
        
                               Johann Karl Wezel
                               Hermann und Ulrike
                                     Vorrede
Der Roman ist eine Dichtungsart, die am meisten verachtet und am meisten gelesen
wird, die viele Kenntnisse, lange Arbeit und angestrengte Übersicht eines
weitläuftigen Ganzen erfodert und doch selbst von vielen Kunstverwandten sich
als die Beschäftigung eines Menschen verschreien lassen muss, der nichts Besseres
hervorbringen kann. Ein Teil dieser unbilligen Schätzung entstund aus dem
Vorurteile, dass Werke, wovon die Griechen und Römer keine Muster und worüber
Aristoteles keine Regeln gegeben hat, unmöglich unter die edleren Gattungen der
Dichtkunst gehören könnten: zum Teil wurde sie auch durch die häufigen
Missgeburten veranlasst, die in dieser Gattung erschienen und lange den Ton
darin angaben; denn freilich, eine Menge zusammengestoppelter übertriebner
Situationen zusammenzureihen; gezwungene unnatürliche Charaktere ohne Sitten,
Leben und Menschheit zusammenzustellen und sich plagen, hauen, erwürgen und
niedermetzeln zu lassen: oder einen Helden, der kaum ein Mensch ist, durch die
ganze Welt herumzujagen und ihn Türken und Heiden in die Hände zu spielen, dass
sie ihm als Sklaven das Leben sauer machen; ein verliebtes Mädchen durch
mancherlei Qualen hindurchzuschleppen; Meerwunder von Tugend und schöne
moralische Ungeheuer zu schaffen: ein solches Chaos von verschlungenen,
gehäuften, unwahrscheinlichen Begebenheiten, Charaktere, die nirgends als in
Romanen existierten und existieren konnten, solche Massen ohne Plan, poetische
Haltung und Wahrscheinlichkeit zu erfinden, bedurfte es keines Dichtergenies und
keiner dichterischen Kunst.
    Der Verfasser gegenwärtigen Werkes war beständig der Meinung, dass man diese
Dichtungsart dadurch aus der Verachtung und zur Vollkommenheit bringen könne,
wenn man sie auf der einen Seite der Biographie und auf der andern dem
Lustspiele näherte: so würde die wahre bürgerliche Epopöe entstehen, was
eigentlich der Roman sein soll.
    Das bisher sogenannte Heldengedicht und der Roman unterscheiden sich bloss
durch den Ton der Sprache, der Charaktere und Situationen: alles ist in jenem
poetisch, alles muss in diesem menschlich, alles dort zum Ideale
hinaufgeschraubt, alles hier in der Stimmung des wirklichen Lebens sein. Die
Regeln, die man für jenes gegeben hat, passten auch auf diesen, wenn sie nur
nicht bloss willkürliche Dinge beträfen: aber die wirklichen Regeln, die sich auf
die Natur, das Wesen und den Endzweck einer poetischen Erzählung gründen, sind
beiden gemein: was man bisher zu Regeln des epischen Gedichts machte, ging bloss
die Form und Manier an und waren alle bloss von der Homerischen abgezogen.
    Die bürgerliche Epopöe nimmt durchaus in ihrem erzählenden Teile die Miene
der Geschichte an, beginnt in dem bescheidenen Tone des Geschichtsschreibers,
ohne pomphafte Ankündigung, und erhebt und senkt sich mit ihren Gegenständen:
das Wunderbare, welches sie gebraucht, besteht einzig in der sonderbaren
Zusammenkettung der Begebenheiten, der Bewegungsgründe und Handlungen. In dem
gewöhnlichen Menschenleben, aus welchem, sie ihre Materialien nimmt, nennen wir
eine Reihe von Begebenheiten wunderbar, die nicht täglich vorkömmt: die
einzelnen Begebenheiten können und müssen häufig geschehen - denn sonst wären
sie nicht wahrscheinlich -, aber nicht ihre Verknüpfung und Wirkung zu einem
Zwecke. So verhält es sich auch mit dem Wunderbaren der Handlungen: wir
schreiben es ihnen alsdann zu, wenn sie entweder aus einer ungewöhnlichen
Kombination von Bewegungsgründen und Leidenschaften entstehen oder in dem Grade
der Tätigkeit, womit sie getan werden, zu einer ungewöhnlichen Höhe steigen. Je
höher der Dichter dieses Wunderbare treibt, je mehr verliert er an der
Wahrscheinlichkeit bei denjenigen Lesern, die das nur wahrscheinlich finden, was
in dem Kreise ihrer Erfahrung am häufigsten geschehen ist: aber dies ist eine
falsche Beurteilung der poetischen Wahrscheinlichkeit, die allein in der
Hinlänglichkeit der Ursachen zu den Wirkungen besteht. Der Dichter schildert das
Ungewöhnliche, es liege nun in dem Grade der Anspannung bei Leidenschaften und
Handlungen oder in der Verknüpfung der Begebenheiten und ihrer Richtung zu einem
Zwecke; und dies Ungewöhnliche wird poetisch wahrscheinlich, wenn die
Leidenschaften durch hinlänglich starke Ursachen zu einem solchen Grade
angespannt werden, wenn die vorhergehende Begebenheit hinlänglich stark ist, den
Zweck zu bewirken, auf welchen sie gerichtet sind. Dies ist der einzige feine
Punkt, der das Wunderbare und Abenteuerliche scheidet.
    Der Verfasser kann unmöglich in einer Vorrede die Ideen alle entwickeln, die
ihn bei der Entwerfung seines Plans leiteten, und wie er seine beiden vorhin
angegebnen Absichten zu erreichen suchte: er muss es auf das Urteil der
Kunsterfahrnen ankommen lassen, ob sie in seinem Werke Spuren antreffen, dass er
mit Wahl und Absicht verfuhr. Er wählte eine Handlung, die den grössten Teil von
dem Leben seiner beiden Helden einnahm, um sich die Rechte eines Biographen zu
erwerben: aber er wählte unter den Begebenheiten und Handlungen, die diesen
grössten Teil des Lebens ausmachten, nur solche, die auf seine Hauptandlung
Beziehung oder Einfluss hatten, um ein poetisches Ganze zu machen.
    Jedes poetische Ganze hat zween Teile - die Anspinnung, Verwickelung und
Entwickelung der Fabel: die Exposition und stufenweise Entwickelung des
Hauptcharakters oder der Hauptcharaktere. Auf diese beiden Punkte muss der Blick
des Dichters bei der Anordnung beständig gerichtet sein, um zu beurteilen,
welche Charaktere er nur als Nebenfiguren behandeln, wie er sie stellen und
handeln lassen soll, dass sie auf die Hauptperson ein vorteilhaftes Licht werfen,
ihre Charaktere durch Kontrast oder bloss graduale Verschiedenheit heben und
anschaulich machen; um zu beurteilen, wie er die Szenen stellen soll, dass die
vorhergehenden die folgenden mittelbar oder unmittelbar vorbereiten und alle auf
den Hauptzweck losarbeiten; welche er gleichsam nur im Schatten lassen, nur
flüchtig und kurz übergehen und welche er in das grösste Licht setzen und völlig
ausmalen soll; wie er sie so ordnen soll, dass jede mit der nächsten mehr oder
weniger kontrastiert, und wie er dieses Mehr oder Weniger so einrichten soll,
dass er Einförmigkeit und gezwungene Symmetrie verhindert.
    Um sich diese und so viele andre Pflichten zu erleichtern, vereinigte der
Verfasser alle Mittel, die dem Dichter verstattet sind - Erzählung und Dialog,
worunter man auch den Brief rechnen muss, der eigentlich ein Dialog zwischen
Abwesenden ist. Ob er ein jedes am rechten Orte, dem poetischen Effekte gemäss,
gebraucht und den eigentlichen Dialog und die Erzählung gehörig ineinander
verflösst hat, kann nur der Leser beurteilen, der hierinne kompetenter Richter
ist. Wer ihm Fehler anzeigt und sich so dabei benimmt, dass er mit Nachdenken
gelesen und mit Einsicht geurteilt zu haben scheint, wird ihn durch eine solche,
mit Gründen unterstützte Anzeige so sehr verbinden als durch den
uneingeschränktesten Beifall: wer aus geheimer Abneigung gegen den Verfasser
oder aus Tadelsucht auf sein Buch schlechtweg schmäht und das Geradeste am
schiefsten findet, wird erlangen, was er verdient - Verachtung.
    Viele Leser erlassen dem Romanschreiber gern alle mögliche poetische
Vollkommenheiten, wenn er sie nur durch eine Menge seltsamer Begebenheiten
unterhält, worunter eine mit der andern an Abenteuerlichkeit streitet, und die
Personen recht winseln, brav küssen und oft sterben lässt: solche Leser werden
bei dem Verfasser ihre Rechnung nicht sehr finden; denn er geht mit den Küssen
ausserordentlich knickerig um und steigt nie zu einer grossen Quantität, um ihren
Wert und Effekt nicht abzunutzen. Keine von seinen Personen wird bis zum
Wahnsinne melancholisch, keine ist so sanft und schmelzend, als wenn sie nur ein
Fluidum von Tränen wäre. Überhaupt hat der Verfasser die Ketzerei, dass er den
raschen, von Sanfteit temperierten Ton in der Menschheit liebt und die
butterweichen Seelen, die fast gar keine Konsistenz haben, schlechterdings
entweder belachen oder verachten muss; auch glaubt er daher, dass es für die
Stimmung unsers Geistes zuträglicher wäre, wenn wir mit unsern Romanen wieder in
den Geschmack der Zeiten zurückgingen, wo der Liebhaber aus Liebe tätig wurde
und nicht bloss aus Liebe litt, wo die Liebe die Triebfeder zum Handeln, zu
Beweisung grosser Tugenden wurde, Geist und Nerven anspannte, aber nicht
erschlaffte.
    Andre Leser verlangen bloss Muster der Tugend oder, wie sie es nennen, die
Menschheit auf der schönen Seite zu sehen: der Verfasser hat allen Respekt für
die Tugend und möchte sie, um sich in diesem Respekte zu erhalten, nicht gern
zur alltäglichen Sache machen: er findet, dass diese kostbare Pflanze in unserer
Welt nur dünne gesäet ist, und will sich also nicht sosehr an dem Schöpfer
versündigen und seine Welt schöner machen, als er es für gut befand.
    Endlich suchen einige in einem Romane und auf dem Teater die nämliche
Erbauung, die ihnen eine Predigt gibt, und wollen gern, wenn sie das Buch
zumachen, das moralische Tema samt seinen Partibus wissen, das der Herr Autor
abgehandelt hat. Für diese hat der Verfasser der gegenwärtigen Geschichte am
meisten gesorgt; denn aus jeder Zeile können sie sich eine Moral ziehen, wenn es
ihnen beliebt.
                                                                            Wzl.
 
                                  Erster Teil
                                  Erstes Kapitel
Im Jahre nach Erschaffung der Welt, als die Damen kurze Absätze und niedrige
Toupets, die Herren grosse Hüte und kleine Haarbeutel und niemand leicht Gold auf
dem Kleide trug, der nicht wenigstens Silber genug in der Tasche hatte, um es
bezahlen zu können, wurde auf dem Schloss des Grafen von Ohlau ein Knabe
erzogen, der bei dem Publikum des dazugehörigen Städtchens nicht weniger
Aufmerksamkeit erregte und in den langen Winterabenden nicht weniger Stoff zur
Unterhaltung gab als Alexander, ehe er auf Abenteuer wider die Perser ausging.
Graf und Gräfin, deren Liebling er einige Zeit war, nannten ihn Henri, seine
Eltern Heinrich und das ganze Städtchen den kleinen Herrmann, nach dem
Geschlechtsnamen seines vorgeblichen Vaters - seines vorgeblichen, sage ich;
denn sosehr die körperliche Ähnlichkeit mit ihm es wahrscheinlich machte, dass er
sein wahres, echtes Produkt sein möchte, und sowenig auch der erfahrenste
Physiognomist auf den Einfall gekommen wäre, eine andere wirkende Ursache zu
vermuten, so hatte doch jedermann die Unverschämteit, trotz jenes wichtigen
Grundes ihn seinem Vater völlig abzuleugnen, und zwar aus der sonderbaren
Ursache - weil der Sohn ein feiner, witziger, lebhafter Knabe wäre und gerade
soviel Verstand als sein Vater Dummheit besässe.
    Freilich war wohl diese Ursache etwas unzureichend, einem armen Sterblichen
seine ehrliche Geburt abzusprechen; auch gab der alte Herrmann nichts weniger
zu, als dass er dumm sei, und bewies sehr häufig durch die Tat, dass er sich
hierinne nicht irrte: gleichwohl hätten sich die Leute eher bereden lassen,
nicht mehr an den Kobold zu glauben, als den jungen Herrmann für den
rechtmässigen Sohn des alten Herrmanns zu erkennen. Indessen, so genau alles, alt
und jung, in dieser Behauptung übereinstimmte, so verschieden wurden die
Meinungen, wenn es darauf ankam, die Entstehung des Knabens zu erklären; und
wenn man alles, was darüber gedacht und gesagt worden ist, sorgfältig aufbewahrt
hätte, so würde eine solche Sammlung ungleich mehr Drucker und Setzer ernähren
als alle Träumereien der Philosophen. Einige, die des Sonntags zweimal in die
Kirche gingen und darum billiger dachten als andre, die wöchentlich nur eine
Predigt hörten, nahmen doch seinem Vater nicht die ganze Ehre des Anteils an der
Erzeugung seines Sohns, sondern gestunden mit einem weisen Achselzucken, dass ihm
vielleicht die eine Hälfte angehören könnte: allein es wird vermutlich
weltkundig sein, dass ein gelehrter Akademist die Unmöglichkeit einer solchen
Entstehung sonnenklar dargetan hat, und die Anhänger jener Meinung werden mir
daher vergeben, dass ich diesem Manne, der den Homer, Virgil und die sämtlichen
Erzväter des Alten Testaments auf seine Seite zu bringen weiss, eher Glauben
beimesse als ihnen - Leuten, die nie ein griechisches Wort gesehen haben.
    »Der Herr Major im letzten Kriege mag ihn wohl zurückgelassen haben«, sagten
andere Leute, die sich etwas besser auf Wahrscheinlichkeit und
Unwahrscheinlichkeit verstunden.
    »Er ist ein Sohn von dem Herrn Grafen«, zischelte sich jedermann ins Ohr,
der auf die Gunst neidisch war, die die Herrmannische Familie von dem Grafen
genoss; und dieses war das ganze Städtchen. - Tausend ähnliche besser und
schlechter gegründete Vermutungen erzählte man sich als Wahrheiten, vertraute
man sich mit geheimnisreicher Miene. Wenn in den kühlen Abendstunden des Sommers
zwo Nachbarinnen vor der Tür beisammensassen, wenn sich zwo Freundinnen am
Brunnen trafen, bei dem Spinnrocken oder der Kaffeetasse plauderten, war
zuverlässig der kleine Herrmann ihr Gespräch. Wer aber unter allen am sichersten
der Wahrheit zuviel weder zur Rechten noch zur Linken gehen wollte, der
versicherte schlechtweg - der kleine Herrmann ist ein Hurkind.
    Natürlicherweise muss mir unendlich viel daran liegen, dass diese Meinung
nicht unter meinen Lesern Glauben gewinnt, da der Kunstgriff, den Helden seiner
Geschichte aus einer Galanterie entstehen zu lassen, seit des alten Homers
Zeiten schon so abgenutzt ist, dass sich ein honneter Dichter schämen muss, etwas
mit Hurkindern zu tun zu haben. Es ist eine auf Urkunden gegründete Wahrheit,
dass der alte Herrmann den Dienstag nach Misericordias unter priesterlicher
Einsegnung das Recht empfing, einen Sohn zu zeugen, und dass seine innig
geliebteste Frau Ehegattin ihn den vierten Advent des nämlichen Jahres gegen
Sonnenuntergang mit einem Wohlgestalten Knäblein erfreute, welches zugestossener
Schwachheit halber in derselben Nacht die Nottaufe empfing; und dieses war der
Herrmann, dessen Geschichte ich erzähle. Wer nach einem so einleuchtenden
Beweise noch eine Minute zweifelt, muss entweder mich oder meinen Herrmann
hassen.
 
                                Zweites Kapitel
An einem sehr heissen Sommertage, gerade als die Sonne in den Krebs treten
wollte, ging der Graf Ohlau, seine Gemahlin am Arme und in Begleitung seiner
sämtlichen Domestiken, überaus prächtig in der neuangelegten Lindenallee
spazieren, welches er jeden Sonntag bei heiterem Wetter zu tun pflegte. Das
ganze Städtchen, das seine Liebe zur Pracht kannte, paradierte alsdann auf
beiden Seiten der Allee in den auserlesensten Feierkleidern: Männer und Weiber,
Kinder und Eltern machten eine Gasse auf beiden Seiten und sahen mit gaffender
Bewunderung das starre goldreiche Kleid ihres hochgebornen Herrn Grafen nebst
einem langen Zuge von reicher Liverei durch die doppelte Reihe gravitätisch
dahinwandeln. Nero konnte nicht grausamer zürnen, wenn er auf dem Teater sang
und diesen oder jenen Bekannten unter den Zuschauern vermisste, als der Graf
Ohlau, wenn bei diesem sonntäglichen feierlichen Spaziergange jemand von den
Einwohnern des Städtchens fehlte: ob er gleich einen solchen Verächter seiner
Hoheit nicht, wie jener Heide, köpfen liess, so war doch allemal in so einem
Übertretungsfalle auf einen heftigen Groll und bei der nächsten Gelegenheit auf
eine empfindliche Rache zu rechnen. Obgleich zuweilen die Sonne so brennende
Strahlen auf die Versammlung warf, dass die kahlen Köpfe der Alten wie
Ziegelsteine glühten, dass die weissgepuderten Parücken der Ratsherren von der
geschmolzenen Pomade mohrenschwarz und die schönen schneeweissen Mädchengesichter
rotbraun und mit Sommersprossen und Blattern von der Hitze gezeichnet wurden, so
wagte es doch niemand, solange sich der Graf in der Allee aufhielt, den Schatten
zu suchen: man schwitzte, ächzte und ward gelassen zum Märtyrer des herrlichen
Kleides, das der Graf zu begaffen gab. Er selbst machte sich mit der nämlichen
Standhaftigkeit zum Opfer seines Stolzes, und seine Gemahlin - mehr aus
Gefälligkeit gegen ihn als aus eigner Neigung - steckte sich jedesmal in einen
grossen Fischbeinrock und ein schweres reiches Kleid, um die Herrlichkeit seines
Spazierganges vermehren zu helfen.
    Die Last dieser Feierlichkeit war noch keinen Tag so drückend gewesen, dass
der Graf sie nicht hätte ertragen können: doch jetzt, am gemeldeten Sonntage,
schoss die Sonne bei ihrem Eintritte in den Krebs so empfindliche Strahlen, die
wie Pfeile verwundeten. Die Augen der Zuschauer waren matt und blickten mit
schwacher Bewunderung auf das apfelgrüne Kleid, in dessen Stickerei die
Silberflittern wie ein gestirnter Himmel glänzten und die Folie mit allen Farben
des Regenbogens spielte: Jedermann lechzte und dachte, empfand und sagte nichts
als: »Das ist heiss!« Der Graf wedelte sich unaufhörlich mit dem musselinen
Schnupftuche das Gesicht, blies um sich und seufzte einmal über das andere
seiner Gemahlin zu: »Das ist heiss!« Die Frau Gräfin ging geduldig an seiner
Seite unter dem rottaffetnen Sonnenschirme mit glühendem aufgelaufenen Gesichte
und klopfendem Busen, wo grosse Schweisstropfen wie die Perlen eines starken
Morgentaues standen, zerrannen und in kleinen Bächen hinabliefen, atmete tief
und keuchte nach ihrem Gemahle hin: »Das ist heiss!« Laufer, Heiducken, Jäger und
Lakaien, so stolz sie sonst in ihren Galakleidern daherschritten, schlichen mit
gesenkten Häuptern mutlos und schmachtend hinterdrein und brummten einander, ein
jeder mit seinem Lieblingsfluche, zu: »Das ist heiss!« Es war nichts anders
übrig, als der Sonne nachzugeben und dem Schatten zuzueilen.
    Gerade musste sich es treffen, dass unter der schattichten Linde, wo der Graf
mit seinem Gefolge Schutz suchte, der kleine Herrmann mit einigen seiner
Kameraden sein gewöhnliches Spiel spielte: er war König, teilte Befehle aus, die
die übrigen vollziehen mussten, und sass eben damals mit völliger Majestät und
Würde auf der Bank unter der Linde, um einem Paar Abgesandten Audienz zu geben.
Sobald sich der Graf dem Baume näherte, liefen die erschrocknen Abgesandten
davon, nur der kleine König blieb, in die Hoheit seiner Rolle vertieft, mit
gravitätischem Ernste sitzen. Die Mutter, die in der Ferne gegenüberstand, biss
sich vor Ärger über die Unhöflichkeit ihres Sohnes in die Lippen, und der Vater
hub schon mit Zähneknirschen und einem unwilligen »Du sollst es kriegen« sein
Rohr drohend in die Höhe. Die Gräfin lächelte über die Unerschrockenheit, mit
welcher sie der Knabe erwartete, und sagte freundlich zu ihm: »Rücke zu, mein
Kleiner!« - »Nein, das kann ich nicht!« antwortete der Knabe. »Ich muss in der
Mitte sitzen; denn ich bin König, und Sie sind nur Graf.« - Man lachte und gab,
aus Ehrerbietung gegen seine königliche Würde, seinem Verlangen nach.
    Ohne langes Besinnen fuhr er in seiner Rolle fort und gab mit der nämlichen
Dreistigkeit, womit er seine Gespielen beherrscht hatte, auch dem Grafen
Befehle, und weil dieser nicht für nötig erachtete, sie zu vollstrecken, so
versicherte ihn der kleine Monarch, dass er sich einen bessern Untertan in ihm
versprochen hätte, und drohte ihm für seinen Ungehorsam die fürchterlichsten
Strafen an. Die Gräfin, die sehr bald merkte, dass alle diese Ideen, ob es gleich
nur Kinderspiel war, dem Stolze ihres Gemahls widrig wurden, suchte den Knaben
auf etwas andres zu lenken und bat ihn, seine Majestät einmal beiseitezusetzen
und ihr ein paar Blumen zu pflücken. Pfeilschnell sprang er von der Bank hinweg,
setzte sich ins Gras, pflückte Blumen, und band mit dem sorgfältigsten Fleisse
ein sehr zierliches Bukett, das er der Gräfin mit dem verliebten Anstande eines
Schäfers und einem Handkusse überreichte, nebst der galanten Versicherung, dass
er sie sehr lieb habe. - »Mein Sohn«, sagte die Gräfin darauf, »du wirst einmal
ein grosser Mann oder ein grosser Narr werden.« - »Ach«, erwiderte der Knabe mit
kindischer Naivität, »mit dem grossen Narren hat's keine Not: das will ich wohl
bald werden, wenn ich nur erst ein grosser Mann bin.« -
    Gräfin. Hast du denn Lust, ein grosser Mann zu werden?
    Der Kleine. Ja, das werd ich; und weiter nichts!
    Gräfin. Auch ein grosser Narr?
    Der Kleine. Nein, das ist meine Sache nicht. - Das ist einer (setzte er
hinzu und wies mit dem Finger auf den Grafen). Steifigkeit und Gezwungenheit
müssen auf jede richtig gestimmte Seele einen unmittelbaren widrigen Eindruck
machen; sonst hätte unmöglich diesem kleinen Schwätzer ein so kindischer
Sarkasmus, so voll der bittersten Wahrheit, entwischen können. Der Graf fühlte
ihn mit Widerwillen, und es tat ihm sehr wehe, dass er nicht zürnen konnte, weil
ihn ein Kind gesagt hatte: seine Gemahlin, die seinen Stolz und seine
zeremoniöse Eitelkeit innerlich sehr missbilligte und sich nur nicht offenherzig
gegen ihn herauszulassen getraute, freute sich im Herzen über den Vorwitz des
Bubens und ermahnte ihn zur Behutsamkeit und zum Respekte in seinen Ausdrücken,
vielleicht gar in der boshaften Absicht, seine Unverschämteit noch mehr zu
reizen. »Was hast du denn an mir auszusetzen?« fragte der Graf mit hastigem
Tone, um seine Empfindlichkeit zu verstecken.
    Der Kleine. Sehr viel! - Warum ziehen Sie sich denn so warm an? jetzt in der
Hitze? Sehn Sie! das ist gescheit angezogen! - (wobei er seine kleine
rotstreifichte Leinwandjacke auseinanderzog und von der Luft durchwehen liess).
    Die Gräfin verbarg eine boshafte Freude hinter dem Fächer und machte ihm den
Einwurf, dass sich eine solche Kleidung nicht für den Grafen schicke.
    Der Kleine. Warum denn nicht? Wenn sie sich für mich schickt?
    Die Gräfin. Und du bist doch ein König!
    Der Kleine. Oh, Sie sind eine scharmante Frau: ich habe Sie wahrhaftig recht
lieb, das können Sie glauben. Wenn ich gross bin, will ich Sie heiraten.
    Die Gräfin. Du mich? - Ich habe ja schon einen Mann.
    Der Kleine. Ja - (wobei er den Grafen mit schiefem, verächtlichen Blicke vom
Kopf bis zu den Füssen übersah) - den hätt ich nicht genommen.
    Die Gräfin. Warum denn nicht?
    Der Kleine. Weil er so viel Silber auf de Rocke hat.
    Die Gräfin. Du wirst also vermutlich kein Silber tragen, wenn wir einander
heiraten?
    Der Kleine. Also wollen Sie mich? - Geben Sie mir Ihre Hand darauf!
    Die Gräfin. Hier ist sie. - Warum, bist du denn aber dem Silber so gram?
    Der Kleine. Weil es zu geputzt aussieht.
    Die Gräfin. Ich merke also wohl, du bist kein Liebhaber vom Geputzten.
    Der Kleine. Gar nicht! Wenn ich auch einmal ein grosser Mann bin, geh ich
doch nicht anders wie itzo.
