
        
                               Johann Karl Wezel
                Kakerlak oder die Geschichte eines Rosenkreuzers
 Die Rosenkreuzer waren eine Gesellschaft, von welcher man seit dem Jahre 1610
sehr viel sprach, ohne dass man jemals die mindeste Spur von ihrem Dasein
entdecken konnte. Das lustigste war, dass damals alle Paracelsisten, Alchimisten
und andere Weisen von dieser Art dazu gehören wollten, und jeder von ihnen
schrieb seine eigenen Meinungen den Brüdern des Rosenkreuzes zu. Die Lobsprüche,
womit die Brüderschaft öffentlich überhäuft wurde, brachten einige fromme Leute
auf, die nicht ermangelten, ihr alles mögliche Böse schuld zu geben, und keinem
fiel die Frage ein, ob es wirklich Rosenkreuzer gäbe.
    Unterdessen sagte man sich öffentlich, dass jetzt eine sehr merkwürdige,
bisher verborgene Gesellschaft zum Vorschein käme, die ihren Ursprung Christian
Rosenkreuzen verdankte. Man setzte hinzu, dass dieser Mann, der 1387 geboren
wäre, eine Reise ins Gelobte Land zum Heiligen Grabe getan und zu Damasco
Unterredungen mit chaldäischen Weisen gehabt hätte. Von diesen sollte er geheime
Wissenschaften, besonders die Magie und Kabbala, erlernt und sie auf seinen
Reisen in Ägypten und Libyen bis zur Vollkommenheit studiert haben. Nach seiner
Zurückkunft in sein Vaterland, erzählte man weiter, fasste er den edelmütigen
Entschluss, die Wissenschaften zu verbessern, und stiftete zu diesem Endzweck
eine geheime Gesellschaft, die aus einer kleinen Anzahl von Mitgliedern bestand.
Er entdeckte seinen Auserwählten die tiefen Geheimnisse, die er besass, nachdem
sie ihm vorher einen Eid geschworen hatten, dass sie nichts davon bekanntmachen
und sie auf ebendieselbe Art der Nachkommenschaft überliefern wollten.
    Um dieser Erzählung mehr Gewicht zu geben, erschienen zwei Schriften,
worinne die Geheimnisse der Brüderschaft offenbart wurden; eine hat den Titel
»Fama fraternitatis, id est, detectio fraternitatis laudabilis ordinis
roseae-crucis«, die andere »Confessio fraternitatis« erschien lateinisch und
teutsch.
    In diesen beiden Werken schreibt man der Gesellschaft ausser einer besondern
Offenbarung, die ein jeder Bruder für sich erhalten haben sollte, und ausser dem
Vorsatze, alle Wissenschaften, besonders die Arzneikunst und Philosophie, zu
reformieren, auch vorzüglich den Stein der Weisen zu; durch diesen sollten sie
eine Universalarznei, die Veredlung der Metalle und Mittel, das Leben zu
verlängern, gefunden haben; zuletzt wird ein goldnes Jahrhundert angekündigt, wo
alle Arten der Glückseligkeit auf unserm Planeten herrschen werden.
    Da diese beiden Schriften viel Aufsehn machten, so urteilte ein jeder nach
seinen Vorurteilen über die löbliche Brüderschaft, jeder wollte das Rätsel
aufgelöst haben. Viele Teologen argwohnten sogleich, dass es eine Verschwörung
wider den christlichen Glauben wäre; ein Herr Christophorus Nigrinus bewies, dass
es Calvinisten sein müssten, aber zum Unglück für alle diese Mutmassungen der
Rechtglaubigen fand sich eine Stelle in den angeführten Schriften, woraus
erhellte, dass die Brüder eifrige Luteraner wären; nun zweifelte niemand mehr an
ihrer Ortodoxie, niemand hielt sie mehr für Feinde des Glaubens, und einige
luterische Teologen nahmen öffentlich und eifrig ihre Partie.
    Der aufgeklärte Teil vermutete, dass alles nur eine Erdichtung von Chymikern
wäre, wie die chymischen Kenntnisse bewiesen, deren sich die Gesellschaft
rühmte; sie setzten als einen neuen Beweis hinzu, dass der Name Rosenkreuz
chymisches Latein wäre und einen Philosophen bedeutet, der Gold machen könnte;
denn ros (der Tau) soll in der alchymistischen Sprache das Gold genennt werden.
    Viele waren einfältiglich überzeugt, dass Gott aus besondrer Gnade sich
einigen Frommen und Auserwählten geoffenbart und sie ausgerüstet hätte, die
Wissenschaften zu reformieren und dem menschlichen Geschlecht unbekannte
Geheimnisse zu entdecken.
    An keinem Orte konnte man diese Gesellschaft noch ein Mitglied davon
entdecken; verständige Leute bestärkten sich daher in ihrer Meinung, dass es gar
keine solche Brüderschaft gäbe noch jemals gegeben hätte und dass alles, was man
von ihr und ihrem Stifter erzählte, nur ein Märchen wäre, das man erfunden
hätte, um sich auf Unkosten der Leichtgläubigen zu belustigen oder um die
Meinung des Publikums von der Lehre des Paracelsus und der Alchymisten zu
erfahren.
    Das Ende war, dass niemand mehr von dieser Brüderschaft sprach, seitdem die
Erfinder nicht mehr davon schrieben. Man warf einen starken Verdacht auf
Valentin Andreae, einen wirttembergischen Teologen, dass er vielleicht nicht der
erste Erfinder dieses Possenspiels wäre, aber doch die erste Rolle dabei
gespielt hätte.
    Gegenwärtige Geschichte beweist auf eine unumstössliche Art, dass alle diese
Herren in ihren vernünftigen und in ihren einfältigen Mutmassungen sich betrogen;
sie beweist nicht allein, dass die Gesellschaft der Rosenkreuzer einmal
existierte, weil ich sonst die Geschichte eines Rosenkreuzers nicht erzählen
könnte, sondern auch dass die Rosenkreuzer ganz etwas anders waren, als man
glaubte.
    Gelehrte, die mit der Naturgeschichte des Menschen sehr bekannt sind, werden
bei dem Namen des Mannes, dessen Geschichte hier erzählt wird, zuerst an das
unglückliche Geschlecht der schneeweissen Menschen mit rosenfarbnen Augen denken,
die man in Asien Kakerlaken, in Afrika Albinos und im Französischen
Nègres-blancs nennt. Allein hier geht es ihnen wie oft bei andern Gelegenheiten:
Sie vermuten alles, nur nicht was sie vermuten sollen. Der Name Kakerlak ist
ganz natürlich aus Kak und Lak zusammengesetzt und hat mit den weissen Negern
nicht das geringste gemein; wem daran liegt zu wissen, was diese beiden Wörter
in der alchymistischen Sprache bedeuten, dem rate ich, ein Wörterbuch der edlen
Goldmacherkunst nachzuschlagen.
    Kakerlak war ein Philosoph, der den moralischen Stein der Weisen, die
Glückseligkeit, suchte; nach dem Willen der Natur sollte er sie vorzüglich in
sich, in seinem Verstande und seinem Herze finden, allein der gute Mann wurde
seiner Bestimmung überdrüssig und glaubte daher, dass er auf dem unrechten Wege
zur Glückseligkeit wäre. Er vermutete, dass ein glänzender Stand viel eher dazu
führen müsste und dass die Sinne viel leichter dazu verhälfen als der Geist, mit
dem sein Versuch nicht gut abgelaufen war; da es aber menschlicherweise nicht
wohl möglich ist, sich so oft in einen andern Zustand zu versetzen, als man
wünscht, und seine Vergnügungen so oft abzuändern, als der Überdruss sie uns
langweilig macht, so ergriff er das natürlichste Mittel von der Welt und wandte
sich an die Hexen. Eine, die eben damals aus dem Hexenstaate verbannt war,
gewährte ihm seinen Wunsch, führte ihn von Vergnügen zu Vergnügen, und da er sie
alle genossen hatte, verlangte er ... Doch nein! so treuherzig bin ich nicht,
dass ich das Ende meines Märchens voraussage; wer es erfahren will, wende das
Blatt um und lese, bis das Buch aus ist.
                                                                            Wzl.
 
                                  Erstes Buch
Hinweg mit euch, ihr sogenannten Weisen!
Ihr wollt mit dreistem Flug der Spekulation
Von Welt zu Welt bis zu des Chaos Tron,
Bis ins Gebiet des Nichts und wohl noch weiter reisen,
Mit euerm Maulwurfsblick das Rädchen auszuspähn,
Durch dessen Trieb sich unsre Sterne drehn.
Ihr wollt bis in die Werkstatt dringen,
Wo die Natur mit nie erschöpfter Kraft
Den Dingen Form, den Geistern Leiber schafft.
Ihr wollt mit schweren Gänseschwingen
Bis über Sonn und Mond ins Reich der Wahrheit dringen,
Und fragt man euch: »Was habt ihr dort gesehn?«,
Dann wisst ihr ebendas zu sagen,
Als die der Dummheit Los ganz philosophisch tragen
Und keinen Schritt nach eurer Wahrheit gehn.
So rief, voll Unwillen, der grosse Kakerlak, der berühmteste Rosenkreuzer zu der
Zeit, da Rosenkreuzer noch berühmt waren; er schleuderte alle Weisen in Folio
und Quart, die seinen Hofstaat ausmachten, in die vier Winkel seiner Stube. Sein
Bruch mit der menschlichen Weisheit war so ernstlich gemeint, dass er sogar die
Geheimnisse nicht verschonte, die ihm den Stein der Weisen hatten verschaffen
sollen; er trat seine Spekulationen mit Füssen und schwur, nicht länger etwas zu
suchen, das sich nicht finden lassen wollte. Die Galle war über seine
Philosophie Herr geworden, und es liess sich nichts Besseres tun, als dass er
geduldig stillhielt, bis die Philosophie wieder Herr über die Galle wurde; er
ging in den Garten, setzte sich unter einen alten Apfelbaum und rief mit
erhabnen Händen:
Ach, welche Gotteit nimmt den traur'gen Überdruss
Aus diesem Leben weg! Man seufzet nach Genuss,
Solang man ihn entbehrt; man wünscht, ihn zu entbehren,
Wenn man gekostet hat. Die Sättigung
Schwebt über jeder Lust und schiesst mit schnellem Schwung,
Dem Geier gleich, herab, das Täubchen zu verzehren.
Nur der geniesst, wer bloss den Sinnen lebt,
Vergnügen sucht und nie nach leerer Weisheit strebt;
Ein stetes Gastmahl ist für ihn das Leben;
Er eilt von Lust zu Lust, fühlt nie das Einerlei.
Ihr Mächte dieser Lust, steht meinen Wünschen bei!
Auf Zauberflügeln lasst in eine Welt mich schweben,
Wo ins Vergnügen nicht, sobald sein Keim sich hebt,
Der Überdruss den gift'gen Stachel gräbt.
Kaum hatte er seine Ausrufung geschlossen, so hüpfte ein Vögelchen, klein und
schönfarbig wie ein Kolibri, im Grase daher, hub die kleine rote Brust und rief
mit sanftem guterzigen Tone: »Kakerlak!«
Ich bin die Hexe Tausendschön
Und liess vom hohen Brocken1
Mich durch dein philosoph'sches Flehn
Zu dir herniederlocken.
Mich plagt die Neigung, wohlzutun
Zu allen Tagesstunden,
Und lässt mein Herz nicht eher ruhn,
Als ich den Mann gefunden,
Den nie der Überdruss beschwert,
Der niemals im Vergnügen
Nach Wechsel gähnt, solang es währt.
In einem von den Kriegen,
Die ewig unsern Staat entzwein,
Wo nur Kabalen siegen,
Ward ich verdammt, dass mir zur Pein
Das Wohltun werden sollte.
Du fragst, für welch Vergehn man mich
So hart bestrafen wollte?
Nein, frage lieber, wie man sich
So leicht begnügen wollte.
Ich hab ein weiches Herz, gemacht
Aus Mitleid, Lieb und Tränen:
Nur wohlzutun war Tag und Nacht
Von Jugend auf mein Sehnen.
Aus Tigerblut und Eisen sind
Die Herzen meiner Schwestern:
Zum Guten tölpisch wie ein Kind
Und voller Witz zum Lästern,
Lässt keine sich Gelegenheit
Zu schaden leicht entgehen.
Nun hörten wir vor kurzer Zeit
Den Fürst Omega flehen.
Er wurde der Mätressen sehr
Auf einmal überdrüssig;
Für ihn war keine Freude mehr,
Sein armes Herzchen müssig.
Mein Mitleid ward von ihm erweicht:
Ich riet, ihn zu verjüngen;
Doch meine Schwestern sind nicht leicht
Durch Mitleid zu bezwingen.
Ihr schadenfroher Rat beschloss,
Des Fürsten Qual zu mehren;
Durch ihre List kam in sein Schloss
Ein Mädchen, warf mit Zähren
Sich auf die Kniee hin und bat
Um Gnade für den Bruder:
Er war für eine Freveltat
Verdammt zum schweren Ruder.
Sie gossen in des Fürsten Blut
Schnell jugendliche Flammen,
Und lodernd schlug der Liebe Glut
Ihm überm grauen Haupt zusammen.
Er liebt seitdem das Mädchen - ach!
Was soll ich dir's erzählen?
Mich rührt sein hartes Ungemach:
Sein Herzchen brennt, die Kräfte fehlen.
Durch einen Zaubertrunk gelang
Es mir, die Qual zu lindern;
Doch meiner Schwestern Bosheit drang
Hindurch, die Bosheit zu verhindern.
Wie stürmte dann auf mich ihr Grimm!
Ich floh voll Angst und Schrecken,
Um mich vor ihrem Ungestüm
In diesen Vogel zu verstecken.
Sie sprachen drauf das Urteil aus,
Das meine Flucht verbittert:
»Wir stossen sie zu unserm Reich hinaus,
Sie hat des Schicksals Schluss erschüttert,
Das zum Gefährten jeder Lust
Dem Sterblichen den Überdruss bestimmte,
Damit in seiner kühnen Brust
Die stolze Meinung nie entglimmte,
Er sei der Herrscher seines Glücks,
Zu träger Sinnlichkeit geboren,
Zum einz'gen Liebling des Geschicks
Vor allen andern auserkoren.
Drum irre sie, die dies Gesetz
Aus schwachem Mitleid störte,
In steter Furcht vor Flint und Netz;
Sie, die ihr weiches Herz betörte,
Sie hab ein weiches Herz zur Pein.
Sie soll zu den Betrübten eilen,
Die nur mit sich den stillen Kummer teilen
Und die mit lautem Schmerz um Hülfe schrein,
Soll immer vor Begier zu helfen brennen,
Stets helfen wollen und nicht können.
Bis sie den Mann, den nie der Überdruss beschwert,
Gefunden hat, den Mann, der niemals im Vergnügen
Nach Wechsel gähnt, solang es währt,
Bis dahin soll auf ihr dies unser Urteil liegen.«
Ich komme dann nach diesem Schluss,
Mit Trost dir beizustehen.
Dich quält der Weisheit Überdruss;
Doch hab ich dich ersehen,
Mich von der Strafe zu befrein.
Dir schenkt von nun an das Vergnügen
Stets Becher über Becher ein;
Bist du nach wenig Zügen
Des einen satt, so rufe »Kak«;
Gleich lad ich dich auf meine Flügel
Und trage dich, Freund Kakerlak,
Weit über Tal und Hügel
Zu einer neuen Wonne hin,
Bis ich erlöset bin.
»Du armseliges Vögelchen!« antwortete der Schwermütige. »Du willst mich auf den
kleinen Schwingen, wo eine Milbe eben Platz hätte, zur Freude tragen? - Geh!
Mich betrügst du nicht; meine Lippen sprechen nie dein elendes »Kak«.«
    Kaum hatte er's gesprochen, so schwebte er schon auf dem Rücken des
Vögelchen in den Lüften; dort flog es hin mit dem ganzen Philosophen und
schüttelte ihn auf einen samtnen Stuhl im Vorgemache der Königin Ypsilon. Die
schnelle Fahrt durch die Luft hatte ihm den Kopf schwindlich gemacht: Er schlief
ein.
    Auf der Ottomane sass die Königin Ypsilon und gähnte; am Fenster sass
Prinzessin Friss-mich-nicht und brummte; auf dem Taburett sass Prinz Lamdaminiro
und lachte, alle drei aus gutem Grunde: Die erste hatte Langeweile; die zweite
war böse; der dritte spielte mit einem Gaukelmanne.
    Das Vögelchen, in welchem die Hexe Tausendschön wohnte, hüpfte auf das
Fensterbrett und pickte ein Stückchen Biskuit auf. »Ein schönes Vögelchen!« rief
die Königin. »Der abscheuliche Mistfinke!« sprach die Prinzessin. »Das
allerliebste Tierchen!« schrie der Prinz und liess vor Entzücken den Gaukelmann
fallen.
    »Du hast Langeweile, grosse Königin?« fing das Vögelchen an. »Ich schaffe dir
Zeitvertreib.«
    »Du mir?« antwortete die Königin. »Närrchen, wie machtest du das?«
    Das Vögelchen: »Ich schaffte dir einen Gemahl.«
    Die Königin: »Schlecht getroffen! Ich hatte einen und ward des Lebens nicht
froh.«
    Das Vögelchen: »Du hattest keinen; denn dein Gemahl liebte dich nicht.«
    Die Königin: »Wird mich ein andrer mehr lieben? Männer sind langweilig. -
Kannst du nicht singen?«
    Das Vögelchen sang:
Ohne Liebe sucht vergebens
Auf dem düstern Pfad des Lebens
Der verlassne Wandrer Licht;
Zwischen Alpen muss er schmachten,
Wo des Eises tiefe Schachten
Nie ein Frühlingslüftchen bricht.
Die Königin befahl, einen goldnen Käfig herbeizubringen; der Prinz holte ihn,
und das Vögelchen hüpfte munter durch die enge Türe hinein. Beide waren
vergnügt, gaben dem sanften Geschöpfe Zuckerkörner und Zwieback und foderten
jede Minute ein Liedchen, der Prinz ein lustiges und die Königin ein verliebtes.
Je mehr ihm geschmeichelt wurde und je mehr es sang, desto erbitterter wurde die
Prinzessin; wer ihr nicht schmeichelte, war ihr verhasst, und sie schwur bei sich
dem Vögelchen den Tod, weil es andern Freude machte. Man merkt wohl, dass ihre
Gesellschaft nicht die beste sein konnte, und es ist daher sehr gut, dass sie vor
Ärger zum Zimmer hinausging, damit wir nicht weiter von ihr sprechen dürfen.
    Kaum näherte sich die Nacht, so schlüpfte das Vögelchen durch die goldnen
Stäbe des Käfigs, setzte sich dem schnarchenden Kakerlak auf die Stirn und
pickte ihn mit dem kleinen Schnabel dreimal in die Nase, um ihn zu wecken. -
»Kak, kak, kak«, rief er träumend, fuhr in die Höhe und wollte sich die Augen
reiben, aber er hatte nicht Zeit dazu; denn das erste »Kak« war eben über die
Lippen, als er schon dem Vögelchen auf dem Rücken sass; dort flog es mit ihm hin
in die schöne Garderobe des Fürsten Omega.
    »Suche dir zwölf der schönsten Kleider aus«, sprach zu ihm das Vögelchen,
»dass du jede Stunde des Tages ein andres tragen kannst. Morgen abend bist du
König in Butam.« - Er suchte sie aus. Darauf zog die Hexe dem jüngsten Bruder
des Fürsten im Schlafe sehr sanft die Physiognomie vom Kopfe und befestigte sie
sauber auf dem Gesichte des künftigen Königs; dieser steckte kaum einen
Augenblick unter der neuen Larve, so fing er an, gewaltig zu kommandieren, zu
lärmen, zu fluchen und zu prügeln. Die goldne Staatskutsche des Fürsten musste
sogleich mit acht porzellänfarbnen Rossen bespannt werden, Stallmeister und
Jägermeister sich zu Pferde setzen, die Laufer voranrennen und die Bedienten
nachfahren; der Zug ging so schnell, dass bei Tagsanbruche die erste Kutsche
schon auf dem Schlosshofe der Königin Ypsilon war, und die Sonne stand noch nicht
über dem Horizont, als sich schon die Kammerjunker pudern liessen.
    Kakerlak mit seiner gestohlnen Physiognomie wurde überaus gnädig empfangen
und eroberte das Herz der Königin mit dem ersten Komplimente, als er ins Zimmer
trat; so geschwind ging es vermutlich nicht zu, wenn nicht eine Hexe die Hand im
Spiele hatte. Die Königin wurde bei jedem Worte verliebter und fiel schon bei
dem Handkuss ihres Gastes in Ohnmacht; nach der Tafel warb er um sie, wurde noch
vor Einbruch der Nacht ihr Gemahl und des Morgens darauf zum König in Butam
ausgerufen. Jedermann glaubte, es wäre der Prinz Alfabeta, da es doch eigentlich
nur seine Physiognomie war.
    Als der neue König am zweiten Morgen auf der Bergere lag und über den Plan
seiner Regierung nachdachte, setzte sich ihm das Vögelchen auf die Schulter und
flisterte ihm in die Ohren: »Hast du noch Langeweile wie bei deinen grossen
Büchern, als du den Stein der Weisen suchtest?« - »Nein«, antwortete der König,
»aber Sorgen. Ich möchte nicht gern bloss ein König sein; ich wünschte, ein
grosser König zu werden, und habe die ganze Nacht gesonnen, wie ich's werden
soll.« - Das Vögelchen unterbrach ihn: »Geruhen Ihre Majestät, sich ins
Nebenzimmer zu begeben und dreimal die letzte Silbe Ihres vorigen Namens
auszusprechen, und Sie können ein grosser König werden.«
    Der König stand auf, ging ins Nebenzimmer und rief dreimal »Lak«, und
plötzlich lag vor seinen Füssen ein grünes Säckchen, eine goldne Büchse und ein
roter Nachtstuhl. »Was soll mir dieser Plunder?« fuhr der König unwillig auf,
der seinen neuen Stand schon ein wenig fühlte. »Verzeihn Sie in Gnaden«,
erwiderte das Vögelchen, »mit diesen drei Möbeln sollen Sie ein grosser König
werden. Sobald Sie eine Anstalt machen wollen, die Geld erfodert, es sei, soviel
es will, so greifen Sie in diesen grünen Sack: Je tiefer Sie greifen, desto
grösser wird er; je mehr Sie Gold herausnehmen, desto mehr wird darin sein.
Sobald ein neidischer Nachbar Ihnen den Krieg ankündigt, so öffnen Sie Ihre
goldne Büchse: Wo Ihre Majestät die goldnen Körner darin hinstreuen, werden
Soldaten aus der Erde hervorwachsen, Reiter und Fussvolk, völlig bewaffnet,
montiert und equipiert, ohne dass Sie ihnen einen Knopf auf den Rock oder ein
Hufeisen ans Pferd zu kaufen brauchen. - Aber«, setzte das Vögelchen warnend
hinzu, »gebrauche beides mit Überlegung; trage beides beständig bei dir, und lass
keine Hand ausser deiner in den Sack greifen oder die Büchse öffnen, denn - «
    »Glaubst du, dass ich so schwer begreife?« unterbrach sie der König mit
Empfindlichkeit. »Fast sollte man glauben, dass du der Philosoph gewesen wärst
und nicht ich; denn du willst beweisen, dass am Mittage Tag ist. Ich verstehe
deine Warnung und werd ihr folgen. Ich danke dir für beide Geschenke; aber hier
diesen roten Nachtstuhl schaff mir augenblicklich aus den Augen; es ist ja ganz
wider den guten Geschmack, so eine Möbel im Zimmer zu haben.«
    Das Vögelchen: »Hier irren sich Ihre Majestät während Ihrer zweitägigen
Regierung zum ersten Male!«
    Der König: »Unverschämte! Wofür wär ich denn König, wenn ich mich irrte?«
    Das Vögelchen: »Dies verächtlichste Bedürfnis unter allen menschlichen
Bedürfnissen soll die Grundfeste deines Trons werden. Sooft du jemand einen
Dienst anvertrauen willst, so lass ihn vor allen Dingen zur Probe auf diesem
Stuhle sitzen; bleibt er ohne Schmerzen, so ist er ein ehrlicher Mann; krümmt
und windet er sich, als wenn ihn die Kolik plagte, so ist er ein Schurke, und du
kannst ihn auf der Stelle hängen lassen. Ich verlasse dich, und wenn ich zu dir
zurückkomme, so ist es ein Zeichen, dass du einen Fehler machtest.«
    Der König wollte seiner Beschützerin danken, aber sie war verschwunden, eh
er die Lippen öffnete. »Gut«, sagte er zu sich, »mit dem Stuhle musst du die
erste Probe machen.«
    Er liess augenblicklich alle seine Räte und Beamte an den Hof berufen, und
jeder musste in seiner Gegenwart Probe sitzen. Sein Schatzmeister hatte kaum den
Stuhl berührt, so schrie er wie ein Besessner; sein Justizaufseher sank vor
Schmerzen mit dem Kopf in den Schoss, und die Kammerbedienten bekamen
Konvulsionen; allen ohne Ausnahme machte der verdammte rote Stuhl eine Kolik.
    »Soll ich denn die Leute alle hängen lassen?« sagte der König betrübt zu
sich. »So muss die eine Hälfte meines Reichs zu Scharfrichtern und Seilern
werden, damit es der andern nicht an Stricken und Henkern fehlt.«
    Indem er traurig so klagte, sass ihm unbemerkt das Vögelchen auf der linken
Schulter und flisterte ihm ins Ohr: »Ihre Majestät haben während Ihrer
dreitägigen Regierung den ersten Fehler gemacht.«
    »Was?« rief der König erzürnt. »Du willst mich eines Fehlers beschuldigen,
nachdem du mich mit deinem verwünschten roten Stuhle unglücklich machtest? - Er
hat mir die traurige Überzeugung verschafft, dass mich lauter Schurken umgeben;
möchten sie es doch sein, wenn ich's nur nicht glauben müsste! Ich bin ein
unglücklicher König, denn ich muss misstrauisch sein. Schaff mir den roten Stuhl
aus den Augen, damit ich nicht versucht werde, ihn noch einmal zu brauchen.«
    »Nein«, sprach das Vögelchen, »du sollst ihn brauchen, aber mit mehr
Klugheit. Sagt ich dir, dass du Leute darauf sitzen lassen solltest, die schon in
deinem Dienste sind? Sagt ich nicht ausdrücklich: Lass jeden, dem du einen Dienst
anvertrauen willst, zur Probe auf diesem Stuhle sitzen? Niemand kann dir nur
fünf Jahre dienen, ohne wider sein Wissen und Wollen seine Pflicht zu verletzen;
der ehrlichste Mann muss oft wider seine Neigung dir schaden, um sich nicht von
einem Mächtigern schaden zu lassen; er muss die Pflicht seinem Wohlsein
aufopfern, wenn er nicht verhasst und unglücklich werden will. Drum befreie dich
nur von den wenigen, denen der Stuhl die grössten Schmerzen verursachte; die
übrigen halte für ehrliche Leute und traue jedem so lange, bis du ihn ertappst;
aber nimm keinen an, der nicht ohne Kolik vom roten Stuhle aufsteht.«
    »Dein Rat ist nicht übel«, antwortete der König. »Das Misstrauen machte mich
so unglücklich, als ich in meinem Leben noch nicht war. In Zukunft will ich's
schon besser machen.«
    »Ich verlasse dich«, sprach das Vögelchen, »und komme nicht eher zurück, als
bis du den zweiten Fehler gemacht hast«, und sogleich verschwand es.
