
        
                          Margareta Sophia Liebeskind
                                     Maria
                           Eine Geschichte in Briefen
                                   Erster Teil
                                   Vorbericht
Folgende Briefe sind von einem Frauenzimmer geschrieben, und würden wohl
schwerlich jemals vor die Augen des Publikums gekommen sein, wenn der Vorredner
die Verfasserinn nicht dazu ermuntert, und die Besorgung der Herausgabe
übernommen hätte.
    Es kann sein, dass ein Teil des lesenden Publikums mir für diese Mühe wenig
Dank weiss. Der andere Teil hingegen ist gewiss mit mir darin einig, dass gut
geschriebene Frauenzimmerbriefe Reize und Schönheiten haben, die Männer nur
höchst selten den ihrigen zu geben vermögen. Eine reichere und lebhaftere
Einbildungskraft, feinere, sanftere, biegsamere und mannichfaltigere Wendungen
im Ausdruck, kurz, alle diejenigen einzelnen Schönheiten, aus deren
Zusammensetzung der Charakter des Weiblichschönen entsteht, scheinen das Gepräge
solcher Ausarbeitungen zu sein, und werden gewiss bei Lesern von warmer
Empfindung nie verfehlen, eine höchst angenehme, und selbst (wenn der Gegenstand
darnach gewählt ist) nützliche Unterhaltung zu sein. Sollten auch diese Vorzüge
noch nicht allen und jeden Briefen dieser Sammlung in gleichem Maass zu Teil
geworden sein, so wird der Leser doch wenigstens überall die beste Anlage dazu
gewahr werden, und, in diesem Betracht, meine Ermunterung zur fernern
Vervollkommnung solcher Anlagen nicht übel angewendet finden.
    Die hier erzählte Geschichte gründet sich grösstenteils auf Wahrheit; ist
also in so ferne nur als Dichtung anzusehen, als Charaktere untergemischt sind,
die bloss der grössern Mannichfaltigkeit und der bessern Unterhaltung wegen
gewählt wurden. Einige Hauptcharaktere wird man vielleicht für übertrieben und
unnatürlich halten, weil sich die Originale dazu in dieser Welt selten finden
lassen. Ob es aber überhaupt eine billige Forderung sei, die man in den neuesten
Zeiten an diese Gattung der Dichtungsarten macht, dass sie nämlich bloss kopiren,
nie aber sich zu nachahmungswürdigen Idealen hinauf schwingen soll, will ich
hier unausgemacht lassen. Ich kann aber nicht umhin, zu bemerken, dass nach
meinem Bedünken diese Dichtungsart mit allen übrigen schönen Künsten das
Grundgesetz: einzeln in der Natur befindliche und zerstreuete Schönheiten zu
gewissen Zwecken in ein Ganzes zu versammeln, gemein haben muss. Was soll die
Darstellung eines Gegenstandes mit allen seinen Gebrechen, Mängeln und Fehlern
für Nutzen stiften? Und liegt nicht eben die grösste Nützlichkeit aller schönen
Künste und Wissenschaften in der erregten Nacheiferung nach Vollkommenheiten,
die in dieser Welt selten vereinigt anzutreffen sind? Mir scheint es daher in
der Tat eine sehr nachteilige Forderung zu sein, nach welcher man den Künstler
seines grössten Vorzugs, der in der Schöpfung musterhafter Ideale besteht,
berauben, und ihn in die enge Sphäre eines blossen unnützen Copisten einschränken
will.
    Auch unsere neuere Pädagogen werden, im Fall ihnen diese Briefe in die Hände
fallen sollten, vielleicht einige Steine des Anstosses finden. Die Verfasserinn
ist in ihrem Erziehungssystem Sirachs eifrige Anhängerinn, und traut in gewissen
Jahren dem Stock und der Rute weit nützlichere Wirkungen zu, als den
vernünftigsten und gütigsten Vorstellungen. Jedoch erstreckt sich ihre Meinung
hierinn bloss auf die ersten Jahre der Kindheit, die aber um so viel wichtiger
sind, je gewisser in ihnen der Grund zur ganzen Erziehung des Menschen gelegt
werden muss. Da also die neuern Anti-Sirachianer spätere Jahre der Kindheit zum
Augenmerk haben, so könnten die geäusserten Erziehungsgrundsätze der Verfasserinn
dennoch vielleicht ohne beträchtliche Collisionen davon kommen, und wohl gar
Gnade vor ihren Augen finden.
    Uebrigens wird der Leser in dem Verfolg dieser Briefe bald sehen, dass die
Hauptabsicht der Verfasserinn dahin gehe, in dem höchstliebenswürdigen, aber
schwachen Charakter der Marie die Gefahren und Nachteile einer allzu grossen
Empfindsamkeit, auch selbst dann, wenn sie von den allervorzüglichsten Tugenden
des Herzens, Verstandes, und sogar der Religion begleitet wird, zu zeigen. Wenn
auch alle diese vereinigte Tugenden im Stande sind, ein allzuempfindsames Herz
vor wirklich groben Vergehungen zu bewahren, so können sie doch nicht
verhindern, dass ein solches Herz am Ende nicht sich selbst aufreibe, und ein in
gewissem Betracht zwar erhabener, aber doch unglücklicher Märtyrer seiner eignen
Gefühle werde.
    Ich wünsche, dass diese Briefe den Lesern eben so viel Vergnügen machen
mögen, als sie mir gemacht haben.
                                                                Der Herausgeber.
 
                                  Erster Brief
                                Sophie an Marien
Wären Sie doch jetzt ein Stündchen bei mir, meine Marie! Es sollte uns an Stoff
zur Unterhaltung nicht fehlen. Sie werden zwar wohl meinen, dass ich Ihnen ja
meinen Schatz von Neuigkeiten auch schriftlich mitteilen könnte. Aber, beiseite
gesetzt, dass Schreiben und alle solche sitzende Handlungen eben nicht die
Lieblingsgeschäfte meiner flüchtigen Person sind; so käme ich ja um alle Ihre
Anmerkungen, oder erhielte sie wenigstens sehr spät, wenn ich vielleicht die
ganze Sache schon vergessen habe.
    Doch die Vorrede darf nicht so lang, als die Erzählung selbst, sein; diese
Bemerkung ist mir noch so von meinem letzten Informator hängen geblieben. Also
wollen wir zur Sache selbst schreiten.
    Höre, Fiekchen, sagte diesen Morgen mein Onkel, legte wohlbedächtlich seine
Pfeife nieder, schob die weisse baumwollne Mütze um zwei Zoll weiter zurück,
rückte seinen Stuhl mir näher, und hub folgender Gestalt an:
    »Du hast schon einige hübsche Partien gehabt, die aber alle dein Eigensinn
zurückgewiesen hat. Lege nun deine Grillen ab, mein Kind, und denke ernstaft
daran, dass eine alte Jungfer, die es aus eigner Schuld wurde, eine erbärmliche
Kreatur ist. Ich werde dir heute einen wackern Mann vorstellen, der ein Auge auf
dich geworfen hat. Sei ja vernünftig gegen ihn.«
    Ich hatte zwar so allerlei Anmerkungen auf der Zunge, weil aber mein Onkel
in einigen Punkten keinen Scherz versteht, so unterdrückte ich sie, ob es mir
gleich ein wenig sauer wurde. Ich kleidete mich an, und erwartete - vielleicht
wohl ein klein wenig unruhiger als sonst - den Glockenschlag, der das Signal
unserer Visiten ist. Es kamen einige Herren und Damen zum Besuch, die sich bei
mir hatten melden lassen. Als eben die ersten. Unterhaltungen vom Wetter und vom
jetzigen Moderoman zu Ende waren, trat meine Tante in das Zimmer, geführt von
einem Herrn, dessen Gesicht seine Kleidung Lügen strafte; denn diese letztere
zeigte einen Jüngling von 18 bis 20 Jahren an, da hingegen das erstere
wenigstens 38 verriet. Sein Haar war in künstlich nachlässige Locken gelegt;
keine neidische Halsbinde verdeckte die Schönheit seines magern Halses, der sich
ganz entblösst dem Auge zeigte. Ein himmelblaues seidenes Kleid, merde d'oie
gefüttert, Strümpfe vom schönsten Karmelit, machten einen vortrefflichen
Kontrast, und zeigten, dass Herr Sternfeld Meister in der Farbenmischung sei. Er
trug ein paar Schuhe, deren Vorderteil eben hinreichte, die Fusszehen zu
bedecken; die Hacken waren so hoch, dass sie mit den meinigen wetteifern konnten.
Schnallen, die gerade so breit waren, als die Schuhe; zwei Uhren mit den
klingelndsten Berloquen versehen, welche die Ankunft seiner wichtigen Person
schon von weitem verkündigten. Die Beinkleider waren an den Knien mit niedlichen
Bändern zugebunden; in der einen Hand trug er ein Stöckchen, an der andern
führte er meine Tante, die alles angewandt hatte, ihre Reize so zu erhöhen, dass
sie dieses allerliebsten Führers nicht unwert schien.
    Nachdem dieser Herr ein tiefes Kompliment gegen die Damen, und ein etwas
nachlässigeres gegen die Herren gemacht hatte, hüpfte er auf mich zu, und küsste
mit vieler Grazie meine Hand.
    »Dies ist also die Göttinn - so sprach er - von deren Macht und Reizen ich
schon in der Ferne bezaubert worden bin?«
    »In der Tat, Herr Sternfeld, diese Macht der Bezauberung in der Ferne hätte
ich mir nie zugetraut. Sie müssen wohl sehr leicht zu bezaubern sein.«
    »O wenn so viel Schönheit mit solcher Bescheidenheit vereinigt ist, welches
Herz kann dann ungerührt bleiben?«
    »Mich dünkt, um den wahren Wert einer Sache zu schätzen, muss man doch
wenigstens etwas davon selbst besitzen, und das scheint, mit der Bescheidenheit
wenigstens, nicht Ihr Fall zu sein.«
    Es scheint wohl, als wenn Herr Sternfeld nicht viel aus dem Stegreif zu
reden vermag; wenigstens konnte er hierauf keine schickliche Antwort finden. Er
drehte sich einmal auf dem Absatz herum, nahm Taback und fieng eine andre
Materie an.
    »Aber, mon Dieu, was ist heute für ein heisser Tag! Es ist nicht möglich,
eine gescheidte Frisur zu behalten. Sollten Sie es wohl glauben, dass ich heute
von Monsieur Dechamp nach der neuesten Pariser Mode frisirt bin? Und doch sieht
jetzt mein Kopf so mal goufteux aus, dass ich mich schämen muss, vor den Damen zu
erscheinen.«
    Mamsell Ebard. »O, Ihr Kopfputz hat sich noch recht gut gehalten. Uebrigens
aber ist es wahr, die Sonne ruinirt alles. Sehn Sie nur meinen Teint. Ob ich
gleich nie ohne Schleier und Sonnenschirm ausgehe, so bin ich doch gestern auf
der Promenade so schwarz gebrannt, wie eine Mohrinn. Nicht wahr, Herr von Grün,
ich sehe ganz scheuslich aus?«
    Herr von Grün widerlegte dies natürlich sehr sinnreich, und nun kam die
ganze Gesellschaft auf ein sehr interessantes Kapitel: wie die Haut im Sommer zu
conserviren sei? Zwei Mittel, die besonders angepriesen wurden, notirte Herr
Sternfeld in sein Taschenbuch. Mit dieser und ähnlichen Unterhaltungen verstrich
der Nachmittag, und die Gesellschaft ging aus einander. Sternfeld empfahl sich
mir mit einem sehr zuversichtlichen Wesen, und schien zu glauben, dass er einen
sehr günstigen Eindruck auf mein Herz gemacht hätte.
    Und nun sagen Sie, Marie, kann ich mir nicht zu einem so liebenswürdigen
Bräutigam Glück wünschen? Die mir so oft von Ihnen gepriesne Wahrheit: dass der
Ehestand unser Beruf sei, macht jetzt doppelten Eindruck auf mich, da ich einen
so niedlichen Gefährten finde. Wahrhaftig, es würde eine allerliebste Ehe
werden!
    Nein, Marie, Freiheit ist das edelste Gut, und ich will dessen geniessen, so
lange ich kann. Ach! ich kenne die Männer: als Liebhaber sind sie schmeichelnd
und kriechend, wie die Schoosshündchen; aber nach der Trauung verändert sich die
Scene. Unser untertäniger Diener wird hochgebietender Herr, und tyrannisirt das
arme Weib für jede Schmeichelei, die er als Bräutigam ihr sagte. Und unter ein
solches Joch sollte ich meinen Nacken beugen? Nimmermehr! Ich betrachte die
Männer als Geschöpfe, die zum Scherzen und Tändeln in müssigen Stunden recht gut
sind, die man sich aber ja nicht darf zu nahe kommen lassen. Es hat noch kein
Mann Eindruck auf mich gemacht, und ich glaube gewiss, dass es auch nie geschehen
wird. Mein Herz soll eine unüberwindliche Festung bleiben, und nie andre als die
Gefühle der Freundschaft kennen. Allein diese Empfindungen sind gegen meine
Marie desto stärker, und stets wird mit gleicher Wärme für Sie schlagen das Herz
                                                                           Ihrer
                                                                         Sophie.
 
                                 Zweiter Brief
                                Marie an Sophien
Ich erkenne Sie ganz in Ihrem muntern Briefe, liebe Sophie. Aber ob mir gleich
das Lesen desselben viel Vergnügen gemacht hat; so bin ich doch mit Ihrer
letzten Erklärung nicht zufrieden. Ich höre meine muntre Freundinn gern
scherzen, aber nur nicht über einen so wichtigen Gegenstand, als die Ehe ist.
Sie haben zwar darinnen Recht, dass mit dem Liebhaber als Ehemann oft eine
Veränderung vorgeht, aber wer ist mehr Schuld daran, als die Mädchen selbst? Sie
verlangen als Göttinnen von ihrem Liebhaber angebetet zu werden, und fordern
eine kriechende Verehrung von ihm. Ist es nicht sehr begreiflich, dass er diese
ihm höchst unnatürliche Lage so bald als möglich ablegt, und dass er nun
vielleicht die Rechte übertreibt, die ihm der Priester vor dem Altare gibt?
Dieser neue Ton muss denn wohl freilich die junge Frau sehr befremden.
    Sie, meine Freundinn, werden gewiss nie eine solche nachteilige Veränderung
zu befürchten haben. Ich traue Ihnen zu, dass Sie als Braut wohl zärtliche Liebe
und gegenseitige Gefälligkeit von Ihrem Geliebten fodern, aber nie zugeben
werden, dass der Mann sich zum sklavischen Anbeter erniedrige. Sie werden sich
gewiss durch nachgebende Aufmerksamkeit und durch eine genaue Erfüllung Ihrer
Pflichten die Achtung Ihres Gatten zu erhalten wissen. Und was kann denn wohl
schöneres gedacht werden, als die Vereinigung zweier Personen, die sich
verbinden, alle Freuden des Lebens durch gemeinschaftlichen Genuss sich zu
verdoppeln, und das Leiden durch gegenseitiges Teilnehmen sich erträglicher zu
machen!
    Und welch eine noch grössere Quelle der Freude glänzt uns im Ehestande! Giebt
es ein erhabeners Glück als das, sich selbst wieder in Kindern aufleben zu
sehen, mit ihnen aufs neue wiederum die Ruhe und den Frieden zu fühlen, der so
ganz das Eigentum dieser Jahre der Unschuld ist? Zu sehen, wie eine Seelenkraft
nach der andern sich entwickelt? - Wie ist es der zärtlichen Mutter so leicht,
den Keim zu Tugend und Glückseligkeit in das junge Herz zu legen, und wie
ärndtet sie schon in dem zarten Alter des Kindes den süssen Lohn ihrer Sorgfalt
durch seine unschuldsvolle Anhänglichkeit an sie!
    O wie hasse ich die Mütter, die, gleichgültig gegen diese Freude, ihre
Kinder fremden Ammen und Wärterinnen übergeben! Durch diese Art der Erziehung
höchst unartig und eigensinnig gemacht, muss sich die Mutter bei jeder
Gelegenheit der kleinen Unglücklichen schämen. Was ist also zu tun? Sie
entfernt sie ganz von sich, und steckt sie in eine Kinderstube. Die Töchter
werden unerträgliche Geschöpfe, die nur ihr Geld, oder ihres Vaters Ansehen an
den Mann zu bringen fähig ist. Die Söhne werden auf Universitäten geschickt,
ohne das mindeste der dazu nötigen Kenntnisse zu haben. Froh, der Rute der
Französinn entlaufen zu sein, führen sie das ungebundenste Leben, kehren mit
leerem Kopf und Beutel zurück, und sind dann die würdigen Glieder, von welchen
die Bedienungen unsers Staats bekleidet werden.
    Nie werde ich meiner Mutter die Sorgfalt genug verdanken können, mit der sie
mich erzog. Nie kam ich von ihrer Seite. Geschäfte. Vergnügungen, alles opferte
sie mir auf. Wenn ich noch an die rührenden Ermahnungen denke, womit sie zu
Pflicht und Tugend mich ermunterte, so fliessen ihrem Andenken heisse Tränen, und
ich bitte Gott, dass er mich wert mache, einst meinen Kindern das zu sein, was
die Selige mir war. Gott sei gedankt, dass er mir das Glück aufbehielt, noch in
ihren letzten Stunden ihr Freude zu machen, und sie mit einem zufriedenen
Lächeln über meine Folgsamkeit aus der Welt gehen zu sehen!
    Sie wissen die Geschichte meiner Jugend. Sie wissen, dass ich mich lange der
Verheiratung mit Albrecht wiedersetzte, dass auf ihrem Todbette die Selige in
mich drang, ihn zu heiraten. Ich konnte ihren Bitten nicht widerstehen; und
wäre auch nun mein Ehestand unglücklich, so würde doch das mir meine Leiden
versüssen, dass ich durch meine Einwilligung die letzten Stunden einer sterbenden
Mutter erheiterte. Aber Gottlob! unglücklich ist er nicht. Mein Albrecht ist ein
guter Mann. Er ist zwar etwas zu kalt, um alle Forderungen meines Herzens zu
befriedigen, das so ganz zur innigsten Liebe geschaffen ist. Aber ich hoffe,
wenn es mir erst gelungen ist, alle Eindrücke vergangner Zeiten, die sich
zuweilen mir aufdrängen, völlig zu verbannen, die gar zu grosse Empfänglichkeit
meiner Empfindungen zu mässigen - mein Mann kränkt mich oft dadurch, dass er
dieses übertriebne Empfindsamkeit nennt - und mein Herz ganz unter die
Herrschaft der Vernunft zu beugen, dass dann unser Ehestand einer der
glücklichsten sein wird.
    Ganz glücklich zu sein, ist freilich schwer, wenn die Empfindungen von Natur
nicht gleichgestimmt sind. Aber es ist Pflicht für die Frau, sich nach der
Denkungsart ihres Mannes zu bilden, und ihn den Unterschied ihrer Gefühle so
wenig als möglich fühlen zu lassen. Verzeihen Sie mir diese lange Ausschweifung,
meine Liebe. Es wird vielleicht bald die Zeit kommen, da Sie ganz meiner Meinung
sein werden. Ihr Herz wird gewiss nicht immer so unempfindlich bleiben, als es
bisher gewesen ist. Es kömmt nur darauf an, dass ein gefährlicherer Feind, als
Herr Sternfeld, es angreift. Ihre Beschreibung von diesem hat mich sehr
belustigt. Melden Sie mir doch ja immer die weitern Fortschritte, die er bei
Ihnen macht. Leben Sie recht wohl, meine Sophie.
                                                                          Marie.
 
                                 Dritter Brief
                                Sophie an Marien
Ich habe heute einige komische Originale kennen gelernt, die ich Ihnen, liebe
Marie, auch bekannt machen will. Wir waren von dem Amtmann Cleberg zum Besuch
gebeten; er wohnt zwei Stunden von hier zu Mayfeld, und liess uns in seinem Wagen
dahin abholen. Als wir ankamen, stand der Herr Amtmann nebst seiner Frau und
zwei Töchtern vor der Tür, um uns zu empfangen. Ihr Anzug war ein sonderbarer
Mischmasch von Stadt- und Landmode. Die Frau Amtmänninn freute sich denn sehr
der Ehre mich zu sehen, wurde gewaltig bekümmert, wie sie hörte, dass mir vom
Fahren etwas übel geworden wäre, erheiterte sich sehr, da ich versicherte, dass
mir jetzt besser wäre, und bedauerte nur wiederum, dass ich so mit der Bewirtung
ihres schlechten Hauses würde vorlieb nehmen müssen. Bei dieser letzten
Äusserung zogen sich die Augenbraunen des Herrn Amtmanns etwas merklich
zusammen. Ey, mein Kind, man muss nicht auf Kosten der Wahrheit höflich sein; du
solltest unsern Gästen wohl eine schöne Idee von unsrer Einrichtung beibringen!
Dies ist freilich nur ein Landhaus, aber es übertrifft denn doch wohl manche
Stadtäuser. Sie sollen selbst davon urteilen. Freilich, als ich hier einzog,
sah es ganz anders aus; ich habe alles, was sie Gutes drinn sehen werden, müssen
machen lassen. Aber nun ist es auch ein Haus geworden. Jeder, der es sonst
gesehen hat, kann seine Verwundrung nicht genug bezeigen. Der Geheime Rat B.
klopfte mir noch neulich auf die Schultern: ja, sagte er, unser Amtmann Cleberg,
das ist doch noch ein Mann von Geschmack, der - Papa, unterbrach ihn Minchen,
das jüngste Mädchen, Sie vergessen ja, dass Sie die Fremden herumführen wollten.
    Nun schleppte er uns, meiner Müdigkeit ungeachtet, durchs ganze Haus, und
wir mussten uns an seinen Verbesserungen (so nannte ers, jeder andre hätte es
Verschlimmerungen geheissen,) fast ausser Atem bewundern. Ich will Ihnen nur eine
dieser Veränderungen anführen. Es war ein grosser Saal im Hause gewesen, den man
immer, auch seiner schönen Aussicht wegen, als das vorzüglichste Zimmer
betrachtet hatte. Der Herr Amtmann aber glaubte, es sei viel schicklicher, wenn
eine Gesellschaft sich in mehrere Partien verteilen könne, und hielt es für
sehr abgeschmackt, in Einem Zimmer zu sein. Er liess also vier Wände durchziehen,
und machte aus dem schönen Saal fünf kleine Zimmerchen. Ein Fenster, das die
schöne Aussicht hatte, wurde dadurch verbaut. Aber nun zeigte sich ein schlimmer
Umstand. Man hatte nun keinen Platz, wo eine zahlreiche Gesellschaft speisen
konnte, auch keinen Raum zu den Bällen, die oft zu Mayfeld gehalten wurden. Was
sollte der Herr Amtmann nun anfangen? Den Saal wieder in den vorigen Zustand
setzen? Das hiesse ja bekennen, dass man geirrt hätte, und das gesteht er nie ein,
es koste auch was es wolle. Er liess also ein ganz neues Nebengebäude errichten,
in welchem zwei schöne Säle gebauet wurden. Dieses Nebenhaus kostete ihm mehr
als dreitausend Taler, denn er bezahlt alles noch einmal so teuer, als andre
Leute, ob er gleich glaubt, alles wohlfeiler zu haben. Dem ohngeachtet aber ist
er weit davon entfernt, dies Geld zu bereuen, sondern hält es noch immer für
sehr nützlich angewandt.
    Als wir mit dem Hause fertig waren, wurden wir in den Garten geführt. Dieser
war sonst zum Küchengarten bestimmt gewesen. Er aber fand es angenehmer, ihn auf
englische Art zu haben. Es wurden also viele auswärtige Gewächse herbei
geschafft, und ein Bosquet, Grotten und Einsiedeleien darin angelegt. Um aber
auch Abwechselung zu haben, liess er einen andern Obstgarten auch umarbeiten. Wo
sonst eine kühle dunkle Laube stand, prangte jetzt ein schönes Gewächshaus, und
statt der Bäume, die sonst so voll Aepfel hiengen, dass die selige Frau
Amtmänninn sie nie ohne Freude betrachtete, ragten griechische Büsten und Säulen
hervor. Um den Teil des Gartens, der aufs Feld ging, war ein Graben gezogen,
wozu das Wasser sehr weit durch Kanäle hergeleitet wurde. Man konnte zwar mit
einem Sprung bequem herüber kommen, um aber ganz vor Dieben gesichert zu sein,
hatte er eine kostbare Zugbrücke verfertigen lassen, die des Nachts aufgezogen
wurde. Auch auf dem Felde waren viel geschmackvolle Veränderungen angebracht. Es
ist wahr, sprach er, ich kaufe jetzo viele Früchte, die mein Vorfahr verkaufte,
aber solche Sachen sind auch jetzt so spottwohlfeil, dass es sich wahrhaftig der
Mühe nicht verlohnt, sie selbst zu bauen, und das Vergnügen, das meine jetzige
Einrichtung mir und meinen Freunden macht, ersetzt mir den kleinen Verlust
reichlich, den ich etwa dabei habe.
    Nun giengs zur Tafel, die zwar reichlich besetzt, aber gar nicht schmackhaft
bereitet war. Zudem war das Tischgeräte nebst Tellern und Schüsseln zwar
kostbar, aber gar nicht reinlich; auch die Wahl und der Aufsatz der Speisen war
abgeschmackt. Die Frau Amtmänninn verlangte ein Glas Wasser; ein Bedienter eilte
es ihr zu reichen. Sie bog sich auf einmal so stark zurück, dass sie dem Menschen
das Glas aus der Hand stiess. Nun hätten Sie das Spektakel hören sollen, das sie
machte. Der arme Kerl hiess nun ein Tölpel und Flegel über den andern. Schert
euch nur gleich vom Tisch, ihr dummer Klotz, ihr seid doch zu nichts zu
gebrauchen. Dass Johann statt eurer heraufkömmt. Nun, ihr Schöps, was steht ihr
noch? Packt euch, oder ich werde euch das Glas an den Kopf werfen.
    Minchen. »Ach liebe Mama, der arme Friedrich konnte ja nichts dafür, dass das
Glas hinfiel, Sie waren selbst Schuld daran.«
    Amtmänninn. »Schweig, dummes Mädchen, ich werde dich lehren deiner Mutter
widersprechen. Augenblicklich geh vom Tisch, und leiste dem niederträchtigen
Kerl Gesellschaft.«
    Und nun musste das arme Kind mit einer tüchtigen Ohrfeige zur Tür hinaus
wandern. Das ist recht, sprach Lotte, die älteste Tochter, das kleine Mensch ist
auch immer so naseweiss, und will alles besser wissen. Karlsheim, ein
liebenswürdiger Jüngling, der auch zum Besuch da war, wagte es mit der
einnehmendsten feinsten Art von der Welt, der barbarischen Mutter einige
Vorstellungen zu Minchens Besten zu tun; aber sie wiedersprach ihm mit einer
solchen Art, die ihn auf immer abhielt ihr noch einmal zu widersprechen, wenn
sie auch die ungereimtesten Dinge behauptete.
    Nach Tische lenkte sie das Gespräch aufs Lesen. Weil diese Unterredung
wirklich merkwürdig ist, so will ich sie Ihnen ganz hersetzen.
    Fr. Amtm. »Was ist denn jetzt die Hauptlektüre in der Stadt, Herr
Karlsheim?«
    Karlsheim. »Das kann ich wirklich nicht sagen, Frau Amtmänninn, denn ich bin
als ein Neuling noch in der Stadt bekannt. Ich lese jetzo zum zweitenmale den
Messias.«
    Fr. Amtm. »Ey, ist denn das ein hübscher Roman?«
    Karlsh. (lächelnd) »In der Tat ein sehr erhabener Roman, von dem
erhabensten Gegenstande geschrieben.«
    Fr. Amtm. »O so schicken Sie mir es doch, liebster Herr Karlsheim; so wird
wohl vermutlich viel von Prinzen und Prinzessinnen drinn stehen, so etwas lese
ich gar zu gerne.«
    Lotte. »Aber so müssen Sie mir auch ein Buch mitschicken, damit die Mama
nicht allein eins hat. Hören Sie, vergessen Sie es doch ja nicht.«
    Karlsh. »Nein, ich werde es gewiss nicht vergessen. Wenn ich nur wüsste, was
ich Ihnen schicken sollte. Haben Sie den Wandsbecker Boten gelesen?«
    Fr. Amtm. (laut lachend) »Den hinkenden Boten? O ja, aber das ist schon
lange.«
    Karlsh. »Verzeihen Sie, den Wandsbecker Boten meine ich, der ist von etwas
andrer Art, als der hinkende. Ist Ihnen der Name Asmus mehr bekannt?«
    Lotte. »Ach Mama, ich besinne mich drauf, das ist der Mann, der mit seinen
Kindern auf der Erde kroch, und blinde Kuh spielte. Es ist zum Todtlachen
schnakisch.«
    Fräulein B. »Ach ja, zum Lachen für den gemeinen Mann ist er wohl, aber auch
zu weiter nichts. Es geht mir, wie den Leuten, die sich an starke Brühen und
gewürzte Ragouts gewöhnt haben; denen schmeckt denn kein Milchbrei mehr. Ich
überlasse den Wandsbecker Boten gemeinen Leuten. Für meinen Geist ist er zu
simpel.«
    Nach diesem Ausspruch, den sie gewiss irgendwo entlehnt hatte, warf sie mit
einer zufriednen Miene den Kopf zurück, als hätte sie den Ausspruch der Weisheit
getan. Karlsheim lächelte wieder und schwieg, ohngeachtet sie ihn mit einem
Beifall fordernden Blick ansah. -
    Fr. Amtm. »Ach ja, es war nicht viel Rares daran, das erinnere ich mich auch
noch wohl. Ich lobe mir dafür die Geschichte des - -«
    Lotte. »Ich ja, das ist auch ein herrliches Buch. Es steht so viel vom
lieben Mond darin, und von dem Blümlein »Vergissmein nicht,« dass es einen recht
rührt, und das ist so schön, wie Wilhelm sich zu den Füssen seiner Grausamen
erstechen will. Es ward mir dabei im Herzen so bange, dass ich über eine Stunde
weinte. Der arme Wilhelm! Ich war so begierig auf das Ende, dass ich drüber
vergass in die Küche zu gehen, und da war der Braten ganz verbrannt, und das
Gemüse hatte sich an den Topf gehängt. Der Papa keifte so sehr, aber meine Mama
sagte, es wäre besser, dass ich ein empfindsames Herz hätte, als wenn ich nach
der Küche sähe, sollten auch noch mehr Braten darüber verderben. Papa behauptete
zwar, eine gute Mahlzeit sei für einen hungrigen Magen besser, als
Empfindsamkeit, aber Mama belehrte ihn eines andery. Ach, Sie glauben gar nicht,
wie weichherzig ich bin. Es geht mir so nahe, wenn ich ein Huhn schlachten sehe;
ich möchte über das arme Tier weinen.«
    Ein alter gebrechlicher Mann unterbrach sie, und bat demütig um eine kleine
Gabe. Ihr fauler Kerl, schrie Lotte, könnt ihr nicht arbeiten? ihr seid ja noch
ganz rüstig. - Ach Mamsell, wenn Sie meine Umstände wüssten, so würden Sie nicht
so hart sein. - Was? ihr habt noch ein loses Maul dazu? Gleich packt euch vom
Hofe, oder ich lasse die Hunde auf euch hetzen. - Der alte Mann blickte seufzend
gen Himmel, und schlich gebückt an seinem Stabe fort. Während dass Lotte und ihre
Mutter sich noch über das unverschämte Lumpenpack ereiferten, ging Karlsheim
unter einem Vorwande hinaus.
    Minchen, das gute Kind, war vors Tor gesprungen, um dem Mann heimlich ein
Stück Brod zu geben, und erzählte mir nachher, es hätte eine lahme Frau mit zwei
Kindern vor dem Tore gesessen; das eine Kind wäre dem Alten entgegen
gesprungen, und hätte gefragt, ob er viel Brod mitgebracht habe; der Mann hätte
sehr betrübt geantwortet. Darauf sei Karlsheim gekommen, und habe dem Alten
einige grosse Stücke Geld gegeben, und wäre eilig weggegangen. Der alte Mann
hätte mit gefaltnen Händen ausgerufen: O Gott! so gibt es doch noch barmherzige
Menschen, vergieb mir, Vater, wenn ich eben gegen dich murrte! und darauf wären
sie weiter gegangen.
    Wir wurden stark genötigt, den Abend da zu bleiben. Mein Onkel aber, dem es
auch sehr da misfiel, lehnte es ab, und wir fuhren weg. Ich wurde, von den
Danksagungen der Amtmänninn für meinen angenehmen Besuch ganz betäubt, und von
den Liebkosungen der Familie fast erstickt, in den Wagen geführt. Minchen
weinte, als ich wegfuhr; auch mir ging der Abschied von dem kleinen lieben
Mädchen nahe. Karlsheim fuhr mit uns zurück. Ich muss gestehen, ich erwartete,
dass er nun viele spöttische Anmerkungen über die Familie, die wir verliessen,
machen würde. Aber, wie wurde ich beschämt, als er gar nichts davon erwähnte,
sondern uns auf die angenehmste Art von andern Dingen unterhielt! Er ist ein
sehr angenehmer Mensch: schlank gewachsen, blondes Haar, blaue schöne Augen, die
etwas Schmachtendes haben, und oft sehr viel sagen, einen allerliebsten Mund,
eine griechische Nase und Stirn, eine sanfte, liebliche Sprache: kurz, er würde
für jedes Mädchen ein gefährliches Geschöpf sein, ausser für Ihre Sophie, deren
unüberwindliches Herz Sie kennen. Beim Abschiede küsste er mir die Hand: ich
glaube, es kam von einer Bewegung des Wagens, dass er sie etwas drückte; ich
fühlte aber doch, dass ich ein wenig rot wurde. Er bat sich die Erlaubnis aus,
sich morgen nach meinem Wohlsein erkundigen zu dürfen. Mich soll es Wunder
nehmen, ob er kömmt; vielleicht vergisst er es wohl. Ich bin vom Schreiben so
müde, dass ich Ihnen heute nichts auf Ihren schönen Brief antworten kann.
Schlafen Sie recht wohl, liebe Marie. Ewig die Ihrige
                                                                         Sophie.
 
                                 Vierter Brief
                                Marie an Sophien
Hätte ich doch nicht gedacht, dass meine Prophezeihung so bald bei Ihnen
eintreffen würde! Ich glaube, Sie haben in Ihrem ganzen Leben von allen
Mannspersonen, zusammen genommen, noch nicht so viel gutes gesagt, als Sie mir
jetzt in einem Briefe von Karlsheim schreihen. Eine grosse Ehre für ihn! Doch muss
ich gestehen, dass es mir scheint, nach verschiednen Zügen zu urteilen, die Sie
mir von ihm schreiben, als wenn er Ihres Beifalls vollkommen würdig ist. Ich
beklage nur den armen Herrn Sternfeld. In einem bogenlangen Briefe gedenkt
Sophie seiner mit keinem Worte. Der arme Mann! Es ist aber doch ein sichres
Zeichen, dass Ihr Geist und Herz ganz mit andern Dingen beschäftigt gewesen ist;
sonst wäre doch wohl wenigstens sein Name einmal genannt worden. Quälen Sie ihn
nur nicht lange, und geben ihm bald seinen Abschied, denn das haben Sie ja doch
wohl beschlossen. Und alsdann wünsche ich, dass der kleine Liebesgott sein bald
das Herz Ihres neuen Verehrers mit dem Ihrigen zusammen bringen möge. Aber nun
auch ein Wörtchen im Ernst mit meiner Freundinn. Karlsheim scheint zwar ein
liebenswürdiger Junge zu sein. Erkundigen Sie sich aber doch erst etwas näher
nach seinem Charakter; suchen Sie zu erforschen, ob seine Liebe wirklich
standhaft und zärtlich ist, oder ob sie nur ein vorübergehendes Gefühl, eine
Aufwallung seines vielleicht zur Liebe geneigten Herzens war, damit Sie nicht
nachher bereuen mögen, Ihre Liebe zu voreilig ihm geschenkt zu haben.
    Verzeihen Sie diese Erinnerungen, meine Liebe. Sie scheinen Ihnen vielleicht
eben so überflüssig, als sie es den meisten Mädchen zu sein scheinen, wenn sie
lieben. Das junge Herz, zum erstenmal von den Eindrücken der Liebe bezaubert,
hält diese für ewig. Ihr Geliebter widerlegt jeden Zweifel, der etwa bei ihr
aufkeimen könnte, und schwört ihr die festesten Versichrungen immerdauernder
Liebe. Vielleicht meint er es wirklich redlich, glaubt in diesem Augenblick, dass
nie etwas fähig sein würde, seine Zärtlichkeit zu schwächen; aber ach! sein
Herz, schwach und unerfahren, wird von einem andern Gegenstande hingerissen; er
verlässt die Erstgeliebte, und widmet die Neigungen, von deren ewiger Dauer sie
so gewiss überzeugt zu sein glaubte, einer Andern. Ach Sophie, ich werde zu stark
von diesem Bilde angegriffen. O Gott, warum musste dies auch meine Geschichte
sein? Doch, weg mit diesen Gedanken! Sie sind nicht mehr für mich. Ach! da höre
ich meinen Albrecht kommen, ich will mich bemühen, mich bei ihm zu zerstreuen.
Schreiben Sie mir doch bald wieder, liebe Sophie. In Herzensangelenheiten müssen
wir doch eine Vertraute haben. Und die werde ich doch bei Ihnen sein?
                                                                          Marie.
 
                                 Fünfter Brief
                                Sophie an Marien
Liebes böses Weib, hätte ich doch nicht gedacht, dass Sie so schalkhaft sein
könnten. Welch eine ganze Reihe von Schlüssen und Vermutungen folgern Sie aus
einem unschuldigen Worte, das mir entfuhr, als wenn ich nicht so gut wie andere
Leute einen Mann artig finden könnte. Brauche ich deswegen gleich in ihn
verliebt zu sein? Aber warten Sie, Marie, ich werde mich schon an Ihnen rächen.
Wässte ich nur gleich, wodurch! - Nun es wird sich chon einmal eine Gelegenheit
finden. Uebrigens will ich Ihnen, Ihrem Verlangen gemäss, recht viel von -
Karlsheim meinen Sie? o behüte! was geht der Sie und mich an? - nein, von dem
braven Herrn Sternfeld will ich Ihnen recht viel erzählen. Den andern Morgen
nach unsrer Zurückkunft kam meine Tante. Sie sollen unser ganzes Gespräch hören.
    Die Tante. »Guten Morgen, liebes Fiekchen! wie haben Sie denn geschlafen?«
    Ich. »Recht sehr gut, liebe Tante.«
    Die Tante. »O, das ist kein Wunder, in in Ihren Umständen. Eine Braut
schläft immer gut.«
    Ich. »Eine Braut? Damit werden Sie mich doch wohl nicht meinen? Ich wüsste
wahrhaftig nichts Aehnliches zwischen mir und einer Braut.«
    Die Tante »O Kind, was kann das Zieren helfen? Ihr jungen Dinger tut immer
als wärs eine Schande, einen Bräutigam zu haben. Im Grunde ist es doch nur
Verstellung. Ihr hört doch gern vom Heiraten sprechen.«
    Ich. »Das kann wohl sein, Frau Tante, es kömmt aber drauf an, mit wem man
uns verheiraten will. Und ich muss gestehen, dass Herr Sternfeld, denn von dem
werden Sie doch wohl reden - - -«
    Die Tante. »Herr Sternfeld ist ein recht braver Mann. Immer so geputzt und
geschniegelt wie eine Puppe. Es ist eine Freude, ihn anzusehen, und wahrhaftig,
er ist Ihnen recht gut, das glauben Sie nur, Kind. Er hat Sie sehr gelobt, und
ist recht von Ihnen charmirt.«
    Ich. »Aber ich bin es nicht im mindesten von ihm, und das würde denn doch
wohl erfordert, wenn aus uns ein Paar werden sollte.«
    Die Tante. »Nein, wahrhaftig, das geht zu weit. Sie sollten es mit Dank
erkennen, dass man sich so weit herablässt, Sie gleichsam um Rat zu fragen. Mit
mir wurden so viele Umstände nicht gemacht. Höre, Miekchen, sagte mein Vater
seliger, der Herr Burgemeister hat um dich angehalten. Er ist ein braver Mann,
der einen hübschen Pfennig Einnahme hat. Ich habe ihm das Jawort gegeben; in
vierzehn Tagen soll die Hochzeit sein. Sehr wohl, Papa, sagte ich, und machte
einen Knix. Und ich habe es nachher niemals bereut. Es war so ein guter Mann, er
tat alles, was er mir nur an den Augen ansehen konnte; während unsrer ganzen
Ehe hat er mir kaum zweimal widersprochen. Und als ich ihn da nur unfreundlich
ansah, standen dem guten Mann gleich die Tränen in den Augen, er bat mich aufs
beweglichste um Verzeihung, und - -«
    Der Onkel. »Und schluchzte wohl gar dabei, wie ein altes Weib? Du weisst, dass
ich das dumme Geschwätz nicht ausstehen kann. Schlimm genug, dass dein Mann eine
solche Nachtmütze war, Gott hab' ihn selig! Ich hoffe aber, Fiekchen wird ihrem
Sternfeld auch nie so begegnen, wie du ihm tatest; auch hoffe ich, dass er es
nicht leiden würde.«
    Ich. »Ums Himmelswillen, teuerster Onkel, was sagen Sie? Sternfeld, mein
Sternfeld? O Sie werden mich doch nicht zwingen wollen, diesen verhassten
Menschen zu heiraten? Sie waren ja immer so gütig gegen mich, wie ein Vater
gegen sein Kind sein kann, und nun wollen Sie so hart sein? O ich beschwöre Sie
bei ihrer Zärtlichkeit!«
    Der Onkel. »Zwingen werde ich dich auch nicht, mein Töchterchen, dazu habe
ich dich zu lieb; aber ich möchte dich denn doch gern bei meinen Lebzeiten
verheiratet sehen. Sage mir, mein liebes Kind, was hast du denn an Sternfeld
auszusetzen? Ein Bisschen geckenhaft kam er mir wohl vor, aber das habt ihr
Mädchen ja sonst gern, und das wird sich wohl im Ehestande geben.«
    Ich. »Ach nein, bester Onkel, bei Leuten, die schon so alt sind, wie er ist,
und doch noch den Narren spielen, gibt sich das nicht so leicht. Es ist immer
ein Zeichen, dass sie wenig Verstand haben, und dass ihnen auch andre gute
Eigenschaften fehlen, wenn sie noch im vierzigsten Jahre durch die Torheiten
der jungen Herren zu gefallen suchen. Und Sternfeld ist auch sonst ein
schlechter Mensch. Er hat viele Schulden, die er aus keinen löblichen Gründen
gemacht hat, und sucht nur eine Frau, mit deren Aussteuer er diese tilgen kann.«
    Diese Nachrichten hatte mir mein Aufwartemädchen mitgeteilt. Diese wurde
nun vorgefordert, und bewies ihre Aussage auf eine Art, die keinen Zweifel an
der Wahrheit mehr übrig liess. Mein Onkel und meine Tante erstaunten, und der
erste, der ohnedies eben keinen besondern Gefallen an Herrn Sternfeld gefunden
hatte, gab mir denn Erlaubnis ihn zu verabschieden. Der Himmel wird ja dem
Mädchen schon einen andern Mann zuschicken, der besser für sie ist, als dieser
Schurke, sprach mein Oheim, und ich hatte dabei meine eignen Betrachtungen. Als
wir in diesem Gespräch begriffen waren, kam ein Brief von Herrn Sternfeld an
mich, in welchen ein gar rührendes Gedicht eingeschlossen war, das er gewiss aus
irgend einem verjährten Roman abgeschrieben hatte. Der Brief war auf rotes
Papier geschrieben, und ganz erbärmlich buchstabiert. Dass lauter Unsinn darinnen
stand, vermuten Sie wohl, ohne dass ich es Ihnen sage. Ich beantwortete denn
stehendes Fusses dieses Sendschreiben, dankte ihm sehr für die Ehre, die er mir
zugedacht hätte, bedauerte aber höchlich, dass ich keinen Gebrauch davon machen
könnte, und bewies ihm dies mit so triftigen Gründen, dass er hoffentlich nie
wieder etwas von seinen gütigen Gesinnungen gegen mich erwähnen wird.
    Ach Marie, ich wollte Ihnen nichts von Karlsheim schreiben; aber, was soll
ich es Ihnen läugnen? sein Name schwebt mir immer auf dem Papier. Ja, liebe
Freundinn, ich glaube mit Ihnen, dass die Liebe sich mit desto stärkerer Macht an
uns rächt, je länger wir ihrer spotten. Ich hielt mich für unüberwindlich,
glaubte, dass nie ein Mann mein Herz würde rühren können. Ich war so sicher, so
voll Selbstvertrauen auf meine Kräfte; ach! ich bin dafür bestraft. Ich will es
Ihnen nur gestehen. Ich liebe den einnehmenden Jüngling mit der stärksten
Leidenschaft. Auch scheine ich ihm nicht gleichgültig zu sein. Zwar hat er mir
noch nichts von Liebe gesagt, aber seine Blicke sind so redend, sein Betragen so
einnehmend, so zärtlich. - Er hat so viel Achtsamkeit auf jede meiner
Bewegungen, auf meine unbedeutendsten Worte; seine Augen folgen mir
allentalben, wo ich hingehe, und wenn denn unsre Blicke sich begegnen, so
erröten wir beide. Doch ich bin wohl Törinn genug, Ihnen seinen Handkuss, seine
Verbeugung, und alle dergleichen Kleinigkeiten zu beschreiben. Ich bitte Sie,
Marie, spotten Sie nicht über mich, ich schäme mich vor mir selbst. Wie oft habe
ich nicht sonst über die Torheiten der Verliebten gelacht, die oft so viel
Aufhebens von Kleinigkeiten machen! und jetzt sind mir die unbedeutendsten
Sachen so wichtig, wenn sie ihn betreffen. So viel habe ich wenigstens daraus
gelernt, dass ich nie wieder über Sachen spotten will, die ich selbst noch nicht
gefühlt habe. Leben Sie wohl, Marie, ich bitte Sie noch einmal, lachen Sie nicht
über mich.
                                                                         Sophie.
 
                                 Sechster Brief
                                Marie an Sophien
O meine Sophie, welch eine die Menschheit entehrende Scene habe ich angesehen!
Ist es möglich, dass deine Geschöpfe so ausarten können, Vater der Liebe? dass
Menschen, die du schufst, um gut und barmherzig gegen einander zu sein, wie du
es gegen uns bist, barbarischer gegen ihre eignen Abkömmlinge verfahren können,
als die Raubtiere des Waldes? O diese sind doch noch gütig gegen ihre Kleinen.
Sie entziehen sich selbst ihre Nahrung, um sie ihnen zu geben, und bewachen mit
treuer Sorgfalt ihre Jungen, bis sie ihrer Hülfe nicht mehr bedürfen! Doch,
Sophie, Sie können mich nicht verstehen, wenn ich Ihnen nicht die ganze
Geschichte erzähle.
    Mein Mann bat mich, einen kleinen Spaziergang mit ihm zu machen. Wir kehrten
ganz heiter zurück, und kamen vor einem abgelegnen Hause vorbei, in welchem wir
ein schwaches Wimmern hörten. Ich ging nahe ans Fenster, um die Ursache davon
zu entdecken, und hörte eine Mannsstimme sagen:
    »Aber, Frau, ein unvernünftiges Vieh würde mehr Mitleid mit seinen Kleinen
haben; ich kann das Gewinsel nicht länger anhören.«
    »Halt das Maul, du Schaafskopf, schrie eine weibliche Stimme, oder du sollst
mit dem Balge zugleich krepiren.«
    Wir giengen hinein. Mein Mann fragte mit starker Stimme, was die Ursache des
Winselns sei?
    »Siehst du, Frau, sagte hier der Mann ganz furchtsam, ich sagte dir wohl,
dass die Obrigkeit dazu tun würde.«
    Ein paar tüchtige Ohrfeigen hiessen den Mann zu seinem Sitze zurücktaumeln,
und das Weib antwortete ganz frech: »es hätte sich niemand darum zu bekümmern,
was in ihrem Hause vorgienge.« Da mein Mann noch ernstlicher in sie drang,
sprang sie auf, lief die Treppe hinauf, und schloss die Tür einer Dachkammer zu.
Wir folgten ihr, und mein Mann stiess mit leichter Mühe die schwache Tür auf.
Hier lag, o Anblick, vor dem sich die Menschheit empört! hier lag in einem
Kasten mit Stroh ein sechsjähriges Kind beinahe nackend. In seinem blassen
Gesicht herrschte schon der Tod, und der unerträglichste Gestank von seinem
eignen Unflat, worinn es lag, war umher verbreitet. Was bedeutet dieser
Anblick? fragte mein Mann, starr von Entsetzen, ein Mädchen, das uns nachgefolgt
war. Das Weib hatte sich gleich fortgemacht. Ach Gott! sagte das Mädchen, die
Frau hat mit diesem Kinde ein sehr schweres Wochenbette gehabt, und eine Brust
dabei verloren, und da tat sie, denn sie ist immer ein gottloses Mensch
gewesen, den Schwur, der kleine Nickel sollte für alle die Schmerzen büssen, die
er ihr verursacht hätte. Sie hielt auch das arme Kind so hart, dass es einem
recht jammerte, liess es halbe Tage hungern, und prügelte es aufs
unbarmherzigste, wenn es vor Hunger schrie. Eine Pate des Kindes nahm es
endlich aus Erbarmen zu sich, aber das teuflische Weib konnte es nicht ansehen,
dass es ihm so wohl ging; sie lockte es mit List wieder ins Haus, und da die
Pate starb, hatte sie freie Macht, mit ihm zu schalten, wie sie wollte. Sie
quälte nun das arme Kind auf alle ersinnliche Art, bis es endlich krank wurde;
da es ihr aber doch mit der Krankheit zu lange währte, ob sie es gleich ganz
hülflos liegen liess, so sperrte sie es hier ein, und will es verhungern lassen,
denn ein altes Weib, das man für eine Hexe hält, hat ihr prophezeiht: sie würde
nicht eher gesund werden, als bis das Kind stürbe. Es ist nun schon der dritte
Tag, dass es hier liegt. Es ist immer ganz stille gewesen; denn wenn es anfieng
zu weinen, prügelte es die gottlose Mutter, und drohte ihm, sie wolle es
todtschlagen, wenn es noch einen Laut von sich gäbe. Ich habe so viel drüber
geweint, und habe schon zweimal nach der Stadt laufen wollen, um Hülfe für das
Kind zu holen, aber sie hat mich immer wiedergekriegt, und mich so lange
geschlagen, bis ich versprach, niemand wieder etwas zu entdecken. Ich habe aber
doch Mittel gefunden, dem Kinde einigemal ein Bisschen Brod zuzustecken. Der
Vater ist auch ein Bösewicht; allein es jammert ihn doch jetzt auch, er darf
aber nichts sagen. - -
    Mein Mann schickte eilig das gute Mädchen hin, um die Wache und eine Sänfte
zu holen, begleitete es bis an die Haustür, und schloss ab. Ich nahm das elende
Kind aus dem Kasten, aber fast wäre ich vor Gestank ohnmächtig geworden. Ich
überwand aber meinen Ekel, reinigte es von dem Unflat, worinn es lag, und
bedeckte es mit meinen Kleidern; es sah mich mit einem so rührenden Blick an,
der mir ins Herz drang, sagte aber nichts. Unterdessen kam die Wache an. Das
Weib hatte sich gleich Anfangs im Keller versteckt, man holte sie aber mit
Gewalt heraus. Sie tobte, wütete, fluchte aufs grässlichste, und spie dem einen
Kerl ins Gesicht. Aber, alles Sträubens ohngeachtet, wurde sie sammt ihrem Mann
mit fortgeschleppt. Ich setzte mich in die Sänfte und nahm das Kind auf meinen
Schoss, aber nun bat mich Christiane, das Mädchen, welches vorhin erzählte, mit
Tränen, sie doch auch mitzunehmen. Ich tats, und will sie so lange behalten,
bis ich ihr eine gute Herrschaft ausgemacht habe. Wie ich zu Hause kam, legte
ich gleich das arme kleine Lieschen ins Bette, und gab ihm etwas Stärkendes.
Unterdessen kam der Arzt. Nachdem er seinen Zustand untersucht hatte, fand er,
dass. es die Auszehrung habe. Da sie aber noch im Anfang sei, und es eine starke
Natur zu haben schiene, so hoffe er es mit Gottes Hülfe noch zu retten. Wird es
wieder besser, so werde ich die sonderbare Art, durch die ich es fand, für einen
Wink des Himmels ansehen, und auf alle mögliche Art für seine gute Erziehung
sorgen. Dieser Auftritt hat mich so erschüttert, dass ich heute nicht im Stande
bin, Ihren Brief, meine Teure, zu beantworten. Ich muss auch wieder zu dem armen
Lieschen gehen. Ewig bleibe ich die Ihrige
                                                                          Marie.
 
                                Siebenter Brief
                                Sophie an Marien
Ihr Brief hat mich sehr gerührt, teuerste Freundinn. Denn ob ich gleich oft ein
unbesonnenes, lebhaftes Ding bin, so ist doch mein Herz auch fähig, von den
Gefühlen des Mitleids bei dem Leiden andrer Menschen sehr lebhaft durchdrungen
zu werden. Der Segen des Himmels muss bei Ihnen wohnen, meine Marie, dass Sie zu
einem so schönen Werkzeug der Rettung eines unschuldigen Kindes ausersehen
wurden.
    O! meine Freundinn, mein Herz wird von einem schweren Kummer niedergedrückt.
Schon sechs Tage sind vergangen, ohne dass ich Karlsheim sah! Er scheint unser
Haus, er scheint meine Gesellschaft zu meiden, und sonst suchte er so eifrig
alle Gelegenheit auf, mich zu sehen. Und o, wie schien er so ganz von den
zärtlichsten Gefühlen durchdrungen, wenn er bei mir war! Wie entzückte ihn mein
Blick! wie zitterte seine Hand, wenn sie die meinige berührte! und jetzt
vermeidet er mich. O Gott! und doch fühle ichs, dass ich ihn noch unaussprechlich
liebe, dass ich nur in ihm lebe. O, ich glaubte zu fühlen, dass die Freuden des
Lebens, von denen ich bisher nur die Oberfläche berührte, in seiner Liebe mir
aufblüheten. Unseliger Irrtum! Was mag ihn wohl zu dieser sonderbaren
Aufführung bewegen? Ich beleidigte ihn ja nie mit einem Gedanken; aber was
sollen diese Klagen? Ich will mich bemühen, den Undankbaren zu vergessen. Leben
Sie wohl, Marie, und bedauern Sie mich.
                                                                         Sophie.
 
                                  Achter Brief
                                Marie an Sophien
Ich nehme den lebhaftesten Anteil an allem, was Ihnen begegnet, und der Kummer
meiner Sophie geht mich so nahe an, als mein eigner. Aber verzeihen Sie mir,
liebe Freundinn, noch scheinen Sie mir keine gegründete Ursache zum Klagen zu
haben. Vielleicht ist Karlsheim verreist, und sehnt sich aufs stärkste nach
Ihnen zurück; vielleicht auch verhindert ihn eine Unpässlichkeit, Sie zu
besuchen, oder doch andere wichtige Ursachen. Nach dem, was Sie mir von ihm
geschrieben haben, scheint er mir nicht der Mann zu sein, der Liebe gegen ein
Mädchen erkünstelt, um ihrer zu spotten. Ich halte ihn zwar für etwas weich -
vielleicht zu weich - für fähig schnell Eindrücke zu empfangen; aber Ihre
Bekanntschaft mit ihm ist doch noch zu neu, als dass sein Herz schon Ihrer satt
sein könnte, wenn er wirkliche Liebe gefühlt hat, und dies sein Betragen gegen
Sie schien doch von Liebe zu zeugen. Doch vielleicht liegt schon der
wiederkehrende Karlsheim zu Ihren Füssen, hat schon Vergebung seines langen
Aussenbleibens von Ihnen empfangen, während dass ich sitze und lauter Vermutungen
über eine Sache Ihnen schreibe, die er selbst bereits Ihnen erläutert hat.
    Mein kleines Lieschen bessert sich mit jedem Tage. Heute war sie zum
erstenmal aufgestanden, und kam auf ihren schwachen Füsschen in mein Zimmer. Ich
hatte ihr ein neues Kamisol und Röckchen von Catun machen lassen, nebst Wäsche
und allem, was sonst dazu gehört. Sie sah recht artig darin aus, und blickte
einigemal mit einem ziemlich wohlgefälligen Blick in den Spiegel. Ich nahm daher
Gelegenheit, mit ihr zu reden, und ihr Gefühl ihres verbesserten Zustandes zur
Dankbarkeit gegen Gott zu leiten. Bei dieser Unterredung sah ich zu meiner
grössten Freude, dass sie ein Herz besitzt, jedes Eindrucks zum Guten fähig, und
dass sie auch einen guten Verstand hat. Ich werde sie selbst im Lesen und in den
fasslichsten Lehren des Christentums unterrichten, auch werde ich sie weibliche
Arbeiten lehren.
    Christianen habe ich bei der guten Inspektorinn F. als Kindermagd
untergebracht. Lieschens gottlose Mutter ist auf Zeitlebens ins Zuchtaus
gebracht, weil sich Zeugen fanden, die sie selbst den unmenschlichen Vorsatz
haben äussern hören, das Kind umzubringen, wenns nicht bald sterben wollte. Der
Mann, weil er dies wusste und nicht ernstlich verhinderte, ist auf zwei Jahre zum
Karrenschieben verurteilt.
    Ich kann Gott nicht genug danken, dass er uns zu Werkzeugen wählte, diesen
scheuslichen Plan zu zerstören. Es gibt doch keine reinere Freude hienieden als
die, eine gute nützliche Handlung verrichtet zu haben. Dies ist das seligste
aller Gefühle. Es zeugt von der Weisheit des Schöpfers, dass er auch hier schon
einer jeden guten Handlung, durch die herrliche innre Zufriedenheit, die sie mit
sich selbst führt, ihre Belohnung gab.
    Ich muss hier abbrechen, liebste Sophie. Ich hoffe nächstens einen Brief voll
fröhlicher Nachrichten von Ihnen zu erhalten. Glauben Sie sicher, meine Beste,
dass niemand auf der Welt so lebhaft alles das mitfühlt, was Sie betrifft, und
innigere Freundschaft gegen Sie hegt, als
                                                                 Ihre ganz eigne
                                                                          Marie.
 
                                 Neunter Brief
                                Sophie an Marien
O Marie, wie unglücklich bin ich! von welchen Quaalen, sonst nie gefühlt, wird
mein Herz zerrissen! Er ist für mich verloren, der falsche, niedrige Verräter!
O, dass ich je seine verführerischen Reden anhörte, seine Blicke mit Wohlgefallen
gierig verschlang! Doch ich will mich fassen, ich will Ihnen die ganze
schändliche Verräterei schreiben; hören Sie nur an!
    Diesen Morgen besuchten mich die beiden Demoiselles Ebard. Nach einigen
Gesprächen von nichtswürdigen Kleinigkeiten kam man auf Karlsheim. Ich zitterte
beinahe, als sein Name genannt wurde, und musste alle mögliche Mühe anwenden, das
heftige Schlagen meines Herzens, und den Wechsel meiner Farbe zu verbergen.
    Lotte Ebard. »Nein, Minchen, das muss man ihm lassen, er ist ein hübscher
Junge, und weiss sich recht gut zu betragen.«
    Minchen E. »Das mag alles sein, es ist und bleibt immer ein dummer Streich
von ihm, dass er sich sogleich verplempert hat.«
    Ich. (In grösster Verlegenheit) »Verplempert? Und mit wem denn?«
    Lotte E. »Mein Himmel! Wissen Sie denn wirklich noch nicht, dass er Louisen
Dalberg die Cour macht? Das ist ja stadtkündig. Gestern ist die Verlobung
gewesen, sagte mir mein Friseur. Sie haben einen grossen Schmaus gehabt. Man
meint, der alte Dalberg hätte Karlsheim durch seinen Gönner, den Geheimden Rat
von S, seine Bedienung verschafft, und da wäre denn die Heirat so ausgemacht.
So gar übel ist das Mädchen freilich eben nicht, wenn sie nur - - -«
    Minchen B. »Ach! schweig mir doch von dem Affengesichte. Er hätte wahrhaftig
können viel bessere wählen. (Hier warf sie einen sehr zuversichtlichen Blick in
den Spiegel.) Das Mädchen hat ja gar keinen Teint, so gelb wie eine Zigeunerinn,
und dann die kirschroten Backen. Wahrhaftig, sie sieht so gesund aus, wie eine
Bäuerinn. Man hört sie auch nie über Kopfweh, Nervenschwäche und dergleichen
klagen, wie es doch jetzt bei uns der gute Ton erfordert. Denken Sie einmal an,
Sophie, wie ich mich neulich über den Affen ärgern musste. Es lief mir eine
Spinne über den Hals. Sie wissen, welch einen Ekel ich vor diesen Tieren habe.
Ich schrie, wie ich sie sah, und war einer Ohnmacht nahe. Herr von Grün sprang
mir zu Hülfe, indem er aber in ein anderes Zimmer ging, um seinen Flacon zu
holen, sagte mir Louise sachte:
    Pfui, Kind, zieren Sie sich doch nicht so; solche Dinge schaden uns in der
Achtung der Mannspersonen, und machen unserm Verstande keine Ehre. - War das
nicht die ärgste Grobheit? Und was noch das Aergste ist, oft spricht sie in
Gesellschaft wie das Buch der Weisheit selbst, ohne dass jemand sie dazu
auffodert.«
    Lotte. »Da sagst du nun auch nicht die Wahrheit, Minchen. Das muss man
Louisen lassen, sie spricht wenig, und nicht leicht anders als wenn - - - -«
    Hier unterbrach Minchen, durch ihrer Schwester Widerspruch höchst
aufgebracht, sie voller Hitze. Doch, Marie, was sollte ich Sie und mich durch
solche Sachen noch länger ermüden? Sie haben aus diesem Gespräch Louisen gewiss
schon kennen gelernt. Karlsheims Geliebte! Karlsheims Braut! O Gott, wie quält
mich der Gedanke! Der Falsche, wie zärtlich tat er nicht! Seine Blicke waren so
voller Ausdruck, der Ton seiner Sprache so sanft, wenn er mit mir redete O wenn
ich noch dran denke, wie ich zuerst ihn sah, wie er so vor mir stand - aber
warum denke ich noch an den Ungetreuen? Ich will ihn hassen, verabscheuen, und
mit ihm sein ganzes Geschlecht. O! hätte ich das geglaubt, dass meine erste Liebe
so unglücklich sein würde, ich hätte sie geflohen, wie den Tod. O Marie, könnte
ich mich doch des Gedankens an ihn entschlagen! - Schlafen Sie wohl, Teure.
Diese Nacht wird, so wie die vergangnen, schlaflos sein für Ihre
                                                                         Sophie.
 
                                 Zehnter Brief
                                Marie an Sophien
Teure Freundinn, wie bedaure ich Sie! O Gott, ich weiss, wie sehr getäuschte
Liebe schmerzt, wie hart es ist, zärtlich und treu geliebt zu haben, und dann
den andern untreu zu finden. Ach Sophie, ich darf nicht daran denken, ich würde
sonst die Wunde aufreissen, die ich mit unsäglicher Mühe zugeheilt habe! - -
    Ich bin weit davon entfernt, den Schmerz des Leidenden noch durch Vorwürfe
zu erhöhen. Aber meine Aufrichtigkeit dringt mich doch, Ihnen meine Gedanken zu
sagen. Dass Sie Karleheim liebten, ohne ihn genau zu kennen, das war zwar ein
Fehler, den aber gewiss nur der tadeln kann, bei dem Alter und Umstände die
Gefühle stumpf gemacht haben. Aber das tadle ich, dass Sie sich gleich von dieser
Liebe hinreissen liessen, ohne ihr Widerstand zu tun, dass Sie sie nährten, ohne
Karlsheims Gesinnung erforscht zu haben, und dass Sie, wie ich fürchte, diese
Liebe nicht genug vor seinen Augen verbargen. Inzwischen gebe ich Ihnen den
Rat, zu fliehen; das ist das beste Mittel. Kommen Sie zu mir, geliebte Sophie;
mit Freuden werde ich Sie in meine Arme schliessen, und versuchen, ob die
zärtlichsten Bemühungen der Freundschaft Ihr Herz von der Liebe heilen können.
    Ihr Vorsatz, das ganze männliche Geschlecht zu hassen und zu fliehen, ist
auch übertrieben. Was können die armen übrigen Männer dafür, dass einer von ihnen
den Wünschen meiner Freundinn nicht entspricht? Doch das schrieben Sie auch nur
in einer Stunde des Unmuts. Aber dazu wird Ihnen diese Begebenheit dienen, Sie
vorsichtiger über Ihr Herz wachen zu lassen. Ach! dass wir immer erst durch
traurige Erfahrungen so klug werden! und doch werden wir es selten eher, bis
Kummer und tiefes Leiden unsre Empfindungen so abgenutzt haben, dass wir keines
lebhaften Eindrucks mehr fähig sind.
    Es gehört wohl unter die schwersten Fragen, ob ein weiches Herz unser Glück
oder Unglück macht. Wie zufrieden lebt nicht in manchem Betracht der Mann,
dessen Leidenschaften alle durch kalte Ueberlegung beherrscht werden. Mit steter
Vorsichtigkeit wägt er Schaden und Vorteil gegen einander ab, und wählt das
Zuträglichste. Aber ob gleich seine Seele niemals durch starke Lasten des
Kummers niedergedrückt wird, so ist er doch auch nicht fähig, die entzückende
Freude zweier Seelen zu empfinden, die zum erstenmal übereinstimmend fühlen, dass
Gott sie für einander schuf. Welch ein himmlisches Gefühl, wenn nun der
furchtsame Jüngling den ersten Kuss der Liebe auf die Wange des sanft errötenden
Mädchens drückt, wenn dann ihre Lippen sich begegnen, ihre Seelen in Eins sich
zu verwandeln scheinen, und Himmel und Erde vor ihren Augen verschwindet!
    Aber auch welche Quaal, wenn nun die, die kaum sich gefunden, sich wieder
trennen sollen, wenn unüberwindliche Hindernisse sich ihrer Vereinigung in den
Weg legen! Der liebenswürdige Jüngling, dem nun erst des Lebens Freuden
aufzublühen schienen, sinkt in schwarze Melancholie. Die rührende Grazie des
Mädchens, ihre Reize, durch das Gefühl der Liebe belebt, sterben plötzlich ab.
Wie der Wurm im Innern der Rose, so nagt der Schmerz am zarten Faden ihres
Lebens.
    Alles das fühlt das Kältere nicht. Er wählt ein Mädchen, weil seine Umstände
es fordern, und weil dem Menschen vom Anfang an eine Gehülfinn als notwendig
angewiesen ist. Seine Absichten werden vereitelt; gut, er wählt sich eine andre,
wird Gatte, Vater, Wittwer, ohne aus seiner Fassung zu kommen.
    Ich gebe zu, dass ein solcher Kaltblütiger dem gemeinen Wesen vielleicht
nützlichere Dienste leisten wird, als jener, aber gewiss nur so lange, als sie
aufs strengste mit seinem Nutzen übereinstimmen. Denn Selbstliebe ist bei ihm
die Haupttriebseder aller seiner Handlungen. Er wird seinen Nebenmenschen
dienen, so lange es seine Bequemlichkeit verstattet. Aber wird er auch etwas
aufopfern, um des andern willen? O da wär' ich ein Narr, spricht er.
    Ich kenne einen Mann, der nun schon dreissig Jahre im Ehestande gelebt hat,
ohne sich jemals zu ärgern. Das Glück hat ihn auf eine ansehnliche Stufe
gesetzt, er hat keine Familie, verbraucht kaum den vierten Teil seiner
Einkünfte. Nun, da wird er von seinem Überfluss den Armen wohltun, er wird
durch einen Aufwand, der seinen Umständen angemessen ist, den Handwerker, den
Bürger in Nahrung setzen Nein, dazu ist er zu klug.
    »Wer weiss, spricht er, ob ich nicht manchen Armen durch Wohltaten im
Müssiggang unterstütze? Mich nach seinen Umständen zu erkundigen, erlauben meine
Geschäfte nicht. Einen grossen Aufwand zu machen, um meinem Mitbürger Nahrung zu
verschaffen, ist auch meine Sache nicht, das würde mir nur Unruhe machen. Ich
entziehe mir nichts von dem, was ich brauche, ich lebe vergnügt und bequem;
warum sollte ich meine Ruhe durch eine grössere Anzahl von Bedienten stören? Die
wenigen, die man halten muss, machen schon Sorge genug.«
    So sammelt er ein grosses Vermögen zusammen, das nach seinem Tode bald genug
zerstreut werden wird. Er könnte von seinem Gelde Schätze für die Ewigkeit sich
sammeln, aber im Koffer, denkt er, ist es doch sichrer verwahrt.
    Nun wahrhaftig, ich habe grosse Anlage zur Philosophie. Schade, dass mir die
Gründlichkeit fehlt. Ich muss gestehen, dass solche Betrachtungen noch immer einen
gewissen Reiz für mich haben; und dazu liegt wohl der Grund in meiner ersten
Erziehung. Mein Vater liess mich Sprachen und andre dergleichen Kenntnisse
lernen. Das hatte nun aber die schädliche Wirkung auf mich, dass ich im zwölften
Jahre ein unerträgliches Geschöpf war. Voll Stolz und Einbildung auf mein
Bisschen Wissen, sah ich verächtlich auf andre Mädchen herab, die nur von ihrem
Nähzeug reden konnten. Mein sonst so vernünftiger Vater hatte die Schwachheit
gegen mich, meinen Einfällen und Urteilen oft lauten Beifall zu geben, und dies
brachte mir eine grosse Meinung von meinem Verstande bei. Meine vortreffliche
Mutter heilte mich zwar von diesem törichten Stolze gänzlich, aber es blieb mir
doch bis zu meiner Verheiratung noch immer eine gewisse Abneigung vor
häuslichen Geschäften. Ich hielt es für sehr unwürdig, den ganzen Morgen auf die
Zubereitung einer Mahlzeit zu wenden, die der wollüstige Gaumen in so kurzer
Zeit verschlingt. Auch das Mechanische der meisten weiblichen Arbeiten war mir
verhasst. Aber, Gott Lob, jetzo denke ich anders. Ich sehe aufs überzeugendste
ein, dass diese Geschäfte unsre Bestimmung sind, und dass es unser höchstes
Verdienst ist, eine gute Hausfrau, eine gute Mutter zu sein. Wer mehr als
gewöhnliche Fähigkeit von der Natur bekommen hat, findet auch in der Erfüllung
dieser Pflichten Gelegenheit genug, sie anzuwenden. Gute Erziehung der Kinder,
kluges Betragen gegen das Gesinde, Ordnung und Sparsamkeit in der Wirtschaft -
sehen Sie, das sind weit genug ausgebreitete Felder, um den besten Verstand zu
beschäftigen, und die Frau, die diesem allem gut vorzustehen weiss, verdient
unsre ganze Hochachtung. Ich bemühe mich täglich mehr, um Einsicht von diesen
Kenntnissen zu erlangen, und ich muss gestehen, dass mir die schönste Stelle eines
Buchs kaum so viel Vergnügen gemacht hat, als ich jetzo empfinde, wenn ich ein
schmackhaftes Gericht, von meinen Händen bereitet, meinem Mann auftrage, und er
mir dann mit Vergnügen für meine Sorgfalt dankt. Albrecht ist zwar nicht dazu
geschaffen, alle die kleinen zärtlichen Bemühungen und Gefälligkeiten zu fühlen,
deren Erfüllung bei dem Gatten, der mich, so wie ich ihn aufs innigste liebte,
mein grösstes Glück machen würde. Aber demohngeachtet halte ich es für meine
Pflicht, alles Mögliche zu tun, um ihn zufrieden und glücklich zu sehen, und
mir seine Liebe und Achtung zu erhalten. Und zu diesem letzten Endzweck ist es
durchaus notwendig, die häuslichen Geschäfte gut zu besorgen. Strenge Ordnung,
auch selbst in Kleinigkeiten, vorzüglich Reinlichkeit, und ein nie
vernachlässigter Anzug, erhalten uns die Achtung des Mannes. Bleibt zuweilen
Zeit zum Lesen und andern solchen Beschäftigungen des Geistes übrig, so ist es
desto besser; aber mit einer Frau, die bloss liest und schreibt, ist einem Manne
eben so wenig gedient, als mit einem Putzaffen, die den ganzen Morgen vor dem
Spiegel zubringt, und den Nachmittag und Abend vor dem Koffee- und Spieltisch
vertändelt.
    Meine Küche ruft mich vom Schreiben ab, und wenn ich diesem Rufe nicht
folgte, so würde ich mich bei Ihnen in den Verdacht bringen, als gehörte ich
unter die Moralisten, welche die schönste Moral schreiben, ohne auch nur einen
Satz davon selbst auszuüben. Ich habe Ihnen auch schon einen gewaltig langen
Brief geschrieben, und würde ich nicht, wie jetzt, unterbrochen, so fürchte ich,
dass ich, weil ich eben im Zuge bin, noch lange in diesem Ton fortfahren würde,
und dazu ist heute die unbequemste Zeit, weil Sie gewiss nicht zum Nachdenken
über solche Gegenstände aufgelegt sein werden. Ich wünschte inzwischen sehr, dass
mein Brief Sie etwas zerstreut haben möchte. Leben Sie wohl, teuerste Sophie,
und kommen Sie bald in die Arme
                                                                           Ihrer
                                                                          Marie.
 