    Die Gräfin. Was für ein grosser Mann denkst du denn zu werden?
    Der Kleine. Das weiss ich selber noch nicht recht. Sonst wollt ich immer ein
König werden: aber das gefällt mir nicht mehr. Ich will lieber zur See gehen und
Länder entdecken.
    Die Gräfin. Da wirst du mich bald zur Witwe machen.
    Der Kleine. Ja, wenn ich Sie heirate! - (Vor Freude tat er zwei grosse
Sprünge bei diesen Worten.) - Da bleib ich lieber zu Hause bei Ihnen und werde
recht gelehrt - recht erstaunend gelehrt! Hernach müssen die Leute aus der
ganzen Welt zu mir kommen und mich sehen wollen: die Königin aus Saba muss zu mir
kommen: da lös ich ihr Rätsel auf.
    Die Gräfin. Die gute Frau ist schon lange tot.
    Der Kleine. Es wird doch wohl eine andre wieder dasein. Die bringt mir dann
grosse Geschenke - Gold, Silber, Weihrauch.
    Die Gräfin. Du bist ja kein Liebhaber von Gold und Silber.
    Der Kleine. Ach, ich behalte nichts davon: ich schenke alles wieder weg,
alles.
    Die Gräfin. Das ist edelmütig. - Ich dächte, so ein munterer Bursch wie du
ginge lieber in den Krieg.
    Der Kleine. Nein, das ist gar nicht meine Sache.
    Die Gräfin. Warum nicht?
    Der Kleine. Das Pulver macht schmutzige Hände: die Soldaten sehen mir alle
zu wild aus; und im Kriege wird man ja totgeschossen!
    Die Gräfin. Du musst die andern totschiessen, damit sie dich nicht totschiessen
können.
    Der Kleine. Ich sollte jemanden totschiessen? - Das könnt ich nicht. Das tät
mir so weh, als wenn meine Mutter eine Henne abschlachtet. - Ich kann gar kein
Blut sehn - (setzte er mit leisem Tone und halbem Schauer hinzu).
    Die Gräfin. Bist du so mitleidig?
    »Ach«, seufzte der Knabe, und Tränen standen ihm in den dunkelblauen Augen,
»ich kann gar nicht sterben sehn! Auch keinen Menschen, dem etwas weh tut! Der
lahme Görge hier in der Stadt - wenn ich den mit seiner Stelze kommen sehe -,
ach, da geh ich allemal in eine andere Gasse, dass ich nicht vor ihm vorbei muss.«
- »Dort kömmt die Kutsche!« unterbrach der Graf freudig ihr Gespräch, der
unterdessen voller Ungeduld, wie auf Feuer, dagesessen und nach der lange
verschobnen Ankunft des blauen Staatswagens geseufzt hatte.
    Bei seinem Vergnügen an der Pracht spielten Kutschen und Pferde keine
geringe Rolle: er verschrieb sich alle mögliche Risse von Staatskarossen und den
sämtlichen übrigen Arten von Wagen, und niemand durfte ihm leicht ein
merkwürdiges Fuhrwerk oder Pferdegeschirr nennen, ohne dass er nicht den Auftrag
bekam, eine Zeichnung davon zu schaffen. Keine Schmeicheleien und kein Geld
wurden dabei gespart, den Zeichner und Kommissionar zur Beschleunigung seines
Wunsches aufzumuntern: empfahl sich einer unter den erhaltnen Rissen durch
unwiderstehliche Schönheiten, so wurde er ausgeführt, und jedesmal, wenn so ein
neues Werk vollendet und zum ersten Male gebraucht wurde, empfing das ganze
Schloss einen Schmaus, wie andere Leute zu geben pflegen, wenn sie ein Haus
gebaut haben. Schade war es nur, dass die herrlichen Gebäude allemal aus einem
doppelten Grunde unbrauchbar und meist auch ziemlich abgeschmackt waren: seine
Leidenschaft für die Pracht zog Schönheit und Geschmack so wenig zu Rate, dass
jedes Fleckchen, von der Decke bis zur Radeschiene, von dem äussersten Ende der
Deichsel bis zu der äussersten Spitze des letzten Eisens hinter dem Kasten, mit
Gold beklebt werden musste, wofern es andere Ursachen nur im mindsten zuliessen:
auf der andern Seite wollte sein Geiz - wovon ihm eine starke Dosis zuteil
geworden war - jenen prächtigen Kunstwerken die Dauerhaftigkeit einer
ägyptischen Pyramide geben und riet ihm, sie so massiv, so plump bauen zu
lassen, dass selten eine Kutsche nach geendigter Schöpfung mit weniger als acht
Pferden von der Stelle gebracht werden konnte. Dieselben Ursachen machten auch
seine Pferdegeschirre zu wahren Meisterstücken des schlechten Geschmacks: sie
waren alle so schwer, dass unter der kostbaren Last die armen Rosse ihres Lebens
nicht froh wurden und meistens zwei Tage eine Entkräftung fühlten, wenn sie
einmal eine Stunde lang in ihrem ganzen Schmucke an so einem vergoldeten Hause
gezogen hatten. Bei einer solchen Bewandtnis ist es kein Wunder, dass der Herr
Graf während der vorhergehenden Unterredung seiner Gemahlin mit dem kleinen
Herrmann so lange auf den blauen Wagen warten musste, ob er gleich beinahe schon
angespannt war, als der Spaziergang eröffnet wurde: das ungeheure Gebäude konnte
bei der gewaltigen Hitze nicht anders als in dem Tempo eines gemeinen Mistwagens
fortbewegt werden, und noch blieben die niedergeschlagnen Pferde alle sechs
Schritte einmal stehen, um auszuschnauben.
    Endlich langte die blaue fensterreiche Karosse bei der Linde an: sechs
Perlfalben zogen sie unter einem blausamtnen, mit goldnen Tressen und
unzählbaren Schnallen gezierten Geschirre; sie hingen traurig den
schöngeflochtnen, mit goldnen Rosen geschmückten Hals und fühlten ihr glänzendes
Elend so stark, dass sie nicht einmal die funkelnde Quaste auf dem Kopfe
schüttelten. Graf und Gräfin stiegen hinein, und ohne dass man es gewahr wurde,
wie ein Wind, wischte der kleine Herrmann hinter ihnen drein - pump! sass er da,
dem hochgebornen Paare gegenüber. Der Graf erschreckte ihn zwar durch die
auffahrende Frage: »Was willst du hier?« - allein der Knabe antwortete ihm
unerschüttert: »Ich will einmal sehn, wie sich's in so einem Wagen fährt.«
    Unterwegs machte er sehr oft die Anmerkung, dass diese Art zu fahren für ihn
erstaunend langweilig wäre, bezeugte auch zuweilen ein grosses Verlangen, aus dem
Kasten herauszugehn, und da ihn die Gräfin zur Ruhe vermahnte, versicherte er,
dass er nur aus Liebe zu ihr sich so lange darin zurückhalten liesse.
    Allmählich begann der zweite Akt des Spaziergangs. Wenn der Graf sich bei
dieser Sonntagskomödie mit der ganzen Kommun seiner Residenz einige Zeit von der
Sonne hatte sengen und brennen lassen, erschien gewöhnlich, wie itzo, eine von
seinen schwerfälligen Staatskutschen, worinne er mit der Langsamkeit einer
Leichenbegleitung durch die Alleen eines Lustwäldchens fuhr: die ganze Stadt
folgte ihm alsdann zu Fuss auf beiden Seiten und hinten nach, und jeder Knabe
hatte die Erlaubnis, ein Band, ein Schnupftuch oder jede andre Sache, die weich
genug war, um keine Beulen zu machen, wenn sie einen Kopf traf, in den Wagen zu
werfen. Nach geendigter Spazierfahrt sammelte der Kammerdiener alle
hineingeworfnen Lappen in einen Korb, trat mit ihm mitten auf den Schlosshof, die
Stadtjugend stellte sich in einem Zirkel um ihn, und sobald der Graf das Fenster
öffnete, fing er an, ein Band, ein Tuch nach dem andern in die Höhe zu halten
und nach dem Eigentümer desselben zu fragen: wer sich dazu bekannte und sein
Recht aus gültigen Gründen beweisen konnte, erhielt bei der Rückgabe etwas Geld:
waren die Ansprüche so verwickelt und zweifelhaft, dass sich der Kammerdiener
ohne Verletzung seines Richtergewissens nicht zu entscheiden getraute, so musste
der Zweikampf den Ausschlag tun: die Kompetenten traten in die Mitte des
Kreises, rangen miteinander, und wer den andern zuerst niederwarf, besass das
Band und den damit verbundenen Preis ungestört bis in alle Ewigkeit, wenn er
auch gleich dem Überwundnen gehörte. Während der Austeilung wurde ein Fass voll
Bier, in Bereitschaft gesetzt, auf einen kleinen Wagen geladen; und hatte jedes
Band seinen Besitzer gefunden, so spannte sich ein Trupp Knaben daran und zog
ihn, Musik voraus, in den herrschaftlichen Garten, wo in einem, alten Pavillon
die Mädchen warteten, um mit ihnen gemeinschaftlich den Abend unter Tänzen und
Liedern hinzubringen. Sehr oft sah der Graf mit seiner Gemahlin ihren
jugendlichen Ergötzlichkeiten zu, wenigstens waren doch auf allen Fall die
Eltern zugegen, um Unordnungen vorzubeugen und durch ihre Gegenwart Reizungen zu
unterdrücken, welche der Tanz leicht erweckt.
    Der kleine Herrmann, der aus Liebe zur Gräfin die ganze Fahrt hindurch bis
zur Ankunft auf dem Schloss in der Kutsche ruhig ausgehalten hatte, bat sich
die Erlaubnis aus, bei der darauffolgenden Preisausteilung die Stelle des
Kammerdieners zu vertreten: und auf Zureden seiner Gönnerin bewilligte ihm der
Graf seine Bitte. Er sammelte die zahlreichen Bänder und Tücher aus dem Wagen
mit eilfertiger Geschäftigkeit zusammen und trat mit dem völligen feierlichen
Anstande eines Richters, unter der Begleitung des Kammerdieners, der Korb und
Geld neben ihm hertrug, in den Kreis seiner erstaunten Kameraden. Sie murmelten
zwar einander einige kleine Höhnereien zu, dass ihresgleichen über sie erkennen
sollte: allein Graf und Gräfin öffneten das Fenster, und man schwieg. Der neue
Richter schwenkte ein Band in die Luft, fragte, wem es gehörte, gab es dem
ersten, der mit einem deutlichen »Mir« antwortete, aber kein Geld, verfuhr mit
den übrigen ebenso, und niemand bekam Geld. Der Kammerdiener, dieser neuen
Praxis ungewohnt, wollte ihm ins Amt greifen; die ganze versammelte Jugend wurde
schwürig und wollte die alte Prozessordnung hergestellt wissen: doch die Gräfin
rief: »Lasst ihn nur machen!« - und man musste sich beruhigen. Als der Korb
ausgeleert war, befahl er einem jeden nach der Reihe, seine eingelösten Bänder
zu zählen, und wer die meisten hatte, bekam das wenigste Geld: ein einziger
Knabe, der nur eins in den Wagen geworfen und auch nur eins zurückgefodert
hatte, erhielt den höchsten Preis - gerade so viel, als alle übrige zusammen.
Natürlich mussten die andern über ihre getäuschte Unverschämteit unwillig
werden, und weil kein Mittel zu einer grössern Rache vorhanden war, schimpfte,
schmähte, verspottete man die neue Weisheit des Richters: der Kammerdiener, dem
es auch nicht anstund, dass der Knabe klüger sein wollte als er alter Mann,
suchte ihn anzuhetzen und in einen Streit zu verwickeln, wo er notwendig den
kürzern ziehen würde. »Leid es nicht«, zischelte er ihm leise zu: allein er
bekam nichts als die stolze Antwort: »Das schadet mir nichts, ich bleibe
dennoch, wer ich bin« - und so wanderte unser kleiner Herrmann voll edlen
Bewusstseins nach dem Zimmer des Grafen.
    Der Empfang von seiten der Gräfin war ungemein lebhaft und freundlich, und
selbst ihr Gemahl fühlte in dem Verfahren des Knaben bei der Preisausteilung so
etwas, das mehr als einen gemeinen Geist voraussetzte. Sie lobten ihn beide,
beschenkten ihn, und der Graf gab sich selbst die gnädige Mühe, ihn mit hoher
Hand in seinen Staatszimmern herumzuführen; denn nach seinen Begriffen war es
die grösste Gnadenbezeugung, wenn er jemandem Gelegenheit gab, ihn in seiner
Pracht zu bewundern. - »Wie gefällt dir das alles?« fragte der Graf. - »Ganz
wohl«, erwiderte der Knabe; »nur das viele Gold kann ich nicht leiden.« - »Was
möchtest du nun am liebsten unter allen diesen Sachen haben?« fing die Gräfin
an. - »Nichts als das!« antwortete der Kleine und wies auf ein Porträt der
Gräfin.
    Die Vorstellung - ich gefalle - verbreitet über weibliche Nerven jederzeit
so eine eigne lebhafte Behaglichkeit, dass ihr ein Frauenzimmer auch bei einem
sechsjährigen Knaben nicht widerstehen kann: die Gräfin ging, ohne ein Wort zu
sagen, in ihr Zimmer und kam mit einem Miniaturgemälde zurück, das sie ihrem
Lieblinge - denn das war er nun völligzum Geschenk überreichte. - »Wenn dir«,
sagte sie, »die Frau auf dem grossen Gemälde hier so wohlgefällt, so will ich dir
ihr Porträt im kleinen geben: behalt es zu meinem Andenken!« - Der Knabe tat
einen freudigen Sprung, seine ganze Miene wurde Vergnügen, er küsste das Bild
etlichemal und bat um ein Band: die Gräfin vertröstete ihn bis zur Zurückkunft
in ihr Zimmer: hurtig machte sich der galante Bube sein Knieband los, zog es
durch das Öhr des Porträts und hing es um den Hals. - »Mein Orden ist tausendmal
schöner als Ihrer«, sprach er zum Grafen und drückte das Bild so fest an die
Brust, dass die Gräfin sich nicht entalten konnte, ihm für diese unschuldige
Schmeichelei einen derben Kuss auf die runden roten Backen zu drücken.
    Man öffnete die beiden Flügel der Tür: der Graf erblickte die Spieltische in
völliger Bereitschaft: »Zum Spiel«, rief er und bot seiner Gemahlin die Hand,
die sie ungern annahm, weil sie sich von ihrem kleinen Liebhaber trennen sollte.
Zugleich gab er einem Laufer Befehl, den Knaben zu seinen Eltern
zurückzubringen: das war ein Donnerschlag für den armen Verliebten. Er
schluchzte, ging niedergeschlagen und langsam zur Gräfin, fasste ihre Hand, küsste
sie und brach in lautes Weinen aus: die Dame ward durch die kindische Betrübnis
so gerührt, dass ihr eine Träne über die Wange herabrollte: mit hastiger Bewegung
riss sie den weinenden Knaben zurück, gab ihm zween recht feurige Küsse, reichte
mit einem Seufzer dem versilberten strotzenden Herrn Gemahle die Hand und ging
an den Spieltisch.
    Die Mutter erwartete ihn an der Tür, als er mit dem Laufer angewandert kam,
und empfing ihn mit lautem Jubel über das Glück und die Gnade, die ihm heute
widerfahren wäre, und belud seinen Überbringer mit so vielen untertänigsten und
alleruntertänigsten Danksagungen dafür, dass sie einen Maulesel nicht schwerer
hätte bepacken können. Desto mehr war der Vater wider sie und seinen Leibeserben
aufgebracht; er hielt es schlechterdings für eine Beschimpfung seiner Familie,
dass sein Sohn sich zu dem Grafen drängte, und wollte ihn kraft der väterlichen
Gewalt, zu seinem Besten, mit einer nachdrücklichen Züchtigung bestrafen, wenn
nicht die Mutter noch zu rechter Zeit hinzugesprungen wäre und den armen Jungen
unter dem ausgeholten Rutenhiebe weggerissen hätte. - »Mag er mich schlagen!«
sagte der kleine Heinrich; »hab ich doch mein liebes Bild« - und dabei küsste er
das Porträt der Gräfin.
    Dies war, beiläufig gesagt, der Zeitpunkt, wo das Stadtpublikum an der
ehelichen rechtmässigen Zeugung des Knaben zu zweifeln anfing.
 
                                Drittes Kapitel
Die Gräfin, die - wie man bereits gemerkt haben wird - mehr eitel als stolz war,
fand in der kindischen Liebe des kleinen Herrmanns soviel Schmeichelndes, dass
sie nach aufgehobner Tafel, als sie ihr Gemahl auf ihr Zimmer gebracht hatte,
das Gespräch sogleich auf ihn lenkte. Sie bestand darauf, dass man einem so
vielversprechenden Subjekte eine bessere Erziehung verschaffen müsste, als er bei
seinen Eltern haben könnte, und tat deswegen den Vorschlag, ihn auf das Schloss
zu nehmen und den Unterricht und die Aufsicht des Lehrers mitgeniessen zu lassen,
den man ohnehin für die kleine Ulrike - eine arme Schwestertochter des Grafen -
bezahlte. Ihr Gemahl machte zwar Einwendungen, und darunter eine, die weiser war
als alle, die er gewöhnlich zu machen pflegte: er besorgte nämlich, dass man den
Knaben durch eine vornehme, seinem Stand und Vermögen nicht angemessne Erziehung
nur unglücklich machen werde. »Wir geben ihm«, sagte er, »eine Menge
Bedürfnisse, die er in seiner Eltern Hause nie würde kennenlernen; wir fachen
seinen Ehrgeiz nur noch mehr an, da er schon für sich stark genug ist, durch den
beständigen Umgang mit dem andern Geschlechte wird seine natürliche
Empfindlichkeit erhöht, er wird weichlich, wollüstig und vielleicht gar ein
Geck. Haben Sie nicht seinen übermässigen Stolz bemerkt? - Wenn man sieht, dass er
Ihr Liebling ist, wird ihm jedermann schmeicheln, um Ihnen zu schmeicheln, und
in zwei Jahren ist sonach er der verdorbenste, aufgeblasenste und
unerträglichste Bursch, der niemanden in der Welt achtet als sich selbst. Ihre
Güte ist auf alle Fälle zuversichtlich sein Unglück. - Es geht schlechterdings
nicht«, setzte er mit seinem gewöhnlichen peremtorischen Tone hinzu.
    Der Graf machte sehr oft dergleichen gute oder schlechtere philosophische
Anmerkungen und Einwendungen bei jeder Gelegenheit, aber niemals im eigentlichen
Ernste, um zu widerlegen oder die vorgeschlagene Sache zu hindern, sondern bloss
aus Räsoniersucht, um seinen vorgeblichen Verstand zu zeigen: räumte man ihm
daher seine Einwürfe als unüberwindlich ein, so war nichts leichter, als ihn
unmittelbar durch diese stillschweigende Anerkennung seiner Überlegenheit zu der
nämlichen Sache zu bereden, die er bestritten hatte. Seine Gemahlin kannte alle
feste und schwache Plätze seines Charakters so genau, dass sie eine Karte davon
hätte zeichnen können, und gestand ihm deswegen in dem vorhabenden Falle mit
betrübter Verlegenheit zu, dass es freilich unmöglich sei, so starke und
vernünftige Gegengründe zu entkräften. - »Man muss also darauf denken«, setzte
sie hinzu, »wie man den Burschen auf eine weniger gefährliche Art unterstützt.«
    »Aber«, fiel ihr der Graf ins Wort, »man kann es ja versuchen: merkt man,
dass er durch seinen Aufentalt bei uns verschlimmert wird, so schickt man ihn
wieder zu seinen Eltern. Aber freilich, liebe Gemahlin, Sie sind schwach: wenn
Sie einmal etwas lieben, dann fällt es Ihnen schwer, sich davon zu trennen: Ihre
Liebe wird gleich zu heftig.«
    »Freilich wohl, gnädiger Herr!« antwortete die Gräfin seufzend und zupfte
mit einiger Verlegenheit an ihrem Kleide. »Ich erkenne wohl, wie sehr Sie recht
haben, dass meine Liebe die Leute meistens verdirbt: ich fühle meine Schwäche in
diesem Punkte. - Wir wollen den Burschen lassen, wo er ist.«
    »Aber«, nahm der Graf mit einer kleinen Hastigkeit das Wort, »warum wollen
Sie es denn nicht versuchen, wenn Sie Ihr Vergnügen dabei finden? - Wollen Sie
zuweilen eine kleine freundschaftliche Warnung von mir annehmen, im Falle, dass
Sie zu weit gehen -«
    Die Gräfin. O mit Freuden, gnädiger Herr! Sie wissen, wie willig ich mich
von Ihnen leiten lasse, wie gern ich Ihre Vernunftgründe zugebe, dass ich leicht
von etwas abstehe, wenn Sie es missbilligen -
    Der Graf. Ja, ich kenne Ihre Güte -
    Die Gräfin. Nennen Sie das nicht Güte, gnädiger Herr! Pflicht, Schuldigkeit
ist es. Ich schätze mich glücklich genug, dass ich fähig bin, die Richtigkeit und
Billigkeit Ihrer Einwendungen und Befehle einzusehen: auf keinen andren Verstand
als auf diesen mache ich Anspruch.
    Der Graf. War denn Ihre Absicht, dass der Knabe bei uns auf dem Schloss
wohnen sollte?
    Die Gräfin. Meine Absicht war es allerdings; denn eine doppelte, so ganz
entgegengesetzte Erziehung -
    Der Graf. Würde ihn nur verderben! Was er in den paar Stunden, die er sich
bei uns aufhielt, Gutes lernte, würde er den übrigen Teil des Tages bei seinen
Eltern wieder vergessen; die Fehler, die er bei uns ablegte, würde er dort
wieder annehmen. Sein Vater ist ohnehin etwas ungeschliffen. Das täte gar nicht
gut: wenn er einmal besser erzogen werden soll, so muss er von der Lebensart
seiner Eltern gar nichts mehr zu sehen bekommen. Zudem wäre mir's auch
unangenehm, ihn unter uns zu leiden, wenn er hernach wieder mit seinesgleichen,
mit gemeinen Jungen auf der Gasse spielen und herumlaufen dürfte.
    Die Gräfin. Ihre Bedenklichkeiten sind völlig gegründet: es lässt sich nicht
das mindeste dawider einwenden. - Ich will mir die Grille wieder vergehen
lassen: der Junge mag bleiben, wo er ist. -
    »Aber wozu denn?« rief der Graf mit ereiferter Güte. »Ich will dem
Haushofmeister befehlen, dass er -«
    Die Gräfin. Ich bitte Sie, gnädiger Herr! Verursachen Sie sich meinetalben
nicht die Beschwerlichkeit, einen Jungen um sich zu sehn, der Ihnen freilich
anfangs nicht mit der gehörigen Ehrerbietung begegnen wird. -
    Der Graf. Das besorge ich eben. Er hat noch keine Manieren, ist auch wohl
zuweilen ungezogen: aber ich denke, er soll sich durch unsern Umgang bald
bilden.
    Die Gräfin. Das hoff ich! - Mir sollte die Sorge für seine Erziehung ein
süsses Geschäfte sein. -
    Nach einer kleinen tiefsinnigen Pause setzte sie traurig und mit nassen
Augen hinzu: »Da mir das Glück keine eignen Kinder zu erziehen gibt, muss ich die
mütterlichen Vergnügen an fremden geniessen.«
    »Aber«, warf ihr der Graf ein, »Sie werden sich zu sehr an den Knaben
fesseln, sich zu sehr mit ihm abgeben und dadurch eine unendliche Last auf sich
laden.«
    Die Gräfin. Meine Last dabei wäre sehr gering: allein für Sie, gnädiger
Herr, könnte sie grösser sein, als ich wünschte. -Es mag unterbleiben.
    Der Graf. Nein doch! Sie sollen sich schlechterdings meinetwegen kein
Vergnügen versagen.
    Die Gräfin. Und ich will schlechterdings kein Vergnügen geniessen, das Ihnen
nur eine missvergnügte Minute machen könnte. Wollte ich doch, dass ich nicht so
unbescheiden gewesen wäre. Ihnen von meinem unüberlegten Einfalle etwas zu
sagen!
    Der Graf. Ihr Einfall muss befriedigt werden: ich geb es nicht anders zu.
    Die Gräfin. Gnädiger Herr, ich müsste mir selbst Vorwürfe machen, wenn ich
aus Unbesonnenheit Ihre Güte so missbrauchte -
    Der Graf. Ich will nun, ich will.
    Nunmehr war er auf den Punkt gebracht, wohin er sollte: er sagte die letzten
Worte mit so einem auffahrenden positiven Tone, dass nur noch eine
Gegenvorstellung nötig war, um ihn zornig zu machen. War er einmal unvermerkt
dahin geleitet, dass er die Sache selbst verlangen und befehlen musste, die er
anfangs bestritt und im Grunde sehr ungern sah, so hatte die Gräfin zuviel
Feinheit, um seinen Stolz bis auf das Äusserste zu treiben und einen wirklichen
Zorn abzuwarten, sondern sie ergab sich nunmehr mit anscheinendem Widerwillen.
-»Ich unterwerfe mich Ihrem Befehle«, sprach sie mit einer tiefen Verbeugung und
küsste ihm ehrerbietig die Hand: »Sie können meiner Dankbarkeit gewiss sein und
ebensosehr meiner Folgsamkeit, sobald Ihnen Ihre Güte nur die mindeste
Beschwerlichkeit -« »Denken Sie nicht mehr daran!« unterbrach sie ihr Gemahl.
»Ihr Vergnügen und das meinige können nie ohneeinander sein. -«
    Er sagte gleich darauf mit der verbindlichsten Freundlichkeit gute Nacht und
trieb die Verbindlichkeit so weit, dass er unmittelbar nach seiner Ankunft in
seinem Zimmer bei dem Ausziehen dem Kammerdiener Befehl gab, noch denselben
Abend zu dem Einnehmer Herrmann zu gehen und ihm zu melden, dass er sich morgen
früh um sieben Uhr vor des Grafen Zimmer einfinden solle.
