erweckt - die Eingeschränkteit des einzelnen Menschen ward
ihm anschaulich.
    Er fühlte die Wahrheit: man ist unter so vielen Tausenden, die sind und
gewesen sind, nur einer.
    Sich in das ganze Sein und Wesen eines andern hineindenken zu können, war
oft sein Wunsch - wenn er so auf der Strasse zuweilen dicht neben einem ganz
fremden Menschen herging - so wurde ihm der Gedanke der Fremdheit dieses
Menschen, der gänzlichen Unbewussteit des einen von dem Namen und Schicksalen
des andern so lebhaft, dass er sich, so dicht es der Wohlstand erlaubte, an einen
solchen Menschen andrängte, um auf einen Augenblick in seine Atmosphäre zu
kommen und zu versuchen, ob er die Scheidewand nicht durchdringen könnte, welche
die Erinnerungen und Gedanken dieses fremden Menschen von den seinigen trennte.
- Noch eine Empfindung aus den Jahren seiner Kindheit ist vielleicht nicht
unschicklich, hier herangezogen zu werden - er dachte sich damals zuweilen, wenn
er andere Eltern als die seinigen hätte und die seinigen ihn nun nichts
angingen, sondern ihm ganz gleichgültig wären. - - Über den Gedanken vergoss er
oft kindische Tränen - seine Eltern mochten sein, wie sie wollten, so waren sie
ihm doch die liebsten - und er hätte sie nicht gegen die vornehmsten und
gütigsten vertauscht. - Aber zugleich kam ihm auch schon damals das sonderbare
Gefühl von dem Verlieren unter der Menge, und dass es noch so unzählig viele
Eltern mit Kindern ausser den seinigen gab, worunter sich diese wieder verloren -
-
    Sooft er sich nachher in einem Gedränge von Menschen befunden hat, ist eben
dies Gefühl der Kleinheit, Einzelnheit und fast dem Nichts gleichen
Unbedeutsamkeit in ihm erwacht. - - Wieviel ist des mir gleichen Stoffes hier!
welch eine Menge von dieser Menschenmasse, aus welcher Staaten und Kriegsheere,
so wie aus Baumstämmen Häuser und Türme gebauet werden! -
    Das waren ohngefähr die Gedanken, die damals ein dunkles Gefühl in ihm
hervorbrachten, weil er sie nicht in Worte einzukleiden und sie sich nicht
deutlich zu machen wusste.
    Einmal, da vier Missetäter auf dem Rabensteine vor Hannover geköpft wurden,
ging er unter der Menge von Menschen mit hinaus und sah nun vier darunter,
welche aus der Zahl der übrigen ausgetilget und zerstückt werden sollten. - Dies
kam ihm so klein, so unbedeutend vor, da der ihn umgebenden Menschenmasse noch
so viel war - als ob ein Baum im Walde umgehauen oder ein Ochse gefällt werden
sollte - und da nun die Stücken dieser hingerichteten Menschen auf das Rad
hinaufgewunden wurden und er sich selbst und die um ihn her stehenden Menschen
ebenso zerstückbar dachte - so wurde ihm der Mensch so nichtswert und
unbedeutend, dass er sein Schicksal und alles in dem Gedanken von tierischer
Zerstückbarkeit begrub - und sogar mit einem gewissen Vergnügen wieder zu Hause
ging und seinen Haarteig auf dem Wege verzehrte - denn es war damals gerade sein
schreckliches Vierteljahr, wo er manche Tage bloss von diesem Teige lebte. -
Nahrung und Kleidung war ihm gleichgültig so wie Tod und Leben - ob nun eine
solche bewegliche Fleischmasse, deren es eine so ungeheure Anzahl gibt, auf der
Welt mehr umhergeht oder nicht! - Dann konnte er sich nicht entalten, sich
immer an den Platz der zerstückten und in Stücken auf das Rad gewundenen
hingerichteten Missetäter zu stellen - und dachte dabei, was schon Salomo
gedacht hat: Der Mensch ist wie das Vieh; wie das Vieh stirbt, so stirbt er
auch. -
    Wenn er von dieser Zeit an ein Tier schlachten sah, so hielt er sich immer
in Gedanken damit zusammen - und da er es bei dem Schlächter auch so oft zu
sehen Gelegenheit hatte, so ging eine ganze Zeitlang sein blosses Denken dahin -
den Unterschied zwischen sich und einem solchen Tier, das geschlachtet wird,
auszumitteln. - Er stand oft stundenlang und sah so ein Kalb mit Kopf, Augen,
Ohren, Mund und Nase an; und lehnte sich, wie er es bei fremden Menschen machte,
so dicht wie möglich an dasselbe an, oft mit dem törichten Wahn, ob es ihm nicht
vielleicht möglich würde, sich nach und nach in das Wesen eines solchen Tieres
hineinzudenken - es lag ihm alles daran, den Unterschied zwischen sich und dem
Tiere zu wissen - und zuweilen vergass er sich bei dem anhaltenden Betrachten
desselben so sehr, dass er wirklich glaubte, auf einen Augenblick die Art des
Daseins eines solchen Wesens empfunden zu haben. - Kurz, wie ihm sein würde,
wenn er z.B. ein Hund, der unter Menschen lebt, oder ein anderes Tier wäre - das
beschäftigte von Kindheit auf schon oft seine Gedanken. - Und da er sich nun den
Unterschied zwischen Körper und Geist gedacht hatte, so war ihm nichts
wichtiger, als zugleich irgendeinen wesentlichen Unterschied zwischen sich und
dem Tiere aufzufinden, weil er sich sonst nicht überreden konnte, dass das Tier,
welches ihm in seinem Körperbau so ähnlich war, nicht ebenso wie er einen Geist
haben sollte. -
    Und wo blieb nun der Geist nach der Zerstörung und Zerstückelung des
Körpers? - Alle die Gedanken von so viel tausend Menschen, die vorher durch die
Scheidewand des Körpers bei einem jeden voneinander abgesondert waren und nur
durch die Bewegung einiger Teile dieser Scheidewand einander wieder mitgeteilt
wurden, schienen ihm nach dem Tode der Menschen in eins zusammenzufliessen - da
war nichts mehr, das sie absonderte und voneinander trennte - er dachte sich den
übrig gebliebenen und in der Luft herumfliegenden Verstand eines Menschen, der
bald in seiner Vorstellungskraft zerflatterte. -
    Und dann schien ihm aus der ungeheuren Menschenmasse wieder eine so
ungeheure unförmliche Seelenmasse zu entstehen wo er immer nicht einsah, warum
gerade so viel und nicht mehr und nicht weniger da wären, und weil die Zahl ins
Unendliche fortzugehen schien, das Einzelne endlich fast so unbedeutend wie
nichts wurde.
    Diese Unbedeutsamkeit, dies Verlieren unter der Menge war es vorzüglich, was
ihm oft sein Dasein lästig machte.
    Nun ging er einmal eines Abends traurig und missmutig auf der Strasse umher -
es war schon in der Dämmerung, aber doch nicht so dunkel, dass er nicht von
einigen Leuten hätte gesehen werden können, deren Anblick ihm unerträglich war,
weil er ihnen ein Gegenstand des Spottes und der Verachtung zu sein glaubte. -
    Es war eine nasskalte Luft und regnete und schneiete durcheinander - seine
ganze Kleidung war durchnetzt - plötzlich entstand in ihm das Gefühl, dass er
sich selbst nicht entfliehen konnte.
    Und mit diesem Gedanken war es, als ob ein Berg auf ihm lag - er strebte
sich mit Gewalt darunter emporzuarbeiten, aber es war, als ob die Last seines
Daseins ihn darnieder drückte.
    Dass er einen Tag wie alle Tage mit sich aufstehen, mit sich schlafen gehen -
bei jedem Schritte sein verhasstes Selbst mit sich fortschleppen musste. -
    Sein Selbstbewusstsein mit dem Gefühl von Verächtlichkeit und Weggeworfenheit
wurde ihm ebenso lästig wie sein Körper mit dem Gefühl von Nässe und Kälte; und
er hätte diesen in dem Augenblick ebenso willig und gerne wie seine durchnetzten
Kleider abgelegt - hätte ihm damals ein gewünschter Tod aus irgendeinem Winkel
entgegengelächelt. -
    Dass er nun unabänderlich er selbst sein musste und kein anderer sein konnte;
dass er in sich selbst eingeengt und eingebannt war - das brachte ihn nach und
nach zu einem Grade der Verzweiflung, der ihn an das Ufer des Flusses führte,
welcher durch einen Teil der Stadt ging, wo dasselbe mit keinem Geländer
versehen war. -
    Hier stand er zwischen dem schrecklichsten Lebensüberdruss und der
instinktmässigen unerklärlichen Begierde fortzuatmen, kämpfend, eine halbe Stunde
lang, bis er endlich ermattet auf einem umgehauenen Baumstamm niedersank, der
nicht weit vom Ufer lag. Hier liess er sich noch eine Weile gleichsam der Natur
zum Trotz vom Regen durchnetzen, bis das Gefühl einer fieberhaften Kälte und das
Klappern seiner Zähne ihn wieder zu sich selbst brachte und ihm zufälligerweise
einfiel, dass er den Abend bei seinem Wirt, dem Fleischer, frische Wurst zu essen
bekommen würde - und dass die Stube sehr warm geheizt sein würde. - Diese ganz
sinnlichen und tierischen Vorstellungen frischten die Lebenslust in ihm aufs
neue wieder an - er vergass sich, so wie er sich nach der Hinrichtung der
Missetäter vergessen hatte, ganz als Mensch und kehrte in seinen Gesinnungen und
Empfindungen als Tier wieder heim. -
    Als Tier wünschte er fortzuleben; als Mensch war ihm jeder Augenblick der
Fortdauer seines Daseins unerträglich gewesen.
    Allein wie er sich schon so oft aus seiner wirklichen Welt in die Bücherwelt
gerettet hatte, wenn es aufs äusserste kam, so fügte es sich auch diesmal, dass er
sich gerade vom Bücherantiquarius die Wielandsche Übersetzung von Shakespeare
liehe - und welch eine neue Welt eröffnete sich nun auf einmal wieder für seine
Denk - und Empfindugskraft! -
    Hier war mehr als alles, was er bisher gedacht, gelesen und empfunden hatte.
- Er las Macbet, Hamlet, Lear und fühlte seinen Geist unwiderstehlich mit
emporgerissen - jede Stunde seines Lebens, wo er den Shakespeare las, ward ihm
unschätzbar. - Im Shakespeare lebte, dachte und träumte er nun, wo er ging und
stund - und seine grösste Begierde war, das alles, was er beim Lesen desselben
empfand, mitzuteilen - und der nächste, dem er es mitteilen konnte, und welcher
Gefühl dafür hatte, war sein Freund Philipp Reiser, der in einer abgelegenen
Gegend der Stadt wohnte, wo er sich eine neue Werkstätte angelegt hatte und
Klaviere zimmerte, - dabei sang er noch immer im Chore mit, aber nicht in dem,
worin sich Anton Reiser befand. - Sie waren also durch ihre äussern Verhältnisse
eine lange Zeit ohngeachtet ihrer ersten vertrauten Freundschaft voneinander
getrennt worden. -
    Nun aber, da Anton Reiser seinen Shakespeare unmöglich für sich allein
geniessen konnte, so wusste er zu keinem Bessern damit zu eilen als zu seinem
romantischen Freunde. -
    Diesem nun ein ganzes Stück aus dem Shakespeare vorzulesen und auf alle
dessen Empfindungen und Äusserungen dabei mit Wohlgefallen zu merken, war die
grösste Wonne, welche Reiser in seinem Leben genossen hatte. -
    Sie widmeten ganze Nächte zu dieser Lektüre, wo Philipp Reiser den Wirt
machte, um Mitternacht Kaffee kochte und Holz im Ofen nachlegte - dann sassen sie
beide bei einer kleinen Lampe an einem Tischchen - und Philipp Reiser hatte sich
mit langem Halse herübergebeugt, sowie Anton Reiser weiter las und die
schwellende Leidenschaft mit dem wachsenden Interesse der Handlung stieg. -
    Diese Shakespearenächte gehören zu den angenehmsten Erinnerungen in Reisers
Leben. - Aber wenn auch durch irgend etwas sein Geist gebildet wurde, so war es
durch diese Lektüre, wogegen alles, was er sonst Dramatisches gelesen hatte,
gänzlich in Schatten gesetzt und verdunkelt wurde. Selbst über seine äussern
Verhältnisse lernte er sich auf eine edlere Art hinwegsetzen selbst bei seiner
Melancholie nahm seine Phantasie einen höhern Schwung. -
    Durch den Shakespeare war er die Welt der menschlichen Leidenschaften
hindurchgeführt - der enge Kreis seines idealischen Daseins hatte sich erweitert
- er lebte nicht mehr so einzeln und unbedeutend, dass er sich unter der Menge
verlor - denn er hatte die Empfindungen Tausender beim Lesen des Shakespeare mit
durchempfunden. -
    Nachdem er den Shakespeare und so, wie er ihn gelesen hatte, war er schon
kein gemeiner und alltäglicher Mensch mehr - es dauerte auch nun nicht lange, so
arbeitete sich sein Geist unter allen seinen äussern drückenden Verhältnissen,
unter allem Spott und Verachtung, worunter er vorher erlag, empor - wie der
Verfolg dieser Geschichte zeigen wird.
    Die Monologen des Hamlet hefteten sein Augenmerk zuerst auf das Ganze des
menschlichen Lebens - er dachte sich nicht mehr allein, wenn er sich gequält,
gedrückt und eingeengt fühlte; er fing an, dies als das allgemeine Los der
Menschheit zu betrachten. - -
    Daher wurden seine Klagen edler als vorher - die Lektüre von Youngs
Nachtgedanken hatte dies zwar auch schon gewissermassen bewirkt, aber durch den
Shakespeare wurden auch Youngs Nachtgedanken verdrängt - der Shakespeare knüpfte
zwischen Philipp Reisern und Anton Reisern das lose Band der Freundschaft
fester. - Anton Reiser bedurfte jemanden, an den er alle seine Gedanken und
Empfindungen richten konnte, und auf wen sollte wohl eher seine Wahl gefallen
sein als auf denjenigen, der einmal seinen angebeteten Shakespeare mit
durchempfunden hatte! -
    Das Bedürfnis, seine Gedanken und Empfindungen mitzuteilen, brachte ihn auf
den Einfall, sich wieder eine Art von Tagebuch zu machen, worin er aber nicht
sowohl seine äussern geringfügigen Begebenheiten wie ehemals, sondern die innere
Geschichte seines Geistes aufzeichnen und das, was er aufzeichnete, in Form
eines Briefes an seinen Freund richten wollte. -
    Dieser sollte denn wiederum an ihn schreiben, und dies sollte für beide eine
wechselseitige Übung im Stil werden. - Diese Übung bildete Anton Reisern zuerst
zum Schriftsteller; er fing an, ein unbeschreibliches Vergnügen daran zu
empfinden, Gedanken, die er für sich gedacht hatte, nun in anpassende Worte
einzukleiden, um sie seinem Freunde mitteilen zu können - so entstanden ihm
unter den Händen eine Anzahl kleiner Aufsätze, deren er sich zum Teil auch in
reifern Jahren nicht hätte schämen dürfen. -
    Die Übung war zwar einseitig, denn Philipp Reiser blieb mit seinen Aufsätzen
zurück - aber Anton Reiser hatte doch nun jemanden, dem er Gefühl und Geschmack
zutrauete, dessen Beifall oder Tadel ihm nicht gleichgültig war, und an den er
denken konnte, sooft er etwas niederschrieb. -
    Nun war es sonderbar; wenn er im Anfang etwas niederschreiben wollte, so
kamen ihm immer die Worte in die Feder: »Was ist mein Dasein, was mein Leben?«
Diese Worte standen daher auch auf mehreren kleinen Stückchen Papiere, die er
hatte beschreiben wollen und dann, wenn es nicht ging, wieder wegwarf. -
    Seine dunkle Vorstellung vom Leben und Dasein, das wie ein Abgrund vor ihm
lag, drängte sich immer zuerst in seiner Seele empor - er fühlte sich gedrungen,
erst diesen wichtigsten Punkt seiner Zweifel und Besorgnisse zu berichtigen, ehe
er irgend etwas anders zum Gegenstande seines Denkens machte. - Es war also sehr
natürlich, dass ihm wider seinen Willen diese Worte immer wieder in die Feder
kamen, wenn er sich bemühte, Gedanken niederzuschreiben. -
    Endlich arbeitete sich denn doch der Ausdruck durch die Gedanken durch - und
das erste, was ihm in ziemlich passende Worte einzukleiden gelang, war etwas
Metaphysisches über Ichheit und Selbstbewusstsein. -
    Denn da er nun weiter denken und Gedanken niederschreiben wollte, so lag ihm
natürlicherweise nichts näher als dies: er wollte erst mit sich selbst gleichsam
in Richtigkeit sein, ehe er zu etwas anderm schritte. -
    Nun fing er an, den Begriff des Individuums zu verfolgen, der ihm schon seit
einigen Jahren, da er zuerst etwas von Logik gehört hatte, vorzüglich wichtig
geworden war - und da er nun endlich auf den höchsten Grad des Bestimmtseins von
allen Seiten und des vollkommen sich selbst Gleichseins stiess - so war es ihm
nach einigem Nachdenken, als ob er sich selbst entschwunden wäre - und sich erst
in der Reihe seiner Erinnerungen an das Vergangene wieder suchen müsste. - Er
fühlte, dass sich das Dasein nur an der Kette dieser ununterbrochenen
Erinnerungen festielt. -
    Die wahre Existenz schien ihm nur auf das eigentliche Individuum begrenzt zu
sein - und ausser einem ewig unveränderlichen, alles mit einem Blick umfassenden
Wesen konnte er sich kein wahres Individuum denken. - Am Ende seiner
Untersuchungen dünkte ihm sein eignes Dasein eine blosse Täuschung, eine
abstrakte Idee - ein Zusammenfassen der Ähnlichkeiten, die jeder folgende Moment
in seinem Leben mit dem entschwundenen hatte. - Durch diese Begriffe von seiner
eignen Eingeschränkteit veredelten sich seine Begriffe von der Gotteit - er
fing an, nun in diesem grossen Begriffe sein eignes Dasein zu fühlen, das ihm
ohnedem unter den Händen zu verschwinden, ohne Zweck, abgerissen und zerstückt
zu sein schien. - -
    Aus diesen Reflexionen bildete sich der erste schriftliche Aufsatz, den er
entwarf, und dem er die Form eines Briefes an seinen Freund gab, mit welchem er
sich über diese Materie oft zu unterreden pflegte, und der ihn wenigstens immer
zu verstehen schien.
    dabei dauerten seine Kopfschmerzen immer fort - allein er gewöhnte sich
zuletzt so daran, dass ihm sein Zustand ordentlich gefährlich oder unnatürlich
vorkam, wenn er einen Tag einmal keine Kopfschmerzen hatte. -
    Seine Zusammenkünfte mit Philipp Reisern wurden nun immer häufiger - und er
erhielt unvermuteterweise zu diesem noch einen Freund; dies war der Sohn des
Kantors, namens Winter, einer seiner Mitschüler, gegen dessen Miene und
Gesichtsbildung er fast immer eine Art von Antipatie gehegt und sich zugleich
von ihm verachtet geglaubt hatte. -
    Dieser wusste von seinem Vater, dass Anton Reiser einmal Verse gemacht hatte,
und weil er nun selbst für jemanden ein Gedicht auf einen Geburtstag zu machen
versprochen hatte, so suchte er Reisern auf und bat ihn um die Verfertigung
dieses Gedichts, das er selbst auszuarbeiten nicht Lust oder Zeit hatte. - Dies
war für Reisern die erste Veranlassung, seine ganz vernachlässigte Poesie wieder
hervorzusuchen. - Das kleine Gedicht gelang ihm nicht übel. - Winter besuchte
ihn von der Zeit an öfter und versprach ihm einstmals, dass er ihm die
Bekanntschaft eines merkwürdigen Mannes verschaffen wolle, der übrigens ganz im
Dunkeln lebe und nichts weiter als ein Essigbrauer sei. - Reiser war sehr
begierig auf diese Bekanntschaft - es zog sich aber noch eine ganze Weile damit
hin. - Durch die Verse, welche ihm für Winter gelungen waren, war seine
schlummernde Neigung für die Poesie wieder aufgeweckt allein seine Trägheit zog
ihn zu der harmonischen Prosa zurück, wozu sich sein Ohr durch die wiederholte
Lektüre der vortrefflichen Ebertschen Übersetzung von Youngs Nachgedanken
gewöhnt hatte - und nun fehlte es nur an einer äussern Veranlassung, die seiner
Einbildungskraft einen ungewöhnlichen Schwung zu geben vermochte. -
    Diese Veranlassung ereignete sich an einem trüben und regnigten
Sonntagnachmittage - wo er im Chore sang - er hatte erst mit Winter gesprochen,
und dieser erkundigte sich unter andern nach seiner Lektüre und wunderte sich,
dass er ihn beständig lesend getroffen habe. - Reiser antwortete ihm, das sei ja
noch das einzige, wodurch er sich wegen der Verachtung, der er so allgemein in
der Schule und im Chore ausgesetzt wäre, einigermassen schadlos halten könnte. -
    Durch dies Gespräch mit Winter, da er in kurzem seine Situation überdachte,
war sein Herz einmal lebhaften Eindrücken geöffnet worden - und nun fügte es
sich gerade, dass eben der Verclas, mit dem er einst nebst G ... den sterbenden
Sokrates aufgeführt hatte, ihn zum Gegenstande seines groben Witzes machte und
durch allerlei Anspielungen ihn bei seinen Mitschülern wieder lächerrlich zu
machen suchte, die denn auch bald mit einstimmten, so dass Reiser fast eine halbe
Stunde lang das Ziel ihrer witzigen Einfälle war. -
    Er sagte auf alles dies kein Wort und kränkte sich, indem er einsam vor sich
wegging, innerlich darüber; und ob er sich gleich bemühte, seine Kränkung in
Verachtung zu verwandeln, so wollte es ihm doch nicht recht damit gelingen; bis
er sich endlich unvermerkt in eine bittere menschenfeindliche Laune
hineinphantasierte, die durch nichts als das Andenken an seinen Philipp Reiser
wieder gemildert wurde. - Da nun auch der Vorsatz, seine Empfindungen und
Gedanken an ihn niederzuschreiben, herrschend geworden war, so behielt derselbe
auch diesmal selbst über seinen Verdruss und seine Kränkung zuletzt die Oberhand;
er suchte sich das Kränkende, was er empfunden hatte und noch empfand, in Worte
einzukleiden, um es seiner Einbildungskraft desto lebhafter vorstellen zu
können. - Und ehe das Chorsingen noch geendigt war, war auch schon der Aufsatz,
den er zu Hause niederschreiben wollte, unter allen Geräusch und Spott und
Hohngelächter, das ihn umgab, völlig vollendet - und die Freude darüber erhob
ihn gewissermassen über sich selbst und seinen eigenen Kummer. - Sobald er zu
Hause kam, schrieb er mit einer sonderbaren gemischten wehmütigen Empfindung,
voll Schmerz über seinen Zustand und voll Freude, dass es ihm gelungen war, durch
die Sprache ein lebhaftes Bild von seinem Zustande zu entwerfen, folgende Worte
nieder:
                                   An Reiser!
Wie traurig ist doch das Dasein der Menschen - und dieses nichtige Dasein machen
wir uns noch selbst einander unerträglich, statt dass wir durch vertrauliche
Geselligkeit uns in dieser Wüste des Lebens einander unsre Last erleichtern
sollten. - -
    Ist es nicht genug, dass wir im beständigen Wahn und Irrtum wie in einem
bezauberten Lande herumirren?
    
    Müssen uns auch noch Ungeheuer anschreien? - Muss auch noch ein boshafter
Satyr uns mit seinem Hohngelächter die Seele durchbohren? -
    Wie öde, wie traurig ist hier alles um mich her! - Und ich muss verlassen und
einsam hier herumirren - keine Stütze, kein Führer! -
    Wohl mir! einen Haufen erblick ich dort; Menschen, mir gleich, auch diese
Wüste durchirrend. -
    »O nehmt mich auf, Freunde, nehmt mich auf, dass ich mit euch diese Wüste
durchziehe; und sie wird mir zur grünenden Aue werden!«
    Sie nehmen mich auf - wohl mir! - -
    Weh mir! - was seh ich? - Sind das noch die Menschen, meine Brüder? -
    Ach, ihre Larve fällt ab - und Teufel sinds - und zur Hölle wird mir nun die
Wüste. -
    Ich fliehe, und ihr Hohngelächter heulet mir nach - -
    So habt ihr mich betrogen, menschliche Larven? - Ha, keine Larve soll mich
wieder betrügen! - Nun sei mir willkommen, Nacht, und du Einsamkeit, und du,
schwärzeste Melancholei. - Alle ihr lachenden Scherze und alle ihr tobenden
Freuden, Larven des Todes, seid auf ewig von mir verbannt!  -
    So ging ich und dachte, und finsterer Gram erfüllte meine Seele.
    Als plötzlich ein Jüngling vor mir stand - den Freund verkündigte sein Blick
- Empfindung sprach sein sanftes Auge - schleunig wollt ich entfliehn - aber er
fasste so vertraulich meine Hand - und ich blieb stehn - er umarmte mich, ich ihn
- unsre Seelen flossen zusammen. -
    Und um uns wards Elysium. -
Reiser hätte wirklich kein wahreres Bild als dieses von seinem damaligen
Zustande entwerfen können - in allem, was er sagte, war nichts Übertriebenes -
denn die Menschen, mit denen er zunächst durchs Leben ging, wurden wirklich für
ihn quälende Geister - und zu den anschreienden Ungeheuern gehörte vorzüglich
Verclas, dessen grober und doch boshafter Witz Reisern den Sonntagnachmittag bis
tief in die Seele gekränkt hatte, da dieser Verclas doch sonst immer von ihm ein
Freund hatte sein wollen - wenigstens war er und der Landesverwiesene G ... noch
die einzigen, die nach der Aufführung der Komödie mit Reisern umgingen, weil sie
mit ihm ein gleiches Schicksal des Hasses und der Verachtung aller ihrer
Mitschüler teilten - und selbst dieser Verclas stellte sich nun mit auf die
Seite derer, welchen Reiser ein Gegenstand des Spottes war - und veranlasste
diesen Spott sogar durch seine groben Witzeleien, womit er sich auf Reisers
Kosten lustig machte. - Dies alles vereinigte sich nun, ihn in die
menschenfeindliche Laune zu versetzen, worin er den vorhergehenden Aufsatz
entwarf. - Durch das Andenken an Philipp Reisern, und weil doch auch der Sohn
des Kantors, sein ehemaliger Feind, anfing, sein Freund zu werden, milderte dies
schon seine bittere Laune so weit, dass er am Schluss seines Aufsatzes einlenkte
und den sanften Empfindungen wieder Gehör gab. -
    Auf diese Weise hatte er nun in seinem Tagebuche schon verschiedene kleine
Aufsätze an seinen Freund entworfen, als der Frühling wieder herankam und zu
Ostern die gewöhnliche öffentliche Schulprüfung gehalten wurde, wobei er denn
auch erschien. -
    Aber wie sehr wurde sein Mut niedergeschlagen, da er sich gegen die übrigen
betrachtete und sich gerade unter allen am schlechtesten gekleidet sah - er sass
da wie verloren; auf ihn wurde gar keine Rücksicht genommen - keine einzige
Frage an ihn getan. -
    Den Vormittag hielt er es aus - aber als er den Nachmittag wieder hinging
und sich aufs neue unter dem ihn umgebenden Haufen wie verloren sah - konnte er
es nicht länger aushalten - er ging wieder fort, ehe noch die Prüfung anging. -
    Und nun eilte er gerade zum Tore hinaus - es war ein trüber neblichter
Himmel - und ging auf ein kleines Wäldchen zu, das nicht weit von Hannover
liegt. -
    Sobald er aus dem Gewühle der Stadt war und die Türme von Hannover hinter
sich sah, bemächtigten sich seiner tausend abwechselnde Empfindungen. - Alles
stellte sich ihm auf einmal aus einem andern Gesichtspunkte dar - er fühlte sich
aus alle den kleinlichen Verhältnissen, die ihn in jener Stadt mit den vier
Türmen einengten, quälten und drückten, auf einmal in die grosse offene Natur
versetzt und atmete wieder freier - sein Stolz und Selbstgefühl strebte empor -
sein Blick schärfte sich auf das, was hinter ihm lag, und fasste es in einem
kleinen Umfange zusammen. -
    Er sah da die Priester mit ihren schwarzen Mänteln und Kragen die Treppe
hinaufsteigen und seine Mitschüler versammelt und Prämien unter sie austeilen,
und dann wie ein jeder wieder nach Hause ging und sich alles so im Zirkel drehte
- und in dem Umfange der Stadt, die nun hinter ihm lag, und von der er sich
immer weiter entfernte, alles das sich durckreuzende Gewimmel. - Alles schien
ihm da so dicht, so klein ineinander zu laufen, wie der zusammengedrängte Haufen
Häuser, den er noch in der Ferne sah - und nun dachte er sich hier auf dem
freien Felde die Stille, und dass ihn niemand bemerkte, niemand ihm eine hämische
Miene machte - und dort das lärmende Gewühl, das Rasseln der Wagen, denen er aus
dem Wege gehn musste, die Blicke der Menschen, die er scheute - das alles malte
sich in seiner Einbildungskraft im kleinen und erweckte ein wunderbares Gefühl
in ihm, wie am Abend der Tag sich von der Dämmerung scheidet und die eine Hälfte
des Himmels noch vom Abendrot erhellt ist, indes die andere schon im Dunkel
ruht. -
    Er fühlte ungewöhnliche Kraft in seiner Seele, sich über alles das
hinwegzusetzen, was ihn darnieder drückte - denn wie klein war der Umfang, der
alle das Gewirre umschloss, in welches seine Besorgnisse und Bekümmernisse
verflochten waren, und vor ihm lag die grosse Welt. -
    Aber dann kehrte wieder das wehmütige Gefühl zurück: wo sollte er nun in
dieser grossen öden Welt festen Fuss fassen, da er sich aus allen Verhältnissen
herausgedrängt sah? - Da wo auf einem kleinen Fleck der Erde die menschlichen
Schicksale zusammenlaufen, war es nichts, gar nichts! -
    Ihm fiel ein, dass verdrängt zu werden von Kindheit an sein Schicksal gewesen
war - wenn er bei irgend etwas zusehen wollte, wobei es darauf ankam, sich
hinzuzudrängen, so war jeder andere dreister wie er und drängte sich ihm vor -
er glaubte, es sollte etwa einmal eine Lücke entstehen, wo er, ohne jemanden vor
sich hinwegzudrängen, sich in die Reihe mit einfügen könnte - aber es entstand
keine solche Lücke - und er zog sich von selbst zurück und sah nun in der Ferne
dem Gedränge zu, indem er einsam dastand. -
    Und wenn er nun so einsam dastand, so gab ihm der Gedanke, dass er dem
Gedränge nun so ruhig zusehen konnte, ohne sich selbst hineinzumischen, schon
einigen Ersatz für die Entbehrung desjenigen, was er nun nicht zu sehen bekam -
allein fühlte er sich edler und ausgezeichneter als unter jenem Gewimmel
verloren. -
    Sein Stolz, der sich emporarbeitete, siegte über den Verdruss, den er zuerst
empfand - dass er an den Haufen sich nicht anschliessen konnte, drängte ihn in
sich selbst zurück - und veredelte und erhob seine Gedanken und Empfindungen. -
    Dies war nun auch der Fall bei dem einsamen Spaziergange an dem trüben und
regnigten Nachmittage, wo er den hämischen Blicken seiner versammleten
Mitschüler und der gänzlichen Vernachlässigung und dem unerträglichen
Nichtbemerktwerden, das ihm bevorstand, entfloh, indem er aus dem Tore von
Hannover dem einsamen Walde zueilte. -
    Dieser einsame Spaziergang entwickelte auf einmal mehr Empfindungen in
seiner Seele und trug mehr zur eigentlichen Bildung seines Geistes bei - als
alle Schulstunden, die er je gehabt hatte, zusammengenommen. -
    Dieser einsame Spaziergang war es, welcher Reisers Selbstgefühl erhöhte,
seinen Gesichtskreis erweiterte und ihm eine anschauliche Vorstellung von seinem
eignen wahren, isolierten Dasein gab; das bei ihm auf eine Zeitlang an keine
Verhältnisse mehr geknüpft war, sondern in sich und für sich selbst bestand. -
    Indem er einen Blick auf das Ganze des menschlichen Lebens warf, lernte er
zuerst das Grosse im Leben von dessen Detail unterscheiden.
    Alles, was ihn gekränkt hatte, schien ihm klein, unbedeutend und nicht der
Mühe des Nachdenkens wert. -
    Aber nun stiegen andre Zweifel, andre Besorgnisse in seiner Seele auf - die
er schon lange bei sich genährt hätte - über den in undurchdringliches Dunkel
gehüllten Ursprung und Zweck, Anfang und Ende seines Daseins - über das Woher
und Wohin bei seiner Pilgrimschaft durchs Leben - die ihm so schwer gemacht
wurde, ohne dass er wusste, warum? - Und was nun endlich aus dem allen kommen
sollte. -
    Dies erregte in ihm eine tiefe Melancholie. So wie er mühsam über die dürre
Heide vor dem Walde im gelben Sande fortwanderte, umzog sich der Himmel immer
trüber, indes ein feiner Staubregen seine Kleider durchnetzte - als er in den
Wald kam, schnitt er sich einen Dornstock und wanderte weiter fort - da kam er
an ein Dorf und machte sich eben allerlei süsse Vorstellungen von dem stillen
Frieden, der in diesen ländlichen Hütten herrschte, als er sich in einem der
Häuser ein paar Leute, die wahrscheinlich Mann und Frau waren, zanken und ein
Kind schreien hörte. -
    Also ist überall Unmut und Missvergnügen und Unzufriedenheit, wo Menschen
sind, dachte er und setzte seinen Stab weiter fort. -
    Die einsamste Wüste wurde ihm wünschenswert - und da ihn endlich auch in
dieser die tödliche Langeweile quälte, so blieb das Grab sein letzter Wunsch -
und weil er nun nicht einsah, warum er sich die Jahre seines Lebens hindurch in
der Welt von allen Seiten hatte müssen drücken, stossen und wegdrängen lassen, so
zweifelte er endlich an einer vernünftigen Ursach seines Daseins - sein Dasein
schien ihm ein Werk des schrecklichen blinden Ohngefährs. -
    Es wurde früher wie gewöhnlich Abend, weil der Himmel trübe war und es
stärker anfing zu regnen - und da er zu Hause wieder anlangte, war es schon
völlig dunkel - er setzte sich bei seiner Lampe nieder und schrieb an Philipp
Reisern:
    Vom Regen durchnetzt und von Kälte erstarrt kehr ich nun zu dir zurück, und
wo nicht zu dir - zum Tode - denn seit diesem Nachmittage ist mir die Last des
Lebens, wovon ich keinen Zweck sehe, unerträglich. - Deine Freundschaft ist die
Stütze, an der ich mich noch festalte, wenn ich nicht unaufhaltsam in dem
überwiegenden Wunsche der Vernichtung meines Wesens versinken will. -
    Und nun erwachte auf einmal wieder der Gedanke, sich den Beifall seines
Freundes durch den Ausdruck seiner Empfindungen zu erwerben. - Dies war
gleichsam die neue Stütze, woran sich seine Lebenslust wieder festielt - und da
den Nachmittag alle seine Empfindungen so äusserst stark und lebhaft gewesen
waren, so wurde es ihm nicht schwer, sie wieder zurückzurufen. - Er hub also an:
Dir, Freund, will ich mein Leiden klagen,
O könnten dir es Worte sagen:
Ich weiss, du fühltest meinen Schmerz -
Mich kränkt nicht hoffnungslose Liebe,
Nicht kränkten unerfüllte Triebe
Nach Ehr und Gold mein Herz. -
Dieser Anfang bezog sich zum Teil auf Philipp Reisers verliebte Launen, womit
ihn dieser oft quälte, indem er ihm alle die allmählichen Fortschritte erzählte,
die er in der Gunst seines Mädchens getan hatte - und seine Hoffnungen und
Aussichten, die sich alle auf die Erreichung der Gegengunst seines Mädchens
beschränkten. - Wofür nun Anton Reiser gar keinen Sinn hatte, dem es nie
eingefallen war, sich die Liebe eines Mädchens zu erwerben, weil er es für ganz
unmöglich hielt, dass ihm bei seiner schlechten Kleidung und bei der allgemeinen
Verachtung, der er ausgesetzt war, je ein solcher Versuch gelingen würde. -
    Denn so wie er die Verachtung, welche auf seinen Geist fiel, gleichsam mit
zu sich selber rechnete, so rechnete er auch die schlechte Kleidung mit zu
seinem Körper, der ihm denn ebenso wenig liebenswürdig als sein Verstand
achtungswürdig vorkam. - Kurz, es war ihm der ungereimteste Gedanke von der
Welt, dass er je von einem Frauenzimmer geliebt werden sollte. - Denn von den
Helden, die in den Romanen und Komödien, die er gelesen hatte, von Frauenzimmern
geliebt wurden, machte er sich ein so hohes Ideal, das er nie zu erreichen
imstande zu sein glaubte. -
    Die eigentlichen Liebesgeschichten waren ihm daher auch höchst langweilig,
und am langweiligsten die Erzählungen von den Liebesabenteuern, womit ihn sein
Freund Philipp Reiser unterhielt, und die er manche Stunde bloss aus Gefälligkeit
für ihn anhörte.
    Übrigens fielen diese Erzählungen seines Freundes immer sehr ins Romanhafte.
- Die ganze Prozedur vom ersten freundschaftlichen Händedruck bis zur
eigentlichen wechselseitigen Liebeserklärung mit allen Zweifeln, Besorgnissen
und allmählichen Fortschritten, die dazwischen liegen, ging ihren
vorgeschriebenen Gang wie in den Romanen - und was nun Anton Reiser in den
Romanen gänzlich übergeschlagen oder doch nur flüchtig durchgelesen hatte, das
musste er sich jetzt von seinem Freunde der Länge nach erzählen lassen. -
    Der Gedanke, dass ihn z.B. nicht hoffnungslose Liebe, sondern ganz andre
Dinge kränkten, war also der natürlichste Eingang zu dem Gedicht an Philipp
Reisern.
    Seine Zweifel und Besorgnisse wegen seines ängstlichen zwecklosen Daseins
waren es, die ihn niederdrückten, und er fuhr fort:
Die Qual, die meine Seele fühlet,
Die mörderisch im Herzen wühlet,
Verbannet jede andre Pein -
Wer gab, in Tiefen hinzuschauen,
Um selbst mein Elend mir zu bauen,
Mir doch den tollen Vorwitz ein?
Grundlose Tiefen, die den Blicken
Nur Nacht und Graun entgegen schicken,
Und lohnen mit Melancholei -
Sie kömmt, dass auf dem ehrnen Trone
Sie nun in meiner Seele wohne,
Und rufet ihr Gefolg herbei. -
Nun kam das Gefolge: die Sorgen, der Gram:
Ihm folgt, den Tod in ihren Blicken,
Verzweiflung, ihre Köcher schicken
Die letzten Pfeile auf mich ab -
Nun sank die Melodie der aufeinanderfolgenden Empfindungen wieder in sanftes
Mitleid mit sich selber zurück:
Ja, jede Lust muss ich nun meiden,
Mir blühen nicht des Lenzes Freuden, usw.
Hievon erhob sich der Gang der Ideen zu allgemeinen Betrachtungen über das
Leben, die sich aber zuletzt wieder in eben den schrecklichen Zweifeln endigten,
von welchen die Melodie ausgegangen war:
Mein Pfad geht über dürre Heide,
Hier flieht mich höhnend jede Freude
Und lässt nur Ekel mir zurück.
Ich wandre - doch wohin ich reise?
Woher? - das sage mir der Weise,
Der mehr als ich mich selber kennt -
Mein Dasein - das sich kaum entschwinget
Dem Augenblick, der es verschlinget,
Und bang nach seinem Ziele rennt;
Wem soll ich dieses Dasein danken?
Wer setzt ihm diese engen Schranken?
Aus welchem Chaos stiegs empor?
In welche greuelvolle Nächte
Sinkts - wenn des Schicksals ehrne Rechte
Mir winket zu des Todes Tor? - -
Dies Gedicht floss gleichsam aus seiner Seele. - Selbst der Reim und das Versmass
machte ihm nur wenige Schwierigkeit, und er schrieb es in weniger als einer
Stunde nieder. - Nachher fing er bald an, Gedichte zu machen, bloss um Gedichte
zu machen, und dies gelang ihm nie so gut. -
    Aber der Frühling und Sommer des Jahres 1775 verfloss ihm nun ganz poetisch.
- Die angenehmen Shakespearenächte, welche er im Winter mit Philipp Reisern
zugebracht hatte, wurden nun durch noch angenehmere Morgenspaziergänge
verdrängt. -
    Nicht weit von Hannover, wo der Fluss einen künstlichen Wasserfall bildet,
ist ein kleines Gehölz, welches man nicht leicht irgendwo angenehmer und
einladender finden kann. -
    Hierher wurden Wallfahrten noch vor Sonnenaufgang angestellt - die beiden
Wanderer nahmen sich ihr Frühstück mit, und wenn sie nun im Walde angelangt
waren, so beraubten sie eine Menge Baumstämme ihres Mooses und bereiteten sich
einen weichen Sitz, worauf sie sich lagerten und, wenn sie ihr Frühstück
verzehrt hatten, sich einander wechselsweise vorlasen. - Hierzu wurden besonders
Kleists Gedichte ausgewählt, die sie bei dieser Gelegenheit beinahe auswendig
lernten.
    Wenn sie dann am andern Tage wieder hinkamen, so suchten sie im ganzen
Wäldchen erst ihren gestrigen Platz wieder und fanden sich nun hier wie zu Hause
in der grossen freien Natur, welches ihnen eine ganz besondere herzerhebende
Empfindung war. - Alles in diesem grossen Umkreise um sie her gehörte ihren
Augen, ihren Ohren und ihrem Gefühl - das junge Grün der Bäume, der Gesang der
Vögel und der kühle Morgenduft.
    Wenn sie dann wieder heimkehrten, so ging Philipp Reiser in seine Werkstatt
und machte Klaviere, indes Anton Reiser die Schule besuchte, wo nun grösstenteils
schon eine ganz andere Generation seiner Mitschüler war, so dass er auch hier mit
leichterm Herzen hingehen konnte. -
    In manchen Stunden suchte dann Anton Reiser auch seine geliebte Einsamkeit
wieder, ob er nun gleich einen Freund hatte - und wenn irgendein schöner
Nachmittag war, so hatte er sich auf einer Wiese vor Hannover längst dem Flusse
ein Plätzchen ausgesucht, wo ein kleiner klarer Bach über Kiesel rollte, der
sich zuletzt in den vorbeigehenden Fluss ergoss. - Dies Plätzchen war ihm nun,
weil er es immer wieder besuchte, auch gleichsam eine Heimat in der grossen ihn
umgebenden Natur geworden; und er fühlte sich auch wie zu Hause, wenn er hier
sass, und war doch durch keine Wände und Mauern eingeschränkt, sondern hatte den
freien ungehemmten Genuss von allem, was ihn umgab. Dies Plätzchen besuchte er
nie, ohne seinen Horaz oder Virgil in der Tasche zu haben. - Hier las er
Blandusiens Quell, und wie die eilende Flut
                        Obliquo laborat trepidare rivo.
Von hier sah er die Sonne untergehen und betrachtete die sich verlängernden
Schatten der Bäume. - An diesem Bache verträumte er manche glückliche Stunde
seines Lebens. - Und hier besuchte ihn auch zuweilen die Muse, oder vielmehr, er
suchte sie. - Denn er bemühte sich jetzt, ein grosses Gedicht zustande zu
bringen, und weil er diesmal bloss dichten wollte, um zu dichten, so gelang es
ihm nicht wie vorher; der Wunsch, ein Gedicht zu machen, war diesmal eher bei
ihm da als der Gegenstand, den er besingen wollte, woraus gemeiniglich nicht
viel Gutes zu folgen pflegt. - Die Gedanken waren diesmal gesucht oder gemein -
man sah, was er schrieb, hatte sollen ein Gedicht werden. - Indes schimmerte
auch durch diese schlechten Verse allentalben seine schwermütige Laune durch -
jedes lachende und angenehme Bild war gleichsam mit einem Flor überzogen. - Die
Blätter färbten sich nur mit jungem Grün, um wieder zu verwelken. - Der Himmel
war nur heiter, um sich wieder zu trüben. -
    Philipp Reiser erteilte diesem Gedichte seinen Beifall nicht; und doch hatte
Anton Reiser bei jedem Reime, den er mühsam hersetzte, darauf gerechnet. - Aber
sein Freund war ein strenger und unparteiischer Richter, der nicht leicht einen
matten Gedanken, einen gesuchten Reim oder ein Flickwort ungeahndet liess. -
Besonders machte er sich über eine Stelle in Anton Reisers Gedicht lustig, die
hiess:
So wechselt Lust und Schmerz im ganzen Leben ab,
Und selbst das Leben sinkt ins stille kühle Grab. -
Philipp Reiser konnte nicht aufhören, über diese Stelle, die er in einem
komischen Tone deklamierte, seinen Witz spielen zu lassen. - Er nannte seinen
Freund seinen lieben Hans Sachs - und machte ihm mehr dergleichen Lobsprüche,
die eben nicht allzu aufmunternd waren. - Indes liess er ihn doch nicht ganz
sinken - sondern hob einige erträgliche Stellen aus dem Gedicht heraus, denen er
denn seinen Beifall nicht ganz versagte. -
    Durch eine solche wechselseitige Mitteilung und fruchtbare Kritik wurde nun
das Band zwischen diesen beiden Freunden immer fester geknüpft, und Anton
Reisers Streben, er mochte Verse oder Prosa niederschreiben, ging unablässig
dahin, sich den Beifall seines Freundes zu erwerben. -
    Damals ereignete sich nun ein Vorfall, der Anton Reisers Herzen eben nicht
viel Ehre zu machen scheint, ob er gleichwohl in der Natur der menschlichen
Seele gegründet ist. -
    Der Sohn des Pastor Marquard, welcher während der Zeit die Universität
bezogen hatte und von dort schwindsüchtig wieder zurückgekommen war, wurde,
nachdem man alle möglichen Mittel vergeblich angewandt, von den Ärzten
aufgegeben, die in diesem Frühjahr seinen Tod als gewiss prophezeiten; und
Reisers erste Gedanken, da er dies hörte, waren, wie er auf diesen Vorfall ein
Gedicht machen wollte, das ihm Ruhm und Beifall und auch vielleicht die Gunst
des Pastor Marquard wieder zuwege brächte. Kurz, er hatte das Gedicht schon acht
Tage vorher angefangen, ehe der junge Marquard starb. -
    Statt nun dass er dies Gedicht hätte machen sollen, weil er über diesen
Vorfall betrübt war, suchte er sich vielmehr selbst in eine Art von Betrübnis zu
versetzen, um auf diesen Vorfall ein Gedicht machen zu können. - Die Dichtkunst
machte ihn also diesmal wirklich zum Heuchler. -
    Allein der junge Marquard hatte sich auch die letzte Zeit um Reisern eben
nicht viel bekümmert und sich seiner gegen die Spöttereien und Beleidigungen
seiner Mitschüler nicht angenommen - sondern, so wie es zuweilen kam, wohl
selbst mit eingestimmt. -
    Dass Reisern also sein Gedicht auf den jungen Marquard mehr am Herzen lag als
der junge Marquard selbst, war wohl sehr natürlich, obgleich es wieder nicht zu
billigen war, dass er Empfindungen log, die er nicht hatte - er war auch dabei
nicht ganz einig mit sich selber, sondern sein Gewisse machte ihm häufige
Vorwürfe, die er denn dadurch übertäubte, dass er sich selbst zu überreden
suchte, er empfinde wirklich eine solche Wehmut über den frühen Tod des jungen
Marquard, der in der Blüte seiner Jahre allen Hoffnungen und Aussichten auf die
Zukunft dieses Lebens entrissen ward. -
    Weil nun dies Gedicht im Grunde Heuchelei war, so gelang es ihm auch
wiederum nicht und erhielt auch den Beifall seines Freundes nicht, der fast an
jeder Zeile etwas zu tadeln fand - auch der Pastor Marquard, dem er das Gedicht
überreichen liess, nahm keine besondere Rücksicht darauf, und er erreichte also
seinen Zweck dadurch gar nicht. -
    Aber es ereignete sich bald darauf ein Vorfall, der ihm Veranlassung gab,
sich auf eine weniger affektierte Art in poetische Begeisterung zu versetzen. Es
fügte sich nämlich im Anfang des Sommers, dass ein junger Mensch von neunzehn
Jahren, der ein ansehnliches Vermögen besass und ein sehr guter Freund von
Philipp Reisern war, beim Baden im Flusse ertrank. -
    Philipp Reiser trug bei dieser Gelegenheit seinem Freunde auf, dass er auf
diesen Vorfall ein Gedicht, so gut es nur in seinen Kräften stünde, verfertigen
sollte - er wollte es drucken lassen, und wenn es auch nicht gedruckt würde, so
würde es doch immer, wenn es gut geriete, als ein Produkt des Geistes schätzbar
sein.
    Dieser Auftrag von seinem Freunde machte Anton Reisers ganzen Ehrgeiz rege;
er suchte sich den Vorfall so lebhaft wie möglich vors Auge zu bringen, und
nachdem er andertalb Tage lang Ausdruck gegen Ausdruck abgewogen und seine
Seelenkräfte angestrengt hatte, um sich den Beifall seines Freundes zu
verdienen, waren ihm am Ende folgende Strophen gelungen:
Wenn seufzend unterm Druck schwer auf ihn ruh'nder Jahre
Ein frommer Greis erblasst, wird Wehmut unser Herz;
Doch legt ein rascher Tod den Jüngling auf die Bahre,
Der kaum zu blühn begann - so wird die Wehmut Schmerz.
Der braunen Nacht entstieg der schönste Sommermorgen,
Und ruhig atmete noch früh des Jünglings Brust -
Ein sanfter Schlaf verscheucht rund um ihn her die Sorgen,
Bis ihn Aurora weckt zu einem Tag voll Lust.
Er sah diesen Tag - und tausend frohen Tagen
Sah er entgegen noch voll starker Zuversicht -
Nicht bange Ahndungen, die seinen Tod ihm sagen,
Beklemmen seine Brust, die nur von Freuden spricht. -
Am heitern Himmel glänzt die unumwölkte Sonne
Dem Jüngling freundlich zu und winkt ihn auf die Flur -
Da strahlte um ihn her in hoher stiller Wonne
Und ernst in ihrer Pracht die feiernde Natur.
Doch welch ein Schatten bebt dort durch den goldnen Schimmer? -
Und immer näher bebt's? - o Jüngling, zieh zurück
Den allzukühnen Fuss - zu spät! - Welch ein Gewimmer! -
Ach Gott! - den Jüngling trifft sein trauriges Geschick.
Es lauerte der Tod auf ihn in stillen Fluten,
Und über seinen Raub rauscht er nun stolz dahin -
Des Jünglings Freunde sehn's, und ihre Herzen bluten,
Sie fühlen den Verlust und klagen laut um ihn.
Doch welch ein Wonnetod, wo solche Zähren fliessen,
Wo sanft ein Auge weint, aus dem der Himmel lacht -
O selig, wenn nun einst sich meine Augen schliessen,
Wenn dann auch um mich hier die Freundschaft zärtlich klagt!
Das letztere bezog sich auf den Umstand, dass ein junges schönes Frauenzimmer,
die eine nahe Anverwandtin von dem Ertrunkenen war, und mit deren Bruder sich
dieser eben gebadet hatte, auf die erhaltene Nachricht von dem unglücklichen
Vorfall sogleich aus der Stadt herbeieilte und bei der Menge Menschen, die am
Flusse standen, ihre Tränen nicht verbarg, welches Anton Reiser mit Rührung
bemerkte, so dass er den Toten fast beneidet hätte, um den solche Tränen flossen.
-
    Reiser war nämlich auch in der Absicht, sich zu baden, an den Fluss gegangen,
und eben, da er hinkam, war der junge Mensch ertrunken, dessen Gefährte sich
noch nicht einmal wieder angekleidet hatte; er sah darauf die gleichgültigen
und bei der Sache uninteressierten Zuschauer sich allmählich versammlen, sah
den Körper des jungen Menschen, den er selbst durch Philipp Reisern sehr gut
gekannt hatte, herausziehen und alle Mittel, ihn wieder zum Leben zu bringen,
vergeblich anwenden - dies alles machte einen so lebhaften Eindruck auf ihn, dass
das Gedicht, welches er auf diesen Vorfall verfertigte, eine gewisse Wahrheit im
Ausdruck erhielt und sich dadurch von dem Gedicht auf den Tod des jungen
Marquard sehr merklich unterschied.
    Dies Gedicht fand nun, einige Härten ausgenommen, Philipp Reisers Beifall
wieder, welches für Anton Reisern so aufmunternd war, dass er nun auch ohne
Veranlassung durch eigne Aufsätze in Prosa und in Versen sich seines Freundes
Beifall zu erwerben suchte. -
    Allein die Aufsätze und Gedichte ohne eigentliche Veranlassung wollten ihm
nie recht gelingen - er quälte sich vierzehn Tage lang mit einem Gegenstande,
den er sich zu besingen vorgenommen hatte; dies war eine Gegeneinanderstellung
des Weltmanns, dessen Hoffnung sich mit diesem Leben endigt, und des Christen,
der eine frohe Aussicht auf die Zukunft jenseits des Grabes hat. -
    Diese Idee war ein Überbleibsel seiner Lektüre von Youngs Nachtgedanken, und
da ihm der Gegenstand, worüber er Verse machen wollte, gleichgültig war, indem
er keine besondre Veranlassung zum Dichten als seine Neigung und das Streben
nach dem Beifall seines Freundes hatte, so drängte sich ihm das Resultat seiner
Lektüre von Youngs Nachtgedanken am ersten auf, dem er noch eine ziemlich
vernünftige Wendung gab, indem er seinen Christen alle erlaubten Freuden des
Weltmanns geniessen liess und ihm dennoch den Vorteil einer frohen Aussicht in die
Ewigkeit dazu gab, so dass er gegen den Weltmann auf allen Seiten gewinnen musste.
- Aus dieser zwar richtigen, aber zu gesuchten und gekünstelten Idee entstand
denn folgendes zweite Gedicht, das wiederum Reisers Beifall nicht erhielt, und
womit er auch selbst, ohngeachtet der Mühe, die es ihm gekostet hatte, nie
zufrieden war:
                          Der Weltmann und der Christ
Einst gingen übern Blumenwiesen
Ein Christ und Weltmann einen Pfad:
Hier, wo der Freude Bäche fliessen,
Ward jeder süsser Freuden satt.
Der Weltmann nutzte klug sein Leben,
Er hielts für seine Ewigkeit -
Nie konnte sich sein Geist erheben
Bis über sich und Welt und Zeit.
Mit Klugheit nutzt' er jede Freude,
Die die Natur umsonst ihm bot:
Ihm lacht die Flur im Blumenkleide,
Ihm glänzet früh das Morgenrot. -
Vor diesen edlern Erdenfreuden
Verschloss auch nicht der Christ die Brust,
Und, nicht geboren nur zu Leiden,
Genoss auch er des Weltmanns Lust.
Nur mit dem kleinen Unterscheide:
Der Freude Anfang war ihm da,
Wo jener seiner kurzen Freude
Furchtbarem End' entgegen sah. -
Dieser Sommer war also für Anton Reiser ein recht poetischer Sommer. - Seine
Lektüre mit dem Eindruck, den die schöne Natur damals auf ihn machte,
zusammengenommen, tat eine wunderbare Wirkung auf seine Seele; alles erschien
ihm in einem romantischen bezaubernden Lichte, wohin sein Fuss trat. -
    Aber ohngeachtet seines genauen Umganges mit Reisern liebte er dennoch
vorzüglich die einsamen Spaziergänge. - Nun war vor dem neuen Tore in Hannover
der Gang auf der Wiese längst dem Flusse nach dem Wasserfall zu besonders
einladend für seine romantischen Ideen.
    Die feierliche Stille, welche in der Mittagsstunde auf dieser Wiese
herrschte; die einzelnen hie und da zerstreuten hohen Eichbäume, welche mitten
im Sonnenschein, so wie sie einsam standen, ihren Schatten auf das Grüne der
Wiese hinwarfen - ein kleines Gebüsch, in welchem man versteckt das Rauschen des
Wasserfalls in der Nähe hörte - am jenseitigen Ufer des Flusses der angenehme
Wald, in welchem er mit Reisern des Morgens in der Frühe spazieren gegangen war
- in der Ferne weidende Herden; und die Stadt mit ihren vier Türmen und dem
umgebenden, mit Bäumen bepflanzten Walle, wie ein Bild in einem optischen
Kasten. - Dies zusammengenommen versetzte ihn allemal in jene wunderbare
Empfindung, die man hat, sooft es einem lebhaft wird, dass man in diesem
Augenblicke nun gerade an diesem Orte und an keinem andern ist, dass dies nun
unsere wirkliche Welt ist, an die wir so oft als an eine bloss idealische Sache
denken. -
    Es fällt einem ein, dass man sich bei der Lektüre von Romanen immer
wunderbarere Vorstellungen von den Gegenden und Örtern gemacht hat, je weiter
man sie sich entfernt dachte. Und nun denkt man sich mit allen grossen und
kleinen Gegenständen, die einen jetzt umgeben, z.B. in Vorstellung eines
Einwohners von Peking - dem dies alles nun ebenso fremd, so wunderbar deuchten
müsste - und die uns umgebende wirkliche Welt bekommt durch diese Idee einen
ungewohnten Schimmer, der sie uns ebenso fremd und wunderbar darstellt, als ob
wir in dem Augenblick tausend Meilen gereist wären, um diesen Anblick zu haben.