                                 Eilfter Brief
                                Sophie an Marien
Wollte Gott, meine Freundinn, dass Ihr Brief, oder irgend etwas anders mich zu
zerstreuen vermöchte; aber nichts ist fähig, sein Andenken in mir zu vertilgen.
Hätte es nicht wenigstens die Höflichkeit erfordert, einmal zu kommen? Aber
nein, seine Louise (meine Hand widerstrebt dies Wort zu schreiben. Ha seine
Louise! Ihr Karlsheim! Verwünschte Ausdrücke!) wird wohl sein ganzes Herz so
ausfüllen, dass nicht einmal mehr ein Platz für allgemeine Höflichkeit darin
leer ist.
    Auf heute Nachmittag sind wir zu Hofrat G. gebeten. Er wird vermutlich da
sein, gewiss auch Louise. Wie werde ich ihren Anblick ertragen können? Wie wird
sie sich brüsten, die Stolze! Ich wollte erst nicht hingehen; aber hätte das
nicht geschienen, als flöhe ich vor ihm? Er sollte sich wohl gar eingebildet
haben, ich wäre empfindlich über seine Gleichgültigkeit. Nein, den Triumph soll
er nicht haben. Ich werde hingehen, ich werde ihm mit dem Kaltsinn begegnen, den
er verdient. Aber ich werde ganz den Schein vermeiden, als befremde mich seine
Grobheit. Ich werde mich zur Lustigkeit zwingen; will mit den jungen Herren
scherzen, ihre Einfälle belachen, nur den seinigen durch verächtliches Lächeln
antworten. Ich will sogar mit ihm und seiner Braut scherzen. Kurz, ich will
meine Rolle meisterhaft spielen.
                                  Fortsetzung.
Der Tag ist vorüber. O Marie, wie schwach sind wir doch! Gott, wie reizend sah
er aus! Eine gewisse Traurigkeit, die in seinem Gesichte herrschte, hätte
beinahe meinen ganzen Zorn vertilgt. Mit einem seelenvollen Blick fragte er nach
meinem Befinden. Was kostete es mich nicht, ihm mit einer kalten Miene und einem
gleichgültigen Ton zu antworten! Ach! und ich fürchte, es gelang mir nur halb.
Es war mir unmöglich, lustig zu sein, und mit Beschämung gesteh' ichs, ich musste
alle Gewalt anwenden, um Tränen zu verbergen, die hervorbrechen wollten; aber
sie fielen bitter auf mein Herz. Wenn sein Blick mir begegnete, so schlug er
errötend die Augen nieder, und einmal glaubte ich Tränen darin zu sehen. Als
wir nach Hause gehen wollten, bot er mir seine Begleitung an. Ich schlug sie
unter einem Vorwande aus; er wurde hochrot und stutzte, entfernte sich aber
gleich mit einer tiefen Verbeugung, und ich war sehwach genug, meine abschlägige
Antwort zu bereuen. Doch ich Törinn! die Ursache seines Schmerzes war ja nur,
weil Louise ihm fehlte. O so sei es auch verschworen, je wieder an dich zu
denken, falscher Karlsheim! Uebermorgen komme ich zu Ihnen, Marie.
                                                                         Sophie.
 
                                 Zwölfter Brief
                            Karlsheim an Wilhelm B.
Ich bin verloren, Freund! Dieses Herz, das immer den Meister über mich spielt,
wird auch diesmal siegen. Du solltest sie sehen, und du würdest mich
entschuldigen. Ein Engel kann nicht reizender sein. Grazie in jeder ihrer
Bewegungen, die liebenswürdigste Lebhaftigkeit des Geistes, mit dem
gefühlvollsten Herzen, machen sie zur Liebenswürdigsten ihres Geschlechts. Nenne
mich nicht schwach, Wilhelm, ich habe gekämpft, gerungen; habe zehn Tage (die
quaalvollsten meines Lebens!) sie nicht gesehen. Oft riss meine Empfindung mich
zu ihr hin. Ich sah schon von ferne das Haus, die Wohnung meines angebeteten
Engels, und doch siegte ich über mich, und kehrte um. Nun war mein Zimmer mir
ein Ort der Quaal; ich selbst mir eine Last. Möchtet ihr niemals wiederkehren,
schreckliche Stunden! - Ach! Wilhelm, heute sah ich sie. Ich war zu Hofrat G.
gebeten. Sie trat ins Zimmer. Eine lebhafte Röte überzog ihre Wangen, als sie
mich sah. Mein Herz schlug unbändig, ich musste zu ihr hin. Aber, Gott, sie
empfieng mich so kalt; ich glaubte Unwillen in ihren schönen Augen zu sehen, und
so kalt und traurig blieb sie den ganzen Tag. Der lebhafteste Schmerz herrschte
in ihrem Gesichte; tiefe, halb unterdrückte Seufzer schwellten ihre Brust empor.
Einmal sah ich eine Träne in ihren Augen, die sie schnell verbarg. O, teure,
kostbare Träne! wem warst du geweiht? Wärest du mir und der Liebe geflossen,
willig wollte ich mein Leben hingeben. Hätte ich mich doch zu ihren Füssen
hinwerfen können, um nach der Ursache ihres Kummers zu fragen! Hätte sie dann
mich nur eines solchen Blicks gewürdigt, wie der war, den sie beim Aussteigen
aus dem Wagen mir gab, als wir von Mayberg zurückkehrten! Glücklichster Tag
meines Lebens, noch entzückt mich dein Andenken! Aber nein, ihre Blicke waren
nur selten auf mich gerichtet, und dann oft kummervoll, oft auch unwillig. Beim
Nachhausegehen schlug sie meine Begleitung ab. O Wilhelm, wie kränkte mich das
im Innern! Kaum konnte ich von meinem Wirt Abschied nehmen. Sophie, teures
geliebtes Mädchen, womit beleidigte ich dich, oder was ist dein Kummer? Ha, was
fällt mir ein? Sollte ein Nebenbuhler - Entsetzlicher Gedanke! dass du in der
tiefsten Hölle wärst! - Sophie, das Eigentum eines andern? Ich muss hin zu ihr,
ich muss mein Schicksal erfahren. O wäre doch der Morgen erst da! -
                               Den andern Morgen.
Ich wollte schlafen, aber der Schlaf floh mich. Sophie stand immer vor meiner
Einbildungskraft. Und dann dachte ich wieder an deinen Brief, an Julien. - Aber
was soll mir Julie? Sinds nicht zwei Jahre, dass ich nichts von ihr hörte? liess
sie nicht zwei Briefe unbeantwortet? reiste ich nicht selbst nach D.? Erfuhr ich
wohl etwas von ihr? Hätte sie mir nicht einmal schreiben müssen, wenn sie mich
noch liebte? Gewiss ist sie längst das Eigentum eines andern, und ich Tor
sollte um sie mein Glück, Sophien, verscherzen? Nein, das wäre wahnsinnig
gehandelt. Ich habe mehr getan, als sie hätte fordern können; ich habe genug
gekämpft; ist es meine Schuld, dass eine innre Macht mich unwiderstehlich nach
Sophien zieht? Soll eine jugendliche Neigung mich auf ewig zum Märtyrer machen?
Mich von dem herrlichsten Geschöpf zeitlebens trennen? Nein, Wilhelm, das ist zu
viel gefordert. Es ist wahr, ich liebte Julien, aber sie ist selbst Schuld an
unsrer Trennung. Liebte sie mich noch, und hätte sie mir nur einmal geschrieben,
gewiss, Freund, dann würde ich ihr treu bleiben, wenn auch dieses Herz noch so
sehr widerstrebte. Aber gewiss bin ich ihr gleichgültig. Ich muss hin zu Sophien,
mein ganzes Herz ihr entdecken, und Tod oder Leben von ihren Lippen empfangen.
                                  Fortsetzung.
O Wilhelm, kann ich die Fülle der Wonne tragen? erliege ich nicht bei dem
schnellen Wechsel? Vom tiefsten Kummer so schnell auf der höchsten Stufe des
Glücks zu stehen! Sie ist mein. - Sophie mein - - sie liebt mich. Es ist kein
Traum, es ist Wahrheit, diese Lippen berührten sie, dieser Arm umschlang sie.
Ich fühlte das edelste Herz fest am meinigen schlagen; nun hat beide ein ewiges
Bündnis vereinigt, und keine Macht der Erde soll sie aus meinen Armen reissen. O
Gott, wenn ich mir den Engel denke, wie sie bebend an meine Brust sank, wie die
reinsten Tränen der Liebe in ihren Augen glänzten, wie ich, trunken von Wonne,
sie umarmt hielt. Du Teure, Innigstgeliebte! jeder meiner Blutstropfen wallt
nur dir; jede Ader hüpft vor Entzücken. Ich fühle mich über mich selbst, über
Welt und alles erhaben, in eine höhere Sphäre hinaufgerückt. O Geliebte, mein
ganzes künftiges Leben sei nur ein Bestreben, dich glücklich, mich deiner wert
zu machen! Und nun bitte ich dich, Wilhelm, komm mir nicht mit kalter Moral, mit
keinen Sentenzen, und verbittre mein Glück mir nicht. - -
                                                                      Karlsheim.
 
                               Dreizehnter Brief
                                Sophie an Marien
Ich glaube wirklich, ich bin schwindlich von allem, was sich mit mir zugetragen
hat. Ich muss nur einmal an meinen Kopf greifen, um zu sehen, ob er noch auf
seiner rechten Stelle steht.
    Ja, er steht zwar noch, aber es sieht so konfus darin aus, dass es mir
schwer werden wird, Ihnen eine umständliche Erzählung von allem zu geben; doch
ich will mich dazu zwingen, so schwer es mir auch werden wird.
    Voller Unruhe brachte ich die vorige Nacht hin. Sonst schloss der Schlaf
meine Augen, sobald ich mich niederlegte; aber diese Nacht war schlaflos.
Abgemattet vom Weinen, stand ich auf. Kaum war ich angekleidet, war nach dem
Morgengruss von meinem Onkel wieder auf mein Zimmer geeilt, als Karlsheim herein
trat. Ich erschrack, und verfärbte mich. Er bemerkte es:
    »Verzeihen Sie, Mademoiselle, sagte er mit sehr ehrerbietiger Miene, dass ich
es wage, Sie vielleicht zur Unzeit zu belästigen. Ich sah gestern Kummer in
ihren Augen; und ob ich gleich kein Recht habe mich nach der Ursache zu
erkundigen, so interessirt mich doch alles, was sie angeht, viel zu sehr, als
dass ich unbekümmert dabei bleiben könnte. Auch glaubte ich, Zeichen des
Unwillens gegen mich bei Ihnen zu sehen. Erlauben Sie mir, teuerste
Mademoiselle, Sie zu fragen, wodurch ich das Unglück gehabt habe, Sie zu
beleidigen?«
    Ich musste die äusserste Mühe anwenden, mich zu fassen, und mit gleichgültigem
Ton zu sagen:
    »Sie haben sich in Ihren Vermutungen gewiss geirrt, Herr Karlsheim. Ich
wüsste gar nicht, wodurch Sie mich könnten beleidigt haben, und übrigens dächte
ich, der Kummer jedes andern Frauenzimmers müsste dem Geliebten von Louise
Dalberg gleichgültig sein.«
    »Louise Dalberg, die ich kaum ein paar male gesprochen habe? Glauben Sie,
Mademoiselle, es tut weh, sich so verspottet zu sehen.«
    »Ich sehe nicht ein, warum Sie eine Verbindung läugnen wollen, von der man
allentalben ganz laut spricht. Man hat sogar den Verlobungstag mir gesagt. Und
Louise ist wirklich ein Mädchen, das gewiss - das vortreffliche Eigenschaften
besitzt. - -«
    »Und wenn sie deren noch mehr besässe, mir ist sie sehr gleichgültig, und ich
müsse gleich hier vor ihren Augen vernichtet werden, wenn je ein Gedanke an sie
in meine Seele kam. Aber ach! es gibt ein Frauenzimmer, die mit unumschränkter
Macht in meinem Herzen herrscht, die ich aufs innigste verehre, die ich auch
dann noch lieben werde, wenn schon meine brechenden Augen sich schliessen. Wenn
meine Zunge schon stammelt, werde ich noch ihren teuren Namen nennen, den die
Liebe mit der stärksten Macht in mein Herz grub. - O wenn ich es wagen dürfte,
sie Ihnen zu nennen! - Teuerste, lässt mich dieses Erröten hoffen, dass ich
Ihnen nicht ganz verhasst bin? O reden Sie ein Wort.«
    »Karlsheim - sagte ich mit einer Bewegung, über die ich nicht mehr Herr war
- Sie mir verhasst? - Es gelang mir, mich wieder zu fassen - Ihr bisheriges
Betragen zeigte wohl, dass Sie unser Haus mieden, und liess eben nicht vermuten -
-«
    »Endigen Sie Ihre Rede nicht; ich weiss, was Sie sagen wollen. Ja, Teuerste,
ich kämpfte mit meiner Leidenschaft, ich wollte die Gelegenheit fliehen, den
brennenden Funken noch stärker anzufachen, aber vergebens; diese Neigung sass zu
tief in meiner Seele, als dass irgend etwas auf der Welt fähig wäre, sie
auszurotten. Ewig wird sie in meinem Herzen wohnen; auch dann noch, wenn Sie mit
Ihrem Hass meine Verwägenheit strafen, auch dann noch wird der unglückliche, von
Ihnen verbannte Karlsheim Sie zeitlebens verehren.«
    Er fasste meine Hand, ich war zu sehr gerührt, um sie wegzuziehen. Mit dem
Ton der stärksten Leidenschaft sagte er:
    »Sophie!«
    »Karlsheim!«
    »Gott! ist es möglich, bin ich der Seligkeit wert?«
    Und nun fühlte ich zum erstenmal, da unsre Lippen sich begegneten, was der
Kuss der reinen Liebe ist. O Marie, ich hätte nie geglaubt, dass mein
leichtsinniges Herz solcher Empfindungen fähig wäre. - Eine Stunde war uns wie
ein Augenblick entflohen, als mein Onkel herein trat. Er sah uns befremdet an.
    »So? Das ist also das Hindernis, das Sternfelden im Wege stand?«
    Ich sprang auf, seine Hand zu küssen; Karlsheim tat ein Gleiches. Unsre
Blicke redeten mehr als unsre Worte. Gerührt gab uns der würdige Alte seinen
Segen. Und nun, Marie, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen, dass - ich morgen
nicht zu Ihnen kommen werde.
                                                                         Sophie.
 
                               Vierzehnter Brief
                              Ferdinand an Eduard
Vielen Dank für deinen Brief, lieber Freund. Ich habe ihn mit Vergnügen gelesen.
Die Ermahnungen, die darin waren, hätten freilich wohl weg bleiben können. Auch
deine Abschilderung des akademischen Lebens scheint mir etwas übertrieben zu
sein. Ich habe zwar noch wenig Studenten hier kennen gelernt, aber die wenigen
gefielen mir recht wohl, und schienen brave Kerle zu sein. Es herrscht freilich
kein pedantischer Ton unter ihnen; sie sind lustig und geniren sich um niemand,
und das gefällt mir sehr. Ich habe die Schulfüchse mein Tage nicht ausstehen
können. Einer von diesen Studenten heisst Klinge. Ich habe ihn recht
liebgewonnen; er scheint auch in grossem Ansehen unter seinen Bekannten zu
stehen, und ist Senior der Landsmannschaft. Heute sagte er zu mir: Man kann ein
ehrlicher Kerl sein, und was Rechts lernen, ohne darum immer hinter den Büchern
zu liegen. Die Leute, die den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen, in alle
Kollegia laufen, und sich eine Todsünde draus machen, einmal zu schwänzen, haben
gewöhnlich keinen Kopf, und bringen es auch zu nichts. Wer Genie hat, kann in
einer Stunde mehr lernen, als ein solcher in zwei Tagen. Das viele Studieren
machts nicht aus. In unsern Jahren muss man des Lebens geniessen und lustig sein.
Im Alter hat man Zeit genug, zu murren und hinter dem Ofen zu sitzen.
    Mich dünkt, dass Klinge hierinn ganz recht hat. Es ist nur Schade, dass sein
Vater, ein alter Filz, ihn so genau hält. Dem Himmel sei Dank, dass ich Geld
genug habe, um einen ehrlichen Kerl zu unterstützen. Mein Vater ist nicht karg,
und hat mir eine ansehnliche Summe ausgesetzt, die ich für mich allein nicht
verbrauchen werde. Meine drei Jahre sollen mir hier recht gut verfliessen, und
ich denke sie auch nützlich anzuwenden. Ich werde meine Kollegia fleissig
besuchen, und auch zu Hause arbeiten. Die Zeit, die mir dann übrig bleibt, sei
dem Vergnügen gewidmet.
    Ich wollte, du wärst auch hier, Eduard. Ich denke noch oft an die frohe
Zeit, da wir als Knaben zusammen spielten, und, unsers ungleichen Alters
ohngeachtet, immer fest zusammen hielten. Auch jetzt noch wollte ich willig Blut
und Leben für dich lassen, liebster Bruder, das glaube mir. Du wärst mir aber
doch noch einmal so viel wert, wenn du die zärtlichen Schäferideen ablegtest,
und den Gedanken an deine unsichtbare Prinzessinn fahren liessest. Beim Henker,
wäre ich mit einem so reizenden Mädchen in einem Hause, so wollte ich die Zeit
besser nutzen, ohne sie mit Winseln über eine entfernte Schöne zu verderben, die
in drei Jahren nichts von sich hören liess. Siehst du, dass ich auch moralisiren
kann? - -
                                                                     Dein treuer
                                                                      Ferdinand.
 
                               Funfzehenter Brief
                              Eduard an Ferdinand
Es befremdet mich gar nicht, lieber Ferdinand, dich über meine Lage spotten zu
hören. Ich glaube wohl, dass es nur wenige Menschen gibt, denen meine standhafte
Neigung gegen Marien nicht übertrieben scheinen wird. Ich fühle aber, dass ich so
handeln muss, wenn ich mich vor künftigen Vorwürfen sichern will.
    Denke dir einmal, wenn ich meine Marie, und alle heiligen Beteuerungen der
Liebe, die ich ihr gab, vergässe, wenn ich einer andern das Herz schenkte, das
sonst bloss Liebe zu ihr atmete, und ich fände sie dann noch treu, noch zärtlich
gegen mich: Gott, wie elend wäre ich dann! Und ich weiss gewiss, dass sie mich noch
liebt, noch eben so mit ganzer Seele an mir hängt, wie ehedem. Ihr Herz gehört
nicht unter die wankelmütigen, und wie liebten wir uns nicht!
    Ja, Marie, teuerster Abgott meiner Seele, meine Ahndung täuscht mich nicht,
ich finde dich wieder, so treu, so zärtlich, wie du am Tage des Abschieds es
warst. Nie werde ich es vergessen, wie sie da weinend an meinem Halse hieng, wie
ich noch in weiter Entfernung ihre weisse Gestalt sah, immer noch ihre sanfte
Stimme zu hören glaubte. Und da ich nun zum letztenmal das Land betrachtete, das
meine liebsten Wünsche in sich schloss, da glaubte ich zu vergehen; es war mir
als würde ich von der ganzen Welt getrennt; ich sank in eine Betäubung, aus der
ich erst nach einigen Stunden erwachte, und so war mirs die ganze Reise durch.
    Hier zerstreuten mich zwar Geschäfte, aber keine Geschäfte sind fähig, das
Andenken an die lebhaften Freuden in mir auszulöschen, die ich mit Marien genoss.
Dass ich auf fünf Briefe, die ich ihr schrieb, keine Antwort erhielt, schmerzt
mich freilich; aber ich bin gewiss, dass besondere Zufälle diese Briefe unrecht
geführt, oder dass Hindernisse, ihr unübersteiglich, ihre Antworten gehindert
haben. Denn Marie kann gewiss nie mir untreu werden, nie mich vergessen. Dazu war
unsre Liebe zu fest geknüpft.
    Ich wünschte aber doch bald aus dieser quaalvollen Ungewissheit zu kommen,
und auch noch andre Ursachen, als meine heisse Sehnsucht nach ihr, machen meine
Entfernung notwendig. Karoline ist wirklich ein gefährliches Geschöpf. Denke
dir ein Mädchen von sechzehn Jahren, deren Reize eben sich entfalten, die ein
vortreffliches Herz hat, einen guten Verstand, der freilich noch nicht ganz
ausgebildet ist, eine Unschuld, die selbst dem verworfensten Bösewicht heilig
sein würde, mit der liebenswürdigsten Naivität vereinigt, die mir täglich
Beweise einer reinen unschuldsvollen Zuneigung gibt, und dann urteile selbst,
ob da nicht zuweilen strenge Zurückhaltung schwer wird. Und diese muss ich doch
aufs gewissenhafteste beobachten, wenn ich nicht die Ruhe eines liebenswürdigen
Mädchens untergraben will.
    Karoline hat ein sehr gefühlvolles Herz. Sie lebte in steter Entfernung von
Mannspersonen mit ihrer Mutter auf dem Lande, bis nach deren Tode ihr Onkel sie
zu sich nahm. Zwar habe ich, Gott sei mein Zeuge, ihr immer mit der
Zurückhaltung begegnet, die man, bei einem verschenkten Herzen, jedem jungen
Frauenzimmer schuldig ist. Aber demohngeachtet ist es doch bei ihren Jahren
natürlich, dass ein junger Mann, dessen Denkungsart sie mit der ihrigen
übereinstimmend fühlte, mit dem sie stets bei Tische und auch sonst oft
beisammen sein muss, Eindruck auf sie macht. Ich werde es mir aber von nun an zur
Pflicht machen, ihre Gesellschaft, so viel möglich, zu meiden. Es wird mir
schwer werden, denn nach Marien ist Karoline das reizendste Geschöpf, das ich
kenne. Aber der Gedanke an die Gebieterinn meines Herzens, an alles, was sie für
mich duldete, da ihr Vater sich unsrer Liebe widersetzte, wird mir den Sieg
leicht machen.
    Du hast meine Ermahnungen, wie du das zu nennen beliebst, unrecht
verstanden, lieber Ferdinand. Geniesse die Freuden deiner Jugend, so viel du
kannst, aber vergiss dabei nicht den Zweck, um dessen willen du nach G. reistest.
Das Vergnügen muss auf der Akademie nur Nebensache sein, und unsre Hauptabsicht
muss immer nur dahin gehen, die Kenntnisse für den Geist einzusammeln, die uns so
notwendig sind, wenn wir einst brauchbare Glieder des Staats werden wollen.
    Das, was dein Freund Klinge davon sagt, scheint mir nicht so ganz richtig zu
sein. Man braucht, um gelehrt zu werden, freilich nicht den ganzen Tag hinter
den Büchern zu liegen, aber ohne anhaltenden Fleiss und Uebung ist es nicht
möglich, gründliche Kenntnisse in irgend etwas zu erlangen. Zum Studieren müssen
wir alle unsre Seelenkräfte beisammen haben, und das ist nicht möglich, wenn man
nur dann und wann eine Stunde arbeitet, und sich oft durch allerlei
Lustbarkeiten zerstreuet. Die Arbeiten des Geistes sind nicht von der Art, dass
man dabei den Faden so oft abreissen und wiederum anknüpfen kann, als man will.
Und deswegen, ich wiederhole es noch einmal, müssen wir die Vergnügungen
durchaus nicht anders als in Nebenstunden suchen. Auch noch in anderm Betracht
hat dieses grossen Nutzen. Ein mässiger Genuss der Freuden des Lebens hat die beste
Wirkung auf Leib und Seele; aber ein übertriebner Gebrauch macht uns vor der
Zeit stumpf und unfähig im männlichen Alter noch Teil an den Vergnügungen zu
nehmen.
    Noch eine Erinnerung wirst du mir verzeihen, bester Ferdinand. Suche so viel
als möglich zu verbergen, dass du vieles Geld zu verzehren hast. Es gibt auf
Universitäten hauptsächlich der Leute so viel, die nicht Geld genug haben, um
alle die Ausschweifungen mitzumachen, zu denen sie oft grossen Hang fühlen, und
die dann, in Burschenränken eingeweiht, unter allerlei Vorwand sich der Wechsel
anderer, besonders der Neulinge, zu bedienen suchen. Ich weiss, liebster Freund,
dass dein gutes Herz oft deiner Ueberlegung vorspringt; aber bemühe dich ja,
vorsichtig in der Anwendung deiner Wohltaten zu sein. Es gibt der
Unglücklichen genug, die gerechte Ansprüche auf unsre Mildtätigkeit haben, und
an diesen begehen wir einen Raub, wenn wir gegen Unwürdige freigebig sind.
    Du schreibst mir ja nichts von unserm Bartold. Du setzest doch noch die
Freundschaft mit ihm fort, die ihr auf der Schule hattet? Er ist ein trefflicher
Jüngling, mit dem du manche angenehme Stunde zubringen kannst, und dessen
Erfahrung, da er schon so lange in G. ist, dir in manchen Sachen nützlich sein
wird.
    Ich hoffe, liebster Ferdinand, dass du diese kleinen Erinnerungen aus keinem
falschen Gesichtspunkt ansehen wirst. Sie fliessen aus einem dich liebenden
Herzen, das die Beschaffenheit des akademischen Lebens aus eigner Erfahrung
kennt. Lebe recht wohl, Lieber, und schreibe mir bald wieder.
                                                                         Eduard.
 
                               Sechzehnter Brief
                              Ferdinand an Eduard
Es hat mir sehr weh getan, aus den letzten Stellen deines Briefs zu sehen, dass
du eine schlechte Meinung von Klingen zu haben scheinst. Ich merke wohl, dass du
auf ihn zielst, wenn du ihn gleich nicht nennst. Aber gewiss, du irrst dich sehr.
Er ist der bravste, uneigennützigste Kerl von der Welt, der mir viel
Freundschaft und Gefälligkeit erzeigt.
    Vergangnen Sonntag nahm er mich mit in einen Garten, wo grosser
Burschenkommerz war. Es wurde tüchtig gepunscht. - Es ist hier so gewöhnlich,
dass der Jüngste, mit dem die andern zum erstenmal Brüderschaft trinken, die
Zeche bezahlt. Dies fiel dann auf mich, und du kannst denken, dass ich mich nicht
lumpen liess. - Man sang den Landesvater, und jeder liess sein Mädchen hoch leben,
und verlachte mich, dass ich hier noch keins hatte. Es wurde dann auch Pharao
gespielt. Ich wollte anfangs nicht dran, weil ich mich wohl erinnere, dass ich
sonst deiner Meinung von solchen Spielen vollkommen Beifall gab; aber es
versicherten mich alle, dass hier in Burschengesellschaften immer gespielt würde.
Und Klinge zog mich beiseite, und sagte mir: man hätte mir eine besondre Ehre
getan, dass man schon Brüderschaft mit mir getrunken, da ich doch noch ein Fuchs
sei; das pflegte sonst nie zu geschehen. Er bäte mich also, ich möchte mich doch
durch solche Weigerungen, die noch gar zu sehr nach der Schule röchen, nicht
lächerrlich machen. - Ich spielte und verlor funfzehn Louisd'or.
    Aber die andern versicherten mich, dass das beim Anfang im Spielen ein sehr
gewöhnlicher Verlust sei, und dass man eine solche Summe das künftigemal oft
doppelt wieder gewönne.
    Beim Anbruch des Morgens trennten wir uns. Ich verschlief nun freilich
diesmal meine Kollegia, aber das werde ich leicht wieder einholen. Klinge hat
mir auch geraten, meine Stunden des Nachmittags aufzugeben, weil ich mich sonst
im ersten halben Jahre zu sehr überhäufen würde.
    Du rietest mir doch einmal, Familienbekanntschaft hier zu suchen, und
empfohlst mich an Professor T. Aber dahin zu gehen, ist mir unmöglich. Es ist da
ein gewaltig steifer Umgang, sagt mir Klinge. Er wolle mich dafür in einem
andern Hause einführen, wo man sehr artig und ungezwungen wäre, und das ist mir
gerade recht; denn das infame Complimentiren und Ceremonienmachen ist gar meine
Sache nicht. Eben darum gefällt mirs in unsern Gesellschaften so wohl, weil man
sich da gar nicht genirt. Adieu, Eduard. Ich werde dir nächstens etwas von
meinem Besuch in dem eben erwähnten Hause melden.
                                                                      Ferdinand.
 
                              Siebenzehnter Brief
                              Eduard an Ferdinand
In einer so heitern Stimmung, wie sie mir in meiner Lage nur möglich ist,
schreibe ich dir heute, liebster Ferdinand.
    Ich ging gestern auf einem Spazierwege, den ich deswegen sehr liebe, weil
seine Einsamkeit mir Freiheit lässt, meinen Träumereien ungestört nachzuhängen.
Meine Seele hatte sich nach dem schönen heitern Abend gestimmt; und in süssen
Gedanken an meine Marie vertieft, kehrte ich wieder heim. Ich sah im
Mondenschimmer zwei Gestalten, Arm in Arm gelegt, in stummen Tiefsinn versenkt,
neben einander stehen. Von ihnen unbemerkt, ging ich näher, und hörte nun den
sanftklagenden Ton einer weiblichen Stimme:
    »Nein, Jakob, du sollst um mich dein Glück nicht verscherzen. O Gott, aus
uns kann ja doch nun nie ein Paar werden. Nimm die Bedienung an, so bist du doch
wenigstens vor Mangel geschützt.«
    »Wie kannst du mir nur einen solchen Antrag tun? Dich sollte ich verlassen,
Katrine, dich, der ich immer so gut war, jetzt, da du schwanger von mir bist?
Nimmermehr!«
    Nun fieng Katrine jämmerlich an zu weinen, und ihr Jakob klagte mit ihr.
Ich wurde bewegt, und zugleich neugierig ihre Geschichte zu hören. Ich redete
sie also an, bezeugte ihnen mein Teilnehmen, und bat sie, mich näher von ihrem
Zustande zu unterrichten; vielleicht könnte ich ihnen Hülfe leisten. Es kostete
zwar im Anfang etwas Mühe, ihr Vertrauen zu gewinnen, aber sie fühlten doch
bald, dass ich aus dem Herzen zu ihnen redete, und vertrauten mir ihren Kummer
an. Katrine ist die Tochter eines Pachters, und schon in ihrer Kindheit waren
sie und Jakob, des Schulmeisters Sohn, einander gut gewesen. Ihre Liebe wuchs
mit ihren zunehmenden Jahren, und beide schmeichelten sich mit einer baldigen
Verbindung, als der Schulmeister starb, und er, den man immer für reich gehalten
hatte, kaum so viel hinterliess, als die Beerdigungskosten betrugen. Dieser
Vorfall machte auf Katrinens Vater einen starken Eindruck, und er wollte nun
durchaus nicht zugeben, dass seine Tochter einen Mann ohne Vermögen heiratete.
Sie war ein hübsches Mädchen, und hatte schon manchen guten Antrag um Jakobs
willen ausgeschlagen, weswegen sie nun tausend harte Vorwürfe von ihrem Vater
anhören musste. Sie entdeckte ihrem Geliebten ihren Kummer, und dieser
besänftigte den Alten dadurch, dass er ihm sagte, der Amtmann des Dorfs habe
seinem Vater oftmals die Versichrung gegeben, dass er den sehr einträglichen
Schulzendienst, mit dem auch noch die Stelle eines Einnehmers verknüpft war,
sobald er vakant würde, bekommen sollte. Der junge Mensch hatte sich auch aus
diesem Grunde vorzüglich auf Schreiben und Rechnen gelegt, und hatte sich durch
Geschicklichkeit, Redlichkeit, und das allgemeine Zeugnis einer guten
Aufführung, dieses Dienstes vollkommen wert gemacht. Der alte Schulze, schon
seit einigen Jahren schwächlich, starb, und Jakob säumte nicht, sich bei dem
Amtmann zu melden. Er wurde sehr höflich empfangen, erhielt die beste Hoffnung,
und sein Gönner, der eben einige Leute bei sich hatte, sagte ihm, als er
weggieng, er möchte doch den andern Tag wiederkommen, weil noch einiges zu
verabreden wäre. Voller Freuden eilte Jakob zu seinem Mädchen, und diese
eröffnete ihm, was sie bis jetzt sich zu sagen geschämt hatte, dass sie die
Frucht ihrer Vertraulichkeit an einem Abend einer ländlichen Lustbarkeit, wo er
vom Wein, und sie von Tanz und Liebe berauscht war, unter ihrem Herzen trüge.
Diese Nachricht erhöhte seine Freude noch mehr, und kaum konnte er den andern
Morgen erwarten, von dem er die völlige Versichrung seines Glücks erwartete.
    Zehnmal griff er nach seinem Hut, und eben so oft hieng er ihn wieder hin,
weil es ihm noch zu früh dünkte, zum Amtmann zu gehen. Endlich machte er sich
auf. Mit dem freundlichsten Gesicht empfieng ihn der Amtmann, der eben sein
Morgenpfeifchen rauchte. Nach einigen gleichgültigen Gesprächen kam er auf das
rechte Kapitel:
    »Es wäre doch gut, Jakob, wenn er nun bei seinem Dienste auch auf eine junge
Frau bedacht wäre. Mit einem jungen Manne will es doch immer so nicht recht
fort, so lange er unverheiratet ist. Meint er das nicht auch?«
    »O ja, da haben Sie vollkommen Recht, Herr Amtmann. Ich bin auch gar nicht
abgeneigt. Ich - habe - auch - -«
    »Er hat das auch schon gedacht, nicht wahr? Ja und da wüsste ich ihm im
ganzen Dorfe keine bessere Person vorzuschlagen, als meine Köchinn. Sie ist ein
hübsches Mädchen, versteht eine gute Haushaltung zu führen, und - lächelnd - sie
wird auch, weil sie mir treu gedient hat, ein arriges Heiratsgut von mir
erhalten. - -«
    Er hielt seiner Köchinn - die schon seit einigen Jahren seine bekannte Hure
war - noch eine lange Lobrede, von der aber der arme Jakob kein Wort hörte, so
ganz war er von Schrecken betäubt. Er dachte zwar daran, ob er zum Schein tun
wolle, als willige er in den Vorschlag, aber sein redliches Herz verabscheute
diese Falschheit. Er sagte also zwar blass und zitternd, aber doch mit
Standhaftigkeit, dem Amtmann seine Liebe zu Katrinen, und erklärte, dass er nie
eine andre nehmen könnte. Nach einigen fruchtlosen Vorstellungen, sagte ihm
dieser mit höchst zornigem Gesicht und gebietrischem Ton, wenn er sich weigerte,
die Köchinn zu heiraten, so sei gar nicht daran zu denken, dass er den Dienst
erhielte; es würde sich schon ein andrer finden, der mit Freuden diese Bedingung
annehmen werde. Und nun wies er ihm auf eine höchst grobe Art die Tür. Katrine
stiess einen lauten Schrei aus, als Jakob, blass wie eine Leiche, ins Zimmer trat.
Der alte Pachter schimpfte zwar sehr auf den niederträchtigen Amtmann, verbot
aber den jungen Leuten, unter vielen Drohungen, nie wieder an einander zu
denken. Aus Furcht vor seiner Härte wagte es seine Tochter nicht, ihm ihren
Zustand zu entdecken.
    Verzweifelnd ging Jakob fort, und Katrine verabredete noch heimlich eine
letzte Zusammenkunft mit ihm auf den Abend, und eben hier traf ich sie an.
    Von ihrer Erzählung durchdrungen, verliess ich sie, und gab ihnen tröstende
Versichrungen. Der Geheimde Rat war noch nebst Karolinen auf seinem Zimmer. Ich
erzählte mit vieler Wärme die Geschichte. Karolinens Tränen flossen dem
Schicksal des armen Paars. Auch ihr würdiger Onkel, dem jede Ungerechtigkeit ein
Greuel ist, nahm lebhaften Anteil daran. Er gab mir den Auftrag, genauere
Erkundigung einzuziehen, ob auch alle Umstände sich so verhielten. Ich brachte
ihm den andern Morgen unbescholtne Zeugen, welche die Wahrheit von Jakobs
Aussage bekräftigten, und so wohl ihm als Katrinen die besten Zeugnisse gaben.
Und nun schrieb der vortreffliche Mann einen eigenhändigen Brief an den Amtmann,
der gewissermassen unter seiner Gerichtsbarkeit steht, und verwies ihm sein
Betragen in der Sache sehr ernstaft.
    Dieses hatte denn die Wirkung, dass der gestrenge Herr Amtmann selbst
erschien, sich aufs beste entschuldigte, und den Geheimden Rat inständigst bat,
die Sache nicht weiter zu treiben. Der G. R. versprach dies, aber unter den
Bedingungen: erstlich, dass Jakob den Dienst erhielte; zweitens, dass ihm der
Amtmann nicht durch allerlei Kränkungen in seinem Aemtchen sein Leben verbittre;
drittens, dass er ihm die hundert Reichstaler Heiratsgut gäbe, die er ihm mit
der Köchinn versprochen habe.
    Diese Bedingungen, besonders die letzte, giengen ihm zwar schwer ein, aber
er musste sich doch dazu verstehen, um grössern Ungelegenheiten auszuweichen.
    Der Pachter, Jakob und Katrine wurden nun geholt. Aber diese Scene, die
Freude der Liebenden und die Verwundrung des Alten, ist unbeschreiblich. In acht
Tagen wird die Hochzeit sein, und zwar auf unserm Gute. Karoline ordnet alles
hierzu mit liebenswürdiger Geschäftigkeit an.
    Ich hätte dir wohl manches auf deinen Brief zu sagen, liebster Ferdinand.
Aber im Grunde kannst du dies alles finden, wenn du den Schluss meines vorigen
Schreibens noch einmal aufmerksam durchlesen willst. Ich sage dir also heute
nichts mehr, als das, wovon du gewiss schon lange überzeugt bist: dass mir dein
Wohl so nahe am Herzen liegt, wie mein eignes, dass ich wünschte, den Mann aus
dir werden zu sehen, der du nach deinen Fähigkeiten werden kannst, wenn du dir
ihre Ausbildung sorgfältig angelegen sein lässt, und dass ich endlich nie aufhören
werde zu sein
                                                         Dein eifrigster Freund,
                                                                         Eduard.
 
                               Achtzehnter Brief
                              Ferdinand an Eduard
Bei meiner Treu, Eduard, du bist ein braver Kerl. Deine Geschichte, die du da
schreibst, gefällt mir sehr. Ich möchte gleich aus der Haut fahren, wenn ich
solche Niederträchtigkeit sehe. Ich wollte nur, dass der Schurke, der Amtmann,
stärker bestraft wäre. Warte, du Bube, ich wollte dich anders haben tanzen
lassen! Zwar mögen ihm die hundert Taler wohl genug an der Seele gedrückt
haben, aber die Strafe bleibt doch immer noch zu klein.
    Nimm mirs nicht übel, Eduard, ich erinnere mich eben nicht, im Schluss deines
vorletzten Briefs etwas besonders Anziehendes gelesen zu haben, und, ihn noch
einmal durchzulesen, habe ich unmöglich Zeit. Sogar mit dem Studieren wills
nicht recht mehr fort, seitdem ich das Wettermädchen gesehen habe. Ich nehme
wohl ein Buch in die Hand, aber gleich schmeisse ich es wieder fort, um
wenigstens vor ihrem Hause vorbei zu gehen, wenn ich nicht hinein gehen darf.
Mein Seel, es ist auch ein nettes Mädchen, viel angenehmer als weiland Lotte,
unsers Rektors Tochter, der wir alle sonst so vielen Weihrauch streuten. Doch
ich muss dirs wohl vom Anfang an erzählen.
    Klinge holte mich, seinem Versprechen gemäss, ab, um mich in dem Hause der
verwittweten Rätinn B. einzuführen. Wir fanden sie nähend an einem Tische
sitzen; ein ungemein hübsches Mädchen sass auch da, und half ihr. Wir wurden sehr
freundlich empfangen, und Klinge, der ein Vetter von Hause ist, unterhielt die
Alte von Familiensachen. Während dessen sprach ich mit der Tochter. Ein dralles
Mädchen von achtzehn Jahren. Recht schön, und so munter, dass es eine Freude ist,
mit ihr umzugehen. Und dabei soll sie sehr sittsam sein, wie mir Klinge sagt,
und wie ich aus ihren Reden schloss.
    Wir blieben den Abend da. Es kam noch mehr Gesellschaft von jungen Leuten,
auch noch ein paar Frauenzimmer, gegen Henrietten zwar Fratzengesichter, aber
doch ganz umgänglich. Wir spielten Pfänder und waren sehr lustig. Beim Abschiede
drückte mir Henriette die Hand, und bat mich, bald wieder zu kommen. Klinge sagt
mir, sie hätte schon sehr viele Anbeter gehabt, aber noch keiner von allen hätte
Eindruck auf sie machen können. Den andern Morgen ging ich hin, und fragte, wie
sie geschlafen hätte. Das Mädchen sah in ihrem Morgenzeuge allerliebst aus. Ich
gestehe es, sie hat mich ganz bezaubert. Auch scheine ich ihr eben nicht verhasst
zu sein. Sie sieht so freundlich aus, wenn ich komme. -
    »Wollen Sie schon weg? sagte sie heute, als ich bereits eine Stunde da
gewesen war.«
    »Ich muss in die Institutiones.«
    »Ach was wollen Sie mit dem trocknen Zeuge, das hören Sie sich doch noch
satt. Bleiben Sie immer noch ein Stündchen hier.«
    Ein freundlicher Blick von ihr, und ich blieb. Das wirst du, zärtlicher
Schäfer, mir doch gewiss vergeben? - -
                                                                      Ferdinand.
 
                               Neunzehnter Brief
                              Eduard an Ferdinand
Bester Ferdinand! Wenn noch die Bitten eines Freundes, der dich aufs zärtlichste
liebt, etwas über dich vermögen, wenn du noch kindliche Empfindungen gegen
deinen alten Vater hegst, der seine ganze Hoffnung auf dich gründet, der gewiss
stündlich, für dein Wohl besorgt, zu Gott betet, o so flieh Klingen, seine
Bekannten und Henrietten!
    Klinge ist gewiss ein ausgelernter Bösewicht, der dich so unschuldsvollen
guten Jungen zu verderben sucht. Dein Herz, gut und bieder, glaubt, dass andre
Menschen auch so sind, und hat keinen Begriff von den Ränken andrer, da List und
Bosheit von dir fern ist. Siehst du denn nicht, betrogner Freund, dass Henriette
eine verschmitzte Buhlerinn ist, in deren Netze man dich zu fangen sucht? dass
ihre Sittsamkeit blosse Affektation ist? - -
    Geh einmal ihr Betragen unparteiisch durch, und sage dann selbst, ob es mit
der Sittsamkeit eines Mädchens besteht, einem jungen Menschen, den sie zum
erstenmal sieht, die Hand zu drücken, und ihn zum öftern Wiederkommen zu
nötigen; beim zweiten Besuch ihn zum längern Bleiben zu bereden, sollte er auch
ein Kollegium drüber versäumen? Bei einem unerfahrnen jungen Mädchen liesse sich
das noch entschuldigen; aber so unerfahren ist ein Frauenzimmer auf einer
Universität nicht, die öftern Umgang mit Studenten hat. Es ist gewiss Klingens
Absicht, dich durch diese Bekanntschaft, und durch allerlei andre Zerstreuungen,
vom Studieren abzuziehen, und dich so fest an sich zu ketten, dass er mit
unumschränkter Macht über deinen Geldbeutel herrschen kann.
    Ich bitte dich, bester Ferdinand, reiss dich von dieser Gesellschaft los, und
halte dich zu dem braven Bartold. Ich weiss, dass du beim Lesen dieses Briefes
aufbrausen wirst; aber lies ihn noch einmal durch, und denke, dass dein treuer
Freund ihn schrieb, der selbst von den Verführungen des Studentenlebens noch
nicht gar lange entfernt gewesen ist, und der die jungen Herren aus mehrjähriger
Erfahrung besser kennt, als du. Denke zurück, Ferdinand, an die glücklichen
Zeiten unsrer Kindheit, an meine Liebe zu dir in diesen Jahren; wie ich oft
willig die Schuld deines Versehens über mich nahm, um dich vor der Strafe zu
schützen; wie wir so ganz unzertrennlich waren; wie dem einen immer etwas zu
fehlen schien, wenn er den andern nicht hatte: und dann urteile selbst, ob
etwas anders, als innige Liebe zu dir, meine Feder führen kann.
    Mein Zustand wird von Tage zu Tage ängstlicher. Du weisst, dass es mein fester
Vorsatz war, Karolinen zu vermeiden. Ich befolgte ihn treulich. Vor einigen
Tagen war ich des Morgens in dem Garten. Karoline kam bald nach mir auch. Mit
dem rührendsten Ton der Unschuld beklagte sie sich, dass ich ja fast gar nicht
mehr hieher käme, und ihre Gesellschaft zu meiden schiene. Sie sei schon oft
deswegen bekümmert gewesen, und habe nachgesonnen, ob sie mich durch etwas
beleidigt hätte; sie könnte aber nichts in ihrem Betragen finden.
    »Nein, Beste! Durch was könnten Sie mich wohl beleidigen? Ueberhäufte
Geschäfte hindern mich nur, so oft von meinem Zimmer zu gehen, als sonst, und
allerlei Unannehmlichkeiten machen mich oft seit einiger Zeit mismütig.«
    Nun nahm sie den lebhaftesten Anteil an meinem Kummer, und ich weiss gewiss,
meine Marie selbst würde mir den feurigen Kuss verziehen haben, den ich auf des
liebenswürdigen Mädchens Hand drückte. Sie errötete sanft, und zum guten Glück
kam ihr Onkel zu uns.
    Aber, aller solcher Gefahren ungeachtet, werde ich dir treu bleiben,
teuerste Geliebte. Nie soll dein Bild in meinem Herzen verlöschen; nichts auf
der Welt soll mich jemals gleichgültiger gegen dich machen. Nie, o! nie wird
dein Eduard sich deiner unwert betragen, und keine andre Begierde soll jemals
das Herz entweihen, das so ganz dein Eigentum ist!
    Schreib mir bald wieder, lieber Freund. Alles, selbst jede Kleinigkeit, die
dich angeht, interessirt auch mich.
                                                                         Eduard.
 
                               Zwanzigster Brief
                               Eduard an Bartold
Heute ist Ferdinand die hauptsächliche Ursache meines Schreibens an dich, lieber
Bartold. Ich schrieb dir zwar neulich schon meine Besorgnisse für ihn, aber
damals war doch die Gefahr noch nicht so dringend, als jetzt. Hier hast du seine
zwei letzten Briefe, aus denen du seine ganze Lage sehen wirst. Tue doch ja
dein Möglichstes, um ihn von seiner jetzigen Gesellschaft abzuziehen. Es wäre
ewig Schade, wenn der Junge verdorben würde. Er hat viel Anlage zum Guten, viel
Feuer und Tätigkeit, aber noch das ganz offne Wesen und die Unerfahrenheit, die
seinen Jahren eigen ist. Seine Seele kennt kein Mistrauen, und jeder Schurke
kann mit leichter Mühe sein Vertrauen gewinnen. Er besitzt vielen Ehrgeiz, der
sich freilich jetzt noch auf ganz falsche Gegenstände gründet, und der
niederträchtige Klinge weiss ihn bei dieser schwachen Seite zu fassen, und lenkt
ihn, wohin er will. Wird er nicht bald von seinem jetzigen Wege zurückgezogen,
so ist er gewiss verloren. Sei doch ja bemüht, ihn zu retten, und schreib mir den
Erfolg davon. Der Junge liegt mir sehr am Herzen. Ich bin wie immer
                                                              Dein treuer Freund
                                                                         Eduard.
 
                            Einundzwanzigster Brief
                                Sophie an Marien
Kommen Sie doch zu mir, teure Freundinn, und sein Sie Zeuginn meines Glücks.
Mein Karlsheim würde Ihnen gewiss gefallen. Ich habe ihm auch schon die tiefste
Ehrfurcht gegen Sie eingeprägt, und der Artikel, dass Sie ihm - nach mir versteht
sich - die liebste Person unter dem ganzen weiblichen Geschlechte sein sollen,
wird in unsern Ehepakten einen der hauptsächlichsten ausmachen.
    Braut zu sein, das ist doch eine Sache, die unser eins nicht so leicht
verschweigen kann. Um also mein Herz ausschütten zu können, bat ich heute
Mädchengesellschaft zu mir. Da hätten Sie denn die Glückwünsche hören sollen.
Neid und Unmut verbargen sich unter so mancher tiefen Verbeugung; einige
gratulirten mir mit gezwungnem Lächeln, und schielten dabei mit einem
unterdrückten Seufzer verstohlen nach meinem neuen Ringe hin. Mehr als alle
andere dauerte mich die gute W. Von früher Jugend an liebte sie einen Jüngling,
den nun vor einem Jahre seines Vaters Härte von ihr trennte, und dem man eine
andre Frau aufzwang. Vor vier Wochen reisete er heimlich hierher, um in dem
Wäldchen, welches sonst der Ort ihrer Liebe war, sie noch einmal zu sehen, und
auf ewig Abschied von ihr zu nehmen. Alle diese Erinnerungen wachten bei dem
guten Mädchen auf, da sie mich in meiner jetzt so glücklichen Lage sah. Der
Gedanke an ihren ehemaligen Geliebten drang mit Macht in ihre Seele. Sie
entfernte sich, und sprach, mich umarmend: »O Sophie, ich wünsche Ihnen ein
glücklicheres Schicksal, als das meinige war.« Dieses durchdrang mich, ich warf
es mir als eine höchst sträfliche Unvorsichtigkeit vor, dass ich sie hatte bitten
lassen, und ein kalter Schauer überlief mich.
    Als ich wieder herein kam, sagte die älteste Mamsell Berg - ein Frauenzimmer
von sieben und dreissig Jahren, die jetzt, da sie sich nicht mehr für einige
zwanzig jährig ausgeben kann, wie sie sonst noch immer tat, anfängt die Prüde
zu spielen -:
    »Ich dächte, die W. könnte doch nun auch das Winseln sein lassen, und sich
vielmehr freuen, dass sie noch mit so gnädiger Strafe für ihre Torheit davon
gekommen ist. Das frühzeitige Versprechen der jungen Leute taugt gar nichts. Man
muss die Frucht erst reif werden lassen, ehe man sie vom Baum abbricht.«
    »Ja, Mamsell Berg - sprach eine junge lebhafte Brünette - wenn man sie aber
so lange sitzen lässt, bis sie wurmstichig wird, und vom Baum abfällt, so ist
auch niemanden mehr damit gedient.«
    Die ganze Gesellschaft belachte diesen Einfall; nur Mamsell Berg, so rot
wie ein gereizter Puter, der eben auffliegen will, antwortete:
    »Sie sind wohl sehr besorgt, mein Kind, dass das einmal Ihr Schicksal werden
möchte, sonst würden Sie nicht so viel Mühe anwenden, sich bei jeder Gelegenheit
den Mannspersonen aufzudringen.«
    »O, wenn das Aufdringen nur hilft, so geht es doch noch an; aber, Mamsell,
es gibt Leute, die sich immer aufdringen, und denen doch nichts dafür zu Teil
wird.«
    Nun war unsre alte Schöne in Feuer und Flammen; denn sie hielt dies für eine
Anspielung auf eine Geschichte, die sie kürzlich mit einem jungen Magister
hatte, der ihr ihm angetragnes sieben und dreissig jähriges Herz, in ein
niedliches Körbchen gepackt, ihr zurückschickte. Der Streit wurde nun so laut,
und so allgemein, - denn der geheime Groll aller anwesenden Frauenzimmer war
froh, eine Gelegenheit zum Ausbruch zu finden - dass mein Onkel von seinem
Studierzimmer herunter kam und Frieden gebot; die Ausfälle gegen einander
währten aber doch noch immer fort - denn alle Zungen waren nun einmal im Gange -
und hörten auf, mich zu belustigen, weil sie gar zu pöbelhaft wurden; so dass ich
froh war, als die Zeit des Aufbruchs kam, und alle sich entfernt hatten, mich in
meines Karlsheims Armen von diesen Langweiligkeiten erholen zu können.
    Ich bin sehr besorgt, meine liebe Marie, weil ich so lange keinen Brief von
Ihnen gehabt habe, und sehe mit Ungeduld einer Nachricht von Ihnen entgegen, auf
die ich schon so lange gewartet habe.
                                                                         Sophie.
 
                            Zweiundzwanzigster Brief
                                Marie an Sophien
Es ist ungerecht, dem Glücklichen seine Freude durch Klagen zu verbittern, und
das ist die Ursache, warum ich so lange nicht schrieb. Ich bin in einer so
melancholischen Stimmung, dass nichts mich zu erheitern fähig ist. Ich wollte
meine Traurigkeit bekämpfen, aber ich vermag es nicht.
    Das Teilnehmen des Freundes mildert den Schmerz, und meine Sophie soll ihn
mir tragen helfen.
    Ich suchte neulich nach einem alten Briefe einer meiner Freundinnen ein
Kästchen durch, das ich in einigen Jahren nicht geöffnet hatte. Und da fand ich
einen Brief von Eduard, den er einst im Entzücken der Liebe mir schrieb, wie er
von mir gegangen war, und die erste Versichrung meiner Neigung mit sich genommen
hatte. Blass und zitternd wollte ich ihn zerreissen, aber es war mir unmöglich;
ich wurde hingerissen, ich las ihn.
    Und, o Gott! welch ein Brief! Meine Seele wurde von allen den Erinnerungen
niedergedrückt, die nun mit Macht in mich drangen. Matt, mit wankenden Knien,
mit Tränen, die gewaltsam aus meinen Augen brachen, sank ich auf einen Stuhl.
    Und nun sah ich ihn vor mir stehen, den liebenswürdigen Jüngling, wie er
furchtsam um meine Liebe bat, wie ich mit gesenktem Blick ihm nicht zu antworten
vermochte, wie er wonnetrunken an meine Brust sank, und nun unaussprechliche
Gefühle uns durchdrangen.
    Und du, den ich so innig liebte, der du so oft die heiligsten Beteuerungen
ewiger Liebe mir gabst, du konntest untreu werden? Gott! Unmöglich! - Und doch
muss ich es glauben. Schrieb er wohl ein einzigesmal nach seiner Abreise? Sah ich
nicht die Beweise seiner neuen Liebe in meines Oheims Händen? - Eduard! du, der
zärtlichste Jüngling, konntest eine andre Geliebte wählen, mich vergessen? Und
doch kann ich dich nicht hassen; doch bringt noch dein blosser Name eine
Erschütterung in mein ganzes Wesen?
    O du, den ich sonst so heiss, so unaussprechlich liebte, wüsste ich nur, dass
du glücklich wärest: ich wollte dir verzeihen, wollte meine Tränen trocken.
Aber gewiss! du bist es nicht. Fremde Reize rissen dein weiches Herz hin, - ach,
das meinige hätte sich nicht hinreissen lassen, wärst du auch zehn Jahre von mir
entfernt gewesen; denn selbst der untreue Eduard sass noch zu tief in meinem
Herzen, als dass ich je in eine andre Verbindung hätte willigen können. Aber das
Dringen einer sterbenden Mutter besiegte mich - Man eilte wohl, dich zu
verbinden. Aber gewiss dachtest du bald nachher an dein armes Mädchen, wie sie
jammerte, die Hände ringend nach dem fernen Geliebten seufzte, der nun - das
Eigentum einer andern war! Und ach, ich fürchte, dein Herz, für jedes Leiden
gefühlvoll, empfand nur zu tief das meinige; und dieses Andenken verbittert dir
gewiss dein ganzes zukünftiges Leben.
    O Gott! straf ihn nicht so hart für den Fehler, den er begieng; ach! es war
das Versehen eines schwachen, nicht eines boshaften Herzens. Möchte er doch
beruhigt sein, keine Gewissensbisse fühlen! Dieser Wunsch sei noch das Gebet
meiner letzten Stunde. Wenn schon Todesschauer mich ergreift, wenn schon meine
Seele den letzten Kampf der sterbenden Natur zwischen Tod und Leben kämpft, dann
noch wird dein Bild in meiner Brust sein, und meine kalten Lippen werden noch
Wünsche für dein Wohl zu Gott hauchen!
    O Sophie! Wenn ich die seligen Tage unsrer Liebe mir denke! - Wenn ich so
den Tag mit Geschäften mancherlei Art zugebracht hatte, und dann der Abend kam,
und ich ans Fenster trat, und mich nach ihm umsah; wenn ich ihn dann erblickte:
o wie wallte mein Herz ihm entgegen! mit welchem Entzücken schloss er mich dann
in seine Arme! wie war unsre Liebe so rein, ein so heiliges Feuer!
    Ich weiss, ich fühle, dass es Sünde ist, mich diesem Gedanken zu überlassen,
sträfliches Vergehen gegen Albrecht. Aber ich kann sie nicht los werden, die
reizenden und quaalvollen Bilder; sogar wenn meine Augen, vom Weinen abgemattet,
endlich sich schliessen, verlassen sie mich nicht. Bei Tage suche ich mich zu
zerstreuen, suche meinen Kummer vor Albrecht zu verbergen, und heiter zu
scheinen. Aber was mein armes Herz dabei leidet, ist unbeschreiblich; oft dünkt
mich, es müsste unter seiner Last zerspringen. Wissen Sie Trost für mich, Sophie,
o! so schreiben sie ihn der unglücklichsten Ihrer Freundinnen.
                                                                          Marie.
 
                            Dreiundzwanzigster Brief
                                Sophie an Marien
Ihr Brief, liebste Marie, hat mich sehr gerührt. Unzählige Tränen habe ich
dabei vergossen. Aber wie lehrreich ist er nicht auch für mich! Meine Marie
erträgt das schwerste Leiden mit unaussprechlicher Sanftmut und Geduld. Ihr
sanftes Herz, weit entfernt an ihrem untreuen Geliebten Rache zu nehmen, ist
noch besorgt für sein Wohl. Wie beschämt mich Ihr Beispiel, meine Freundinn! Wie
brausete ich nicht bisher auf, wenn mir etwas unangenehmes begegnete! Wie
ungeduldig machten mich nicht gleich kleine Leiden! Aber ich will an mir
arbeiten, ich will mich bemühen, die Sanftmut meiner Marie nachzuahmen.
    Meines Geliebten schönes Herz entdeckt sich mir mit jedem Tage mehr. Gestern
waren wir in einer Gesellschaft, in der sich auch Herr Fritzleben befand. Sie
wissen, dass dieser sonst den Anbeter von mir machte. Er konnte es nicht
verschmerzen, dieses Amts durch Karlsheim so ganz entledigt zu sein; er nahm
also sein Bisschen Witz zusammen, und wagte verschiedne Ausfälle auf Karlsheim.
Dieser liess sie anfangs ganz unbemerkt hingehen. Da aber Fritzleben es zuletzt
gar zu auffallend machte, schlug er ihn mit einer einzigen geistvollen Antwort
nieder. Aber weit entfernt, nunmehr, da Fritzleben beschämt schwieg und die
Gesellschaft dem Sieger Beifall lächelte, eine triumphirende Miene anzunehmen,
lenkte er auf eine so feine Art ein andres Gespräch ein, dass bald der ganze
Vorfall vergessen wurde.
    Eins nur befremdet mich an ihm. Seine Blicke scheinen zuweilen einen
gewissen Kummer zu verraten, den er zwar sorgfältig zu verbergen sucht, der
aber doch oft hervorscheint. Ich werde die Ursache davon zu erforschen suchen.
    Leben Sie wohl, beste Freundinn. Möchte doch Beruhigung in Ihr leidendes
Herz fliessen, und Ihre Seele wieder so unbefangen und heiter werden, wie sie es
vorher war, ehe der - (verzeihen Sie, Marie, bald hätte ich gesagt verwünschte
Brief; denn so wenig ich auch Ihren Kummer vergrössern will, so kann ich Ihnen
doch mein Misfallen, dass Sie ihn lasen, nicht bergen -) unglückliche Brief in
Ihre Hände kam.
                                                                         Sophie.
 
                            Vierundzwanzigster Brief
                              Wilhelm an Karlsheim
Unglücklicher Weise war ich verreist, und erhielt deine Briefe erst heute.
Karlsheim! was hast du getan! Alle deine Entschuldigungen vermögen nicht dein
Betragen vor dem Richterstuhl des Gewissens zu verantworten. Hätte Julie dir
nichts als bloss gewöhnliche Zärtlichkeit geschenkt, so könnten deine angeführten
Gründe dich vielleicht entschuldigen. Aber du weisst, dass sie mehr, dass sie ihre
Unschuld dir aufgeopfert hat, und dafür bist du ihr Ersatz schuldig, und
solltest billig in keine andre Verbindung treten, so lange dir Juliens Schicksal
unbekannt ist.
    Sie denkt gewiss zu edel, um einen andern Mann zu wählen, dem sie nicht mehr
des Mädchens grösste Zierde, unbefleckte Unschuld, zubringen kann. Sie hat dir
zwar nicht geschrieben, aber können nicht die Briefe verloren gegangen sein? Ist
es darum ausgemacht, dass sie auch nicht mehr an dich denkt? Hättest du nicht
noch emsiger in deinen Nachforschungen sein müssen?
    Wenn es nicht schon zu spät ist, so ziehe dich noch wieder zurück. Entdecke
dich Sophien. Ist sie wirklich das treffliche Mädchen, das du mir beschreibst,
so wird sie dir verzeihen, wird deine Nachsuchungen um Julien begünstigen. O
Karlsheim, überlege, was du tust, damit nicht einmal der Gedanke an ein
liebenswürdiges Mädchen, durch dich unglücklich gemacht, dein Leben verbittre!
                                                                        Wilhelm.
 
                            Fünfundzwanzigster Brief
                              Karlsheim an Wilhelm
Wilhelm! welch ein schneidendes Schwerd hast du in mein Herz gestossen! Ich wanke
zwischen Pflicht und Liebe. Beide zerreissen mit grausamer Macht mein Innres. Oft
überwältigt mich der Gedanke an Julien. Ich gehe hin zu Sophien, will mich zu
ihren Füssen werfen, ihr alles entdecken. Und wenn ich dann komme, hüpft sie mit
der lebhaftesten Munterkeit mir entgegen, reicht mir ihre schöne Hand, und fragt
mich zärtlich: wo ich denn so lange geblieben sei? Und die Fröhlichkeit und Ruhe
dieses reizenden Mädchens solltest du zernichten? Das entzückende Feuer dieses
Auges in Tränen verwandeln? Dieser Mund, dessen zaubrischem Lächeln selbst der
kälteste Einsiedler nicht würde widerstehen können, sollte in Wehklagen über
dich ausbrechen? Dieses holde Geschöpf wolltest du den Spöttereien der ganzen
Stadt, die um unsre nahe Verbindung weiss, der Härte und den Vorwürfen ihrer
Verwandten aussetzen?
    So denke ich, und mein fester Entschluss wankt. Ich wills wenigstens
verschieben, bis auf einen andern Tag, wenn sie ernstafter gestimmt ist. Der
andre Tag kömmt. Ihr gütiger Onkel spricht mit gerührter Freude von unsrer
Verbindung, durch die alle seine Wünsche erfüllt werden. Errötend hört Sophie
von künftigen Enkeln ihn reden. Ihre Blicke begegnen den meinigen. Sie sinkt in
meine Arme. Ich küsse die Träne der Freude weg, die verstohlen ihrem Auge
entfliesst, und dann an ihren Busen gelehnt, ihren schönen Mund auf meine heissen
Lippen gedrückt, wie könnte ich da dem Gedanken an Trennung Raum geben?
                                                                      Karlsheim.
 
                           Sechsundzwanzigster Brief
                                Marie an Sophien
Ach, unbefangen und heiter war ich wohl nie. Ich hatte zwar mein Herz
einigermassen betäubt, und schien glücklich zu sein, aber ich war es nicht. Die
Erinnerung an Eduard wachte oft bei mir auf. Zwar gelang es mir dann eher, sie
los zu werden, aber ich konnte sie doch selten ganz unterdrücken, wohl
eigentlich nie.
    Und was noch meinen Schmerz vergrössert, ist die wenige Nachsicht, die
Albrecht gegen meinen Kummer hat. Ich suche ihn zwar so viel möglich zu
verbergen, aber ganz kann ich es doch nicht.
    »Ist denn des Winselns und Weinens noch kein Ende? - sprach er heute, da er
unvermutet in einer meiner traurigsten Stunden ins Zimmer trat. - Ich möchte
nur wissen, was dir eigentlich fehlt.«
    »Liebster Mann, habe Geduld mit mir, ich habe zuweilen solche traurige
Stunden, in welchen ich mir selbst zur Last bin. Der Grund dazu mag wohl in
meinem schwachen Körper liegen.«
    »Der Grund dazu liegt in deiner übertriebnen Empfindsamkeit. Das ist es, was
deinen Körper und deine Seele schwächt. Wenn du diese verwünschte Mode unsers
jetzigen Zeitalters ablegen wolltest, so wärest du mir noch zehnmal so lieb;
dann würdest du auch über keine Schwächlichkeiten zu klagen haben.«
    Damit ging er zur Tür hinaus. O Albrecht! hättest du mehr von dieser
Empfindsamkeit, wie du es nennst, so würden unsre Seelen sich gleicher fühlen,
als jetzt. Aber so, wenn ich bis zu Tränen gerührt bin, bist du noch gar nicht
einmal bewegt, und so geht es immer. Unsre Empfindungen treffen niemals
zusammen, und das ist sehr hart für mich.
    Doch, Sophie, wie unartig und verkehrt ist mein Herz! Ich suche den grössten
Teil meiner Schuld auf Albrecht zu schieben, und sie liegt doch bloss auf mir.
    Müsste ich nicht, seiner Kälte ohngeachtet, ihn dennoch lieben, müsste ich
nicht meine Empfindungen nach den seinigen zu stimmen suchen? Ist es nicht
höchst strafbar, dass ich die Neigung, die ihm allein gehören sollte, auf einen
andern Gegenstand fallen lasse? Müsste ich nicht jeden fremden Eindruck
bekämpfen?
    Ach! ich kämpfe wohl. Mein Herz ist redlich, aber schwach. O du, der du
seine Schwäche kennst, vergieb mir, reiche deinem hülflosen Geschöpfe die Hand,
dass es nicht ganz unterliege! Ziehe mich wieder zu dir, Allliebender! Ach! sonst
füllte deine Liebe ganz allein dieses Herz! Jeder Wunsch meiner Seele gehörte
nur dir an! Ein fremder Götze hat dich verdrängt. Reiss ihn aus meinem Herzen,
sollte es auch bluten. Matt und tränenvoll flehe ich zu dir, Gütiger! Stärke
mich.
    Sophie, ich wollte beten, aber mein Gebet würde Sünde sein. Immer mischt der
Gedanke an ihn sich unter den Gedanken an Gott. Ach! dieser Zustand ist der
grausamste für mich; möchte es mir doch gelingen, mein Herz wieder zu beruhigen!
    Mein kleines Lieschen fragte mich heute: ob ich böse auf sie sei? Ich hätte
sie ja so lange nicht lesen lassen. Dieser Vorwurf rührte und beschämte mich.
Ich küsste sie, und hiess sie ihr Buch holen. Freudig sprang sie hin. Ja, Sophie,
ich fühle, dass das beste Mittel, meinen Kummer zu zerstreuen, stete
Beschäftigung ist, und die will ich mir zu machen suchen, so viel ich kann.
    Sein Sie mit Ihrem Karlsheim so glücklich, wie Sie beide es verdienen. Der
Himmel schütze Ihre Liebe vor allen widrigen Zufällen, und lasse Sie, Hand in
Hand gepaart, freudig durchs Leben hingehen. Dies ist der eifrigste Wunsch Ihrer
bekümmerten
                                                                          Marie.
 
                           Siebenundzwanzigster Brief
                              Ferdinand an Eduard
Ich muss dir aufrichtig gestehen, dass ich beim Lesen der ersten Zeilen deines
Briefes ihn unmütig wegwarf, und ihn beinahe zerrissen hätte. Ich überwand mich
aber doch, ihn durchzulesen, und das Ende versöhnte mich einigermassen wieder mit
dir. Indessen kann ich dir doch die schlechte Meinung nicht vergeben, die du von
Klingen und Henrietten hast. Klinge ist der rechtschaffenste Kerl von der Welt.
Er liebt mich aufs uneigennützigste, und sorgt bloss aus Liebe zu mir für mein
Vergnügen.
    Zum Beweise, dass er gar nicht mein Geld an sich zu reissen sucht, will ich
dir einen Vorfall erzählen. Gestern war er bei mir. Es kam jemand und brachte
ihm einen Zettel. Er wurde ganz blass, und erschrack heftig als er ihn las. Ich
fragte ihn, warum er so erschrocken wäre? Er bat mich aber sehr, nicht in ihn zu
dringen, weil er mir doch unmöglich die Ursache davon sagen könne. Höchst
niedergeschlagen ging er weg, und liess aus Versehen den Zettel auf die Erde
fallen. Ich hob ihn eilig auf, und sah, dass es ein Mahnbrief war, von einem
Gläubiger geschrieben, der eine Summe von ihm zu fordern hatte, und der ihm mit
dem strengsten Arrest drohte, wenn er nicht heute noch Rat schaffte. Ich lief
Klingen eilig nach, und bot ihm meine Börse an; aber er wollte sie durchaus
nicht annehmen.
    »Du brauchst dein Geld selbst, liebster Bruder, sprach er. Ich will nicht,
dass meine Freunde um meinetwillen leiden sollen.«
    Nur mit vieler Mühe brachte ich ihn dahin, meine Hülfe anzunehmen, und ich
könnte dir mehr solcher Fälle nennen, da ich ihm mein Geld habe recht aufdringen
müssen.
    Auch Henriette kennt keinen Eigennutz. Diesen Morgen brachte ich ihr einige
Geschenke, die ich auf Klingens Rat eingekauft hatte, der es der Mutter wegen
für gut hielt; denn diese denkt nicht ganz so uneigennützig, wie das treffliche
Mädchen. Aber, wie erschrack ich, als sie sich sehr dadurch beleidigt fand!
    »Meine Liebe lässt sich nicht durch Geschenke erkaufen. Nehmen Sie sie wieder
mit, Ferdinand, ich werde sie nicht annehmen. Ich sehe bei der Wahl eines
Geliebten bloss auf das Herz. Reichtum wird mich nie rühren. Die Liebe bedarf
keiner Güter; sie muss eben so glücklich in Mangel und Elend als im Überfluss
sein.«
    Siehst du nun, Eduard, was sie für ein herrliches Mädchen ist? Ich musste die
Geschenke durchaus wieder mitnehmen, und gab sie heimlich der Mutter, mit der
Bitte, sie Henrietten auf irgend eine Art beizubringen.
    Schreib mir doch nicht so oft von Bartold. Ich kann mit ihm nicht umgehen;
denn er ist ein Feind von Klingen. Sie haben sich einmal gezankt, und die
Ursache des Streits macht Bartolden keine Ehre, wohl aber Klingen. Und diesem
letzten bin ich für seine Freundschaft doch wohl so viel Dank schuldig, dass ich
kein Bündnis mit seinem Feinde errichte. Also sage mir von diesem Punkte nichts
mehr.
                                                                      Ferdinand.
 