    Die ganze Herrmannische Familie lag schon in tiefem Schlummer: der Hausvater
schnarchte bereits so lieblich und mit so mannigfaltigen Veränderungen alle
Oktaven durch, dass die arme Ehegattin an seiner Seite nicht fünf Minuten
zusammenhängenden vernünftigen Schlummer zuwege bringen konnte. Eben war es ihr
geglückt, alle Hindernisse zu überwältigen und in einen sanften erquickenden
Schlaf dahinzusinken, als der Kammerdiener des Grafen an der Tür rasselte, und
da er diese verschlossen fand, an die niedrigen Fensterladen so emphatisch mit
geballten Fäusten anpochte, dass die beiden Eheleute vor Schrecken im Bette weit
in die Höhe prellten. Halb aus Scham, halb aus Furchtsamkeit wollte die erwachte
Frau das Fenster nicht öffnen, sondern stiess den wieder eingeschlafenen Gemahl
so heftig in die Rippen, knipp ihn in die Wangen und paukte ihm endlich so derb
auf der Brust herum, dass sich der arme Mann mit einem erstickenden Husten
aufrichtete und ein schlaftrunknes »Was gibt's?« herauszukrächzen anfing, als
der ungeduldige Kammerdiener mit verdoppelter Stärke an den Laden donnerte.
Urplötzlich raffte sich der Mann in der Betäubung auf, rannte an das Fenster,
riess den Laden auf, fasste den Abgesandten des Grafen bei dem Kopfe und
schüttelte ihn mit so lebhaftem Grimme, dass er vor Schmerz laut zu heulen
anfing. - »Ich bin's ja«, rief er einmal über das andre und nannte seinen Namen.
- »So? sind Sie's?« rief Herrmann voller Erstaunen. »Hier haben Sie Ihre Haare
wieder.« - Er hatte dem armen kahlköpfigen Alten in der Hitze der vermeinten
Beleidigung fast das ganze kleine Toupet ausgerissen und lieferte es ihm, wie
er's zwischen den Fingern hielt, unbeschädigt wieder aus. Natürlich konnte eine
so gewaltätige Szene nicht ohne Wortzank ablaufen: beide stritten und
schimpften, bis sich die Frau vom Hause einfand, ihren Mann vom Fenster wegzog
und sich höflich bei dem Kammerdiner nach seinem Verlangen erkundigte: er
richtete seine Botschaft aus und ging mit einer angenehmen Ruh, sein
ausgerauftes Toupet in der Hand, nach dem Schloss zurück.
    Unbekümmert, ob dieses hohe Verlangen des Grafen nach der Gegenwart des
alten Herrmanns Gnade oder Ungnade für ihn bedeuten möchte, legte er sich wieder
ins Bette und brummte nicht wenig, dass man ihn um einer solchen Kleinigkeit
willen in dem Schlafe störte. Seine Ehefrau hingegen, die den Wert der Botschaft
besser fühlte, warf sogleich ihren kattunen ziegelfarbnen Nachtmantel um sich,
zündete Licht an und war schon von so grossen Gedanken schwanger, dass ihr beide
Backen von Erwartung glühten. Sie wollte ihre Mutmassungen ihrem Manne mitteilen,
aber da war keine Antwort. Als eine sorgsame Hausfrau holte sie das feinste
Hemde ihres Mannes herbei, nähte daran zwei starre ungeheure Manschetten, wo auf
einem musselinen Grunde grosse Tulpen und Rosen in einem Relief von dickem.
Zwirne prangten. Oft ruhte die Nadel, und oft rückte in vielen Minuten die
Arbeit nicht um einen Stich weiter; denn die geschäftige Einbildungskraft
unterhielt die gute Frau mit einer solchen Menge Aussichten, Gnadenbezeugungen
und Lobsprüchen über das Verhalten ihres Sohns - der nach ihrer Meinung den
verlangten Besuch veranlasst haben musste -, mit so herrlichen Szenen künftiger
Grösse und künftigen Wohlseins, dass sie sogar in der Selbstvergessenheit zweimal
die Arbeit unter den Tisch fallen liess; und der Nachtwächter meldete eben
grunzend unter ihrem Fenster, dass es zwölfe geschlagen habe, als sie den letzten
Knoten machte. Darauf ergriff sie das beste Kleid in ihres Mannes Garderobe,
jagte den Staub mit lauten Stockschlägen heraus und bürstete so lange, bis sich
kein Fäserchen mehr darauf blicken liess. Die letzte und beschwerlichste Arbeit
war noch übrig: die Stutzperücke musste beinahe ganz umgeschaffen werden:
Hoffnung und Freude gaben ihren Händen ungewöhnliche Geschicklichkeit, sie
schlugen meisterhafte Locken: alle gelangen auf den ersten Wurf, als wenn sie
ein schöpferisches Dichterfeuer belebte, und nunmehr wurde, in Ermangelung des
Puders, durch ein Sieb auf die schöne Frisur in so reichlichem Überflusse Mehl
gestreut, dass der stattliche Stutz in der schlecht erleuchteten Stube wie ein
Morgenstern glänzte. Wirklich fing auch schon die Morgendämmrung an, als sie mit
Wohlgefallen den letzten Blick auf ihre Arbeit warf und zum Bette zurückkehrte.
    Die Ruhe war unmöglich: ihre Gedanken liessen sie nicht einschlafen: kaum
krähte der Hahn zum zweiten Male, als sie wieder aufsprang, um den übrigen Staat
für ihren Mann in Bereitschaft zu setzen. Sie weckte ihn und machte indessen
Anstalt zum Kaffee.
    Herr Herrmann dehnte sich dreimal mit einem lauten Stöhnen und stund auf,
achtete weder des schöngepuderten Stutzes noch der blumenreichen Manschetten,
noch des übrigen wohlgesäuberten Putzes, ob er gleich ausgebreitet vor seinen
Augen dalag, sondern zog seine gewöhnliche Alltagskleidung an, einen grautuchnen
Überrock und graue wollne Strümpfe, kämmte sein Haar in eine grosse Rolle, wie es
ihm von sich selbst zu fallen beliebte, und pfiff dabei ein sehr erbauliches
Wach auf mein Herz und singe.
    Die Frau brachte den Kaffee, und der Ärger erstickte den Guten Morgen, den
sie schon halb ausgesprochen hatte, als sie ihren Mann in seiner schlechten
Alltagsmontur erblickte: sie ward bleich, zitterte, setzte den Kaffee auf den
Tisch, stemmte die Arme in die Seiten, wollte sehr patetisch in Verwundrung und
Vorwürfe ausbrechen und - verstummte: der Ärger schnürte ihr die Kehle zu. Sie
ging hinaus in die Küche und weinte bitterlich. Indessen schenkte sich ihr
Ehegatte ein und pfiff dabei sein Morgenlied so munter und so durchdringend hell
wie ein Gimpel, schlürfte einen Schluck aus der Tasse und pfiff weiter. Wie
unsinnig lief er mit abwechselndem Fluchen und Pfeifen in der Stube herum,
störte alles um, wo eine Tabakspfeife versteckt sein konnte, stiess an den
Perückenstock, dass der schöne Stutz über das saubere braune Kleid
herunterstürzte und auf seinem ganze Wege, wie ein ausgeschütteter Mehlsack,
eine dicke Wolke von sich blies: eine Flasche mit einem Reste vom gestrigen
Abendtrunke rollte nach langem Taumeln über den Tisch hin und liess eine grosse
See von Bier zurück, ehe sie auf den Fussboden herabsprang und in kleine Scherben
zerbrach.
    Das Geräusch der zerbrechenden Flasche rief die erschrockne Ehefrau in die
Stube: sie trat betrübt, mit roten aufgelaufenen Augen herein, als eben ihr
wütender Gemahl das treffliche Hemde zusammengedrückt in der Faust hielt und,
ohne sich zu bedenken, in die Biersee gerade hineinwarf. - »Ach!« rief die Frau
an der Tür aus, und ein Strom von Tränen brach ihr aus den Augen. Ohne ihren
schmerzhaften Seufzer wahrgenommen zu haben, drehte sich der Mann und lief
hastig auf sie zu. - »Nillchen, Nillchen!« schrie er, »wo ist meine Pfeife?«
    Die Frau konnte ihm mit nichts antworten als mit Tränen und einem doppelten
- »Ach!«.
    »Nillchen, was ist dir denn?« fragte er und suchte in dem Tischkasten. -
»Was ist dir denn?«
    Die Frau. Ach! du wirst mich noch vor der Zeit ins Grab bringen.
    Der Mann. Schaff mir nur erst meine Pfeife! - Ich dich ins Grab? - Warum
denn, Nillchen?
    Die Frau. Du fragst noch? - Sieh nur, was du gemacht hast! dann brauchst du
gewiss nicht mehr zu fragen.
    Der Mann. Was hab ich denn gemacht, Nillchen? -Ja, etwas umgeworfen! die
Flasche zerbrochen! Warum tust du alle die Sachen nicht an ihren rechten Ort?
    Die Frau. So? - Erst sitz ich die ganze Nacht auf und breche mir den Schlaf
ab; und hernach bin ich gar noch schuld daran, wenn du, wie ein Heide, alles
zerschlägst und verdirbst?
    Der Mann. Du hast nicht geschlafen? - Warum denn, Nillchen?
    Die Frau. Warum denn als deinetwegen? - Hab ich denn nicht gesessen und
genäht, dass mir das Blut aus den Nägeln hätte springen mögen? -
    »Da liegt's, das schöne Hemde!« fuhr sie nach einer Pause schluchzend fort
und wischte sich mit der Schürze die Augen. - »Da liegt's! ich kann's vor Jammer
gar nicht ansehen!«
    Der Mann. Ja - und mein schönes braunes Kleid - ach Zeter! wer hat denn das
so entsetzlich zugerichtet? Das sieht ja aus, als wenn's im. Mehlkasten gesteckt
hätte. Kehr es doch, Nillchen!
    Die Frau. Dass ich eine Närrin wäre! Wer den Unflat gemacht hat, salva venia,
der mag ihn wieder wegkehren.
    Der Mann. Wer hat's denn getan? - Doch wohl der Junge? Die Brut hat niemals
die Gedanken beisammen.
    Die Frau. Ja, der Junge! der gute Junge hat die Gedanken besser beisammen
als der Vater.
    Der Mann. Wär ich's gewesen?
    Die Frau. Wer denn sonst? - Ich habe an der Perücke gekämmt, dass mir der Arm
noch wehe tut: wer sieht's ihr nun an? - Ich möchte dir sie gleich ins Gesicht
werfen.
    Der Mann. Spasse nicht, Nillchen.
    Die Frau. Ja, ich und der Spass, wir kämen wohl zusammen! -Was willst du denn
nun machen, du alter Schmaucher? Du wirst doch nicht in der hässlichen Kutte zum
Grafen gehen wollen? Was würde denn der Herr sprechen?
    Der Mann. Mag er sprechen, was er will. Wenn ich ihm so nicht gut genug bin,
so mag er mich lassen, wo ich bin: ich verlange ja nicht nach ihm.
    Die Frau. Schäme dich, Adam! so eine hohe Gnade!
    Der Mann. Ich mag keine von ihm. Ich habe so lange ohne sie gelebt -
    Die Frau. Adam, sei doch nicht so griesgramicht! Sei ja hübsch freundlich
gegen den Herrn Grafen! bücke dich fein tief und antworte nicht immer so
kurzweg, wie du zu tun pflegst! Dass du ja nicht so schlechtin Ihr Diener zum
Grafen sprichst: er nimmt's sehr übel, wenn man nicht untertäniger Diener sagt.
    Der Mann. Nillchen, ich will sagen, wie mir's gefällt. Ich tue dem Grafen
meine Arbeit redlich, und er gibt mir dafür mein Brot: ausserdem bin ich weder
sein untertäniger noch sein gehorsamer Diener; aber sein Diener bin ich - denn
er bezahlt
    mich dafür -, nicht ein Haarbreit mehr noch weniger!
    Die Frau. Es ist aber doch einmal Mode -
    Der Mann. Ach was Mode! die Mode gehört für die Narren: genug, ich gebe mich
für nichts Schlechteres aus, als ich bin. - Mache mir den Kopf nicht warm,
Nillchen! ich bin so heute nicht aufgeräumt, dass ich meine Pfeife nicht habe.
    Die Frau. Du hast jetzt keine Zeit zum Rauchen. Wenn du nun mit dem
Tabaksgeruche zum Grafen kämst -
    Der Mann. Mag er sich die Nase zuhalten, wenn ihm mein Geruch nicht ansteht!
Ich verlange nicht von ihm, dass er sich nach mir richten soll: aber ich werde
mich auch nicht nach ihm richten. Das wäre der erste, der's so weit bei mir
brächte.
    Die Frau. Zieh dich nur allgemach an -
    Der Mann. Anziehen? Wozu denn? - Nicht eine Faser! Wenn ich mir in dem Rocke
nicht zu schlecht bin, so werd ich's dem Grafen wohl auch nicht sein.
    Die Frau. Du alter Adam! man hat doch nichts als Schande von dir.
    Der Mann. Nillchen, Nillchen, nicht zuviel geschwatzt! -»Ist es denn nicht
wahr«, schluchzte die Frau mit halb weinendem Tone. »Ich werde gewiss noch vor
Ärger über dich sterben.«
    Der Mann. Sei kein Narr, Nillchen!
    Die Frau. Wenn ich nur schon tot wäre! - (dabei brach sie in völliges Weinen
aus.) - Ich muss mich ja in die Seele schämen, wenn die Frau Gräfin meinen Mann
so einhergehen sieht wie einen schmutzigen Pudel -
    Der Mann. Nillchen, es klopft jemand. -
    Nillchen öffnete die Tür, und es trat ein abermaliger Bote vom Herrn Grafen
herein, der ihn mit Ungeduld erwartete. Er nahm Hut und Stock und ging, ohne ein
Wort zu sagen, fort, ob ihm gleich seine Frau mit Tränen um den Hals fiel und
ihn um Gottes willen bat, sie und die ganze Familie nicht durch seine schlechte
Kleidung zu entehren.
    Tränend ging sie an das Fenster, sah durch die Scheibe dem Starrkopfe nach
und bedachte nunmehr erst, dass sie ihm nicht hätte widersprechen sollen, um ihn
dazu zu bewegen, was sie wünschte. Nicht weniger war sie nunmehr wegen seiner
Aufführung bei dem Grafen besorgt.
    Der Graf bat ihn mit ungewöhnlicher Herablassung, dass er ihm und seiner
Gemahlin die Erziehung seines Sohns überlassen möchte, und stellte ihm, statt
der Bewegungsgründe, die grosse Liebe und Gnade der Gräfin für den Knaben und die
wichtigen Vorteile vor, die diesem in Ansehung seines künftigen Glücks daraus
zuwachsen würden: er suchte seinen Eigennutz und Ehrgeiz in das Spiel zu ziehen
und führte ihm zu Gemüte, dass er ohne die mindsten Unkosten auf diese Weise
einen Sohn erhalten werde, der alle Stadtkinder an Bildung, Wissenschaft und
guten Manieren übertreffe. Der alte Herrmann stand unbeweglich da, beide Hände
übereinander auf den Knopf seines knotichten Stocks gelegt, die eine hinterste
Spitze seines grossen Hutes zwischen den zwei Vorderfingern der linken Hand. -
»Nein«, sagte er endlich trocken, als ihn der Graf fragte, was er zu tun
gesonnen wäre-»nein, daraus wird nichts. Wer den Jungen gemacht hat, wird ihn
auch erziehen. Mein Sohn soll kein Schmarotzer bei Grafen und Edelleuten werden.
Wenn er soviel lernt wie ich, dass er sich sein Brot notdürftig verdienen kann,
da hat er genug: nach den übrigen Fratzen soll er mir nicht eine Hand aufheben.
-«
    »Aber ihn an seinem Glücke, an seiner Bildung zu hindern ist doch sehr
unvorsichtig« - wandte ihm der Graf ein.
    »Bildung hin, Bildung her!« fiel ihm Herrmann mit auffahrendem Tone ins
Wort. »Mit dem Kopfe an die Wand wollt ich ihn rennen, dass er krepierte, wenn so
ein Scheisskerl aus ihm würde, so ein geputzter grinsender Tellerlecker, der um
die Vornehmen herumkriecht und ihnen den Dreck von den Händen küsst. - Pfui! dass
dich der Henker holte!«
    Der Graf. Es ist ja doch besser, dass er nicht so roh bleibt wie sein Vater.
-
    Herrmann. Roh! das bin ich, das will ich sein, und wer mich nicht so leiden
kann, der mag mich lassen, wo ich bin. Ich habe in meinem Leben keinem vornehmen
Narren aufgewartet. Ich habe das Meinige auf Schulen und Universitäten getan und
weit mehr als mancher, der mit sechs Pferden fährt und wunder denkt, was er für
ein grosser Götze ist. Weil ich nicht um Sterne und Ordensbänder herumspringen
und vornehmen Speichel lecken wollte, wurd ich freilich nur Einnehmer in einer
hochgräflichen Herrschaft: aber ich mache mir einen Quark aus allen den Titeln
und den grossen Aufschneidereien. Ich will Vornehmen ehrlich und redlich
arbeiten, und sie sollen mich dafür bezahlen; und dann hundert Schritte vom
Leibe! So denk ich, und so soll mein Junge auch denken.
    Der Graf. Es ist schade um das Kind, dass es so einen ungeschliffenen Vater
hat.
    Herrmann. Seht mir doch! Sie denken wohl gar, dass Sie dem König Salomo aus
dem Steisse gefallen sind. Weil ich nicht immer an Ihrem Rockzipfel kaue wie die
andern dummen Jungen, die wie angeputzte Strohwische da in Ihrem Vorzimmer
herumstehen; weil ich nicht immer bei jedem Worte die Nase zwischen den Beinen
stecken habe und mir nicht alle acht Tage mit Reverenzen ein Paar Mastrichter
Sohlen entzweischarre; weil ich nicht immer schmunzle, mich krümme und winde wie
ein Ohrwurm, nicht immer Zeitungen zutrage, nicht immer - mit Respekt zu sagen
-jeden Quark lobe und bewundere, der Ihnen aus dem Maule fällt, als wenn's die
goldnen Sprüche des Pytagoras wären: deswegen bin ich ungeschliffen! Deswegen
nehmen Sie auch solche Schafköpfe in Ihre Dienste und machen sie zu Ihren
Lieblingen, damit sie Ihnen beständig den Kopf krauen, weil sie selber keinen
haben. Wenn's etwas zu schmeicheln, zu verleumden, zu höhnen oder zu schmarotzen
gibt - ah! da sind sie die ersten: aber wenn einmal Holland in Not ist, da
stehen die Schurken alle da und blöcken die Zungen wie die Löwen um Salomons
Tron. Ich bin ein ehrlicher Mann, und weiter will ich nichts sein. -
    Der Graf, der sich durch diese derbe Lektion mehr getroffen fühlte, als er
wünschte, und doch über einen Mann nicht zürnen konnte, der ihm wegen seiner
Dienste unentbehrlich war, auch sich einmal in den Besitz des Rechts gesetzt
hatte, schlechterdings ohne alle Sitten zu sein - der Graf, sage ich, spazierte
während jener Rede auf und nieder und räusperte sich unaufhörlich, weil ihm
zuviel daran lag, zum Hauptzwecke mit ihm zu kommen. Er antwortete deswegen kein
Wort auf alle seine Vorwürfe, unterdrückte seinen Unwillen mit meisterhafter
Selbstverleugnung und kam, als die Beredsamkeit seines Moralisten noch einige
Zeit in jenem Tone fortgelaufen war, auf die Hauptsache zurück, warum er ihn
hatte rufen lassen. Er bat ihn jetzt, dass er seinem Sohne nur wenigstens auf
einige Wochen den Aufentalt auf dem Schloss verstatten sollte, und zwar bloss
aus Gefälligkeit gegen die Gräfin.
    »Mit meinem Wissen nicht eine Minute!« unterbrach ihn der Einnehmer. »Es
geschieht nicht, damit ist das Lied am Ende. Ich schämte mich, wenn ich Lust
hätte, Kinder zu erziehen, und mir nicht selber eins schaffen könnte. Machen
Sie's wie ich! so brauchen Sie keins zu borgen. Wenn Sie sonst nichts wollen, so
geh ich.«
    »Das kann Er!«sagte der Graf mit empfindlichem Tone; und Herrmann hatte die
Tür schon in der Hand, ehe er es herausgesagt hatte.
    Warum es sich der Graf so sehr angelegen sein liess, den störrischen Mann zu
einer Sache zu bewegen, die er im Herzen als eine grosse Gnade betrachtete und
andere auch dafür angenommen hätten? - Dazu trieb ihn keine Ursache als die
Politesse, seine oberste Gesetzgeberin. Aus Menschenliebe hatte er noch in
seinem Leben sehr wenig Gutes getan, aber aus Politesse ungemein viel: jene
konnte man ihm ungestraft absprechen, allein wenn er in Ansehung dieser sich nur
der mindesten Unterlassungssünde bewusst war, so quälte ihn ein solcher Gedanke
so stark und verursachte ihm eine so unruhige Ängstlichkeit als Mord und
Totschlag einem aufgewachten Gewissen. Selbst aus Liebe zu seiner Gemahlin, die
er doch zu gewissen Zeiten recht herzlich zu lieben glaubte, bewegte er nicht
eine Hand; und wenn es zuweilen schien, als ob er die Erfüllung eines ihrer
Wünsche mit so lebhaftem Eifer betriebe, um ihr eine Gefälligkeit zu erzeigen,
so lag die Schuld fürwahr nicht an ihm, sondern an dem falschen Urteil der
Leute, die bei ihm die nämlichen Bewegungsgründe vermuteten, nach welchen sie
vielleicht handelten: nein! sich, sich wollte er eine Gefälligkeit erzeigen:
sich wollte er das süsse Bewusstsein verschaffen, dass er abermals einen rühmlichen
Beweis seiner Galanterie und Politesse abgelegt habe. Jede solche Handlung war
ihm geradeso lieb als dem Helden ein erfochtener Lorbeer. Deswegen ging er jetzt
nach dem Abtritte des alten Herrmanns so unmutig und trostlos im Zimmer herum
als ein Mensch, der in einer verdriesslichen Stellung weder ein noch aus weiss;
denn er hatte sich vorgenommen, der Gräfin mit dem kleinen Heinrich zu ihrem
Geburtstage ein Geschenk zu machen, und der verzweifelte Geburtstag war schon
übermorgen. Welch eine Not!
 
                                Viertes Kapitel
Die Frau Herrmann konnte vor brennender Ungeduld die Rückkunft ihres Mannes
nicht in der Stube abwarten: kein Tropfen Kaffee schmeckte ihr: sie musste sich
schlechterdings in die Tür stellen, wo sie noch mit glühenden Backen stand, als
ihr Mann um die Ecke der nächsten Gasse herumkam. Gern wäre sie ihm
entgegengegangen, wenn ihr nur der leidige Wohlstand nicht verboten hätte, sich
im Negligé über die Türschwelle zu wagen. - Warum geht er nur so langsam? - Ach!
da führt der böse Feind gar einen Mann her, mit dem er spricht! - Die arme Frau
möchte vergehen über dem ewigen Geschwätze: der Hals wird ihr ganz trocken, sie
schmachtet vor Erwartung, sie kann auf keiner Stelle bleiben, tut bald einen
Schritt vorwärts, bald einen rückwärts. - Itzt nehmen sie Abschied; jetzt kömmt
er. - Was wollte der Graf? schwebt ihr schon auf der Zunge; sie steht
unbeweglich da und strebt ihm mit Kopf und Brust entgegen. - »Was wollt ...« ist
schon ausgesprochen. - O so muss doch der leibhafte Teufel mit im Spiele sein:
nicht zwei Schritte ist er von der Tür, da ruft ihn der Herr Nachbar ans
Fenster: man möchte unsinnig werden; vor heute abend erfährt die arme Frau gewiss
nichts. - Die Tränen stehen ihr schon in den Augen vor Ärger, und dreimal
knirscht sie unwillig mit den Zähnen - aber nein! sie hatten einander nur ein
paar Worte zu sagen, und der Mann kömmt mächtig dahergeschritten.
    »Was wollte der Herr Graf?« rief ihm die Frau mit freudigem Tone entgegen,
indem sie auf die unterste steinerne Stufe vor der Tür herabstieg. - Der Mann
ging in das Haus und antwortete nichts. - »Adam, was wollte der Herr Graf?«
wiederholte sie mit etwas stärkerer Stimme, als sie hinter ihm drein in den Hof
ging.
    Der Mann. Was wollte er? - Nicht viel Gescheites! was solche Leute immer
wollen!
    Die Frau. Nun? so erzähle mir doch, Adamchen! - Dachte er nicht an unsern
Heinrich?
    Der Mann. Mehr als zuviel! - Das ist heiss! - (und so jagte er mit seinem
Stocke ein paar Hühner von einer alten Schnitzbank und nahm ihren Platz ein.)
    »Was sagte er denn von unserm Heinrich?« setzte die Frau das Gespräch fort,
indem sie sich mit halbem Leibe auf des Mannes linke Schulter legte.
    Der Mann. Kannst du dir einbilden, Nillchen? Er will unseren Jungen zu sich
auf das Schloss haben und einen Narren aus ihm machen.
    »Ach!« - tat die Frau einen lauten Schrei vor Freude.
    Der Mann. Aber ich hab es ihm rund abgeschlagen.
    
    Die Frau. Abgeschlagen! - (Dies sprach sie mit der leisen erlöschenden
Stimme eines Kranken, der eben abscheiden will: in den Augen zogen sich schon
eine Menge wehmütige Feuchtigkeiten zusammen.)
    Der Mann. Mein Junge soll nicht so ein Taugenichts, so ein Tagedieb werden
wie die Schlaraffengesichter, die da beständig hinter dem Grafen dreinziehen.
    Die Frau. So eine hohe Gnade! und abgeschlagen! - Du bist ein recht
ungeschliffner Mann - (wobei er einen wegstossenden Schlag von ihrer Hand bekam).
    Der Mann. Der Graf mag seine Gnade für sich behalten; ich brauche sie nicht.