    Der König entfernte alle, denen der Stuhl die grössten Konvulsionen machte,
und fand ohne Schwierigkeit soviel andre, die ohne Schmerzen vom Probesitze
aufstanden. »Das Vögelchen ist wahrhaftig nicht dumm«, sprach er voll Freuden,
da die Proben so gut abliefen. »Die Menschen sind herzlich gern ehrliche Leute,
aber Not, Gelegenheit und Interesse erlaubt den meisten nicht, es zu bleiben.
Wie gut, wenn man ein wenig Philosoph ist und schliessen gelernt hat!«
    Er verwandelte seitdem sein Misstraun so sehr in unbeschränktes Vertraun, dass
er niemand für keinen ehrlichen Mann hielt, wenn man ihm gleich bewies, dass er's
nicht war, und um sein Vertrauen und seine milden Gesinnungen recht durch die
Tat zu zeigen, steckte er seine gnädige Hand in den grünen Sack und beschenkte
jeden, der beschenkt sein wollte. Die Zahl der Liebhaber wuchs mit jeder Stunde:
Sie krochen, schmeichelten, bettelten, rühmten ihre Verdienste, ihre Treue,
ihren alleruntertänigsten Gehorsam, keiner ging mit leerer Hand hinweg.
    Der König wollte sich eben über seine Milde und seinen unerschöpflichen Sack
freuen, als er das Vögelchen auf der Schulter erblickte; er erschrak, dass er den
grünen Sack aus der Hand fallen liess. »Du Freudenstörerin!« rief er, »willst du
mir nicht schon wieder einen Fehler aufbürden? Komm und tadle mich! Hab ich
nicht mit wahrer königlicher Freigebigkeit gehandelt?«
    Das Vögelchen: »Ihre Majestät haben während Ihrer viertägigen Regierung den
zweiten Fehler begangen.«
    Der König: »Sage mir, welchen! Ich fodre dich auf.«
    Das Vögelchen: »Sieh nur, wen du beschenkt hast, und dann wird dir dein
erleuchteter Verstand statt meiner antworten. Die Elendesten, Verächtlichsten,
Verdienstlosesten im ganzen Reiche genossen deine Freigebigkeit, kriechende
Bettler, niederträchtige Schmeichler. Das wahre Verdienst fühlt zu sehr seinen
Wert, um dir deine Gnade abzuschmeicheln oder abzubetteln; du bist sie ihm als
einen Tribut schuldig, und es mahnt dich nicht, wenn du ihn nicht freiwillig
entrichtest.«
    Der König: »Du magst wohl recht haben, aber du machst mir's wahrhaftig ein
wenig zu sauer, Regent zu sein. Du musst in der Geschichte so unwissend sein wie
ein neugebornes Kind, wenn du verlangst, dass man alles so genau nehmen soll.«
    Das Vögelchen: »Ich verlasse dich und komme nicht eher wieder, als bis du
das erste Lob verdient hast.«
    »Ich wollte, dass du nie wiederkämst«, rief ihm der König nach, als es
verschwunden war. »Man wird eines solchen Hofmeisters überdrüssig, der den
ganzen Tag moralisiert und dem man keinen Schritt nach seinem wunderlichen Kopfe
recht machen kann. Ich will einen andern Weg einschlagen, um gross zu werden;
ewig still zu Hause zu sitzen und in der besten Absicht die grössten Fehler zu
begehn, das führt zu nichts. Du sollst mich schon loben müssen, wenn ich den
halben Erdboden erobert habe; wag es alsdann jemand, mir einen einzigen Fehler
vorzuhalten! Ich will Krieg anfangen und die eine Hälfte der Erde zur Wüste
machen, damit die andre vor mir zittert.«
    Sogleich liess der König alle Bauern mit Pflügen aufbieten und alle Felder
seines Reiches umackern; er reiste in eigener Person herum und streute aus der
goldnen Büchse den goldnen Samen aus; wohin ein Korn fiel, da wuchs ein
bewaffneter Krieger hervor. Das Schauspiel war ungemein belustigend, als ganze
Regimenter mit klingendem Spiele und unter Abfeurung des groben Geschützes
hervorsprangen. »Halt, richtet euch!« - »Rechts um schwenkt euch!« - »Das Gewehr
auf die Schulter! Marsch!« - so brüllten auf allen Seiten die fürchterlichsten
Stimmen durchs ganze Land; die halbe Erde hätte schon vor dem blossen Geschrei
zittern mögen.
Mit rotem Federhut und aufgeblasnen Backen
Hebt ein Trompeter hier Trompet und Nacken,
Lautschnatternd »Treng, Treng, Treng« aus einer Furch empor;
Dort fahren hoch in die Luft zwei Paukenklöppel hervor
Und schlagen den klanglosen Acker mit ungeduldiger Hitze,
Bis dass der schwere Gaul mit der tönenden Pauke sich hebt.
Durch aufgeworfnes Erdreich gräbt
Sich hier des Grenadiers getürmte Mütze;
Er steigt, und steigend streicht er sich den schwarzen Bart.
»Blitz-Höllen-Sapperment«, flucht einer in der Erde,
Und auf den Fluch erscheint ein Kinn, sehr schwach behaart.
Mit Brausen drängen sich bäumende Pferde
Und blinkende Reuter durch staubende Wolken herauf;
Sie fliehn in fest geschlossnen Gliedern
Durch Stoppeln und Graben und Sumpf mit geflügeltem Lauf.
Gehorsam ihres Führers Rufe,
Stehn alle, stampfen, und unter jedem Hufe
Erhebt sich ein Zelt. Kein Brot noch Fleisch wird zugeführt;
Es flucht kein Koch, es knarrt kein Bratenwender.
Kein Topf wird angesetzt, kein Feuer angeschürt,
Gefälschten Wein verkauft kein Marketender.
Die Krippe füllt sich selbst, der Tisch ist stets besetzt
Und jede Zunge stets mit Zyperwein genetzt.
Das Schauspiel war so unterhaltend für den König, dass er ganze Tage säete und
Essen und Trinken darüber vergass; er hörte nicht eher auf, als bis ihm der Raum
fehlte. Einer seiner Mandarinen arbeitete indessen an einer Deduktion, worinne
sonnenklar bewiesen wurde, dass vor zwölf Jahrhunderten der Marktflecken
Quinquina zum Königreiche Butam gehört habe, und sobald der Beweis fertig war,
zog der König mit seinem Heer aus, dem Könige der kalten Inseln die
unrechtmässige Besitzung abzunehmen. Die Märsche gingen übermässig schnell; da
Menschen und Pferde aus ganz anderm Stoffe gemacht waren als sterbliche
Soldaten, so marschierten sie Tag und Nacht in vollem Galopp und liefen gewiss
über den Nordpol hinaus, wenn die Offiziere nicht »halt« schrien. Der König ritt
jede Viertelstunde ein Pferd tot und konnte doch nicht nachkommen; man merkte
wohl, dass ihr Laufen nicht mit rechten Dingen zuging. Sobald er sie eingeholt
hatte, gab er Befehl zur Schlacht; der König der kalten Inseln führte wohl seine
Truppen auch ins Feld; aber was für eine Armee war das! als wenn ein Häufchen
Maikäfer sich gegen einen Schwarm Kraniche wehren wollte, der die Sonne
verfinsterte! Ihre Pferde sahen klein aus wie Katzen und die Reuter, als wenn
sie aus Kartenblättern geschnitten wären; einer von den Riesen aus der goldnen
Büchse konnte ein halbes Dutzend davon auf der flachen Hand halten, und wenn
eins von den Pferden aus der goldnen Büchse wieherte, fiel ein ganzes Glied im
feindlichen Heere zu Boden. Der König war in Gedanken schon Herr von den
sämtlichen kalten Inseln und liess das Zeichen zum Angriffe geben; plötzlich
erhub sich ein Nordwind, so scharf und schneidend, als wenn er mit allem Eise
des Nordpols beschwängert wäre; die Riesen froren steif, konnten kein Glied
rühren, und die Pferde erfroren ihnen unter dem Leibe, weil sie in einem warmen
Lande gewachsen waren, wo man von dergleichen naseweisen Winden nichts wusste.
Die kleinen Zwerge hingegen, die ein solches unfreundliches Lüftchen nicht
übelnahmen, weil sie in ihrem Lande keinen bessern Wind hatten, hieben mit
Löwenstärke in die erfrornen Riesen hinein und brachten sie doch wahrhaftig alle
um; wer kein Blut sehn konnte, war nichts dabei nütze; wenn es nicht gleich
gefroren wäre, so ertranken die Zwerge mit ihren Katzenpferden insgesamt
darin. Glücklicherweise versteckte sich der Eroberer in einen hohlen Baum, als
der Wind so unverschämt zu blasen anfing, und errettete sich dadurch vom Frost
und vom Schwerte der Feinde. Es war kein Spass, so weit von seiner Heimat, ganz
allein in einem hohlen Baume zu stecken; wenn es nur wenigstens ein schönes
warmes Land gewesen wäre! Aber bei so einer barbarischen Luft konnte er den Kopf
nicht sicher aus dem Loche herauswagen, ohne dass ihm nicht die Nase erfror. Er
vertröstete sich auf die Nacht, wo er aus dem Baume steigen und den Feinden
ungesehn entlaufen wollte, solange seine Beine hielten; ja, gut getroffen! In
solchen verkehrten Ländern gibt's wohl Nacht; er wartete ewig, und es kam keine.
2 Du guter Kakerlak! Wenn du ein halbes Jahr warten willst, so wird Nacht genug
kommen; hier ist's nicht so wie bei dir zu Hause, wo man Licht ansteckt, wenn
die Sonne zwölf oder sechzehn Stunden geschienen hat.
    »Wehe mir!« seufzte der unglückliche Eroberer im hohlen Baume, da die Nacht
nimmermehr kommen wollte. »Wie wohl war mir auf meiner Ottomane! Wie schmeckte
mir der persische Wein aus dem goldnen Becher und das Vogelnest aus der
silbernen Schüssel so wohl! Wie wickelte ich mich so warm ins seidne Bettchen
und drückte mich an meine Gemahlin Ypsilon! Ach, säss ich noch in meiner
philosophischen Zelle und suchte mit dem Eifer eines echten Rosenkreuzers den
Stein der Weisen! Fänd ich ihn auch nicht, so wär ich doch in der warmen Stube.
Du Tor! Was tatest du, als du dich mit Hexen einliessest und durch sie ein grosser
Mann werden wolltest? Ach, Kak ... «
    Die erste Silbe seines vorigen Namens war noch nicht völlig über die Lippen,
so schwebte er schon auf dem Rücken des Vögelchen in der Luft; da es sich bei so
schneller Fahrt und so scharfer Luft nicht gut sprechen lässt, so blieb die
übrige Hälfte des Namens im Schlunde zurück. Das Vögelchen trug ihn soviel
tausend Meilen weit nach Hause und setzte ihn ohne Schnupfen und Katarrh auf
seine weiche Ottomane; er wollte ihm danken und Abbitte tun, aber es verschwand,
eh er den Mund öffnete.
    »Ich komm euch gewiss nicht wieder in euer Land ohne Nacht«, fing er an, als
er sich ein wenig ausgewärmt hatte, »und wenn auf den kalten Inseln alles Eis zu
Diamanten würde, so mag ich sie nicht erobern. Hätte ich doch bei der Eroberung
meine gesunden Gliedmassen einbüssen können; nein, besser ist's, ich bleibe zu
Hause und beschenke aus meinem grünen Sacke jeden, der etwas braucht.«
    Diesem Entschlusse gemäss wollte er künftig seine Grösse auf einem andern Wege
suchen, und um die Erinnerungen seiner Beschützerin zu nützen, nahm er sich vor,
nur das Verdienst seine Freigebigkeit empfinden zu lassen. Er gab also allen
seinen Räten und Beamten Befehl, auf Personen achtzuhaben, die durch ihr Talent
oder ihren Fleiss dem Reiche Nutzen oder Ehre schaffen könnten und ohne
Unterstützung keins von beiden zu tun vermöchten; sein Befehl wurde treulich
erfüllt, und kein Tag verging, wo er nicht in den grünen Sack griff und ein gut
angewandtes Geschenk machte.
    Ein Landmann kam, der Vorschuss brauchte, weil ihm Überschwemmung und
Hagelwetter Ernte und Winterfutter geraubt hatte, ein andrer, der sich in einer
Heide anbaun und aus unfruchtbarem Sande fruchtbare Felder machen wollte; der
König griff in seinen grünen Sack und gab ihnen.
    Ein Fabrikant kam, der im Lande eine Ware verfertigen wollte, die man wegen
ihrer Unentbehrlichkeit dem Fremden abkaufen musste und dem die erste Auslage
fehlte; ein Künstler kam, der aus Mangel, um das Brot zu gewinnen, seine Kunst
an schlechte Arbeiten verschwenden und sein grosses Talent vernachlässigen musste;
der König griff in seinen grünen Sack und gab ihnen.
    Ein junger Mann, dessen Talente viel versprachen, wurde dem Könige bekannt
gemacht; er musste sich um des Unterhalts willen zu Beschäftigungen herablassen,
die weit unter seinen Fähigkeiten waren und ihn an wichtigern Arbeiten
hinderten, wodurch er sich und dem Reiche mehr Nutzen und Ehre hätte schaffen
können; der König griff in seinen grünen Sack und gab ihm, dass er in Zukunft
bloss für die Wissenschaften, für sein Talent und die Ehre der Nation leben
konnte.
    Tat jemand einen Vorschlag zur Verbesserung des Nahrungsstandes, zur
Vergrösserung des Handels, zur Ausbreitung der guten Erziehung oder der
Wissenschaften, zur Aufnahme der Künste, er mochte den Nutzen, die Verschönerung
oder die Ehre des Reichs betreffen, der König griff in seinen grünen Sack, und
wenn gleich die Ausführung nicht allemal den gehofften Vorteil verschafte, so
gewährten sie doch wenigstens den Nutzen, dass man nun wusste, von welchen
Unternehmungen man sich nichts zu versprechen hatte.
    Der König hoffte täglich, dass sein Vögelchen wiederkommen und ihn loben
sollte; aber es liess ihn ein ganzes halbes Jahr in der Ungewissheit. Endlich kam
es, hüpfte ihm flatternd auf die Schulter und rief: »Grosser König, ich lobe
dich: Itzt bist du auf dem wahren Wege zur Grösse. Du unterstützest das wachsende
Verdienst; du flickst nicht am Alten, du schaffst etwas Neues. Aufhelfen ist das
erste Geschäfte des Regenten: Durch Unterstützung nützt er mehr als durch
Belohnung. Grosser König, ich lobe dich. Bist du bald deines Glücks überdrüssig?«
    »Überdrüssig?« antwortete der König voll Verwunderung. »Da ich erst anfange,
mein Glück zu geniessen? - Nein, meines gegenwärtigen Vergnügens werd ich nicht
überdrüssig, und wenn ich Jahrhunderte lebte. Hätt ich mir doch nicht
eingebildet, dass es so schön wäre, König zu sein.«
    »Möge doch Ihrer Majestät keine Bitterkeit diesen königlichen Geschmack
verderben!« sprach das Vögelchen. »Wenn Allerhöchstdieselben ihn in einem Jahre
nicht zu verändern geruhen, so bin ich von meiner Strafe befreit; ich kehre dann
in meiner vorigen Gestalt zum erhabnen Brocken in die Versammlung meiner
Schwestern zurück. Heil dem grossen Könige, der des Vergnügens an guten
Handlungen nicht satt wird! - Ich verlasse dich und erscheine dir nicht eher
wieder, als bis du mich von meiner Strafe befreit hast.«
    Der König tat täglich mehr Gutes und Grosses und ward täglich vergnügter;
sein Reich blühte, seine Untertanen liebten ihn, und alle Zeitungsschreiber in
Butam nannten ihn den grossen König. Wenn er nicht die Physiognomie des Prinzen
Alfabeta hatte, so blieb er bis an sein Ende im ruhigen Genusse seiner Grösse.
Der Bestohlne wurde zwar gleich den Morgen darauf, als er in den Spiegel sah,
einen Mangel an sich gewahr und versprach Belohnungen über Belohnungen, wenn ihm
jemand seine Physiognomie wieder schaffte oder den Dieb anzeigte, der sich so
gottloserweise an ihm vergriffen hatte; allein niemand konnte das Verlorne
wiederfinden, niemand den Dieb entdecken. Noch mehr ergrimmte der Fürst Omega,
sein Bruder, als er merkte, dass ihm sein ganzer Hofstaat gestohlen war, nicht
einmal einen Bedienten hatte er übrigbehalten, der ihm den Tee auftragen konnte.
Beide Brüder urteilten mit vieler Einsicht, dass es nicht mit rechten Dingen
zuging. Omega starb, und sein Bruder musste sich immer noch ohne Physiognomie
behelfen.
    Ein Page, der zu dem gestohlnen Hofstaat gehörte, bekam einmal den sauern
Dienst, der Prinzessin Friss-mich-nicht die Schleppe zu tragen; sauer war der
Dienst gewiss, so wenig Talent ausserdem dazu gehören mag, eine Schleppe zu
tragen, denn sie hatte die Gewohnheit, im Gehen beständig zu taumeln, wie die
hamburgischen Leichenträger, und sich oft so schnell herumzudrehn, dass der arme
Schleppenträger sehr fest auf seinen Füssen sein musste, wenn er nicht an die Wand
geschleudert sein wollte. Alle hatten den Dienst, seiner grossen Schwierigkeiten
ungeachtet, mit vielem Verstand und Klugheit ohne Leibesschaden verrichtet; nur
dieser einzige, der von etwas melancholischem Temperamente war, wollte Gewalt
brauchen, wo andre kaum mit Klugheit auskamen. Er hatte die Verwegenheit, dass er
die Prinzessin mit der Schleppe (in allen Ehren gesprochen) wie ein Pferd mit
dem Zügel lenkte; sooft sie von der geraden Linie abweichen wollte, zog er sie
so unsanft von der Abweichung zurück, dass es keine Naht am Kleide bei ihm
aushalten konnte. Wegen ihrer ungemeinen Lebhaftigkeit bemerkte die Prinzessin
die Bosheit nicht eher als eines Nachmittags, da sie von der Tafel ging; sie
wollte plötzlich eine von ihren Pirouetten machen; krack! schleuderte sie der
misantropische Schleppenträger in einem Wirbel herum, dass sie gerade wieder auf
den Fleck sah, wohin sie vorher gesehn hatte. Die Dame war eben nicht in ihrer
Festtagslaune und überhaupt ein wenig griesgramig, wie schon ihr Name beweist;
sie versetzte also dem Verwegnen rückwärts mit dem spitzen Absatze ihrer
gestickten Schuhe einen Stoss, dass er zu Boden stürzte und vor Schrecken nicht
einmal ach und weh schreien konnte; sie hatte den empfindlichsten Teil seines
Leibes und seiner Ehre getroffen, und er musste also aus einem doppelten Grunde
beleidigt sein. Er verliess den Hof und schwur, die Beleidigung nicht anders als
mit Blute zu rächen; indem er an der Grenze des Reichs überlegte, wie er das
machen sollte, hörte er von dem Verluste des Prinzen Alfabeta. »Was?« sagte der
Rachsüchtige. »Wäre der Prinz Alfabeta nicht König von Butam? Hätte er sich
nicht vor drei viertel Jahren mit der Königin Ypsilon vermählt?« - Man lachte
ihm ins Gesicht über seine Fragen und hielt ihn für einen Verrückten, der dem
Tollhause entlaufen wäre; der Page versicherte sie mit vieler Hitze, dass er
selbst bei der Vermählung gewesen wäre; nun ging erst das Gelächter recht an; da
er aber hartnäckig auf seiner Meinung bestand, so liess man ihn gehn und
bedauerte, dass ein so hübscher Mensch so frühzeitig um seinen Menschenverstand
gekommen wäre.
    Dem Pagen schien gleichwohl die Sache verdächtig, und er ging daher an den
Hof des Prinzen, um sich genauer zu unterrichten; hatte er sich jemals
gewundert, so tat er's jetzt, da er den Prinzen Alfabeta hier erblickte, den er
bisher alle Tage als König von Butam gesehn zu haben glaubte. Er entdeckte den
Diebstahl um soviel lieber, weil es ihm eine Gelegenheit zur Befriedigung seiner
Rachbegierde zu sein schien. Der Prinz war von sanftem Gemüt und wollte erst die
Güte versuchen; er schickte zwei Gesandte zum Könige von Butam, liess ihn
manierlich grüssen und geziemend um die Auslieferung seiner Physiognomie
ersuchen. »Was?« fuhr der König von Butam bei der Audienz der Gesandten zornig
auf. »Ich hätte des Prinzen Alfabeta Physiognomie entwendet? - Himmel und Erde!
Als wenn wir hierzulande nicht selbst Physiognomien hätten, dass wir erst dem
Herrn Prinzen seine stehlen müssten, um wie rechtschaffene Menschen auszusehn.«
    Die Gesandten, da sie durch Güte nichts ausrichteten, entschuldigten sich
sehr höflich, dass sie also dem Befehl ihres Herrn nachleben und den Krieg
ankündigen müssten. »Mir, dem Könige von Butam, mir kündigt der Prinz Alfabeta
den Krieg an?« rief der König, zog aus der Tasche seine goldne Dose und schlug
darauf. »Er komme, der Herr Prinz! er komme! Es wird mir viel Ehre sein, ihm und
seinen Soldaten die Kehlen abschneiden zu lassen.« Um die Gesandten, die er für
nichts Besseres als Betrüger hielt, wegen ihrer Dreistigkeit zu bestrafen, liess
er sie bis an die Grenze führen und ihnen bei jedem Dorfe, durch welches sie
gingen, fünfundzwanzig Rutenhiebe auf das blosse Hintergebäude ihres Leibes
geben; beide litten Schmerz und Beschimpfung mit der wahren Standhaftigkeit
eines Weisen und machten bei den Hieben eine Miene, als wenn sie Konfekt ässen.
    Der Prinz erzürnte sich gewaltig über eine so offenbare Verletzung des
Völkerrechts, die allein schon einen Krieg wert gewesen wäre, und machte
sogleich Anstalt, seine Physiognomie mit Feuer und Schwert wiederzuerobern, und
dreist durch die Gerechtigkeit seiner Sache, zog er mit seinem Heer aus.
    Der König von Butam besäete indessen alle Äcker seines Reichs aus der
goldnen Büchse; die Saat ging gut auf und trug recht brave Riesen. Als der Prinz
Alfabeta die unmenschlichen Kerle und die ungeheure Menge Truppen erblickte,
sank ihm der Mut, und er wurde gewiss vor Schrecken blass, wenn er seine
Physiognomie schon wieder hatte. Was wollt er gleichwohl tun? Er nahm seinen
ganzen Rest von Mut zusammen, hielt eine wohlgesetzte Rede an seine Soldaten,
denen vor Angst die Zähne klapperten, dass sie wegen des Geräusches kein Wort von
der Rede hören konnten, und ob sie gleich nichts verstanden hatten, so fand er
doch zu seiner Beruhigung, dass ihre Tapferkeit und Streitbegierde auf seine
Ermunterung sichtbar zunahm. Die Schlacht ging an; ach, ihr armen Soldaten des
Prinzen Alfabeta, wie ging es euch! Die Riesen zogen nicht einmal die Säbel,
taten nicht einmal einen Schuss, sondern fingen die Feinde mit den Zähnen, wie
die Katze die Mäuse, zerbrachen ihnen das Genick und speisten sie lebendig auf,
wie ein Hecht einen Weissfisch verschluckt. Der Prinz merkte bei guter Zeit, dass
man bei solchen Leuten seines Lebens nicht sicher war, machte rechtsum und
entkam den Barbaren, die sich kein Gewissen machten, ihre Nebenmenschen lebendig
zu verschlingen; er kam zwar ziemlich erschrocken und abgemattet, aber doch
glücklich mit allen seinen gesunden Gliedmassen im Schloss an und liess gern
seine Physiognomie unerobert.
    Aufgemuntert durch das Glück seiner Waffen, verfolgte der König von Butam
seinen Sieg, nahm das ganze Land des Prinzen ein und ihn selbst gefangen; er
hielt einen Siegseinzug in seiner Residenz und wurde mit allgemeinem Frohlocken
bewillkommt. Er war zwar nicht wenig besorgt, dass eine so grosse Armee allen Raum
in seinem Reiche wegnehmen, Ackerbau und Viehweide hindern und dadurch Teurung
und endlich gar Hungersnot erzeugen würde, allein das Schicksal endigte seine
Sorge in wenigen Wochen. Diese Karaiben, die ohne Grausamkeit keine Minute
hinbringen konnten, rieben sich untereinander selbst auf, da ihnen die Feinde
fehlten; einer frass den andern, und der letzte starb an einer tiefen Wunde, die
ihm ein solches Ungeheuer mit seinen scharfen Zähnen in die rechte Brust
versetzt hatte.
 
                                  Zweites Buch
Der König von Butam war zu glücklich, um es lange zu bleiben; bei so vielen und
grossen Freuden dachte er an keinen Überdruss, und der Zeitpunkt, wo er seine
Beschützerin von der Strafe befreien sollte, nahte sehr heran. Ihre
heimtückischen Schwestern sahen es mit Unwillen und hielten deswegen einen
Reichstag auf dem Brocken, um zu beratschlagen, wie sie die Befreiung einer
Schwester hindern sollten, die ihnen wegen ihres guten Herzens verhasst war. Die
Hexe Schabernack, die gefährlichste und schlauste unter allen, blies zuerst
Lärm; sie war Stattalterin des Weltteils, worinne das Königreich Butam lag.
Sie setzt ihr Horn wie rasend an den Mund,
Und in dem ganzen Erdenrund
Erschallt der fürchterlichste Ton:
Der Walfisch horcht im Nord mit aufgesperrtem Rachen;
Des Südpols Eisgebirge krachen;
Der Wolkenraum erbebt vor diesem Schreckenston.
Kaum dringt er in der Schwestern Ohren,
So fodert jede gleich die Stiefeln, Peitsch und Sporen;
Und ohne weitres Aufgebot
Sitzt wie auf einem Zug in jedem Teil der Erde
Im Augenblick der Hexen Schar zu Pferde.
Der Erdbewohner sieht mit Angst den Himmel rot
Von langgestreiftem Feuer glühen;
Der Landmann ruft: »Die Hexen ziehen.«
Leichtsinnig glaubt der Philosoph ihm nicht,
Will klüger sein und nennt's ein nördlich Licht;
Doch wer durchs Denken sich nicht Schaden tat am Glauben,
Der hört wohl in der Luft genau die Rosse schnauben.
Zuerst erreicht den tiefbeschneiten Berg
Ein Schwarm von Nordens Zauberinnen,
Sibiriens und Grönlands Herrscherinnen,
Geführt von einem braunen Zwerg,
Den ein genäschig Weib - so lehret Grönlands Sage -
Von einem Walfisch einst gebar.
Von Trane glänzend, fliegt wie ein Komet sein Haar;
Ein Fischbein schwingt sein Arm, und unter seinem Schlage
Schiesst schneller als ein Pfeil der Seehund, der ihn trägt,
Dass um ihn her wie Staub die Wolken stieben.
Ihm folgt, in jeder Reihe sieben,
Der Zaubertrupp; hier zieht, nie angeregt,
Ein Rentier flügelschnell, ein Meerschwein dort den Schlitten.
Mit Tran zum Labetrunk gefüllt, umgürtet mitten
Ein dicker Schlauch den Pelz, der die Matronen ganz
Vom Kopf zu Fusse deckt, Erkältung zu verhüten;
Den Scheitel ziert ein ungeheurer Kranz
Von Gräten schön gewebt. Zwei Chöre wüten
In wildem Tanze nebenher;
Die rauhe Trommel schallt, die Muschelschalen schmettern,
Als brüllte Löw, als brummte Bär,
Als zitterte die Luft von zwanzig Donnerwettern,
Tönt fürchterlich, aus hohler Brust geheult,
Das Zauberlied.