- Das Gefühl der Ausdehnung und Einschränkung unsers Wesens drängt sich in einen
Moment zusammen, und aus der vermischten Empfindung, welche dadurch erzeugt
wird, entsteht eben die sonderbare Art von Wehmut, die sich unserer in solchen
Augenblicken bemächtigt. -
    Reiser fing schon damals an, über dergleichen Erscheinungen bei sich selber
nachzudenken und zu untersuchen, wie die Gegenstände solche Eindrücke auf ihn
machen könnten - allein die Eindrücke selbst waren noch zu lebhaft, als dass er
kaltblütige Reflexionen darüber hätte anstellen können - auch war seine
Denkkraft noch nicht geübt und nicht stark genug, sich die aufsteigenden Bilder
der Phantasie gehörig unterzuordnen - dazu kam eine gewisse Trägheit und
Hinsinken in der Behaglichkeit des Genusses, wodurch ebenfalls seine Reflexionen
wieder gehemmt wurden. -
    Demohngeachtet aber hatte er schon seit dem vorigen Sommer im Sinn gehabt,
einen Aufsatz über die Liebe zum Romanhaften zu schreiben und diesen in das
Hannoversche Magazin einrücken zu lassen - er sammlete hiezu beständig Ideen und
hatte genug Gelegenheit, sie zu sammlen, weil seine eigene Erfahrung sie ihm
täglich an die Hand gab. - Allein mit dem ganzen Aufsatze kam er doch nicht
zustande.
    Auch konnte er damals nicht begreifen, warum die einzelnen auf der Wiese hin
und her zerstreuten hohen Bäume mit ihrem Schatten in der Mittagssonne einen so
wunderbaren Eindruck auf ihn machten - er fiel nicht darauf, dass eben der
einsame Stand derselben in grossen und unregelmässigen Zwischenräumen der Gegend
das majestätische feierliche Ansehen gab, wodurch sein Herz immer so gerührt
wurde. - Diese einsamen Bäume machten ihm seine eigne Einsamkeit, indem er unter
ihnen umherwandelte, gleichsam heilig und ehrwürdig - sooft er unter diesen
Bäumen ging, lenkten sich seine Gedanken auf erhabene Gegenstände, seine
Schritte wurden langsamer, sein Haupt gesenkt und sein ganzes Wesen ernster und
feierlicher - dann verlor er sich in dem naheliegenden niedrigen Gebüsch und
setzte sich in den Schatten eines Gesträuchs, wo er denn beim Geräusch des nahen
Wasserfalls sich entweder in angenehmen Phantasien wiegte oder las.
    Es ging auf die Weise fast kein Tag hin, wo seine Phantasie nicht mit neuen
Bildern aus der wirklichen sowohl als aus der idealischen Welt genährt worden
wäre. -
    Zu diesem allen kam nun noch, dass gerade in diesem Jahre die Leiden des
jungen Werters erschienen waren, welche nun zum Teil in alle seine damaligen
Ideen und Empfindungen von Einsamkeit, Naturgenuss, patriarchalischer Lebensart,
dass das Leben ein Traum sei usw., eingriffen. -
    Er bekam sie im Anfange des Sommers durch Philipp Reisern in die Hände, und
von der Zeit an blieben sie seine beständige Lektüre und kamen nicht aus seiner
Tasche. - Alle die Empfindungen, die er an dem trüben Nachmittage auf seinem
einsamen Spaziergange gehabt hatte, und welche das Gedicht an Philipp Reisern
veranlassten, wurden dadurch wieder lebhaft in seiner Seele. - Er fand hier seine
Idee vom Nahen und Fernen wieder, die er in seinen Aufsatz über die Liebe zum
Romanhaften bringen wollte - seine Betrachtungen über Leben und Dasein fand er
hier fortgesetzt - ;155;Wer kann sagen, das ist, da alles mit Wetterschnelle
vorbeiflieht?;139; - Das war eben der Gedanke, der ihm schon so lange seine
eigne Existenz wie Täuschung, Traum und Blendwerk vorgemalt hatte. - Was aber
nun die eigentlichen Leiden Werters anbetraf, so hatte er dafür keinen rechten
Sinn. - Die Teilnehmung an den Leiden der Liebe kostete ihm einigen Zwang - er
musste sich mit Gewalt in diese Situation zu versetzen suchen, wenn sie ihn
rühren sollte - denn ein Mensch, der liebte und geliebt ward, schien ihm ein
fremdes, ganz von ihm verschiedenes Wesen zu sein, weil es ihm unmöglich fiel,
sich selbst jemals als einen Gegenstand der Liebe von einem Frauenzimmer zu
denken. - Wenn Werter von seiner Liebe sprach, so war ihm nicht viel anders
dabei, als wenn ihn Philipp Reiser von den allmählichen Fortschritten, die er in
der Gunst seines Mädchens getan hatte, oft stundenlang unterhielt. -
    Aber die allgemeinen Betrachtungen über Leben und Dasein, über das
Gaukelspiel menschlicher Bestrebungen, über das zwecklose Gewühl auf Erden, die
dem Papier lebendig eingehauchten echten Schilderungen einzelner Naturszenen und
die Gedanken über Menschenschicksal und Menschenbestimmung waren es, welche
vorzüglich Reisers Herz anzogen.
    - Die Stelle, wo Werter das Leben mit einem Marionettenspiel vergleicht, wo
die Puppen am Draht gezogen werden, und er selbst auf die Art mit spielt oder
vielmehr mit gespielt wird, seinen Nachbar bei der hölzernen Hand ergreift und
zurückschaudert - erweckte bei Reisern die Erinnerung an ein ähnliches Gefühl,
das er oft gehabt hatte, wenn er jemanden die Hand gab. Durch die tägliche
Gewohnheit vergisst man am Ende, dass man einen Körper hat, der ebensowohl allen
Gesetzen der Zerstörung in der Körperwelt unterworfen ist als ein Stück Holz,
das wir zersägen oder zerschneiden, und dass er sich nach eben den Gesetzen wie
jede andere von Menschen zusammengesetzte körperliche Maschine bewegt. - Diese
Zerstörbarkeit und Körperlichkeit unsers Körpers wird uns nur bei gewissen
Anlässen lebhaft - und macht, dass wir vor uns selbst erschrecken, indem wir
plötzlich fühlen, dass wir etwas zu sein glaubten, was wir wirklich nicht sind
und statt dessen etwas sind, was wir zu sein uns fürchten. - Indem man nun einem
andern die Hand gibt und bloss den Körper sieht und berührt, indem man von dessen
Gedanken keine Vorstellung hat, so wird dadurch die Idee der Körperlichkeit
lebhafter, als sie es bei der Betrachtung unseres eignen Körpers wird, den wir
nicht so von den Gedanken, womit wir ihn uns vorstellen, trennen können und ihn
also über diese Gedanken vergessen.
    Nichts aber fühlte Reiser lebhafter, als wenn Werter erzählt, dass sein
kaltes freudenloses Dasein neben Lotten in grässlicher Kälte ihn anpackte. - Dies
war gerade, was Reiser empfand, da er einmal auf der Strasse sich selbst zu
entfliehen wünschte und nicht konnte und auf einmal die ganze Last seines
Daseins fühlte, mit der man einen und alle Tage aufstehen und sich niederlegen
muss. - Der Gedanke wurde ihm damals ebenfalls unerträglich und führte ihn mit
schnellen Schritten an den Fluss, wo er die unerträgliche Bürde dieses elenden
Daseins abwerfen wollte - und wo seine Uhr auch noch nicht ausgelaufen war. -
    Kurz, Reiser glaubte sich mit allen seinen Gedanken und Empfindungen bis auf
den Punkt der Liebe im Werter wieder zu finden. - Lass das Büchlein deinen
Freund sein, wenn du aus Geschick oder eigner Schuld keinen nähern finden
kannst. - An diese Worte dachte er, sooft er das Buch aus der Tasche zog - - er
glaubte sie auf sich vorzüglich passend. - Denn bei ihm war es, wie er glaubte,
teils Geschick, teils eigne Schuld, dass er so verlassen in der Welt war; und so
wie mit diesem Buche konnte er sich doch auch selbst mit seinem Freunde nicht
unterhalten. -
    Fast alle Tage ging er nun bei heiterm Wetter mit seinem Werter in der
Tasche den Spaziergang auf der Wiese längst dem Flusse, wo die einzelnen Bäume
standen, nach dem kleinen Gebüsch hin, wo er sich wie zu Hause fand und sich
unter ein grünes Gesträuch setzte, das über ihm eine Art von Laube bildete -
weil er nun denselben Platz immer wieder besuchte, so wurde er ihm fast so lieb
wie das Plätzchen am Bache - und er lebte auf die Weise bei heiterm Wetter mehr
in der offenen Natur als zu Hause, indem er zuweilen fast den ganzen Tag so
zubrachte, dass er unter dem grünen Gesträuch den Werter und nachher am Bache
den Virgil oder Horaz las. -
    Allein die zu oft wiederholte Lektüre des Werters brachte seinen Ausdruck
sowohl als seine Denkkraft um vieles zurück, indem ihm die Wendungen und selbst
die Gedanken in diesem Schriftsteller durch die öftere Wiederholung so geläufig
wurden, dass er sie oft für seine eigenen hielt und noch verschiedene Jahre
nachher bei den Aufsätzen, die er entwarf, mit Reminiszenzien aus dem Werter zu
kämpfen hatte, welches der Fall bei mehrern jungen Schriftstellern gewesen ist,
die sich seit der Zeit gebildet haben. - Indes fühlte er sich durch die Lektüre
des Werters ebenso wie durch den Shakespeare, sooft er ihn las, über alle seine
Verhältnisse erhaben; das verstärkte Gefühl seines isolierten Daseins, indem er
sich als ein Wesen dachte, worin Himmel und Erde sich wie in einem Spiegel
darstellt, liess ihn, stolz auf seine Menschheit, nicht mehr ein unbedeutendes
weggeworfenes Wesen sein, das er sich in den Augen andrer Menschen schien. - Was
Wunder also, dass seine ganze Seele nach einer Lektüre hing, die ihn, sooft er
sie kostete, sich selber wiedergab! -
    Nun fiel auch in diesen Zeitpunkt gerade die neue Dichterepoche, wo Bürger,
Hölty, Voss, die Stollberge usw. auftraten und ihre Gedichte zuerst in den
Musenalmanachen drucken liessen, die damals ihren Anfang genommen hatten. - Der
diesjährige Musenalmanach entielt vorzüglich vortreffliche Gedichte von Bürger,
Hölty, Voss usw. -
    Die beiden Balladen Leonore von Bürger und Adelstan von Hölty lernte Reiser
sogleich auswendig, wie er sie las - und diese beiden auswendig gelernten
Balladen sind ihm nachher auf seinen Wanderungen oft sehr zustatten gekommen.
Schon damals versammlete er öfters in der Dämmerung des Abends entweder bei
seinem Wirt zu Hause oder bei seinem Vetter, dem Perückenmacher, einen Zirkel um
sich her und deklamierte Leonore oder Adelstan und Röschen - und teilte auf die
Weise mit den Verfassern das Vergnügen des Genusses von dem Beifall, den ihre
Werke erhielten - denn so gut war er gesinnt, dass er diesen Beifall immer in
ihrer Seele fühlte und sie sich in denselben Zirkel wünschte. - Aber seine
Verehrung gegen die Verfasser solcher Werke, wie die Leiden des jungen Werters
und verschiedene Gedichte im Musenalmanach waren, fing auch nun an,
ausschweifend zu werden - er vergötterte diese Menschen in seinen Gedanken und
würde es schon für eine grosse Glückseligkeit gehalten haben, nur einmal ihres
Anblicks zu geniessen. - Nun lebte Hölty damals in Hannover, und ein Bruder
desselben war Reisers Mitschüler - und hätte ihn leicht mit dem Dichter bekannt
machen können. - Aber so weit ging damals noch Reisers Selbstverkennung, dass er
es nicht einmal wagte, Höltys Bruder diesen Wunsch zu entdecken, und sich selbst
mit einer Art von bitterm Trotz dies ihm so naheliegende und so sehr gewünschte
Glück versagte - indes suchte er jede Gelegenheit auf, mit Höltys Bruder zu
sprechen, und jede Kleinigkeit, welche dieser ihm von dem Dichter erzählte, war
ihm wichtig - und wie oft beneidete er diesen jungen Menschen, dass er der Bruder
desjenigen war, welchen Reiser fast unter die Wesen höherer Art zählte; dass er
mit ihm vertraulich umgehn, ihn, sooft er wollte, sprechen und ihn du nennen
konnte.
    Diese ausschweifende Ehrfurcht gegen Dichter und Schriftsteller nahm nachher
mehr zu als ab; er konnte sich kein grösseres Glück denken, als dereinst einmal
in diesem Zirkel Zutritt zu haben - denn er wagte es nicht, sich ein solches
Glück anders als im Traume vorzuspiegeln. -
    Seine Spaziergänge wurden ihm nun immer interessanter; er ging mit Ideen,
die er aus der Lektüre gesammlet hatte, hinaus und kehrte mit neuen Ideen, die
er aus der Betrachtung der Natur geschöpft hatte, wieder herein. - Auch machte
er wieder einige Versuche in der Dichtkunst, die sich aber immer um allgemeine
Begriffe herumdrehten und sich wieder zu seiner Spekulation hinneigten, die doch
immer seine Lieblingsbeschäftigung war. -
    So ging er einmal auf der Wiese, wo die hin und her zerstreuten hohen Bäume
standen, und seine Ideen stiegen auf einer Art von Stufenleiter bis zu dem
Begriff des Unendlichen empor. - Dadurch verwandelte sich seine Spekulation in
eine Art von poetischer Begeisterung, wozu sich denn die Begierde, den Beifall
seines Freundes zu erhalten, gesellte - er dachte sich ein Ideal eines Weisen,
eines Menschen, der so viele Ideen hat, als einem Sterblichen nur möglich sind -
und der dennoch immer eine Lücke in sich fühlt, die nur durch die Idee vom
Unendlichen ausgefüllt werden kann, und so brachte er dann wieder mit einigem
Zwang wegen des Ausdrucks folgendes Gedicht zuwege:
                              Die Seele des Weisen
Des Weisen Seel' in ihrem Fluge
Erhub sich über Wolken hoch;
Und folgte kühn dem innern Zuge,
Der mächtig himmelan sie zog. -
Sie strebt, das Leere auszufüllen,
Das sie in sich mit Ekel sieht,
Und forscht, um die Begier zu stillen,
Nach Wahrheit, die ihr stets entflieht.
Sie türmt Gedanken auf Gedanken,
Durchschauet kühn der Himmel Heer,
Erschwingt den Weltbau ohne Schranken,
Doch der Gedanke lässt sie leer. -
Sie wagt es nun, sich selbst zu denken,
Sich, die so oft sich selbst enflieht;
Wagt's, in ihr Sein sich zu versenken,
Und sieht, dass sie sich selbst nicht g'nügt. -
Da hub sich hoch mit Adlerschwingen
Des Weisen Seele über sich -
Zu dir, den alle Wesen singen,
Und dachte, Gott, Jehova, dich.
Und nun fühlt sie die weite Leere
In sich erfüllt mit Seligkeit,
Und schwimmt in einem Freudenmeere,
Weil sie sich ihres Gottes freut.
So wie er nun den Begriff von Gott in ein Gedicht gezwängt hatte, suchte er auch
den Begriff von der Welt in Verse zu bringen. - So lief seine ganze Dichtkunst
auf allgemeine Begriffe hinaus. - Das Detail der Natur in und ausser dem Menschen
zu schildern, dahin zog ihn seine Neigung nie. - Seine Einbildungskraft
arbeitete beständig, die grossen Begriffe von Welt, Gott, Leben, Dasein usw., die
er mit seinem Verstande zu umfassen gesucht hatte, nun auch in poetische Bilder
zu kleiden - und diese poetischen Bilder selbst waren immer das Grosse in der
Natur, als Wolken, Meer, Sonne, Gestirne usw.
    Das Gedicht über die Welt war weit mehr Spekulation als Gedicht und wurde
daher das Gezwungenste, was man sich denken kann, es hub sich an:
Der Mensch entschwinget sich dem Staube
Und mit ihm seine Welt -
Dem Grabe wird der Mensch zum Raube
Und mit ihm seine Welt -
Philipp Reiser tadelte dies Gedicht durchweg, ausgenommen folgenden Vers, den er
erträglich fand:
Der häuft sich seine Welt mit Schätzen
Und der mit Lorbeern an;
Und jeder findet sein Ergötzen
Am Spiel, das er ersann. -
Reisers Phantasie lag jetzt mit seiner Denkkraft im Kampfe; sie wollte bei jeder
Gelegenheit in das Gebiet derselben eingreifen und die allerabstraktesten
Begriffe wieder in Bilder hüllen. - Dies war für Reisern oft ein ängstlicher
qualvoller Zustand - und in einem solchen Zustande hatte er das Gedicht über die
Welt hervorgebracht, das weder eigentliche Spekulation noch Poesie, sondern ein
verunglücktes Mittelding von beiden war.
    Da nun eine Zeitlang regnigtes Wetter einfiel, so wich Reiser dennoch nicht
von seiner einsamen poetischen Lebensart ab.
    Er schloss sich in seine Kammer ein, wo er ein altes baufälliges Klavier für
sich selbst, so gut er konnte, wieder zurecht brachte und es mit vieler Mühe
stimmte. - Bei diesem Klaviere sass er nun den ganzen Tag und lernte, da er die
Noten kannte, fast alle Arien aus der Jagd, aus dem Tod Abels usw. für sich
selber singen und spielen - dazwischen las er den Tom Jones von Fielding und
Hallers Gedichte verschiedenemal durch und brachte einige Wochen in dieser
Einsamkeit fast ebenso vergnügt zu als die, wo er in seinem vorigen Logis auf
dem Boden Philosophie studierte. - Hallers Gedichte konnte er beinahe auswendig.
    Hier besuchte ihn Philipp Reiser einmal eines Nachmittags und gab ihm den
Auftrag, eine Chorarie zu verfertigen, die er alsdann in Musik setzen wolle. -
Dies war für Anton Reisern ein so ehrenvoller und ermunternder Auftrag, dass er
sich, sobald er allein war, zum Dichten hinsetzte, und indem er immer einen
Akkord auf dem Klavier dazwischen anschlug, in weniger als einer Stunde folgende
Verse hervorgebracht hatte:
Der Herr ist Gott - o falle nieder
Und rausche mächtig hohe Lieder
Dem Ewgen, der dich schuf, Natur!
Rauscht eures Gottes Lob, ihr Winde,
Verkündigt es, ihr stillen Gründe,
Ihr Blumen, duftet's auf der Flur!
- - - - - -
Ihr Wolken donnert ihm zu Ehren,
Seid nicht zu seinem Lobe stumm,
Ihr Höhlen und ihr Felsengänge,
Und widerhallt die Lobgesänge
Zu eures grossen Schöpfers Ruhm!
Und was nur lebt und denkt auf Erden,
Das müsse ganz zum Danke werden
Und loben Gott durch Fröhlichkeit -
So wird dem Schöpfer aller Wesen
Von dem, was er zum Sein erlesen,
Ein ewigtönend Lied geweiht.
Philipp Reiser setzte also diese Verse in Musik, und sie wurden nun wirklich im
Chore gesungen, ohne dass jemand den Verfasser wusste. - Das neue Stück fand viel
Beifall, und jedermann war besonders mit dem Text zufrieden - es schmeichelte
auch Anton Reisern nicht wenig, da er seine eignen Worte von seinen Mitschülern,
die ihn so verachteten, singen und sie ihren Beifall darüber bezeigen hörte, -
aber er sagte keinem einzigen, dass die Verse von ihm wären - sondern genoss
lieber bei sich selbst des stillen Triumphs, den ihm dieser ungesuchte Beifall
gewährte. -
    Seine Gedanken waren es doch, die jetzt zu so oft wiederholten Malen, als
das neue Stück gesungen wurde, die Aufmerksamkeit einer Anzahl Menschen, die
sangen, und derer, die zuhörten, beschäftigten - wenn irgend etwas fähig ist,
der Eitelkeit eines Menschen, der Verse macht, Nahrung zu geben, so ist es, wenn
man die Gedanken und Ausdrücke desselben für würdig hält, in Musik gesetzt zu
werden. - Jedes Wort scheint dadurch gleichsam einen höhern Wert zu erhalten -
und die Empfindung, welche Anton Reisern darüber anwandelte, wenn er seine Arien
singen hörte, mag vielleicht bei einem jeden, der einmal sein eigenes Singestück
vollstimmig und bei einer beträchtlichen Anzahl Zuschauer aufführen hörte, sich
im Innern seiner Seele geregt haben; auch hat man lebende Beispiele davon, was
dergleichen Triumphe für unerhörte Ausbrüche der Eitelkeit bei gewissen Personen
veranlasst haben. -
    Anton Reisers Triumph dauerte nicht lange - denn sobald man erfuhr, wer der
Verfasser dieser Verse sei, so fand man daran allerlei zu tadeln, und einige von
den Chorschülern, welche Kleists Gedichte gelesen hatten, behaupteten geradezu,
dass sie aus dem Kleist ausgeschrieben wären. - Nun mochten freilich wohl
Reminiszenzien darin sein, aber der letzte Gedanke, von dem, was Gott zum Sein
erlesen habe, drehte sich wieder um Reisers metaphysische Spekulation, inwiefern
nur den lebenden und denkenden Geschöpfen eigentliches Dasein zugeschrieben
werden könne. - Philipp Reiser war mit diesem Gedichte auch insoweit zufrieden,
bis auf die Natur, die wie eine Dame vor Gott niederknieen sollte - welches zu
gewagte Bild er tadelte. - Während dass Philipp Reiser also Klaviere machte, um
zu leben, beschäftigte sich Anton Reiser damit, Verse zu machen, welche jener
ihm kritisieren musste, der selbst nie einen Vers zu machen versucht hatte und
also auch nicht eifersüchtig war auf ihn - vielmehr gab er ihm zuweilen selbst
ein Tema zu bearbeiten - wie unter andern einmal, dass er Philipp Reisers
Zustand, seine verliebten Leiden, sein Emporarbeiten und wieder Sinken in dessen
Namen besingen sollte - und ohne dass damals noch an den Mond so viele Seufzer
und verliebte Klagen wie nachher im Siegwart und unzähligen Liedern gerichtet
waren, hub Reiser seinen Gesang an:
Was blickest du so mitleidsvoll
Vom Himmel, stiller Mond, mich an?
Weisst du vielleicht den Kummer wohl,
Den ich nur leise klagen kann? usw.
Und dann in einem der folgenden Verse in Beziehung auf Reisers Zustand:
Oft will ich mich erheben
Und sinke schwer zurück;
Und fühle dann mit Beben
Mein trauriges Geschick. -
Bei diesem allen versäumte auch Anton Reiser damals seine öffentlichen
Schulstunden nicht, wo der neue Direktor, der, wie schon erwähnt ist, bei ein
wenig Pedanterie doch im Grunde ein Mann von Geschmack sowohl als Kenntnissen
war, Deklamationsübungen anstellte, die Reisers ganzen Ehrgeiz rege machten. -
    Allein derjenige, welcher nun zum Deklamieren öffentlich auftreten wollte,
musste wenigstens ein gutes Kleid haben, welches Reisern fehlte, der ausser seinem
Kleide von bedientenmässigen grauen Tuche nichts als einen alten Überrock hatte,
und in keinem von beiden wagte er es aufzutreten. - Seine schlechte Kleidung war
es also, welche ihm hier aufs neue im Wege stand und seinen Mut niederschlug.
    Endlich wurde denn doch auch dies Hindernis gehoben, indem der Prinz wieder
so viel für ihn hergab, dass ihm ein gutes Kleid konnte geschafft werden. -
    Und nun ging alle sein Denken und Trachten dahin, wie er ein Gedicht
verfertigen wolle, das er für würdig hielt, es öffentlich zu deklamieren. -
    Nun war es gar nicht gewöhnlich, dass irgend jemand ein Gedicht, welches er
deklamieren wollte, selbst verfertigte, sondern ein jeder schrieb sich irgendwo
eins aus und legte beim Deklamieren das Papier vor sich hin oder gab es dem
Direktor, welcher nachlas. -
    Reiser hatte sich nun aber einmal darauf gesetzt, das Gedicht, welches er
zuerst deklamieren wollte, selbst verfertigt zu haben - er war nun nur noch um
einen würdigen Stoff verlegen, vorzüglich wünschte er einen solchen Stoff zu
bearbeiten, wobei sich viel Deklamation anbringen liesse. -
    Und da er nun einmal an einem schönen Abend bei hellem Mondschein ganz voll
von diesem Gedanken um den Wall spazieren ging, so erinnerte er sich an ein
Gedicht gegen die Gottesleugner, das er ein paar Jahre vorher wegen des
deklamatorischen Ausdrucks, der darin herrschte, fast auswendig gelernt hatte,
das ihm aber in Ansehung der Gedanken jetzt höchst abgeschmackt vorkam - indes
wurde dieser Gegenstand ihm in dem Augenblick so lebhaft - dass er noch einmal
den Spaziergang um den Wall machte und während dieser Zeit sein Gedicht der
Gottesleugner in seinem Kopfe vollendet hatte. -
    Seine Gedanken hatten eine eigne Wendung genommen, welche von der
alltäglichen in dem Gedichte, das er auswendig wusste, ganz verschieden war. - Er
dachte sich den Gottesleugner als den Sklaven des Sturmwindes, des Donners, der
tobenden Elemente, der Krankheit und der Verwesung, kurz als den Sklaven aller
der unvernünftigen leblosen Wesen, die stärker sind als er, und die nun seine
Herren geworden sind, da er den Geist voll ewger Huld nicht verehren will. - Das
Bedürfnis, einen Gott zu glauben, erwachte bei dieser Gelegenheit, da er erst
bloss damit umging, ein Gedicht zu verfertigen und zu deklamieren, so mächtig in
Reisers Seele, dass er gegen den, der diesen Trost ihm rauben wolle, gleichsam
eine Art von gerechter Erbitterung fühlte und sich in diesem Feuer erhalten
konnte, bis sein Gedicht vollendet war, das sich mit der frohen Überzeugung von
dem Dasein einer vernünftigen Ursach aller Dinge, welche sind und geschehn,
anhub und endigte, und bei aller Unregelmässigkeit und dem oftmals Gezwungnen im
Ausdruck doch ein Ganzes von Empfindungen ausmachte, welches Reisern bis jetzt
hervorzubringen noch nicht gelungen war. - Die Mitteilung dieses Gedichts wird
daher in dieser Rücksicht nicht überflüssig sein, wenn es gleich um sein selbst
willen keine Aufbewahrung verdiene:
                               Der Gottesleugner
Es ist ein Gott - wohl mir! Dem Vater meiner Tage,
Ihm dank' ich mein Geschick - er wog mir jeden Schmerz
Und jede Freude zu - er kennet jede Plage,
Die ich hier leiden soll - drum weine nicht, mein Herz!
Wenn sich der Morgen schön aus brauner Nacht entüllet,
So töne froh dein Lied dem Ewgen, der ihn schuf!
Und wenn sein Donner laut in hohlen Lüften brüllet,
So töne froh dein Lied dem Ewgen, der ihn schuf!
O freue früh und spät dich seiner, meine Seele!
Lob' ihn - denn ein Gedank' an ihn ist Seligkeit,
Und leben ohne Gott und denken - ist die Hölle,
Und jeder Seelenblick ein Quell von ewgem Leid.
Du, der du zweifelst, ob ein Gott im Himmel wohnet,
Tor, o verbanne schnell den Zweifel aus der Brust -
Der dir mit tausend Qual und mit der Hölle lohnet,
Und denke einen Gott - und fühle Himmelslust!
Du kannst, du willst ihn nicht, den guten Gott, erkennen,
Den Geist voll ewger Huld, zum Herren über dir? -
Wohl! - so erkenne denn die Qualen, die dich brennen,
Der Elemente Wut zu Herren über dir -
Droht dir am Himmel hoch ein schwarzes Donnerwetter,
Braust dort das hohle Meer - ruft hier ein offnes Grab -
Dann, Frevler, bete an! - denn das sind deine Götter,
Die dir Vernünftigen dein toller Wahnsinn gab!
Und droht die Krankheit dir mit schreckendem Gefieder -
Nagt nun am Herzen dir - und grinset dann der Tod,
Des Grabes Schreckenbild dich an - so falle nieder
Vor ihm und bet ihn an! - Verwesung ist dein Gott!
Dann sinke in dein Grab - vereine mit dem Staube
Die Seele, die dein Wahn hier in dir selbst begrub -
Und werde, wenn du kannst, dem ewgen Nichts zum Raube,
Du, den zum denkenden Geschöpfe Gott erhub. -
Wer seinen Gott verkennt, dem wird die Welt zur Hölle -
Er selbst ist nur ein Traum, und um ihn her ist Wahn -
Doch denke einen Gott, und schnell wirds um dich helle -
Und deine Seele schwingt sich mächtig himmelan. -
Durch die Empfindungen, welche während der Zeit, dass er dies Gedicht
verfertigte, in ihm abwechselten, war wirklich seine ganze Seele erschüttert -
er bebte vor dem schrecklichen Abgrunde des blinden Ohngefährs, an dessen Rande
er schon stand, mit Schaudern und Entsetzen zurück und schmiegte sich gleichsam
mit allen seinen Gedanken und Empfindungen in die tröstende Idee von dem Dasein
eines alles regierenden und lenkenden gütigen Wesens hinein. -
    Da nun dies Gedicht auch seines Freundes völligen Beifall fand, so lernte er
es auswendig, und den nächsten Tag in der Woche, da Deklamationsübung war, nahm
er sich vor, es zu deklamieren. - Er erschien hierbei mit seinem
neuangeschaften Kleide, das sich ziemlich gut ausnahm und das erste feine Kleid
war, welches er in seinem Leben trug - das war ein nicht unbedeutender Umstand
bei ihm. - Das neue Kleid, wodurch er sich nun seinen Mitschülern, von denen er
so lange durch seine schlechte Kleidung ausgezeichnet gewesen war, wieder
gleichgesetzt sah, flösste ihm Mut und Zutrauen zu sich selber ein; und was das
Sonderbarste war, so schien es ihm auch mehr Achtung bei andern zu erwerben, die
nun erst mit ihm sprachen, da sie sich vorher gar nicht um ihn bekümmert hatten.
-
    Und da er nun vollends in dem Hörsaale, wo er so lange ein Gegenstand der
allgemeinen Verachtung gewesen war, auf dem Kateder vor seinen versammleten
Mitschülern öffentlich auftrat, um sein von ihm selbst verfertigtes Gedicht zu
deklamieren, so erhob sich sein niedergedrückter Geist zum ersten Male wieder,
und es erwachten wieder Hoffnungen und Aussichten auf die Zukunft in seiner
Seele. -
    Er hatte dem Direktor eine Abschrift von dem Gedichte zum Nachlesen gegeben,
die ihm dieser wieder zurückgab, ohne dass Reiser in Versuchung geriet, ihm zu
sagen, dass er das Gedicht selbst verfertigt habe - er war mit dem innern
Bewusstsein davon zufrieden, und es war ihm angenehm, wenn seine Mitschüler sich
bei ihm erkundigten, wo das Gedicht, das er deklamiert hätte, stünde, und er
ihnen dann irgendeinen Dichter nannte, woraus er es abgeschrieben habe. -
    Reiser bat sich vom Direktor die Erlaubnis aus, in der künftigen Woche noch
einmal deklamieren zu dürfen, und da er diese erhielt, änderte er das Gedicht an
Philipp Reisern:
Dir, Freund, will ich mein Leiden klagen
etwas um und gab ihm die Überschrift: Die Melancholie. - Er liess dies Gedicht
nun anfangen:
Der Seele Leiden will ich klagen -
Könnt ihr es, Worte, halb nur sagen,
O sagts und lindert meinen Schmerz!
Die letzte Strophe:
Wem soll ich dieses Dasein danken?
Wer setzt ihm diese engen Schranken?
Aus welchem Chaos stiegs empor?
In welche greuelvolle Nächte
Sinkts, wenn des Schicksals ehrne Rechte
Mir winket zu des Todes Tor?
deklamierte er mit einem wirklichen Patos, das er in Stimme und Bewegung
äusserte, und blieb, nachdem er schon stillgeschwiegen hatte, noch einen
Augenblick mit emporgehobnen Arm stehen, der gleichsam ein Bild seines
fortdauernden unaufgelösten schrecklichen Zweifels blieb.
    Da er nun von dem Direktor die Abschrift seines Gedichts wieder
zurückerhielt, gab ihm dieser seinen Beifall mit seiner Deklamation zu erkennen
und sagte zugleich, die beiden Gedichte, welche er deklamiert hätte, wären sehr
gut ausgewählt. -
    Dies war denn doch zu viel für Reisern, als dass er länger der Versuchung
hätte widerstehen können, den Direktor wissen zu lassen, dass die Gedichte von
ihm selber wären, und den Beifall, der jetzt nur seine Auswahl traf, für seine
Arbeit einzuernten.
    Indes schwieg er jetzt noch stille und wartete ein paar Tage, bis er ohnedem
zu dem Direktor gehen musste, um ihm einen lateinischen Aufsatz, den er, so wie
seine Mitschüler, wöchentlich zur Übung im Stil verfertigen musste, zur
Durchsicht zu bringen; und bei dieser Gelegenheit überreichte er denn dem
Direktor eine Abschrift von den beiden Gedichten, die er deklamiert hatte, und
sagte ihm, dass er selbst der Verfasser davon wäre. -
    Des Direktors Mienen, der ihn sonst ziemlich gleichgültig angesehen hatte,
heiterten sich sichtbar gegen ihn auf, da er dies sagte, und von dem Augenblick
an schien dieser Mann sein Freund zu werden - er liess sich mit ihm in ein
Gespräch über die Dichtkunst ein, erkundigte sich nach seiner Lektüre, und
Reiser ging mit freudenvollen Herzen über die gute Aufnahme seiner Gedichte zu
Hause. - Den andern Tag verkündigte er Philipp Reisern sein Glück, der sich
aufrichtig mit ihm darüber freute, dass man nun einmal aufhören würde, ihn zu
verkennen, und nun vielleicht glücklichere Tage auf ihn warteten. -
    Nun fügte es sich, dass Reiser in der folgenden Woche am Montag Morgen etwas
spät in die erste Lehrstunde kam, welche der Direktor hielt, und in welcher er
die lateinischen Aufsätze ohne Nennung der Namen öffentlich zu beurteilen
pflegte. - Und da er nun in den Hörsaal trat, hörte er den Anfang seines
Gedichts Der Gottesleugner vom Direktor, der auf dem Kateder sass, ablesen und
Zeile vor Zeile kritisieren. - Reiser konnte erst kaum seinen Ohren trauen, da
er dies hörte - sobald er hereintrat, waren aller Augen auf ihn gerichtet - denn
diese öffentliche Kritik war die erste in ihrer Art. -
    Der Direktor mischte so viel aufmunterndes Lob unter seinen Tadel und
bezeigte über die beiden Gedichte, die Reiser deklamiert hatte, im Ganzen
genommen so sehr seinen Beifall, dass dieser von dem Tage an die Achtung seiner
Mitschüler, deren Spott er so lange gewesen war, erhielt und auf die Weise eine
neue Epoche seines Lebens anfing. -
    Sein poetischer Ruhm breitete sich bald in der Stadt aus - er bekam von
allen Seiten Aufträge, Gelegenheitsgedichte zu machen - und seine Mitschüler
wollten alle von ihm in der Poesie unterrichtet sein und das Geheimnis, wie man
Verse machen könne, von ihm lernen. - Auch wurden dem Direktor nun so viele
Verse ins Haus gebracht, dass dieser es endlich untersagen musste - auch hat er
nachher nie wieder öffentlich Verse kritisiert. -
    Was Reisern am meisten bei der Sache freute, war der merkliche Fortschritt,
den er seit einem Jahre in Ansehung der Bildung seines Geschmacks getan zu haben
glaubte, da ihm vor einem Jahre das Gedicht an die Gottesleugner, welches er
jetzt höchst abgeschmackt fand, noch so sehr gefallen hatte, dass er es der Mühe
wert hielt, es auswendig zu lernen. - Aber in dies Jahr hatte sich auch die
Lektüre des Shakespeare, des Werters und der vielen vorzüglichen Gedichte in
den neuen Musenalmanachen nebst seinem Studium der Wolfischen Philosophie
zusammengedrängt, wozu noch die Einsamkeit und der stille ungestörte Naturgenuss
kam, wodurch sein Geist zuweilen in einem Tage mehr als vorher in ganzen Jahren
an Kultur gewann. - Man fing nun auch an, wieder auf ihn aufmerksam zu werden,
und diejenigen, welche bisher geglaubt hatten, dass nichts aus ihm werden würde,
fingen nun wieder an zu glauben, dass doch noch wohl etwas aus ihm werden könnte.
-
    Bei dieser bessern Wendung seines Schicksals behielt Reiser demohngeachtet
noch immer seine schwermütige Laune bei, woran er nun einmal ein besonderes
Behagen fand; und selbst an dem Tage, da ihm die unerwartete Ehre der
öffentlichen Kritik seiner Gedichte widerfahren war, ging er den Nachmittag
einsam und schwermütig bei dem trüben und regnigten Wetter in der Stadt umher -
und wollte am Abend zu Philipp Reisern gehen, um diesem sein Glück zu sagen. -
Da er nun hinkam, fand er ihn nicht zu Hause, und alles war ihm nun so tot, so
öde - er konnte sich seines Glücks, die Achtung der Menschen, die ihn zunächst
umgaben, in gewissem Masse gewonnen zu haben, nicht recht freuen, weil er es
seinem Freunde nun nicht hatte erzählen können. -
    Und da er nun traurig vor sich hin wieder nach Hause kehrte, verfolgte er
die Idee des Nichtzuhausefindens, des Rückkehrens mit kummerbeladenem Herzen,
wenn er seinem Freunde ein Leiden hätte klagen wollen, bis zu dem fürchterlichen
Gedanken, dass er ihn tot gefunden habe und nun verzweiflungsvoll selbst sein
Glück verwünschte, weil er das grösste Glück des Lebens, einen treuen Freund,
verloren hatte. - Daraus bildeten sich denn wieder folgende Verse, die er
aufschrieb, als er zu Hause kam -
Ich suchte meinen Freund,
Wollt' ihm sagen meine Leiden
Und fand ihn nicht - -
Da ging ich bekümmert
Mit schwerem Herzen
In meine Hütte zurück. - -
Ich suchte meinen Freund,
Wollt' ihm sagen meine Freuden
Und fand ihn nicht - -
Da ward ich so traurig,
Als freudig ich vor war,
Und ging und schwieg. -
Ich suchte meinen Freund,
Wollt' ihm sagen mein Glück
Und fand ihn tot - -
Da verflucht' ich mein Glück
Und tat einen Schwur,
So lange mein Auge noch Tränen weint,
Zu trauren um diesen einen Freund,
Denn diesen einen Freund hatt' ich nur. -
Um diese Zeit machte er nun auch durch den Sohn des Kantors Winter eine sehr
interessante Bekanntschaft mit dem philosophischen Essigbrauer, womit ihn dieser
schon vor einem halben Jahre hatte bekannt machen wollen und immer nicht dazu
gekommen war. -
    Winter holte ihn also eines Abends ab, und Reiser war voller Erwartung -
unterwegs unterrichtete ihn Winter, wie er sich bei dem Essigbrauer nehmen, dass
er nicht guten Abend und, wenn er wegginge, nicht gute Nacht sagen solle. - Dann
kamen sie auf der langen Osterstrasse, die voller altfränkischen Häuser ist,
durch den grossen Torweg über einen langen Hof in das Brauhaus, wo der
Essigbrauer hinten hinaus sein abgesondertes Revier hatte, in welchem die Fässer
in einem grossen Verschlage, wo beständig eingeheizt ist, reihenweise
nebeneinander standen, so dass sie eine Art von langen Gängen bildeten, in
welchen man sich verlieren konnte. - Wenn man hier sprach, so schallte es dumpf
wieder. - Da nun hier niemand zu sehen war, so fing Winter an zu rufen ubi? -
und eine Stimme in der Ferne antwortete hic! - sie gingen darauf in das
eigentliche Brauhaus dicht neben dem Revier, wo die Fässer standen, und der
Essigbrauer in seinem weissen Kamisol und blauen Schürze mit aufgestreiften Armen
stand am Fenster und schrieb - er wäre gleich fertig, sagte er, darauf gab er an
Winter ein Papier, worauf einige lateinische Verse standen, die er soeben für
ihn verfertigt hatte. -
    Der Essigbrauer schien Reisern ein Mann von ohngefähr dreissig Jahren zu sein
- in jeder Bewegung seiner Muskeln, in dem zuckenden Blick seiner Augen schien
sich in sich selbst zurückgedrängte Kraft zu äussern. - Gleich der erste Anblick
des Essigbrauers flösste Reisern Ehrfurcht ein - dieser aber schien sich erst gar
nicht um ihn zu bekümmern, sondern sprach mit Winter über einige neue Musikalien
und andere Sachen, wobei er kein Wort anders als plattdeutsch sprach und sich
doch dabei so richtig und edel ausdrückte, dass selbst das gröbste Plattdeutsch
in seinem Munde einen gewissen Reiz gewann, der verursachte, dass man mit
Vergnügen und Bewunderung, wenn er sprach, an seinen Lippen hing, wie Reiser
nachher oft erfahren hat, wenn dieser Essigbrauer zwischen seinen Fässern
Weisheit lehrte. -
    Weil es schon ein ziemlich kalter Herbstabend war, so führte der Essigbrauer
seine beiden Gäste in seinen geheizten Prunksaal, wo die langen Reihen Fässer
standen, und wo er ihnen eine Art von süssem, sehr wohlschmeckenden Bier
vorsetzte, wobei denn das Gespräch allgemein wurde; und da die Rede auf einen
gemeinschaftlichen Bekannten, einen alten Mann, fiel, der sehr viel Drollichtes
und Sonderbares an sich hatte, fing der Essigbrauer an, den ganzen Charakter
dieses Mannes mit Sternischer Laune bis auf das kleinste Detail zu schildern. -
Hernach las er etwas aus dem Tom Jones mit solchem Ausdruck und einer so wahren
und richtigen Deklamation vor, dass Reiser nicht leicht irgendwo eine bessere
Unterhaltung gefunden hatte und dem jungen Winter beim Weggehen sein Vergnügen
über diese Bekanntschaft nicht genug beschreiben konnte. -
    Er besuchte von nun an entweder in Winters Gesellschaft oder allein den
Essigbrauer fast alle Abend und fand sich hier, wenn sie bei der hangenden Lampe
zwischen den Fässern am warmen Ofen auf ihren hölzernen Schemeln sassen und im
Tom Jones lasen oder Charakterschilderungen machten, so glücklich und vergnügt,
als er noch nie, ausgenommen mit Philipp Reisern, gewesen war - allein in dem
Umgange mit dem Essigbrauer fühlte er sich allemal erhoben und gestärkt, sooft
er bei sich erwog, dass ein Mann von solchen Kenntnissen und Fähigkeiten sich mit
solcher Geduld und Standhaftigkeit der Seele seinem Schicksale unterwarf,
welches ihn von allem Umgange mit der feinern Welt und von aller Nahrung des
Geistes, die ihm daraus hätte zuströmen können, gänzlich ausschloss. - Und eben
der Gedanke, dass ein solcher Mann so versteckt und in der Dunkelheit lebte,
machte Reisern den Wert desselben noch auffallender - so wie ein Licht in der
Dunkelheit stärker zu leuchten scheint, als wenn sein Glanz sich unter der Menge
andrer Lichter verliert. -
    Als Essigbrauer war K ..., so hiess er, wirklich ein grosser Mann, das er
vielleicht auch als Gelehrter, nur nicht in dem Mass gewesen wäre - weil ohne
diesen Kampf mit seinem Schicksale die erhabene duldende Kraft seiner Seele
nicht so hätte geübt werden können. - Es mochte wohl keine menschenfreundliche
Tugend geben, welche ihm in seiner Lage auszuüben möglich war, und die er nicht
ausgeübt hätte. -
    Von seinem sauer erworbenen Verdienst ersparte er immer so viel, dass er
einige junge Leute, zu deren Bildung beizutragen die Freude seines Lebens
machte, zuweilen des Abends an seinem Tische bewirten und auch wohl manchmal
einen Spaziergang mit ihnen machen konnte, wobei er sich allemal das Vergnügen
machte, zu bezahlen, was sie verzehrten. - Auch unterstützte er noch überdem
eine arme Familie täglich mit einem Groschen, den er sich von seinem geringen
Verdienst abzog - denn er war eigentlich nur Knecht in dieser Brauerei, worin
sein Vetter, ein alter abgelebter Greis, für den er die Arbeit mit verrichtete,
Meister war. -
    Winter und Philipp Reiser und der Essigbrauer waren jetzt Reisers
vorzüglichster Umgang, wozu noch ein junger Mensch kam, der, durch Reisers
Beispiel aufgemuntert, ohngeachtet der Armut seiner Eltern auch den Entschluss
gefasst hatte, zu studieren. - Auch diesen suchte der Essigbrauer durch Winter an
sich zu ziehen, um zu der Bildung seines Geistes beizutragen. - Seine
Unterredungen waren grösstenteils wahre sokratische Gespräche, die er oft mit dem
feinsten Spott über die kindische Torheit oder Eitelkeit seiner jungen
Gesellschafter würzte. -
    Da nun der Winter herankam, widerfuhr Reisern eine Aufmunterung, die noch
mehr als alles Vorhergehende wieder seinen Mut belebte. - Er erhielt nämlich vom
Direktor den ehrenvollen Auftrag, auf den Geburtstag der Königin von England,
welcher im Januar eintraf, eine deutsche Rede zu verfertigen, die er bei dieser
Feierlichkeit halten sollte.
    Dies war nun das höchste und glänzendste Ziel, wornach ein Zögling dieser
Schule nur streben konnte und wozu nur sehr wenige gelangten: denn gemeiniglich
wurden sonst die Reden an des Königes und der Königin Geburtstage nur von jungen
Edelleuten gehalten. - Bei dieser Feierlichkeit pflegten der Prinz und die
Minister nebst allen übrigen Honoratioren der Stadt zugegen zu sein - welche
einem solchen jungen Menschen, der nun als die Hoffnung des Staats betrachtet
wurde, nach geendiger Rede ordentlich Glück wünschten - ein Anblick, der Reisern
oft niederschlug, wenn er dachte, dass er zu so etwas Glänzendem nie in seinem
Leben gelangen würde. -
    Und nun fügte es sich so plötzlich, da er noch im Anfange desselben Jahres
allgemein verachtet und hintangesetzt war, dass ihm ohne sein Zutun ein so
ermunternder Auftrag geschahe, zu dessen Ausführung er nun auch gleich mit dem
grössten Eifer schritte.
    Er nahm sich vor, seine deutsche Rede in Hexametern zu verfertigen; nun
hatte ihm der Direktor die Literaturbriefe geliehen und sie ihm zur
sorgfältigsten Lektüre empfohlen - da stiess er denn auch unter andern auf die
Rezension, wo Zacheriäs Übersetzung von Miltons verlornem Paradiese wegen der
schlechten Hexameter getadelt und zugleich über den Bau des Hexameters, seine
Einschnitte usw. viel Vortreffliches gesagt wird. - Dies fasste Reiser auf und
suchte nun seinen Hexameter mit der grössten Sorgfalt auszufeilen. - Manchen Tag
kam er kaum mit drei bis vier Versen zustande - jeden Abend ging er dann zu
Philipp Reisern und liess seine Verse noch einmal dessen Kritik passieren, wobei
sie denn zusammen alle Bände der Literaturbriefe miteinander durchlasen und auch
in diesem Winter ihre Shakespearenächte wieder erneuerten. -
    Im November war Reiser ohngefähr mit der Hälfte seiner Rede fertig und ging
damit zum Direktor, um sie ihm zur Kritik zu zeigen. - Dieser bezeigte ihm
seinen grossen Beifall über seine Arbeit, kündigte ihm aber zugleich an, dass er
die Rede nicht öffentlich würde halten können, weil dies verschiedene Kosten
erforderte, die Reiser wohl nicht würde aufbringen können. - - Kein Donnerschlag
hätte Reisern mehr zu Boden schlagen können als diese Nachricht - alle seine
glänzenden Aussichten, womit er sich während der Verfertigung seiner Rede
geschmeichelt hatte, waren auf einmal wieder verschwunden, und er fiel wieder in
sein voriges Nichts zurück. - Der Direktor suchte ihn hierüber zu trösten - aber
er ging mit schwerem Herzen und melancholischen Gedanken, dass er zur ewigen
Dunkelheit bestimmt sei, von dem Direktor weg, und nun fielen ihm die Verse ein,
die er für Philipp Reisern gemacht hatte, und die sich jetzt auf seinen Zustand
passten:
Oft will ich mich erheben
Und sinke schwer zurück;
Und fühle dann mit Beben
Mein trauriges Geschick. -
Und als an einem andern Tage im Chore unter andern in einer Arie die Worte
gesungen wurden:
Du strebst, um glücklicher zu werden,
Und siehst, dass du vergebens strebst -
so deutete er dies ebenfalls auf sich und kam sich auf einmal wieder so
verlassen, so verächtlich, so unbedeutend vor, dass er selbst Philipp Reisern
nicht einmal von seinem neuen Kummer etwas sagen mochte und lieber nicht zu ihm
ging, um nicht von seinem Schicksal mit ihm reden zu dürfen, das nun anfing, ihm
wieder verhasst zu werden und der Mühe des Nachdenkens nicht mehr wert zu
scheinen. -
    Da er sich indes hierüber endlich satt gequält hatte, so dachte er auf ein
Mittel, wie er doch noch seinen Zweck erreichen könnte - und dies bot sich ihm,
da er nur erst darüber nachdachte, sehr bald dar - er durfte nur zu dem Pastor
Marquard gehen, welcher doch wieder Hoffnung von ihm zu schöpfen angefangen
hatte, und durfte diesen nur bitten, ihm bei dem Prinz so viel, als zur
Anschaffung eines guten Kleides und übrigens zur Bestreitung der Kosten bei
Haltung der Rede erfordert wurde, auszuwirken, worin auch der Pastor Marquard
sogleich willigte und Reisern schon im voraus einen guten Erfolg versprach. -
Reisers Besorgnisse waren also nun auf einmal wieder gehoben, und er konnte nun
die angefangene Rede mit frohem Herzen vollenden, um sie am Geburtstage der
Königin zu halten. - Da es nun aber wieder anfing zu frieren, so konnte er oben
auf seiner Kammer nicht mehr allein sein, sondern musste wieder des Abends unten
bei den Wirtsleuten in der Stube sitzen, wo die einquartierten Soldaten nebst
dem Wirt ihn mit zu ihren Spielen nötigten, mit denen sie sich die langen
Winterabende vertrieben. - Hier verfertigte er nun grösstenteils des Nachmittags
und des Abends in der Dämmerung, indem er sich mit dem Kopf an den Ofen legte,
seine Rede. - Und nun hatte er auch ein schönes Mittel gegen seine schwermütige
Laune gefunden; sooft er nämlich merkte, dass sie anfing, seiner Herr zu werden,
ging er im grössten Regen und Schnee des Abends, wenn es schon dunkel war, aus
und einmal um den Wall spazieren, und es fehlte ihm niemals, dass sich nicht,
sowie er mit schnellen Schritten vorwärtsging, neue Aussichten und Hoffnungen
unvermerkt in seiner Seele entwickelt hätten, von welchen freilich die
glänzendste ihm am nächsten lag. - Bei diesen Spaziergängen um den Wall gelangen
ihm auch die besten Stellen in seiner Rede, und Schwierigkeiten in Ansehung des
Versbaues, die ihm oft, wenn er sich mit dem Kopf am Ofen gelehnt hatte,
unüberwindlich schienen, hoben sich hier wie von selbst. -
    Der Wall um Hannover war von seiner Kindheit an der vorzüglichste Schauplatz
seiner angenehmsten Phantasie und romanhaftesten Ideen gewesen - denn er sah
hier die dichtineinandergebaute Stadt und die ländliche offene Natur mit Gärten,
Äckern und Wiesen so nahe aneinandergrenzend und doch so ausserordentlich
verschieden, dass dieser Kontrast einer lebhaften Wirkung auf seine Phantasie nie
verfehlen konnte. - Dann drängten sich auch in die Umgebung des Ortes, der seine
meisten Schicksale gleichsam in seinen Umfang einschloss, immer tausend dunkle
Erinnerungen an die Vergangenheit in seiner Seele empor, welche mit seiner
gegenwärtigen Lage zusammengehalten gleichsam mehr Interesse in sein Leben
brachten, - und vorzüglich des Abends machte der Anblick von den auf den Zimmern
hin und her zerstreuten Lichtern in den dicht an den Wall grenzenden Häusern
allemal die schon vorher beschriebene Wirkung auf ihn. -
    Seitdem er nun die Verse deklamiert hatte, wurde er fast von allen seinen
Mitschülern geachtet. - Das war ihm ganz etwas Ungewohntes - er hatte in seinem
Leben so etwas noch nicht erfahren - ja, er glaubte kaum, dass es möglich sei,
dass man ihn noch achten könne - nach allen den bisherigen Erfahrungen bildete er
sich ein, es müsse wohl etwas in seiner Person oder seinen Mienen liegen,
wodurch er vielleicht, so lange er lebte, lächerrlich und ein Gegenstand des
Spottes sein würde. - Diese Empfindung der Achtung erhöhte sein Selbstbewusstsein
und schuf ihn zu einem andern Wesen um - sein Blick, seine Miene verwandelte
sich - sein Auge wurde kühner - und er konnte, wenn jemand seiner spotten
wollte, ihm jetzt so lange gerade ins Auge sehen, bis er ihn aus der Fassung
brachte. -
    Seine ganze äussere Lage änderte sich auch nun auf einmal. -
    Durch die Verwendung des Rektors und des Pastor Marquard, die nun beide
wieder die beste Hoffnung von ihm geschöpft hatten, bekam er bald so viele
Unterrichtsstunden, dass ihm eine für seine damaligen Bedürfnisse ziemlich
beträchtliche monatliche Einnahme daraus erwuchs, welche ihm denn freilich auch
eine ganz ungewohnte Sache war, womit er nicht gehörig umzugehen wusste. - Keiner
seiner reichen und angesehenen Mitschüler schämte sich nun mehr, mit ihm
umzugehen und ihn in seiner schlechten Wohnung zu besuchen. - Er sah sich auch
noch in diesem Jahre gedruckt, indem er verschiedene kleine Neujahrwünsche in
Versen für einen Buchdrucker verfertigte, welcher dergleichen gedruckte Wünsche
verkaufte - ob nun gleich sein Name nicht hiebei bemerkt war und niemand wusste,
dass die Verse von ihm waren, so machte ihm doch der Anblick dieser ersten
gedruckten Zeilen von seiner Hand ein unbeschreibliches Vergnügen, sooft er sie
ansah. - Und als nun gar einige Tage vorher, ehe die Rede gehalten wurde, auf
einem lateinischen Anschlagbogen sein Name nebst den Namen noch zweier seiner
Mitschüler von den angesehensten Eltern öffentlich gedruckt stand; und er nun
auf diesem Anschlagbogen wirklich Reiserus hiess, wie ihn der vorige Direktor
einst genannt hatte; und die Zwischenzeit zwischen jener mündlichen und dieser
gedruckten Benennung Reiserus mit alle dem, was er darin verschuldet oder
unverschuldet gelitten hatte, sich ihm lebhaft darstellte - so presste ihm dies
Tränen der Freude und der Wehmut aus - denn von dieser plötzlichen Wendung
seines Schicksals hatte er sich vor einem Jahre, vor einem halben Jahre noch
nichts träumen lassen. - Dieser lateinische Bogen mit seinem Namen war nun am
schwarzen Brette vor der Schule und an den Kirchtüren öffentlich angeschlagen,
so dass Leute, die vorbeigingen, still standen, um ihn zu lesen. -
    Nun war es üblich, dass die jungen Leute, welche bei dergleichen Vorfällen
Reden hielten, die Honoratiores der Stadt selbst einige Tage vorher dazu
einladen mussten. - Welch eine Veränderung, da Reiser, den sonst wegen seiner
schlechten Kleider selbst seine Mitschüler nicht einmal auf der Strasse anzureden
oder mit ihm zu gehen würdigten - nun mit dem Hut unterm Arm und den Degen an
der Seite ordentlich seine Cour bei dem Prinz machte und ihn zu der Feier des
Geburtsfestes seiner Schwester, der Königin von England, einlud - und wie er nun
bei diesem Einladungsgeschäft sich den vornehmsten Einwohnern der Stadt zeigen
konnte und von allen mit den aufmunterndsten Höflichkeitsbezeugungen aufgenommen
ward. - Er hatte also, ehe er sichs versah, und da er schon gänzlich Verzicht
darauf getan hatte, das ehrenvollste Ziel erreicht, nach welchem ein Primaner in
Hannover nur streben konnte, und welches nur von wenigen erreicht wurde. -
    Diese den jungen Leuten selbst übertragene Einladungen haben wirklich etwas
sehr Aufmunterndes und sind in mancher Absicht zur Nachahmung zu empfehlen ... -
Reiser ward durch diese Einladungen während einer Zeit von wenigen Tagen in eine
Welt geführt, die ihm bisher ganz unbekannt gewesen war - er unterhielt sich mit
Ministern, Räten, Predigern, Gelehrten, kurz mit Personen aus allerlei Ständen,
die er bisher nur in der Entfernung angestaunt hatte, Mund gegen Mund; und alle
diese Personen liessen sich mit Höflichkeitsbezeugungen zu ihm herab und sagten
ihm etwas Angenehmes und Aufmunterndes, so dass Reisers Selbstgefühl in diesen
wenigen Tagen mehr als vorher in Jahren gewann. - Er lud auch den Dichter Hölty
ein, den er aber bei dieser Gelegenheit nur wenig kennen lernte; denn Reisers
Schüchternheit konnte nur durch eine gewisse Zutraulichkeit, die man ihm bewies,
gehoben werden, und diese war Höltys Sache nicht, der bei der ersten Unterredung
mit einem Unbekannten allemal etwas verlegen war. - Reiser nahm diese
Verlegenheit für Verachtung, die ihn desto mehr kränkte, je grösser seine Achtung
für Hölty war, und so wagte er es nicht, ihn wieder zu besuchen. -
    Wenn er nun den Tag über seine glänzende Rolle ausgespielt hatte, so ging er
des Abends zu seinem Essigbrauer, wo denn auch Philipp Reiser und Winter und der
andre junge Mensch, den sein Beispiel zum Studieren aufgemuntert hatte, waren,
die ihn mit offenen Armen empfingen - und denen er von seinen Besuchen und den
Personen, die er kennen gelernt hatte, erzählte - und auf die Weise die Freude
über seinen Zustand mit ihnen teilte. -
    Die Frau Filter und sein Vetter, der Perückenmacher, und alle die Leute,
welche ihm Freitische gegeben hatten, bewetteiferten sich nun, ihm ihre Freude
und Teilnehmung zu bezeigen. - Seine Eltern, die lange nichts von ihm gehört und
ihre Hoffnung auf ihn schon längst aufgegeben hatten, waren ganz erfreut, da sie
diese plötzliche günstige Wendung seines Schicksals vernahmen und den
lateinischen Anschlagbogen erhielten, worauf der Name ihres Sohnes mit grossen
Buchstaben gedruckt stand. -
    Bei allen diesem äussern Glanz blieb nun Reiser immer noch in seiner alten
Wohnung, wo sein Wirt, der Fleischer, dessen Frau und Magd und ein paar
Soldaten, die dort im Quartier lagen, seine Stubengesellschaft ausmachten. -
    Wenn ihn nun, ohngeachtet dieser schlechten Wohnung, einer von seinen
reichen und angesehenen Mitschülern besuchte, so machte ihm dies ein geheimes
Vergnügen - dass er auch, ohne ein einladendes Logis oder sonst äussere Vorzüge zu
haben, bloss um sein selbst willen gesucht würde. - Dies machte, dass er zuweilen
auf seine schlechte Wohnung ordentlich stolz war. -
    Endlich kam nun der Tag seines Triumphes heran, wo er auf die auffallendste
Art, die nur in seiner Lage möglich war, öffentlich Ehre und Beifall einernten
sollte - aber eben dies erweckte bei ihm eine ganz besondre schwermütige
Empfindung - auf diesen Punkt war nun bisher alle sein Wünschen und Trachten
gespannt gewesen - bis auf diesen Punkt heftete sich die Aufmerksamkeit eines
grossen Teils von Menschen auf ihn - und wenn nun dies vorbei wäre, so sollte das
alles nachlassen, und die ganz alltäglichen Szenen des Lebens sollten dann
wiederkommen. - Dieser Gedanke erweckte in Reisern sehr oft den sonderbaren, im
Ernst gemeinten Wunsch, dass er am Ende seiner Rede hinfallen und sterben möchte.