Nicht den Hut nehme ich dafür ab. - Wo willst du hin, Nillchen?
    Die Frau. Zur Gräfin Frau, um ihr zu sagen, dass mein Mann den Verstand
verloren hat! -
    »Nillchen! bleib hier!« antwortete er ganz gelassen und zog sie bei dem
Rocke von hinten auf die Bank zurück. - »Wenn du einen Schritt tust, Nillchen«,
fuhr er mit gesetzgebendem Ton fort, »um den Jungen bei der Gräfin
anzuschmarotzen, so schliess ich ihn oben in den grossen Kleiderschrank, dass ihn
der Teufel nicht herauskriegen soll, solange ich nicht will; und müsst er gleich
darinnen verschmachten.«
    Die Frau. Das kannst du: ich gehe doch. Ich will deine Grobheit nicht auch
auf mich kommen lassen. -
    »Nillchen«, sagte der Mann mit dem nämlichen kalten Blute und zog sie auf
die nämliche Art bei dem Rocke zurück -»da halte meinen Stock! ich komme gleich
wieder. -«
    Sie setzte sich; er ging und kam nach einigen Minuten zurück. - »Nun kannst
du zur Gräfin gehen«, sprach er trocken, nahm ihr seinen Stock ab und setzte
sich.
    Die gute Frau vermutete wohl hinter dieser plötzlichen Sinnesänderung einen
bösen Streich und ging also mehr aus Neubegierde, um zu sehen, ob er wirklich
die Tollheit begangen habe, den kleinen Heinrich einzuschliessen. Sie rief an dem
Kleiderschranke und in allen Winkeln: nirgends war ein Heinrich, der ihr
antwortete. Ihre Empfindlichkeit wurde durch dieses hämische Verfahren noch mehr
gereizt - denn sie glaubte wirklich, ihr Mann habe ihn irgendwo versteckt - und
wollte ihren Willen deswegen schlechterdings durchsetzen: hastig warf sie einen
Teil ihres Negligés von sich und wollte sich anputzen, um zur Gräfin zu gehen.
Sie eilte zur Kommode - sie war verschlossen: zum Schranke - er war
verschlossen. Nun merkte sie wohl die Bosheit: ihr Mann hatte ihr vorhin, als er
sie verliess, alle Kleider eingeschlossen und die Schlüssel zu sich gesteckt.
    Sie wusste nicht, ob sie zu ihm zurückgehen oder bleiben sollte: endlich
entschloss sie sich kurz, legte ihr Negligé wieder an und wanderte in den Hof
zurück, fest entschlossen, Ärger und Verlegenheit zu verbergen.
    »Warum gehst du denn nicht?« fragte der Herr Ehegatte, tückisch nach ihr
hinschielend.
    »Ich will warten bis Nachmittag«, erwiderte sie mit persiflierendem Tone und
liess sich neben ihm nieder. Er sass da, beide Hände vor sich auf den Stock
gestemmt, das Kinn auf die Hände gestützt, den Blick vor sich hin nach dem Hause
gerichtet: der linke Schoss des Überrockes hing nach der Länge über die Bank
hinten herunter. Hurtig wischte die Dame mit der rechten Hand leise in seine
Tasche, holte einen Schlüssel heraus und - husch! damit in die andere Hand unter
den Mantel! Die Rechte tat noch ein paar solche heimliche Gänge, bis alle
nötigen Schlüssel durch diesen Hokuspokus sich unter ihrem Mantel befanden:
alsdann tat sie einen verstellten Seufzer, wandte mit angenommener
Niedergeschlagenheit eine ökonomische Angelegenheit vor und ging, innerlich
triumphierend, langsam ins Haus.
    Desto schneller flog sie die Treppe hinauf und zum Kleiderschranke. Keine
Schleife wurde aufgeknüpft, alles heruntergerissen, mit freudiger Übereilung das
schönste Galakleid herausgeholt, die schönste Haube aufgesetzt, und in einer
halben Viertelstunde wallte schon ihr Busen vor Entzücken unter dem flornen
Halstuche, und ihr Herz klopfte vor Freude über ihre gelungene List und vor
Triumph, ihren Mann zu übertrotzen, so hoch, dass die seidne Kontusche knisterte.
Nicht zufrieden, gesiegt zu haben, wollte sie ihren Gegner auch kränken: noch
einen selbstgefälligen Blick in den Spiegel! - und dann nahm sie alle eroberten
Schlüssel zu sich und rauschte glühend und sich räuspernd die Treppe hinunter in
den Hof. Da stund sie vor dem Manne, der staunend die Augen weit aufriss und
hastig mit der Hand in die Tasche fuhr: er wurde bald inne, wie man ihn
überlistet hatte, aber er liess sich nichts merken.
    »Ich will zur Frau Gräfin gehn«, sprach sie mit spöttischer
Gleichgültigkeit, machte eine tiefe Verbeugung und sagte:
    »Leb wohl.«
    »Nillchen«, rief der überwundene Ehegatte mit der äussersten Kälte, ob ihm
gleich der innerliche Groll beide Backen mit einer merklichen Röte färbte,
»warte noch ein wenig! Ich habe mich anders besonnen. -«
    Nillchen hielt diesen vorgegebenen Vergleich für eine neue List, wodurch er
sich für ihre Taschenspielerei desto empfindlicher rächen wollte; sie wartete
nicht.
    »So warte doch!« rief er abermals, ging ihr nach und erwischte sie in der
Hoftüre bei dem kanevasnen Rocke. -»Warte doch! Ich habe mir's überlegt: ich
will meinen Jungen aufs Schloss geben!«
    Sie sah ihn misstrauisch an und wusste nicht, ob sie seiner trocknen ernsten
Miene glauben sollte. - »Nun gut!« sagte sie endlich, »so will ich zur Gräfin
gehen und ihr deinen Entschluss melden.«
    Der Mann. Ja, das sollst du! - Aber sage mir nur erst: welche Bündel Stroh
soll denn der Pfarrknecht kriegen? - Er möchte indessen kommen.
    Die Frau. Dass du ihm ja nicht die guten gibst!
    Der Mann. Zeige mir sie doch, ehe du gehst, damit du nicht hernach wieder
sprichst, ich gebe alles weg, wenn ich die unrechten -
    »Komm! ich will sie dir zeigen«, unterbrach sie ihn und tanzte, wie ein
triumphierendes Mädchen nach der ersten Eroberung, über den Hof nach der Scheune
hin. Der Mann schlenderte langsam hinterdrein.
    Das Tor wurde geöffnet: sie trat mit vorsichtigem Schritte, um die weissen
seidnen Schuhe nicht zu verletzen, unter die Strohbündel und erhub den rechten
Zeigefinger, dem Manne deutlich und augenscheinlich zu demonstrieren, was er tun
sollte. Mitten in ihrer Demonstration hörte sie das Tor hinter sich knarren, sie
sah sich um und entdeckte - dass sie eingeschlossen war.
    »Adam, Adam! wo bist du?« rief sie mit innerlicher Ängstlichkeit; umsonst:
Adam legte eben das grosse Schloss vor das Scheunentor, schnappte es zu, sagte
nicht eine Silbe und ging langsam in das Haus.
    Nun merkte die arme eingesperrte Frau wohl, durch welche betrügerische
Verstellung sie hintergangen war, dass sie in diesem dunkeln Gefängnisse
aushalten musste, solang es ihrem Mann beliebte, dass sie nicht zur Frau Gräfin
gehn konnte, dass ihres Mannes Trotz die Oberhand behielt. »Ach!« rief sie bei
diesem letzten entsetzlichen Gedanken aus, riss das weisse Schnupftuch mit
teatralischem. Anstande aus der Tasche, bedeckte ihr beträntes Gesicht und sank
auf ein Bündel Stroh hin - ob in Ohnmacht? - das weiss ich wahrhaftig nicht: aber
ich zweifle; denn es war ja niemand in der Scheune, der es gesehn hätte. Voller
Schadenfreude nahm indessen der Mann den geraden Weg nach Heinrichs
Schlafkammer, fand ihn nicht, stutzte, ging weiter: er durchwanderte das Haus
von dem obersten Bodenwinkel bis zum untersten Keller, suchte, rief - vergebens:
er ging vor die Tür, in den Hof - nirgends eine menschliche Kreatur, die
Heinrich heissen wollte! - Hui, dachte er, dass mir die Frau den Streich gespielt
und den Jungen auf das Schloss vorangeschickt hat! Warte, Nille! wir wollen dich
schon kriegen!-Die Vermutung, so falsch sie auch war, wiegelte seine ganze Galle
auf: seine eheliche Autorität war durch die kränkendste Hinterlist beleidigt,
und er sann auf eine exemplarische Strafe für eine so unerhörte Empörung gegen
seine gesetzgebende Macht. Die Ehe dieser beiden Leutchen hatte überhaupt einen
ganz originalen Ton: ohne sich jemals förmlich zu zanken, lagen sie in
beständigem Kriege widereinander: nimmermehr liess eins das andre zur offnen
Schlacht, nicht einmal zum Scharmützel kommen, sondern jeder Teil suchte den
andern beständig durch heimtückische Überfälle, Streifereien und listige Kniffe
zu necken, und mitten unter solchen Plagereien liebten sie sich so feurig als
nur jemals ein Paar, das der Trauring verknüpft hat.
    Sobald es bei ihm ausgemacht war, dass er, trotz der Einsperrung seiner Frau,
der überwundne Teil sei, so machte er, weil sich allmählich die kleinstädtische
Zeit des Mittagessens näherte, in eigner Person Anstalt dazu. Seine Kochkunst
war äusserst gering, und wenn sie auch einen weitern Umfang gehabt hätte, wollte
er doch vorsätzlich nichts hervorbringen als eine Wassersuppe. Um sich aber
nicht zugleich selbst zu strafen, stillte er erst seinen Appetit mit einigen
soliden Stücken geräucherten Fleisches, und als die kalte Küche verzehrt war,
richtete er seine magere ungesalzene Wassersuppe an, deckte den Tisch, setzte
sein einziges Gericht in die Mitte und ringsherum eine grosse Menge leere
Schüsseln. Darauf ging er zur Scheune, öffnete sie und lud seine Gefangene zur
Mittagsmahlzeit ein.
    »Ich mag nicht essen«, sagte sie etwas schnippisch, kehrte ihm den Rücken
und ging an das andre Ende der Scheune.
    Der Mann. Nillchen, du wirst dich doch nicht zu Tode hungern wollen! Komm!
Die Frau Gräfin hat die hohe Gnade gehabt, uns ein ganzes Gastmahl zu schicken -
vor grosser Freude, dass unser Heinrich bei ihr ist. Sie hatte sogar die
allerhöchste Gnade und liess uns versichern, dass wir alle Tage ein paar Schüsseln
aus ihrer Küche könnten holen lassen: aber das sieht mir so almosenmässig aus:
ich hab es ausgeschlagen.
    »Ausgeschlagen!« rief die leichtgläubige Ehefrau. »Ja, wenn du deiner Frau
eine Mühe ersparen kannst, so tust du's gewiss nicht.«
    Der Mann. Wenn ich's angenommen hätte, alsdann, denkst du, brauchtest du
nicht mehr zu kochen? - Nillchen, ebendeswegen hab ich's ausgeschlagen, damit du
das Kochen nicht verlernst, bloss um deines Bestens willen! - Die Frau Gräfin
liess besonders sehr viele gnädige Komplimente an dich machen.
    Die Frau. Es ist doch eine recht liebreiche Dame - (wobei ein tiefer Knix in
das Bündel Stroh hinein gemacht wurde, worauf sie stand).
    Der Mann. Das ist sie! Der Laufer fragte sehr nach dir, Nillchen: ob er
vielleicht gar Präsente für dich mitbrachte? Es kam mir so vor -
    Die Frau. Und da fragte der alte Adam auch nicht weiter?
    Der Mann. Was sollt ich fragen? - Ich sagte ihm, meine Frau wäre im
Gefängnisse, nach Tische käme sie los, alsdann könnt er sie sprechen.
    Die Frau. Und das sagtest du ihm? - Wahrhaftig, es wäre kein Wunder, wenn
man sich zu Tode bei dir ärgerte. Mir solche Schande zu machen!
    Der Mann. Was ist denn das nun für Schande mehr! - Wenn ein Beutelschneider
auf dem Diebstahl ertappt wird, so steckt man ihn ein: wenn dir's keine Schande
gewesen ist, meine Taschen zu bestehlen, so kann dich's auch nicht beschimpfen,
dass man dich in Arrest gebracht hat. - Aber komm! ehe das Essen kalt wird! es
sind sehr fette Speisen dabei.
    Die Arrestantin folgte ihm halb mit Betrübnis, dass ihre Einsperrung durch
ihren eignen Mann bekannt gemacht war, halb mit freudigem Verlangen nach dem
versprochenen herrlichen Gastgebote und den noch herrlicheren Geschenken, die
nach Tische sich wieder einfinden sollten.
    Sie trat in die Stube: wie versteinert stand sie da, als sie ihre
Leichtgläubigkeit abermals auf das Schändlichste betrogen fand, biss sich in die
Lippen und vermochte vor Scham kein Auge aufzuheben. In der Bestürzung liess sie
sich vom Manne an den Tisch führen und auf einen Stuhl setzen: welch neue
Bosheit! Der Heimtückische hatte die Wassersuppe so reichlich mit Zwiebeln -
einem für sie unleidlichen Gewächse - angefüllt, dass ihr der entgegenkommende
Geruch den Atem versetzte.
    Was war zu tun? - Essen konnte sie weder vor Ärger, der in ihr bis zu den
Lippen heraufschwoll, noch wegen der widrigen Zubereitung des Gerichts. Adam
hingegen, so übel es ihm selbst schmeckte, ass ihr zum Trotz mit einer Begierde,
als wenn es der köstlichste Leckerbissen wäre.
    »Sage mir einmal!« fing er nach einem langen Stillschweigen an, »wenn hast
du denn Heinrichen auf das Schloss geschickt?«
    Die Frau kratzte mit den Fingern auf dem Tischtuche, senkte den tränenvollen
Blick unbeweglich auf den Teller, schluchzte und schwieg.
    »Nillchen, sei kein Trotzkopf!« fuhr er nach einer kleinen Pause fort. »Sage
mir's aufrichtig, wenn hast du den Jungen zur Gräfin geschickt?«
    Die Frau. Ich hab ihn nicht geschickt.
    Der Mann. Wo ist er? - Verschweig mir's nicht, wenn du ihn versteckt hast!
er ist weg. Wenn er mit deinem Wissen und durch deinen Vorschub, bloss um mir zu
trotzen, aus dem Hause gekommen ist, so soll - ich will nicht schwören -, aber
der Teufel soll mich holen, wenn ich zeitlebens wieder in einem Bette mit dir
schlafe.
    Bei so vielem Ernste war ein zeitiger Rückzug das klügste: sie fühlte ihre
schlimme Lage und die Notwendigkeit, ihm durch Nachgeben auszuweichen, so
lebhaft, dass sie ihm sogleich ins Wort fiel und mit einem teuren Eide
versicherte, sie wisse nichts von dem Knaben.
    Der Mann. So komm, wir wollen ihn suchen! Diese Aufforderung geschah
freilich zum Teil aus heimtückischer Absicht, weil er nicht glaubte, dass sie ihr
Gewissen bei ihrem Schwur rein und unbefleckt erhalten habe: er wollte ihr die
Kränkung antun, sie an einem Tage, wo sich keine Seele im ganzen Städtchen
putzte, in ihrem Galakleide durch alle Gassen und, bei der grossen Sonnenhitze,
durch Staub, über Stock und Stein zu führen. Sie wollte zwar zur Umkleidung
Anstalt machen, allein er fasste mit einem Griffe so plötzlich Hut, Stock und
ihren Arm, dass keine Zeit zur Einrede übrigblieb: der Marsch ging fort. Mit der
Neubegierde der kleinen Städte, wo die Leute hinter den niedrigen Fenstern wie
die Diebe hinter dem Busche auf die Vorübergehenden lauren, waren gleich alle
Häuser die ganze Gasse durch mit Menschenköpfen besetzt, an welchen sich die
Nasen rümpften oder die Lippen spöttisch grinsten, oder die Augen sich weit
aufsperrten, als unser edles Paar vorbeispazierte. Etwas komisch war der
Anblick, an dem Arme eines so unsauber gekleideten Gesellen die Dame in dem
auserlesensten Schmucke dahinwandeln zu sehn: doch das war noch lange nicht der
unangenehmste Akt des Possenspiels. Ungegessen, ohne Schutz und Schirm wider die
Sonne, in dem durchhjetzten Sande, auf offnem Felde, bei der brennendsten
Mittagsglut, unter beständiger Ängstlichkeit, dass vielleicht dem Anzuge ein
Unglück widerfahre, mit ziemlich starken Schritten dahinzutraben, das was
allerdings eine ausgesuchte Strafe, und man musste mehr als grausam sein, um
einen weiblichen Eigensinn so bestrafen zu können. Der Spaziergang wurde zwei
Stunden lang fortgesetzt: das arme Weib schmachtete, der Schweiss rann in starken
Strömen herab und tigerte die apfelgrüne Kontusche mit Flecken: aber Trotz und
Verzweiflung gaben ihr Mut: sie spannte alle Kräfte an, um ihren Schmerz nicht
merken zu lassen oder um Vermindrung ihrer Qual zu bitten. Endlich, da fast alle
Nerven ihrer Standhaftigkeit erschlafften, nötigte sie ihr strenger Gesetzgeber,
in einem kleinen Tannenwäldchen auszuruhen. Traurig sass sie da und scheuerte mit
dem Schnupftuche an den unauslöschbaren Flecken ihrer Kleidung und brach in
bittres Weinen aus, als sie alle Wahrscheinlichkeit den gänzlichen Untergang der
geliebten Kontusche erwarten hiess.
    »Weiter! wir müssen aufbrechen!« rief der grausame Mann und hub sich von der
Erde auf.
    »Ich kann nicht mehr«, rief die Frau mit schwacher Stimme -»mir schwindelt!«
-
    »Fort! fort!« erschallte abermals, und zwar etwas gebietrischer, wobei er
ihr zugleich die Hand reichte und sie aufhob. War es Verstellung oder wirkliche
Kraftlosigkeit? - genug, sie sank wieder zurück und würde sich den Kopf an einem
Stamme zerschmettert haben, wenn er sie nicht beizeiten aufgefangen hätte.
    Der Mann. Wir müssen aufs Schloss: jetzt wird die Gräfin abgespeist haben.
Willst du deine Präsente nicht holen?
    Die Frau. Bringe mich doch lieber gleich um, du Barbar! Da! schlag mich vor
den Kopf oder hänge mich hier an einen Baum! Weiter willst du doch nichts, als
dass ich wegkommen soll, damit du wieder eine andre zu Tode plagen kannst, du
Weiberhenker!
    Der Mann. Lass gut sein, Nillchen! Lass gut sein! - Marsch!
    Die Frau. Nicht eher sollst du mich von der Stelle bringen, als wenn du mich
in Stücken zerreissest.
    Der Mann. Ach warum nicht gar? Da werd ich mir wohl so viele Wege machen und
dich stückweise wegtragen. Lieber transportiere ich dich auf einmal im Ganzen.
    Wie ein Blitz hatte er sie auf seine Schultern geladen, und sosehr sie mit
Händen und Füssen kämpfte, so packte er sie doch so fest, dass sie sich nicht
loszureissen vermochte; und nun fortan! wie ein Römer mit einer geraubten
Sabinerin auf dem Rücken eilte er über das Feld hin, nach dem Städtchen zu!
Jedermann blieb vor Verwundrung stehen, jedermann liess Sichel und Sense ruhen,
alle Weiber und Mädchen, so weit das blache Feld reichte, lehnten sich auf die
Harken und gafften mit offnem Munde dem sonderbaren Schauspiele nach. In der
Länge ward ihm doch ihre Last zu schwer: er setzte sie also keuchend unter einem
Weidenbaum ab und gebot, den übrigen Weg zu Fuss zu machen. Ergrimmt, dass sie
seinen Steifsinn durch keins von ihren herzangreifenden Mitteln mürbe machen
konnte, wollte sie ihn auf das Äusserste treiben und beschloss bei sich,
schlechterdings nicht von der Stelle zu gehen. Nach einer dreifachen Ermunterung
zum Aufbruche fragte er sie: »Willst du nicht mit, Nillchen?« - Hierauf bekam er
nichts als ein trotziges, flüchtig hingeworfnes »Nein«. - »So bleib hier! Ich
will dir einen Wagen schicken«, sprach er und verliess sie.
    Hier sass nun die arme Betrübte unter einer grossen Weide mitten auf einem
ungeheuren Felde, wenigstens eine gute Stunde von der Stadt, und wusste nicht, ob
sie gehn oder bleiben, sein Versprechen in Ansehung des Wagens für Spott oder
Ernst annehmen sollte. Ihm nachzulaufen? - welche Erniedrigung für ihren ohnehin
schon tief verwundeten Stolz! welcher Triumph für die Schadenfreude ihres
Mannes! Dazubleiben und den Wagen zu erwarten? - wie misslich und zugleich wie
gefährlich! Wenn er sie nun bis in die späte Nacht warten liesse? - denn einer
solchen Tyrannei wäre er fähig-.Wenn sie nun nach langem Warten mit Spott und
Schande für ihre abermalige Leichtgläubigkeit zurückkehren müsste?
    Ihre Verlegenheit und ihr Kummer stieg wirklich so hoch, dass sie mit heissen
Zähren den Kopf in die Hände legte und im völligen Ernste den Himmel um ein
schleuniges Ende anflehte: sehr leid tat es ihr, dass nicht gerade ein Gewitter
über dem Horizonte stand, um sich einen hülfreichen Donnerschlag ausbitten zu
können. Weder ihr körperlicher Zustand noch ihre weite Entfernung von dem
Städtchen war so höchsttraurig: aber ihr überwältigter Trotz, ihre überlistete
Feinheit, die kalte Grausamkeit ihres Mannes, die tückische Schadenfreude, womit
er sie so vielfältig hinterging, die Unmöglichkeit, ihm an irgendeiner schwachen
Seite beizukommen - das, das waren die Stacheln, die ihr Innerstes, wie der
Geier Tityus' Leber, zerfleischten.
    Ein tüchtiger, brausender Zank ist das beste Heilungsmittel wider
zurückgehaltnen Ärger: die Natur fing allmählich an, in ihr zu diesem Zwecke zu
wirken. Da sie wohl merkte, dass mit dem Tode nichts anzufangen war, setzte sich
ihr Blut nach und nach in schnellere Bewegung: sie liess ihren Lebensgeistern den
straffgezognen Zügel schiessen, und in weniger denn drei Minuten war die kleinste
Nerve zu Streit und Hader gewaffnet. Sie machte sich sogleich auf, um ihrem
Manne nachzusetzen und ihren ganzen Grimm ins Gesicht zu schwatzen. Unterwegs
bereitete sie sich zu diesem feierlichen Aktus vor und hatte schon den ganzen
Dialog im Kopfe, als sie von hinten durch die Gartentüre ins Haus ging.
    Aber wie an ihn zu kommen? - Eine Gelegenheit musste sie doch haben, die den
Zank auf eine natürliche Art einleitete: zudem sollte er, nach ihrem Wunsche,
den Angriff tun, damit sie durch die Selbstverteidigung zu ihrer beschlossnen
Rache berechtigt wäre. Sie wusste für ihren Plan keinen schicklichern Ausweg, als
dass sie im Hause herum aus einer Stube, einer Kammer in die andre wanderte und
jede Tür mit einer Heftigkeit hinter sich zuschlug, dass sich alle Fenster
unaufhörlich in einem erdbebenmässigen Zittern befanden. Dass nur der alte Fuchs
ihre Absicht nicht gemerkt hätte! Anfangs hielt er das Bombardement ruhig aus
und schrieb ungestört an seiner Rechnung fort: da es ihm in der Länge zu lästig
wurde, ging er hinter ihr drein, und sobald sie aus einer Kammer oder Stube
heraus war, schloss er die Tür ab und steckte den Schlüssel ein, ohne nur einen
Laut zu sagen. In kurzem war sie so sehr aus allem Vorteile herausgetrieben, dass
ihr nichts als die Küchentür übrigblieb, und da sich diese wegen eines
Gebrechens am Schloss nicht verschliessen liess, hub er sie aus: das nämliche tat
er mit der Stubentür und ging zu seiner Schreiberei zurück.
    Dergleichen Bösewicht! nach so unendlichen Plagereien der armen Frau nicht
einmal die Freude zu gönnen, dass sie sich zanken kann! - Dieser neue Streich
erhöhte den vorigen Groll: sie wollte mit aller Gewalt durchbrechen und stellte
sich zu dem Ende an die hinterste Haustür mit dem wohlgemeinten Vorsatze, sie
unaufhörlich auf- und zuzuschlagen: allein bei dem ersten Öffnen lehrte sie der
Zufall ein andres Mittel, das ihren Zweck mit millionenmal sichererm Erfolge
beförderte. Die Türangel war bei der grossen Hitze ganz trocken von Öle und so
durstig geworden, dass sie bei jeder Umdrehung in einem hellen schneidenden Tone
schrie: unter allen Unannehmlichkeiten, die sterbliche Ohren martern können, war
dieses für ihren Mann die angreifendste, das wusste sie. Was sie tat, kann man
nunmehr leicht raten: das war so ein durchdringendes, Mark und Nerven
zerreissendes Quieken in einer Leier fort, als wenn sich alle Türen im Hause
verschworen hätten, den Mann musikalisch zu Tode zu martern. In der ersten
Überraschung schwoll sein Zorn wohl ein wenig auf, allein sogleich fasste er sich
wieder, holte einen Strick aus der Kammer, und da sie ihn mit diesem Instrumente
kommen sah und vermutete, dass vielleicht gar ihr Rücken damit gemeint sei,
verliess sie bestürzt ihren Posten und flüchtete in die Küche. Ohne etwas mehr im
Sinne gehabt zu haben, band er die Hoftür, die auch kein zuverlässiges Schloss
hatte, so fest an einen inwendigen Haken, dass mehr als Weiberstärke dazu
gehörte, sie wieder musikalisch zu machen. Ohne ein Wort zu sagen, ging er
zurück an seine Arbeit.