Zunächst nach ihnen eilt
Das grosse Heer herbei, das unter allen Zonen
Die kupferfarbnen Nationen
Der Neuen Welt beherrscht. Pizarros3 Seele ritt
Mit blutendem zerrissnen Beine
Als Postillion voran auf einem Stachelschweine,
Für alles, was von ihm der Peruaner litt,
Verdammt zu dieser Pflicht. O welcher wüste Haufen,
Welch scheckiges Gemisch ohn Ordnung folgt ihm nach!
Die einen tummeln sich auf Schlangen, andre laufen,
Der eine Kopf ist rund, der andre flach,
Der dritte spitz und ein Quadrat der vierte;
Die eine schwingt die Streitaxt mit Geschrei,
Als wenn sie in die Schlacht Huronen führte;
Die andre rjetzt die blut'ge Wang entzwei
Und dreht in engem Kreis die schweissbenetzten Glieder;
Hier blökt ein wilder Schwarm aus vollem Halse Lieder,
Bis das gepresste Blut die Backen kirschbraun färbt;
Dort spritzt in Stern und Mond, die sich mit Abscheu wenden,
Ein andrer dampfend Blut mit vollgeschöpften Händen;
Hier schleicht ein nackter Trupp, an Hüft und Brust gekerbt,
Mit tiefgesenktem Kopf und fürchterlichem Brummen;
Dort tanzen Mütterchen mit rotgemaltem Steiss.
Wohin ihr Zug sich lenkt, stürzt vom Gebirg das Eis
Zerberstend in das Tal; die Winde selbst verstummen;
Mit Todesangst verkriecht sich Mensch und Wurm.
Des Brockens tiefbeschneiter Gipfel
Bebt unter ihnen kaum, so schüttelt schon ein Sturm
Auf dem Gebirg umher der Eichen alte Wipfel
Und meldet sausend schon den dritten Haufen an.
Er kam vom warmen Morgenlande,
Wo der Chineser Tee aus buntem Porzellan
Mit stillem Ernste schlurft, von dem erhitzen Sande
Des weiten Afrikas, wo dem geglänzten Mohr
Der Sonne nahe Glut die breite Nase senget
Und wo vor einen Ort - man sag ihn sich ins Ohr -
Der Hottentottin die Natur ein Schürzchen hänget.4
Ein toller Heiliger, der durch des Betens Kraft
Den Weibern Fruchtbarkeit, den Männern Stärke schaft5,
Lief vor dem Trupp als Laufer her und schwenkte
Um den entblössten Leib die Geissel, dass sein Blut
Die Wolken, wo er ging, mit roten Strömen tränkte.
Was Schwärmerei, was finstre heil'ge Wut
Ersinnen kann, sein eignes Fleisch zu quälen,
Das sieht man hier. Ein tolles Weib
Liess voll Begeistrung sich den Leib
So rein, wie einen Apfel, schälen
Und trägt an einer Stang ihr eignes totes Fell.
Man folgt mit Toben der flatternden Fahne,
Man drängt sich, man beisst sich mit gierigem Zahne,
Man ritzet und dreht in taumelnden Sprüngen sich schnell.
»Platz!« schallt es plötzlich durch die Lüfte;
Gleich wird der Berg wie Tag von tausend Fackeln hell;
Es füllen ihn des Weihrauchs süsse Düfte,
Und leise tönt der lieblichste Gesang.
Da kommt mit feierlichem Gang,
Mit Kränzen auf dem Haupt und in den Händen Kerzen
Im schwarzen Totenkleid die ungezählte Schar,
Die unter Millionen Schmerzen
In Gallien auf dem Altar
Des rohen Aberglaubens brannte,
Die Teutschland zum Schafott als Zauberinnen sandte,
Die sich in Spanien zur Zauberei bekannte,
Der Folter durch die Flammen zu entgehn.
Zum Lohn des Märtyrtods geniessen sie die Ehre,
Sich über alle zu erhöhn.
Sie sind umringt von einem grossen Heere
Trabanten in Kalott und Skapulier;
Die heil'gen Väter sind's, durch deren Rachbegier
Der Pater Grandier6 im Scheiterhaufen flammte,
Weil er die Wunder frech verdammte,
Die doch ein Kloster tat. Wie haun
Ins Zaubervolk hinein die schwarzen Pfaffen,
Dem langen Zuge Platz zu schaffen,
Den alle still in tiefer Ehrfurcht schaun!
Die ehrwürdige Schar nimmt mit den Obersten jedes Weltteils ihre Sitze ein; das
Volk lagert sich im Schnee; die schwarzen Trabanten gebieten Stillschweigen, und
die Hexe Schabernack tritt auf, um ihren Vortrag an die Versammlung zu tun; sie
hustet dreimal und beginnt in Hexametern, die der Kanzleistil auf dem Brocken
bei allen öffentlichen Reden erfodert:
Schwestern, die ihr durch Kunst die Herzen der Menschen regieret,
Sie zu Wünschen entflammt, sie von Leidenschaften hinweglenkt,
Hört mich mit willigem Ohr! Gerecht beschlossen wir letztin
Mit einmütigem Spruch, die Verwegne von uns zu stossen,
Die des Schicksals ew'ges Gesetz aus weichlichem Mitleid
Störte; sie büsset in Qual; doch bald wird die Strafe sich enden,
Wenn ihr der Listigen nicht mit schneller Entschliessung zuvorkommt.
Soll ein Sterblicher sich im Arm des Vergnügens ergötzen
Und der Ekel ihn nie mit leisem Schritte beschleichen? -
In das flammende Herz des Verliebten giessen wir plötzlich
Einen löschenden Strom; mit gesättigter Liebe verschmähen
Männer die Weiber; des Ehrbegierigen Seele, den Abgrund,
Überfüllen wir oft; wir verwandeln die köstlichsten Speisen
In ein ekelndes Gift dem genäschigen Gaume, die Reize
Jedes Sinnes in Wollust, in Langeweile das Denken
Und nicht selten in Last den Odem des Lebens, und Butams
Glücklicher König allein soll nicht dem Gesetze gehorchen? -
Nein, ich dulde das nicht; ich will in geborgten Gestalten
Seinem Palaste mich nahn und durch mannigfaltige Listen
Seiner Freude den Tod bereiten.
Wofern ihr des Ordens
Ansehn nicht hasset, so gebt mir unbeschränkende Vollmacht.
Das letzte Wort war noch nicht völlig ausgesprochen, so schallte ihr schon ein
vollstimmiges »Ja« in allen Sprachen des Erdbodens entgegen; sie begab sich an
ihren Platz, und die Versammlung entschied noch einige wichtige Angelegenheiten.
Der grösste Teil des gemeinen Haufens murrte, dass unter den Menschen Ortodoxie
und Ketzerei bald aus der Mode kommen sollten und dass bald keiner dem andern um
seines Glaubens willen einen Ritz in den Finger schneiden würde, denn sie sahen
die Veränderungen unsers Jahrhunderts voraus. Die Hexen aus gewissen Gegenden
Teutschlands, wo es jetzt noch Hexen gibt, brüsteten sich bei dieser Gelegenheit
nicht wenig, dass bei ihnen die naseweise Freiheit im Denken und Schreiben noch
lange unter die geistliche Konterbande gehören würde, und eine portugiesische
Nonne verlas ein lateinisches Lobgedicht auf die Inquisition, allein es fand
keinen Beifall, weil man schon damals auf dem Brocken vom Geschmack an
geistlichen Inquisitionen zurückgekommen war.
    Der Tag brach an, und die Versammlung trennte sich; die Hexe Schabernack
eilte vermöge ihrer Vollmacht zum Palaste des Königs von Butam und fuhr in die
Leibkatze der Prinzessin Friss-mich-nicht. Das Tier kam seiner Gebieterin ganz
anders vor, seitdem die Hexe darin steckte; es schnurrte nicht mehr, verlor
ganz seinen vorigen guten Charakter, kratzte und biss, wenn man es anrührte, und
fing endlich gar an zu reden. So etwas hätte selbst einen Philosophen in
Verwirrung bringen können, und die Prinzessin, ob sie gleich keine Philosophin
war, urteilte doch sehr scharfsinnig, dass dieser Vorfall nicht ganz nach dem
Laufe der Natur geschähe, und schloss daher sehr richtig, dass Hexerei dabei
vorgehn müsste.
    »Grosse Prinzessin«, sprach die Katze, »der König liebt dich nicht, und du
bist ihm gram. Ich will dir helfen, ihm einen Possen spielen. Sooft du willst,
dass ihm etwas Unangenehmes begegnen soll, so sage 'Kak', und du wirst deine
Freude an seiner Unruhe sehn.«
    Von da begab sie sich zum Bruder, dem Prinzen, und sagte ihm: »Erhabner
Prinz, du liebst den König, und der König ist dir gewogen; du wünschest täglich,
dass es ihm wohlgehn mag; ich will deine Freude vermehren. Sooft du einen solchen
Wunsch für den König tust, so sage 'Kak', und er soll sogleich erfüllt werden.«
    Zuletzt ging sie auch zur Königin. »Huldreichste Monarchin«, fing sie an,
»du liebst deinen Gemahl zuweilen, und er ist dir mannichmal auch nicht
ungeneigt; du hast oft Langeweile bei ihm und er nicht selten bei dir. Sooft du
ihm und dir ein Vergnügen wünschest, so sage 'Kak', und er muss dir's schaffen.«
    Die listige Hexe verliess ihre Wohnung und setzte sich auf die Feueresse, um
die Wirkung ihrer Bosheit zu sehn. - Die arme Katze kam am schlimmsten dabei
weg, denn zum grossen Leidwesen der Prinzessin starb sie auf der Stelle von der
Einquartierung.
    Die Prinzessin, die sich's nicht zweimal sagen liess, wenn sie einen Possen
spielen sollte, begab sich sogleich ins Vorgemach des Königs; der Prinz eilte
aus gutem Herze eben dahin, um geschwind dem Könige etwas Gutes zu wünschen.
»Kak«, rief die Prinzessin, »Kak«, rief der Prinz, und in der Minute legte jedes
ein Ei; sie sahen sich voll Verwundrung an. »Kak, kak, kak«, schrie die
Prinzessin. »Wird denn das verwünschte Eierlegen bald aufhören? Da sind schon
wieder drei Stück.« Sie rief voll Zorn: »Kak, kak, kak«, und je mehr sie rief,
desto mehr legte sie Eier, desto mehr verwünschte sie die Eier, stampfte,
schimpfte auf die Hexe, die ihr den Streich spielte, und musste von neuem rufen
und von neuem Eier legen. Der Prinz, der von einem viel sanftern Temperamente
war, verrichtete sein Geschäfte mit vieler Gelassenheit, sprach sehr gutmütig:
»Kak«, und sagte mit ebenso gutmütigem Tone, wenn er sich umsah:
    »Schon wieder ein Ei?«
    Die Prinzessin wurde immer heftiger und warf endlich vor Grimm alle ihre
Eier an die Wand; sie rollten unter die Produkte des Prinzen, eins stiess an das
andere, alle brachen entzwei. Und welches Wunder! aus jedem Dotter wurde ein
Mensch, und jeder dieser Menschen war einer von dem Heere, das ehmals die
Vorgemächer bevölkerte, da die Grossen noch der Etikette frönten und die Fesseln
des Zeremoniells noch nicht zerbrochen hatten wie jetzt. Grosstürsteher,
Grossschlüsselbewahrer, Grosskleiderkammermeister und wie sie weiter hiessen, und
Alle standen chapeau bas
Frisch gepudert, scharf geschultert da.
Jeder ging an seinen Posten, der Prinz und die Prinzessin in ihre Zimmer und
begriffen nicht, was aus dem Wunderwerke werden sollte.
    Der König wollte auf die Jagd gehn und glaubte noch wie sonst Herr seines
Willens zu sein; er gab Befehl; der Befehl wurde dem obersten Stallmeister
überbracht und brauchte eine ganze Stunde, eh er von diesem durch alle mittlere
Instanzen zu dem Reitknechte hindurchkam, der das Pferd vorführen sollte; ebenso
viele Zeit brauchte er, um sich von dem ersten Oberjägermeister bis zu dem
niedrigsten Jagdburschen durchzuschlagen, der mitreiten musste, und zwei ganze
Stunden wurden erfodert, ehe die Verordnung des ersten Marschalls zu allen
gelangte, in welcher Uniform jeder sich einfinden sollte, der zur Begleitung
bestimmt war. Der König verging beinahe vor Verdruss; er sah mit Verwundrung vom
Fenster, dass sich eine Menge Pferde versammelten, als wenn er in den Krieg
ziehen wollte. Die Begleitung wartete im ersten Vorgemache, aber niemand konnte
zum König und der König nicht heraus; alle Türen waren verschlossen und der
Grosstürbewahrer noch nicht da, der den Schlüssel dazu hatte. Er kam endlich, und
vier Stunden, nachdem der Befehl aus dem Munde des Königs gegangen war, brach
der Zug auf.7
    Es liessen sich Fremde vorstellen, und der König sprach mit ihnen, wie ein
Mensch von Verstande mit einem Menschen von Verstande, offen, lebhaft, ohne
Zwang. Als er sie von sich gelassen hatte, tat ihm der Grossfremdenvorsteller
einen Vortrag, worin er ihm die Erinnerung gab, dass Ihre Majestät bei der
Audienz wider die Regel der Etikette verstossen und mehr gesprochen hätten, als
einem Monarchen anständig wäre. Der König fragte lachend, was einem Monarchen
nach seiner Etikette anständiger wäre zu sprechen? »Nichts«, antwortete jener,
»als zwei Fragen, eine über den Weg, die andre über die Gesundheit.« - »Ich will
reden wie ein Mensch, der zu reden weiss und bei Leuten, mit denen er spricht,
Unterricht oder Vergnügen sucht«, sagte der König unwillig. »Hat denn ein Klotz
mehr Würde als ein Mensch?« - Durch diese unbedachtsame Rede tat er sich vielen
Schaden bei den Grossen des Reichs; denn sie waren nicht unzufrieden, dass er
redte, sondern dass er mit jemand ausser ihnen sprach; es entstand allgemeines
Murren.
    Der König wollte eine von seinen vorigen Freigebigkeiten ausüben und griff
nach seinem grünen Sacke; wo war er? Der Grosssackbewahrer hatte ihn unter seine
Aufsicht genommen. Umsonst befahl der König, ihn auszuliefern; der Verwahrer
desselben behauptete, dass allein ihm das Recht zukäme, die Auszahlungen aus dem
Sacke zu tun; auch dies liess sich der König gefallen, aber sooft er Befehl zu
einer gab, so machte der Sackbewahrer so viele Gegenvorstellungen und
Einwendungen, wenn er keine Lust dazu hatte, dass eigentlich nicht mehr der
König, sondern sein Sackbewahrer Gnaden austeilte und dass sie daher nicht der
Verdienstvolle bekam, sondern wer vor diesem Herrn am besten kriechen konnte.
    Nicht besser ging es mit dem roten Nachtstuhl und der goldnen Büchse; der
König wollte täglich, befahl täglich, und niemals wurde sein Wille, niemals sein
Befehl erfüllt; er war nichts als eine Puppe, die den König vorstellte, die Ehre
des Monarchen genoss und den Willen der Grossen unterzeichnete.
    Er klagte seiner Gemahlin seine Not, wie sehr er in Vormundschaft geraten
wäre und wie wenig er sich davon befreien könnte; sie erinnerte sich an den Rat
der Katze und antwortete ihm nichts als »Kak«. Sie vermutete, dass sich auf
dieses Wort alle Vergnügen der Erde um sie her versammeln würden; aber es
geschah nichts. Sie wiederholte den Ausruf zum zweiten, zum dritten Male: Es
geschah nichts. Verdriesslich schmähte sie schon bei sich auf die betrügerische
Hexe, als sie von ungefähr ihren Gemahl anblickte und in seinem Gesicht eine
ungewöhnliche Munterkeit wahrnahm, die immer mehr wuchs, je länger sie ihn
ansah, und sich endlich so sehr vergrösserte, dass er sich des Tanzens nicht
entalten konnte; er fasste sie bei der Hand, sang eine Bourrée und sprang mit
ihr herum, dass sie beide zuletzt atemlos auf die Ottomane sanken. Er machte noch
denselben Tag Anstalt, Opern, Seiltänzer, Virtuosen auf allen Instrumenten,
Schauspieler, Kastraten, Sängerinnen, Taschenspieler und tausend andere edle und
unedle Künstler in Dienste zu nehmen, und der Sackbewahrer, der wohl wusste, was
es bedeutet, wenn der Monarch sich ganz auf die Seite des Vergnügens lenkt,
machte diesmal nicht eine einzige Einwendung. Er schrieb mit eigener Hand an
alle Orte, um das Vortreffliche in jeder Art des Vergnügens am Hofe des Königs
zu versammeln; Opernteater wurden gebaut, worauf ein ganzes Regiment
manövrieren konnte, Redoutensäle von ungeheurer Grösse, Amphiteater zu
Tiergefechten, alles so gross und prächtig, als es die Imagination des
Baumeisters zu ersinnen vermochte. Vom Morgen bis zum Abend tat man nichts, als
dass man von Vergnügen zu Vergnügen eilte.
Kaum öffnete der Tag die Augenlider,
So hallte schon der Wald vom Jägerrufe wider.
Mit wildem Schreien treibt aus dem Gebüsch ins Feld,
Von hohen Wänden weit umstellt,
Ein Bauernchor das scheue Wild. Dort schreitet
Mit schwankendem Geweih der sichre Hirsch hervor
Und bleibt mit Staunen stehn; er reckt den Hals empor
Und ahndet keinen Tod. Ihm folgt, von ihm geleitet,
Ein endenreicher Trupp in langen Reihen nach.
Der Büchse Donner schallt, der dreiste Führer sinkt.
Die bange Schar, zum Fliehn vor Schrecken schwach,
Sieht bebend, wie sein Blut der durst'ge Rasen trinkt.
Der zweite Schuss pfeift durch die Luft und streckt
Den zweiten hin. Wie springt der geängstete Haufen,
Dem drohenden Tod zu entlaufen!
Und findet ihn, wo er am wenigsten schreckt.
Hier hebt sich, über die Schranken zu hüpfen,
Ein Mut'ger empor und stürzt verwundet herab;
Ein andrer gräbt, darunter wegzuschlüpfen,
Sich listig einen Weg und gräbt sich sein Grab.
Ihr Toren flieht umsonst; was kann euch Schutz gewähren?
Der Mensch ist euer Feind, aufs Rauben nur bedacht,
Den nicht wie den empfindungsvollern Bären
Der Mangel bloss, den selbst die Lust zum Mörder macht.
Das blut'ge Schauspiel ist vollbracht;
Man übersieht mit Stolz die totenvolle Szene.
Mit schallendem Triumphgetöne
Verlässt man sie und eilt, bei einem reichen Mahl
Die Heldentaten zu erzählen.
Man kehret zum Palast, ein andres Kleid zu wählen,
Und neugeschmückt erscheint man festlich in dem Saal,
Wo auf dem vollen Tisch aus Meere, Luft und Garten,
Aus Süd und Ost die schönsten Leckerein
In tiefstudierter Ordnung warten,
Mit gleichem Reize Gaum und Auge zu erfreun.
Hier brüstet sich, aus buntem Teig geschaffen,
Ein spiegelreicher Pfau, den niemand essen mag;
Gleich unessbar und gleich bewundert, gaffen
Auf einem Berg von Moos mit ausgeholtem Schlag,
Der niemals treffen wird, zwei Äffchen wild sich an.
Ein Entenvölkchen schwimmt auf einem See von Brühe;
An steilen Alpen klettern Kühe
Zum Gipfel, voller Schnee von Eierweiss, hinan;
Ein Eber lauscht mit scharfgewetztem Zahn
In einem Eichenwald von Petersil und Mandeln.
Kein Essen, das die Kunst in fremde Form nicht zwang!
Die Kunst, mit der Natur in ew'gem Zank,
Liess Fisch' in Vögel sich verwandeln,
Schuf aus des Hasen Fleisch des Löwen furchtbar Bild.
Bewundert ist die Pracht, der Appetit gestillt,
Die ganze Jagd erzählt, die Unterhaltung trocken.
»Was?« ruft der König aus und hält die Uhr
Mit Schrecken in der Hand, »beim zweiten Gange nur
Und doch so spät? Die Hunde locken
Den Fuchs zum schweren Kampf.« Er sagt's und springt empor,
Die edle Zeit mit Klugheit einzuteilen
Und nicht bei einer Lust zu lange zu verweilen,
Wenn eine neue ruft. Ihm folgt der ganze Chor
Der satten Esser nach. Trompet' und Pauken schallen;
Die Schranken öffnen sich, und unaufhaltsam fallen
Den langgeschwänzten Fuchs die Hunde bellend an.
Sie bellen, und er beisst, sie beissen, und er schreit;
Er wehrt sich, flieht und - stirbt, sobald er keins mehr kann.
Doch, Muse, tut dir's nicht um deine Verse leid?
Verschwende sie an keine Grausamkeit!
Die Lust, die eines Tiers gequälter Tod gewährt,
Ist keines einz'gen Verses wert.
Schon lange laurt im Opernsaal die Menge,
Bricht Bänk' und Arm' entzwei in drückendem Gedränge
Und wünscht mit Ungeduld den Füchsen schnellen Tod,
In Hoffnung länger nicht zu schmachten.
Itzt rollt der Pauke Lärm daher, und tobend droht
Der Sinfonie Geräusch mit Krieg und blut'gen Schlachten.
Der Vorhang rauscht, und schnell wird alles Ohr.
Vom Schauplatz tönt ein stimmenvoller Chor
Mit feierlicher Pracht durch den gewölbten Saal
Und drückt dem Herz mit tiefen Zügen
Erstaunen ein. Ein Held, gekrönt mit Siegen,
Kehrt mit dem Heer zurück; er legt den blut'gen Stahl
In der Geliebten Schoss und weiht sich Amors Kriegen.
Kühn, wie ein leichter Gems durch Schweizerklippen hüpft,
Springt eine Meisterhand in labyrintschen Gängen
Die Silbersaiten durch; gewälzt wie Wellen drängen
Die Töne bald sich rauschend fort, bald schlüpft
Der schleichende Gesang hernieder - und erlischt,
Wie ein verliebter West um eine Tulpe wirbt,
Sie sanft berührt und dann mit leisem Seufzer stirbt.
Wie von des Frühlings Hauch zum Leben angefrischt,
Die Lerche wirbelnd steigt und in den Wolken schlägt,
So steigt und sinket durch der Töne Leiter
Ein tönender Sopran in leichten Trillern weiter
Empor, als selbst Apollens Lyra trägt.
Durch ungetreue Lieb in Raserei versenkt,
Tobt die Prinzessin dort, dass Schlepp und Kleid sich schwenkt;
Zorn brauset im Gesang, dass jede Nerve bebt,
Wenn die Beleidigte den Dolch zur Brust erhebt.
Die Heere ziehn, die Schilde klirren,
Der Donner rollt, am Himmel irren
Die Blitze kreuzend hin; im Augenblick
Wird der Palast zum Hain, der Hain zur öden Wüste,
Die Wildnis eine Flur und durch ein Zauberstück
Ein Tempel aus der Flur. Ein schwebendes Gerüste,
Mit Wolken reich behängt, mit Lampen schön erhellt,
Trägt einen Gott herab, der seine Majestät
Mit banger Furcht vergisst, sich nach den Stricken dreht
Und ängstlich sorgt, dass nicht die Wolkenkutsche fällt
Und er den Götterhals auf seiner Reise bricht;
Doch langt er glücklich an, dann kommt in sein Gesicht
Die Gotteit gleich zurück, und furchtbar ist's zu sehn,
Wie er die Welt mit Blick und Trillern jetzt erschüttert,
Dass sie vor ihm, wie er vor seiner Reise, zittert.
Das Opfer flammt, die Priester flehn,
Parterr, nebst Logen, sehnt sich nach dem Abendessen;
Man lässt den Gott, so gut er kann, nach Hause gehn
Und findet, wohl gespeist, die Oper doppelt schön.
Wie? wären bei dem Plan zwölf Stunden Nacht vergessen?
Zu Freuden ungenützt, verschliefe man die Nacht? -
Nein, weislich ward schon längst auf sie gedacht.
Ist nicht im Tanzsaal schon ein buntes Volk versammelt,
Das sein Gesicht mit Wachs und Leinwand deckt,
Mit roten Wangen prahlt, mit Riesennasen schreckt,
Oft durch die schwarze Mask ein schönes Auge steckt,
Bald stumm durch Zeichen spricht, bald lispelt oder stammelt?
Rauscht die Musik nicht schon mit wilder Fröhlichkeit?
Wie schwebt die Perserin dort mit beflügeltem Schritte,
Leichtfliegend und sanft wie ihr flatterndes Kleid!
Wie schielt sie bei jedem gemessenen Tritte
Nach lächelndem Beifall herum!
Ein krummgebückter Greis wirft seines Alters Bürde
Gleich einer Feder ab und dreht wie ein Jüngling sich um;
Ein Pfarr' vergisst auf einmal Ernst und Würde
Und schwenkt sich profan wie ein Weltkind herum;
Der eine hat Witz, der andre Biskuit zu verschenken,
Mit Spott ergötzt sich der eine, der andre mit Schwänken.
Kein einz'ger, der sich nicht in der falschen Rolle gefällt,
Nicht seine wahre mit Freuden vergisst!
Das bunte Volk ist ganz das Bild der Welt;
Ein jeder scheint, was er nicht ist.
So ging es Tag für Tag; aber je mehr die Vergnügen sich drängten, desto
geschwinder wurde der König sie überdrüssig. Er gähnte bei der Jagd, er gähnte
bei Tische, er gähnte bei der Fuchshetze, er gähnte bei der Oper, er gähnte bei
der Redoute, und um das beschwerliche Gähnen nicht zu einer Krankheit werden zu
lassen, sann man auf Neuheit.
Das Possenspiel trat auf die Bühne,
An schönen Arien und Albernheiten reich.
In Locken wie ein Schlauch und mit verzerrter Miene
Spielt einem Narren hier ein Närrchen einen Streich.
Der Primadonna Spiel ersetzet an Grimassen,
Was an Verstand den Worten fehlt;
Sie liebt, sie wird betrübt und dann vermählt
Und weiss sich im Final vor Freuden nicht zu fassen.
Man geht heraus; hat viel gehört und nichts gedacht,
Hat alles toll genannt und doch gelacht.
Sobald die Neuheit dieser Possen vorbei war, so fing der König an gewaltiger zu
gähnen als jemals; man riet also, sein abgenütztes Vergnügen mit etwas recht
Starkem anzufrischen.
Mit Gift und Dolch, mit Tränen und mit Schrecken
Rauscht unter grausem Pomp das Trauerspiel daher,
Das weiche Herz zu Furcht und Mitleid zu erwecken.
Von Ehrgeiz angespornt, ermordet auf Begehr
Der Gattin ein Vasall den Herrn im sichern Schlafe,
Steigt auf den Tron und wird ein grässlicher Tyrann,
Würgt wie ein Wolf die waffenlosen Schafe,
Minister, General, Freund, Kinder, Weib und Mann.
Doch bald verfolgt den Bösewicht die Strafe;
Die Geister der Erwürgten stehn
Vor ihm im Bett, vor ihm beim Freudenmahle,
Und die erschrocknen Augen sehn
Geronnen Blut im blinkenden Pokale.