- Nun fügte es sich, dass gerade an dem Tage, da die Rede gehalten wurde, eine
ausserordentliche Kälte einfiel, wodurch mancher zurückgehalten wurde, so dass die
Anzahl der Zuhörer etwas kleiner wie gewöhnlich, aber die Versammlung doch immer
noch glänzend genug war. - Indes kam Reisern an diesem Tage alles so tot, so öde
vor; die Phantasie musste zurücktreten - das Wirkliche war nun da - und eben dass
nun dies, wovon er so lange geträumt hatte, schon wirklich und nichts weiter als
dies war, machte ihn nachdenkend und traurig - denn nach diesem Massstabe mass er
nun die ganze Zukunft des Lebens ab - alles war ihm hier wie im Traume, wie in
dunkler Entfernung - er konnte es sich nicht recht vors Auge bringen - mit
melancholischen Gedanken bestieg er den Kateder - und während dass die Musik
ertönte, ehe er noch anfing zu reden, dachte er an ganz etwas anders als an
seinen gegenwärtigen Triumph - er dachte und fühlte die Nichtigkeit des Lebens -
die angenehme Vorstellung seines gegenwärtigen wirklichen Zustandes schimmerte
nur wie durch einen trüben Flor durch. -
    Um die Fortschritte, welche er damals in Ansehung des Ausdrucks seiner
Gedanken gemacht hatte, zu bezeichnen, ist es vielleicht nicht unzweckmässig, aus
der Rede, die er hielt, einige Stellen herauszuheben. Sie hub an:
Welch ein Weihrauch steigt so sanft von Wonnegefilden
Durch den Äter hinauf bis hin zum Trone der Gotteit? -
O sie sind's - die Gebete glücklicher Völker - sie wallen
Für Charlotten so sanft hinauf zum Ewgen - und flammen usw.
- - Georg! - rauscht
Harfen! tönet Jubelgesang von ganzen beglückten
Nationen laut! - Und verstumme mein Lied! Denn vergebens
Wagst du's, sein Lob, Georgens Lob zu erschwingen - so wagts oft
Kühn des Adlers Flug bis zur Sonne sich zu erheben,
Schwingt sich hoch über Felsen und Berg' und Wolken empor, dünkt
Nun sich ihr näher und merkt nicht, dass sein Schneckenflug immer
Doch auf der Erde verweilt, die ihm schon entschwand - welche Töne
Klängen stark und harmonisch genug, Georgens erhabner
Tugend göttliche Harmonie nur schwach nachzubilden? - usw.
- - Und Georg hebt sich nun auf den Gipfel
Seiner Gröss' empor - denkt ernst an das Wohl seiner Völker,
Denkt es - und schafft es - Und unerschüttert vom Donner
Steht er nun da - wie die Zeder Gottes - mit ihrem wohltätgen
Schatten schützt sie Gevögel und Wild - und der Sturmwind verschwendet
An ihren Blättern sein Toben und kräuselt ihr laubigtes Haar. - So
Sicher in den Stürmen, die seine Scheitel umdonnern,
Steht Georg - Wenn Völker toben - Doch du getreues
Volk deinem König, verhülle nur dein Antlitz und weine!
Siehe nicht, wie dein Bruder im fernen Lande sich auflehnt
Gegen seinen König. - - usw.
Jedes fühlende Herz wallt heute Charlotten entgegen
Und verzeihts dem schwächern Jüngling - der es auch wagte
Und Charlotten sang - doch still, mein Lied, denn von fern rauscht
Schon des Volks Frohlocken, das seiner Königin heute
Seinen Weihrauch streut - und laut: es lebe Charlotte!
Ruft, dass Wald und Gebürg' es widerhallen: sie lebe!
Reiser hatte sich bei Verfertigung dieser Rede ein Ideal in seinem Kopfe
gebildet, das ihn wirklich begeisterte - wozu denn das kam, dass er von diesen
Gegenständen öffentlich reden sollte. -
    Der Gedanke füllte gleichsam die Lücken aus, wo seine Begeisterung aufhörte
oder ermattete. -
    Da er aber nun freilich von seinem Gegenstande wenig oder gar nichts wusste,
so bemühte er sich, eine Anzahl Lobreden, die auf den König und die Königin
schon gehalten waren, in die Hände zu bekommen; diese las er durch und
abstrahierte sich daraus sein Ideal, ohne sonst aus einer einzigen sich auch nur
eines Ausdrucks zu bedienen - dies vermied er so sorgfältig, als er nur immer
konnte; denn vor dem Plagiat hatte er die entsetzlichste Scheu - so dass er sich
sogar des Ausdrucks am Schluss seiner Rede: dass Wald und Gebürg' es widerhallen,
schämte, weil einmal in Werters Leiden der Ausdruck steht: dass Wald und Gebürg'
erklang - ihm entschlüpften zwar oft Reminiszenzien, aber er schämte sich ihrer,
sobald er sie bemerkte. -
    An dem Tage nun, da er die Rede gehalten hatte, war er, wie ich schon
bemerkt, niedergeschlagener wie jemals - denn alles war ihm doch so tot, so leer
- und es war nun vorbei - womit seine Einbildungskraft sich so lange beschäftigt
hatte. -
    Den Nachmittag wurde er nebst den andern beiden, die Reden gehalten hatten,
bei dem ersten Bürgermeister, der zugleich Scholarch war, zum Kaffee gebeten;
dies war ihm eine ganz ungewohnte Ehre - er wusste sich nicht recht dabei zu
nehmen - und wurde nicht eher wieder heiter, als bis er sein schönes Kleid
ausgezogen hatte und des Abends wieder zu seinem Essigbrauer kam, wo Winter und
S ... und Philipp Reiser auch schon waren, die sich seines Glücks nun wirklich
freuten, und deren Teilnehmung ihm mehr wert war als alle das Glänzende dieses
Tages. -
    Reiser erhielt nun noch mehr Unterrichtsstunden, wodurch sich seine Einnahme
so verbesserte, dass er sich ein bessres Logie mieten, zuweilen einige seiner
Mitschüler zum Kaffee bitten und für einen Primaner auf einen ganz ansehnlichen
Fuss leben konnte - nun aber deuchte ihm das Geld, was er einnahm, gegen seine
sonstigen Einkünfte und Bedürfnisse gehalten so viel, dass ihm die Kostbarkeit
desselben und die Notwendigkeit des Zusammenhaltens auch nicht im mindesten
einleuchtete - er wurde auf die Weise durch seine stärkere Einnahme ärmer, als
er vorher war; und eben das, was eine Wirkung seines günstigen Glücks war, wurde
in der Folge wieder die Quelle seines Unglücks. -
    Da er nun aber die Achtung aller derer, die ihn kannten, und derer, von
welchen sein Glück abhing, so plötzlich und so unerwartet wiedergewonnen hatte,
so machte dies natürlicherweise einen Eindruck auf sein Gemüt, der ihn zu einem
edlen Bestreben anspornte, diese Achtung immer mehr zu verdienen - er fing an,
die Stunden des öffentlichen Unterrichts sorgfältiger wie jemals zu nutzen und
vorzüglich durch Aufschreiben sich, soviel er nur konnte, davon zu eigen zu
machen. -
    Die Übungen im Deklamieren währten fort - und Reiser verfertigte zu diesem
Endzweck noch ein Gedicht über die Mängel der Vernunft - ein Tema, das der
Direktor zur Ausarbeitung aufgegeben hatte. - Reiser brachte hier alle seine
Zweifel hinein, die er schon so lange mit sich herumgetragen hatte. - Die
Begriffe Alles und Sein als die höchsten Begriffe des menschlichen Verstandes
gnügten ihm nicht - sie schienen ihm eine enge und ängstliche Einschränkung zu
sein - dass nun damit alles menschliche Denken aufhören sollte - ihm fielen die
Worte des sterbenden alten Tischers ein - alles, alles, alles! - dass er
gleichsam da, wo sich ein neues Dasein von dem alten scheidet, diesen höchsten
Grenzbegriff so oft wiederholte - die Scheidewand sollte gleichsam
durchgebrochen werden. - Alles und Dasein mussten wieder untergeordnete Begriffe
von einem noch höhern, vielumfassendern Begriffe werden - alles, was ist - muss
noch etwas neben sich leiden, etwas - das zugleich mit allem, was ist, unter
etwas Höherem, etwas Erhabenerem begriffen wird - warum soll unser Denken die
letzte Grenze sein? - wenn wir nichts Höheres sagen können als alles, was da
ist, soll denn eine höhere und die höchste Denkkraft auch nichts Höheres sagen
können? - Der sterbende Tischer wollte vielleicht mehr sagen, als er sein alles
zweimal wiederholte, aber seine Zunge oder seine Gedanken versagten ihm - und er
starb. -
    Dies waren die sonderbaren Ideen, die Reiser in sein Gedicht über die Mängel
der Vernunft brachte, das unter andern die Worte entielt:
Das All, das die Vernunft im kühnsten Flug erschwingt,
Wie weit ists noch von dem, wonach der Seraph ringt? -
Zuletzt endigte sich denn das Gedicht auf eine sehr ortodoxe Weise, dass man
also doch zu dem Licht der Offenbarung am Ende seine Zuflucht nehmen müsse:
Ein Licht, das vor uns her durch dunkle Schatten geht
Und unsern Pfad erhellt - weh dem, der es verschmäht! -
Den Schluss billigte der Direktor sehr; das Ganze des Gedichts aber hielt er, wie
auch sehr natürlich war, für unverständlich. -
    Ein andermal arbeitete Reiser wieder ein Gedicht über die Zufriedenheit -
gleichsam zu seiner eignen Belehrung oder zur eignen Richtschnur seines Lebens
aus - nachdem er nun aber alle Beruhigungsgründe bei den Widerwärtigkeiten des
Lebens durchgegangen war und sich gleichsam in eine sanfte Stille eingewiegt
hatte, so erwachte doch am Ende wieder seine schwarze Melancholie - und er
beschloss die Reihe der sanften Empfindungen, welche in diesem Gedicht
ausgedrückt waren, doch am Ende mit folgenden Ausdrücken der Verzweiflung:
Doch machen ungemessne Leiden
Dir hier dein Leben selbst zur Qual -
Und findest du dann keinen Retter
Und keinen End'ger deiner Not -
Sieh auf! - er kömmt im Donnerwetter -
O grüsse, grüsse deinen Tod!
Indem er einem solchen Gedanken nachhing, empfand er oft eine Art von
qualenvoller Wonne, wenn es dergleichen geben kann. -
    Dies Gedicht war gleichsam ein Gemälde aller seiner Empfindungen, die, wenn
sie auch sanft und ruhig anhuben, sich doch gemeiniglich auf die Weise zu
endigen pflegten. - Zu diesem Gange der Empfindungen war nun einmal durch alle
die unzähligen Kränkungen und Demütigungen, die er von Jugend auf erlitten
hatte, sein Gemüt gestimmt - bei der heitersten lachendsten Aussicht zog sich
das schwarze Melancholische immer wieder wie eine Wolke vor seine Seele. -
    Sobald sich auch sein Ausdruck dahin lenkte, wurde er natürlich und wahr. -
Wie er denn einmal den Auftrag erhielt, für jemanden verliebte Klagen zu
dichten. - Eine Situation, in welche er sich mit aller Anstrengung nicht
versetzen konnte, denn weil er gar nicht glaubte, dass er von einem Frauenzimmer
je geliebt werden könnte - indem er sein ganzes Äussre einmal für so wenig
empfehlend hielt, dass er gänzlich Verzicht darauf getan hatte, je zu gefallen;
so konnte er sich nie in die Lage eines solchen setzen, der darüber klagt, dass
er nicht geliebt wird - was er also hievon wusste, das dachte er sich bloss, ohne
es je empfinden zu können. - Demohngeachtet gerieten ihm die verliebten Klagen,
die er entwarf, nicht ganz übel, weil er das kurz darin zusammendrängte, was er
aus Romanen und Philipp Reisers Unterredungen wusste.
    - Zuletzt aber dachte er sich nun den Liebhaber in einem Zustande, wo er vom
Überrest seiner Leiden niedergedrückt der Verzweiflung nahe ist, und ohne nun
ferner auf die Ursach der Verzweiflung Rücksicht zu nehmen, dachte er sich nun
den Verzweiflungsvollen und konnte sich wieder in seine Stelle versetzen. - Der
letzte Vers dieser verliebten Klagen schien ihm daher auch unter den Händen zu
geraten. -
Im tiefsten, schwarzen Hain,
Wohin kein Wandrer kam,
Wo Todes Vögel schrein -
Am ausgehöhlten Stamm
Der Eiche will ich trostlos weinen,
So lange Stern' am Himmel scheinen,
Bis unter meiner Klagen Laut
Der Morgen taut. - -
Zuweilen fing ihm nun auch sogar das Zärtliche an zu gelingen, wenn es mit einer
gewissen sanften Schwermut vergesellschaftet war - so machte er z.B. für
jemanden ein Abschiedsgedicht an dessen Geliebte - das sich nach einer bittern
Klage über die Trennung schloss:
Den Abschied? - O ich kann nur weinen -
Mein Herz ist schwer und tränenvoll -
Dir müssen heitre Tage scheinen -
Geliebte - o leb wohl, leb wohl!
Und in seiner Rede an der Königin Geburtstage war folgende Stelle, die ich
vorher nicht mit ausgezogen habe, eigentlich diejenige, wobei er am meisten und
am wahrsten empfunden hatte:
- - Sie lächelt - und die Fröhlichen jauchzen -
Und die Traurigen trocknen vom nassen Auge die Zähre,
Heitern den trüben Blick auf zur Freud' und lächeln und segnen
Auch dem Tag entgegen, der ihnen Charlotten zum Trost gab. -
Auch er rechnete sich in Gedanken mit unter diese Zahl der Traurigen, die den
trüben Blick zur Freude aufheitern. - Und er fand weit mehr Süssigkeit darin,
sich unter der Zahl der Traurigen als unter der Zahl der Fröhlichen zu denken. -
Dies war wiederum the Joy of grief (die Wonne der Tränen), wohin von Kindheit an
sein Herz hing. -
    So brachte er nun den Winter ziemlich glücklich zu - aber da nun einmal
seine Phantasie so lebhaft angeregt und sein Gemüt durch so viele sich
durchkreuzende Wünsche und Hoffnungen bis auf den stärksten Grad in Bewegung
gesetzt war, so musste er notwendig anfangen, das Einförmige in seiner Lage zu
empfinden. - Er war in seinem neunzehnten Jahre - fünf Jahre hatte er schon die
Schule besucht und wusste noch nicht, wann er die Universität würde beziehen
können. - Es fing an, ihm wieder so enge in Hannover zu werden, beinahe wie
damals, da ihm die Reise nach Braunschweig zu dem Hutmacher bevorstand. - Alle
seine Gedanken fingen allmählich an, ins Weite zu gehn - er träumte sich in eine
romanhafte Zukunft hin. -
    Und da nun der Frühling herankam, so erwachte auf einmal eine sonderbare
Begierde zum Reisen in ihm, die er bis dahin noch nie in dem Grade empfunden
hatte. -
    Bremen liegt zwölf Meilen von Hannover, und bis an den Ort, wo Reisers
Eltern wohnten, war grade die Hälfte Weges bis nach Bremen - und nun von Bremen
die Weser hinunter bis nach der See zu fahren - das war das grosse Projekt, womit
sich Reiser schon seit einigen Wochen trug - und seine Einbildungskraft
spiegelte ihm Wunderdinge von dieser Reise vor. -
    Der Anblick der Weser - der Schiffe - einer Handelsstadt - beschäftigten
seine Seele im Wachen und im Traume. - Er liess sich von einem seiner Mitschüler
an dessen Bruder, welcher in Bremen ein Kaufmannsdiener war, einen Brief
mitgeben und trat nun mit einem Dukaten in der Tasche seine Reise zu Fusse an. -
    Dies war nun die erste sonderbare romanhafte Reise, welche Anton Raiser tat,
und von der Zeit fing er eigentlich an, seinen Namen mit der Tat zu führen. -
    Er hatte sich zu dieser Reise mit einer Spezialkarte von Niedersachsen -
einem tragbaren Tintenfass - und einem kleinen Buche von weissem Papier versehen,
um über seine Reise unterwegs ein ordentliches Journal führen zu können. -
    Mit jedem Schritte, den er tat, nachdem er aus den Toren von Hannover war,
wuchs gleichsam seine Erwartung und sein Mut - und er war von seiner Reise so
begeistert, dass er schon ein paar Meilen von Hannover sich auf einem Hügel an
der Landstrasse setzte, sein Tintenfass, das mit einem Stachel versehen war, vor
sich in die Erde pflanzte und auf diese Weise halbliegend anfing, in seinem
Journal zu schreiben - es fuhren unten einige Kutschen vorbei, und die Leute,
denen ein schreibender Mensch auf einem Hügel an der Landstrasse freilich ein
sonderbarer Anblick sein musste, lehnten sich weit aus dem Schlage, um ihn zu
betrachten - dies beschämte ihn etwas - aber er erholte sich bald wieder von der
unangenehmen Wirkung, die dies neugierige Angaffen zuerst auf ihn tat, indem er
sich in Ansehung dieser Menschen, die ihn nicht kannten, seine Existenz
hinwegdachte - er war für diese Menschen gleichsam tot - darum schloss er auch
den Aufsatz, welchen er auf dem Hügel an der Landstrasse in sein Taschenbuch
schrieb, mit den Worten:
Was kümmert mich der Leute Tun,
Wenn ich im Grabe bin?
Und nun setzte er seinen Stab weiter fort, kam am Abend in der Dämmerung vor dem
Dorfe, wo seine Eltern wohnten, dicht vorbei, erkundigte sich nach dem nächsten
Dorfe, das auf dem Wege nach Bremen zu lag, und da es nur noch eine Viertelmeile
weit war, so ging er bis dahin und übernachtete in diesem Dorfe. - Den andern
Tag wanderte er denn über die öde dürre Heide fort und erfragte sich den Weg von
einem Dorfe zum andern - konnte aber Bremen nicht erreichen - sondern musste noch
einmal in einem Dorfe, welches das letzte von Bremen war, übernachten - - und
den dritten Tag erreichte er denn seinen sehnlichsten Wunsch - er erblickte die
Türme von Bremen - sah nun das wirklich vor sich, womit seine Phantasie sich
schon so lange beschäftigt hatte. - Er hatte ausser Hannover und Braunschweig
noch keine beträchtliche Stadt gesehen - und Bremen war ihm schon durch den
Klang des Namens so merkwürdig geworden - seine Phantasie hatte der Stadt ein
graues schwärzliches Ansehen gegeben - er war nun äusserst begierig, die Stadt
inwendig zu betrachten - und wagte es, ohne Pass ins Tor zu gehen, indem er sich
auf Befragen, wer er wäre, für einen Einwohner der Stadt, und da man noch
genauer fragte, für einen von den Leuten des Prinzipals von dem Kaufmannsdiener
ausgab, an den er einen Brief abzugeben hatte, worauf man ihn denn passieren
liess. -
    Sobald er nun in der Stadt war, durchwanderte er erst ein paarmal die
Strassen, und dann war sein erstes, dass er sich erkundigte, ob nicht etwa einer
von den grossen Kähnen, die auf der Weser lagen, nach der Mündung schiffen würde,
wo noch zu Bremerlehe die hessischen Truppen lagen, die nach Amerika bestimmt
waren und damals gerade absegeln sollten. -
    Es fügte sich, dass gerade einer von den Kähnen abging, und Reiser begab sich
nun zum ersten Male in seinem Leben zu Schiffe - und fuhr noch an demselben Tage
bis sechs Meilen jenseit Bremen, wo angelegt und in einem Dorfe übernachtet
wurde. -
    Diese Schiffahrt, ob es gleich stürmisches und regnigtes Wetter war, machte
Reisern unendliches Vergnügen, indem er mit seiner Landkarte in der Hand auf dem
Verdeck stand und die Örter an beiden Ufern, deren Namen er nun wusste, die
Musterung vor sich vorbeipassieren liess - er ass und trank mit den Schiffern und
kehrte am Abend mit ihnen in die Herberge ein. -
    Von da wollte er den andern Morgen mit einem andern Schiffe weiter bis an
die Seeküste fahren, er sah schon in Gedanken die ungeheuren Wasserfluten vor
sich, und seine Einbildungskraft war gerade bis auf den höchsten Grad gespannt,
da ihm plötzlich eine Sache einfiel, die er die ganze Reise über noch nicht
reiflich erwogen hatte, ob nämlich auch seine Börse zureichen würde - und wie
erschrak er, da er sich von dem Schiffer seine Rechnung machen liess und, nachdem
er sie bezahlt hatte, nur noch wenige Groschen übrig behielt. -
    Er getraute sich nun den Abend nicht zu essen, sondern gab Kopfweh vor und
liess sich sogleich sein Bette zeigen - hier machte er fast die halbe Nacht
Entwürfe, wie er nun mit Ehren aus diesem Gastofe kommen sollte, wenn etwa
seine Zeche mehr betrüge als die wenigen Groschen, die er noch übrig hatte. -
    Da er sich nun am andern Morgen erkundigte, wieviel er bezahlen müsse, so
langten zufälligerweise die wenigen Groschen, die er noch hatte, gerade zu, aber
er behielt auch nicht einen Heller übrig und befand sich nun achtzehn Meilen von
Hannover, zwölf Meilen von dem Ort, wo seine Eltern wohnten, und sechs Meilen
von Bremen. - Er gab vor, dass er nun nicht nach der Seeküste mitfahren könne,
weil er überlegt habe, dass es ihn doch zu lange aufhalten würde, und so wanderte
er nun, froh, dass er noch so mit Ehren davongekommen war, aus seiner nächtlichen
Herberge den geraden Weg wieder auf Bremen zu. -
    Sein Brief an den Kaufmannsdiener in Bremen war nun noch seine einzige
Hoffnung - ohne diesen war er, zwölf Meilen weit bis zu dem Wohnorte seiner
Eltern, von aller Welt verlassen. -
    Er war noch nüchtern, wie er seine Reise antrat, und musste sich nun darauf
gefasst machen, den ganzen Tag so zu bleiben. - Der Weg, welcher anfangs längst
dem Ufer der Weser hinging, war sandigt und ermüdend - demohngeachtet aber ging
er gutes Muts fort, bis er gegen Mittag kam und die Sonnenhitze brennend wurde.
-
    Hunger, Durst und Müdigkeit überfielen ihn zugleich mit dem Gedanken, dass er
hier auf dem öden Felde fremd, ohne Geld und gleichsam von aller Welt verlassen
war - er suchte sich einige Brotkrumen aus der Tasche zusammen - und fand bei
dieser Gelegenheit noch zwei sogenannte Bremergroten, wovon jeder ohngefähr vier
Pfennige beträgt. -
    Dies war ihm unter allen Umständen so lieb, als hätte er einen Schatz
gefunden; er raffte alle seine übrigen Kräfte zusammen, um bald nach dem
nächsten Dorfe zu kommen, wo er sich für den einen Groschen ein wenig Bier geben
liess, das ihm nun eine ganz ungehoffte Erquickung war, denn er hatte sich einmal
darauf gefasst gemacht, die sechs Meilen bis Bremen nüchtern zurückzulegen. -
    Der Trunk Bier flösste ihm wieder neuen Mut ein, sowie das Vierpfennigstück,
das er doch nun noch in der Tasche hatte. -
    Freilich stellte sich auch der Hunger wieder ein, aber er suchte ihn zu
überwinden und blieb resigniert. - Ein armer Handwerksbursch gesellte sich
unterwegens zu ihm, der in dem Dorfe einkehrte und sich etwas zusammenbettelte.
- Und Reisern machte das sonderbare Verhältnis eine Art von Vergnügen, dass
dieser arme Handwerksbursch, der ihn vielleicht als einen wohlgekleideten
Menschen beneiden mochte, doch jetzt im Grunde reicher war als er. -
    Den Nachmittag erreichte er Vegesack und betrachtete hier mit hungrigem
Magen, was er noch nie gesehen hatte, eine Anzahl dreimastiger Schiffe, die in
dem kleinen Hafen lagen. - Dieser Anblick ergötzte ihn ohngeachtet des misslichen
Zustandes, worin er sich befand, unbeschreiblich - und weil er an diesem
Zustande durch seine Unbesonnenheit selber schuld war, so wollte er es sich
gleichsam gegen sich selber nicht einmal merken lassen, dass er nun damit
unzufrieden sei. -
    Gegen Abend erreichte er Bremen; aber ehe er an die Stadt kam, musste er sich
erst an das jenseitige Ufer der Weser übersetzen lassen, wofür gerade eine
Bremergrote bezahlt werden musste - dass er nun diesen gerade noch gespart hatte,
deuchte ihm wiederum ein ordentlicher Glücksfall, weil er sonst die Stadt nicht
mehr würde erreicht haben, woran ihm jetzt doch alles lag. -
    Mit Sonnenuntergang kam er denn endlich noch an das Stadttor, und weil er
ordentlich gekleidet war und das ganze Wesen eines Spazierengehenden annahm, der
zuweilen still stehet und sich nach etwas umsieht und dann wieder ein paar
Schritte weitergeht - so liess man ihn ungehindert durchpassieren. -
    Er fand sich also auf einmal wieder in dem Bezirk einer volkreichen Stadt,
wo ihn aber niemand kannte und er so verlassen und allein, indem er traurig über
das Geländer in die Weser hinabsah, auf der Strasse dastand, als wenn er auf
einer unbewohnten wüsten Insel gewesen wäre. -
    Eine Weile gefiel er sich gewissermassen in diesem verlassenen Zustande, der
doch so etwas Sonderbares, Romanhaftes hatte. - Da aber das vernünftige
Nachdenken über die Phantasie wieder den Sieg erhielt, so war freilich seine
erste Sorge, von seinem Briefe an den Kaufmannsdiener Gebrauch zu machen. -
    Wie gross war aber sein Erschrecken, da er sich in der Wohnung desselben nach
ihm erkundigte und erfuhr, dass er erst den Abend spät zu Hause kommen würde. -
Er blieb auf der Strasse nicht weit von dem Hause stehen - die Dunkelheit der
Nacht brach herein - in einen Gastof getraute er sich ohne Geld nicht zu gehen
- alle seine romanhaften Ideen, die ihm vorher diesen Zustand noch erleichtert
hatten, waren verschwunden, er empfand nichts als die grausame Notwendigkeit,
diese Nacht, von Hunger und Müdigkeit gequält, mitten in einer volkreichen Stadt
unter freiem Himmel zubringen zu müssen. -
    Indem er nun melancholisch dastand und sich verlegen nach allen Seiten
umsah, kam ein wohlgekleideter Mann dahergegangen, der ihn genau betrachtete und
ihn mit mitleidiger Miene fragte, ob er etwa hier fremd sei? - allein er konnte
sich nicht überwinden, diesem Manne seinen Zustand zu entdecken - sondern war
entschlossen, lieber auf alle Fälle die Nacht unter freiem Himmel zuzubringen,
welches er auch würde getan haben, wenn nach so vielen Widerwärtigkeiten sich
jetzt nicht wiederum ein glücklicher Umstand für ihn ereignet hätte. - Der
Kaufmannsdiener hatte sich nämlich aus der Gesellschaft, worin er sich befand,
losgerissen, um zu Hause etwas Notwendiges zu besorgen, und da er hörte, dass
jemand einen Brief von seinem Bruder an ihn habe abgeben wollen, der nachher in
der Nähe am Wasser spazieren gegangen wäre, so eilte er gleich, um den
Überbringer des Briefes, dessen Anschein man ihm beschrieben hatte, womöglich
aufzusuchen, und traf auch Reisern, den er gleich erkannte, wirklich an, da
dieser schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, die Nacht ein Obdach zu finden. -
    Sobald der junge Kaufmann nur die Handschrift seines Bruders erblickte, war
er gegen Reisern äusserst freundschaftlich und gefällig und erbot sich sogleich,
ihn in einen Gastof zu führen. - Reiser entdeckte ihm denn seinen wahren
Zustand, freilich mit einigen Erdichtungen; - er sei nämlich wider seine
Gewohnheit zum Spiel verleitet worden und habe alle seine Barschaft verloren -
denn dass er sich mit zu wenigem Gelde zu dieser Reise versehen habe, schämte er
sich zu sagen, weil er dadurch noch mehr in der Meinung des jungen Menschen, von
dem er jetzt allein Hülfe erwarten konnte, zu verlieren glaubte. -
    Aber nun änderte sich auf einmal sein widriges Schicksal - der Kaufmann
erbot sich sogleich, ihm so viel vorzustrecken, dass es ihm an nichts fehlen
sollte - er führte ihn in einen angesehenen Gastof, wo Reiser auf seine
Empfehlung auf das beste bewirtet wurde und nun den Abend so vergnügt zubrachte,
dass ihm alle Beschwerden des Tages vielfältig ersetzt wurden. -
    Einige Gläser Wein, die er noch in Gesellschaft des Kaufmannsdieners trank,
taten nach der Ermüdung und Entkräftung eines ganzen Tages eine so
ausserordentliche Wirkung auf seine Lebensgeister, dass er fast die ganze
Gesellschaft, die sich alle Abend hier zu versammlen pflegte, mit Anekdoten von
Hannover und lustigen Einfällen, die ihm sonst gar nicht gewöhnlich waren,
unterhielt und sich den Beifall aller der Personen in diesem kleinen Zirkel
erwarb, worunter sich auch derjenige mit befand, der ihn den Abend traurig und
verlassen auf der Strasse stehen sah und unter allen den vorübergehenden Leuten
der einzige gewesen war, dem ein ganz fremder Mensch, welcher traurig und
verlassen dastand, wichtig genug schien, dass er sich um ihn bekümmerte und ihn
anredete. - Reiser gewann dadurch eine ausserordentliche Zuneigung zu diesem
Manne, denn ein solches Anreden und Besorgtsein um den Zustand eines ganz
fremden Menschen, der wie verlassen und hülfebedürftig zu sein scheint, ist doch
eigentlich die allgemeine Menschenliebe, woran man den frommen Samariter von dem
vorübergehenden Priester und Leviten unterscheiden kann. -
    Reiser hatte nicht leicht in seinem Leben einen Abend vergnügter zugebracht
als diesen, wo er sich in einer fremden Stadt in einem ganz fremden Zirkel von
Menschen geachtet sah, ins Gespräch gezogen und mit aufmunterndem Beifall
angehört wurde. -
    Der Kaufmannsdiener nötigte ihn nun selbst, sich noch einige Tage in Bremen
aufzuhalten, zeigte ihm die Merkwürdigkeiten der Stadt, und Reiser fand nun an
eben dem Orte, wo er erst fremd, von keinem Menschen bemerkt, einsam und
verlassen auf der Strasse stand, so viele Menschen, die sich für ihn
interessierten, mit ihm sich unterredeten und mit ihm ausgingen, dass er an diese
Personen, die ihm so viele zuvorkommende gutmütige Höflichkeit und
Freundschaftsbezeigungen erwiesen, eine Art von Anhänglichkeit bekam, welche es
ihm schwer machte, sich nach einer so kurzen Zeit schon wieder auf immer von
ihnen zu trennen.
    Er speiste des Mittags in einer ansehnlichen Tischgesellschaft, wo ihm als
einem Fremden immer mit ausgezeichneter Höflichkeit begegnet wurde, - eine
Behandlung, die er bis jetzt noch eben nicht gewohnt gewesen war. - Der
Kaufmannsdiener streckte ihm so viel vor, dass er nicht nur seine Rechnung im
Gastofe bezahlen, sondern auch mit Bequemlichkeit wieder nach Hannover
zurückreisen konnte, welches er nun freilich zu Fusse tat. -
    Und da ihm nun diesmal sein unbesonnener Anschlag so gut gelang, so bildete
sich zuerst unvermerkt der Keim zu dem Gedanken in ihm, sein Glück nicht länger
in seiner bisherigen eingeschränkten Lage abzuwarten, sondern es in der weiten
Welt, die ihm offen stand, selbst aufzusuchen. -
    Er hatte in einer fremden Stadt eine ganze Anzahl Menschen gefunden, die
sich um ihn bekümmerten, teil an ihm nahmen und ihm seinen Aufentalt angenehm
machten; lauter Sachen, die er in Hannover nie gewohnt gewesen war. - Er hatte
Abenteuer überstanden und in einem kurzen Zeitraum den schnellsten Glückswechsel
erfahren - indem er kaum eine Stunde vorher noch von aller Welt verlassen und
unmittelbar darauf sich in einem Zirkel von Menschen befand, die alle auf ihn
aufmerksam waren und ihn in ihre Gespräche zogen. -
    Was Wunder, dass nun dadurch der Gedanke bei ihm rege wurde, die traurige
Einförmigkeit seines bisherigen Aufentalts und seiner bisherigen Verhältnisse
mit dergleichen Abwechselungen zu vertauschen - wodurch er, ohngeachtet aller
Beschwerlichkeiten, die er darüber erdulden musste, doch seine Seele auf eine
angenehme, vorher noch nie empfundene Art erschüttert fühlte. -
    Selbst die Wehmut, die er empfand, da ihm nun die Tore der Stadt, in welcher
er noch gestern mit einer Anzahl ihm wohlwollender Menschen vertraulich an einem
Tische gesessen hatte, aus den Augen schwanden und er also nun sogar die letzten
hervorragenden Spuren dieses ihm in der kurzen Zeit so liebgewordenen Ortes aus
seinem Gesichtskreise verloren hatte - selbst diese Wehmut hatte einen
nieempfundenen Reiz für ihn - er kam sich selber grösser vor, weil er
eigenmächtig ganz ohne irgendeinen äussern Antrieb - nun zum ersten Male eine
Reise nach einer ganz fremden Stadt getan hatte, in der er binnen ein paar Tagen
mehr Menschen fand, die ihm wohlwollten, als er in Hannover ganze Jahre hindurch
nicht hatte finden können. -
    Das Wandern fing ihm an, so lieb zu werden - er phantasierte sich durch
tausend angenehme Vorstellungen die Ermüdung hinweg - wenn es dunkel wurde, so
betrachtete er den vor ihm sich hinschlängelnden Weg, auf den er beständig sein
Augenmerk heften musste, gleichsam wie einen treuen Freund, der ihn leitete. -
Dies wurde ihm denn zuletzt eine dichterische Idee - es wurde Bild,
Vergleichung, woran er tausend Dinge kettete. - Wie sich ein Wandrer an seinen
Weg hält; so getreu wie der Weg dem Wandrer - so - und so - . Dies Ideenspiel
verfolgte er im Gehen - und das Einförmige der Gegend bei der umgebenden
Dunkelheit und des immerwährenden Fussaufhebens verschwand ihm unmerklich und
machte ihn nicht verdriesslich. -
    Es war schon ganz dunkel, da er zu seinen Eltern kam, die sich freilich
wunderten, dass er dicht vor ihnen vorbeigegangen, erst nach Bremen gereist und
dann zu ihnen gekommen war. - Demohngeachtet aber nahmen ihn seine Eltern wegen
der vielen angenehmen Nachrichten, die sie von ihm erhalten hatten, diesmal mit
Freuden auf. -
    Und Reiser hatte nun so viel Stoff zu mystischen Unterredungen mit seinem
Vater gesammlet, dass sie diesmal sich oft bis in die Nacht unterhielten. -
Reiser suchte nämlich alle die mystischen Ideen seines Vaters, die er aus den
Schriften der Madam Guion geschöpft hatte von Alles und Eins, vom Vollenden in
Eins usw., metaphysisch zu erklären, welches ihm sehr leicht wurde - indem die
Mystik und Metaphysik wirklich insofern zusammentreffen, als jene oft eben das
vermittelst der Einbildungskraft zufälligerweise herausgebracht hat, was in
dieser ein Werk der nachdenkenden Vernunft ist. - Reisers Vater, der dies nie in
seinem Sohne gesucht hatte, schien nun auch eine hohe Idee von ihm zu bekommen
und ordentlich eine Art von Achtung gegen ihn zu hegen. -
    Die Neigung zur Schwermut aber behielt auch hier beständig bei Reisern das
Übergewicht. - Er stand mit seiner Mutter an der Türe, da das Kind eines
Nachbars begraben wurde und der Vater in tiefer Trauer mit hangendem Haar und
nassem Auge folgte. - - Wenn sie mich nur auch erst so hintrügen, sagte Reisers
Mutter, die freilich im Leben nicht viel Freude gehabt hatte, und Reiser, der
sich doch noch viel Freude versprechen konnte, stimmte innerlich so herzlich in
diesem Wunsch mit ein, als ob ihm das grösste Herzeleid widerfahren wäre. -
    Er nahm diesmal bei seiner Abreise von seiner Mutter und seinen Brüdern mit
mehrerer Rührung wie gewöhnlich Abschied - und wanderte zu Fuss wieder nach
Hannover. - Da er nun die vier Türme wieder erblickte, die er schon unter so
mancherlei verschiedenen Verhältnissen wiedergesehen hatte, so wandelte ihm
diesmal aufs neue ein ängstliches Gefühl an, da er aus der weiten Welt nun
wieder in diesen kleinen Umkreis aller seiner Verhältnisse und Verbindungen
zurückkehren sollte, das Allzubekannte dort deuchte ihm so fade. - Aber auf
einmal erheiterte sich seine Seele wieder, da er ins Tor getreten war und gleich
an einer Ecke einen Komödienzettel angeschlagen fand. - Dies überraschte ihn auf
die angenehmste Weise - sein erster Gang war wie vor drei Jahren nach dem
Schloss, wo das Teater war, und wo der Hauptzettel mit dem Verzeichnis der
Personen angeschlagen stand - man spielte den Clavigo, Brockmann den
Beaumarchais, Reinecke den Clavigo, die älteste Dem. Ackermann (die jüngere war
damals schon gestorben) spielte die Maria, Schröder den Don Carlos, die
Reinecken die Schwester der Maria, Schütz den Buenco und Böheim den Freund des
Beaumarchais. -
    So vortrefflich war die Rollenbesetzung in diesem Stück bis auf die
unbedeutendsten Nebenrollen. - Reiser kannte alle diese vortrefflichen
Schauspieler - war es wohl zu verwundern, dass seine Erwartung auf das höchste
gespannt wurde, aufs neue die Vorstellung eines Stücks von ihnen zu sehen, das
er zwar noch nicht gelesen hatte, wovon er aber wusste, dass es von dem Verfasser
der Leiden des jungen Werters war? -
    Durch diesen zufälligen Umstand, vergesellschaftet mit der Rückerinnerung an
die Abenteuer, die er auf seiner Reise gehabt hatte, bildete sich eine
sonderbare romantische Idee in seinem Kopfe, die nun wieder auf einige Jahre
seines künftigen Lebens einen sehr grossen Einfluss hatte. - Teater - und Reisen
- wurden unvermerkt die beiden herrschenden Vorstellungen in seiner
Einbildungskraft, woraus sich denn auch sein nachheriger Entschluss erklärt. -
    Er versäumte nun wieder nicht leicht einen Abend die Komödie - dadurch aber
wurde sein Kopf wieder so voll von teatralischen Ideen, dass ihm seine
eigentlichen Geschäfte des beständigen Lernens und Lehrens - denn er hatte fast
den ganzen Tag mit Unterrichtsstunden besetzt - schon zuweilen nicht recht mehr
zu schmecken anfingen und er sich dann kein Bedenken machte, dann und wann eine
der Stunden, wo er lehrte oder lernte, zu versäumen, indem er dann jedesmal
rechnete, dass es doch nur eine Stunde sei. -
    Nun wurden damals die Zwillinge von Klinger zuerst aufs Teater gebracht und
freilich mit aller möglichen Kunst dargestellt, indem Brockmann den Guelfo,
Reinecke den alten Guelfo, die Reinecken die Mutter, die Ackermann die Kamilla,
Schröder den Grimaldi und Lambrecht den Bruder des Guelfo spielte. -
    Dies schreckliche Stück machte eine ausserordentliche Wirkung auf Reisern -
es griff gleichsam in alle seine Empfindungen ein. - Guelfo glaubte sich von der
Wiege an unterdrückt - das glaubte er von sich auch - ihm fielen dabei alle die
Demütigungen und Kränkungen ein, denen er von seiner frühesten Kindheit an, fast
so lange er denken konnte, beständig ausgesetzt worden war. - Er vergass den
Fürstensohn und alle die Verhältnisse eines Fürstensohnes und fand nur sich in
dem unterdrückten Guelfo wieder. - Die bittre Lache, die Guelfo in der
Verzweiflung über sich selbst aufschlug, griff in Reisers innerste Empfindungen
ein - er erinnerte sich dabei aller der fürchterlichen Augenblicke, wo er
wirklich am Rande der Verzweiflung stand und eben eine solche Lache über sich
aufschlug - indem es sein eignes Wesen mit Verachtung und Abscheu betrachtete
und oft mit schrecklicher Wonne in ein lautschallendes Hohngelächter ausbrach. -
    Der Abscheu vor sich selber, den Guelfo empfand, indem er den Spiegel
entzweischlägt, worin er sich nach der Mordtat erblickt - und dass er nun nichts
wünscht, als zu schlafen - zu schlafen - das alles schien Reisern so wahr, so
aus seiner eignen Seele, die beständig mit dergleichen schwarzen Phantasien
schwanger ging, gehoben zu sein, dass er sich ganz in die Rolle des Guelfo
hineindachte und eine zeitlang mit allen seinen Gedanken und Empfindungen darin
lebte. -
    Während dass also nun auf dem Königlichen Opernteater von der Schröderschen
Gesellschaft Komödie gespielt wurde, kam auch die Zeit der Sommerferien heran,
wo die Primaner jährlich öffentlich eine Komödie aufzuführen pflegten. -
    Reiser zweifelte nicht, dass man ihm diesmal eine Rolle antragen würde, da er
doch nun, seitdem er die Rede auf der Königin Geburtstag gehalten hatte, einer
der angesehensten unter seinen Mitschülern war und daher auch gar nicht glaubte,
dass man ohne ihn die Sache anfangen würde. -
    Wie sehr erstaunte er also, da er vernahm, dass man die Sache dennoch ohne
ihn angefangen und sogar schon die aufzuführenden Stücke bestimmt und ihm nicht
einmal eine Rolle darin zugeteilt hatte. - Da er jetzt wirklich viele Freunde
und vielen Anhang unter seinen Mitschülern hatte, so konnte er sich diese
Zurückstellung erst gar nicht erklären, bis er denn freilich merkte, dass hier
ein solcher Rollenneid und ein so ängstliches Bemühen, einander den Rang
abzulaufen, stattfand, dass ein jeder genug für sich zu sorgen hatte und, wer
sich nicht mit Gewalt hinzudrängte, auch nicht gerufen wurde. -
    Reiser hat sich nachher oft an diesen Auftritt in seinem Leben
zurückerinnert und Betrachtungen darüber angestellt, wie in diesen kindischen
Bestrebungen nach einer so unbedeutenden Sache, als eine Rolle in einem Stücke
war, das von den Primanern in Hannover aufgeführt wurde, sich doch das ganze
Spiel der menschlichen Leidenschaften ebenso vollständig entwickelte, als ob es
die allerwichtigste Angelegenheit betroffen hätte; und wie das Streben
gegeneinander, dies Verdrängen und wieder Verdrängtwerden ein so getreues Bild
des menschlichen Lebens im kleinen war, dass Reiser alle seine künftigen
Erfahrungen hierdurch schon gleichsam vorbereitet sah. -
    Dies kam nun freilich wohl mit daher, weil den Primanern die Anordnung der
Schauspiele und die Besetzung der Rollen aus ihrem Mittel gänzlich überlassen
war. - Der Geist wurde dadurch gleichsam republikanisch - es konnten sich
mehrere Kräfte entwickeln - List und Verschlagenheit gebraucht und Kabalen
geschmiedet werden; wie es nur irgend bei der Wahl eines Parlamentsgliedes
geschieht - denn es wurden über dergleichen öffentliche Angelegenheiten, auch
wenn z.B. ein Aufzug mit Musik und Fackeln sollte veranstaltet werden,
ordentlich Stimmen gesammlet, wodurch einer zum Anführer bei dem Zuge oder zu
sonst etwas Öffentlichem gewählt wurde. -
    Reiser sah sich also nun auf einmal wieder, da er es am wenigsten
vermutete, von demjenigen ausgeschlossen, woran sein ganzes Herz jetzt mehr wie
jemals hing, und weswegen er vordem schon so viel erduldet hatte. - Er suchte
sich zwar mit dem Gedanken zu trösten, dass man ihn verkenne, dass ihm von seinen
Mitschülern Unrecht geschehen sei - aber dies wollte doch auf die Länge nicht
zureichen - vorzüglich kränkte es ihn, dass sein Freund Winter ihm nichts davon
gesagt hatte, der mit von der Gesellschaft der Spielenden war, und der es wusste,
wie sehr sein Herz an dieser Sache hing. -
    Aber dieser glaubte selbst in einem zu unvorteilhaften Lichte zu erscheinen,
wenn er denjenigen als ein Mitglied in Vorschlag brächte, auf den die
Aufmerksamkeit keines einzigen ausser ihm gefallen war. - Winter meinte es
deswegen übrigens noch gar nicht böse mit Reisern, sondern war nach wie vor sein
Freund, nur bis auf diesen Punkt nicht. - Eine Erfahrung, die mancher vielleicht
in seinem Leben öfter zu machen Gelegenheit gehabt hat. - Es hält schwer, in der
Freundschaft standzuhalten, wenn sich alles wider jemanden erklärt - man fängt
an, seinem eignen Urteil nicht recht mehr zu trauen, das immer noch einer Stütze
ausser sich zu bedürfen scheint, sei sie auch so klein sie wolle - wenn die Sache
nur noch von einem einzigen in Regung gebracht wird, so will man gern der zweite
sein, der einstimmt, nur der erste scheut sich ein jeder zu sein - und die
Freundschaft muss schon einen sehr hohen Grad erreicht haben, wenn sie hier der
entgegenstrebenden Politik nicht unterliegen soll. -
    Winter war sonst ein sehr aufrichtiger Mensch - und da Reiser ihn fragte,
was unter ihm und einer Anzahl seiner Mitschüler, die immer zusammenkämen, im
Werke sei, so gab ihm Winter erst ohne Umschweife zu verstehen: er wolle es ihm
nicht sagen - bis Reiser weiter in ihn drang und dann doch die ganze Sache
erfuhr - wo dann jener sich damit aus der Verlegenheit zog, dass er die ganze
Sache als unbedeutend vorstellte und als etwas, das doch wohl schwerlich
zustande kommen würde usw.
    Diese Erfahrung, die Reiser damals zuerst an seinem Freunde Winter machte,
hat er nachher nur zu oft in seinem Leben wieder bestätigt gefunden. -
    Ausser Reisern war nun Iffland, von dem ich schon erwähnt habe, dass er
nachher einer der beliebtesten dramatischen Schriftsteller geworden ist,
derjenige, welcher sich unter der damaligen Generation der Primaner in Hannover
in Ansehung seines Kopfes am mehrsten auszeichnete - und an den sich Reiser
schon vor einigen Jahren anzuschliessen gesucht hatte. - Allein die
Verschiedenheit ihrer Glücksumstände hatte dieses Aneinanderschliessen damals
gehindert. -
    Da nun aber Reiser angefangen hatte, sich auszuzeichnen, so fing Iffland von
selber an, sich an ihn zu schliessen - und sie unterredeten sich oft bei ihren
einsamen Spaziergängen über ihre künftige Bestimmung in der Welt. - Iffland
lebte auch ganz in der Phantasienwelt und hatte sich damals gerade ein sehr
reizendes Bild von der angenehmen Lage eines Landpredigers entworfen - er war
also entschlossen, Teologie zu studieren, und unterhielt Reisern fast beständig
mit der Schilderung jener stillen, häuslichen Glückseligkeit, die er dann im
Schoss einer kleinen Gemeinde, die ihn liebte, in seinem Dörfchen geniessen würde.
- Reiser, welcher dergleichen Spiele der Phantasie aus eigner Erfahrung kannte,
prophezeite ihm im voraus, dass er diesen Entschluss zu seinem eignen Besten wohl
nie in Erfüllung bringen würde: denn wenn er Prediger würde, so würde er
wahrscheinlich ein grosser Heuchler werden - er würde mit der grössten Hitze des
Affekts und mit aller Stärke der Deklamation doch immer nur eine Rolle spielen.
- Ein geheimes Gefühl sagte Reisern, dass dies bei ihm selber wohl der Fall sein
würde, darum konnte er jenem so gut den Text lesen. -
    Iffland ist nun freilich nicht Prediger geworden - aber es ist doch
sonderbar, jene Ideen von häuslicher stiller Glückseligkeit, die er damals so
oft gegen Reisern geäussert hat, sind doch nicht verloren gegangen, sondern fast
in allen seinen dramatischen Arbeiten realisiert, da er sie in seinem Leben
nicht hat realisieren können. -
    Da nun aber die Schauspieler wieder nach Hannover kamen, so wurden bei
Iffland alle jene reizenden Phantasien von stiller Glückseligkeit auf einem
Dorfe sehr bald verdrängt, und die herrschende Idee war nun bei ihm sowie bei
Reisern wieder das Teater. -
    Iffland war nun einer der vorzüglichsten Mitglieder der Gesellschaft, die
sich zum Aufführen der Komödie verbunden hatten, aber hier hatte er dennoch
seinen Freund Reiser auch vergessen. - Diese Vernachlässigung von denen, die er
noch für seine besten Freunde hielt, bei einer Sache, die ihm so sehr am Herzen
lag wie diese, war ihm äusserst kränkend. - Er sprach mit Iffland darüber, der
sich damit entschuldigte, er habe nicht geglaubt, dass Reiser zu der Sache noch
Lust habe. - Und was Reisern am meisten kränkte, war, als er hörte, dass er bei
der Rollenausteilung nicht etwa Feinde unter der Gesellschaft gehabt, die ihn
hätten ausschliessen wollen, sondern dass man gar nicht einmal an ihn gedacht,
seiner nicht einmal erwähnt hatte. -
    Da er sich nun indes erklärte, dass er an der Gesellschaft teilnehmen wolle,
so war man ihm nicht zuwider, wenn er mit einer von den Rollen, die noch übrig
waren, vorliebnehmen wollte. - Er musste sich denn hiezu entschliessen und erhielt
in dem ersten Stück, das aufgeführt wurde, in dem Deserteur aus Kindesliebe,
noch die Rolle des Peter, welche ihm freilich nicht die angenehmste war, die er
doch aber lieber als gar keine nahm. -
    Man wird die Erzählung dieser anscheinenden Kleinigkeiten nicht unwichtig
finden, wenn man in der Folge sehen wird, dass sie auf sein künftiges Leben einen
grossen Einfluss hatten, und dass die Rollenausteilung bei den Komödien, die er mit
seinen Mitschülern aufführte, gleichsam ein Bild von einem Teile seines
künftigen Lebens war. -
    Er wollte sich nicht zudrängen und war doch wieder nicht stark genug, es zu
ertragen, wenn man ihn vernachlässigte. -
    Da er nun ein Mitglied der teatralischen Gesellschaft geworden war, so
verleitete ihn dies zu vielen Ausgaben, die seine Einkünfte überstiegen - und zu
vielen Versäumnissen, die seine Einkünfte verminderten. - Er musste die
Gesellschaft zuweilen zu sich bitten, wie es ein jeder tat - und der öftern
Proben wegen, die angestellt wurden, manche seiner Unterrichtsstunden, die er
gab, versäumen. - Überdem war sein Kopf nun wieder beständig mit Phantasien
erfüllt - er war zu keinem anhaltenden und ernstaften Nachdenken, zu keinem
Fleiss im Studieren mehr aufgelegt. -
    Es bildeten sich nun schon Schriftstellerprojekte in seinem Kopfe - er
wollte ein Trauerspiel der Meineid schreiben. - Er sah schon den Komödienzettel
angeschlagen, worauf sein Name stand - seine ganze Seele war voll von dieser
Idee - und er ging oft wie ein Rasender in seiner Stube wütend auf und nieder,
indem er alle die grässlichen und fürchterlichen Szenen seines Trauerspiels
durchdachte und durchempfand. - Der Meineid gereute den Meineidigen zu spät, und
Mord und Blutschande war schon die Folge davon gewesen, als er eben im Begriff
war, von unaufhörlicher Gewissensangst getrieben, den Meineid durch Aufopferung
seines ganzen Vermögens, das er dadurch gewonnen hatte, wieder gutzumachen - und
der schmeichelhafteste Gedanke für Reisern war, wenn er dies Stück noch in
seinem jetzigen Stande, noch als Schüler vollenden würde, was man denn für
Erwartungen von ihm schöpfen - wie es dann noch weit mehr ihm zum Ruhm gereichen
müsste. -
    Schon in seinem neunten Jahre, da er in die Schreibschule ging, hatte er
sich mit einem seiner Mitschüler vorgenommen, dass sie zusammen ein Buch
schreiben wollten - und beide schmeichelten sich schon damals mit der Idee, wie
ihnen dies zum ewigen Ruhme gereichen würde. - Der Knabe, welcher damals den
Entwurf zu dem Buche mit ihm machte, das ihre beiderseitigen Lebensgeschichten
entalten sollte, war ein sehr guter Kopf, der sich aber nachher durch einen
übertriebenen Fleiss zugrunde richtete und im siebzehnten Jahre starb. -
    Mit diesem spielte er auch schon damals zuweilen, ehe die Stunde anging, und
wenn der Lehrer noch nicht da war, Komödie und fand immer in dieser Art von
Belustigung ein unbeschreibliches Vergnügen - ob er gleich damals noch gar keine
Komödie gesehen, sondern nur aus Erzählungen andrer einen ganz dunklen Begriff
davon hatte. - Was aber die Verfertigung des Buchs anbetraf, so war ihm das
damals schon eine so erhabene Idee - ein Buch war ihm eine so heilige und
wichtige Sache, deren Hervorbringung er kaum einem Sterblichen, wenigstens
keinem noch lebenden Sterblichen zutrauete. -
    Überhaupt war es ihm noch lange nachher immer eine sonderbare Idee, wenn er
hörte, dass die Personen, die irgendein berühmtes Werk geschrieben hatten, noch
lebten und also assen, tranken und schliefen wie er. - Da er in seinem
sechzehnten Jahre zum ersten Male Moses Mendelssohns Schriften las, so kam der
Name, der alte Homerskopf auf dem Titel, alles zusammen, um eine sonderbare
Täuschung bei ihm hervorzubringen, als ob dieser Moses Mendelssohn irgendein
alter Weiser sei, der vor Jahrhunderten gelebt hätte und dessen Schriften nun
etwa ins Deutsche übersetzt wären - er trug sich lange mit diesem Wahn herum,
bis er einmal zufälligerweise von seinem Vater hörte, dass dieser Mendelssohn
noch lebe, dass er ein Jude sei, auf den die ganze jüdische Nation sehr stolz
wäre, und dass Reisers Vater ihn selbst in Pyrmont gesehen habe, und wie er
aussähe usw. Dies brachte in Reisers Ideenzustande auf einmal eine grosse
Veränderung hervor - seine Vorstellungen vom Alten und Neuen, Gegenwärtigen und
Vergangnen mischten sich sonderbar durcheinander. - Er konnte sich nur mit Mühe
zu dem Gedanken gewöhnen, sich einen Mann als noch lebend vorzustellen, den
seine Einbildungskraft so lange in die vergangnen Jahrhunderte zurückversetzt
hatte. - Er dachte sich einen solchen Mann wie eine unter den Menschen wandelnde
Gotteit - und solche Menschen einst von Angesicht zu Angesicht zu sehen, mit
ihnen sich zu unterreden, das war der höchste seiner Wünsche. -
    Und nun hatte er sich doch im Ausdruck seiner Gedanken auf verschiedene Art
versucht; er fing an zu hoffen, dass ihm vielleicht einmal ein Werk des Geistes
gelingen würde, wodurch er sich den Weg in jenen glänzenden Zirkel bahnte und
sich das Recht erwürbe, mit Wesen umzugehen, die er bis jetzt noch so weit über
sich erhaben glaubte. - Daher schrieb sich vorzüglich mit die
Schriftstellersucht, welche schon damals anfing, ihn Tag und Nacht zu quälen. -
    Ruhm und Beifall sich zu erwerben, das war von jeher sein höchster Wunsch
gewesen; - aber der Beifall musste ihm damals nicht zu weit liegen - er wollte
ihn gleichsam aus der ersten Hand haben und wollte gern, wie es der natürliche
Hang zur Trägheit mit sich bringt, ernten ohne zu säen. - Und so griff nun
freilich das Teater am stärksten in seinen Wunsch ein. - Nirgends war jener
Beifall aus der ersten Hand so wie hier zu erwarten. - Er betrachtete einen
Brockmann, einen Reineck immer mit einer Art von Ehrfurcht, wenn er sie auf der
Strasse gehen sah, und und was konnte er mehr wünschen, als in den Köpfen
anderer Menschen einst ebenso zu existieren, wie diese in seinem Kopfe
existierten. - So wie jene Leute vor einer so grossen Anzahl von Menschen, als
sonst nur selten oder nie versammelt sind, alle die erschütternden Empfindungen
der Wut, der Rache, der Grossmut nacheinander durchzugehen und sich gleichsam
jeder Nerve des Zuschauers mitzuteilen, - das deuchte ihm ein Wirkungskreis, der
in Ansehung der Lebhaftigkeit in der Welt nicht seinesgleichen hat. -
    Allein er war nun freilich zu spät zu der teatralischen Gesellschaft
getreten, um eine Rolle, wie er sie sich wünschte, zu erhalten, welches ihn
ausserordentlich kränkte. - Indes freute es ihn doch wieder, dass er nur noch eine
Rolle bekam, da er den Ersatz erhielt, dass ihm die Verfertigung eines Prologs zu
dem Deserteur aus Kindesliebe aufgetragen wurde, welcher nebst dem
Personenverzeichnis gedruckt werden sollte. -
    Nun wartete man nur darauf, bis die ordentlichen Schauspieler wieder
wegreisen würden, um alsdann ebenfalls auf dem grossen Königlichen Opernteater
zu spielen, wozu sich die Primaner selbst die Erlaubnis erbeten hatten - so dass
diesmal diese dramatischen Übungen so glänzend wurden, wie sie noch niemals
gewesen waren. - Die ganze Einrichtung war dabei den jungen Leuten selbst
überlassen - und da nun Reiser mit von der Gesellschaft war, so nahm er doch
auch an allen öffentlichen Beratschlagungen und Debatten teil - eine Sache, die
er von altersher nie gewohnt gewesen war, und die ihm daher fremd vorkam - es
war ihm ordentlich, als käme es ihm nicht recht zu, wenn man ihn auch mit in
Betrachtung zog. -
    Ob er nun gleich eben keine äussere Veranlassung dazu hatte, so war ihm doch
die Einsamkeit noch immer lieb - und seine vergnügtesten Stunden waren, wenn er
etwa eine Strecke vor das Tor hinaus nach einer Windmühle ging, wo ringsumher in
einem kleinen Bezirk eine romantische Abwechselung von Hügeln und Tälern war,
und wo er sich im Garten in einer Laube eine Schale Milch geben liess und dabei
las - oder in seine Schreibtafel schrieb. - Dies war schon vor mehrern Jahren
einer seiner liebsten Spaziergänge, und er war auch oft mit Philipp Reisern da
gewesen. -
    Als Werters Leiden erschienen, fiel ihm bei den reizenden Beschreibungen
von Wahlheim sogleich diese Windmühle ein und die manchen süssen Stunden, welche
er einsam da genossen hatte.