                            Achtundzwanzigster Brief
                               Bartold an Eduard
Bis jetzt ist noch alle meine Mühe um Ferdinand vergeblich gewesen. Ob er mir
gleich wirklich einigemal auf eine beleidigende, geringschätzige Art begegnete,
so bin ich doch zweimal bei ihm gewesen; ich habe ihn aber nicht antreffen
können. Ich machte verschiedne Versuche ihn auf der Strasse zu sprechen, aber
vergebens. Sein Complot hält ihn stets so fest umlagert, dass es nicht möglich
ist, ihm beizukommen; ich glaube fast, sie wittern meine Absicht. Kollegia
besucht er gar nicht mehr. Den grössten Teil des Tages ist er bei Henrietten,
den andern bei seinen Genossen; den Abend wird getrunken, gespielt, geschwärmt,
und Ferdinand muss die Zeche bezahlen. Klinge ist ein ausgelernter Bösewicht. Er
ist schon lange auf Universitäten und kennt alle Burschenränke genau. Er hat von
Natur viel Verstand, ist aber im ersten Jahre seines akademischen Lebens so
ausschweifend geworden, dass er durch die äusserste Lüderlichkeit sowohl seinen
ausserordentlich starken Körper, als auch seine Geisteskräfte ruinirt hat: er
besitzt aber doch noch List und Bosheit genug, um unter seinen Bekannten ein
gewisses Ansehen zu behaupten, und die jungen Ankömmlinge, deren Bekanntschaft
er sucht, zu verführen.
    Er hat die Geschicklichkeit, so ziemlich den Ton desjenigen anzunehmen, auf
den er seine Absicht gerichtet hat. Er wollte auch einmal mit mir Freundschaft
errichten, aber zum guten Glücke war ich vor ihm gewarnt, und mied seinen Umgang
sorgfältig. Seit der Zeit hat er einen Groll gegen mich gehegt, und ich vermute
auch, dass er Ferdinand von mir abhält.
    Um dir seinen Charakter zu schildern, will ich dir einige Züge von ihm
erzählen:
    Zu J-a, wo er zuerst studierte, war er durch seine Lebensart so sehr
heruntergekommen, dass er keinen Pfennig Geld, und, was noch schlimmer war, auch
keinen Credit mehr hatte. Er machte mit einer alten reichen Wittwe
Bekanntschaft, schmeichelte ihr ungemein, schwatzte von Liebe und dergleichen,
küsste in einer Minute zehnmal ihre dürren Hände, und wandte sich dann auf die
andre Seite, um auszuspucken. Dass ichs kurz mache, er entzückte die Alte - der
man in der Blüte ihrer Jahre nicht halb so viel Süsses gesagt hatte, als sie
jetzt beständig von Klingen hörte - so sehr, dass sie im ganzen Ernst den
Entschluss fasste, ihn zu heiraten. Er schien darüber vor Freuden ausser sich zu
sein, ob ihm gleich an der Ehre nicht viel lag; denn er wusste, dass die alte
Dame, alles guten Willens ohngeachtet, ihn nie zum Erben einsetzen konnte, weil
ihr Vermögen schon rechtmässigen Anverwandten bestimmt war.
    Eines Tages ging er zu ihr, und nachdem er durch die stärksten
Schmeicheleien und Liebkosungen die gute Wittwe in die zärtlichste Stimmung
gesetzt hatte, sagte er ihr:
    Er sähe mit stärkster Sehnsucht dem Tage ihrer Verbindung entgegen, und
hoffte auch diesem glücklichen Zeitpunkte nahe zu sein. Es wäre ihm eine
Bedienung angetragen, nur die einzige Schwierigkeit sei dabei, dass er, um sie zu
bekommen, zweihundert und funfzig Taler anwenden müsse, und die wüsste er
sogleich nicht zu schaffen.
    »O! wenn weiter nichts ist, unterbrach ihn eilig seine Schöne, dazu wollen
wir wohl Rat finden. Hier in meinem Schranke ist die Summe, und noch wohl
mehr.«
    »Ihre Güte rührt mich, teuerste Frau! Aber man soll mir nicht den Vorwurf
machen, als missbrauche ich dieselbe. Ich erwarte in einigen Wochen meinen
Wechsel, und nehme das Geld unter keiner andern Bedingung an, als dass es bloss
ein Darlehn bis dahin sein soll. Ich gebe Ihnen eine Verschreibung, die Sie
selbst zur grössten Sicherheit unterschreiben sollen.« Die Alte wurde von seiner
Grossmut entzückt. Sie gab ihm das Geld, und ihren Namen auf einen Bogen
Stempelpapier geschrieben. Er setzte zu Hause eine Verschreibung von eben der
Summe über den Namen, und ging mit diesem Papier, das nun ein förmlicher
Wechselbrief war, zu einem Juden, der ihm willig mit gehörigem Abzug zweihundert
und funfzig Taler darauf auszahlte: denn die Wittwe war als eine sehr reiche
Frau bekannt. Er liess die Verschreibung in des Juden Händen, mietete ein Pferd,
und ritt mit seinen fünfhundert Talern in der Tasche zum Tor hinaus, und eilte
in vollem Gallop nach G. - Der Jude drang zwar bald nachher auf seine Bezahlung
bei der Wittwe, und diese sah dann den Betrug ein, den man mit ihr gespielt
hatte. Sie schämte sich, gab dem Juden das Geld, und noch etwas drüber, damit er
verschwiegen blieb, und nahm sich, indem sie Klingen verwünschte, vor, künftig
nicht so leichtgläubig zu sein.
    Mit diesem Gelde nun lebte er ganz seinem Hange gemäss in G. Leider aber war
es bald durchgebracht, und er kam so sehr in übeln Rufdass ihm niemand mehr
borgen wollte, sogar der Jude und Weinschenke nicht.
    Jetzo lebt er wieder herrlich und in Freuden, und rühmt sich der
mannichfaltigen List, durch die er Ferdinands Einfalt zu berücken weiss. Noch
neulich hat er durch einen erdichteten Schuldbrief, den einer seiner Genossen
schrieb, und den er als von ohngefähr bei Ferdinand verlor, von diesem eine
starke Summe erpresst, und er weiss sich dabei so schlau zu betragen, dass der arme
Betrogne ihm immer das Geld aufdringen, und sich ihm verbunden glauben muss, dass
er ihm die Ehre erzeigt, es anzunehmen.
    Zum Unglück hält man hier Ferdinand für sehr reich. Er hat also allentalben
Credit, und ich habe von unglaublich starken Schulden gehört, die er hier schon
gemacht haben soll. Wie bedaure ich den guten Jungen, dass er schon so früh in
die Hände dieses listigen Verführers fiel!
    O Freund, wie mancher Jüngling hat hier Ferdinands Schicksal! Gut und
unbefangen kömmt er her, mit den besten Vorsätzen, seine Zeit klug zu nützen.
Das erste Vierteljahr ist er fleissig, im zweiten schon weniger. Das künftige
halbe Jahr besucht er nur selten die Kollegia, und so überlässt er sich nach und
nach allen Ausschweifungen. Kommen einmal Gewissensbisse, so wird er von seinen
Bekannten übertäubt und verlacht. Wo sollte er auch an seine Pflichten erinnert
werden? Die Vorlesungen seiner Lehrer besucht er nicht mehr. In die Kirche zu
gehen, wie lächerrlich ist das für einen Studenten! Höchstens läuft man einmal
hindurch, um die andern Zuhörer in der Andacht zu stören. Der Vater und die
zärtlich besorgte Mutter schreiben vergebens Briefe voll rührender Ermahnungen.
    »Wie leicht wird es denen, uns zu ermahnen, sagen seine Freunde, für die das
Vergnügen keinen Reiz mehr hat! In ihrem Alter wollen wir auch moralisiren. Als
sie in unseren Jahren waren, machten sie es wie wir. - -«
    So wird alles unterdrückt, was den armen Jüngling zu seiner Pflicht
zurückführen könnte. Im Taumel der Lüste verlebt er seine Zeit, und nun geht er
mit siechem Körper zurück, den Geist und das Herz leer von allen den Kenntnissen
und Gesinnungen, um deren willen er auf die Universität gesandt ward; und doch
besitzt er wohl Unverschämteit genug, seine blassen eingefallnen Wangen für
Folgen des Fleisses und nächtlichen Studierens auszugeben.
    Der Vater dringt jetzt in ihn, sich um ein Amt zu bewerben. Er sinkt
entweder ganz in Mutlosigkeit, und ergreift einen verzweiflungsvollen
Entschluss, oder die Vorwürfe seines bisher schlafenden Gewissens wachen nunmehr
auf. Er fühlt lebhaft seine Unwürdigkeit, er strengt sich an, das Versäumte
nachzuholen. Sein geschwächter Körper vermag nicht, dieses anhaltende Arbeiten,
dieses nächtliche Studieren auszuhalten. Hypochondrie, mit ihrem schrecklichen
Gefolge, kömmt über ihn. Höchstens schleppt er sein elendes Leben, sich selbst
und andern zur Last, bis an vierzig fort. Und dann, da er billig erst die
Freuden des Lebens recht geniessen sollte, stirbt er dahin. Seine Wittwe - wenn
er das Herz hatte, eine Frau zu wählen - ringt wehklagend die Hände; seine
Kinder, deren ganzes Erbteil ein siecher Körper ist, irren verlassen umher.
Bedauernswürdige Unglückliche! Doch gewöhnlich entreisst sie ein früher Tod dem
auf sie wartenden Elend.
    Nenne dieses Gemälde nicht übertrieben, lieber Eduard. Leider zeigen uns
täglich traurige Erfahrungen genug, dass es mehr als zu oft gegründet ist. Zwar
gibt es der Unverschämten genug, die, ihrer Unwürdigkeit ohngeachtet, mit
dreister Stirn um Aemter anhalten. Angesehene Familie oder Geld - (beides gilt
oft mehr als Verdienst -) verschaffen ihnen auch wohl eine brillante Stelle.
Aber ohngeachtet des äussern Scheines sind sie doch im Herzen nicht glücklicher,
als jene. Die Strafe der Jugendsünden bleibt auch hier schon nicht aus.
    Wie danke ich es meinem Schöpfer, dass er meine Jugend rein von solchen
Vergehungen erhielt, die in der Folge der Jahre mich schmerzen könnten! Mit
frohem Mute kann ich doch nun meinem Vater, meiner zärtlichen Mutter zueilen;
bei ihren Freudenbezeugungen, bei ihren Liebkosungen, wird doch kein peinliches
Gefühl mir sagen, dass ich ihrer unwert bin.
    Möchte doch unser Ferdinand auch wieder von seinem Irrwege zurückkommen! Ich
habe einige Hoffnung, wenigstens den schändlichen Plan zu entdecken, den gewiss
Henriette mit ihm im Sinn hat. Es wohnt ein junger Mensch in ihrem Hause, dem
ich einst einen wichtigen Dienst erzeigte, für den er mir noch immer dankbar
ist. Diesen will ich zum Kundschafter brauchen. Er ist verschlagen, und wird
seine Sachen gewiss gut machen. Gott, welche Freude für mich, wenn es mir
gelänge, unsern Ferdinand zu retten! Ich schreibe dir bald wieder.
                                                                       Bartold.
 
                            Neunundzwanzigster Brief
                              Ferdinand an Eduard
O dass deine ernste Moral es dir zuliesse, sich mit mir zu freuen! Ich bitte dich,
Eduard, lege den steifen Ton einmal ab, und nimm Teil an meinem Glück, dessen
höchste Stufe ich erstiegen habe.
    Heute Mittag trank Klinge ein paar Bouteillen Wein mit mir, weil er
besonders fröhlicher Laune war. Nach Tische lasen wir in einem Buche, welches er
eben in der Tasche hatte, dessen Verfasser freilich kein Lehrer der Keuschheit
ist, das aber einen ungemein hübschen, interessanten Stil hat. Ganz voll von
dem, was ich gelesen hatte, ging ich zu Henrietten, und o, in welch einer
verführerischen Stellung traf ich sie nicht! Sie schlummerte auf einem
Ruhebette. Die schönste Röte auf ihrem Gesicht, ihr wollüstiger Busen fast ganz
entschleiert, ihr schlanker Leib nur von einem dünnen Gewand umgeben; so lag
sie, reizend, wie eine Göttinn.
    Entzückt näherte ich mich ihr. Sie erwachte von meinen feurigen Küssen.
Beschämt verwies sie mir meine Dreistigkeit, und hiess mich fortgehen. Ich schloss
sie fester in meine Arme. Meine Einbildungskraft war entflammt: sie widersetzte
sich meinen Liebkosungen, aber vergebens. Ich besiegte sie. -
    Aber welch einen Auftritt hatte ich nun!
    »Was hast du getan, Nichtswürdiger! rief sie aus - - Du hast mich
unglücklich gemacht. Meine Tugend, Ehre, Glück, alles ist dahin. Arme
Henriette!«
    Sie zerfloss fast in Tränen. Gerührt sank ich zu ihren Füssen, aber sie stiess
mich zurück, und floh aus dem Zimmer. Ihre Mutter kam herein, und weckte mich
aus der Betäubung, in die ich gefallen war. Das Wehklagen ihrer Tochter hatte
ihr das Geschehene entdeckt. Auch sie überhäufte mich mit Vorwürfen. Ich erbot
mich zu jeder Genugtuung, schwur, dass ich Henrietten nie verlassen würde.
    »Es ist leider kein andres Mittel übrig, als dass Sie meiner Tochter eine
Eheversprechung geben. O! dass ich das erleben muss, mein Kind, das schon die
besten Partien ausgeschlagen hat, an einen Studenten versprechen zu müssen!«
    Ich beruhigte sie, so viel ich konnte; die Sache wurde richtig gemacht, und
ich bin nun der glücklichste Mensch, Henriettens Verlobter, geworden. Mein Vater
wird vielleicht nicht ganz zufrieden mit meiner Verbindung sein, denn er befahl
mir beim Abschiede ausdrücklich, mich mit keinem Mädchen zu verplempern; aber er
braucht ja auch noch nichts davon zu wissen. Und wenn er es ja eher erfährt, als
ich wünsche, so werden Henriettens Annehmlichkeiten mich gewiss bei ihm
entschuldigen. Du solltest das Mädchen sehen, und du würdest mich beneiden, wenn
deine Marie nicht wäre. Adieu, Eduard. Störe mein Glück nicht durch unnötige
weise Anmerkungen. Sie würden sehr am unrechten Orte bei mir angebracht sein.
                                                                      Ferdinand.
 
                               Dreissigster Brief
                               Bartold an Eduard
Wo soll ich meine Erzählung anfangen? Ich bin ganz betäubt von allen den
Begebenheiten, die sich hier zugetragen haben. Du wirst über die Bosheit und
Ränke erstaunen, die man dem armen Ferdinand spielte. Henriette ist eine
verschmitzte Buhlerinn, die mit Liebhabern wie mit Spielzeug wechselt. In ihrem
vierzehnten Jahre war sie - ich habe ihren ganzen Lebenslauf erfahren - ein
liebenswürdiges Mädchen, voller Geist und Schönheit.
    Sie erregte allentalben Aufmerksamkeit, und zog durch die allgemeine
Bewundrung der Mannspersonen gar bald den Neid ihrer Gespielinnen auf sich. Sie
selbst wurde bald durch die Schmeicheleien der jungen Herren verwöhnt, und wurde
eine der gefährlichsten Coketten, die mit dem verbuhltesten Herzen stets von
Tugend und Sittsamkeit reden. Sie fieng viele der reichsten jungen Leute in ihr
Netz, erschöpfte sie durch unmässige Geschenke, die sie ihr machen mussten, und
wenn sie dann den einen ganz ausgesogen hatte, so gab sie ihm den Abschied und
wählte einen andern. Es fehlte ihr auch nie an einem Liebhaber, weil sie
wirklich sehr viel Angenehmes besass.
    Endlich aber kam ihr fünfundzwanzigstes Jahr heran. Sie gab sich zwar noch
immer für achtzehnjährig aus, es gab aber der Leute viele, die zu gut rechnen
konnten, um dieser Aussage vollen Glauben beizumessen. Sie stand nunmehr in so
sehr üblem Ruf, und kam in so merkliche Abnahme, dass ein Mensch, der noch etwas
Ehre besass, sich ihres Umgangs schämte.
    Klinge lernte sie kennen, verliebte sich in sie, und er, den sie sonst kaum
angesehen hätte, wurde jetzt erhört. Ihr Umgang wurde bald sehr vertraut; denn
sie so wenig als er waren zur platonischen Liebe geschaffen, und eine gewisse
Veränderung, die sie an sich spürte, liess sie etwas befürchten, davon sie sich,
als eine Kennerinn, bald mit Gewissheit überführte. Was war nun zu tun? So bald
Papa zu werden, war gar nicht nach Klingens Wunsch. Auch vermochte sein Beutel
nicht die Unkosten zu tragen, die gewöhnlich mit dieser Ehre verknüpft sind. Er
konnte sich auch nicht von ihr losmachen, und sie hatte Geschicklichkeit genug,
ihn so verliebt zu erhalten, dass er noch immer den lebhaften Wunsch behielt,
sein Einverständnis mit ihr fortzusetzen.
    Da nun Delikatesse in der Liebe eben nicht seine Schwachheit war, so
entwarfen beide den Plan, einen reichen Tropf in Henriettens Garn zu ziehen, der
den Namen und die Kosten des Vaters vom Kinde trüge. Diesen fand man, wie man
ihn nur wünschen könnte, in Ferdinand. Er war unerfahren genug, um aus dem
schleunigen Betrieb, den die Sache foderte, nicht den mindesten Argwohn zu
schöpfen. Es kostete Klingen eben so wenig Mühe, ihn zur Liebe anzufeuern, als
Henrietten, die Tugendhafte vor ihm zu spielen. Er lief selbst in die
Fallstricke hinein, die man ihm legte, und glaubte Henriettens Unschuld zu Fall
gebracht zu haben, da sie die seinige zu Grunde richtete.
    Sie verliess wehklagend das Zimmer, um in einem andern mit Klingen Ferdinands
Einfalt zu belachen, der verzweifelnd seiner Geliebten Unglück beklagte, und
sich glücklich schätzte, das Geschehene durch eine Eheversprechung wieder gut
machen zu können. Dieses ging über ihre Erwartung. So viel hatten sie sich kaum
vorgestellt. Klingens Freude war unbändig. Er wollte nun über eine Weile
Ferdinands Vater einen Teil der Sache stecken lassen. Dieser, hoffte er, würde
sich aus allen Kräften der Verbindung seines Sohnes widersetzen. Henriette
sollte dann so viel von Tugend und vom Raub ihrer Ehre schwatzen, dass der reiche
Alte sich glücklich schätzen würde mit ein paar tausend Talern von der Sache
los zu kommen. Mit diesem Gelde wollte sich dann Klinge einrichten, und seine
Schöne heiraten. So dachte er. Henriette aber dachte anders.
    
    Sie war seiner Liebe satt, empfand mehr Wollust in Ferdinands Armen, als bei
ihm, den die Folgen eines schlecht geführten Lebens matt und kraftlos gemacht
hatten. Auch war Ferdinand reich und konnte sie ernähren. Bei Klingen aber fiel
es bloss auf sie, für ihren Unterhalt zu sorgen, denn er, nur in Nänken
geschickt, war unfähig es je zu etwas zu bringen. Hingegen fand ihr Stolz sich
nicht wenig geschmeichelt, wenn sie dachte, welch eine vornehme Dame sie noch
einmal bei Ferdinand werden könnte. Sie legte es also im ganzen Ernst darauf an,
ihn zu heiraten. Dieses aber verbarg sie sorgfältig vor Klingen, und indem sie
in seinen Plan einzustimmen schien, dachte sie heimlich darauf, sich ihn vom
Halse zu schaffen.
    Dies alles erfuhr ich durch Koch - so heisst der junge Mensch, von dem ich
vorigesmal dir schrieb - und erstarrte. Zugleich sagte er mir auch die Zeit, in
der Klinge bei ihr zu sein pflege; es waren gerade die zwei Stunden, welche
Ferdinand auf dem Fechtboden und im Reitstall zubrachte; dieses waren die
einzigen Uebungsstunden, die er noch besuchte.
    Klinge pflegte ihn in die Strasse zu begleiten, und dann nach Henriettens
Wohnung zu gehen. Ich begab mich in den langen Gang, der zum Fechtboden führt.
Ferdinand kam, und stutzte, als er mich sah. Ich gab vor, dass ich einen
wichtigen Brief von dir ihm zu geben hätte, und bewegte ihn, mit mir an einen
abgelegnen Platz zu gehen. Hier suchte ich sein Herz zu erweichen. Ich erinnerte
ihn an die Freundschaft unsrer Kindheit, an seinen alten Vater. Anfangs war
alles umsonst, und ich erstaunte über die schnellen Wirkungen, die ein
schlechter Umgang auf das Herz macht. Ich merkte aber doch, dass er zuletzt dem
Eindruck nicht länger zu widerstehen vermochte, den die Vorstellungen von seinem
Vater auf ihn machten. Er wollte seine Rührung verbergen. Ich warf mich um
seinen Hals.
    »Bester Ferdinand, verbirg nicht diese Rührung, die deinem Herzen Ehre
macht!«
    »Bartold! Ists möglich, du noch mein Freund?« Er lag nun schluchzend an
meinem Halse. Was ich fühlte, kann ich dir nicht beschreiben. Nun, glaubte ich,
sei der rechte Zeitpunkt. Ich entdeckte ihm den ganzen Plan der Verschwörung
gegen ihn. Aber, aller Vorsicht ungeachtet, brauste er hier wie rasend auf. Er
fluchte, schimpfte mich einen Verläumder, und wollte nichts von dem, was ich
sagte, glauben.
    Zuletzt blieb mir kein andres Mittel übrig, als ihn zu fragen, ob er mit mir
zu Henrietten gehen, und sich selbst überzeugen wolle.
    »Ja - schrie er wütend - das will ich, aber hast du gelogen, so sollst du
ein schreckliches Opfer meiner Rache werden.«
    Er lief erst eilig nach Hause, und in einer Minute war er wieder da. Koch
hatte mir den Schlüssel zu einer Hintertür gegeben, durch die man unbemerkt ins
Haus kommen konnte. Wir giengen hinein, und ich führte ihn an einen Ort, von dem
man eine Stube übersehen konnte, die in den Hof ging, und die, ihrer einsamen
Lage wegen, von Henrietten zu dem Gemach ihrer geheimen Liebesgeschichten
ausersehen war. Hier sah er, auf eben dem Sopha, auf welchem er zuerst ihrer
genoss, sein treues Mädchen auf Klingens Schoss, der sich allerlei Freiheiten bei
ihr heraus nahm.
    Ich Tor, ich wollte ihn bewegen, wieder mit mir umzukehren, und nur durch
Verachtung sich an dem niederträchtigen Paar zu rächen. Aber weit gefehlt! Er
war nach Hause geeilt, um zwei Degen, unter seinem Mantel verborgen, zu holen.
Wütend stürzte er ins Zimmer: »Stirb, schändlicher Verräter! Aber da, Memme,
verteidige dich! Fast schäumend eilte er mit dem Degen auf ihn los.« Der
verräterische Klinge brachte dem unbesonnenen Ferdinand hinterlistig einen
Stich bei, der wohl, seiner Absicht nach, tödtlich sein sollte, und nun wollte
er aus dem Hause entspringen; aber die Jägerwache, durch den Lärm aufmerksam
gemacht, hielt ihn an, und auch Ferdinand, der zum Glück von dem Stich, welcher
fehl traf, nur leicht verwundet war, so wohl als ich erhielten Stubenarrest. Ich
verliess den beinahe sinnlosen Ferdinand sehr ungern. Morgen werden wir vor
Gericht erscheinen.
                                                                       Bartold.
 
                            Einunddreissigster Brief
                                Sophie an Marien
Sie haben den ersten Schritt auf dem Wege der Beruhigung getan, da Sie den
Entschluss fassten, Ihrem Kummer durch stete Beschäftigung entgegen zu arbeiten.
Möchte doch Ihre vortreffliche Seele völlig über Ihren Schmerz siegen!
    Eduard ist auch der Tränen meiner Freundinn unwert. Er, der nicht edel
genug dachte, um die trefflichen Eigenschaften meiner Marie nach ihrem ganzen
Wert zu schätzen, er, der leichtsinnig genug war, um in den ersten Monaten
seiner Trennung von ihr eine andre Geliebte zu wählen, verdient auf keine Weise
ihre Zärtlichkeit.
    Der Tag unsrer Verbindung rückt nun heran. Karlsheim sieht ihm zwar auch mit
dem Entzücken. eines Liebhabers entgegen, aber doch herrscht noch immer, und
jetzt fast mehr noch, als sonst, zuweilen eine gewisse Aengstlichkeit, eine
Schwermut bei ihm, die ich nicht zu erklären weiss. Es ist mir unmöglich, ihn um
die Ursache davon zu befragen. Ich begnüge mich lieber damit, den Nebel durch
meine muntere Laune zu zerstreuen. Es gelingt mir auch gewöhnlich; dann nennt er
mich eine kleine Zauberinn, die mit ihm machen kann, was sie nur will, und er
ist zärtlicher als vorher. Ich glaube also, dass diese traurige Stimmung wohl in
seinem Körper liegt, und dass ich sie mit leichter Mühe werde ganz wegschaffen
können.
    Wenn ich Ihnen jetzo nicht so oft schreibe, so werden Sie es meiner Lage zu
gute halten, Meine Liebe gegen Sie ist, aller Zerstreuungen ohngeachtet, immer
von gleicher Stärke. Doch alles das will ich Ihnen weit besser mündlich sagen;
denn Sie werden doch meinen Hochzeittag feiern helfen? Das versteht sich, hoffe
ich, von selbst. Meine Freundinn wird mir diese Bitte nicht abschlagen. Auch Ihr
Albrecht wird uns willkommen sein, und wir wollen einmal sehen, ob seine Kälte
von unserm Hochzeitfeuer nicht auch wird entzündet werden.
    Jetzt ruft mich ein Geschäft - für jedes Mädchen wichtig - vom Schreibtisch.
Meine Tante und noch einige Bekanntinnen warten meiner im Nebenzimmer, um den
Brautputz auszusuchen. Es hat schon viele Streitigkeiten über diesen Punkt
gegeben; denn eine jede will dabei ihrem Geschmack Ehre machen. Auch jetzt höre
ich die Stimmen sehr laut und unterscheidend reden.
    »Nein - sagt meine Tante - himmelblau ist die beste Farbe zum Brautkleide.«
    »Ach! gehn Sie doch mit Blau, das ist ja so gemein. Merde d'oye muss sie
wählen.«
    »Merde d'oye kleidet keiner Brünette; auch fängt diese Farbe schon an, aus
der Mode zu kommen. Am Hochzeittage muss man eine sanfte Farbe wählen. Blassrot,
die Farbe der Liebe, würde ihr am schönsten stehen.«
    »Blau ist die sanfteste Farbe unter allen - ruft meine Tante, durch den
Widerspruch der beiden Mädchen aufgebracht - und kleidet jedermann gut. Mich
dünkt, ich habe auch hier das grösste Recht zu sprechen, ich weiss durch längere
Erfahrung als ihr jungen Dinger, was sich schickt. Blau, mit weissen Schleifen,
soll Sophie tragen. Das war mein Hochzeitputz.«
    »Warum nicht lieber mit grünen Schleifen und karmoisinroten Schuhen? Das
wäre noch elegant! hahaha!«
    Dieser unhöfliche Spott scheint meine Tante sehr aufzubringen; denn das
Gezänk wird so arg, dass ich kein Wort mehr verstehe. Ich muss nur dem Streit ein
Ende machen. Weissen Sommerstoff werde ich wählen, mit blassrotem Bande. Das ist
der Geschmack meines Karloheims. In diesen Farben sah er mich zuerst. -
                                                                         Sophie.
 
                            Zweiunddreissigster Brief
                                Marie an Sophien
Denken Sie an, Sophie, Albrecht ist verreiset. Dringende Geschäfte machten seine
Abwesenheit auf einige Monate notwendig. Beim Abschiede umarmte er mich
ziemlich kalt.
    »Ich bitte dich, Marie, suche dich während meiner Entfernung aufzuheitern.
Du weisst, ich kann das weinerliche Wesen nicht ausstehen. Lass mich dich heiter
wieder finden, meine Liebe. Ich habe Wildberg aufgetragen, dich unter der Zeit
so viel möglich zu zerstreuen, und dir auch bei etwan vorkommenden Fällen mit
gutem Rate beizustehen.«
    Mit diesen Worten verliess er mich, und meine mühsam aufgehaltnen Tränen
flossen nun reichlich. Gott, ist das der Abschied, den er von mir nimmt, auf so
lange Zeit! Der ganze Abschied, diese wenigen kalten Worte! Ach! wenn Eduard nur
auf einige Tage, nur auf wenige Stunden sich von mir trennte; wie waren dann
unsre Empfindungen so ganz anders gestimmt!
    Ich bemühte mich diese Gedanken zu verbannen, aber völlig verscheuchen
konnte ich sie nicht. O Sophie! Sie beurteilen Eduard ganz falsch. Er war weder
leichtsinnig noch unedel. Sein Herz war nur grossen Empfindungen offen. Ich
wiederhole es Ihnen noch einmal: nur ganz besondre Umstände konnten ihn zu dem
Schritt bewegen, den er tat.
    Warum musste Albrecht zu meinem Gesellschafter in seiner Abwesenheit
Wildbergen wählen? Ihn, dessen Schmeicheleien, dessen Aufdringen mir so verhasst
ist! Doch, was fürchte ich von ihm? Ich werde mich so gegen ihn betragen, wie
Pflicht und Klugheit es gebieten.
    Wie gern brächte ich die Zeit meiner Wittwenschaft bei Ihnen zu, liebe
Freundinn! Ich fürchte, die Einsamkeit wird die traurige Stimmung meines Herzens
nähren. Sie wird den Bau wieder einreissen, den ich mit so vieler Mühe anfieng. O
dass meine Vernunft so sehr Sklavinn der Empfindung ist! Wäre ich bei Ihnen,
Sophie, so würde zwar ihr lebhafter Geist meine Seele aufheitern, aber ach!
tausend Erinnerungen an das Vergangne würden auch in mir erwachen, wenn ich Sie
und Karlsheim sähe; die Ausbrüche Ihrer Zärtlichkeit würden meine Augen mit
Tränen füllen; ich würde in ihm die sanfte Stimme meines ehmals so innig
geliebten Eduards wieder zu hören glauben; ich würde nur eine Störerinn ihrer
Freude sein.
    Das, was sie mir von Karlsheims Schwermut sagen, zusammen genommen damit,
dass er im Anfang seine Liebe zu Ihnen bekämpfen wollte, macht mich unruhig.
Versäumen Sie doch ja nicht, mit zärtlichem Ernst in ihn zu dringen, um die
Ursache seines Kummers zu erfahren. Vielleicht kann sie noch gehoben werden.
    Ihren Hochzeittag werde ich hier mit stiller Wehmut feiern. Meine Seele
wird Sie umschweben, und meine innigsten Wünsche werden Sie bis zum Altar
begleiten, wo Sie beide ein festes Band auf ewig zusammen knüpfen wird. Kein
Wölkchen müsse an diesem schönen Tage den heitern Himmel trüben, und die ganze
Natur sich mit Ihnen freuen. Und wenn Sie dann wonnetrunken an Ihres Jünglings
Seite sitzen, so denken Sie an Ihre Marie, für die hienieden die Freuden der
Liebe dahin sind, und wünschen Sie ihr, bald einer Welt entrückt zu werden, die
ausser meinen Freunden nichts Anziehendes mehr für mich hat.
                                                                          Marie.
 
                            Dreiunddreissigster Brief
                              Karlsheim an Wilhelm
Noch drei Tage, und ich bin auf ewig der Ihrige. O Wilhelm, oft ist dieser
Gedanke der Wonne Quaal des Todes für mich. Und doch kann ich nicht zurück. Ich
bin mit festen Ketten gleichsam angeschmiedet. Meine Zunge ist wie gelähmt, wenn
ich reden will. Und nun ists auch zum Reden zu spät. Oft, wenn ich an des besten
Mädchens Seite sitze, entzückt von ihrem himmlischen Reiz, auch dann, selbst im
Taumel der Liebe, erscheint mir Juliens Bild. Sophiens Kuss zaubert dann zwar den
Schmerz von meiner Seele weg, aber in der Einsamkeit durchdringt er mich wieder.
    Diese Nacht sah ich Julien, in ein Leichentuch gehüllt, auf mich zu gehen.
Sie winkte mir, ich folgte ihr nach; sie verschwand, und ich sank in eine tiefe
Gruft. Ich erwachte, und Todesschweiss stand auf meiner Stirn. Und noch schwebt
immer die schreckliche Leichengestalt vor mir.
    Wilhelm, wenn du noch mein Freund bist, so reise hin, schicke hin, erforsche
ihren Aufentalt; damit ich erfahre, ob sie lebt, oder ob ihr schöner Geist
schon entflohen ist. Eher ist doch keine Ruhe für mich möglich.
                                                                      Karlsheim.
 
                            Vierunddreissigster Brief
                                Sophie an Marien
O Marie, hätte nicht dein sanfter Geist mich umschwebt, dein Edelmut im Leiden
meine Seele gestärkt, gewiss, so hätte ichs nicht überstanden. Nun ist es
geschehen, es ist vorbei, und nur das Gefühl, gut und pflichtmässig gehandelt zu
haben, vermag mich aufzurichten.
    Ich sass und nähte die letzten Stiche an den Bräutigamsmanschetten für
Karlsheim, als ein fremdes Frauenzimmer um die Erlaubnis bitten liess, ein paar
Worte mit mir zu sprechen. Eine dunkle Ahndung durchschauerte mich.
    Sie kam herein. Nie sah ich eine rührendere Gestalt. Ein Mädchen von mittler
Grösse, blondes Haar, grosse blaue Augen, die einen sehr melancholischen Ausdruck
hatten, der von tiefem Gram zeigte, das einnehmendste Gesicht, Wangen, auf denen
sonst Rosen geblüht zu haben schienen, die aber jetzt die blasse Farbe des
Kummers hatten. Ihre Blicke hatten einen Ausdruck, den ich nicht beschreiben
kann, und waren dabei so anziehend, dass man gleich alles hingegeben hätte, um
den Schmerz zu heben, der sie niederzudrücken schien.
    »Verzeihen Sie - sagte sie mit einnehmender, aber bebender Stimme - dass eine
Unbekannte es wagt, sich Ihnen zu nähern; nur meine traurige Lage, und die
vortreffliche Schilderung, die man mir von Ihrem Charakter gemacht hat, konnte
mich so dreist machen.«
    »So wenig auch meine eigne Ueberzeugung Ihre schmeichelhafte Meinung von mir
rechtfertigt: so ist doch gewiss eine meiner Hauptneigungen die, jedem Kummer
meines Nebenmenschen so viel beizustehen, als es in meinen Kräften ist, und wenn
nun vollends das Unglück in einer so einnehmenden Gestalt erscheint, wie die
Ihrige ist, wer würde da nicht aufs lebhafteste gerührt werden?«
    »Ihre Güte, Mademoiselle, macht mir meinen Vortrag nur noch schwerer. O
Gott, ich werde Ihr Glück, Ihre Ruhe untergraben! Ich werde - -«
    »Sie machen mich zittern. Ach! nur eine Frage: Betrifft das, was Sie sagen
wollen, Karlsheim?«
    »Leider Ihn selbst! Glauben Sie sicher, mein Herz denkt gut genug, um meine
Ruhe willig Ihrem. Glück, seinem Glück zu opfern; aber heiligere Pflichten, die
Pflicht der Mutter gegen ein hülfloses Kind, heischen diesen Schritt von mir.«
    »O Gott, ich errate die ganze Geschichte. War das dein geheimer Kummer,
Karlsheim? Verbargst du ein so unedles Herz unter der zärtlichsten schönsten
Larve?«
    »Ists möglich? Er hatte Kummer? Ach! so dachte er noch vielleicht an die
unglückliche Julie? - Darf ich Ihnen die ganze Geschichte erzählen? Oder hassen
Sie ein armes Mädchen, das eine so grausame Störerinn Ihres Glücks ist? -«
    »Wie könnte ich Sie hassen, - (ich schloss sie mit Tränen in meine Arme -)
weil Sie auch den liebenswürdig fanden, der es in so hohem Grade ist? Sagen Sie
mir alles, ich bitte Sie darum.«
    »Ich bin die Tochter eines Professors in L. In dem zartesten Alter verlor
ich meine Mutter. Mein Vater war über diesen Verlust untröstlich, und wandte nun
alle Sorgfalt, die ihm bei seinen Geschäften möglich war, auf meine Erziehung,
die ihm die letzten Bitten der Sterbenden noch anempfohlen hatten. Mein
sechzehntes Jahr rückte heran. Ich hatte Kenntnisse von mancherlei Dingen, nur
noch nicht von Liebe. Ach! nur leider zu bald lernte ich auch diese kennen.
    Mein Vater befahl mir einst, ein gutes Abendessen zu veranstalten, weil er
den Sohn eines Freundes, der ihm empfohlen war, und bei uns wohnen sollte,
erwarte. Der Erwartete kam. Ich sah ihn bei Tische, und fühlte ein gewisses
Etwas, mir bisher unbekannt, bei seinem Anblicke. Ich hatte oft schon Männer
gesehen, war oft von Ihnen geschmeichelt worden; aber mein Herz war bei allen
ihren Galanterien gleichgültig. Noch nie hatte ich den Eindruck gefühlt, den
jetzt Karlsheim auf mich machte. Noch niemals war ich so rot geworden, als eben
diesen Abend, bei einem schmeichelhaften Lobspruch, den er von ohngefähr mir
gab. Ich, die sonst gleich lebhafte - man sagte witzige Antworten fertig hatte,
beantwortete das, was er mit mir sprach, mit so ungewohnter Blödigkeit, dass mein
Vater mich durch die Frage - ob mir was fehle? - noch verlegner machte. Auch
Karlsheims Blicke waren beständig auf mich geheftet, und folgten jedem meiner
Schritte.
    Nach einigen Gesprächen, die den jungen Mann auch meinem Vater wert
machten, kam man auf die englische Sprache. Mein Vater äusserte den Wunsch, mich
darin unterrichtet zu sehen. Karlsheim, der das Englische sehr gut verstand,
erbot sich zu diesem Geschäfte. Er lehrte mich diese Sprache, und mit ihr die
Liebe. Wie feurig übersetzte er mir die Dichter, die von Liebe sangen! Wie bald
lernte ich sie verstehen! Mit welchem Anteil lasen wir eine gefühlvolle Stelle!
Unsre Empfindungen trafen stets auf einen Punkt zusammen, und stimmten so ganz
überein!
    So schwanden zwei Jahre, durch die Freuden der Liebe beseligt, uns wie
Augenblicke dahin. Karlsheims Abreise, und gränzenlosee Kummer unsrer Herzen mit
ihr, rückte heran. Wir sassen, in zärtlichen Unmut versunken, einst in einer
einsamen Laube. Es war der schönste Abend, den ich jemals sah; nur der Mond liess
seinen blassen Schimmer auf uns fallen. Unsre Empfindungen waren aufs höchste
gespannt - ersparen Sie mir ein demütigendes Bekenntnis - - Karlsheims
Liebkosungen wurden mir zu mächtig, - dieser reine heitre Abend wurde das Ende
meiner Ruhe. O wie oft habe ich nachher in deinem Schatten gekniet, einsame
Laube, die du das Grab meiner Unschuld warest! Mit aufgehobnen Händen, mit
tränenden Augen habe ich mich vor dir angeklagt, keuscher Mond, reine Gotteit,
zu der ich nicht mehr hinaufzusehen wagte.
    Der Gedanke, in Karlsheims Achtung verloren zu haben, machte mir seine
Abreise noch quaalvoller. Er vernichtete meine Befürchtungen, schwur, dass seine
Liebe ewig in ihm mit gleichem Feuer leben würde, und unter den zärtlichsten
Beteuerungen steter Liebe und Treue verliess er mich, von seinen Küssen und
Tränen bedeckt. Seine ersten Briefe atmeten lauter Zärtlichkeit. Sehen Sie
selbst den Beweis in einem Schreiben von ihm, das ich immer noch als ein
heiliges Andenken aufbewahre.«
    »O Gott! - rief ich aus, wie ich ihn gelesen hatte - welch ein Brief! welche
ein hinreissender Ton der Liebe! Nie las ich etwas Rührenders. Und dieses Feuer
konnte erlöschen! Ach ich hätte ihm nach diesem Briefe ewige Dauer zugetraut.«
    »Ja, Mademoiselle, auch ich glaubte, eher würde das Feuer der Sonne
erkalten, als Karlsheims Liebe. Unglücklicher Wahn! Mein Vater starb plötzlich.
Eine alte Tante nahm mich zu sich. Ich musste mit ihr nach Holland reisen, und
alles ging so eilig zu, dass ich nicht vorher an Karlsheim schreiben konnte:
denn meine Tante - eine Feindinn aller Versprechungen, die eher als vier Wochen
vor der Hochzeit geschahen - liess mich nicht aus den Augen. Ich fand aber doch
unterwegs Gelegenheit ihm zu schreiben. Ich schrieb noch zweimal, und erhielt
auf keinen Brief Antwort.
    Sein Schweigen bekümmerte mich sehr. Seine letzten Briefe waren schon minder
feurig als die ersten; nun schrieb er mir gar nicht. Kein Wort des Trostes in
dem Kummer um einen geliebten Vater, der erblichen war. Mir schien also seine
Untreue gewiss. Und nun wurde noch das Trostlose meines Zustandes durch die
Gewissheit vermehrt, mit der ich die Frucht meines Vergehens unter meinem Herzen
fühlte. Ich verbarg meinen Zustand so lange als möglich meiner Tante, deren
Härte in einem solchen Fall ich genug kannte. Endlich aber entdeckte sie selbst
meine Schwangerschaft. Ich warf mich zu ihren Füssen. Aber meine rührendsten
Bitten, meine Tränen konnten sie nicht erweichen. Sie stiess mich fort, belegte
mich mit niedrigen Schimpfnamen, und mit den härtesten Worten hiess sie mich aus
dem Zimmer gehen.
    Halb sinnlos ging ich fort. Als ich mich wieder etwas gesammelt hatte, kam
ich wieder vor ihr Zimmer, um noch einen Versuch zu machen. Aber ach! die Türe
war verschlossen. Sie liess mir durch eine alte Magd sagen: ihr Haus würde mir
nie wieder geöffnet werden; ich solle nur gleich meine Sachen zusammen suchen
und mich fortpacken, mich auch nie wieder unterstehen, vor ihre Augen zu kommen;
sie wolle einen solchen Nikel, der ihre Familie mit Schande belegte, nie wieder
ansehen. Verzweiflungsvoll packte ich meine Sachen ein, entschlossen zu gehen,
es sei wohin es wolle.
    Liese, ein junges Mädchen, das bei meiner Tante diente, kam herauf. Ich
hatte sie oft bei meiner Tante vertreten, und ihr mancherlei Dienste geleistet,
für die ihr gutes Herz sich sehr dankbar gegen mich fühlte. Sie brachte mir
zwanzig Louisd'or, die meine Tante noch in Betracht meines redlichen Vaters mir
sandte. Seine Erbschaft hatte kaum hingereicht, die Schulden zu bezahlen, die er
hinterliess; denn von einer uneinträglichen Bedienung hatte er viele Ausgaben zu
bestreiten.
    Das gute Mädchen - (wie ich hernach erfuhr, so hatte ich auch diese letzte
Beisteuer meiner Tante ihr zu danken -) wurde durch meine traurige Lage sehr
gerührt, und bot mir an: sie wolle mich in das Haus einer Verwandtinn bringen,
die eine sehr ehrliche Frau sei; daselbst könnte ich meine Niederkunft halten.
Ich nahm ihren Vorschlag mit Dankbarkeit an. Sie führte mich in ein armseliges
Haus, und liess mir meinen Koffer nachbringen. Hier wohnte ich in einer
erbärmlichen Kammer. Die treue Sorgfalt meiner ehrlichen Wirtin suchte zwar
meinen Zustand, welcher der Verzweiflung nahe war, etwas zu mildern, aber
vergeblich. Mein Herz war jedem Troste verschlossen. Sobald ich mich wieder
etwas besinnen konnte, schrieb ich noch einmal an Karlsheim. Selbst ein
Ungeheuer würde durch diesen Brief bewegt worden sein. Und doch bekam ich keine
Antwort. Zur Ehre des menschlichen Herzens, das der Schöpfer gut und edel
bildete, hoffe ich, dass er ihn nicht bekommen hat. Nein, gewiss, das hat er
nicht. Seine Seele, den Eindrücken des Mitleids so offen, wäre gerührt worden.
Wäre auch seine Liebe zu mir abgestorben gewesen, so hätte doch gewiss
Menschlichkeit ihn zu mir geleitet. Der Gedanke an seine sonst so geliebte Julie
, der er so oft schwur, sie sei ihm teurer als sein Leben, die mit so
unbefangner Liebe an ihm hieng, die noch jetzt willig sich selbst seinem Glück
aufopfern würde, die in einer elenden Hütte den Schmerzen der Geburt fast
unterlag; hätte sein Herz erschüttert; er wäre mir zugeeilt!
    O! verzeihen Sie, meine Teure, dass meine Empfindungen so oft den Faden der
Erzählung abreissen. Ich will mich bemühen, durch sie ungestört fortzufahren.
    Ich kam mit einem Knaben nieder. Oft badete ich ihn mit meinen Tränen; oft
auch war sein Anblick Erquickung in meinem Schmerz. Der Gedanke, dem Kinde, wenn
es einst lallend nach seinem Vater mich fragen würde, nur mit Seufzern antworten
zu können, war mir mehr als Todesquaal. Ich entschloss mich, so bald es meine
Kräfte zuliessen, nach meinem Vaterlande zu reisen, und Karlsheim aufzusuchen.
Nach einem halben Jahre fühlte ich mich und das Kind erst stark genug, die Reise
auszuhalten. Mein Geld war geschmolzen. Ich hatte mich die Zeit über mit
allerlei Arbeiten genährt, die meine Wirtin zum Verkaufe trug; denn ich
schämte mich auszugehen. Aus dem Verkaufe meiner Sachen, von denen ich nur das
Notwendigste behielt, und aus der Veräusserung eines Ringes - eines teuren
Andenkens meiner Mutter - lösete ich so viel, dass ich glaubte, die Reisekosten
damit bestreiten zu können. Liese begleitete mich. Sie war bald nach meiner
Abreise von meiner Tante verabschiedet, und wollte gern nach ihrem Vaterlande
zurück. Es ging meiner Schwächlichkeit und meines Kindes wegen sehr langsam.
Endlich kam ich an den Gränzen meines Vaterlandes an. Ich sah die Türme der
Stadt, in der ich geboren ward, und durfte mich aus Furcht vor der Schande ihr
nicht nähern. Die Erinnerung an alle Freuden meiner Jugend, die ich da genoss,
drang in meine Seele; in stummen Tiefsinn versenkt, sass ich auf dem Pestwagen.
    Endlich kam ich in der Stadt an, wo Karlsheim wohnte. Ich schickte nach
seinem Hause hin; aber, welch ein Schmerz für mich, die eine so weite
beschwerliche Reise um ihn gemacht hatte! er war schon über ein Jahr von dem
Orte weggezogen, und sein ehemaliger Wirt wusste auch nicht, wohin. Ich spähte
einen Bekannten von ihm aus, und erfuhr von diesem, dass Karlsheim eine Reise in
einige Städte Deutschlands gemacht, und seit kurzem in D. wohne, wo er eine
Bedienung erhalten habe.
    Nun glaubte ich die Erklärung seines Stillschweigens gefunden zu haben. Ich
dachte ihn mir, voller Besorgnis über meinen Zustand, über meinen Aufentalt,
den er nicht hatte erfahren können. Ich malte mir mit den lebhaftesten Farben
die Freude, die er empfinden würde, wenn er mich wiedersähe. Mit einer Eile, die
mir nicht einmal ein Nachtlager zu nehmen zuliess, reiste ich nach D. Und können
Sie nun das Schrecken, die Verzweiflung sich denken, die mich überfiel, als ich
hörte, in wenig Tagen würde seine Hochzeit sein? Lange kämpfte ich mit mir, ob
ich gehen und schweigen, und alle Gedanken auf den Besitz desjenigen wollte
fahren lassen, dessen Liebe allein mich beglücken konnte, dessen Herz aber mir
nicht mehr gehörte. Welch eine erbärmliche Verbindung, die Zwang und Mitleid
schliessen! Ich glaube, diese Vorstellungen hätten die Oberhand behalten. Ich
würde, fern von ihm, mein unglückliches Schicksal beweint haben. Aber ein Blick
auf mein Kind, auf das Elend, das seiner warten würde, wenn es vaterlos, ohne
Unterstützung, einsam umher irrte! Und ich entschloss mich zu Ihnen zu gehen,
deren Edelmut man mir gerühmt hatte.
    Aber selbst jetzt noch liebe ich ihn zu sehr, um ihn zu einer Verbindung mit
mir zu nötigen, wenn sie nicht sein eigner Wunsch ist. Hat der Treulose mich
ganz vergessen, bin ich ihm verhasst, o! so soll meine Gegenwart ihn nicht
quälen; er sorge nur für mein unglückliches Kind, und ich will die wenigen Tage,
die der Gram meinem Leben noch übrig lassen wird, von ihm entfernt zubringen,
und mich auf das stille Grab freuen, das alle Leiden der unglückchen Julie enden
wird! -«
    Sie zerfloss fast in Tränen. Auch ich war äusserst bewegt.
    »Teure unglückliche Julie! Können Sie glauben, dass ich noch einen Gedanken
an den Besitz desjenigen haben kann, der mit so vollem Recht Ihnen gehört? Er
liebt Sie gewiss noch. Seine Unruhe zeigt es deutlich genug.«
    »Ach! wenn das wahr wäre, Karlsheim! Nur ein zärtlicher Blick auf mich, auf
dein Kind, und ich habe nichts gelitten.«
    »Wir wollen ihn erforschen. Erinnern Sie sich noch wohl des letzten Briefes,
den Sie ihm aus Holland schrieben?«
    »Ach! die Empfindungen, die ich damals aufs Papier brachte, stehen noch aufs
lebhafteste vor meiner Einbildung.«
    »Gut, liebste Julie, schildern Sie ihm Ihren damaligen Zustand noch einmal,
so rührend wie Sie ihn mir erzählten. Wir wollen den Brief in einen Umschlag
schliessen, als sei er bis jetzt liegen geblieben, weil man nun erst erfahren
habe, wo der wohne, an den er gerichtet sei. Er soll ihm, als käme er von der
Post, in meiner Gegenwart eingehändigt werden. Ich will die Wirkungen
beobachten, die er bei ihm hervorbringt, und wenn er dann in grösster Angst wegen
Ihres Schicksals schwebt, so sollen Sie ihm erscheinen.«
    Julie war von Dank und Rührung so bewegt, dass sie kein Wort sagen konnte.
Ich liess sie in ein andres Zimmer gehen. Unterdessen dass ich schrieb, liess ich
ihr Kind holen. Aber ich hatte noch ein schweres Geschäft vor mir: meinen Onkel
in den Plan zu ziehen. Ich ging zu ihm, und trug ihm die Sache vor. Er war sehr
aufgebracht, wollte von keiner Trennung zwischen mir und Karlsheim hören,
beschuldigte mich romanhafter Grillen, und schalt Julien für eine
Landstreicherinn.
    Ueberzeugt, dass ihr rührender Anblick mehr wirken würde, als meine Reden,
führte ich ihn zu ihr, bat ihn aber inständig, ihrer zu schonen. Er stutzte, als
er sie sah.
    »Was sehe ich! Das Bild meines ehrlichen Behrwalds? O, sind Sie die Tochter
des Mannes, der mein Busenfreund war, dem ich so vieles verdanke? Gott, ein
unseliges Misverständniss musste uns die letzten Jahre trennen. Sein Tod, den ich
kürzlich erst erfuhr, hat mir manche bittre Stunde gemacht. Sie sind die Julie,
die ich als Kind so oft auf meinem Schoss hielt? Komm in meine Arme, liebes
Mädchen, und erzähle mir selbst deine Geschichte.«
    Ich war höchst erfreut über diese glückliche Wendung, und rettete Julien von
einer nochmalen Wiederholung ihrer Begebenheit. Jetzt kam der kleine Junge. Nie
sah ich ein liebenswürdigers Kind. Sein kleines Gesicht ist ganz der Abdruck von
den Zügen seines Vaters. Eben dieses süsse Lächeln, das Karlsheim so schön steht.
Holder Knabe, bald, bald hätte ich deinen Vater dir entzogen! - Ach Marie, der
Anteil an Juliens Schicksal, die Beschäftigung mit meinem Plan, alles das liess
mich damals nicht an mein eignes Herz denken. O, wie schäme ich mich jetzt oft
seiner Schwäche! - Karlsheim kam. Wie liebenswürdig sah er aus! Das Bewusstsein,
dass seine Liekosungen mir nicht mehr gehörten, machte, dass ich dabei bebte. Ich
musste mir viel Gewalt antun, damit er meinen Zustand nicht merkte. Unter einem
Vorwand verliess ich das Zimmer, und ging durch eine andre Tür in meinen
Alkoven, aus dem ich ihn genau beobachten konnte.
    Man brachte ihm den Brief. Er öffnete ihn, wurde todtenblass, als er die Hand
erkannte, und sank ganz ausser sich auf einen Stuhl. Er sprang wieder auf, ging
heftig im Zimmer umher, rang die Hände, rief einigemal Julie, und fiel wieder
auf den Stuhl zurück. Sein Zustand ging mir so nahe, dass ich nur mit äusserster
Mühe mich entielt ihm alles zu sagen. Aber ich überwand mich noch; denn er
hatte diese Strafe verdient, und die Wirkung war desto besser, wenn er Julien
nicht gleich sah. Ich ging ins Zimmer.
    »Was fehlt Ihnen, Karlsheim? Sie sind ja ganz ausser sich.«
    »Lassen Sie mich, Sophie. Ich bin ein Ungeheuer, nicht wert, dass Sie mit
mir reden! Gott! ist dies das Traumbild, das mich schreckte? Gewiss ist sie todt.
Julie! ich sehe deinen Schatten auf mich zueilen, o wie fürchterlich, wie
bleich! Stoss mich hinab! Hinab in die Gruft mit dem Nichtswürdigen, der dich
tödtete! Aber was seh ich? Du weinst, du winkst mir. Seliger Geist, Bild des
sanften Engels, durch mich zu Grunde gerichtet, vergieb mir, ich folge dir
nach.«
    Mir ward bange für ihn.
    »Karlsheim! teurer Karlsheim! kommen Sie zu sich, was ist Ihnen?«
    »Da, lesen Sie, und verabscheuen mich Elenden. Verzeihen Sie mir, Sophie,
ich bin ausser mir.«
    »Das sehe ich; aber, Karlsheim, ich sehe nicht, warum Sie es sind. Sie haben
sich freilich gegen das Frauenzimmer, das diesen Brief schrieb, nicht so
betragen, wie Sie gesollt hätten. Aber jetzt muss alles unter Ihnen und ihr
vorbei sein. Sie sind mein verlobter Bräutigam: und ich habe die gerechtesten
Ansprüche auf Sie.«
    »Sophie! Ich verkenne Sie ganz. Nein, ich muss abreisen, um zu sehen, ob sie
noch lebt, wo sie ist, wo das Kind ist, das sie mir gebar. Ach Gott!
wahrscheinlich ist auch dies kleine Schlachtopfer nicht mehr.«
    »Was hör' ich! Sie wollten mich verlassen, und unser Hochzeittag ist schon
bestimmt? Das geb' ich nie zu. Lebt das Kind noch, so wollen wir es zu uns
nehmen, aber die Mutter - -«
    »Soll in Elend und Schande verschmachten? Nein, Sophie. Ich bin Ihnen viel
schuldig, Ihre Liebe hat mir glückliche Stunden gemacht; aber die arme Julie hat
stärkere Ansprüche als Sie.«
    Ich glaubte nun Juliens Bitten, ihn auf eine starke Probe zu setzen, Genüge
geleistet zu haben; auch weigerte sich meine Zunge, länger so ganz gegen meine
Ueberzeugung zu sprechen. Unsrer Abrede gemäss hätte ich ihn zwar noch etwas
ängstigen sollen - eigentlich war diese Abrede nur zwischen meinem Onkel und mir
getroffen; denn Julie ist zu zärtlich und sanft, als dass sie Rache nehmen könnte
- aber er war schon genug auf der Folter, und sein Schmerz ging mir zu nahe.
    Ich hiess ihn mit mir gehen, öffnete eine Tür, und nun sah er Julien, mit
dem Kinde an ihrer Brust. Sie erwartete ihn nicht, und schrie laut, als sie ihn
sah.
    »Was seh' ich? Täuscht mich meine Phantasie? Sie ist es selbst! - Zu ihren
Füssen: Julie, kannst du mir verzeihen?«
    »O Karlsheim, o Geliebter! Wie belohnt mich dieser Augenblick für alles, was
ich litt! Du liebst mich noch? Ich bin dir nicht ganz gleichgültig geworden?«
    »Julie mir gleichgültig? - Engel, voller Huld und Sanftmut, du vergiebst
dem Reuvollen, dem Wiederkehrenden. An dieser himmlischen Güte erkenne ich meine
Julie wieder.«
    Er lag an ihrer Brust. Ihre Tränen vermischten sich mit den seinigen. O!
gewiss, Engel sahen mit Wonne diesem Auftritt zu; der Allliebende selbst sah
gewiss gütig auf ihn herab. Meine Seele fühlte sich erhoben; noch nie hatte ich
eine reinere Freude, ein seligeres Gefühl geschmeckt. Alles, was ich je in
Karlsheims Armen empfand, war nichts gegen die Zufriedenheit, die ich jetzt
fühlte, als er bald mit Tränen der Zärtlichkeit das Kind an seine Brust
drückte, bald wieder zur Mutter ging. Doch, Marie, das muss empfunden, nicht
erzählt werden. Das Bewusstsein, gehandelt zu haben, wie ich sollte und musste,
beruhigt mich auch jetzt, wenn zuweilen ein schwermütiger Gedanke mich
überfällt.
                                                                         Sophie.
 
                            Fünfunddreissigster Brief
                                Marie an Sophien
Wie soll ich Sie genug bewundern, vorireffliche Freundinn? Ich wusste immer, dass
Sie das beste liebenswürdigste Herz besassen, aber so viel Stärke des Geistes, so
viel Edelmut hätte ich kaum von Ihnen erwartet. Der Segen des Himmels belohne
dich, herrliches Mädchen! Gewiss fühlst du jetzt grössere Wonne über deine edle
Handlung, die einem unglücklichen Mädchen ihren Geliebten, einem verwaisten
Kinde seinen Vater wieder gab, als du je würdest gefühlt haben, wenn Karlsheim
der Deinige geworden wäre. Julie muss ein liebes Geschöpf sein. Ihr Unglück hat
mich bis zu Tränen gerührt. Dem Himmel sei Dank, dass Karlsheim sie noch liebt;
sonst wäre das arme Geschöpf doch unglücklich. Denn welch ein Schmerz kann
grösser für eine empfindliche Seele sein, als der, einem Gatten anzugehören, der
gleichgültig gegen uns ist, den blosses Mitleid zu uns leitete, und dem wir es
täglich anmerken, dass ihn die Verbindung mit uns gereut?
    Sophie, führen Sie mich ja nie mehr als ein Muster an. Sie wissen nicht, was
für beschämende Gefühle Sie dadurch in mir erwecken. Ich fühle es nur zu sehr,
dass ich weit unter Ihnen stehe. Nie, o! nie werde ich Ihre Stärke des Geistes im
Leiden haben. Denken Sie, wie schwach ich bin. Juliens Geschichte, statt mich zu
heilen, erinnerte mich nur lebhaft an mein Schicksal, an meinen Eduard: und die
Tränen, die ich vergoss, flossen nicht allein ihr; der grösste Teil davon
gehörte ihm. Haben Sie Geduld mit mir, Sophie, mein Körper ist sehr schwach. O!
dass Sie doch zu mir kämen, und Beruhigung in meine Seele flössten, die des
Trostes so sehr bedarf! Mit inniger Zärtlichkeit würde ich Sie an meine Brust
drücken, und die Freude, Sie zu sehen, würde mich gewiss sehr erheitern. Erfüllen
Sie, wenn es möglich ist, die Bitte
                                                                           Ihrer
                                                                          Marie.
 
                           Sechsunddreissigster Brief
                                Sophie an Marien
Ja, Teuerste, ich will zu Ihnen kommen. In acht Tagen bin ich bei Ihnen. Ich
fühle, dass auch mir eine Entfernung von hier nötig ist. Dann wollen wir
zusammen weinen, und eine in der andern Kummer Trost suchen. Auch mein Herz
blutet noch oft, wenn ich an Karlsheim denke.
    Julie ist seit der Entwicklung ihres Schicksals ein ganz andres Geschöpf
geworden. Ihr Auge ist heller, ihre Wange lebhafter; auch ihre Munterkeit und
ihr Witz, durch das Unglück niedergedrückt, kömmt wieder hervor. Kurz, sie ist
jetzt ein liebenswürdiges Mädchen, die auch durch andre Mittel, als durch die
redende Miene ihres Kummers, die Herzen einzunehmen weiss. Ihre Hochzeit wird
künftigen Donnerstag sein.
    Mein gütiger Onkel hat mir erlaubt, ihr meine Aussteuer zu schenken; auch
mein Brautkleid und den dazu gehörigen Putz hat sie bekommen. Als ich ihr dieses
antrug, wurde sie höchst gerührt, und sagte mir vieles zu meinem Lobe, das ich
nicht ganz verdiene. Wäre ich nicht das schändlichste Geschöpf, wenn ich anders
hätte handeln können? Und doch hält der grösste Teil unsres Publikums meine
Handlung für übertrieben. Meine Bekanntinnen spotten mit hämischer Schadenfreude
darüber, und nur wenige gibt es, die mich recht beurteilen.
    Neulich musste ich in der Komödie ein Gespräch einiger Frauenzimmer anhören,
die es nicht wussten, dass ich hinter ihnen sass.
    »Wer hätte das gedacht, dass die Sache einen solchen Ausgang nehmen würde?«
    »Ja wohl, wer hätte das denken sollen? Sie tat ja so dick mit ihrem
Karlsheim; wenn sie auf der Strasse mit ihm ging, sah sie triumphirend umher,
als wollte sie aller Welt sagen: Seht, das bin ich. Es war ja kaum, als wenn sie
einen noch kennte. Ich glaube auch, es wäre Karlsheim nie eingefallen, auf sie
zu denken, wenn sie ihm nicht so nachgelaufen wäre. Allentalben war sie ja
hinter ihm her.«
    »Ja, sie war bis über die Ohren in ihn verliebt, und man sagt auch, ihr
Onkel möchte wohl gemerkt haben, wie sehr es ihr um einen Mann zu tun wäre, und
dass es vielleicht notwendig wäre, ihr bald einen zu geben; er habe sie ihm also
angetragen. Ich glaube es auch wohl, denn sie baten ihn ja gleich anfangs immer
zu Gaste, und suchten ihn an sich zu ziehen.«
    »Ich hätte ihn wahrhaftig nicht genommen, wenn er zu mir gekommen wäre. So
ein Fremdling, den man nicht kennt! Ach! er tat anfangs so süss gegen mich -«
(er hatte sie erst kennen gelernt, als ich sie nebst den andern Mädchen an jenem
Nachmittage, den ich Ihnen beschrieb, zu mir gebeten hatte - -) »dass es allen
Leuten auffiel; aber ich sah ihn kaum an, und führte ihn bei jeder Gelegenheit
ab.«
    »Das habe ich nun zwar niemals bemerkt. Aber, wie gesagt, Sophie hat recht
dumm gehandelt. Da er nun einmal ihr Bräutigam war, so hätte sie ihn auch sollen
fest halten. Die andre muss ein listiges Mensch sein, dass sie so bis auf die
letzte Stunde gewartet hat. Es ist ihr gewiss nur um ein gut Stück Geld zu tun
gewesen, - denn, im Vertraun gesagt, sie soll nur eine gemeine Hure sein, und
wer weiss, ob das Kind nicht mehr Väter hat, als Karlsheim allein? - und da hätte
ich doch lieber meinen Staat ein wenig eingeschränkt, und ihr eine Summe
hingeschmissen, als mich so blamirt.«
    »Ja, ja, das Ding muss so einen eignen Haken haben. Aber das weiss ich gewiss,
so stolz sie auch immer tat, so wird, aller ihrer Coketterie ohngeachtet, sich
gewiss kein Liebhaber wieder zu ihr finden.«
    »Werdet Ihr noch nicht aufhören, durch Eure Lästerzungen eure Nachbarn zu
stören? Sophie wird gewiss eher zehn vernünftige Freier finden, als Ihr einen.
Ihr solltet es gar nicht einmal wagen, von ihr zu reden, da Ihr gar nicht einmal
fähig seid, ihr edles Betragen zu beurteilen. Schämt Euch Eures Geschwätzes,
aus dem doch bloss Neid und Schadenfreude hervorleuchtet. Alles Zierens
ohngeachtet ist doch gewiss keine einzige unter Euch, die nicht mit grösster
Freude Karlsheims Hand würde angenommen haben, und bloss Eure getäuschten
geheimen Hoffnungen machen Eure Zungen so hämisch. Es ist nur gut, dass Euer
Tadel wahres Lob für den ist, auf welchen er er fällt.«
    So sprach die alte geheimde Nätinn B., eine verehrungswürdige Frau, von
allen Guten geliebt, und von den Bösen gefürchtet, und sie schwiegen, wie vor
den Kopf geschlagen. Der Beifall dieser vortrefflichen Matrone ist mir
wichtiger, als aller Spott und Tadel der Gänschen unsrer Stadt. Man lässt sie
schnattern, ohne auf sie zu hören, und dann verstummen sie bald.
    Karlsheim und Julie sind zwar über diese kleinen Geister zu sehr erhaben, um
nur im mindesten auf sie zu hören; um sich aber doch gar keinen
Unannehmlichkeiten auszusetzen, wird ihre Hochzeit bei einem Pachter meines
Onkels, eine Stunde weit von hier, gefeiert werden. Doch das alles beschreibe
ich Ihnen im nächsten Briefe.
    Sobald sie verbunden sind, und ich ihre Einrichtung besorgt habe; denn
Julien sind die Preise der Sachen und alle solche Dinge hier ganz unbekannt: so
komme ich zu Ihnen, liebe Marie, um in Ihren Armen auszuruhen.
                                                                         Sophie.
 
                           Siebenunddreissigster Brief
                              Karlsheim an Wilhelm
Vergieb mir, Wilhelm, wenn es mir unmöglich ist, dir heute etwas
Zusammenhängendes zu schreiben. Die himmlische Güte meiner wiedergefundnen Julie
, die mir alles vergibt, und mich noch eben so zärtlich liebt wie sonst, die
mir bisher unbekannten, unbeschreiblich süssen Vaterfreuden, Sophiens
beispiellose Grossmut, alles das macht einen zu mächtigen Eindruck auf mich.
Ewige Vorsehung! wie sind deine Wege so unerforschlich, und doch so weise! Mit
heissester Inbrunst danke ich dir, dass du mir Unwürdigen noch ein solches Glück
bereitetest, bei dem keine Gewissensbisse mich beunruhigen werden, dass du noch
zu rechter Zeit mich rettetest.
    Gott, noch zwei Tage, und es wäre zu spät gewesen. Eine fürchterliche Reihe
schrecklicher Vorwürfe hätte dann ewig mich gemartert. Eine durch mich elend
gemachte Mutter; ein verwaistes Kind; eine Gattinn, der mein Anblick mit jedem
Tage Kummer und Abscheu eingeflösst haben würde! Ich mag nicht daran denken. Dank
dir, gütiger Gott, dass du von diesem Abgrunde mich zurückzogst.
    Liebster, bester Freund, komm zu mir, dass ich auch dich um Vergebung bitte,
dich, dessen treuen Rat ich nicht hörte, dass ich alle Empfindungen meines
Herzens vor dir ausschütten kann. Nicht ich allein, auch meine geliebte Julie,
Sophie und ihr trefflicher Onkel sehen dir mit Verlangen entgegen.
                                                                Dein glücklicher
                                                                      Karlsheim.
 
                            Achtunddreissigster Brief
                                Marie an Sophien
O Sophie, kommen Sie zu mir. Nicht nur mein innres Leiden zehrt mich ab; auch
noch der nichtswürdige Wildberg sucht mich zu kränken. Er belästigt mich täglich
mit seiner Gegenwart, weint mit heuchlerischen Tränen, als nähme er den grössten
Anteil an meinem Schmerz, fragt mich unruhig nach der Ursache meines Kummers
und schwört, dass ihm sein Leben selbst nicht zu teuer sein soll, um es für
meine Zufriedenheit aufzuopfern. Bisher begnügte ich mich damit, ihm äusserst
kalt zu begegnen, und hütete mich, so gegen ihn zu verfahren, wie ich sonst
würde getan haben, um nicht Albrecht zu beleidigen, der sein eifriger Freund
ist, und dem ich die wahre niedrige Gesinnung Wildbergs nicht entdecken mochte.
    Diesen Morgen wurde er so unverschämt, mir ohne Scheu von Liebe
vorzuschwatzen, und der Freche wollte sogar einige Liebkosungen wagen; aber ich
verliess ihn mit der ganzen Verachtung, die er verdiente, und befahl meinen
Leuten, niemand ungemeldet vor mich zu lassen. Mein Mädchen sagte mir, er hätte
vor Zorn mit den Füssen gestampft, und im Weggehen drohende Worte ausgestossen.
Mag er doch. Mir soll seine Wut nicht schaden. Aber, meiner Massregeln
ohngeachtet, könnte er es vielleicht doch noch einmal versuchen wollen, zu mir
zu kommen. Und ich wünschte mir Ihre Gegenwart, um mich vor allen solchen
Unfällen zu schützen.
    Gott, wäre Albrecht doch erst wieder da! Es ist mir immer, als läge eine
gewisse Ahndung schwer wie Blei auf mir. Es ist mir unmöglich, mich in den
hiesigen Gesellschaften zu zerstreuen. Der Ton, der darin herrscht, stimmt zu
wenig mit meinen Grundsätzen und Empfindungen überein. Mich dünkt immer, es sei
ein ungerechter sträflicher Raub, die Zeit, die Gott zu so edlen Endzwecken uns
schenkte, damit zu tödten, dass wir sie vor dem Spiegel und Putztisch
verschwenden, um den Nachmittag am Kaffeetisch mit Nichtswürdigkeiten, oft gar
mit den schändlichsten Verläumdungen hinzubringen. Mein Innres empört sich
immer, wenn es anhören muss, dass so hämischer Weise dem Nächsten Ehre und alles
geraubt wird. Ich kann mich nicht entalten, ihn zu verteidigen, ob ich gleich
wohl einsehe, dass es nichts hilft, und mich nur verhasst macht.
    Noch kürzlich nahm eine solche mächtige vornehme Verläumderinn von einer
monatlichen Abwesenheit eines jungen Mädchens Gelegenheit, ihr die
schändlichsten Dinge nachzusagen, sie zu einer Hure und dergleichen mehr zu
machen, die nur deswegen verreiste, um ihr Wochenbette heimlich zu halten. Ich
kannte die Unschuld des Mädchens, das zwar sehr lebhaft ist, aber gewiss noch ein
reines Herz hat, in welchem noch nie ein lasterhafter Gedanke entstand. Ich
widerlegte die Beschuldigung, und bewies, dass sie falsch wäre. Was halfs
indessen? Man schwieg zwar beschämt, aber bald sahen alle mit hämischem Lächeln
einander an, und nachher haben sie denn gefunden, dass ich die Unterhändlerinn
des jungen Frauenzimmers und ihres Galans sei.
    Und was ist die Ursache dieses schändlichen Lasters? - Bosheit? Nein, Vater,
so verkehrt schufst du das Herz deiner Menschen nicht! Gewiss gibt es nur wenige
Menschen, bei denen eigentliche Bosheit der Trieb zu diesem Laster ist:
Langeweile und Eitelkeit. Manches unerfahrne Mädchen oder Weib geht vor
Langerweile in Gesellschaft. Anfangs hört sie mit Unruhe die Lästerungen an,
aber aus Gefälligkeit schweigt sie dazu. Bald sieht sie, dass Spöttereien,
skandaleuse Geschichten und dergleichen der Weg sind sich angenehm zu machen,
Beifall und Lob sich zu erwerben. Sie wendet also ihr Bisschen Witz dazu an. Nach
und nach erstirbt auch der letzte Funken moralischen Gefühls, und sie
durchschneidet des Nächsten Ehre eben so leicht, wie ein Stückchen Flor.
    Gott im Himmel! wenn du einst von jedem unnützen Worte Rechenschaft von uns
foderst, was wirst du dann von solchen Verläumderischen für Verantwortung
heischen! Möchten doch in der Seele einer jeden, die nun da sitzt, und mit
hämischem Witz die kleinste unschuldigste Handlung der andern verdreht,
schrecklich die Worte erschallen: So wie ihr richtet, werdet ihr auch wieder
gerichtet werden! Möchte sie dann schnell ihre Rede endigen, und sich bemühen,
das geschehene Unrecht nach allen Kräften wieder gut zu machen! Eile daheim,
Unbesonnene, wirf dich vor deinem Gott nieder, und lies mit Andacht und
Ehrfurcht die Bergpredigt unsers Erlösers, dies göttliche Meisterstück! Und ist
dann dein Herz ganz von den seligen Empfindungen der Bewundrung, der Liebe und
Dankbarkeit durchdrungen, o so ruf ihn an - dass er dein Herz heilige, und es mit
den erhabnen Gefühlen der Menschenliebe erfülle.
    Sie fragen mich, Sophie, wie denn dem Uebel abzuhelfen sei? ob man sich
durch Widerspruch dem Hass, den Bitterkeiten einer ganzen Menge aussetzen solle?
Suchen Sie solche Gespräche zu vermeiden. Haben Sie Witz und Talente, o, so
wenden Sie sie an, die Gesellschaft mit andern Dingen zu unterhalten. Suchen Sie
dieselben so interessant vorzutragen als möglich. Erzählen Sie merkwürdige edle
Handlungen von andern. Will alles das nicht helfen; gähnt die ganze
Gesellschaft: nun, so vermeiden Sie in Zukunft solche Besuche. Ist das nicht
ganz möglich, so sprechen Sie von Putz, und dergleichen. Muss durchaus verläumdet
werden, so wählen Sie zum Gegenstand ihrer Spöttereien kleine unschädliche
Torheiten - das muss aber Ihr letztes Mittel sein - und fallen doch
Verläumdungen vor, die Ihrem Nächsten schaden könnten, so widerlegen Sie
dieselben herzhaft, aber sanft und ohne Bitterkeit, und kehren Sie sich nicht
daran, wenn eine oder die andre Ihnen ein scheeles Gesicht macht. Für dies
scheele Gesicht wird einst der Unschuldige Ihnen danken, dessen Ehre Sie
retteten.
    Verzeihen Sie meine Weitschweifigkeit, liebe Freundinn. Sie wissen ja einmal
meine Art. Erfüllen Sie meine Bitte, und kommen Sie bald in die Arme
                                                                    Ihrer Marie.
 