Die Hexen kochen das schwarze Gemisch
Der Zaubersuppe, die Luft zu vergiften;
Die Winde sausen mit wildem Gezisch,
Und blasse Tote steigen aus Grüften,
Zu prophezein, dass schon den Dolch die Rache zückt;
Und was geschieht? - Der Wütrich wird zerstückt
Und seine böse Frau verrückt.
»Ach!« rief der König. »Wollt ihr mich denn mit euren schrecklichen
Lustbarkeiten ums Leben bringen? Solche abscheuliche Dinge machen schwere
Träume. Dass mir in Zukunft kein Mensch mehr auf dem Teater verrückt wird, oder
ich lass ihn gleich ins Tollhaus bringen und den Poeten dazu. Können die Leute
nichts Lustiges spielen?« - Man gehorchte dem Verlangen.
Ein komisch Spiel durchgaukelte die Szene,
Mit Scherz und Laune Hand in Hand.
Mit Selbstgefallen buhlt die abgelebte Schöne
Und findet jeden dumm, der sie nicht reizend fand;
Der Alte predigt Sittenlehren,
Nennt's Torheit, wenn man liebt, und liebt, wenn's niemand merkt;
Der Geiz'ge lässt vom List'gen sich betören,
Und den Verschwender will der schlechte Wirt bekehren.
Bald gibt, durch muntern Witz gestärkt,
Dem Hohn die beissende Satire
Das Lächerliche preis; zu andrer Zeit
Erweckt das Drollige den Geist zur Heiterkeit;
Bald malt ein zärtlich Herz in süsser Trunkenheit
Der Liebe Schmerz, der Liebe Seligkeit,
Ein andres die Verlegenheit,
Wenn man vor Liebe brennt und das Geständnis scheut.
Vom Hofmann bis zum Musketiere
Sieht jeder seines Stands Philosophie,
Manieren, Sitten, Sprach in richtiger Kopie.
»Das ist mir recht«, sprach der König, »dabei wollen wir bleiben; das Lächeln
macht aufgeräumt, das Lachen guten Schlaf und guten Appetit.«
    Als acht Tage vorbei waren, beschwerte er sich, dass ihm etwas fehlte;
jedermann war schon bereit, es herbeizuschaffen, sobald er es nennen würde. »So
etwas, das Augen und Ohren beschäftigt«, antwortete er, als ihn seine Gemahlin
darum befragte. »Der Witz und die Laune sind wohl gute Dinge, aber sie werden's
nicht übelnehmen, wenn man sie endlich auch überdrüssig wird.«
    Man brachte ein Ringelrennen, ein Feuerwerk, einen Wettlauf in Vorschlag.
»Recht so!« war des Königs Antwort. »Das ist gerade meine Sache.«
Laut wiehernd stampft der Hengst im Karussell,
Mit langgestrecktem Galopp durch die staubende Laufbahn zu jagen,
Zum Siege den glänzenden Ritter zu tragen.
Dicht, wie ein Wald vom Strahl der Morgensonne hell,
Geordnet in zwei Reihen, blitzen
Der Lanzen aufgepflanzte Spitzen.
Begierig wartet schon, dem das gezogne Los
Den ersten Lauf bestimmt', aufs langverschobne Zeichen.
Die Pauke schallt, schnell fliegt, wie vom Bogen ein leichtes Geschoss,
Mit wankendem Federbusch Ritter und Ross,
Die Mitte des schwebenden Rings zu erreichen.
Ach! welch ein neidisches Geschick
Lenkt neben ihm vorbei die schwere Lanze?
Ein unglückselig Ross bei allem seinen Glanze,
Kehrt ohne Paukenschall der traur'ge Gaul zurück,
Und seufzend senkt die leere Lanze
Der Ritter mit verschämtem Blick.
Um soviel mutiger durchrennt der zweite
Die Bahn auf einem Ross, durch langen Ruhm bekannt;
Mit ausgestrecktem Arm fliegt ihm das Glück zur Seite
Und lenkt ihm hülfreich Lanz und Hand.
Wie braust der stolze Wallach, da das Eisen
Des abgestochnen Rings am glatten Stahle klirrt
Und im gespitzten Ohr die Siegstrompete schwirrt!
Wie hebt der Sieger sich, wenn alle rings ihn preisen,
Und klatscht den edeln Hals des Pferdes mit Triumph!
Bald wurde für die überfüllten Sinne
Des Königs diese Lust, gleich jeder andern, stumpf.
»Wie säte die Natur die Freuden dünne!«
So seufzt' er oft. »Mit geiler Fruchtbarkeit
Gedeihn Verdruss und Langeweile.«
Der ganze Hof studiert mit Emsigkeit,
Ein Mittel auszuspähn, das diesen Trübsinn heile.
Indessen wird in grösster Eile
Ein Feuerwerk hervorgebracht,
Wie seit der Schöpfung keins auf unserm Erdball brannte.
In Gnaden schuf dazu der Himmel eine Nacht
So pechschwarz, dass kein Mensch sich selbst erkannte.
Wald, Ufer, Tal, Gebirge kracht
Von fünfzig donnernden Kanonen.
Am Berge steigt ein feuriger Palast -
Selbst Feen würden gern darin wohnen -
Wie hergezaubert auf. Dort wälzt sich eine Last
Von Feuer in die Luft mit prasselndem Getümmel;
Raketen speit der flammende Volkan
Zu Tausenden empor; sie bilden einen Himmel,
So sternenreich, dass Venus, Wassermann
Und Grosser Bär erlischt. Es prasselt, platzt und kracht -
Weg ist der sternenreiche Himmel,
Geld, Pracht und Lust verdampft und alles finstre Nacht.
Der König geriet ausser sich vor Entzücken und verlangte nunmehr zu seiner
Glückseligkeit nichts als Feuerwerke; an allen Orten wurden Pulvermühlen
angelegt; man ging auf nichts aus, als Schwefel und Salpeter zu entdecken, und
die Feuerwerker wünschten sich doppelt so viele Hände, um ihre Arbeit desto
geschwinder fodern zu können. Schon bei dem fünften Feuerwerke beschwerte sich
der König über Einförmigkeit in den Erfindungen, und das sechste sah er gar
nicht.
    Da er mit seinem Vergnügen und die Hofleute mit ihrer Erfindsamkeit ganz
erschöpft waren, so wandte er sich an seine Akademie und gab ihr den Auftrag,
die Erfindung eines neuen Vergnügens zur Preisaufgabe dieses Jahrs zu machen. Es
liefen eine Menge Abhandlungen ein: Ein Astronom empfahl die Betrachtung des
gestirnten Himmels und die Berechnung der Kometenbahnen; ein Antiquar riet die
Entzifferung und Aufsuchung alter Denkmäler an; ein Philosoph behauptete, dass
ein Mensch gar keinen Kopf haben müsste, wenn er Langeweile in einer Welt hätte,
wo es Metaphysik gäbe; so erteilte jeder seinem Vergnügen den Vorzug und
glaubte, dass alle Menschen mit ihm auf einem Wege zur Glückseligkeit gelangen
müssten und nur darum nicht dazu gelangten, weil sie einen andern gewählt hätten.
»Lauter bekannte Dinge!« rief der König voll Zorn, als man ihm von den
eingelaufnen Vorschlägen Bericht erstattete. »Etwas Neues will ich.« - Jeder
gestand in Untertänigkeit, dass es ihm unmöglich wäre, dies Verlangen zu
erfüllen, weil... »Ach«, unterbrach sie der König, »beweist mir nur nicht, was
ich deutlich genug sehe. Es ist kein Wunder, dass ihr niemals Zeit übrig habt,
wenn ihr alles beweist, woran niemand zweifelt. Halt ich mir nicht eine
Akademie, die mir so vieles Geld kostet, und doch kann sie mir nicht einmal das
Leben erträglich machen.«
    Er warf sich verzweiflungsvoll in seinen Armstuhl und beschloss den Genuss des
Vergnügens damit, dass er gar keins glaubte. »Wie wohl war mir«, sagte er, »da
ich noch in meinem stillen, einsamen Häuschen den Stein der Weisen und die
Naturkräfte suchte; ich fand zwar keins von beiden, aber ich war doch durch die
eingebildete Hoffnung glücklich, dass ich sie finden würde. Wie ist der Weg des
Genusses in diesem Leben so kurz! Er führt in einem kleinen Zirkel herum, und
mit sechs Schritten ist man wieder an dem Orte, wo der Weg anfing. Ach wär ich
noch der weise Kak ... «
    Ohne seinen Willen hatte er in seinem Verdrusse den Ton ausgesprochen, der
ihn daraus erretten sollte; das Vögelchen kam auf diesen Ruf herbei, lud ihn auf
seine Flügel und führte ihn weit von Butam hinweg zum Schloss eines teutschen
Edelmanns, der nach den damaligen Sitten soviel trinken konnte als zwanzig
Sterbliche in unserm gegenwärtigen entkräfteten Menschenalter.
 
                                  Drittes Buch
Der Herr von Blunderbuss lag im tiefsten Schlafe, als sie vor seiner Residenz
anlangten, schnarchte und träumte von den Spässen, die ihn des Nachts vorher bei
dem Weinglase belustigten. Die Hexe setzte indessen ihren Freund Kakerlak in
einem leeren Weinfasse ab, das auf dem Hofe stand, schläferte ihn ein und sann
auf Mittel, ihn zu einem noch ungenossnen Vergnügen geschickt zu machen.
    Was sie mit ihm im Sinne hat, lässt sich ohne das mindeste Nachdenken
erraten: Er soll den Wein austrinken, den der Herr von Blunderbuss in seinem
Keller liegen hat. Die grösste Schwierigkeit war nur, wie ihm seine Beschützerin
einen so grossen Durst beibringen sollte, als zu einem solchen Unternehmen
gehörte, da er zeitlebens in allen tierischen Bedürfnissen so mässig gewesen war,
wie es sich von einem Philosophen verlangen lässt, und da er selbst als König von
Butam diese Mässigkeit beibehalten hatte; denn ob er gleich die köstlichsten
Weine auf die Tafel setzen liess, so liebte er sie doch nur als eine Art von
Pracht, ohne jemals davon zu trinken.
    Das Vögelchen sass vor dem Schlafzimmer des Herrn von Blunderbuss, ernstaft
nachdenkend, und fand kein besseres Mittel zur Ausführung ihres Plans, als dass
sie die Seelen der beiden Leute vertauschte. Kakerlaks Seele und Körper, sagte
es sich, sind beide so mässig, dass sie in diesem Schloss Jahrhunderte wohnen
könnten, ohne sich das Vergnügen zunutze zu machen, das hier zu haben ist; aber
wenn ich dem mässigen Körper eine durstige Seele zur Aufsicht gebe, so muss er
wohl trinken, er mag wollen oder nicht.
    Dies tiefgedachte Urteil beweist, dass die Hexe stark in der Logik sein musste
und dass sie einen scharfen Blick in die Ökonomie des menschlichen Wesens getan
hatte. So schnell, als man denkt, hatten die beiden Seelen ihre Wohnhäuser
verwechselt, und damit der Blunderbussische Körper nicht etwa Händel anfinge,
wenn ihm seine neue Herrschaft nicht anstände, so musste er mit ihr im Weinfasse
sein Quartier nehmen; das Vögelchen begab sich hinweg, sobald die
Zauberoperation geschehn war.
    Noch nie sah man so deutlich, wie schlimm es in einem Hause hergeht, wenn
Herr und Diener nicht zusammenpassen, als da die Blunderbussische Seele und der
Kakerlakische Körper aus dem Bette aufstehn wollten. Sie war von den Dünsten des
gestrigen Rausches noch umnebelt; sie merkte wohl, dass im Gehirn um ihr her
alles anders war wie sonst, aber ans Nachdenken nicht sonderlich gewohnt, liess
sie sich nichts anfechten, sondern fing an, ihre Maschine in Bewegung zu setzen.
Welche Unordnung! Wenn sie ein Bein aufheben wollte, zog sie am Arme; anstatt
den Arm zu bewegen, zog sie am Munde; es ging ihr wie einem Puppenspieler, wenn
er die Faden verfehlt, womit er seine agierenden Personen regiert. Da sie
schlechterdings nicht mit ihm zurechtkommen konnte, ergriff sie die kürzeste
Partie und gab ihm einen Stoss, dass er zum Bette herausrollte. Der Bediente des
Herrn von Blunderbuss, der diese Art aufzustehn bei seinem Herrn gewohnt war,
argwohnte nichts Ausserordentliches, sondern kam auf das Geräusch des Falles sehr
gelassen herbeigeschritten, seinem Herrn auf die Beine und in einen Stuhl zu
verhelfen. Desto grösser war sein Erstaunen, da er den gefallnen Körper
aufrichtete und eine ganz andere Nase, andere Augen, Hände und Füsse und sogar
eine kleinere Statur an ihm erblickte, als sein Herr bisher hatte; er konnte mit
allem seinen Nachsinnen keine natürliche hinreichende Ursache zu einer solchen
Veränderung finden und vermutete daher sehr richtig, dass es nicht mit rechten
Dingen zuginge. Die Blunderbussische Seele wollte zu trinken fodern, aber die
Kakerlakische Zunge, die der teutschen Sprache nicht mächtig war, brachte nach
vielen Verzerrungen des Gesichts ein kauderwälsches Gemisch hervor, das halb aus
Teutsch und halb aus der Sprache von Butam zusammengesetzt war. Der Bediente,
der keine Silbe verstand, fragte voll Verlegenheit einmal über das andere, und
je mehr er fragte, desto mehr übereilte sich die Seele in ihrem Unwillen, desto
mehr grimassierte das Gesicht, desto verwirrter sprach die Zunge. »Mein Herr muss
besessen sein«, sagte der erschrockene Mensch und eilte mit allen Kräften, den
Pater herbeizuholen, der ihn exorzisieren sollte; die arme Seele musste indessen
schmachten und plagte die Maschine ganz jämmerlich, die unter ihrem Befehle
stand, wie ein schlechter Reuter ein stätiges Pferd, ohne sie vom Stuhle bewegen
zu können.
    Der Pater kam an und war gleichfalls über die Veränderung nicht wenig
erstaunt, da er den Tag vorher mit einem ganz andern Herrn von Blunderbuss
gegessen und getrunken hatte; um nicht zu übereilt zu verfahren, versammelte er
seine Brüderschaft aus dem ganzen Umkreise. Ihre Überlegung ging ohne allen
Streit und ohne alle Verschiedenheit der Meinungen vonstatten, denn der ganze
Synodus traf gleich die Wahrheit und entschied einmütig, dass es nicht mit
rechten Dingen zuginge und dass hier nichts als ein recht starker Exorzismus
helfen könnte. Sie fingen ihre Beschwörungen an, und je mehr sie dem vermeinten
Teufel zusetzten, desto erzürnter tobte die Blunderbussische Seele in ihrer
Wohnung herum. Die Beschwörer fuhren unablässig fort und winkten sich mit
freudigem Lächeln zu, dass sie nach ihrer Meinung dem bösen Feinde so viel Angst
machten; sie beschworen so lange, bis sie müde und hungrig wurden, und
beschlossen daher, sich zu Tische zu setzen und sich zum Kriege wider den Teufel
neue Kräfte zu sammeln.
    Der vermeinte Besessene wurde wie rasend, als man ihn in seinem eigenen
Hause vom Tische ausschloss und einer Diät unterwarf, die ihm nicht wohl behagte;
die Paters assen und tranken mit gutem Appetit zur Ehre des Sieges, den sie bald
über den Satan zu erlangen hofften.
    Die Hexe Schabernack, die auf jeden Schritt ihrer verwiesenen Schwester
genau achtgab, machte indessen Gegenanstalten. Sie schloss so: Der Körper eines
mässigen Philosophen und die Seele eines Trunkenbolds sind zwei Dinge, aus deren
Zusammensetzung der vollkommenste Mensch entstehen kann; der Körper hält die
Seele zurück, wenn sie mit ihren Begierden die Grenzen überschreiten will, und
die Seele treibt den Körper an, wenn er in der Mässigkeit zu weit geht. Ein
solcher Mensch wird sich also beständig im glücklichsten Gleichgewichte
befinden, nie zu viel und nie zu wenig begehren und folglich von keinem
Vergnügen so viel kosten, dass er Überladung, Sättigung und Überdruss befürchten
darf.
    Sie bewunderte die grosse Menschenkenntnis, die ihre Schwester auf ein so
sinnreiches Mittel gebracht hatte, wodurch sie ihre Erlösung unfehlbar bewirken
könnte; sie stahl daher die Prinzessin Friss-mich-nicht und ihren Bruder aus dem
Bette und kam mit ihnen eben an, als die Teufelsbeschwörer bei Tische sassen.
Augenblicklich verwandelte die tückische Hexe die Prinzessin in ein grosses
Deckelglas, mit schönen Figuren und sinnreichen Versen geziert.
    Die Geisterbeschwörer wurden durch den Wein so munter, dass sie endlich gar
eine Gesundheit wider den bösen Feind ausbrachten; sie suchten das grösste
Deckelglas aus, das im Hause zu finden war, und ihre Wahl musste vor allen das
bezauberte treffen, weil es sich selbst durch seine Grösse empfahl. Es wurde mit
vieler Freude angefüllt, und der Oberste in der Gesellschaft setzte es an den
Mund. »Au!« schrie er, wollte das Deckelglas auf den Tisch stellen und konnte
nicht, denn die Prinzessin Friss-mich-nicht biss ihn so heftig in die Lippen, dass
sie sich nicht losmachen liessen. »Au, au, au«, rief der gebissne Pater
unaufhörlich und rennte in der Stube herum, das Deckelglas an den Lippen. Um
ihren Mitbruder aus des Teufels Gewalt zu befreien, fingen sie mit lauter Stimme
an, das Deckelglas zu exorzisieren, und um sie desto mehr zu plagen, liess die
Prinzessin nach. Sobald es von den Lippen war, wurde es auf den Tisch gestellt,
von neuem angefüllt, exorzisiert; aber es blieb dabei: Wer es an den Mund
setzte, wurde gebissen und schrie »Au«.
    Da sich dieser böse Geist durchaus nicht zum Gehorsam bringen lassen wollte,
so wählte man das kleinste Glas auf dem Schenktische, weil ein so enges
Behältnis nur einen kleinen Satan entalten könnte. Schön getroffen! Als sie
danach griffen, steckte die Hexe Schabernack den Prinzen Lamdaminiro hinein.
Kaum war es gefüllt und kaum hatte es der erste den Lippen genähert, so sprang
ihm das Glas auf den Rücken; der Prinz bildete sich ein, auf einem Pferde zu
sitzen, gab dem schreienden Pater die Sporen und trabte auf ihm im Zimmer herum,
setzte über Stühle und Tische und ruhte nicht eher, als bis sein vermeinter Gaul
atemlos und entkräftet zur Erde sank. Die übrigen, die für eine solche Reuterei
dankten, wollten der Ehre entfliehn und stürzten sich mit schrecklichem Getöse
zur Türe hinaus.
Hier schwenkt, dass Glas und Teller zerbricht,
Sich über den Tisch ein flüchtiger Pater;
Dort kriecht ein schwerbeleibter Herr Konfrater
Mit Ächzen unterm Tisch dahin; ein andrer ficht
Mit Händen und Füssen, sich Raum zur Flucht zu verschaffen;
Hier dieser schützt sich mit geistlichen Waffen,
Dort jener ergreift in der Angst den Braten zum Schild.
Man drängt sich, man stösst sich, man bittet, man schilt;
Hier betet man »Jesus Maria«, dort schreit man »Au wehe«,
Der eine beklagt die Schulter, der andre die Zehe;
Man winselt, man weint, man blökt, man schwitzt;
Denn jeder glaubt, dass der Satan mit blutigen Sporen ihn rjetzt.
Sie entkamen diesem Abenteuer, um einem andern zu begegnen. Kakerlaks Seele und
der Blunderbussische Körper waren indessen im Weinfasse aufgewacht. Sosehr sich
die Seele über das sonderbare enge Wohnhaus verwunderte, so verwunderte sie sich
doch noch mehr über die Veränderung zunächst um sich herum. Sie bekam von ihrem
neuen Gefährten ganz andere Empfindungen als sonst; solange sie in einem
sichtbaren Körper wohnte, war aus ihm kein so brennender Durst zu ihr
aufgestiegen wie jetzt; alle Triebe, die durch die sterbliche Maschine in ihr
erregt wurden, waren Triebe der Unmässigkeit, alle Gefühle widersprachen ihren
Grundsätzen und Begriffen. Wollte sie nicht vom Drange ihrer Empfindungen
überwältigt sein, so musste sie sich beizeiten in Autorität setzen, und sie hielt
daher dem durstigen Körper eine sehr nachdrückliche Ermahnungsrede. »Liebes
Körperchen«, sagte sie ihm, »du wirst ein wenig zudringlich; du willst mich mit
aller Gewalt zwingen, wider meine Grundsätze und Einsichten zu handeln und mich
durch tierische Vergnügungen zu entehren. Ich sage dir ernstlich, dahin bringst
du's nicht bei mir; gib dir weiter keine Mühe. Ich habe deine Schwachheiten
bisher geduldet wie die Fehler eines Freunds; du bist eine Masse von Luft, Erde,
Feuer und Wasser, weiter nichts; du bist mir als mein Diener zugegeben, als mein
Sklave, der mir auf den Wink gehorchen und nicht den Herrn über mich spielen
soll; weisst du das wohl? Wenn du deine Unverschämteit zu weit treibst, so zieh
ich von dir aus; ich habe so lange ohne dich gelebt, als ich seit Jahrtausenden
in der Luft herumschwebte und die Zeit erwartete, wo ich eine solche
Fleischmasse wie dich beleben sollte; ich kann dich wohl entbehren, aber was
willst du ohne mich anfangen? Verlass ich dich, so fällst du zusammen und musst
dich begraben lassen. Ich rate dir also wohlmeinend, sei mässig! Fodre nicht
mehr, als zu deiner Erhaltung nötig ist; die Natur bedarf wenig, und es ist eine
Übertretung ihres ersten Gesetzes, wenn man ihr mehr aufdringt, als sie
braucht.«
    In diesem Tone predigte sie lange und sehr gründlich über das Laster der
Unmässigkeit, handelte im ersten Teile von seinen schädlichen Folgen, im zweiten
von den Mitteln, ihr zu widerstehn, und war eben bei der Nutzanwendung, als die
fliehenden Paters im Hofe anlangten. Da der Strafeifer sie bei ihrer Predigt
sehr übernahm, so blieb es nicht bei einem innern Herzensgespräche zwischen
einer Seele und ihrem Körper, sondern sie zwang ihn, sich die Lektion
vernehmlich und laut selbst zu halten.
    »Was?« riefen die Flüchtlinge voll Schrecken, als die Ermahnung aus dem
Spundloche in ihre Ohren schallte, »nun predigen uns gar die Weinfässer die
Mässigkeit? Das ist ein rechter Satansstreich. Noch ist es gut, dass er seine
Kanzel in einem leeren aufgeschlagen hat; Brüder, lasst uns beizeiten
zuvorkommen, eh er auch in die vollen fährt.« Der Rat war so gut ausgedacht, dass
ihm alle ohne Anstand folgten; sie eilten in den Keller, exorzisierten und
tranken so lange, bis keine Zunge mehr exorzisieren konnte.
    Das Zimmer war also leer, wo die Blunderbussische Seele in ihrem
philosophischen Körper schmachtete, und alles so still, dass es ohne
Selbstgespräch nicht abgehn konnte; die durstige Monade war zwar sonst an
Selbstbetrachtungen nicht gewöhnt, aber das Ausserordentliche ihres gegenwärtigen
Zustandes nötigte sie wider ihren Willen dazu. Jeder Ton, jede Farbe, jeder
Gegenstand kam ihr anders vor als sonst, weil sie durch ein Paar andre Augen sah
und durch ein Paar andre Ohren hörte; die bekanntesten Dinge schienen ihr fremd,
und es kostete ihr sogar Mühe, ihr ehmaliges Leibglas unter den übrigen
wiederzuerkennen; der Weingeruch, der sie sonst so labte, kam ihr widrig und der
Weingeschmack ekelhaft vor. Sie härmte sich über die Abnahme ihres Vergnügens
und ward von der Traurigkeit so sehr überwältigt, dass dem Körper die Tränen in
die Augen traten; vor Verdruss wünschte sie, sich von einem Leibe zu trennen, der
ihr nur matte Empfindungen zuschickte und ihre liebsten Vergnügungen in
Bitterkeit verwandelte.
    Während dass sie sich so ängstigte und den Tod um Hülfe flehte, kam die Seele
im Weinfasse mit ihrer Predigt über die Mässigkeit zu Ende, und weil sie damit
bei dem unmässigen Körper hinlänglichen Gehorsam bewirkt zu haben vermeinte, um
sich ohne Schaden mit ihm unter die Menschen zu wagen, so machte sie Anstalt,
aus dem Fasse herauszukommen; sie gab dem Körper einen Stoss, der Körper gab ihn
der Tonne, und die Tonne fiel auf die natürlichste Weise von der Welt um, rollte
auf den Steinen hin, eine steinerne Treppe hinunter, die Reifen sprangen ab, das
Fass fiel auseinander, und die eingesperrte Seele kam nebst ihrem Körper auf die
natürlichste Weise von der Welt aus dem Fasse.
    Ebenso natürlich ging es zu, dass der Körper, ohne die Seele weiter darum zu
fragen, seinen Weg gerade nach der Stube nahm, wo er so oft gezecht hatte: Es
geschah aus Instinkt. Wenn sich doch das Erstaunen mit Worten beschreiben liess,
das die beiden Seelen überfiel, als jede ihren bisherigen treuen Gefährten
erblickte, ohne mit ihm in der vorigen Verbindung zu stehen! Sie wussten sich's
nicht anders zu erklären, als dass es nicht mit rechten Dingen zuginge, und um
hinter das Geheimnis zu kommen, liessen sie sich in ein Gespräch ein.
    »Welcher Sappermenter hat mir meinen lieben Körper genommen«, fing die
Blunderbussische Seele an, »und mich in eine solche verdammte Maschine gesteckt,
der Geschmack, Geruch und alle andre Sinne fehlen?«
    »O hättest du ihn noch, diesen lieben Körper!« antwortete die andere, »er
wird mich noch um alle meine Philosophie bringen.«
    »Welches Hundeleben, wenn der Körper nichts taugt!« klagte die erste.
    »Welche Qual, wenn der Körper beständig den Herrn spielen will!« jammerte
die andere.
    »Schaff mir einen Dolch oder eine Pistole!« rief die durstige Seele. »Ich
will die verwünschte Maschine ins Herz stossen, damit ich von ihr loskomme; was
soll ich in so einem baufälligen Leimenhaufen sitzen, dem weder Essen noch
Trinken schmeckt?«
    »Hätt ich einen Dolch, so würd ich ihn gewiss zu meiner eigenen Errettung
anwenden«, unterbrach ihn die philosophische Seele. »Ich werde durch eine solche
Wohnung erniedrigt. Ach, wenn ich mich von den Fesseln der Materie losmachen und
frei, von der Sinnlichkeit gereinigt, in meinen vorigen Zustand zurückkehren
könnte!«
    »Gütiger Tod, erlöse mich!« riefen beide, aber aus entgegengesetzten
Bewegungsgründen. Ihre Klagen waren so herzbrechend, dass sogar die Hexe
Schabernack Tränen darüber vergoss; aber man will behaupten, dass sie die Tränen
mehr aus Ärger als aus Mitleid vergoss. Sie besorgte, dass die beiden
verzweiflungsvollen Seelen Ernst machen und sich wirklich entleiben würden,
alsdann hätte sie keine Bosheit mehr an ihnen ausüben können, wozu sie einen
starken Hang besass.