    Dann war vor dem neuen Tore ein künstlich angelegtes, ganz kleines Wäldchen,
worin so viele Krümmungen und sich durchschlängelnde Pfade angebracht waren, dass
man das Wäldchen wenigstens für sechsmal so gross hielt, als es war, wenn man
darin herumirrte - man hatte ringsumher die Aussicht auf eine grüne Wiese, wo in
der Ferne hinter den einzelnen hohen Bäumen, unter denen Reiser so gern zu
wandern pflegte, und hinter dem kleinen Gebüsch, wo er sich so oft gelagert
hatte, der Fluss hervorschimmerte, mit dessen Ufern er ebenfalls, durch seine
öftern Spaziergänge an demselben, unter so manchen verschiednen Situationen
seines Lebens vertraut geworden war. - Oft wenn er am Ende dieses Wäldchens auf
einer Bank sass und in die weite Gegend hinausschaute, stiegen alle die
vergangnen Szenen seines Lebens, der Kummer und Sorgen, die er dort an so
manchem schwülen Sommertage mit sich herumgetragen hatte, wieder vor ihm auf,
und das Andenken daran versetzte ihn in eine stille Wehmut, der er mit Vergnügen
nachhing. - Er konnte auch in der Ferne die Brücke sehn, die über den Bach ging,
an dem er so manche Stunde gesessen und so manches gelesen und gedichtet hatte.
- Weil nun das Wäldchen so nahe vor der Stadt war, so pflegte er oft des Abends
im Mondschein hinauszugehn und auch wohl mitunter ein wenig zu siegwartisieren,
ohne doch den Siegwart gelesen zu haben, der erst ein Jahr nachher erschien. -
    Hier hatte er in dem vorigen Jahre, da er neunzehn Jahr alt war, an einem
rauhen Septemberabend seinen Geburtstag gefeiert - und sich selber die
heiligsten Gelübde getan, sein künftiges Leben besser als das vergangne zu
nutzen. -
    Auf diesen einsamen Spaziergängen verfertigte er denn auch seinen Prolog,
der sich wie seine Rede mit welch ein anfing; denn in das sanft klingende welch
ein hatte er sich ordentlich verliebt, es schien gleich eine solche Fülle von
Ideen zu fassen und alles Folgende hineinzufügen - er konnte sich keinen
vollklingendern Anfang denken und hub daher denn auch seinen Prolog an:
Welch eine Göttin geusst Entzücken
Ins Herz des Fühlenden?
Lässt mitleidsvoll vor seinen Blicken
Oft Szenen sanfter Freud' entstehn,
Und bildet ihre Haine schön
Sanfttraurender Melancholie?
Sie ists, des Himmels Phantasie -
Oft wandelt sie auf Blumenwegen
Mit ihm ins stille Tal hinab,
Zeigt ihm die Unschuld da in Hütten
Und Freuden, welche Gott ihr gab, usw.
Dieser Prolog wurde nun nebst dem Personenverzeichnis wie ein kleines Buch
gedruckt, und auf dem Titel stand: verfasst von Reiser, gesprochen von Iffland. -
Reiser sah sich also aufs neue gedruckt, und was noch mehr war, so erhielt er
von seinen Mitschülern den Auftrag, den Prinzen selbst zu der Komödie
einzuladen, welches er denn mit dem Degen an der Seite und in seinem Galakleide,
worin er die Rede gehalten hatte, tat. -
    Die Noblesse und Honoratioren der Stadt wurden nun auch von den jungen
Leuten selbst eingeladen, und Reiser erhielt hier wiederum Gelegenheit so wie
damals, da er die Rede gehalten hatte, einen Teil der grossen Welt in der Nähe zu
sehen, den er vorher nur noch aus einer grossen Entfernung angestaunt hatte - er
sah, dass die Minister, Grafen und Edelleute, mit denen er nun Gesicht gegen
Gesicht sprach, nicht so erstaunlich von ihm verschiedene Wesen waren, sondern
dass sie in ihren Äusserungen ebenso wie die gemeinsten Leute manchmal etwas
Sonderbares und Komisches hatten, wodurch der Nimbus um sie verschwand, sobald
man sie nur reden hörte und sich in der Nähe mit ihnen unterhielt. - So glänzend
nun Reisers Zustand schien, wenn er so über die Strasse paradierte und in den
ersten Häusern seine Cour machte, so war dieser Zustand doch im eigentlichen
Verstande ein glänzendes Elend zu nennen - denn durch das schlechte Verhältnis
seiner Ausgaben gegen seine Einkünfte wurden seine Umstände immer misslicher,
seine Lage immer ängstlicher. - Überdem drückte ihn das Einförmige seiner Lage,
und dass er noch keine Aussicht vor sich sah, die Universität mit Anstand zu
beziehen - auch war ihm nun jener Beifall aus der ersten Hand, den ein
Schauspieler einernten kann, so wichtig und so lieb geworden, dass sein Hang
immer mehr nach dem Teater als nach der Universität war. -
    Es war wirklich damals gerade die glänzendste Schauspielerepoche in
Deutschland, und es war kein Wunder, dass die Idee, sich in eine so glänzende
Laufbahn, wie die teatralische war, zu begeben, in den Köpfen mehrerer jungen
Leute Funken schlug und ihre Phantasie erhitzte - das war denn damals auch der
Fall bei der dramatischen Gesellschaft in Hannover - sie hatte gerade die
vortrefflichsten Muster, einen Brockmann, Reineck, Schröder zu einem Zweck der
Kunst vereinigt, täglich Lorbeern einernten sehen, und es war wirklich kein
unrühmlicher Gedanke, solchen Mustern nachzueifern. -
    Und um nun diesen Endzweck zu erreichen, brauchte man nicht erst drei Jahre
auf der Universität studiert zu haben. - Dann kam bei Reisern die
unwiderstehliche Begierde zum Reisen hinzu, welche sich seit der abenteuerlichen
Wallfahrt nach Bremen seiner bemächtigt hatte - und der Gedanke, sich aus allen
seinen bisherigen Verhältnissen, wo selbst das Beste ihm doch immer nur halb
geglückt war, hinauszuversetzen und sein Glück in der weiten Welt zu suchen,
fing allmählich an, bei ihm der herrschende zu werden - es war aber nur noch ein
blosses Spiel seiner Phantasie; er war noch nicht eigentlich entschlossen, die
Sache selbst ins Werk zu richten. -
    Während dieser Zeit besuchte ihn nun sein Vater in Hannover, den er jetzt
zum ersten Male in seiner Stube, die mit sehr guten Möbeln versehen und schön
austapeziert war, bewirten konnte. - Seinem Vater suchte er nun seine Lage von
der angenehmsten und vorteilhaftesten Seite zu schildern und stellte ihm das
Aufführen der Komödie als eine Sache vor, wodurch er nun sowohl wegen des
gedruckten Prologs als auch, weil er den Prinz selbst dazu eingeladen hätte,
wieder neue Aufmerksamkeit auf sich errege und sich ebenso wie durch die Rede an
der Königin Geburtstage im auffallenden Lichte wieder zeigen könnte. -
    Reisers Vater äusserte bei dieser Gelegenheit einen sehr wichtigen und wahren
Gedanken, dass solche Vorfälle, wo einer sich öffentlich zu seinem Vorteil zu
zeigen Gelegenheit hat, wie z.B. bei der Rede an der Königin Geburtstage,
gleichsam wie ein Sieg zu betrachten wären, den man verfolgen müsse, weil
dergleichen im Leben sich nur selten ereigne. -
    Reiser begleitete seinen Vater bei dessen Rückreise eine Stunde vor das Tor
hinaus, und da sie nun an eben den Fleck kamen, wo ihm derselbe einst seinen
Fluch gegeben hatte, so standen sie zufälligerweise still - es fiel Reisern
nachher erst ein, dass dies derselbe Fleck war - sie hatten sich bis dahin über
die wichtigsten und erhabensten Gegenstände, worin die Mystik und die Metaphysik
zusammentreffen, unterredet, und nun schloss Reisers Vater einen Bund mit seinem
Sohne, dass sie von nun an gemeinschaftlich jenem grossen Ziele der Vereinigung
mit dem höchsten denkenden Wesen näher zu kommen streben wollten; worauf er ihm
denn auf eben dem Fleck durch Auflegung der Hand seinen Segen erteilte, wo er
ihm ehemals seinen Fluch gab. -
    Reiser kehrte also nun in einer sehr guten Stimmung wieder zu Hause - und
blieb darin, bis nun wieder eine neue Rollenbesetzung von den Stücken, die ausser
dem Deserteur aus Kindesliebe noch aufgeführt werden sollten, seine Phantasie
erregte und seine durch vernünftiges Nachdenken eingewiegten romanhaften Ideen
wieder erweckte. -
    Die Stücke, die noch aufgeführt wurden, waren Clavigo, der Mann nach der Uhr
und der Edelknabe. - Er hatte im Deserteur aus Kindesliebe mit einer
unbedeutenden Nebenrolle vorlieb genommen und rechnete nun darauf, wenigstens
die Rolle des Clavigo zu erhalten - so wie nun alle Wünsche seines Herzens sich
auf das Teater hefteten, so waren sie insbesondre auf diese Rolle gleichsam
gespannt - und man teilte sie nicht ihm, sondern einem andern zu, der sie
offenbar schlechter spielte, wie Reiser sie gespielt haben würde. -
    Reisers Kränkung hierüber war so gross, dass ihn dieser Vorfall in eine Art
von wirklicher Melancholie stürzte. - Wem dies unwahrscheinlich oder unnatürlich
vorkommt, der erwäge, dass sein ganzer Wunsch, den er schon jahrelang bei sich
genährt hatte, jetzt gerade auf der Spitze der Erfüllung oder Nichterfüllung
stand, öffentlich vor den versammleten Einwohnern seiner Vaterstadt seine
Talente zu entwickeln und zeigen zu können, wie tief er empfand, was er sagte,
und wie mächtig er wieder das durch Stimme und Ausdruck zu sagen imstande wäre,
was er so tief empfand - solche erschütternde Empfindungen wieder bei Tausenden
zu erregen, wie Reineck, der den Clavigo spielte, in ihm erregt hatte, das war
für ihn ein so grosser, stolzer und die Seele erhebender Gedanke, wie vielleicht
nie für irgendeinen Sterblichen eine Rolle in einem Trauerspiel gewesen sein
mag. - Hier wäre nun alles das weit über seine Erwartung erfüllt worden, was er
sich schon vor mehr als fünf Jahren gewünscht hatte. - Denn das Auditorium war
hier so glänzend und zahlreich, wie es vielleicht nie gewesen sein mochte. - Das
Schauspielhaus, welches einige tausend Personen fasste, war so voll, dass niemand
mehr Platz darin fand, und unter den Zuschauern befand sich der Prinz nebst dem
ganzen Adel, die Geistlichkeit und die Gelehrten und Künstler der Stadt. - Vor
einem solchen Auditorium und dazu in einer Stadt, die beinahe seine Vaterstadt
war, worin er erzogen und so mancherlei widerwärtige Schicksale erlebt hatte,
sich mit aller der Stärke der Empfindungen und des Ausdrucks, die er bis jetzt
nur für sich allein hatte entwickeln können, öffentlich zu zeigen - konnte in
seiner Lage wohl etwas Wünschenswerteres für ihn sein? -
    Aber vom sterbenden Sokrates an schien der Genius der Schauspielkunst auf
ihn zu zürnen.
    Er suchte sich die Rolle des Clavigo zu erbitten und zu ertrotzen, aber
beides half nichts; sein Nebenbuhler siegte. - Dies griff ihn auf seiner
verwundbarsten Seite, auf dem zärtlichsten Fleck seines Lebens an - alles übrige
wurde ihm nun dadurch verbittert. - Keiner unter allen, der ihm die Rolle des
Clavigo abgetreten hätte, würde so viel darunter verloren haben als er, dass er
sie nicht erhielt. - Da sein eigentlicher gegenwärtiger Lebensfleck ihm so
verdunkelt war, so zog es sich auch wieder über sein ganzes übriges Leben wie
ein Flor; alles hüllte sich ihm in melancholische Trauer - er suchte die
Einsamkeit wieder, wo er nur konnte, und fing an, sich in seinem Äussern zu
vernachlässigen. -
    Philipp Reiser machte indes auf seiner Stube Klaviere und nahm an allen
diesen Possen keinen Teil. - Anton Reiser war seit seiner Verbindung mit der
dramatischen Gesellschaft selten zu ihm gekommen - jetzt, da es ihm so wenig
nach Wunsch ging, besuchte er ihn wieder öfter, hing bei ihm seiner Schwermut
nach, ohne ihm doch den eigentlichen Grund davon zu sagen - denn er wollte sich
gegen sich selbst nicht einmal recht merken lassen, dass seine Schwermut bloss
davon herrührte, weil er die Rolle des Clavigo nicht erhalten hatte, sondern er
wollte sich lieber überreden, dass dieselbe eine Folge von seiner Betrachtung des
menschlichen Lebens überhaupt sei. -
    Indes wurde ihm von der Zeit an, dass er die Rolle des Clavigo nicht erhielt,
sein Aufentalt in Hannover lästig, er fing von der Zeit an, unstet und flüchtig
zu werden. - Sein jahrelanger sehnlichster Wunsch musste in Erfüllung gebracht
werden, mochte es nun auch sein, wo es wollte - er musste irgendwo alles das
wirklich machen, was bis jetzt durch eine so lang anhaltende Komödienlektüre und
seinen schon so lange fortdauernden Hang zum Teater in seiner Phantasie reif
geworden war. -
    Als der Clavigo probiert wurde, hatte er sich in eine der Logen versteckt -
und während dass Iffland als Beaumarchais auf dem Teater wütete, wütete Reiser,
der in der Loge ausgestreckt am Boden lag, gegen sich selber, und seine Raserei
ging so weit, dass er sich das Gesicht mit Glasscherben, die am Boden lagen,
zerschnitt und sich die Haare raufte. - Denn die Erleuchtung, die Blicke
unzähliger Zuschauer alle auf ihn allein hingeheftet und sich, vor allen diesen
forschenden Blicken seine innersten Seelenkräfte äussernd, durch die
Erschütterung seiner Nerven auf jede Nerve der Zuschauer wirkend - das alles
wurde ihm in dem Augenblick gegenwärtig - und nun sollte er nichts wie unter der
Menge verloren ein blosser Zuschauer sein, wie er jetzt war, während dass ein
Dummkopf, der den Clavigo spielte, alle die Aufmerksamkeit auf sich zog, die
ihm, dem stärker Empfindenden, gebührt hätte. -
    Nach alle den vorhergehenden Situationen, worin er sich seit Jahren befunden
hatte, war ihm nun die Rolle des Clavigo gleichsam Zweck seines Lebens geworden,
das durch tausend drückende Lagen einmal ganz unter die Herrschaft der Phantasie
zurückgedrängt war, die nun über dasselbe ihre Rechte ausüben wollte. - -
    Die Saite war bis zur höchsten Spannung hinaufgewunden, und nun sprang sie.
-
    Als diese schreckliche Probe vorbei war, so fand sich Reiser wieder ganz
allein, ohne einen Freund, ohne einen, der sich seiner annahm. - Er wollte doch
jemanden seinen Kummer klagen und ging zu Iffland, der sich von dem Augenblick
fester wie jemals an ihn schloss: weil gerade dasselbe Bedürfnis bei ihm war, was
Reisern zu ihm trieb. -
    Ifflands Phantasie war ebenfalls bis auf den höchsten Grad gespannt, und
sein Hang zum Teater überwiegend geworden, er bedurfte einen, dem er seine
geheimsten Wünsche und seinen Kummer entdecken konnte. -
    Nun hatten sein Vater und sein älterer Bruder nicht ohne Grund befürchtet,
dass der Hang zum Teater durch den grossen Beifall, den er sich durch sein Spiel
erwarb, zu sehr genährt und am Ende überwiegend werden möchte, und ihm daher
untersagt, an den dramatischen Übungen ferner teilzunehmen, wogegen er nun
freilich alle möglichen Einwendungen machte und eben jetzt noch deswegen mit
seinem Vater in Unterhandlung stand. - Er machte nun Reisern zum Vertrauten von
seinem Vorsatz, sich ganz dem Teater zu widmen, so wie er ehmals mit ihm über
seinen Entschluss, ein Dorfprediger zu werden, gesprochen hatte. -
    Die Rolle, welche Iffland schon gespielt hatte, war der Deserteur im
Deserteur aus Kindesliebe und der Jude im Diamant, der als Nachspiel zum
Deserteur gegeben wurde. - Den Juden hatte er so meisterhaft gespielt, dass er
nachher mit ebendieser Rolle unter Ekhofs Augen debütierte und seine
teatralische Laufbahn eröffnete - so wie er sich nun durch den Juden im
höchsten Komischen gezeigt hatte, so zeigte er sich durch den Beaumarchais im
höchsten Tragischen, und sein Spiel war wirklich in dieser letztern Rolle so
hinreissend, dass man Brockmann selbst zu hören und zu sehen glaubte; und das
Vergnügen, sich in dieser Rolle öffentlich zu zeigen, sollte ihm nun verleidet
werden. - Er nötigte Reisern, die Nacht bei ihm auf seiner Stube zu bleiben, wo
sie sich denn in reizenden Träumen von der Glückseligkeit, die der Stand eines
Schauspielers gewährte, verloren, bis sie beide darüber einschliefen. -
    Jetzt waren sie beide fast unzertrennlich und Tag und Nacht beisammen. - Und
einst, da sie an einem warmen aber trüben Morgen vors Tor hinausgingen, sagte
Iffland, dies wäre gutes Wetter, davonzugehen - und das Wetter schien auch so
reisemässig, der Himmel so dicht auf der Erde liegend, die Gegenstände umher so
dunkel, gleichsam als sollte die Aufmerksamkeit nur auf die Strasse, die man
wandern wollte, hingeheftet werden. - Die Idee wurde in beider Köpfen so rege,
dass nicht viel fehlte, sie hätten sie gleich ins Werk gerichtet - indes wollte
doch Iffland womöglich in Hannover noch seinen Beaumarchais spielen - sie
kehrten also nach der Stadt wieder um - so sehr sich nun auch Iffland für
Reisern mit bewarb, so war es doch unmöglich, dass dieser die Rolle des Clavigo
erhalten konnte - statt dessen trat ihm endlich der, welcher den Clavigo
spielte, den Fürsten im Edelknaben ab - und in dem Manne nach der Uhr erhielt
Reiser die Rolle des Magister Blasius. -
    Reiser war nun darüber melancholisch, dass er den Clavigo nicht spielen
sollte, und Iffland, dass er überhaupt nicht mehr mit Komödie spielen sollte -
beide aber suchten sich zu überreden, dass sie des Lebens um sein selbst willen
überdrüssig wären, und luden sich einmal des Nachts zwei Pistolen, womit sie
fast die ganze Nacht hindurch Kurzweil trieben, indem sie sein oder nicht sein
hertragierten. - Bei Reisern ging indes der Lebensüberdruss in der Tat so weit,
dass er nicht aus der Stelle wich, wenn Iffland die geladene Pistole auf ihn
hielt und den Finger anlegte, um sie abzudrücken, indes Reiser ebendasselbe
wieder gegen ihn tat. -
    Am andern Tage aber hatte er einen etwas ernstaftern Auftritt mit Philipp
Reisern, den er besuchte. - Er hatte die Nacht nicht geschlafen, eine dumme
Trägheit blickte aus seinen hohlen Augen hervor, der Lebensüberdruss sass auf
seiner Stirne, alle Spannkraft seiner Seele war dahin - er sagte zu Philipp
Reisern guten Tag! - und dann stand er da wie ein Stock. -
    Philipp Reiser, der ihn schon öfter aber noch nie in dem Grade in einem
solchen Zustand der Erschlaffung gesehen hatte und der nun zu fürchten anfing,
dass es wohl gänzlich mit ihm vorbei sein möchte - tat ihm im ganzen Ernst den
Vorschlag, dass er ihn totschiessen wollte, ehe ein verworfner und schlechter
Mensch aus ihm würde, wie jetzt der Fall wäre. - Mit Philipp Reisern, dessen
Begriffe ebenfalls romanhaft und überspannt waren, war in solchen Fällen nicht
zu spassen. - Anton Reiser verbat sich also diese Kur noch für jetzt und
versicherte, dass er sich wohl noch einmal von seiner jetzigen Erschlaffung
wieder erholen würde. -
    Indes fing nun seine Lage an, immer misslicher zu werden - durch die
Ausgaben, welche sein Teilnehmen an der Aufführung der Komödien erforderte, die
seine Einkünfte weit überstiegen, und durch die Versäumnis der Lehrstunden,
welche er gab, stürzte er sich immer tiefer in Schulden und fing bald an den
notwendigsten Bedürfnissen des Lebens wieder an Mangel zu leiden, weil er nicht
die Kunst gelernt hatte, auf Kredit zu leben. -
    Seine Garderobe als Fürst im Edelknaben, die er sich, so wie jeder die
seinige, selbst anschaffen musste, kostete ihm allein so viel, als wovon er einen
Monat lang alle seine Ausgaben hätte bestreiten können - und für dies alles
erreichte er doch nicht einmal seinen Zweck, sich in einer auffallenden
tragischen Rolle zeigen zu können, welches doch eigentlich von jeher sein Wunsch
gewesen war. -
    Von den drei Stücken, die an einem Abend nacheinander aufgeführt wurden, war
Clavigo das erste, der Mann nach der Uhr das zweite, und der Edelknabe blieb bis
zuletzt. -
    Während dass nun der Clavigo aufgeführt wurde, suchte Reiser in der
Anziehstube dicht bei dem Teater so viel wie möglich seine Sinne zu betäuben
und sich die Ohren zu verstopfen - jeder Laut, den er vom Teater hörte, war ihm
ein Stich durch die Seele - denn hier war es, wo nun eben das schönste Gebäude
seiner Phantasie, woran jahrelang gebaut worden war, wirklich scheiterte, und er
musste es selbst mit ansehen, ohne es im mindesten verhindern zu können - er
suchte sich mit den beiden Rollen, die er noch zu spielen hatte, zu trösten und
alle seine Aufmerksamkeit darauf zu heften, aber es war vergeblich - während dass
die Rolle des Clavigo nun von einem andern vor einer solchen Menge von
Zuschauern wirklich gespielt wurde, war ihm zumute wie einem, der alle sein Hab
und Gut ohne Rettung in den Flammen aufgehen sieht - noch bis zum letzten Tage
hatte er immer gehofft, diese Rolle, es koste auch, was es wolle, zu erhalten -
nun aber war alles vorbei. -
    Und da nun wirklich alles vorbei und Clavigo zu Ende gespielt war, so wurde
ihm wieder etwas leichter. - Aber ein Stachel blieb doch immer in seiner Brust
zurück. - Er spielte nun im Mann nach der Uhr, worin Iffland den Mann nach der
Uhr machte, die Rolle des Magister Blasius mit allem Beifall. - Aber dies war
nicht der rechte Beifall, den er sich gewünscht hatte. - Er wollte nicht zum
Lachen reizen, sondern durch sein Spiel die Seele erschüttern. - Der Fürst im
Edelknaben war nun zwar eine edle, aber doch eine zu sanfte Rolle für ihn - und
überdem misslang es gewissermassen mit der ganzen Aufführung des Stücks - denn da
der Clavigo und der Mann nach der Uhr zu Ende waren, so gingen die meisten
Zuschauer weg, weil es schon sehr spät war, und es blieb nicht der dritte Teil
da, welche den Edelknaben noch abwarteten - dies und der quälende Gedanke an den
Clavigo, den er immer noch nicht unterdrücken konnte, war Ursach, dass Reiser den
Fürsten im Edelknaben sehr nachlässig und weit schlechter spielte, als er ihn
hätte spielen können - und da nun alles geendigt war, missvergnügt und traurig
nach Hause ging. - Er dachte aber dabei doch noch dereinst seine Lust zu büssen,
sich auf dem Teater in einer heftigen und erschütternden Rolle zu zeigen,
möchte es auch kosten, was es wolle. - Dass ihm zum ersten Male dieser Genuss
versagt war, reizte seine Begierde darnach nur noch stärker und wie konnte er
sicherer die Erfüllung seines höchsten Wunsches hoffen, als wenn er das zum
eigentlichen Geschäft seines Lebens machte, woran ohnedem schon sein ganzes Herz
hing. - Der Gedanke, sich dem Teater zu widmen, bekam daher, statt
niedergedrückt zu werden, noch immer mehr Gewalt über ihn. -
    Allein so wie man immer zu dem, was man zu tun wünscht, sich selbst die
dringendsten Bewegungsgründe zu schaffen sucht, um sein Betragen gleichsam gegen
sich selbst zu rechtfertigen - so suchte sich auch Reiser die Bezahlung der
kleinen Schulden, die er zu machen verleitet war, als eine so unmögliche Sache
und die Entdeckung derselben als etwas so Missliches vorzustellen, dass er schon
dieserwegen sich aus Hannover entfernen zu müssen glaubte. - Aber seine
eigentlichen Bewegungsgründe waren der unwiderstehliche Trieb nach Veränderung
seiner Lage und die Begierde, sich auf irgendeine Weise so bald wie möglich
öffentlich zu zeigen, um Ruhm und Beifall einzuernten, wozu ihm nun freilich
nichts bequemer als das Teater scheinen musste, wo es einem nicht einmal darf
zur Eitelkeit angerechnet werden, dass er sich so oft wie möglich zu seinem
Vorteil zeigen will, sondern wo die Sucht nach Beifall gleichsam privilegiert
ist. -
    Indes finden seine kleinen Schulden freilich auch an, ihn zu drücken, wozu
noch ein paar Demütigungen kamen, die ihm vollends seinen längern Aufentalt in
Hannover zum Ekel machten. -
    Die eine bestand darin, dass ein junger Edelmann, den er unterrichtete, und
mit dem er sich auf der Stube desselben manchmal noch ein wenig zu unterhalten
pflegte, zu ihm sagte, er habe die Ehre sich ihm zu empfehlen, ehe sich Reiser
selbst noch empfohlen hatte. - Es war sehr wahrscheinlich, dass jener wirklich
geglaubt hatte, Reiser mache Miene zum Weggehen, und also mit dem
Abschiedskomplimente ein wenig zuvorkommend gewesen war - aber eben dies
Zuvorkommende war für Reisern so erschrecklich auffallend und drückte auf einmal
so sehr sein ganzes Wesen darnieder, dass er, da er schon hinaus war, noch eine
Weile still stand und ihm die Arme am Körper niedersanken - dies zuvorkommende
ich habe die Ehre mich Ihnen zu empfehlen gesellte sich plötzlich in seiner Idee
zu dem dummer Knabe! des Inspektors auf dem Seminarium, zu dem ich meine Ihn ja
nicht! des Kaufmanns, zu dem par nobile Fratrum der Primaner und zu dem das ist
ja eine wahre Dummheit! des Rektors. - Er fühlte sich auf einige Augenblicke wie
vernichtet, alle seine Seelenkräfte waren gelähmt. - Der Gedanke des auch nur
einen Augenblick Lästig-gewesen-seins fiel wie ein Berg auf ihn - er hätte in
dem Moment dies irgendeinem Geschöpf ausser ihm so lästige Dasein abschütteln
mögen. -
    Dann ging er aus dem Tore nach dem Kirchhofe, wo der Sohn des Pastor
Marquard begraben lag, und weinte bei dessen Grabe die bittersten Tränen des
Unmuts und Lebensüberdrusses. - Alles erschien ihm auf einmal in einem traurigen
melancholischen Lichte - die ganze Zukunft seines Lebens war düster - er
wünschte mit dem Staube vermischt zu sein, den sein Fuss betrat, und dies alles
noch wegen des zuvorkommenden ich habe die Ehre mich Ihnen zu empfehlen. - Diese
Worte liessen einen Stachel in seiner Seele zurück, den er vergeblich wieder
herauszuziehen suchte - ob er dies gleich sich selber nicht eigentlich gestand,
sondern seinen Unmut und Lebensüberdruss aus allgemeinen Betrachtungen über die
Nichtigkeit des menschlichen Lebens und die Eitelkeit der Dinge herzuleiten
suchte - freilich fanden sich denn auch diese allgemeinen Betrachtungen ein, die
aber ohne jene herrschende Idee nur seinen Verstand beschäftigt, nicht aber sein
Herz in Bewegung gesetzt haben würden. - Im Grunde war es das Gefühl der durch
bürgerliche Verhältnisse unterdrückten Menschheit, das sich seiner hiebei
bemächtigte und ihm das Leben verhasst machte - er musste einen jungen Edelmann
unterrichten, der ihn dafür bezahlte und ihm nach geendigter Stunde auf eine
höfliche Art die Türe weisen konnte, wenn es ihm beliebte - was hatte er vor
seiner Geburt verbrochen, dass er nicht auch ein Mensch geworden war, um den sich
eine Anzahl anderer Menschen bekümmern und um ihn bemüht sein müssen - warum
erhielt er gerade die Rolle des Arbeitenden und ein andrer des Bezahlenden? -
Hätten ihn seine Verhältnisse in der Welt glücklich und zufrieden gemacht, so
würde er allentalben Zweck und Ordnung gesehen haben, jetzt aber schien ihm
alles Widerspruch, Unordnung und Verwirrung. -
    Da er nun zu Hause ging, so wurde er auf der Strasse erstlich von einem
seiner Gläubiger gemahnet - und da er mit gesenktem Haupte melancholisch vor
sich hinging, so hörte er hinter sich einen Jungen zum andern sagen: da geht der
Magister Blasius! - Dies brachte ihn so auf, dass er dem Jungen auf der Strasse
ein paar Ohrfeigen gab, welcher nun hinter ihm herschimpfte, bis Reiser seine
Wohnung erreichte. -
    Von dem Tage an war Reisern der Anblick von den Strassen in Hannover ein
Greuel - und vor allem war die Strasse, wo der Junge hinter ihm hergeschimpft
hatte, ihm am verabscheuungswürdigsten; er vermied es, wo er konnte, durch
dieselbe zu gehen, und wenn er doch durchgehen musste, so war es ihm, als ob die
Häuser auf ihn fallen wollten - wohin er trat, glaubte er hinter sich den
spottenden Pöbel oder einen ungeduldigen Gläubiger zu hören. -
    Diese Demütigungen waren zu schnell nacheinander gekommen, als dass er sich
unter dem Druck, welcher ihm von nun an den Ort seines Aufentalts verhasst
machte, noch einmal hätte wieder emporarbeiten können. - Der Gedanke, Hannover
zu verlassen und sein Glück in der weiten Welt zu suchen, wurde von nun an
fester Entschluss, den er aber doch niemanden als Philipp Reisern entdeckte -
dieser war damals sehr mit sich selber beschäftigt, weil er wieder einen
verliebten Roman spielte und alle seine Aufmerksamkeit darauf wandte, wie er
seinem Mädchen gefallen wollte. - Anton Reisers Schicksal war ihm daher etwas
weniger wichtig, als es ihm zu einer andern Zeit würde gewesen sein. -
    Ohngeachtet Anton Reiser vielleicht in wenigen Tagen Hannover auf immer zu
verlassen im Begriff war, so unterhielt ihn sein Freund dennoch mit dem ganzen
Detail seiner Liebschaft, als wenn jener den Erfolg von dem allen hätte abwarten
können. - Dies ärgerte ihn denn zuweilen wohl - aber Philipp Reiser war doch
einmal sein nächster Vertrauter - und er hatte niemanden ausser ihm, dem er sich
hätte entdecken mögen. -
    Weil er doch aber nun, um sein Glück in der weiten Welt zu suchen, sich
irgendeinen Ort in der weiten Welt zum Ziel seiner Wanderung machen musste, so
wählte er Weimar hierzu, wo sich damals die Seilersche Truppe, über welche Ekhof
die Direktion führte, aufhalten sollte. - Hier wollte er seinen Entschluss, sich
dem Teater zu widmen, ins Werk zu richten suchen. -
    Während nun, dass er mit diesem Gedanken umging, erlitt er noch eine
Demütigung, die ihn vollends in seinem Entschluss bestärkte. -
    Er ging nämlich eines Nachmittags mit einer Anzahl seiner Mitschüler, die
von der dramatischen Gesellschaft waren, in einem öffentlichen Garten vor der
Stadt spazieren. - Nun mochten ihm wohl die Gedanken, womit er umging, ein
sonderbares zerstreutes Aussehen geben, wodurch er sich vor seiner Gesellschaft
eben nicht zu seinem Vorteil auszeichnete - und seine Mitschüler fielen, ehe er
sichs versah, auf einmal wieder mit einem solchen Spott über ihn her, dass es
ihm auch nicht möglich war, gegen alles, was sie sagten, nur ein Wort
vorzubringen. - Da nun ihr Witz freien Spielraum fand, so war des Witzelns kein
Ende - und da nun überdem ein paar Offiziere in der Nähe standen, die dem
Gespräch zuhörten, so konnte Reiser nicht länger ausdauern - er schlich sich vom
Tische weg, bezahlte dem Wirt, was er für seinen Teil schuldig war - und eilte,
so schnell er konnte, fort - und so bald er nun allein war, brach er aufs neue
in laute Verwünschungen über sich und sein Schicksal aus. - Er spottete über
sich selbst, weil er sich zum Spott und zur Verachtung geboren glaubte. -
    Woher kam es denn auch, dass er zum Spott der Welt gleichsam an der Stirne
gebrandmarkt war? - was haftete denn für ein Mal des Lächerlichen an ihm, das
durch nichts konnte ausgelöscht werden? - das ihn jetzt, da er doch von seinen
Mitschülern geachtet war, aufs neue wieder in einer bösen Stunde ihrem Gelächter
preisgab? -
    Es war die unverantwortliche Seelenlähmung durch das zurücksetzende Betragen
seiner eignen Eltern gegen ihn, die er von seiner Kindheit an noch nicht hatte
wieder vermindern können. - Es war ihm unmöglich geworden, jemanden ausser sich
wie seinesgleichen zu betrachten - jeder schien ihm auf irgendeine Art
wichtiger, bedeutender in der Welt als er zu sein - daher deuchten ihm
Freundschaftsbezeigungen von andern gegen ihn immer eine Art von Herablassung -
weil er nun glaubte, verachtet werden zu können, so wurde er wirklich verachtet
- und ihm schien oft das schon Verachtung, was ein anderer mit mehr Selbstgefühl
nie würde dafür genommen haben. - Und so scheint nun einmal das Verhältnis der
Geisteskräfte gegeneinander zu sein; wo eine Kraft keine entgegengesetzte Kraft
vor sich findet, da reisst sie ein und zerstört wie der Fluss, wenn der Damm vor
ihm weicht. - Das stärkere Selbstgefühl verschlingt das schwächere unaufhaltsam
in sich - durch den Spott, durch die Verachtung, durch die Brandmarkung des
Gegenstandes zum Lächerlichen. - Das Lächerrlichwerden ist eine Art von
Vernichtung und das Lächerrlichmachen eine Art von Mord des Selbstgefühls, die
nicht ihresgleichen hat. - Von allen ausser sich gehasst zu werden ist dagegen
wünschens- und begehrenswert. - Dieser allgemeine Hass würde das Selbstgefühl
nicht töten, sondern es mit einem Trotz beseelen, wovon es auf Jahrtausende
leben und gegen diese hassende Welt Wut knirschen könnte. - Aber keinen Freund
und nicht einmal einen Feind zu haben - das ist die wahre Hölle, die alle Qualen
der fühlbaren Vernichtung eines denkenden Wesens in sich fasst. - Und diese
Höllenqual war es, welche Reiser empfand, sooft er sich aus Mangel an
Selbstgefühl für einen würdigen Gegenstand des Spottes und der Verachtung hielt
- seine einzige Wonne war dann, wenn er für sich allein war, in lautes
Hohngelächter über sich selber auszubrechen und das nun selber gleichsam an sich
zu vollenden, was die Wesen ausser ihm angefangen hatten. -
Wenn diese Wesen mich verspotten und zerstören,
Die stärker und vollkommner sind als ich,
Warum soll ich des Mitleids Stimme hören
Und weinen schändlich über mich? - 
Da er nun also dem hohnlachenden Zirkel seiner Mitschüler entflohen war - so
schweifte er in der einsamen Gegend umher und entfernte sich immer weiter von
der Stadt, ohne ein Ziel zu haben, wohin er seine Schritte richtete. - Er ging
immer querfeldein, bis es dunkel wurde - da kam er an einen breiten Weg, der zu
einem Dorfe führte, das er vor sich liegen sah - der Himmel fing an, sich immer
düstrer zu umziehn, und drohte Regenwetter - die Raben fingen an zu krächzen,
und zwei, die immer über seinem Kopfe hinflogen, schienen ihm das Geleite zu
geben - bis er an den kleinen engen Kirchhof des Dörfchens kam, welcher gleich
vornean lag und mit unordentlich übereinandergelegten Steinen eingefasst war, die
eine Art von Mauer vorstellen sollten. - Die Kirche mit dem kleinen spitzen
Turme, der mit Schindeln gedeckt war, in der dicken Mauer nach jeder Seite zu
nur ein einziges Fensterchen, durch welches das Licht schräg hereinfallen konnte
- die Türe wie halb in die Erde versunken und so niedrig, dass es schien, man
könne nicht anders als gebückt hineingehen. - Und ebenso klein und unansehnlich,
wie die Kirche war, so enge und klein war auch der Kirchhof, wo die
aufsteigenden Grabhügel dicht aneinander gedrängt und mit hohen Nesseln
bewachsen waren. - Der Horizont war schon verdunkelt; der Himmel schien in der
trüben Dämmerung allentalben dicht aufzuliegen, das Gesicht wurde auf den
kleinen Fleck Erde, den man um sich her sah, begrenzt - das Winzige und Kleine
des Dorfes, des Kirchhofes und der Kirche tat auf Reisern eine sonderbare
Wirkung - das Ende aller Dinge schien ihm in solch eine Spitze hinauszulaufen -
der enge dumpfe Sarg war das letzte - hierhinter war nun nichts weiter - hier
war die zugenagelte Bretterwand - die jedem Sterblichen den fernern Blick
versagt. - Das Bild erfüllte Reisern mit Ekel - der Gedanke an dies Auslaufen in
einer solchen Spitze, dies Aufhören ins Enge und noch Engere und immer Engere -
wohinter nun nichts weiter mehr lag - trieb ihn mit schrecklicher Gewalt von dem
winzigen Kirchhofe weg und jagte ihn vor sich her in der dunklen Nacht, als ob
er dem Sarge, der ihn einzuschliessen drohte, hätte entfliehen wollen. - Das Dorf
mit dem Kirchhofe war ihm ein Anblick des Schreckens, solange er es noch hinter
sich sah - auf dem Kirchhofe war ihm ein sonderbarer Schrecken angewandelt -
was er so oft gewünscht hatte, schien ihm gewährt zu werden, das Grab schien
seine Beute zu fordern und noch stets, sowie er flohe, hinter ihm seinen Schlund
zu eröffnen - erst da er ein andres Dorf erreichte, war er wieder ruhiger. -
    Was ihm aber auf dem Kirchhofe den Gedanken des Todes so schrecklich machte,
war die Vorstellung des Kleinen, die, sowie sie herrschend wurde, in seiner
Seele eine fürchterliche Leere hervorbrachte, welche ihm zuletzt unerträglich
war. - Das Kleine nahet sich dem Hinschwinden, der Vernichtung - die Idee des
Kleinen ist es, welche Leiden, Leerheit und Traurigkeit hervorbringt - das Grab
ist das enge Haus, der Sarg ist eine Wohnung, still, kühl und klein - Kleinheit
erweckt Leerheit, Leerheit erweckt Traurigkeit - Traurigkeit ist der Vernichtung
Anfang - unendliche Leere ist Vernichtung. - Reiser empfand auf dem kleinen
Kirchhofe die Schrecken der Vernichtung - der Übergang vom Dasein zum Nichtsein
stellte sich ihm so anschaulich und mit solcher Stärke und Gewissheit dar, dass
seine ganze Existenz nur noch wie an einem Faden hing, der jeden Augenblick zu
zerreissen drohte. -
    Nun war also auf einmal aller Lebensüberdruss bei ihm verschwunden - er
suchte in seiner Seele wieder eine gewisse Ideenfülle hervorzubringen, um sich
gleichsam nur vor der gänzlichen Vernichtung zu retten - und da er von ohngefähr
auf die Heerstrasse nach Erichshagen geriet, wo seine Eltern wohnten, und ihm nun
auf einmal diese ganze Gegend bekannt war - so nahm er sich erst vor, die ganze
Nacht durch zu gehen und seine Eltern noch einmal mit einem unvermuteten Besuch
zu überraschen. - Eine Meile war er schon von Hannover und hatte also ohngefähr
noch fünf Meilen zurückzulegen. -
    Allein der Gedanke, dass er seinen Eltern nichts von seinem Entschluss hätte
entdecken dürfen und doch mit schwerem Herzen von ihnen hätte Abschied nehmen
müssen, verleidete ihm diesen Vorsatz wieder, da es überdem gegen Mitternacht
stark zu regnen anfing. - Er ging also aufs neue mitten im Regen und Dunkel
durch das hohe Korn querfeldein nach der Stadt zu - es war eine warme
Sommernacht, und der Regen und die Dunkelheit waren ihm bei dieser
menschenfeindlichen nächtlichen Wanderung die angenehmsten Gesellschafter - er
fühlte sich gross und frei in der ihn umgebenden Natur - nichts drückte ihn,
nichts engte ihn ein - er war hier auf jedem Fleck zu Hause, wo er sich
niederlegen wollte, und dem Anblick keines Sterblichen ausgesetzt. - Er fand
zuletzt eine ordentliche Wonne darin, durch das hohe Korn hinzugehen ohne Weg
und Steg - durch nichts, nicht einmal durch ein eigentliches Ziel gebunden, nach
welchem er seine Schritte hätte richten müssen. Er fühlte sich in dieser Stille
der Mitternacht frei wie das Wild in der Wüste - die weite Erde war sein Bette -
die ganze Natur sein Gebiet. -
    So wanderte er die ganze Nacht hindurch, bis der Tag anbrach - und als er
die Gegenstände allmählich wieder unterscheiden konnte, so deuchte es ihm nach
der Gegend, als ob er ohngefähr noch eine halbe Meile von Hannover wäre - auf
einmal aber befand er sich, ehe er sichs versah, dicht an einer grossen
Kirchhofsmauer, die er sonst nie in dieser Gegend bemerkt hatte - er nahm alle
seine Nachdenken zusammen und suchte sich zu orientieren, aber es war vergeblich
- er konnte die lange Kirchhofsmauer aus dem Zusammenhange der übrigen
Gegenstände nicht erklären; sie war und blieb ihm eine Erscheinung, welche ihn
eine Zeitlang wirklich zweifeln liess, ob er wache oder träume - er rieb sich die
Augen - aber die lange Kirchhofsmauer blieb immer da - überdem war auch durch
sein sonderbares Nachtwandern und durch das Wegfallen der gewohnten Pause,
wodurch die Vorstellungen des Tages der Natur gemäss unterbrochen werden, seine
Phantasie zerrüttet - er fing selbst an, für seinen Verstand zu fürchten, und
war vielleicht wirklich dem Wahnwitz nahe, als er endlich die vier Türme von
Hannover wieder durch den Nebel sah und nun wusste, wo er war. - Die
Morgendämmerung hatte ihn getäuscht, dass er die Gegend für eine andre hielt, die
noch eine halbe Meile von Hannover lag und mit dieser, die dicht vor der Stadt
war, sehr viel Ähnlichkeit hatte. - Der grosse Kirchhof, in dessen Mitte eine
kleine Kapelle stand, war der ordentliche Kirchhof dicht vor Hannover, und
Reisern war nun auf einmal die ganze Gegend wieder bekannt - er erwachte
wirklich wie aus einem Traume. -
    Aber wenn irgend etwas fähig ist, jemanden dem Wahnwitz nahe zu bringen, so
sind es wohl vorzüglich die verrückten Orts- und Zeitideen, woran sich alle
unsre übrigen Begriffe festalten müssen. - Dieser neue Tag war für Reisern wie
kein neuer Tag, weil zwischen diesem und dem vorhergehenden Tage keine
Unterbrechung der Wirkungen seiner vorstellenden Kraft stattgefunden hatte. - Er
ging in die Stadt; es war noch frühmorgens, und auf den Strassen herrschte eine
Totenstille. - Das Haus, die Stube, worin er wohnte, alles kam ihm anders, fremd
und sonderbar vor. - Diese Nachtwanderung hatte eine Veränderung in seinem
ganzen Gedankensystem hervorgebracht - er fühlte sich in seiner Wohnung von nun
an nicht mehr zu Hause - die Ortsideen schwankten in seinem Kopfe hin und her -
er war den ganzen Tag über wie ein Träumender - bei dem allen aber war ihm die
Erinnerung an die Nachtwanderung angenehm. - Das Krächzen der beiden Raben, die
über seinem Kopfe hinflogen, der kleine Dorfkirchhof, die durchwanderten
Kornfelder, alles drängte sich nun in seiner Einbildungskraft zusammen und
machte zusammen eine dunkle Gruppe, ein schönes Nachtstück aus, woran sich seine
Phantasie noch oft nachher in einsamen Stunden ergötzt hat. -
    Allein sein Aufentalt in Hannover wurde ihm von nun an womöglich noch
verhasster - und der Wandergeist hatte sich seiner nun ganz bemächtigt - dies war
aber auch der Fall bei mehrern von den jungen Leuten, welche mit Komödie
gespielt hatten. - Einer namens Timäus, der vorher ein äusserst stiller,
fleissiger und ordentlicher Mensch war, entdeckte Reisern im Vertrauen seine
Unzufriedenheit mit seinem künftigen Stande eines Teologen, wozu er bestimmt
war, und unterredete sich mit ihm über die Glückseligkeit, welche der
Schauspielerstand gewährte, wobei er gegen die Vorurteile deklamierte, die
diesen ehrenvollen Stand noch immer unverdienterweise herabsetzten. -
    Dies Gespräch hielten beide auf einem Spaziergange nach einem kleinen Dorfe
vor Hannover; und sie hatten sich so in ihrer Unterredung vertieft, dass sie von
der Nacht überfallen und in dem Dorfe zu bleiben genötigt wurden. - Dies
ungewöhnliche Übernachten an einem fremden Orte setzte beiden noch mehr
romanhafte Ideen in den Kopf - es deuchte ihnen schon, als ob sie auf Abenteuer
ausgingen und Glück und Unglück miteinander teilten. - Der kühne Vorsatz dieser
beiden Abenteurer, sich über alle Vorurteile der Welt hinwegzusetzen und ihrer
Neigung oder ihrem Beruf, wie sie es nannten, zu folgen, blieb denn auch nicht
unausgeführt. - Reiser machte den Anfang, und Timäus folgte ihm bald, wurde aber
noch glücklich wieder zurückgebracht. -
    Reiser machte indes, ehe er seinen Vorsatz ausführte, noch eine nächtliche
Wanderung mit Iffland, der ihn des Abends um eilf Uhr mit noch einem von der
dramatischen Gesellschaft besuchte und ihn zu einem Spaziergange nach dem
Deister, einem Berge, der drei Meilen von Hannover entfernt ist, einlud. -
Reiser, dem dergleichen nächtliche Wanderungen nun schon anfingen eine gewohnte
Sache zu werden, war sogleich entschlossen - es war eine warme mondhelle
Sommernacht. - Die Unterhaltung unterwegens war ganz poetisch, zuweilen etwas
affektiert und dann wieder wahr, nachdem es fiel. - Wo sie durch ein Dorf kamen,
duftete ihnen der frische Heugeruch entgegen. - Und diese Nachtwanderung war
wirklich eine der angenehmsten, die man sich nur denken kann, so dass sie recht
vom Zufall veranstaltet zu sein schien, um Reisers Phantasie noch mehr zu
erhitzen und seiner einmal angefachten Lust zum Wandern das völlige Übergewicht
über die Vernunft zu geben. -
    Die drei Abenteurer erreichten noch vor Tagesanbruch ein Dorf, das dicht am
Fuss des Berges lag, wo sie einkehrten und noch einige Stunden schliefen. - Da
sie aber am andern Morgen früh aufstanden, so waren alle die schönen Bilderchen
aus der Zauberlaterne verschwunden; die kahle Wirklichkeit mit allen ihren
unvermeidlichen Unannehmlichkeiten stand wieder vor ihrer Seele da - sie sassen
über eine Stunde einander gegenüber und jähnten sich an. - Wenn irgendetwas
Reisern von seiner Phantasie noch hätte heilen können, so wäre es dieser Morgen
nach solch einer Nacht gewesen - es war ihnen nun leid geworden, den Berg zu
besteigen, sie fühlten sich müde und matt und nahmen den nächsten Weg wieder
nach der Stadt zurück, der ihnen wegen der brennenden Sonnenhitze ziemlich
beschwerlich wurde - allein sie fingen unterwegs an, Reime zu extemporieren,
womit sie sich die Einförmigkeit des Gehens einigermassen erleichterten. -
    Reiser blieb demohngeachtet völlig entschlossen zu wandern, möchte auch sein
Schicksal sein, was da wollte - er zog alles, was ihm begegnen konnte, dennoch
der traurigen Einförmigkeit und dem nicht halb und nicht ganz glücklich sein in
Hannover vor. -
    Alle seine Gedanken gingen nun einmal ins Weite. - Er sah überdem kein
Mittel vor sich, seine Schulden zu tilgen, ohne sie dem Pastor Marquard aufs
neue zu entdecken, dessen Achtung und Freundschaft er dann völlig zu verlieren
gewärtigen musste. - Auch die verschiedenen Demütigungen, die er seit kurzem
wieder hatte ertragen müssen, waren ihm noch im frischen Andenken und machten
ihm den Aufentalt in Hannover sowohl als die Gegenden umher verhasst. -
    Er wusste seinem einzigen Vertrauten, Philipp Reisern, seine Lage auch so
misslich vorzustellen, dass dieser endlich selbst seinen Entschluss, Hannover zu
verlassen, billigte und ihm die Reiseroute nach Erfurt, so wie er den Weg selbst
von dorter bis Hannover zu Fusse gemacht hatte, vorschrieb. - Von da wollte denn
Anton Reiser nach Weimar gehen, um bei der Seilerschen oder vielmehr Ekhofischen
Schauspielergesellschaft als Mitglied angenommen zu werden - und von da aus
wollte er denn, wenn ihm dies gelänge, seine Schulden in Hannover bezahlen und
seinen guten Ruf wieder herzustellen suchen, indem er dort gleichsam wieder
aufstände, nachdem er hier bürgerlich gestorben wäre. - Dies letzte war ihm
insbesondre eine der angenehmsten Vorstellungen, womit er sich trug. -
    Er brachte nun Philipp Reisern seine wenigen Bücher und Papiere und gab sie
ihm in Verwahrung - seine Kleider hatte er zum Teil versetzt, um die Kosten zur
Komödie zu bestreiten - und seine übrigen wenigen Sachen liess er seinem Wirt zur
Schadloshaltung für die Miete. - Diesem sagte er, dass sein Vater sehr krank
geworden sei und dass er, um diesen zu besuchen, auf eine Woche verreisen würde,
wenn etwa jemand nach ihm fragen sollte. -
    Und nun war er so weit in Richtigkeit bis auf die Barschaft, womit er eine
Reise von mehr als vierzig Meilen antreten sollte. - Diese bestand denn, nach
allem, was er hatte auftreiben können, aus einem einzigen Dukaten, womit er Mut
genug hatte, sich auf den Weg zu machen, ohngeachtet Philipp Reiser ihm die
Unbesonnenheit dieses Unternehmens genug vorstellte. - Aber mit Gelde konnte ihn
dieser aus dem sehr wichtigen Grunde nicht unterstützen, weil es ihm selbst
gemeiniglich und gerade jetzt gänzlich daran fehlte. -
    Anton Reiser konnte also nun im eigentlichen Verstande von sich sagen, dass
er alle das Seinige mit sich trug. - Das gute Kleid, worin er die Rede auf der
Königin Geburtstag gehalten hatte, nebst einem Überrock war seine ganze
Garderobe - dabei trug er einen vergoldeten Galanteriedegen an der Seite und
Schuh und seidene Strümpfe. - Ein reines Oberhemde nebst noch ein paar seidenen
Strümpfen, Homers Odyssee in Duodez mit der lateinischen Version und der
lateinische Anschlagbogen von der Redeübung an der Königin Geburtstage, worauf
sein Name gedruckt stand, war alles, was er in der Tasche bei sich trug. -
    Es war in der Mitte des Winters, an einem Sonntagmorgen, den er noch bei
Philipp Reisern zubrachte, wo er sich völlig reisefertig machte, um den
Nachmittag seine Wanderschaft anzutreten und, weil die Tage schon lang waren,
noch drei Meilen bis zu der nächsten Stadt auf seiner Tour zurückzulegen. -
    Es war heitrer Sonnenschein - die Leute gingen in ihrem Sonntagsschmuck auf
der Strasse und zum Teil vor das Tor spazieren, um am Abend in ihre Häuser wieder
zurückzukehren, und Reiser sollte nun an diesem Tage auf immer aus Hannover
scheiden - dies machte ihm eine sonderbare Empfindung, die weder Schmerz noch
Wehmut, sondern mehr eine Art von Betäubung war. - Der Abschied aus Hannover
presste ihm keine Träne aus, sondern er war dabei fast so kalt und unbewegt, als
ob er durch eine fremde Stadt gereist wäre, der er nun wieder den Rücken
zukehren musste, um weiterzugehen. - Selbst der Abschied von Philipp Reisern war
mehr kalt als zärtlich. - Philipp Reiser machte sich viel mit einer neuen
Kokarde an seinem Hute zu schaffen und unterhielt dabei seinen scheidenden
Freund noch in der letzten Stunde, die sie zusammen zubrachten, von seinem
verliebten Romane, den er damals gerade spielte, gleichsam, als wenn Anton
Reiser den Verfolg davon hätte abwarten können. - - Kurz, die ganze Unterhaltung
war so, als ob sie am andern Tage wieder zusammenkommen und alles denn nach der
alten Weise fortgehen würde. - Was aber Anton Reisern am meisten ärgerte, war
das Putzen der Hutkokarde, womit sich sein einziger Freund in der letzten
Abschiedsstunde noch so eifrig beschäftigen konnte. - Diese Hutkokarde schwebte
ihm noch lange nachher vor Augen und machte ihm allemal eine verdriessliche
Rückerinnerung, sooft er daran dachte. - Auch wurde ihm der Abschied aus
Hannover von seinem einzigen Freunde durch dies Putzen der Hutkokarde sehr
erleichtert. - Philipp Reiser meinte es aber demohngeachtet gut mit ihm, nur
hatte diesmal seine kleine Eitelkeit und seine verliebten Schwärmereien über die
freundschaftliche Teilnehmung die Oberhand behalten, und seine Hutkokarde, worin
er vielleicht seiner Schönen gefallen wollte, war ihm auch ein sehr wichtiger
Gegenstand geworden, wofür nun Anton Reiser freilich keinen Sinn hatte. -
     So kalt, so starr an der ehernen Pforte des Todes anzuklopfen.