    Die Frau wollte in Verzweiflung geraten, dass ihr alle Anschläge misslungen.
Indessen, dass sie auf neue Ränke sann, kam der Laufer des Grafen, überbrachte
einen gnädigen Gruss von seinem Herrn und drei Bouteillen Wein, mit der Bitte,
sie morgen an dem Geburtstage der Gräfin auf ihre Gesundheit auszuleeren.
    »Ich mag keinen Wein vom Grafen«, sagte Herrmann trotzig und schrieb, ohne
aufzublicken, brummend fort. - »Was für Wein ist es denn?« fragte er in der
nämlichen Positur nach einer kleinen Pause.
    »Ungarwein«, antwortete der Laufer.
    Herrmann stund von seinem Stuhle langsam auf, steckte die Feder hinter das
rechte Ohr, zog den Kork von der Flasche, setzte an und tat einen herzhaften
Schluck.- »Er ist gut«, sprach er, indem er sie wieder auf den Tisch stellte;
»ich will ihn behalten.«
    »Zugleich«, fuhr der Laufer fort, »soll ich Ihnen auch die Nachricht von
Ihrem Heinrich bringen -«
    Herrmann. Ist der verfluchte Junge auf dem Schloss?
    Der Laufer. Ja, schon seit heute früh um sechs Uhr. Er ist heimlich aus dem
Bette fortgeschlichen und war schon lange da, ehe Sie zum Grafen kamen: aber er
bat inständig, dass wir ihn vor Ihnen verstecken sollten. So ist er in unsrer
Stube geblieben, bis es der Graf erfuhr und ihn zu sich aufs Zimmer kommen liess.
Er hat ihn dem Kammerdiener übergeben, bei dem er wohnen und schlafen soll. Man
könnt ihn gar nicht bereden, wieder wegzugehen, und er lässt Ihnen sagen, dass Sie
sich weiter nicht um ihn bekümmern sollten, er wäre versorgt.
    Herrmann. Darum braucht er nicht zu bitten, dass ich mich nicht weiter um ihn
bekümmern soll. - Nicht einen Fuss darf er mir wieder über die Schwelle setzen,
der Tagedieb! -
    Er tat zu gleicher Zeit einen zweiten Schluck aus der Flasche, die er
beständig während des Sprechens in der Hand behielt. -»Der Wein ist recht gut«,
sagte er freundlich, als er absetzte.
    Der Laufer. Morgen werd ich Ihnen mehr bringen, wenn der Herr Graf weiss, dass
er Ihnen so gut schmeckt.
    Herrmann hatte während dieses Versprechens den dritten Schluck getan und
antwortete mit beinahe stammelnder Zunge: »Es soll mir lieb sein.«
    »Sagen Sie nur dem Grafen«, setzte er hinzu, als der Laufer Abschied nahm,
»er möchte meinen Heinrich bei sich behalten, so lang er wollte - er darf sich
gar nicht fürchten, dass ich mich deswegen wieder mit ihm zanken werde - ich hab
ihm auch heute früh nichts übelgenommen, das kann er versichert sein - nur soll
er mir nicht so einen Tagedieb aus ihm machen, wie es die Laffen alle um ihn
herum sind! Oder ich schmeisse den Jungen mit dem Kopfe an den ersten Stein, wo
ich ihn finde.«
    Während dieser halbtrunknen Rede hatte er den Laufer an die Haustür
begleitet und nahm jetzt Abschied mit einem Händedrucke und dem nochmaligen
Auftrage, dass er den Grafen ja versichern sollte, er habe ihm heute früh gar
nichts übelgenommen; er wüsste wohl, dass es des Grafen Art einmal sei, etwas frei
zu reden. - Eine solche Verwechslung der Personen begegnete ihm gewöhnlich auch
bei dem kleinsten Rausche: immer glaubte er alsdann, dass die Leute ihm die
Grobheiten gesagt hätten, wodurch sie von ihm kurz vorher waren beleidigt
worden: widerfuhr es ihm - welches auch nicht selten geschah -, dass er in der
Trunkenheit jemanden recht derb ausschalt, so beging er, wenn er wieder nüchtern
war, die nämliche Verwechslung und versicherte ihn herzlich, dass er ihm alles
vergeben habe. Beständig schien er sich der beleidigte Teil, und nur seine Frau
machte hierinne eine Ausnahme.
    Überhaupt hatte er das Unglück, dass er bei aller Stärke und Klugheit, womit
er ihrem Eigensinn und Trotze widerstand, gemeiniglich sein gewonnenes Spiel
selbst wieder verdarb. Auch ohne Trunk wurde er immer zunehmend schwach, je mehr
sich die Sonne nach Westen neigte: wie ein Fieber überfiel ihn gegen Abend ein
so heftiger Paroxysmus von Liebe und Zärtlichkeit, dass er ängstlich um seine
Frau herumging und auf alle ersinnliche Weise sie wieder auszusöhnen suchte und
oft wegen des Widerstandes, den er ihr den Tag über mit der überlegtesten
Klugheit getan hatte, demütig und reuig um Vergebung bat. Führte ihn nun
vollends das Schicksal ein begeisterndes Getränk in den Weg, so war es ganz um
seine Standhaftigkeit geschehen: sein schwachnervichter Kopf war auf den ersten
Schluck eingenommen, und er wurde bis zum Gecken in sein Nillchen verliebt.
Gegen jeden andern beobachtete er in einem solchen Zustande die Regel genau, dass
er sich mit ihm zankte, wenn er den Tag über sein Freund gewesen war, und sich
mit ihm versöhnte, wenn er sich mit ihm gezankt hatte. Deswegen wartete auch
seine Frau bei mittelmässigen Bedrückungen gelassen den Abend ab oder setzte ihm
des Nachmittags ein Glas Branntewein in den Weg; denn zu keiner andern Zeit nahm
er einen Tropfen starken Getränkes zu sich.
    Bei der Ankunft des Laufers mit dem Weine freute sie sich von dem Wirbel bis
zur Fusszehe herzinniglich auf die demütigende Rache, die sie auf seine eigne
Veranlassung an ihm zu nehmen gedachte. Er ging nach dem Abschiede des Laufers
wieder zu seiner Flasche zurück, doch ohne zu trinken: die vorigen drei Schlucke
wirkten schon hinlänglich: er stund vor dem Tische, die linke Hand auf die offne
Bouteille gelegt.
    »Nillchen«, redete er vor sich hin, »so hab ich dir ja, hol mich der Teufel!
unrecht getan! - Du armes Nillchen! habe dir deine Kontusche verdorben! - habe
dich eingesperrt!«
    Er lief die Stube auf und nieder und rang die Hände. - »Was mach ich nur?«
klagte er mit wehmütigem Tone. »Was nur? dass sie sich nicht zu Tode grämt? - Ich
habe das Herzblättchen so lieb und martre sie so! Ich möchte mir gleich die
Kehle abschneiden.«
    Er blieb mitten in der Stube stehen, erblickte sich im Spiegel: - »O du
alter gottloser Adam!« rief er und spie auf sein Bild im Spiegel. »Was du einmal
gemacht hast! - hast deine Frau einmal geplagt! Ich möchte dich gleich zu Tode
prügeln« -(und dabei gab er seinen eignen Backen eine reiche Ladung kräftiger,
lautschallender Ohrfeigen). - »Da! du abscheulicher Höllenbrand!« sagte er sich
im Spiegel dazu. »Du eingefleischter Teufel! Wirst die arme Frau wohl noch unter
die Erde bringen, du Katzenkopf! - Ich kann dich nicht mehr ansehn; pfui!«
    Mit dem grössten Unwillen kehrte er sich von seinem Bilde hinweg und wurde
bei der Wendung das Gesicht seiner gemisshandelten Ehegattin gewahr, die hinter
einem Fenster, das neben dem Ofen aus der Küche in die Stube ging, seine Reue
mit kitzelnder Freude belauschte. - »Nillchen, liebes Engelskind!« rief er und
lief mit ausgebreiteten Armen nach ihr hin, dass er wider die Wand taumelte. -
»Komm! köpfe, hänge, rädre, erschiesse mich! Ich bin's wert. Ich bin ein rechter
Teufelsbraten. Hab ich dich einmal gemartert? -Ach! es tut mir so leid! es frisst
mirs Herz ab. - Sieh nur! wie ich dich wieder lieb habe! recht lieb, du
scharmantes Cyperkätzchen!«
    Diese Liebkosungen, die beständig mit den kläglichsten Ausdrücken der Reue
abwechselten, wurden von einer höchst komischen Bewegung begleitet: sooft er ihr
seine Liebe beteuerte, hub er das rechte Bein in die Höhe, um durch das Fenster
zu ihr hinauszusteigen, ob es gleich gute zwei Ellen von dem Fussboden und so
enge war, dass kaum eine grosse Katze durchkriechen konnte
    Die Frau antwortete lange nicht: endlich sprach sie verdriesslich: - »Es
liegt mir nichts an der Liebe eines solchen Weiberteufels: erst reissest du
deiner armen Frau den Kopf ab, hernach willst du ihn wieder aufsetzen.«
    Der Mann. Will ihn nicht wieder abreissen! - Du sollst mich an den Spiess
stecken und braten wie eine Schöpskeule, wenn ich dir ihn wieder abreisse. - Habe
dir Unrecht getan; vergib mir's, mein Augäpfelchen! -
    Nach langem Kapitulieren liess sich endlich die siegende Ehefrau bewegen und
kam zu ihm in die Stube: sie musste sich in den Lehnstuhl setzen, er warf sich zu
ihren Füssen und bat sie in den reuvollsten Ausdrücken, bald mit weinerlichem,
bald mit wütendem Tone, unter heftigen Schmähungen gegen sich selbst um
Verzeihung und foderte zum Zeichen der Versöhnung die Erlaubnis, in ihrem Schosse
zu schlafen. Um ihn zu besänftigen, musste sie ihm seine Bitten zugestehn: er
warf sich aus der knienden Positur herum in eine sitzende Lage, legte den Kopf
in ihren Schoss, und in einer halben Minute schnarchte er schon, wie der
überwältigte Simson in Delilas Schosse. Die Frau, um sich für ihr erlittnes Kreuz
zu entschädigen, langte nach einer von den nahe stehenden Weinflaschen, ersetzte
den Abgang ihrer Kräfte durch einige starke Züge so reichlich, dass sehr bald die
ganze Stube vor ihrem Blicke schwamm und sich ihre Augenlider gleichfalls zu
einem herzstärkenden kummerstillenden Schlafe zusammenschlossen.
 
                                Fünftes Kapitel
Die Reue des alten Herrmanns war wirklich Schuldigkeit: er hatte ihr durch seine
Vermutung, dass sie dem kleinen Heinrich heimlich ihm zum Trotze fortgeholfen
habe, unrecht getan; denn der Knabe war des Morgens noch vor sechs Uhr
aufgestanden, hatte sich selbst angekleidet, hatte wie ein wahrer Inamorato das
Bild der Gräfin um den Hals gehangen, sich leise aus dem Hause hinausgeschlichen
und langte, des Laufers Berichte gemäss, mit dem Schlage sechs auf dem Schloss
an. Der Graf trug anfangs Bedenken, ihn ohne Vorwissen der Eltern dazubehalten,
allein da der Knabe sich weinend und flehend allen Vorstellungen widersetzte,
liess ihn der Graf verbergen und beschloss, seiner Gemahlin den folgenden Tag auf
eine eigene Art ein Geschenk mit ihm zu machen.
    Es war bereits zu ihrem hohen Geburtsfeste ein herrlicher Aufsatz auf die
Tafel verfertigt worden, der die Gärten der Alcina vorstellte: auf Brettern, die
auf kupfernen Füssen ruhten, prangten Alleen und Hecken von grünem Wachs,
Parterre, Boulingrins und breite Gänge zum Lustwandeln aus bunten Zuckerkörnern,
klare Seen, Teiche, Bassins von Spiegelglas, Statuen von Meissner Porzellan,
Nischen, Pavillons, Eremitagen, Monumente, in Wildnissen versteckt - alles, was
nur einen französischen Garten verschönern kann, auf das sauberste nach einem
ziemlich grossen Massstabe nachgeahmt. In den beiden entferntesten Enden des
Gartens hatte der Künstler zwei grosse Tempel aus Teig, statt des Marmors mit
einem nachahmenden weissen Zuckergusse überzogen, auf zwei Bergen symmetrisch
aufgebauet. Beide sollten im antiken Geschmack sein: ein majestätischer
Säulengang umgab einen jeden, und durch die gläsernen Wände leuchtete die
porzelläne Gotteit hindurch, welcher sie geweihet waren. Über den beiden
entgegenstehenden Eingängen, zu welchen hohe breite Stufen hinanführten,
kündigte eine goldene lateinische Inschrift den Namen der Gotteit an: der eine
war der Treue, der andere der Glückseligkeit gewidmet. Die zween Tempel gaben
dem Grafen einen Einfall, der vermutlich der einzige war, solange die ganze
Konditorwelt steht: es sollte mitten in dem Garten auf einem besondern Brette
ein grosser Tempel eingeschoben werden, der den kleinen Heinrich, als Amor
gekleidet, anständigerweise in sich fasste; und der Graf erfand selbst auf der
Stelle die Inschrift Amori dazu. Der Künstler wandte demütig die Schwierigkeiten
ein, stellte den Übelstand vor, den ein so ungeheures Gebäude unter den anderen,
nach einem viel kleineren Massstabe verfertigten Gegenständen hervorbringen
müsste, liess auch mitunter versteckterweise ein paar Wörtchen über das
Lächerliche und Abenteuerliche der Idee fallen, dass sich der Erfinder derselben
entrüstete und mit einem gebieterischen »Ich will« alle Einwürfe wie mit einem
Donnerkeile niederschlug. Bald darauf besann er sich aber, dass die Kürze der
Zeit den Bau eines so grossen Tempels nicht wohl erlauben möchte, und befahl
wegen dieser weisen Voraussehung, bloss eine grosse Nische von grünem Lattenwerke
aufzuführen. Es geschah: man nahm dem kleinen Heinrich das Mass zu seiner Hütte
und war schon im Begriffe, Hand an die Arbeit zu legen, als in des Grafens Kopfe
eine viel sinnreichere Idee aufstand. In dem Nachdenken über die Verschönerung
und den wahrscheinlichen Effekt des grossen Tempels ging er in sein Kabinett, und
siehe da! - bei dem ersten Aufschlagen der Augen traf sein Blick auf einen
Kupferstich, wo ein verliebter Schäfer den kleinen mutwilligen Amor in einem
Vogelbauer seiner Geliebten überreichte. Das Bild war wie für ihn erfunden: die
Vorstellung reizte ihn so mächtig, dass er sogleich den Konditor holen liess, um
ihm zu befehlen, dass aus der grossen Nische ein grosser Vogelbauer werden sollte.
Der Künstler war über diesen Antrag noch mehr betreten und zeigte ihm die
Ungeschicklichkeit, einen ungeheuren Vogelbauer ohne allen Zusammenhang mitten
in einen kleinen Garten hinzustellen, und zugleich die Missdeutung, der ein Amor
im Käfig, seiner Gemahlin an ihrem Geburtstage geschenkt, unterworfen wäre:
allein der Graf entrüstete sich zum zweiten Male und ward höchst ungehalten, dass
man beständig der Ausführung seiner Einfälle so viele Schwierigkeiten mache, da
sie doch grösser und sinnreicher wären als die elenden Pösschen, die der Konditor
auf etliche Bretter hingeklebt hätte. Der Zuckerarchitekt wurde empfindlich über
diesen verächtlichen Ausdruck, bat sich die Bezahlung für seine Arbeit aus,
empfahl dem Grafen, sich seine Vogelbauer selbst zu bauen, und reiste wieder in
die Stadt zurück, woher man ihn verschrieben hatte.
    Unter seinen Bedienten hatte der Graf einen, Siegfried genannt, der die
andern alle an Dummheit und Bosheit übertraf und wegen der erstern bei ihm in
vorzüglicher Gunst stand: deswegen trug er auch eine auszeichnende, mit Gold
fast bedeckte rote Liverei nebst einem roten Federbusch auf dem Hute, welches
einen witzigen Kopf unter seinen neidischen Kameraden auf den Einfall brachte,
ihn des Grafen Maulesel zu nennen und diese Benennung bei dem Publikum des
ganzen Städtchens gebräuchlich und beliebt zu machen. Er war der Ratgeber oder
vielmehr Beherrscher des Grafen: denn weil er alles ohne das mindste Bedenken
billigte und lobte, was seinem Herrn durch den Kopf und über die Zunge fuhr,
wenn's gleich die grösste Abgeschmackteit war, so besass er dafür das Recht, mit
ebensowenig Bedenken auch die grössten Abgeschmackteiten zu fodern und zu
erlangen. Gemeiniglich leuchtete sein Verdienst am hellsten, wenn der Graf eine
ähnliche Widerwärtigkeit, wie jetzt bei dem Konditor, erlitten hatte, dass klügre
Leute eine von seinen rohen Ideen nicht billigen wollten: sogleich berief er
alsdenn seinen Maulesel zu sich, stellte ihm die bestrittene Sache begreiflich
vor Augen, und es fehlte ihm niemals, dass sein Ratgeber sie nicht so
bewundernswürdig fand, als sie klügern Leuten verwerflich und ungereimt schien:
oft war seine Billigung List, meistens aber Mangel an Einsicht. Er hatte sogar
jederzeit die Unverschämteit, sich zur Ausführung zu erbieten, und das besondre
Glück, dass ihm der Graf nie Vorwürfe machte, wenn sie ihm auch misslang, obgleich
dies in den meisten Fällen geschah.
    Durch die nämliche Öffnung der Tür, die der beleidigte Konditor machte, um
aus dem Zimmer zu gehen, wurde auch der Maulesel hereingerufen: es versteht
sich, dass er kaum vom Amor im Vogelbauer etwas gehört hatte, als er schon in
lautes Lachen und laute Lobeserhebungen ausbrach. - »Ich will das schon
besorgen: verlassen Sie sich auf mich!« sagte er mit weiser Miene. »Der
Zuckerbäcker versteht das nicht so wie ich: ich weiss besser, wie man einen Spass
machen soll. - Morgen soll Ihr Vogelbauer auf dem Tische stehen - verlassen Sie
sich auf mich! -«
    Er hielt Wort. Der Tischler musste von Latten einen runden Käfig
zusammennageln, ihn grün anstreichen, und weil das Gebäude zu Ehren eines
Geburtstages aufgeführt wurde, geriet Siegfried auf die glückliche Erfindung,
von dem Koche, statt des Knopfs, eine grosse runde Biskuittorte daraufsetzen zu
lassen, an welcher ringsherum in einem weissen Zuckergrund mit Pistazien, blauen,
gelben und roten Körnern ein Vivat nebst dem Namen der Gräfin eingelegt war. Um
niemandem einen Augenblick die Mühe des Nachsinnens zu verursachen, was für
einen Vogel der Käfig entielt, liess der Graf um den obersten Rand desselben, wo
das spitzige Dach anfing, einen zierlich ausgeschnittenen Streifen Postpapier
mit der schwarzen, leserlichen Aufschrift L'Amour encagé kleistern.
    Der Mittag des festlichen Tages erschien. Der kleine Heinrich war bereits in
fleischfarbnen Atlas gekleidet, sein lichtbraunes Haar in kurze, frei
hinwallende Locken geschlagen und mit einer Rose geschmückt, sein Rücken mit
einem Paar Flügeln von Gaze und Fischbein geziert, über die Schultern herab hing
ihm an einem blauseidnen Bande ein Köcher von Pappe mit Goldpapier überzogen,
statt verwundender Pfeile mit friedlichen Gänsefedern angefüllt; seine Rechte
hielt den niefehlenden Bogen, dessen Sehne eine Vorhangsschnur und so schlaff
war, als da das gute Kind um Mitternacht in dem schrecklichsten Regenwetter bei
dem alten Anakreon einkehrte. Venus hätte sich eines solchen Sohns nicht schämen
dürfen, so liebreich lächelte sein weisses rundes Gesichtchen mit den runden
roten Backen, und so schalkhaft sah sein geistreiches Auge unter den schwarzen
gewölbten Augenbrauen hervor. Dreimal trat der kleine Bube vor den Spiegel und
fühlte die Macht seiner Reize so sehr, dass er seinem eignen Bilde einen Kuss
zuwarf.
    Das ganze Städtchen hatte sich itzo schon vor zwei Stunden gesättigt: der
Ackerknecht spannte die ausgeruhten Ochsen an den Pflug: die gemolknen Stadtkühe
wandelten unter dem Peitschenschalle ihres Monarchen durch das Tor auf die Weide
hinaus, und die hochgräfliche Gesellschaft schritt feierlich durch die weiten
Flügeltüren zur Tafel. Der kleine Amor hatte sich zwar sehr stark geweigert, in
den Käfig zu kriechen, und versichert, dass es wider seine Ehre wäre; der Graf
musste sogar in eigner Person ins Tafelzimmer gehen und seinen Ehrgeiz durch die
Vorstellung einschläfern, dass er's aus Liebe zur Gräfin tun solle: ohne Anstand
sprang er auf den Stuhl und liess sich in seine enge Wohnung hineinstecken.
    Die Gesellschaft war sehr zahlreich und von allen gräflichen und adligen
Sitzen aus der Nachbarschaft zusammengeladen. Erstaunt rissen die Damen sich von
den Händen ihrer Führer los, erstaunt liessen die Kavaliere ohne Verbeugung die
Hände der Damen fahren, als man beim Eintritte in den Saal den hohen
babylonischen Turm mit dem Knopfe von Kraftmehl mitten auf der Tafel erblickte;
nur die Gräfin war mehr verlegen als erstaunt. Sie musste ein Lachen verbergen,
dass ihr die Gestalt des Käfigs abnötigte; sie hielt lange meisterhaft an sich,
doch bei Erblickung des Biskuits, der wie ein runder Strohhut auf dem spitzen
Dache steckte, überwand das Lächerliche alle ihre Stärke: sie musste das
Schnupftuch herausziehen und sich so lange hinter ihm räuspern, bis ihr Gesicht
wieder in ernste Falten gelegt war. Noch einen grössern Sturz musste sie
aushalten, als sie den fleischfarbenen Amor darin sitzen sah; ihre
Einbildungskraft malte ihr schlechterdings wegen der vollkommenen Ähnlichkeit
des Hauses einen Liebesgott vor, der gewisse menschliche Bedürfnisse abwartete.
Sie nahm Tabak, sie räusperte sich, sie ass Suppe, sie sprach mit ihrem Nachbar:
nichts half! immer kam das verzweifelte Bild wieder zurück, immer wollten ihre
Lippen lachen. Zum Unglück bemerkte jedermann ihre Verlegenheit, ob man gleich
die wahre Ursache derselben nicht erriet: doch schien der Graf etwas Schlimmes
zu mutmassen. Er war ohnehin schon missmütig genug, dass man so stumm dasass und
seine Erfindung auch nicht mit einem Bröckchen Beifall beehrte: geschah es, weil
man mit der Gräfin gleiche Empfindungen hatte oder weil man noch so ganz nichts
von dem Sinnreichen darin begriff, dass man auch nicht aus Schmeichelei zu
loben wagte, ohne sich zu verraten, dass es blosse Schmeichelei sei? - das kann
ich nicht entscheiden: soviel bleibt gewiss, dass es bei vielen die letzte Ursache
grösstenteils wirkte, wenn auch die erste nichts dabei tat; und diese Ursache zu
entfernen, das heisst, sich nach der Absicht des grossen mittlern Korbes zu
erkundigen, hielt jedermann nach hergebrachter deutscher Sitte für unanständig.
    Ein alter Oberster, der sich gänzlich über Zwang und Zurückhaltung
hinwegsetzte, brach endlich die Bahn: er wäre schon längst so vorlaut gewesen,
wenn ihn nicht bisher die Betrachtung des Gartens beschäftigt hätte: doch jetzt
kam die Reihe an Amors Käfig. - »Was ist das für ein Stall hier in der Mitte?«
fragte er den sogenannten Maulesel des Grafen, der horchend hinter den Stühlen
herumschlich und spionierte, was für Urteile man über seine Arbeit fällte. -
»Das ist kein Stall«, antwortete der empfindliche Erfinder. - »Es steckt doch da
ein Vieh darin: was soll's denn sein?« fragte der Oberste weiter. - »Lesen Sie
doch nur!« war die höchst trotzige Antwort hierauf.
    Der Oberste folgte seinem Rate, setzte die Brille auf, las die Inschriften
und brachte mit Hülfe der gegenübersitzenden Nachbarin heraus: Vivat Sophia
Eleonora l'Amour encagé. - »Hm!« brummte der Oberste, »das sollte ja wohl
heissen:
    Vivat Sophia Eleonora et l'amour encagé?«
    »So?« unterbrach ihn die Gräfin lächelnd. »Das hiesse ja soviel, als ob ich
und die Liebe am besten aufgehoben wären, wenn man uns einsperrte.«
    Er sann nach: - »Der Teufel! ja, das hiess' es«, fuhr er heraus. »Haben Sie
das gemeint, Herr Graf?«
    Die Gräfin winkte zwar dem Obersten, ihrem Gemahl, der keinen Spass verstund,
die Frage nicht zu wiederholen: allein der übereilte Mann achtete auf keinen
Wink, sondern schrie den ganzen streitigen Punkt mit allen Klauseln über die
lange Tafel hinauf: der Graf wurde rot, weil ihm das Gespräch einen Tadel über
sein Werk in sich zu schliessen schien, und verbarg sein Missfallen damit, dass er
sich stellte, als wenn er nichts verstehen könnte. Unterdessen wurde die Materie
um und neben dem Obersten, unter seinem Vorsitze, noch genauer untersucht.