    Eine Hexe kann die Wirkungen der andern nicht aufheben, und sie suchte daher
ihre Schwester Tausendschön mit verstelltem Mitleid zu bewegen, dass sie Unglück
verhüten und jede Seele wieder an Ort und Stelle zurückbringen sollte. Das gute
Herz liess sich durch die Listige einnehmen und eilte voll Schrecken herbei, die
Bezauberung zu endigen; sie versetzte die beiden Körper in einen tiefen Schlaf,
damit die Operation desto ungehinderter vor sich gehen konnte, und unterdessen
brachte sie jede Seele wieder in ihr voriges Wohnhaus.
    Hexe Schabernack lachte dreimal laut in der Luft, als ihre List so gut
gelungen war, und spottete der guterzigen Schwester, dass sie sich hatte
betrügen lassen; sie konnte vor Begierde die Zeit nicht erwarten, wo die
Schlafenden von selbst erwacht wären, sondern jagte in des Herrn von Blunderbuss'
Nase eine Fliege, die ihn so empfindlich kitzelte, dass er unaufhörlich im
schönsten Trompetenklange nieste.
    So stark das Geräusch war und so sehr Blunderbuss es durch sein ungeduldiges
Fluchen über das ewige Niesen noch vermehrte, so weckte es doch den
schnarchenden Kakerlak nicht, und die Hexe sah sich genötigt, stärkere Mittel zu
gebrauchen, um seinen tiefen Zauberschlaf zu vertreiben. Sie führte eine Wespe
durch die Öffnung einer Fensterscheibe herein, die von den Patern in ihrer
übereilten Flucht zerbrochen wurde; das summende Tier grub ihm seinen Stachel in
die Schläfe; er fuhr auf, schlug es tot und schlief wieder ein, obgleich das
Blut aus der Wunde quoll. Da an diesem philosophischen Körper mit keinem Sinne
etwas auszurichten war, so näherte sich die Hexe seinem linken Ohre und rief mit
schmeichelnder Stimme hinein: »Grösster aller Philosophen, grosser Kakerlak, steh
auf!« Sogleich öffneten sich seine Augenlider; er sprang auf und wollte mit
lächelnder zufriedner Miene sich für einen so süssen Titel bedanken; aber zu
seiner Verwunderung erblickte er kein menschliches Wesen um sich als den dicken
aufgeschwellten Blunderbuss, der viel zu materiell aussah, als dass eine solche
Schmeichelei von ihm herrühren konnte; er vermutete also, dass es nur ein Traum
gewesen wäre.
    Beide Teile befanden sich noch einmal so wohl, da der eine wieder ganz Herr
von Blunderbuss und der andere wieder ganz Herr Kakerlak war. Es ist, wie schon
jemand gesagt hat, mit Leib und Seele wie mit Futter und Oberzeug an einem
Kleide: Beides muss nach einem Masse und nach einem Muster zugeschnitten sein,
sonst passen sie nicht zusammen. Blunderbuss stellte vor allen Dingen eine
Untersuchung im Keller an, ob die Bezauberung sich etwa auch auf seinen Wein
erstreckt hätte, zählte seine Fässer zweimal, dreimal durch und glaubte, das
Zählen verlernt zu haben, da er seinen Vorrat zweimal so gross fand als vor der
Bezauberung; alle Paters, die sich über dem Exorzisieren im heiligen Eifer zu
Boden tranken, hatte die schadenfrohe Schabernack in Weinfässer verwandelt und
eines jeden Kopf so ähnlich, als wenn er lebte, in seinen Zapfen en haut relief
geschnitten. Blunderbuss geriet ausser sich vor Entzücken und liess sogleich den
Bruder Hieronymus anzapfen, um seinen Gast zu bewirten.
    Es wurde aufgetragen; der Wirt fand den Wein überaus köstlich und konnte
sich nicht sättigen. Kein Wunder! denn die Hexe hatte ihm die Prinzessin
Friss-mich-nicht ins Glas gespielt, die bei jedem Zuge die äusserst reizbaren
Organe des Trinkers mit ihren kleinen Fingern so lieblich streichelte, dass er
vor Vergnügen selbst nicht wusste, wie ihm geschah. Er nötigte seinen Gast bei
jedem Glase, einem so guten Beispiele zu folgen, allein Kakerlak, der ganz
wieder zum Philosophen geworden war, seitdem er die königliche Würde verloren
hatte, wehrte das Glas weit von sich ab und war schon im Begriffe, einen
sinnlichen Menschen zu verlassen, durch dessen Gesellschaft er sich zu entehren
glaubte, doch die Hexe Schabernack wusste ein unfehlbares Mittel, ihn
zurückzuhalten. Indem ihm der Herr von Blunderbuss mit gewaltsamen Zunötigungen
ein volles Glas an den Mund hielt, spielte sie mit ihrer fertigen
Taschenspielerkunst den Prinzen Lamdaminiro hinein, der dem Philosophen leise
zuflisterte: »Weisester unter allen Weisen, grosser Kakerlak, trink mich aus!
Erhabenster unter allen Sterblichen, würdige mich, dass ich von dir getrunken
werde! Mich bestimmte das Schicksal dem grössten Philosophen der Erde. Trink mich
aus, grosser Kakerlak!«
    Wie geschmeidig gab seine Philosophie nach! Er schluckte begierig das Glas
hinunter, das dem grössten Sterblichen bestimmt war, und foderte ein zweites, um
die schmeichelnde Auffoderung zum Trinken noch einmal zu hören; er hörte sie und
schenkte sich ein, um sie wieder zu hören; er trank fast noch unersättlicher als
sein Wirt und berauschte sich in Schmeichelei und Wein so sehr, dass er Sinn und
Sprache verlor.
    Die Hexe wusste nach ihrer feinen Menschenkenntnis sehr wohl, dass eine solche
Überladung den Überdruss am schnellsten herbeiführen musste, und darum hatte sie
ihn so listig zur Unmässigkeit zu bringen gesucht. Wie sie wollte, so geschah es:
Als der Weiseste unter den Weisen von dem Schlaf erwachte, worein ihn die
Trunkenheit versetzte, fühlte er sich so matt, so zerschlagen! Seine Philosophie
war so schwach wie sein Kopf, der nicht einmal Gedanken genug zusammenbringen
konnte, um sich an die Lobsprüche zu erinnern, die ihm des Tags vorher aus dem
Weinglase entgegentönten. Kraftlos schleppte sich der grosse Kakerlak in einen
Stuhl, seufzte und klagte in lauten Jammertönen über die Erniedrigung seines
denkenden Wesens, über die Schande, dass sich seine geistige Substanz so von den
Sinnen hintergehn und so mildtätig berauschen liess. »Wie bin ich gesunken!« rief
er. »Nimmermehr werd ich wieder der weise Kak ...«
    Husch! war das Vögelchen da und flog mit ihm davon.
    Hexe Schabernack war nicht fauler als ihre Schwester. Husch! gab sie dem
betrunkenen Blunderbuss eine Ohrfeige, packte Prinzessin und Prinzen auf und
jagte mit ihnen so geschwind, als eine Hexe durch die Lüfte fahren kann, den
beiden Abgereisten nach. Die Ohrfeige, die der Betrunkene zum Abschied empfing,
hatte eine eigne Kraft: Sie verwandelte ihn in ein grosses Passglas, woran sein
Wappen und Porträt geschnitten war und seine Ohren die Henkel ausmachten; es
wird noch jetzt als ein Familienstück aufbewahrt und hat grossen heraldischen
Nutzen.
 
                                  Viertes Buch
Für Hexen ist ein Trab von Teutschland nach Konstantinopel so wenig als für ein
paar Beine, die keiner Hexe gehören, der Weg aus der Stube in die Schlafkammer;
sie hatten kaum dreimal nach der Ausfahrt Atem geschöpft, so lag schon Kakerlak
in einem Spargelbeet im Garten des Serails zu Konstantinopel.
    Der Grosssultan ging eben mit tiefem Nachdenken im mittelsten Gange spazieren
und überlegte, bei welcher Gemahlin er die künftige Nacht schlafen wollte; da er
ein sehr spekulativer Herr war und zur Auflösung des vorhabenden Problems alle
seine Gedanken versammelt hatte, so merkte er nicht einmal, dass ihm Hexe
Tausendschön das Kleid vom Leibe, den Turban vom Kopfe und die Stiefeln von den
Füssen wegblies und ihm dafür Kakerlaks Kleidung anzauberte. Itzt hatte er
glücklich seine Beratschlagung geendigt, einen Entschluss gefasst und wollte
seinem Maître des plaisirs die nötigen Befehle erteilen: Ach, du armer
Grosssultan! Wie schlimm wurde dir zumute, als du dich in einem andern Kleide
erblicktest! In dem Kleide eines Ungläubigen! Da du nur in einem einzigen
Artikel, den die Hexe aus Schamhaftigkeit ungekränkt liess, ein Muselmann warst!
    Er sagte sich zwar gleich, dass es nicht mit rechten Dingen zuginge, allein
die Hexerei war ihm eben zu so höchst ungelegner Zeit geschehn, dass er alles
daran wagte, um in den Palast zu dringen: Es half ihm nichts, dem armen
Grosssultan. Die Wache liess ihn zurück und führte ihn gar ins Gefängnis, dass er
sich unterstanden hatte, in den geheiligten Garten des Serails zu kommen; er
beteuerte und schwor bei dem Barte des grossen Propheten, dass er der Herr des
Palasts wäre: Es half ihm nichts, dem armen Grosssultan; es erkannte ihn niemand
dafür, weil ihm des Grosssultans Kleid fehlte. Kakerlak, dem seine Beschützerin
des Sultans Kleid angezogen hatte, kam vom Spargelbeete majestätisch
dahergeschritten und wurde um seines Kleides willen mit der tiefsten Ehrfurcht
eingelassen. Er ging auf den Wink seiner Beschützerin die Treppe hinan, die hohe
Flügeltüre des Zimmers öffnete sich.
Nachlässig warf er sich auf einen Sofa hin,
Elastisch nahm in eine tiefe Höhle
Der seidne Sitz ihn auf. Mit Augen voller Seele,
In Gang und Miene Reiz, tritt eine Sängerin,
Mit vorteilhafter Kunst in leichten Flor gehüllt,
Durch den ein Busen schielt, mit Reichtum überfüllt,
Wie eine Grazie daher.
Mit Absicht und doch stets als durch ein Ungefähr
Lässt ihm Gebärd und Schritt verborgne Reiz' entdecken,
Um einen Wunsch zum Trotz der Weisheit zu erwecken,
Bei dem auch Catos Wangen glühn;
Bescheiden gnug, um anzuziehn,
Und frei genug, nicht abzuschrecken,
Erwartungsvoll, dass man sie zwingt zu fliehn,
Um dann, erhascht nach langem Sträuben,
Mit Widerwillen gern gezwungen dazubleiben.
Der neue Sultan rieb sich die Stirne, seufzte und winkte; sie nahm seinen Wink
für einen Befehl an und sang. Ihre sultanische Hoheit hatten nur Augen, aber
keine Ohren! Er konnte seinen Blick an der niedlichen Figur nicht sättigen.
Das Vaterland der Schönen war Kaschmir,
Von der Natur gewählt zum Sitz der Liebe.
Von schweren Wolken niemals trübe,
Mit ew'gem Grün geschmückt, deckt ein Gebirge hier
Aufs wollustreiche Land den langgedehnten Schatten,
Dass nicht der Sonne Strahl der Schönheit Blüte sengt,
Die Lebensgeister nie in schwüler Glut ermatten
Und träge Düsterheit auf keiner Stirne hängt;
Dort atmet stets vom nahen Meergestade
Ein kühlend Lüftchen her, belebt des Jünglings Mut,
Giesst in des Mädchens feurig Blut
Die milde Zärtlichkeit, weht von des Lebens Pfade
Die Sorgen weg und macht
Den feingewebten Sinn den Freuden immer offen.
Wo die Natur so freundlich lacht,
Da lässt sich mit Gewissheit hoffen,
Dass sie nur Grazien, nur Götterbilder schafft;
Doch hier hat ihre Schöpferkraft
Durch Niedlichkeit sich selber übertroffen.
Zwei Arme, kugelrund, vom feinsten Wachs bossiert,
Mit einer Haut so zart wie Eierweiss glasiert;
Zwei Augen, die so viel, was man nicht sagt, verlangen,
Zwei rote hochgewölbte Wangen,
Die jedem Mund befehlen: »Küsse mich!«
Zwei Lippen ... Doch was quäl ich mich, sie zu beschreiben?
So viel ist nun schon klar, es fehlte nichts, um sich
Mit blossem Sehn die Zeit vortrefflich zu vertreiben.
Auch setzte Herr Kakerlak seine Philosophie ganz beiseite und wurde so sehr
Sultan, dass er aufstand, um die niedliche Sängerin bei der Hand zu fassen, als
eine neue Schönheit hereintrat.
Aus China brachte sie ein schlauer Handelsmann,
Der tausend nur Prozent an ihr gewann,
Ins kaiserliche Lustgehege,
Doch bloss als eine Seltenheit,
Wie mancher von den reichen Erdensöhnen,
Die keine Sultan' sind, mit porzellänen Schönen
Aus China und Japan und solcher Kostbarkeit
Kamin und Tische schmückt; es ist nicht zum Gefallen,
Zum Nutzen noch zur Lust, nur einzig - zum Besehn.
Das Wundertier blieb an der Türe stehn
Und liess nicht einen Blick auf unsern Sultan fallen.
Ein lebend Ebenbild der strengsten Sittsamkeit,
Die Augen stets gesenkt, die Hände, Busen, Nacken
In seidnen Stoff versteckt und immer auf den Backen
Das sanfte Rot verschämter Schüchternheit,
So stand sie leblos da, wie Albrecht Dürers8 Damen,
Mit klösterlicher Blödigkeit.
Der Sultan sah erstaunt die ausgerissnen Augenbramen,
Die bleiche Totenfarb im ernsten Angesicht.
Er fragte sie und wusste nicht,
Wie ihm geschah, denn ihrer Antwort Töne
Erschallten durch zwei Reihn pechschwarz gefärbter Zähne.
Er drehte sie herum und fand
Ein neues Wunderwerk: Ein Schritt entdeckte,
Was ihm bisher das lange Kleid versteckte -
Ein Füsschen, klein wie eine Kinderhand.
»Bei Mahomet«, begann der Sultan laut zu fluchen,
»Hier mag ich nicht nach Wundern weiter suchen;
Es könnte mich vielleicht gereun.«
»Du bist kein Hausrat in ein Serail; geh!« - und mit diesen Worten wies der
erzürnte Sultan der ehrbaren Chineserin mit den pechschwarzen Zähnen und den
kleinen Füsschen die Türe. Er wollte sich eben zur Kaschmirin hinwenden:
Schnell flog im wilden Tanz der Wollust und der Freude
Zirkassiens schönstes Mädchen herein.
Die vollen Brüste schwollen beide
Durchs weichende Gewand, das, leicht geschürzt, allein
Die Hüften deckt' und alles unverhüllet
Dem Auge liess, was unterm Feigenblatt
Die Mutter Eva nicht verbarg. Ihr Lied erfüllet
Des Sultans Herz, das nie so hoch geschlagen hat,
Mit einem süssen Weh, den Kopf mit süssem Schwindel.
Dergleichen überaus angenehmer Fall kam unserm Herrn Sultan nicht vor, solang er
auf der Welt war, um soviel weniger darf man es ihm verdenken, wenn er ihn etwas
angriff. Die Göttin der Wollust schien den schönsten Körper zu ihrer Wohnung
gewählt zu haben, um in eigener Person die Standhaftigkeit des armen Kakerlaks
zu bestürmen. Das verzweifelte Sultanskleid musste schuld daran sein, denn sie
hatte kaum zwei Minuten getanzt und gesungen, so griff er schon nach dem
Schnupftuche, und zu Anfange der dritten lag er schon in ihren Armen, so gross
war seine Not.
    Nun wird ein schönes Leben angehn, lieber Leser; da wir beide auf Ehrbarkeit
halten, so kann ich unmöglich etwas erzählen, das du lieber denkst als liest. So
viel kann man aber doch ohne Schamröte sagen, dass der Hexe Schabernack bei der
Sache angst wurde: Sie verzweifelte selbst, dass sie dem Herrn Kakerlak diese
Schüssel jemals verekeln könnte. Weiber sollen nie erfinderischer sein, als wenn
sie einen Fehler begangen haben; ist auch dieser Grundsatz nicht richtig, so
handelte doch die Hexe so, als wenn er's wäre. Sie sah ein, dass sie dem Übel
hätte zuvorkommen und statt der Zirkasserin nur die verlegendsten Schönheiten
des Serails zum Sultan führen sollen; um also die Befreiung ihrer Schwester, des
Fehlers ungeachtet, zu hindern, steckte sie die Prinzessin Friss-mich-nicht unter
sein Kopfküssen. Kaum näherte er sich dem Vergnügen, so erhob der Unhold unter
dem Kopfküssen ein Zetergeschrei, als wenn das grösste Unglück von der Welt
geschähe, der Sultan hörte nicht. In der nächsten Nacht gesellte sich die Hexe
selbst dazu, und alle drei brüllten so grässlich, wie bei Menschengedenken in der
Welt nicht gebrüllt wurde, der Sultan hörte nicht.
    Die Hexe war des Spasses desto überdrüssiger, je weniger der Sultan es werden
wollte. Zum Glücke hatte sie in ihren jüngern Jahren einmal gelesen, dass man am
leichtesten satt wird, wenn man sich überisst, und liess wegen dieser
scharfsinnigen Bemerkung der Natur freie Wirkung, und was geschah? Der Herr
Sultan überass sich und wurde so satt, dass ich es nicht erzählen kann.
    »Warte!« rief Hexe Tausendschön und erzürnte sich zum ersten Male in ihrem
Leben, weil sie sich einbildete, dass ihm ihre tückische Schwester den Überdruss
beigebracht hätte. »Warte! Der Sultan soll mich doch, dir zum Trotze, erlösen;
auf dies Vergnügen setzte ich meine ganze Hoffnung; ich dachte, dass es ihm nun
der Tod unschmackhaft machen sollte, und doch hast du mir meine Hoffnung
vereitelt! Warte, du schadenfrohe Schwester! Was die Wollust bei einem
Philosophen nicht vermag, wird die Liebe tun.«
    Sogleich führte sie die reizende Kaschmirin zum Sultan, der matt und
vedriesslich auf der Ottomane lag, halb schlummerte und halb wachte und von den
genossnen Freuden nicht einmal gern träumte. Er blinzte das Mädchen an, als sie
vor ihm hintrat, wie eine Sache, wobei man denkt, wenn es nur etwas anders wäre!
Gleichwohl sah er nicht weg; sie wurde ihm gar im kurzen so interessant, dass er
nicht mehr blinzte, sondern die Augen so weit aufmachte, als es sich
natürlicherweise tun liess. Je weniger sie buhlte, je weniger sie ihm ihre Liebe
anbot, desto begieriger verlangte er nach ihr; die Leidenschaft frass so schnell
um sich in seinem Herze, dass er schmachtete. Ganz natürlich ging es mit dieser
Geschwindigkeit nicht zu, sonst wäre sie unwahrscheinlich; die Hexe hatte die
Hand im Spiele.
    Nun tat unser Herr Sultan den ganzen Tag nichts als girren, seufzen und
ächzen; er verschrieb mehr Papier zu Sonetten, Oden und Liedern als seine
Justizräte zu Akten. Sieben Nächte tat er kein Auge zu, und erst in der achten
glückte ihm ein halbstündiger Schlummer; er sprach in lauter Ausrufungen und
sagte in einer halben Viertelstunde mehr »Ach! Oh! Ah!« als andere Leute in
ihrem ganzen Leben. Solche heftige Gemütsbewegungen sind kein Spass: Man kann
daran sterben, wenn die Sache lange währt. Auch nahm sein Bauch täglich ab, und
die innerliche Liebesglut zehrte ihn so gewaltig aus, dass er der magerste Sultan
wurde, der jemals auf dem ottomanischen Trone sass.
    Die Hexe Schabernack hoffte zwar, dass er es mit seiner Empfindsamkeit nicht
immer so treiben könnte, aber es war ihr schon zuwider, dass ihre Schwester sich
nur mit der Einbildung, durch ihn befreit zu werden, vergnügen sollte.
Prinzessin Friss-mich-nicht, ihre gewöhnliche Unglücksstifterin, erhielt von ihr
eine männliche Stimme, die eine gute Quinte tiefer stand als die bisherige, ob
sie gleich an sich nicht die sanfteste war und sich dem Brüllen ein wenig
näherte; sie musste sich in den einen Winkel des Zimmers stellen, ihr Bruder in
den andern - versteht sich, beide unsichtbar, wie es bei Hexengeschichten
gebräuchlich ist. Der Sultan lag auf dem Sofa, vor Liebe krank; die reizende
Kaschmirin stand vor ihm, und mit hochklopfendem Herze, schmachtender Miene,
abgebrochnen Seufzern und tiefgerührtem Schmerze sah er unverwandt in die
schönen blauen Augen, die ihn so tödlich verwundet hatten; dabei schoss seine
bekümmerte Seele mitten durch die Betrübnis so brennende Liebesstrahlen um sich
herum, dass der Göttin seines Herzens die Augen übergingen, als wenn sie in die
Sonne sähe.
    »Anbetenswürdige Schönheit«, fing die Prinzessin mit der Mannsstimme in
ihrem Winkel an. »Himmlische Tochter der Liebe! Lange hat dein Knecht im stillen
nach dir geschmachtet, lange den Sternen, Tälern und Bergen sein Leid geklagt.
Länger kann ich meine Neigung in der Brust nicht verschliessen, wenn sie nicht
bersten soll: Schönster Engel des Paradieses - ich liebe dich.«
    So patetisch sie dies sprach, so sanft und schmelzend hub der Prinz
Lamdaminiro in seinem Winkel an:
Schönstes Blümchen auf der Weide!
Mein Entzücken, meine Freude!
Richt auf mich die Äuglein beide;
Siehe, was ich Armer leide;
Eh ich tot von hinnen scheide,
Rette, Täubchen, rette mich!
Schönstes Blümchen auf der Weide,
Himmelskind, ich liebe dich.
»Bei dem Barte des grossen Propheten«, rief der Sultan und sprang wütend auf.
»Wer sind die Bösewichter, die mir unter der Nase dem geliebten Gegenstande
meines Herzens ihre Liebeserklärungen tun? - Verschnittene! He! gleich
stranguliert mir die Schurken!«
    Es lässt sich übel strangulieren, wenn die Leute unsichtbar sind; die
Verschnittenen suchten in allen Zimmern die Hälse, die von ihnen stranguliert
werden sollten, und statteten den untertänigsten Bericht ab, dass nirgends etwas
zu finden wäre, das man strangulieren könnte, und dass Seiner sultanischen
Hoheit, mit Respekt zu sagen, die Ohren geklungen haben müssten.
    Kaum waren sie aus dem Zimmer, so fing die Prinzessin wieder an: »Erhabne
Tochter des Himmels, mein Herz ist ein Feuerofen, meine Seele ein Volkan; lösche
mit deinen paradiesischen Blicken die Flammen, die mich verzehren. Der brennende
Schlund meines Herzens wirft Seufzer und Klagen aus; die Klagen strömen aus
meinem Munde wie eine Lava. Holdeste Huri des Paradieses, ich liebe dich.«
    Der Prinz nahm das Wort:
Schönstes Schäfchen auf der Aue!
Süsses Herzenslämmchen, schaue,
Wie bewegt von Tränentaue
Ich hier schmachte kümmerlich!
Schönstes Schäfchen auf der Aue.
Herzenslämmchen, liebe mich!
Der Sultan kannte sich nicht vor Zorn und liess augenblicklich Grosswesir und
Mufti holen; sie kamen, und er befahl, im ganzen Serail alle Mannspersonen zu
spiessen, die verliebt aussähen. Sie gingen beide und sahen allen Mannspersonen
scharf in die Augen, brachten aber die Nachricht zurück, dass kein einziger im
Serail verliebt aussähe, denn es wären lauter Verschnittene. Es liesse sich daher
nach reiflicher Überlegung nichts anders mutmassen, als dass es nicht mit rechten
Dingen zuginge oder dass Seiner sultanischen Hoheit, mit Respekt zu melden, die
Ohren geklungen haben müssten.
    Sie waren noch nicht aus dem Palaste, so gingen die herzbrechenden
Liebesklagen von neuem an; wie jedes vorhin allein jammerte, so machten sie jetzt
ein Duett zusammen, so rührend, dass die Fensterscheiben hätten schmelzen mögen.
Der Sultan ergriff einen Dolch, mit Diamanten besetzt, und raste im Zimmer
herum, stach in alle Winkel, fluchte und tobte so fürchterlich, dass die reizende
Kaschmirin, die von dem verliebten Winseln nichts hörte, ihm mit Tränen zu Fusse
fiel und flehentlich bat, er möchte doch ja nicht verrückt werden. Lief er nach
dem Prinzen hin, um ihn zu ermorden, so klatschte die Prinzessin hinter seinem
Rücken mit dem Munde, als wenn sie die schöne Kaschmirin küsste; wandte er sich
mit dem Dolche nach der Prinzessin, so tat der Prinz das nämliche; wohin er sich
nur kehrte, hörte er hinter sich küssen und mit Entzücken rufen: »Ach, schönster
Engel des Paradieses, wie labt mich dein Kuss! - Ach, du schönstes Lämmchen auf
der Weide, wie labt mich dein Kuss!«
    Der schönen Kaschmirin wurde bei dem Wüten des Sultans bange, und sie lief
mit lautem Geschrei zur Türe hinaus, mein Herr Sultan mit dem Dolche hinter ihr
drein und hinter dem Herrn Sultan her Prinz und Prinzessin mit lautem
Hohngelächter. »Betrogen, Herr Sultan!« riefen sie mit Händeklatschen.
»Betrogen! Sie ist ihm untreu. Ich entführe sie. Lauf ihr nach, Herr Sultan! Ich
entführe sie doch.«
    Dergleichen verwünschtes Gewäsch erhitzt die Ohren, um soviel mehr die
Leber, besonders bei einem Eifersüchtigen, der ohnehin alles glaubt; schlug
nicht die schöne Kaschmirin zu rechter Zeit die Türe zu, so wurde aus der Posse
ein Trauerspiel, wobei ein Mensch ums Leben kam, denn um sie nicht entführen zu
lassen, wollte er sie ermorden, und um sie zu ermorden, stiess er mit
weitausgeholtem Dolche nach ihr, aber das mörderische Eisen fuhr in die Tür und
brach entzwei, dass der diamantne Heft in der Hand blieb; wer sich gut auf das
Räsonieren versteht, kann daraus schliessen, wie heftig der Stoss sein musste und
wie leicht jemand das Leben einbüssen konnte, wenn er nicht die Türe traf.
    »Ungetreue!« rief der Sultan schäumend. »Mach auf, dass ich dein treuloses
Herz durchbohre!« - Sie war keine Närrin, dass sie ihm gehorchte; die Leute, die
durchbohren wollen, darf man sich nicht zu nahe kommen lassen. Poche du, Herr
Sultan, soviel du willst! die schöne Kaschmirin macht dir nicht auf.
    Es half nichts, als dass er in Gelassenheit abzog und seinen Gram im stillen
ausweinte, ausseufzte, ausfluchte oder was ihm sonst beliebte; erschöpft,
keuchend, atemlos warf er sich auf den Sofa. Plötzlich klirrten tausend Säbel in
seinen Ohren, als wenn seine ganze Wache im Palast niedergehauen würde; das
Zimmer zitterte vor dem Tumult; eine Kutsche mit brausenden Hengsten rollte
durch den Hof, und eine triumphierende Stimme rief zum Fenster herein:
»Betrogen, Herr Sultan! Betrogen! Ich entführe sie: Mich liebt sie, nicht Ihn.