    Diese Worte aus Werters Leiden hatten Anton Reisern diesen ganzen Morgen im
Sinne gelegen, und da ihm Philipp Reiser den grossen Torweg öffnen wollte, durch
den nun doch der eigentliche Trennungspunkt bewirkt wurde, weil Philipp Reiser,
um nicht Verdacht zu erwecken, als ob derselbe um seine Abreise wüsste, ihn mit
Fleiss nicht begleiten sollte, so blieb er noch eine Weile inwendig stehen, sah
Philipp Reisern starr an, und in dem Augenblick war es ihm, als klopfte er so
kalt und starr an der ehernen Pforte des Todes an. - Er gab Philipp Reisern, der
ihm kein Wort sagen konnte, die Hand, zog darauf den Torweg hinter sich zu und
eilte, um die nächste Ecke zu kommen, damit sein nun von ihm geschiedener Freund
ihm nicht etwa nachsehen möchte. -
    Darauf ging er schnell über den Wall nach dem Ägidien-Tore zu und sah noch
einmal seitwärts nach seiner ehemaligen Wohnung im Hause des Rektors, die er vom
Walle aus bemerken konnte. - Es war des Nachmittags um zwei Uhr, und man läutete
zur Kirche - er verdoppelte seine Schritte, je näher er dem Tore kam. - Es war
ihm, als ob das Grab noch einmal hinter ihm seinen Schlund eröffnete. - Da er
aber nun die Stadt mit ihren grünbepflanzten Wällen im Rücken hatte und die
Häuser, wie er zurückblickte, sich immer dichter zusammendrängten, so wurde ihm
leichter und immer leichter, bis endlich die vier Türme, welche den bisherigen
Schauplatz aller seiner Kränkungen und Bekümmernisse bezeichneten, ihm aus dem
Gesichte schwanden. -
 
                                  Vierter Teil
                                     Vorrede
                                     (1790)
Dieser vierte Teil von Anton Reisers Lebensgeschichte handelt so wie die vorigen
eigentlich die wichtige Frage ab, inwiefern ein junger Mensch sich selber seinen
Beruf zu wählen imstande sei.
    Er entält eine getreue Darstellung von den mancherlei Arten von
Selbsttäuschungen, wozu ein missverstandener Trieb zur Poesie und Schauspielkunst
den Unerfahrnen verleitet hat.
    Dieser Teil entält auch einige vielleicht nicht unnütze und nicht
unbedeutende Winke für Lehrer und Erzieher sowohl als für junge Leute, die
ernstaft genug sind, um sich selbst zu prüfen, durch welche Merkzeichen
vorzüglich der falsche Kunsttrieb von dem wahren sich unterscheidet.
    Man sieht aus dieser Geschichte, dass ein missverstandener Kunsttrieb, der
bloss die Neigung ohne den Beruf voraussetzt, ebenso mächtig werden und eben die
Erscheinungen hervorbringen kann, welche bei dem wirklichen Kunstgenie sich
äussern, welches auch das Äusserste erduldet und alles aufopfert, um nur seinen
Endzweck zu erreichen.
    Aus den vorigen Teilen dieser Geschichte erhellet deutlich: dass Reisers
unwiderstehliche Leidenschaft für das Teater eigentlich ein Resultat seines
Lebens und seiner Schicksale war, wodurch er von Kindheit auf aus der wirklichen
Welt verdrängt wurde und, da ihm diese einmal auf das bitterste verleidet war,
mehr in Phantasien als in der Wirklichkeit lebte - das Teater als die
eigentliche Phantasiewelt sollte ihm also ein Zufluchtsort gegen alle diese
Widerwärtigkeiten und Bedrückungen sein. - Hier allein glaubte er freier zu
atmen und sich gleichsam in seinem Elemente zu befinden.
    Und doch hatte er hiebei ein gewisses Gefühl von den reellen Dingen in der
Welt, die ihn umgaben, und worauf er auch ungern ganz Verzicht tun wollte, da er
doch einmal so gut wie die andern Menschen Leben und Dasein fühlte.
    Dies machte, dass er mit sich selbst im immerwährenden Kampfe war. Er dachte
nicht leichtsinnig genug, um ganz den Eingebungen seiner Phantasie zu folgen und
dabei mit sich selber zufrieden zu sein; und wiederum hatte er nicht Festigkeit
genug, um irgendeinen reellen Plan, der sich mit seiner schwärmerischen
Vorstellungsart durchkreuzte, standhaft zu verfolgen.
    Eigentlich kämpften in ihm so wie in tausend Seelen die Wahrheit mit dem
Blendwerk, der Traum mit der Wirklichkeit, und es blieb unentschieden, welches
von beiden obsiegen würde, woraus sich die sonderbaren Seelenzustände, in die er
geriet, zur Genüge erklären lassen.
    Widerspruch von aussen und von innen war bis dahin sein ganzes Leben. -
    Es kömmt darauf an, wie diese Widersprücke sich lösen werden!
 
Sowie nun Reiser die Türme von Hannover aus dem Gesicht verloren hatte und mit
schnellen Schritten vorwärts ging, atmete er freier, seine Brust erweiterte sich
- die ganze Welt lag vor ihm - und tausend Aussichten eröffneten sich vor seiner
Seele.
    Er dachte sich den Faden seines bisherigen Lebens gleichsam wie
abgeschnitten - er war nun aus allen Verwickelungen auf einmal befreit - denn
hätte er auch die Universität in Göttingen bezogen, so hätte ihn auch dort sein
Schicksal hin verfolgt; die ganze Zeitgenossenschaft seiner Jugend hätte auch
dort wieder auf ihn gedrückt, und sein Mut hätte ganz erliegen müssen.
    Denn so lange, wie er in jenen Kreis hingebannt war, konnte er kein Zutrauen
zu sich selber fassen - und wenn sein Mut sich erholen sollte, so musste er so
bald die Menschen nicht wieder sehen, die vielleicht unvorsetzlich ihm die Tage
seiner Jugend verbittert hatten.
    Nun war er aus diesem Kreise ganz geschieden. - Der Schauplatz seiner
Leiden, die Welt, worin er die Schicksale seiner Jugend durchlebt hatte, lag
hinter ihm - er entfernte sich mit jedem Schritt von ihr und konnte, so wie er
sich eingerichtet hatte, acht Tage wandern, ohne dass ihn ein Mensch vermisste.
    Nun fand er eine unbeschreibliche Süssigkeit in dem Gedanken, dass ausser
Philipp Reiser niemand um sein Schicksal und um den Ort seines Aufentalts
wusste, dass selbst dieser einzige Freund sich bei seinem Abschiede nicht sehr
bekümmert hatte; dass er nun ausser allen Verhältnissen und allen Menschen, zu
denen er kam, völlig gleichgültig war.
    Wenn das gänzliche Hinscheiden aus dem Leben durch irgendeinen Zustand kann
vorgebildet werden, so muss es dieser sein. -
    Sowie nun die Hitze des Tages sich legte, die Sonne sich neigte und die
Schatten der Bäume länger wurden, verdoppelte er seine Schritte und machte
denselben Nachmittag die drei Meilen bis Hildesheim ununterbrochen, wie einen
Spaziergang; auch betrachtete er es völlig wie einen Spaziergang; denn er war
nun in Hildesheim so gut wie in Hannover zu Hause.
    Als er an das Stadttor kam, schlug er sich vorher den Staub von den Schuhen,
brachte sein Haar in Ordnung, nahm eine kleine Gerte in die Hand, mit der er im
Gehen spielte, und schlenderte auf die Weise langsam über die Brücke, auf der er
zuweilen stehen blieb, als ob er jemanden erwartete oder nach etwas sich umsah.
- Und da er überdem in seidenen Strümpfen ging, so hielt ihn niemand in diesem
Aufzuge für einen Reisenden, der über vierzig Meilen zu Fuss zu wandern im
Begriff ist.
    Keine Schildwache fragte ihn, und er wanderte mit den Einwohnern der Stadt,
die auch von ihren Spaziergängen zurückkehrten, in die Tore von Hildesheim. -
Und der Gedanke war ihm wiederum äusserst beruhigend und angenehm, dass er diesen
Leuten gar nicht als fremd auffiel, niemand nach ihm sich umsah, sondern dass er
gleichsam zu ihnen mitgerechnet wurde, ohne doch zu ihnen zu gehören. -
    Da ihn nun niemand von allen diesen Menschen kannte und niemand sich um ihn
bekümmerte, so verglich er sich auch mit keinem mehr; er war wie von sich selbst
geschieden; seine Individualität, die ihn so oft gequält und gedrückt hatte,
hörte auf, ihm lästig zu sein; und er hätte sein ganzes Leben auf die Weise
ungekannt und ungesehen unter den Menschen herumwandeln mögen. -
    Als er nicht weit vom Tore einen Gastof suchte, kam ihm die Strasse bekannt
vor, und er erinnerte sich wieder an die Zeit, als er vor vier Jahren mit dem
Rektor, bei dem er wohnte, am Fronleichnamsfeste hier war, und an die ängstliche
und peinliche Lage, in der er sich damals befand, weil er von der Gesellschaft,
mit der er ging, weder ausgeschlossen war, noch eigentlich dazugehörte. - Es
wälzte sich ihm wie ein Stein vom Herzen weg, da er sich das alles nun als
gänzlich vergangen dachte.
    In dem Gastofe, worin er nun einkehrte, empfing und bewirtete man ihn nach
seiner Kleidung, und er hatte nicht den Mut, es von sich abzulehnen, sondern
liess es sich gefallen, dass man ihm ein Abendessen zubereitete, ein Bette zum
Schlafen anwies und ihm am andern Morgen seinen Kaffee brachte. - Den trank er
noch in Ruhe und las im Homer dazu, als er auf einmal wie aus einer Art von
Betäubung erwachte, da er sich lebhaft vorstellte, dass er mit seiner Barschaft,
die aus einem einzigen Dukaten bestand, nicht nur über vierzig Meilen weit
reisen, sondern notwendig an Ort und Stelle noch etwas davon übrig haben müsste.
    Er bezahlte schnell seine Zeche, die ihn um nicht weniger als den sechsten
Teil seines ganzen Vermögens ärmer machte, erkundigte sich nach der Strasse, die
auf Seesen führte, und wanderte mit sorgenvollen Gedanken und schwerem Herzen
aus dem Tore von Hildesheim.
    Es war noch früh am Tage - der Weg führte ihn durch eine angenehme Gegend,
wo Wald und Flur miteinander abwechselten und der Gesang der Vögel ihm
entgegentönte, indes die Morgensonne auf die grünen Wipfel der Bäume schien. -
    Sowie er nun schneller vorwärts ging, fühlte er auch nach und nach wieder
sein Gemüt erleichtert; heitere Gedanken, reizende Aussichten und kühne
Hoffnungen stiegen allmählich wieder in seiner Seele auf, und nun entstand in
ihm ein Vorsatz, der ihn auf einmal über alle Sorgen hinwegsetzte und der ihn
auf seiner ganzen Wanderung reich und unabhängig machte.
    Er durfte nur seine ganze Nahrung auf Brot und Bier einschränken, auf der
Streu schlafen und niemals wieder in einer Stadt übernachten, um seinen
Unterhalt während der Reise mit wenig mehr als einem Groschen täglich zu
bestreiten. Auf die Weise konnte er länger als einen Monat unterwegens sein und
war am Ende der Reise doch noch nicht ganz entblösst.
    Sobald er diesen Vorsatz, den er von dem Tage an standhaft ausführte, gefasst
hatte, fühlte er sich wieder frei und glücklich wie ein König - selbst diese
freiwillige Entsagung aller Bequemlichkeiten und diese Einschränkung auf die
allernötigsten Bedürfnisse - gab ihm eine Empfindung ohnegleichen; er fühlte
sich nun beinahe wie ein Wesen, das über alle irdische Sorgen hinweggerückt ist,
und lebte deswegen auch ungestört in seiner Ideen- und Phantasiewelt, so dass
dieser Zeitpunkt bei allem anscheinenden Ungemach einer der glücklichsten Träume
seines Lebens war.
    Unmerklich aber schlich sich denn doch ein Gedanke mit unter, der sein
gegenwärtiges Dasein, damit es nicht ganz zum Traume würde, wieder an das vorige
knüpfte. Er stellte sich vor, wie schön es sein würde, wenn er nach einigen
Jahren in dem Andenken der Menschen, worin er nun gleichsam gestorben war,
wieder aufleben, in einer edlern Gestalt vor ihnen erscheinen und der düstere
Zeitraum seiner Jugend alsdann vor der Morgenröte eines bessern Tages
verschwinden würde.
    Diese Vorstellung blieb immer fest bei ihm - sie lag auf dem Grunde seiner
Seele, und er hätte sie um alles in der Welt nicht aufgeben können; alle seine
übrigen Träume und Phantasien hielten sich daran und bekamen dadurch ihren
höchsten Reiz. - Der einzige Gedanke, dass er dieselben Menschen, die ihn bis
jetzt gekannt hätten, niemals wiedersehen würde, hätte damals alles Interesse
aus seinem Leben hinweggenommen und ihm die süssesten Hoffnungen geraubt.
    Als nun der Mittag herannahte, so kehrte er in einem Dorfe in einem geringen
Wirtshause ein, wo er ohnedem ausser Bier und Brot auch für Geld nichts hätte
haben können und also der Fall nicht eintrat, dass man ihm eine bessere Bewirtung
angeboten und er sie hätte ablehnen müssen.
    Es machte ihm nun unbeschreiblich Vergnügen, dass er für wenige Pfennige ein
so grosses Stück schwarzes Brot erhielt, welches ihn den ganzen Tag gegen den
Hunger sicherstellte. Er brockte sich einen Teil davon ins Bier und hielt auf
die Weise das erste Mittagsmahl nach seinen eigenen strengen Gesetzen, von
welchen er von nun an während der Reise nicht abging.
    Er eilte denn aber, dass er schnell wieder aus der dumpfigen Gaststube ins
Freie kam, wo er unter einem schattigten Baum sich niedersetzte und zur
Mittagserholung in Homers Odyssee las. - Mochte nun dies Lesen im Homer eine
zurückgebliebene Idee aus Werters Leiden sein oder nicht, so war es doch bei
Reisern gewiss nicht Affektation, sondern machte ihm würkliches und reines
Vergnügen - denn kein Buch passte ja so sehr auf seinen Zustand als grade dieses,
welches in allen Zeilen den vielgewanderten Mann schildert, der viele Menschen,
Städte und Sitten gesehen hat und endlich nach langen Jahren wieder in seiner
Heimat anlangt und dieselben Menschen, die er dort verlassen hat und nimmer
wiederzusehen glaubte, auch endlich noch wieder findet.
    Der Weg ging nun immer bergauf, bergab. - Die Hitze war ziemlich gross, und
Reiser löschte seinen Durst, sooft er einen klaren Bach antraf, aus welchem ihm
umsonst zu schöpfen freistand.
    In dem Dorfe, wo er die erste Nacht blieb, war die Gaststube voller Bauern,
die einen grossen Lärm machten, so dass es ihm nicht möglich war zu lesen; er
beschäftigte sich also mit seinen Gedanken; und eine steinalte Frau, die im
Lehnstuhle sass und mit dem Kopfe bebte, zog seine ganze Aufmerksamkeit auf sich.
-
    Diese Frau war hier erzogen, hier geboren, hier alt geworden, hatte immer
die Wände dieser Stube, den grossen Ofen, die Tische, die Bänke gesehen - nun
dachte er sich nach und nach in die Vorstellungen und Gedanken dieser alten Frau
so sehr hinein, dass er sich selbst darüber vergass und wie in eine Art von
wachenden Traum geriet, als ob er auch hier bleiben müsste und nicht aus der
Stelle könne. - Ein solcher Traum war bei der plötzlichen Veränderung, die sein
Zustand gelitten hatte, sehr natürlich - und als seine Gedanken sich sammleten,
fühlte er das Vergnügen der Abwechselung, der Ausdehnung, der unbegrenzten
Freiheit doppelt wieder - er war wie von Fesseln entbunden, und die alte Frau
mit bebendem Haupte war ihm wieder ein gleichgültiger Gegenstand.
    Diese Art aber, sich in die Vorstellungen anderer Menschen hineinzudenken
und sich selbst darüber zu vergessen, klebte ihm von Kindheit an - es war einer
seiner kindischen Wünsche, dass er nur einen Augenblick aus den Augen eines
andern Menschen, den er vor sich sah, möchte heraussehen und wissen können, wie
dem die umstehenden Sachen vorkämen.
    Zum ersten Male legte er mit weit aussehenden Gedanken auf die Streu sich
nieder; seinen Degen legte er neben sich und deckte sich mit seinen Kleidern zu.
- Seine Gedanken aber liessen ihm keine Ruh, die Zukunft wurde immer glänzender
und schimmernder vor seinen Blicken; die Lampen waren schon angezündet, der
Vorhang aufgezogen und alles voll Erwartung, der entscheidende Moment war da. -
    Darüber kam bis nach Mitternacht kein Schlaf in seine Augen; und als er am
Morgen erwachte, war auf einmal der Schauplatz ganz verändert; die öde
Gaststube, die Bierkrüge, das schwarze Brot und erschlaffende Müdigkeit - hier
rächten sich seine reizenden Phantasien an ihm mit schrecklichem Unmut und
Lebensüberdruss, der über eine Stunde währte.
    Er legte sich mit dem Kopf auf den Tisch und suchte vergeblich wieder
einzuschlummern, bis die ermunternden Strahlen der Sonne, die ins Fenster
schienen, ihn wieder zum Leben weckten, und sobald er sich nur erst auf den Weg
gemacht hatte und aus der dumpfigen Gaststube war, verschwand auch schnell sein
Unmut wieder, und das reizende Ideenspiel begann von neuem.
    Er lebte auf die Weise gleichsam ein doppeltes Leben, eins in der Einbildung
und eins in der Wirklichkeit. Das Wirkliche blieb schön und harmonierte mit dem
Eingebildeten bis auf die Gaststube, das Gelärm der Bauern und die Streu - dies
aber wollte sich nicht recht dazu reimen - denn es war auf die unbegrenzte
Freiheit am Tage eine zu grosse Beschränkung am Abend; weil er doch nun bis zum
andern Morgen in keiner andern Umgebung sein konnte als in dieser.
    Freilich hatten die äussern Gegenstände einen immerwährenden Einfluss auf die
inneren Gedankenreihen; mit dem Horizonte erweiterten sich auch gemeiniglich
seine Vorstellungen, und an die Aussicht in eine neue Gegend knüpfte sich immer
gern eine neue Aussicht in das Leben.
    Einmal war er lange mühsam bergan gestiegen, als auf einmal eine weite Ebene
vor ihm dalag und er in der Ferne ein Städtchen an einem See erblickte - dieser
Anblick frischte auf einmal alle seine Gedanken und Hoffnungen wieder auf. - Er
konnte seine Augen von dem Gewässer in der Ferne nicht verwenden, das ihn mit
neuem Mut beseelte, die Ferne aufzusuchen. -
    Seine Reiseroute von Hildesheim ging nämlich über Salzdetfurt, Brockenem
und Seesen auf Duderstadt, von wo er denn über Mühlhausen geradezu nach Erfuhrt
und von dort auf Weimar gehen wollte, welches das Ziel seiner Wünsche war.
    Dort glaubte er nämlich die Ekhofsche Schauspielergesellschaft vorzufinden,
und seine Schauspielerlaufbahn sollte dort beginnen. - Nun spielte er
unterwegens auf seinen Wanderungen alle die Rollen in Gedanken durch, die ihn
dereinst mit Ruhm und Beifall krönen und seinen mannigfaltigen Kummer belohnen
sollten. -
    Er glaubte, es könne ihm nicht fehlschlagen, weil er jede Rolle tief empfand
und sie in seiner eigenen Seele vollkommen darzustellen und auszuführen wusste -
er konnte nicht unterscheiden, dass dies alles nur in ihm vorging, und dass es an
äusserer Darstellungskraft ihm fehlte. - Ihm deuchte, die Stärke, womit er seine
Rolle empfand, müsse alles mit sich fortreissen und ihn seiner selbst vergessen
machen. -
    Dies geschahe auch wirklich, denn während dem Gehen seine Einbildungskraft
immer erhitzer wurde - und er denn endlich auf dem Felde, wo er sich ganz allein
glaubte, mit Beaumarchais laut zu toben, mit Guelfo zu rasen anfing.
    Dieser Guelfo aus Klingers Zwillingen war vor seiner Abreise aus Hannover
eine seiner Lieblingsrollen geworden; denn er fand sein Hohngelächter über sich
selber, seinen Selbstass, seine Selbstverachtung und Selbstvernichtungssucht
dennoch mit Kraft vereint in dem Guelfo wieder. Und der Akt, wo Guelfo nach dem
Brudermord den Spiegel, in welchem er sich sieht, zerschmettert, war Reisern ein
wahres Fest. - Alle dies überspannte Schreckliche hatte ihn gleichsam berauscht
- er taumelte in dieser Trunkenheit über Berg und Tal - und wo er ging, da war
sein Schauplatz unbegrenzt. -
    Clavigo, der ihm so viel Tränen gekostet hatte, war ihm nun zu kalt, und
Beaumarchais trat an seine Stelle. - Dann kamen Hamlet, Lear, Otello an die
Reihe, die damals noch auf keiner deutschen Bühne vorgestellt wurden, und die er
seinem Philipp Reiser ganz allein in schauervollen Nächten vorgelesen und alle
diese Rollen selbst durchgespielt, selbst durchempfunden hatte.
    Nun gesellte sich hierzu die Dichtkunst; so sanft und melodisch floss sein
Vers dahin, und so bescheiden und doch voll edlen Stolzes war seine Muse, dass
sie die Zuneigung aller Herzen ihm sicher gewinnen musste. - Er wusste zwar noch
nicht eigentlich, was dies nun für ein Gedicht sein sollte, aber im ganzen war
es das schönste und harmonischste, was er sich denken konnte, weil es getreuer
Abdruck seiner vollen Empfindungen war.
    Mitten in einem solchen lyrischen Schwunge seiner Gedanken war es, als er
dicht bei Seesen einen Fusspfad ging, der ihn von der Strasse ab über eine Wiese
führte, wo gerade ein Scheibenschiessen war, das allen seinen schimmernden
Aussichten in die Zukunft beinahe ein plötzliches Ende gemacht hätte: denn eine
Flintenkugel sauste ihm dicht vor dem Kopfe vorbei, während dass alles ihm
zuschrie, er solle von dort weggehen - er eilte schnell durch Seesen durch und
wanderte ruhig weiter, bis er in einem kleinen Dorfe wieder übernachtete.
    Am zweiten Tage seiner Wanderung kam nun Reiser über einen Teil des
Harzgebürges, und es war noch früh am Tage, als er zur Rechten an der Heerstrasse
die Mauren einer zerstörten Burg auf einer Anhöhe liegen sah; er konnte sich
nicht entalten hier hinaufzusteigen, und als er oben war, verzehrte er sein
Stück schwarzes Brot, das er sich zum Frühstücke mitgenommen, in den Ruinen
dieses alten Rittersitzes und sah dabei auf die Heerstrasse durch den Wald
hinunter. -
    Dass er nun als ein Wanderer in diesem alten zerstörten Gemäuer wieder sein
Morgenbrot verzehrte und an die Zeiten dachte, wo hier noch Menschen wohnten,
die auch auf diese Heerstrasse durch den Wald hinuntersahn - dies machte ihm
einen der glücklichsten Momente - es schallte ihm immer wie eine Prophezeiung
aus jenen Zeiten, dass diese Mauren einst öde stehen, dass der Wanderer sich dabei
ausruhen und an die Tage der Vorzeit sich erinnern würde.
    Sein Stück schwarzes Brot war ihm hier oben eine festliche Mahlzeit - er
stieg gestärkt wieder hinunter und wanderte frohen Mutes seine Strasse fort,
indem er die höhern Harzgebürge linker Hand liegen liess.
    Das Wandern ward ihm nun so leicht, dass der Boden unter ihm eine Welle
schien, auf der er sich hob und sank, und dass er so von einem Horizont zum
andern sich fortgetragen fühlte - er verhielt sich bloss leidend, und immer stieg
eine neue Szene vor seinem Blick empor.
    Die Mittagseinkehr in der unangenehmen Gaststube war bald vorüber, und er
befand sich wieder in der freien offenen Natur. - Diese Einkehr aber war ihm
doch beschwerlich, und er dachte schon darauf, sich auch von dieser zu befreien,
als er einmal über ein Kornfeld ging und ihm die Jünger Christi einfielen,
welche am Sonntage Ähren assen.
    Er machte sogleich den Versuch, eine Handvoll Körner aus den Ähren
herauszustreifen, aus welchen Körnern er das Mehl sog und die Hülsen ausspuckte.
Indes aber bleib das Nahrungsmittel doch immer mehr ein Zeitvertreib, als dass es
ihm eigentlich das Einkehren hätte ersparen sollen. - Das Angenehme dieses
Nahrungsmittels lag vorzüglich in der Idee davon, welche den Begriff von
Freiheit und Unabhängigkeit noch vermehrte.
    Da er nun wieder eine Tagereise vollendet hatte, kehrte er ohnweit
Duderstadt in einem kleinen Dorfe ein, wo in dem Wirtshause niemand zu Hause
war.
    Es war noch vor der Dämmerung - der Torweg zum Hofe bei dem Wirtshause stand
offen - und auf dem Hofe war eine Laube, in welcher ein Tisch aber weder Stuhl
noch Bank stand. -
    Reiser, um sich auszuruhen, legte sich also auf den Tisch, und weil er zum
Lesen noch sehen konnte, so las er in der Odyssee die Stelle von den
Menschenfressern, die in dem ruhigen Hafen die Schiffe des Ulysses zerschmettern
und seine Gefährten ergreifen und verzehren. -
    Auf einmal war der Wirt zu Hause gekommen und sah, da es schon anfing
dunkel zu werden, einen Menschen in seinem Hofe in der Laube auf dem Tische
liegen und in einem Buche lesen.
    Er redete Reisern erst ziemlich unsanft an; da dieser sich aber aufrichtete
und der Wirt in ihm einen wohlgekleideten Menschen sah, so fragte er ihn
sogleich, ob er ein Jurist sei, welches in diesen Gegenden die gewöhnliche
Benennung für einen Studenten ist, weil die Teologen grösstenteils in Klöstern
studieren und schon als Geistliche betrachtet werden.
    Dem Wirt war seine Frau gestorben, und ausser ihm war niemand im ganzen
Hause. Der Mann war aber gesprächig, und Reiser hielt seine Abendmahlzeit, die
wie gewöhnlich aus Bier und Brot bestand, in seiner Gesellschaft.
    Der Mann erzählte ihm von vielen sogenannten Juristen, die bei ihm logiert
hätten, und Reiser liess ihn dabei, dass er auch im Begriff sei, nach Erfurt zu
gehen, um dort zu studieren.
    Alle dergleichen Unterredungen, die an sich unbedeutend gewesen wären,
erhielten in Reisers Idee einen poetischen Anstrich durch das Bild von dem
homerischen Wanderer, welches ihm immer vor der Seele schwebte, und selbst die
Unwahrheiten in seinen Reden hatten etwas Übereinstimmendes mit seinem
poetischen Vorbilde, dem Minerva zur Seite steht und wegen seiner
wohlüberdachten Lüge ihm Beifall zulächelt.
    Reiser dachte sich seinen Wirt nicht bloss als den Wirt einer Dorfschenke,
sondern als einen Menschen, den er nie gekannt, nie gesehen hatte und nun auf
eine Stunde lang mit ihm zusammentraf, an einem Tische mit ihm sass und Worte mit
ihm wechselte.
    Dasjenige, was durch die menschlichen Einrichtungen und Verbindungen
gleichsam aus dem Gebiete der Aufmerksamkeit herausgedrängt, gemein und
unbedeutend geworden ist, trat durch die Macht der Poesie wieder in seine
Rechte, wurde wieder menschlich und erhielt wieder seine ursprüngliche
Erhabenheit und Würde.
    Der Mann war nicht einmal eingerichtet, eine Streu zu machen, weil selten
jemand hier übernachtete; und Reiser schlief auf dem Heuboden, der ihm ein
angenehmes Lager gewährte.
    Am andern Morgen früh setzte er seine Reise weiter fort, und der Aufentalt
in diesem Hause mit dem Wirt ganz allein blieb ihm eine seiner angenehmsten
Erinnerungen.
    An diesem Tage ging es in seiner innern Gedankenwelt besonders lebhaft zu. -
Er hatte sich nun um ein Merkliches seinem Ziele genähert, und die Besorgnis
trat doch nun bei ihm ein, was er auf den Fall tun würde, wenn seine Aussichten
zu unmittelbarem Ruhm und Beifall ihm misslingen und die Entwürfe zu seiner
teatralischen Laufbahn gänzlich scheitern sollten.
    Nun traten auf einmal die Extreme auf, ein Bauer oder Soldat zu werden, und
auf einmal war das Poetische und Teatralische wieder da, denn seine Ideen vom
Bauer und Soldat wurden wieder zu einer teatralischen Rolle, die er in seinen
Gedanken spielte.
    Als Bauer entwickelte er nach und nach seine höhern Begriffe und gab sich
gleichsam zu erkennen; die Bauern horchten ihm aufmerksam zu, die Sitten
verfeinerten sich allmählich, die Menschen um ihn her wurden gebildet.
    Als Soldat fesselte er die Gemüter seiner Schicksalsgenossen allmählich
durch reizende Erzählungen; die rohen Soldaten fingen an, auf seine Lehren zu
horchen: das Gefühl der höhern Menschheit entwickelte sich bei ihnen; die
Wachtstube ward zum Hörsaale der Weisheit.
    Indem er also glaubte, dass er gerade auf das Entgegengesetzte vom Teater
sich gefasst gemacht habe, war er erst recht in vollkommen teatralische
Aussichten und Träume wieder hineingeraten.
    Es lag aber für ihn eine unbeschreibliche Süssigkeit in dem Gedanken, wenn er
Bauer oder Soldat werden müsste, weil er in einem solchen Zustande weit weniger
zu scheinen glaubte, als er wirklich wäre.
    Während er sich mit diesen Gedanken beschäftigte, kam er durch Stadt Worbes,
wo ihm einige Franziskanermönche aus dem dasigen Kloster begegneten, die ihn
freundlich grüssten.
    Als er vor dem Kloster vorbeiging, hörte er inwendig den Gesang der Mönche,
die da nun von der Welt abgeschieden, ohne Sorgen, Pläne und Aussichten lebten
und alles das, was sie sein wollten, auf einmal waren.
    Dies machte zwar einigen Eindruck auf sein Gemüt, aber lange nicht so stark
als nachher der erste Anblick eines Kartäuserklosters, dessen Einwohner durch
ihre Mauern gänzlich von der Welt geschieden auch nie mit einem Fusse den
Schauplatz wieder betreten, den sie einmal verlassen haben.
    Durch die wandernden Franziskanermönche aber wurde die Idee von
Abgeschiedenheit kleinlicht und abgeschmackt. - Der schnelle Gang vertrug sich
nicht mit dem Ordenskleide, und das Ganze hatte auch nicht einmal poetische
Würde.
    Übrigens tönte die hochdeutsche Sprache der Leute in diesen Gegenden immer
angenehm in Reisers Ohren, weil dadurch die Idee seiner nunmehrigen Entfernung
von dem plattdeutschen Lande immer lebhaft wieder in ihm erweckt wurde.
    Nun war diesen Tag auch sehr schönes Wetter gewesen, und Reiser kehrte den
Abend in einem Dorfe namens Orschla ein, um den andern Morgen von dort aus nach
der Reichsstadt Mühlhausen seinen Weg fortzusetzen.
    Das Dort ist katolisch; und als er an den Gastof kam, stand eine Menge
Leute vor der Türe, unter denen sich der Schulmeister des Orts befand, welcher
ihn mit den Worten anredete: esne litteratus? (ob er nicht ein Gelehrter wäre?)
    Reiser bejahte dies wieder in lateinischer Sprache, und auf Befragen, wohin
er ginge, sagte er wieder: er ginge nach Erfurt, um dort die Teologie zu
studieren; denn dies schien ihm immer das Sicherste zu sein.
    Während der Zeit standen die Bauern umher und horchten zu, wie ihr
Schulmeister mit dem fremden Studenten lateinisch sprach. Der Sohn des
Schulmeisters kam auch dazu, der in Hildesheim studiert hatte und jetzt seinem
Vater adjungiert war.
    Reiser ging nun in die Stube und legte zu noch mehrerem Beweise, dass er ein
Literatus sei, seinen Homer auf den Tisch, welchen denn auch der Schulmeister
gleich kannte und den Bauern auf deutsch sagte, dass das der Homer wäre.
    Mit Reisern aber fuhr er immer fort Latein zu sprechen, so gut es gehen
wollte, wobei denn viel Komisches mit unterlief; da er sehr viel von seinem
gelehrten Unterricht sprach, so fragte ihn Reiser, ob er auch mit seinen
Schülern die Kirchenväter läse? worüber er erst ein wenig in Verlegenheit
geriet, sich aber doch bald wieder fasste und sagte: alternatim.
    Er nahm nun Abschied von Reisern, der den andern Morgen früh schon weiter
gehen wollte, und warnte ihn, sich vor den kaiserlichen und preussischen Werbern
in diesen Gegenden in acht zu nehmen und sich durch keine Drohung schrecken zu
lassen, wenn sie etwa äusserten, dass sie ihn mit Gewalt nehmen wollten.
    Reiser lege sich auf seine Streu ruhig schlafen - als er aber am andern
Morgen erwachte, regnete es so stark, dass er in seiner Kleidung mit Schuhen und
seidenen Strümpfen nicht aus dem Hause gehen, viel weniger seine Reise
fortsetzen konnte, da überdem hier ein leimigter Boden ist, der bei jeder Nässe
das Gehen auf der Landstrasse ganz ausserordentlich beschwerlich macht.
    Dies war nun freilich etwas Unvermutetes für Reisern - er hatte dem Wetter
in dieser Jahreszeit zuviel zugetrauet und war auf diesen Fall nicht
vorbereitet, da er weder mit Stiefeln, noch sonst mit Kleidung zum Regenwetter
versehen war und sein beständiger Anzug auch seinen ganzen Kleidervorrat
ausmachte.
    Hier war also nichts zu tun als auszuharren, bis der Himmel sich wieder
aufklären und das Erdreich sich wieder trocknen würde. - Es hörte aber diesen
und den folgenden Tag nicht auf zu regnen. -
    Nun kam schon in aller Frühe ein kaiserlicher Unteroffizier in die
Gaststube, der in diesem Orte auf Werbung lag, sich mit seinem Krug Bier ganz
vertraulich neben Reisern an den Tisch setzte und vom Soldatenleben erst von
weitem mit ihm zu sprechen anfing, bis er nach und nach immer zudringlicher
wurde und ihm endlich geradezu versicherte, dass er doch vor den preussischen und
kaiserlichen Werbern nicht über Mühlhausen kommen würde und sich also lieber nur
gleich von ihm für sieben Gulden Handgeld anwerben lassen möchte - so dass es den
Anschein hatte, als wenn nun der Soldat in Reisers Phantasie, ehe als er gedacht
hatte, realisiert werden könnte.
    Als der Soldat hinausgegangen war, trat der Schulmeister wieder herein, der
Reisern einen guten Morgen bot und ihn heimlich warnte, sich vor dem Werber in
acht zu nehmen, ob er gleich selbst das Soldatenleben für so schlimm nicht
hielte; denn sein Sohn sei auch zwei Jahr in Mainzischen Diensten gewesen, und
wer keinen Pass habe, könne hier schwerlich durchkommen.
    Reiser versicherte ihm, dass er alles Nötige, um sich zu legitimieren, bei
sich habe. Dies war nämlich der lateinische Anschlagbogen von dem Schulaktus in
Hannover, da er am Geburtstage der Königin von England eine Rede hielt, und
worauf sein Name nicht Reiser sondern Reiserus gedruckt stand. Und ausserdem noch
den gedruckten Prolog zu dem Deserteur aus Kindesliebe, worauf sein Name als
Verfertiger stand, nebst einem Gedicht auf die Einführung eines Lehrers, wo sein
Name unter den übrigen Primanern gedruckt mit aufgeführt war.
    Er wollte diese sonderbaren Dokumente zuerst nicht gerne vorzeigen, bis es
ihm äusserst nahegelegt wurde und man ihm nicht undeutlich merken liess, dass man
ihn für einen Landstreicher hielte.
    Nun brachte er seine gedruckten Zeugnisse zum Vorschein, die eine bessere
Wirkung taten, als er anfänglich geglaubt hatte, weil er sie nach und nach
vorlegte.
    Zuerst legte er den grossen lateinischen Anschlagbogen auseinander und zeigte
auf seinen Namen Reiserus. - Der Schulmeister hatte hier wieder Gelegenheit,
seine Stärke in der Latinität zu zeigen, indem er den Anschlagbogen ins Deutsche
übersetzte; und so hatte Reiser schon viel bei ihm gewonnen.
    Darauf zog er den Prolog hervor und wies die Anwesenden auf seinen deutsch
gedruckten Namen; dies stimmte also überein, und der Schulmeister erzählte bei
der Gelegenheit, dass er auch auf der Jesuitenschule mit Komödie gespielt und
sein Name gedruckt worden sei.
    Zuletzt legte Reiser noch das Gedicht vor, wo sein Name aufs neue in der
Liste aller seiner Mitschüler gedruckt erschien und nun vollends aller Zweifel
verschwand, dass er der nicht wirklich wäre, der seinen Namen so oft und auf so
verschiedene Weise gedruckt aufzeigen konnte. Der Werber selbst wurde stille und
schien vor Reisern einigen Respekt zu bekommen.
    Dies verschafte ihm Ruhe. Er liess sich Feder und Papier geben und fing an,
eine von den Hymnen des Homers in deutsche Hexameter zu übersetzen. Den Abend
kam der Schulmeister wieder und unterhielt sich mit ihm: so ging dieser Tag
vorüber, und Reiser legte sich ruhig schlafen.
    Als er aber am andern Morgen erwachte, den Himmel wieder ebenso trübe wie
gestern sah und den Regen ans Fenster schlagen hörte, fing ihm an der Mut zu
sinken. - Er stand von seiner Spreu auf und setzte sich traurig an den Tisch; es
wollte mit den homerischen Hymnen nicht vorwärtsgehen - er stellte sich ans
Fenster und sah zu, ob der Himmel sich noch nicht ein wenig aufklären wollte,
als der Soldat schon wieder hereintrat, um ihm seine Morgenvisite zu machen.
    Da nun Reiser sich ankleidete und sein Haar in einen Zopf flochte, fing der
Kriegsmann wieder an, ihm über seine Grösse und über die Länge seines Haars sehr
viele Komplimente zu machen, und wie schade es um ihn sei, dass er nicht in den
Kriegsstand treten wolle.
    Der Schulmeister kam nun auch dazu; sie hatten seit gestern überlegt, dass
alle die vorgezeigten Dokumente kein Siegel gehabt hatten, und brachten nun
diesen Umstand gegen Reisern vorzüglich in Anregung, dass er doch vor den Werbern
nicht durchkommen würde, und dass er sich also lieber dem gönnen sollte, der doch
die ersten Ansprüche auf ihn hätte.
    So dauerte es nun den ganzen Tag über, welcher für Reisern, der nicht fort
konnte, einer der traurigsten war, bis es gegen Abend sich aufklärte und auf
einmal sein Mut wieder erwachte.
    Er nahm alle seine Überredungskraft zusammen, um die Leute durch die
nachdrücklichsten Vorstellungen zu überzeugen, dass es wirklich sein Vorsatz sei,
in Erfurt zu studieren, wovon ihn nichts in der Welt abbringen könne, dass diese
ihm endlich zu glauben schienen.
    Der Schulmeister sagte ihm auf lateinisch, wenn er morgen früh auf
Mühlhausen zureiste, so würde ihm der Wirt von diesem Gastofe begegnen, der
auch lateinisch spräche und verreist gewesen sei, um die Seinigen (suos) zu
holen.
    Der Soldat aber versprach Reisern zu seinem Schrecken, ihn den andern Morgen
zu begleiten und ihn durch ein Gehölz auf den Weg zu bringen.
    Den andern Morgen in aller Frühe war der Soldat schon wieder da, um ihn zu
begleiten, und wollte im Gastofe Reisers Zeche bezahlen, welches dieser aber
mit Gewalt nicht zugab.
    Sie gingen nun aus dem Dorfe Orschla auf Hähnichen zu eine Anhöhe herauf,
der Soldat sprach kein Wort, und da sie durch ein Gehölz kamen, so erwartete nun
Reiser jeden Augenblick die Entscheidung seines Schicksals, dem er doch nicht
entgehen könnte.
    Auf einmal stand der Soldat still und hielt Reisern eine ordentlich
patetische Anrede, er sollte sich noch einmal prüfen, ob er sich wirklich
getraute, nicht in die Hände anderer Werber zu fallen; denn das einzige würde
ihn nur ärgern, wenn er hörte, dass Reiser doch Soldat geworden wäre und ihn also
gleichsam betrogen hätte: wenn es aber sein wirklicher Vorsatz sei zu studieren
und nicht Soldat zu werden, so wünsche er ihm Glück zu seinem Vorhaben und eine
glückliche Reise.
    Hiermit ging er fort, und Reiser traute immer noch nicht recht, bis er erst
eine ganze Strecke gegangen war und ihm nichts Auffallendes begegnete, ausser
einem pucklichten Mann, der zwei Schweine vor sich hertrieb und ihn lateinisch
anredete, weil er ihn für einen Studenten hielt.
    Dies war der Gastwirt aus Orschla, wovon der Schulmeister gesagt hatte, dass
er (suos) die Seinigen holte, welcher aber (sues) Schweine geholt hatte, die der
Schulmeister in Orschla nach der zweiten Deklination dekliniert und sie dadurch
zu den Seinigen erhoben hatte.
    Sobald sich nun Reiser wieder im Freien sah und niemand gewahr wurde, der
ihm aufgelauert hätte, so war ihm dies ein unerwartetes Glück - die Gefahr aber,
welcher er entronnen war, machte doch, dass er im Gehen sehr ernstaft über sein
künftiges Leben nachdachte.
    Er erwog, dass es ihm bei allen Leuten ein ehrliches Ansehn gab, wenn er
sagte, dass er auf die Universität gehen und studieren wolle. Die Idee war ihm
auch selber nicht zuwider; dies dauerte aber nur so lange, bis die Kulissen mit
den Lichtern in seiner Einbildungskraft wieder hervortraten und alle andern
Aussichten weichen mussten.
    Er wanderte bis gegen Mittag auf eine ziemlich unbequeme Weise, weil der
Boden noch nicht trocken war, wobei nun zu seinem Schrecken seine Schuh zu
leiden anfingen, die unter seinen Umständen gewissermassen einen unersetzlichen
Teil seines Selbst ausmachten.
    Er fühlte den drohenden Verlust mit jedem Schritte, den er tat, als um die
Mittagsstunde der Himmel sich wieder mit Wolken umzog, die einen neuen Regenguss
prophezeieten, welcher sich auch sehr bald einstellte und Reisers Wanderschaft
zum zweitenmal unterbrach.
    
    Zum Glück erreichte er bald ein Jägerhaus, das mitten auf einem rund umher
mit Wald umgebenen Felde lag, und wo er ebenso voller Zutraun einkehrte, als er
höflich und gut aufgenommen und bewirtet wurde.
    Es war, als ob sein Empfang schon vorbereitet wäre, so freundschaftlich
nahmen ihn die Leute in dieser einsamen Wohnung auf.
    Es war, als ob es sich bei diesen Leuten von selbst verstände, dass man in
einem solchen Wetter einen Wanderer aufnehmen müsse. Es hörte den ganzen Tag
nicht auf zu regnen, und die Leute nötigten ihn selber, die Nacht zu bleiben.
    Als sie ihn nun zum Abendessen nötigten, verbat es sich Reiser, weil er
nicht hinlänglich mit Gelde versehen sei, um diese Bewirtung zu bezahlen; indem
er eine weite Reise vor sich habe und sich ausserordentlich einschränken müsse;
worauf der Jäger aber mit einer Art von Unwillen ihn an den Tisch zog.
    Es war für Reisern ein Gefühl ohnegleichen, sich von ganz unbekannten
Menschen so wohl aufgenommen zu sehen.
    Er fand sich hier wie zu Hause; man wies ihm die Nacht ein gutes Bette an,
das ihm nun zum ersten Male auf seiner Wanderung wieder geboten wurde.
    Am andern Morgen weckte man ihn zum Frühstück und nötigte ihn, den ganzen
Tag dazubleiben, weil es noch immerfort regnete.
    Der Mann ging ins Holz und verwies Reisern auf seine Bibliotek, dass er sich
während der Zeit damit unterhalten sollte.
    Diese Bibliotek bestand aus einer grossen Sammlung von alten Kalendern,
Totengesprächen, der Geschichte eines göttingschen Studenten und einem
erfurtischen Wochenblatt, der Bürger und der Bauer, wo der Bauer im türingschen
Dialekt sprach und der Bürger ihm in hochdeutscher Sprache antwortete.
    Reiser amüsierte sich herrlich mit diesen Sachen und gab von Zeit zu Zeit
wieder seinen Gedanken Raum; denn sein gütiger Wirt und Wirtin waren von wenigen
Worten und nicht im geringsten neugierig, sondern fragten ihn nicht einmal,
wohin er ginge und woher er käme, so dass er also durch nichts in seinen Gedanken
gestört wurde.
    Diese gastfreundliche Stube mit dem kleinen Fenster, wodurch man weit übers
Feld nach dem Holze sah, indes der Regen sich draussen stromweise ergoss, blieb
eins der angenehmsten Bilder in Reisers Gedächtnis.
    Am dritten Morgen hatte sich der Himmel aufgeklärt; und als Reiser nun von
seinen Wohltätern Abschied nahm, suchten sie ihm sogar noch den Dank zu
ersparen, indem sie eine nicht nennenswerte Kleinigkeit an Gelde als eine
Bezahlung für die dreitägige Bewirtung von ihm annahmen und, da er wegging,
nicht einmal nach seinem Namen fragten.
    Das Andenken an diese Leute machte Reisern während dem Gehen noch manche
frohe Stunde und gab ihm zugleich wieder Mut und Zutrauen zu den Menschen, unter
die er sich nun wie in einem Ozean verlor.
    Der Weg war zuerst von dem gestrigen Regen noch ziemlich beschwerlich; weil
aber die Sonne heiss schien, so trocknete der Boden bald wieder, und Reiser
erreichte noch gegen Mittag die Reichsstadt Mühlhausen, welche nun als ein neuer
ungewohnter Anblick mit ihren Türmen vor ihm lag.
    Hier stand ihm nun, wie er gewarnt war, die meiste Gefahr von den Werbern
bevor. - Er gab sich also diesmal alle mögliche Mühe, ehe er ins Tor ging,
sorgfältig seine Toilette zu machen; und die schon einmal versuchte Rolle eines
unbefangnen Spaziergängers gelang ihm auch diesmal wieder ebenso gut wie in
Hildesheim, so dass er, ohne von einer Schildwache befragt zu werden, glücklich
durchs Tor in die Stadt kam.
    Durch die Stadt eilte er so schnell wie möglich, erkundigte sich nach dem
Tore, aus welchem der Weg nach Erfurt geht, und verdoppelte seine Schritte,
sooft er etwas einer Soldatenkleidung Ähnliches nur von fern erblickte.
    Wie froh schüttelte er den Staub von seinen Füssen über diese Stadt, als er
den letzten Schlagbaum zurückgelegt hatte und keinen preussischen Werber hinter
noch neben sich sah.
    Die grünen Turmspitzen blieben das einzige Bild, was er von diesem
Häuserhaufen mit sich nahm; alles übrige war verloschen; so schnell war seine
Einbildungskraft über die Gegenstände hinweggegleitet.
    Er näherte sich nun immer mehr dem Ziele seiner Reise und betrachtete das
Zurückgelegte mit stillem Vergnügen, wobei ihm besonders seine Sparsamkeit und
harte Lebensart einen süssen Triumph gewährten, da nun die Beschwerlichkeiten
beinahe überstanden waren. Demohngeachtet aber fühlte er wiederum eine Art von
Ängstlichkeit, je kleiner der Zwischenraum zwischen ihm und seinen ungewissen
Aussichten wurde.
    Denn das, was in der Einbildungskraft keinen Anstoss gelitten hatte, sollte
nun zur Wirklichkeit kommen und mit Hindernissen kämpfen, die sich schon im
voraus darstellten. Es deuchte Reisern nun viel leichter, mit schönen und
angenehmen Aussichten in die weite Welt zu wandern, als an Ort und Stelle selbst
zu sein und diese Aussichten wahr zu machen.
    Drum hätte sich nun Reiser gerne das Ziel noch weiter weggewünscht, wenn er
imstande gewesen wäre, seine Wanderung weiter fortzusetzen. Eine traurige
Bemerkung aber, die er an seinen Schuhen machte, deren Verlust für ihn in den
Umständen, worin er sich befand, unersetzlich war, hemmte auf einmal alle seine
weiten Aussichten wieder und machte, dass er ernstaft über seinen Zustand
nachdachte.
    Es ist merkwürdig, wie die verächtlichsten wirklichen Dinge auf die Weise in
die glänzendsten Gebäude der Phantasie eingreifen und sie zerstören können und
wie auf eben diesen verächtlichen Dingen eines Menschen Schicksal beruhen kann.
    Reisers Glück, das er in der Welt machen wollte, hing jetzt im eigentlichen
Sinne von seinen Schuhen ab; denn von seinen übrigen Kleidungsstücken durfte er
nichts veräussern, wenn er mit Anstande erscheinen wollte: und doch machten
zerrissene Schuhe, die er durch neue nicht ersetzen konnte, seinen ganzen
übrigen Anzug unscheinbar und verächtlich.
    Dies versetzte ihn, indem er auf dem Wege nach Langensalza begriffen war, in
traurige und schwermütige Gedanken, bis ein Bauer und ein Handwerksbursch, die
eben desselben Weges gingen, sich zu ihm gesellten und ihn mit Gesprächen
unterhielten.
    Der Handwerksbursch erzählte von seinen Reisen in Kursachsen, und der Bauer
hatte eine Klagesache, die er selbst in Dresden bei dem Kurfürsten anbringen
wollte.
    Es war kurz nach Mittag und eine drückende Hitze. Dem Handwerksburschen
drückten seine Stiefeln - Reiser sah mit jedem Tritte seine Schuhe sich
verschlimmern, und der Bauer klagte über entsetzlichen Durst, als sie auf dem
Felde einige Arbeitsleute antrafen, die einen Eimer Wasser neben sich stehen
hatten und den drei ermüdeten Wanderern zu trinken gaben.
    Eine solche Szene, wo unbekannte, voneinander entfernte Menschen auf einmal
sich nahe zusammenfinden, gemeinschaftliches Bedürfnis und gemeinschaftlichen
Trost und Zuspruch aneinander haben, als ob sie nie unbekannt und entfernt
voneinander gewesen wären; so etwas hielt Reisern für alles Unangenehme auf
seinen Wanderungen wieder schadlos, und er konnte sich mit innigem Vergnügen
daran zurückerinnern.
    Seine Gefährten verliessen ihn vor der Stadt Langensalza, in der er sich
nicht aufhielt, sondern noch den nächsten Ort zu erreichen suchte, wo er
übernachten wollte.
    Er kam spät in dem Gastofe an, wo er nun die letzte Nacht vor seiner
Ankunft in Erfurt zubrachte. - Als er am andern Morgen erwachte, so war sein
erster Gedanke an einen Schuster; und wie gross war nun seine Freude, als er an
diesem Orte einen fand, der um wenige Groschen, während dass er darauf wartete,
seine Schuh wieder in dauerhaften Stand setzte, und er dadurch auf einmal aus
der grössten Verlegenheit befreit war.
    Nun ging er also rasch auf Erfurt zu. - So wie er gekleidet war, durfte er
nun vor jedermann erscheinen, und so hatte er wieder Mut und Zutrauen zu sich
selber.
    In dem letzten Dorfe vor Erfurt liess er sich einen Trunk Bier geben. - In
dem Gastofe war es sehr lebhaft. Man bemerkte schon die Nähe der Stadt, aus
welcher sich viele Einwohner hier befanden, unter denen auch ein Gelehrter war,
mit dem die andern von seinen Werken sprachen.
    Von diesem Dorfe aus bekam denn Reiser endlich die Stadt Erfurt zu Gesichte
mit dem alten Dom, den vielen Türmen, den hohen Wällen und dem Petersberge. -
Das war nun die Vaterstadt seines Freundes Philipp Reisers, wovon ihm dieser so
viel erzählt hatte. - Auf dem Wege nach der Stadt zu waren Kirschbäume
gepflanzt. - Die Hitze der Mittagssonne hatte sich schon gelegt - die Leute
gingen vor dem Tore spazieren - und als Reiser auf diesem Wege an Hannover
zurückdachte, so war es ihm auch gerade, als habe er von dort bis hieher einen
leichten Spaziergang gemacht, so klein deuchte ihm nun der Zwischenraum, den er
zurückgelegt hatte.
    Eine so grosse Stadt wie diese hatte er nun noch nicht gesehen; der Anblick
war ihm neu und ungewohnt; er kam durch die breite und schöne Strasse, welche der
Anger heisst, und konnte sich nicht entalten, noch ein wenig in der Stadt
umherzugehen, ehe er seinen Stab weiter setzte; denn er wollte noch bis zum
nächsten Dorfe gehen, das auf dem Wege nach Weimar liegt.
    Bei diesen Wanderungen durch die Strassen von Erfurt kam er in eine der
Vorstädte und kehrte, weil es noch nicht spät war, in einem Gastofe ein.
    Hier sass der Wirt, ein dicker Mann, am Fenster, und Reiser fragte ihn, ob
die Ekhofsche Schauspielergesellschaft noch in Weimar wäre? Nichts! antwortete
er, sie ist in Gota! Reiser fragte weiter, ob Wieland noch in Erfurt wäre?
Nichts! antwortete jener wieder, er ist in Weimar! Das Nichts! sprach er
jedesmal mit einer Art von Unwillen aus, als ob es ihn verdrösse, Nein! zu
sagen.
    Und dies harte Nichts! in der Antwort des dicken Wirtes verrückte auf einmal
Reisers ganzen Plan. - Nach Weimar war eigentlich sein Sinn gerichtet - da,
glaubte er, würden sich unerwartete Kombinationen finden - er würde da den
angebeteten Verfasser von Werters Leiden sehen. - Und nun klang auf einmal
Gota statt Weimar in seinen Ohren.
    Er liess sich aber auch dies nicht irren, sondern stand eilig auf, um sich
noch denselben Abend auf den Weg nach Gota zu begeben und, um von seiner
strengen Regel nicht abzuweichen, im nächsten Dorfe zu übernachten.
    Ehe die Sonne unterging, hatte er Erfurt schon wieder im Rücken, und ehe es
ganz Nacht wurde, erreichte er noch das erste Dorf auf dem Wege nach Gota. -
Der Dom und die alten Türme von Erfurt machten nun ein neues Bild in seiner
Seele, das er mit sich heraustrug und das ihn zur Wiederkehr in diesen Ort
einzuladen schien.
    In dem Dorfe aber, wo er einkehrte, hatte er noch zu guter Letzt auf seiner
Streu sehr unruhige Nachbaren. Dies waren nämlich Fuhrleute, die von Zeit zu
Zeit aufstanden und sich in einem sehr groben Dialekt miteinander unterhielten,
worin besonders ein Wort vorkam, das höchst widrig in Reisers Ohren tönte und
immer mit einer Menge von hässlichen Nebenideen für ihn begleitet war: die Bauern
sagten nämlich immer: er quam anstatt er kam. Dieses quam schien Reisern ihr
ganzes Wesen auszudrücken; und alle ihre Grobheit war in diesem quam, das sie
immer mit vollen Backen aussprachen, gleichsam zusammengedrängt.
    Kaum dass Reiser ein wenig eingeschlummert war, so weckte ihn dies verhasste
Wort wieder auf, so dass diese Nacht eine der traurigsten war, die er je auf
einer Streu zugebracht hatte. Als der Tag anbrach, sah er die schwammigten,
aufgedunsenen Gesichter seiner Schlafkameraden, welche vollkommen mit dem quam
übereinstimmten, das ihm noch in den Ohren gellte, als er den Gastof schon
verlassen hatte und nun am frühen Morgen mit starken Schritten auf Gota
zuwanderte.
    Weil er die Nacht wenig geschlafen hatte, waren seine Gedanken auf dem Wege
nach Gota eben nicht sehr heiter, wozu noch kam, dass mit jedem Schritte seine
Aussicht nun enger wurde und seine Phantasie weniger Spielraum hatte.
    Es war an einem Sonntage, und ein Schuster, der die Woche aufs Land gegangen
war, um Schulden einzufordern, kehrte mit ihm nach Gota und sagte ihm unter
andern, dass es dort sehr teuer zu leben sei.
    Diese Nachricht war für Reisern sehr bedenklich, der nun ohngefähr noch
einen Gulden im Vermögen hatte und dessen Schicksal in Gota sich also sehr bald
entscheiden musste. -
    Das Gespräch mit dem Schuster, der ihm als ein Einwohner von Gota seine Not
klagte, war für ihn gar nicht unterhaltend und stimmte seine Ideen sehr herab,
da er nun das wirkliche Leben in so einer Stadt sich dachte, wo noch kein Mensch
ihn kannte, und wo es noch sehr zweifelhaft war, ob irgend jemand an seinem
Schicksal teilnehmen und auf seine Wünsche merken würde.
    Diese unangenehmen Reflexionen machten, dass ihm der Weg noch beschwerlicher
und er mit jedem Schritte müder wurde, bis sich die beiden kleinen Türmchen von
Gota zeigten, wovon ihm der Schuster sagte, dass der eine auf der Kirche und der
andre auf dem Komödienhause stände.