                            Neununddreissigster Brief
                                Sophie an Marien
Der Himmel möchte unsern Assembleen und Kränzchen gnädig sein, wenn Sie
Präsidentinn unsrer Obrigkeit wären. Sie würden mit eben so viel Strenge als
Sultan Massoud die Verläumdung ahnden. Aber Scherz beiseite, meine Marie, ich
pflichte Ihrer Meinung vollkommen bei. Ihr Brief hat eine sehr ernstafte
Wirkung auf mich gehabt, und ich empfand bittre Schaam und Reue über die
unvorsichtigen Reden, zu welchen mich zuweilen meine geläufige Zunge verführte.
Ich habe auch den festen Vorsatz gefasst, sorgfältiger über mich zu wachen, und
mich nie wieder durch meinen Leichtsinn zur Tadelsucht gegen andre hinreissen zu
lassen. Da es mir aber doch ein Bisschen schwer fallen möchte, alle spöttischen
Anmerkungen zu unterdrücken, so will ich in Zukunft nur über meine eignen
Torheiten spotten. Mit diesem Vorsatz sind Sie doch zufrieden, liebste Marie,
nicht wahr?
    Den Tag vor der Hochzeit kam Wilhelm an. Karlsheim flog in seine Arme. Ihre
Liebkosungen waren äusserst zärtlich, und Wilhelm schien sich sehr über die
Wendung zu freuen, die seines Freundes Schicksal gehabt hatte. Wie ihre
Freudenbezeugungen etwas vorüber waren, bemerkte er auch uns, - Julien und mich
- und kam auf uns zu. Wir hatten uns vorgenommen, ihm nicht zu sagen, welche von
uns die Braut wäre; sein Scharfsinn erriet es aber gleich. Er küsste mit Wärme
Juliens Hand, und sagte auch mir viel Schönes, aber gar nicht in dem Ton der
Schmeichelei unsrer jungen Herren. Ueberhaupt haben alle seine Handlungen etwas
Charakteristisches, das ihm sehr gut steht, und jede seiner unbedeutendsten
Handlungen anziehend macht.
    Ich würde nicht so viel von ihm geschrieben haben, wenn ich nicht aus einem
Gemälde, das er im Ringe trägt, wüsste, dass er eine Braut hat. Und wäre auch das
nicht, so ist doch mein Herz, durch meine Begebenheit mit Karlsheim, der Liebe
auf ewig verschlossen. Ich gebe es zu, dass der Ehestand unsre Bestimmung ist,
aber es gibt auch Ausnahmen. Man hat auch im ledigen Stande Gelegenheit genug,
gut und nützlich zu sein. Sie sollen mich in der Erziehungskunst unterrichten,
liebe Marie, und dann will ich mir ein süsses Geschäft daraus machen, kleine
Mädchen zu mir zu nehmen und zu erziehen. Mein sonst so flatterhafter
leichtsinniger Geist, den Sie so oft vergebens auf ernstafte Gegenstände zu
richten suchten, findet jetzt selbst Geschmack an ernsten Dingen; alle andere
Spielereien, die sonst mich ergötzten, sind mir verhasst.
    Julie war an ihrem Hochzeittage schön, wie ein Engel. Das schmachtende
Wesen, welches ihr ehemaliger Kummer so fest in ihre Gesichtszüge gewebt hat,
mit der stillen Freude, das Ziel ihrer Wünsche nun erreicht zu sehen, vereinigt,
machte eine höchst liebenswürdige Vermischung in ihrem Gesichte. Sie trug ein
simples weisses taffetnes Kleid mit einer blassblauen Brustschleife. Sie hatte
einen leichten Florputz um den Hals, und eben solche Aermel - Spitzen wollte sie
nicht annehmen. Statt der jungfräulichen Krone hatte sie eine Rose auf ihrem
blonden Haar, und einen Straus von Vergissmeinnicht vor ihrer Brust. Karlsheim
betrachtete sie mit Entzücken, und sagte ihr, sie sei ihm jetzt schöner als an
dem Tage, da er sie zuerst sah. Sie wurden in einer ländlichen Kirche getraut.
Wir hatten den Weg dahin mit Blumen bestreut. Auch die Pfeiler und den Altar
hatten wir mit Blumenkränzen umwunden, und die jungen und alten Bewohner des
Gütchens folgten paarweise uns nach. Die Traurede war kurz und rührend. Nach der
priesterlichen Einsegnung kehrten wir in des Pachters Wohnung zurück. Vor dem
Hause ist ein grosser freier Platz. Hier wurden drei Tafeln gedeckt. An der
ersten sassen Braut und Bräutigam, der Prediger und seine Frau - ein rechtes
gutes Weib - Wilhelm, mein Onkel, ich, unser Wirt, einige Aeltesten des Orts,
in allem zwölf Personen. An der zweiten sassen alle Männer und Weiber, die alten
und jungen, an der dritten das unverheiratete junge Volk und die Kinder. Mein
Onkel hatte für alle Tafeln simpel, aber gut zubereiten lassen; auch Wein und
Bier floss reichlich, und es herrschte bald eine ungezwungne Fröhlichkeit unter
allen Gästen.
    Nach der Mahlzeit wurde getanzt. Dieses war zwar nicht nach dem Geschmack
des jungen Ehepaars, welches den Tag der Verbindung lieber in stiller Freude,
ohne Geräusch, gefeiert hätte; aber sie mussten meinem Onkel nachgeben, der alles
nach seinem Geschmack veranstalten wollte. Er selbst tanzte auch sehr rasch für
seine Jahre mit der Braut und mit allen Weibern und Mädchen Menuet, und sah
nachher mit vielem Anteil den englischen und schwäbischen Tänzen zu. Je
lustiger es dabei zugieng, um desto mehr erfreute es den alten Mann, und er litt
durchaus nicht, dass vor dem Anbruch des Morgens aufgehört wurde. Ein feierlicher
Kehraus musste den ländlichen Ball schliessen, und das junge Paar wurde von
Anwesenden, unter Musik und Tanz, in das Brautgemach geführt. Einigemal rief
mein Onkel mit gerührter Stimme aus: Wollte Gott, dass der alte Behrwald noch
lebte, und dass ich ihm durch die Feier dieses Tags vergelten könnte, was er an
mir tat!
    Es müssen besondre Umstände unter ihm und dem Seligen vorgefallen sein; denn
er gedenkt seiner niemals, ohne dass Tränen in seine Augen steigen. Ich muss doch
einmal nach der wahren Ursache forschen.
    Künftigen Sonnabend bin ich bei Ihnen, meine Liebe, und hoffe in Ihrer
Gegenwart mein Herz völlig zu heilen. Julien scheint meine Entfernung nahe zu
gehen. Wenn sie mich ansieht, so dringt noch immer eine Träne der Rührung in
ihr Auge, und ich habe oft Mühe, die häufigen Ausbrüche ihrer Dankbarkeit zu
unterdrücken.
    Leben Sie wohl, Teuerste! Der Himmel gebe, dass Sie mit erheiterter Seele
finden mag
                                                                            Ihre
                                                                         Sophie.
 
                               Vierzigster Brief
                               Bartold an Eduard
Ich bin noch auf meinem Zimmer, und kann nur durch die dritte Hand Nachricht von
Ferdinand erfahren. Morgen aber hoffe ich von meinem Arrest befreit zu werden.
Wie ich vor Gericht meine Aussage getan hatte, erstaunten alle. Der Prorektor
sagte mir nachher beim Herausgehen: »Er bedaure, dass ihn die Gesetze abhielten,
meinen Arrest aufzuheben. Er sei aber von meiner Unschuld in der Sache
hinreichend überzeugt, kenne mich auch schon lange von einer guten Seite, und
würde suchen, mir bald meine Befreiung zu verschaffen.«
    Klinge wird wohl relegirt werden: auch fürchte ich, dass das Schicksal des
armen Ferdinands schwerlich viel besser sein wird; denn man straft den Zweikampf
hier sehr strenge.
    Eben bekomme ich einen Brief von Ferdinands Vater. Man hat ihm den Verlauf
der Sache geschrieben, nebst der unglaublichen Summe Schulden, die Ferdinand
hier gemacht hat. Der dienstfertige Scribent hat, allem Ansehen nach, die Sache
noch übertrieben, und das Betragen seines Sohns äusserst schwarz gemalt; denn der
Alte scheint sehr aufgebracht. Du kennst ja seine unbändige Hitze, ob er gleich
sonst der beste Mann und zärtlichste Vater ist. Er ist schwer zu reizen, und
übersieht besonders die Fehler seines Sohns nur zu sehr. Ist er aber auch einmal
aufgebracht, so kennt man in ihm den Vater nicht mehr. Er hat einen Brief an
Ferdinand eingeschlossen. Ich möchte ihn fast zurück behalten; er dürfte den
jungen Menschen zu sehr niederdrücken. Doch nein, er soll ihn haben. Vielleicht
werden diese gehäuften starken Eindrücke desto besser dazu dienen, ihn auf immer
vor Ausschweifungen zu sichern. Ich schreibe dir bald mehr.
                                                                       Bartold.
 
                            Einundvierzigster Brief
                        Der alte Gudheim an seinen Sohn
Ungeratner Bösewicht, den ich nicht mehr meinen Sohn nennen kann, der mein
graues Haar vor der Zeit in die Grube bringt! O dass ich das an dem Jungen
erleben muss, der meine einzige Freude war, von dem ich hoffte, er würde mein
Alter mir versüssen, und mein Trost im Leiden sein! Aber nein! Ich habe dem
Ungeheuer schon zu lange gelebt. Er konnte meinen Tod nicht erwarten, und sucht
ihn durch seine schändliche Aufführung zu beschleunigen. Das ist dir nun zwar
gelungen - ich fühle, dass ich dieses nicht lange überleben werde; - aber die
Früchte, die du von meinem Tode hoffest, sollst du nicht geniessen. Ich habe dich
nichtswürdigen Buben enterbt, und mein Vermögen zu andern Endzwecken bestimmt,
damit es doch nicht in lüderlichen Wollüsten verschwendet wird. Untersteh dich
nicht, mir jemals wieder vor Augen zu kommen. Dein Anblick würde mich auf der
Stelle tödten. Meine alte Hand zittert mehr zu schreiben; ich muss aufhören, an
den Bösewicht zu denken, dem ich das Leben gab.
 
                            Zweiundvierzigster Brief
                               Bartold an Eduard
O Gott, Eduard, was ist aus dem armen Ferdinand geworden! Eben bringt man mir
die Erlaubnis wiederum auszugehen. Ich laufe zu Ferdinand. Das ganze Haus und
die Wache ist in Aufruhr. Er ist in der Nacht entwischt, und niemand weiss,
wohin. Auf dem Tische lag ein kleiner Zettel des Inhalts:
    »Verzweiflung und Schande treiben mich von hier. Verflucht sein meine
Verführer, mein verdammtes Schicksal und ich selbst! -«
    Der arme Junge! Gewiss hat ihn seines Vaters harter Brief zu dem
verzweifelnden Entschluss bewogen. Wer weiss, was nun aus dem Unglücklichen wird!
O ich Tor, dass ich ihm den Brief gab! Ach! ich dachte nicht, dass er eine solche
Wirkung haben würde. O Ferdinand! wärst du doch wieder da! Könnte ich mein
Versehen wieder gut machen! Man setzt ihm scharf nach. Hascht man ihn wieder, so
wird seine Strafe sehr vergrössert sein.
    Gott, welch ein neuer Auftritt! Sein Vater ist hier. Gleich nachdem er
seinen harten Brief abgesandt hatte, bereute ers. Er hatte sich die Verzweiflung
seines Ferdinands vorgestellt. Seine Liebe war wieder aufgewacht, und hatte ihn
hergetrieben. Nun hört er die Entweichung seines Sohns. O! du solltest den alten
Mann sehen, wie er winselt und die Hände ringt, wie er sich die grössten Vorwürfe
über seine Härte macht. Sein Zustand rührt auch die Wildesten zu Tränen.
    Klinge ist auf Bitten seines Vaters auf zehn Jahre ins Zuchtaus verbannt.
Man hat noch schändliche Dinge von ihm entdeckt. Zwei seiner Bekannten, die auch
mit in Ferdinands Geschichte verwickelt waren, sind relegirt. Alle diese
schrecklichen Auftritte haben mich so erschüttert, dass ich meinen Brief
schliessen muss.
                                                                       Bartold.
    N. S. Wie kömmts, dass ich so lange nichts von dir hörte?
 
                            Dreiundvierzigster Brief
                               Eduard an Bartold
Ein solches schreckliches Ende der Begebenheit unsers Ferdinands hätte ich nicht
erwartet. Ich war ganz ausser mir, als ich deinen Brief zuerst las. Armer
Jüngling! Hättest du dir im Anfange diese harten Folgen deines Fehlers
vorgestellt! Gewiss, du hättest die Bahn der Tugend und des Fleisses nie
verlassen. Wer weiss, wo er jetzt umher irrt, ein Raub der Verzweiflung! O dass
doch sein unglückliches Beispiel allen zur Warnung dienen möchte, die,
unbesonnen wie er, den ersten Schritt zum Laster tun! Möchten sie doch vom
Rande des Abgrundes zurückschaudern, vor dem sie stehen, und aufs neue Tugend
und Fleiss liebgewinnen!
    Gestern war auch noch in anderer Rücksicht ein angstvoller Tag für mich. Du
kennst meine Lage. Ich war meinem Vorsatze treu geblieben, hatte Karolinen
gemieden. Dieses bewirkte eine gewisse Melancholie in ihrem Wesen, die ihren
Reiz sehr vergrösserte. Auch ich war stets in einer ängstlichen Lage bei ihr, und
konnte meine Unruhe nicht ganz verbergen.
    Ihr Onkel, der sie sehr zärtlich liebt, bemerkte bald die Veränderung, die
mit ihr vorgieng; auch meine Unruhe entwischte seinem scharfen Auge nicht. Er
glaubte, dass unsre Liebe gegenseitig sei, und dass ich zu furchtsam wäre, die
meinige zu gestehen. Er hat viel Neigung für mich, und wünschte unsre
Verbindung, ob gleich Karolinens Schönheit und Vermögen auf die glänzendste
Partie Anspruch machen können.
    Ich merkte wohl, dass er gestern Mittags etwas auf dem Herzen hatte. Nach
einigem Räuspern fieng er nach Tische an:
    »Sie haben nun lange genug dem Posten eines Sekretairs mit Fleiss und Treue
vorgestanden. Ihre Geschicklichkeit macht Sie einer andern Versorgung wert, in
der Sie Ihre Talente besser und tätiger nützen können. Die ** Stelle ist jetzt
an unserm Kollegio offen. Unser Fürst hat mir aufgetragen, ein Subjekt dazu
vorzuschlagen. Ich weiss keinen jungen Mann, der fähiger wäre sie gut zu
bekleiden, als Sie. - Aber ich sehe, dass Sie stutzen. Ich kenne Ihr feines
Gefühl in solchen Sachen. Ich denke aber, es wird sich beruhigen, wenn ich Ihnen
versichre, dass ich diesen Vorschlag nicht zuerst geäussert habe, sondern dass
einige würdige Männer gleich auf Sie fielen. Sie können also diese Stelle sicher
annehmen, ohne den Vorwurf zu befürchten, als hätte ich sie Ihnen verschafft.
Auch andre Wünsche Ihres Herzens sind mir nicht unbekannt, liebster Sohn.«
    - (so nennt mich der würdige Alte gewöhnlich -)
    »Ich habe schon lange Eure Neigung bemerkt. Ich werde Eurer Liebe kein
Hindernis in den Weg legen. Meinen Segen und meine Einwilligung gebe ich euch
von Herzen. Ihr seid eines des andern wert.«
    Die sanfteste Purpurfarbe bedeckte Karolinens Wangen. Meine Augen begegneten
den ihrigen, und verschämt senkte sich ihr Blick zur Erde. Meine Verlegenheit
war unbeschreiblich. Und hätte nicht die Liebe selbst Mariens Namen mit den
feurigsten Zügen in meine Seele geschrieben, ich wäre überwältigt worden, hätte
das liebenswürdige Mädchen in meine Arme gedrückt. Aber ein Gedanke an die
Erstgeliebte meines Herzens vernichtete schnell alle die Eindrücke, die des
Mädchens Liebreiz und des Alten Güte auf mich machten.
    »Karolinens Herz ist ein unschätzbares Kleinod - sprach ich gerührt - aber
es muss nur einem solchen Besitzer zu Teil werden, der es nach seinem ganzen
Umfang zu schätzen weiss, bei dem es unumschränkt regiert. Karoline muss in der
Seele ihres künftigen Gatten ohne andre Nebengötzen herrschen. Ich verehre mit
tiefer Wertschätzung die trefflichen Eigenschaften, die sie zu einem so
liebenswürdigen Gegenstande machen, aber meine Liebe gehört schon seit mehreren
Jahren einem Frauenzimmer, die auch eine der würdigsten ihres Geschlechts ist.
Ohngeachtet dieser Verbindung blutet mein Herz, die Güte eines so ganz
verehrungswürdigen Mannes, und den Besitz des liebenswürdigsten Mädchens
ausschlagen zu müssen, der - wäre meine Marie nicht auf der Welt - meine
kühnsten Wünsche übersteigen würde. Entschuldigen Sie mich, ich bin zu bewegt
und muss in der Einsamkeit mich zu fassen suchen. Glauben Sie, dass ich die ganze
Grösse des Opfers fühle, welches ich Marien bringe.«
    Ich ging hinaus, und sah Todtenblässe auf Karolinens Wangen. Mein Herz
blutete für sie; ich sank betäubt auf eine Rasenbank.
    »Wie, wenn Marie einen andern Geliebten - - -«
    Ich zitterte, mochte den Gedanken nicht weiter denken. Nein, es ist
unmöglich. Schöne Seele! die du nur Zärtlichkeit für mich atmetest, du bist mir
treu, du liebst mich noch! Vergieb mir, angebeteter Abgott meines Herzens,
vergieb deinem Eduard diesen Zweifel. Nie komme ein ähnlicher wieder in meine
Seele. Aber ich muss von hier abreisen. Es sei morgen.
    Das war der Entschluss, den ich nach einer quaalvollen Stunde endlich fasste.
Der geheimde Rat kam mir entgegen.
    »Können Sie mir verzeihen, teuerster Mann?
    »O! reden Sie nicht von Verzeihen, lieber Eduard! Ich verehre Ihre Treue
gegen Ihre Geliebte. Aber warum waren Sie so geheim mit Ihrer Geschichte? Hätte
Karoline Ihre Lage gewusst, so würde sie ihr Herz vor dem Eindruck der Liebe
bewahrt haben; auch ich hätte dann ihre aufkeimende Neigung gleich anfangs
erstickt.«
    »Wenn meine Unvorsichtigkeit traurige Folgen für Karolinens Ruhe haben
sollte, so würden mich diese Vorwürfe ewig quälen; aber ich fürchte nicht, dass
mich der Himmel so hart strafen wird.«
    »Ich fürchte für ihr empfindliches Herz. Doch, Mädchenliebe kömmt und geht.
Ich hoffe, dass auch meine Nichte sich in die Umstände wird zu finden wissen.
Aber dieser verunglückte Plan hebt meinen ersten Entwurf nicht auf. Ich trug
Ihnen die Bedienung nicht an, um dem Gatten meiner Nichte eine Versorgung zu
verschaffen, sondern um den Platz mit einem Mann zu besetzen, dem ich die
Geschicklichkeit zutraue, ihm gut vorzustehen.«
    Ich wurde von seinem Edelmut durchdrungen, und erzählte ihm aufrichtig die
ganze Geschichte, meine vorhabende Reise, und die Schwierigkeit, dass Marie mir
hieher folgen würde. Er schüttelte den Kopf:
    »Lieber Sohn, Sie können vielleicht glauben, dass die Liebe zu meiner Nichte
mich so reden lässt, aber ich kann es Ihnen nicht bergen: Ihr Entschluss scheint
mir unüberlegt. Es ist nicht wahrscheinlich, dass Sie ein Mädchen, von dem Sie in
drei Jahren nichts hörten, noch treu, noch auf sich wartend finden werden.«
    »Sie kennen die standhafte Seele meiner Marie nicht. Unsre Liebe war kein
Bündnis des Eigennutzes, oder sinnlicher Triebe; es war die Vereinigung zweier
Seelen, die es fühlen, dass sie ganz Eins sind, dass keins ohne das andre leben
kann, ohne sich von sich selbst getrennt zu glauben.«
    »Hätte ich Ihnen doch nicht so viel Empfindsamkeit zugetraut« - (sagte er
mit einem Lächeln, das bei jedem andern mich würde beleidigt haben, bei ihm aber
schmerzte es mich bloss -) Es wäre grausam, Sie von Ihrem Vorsatz abzuhalten.
Reisen Sie ab, sobald es Ihnen beliebt, und ich wünsche aufrichtig, dass Sie die
Gebieterinn Ihres Herzens Ihren Wünschen getreu finden mögen. -«
    Ich antwortete bloss mit einer Verbeugung, und eilte auf mein Zimmer, voller
Schmerz, mich so von ihm verkannt zu sehen; denn dieses musste ich aus dem
zweideutigen Ton und Gesichte schliessen, mit dem er die letzten Worte sagte.
Mags doch sein! Es verkenne mich die ganze Welt, beurteile meine Handlungen
falsch, nenne mich immerhin einen empfindsamen Schwärmer; ein Blick von dir,
meine Marie, wird für das alles mich schadlos halten. Was kümmert mich die Welt
mit allen den kalten fühllosen Menschen, die drauf herum wandeln? Wenn du nur
mich liebst! Wenn nur eine Träne von dir meine treue Liebe segnet, so bin ich
unaussprechlich glücklich!
    Ich werde morgen in aller Frühe hier abreisen, ohne Karolinen zu sehen. Eine
Zusammenkunft würde uns beide verlegen machen. Möchte doch das gute Mädchen ihr
Herz beruhigen, und einen andern Gegenstand finden, der ihre Liebe besser zu
schätzen weiss als ich!
    Der Gedanke, nun bald meine Marie wieder zu sehen, bringt mein ganzes Wesen
in Wallung. Wäre ich nur erst bei dem himmlischen Geschöpfe! Wie unerträglich
langsam werden mir die Tage während der weiten Reise schleichen! O! gienge sie
so schnell wie meine Wünsche: so läge ich schon jetzt zu ihren Füssen.
                                                                         Eduard.
 
                            Vierundvierzigster Brief
                               Amalie an Wildberg
Der verwünschte alte Geck nebst seiner hochweisen Frau Gemahlinn! Mir einen
solchen Queerstrich durch meine Rechnung zu machen! Alle meine Plane sind
vereitelt. Womit mag ich wohl das Schicksal beleidiget haben, dass es immer meine
Absichten vernichtet, wenn ich der Erfüllung so nahe bin? Doch, wenn Sie mich
verstehen sollen, muss ich Ihnen wohl eine umständlichere Erzählung machen. Wir
sind ja nun einmal durch sonderbare Umstände seit andertalb Jahren vertraute
Freunde geworden, und haben seit der Zeit keine Geheimnisse mehr für einander
gehabt.
    Ich schrieb Ihnen doch vor einiger Zeit von dem jungen Baron L. dem Vetter
meiner gnädigen Frau. Er ist ganz gut gebildet, ist der einzige Erbe eines
reichen Vermögens, hat nur gerade so viel Verstand, als er braucht, um dereinst
den Befehlen seiner künftigen Frau Gemahlinn, ohne weitere Untersuchung und
Widerrede, Folge zu leisten, ist also ganz der Mann, den ein Frauenzimmer von
meiner Denkungsart sich nur wünschen kann. Dieser junge Herr also verliebte sich
gar ernstlich in mich. Ich spielte die Spröde gegen ihn sehr gut, redete viel
von Tugend und Ehre, liess ihn mondenlang seufzen, ohne ihm die mindeste Hoffnung
zu machen, und als seine Liebe nun auf dem höchsten Punkt getrieben war, und er
zu meinen Füssen kniend aufs dringendste um Erhörung flehte; da stellte ich mich
auch gerührt. Ich bat ihn mit Tränen, mich zu verlassen, verwünschte den
Unterschied des Standes, der das Hindernis unsrer Liebe wäre, denn ich würde nie
einem Manne mein Herz schenken, mit dem nicht priesterliche Einsegnung mich
verbände. Zum ersten und letzten mal gestände ich ihm, dass er den tiefsten
Eindruck auf mich gemacht hätte, aber ich beschwöre ihn, wenn er einige
Zärtlichkeit für mich besässe, mich nie wieder zu sehen, und mich meinem
unglücklichen Schicksal zu überlassen.
    Diese Erklärung überwog bei einem so schwachen Kopfe, wie meines Barons
seiner war, alle adelichen Vorurteile. Er trug mir seine Hand an. Die
Einwendungen, die ich zum Schein machte, wurden leicht gehoben, und es wurde
eine heimliche Heirat verabredet. Dieses hatte ich gewünscht. Er war der
einzige Sohn einer Mutter, und ihr Abgott. Waren wir einmal verehlicht, so
hoffte ich sicher, dass seine Bitten und meine Schmeicheleien die Alte erweichen
würden. Dann war ich gnädige Frau - Sie wissen, Wildberg, dass ich den adelichen
Stand sehr liebe - Besitzerinn eines Vermögens, mit dem ich nach meinen
Phantasien schalten und walten konnte. Herrliche Aussichten! O warum mussten sie
so vereitelt werden?
    Meine einzige Sorgfalt ging nun dahin, unser Verständnis bis nach der
Trauung geheim zu halten. Vergebliche Vorsicht! Der Baron war nicht dazu
gemacht, sich zu verstellen. Die gnädige Frau merkte Unrat. Sie liess uns
belauern; wir wurden behorcht, als wir eben von unsrer Verabredung sprachen, und
sie erfuhr die ganze Geschichte. Man liess sich gegen uns nichts merken, aber der
gnädige Herr sandte einen heimlichen Boten an die alte Baronesse, und malte ihr
in einem Briefe die Gefahr ihres Sohns so gross ab, dass er Vollmacht von ihr
erhielt, mit demselben alle die Massregeln zu nehmen, die er für die
zuträglichsten halten würde. Ich musste auf einen ganzen Tag mit der gnädigen
Frau auf ihr Landgut reisen. Unterdessen nahm ihr Gemahl meinen Baron auf sein
Zimmer, stellte ihm die schädlichen Folgen vor, die eine Heirat mit mir haben
würde, und redete zuletzt mit so viel Ernst, dass der furchtsame Tropf aufs
feierlichste versprach, auf immer von mir abzulassen. Der gnädige Herr, der
schon vorher alle dazu nötigen Anstalten getroffen hatte, sandte ihn nun noch
denselben Tag an den Hof zu B. Ein erfahrner Hofmeister begleitete ihn, und
hatte den strengsten Auftrag, ihn die zwei Monate seines dortigen Aufentalts
keinen Augenblick aus den Augen zu lassen.
    Als wir am Abend zurückkamen, war der Baron fort, und Ihro Gnaden
erläuterten mir nun gnädigst die ganze Sache. Diese Erläuterung war nichts
weniger als angenehm für mich, zumal da sie mit einigen ernstlichen Verweisen
verknüpft war. Ich suchte mich, so gut ich konnte, zu entschuldigen, aber
vergebens. Man erklärte mir, dass ich binnen acht Tagen das Haus verlassen
sollte. So lange wollte man mir Zeit lassen, teils darum, damit niemand die
wahre Ursache meiner Verabschiedung ahndete, teils auch, damit ich mich erst
nach einer andern Stelle umsehen könnte.
    Es bleibt mir also kein andres Mittel übrig, als wieder nach meiner
Vaterstadt zurückzukehren. Ich werde denn freilich die Ursache meiner
Wiederkunft ganz anders erzählen, als ich sie Ihnen geschrieben habe. Genug, dass
mir der infame Vorfall äusserst fatal ist. Glauben Sie wohl, Wildberg, dass es
mich jetzt sehr gereut, dass ich Albrecht nicht fester gehalten habe? Hätte ich
mir nicht damals sichre Rechnung auf den Hauptmann von B. gemacht, wäre ich
nicht, als ihn sein Regiment nach S - s rief, um mit ihm in einer Stadt zu sein,
als Gesellschafterinn mit meiner gnädigen Frau gereist, so hätte wahrlich
Albrecht niemals der empfindsamen Marie zu Teil werden sollen. Es ist wahr, man
hatte ihm meinen Umgang mit dem Hauptmann verdächtig gemacht; seine Liebe zu mir
war schon im Abnehmen; er hatte Marien in einer Gesellschaft gesehen; war - so
drückte er sich damals aus - von ihrem vortrefflichen, reellen Geist und
Charakter bezaubert worden. Aber, aller dieser mislichen Umstände ohngeachtet,
wäre es mir doch ein leichtes gewesen, ihm seinen Verdacht zu benehmen, seine
Liebe zu mir wieder anzufeuern, und ihm Marien als die abgeschmackteste Person
vorzumalen, wenn ich nur gewollt hätte.
    Ich Törinn, dass ich nicht wollte, dass ich Titel und Rang einem guten
Auskommen vorzog! Der undankbare Hauptmann. Wie schlecht belohnte er meine
Liebe! Doch ich mag an diese Dinge nicht denken, sie machen mich nur noch
melancholischer. Ich lege Ihnen hier ein Zettelchen, in unsrer Sprache
geschrieben, bei. Sie werden daraus sehen, dass mir daran liegt, die darin
entaltnen Dinge vor meiner Abreise beantwortet zu sehen. Schreiben Sie also mir
eiligst Nachricht darauf. Ich wünschte, dass Sie mir einen recht langen
interessanten Brief schrieben, mit welchem ich mich in der Postkutsche amüsieren
könnte; denn meine Reisegesellschaft wird sehr trauriger Art sein.
    A propos, Wildberg, es fällt mir eben ein, dass Sie selbst einmal stark von
Marien angeschossen waren. Das ist doch, hoffe ich, längst vorüber, sonst würden
Sie mir wohl meine Äusserung von ihr nicht verzeihen. Ich möchte nur wissen, was
das wimmernde, moralisirende Geschöpf Anzügliches für die Männer haben kann.
Leben Sie wohl, und lassen Sie mich künftigen Posttag nicht vergebens auf einen
Brief warten. Ich glaube, es sind wenigstens acht Wochen, dass ich nichts von
Ihnen sah und hörte.
                                                                         Amalie.
 
                            Fünfundvierzigster Brief
                              Wildberg an Amalien
Ich nehme den grössten Anteil an Ihrem Kummer, Amalie. Der Rückfall von der
Baronesse zum bürgerlichen Mädchen mag nicht der angenehmste sein. Sie hätten
sich mit Ihrem jungen Herrn Baron hurtiger expediren sollen, ehe Ihnen die Alten
in die Queer hätten kommen können. Dass die verschlagne Amalie nicht merkte,
warum man mit ihr aufs Landgut reiste, wundert mich sehr.
    Sehen Sie, dieser spöttische Ton - den ich gern noch weiter fortsetzte, wenn
ich Sie nicht zu sehr zu beleidigen fürchtete - ist Wiedervergeltung für das,
was Sie mir von Marien schrieben. Ein Frauenzimmer kann so wenig von dem andern
urteilen, als der Blinde von der Farbe; denn ihre Augen, so hell sie auch sonst
sehen mögen, werden in diesem Fall immer von einerlei Leidenschaften geblendet.
Also wundert es mich gar nicht, Sie über Marien spotten zu hören. Um eben so
aufrichtig zu sein, wie Sie, muss ich Ihnen auch offenherzig gestehen, dass ich
oft über mich selbst spotte, und nicht begreifen kann, wie es möglich ist, dass
ich ein Frauenzimmer von Mariens Art schon seit so langer Zeit mit der grössten
Heftigkeit liebe, dass ich auch noch jetzt - ob ich gleich aufs bitterste von ihr
beleidigt bin, ob ich gleich in meinem Herzen ihr die stärkste Rache schwur -
dennoch zu Zeiten ihren Besitz wünschen kann.
    Albrecht ist verreiset. Er trug mir auf, während seiner Abwesenheit oft zu
seiner Frau zu gehen. »Sie wäre seit einiger Zeit sehr melancholisch, ich möchte
doch suchen, ihren Kummer zu erforschen und zu zerstreuen; denn das weinerliche
Wesen hasse er bis in den Tod.«
    Der Tropf! Er wusste nicht, dass er den Bock zum Gärtner machte, und dass es
gewiss nicht an mir lag, wenn er ohne Hauptschmuck von seiner Reise wiederkehrte.
Ich benutzte die Gelegenheit Marien zu sehen sehr häufig. Ich sparte keine
Bitten, keine Schmeicheleien, sogar wusste ich Tränen aus meinen Augen zu
pressen. Alles umsonst. Sie war taub gegen meine Bitten, hörte mit verächtlichem
Blick meine Schmeicheleien, und blieb bei meinen Klagen und Tränen fühllos.
Dieser Widerstand erhitzte mich nur noch mehr. Als mein Flehen nichts half,
versuchte ich Gewalt. Ich wollte sie in meine Arme schliessen. - Sie sass auf
einem Kanapee, welches mir auch noch zu andern Liebkosungen bequem schien, zu
denen ich bei ihr hinaufzusteigen hoffte; - aber, hilf Himmel, mit welch einem
Wesen riss sie sich los! Sie gab mir - kaum kann ich vor Wut diese verdammten
Worte schreiben - eine Ohrfeige und ging aus dem Zimmer. Beinahe schäumend
ging ich fort, und schwur mich zu rächen, es koste auch was es wolle. Und
diesen Schwur will ich halten. Dies ist die erste Ohrfeige, die ich bekam, und
du sollst sie teuer büssen. Zorn und Rache haben meine Liebe überwältigt. Du
sollst sehen, was Wildberg vermag, wenn man ihn aufbringt!
    Ich habe da so einen Plan, Amalie, der Sie auch mit angeht. Wir wollen
mündlich davon reden. Sie werden aus der Beilage sehen dass ich es aus Ursachen
für besser halte, wenn Sie sich eine halbe Viertelstunde von der Stadt bei der
Wittwe A. eine Wohnung mieten. Dies ist wirklich weit besser als in der Stadt
selbst, und erweckt Ihnen, ausser den Ihnen bekannten Gründen, weit besser den
Ruf einer anständigen eingezognen Lebensart; denn da Ihre Tante todt ist, können
Sie doch, als ein lediges Frauenzimmer, nicht mit Anstand eine Wohnung hier
beziehen.
    Ich werde Ihnen eine Stunde weit entgegen kommen, und freue mich sehr, Sie
wieder zu sehen. Ich bin heute gar nicht in der Laune einen langen Brief zu
schreiben, glaube auch übrigens, dass Ihre eignen Gedanken weit mehr vermögend
sein werden, Sie auf Ihrer Reise zu beschäftigen, als mein Brief.
                                                                      Der Ihrige
                                                                                
                                                                       Wildberg.
 
                           Sechsundvierzigster Brief
                                Sophie an Julien
Ihre zärtliche Freundschaft, meine Julie, ist gewiss bei dem heftigen Gewitter
für mich besorgt gewesen. Wir bekamen es auch wirklich unterwegs. Bei unsrer
Abreise war der Himmel so schön und heiter, dass auch wir diese Stimmung
annahmen. Auf einmal erschienen Wolken. Es wurde fürchterlich dunkel; die
Arbeiter eilten alle von den Feldern; sogar die Vögel schienen in ihre Wohnungen
zu fliehen. Wir stiegen aus, und indem zersplitterte ein starker Schlag die
majestätische alte Eiche, unter deren Zweigen wir Schutz suchten. Unsre Pferde
wurden flüchtig, und liefen mit dem Kutscher und Wagen davon.
    Ich war ganz betäubt, und mein Onkel schleppte mich mit vieler Mühe fort, um
mit mir auf ein Dorf zu kommen, welches wir vor uns liegen sahen. Es fiel ein
starker Platzregen, der den Erdboden so glatt machte, dass ich bei jedem Schritt
wieder zurücksank. Endlich kamen wir abgemattet und durchnässt in einem
Bauernhause an. Ohngeachtet es schon dunkel war, sandten wir doch gleich einen
Boten - der sich freilich nur durch vieles Bitten und Geld dazu brauchen liess -
nach unserm Kutscher und Wagen aus. Man fand beides am Fusse eines steilen Bergs,
den die Pferde herunter gestürzt waren. Der arme Friedrich lag ganz zerquetsche
da, gab aber doch noch Zeichen des Lebens von sich. Ich machte ihm Umschläge von
warmem Wein, und schickte nach einem Chirurgus. Dieser gibt zwar Hoffnung zu
seiner Genesung, aber ein Bein wird er wohl verlieren. Der arme Kerl! Es war
eine gute treue Seele; sein Schicksal geht mir nahe. Denn wenn auch mein Onkel
für seinen lebenslangen Unterhalt sorgt, so ist doch nichts vermögend, ihm den
Verlust seiner Gesundheit zu ersetzen.
    Ach! man sollte doch ja stets gut und liebreich gegen Dienstboten sein.
Diese armen Leute müssen sich für uns so manchen Gefahren ausfetzen, und doch
belohnen wir sie gewöhnlich nur mit Härte und Unterdrückung, sind so besorgt,
Ihnen jede kleine Lebensfreude zu verbittern, und sie stets die tiefe
Abhängigkeit fühlen zu lassen, in der sie gegen uns stehen. Ein liebreiches und
sich immer gleiches ernstes Betragen würde uns die Herzen dieser armen Menschen
gewinnen, und weit besser auf sie wirken, als die grosse Strenge, mit der wir
gegen sie verfahren. Aber leider sind sie der Gegenstand, an dem man gewöhnlich
jede üble Laune auslässt; und indem manche oft zu andern Zeiten allzugrosse
Vertraulichkeit gegen sie hegen, und ihnen Geheimnisse aller Art anvertrauen,
machen sie dieselben falsch und niederträchtig, und setzen sich allen Folgen der
Geschwätzigkeit ihres Gesindes aus. Es ist wahr, es ist sehr schwer, die
Mittelstrasse zwischen Familiarität und zu grosser Entfernung zu halten. Beides
verdirbt gleichviel.
    Ich glaube, man muss mit seinen Leuten nicht mehr reden, als die Umstände
nötig machen, aber dieses Wenige mit Güte und Sanftmut. Man muss sie nie zu
Vertrauten seiner eignen Handlungen machen, wohl aber in den ihrigen ihnen mit
Rat beistehen. Man muss nie befehlen, ohne erst den Befehl gehörig überlegt zu
haben, damit man nicht oft nötig hat zu widerrufen; dadurch verliert er sonst
den Eindruck, und wir geraten bei ihnen in Verdacht, dass wir ohne Grund
befehlen, und bloss unsern Launen folgen, und dieses macht sie unwillig uns zu
gehorchen. Man muss ihnen aber doch auch zu Zeiten erlauben, uns in Dingen,
worinn sie mehr Erfahrung haben, als wir, mit Bescheidenheit Gründe anzuführen,
wenn ihnen das, was wir befohlen, nicht vorteilhaft für uns scheint. Und
alsdann muss man auch nicht hartnäckig sein, ihrem Rate zu folgen, wenn er
wirklich gut ist. Dieses hat für uns einen vorzüglichen Nutzen, wenn wir
Neuerungen oder Abweichungen ihrer gewöhnlichen Art zu handeln von Ihnen fodern,
weil uns alsdann ihre Einwendungen Gelegenheit geben, sie desto besser von
unsrer Sache zu überzeugen. Merkt man aber, dass sie sich uns aus blossem
Eigensinn und Verdrossenheit widersetzen, so muss man sie strenge anhalten, uns
genaue Folge zu leisten.
    Versehen sie etwas, so verweise man es ihnen nach Maassgabe des Fehlers, doch
ohne Schimpfreden; denn diese erniedrigen uns bis zu ihnen, oft unter sie,
machen uns verächtlich, und dienen nur, sie zu erbittern und boshaft zu machen.
Uebrigens halte man sie gut im Essen und Trinken, gebe ihnen einen guten Lohn -
denn das sind die Dinge, die vorzüglichen Eindruck auf sie machen, weil alle
ihre Handlungen hauptsächlich durch sinnliche Gefühle geleitet werden - halte
sie aber auch dafür zu strenger Ordnung und Arbeitsamkeit in Geschäften an. Man
gewöhne sie durch sein Beispiel zur Reinlichkeit; man halte sie zu den Uebungen
der Religion an, und zeige ihnen, dass man selbst Gott von ganzem Herzen verehrt.
Beobachtet man dieses Betragen, so wird man gewiss selten Klagen über das Gesinde
zu führen brauchen. -
    Ich sehe Ihr Erstaunen über meine Weisheit, liebe Julie, denn man ist sonst
eben nicht gewohnt, dergleichen ernstafte Betrachtungen aus meinem Gehirne
kommen zu sehen. Ich will Ihnen auch nur lieber gleich gestehen, dass ich mit
einem fremden Kalbe gepflügt habe, und dass ich Sie nur überraschen wollte. Hören
Sie also an:
    Wir giengen, wie ich Ihnen schon erzählt habe, in ein Bauernhaus. Aber
dieses Haus hatte nur eine Stube, und diese Stube war so voll von Alten und
Kindern, von Knechten und Mägden, dass es unmöglich war, noch ein Plätzchen für
uns darin zu finden.
    »Ist denn hier im Dorfe kein gutes Wirtshaus? fragte mein Onkel.«
    »Nein! für vornehme Leute ist es wohl eben nicht eingerichtet, denn es
trifft sich sehr selten, dass jemand hier ein Nachtlager sucht.«
    »Weisst du was, Christoffel, - sprach die Frau - bring sie hin nach der
Pfarre. Da unser Pastor und die Frau Pastorinn so liebreich gegen unser einen
sind, so werden sie es ja auch gegen diese Fremden sein. -«
    Nun sprachen auf weiteres Nachfragen meines Onkels alle die Bauern mit
solcher Ehrfurcht und Liebe von ihrem Pfarrherrn, dass wir begierig wurden, diese
Familie kennen zu lernen. Wir liessen uns also hinführen. Sie schienen eben zu
Bette gehen zu wollen; als wir aber den Unfall erzählten, der uns hergeführt
hatte, empfiengen sie uns sehr freundlich. Die Pastorinn besorgte reine Wäsche
und trockne Kleider für uns, und war so gütig, uns mit einer stärkenden Suppe,
die sie sehr geschwind verfertigte, zu erquicken.
    Der Pfarrer ist ein Mann von sechzig Jahren, aber noch so stark und munter,
als wäre er erst vierzig. Eine stete Heiterkeit, ein heller Verstand, Kenntnisse
mit Erfahrung vereinigt, machen ihn zum angenehmsten Gesellschafter. Er ist nun
schon vierunddreissig Jahre Prediger in diesem Dorfe, welches wegen der
schlechten und rauhen Lebensart seiner Einwohner bekannt war. Er hatte erst
einige saure Jahre; aber zuletzt gelang es ihm, durch unermüdeten Fleiss, durch
stete Leutseligkeit, und vorzüglich durch seinen frommen Wandel, die Herzen
seiner Bauern zu gewinnen. Er ging oft selbst zu ihnen, erzählte von seinen
Universitätsjahren, von seinen Reisen, und, ohne dass sie selbst seine Absicht
merkten, wusste er beständig gute Lehren in seine Erzählungen zu mischen, und so
besserte er zugleich ihr Herz, und klärte ihren Verstand auf. Seine Predigten
waren stets fasslich, und griffen an das Herz. Im Anfange giengen die Bauern
selten zur Kirche, jetzt aber war es ein Wunder, wenn Sonntags mehr als einer in
einem Hause zurück blieb. Man konnte dann gewiss auf eine Krankheit rechnen.
    Der Kranken nahm sich die Frau Pastorinn vorzüglich an. Sie pflegte und
wartete sie selbst mit unermüdeter Sorgfalt, erquickte sie durch stärkende
Speisen, und war bemüht die Vorurteile auszurotten, welche gewöhnlich die
Krankheiten dieser Leute hartnäckig zu machen pflegen.
    Auch in der Kinderzucht machte sie manche heilsame Veränderung. Die Kinder
waren bisher bis ins zwölfte Jahr ganz ohne Aufsicht, wie das liebe Vieh, umher
gelaufen, und wussten, wenn sie confirmirt wurden, kaum die zehn Gebote und die
drei Glaubensartikel papageienmässig herzuplappern. Der Pfarrer setzte einen
wackern Schulmeister her, der die Kinder treu und gut unterrichtete, und sie
lesen lehrte. Nachher machte er selbst ihnen die heiligen Wahrheiten unsrer
Religion bekannt; er brachte ihnen auch in einer andern Stunde die nötigen
Kenntnisse vom Feldbau bei, und lehrte sie oft in Spaziergängen aufs freie Feld
die Weisheit und Grösse des Schöpfers bewundern.
    Die Frau Pastorinn lehrte zu gewissen Stunden des Tags die Mädchen allerlei
weibliche Arbeiten, und sie hat die jungen Bäuerinnen wirklich so weit gebracht,
dass sie jetzt jährlich durch Weissnähen grosse Summen aus der Stadt verdienen.
Auch verfertigen sie alle ihre Kleidungsstücken selbst, und sogar der
Mannspersonen ihre.
    »Aber - so unterbrach ich sie - wo nehmen sie denn die Zeit dazu her? Leidet
nicht die Haushaltung und die Feldarbeit darunter? Ihr Einwurf, meine Liebe, ist
sehr vernünftig. Wenn nicht die Zeit zu solchen Arbeiten auf eine andre Art
erspart würde, so wären diese Beschäftigungen sehr schädlich für meine
Landleute, und der Gewinn ihrer Arbeit würde lange nicht hinreichen, den Schaden
zu ersetzen, der aus der Vernachlässigung ihrer Haushaltung entstünde. - Sonst
brachten die Bäuerinnen wöchentlich drei halbe Tage damit zu, um dem wollüstigen
Städter an den Wochenmärkten die Lebensmittel aus ihrer Haushaltung zuzutragen,
die sie oft sich selbst entzogen. Dieses hat viele schädliche Folgen für sie.
Sie nehmen dadurch manche üppige Stadtsitte an, sie werden zum Wohlleben
gewöhnt, lernen allerlei Bedürfnisse kennen, von denen sie vorher nichts wussten.
Wenigstens ein Drittel dessen, was sie lösen, wird für Näschereien oder andre
eben so entbehrliche Dinge ausgegeben. Sie bekommen Geschmack am Müssiggehen und
Herumschlendern, und entblössen ihre Haushaltung von allerlei nötigen Sachen,
die sie selbst brauchen müssten, teils aus Geldgier, teils um nur einen Vorwand
zu haben, nach der Stadt zu gehen, mancher andern schädlichen Folgen nicht
einmal zu gedenken. Es hat mir unsägliche Mühe gekostet, diesen üblen Gebrauch
abzustellen; aber endlich bin ich doch, mit Hülfe meines Mannes,
durchgedrungen.«
    »Aber wo lassen denn die Bauern das, was sie überflüssig haben? Oder bauen
sie nicht mehr Früchte als sie brauchen?«
    »Gerade umgekehrt. Sie bauen mehr zum Verkaufe als sonst. Jeder sammelt
seine Eyer, seine Butter, seine Gartenfrüchte, und was er sonst Entbehrliches
hat, zusammen. Alle Monate gehen zwei Fuhren von hier ab, nach einer Stadt, die
eine Stunde weiter von hier entfernt liegt, als die, nach welcher sonst die
Bauern giengen, und in der man die Victualien nicht so teuer bezahlte. Auf
diesen Wagen packt nun jeder seinen Vorrat besonders zusammen. Zwei bejahrte
Männer und Frauen, welchen die Dorfschaft dafür eine gewisse kleine Einnahme
gibt, und die wegen ihrer Ehrlichkeit bekannt sind, fahren mit, und verkaufen
die Sachen. Ein jeder bekömmt das, was aus seinem Vorrate gelöset ist, und hat
den Vorteil, das Geld auf einem Haufen einzunehmen, das er sonst groschenweise
einnahm, und wieder durch die Finger gehen liess, ohne grossen Nutzen davon zu
haben. So aber, da er mehr auf einmal einnimmt, wendet er das Geld an, die
grossen Punkte seiner Ausgaben damit zu bestreiten und vertändelt nichts davon.
Die Weiber bringen die Zeit, welche sie sonst zu ihren Wanderungen nach der
Stadt brauchten, mit Nähen zu, und auch die kleinen Kinder, die sonst sehr lange
müssig herum liefen, werden gleich früh zur Arbeitsamkeit gewöhnt.
    Auch den Juden, und den herumziehenden Galanteriekrämern, die sonst unsern
Landleuten manchen Groschen und Taler für unnütze Waaren abschwatzten, und
ihnen für ihr baares Geld den Ausschuss dessen gaben, was der Städter nicht
wollte, haben wir den Eingang verschlossen. Dasjenige, was unsre Einwohner an
Kleidungsstücken notwendig brauchen, lasse ich in Quantität kommen, und sie
stehen sich viel besser dabei. Dieses ist aber ein seltner Fall; denn die
meisten Kleidungsstücke, die hier die Männer und Weiber tragen, bestehen aus
Zeugen, die ich sie selbst machen lehrte, und die, ihrer Stärke und ihres guten
Aussehens wegen, auch ausserhalb dieses Dorfs von ihnen verkauft werden.«
    Ich hörte dieser Frau mit Aufmerksamkeit und Bewundrung zu. Sie sagte dieses
alles gar nicht im Lehrton, oder mit einem gewissen ruhmredigen Wesen, sondern
ihr Vortrag war so sanft und leutselig, dass es immer schien, als wollte sie in
manchen Dingen mich um meine Meinung fragen, und sich daraus belehren.
    Auf mein Befragen erzählte sie mir denn auch ihre Verfahrungsart mit ihrem
Gesinde, - deren ich oben gedacht habe. Nur vermag ich nicht ihren schönen
fasslichen Vortrag nachzuahmen. -
    »Auf diese Art, sprach sie, gelingt es mir, stets gute Leute zu haben, die
sich nur dann von mir trennen, wenn sie heiraten. Dieses geschieht nun zwar
häufig; denn da ich immer junge Mädchen in meine Dienste nehme, die ich
unterweise, so drängen die Alten unsers Dorfs ihre Söhne, ihnen diese Mädchen zu
Schwiegertöchtern zu geben. Die jungen Kerls bewerben sich auch von selbst
lieber um sie, als um andre, weil sie gute arbeitsame Haushälterinnen von ihnen
erwarten.«
    - Es ist eine Lust, zu sehen, wie flink und reinlich die Mädchen der
Pastorinn sind -
    »Es ist zwar etwas lästig für mich, so oft neue Mädchen zu haben, die ich
denn immer erst an meine Art gewöhnen muss; aber ich nehme diese Mühe gern über
mich, und die Mädchen erleichtern sie mir auch durch ihre Willfährigkeit und
Aufmerksamkeit; denn jede freuet sich, wenn ich sie in Dienste verlange.
Gewöhnlich aber wähle ich die Unwissendsten dazu, um unser Dorf, so viel
möglich, mit lauter guten Hausfrauen zu versehen.«
    Diese bescheidne Frau sagte mir nicht einmal alles. Sie gibt jedem dieser
Mädchen eine artige Aussteuer mit, und teilt überhaupt grosse Wohltaten im
Dorfe aus. Die jungen Bäuerinnen, die sich verheiraten wollen, lässt sie zu sich
kommen, und unterrichtet sie in den neuen Pflichten, die im Ehestand ihrer
warten. Der Pfarrer tut ein Gleiches mit den jungen Burschen. Alle Einwohner
verehren auch diese trefflichen Menschen fast bis zur Anbetung, und würden
willig ihr Leben für sie lassen. Das ganze Dorf ist in einem blühenden Zustande;
den Armen hat man Arbeit und Unterhalt zu verschaffen gewusst, und ein
vorsätzlicher Müssiggänger wird auf das härteste bestraft.
    Ich bin von den tiefen Eindrücken, die diese ehrwürdige Frau auf mich
gemacht hat, ganz durchdrungen. Gott, was ist doch eine solche Person, die mit
vernünftig geleiteten Empfindungen dem menschlichen Uebel abzuhelfen sucht,
gegen eine empfindsame Seele, wie es deren so viele gibt, die zwar aufs
innigste von dem Elend ihrer Nebenmenschen gerührt werden, und deren Herz allen
Eindrücken des Guten offen steht, die es aber bloss beim Empfinden bewenden
lassen, ohne durch tätige Hülfe dem Nächsten beizustehen!
    Welches Verdienst ist grösser: derjenigen ihres, die bloss innige schöne
Empfindungen hat, ohne denselben gemäss zu handeln, oder das Verdienst der
andern, die mit minder starkem Gefühl gute und nützliche Handlungen verrichtet?
Welches Empfinden ist das wahre? Welcher Lohn wird in der Ewigkeit grösser sein?
    Ich erstaune selbst über meine ernstaften Betrachtungen. Sonst waren mir
solche gar nicht eigen. Aber das Bild dieser Matrone, die mit jedem Tage neue
Früchte für die Ewigkeit einsammelt, hat meine Seele durchdrungen, und ich bitte
Gott, dass er auch mich fähig mache, meinen Nebenmenschen wirklich Gutes zu tun,
damit auch ich einem so freudigen Alter entgegen sehen kann. Auf dem Todbette
dieser würdigen Matrone werden viele Gebete derer, welchen sie Gutes tat, mit
den ihrigen vereint, zu Gott empor steigen, und unter heissen ungeheuchelten
Zähren und Dankgebeten wird ihr seliger Geist zu Gottes Tron hinauf eilen. O
möchte ich doch auch einst mit einer so himmlischen Freude meinem Tode entgegen
sehen können!
    Es stand ein Klavier im Zimmer, auf dem die Gellertschen Oden mit der
Bachischen Composition aufgeschlagen lagen. O Julie, könnte ich Ihnen den
herrlichen Ausdruck beschreiben, der das Gesicht des Greises und seiner Gattinn
beseelte, als er das unnachahmlich schöne Lied: Trost des ewigen Lebens -
spielte und sang, und nun auf den Vers kam:
»Dann ruft, o möchte Gott es geben!
Vielleicht auch mir ein Selger zu:
Heil sei dir; denn du hast mein Leben,
Die Seele mir gerettet, du!
O Gott, wie muss das Glück erfreun,
Der Retter einer Seele sein!«
Wir mussten bis den andern Mittag in Berghausen (- so heisst das Dorf -) bleiben,
weil unser zerbrochner Wagen ausgebessert werden musste. Mit äusserster Rührung
trennte ich mich von diesen vortrefflichen Leuten. Sie umarmten mich; und ich
empfieng ihren Kuss mit Ehrfurcht, und erhielt von ihnen die Erlaubnis bald
wieder kommen zu dürfen, um mich durch ihren Umgang aufs neue im Guten zu
stärken.
    Ein unangenehmer Zufall hält uns auch noch eine Stunde unterwegs auf. In so
fern ist es mir zwar lieb, weil ich dadurch Gelegenheit habe, Ihnen, liebe
Freundinn, zu schreiben; aber ich besorge nur, dass sich das zärtliche Herz
meiner Marie über meine verzögerte Ankunft ängstigen wird. Leben Sie wohl, liebe
Julie, der Fuhrmann ruft mich vom Schreiben ab.
                                                                         Sophie.
 
                           Siebenundvierzigster Brief
                                Sophie an Julien
Gott! wie hat mich Mariens Anblick erschreckt! Wie blass, wie abgezehrt sieht sie
aus! Ich kannte sie kaum mehr. Ihr Leiden scheint ihre Gesundheit ganz zu Grunde
gerichtet zu haben. Sie freute sich sehr über meine Ankunft; aber selbst in
ihrer Freude war etwas Krankes. O! hätte sie etwas mehr Gewalt über ihr Herz und
weniger Empfindsamkeit: so wäre sie ein unverbesserliches Muster für unser
Geschlecht. Sie hat die grösste Anlage zum Edeln und Guten, und würde täglich die
herrlichsten Handlungen verrichten; nur Schade, dass sie vor allzuvielem Gefühl
selten zum Handeln kömmt.
    Ich werde alles Mögliche anwenden, sie zu zerstreuen, und ihren Geist auf
andre Gegenstände zu leiten; aber ich fürchte fast, dass ich vergebens arbeiten
werde, denn Eduard sitzt zu fest in ihrer Seele. Wäre er ihrer wert, so würde
ich ihr noch eher verzeihen; aber einen Ungetreuen, der sie so bald vergessen
konnte, noch nach Jahren zu lieben, durch das blosse Lesen eines ehemals von ihm
geschriebnen Briefs wiederum so zu ihm hingezogen zu werden, als wären sie beide
im stärksten Zeitpunkte der Liebe, das kann ich meiner Marie, so sehr ich sie
auch liebe, nicht vergeben. Ich muss diese Gedanken sorgfältig vor ihr verbergen.
    Heute beleidigte ich sie dadurch, dass ich etwas davon gegen sie äusserte. Mit
Tränen verliess sie das Zimmer, und ich machte mir selbst den Vorwurf, dass ich
vielleicht nicht fein genug in der Behandlung eines leidenden Herzens gewesen
war. Von ihrem Kummer durchörungen, folgte ich ihr nach, und wollte sie durch
die zärtlichsten Bitten wieder beruhigen; aber ehe ich zum Reden kommen konnte,
warf sie sich um meinen Hals, und bat mich, ihr zu verzeihen, wenn sie mich
durch ihre schleunige Entfernung beleidigt hätte. Sie fühle leider, dass meine
Vorwürfe nur allzugegründet wären, und beweine die Schwäche ihres Herzens.
    Ich schreibe Ihnen des Nachts; denn ich habe mir vorgenommen sie bei Tage
nicht zu verlassen, um die schädlichen Folgen zu verhüten, welche die Einsamkeit
bei ihr hervorbringen möchte. Schreiben Sie mir doch ja bald, liebste Julie,
grüssen Sie Ihren Mann, und küssen Sie Ihren allerliebsten Jungen von mir. Ich
bin stets mit grösster Zärtlichkeit
                                                                      die Ihrige
                                                                         Sophie.
 
                            Achtundvierzigster Brief
                                Julie an Sophien
Könnte ich Ihnen doch alle Empfindungen meines Herzens gegen Sie schildern,
Teuerste! Welch ein lebhaftes Gemälde der innigsten Liebe und Dankbarkeit
würden Sie dann bekommen! Allein so haben Sie allzugrossmütig sogar den Ausbruch
dieser Empfindungen in meinen Briefen mir untersagt, und ich muss mich Ihren
Befehlen unterwerfen. Aber in der stillen Einsamkeit, oder bei dem Gefühl, dass
wir jetzt unaussprechlich glücklich sind, segnen wir gemeinschaftlich die edle
Sophie, die Schöpferinn unsers Glücks. Karlsheims Herz hat sich ganz wieder zu
mir geneigt; er ist der zärtlichste, beste Gatte gegen mich, und unsre Ehe wird
gewiss immer glücklich bleiben.
    Ich bin hier noch nirgends zum Besuch gewesen. Wir wollen erst die häufigen
Stadtgespräche über uns etwas verrauchen lassen, und alsdann unsern Umgang doch
nur auf sehr wenige einschränken. Ich bin gar nicht für grosse Gesellschaften und
Zerstreuungen, sondern finde mehr Vergnügen daran, die stillen Pflichten der
Mutter und Hausfrau zu erfüllen, und in meinem häuslichen Kreise das Glück
meines Lebens zu finden.
    Karlsheim denkt hierinn mit mir einstimmig. Die rauschenden Freuden der
grossen Welt haben auch für ihn keinen Reiz. Wenn ihm von seinen Geschäften Zeit
übrig bleibt, so mag er sie lieber zu einsamen Spaziergängen anwenden, auf
welchen wir nur von unserm kleinen Gustav begleitet werden. Alsdann gehen wir
auf einem schönen Wege nach einem etwas entlegnen Dorfe, wo wir bei einer
Schaale Milch oder einem andern ländlichen Gerichte, im Schatten einer dunkeln
Linde verzehrt, königlich vergnügt sind. Unterwegs unterrichtet mich mein Mann
in der Naturgeschichte und andern solchen Kenntnissen, die mir notwendig sind,
um meinem Vorsatze gemäss die Erziehung meines Knaben so lange als möglich allein
zu besorgen. In dieser Rücksicht danke ich es meinem Vater, dass er mich in
allerlei Dingen unterrichtete, die man sonst nur dem männlichen Geschlechte
beizubringen pflegt; was ich davon vergass, werde ich durch Lesen zweckmässiger
Bücher nachzuholen suchen.
    Leben Sie wohl, beste, edelmütige Freundinn! Ich wünsche, dass Ihre
Bemühungen, Ihre leidende Marie zu beruhigen, von dem besten Erfolg sein mögen.
Karloheim küsst Ihnen ehrerbietigst die Hand.
                                                                Julie Karlsheim.
                            Neunundvierzigster Brief
                                Sophie an Julien
Unsre arme Marie leidet noch immer sehr. Es ist mir aber doch schon gelungen,
sie um vieles ruhiger zu machen; aber, sie ganz zu beruhigen, das werden ihre
gar zu hoch gespannten Empfindungen wohl nicht zulassen.
    Ich suche sie so viel möglich zu zerstreuen: ich habe sie auch ein paarmal
bewogen, mit mir in Gesellschaft zu gehen; aber ich sehe, dass dieser Weg nicht
der rechte bei ihr ist. Ernstafte Betrachtungen über allerlei Materien machen
noch den grössten Eindruck auf sie, und sind in guten Stunden ihre liebsten
Unterhaltungen. Sie würden mich sehr verbinden, liebste Julie, wenn Sie mir in
Ihren Briefen Stoff zu dergleichen geben wollten. Es würde von grossem Nutzen für
meine Freundinn sein, wenn ich sie so oft als möglich zum Nachdenken über solche
Gegenstände bewegen könnte. Die lebhaften Erinnerungen an ihren Eduard würden
dadurch etwas verbannt werden.
    Verzeihen Sie, dass mein Brief diesesmal so kurz ist, und dass ich nicht Zeit
habe, Ihnen mehr zu schreiben, als die Versichrung, dass es mich unaussprechlich
freut, Sie und Ihren Karlsheim so glücklich zu sehen, als Sie beide es zu sein
verdienen. Ich bitte Sie recht sehr, liebe Julie, machen Sie mir doch ja kein
Verdienst mehr aus einer Handlung, die nichts mehr als meine Pflicht war, und
deren Unterlassung mich unter die niedrigste Klasse der Menschen würde gesetzt
haben. Leben Sie wohl, meine teure Freundinn, und lieben Sie immer so zärtlich
wie jetzt
                                                                            Ihre
                                                                         Sophie.
 
                               Funfzigster Brief
                                Julie an Sophien
Heute habe ich Stoff genug zu ernstaften Betrachtungen; und wenn Ihnen, liebste
Freundinn, etwas daran liegt, so will ich Ihnen denselben gern mitteilen, nebst
der angenehmen Art, wie ich dazu gekommen bin. Mein Gustav liegt schon in süssem
Schlummer; - eben bog ich mich über sein Bettchen, und sah mit Entzücken den
schuldlosen Ausdruck der Ruhe und Zufriedenheit auf seinem kleinen Gesichte. -
Mein Karlsheim ist heute bei dem Hofrat G. zu Gaste. Ich fühle diesen Abend
einen besondern Trieb mit meiner Sophie zu schwatzen. Sehen Sie, meine Liebe!
Aussichten genug, Sie mit einem lange Briefe zu bedrohen.
    Ich ging heute Nachmittag unsern gewöhnlichen Weg spazieren, bloss von
meiner treuen Liese, welche meinen Kleinen trug, begleitet. Dieser Weg führt auf
lauter schönen Wiesen an der Krümmung eines breiten Bachs hin. Ist man so eine
halbe Stunde gegangen, so kömmt man durch ein kleines Buschwerk in eine artige
Weidenallee, welche zu der Mühle führt, die Ihnen bekannt sein wird. Dann pflege
ich gewöhnlich in einer Laube am Wasser Platz zu nehmen, und mich an der schönen
Aussicht und dem Rauschen des Wassers zu laben. Dieser schöne Ort wird sehr
selten besucht, - zur Schande der Städter, die bloss aus dem elenden Vorwande
nicht hingehen, weil nichts Ordentliches da zu haben wäre. - Um desto mehr
befremdete es mich, eine junge Frau in der Laube zu sehen, die ein ganz kleines
Kind auf der Erde kriechend, und noch zwei etwas ältere bei sich hatte; die
Kinder sowohl als sie selbst waren sehr schön.
    Ich stutzte ein wenig. Sie aber kam mir gleich mit der angenehmsten Art
entgegen, fragte mich, ob ich auch Geschmack daran fände, hier, ungestört vom
Gewühl der Stadt, der schönen Natur zu geniessen, und nötigte mich, neben ihr
Platz in der Laube zu nehmen. Wir wurden bald sehr bekannt, und ich erfuhr, dass
meine Gesellschafterinn die junge Kriegsrätinn B. war, von der ich schon durch
Karlsheim viel Gutes gehört hatte. Es war sehr natürlich, dass zwei junge Mütter
von ihren Kindern - dem interessantesten Gegenstande für sie, versteht sich den
Mann mit eingeschlossen - redeten. Ich bewunderte die ihrigen, und ich muss auch
gestehen, dass ich noch nie so allerliebste kleine Geschöpfe gesehen habe. Und
was mich am meisten befremdete, das war die Standhaftigkeit dieser so zärtlichen
Mutter gegen diese Kleinen, beinahe schien es Härte zu sein. Der kleine Wilhelm
- ein Kind von fünf Vierteljahren, begehrte etwas, das er nicht haben sollte,
und fieng an zu weinen. Man hörte gar nicht auf ihn. Als er stärker schrie, gab
ihm seine Mutter ein paar Schläge mit der Rute, und legte ihn ganz gelassen in
eine entfernte Ecke. Ich erwartete nun ein verdoppeltes Weinen. Aber weit
gefehlt. Er schwieg augenblicklich still, kam zu seiner Mutter - er fängt eben
an zu gehen - und flehte mit den schmeichelndsten Geberden sie an, ihn auf den
Schoss zu nehmen. Sie wies ihn ab; er zog ein weinerliches Gesicht; sie drohte
ihm mit dem Finger, sagte ein ernstaftes Wilhelm! und der Junge spielte auf der
Erde so vergnügt, wie vorher.
    »Ich bewundre Ihre Standhaftigkeit, Frau Kriegsrätinn. Ich muss gestehen,
dass ich es nicht so weit gebracht habe, und dass mir der jetzt mit Macht
wachsende Eigensinn meines Gustavs viel Sorge macht.«
    »Glauben Sie mir, meine Liebe, es ist kein besseres Mittel, diesen Eigensinn
gleich früh zu unterdrücken, als wenn man dem Kinde gar keine Achtsamkeit auf
sein Weinen zeigt.«
    »Aber, mein Gott, wie ist das möglich? Die Tränen eines so hülflosen
Geschöpfes zu sehen, ohne sie zu trocknen! Ich muss gestehen, dass das Weinen
eines kleines Kindes oft die stärksten Vorsätze seiner Erziehung in mir
zernichtet hat.«
    »Diese Weichheit dient gewiss nur dazu, dem Uebel einen Augenblick
abzuhelfen, um es nachher desto stärker zu machen. Das Kind wird bald den
Eindruck merken, den seine Tränen auf Sie machen. Es wird bald Dinge fodern,
welche Sie ihm ohne den grössten Nachteil nicht gewähren können, und wird
alsdann bei jeder Verweigerung in das gellendste Geschrei ausbrechen.«
    »Aber ein starkes Schreien kann doch der Gesundheit gefährlich werden?«
    »Das ist der Deckmantel, unter dem sich gewöhnlich die Schwäche der Mütter
verbirgt. Ich habe über diesen Punkt mehrere Aerzte befragt, und immer die
Antwort erhalten, dass das Weinen einem Kinde nicht schade, wenn es nicht
allzuheftig und oft wiederholt würde, und auch dann schade es ihm nur äusserst
selten. Man kann das ja auch an den Kindern sehen, die, aller Verpäpelung
ohngeachtet, doch oft mehrere Stunden hinter einander schreien, ohne
nachteilige Folgen für ihren Körper davon zu haben. Und dann, meine Beste, kann
ich Ihnen aus der Erfahrung bezeugen, dass ein Kind, welches man anfangs
einigemal vergeblich weinen liess, eines solchen heftigen Geschreis gar nicht
fähig ist, da hingegen ein solches, dem man immer nachgibt, gar wohl im Stande
ist, wenn ihm einmal etwas verweigert wird, so heftig zu weinen, dass es aus
Bosheit Verzuckungen bekömmt und ganz blau wird, wie ich schon mehrmal gesehen
habe, und das kann denn wohl freilich der Gesundheit schaden, ob gleich immer
auch in diesem Fall die Rute das beste Mittel bleibt.«
    »Ich sehe freilich wohl ein, dass diese Zärtlichkeit falsch ist, und dem
Kinde selbst sehr nachteilig wird; aber sagen Sie mir, beste Frau, wie wollen
Sie unterscheiden, ob ein ganz kleines Kind aus wahrem Bedürfnis oder aus
Eigensinn weint? Und im ersten Fall werden Sie selbst es doch wohl für hart
halten, ihm nicht beizustehen.«
    »Allerdings. Aber bei einem kleinen Kinde sind die Bedürfnisse bloss Hunger,
Schlaf und Reinlichkeit. Diese muss ich immer befriedigen und - -«
    »Verzeihen Sie, dass ich Sie unterbreche. Rechnen Sie denn die Unpässlichkeit
dieser Kleinen gar nicht?«
    »Wenn das Kind von gesunder Leibesbeschaffenheit ist; wenn die Mutter es
durch Mässigkeit vor Leibkneipen und Blähungen schützt; wenn sie durch kein
festes Einwickeln seine kleinen Glieder zusammen presst; wenn sie alle Sorgfalt
darauf wendet, es stets reinlich zu halten, und durch trockne Wäsche und öfteres
kaltes Waschen es für Wundwerden zu hüten, und überhaupt bemüht ist, seinen
Körper durch eine harte Erziehung abzuhärten: so glaube ich, dass es von keinen
Schmerzen wird beunruhigt werden. Und wenn es ja ein unangenehmes Gefühl hätte,
sagen Sie mir, können Sie dadurch, dass Sie es aufnehmen und hätscheln, seinen
Schmerz vertreiben?«
    »Das wohl nicht. Aber ich kann es doch dadurch zerstreuen.«
    »In der Tat, Sie sind eine gefährliche Gegnerinn. Ich denke aber doch, dass
es besser ist, es gleich so zu gewöhnen, dass es zu seiner Zerstreuung und
Belustigung so wenig als möglich fremder Hülfe bedarf. Indessen will ich Ihnen
nur meine eigne Schwäche gestehen. Mein Wilhelm kränkelte vor kurzem an einem
Stickhusten. Ich war so besorgt und zärtlich für ihn, dass ich allen seinen
Einfällen während der Krankheit nachgab, und habe dafür das Misvergnügen, ihn
jetzt - wie Sie erst gesehen haben - viel eigensinniger zu finden, als er sonst
war.«
    »Wer könnte aber ein krankes Kind mit Härte behandeln?«
    »Es ist allerdings schwer, und oft bat mich ein ihm gegebner Schlag eine
heimliche Träne gekostet, und ich bin nur mit äusserster Mühe standhaft
geblieben. Aber ist es nicht noch weit trauriger, wenn eine Krankheit in so
kurzer Zeit den ganzen Bau verdirbt, den wir so mühsam aufführten? Wenn der
Körper des Kindes gesund, aber seine Seele verdorben wird? Und das geschieht so
leicht! Das Kind merkt, dass wir stärker besorgt, aufmerksamer auf seine Wünsche
sind, als gewöhnlich; es macht einen Versuch, Sachen zu begehren, die man ihm
sonst nicht würde erlaubt haben; es sieht, dass es ihm gelingt. Ein wunderliches
Begehren folgt dem andern; alle werden erfüllt - und der kleine Tyrann ist da.
Diesem kann man gewiss vorbeugen, wenn man sich auch in der Krankheit gleich
anfangs seinen ungewöhnlichen Einfällen widersetzt. Ein gut erzognes Kind wird
durch eine solche Verweigerung in kein heftiges Weinen, oder andre ähnliche
Ausbrüche des Unwillens geraten, und wenn es also sieht, dass man es ganz so wie
gewöhnlich behandelt, und seine Unarten eben so wie sonst bestraft, so wird die
Krankheit gewiss keine nachteilige Veränderung in seinem Betragen bewirken.
Ueberhaupt, dünkt mich, ist es sehr vorteilhaft für die Kinder selbst, wenn man
sie daran gewöhnt, ihre Wünsche oft unbefriedigt zu sehen. Gewöhnt man sie, alle
törichte Neigungen zu erfüllen: so macht man sie in ältern Jahren unglücklich.
Denn es wird sich doch oft bei ihnen zutragen, dass Menschen oder Umstände nicht
die unweise Nachgiebigkeit ihrer Eltern gegen sie haben, und dann werden sie
unwillig und ungeduldig werden, und unfähig sein, das geringste Leiden zu
ertragen.«
    »Ich fühle mit Beschämung, dass ich bisher nur schwach, und nicht mit weiser
Zärtlichkeit gegen mein Kind handelte. Aber sagen Sie mir, meine Beste, woher
haben Sie diese trefflichen Einsichten erlangt?«
    »Ach Gott! die Einsichten machen es nicht allein aus. Man kann sie haben und
doch zu schwach sein, ihnen gemäss zu handeln. Ueberhaupt ist es ein ganz andres
Ding, idealische Erziehungsplane zu lesen, und ein Kind im Lauf des menschlichen
Lebens wirklich zu erziehen. Ich war schon als Mädchen lebhaft davon überzeugt,
dass es eine Torheit sei, ein Kind in den Jahren, wo es noch keine Vernunft hat,
durch vernünftige Vorstellungen leiten zu wollen. In den ersten Jahren ist der
Mensch bloss Tier, und muss durch sinnliche Gefühle geleitet werden. Ihn ohne
Schläge erziehen zu wollen, wäre eben so töricht, als wenn ich einen Jagdhund -
verzeihen Sie das Unedle des Gleichnisses - zu dressiren dächte, ohne den Stock
zu gebrauchen. Es versteht sich, dass man nur wenn es notwendig ist, und ohne
Hitze, schlagen muss. Aber ohne dieses Mittel ist es nicht möglich, dem Kinde
Gehorsam gegen die Eltern einzuprägen. Und strenger Gehorsam muss die Hauptstütze
der Erziehung sein. Von allem diesem also war ich - durch eine vortreffliche
Frau, deren letzte Ausbildung ich genoss - (gesegnet sei ihre Asche!) - lebhaft
überzeugt, und doch kostete es mich viel, meiner Ueberzeugung gemäss zu handeln;
ich war einigemal im Begriff, zu der so guten Metode, ein ungestüm weinendes
Kind zu schlagen, die sehr unvernünftige hinzuzusetzen, es aufzunehmen, wenn es
fortfuhr, oder sich fest um meine Knie klammerte. Aber Dank sei es meinem
vernünftigen Mann, dass er meiner Schwäche widerstand!«
    »Aber wird nicht die Neigung des Kindes durch solche harte Mittel von der
Mutter abgewandt?«
    »Das war auch meine Besorgnis. Allein ich habe sie dadurch vernichtet, dass
ich mich selbst zur einzigen Wärterinn meiner Kinder machte, sie fütterte, kurz,
dass ich auch das, was sie vergnügte, durch niemand anders ihnen tun liess, als
durch mich, und dafür hängen auch meine Kinder mit unaussprechlicher
Zärtlichkeit an mir. Ich würde es auch nicht ertragen können, wenn sie ein
Dienstmädchen oder sonst jemand mehr liebten als mich.«
    »Es ist mir auch immer ein schlechter Beweis für die Güte der Mutter, wenn
ihr Kind mehr an ihren Mägden als an ihr selbst hängt, und ich habe es auch mir
immer zur Pflicht gemacht, meinen Gustav selbst zu warten: aber bei dreien
Kindern ist es doch nicht möglich, ihre Wartung allein zu besorgen.«
    »Und warum nicht, meine Liebe? Mir ist es möglich gewesen. Freilich, wenn
man sie an ein stetes Tragen oder Wiegen gewöhnt, so ist es nicht möglich. Aber
das ist sehr lästig für die Mutter, und auch lange nicht so gut für die Kinder,
als wenn man ihnen selbst den freien Gebrauch ihrer Glieder überlässt. Ich habe
meine Kinder gleich anfangs auf ein Küssen auf die Erde gelegt, und sie da sich
selbst überlassen.«
    »Aber verlangte denn das Kind nicht aufgenommen zu werden?«
    »Weil es von Anfang an nicht anders gewöhnt wurde, so wusste es auch nichts
Bessers. Aber einige Tage lang hielten mich unabänderliche Geschäfte von ihm so
entfernt, dass ich selten bei ihm sein konnte, als wenn ich es saugen liess. Eine
Tante, die bei mir war, hatte es, meiner Bitten ohngeachtet, oft in der Zeit
getragen, und nun wollte ihm das Liegen nicht mehr schmecken. Aber ich liess es -
ohngeachtet mir der Kummer seines kleinen Herzens in die Seele drang - ruhig
liegen und schreien, bis es endlich vor Mattigkeit einschlief. Dieses versuchte
ich einigemal, und es liess sich nicht einfallen, sich aufs neue wiederum durch
unnütze Arbeit zu erschöpfen. Die Wartefrau und Tante schrien zwar über mich,
und konnten nicht aufhören, den armen Wurm zu bejammern; mein Gesinde brachte
mich in der ganzen Stadt in den Ruf einer unmenschlichen Grausamkeit; aber ich
setzte mich über alles das hinaus, überzeugt, dass meine anscheinende Härte zu
des Kindes wahrem Besten gereichte.«
    »Sollte denn das viele Liegen den Kindern nicht schädlich sein? Sie bedürfen
doch so gut der Bewegung, wie wir.«
    »Ich habe Ihnen schon gesagt, dass der Mensch in diesen ersten Jahren bloss
Tier ist. Und wer trägt wohl jemals die jungen Tiere? Und doch sind sie
verhältnissmässig weit stärker als unsre Kleinen. Ich habe meine Kinder nur die
ersten acht Tage, und doch nur des Nachts, ganz locker wickeln lassen. Ich habe.
ihr Waschwasser mit jedem Tage weniger lauwarm machen lassen, so dass ich sie mit
der dritten Woche schon ganz kalt badete. Ich hielt sie nur gerade so bedeckt,
als es nötig war, um sie vor der äussersten Kälte zu schützen, gewöhnte sie
stufenweise alle Arten von Luft zu ertragen, und auf diese Art wurden sie so
stark, dass sie sich bald auf ihrem Küssen bewegten, und herunter zu kriechen
anfiengen.«
    »Ich sehe an den geraden Beinen Ihrer Kinder, dass auch die Besorgnis
ungegründet ist, als wenn das Kriechen ihre Füsse schief machte.«
    »Sie werden zuweilen wohl etwas krumm, aber das Manteltragen gibt ihnen
eine noch ungleich schiefere Richtung. Und dann werden ihre Füsse von selbst
gerade, wenn sie gehen lernen.«
    »Auch das haben ihre Kinder wohl von selbst gelernt. Aber sind sie nicht oft
dabei gefallen?«
    »Sie fielen anfangs sehr häufig, aber ohne Schaden zu nehmen; denn ihr
Körper, sich selbst überlassen, hatte seine kleinen Glieder so gut brauchen
lernen, dass sie sich immer zu helfen wussten, und diese Gelenkigkeit ihrer
Glieder soll ihnen auch, hoffe ich, noch in der Folge gute Dienste tun. Ich
hüte mich auch sehr, sie zu bedauern, und erschrocken zu tun, wenn sie fallen;
denn dieses macht, dass sie weinen, nur selten verursacht es der Schmerz. Sollten
sie einmal in Tränen ausbrechen, so muss man sie zuerst zerstreuen, und ihnen,
wenn es notwendig ist, Hülfe leisten, aber ja keine Aengstlichkeit, kein
Bedauern, oder gar Unwillen auf den Gegenstand, über welchen sie fielen, merken
lassen. Man muss aber ein Kind so wenig als möglich an fremde Hülfe gewöhnen;
denn es kömmt ihnen in der Folge ihres Lebens sehr zu Statten, wenn sie darin
geübt sind, sich stets selbst zu helfen. - Aber verzeihen Sie, dass ich Ihnen so
viel von meinem Lieblingsgegenstande vorgeplaudert habe.«
    »Ich kann Ihnen nicht genug danken, dass Sie meine Begriffe über diese
Materie so sehr aufgeklärt haben. Ich werde von nun an mit gedoppelter Sorgfalt
über die Erziehung meines Gustavs wachen, und sollte es mir einmal an Geduld und
Standhaftigkeit gebrechen, so komme ich zu Ihnen, meine Teure.«
    Diese liebe Frau antwortete mir mit vieler Güte, und trug mir ihre
Freundschaft an, die mir unendlich viel wert ist. Wir kehrten unter den
angenehmsten Gesprächen nebst unsern Kindern nach Hause zurück, und ich konnte
nicht unterlassen, Ihnen, liebe Sophie, meinen neu erworbnen Schatz
mitzuteilen. Gott! wie ehrwürdig ist doch eine Mutter, die ihre Kinder gut
erzieht! Ach diese kleinen unschuldigen Geschöpfe sind es gewiss wohl wert, dass
man alles aufopfert, um für ihre Bildung zu sorgen. Menschen für die Ewigkeit zu
erziehen, welch ein Gedanke! Gott! stärke mein Herz, an meinem Kinde dein grosses
Beispiel gegen uns nachzuahmen. Entferne alles aus meiner Seele, was seine gute
Erziehung hindern könnte, und reinige und bessere mein Herz, damit ich mehr durch
Beispiel, als durch Lehren, es zum Guten anführe!
    Es ist ausgemacht, dass jede gute Handlung ihre schönen Folgen mit sich
führt, aber gewiss wird keine derselben eine so schöne Quelle des Glücks für uns
sein, als die gute Erziehung unsrer Kinder; so wie hingegen eine Vernachlässigung
derselben uns durch ihre ungeratne Gemütsart aufs empfindlichste bestraft.
    Ich bin ganz müde vom Schreiben, und Sie werden viele Mühe haben, mein
unleserliches Geschmier zu verstehen. Schlafen Sie wohl, meine Teure. Morpheus
gaukle mit den angenehmsten Bildern um ihre Phantasie. Möchte doch unter
denselben auch befindlich sein
                                                                            Ihre
                                                                Julie Karlsheim.
 