Wünsche wohl zu leben, Herr Sultan.«
    Der Unglückliche erlag unter dem Schmerze. »Verdammtes Geschlecht!« rief er
mit knirschenden Zähnen. »Treulose Brut! Ewig will ich dich hassen. Ach, warum
war ich Sultan und liebte? - Unsichtbare Beherrscherin meines Schicksals, nimm
mir diese verhasste Würde wieder, die du zu meinem Unglück mir gabst. Führe mich
aus diesem Palast, wo überall unter meinen Füssen die Dornen der Eifersucht und
gekränkter Liebe emporwachsen, und mache mich wieder zu Kak ... «
    Bei dem ersten Hauche, womit er seinen Namen aussprechen wollte, schwebte
schon der betrübte Herr Sultan auf dem Rücken des Vögelchens in der Luft.
    »Ha, ha, ha«, lachte Hexe Schabernack und fuhr übermütig vor ihrer Schwester
vorbei, dass der arme Kakerlak auf dem Rücken seiner Gönnerin schwankte, so
heftig stiessen die beiden Hexen zusammen. »Bist du nun befreit, Schwesterchen?
ha, ha, ha.«
    So gutmütig Tausendschön war, so hatte sie doch auch eine Galle; der bittre
Spott ihrer Gegnerin erregte sie so gewaltig, dass die Erzürnte vergass, wen sie
auf dem Rücken trug, und der Spötterin ins Gesicht flog, um ihr mit dem Schnabel
wenigstens ein Auge auszuhacken, wenn sie mit allen beiden nicht fertig werden
könnte. Das Auge wurde glücklich geblendet, aber Schabernack hielt nicht so
geduldig still, sondern griff zornig nach dem Vögelchen, um ihm die Kehle
zuzudrücken; Kakerlak hielt sich zwar so fest an als möglich, Prinz und
Prinzessin nicht weniger, aber die Bewegungen der Streitenden wurden so heftig,
dass alles Anhalten nichts half, und in kurzer Zeit fielen alle drei mit ihrer
ganzen Schwerkraft vom Himmel senkrecht auf den Erdboden herab. Der Fall war
ziemlich hoch, wie man wohl rechnen kann, und ging gewiss nicht ohne Halsbrechen
ab, wenn es Sommer oder schlaffes Wetter war; aber zum Glücke trug sich die
gefährliche Begebenheit in einem der kältesten Januare zu, wo so hoher Schnee
lag, als selbst die ältesten Leute nicht wollten gesehn haben. Auf diese Weise
kamen die Fallenden mit einem kleinen Nasenbluten durch, das in der grossen
Kälte, wo alles gleich gefror, nicht lange anhielt.
    Unterdessen dass diese drei bis über den Kopf im Schnee begraben lagen, wurde
das Gefecht in der Luft mit verdoppelter Wut fortgesetzt. Es macht schon Lärm
genug, wenn zwei gewöhnliche Weiber sich zanken; nun denke man, was für einen es
geben muss, wenn es gar Hexen sind. Schabernack befand sich am schlimmsten dabei:
Das Vögelchen hackte ihr Wunden an den Kopf, an die Brust, ins Gesicht, und
griff sie zu, um sich zu rächen, so flog mein Vögelchen davon, hackte auf einen
andern Ort und flog wieder davon. Die Verwundete wollte sich vor Ärger
zerreissen, weil sie sich für ihre Schmerzen nicht rächen konnte, und warf sich
im grössten Zorn in einen Brunnen herab, um dem Kratzen und Hacken zu entgehn;
die Siegerin setzte sich auf einen Baum, putzte ihre Federn und kühlte sich ab.
 
                                  Fünftes Buch
Dass Prinz Alfabeta einen unglücklichen Krieg führte, um seine Physiognomie
wiederzuerobern, und sie doch nicht wiederbekam, sondern sogar in die
Gefangenschaft geriet, das wissen wir; dass er noch immer in der Gefangenschaft
und ohne Physiognomie war, als sein Überwinder, der König von Butam, wieder
Kakerlak wurde und die Reise zum Herrn von Blunderbuss antrat, das wissen wir
auch; dass er sich aber mit der Königin Ypsilon vermählte und darauf in ihrer
Gesellschaft einen Ritt um die Welt tat, das weiss niemand als ich, und darum
will ich's jetzt erzählen.
    Die Verwunderung auf dem Schloss zu Butam war nicht klein, als man so
plötzlich den König, die Prinzessin Friss-mich-nicht und den Prinzen Lamdaminiro
vermisste; tot waren sie nicht, denn ihre Leichname hätten doch dasein müssen;
ausgefahren auch nicht, denn alle Pferde standen richtig im Stalle und alle
Kutschen richtig im Wagenschuppen. Sollten sie ausgegangen sein? - Ein König,
eine Prinzessin und ein Prinz werden wohl so weit zu Fusse gehn? Man spekulierte
gewaltig über den Vorfall, und nachdem die meisten am Hofe sich durch vieles
Nachdenken Kopfweh gemacht hatten, errieten sie wirklich die wahre Ursache. Man
sagte allgemein: »Das geht nicht mit rechten Dingen zu.« Die Königin liess an
allen Orten suchen, wo ein Mensch Platz hatte; da war kein König von Butam,
keine Prinzessin und kein Prinz. Als sie merkte, dass sie sich schlechterdings
nicht wollten finden lassen, fasste sie sich in Geduld und befahl, Hoftrauer
anzusagen.
    Der Prinz Alfabeta hörte kaum in seiner Gefangenschaft, dass der König für
tot erklärt wäre, als er schon auf Mittel zu seiner Befreiung dachte, die ihm
nunmehr sehr leicht zu bewirken schien, weil die Damen gemeiniglich mitleidig
gegen die Mannspersonen sind. Wie er hoffte, so geschah es; er liess der Regentin
nur melden, dass es ihm ausser der Gefangenschaft besser gefiele, so erhielt er
die Erlaubnis, vor ihr zu erscheinen. Er wusste seine traurigen Schicksale mit so
rührender Beredsamkeit vorzutragen und vorzüglich den Verlust der Physiognomie
in ein solches Licht zu setzen, dass der Dame das Herz brach und die Augen in
Tränen zerflossen.
    Der Prinz wurde jeden Tag interessanter, und da er einsah, wie tief er ins
Herz der Königin eingedrungen war, wagte er den kühnen Streich, um ihre Hand
anzuhalten. - »Sehr viel Vergnügen, aber ein Prinz ohne Physiognomie ...« Wie
zog sich mein Prinz in eine demütige Ferne zurück, als er das hörte! Er nahm
sich es zwar sehr zu Herzen, und obgleich die Betrübnis seine Seele
daniederdrückte, so verliess ihn doch sein Talent zu gefallen nicht ganz. Er
besass die unnachahmliche Kunst, den Ton eines ungeschmierten Wagenrads so
natürlich nachzumachen, dass alle Menschen, die ihn bloss hörten und nicht sahen,
auf ihre Seele schworen: »Das ist kein Prinz, sondern ein Wagenrad.« Der Königin
ging es nicht besser; er machte sein Kunststück im Nebenzimmer, und sie fragte
gleich, ob die Leute toll wären, dass sie mit Schubkarren und Wagen in den
Zimmern herumführen; der Prinz kam zu ihr herein, und ob er ihr gleich
beteuerte, dass er es wäre, so wollte sie ihm doch nicht glauben; desto mehr
lachte sie, als er sie aus ihrem Irrtum riss, und seitdem liess sie ihn allemal
rufen, wenn sie Langeweile hatte, und bat ihn: »Prinz, machen Sie einmal das
Wagenrad.«
    Diese Gunst munterte ihn auf, sein Ansuchen um ihre Hand zu wiederholen; sie
fühlte ihre Schwäche und den Eindruck, den seine Talente auf ihr Herz gemacht
hatten; sie gab also nach und gewährte seine Bitte. Sobald er König von Butam
und ihr Gemahl war, tat er einen fürchterlichen Eid, dass er die ganze Welt
durchreisen und nicht eher in seinem Schloss wieder schlafen wollte, als bis er
seine Physiognomie gefunden hätte. Seine Gemahlin, die erst seit einem Tage mit
ihm vermählt war und ihn daher ausserordentlich liebte, willigte unter keiner
andern Bedingung in seine Abreise, als wenn er sie zur Begleiterin annähme;
wollte er nicht umsonst geschworen haben, so musste er die Bedingung wohl
eingehn.
    Da sie die ganze Welt durchreisten, so mussten sie notwendig auch einmal an
den Ort kommen, wo Kakerlak mit den beiden andern vom Himmel in den Schnee
gefallen war, und es ist daher nichts weniger als unwahrscheinlich, dass sie
gerade zu der Zeit hinkamen, als die drei Gefallnen im Schnee lagen und noch
nicht wieder heraus waren; dergleichen wunderbare Zufälle geschehn alle Tage in
der Welt. Etwas unwahrscheinlicher ist es, dass sie auch an diesem Orte hielten,
abstiegen und assen; aber was kann ich dafür? Genug, es geschah; sie waren
hungrig und stiegen also ab.
    Bei solchen abenteuerlichen Reisen, die man in seinem Leben nur einmal tut,
schleppt man kein Zelt mit sich; der Prinz und der Reitknecht müssen sich, einer
sowohl als der andre, unter den blauen Himmel hinsetzen und ihr Stückchen Essen
von der Faust verzehren. So ging es auch hier: Sie setzten sich in den Schnee
und assen, was sie hatten. Der ehmalige Prinz Alfabeta, jetzt Gemahl der Königin
Ypsilon und dermalen König von Butam, hatte sich auf seiner grossen Reise das
Beobachten sehr angewöhnt und wurde daher augenblicklich das Loch gewahr, das
Kakerlak in den Schnee machte, als er vom Himmel hineinfiel. Wer die Natur
aufmerksam studiert hat, dem wird es nicht schwer sein zu begreifen, dass ein
Mensch, der aus den Wolken, die Beine voran, in den Schnee fällt, nicht bloss ein
Loch, sondern auch in dem Loche bei dem Durchbrechen den Abdruck seines Gesichts
zurücklassen muss; tausend Leute können vielleicht vom Himmel in den Schnee
fallen, ohne ihr Gesicht darinnen abzudrücken; Kakerlaks Fall war aber unter
tausenden der einzige, wo es geschah.
    »Was in aller Welt?« fing der Prinz an. »Das ist ja meine Physiognomie, so
natürlich, als ich sie sonst alle Tage im Spiegel erblickte. Hier in diesem
Loche muss mein Dieb stecken.« - Man wird sich wundern, wie er das so genau
wissen konnte, allein für ihn war es eine Kleinigkeit, so etwas zu erraten. Er
schloss so: Wenn an dem Abdrucke, den ein Mensch von seiner Physiognomie im
Schnee macht, die Nase unterwärts steht, so muss er nicht aus dem Schnee, sondern
in den Schnee gefallen sein; nun finde ich hier die Nase unterwärts gekehrt,
folglich muss der Dieb meiner Physiognomie hineingefallen sein und noch darin
stecken. Mit dieser ungemeinen Gabe zu schliessen konnte er zuweilen Dinge
ausfindig machen, die im Mittelpunkte der Erde verborgen waren.
    Ohne sich lange zu bedenken, machte er Anstalt, den Dieb auszugraben, und es
glückte ihm auch, wiewohl mit vieler Mühe. Kaum hatte er den halberfrornen
Kakerlak aus dem Schnee ans Tageslicht gezogen, so fiel er über ihn her wie ein
Wütender und wollte sich sein gestohlnes Eigentum mit Gewalttätigkeit
wiederverschaffen. Das ganze Gesicht konnte dabei zugrunde gehn, wenn nicht Hexe
Tausendschön dazwischenkam. Der Prinz hatte den falschen Grundsatz, dass er die
Haut und die Physiognomie für einerlei Ding hielt und dass man daher nur die eine
vom Gesicht abzuziehn brauchte, um die andre zu bekommen. Wegen dieser höchst
irrigen Voraussetzung machte er schon einen merklichen Anfang, Kakerlaks Gesicht
zu schälen, als ihm das Vögelchen plötzlich mit solcher Heftigkeit in die Ohren
pfiff, dass ihm alle Sinne stillstanden; das Blut in den Adern gerann, und aus
dem Herrn Prinzen, der die Leute schälen wollte, wurde eine Bildsäule. Die
Königin Ypsilon schlang ihre Arme um den kalten Stein und wollte ihn an ihrer
Brust zum Leben erwärmen; sie weinte die heissesten Tränen, dass die
herabrollenden Tropfen den Schnee schmelzten. Aber welch ein Jammer! Der Schnee
konnte den steinernen Gemahl nicht tragen, und mitten in ihrer Umarmung sank der
Verwandelte hinab. Sie wandte sich zu Kakerlak, den sie für nichts weniger als
einen Zauberer hielt, und bat ihn mit einem Fussfalle, aus dem versunknen Steine
wieder einen hübschen Prinzen zu machen, allein sie bekam keine Antwort, denn
der arme Zauberer wusste selbst nicht, ob Tag oder Nacht war.
    Unterdessen wurde der Aufentalt in einem kalten Schneehaufen für das
unruhige Temperament der Prinzessin Friss-mich-nicht beschwerlich; sie arbeitete
mit Händen und Füssen und warf den Schnee über sich auf wie ein Maulwurf das
Erdreich. Nach langer Arbeit kam sie glücklich heraus und wurde neben sich ihren
Bruder gewahr, der vermöge seines ungemein philosophischen Charakters sich in
seinem Loche nicht rührte, sondern gelassen wartete, bis ihn jemand herausziehen
wollte; weil die Prinzessin wohl raten konnte, worauf er hoffte, so bot sie ihm
die Hände und half ihm an die freie Luft. Welch Erstaunen, als beide ihre Mutter
erblickten! Die Königin geriet ausser sich, so plötzlich ihre Kinder hier zu
finden, flog mit offnen Armen auf sie zu und bat sie, sich mit ihr diesem
grausamen Zauberer, der ihr den Trost ihres Lebens geraubt hätte, zu Füssen zu
werfen. Prinzessin Friss-mich-nicht hatte die löbliche Gewohnheit, bei jeder
zweideutigen Rede immer das schlimmste zu verstehn, und da das Weinen den Ton
ihrer Mutter undeutlich machte, so verstand sie, dass sie diesen Zauberer
erdrosseln sollte. Im Grunde war wohl Hexe Schabernack an dem bösen
Missverständnisse schuld, weil sie aus ihrem Brunnen der Prinzessin in die Ohren
rief: »Erdrossele ihn!« So etwas liess sie sich nur einmal sagen und fuhr
deswegen dem vermeinten Zauberer voll Wut nach der Kehle; schnell pfiff ihr das
Vögelchen in die Ohren, und sie wurde zu Stein, indem sie zudrücken wollte.
    Der Prinz sah mit unbeschreiblicher Kaltblütigkeit zu und gähnte; Hexe
Schabernack, die den Liebling ihrer Feindin durchaus tot haben wollte, hauchte
dem Prinzen etwas von ihrem feurigen Odem ein, um ihn ein wenig tätiger zu
machen. Das Mittel wirkte unmittelbar auf sein Blut: Alles an ihm wurde so
behend, so lebhaft, dass er kein Glied stillhalten konnte; aber da sein
gutmütiges Herz keines Argen fähig war, so verwandelte sich die eingeatmete
Lebhaftigkeit in Vergnügen: Er tanzte im Schnee herum, als wenn er von Sinnen
wäre, und wollte sich fast zu Tode lachen. Tausendschön schlug ein höhnendes
Gelächter auf, dass die Absichten ihrer Widersacherin so fehlschlugen; diese
blies unaufhörlich wie ein Blasebalg, und je mehr sie blies, desto mehr tanzte
und lachte der Prinz. Vor Ärger, dass er nimmermehr grausam werden wollte, gab
sie ihm eine Ohrfeige; es ist bekannt, dass man bei einer Hexenohrfeige niemals
mit dem Leben davonkommt, und wer es etwa nicht weiss, kann es hier bewiesen
sehn, denn der Prinz wurde augenblicklich zu Stein.
    Nun war grosse Not: Denn eben erkannte die Königin ihren vorigen Gemahl, und
eben erkannte der vorige König von Butam seine vorige Gemahlin. Beide hatten
schon die Arme ausgestreckt, sich um den Hals zu fallen; plötzlich schlug
Schabernack die Königin ins Gesicht, dass sie sich im Augenblicke mit
ausgestreckten Händen zu Stein verhärtete, und schon holte die erbitterte Hexe
aus, um dem armen Kakerlak ein gleiches Schicksal zuzubereiten, aber
Tausendschön war geschwinder als sie; der Schlag war noch einen Strohhalm breit
von seinem Backen, so fuhr sie wie ein Wind mit ihm zu den Wolken hinauf.
    Hexe Schabernack schrie und stampfte vor Ärger, knirschte mit den Zähnen,
raufte sich die Haare aus und wusste nicht, an wem sie sich zuerst rächen sollte;
wie ein ungezognes Mädchen, das seinen Zorn an leblosen Dingen auslässt, wenn
nichts Lebendiges bei der Hand ist, raffte sie Hände voll Schnee auf und
schleuderte sie tobend nach allen vier Winden hin. Als sie ihre Galle ein wenig
ausgerast hatte, setzte sie den beiden Entflohenen nach, die ihren Zorn
erregten; aber wie weit waren die schon! Sie verdoppelte ihren Schritt, und nach
langem Herumschweifen in den Lüften sah sie die Gegenstände ihres Hasses auf
einem Baume ausruhn. Wie der Habicht, wenn er eine Taube erblickt, schoss sie
herab; Hexe Tausendschön war nicht so einfältig, dass sie die Ankunft ruhig
abwartete; nein, wie die Zornige herabfuhr, fuhr sie mit ihrem Kakerlak hinauf
in eine Schneewolke, und jene, die sich nicht gleich aufhalten konnte, rennte in
den hohlen Baum hinein, wo ihre entflohene Schwester gesessen hatte.
    »O so versinke, verwünschter Baum«, rief sie voll Zorn, »versinke mit mir
bis zum Mittelpunkte der Erde, dass ich nimmermehr die Verhasste wieder erblicke,
die mir alle meine Anschläge vereitelt!« - Eine Hexe wünscht nichts, das nicht
gleich geschieht. Der Baum versank mit ihr, und sie bereute ihren übereilten
tollen Wunsch nicht wenig, als sie im Mittelpunkte der Erde steckte, so eine
ungeheure Last Steine, Kot, Kies, Leimen und Sand auf sich liegen hatte und bis
über die Ohren mit ihrem Baume im Wasser schwamm.
    Hexe Tausendschön wusste zwar den Aufentalt ihrer Schwester nicht und hielt
sich daher ganz inkognito in der Schneewolke auf, bis der Frühling kam, wo es
keine Schneewolken vor Hitze am Himmel mehr aushalten konnten. Da auf diese
Weise auch auf der Erde der Schnee wegschmolz, so kam die versteinerte Königin
Ypsilon mit ihrer übrigen versteinerten Gesellschaft an einem Orte zum
Vorschein, wo vorher keine steinerne Figuren standen. Der Ruf dieser sonderbaren
Erscheinung breitete sich aus; die Einwohner, die Türken waren, taten
Wallfahrten hin, weil sie sehr richtig schlossen, dass vier steinerne Figuren,
die niemand an diesen Ort getragen hätte, entweder vom Himmel oder aus der Erde
gekommen sein müssten und in beiden Fällen Wunderwerke wären, die wohl einen Gang
verdienten. Zwei englische Altertumsforscher, die sich eben in der dortigen
Gegend aufhielten, um griechische Schuhsohlen zu graben, liefen gleich, so
geschwind als möglich, um vier Figuren zu sehn, die aus den Zeiten des
Lysimachus waren, wie sie schon gewiss wussten, ohne sie gesehn zu haben; wie
gewiss musste nun vollends die Gewissheit an Ort und Stelle werden! Sie überlegten
unterwegs, ob sie einen Apoll, eine Minerva, einen Satyr oder Priap finden
wollten; kaum warfen sie einen Blick darauf, so waren sie so fest überzeugt als
durch eine Offenbarung, dass alle vier Figuren den Lysimachus zum Meister hatten:
Der echte griechische Stil! Lauter schöne griechische Umrisse! Eine herrliche
Gruppe! Niemand kann das sein als Niobe, wozu sie die Königin Ypsilon machten.
Welcher erhabene Ausdruck des Schmerzes und der mütterlichen Betrübnis! Prinz
Alfabeta wurde zum Apoll mit dem niefehlenden Bogen, weil er zu einer Zeit
versteinerte, wo er speiste, und also den Bratenknochen, wovon er eben
frühstückte, noch in der Hand hielt. Wie niedlich das Stück Bogen, wofür sie den
Knochen ansahen, gearbeitet ist! Schade, dass ihn der Zahn der Zeit so grausam
zernagt hat! Schade, dass von einem so trefflichen Kunstwerke nur zwei Kinder
übrig sind!
    Sie reisten mit dem ersten Schiffe nach Hause und machten einen Lärm von der
Entdeckung, als wenn der grosse Prophet in Asien zu sehen wäre. Lord Antick, ein
grosser Liebhaber und Sammler der Altertümer, reiste sogleich in eigener Person
dahin, um die neuentdeckte Niobe und den niefehlenden9 Apoll in seine Gewalt zu
bekommen, wenn er sie auch stehlen sollte. »Vortrefflich!« rief Hexe
Tausendschön, als sie ihn aus dem Schiffe steigen sah. »Bald soll mein lieber
Kakerlak ein neues Vergnügen finden, dessen er gewiss nicht überdrüssig wird. Wen
sollte die Schönheit ermüden? Triumph! Diesmal wird er mich erlösen.«
    In der ersten Nacht, nachdem Mylord auf dem festen Lande angelangt war, zog
ihn Hexe Tausendschön vom Kopf bis zu den Füssen aus und versetzte ihn an den Ort
der Antike, die ihn nach Asien lockte, schlug ihn dreimal mit ihren Flügeln, und
er wurde zu Stein. Kakerlak wurde in des Lords Bette gelegt, stand des Morgens
als Lord Antick auf, zog sich an und setzte sich als Lord Antick in die Kutsche,
nicht wenig erfreut, dass er einmal aus den hohen schwindligen Luftgegenden
wieder auf festem Grund und Boden war.
    Der neue Lord sass nicht lange in der Kutsche, so pfiff etwas vorbei wie ein
Vogel, der geschwind fliegt, über eine kleine Weile wieder und kurz darauf zum
dritten Male. Er liess halten, um die Ursache einer so sonderbaren Erscheinung zu
erfahren; indem er sich umsah, erblickte er einen Menschen, der mit
ungläublicher Geschwindigkeit lief. »Halt!« rief der Lord. Der Mensch stand. -
»Warum läufst du so?« - »Zu meinem Vergnügen.« - »Wohin?« - »So weit es festes
Land gibt. Ich habe mir angewöhnt, alle Jahr einmal quer durch die halbe Welt zu
laufen; ich setze in Spanien an und höre in Japan auf. Ich bin gut zu Fusse, wie
Sie daraus abnehmen können, und liebe die Bewegung; also tu ich aus blosser
Liebhaberei jährlich so einen kleinen Spaziergang. Wo treffen wir uns?« - Der
Lord nennte ihm den Ort, den ihm Hexe Tausendschön eingab und wo er in drei oder
vier Tagen sein wollte. - »Gut!« antwortete der gewaltige Laufer, »so tu ich
indessen einen kleinen Gang zum Kaiser von China und bin zur bestimmten Zeit
wieder da. Gott befohlen.« - Dort flog mein Laufer hin, dass er dem Lord in einer
Sekunde schon wie eine Mücke aussah, so weit war er.
    Den Tag darauf, als er an einem Gebirge hin fuhr, sah er eine Menge starke
Eichbäume den Berg herabgehn. »Bin ich denn im Lande der Wunder?« rief er und
liess halten. Er hatte wohl Ursache, sich zu wundern, denn er sah den Menschen
nicht, der die Eichbäume trug. »Nun begreif ich wohl, wie zwölf so starke Eichen
sich bewegen können«, sagte er, als er den Kopf des Mannes erblickte, auf dessen
Schultern sie lagen. »Guter Freund! He da! Du trägst ja einen ganzen Wald. Du
willst dir wohl ein recht warmes Stübchen machen, dass du so vieles Holz
zusammenschleppst?« - »Ach nein, lieber Herr«, antwortete der starke Mann, »ich
tue das nur zum Vergnügen. Ich vertreibe mir die Zeit damit, dass ich Zahnstocher
mache; das ist nun einmal meine Liebhaberei, und um nicht zu oft zu gehn, hol
ich mir immer ein Dutzend Bäume auf einmal, damit ich das Kernholz zu meinen
Zahnstochern aussuchen kann.« - »Willst du mit mir?« fragte Kakerlak auf seiner
Beschützerin Eingeben. - »Das tu ich wohl; ich bin ohnehin müssig. Ich will mein
Holzbündelchen hier abwerfen; es wird mir's wohl niemand wegtragen, bis ich
wiederkomme.« - Er setzte sich hinter die Kutsche.
    »God damn me!« rief der Lord am folgenden Tage des Morgens früh zwischen
neun und zehn Uhr. »Postknecht, halt! Welch neues Wunder ist das? Hierzulande
geht ja alles wider die Gesetze der Natur.« - Auf einem Berge stand eine grosse
Windmühle, deren Flügel sich jetzt rechts und den Augenblick darauf links
bewegten. »Das ist kein Wind aus dieser Welt, der einen so wunderlichen Gang
hat«, sprach er voll Erstaunen und sah sich nach Leuten um, die er fragen
könnte, woher die Windmüller hierzulande ihren Wind bekämen; indem er seine
Augen überall herumwandte, wurde er bei dem Fusse des Bergs einen Mann gewahr,
der an einem Weidenbaume lehnte und sich ein Nasenloch um das andre zuhielt. Er
fuhr vollends zu ihm hin und fragte ihn, woher es käme, dass sich hierzulande die
Windmühlen so sonderbar drehten. »Ha, ha«, antwortete der Mann, »das mach ich.«
- »Du? Wieso?« - »Sieht Er? Da halt ich mir das linke Nasenloch zu und blase mit
dem rechten, und die Windflügel gehn so herum; drauf halte ich das rechte
Nasenloch zu und blase mit dem linken, und die Flügel drehn sich anders um. Es
ist sehr leicht, wer es kann.« - »Aber warum das?« - »Zu meinem Vergnügen; der
liebe Gott hat mir gute Tage gegeben, und so ist das mein Zeitvertreib.« - »Komm
mit mir.« - »Von Herzen gern; ich habe ohnehin Langeweile zu Hause.« - Er setzte
sich neben den starken Mann, und Kakerlak freute sich schon, das schönste
Raritätenkabinett in England zu besitzen, wenn er als Lord Antick dahin käme und
drei so sonderbare Leute mitbrächte, als ihm diese drei Tage begegnet waren.
    Er kam an den bestimmten Ort und fand den starken Fussgänger, der schon seit
einigen Stunden aus China wieder zurück war und ungeduldig auf ihn wartete.