    Dieser angenehme Kontrast und lebhafte sinnliche Eindruck machte, dass sein
Gemüt sich allmählich wieder erheiterte und er durch verdoppelte Schritte seinen
Gefährten wieder in Atem setzte.
    Denn das Türmchen bezeichnete ihm nun deutlich den Fleck, wo der
unmittelbare laute Beifall eingeerntet und die Wünsche des ruhmbegierigen
Jünglings gekrönt würden.
    Dieser Platz behauptete dort seine Rechte neben dem geweihten Tempel und war
selbst ein Tempel der Kunst und den Musen geweihet, in welchem das Talent sich
entwickeln und alle und jede Empfindungen des Herzens aus ihren geheimsten
Falten vor einem lauschenden Publikum sich entüllen konnten. -
    Da war nun der Ort, wo die erhabene Träne des Mitleids bei dem Fall des
Edlen geweint und lauter Beifall dem Genius zugejauchzt wurde, der mit Macht die
Seelen zu täuschen, die Herzen zu schmelzen wusste.
    Mitleid den Toten und Ehre den Lebenden war hier die schöne Lösung - und
Reiser lebte und webte schon in diesem Elemente, wo alles das, was die Vorwelt
empfand, noch einmal nachempfunden und alle Szenen des Lebens in einem kleinen
Raume wieder durchlebt wurden.
    Kurz, es war nichts weniger als das ganze Menschenleben mit allen seinen
Abwechselungen und mannigfaltigen Schicksalen, das bei dem Anblick des Türmchens
vom Gotaischen Komödienhause sich in Reisers Seele wie im Bilde darstellte, und
worin sich die Klagen des Schusters, der ihn begleitete, und seine eigenen
Sorgen wie in einem Meere verloren. -
    Mit seinem einzigen Gulden in der Tasche fühlte sich Reiser beglückt wie ein
König, solange dieser Reichtum von Bildern ihm vorschwebte, die die Spitze des
Türmchens in Gota umgaukelten und Reisern einen schönen Traum in die Zukunft
aufs neue vorspiegelten.
    Da sie nicht mehr weit von der Stadt waren, liess Reiser seinen Gefährten
vorangehen und setzte sich gemächlich unter einen Baum, um so gut wie nur irgend
möglich seine Kleider in Ordnung zu bringen und auf eine stattliche Weise in
Gota seinen Einzug zu halten.
    Dies gelang ihm so gut, dass einige Handwerksleute, die eben vor dem Tore vor
Gota spazieren gingen, wie vor einem vornehmen Manne den Hut vor ihm abzogen,
welches Reisern nicht wenig in Verwunderung setzte, der auf seiner ganzen Reise
mit den Fuhrleuten auf der Streu geschlafen und eine gar nicht glänzende Figur
gespielt hatte.
    Er kam nun durch das alte Tor von Gota in eine etwas dunkle Strasse, die er
hinaufging und bald zur rechten Seite den Gastof zum goldnen Kreuze ansichtig
wurde, wo er denn einkehrte, weil dieser Gastof ihm keiner der glänzendsten zu
sein schien.
    Als er eben hereintrat, fand er gleich vorn in der Gaststube einen Schwarm
von Handwerksburschen, die schrien und lärmten; und er wollte schon wieder
umkehren, als der alte Wirt zu ihm kam, der ihn freundlich anredete und fragte,
ob er etwa hier logieren wolle? Reiser erwiderte: dies sei wohl eine Herberge
für Handwerksburschen? Das täte nichts, sagte der Wirt, er solle mit seinem
Logis schon zufrieden sein, und hierauf nötigte er Reisern in seine eigene
wohleingerichtete Stube, wo ein alter Hauptmann, ein Hoflakai und noch einige
andere wohlgekleidete Leute waren, in deren Gesellschaft Reiser von dem Wirt
introduzieret und auf das höflichste behandelt wurde. Denn man tat keine einzige
unbescheidene oder neugierige Frage an ihn und bewies ihm doch dabei eine
schmeichelnde Aufmerksamkeit.
    In diesem Zimmer stand ein Flügel, auf welchem ein junger Mann, namens
Liebetraut, sich hören liess. Dieser Liebetraut war auch erst vor kurzem
zufälligerweise in eben diesen Gastof eingekehrt und mit den alten Wirtsleuten
bekannt geworden, auf deren Zureden, weil sie sich gerne in Ruhe setzen wollten,
er den Gastof in Pacht übernommen hatte, so dass er also eigentlich der Wirt
war, obgleich die Alten ihm noch immer Anweisung geben und sich mit um die
Wirtschaft bekümmern mussten.
    Dieser junge Liebetraut liess sich sehr bald mit Reisern in ein Gespräch über
schöne Wissenschaften und Dichtkunst ein und zeigte sich als ein Mann von feinem
Geschmack und Bildung, und was das Sonderbarste war, so schien er nicht
undeutlich darauf anzuspielen, dass Reiser wohl hierher gekommen sei, um sich dem
Teater zu widmen.
    Dieser liess sich für jetzt nicht weiter aus, und ihm wurde nun auch eine
Stube angewiesen, wo er allein sein konnte. Hier sammelten sich nun seine
Gedanken wieder, und er machte sich nun einen Plan, wie er am andern Tage seinen
Besuch bei dem Schauspieler Ekhof machen und dem sein Anliegen vortragen wollte.
    Während er auf seiner Stube allein mit diesen Gedanken beschäftigt war und
am Fenster stand, kamen die Chorschüler vor das Haus und sangen eine Motette,
die Reiser während seiner Schuljahre in Wind und Regen oft mitgesungen hatte.
    Dies erinnerte ihn an jenen ganz trüben Zeitraum seines Lebens, wo immer
Missmut, Selbstverachtung und äusserer Druck ihm jeden Schimmer von Freude raubte,
wo alle seine Wünsche fehlschlugen und ihm nichts als ein schwacher Strahl von
Hoffnung übrig blieb.
    Sollte denn nun, dachte er, nicht endlich einmal die Morgenröte aus jenem
Dunkel hervorbrechen? - Und eine trügerische täuschende Hoffnung schien ihm zu
sagen, dass er dafür, dass er so lange sich selber zur Qual gewesen, nun auch
einmal werde Freude an sich selber haben, und dass die glückliche Wendung seines
Schicksals nicht weit mehr entfernt sei.
    Sein höchstes Glück aber war nun einmal der Schauplatz; denn das war der
einzige Ort, wo sein ungenügsamer Wunsch, alle Szenen des Menschenlebens selbst
zu durchleben, befriedigt werden konnte.
    Weil er von Kindheit auf zu wenig eigene Existenz gehabt hatte, so zog ihn
jedes Schicksal, das ausser ihm war, desto stärker an; daher schrieb sich ganz
natürlich während seiner Schuljahre die Wut, Komödien zu lesen und zu sehen. -
Durch jedes fremde Schicksal fühlte er sich gleichsam sich selbst entrissen und
fand nun in andern erst die Lebensflamme wieder, die in ihm selber durch den
Druck von aussen beinahe erloschen war.
    Es war also kein echter Beruf, kein reiner Darstellungstrieb, der ihn anzog:
denn ihm lag mehr daran, die Szenen des Lebens in sich als ausser sich
darzustellen. Er wollte für sich das alles haben, was die Kunst zum Opfer
fordert.
    Um seinetwillen wollte er die Lebensszenen spielen - sie zogen ihn nur an,
weil er sich selbst darin gefiel, nicht weil an ihrer treuen Darstellung ihm
alles lag. - Er täuschte sich selbst, indem er das für echten Kunsttrieb nahm,
was bloss in den zufälligen Umständen seines Lebens gegründet war. - Und diese
Täuschung, wie viele Leiden hat sie ihm verursacht, wie viele Freuden ihm
geraubt!
    Hätte er damals das sichere Kennzeichen schon empfunden und gewusst, dass, wer
nicht über der Kunst sich selbst vergisst, zum Künstler nicht geboren sei, wie
manche vergebene Anstrengung, wie manchen verlornen Kummer hätte ihm dies
erspart!
    Allein sein Schicksal war nun einmal von Kindheit an, die Leiden der
Einbildungskraft zu dulden, zwischen welcher und seinem würklichen Zustande ein
immerwährender Misslaut herrschte, und die sich für jeden schönen Traum nachher
mit bittern Qualen rächte.
    Nach seiner langen Wanderschaft brachte nun Reiser wieder die erste Nacht in
Gota in sanftem Schlummer zu, und als er am andern Morgen früh erwachte, so war
es, als ob aus Lisuart und Dariolette ihm der Schluss aus einer Arie, welche die
verwünschte Alte singt, entgegentönte:
Vielleicht ist dies der Morgen,
Der aller meiner Sorgen
Erwünschtes Ende bringt.
Während dass diese Zeilen ihm immer in Gedanken schwebten, zog er sich an und
erkundigte sich bei seinem jungen Wirt, wo Ekhof wohnte, dem er nun diesen
Vormittag seinen Besuch machen wollte.
    Zu dem Ende hielt er nun seinen gedruckten Prolog in Bereitschaft, den er in
Hannover verfertigt und Iffland gesprochen hatte, und durch welchen er hier
vorzüglich Eingang zu finden hoffte.
    Der junge Gastwirt Liebetraut nötigte ihn noch vorher mit ihm zu frühstücken
und schien an seinem Umgange ein besonderes Vergnügen zu finden, indem er
zugleich anfing, ihn zum Vertrauten seiner Herzensgeschichte zu machen, welche
darin bestand, dass er den Gastof gepachtet habe, um ein junges Frauenzimmer,
das er liebte, je eher je lieber heiraten zu können.
    Reiser ging nun zu Ekhof, und auf dem Wege dahin drängten sich alle seine
Entwürfe, die er vom Anfang seiner Wanderung an gemacht, noch einmal wieder in
seine Seele zusammen, da er sich so nahe am Ziel seiner Reise sah; die Melodie
und der Vers aus Lisuart und Dariolette tönten noch immer in seine Ohren, und
diesmal wenigstens täuschte ihn seine Hoffnung nicht. - Ekhof empfing ihn über
Erwartung gut und unterhielt sich beinahe eine Stunde mit ihm.
    Reisers jugendlicher Entusiasmus für die Schauspielkunst schien dem Greise
nicht zu missfallen - er liess sich mit ihm über Gegenstände der Kunst ein und
missbilligte es gar nicht, dass er sich dem Teater widmen wollte, wobei er
hinzufügte, dass es freilich gerade an solchen Menschen fehlte, die aus eigenem
Triebe zur Kunst und nicht durch äussere Umstände bewogen würden, sich der
Schaubühne zu widmen.
    Was konnte wohl aufmunternder für Reisern sein als diese Bemerkung - er
dachte sich schon im Geist als einen Schüler dieses vortrefflichen Meisters.
    Nun zog er auch seinen gedruckten Prolog hervor, der Ekhofs vollkommnen
Beifall erhielt und den sich derselbe sogar von ihm ausbat und bemerkte, wie
nahe das Talent zum Schauspieler und zum Dichter miteinander verwandt sei und
wie eins gewissermassen das andere voraussetze.
    Reiser fühlte sich in diesem Augenblick so glücklich, als sich ein junger
Mensch nur fühlen konnte, der vierzig Meilen weit bei trockenem Brote zu Fusse
gereist war, um Ekhof zu sehen und zu sprechen und unter seiner Anführung
Schauspieler zu werden.
    Was nun sein Engagement anbeträfe, sagte Ekhof, so müsse er sich deswegen
vorzüglich bei dem Bibliotekarius Reichard melden, mit welchem er selbst auch
Reisers wegen sprechen wolle.
    Reiser versäumte keinen Augenblick dieser Anweisung zu folgen und ging von
Ekhof, der in einem Bäckerhause wohnte, nach dem Hause des Bibliotekarius
Reichard, der ihn zwar auch höflich empfing, aber sich doch nicht so viel wie
Ekhof mit ihm einliess. Indes machte er ihm zu einer Debütrolle Hoffnung, welches
Reisers höchster Wunsch war, denn wenn er nur dazu käme, zweifelte er nicht,
seinen Endzweck zu erreichen.
    Mit Heiterkeit im Gesichte kehrte er nun zu Hause, weil er diesen Anfang
seiner Unternehmung für höchst glücklich hielt und unter diesen günstigen
Umständen sich so viel zutraute, dass nun sein Wunsch ihm nicht mehr fehlschlagen
könne.
    Und ob er sich gleich seinem Wirt nicht ganz entdeckte, so schien dieser
doch gar nicht mehr daran zu zweifeln, dass er nun in Gota bleiben und seine
teatralische Laufbahn hier antreten würde.
    Voller Zutrauen zu sich selbst und seinem Schicksale brachte nun Reiser in
der Gesellschaft des alten Hauptmanns, des Hoflakaien und seines Wirts den
Mittag höchst angenehm zu; und voll von schimmernden Aussichten, worin ihn alles
bestärkte, überschritt er durch dies Mittagsessen zum erstenmal im Taumel der
Freude den Bestand seiner Kasse und dünkte sich nun dadurch um desto fester an
diesen Ort und an die hartnäckigste Verfolgung seines Plans gebunden.
    Er machte nun fast täglich bei Ekhof seinen Besuch, und dieser riet ihm,
fürs erste die Proben im Schauspielhause fleissig zu besuchen, welches Reiser tat
und den alten Ekhof hier ganz in seinem Elemente sah, wie er auf jede
Kleinigkeit aufmerksam war und auch den ersten Schauspielern noch manche
Erinnerung gab. Auch wurde Reisern erlaubt, die Komödie unentgeltlich zu
besuchen, wo das erste Mal ein gewisser Bindrim mit dem Vater in der Zaire
debütierte.
    Weil nun dieser keinen besondern Beifall fand und Reiser in sich fühlte, wie
bei den meisten Stellen der Ausdruck hätte ganz anders sein müssen, so spornte
ihn dies noch mehr an, nun selber so bald wie möglich in einer Debütrolle den
Schauplatz zu betreten, und er lag Ekhof dringend an, dass in einem der
nächstaufzuführenden Stücke ihm eine Rolle möchte zugeteilt werden.
    Und da das nächstemal die Poeten nach der Mode aufgeführt wurden, so tat
Reiser den Vorschlag, die Rolle des Dunkel zu übernehmen, welches ihm aber Ekhof
aus dem Grunde widerriet, weil er selbst diese Rolle spiele und es für einen
angehenden Schauspieler nicht ratsam sei, sich gerade in einer Rolle zuerst zu
zeigen, die man schon von einem alten geübten Schauspieler zu sehen gewohnt
wäre.
    So verschob sich nun sein Debüt von einem Spieltage bis zum andern, während
dass seine Hoffnung dazu immer genährt wurde und auf dieser Entscheidung nun sein
ganzes Schicksal beruhte.
    Bei Ekhof holte sich nun Reiser immer Trost und neue Hoffnung, sooft er
anfing verzagt zu werden; denn dass dieser sich gerne mit ihm unterhielt, flösste
ihm wieder Selbstzutrauen und neuen Mut ein.
    Demohngeachtet aber waren auch ein paar Äusserungen von Ekhof äusserst
niederschlagend für ihn; denn als einmal von seinem Engagement die Rede war und
Reiser sich auf einen jungen Menschen berief, der in den Poeten nach der Mode
die Rolle des Reimreich gespielt hatte, so sagte Ekhof, man habe diesen
vorzüglich seiner Jugend wegen angenommen, und schien dadurch zu verstehen zu
geben, dass dieser Beweggrund bei Reisern nicht mehr stattfinde; der damals doch
auch erst neunzehn Jahr alt war, aber, wie es schien, von jedermann für weit
älter gehalten wurde; so dass bei dem Verlust aller Freuden der Jugend auch nicht
einmal der Anschein der Jugend geblieben war.
    Und ein andermal, als von Goeten gesprochen wurde, sagte Ekhof, er sei
ohngefähr von Reisers Statur, aber gut physiognomiert, welches aber allein schon
den Schauspieler in Reisern ganz vernichtet haben würde, wenn nicht Ekhof gleich
darauf zufälligerweise ihm wieder etwas Aufmunterndes gesagt hätte, indem er ihn
fragte, ob er ausser dem Prolog sonst nichts gedichtet habe? welches Reiser
bejahte und, sobald er zu Hause kam, seine Verse, die er auswendig wusste,
niederschrieb, um sie Ekhof zu überbringen.
    Er brachte wohl ein paar Tage mit dieser Arbeit zu, und sein Wirt geriet auf
den Gedanken, dass Reiser ein dramatisches Werk für die Schaubühne verfertigte. -
Dies liess er sich auf keine Weise ausreden und wünschte Reisern schon im voraus
Glück zu der glänzenden Laufbahn, die er nun betreten würde.
    Als Ekhof die Gedichte gelesen hatte, bezeigte er Reisern seinen Beifall
darüber und sagte, er wolle sie auch dem Bibliotekarius Reichard zu lesen
geben. Dies war für Reisern eine Aufmunterung ohnegleichen, weil er sich immer
noch an Ekhofs ersten Ausspruch erinnerte, wie nahe der Schauspieler und der
Dichter aneinander grenzten.
    Er zweifelte nun nicht, dass diese Gedichte ihm seinen Weg zum Teater noch
mehr bahnen und ihn bald seinem Ziele näher bringen würden. Dazu kam noch, dass
der Schauspieler Grossmann, welcher sich damals in Gota aufhielt und Reisern
einmal auf der Strasse begegnete, ihm neuen Mut zusprach, indem er den Grund
anführte, dass man ihn gewiss nicht würde so lange aufgehalten haben, wenn man
nicht gesonnen sei, ihn vielleicht ohne Debüt für das Teater zu engagieren;
denn es war nun schon in die dritte Woche, dass Reiser sich hier aufhielt.
    Diese tröstenden Worte und die freundliche Anrede von Grossmann waren damals
ein wahrer Balsam für Reisern, der bei dem Schloss, wo gebauet wurde, einsam
auf und nieder ging und gerade mit finsterm Unmut über sein noch ungewisses
Schicksal nachdachte.
    Reiser ging nun mit guter Hoffnung zu Hause und brachte den Tag bei seinem
Wirt noch sehr vergnügt zu.
    Am andern Morgen ging er in die Probe, und man führte den Tag gerade die
Operette der Deserteur auf, worin ein fremder Schauspieler, namens Neuhaus, den
Deserteur und dessen Frau die Lilla spielte.
    Ekhof bewies sich bei der Probe besonders geschäftig, und Reiser stand
hinter den Kulissen und sah mit Vergnügen zu, wie durch Anstrengung und
Aufmerksamkeit eines jeden einzelnen das schöne Werk entstand, das am Abend die
Zuschauer vergnügen sollte.
    Er dachte sich lebhaft die Nähe, in der er sich nun bei diesen reizenden
Beschäftigungen fand, und dass auf eben diesem Schauplatze mit seinem Spiele sich
auch zugleich sein Schicksal entscheiden und seine Existenz auf diesem Flecke
sich entwickeln würde. -
    Denn auf diesen engumschränkten Schauplatz waren nun nach der weiten Reise
alle seine Wünsche beschränkt; hier sah er sich, hier fand er sich wieder. -
Hier schloss die Zukunft ihren ganzen reichen Schatz von goldenen Phantasien für
ihn auf und liess ihn in eine schöne und immer schönere Ferne blicken. - -
    So hatte er schon oft zwischen den Kulissen in Gedanken vertieft gestanden
und stand auch diesmal wieder so, als er auf einmal den Bibliotekarius Reichard
auf sich zukommen sah, von dem er schon seit einigen Tagen eine entscheidende
Antwort erwartet hatte.
    Die Miene desselben verkündigte schon nichts Gutes, und er redete Reisern
mit den trocknen Worten an, es täte ihm leid, ihm sagen zu müssen, dass aus
seinem Engagement beim Teater nichts werden und dass er auch zur Debütrolle
nicht kommen könne. - Mit diesen Worten gab er Reisern die geschriebenen
Gedichte zurück, indem er gleichsam zum Trost hinzufügte, es herrsche eine
leichte Versifikation darin und er solle dies Talent ja nicht vernachlässigen.
    Reiser, der an Leib und Seele gelähmt war, konnte kein Wort hierauf
antworten, sondern ging hin, wo das Teater mit seinem letzten Vorhange ganz am
Ende an die kahle Mauer grenzt, und stützte sich verzweiflungsvoll mit dem Kopfe
an die Wand. Denn er war nun wirklich unglücklich und doppelt unglücklich. -
    Der eingebildete und der würkliche Mangel traten in fürchterlicher Eintracht
zusammen, um sein Gemüt mit Schrecken und Grauen vor der Zukunft zu erfüllen.
    Er sah nun keinen Ausweg aus diesem Labyrinte, in welches seine eigene
Torheit ihn geleitet hatte - hier war nun die kahle öde Mauer, das täuschende
Schauspiel war zu Ende.
    Er eilte vors Tor hinaus und ging in der Allee, wo er sich schon oft mit den
angenehmsten Vorstellungen beschäftiget hatte, verzweiflungsvoll auf und nieder;
die Menschen gingen kalt vor ihm vorbei; niemand wusste, dass er in diesem
Augenblick die einzige Hoffnung seines Lebens verloren hatte und einer der
verlassensten Menschen war.
    Und sonderbar war es, dass gerade in diesem allerverlassensten Zustande sich
ein unbekanntes Gefühl von Liebebedürfnis in ihm regte, da seine Verzweiflung in
Mitleid mit seinem eigenen Zustande sich verwandelte und ihm nun ein Wesen
fehlte, das dieses Mitleid mit ihm haben könnte.
    Er getrauete sich den Mittag nicht zu Hause zu gehen, sondern ass nicht und
kehrte erst den Nachmittag wieder zurück - und am Abend ging er in die Komödie,
wo nun die Operette der Deserteur aufgeführt wurde, die ihm den Tod seiner
Hoffnungen bezeichnete.
    Nie aber in seinem Leben ist seine Teilnahme an einem fremden Schicksale
stärker gewesen, als sie es gerade diesen Abend an dem Schicksale der Liebenden
war, welche durch den drohenden Todesstreich getrennt werden sollten. Es traf
bei ihm zu, was Homer von den Mädchen sagt, die um den erschlagenen Patroklius
weinten, sie beweinten zugleich ihr eigenes Schicksal.
    Selbst die Musik rührte ihn bis zu Tränen, und jeder Ausdruck erschütterte
sein Innerstes. Am stärksten aber fühlte er sich durch die Szene bewegt, wo der
Deserteur, der schon sein Todesurteil weiss, im Gefängnis an seine Geliebte
schreiben will und sein betrunkener Kamerad ihm keine Ruhe lässt, weil er ihn ein
Wort soll buchstabieren lehren.
    Reiser fühlte es hier tief, wie wenig ein Mensch den andern Menschen ist,
wie wenig den andern an seinem Schicksal liegt; und sein Freund mit der
Hutkokarde stand wieder vor seiner Seele da. Weswegen putzte aber jener seine
Hutkokarde, als um seinem Mädchen, der einzigen zu gefallen, die damals seine
Göttin war, in der er sich wiederfinden und wieder von ihr geliebt sein wollte.
    Das Schauspiel endigte sich froh, die Unglücklichen wurden getröstet, das
Weinen verwandelte sich in Lachen, das Trauren in Fröhlichkeit - aber betrübt
und mit schwerem Herzen ging Reiser in seine Wohnung - vor ihm war alles dunkel,
und er sah nun keinen Strahl von Hoffnung mehr.
    Als er zu Hause kam, legte er sich sogleich zu Bette - seine Sinne waren
stumpf - seine Gedanken wussten keinen Ausweg mehr zu finden - und der Schlaf war
das einzige, was ihm übrig blieb. - Es war ihm, als ob er aus diesem Schlafe
nicht wieder erwachen würde - denn alle Lebensaussichten waren ihm
abgeschnitten, und er hatte keine Hoffnung mehr, wozu er erwachen sollte.
    Der Gedanke von Auflösung, von gänzlichem Vergessen seiner selbst, von
Aufhören aller Erinnerung und alles Bewusstseins war ihm so süss, dass er diese
Nacht die Wohltat des Schlafes im reichsten Masse genoss - denn kein leiser Wunsch
hemmte mehr die gänzliche Abspannung aller seiner Seelenkräfte; kein Traum von
täuschender Hoffnung schwebte ihm mehr vor - alles war nun vorbei und endigte
sich in die ewigstille Nacht des Grabes.
    So wohltätig reicht die Natur den Hoffnungslosen auch schon die Schale dar,
aus der er Vergessenheit seiner Leiden trinken und alle Erinnerungen an irgend
etwas, das er wünschte oder wornach er strebte, aus der Seele verwischt werden
sollen.
    Als Reiser am andern Morgen spät aus seinem tiefen Schlafe erwachte, fühlte
er sich wunderbar an Leib und Seele gestärkt - er fühlte Kraft in sich, alles zu
unternehmen, um auch selbst unter diesen Umständen noch zum Ziel seiner Wünsche
zu gelangen.
    Es stieg ein Gedanke in ihm auf, sich hier um Unterrichtsstunden zu
bewerben; sich durch seinen eigenen Fleiss zu nähren und auf dem Teater umsonst
zu dienen. - Dieser Entschluss wurde immer lebhafter bei ihm, und er traute
seinen Kräften alles zu, sobald er nur wieder einen Schimmer von Hoffnung vor
sich sah, sein Ziel zu erreichen.
    Während dieser Gedanken zog er sich an und ging zu Ekhof, dem er seinen
Entschluss entdeckte und dessen Rat er sich ausbat, indem er versicherte, dass er
für sich selbst leben könne, ohne doch von der Art, wie er zu leben dächte, sich
etwas merken zu lassen.
    Ekhof lobte und billigte seine Standhaftigkeit und sagte ihm, er zweifle
nicht, dass dies Anerbieten werde angenommen werden. Der Bibliotekarius
Reichard, welchem Reiser eben diesen Entschluss bekannt machte, versprach ihm den
andern Tag Bescheid darauf zu geben.
    Und nun kehrte Reiser voll neuer Hoffnung wieder zu Hause - sein ganzes
Beginnen kam ihm nun selber noch ehrenvoller vor, weil er mit der Kunst zugleich
den Fleiss in nützlichen Geschäften und nährendem Erwerb verband - und alle seine
übrigen Stunden der Kunst zum Opfer brachte.
    Er ass nun diesen Mittag wieder voll Zutrauen bei seinem Wirt - und fühlte in
sich einen unwiderstehlichen Mut, der Kunst zuliebe das Härteste im Leben zu
ertragen, sich auf die notwendigsten Bedürfnisse einzuschränken und Tag und
Nacht nicht zu ruhen, um sich in der Kunst zu üben und zugleich seine
Unterrichtsstunden gehörig abzuwarten.
    Mit diesen Entschlüssen, die ihm einen recht heroischen Mut einflössten, kam
er am andern Morgen wieder zu Reichard und hörte nun sein Endurteil, dass man
sich auch auf sein Anerbieten, umsonst auf dem Teater zu dienen, nicht
einlassen könne und jetzt schlechterdings kein neues Engagement bei diesem
Teater mehr stattfinden solle. - Wenn Reiser einige Wochen eher gekommen wäre,
so hätte sich etwas für ihn tun lassen, nun aber sei alles vergeblich. -
    Diese ganz unerwartete zweite abschlägige Antwort versetzte Reisern in eine
Art von innerer Erbitterung - er fing in diesem Augenblicke an, sich selbst zu
hassen und zu verachten, und fragte: ob er denn nicht etwa Souffleur oder
Rollenschreiber oder Lichtputzer beim Teater werden könne? - Reichard
antwortete: es täte ihm leid, da Reiser so viel Feuer fürs Teater verriete, dass
sein Unternehmen ihm hier misslungen wäre, indes würde es ihm vielleicht
anderwärts gelingen.
    Reiser ging nun in tiefen Gedanken von Reichard weg, und ging bei dem Bau am
Schloss auf und nieder, wo einige in Schiebkarren Steine zuführten, andere sie
ordneten. - Er stand wohl an eine Stunde da und sah immer dieser Arbeit zu -
dabei entstand eine sonderbare Begierde in ihm, sein gutes Kleid auszuziehen und
mit den übrigen Tagelöhnern auch Steine zu diesem Bau auf den Schiebkarren
herbeizuführen.
    Es war schon gegen Mittag, und die Sonne schien immer heisser. - Die Hände
der Arbeiter wurden lass - sie ruheten sich aus und verzehrten auf der Erde ihr
Mittagsmahl. - Reiser gab sich mit dem einen ins Wort und fragte ihn, wie viel
sein Tagelohn betrüge. Es war eine Anzahl Groschen, die Reiser nicht mehr in
seinem Vermögen hatte; und das Geld konnte in einem Tage verdient werden.
    Der Entschluss, um diesen Tagelohn zu arbeiten, war in dem Augenblicke bei
Reisern schon so gewiss, dass er innerlich lachen musste, dass der Arbeiter, während
er mit ihm sprach, die Mütze vor ihm abnahm und nicht wusste, dass sie vielleicht
morgen Kameraden sein würden.
    Das einzige, was seine Erbitterung und Selbstass und Selbstverachtung
mildern konnte, war dieser Entschluss, worin er sich selbst wieder ehrte. Denn
nun wollte er seinen wahren Zustand seinem Wirt entdecken, seinen Degen, sein
Kleid ihm für die Bezahlung lassen und dann beim Schlossbau Steine zuführen.
    Während nun dies in seinen Gedanken vorging, glaubte er selbst, es sei sein
wahrer Ernst, und wusste nicht, dass seine Einbildungskraft ihn wieder täuschte
und dass er schon wieder in Gedanken eine Rolle spielte.
    Denn als Handlanger beim Schlossbau war er nun das Niedrigste, was er nur
sein konnte; diese selbstgewählte freiwillige Niedrigkeit hatte einen
ausserordentlichen Reiz für ihn - er lebte nun wie die übrigen von seinem Stande,
ging des Sonntags fleissig in die Kirche und war ein stiller religiöser Mensch -
in einsamen Stunden ergötzte er sich denn mit Shakespeare und Homer und hatte
dasjenige reelle Leben in sich, was er nicht ausser sich haben konnte.
    Besonders rührend war ihm bei dergleichen Vorstellungen immer der Gedanke,
dass er am Sonntage fleissig in die Kirche gehen und dem Prediger recht aufmerksam
zuhören würde. - Denn hierdurch vernichtete er gleichsam sich selbst, weil er
alles, was auch der schlechteste Prediger ihm sagen würde, doch für sich noch
sehr lehrreich hielt, und nicht klüger als der einfältigste Mensch sein wollte.
    Er dachte sich nun wieder in dem Zustande, worin er als Hutmacherbursch
gewesen war, wo er den Prediger, der ihm gefiel, wie ein Wesen höherer Art und
selbst die Chorschüler auf der Strasse mit Ehrfurcht betrachtete. Vom Teater
durfte er in diesem Zustande kaum einen Begriff haben - und doch war es ihm
wieder, als ob eben dieser Zustand auf eine wunderbare Weise ihn seinem ersten
Wunsche vielleicht wieder näher bringen könnte.
    Ehe er sich nun aber um die Stelle eines Tagelöhners bei dem Bau am Schloss
wirklich bewarb, konnte er doch nicht unterlassen, noch einmal zu Ekhof zu
gehen, um ihm Lebewohl zu sagen und ihm zugleich zu erzählen, dass auch seine
letzte Hoffnung gescheitert sei.
    Er konnte diese Erzählung nicht ohne Beklemmung und Rührung vorbringen, weil
er sich seinen ganzen nunmehrigen Zustand und also weit mehr dabei dachte, als
er sagte. -
    Der gute Ekhof redete ihm zu: er solle den Mut nicht sinken lassen; drei
Meilen von hier in Eisenach sei jetzt die Barzantische Truppe; es würde ihm
nicht fehlen, bei dieser Truppe angenommen zu werden; er solle sich bei
derselben nur erst eine Weile zu üben suchen und dann wieder nach Gota kommen,
wo vielleicht günstigere Umstände sich für ihn ereignen und seine Aufnahme desto
leichter sein würde, wenn er schon eine zeitlang bei einer Truppe gestanden
hätte - er könne dies ja leicht versuchen und den Weg von Gota bis Eisenach auf
der Chaussee wie einen Spaziergang machen.
    Mit dieser Anrede von Ekhof war auf einmal das ganze Projekt mit dem
Steinezuführen und dem Arbeiten ums Tagelohn aus Reisers Gedanken verschwunden.
- Denn das Ziel, wohin er doch am Ende wollte, sah er auf einmal wieder nahe
vor sich, und alle Bedenklichkeiten hörten auf, da er sich den Weg von Gota
nach Eisenach wie einen Spaziergang dachte, wodurch er gar keine Untreue an
seinem Wirt beging, dem er von Eisenach als Schauspieler doch eher und leichter
wie von seiner Tagelöhnerarbeit bezahlen konnte.
    Er ging also, da es hoch Mittag war, aus Ekhofs Hause, so wie er war und
ohne sich umzusehen, gerade auf Eisenach zu. Und dieser Weg wurde ihm nun auch
würklich so leicht wie ein Spaziergang. Denn alle die erstorbenen Hoffnungen
waren nun auf einmal in seiner Seele wieder erneuert und machten einen lebhaften
und angenehmen Kontrast gegen die melancholischen Ideen, womit er sich an diesem
Vormittage noch zum Tagelöhner hatte verdingen wollen.
    Er dachte sich immer nahe bei Gota, und wie er am andern Tage zurückkehren
und seinem Wirte eine angenehme Nachricht bringen würde. Dies machte, dass die
Schönheiten der Natur ihn wieder ergötzten; er wandelte mit innigem Vergnügen
durch die romantischen Täler zwischen den Bergen hin, und als er die Türme der
alten Wartenburg, von der er schon in seiner Kindheit gehört hatte, zuerst
erblickte, so umfasste sein Gemüt die Gegenstände umher mit einer Wärme und
Anschliessung, die ihm alles doppelt schön machte; es war ihm, als ob er in einem
süssen Traume schwebte, worin, was er ehmals gedacht hatte, eins nach dem andern
sich ihm nun würklich darstellte.
    Es war ihm, als ob er allentalben sein könnte, wo er wollte, da er sich so
auf einmal in wenigen Stunden von Gota nach Eisenach versetzt sah, woran er
den Morgen desselbigen Tages noch gar nicht gedacht hatte.
    Seinen Überrock und andre Sachen, die er sonst bei sich trug, hatte er zu
Hause gelassen und wanderte in seinem besten Anzuge mit dem Degen an der Seite,
so wie er bei Reichard und Ekhof seinen Besuch gemacht hatte, in Eisenach ein.
Zufälligerweise steckten seine geschriebenen Gedichte und der lateinische
Anschlagbogen, worauf sein Name stand, noch in seiner Rocktasche, der Homer aber
und ein Teil der Wäsche, die er bei sich trug, war samt dem Überrocke
zurückgeblieben.
    Als er in die Stadt kam, schien ihm alles ein frohes und heiteres Ansehn zu
haben; die Menschen schienen gleichsam zur Freude gestimmt zu sein, so dass er
mit lauter frohen Ahndungen in den Gastof trat, wo er die Nacht bleiben wollte
und sich, nachdem er sich kaum niedergesetzt hatte, erkundigte, ob diesen Abend
nicht etwa Komödie gespielt würde?
    Welch ein Donnerschlag war es für ihn, als man ihm antwortete: die
Barzantische Schauspielergesellschaft sei gerade diesen Morgen nach Mühlhausen
abgereist! - Also war es nun, als ob ein feindseliges Schicksal ihm immer auf
dem Fusse nachfolgte und ordentlich wie mit Absicht alle seine Hoffnungen
vereitelte.
    Dazu kam nun wieder, dass er nicht nur in der Einbildung, sondern wirklich
und doppelt unglücklich war, weil die einzige Hoffnung, seinen Unterhalt zu
finden und zugleich seine Schuld in Gota zu tilgen, auf seiner Annahme bei der
Barzantischen Truppe in Eisenach beruhte und diese nun gerade an demselben Tage
ihren Weg ebendahin genommen hatte, wo er hergekommen war.
    Sein Zustand brachte ihn der Verzweiflung nahe und machte, dass er zum
erstenmal sich über sein Schicksal wegsetzte und in eine Art von Vergessenheit
seiner selbst geriet, welche ihn dem Anscheine nach froh und aufgeräumt machte.
- dabei war es ihm, als ob er durch diesen gar zu unerwarteten und hämischen
Streich des Schicksals von allen Verbindungen losgesprochen wäre und sich nun
selbst wie ein vernachlässigtes und verworfenes Wesen ansehen dürfe, das in gar
keinen Betracht mehr kömmt.
    Er hatte den ganzen Tag nichts genossen und liess sich den Abend Bier und
Brot und auf die Nacht ein Bette geben, wo er des sanftesten Schlafes genoss,
weil er auf keine Zukunft mehr rechnete und von keinem einzigen Gedanken an die
Zukunft oder an sein eigenes Schicksal mehr gestört wurde, denn nun war er mit
seinen Aussichten ganz am Ende.
    Am andern Morgen aber fühlte er, dass dieser wohltätige Schlaf aufs neue
seine schlummernden Kräfte erweckt hatte - er fühlte wieder statt der Lähmung
einen gewissen Trotz und Erbitterung gegen das Schicksal, wodurch er Mut bekam,
noch einmal alles zu dulden und alles zu wagen, um seinen Endzweck dennoch zu
erreichen: er entschloss sich, der Barzantischen Schauspielergesellschaft
nachzureisen und von Eisenach bis Mühlhausen denselben Weg, den er gekommen war,
wieder zurückzugehn.
    Nachdem er nun in dem Gastofe seine Zeche bezahlt hatte, so blieben ihm von
seinem ganzen Vermögen noch fünf oder sechs Dreier übrig, womit er auf die
Wartenburg stieg und von da die weite und schöne Gegend vor sich übersah.
    Der Unteroffizier auf der Wartenburg redete Reisern sehr höflich an und
fragte ihn, ob er nicht die Merkwürdigkeiten besehen wollte? worauf Reiser
erwiderte: er würde den Nachmittag mit einer Gesellschaft wiederkommen, jetzt
wolle er sich nur in der Gegend ein wenig umsehen.
    Er fühlte sich, indem er um sich her blickte, auf diesem Standpunkte über
sein Schicksal erhaben; denn aller Widerwärtigkeiten ohngeachtet war er doch bis
auf diesen Fleck gekommen, und diesen schönen Moment einer reizenden Aussicht in
die umgebende Natur konnte ihm doch niemand rauben. Er sammlete sich gleichsam
Stärke zu der Mühe und sorgenvollen Wanderschaft, die er nun aufs neue wieder
antreten wollte.
    Sein Plan, den er sich hiezu entworfen hatte, bestand in nichts Geringerm,
als die wenigen Dreier, die ihm noch übrig waren, bloss zu Schlafgeld anzuwenden
und bei Tage sich von den Wurzeln auf dem Felde zu nähren, denn er hatte es auf
dem Herwege von Gota schon einmal versucht, ein paar Wurzeln auf dem Felde
auszuziehen, die ihm, da er den ganzen Tag nichts genossen hatte, eine sehr
angenehme Erquickung gewährten.
    Hieran hatte er sich hier gleich den Morgen beim Erwachen erinnert, und dies
war es vorzüglich, was ihm den Trotz gegen das Schicksal einflösste, von dem er
sich nun beinahe ganz unabhängig dachte.
    Er fing noch an diesem Tage an, seinen Entschluss mit eben dem Selbstgefühl
durchzusetzen, womit er auf seiner ersten Wanderung sich auf den blossen Genuss
von Bier und Brot beschränkte, und fühlte sich nun doppelt so unabhängig wie
damals; denn während dass der Unteroffizier auf der Wartenburg ihn mit der
Gesellschaft zurückerwarten mochte, um ihm die Merkwürdigkeiten des Schlosses zu
zeigen, verzehrte Reiser schon auf dem Felde sein Mahl von rohen Wurzeln, die er
sich mit einem alten Einlegemesser, das er noch von seinem Freunde Philipp
Reisern besass, in Scheiben schnitt und sie mit dem grössten Wohlgeschmack
verzehrte.
    Nun war er aber, weil er sich zu lange auf der Wartenburg aufgehalten hatte,
kaum erst eine Meile von Eisenach, und ihn überfiel, da er seine Wurzeln
verzehrt hatte, eine unwiderstehliche Trägheit, so dass er mitten auf dem Felde
einschlief und erst am Abend bei Sonnenuntergang wieder erwachte.
    Da er nun nach dem nächsten Dorfe zugehen wollte, so kam er vom rechten Wege
ab und erreichte erst spät einen Gastof, wo er nichts verzehrte, sondern am
andern Morgen bloss die Streu bezahlte.
    Von diesem Dorfe aus verirrte er sich am andern Tage wieder zwischen den
Feldern, wo er Wurzeln suchte, die gestrige Trägheit überfiel ihn wieder, die
Hitze war drückend, und wo er den Schatten eines Baumes fand, da legte er sich
nieder, und sogleich überfiel ihn der Schlaf; so dass er auf dem Wege von
Eisenach bis Gota, den er auf der Hinreise in wenigen Stunden zurückgelegt
hatte, beinahe vier Tage zubrachte.
    So labyrintisch wie sein Schicksal war, wurden auch nun seine Wanderungen,
er wusste sich aus beiden nicht mehr herauszufinden; vor Gota schien sich seine
Strasse zurückzubiegen, und er musste doch wieder durch, wenn er seinen Weg nach
Mühlhausen fortsetzen wollte; und weil er nun die gerade Strasse scheute, so war
es ihm gewissermassen lieb, wenn er sich verirrte.
    Sein lateinischer Anschlagbogen half ihm auf diesem Wege zweimal durch;
einmal, da man ihn für eine verdächtige Person hielt, weil er keinen Pass
vorzeigen könnte; und ein andermal, da man einen Pass von ihm verlangte, dass er
nicht aus einer Gegend käme, wo damals die Viehseuche herrschte; er zeigte
seinen lateinischen Anschlagbogen vor und fügte hinzu, dass er ein Student sei
und deswegen einen lateinischen Pass bei sich führe. - Der Dorfrichter oder
Schulze des Orts, welcher sich gegen seine Frau und die andern Bauern das
Ansehen geben wollte, als ob er Latein verstände, las mit einer wichtigen Miene
den Anschlagbogen durch und sagte, es sei recht gut!
    Während nun Reiser diese Tage in einer Art von Betäubung gleichsam wie in
der Irre umherging, herrschte bloss die Imagination in ihm; denn da er nun auf
dem Felde lebte, so schien er sich an gar nichts mehr gebunden und liess seiner
Einbildungskraft den Zügel schiessen.
    Nun war ihm aber sein Schicksal nicht romanhaft genug. Dass er hatte
Schauspieler werden wollen und sein Wunsch ihm misslungen war, das war eine
abgeschmackte Rolle, die er spielte - er musste irgendein Verbrechen begangen
haben, das ihn in der Irre umhertrieb; ein solches Verbrechen dachte er sich nun
aus: er stellte sich vor, dass er mit dem jungen Edelmann, den er in Hannover
unterrichtete, die Universität in Göttingen bezogen und von diesem im Trunk zum
Zweikampf genötigt worden wäre, wo er sich bloss verteidigte und jener wütend in
seinen Degen gerannt sei, worauf er die Flucht genommen habe, ohne zu wissen, ob
jener tot oder lebend sei.
    Diese von ihm selbst gemachte Erdichtung drängte sich ihm bei seinem
Herumirren im Felde fast wie eine Wahrheit auf; er träumte davon, wenn er
einschlief; er sah seinen Gegner im Blute liegen, er deklamierte laut, wenn er
erwachte, und spielte auf die Weise mit seiner Phantasie mitten auf dem Felde
zwischen Gota und Eisenach die Rollen durch, welche man ihm auf dem Teater
verweigert hatte.
    Und dies allein war es, was ihn von der Verzweiflung rettete; denn hätte er
sich seinen Zustand völlig so leer und abgeschmackt gedacht, wie er wirklich
war, so würde er sich selbst ganz weggeworfen haben und in Schmach versunken
sein.
    Nun aber wurde ihm das Bitterste erträglich: am zweiten Tage auf seiner
Rückkehr von Eisenach nach Gota war es gerade Sonntag und eine drückende Hitze.
Reiser kam vom Felde durch ein Dorf und suchte Schatten, den er nicht anders
finden konnte als auf einem grünen mit Bäumen bepflanzten Platze gerade der
Kirche gegenüber. Er liess sich in einem Bauerhause erst ein Glas Wasser geben;
dann legte er sich unter den Bäumen nieder, während dass in der Kirche gegenüber
gesungen wurde; unter dem Singen schlief er ein und wachte nicht eher wieder
auf, als bis der Prediger aus der Kirche kam, mit dem sein Sohn ging, der auch
erst von der Universität zurückgekommen war. Beide gingen auf Reisern zu und
fragten ihn, woher er käme und wohin er ginge? er gab verwirrte Antworten und
gestand endlich, dass er wegen eines Duells, das er in Göttingen gehabt habe,
flüchtig sei. Es war ihm selber, als ob ihm dies Geständnis äusserst schwer
würde, und der Gedanke an die Unwahrheit der Sache fiel ihm fast gar nicht mehr
bei: denn da er einmal bloss in der Ideenwelt lebte, so war ihm ja alles das
wirklich, was sich einmal fest in seine Einbildungskraft eingeprägt hatte; ganz
aus allen Verhältnissen mit der wirklichen Welt hinausgedrängt, drohte die
Scheidewand zwischen Traum und Wahrheit bei ihm den Einsturz.
    Der Prediger nötigte ihn in sein Haus und wollte ihn bewirten. - Reiser
aber, gleichsam wie von Angst getrieben, entfernte sich so bald wie möglich
wieder. - Denn er musste in seinem imaginierten Zustande die Gesellschaft der
Menschen fliehen. -
    Nahe vor Gota nötigte ihn wiederum ein Prediger in sein Haus, der sich wohl
einen halben Tag lang mit ihm unterhielt und ihm erzählte, dass vor ein paar
Jahren auch so zu Fusse und wohlgekleidet ein reisender Gelehrter hier
durchgekommen, der sich lange mit ihm unterhalten; er habe sich den Tag im
Kalender bemerkt und zweifle fast nicht, dass es der Doktor Bart gewesen sei.
    Nun erzählte dieser Prediger Reisern seine Geschichte, wie er sich erst
lange als Hofmeister herumgetrieben und hier nun endlich in dieser alten Pfarre
eine Ruhestätte gefunden habe, wo er dem, was in der Welt vorginge, nur so ganz
von ferne zusähe.
    Reiser erzählte nun dem Prediger auch seine eigene imaginierte unglückliche
Geschichte, wobei ihm der Prediger in einem Kaffeeschälchen einige Erfrischungen
von eingemachtem Obst vorsetzte und ihm dabei Mut zusprach, dass er sein
Verbrechen vielleicht noch wieder gutmachen könne; dabei sah er auf die weisse
Scheide von dem Degen, welchen Reiser trug, und fragte ihn, ob eine solche
Degenscheide denn wirklich das Zeichen der Freimäurer und ob Reiser nicht in
diesem Orden sei? - Je mehr dieser es verneinte, desto fester glaubte der
Prediger, demohngeachtet einen Freimaurer vor sich zu sehen, der sich ihm nur in
diesem Punkt nicht entdecken wollte.
    Dieser Prediger betrachtete Reisern manchmal vom Kopf bis zu Fuss und schien
sich überhaupt sonderbare Vorstellungen von ihm zu machen. - Er hielt ihn für
einen Menschen, der viel mehr verschwieg als er sagte, und mit dem er nicht
recht wusste, wie er dran war. - Demohngeachtet konnte er nicht unterlassen,
immer noch Fragen an ihn zu tun, bis Reiser endlich, da die Sonne sich schon zum
Untergange neigte, von ihm Abschied nahm und der Prediger ihm noch die Ermahnung
mit auf den Weg gab, vorzüglich sein Verbrechen durch Reue zu büssen.
    Durch die lange Unterhaltung mit dem Prediger und durch dessen Ermahnungen
war Reisers Imagination noch mehr erhitzt. - Er kam in der Abenddämmerung in
Gota an und ging in einer Art von hartnäckiger Betäubung und Fühllosigkeit
dicht vor dem goldnen Kreuze vorbei, wo er logiert hatte, aus dem Tore wieder
heraus, in welches er das erstemal nach Gota gekommen war, und nahm wieder den
Weg auf Erfurt zu, um dann von da nach Mühlhausen zu gehen und endlich die
Barzantische Schauspielergesellschaft zu erreichen.
    Denn als er nur erst wieder durch Gota war, verschwand auch allmählich die
imaginierte Geschichte, die ihn drei Tage vor Gota in der Irre herumgetrieben
hatte, die erste Aussicht öffnete sich noch einmal wieder; Gota lag wieder
hinter ihm und war wieder der Mittelpunkt seiner Bestrebungen; so wie von
Eisenach, hoffte er auch von Mühlhausen und zwar mit besserm Glück dortin
zurückzukehren.
    Nun war es aber schon dunkel, ehe er ein Dorf erreichen konnte, und er
verirrte sich und ging beinahe eine Meile um; indes kam er zuletzt doch wieder
auf die rechte Strasse und langte in demselben Gastofe an, wo er auf seiner
Hinreise von Erfuhrt nach Gota eine der widerwärtigsten Nächte in der
Gesellschaft von den groben Fuhrleuten zugebracht hatte, deren Quam ihm noch in
frischem Andenken war.
    In diesem Gastofe fand er noch alles lebhaft und einen Handwerksburschen
unter den Bauern auf dem Flur sitzend, denen er seine Reisen in Kursachsen
erzählte. Gerade als Reiser in den Gastof kam, trat der Wirt herzu und gebot
dem Erzähler Stillschweigen, weil es schon spät in die Nacht und Zeit sei, sich
schlafen zu legen.
    Der Handwerksbursch und die Bauern legten sich nun auf die Streu, die schon
zubereitet war und worauf auch Reiser Platz nahm. - Der Handwerksbursch konnte
sich über die Grobheit des Wirts gar nicht zufrieden geben und gar nicht darüber
einschlafen, indem er unzähligemal versicherte, dass ihm in ganz Kursachsen noch
keine solche Grobheit von irgendeinem Wirt widerfahren sei.
    Als Reiser nun hier am andern Morgen seinen Dreier Schlafgeld bezahlt hatte,
war sein Vermögen bis auf neun Pfennige geschmolzen; und nun fing er an, auf
einmal sich so erschöpft zu fühlen, da rohe Wurzeln schon seit mehrern Tagen
seine einzige Kost gewesen waren, dass der Gedanke an eine Meile, die er gehen
sollte, ihn mit Schrecken erfüllte; denn er fühlte sich diesen Morgen wie
gelähmt, und der Raum zwischen Mühlhausen und hier kam ihm wie eine furchtbare
Wüste vor, durch die er ohne einen Labetrunk und ohne Stärkung reisen sollte.
    Der Handwerksbursch, der den Abend vorher von seinen Reisen in Kursachsen
bis in die späte Nacht erzählt hatte, machte sich nun auf den Weg nach Erfurt
und fragte Reisern, ob er auch des Weges ginge? Dieser bejahte es, und sie
wanderten in einem nicht übereilten Schritt miteinander fort.
    Der Handwerksbursch, welcher ein Buchbindergeselle und schon ziemlich betagt
war, fragte Reisern nach seiner Profession, und dieser antwortete: er sei ein
Schuhknecht, und fand ordentlich eine Art von Würde darin, indem er sich einen
Schuhknecht nannte; denn als ein solcher war er doch etwas, als einer, der ein
blosses Blendwerk seiner Phantasie verfolgte, war er nichts.
    Der Buchbindergeselle schien seiner Erzählung nach schon seit vielen Jahren
aus dem Reisen ein eigenes Geschäft gemacht zu haben und war gegen seinen
Gefährten mit seinen Erfahrungen nicht zurückhaltend, indem er ihn
unterrichtete, wie man besonders im Sommer und in der Obstzeit mit einem halben
Gulden sehr weiter Touren machen könne, ohne doch dabei Not zu leiden.
    Obst, meinte er, würde einem nirgends versagt und Brot auch nicht leicht;
auf die Weise brauche man des Tages oft nur wenige Pfennige zu verzehren. - So
sei er schon mehrmalen ganz Kursachsen durchgereist und habe sich wohl dabei
befunden; kurz, er hielt Reisern würdig, in seinen Orden initiiert zu werden,
dessen Vorzüge und Annehmlichkeiten er ihm auf die reizendste Art beschrieb,
weil es ein Leben voll immerwährender Veränderung und Unabhängigkeit war. -
    Reiser aber fühlte seine Knie wanken, und seine Müdigkeit nahm so sehr bei
jedem Schritte zu, dass er in diesem Augenblick das einförmigste und abhängigste
Leben sich gerne hätte gefallen lassen, wenn sich ein ruhiger Aufentalt ihm
dargeboten hätte.
    Sein Gefährte schien seinen Kummer zu merken und suchte ihm Trost und Mut
einzusprechen, als sie schon nahe vor Erfurt an einen kühlen und klaren Quell
kamen, der dem Buchbindergesellen schon bekannt war und wo sie bei der
drückenden Hitze beide ihren Durst löschten.
    Nicht leicht kann diese wohltätige Quelle, die den Einwohnern von Erfurt
wohlbekannt ist, für einen Wanderer erquickender gewesen sein, als sie es für
Reisern war, der sich ganz erschöpft daran niederwarf und den Labetrunk, den er
oft von Menschen kaum zu fordern wagte, nun unmittelbar aus dem Schatz der Natur
empfing. -
    Und dann erhielt so etwas für Reisern einen doppelten Wert, weil er das
Poetische mit hinzutrug, das nun bei ihm wirklich wurde und wovon man sagen
könnte, dass es die einzige Schadloshaltung für die notwendigen Folgen seiner
Torheit war, für die er selbst nicht konnte, weil sie nach natürlichen Gesetzen
in sein Schicksal von Kindheit auf sich notwendig einflechten musste.
    Als nun die alten Türme von Erfurt wieder aus dem Tale emporstiegen und
Reiser nun hoffnungslos dahin zurückwanderte, wo er noch vor kurzem mit dem
jugendlichen Schimmer der ersten Hoffnung ausgereist war, so fiel es ihm
sonderbar auf, da sein Gefährte, der Buchbindergeselle, auf einmal zu ihm sagte:
er glaube nicht, dass Reiser ein Schuhknecht sei, sondern hielte ihn für einen
Studenten, der auf der Universität in Erfurt studieren wolle.
    Reiser, der schon wieder bis zum Hinsinken ermattet war, fühlte sich durch
diese zufälligen Worte des Buchbindergesellen wie ins Leben zurückgerufen.
    Sobald er in dieser Stadt, die so nahe vor ihm lag, studieren und bleiben
wollte, war sie das Ende seiner mühseligen Wanderung; sie war der Endzweck, das
Ziel seiner Reise, das er nun so nahe vor sich sah, und wo er noch dazu auf
eine ehrenvolle Weise mit seinem Plane umwechseln konnte. Je mehr seine
Müdigkeit zunahm, je reizender und wünschenswerter wurde ihm der Gedanke an den
Aufentalt in dieser weiten Stadt, worin doch auch, wie er dachte, noch wohl ein
Plätzchen für ihn sich finden würde.
    Dieser hoffnungslose traurige Zustand des Umherirrens, worin er sich nun
schon seit mehrern Tagen befand, konnte durch keinen Reiz einer angespannten
erhitzen Einbildungskraft mehr übertragen werden, sondern der Gedanke der
gänzlichen Hülflosigkeit ermüdete ihn mit jedem Schritte noch mehr, und die
Müdigkeit vermehrte wieder den Gedanken der Hülflosigkeit, die vorzüglich aus
dem Sinken seines Mutes und aus der Erschöpfung seiner Kräfte entstand.
    Sie kamen nun in die Stadt vor einem Bäckerhause vorbei, wo auf dem Laden
eine Menge Brote aufgetürmt lagen: Reiser wollte sich eins darunter aussuchen,
und als er es kaum berühret hatte, schoss beinahe der ganze Haufe von Broten auf
die Strasse herunter. - Die Leute im Hause fingen einen grossen Lärm an, und
Reiser musste mit seinem Gefährten sich nur schnell um eine Ecke wenden, um den
Schmähungen zu entgehen. So verfolgte Reisern sein widriges Geschick bis aufs
äusserste.
    Sie kehrten nun in einem Gastofe ein, wo Reiser dem Durst nicht widerstehen
konnte und für die letzten neun Pfennige, die er noch übrig hatte, sich Bier
geben liess. Für diesen einen Trunk hatte er also sein Schlafgeld auf noch drei
künftige Nächte ausgegeben, und ihm blieb nichts weiter übrig, als ganz unter
freiem Himmel zu wohnen.
    Bei diesem Gedanken war es ihm, als ob er nun mit dem Trunk Bier die
Vergessenheit alles Künftigen und Vergangenen trinke und von allem Kummer auf
einmal befreit werden sollte. Denn nun gab er sich ganz seinem Schicksale hin
und betrachtete sich wieder wie ein fremdes Wesen, für das er nicht mehr denken
könnte, weil es unwiederbringlich verloren war; so schlummerte er ein und
schlief eine Stunde lang.
    Als er erwachte, war es noch eine Stunde vor Mittage, sein Gefährte war
weggegangen, und er sass, den Kopf auf die Hand gestützt, in stummer Verzweiflung
da, als ein Mann, der gerade gegen ihm über sass, ihn anredete und sich
erkundigte, ob er nicht ein fremder Student sei?
    Als dies bejahet wurde, erzählte der Mann, gleichsam als ob er um Reisers
Zustand gewusst hätte, dass der jetzige Prorektor der Universität, der Abt vom
Benediktinerkloster auf dem Petersberge, ein äusserst menschenfreundlicher Mann
sei, der erst vor kurzem einem jungen Manne, der auch mit Nichts hiehergekommen
sei, sogleich Unterstützung verschafft und sich seiner auf das
menschenfreundlichste angenommen habe. Wenn Reiser diesen Prälaten besuchen
wollte, so solle er nur dreist zu ihm gehen; er würde gewiss eine gütige Aufnahme
bei ihm finden. Hierauf kamen andere Leute, mit denen der Mann sich ins Gespräch
gab.