                            Einundfunfzigster Brief
                                Sophie an Julien
Vielen Dank, liebes bestes Weib! für Ihren vortrefflichen Brief. Er hat uns auf
die angenehmste Art unterhalten, und wir bewundern die liebenswürdige Charlotte
B. Marie aber glaubt doch, dass sie kaum zu einer solchen Erziehung
Standhaftigkeit genug haben würde. Ich meiner Seits aber denke dereinst bei
meinen Kindern ganz dieser Metode zu folgen, die mir sehr vernünftig scheint.
Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr es mich kränkt, diese Frau bisher nicht
genau gekannt zu haben, und wie ich mich schäme, dass ich so oft in Spöttereien
über ihre Kinderzucht mit einstimmte, von der ich doch bis jetzt einen ganz
falschen Begriff hatte. Ich hörte von ihr nur als von einer Frau reden, die gar
keine mütterliche Liebe gegen ihre Kinder hätte, die sie vielmehr hassete, und
dieses sagten Weiber, welche wirklich durch eine ganz verkehrte Erziehung, und
durch alle mögliche Päpelei, wahren Hass gegen ihre Kinder beweisen. Wie sehr bin
ich gedemütigt, dass ich diesen Verläumdungen wohl gar Glauben beimass, ohne sie
zu untersuchen!
    Hier ist die Erziehung im kläglichsten Zustande. Man zwängt die kleinen
Kinder gleich nach ihrer Geburt in feste Windeln. Das erste Vierteljahr kommen
sie nicht aus der Kinderstube, woselbst man stets beschäftigt ist, sie zu
tragen, und wenn dann der Wärterinn die Arme weh tun, so packt sie es in eine
Wiege, und schaukelt es so, dass ihm Hören und Sehen vergeht, bis es vor
Betäubung einschläft. Mit dem vierten Monat wagt man es denn wohl zuweilen, sie
an die Luft zu bringen, aber nur an recht warmen Tagen; und dann hüllt man sie
so fest in einen Mantel ein, dass nichts als die Hälfte des Gesichts heraus
guckt, damit sie ja in beständig starker Transspiration bleiben. Ist das erste
Jahr vollbracht, so entwöhnt man sie, und ist sehr besorgt, die abgehende
Nahrung dadurch zu ersetzen, dass man ihren Magen Tag und Nacht mit Brei
verkleistert, und ihnen in den Zwischenzeiten einen Zuckertiss - so nennt man
einen zusammengebundnen Lappen, der mit Zucker und Zwieback ausgestopft ist - in
den Mund steckt; denn jede Mutter sucht darin ihre Ehre, wenn das liebe Kind
recht fett gemästet ist.
    Im zweiten Jahr denkt man denn wohl daran, dass ihnen die Natur doch
vermutlich die Füsse zum Gehen gegeben haben könnte. Man wagt es nun also
zuweilen, sie im Gängelband auf der Erde zu leiten. Dieses wird ihnen wegen
ihres schweren Körpers, und wegen der Ungewohnheit, ihre Glieder selbst zu
gebrauchen, herzlich sauer. Ihre Füsse, die schon im Mantel eine schiefe Richtung
bekommen haben, wachsen nun ganz einwärts; die Brust beugt sich vor-und macht
mit dem aufgetriebnen Bauch eine gerade Linie. Auch die Schultern werden durch
das Gängelband in die Höhe getrieben. Das Gesicht ist aufgedunsen, und hat eine
kränkliche Farbe, und der Tanzmeister hat alle Mühe von der Welt, dieser
verzerrten Figur eine erträgliche Stellung beizubringen. Fällt nun das Kind
zuweilen einmal - (und wegen seiner Ungeschickteit wird es häufig fallen, wenn
es sich selbst überlassen wird -) so erhebt man ein Angstgeschrei; die Wärterinn
nimmt es auf den Schoss, gibt ihm Zucker und andre magenverderbliche Sachen,
lässt es die böse Erde schlagen, und sucht es auf alle Weise zu besänftigen.
    Nun beschäftigt man sie damit, ihnen Gespenstergeschichten zu erzählen, sie
hübsch angeputzt vor den Spiegel zu stellen, und sich selbst bewundern zu
lassen; ihnen von Braut und Bräutigam und von andern törichten Dingen
vorzuschwatzen, die der hirnlose Kopf der Wärterinnen aussinnt. Eine
französische Gouvernantinn fängt an, sie mit Vokabeln und Buchstabieren zu
quälen; der Hofmeister gibt ihnen Religionsunterricht, welcher darin besteht,
sie Sachen herplappern zu lehren, von welchen sie kein Wort verstehen. Kurz, man
bemüht sich, ihren Kopf zu einem Chaos von lauter verworrnen undeutlichen Ideen
zu machen.
    Bis jetzt hat die Mutter sie wenig anders als bei Tische gesehen; nun fängt
sie an, sie zuweilen mit in Gesellschaft zu nehmen. Sie unterrichtet sie also
sorgfältig von ihrem vornehmen Stande, wie sie sich demselben gemäss betragen,
gegen Vornehme ein untertäniges höfliches, und gegen Geringere ein nachlässiges
verächtliches Betragen annehmen sollen. Versieht das Kind etwas, so heisst es:
das war einmal wie ein Bauernkind gehandelt; und durch mehrere solche
Äusserungen bringt man ihnen eine Verachtung gegen diesen Stand bei, ohne den
doch alle andern Stände nicht bestehen können.
    Doch ich ermüde, Ihnen die törichte Kinderzucht der hiesigen Damen noch
weiter zu beschreiben. Genug, dass die jungen Mädchen die unerträglichsten
Zieraffen und die Söhne entweder roh und ungeschliffen, oder auch fade Stutzer
sind. Mariens Geist und Herz ist zu edel, um an dieser Gesellschaft Geschmack zu
finden; auch wird sie von diesen Weibern, für die sie freilich nicht gemacht
ist, gehasst.
    Vor einigen Tagen waren wir zum Besuch bei einer solchen Gans gebeten. Es
befanden sich ein kleiner Knabe und zwei Mädchen von sechs und acht Jahren im
Zimmer. Das älteste Mädchen war schön, aber schon ganz eines von den Gesichtern,
die stets bemüht zu sein scheinen, es selbst zu sagen. Das jüngste war von den
Pocken verdorben worden, hatte aber doch eine gute offne Miene. Ich bemerkte
dieses letzte gegen die Mutter.
    »Ach! sprach sie, was tue ich mit der offnen Miene, da das Mädchen so
hässlich ist wie eine Fratze? Sie glauben gar nicht, was ich für Aerger von ihr
habe. Keinen Augenblick kann sie auf einer Stelle sitzen. Ruckst du schon wieder
auf deinem Stuhl, du garstiges Tier! Du möchtest wohl gern den ganzen Tag auf
der Strasse liegen, wie die Bauernkinder, und du hättest doch gewiss nicht nötig,
den Leuten dein Fratzengesicht zu zeigen. Ehe ich michs versehe, entwischt das
alberne Mensch vor die Strassentür, und spricht mit den gemeinen Kindern. Habe
ich dir es nicht so oft verboten, du solltest dich nicht mit dem schlechten
gemeinen Volk abgeben? Wenn ich es noch einmal sehe, so werde ich dich so derb
abprügeln, dass dir die Lust wohl vergehen soll.«
    Das Kind. »Unser Informator sagte mir heute in der Stunde, die gemeinen
Kinder wären so gut von Gott erschaffen, als wir.«
    »Du naseweisses Tier, was hast du zu reden? Der Informator ist nicht
gescheidt, wenn er euch solches dummes Zeug vorschwatzt. Kein Unterschied unter
vornehmen und gemeinen Leuten? Wie albern ist das! Malchen ist darin viel
klüger, als du. Die lässt sich nicht mit allen Leuten in Gespräch ein; und läuft
auch nicht den ganzen Tag herum. Sieh, wie sie so still sitzt! Und sie hat doch
ein ganz anderes Gesicht, als du, garstiges Ding! Glauben Sie nicht auch,
Mademoiselle, dass das Mädchen recht schön werden wird? Sie verdirbt aber auch
ihre Haut nicht so in der Luft, wie jene. Sie gienge nicht um vieles nur über
den Hof, wenn die Sonne scheint: nicht wahr, Malchen? Ein klein Bisschen
eigensinnig bist du wohl manchmal, aber dafür bist du auch mein ältstes schönes
Töchterchen. So, halte nur den Kopf recht gerade, mein Kind!«
    Das Mädchen sass da, und verlor kein Wort von dieser klugen Rede. Es wurde
Obst gegeben, und die Kleine hob hurtig einen Apfel auf, der zur Erde fiel.
    »Sehen Sie wohl, Mama - schrie Malchen - da nimmt Justchen schon wieder, ehe
andre Leute was haben. Willst du mir bald den Apfel hergeben?«
    Das Kind weigerte sich. Malchen schlug und kratzte es, und wie es sich
wehrte, erhub sie ein Zetergeschrei:
    »Sehn Sie doch nur, Mama, hier hat sie mir meine Brustschleife abgerissen.«
    Nun sprang die Mutter wütend auf, stiess die kleine mit vielen Schimpfreden
aus der Stube, und war sehr bemüht, Malchen durch allerlei Liebkosungen zu
trösten. Auf einmal vermisste ich meinen Fächer, und siehe, der Knabe hatte ihn,
während der Bataille der andern, heimlich weggenommen. Es war mein bester, und
also können Sie wohl denken, liebe Julie, dass es mir ein Stoss ins Herz war, ihn
in des Knaben Händen zu sehen.
    »Liebes Kind, wollten Sie mir wohl den Fächer geben? Er ist sehr
zerbrechlich; ich will Ihnen etwas anders dafür geben.«
    Die Mutter. »Fritzchen, gieb doch hin, du sollst auch Zuckerplättchen
haben.«
    »Ne doch, ich will noch mit spielen.«
    Sie war in grosser Verlegenheit, und nahm Fritzchen auf den Schoss, der sich
mit Händen und Füssen wehrte. Sie versprach ihm alles Mögliche, küsste und
streichelte ihn, aber umsonst! Der Junge fieng so entsetzlich an zu kreischen,
dass sie ihn erschrocken herunter liess. Darauf schlug er sie mit dem Fächer ins
Gesicht, und ich sah, dass schon ein Stab gebrochen war.
    »Wollten Sie mir wohl erlauben, liebe Madam, dem Kinde den Fächer
wegzunehmen? Es ist ein Andenken von meinem Onkel, und ich möchte ihn nicht gern
zerbrochen sehen.«
    Ich versuchte es; aber der Junge trat mit dem Fusse nach mir, so dass er
gleich ein grosses Loch in meine Florschürze riss; endlich wand ich ihn aus seiner
Hand. Nun hätten Sie das Toben, das Heulen sehen sollen. Ich dachte er bekäme
jeden Augenblick das böse Wesen. Die Mutter sprang erschrocken auf ihn zu.
    »Fritzchen, liebes Fritzchen, gieb dich doch zufrieden, du sollst ein ganz
neues Kleid haben. Dass man auch immer von Fremden solchen Aerger haben muss! Was
wäre denn an dem Lumpenfächer gelegen gewesen - so brummte sie zwischen den
Zähnen. - Das arme Kind! Es wird sich gewiss Schaden tun.«
    Nichts wollte helfen. Sie bat mich, ihm doch den Fächer wieder zu geben, sie
wolle mir gern einen andern kaufen. Ich tat es, obgleich höchst ungern. Nun
wollte ihn der Junge nicht einmal, und sie hatte viele Mühe, seinen Trotz so
weit zu überwinden, dass er ihn hinnahm.
    Zu meinem Verdruss waren wir auch auf den Abend gebeten. Es wurde mir sehr
sauer, Wort zu halten; denn Madam sah mich sehr scheel an, weil ich so unhöflich
gewesen war, und mir nicht gleich hatte wollen meinen Fächer verderben lassen.
Die Gesellschaft ihres Mannes, der beim Essen zu uns kam, und uns sehr
vernünftig und angenehm unterhielt, erheiterte mich wieder. Es verstand sich,
dass die Kinder auch mit an den Tisch kamen, Justchen ausgenommen.
    Wie würde ich doch das Herz haben, solche ungezogne Geschöpfe unter Fremde
zu bringen, und die ganze Gesellschaft durch sie beunruhigen zu lassen? -
Malchen spielte die Zierpuppe, und ass sehr wenig, weil ihr fest eingeschnürter
Leib ihr nicht mehr zuliess. Fritz aber verlangte mit Ungestüm von allen Speisen.
Der Vater sah mit unwilligen Blicken nach ihm und der Mutter hin, sagte aber
nichts, und bemühte sich interessante Gespräche aufzubringen, welche uns nicht
zuliessen, alle Ungezogenheiten des Jungens zu bemerken. Endlich verlangte er von
einem feinen Gerichte, davon nur eine kleine Portion da war. Wie die Mutter es
ihm verweigerte, wollte er laut weinen, und sie gab ihm voller Angst ein Bisschen
hin.
    »Ne, schrie er laut, ich will den ganzen Teller haben.«
    »Sei doch still, Fritzchen, es ist ja nur ein wenig für die Fremden da. Du
kriegst noch Kuchen.«
    »Den will ich nicht. Geben Sie mir den Teller.«
    Bei einer nochmaligen Verweigerung warf er seinen Löffel nach der Mutter
hin, und stiess ein Glas Wein um. Nun konnte sich der Vater nicht länger halten.
Er stand auf, und wollte den Buben beim Arm die Treppe hinunter bringen, aber
nun sprang sein Weib auf:
    »Rühren Sie ihn mir nicht an. Schämen Sie sich, Ihren Aerger an dem armen
Wurm auszulassen. Komm, Fritze.«
    »An der Mutter, die durch Affenliebe ihre Kinder zu Grunde richtet, sollte
ich ihn freilich zuerst auslassen. Kurz und gut, ich will solche Unarten nicht
länger dulden.«
    Drauf erhob sie ein Geschrei von alle dem, was er ihr zu danken hätte, und
nun wollte ein solcher Schuft, durch sie zum Mann gemacht, sich sö mausig
machen. - Er schämte sich, und wollte schweigend zu seinem Platz zurückkehren,
aber sie stiess eine Menge Schmähungen aus, und schimpfte ihn einen schlechten
Kerl, so, dass er höchst aufgebracht wieder umkehrte.
    »Nein, das ist zu viel. Meine Geduld reisst endlich. Da, heule und schreie
mit deinem Jungen um die Wette!«
    Mit den Worten stiess er beide in ein Nebenzimmer, und schloss die Tür ab.
    »Verzeihen Sie - sprach er zitternd vor Aerger - dass Sie Zeugen eines
solchen Auftritts sein mussten. Ich habe bisher nur zu viel Nachsicht gegen eine
Frau gehabt, der ich leider mein äussres Glück zu danken habe. Streit und Zank
hasse ich bis in den Tod; darum habe ich bisher meinen Gram stillschweigend
erduldet: aber der Greuel der Kinderzucht geht zu weit. Ich kann es vor Gott
nicht verantworten, wenn ich diese unschuldigen Geschöpfe so ganz ihrem
Verderben überlasse. Ich will sie morgendes Tages alle drei in eine Pension
schicken; denn hier werden sie ganz ruinirt.«
    
    Ein paar Tage nachher hörte ich, dass der gute Mann nicht durchgedrungen ist.
Sein mächtiger Schwiegervater, der ihm sein Amt verschafte, hat sich ins Mittel
geschlagen; er hat zu Kreuze kriechen müssen, und unter der Bedingung Gnade
erlangt, dass er sich nie wieder in die Kinderzucht seiner teuren Hälfte mischen
wollte. Wer ist nichtswürdiger, ein solches Weib, oder ein Mann, der
niederträchtig genug ist, um zeitlicher Vorteile willen sich mit einem solchen
Teufel zu verbinden, und Ehre, Vernunft und alles zu verläugnen? Wie glücklich
werden Sie sich jetzo schätzen, liebste Julie, dass Sie Verstand und Stärke genug
haben, ihr Kind mehr zu lieben als das Ungeheuer, Vorurteil!
    Marie ist sehr bekümmert, weil sie ein Blatt von Eduards Briefe vermisst. Sie
hat allentalben nachgesucht, aber vergeblich. Wir können beide nicht begreifen,
wo es hingekommen sein mag. - Adieu, liebste Julie. Wenn Sie Ihre neue Freundinn
sprechen, so empfehlen Sie mich ihr, und versichern Sie die liebe Frau meiner
ganzen Hochachtung.
                                                                         Sophie.
 
                                 Zweiter Teil
                            Zweiundfunfzigster Brief
                              Wildberg an Amalien
Ich schreibe Ihnen, halb rasend vor Wut und Eifersucht. Die fromme Marie! Gegen
mich schwatzt sie von lauter Tugend und Pflicht, und unterhält dabei einen
geheimen Briefwechsel mit ihrem ehemaligen Liebhaber! Teufel und Hölle! ich darf
es nicht wagen, ihre Hand zu berühren, und der elende Kerl schreibt ihr die
zärtlichsten Liebeserklärungen, und bekömmt eben solche von ihr! Aber ich werde
mich rächen. Zittre, du Schwachkopf! Wildberg hat schon einmal Eure Plane
vernichtet; er wirds wieder tun.
    Ich habe ein Mädchen, das bei Marien dient, mit Gelde bestochen. Diese nun
sagte mir, dass ihre Frau oft Papiere läse, und dann ganz tiefsinnig sässe und
weinte. Ich versprach ihr einen Dukaten, wenn sie mir das Papier brächte.
Susanne ist ein listiges Mensch, und zog ihr einst des Morgens beim Anziehen ein
Blatt aus der Tasche, die sie ihr holen musste. Und nun denken Sie meine Wut,
als ich es las. Es war der Schluss eines Briefs, und lautete folgendermaassen:
»Ich muss aufhören zu schreiben, Inniggeliebteste, und doch ist mein Herz noch so
voll; ich sehe auch, dass es unmöglich ist, diesem Blatt das Feuer mitzuteilen,
das für dich hier in meiner Brust lodert. O! warum kann ich nicht zu dir
hinfliegen, und noch einmal zu deinen Füssen den Taumel der Wonne fühlen, in
welchem meine Seele dahin floss? Lebe wohl, Abgott meines Herzens. Ewig werde ich
dich so heiss, so unaussprechlich lieben, als jetzt. Ich fühle es, dass mein Geist
geschaffen ward, um mit dem deinigen verbunden zu sein. Keine Zeit, selbst nicht
die Ewigkeit, soll dein geliebtes Bild mir entreissen. Noch im Reiche der
Schatten werde ich ganz so wie jetzt, nur noch mit veredelterer Liebe - wenn das
möglich ist - der Deinige sein.
                                                                         Eduard.
N. S. Melde mir doch, wenn ich dich sehen kann. Wäre es auch des Nachts. Du
kennst ja meine Ehrfurcht gegen dich, Geliebte!«
O! wie wohl ist mirs, dass ich dich habe, verdammtes Blatt! Du sollst ihr
Verderben sein. Ich möchte nur wissen, auf welche Art sie unsre falsche Karte
entdeckt haben. Doch davon wissen Sie nichts, Amalie! Aber ich weiss, dass Sie -
gegen die Gewohnheit Ihres Geschlechts - schweigen können. Sie sollen also
erfahren, was - so glaubte ich wenigstens; verdammt sei der alte Tropf! er muss
vor seinem Tode geplaudert haben, woher wüssten sie es sonst? - was ausser mir
keine Seele weiss. Wir haben ja mehr Geheimnisse von einander in Verwahrung. Also
mag dieses auch noch hinzukommen.
    Als Mariens Vater starb, wurde ihrem Onkel die Vormundschaft über sie
aufgetragen. Der alte Geck war schon lange in das Mädchen verliebt gewesen; aber
die Uneinigkeit, in der er mit ihrem Vater lebte, hatte ihn gezwungen, seine
Neigung heimlich zu halten. Er war froh, durch den Tod des Alten dieses Zwangs
entledigt zu sein, als zu seinem grossen Schrecken die Mutter ihm die Verbindung
ihrer Tochter mir Eduard entdeckte. Er sah, wie fest das Mädchen an ihrem
Geliebten hieng, und wie hoch auch die Mutter den jungen Menschen schätzte. Er
wusste die Sache nicht anzugreifen, - das viele Denken war seine Gewohnheit
nicht, und wenn er einmal dachte, so war es doch nie etwas gescheidtes -
entdeckte sich also mir; denn er hatte ein grosses Vertrauen zu meiner Klugheit
und Treue gegen ihn. Ich wohnte bei ihm und hatte mich immer bei ihm fest zu
setzen, und mir sein Zutrauen zu erwerben gewusst, weil es mir damals an Gelde
gebrach, und er desselben überflüssig hatte. Auch mir leuchtete Marie schon
damals sehr in die Augen, und ich hatte schon so allerlei Absichten auf sie. Um
desto mehr erschrack ich, denn ihre Amour mit Eduard war mir ganz unbekannt.
    Ich stimmte also gleich darin ein, dass man die Verbindung mit Eduard
zerstören müsste, aber wahrhaftig nicht um das schöne Mädchen dem alten Knaster
zu Teil werden zu lassen, sondern um sie zum Lohn für mich selbst davon zu
tragen. Er war seit kurzem von hier abgereiset, und nun ging also unsre erste
Sorge dahin, seine Briefe unterzuschlagen. So liessen wir eine geraume Zeit
verstreichen, ohne dass sie etwas von ihm hörte. Ich trug auch Sorge zu
verhindern, dass sie keine Briefe an ihn senden konnte. Meine genaue
Bekanntschaft mit dem Postsekretair, und des Alten Geld - es versteht sich, dass
auch ich meinen Schnitt dabei machte - erleichterten mir dieses.
    Und welche Briefe waren das! Wie beneidete ich den Kerl um die Liebe eines
solchen Mädchens! - Sehen Sie so sauer als Sie wollen. Amalie. Marie war damals
die Krone unsrer Stadt. - Ich hätte mein Leben hingegeben, wenn einer ihrer
Briefe an mich gerichtet gewesen wäre.
    Mit wütender Eifersucht im Herzen lief ich wie unsinnig umher. Nach und
nach fasste sie einige Zweifel gegen seine Liebe; oft hielt sie ihn auch für
todt. Dieses letzte musste ihr Oheim widerlegen; ich liess ihn überhaupt ihre
Zweifel künstlich nähren, und endlich durch falsch geschmiedete Briefe seine
Untreue so gewiss beweisen, dass sie wider ihren Willen davon überzeugt wurde. Nun
hätten Sie ihren Jammer sehen sollen. Ich musste ihren Anblick vermeiden, um
nicht durch ihren Schmerz äusserst gerührt zu werden; denn damals war ich solcher
Eindrücke noch nicht so gewohnt, und nicht so abgehärtet dagegen, wie jetzt.
    Nach Verlauf eines Vierteljahrs starb ihr Onkel an einem Schlagfluss, ohne
die Früchte seiner Bemühungen genossen zu haben. Sein Tod war sehr schwer. Er
stammelte mit grossen Zeichen der Reue noch allerlei abgebrochne Worte, die aber
zum Glück ausser mir niemand verstand. Ich wurde zwar etwas dadurch erschüttert,
aber ich fasste mich bald wieder; denn ich hatte ihm schon lange vom Grunde
meines Herzens eine glückliche Reise nach dem Ufer des Styres gewünscht, und
freute mich sehr, dass er so gefällig war, gerade so zu rechter Zeit meine
Wünsche zu erfüllen.
    Nunmehr wollte ich allmälig zur weitern Ausführung meines Entwurfs
schreiten, und sah mich schon in Gedanken - ohngeachtet mir Marie immerfort mit
einem Kaltsinn begegnete, der mich äusserst schmerzte - im Besitz von ihr, als
eine Erbschaft, die ich in der Ferne heben musste, mich abrief. Diese Botschaft
war mir nur halb so willkommen, als sie es sonst gewesen sein würde; indessen
hatte mein Geldbeutel eine solche Verstärkung zu nötig, als dass ich sie hätte
können fahren lassen, und es ist nie meine Sache gewesen, bei Wasser und Brod zu
lieben. Bisher hatte mich des alten Onkels Geldkasse unterhalten, aber er starb,
ohne mich im Tode so reichlich, als im Leben, zu bedenken, und ich konnte kaum
so viel erhaschen, als ich notwendig brauchte, um meine drückendsten Gläubiger
zu bezahlen, und meine Ehre zu retten.
    Ich musste also abreisen. Besondere Umstände hielten mich andertalb Jahr an
dem Orte auf, an dem ich nur einige Monate bleiben wollte. Ich hatte zwar
unterdessen allerlei Liebesgeschichten gehabt, die mich Marien so ziemlich
vergessen liessen; auch hörte ich, dass sie arm geworden wäre, und meine Umstände
erforderten eine reiche Partie. Ich weiss aber doch nicht, was ich getan hätte,
wenn sie bei meiner Zurückkunft noch ledig gewesen wäre. Aber so fand ich zu
meiner grossen Verwundrung, dass mich Albrecht, durch seine Heirat mit ihr, aller
Zweifel überhoben hatte.
    Bei ihrem Anblick wachten alle alten Eindrücke so lebhaft wieder bei mir
auf, dass ich mir vornahm, ihre Liebe zu erlangen, es koste auch, was es wolle.
Sie wissen, was ich für Versuche machte. Aber alle schlug die spröde Schöne
zurück. Sogar Albrechts letzte Entfernung half mir nichts. Verwünschter Eduard!
Nichtswürdige Memme! Du steht mir im Wege? Aber ich will dich herausschleudern,
dass du das Wiederaufstehen vergessen sollst! Wenn ich nur wüsste, wo er sich
aushielte. Er muss wohl in der Nähe sein. Ich werde es auszukundschaften suchen.
    Heute Abends komme ich zu Ihnen. Dann wollen wir mehr reden.
                                                                       Wildberg.
 
                            Dreiundfunfzigster Brief
                              Wildberg an Albrecht
Deine Besorgnis wegen der Traurigkeit, die Deine Frau seit einiger Zeit zu haben
scheint, hat mich sehr aufmerksam gemacht. Ich habe, Deinem Auftrage gemäss,
alles angewandt, um die Ursache davon zu erforschen. Aber vergeblich. Denn Du
weisst, ich schicke mich nicht zum empfindsamen Ritter, und Deine Frau, die denn
gar gewaltig viel Feinheit besitzen will, wirft mir auch darin immer einen
grossen Mangel vor. Ich überraschte sie einigemal bei dem Lesen gewisser Papiere,
welche sie stets sorgfältig bei meiner Ankunft verbarg. Endlich war ich so
glücklich, durch eine unschuldige List, ohne dass sie es merkte, eins davon zu
erhaschen, und nun sah ich die ganze Veranlassung ihres Tiefsinns. Ich stand
zwar erst bei mir an, ob ich Dich durch diese Erzählung kränken wollte, aber ich
glaube doch, dass es besser ist, wenn Du alles erfährst; vielleicht kannst Du
dann eher die rechten Mittel brauchen, um sie zu heilen.
    Der Brief war von Eduard, ihrem ehemaligen Liebhaber, um deswillen sie
ehemals Deine Bewerbung ausschlug. Endlich beehrte sie Dich mit ihrer Hand; ihr
Herz und ihre heimliche Liebe aber behielt er. Ich weiss nicht, wodurch ihr
Verständnis aufs neue mag wiederum erweckt worden sein - eigentlich haben sie
wohl immer einen Briefwechsel mit einander gehabt - genug, der Brief entielt
Zärtlichkeitsversichrungen, im erhabensten Romanenstyl geschrieben. Er dankte
ihr für die Nachricht von Deiner Abreise, bat sie, ihm die Nacht zu benennen, in
der er sie sprechen könnte, kam mit ihr darin überein, dass ein solcher
Unwürdiger, wie Du, ihre Liebe nicht verdiene, und schrieb noch mehrere Sachen,
mit deren Erzählung ich Dich nicht kränken mag. Ich selbst hätte dies nie der
Frau zugetraut, die beständig so viel von schönen Empfindungen, Tugend und
Herzensgüte schwatzt! Ich werde mich näher nach der Sache erkundigen, und Dir
weitere Nachricht geben. Nimm auch eher keine Massregeln, und schreib ihr
nichts, bis Du noch einen Brief von mir bekommen hast. Zu Deiner Ueberzeugung
schicke ich Dir hier das Ende des Briefs, den ich ihr raubte. Den Anfang musste
ich wieder an den Ort legen, wo ich ihn gefunden hatte, um ihr keinen Verdacht
zu machen. Teils fürchtete ich auch, Dich durch die darin entaltnen
Schmähungen gegen Dich zu sehr aufzubringen. Ich bedaure Dich von ganzem Herzen,
Freund, denn ich weiss, wie sehr Hörner die Stirne des Mannes drücken. Bald
schreibe ich Dir mehr.
                                                                       Wildberg.
    N. S. Amalie ist wieder hier. Sie errötete, als ich von ungefähr deinen
Namen nannte: Ach Gott, sprach sie, nennen Sie ihn nicht. Der Gedanke, dass er,
durch falschen Argwohn bewogen, sich von mir trennte, schmerzt mich noch immer
unendlich tief.
    »Ach schweigen Sie doch, Amalie. So ganz richtig war es doch wohl nicht mit
dem Hauptmann und Ihnen. Und dann sind Sie auch zu liebenswürdig, als dass Sie
nicht viele Anbeter unterdessen sollten gehabt haben.«
    »Sie beleidigen mich, Herr Wildberg. Was sollte ich für ein Interesse dabei
haben, Ihnen die Wahrheit zu läugnen, da Albrecht doch leider! auf immer für
mich verloren ist? Aber, ich schwöre es Ihnen zu, der Hauptmann hat nie Eindruck
auf mich gemacht. Wie hätte ich auch neben Albrecht einen andern lieben können?
Und so leichtsinnig ich sonst auch war, so ernstaft hat mich jetzt der Kummer
gemacht. Es haben sich wohl einige Männer um meine Liebe beworben, aber es ist
mir unmöglich, für irgend einen andern Mann Gegenneigung zu haben. Jene
unglückliche Liebe hält mich noch immer zu sehr gefesselt.«
    Sie ist auch wirklich nicht halb so munter mehr, als ehemals. Sie wohnt eine
Viertelstunde von der Stadt, und lebt sehr einsam. Sie hat mich auch gebeten,
sie nur selten zu besuchen, teils, damit nicht durch meinen Anblick die
Erinnerung an Dich - die sie zu verbannen bemüht sein wollte - zu lebhaft
erneuert würde, teils auch, damit sie auf keine Art ihren guten Ruf in Gefahr
setzte. Dieses Verbot ist mir sehr unangenehm; denn ihr Umgang ist einer der
angenehmsten, den ich kenne. Ich kann Dir die Torheit nicht vergeben, dass Du
sie einem so empfindsamen Affen aufopfertest, wie Marie ist, und die Dir Deine
Liebe so schlecht lohnt.
 
                            Vierundfunfzigster Brief
                              Albrecht an Wildberg
Dank Dir, Wildberg, dass Du den Zettel beilegtest. Ich hätte sonst Mistrauen in
die Treue eines Freundes gesetzt, so unwahrscheinlich war mir die Untreue des
Weibes, von deren schönem Charakter ich so viele Proben zu haben glaubte. Die
nichtswürdige Gleissnerinn! War das die Ursache des Gewinsels, der Seufzer, der
Tränen ohne Ende? Die Schändliche! Schon lange war ich ihrer Empfindsamkeit
müde; denn ich kann die schwachen Nerven, die Reizbarkeit, über die das
Frauenzimmer jetzt immer klagt, nicht ausstehen. - Darum war mir Amalie so lieb,
weil sie gar nichts von solchen Zierereien an sich hatte. O Wildberg, warum
schriebst Du mir von ihr? War meine Lage nicht ohnedies desperat genug? O Amalie
! ich fühle, dass meine Leichtgläubigkeit Deine Verachtung verdient, und Du
liebst mich noch! Ich Tor! - Zwar kann ich nicht sagen, dass Marie alle die
Päpeleien und Vapeurs ihrer Zeitgenossinnen gehabt hätte, allein sie war mir
doch zu weich, und ihre Klagen über meine Unempfindlichkeit bei Dingen, die sie
tief rührten, wurden mir oft verhasst. Aber eines solchen schlechten Betragens
hätte ich sie nie fähig gehalten. Desto mehr bringt es mich gegen die
Nichtswürdige auf. Aber warte! ich will Dich und Deinen elenden Liebhaber aus
einander treiben, dass eure zarten Seelchen erbeben sollen, und dass die Lust zu
solchen empfindsamen Zügen euch ins künftige vergehen soll!
    Hätte ich doch nicht gedacht, dass mich etwas so sehr aufbringen könnte! Aber
Du sollst es erfahren, Marie, dass der kalte Albrecht eines heftigen Zorns fähig
ist, wenn man ihn reizt! - Ich werde meine Geschäfte zu Ende bringen, und dann
gleich nach Empfang Deines Briefs zu dem zärtlichen Turteltäubchen reisen, und
ihren Täuber verjagen, dass er staunen soll. Schreib mir ja aufs schleunigste.
                                                                       Albrecht.
 
                            Fünfundfunfzigster Brief
                              Wildberg an Albrecht
Er ist angelangt, der zärtliche Liebhaber. Sie hat ihn vor Freuden fast
erdrückt, und ihre Zärtlichkeit ist über alle Maassen weit gegangen. Es ist keine
platonische Liebe, wie man sie von so feinen Seelen erwarten könnte, sondern sie
sind sehr körperlicher Eindrücke fähig. Man hat sie beide in sehr zweideutiger
Stellung auf dem Kanapee sitzen sehen, und seit der Zeit werden auch immer
nächtliche Besuche abgestattet. Die gute Frau! Es mag ihr wohl zuweilen in dem
grossen Bette grauen, in welchem sie seit Deiner Abreise so ganz allein liegen
muss. Sehr natürlich also, dass sie Sorge trägt, diesen leeren Platz durch ihn zu
besetzen. Vielleicht wird man bald die Spuren der Fruchtbarkeit an ihr
wahrnehmen, deren Mangel sie bisher so oft beweinte.
    Ich bedaure Dich von ganzem Herzen, guter Albrecht; aber es ist kein andres
Mittel, dem Dinge ein Ende zu machen, als wenn Du Dich von ihr trennst. Dieses
hat sie verdient, und es ist nicht zu erwarten, dass eine Frau von so verderbtem
Herzen sich je bessern wird. Was willst Du auch noch mit ihr? Du dienst ja doch
zu nichts, als zu einem Deckmantel ihrer Schande, und wirst nie wieder eine
frohe Stunde mit ihr haben können. Lebtest Du nicht vor Deiner Heirat viel
glücklicher als jetzt? Du betriebst Deine Geschäfte, und in Nebenstunden
genossest Du einen vergnügten ungezwungnen Umgang mit Deinen Freunden. Du warest
in allen Gesellschaften willkommen, und hattest die besten Aussichten zu Glück
und Ehre vor Dir.
    Alles das ist seit Deiner Heirat verdorben. Dein empfindsames Weib
verscheuchte alle Deine Freunde, deren Umgang ihr zu rauh schien: Du wurdest
allentalben weniger geachtet, weil man Deine Frau und ihre moralischen
Unterhaltungen nicht ausstehen konnte. Sogar der Geheimde Rat G., Dein
mächtiger Gönner, wurde dein Feind, weil Marie einmal seiner Frau in einer
grossen Gesellschaft widersprach. Er hat einigemal gesagt, und viele mit ihm:
»Schade, dass der Mann die Närrinn zur Frau hat!«
    Und was ward Dir für diesen Verlust? Ein weinerliches Geschöpf, dessen
Umgang Dir nur Misvergnügen machte, bei der Du gar keine Erholung, keine
Aufheitrung fandest, wenn Dich Geschäfte ermüdet hatten. Kam sie Dir nicht
allentalben mit ihrem feinen Gefühl in die Queer?
    Oeffne die Augen, Freund! Lass sie mit ihrem Romanhelden laufen, und bei
Wasser und Brod sich von Liebe satt schwatzen. Und Du wirst dann wieder so
glücklich, so ruhig leben, wie vorher. Du wirst Deine Bekanntschaft mit Amalien
zu erneuern suchen. Ihre Gesellschaft, ihr muntrer Witz, durch Deinen Anblick
wiederum belebt, wird bald die Eindrücke von Deiner kopfhängerischen Marie bei
Dir vertilgen.
    Vor dem Urteil der Welt brauchst Du Dich nicht zu fürchten. Man weiss hier
schon allentalben die Geschichte, man bedauert Dich und wünscht, dass Du Dich
von der Treulosen scheiden möchtest. Und ich bin gewiss, dass man Dich hier
allentalben mit Verachtung ansehen, und mitleidig die Achseln über Dich zucken
würde, wenn Du Deine Hahnreischaft so gelassen ertrügest. Du wunderst Dich
vielleicht über meinen Eifer. Aber die Ehre und das Glück meines Freundes liegen
mir zu sehr am Herzen, als dass ich bei einer für ihn so wichtigen Sache
gleichgültig bleiben könnte.
    Du wirst wohl gleich nach Empfang dieses Briefs abreisen, und ich bitte
Dich, zuerst zu mir zu kommen, damit wir zuvor unsre Massregeln nehmen können,
ehe Du in Dein Haus gehst. Lebe wohl bis dahin.
                                                                     Dein treuer
                                                                       Wildberg.
 
                           Sechsundfunfzigster Brief
                                Sophie an Julien
O Julie! die ganze Frucht meiner Bemühung bei Marien ist vereitelt; sie ist
jetzt elender, als je.
    Wir sassen im Zimmer und redeten von Ihrem lieben Briefe, als plötzlich die
Haustür sich öffnete, und eine Mannsperson mit starken schnellen Schritten auf
unser Zimmer zuzukommen schien. Marie sprang auf, in der Meinung, dass es
Albrecht sei. Schnell wird die Tür aufgemacht, und Eduard tritt herein. Marie
sank mit einem Schrei ohnmächtig zurück. Er fiel vor ihr nieder, und bedeckte
ihre Hände mit Küssen und Tränen.
    »Kehre wieder, himmlischer Geist meiner Marie! Dein Eduard, der Dich
anbetet, beschwört Dich. Ach! aus dieser Bestürzung sehe ich, dass Du mich noch
liebst, dass Du den fernen treuen Geliebten nicht vergassest! Du schlägst die
Augen auf, Du lebst wieder? Engel des Himmels, Du liebst mich noch?«
    Er schloss sie in seine Arme, und sie vermochte in der ersten Betäubung
nicht, ihm zu widerstehen, aber bald siegte ihre vortreffliche Seele. Sie riss
sich von seinen Lippen los.
    »Gehen Sie, Eduard. Um Gottes Willen, lassen Sie mich! Ich kann Ihre
Liebkosungen ohne Sünde nicht annehmen. Ich bin die Gattinn eines andern.«
    »- Indem er heftig aufsprang - Du, Marie, das Weib eines andern? Tod und
Verderben über das Herz, das die Schwüre der Liebe brach! Du, das Weib eines
andern? Welche Quaalen der Hölle für mich! Und das kannst Du mir sagen,
Treulose? Gott! ist dies das Mädchen, das ich drei Jahre hindurch bis zur
Vergötterung liebte? Unglücklicher Eduard! Elender Tor, der ich auf
Mädchentreue baute! der ich glaubte, ich würde Dein Herz so treu, so zärtlich
wieder finden, wie das meinige war!«
    »Halten Sie ein, Grausamer! oder wollen Sie sie tödten?«
    Sie war ganz ausser sich, in eine neue Ohnmacht zurückgesunken, und die Farbe
des Todes herrschte schon auf ihrem Gesichte. Er sah sie, und seine Wut schmolz
bei ihrem Anblick.
    »Was sehe ich! O Marie, Innigstgeliebte, lebe wieder auf; nie sollen meine
Vorwürfe Dich kränken. Vergieb mir! Die Quaal getäuschter Liebe sprach aus mir.«
    Sie erholte sich langsam, und sprach mit schwacher Stimme:
    »O Eduard! Sie können mir Vorwürfe machen? und Sie verdienen die grössten!
Schrieben Sie mir wohl ein einziges mal? Wählten Sie nicht gleich eine andre
Geliebte? Und dem ohngeachtet ging ich doch nur mit Tränen, mit Widerwillen -
- -«
    »Heuchlerinn! Ich eine andre Geliebte? O! ewig brennende Vorwürfe sollen
mich martern, nie fühle dieses Herz Ruhe, von endlosen Quaalen sei es genagt,
wenn ich je an eine andre dachte. Du warest es allein, die ich noch bis heute
anbetete, bis zum Unsinn liebte! Dein Bild wich nie aus meiner Seele; schlafend
und wachend schwebtest Du vor meiner Einbildungskraft! Wie viele Briefe der
zärtlichsten Liebe schrieb ich Dir nicht, und erhielt keine Antwort! Ich
verblendeter Tor! Ich glaubte, Deine Liebe wäre so fest, wie die meinige,
geknüpft. Unüberwindliche Hindernisse, so dacht ich, hielten Deine Briefe
zurück. Voll des sichersten Zutrauens zu Dir, durchlebte ich drei Jahre, schlug
noch kürzlich die Hand der liebenswürdigen Nichte meines Prinzipals aus, voll
des Gedankens, in Deinen Armen meinen Lohn und meine Seligkeit zu finden. Auf
den Flügeln der Liebe eilte ich hieher, flog mit klopfendem Herzen zu Dir, und
nun finde ich Dich so! Gott, ich Elender!«
    Mariens Erstaunen glich dem meinigen. Er sprach zu sehr aus dem Herzen, als
dass sie hätte zweifeln können. Gewiss war Verräterei im Spiel. Ihr Zustand war
trostlos. Sie verwünschte ihre Leichtgläubigkeit, und bat Eduard in den
rührendsten Ausdrücken, ihr zu verzeihen. Er wurde bewegt, und beider Tränen
flossen reichlich. Endlich ermannte sie sich. Sie bat ihn, sie zu verlassen, und
er ging verzweifelnd fort. Ihre Seele war zerrissen, und sie war taub gegen
alles, was ich ihr sagen konnte. Endlich fiel sie auf ihre Knie. Ihre Tränen
und Seufzer drangen gewiss durch die Wolken.
    »Es ist geschehen - sagte sie, indem sie mit erheitertem Gesicht aufstand -
Gott hat mich erhört. Mein Herz ist losgerissen; es fühlt sich gestärkt, und nun
will ich ihm zum letzten male schreiben.«
    Ich widerriet es ihr, aber vergeblich. Sie setzte sich nieder und schrieb.
Giebt es ein unglücklicheres Paar als diese beiden? O Gott! warum muss das beste
weibliche Herz von solchen Quaalen niedergedrückt werden? Beten Sie mit mir,
Julie, um Trost für sie.
                                                                         Sophie.
 
                           Siebenundfunfzigster Brief
                                Marie an Eduard
Meine Seele, von Kummer schon vorher niedergebeugt, wurde durch Ihren Anblick zu
sehr erschüttert, als dass ich vermocht hätte, mit Ihnen zu reden, so wie ich
musste. Jetzt habe ich durch Gebet mich gestärkt. Ich Aermste! Ehemals war unsre
Liebe die grösste Angelegenheit, die ich Gott vortrug, und jetzt muss ich ihn
anflehen, diese Liebe aus meinem Herzen zu reissen. O Gott, du siehst, wie es
blutet. Ich scheine mich von mir selbst zu trennen, abgerissen von dem, was ich
sonst abgöttisch liebte! Und doch heischt meine Pflicht dieses Opfer. Ich muss
Ihnen - welcher Schmerz durchwühlt mein Innres! - Das letzte Lebewohl schreiben.
Ich darf Sie nie wieder sehen, nie wieder einen Brief von Ihnen lesen, keinen
mehr schreiben! - Gott! welch ein Schauder überfällt mich! Kaum kann meine
zitternde Hand die Feder halten! Ich muss mich von dem trennen, den ich so innig
liebte; o könnte ich auch den Gedanken an ihn verbannen! Aber, so müsste die
ganze Denkkraft meiner Seele vernichtet werden, denn jede Erinnerung ruft mir
sein Bild zurück.
    O Eduard, vergieb mir! Ich habe das Glück Deines Lebens gestört; ich habe
Dich, mich selbst, elend gemacht! Jede Freude ist für mich verloren. Kummer und
Tränen werden mein Loos sein. Lebe zum letzten male wohl, Abgott meiner Seele!
In einer Welt finden wir uns wieder, wo kein Schicksal mehr die Herzen trennt,
die ganz für einander geschaffen waren. Da wird mein Geist Dir entgegen eilen.
Ich werde Dich zu den Füssen des Trons führen, wo der Allliebende selbst unsre
Tränen trocknen wird, und ewig vereint wandeln wir dann in die Gefilde der
Seligen.
    Dies Bild einer glücklichen Zukunft stärke und beruhige Dich. O Eduard! bete
auch für meine Seele - nicht um Ruhe hienieden; ach, die ist für mich dahin! -
bete, dass ich bald einem Schauplatz entrückt werde, auf dem nur Auftritte des
Jammers meiner warten.
                                                                          Marie.
 
                            Achtundfunfzigster Brief
                               Eduard an Bartold
Freund, hast Du noch Tränen: so zolle sie dem unglücklichsten der Menschen! In
den tiefsten Abgrund des Elends gestürzt, ringe ich mit der Verzweiflung. O,
wäre nicht eine andre Welt, fürchtete ich nicht, dass der Augenblick meines
Sterbens auch der ihrige wäre - ich würde meinem quaalvollen Leben ein Ende
machen!
    Ich kam in D. an. Ich stieg vor einem Wirtshause ab, gab mein Pferd dem
ersten, den ich sah, und nun eilte ich dem Hause zu, in welchem jedes Plätzchen
mir heilig war, weil sie es einst betrat. Mit lautschlagendem Herzen ging ich
hinein, öffnete das Zimmer, in welchem ich zuerst die himmlische Gestalt sah.
Sie kam mir entgegen. Welch ein Anblick! Dies blühende Mädchen, gemacht, um das
unempfindlichste Herz zu besiegen, wie war sie entstellt! Die blühenden Rosen
ihrer Wangen waren verwelkt, das sanfte Feuer des blauen Auges erloschen. Das
zaubrische Lächeln des Mundes, das sonst mich entzückte, war geschwunden. Ihre
ganze Gestalt war der rührendste Ausdruck des Kummers. Sie schrie, als sie mich
sah, und sank ohnmächtig zurück. Ich warf mich zu ihren Füssen. Die lauten
Ausbrüche meiner Empfindungen riefen sie ins Leben zurück. Ich drückte sie an
mein Herz, und glaubte vor Wonne zu vergehen, als sie schnell sich aus meinen
Armen wand.
    Gott! kann ich das Schreckliche schreiben? - Sie ist das Weib eines andern.
Welcher Jammer für mich! O Marie, hätte ich das von dir gedacht, dass du wärest
wie andre: ich wäre vor deinem Anblicke geflohen, wie vor einer Schlange. Nie
würden mich deine gefährlichen Reize besiegt haben; sie würden mir lachende
Schaalen, mit Gift angefüllt, gewesen sein. Gott! wie blutet mein Herz, wenn ich
die ehemaligen Zeiten mir denke, da ich im süssesten Taumel der Liebe vor ihr
stand! Wie war sie da so zärtlich! Wie schienen nicht meine Blicke ihr neues
Leben einzuflössen! Wie oft sagte sie mir, dass ohne mich keine Freude des Lebens
sie entzücke! Und brachte ich einen Zweifel an ihrer Liebe ihr vor - es geschah
nur, um ihn widerlegt zu hören - so beteuerte sie mir, dass ihre Liebe
unsterblich, wie ihr Geist, sei. Und jetzt - ist sie eines andern Weib? Die
Mächte der Hölle haben keine stärkeren Quaalen. Tödtende Furien, ihr nagt an
meinen Gebeinen. Zerreisst mich völlig! Raubt mir ein Leben, das mir eine Last
ist!
    Bartold! mein tobender Schmerz zerfliesst in Tränen. Eben schickt sie mir
einen Brief. Die herrliche Seele des Engels leuchtet aus jeder Zeile hervor. O
Gott! wie schäme ich mich meiner Wut vor dir, sanfte Dulderinn! Sie liebt mich
noch so stark, so innig, als je. Ihr Herz setzte wider ihren Willen die Beweise
davon auf dies Papier. Nie, o nie sollst du von meiner Seite kommen, teurer
Vrief, letztes, unschätzbares Geschenk meiner Marie. Für keine Reiche und Kronen
bist du mir feil. Stets sollst du auf meinem Herzen wohnen, von meinen Tränen
und Küssen benetzt.
    Sie befiehlt mir, sie zu fliehen, sie nie wieder zu sehen. Ich will ihrem
Befehl folgen. Mein Anblick soll nicht, mit dem ihrigen zugleich, auch den
Frieden ihres Mannes stören. Aber noch einmal muss ich sie sehen, auf ewig
Abschied von ihr zu nehmen. O dass ich meine Seele zu ihren Füssen aushauchen
könnte! -
                                                                         Eduard.
 
                            Neunundfunfzigster Brief
                                Sophie an Julien
Mit jedem Tage stürzt neues Elend auf die arme Marie. Sie wird gewiss ihren
Quaalen unterliegen. Sie fasste den Entschluss, Eduard nie wieder zu sehen. Es
geht über alle Beschreibung, wie viel ihr dieses kostete. Sie erhielt aber doch
so viel Macht über sich, den Befehl an ihre Leute auszustellen, dass man keinen
Fremden zu ihr lassen sollte. Kaum war ihr Mädchen hinaus, so zerfloss sie in
Tränen.
    »Gott! ist es so weit mit mir gekommen, dass ich ihm die Tür verschliessen
muss? Und sonst hätte ich um einen Blick von ihm hundert Türen und Schlösser
geöffnet! Auch ihm war kein Hindernis unüberwindlich für meinen Anblick. Eduard!
Arme Marie!«
    Sie sass auf ihrem Sopha. In der einen Hand hielt sie ein Tuch, nass von ihren
Tränen, die andre unterstützte ihr mattes Haupt. Eduard trat herein. Man hatte
ihn aussen nicht bemerkt. Er fiel, einige Schritte von ihr entfernt, auf ein
Knie:
    »Marie, verzeihen Sie, dass ich Ihrem Befehl zuwider handle. Wollen Sie es,
so verlasse ich gleich das Zimmer. Es war mir unmöglich von hier zu gehen, ohne
von dem Abschied genommen zu haben, was mir ewig das teuerste auf Erden sein
wird.«
    »O Eduard, Sie haben nicht wohl getan. Ich darf Sie nicht mehr hören, gehen
Sie.«
    »Marie, ist dein Herz mir ganz entwandt? Hast du alles vergessen? Unsre
zärtliche Liebe, meine stete Ehrfurcht für dich, Alles? Wallt in deinem Herzen
nichts mehr für mich? O so sei Verzweiflung mein Loos: ich will dich mit meinem
Anblick nicht länger quälen.«
    »Eduard! du wirst mich tödten.«
    »Was seh ich, Marie! du weinst? Du weinst meinem Schicksal noch Tränen? O!
ich muss diesen Ausbruch der edelsten Zärtlichkeit wegküssen - Es sind die
letzten Tränen meiner Marie, die ich fliessen sehe.«
    Ihr Haupt sank auf seine Brust. Er umfasste sie, und drückte seine Lippen auf
die ihrigen. Sie war zu schwach, um zu widerstehen. Ihre Tränen flossen auf
seine Küsse. Und nun - trat Albrecht ins Zimmer.
    Nichtswürdiges Weib! du selbst bestätigst die Nachricht von deiner Untreue.
Doch sowohl du, als dein elender Liebhaber, ihr seid zu klein für meine Rache.
Ich will euch eurem Schicksal überlassen. Jetzt gehe ich auf mein Zimmer. Mache
dich unterdessen, mit allem, was dein ist, aus dem Hause. In einer Stunde bin
ich wieder da, und finde ich dann noch eine Spur von euch hier, so zittert vor
meiner Rache.
    »Um Gottes Willen, höre mich doch nur erst!«
    »Ich will nichts hören! Ich hörte und sah genug!«
    »Herr Albrecht! sind Sie wahnsinnig, das beste Weib eines blossen Anscheins
wegen zu verstossen, ohne sie einmal gehört zu haben? Bedenken Sie, was Sie
tun.«
    »Ich habe genug bedacht, Mademoiselle, bin von allem unterrichtet. Mein
Entschluss steht fest, und ich will niemand raten, sich ihm zu widersetzen! Ich
wiederhole es noch einmal: Bist du in einer Stunde noch hier, so will ich ein
Beispiel an dir zeigen, das deine empfindsame Seele erschüttern soll!«
    Er zog die Augenbraunen auf eine erschreckliche Art zusammen, und verliess
das Zimmer.
    »Gott - sprach Marie - strafst du so hart die Schwäche meines Herzens? Ach!
noch nie sah ich ihn so. Ich weiss, er ist auf eine schreckliche Art beharrlich
in seinen Vorsätzen. Was wird aus mir werden!«
    »Komm, teuerste Marie, entflieh in den Armen deines zärtlichsten Anbeters
einem Ungeheuer, das deinen Abscheu verdient.«
    »Halt, Eduard. Den Sie jetzt Ungeheuer nennen, der ist mein Mann, vor Gottes
Altar mir angetraut. Wenn ich Ihnen folgte, so würde ich die Behandlung
verdienen, die er jetzt ungerecht mich empfinden lässt. Ich werde ihm zeigen, dass
ich nur schwach, nicht lasterhaft war. Die wenigen Tage meines Lebens sollen in
stiller Einsamkeit dahin fliessen, und der Gedanke soll mich trösten, dass einst
mitleidige Tränen mein Grab benetzen werden! - Und nun noch eine Bitte an Sie,
Eduard! Verlassen Sie mich und versprechen mir bei dem, was Ihnen das Heiligste
ist, mich nie wieder zu sehen! -«
    »Vortrefflichste Ihres Geschlechts! mit zerrissnem blutendem Herzen
verspreche ich, Ihrem Befehl zu folgen; und sollte ich unterliegen, o
himmlischer Geist meiner ewig angebeteten Marie, so stärke du mich!«
    Er verliess schnell das Zimmer, und nun brachen Mariens zurückgehaltne
Tränen mit Macht aus. Ich musste sie ihrem Kummer überlassen, und war
beschäftigt, ihre Sachen zusammen zu packen, und einen Wagen bestellen zu
lassen. Ich fuhr mit ihr und dem kleinen Lieschen, welches sie durchaus
mitnehmen wollte, nach meiner vortrefflichen Pastorinn zu, von der ich Ihnen
neulich schrieb. Diese Frau, nur geschaffen um Gutes zu tun, nahm uns gern auf,
und wurde sehr von Mariens Unglück bewegt. Ist es noch möglich sie zu retten, so
werden es gewiss diese vortrefflichen Leute vermögen; aber ich fürchte, dass sie
alles dieses nicht lange überlebt. Ihr Körper ist sehr geschwächt.
    Ich möchte nur wissen, wer Albrecht so aufgebracht hat. Marie glaubt, dass
vielleicht der nichtswürdige Wildberg Anteil daran habe. Ach! sprach sie, gewiss
ist er es auch, der Eduard von mir trennte. Das schreckliche Ende meines Onkels,
und seine bisher unerklärbaren Worte, die er kurz vor seinem Hintritt in die
Ewigkeit sprach, hellen sich mir auf: Marie - sprach er, als schon Stimme und
Augen sich brachen - ver - gieb - Wild - berg - wird - Und indem verliess ihn die
Sprache. Er reichte noch immer nach seinem Schreibtisch, und bald darauf - doch
ich will einen Vorhang über die schreckliche Scene seines Todes fallen lassen.
Er war meiner Mutter Bruder! Ich vergebe ihm. O Gott! räche auch du nicht seine
Missetat. Verzeih ihm um der Gerechten willen, die seine Schwester war! -
    Gott, Julie! Das Herz des Menschen ist so klein, und doch ein solcher
Sammelplatz von List und Ränken! - Ich kann Marien nicht verlassen. Bitten Sie
doch meinen Onkel, dass er mir erlaubt, noch hier zu bleiben.
                                                                         Sophie.
 