Kakerlak war zwar kein Liebhaber von steinernen Schönheiten, aber weil ihm seine
Beschützerin dies Vergnügen bestimmt hatte, so lenkte sie seinen Blick vor allen
auf die Königin Ypsilon, als er bei der Antike anlangte. Ein Rest von alter
Liebe erwachte in ihm, ohne dass er selbst es wusste, und die Hexe Tausendschön
nützte diese aufwallende Empfindung so geschickt, dass er ein ausserordentliches
Verlangen nach dieser antiken Gruppe bekam; er konnte nicht bleiben, wenn er sie
nicht mit nach England nehmen durfte; gleichwohl lief er grosse Gefahr, vom Volke
in Stücken zerrissen zu werden, wenn er sie anrührte. Er ging mit seinen drei
Wundermenschen zu Rate, wie er sie des Nachts heimlich fortbringen sollte.
»Nichts leichter als das!« riefen sie alle.
    »Ich laufe gegen Abend ans Meer und bestelle ein Schiff«, sprach der
gewaltige Laufer. »Es wird drei oder vier Tagreisen weit sein; das ist mir ein
Spaziergang.«
    »Und in der Dämmerung nehm ich die steinernen Männer und Weiber auf die
Schulter und trage sie zum Schiffe«, sagte der starke Mann. »Es ist zwar ein
wenig weit, aber ich geh einen guten Schritt, dass ich gegen Mitternacht wieder
da bin, und dann hol ich den Herrn mit seiner Kutsche und seinen Leuten nach.«
    »Herrlich!« rief Kakerlak voll Freuden. »Aber wenn sie uns nachsetzten und
unser Schiff einholten?« - »Dafür bin ich gut«, antwortete der Windmacher. »Lasst
sie nur kommen; das Nachsetzen soll ihnen schon vergehn.«
    Wie es abgeredet war, so geschah es. Der Laufer lief und bestellte das
Schiff; der starke Mann nahm die Königin Ypsilon und den Prinzen Alfabeta auf
die Schultern, den versteinerten Lord Antick auf den Kopf, Prinzessin
Friss-mich-nicht und den Prinzen Lamdaminiro unter die Arme und holte bei guter
Zeit den Herrn Kakerlak nebst Kutsch und Leuten nach. Alles ging gut, wenn nicht
ein schadenfroher Geist ein altes andächtiges Mütterchen an diesen Ort führte,
wo sie bei den vermeinten Heiligenbildern die bösen Träume wegbeten wollte,
wovon sie alle Nächte geplagt wurde. Sie kam eben an, als der starke Mann die
Gruppe auflud, und verriet den Diebstahl; es wurde Lärm im ganzen Lande, und der
Bassa gab sogleich Befehl, dem Diebe zu Wasser und zu Lande nachzusetzen. Es
liefen Schiffe aus dem Hafen und verfolgten mit allen möglichen Kräften das
Kakerlakische; aber ihr guten Schiffe, wie ging's euch? Da stand mein Windmacher
am Ufer und blies mit dem rechten Nasenloche des Lords Schiff in die See hinaus
und mit dem linken die türkische Flotte in den Hafen zurück. Da beide weit genug
auseinander waren, ging er wieder zu seiner Windmühle; der starke Mann war schon
auf dem Wege zu seinem Zahnstocherholze und der gewaltige Laufer eine gute
Strecke über die türkische Grenze hinaus.
    Kakerlaks Liebe zu den Altertümern wuchs unterwegs mit jeder Minute; das
Wachstum ging nicht mit rechten Dingen zu; Hexe Tausendschön war schuld daran.
Sie hatte ihn schon unterrichtet, was für eine Rolle er spielen sollte, als sie
ihm Lord Anticks Kleider anzog, und er fuhr daher bei seiner Ankunft in London
gerade vor die Wohnung dieses Herrn. Mylady machte sehr grosse Augen, da sie
einen ganz andern Mann bekam, als sie vor einiger Zeit aus ihren Armen reisen
liess; denn ihr wirklicher Herr Gemahl hatte viel Ähnliches mit einem Kürbis, und
der falsche glich eher einer welken Rübe, so wenig konnte er sich noch immer von
dem langen Aufentalt in der Schneewolke erholen. Ebensosehr waren die beiden
Altertumsforscher erstaunt, als sie eine Gruppe, die bei ihrer Anwesenheit in
Asien aus vier Figuren bestand, jetzt mit einer vermehrt fanden; alles schrie
über Wunder.
    Welch Entzücken, als Kakerlak in die Galerie trat, wovon er nun Herr war.
Mit ernstem Lächeln stand
Der Liebe mächt'ge Königin
Vor allen oben an und war Beherrscherin
Im Saal wie in der Welt. Sie deckt mit keuscher Hand
(Da ihr der lose Künstler kein Gewand
Um Hüft' und Beine warf), was keine Venus gern
Vor einer Galerie voll Männeraugen zeigt.
Der sittsam edle Blick hält die Verwegnen fern
Und sagt, was jede spricht, sosehr sie schweigt:
»Ich schreck euch ab, damit ihr in mich dringt;
Ich widersteh, damit ihr mich bezwingt;
Ich decke zu, damit ihr suchen sollt.
Bewundrung wird mir sehr, doch Liebe mehr behagen;
Erratet das, ihr Herren, wenn ihr wollt;
Ich schäme mich, es euch zu sagen.«
An ihrer Seite steht mit lockenreichem Haupt
In Jünglingsschönheit der Apoll,
An welchen Winckelmann10, von Fanatismus voll,
Wie an den einz'gen Gott der Künstler glaubt.
Der Gladiator hebt mit wilder Siegesmiene
Den nervenstarken Arm und horcht erwartungsvoll,
Dass von dem Marmorsitz der blut'gen Todesbühne
Des Volks Befehl ertönt, die dargebotne Brust
Des hingestreckten Gegners zu durchbohren.
So weibisch zart, als wär er nicht zum Mann geboren,
Schlägt hier, ein Gegenstand der wunderbarsten Lust,
Ein lächelnder Kinäd die Augen nieder,
Beschämt durch den Kontrast der Fechterglieder,
In männlicher Gestalt nur halb ein Mann zu sein.
Kakerlak wendet sich verachtend von ihm und erblickt
Den edlen Priester, den, zum Lohn
Für patriot'schen Rat, zwei giftgefüllte Schlangen
Auf einer Göttin Ruf mit grauser Wut umfangen -
Den leidenden Laokoon.
Wie krümmt sich der zurückgeworfne Nacken,
Der langgestreckten Zunge zu entfliehn!
Wie stöhnt mit wild verzerrtem Aug und Backen
Aus aufgerissnem Mund der Schmerz, der ihn
In der durchgrabnen Brust ergreift, indem sein Blut
Die Ungeheuer ihm mit durst'ger Wut
Aus den geschwollnen Adern ziehn!
Allentalben im ganzen Saale nichts als Schönheit, männliche und weibliche!
Jeder Reiz unverhüllt! Alle Götter und Göttinnen des Olymps, alle Reste der
griechischen und römischen Kunst! Ein wahrer Tempel der Schönheit! Wer ist
glücklicher als Kakerlak, dem dieser Tempel gehört?
    Er ging in die Gemäldegalerie; wie entzückte ihn ihr Anblick!, denn
Ihm fiel beim Eintritt ins Gesichte
Der Keuschheit Monument, die rührende Geschichte,
Wie ein verwegner Mann in Strauch und Busch sich steckt,
Dianens Reize zu belauschen11,
Wenn sie, nebst einem Chor von Nymphen, unbedeckt,
Mit sorgenlosem Scherz sich in dem Bade neckt,
Und wie der Herr durch unbedachtsam Rauschen
Sich in der Trunkenheit der Neubegier verrät.
Wie hier mit keuschem Grimm der Wälder Göttin fleht!
Sie bringt sogleich mit einer Hand ihr Bestes
Vor dem profanen Aug in Sicherheit.
Da! spricht ihr Blick, da! sieh ein andermal,
Was du nicht sehen sollst!, indem der Wasserstrahl
Aus ihrer Rechten fährt, der in so kurzer Zeit
Geweihe schafft, dass man das Lauschen schön bereut.
Indessen fliehn mit zugewandtem Rücken,
Mit scheu zurückgeworfnen Blicken
Die zücht'gen Nymphen zitternd fort,
Um auf den Schreck und auf das viele Schämen
Ein niederschlagend Pulver einzunehmen.
»Ah!« ruft Lord Kakerlak und eilt zu einem Gemälde.
Gewandlos schlummert dort
Auf einem Rasenbette
Der Liebe Göttin, und ihr Sohn
Knüpft tändelnd eine Blumenkette
Ihr um den Arm. Vor ihres Vaters Tron
Stand nie die Mutter aller Reize
So schön wie hier. Mit nimmersattem Geize
Hängt an Gesicht, an Brust, an Schoss und Hand
Des Lords entzückter Blick, und seufzend reisst
Er sich wie jeder los, der vor dem Bilde stand,
Und spricht, wie jeder sprach, mit traur'gem Geist:
»Ach, wenn ein Kuss die Frau beleben könnte
Und sie der Himmel mir alsdann statt meiner gönnte!«
In stiller Demut hängt
Die Mutter Gottes ihr zur Seite;
Mit mütterlicher Lust sieht die Gebenedeite,
Wie sich ihr einz'ger Sohn am vollen Busen tränkt.
Der Zufall paarte hier, was man zu paaren scheut -
Der Wollust höchsten Reiz, den Reiz der Frömmigkeit.
Kakerlak ging in ein andres Zimmer.
Hier strömt in Schlachten aus ehernen Schlünden
Das Feuer, hier regnen Kugeln, hier winden,
Zerstückt, zertreten im blut'gen Gewühl,
Sich sterbende Rosse, sich sterbende Krieger.
Mit rasender Mordsucht und ohne Gefühl
Zerfleischen sich Menschen wie grimmige Tiger.
Hier lodern, in Dampf und Flammen gehüllt,
Belagerte Städte; dort schwimmt auf den Wellen
Die kriegende Flotte. Das Aug erfüllt,
Wohin es sieht, des Mords und der Verwüstung Bild.
Kakerlak hatte noch zuviel friedliebendes philosophisches Blut in den Adern, um
hier lange zu verweilen; er ging von der Zerstörung
Zur schönen lächelnden Natur,
Die in der Felsenkluft und fruchtbeladnen Flur,
Im düstern Fichtenwald und lichten Hain entzückt.
Wie ruhig lehnst du dort am Baume, wie beglückt,
Du froher Schweizerhirt, und bläst dein Abendlied,
Indessen dass durchs Tal die Herde langsam zieht
Und über dir vom Strahl der Abendsonne
Gebüsch und Fels in rotem Feuer glüht.
»Ich durste!« ruft beim Bauernschmaus
Der Trinker dort und streckt das Glas halbtaumelnd aus;
Ein andrer klopft bedächtig an die Tonne,
Zu hören, ob ihr Klang dem Gaum noch viel verspricht;
Am Seitentische dampft, dass man das matte Licht
Kaum flimmern sieht, des Dorfes Magistrat
Mit ernster Gravität und wohlgenährten Bäuchen.
Voll Ehrfurcht nimmt, indem er sich den Herren naht,
Um mit dem langen Span ins trübe Licht zu reichen,
Der Bauer dort das pelzne Mützchen ab.
Wie streicht der Musikant die kreischenden Saiten herab!
Wie dreht an ihres Korydons Arme
Mit schwankendem Rocke das glühende Mädchen sich um!
Selbst weise Mütter entsagen dem Harme
Und tanzen verjüngt die Nahrungssorgen stumm.
Wer ist glücklicher als Kakerlak, der so viele Schönheiten der Kunst besitzt?
Der sich mit ihrem Anblicke laben kann, sooft es ihm gefällt?
    In den ersten Tagen fühlte er sein Glück kaum: Er war hingerissen,
überrascht, überfüllt. Mylady wollte immer viel von seiner Reise wissen, aber
sie erfuhr nichts; denn der Glückliche wusste nicht mehr, dass er eine getan
hatte. Er war von dem Vergnügen, das ihm seine Gönnerin verschafft hatte,
berauscht wie ein Trunkener, und Hexe Tausendschön sang schon in Gedanken das
Triumphlied ihrer Befreiung; denn wie könnte eine edle Seele, die Gefühl für die
Schönheit besitzt, des Vergnügens an der Kunst jemals überdrüssig werden?
    Die mitgebrachte antike Gruppe war bei weitem nicht so schön als die
schlechteste im Saale; gleichwohl zog sie Kakerlaks Blicke mehr an sich als die
übrigen; wenn er alle seine Kyteren nach der Reihe angesehn hatte, kam er
allemal zur Königin Ypsilon zurück. Mylady war sonst keine Liebhaberin von den
Schönheiten der Kunst, aber sie wusste sich selbst es nicht zu erklären, warum
sie jetzt einen so gewaltigen Trieb nach dem Antikensaale empfand; und wenn sie
alle Apollo, Antinous und Faune angesehn hatte, kam sie jedesmal zur Figur des
versteinerten Lords Antick zurück. Es liess sich nichts anders vermuten, als dass
es Hexerei wäre, und das war es wirklich; denn unterdessen hatte sich die
schadenfrohe Schabernack durch die vielen Erdlagen, durch Kies, Steine, Ton und
Wasser aus dem Mittelpunkte der Erde wieder heraufgearbeitet und flog überall
herum, ihre Feindin aufzujagen. Sie spürte ihren Aufentalt aus, und nun ist das
Rätsel auf einmal aufgelöst, warum Kakerlak immer zur Königin Ypsilon und Mylady
immer zum Lord Antick geht; die verwünschte Hexe schuf den beiden Steinfiguren
so unwiderstehliche Reize, dass wirkliche Liebe daraus wurde.
    Wie bei dergleichen Vorfällen die Weiber immer sinnreicher sind als die
Männer, so geriet auch hier Mylady zuerst auf den Einfall, die geliebte Figur in
ihr Schlafzimmer zu stellen; sie tat ihrem Gemahl den Vorschlag, weil ihm als
einem Liebhaber der Antike eine solche Verzierung des Betts sehr angenehm sein
müsste. »Ich bin es wohl zufrieden«, antwortete der Lord, »aber da sich solche
Verzierungen ohne Symmetrie nicht gut ausnehmen, so will ich diese weibliche
Figur (wobei er auf die Königin Ypsilon wies) daneben stellen.« - So war beiden
geholfen.
    Was nützten dem armen Kakerlak alle die herrlichen Kunstwerke, was alle
Pracht, aller Geschmack in seinen Zimmern? Er konnte sich an nichts ergötzen,
keine Schönheit bewundern noch fühlen; denn in seinem Herze wütete eine
Leidenschaft, die ihn lebendig aufzehrte, weil sie sich nicht befriedigen liess.
Wie oft wollt' er alle Antiken hingeben, wenn er damit das Talent der Dichtkunst
erkaufen könnte! »Wie beneid ich die Leute«, rief er, »die weder Antiken noch
Gemälde haben, aber Verse machen können! Ohne Verse ist die Liebe nur halb; wenn
das Herz überfliessen will, giesst man seine Empfindung in Verse aus; jeder
Seufzer, jedes Ächzen, jeder Atemzug ist noch einmal so viel wert, wenn er
versifiziert wird; dann muss es Lust sein, sich zu verlieben, wenn man Verse
macht. O ihr glücklichen Leute, die ihr keine Antiken habt, aber Verse machen
könnt!«
    So quälte er sich den ganzen Tag vom Morgen bis zum Abend, und des Nachts
quälte ihn Hexe Schabernack. Sobald er in Myladys Armen und sie in den seinigen
Schutz suchte, fing der steinerne Antick an zu fluchen wie ein Bootsknecht, und
die Königin Ypsilon weinte, dass es ein Jammer war; dies unglückliche Konzert
liess keins von den beiden Verliebten Trost finden.
    Wer die Saiten zu hoch spannt, zersprengt sie; da es der tückischen Hexe so
gut gelang, das Vergnügen des Geschmacks durch eine beigebrachte Leidenschaft zu
verleiden, so glaubte sie, ihm das Leben ganz zu verbittern, wenn sie die beiden
Figuren am Bette lebendig machte, aber das war falsch geschlossen. Als Mylady
des Morgens voll Sehnsucht und Bekümmernis nach der geliebten Figur hinsah,
öffnete das steinerne Bild plötzlich die Augen, es bewegte die Lippen, bewegte
die Schultern, sah sich verwundert um, fing an zu gehen, und kaum hatte der
Neubelebte sich in seinem nackten Zustande erblickt, so rennte er beschämt in
die Garderobe, um sich und andern nicht länger anstössig zu sein. Mylady sprang
auf, schlug voll Freuden in die Hände, warf sich auf die Knie und rief: »Gedankt
sei dir, unsichtbare Wohltäterin, die du ihn belebtest! Gedankt, dass du mir den
liebsten Wunsch meiner Seele gewährtest! Er lebt! Wer kann mein Entzücken
aussprechen? Er lebt!« - Im Taumel der Wonne vergass sie Anständigkeit und
Klugheit, und ohne zu bedenken, dass sie nur im Nachtkleide war und dass ihr Mann
diese freudigen Aufwallungen sah und hörte, eilte sie der angebeteten Figur
nach.
    Mylord war schon mit der nötigsten Bedeckung zustande und warf eben den
grünen Jagdrock über, als Mylady nach langem Suchen in allen Zimmern hereintrat.
»Gott!« rief sie und bebte vor Schrecken zurück, als sie sah, dass es ihr voriger
Gemahl war. Das ist ja mein Mann! dachte sie. Wusst ich das, so erspart ich mir
meine Liebe. Mylord wollte ihr ein Kompliment über ihr unvermutetes Wiedersehn
machen, aber sie liess ihn nicht ausreden, sondern lief wie rasend im Hause herum
und schrie: »Diebe! Diebe!« Die Bedienten eilten herbei und ergriffen die
Waffen, die sich ihnen zuerst darboten, um den vermeinten Dieb zu vertreiben.
Mylord widersetzte sich zwar mit allen Kräften, allein da er merkte, dass seine
Gegner keinen Spass verstanden, so gab er sich mit so plumpen Leuten, die
unhöflich dreinschlugen, nicht weiter ab, sondern ging zur Türe hinaus, so weh
es ihm tat, dass er sich aus seinem eignen Hause vertreiben lassen musste.
    Unterdessen hatte Kakerlak kein schlechteres Abenteuer: Mit dem Blick
unbeweglich auf den geliebten Marmor geheftet, wurde er kaum gewahr, dass Mylady
aus dem Bette sprang und einem lebendig gewordenen Steine nachlief; denn in dem
Augenblicke, da dies geschah, öffnete seine marmorne Dame die Augen, lächelte zu
ihm hin und breitete die Arme aus; er musste sich lange besinnen, ob er wachte
oder träumte. Kaum war er mit sich einig, dass er wirklich wachte, so erblickte
die Dame ihren nackten Zustand und fiel vor Entsetzen über eine so
himmelschreiende Unanständigkeit in Ohnmacht. Kakerlak wollte in der
Schamhaftigkeit auch nicht zurückbleiben und warf erst seine Decke über sie her,
eh er ihr zu Hülfe kam. Die Ohnmacht war so hartnäckig, dass sie sich durch die
stärksten stinkenden und wohlriechenden Sachen nicht vertreiben liess; ich wundre
mich, dass die Dame jemals wieder aufwachte; denn ihre Situation war so
schrecklich für eine empfindsame Seele, dass unter Hunderten kaum eine in so
einem Falle ohne Sterben davonkäme; aber so weit trieb sie es glücklicherweise
nicht, sondern gab wirklich schon Zeichen des Lebens von sich, als Mylady
zurückkam und ihrem Gemahl berichten wollte, wie glücklich sie gewesen wäre,
Diebstahl, Mord und Blutvergiessen im Hause zu verhüten. Das Wort starb ihr auf
der Zunge, da ihr die ohnmächtige Dame mit ihrer sonderbaren Bekleidung in die
Augen fiel; in dem Augenblicke, da sie losbrechen wollte, erkannte Kakerlak die
Königin Ypsilon. Bist du es, die ich so feurig liebte? dachte er bei sich und
verstummte. Wusst ich das, so erspart ich mir mein Härmen, Seufzen und Klagen;
denn wir waren ja lange genug Mann und Frau, um uns von Liebesschmerzen zu
heilen. Indem öffnete die Ohnmächtige die Lippen, um wegen ihrer schlechten
Bekleidung um Vergebung zu bitten; aber Kakerlak kam ihr mit Höflichkeit zuvor
und versicherte mit einer tiefen Verbeugung, dass es gar nichts zu bedeuten
hätte, dass eine Dame von ihrem Stande tun könnte, als wenn sie zu Hause wäre.
Darauf wandte er sich zu seiner Gemahlin. »Das ist«, sprach er, »die Dame aus
Butam, von der ... Nein, jetzt besinn ich mich, ich habe Mylady noch nichts davon
gesagt; es ist eine Dame vom höchsten Stande aus Butam, von gutem Hause. Ihre
Gnaden machen sich zuweilen einen kleinen Zeitvertreib und hexen: Dieselben tun
alle Dero Reisen durch die Luft und ersparen dadurch ein ansehnliches an ihrem
Nadelgelde. Sie kommen freilich allemal in einem beschämenden Zustande an, weil
es das Hexenzeremoniell so mit sich bringt; aber dagegen werfen Dieselben auch
niemals mit dem Wagen um, bleiben in keinem Moraste stecken und brauchen die
Langsamkeit des Postknechts mit keinem grossen Trinkgelde zu bestechen. Es ist
ungemein bequem.«
    Die Königin freute sich sehr, dass ihr der Lord so gut aus der Verlegenheit
half, und hielt das strengste Inkognito; sie wickelte die Bettdecke etwas fester
um sich und liess sich als eine Dame von gutem Hause aus Butam an Mylady Antick
präsentieren. Beide küssten sich mit vieler Wärme und waren über eine so
angenehme Bekanntschaft entzückt; beide hatten schon lange davon geträumt, dass
ihnen ein so grosses Vergnügen widerfahren sollte, und beide versicherten sich,
dass sie Freundinnen bis in den Tod bleiben wollten. Der Lord merkte, dass sich
die fremde Dame in seiner Gegenwart wegen ihrer Bedeckung Zwang antat, und war
daher so galant und begab sich auf sein Zimmer; Mylady beurlaubte sich
gleichfalls, schickte ihr Kleider, und in drei Stunden sah es niemand der
Königin Ypsilon an, dass sie so lange ein Stück Marmor gewesen war. Hexe
Tausendschön lachte dreimal auf der Feueresse vor Freuden, dass die Bosheit ihrer
Schwester so sehr das Gegenteil bewirkte, und diese weinte vor Ärger Tränen, so
gross als ein Taubenei, viel grössere als Patroklus' Pferde im Homer; sie schwor
sich selbst das Verderben, wenn sie nicht von nun an dem verhassten Kakerlak jede
Freude in die bitterste Qual verwandelte.
    Sobald sich alle Personen ohne Schamröte voreinander sehen lassen konnten,
führte der Lord die Fremde in seinen Antikensaal, seine Gemäldegalerie und sein
Porzellänkabinett; die Königin fand alles sehr schön, nur die vielen nackten
Leute missfielen ihr. »Allen den Leuten liess ich Kleider malen«, sprach sie,
»wenn die Bilder mir gehörten, und den steinernen Männern und Weibern hielt ich
eine Garderobe; sie gehn ja so bloss und armselig einher, als wenn sie kein Hemd
anzuziehen hätten. Es ist eine Schande für unsre erleuchteten Zeiten, dass man
den Malern und Bildhauern keine Kleiderordnung macht; eine ehrbare Dame von
guter Erziehung kann heutigestags keine Bildergalerie ohne Ärgernis ansehn.« Aus
diesem moralischen Grunde war ihr das Porzellänkabinett das liebste. »Da sieht
man doch, dass in China noch gute Sitten sind«, sagte sie, »alle diese
porzellänen Damen sind von Kopf bis zu Fusse bedeckt, dass man kaum das Gesicht
erkennt. Die Mandarine tragen lange Röcke; das heiss ich Anständigkeit; so etwas
kann eine Dame von Stande ohne Verletzung ihrer Ehre ansehen.« Sie verliebte
sich in dies porzelläne Kabinett voll chinesischer Wohlanständigkeit und
chinesischer Ungereimteiten so sehr, dass sie meistens den Morgen darin
zubrachte und jede Büchse hundertmal ansah.
    Um ihrem Vergnügen nichts fehlen zu lassen, tat Kakerlak einige Lustreisen
mit ihr; sie besuchten alle merkwürdige Gärten, diese herrlichen Nachahmungen
der Natur, die Berge, Täler, Flüsse und Wasserstürze hinsetzen, wo die Natur
keine schuf. Die Königin war sehr zufrieden damit und fand bloss das auszusetzen,
dass man immer auf und nieder steigen müsste und dass die Wege nicht in gerader
Linie gingen. Desto missvergnügter wurde Kakerlak; bei jeder neuen Schönheit, die
ihm entgegenkam, dachte er: Ach, der Glückliche, der einen Park hat! Ach, ich
Unglücklicher, dass ich keinen Park habe! Wie wenig ist doch das herrlichste
Antikenkabinett gegen einen Park! Hexe Schabernack brachte in seinem Herze die
Unzufriedenheit und seinen Wunsch zur Flamme, und er war noch nicht durch die
Hälfte des Gartens, so schwur er schon, dass er lieber nichts als Salz und Brot
essen wollte, um einen Park zu haben. Sehnsucht, Ungeduld und Gram sprachen aus
seiner Miene; Mylady konnte kein Wort aus ihm bringen; Tag und Nacht quälte ihn
der verdammte Park. Seine Gemahlin nahm ihn ernstlich vor, als sie einmal des
Abends allein waren, und bat ihn mit Flehen, ihr seinen Kummer zu entdecken; er
wollte lange nicht; endlich warf er sich schluchzend an ihre Brust. »Mylady«,
rief er, »schaffen Sie mir einen Park, oder ich sterbe.« - »Aber Mylord hat ja
ein Antikenkabinett, eine Gemäldesammlung und einen Porzellänsaal.« - »Ach, was
Antikenkabinett«, fuhr er entrüstet auf, »was Gemäldesammlung? Einen Park will
ich, oder ich kann nicht leben. Einen Park! Oder ich erhänge mich wie ein
rechtschaffner Engländer. Betteln will ich lieber, als keinen Park haben.« - Sie
riet ihm, seine Sammlungen zu verkaufen und für das Geld einen anzulegen; er
gehorchte dem Rate, wollte gern um den dritten Teil des Werts losschlagen und
fand viele Käufer, die aber desto langsamer kauften, je geschwinder er verkaufen
wollte.
    Schabernack konnte einen Mann, den sie hasste, nicht so leicht zu seinem
Wunsche gelangen lassen und spielte ihm einen Streich, dergleichen noch nicht
unter der Sonne geschah. Sie machte in einer Nacht alle Antiken lebendig; Prinz
Alfabeta lief augenblicklich, wie er sein Leben wieder hatte, im ganzen Hause
herum und kommandierte, als wenn es sein eigenes wäre, weckte Bediente und
Stallknechte mit Prügeln und Ohrfeigen auf, liess des Lords beste Kutsche
anspannen und entführte auf Eingeben der Hexe die Königin Ypsilon aus dem Bette.