    Reiser aber, den die gänzliche Erschlaffung aller seiner Seelen- und
Körperkräfte und der wohltätige Schlummer, der hievon eine Folge war, schon
wieder etwas gestärkt hatten, fühlte sich auf einmal wieder mit neuer Hoffnung
und neuem Mut beseelt, da er sich den Prälaten im Benediktinerkloster auf dem
Petersberge dachte.
    Er machte sich sogleich auf den Weg und erkundigte sich nach dem
Petersberge; ein junger Student, der ihm begegnete, gab ihm nicht nur höflich
Bescheid, sondern begleitete ihn sogar eine Strecke, um ihn gehörig
zurechtzuweisen. Dies war ihm ein gutes Omen. Er stieg den befestigten
Petersberg hinauf, und die Wachen liessen ihn ungehindert durch. -
    Er kam in der Wohnung des Prälaten an, dessen Bedienter ihn mit einem
freundlichen Gesicht empfing, und sobald er sagte, dass er ein Student sei, ihn
sogleich bei dem Prälaten zu melden versprach. -
    Er ward eine Treppe hoch in einen grossen Saal geführt, in welchem Gemälde
hingen, unter denen das eine den Petrus vorstellte, wie er sich in des
Hohenpriesters Hause am Feuer wärmt. - Indem Reisers Blicke noch auf dies
Gemälde geheftet waren, trat der Prälat in seiner schwarzen Ordenskleidung mit
dem Brevier in der Hand heraus, und Reiser richtete eine kurze lateinische
Anrede an ihn, die er sich beim Hinaufsteigen auf den Petersberg ausgedacht
hatte, und deren Inhalt war, dass er vom widrigen Glück umhergetrieben nach
Erfurt gekommen sei und hier einige Unterstützung zu finden hoffte, um auf
irgendeine Weise sein angefangenes Studium hier fortzusetzen.
    Der Prälat fragte ihn mit grosser Leutseligkeit wieder in lateinischer
Sprache, ob er katolisch sei oder sich zur Augspurgischen Konfession bekenne,
und als Reiser das letztere bejahte, so antwortete ihm der Prälat fast mit
seinen eigenen Worten wieder: es täte ihm zwar leid, dass Reiser vom widrigen
Glück umhergetrieben sei, doch sähe er noch kein Mittel, wie er gerade auf
dieser Universität Unterstützung finden würde. Indes wolle er ihm die Hoffnung
nicht dazu benehmen.
    Hierauf fragte er nach Reisers Geburtsort, und da dieser Hannover nannte, so
fuhr der Prälat fort: er gäbe ihm den Rat, sich an den Doktor Froriep zu wenden,
weil dieser gewissermassen sein Landsmann sei. Bei dem möchte er sich also melden
und dann wieder zu ihm kommen. Mit diesen Worten drückte er Reisern ein Stück
Silbergeld in die Hand und fügte hinzu: er möchte mit diesem kleinen Mittagsmahl
vorliebnehmen.
    Wenn ja etwas den Mut des Zerschlagenen wieder aufrichten und den völlig
Gesunkenen von der Verzweiflung retten kann, so ist es die Miene und der Ton,
womit der Prälat Günter damals Reisers Bitte beantwortete und ihm seinen Rat
erteilte.
    Von dieser Behandlung beinahe bis zu Tränen gerührt eilte Reiser fort und
glaubte zu träumen, da er wieder draussen vor der Türe stand, sein Stück Geld
besah und sich auf einmal wieder im Besitz von einem halben Gulden sah; da es
ihm kurz vorher noch an einem Dreier für ein Nachtlager fehlte. - Dieser halbe
Gulden dünkte ihm jetzt ein unschätzbarer Reichtum, und war es auch würklich für
ihn, weil er ihm wieder den Mut einflösste, woran sein ganzes Schicksal hing.
    Er ging nun nach einem Speisehause und genoss zum ersten Male wieder warmes
Essen. Gleich nach Tische aber erkundigte er sich nach der Kaufmannskirche, bei
welcher der Doktor Froriep wohnte. Er traf ihn gerade, da er eben um zwei Uhr
des Nachmittags ein Kollegium lesen wollte, und redete ihn auf eine ähnliche
Weise wie den Abt Günter lateinisch an.
    Da der Doktor Froriep von Reisern hörte, dass er aus Hannover sei, nahm er
ihn ausserordentlich freundlich auf und führte ihn mit sich in seinen Hörsaal, wo
die Studenten schon mit den Hüten auf den Köpfen sassen, welches für Reisern ein
ganz ungewohnter Anblick war; um so viel mehr, da er merkte, dass man sich über
ihn aufhielt, weil er nicht auch bedeckt blieb.
    Er sah sich also nun auf einmal in Erfurt in dem Hörsaale eines Professors
mitten unter Studenten sitzen, da er am Morgen eben dieses Tages noch weiter
nichts als das offne Feld, das er durchwanderte, zu seinem Aufentalt vor sich
sah.
    Der Doktor Froriep las Kirchengeschichte, wobei auch manche lustige Anekdote
mit unterlief, die das Auditorium aufmunterte und von den Musensöhnen oft mit
einem schallenden Gelächter begleitet wurde. Dies alles war Reisern noch wie ein
Traum. Er erinnerte sich an die Jahre seiner Kindheit, wo ihm der Hörsaal der
Schule schon heilig war, und jetzt fand er sich auf einmal in einem akademischen
Hörsaale, über dem nun nichts Höhers mehr war.
    Als das Kollegium zu Ende war, nahm der Doktor Froriep Reisern mit sich auf
seine Stube und fragte ihn um seine Geschichte, der er nun die neue Wendung gab,
dass er sich in Hannover durch eine Schrift, die übel ausgedeutet sei, den Hass
eines vornehmen Mannes zugezogen und von dort habe weggehen müssen. - Da er nun
weiter keine Aussicht gehabt, so sei er auf die Gedanken gekommen, sich dem
Teater zu widmen, nach reiflicher Überlegung aber habe er diesen Entschluss
fahren lassen, weil er wohl einsehe, dass er sich auf immer für die Zukunft durch
diesen Schritt schaden würde; und darum habe er nun gedacht, sich in Erfurt aufs
neue dem Studieren zu widmen.
    Nun war es merkwürdig, wie Reiser diese Lüge, die er sich während dem
Kollegium des Doktor Frorieps ausgedacht, sich selbst, ehe er sie sagte, in
Wahrheit zu verwandeln suchte und wie jesuitisch er sich dabei selber täuschte.
Er suchte sich nämlich in seinen Gedanken zu überzeugen, dass er nun wirklich die
Torheit seines Unternehmens vollkommen einsehe und dass er nun ganz freiwillig
seinen Entschluss geändert habe und fest bei diesem Vorsatz bleiben würde, wenn
sich ihm auch gleich jetzt die beste Gelegenheit den Schauplatz zu betreten von
selbst darböte.
    Und was die erste Hälfte seiner Lüge anbetraf, so suchte er sich
einzubilden, dass in seiner Rede, die er an der Königin Geburtstage gehalten,
wirklich einige verfängliche Stellen wären, die wohl jemand zu seinem Nachteil
ausgedeutet haben könnte. Ob dies nun wirklich geschehen sei, das berührte er
nun nicht weiter, sondern beruhigte sich diesmal bei der Möglichkeit, weil er
sich nicht anders zu helfen wusste.
    Denn er durfte nicht sagen, dass er aus Neigung zum Teater aus Hannover
gegangen sei, wenn sein Trieb zum Studieren wahrscheinlich bleiben sollte, und
die Duellgeschichte passte hier auch nicht her.
    Der Doktor Froriep schien ihm zwar nicht recht zu glauben, allein er fasste
eine höhere Idee von Reisern, als dieser erwarten konnte, indem er ihn für einen
Sohn angesehener Eltern hielt, mit denen er sich entzweiet habe und deren Namen
er nur verschwiege. Reiser fand es für sich schmeichelhaft, dass man eine solche
Meinung von ihm hegen konnte, die ihm um desto lieber war, weil sie auf die
gefälligste Art seine Lüge zudeckte, indem der Doktor Froriep die Unwahrheit,
welche er selbst nicht glaubte, doch am besten entschuldigte.
    Und was nun kam, war über alle seine Erwartung. - Der Doktor Froriep redete
ihm zu, er möchte nur gutes Mutes sein; er wolle fürs erste Tisch und Wohnung
für ihn besorgen. Reiser, der am Morgen eben dieses Tages sich noch von aller
Welt verlassen sah, trauete den tröstenden Worten kaum, die er jetzt vernahm,
und glaubte in dem Doktor Froriep in dem Augenblick seinen Schutzengel vor sich
zu sehen. -
    Dieser schrieb ihm nun ein paar Zeilen, womit er am andern Morgen wieder zu
dem Abt Günter gehen sollte, der ihn auf Frorieps Bitte umsonst als Student
immatrikulieren würde.
    Ein so glücklicher Wechsel des Schicksals versetzte Reisern in einen
Zustand, der ihn aller seiner Widerwärtigkeiten vergessen machte, so dass ihn
seine Wanderung auf das Ungewisse gar nicht mehr gereuete, da sie ihn einen
solchen Zeitpunkt erleben liess, von dem sich wohl niemand eine vollkommne
Vorstellung machen kann, der nicht auch einmal in seinem Leben von aller Hülfe
entblösst und an Körper und Seele gelähmt ohne Aussicht und ohne Hoffnung war.
    In der Freude seines Herzens eilte er in den Gastof, wo er die Nacht
bleiben wollte, liess sich Papier holen und fing an, seine eigenen Gedichte, die
er auswendig wusste, nacheinander wieder aufzuschreiben, um sie am andern Tage
dem Doktor Froriep zu bringen und sich dadurch einigermassen seiner
Aufmerksamkeit wert zu zeigen.
    Er schrieb bis in die Nacht und wurde mit einigen Heften fertig. Am andern
Morgen früh stieg er nun wieder voll ganz anderer Gedanken als gestern den
Petersberg hinauf; und der gutmütige Abt Günter freute sich, ihn wiederzusehen,
gewährte ihm gern seine Bitte und fertigte ihm sogleich die Matrikel aus, wobei
er ihm die akademischen Gesetze gedruckt übergab und deren Befolgung durch einen
Handschlag sich angeloben liess.
    Diese Matrikel, worauf stand: Universitas perantiqua, die Gesetze, der
Handschlag waren für Reisern lauter heilige Dinge, und er dachte eine Zeitlang,
dies wolle doch weit mehr sagen, als Schauspieler zu sein. Er stand nun wieder
in Reihe und Glied, war ein Mitbürger einer Menschenklasse, die sich durch einen
höhern Grad von Bildung vor allen übrigen auszuzeichnen streben. Durch seine
Matrikel war seine Existenz bestimmt: kurz, er betrachtete sich, als er wieder
vom Petersberge hinunterstieg, wie ein anderes Wesen.
    Gegen Mittag zeigte er dem Doktor Froriep die erhaltene Matrikel vor und
brachte ihm zugleich seine Gedichte, die diesmal weit mehr Glück machten, als er
erwartet hatte. In Erfurt war nämlich das Studium der schönen Wissenschaften
unter den Studenten noch etwas Seltenes, und dem Doktor Froriep war es lieb,
einen mehr zu haben, der in diesem Fache den andern einigermassen zum Beispiel
diente.
    Diese Gedichte bewürkten also, dass Reisers neuer Gönner sich nun noch weit
mehr für ihn interessierte und ihn keine Nacht mehr im Gastofe liess, sondern
sogleich dem Universitätsquartiermeister, der zugleich Fechtmeister war, den
Auftrag gab, ihm ein Logis zu verschaffen. Dieser quartierte ihn dann fürs erste
bei einem alten Studiosus Medicinä ein, welcher bei ihm im Hause wohnte, und
weil er zugleich die Besorgung des Freitisches für die Studenten hatte, so zog
er ihn fürs erste an seinen eigenen Tisch.
    Bei diesen glücklichen Umständen wurde nun Reiser wieder auf manche Stunde
lang der unglücklichste Mensch von der Welt, weil ihn seine Erziehung und der
Kummer von seinen Schuljahren drückten. Die Idee von den Freitischen, die er als
Schüler hatte geniessen müssen, lag wie eine Last auf ihm, und er fühlte sich im
Grunde weit unglücklicher, wie er nun an den Tisch des Fechtmeisters gehen
sollte, als wie er auf dem Felde zwischen Gota und Eisenach rohe Wurzeln ass.
    Dies machte, dass er bei den Studenten, welche auch mit ihm bei dem
Fechtmeister assen, für einen timiden und blöden Menschen gehalten wurde; und da
sein Wirt, der mit Studenten nach ihrer Art umging, auch nicht viel Umstände mit
ihm machte, so wurde dadurch sein Zustand noch unerträglicher; er schien sich
auf einmal aus der unbegrenzten Freiheit in die niederträchtigste Abhängigkeit
wieder versunken zu sein.
    Ohngeachtet seines scheuen Wesens aber war man schonend gegen ihn, und dies
hatte er wiederum seinen aufgeschriebenen Gedichten zu danken, wovon der Doktor
Froriep zu verschiedenen Leuten gesprochen hatte, und die ihm, ohne dass er
selbst es wusste, unter den Studenten in Erfurt schon einen gewissen Namen
gemacht hatten, so dass man nun sein sonderbares Wesen auf Rechnung seiner
Dichtergabe schrieb.
    Es fehlte ihm nun gänzlich an Wäsche, und hätte er einiges Zutrauen zu den
Menschen gehabt, so hätte er auch jetzt diesen Mangel sehr leicht ersetzen
können. Allein es war ihm unmöglich, diesen Mangel zu gestehen, der ihm am
drückendsten war und im Grunde seine meiste Traurigkeit verursachte, die er aber
immer selbst auf etwas anders schob, worüber er zu trauren gegen sich selbst
affektierte, weil ihm der Mangel an Wäsche ein zu kleiner und unpoetischer
Gegenstand schien.
    Der Fechtmeister wies ihm nun ein bleibendes Quartier bei einem Studenten,
namens R ..., an, bei dem er auch auf der Stube wohnen musste, und der sogleich
eine Wochenschrift mit ihm gemeinschaftlich herausgeben wollte, weil er sich von
Reisers Dichter-und Schriftstellertalent schon grosse Vorstellungen gemacht
hatte. Reiser dachte auch bald einen Plan zu einer Wochenschrift aus, welche
sich mit einer Satire auf diese Art Schriften anheben und die letzte
Wochenschrift heissen sollte; als aber sein neuer Stubengenosse merkte, dass er
kein Geld bei sich führe und auch keine sehr bestimmte Aussicht habe, welches zu
erhalten, fing er an ziemlich kalt gegen ihn zu werden und riet ihm, fürs erste
seinen Degen zu versetzen, welches Reiser tat und nun auf einmal wieder
freundlichere Blicke erhielt. Denn der Herr R ..., der ein sehr ordentlicher
Mann war, wollte bei ihrer beiderseitigen literarischen Unternehmung nicht gerne
Auslagen machen.
    Sie gingen nun beide hin zu einem Buchdrucker in Erfurt, namens
Gradelmüller, und brachten den Plan ihrer neuen Wochenschrift zum Vorschein:
dieser stellte ihnen aber sehr nachdrücklich vor, wie misslich ein solches
Unternehmen und wie viel sicherer es sei, seine Aufsätze in ein Blatt zu geben,
welches schon einmal bekannt und vom Publikum beliebt wäre, wie z.E. die
Wochenschrift der Bürger und der Bauer, welche er selbst herausgab, und die von
Betteljungen in den Bierhäusern von Erfurt herumgetragen wurde.
    Das war also eben der Bürger und Bauer, den Reiser auf seiner ersten
Wanderung bei dem Jäger nicht weit von Mühlhausen vorgefunden hatte und zu
dessen Mitarbeiter er nun nebst seinem Stubengenossen von dem Verleger und
Herausgeber erwählt wurde. Beide mussten nun den Abend bei dem Buchdrucker
speisen, und es wurden Rettig und eine Art sehr harter länglichter kleiner Käse,
die in Erfurt gewöhnlich sind, aufgetragen, wovon die beiden Mitarbeiter
unaufhörlich assen, während dass die Frau des Buchdruckers manchmal darzu sehr
sauer sah.
    Der erste Aufsatz, den nun der Student R ... in die Wochenschrift der Bürger
und der Bauer lieferte, war eine prosaische Nachahmung von dem Beatus ille des
Horaz. Und der erste Aufsatz von Reiser war sein steifes Gedicht üben die Welt,
das er schon in Hannover auf der Schule gemacht hatte.
    Da nun aber für diese Aufsätze weiter kein Honorar erfolgte, und der Plan
des Studenten R ..., durch eine Wochenschrift, die er mit Reisern herausgeben
wollte, ein Ansehnliches zu gewinnen, auf die Weise ins Stocken geriet, so hatte
auch Reiser weiter kein Interesse mehr für ihn; welches ihm nicht zu verdenken
war, da Reiser wegen seiner Melancholie, die vorzüglich bei ihm aus dem Mangel
an Wäsche und nun auch wieder von dem schlechten Zustande seiner Schuhe
entstand, nur ein trauriger Gesellschafter sein konnte.
    Der Student R ... suchte also Reisern nach Verlauf von acht Tagen, die er
bei ihm gewohnt hatte, schon wieder in einem andern Logis unterzubringen. - Dies
war auf der Kirschlache in der Wohnung eines Brauers, wo noch ein Student
logierte und der Sohn im Hause ebenfalls die Schule besuchte.
    Hier bekam Reiser nun wiederum kein Zimmer für sich allein, sondern musste so
wie der andre Student mit der Familie zusammenwohnen. - Das Haus aber hatte eine
angenehme Lage - es stand in einer Reihe kleiner Häuser, vor denen ein schmales
Gewässer vorbeifliesst, dessen diesseitiges Ufer mit Bäumen bepflanzt ist.
    Es war also keine ganz eingeengte Strasse, sondern das vorüberfliessende
Wasser und selbst die Kleinheit der Häuser trugen dazu bei, dieser Gegend der
alten Stadt ein freies ländliches Ansehn zu geben.
    Hinter dem Hause war gleich die alte Stadtmauer, von welcher man die
Aussicht nach dem Kartäuserkloster hatte. Die Mauer war oben zum Teil mit Gras
bewachsen und an verschiedenen Orten halb eingefallen, so dass man bequem
hinaufsteigen und alsdann die grossen Pläne von Gärten, womit Erfurt noch
innerhalb seiner Mauren umgeben ist, übersehen konnte.
    Während dieser Zeit erhielt nun Reiser auch den ordentlichen Freitisch von
der Universität, und die Idee des ruhigen Bleibens behielt nun auf einmal wieder
so sehr bei ihm die Oberhand, dass er jetzt, da er neunzehn Jahr alt war, an
seinen Freund in Hannover schrieb, er hoffe und wünsche nunmehr den Rest seiner
Tage in Erfurt zu beschliessen.
    Seine lernende Laufbahn sollte nämlich hier unmittelbar in die lehrende
übergehn, und so sollte das Ziel aller seiner Wünsche und Hoffnungen dann
erreicht sein. - Auf alles übrige Glänzende glaubte er nun Verzicht getan zu
haben, und alle die schimmernden Teaterphantasien schienen auf eine Zeitlang
aus seinem Kopfe verschwunden zu sein.
    Er war nun doch auf einmal in eine neue Welt versetzt und hatte gegen seinen
Aufentalt in Hannover immer erstaunlich viel gewonnen.
    Wenn er auf den Wällen von Erfurt um die Stadt spazieren ging, so fühlte er
lebhaft, dass er durch eigne Anstrengung sich aus seinem unerträglichen Zustande
gerissen und seinen Standpunkt in der Welt aus eigner Kraft verändert hatte.
    Wenn er dann die Glocken von Erfurt läuten hörte, so wurden allmählich alle
seine Erinnerungen an das Vergangene rege - der gegenwärtige Moment beschränkte
sein Dasein nicht - sondern er fasste alles das wieder mit, was schon
entschwunden war.
    Und dies waren die glücklichsten Momente seines Lebens, wo sein eigenes
Dasein erst anfing, ihn zu interessieren, weil er es in einem gewissen
Zusammenhange und nicht einzeln und zerstückt betrachtete.
    Das Einzelne, Abgerissene und Zerstückte in seinem Dasein war es immer, was
ihm Verdruss und Ekel erweckte.
    Und dies entstand so oft, als unter dem Druck der Umstände seine Gedanken
sich nicht über den gegenwärtigen Moment erheben konnten. - Dann war alles so
unbedeutend, so leer und trocken und nicht der Mühe des Denkens wert.-
    Dieser Zustand liess ihn immer die Ankunft der Nacht, einen tiefen Schlummer,
ein gänzliches Vergessen seiner selbst wünschen - ihm kroch die Zeit mit
Schneckenschritten fort - und er konnte sich nie erklären, warum er in diesem
Augenblicke lebte.
    Im Anfange seines Aufentalts in Erfurt waren dieser Augenblicke nur wenige
- er übersah das Leben immer mehr im ganzen - die Ortsveränderung war noch neu -
seine Einbildungskraft war durch das Immerwiederkehrende noch nicht gefesselt. -
    Dies Immerwiederkehrende in den sinnlichen Eindrücken scheint es vorzüglich
zu sein, was die Menschen im Zaum hält und sie auf einen kleinen Fleck
beschränkt. - Man fühlt sich nach und nach selbst von der Einförmigkeit des
Kreises, in welchem man sich umdreht, unwiderstehlich angezogen, gewinnt das
Alte lieb und flieht das Neue. - Es scheint eine Art von Frevel, aus dieser
Umgebung hinauszutreten, die gleichsam zu einem zweiten Körper von uns geworden
ist, in welchen der erstere sich gefügt hat.
    Reisers Wohnung auf der Kirschlache schien auch gerade dazu gemacht zu sein,
um seine Einbildungskraft aufs neue wieder zu fesseln.
    Die Aussicht über die Gärten nach dem Kartäuserkloster hin hatte nämlich so
etwas Romantisches, das Reisern unwiderstehlich anzog und seine Blicke auf jenen
stillen Sitz der Einsamkeit heftete, nach welcher er eine heimliche Sehnsucht
empfand. - Da das Gebäude seiner Phantasie gescheitert war und er die
geräuschvollen Weltszenen weder im wirklichen Leben noch auf dem Teater hatte
durchspielen können, so fiel er nun, wie es gemeiniglich zu geschehen pflegte,
mit seiner ganzen Empfindung auf das andere Extrem.
    Ganz von der Welt vergessen, von Menschen abgeschieden in der stillen
Einsamkeit seine Tage zu verleben, hatte einen unaussprechlichen Reiz für ihn -
und diese Abgeschiedenheit erhielt in seinen Gedanken einen desto höhern Wert,
je grösser das Opfer war, das er brachte. - Denn das, worauf er Verzicht tat,
waren seine liebsten Wünsche, die in sein Wesen eingewebt schienen. - Die Lampen
und Kulissen, das glänzende Amphiteater war verschwunden, die einsame Zelle
nahm ihn auf. -
    Die hohe Mauer, welche das Kartäuserkloster umschliesst, das Türmchen auf der
Kirche, die einzelnen Häuschen, die innerhalb der Mauer in einer Reihe
nacheinander stehn und wovon jedes durch eine Mauer vom andern abgesondert ein
eigenes Fleckchen zum Garten hat; dies alles macht einen sehr interessanten
Anblick, und diese Höhe der Mauer, diese einzelnen Häuser und diese Gärtchen
dazwischen bezeichnen sehr auffallend und bedeutend die Einsamkeit und
Abgeschiedenheit der Bewohner dieses Orts.
    Sooft die Glocke auf dem Türmchen angezogen wurde, tönte sie in Reisers
Ohren wie die Sterbeglocke aller irdischen Wünsche und Aussichten in die Zukunft
dieses Lebens.
    Denn hier war nun das Ziel von allem - nie durfte der Fuss des Eingeweihten
wieder aus dem Bezirk dieser Mauren treten - er fand hier seine immerwährende
Wohnung und sein Grab. - Das Geläute der Kartäuser wird noch mehr durch die Art,
mit der es geschieht und durch seine Langsamkeit traurig und melancholisch. -
    Sowie nämlich die Kartäuser sich auf dem Chor versammlen, tut jeder nach der
Reihe einen Zug an der Glocke und nimmt darauf seinen Platz ein, bis alle vom
Ältesten bis zum Jüngsten hereingetreten sind.
    Nun horchte Reiser auf den Schall dieser Glocke zuweilen in der stillen
Mittagsstunde, zuweilen um Mitternacht oder bei frühem Morgen, und jedesmal
erneuerte sich der Eindruck davon so lebhaft in seinem Gemüte, dass immer das
ganze Bild der Einsamkeit und Stille des Grabes mit erwachte. -
    Es kam ihm vor, als ob diese abgeschiedenen Menschen ihren eigenen Tod
überlebten, in ihren Gräbern umherwandelten und sich einander die Hände
reichten. -
    Mit dieser Idee wurde er nach und nach so vertraut, und sie wurde ihm so
lieb, dass er sie manchmal um die angenehmsten Aussichten in das Leben nicht
hätte vertauschen mögen.
    Er hatte nun auch wieder einen Brief von Philipp Reiser aus Hannover
erhalten, der ebenso wie ehemals die Gespräche desselben statt einer besondern
Teilnehmung an seines Freundes Schicksale eine etwas weitläuftige Schilderung
seiner damaligen Liebe entielt, und wie weit er nun schon in dieser Liebe
gekommen sei, und was ihm noch für Hindernisse im Wege ständen.
    Demohngeachtet trug Reiser diesen Brief beständig bei sich und las ihn zum
öftern durch, weil Philipp Reiser doch sein einziger Freund war.
    Ohnweit der Kirschlache war ein angenehmer Spaziergang, wo zwischen grünem
Gebüsch im Tale sich ein klarer Bach ergoss. - Die Aussicht war rundumher
gehemmt, und man befand sich in einer reizenden Einsamkeit. -
    Hier brachte Reiser manche Stunde auf dem grünen Rasen am Ufer des Baches zu
und dachte über sein Schicksal nach, und wenn er zu denken müde war, so las er
den Brief seines Freundes durch, den er, so wenig ihn auch der Inhalt
interessierte, am Ende fast auswendig lernte - denn er hatte doch einmal nichts
zu lesen, was ihm näher gewesen wäre als dieser Brief.
    Dazu kam noch der Umstand, dass Philipp Reiser aus Erfurt gebürtig war; sie
hatten also beide ihre Vaterstädte vertauscht - und Anton Reiser befand sich nun
auf demselbigen Fleck, wo sein Freund die ersten Tage seiner Jugend verlebt und
die ersten Eindrücke von der ihn umgebenden Welt erhalten hatte.
    Er durchlebte hier in Gedanken Philipp Reisers Kinderjahre und verdoppelte
sich in ihm, wenn er in dem Tal am Bache sass und seinen Brief las, der ihm denn
sein ganzes Wesen wieder in Erinnerung brachte.
    Darum war ihm unter den Studenten auch Ockord so lieb, der Philipp Reisern
in Erfurt noch gekannt hatte, und mit dem er sich am öftersten von ihm
unterredete.
    Dieser Ockord war damals ein junger liebenswürdiger Schwärmer, vor seiner
Phantasie schwebte noch der jugendliche Lebensreiz und ihn beseelten hohe
Freundschaftsgefühle - zuweilen lief ein klein wenig Affektation mit unter, im
Grunde aber hatte er wirklich ein gefühlvolles Herz.
    An ihm fand Reiser seinen Mann und ruhte nicht eher, bis er an einem
Sonntage mit ihm in die Kartäuserkirche ging; denn allein hatte er sich, weil es
ihm zu auffallend schien, noch nicht getraut hereinzugehen.
    Sie hatten sich unterwegens von der Nichtigkeit und Kürze des Lebens
unterhalten, wobei zu bemerken ist, dass Reiser damals neunzehn und Ockord
zwanzig Jahr alt war, und wussten nicht, was sie mit dem Rest ihrer Tage anfangen
sollten, als sie in dem Kloster anlangten und in die Kirche traten, welche schon
durch ihre leeren weissen Wände und den einsamen Chor die Stille des Grabes
predigte.
    Die Kirche wird nämlich ausser den Kartäusern selber fast von niemand
besucht, und weil keine Gemeinde dazu gehört, so ist hier weder Kanzel noch
Stühle oder Bänke, sondern nichts als die leeren Wände und der flache Boden,
welches dieser Kirche bei dem dämmernden Lichte, das von oben durch die Fenster
fällt, ein sehr ernstes und melancholisches Ansehn gibt. Ockord und Reiser
knieten ganz allein an einem Pult vor dem Chore, als die weissgekleideten Mönche
einer nach dem andern hereintraten und jeder sich bückend seinen Zug an der
Glocke tat.
    Sie setzten sich an ihre Pulte auf dem Chor und stimmten ihren Bussgesang in
tiefen, traurigen Tönen an - bald standen sie auf und sangen Hymnen, die traurig
zurückerschallten; dann fielen sie auf ihr Angesicht und flehten in tiefen
klagenden Tönen um Erbarmung. - Ganz an dem einen Ende des halben Zirkels stand
ein Jüngling mit blassen Wangen von ausnehmend schöner Bildung. - Reiser konnte
seine Augen nicht von den seinigen wenden, die er andachtsvoll gen Himmel
schlug. - Ockord kannte diesen Unglücklichen, der in den Orden der Kartäuser
getreten war, weil der Blitz seinen Jugendfreund an seiner Seite erschlagen
hatte - und Reisern schwebte das Bild dieses Jünglings von nun an beständig vor
der Seele. -
    Halbe Tage brachte er auf der alten Mauer hinter seiner Wohnung zu und
sehnte sich in den Bezirk jener stillen Mauren hin, die seiner Meinung nach eine
ganze Welt mit allen ihren Täuschungen und Blendwerken ausschlossen.- Mit jenem
Jüngling wollte er dort verblühen und dem Grabe zuwelken - dort wollte er selber
sein einsames Gärtchen bauen, - den sanften Strahl der Abendsonne in seiner
Zelle begrüssen - - und allen irdischen Wünschen und Hoffnungen entnommen mit
Ruhe und Heiterkeit dem Tode entgegensehen.
    In dieser Stimmung machte er nun auf den alten eingefallnen Mauern hinter
seiner Wohnung folgendes Gedicht:
Du stille geweihte Behausung, des Grabes rührendes Vorbild,
Welch eine geheime Empfindung heftet mein Auge voll Tränen
Auf deine einsamen Hütten? Ehrwürd'ger Greis, du Bewohner
Des Orts der Stille und der Andacht, Heil dir! vom leeren Gewimmel
Der gaukelnden Eitelkeit fern und fern vom Geräusche des Stolzes,
Kannst du mit eignen Händen dein einsames Gärtchen dir bauen
Und deine Seele, die oft mit edlem Unwillen strebet,
Aus ihrem Kerker zu fliehen, mit jedem kommenden Tage
Dem Himmel würdiger machen - Heil dir! geniesse die Segen
Der göttlichen Einsamkeit ganz, dass dein von Erdegedanken
Schon lang entwöhnter Geist in Engelgefühlen zerfliesse
Und zu seinem ewigen Ursprung sich jauchzend emporschwinge - herrlich,
O Greis, war so das Los deiner Tage! Du aber, den Jahre,
Voll Kummer des Lebens durchlebt, noch nicht die sinkende Scheitel
Bereiften, rüst'ger Mann, und du, starker, blühender Jüngling,
Der für die Freuden des Lebens die einsame Zelle sich wählte;
O warst du vielleicht das Ziel der Verachtung, des höhnenden Stolzes?
Betrog dich vielleicht ein falscher Freund? oder fühltest du lebhaft,
Wie alle die Wünsche der Menschen und ihre Hoffnungen alle
So nichtig und doch so stolz sind? War's verbitternder Ekel
Vor diesen schalen, unschmackhaften Freuden des Lebens, der dir einst
Den blumigten Schauplatz der Welt zur traurigen Einöde machte;
Dann wohl auch dir! dass du eine sichere Freistatt vor allen
Den list'gen Ränken der Bosheit fandst und vor dem Geräusche
Der Toren und vor der Verführung des schön gleissenden Lasters
Und vor des Lebens betrüglichen Freuden fandst! - Doch was seh ich?
Im Aug' eine stumme Zähre zittert langsam die Wange
Des Jünglings herab, der abgehärmt und bleich sein gebrochnes,
Hinsterbendes Leben verweinet und wie die lechzende Blume
In schwülen Tagen dahinwelkt. - Der du im geheiligten Kerker
Von keinem Strahl erquickt aus Zwang und Unbedacht schmachtest,
O weine, Jüngling, weine! Dein Gott vergibt dir die Zähren,
Die der unschuldige Wunsch der Natur aus der Seele dir presste!
O könnt' ich doch meine Tränen mit deinen Tränen vermischen
Und sanften lindernden Trost in deine Seele hinweinen!
Sanftlächelnd geht die Sonn' am Frühlingsabend dir unter,
Noch rötet ihr letzter Strahl mitleidig dein einsames Fenster,
Du legst dich hin auf dein Lager und träumst von künftigen Tagen
Voll glänzender Aussichten, schwimmst in Wonnegefühlen, verlierst dich
In Labyrinten von Freuden, erwachst vom glücklichen Schlummer
Und siehest - ach, deiner traurigen Zelle öde vier Wänd', und
Kein Strahl von Hoffnung lächelt hinein - o säuselt, Zephire,
Um dieses Jünglings Haus, liebkoset und trocknet mitleidig
Vom Aug' die Zähr' ihm! Blühet, ihr Blumen, in seinem Garten,
Und um seine Fenster erschalle dein tröstendes Lied, Philomele!
Bis der Alliebende einst von des Lebens quälenden Banden
Die leidende Seele befreit, dann wirst du voll zärtlicher Wehmut
Noch oft in durchtaueten Nächten um seine Grabstätte klagen.
Reiser war wirklich so mit ganzer Seele bei den Kartäusern, dass er anfing im
Ernst darauf zu denken, wie er auch so abgeschieden von der Welt seine Tage
zubringen könnte und dann von allem, was ihn drückte, von seinen Wünschen und
Begierden, die ihn quälten, auf einmal und auf immer befreit sein würde. -
    Als er schon einige Tage in diesen Gedanken vertieft gewesen war, kam Ockord
zu ihm und sagte, dass die Studenten in Erfurt willens wären, eine Komödie zu
spielen, und dass einige Rollen noch unbesetzt wären. - -
    Diese Anrede wirkte so mächtig auf Reisers Phantasie, dass auf einmal das
Kartäuserkloster mit seinen hohen Mauren tief im Hintergrunde stand und die
Kulissen mit den Lichtern sich plötzlich wieder vordrängten; da nun Ockord
überdem noch hinzufügte, dass man damit umgehe, in dem Stücke, das man
aufzuführen willens sei, Reisern eine Rolle anzutragen, so war vollends jeder
ernste und melancholische Gedanke wie verschwunden.
    Das Stück nämlich, was die Studenten in Erfurt aufführen wollten, hiess Medon
oder die Rache des Weisen, und man könnte davon sagen, dass es die ganze Moral in
sich entielt, so erstaunlich viel Tugend wurde von allen Personen darin
gepredigt.
    In diesem Stücke nun sollte Reiser die Rolle der Clelie, der Geliebten des
Medon, übernehmen, weil sich an seinem Kinne noch die wenigste Spur von einem
Barte zeigte und weil auch seine Länge als Frauenzimmer eben nicht auffiel, da
der, welcher den Medon spielte, von einer fast riesenmässigen Grösse war.
Ohngeachtet der auffallenden Sonderbarkeit dieser Rolle konnte Reiser dennoch
seinem Hange, das Teater auf irgendeine Weise zu betreten, nicht widerstehen,
um so weniger, da sich ihm die Gelegenheit dazu so ganz ungesucht und von selbst
darbot.
    Während der Zeit hatte nun der Doktor Froriep nach Hannover geschrieben und
sich wegen Reisers Aufführung bei seinem ehemaligen Lehrer, dem Rektor Sextroh,
wo er im Hause gewohnt hatte, erkundigt, und dieser hatte ihm ganz wider Reisers
Vermuten ein Zeugnis gegeben, welches ihn bei dem Doktor Froriep noch weit mehr
in Gunst brachte.
    Der Rektor Sextroh hatte nämlich geschrieben, dass man allerdings von den
Anlagen dieses jungen Menschen sich viel versprochen hätte. Und dies war für den
Doktor Froriep genug, um das Nachteilige, was dies Zeugnis entielt, mit
Schonung und Nachsicht zu betrachten und sich nun Reisers mit verdoppeltem Eifer
anzunehmen, um ihm womöglich auch die Gnade des Prinzen wieder zu verschaffen.
    Das Zeugnis selbst aber war auch schonend und nachsichtsvoll abgefasst,
ausgenommen einen Punkt, wo man Reisern wegen seiner nächtlichen Spaziergänge im
Verdacht der Liederlichkeit gehabt hatte und ihn also gerade einer Sache
beschuldigte, wovon er am weitesten entfernt war, weil er schon durch das
Drückende seines Zustandes, durch seine Selbstverachtung und selbst durch seine
Schwärmereien davon abgehalten wurde.
    Dann war sein Hang zum Teater dasjenige, worauf man nicht ohne Grund seine
übrigen Unregelmässigkeiten schob und wodurch damals so viele junge Leute auf der
Schule in Hannover waren hingerissen worden. -
    Und gerade indem nun dieser Brief ankam, war Reiser schon wieder im Begriff,
mit den Studenten in Erfurt Komödie zu spielen. - Der Doktor Froriep widerriet
es ihm zwar; da er aber sah, wie sehr sein Herz daran hing, sah er ihm auch
noch diese Torheit nach und entzog ihm darüber nichts von seiner Gunst.
    Die Vorbereitungen zu der Komödie wurden nun gemacht; Reiser lernte die
Rolle der Clelie auswendig, und nun wurden häufige Proben gehalten, wodurch
Reiser mit dem grössten Teil der Studenten in Erfurt bekannt wurde, die sich alle
gegen ihn sehr höflich betrugen und alle eine vorteilhafte Meinung von ihm
hegten, wodurch er sich in eine Welt versetzt fand, die von derjenigen ganz
verschieden war, worin er von Kindheit auf gelebt hatte.
    Zwischen diesen Komödienproben versäumte nun Reiser nicht, des Doktor
Frorieps Predigerkollegium fleissig zu besuchen. Dies bestand aus einer Anzahl
Studenten, die sich in der Kaufmannskirche in Gegenwart des Doktor Froriep und
der übrigen Studenten bei verschlossnen Türen im Predigen übten.
    Hier wünschte nun Reiser ebenfalls auftreten zu können, um seine Deklamation
hier hören zu lassen, und es war ihm immer eine der reizendsten Aussichten, wenn
der Doktor Froriep ihm einmal verstatten würde, hier die Kanzel zu besteigen.
Auch hatte er sich schon ein Tema ausgedacht, worin er die Schönheiten der
Natur, den Wechsel der Jahreszeiten mit poetischen Farben schildern und mit den
glänzenden und schimmernden Aussichten in die Ewigkeit auf eine patetische
Weise seine Predigt beschliessen wollte. Allein es kamen immer Hindernisse
dazwischen, dass ihm dieser Wunsch in Erfurt nicht gewährt wurde.
    So wie man nun an allem zweifelt, was man heftig wünscht, so zweifelte er
auch immer, ob die wirkliche Aufführung der Komödie zustande kommen und er seine
Rolle darin behalten würde. Dieser Wunsch wurde ihm dann gewährt. Er wurde mit
aller Sorgfalt als Clelie geschmückt. Die Lichter wurden angezündet, der Vorhang
rauschte empor, und er stand nun da vor einem zahlreichen Auditorium und spielte
ganz unbefangen seine lange Rolle durch, ohne dass ihm ein einzigesmal das
Unnatürliche davon eingefallen wäre, so sehr war er in dem Gedanken vertieft,
dass er in einer teatralischen Darstellung nun wirklich mit begriffen und dass
seine Mitwirkung in jedem Augenblick dazu notwendig war. -
    Dies Vertiefen in seinen Gegenstand machte, dass er sich selbst vergass und
dass auch die Zuschauer das Unnatürliche der Rolle weniger bemerkten und er über
sein Spiel sogar noch Beifall erhielt. Da er also nun den Schauplatz betreten
hatte und doch dabei Student blieb, so machte ihm dies doppeltes Vergnügen, und
er fühlte sich in der Wiedererinnerung an diesen Abend ein paar Tage über so
glücklich, dass ihm alles das, was ihm in den wenigen Wochen, die er nun in
Erfurt zugebracht hatte, schon begegnet war, halb wie im Traume vorkam.
    Er rückte nun auch in die Wochenschrift der Bürger und der Bauer von Zeit zu
Zeit Gedichte ein, wodurch sein Name als Schriftsteller unter den Erfurtischen
Bürgern bekannt wurde. dabei besorgte er Korrekturen für den Buchdrucker
Gradelmüller und wurde durch diesen mit einem Gelehrten bekannt, den bei den
grössten Vorzügen des Geistes und Herzens bis an seinen Tod ein widriges
Schicksal verfolgte, weil er durch den langwierigen ununterbrochenen Druck der
Umstände verlernt hatte, seinen Wert geltend zu machen, und gerade die Kraft,
wodurch er in der Welt festen Fuss fassen und seinen Platz behaupten musste, bei
ihm gelähmt war.
    Dieser Doktor Sauer hatte für den Buchdrucker Gradelmüller eine
Wochenschrift geschrieben unter dem Titel Medon oder die drei Freunde, wovon ein
Jahrgang herausgekommen war. Man sah auch hieran, wie er mit dem Druck der
Umstände hatte kämpfen müssen; wie schwer es ihm musste geworden sein, eine
Anzahl trivialer Aufsätze niederzuschreiben, wobei noch immer die Funken des
unterdrückten Genies hervorsprühten.
    So aber musste er schreiben und wöchentlich seinen Bogen liefern, um wiederum
ein Jahr lang von seinem mühseligen Leben zu atmen. - Da nun die Wochenschrift
aufhörte, so war er genötigt, wieder von Korrekturen sein Dasein zu erhalten.
Und da er selber dramatische Ausarbeitungen von vielem Wert in seinem Pulte
liegen hatte, die er nicht wagte zum Vorschein zu bringen, musste er für einen
vornehmen Herrn in Erfurt mit aller Sorgfalt und Korrekteit eines Kopisten ein
Trauerspiel für Geld abschreiben, um mit dem Abschreiberlohn wiederum einige
Tage lang sein Leben zu fristen.
    Als Arzt verdiente er nichts: denn er fühlte einen besondern Hang in sich,
gerade den Leuten zu helfen, die der Hülfe am meisten bedürfen und denen sie am
wenigsten geleistet wird. Und weil dies nun gerade diejenigen sind, welche die
Hülfe nicht zu bezahlen vermögen, so geriet der Arzt selber in grosse Gefahr zu
verhungern, wenn er nicht Wochenschriften herausgegeben, Korrekturen besorgt und
Trauerspiele abgeschrieben hätte.
    Kurz, er liess sich für seine Kuren nichts bezahlen und brachte auch dazu den
armen Leuten noch die Arzenei ins Haus, die er selbst verfertigte und das
Wenige, was ihm übrig oder nicht übrig blieb, darauf verwandte. Weil er sich nun
dadurch gleichsam weggeworfen hatte, so hatten die Leute aus der grossen und
vornehmen Welt kein Zutrauen zu ihm; niemand zog ihn zu Rate, und unter den
meisten war sogar sein Name nicht einmal bekannt, ob er sich gleich als Arzt
schon keine geringe Erfahrung und Geschicklichkeit erworben hatte.
    Er hatte auch in diesem Fache schon eigene vortreffliche Ausarbeitungen
geliefert, die aber das Unglück hatten, sich unter der Menge zu verlieren und
ebenso wie ihr Verfasser von den Zeitgenossen nicht bemerkt zu werden. Und
während dass er nun seine übrigen medizinischen Ausarbeitungen in seinem Pulte
verschlossen hielt, musste er die Schrift eines französischen Arztes, der nach
Erfurt kam und besser als der Doktor Sauer sich wusste bemerken zu machen, ins
Lateinische übersetzen, um von dem Übersetzerlohne zu leben und für seine
hülflosen und armen Kranken neue Arzeneimittel zuzubereiten.
    Der müsste ganz abgestumpft sein, der diese Unwürdigkeiten und Demütigungen
vom Schicksal nicht fühlen sollte. Der Doktor Sauer machte eine lächelnde Miene
dazu, allein im Innersten seiner Seele untergrub doch jede dieser Demütigungen
und Herabwürdigungen seine Tatkraft und lähmte seinen Mut. Wie konnte er seinem
innern Werte noch trauen, da die ganze Welt ihn verkannte.
    Wegen der Konnexion mit dem Buchdrucker Gradelmüller, für welchen er die
Korrekturen besorgte, gab er nun auch zuweilen Aufsätze in die berühmte
Erfurtische Wochenschrift der Bürger und der Bauer; und da las Reiser einmal ein
Gedicht von ihm auf die freigewordenen Amerikaner, welches wohl verdient hätte,
in einer Sammlung von den vorzüglichsten Poesien der Deutschen zu stehen, und
nun in einem Blatte sich verlor, das in den Bierhäusern von Erfurt feilgeboten
wurde.
    Es war, als ob in diesem Gedichte sein unterdrückter Geist alle sein
Freiheitsgefühl noch einmal ausgehaucht hätte, ein solcher Schwung und feurige
Teilnehmung herrschte in den Gedanken.
    Ganz entzückt durch dies Gedicht konnte Reiser nicht ruhen, bis er die
Bekanntschaft eines so vorzüglichen Mitarbeiters an der Wochenschrift der Bürger
und der Bauer gemacht hatte. Es hielt aber schwer, bis er diesen Wunsch
erreichte, weil der Doktor Sauer eben keinen grossen Hang in sich fühlen konnte,
sich noch ferner an irgendeinen aus der Klasse von Wesen anzuschliessen, die ihn
gleichsam ausgestossen hatte.
    Indes fand sich doch ein Weg dazu, weil Reiser sein Studium der englischen
Sprache auch in Erfurt fortgesetzt hatte, dass er sich erbot, dem Doktor Sauer
Englisch zu lehren, weil dieser schon einige Male den Wunsch geäussert hatte, mit
dieser Sprache bekannt zu sein. Dies Anerbieten wurde dann angenommen, und so
erhielt Reiser Gelegenheit, wöchentlich wenigstens ein paarmal mit diesem Mann
zusammenzukommen, an den er sich nun so nahe wie möglich anzuschliessen wünschte.
    Bei dieser Gelegenheit wurde er nun immer offner gegen Reisern und erzählte
ihm von den mannigfaltigen Unterdrückungen, denen er von seiner Kindheit an von
seinen Anverwandten und von seinen Lehrern ausgesetzt war, und nachher alle die
Streiche des Schicksals nacheinander, die ihn bis in den Staub darniedergebeugt
hatten; so dass Reiser im auffahrenden Unwillen sich nicht entalten konnte, die
Verkettung hämisch zu nennen, worin ein denkendes und empfindendes Wesen
gleichsam absichtlich so eingeengt und gequält wird.
    Während dass nun Reiser auf diese Art seinen Unwillen äusserte, verzog sich
Sauers Mund zu einem sanften Lächeln, wodurch er freilich über diesen Unwillen
erhaben, aber auch zugleich von den irdischen Banden schon gelöst war und seiner
baldigen vollkommnen Befreiung ahndungsvoll entgegensah. - Sein Kampf war
beinahe durchgekämpft, er brauchte weiter keine widerstehende Kraft, keinen
Trotz gegen das Schicksal.
    Demohngeachtet loderte die Lebensflamme noch manchmal wieder in ihm auf. Er
hoffte zuweilen noch glückliche Tage zu sehen und hatte einen grossen Eifer zur
Erlernung des Englischen, weil er sich von diesem seinem Studium viel versprach,
um vorzüglich die in der englischen Sprache geschriebenen medizinischen Werke zu
nutzen und dann auch durch Übersetzungen aus dem Englischen Geld zu erwerben.
    Dann bot sich ihm auch sogar eine kleine Aussicht zu einer Art von
Versorgung in Erfurt dar - und dies war ihm nun schon eine sehr glückliche
Wendung, die er besonders seinem Ausharren zuschrieb. Wer in Erfurt zu etwas
kommen wolle, pflegte er nun oft zu Reisern zu sagen, der müsse nur lange Zeit
ausharren und die Geduld nicht verlieren! So bescheiden und mässig war er in
seinen Wünschen, und so sehr war jeder Schimmer eines bessern Glücks ihm schon
aufmunternd.
    Er wusste nicht, dass alles äussere Glück ihm nicht mehr helfen konnte, weil
der Quell des Glücks in ihm selber versiegt und die Blume seines Lebens
zerknickt war, so dass ihre Blätter notwendig welken mussten.
    Reiser fühlte sich von einer solchen Teilnehmung angezogen, als ob das
Schicksal dieses Mannes sein eigenes oder mit dem seinigen doch unzertrennlich
verknüpft gewesen wäre. Es war ihm, als müsste dieser Mann noch glücklich werden,
wenn die Dinge in ihrem Gleise bleiben sollten.
    Reisern trog aber diesmal, so wie nachher noch oft seine Ahndung und sein
Glaube an eine Entschädigung für erlittenen Kummer, die notwendig noch auf Erden
stattfinden müsse. - Sauer entschlummerte nach wenigen Jahren, ohne bessere Tage
gesehen zu haben. Da ihn von aussen das Glück ein wenig anlächelte, waren seine
innern Kräfte zerstört; und er blieb unbemerkt und unbekannt bis an seinen Tod;
so dass in der kleinen Gasse, wo er wohnte, seine nächsten Nachbaren, als man den
Sarg hinaustrug, fragten: wer denn da begraben würde? Ein Grad des
Nichtbemerktwerdens, der in einer so unbevölkerten Stadt wie Erfurt höchst
auffallend ist.
    Die wenigen Tage nun, welche Reiser mit dem Doktor Sauer in Erfurt verlebte,
waren für ihn höchst wichtig, weil sie seiner Seele einen gewissen neuen Anstoss
gaben: er raffte sich gegen alle die Unterdrückungen zusammen, welche jenen
Geist so sehr hatten lähmen können. Und der Unwille, den er darüber empfand,
flösste ihm einen gewissen Trotz ein, auch dem Schwersten nicht zu unterliegen
und das gewissermassen durch Widerstand zu rächen, was jener gelitten hatte.
    Sie waren eines Tages nach einem Dorfe vor Erfurt zusammen spazieren
gegangen, und Ockord war mit von der Gesellschaft. - Als sie gegen Abend
zurückkehrten, kamen sie an ein Gewässer, das mit dickem Gebüsch umgeben war und
schwarz zwischen seinen Ufern hinkroch. Hier blieb Sauer stehen und suchte mit
dem Stocke die Tiefe zu messen, die er aber nicht abreichen konnte. Er blieb
stehen und sah mit untergeschlagenen Armen in das Wasser und bemerkte die
schwarze Fläche, und wie langsam fliessend es dahinkröche. - Das Bild, wie Sauer
mit blassen Wangen und untergeschlagenen Armen bedeutungsvoll in diesen
Stygischen Fluss herunterblickte, kam Reisern lebhaft wieder vor die Seele, als
er einige Jahre nachher die Nachricht von seinem Tode vernahm. - Denn wenn
irgendein bedeutendes Bild sich formte, wo Zeichen und Sache eines wurden, so
war es hier.
    Für Reisern aber eröffneten sich wieder fröhliche Aussichten: denn die
Studenten kamen auf den Einfall, noch eine Komödie aufzuführen, weil sie an
diesem Vergnügen nun einmal Geschmack bekommen hatten.
    Die Stücke, welche man wählte, waren der Argwöhnische und der Schatz von
Lessing: in dem ersten erhielt Reiser wiederum zwei Frauenzimmerrollen, die er
mit Umkleidung spielen musste, und in dem andern die Rolle des Maskaril, und nun
war sein Schauspielerkredit unter den Studenten schon so befestiget, dass man es
als eine Gefälligkeit von ihm ansah, wenn er diese Rollen übernehmen wollte,
und er sich also auf keine Weise dazu drängen durfte.
    Während dass nun die Veranstaltungen zu dieser zweiten teatralischen
Vorstellung gemacht wurden, fing Reiser zu gleicher Zeit eine Ausarbeitung über
die Empfindsamkeit an, womit er zuerst als Schriftsteller auftreten wollte. In
dieser Schrift sollte die affektierte Empfindsamkeit lächerrlich gemacht und die
wahre Empfindsamkeit in ihr gehöriges Licht gestellt werden.
    Die seinsollende Satire gegen die Empfindsamkeit geriet nun freilich
ziemlich grob, indem er sie mit einer Seuche verglich, vor der man sich zu hüten
habe und jedwedem, der aus einer Gegend käme, wo die Empfindsamkeit herrschte,
den Eingang in Städte und Dörfer versperren müsse.
    Dieser Unwille war vorzüglich durch die empfindsamen Reisen, die nach und
nach in Deutschland erschienen, und durch die vielen affektierten Nachahmungen
von Werters Leiden bei Reisern erweckt worden, ob er sich gleich selber auch
heimlich dieser Sünde anklagen musste; um desto heftiger suchte er nun auch
zugleich zu seiner eigenen Besserung dagegen zu eifern.
    Gerade, da er eines Abends an dieser Abhandlung schrieb, trat der
Buchdrucker Pockwitz aus Hannover in die Stube und brachte ihm einen Brief von
Philipp Reisern. Dies war eben der Buchdrucker, für den er in Hannover eine
Anzahl kleiner Neujahrswünsche verfertigt und sich zum erstenmal in denselben
gedruckt gesehen hatte.
    Als Reiser den Buchdrucker vor die Türe hinausbegleitete, drückte ihm dieser
ein kleines Goldstück in die Hand, welches hinlänglich war, einen Menschen, der
nun seit einigen Wochen schon ganz von Gelde entblösst war und sich doch seinen
Mangel nicht wollte merken lassen, auf einmal aus dem Staube zu heben.
    Dies unvermutete Geschenk erhielt noch einen grössern Wert durch die Art,
womit es gegeben wurde, indem der Buchdrucker Pockwitz die Worte hinzufügte: es
sei diese Kleinigkeit eine alte Schuld, die er abtrüge, weil nämlich Reiser
Neujahrwünsche, Gedichte usw. bloss der Ehre wegen in Hannover für ihn verfertigt
hatte.
    In Reisers Umständen hatte ein Goldgulden, woraus dies Geschenk bestand, für
ihn einen unschätzbaren Wert und riss ihn auf einmal aus einer Menge kleiner
Verlegenheiten, die er keinem Menschen hätte sagen dürfen. Dies machte, dass er
nun in Erfurt wirklich einige glückliche Tage erlebte, wo er eben durch nichts
weder von innen noch aussen gedrückt wurde und auch in die Zukunft keine trübe
Aussichten hatte.
    Der Brief von Philipp Reisern war auch interessanter als der vorhergehende;
denn er entielt die Nachricht, dass verschiedene von Reisers Mitschülern, welche
mit ihm zugleich in Hannover Komödie gespielt hatten, seinem Beispiele gefolgt
und auch zum Teil heimlich fortgegangen wären, um sich dem Teater zu widmen.
    Darunter war vorzüglich Iffland, der im Clavigo den Beaumarchais gespielt
hatte; der Sohn des Kantor Winter - der Präfektus aus dem Chore, namens
Ohlhorst, und ein gewisser Timäus, eines Predigers Sohn, mit dem Reiser kurz vor
seinem Abschiede noch einige romantische Spaziergänge bei Hannover gemacht
hatte. Nun fand Reiser eine sonderbare Art von Stolz darin, da er doch von allen
diesen nachgeahmt war, dass er zuerst den Mut gehabt hatte, einen solchen Schritt
zu tun.
    Dann schrieb ihm Reiser in seinem überspannten Stile, dass der Dichter Hölty
in Hannover gestorben sei, und schloss am Ende mit den Worten: freue dich,
Dichter! weine, Mensch! - Von dem Fortgange seines Liebesromans entielt dieser
Brief nur wenig.
    Während dass nun Reiser mit den Rollen in der zweiten Komödie beschäftigt
war, fand er einen neuen Freund in Erfurt, einen Studenten, namens Neries, aus
Hamburg gebürtig, der bei dem Doktor Froriep im Hause wohnte, welcher ihm eine
Abschrift von Reisers Gedichte das Kartäuserkloster gezeigt und dadurch dem
Verfasser auf einmal einen neuen Freund verschafft hatte.
    Dies wurde nun eine Freundschaft gerade von der empfindsamen Art, wogegen
Reiser eine Abhandlung zu schreiben im Begriff war.
    Der junge Neries hatte wirklich ein gefühlvolles Herz, er liess sich aber
auch durch den Strom hinreissen und spielte bei jeder Gelegenheit den
Empfindsamen, ohne es selbst zu wissen; denn er eiferte sehr oft mit Reisern
gegen das Lächerliche einer affektierten Empfindsamkeit - weil er aber nicht
bloss vor andern empfindsam zu scheinen, sondern es für sich selber wirklich zu
sein suchte, so deuchte ihm das keine Affektation mehr, sondern er trieb dies
nun als eine ganz ernstafte Sache, die keinen Spott auf sich leidet, und zog
Reisern allmählich mit in diesen Wirbel hinüber, der die Seele so lange
hinaufschraubt, bis sie in den abgeschmacktesten Zustand gerät, den man sich
denken kann.
    Reisern war es schon aufmunternd, dass ohngeachtet seiner dürftigen Umstände
sich jemand an ihn schloss, dem es nicht an äussern Glücksgütern fehlte. - Nach
und nach aber bildete sich bei ihm eine ordentliche Liebe und Anhänglichkeit an
den jungen Neries, welche durch dessen wahre Freundschaft für Reisern immer
vermehrt wurde, so dass sie sich immer mehr auch in ihren Torheiten einander
näherten und von ihrer Melancholie und Empfindsamkeit sich wechselsweise
einander mitteilten.
    Dies geschahe nun vorzüglich auf ihren einsamen Spaziergängen, wo sie nur
gar zu oft zwischen sich und der Natur eine Szene veranstalteten, indem sie etwa
bei Sonnenuntergang die Jünger von Emmaus aus dem Klopstock lasen oder an einem
trüben Tage Zachariäs Schöpfung der Hölle usw.