                               Sechzigster Brief
                              Ferdinand an Eduard
Wenn Du noch an einen Elenden denken magst, der mit jedem Augenblicke sich und
sein verdammtes Schicksal verwünscht, so lies diesen Brief. Doch ich verdiene
nicht, dass ein Rechtschaffner an mir Teil nimmt. In der schändlichsten
Verbindung, unter Leuten, die das Fünkchen Ehre, das noch bei mir übrig ist,
mich verabscheuen lässt, an die aber mein unseliges Schicksal mich fest
geschmiedet hat!
    O dass ich den besten, treusten Rat verachtete, dass jener Nichtswürdige und
seine verdammte Buhlerinn mich so fest in ihren Netzen hielten! Wie mögen sie
über meine Einfalt gelacht haben! Tod und Verdammnis! Das Spiel solcher Elenden
gewesen zu sein!
    Ich wagte es nicht, einen Menschen anzusehen. Sogar vor der Wache und vor
meiner Aufwärterinn schlug ich beschämt die Augen nieder. Es schien mir, als
wäre ich sogar das Ziel des Spottes bei solchen Leuten geworden. Ein Brief
meines Vaters brachte mich vollends zur Verzweiflung. Der arme Greis! Wenn er
wüsste, was jetzt aus seinem Sohn geworden wäre! Doch vermutlich schreit schon
sein entflohner Geist Rache über mich! Weh mir! Er schied, dem ungeratnen Sohne
fluchend, aus der Welt! Die Haare steigen mir zu Berge! Weh mir!
    Aber was soll das Winseln? Es schickt sich nur ein abgehärtetes Herz für
mich Elenden. Ich will ununterbrochen weiter erzählen:
    Ich stieg des Nachts aus meinem Kammerfenster auf das Dach eines Stalls; von
da kam ich mit leichter Mühe herunter, und nun eilte ich unbemerkt über die
Stadtmauer aus der Stadt. Nun ging ich mit starken Schritten auf einem mir
unbekannten Wege fort. Es war mir gleichviel, wohin. Ich hatte ja keinen Vater,
und kein Vaterland mehr! Gegen Mittag hatte ich, meiner Rechnung nach,
wenigstens fünf Meilen gemacht. Furcht und Verzweiflung hatten mich keine
Ermattung fühlen lassen. Aber nun wollten mich meine Füsse nicht weiter tragen.
Aus Hunger und Müdigkeit schlief ich unter einem Baum im Walde ein, und wachte
erst des Abends spät wieder auf. Durch diesen Schlaf, den ersten, den ich seit
einigen Tagen genoss, gestärkt, setzte ich meinen Weg fort, und ging die ganze
Nacht durch. Am andern Morgen konnte ich das Schreien meines Magens nicht mehr
ertragen; bisher hatte ich mich gefürchtet, einen Menschen anzureden, jetzt aber
glaubte ich mich sicher, und eilte auf ein entlegnes Haus zu, das ich an einem
einsamen Orte erblickte.
    Ich pochte an. Nach langem Warten öffnete man mir die Tür. Ein altes Weib -
glaubte man noch an Hexen, so würde ich sie für die Oberste derselben gehalten
haben - sah mich mit ihren triefenden Augen forschend an, und fragte: Was ich
wollte, wo ich herkäme, und wer ich sei?
    »Ich bitte um einen Bissen Brod, bin ein Reisender, und kann vor Hunger
nicht weiter gehen.«
    Sie machte mich noch mit tausend Fragen toll: wer denn meine Reisegefährten
wären, wo ich mein Pferd hätte, und dergleichen mehr. Ich Ich sagte endlich
höchst erbost:
    »Ich bin nicht zum Examen hieher gekommen, sage Sie nur, ob Sie mir was zu
essen geben will oder nicht; sonst geh ich weiter.«
    »O ja warum nicht? mein lieber Herr Baron, Dies Haus ist zwar kein
Wirtshaus für jedermann, aber einem so hübschen jungen Herrn, als Sie, tut man
wohl einen Gefallen. Ich bin immer sehr mitleidig gegen die hübschen
Mannspersonen gewesen, und -«
    »Das glaube ich gern. Aber sei Sie auch jetzt so mitleidig, und gebe Sie mir
zu essen. Ich kanns nicht länger aushalten.«
    »Mein Sohn hat einige Bekannte mitgebracht, auch recht artige Leute, die -
-«
    Ich war des Geschwätzes mit der hässlichen alten Vettel satt, und drang, ohne
auf sie zu hören, mit Gewalt in die Stube. Eine verfluchte Hexe! Sie legt sich,
glaub' ich, auf die Kunst, den Hunger durch Worte zu befriedigen!
    Dieses Ausrufs wegen betrachtete mich die ganze honorable Gesellschaft
aufmerksam. Sie bestand aus Kerlen, deren rauhe schreckliche Gesichtsbildungen
mir noch mehr aufgefallen sein würden, wenn ich nicht so beschäftigt mit meinem
Frühstück gewesen wäre. Als dieses verzehrt war, betrachtete ich sie noch
einmal, und alle misfielen mir aufs höchste, einen jungen Menschen ausgenommen,
der in einer Ecke sass, und eine edle, aber traurige Miene hatte. Ich wollte
sogleich weiter gehen, weil es mir hier sehr misfiel, als einer von ihnen mich
sehr höflich fragte, wo ich denn hinzureisen gedächte? Ich antwortete ihm: ich
könnte den Ort nicht genau bestimmen, ich wollte Kriegsdienste suchen. (Es war
auch mein Plan Mousquetier zu werden.)
    »Ey, ein junger Mann von ihrem Ansehen sollte sich doch nicht todtschiessen
lassen. Glauben Sie, mein Herr, das ist eine garstige Sache.«
    »Wem das Leben eine Last ist, dem kann es auch gleichviel sein, auf welche
Art er es verliert!«
    »In Ihrem Alter pflegt man doch sonst das Leben zu lieben.«
    »Ja, aber es kann Unglücksfälle geben, die uns das Gegenteil wünschen
lassen. Doch dieses Reden macht Ihnen Langeweile, und mir nur unangenehme
Erinnerungen. Leben Sie wohl, meine Herren!«
    »Junger Mann, Sie flössen mir viel Teilnehmen an Ihrem Schicksal ein. Können
Sie mir nicht mehr davon sagen?«
    »Ersparen Sie mir eine Erzählung, die Ihnen und mir unangenehm sein würde.
Ich muss gehen.«
    »Hören Sie, mein Herr, ich fühle eine starke Neigung gegen Sie. Ihre
Aussichten als Soldat sind ungewiss, Ihre Börse ist wahrscheinlich nicht im
besten Zustande.« (Dies musste er bemerkt haben, als ich meine Rechnung
bezahlte.) »Bleiben Sie bei uns. Ich will für Ihren Unterhalt sorgen, und Sie
werden sehen, dass Sie ein angenehmes Leben gewählt haben.«
    »Sie sind sehr gütig, aber darf ich fragen, worinn meine Beschäftigung
bestehen sollte?«
    »Das heisst - sagte er lächelnd - wer wir sind? Wir sind Leute, die sich
bemühen, die Glücksgüter, welche das Schicksal oft an den unrechten Mann
gebracht hat, besser auszuteilen. Es versteht sich, dass wir uns selbst bei
dieser Teilung nicht vergessen.«
    Schrecken und Abscheu erfüllten mich; denn ich sah nun, unter welchen
Menschen ich mich befand. Ich wünschte mich weit entfernt. Brand, so hiess der
Redner, schien meine Bestürzung zu merken:
    »Sie haben gewiss auch das Vorurteil der Welt gegen uns, und doch sind wir
verdienstliche Leute. Wir halten manche durch unsre Beraubung von einer
schlechten Anwendung ihres Geldes ab. Wir bringen manchen Müssiggänger zur Arbeit
zurück, und wahrhaftig, wir wissen sein Geld gut zu gebrauchen. Sagen Sie mir,
handeln wir schlechter, als viele angesehene Männer, die sich durch List und
Betrug ein grosses Vermögen sammlen? Ist es rechtmässiger, durch List, als durch
Gewalt rauben? Nein, die Welt ist gewiss ungerecht, uns den Namen Diebe und
Räuber zu geben, und jene grössern Spitzbuben ruhig im Besitz ihres Vermögens zu
lassen, und mit Ehre und Ansehen zu schmücken. - Sie schweigen, und schütteln
den Kopf? Hören Sie, junger Mensch, Sie werden hoffentlich selbst so klug sein,
zu glauben, dass wir Sie, unsrer Sicherheit halber, nicht so können wiederum
weggehen lassen, wie sie angekommen sind. Sie wissen unsre Geheimnisse, und das
wäre für uns gefährlich.«
    »Ich verspreche bei meiner Ehre - -«
    »Das Versprechen hilft uns nichts. Sie würden es bei der ersten Gelegenheit
wiederum brechen. - Wir schreiten ungern zu Gewalttätigkeiten, wenn wir unsern
Zweck in Güte erreichen können; bei Ihnen aber wird es notwendig sein. Wählen
Sie also: Entweder wir machen Sie durch den Verlust Ihrer Zunge und rechten Hand
unfähig uns jemals zu verraten, und dann können Sie gehen, wohin Sie wollen,
oder Sie schwören, uns treu zu bleiben. Es sollte mir leid tun, wenn das erste
geschehen müsste - einen andern Ausweg erlaubt uns die Strenge unsers Gesetzes
nicht - denn Sie scheinen mir ein beherzter Mann von gutem Kopf zu sein. Beides
ist notwendig zu unserm Metier, und darum fiel meine Wahl gleich auf Sie. Nun,
wie stehts? Bedenken Sie sich kurz.«
    Ich fühlte jetzt die ganze Strafe meines Verbrechens, die mir so schnell
nachfolgte, da sie mich in die Hände dieser Nichtswürdigen fallen liess. Ich, der
ich mir immer so viel auf meinen Mut zu gute tat, zitterte vor Schrecken.
Verstümmelt zu werden, welch ein grausames Schicksal! Und doch, Räuber! Dieb!
das schallte fürchterlich in meinen Ohren. Aber es blieb mir ja immer noch die
Hoffnung zu entwischen; ich war ja doch ein verlorner Mensch. Entlaufen, vom
Vater enterbt, mein Name vielleicht als infam an die Ecken der Stadt geschlagen!
Wie lächerrlich, in meiner Lage von Gefühl der Ehre reden zu wollen! Was ist es
denn weiter? Eine Stufe niedriger als jetzt. Andre Entwürfe des Glücks sind doch
für mich verloren. Der junge Mensch blickte mit einem äusserst rührenden Wesen
auf mich. Alles das zusammen, und ich sagte: Ja. Nun erschallten Glückwünsche
und Freudengeschrei von allen Seiten. Es wurde noch eine Schüssel auf den Mittag
bestellt, und alle fassten den Vorsatz tapfer auf meine Gesundheit zu saufen. Nun
war ich ein Genosse von Leuten, die der Auswurf der Menschheit sind. Bloss der
Hauptmann Brand hatte noch einen kleinen Anstrich von ehemaliger guter Erziehung
übrig behalten. Um meinen Kummer zu zerstreuen, erzählte er mir seine
Geschichte. Ich will sie auch Dir mitteilen, aber heute ist es mir unmöglich.
Ich muss schliessen.
                                  Fortsetzung.
In der Gesellschaft meiner Bundsgenossen verabscheue ich mich selbst. In der
Einsamkeit foltern mich auch unaufhörliche Vorwürfe. Um meinen Schmerz zu
verjagen, will ich des Hauptmanns Erzählung wiederholen:
    »Eine sogenannte feine Erziehung habe ich freilich gehabt, und mein Vater
dachte wohl nicht, dass ich einmal der Vorsteher einer so honorablen Gesellschaft
werden würde; denn als ich ihm von der Wehmutter überreicht wurde, verdoppelte
er bei der Nachricht von meiner Knabenschaft das Geschenk, welches er ihr machen
wollte. Und von der Zeit an war ich sein Augapfel und meiner Mutter
Herzblättchen. Beide erzogen mich mit der grössten Sorgfalt; das heisst: sie
hatten alle mögliche Aufmerksamkeit, mir in allen Dingen meinen freien Willen zu
lassen; denn meiner Mutter Hauptgrundsatz war: dass man die Kinder nie ärgern
müsse, weil der Aerger der Gesundheit schade. Ihre Zärtlichkeit hatte denn auch
so vortreffliche Wirkung auf mich, dass ich noch vor dem vierten Jahre allgemein
gefürchtet ward. Ich übte alle möglichen Tyranneien an meinen Geschwistern,
Gesinde, Hunden und Katzen, ja zuweilen auch an meinen liebwertesten Eltern
selbst aus. Diese freuten sich denn immer gewaltig über meine witzigen Einfälle,
wie sie es nannten.
    Ja, sagte mein Vater und nahm mich auf seinen Schoss, aus unserm kleinen
Georg wird noch einmal ein ganzer Mann werden.
    Wenn das liebe Kind nur leben bleibt, - erwiederte meine Grossmutter und
schüttelte den Kopf, der ohnehin schon sehr stark auf dem Rumpfe wackelte - es
ist mir gar zu klug für sein Alter, und die Kinder, welche so früh klug werden,
kommen selten auf. So sagt das Sprüchwort.
    Sprüchwort hin, Sprüchwort her. Der Junge wird schon gross werden. Nicht
wahr, Schorschen, aus dir wird noch einmal ein grosser Jurist?
    Ey Gott behüte! Juristen, böse Christen. Ich will das auf Sie nicht gedeutet
haben, Herr Sohn - mein Vater war Justizrat - aber ein Advokat soll er nicht
werden. Es wird gewiss einmal ein Superintendent aus ihm. Nicht wahr, Kind?
    Ich hatte mich während der Hitze des Streits ganz sachte von meines Vaters
Schoss unter der Grossmutter Stuhl geschlichen, und stach sie mit einer grossen
Nadel auf eine schmerzhafte Art an einen empfindlichen Ort, der bei ihr nicht
mehr mit vielem Fleisch überzogen war. Sie sprang, vor Schmerzen über den
kleinen Superintendenten laut schreiend auf, und mein Vater lachte in seinem
Stuhl, dass er mit beiden Händen seinen dicken Bauch halten musste.
    Aehnliche Streiche spielte ich auch meinen Informatoren. Verstanden sie es
unrecht und wollten mich bestrafen; so klagte ich es der Mama, und die machte
sie denn für ihre Grobheit gar weidlich herunter. Auch mein Vater meinte, dass
Strenge das Genie bei mir unterdrücken würde. Dadurch kam es denn so weit, dass
kein Lehrer mehr in unser Haus ziehen wollte. Dies war mir gerade recht. Ich
lief nun ungestört auf der Strasse herum, und wurde bald durch die feine
Geschicklichkeit berühmt, mit der ich meinen Kameraden ihr Naschwerk wegzukapern
wusste. Aber leider endigte sich diese Freude bald.
    Herr Treuwert wurde meinem Vater von einem würdigen Manne zum Hofmeister
bei mir vorgeschlagen, und zog bei uns ein. Er betrug sich gegen mich immer sehr
leutselig, aber mit einem gewissen ernsten Wesen, welches mich im Anfange scheu
machte, meine dummen Streiche vor ihm auszuüben. Er hielt oft die rührendsten
Ermahnungen an mich, die auch zuweilen wirklich Eindrücke machten. Aber die
Gesellschaft des Gesindes, der Strassenbuben - denn hievon versuchte er
vergeblich mich zurückzuhalten - vertilgten diese Eindrücke bald wieder. Die
Spöttereien der Bedienten, auch oft meine Mutter selbst - (in die Ungnade der
letzten war er gefallen, weil er einmal behauptete, eine Mutter sei verbunden
ihr Kind selbst zu stillen. Der gute Mann wusste nicht, dass sie bei uns allen
Ammen gehabt hatte -) die ihn nur den Pedanten nannte, und der Zwang, den ich
mir in seiner Gegenwart antun musste, machten ihn mir fatal.
    Ich fieng an, ihn durch Ungehorsam und allerlei Neckereien recht vorsätzlich
zu ärgern, aber er wusste mich die erstenmale so ernstaft zu behandeln, dass mir
der Mut zu ähnlichen Versuchen vergieng.
    Aber meine böse Natur brach bald durch. Und die Ratschläge der Bedienten,
welchen er verhasst war, weil er nicht mit ihnen soff und Karten spielte, wie der
letzte Informator getan hatte, trugen auch dazu bei, dass ich bald anfieng, ihn
aufs neue durch allerlei Beleidigungen so oft und vorsätzlich zu ärgern, dass er
es meinem Vater klagte, und ihn um Erlaubnis bat, den Stock bei mir gebrauchen
zu dürfen; denn er merke, dass ich mich zu sehr auf die Bedingung verliesse, die
ihm verbiete, mich zu schlagen.
    Mein Vater verweigerte es, und Herr Treuwert erklärte: wenn man ihm dieses
Mittel, das einzige, welches noch wirksam bei mir sein würde, nicht gestatten
könne, so müsse er um seinen Abschied bitten.
    Mein Vater wollte ihn nicht gern verlieren; denn es war sichtbar, dass ich in
der Zeit, die er da war, viel gelernt hatte. Er bat sich also Bedenkzeit aus. -
Ich hatte sie behorcht, und wusste meine Mutter durch Schmeicheleien so sehr auf
meine Seite zu bringen, dass sie alles anwandte, meinen Vater zu vermögen,
Treuwert seinen Abschied zu geben. Er wollte aber durchaus nicht daran, und sie
erhielt weiter nichts, als das Versprechen von ihm, dass er durchaus nicht
gestatten wolle, dass ich geschlagen würde. Der Mittag kam, und Treuwert
erschien bei Tische. Nun waren die Sticheleien und Grobheiten meiner Mutter
gegen ihn so gross, und ich lachte so triumphirend dazu, dass er noch denselben
Tag unser Haus verliess.
    Seine Stelle bekam Herr Gutmann, die frömmste Seele, die man sich denken
kann. Ich konnte bei ihm machen, was ich wollte, und er lachte immer herzlich
mit, wenn ich ihm heimlich das Gesicht schwarz gemalt hatte, und er dann, durch
das Lachen der Bedienten aufmerksam gemacht, im Spiegel seine schöne Gestalt
erblickte. Meine Fertigkeit in allerlei listigen Streichen nahm nun auch so sehr
zu, dass meiner Eltern Geldschränke keinen Augenblick sicher vor mir waren. Mein
Vater bemerkte den Verlust einer starken Summe. Er visitirte und fand einige
auszeichnende Stücke bei mir. Beweis genug gegen mich. Zu dieser Entdeckung
kamen noch allerlei andre hinzu, die ihn so aufbrachten, dass er mich - zum
erstenmal in seinem Leben - tüchtig ausprügelte. Ich wollte mich meiner Haut
wehren; er sperrte mich also, weil das Schlagen nicht angieng, auf mein Zimmer,
und schickte mich ein paar Tage nachher, alles Sträubens von meiner Mutter
ungeachtet, in eine Pension, mit der Bitte, mich äusserst strenge und in der
genauesten Aufsicht zu halten.
    Dieses kam mir sehr spanisch vor. Ich machte mehrmals Versuche zu entlaufen.
Sie wurden aber immer vereitelt, und ich musste ein Jahr an diesem infamen Orte
aushalten. Ich hatte in den Stunden, die mir vom Lernen übrig blieben, kein
andres Amusement, als witzige Streiche auszusinnen, deren Ausübung ich auf eine
günstigere Zeit verschieben musste. Endlich konnte ich die Strenge, mit welcher
man mich zum Fleiss anhielt, nicht länger ausstehen. Ich schrieb also so
bewegliche Briefe an meine Mutter, und so weisheitsvolle, mit den besten
Versprechungen durchspickte an meinen Vater, dass dieser endlich einwilligte,
mich auf die Universität zu schicken.
    Ich kam nach Hause, und fand meinen Vater auf dem Todbette. Seine letzten
Ermahnungen drangen so auf mich ein, dass ich mit dem festesten Vorsatze, fleissig
und ordentlich zu leben, nach Jena ging. Aber ich war schon zu lange auf dem
ungebundensten Wege fortgegangen. Es war zu spät, um noch einen andern
einzuschlagen. Das lustige Leben der Musensöhne gefiel mir zu sehr. Mein Vater
war todt, und ich rechnete darauf, dass meine Mutter mich nie würde Mangel leiden
lassen. Ich lebte also recht flott drauf los, folgte meinem Hange zu Mädchen,
und zu Vergnügungen aller andern Art. Es studierte noch ein Mensch da, Namens
Schlichtberg, der eben die Art von Talent besass, die ich hatte. Wir führten auch
solche witzige Einfälle auf der Universität aus, besonders an den Professoren
und Pedellen, dass wir bald unter allen Burschen berühmt wurden.
    So giengen zwei lustige Jahre hin; aber nun erfuhr ich, dass meine Mutter
todt wäre, dass das übriggebliebne Vermögen lange nicht hinreichte, die vielen
Schulden, die da wären, zu bezahlen, und dass ich also auf keinen Pfennig mehr zu
rechnen hätte. Diese Nachricht machte mich zwar anfangs desperat, aber ich hatte
das Vergnügen zu sehr geschmeckt, als dass ich meine Lage hätte verändern mögen.
Ich liess also den Mut nicht sinken, und lebte auf Kredit eben so flott fort,
wie vorher. Fehlte es mir an Gelde, so nahm ich bei dem einen Juden Uhren und
dergleichen Kostbarkeiten aus, für die er mir doppelt so viel anschrieb, als sie
wert waren, und verkaufte sie um ein Dritteil des Preises an einen andern.
Auch trug das Spiel, welches ich aus dem Grunde verstand, viel dazu bei, meine
Kasse in gutem Stande zu erhalten.
    Einst wurde ich von einem jungen Edelmann, der eine grosse Summe an mich
verlor - freilich nicht ganz nach dem Laufe des Spiels - öffentlich der
Prellerei beschuldigt. Ich wurde hitzig, sagte ihm die gröbsten Schmähreden, und
es kam zu einem Duell. Ich erstach ihn, und floh eilig davon, ehe die Sache
ruchbar wurde. Unterwegs stiess ich auf eine Truppe Komödianten, und bot mich bei
ihnen zum Akteur an, denn ich dachte mir ihre Lebensart ganz passend für meinen
Geschmack. Ich schien dem Direkteur nicht unfähig: er nahm mich an, und ich
spielte auch wirklich mit grossem Beifall in komischen Rollen.
    Unser Direkteur hatte ein junges niedliches Weib, und liebte sie - wider die
Gewohnheit der Komödianten - bis zur stärksten Eifersucht. Sie leuchtete mir
gewaltig in die Augen, und ich machte ihr allerlei Liebeserklärungen; aber sie
war keine Buhlerinn, und gab mir niemals Gehör. Endlich gelang es mir durch
vielerlei List und Kunstgriffe, sie mir geneigter zu machen. Man entdeckte
unsern Umgang ihrem Manne, und er überraschte mich im Bette bei ihr in keiner
der ehrbarsten Stellungen. Seine Wut ging über alle Vorstellung, und ich würde
auf eine oder die andre Art ein Opfer derselben geworden sein, wenn ich mich
nicht schleunig aus dem Staube gemacht hätte.
    Auf meiner Flucht wurde ich des Abends spät von zwei Menschen an einem
abgelegnen Orte angehalten. Sie forderten mir meine Börse ab, und drohten im
Weigerungsfall mich zu erschiessen.
    Mit meiner Börse wird Ihnen eben so wenig gedient sein, als mit meinem
Leben. Hier ist sie - Sie sehen, meine Herren, dass sie ziemlich leer ist. Ich
bedaure von Herzen, dass ich Ihnen nicht mit reicherer Beute dienen kann.
    Du scheinst mir ein lustiger Teufel. Wer bist du?
    Ich offenbarte mich ihnen, und wir gefielen einander so gut, dass ich mich
ihrem Hauptmann vorstellen liess, der mich auch willig annahm. Meine
Geschicklichkeit im Beutelschneiden brachte mich bald auf einen ansehnlichen
Posten. Und da mein Hauptmann durch seine Dummheit den Galgen zieren musste - es
fielen zugleich noch einige brave Kerle - so sammelte ich den Ueberrest unsrer
Bande zusammen, und wurde zu ihrem Oberhaupt erwählt, welchem Amte ich schon
vier Jahre lang mit Ruhm und Ehre vorgestanden habe. Nicht wahr, Brüder?«
    Ein lautes: Lange lebe noch unser braver Hauptmann Brand! erscholl von allen
Seiten. Und nun wurde das Mittagsessen aufgetragen, wobei sich die ganze
Gesellschaft den Wein so vortrefflich schmecken liess, dass sie fast alle taumelnd
unter den Tisch sanken. Auf mich hatte die Erzählung des Hauptmanns einen
allzudemütigenden Eindruck gemacht, als dass ich einen Bissen zu essen vermocht
hätte. Auch der Jüngling, der mich so sehr anzog, sass tiefsinnig da, ohne an dem
pöbelhaften Scherz der andern Teil zu nehmen. Ich fühlte einen starken Hang zu
ihm, und würde mich ihm gern genähert haben, wenn nicht Brand - (ob er gleich
mehr als die andern gezecht hatte, so war er doch vollkommen bei Sinnen -) ein
sehr wachsames Auge auf uns gehabt hätte.
    Gegen Abend kamen noch einige andre Glieder der Gesellschaft nach Hause. Sie
stutzten bei meinem Anblick. Da ich ihnen aber als ein neuer Genosse vorgestellt
wurde, umarmten sie mich, zu meiner Quaal, sehr freudig, und legten dem
Hauptmann Rechenschaft von den Streifereien ab, die sie vorige Nacht unternommen
hatten. Auf die künftige verabredete man einen Ausfall auf den Geldkasten einer
reichen Wittwe.
    Ich bin noch zu keiner Ausführung gebraucht worden, so wenig als Feldheim;
man hütet uns aber sehr sorgfältig, so dass es nicht möglich ist, ein Wort mit
ihm zu reden.
    Ich habe vierzehn Tage an diesem Briefe geschrieben; denn ich muss unter
allerlei Vorwande die Zeit dazu stehlen. Aber ich verwünsche noch eben so heftig
als Anfangs das Schicksal, das mich in diese Mördergrube brachte. - Was soll ich
Dir noch weiter schreiben? Du verachtest gewiss
                                                                     den elenden
                                                                      Ferdinand.
 
                            Einundsechzigster Brief
                               Eduard an Bartold
Da hast Du Ferdinands Brief. Rette ihn, wenn Du kannst, und suche zu erforschen,
wo er sich aufhält. Mir ist es nicht möglich, die Gegend zu verlassen, in
welcher der leidende Engel wohnt. Ich lebe in einer Bauerhütte, einsam und
unerkannt, und suche die einzige Wollust bei meinen Leiden darin, dass ich des
Abends um das Pfarrhaus herum gehe, und dann durch das Dunkle der Nacht den
Schein ihrer Lampe schimmern sehe.
    Gestern wagte ich es durch ihr Fenster zu blicken, und o Gott! wie ward mir
da, als ich ihre himmlische Gestalt sah! In ein weisses Gewand gekleidet, schien
sie mir ein schon verklärter Engel zu sein. Sie schwebte mit matten Schritten im
Zimmer umher, sank dann kraftlos auf einen Stuhl und weinte. O ihr Mächte des
Himmels, was fühlte da mein Herz! Vielleicht mischte ein Andenken an mich sich
in diese Zähren, und ich Elender durfte nicht hinein, sie zu trocknen, und stand
ihr doch so nah! Hätte ich nur eine Träne von diesen Wangen wegküssen dürfen,
so würde die unbändig tobende Hitze in mir gelöscht sein; aber so waren diese
Tropfen brennende Quaalen für meine Seele.
    O Himmel! kannst du es zulassen, dass das edelste Geschöpf, geschaffen zum
Vorbild ihres Geschlechts, solchen Schmerzen unterliegt? dass sie, die die
Anbetung der ganzen Welt verdiente, als eine Schändliche verachtet und verstossen
wird? O Schicksal, o Menschheit!
    Bartold! oft liege ich ganze Nächte hindurch vor ihrem Fenster. Wenn ich
dann meine Arme vergebens nach ihr ausstrecke, und nun der grauende Tag mich von
ihrer Tür wegtreibt, dann eile ich in mein einsames Lager zurück, aber der
Schlaf flieht mich. Schreckliche Bilder stehen vor meiner Einbildungskraft; matt
und kraftlos stehe ich wieder auf, um dem neuen harmvollen Tage entgegen zu
gehen! Habe Mitleid mit mir, Bartold! Oft scheints, als verlassen mich meine
Sinne. Wärs Wunder, wenn der Schmerz sie zerrüttete, da ich ihn so ganz in
meiner Brust verschliessen muss? Keine Seele um mich, die mich versteht. Ach wäre
noch ein eben so Unglücklicher als ich auf der Erde - (doch das ist nicht
möglich -) o so wollte ich ihn mir zum Gesellschafter wünschen. Wie wollte ich
mich an seinem Umgange laben! Die Luft würde von unsern wechselseitigen Klagen
ertönen. Tränen sollten unser Trank, und Seufzer unsre Speise sein!
    Hier ist niemand, der mein Leiden fühlt. Lauter unbefangne heitre Gesichter,
auf welchen man keine Spur des Kummers sieht. Ich möchte rasend werden, wenn ich
diese fröhlichen Leute sehe und ich - und Marie! Wütend laufe ich auf mein
Zimmer, wenn mich der Gedanke ergreift, und überlasse mich meinem tödtlichen
Schmerz.
                                                                         Eduard.
 
                            Zweiundsechzigster Brief
                               Bartold an Eduard
Um Gottes willen, Eduard! was fängst Du an? Willst Du Dein eigner Mörder werden?
Was hilft Marien alle Dein Jammern und Wehklagen? Hat sie wohl die mindeste
Erleichterung davon? Du zehrst die Kräfte Deines Körpers und Deiner Seele ab,
und bringst Dich vor der Zeit zum Grabe. Ist das der Gebrauch, den Du von Deinen
Fähigkeiten zu machen schuldig bist, dass Du untätig in einer Bauernhütte
sitzest und winselst? Ermanne Dich, Eduard, komm zu mir, verlass den traurigen
Ort, und suche durch Geschäfte Deinen Kummer zu zerstreuen. Denke, dass Dir Gott
Verstand und ein edles Herz gab, um Deinen Nebenmenschen zu nützen, nicht um
beides durch Gram über Sachen aufzureiben, die Du doch nie wirst ändern können.
Marie würde ihrer selbst unwürdig handeln, wenn sie jemals Deiner Liebe Gehör
gäbe, und Du verdientest nicht, jemals von ihr geschätzt worden zu sein, wenn Du
ihr einen Antrag dieser Art tun könntest. Aber es ist nicht genug, dass Du diese
Liebe gegen sie nicht äusserst, Du musst sie auch zu unterdrücken suchen, und ihr
nicht noch immer mehr Nahrung geben.
    Höre auf meine Bitten, bester Freund! Komm zu mir. Wir wollen uns mit
einander bemühen, des armen Ferdinands Aufentalt zu erforschen, um ihn zu
retten. Der Gedanke an den unglücklichen Jüngling macht mich sehr traurig. Wüsste
ich nur, wo er wäre, so wollte ich ihm schnell zu Hülfe eilen. Gott! wenn sein
Vater seinen Zustand erführe! Der Sohn, auf den er so feste Hoffnungen künftiger
Grösse baute, ist jetzt unter Dieben und Räubern! Wie würde der Alte sein graues
Haar zerraufen! Er hat schon jetzt keine frohe Stunde mehr, und schreibt mir
immer die rührendsten Briefe.
    Lebe wohl, Bester; ich sehe mit der stärksten Erwartung Deiner Ankunft
entgegen, und bin versichert, dass mein Eduard jetzt schon selbst das
Unanständige seiner Lage fühlt, und eilen wird, sie mit einer andern, seiner
würdigern, zu vertauschen.
                                                       Dein zärtlichster Freund,
                                                                       Bartold.
 
                            Dreiundsechzigster Brief
                               Eduard an Bartold
Wenn Ihr Leute mit kalter Vernunft und kaltem Herzen Euch doch nicht anmaasstet,
über die Empfindungen warmer, gefühlvoller Menschen zu urteilen! Kreuzen und
segnen möchte man sich vor einem solchen Moralisten! Was soll wir Dein Brief?
Ich kann Deinem Rate nicht folgen. Mit einem blutenden Herzen und halb
zerrütteten Seelenkräften bin ich der menschlichen Gesellschaft nichts nütze.
Was liegt auch am Ende dran, ob einer mehr oder weniger unter ihr herumgeworfen
wird? Meine Seele ist zu fest an Mariens Schicksal geknüpft, als dass ich von
hier reisen könnte. Muss ich nicht zu ihrer Beschützung bleiben? Könnte nicht
sonst der tolle Albrecht sie zu einem Opfer seiner Wut machen? Ich kann und
darf nicht von hier. Schreibe mir nichts mehr davon.
    Ich werde mein Leben da beschliessen, wo Marie das Ende ihres Leidens finden
wird. Ein Grab soll die Ueberreste der unglücklich Liebenden bedecken, und so
vereint sollen unsre Leichname ruhen, bis zu jenem grossen Tage der Auferstehung.
Dann werden wir mit einander aus dem Staube hervorgehen zu dem Gott, der unsre
Seelen so einstimmig für einander schuf, um sie einst ewig unzertrennlich zu
verbinden. Ewig unzertrennlich! Fühlst Du, was das heisst? Und ich sollte hier
mich von ihr trennen? sollte nicht mit ihrem letzten Hauch auch den meinigen
mischen?
    Nein, Marie, Inniggeliebte, ich lasse dich nicht. Die Stunde deines
Hinscheidens soll auch die meinige sein, und so lange will ich harren, bis die
wohltätige Hand des Todesengels uns abruft. Tod, sonst mir schrecklich, jetzt
ein unaussprechlich süsser Name! beflügle deine Schritte! Du allein kannst mir
wiedergeben, was Menschen mir raubten! Scheussliches Gerippe! du bist mir
lieblicher, als das holde Lächeln der Braut dem Heissverliebten. Wärest du doch
schon da, seliger Augenblick, der mich mit Marien vereinigt!
    Geliebte, Engel des Himmels! hast du nicht auch diesen Wunsch? O ja gewiss!
Unsre Gefühle sind ja so einstimmig! Und du selbst schriebst mir ja diesen Trost
der Zukunft! Ach! sahest du vielleicht vorher, dass oft der Gedanke mich
überfallen würde, meinem Leben ein Ende zu machen? Schriebst du mir darum diese
erquickenden Zeilen?
    Sei ruhig, Teure! Mit feurigen Zügen stehen deine Worte in meinem Herzen,
und nie wird dein Eduard durch eine so kleinmütige Handlung sich deiner unwert
machen! Ich will geduldig ausbüssen, ohne zu murren. Dank dir, du Engel, dass du
mein innres Toben so sanft stimmtest!
                                  Fortsetzung.
Ich habe den Gefährten meines Kummers gefunden. Ich kehrte, wie gewöhnlich, des
Nachts von Mariens Fenster zurück, und hörte eine winselnde Stimme auf dem
Kirchhofe. Ich ging hinzu, und sah im Mondenschimmer einen Jüngling auf einem
Grabe sitzen und jammern.
    »Wer bist du, Freund, der du in der schauerlichen Stunde der Nacht hier
sitzest und wehklagst? Verlorst du eine Geliebte? Entriss man sie dir durch
Gewalt oder Trug? Oeffne mir dein Herz. Ich will Balsam in deine Wunde giessen.«
    »Ja, Herr, ich verlor ein Mädchen, das schönste des Dorfs. Sie war so gut,
so zärtlich. Jedermann beneidete mich um ihren Besitz.«
    »Und wer raubte sie dir?«
    »Ihr eigner Vater. Er widersetzte sich unsrer Liebe, weil ich nicht reich
genug war, und wollte sie zu einer andern Heirat zwingen. Ich ging des Nachts
heimlich zu ihr. Er überfiel mich, als ich aus ihrem Fenster stieg, und schlug
mich mit Hülfe meines Nebenbuhlers halb todt. Er sperrte das Mädchen ein,
begegnete ihr sehr hart, und wollte ihr mit Gewalt den andern aufdringen. Sie
sträubt sich vergebens. Der Tag der Hochzeit wird angesetzt. Sie hat kein andres
Mittel mehr als mit mir zu entfliehen. Sie eilt in dunkler Nacht aus ihrem
Hause, um zu mir zu gehen. Sie tritt fehl auf einem schmalen Stege, der über
unsern Fluss führt, und ich selbst finde den andern Tag ihren todten Leichnam im
Wasser! Ich wollte ihr nachstürzen, aber man hielt mich zurück. Ich fiel in ein
hitziges Fieber und rasete. Unser Herr Pfarrer brachte mich zur Vernunft zurück.
Ich würde meine Hanne im Himmel wieder finden, und den würde ich verscherzen,
wenn ich selbst Hand an mich legte, sagte er. Er ermahnte mich auch, wiederum
eben so fleissig meine Arbeit zu treiben, wie vorher. Das tue ich auch am Tage,
aber des Nachts sitze ich auf ihrem Grabe und weine.«
    Ich schluchzte laut: »Wie heissest du, Unglücklicher?«
    »Ich heisse Schwarze. Aber Henrich höre ich lieber. So nannte mich meine
Hanne.«
    »Hast du noch Eltern, Henrich?«
    »Nein. Ich bin allein, und gehe auf Tagelohn.«
    »Nun, armer Henrich, so geh mit mir. Ich will dich unterhalten. Du sollst
mehr mein Freund als mein Diener sein. Ich hatte auch ein zärtliches Mädchen,
das ich verlor. Komm mit mir, guter Junge! Wir wollen mit einander klagen und
einer in des andern Jammer Trost finden.«
    Seitdem ist er bei mir. Jede Nacht gehen wir zusammen aus: er zu dem Grabe
seiner Hanne, ich vor das Fenster meiner Marie. In schweigendem Tiefsinn kehren
wir zurück, und so wird ein Tag nach dem andern dahin schleichen, bis endlich
der so sehnlich gewünschte erscheint.
                                                                         Eduard.
 
                            Vierundsechzigster Brief
                                Sophie an Julien
O Julie, was leidet mein Herz bei dem Kummer meiner Marie! Der herrliche Umgang
unsrer vortrefflichen Wirtin hat zwar ihren Schmerz sanfter gemacht und
gemildert, aber ihre Seele leidet doch noch immer sehr tief. Es ist ein
rührender Anblick, zu sehen, wie sie in den Stunden die kleinen Kinder
unterrichtet, wie ihre schwache Stimme oft ausruhen muss, um weiter reden zu
können.
    Die Frau Pastorinn erlaubt ihr dieses Geschäft gern, ob es gleich ihre
schwachen Kräfte angreift; denn sie glaubt, dass solche Beschäftigungen das
kräftigste Gegengift ihres Kummers sind. Mariens sanftes Herz macht auch, dass
sie die Kinder liebt, und ohngeachtet ihres innern Leidens beträgt sie sich doch
so gefällig und liebreich gegen diese Kleinen, dass sie ihr sehr anhängen. Oft,
wenn sie ein solches Kind auf ihrem Schoss hält und seine Wangen streichelt,
überfällt sie ein so heftiger Schmerz, dass sie das Zimmer verlassen muss, um sich
in der Einsamkeit zu erholen. Die liebenswürdige Pastorinn sucht sie auf alle
mögliche Art zu beruhigen, und Marie erkennt dieses sehr dankbar.
    - »Ich schätze, sagte sie gestern zu mir, mit äusserster Verehrung diese
treffliche Matrone. Aber ach, sie kann sich wohl nicht ganz in meine Lage
denken. Ihr Herz, von geheiligtern Empfindungen durchdrungen, fühlte gewiss nie
die Schmerzen der Liebe.«
    Die Pastorinn selbst kam ins Zimmer, als Marie dieses sagte, und diese
letzte verbarg ihr diesen Zweifel nicht.
    »Sie irren, liebe Freundinn. Ich habe in Ihren Jahren auch viel gelitten,
glaubte auch oft, ich würde nie wieder heiter werden, und doch geniesse ich jetzt
ein glückliches Alter. Ich will Ihnen meine Jugendgeschichte erzählen;
vielleicht finden Sie etwas Beruhigendes darin.«
    - Auch Ihnen, liebe Julie wird sie interessant sein; Sie lernten auch früh
die Leiden kennen. -
    »Ich bin von vortrefflichen Eltern geboren, die mein junges Herz schon früh
zur Liebe Gottes, und zum Wohltun gegen meine Nebenmenschen gewöhnten. Oft
zeigte mir mein Vater auf Spaziergängen die Schönheiten der Natur, und machte
mich auf ihren Schöpfer aufmerksam. Mit Weisheit und Güte beantwortete er meine
kindischen Fragen von Gott, und pflanzte schon früh Liebe und Ehrfurcht gegen
den Allmächtigen in meine zarte Seele.
    Meine Mutter gewöhnte mich auch zum Wohltun. Sie lehrte mich früh den
Gedanken fassen, dass wir nur Verwalter unsers Vermögens wären, und dass Gott den
Reichen darum mehr Geld gegeben hätte, damit sie mehr Macht haben sollten, Gutes
zu tun, und ihren armen Brüdern beizustehen. - Ich entzog mir oft ein neues
Kleid oder so etwas, und gab das Geld einer Mutter, um ihr nacktes Kind vor
Kälte und Hunger zu schützen. Meine Mutter lehrte mich den Dank und die
Freudentränen der Armen mehr schätzen, als alle die Eitelkeiten, mit welchen
man sonst den Kopf der kleinen Mädchen anfüllt.
    Ich hatte einen Hang zur Schwärmerei, und diesen lenkten meine Eltern bloss
auf das Gute und Tugendhafte; denn sie glaubten mit Recht, dass Gefühle und
Begriffe von Tugend, wenn sie auch übertrieben wären, bald genug mit zunehmenden
Jahren in der Welt herabgestimmt würden, und dass es also weit besser sei, zu
viel als zu wenig Empfindungen für sie zu haben. Im zehnten Jahre verlor ich
meine Mutter. Wie wurde ihr auf ihrem Todbette der Gedanke so schwer, mich in
dem gefährlichsten Alter allein hier zurückzulassen! Mit welchen innigen heissen
Gebeten empfahl sie mich der Fürsorge Gottes! Der gütige Vater erhörte auch ihr
frommes Gebet. Er schickte zwar Prüfungen, aber nur um mich zu läutern!
    Nach ihrem Tode - stets werde ich wünschen, so selig, mit solcher Ergebung
in den Willen Gottes zu sterben, wie sie starb - musste mein Vater seine
Schwester zu sich nehmen, damit sie die Haushaltung versähe, und die Aufsicht
über mich führte, zu der ihm seine überhäuften Geschäfte, die ihn auch oft auf
ganze Wochen entfernten, keine Zeit mehr übrig liessen. Diese Tante war eine gute
Person, die sich aber durch beständiges Lesen der Ritterbücher und Romane den
Kopf mit lauter überspannten Grillen angefüllt hatte. Sie hielt auch mich zu
dieser Lektüre an. Mein Verstand war schon zu gut gebildet, als dass ich an den
abgeschmacktesten derselben hätte Vergnügen finden können; aber desto mehr
rissen mich diejenigen hin, deren Helden die Maske der Tugend und des Edelmuts
hatten. Ich fand immer mehr Geschmack daran. Meine Einbildungskraft nahm warmen
Anteil an den Schicksalen der so tugendhaft scheinenden Heldinnen. Sie schienen
mir erhabne Muster zu sein, nach welchen ich mich bildete; sie erweckten in mir
den Wunsch zu ähnlichen Begebenheiten, und mein junges Herz sehnte sich bald
nach einem Gegenstande, dem es seine Liebe widmen könnte.
    Der Fleiss in häusslichen Geschäften, die Wohltätigkeit gegen Arme, die warme
Liebe zu Gott, erkaltete nach und nach. Es schien mir zwar, dass ich alles weit
lebhafter fühlte als sonst; aber ungeachtet ich von der Erzählung der Leiden
eines andern bis zu Tränen gerührt werden konnte, so war ich doch im Grunde
weit weniger tätig, ihm beizustehen, als sonst, es sei denn, dass er mir eben in
dem Augenblick der Rührung erschienen wäre. Denn ob gleich meine Gefühle des
Mitleids sehr lebhaft schienen, so waren sie doch nicht anhaltend genug, um mich
zu vermögen, die Gelegenheit zu tätigem Beistande aufzusuchen.
    Geschäfte riefen meine Tante in die Stadt, und ich reiste mit ihr. Wir
wurden zu einem Ball eingeladen; ich hatte heftige Begierde dahin, denn ich war
noch nie auf einer öffentlichen Lustbarkeit gewesen. Meine Tante erfüllte meine
Bitten, und ging mit mir hin. Unter den vielen jungen Leuten fiel mir besonders
einer auf, der eine schöne Gestalt und bescheidne Miene hatte. Er nahte sich
mir, und foderte mich zu einem Tanz auf. Sein sittsames Betragen reizte mich
sehr, weil es so merklich gegen die Unverschämteit der andern abstach. Er
begleitete uns nach Hause und nahm so wohl mich als meine Tante durch seinen
Verstand und sein angenehmes Wesen ein. Er suchte seit der Zeit alle Gelegenheit
auf, mich zu sehen, und betrug sich dabei so, dass meine Tante bald seine Neigung
gegen mich merkte. Er war von Adel, und die Verbindung mit ihm, die sie für
gewiss hielt, schmeichelte ihrem romanhaft gebildeten Geiste sehr.
    Auch mir schienen seine Gefühle den meinigen so ähnlich, dass ich bald in ihm
den Gegenstand zu finden glaubte, nach welchem ich mich schon so lange gesehnt
hatte. Ich glaubte in ihm das höchste Ideal der Vollkommenheit, die meine Romane
mir geschildert hatten, realisirt zu sehen. Einige Monate verflossen uns in
unaussprechlicher Zärtlichkeit. Aber nun, denken Sie sich meinen Schmerz! erfuhr
ich, dass mein angebeteter Liebhaber - ein nichtswürdiger Betrüger war. Er war
schon lange verheiratet, aber ein eben so treuloser Gatte gegen seine entfernte
Gattinn, als er sonst ein flatterhafter Liebhaber gegen jedes Mädchen gewesen
war. Meine Jugend und Unschuld hatte ihn gereizt. Er machte den Plan, durch die
Larve sittsamer Zärtlichkeit mich zu hintergehen, um die letzte zu Grunde zu
richten, und mich dann zu seiner Buhlerinn zu machen, wenn er den Stolz meiner
jungfräulichen Tugend zernichtet hätte. Er hatte mich gleich bei meiner Ankunft
gesehen, und den Ball veranstaltet, um mit mir Bekanntschaft zu machen.
    Schrecken und Abscheu machten mich erstarrend. Statt dass ich auf meinen
Knien Gott hätte danken sollen, dass er mich so zu rechter Zeit aus den Händen
des Bösewichts rettete, überliess ich mich einem unbändigen Kummer, verfiel
endlich in eine melancholische Schwärmerei, und durch dieselbe in eine
gefährliche Krankheit.
    Mein Vater liess mich nach Hause holen. Er und der vortreffliche junge
Prediger des benachbarten Dorfs wandten alles zu meiner Beruhigung an. Der
letzte brachte die romantischen Hirngespinnste aus meinem Kopf, und lehrte mich
meine Empfindungen auf der rechten Seite anwenden. Ich genas, und mit meinem
Körper wurde auch meine Seele gesund. Ich bemühte mich, meinem Nächsten so
nützlich zu werden, als ich mich ehemals zu sein bestrebt hatte. Und nun glaubte
der würdige Geistliche mit Sicherheit hoffen zu können, dass er in mir eine Frau
finden würde, die ihm, seinen Wünschen gemäss, in der Ausführung seines Plans
beistände, die Einwohner seines Dorfs zu guten und glücklichen Menschen zu
machen. Er lehrte mich die vernünftige Liebe kennen, und ich lebe nun seit
dreissig Jahren in der glücklichsten Ehe. Zwar hatte ich den Schmerz, mein
einziges Kind an den Pocken sterben zu sehen, aber die feste Ueberzeugung
beruhigte mich, dass Gottes weise Vorsehung auch über die kleinsten Teile der
Schöpfung waltet, dass er es mir entriss, damit ich es einst als einen Engel
Gottes wiederfände! Seit diesem Zufall hat nichts mehr meine Ruhe stören können,
und ich bemühe mich, jeden Abend mit der Beruhigung schlafen zu gehen, dass ich
den Tag über mich bestrebet habe, meinen Nebenmenschen so gut und nützlich
gewesen zu sein, als möglich.«
    Marie seufzte am Ende dieser Erzählung. Die Pastorinn umarmte sie, und sagte
ihr noch viel Schönes zu ihrer Beruhigung. Sie glaubte auch, es wäre Mariens
Pflicht, an ihren Mann zu schreiben, und ihm den Argwohn zu benehmen, den er
gegen sie gefasst hätte. Marie selbst glaubte die Verbindlichkeit dazu zu fühlen,
und schrieb noch denselben Morgen an ihn. Hier haben Sie die Abschrift des
rührenden Briefs.1 Ich muss schliessen. Schreiben Sie mir doch bald, liebe Julie.
                                                                         Sophie.
 
                            Fünfundsechzigster Brief
                                Julie an Sophien
Ich nehme so vielen Anteil an dem Leiden Ihrer Freundinn, dass ich selbst seit
einiger Zeit ganz schwermütig geworden bin. Mein kleiner Gustav zerstreut
indessen gewöhnlich meinen Tiefsinn durch seine kindischen Tändeleien. Der gute
Knabe kennt noch keinen andern Kummer, als den, wenn seine Speise einmal zu
lange ausbleibt! Wie glücklich sind diese kleinen Geschöpfe, deren Bedürfnisse
noch so leicht zu befriedigen sind! Ach Sophie, dass doch dieses goldne
Zeitalter, diese Jahre der schuldlosen Freude, nicht wiederkehren! Ach dass mit
den zunehmenden Kenntnissen auch so viele neue Wünsche in uns aufwachen, die wir
oft nicht erfüllen können, und die dann nur zu eben so vielen Quellen des
bittern Jammers für uns werden!
    Diese Betrachtungen rühren mein Herz, und erfüllen es mit lebhaftem Danke
gegen Gott, der so bald meinen Kummer endigte, und meine Wünsche über meine
Erwartung erfüllte! Ich lebe jetzt so glücklich, als es nur möglich ist. Das
schwärmerische Heftige der Liebe ist nun bei uns gemildert, und wir lieben uns
mit der zärtlichsten Freundschaft, die nur unter Eheleuten möglich ist. Wenn
sich mein Mann von Geschäften ermüdet fühlt, so glaubt er eine angenehme
Erholung im Umgang mit mir und meinem Kinde zu finden. Die Erziehung dieses
lieben Knaben gibt uns Stoff genug zu angenehmen Unterhaltungen, und ich freue
mich nicht wenig, wenn er meinen Meinungen in diesem Punkte beipflichtet.
Zuweilen kömmt auch wohl des Abends ein Freund zu uns, auch wohl meine liebe
Charlotte mit ihren Kindern. Ich finde stets viel Nutzen und Vergnügen in ihrem
Umgang, denn sie ist eine liebe Frau, von grossem Verstande und mancherlei
Kenntnissen, und dabei ganz ohne den falschen Stolz, der oft an Frauenzimmern
die schönsten Vorzüge des Geistes verdunkelt. Sie ist sehr bescheiden, und kann
in Gesellschaften gewöhnlicher Weiber eben so gut von Alltagssachen schwatzen
wie diese, ohne nur durch ein Wörtchen die Ueberlegenheit ihres Geistes zu
verraten. Auch in Gesellschaft von Mannspersonen mischt sie sich nicht in ihre
gelehrten Gespräche, und dringt ihnen nie Urteile über Bücher oder andre Sachen
auf, die in das Fach der Wissenschaften gehören.
    »Den meisten Männern - sagt sie oft - ist die so genannte Gelehrsamkeit an
uns verhasst, weil sie glauben, dass unser Verstand nicht dazu bestimmt ist, um
über schwere tiefsinnige Materien nachzudenken, und eine Halbgelehrte, voll
Stolz und Einbildung auf ihr Bisschen Wissen, ist ihnen mit Recht ein
unausstehliches Geschöpf. Die ernstafte Miene des Philosophen passt nicht zu der
angenehmen Grazie, die sie so gern immer bei uns finden möchten. Sie suchen in
einer Gattinn keine starke Denkerinn, sondern ein holdes Geschöpf, das ihnen die
lästigen Sorgen der Haushaltung abnimmt, und durch gefälligen Scherz ihren Geist
aufheitert, wenn er vom Nachdenken ermüdet ist.«
    »Aber eben dazu, meine Liebe, dünkt es mich doch gut, wenn die Frau ihren
Geist etwas angebaut hat, damit sie ihren Mann doch auch von andern Dingen als
von Putz und dergleichen unterhalten kann.«
    »Ich bin vollkommen Ihrer Meinung, liebe Julie. Wenn ein Frauenzimmer Zeit
und Anlage hat, so wird es für sie in vielem Betracht gut sein, ihren Geist mit
Kenntnissen zu bereichern. Nur wünschte ich nicht, dass sie Dinge wählte, die
bloss für Männer sind, und weiter gar keinen Nutzen für sie haben.
Naturgeschichte, das Interessanteste der Historie, Musik, Malerei, Lektüre von
solchen Büchern, die den Geist und das Nachdenken schärfen, und unsern
moralischen Charakter bilden; sehen Sie, das sind meiner Meinung nach Dinge, die
auch für unser Geschlecht von grossem Nutzen sind, und ihm Gelegenheit geben, die
Zeit, die ihm von weiblichen Geschäften übrig bleibt, angenehm und nützlich
anzuwenden. Nur muss ein Frauenzimmer diese Dinge nicht gegen jedermann
auskramen, und sich nicht berechtigt glauben, Wettstreite mit Männern
einzugehen, am wenigsten mit ihrem eignen Gatten. Er wird diese Vorzüge zeitig
genug an ihr entdecken, und die Bescheidenheit seiner Gattinn wird ihren Wert
verdoppeln. Die Mannspersonen haben einmal eine höhere Meinung von ihren
Geisteskräften, als von den unsrigen. Sie sehen es also lieber, dass wir von
ihnen zu lernen scheinen, als dass wir Miene machen, sie belehren zu wollen.«
    Diese liebenswürdige Frau sagte dies mit dem angenehmen Wesen, welches ihr
so eigen ist, und wir setzten diese Unterhaltung noch eine Weile fort. Ich gehe
jetzt mit doppeltem Vergnügen nach der Mühle, wo ich sie kennen lernte. Ihr
Umgang ist mir mehr wert, als die Gesellschaft aller übrigen Damen unsrer
Stadt. Um Ihrer Vaterstadt, liebe Sophie, kein Unrecht zu tun, gebe ich gern
zu, dass noch viele vortreffliche Frauenzimmer hier sein können, die mir
unbekannt sind, und die auch das Vorurteil, welches man hier gegen mich hat -
(und auch wirklich gute Menschen, denen es nur an Zeit und Gelegenheit mangelt,
sich genauer von der Ungründlichkeit desselben zu überzeugen, können gegen mich
eingenommen sein -) von meinem Umgang zurückhält. Aber im Ganzen stehen doch,
wie Sie selbst mir oft sagten, Ihre Landsmänninnen nicht eben im besten Ruf. Ich
kenne, wie Sie wissen, nur wenige. Einige Familien begegnen uns zwar mit vieler
Achtung, die andern aber rümpfen doch noch immer das vornehme Näschen, wenn sie
mich sehen. Ich beruhige mich deswegen sehr leicht, und überlasse es der Zeit,
sie billiger zu machen. Ich würde, wenn auch diese Hinderung nicht wäre, meinen
Umgang doch nur auf eine kleine Anzahl einschränken. Ich bin nicht für grosse
Gesellschaften, und sie würden mich auch nur in meinen häuslichen Geschäften und
hauptsächlich an der Erziehung meines Kindes hindern, die doch meine erste
Pflicht ist. Dieser liebe Knabe ist mir zu teuer, als dass ich ihn ohne wichtige
Ursachen, bloss um meines Vergnügens willen, das im Grunde nicht einmal wahres
Vergnügen ist, den Gefahren aussetzen sollte, die seinem Geist und Körper unter
den Händen des Gesindes drohen. Ich begreife nicht, wie es möglich ist, dass
Mütter von mehreren liebenswürdigen Kindern sie so ganz verwahrlosen können; wie
es möglich ist, dass sie alle Tage ihren Vergnügungen nachhängen, und diese
unschuldigen Kleinen dem unachtsamen Gesinde überlassen. Leuten, vor welchen sie
sorgfältig geringere Schätze verschliessen, überlassen sie das, was ihnen der
kostbarste Schatz sein sollte, ein Kind in dem Alter, wo die zarte Seele willig
jeden Eindruck aufnimmt, und wo so vieles darauf ankömmt, gute Eindrücke in ihre
Herzen einzuprägen, und sie vor den bösen zu hüten!
    Doch ich vergesse, liebe Sophie, dass ich Ihnen einen Freundschaftsbrief, und
keine moralische Abhandlung, schreiben wollte. Überdies ist auch Ihr
teilnehmendes Herz gewiss zu sehr mit dem Kummer Ihrer Freundinn beschäftigt,
als dass Ihnen etwas anders interessant sein könnte. Es fällt mir schwer, Ihnen
zu sagen, dass Sie Ihre liebe Marie auf einige Wochen verlassen müssen. Ihr Herr
Onkel wünscht Ihre Gegenwart; er ist etwas unpass, und dringt darauf, Sie hier zu
sehen. Ich kann mir vorstellen, wie sehr meine zärtliche Sophie dabei leiden
wird, dass sie Marien jetzt verlassen soll, da sie Ihres Beistandes so sehr
bedarf. Indessen wird es zu Ihrer Beruhigung dienen, dass doch die wackere Frau
Pastorinn ihr bleibt, und diese wird sich gewiss mit aller Sorgfalt der armen
Leidenden annehmen. Morgen schon wird der Wagen kommen, um Sie abzuholen. Ich
werde Sie also bald wirklich an mein Herz drücken, teuerste Sophie, und Ihnen
selbst sagen, wie ich mit ganzer Seele bin
                                                                            Ihre
                                                            zärtliche Freundinn,
                                                                Julie Karlsheim.
 
                           Sechsundsechzigster Brief
                              Wildberg an Amalien
Bei meiner Seele, Amalie, Sie sind eine Zauberinn. Sie haben Ihre Rolle
meisterhaft gespielt. Fast hätte ich selbst geglaubt, Ihr Erröten, Ihre
Verwirrung, die halbzurückgehaltne Träne in Ihrem schwarzen Auge bei Albrechts
erstem Besuche, wäre Ernst gewesen. Der Kaltblütige wurde auch ganz davon
hingerissen. Ich glaube, er hätte gern zu Ihren Füssen Sie um Verzeihung wegen
des vermeinten Kummers angefleht, den er Ihnen gemacht zu haben glaubte. Aber es
ist nicht genug, dass Sie ihn gefangen haben, Sie müssen jetzt alle Ihre Kräfte
anwenden, ihn fest zu halten, und sein Herz gegen Marien zu stählen.
    Sie hat ihm einen Brief geschrieben, der fast mich selbst gerührt hätte -
wenigstens sah ich daraus, dass es mit dem Briefe von Eduard, den ich fand, ganz
anders zusammen hängt, und dass sie an seiner Ankunft unschuldig ist. Doch das
will ich Ihnen mündlich erklären; genug, dass mir dieser Brief bei Albrecht
treffliche Dienste geleistet hat - dessen Wirkung auf ihn nur Amaliens
Liebkosungen vernichten können. Ich suchte vergeblich, den Eindruck ganz zu
vertilgen, den er auf Albrecht zu machen schien. Ihre Hülfe ist also durchaus
notwendig, um ihn ferner bei seinem Vorsatz, sich von ihr scheiden zu lassen,
zu erhalten.
    Es wäre ein verfluchter Streich, wenn er jetzt zurückspränge; ich werde auch
alles so beschleunigen, dass der Scheidungsbrief schon übermorgen ausgefertigt
sein wird. Für Geld kann man ja, dem Himmel sei Dank! alles bei unsern Gerichten
zwingen, und ich habe auch die Sache glaubwürdig genug vorzutragen gewusst. Wenn
es nur erst so weit wäre! Ich brenne vor lauter Ungeduld, uns an Marien gerächt
zu sehen.
    Ich will es Ihnen nur gestehen, mögen Sie doch spotten! die Liebe zu ihr ist
noch nicht erloschen. Sie lodert noch aufs stärkste in meiner Brust, und ich
hoffe noch immer ihr Herz zu gewinnen, wenn es nicht mehr an Albrecht gebunden
ist. Der Schaafskopf Eduard soll mir nicht im Wege stehen; denn das ist ein Kerl
ohne Mut und Stärke, der nichts kann, als winseln. Beim Teufel! eine solche
Memme soll es nicht wagen, sich neben Wildberg zu stellen! Wenn sie nur erst
geschieden ist, so soll es mir keine Mühe machen, die Schlafmütze aus ihrem
Herzen zu vertreiben. Sie ist ohne ihn abgereiset; ich kann auch noch nicht
erfahren, wo er sein mag. Indessen sei er wo er wolle. Mich soll er nicht
hindern. Ich habe auch auf der Post Massregeln genommen, dass keine Briefe von
ihm an sie einlaufen können, die nicht durch meine Hände gehen.
    Leben Sie wohl, bis aufs Wiedersehen. Es ist mir höchst fatal, dass ich nicht
zu Ihnen kommen darf, wenn ich will. Machen Sie Ihre Sache ja gut.
                                                                       Wildberg.
 
                           Siebenundsechzigster Brief
                               Amalie an Wildberg
Besorgen Sie nichts, Wildberg. Albrecht liegt fest in meinen Ketten. Es ist die
Art solcher Leute, die ein kälteres Blut haben als wir andern, das, was ihnen
einmal gefällt, mit weit mehr Beharrlichkeit zu lieben, und es braucht keiner
grossen Kunst, sie standhaft zu erhalten. Die heftige Liebe unsrer jungen Herren
hingegen, die alle Augenblicke vor Zärtlichkeit schmelzen wollen, stirbt eben so
geschwind wieder ab, als sie entsteht, und diese eine Zeit lang fest zu halten,
ist wirklich eine schwere Kunst.
    Ich habe, wie Sie wissen, Erfahrungen genug gemacht, ob es mir gleich
gelungen ist, meine Affaires d'amour stets so geheim zu halten, dass man kaum auf
die Vermutung davon gekommen ist. Dass mir Albrecht, den ich so gewiss mit dem
Titel eines Ehemanns zu belegen dachte, damals verloren ging, war freilich ein
dummer Streich, den ich Marien niemals verzeihen werde. Ich möchte nur wissen,
Wildberg, was Sie an dem jämmerlichen winselnden Geschöpfe für Geschmack finden
können! Was für Freuden werden Sie denn von Ihrer Liebe haben, wenn Sie auch
noch am Ende Ihren Zweck erreichten? - Und es wundert mich sehr, wie Sie einmal
darauf rechnen können. Nicht Sie, sondern ein solcher Schaafskopf, wie Sie ihn
zu nennen belieben, als Eduard ist, passt für Marien, und Ihre Klugheit ist auf
grossem Irrwege, wenn Sie den letzten für eine unbedeutende Person bei ihr
halten. Sie wird denselben Ihnen beständig tausendmal vorziehen. - Statt Küsse
und Liebkosungen wird sie Ihnen Tränen und Klagen auftischen, und Sie von dem
Erhabnen einer blossen Seelenvereinigung unterhalten. Und ich erinnere mich noch
wohl, dass blosse Seelenverbindungen nie Ihre Sache waren.
    Lassen Sie die Törinn fahren. Sie verdient keinen Wildberg zu besitzen.
Wollen Sie der Liebe geniessen: so will ich Ihnen einen andern Gegenstand
vorschlagen, der Ihnen die Zeit besser vertreiben wird, als diese Romanheldinn.
Halt! da kömmt mein ehrenfester weisheitsreicher Liebhaber angeschlichen. Er
darf mich nicht schreibend antreffen; ich muss das Papier verstecken.
                                                                         Amalie.
 
                            Achtundsechzigster Brief
                              Wildberg an Amalien
Triumph! Triumph! Bald werde ich auf dem Gipfel meiner Wünsche sein! Der
Hauptschritt ist getan, das Eheband zerschnitten; nun sollen die andern
Schritte mir leicht werden. Geld! mächtige Göttinn! du knüpfest Ehen und trennst
sie wieder!
    Da haben Sie das Scheidungsurteil, Amalie. Sagen Sie zu Albrecht, ich wäre
in seinem Hause gewesen, und da ich ihn nicht gefunden, hätte ich es zu Ihnen
geschickt, weil ich vermutet, dass er bei Ihnen wäre. Bewegen Sie ihn, es mit
ein paar trocknen Zeilen an Marien zu schicken. Sie wird ihm gehässig werden, und
zugleich wird ihr angeblicher Edelmut und die Feinheit ihres Gefühls sie alle
Verbindung mit Eduard aufheben lassen, und dann hindert mich nichts mehr.
    Ihre Spöttereien über mich und Marien verbitte ich ernstlich. Genug, dass ich
sie besitzen will, es koste auch, was es wolle. Meine Liebe ist durch ihren
Widerstand nur noch stärker entflammt. Der Sieg ist der süsseste, den man mit
Mühe erkämpft. Hol es der Teufel, dass ich mich noch einige Wochen wenigstens
ganz ruhig halten muss. Jetzt darf ich es noch nicht wagen, sie zu sehen; aller
meiner Vorsicht ungeachtet, glaubt sie doch vielleicht, dass ich Schuld an der
ganzen Sache sei, und dann würde auch Albrecht selbst grosse Augen machen, wenn
ich mit der Beute davon gienge. Ich muss also warten, bis Eure Hochzeit vorüber
ist, und dann sollst du selbst es mir danken, meine Marie, dass ich dich von den
beiden Pinseln entfernte, um dir einen gescheidten Kerl zum Mann zu geben.
    Die Zeit bis dahin wird mir verwünscht lang dauern. Es soll mir also
willkommen sein, wenn Sie mir eine kleine Zerstreuung unterdessen verschaffen
wollen; denn ich hoffe doch, dass Sie ein hübsches Mädchen für mich auf dem Korn
haben.
                                                                       Wildberg.
 
                            Neunundsechzigster Brief
                                Sophie an Marien
Der Schmerz, mit welchem ich Sie verliess, meine Marie, geht über alle
Beschreibung. Den ganzen Weg über war ich nicht fähig an etwas anders zu denken,
als an Sie. Ich sah oft mit wehmütigem Verlangen nach Ihrem stillen Dorfe, und
wünschte mich wieder in das Haus zurück, das die besten Menschen in sich fasst.
Ich hoffe gewiss, dass unsre würdigen Freunde sich Ihrer auf alle Art annehmen
werden. Die vortreffliche Pastorinn ist gewiss besser im Stande, ihr krankes Herz
aufzurichten, als ich Schwache! Doch hoffe ich auch bald wieder bei Ihnen zu
sein; denn mein Onkel bessert sich sehr. Ich fand ihn wirklich viel schlimmer,
als die zärtliche Julie mir geschrieben hatte.
    Könnte ich Ihnen doch das liebe Weib mitbringen! Ihr sanftes Wesen würde
gewiss Ihre Liebe gewinnen. Es ist eine rechte Wonne, die liebenswürdige Frau in
ihrem Hause zu sehen, wie die kleinsten weiblichen Geschäfte Anmut unter ihren
Händen erhalten. Sie und ihre Charlotte mit ihren allerliebsten Kindern um sich
zu sehen, das ist eine Freude, die sich nicht beschreiben lässt. Gewiss würden
auch Sie durch diese liebenswürdigen Kinder erheitert werden, die, ihrer
Lebhaftigkeit ungeachtet, doch fast gar nichts von Eigensinn oder Laune
besitzen, und äusserst folgsam gegen die kleinsten Winke ihrer Mutter sind, die
ich oft kaum bemerke.
    Ich fühle es mit starker Ueberzeugung, dass ich für Karlsheim keine solche
treffliche Gattinn gewesen wäre, wie sie ihm ist, und es war gewiss eine weise
Fügung des Himmels, dass er unsre Verbindung störte. Sein Charakter stimmt weit
mehr mit Juliens ihrem überein als mit dem meinigen. - Julie sowohl als er
unterholten mich oft mit einem bedeutenden Wesen von Wilhelm. Ich möchte wissen,
was sie mit ihm wollen; er hat ja eine Braut, und auch ich werde nicht leicht
wieder einen Mann lieben. Ich läugne zwar nicht, dass Wilhelm - doch, was geht er
mich an? Ich will es der Gebieterinn seines Herzens überlassen, ihm Lobreden zu
halten. -
    Möchte ich Sie doch ruhiger wissen, als Sie waren, da ich Sie verliess! Beste
Marie, so lange ich Sie so in Kummer versenkt weiss, ist auch alle meine
Munterkeit dahin, und keine Freude will mir mehr schmecken; denn in eben dem
Augenblick, da sie sich mir darbeut, denke ich an meine teure Freundinn, und
das Bild Ihres Leidens reisst auch mich zu ähnlichen Empfindungen hin. -
                                                                         Sophie.
 
                               Siebzigster Brief
                                Marie an Sophien
Jede Zeile Ihres Briefs atmet Güte und Liebe, zeigt mir das zärtliche Herz
meiner Freundinn. Ach Sophie! warum muss mein Kummer meinen Lieben solchen
Schmerz verursachen? Ist es nicht genug, dass ich allein leide? O, dass mein Herz
so schwach war, und den mächtigen Eindrücken der Liebe nicht zu widerstehen
vermochte! Und noch lodert dies sträfliche Feuer in meinem Busen; noch immer ist
er der einzige Punkt, um den alle meine Gedanken sich drehen, beim Schlafen und
beim Erwachen! Des Tags und des Nachts auf meinem Lager, von Tränen benetzt,
steht er vor mir. Bei jeder Handlung, selbst bei den heiligsten der Religion,
stört mich sein Andenken; in meine eifrigsten Gebete zu Gott mischen sich
Wünsche für ihn. Ich kämpfe, mich zu besiegen; aber vergebens. Matt vom innern
Kampfe, von Seufzern und Klagen, stehe ich von meinem Knien auf, und ringe
trostlos die Hände. Ach, ich beleidigte meinen Gott dadurch, dass ich Anfangs
dieser sträflichen Neigung nicht genug widerstand; er hat sich von der Sünderinn
gewendet! Weh mir! für meine Seele wird kein Trost hienieden mehr sein! -
    Sophie! wenn Eduard auch so elend wäre als ich! Gott im Himmel, er ist ja
unschuldig! Ich allein verdiene Vorwürfe. Warum hatte ich nicht ein eben so
festes Vertrauen auf seine Liebe, wie er auf die meinige! Doch diese
Betrachtungen dienen nicht, mich zu beruhigen. Ich will hoffen, dass seine Seele
- sie ist ja die Seele eines Mannes, vom stärkerm Stoff gebaut als ich - solchen
Leiden nicht unterliegt wie die meinige.
    Ach! dass ich fähig wäre, etwas anders zu denken und zu schreiben, als von
ihm! Kommen Sie doch wieder zu mir, meine Sophie. Mich dünkt, vor Ihnen schäme
ich mich der Schwäche meines Herzens nicht so, wie vor unsrer Matrone. Wäre sie
nicht so sanft und liebreich, ihr Herz nicht ein so herrlicher Tempel der
edelsten Menschenliebe, so müsste sie mich verachten; aber so sieht sie mitleidig
und gütig auf meine Schwäche, und sucht stets mich aufzurichten. Durch ihre
Vorsorge gerührt, stelle ich mich oft erheitert, um sie nicht zu kränken; aber
dieser Zwang kostet mich sehr viel.
    Meine Schwäche gestattet mir nicht mehr zu schreiben. Leben Sie wohl,
Teure, und grüssen Sie Ihre liebe Julie von mir.
                                                                          Marie.
 
                            Einundsiebzigster Brief
                               Eduard an Bartold
Ein Strahl von Hoffnung erhellt die düstre Nacht, die mich umgibt. Ich habe
einen Kundschafter in der Stadt, der mir von allen Bewegungen Albrechts
Nachricht geben muss, damit ich jede Gefahr sehe, die meiner Marie droht. Dieser
nun schreibt mir, dass der Unwürdige mit einem Mädchen sehr vertraut umgeht,
welches er schon vor seiner Heirat kannte, und dass er um die Scheidung von
Marien anhalten will.
    Der unaussprechlich Nichtswürdige, der im Stande ist, einen reinen Engel
einer Buhlerinn aufzuopfern! Aber wenn er selbst das Band löset, in welches er
sie wahrscheinlich durch Verräterei verwickelte, so ist sie wieder so frei, wie
vorher, als noch jene glückliche Zeit war. Bartold! wenn sie wiederkehrte,
diese seligste Zeit meines Lebens! Marie, himmlisches Mädchen, wenn du noch mein
würdest! Ich wollte an deinem Busen, dem Göttersitz der Liebe, alles vergessen,
was ich um dich litt. Wie wollte ich durch unaussprechliche Zärtlichkeit dich
für deinen Kummer trösten! Welches selige Gefühl, deine Tränen zu trocknen!
    Aber wäre die Seligkeit nicht zu gross für mich? Ich fühle, dass ihre Seele
weit über der meinigen steht. Doch mit himmlischer Güte würde sie mich zu sich
hinauf ziehen, auf eine höhere Stufe mich heben. Willig würde ich dir folgen, du
Engel! Meine Gedanken verwirren sich in dem süssen Taumel. Ich muss diesen
Phantasien in der Einsamkeit nachhängen.
                                                                         Eduard.
 
                            Zweiundsiebzigster Brief
                                Marie an Sophien
Wie hart straft der Himmel den Fehler, den ich begieng, da ich mein Herz so
verwahrloste! Ich bin verlassen, entehrt, der ganzen Welt als eine Lasterhafte
zur Schau gestellt! Dieser letzte Schlag hat mein Leben getroffen.
    Sie wissen, dass ich an Albrecht schrieb, ihm die Geschichte meines Fehlers
erzählte, und ihn um Verzeihung wegen meiner Beleidigung bat. Meine Pflicht
befahl mir diesen Schritt. Ich zitterte zwar vor dem Gedanken, ihn wieder zu
sehen, und mit ihm vereinigt zu werden; aber ich hoffte doch, durch Sorgfalt und
Aufmerksamkeit auf jeden seiner Wünsche den Mangel der Liebe zu ersetzen, die
ich für ihn aus meinem Herzen nicht erzwingen konnte, und durch ein äusserst
vorsichtiges gefälliges Betragen mir seine Neigung wieder zu erwerben. Da ich
mich eben mit diesen Gedanken beschäftige, kömmt ein Brief von ihm. Eine geheime
Ahndung machte, dass ich zitterte; es war als weigerte sich meine Hand das Siegel
zu erbrechen. Endlich öffnete ich ihn. - Ein Scheidungsurteil fiel mir
entgegen, und ich sank sinnlos zur Erde nieder. Erschreckt durch meinen Fall,
kam meine Wirtin herauf. Sie brachte mich auf mein Bette, und es dauerte eine
Stunde, ehe ich wieder zum Leben kam. Ich war noch sprachlos, und zeigte nur auf
den Tisch hin, auf welchem das Papier lag.
    Als ich wieder völlig zu mir selbst gekommen war, las ich den Brief:
»Madam,
    Ich bedaure, dass mir der Mangel der Zeit nicht verstattete, Ihre
patetische, empfindsame Abhandlung, die wahrscheinlich aus irgend einem Roman -
und ich liebe Romane dieser Art gar nicht - abgeschrieben war, völlig
durchzulesen. Ueberhaupt wünsche ich, dass Sie mich in Zukunft mit ähnlichen
Klagliedern verschonen. Richten Sie dieselben lieber an Leute, bei denen sie
besser angebracht sind als bei mir. Dieses Scheidungsurteil gibt Ihnen dazu
ungestörte Freiheit.
                                                                          Madam,
                                                       Ich habe die Ehre zu sein
                                                                             Ihr
                                                               gehorsamer Diener
                                                                      Albrecht.«
Gott, welch ein Brief! Einer feilen Buhlerinn kann man nicht schnöder schreiben.
Dies hat meinen Kräften den letzten Stoss gegeben. Ich bin ein Baum, dem man nach
und nach die besten Lebenszweige abgehauen hat, und der nun verstümmelt da
steht, dem Auge der Vorübergehenden ein grauenvoller Anblick. O dass doch die
wohltätige Hand des Zimmermanns den verstümmelten abgelebten Stamm ganz
niederhauen möchte!
                                                                          Marie.
 
                            Dreiundsiebzigster Brief
                                Sophie an Marien
Unglückliche Freundinn! Wie beweine ich Ihr Schicksal! O das Ungeheuer von Mann,
der die beste würdigste Frau verstiess! Wenn ich es recht bedenke, meine Marie,
so ist Ihr Loos nicht so unglücklich, als es gewesen sein würde, wenn Sie wieder
zu dem Nichtswürdigen zurückgekehrt wären. Da Ihr rührender Brief, der das
härteste Herz würde bewegt haben, seine unempfindliche Seele nur zum Spott
reizte, so würde er auch gewiss gleichgültig gegen alle Sanftmut und
Gefälligkeit gewesen sein, die Ihr vortreffliches Herz ihm beweisen wollte. Sie
sind gewiss weit glücklicher, von ihm entfernt, als bei ihm zu leben. Er würde
nur Ihr Tyrann sein. Freilich ist es hart, in den Augen der Welt eine
Nichtswürdige zu scheinen, aber was fragt der edle Geist meiner Marie nach
solchen Menschen, die weit unter ihr stehen? Wenn nur Ihr Herz sie rechtfertigt
- und dieses Herz war ja nur schwach, nicht lasterhaft - so kann Ihre erhabne
Seele ruhig über alle diese kleinen Geister wegschauen. Sie können gelassen eine
Welt über sich spotten sehen, die Ihrer nicht wert ist, und sich auf einen
andern Schauplatz freuen, wo die leidende Tugend Schutz findet. -
    Ich werde bald nach diesem Briefe bei Ihnen sein.
                                                                         Sophie.
 
                            Vierundsiebzigster Brief
                                Eduard an Marien
Darf Ihr zärtlichster Verehrer noch einmal es wagen, an Sie zu schreiben,
ewiggeliebteste Marie? Jetzt ist ja die Pflicht der Ehegattinn bei Ihnen
aufgehoben, die Ihnen sonst verbot, meine Briefe anzunehmen. Ich verehrte damals
Ihre hohe Tugend, die Ihnen diese Strenge auflegte; ich gehorchte Ihnen; aber
der Himmel weiss, wie kummervoll seitdem meine Tage dahin flossen!
    O Marie! in einer elenden Hütte, nicht weit von dir, wohnt dein treuer
Eduard, glücklich genug die Luft einzuatmen, die deine Lippen aushauchen. Ich
suche meinen Trost darin, des Tags an dich zu denken, und des Nachts kniend vor
deinem Fenster zu liegen, und den Schimmer deiner Nachtlampe zu sehen.
    Gestern sah ich dich selbst. Dein Haupt sank tränenschwer auf deine Brust,
deine schönen Hände waren gen Himmel aufgehoben! Gott, wie war mir da! Mein
Leben hätte ich hingegeben, um mich zu deinen Füssen werfen zu dürfen; aber meine
Ehrfurcht gegen dich hielt mich zurück. Ich ging fort, aus Furcht, dass du mich
sehen, und durch meine Dreistigkeit beleidigt werden möchtest. Mit wütendem
Schmerz in der Brust kam ich in meine Wohnung; aber der Schlaf floh mein Lager.
Ich sah immer nur dich und deine harmvolle Miene, und mein Herz vergass durch den
sympatetischen Anteil an deinem Leiden das seinige, und jammerte nur, dir
keine Beruhigung einsprechen zu können.
    Marie! Teuerste, Engel des Himmels! du hast nun keine Verbindlichkeit mehr
gegen den, der sonst dein Mann war. Er selbst - ich nenne ihn nicht mit dem
Namen, den sein Betragen verdiente; denn er war einst Mariens Gatte - hat sich
von dir getrennt. Ich flehe hier auf meinen Knien dich an, entziehe den
erquickenden Anblick deiner himmlischen Gestalt nun nicht länger deinem Eduard,
der dich mit so gränzenloser Liebe anbetet. Vergönne mir nur einmal, an deinem
Anschauen mich zu laben. Dieser glückliche Augenblick wird reichlicher Ersatz
für alle die Quaalen sein, die ich um dich litt. Meine erschlafften Nerven, mein
Geist, durch Trauern ganz untätig gemacht, mein ganzes Ich wird durch den
Gedanken, dich zu sehen, aufs neue belebt.
    O Geliebte! vernichte diese süsse Hoffnung nicht! Doch, das ist deiner
sanften Seele nicht möglich. Gewiss nimmst du noch warmen Anteil an dem Kummer
deines Eduards, und wirst gern mitleidsvoll seine Schmerzen mildern. - Ewig
                                                                            dein
                                                                                
                                                                         Eduard.
 
                            Fünfundsiebzigster Brief
                                Sophie an Julien
Dank sei es Ihnen, zärtliche Julie, dass Sie meinen Oheim mit Ihren einnehmenden
Bitten beredeten, mich wieder zu meiner Freundinn reisen zu lassen, dass Sie so
gütig alle Sorge für ihn unterdessen übernehmen wollten, damit doch der liebe
Alte nicht durch meine Freundschaft für Marien leidet.
    Es war mir schlechterdings unmöglich, einen ruhigen Augenblick in der Stadt
zu haben, seitdem das Schicksal meiner Marie diese Wendung bekommen hat. Ich sah
sie immer weinend und jammernd vor mir stehen, und diese Ideen liessen mir
keinen Augenblick Frieden.
    Ich kam den Dienstag Abends hier an. Die Freude über meine Ankunft
verbreitete ein gewisses Lächeln auf ihrem Gesichte, welches mit den übrigen
ausgehärmten Zügen eine äusserst rührende Wirkung machte. Sie stand vom Stuhl
auf, um mir entgegen zu gehen; aber es war gut, dass meine Arme sie auffiengen;
denn ihre wankenden Knie vermochten nicht länger, sie zu halten. Ihr Zustand
presste mir bittre Tränen aus.
    »Weinen Sie nicht um mich, Sophie, - sprach sie - Alle die Tränen, die
meine Lieben um mich vergiessen, fallen zentnerschwer auf mein Herz. O dass ich
die Ursache alles dieses Jammers sein musste!«
    »Aber gewiss eine unschuldige Ursache, meine Marie. Ist es Ihre Schuld, dass
Albrecht nichtswürdig genug war, sich unter einem so elenden Vorwande von Ihnen
zu trennen?«
    »Nennen Sie ihn nicht so, Sophie. Nichtswürdig war er nie. Ich bin
überzeugt, dass er nur durch böse Ratschläge verführt wurde, so zu handeln, wie
er tat. O Gott, was sollte ihm auch eine Gattinn, deren stärkste Neigung, deren
ganze Seele einem andern gewidmet war? Ach! ich bin die Strafbare, ich allein,
Sophie! Warum bewachte ich nicht sorgfältiger mein Herz? Warum flehte ich nicht
sogleich eifrig zu Gott um Rettung? Ich betete wohl, aber mit geteiltem Herzen.
Und das will der Schöpfer nicht. Er verlangt ein reines Herz von uns, in welchem
keine andern Götzen herrschen. Und ach! so war das meinige nicht. Ich klebte
stärker an der Welt, an Eduard, als an meinem Gott! Schrecklicher Gedanke! O!
ihr schuldlosen Zeiten meiner Jugend, wo seid ihr hin? Damals hatte noch keine
andre Leidenschaft diesen Tempel der Unschuld entweiht. Alle Kräfte meiner Seele
waren nur Gott gewidmet. Ihm trug ich mit stiller kindlicher Ergebung in seinen
Willen, mit innigem Vertrauen auf seine Vatergüte, meine Bitten und Leiden vor;
und der Erhörung versichert, fühlte mein Herz sich gestärkt und beruhigt. Wie
bekümmerte mich jeder Fehler, den ich begieng! Mit unruhigem Gewissen ging ich
umher, bis ich mich im Gebet getröstet hatte. Und dann war mir so wohl! O ihr
seligen Gefühle der reinsten Liebe zu Gott, werdet ihr nie wiederkehren?«
    Nun stürzten Tränenströme aus ihren Augen auf ihre Brust herab. Unsre
würdige Pastorinn beruhigte ihre leidende Seele, und flösste den sanften Trost
der Religion ihr ein. Durch die herrlichen Worte unsers Erlösers: Kommt her zu
mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken - merklich
getröstet, legte sie sich schlafen, und stand den andern Morgen etwas
erheiterter auf.
    Eine Stunde nachher kam ein Brief von Eduard. Sie wollte ihn unerbrochen
weglegen.
    »Aber wer weiss, was er mir zu sagen hat?« sprach sie bald hernach. »Es wäre
hart und ungerecht, ihn gar nicht hören zu wollen. Er hat mich ja durch nichts
beleidigt. Ich muss den Brief lesen.«
    Sie öffnete ihn, und nun schwammen ihre Tränen auf das Papier hin.
Schweigend gab sie ihn mir. O Julie, wie erschütterte er auch mich! Eduard liebt
sie noch mit gränzenloser Zärtlichkeit. Er wohnt hier in einem Bauernhause, um
nur in ihrer Nähe zu leben; er hat die Nachricht von ihrer Scheidung erfahren,
und nun scheinen die alten Hoffnungen wieder bei ihm aufgewacht zu sein. Er
bittet in den rührendsten Ausdrücken nur um eine Zusammenkunft.
    »Was sagt meine Sophie zu diesem Briefe?«
    »Ich kann gar nichts dazu sagen, beste Marie, Ihr Herz muss ihn beantworten.
Es muss bestimmen, ob Sie Eduards treue Liebe noch belohnen wollen. Ich bin
geneigt, Albrechts Scheidung von Ihnen als eine Fügung des Himmels anzusehen,
die vielleicht geschah, um zwei Herzen wieder zu vereinigen, die für einander
geschaffen zu sein scheinen.«
    »Ach Sophie, Ihre Erklärung ist zwar süss, aber ein innres Gefühl lässt mich
an ihrer Richtigkeit zweifeln. Es scheint mit - beste Frau Pastorinn, sagen Sie
Ihre Meinung.«
    »Haben Sie durch wirkliche Untreue Albrecht Gelegenheit zur Scheidung
gegeben?«
    »Beste Frau, welche Frage!«
    »Können Sie dieselbe mit Nein beantworten?«
    »Ja, Gott sei mein Zeuge, das kann ich mit dem grössten Gefühl der Wahrheit.«
    »Gut! kann denn eine Scheidung rechtmässig vor Gottes Augen sein, zu der
keine gültige Ursache da war?«
    (Wie schämte ich mich jetzt meines übereilten Urteils!)
    »O Gott, nein, das ist sie nicht. Ich fühle mich jetzt lebhaft überzeugt,
dass ich vor Gott und meinem Herzen noch eben so gesetzmässig Albrechts Weib bin,
wie vorher. Ach! mein Herz, durch Leiden niedergebeugt, ist auch nicht mehr
fähig, die Freuden der Liebe zu geniessen. Ich werde bald von der Bürde des
Körpers bebefreiet werden. Ich fühle, dass eine sanfte Beruhigung in mein Herz
dringt; möchte sie doch auch das deinige erfüllen, o Eduard!«
    Sie glaubte nun stark genug zu sein, um an ihn zu schreiben. Hier lesen Sie
selbst den Brief.
 