Sobald nur Fräulein Hedwig - eine weitläuftge Anverwandtin der Gräfin, die als
Wirtschaftsdame bei ihr lebte und zugleich die Stelle einer Gouvernante bei der
Baronesse Ulrike versah, die Krone aller hässlichen Fräulein-, sobald sie, sage
ich, heraus hatte, dass ein Amor im Käfig steckte, so konnte sie nicht
unterlassen, die Gesellschaft mit einem Gerichte von ihrer beliebten
Gelehrsamkeit zu bedienen. »Das ist ja«, fing sie an und reckte den dicken Kopf
in die Höhe, »wie dort bei dem Virgilio Marus, wo die jungen Grafen des Aeneas
den Amor in einen Topf stecken.«1
    »Doch nicht in einen Nachttopf?« schrie der unsaubre Herr Oberste. Ob sich
gleich Fräulein Hedwig bei seiner unanständigen Frage die Nase zuhielt und die
Miene des Ekels sich in ihrem Gesichte auf das lebhafteste ausdrückte, so
erwischte sie doch die günstige Gelegenheit, ihrer Gelehrsamkeit Ehre zu machen,
mit grosser Herzensfreude. »Ach«, fuhr sie fort, »der arme Bube hat schon viel
Herzeleid ausstehen müssen: wie dort bei dem Ambrosius wird er gar mit
Stecknadeln gestochen, und im Cicero Marcus binden ihn die Hofdamen der Königin
Semiramis mit ihren Jartieres« -
    »Womit?« unterbrach sie der Oberste. Fräulein Hedwig wiederholte es.
    »Mit den Strumpfbändern also?« rief der Oberste.
    »Fi!« antwortete das Fräulein mit Naserümpfen und nahm Tabak. »Wer wird denn
so etwas über Tafel nennen?«
    Der Oberste. Warum denn nicht?
    Fräulein Hedwig. Über Tafel darf man von nichts reden, was unter der Tafel
ist.
    Der Oberste. Das mag wohl bei Ihren Carus und Narrus, und wie die Kerle
weiter heissen, Mode gewesen sein: aber ich wüsste nicht, wer mir's wehren wollte,
von Strümpfen und Schuhen -
    Das Fräulein. Schämen Sie sich doch! Wer wird denn dergleichen Sachen
deutsch nennen? Wenn Sie ja davon sprechen müssen, so dürfen Sie ja nur
chaussure sagen.
    Der Oberste. Was ist denn das bessers? - Ob ich, zum Exempel, sage: Votre cû
large oder -
    Indem er die Übersetzung hinzufügen wollte, zog ein allgemeiner Aufstand an
dem andern Ende der Tafel seine Aufmerksamkeit von der vorhabenden Disputation
ab. Der kleine Amor hatte in seinem Käfig Langeweile: durch die Ausdünstungen
des Essens, die eine Atmosphäre von Wohlgeruch um ihn bildeten, wurde sein
Appetit ungemein rege gemacht: - diese beiden Ursachen trieben ihn an, mit
seinen kleinen Fingern in die Biskuittorte, die auf dem Dache des Käfigs ruhte,
hineinzubohren und sich ein Stück herauszuzwicken. Der Genuss feuerte die
Begierde noch mehr an, und da er ringsum alles, was er durch die offnen
Zwischenräume der Latten erreichen konnte, heruntergeholt und verzehrt hatte,
suchte er durch einen Stoss mit dem Bogen der Torte eine Wendung zu geben, dass
sie ihm eine noch unangetastete Seite zukehrte: allein der Stoss geriet in der
Hitze der Leidenschaft zu stark, die Torte stürzte herab, in die Gärten der
Alcina hinein, zerschmetterte Bäume, Hecken und Pavillons, taumelte über die
Gartenmauer hinaus und fiel mit lautem Geräusche in eine Assiette hinein, dass
ein dichter Platzregen von schwarzer Brühe auf die dort Sitzenden herabströmte.
Alles sprang auf, seine Kleider zu retten, als schon die ganze herumgesprützte
Essenz auf ihnen lag: in einem Tempo wurde eine ganze Reihe Stühle
zurückgeworfen! Bediente schrien, dass man ihre Zehen quetschte: die Kavaliere,
denen die emporschnellenden Fischbeinröcke der Damen bei dem Aufspringen
Ohrfeigen gaben, stolperten, um ihnen zu entgehen, über die Stühle hinweg: der
kleine bucklichte Herr von E** wurde durch den einen Windflügel der Frau
Geheimrätin von S** so gewaltig aus allem Gleichgewichte gebracht, dass er zu
Boden stürzte, und weil sich die Dame sogleich auf den zurückgestossnen Stuhl
wieder niedersetzte, um sich die entstandnen Flecke abzuwischen, so deckte sie
den ganzen kleinen gestürzten E** mit ihrem ungeheuren Fischbeinrocke zu, und in
der Hoffnung, dass sie bald ihren Sitz verändern möchte, blieb er geduldig
liegen. Die gehoffte Veränderung erfolgte nicht, und er fing also an, sich aus
seinem Zelte herauszuarbeiten. Der Kammerherr T**, der daneben stund, sah unter
der Schleppe der Geheimrätin zween ihm bekannte Menschenfüsse hervorkommen und
fragte: »E**, wo sind Sie denn?« - »Hier!« seufzte der arme Junker unter dem
Fischbeinrocke hervor, spannte seine Schnellkraft an und kroch mit den
Bewegungen einer Raupe auf allen vieren aus der erstickenden Atmosphäre heraus.
    Noch wusste niemand, dass der Vogelbauer eine lebendige Kreatur verbarg,
sondern man bildete sich ein, dass die Torte durch ihre eigne Schwerkraft den
gefährlichen Fall getan habe: Amor hatte sich, dem gegebnen Befehle gemäss, so
still darin gehalten, dass man ihn für eine Wachspuppe ansah, und seine
Bewegungen bei dem Bestehlen der Torte wurden durch das Geräusch des Gesprächs
verschlungen. Itzt aber ward es ihm unmöglich, länger eine Puppe vorzustellen:
der genossne Biskuit fing an, heftige Unordnungen in seinem kleinen Körper zu
verursachen: die Schmerzen wüteten so heftig und die Besorgnis vor einer
entehrenden Aufführung quälte ihn so sehr, dass sich der arme Bube niedersetzte
und bitterlich weinte. Es war gerade Ebbe in der Unterhaltung, und alle Ohren
wandten sich verwundrungsvoll nach dem Orte hin, woher die Klagetöne kamen:
einige suchten unter der Tafel, aber die Gräfin lenkte ihre Augen sogleich auf
den Käfig, sah aufmerksamer als bisher durch die schmalen Zwischenräume der
Latten und wurde mit Erstaunen ihren lieben kleinen Heinrich gewahr. Hurtig gab
sie Befehl, ihn herauszulassen: der schöngelockte Liebesgott drückte sein
verschämtes Gesicht dicht an die Brust des Bedienten, der ihn herausnahm, und
liess sich voll von innerlichen Martern der gekränkten Ehre zum Zimmer
hinaustragen. Knirschend trat er vor der Tür hin, stampfte und warf, voll Ärgers
über sich selbst, den Bogen auf den Fussboden und deckte mit den kleinen Händen
das glühende Gesicht zu. Man sprach ihm Trost ein, aber sein kindisches Herz
fühlte schon zu sehr die Stacheln der Ehre und Schande, um sich durch Worte
beruhigen zu lassen.
    Die Gräfin war für ihn besorgt und zürnte bei sich nicht wenig über den
tollen Einfall ihres Gemahl, der nicht weniger bei sich über den unschuldigen
Liebesgott ungehalten war, dass er ihm durch sein unzeitiges Weinen den schönen
Plan verrückt hatte: denn nach seinem Willen sollte er nach der Tafel mit dem
Käfig abgehoben und seiner Gemahlin wie ein Papagei zum Geschenk überreicht
werden. Beide sprachen seit dieser Begebenheit in den übrigen drei Stunden, die
man noch bei Tafel zubrachte, wenig oder gar nichts mehr; und die Gäste assen,
tranken und hatten Langeweile während dieser Zeit auf die gewöhnliche Art.
 
                                Sechstes Kapitel
Bewundernswürdig ist der Mann, der zuerst die Kunst erfand, seine
Leidenschaften, Empfindungen und Urteile so tief in den innersten Winkel seiner
Seele zurückzudrängen, dass auch nicht eine Linie breit von ihnen durch Miene und
Gebärden hervorschlüpfte: aber dreimal, wo nicht mehrmal bewundernswürdiger ist
der Tausendkünstler, der zuerst seine Gesichtsmuskeln zur Freundlichkeit
anspannen und seine Worte zum Lobe stimmen konnte, wenn sein Herz zürnte und
missbilligte. Wer sollte glauben, dass die Gräfin bei so vielem innerlichen
Unwillen, bei so lebhaftem innerlichen Tadel, bei so starker Empfindung des
Lächerlichen in dem amour encagé doch nach aufgehobner Tafel den Urheber
desselben sogleich in ein Fenster ziehen und ihm mit einer Freude, die fast bis
zur Rührung stieg, für sein abenteuerliches Geschenk danken und die Art, wie er
ihr es machte, als schön, neu und interessant lobpreisen würde? -Ja, das tat sie
wirklich: sie küsste ihrem Gemahle einmal über das andre die Hand und versicherte
ihn, dass sie den Knaben weder Tag noch Nacht von sich lassen werde, weil er sie
beständig an die Dankbarkeit für ihres Gemahls Gnade erinnere. Jedes unter den
Anwesenden, als man von der Sache näher unterrichtet war, hielt es für billig,
dem Grafen, der ihnen so viele und schöne Essen vorgesetzt hatte, ein Kompliment
über seinen Vogelbauer zu machen, dass Michael Angelo durch seinen Bau an der
Peterskirche nicht zur Hälfte soviel Lob und Bewundrung eingeerntet hat als der
Graf Ohlau mit seinem hölzernen Käfig. Die Gräfin ging so weit, dass sie dem
Manne, der bei der Erbauung die Aufsicht geführt hatte, verbindlich die Hand
drückte, seine Arbeit als ein Meisterstück der Baukunst erhob und ihn für seine
Mühwaltung mit zehn Louisdoren beschenkte. Der Graf schwamm in Entzücken: er
fühlte sich über sich selbst erhaben, wie ein Künstler, der ein Denkmal seines
Talents, dauernder als Erz, unzerstörbar durch Regen, Feuer und Wasserfluten,
vollendet hat.
    Natürlich musste dieses Entzücken für den Knaben einnehmen, der es
veranlasste: der Graf befahl sogleich, ihn aufzusuchen und herbeizubringen, und
die Gräfin ging in eigner Person nach ihm, um ihn wegen des Unfalles bei Tafel
zu beruhigen. Ihre Bemühung kam zu spät: die kleine Baronesse Ulrike, die schon
einigemal genannt worden ist, war sogleich nach der Mahlzeit mit ihrer
gewöhnlichen Übereilung hinausgerennt, um den Liebesgott zu finden, von dem sie,
als er aus dem Käfig herausgenommen wurde, ein hübsches weisses Händchen gesehen
hatte, das sie in dem Augenblicke herzlich gern in die ihrige zu legen, zu
drücken, zu liebkosen wünschte. Auch bildete sie sich ein, dass zu dem hübschen
Händchen ein hübsches Gesichtchen gehören möchte, und eilte deswegen, ihre
Neubegierde zu befriedigen, weil sie auch schon in ihrem siebenten Jahre eine
grosse Liebhaberins von hübschen Mannsgesichtern war. Sie fand ihn auf dem
nämlichen Platze schlafend, wo er sich im ersten Unwillen über seine beleidigte
Ehre hingeworfen hatte. Er lag auf dem Fussboden in einer Ecke des Vorsaales, mit
dem Kopfe auf einem hingeworfnen Stuhlkissen ruhend: die kleine runde Wange
glühte wie ein Abendrot, eines von den niedlichen Händchen war unter dem linken
Backen verborgen, das andre lag auf dem rechten, gekrümmten Knie. Die Baronesse
ergriff es, streichelte und drückte es mit innigem Wohlgefallen an ihr Gesicht,
gab der einladenden Wange einen herzhaften Kuss, kniete, trotz der Konsideration,
in welcher sie eingekerkert war, vor ihm nieder und wiederholte, seine Hand in
die ihrigen geschlossen, den Kuss so oft und lange, dass sie einige Zeit ganz auf
dem Gesichte des Knaben liegen blieb. In dieser Stellung überraschte sie
Fräulein Hedwig, ihre seinsollende Gouvernante, watschelte wie eine Gans, die
halb fliegt und halb geht, auf sie zu und riss sie mit solchem Ungestüm von dem
Liebesgotte hinweg, dass sie zurückstürzte. Die Baronesse, die überhaupt aus
einem sehr elastischen Stoffe geschaffen war, raffte sich sogleich auf; und kaum
war sie wieder auf den Füssen, als schon die Gouvernante in völliger Rüstung
dastand, die Hände in die Seiten gestemmt: ihre schielenden Augen leuchteten
unbeweglich, wie ein paar Schneeballen, aus dem kirschbraunen aufgeschwollnen
Gesichte hervor, und die breiten aufgeworfnen Lippen zogen sich wie ein
Puderbeutel auf und zu, indem sie sprach. »Fi! schämen Sie sich!« fing sie an.
»Sich da, wie ein schlechtes Mädchen, auf einen geineinen Jungen zu legen und
ihm ein Gage d'amour zu geben!«
    Die Baronesse. Ich hab ihn geküsst -
    Fräulein Hedwig. O so schämen Sie sich und reden Sie nicht so pöbelhaft! Ein
solches gemeines Wort in den Mund zu nehmen! Fi! Baronesse!
    Die Baronesse. Alle Leute reden ja so. - Küssen! was -
    Fräulein Hedwig. So hören Sie! Wiederholen Sie doch das garstige Wort nicht
noch einmal! Haben Sie denn nicht achtgegeben, wie ich mich über solche
Unanständigkeiten ausdrücke? - Ich habe ihm ein Preuve d'affection, ein Gage
d'amour gegeben: so muss man sprechen, wenn man honett reden will. Die Lateiner
nennen das Vinculus amoris. Wenn Sie etwas gelernt hätten, brauchten Sie nicht
sich so schlecht auszudrücken wie ein gemeines Bürgermensch.
    »Ei!« sagte die Baronesse mit dem natürlichsten Tone und hüpfte auf einem
Beine dazu, »das läuft ja doch immer auf eins hinaus. - Der Junge ist
allerliebst: ich hab ihn recht lieb.«
    Fräulein Hedwig. Reden Sie doch nicht so frei! Unsereins sagt von
dergleichen Burschen: ich kann ihn wohl leiden.
    Die Baronesse. Sehen Sie nur, wie er so artig daliegt! Wie er die niedlichen
Fingerchen auf dem Knie ausgestreckt hat!
    Fräulein Hedwig. Ulrikchen! Wer wird denn von Knien sprechen?
    Die Baronesse. Wie soll ich denn sonst sagen?
    Fräulein Hedwig. Gar nicht davon sprechen! Man muss nichts von einer
Mannsperson nennen, was unter dem Kopfe ist.
    Die Baronesse. Gefällt er Ihnen nicht?
    Fräulein Hedwig. Ach, warum nicht gar gefallen? - Er ist mir nicht zuwider.
- Er liegt da wie der junge Prinz Adonis in des Grafen Kabinette. -
    Die Baronesse hüpfte zu ihm hin und drückte ihm einen flüchtigen Kuss auf den
Backen.
    »Lassen Sie das! sag ich Ihnen«, rief Fräulein Hedwig. »Sie sind ja so
frech, wie dort bei dem Homerus die Gräfin Lais.« Die Baronesse hüpfte auf einem
Fuss den Saal hinunter und sang sich eins dazu: indessen stand ihre Gouvernante,
in stummer Betrachtung verloren, vor dem schlafenden Amor und wurde von einer
unwillkürlichen Bewegung so hingerissen, dass sie sich zu ihm hinneigte und ihm
ein förmliches Gage d'amour gab. War ihr Kuss auch für Schlafende zu herbe, oder
drückte sie mit ihrem Rüssel den kleinen Heinrich zu sehr? Genug, er erhub seine
Hand und gab ihr eine empfindliche Ohrfeige, welche die Göttin so sehr in den
Harnisch jagte, dass sie die verbrecherische Hand ergriff und mit einigen derben
Schlägen bestrafte. »Du ungezogner Bube!« sprach sie mit ärgerlichem Tone, und
ihre dicke Pfote peitschte darauf los, wie ein Racket den Federball. Die
Baronesse war eben auf dem Rückwege in ihrem Tanze, als die Bestrafung des
kleinen Heinrichs vor sich ging: sogleich flog sie herbei wie ein Ritter, der
seine Geliebte von einem Drachen erlösen will, stiess das Fräulein zornig zurück
und versetzte ihr in der ersten Überraschung des Unwillens einige Hiebe auf den
Arm. Ihre Gouvernante, die ihre Hände zu allen Arten von Waffen gebrauchte, wozu
sie nur die Natur gemacht hat, legte ihre Finger in die Form einer
Habichtskralle und grub mit vier Nägeln eine vierfache Wunde in den Arm der
Baronesse. In diesem Augenblicke des Scharmützels langte die Gräfin an, um ihren
Liebling in das Zimmer zu holen. Der Kleine, als er sie erblickte, sprang
sogleich auf und lief ihr entgegen, die Baronesse desgleichen, nur Fräulein
Hedwig, die durch den Stoss ihrer Gegnerin in eine sitzende Lage war versetzt
worden, konnte ihren dicken schwerfälligen Körper nicht von der Erde aufbringen:
sie stemmte sich mit der Hand auf den Fussboden, und kaum hatte sie sich einige
Zolle erhoben, so plumpte sie wieder mit allgemeinem Krachen in die vorige Lage
zurück, dass die Fenster zitterten: die Scham vor der Gräfin machte ihre
Bewegungen übereilt, und je mehr sie arbeitete, emporzukommen, je erschöpfter
und keuchender fiel sie wieder hin, bis endlich ein Bedienter herbeieilte, um
ihr emporzuhelfen: allein bei der Anwendung seiner Kräfte hatte er die Schwere
der Maschine, die er aufziehen sollte, nicht genug berechnet: als sie beinahe
schon stund, stürzte sie wieder mit einem lauten Schrei und zog ihren Helfer so
unwiderstehlich mit sich nieder, dass er die Beine gen Himmel kehrte. Die
Erderschütterung, die dieser doppelte Fall erregte, lockte die ganze
Lakaienschaft herbei, und unter allgemeinem Gelächter half man den beiden
Unglücklichen endlich wieder auf die Füsse. Gräfin und Baronesse kondolierten dem
Fräulein sehr herzlich, allein sie konnte den Triumph der letztern so wenig
ertragen, dass sie, ohne ein Wort zu hören, zur Tür hinaus auf ihr Zimmer
watschelte.
    Die Gräfin ging, die beiden Kinder an der Hand, zur Gesellschaft zurück:
versteht sich, dass jedermann seinen Witz anstrengte, ihr wegen der Gruppe, in
welcher sie hereintrat, etwas Schönes zu sagen! Nachdem sie so durch den Witz
einer doppelten langen Reihe im eigentlichen Verstande Spitzruten gegangen war,
stellte sie ihrem Gemahle ihre beiden Begleiter zum Handkusse vor. Der Graf
wollte anfangen, sich zu freuen, allein man präsentierte die Karten, und ein
jedes ging an den Ort seiner Bestimmung.
    Für die Baronesse war dies eine erwünschte Begebenheit. Sie wanderte mit
ihrem Amor in ein Nebenzimmer und liess ihre lustige Laune in vollem Strome über
ihn ausbrechen. Unter den mannigfaltigen kindischen Neckereien, womit sie ihn
überhäufte und die er reichlich erwiderte, zog sie ihn besonders wegen seiner
Pfeile auf. - »O du ganz erbärmlicher Amor!« rief sie und schlug die Hände
zusammen: »willst die Leute mit Gänsespulen verwunden! Bist du nicht eine kleine
Gans?« -
    »Oh«, antwortete der verspottete Liebesgott und stellte sich mit einer
tapfern Miene in Positur, »ich schiesse alle Herzen im Leibe entzwei.«
    »Schiess her!« foderte ihn die Baronesse auf und bot ihre Brust dar.
    Der drollichte Knabe ergriff einen von seinen gefiederten Pfeilen und warf
ihn nach ihrem Herze. Das unschädliche Geschoss blieb in der Garnierung ihres
Kleides hängen: Die Baronesse stellte sich tödlich verwundet und sank rückwärts
auf einen Sofa.
    »Kann ich nicht treffen?« rief Amor und klatschte triumphierend in die
Hände. -
    O ihr guten Kinder! wüsstet ihr, welche Ungewitter die Liebe von diesem
Augenblicke an über euch sammelt - ihr hättet nicht mit ihren Pfeilen gespielt.
    »Ich will dich wieder lebendig machen«, sprach der siegende Liebesgott,
hüpfte zu ihr hin und drückte auf den Mund seiner hingesunknen Psyche einen der
lebhaftesten Küsse: mit ihm schlich ein geheimes Feuer in ihre Kinderseele,
durch alle Nerven des kleinen Körpers schoss eine zitternde Flamme, ihr Herz
schlug schneller, und alle ihre Sinnen schlummerten in ein minutenlanges Gefühl
der sanftesten Behaglichkeit dahin.
    Eben wollte der Dreiste die Lippen zurückziehn, als Fräulein Hedwig ins
Zimmer trat. Sie rennte mit schwerfälligem Trabe nach dem Sofa hin, um sich zum
zweiten Male unter einem schicklichen Vorwande für die Ohrfeige zu rächen:
allein der Knabe war ganz mit Amors Unverschämteit bewaffnet; er trat zurück
und drohte ihr, sie gleichfalls mit seinen Pfeilen zu erschiessen. Die mürrische
Gouvernante war zum Spass nicht aufgelegt und riss die Baronesse hinweg, mit der
ernsten Vermahnung, sich nicht mehr mit einem so gemeinen Jungen einzulassen,
weil sie sonst ebenso verbrennen könnte wie die Königin Dido, da sie sich vom
Grafen Äneas umarmen liess.
    Die Vermahnung, so gut gemeint und so nötig sie sein konnte, war auf einen
schlechten Grund gebaut und tat daher auch eine schlechte Wirkung: die
Baronesse, die noch ganz Natur war, fühlte zwischen der Liebenswürdigkeit eines
gemeinen und eines vornehmen Jungen keinen Unterschied, und sobald Fräulein
Hedwig nur den Rücken wandte, wischte sie zum Zimmer hinaus, den gemeinen
Jungen, der so wohltuende Küsse gab, aufzusuchen. Die Alte, wenn sie ihre
Abwesenheit inne wurde, setzte gleich mit allen Segeln hinterdrein; Ulrike floh
mit ihrem Liebesgotte aus einem Zimmer ins andre, wie ein Paar Tauben vom Geier
verfolgt, und jedesmal retteten sie sich in eins, wo Gesellschaft war und wo man
sie also nicht ausschelten konnte: so geschah diese Jagd einigemal während des
Spiels.
    Endlich rückte die Zeit des Balls heran: kaum war er eröffnet, so fand sich
die Baronesse mit ihrem Amor auf dem Tanzplatze ein. Ihre Gouvernante verwies
ihr etlichemal diese unanständige Aufführung: allein ihre Verweise hatten immer
etwas so Komisches bei sich, dass man sich nie entschliessen konnte, sie für Ernst
gelten zu lassen. Sie tanzten mutig miteinander fort, bis der Graf auf die
Entweihung der Gesellschaft durch die Gegenwart eines so gemeinen Jungens
aufmerksam wurde: er untersagte seiner Schwestertochter alles fernere Tanzen mit
ihm auf das schärfste und liess ihm einen Platz anweisen, wo er zusehen und den
er bei Vermeidung der höchsten Ungnade nicht verlassen sollte. Die Baronesse
begleitete ihn in sein Exilium und wich ihm nicht von der Seite, sooft man sie
auch von ihm hinwegrief und hinwegführte.
    Plötzlich verbreitete sich durch den ganzen Saal das Gerücht, dass ein
Gärtnerbursche bei Anzündung der Lampen, womit der mittelste Gang des Gartens
erleuchtet werden sollte, von der Leiter gefallen sei und das Bein gebrochen
habe. Der Graf kehrte sogleich alle Anstalten vor, dass es nicht zu den Ohren der
Gräfin gelangte, die mit ihrer gewöhnlichen Empfindlichkeit über den Gedanken,
sie sei die veranlassende Ursache seines Unglücks gewesen, die ganze übrige Zeit
des Balles unmutig und niedergeschlagen geworden wäre. Der Bursche war der
Liebling der Baronesse, und kaum wusste sie seinen Unfall - weg war sie! In einem
Zuge die Treppe hinunter, über den Hof in den Garten hinein, nach der
Gärtnerwohnung zu! und diesen ziemlich langen Weg machte sie in dem ärgsten
Regen, bei Donner und Blitz, in ihrem festlichsten Staate ohne die mindeste
Bedeckung, dass ihr bei dem ersten Schritte in dem durchweichten leimichten Boden
des Gartens die seidnen Schuhe steckenblieben: ohne sich dabei aufzuhalten, nahm
sie beide in die Hand und setzte ihre Reise in Strümpfen fort. Als sie bei dem
Gärtner ankam, erfuhr sie von seinem kleinen Sohne, dass man den Burschen zu
seiner Mutter in das Städtchen gebracht hatte: Jedermann war mit der durchs
Donnenvetter verunglückten Illumination beschäftigt, und sie musste den Knaben
durch Geld bewegen, dass er sie mit einer Laterne zu dem Hause brachte, wo der
Kranke lag. Sie machte sich in der nämlichen Witterung und mit der nämlichen
Bekleidung auf den Weg, erreichte die Wohnung und fand den Chirurgus mit dem
Verbinden beschäftigt. Mit der angelegentsten Sorgfalt tat sie ihm Handreichung
dabei, half den Fuss halten, sprach dem Burschen Trost ein, wenn ihn der Schmerz
zuweilen übermannte, ermahnte den Wundarzt, leise zu verfahren, und hielt bei
ihm aus, bis die ganze Verrichtung vorüber war. Bei dem Abschiede gab sie der
Mutter einen Gulden - ihr ganzes gegenwärtiges Vermögen - mit dem Versprechen,
die Wohltat zu vergrössern, sobald es ihre Umstände zulassen würden. Die Alte,
die es entbehren konnte, nahm ihr Geschenk mit vielen Komplimenten an, und weil
sie der Baronesse zu komplimentenreich dankte, so wischte diese zum Hause
hinaus, ehe noch jene ihren Dank geendigt hatte.