    Vorzüglich lagerten sie sich oft am Abhange des Steigerwaldes, von welchem
man die Stadt Erfurt mit ihren alten Türmen und ihrem ganzen Umfange von Gärten
kann liegen sehen. Da hinauf gehen die Einwohner von Erfurt häufig spazieren,
machen sich auch wohl oben selbst ein kleines Feuer an und kochen sich den
Kaffee, um die patriarchalischen Ideen wieder zu erneuern.
    Hier sassen nun auch Neries und Reiser oft Stunden lang und lasen sich aus
irgendeinem Dichter wechselsweise vor; welches die meiste Zeit eine wahre Mühe
und Arbeit und ein peinlicher Zustand für sie war, den sie sich aber einander
nicht gestanden, um nur am Ende die Idee mit sich zu nehmen: Wir haben am
Steigerwalde freundschaftlich beieinander gesessen, haben von da in das
anmutsvolle Tal hinuntergeblickt und dabei unsern Geist mit einem schönen Werke
der Dichtkunst genährt.
    Wenn man erwägt, wie viele kleine Umstände sich ereignen müssen, um das
Stillsitzen und Lesen unter freiem Himmel angenehm zu machen, so kann man sich
denken, mit wie vielen kleinen Unannehmlichkeiten Neries und Reiser bei diesen
empfindsamen Szenen kämpfen mussten: wie oft der Boden feucht war, die Ameisen an
die Beine krochen, der Wind das Blatt verschlug usw.
    Neries fand nun einen vorzüglichen Gefallen daran, Klopstocks Messiade
Reisern ganz vorzulesen; bei der entsetzlichen Langenweile nun, die diese
Lektüre beiden verursachte und die sie sich doch einander und jeder sich selber
kaum zu gestehen wagten, hatte Neries doch noch den Vorteil des lauten Lesens,
womit ihm die Zeit verging: Reiser aber war verdammt, zu hören und über das
Gehörte entzückt zu sein, welches ihm mit die traurigsten Stunden in seinem
Leben gemacht hat, deren er sich zu erinnern weiss, und welche ihn am meisten
zurückschrecken würden, seinen Lebenslauf noch einmal von vorn wieder
durchzugehen. Denn keine grössere Qual kann es wohl geben als eine gänzliche
Leerheit der Seele, welche vergebens strebt, sich aus diesem Zustande
herauszuarbeiten und unschuldigerweise sich selber in jedem Augenblicke die
Schuld beimisst und sich selber ihres Stumpfsinns anklagt, dass sie von den
erhabenen Tönen, die unaufhörlich in ihre Ohren klingen, nicht gerührt und
erschüttert wird.
    Ob nun gleich Neries und Reiser fast unzertrennlich beisammen waren, so
sehnte sich der letztre doch wieder nach einsamen Spaziergängen, die ihm immer
das reinste Vergnügen gewähret hatten; allein dies hatte er sich nun auch
verleidet; denn gemeiniglich versprach er sich von einem solchen Spaziergänge zu
viel und kehrte verdriesslich wieder zu Hause, wenn er nicht gefunden hatte, was
er suchte; sobald das Dort nun Hier wurde, hatte es auch alle seinen Reiz
verloren, und der Quell der Freude war versiegt. -
    Der Verdruss, der dann in die Stelle der gereizten Hoffnung trat, war von
einer so groben, gemeinen und niedrigen Art, dass auch nicht der mindeste Grad
von einer sanften Melancholie oder etwas dergleichen damit bestehen konnte. Es
war ohngefähr die Empfindung eines Menschen, der ganz vom Regen durchnässt ist,
und indem er vor Frost schaudernd zu Hause kehrt, auch noch eine kalte Stube
findet.
    Ein solches Leben führte Reiser und schrieb dabei immer an seiner Abhandlung
gegen die falsche Empfindsamkeit fort, wobei er denn bei seinen einsamen
Spaziergängen einmal eine sonderbare Äusserung von Empfindsamkeit bei einem
gemeinen Menschen bemerkte, bei dem er dieselbe am wenigsten erwartet hätte.
    Er ging nämlich zwischen den Gärten von Erfurt spazieren, und da es gerade
in der Pflaumenzeit war, so konnte er sich nicht entalten, von einem
überhangenden Aste eine schöne reife Pflaume abzupflücken, welches der
Eigentümer des Gartens bemerkte, der ihn sehr unsanft mit den Worten anfuhr, ob
er wohl wisse, dass die Pflaume, die er da abgepflückt hätte, ihm einen Dukaten
kosten würde.
    Reiser suchte abzudingen, musste aber zugleich gestehen, dass er keinen Heller
Geld bei sich habe. Um nun aber den Eigentümer des Gartens wegen der geraubten
Pflaume einigermassen zu befriedigen, musste er ihm sein einziges gutes
Schnupftuch aus der Tasche geben, dessen Verlust ihm sehr leid tat.
    Als er nun traurig wegging, sah er, nachdem er nur wenige Schritte getan
hatte, ein schönes Einlegemesser vor sich auf der Erde liegen; er hob es
geschwind auf und rief den Gärtner wieder zurück, dem er einen Tausch antrug, ob
er nicht für das gefundene Messer ihm sein Schnupftuch zurückgeben wolle?
    Wie erstaunte Reiser, als nun der Gärtner, der vorher so grob gegen ihn
gewesen war, ihm auf einmal um den Hals fiel und küsste und sich seine
Freundschaft ausbat; weil Reiser notwendig ein Günstling der Vorsehung sein
müsse, da sie ihn gerade das Messer habe finden lassen, welches niemand anders
als der Gärtner selbst verloren hatte, der nun Reisern sein Schnupftuch mit
Freuden wiedergab und ihn zugleich versicherte, dass sein Garten ihm zu jeder
Zeit offen stände, um so viel Pflaumen, wie er wollte, zu pflücken, und dass er
ihm in jeder Sache dienen würde, wo er nur könnte; denn ein so ausserordentlicher
Fall sei ihm noch nicht vorgekommen.
    Als Reiser im Weggehen über diesen sonderbaren Zufall nachdachte, fiel er
ihm um so mehr auf, weil dies das erstemal in seinem Leben war, dass ihm ein
eigentlich glückliches Ereignis begegnete, wobei mehrere Umstände sich
vereinigen mussten, die sich sonst selten zu vereinigen pflegen.
    Sein Glück scheinet sich in dieser Kleinigkeit gleichsam ganz erschöpft zu
haben, um ihn im Grossen wieder desto mehr büssen zu lassen, was er auf keine
andre Weise als durch sein Dasein verschuldet hatte.
    Es war wie bei dem Landprediger von Wakefield, der einen ganz ungewöhnlich
glücklichen Wurf mit den Würfeln tat, indem er mit seinem Freunde um wenige
Pfennige spielte, kurz vorher, ehe er die Nachricht von dem Bankerott des
Kaufmanns erhielt, durch welchen er sein ganzes Vermögen verlor.
    Noch eine kleine Weile hielt das Schicksal die Demütigungen zurück, welche
es Reisern zugedacht hatte, und liess ihn noch ungestört in seinem Vergnügen, das
ihm nun die zweite Komödienaufführung gewährte und worin ihm drei Rollen zuteil
geworden waren.
    Sein sehnlichster Wunsch war doch also nun einigermassen erfüllt, ob er
gleich in keiner tragischen Rolle hatte glänzen können. Und was noch mehr war,
so hatte man eine Art von Zutrauen zu seinen teatralischen Einsichten, man
fragte ihn um Rat, und er wurde nun durch seine Teilnehmung an der Komödie
sowohl als durch seine geschriebenen Gedichte unter den Studenten noch mehr
bekannt, die ihm mit Höflichkeit begegneten, welches ihm für seine Lage auf der
Schule in Hannover ein angenehmer Ersatz war.
    dabei besuchte er nun fleissig die Universitätsbibliotek, wo er einen
besondern Gefallen daran fand, des Du Halde Beschreibung von China zu studieren,
und sehr viele Zeit damit verschwendete.
    Grade damals erschien auch: Siegwart, eine Klostergeschichte, und er las mit
seinem Freunde Neries das Buch zu mehreren Malen durch, und beide taten sich bei
der entsetzlichsten Langenweile Zwang an, in der einmal angefangenen Rührung
alle drei Bände hindurch zu bleiben.
    Am Ende hatte Reiser nichts weniger im Sinne, als die ganze Geschichte in
ein historisches Trauerspiel zu bringen, wozu er würklich allerlei Entwürfe
machte und die schöne Zeit damit verschwendete.
    Wenn es ihm dann nicht, wie er wünschte, geraten wollte, so hatte er nach
jeder vergebnen Anstrengung dieser Art die trübseligsten und widrigsten Stunden,
die man sich nur denken kann. Die ganze Natur und alle seine eigenen Gedanken
hatten dann ihren Reiz für ihn verloren, jeder Moment war ihm drückend, und das
Leben war ihm im eigentlichen Verstande eine Qual.
                             Die Leiden der Poesie
können daher wohl in jedem Betracht eine eigene Rubrik in Reisers
Leidensgeschichte ausmachen, welche seinen innern und äussern Zustand in allen
Verhältnissen darstellen sollen und wodurch dasjenige gewiss werden soll, was bei
vielen Menschen ihr ganzes Leben hindurch ihnen selbst unbewusst und im Dunkeln
verborgen bleibt, weil sie Scheu tragen, bis auf den Grund und die Quelle ihrer
unangenehmen Empfindungen zurückzugehen.
    Diese geheimen Leiden waren es, womit Reiser beinahe von seiner Kindheit an
zu kämpfen hatte.
    Wenn ihn der Reiz der Dichtkunst unwillkürlich anwandelte, so entstand
zuerst eine wehmütige Empfindung, in seiner Seele, er dachte sich ein Etwas,
worin er sich selbst verlor, wogegen alles, was er je gehört, gelesen oder
gedacht hatte, sich verlor, und dessen Dasein, wenn es nun würklich von ihm
dargestellt wäre, ein bisher noch ungefühltes, unnennbares Vergnügen verursachen
würde.
    Nun war aber noch nicht ausgemacht, ob dies ein Trauerspiel oder eine
Romanze oder ein elegisches Gedicht werden sollte; genug, es musste etwas sein,
das würklich eine solche Empfindung erweckte, wovon der Dichter gewissermassen
schon ein Vorgefühl gehabt hatte.
    In den Momenten dieses seligen Vorgefühls konnte die Zunge nur stammelnde
einzelne Laute hervorbringen. Etwa wie die in einigen Klopstockschen Oden,
zwischen denen die Lücken des Ausdrucks mit Punkten ausgefüllt sind.
    Diese einzelnen Laute aber bezeichneten denn immer das Allgemeine von gross,
erhaben, Wonnetränen und dergleichen. - Dies dauerte denn so lange, bis die
Empfindung in sich selbst wieder zurücksank, ohne auch nur ein paar vernünftige
Zeilen zum Anfange von etwas Bestimmten ausgeboren zu haben.
    Nun war also während dieser Krisis nichts Schönes entstanden, woran sich die
Seele nachher hätte festalten können, und alles andre, was würklich schon da
war, wurde nun keines Blickes mehr gewürdiget. Es war, als ob die Seele eine
dunkle vorstellung von etwas gehabt hätte, was sie selbst nicht sein konnte und
wodurch ihr eigenes Dasein ihr verächtlich wurde.
    Es ist wohl ein untrügliches Zeichen, dass einer keinen Beruf zum Dichter
habe, den bloss eine Empfindung im allgemeinen zum Dichten veranlasst und bei dem
nicht die schon bestimmte Szene, die er dichten will, noch eher als diese
Empfindung oder wenigstens zugleich mit der Empfindung da ist. Kurz, wer nicht
während der Empfindung zugleich einen Blick in das ganze Detail der Szene werfen
kann, der hat nur Empfindung, aber kein Dichtungsvermögen.
    Und gewiss ist nichts gefährlicher, als einem solchen täuschenden Hange sich
zu überlassen; die warnende Stimme kann nicht früh genug dem Jüngling zurufen,
sein Innerstes zu prüfen, ob nicht der Wunsch bei ihm an die Stelle der Kraft
tritt, und weil er diese Stelle nie ausfüllen kann, ein ewiges Unbehagen die
Strafe verbotenen Genusses bleibt.
    Dies war der Fall bei Reisern, der die besten Stunden seines Lebens durch
misslungene Versuche trübete, durch unnützes Streben nach einem täuschenden
Blendwerke, das immer vor seiner Seele schwebte und, wenn er es nun zu umfassen
glaubte, plötzlich in Rauch und Nebel verschwand.
    Wenn nun je der Reiz des Poetischen bei einem Menschen mit seinem Leben und
seinen Schicksalen kontrastierte, so war es bei Reisern, der von seiner Kindheit
an in einer Sphäre war, die ihn bis zum Staube niederdrückte und wo er, bis zum
Poetischen zu gelangen, immer erst eine Stufe der Menschenbildung überspringen
musste, ohne sich auf der folgenden erhalten zu können.
    So ging es ihm nun jetzt wieder in seiner äusserlichen Lage; er hatte
eigentlich keine Stube für sich, sondern musste, da es nun anfing kälter zu
werden, mit in der gemeinschaftlichen Stube wohnen, deren Einwohner, wenn
ausgefegt wurde, so lange herausgehen mussten.
    In dieser Stube wohnte die ganze Familie nebst Reisern und noch einem
Studenten, und jeder nahm seine Besuche von Fremden darin an; es wurde darin
erzählt, von Kindern gelärmt, gesungen, gezankt und geschrieen; und dies war nun
die nächste Umgebung, worin Reiser seine philosophische Abhandlung über die
Empfindsamkeit schreiben und seine poetischen Ideale ausser sich darstellen
wollte.
    Hier sollte also nun das Trauerspiel Siegwart geschrieben werden, das sich
mit seiner Einkehr bei dem Einsiedler anhub, welches immer Reisers Lieblingsidee
und die Lieblingsidee fast aller jungen Leute zu sein pflegt, welche sich
einbilden, einen Beruf zur Dichtkunst zu haben.
    Dies ist sehr natürlich, weil der Zustand eines Einsiedlers gewissermassen an
sich selber schon Poesie ist und der Dichter seinen Stoff schon beinahe
vorgearbeitet findet.
    Wer aber zuerst auf solche Gegenstände fällt, bei dem ist es auch fast immer
ein Zeichen, dass bei ihm keine echte poetische Ader stattfinde, weil er die
Poesie in den Gegenständen sucht, die in ihm selber schon liegen müsste, um jeden
Gegenstand, der sich seiner Einbildungskraft darbietet, zu verschönern.
    So ist die Wahl des Schrecklichen ebenfalls ein schlimmes Zeichen, wenn das
vermeinte poetische Genie gleich zuerst darauf verfällt; denn freilich macht
sich hier das Poetische auch schon von selber, und die innere Leerheit und
Unfruchtbarkeit soll durch den äussern Stoff ersetzt werden.
    Dies war der Fall bei Reisern schon in Hannover auf der Schule, wo er
Meineid, Blutschande und Vatermord in einem Trauerspiele zusammenzuhäufen
suchte, das der Meineid heissen sollte, und wobei er sich dann immer die
wirkliche Aufführung des Stücks und zugleich den Effekt dachte, den es auf die
Zuschauer machen würde.
    Dies zweite Zeichen sollte ebenfalls für jeden, der sich wegen seines
poetischen Berufes sorgfältig prüft, schon abschreckend sein. Denn der wahre
Dichter und Künstler findet und hofft seine Belohnung nicht erst in dem Effekt,
den sein Werk machen wird, sondern er findet in der Arbeit selbst Vergnügen und
würde dieselbe nicht für verloren halten, wenn sie auch niemanden zu Gesicht
kommen sollte. Sein Werk zieht ihn unwillkürlich an sich, in ihm selber liegt
die Kraft zu seinen Fortschritten, und die Ehre ist nur der Sporn, der ihn
antreibt.
    Die blosse Ruhmbegier kann wohl die Begier einhauchen, ein grosses Werk zu
beginnen, allein die Kraft dazu kann sie dem nie gewähren, der sie nicht schon
besass, ehe er selbst die Ruhmbegier noch kannte.
    Noch ein drittes schlimmes Zeichen ist, wenn junge Dichter ihren Stoff sehr
gerne aus dem Entfernten und Unbekannten nehmen; wenn sie gern morgenländische
Vorstellungsarten und dergleichen bearbeiten, wo alles von den Szenen des
gewöhnlichen nächsten Lebens der Menschen ganz verschieden ist; und wo also auch
der Stoff schon von selber poetisch wird.
    Dies war denn auch der Fall bei Reisern; er ging schon lange mit einem
Gedicht über die Schöpfung schwanger, wo der Stoff nun freilich der
allerentfernteste war, den die Einbildungskraft sich denken konnte, und wo er
statt des Detail, vor dem er sich scheute, lauter grosse Massen vor sich fand,
deren Darstellung man denn für die eigentlich erhabene Poesie hält und wozu die
unberufenen jungen Dichter immer weit mehr Lust haben als zu dem, was dem
Menschen naheliegt; denn in dies letztere muss freilich ihr Genie die Erhabenheit
erst hereintragen, welche sie in jenem schon vor sich zu finden glauben.
    Reisers äussere Lage wurde hiebei mit jedem Tage drückender, weil die
gehoffte Unterstützung aus Hannover nicht erfolgte und seine Hausleute ihn immer
mehr mit scheelen Blicken ansahen, je mehr sie inne wurden, dass er weder Geld
besitze noch welches zu hoffen habe. Sein Frühstück und Abendbrot, was er hier
genoss, war er nicht mehr imstande zu bezahlen, und man liess ihm deutlich merken,
dass man nicht länger willens sei, ihm zu borgen; da man also keinen Nutzen von
ihm ziehen konnte und er überdem ein trauriger Gesellschafter war, so war es
natürlich, dass man seiner los zu sein wünschte und ihm die Wohnung aufkündigte.
    So wenig auffallend dies nun an sich war, so tragisch nahm es Reiser. Der
Gedanke des Lästigseins und dass er von den Leuten, unter denen er lebte,
gleichsam nur geduldet würde, machte ihm wiederum seine eigene Existenz verhasst.
Alle Erinnerungen aus seiner Jugend und Kindheit drängten sich zusammen. Er
häufte selber alle Schmach auf sich und wollte verzweiflungsvoll sich einem
blinden Schicksal aufs neue überlassen.
    Er wollte noch an diesem Tage wieder aus Erfurt gehen, und tausenderlei
romanhafte Ideen durchkreuzten sich in seinem Kopfe, worunter eine ihm besonders
reizend schien, dass er in Weimar bei dem Verfasser von Werters Leiden wollte
Bedienter zu werden suchen, es sei unter welchen Bedingungen es wolle; dass er
auf die Art gleichsam unerkannter Weise so nahe um die Person desjenigen sein
würde, der unter allen Menschen auf Erden den stärksten Eindruck auf sein Gemüt
gemacht hatte; er ging vors Tor und blickte nach dem Ettersberge hinüber, der
wie eine Scheidewand zwischen ihm und seinen Wünschen lag.
    Nun ging er zu Froriep, um Abschied von ihm zu nehmen, ohne ihm eine
eigentliche Ursache sagen zu können, weswegen er Erfurt wieder verlassen wolle.
Der Doktor Froriep schob diesen Entschluss auf seine Melancholie, redete ihm zu,
dass er bleiben solle, und entliess ihn nicht eher, bis Reiser ihm versprochen
hatte, wenigstens heute und morgen noch nicht abzureisen.
    Diese Teilnehmung an seinem Schicksale war nun zwar für Reisern wieder sehr
schmeichelhaft; sobald er sich aber wieder allein fand, verfolgte der Gedanke
des Lästigseins in seiner nächsten Umgebung ihn wie ein quälender Geist, er
hatte nirgends Ruhe noch Rast, streifte in den einsamsten Gegenden von Erfurt
umher, in der Gegend des Kartäuserklosters, wohin er sich nun im Ernst wie nach
einem sichern Zufluchtsorte sehnte und wehmütig nach den stillen Mauern
hinüberblickte.
    Dann irrte er weiter umher, bis es Abend wurde, wo der Himmel sich mit
Wolken überzog und ein starker Regen fiel, der ihn bald bis auf die Haut
durchnetzte. Der Fieberfrost, welcher sich nun zu den innern Unruhen seines
Gemüts gesellte, trieb ihn in Sturm und Regen umher bei altem Gemäuer und durch
einsame öde Strassen; denn in seine bisherige Wohnung zurückzukehren, davon
konnte er den Gedanken nicht ertragen.
    Er stieg die hohe Treppe zu dem alten Dom hinauf, band sich ein Tuch um den
Kopf und suchte sich unter altem Gemäuer eine Weile vor dem Regen zu schützen.
Vor Müdigkeit fiel er hier in eine Art von betäubendem Schlummer, aus dem er
durch einen neuen Regenguss und durch das Getöse des Windes wieder erweckt wurde
und aufs neue durch die Strassen irrte.
    Indem ihm nun der Regen ins Gesicht schlug, fiel ihm die Stelle aus dem Lear
ein: to shut me out, in such a night as tis! (die Türen vor mir zu
verschliessen, in einer Nacht wie diese!) Und nun spielte er die Rolle des Lear
in seiner eigenen Verzweiflung durch und vergass sich in dem Schicksale Lears,
der, von seinen eigenen Töchtern verbannt, in der stürmischen Nacht umherirrt
und die Elemente auffordert, die entsetzliche Beleidigung zu rächen.
    Diese Szene hielt ihn hin, dass er sich eine Zeitlang den Zustand, worin er
war, mit einer Art von Wollust dachte, bis auch dies Gefühl abgestumpft wurde
und ihm nun am Ende nichts als die leere Wirklichkeit übrig blieb, welche ihn in
ein lautes Hohnlächter über sich selbst ausbrechen liess.
    In dieser Stimmung kehrte er wieder zu dem alten Dom zurück, der nun schon
eröffnet war, und wo die Chorherren sich zur Frühmette bei Licht versammleten.
Das alte gotische Gebäude, die wenigen Lichter, der Widerschein von den hohen
Fenstern machten auf Reisern, der die ganze Nacht umhergeirrt war und sich hier
auf eine Bank niedersetzte, einen wunderbaren Eindruck. Er war wie in einer
Behausung vor dem Regen geschützt, und doch war dies keine Wohnung für die
Lebenden. Wer vor dem Leben selber eine Freistatt suchte, den schien dies dunkle
Gewölbe einzuladen, und wer eine Nacht, wie Reiser die vergangene, durchlebt
hatte, konnte wohl geneigt sein, diesem Rufe zu folgen. Reiser fühlte sich auf
der Bank im Dom in eine Art von Abgeschiedenheit und Stille versetzt, die etwas
unbeschreiblich Angenehmes für ihn hatte, die ihn auf einmal allen Sorgen und
allem Gram entrückte und ihn das Vergangene vergessen machte. Er hatte aus dem
Lete getrunken und fühlte sich in das Land des Friedens sanft
hinüberschlummern. dabei heftete sich immer sein Blick auf den blassen
Widerschein von den hohen Fenstern, und dieser war es vorzüglich, welcher ihn in
eine neue Welt zu versetzen schien: es war dies eine majestätische Schlafkammer,
in welcher er seine Augen aufschlug, nachdem er wild die Nacht durchträumt
hatte.
    Denn wie Träume eines Fieberkranken waren freilich solche Zeitpunkte in
Reisers Leben, aber sie waren doch einmal darin und hatten ihren Grund in seinen
Schicksalen von seiner Kindheit an. Denn war es nicht immer Selbstverachtung,
zurückgedrängtes Selbstgefühl, wodurch er in einen solchen Zustand versetzt
wurde? Und wurde nicht diese Selbstverachtung durch den immerwährenden Druck von
aussen bei ihm bewirkt, woran freilich mehr der Zufall schuld war als die
Menschen?
    Als der Tag angebrochen war, kehrte Reiser mit ruhigerm Gemüte aus dem Dom
zurück und begegnete auf der Strasse seinem Freunde Neries, der schon früh ein
Kollegium besuchte und welcher erschrak, da er Reisern ins Gesicht sah, so sehr
hatte diese Nacht ihn abgemattet und entstellt.
    Neries ruhete nicht eher, bis Reiser ihm seinen ganzen Zustand entdeckt
hatte. Nach freundschaftlichen Vorwürfen, dass Reiser nicht mehr Zutrauen zu ihm
gehabt, brachte er ihn wieder nach seiner alten Wohnung, suchte ihn dort den
Leuten in einem andern Lichte darzustellen und tilgte die geringe Schuld seines
Freundes.
    Diese aufrichtige Teilnehmung seines Freundes stärkte bei Reisern wieder das
erkrankte Selbstgefühl; er war gewissermassen stolz auf seinen Freund und ehrte
sich in ihm.
    Nun bedung er sich aus, um allein sein zu können, einen Verschlag auf dem
Boden des Hauses zu beziehen, wohin man ihm auch ein Bette gab und wo er nun
wieder, ganz sich selbst gelassen, ein paar nicht unangenehme Wochen zubrachte.
    Er las und studierte hier oben und würde in dieser Abgezogenheit völlig
glücklich gewesen sein, wenn ihn sein Gedicht über die Schöpfung nicht gequält
hätte, welches machte, dass er oft wieder in eine Art von Verzweiflung geriet,
wenn er Dinge ausdrücken wollte, die er zu fühlen glaubte und die ihm doch über
allen Ausdruck waren.
    Was ihm die meiste Qual machte, war die Beschreibung des Chaos, welche
beinahe den ganzen ersten Gesang seines Gedichts einnahm und worauf er mit
seiner kranken Einbildungskraft am liebsten verweilen mochte, aber immer für
seine ungeheuren und grotesken Vorstellungen keine Ausdrücke finden konnte.
    Er dachte sich eine Art von falscher täuschender Bildung in das Chaos
hinein, welche im Nu wieder zum Traum und Blendwerk wurde; eine Bildung, die
weit schöner als die wirkliche, aber eben deswegen von keinem Bestand und keiner
Dauer war.
    Eine falsche Sonne stieg am Horizont herauf und kündigte einen glänzenden
Tag an. - Der bodenlose Morast überzog sich unter ihrem trügerischen Einfluss mit
einer Kruste, auf welcher Blumen sprossten, Quellen rauschten; plötzlich
arbeiteten sich die entgegenstrebenden Kräfte aus der Tiefe empor, der Sturm
heulte aus dem Abgrunde, die Finsternis brach mit allen ihren Schrecknissen aus
ihrem verborgenen Hinterhalt hervor und verschlang den neugeborenen Tag wieder
in ein furchtbares Grab. Die immer in sich selbst zurückgedrängten Kräfte
bearbeiteten sich mit Grimm nach allen Seiten sich auszudehnen und seufzten
unter dem lastenden Widerstande. Die Wasserwogen krümmten sich und klagten unter
dem heulenden Windstoss. In der Tiefe brüllten die eingeschlossenen Flammen, das
Erdreich, das sich hob, der Felsen, der sich gründete, versanken mit donnerndem
Getöse wieder in den alles verschlingenden Abgrund. -
    Mit dergleichen ungeheuren Bildern zerarbeitete sich Reisers Phantasie in
den Stunden, wo sein Innres selber ein Chaos war, in welchem der Strahl des
ruhigen Denkens nicht leuchtete, wo die Kräfte der Seele ihr Gleichgewicht
verloren und das Gemüt sich verfinstert hatte; wo der Reiz des Wirklichen vor
ihm verschwand und Traum und Wahn ihm lieber war als Ordnung, Licht und
Wahrheit.
    Und alle diese Erscheinungen gründeten sich gewissermassen wieder in dem
Idealismus, wozu er sich schon natürlich neigte und worin er durch die
philosophischen Systeme, die er in Hannover studierte, sich noch mehr bestärkt
fand. Und auf diesem bodenlosen Ufer fand er nun keinen Platz, wo sein Fuss ruhen
konnte. Angstvolles Streben und Unruhe verfolgten ihn auf jedem Schritte.
    Dies war es, was ihn aus der Gesellschaft der Menschen auf Böden und
Dachkammern trieb, wo er oft in phantastischen Träumen noch seine vergnügtesten
Stunden zubrachte, und dies war es, was ihm zugleich für das Romantische und
Teatralische den unwiderstehlichen Trieb einflösste.
    Durch seinen gegenwärtigen innern und äussern Zustand war er nun wiederum
ganz und gar in der idealischen Welt verloren, was Wunder also, dass bei der
ersten Veranlassung seine alte Leidenschaft wieder Feuer fing und er wiederum
seine Gedanken auf das Teater heftete, welches bei ihm nicht sowohl
Kunstbedürfnis als Lebensbedürfnis war.
    Diese Veranlassung ereignete sich sehr bald, da die Speichsche
Schauspielertruppe nach Erfurt kam und Erlaubnis erhielt, auf dem Ballhause zu
spielen, wo auch die Studenten ihre Komödien aufgeführt hatten.
    Reiser war hier schon einmal bekannt und hatte sogar einen gewissen Ruf
wegen seiner Schauspielertalente erhalten, wodurch er dem Prinzipal dieser
kleinen Truppe sogleich bekannt wurde, der ihn engagieren wollte, sobald er Lust
hätte, Schauspieler zu werden.
    Diese Versuchung, dass ihm das, wornach er mit allen Mühseligkeiten des
Lebens kämpfend vergeblich gestrebt hatte, nun auf einmal wie von selbst sich
anbot, war für Reisern zu stark. Er setzte jede Rücksicht aus den Augen und
lebte und webte nur in der Teaterwelt, für die er nun wieder wie in Hannover
bis auf den Komödienzettel entusiastische Verehrung hegte und die Mitglieder
bis auf den Souffleur und Rollenschreiber mit einer Art von Neid betrachtete.
    Einer, namens Beil, der sich damals unter dieser Truppe befand und nachher
ein berühmter Schauspieler geworden ist, zog am meisten seine Neugier auf sich.
Er zeichnete sich unter den Mitgliedern dieser Truppe am vorzüglichsten aus, und
Reiser wünschte nichts sehnlicher, als seine Bekanntschaft zu machen, welches
ihm auch nicht schwer wurde; er diesem Beil seinen Wunsch, der ihn denn auch in
seinem Entschluss, sich dem Teater zu widmen, bestärkte und an welchem Reiser
nun zugleich einen Freund zu finden hoffte.
    Er setzte nun jede Rücksicht beiseite, suchte den Gedanken an den Doktor
Froriep und an seinen Freund Neries so viel wie möglich vor sich selber zu
verbergen und engagierte sich, ohne jemanden etwas davon zu sagen, bei dem
Prinzipal der Truppe; er hatte den Mut und die Hoffnung, in der ersten Rolle
sich so zu zeigen, dass jedermann seinen Entschluss billigen würde.
    Nun kam es auf die erste Rolle an, worin er auftreten sollte; und
zufälligerweise traf es sich, dass in einigen Tagen die Poeten nach der Mode
gespielt werden sollten, worin man ihm eine Rolle antrug.
    Er wünschte sich, den Dunkel zu spielen, und hatte die Rolle schon auswendig
gelernt, als sein neuer Freund, der Schauspieler Beil, ihm davon abriet, weil er
selbst immer diese Rolle gespielt habe und sie ihm vorzüglich gut gelungen sei,
Reiser möchte also lieber den Reimreich übernehmen, weil ein wenig bedeutender
Schauspieler diese Rolle besitze.
    Reiser liess sich auch dies sehr gern gefallen, weil er durch den Maskaril
und den Magister Blasius, welche Rollen er doch beide mit Beifall gespielt, sich
auch einige Stärke im Komischen zutrauete.
    Er schrieb sich also seine Rolle auf und lernte sie auswendig. Er war
wirklich in der Aussicht auf seine teatralische Laufbahn vollkommen glücklich,
als eine Bemerkung, die unter diesen Hoffnungen die fürchterlichste für ihn war,
ihn mit Angst und Schrecken erfüllte. Ihm war es wie einem, den des Satans Engel
mit Fäusten schlüge: er bemerkte, dass ihm der Verlust seines Haars drohte.
    Gerade jetzt also, da er einen Körper ohne Fehl am notwendigsten brauchte,
betraf ihn dieser Zufall, der ihn schon im voraus gegen sich selber mit Abscheu
erfüllte.
    Er eilte in dieser Not zu seinem treuen Freunde, dem Doktor Sauer, der ihm
zu der Erhaltung seiner Haare wieder Hoffnung machte; und so fand er sich denn
am Abend, wo die Poeten nach der Mode aufgeführt werden sollten, in der
Garderobe hinter den Kulissen ein und kleidete sich komisch genug, um den
Reimreich in seinem lächerlichsten Lichte darzustellen; sein Name stand an
diesem Tage schon auf dem Komödienzettel an allen Ecken mit angeschlagen.
    Als das Schauspiel bald angehen sollte, kam sein Freund Neries auf das
Teater und machte ihm die bittersten Vorwürfe; Reiser liess sich durch nichts in
dem Taumel seiner Leidenschaft stören und war ganz in seine Rolle vertieft,
woran sogar sein Freund Neries zuletzt mit teilnahm und über seinen komischen
Anzug lachte, als auf einmal ein Bote erschien, welcher dem Prinzipal
ankündigte, dass der Doktor Froriep sogleich zum Stattalter fahren und
Beschwerde über ihn führen würde, wofern er es wagte, den Studenten, dessen Name
auf dem Komödienzettel gedruckt stände, das Teater betreten zu lassen; Verlust
seiner Konzession hier zu spielen würde die unausbleibliche Folge davon sein.
    Reiser stand wie versteinert da, und der Prinzipal wusste in der Angst nicht,
wozu er greifen sollte, bis sich ein Schauspieler erbot, die Rolle des
Reimreich, so gut es gehen wollte, nach dem Souffleur zu spielen; denn man
pochte schon im Parterre, dass der Vorhang sollte aufgezogen werden.
    Wütend ging Reiser hinter den Kulissen auf und ab und zernagte seine Rolle,
die er in der Hand hielt. Dann eilte er so schnell wie möglich aus dem
Schauspielhause und durchirrte wieder alle Strassen bei dem stürmischen und
regnigten Wetter, bis er gegen Mitternacht auf einer bedeckten Brücke, die ihn
vor dem Regen schützte, vor Mattigkeit sich niederwarf und eine Weile ausruhte,
worauf er wieder umherirrte, bis der Tag anbrach.
    Diese äussersten Anstrengungen der Natur waren das einzige, was ihm das
Verlorne in dem ersten bittersten Schmerz darüber einigermassen ersetzen konnte.
Das fortdauernde Leidenschaftliche dieses Zustandes hatte in sich etwas, das
seiner unbefriedigten Sehnsucht wieder neue Nahrung gab. Sein ganzes misslungenes
teatralisches Leben drängte sich gleichsam in diese Nacht zusammen, wo er alle
die leidenschaftlichen Zustände in sich durchging, die er ausser sich nicht hatte
darstellen können.
    Am andern Tage liess ihn der Doktor Froriep zu sich kommen und redete ihm wie
ein Vater zu. Er bediente sich des schmeichelhaften Ausdrucks, dass Reisers
Anlagen ihn zu etwas Besserm als zu einem Schauspieler bestimmten, dass er sich
selbst verkennte und seinen eigenen Wert nicht fühlte. -
    Da nun Reiser doch die Unmöglichkeit einsah, seinen Wunsch in Erfurt zu
befriedigen, so täuschte er sich wiederum und überredete sich selber, dass er
freiwillig der Idee sich dem Teater zu widmen entsage, weil sich alles
gleichsam vereinigte, um seinen Entschluss zu hintertreiben, und die Art, wie der
Doktor Froriep ihn davon abmahnte, zugleich so viel Schmeichelhaftes für ihn
hatte.
    Kaum aber war er wieder für sich allein, so rächte sich seine
Selbsttäuschung durch erneuerten bittern Unmut, Unentschlossenheit und Kampf mit
sich selber, bis nach einigen Tagen ihn der härteste Schlag traf, den er noch
immer zu vermeiden hoffte, er musste sein Haar verlieren.
    Der Gedanke, nunmehro in einer Perücke, welches unter den Erfurter Studenten
ganz etwas Ungewöhnliches war, erscheinen zu müssen, war ihm unerträglich. Mit
dem wenigen Gelde, was er noch übrig hatte, ging er an das äusserste Ende der
Stadt, wo er sich in einem Gastof einquartierte, in welchem er aber nur schlief
und des Abends sich etwas Bier und Brot geben liess, um desto länger mit seinem
Gelde zu reichen.
    Bei Tage ging er grösstenteils in öden Gegenden umher, suchte, wenn es
regnete, in den Kirchen Schutz und brachte auf die Weise beinahe vierzehn Tage
zu, in welcher Zeit niemand wusste, wo er geblieben war; bis endlich denn doch
einer seiner Freunde ihn ausspähte und er auf einmal von Neries, Ockord, W ...
und noch einigen, die sich für ihn interessierten, in dem Gastofe unvermutet
überrascht und über seine Entfernung ihm freundschaftliche Vorwürfe gemacht
wurden.
    Er konnte nun sein Haar vor der Stirn über die Perücke schon etwas
überkämmen, und wenn er sich dann stark puderte, so hatte es einigermassen den
Anschein, als ob er eigenes Haar trüge.
    Er entschloss sich also, mit den Freunden, die ihn abholten, wieder in die
menschliche Gesellschaft zu gehen, aber er wollte auch so viel wie möglich nur
unter ihnen sein und wünschte auch auf alle Weise entfernt und einsam zu wohnen.
    Auch diesen Wunsch suchte man ihm zu gewähren. Der gutmütige W ... sprach
gleich mit seinem Onkel, dem damaligen Regierungsrat und Professor Springer in
Erfurt, und stellte ihm Reisers Zustand und sein Bedürfnis einer einsamen
Wohnung lebhaft vor.
    Der Regierungsrat Springer liess Reisern zu sich kommen, und wenn dieser
jemals aufmunternd angeredet und mit wahrer Teilnehmung aufgenommen wurde, so
war es von diesem Manne, gegen welchen Reiser die innigste Zuneigung und
Verehrung fasste.
    Er las damals ein statistisches Kollegium, welches Reiser ein paarmal mit
anhörte und, da ihn die Sache sehr interessierte, vom Regierungsrat Springer
aufgefordert wurde, sich diesem Fache zu widmen, wobei er ihn auf alle mögliche
Weise unterstützen wolle.
    Den Anfang dieser Unterstützung machte nun der Regierungsrat Springer
sogleich damit, dass er Reisern seinem Wunsche gemäss eine einsame Wohnung gab,
indem er ihm sein eigenes Gartenhaus einräumte, wozu Reiser den Schlüssel bekam
und wo er aus seinem Fenster die schönste Aussicht über einen Teil der
aneinandergrenzenden Gärten hatte, welche ganz Erfurt umgaben.
    Reiser genoss auch wieder seinen Freitisch, der Doktor Froriep nahm sich
seiner auf das tätigste an und suchte ihm auf alle Weise Unterstützung zu
verschaffen; er fing sogar an matematische Kollegia zu hören, seine guten
Freunde zogen ihn mit zu allen ihren literarischen Zusammenkünften und lasen ihm
zum Teil ihre Ausarbeitungen vor, so dass die Sache nunmehro im besten Gange war,
wenn ein neuer unglücklicher Anfall von Poesie nicht alles wieder verdorben
hätte.
    Zuerst mochte wohl sein neuer Aufentalt in der einsamen romantischen
Wohnung nicht wenig dazu beitragen, seine Einbildungskraft aufs neue zu
erhitzen. Dann kam ein Brief dazu, den er an Philipp Reisern in Hannover schrieb
und welcher seinen Rückfall beschleunigte.
    Dies Schreiben war denn ganz im Tone der Werterschen Briefe abgefasst. Die
patriarchalischen Ideen mussten auch auf alle Weise wieder erweckt werden, nur
schade, dass es hier nicht wohl ohne Affektation geschehen konnte.
    Denn um diesen Brief schreiben zu können, schaffte sich Reiser erst einen
Teetopf an und lieh sich eine Tasse, und weil er kein Holz im Hause hatte,
kaufte er sich Stroh, welches man in Erfurt zum Brennen braucht, um sich selber
in seinem Stübchen in dem kleinen Öfchen seinen Tee zu kochen, womit er endlich,
nachdem er vor Rauch beinahe erstickt war, zustande kam.
    Und als dies nun nur erst einmal geschehen war, so schrieb er gleichsam
triumphierend an Philipp Reisern.
    Jetzt, mein Lieber! bin ich in einer Lage, welche ich mir nicht reizender
wünschen könnte. Ich blicke aus meinem kleinen Fenster über die weite Flur
hinaus, sehe ganz in der Ferne eine Reihe Bäumchen auf einem kleinen Hügel
hervorragen und denke an Dich, mein Lieber, usw. Ich habe die Schlüssel dieser
einsamen Wohnung und bin hier Herr im Haus und Garten usw. Wenn ich denn
manchmal so dasitze an dem kleinen Öfchen und mir selbst meinen Tee koche usw.
    In dem Tone ging es fort und ward ein stattlicher und langer Brief; und als
nun Reiser es nicht über das Herz bringen konnte, diesen schönen Brief nicht
auch seinem kritischen Freunde, dem Doktor Sauer, zu zeigen, so verdarb dieser
vollends die Sache, indem er ihm nach seiner gutmütigen Höflichkeit das
Kompliment machte: wenn ihm Reisers Gegenwart nicht selbst zu lieb wäre, so
würde er wünschen, entfernt zu sein, um nur solche Briefe von Reisern zu
erhalten.
    Und nun war auf einmal der beinahe zur Ruhe gebrachte Dichtungstrieb bei
Reisern wieder angefacht. Er suchte nun zuerst sein Gedicht über die Schöpfung
vollends durch das Chaos durchzuführen und hub mit neuer Qual an, in der
Darstellung von grässlichen Widersprüchen und ungeheuren labyrintischen
Verwickelungen der Gedanken sich zu verlieren, bis endlich folgende beide
Hexameter, die er aus der Bibel nahm, ihn aus einer Hölle von Begriffen
erlösten.
Auf dem stillen Gewässer rauschte die Stimme des Ewigen
Sanft daher und sprach: es werde Licht! und es ward Licht.
Merkwürdig war es, dass ihm nun die Lust verging, dies Gedicht weiter
fortzuführen, sobald der Stoff nicht fürchterlich mehr war. Er suchte also nun
einen Stoff aus, der immer fürchterlich bleiben musste und den er in mehreren
Gesängen bearbeiten wollte; was konnte dies wohl anders sein als der Tod selber!
    dabei war es ihm eine schmeichelhafte Idee, dass er als ein Jüngling sich
einen so ernsten Gegenstand zu besingen wählte; daher hub er denn auch sein
Gedicht an:
Ein Jüngling, der schon früh den Kelch der Leiden trank, usw.
Als er nun aber zum Werke schritt und den ersten Gesang seines Gedichts, wovon
er den Titel schon recht schön hingeschrieben hatte, wirklich bearbeiten wollte,
fand er sich in seiner Hoffnung, einen Reichtum von fürchterlichen Bildern vor
sich zu finden, auf das bitterste getäuscht.
    Die Flügel sanken ihm, und er fühlte seine Seele wie gelähmt, da er nichts
als eine weite Leere, eine schwarze Öde vor sich erblickte, wo sich nun nicht
einmal das vergeblich aufarbeitende Leben wie bei der Schilderung des Chaos
anbringen liess, sondern eine ewige Nacht alle Gestalten verdeckte und ein ewiger
Schlaf alle Bewegungen fesselte.
    Er strengte mit einer Art von Wut seine Einbildungskraft an, in diese
Dunkelheit Bilder hineinzutragen, allein sie schwärzten sich, wie auf Herkules'
Haupte die grünen Blätter seines Pappelkranzes, da er sich, um den Cerberus zu
fangen, dem Hause des Pluto nahte. Alles, was er niederschreiben wollte, löste
sich in Rauch und Nebel auf, und das weisse Papier blieb unbeschrieben.
    Über diesen immer wiederholten vergeblichen Anstrengungen eines falschen
Dichtungstriebes erlag er endlich und verfiel selbst in eine Art von Letargie
und völligem Lebensüberdruss.
    Er warf sich eines Abends mit den Kleidern aufs Bette und blieb die Nacht
und den ganzen folgenden Tag in einer Art von Schlafsucht liegen, aus der ihn
erst am Abend des folgenden Tages, wo es gerade Weihnachten war, ein Bote von
seinem Gönner, dem Regierungsrat Springer, weckte, dessen Frau an Reisern ein
sehr grosses Weihnachtsbrot zum Geschenk übersandte.
    Dies war nun gerade, was ihn in seiner unwiderstehlichen Schlafsucht noch
bestärkte. Er schloss sich mit diesem grossen Brote ein und lebte vierzehn Tage
davon, weil er nur wenig genoss, indem er Tag und Nacht wo nicht in einem
immerwährenden Schlafe, doch, die letzten Tage ausgenommen, in einem beständigen
Schlummer im Bette zubrachte. Hiezu kam nun freilich der Umstand, dass er kein
Holz hatte, um einzuheizen; er hätte aber auch nur ein Wort sagen dürfen, um
dies Bedürfnis zu befriedigen, wenn es ihm nicht gewissermassen selbst lieb
gewesen wäre, den Mangel des Holzes als einen Beweggrund zu dieser sonderbaren
Lebensart vorschützen zu können.
    Reiser wurde in diesem Zustande auch von seinen Freunden nicht gestört, weil
er gegen diese oft den Wunsch geäussert hatte, dass er nur einmal ein paar Wochen
lang ganz einsam zu sein wünschte.
    Nun hatte aber dieser Zustand eine sonderbare Wirkung auf Reisern: die
ersten acht Tage brachte er in einer Art von gänzlicher Abspannung und
Gleichgültigkeit zu, wodurch er den Zustand, den er vergeblich zu besingen
gestrebt hatte, nun gewissermassen in sich selber darstellte. Er schien aus dem
Lete getrunken zu haben und kein Fünkchen von Lebenslust mehr bei ihm übrig zu
sein.
    Die letztern acht Tage aber war er in einem Zustande, den er, wenn er ihn
isoliert betrachtet, unter die glücklichsten seines Lebens zählen muss.
    Durch die lange fortdauernde Abspannung hatten sich allmählich die
schlafenden Kräfte wieder erholt. Sein Schlummer wurde immer sanfter; durch
seine Adern schien sich ein neues Leben zu verbreiten; seine jugendlichen
Hoffnungen erwachten wieder eine nach der andern; Ruhm und Beifall krönten ihn
wieder; schöne Träume liessen ihn in eine goldne Zukunft blicken. Er war von
diesem langen Schlafe wie berauscht und fühlte sich in einem angenehmen Taumel,
sooft er von dem süssen Schlummer ein wenig aufdämmerte. Sein Wachen selber war
ein fortgesetzter Traum; und er hätte alles darum gegeben, in diesem Zustande
ewig bleiben zu dürfen.
    Wenn er daher die gefrornen Fenster ansah, so war ihm dies der angenehmste
Anblick, weil er dadurch genötigt wurde, immer noch einen Tag länger im Bette zu
bleiben. Sein grosses Brot auf dem Tische betrachtete er wie ein Heiligtum, das
er so sehr wie möglich schonen musste, weil von der Dauer dieses Brots mit die
Dauer seines glücklichen Zustandes abhing.
    Nun fühlte er sich aber auch wieder, sobald es gelten sollte, zu nichts zu
schwach. Das Teater stand wieder so glänzend wie jemals vor ihm da; alle die
teatralischen Leidenschaften durchstürmten wieder eine nach der andern seine
Seele, und die Gemüter der Zuschauer wurden durch sein Spiel erschüttert.
    Als nun sein Brot verzehrt war, stand er gegen Abend auf, ordnete seinen
Anzug so gut wie möglich, und sein erster Gang war ins Teater, wo er sich in
einen Winkel setzte und erstlich ein Stück, namens Inkle und Yariko, alsdann
aber die Leiden des jungen Werters aufführen sah. Der Verfasser des letztern
hatte fast nichts getan, als die Werterschen Briefe in Dialogen und Monologen
verwandelt, die denn freilich sehr lang wurden, aber doch das Publikum sowohl
als die Schauspieler wegen des rührenden Gegenstandes ausserordentlich
interessierten.
    Nun ereignete sich aber gerade bei der tragischen Katastrophe des letztern
Stücks ein sehr komischer Zufall. Man hatte sich nämlich irgendwo ein paar alte
verrostete Pistolen geliehen und war zu nachlässig gewesen, sie vorher zu
probieren.
    Der Akteur, welcher den Werter spielte, nahm sie vom Tische auf und sagte
denn alles, wie es im Werter steht, buchstäblich dabei: »Deine Hände haben sie
berührt; du hast selber den Staub davon abgeputzet usw.« Dann hatte er sich
auch, um alles genau und vollständig darzustellen, einen Schoppen Wein und Brot
bingen lassen, wozu denn der Aufwärter nicht ermangelte, auch ein Brotmesser mit
auf den Tisch zu legen.
    Am Ende aber war das Stück so eingerichtet, dass Werters Freund Wilhelm,
indem er den Schuss fallen hörte, hereinstürzen und ausrufen musste: »Gott! ich
hörte einen Schuss fallen!«
    Dies war alles recht schön; als aber Werter das unglückliche Pistol
ergriff, es an die rechte Stirne hielt und auf sich losdrückte, so versagte es
ihm in seiner Hand.
    Durch diesen widrigen Zufall noch nicht aus der Fassung gebracht,
schleuderte der entschlossene Schauspieler das Pistol weit von sich weg und rief
patetisch aus: »Auch diesen traurigen Dienst willst du mir versagen?« Dann
ergriff er plötzlich die andere, drückte sie wie die erste los, und, o Unglück!
auch diese versagte ihm.
    Nun erstarb ihm das Wort im Munde; mit zitternden Händen ergriff er das
Brotmesser, das zufälligerweise auf dem Tische lag, und durchstach sich damit
zum Schrecken aller Zuschauer Rock und Weste. - Indem er nun fiel, stürzte sein
Freund Wilhelm herein und rief - »Gott! ich hörte einen Schuss fallen!«
    Schwerlich kann wohl eine Tragödie sich komischer wie diese schliessen. -
Dies brachte aber Reisern nicht aus seiner hochschwebenden Phantasie, vielmehr
bestärkte es ihn darin, weil er so etwas Unvollkommenes vor sich sah, das durch
etwas Vollkommenes ersetzt werden musste.
    Er hörte, dass in acht Tagen die Schauspieler von Erfurt abreisen und nach
Leipzig gehen würden; er hörte ferner, dass der geschickteste Schauspieler unter
dieser Truppe, namens Beil, einen Ruf nach Gota erhalten hätte; er hatte also
nun keinen Nebenbuhler mehr zu fürchten; Leipzig war der Ort, um zu glänzen;
seine Perücke konnte er sehr geschickt unter den wiedergewachsenen Haaren
verbergen. Wie viele neue Gründe, um der Leidenschaft, die schon vorher da war
und nur eine Weile geschlummert hatte, aufs neue über die Vernunft den Sieg zu
geben.
    Er machte seinen Freunden sogleich den Entschluss bekannt, dass er gesonnen
sei, mit der Speichschen Truppe nach Leipzig zu gehen, dass er einen
unwiderstehlichen Trieb in sich fühle, der ihn unglücklich machen würde, wenn er
ihn überwinden wollte, und der ihn in allen seinen Unternehmungen doch immerfort
hindern würde.
    Er stellte seine Gründe so leidenschaftlich und stark vor, dass selbst sein
Freund Neries ihm nichts dagegen sagen konnte, der ihm sonst schon die
reizendsten Schilderungen gemacht hatte, wie sie im künftigen Frühling wieder
auf dem Steigerwalde den Klopstock lesen würden usw.
    Reiser hielt sich nun schon bei den Schauspielern auf und brachte dem
Regierungsrat Springer den Schlüssel zu dem Gartenhause wieder, indem er ihm auf
das lebhafteste seinen unglücklichen Zustand schilderte, wenn er den Trieb zum
Teater unterdrücken wollte.
    Der Regierungsrat Springer behandelte Reisern auch hier noch auf die
toleranteste Art. Er riet ihm selber, wenn der Trieb bei ihm so unwiderstehlich
sei, demselben zu folgen, weil dieser Trieb, der immer wiedergekehrt war,
vielleicht einen wahren Beruf zur Kunst in sich entielte, dem er sich alsdann
nicht entziehen solle. Wäre aber das Gegenteil und sollte Reiser sich selber
täuschen und in seiner Unternehmung nicht glücklich sein, so möchte er sich
unter jeden Umständen und in jeder Lage dreist wieder an ihn wenden und seiner
Hülfe versichert sein.
    Reiser nahm mit so gerührtem Herzen Abschied, dass er kein Wort vorbringen
konnte, so sehr hatte die Grossmut und Nachsicht dieses Mannes sein Gemüt bewegt.
Er machte sich selber beim Weggehen die bittersten Vorwürfe, dass er sich einer
solchen Liebe und Freundschaft jetzt nicht würdiger zeigen konnte.
    Als nun Reiser, um Abschied zu nehmen, zum Doktor Froriep kam, welcher
seinen Entschluss durch Neries schon wusste, so wurde er von diesem ebenso
nachsichtsvoll wie von seinem andern Gönner behandelt; und der Doktor Froriep
erklärte sich, dass er seinen Entschluss ihm nicht nur nicht widerraten, sondern
ihn vielmehr darin bestärken würde, wenn die Schaubühne schon in dem Masse eine
Schule der Sitten wäre, als sie es eigentlich sein könnte und sein sollte.
    Eine kleine Ironie fügte er denn doch am Ende nicht ohne Grund hinzu, indem
er zu seiner kleinen Tochter, die er auf dem Arme trug, sagte: Wenn du gross
bist, so wirst du denn auch einmal von dem berühmten Schauspieler Reiser hören,
dessen Name in ganz Deutschland berühmt ist! Aber auch diese sehr wohlgemeinte
Ironie blieb bei Reisern fruchtlos, der sich demohngeachtet mit inniger Rührung
und bittern Vorwürfen gegen sich selber an alles das erinnerte, was der Doktor
Froriep für ihn schon getan hatte und wovon er nun selbst den Endzweck
vereitelte.
    Allein es schien ihm nunmehro Pflicht der Selbsterhaltung, allen diesen
innern Vorwürfen kein Gehör zu geben, weil er sich fest überzeugt glaubte, dass
er der unglücklichste Mensch sein würde, wenn er seiner Neigung nicht folgte.
    Die Speichsche Truppe aber war die letzten Wochen wegen Mangel an Einnahme
in die äusserste Armut geraten. Der Direktor Speich reiste mit der Garderobe
allein nach Leipzig voraus, und von den übrigen Schauspielern musste ein jeder
selbst zusehen, dass er so gut wie möglich den Ort seiner Bestimmung erreichte;
einige reisten zu Pferde, andere zu Wagen und noch andere zu Fuss, nachdem es die
Umstände eines jeden erlaubten, denn die gemeinschaftliche Kasse war längst
erschöpft: in Leipzig aber hoffte man nun, bald sich wieder zu erholen.
    Reiser machte sich denn auch denselben Nachmittag, wo er Abschied genommen
hatte, zu Fuss auf den Weg, und sein Freund Neries begleitete ihn zu Pferde bis
nach dem nächsten Dorfe auf dem Wege nach Leipzig, wo Neries am künftigen
Sonntage predigen wollte.
    Nachdem sie im Gastofe eingekehrt waren und sich noch einmal aller der
seligen Szenen erinnert hatten, die sie genossen haben wollten, wenn sie am
Abhange des Steigers Klopstocks Messiade zusammen lasen, so machte sich Reiser
wieder auf den Weg, und Neries begleitete ihn noch eine ganze Strecke hin, bis
es dunkel wurde.
    Da umarmten sie sich und nahmen auf die rührendste Weise voneinander
Abschied, indem sie sich bei diesem Abschiede zum erstenmal Bruder nannten.
Reiser riss sich los und eilte schnell fort, indem er seinem Freunde zurief: Nun
reit zurück!
    Als er aber schon in einiger Entfernung war, sah er sich wieder um und rief
noch einmal: Gute Nacht! Sobald er dies Wort gesagt hatte, war es ihm fatal, und
er ärgerte sich darüber, sooft es ihm wieder einfiel. Denn die ganze empfindsame
Szene hatte selbst in der Erinnerung dadurch einen Stoss erlitten, weil es
komisch klingt, einem, dem man auf lange Zeit oder vielleicht auf immer schon
Lebewohl gesagt hat, nun noch einmal ordentlich eine gute Nacht zu wünschen,
gleichsam als wenn man am andern Morgen wieder einen Besuch bei ihm ablegen
würde. -
    Es war eine schneidende Kälte. Reiser aber wanderte nun, ohne irgendeine
Bürde zu tragen, mit reizenden Aussichten auf Ruhm und Beifall seine Strasse
fort.
    Oft, wenn er auf eine Anhöhe kam, stand er ein wenig still und übersah die
beschneiten Fluren, indem ihm auf einen Augenblick ein sonderbarer Gedanke durch
die Seele schoss, als ob er sich wie einen Fremden hier wandeln und sein
Schicksal wie in einer dunkeln Ferne sähe. - Diese Täuschung verschwand aber
ebenso bald, wie sie entstand; und er dachte dann wieder im Gehen vor sich, wie
Leipzig aussehen, in was für Rollen er auftreten würde usw.
    Auf die Weise legte er den Weg von Erfurt nach Leipzig sehr vergnügt zurück;
im Gehen aber sprach er häufig den Namen Neries aus, den er wirklich liebte, und
weinte heftig dabei, bis ihm das komische gute Nacht einfiel, welches er gar
nicht in den Zusammenhang dieser rührenden Erinnerung mit zu bringen wusste.
    In Erfurt hatte man ihm schon gesagt, dass er in Leipzig in dem Gastofe Zum
goldenen Herzen einkehren müsse, wo die Schauspieler immer logierten und
gleichsam dort ihre Niederlage hätten.
    Als er in die Stube trat, fand er denn auch schon eine ziemliche Anzahl von
den Mitgliedern der Speichschen Truppe vor, die er als seine künftigen Kollegen
begrüssen wollte, indem er an allen eine ausserordentliche Niedergeschlagenheit
bemerkte, welche sich ihm bald erklärte, als man ihm die tröstliche Nachricht
gab, dass der würdige Prinzipal dieser Truppe gleich bei seiner Ankunft in
Leipzig die Teatergarderobe verkauft habe und mit dem Gelde davongegangen sei.
- Die Speichsche Truppe war also nun eine zerstreuete Herde.
 
    