                           Sechsundsiebzigster Brief
                                Marie an Eduard
Nur vom Wahn der Liebe getäuscht, konnten Sie Ihren letzten Brief an mich
schreiben. Ich kann und darf Ihren Vorschlag nicht annehmen. Albrecht schied
sich von mir, durch ungerechten Argwohn verleitet. Verbände ich mich mit Ihnen,
so würde ich ihm und der ganzen Welt zeigen, dass sein Verdacht gegründet sei,
dass ich wirklich die Treulose wäre, für die er mich hielt.
    Nein, Eduard, wenn er auch seine Pflichten vergisst, so darf ich doch
deswegen die meinigen nicht hintansetzen. Der Scheidungsbrief, den das Gericht
ausfertigte, war ungerecht; also kann er nicht gültig sein; also kann ich nicht
handeln, wie eine Geschiedne, da ich vor Gottes Augen noch verheiratet bin. Und
wenn ich es auch ohne Sünde könnte; wenn es auch nicht so sträflicher Ehebruch
wäre: so fühle ich doch zu lebhaft, dass Gott uns hier nicht für einander
bestimmt hat. Mein Leben wird nicht lange mehr dauern; ich fühle mit jedem Tage
die Abnahme meiner Kräfte. Ich will mich bemühen, mich vom Irrdischen
loszureissen, und die wenigen Stunden, die ich noch hienieden wallen werde, bloss
meinem Gott widmen.
    
    Ach Eduard! ich fühle, dass es meine Kräfte übersteigt, mich von dir
loszureissen. Du herrschest zu sehr in jedem meiner Gedanken; ich fühle es, dass
meine Liebe zu dir nur mit meinem Leben sich endigen wird. Und auch selbst dann
noch nicht. Meine Liebe zu dir war kein körperliches Gefühl, das mit dem Verlust
unsrer Sinne zugleich schwindet. Es war eine feste Ueberzeugung der
Verschwistrung unsrer Seelen, und kann nie aufhören, so lange dieses
unsterbliche Wesen lebt. Sie wird nur durch die Befreiung von unserm Körper
geläutert, und so veredelt wird sie mir in die Ewigkeit folgen.
    Das ist meine Beruhigung. Wenn es doch auch die Ihrige wäre! Wie bald sind
nicht die wenigen Tage des Lebens vorüber, nur ein Augenblick gegen die
Ewigkeit! Und um dieses Augenblicks willen wollten wir uns den reinen Genuss der
zukünftigen Freuden verderben? wollten die schöne Beruhigung verscherzen, so
gehandelt zu haben, wie uns Gott und Tugend befahl? Nein, Eduard, das sei fern
von uns. Aber wir wollen auch nicht durch unbändigen Schmerz gegen die weise
Fügung Gottes murren. Unter Ergebung in seinen heiligen Willen, und in stiller
Wehmut fliesse unser übriges Leben hin. Wir wollen uns bemühen, unsern
Nebenmenschen noch so gut und nützlich zu sein, als unsre schwachen Kräfte es
erlauben.
    
    Ich werde nicht aufhören zu beten, dass diese sanfte Beruhigung, welche Gott
so gnädig mir schenkte, auch Ihnen zu Teil werden möge. Und so, über Menschen
und Unglück erhaben, wollen wir ohne Murren und ungeduldige Wünsche, mit stiller
Sehnsucht die selige Stunde ererwarten, in welcher uns Gott diesem irrdischen
Schauplatz entrücken wird.
                                                                          Marie.
                         Fortsetzung. Sophie an Julien.
Hätten Sie doch, meine Julie, die himmlische Ruhe gesehen, die von Mariens
Antlitz stralte, als sie diesen Brief geschrieben hatte! Sie schien mir schon
eine selige Bewohnerinn des Himmels zu sein.
    »Ich danke dir, Gott, sprach sie, dass du meine Gebete erhörtest, und meinen
lauten Kummer hinwegnahmst. O Allliebender! stärke auch seine Seele, dass sie
nicht unterliege. Lass auch ihn den erquickenden Trost deiner Religion fühlen!«
    Mit noch grösserm Ernst, als vorher, nimmt sie jetzt der Erziehung der Kinder
und der Pflege der Kranken sich an. Zu ihrer Erquickung muss ich ihr dann
zuweilen ein Lied von Gellert singen, und ihre dankbare Rührung ist dann gewiss
ein Lohn mehr für dich, seliger Mann, der du durch deine sanfte fromme Muse
schon so manchen Trost in die Seele des Leidenden flösstest. - Ich muss aufhören.
Leben Sie wohl, meine Julie!
                                                                         Sophie.
 
                           Siebenundsiebzigster Brief
                               Bartold an Eduard
Aller Nachforschung ungeachtet, habe ich noch nicht entdecken können, wo
Ferdinand sich aufhält. Ich bin jetzt auf einer Reise, um ihn aufzusuchen, und
folge von Postaus zu Postaus der Spur des Briefs, den er Dir schickte. Ich bin
jetzt nicht weit von der Gegend, in der du Dich aufhieltest; denn daher scheint
mir der Brief gekommen zu sein. Man spricht auch wirklich von häufigen
Diebstählen, die hier geschehen, und schliesst daraus, dass eine Diebesbande in
der Nähe sein müsse. Ich werde mich eifrigst bemühen, ihren Aufentalt zu
entdecken; denn ich fürchte, dass unser Ferdinand verloren ist, wenn es nicht
bald geschieht.
    Ich habe in langer Zeit nichts von Dir gehört, Eduard. Sollte wohl ein Brief
verloren gegangen sein? Mache nur die Addresse nach D**. Von dort lasse ich
meine Briefe abholen. Ich bin sehr begierig etwas von Dir zu hören. Bist Du noch
immer ein Raub des Kummers? O Freund, wenn Du Dich doch mehr fassen wolltest;
wenn Du Dich ernstlich bemühtest, die Last des Schmerzens von Dir abzuschütteln!
Dieser Schmerz verführt Dich zu Handlungen, die Deiner ganz unwert sind. - Du
handeltest gar nicht gut, da Du den armen Henrich zum Genossen Deines Kummers
machtest. Der gute Mensch hätte sich vielleicht bald beruhigt, hätte seine Liebe
einem andern Mädchen gewidmet, und wäre wieder der glückliche Bauer geworden,
der er sonst war. Aber so zernichtest Du sein Glück, Du stärkst das Gefühl
seines Leidens, welches der menschenfreundliche Geistliche zu dämpfen suchte; Du
machst, dass er seinen Verlust nur noch mehr empfindet, und er ist nun vielleicht
auf immer unfähig wieder das zu werden, was er vorher war. Lass ihn gehen, und
die Gesellschaft seiner Bauern, die stete Arbeit, mit welcher er beschäftigt
sein wird, werden seinen Kummer von selbst mildern. Nimm Du an seine Stelle
einen muntern Menschen, der Dich aufzuheitern vermag; denn das solltest Du doch
billig einsehen, dass es sträflich ist, alle Mittel von sich zu stossen, welche zu
unsrer Erheiterung dienen könnten, und sich recht mit Vorsatz durch
ununterbrochnes Trauern zu Grunde zu richten. Ist es eines Mannes, den Gott zu
höhern Endzwecken schuf, wohl würdig, des Nachts wie ein Bettler vor der Tür
seiner Geliebten zu liegen, und den Tag mit Wehklagen zu verseufzen?
    Ermanne Dich, Eduard, und hebe Deine Seele unter dieser schimpflichen Bürde
des Kummers wiederum hervor. Du selbst fühlst die Unanständigkeit und
Sträflichkeit des Selbstmords. Ist es minder sträflich, sich durch unmässigen
Kummer nach und nach aufzureiben, als mit einem male sein Leben zu endigen?
Jenes Gift wirkt langsamer, aber es bleibt eben so wohl Gift, als dasjenige,
dessen Wirkung schnell folgt, und der Gebrauch von beiden ist gleich unerlaubt.
Vergieb mir diese Betrachtungen, lieber Eduard! Ich wünschte, dass sie nicht ganz
ohne Wirkung bei Dir sein möchten!
                                                                     Dein treuer
                                                                       Bartold.
 
                            Achtundsiebzigster Brief
                               Eduard an Bartold
Da Dich das Schicksal des armen Henrichs so sehr zu beunruhigen scheint, so wird
Dich die Nachricht erfreuen, dass er nicht mehr bei mir ist. Seine Seele war
freilich nicht für feine Gefühle geschaffen, und ich merkte wohl, dass ihm die
Art, wie wir unser Leben führten, nicht recht anstand. Der Prediger hatte sich
auch nach ihm erkundigt, und liess ihn zu sich holen, als er seinen Aufentalt
erfuhr. Er redete ihm seinen Kummer aus dem Herzen, verschafte ihm eine andre
Stelle, und wahrscheinlich wird er bald auch eine andre Frau wählen. Er war so
guterzig, Teil an meinem Kummer zu nehmen, und kam zu mir, um auch mich zu
bekehren. Seine treuherzigen Reden rührten mich. Ich versicherte ihn aber, dass
unsre Lage und Empfindungen gar zu verschieden wären, als dass sein Trost bei mir
recht wirksam sein könnte. Ich billigte seinen Entschluss, - denn freilich der
wäre ein Tor, der dem Kummer nachhängen wollte, wenn sein Herz freudiger
Empfindungen fähig ist, - und gab ihm eine kleine Summe zur Unterstützung seiner
neuangefangnen Haushaltung.
    Auch ich bin nicht mehr der trostlose Eduard, der ich war. Eine süsse
Hoffnung hat mein Herz erfüllt. Ich habe an Marien geschrieben. Mit klopfendem
Herzen sehe ich der Antwort des Engels entgegen. Wenn ich einen Menschen gehen
höre, so springe ich ans Fenster, und denke, er kömmt von ihr, und mismütig
kehre ich um, wenn ich nur einen langsam schleichenden Bauer sehe. Aber was höre
ich! Man nennt meinen Namen, man fragt nach mir? Glücklicher Eduard! ein Brief
von Marien?
    Bartold! ich bin verloren. Sie darf, sie kann nicht die Meinige werden. O
Gott! so sollen die übrigen Tage meines Lebens öd und in schrecklicher
Einsamkeit dahin schleichen? Elender, unglücklicher Eduard!
 
                            Neunundsiebzigster Brief
                              Ferdinand an Eduard
Endlich ist es mir gelungen, ein paar Worte mit dem unglücklichen Jüngling zu
sprechen, der mir, ohne dass ich weiss, wodurch? so vielen Anteil an seinem
Schicksal eingeflösst hat.
    Brand wollte vergangne Nacht einen Hauptausfall vornehmen, bei dem er nur
seine geschicktesten Leute mitnahm. Wir furchtsamen Hasen - so nennt er uns, -
die noch kein Pulver riechen können, blieben zurück, nebst noch einigen andern,
die er aus besondern Ursachen auch nicht mitnahm. Des Abends wurde stark
gezecht. Feldheim trank unter dem Vorwand eines heftigen Kopfwehs gar nicht, und
winkte auch mir verstohlen mit den Augen. Dieses wäre nicht einmal nötig
gewesen, um mich vom Trinken zurückzuhalten: denn die Lust zum Weintrinken ist
mir vergangen; auch erregt es immer ein äusserst peinliches Gefühl in mir, mit
diesen Lotterbuben aus einem Glase zu trinken, und mich von ihnen Bruder nennen
zu hören. Im Anfang sah ich mich immer ängstlich um, ob auch jemand unsre
Vertraulichkeit sähe.
    Die andern also machten sich unsre Mässigkeit auf eine so vorteilhafte Art
zu Nutze, dass sie, von der doppelten Portion benebelt, bald auf die Bank
taumelten und laut schnarchend schliefen. Sobald Feldheim dieses merkte, kam er
näher zu mir.
    »Mich dünkt, sagte er, ich sehe an Ihnen beständig so deutliche Zeichen
eines geheimen Verdrusses, dass ich glaube, Sie sind eben so ungern in der
Gesellschaft dieses Auswurfs der Menschheit als ich. Ich bin von gutem Hause.
Allerlei Umstände, deren Erzählung jetzt zu weitläuftig sein würde, brachten
mich zu dem Entschlusse, mein väterliches Haus zu verlassen. Ich wurde nebst
meinem Gefährten von Brand und einigen andern im Walde angehalten. Mein
Gesellschafter wurde ermordet. Voller Angst flehte ich um mein Leben; meine
Jugend schien Eindruck auf sie zu machen.«
    »Den Burschen könnten wir brauchen, sprach Brand: er ist schmächtig, und
würde gut zum Einsteigen durch schmale Löcher zu brauchen sein. Höre, junger
Mensch, willst du uns folgen, und dich zur Treue verpflichten, so sollst du es
recht gut bei uns haben. Willst du aber nicht, so musst du sterben, wie dein
Gefährte.«
    »Die Liebe zum Leben überwand meinen Abscheu gegen diese Mörder. Ich folgte
ihnen, aber nur um so lange bei ihnen zu bleiben, bis sich mir eine Gelegenheit
zur Flucht zeigte. Vier Tage nach meiner Aufnahme kamen Sie zu uns. Bei Ihrem
Anblick belebte mich eine gewisse süsse Hoffnung, die mich auch noch nicht
verlassen hat. Wollen wir uns verbinden, einander zu retten, so bald wir
können?«
    »Ich bin es gern zufrieden; denn diese niedrige Lebensart ist mir verhasst.«
    »Aber wollen Sie mir auch versprechen, mich nach meines Vaters Hause zu
bringen? Wie mag der gute Alte wegen meines Schicksals in Sorgen sein! Ich bin
sein einziges Kind, und er hat mir gewiss meinen Fehler vergeben, und seufzt nach
meiner Zurückkunft. Sie sind alter und beherzter als ich, deswegen wäre mir Ihre
Begleitung lieb; denn ich getraue mir kaum, die Reise allein zu machen.«
    Ich versprach dies; denn, wie gesagt, ich liebe Feldheim sehr, und es ist ja
gleichviel, wohin mich mein Schicksal führt. Wir versuchten, ob es nicht möglich
wäre, jetzt gleich zu entkommen, aber Brand hatte sorgfältig alle Ausgänge
verschlossen, und wir durften keinen Lärm machen, damit unsre Kameraden unsern
Vorsatz nicht merkten. Wir verabredeten also, uns heiter zu stellen, und zu
tun, als wären wir begierig, auch bei einem Diebstahl gebraucht zu werden;
alsdann wollten wir zu entfliehen suchen. Wollte der Himmel, unser Vorsatz wäre
schon ausgeführt! Mein Leben wird mir hier zur Quaal, und der Gedanke an meinen
armen Vater martert mich unaufhörlich. O dass ich so mutwillig das Glück meines
Lebens zerstörte! denn zerstört ist es auf immer. Wenn ich auch aus dieser
höllischen Bande entrinne, so ist doch das Trommelfell mein höchstes Ziel. Einer
andern Bestimmung habe ich mich unwert gemacht.
                                                                      Ferdinand.
 
                               Achtzigster Brief
                              Ferdinand an Eduard
Es ist uns gelungen, das Vertrauen des Hauptmanns ganz zu gewinnen. Als er den
andern Morgen zurückkam, stellten wir uns ganz mismütig. Er bemerkte es und
fragte mich, was mir fehle?
    »Meinen Sie denn - sprach ich - dass es mir gleichgültig sein kann, bei allen
den schönen Unternehmungen, die Sie machen, zu Hause gelassen zu werden? Zeigt
das nicht deutlich, dass Sie mich für einen Schaafkopf halten, der zu nichts zu
gebrauchen ist? Oder vielleicht glauben Sie, dass ich kein Pulver riechen kann.
Und das ist mir sehr empfindlich.«
    »Ich bin freilich wohl nicht so beherzt - sprach Feldheim - wie unsre andern
tapfern Brüder, und getraue mir nicht, mit der Pistole oder dem Degen in der
Hand so gut wie Sie, Herr Hauptmann, zu fechten; aber wenn es auf List und Ränke
ankömmt, so bin ich gewiss so gut als einer; denn die habe ich in meiner Kindheit
gelernt. Ich kann so sachte auf den Zehen schleichen, dass mich niemand hört,
getraue mir auch wohl ganz leise ein festes Schloss aufzubrechen; meiner Mutter
Geldschrank hat diese meine Geschicklichkeit wenigstens oft genug erfahren.«
    Brand. »Es ist mir lieb, Kinder, dass ihr so viel Mut und Ambition habt. Ich
hätte es euch nicht zugetraut.«
    Ich. »Zum Teufel, Herr Hauptmann! Sie haben mir keine Courage zugetraut? Das
sollte mir beim Henker kein andrer sagen. Ich bin jetzt eben in der Laune, mir
einen Gegner zu wünschen; ich wollte wahrhaftig jeden zu Paaren treiben, der
sich mir widersetzte!«
    Brand. »Verspare deinen Mut, mein Sohn, du sollst bald Gelegenheit finden,
ihn zu gebrauchen. Hier in der Nähe liegt ein artiges Gut, auf dem nur ein Alter
mit seiner Tochter wohnt. Er hat viel Geld und eine öffentliche Kasse in Händen.
Das kann ein reicher Schnitt werden. Ich muss nur noch nähere Kundschaft von dem
Dinge einziehen. Bei dieser Unternehmung will ich euch brauchen, wenn ihr
versprecht hübsch vorsichtig zu sein.«
    Feldheim. »O wenns auf Vorsicht und leises Wesen ankömmt! Beides habe ich.«
    Brand. »Gut, mein Sohn! Vielleicht brauche ich dich, ins Fenster zu steigen,
weil du schmal bist. Aber würde dir nicht bange werden?«
    Feldheim. »O! nicht im mindesten. Ich weiss ja, dass ich brave Gehülfen hinter
mir habe.«
    Brand. »Gut gesprochen, mein Kind! Du hast Recht, wir haben tafere Kerle
unter uns, die mit dem Teufel selbst fechten würden. Wisst ihr wohl, dass unsre
Bande ihrer Herzhaftigkeit wegen in der ganzen Gegend berühmt ist? Es fürchten
sich alle, die von uns gehört haben, uns anzugreifen. Sonst würden wir auch
nicht mehr alle beisammen sein. Man hat aber doch schon starken Argwohn auf uns,
und sucht uns durch List nachzustellen; deswegen wollen wir diese Gegend gleich
verlassen, wenn wir diesen Coup ausgeführt haben.«
    Ich. »Was mich aber anbetrifft, so bitte ich untertänig, dass Sie mich nicht
bloss zum Einsteigen in die Fenster brauchen, sondern dass ich unter die andern
Fechter gestellt werde.«
    Brand. »Es wird meine Sache sein, jedem von Euch seinen bestimmten Platz
anzuweisen. Aber jetzt wollen wir erst eins saufen. Nicht wahr, Jungen, jetzt
seid ihr doch gern bei uns? Im Anfang saht ihr beide aus, wie die Ritter von der
traurigen Gestalt.«
    Ich. »Das hat sich geändert. Ich muss gestehen, dass ich freilich im Anfang so
allerlei Bedenklichkeiten hatte; aber jetzt sind sie überwunden, und ich wünsche
mir in meinem Leben keine bessere Lage, als unsre jetzige ist.«
    Brand. »Bravo, mein Sohn! Nun bist du mir noch einmal so lieb. -«
    Wir gewannen den Tag sein Vertrauen völlig. Es kam mir sehr sauer an, so
gegen meine Ueberzeugung zu sprechen; denn es ist gar nicht meine Sache, mich zu
verstellen. Aber mein Wunsch, aus dieser Rotte zu kommen, und den armen Feldheim
zu befreien, ist gar zu lebhaft. Wir wissen nur noch nicht, auf welche Art die
Sache am besten anzufangen ist; denn wir dürfen nicht allein mit einander reden,
und müssen überhaupt sorgfältig allen Schein eines geheimen Verständnisses
vermeiden. Doch ich hoffe, der Himmel wird um des unschuldigen Feldheims willen
unser Unternehmen begünstigen. Wäre nur erst der Tag der Ausführung da! Lange
kann ich diese verhasste Rolle nicht mehr spielen.
                                                                      Ferdinand.
 
                            Einundachtzigster Brief
                               Bartold an Eduard
Freue Dich mit mir, Eduard, wenn Du kannst. Ich bin auf eine Spur gekommen. Ich
halte mich täglich in der Schenke auf, und trinke einen Krug Bier, um etwas
nähere Nachricht von den Dieben zu hören. Die Bauern sitzen denn alle um mich
her, und hören mit aufgesperrtem Maul und Nase zu, wenn ich von politischen
Händeln und dergleichen rede. Es sind hier im Dorfe zwei grosse Politiker. Der
eine davon ist einmal ein Jahr auf einer lateinischen Schule gewesen, hat aber,
da sein älterer Bruder starb, wieder zum Pfluge zurückkehren müssen. Dieser
spricht denn noch immer gern von gelehrten Sachen, und bedauert den Zufall sehr,
der ihn von seiner gelehrten Laufbahn zurück rief; denn er meint, es würde
einmal ein grosser Mann aus ihm geworden sein, wenn er beim Studieren hätte
bleiben können. Er weiss denn auch den andern Bauern so viel von Sachen
vorzuschwatzen, die er einmal hat nennen hören, und deren Namen er ganz
jämmerlich verdreht, dass sie ihn für ein Wunder der Gelehrsamkeit halten.
    Der andre ist der Schmidt des Dorfs, der, wie er sagt, weit auf Reisen
gewesen ist. - Im Grunde aber bestehen seine ganzen Reisen darin, dass er in
einem Städtchen, zwei Meilen von hier, als Schmiedegeselle gearbeitet hat. -
Dieser steht denn auch - sein handfester Körper trägt dazu nicht wenig bei -
hier in grossem Ansehen. Beide wollen oft mit dem Schulmeister von hohen Dingen
sprechen. Dieser aber fühlt seine Schwäche gegen sie, weil er einmal in einer
solchen Streitigkeit über die Farbe vom Schwanz eines Cometen, der sich vor
einiger Zeit am Himmel sehen liess, von den beiden andern besiegt worden ist, und
dann die Leibesstärke des Herrn Schmidts lange in seinen Knochen empfunden hat,
so dass er ihnen nun immer auf die höflichste Art Recht gibt. Wollen sie
durchaus Widerspruch haben, um ihre Stärke in der Widerlegung des Gegners zu
zeigen, so schleicht er sich sachte davon, und überlässt die beiden Kämpfer dem
Misvergnügen, das sie empfinden, ihre besondern Gaben - das ist der
Lieblingsausdruck des ehemaligen lateinischen Schülers - nicht zeigen zu können.
    Es ist sehr lustig, diesen gelehrten Streitigkeiten beizuwohnen, und zu
sehen, wie sich diese Leute mit den wichtigsten Mienen von der Welt über
Kleinigkeiten zanken, die andern nicht einmal der Rede wert scheinen. Ich
vergleiche sie oft mit unsern Gelehrten, die über ein beh und bäh, und oft über
noch geringfügigere Sachen ganze Stösse von Streitschriften schreiben, die zu
weiter nichts dienen, als dem Verleger Absatz zu verschaffen, wenn nämlich recht
grobe persönliche Anzüglichkeiten darin stehen. Denn leider sind wir Menschen
in dem verderbten Geschmack, dass die boshaft aufgedeckten Fehler unsrer
Mitbrüder am meisten unsre Aufmerksamkeit reizen. Ist dies aber nicht der Fall,
sondern wird bloss die Ursache des Streits abgehandelt, ohne tückische
Nebenanekdoten und Schmähungen, die gar nicht zur Sache gehören, so erregen
diese Schriften weiter keine Aufmerksamkeit, und dienen bloss dazu, dass der
Krämer Käse hineinwickelt, oder Pfeffertüten daraus macht, wenn sie nicht zu
einem noch unedlern Gebrauch angewandt werden.
    Doch was gehen Dich und mich und unsre Bauern solche Kämpfe an? Die mögen
die Herren Gelehrten unter sich halten, und ich will den Faden meiner Erzählung
wiederum anknüpfen.
    Meine Bauern sprachen denn also wirklich davon, dass die Diebesbande sich in
dem benachbarten Walde aufhalten müsse, und dass man es kaum wagen dürfe, diesen
Weg zu passiren. Ich spitzte beide Ohren und fragte sie, ob sie denn nicht
einmal mit vereinter Macht einen Ausfall auf diese Spitzbuben tun wollten?
    »Da wären wir gewaltige Narren, versetzten sie, wenn wir uns der Gefahr
aussetzten, von diesen Kerlen ermordet zu werden. Das mag die Obrigkeit tun,
und die vornehmen reichen Leute, die von ihnen geplündert werden. Uns können sie
nichts nehmen, dafür sorgt unser gnädiger Landesherr und unser Herr Amtmann. Die
Abgaben, die wir zahlen müssen, die Haasen und andres Wildpret, das unsre
Feldfrüchte verdirbt, und das wir doch bei Lebensstrafe nicht erschiessen dürfen,
machen, dass wir selbst kaum das liebe Leben durchschleppen, geschweige denn, dass
wir noch was für Diebe übrig haben sollten. Wir können also ganz unbekümmert bei
allen Diebstählen sein.«
    »Das dächte ich doch nicht, meine Freunde; denn wenn Ihr selbst auch nicht
bestohlen werden könnt, so suchen doch Eure Gutsherren von Euch den Ersatz
desjenigen herauszupressen, was ihnen entwandt wird.«
    Die Richtigkeit dieses Satzes wurde durch ein allgemeines Fluchen bewiesen,
aber dem ohngeachtet hatten sie doch gar keine Neigung, ihre eigne Haut in
Gefahr zu setzen. Ich muss also einen Plan ausdenken, dessen Ausführung ich
allein zu übernehmen vermag. Vielleicht gibt diese Nacht mir günstige Träume
ein.
                                                                       Bartold.
 
                            Zweiundachtzigster Brief
                               Bartold an Eduard
Als ich heute früh in tiefen Gedanken über die Ausführung meines Vorhabens auf
dem Felde spazieren ging, begegnete mir der Lumpensammler, und bei seinem
Anblick fiel mir eine Idee ein.
    »Höre, Freund - sagte ich ihm, könntest du mir wohl nicht einen Bettlerhabit
verschaffen? Ich wollte einen Spass damit machen. Wenn du ihn mir binnen einer
Viertelstunde bringst, so sollst du diesen Louisd'or zur Belohnung haben, und
wenn du schweigen kannst, noch einen Dukaten dazu.«
    Der arme Kerl, der vielleicht in seinem ganzen Leben noch nicht so viel Geld
beisammen gesehen hatte, war vor Freuden ausser sich, und versprach alles
Mögliche. Er hielt auch Wort, und brachte mir in kurzer Zeit einen recht
vollständigen Bettlerhabit. Nun wanderte ich ins Holz, in der Hoffnung einen von
der erhabnen Gesellschaft zu entdecken. Aber bis jetzt habe ich noch niemand
gesehen. Ich trage einen Brief an Ferdinand in der Tasche, der ihm von meinem
Vorhaben Nachricht gibt, und nun will ich mich hier schlafen legen, und das
Holz nicht eher verlassen, bis ich eine Spur von ihnen entdeckt habe. Gute
Nacht, Eduard.
                                                                       Bartold.
                        Fortsetzung. Bartold an Eduard.
Ich hatte noch nicht lange gelegen, als ich menschliche Stimmen hörte. Ich fieng
an, so laut zu schnarchen, dass man es notwendig weit weg hören musste.
    »Was Teufel gibt es denn da? sprach einer, vielleicht ein Reisender der den
Weg verloren hat?«
    Und nun kam man auf mich zu.
    »Wahrhaftig! eine artige Figur. Das war der Mühe wert, umzulenken!«
    »Ich warf mich herum, rieb die Augen und sagte: Beim Teufel, ein hartes
Lager! da wird einem das Schlafen wohl sauer.«
    »Wie kömmst denn du Bestie hier in den Wald?«
    »Je nun, ich hörte, dass hier oft vornehme Leute, so wie Ew. Gnaden,
durchkämen, und da dacht' ich dann so eine kleine milde Gabe zu erhaschen.«
    »Es ist eine Schande, dass ein so junger rüstiger Kerl sich schon aufs
Betteln legt.«
    »Ach! Ihro Gnaden wissen meine Umstände nicht. Ich bin wohl mit zehnerlei
Uebeln behaftet, habe Gicht und einen lahmen Fuss, und kriege oft das böse Wesen.
Sehen Sie nur an, meine Herren.«
    Nun ergriff ich meinen Stab und hinkte ihnen so natürlich vor, dass sie aus
vollem Halse lachten.
    »Du scheinst ein lustiger Teufel zu sein, und eben nicht zum Bettler
geboren.«
    »Nein, wahrhaftig nicht! Sie haben mich doch nun einmal überrascht, und es
hat vielleicht eine bessere Wirkung auf Ihre Mildtätigkeit, wenn ich aufrichtig
gegen Sie bin, als wenn ich noch versuchen wollte, Sie hinters Licht zu führen.
Ich bin von vornehmen Eltern geboren, die mich mit äusserstem Zwange zum
Studieren anhielten. Das war nun gar mein Flauss nicht, und ich beneidete oft das
glückliche Leben der Bettelbuben, die für nichts zu sorgen brauchen, und
allentalben ihr Fortkommen finden. Als ich einsmals heftig gezüchtigt werden
sollte, machte ich mich aus dem Staube, und seitdem habe ich diese Lebensart
geführt. Des Abends sind meine Taschen reichlich angefüllt, und ich verstehe
mich darauf, jedem, den ich um eine Gabe anspreche, das zu sagen, was er gern
hört.«
    »Also gefällt dir deine Lebensart wohl sehr?«
    »Nicht mehr so sehr als sonst. Meine Tätigkeit ist dabei auf zu kleine
Gegenstände eingeschränkt, und es verdriesst mich immer, um ein paar Pfennige so
viel Wesens machen zu müssen. Wären es Pistolen, so wollte ich meine Mühe für
besser angewandt halten.«
    »Höre einmal, Kerl, schickst du dich wohl zum Spion?«
    »O vortrefflich! Ich dringe mich unter allerlei Vorwand in Küche und Keller
und in die Wohnzimmer, und unterdessen, dass mir die Leute andächtig zuhören,
laufen meine Augen allentalben herum, und es gelingt mir in vornehmen Häusern
sehr häufig durch die Bedienten allerlei nützliche Nachrichten von den
Herrschaften einzuziehen.«
    »Ich glaube wahrhaftig, Kerl, du machst dir auch gar kein Gewissen daraus,
zuweilen zu mausen?«
    »O! was das Gewissen betrifft, das ist bei mir so delikat eben nicht. Ich
darf es aber nur selten wagen; denn wenn man mich ertappte, wo sollte ich Hülfe
hernehmen?«
    Ich führte das Gespräch immer weiter, bis ich endlich glücklich zum Ziel
gelangte. Der Hauptmann Brand - so hiess der Eine - nahm mich auf. Freilich wurde
mir ein fürchterlicher Schwur vorgelegt, bei dem mir die Haare aufstiegen, aber
ich war durch eine List so glücklich, die Sache so zu drehen, dass sich dieser
Schwur mit meinem Gewissen vereinigen liess; auch beruhigte ich mich diesmal mit
dem Jesuitergrundsatz: dass man wohl einmal zu einer guten Handlung durch böse
Wege gehen könne. Ich muss aufhören, die Augen fallen mir zu.
                        Fortsetzung. Bartold an Eduard.
Der Hauptmann nahm mich mit nach der Diebeshöhle. Die ganze Gesellschaft sass um
einen langen Tisch. Ferdinand war unter ihnen. Sein Anblick erschütterte mich
sehr. Die wilde Verzweiflung war auf seinem Gesichte; seine Augen hatten einen
fürchterlichen Ausdruck bekommen. Auch den junge Menschen erkannte ich gleich,
von dem Ferdinand schrieb. Er zeichnete sich durch sein einnehmendes Gesicht,
und durch den zarten Bau seines Körpers, der von einer vornehmen Geburt und
weichlichen Erziehung zeigte, auffallend genug von den übrigen aus. Brand
stellte ihnen in mir seinen neuen Fund vor.
    »Das ist der Mühe wert. Wahrhaftig, eine schöne Figur! -« schrien alle mit
Hohngelächter.
    »O ho, sachte, Kinder! Dieser Kerl ist vielleicht mehr wert als ihr alle.
Du Jakob, Moritz, Raufbold, Jäger, und du Schwarzer da - er zeigte auf fünf
Kerle, welche die fürchterlichste Gesichtsbildung hatten - ihr, alle seid zwar
treffliche Fechter, aber dieser ist mir noch brauchbarer. Unter euch allen ist
keiner, den ich zum Kundschafter in Häusern brauchen könnte, und ein solcher ist
uns doch so notwendig. Ueberhaupt ist dieser neue Bruder von so guter Familie,
als irgend einer unter euch.«
    Es kam mir höchst lächerrlich vor, diese Lotterbuben von vornehmer Familie
reden zu hören. Ich verbarg aber meine Betrachtungen, und sah Ferdinand an, der
bisher in tiefen Gedanken gesessen hatte, nun aber aufsah, und bei meinem
Anblick frappirt zu sein schien. Er hatte mich aber nicht erkannt. Bloss die
Aehnlichkeit meiner Gesichtszüge mit andern, welche er schon einmal gesehen zu
haben glaubte, hatte ihn in Erstaunen gesetzt, und er schien, von diesem
Augenblick an, über etwas nachzudenken. Ich fand Gelegenheit, ihm unvermerkt
mein Brieschen zuzustecken. Es war des Inhalts: »Lieber Ferdinand! Die Begierde
Dich zu retten, treibt mich zu dieser sonderbaren Verkleidung. Wenn Du daran
denkst, was Du Deinem Vater, der um Dich jammert, und Deinen Freunden schuldig
bist, und also in meinen Plan einstimmst: so hoffe ich Dich und mich zu
befreien. Dein Vater weiss nichts von diesem Schritt, und es steht Dir ganz frei,
zu gehen, wohin Du willst; wenn Du nur aus den Händen dieser Elenden bist, so
bin ich zufrieden.«
    Er schien zu stutzen, als er das Papier in seiner Hand fühlte, steckte es
aber unvermerkt in die Tasche, und nun hiess Brand uns schlafen gehen. Den andern
Morgen gaben sich alle beim Aufstehen die Hand. Ferdinand kam zuletzt zu mir,
und drückte ein Papier in die meinige. Ich entfernte mich unter einem Vorwande,
und las folgendes: »O Gott! Bartold! bin ich es noch wert, dass meine Freunde
sich meiner annehmen? Edelster! Bester unter den Menschen! O warum erkannte ich
Deine Freundschaft nicht immer so wie jetzt? Ich bin von Deiner Grossmut
durchdrungen, und werde ewig dankbar gegen Dich sein; aber wenn Du mich retten
willst, so rette auch meinen Feldheim, der diese unselige Verbindung eben so
verabscheut wie ich.«
    Voller Freuden eilte ich wieder zu den andern, und gab mir alle mögliche
Mühe, Brands Liebe und Vertrauen zu gewinnen. Es gelang mir auch so gut, dass er
mir bald einen Plan mitteilte, in dessen Ausführung er meine Fähigkeiten prüfen
wollte:
    »Es wohnt hier in der Nähe ein reicher Alter auf einem einsam gelegnen Gute,
bei dem wir eine treffliche Beute finden werden. Aber weil wir hier gar nicht
mehr sicher sind, so müssen wir diesen Ausfall so bald möglich, ich wünschte
schon zukünftige Nacht, unternehmen, und uns dann sogleich aus dem Staube
machen. Kennst du das **sche Gut?«
    - Gott, wie erschrack ich hier! Es ist eben das Gut, auf dem Du, mein Eduard
, sonst wohntest, und dessen gefährliche einsame Lage Du kennst. Ich fasste mich
inzwischen so gut, dass er meine Bestürzung nicht merkte, und antwortete:
    »Dem Namen nach kenne ich es wohl. Ich habe es auch liegen sehen, wurde aber
verhindert, meinen Weg dahin zu nehmen.«
    »Nun! es ist genug, wenn du nur die Lage weisst. Wenn ich wüsste, dass du recht
gescheidt wärest, so solltest du dahin gehen und Kundschaft von allen den Dingen
einziehen, die wir notwendig zu unsrer Sicherheit wissen müssen. Aber sollte
ich mich auch wohl auf dich verlassen können, da du noch so neu bist? Ich wage
wirklich zu viel.«
    »Gewiss nicht, Herr Hauptmann! Ich habe in meinem Leben keine grössere Freude
empfunden, als diejenige war, wie Sie mich in Ihre Gesellschaft aufnahmen, und
Ihr Auftrag erfüllt alle meine Wünsche.«
    »Wie so? sagte er etwas befremdet.«
    »Je nun, weil er mir ein Zeichen Ihres Vertrauens ist. Ich bin zu solchen
Geschäften geboren. Es wird mir einen rechten Spass machen, wenn die Bedienten
mir in aller Unschuld das entdecken, was uns zu wissen gut ist. O ich will sie
so zahm und treuherzig machen, dass es eine Freude sein soll. Aber, Herr
Hauptmann, wäre es nicht besser, wenn ich in einer andern Kleidung da erschiene?
Etwan als ein Korn- oder Viehhändler? Auf die Art könnte ich wohl leichter
Zutritt zu dem Herrn selbst bekommen?«
    Bravo, du bist ein tüchtiger Kerl. Aber mach fort, damit du bald wieder hier
bist. Du siehst, was ich dir anvertraue. Billig -
    »Billig sollte ich den ganzen Plan fahren lassen; denn Ihr Mistrauen
beleidigt mich sehr.«
    Er besänftigte meinen anscheinenden Zorn, und ich wurde nun aufs beste mit
einem Rocke aus Karls des zwölften Zeiten, und mit einer Perücke ausstaffiert,
bekam das beste Pferd aus dem Stalle, und so eilte ich fort. Ich kam bald auf
dem Hofe an. Ein junges Mädchen war beschäftigt, eine Menge Federvieh zu
füttern, welches ganz zahm um sie herum lief. Ihre Gestalt war die schönste, die
ich je sah. Ein gewisser Zug des Trauerns verbreitete ein sanftes Schmachten
über ihr ganzes Wesen, das jedes Herz zu ihr zu neigen schien. Die lebhaften
Rosen ihrer Wangen schienen vom Kummer in eine gewisse Blässe verwandelt zu
sein, die das Gesicht noch sanfter und anziehender machte. Sie trug ein weisses
Kleid, das ihren Wuchs sehr vorteilhaft zeigte. Eine blassblaue Schleife
befestigte eine Rose an ihrer Brust, deren welkende Blätter ein Sinnbild von ihr
zu sein schienen. Auf dem Kopf hatte sie einen weissen Hut mit einem Blumenkranz
umwunden; ihr schönes blondes Haar wallte in ungekünstelten Locken auf ihren
Busen herunter - dass ichs kurz mache, das ganze Mädchen stellte dem Auge eine so
hinreissend schöne Figur dar, dass sie sogar auf das kalte Herz deines Bartolds
die stärkste Wirkung machte.
    Sie fragte mich mit einer Stimme, die so süss und lieblich in meinen Ohren
hallte, ob ich etwan zu ihrem Onkel wollte? Und auf meine bejahende Antwort
führte sie mich zu ihm ins Zimmer. Er sass eben vor seinem Schreibtische, stand
aber bei meiner Ankunft auf, und nötigte mich - obgleich meine Figur nicht
vorteilhaft war - sehr freundlich zum Sitzen. Ich verbat dieses:
    »Ich habe Ihnen bloss einen Brief zu überreichen, dessen Inhalt von
Wichtigkeit für Sie ist, und für dessen Wahrhaftigkeit ich Ihnen Bürge bin.
Verzeihen Sie mir aber, dass es meine Umstände nicht erlauben, Ihnen jetzt nähere
Erläuterungen zu geben. Morgen werden Sie mehr erfahren. Befolgen Sie nur aufs
pünktlichste die darin angezeigten Massregeln, und entschuldigen Sie, dass ich
schleunigst wieder von hier eilen muss.«
    Mit diesen Worten verliess ich das Zimmer, schwang mich aufs Pferd und jagte
eilig davon. Der Alte konnte vor Erstaunen kein Wort hervorbringen. Ich schrieb
ihm - doch lies auch lieber selbst den Brief:
»Wohlgeborner Herr,
    Ein Mensch, der Ihnen zwar unbekannt ist, der aber schon lange Ew. Wohlgeb.
von der vortrefflichsten Seite kennt, hält es für seine Pflicht, Sie wegen eines
Anschlags zu warnen, der von den schädlichsten Folgen für Sie und Ihr Haus sein
könnte.
    Eine Bande Räuber hält sich jetzt hier in der Nähe auf, und hat den Vorsatz
gefasst, Sie künftige Nacht zu plündern. Weil der Anführer Nachricht eingezogen
hat, dass Ew. Wohlgeb. ausser Ihren eignen Barschaften noch eine öffentliche
Kasse in Verwahrung haben, so verspricht er sich eine reiche Beute. - Es
befinden sich ausser mir noch zwei junge Leute unter dieser Bande, die durch
sonderbare Unglücksfälle hineingeraten sind und wider ihren Willen einige
Wochen in dieser schändlichen Verbindung haben leben müssen. Noch sind ihre
Hände rein von Blut, und sie wünschen aufs lebhafteste aus den Händen dieser
Bösewichte gerettet zu werden. Es scheint, als wenn der Himmel diese Gelegenheit
veranstaltet habe, um Ew. Wohlgeb. zum Werkzeug der Rettung dieser Unschuldigen
zu machen, und eine schändliche Bande zu zerstören, die hier schon so viel
Unheil angerichtet hat.
    Der eine von diesen jungen Leuten soll diese Nacht in Ihr Fenster steigen,
und den andern die Tür öffnen. Diese wollen dann hereindringen, und, wo
möglich, ganz leise alles Geld und Kostbarkeiten tauben. Finden sie aber
Widerstand: so haben sie die Absicht, alles zu ermorden, was sich ihnen
widersetzt. Sie sind auch stark genug, diesen abscheulichen Vorsatz auszuführen.
Um aber denselben zu vernichten, wäre es meiner Meinung nach, das beste Mittel,
dass Ew. Wohlgeb. ein Commando Soldaten in Ihrem Hause versteckten. So bald nun
die Räuber hineingelassen wären, müssten sie hervorkommen, sich ihrer
bemächtigen, und sie den Händen der Gerechtigkeit überliefern.
    
    Wir drei werden uns gleich auf die Seite der Soldaten schlagen, und hoffen
alsdann, unter Ihrem Dache eine Zuflucht zu finden, bis wir uns mit Sicherheit
auf den Weg zu unsrer Heimat machen können. Ew. Wohlgeb. können sicher auf die
Wahrheit meiner Aussage fussen, und sollte ja ein besonderer Zufall das
schändliche Vorhaben diese Nacht zerstören, so wird es doch ganz gewiss die
zukünftige ausgeführt werden. Ich werde durch ein lautes Zuschliessen der Tür,
oder durch dergleichen zu erkennen geben, wann es Zeit für die Soldaten ist,
hervorzukommen. Ich verhaare, unter der Bitte, doch ja alle Anstalten geheim zu
treffen, mit der vollkommensten Hochachtung
                                                                    Ew. Wohlgeb.
                                                            gehorsamster Diener.
                                                                             B.«
Freudig eilte ich nach unserm Aufentalte zurück. Brand empfieng mich voller
Freuden über meine baldige Wiederkunft. Ich dichtete ihm nun eine zu unserm
Vorhaben so glücklich passende Geschichte vor, dass er weiter keinen Anstand
nahm, den Anfall in der folgenden Nacht zu machen. Unter dem Vorwande, als wolle
ich Feldheim unterrichten, wie er seinen Weg vom Fenster bis zur Haustüre zu
nehmen habe, gelang es mir, mit ihm allein zu sprechen. Erst wusste er nicht, ob
er mir trauen könnte, aber als ich mich ihm ganz entdeckte, war er vor Freuden
ausser sich; denn ohngeachtet seines Verständnisses mit Ferdinand würden sie
beide allein doch schwerlich ihr Vorhaben durchgesetzt haben.
    Ein paar Worte waren hinreichend, diesen letzten von meiner Absicht zu
benachrichtigen, und nun konnten sie ihre Freude nicht so unterdrücken, dass
nicht, ihrer Bemühung ohngeachtet, doch noch genug davon aus ihrem Betragen
hervorgeleuchtet hätte. Brand aber, weit entfernt, Argwohn zu schöpfen, glaubte,
sie freuten sich der Ehre, heute zum ersten mal gebraucht zu werden, und lobte
sie deswegen. Wir zählten alle Minuten bis zum Abend; aber nun machte ein
heftiges Gewitter mit Platzregen verknüpft, die Gesellschaft wankend. Meine
Freunde zitterten nebst mir vor Angst, dass unser Vorhaben würde gestört werden;
aber zum Glück wurde der Himmel still, und wir machten uns, mit dem nötigen
Handwerkszeuge versehen, auf den Weg. Wir kamen bald an Ort und Stelle, fanden
das ganze Haus dunkel und still, setzten die Leiter an, und Feldheim stieg mit
Zittern hinauf. Voller Todesangst eilt er durch viele Zimmer nach der Haustür,
öffnet sie, und wir alle - zwei ausgenommen, die zur Wache stehen blieben -
dringen ins Haus. Ich bin der letzte und kann vor Zittern kaum abschliessen. In
dem Augenblick öffnen sich zwei Türen. Es wird alles hell, und eine Menge
Soldaten dringt von beiden Seiten auf uns zu. Brand schrie, vor Wut schäumend:
»Verräterei! Nichtswürdiger Betrüger!« - und wollte mit dem Säbel auf mich
einhauen. Ich schlug ihm denselben aus der Hand, hatte aber doch eine kleine
Wunde bekommen, und nun wurde er mit allen seinen Genossen - uns drei
ausgenommen, denn wir warfen gleich unsre Säbel von uns - entwaffnet und
eingesperrt. Er hatte aber doch noch einem Soldaten eine gefährliche Wunde
beigebracht, und da seine Hände gebunden waren, noch einige mit den Füssen
beschädigt.
    Auf meine Anzeige setzte nun ein Teil der Soldaten den zwei andern, die
draussen waren, nach. Einer war entwischt, den andern zwangen sie, sie nach der
Höhle zu führen, in der noch drei Spitzbuben sich befanden, welche sie auch
glücklich erhaschten. Wir wurden in ein Zimmer geführt, in welchem sich der
geheimde Rat nebst Karolinen befand. Er umarmte mich:
    »Grossmütiger Mann, womit soll ich Ihnen danken?«
    »Das Vergnügen, eine gute Handlung verrichtet zu haben, und ein Werkzeug zu
Ihrer und Ihrer liebenswürdigen Nichte Rettung gewesen zu sein, ist mir die
grösste Belohnung. Ich danke Gott, der es uns so schön hat gelingen lassen, diese
Unschuldigen aus den Händen der Räuber zu befreien.«
    Ich sah mich nach beiden um, und bemerkte, dass Feldheim die Augen
niederschlug und errötete. Endlich warf er sich mit den Zeichen der stärksten
Bewegung zu des Alten Füssen und umfasste seine Knie.
    »Teuerster Oheim, können Sie mir vergeben? - Beste Karoline, kann ich nicht
auf Dein Vorwort rechnen? Habe ich auch Deine Liebe verloren?«
    »Gott, ists möglich, bist Du's?«
    Sie umarmte ihn, und wir waren vor Erstaunen ganz ausser uns. Feldheim aber
wollte die Knie des Alten nicht eher verlassen, bis er seine Vergebung erlangt
hätte.
    »Du hast einen grossen Fehler begangen, und uns allen vielen Kummer gemacht.«
    »Ach Gott! dieser Ihnen gemachte Kummer lag schwer auf meiner Seele. Aber
ich kann nicht eher von Ihren Füssen aufstehen, bis Sie dem Mädchen werden
vergeben haben, das Sie sonst so väterlich liebten.«
    »Du kennst meine schwache Seite. Wohlan, erzähle mir deine Geschichte. Ich
wollte, ich könnte darin Entschuldigung für dich finden.«
    »Sie wissen, dass mein Vater, seiner Güte und Zärtlichkeit ohngeachtet, doch
zuweilen eine Härte besitzt, die unglaublich scheint. Herr D-, ein reicher, aber
nichtswürdiger Mensch, der allen Abscheu eines tugendhaften Mädchens verdient,
der schon die Unschuld mancher Unglücklichen zu Grunde richtete, zugleich aber
doch durch die schändlichste Heuchelei den Ruf eines rechtschaffnen Mannes zu
behaupten weiss, verliebte sich in mich, und hielt bei meinem Vater um mich an.
Dieser, durch seinen Reichtum geblendet, gab ihm sein Jawort, und stellte ihn
mir zum Bräutigam vor. Ich hasste den Niederträchtigen, wie er es verdiente, und
flehte mit Tränen meinen Vater an, mich doch nicht einem solchen Bösewicht zu
geben. Aber er war taub gegen meine Bitten, und würdigte die Beweise von D-s
schlechtem Charakter, die er für erdichtet hielt, nicht einmal einer
Untersuchung. Die Verzweiflung brachte mich dahin, selbst an D. zu schreiben.
Ich bat ihn, wenn er nur noch etwas Edelmut besässe, so möchte er nicht auf eine
Verbindung dringen, in die es mir unmöglich wäre einzuwilligen. Seine
Beharrlichkeit würde nur dazu dienen, mich Unannehmlichkeiten von meinem Vater
auszusetzen; in meinem Entschluss würde sie nichts ändern. Dieses begleitete ich
mit den höflichsten Bitten, aber ich erhielt bloss die Antwort: Er glaube, es
gäbe im Ehestande allerlei Mittel von sanfter und harter Art, die Abneigung, die
ich gegen ihn zu haben schiene, zu überwinden. Es solle ihm zwar leid sein, wenn
er die letzten bei mir anwenden müsse; indessen versichre er mich, eben so fest,
als ich entschlossen schiene ihn auszuschlagen, eben so fest sei er entschlossen
mich zu nehmen, und es stände bei mir, zu versuchen, welcher Teil durchdringen
würde. Er hielte es aber für zuträglicher, wenn ich mich gleich in die Umstände
schicken wollte.
    Zu diesem Briefe, dessen hämischer Spott mich äusserst aufbrachte, fügte er
noch die Nieterträchtigkeit hinzu, den meinigen in meines Vaters Hände zu geben.
Dieser begegnete mir darauf aufs härteste, sperrte mich ein, und befahl mir,
mich ohne Widerrede zur Hochzeit anzuschicken, welche spätstens in acht Tagen
vollzogen werden sollte.
    In dieser traurigen Lage sah ich kein andres Hülfsmittel vor mir, als zu
entfliehen. Ein Mädchen, das mir treu war, schaffte mir Mannskleider, um meine
Flucht sichrer zu machen. Ich entfloh des Nachts, entschlossen zu Ihnen zu
gehen, und um Karolinens Vorsprache zu bitten. Diese sollte mich so lange
verbergen, bis Sie auf meine Seite gebracht wären, und dann, hoffte ich, würden
Sie meinen Vater zur Aenderung seines Entschlusses bewegen. Ich nahm einen Boten
mit, denn ich getraute mir nicht, ein Fuhrwerk zu nehmen. Wir wurden im Walde
von zwei Räubern angefallen, die meine gute Kleidung gelockt hatte. Mein
Gefährte nahm die Flucht, und ich bat voller Angst um mein Leben, welches sie
mir nur unter der Bedingung schenkten, wenn ich ihnen folgen wollte. Die Liebe
zum Leben siegte über meinen Abscheu, ich ging mit ihnen, und vier Tage waren
mir höchst traurig verflossen, als Herr Ferdinand durch einen ähnlichen Zufall
zu uns kam.
    Wir merkten bald, dass unsre Gesinnungen des Abscheus gegen diese Bande
einstimmig waren, und verabredeten unsre Flucht, die wir aber doch schwerlich
würden ausgesührt haben, wenn nicht dieser Herr uns behülflich gewesen wäre. Und
nun, liebster, bester Oheim, was darf ich hoffen?«
    »Meine Verzeihung. Aber ist die Unschuld meiner Wilhelmine in keiner Gefahr
gewesen? Blieb dein Geschlecht verborgen?«
    »Ja. Ich schlief immer allein, und in Kleidern; und man hat nicht anders
geglaubt, als dass ich ein Jüngling wäre.«
    »Aber der zarte Bau deines Körpers?«
    »Wurde für die Folge einer verzärtelten Erziehung gehalten, und oft
verspottet.«
    »Aber, Mädchen, gewiss hatte doch ein geheimer Liebhaber Anteil an deinem
Entschluss und an deinem Widerstreben?«
    »Nein, bester Onkel! Ich kann darauf schwören, dass noch nie ein Mann von
Liebe mit mir gesprochen hat, und dass ich auch keinen in meiner Vaterstadt
kenne, der fähig wäre, auf mein Herz Eindruck zu machen.«
    Ferdinand, der bei der Frage des Onkels ängstlich nach ihr hingeblickt
hatte, erheiterte sich merklich bei dieser Antwort. Ihre Blicke begegneten
einander, und beide erröteten. Nun bat der Alte uns auch um die Erzählung der
Unglücksfälle, die mich und Ferdinand den Räubern überliefert hätten. »Es ist
doch beinahe Morgen, sprach er, ich denke, wir alle würden doch nicht viel
schlafen können. Karoline wird uns Kaffee bestellen, und beim Trinken erzählen
Sie mir Ihre Fata.«
    »Die meinigen machen mir keine Ehre,« antwortete Ferdinand verlegen und
stark errötend, - im Grunde war ihm wohl das allerempfindlichste, dass er
genötigt war, die Geschichte mit Henrietten in Wilhelminens Gegenwart zu
erzählen - »aber ich hoffe, die Beschämung, die ich während der Erzählung meiner
Vergehungen empfinden werde, wird mich auf mein ganzes übriges Leben bessern.«
    Er erzählte nun aufrichtig alle seine Begebenheiten, nebst dem Anteil,
welchen ich daran hatte. Bei Erwähnung meines Namens errötete Karoline.
Wahrscheinlich hatte sie mich von Dir einmal nennen hören, und der Name Deines
Freundes rief Dein Andenken bei ihr zurück. Am Ende der Erzählung sprach
Ferdinand mit vieler Rührung von seinem Vater. Der geheimde Rat suchte ihn
wegen seiner Gesinnung gegen denselben auszuforschen und schien zufrieden, dass
Ferdinand seinen Fehler bereute, dessen Sträflichkeit und schlimme Folgen er ihm
auf die sanfteste Art noch einleuchtender machte.
    »Sie haben vieles wieder gut zu machen, junger Mann, damit Sie das Andenken
Ihrer Vergehungen vertilgen. Bleiben Sie einige Tage bei mir. Wir wollen über
die Mittel nachdenken, durch welche Sie Ihren würdigen Vater zu versöhnen suchen
müssen.«
    Ferdinand war äusserst gerührt. Der Alte gab nun Karolinen den Auftrag,
Wilhelminens Kleidung in die weibliche zu verwandeln, die ihr gebührte. Auch
Ferdinand entfernte er unter einem Vorwande, und winkte mir, da zu bleiben. Ich
glaubte, dass auch er vielleicht um unsre Freundschaft wisse, und von Dir reden
wolle, aber der liebenswürdige Mann hatte eine andre Ursache. Er sagte mir: dass
Ferdinands Vater sein genauer Freund wäre, dass er sich jetzt, Geschäfte halber,
nicht weit von hier aufhielte, und dass er die Absicht hätte, diesen sowohl, als
seinen Bruder, Wilhelminens Vater, holen zu lassen, und dann wolle er Vermittler
der Aussöhnung mit ihren Kindern sein. Er wünsche aber, dass die jungen Leute
noch nichts erführen, damit die Ueberraschung von beiden Teilen grösser wäre. Er
bat mich, ihm hierinn behülflich zu sein, ohne dass Karoline etwas erführe, weil
er fürchtete, dass diese gegen ihre Freundinn nicht verschwiegen genug sein
würde. Es wurden also sogleich Boten an beide Väter abgeschickt. Als diese
Veranstaltungen kaum getroffen waren, kam Karoline herein und führte Wilhelminen
ins Zimmer, die, als Mädchen gekleidet, reizend schön aussah. Ferdinand schien
von ihrem Anblick bezaubert zu sein, und betrachtete sie mit Entzücken. Die Zeit
verstrich uns so angenehm, dass es mir äusserst schwer ward, mich loszureissen, um
Dir zu schreiben. Ich muss Dir auch gestehen, dass ich schon oft in Versuchung
gewesen bin, die Feder aus der Hand zu legen, und mich zu der Gesellschaft zu
verfügen. Also nur noch ein paar Worte, welche die Freundschaft mir einflösst:
    Marie ist für Dich verloren, liebster Eduard. Du siehst deutlich, dass sie
Dir nicht bestimmt war. Karoline liebt Dich noch. Ihr stilles Trauern, ihre
Bewegung, wenn etwas vorkömmt, das sie an Dich erinnert, zeigt dieses deutlich.
Sie ist das liebenswürdigste Mädchen, und übertrifft jedes Ideal, das die
entzückende Phantasie des Dichters je zu entwerfen vermochte. Komm zu uns
hieher, und bemühe Dich, bei ihr alle Erinnerungen an Marien, die ja doch nur
äusserst schmerzhaft bei Dir sein können, zu vergessen. Ich nehme es über mich,
den Alten auf Deine Seite zu bringen. Er denkt zu schön, als dass der letzte
Vorfall mit Dir seine Achtung für Dich sollte geschwächt haben. Höre auf meine
Bitte, lieber Freund, und gieb Karolinen die Ruhe wieder, die sie um Dich
verlor. Ihr Besitz wird Dich zum glücklichsten, beneidungswertesten Manne
machen! In der sichern Hoffnung, Dich bald zu umarmen, bleibe ich
                                                        Dein zärtlichster Freund
                                                                       Bartold.
 
                            Dreiundachtzigster Brief
                               Eduard an Bartold
Deine edelmütige Freundschaft rührt mich, und erweckt die dankbarsten
Empfindungen gegen Dich in meinem Herzen, aber mehr kann sie nicht bei mir
hervorbringen. Ich werde Marien hier nicht besitzen. Sie selbst hat diese
Hoffnung auf immer vernichtet, und kein Wunsch nach ihrem Besitze bleibt mir
mehr erlaubt. Aber dem ohngeachtet bin ich noch ganz der Ihrige. Ich liebe sie
nicht mehr wie eine Sterbliche, ich verehre, ich bete sie an! Sie scheint mir
nicht mehr ein menschliches Geschöpf voll Mängel und Schwachheit zu sein,
sondern eine Verklärte des Himmels. Ihr himmlischer, sanfter Geist ist auch über
mich gekommen. Mein wütender Schmerz ist gedämpft, und stille Wehmut ist an
seine Stelle getreten. Oft zwar überfällt er mich aufs neue, aber ein Gedanke an
den Engel, ein Blick auf ihren trefflichen Brief, den Abdruck ihrer schönen
Seele, - und meine Wut schmelzt in sanfte Tränen.
    O du Engel des Himmels! warum musstest du hier ein so trauriges Schicksal
erdulden? Gewiss liess es die weise Vorsehung zu, um durch dich ein Beispiel des
Heldenmuts im Leiden deinen Brüdern zur Stärkung zu geben! Teuerste Geliebte!
ich will deinem grossen Vorbilde folgen, will mich demütig dem Willen des
Himmels unterwerfen, und mit dir auf jene Welt mich freuen, die ewig uns
vereinigen soll!
    Und nun noch eine Bitte an Dich, lieber Bartold! Dringe nicht mehr
Karolinens wegen in mich. Ich schätze ihre Verdienste, aber mein Herz kann ich
ihr nie geben. Es soll ein reiner Tempel bleiben, in welchem meine Marie wohnt,
und alle seine Wünsche und Begierden sollen nur ihr gewidmet sein. Ich fühle,
dass mit ihrem Leben auch das meinige zerreissen wird. Ihr himmlischer Geist wird
bald in eine Welt übergehen, die ihrer würdiger ist als diese, und dann werden
meine Gebete zu Gott dringen, dass er auch mich von der Bürde des Körpers
befreien, und meinen Geist mit dem ihrigen zugleich hinnehmen möge!
    Da, Freund! Ich habe Dir ihren Brief abgeschrieben. Diese Abschrift sei das
letzte Denkmal, das ich Dir hinterlasse. Das Original soll mit mir in die Gruft
gelegt werden, und mit meinem Herzen zugleich vermodern. Wehe Dir, wenn Du diese
teuren Züge liesest, ohne der Dulderinn eine Träne zu weihen, und wenn Du dann
noch fähig bist, mir eine Zeile von einer andern Geliebten zu schreiben!
                                                                         Eduard.
 
                            Vierundachtzigster Brief
                               Bartold an Eduard
Nein, Freund! ich werde nicht mehr in Dich dringen. Ich fühle mit Ueberzeugung,
dass Du nach Marien keine andre mehr lieben kannst. Ihr Brief hat mich
durchdrungen. Ich sass in stummen Tiefsinn versenkt und von Bewundrung erfüllt.
Indem trat Karoline herein.
    »Was macht Sie denn so tiefsinnig? Sie scheinen ja sehr gerührt zu sein.«
    »O Mademoiselle, Sie würden es auch sein, wenn Sie diesen Brief läsen.«
    »Darf ich es nicht?« sagte sie mit einer gewissen Beängstigung, als ahndete
sie, wen er beträfe. Ich hielt es für einen glücklichen Zeitpunkt, sie zu
heilen, und alle Hoffnung zu zernichten, die sie vielleicht noch haben könnte. -
    »Er betrifft meinen Freund Eduard, der so glücklich war, einige Jahre bei
Ihnen zuzubringen. - Sie erröten, meine Teure? Sie brauchen sich der
Empfindungen nicht zu schämen, die diese Röte bei Ihnen hervorbringen. Eduard
war ein liebenswürdiger Jüngling, wert des Anteils einer schönen gefühlvollen
Seele, wie die Ihrige ist. - Ich küsste ihre Hand und führte sie zu einem Stuhl.
- Glauben Sie sicher, dass er immer mit der feinsten Achtung von Ihnen schrieb,
und dass ihm seine Treue gegen Marien manchen Kampf kostete.«
    »Seine Treue ist mir immer ehrwürdig gewesen. Ich schäme mich des Eindrucks
nicht, den er auf mein unerfahrnes Herz machte; aber ich bin weit davon
entfernt, zu wünschen, dass er um mich seine Erstgeliebte möchte vergessen haben.
Er würde mir sogar verächtlich gewesen sein, wenn er es gekonnt hätte. Aber
sagen Sie mir: war seine Geliebte so treu als er?«
    Ich erzählte ihr Deine Geschichte, und viele Tränen flossen über Dein
Schicksal. Ich zeigte ihr Deine letzten Briefe und den von Marien.
    »O Gott! - rief sie aus - welch eine Seele voll Grösse und Edelmut! Warum
musste sie von dem Jünglinge getrennt werden, der ihrer so wert war? Nein, ich
würde Eduard hassen, wenn er nach ihr noch eine andre lieben könnte. Ich werde
mich nun weit leichter über seinen Verlust beruhigen, da ich die selige erhabne
Fassung Mariens zum Vorbilde habe.«
    Ihr Onkel trat herein, und unterbrach sie.
    »Nun was gibts? Ist ein neues Unglück geschehen? Ihr seht ja beide so
weinerlich aus.«
    Karolinens feines Gefühl würde zu sehr bei einer nochmaligen Erzählung
gelitten haben. Sie ging also hinaus, und ich sagte ihm die Ursache unsrer
Rührung. Er sah die Geschichte mit andern Augen an als wir, und sagte mir
vieles, das ich nicht wiederlegen konnte, mit dessen Wiederholung ich Dich aber
nicht quälen will, weil ich glaube, dass solche Reflexionen doch fruchtlos bei
Dir bleiben würden. - Er sprach aber doch noch mit vieler Liebe von Dir, und
bedauerte, dass die schönen Anlagen, die Du - doch wozu diese Wiederholung?
    »Die Stelle, fuhr er fort, die ich ihm antrug, ist noch offen. Ich wünschte
sie von einem Mann bekleidet zu sehen, der fähig genug wäre, ihr gut
vorzustehen. Sie haben mir eine vorteilhafte Meinung von Ihrem moralischen
Wert beigebracht. Wollten Sie mir wohl durch ein kleines Examen Gelegenheit
geben, Ihre wissenschaftlichen Kenntnisse zu prüfen?«
    Ich dankte ihm gerührt von seiner Güte, und er prüfte mich mit so vielem
Scharfsinn, dass ich erstaunte. Er war so gütig, mir seinen Beifall zu geben, und
fragte mich, ob ich wohl in der Verfassung zu sein glaubte, die Stelle künftige
Woche antreten zu können?
    Eine Versorgung hat mir also der gütige Himmel angewiesen, früher als ich zu
hoffen wagte; aber, Freund, ich habe noch andre lebhafte Wünsche, deren
Erfüllung mir mehr, als Ehre und Reichtum, am Herzen liegt! Doch ich vergesse
ja unsern Ferdinand und Wilhelminen.
    Die beiden Väter kamen den Tag nach unsrer Ankunft fast zu gleicher Zeit an.
Der geheimde Rat hatte die jungen Leute zu entfernen gewusst. Ich war unter
einem Vorwand zu Hause geblieben, und war in einem Nebenzimmer, in welchem ich
unbemerkt alles sehen und hören konnte. Beide Alten waren sehr bekümmert. Der
geheimde Rat leitete zuerst das Gespräch auf Wilhelminen. Ihr Vater war noch
unwillig auf sie. Sein trefflicher Bruder bemühte sich aber durch allerlei
Vorstellungen sein Herz wieder zu zärtlichen Vatergefühlen für sie zu stimmen,
und als er merkte, dass seine Bemühung gelang, wusste er ihm auch so sanfte
treffende Vorwürfe über seine zu grosse Härte, und über die Sucht nach Reichtum,
die ihn alle schlechte Eigenschaften des Herrn D. übersehen liess, zu machen, dass
er höchst gerührt mit Tränen das Gelübde tat, seine Tochter nie wieder zu
einer Heirat zu zwingen, wenn er so glücklich sein sollte, sie jemals wieder zu
sehen. Er fürchtete aber, dass dieses Glück ihm nicht mehr aufbehalten wäre.
    Seine Klagen machten, dass auch Ferdinands Vater den verlornen Sohn beweinte,
und nun, da beide in rührende Klagen ausbrachen, führte sie der geheimde Rat
ins Speisezimmer, und beide erblickten ihre Kinder, die, von Freude und
Schrecken durchdrungen, sich zu ihren Füssen warfen. Die rührende Scene, welche
nun folgte, ist unbeschreiblich.
    Unser Ferdinand ist durch Wilhelminens Umgang ganz umgeschaffen. Sein rauhes
Wesen hat sich verloren; seine Sitten sind sanfter und milder geworden, und er
ist jetzt ein liebenswürdiger Jüngling. Aus seinem Betragen blickt die heftigste
Liebe hervor; auch bei ihr ist der Eindruck nicht zu verkennen, den er auf ihr
Herz gemacht hat. Ihre gegenseitige Neigung wurde beiden Eltern merklich. Sie
waren vertraute Freunde. Ferdinand war reich - ein grosser Beweggrund bei
Wilhelminens Vater - Wilhelmine hat zwar nur mittelmässiges Vermögen, aber der
alte Sudsberg hielt den Reichtum für die unwesentlichste Eigenschaft bei seiner
künftigen Schwiegertochter. Die unentbehrlicheren zum Glück seines Sohnes
glaubte er bei ihr zu finden. Dieses alles waren Bewegungsgründe genug auf
beiden Seiten, um die Väter ebenfalls eine Verbindung ihrer Kinder wünschen zu
lassen. Aber unser würdiger geheimder Rat, weiser und durchschauender, als
beide, tat jetzt den Ausspruch:
    »Ferdinand hat in seinem bisherigen Betragen nur den jungen Unbesonnenen -
ich wähle den gelindesten Ausdruck - sehen lassen. Er muss erst durch edlere
Taten zeigen, dass er fähig ist ein guter Ehemann und ein nützlicher Bürger des
Staats zu sein, ehe er auf Wilhelminen Ansprüche machen kann. Wir wollen ihm
zwei Probejahre setzen, die er in ** zubringen soll. Ist, während dieser Zeit,
seine Aufführung untadelhaft, und sein Fleiss so gross, dass er das Versäumte
einbringt, und alle die Kenntnisse erwirbt, die von ihm gefordert werden können;
tilgt er ferner durch schöne Handlungen den Schandfleck aus, den er auf sich
gebracht hat: so kann, nach Verlauf dieser Zeit, die Gründlichkeit seiner
Ansprüche auf Wilhelminen von ihr selbst und ihrem Vater bestimmt werden. Auch
werde ich dafür sorgen, ihm eine anständige Bedienung zu verschaffen, wenn er
meinen Wünschen ganz Genüge leistet. Aber ich werde ein strenger Richter sein,
sowohl in der Untersuchung seiner Aufführung, als in der Prüfung seiner
Kenntnisse. Ist die erste nur im mindesten zweideutig, und die letzten
mangelhaft: so ist Wilhelmine für ihn verloren. Finden Sie diesen Ausspruch zu
hart?«
    »O wie könnte ich Ihre weise Güte zu hart finden? Ich fühle, dass ich mich
der Liebe Wilhelminens und meines Vaters, nebst der Achtung der Rechtschaffnen,
unwert gemacht habe; aber alle meine Kräfte sollen künftig nur dahin gehen,
meine Fehler wieder gut zu machen. Ich müsste kein menschliches Gefühl haben,
wenn ich je wieder vom guten Wege abfallen könnte, wenn nicht diese Güte, und
die Verzeihung meines Vaters, meine ganze Seele durchdränge. Ob nach Verlauf der
angesetzten Zeit das höchste Glück in Wilhelminens Armen mir blühen wird, das
mögen Sie, Teuerste, selbst bestimmen.«
    Wilhelminens Blicke bestimmten dieses so ziemlich deutlich, und nun
herrschte die Freude auf allen Gesichtern; nur auf Karolinens Stirn stand noch
eine Wolke, und auch in meinem Herzen ist noch so ein gewisses Etwas, welches
mir den ganz unbefangnen Genuss der Freude untersagt.
                                                                       Bartold.
 
                            Fünfundachtzigster Brief
                               Amalie an Wildberg
Raten Sie mir, Wildberg. Ich weiss gar nicht, was ich mit Albrecht anfangen
soll. Er ist seit einiger Zeit so tiefsinnig, dass er oft halbe Stunden bei mir
sitzen kann, ohne ein Wort zu sprechen. Dann sieht er auf eine Stelle, und ist
blind und taub bei allem, was vorgeht. Ich fürchte, es kommen ihm allerlei
Erinnerungen von Marien, die ihn so tiefsinnig machen. Wenn es mir nicht bald
gelingt, ihn von seinen Grillen zu befreien, so verzweifle ich fast, dass mein
Plan, ihn zu heiraten, durchgehen wird. Ich bin es auch beinahe müde, mich in
seiner Gesellschaft zu ennuyiren, und so genirt zu leben, wie ich jetzt tun
muss.
    Ich habe einen allerliebsten jungen Engländer, der sterblich in mich
verliebt ist, mit dem ich aber sehr heimlich verfahren muss, damit Albrecht
nichts merkt. Neulich traf er ihn in meinem Zimmer an. Er machte gewaltig grosse
Augen, und ich war auch etwas verlegen, so dass mein junger Liebhaber es merkte
und fortgieng. Nun hatte ich tausend Fragen von Albrecht auszustehen, und es
kostete mir viel Mühe, ihn zu beruhigen. Dieses gelang mir nun zwar völlig, aber
- ein weit grösserer Kummer für mich - die Zeit verstrich, in der Sir Bredon mich
zu besuchen pflegt, und er kam nicht, liess sich auch den ganzen andern Tag nicht
sehen. Ich schickte unter dem Vorwand, ein Buch holen zu lassen, zu ihm, und da
musste denn mein verschmjetztes Mädchen ihm so ganz von ohngefähr erzählen, dass
ich sehr unpass wäre. Bei dieser Nachricht ist er lebhaft erschrocken, und kurz
nachher trieb ihn seine ängstliche Besorgnis für mich her.
    Ich empfieng ihn mit einem zärtlichen Vorwurf über sein langes Ausbleiben,
und der junge Herr erwiederte: ich hätte gestern bei der Ankunft des fremden
Herrn so verlegen geschienen, und dieser hätte sich bei seinem Anblicke so
sonderbar genommen, dass er gefürchtet hätte, mich zu belästigen, wenn er so bald
wiederkäme.
    Ich wusste denn meinem Bredon recht gut zu demonstriren, dass der fremde Herr
ein Grobian wäre, dessen Besuche ich, meines Widerwillens ohngeachtet, doch
besondrer Connexionen wegen dulden müsste, dass dieser Tropf es für ein Verbrechen
hielte, mit einem jungen Menschen zu reden, dass die Furcht vor seiner trocknen
Moral mich etwas verlegen gemacht hätte, und dass ich auch unsers Umgangs wegen
vieles erdulden müssen.
    Dieses alles stellte ich ihm auf eine so einleuchtende Weise vor, dass seine
Zärtlichkeit noch stärker angefacht wurde; und er belohnte mich mit einer
reichen Uhr für den Kummer, welchen er mir gemacht zu haben glaubte.
    Sie sehen, Wildberg, dass dieser Liebhaber nicht zu verachten ist. Wenn also
Albrecht nicht bald fortmacht, so werde ich alle meine Segel nach diesem
Liebhaber ausspannen, um ihn in ein festes Garn zu knüpfen. Ich will aber doch
erst Ihren Rat erwarten. Antworten Sie also aufs schleunigste
                                                                           Ihrer
                                                                         Amalie.
N. S. Als ich diesen Brief nach Ihrem Hause schicke, erhalte ich die Antwort,
dass Herr Wildberg verreist wäre. Und davon weiss ich kein Wort? Was gilts, Sie
sind auf einem Ritterzuge nach Ihrer Prinzessinn. Ich hoffe doch aber, dass Sie
den Abend wieder hier sein werden, und will alsdann nochmals fragen lassen.
 