    In dem Schloss hatte sie niemand als Fräulein Hedwig vermisst, die deswegen
ängstlich alle Zimmer durchlaufen war, ohne zu erraten, wo sie sein möchte, ob
sie gleich eine Entlaufung um irgendeines andern Bewegungsgrundes willen
mutmasste: denn solche Unbesonnenheiten waren ihr gewöhnlich. Sie konnte in
keinem Winkel Ruhe finden und war halb des Todes, als die Baronesse in
zerrissner, ungepuderter Frisur und schmutzigen Schuhen in der Gesellschaft
auftrat. Mit einem freudigen »Er ist verbunden« eilte sie zur Gräfin und
erzählte ihr den ganzen Verlauf ihrer Expedition. Der Graf erblickte sie kaum,
als er zu ihrer Gouvernante voller Zorn ging und ihr ihre Unachtsamkeit mit
einem harten Verweis bezahlte, was sie eben so ängstlich befürchtet hatte: mit
gleicher Entrüstung scholt er Ulriken über die Unanständigkeit, sich in so
unsauberer Kleidung zu präsentieren, weidlich aus. Die Gräfin, welcher die
Übereilung der Baronesse im Herzen gefiel, küsste sie und sagte ihr freundlich:
»Du bist beständig ein solch guterziges unbesonnenes Ding gewesen und wirst es
auch wohl bleiben. Geh auf dein Zimmer!«
 
                                  Zweiter Teil
                                  Erstes Kapitel
Die Ursache, warum der Graf die Aufnahme des kleinen Heinrichs auf sein Schloss
betrieb, hörte unmittelbar nach der Geburtsfeier auf: er sollte das Werkzeug
seiner Politesse sein: das Werkzeug hatte seine Dienste getan und war in seinen
Augen nunmehr nichts Besseres wert als - es wegzuwerfen. Es war ihm so herzlich
zuwider, den gemeinen Jungen zuweilen um und neben sich zu dulden, dass die
Gräfin besorgte, er werde ihr einmal ebenso despotisch befehlen, ihm ihre
Zuneigung zu entziehen, als er vorhin darauf drang, ihrer Liebe für ihn keine
Gewalt anzutun. Der Gehorsam wäre ihr jetzt in der ersten Hitze ihrer Gunst
unendlich schwergefallen: dafür liess sie sich wohl nicht bange sein, dass sie in
dem äussersten Falle nicht Mittel genug finden werde, ihren Gemahl unvermerkt
dahin zu leiten, dass er ihr wider seinen Willen eine Aufopferung untersagen
musste, die er gern von ihr gefodert hätte: allein sie hielt es doch für klüger,
beizeiten vorzubauen, oder vielmehr, sie konnte nicht ertragen, dass jemand ihren
Liebling hasste, weil sie ihn so heftig liebte.
    Ihr Götze war die Neuheit, wie die Politesse die Abgöttin ihres Gemahls: in
den ersten Tagen, der ersten Woche einer neuen Zuneigung wurde ihr ihre
Gewogenheit zu einem wirklichen Leiden: mit der Unruhe der höchsten Leidenschaft
sorgte sie für den Gegenstand derselben: eine Minute Abwesenheit machte ihr
Kummer, und in seiner Gegenwart war sie unaufhörlich mit sich selbst
unzufrieden, dass sie keine Sprache noch Handlung wusste, um die ganze Stärke
ihrer Liebe auszudrücken und zu beweisen. Heinrich durfte keinen Augenblick von
ihrer Seite, musste sie überall begleiten, sie lehrte ihn in eigner Person
französisch lesen, liess ihn schreiben, sann beständig auf neue Zeitvertreibe für
ihn und betrieb seinen Unterricht und sein Vergnügen mit solchem Eifer, dass sie
tagelang nicht aus dem Zimmer kam. Er sass auf ihrem Schosse, hing ihr am Halse,
sie küsste und liebkoste ihn wie den zärtlichsten Liebhaber und wartete ihm auf
wie ihrem Gebieter: ein Wink von seinen Augen, ein Wörtchen, nur die mindeste
Äusserung eines Wunsches! - und sie flog sogleich, ihn zu befriedigen. Er hatte
ihr Herz so ganz ausgefüllt, dass ausser ihm für sie nichts in der Welt war, das
ihr nur eine sekundenlange Aufmerksamkeit wegstehlen konnte: die Baronesse
Ulrike, ihr Gemahl - alles war für sie so gut als vernichtet.
    Je stärker dieser Paroxysmus zunahm - denn weiter war es im Grunde nichts
als der Anfall eines leidenschaftlichen Fiebers-, je empfindlicher wurde ihr der
bemerkte Widerwillen ihres Gemahls gegen ihren Günstling. Um ihn zu heben,
fragte sie ihn eines Tages bei Tafel, ob er auf den Sonntag nicht in die Kirche
fahren und einen kleinen Türken dabei paradieren lassen wollte, der in seine
Dienste zu treten wünschte. Der Graf merkte, wen sie meinte, und sagte ja. Der
Sonntag erschien, und Heinrich war auf ihre Unkosten in Atlas als Türke
gekleidet.
    Eine solche Kirchenparade war eins der angenehmsten Opfer, womit der Graf
zuweilen seiner übermässigen Prachtliebe und seinem Stolze schmeichelte. Seine
ganze Hofstatt wurde alsdann beritten gemacht: die Jäger seiner ganzen
Herrschaft mussten sich in ihrem völligen Ornate tags vorher einfinden, um den
Zug verlängern zu helfen, der von dem Schloss durch alle Gassen des Städtchens,
die für eine Kutsche breit genug waren, bis zur Kirche ging. Die Hälfte der
Jäger zu Pferde mit vor sich gestellten Büchsen eröffnete ihn: an sie schloss
sich alles, was nur auf einem Pferde sitzen konnte und eine Bedienung ohne
Liverei bei dem Grafen hatte, in dem auserlesensten Schmucke; alle ritten in
weissen seidnen Strümpfen und grossen breiten Haarbeuteln, weil es der Graf für
unanständig hielt, bei einer so feierlichen Gelegenheit gestiefelt zu
erscheinen. Auf diese galante Kavallerie folgte die sämtliche Liverei zu Fuss,
mit langen spanischen Schritten, strotzend und starrend in reich verbrämten
Galakleidern; alsdann wurde in einem Staatswagen, geräumig wie ein Tanzzimmer,
der Graf, in einem zweiten ebenso grossen die Gräfin, in einem dritten die kleine
Baronesse, die in dem grossen Gebäude kaum zu finden war, und in einem vierten
Fräulein Hedwig wohlgemut, ein jedes mit Pferden von einer andern Farbe,
dahergezogen: den Beschluss machte der Rest der löblichen Jägerschaft. Auf der
rechten Seite der Kutsche, die den Grafen trug, ging zum Unterscheidungszeichen
der wohlbeliebte Maulesel des Grafen in seiner scharlachnen, goldbeladnen
Uniform; und die leere Stelle auf der linken Seite musste auf Veranstaltung der
Gräfin ihr Liebling in seinem atlasnen Türkenkleide einnehmen. Eine solche
Kirchfahrt war für den Grafen das köstlichste Vergnügen der Erde: er fühlte sich
so wohl, wenn er sich in dem gläsernen Kasten wiegte, so zufrieden mit sich
selbst! - Auch war es der sicherste Weg zu seiner Gunst, wenn man seine
abenteuerliche Kirchenparade verherrlichen half; und die Gräfin hatte aus keiner
andern Absicht ihren Heinrich zu seinem Kammertürken gemacht. Die Idee nahm ihn
so sehr sein, dass er mit beständigem Wohlgefallen aus der Kutsche auf den
kleinen Muselmann herabsah: er dünkte sich auf der Leiter der Hoheit um ein paar
Sprossen weiter hinaufgerückt. Da seine Gemahlin sonst dergleichen Aufzüge aus
dem guten Grunde verhinderte, weil sie ein Muster von Lächerlichkeit darin
fand, so war die Freude jetzt desto lebhafter, dass sie ihn selbst dazu
ermunterte: alles, auch selbst die Knoten seiner Perücke, wallten vor Entzücken
an ihm.
    Dies war der wichtige Augenblick, wo der kleine Heinrich den ersten Schritt
zur Gnade des Grafen tat, und wo die Vermutung des Publikums über seine
unehliche Geburt zur Gewissheit wurde. Dies konnte um soviel leichter geschehen,
da sein Vater erst zwei Jahre in den Diensten des Grafen und in dem Städtchen
war, und also seine vorhergehenden Familienumstände an diesem neuen Wohnorte
noch in einer kleinen Dunkelheit lagen.
    Noch den nämlichen Tag empfing er zur Belohnung der treugeleisteten
Begleitung einen besondern Beweis von der Gunst seines Patrons. Wenn das Wetter
nicht günstig war, um den prächtigen sonntäglichen Spaziergang zu machen, wovon
ich schon eine Beschreibung geliefert habe, so wurden die vakanten Stunden mit
andern ganz eignen Lustbarkeiten ausgefüllt. In einem solchen Falle befand sich
der Graf eben jetzt: trübe Regenwolken überzogen nachmittags den Himmel und
drohten jeden Augenblick mit Regen: er liess also alle Stalleute zusammenrufen,
sie mussten sich unter seinem Fenster im Zirkel stellen und zu einem Wettkampfe
bereitalten. Dieser Wettstreit bestand in nichts Geringerm, als dass er Äpfel
oder Kupferpfennige unter sie auswarf, damit sie sich darum balgten: sobald die
ausgeworfne Kleinigkeit in ihren Kreis herabfiel, stunden sie alle aufmerksam
da, die Augen auf den Preis geheftet: der Graf blies in ein Pfeifchen, und
sogleich stürzte auf dieses Losungszeichen der ganze Haufen übereinander her,
balgte, raufte, kratzte und drückte sich um des Plunders willen, währenddessen
immer neue Anreizungen zum Streite über sie herabgeworfen wurden. Sollte das
Spiel recht anziehend werden, so liess er die Erde mit Wasser befeuchten oder
stellte es nach einem starken und langen Regen an, wenn der leimichte Boden
schlüpfrig und durchweicht war, dass man bei jeder Bewegung ausgleitete und hie
und da einer sein Bild in Lebensgrösse in das nasse Erdreich eindrückte. Bei
dieser hohen Ergötzlichkeit hatte der neue Kammertürke die Gnade, das Körbchen
zu halten, das die auszuwerfenden Kupferpfennige entielt. So klein diese
Gnadenbezeugung vielen scheinen mag und auch in der Tat ist, so war sie doch in
den stolzen Augen des Grafen von ungemeiner Erheblichkeit: er erzeigte jemandem
alsdann die grösste Gnade, wenn er sich einen Dienst von ihm tun liess: das war
sein Grundsatz, und insofern musste sich der kleine Herrmann viel wissen; denn
der Graf brauchte ihn unaufhörlich zu seiner Bedienung, wo er zu brauchen war:
und da er ihn nunmehr in dem Lichte als ein ihm unterwürfiges, dienendes Subjekt
betrachtete, so hatte er wider seinen Aufentalt auf dem Schloss nichts mehr
einzuwenden.
    Aber desto mehr die Gräfin wider die öftern Bedienungen, die er von ihm
foderte: es war ihr höchst vedriesslich, dass er so oft von ihr und ihren
Beschäftigungen mit ihm abgezogen wurde; und weil sie ihren Gemahl durch keine
Vorstellung darüber beleidigen wollte, so ging sie so weit, dass sie sich ganze
halbe Tage in einem abgelegenen Pavillon im Garten verschloss, ohne dass jemand
wusste, wohin sie war.
    Plötzlich, wie ein Fieber ausbleibt, stund bei der Gräfin ihre Leidenschaft
für den Knaben still: ohne die mindeste Veranlassung, sogar ohne die mindeste
Unzufriedenheit mit ihm erlöschte ihre Zuneigung: es wurde ihr lästig, ihn
beständig um sich zu haben, beschwerlich, sich mit ihm abzugeben, selbst
unangenehm, ihn zu sehen. So schöpfte sie meistenteils im Anfange jeder
Leidenschaft das Herz mit so vollen überlaufenden Eimern aus, dass auf einmal
eine gänzliche Trockenheit entstand: allmählich begann die ausgetrocknete Quelle
wieder zu fliessen, und nunmehr ward erstlich eine vernünftige, gemässigte Neigung
daraus, die die Zeit weder vermehrte noch verminderte, die nie strömte, sondern
nur zuweilen auf kleine Zeiträume anschwoll und dann zu einem stillen,
ordentlichen Laufe wieder zurückkehrte.
    Heinrichs Glück war es, dass das erste Aufschwellen ihrer Liebe bei ihm
sobald vorbeischoss: er wäre der verzärteltste, eingewilligste, unleidlichste
Bursche durch die geworden. - Um sich seiner zu entledigen, übergab sie ihn dem
jungen Manne, den der Graf für den Unterricht der Baronesse besoldete. Er hiess
Schwinger.
 
                                Zweites Kapitel
Soviel Glück es für den kleinen Herrmann war, in die Hände seines neuen Lehrers
zu geraten, soviel Freude verursachte es diesem, die Laufbahn seiner
Unterweisung und seines pädagogischen Ehrgeizes dadurch erweitert zu sehen. Er
war einer von den Unglücklichen, denen die Natur viele Kraft und das Schicksal
nichts als unwichtige Gelegenheiten gibt, sie zu äussern: Talente und Ehrbegierde
bestimmten ihn, ein Volk zu regieren, und weil sich kein Volk von ihm regieren
lassen wollte, so regierte er - Kinder. Um ihn noch mehr zu tücken, nötigte ihn
sein widriges Geschick, den Platz in dem Hause des Grafen anzunehmen und in dem
engern Kreise, der dem Unterrichte eines Frauenzimmers meistenteils
vorgezeichnet wird, wie ein Vogel in dem Rade, womit er sich einen Fingerhut
voll Wasser aufzieht, umzulaufen. Ein Pferd, das gern mit gestrecktem Galopp
über Felder, Hügel, Tal und Berg in die weite Welt dahinrennen möchte und
gezwungen wird, täglich in einem Zirkel von etlichen Ellen im Durchschnitte sich
herumzudrehen und einerlei Bewegungen zu wiederholen, kann nicht so bäumen, so
brausen und von dem innerlichen niedergehaltenen Feuer geängstigt werden als
dieser arme Jüngling, zumal da seine Schülerin mehr einen lebhaften als
wissbegierigen, mehr einen unternehmenden als fähigen Geist hatte, bei wenig Lust
auch nur wenig in ihrer Wissenschaft fortrückte und in nichts merklich zunahm
als im Briefschreiben, worin sie frühzeitig ungewöhnliche Fertigkeit und eine
angenehme fliessende Sprache erlangte. Er wollte ausser sich wirken, pädagogische
Lorbeern einsammeln und hatte kein Feld, wo er sie pflücken konnte: Mut, Geist
und Nerven erschlafften in ihm: er verzehrte sich selbst.
    Er sass eben, als ihm die Gräfin ihren entsetzten Liebling übergeben wollte,
voll trüber unruhiger Empfindungen im Garten der Einsiedelei - einem düstern
Tannenwäldchen, dessen schlanke Bäume so dicht aneinander standen, dass ihre
verschlungnen Wipfel fast nie einen Strahl Tageslicht durchliessen. Mitten unter
ihnen hatte man auf einem leeren Platze einen künstlichen Berg aufgeworfen und
eine Höhle hineingewölbt, deren Wände mit Moos überzogen waren und beständige
Kühlung gewährten. Nicht weit davon machten zwei Mühlen ein angenehmes Getöse,
und wenn man in der Höhle sass, erblickte man durch die glatten Stämme der Tannen
den blinkenden Wassersturz eines Wehrs, der wie ein augespanntes Tuch mit einem
hohlen Brausen herniederschoss. Jedermann im ganzen Hause des Grafen, den
geheimer Kummer, Vapeurs, Hypochondrie oder schlechte Verdauung quälte,
flüchtete an diesen Schutzort der Melancholie, und niemand, wenn seine Wunde
nicht zu tief in der Seele sass, ging leicht ungetröstet hinweg: die einförmige
Musik des Wassers und die totstille Finsternis wiegten sehr bald in einen
sanften Schlummer ein, der Herz und Nerven erquickte.
    Die Gräfin suchte damals diese Zuflucht, um sich vor der Langeweile zu
schützen, die gewöhnlich bei ihr und vielleicht bei jedem Menschen den Zustand
begleitete, wenn sie eines Vergnügens überdrüssig war und, wie auf Stahlfedern,
mit einem unbestimmten Verlangen nach Neuheit hin und her schwebte. Sie fand
alsdann nirgends Ruhe: alles war ihr zuwider: ängstlich irrte sie aus dem Zimmer
in den Garten und aus dem Garten in das Zimmer, fing zehn Arbeiten an,
beschäftigte sich mit jeder einige Minuten und warf sie weg, fütterte die
indianischen Hühner ein paar Augenblicke und warf ihnen ungeduldig das ganze
Brot vor die Füsse, sah ihre Gemälde, ihre Kupferstiche durch und gähnte, blickte
in ein Buch, las zwei Zeilen und legte es gähnend neben sich, holte ein anders
und schlief ein. In einem solchen Gemütszustande kam sie jetzt in den Garten, ihr
bis zur Sättigung geliebter Heinrich, der sie eben in jene unruhige Langeweile
versetzt hatte, ging hinter ihr drein, einen Teil von Gessners Schriften unter
dem Arme, die sie unter allen deutschen Produkten des Geschmacks allein und gern
las. Ihre Füsse trugen sie von selbst zu dem Tannenwäldchen und der Einsiedelei,
wo sie Schwingern, mit einer ähnlichen Krankheit behaftet, antraf. Er war
gewohnt, neben ihr zu sitzen, wenn ihr Gemahl nicht dabei war, der das Sitzen
eines Mannes, den er bezahlte, in seiner Gegenwart als eine unanständige
Vertraulichkeit verwarf: er nahm also, ohne ihren Befehl zu erwarten, nach der
ersten Begrüssung sogleich wieder Platz.
    »Sie sind verdriesslich«, fing die Gräfin mit verdriesslichem Tone an. »Seien
Sie doch aufgeräumt! Ich weiss gar nicht, warum ich nun seit drei Tagen kein
einziges fröhliches Gesicht auf dem ganzen Schloss erblicke. Wen ich anrede,
der antwortet mit dem langweiligsten Ernste, und wenn er ja lacht, so sieht
man's doch genau, dass er sich dazu zwingt. Selbst die Bäume im ganzen Garten
sehn so unmutig, so gelbgrün aus, als wenn der ganzen Natur nicht wohl zumute
wäre. - Sagen Sie mir nur, ob ihr Leute alle auf einmal hypochondrisch geworden
seid?«
    Schwinger. Vermutlich scheinen wir alle darum nicht aufgeräumt, weil es Euer
Exzellenz nicht sind -
    Die Gräfin. Ich? nicht aufgeräumt? - Ich dächte, dass ich's wäre. - Wissen
Sie kein Mittel wider die Langeweile?
    Schwinger. Wenn Beschäftigung oder Zerstreuung nicht hilft -
    Die Gräfin. Wenn Sie sonst keine Arznei wissen, diese kenn ich. - Tun Sie
mir nur den Gefallen und machen Sie nicht ein so langweiliges Gesicht: man wird
ja selbst verdriesslich, wenn man Sie nur ansieht.
    Schwinger. Ich beklage unendlich - so will ich mich lieber entfernen -
    Die Gräfin. Bleiben Sie nur! - Wissen Sie nichts Neues?
    Schwinger. Nichts als das einzige -
    Die Gräfin. Erzählen Sie mir's nicht! Es ist doch vermutlich etwas
Langweiliges. - Finden Sie nicht auch, dass die Welt immer alltäglicher wird?
    Schwinger. Ja, ich fühle sehr oft die Last der Einförmigkeit.
    Die Gräfin. Unausstehlich einförmig ist alles. - Es fehlt Ihnen wohl an
Zeitvertreiben bei uns? - Trösten Sie sich mit mir! Der Graf macht mir immer so
viele Veränderungen, dass ich - à propos! ich will Ihnen einen neuen Zeitvertreib
schaffen. Hier den kleinen Heinrich nehmen Sie zu sich, unterrichten und
erziehen Sie ihn, so gut Sie können: vielleicht lässt sich etwas aus ihm machen.
Er soll Ihnen ganz überlassen sein: die nötigen Bücher und andere Dinge fodern
Sie von mir!
    Schwinger. Für dieses Geschenk danke ich mit so vieler Freude, als wenn -
    Die Gräfin. Ich bitte Sie, machen Sie mir durch Ihre Komplimente keine
Langeweile! - ich kann Ihnen vorderhand keine Vermehrung des Salärs versprechen:
allein wir werden schon sehn!
    Schwinger. Ich bin völlig zufrieden, völlig zufrieden, dass ich eine Arbeit
bekomme, die mehr Tätigkeit fodert als meine bisherige: und wenn ich mir den
Beifall Eurer Exzellenz verdienen könnte -
    Die Gräfin. Sie werden mich Ihnen verbinden, wenn Sie ein wenig Fleiss auf
den Burschen wenden. - Sehn Sie, wer kömmt!
    Schwinger ging, es zu untersuchen, und berichtete, dass es der Graf sei. -
»Ach!« brach die Gräfin in der ersten Überraschung des Verdrusses aus; »da wird
erst« - die Langeweile angehn, wollte sie sagen; allein sie unterbrach sich und
setzte hinzu, als eben der Graf in die Einsiedelei trat: »Sie erzeigen mir sehr
viel Gnade, dass Sie mir ihre unterhaltende Gesellschaft gönnen, gnädiger Herr.«
    Der Graf machte ein Gegenkompliment, setzte sich und gähnte. »Ich habe
schreckliche Langeweile auf meinem Zimmer gehabt«, fing er an. »Wenn man keinen
Gefallen mehr an der Jagd findet, so weiss man immer nicht, was man mit der Zeit
anfangen soll. Alle Tage Gesellschaft aus der Nachbarschaft zusammenzubitten ist
sehr beschwerlich! Ich bedaure Sie nur, dass ich nicht genug zu Ihrem Vergnügen
beitragen kann -«
    Die Gräfin. Mein grösstes Vergnügen ist Ihre Gesellschaft. Ihre Unterhaltung
lässt mich nie Langeweile haben.
    Der Graf versicherte, dass er solche liebreiche Gesinnungen zu verdienen
suchen werde, gähnte und schwieg. Beide sassen lange stumm da, wie die leibhaften
Bilder des Verdrusses - hin und wieder eine kahle Frage nebst einer ebenso
kahlen Antwort - dann ein schmeichelhaftes Komplimentchen - hinter jeder Anrede
und Antwort ein langes Intervall von Stillschweigen - das war ihr höchst
unterhaltendes Gespräch. Nachdem sie sich fast eine halbe Viertelstunde mit
einem so mühseligen Dialoge gemartert hatten, so versicherte der Graf, dass er
durch seine Gemahlin ganz aufgeheitert worden sei, und sie tat ihm aus
Erkenntlichkeit die Gegenversicherung mit schläfrigem Tone, dass er ihr eine der
schlechtesten Launen durch seine Gegenwart vertrieben habe.
    Als diese lebhafte Unterhaltung ganz erloschen war, fand sich die Baronesse
bei der Einsiedelei ein und stutzte, dass sie zusammenfuhr, da sie beim Eintritte
Onkel und Tante mit niedergesenktem Haupte in tiefem Stillschweigen erblickte. -
»Was willst du?« fragte der Graf. - »Die Zeit wurde mir auf dem Zimmer zu lang«,
antwortete sie.
    Die kleine Heuchlerin! Sie war ausgegangen, den kleinen Herrmann
aufzusuchen; und die Zeit wurde ihr auf dem Zimmer zu lang, weil er nicht bei
ihr war.
    »Immer wird dir die Zeit zu lang«, fuhr der Graf fort. »Klagen wir doch
niemals darüber. Mache es wie wir, so wird dir die Zeit niemals zur Last fallen!
Setze dich zu uns! Unterhalte dich! Ein lebhaftes Gespräch wie das unsrige lässt
gar nicht daran denken, dass es Zeit gibt.«
    »Wo ist Hedwig?« fragte die Gräfin. - Die Baronesse berichtete, dass sie
schon über eine halbe Stunde ausgegangen sei.
    Die lebhafte Unterhaltung stund abermals still, wie ein ausgetrockneter
Bach.
    Nach einigen Minuten hörte man Fräulein Hedwigs Stimme sich mit vieler
Heftigkeit nähern und zugleich ein Geräusch, als wenn ein ganzes Regiment
Infanterie hinter ihr drein marschierte. Die Baronesse sah sich danach um und
brachte die Nachricht zurück: dass Fräulein Hedwig in Begleitung der sämtlichen
Domestiken anrücke. Unmittelbar darauf erschien sie in höchsteigner Person; weil
sie niemanden in der Höhle vermutete, stellte sie sich einige Schritte weit von
ihr hin, den Rücken nach dem Eingange gekehrt. Die Bedienten traten in einen
Halbzirkel und hörten aufmerksam zu. Mit lauter Stimme, den rechten Arm
ausgestreckt, die Hand geballt und den Zeigefinger in eine demonstrierende Lage
gesetzt, hub sie an: »Dort in Norden steht Ursus magnum, auf deutsch der Grosse
Bär genannt« - Schnapp! riss ihr ganzes Auditorium aus, als wenn einem jeden der
Grosse Bär auf den Schultern sässe und ihn verschlingen wollte. Ihre Demonstration
blieb vor Verwunderung in der Luftröhre stecken, und lange stund sie mit
ausgestreckter Hand wie versteinert da und sah den flüchtenden Zuhörern nach.
Endlich drehte sie sich um, von ihrer Arbeit in der Höhle auszuruhen, wurde den
Grafen gewahr und begriff nunmehr die plötzliche Flucht ihrer Schüler: der
Anblick des Grafen, den sie alle wie eine Gotteit fürchteten, hatte sie
verscheucht. Sie schämte sich und trat mit einer tiefen Verbeugung in die Höhle
hinein.