Das war ein Lärm! Das war ein Aufruhr im Hause! Die beiden Maschinen der
Unglücksstifterin, Prinz Lamdaminiro und Prinzessin Friss-mich-nicht, fingen
gleich nach ihrem Aufleben Zank an; so gutmütig der Prinz sonst war, so fand er
sich doch unendlich beleidigt, dass ein so schlechter Mensch wie ein römischer
Gladiator neben ihm stand, und stiess ihn mit dem Ellenbogen voll Unwillen von
sich. Dieser Herr war ziemlich handfest und in einer Republik entstanden, wo man
von der heutigen Politesse nichts wusste; er fasste also ohne alle Zeremonie den
Prinzen bei dem Leibe und schleuderte ihn längs im Saale hin. Die Prinzessin
wollte die Beschimpfung ihres Bruders rächen und biss den baumstarken Gladiator
in den Arm, dass er zusammenfuhr; dies Untier hatte nicht mehr Respekt gegen die
Damen als gegen die Herren und scherzte nicht sehr fein, denn er fasste die
Prinzessin und schleuderte sie im Saale hin wie einen Knaul. Unterdessen
verursachte der Fall des Prinzen einen neuen Streit: Er stürzte wider seinen
Willen auf die schöne Venus und warf sie um, dass der Boden schütterte. Die
übrigen Götter und Göttinnen erzürnten sich über die Verwegenheit eines
Sterblichen gegen eine Dame von göttlichem Blute, hoben die Gefallne in aller
Eile auf, und Minerva trat à la Shakespeare mit ihrer Ferse dem Prinzen zwei
Augen und einen Kopf entzwei. Die Prinzessin richtete nicht weniger Unglück an:
Sie rollte an Apollens Fuss; das nahm der Musengott übel, spannte den Bogen und
schoss sie so ohne Gewissen ins Herz, wie wir Sterbliche eine Fliege totschlagen,
wenn sie uns sticht.
    Was für ein stolzes Volk die Götter des Olymps sind, das sah man hier; ihre
Majestät schien ihnen schon dadurch enteiligt, dass Sterbliche in einem Saale
mit ihnen atmeten, und sie beredeten sich deswegen, sie zu vertreiben. Wer mag
Göttern widerstehn? Die Sterblichen mussten weichen und irrten im Hause herum;
der eine rettete sich in dieses, der andere in jenes Zimmer.
    Kakerlak hörte zwar nichts von dem Getöse, aber wie erschrak er, als er den
Tag darauf die Nachricht erhielt, dass die Hälfte der Antiken aus dem Saale
gewandert und in alle Zimmer des Hauses zerstreut wäre, dass zwei blutig auf der
Erde lägen und dass die göttliche Venus ein Loch im Backen hätte, als wenn sie in
einem Scharmützel gewesen wäre! Der Lord fand alles dem Berichte gemäss, liess die
Ausgetretnen wieder an ihren Ort schaffen und wusste keine Möglichkeit
auszusinnen, wie ein Klumpen unbeseelter Marmor - denn das waren sie wieder -
sich so weit bewegen konnte. Die folgende Nacht geschah das nämliche. Hatte
Kakerlak vorher geeilt, sein Kabinett zu verkaufen, so tat er es jetzt desto
mehr; aber hatte vorher jedermann gezaudert, es ihm abzukaufen, so wollte es
jetzt niemand umsonst, da sich das Gerücht ausbreitete, dass es mit den Antiken
nicht richtig wäre. Wenn man sein schweres Geld daran wandte und sie kaufte, so
konnten sie ja in einer Nacht alle entlaufen; wer gab denn dem armen Kaufmanne
sein Geld wieder? Ein einziger, der von der Freigeisterei Profession machte und
darum keine Wunderwerke glaubte, hoffte, sie um jenes Gerüchts willen desto
wohlfeiler zu bekommen, und bat um Erlaubnis, sie zu besehn. Er besah die
himmlische Venus; Venus drehte sich um und wies ihm statt des Gesichts den
Rücken; er besah den immer jugendlichen Apoll; Apoll kehrte sich um und wies ihm
den Rücken; die nämliche Unhöflichkeit begegnete ihm bei allen, denen er ins
Gesicht sah. Dem Manne verging beinahe die Freigeisterei, so übel ward ihm
zumute; weil aber seine Gewinnsucht grösser war als die Furcht, bot er eine
kleine Summe, und der Lord schloss den Handel, um nur nicht länger mit behexten
Antiken in einem Hause zu wohnen.
    Die Gemäldegalerie wurde auf ebendieselbe Art verkauft; alles zusammen
brachte nicht so viel Geld ein, als nötig war, einen Gang im Garten anzulegen;
gleichwohl war schon ein Riss dazu gemacht, ein ganzes Gut dazu bestimmt, die
Arbeit angefangen, und um nicht mit Schande aufzuhören, musste Geld aufgenommen
werden. Kakerlak verkaufte und verpfändete alles und war schon in Gedanken Herr
vom schönsten Garten im ganzen Lande.
    Nach langer Arbeit und langer Hoffnung stand endlich das Wunderwerk der
Gartenkunst fertig da.
Zwischen jungen Fichten dreht
Sich der Schlangenpfad dahin,
Wo die schönste Charitin
In dem schönsten Haine steht.
Wie labt der Duft der frischbelaubten Birken!
Wie zittert sanft, gleich der verschämten Unschuld,
Am weissen Ast das zarte lichte Blatt!
Mit jedem Wehn des lauen Lüftchens kommen
Dem süssgelabten Sinn Gerüch entgegen
Von Blumen, Kräutern, Blüten. Jeder steht,
Berauscht sich, rühmt und sucht den Garten,
Der ihn mit solcher Schwelgerei bewirtet.
Umsonst! Er tut wie edle Seelen Gutes,
Erquickt und lässt nicht wissen, wer es tat.
Welch Leben! Welche Stimmen, die hier tönen!
Kein Zweig, wo nicht ein froher Sänger hüpft!
Was in der Schöpfung lebt, scheint hier versammelt,
Den Grazien sein fröhlich Lied zu weihn.
Euch, Schmuck der Menschheit! Euch, Wohltäterinnen,
Die ihr die Sterblichen aus Barbarei
Und Wildheit zogt, dem Leben Anmut schenktet,
Die Schönheit selbst mit Zauberkraft belebtet,
Euch, die ihr unsers Wunsches wert es machtet,
Ein Mensch zu sein, gebührt der schönste Hain,
Der lieblichste Geruch, der lieblichste Gesang.
Zwischen Tannenbüschen dreht
Aus dem schönsten Birkenhain
Sich der Schlangenpfad dahin,
Wo ein dunkelgrüner Wald
Düster auf dem Berge steht.
Ihn weihte sich die Spekulation.
Sie wandelt hier am Arm des Tiefsinns ernstaft
Im finstern Schatten tiefgesenkter Äste.
Bald leitet sie den Treuen, der ihr folgt,
Zum lichten Gang, wo durch die hohen, glatten Stämme
Der Himmel lächelnd blinkt; bald führt sie ihn
In Finsternis, wo der Erschrockne steht
Und sinnt, sich mit Entschlossenheit zu rüsten,
Eh er den Schritt ins heil'ge Dunkel wagt.
Wie schweigt der Wald in tiefster Einsamkeit,
Als wäre Leben, Regsamkeit und Ton
Aus der Natur auf einmal weggenommen!
Die Schöpfung ganz in Todesschlaf versenkt!
Wie spannst du, heil'ger Ort, des Geistes Flügel
Zu hohem Flug! Wer hier nicht denkt, denkt nie.
Zwischen Strauch und Dornen weht
Sich der Schlangenpfad herab.
Über Stein und Wurzeln muss
Mühsam sich der matte Fuss,
Wie der Denkende durch Zweifel, leiten,
Bis nach Strampeln, Taumeln, Gleiten
Vor dem See der Müde steht.
So staunt, wie hier, wenn von dem Ozean
Der Reisende die Küsten übersieht,
Die Griechenland mit Marmortempeln schmückte,
So hängt der Blick an den erhabnen Trümmern.
Im Sonnenglanz, umwebt von grünen Sträuchen,
Steigt dort vom Hügel auf ein Säulengang,
Zu dem hinan Apolls geweihte Priester
Auf breiten Stufen einst voll Andacht schritten.
Bald kahl, bald mit Gebüsch bekrönt, erheben
Am Ufer hin sich Hügel über Hügel
Und bilden uns den Sitz der Musen ab.
Trag uns, Gondel, durch den See
Von dem reizenden Prospekt
Zu dem Ufer, wo das Reh
Sich, bald sichtbar, bald versteckt,
Unter hohen Pappeln neckt.
Ha! welche Kluft empfängt uns am Gestade!
Ein langes Tal, das durch zwei Reihen Berge
Sich krümmt und drängt; ein kleiner Bach rauscht mitten,
Von Gras und Blumen halb verdeckt, dahin
Und bringt dem See sein Strömchen zum Tribut.
Schon braust durch Bäum und Strauch der Wasserfall
Mit näherndem Geräusch; der schmale Weg
Schleicht, tausendfach gewunden, durch die Wildnis,
Und oh! - wer zauberte den grünen Grund
Mit Schafen, Hirten, Bächen schnell daher? -
Willkommen uns! geliebte Hirtenszene,
Von Felsen rings umfasst, worein mit Mühe
Der krumme Baum die durst'ge Wurzel gräbt,
Wo Strom auf Strom, wie straff gespannte Segel,
Vom höchsten Gipfel stürzt, von Fels zu Fels
Emporgeschleudert tanzt, sich schäumend bricht,
Bald wie geballter Schnee durch Stein und Wurzeln
Mit Zischen wälzt und bald wie Perlen rollt,
Dann mit vereinter Macht hinab zur Tiefe
Wie in Verzweiflung schiesst, wo ein gekräuselter Wirbel
Mit hohlem Brausen die fliehende Nymphe verschlingt.
So flohen oft des Nereus keusche Töchter,
Verfolgt von den Bewohnern des Olymps,
Verzweiflungsvoll in des Vaters Arme herab.
Das Wasser braust, die Herde blökt,
Die Hirten flöten, Bäum und Felsen horchen;
O glücklich, wer mit offnen Sinnen hier
Im Schatten liegt und hört und sieht und fühlt!
Glücklicher Kakerlak, wer kann dein Entzücken beschreiben, als du zum ersten
Male den Wassersturz rauschen hörtest, den du der Natur zum Trotze an einem Orte
schufst, wo sonst kein Wasser war? »Glücklicher Kakerlak«, rief Hexe
Tausendschön, »wie kannst du eines Vergnügens satt werden, das dich dem Schöpfer
der Natur gleichsetzt? Du riefst Berge, Täler, Wasserfälle, Seen und Wälder aus
dem Nichts, pflanztest Schatten, wo die Sonne den Kopf verwundete, und bahntest
Wege, wo die Wildheit keinen Fuss wandeln liess. Glücklicher Kakerlak! Du wirst
deine Beschützerin erlösen.«
    Schabernack hatte durch ihre Kunst die Wunden des Prinzen und der Prinzessin
unschädlich gemacht und stahl sie aus dem Antikenkabinett, um sie im Garten zu
ihren Tücken zu gebrauchen. Stand der Lord vor einer langgedehnten Wildbahn und
bewunderte mit Entzücken den sanften, feinen Rasen, der wie ein grüner Teppich
ausgebreitet dalag, so musste die Prinzessin mitten auf den Platz als ein alter
verdorrter Baum hintreten. Kakerlak entrüstete sich, dass eine so hässliche
Missgeburt die schöne Grasebne schändete, und befahl dem Gärtner, den
abscheulichen Baum augenblicklich zu vertilgen; der Gärtner frage immer: »Wo?
wo?«, und strengte seine Sehnerven an, dass sie beinahe zerrissen, und wenn er so
viele Augen hatte wie Argus, so sah er nirgends einen Baum. Der Lord erzürnte
sich noch mehr, führte den Gärtner auf den Platz, wo er den Baum sah, und waren
sie dort, so war der Baum hier, gingen sie hieher, so war der Baum dort. So
wurde der elende Glückliche unaufhörlich gequält: Wo er ging und stand, liess die
Hexe Grashalme aus den glatten geschlängelten Gängen hervorwachsen; er befahl
dem Gärtner, sie auszurotten, aber der arme Mann sah jetzt so wenig Grashalme als
vorhin einen Baum. Sollte der Wasserfall rauschen, so steckte Schabernack den
Prinzen in die Röhre, und das Wasser lief so schwach, dass man's kaum rauschen
hörte; die Röhren wurden gesäubert, aufgerissen, neue hineingelegt; es blieb wie
zuvor.
    So viele widrige Zufälle verbitterten das Vergnügen schon sehr; nun fanden
sich noch dazu täglich mehr Gläubiger ein, für deren Geld der Garten angelegt
war, mahnten und drohten, da sie nicht befriedigt wurden. Kakerlak war ohnehin
schon eines Gartens überdrüssig, wo unaufhörlich Bäume und Grashalme am
unrechten Orte wuchsen, und beschloss, ihn seinen Gläubigern preiszugeben. Damit
waren aber die unhöflichen Herren nicht zufrieden, sondern baten sich auch
Häuser, Möbeln und die übrigen sämtlichen Habseligkeiten aus. Voll Verzweiflung
flüchtete Mylord und Mylady in ein Dorf, entsagte auf immer allem Vergnügen und
vergass, dass seine Beschützerin eine Hexe war, die durch ihn befreit sein wollte.
Die Gemahlin hatte heimlich ihre Ringe mit sich fortgebracht; sie wurden
verkauft, und von dem gelösten Gelde beschlossen die beiden Unglücklichen, in
stiller Einsamkeit, der Welt und ihren Freuden abgestorben, ohne übernatürlichen
Beistand zu leben. Tausendschön weinte; Schabernack lachte.
    Um ihm sogar diese kleine Ruhe zu verbittern, holte die Schadenfrohe seine
Bücher nebst der ganzen Stube herbei, wie er sie vor seiner Auswanderung nach
dem Vergnügen verliess; er sollte nicht ohne Vergnügen sein, um eins überdrüssig
werden zu können. Wie wenn man nach vielen, vielen Jahren einen Freund
wiederfindet, den man schon so lange für tot hielt, dass sein Andenken fast
erloschen war, so lief jetzt Kakerlak zu seinen Büchern hin. »Willkommen,
Freunde!« rief er entzückt. »Willkommen, ihr teuren Gefährten meines Lebens, eh
ich undankbar euch verliess! Ich durstete nach Vergnügen und fand keins; ich
irrte von einem täuschenden Schimmer zum andern, hielt es für ein Vergnügen und
betrog mich; ein leuchtender Dunst war es, der aus einem Moraste aufstieg. Weg
mit den Puppen! Ich bin kein Kind mehr. Ihr seid zwar auch nur Puppen, aber doch
männliche Puppen; ihr seid zwar auch nur Spiele mit Gedanken, wie andere mit
Würfeln oder gemalten Blättern spielen, aber doch edlere Spiele des Geistes.
Willkommen! Nie will ich an euch die zweite Undankbarkeit begehn.«
    Hexe Schabernack, was wird das werden? Du hast dich vermutlich in deiner
eigenen Schlinge gefangen, denn der Mann scheint Wort halten zu wollen.
    Der Heimtückischen fing an bange zu werden, weil nichts in der Welt ihn von
seiner Philosophie abzubringen vermochte. Sie spielte ihm mit des Prinzen und
der Prinzessin Hülfe tausend possierliche Streiche; sie verwandelte die
Buchstaben vor seinen Augen und füllte seine Bücher mit Irrtümern, Zweifeln,
Paradoxien, Widersprüchen, Ungereimteiten, närrischen Hypotesen und
wunderlichen Meinungen an; nichts konnte ihn in seinem Vergnügen stören. »Der
Mensch soll nicht wissen, sondern nur vermuten, nicht geniessen, sondern nur
Genuss hoffen und träumen, nicht glücklich sein, sondern sich glücklich dünken« -
das blieb seine Philosophie, womit er alle Gaukeleien entschuldigte, die sein
Vergnügen stören sollten.
    Stimmen riefen ihm von allen Seiten zu: »Kakerlak, so ein weiser Mann bist
du und spielst? Spielst mit Büchern und Gedanken?« - »Das ganze Leben ist ein
Spiel«, antwortete Kakerlak. »Das Kind spielt mit Puppen oder Trommeln, der
Jüngling mit Hunden und Pferden, das Mädchen mit der Liebe, mit Stoffen und
Bändern, die Grossen mit Soldaten, Sternen, Stammbäumen, Ordensbändern, die
Kleinen mit Titeln, Männer und Weiber mit Karten, Würfeln und Kegeln, der Weise
mit Gedanken und Empfindungen. Wenn alles spielt, warum sollt ich allein es
nicht tun?«
    Er wurde krank und kämpfte mit tausend Schmerzen. »Unglücklicher Kakerlak!«
riefen ihm Prinz und Prinzessin zu. »So ein verdienstvoller Mann und musst so
leiden!« - »Ich leide, aber ich bin nicht unglücklich«, war Kakerlaks Antwort,
»denn noch ist mein Herz nicht zur Fröhlichkeit stumpf.«
    »So ein weiser Mann«, riefen sie zu einer andern Zeit, »und freut sich!
Freut sich wie gemeine Sterbliche über ein Blümchen, einen Baum, einen
romantischen Felsen, über Wasserstürze, Sonnenschein und Regen! Wie erniedrigst
du deine erhabne Seele.« - »Weit gefehlt!« sprach Kakerlak lachend. »Die Freuden
der Natur sind mein Beruf; alles, was Menschen ersannen und Vergnügen nannten,
ist nur eine Krankenspeise; die gesunde Seele will nichts, was nicht von den
Händen der Natur kommt.«
    »Armer Kakerlak! Lebst so einsam und still ohne alles Vergnügen.«
    »Mein Vergnügen ist niemals um, sondern in mir; andere suchen es, ich trag
es beständig mit mir herum.«
    »Armer Mann! Der Hagel hat dir dein kleines Blumenbeet zerschlagen, deinen
einzigen Reichtum.«
    »Auch gut! So pflanz ich neue Blumen und gewinne durch meine Arbeit neue
Hoffnungen.«
    »Armer Weiser! Bald wirst du im Grabe liegen und ein Häufchen Knochen und
Staub sein.«
    »Auch gut! So quält mich die elende Maschine mit keinem Bedürfnisse mehr.«
    Da Schabernack sah, dass mit dem hartnäckigen Weisen nichts auszurichten war,
machte sie einen Versuch, ihn auf einer andern Seite anzugreifen. Der Prinz
Alfabeta reiste mit der entführten Königin Ypsilon noch immer in der Welt umher,
um die verlorne Physiognomie zu finden; die Hexe leitete diese beiden Abenteurer
zu Kakerlaks Wohnung und freute sich über den Krieg, den die Physiognomie
veranlassen würde. Sie mutmasste richtig; denn kaum erblickte der Prinz sein
Eigentum auf einem fremden Gesichte, so griff er ebenso derb zu, als da er den
unrechtmässigen Besitzer desselben aus dem Schnee zog. »Au weh!« schrie der Prinz
und fuhr zurück; das Vögelchen, worein Hexe Tausendschön gebannt war, sass auf
ihres Lieblings Gesichte, deckte es mit seinen Flügeln und pickte den Herrn
Prinzen, als er seine Physiognomie abreissen wollte, höchst schmerzlich auf die
Finger. »Vor einem Vogel fürcht ich mich nicht«, sagte der Prinz und griff zum
zweiten Male zu. Das Vögelchen pickte. »Au weh!« schrie der Prinz. Er versuchte
es zum dritten Male; zum dritten Male pickte das Vögelchen, und zum dritten Male
schrie mein Herr Prinz: »Au weh!« Nun liess er's wohl bleiben, nach seiner
Physiognomie zu greifen.
    »Wohl mir! Ich bin befreit«, fing das Vögelchen an. »Dank dir, Kakerlak,
Dank dem Weisen! Ich bin erlöst.« - Hexe Schabernack fuhr knirschend, polternd
und schreiend zur Feueresse hinaus auf den Brocken, um die Versammlung ihrer
Schwestern zusammenzurufen und durch Kabale die Erlösung ihrer Feindin zu
hindern. Prinz und Prinzessin, die bisher in zwei Folianten wohnten, fielen tot
aus den Büchern heraus zur Erde, weil die Zauberin, die sie unsichtbar machte,
von ihnen wich und in der Bestürzung vergass, für sie zu sorgen.
    »Meine Kinder!« rief die Königin Ypsilon mit erhabenen Händen aus. »So find
ich euch wieder, um euern Tod zu beklagen!«
    »Klage nicht, schöne Königin Ypsilon!« unterbrach das Vögelchen ihren
Schmerz. »Eine böse Zauberin liess sie sterben, eine gute macht sie wieder
lebendig.« - Sogleich flog es dem Prinzen auf den Kopf und pickte darauf,
alsdann auf den Kopf der Prinzessin und pickte darauf, und beide standen so
frisch und gesund auf, als wenn sie eben erst aus Mutterleibe kämen.
    Das war ein Jubilieren und ein Küssen zwischen Mutter und Kindern! Die
Königin konnte zuletzt keinen Arm mehr rühren, so müde waren sie von den vielen
Umarmungen; die Prinzessin verrenkte sich ein Bein mit ihren hohen
Freudenspringen, und der Prinz Lamdaminiro war der einzige, der bei diesem
Auftritte des unvermuteten Wiedersehens mit gesunden Gliedmassen durchkam; das
hatte er seiner unnachahmlichen Gelassenheit zu verdanken, die ihm bei dieser
Gelegenheit so grosse Dienste tat, dass er bloss Küsse und Umarmungen annahm, ohne
eine Falte im Gesichte vor Freude zu ändern.
    »Kehrt«, sprach das Vögelchen, »nach Butam zurück; die Physiognomie soll
nachkommen.« Der König wollte zwar nicht abziehn, aber das Vögelchen nahm einen
gebietrischen Ton an und drohte. »Zwei Tage nach deiner Ankunft«, setzte es
hinzu, »besieh dich im Spiegel, und dann danke mir's, wenn du wieder besitzest,
was du in der ganzen Welt vergebens suchtest.« Wollte er ganz Alfabeta sein, so
musste er sich wohl zur Abreise bequemen, und damit die Reise nicht zu langsam
ging, riss Tausendschön aus ihren Flügeln Federn und steckte jedem Pferde eine
zwischen die Ohren. Gleich huben sich die schnaubenden Hengste in die Höhe und
flogen mit der Kutsche durch die Luft, als wenn das Fliegen zeitlebens ihr
Handwerk gewesen wäre; dadurch ersparte sie der königlichen Kammer zu Butam ein
Ansehnliches, was auf der Erde unterwegs aufgegangen wäre.
    Der grosse und kleine Rat hatte sich indessen auf dem Brocken versammelt, und
Hexe Schabernack hielt schon ihre Rede in wohlgesetzten Hexametern, als ein paar
Bettelmönche, die dermaligen Ratsboten, die Ankunft der Hexe Tausendschön
meldeten. Man hiess sie warten und befahl ihrer Gegnerin abzutreten; nach einer
zweistündigen Überlegung, wobei man sich eine Menge Haare ausraufte, musste
Klägerin und Beklagte erscheinen, und es wurde ihnen folgender Bescheid
bekanntgemacht:
Kund und zu wissen sei allen, die Ohren haben und hören,
Welchergestalten des zaubernden Reichs versammelte Glieder
Nach der Sachen reifer Erwägung in völliger Eintracht
Also beschlossen, wie lautet:
»Nachdem ein Sterblicher standhaft
Im Vergnügen des Geistes beharrte, den Freuden sich weihte,
Die geöffneten Sinnen und einer schuldlosen Seele
Die Natur mit ökonomischer Sparsamkeit darbeut,
Alle Hoheit für Traum, den Stolz für Torheit erkannte,
Fest entschlossen, in fröhlichen Sprüngen zum Grabe zu tanzen;
Als erkennen wir dann, dass unsre verurteilte Schwester
Ihr Gefängnis verlass und in unser hohen Versammlung
Wieder mit vorigem Recht und Gestalt von nun an erscheine,
Doch mit ernstem Bedeuten, des Alfabeta von Butam
Edles Gesicht zu restituieren in integrum oder
Unser Missvergnügen und unsern Zorn zu gewarten.«
So gegeben am uns geweihten Tage Walpurgis12,
Auf dem schneevollen Gipfel des Brockens.
                              Conclusum in pleno.
Beide Vorbeschiedene neigten sich tief, Schabernack ging mit verbissenem Ärger
in ihre Stattalterschaft zu ihrem gewöhnlichen Posten ab, und Tausendschön
vollstreckte sogleich in schuldigem Gehorsam den Befehl des Senats. Als der
König Alfabeta zwei Tage nach seiner Ankunft in den Spiegel sah, um seine Frisur
zu mustern, warf er plötzlich vor Freuden den Spiegel hin und rief: »Ich habe
sie wieder! Ich habe sie wieder!«, und sogleich wurde auf denselben Tag Gala
angesagt.
    Indem sich Kakerlak von ungefähr umsah, erblickte er einen goldnen Käfig an
der Decke seiner Stube; er entielt das Vögelchen, aus dem eben jetzt seine
Beschützerin gezogen war und das ihn bisher von Vergnügen zu Vergnügen und durch
so manche Gefahr trug. Es blieb sein Gesellschafter und Freund, und wenn dem
Herrn Weisen zuweilen eine kleine Schwachheit, etwas Stolz, Unzufriedenheit oder
Sehnsucht nach einem andern Zustande überfiel, so sang es gleich:
Mann, du willst dich einen Weisen nennen
Und kannst unzufrieden sein?
Kannst das Nichts, wonach du strebst, verkennen?
Kannst von Stolz und Leidenschaften brennen?
Ach, wie ist der weise Mann so klein!
Hatte er sich hingegen aufgeführt, wie es einem Weisen geziemt, dann erschallte
sein Lob durch die goldnen Stäbe:
O das ist ein weiser Mann!
Sieht das Glück der Welt mit Lächeln an,
Findet auf des Lebens rauher Bahn
Überall Ergötzen, wo er kann,
Unterdrückt des Stolzes falschen Wahn,
O das ist ein weiser Mann!
                                      ENDE
 
                                    Fussnoten
1 Der Brocken ist bekanntermassen der höchste Berg auf dem Harze und der
Versammlungsort der Hexen, die am Walpurgistage aus der ganzen Welt dort
zusammenkommen, um sich über ihre Reichsangelegenheiten zu besprechen.
2 Die Leser werden sich erinnern, dass in den Ländern des Nordpols das ganze Jahr
nur aus einem Tage und einer Nacht besteht und dass jedes von beiden ein halbes
Jahr dauert.
3 Der Eroberer von Peru.
4 Der Verfasser folgt hier einem Irrtume, der in der Naturgeschichte des
Menschen schon längst verschrien ist; allein er hat sich selbst dafür strafen
müssen, denn er machte unvermeidlicherweise einen Vers, der den Artikel (die
Natur) zur Zäsur hat.
5 Dergleichen es im Orient und besonders in Ägypten viele gibt. Man sehe Nordens
»Reise nach Ägypten.«
6 Grandier, ein Geistlicher, der den Nonnen eines Klosters in Frankreich schuld
gab, dass sie die Wunder, die eigentlich Betrügereien waren, mit Hülfe des
Teufels täten, und da man eine solche Beschuldigung nicht gern auf sich sitzen
lässt, so wurde er zu ewiger Widerlegung verbrannt.
7 Diese sonderbare Etikette war noch zu Anfange dieses Jahrhunderts in Spanien
gewöhnlich: Le Roi, voulant aller à la chasse, avait donné l'ordre à son
porte-arquebuse pour deux heures. Les personnes de sa suite se rendirent au
palais: elles croyaient entrer dans l'appartement: mais celui qui avait droit
d'en fermer les portes, ne parut qu'à trois heures. Il fallut que le roi
attendit comme les autres. Les grands jouissaient de privilèges que maintenait
la sévérité de l'étiquette: on tenait par-là le Monarque en quelque sorte
reclus, excepté pour eux. »Mémoires politiques«, T. 2, p. 28.
8 Ein bekannter alter teutscher Maler.
9 Der nie mit dem Pfeile sein Ziel verfehlt - sein gewöhnliches Beiwort bei den
griechischen Dichtern.
10 In seiner »Geschichte der Kunst«.
11 Aktäon.
12 Das heisst den ersten Mai.
 
    