                           Sechsundachtzigster Brief
                              Wildberg an Amalien
Ihre Vermutung war gegründet, Amalie. Ich bin auf einer verliebten Reise
gewesen, habe aber leider! nicht viel Trost erlangt. Es war mir unmöglich,
länger zu leben, ohne Marien zu sehen, oder Nachricht von ihr zu haben; auch
fürchtete ich, dass vielleicht mein Nebenbuhler seine Zeit bei ihr besser nutzen
möchte, und Eifersucht und Liebe trieben mich nach ihrem Dorfe. Ich eilte ins
Pfarrhaus; denn ich mochte mich nicht melden lassen, weil ich eine abschlägige
Antwort befürchtete. Ich öffne ein Zimmer, in welchem ich reden hörte, und welch
ein Anblick! Marie, oder vielmehr eine blasse abgehärmte Gestalt, mehr einem
Geist ähnlich als ihr, einst der grössten Schönheit unsrer Stadt! sass auf einem
Stuhl, lauter kleine Mädchen mit Arbeitszeug um sie herum. Eins davon liess sie
auf ihrem Schoss lesen; ein andres stand neben ihr, begierig wartend, bis die
Gespielinn fertig wäre.
    Ich kann Ihnen meine Empfindung, mit welcher ich dieses alles ansah, nicht
beschreiben. Vielleicht würden Sie auch nur darüber spotten. Genug, ich hatte
noch nie eine so starke Erschütterung gefühlt. Sie blickte von ihrem Geschäfte
auf, welches sie anfangs mich wahrzunehmen gehindert hatte, sah mich, stiess
einen lauten Schrei aus, und nun stürzte eine alte Frau nebst Sophien herein.
Sie zeigte nach der Tür, und die Alte führte sie hinaus; denn sie vermochte
nicht allein zu gehen. Die Kinder weinten, und Sophie sagte sehr ernstaft zu
mir:
    »Mich wundert, Herr Wildberg, wie Sie sich erdreisten können, meiner
Frundinn unter die Augen zu treten. Ihr Anblick müsste jetzt auch den ärgsten
Bösewicht erschüttern, und ihn abhalten, die wenigen Tage ihres Lebens nicht
noch mehr zu trüben. Haben Sie noch einen kleinen Ueberrest menschlicher
Gefühle, so verlassen Sie das Haus, und entweihen diese Freistatt der leidenden
Tugend nie wieder durch Ihre Gegenwart!«
    »Mademoiselle, sagte ich wütend, Sie wissen nicht -«
    »Mein Herr! Ihre Drohungen oder Schimpfreden, kurz, alles, was Sie mir sagen
können, ist mir gleichgültig, und ich will Ihnen die Gelegenheit ersparen, Ihre
Galle an mir auszuschütten.«
    Mit diesen Worten ging sie hinaus, und liess mich in keiner rühmlichen
Verfassung da stehen. Ich machte mich fort, als ich sah, dass ich nichts
ausrichten konnte, voller Aerger, dass ich gekommen war. Ich kann nicht läugnen,
dass Mariens elender Anblick allerlei Empfindungen in mir erregte, aber den
Nachrichten von ihrem nahen Tode messe ich keinen Glauben bei. Frauenzimmer
sterben nicht von Kummer. Sie wird ihre Gesundheit und ihr Ansehen hier auf dem
Lande wieder erlangen, wenn erst ihr heftiger Schmerz vorüber ist. Bis dahin
will ich mich gedulden, und dann die Sache schon anders einlenken; denn mein muss
sie werden, es gehe wie es wolle. Ich liebe sie bis zur Raserei!
    Sein Sie Albrechts wegen nur unbesorgt. Er wird nicht umkehren, dafür lassen
Sie mich nur sorgen. Verdoppeln Sie nur Ihre Zärtlichkeit gegen ihn, oder
spielen Sie auch einmal die Spröde. Sie kennen ja seine Schwäche besser als ich.
Ihr Projekt mit dem Engländer taugt nichts. Als Liebhaber können Sie ihn immer
behalten, wenn Sie es heimlich genug zu treiben wissen. Aber denken Sie ja nicht
daran, dass er Sie jemals heiraten wird. Und als Maitresse würde er Ihrer bald
satt werden, denn solche junge Flüchtlinge lieben die Veränderung. Bei Albrecht
gehen Sie weit sichrer. Ich habe das Vertrauen zu Ihrer mir bekannten Klugheit,
dass Sie seine Grillen zerstreuen werden, sobald Sie nur wollen, und dass ich
alles wieder im besten Zustand finden werde. Es wird Ihnen auch, falls es nötig
sein sollte, aus allen Kräften darin beistehen
                                                                             Ihr
                                                                                
                                                                     ergebenster
                                                                       Wildberg.
 
                           Siebenundachtzigster Brief
                              Albrecht an Wildberg
Ich bitte Dich um Gottes Willen, Wildberg, reise zu Marien, und gieb mir
Nachricht von ihr. Der Gedanke an sie ängstigt mich beständig und lässt mir
keinen ruhigen Augenblick. Gewiss, es war Unrecht, so gegen sie zu handeln, ohne
einmal ihre Verteidigung angehört zu haben, ohne selbst ihren Brief aufmerksam
zu lesen! Und dieses Betragen gegen eine Frau, die immer so sanft, so nachgebend
gegen mich war, an der ich nie einen schlechten Zug bemerkte. Die verdammte
Empfindelei war ihr einziger Fehler. Ich kann Dir meine Unruhe nicht
beschreiben. Schaffe mir doch schleunige Nachricht von ihr.
                                                                       Albrecht.
 
                            Achtundachtzigster Brief
                              Wildberg an Albrecht
Ich bin Deinem Verlangen zuvorgekommen, lieber Freund! Ich war in dem Dorfe, in
welchem Marie sich aufhält, habe aber sie selbst nicht gesprochen; denn sie liess
sagen: sie wolle niemand sehen, der mit dem verhassten Albrecht in Verbindung
stände. Die Nachricht von der Scheidung hat sie mit vieler Freude, und mit dem
Ausruf: Nun sind ja alle meine Wünsche erfüllt! - angenommen. Sie hat auch
gleich darauf an Eduard geschrieben, und man glaubt, sie werde nächstens mit ihm
fortreisen. Sie soll jetzt sehr gesund aussehen, und viel muntrer sein, als
sonst.
    Diese Nachrichten, welche ich von einer Bauerfrau einzog, die eine Vertraute
der Pastorinn ist, werden Dich, wie ich hoffe, beruhigen. Wenigstens wüsste ich
nicht, wie Dich der Verlust einer Treulosen kränken könnte, die sich freut,
Deiner los geworden zu sein, bei der Du nur der Deckmantel ihrer Schande gewesen
sein würdest. Gewiss ist Deine Amalie der winselnden Marie tausendmal
vorzuziehen. Sie vereinigt das beste Herz mit vielem Verstande und grosser
Lebhaftigkeit, und besitzt ein gewisses angenehmes Wesen, welches jedermann für
sie einnimmt. Es ist wahrhaftig zu bewundern, dass ein Mädchen von so vielem Reiz
Dir zwei Jahre lang treu blieb, und keinem andern Liebhaber Gehör gab. Dein
ungerechter Verdacht gegen sie, um dessen willen Du Dich von ihr trenntest, hat
ihr viel Tränen gekostet, und doch liebte sie Dich dem ohngeachtet stets mit
gleicher Stärke.
    Bei meiner Seele! Du verdienst das Mädchen nicht, wenn Du noch einen
Augenblick bei Dir anstehen kannst, ihre treue Liebe zu belohnen. Lebe wohl,
Albrecht! Ich hoffe Dich das nächste mal ohne die melancholischen Spleen zu
finden, in welchen Du Deinen vorigen Brief schriebst.
                                                                       Wildberg.
 
                            Neunundachtzigster Brief
                               Amalie an Wildberg
Dank sei es meiner Klugheit, und Ihrem gescheidten Briefe! Albrecht ist wieder
eben so verliebt, wie er jemals war. Ich sehe nun in Kurzem einer ernstaften
Verbindung mit ihm entgegen, die er selbst sehr lebhaft zu wünschen scheint. Sie
sind ein vortrefflicher Mann, Wildberg, und haben sich meisterhaft bei der Sache
betragen. Er erwähnt auch seit Ihrem Briefe Mariens gar nicht mehr, und scheint
sie ganz aus seinem Herzen verbannt zu haben. In dem meinigen sitzt der
liebenswürdige Engländer desto fester, und ich erhole mich in seinen Armen auf
die angenehmste Art von der Langenweile, die Albrechts Umgang mir macht. Bredon
ist aber so gut von mir unterrichtet, dass er bei Albrechts Ankunft gleich in ein
Nebenzimmer schlüpft, damit dieser ja keinen Verdacht schöpft.
    Wären wir nur erst verheiratet, so wollte ich mir wahrhaftig so viele Mühe
nicht geben. Wenn er auch hinter meine Liebesgeschichten käme, und tobte und
fluchte: was läge daran? Er sollte mir schon wiederkommen. Tun Sie ja das
Ihrige, um die Hochzeit zu beschleunigen. Es wird mir sehr sauer, die zärtliche
Rolle noch länger bei ihm zu spielen.
                                                                         Amalie.
 
                               Neunzigster Brief
                                Sophie an Julien
Der nichtswürdige Wildberg musste auch noch dazu beitragen, meine Marie zu
erschüttern! Nicht befriedigt dadurch, dass er ihren Mann gegen sie aufbrachte,
und ihre Ehe trennte, kömmt er auch noch an diesen einsamen Ort, um ihre Ruhe zu
stören; aber dem Himmel sei Dank, dass er zu ohnmächtig dazu war. Bei seinem
Anblick überfiel sie zwar ein heftiges Schrecken, aber sie beruhigte sich doch
bald wieder. Sie besitzt jetzt eine Heiterkeit der Seele, welche uns allen
Bewundrung auspresst. Ihre Liebe zu Eduard lebt zwar noch immer in gleicher
Stärke bei ihr, aber sie ist ein sanftes Schmachten geworden, ohne die
Heftigkeit, welche sie sonst hatte. Alle ihre Leidenschaften scheinen jetzt
gemässigt zu sein, und ihre einzige Freude besteht darin, Gutes zu tun und sich
in der Besiegung ihrer selbst zu üben. So sehr indessen ihre Seele mit jedem
Tage grösser und erhabner zu werden scheint, so schwinden doch die Kräfte ihres
Körpers immer mehr. Ach ich fürchte, dass sie nicht lange mehr bei uns sein wird.
Aber ob sie gleich dem Tode mit lebhafter Freude entgegen sieht, so widersetzt
sie sich doch dem Gebrauch der Mittel nicht, die ihr Leben noch länger erhalten
können.
    »Das Leben, sagt sie, ist ein Geschenk, das Gott aus Güte mir gab. Ich darf
diese Güte nicht mit Undank belohnen, und es ist meine Pflicht, alle die Mittel
sorgfältig zu gebrauchen, die er zur Erhaltung desselben mir schenkte. Er muss
seine weisen Absichten dabei haben, es mir so lange zu lassen; vielleicht will
er meine Geduld prüfen; vielleicht hat er auch meine Leiden bloss darum über mich
verhängt, um mich wieder zu sich zu ziehen, da ich von ihm abgefallen war. Ach
Sophie! ich fühle es, dass Leiden unser Herz sehr bessern. Sie lassen uns unsre
Abhängigkeit von Gott stärker fühlen, lassen es uns empfinden, dass wir nur
schwache Geschöpfe sind, die ohne ihn nichts vermögen. Sie stärken unsre
Menschenliebe, und unser Teilnehmen an dem Elend andrer, welches im Glücke so
wenig Eindruck auf uns macht. O! ich will mich bemühen, deine Güte, mein
Schöpfer, zu erkennen, die vielleicht mein Schicksal besser leitete, als
Menschen es dachten; und ob gleich meine lebhaften Wünsche auf jene Ewigkeit
gerichtet sind, so will ich doch nicht gegen deine Fügung murren, und geduldig
so lange hienieden wandeln, als es dir gefällt. - O meine Sophie, wie danke ich
Gott, dass er diesen heitern Abend auf den kummervollen Tag meines Lebens folgen
liess! Wüsste ich nur, dass Eduard eben diese Beruhigung fühlte, dass er kein Raub
der heftigen Leidenschaft wäre! Dieser Gedanke ist das einzige, was mich noch
quält.«
    Ich beruhigte sie über diesen Punkt; denn ich hatte auch wirklich erfahren,
dass er nicht mehr, wie sonst, wütend im Zimmer umher gienge, und alles
vernichtete, was ihm in die Hände geriete. Sein Wirt hat ihn sonst für
wahnsinnig gehalten und ist einige mal im Begriff gewesen, ihn binden zu lassen;
aber jetzt ist er ganz ruhig, sitzt oft einige Stunden, und sieht immer auf eine
Stelle, bemerkt es auch nicht, wenn jemand ins Zimmer kömmt, oder heraus geht.
Indessen ist er doch viel sanfter, spricht auch zuweilen mit den Leuten im Hause
- sonst konnte er keine Menschen leiden - besonders beschäftigt er sich mit dem
kleinen Knaben seines Wirts. Alle seine Handlungen haben das Gepräge einer
stillen Melancholie, ohne die rasende Heftigkeit, welche er sonst zeigte. -
    Sagen Sie doch meinem Onkel: es wäre mir unmöglich, wieder zur Stadt
zurückzukehren. Diese Schule des Leidens ist zu lehrreich für mich, und von zu
grossem Vorteil für mein Herz, als dass ich sie verlassen könnte, wenn auch meine
Liebe zu Marien nicht so gross wäre, als sie ist. Ich halte jeden Augenblick für
verloren, den ich nicht bei ihr zubringe, und ich stehle nur die Zeit zum
Schreiben, wenn sie schläft, oder auf eine andre Art beschäftigt ist, die mir
keine Unterhaltung mit ihr erlaubt.
                                                                         Sophie.
 
                            Einundneunzigster Brief
                              Wilhelm an Karlsheim
Du hast mir so lange nicht geschrieben, liebster Freund, und Deine Briefe sind
mir doch jetzt noch weit interessanter, als jemals, weil ich immer hoffe, ein
Wörtchen von dem Frauenzimmer darin zu finden, welches ich mit so inniger
Wertschätzung verehre. Ich bin jetzt nicht im Stande die Hälfte von den
Geschäften zu verrichten, wie sonst. Immer schwebt mir Sophie auf dem Papier,
und ich lasse die Feder aus der Hand fallen, um mich meinen Phantasien zu
überlassen, und jede ihrer Reden, ihrer kleinsten Handlungen mir zurückzurufen.
Dann ist eine Stunde mir verstrichen, ehe ichs weiss, und mein Bogen Papier ist
noch so ledig als vorher.
    So geht es mir mit allen Geschäften. Oft, wenn Leute bei mir sind, um mir
Sachen vorzutragen, scheine ich tief nachdenkend sie anzuhören, - und wenn die
Erzählung zu Ende ist, und sie mich um meine Meinung fragen, antworte ich oft so
verkehrt, dass die guten Leute mich mit Erstaunen ansehen, und zuweilen scheinen
ihre Mienen deutlich zu sagen, dass sie glauben, es sei in meinem Gehirn nicht
ganz richtig. Mit dem L'hombrespiel, welches sonst mein Lieblingszeitvertreib
war, und mich in faden Gesellschaften vor der Langenweile schützte, darf ich
mich gar nicht mehr abgeben, und da dieses eine Hauptbeschäftigung unsrer
Zusammenkünfte ist, so spiele ich jetzt meistens den Einsiedler, zumal da unsre
Gesellschaften mir jetzt mehr als jemals langweilig sind. Die schalen Witzeleien
unsrer Damen erfüllen mich mit Ekel, wenn ich den lebhaften ungekünstelten Witz
meiner Sophie mit ihrem Geplapper vergleiche.
    Meiner Sophie sage ich? Gott! und vielleicht bin ich ihr ganz gleichgültig,
der unbedeutendste Mensch für sie! Wie glücklich würde ich mein Schicksal
preisen, wenn sie nur ein Zehnteil der innigen Liebe fühlte, die ich für sie
hege! Bitte doch Deine Julie, ihre Gesinnung gegen mich zu erforschen, und gieb
mir Nachricht, ob ich hoffen darf. Die Zeit bis dahin wird für mich die
unruhigste sein, die ich je verlebte. Säume also nicht, mir so bald möglich
wieder zu schreiben.
                                                                            Dein
                                                        sehnlichwartender Freund
                                                                        Wilhelm.
 
                            Zweiundneunzigster Brief
                                Julie an Sophien
Ihre Nachrichten von Marien haben mich sehr gerührt. Möchte die sanfte Dulderinn
doch schon überwunden haben! Ich bin beim Lesen dieses Briefs äusserst
erschüttert worden, und noch jetzt kann ich meine Tränen nicht zurückhalten,
wenn ich an sie denke. Sie verdient die grösste Bewundrung, und wird noch bei der
Nachwelt ein Gegenstand derselben sein! Ich verdenke es Ihnen gar nicht, liebe
Sophie, dass Sie noch jeden Augenblick ihres Lebens bei ihr zuzubringen wünschen,
und habe Ihren Onkel - (Nein, sagte er anfangs, das Mädchen wird mir ganz
melancholisch, wenn sie noch länger da bleibt -) bewogen, darein zu willigen.
    Ach Sophie! Ihre Freundinn hat wohl Recht, dass sie die Schule des Leidens
für die beste hält. Es ist gewiss, dass der ganze Charakter durch Leiden viel
sanfter und biegsamer gemacht wird. Bei einigen wenigen nur hat es die Wirkung,
sie bitter und menschenfeindlich zu machen; bei diesen aber ist auch gewiss die
ganze Grundlage des Charakters nicht gut gewesen. Menschen, auch von den besten
Anlagen, welche die Vergnügungen des Lebens geniessen, ohne je durch
Unglücksfälle gestört zu werden, werden dadurch leichtsinnig, betrachten ihre
Nebenmenschen nur als Geschöpfe, geschaffen um sie zu vergnügen, und fühlen kein
wahres Teilnehmen an dem Elend andrer. Es ist unangenehm, sich durch solche
traurige Anblicke im Genuss des Vergnügens stören zu lassen, und sie eilen
wenigstens diese Eindrücke wieder wegzuschaffen, ehe sie auf ihr Herz haben
wirken können.
    Auch der Genuss des Glücks selbst verliert von seinem Wert bei uns, wenn er
gar nicht unterbrochen wird, und wir uns also daran gewöhnen; denn es geht uns
Menschen ja mit allen Dingen so. Sie ekeln uns, wenn wir sie zu häufig geniessen.
Wir sind mit unsern Wünschen wie die Kinder. Sie verlangen ein Spielzeug,
bitten, weinen und lärmen, ehe sie es erhalten. Haben sie es einmal, so spielen
sie eine kurze Zeit damit, werfen es dann in einen Winkel, und lassen es ruhig
liegen, bis ein andrer es wegnehmen will; dann pflegt ihre Lust aufs neue zu
erwachen. So wie man nun dem Kinde das Vergnügen an einer Sache lange erhalten
kann, wenn man ihm den Genuss davon nur selten, und nicht jedesmal, wenn es darum
bittet, erlaubt, so sollten wir Menschen auch uns dieses Mittels bedienen.
    In der Liebe, glaube ich, würde es von dem grössten Nutzen sein, und ein
Mädchen würde die Neigung ihres Verehrers auch in der Ehe lange erhalten können,
wenn sie klug genug wäre. Gewöhnlich aber handeln die Mädchen so, als wenn sie
es recht darauf anlegten, diese Liebe in den ersten Monaten zu vernichten. Hat
eine Schöne einmal einen begünstigten Liebhaber, so ist der Zärtlichkeit kein
Ende. Sie bringen den ganzen Tag mit Liebkosungen zu; oft kömmt sie ihm auch
wohl damit entgegen, dringt sich ihm gar auf; wenn er weggeht, so bittet sie ihn
aufs dringendste, bald wieder zu kommen. Macht er einmal eine Einwendung, so
zweifelt sie an seiner Liebe, räumt alle Hindernisse aus dem Wege, damit er
keins zu übersteigen findet, und so ist er ihrer bei der Hochzeit - wenn er
nicht früher zurücktritt - schon halb satt. Nun hat sie ihn. Der arme Mann! Er
muss den ganzen Tag bei ihr sein, beständig von Liebe sprechen, sie mit Küssen
beinahe ersticken, sonst bekömmt er Vorwürfe über seine Kälte.
    So bringt man mit Mühe kaum die Flitterwochen hin, und beide Teile sind
einer des andern so herzlich satt, dass sie, um sich zu amüsiren, stets fremde
Gesellschaft suchen müssen. Die junge Frau, nun einmal an das Liebeln gewöhnt,
sehnt sich bald nach einem neuen Gegenstande. Dieser findet sich leicht. Ist er
seiner Aufwartung überdrüssig: so kömmt ein andrer wieder, und so geht es immer
fort. Das Hauswesen liegt ruhig. Wer wollte sich bei dem Küchenfeuer den Teint
verderben? mit Schmuz von Töpfen die weissen Hände besudeln, welche die jungen
Herren so gern küssen? Würde nicht der unappetitliche Geruch von der Küche ihre
Nasen beleidigen?
    Hat sie Kinder, so bekommen sie Ammen. Denn wer wollte wohl durch Säugen die
Schönheit des Busens verderben, nach welchem durch die dünne Verschleierung so
viele Blicke hinschielen? Die Kinder befinden sich ja auch bei Ammen besser. Man
kann sich ja des Stillens wegen nicht einsperren, sich ja nicht den Bällen und
dergleichen Lustbarkeiten, welche die Milch erhitzen und verderben, entziehen?
Die Amme aber kann das, die wird ja dafür bezahlt. Eben so geht es nachher mit
der Erziehung und mit allem. Und der Törinn, die so handelte, wird dafür ein
freudenleeres Alter, das sie oft unter der drückenden Bürde der Armut
hinschleppen muss. Keiner der Toren, die sonst sie vergötterten, keine
Gesellschaft, deren Seele sie ehemals zu sein schien, in welcher man mit
Freundschaft und schmeichelnden Liebkosungen sie überhäufte, würdigt sie jetzt
eines Blicks. Im Leben verachtet, stirbt sie auch unbemerkt. Man trägt ihre
Leiche hinaus, und niemand weint eine stille mitleidige Träne auf ihr Grab.
Auch das Schicksal ihres Mannes ist nicht viel besser. Entweder ergibt er sich
ebenfalls einem ausschweifenden Leben, und sucht die Unterhaltung bei Fremden,
welche er bei seiner Gattinn nicht findet, oder er härmt sich ab, und ein früher
Tod ist die Folge seines stillen Grams.
    Eine weit glücklichere Ehe könnte durch ein klügeres Betragen ein Mädchen
sich und ihrem Gatten schaffen. Sie müsste ihren Liebhaber etwas entfernter
halten, sich von ihm um einen Besuch als um eine Gefälligkeit bitten lassen, und
nicht in jeder Stunde ihm den Zutritt erlauben. Sie müsste sorgen, dass auch andre
Unterhaltungen als Küssen und Tändeln unter ihnen Statt fänden. Sie muss ihrem
Liebhaber Achtung einzuflössen suchen. Ehrerbietung für ihre Tugend von seiner
Seite, und Schamhaftigkeit von der ihrigen, sind die besten Mittel, ihre
Unschuld zu sichern. Sie darf nie Zweideutigkeiten anhören und bloss lächeln,
oder nur ein scherzhaftes: Pfuy doch! sagen. Ein Frauenzimmer, das gleichgültig
oder gar mit Wohlgefallen Zweideutigkeiten anhört, wird den Männern verächtlich,
und wenn man einen jungen Mann in Gegenwart seiner Geliebten freie Reden führen
hört, so kann man sicher schliessen, dass ihr Umgang seine Reinigkeit verloren
hat. Sind solche Reden nicht an das Frauenzimmer selbst gerichtet, so ist es am
besten, wenn sie tut, als bemerkte sie dieselben gar nicht. Ist man aber so
unverschämt, ihr selbst so etwas zu sagen, so wird ein verächtlicher Blick ohne
weitere Antwort das Beste sein. Ein Mädchen muss, dünkt mich, wenn sie merkt, dass
Unanständigkeiten gesagt werden, auf eine schickliche Art das Zimmer verlassen,
und in Zukunft sich mit grösserer Zurückhaltung gegen den betragen, der einen
solchen Ton anfieng.
    Ist ein Mädchen genötigt, viele Stunden des Tags mit ihrem Liebhaber
zuzubringen, so sind wohl die besten Gegenmittel, um das Allzueinförmige ihres
Umgangs zu verhüten, diese, dass sie sich in Musik, Malerei, Naturgeschichte,
Sprachen oder etwas dergleichen, welches er besser versteht als sie,
unterrichten lässt. Oder geht dieses nicht an, so suche sie, durch
gemeinschafliches Lesen, auch wohl durch Schach und andere solche Spiele, den
Geist auf eine angenehme und nützliche Art zu beschäftigen. Auch im Ehestande
sind diese Mittel sehr gut, um den Mann stets Geschmack an der Gesellschaft
seiner Frau finden zu lassen. Und das ist doch wohl das beste eheliche Glück,
wenn beide Teile das grösste Vergnügen in ihrem gegenseitigen Umgange schmecken?
Da dieses aber wirklich bei dem steten Zusammensein unter ihnen schwer ist, so
sind solche Mittel um desto notwendiger. Sie müssen auch beim Anfang der Ehe
sogleich ihre Geschäfte besorgen, damit sie nicht den Magen so sehr mit
Süssigkeiten überladen, dass ihnen nachher auf immer davor ekelt.
    Nun wahrhaftig! der Bogen ist beinahe voll, und meine Sophie lacht gewiss
über die Moralistinn. Ich will auch kein Wörtchen mehr sagen, und von einer
andern Sache anfangen. Es ist zwar dazu jetzt nicht der rechte Zeitpunkt, aber
ich kann dem vielen Drängen nicht länger widerstehen.
    Es gibt einen jungen Mann, der Sie heftig liebt, meine Freundinn, und sein
Schicksal mit dem Ihrigen zu verbinden wünscht. - Raten Sie ihn nicht? - Nicht?
- Aber, liebes Kind, warum erröten Sie denn? - Nun wenn Sie denn seinen Namen
gar nicht raten können: so muss ich ihn wohl aufs Papier schreiben. Er heisst: -
- Wilhelm. Ich kenne ihn von einer sehr vorzüglichen Seite, und bemerkte bei ihm
bald nach seiner Ankunft unverkennbare Zeichen von Leidenschaft für Sie. Auch
Sie fällten ein günstiges Urteil von ihm; also entstand bei mir der Wunsch, ein
paar Menschen, die einer des andern so wert zu sein schienen, näher vereinigt
zu sehen. Sie schlossen aus einem Ringe - zu Ihrer Beruhigung melde ich Ihnen
hiemit, dass es das Portrait seiner Schwester ist - dass er versprochen wäre. Ich
widersprach dieser Vermutung nicht, weil sie mir günstig schien, um ihm Ihre
Freundschaft zu verschaffen, wenn Sie sich im Punkt der Liebe sicher bei ihm
glaubten.
    Sie verzeihen mir doch diese unschuldige List, liebe Sophie? Sie werden am
besten von seiner Liebe urteilen können, wenn Sie beiliegenden Brief lesen,
welchen er an meinen Mann schrieb. Ich versiegelte ihn, damit Sie denselben
nicht, ohne vorbereitet zu sein, lesen sollten. Wilhelm ist ein Mensch von dem
edelsten Charakter, von seltner Wissenschaft und von ausserordentlichem Fleiss.
Von dem Angenehmen seines Umgangs können Sie selbst urteilen. Andre
Ueberredungsgründe will ich Ihnen nicht schreiben. Ihr Herz muss seine Antwort
bestimmen. Schreiben Sie mir doch recht bald wieder, meine Sophie. Ich sehne
mich immer von unsrer Mario Nachricht zu haben, und nehme den lebhaftesten
Anteil an allem, was sie betrifft. - Karlsheim, welcher sich Ihnen empfiehlt,
drängt mich zu schliessen. Ich schreibe also nur noch den Namen
                                                                           Ihrer
                                                                          Julie.
 
                            Dreiundneunzigster Brief
                                Sophie an Julien
Vielen Dank für Ihren schönen Brief, meine Julie. Er hat mich zu lehrreichen
Betrachtungen veranlasst. Nicht ganz so zufrieden aber bin ich mit dem zweiten
Teil Ihres Briefs; denn in meiner jetzigen Lage wird es mir sehr schwer, einen
solchen Antrag zu beantworten. Ich will Ihnen den Eindruck nicht läugnen, den
Wilhelm auf mich gemacht hat. Ich halte ihn für einen in allem Betracht
liebenswürdigen Mann, aber es ist mir schlechterdings unmöglich, jetzt eine neue
Liebe anzufangen; denn der Anblick meiner leidenden Freundinn lässt meinem Herzen
die dazu erforderliche Stimmung nicht zu. Weil aber Marie selbst sowohl als Sie,
meine Freundinn, so sehr vielen Anteil an dieser Sache zu nehmen scheinen: so
halte ich es auch in dem Betracht für meine Pflicht, eine so bestimmte Antwort
zu geben, als mir in meiner jetzigen Lage möglich ist:
    Hat Wilhelm Beharrlichkeit genug, mir eine Zeit lang, deren Dauer ich nicht
bestimmen kann, treu zu bleiben, ohne auf eine gewisse Entscheidung zu dringen,
und ist mein Herz unterdessen wieder fähig geworden, die Freuden der Liebe zu
geniessen: so werde ich in ihm den Mann zu wählen glauben, mit welchem ich unter
allen am glücklichsten leben zu können hoffe. Eine ausdrücklichere Erklärung
kann ich jetzt nicht geben, und ich traue es der Feinheit meiner Julie zu, dass
sie über diesen Punkt nicht weiter in mich dringen wird. Mariens immer
zunehmende Schwäche verstattet mir nicht, sie länger zu verlassen. Ich schliesse
also diesen Brief.
                                                                         Sophie.
 
                            Vierundneunzigster Brief
                                Julie an Sophien
Ungeduld und Liebe hatten Wilhelm selbst zu uns getrieben. Er war zwar
gegenwärtig, als Ihr Brief ankam, und seine Angst und Unruhe war sehr merklich.
Ich wollte ihn ein Bisschen ängstigen, und legte sorglos den Brief hin, ohne ihn
zu lesen, und gab vor, dass ich noch erst einige Geschäfte zu besorgen hätte. Nun
bat er mich himmelhoch, beinahe kniend, doch erst den Brief zu öffnen. Während
dass ich ihn las, verwandte er kein Auge von mir, als glaubte er, der Inhalt wäre
auch auf mein Gesicht geschrieben. ich wollte ihn noch ein wenig ängstigen, aber
er machte mich so weichherzig, dass ich ihm den Brief hingab. Nun war er vor
Entzückung ausser sich, und gab mir so feste feurige Versichrungen seiner ewigen
Liebe und Treue, als wäre ich selbst seine Geliebte gewesen. Er will in Geduld
und Demut Ihre völlige Entscheidung erwarten; denn er glaubt, Sophiens Besitz
könne mit keinem Preise in der Welt zu teuer bezahlt werden. Doch, wenn ich
alle seine Ausrufungen wiederholen wollte, so würde dieser Bogen nicht
hinreichen, und meine Feder würde auch nicht fähig sein, ihnen den Reiz zu
geben, den sie aus seinem Munde für meine Freundinn würden gehabt haben. Er ist
gewiss ein trefflicher Mann, und Sie werden die glücklichste Ehe mit ihm führen.
Wenn wir nur an einem Orte wohnten! Wie viel wollte ich darum geben! Meine
Charlotte ist jetzt verreift, und ich habe hier keine andre Freundinn, die fähig
wäre, mir ihren Verlust zu ersetzen.
    Die junge Rätinn L..n, ist die einzige, mit welcher ich etwas vertraut
umgehen kann. Sie ist eine liebe Frau von gutem Verstand und Herzen; aber diese
guten Eigenschaften werden durch einen starken Leichtsinn, und eine grosse
Neigung zur Satire, etwas verdunkelt. Sie hat oft die schönsten witzigsten
Einfälle. Es ist ihr aber nicht möglich, einen davon zu unterdrücken, sollten
auch ihre liebsten Freunde, ja ihr Mann selbst, lächerrlich dadurch werden. Eben
diese ihre Stärke, die menschlichen Schwachheiten von der lächerlichen Seite zu
zeigen, und ihre oft boshaft scheinenden Ausfälle auf andre, machen, dass sie
wenig Freunde hat. Sonst ist ihr Herz vortrefflich, und nimmt keinen Teil an
ihren Spöttereien, ja sie würde gern den letzten Bissen mit dem teilen, über
welchen sie in derselben Minute aufs beissendste spottet. Wenn sie den Umgang mit
meiner Charlotte dazu nützt, diese Spottsucht ein wenig zu mässigen, so wird sie
eine liebenswürdige Frau werden.
    Leben Sie wohl, meine Sophie! Wilhelm untersteht sich nicht an Sie zu
schreiben, wünschte aber sehnlich, es wagen zu dürfen. Es ist mir unmöglich,
Ihnen alles das bekannt zu machen, was er an Sie mir auftrug. Wollen Sie es also
durchaus wissen: so müssen Sie ihm die Erlaubnis geben, es Ihnen selbst zu
sagen. Bis dahin mag Ihr Scharfsinn es erraten.
                                                                          Julie.
 
                            Fünfundneunzigster Brief
                               Amalie an Wildberg
Morgen wird unsre Hochzeit sein! Dem Himmel sei Dank, dass ich nun bald meiner
beschwerlichen Verstellung überhoben sein werde! Bredon wird grosse Augen machen,
wenn er wieder von der braunschweiger Messe zurückkömmt, und mich verheiratet
findet. Doch ich werde ihm die Sache von einer solchen Seite vorzustellen
wissen, dass seine Liebe zu mir noch heftiger werden soll, wenn das möglich ist;
denn er liebt mich bis zum Unsinn.
    Unsre Verbindung macht hier gewaltiges Aufsehen, und man spricht nicht
vorteilhaft davon. Mag man doch schwatzen, was man will, wenn ich nur erst
Albrechts Frau bin, so bekümmre ich mich um alles das nicht. Sie werden doch
morgen den Tag feiern helfen, der das Ziel meiner Wünsche, und das Grab meiner
verstellten Zärtlichkeit gegen Albrecht sein wird? Der Tropf! Wie muss ich über
die Einfalt lachen, mit welcher er glaubt, ich sei wirklich in ihn verliebt! Ich
mich in einem solchen Pinsel verlieben? Hohoho! Doch die Augen sollen ihm halb
geöffnet werden.
                                                                         Amalie.
                           Sechsundneunzigster Brief
                               Bartold an Eduard
Bester Freund! könntest Du doch Teil an meiner Freude nehmen! Könnte ich doch
an meine Brust Dich drücken, und Dir alle selige Empfindungen meines Herzens
mitteilen! Ich bin der glücklichste Mensch: Karoline, das himmlische Geschöpf,
ist mein! Ich will mich zu einer ordentlichen Erzählung zwingen, obgleich in
meinem Kopfe alles verwirrt unter einander liegt.
    Mit jedem male, da ich Karolinen sah, mehrte sich meine Liebe und mein
Kummer. Wenn sie mit liebenswürdigem Fleisse jedem weiblichen Geschäfte
unnachahmliche Anmut mitteilte, wenn sie mit ihrer sanften Stimme die
Leidenden tröstete, und durch Leutseligkeit ihrem Almosen doppelten Wert gab,
so betrachtete ich sie mit Entzücken. Aber bald schlug mich der Gedanke nieder:
dieser weibliche Engel wird nie dein werden; ihr Herz ist gewiss keines andern
Eindrucks der Liebe mehr fähig. So dachte ich, küsste mit einem Seufzer ihre
Hand, und verliess einen Ort, der für meine Ruhe so gefährlich war.
    Ihr Onkel fragte mich, warum ich so selten käme. Mit Erröten entdeckte ich
ihm nach einigen vergeblichen Ausflüchten die wahre Ursache. Der vortreffliche
Greis umarmte mich:
    »Sie besitzen alle die Eigenschaften, die ich an dem Gatten meiner Nichte zu
finden wünschte, und ich möchte auch gern bei meinem Leben noch das Mädchen
verheiratet sehen. Sagen Sie ihr selbst Ihren Antrag.«
    »Ach Gott! das ist mir nicht möglich. Wenn meine Dreistigkeit sie beleidigte
- -
    »Possen! Durch dergleichen beleidigt man kein Mädchen. Doch, wie Sie wollen.
Ich kann ihr auch selbst die Sache vortragen, und, wenn sie ja Zweifel haben
sollte, sie besser allein, als in Ihrem Beisein, widerlegen.«
    »O wie soll ich diese Güte mit genugsamer Dankbarkeit erwiedern? Und wann
soll ich wiederkommen, um die Entscheidung meines Schicksals zu hören?«
    »Sobald Sie wollen.«
    Ich ging und durchwachte die ängstlichste Nacht meines Lebens. Mit dem
aufgehenden Tage ritt ich von dannen und kam so früh nach dem Gute, dass ich mich
fast schämte, und bei mir überlegte, ob ich nicht noch eine Weile vor dem Tore
warten wollte. Ich sah nach meiner Uhr, und nie war sie mir so unerträglich
langsam gegangen. Endlich ging ich ins Haus. Der geheimde Rat rauchte eben
sein Morgenpfeifchen, und lächelte über meine Eilfertigkeit. Er hatte seiner
Nichte meine Wünsche gesagt, und aus ihrer Verlegenheit geschlossen, dass sie ihr
nicht gleichgültig wären. - Eduard, welche himmlischen Töne für mein Ohr! - Sie
hatte sich eine Stunde Bedenkzeit ausgebeten, und dann ihm gesagt: Meine
bescheidne Liebe hätte schon lange Eindruck auf sie gemacht, und sie glaubte in
mir den Mann zu finden, mit dem sie glücklich sein würde; nur bäte sie sich noch
einige Zeit aus, um alle ehemaligen Eindrücke völlig aus ihrem Herzen zu
vertilgen, damit sie es mir ganz rein überliefern könnte.
    Mein Entzücken ging über alle Beschreibung. Ich suchte nun sie selbst auf.
Sie war im Garten, und, ohngeachtet es kaum sieben Uhr war, schon vollkommen
anständig gekleidet. Sie hatte einen Korb am Arm, in welchen sie Gartenfrüchte
pflückte, und bemerkte mich Anfangs nicht. Als sie mich sah, errötete sie
sanft, und kam mit unbeschreiblicher Anmut mir entgegen. Die Empfindung, mit
welcher ich nun die schöne Hand küsste, die bald mein werden sollte, ihre
reizende Verlegenheit bei dem ungewohnten Feuer meines Kusses, das unschuldige
Erröten, mit dem sie zum erstenmal meine heisse Wange an der ihrigen fühlte, die
Freudenträne, die aus dem Auge des Alten drang - alles das vermag meine Feder
nicht zu schreiben! Dir, Allwissender, sind die stummen Gefühle des Danks
bekannt, welche ich auf meinen Knien zu dir hinauf sandte. Stärke du mich,
Gütigster, die neubefestigten Vorsätze zur Tugend auszuführen, die mein Herz dir
gelobte.
    Meine Seele ist zu gedrängt von allem dem, was ich fühle. Lebe wohl, bester
Freund.
                                                                            Dein
                                                                       Bartold.
N. S. Eben erhalte ich Briefe von unserm alten Freunde Kleinert. Er meldet mir,
dass Henriettens Mutter gestorben ist; dass die Gläubiger Henrietten aus dem Hause
getrieben haben, dass sie auf einem elenden Dachkämmerchen mit einem erbärmlichen
Knaben niedergekommen ist, und in äusserster Armut und Verzweiflung fast ohne
alle Unterstützung lebt. Gott! wie folgt doch schon hier die Strafe dem
Verbrechen so bald nach! Oder vielmehr: wie führt jedes Vergehen seine
natürlichen harten Folgen hinter sich! Glücklich, wer noch so gerettet wird, wie
unser Ferdinand! Er war aber auch wegen seiner Jugend und seines Mangels an
Erfahrung mehr zu entschuldigen. Er ist jetzt sehr fleissig, und ich hoffe, dass
er auf immer vor ähnlichen Vergehungen gesichert sein wird.
 
                           Siebenundneunzigster Brief
                              Albrecht an Wildberg
Ich bin nun, Deinem Rate gemäss, verheiratet, aber ich wollte, ich wäre es
nicht. Meiner Frau Betragen hat sich seit ein paar Tagen so sehr verändert, dass
sie mir gar dieselbe Person nicht mehr zu sein scheint. Sie ist jetzt auffahrend
bei der kleinsten Erinnerung, die ich ihr mache, und höchst eigensinnig.
    Marie besorgte doch meine Haushaltung selbst, und gab in vier ganzen Wochen
nicht so viel Geld aus, als jetzt in einer einzigen ausgegeben wird. Sie hielt
es auch für keine Schande, selbst zu kochen, und war immer besorgt, mir meine
Lieblingsspeisen zu bereiten. Sie stand früh auf, und war dann gleich für den
Tag nett und ordentlich gekleidet. Ich habe sie auch nie auf das Gesinde
schelten hören, und doch taten alle, was sie sollten, und liebten sie
ausserordentlich.
    Welch ein Unterschied ist das jetzt! Ich habe ausser den vorigen Domestiquen
noch eine Köchinn und ein Putzmädchen annehmen müssen; denn meine Frau geht
nicht anders in die Küche, als um zu lärmen, und den Mädchen Ohrfeigen zu geben.
Katrine, die ich drei Jahre lang im Dienst hatte, ist gestern fortgelaufen,
weil sie die jetzige Begegnung nicht ertragen könne, da sie es bei ihrer vorigen
Frau ganz anders gewohnt gewesen sei. Amalie steht des Morgens nie vor neun Uhr
auf; dann zieht sie ein buhlerisches - ich muss es so nennen - Morgenkleid an,
trinkt Kaffee und Tee, und bringt den übrigen Morgen vor dem Fenster und
Spiegel zu. Des Mittags muss immer jemand mit uns speisen, weil - wie sie sagt -
eine Mahlzeit bloss unter Eheleuten eine langweilige Partie sei. Des Nachmittags
hat sie Gesellschaft, oder geht aus, und dann geht man vor eilf bis zwölf Uhr
nie auseinander. Ich habe das Ding bisher schweigend angesehen und geglaubt, sie
würde es bald von selbst überdrüssig werden; aber heute übernahm es mich, als
Johann herauf kam und mir den Vorfall mit Katrinen meldete.
    Ja - setzte er hinzu - ich wollte, unsre, bald hätte ich gesagt, selige,
Frau wäre noch hier. Du lieber Gott, was ist das für ein Unterschied gegen
diese! Wie gut und liebreich war sie gegen uns! Ich hätte wollen durchs Feuer
für sie laufen. Ach! wenn ich noch daran denke, so gehen mir die Augen über.
Gestern sprach ich einen Bauer aus ihrem Dorfe, der sagte, sie sähe so elend aus
wie ein Schatten.
    »Wie? sie wäre noch in dem Dorfe?«
    »Ja freilich. Er wusste nicht genug von ihr zu rühmen, wie sie immer die
kleinen Kinder beten liesse, und - -«
    »Schweig davon, Johann, ich mag nichts hören.«
    »Haben Sie sie denn so ganz vergessen? Ach, lieber Herr, davon wäre viel zu
sagen. Es gibt so gewisse Leute, doch Sie wollen nichts hören. Aber sie meinte
es gewiss recht gut mit Ihnen. Wenn sie mir etwas zu tun befahl, und Sie riefen,
so sagte sie: lasst dieses liegen, und geht geschwind zu euerm Herrn, und wenn
ihr denn seinen Befehl ausgerichtet habt, so kommt wieder; ich will so lange
warten. Aber die neue Madam hätte mir gestern beinahe ein paar Ohrfeigen
gegeben, als sie mich ausschicken wollte, und als ich, wie Sie mich riefen, erst
zuhören wollte, was Sie verlangten. - Ich weiss nicht, ob ich es sagen darf: es
kömmt hier immer ein junger Herr her, wenn Sie nicht zu Hause sind, und dann
darf niemand ins Zimmer kommen, und es geht so allerlei vor, was sich für eine
rechtschaffne Frau freilich nicht schickt.«
    »Halts Maul, Johann, und geh aus dem Zimmer. Ich will nichts mehr hören.«
    Er ging traurig hinaus; aber seine Reden waren tief in mein Innres
gedrungen. Der verdammte junge Herr ist ein Engländer, der oft ins Haus kömmt,
und den ich schon einmal vor unsrer Verheiratung bei ihr gesehen habe. Ich
entschloss mich noch einmal in Güte einen Versuch zu machen und zu sehen, ob
vernünftige Vorstellungen helfen wollten. Ich ging zu ihr, setzte mich neben
sie, küsste ihre Hand und bat sie mit so vieler Freundlichkeit, als mir nur
möglich war: sich doch ein wenig mehr der Haushaltung anzunehmen, und die vielen
Gesellschaften einzuschränken, denn meine Einnahme litte solchen Aufwand nicht.
Auch in einem andern Punkt wünschte ich eine kleine Aenderung. Ich hätte zwar
bisher noch keinen Zweifel in ihre Treue gesetzt, wünschte aber doch, dass sie,
wenigstens der Leute wegen, ihren Umgang mit Herrn Bredon ein wenig einschränken
möchte.
    Sie liess mich nicht endigen, und sagte sehr aufgebracht: Um die Reden der
Leute bekümmre sie sich nicht. Sie fände an Gesellschaften Vergnügen, und würde
fortfahren, sie zu besuchen. Sie wehre mir nicht, auch hinein zu kommen, aber
sie wollte ebenfalls ihre Freiheit haben. Sie wäre nicht gewohnt, selbst
Küchenmagd zu sein, und würde auch jetzt nicht solche für sie unschickliche
Beschäftigungen anfangen. Sie hätte andre Dinge zu tun, und bäte mich
ernstlich, ihr mit solchen unnützen Vorstellungen nicht wieder zu kommen.
    Ich antwortete hierauf, wie es sich gebührte, und wir gerieten in einen
heftigen Streit, der durch den Besuch eines Fremden unterbrochen wurde. Aber ich
werde die Madam schon belehren, was für Pflichten sie mir schuldig ist. -
    Himmel! was ist das? Johann bringt mir zwei Rechnungen für Sachen, die Madam
als Braut ausgenommen hat, auf meinen Namen geschrieben. Die eine vom Juden
Samuel zweihundert Taler, die andre von einem Galanteriekrämer fünfundsechzig
Taler. - Das hole der Teufel! Auf diese Art würde mich Madam bald zum Bankerott
bringen. Ich werde hingehen, und aus einem ernstlichern Tone mit ihr sprechen.
Das wäre mir eine schöne Zucht!
                                  Fortsetzung.
Hole der Teufel die Vettel und Dich dazu, der Du mich zu dieser Heirat
beredetest. - Ich ging voll Aerger herunter. Die Tür war verschlossen. Ich
öffne sie mit Gewalt, finde niemand im Zimmer, eile voll schrecklicher
Vermutung in die Kammer, und finde das schändliche Weib mit Bredon in meinem
Bette. Ihr Buhler sprang hurtig heraus, stiess mich um, und eilte, während dass
ich aufstand, zur Tür hinaus. Ich prügelte die Hure mit einem Stock derb ab,
und sperrte sie, ihres Tobens ungeachtet, auf ein Zimmer, aus welchem sie, so
lange ich lebe, nicht wieder heraus kommen soll.
    Ich wahnsinniger Tor! der ich eine Frau verstiess, von deren Untreue ich nur
schwache Beweise hatte, und einen solchen Teufel zu mir nahm! Ich möchte rasend
werden über meine Blindheit! Dass ich die Verstellung dieser Schlange nicht eher
merkte! Aber du sollst mir büssen, Nichtswürdige, so war ich Albrecht heisse!
                                                                       Albrecht.
 
                            Achtundneunzigster Brief
                                Amalie an Bredon
Ich finde Mittel, Dir diesen Brief durch mein treues Mädchen zuzustellen. Ach
liebster Bredon, was muss ich ausstehen! Wie froh bin ich, dass Du der Wut meines
Barbaren entronnen bist! Er behandelte mich auf die unmenschlichste Art, sperrte
mich in ein finstres Zimmer, und schwur, dass ich nie das Tageslicht wieder sehen
sollte. Der Unmensch! Und doch ist seine Grausamkeit mir nicht so empfindlich,
als der Gedanke, von Dir, mein Geliebter, auf ewig getrennt, und an einen
verhassten Tyrannen gekettet zu sein, den ich mehr verabscheue, als den Tod. Wenn
ich nur noch einmal Dich wiedersehen könnte! Aber das ist mir unmöglich. Ich
werde vor Kummer sterben, ohne den Liebling meines Herzens gesehen zu haben. Mit
Tränen schreibe ich Dir das letzte Lebewohl.
                                                                           Deine
                                                 unglückliche, Dich ewigliebende
                                                                         Amalie.
 
                            Neunundneunzigster Brief
                               Bredon an Amalien
Nein, teuerste Amalie, Du sollst nicht, von mir getrennt, unter den Händen
eines Ungeheuers sterben. Die Trennung von Dir ist mir schrecklicher als der
Tod! Komm, Geliebte, entflieh mit mir dem verhassten Tyrannen, wir wollen in mein
Vaterland zurückkehren, wo nichts unsre Liebe stören soll. Ich kann ohne Dich
nicht leben, und muss Dich besitzen, sollte ich auch Deinen Besitz mit Blut
erkaufen!
    Louise sagt mir, dass ein Fenster aus Deinem Zimmer in den Garten geht. Ich
will mit ihrer Hülfe diese Nacht durch die Gartentür herein steigen, und eine
Leiter an Dein Fenster setzen. Dann kömmst Du auf mein gegebnes Zeichen herunter
in meine Arme. Wir eilen aus der Stadt. Vor dem Tore soll ein Wagen mit raschen
Pferden unser warten, und uns aufs schnellste aus der verhassten Gegend in ein
Land bringen, wo kein Hindernis sich gegen unsre treue Liebe auflehnt. Bedenke
Dich nicht, mir zu folgen, meine Liebste. Du sollst das angenehmste Leben und
eben so unumschränkte Macht über das Vermögen Deines Bredons haben, wie Du über
sein Herz hast. Du weisst, dass ich der einzige Erbe eines grossen Reichtums bin.
Hier ist ein Wechsel auf tausend Pfund, wenn Du vielleicht noch Ausgaben vor
Deiner Flucht zu bestreiten hättest. Gieb mir doch Nachricht, um welche Stunde
zu Dir kommen soll
                                                                            Dein
                                                             getreuster Verehrer
                                                                         Bredon.
 
                               Hundertster Brief
                               Amalie an Wildberg
Wenn Sie diesen Brief erhalten, so bin ich schon weit von hier. Denn, unsrer
Freundschaft ohngeachtet, hätten Sie es doch vielleicht nötig erachtet, meinen
Plan zu zerstören, damit Albrecht nicht zu früh Ihre Kartenmischung wahrnähme.
Mir aber werden Sie verzeihen, dass die Selbstliebe bei mir über die Freundschaft
siegte. Ich glaubte in der Tat keinen Beruf zu haben, Ihnen zu Gefallen mein
Leben in einem finstern Zimmer, von aller Welt abgesondert, zuzubringen. Sie
werden die Geschichte mit mir und Albrecht wohl schon wissen. Der Pinsel! Es ist
ja jetzo nach dem grossen Ton, seine Galane zu haben. Muss sich ein tölpischer
Mann da hineinmischen? Ich dächte es wäre gut für ihn, wenn seine Frau Leute
hätte, die ihren Putz und andre Ausgaben besorgten, ohne dass er den Beutel zu
ziehen brauchte. Aber, ohngeachtet seines filzigen Geizes, der so weit ging,
dass er bei jedem Groschen, den er ausgab, seufzte, dachte Albrecht doch so
kleinstädtisch, dass er die Sache unrecht verstand. Das Untier unterstand sich,
mich zu schlagen - (es kränkte mich am meisten, dass ich mich an dem Elenden
nicht rächen konnte -) und einzusperren, und gab mir die feste Versichrung, dass
ich nie wieder aus diesem Gefängnisse kommen sollte.
    Ich war nur zu sehr überzeugt, dass er Wort halten würde, und hatte gar keine
Neigung, in einem finstern Loche zu versauren. Ich sah gleich ein, dass das beste
Mittel, mich zu befreien, eine Flucht mit Bredon sei. Diesem also schrieb ich so
beweglich, als ich nur konnte, ein letztes Lebewohl. Meine treue Louise, die
glücklicher Weise ausersehen war, mir das Essen zu bringen, brachte ihm meinen
Brief, heulte ihm viel von meinem Elend vor, und als er denn recht weich war,
und meinen Verlust bejammerte, tat sie ihm, als wäre es ein plötzlicher Einfall
von ihr, den Vorschlag, mit mir zu entfliehen. Er fieng gleich Zunder, und die
listige Hexe wusste ihre Sache so gut zu machen, dass sie ein ansehnliches
Geschenk von ihm bekam; denn sie überredete ihn, dass es viele Mühe haben würde,
mich zur Einwilligung in diesen Entschluss zu bewegen. Ich machte zum Schein
viele Schwierigkeiten, und liess mich auch nur unter sehr vorteilhaften
Bedingungen zu dieser Flucht bewegen. Bredon, der eben so verliebt als reich
ist, ging alles ein, und wir reisen nun in einer Stunde mit Louisen ab.
    Ich melde Ihnen dieses, damit Sie sich so gut als möglich aus der Sache
wickeln können. Denn wenn Albrecht jetzt schon Ihre Verräterei in Punkto
Mariens merkte, so würden vermutlich alle Ihre Plane auf sie vereitelt werden.
Hören Sie, Wildberg, ich kann nicht unterlassen Ihnen noch einmal meinen letzten
freundschaftlichen Rat zu geben - es kann ja sein, dass wir einander doch noch
einmal brauchen: - Lassen Sie die Tugendheldinn fahren. Sie sind ein gescheidter
Kopf, und es wäre Schade um Sie, wenn Sie sich mit der Närrinn verbänden. Und es
ist ja gar nicht einmal daran zu denken, dass sie jemals Ihre Liebe begünstigen
wird. Die Grillen von übertriebner Feinheit, mit denen ihr Kopf angefüllt ist,
lassen das nicht zu, und Sie sehen ja deutlich, dass die Stolze Sie verachtet.
    Doch ich habe Ihnen diese Leier schon so oft fruchtlos geleiert, und fürchte
fast, dass Sie in diesem Punkte nicht klüger zu machen sind. Leben Sie wohl. Ich
denke, wir werden ja noch immer Freunde bleiben; also werde ich Ihnen mit
nächster Post melden, wohin Sie Ihre Briefe zu addressiren haben. Ich bleibe wie
immer
                                                                            Ihre
                                                                       Freundinn
                                                                         Amalie.
 
                             Hundertunderster Brief
                                Sophie an Julien
Unsre Marie wird nun bald ein vollendeter Engel Gottes sein. Sie ist ihrer
Auflösung nahe, und fühlt mit der grössten Heiterkeit ihren Tod heranrücken. Mit
gefalteten Händen segnet sie die Stunde, die ihre Seele zu Gott bringen wird.
Seit einigen Tagen hatte sie oft Zweifel gehabt, ob Gott ihr auch die Schwäche
ihres Herzens verzeihen könnte, ob sie nicht äusserst strafbar sei, an einem
andern Gegenstande so fest gehangen zu haben? Auch glaubte sie, ihr Leben wäre
nicht tätig und nützlich genug für ihre Nebenmenschen gewesen.
    »Ach Sophie! sprach sie, wie manche Stunde habe ich über das Elend eines
andern bloss geweint, statt dass ich ihm wirklich beizustehen hätte suchen sollen!
Wie viele Zeit, die ich hätte nützlicher anwenden können, habe ich bloss damit
zugebracht, meinem Gefühl nachzuhängen! Ich bin zwar wohltätig gegen Arme
gewesen, aber ich gab ihnen gewöhnlich nur von meinem Überfluss. Die wahre
Wohltätigkeit ist, wenn man sich selbst Vergnügungen, und auch Bedürfnisse
entzieht, um den Armen beizustehen; und ach wie selten tat ich das! Was ist
wohl verdienstliches bei einem Almosen, welches wir bloss von dem Gelde geben,
das uns ganz entbehrlich ist! Das ist nicht die Barmherzigkeit und
Menschenliebe, die der Heiland uns vorschreibt, und die er selbst an uns
bewies.«
    Ihre Rührung verstattete ihr nicht, weiter zu reden. Der einsichtsvolle
Geistliche beruhigte ihr Herz, und liess sie in eben der barmherzigen Güte
Gottes, von welcher sie jetzt redete, ihren Trost finden, Und nun empfieng sie
in Gemeinschaft mit uns das heilige Abendmahl. O wie war ihre Seele von seligen
Gefühlen der Andacht und Dankbarkeit gegen Gott durchdrungen! Wie schien sie
schon so selig auf Erden zu sein, und den Vorschmack des Himmels zu fühlen! O
möchten doch diese Erinnerungen nie aus meiner Seele weichen, und auch mir
dereinst Beruhigung in der Todesstunde sein! O Gott! stärke du meine Bemühungen,
mir einen Schatz von guten Handlungen zu sammeln. Das ist ja der einzige
Reichtum, den wir mit in jene Welt nehmen!
    Marie beschäftigt sich mit Schreiben; ich glaube, sie schreibt an Albrecht;
denn sie hat seit einigen Tagen davon gesprochen, dass sie ihn noch einmal zu
sehen und sich mit ihm zu versöhnen wünschte. Jetzt ist sie fertig und gibt mir
den Brief. Es soll sogleich ein Bote damit nach der Stadt gehen, damit sie ihn,
wo möglich, noch sieht. Sie ist äusserst matt.
    Welch eine rührende Scene! Eben liess sie noch einmal alles Gesinde aus dem
Hause, und die Kinder, an deren Unterricht sie bisher geholfen hatte, herauf
kommen. Sie nahm Abschied von ihnen, hielt eine kleine Rede an sie, und ermahnte
sie darinnen, stets so gut und rechtschaffen zu handeln, dass sie ruhig mit jeder
Stunde ihrem Tode entgegen sehen könnten. Sie schluchzten alle vor Wehmut, und
nun bat sie uns insgesammt, ein schönes Lied von Gellert zu singen. Die
vereinigte Andacht so vieler Menschen war ein angenehmes Opfer für den Herrn.
Sie selbst sprach nun auch noch ein kurzes Gebet, und gab jedem noch einmal die
Hand zum Abschiede. Gewiss war kein einziger unter allen, dessen Herz nicht von
den stärksten Vorsätzen zur Frömmigkeit durchdrungen gewesen wäre. Sie konnten
vor Bewegung kein Wort sprechen; sie selbst musste sich von diesem Auftritt
erholen, und wird jetzt durch einen sanften Schlummer erquickt. Jetzt rührt sie
sich. Sollte sie schon wieder erwachen? Ich will zu ihrem Bette eilen, damit
keine Minute ihres Lebens mir verloren geht.
                                                                         Sophie.
 
                            Hundertundzweiter Brief
                               Marie an Albrecht
Ich fühle, dass der Augenblick meines Todes herannaht, dass ich nur noch wenige
Stunden zu leben habe. Diese letzten Stunden sollen dazu gewidmet sein, Dich mit
mir auszusöhnen. Ich gestehe, dass ich Dir die erste Veranlassung gab, Dich von
mir zu trennen. Ich war zu schwach, um dem Andenken an einen Mann zu
widerstehen, den ich einst mit vieler Zärtlichkeit liebte, von dem erdichtete
Erzählungen seiner Untreue mich trennten, und dessen Unschuld ich nun erfuhr.
Dieses war die Ursache meines Kummers. Ich kämpfte zwischen Leidenschaft und
Pflicht, und mein Herz und meine Kräfte wurden durch diesen Kampf zerrissen.
Aber nie kam ein sträflicher Gedanke in meine Seele, und nie verletzte ich durch
irgend eine niedrige Handlung die Treue gegen Dich. Sophie kann Dir die Beweise
davon geben.
    Und nun, Albrecht, vergieb mir die Schwäche meines Herzens, das nicht
vermochte, sich ganz unter die Herrschaft meiner Vernunft zu beugen. Gott hat
mir vergeben; mit sanfter Beruhigung erfüllt dieser Gedanke mein Herz! Verzeihe
auch Du mir eben so herzlich, wie ich Dir verzeihe, dass Du ohne hinlängliche
Ursache mich verstiessest. Du bist völlig bei mir entschuldigt; ich weiss, dass Du
gut und edel denkst, und dass man Dich mit Trug und List hintergieng. Aber ich
hege auch keinen Groll gegen den Störer unsrer Ruhe; ich vergebe ihm von Herzen,
und bitte Dich, meinen Tod nicht an ihm zu rächen, und dem nicht vorzugreifen,
der oben im Himmel unsre Schicksale regiert!
    Es würde sehr zu meiner Beruhigung dienen, wenn ich Dich noch einmal sehen
könnte, um mich vor dem Angesicht meines Gottes mit Dir zu versöhnen, und die
Ueberzeugung mit in jene Welt zu nehmen, dass in unsern Herzen kein Unwille gegen
einander mehr wohnt. Versage mir diese Bitte nicht. Es ist die letzte, die ich
an Dich tue; und wenn dieser Wunsch befriedigt ist, so werde ich mit Ruhe in
jene Gefilde übergehen, deren Aussicht mein Herz aufs sanfteste erheitert. Ich
will Gott bitten, dass er auch dem Deinigen eine solche Ruhe schenken wolle,
damit wir in jener Welt uns wiederfinden.
                                                                          Marie.
 
                            Hundertunddritter Brief
                                Sophie an Julien
O Julie! ihr himmlischer Geist ist entflohen, er ist jetzt gewiss schon bei Gott,
und sieht unsre Tränen fliessen. Ach warum weine ich? Sie ist ja in dem seligen
Genuss der Freuden einer Ewigkeit, für die sie geschaffen ward. Hätten wir andern
doch auch überwunden! Ich will mich zu fassen suchen, um Ihnen die Geschichte
ihrer letzten Augenblicke zu geben.
    Während ihres Schlummers lächelte sie, und streckte die Arme aus, als wollte
sie einen Gegenstand umfassen, den ihre Phantasie sah. Sie erwachte:
    »Bist du verschwunden, selige Gestalt, und hast mich nicht mit dir genommen?
Aber warte, ich komme!«
    Sie phantasierte und wollte aus dem Bette. Ich umarmte sie:
    »Liebste Marie, besinnen Sie sich. Sie sind noch bei uns, in den Armen Ihrer
Freundinn.«
    Bist du's Sophie? - sagte sie mich starr ansehend; aber in eben dem
Augenblicke kehrte auch ihr Bewusstsein wieder. Sie sagte, dass sie im Traum ihrer
Mutter Gestalt, von himmlischem Glanz umgeben, gesehen habe. Sie habe ihr
gewinkt, und sei darauf unter einer Menge seliger Geister, die neben ihr
gestanden, verschwunden.
    Sie sprach nun noch mit Entzücken von Gott, und dem sie erwartenden Himmel,
trug mir auf, für Eduards Beruhigung zu sorgen, und ihm einen Brief zu geben,
welchen sie zu seiner Beruhigung schrieb. Auch bat sie mich, die Erziehung ihres
kleinen Lieschens zu übernehmen, legte nun, matt vom Reden, ihr Haupt aufs
Kissen, und bat mich, die Bachische Composition einiger herrlichen Gellertschen
Lieder zu spielen, und dazu zu singen. Dieses war seit ihrer Krankheit ihre
liebste Erquickung gewesen. Darauf musste unsre Pastorinn ihr aus der Bibel
vorlesen. Sie hörte mit andächtiger Aufmerksamkeit zu, und winkte ihr zuweilen,
inne zu halten, um über das Gelesene nachzudenken. Während einer solchen Pause
stürzte Albrecht ins Zimmer, und fiel vor ihrem Bette nieder.
    »Marie! himmlische Seele, voll Güte und Sanftmut, kannst du mir, deinem
Mörder! vergeben?«
    »O Albrecht! nicht du, die gar zu grosse Empfindlichkeit meines Herzens hat
meinen schwachen Körper zu Grunde gerichtet. Aber ich danke Gott, dass er mich so
bald zu sich nehmen will, und -«
    Sie bestrebte sich noch mehr zu sagen, aber die Sprache verliess sie. Sie
drückte schweigend seine Hand, und lächelte mit einem himmlischen Blick ihn an.
Sie bemühte sich noch einigemal vergebens, zu reden; endlich brachte sie mühsam
die gebrochnen Worte hervor:
    »Vergieb Wildbergen und räche nicht -« Mehr konnte sie nicht sagen, die
erhabne grossmütige Seele, die noch in ihren letzten Augenblicken die edelste
Tugend des Menschen, die Liebe der Feinde, übte!
    Sie richtete nun schwach sich auf, reichte mit beiden Händen in die Höhe,
ihr Gesicht wurde erhellet, und sie sank leblos zurück. Albrecht lag noch auf
seinen Knien, und blickte noch mit stummer Verzweiflung starr sie an. Endlich
sprang er auf, ging zum Schreibtisch und schrieb:
                                  An Wildberg
Fühlest Du es, Verräter! dass sich ihr Geist jetzt von dannen schwang? Sankest
Du nicht bebend zur Erde nieder? Die Heilige fluchte Dir nicht, sie verbot auch
mir, Rache an Dir zu nehmen. Das war das letzte, was ihr sterbender Mund sprach.
Ich muss ihr gehorchen; aber ich beschwöre Dich, vermeide meinen Anblick. Wenn
ich Dich sähe, so würden alle ihre Bitten vernichtet werden; ich würde ihren Tod
an dem Schändlichen rächen, und ihr seliger Geist würde durch meinen Ungehorsam
beleidigt werden. O ich Elender! der ich mich durch einen Teufel verleiten liess,
einen Engel zu verstossen! Marie, Marie! Du empfahlst mir Sanftmut, Beruhigung!
Aber ach! ich bin ihrer nicht fähig. Unruhe und Gewissensvorwürfe werden meine
Begleiter sein! Wäre doch mein elendes Leben geendigt!
                         Fortsetzung. Sophie an Julien.
Diesen Brief schickte er an den verräterischen Wildberg, und nun bat er mich,
ihm die Briefe des Engels zu zeigen, welche die schreckliche Geschichte
entüllten. Ich gab ihm die ihrigen, und die Abschriften von den meinigen an
Dich, erzählte ihm auch die letzten schönen Tage der Seligen. Anfangs hörte er
mit stummer Verzweiflung zu, aber am Ende erweichte ich ihn, und seine Tränen
flossen. Er erzählte mir die teuflischen Ränke Wildbergs und noch eines
verworfnen Geschöpfs, Namens Amalie. Diese liebte er, ehe er Marien kannte,
entzweite sich wegen eines Liebeshandels mit ihr, und heiratete Marien.
Wildberg wusste nun die letzte Schwäche Mariens ihm so schwarz vorzumalen, und
seine schlafende Liebe für Amalien, die er ihm treu und tugendhaft schilderte,
so künstlich wieder aufzuwecken, dass er ihn zur Scheidung beredete.
    Und nun das Schrecklichste noch! - Wie gut, dass Marie nichts davon wusste! -
Albrecht heiratete die Buhlerinn, fand sie bei einem Liebhaber, sperrte sie
ein, und findet den andern Morgen ihr Zimmer leer. Sein Johann gibt ihm einen
Brief von ihr an Wildberg, welcher ihm von Amaliens Mädchen zur Bestellung
gegeben war. Albrecht sieht daraus die schändliche Verräterei, die man an ihm
begieng. Er gerät ganz von Sinnen, stellt seine Marie in ihrer leidenden
Gestalt sich vor, will zu ihr, aber Furcht und Schaam halten ihn zurück. Und nun
bekömmt er ihren Brief. Voll Verzweiflung wirft er sich aufs Pferd und eilt zu
ihr. Bei ihrem Anblicke glaubt er zu vergehen. Auch noch ist sein Zustand so
trostlos, dass er mir, seines Vergehens ohngeachtet, Mitleid einflösst.
    Ach Gott! auch ich werde den Verlust meiner Marie noch immer tief fühlen.
Nie werde ich ihre sanfte himmlische Seele, nie die rührenden Auftritte ihres
Todes vergessen! Mein Herz ist gewiss auf immer der rauschenden Freude
verschlossen. - Ich muss ihren Brief an Eduard schicken, und Nachricht von seinem
Zustande erfahren. -
                                                                         Sophie.
 
                            Hundertundvierter Brief
                                Marie an Eduard
Mein Geist wird nun bald diese gebrechliche Hütte verlassen, und sich in jene
Gefilde der Ruhe und des Friedens hinaufschwingen! Ich werde Dich nicht mehr
sehen, Eduard! Eine Zusammenkunft unter uns würde uns beiden nachteilig sein.
Sie würde die ruhige Fassung stören, mit der ich jetzt meiner Auflösung entgegen
sehe. Mein Tod würde erschwert, und meine Seele, die sich schon halb bei Gott
fühlt, würde wieder zur Erde gezogen werden. Du erhältst also dieses Papier,
wenn ich nicht mehr bin. O möchte es Dich beruhigen, und mit der seligen
Gewissheit erfüllen, dass Du bald bei mir sein wirst! Ich werde noch in meinen
letzten Augenblicken Gott bitten, dass er diese selige Fassung Dir schenke, und
ich hoffe, er wird mein Gebet erhören.
    Traure nicht um mich, Eduard. Ich fühle, dass ich glücklich sein werde. Ich
gehe ja nur voran, um Dir den Weg zu bahnen; in der Gesellschaft seliger Geister
will ich Deiner harren, und den Augenblick erwarten, in welchem auch Deine Seele
vor Gott kommen wird. Ist es mir erlaubt, so werde ich oft Dich umschweben, und
himmlischen Trost Dir einhauchen. Hörst Du dann ein sanftes Säuseln: so denke,
dass es der Geist Deiner Marie ist, die noch jenseits mit den geläuterten
Empfindungen reiner Geister Dich liebt. Aber, teurer Eduard, verkürze auch
nicht selbst Dein Leben durch unmässigen Gram. Erhalte es sorgfältig, so lange
Dein Schöpfer befiehlt, der es Dir gab! Harre geduldig, bis der Todesengel
kömmt, der Dich von dieser Welt abruft; und dann schwinge Deine entfesselte
Seele, über Tod und Leiden erhaben, sich zu Gott empor!
                                                                          Marie.
 
                            Hundertundfünfter Brief
                                Sophie an Julien
Gott! welch ein Auftritt war das! Man hatte Marien in den Sarg gelegt, und
wollte nun den Deckel befestigen, um sie auf ewig unserm Anblick zu entziehen.
Eduard, der noch einmal ihre Leiche zu sehen gekommen war, lag sinnlos auf der
Erde neben dem Sarg. Albrecht war in ein andres Zimmer gebracht, und ich stand
bei dem erblichnen Leichnam der Seligen, um den letzten Kuss auf ihre blassen
Lippen zu drücken. Ihr Mund schien noch sanft zu lächeln, und ihre Gesichtszüge
- nicht verzerrt, wie sie sonst bei Todten zu sein pflegen - hatten noch das
sanfte Gepräge der himmlischen Fassung, mit der sie verschied. Ich glaubte,
meine Seele auf ihren Lippen auszuhauchen, und hieng in tiefer Schwermut über
ihr, als mit fürchterlichen Blicken Wildberg herein trat. Er eilte auf den Sarg
zu, stiess ein schreckliches Geschrei aus, und prallte zurück:
    »Du bist gerächt, Marie! Hier in diesem verfluchten Herzen wohnt die Hölle
mit allen ihren Quaalen. Eine Legion böser Geister ist in mich gefahren. O weh
mir! - sie zerreissen mich! Halt! - da kommen sie! Schreckliche Gestalt, mit Blut
befleckt, wer bist du? O! schiele nicht so fürchterlich her. Zucke deinen Dolch
nicht so schrecklich. Weh mir! Wer rettet mich? - Marie! Marie! Kannst du so
grausam sein? Ach! du fluchtest mir ja nicht. - Aber du, Weibsgestalt, was
spottest du über mich? Wer bist du? Halt! ich kenne dich. Du sollst mit ihr
hinab!«
    Er sprang auf mich los. Man entriss mich ihm, und band ihn fest. Ein eben
gegenwärtiger Arzt sagt, seine Tollheit sei unheilbar. Er wird in ein Haus
gebracht werden, wo mehr solcher Unglücklichen sind. O Julie! ich selbst bin
äusserst matt. Die Feder fällt mir aus der Hand. O wären wir alle doch erst da,
wo die Selige jetzt ist!
 
                                    Fussnoten
1 Der Brief selbst sowohl als die Abschrift sind verloren gegangen.
 
    