    Die Gräfin erkundigte sich lächelnd nach ihrer gehabten Verrichtung, und ob
sie sich gleich anfangs weigerte, die Wahrheit zu gestehen, so trieb man sie
doch durch wiederholte Fragen so in die Enge, dass sie bekannte, sie habe
erschreckliche Langeweile auf ihrem Zimmer gehabt und sei deswegen darauf
verfallen, die Domestiken auf patetische Art im Spaziergehen, wie Aristoteles,
die Astronomie zu lehren.
    »Warum geben Sie sich mit solchen schlechten Leuten ab?« sagte der Graf.
»Wissen Sie denn keine bessere Gesellschaft? - Setzen Sie sich zu uns! so wird
es Ihnen nicht an Zeitvertreibe fehlen.«
    Fräulein Hedwig gehorsamte mit dankbarer Ehrerbietung und schwieg. Niemand
sprach ein Wort. - Nach langer allgemeiner Stille erhub sich der Graf. »Man
redet sich«, sagte er, »in der Länge müde und trocken: wir wollen zusammen
ausfahren.« - Die Baronesse übernahm freiwillig das Geschäfte, die Kutsche zu
bestellen.
    In der Kutsche war das Gespräch ebenso belebt wie in der Einsiedelei und an
allen Enden und Orten, wo sich der Graf befand: denn er foderte als ein Zeichen
des Respekts, dass man in seiner Gegenwart schwieg, dass man gern in seiner
Gesellschaft war und sich nirgends besser vergnügte als bei ihm, wenn man gleich
vor Langerweile in Ohnmacht hätte sinken mögen: wirklich bildete er sich auch
ein, dass seine Gesellschaft die beste sei, weil er jedem eine grosse Gnade zu
erzeugen glaubte, dem er sie gönnte.
 
                                Drittes Kapitel
Unmittelbar nach der Erscheinung des Grafen in der Höhle war Schwinger mit
seinem neuen Untergebenen davongeeilt, um sich mit ihm über die Verbindung zu
freuen, in welche sie treten sollten. Er fand sehr bald in ihm viel Talente,
schnelle Begreifungskraft, festes Gedächtnis, Witz und einen hohen Grad von der
vorzeitigen Wirksamkeit der Urteilskraft, die man gewöhnlich Altklugheit bei
Kindern nennt. Über die Vorfälle und Revolutionen des Hauses, über die
Handlungen der Personen, die es ausmachten, über die Art, wie man bei gewissen
Gelegenheiten verfahren sollte, entwischten ihm oft so glückliche Bemerkungen
und Urteile, dass sein Lehrer wünschte, sie selbst gesagt zu haben. Gegen den
eigentlichen Bücherfleiss hatte er eine grosse Abneigung: Sachen, die man
gewöhnlich nur lernt, um sie zu wissen, nahm sein Kopf wie eine unverdauliche
Speise gar nicht an: was ihm die Unterredung seines Lehrers darbot, fasste er
gierig auf und erlangte durch diesen Weg eine Menge Kenntnisse, die ihn selbst
in den Augen des hochgelehrten Fräulein Hedwig zu einem Wunder von Gelehrsamkeit
machten. Genau betrachtet, merkte man deutlich, dass sein Kopf nicht gestimmt
war, eine Wissenschaft durchzuwandeln und in ihre kleinsten Steige und
Winkelchen zu kriechen oder jedes Blümchen und Grashälmchen, das Alte und Neuere
in ihr gesät, erzeugt, geerntet haben, genau zu kennen; sein Blick ging
beständig ins Weite, war beständig auf ein grosses Ganze gerichtet: was er
lernte, verwandelte sich unmittelbar sozusagen in seine eignen Gedanken, dass
er's nicht gelernt, sondern erfunden zu haben schien, und seine Anwendungen
davon bei den gewöhnlichen Vorfällen des Lebens waren oft sehr sinnreich und
nicht selten drollicht.
    Was seinem Lehrer die meiste Besorgnis machte, war der ungeheure Umfang
seiner Tätigkeit und Leidenschaft. Dieser junge Mensch, sagte er sich oft, muss
dereinst entweder sich selbst oder andre aufreiben. Seine grosse Geschäftigkeit,
wenn sie der Zufall unterstützt und ihr nicht Unglück, Warnung, Erfahrung und
natürliche Rechtschaffenheit beizeiten die nötige Richtung und Einschränkung
geben, wird alles in ihren Wirbel hinreissen, sein Ehrgeiz alles erringen und
sein Stolz alles beherrschen wollen: stösst ihn aber das Schicksal in einen engen
Wirkungskreis hinab, der seine Tätigkeit zusammenpresst, dann wird er, wie eine
zusammengedrückte Blase voll eingeschlossener Luft, zerspringen, sich selbst
quälen und auf immer unglücklich sein. Gleichwohl kann ich nach meiner besten
Einsicht nichts für ihn tun, als dass ich seinen Ehrgeiz auf nützliche, gute und
wahrhaftig grosse Gegenstände leite, sein natürliches Gefühl von
Rechtschaffenheit belebe und durch unmerklich eingeflösste Grundsätze stärke; dass
ich ihn im strengsten Verstande zum ehrlichen Mann zu machen suche und dann alle
Leidenschaften in ihm aufwecke, damit sein Ehrgeiz durch ihr Gegengewicht
gehindert wird, sein Herz ganz an sich zu reissen. Ob aus ihm das Schicksal einen
Lasterhaften oder Tugendhaften, einen grossen Mann oder stolzen Windbeutel werden
lassen will, das steht in seiner Gewalt: ich habe wenigstens verhütet, dass er
nie ein Bösewicht oder Schurke sein wird.
    Nach diesem Plane predigte er ihm nie die Unterdrückung der Leidenschaften,
gebot ihm nicht, sie niemals ausbrechen zu lassen, sondern liess der Wirksamkeit
seiner Natur freien Lauf und war bloss bedacht, seine Denkungsart durch Beispiele
und seltne, gleichsam nur hingeworfene Maximen zu bilden. Mit den grossen Männern
der Geschichte ward sein Lehrling in kurzem so bekannt wie mit Vater und Mutter:
ihre guten und bösen Handlungen wusste er auswendig: sie begleiteten ihn ins
Bette, bei Tische und auf den Spaziergang: sie waren seiner Einbildungskraft
allgegenwärtig wie das Bild einer Geliebten: er unterredete sich in der
Einsamkeit mit ihnen, sah sie vor sich hergehn, tadelte und bewunderte sie. Ihre
Büsten, in Gips geformt, waren seine tägliche Gesellschaft: er stellte den Kopf
des Cicero auf den Tisch, einen weiten Halbzirkel bärtiger Römer, wenn sie auch
hundert Jahr vor ihm gelebt hatten, um ihn herum, und hielt dann hinter ihm eine
nervöse, durchdringende Rede wider den Catilina, ermahnte die ehrwürdigen Väter
der Stadt, das Ungeheuer zu verbannen, und beseelte ihren schlaffen Mut mit
römischem Feuer. Am öftersten musste Cato die ausschweifenden Sitten, die Pracht
und Verschwendung seiner Mitbürger schelten und sie zur Mässigkeit, Sparsamkeit
und wahren Grösse des Herzens ermuntern, wobei er niemals vergass - sosehr es auch
wider die Chronologie war -, ihnen sein eignes Beispiel zu Gemüte zu führen.
Wenn in seinem Gipssenate Unterhandlungen über Krieg und Frieden gepflogen
wurden, so konnte man allemal sicher sein, dass es zum Frieden kam: war aber
vielleicht einer von den asiatischen Königen, ein Antiochus oder Mitridat, zu
übermütig, so entstand zuweilen in der Ratsversammlung selbst so heftiger Krieg,
dass sich die streitenden Gipsköpfe die Nasen aneinander entzweistiessen. Wenn
eine Szene aus der neuern Geschichte aufgeführt wurde, so brauchte er die
nämlichen Schauspieler dazu, und nicht selten traf das Unglück den armen Cato,
dass er den Tomas Becket vorstellen musste. Das härteste Schicksal widerfuhr
jederzeit Leuten, die ihr Wort nicht gehalten, andre betrogen, überlistet oder
niederträchtig gehandelt hatten: sie wurden mit Ruten gestäupt, und dem Nero
grub er einmal die Augen förmlich aus, weil er ihm zu geldsüchtig war.
Dergleichen Schauspiele wurden meistenteils in Gesellschaft der kleinen
Baronesse aufgeführt, die oft, starr und steif vor Aufmerksamkeit, unter den
alten Römern sass und einmal bei einer Leichenrede des Julius Cäsar durch die
Beredsamkeit des kleinen Redners bis zu Tränen gerührt war. Zu gleicher Zeit
grub sich seine niedliche Figur, die sie bei solchen Gelegenheiten in so
mancherlei vorteilhaften Stellungen und Wendungen, in so einnehmenden Bewegungen
erblickte, immer tiefer in ihr Herz, und man kann behaupten, dass sie von jedem
seiner Spiele um einen Grad verliebter hinwegging. Wenn man noch überdies
erwägt, dass seine dabei gehaltnen Reden, entweder durch die Stärke des Tons,
womit er sie ans Herz legte, oder auch durch den Ausdruck und die eingestreuten
Sentiments, die er aus den Unterredungen seines Lehrers aufgefasst hatte,
jederzeit einen Eindruck auf sie machte, so war's kein Wunder, dass sie schon in
ihrem, neunten und zehnten Jahre von den grossen Eigenschaften und dem Reize
eines achtjährigen Redners so gut hingerissen wurde als ein achtzehnjähriges
Mädchen von einem schön tanzenden Jünglinge. Einem schönen Körper in reizender
Bewegung widersteht eine weibliche Seele in keinem Alter.
    Bei ihrem Geliebten hingegen war jede Liebkosung, die er ihr
verstohlnerweise gleichsam hinwarf, jede Gefälligkeit, womit er sie überhäufte,
mehr kindische Galanterie als Liebe. Es liess sich zwar mit einer kleinen
Aufmerksamkeit wahrnehmen, dass die tägliche Gesellschaft der Baronesse in den
Lehrstunden, ihr Umgang bei seinen Spielen, ihre zudringliche Guterzigkeit bei
den kleinsten Gelegenheiten, ihre Lebhaftigkeit und angenehme Bildung auch in
seiner kleinen Brust den Keim einer Zuneigung befruchtet hatte, die vielleicht
bald Wurzel fassen, Äste und Zweige treiben würde, nur mit der Axt umgehauen und
nie ausgerottet werden könnte: allein es war doch ebenso sichtbar, dass er sich
ohne grosse Schmerzen von ihr getrennt und sie vergessen hätte, wenn man ihn
damals ausser dem Hause des Grafen in eine Laufbahn brachte, die seine Tätigkeit
erschöpfte und ihm die Aussicht auf eine Befriedigung seines Ehrgeizes gab. Er
durfte nur in eine öffentliche Schulanstalt oder Pension versetzt werden, wo
Wetteifer seine Kräfte anspannte, wo er Lob und Ehre zu erringen hoffte: nicht
eine Minute würde er angestanden haben, das Schloss des Grafen mit allen seinen
Herrlichkeiten zu verlassen, wenn man ihm seinen neuen Aufentalt von jener
Seite vorgestellt hätte, da hingegen die Baronesse ihm vielleicht nachgelaufen
und ohne Einsperrung nicht zurückzuhalten gewesen wäre: Sie ging wirklich schon
einmal mit diesem Plane um, als Fräulein Hedwig der Gräfin den vertrauten Umgang
der beiden Kinder verdächtig gemacht und sie beredet hatte, Heinrichen auf eine
Schule zu tun. Alles suchte sogleich den Vorsatz der Gräfin rückgängig zu
machen: Schwinger stellte ihr die Mangelhaftigkeit und Sittenverderbnis
öffentlicher Anstalten vor und malte ihr ein schreckliches Bild von der dort
herrschenden Verführung, dass sie sich der Sünde geschämt hätte, durch ihre
Wohltat zu dem Verderben des Knaben etwas beizutragen. Der Hofmeister, dem eine
solche Trennung das Leben in seiner gegenwärtigen Stelle unleidlich gemacht
hätte, trug durch seine einseitigen Vorstellungen den Sieg über Fräulein Hedwig
davon; und die Baronesse wusste ihre Gouvernante so unvermerkt in ihr Interesse
zu ziehen, dass sie gern nicht mit einem Worte an ihre erregte Besorgnis dachte
und sie sogar der Gräfin wieder zu benehmen suchte.
    Die Sache war - Fräulein Hedwig hatte ihr vierzigjähriges Herz durch den
sogenannten Stallmeister des Grafen, einen Menschen ohne Geburt, tödlich
verwunden lassen - so tödlich, dass Tag und Nacht das kurze untersetzte Männchen
im grünen Reitkollette und in lichtgelben Beinkleidern auf dem kastanienbraunen
Engländer in ihrem Kopfe herumritt. Sie gab ihm sehr oft auf ihrem Zimmer
Zusammenkünfte, auch fand sie sich nicht selten bei nächtlicher Weile bei dem
kleinen Boulingrin im Garten mit ihm ein. Bei Vermeidung der grössten Ungnade
durfte sie eine solche Liebe nicht entdecken lassen, da sie eine Anverwandtin
des Grafen war: gleichwohl wurde die Entdeckung unvermeidlich, sobald sie die
Baronesse wider sich aufbrachte. Sie überlegte sich diesen gefährlichen Umstand
beizeiten und bemühte sich von selbst, die Gräfin wieder auf andre Gesinnungen
zu bringen: besonders da sie durch ihre unüberlegte Anzeige auch Herrn Schwinger
beleidigt hatte, so fürchtete sie desto mehr und arbeitete deswegen aus allen
Kräften, sich ihn verbindlich zu machen.
    Noch nicht genug! Diese Wendung nahm die Sache, ohne dass eine von den
Parteien sich gegen die andre in eine wörtliche Erklärung eingelassen hatte: die
Baronesse dachte in aller Unschuld gar nicht weiter daran. An einem Sommerabende
gerät Schwinger auf den Einfall, einen Spaziergang nach Tische in den Garten zu
tun; und weil er noch einen Brief zuzusiegeln hatte, so gab er Heinrichen, der
ungeduldig nach dem Abmarsche verlangte, die Erlaubnis voranzugehn. Er tat es:
kaum hatte ihn die Baronesse aus dem Fenster gehen sehn - husch! war sie
hinterdrein. Heinrich ging, den Kopf voll von römischen Kaisern, die mittelste
Allee hinauf: eh er sich's versah, hatte er einen Kniff von hinten zu in den
Backen, und ein freundliches »Guten Abend« benahm ihm sogleich die Furcht, die
der Kniff zu erregen anfing. Kaum waren sie einige Schritte miteinander
gegangen, so hörten sie hinter einer Hecke auf der linken Seite den Sand
knistern: die Baronesse, der man so vielfältig und ernstlich alle
Vertraulichkeit mit ihrem geliebten Heinrich untersagt hatte, besorgte, verraten
zu werden, gab ihrem Begleiter noch einen leichtfertigen Kniff und wanderte
durch eine Öffnung der Hecke in einen Seitengang. Als sie um die Ecke
herumkömmt, steht ihre Gouvernante in Lebensgrösse da: sie hat trotz der
Überraschung Besonnenheit genug, dass sie die Salope vor das Gesicht nimmt, als
wenn sie sich vor der Abendluft verwahren wollte; und nun linksum nach einer
andern Seite, als wenn sie niemanden gesehen hätte. Die Baronesse war für ihr
Alter ziemlich gross und hatte nichts als einen gelben Unterrock an; die
halbblinde schielende Hedwig sieht in der Dämmerung diesen gelben Jüpon für die
lichtgelben Beinkleider ihres Adonis und die schwarze Salope für sein grünes
Reitkollett an: um die Illusion zu erleichtern, hatte der schadenfrohe Zufall
der Baronesse eingegeben, den Capuchon über den Kopf zu ziehen. Fräulein Hedwig
vermutete anfangs, dass er sie nicht wahrgenommen habe, und schickte ihm deswegen
einen scharmanten »Adonis« nach dem andern nach: da keine Antwort erfolgte, so
hielt sie sein Stillschweigen für eine verliebte Neckerei, und um ihrerseits
gleichfalls nichts an dem Spasse fehlen zu lassen, ging sie den vermeinten gelben
Beinkleidern wie einem helleuchtenden Sterne nach. Die Baronesse stand in dem
Wahne, dass ihr ihre Gouvernante nachsetze, um sie auf der Tat zu ertappen und
dann recht exemplarisch auszuschelten, und verdoppelte deswegen ihren Schritt.
Wie das alte Meerkalb hinterdrein trabte! und keuchte, halb vor Erschöpfung,
halb aus verliebter Inbrunst! Und einmal über das andre röchelte sie: »Du
schalkhafter Adonis! - Du mutwilliger Narzissus! - Ich will dich wohl haschen,
du loser Koridon! - Da hab ich dich, du dicker Amyntas!« rief sie an dem
Gattertore und griff zu - pah! da stand sie! erstarrt vor Schrecken, als sie
statt der gelbledernen chaussure, wie sie zu sagen pflegte, einen seidenen
Unterrock in ihren Händen fühlte, als sie aus ihrer verliebten Täuschung
erwachte und vor sich die Baronesse und die Sekunde darauf Herrn Schwinger
erblickte, der eben zu dem Gattertore hereintrat. Das Bewusstsein ihrer verbotnen
Absicht und die Besorgnis, sich verraten zu haben, raubten ihr so ganz alle
Überlegung, dass sie nicht einmal eine Lüge fand, ihren Fehltritt zu bemänteln,
sondern die Augen niederschlug und, zitternd an allen Gliedern, hinwegging. Die
Baronesse begleitete sie.
    Für Schwingern war der ganze Auftritt ein unauflösliches Rätsel, und die
Baronesse machte auch nichts als schwankende Mutmassungen. Die Hauptsache erriet
sie: ihre ähnliche Situation in Ansehung des kleinen Heinrichs führte ihr
augenblicklich bei den Ausrufungen ihrer Gouvernante die Vermutung herbei, dass
sie mit ihr auf einem Wege gehen müsste. Als sie hinter ihr die Treppe
hinaufstieg - keins von beiden sprach eine Silbe -, fiel ihr ein, dass Fräulein
Hedwig sehr oft den Stallmeister des Grafen, wenn er vor ihnen vorbeigegangen
war, einen dicken Amyntas genannt hatte: - nun war sie auf der Fährte!
    Nach ihrer Ankunft in dem Zimmer fing die Baronesse an, aber ohne boshafte
Absicht, ohne spotten zu wollen: »Sie dachten wohl, ich wäre der dicke
Stallmeister?«
    Die Frage versetzte sie in Todesschrecken: sie schwieg, die Knie sanken ihr,
sie setzte sich auf den Sofa, die breiten Lippen zitterten, als wenn sie ein
Krampf auf- und niederrisse. Die Baronesse besah indessen einen Finger ihrer
rechten Hand am Lichte und saugte das Blut aus einer Wunde, die ihr unterwegs
eine Stecknadel gemacht hatte. »Hab ich nicht recht?« fragte sie noch einmal
während ihrer Operation.
    »Ach, Ulrikchen!« stöhnte von hinten zu aus der dämmernden Ecke, wo der Sofa
stand, eine schwache erlöschende Stimme zu ihr her. Sie drehte sich um, blickte
hin, ergriff das Licht und beleuchtete ihre totblasse, mit der Ohnmacht ringende
Gouvernante, zog ihr Riechfläschchen aus der Tasche und schwenkte ihr einen
grossen Strom ins Gesicht, dass das Kinn wie ein Drachenkopf an einer Dachrinne
triefte: voll Lebhaftigkeit holte sie das Waschbecken, und ehe noch das Fräulein
die Hilfe verbitten konnte - pump! lag ihr der ganze Seifenstrom im Gesichte:
sie riss ein Bündel Federn aus dem Tintenfasse, zündete sie an und hielt ihr den
brennenden Wisch unter die Nase, dass sie vor dem Höllendampfe hätte ersticken
mögen. Hustend schlug sie den stinkenden Federbusch von sich weg und
versicherte, dass sie nicht ohnmächtig sei. Die Baronesse tat alles mit so
geschäftiger Liebe, so guterziger Besorgnis und stund, nachdem ihre Hülfe
verbeten war, mit so unruhigem Erwarten da, in einer Hand das Licht, in der
andern die verbrannten Federn, mit starrem Blicke auf Fräulein Hedwigs Gesichte
geheftet!
    »Ach, Ulrikchen!« sprach das Fräulein mit bebender Stimme; »verraten Sie
mich nicht! Ich bitte Sie um Gottes willen, verraten Sie mich nicht!« -
    Die Baronesse begriff nichts von dem Galimatias. - »Warum denn?« fragte sie
verwundernd.
    Fräulein Hedwig. Ach, Sie wissen alles; ich bin in Ihrer Gewalt.
    Die Baronesse. Was soll ich denn wissen?
    Fräulein Hedwig. Ach, verstellen Sie sich nicht! Sie wissen alles: Sie
wissen, dass ich dem Stallmeister zu Gefallen gegangen bin -
    Die Baronesse. Ich weiss nicht ein Wort davon.
    Fräulein Hedwig. Verstellen Sie sich nur nicht! Sie wissen, dass wir einander
liebhaben: - lieber Gott! man ist ja auch von Fleisch und Blut geschaffen wie
andre Menschen - wenn's denn nun gleich kein Edelmann ist. Aber wenn das der
Herr Graf erführe! Ich müsste mit meinem dicken Narzissus den Augenblick aus dem
Hause. - Gerechter Gott! über das Unglück! die Ungnade! Ich müsste verhungern und
verderben. - Ich will Ihnen herzlich gern in allem zu Gefallen sein, Ulrikchen:
nur verraten Sie mich nicht! -
    Die Baronesse versprach's und gab ihr ungefodert ihre Hand darauf. Indessen
war sie doch durch die übermässige Angst der Gouvernante wegen einer Sache, die
sie nach ihrem Begriffe für eine so unendliche Kleinigkeit hielt, nicht wenig
neugierig geworden und erkundigte sich also, was sie mit dem dicken Narzissus
hätte machen wollen.
    Fräulein Hedwig. Sie sind auch zu neugierig: das lässt sich ja so nicht
sagen. In Ihrem Alter darf man darnach gar nicht fragen.
    Die Baronesse. Warum denn nicht? - Ist es denn in meinem Alter etwas Böses,
jemanden liebhaben?
    Fräulein Hedwig. Ja, wenn's bei dem Liebhaben bliebe! Aber wir sind böse von
Jugend auf.
    Die Baronesse. Was sollte denn weiter geschehn? - - Wenn man nun auch
jemanden, den man liebhat, in die Backen kneipt oder in die Waden zwickt oder
kitzelt oder einen Kuss - ein Gage d'amour, wie Sie's nennen -
    Fräulein Hedwig. Ach, das hat alles nichts zu bedeuten: aber, aber! der
Teufel schleicht umher wie ein brüllender Löwe. - Wenn's nur der Graf nicht
erfährt!
    Die Baronesse. Wenn das alles nichts zu bedeuten hat, warum fahren Sie mich
denn immer so an, wenn ich Heinrichen zwicke oder küsse? - Auch sogar die Tante
untersagte mir's neulich so scharf; und es hat doch nichts zu bedeuten, wie Sie
selbst sagen.
    Fräulein Hedwig. Ja freilich hat das nichts zu bedeuten: aber liebes Kind!
es geht weiter.
    Die Baronesse. Ich wüsste nicht - es fällt mir gar nicht ein, weiter zu
gehen: was sollte man denn sonst tun?
    Fräulein Hedwig. Das schickt sich noch nicht für Sie zu wissen. Die
Mannspersonen sind gar zu verführerisch. Wissen Sie nicht, dass sich Iupiter
optimus maximum in einen Schwan verwandelt hat - in cygnus mutatus est steht in
einem lateinischen Buche - und bloss, um die arme unschuldige Helena zu
verführen, die hernach zwei Knäblein und zwei Mägdlein auf einmal zur Welt
gebracht hat. - Ja, sehen Sie, das ist eben der Spektakel! Wenn das nicht wäre!
- Versprechen Sie mir ja, dass Sie niemanden etwas sagen wollen! Wenn Sie auch
der Graf oder die Gräfin fragt, tun Sie nur, als wenn Sie gar nichts wüssten.
    Die Baronesse. Herzlich gern! Aber Sie müssen es auch der Tante nicht wieder
sagen, wenn Sie mich einmal mit Heinrichen schäkern sehen, und mich nicht immer
von ihm jagen, wenn ich ihn etwa an der Hand führe! Es hat ja nichts zu
bedeuten, wie Sie selbst sagen. Wenn Sie mir das versprechen -
    Fräulein Hedwig. Ich versprech es Ihnen ja, wenn Sie nur Ihr Versprechen
halten!
    Die Baronesse. Und müssen mir auch nicht immer so nachgehn und mir
auflauren, ob ich etwa mit ihm allein bin - es hat ja nichts zu bedeuten. Dafür
will ich Ihnen auch ein andermal, wenn wir einander wie heute antreffen, gleich
sagen: Ich bin nicht der dicke Amyntas. - Sie können mit ihm machen, was Sie
wollen: ich will gar nicht hinsehn. Wollen Sie das?
    Fräulein Hedwig. Ich will ja: nur verraten Sie mich nicht! - »Nur verraten
Sie mich nicht!« war noch ihre letzte Bitte, als sie ins Bette stieg. Als sie
ihr Gespräch nunmehr bei ruhigem Blute überdachte, so merkte sie wohl, dass sie
eine Narrheit begangen und in der ersten Angst zu übereilt angenommen hatte, die
Baronesse wisse um alles: auch fühlte sie ein wenig, dass sie sich zu einer
beständigen Verletzung ihrer Gouvernantenpflicht anheischig gemacht habe: doch
über dergleichen Gewissensvorwürfe wischte sie bald weg und bereitete sich nun
zu einer Unterredung mit Schwingern zu, um zu erfahren, ob er auch etwas von
ihrer Liebesangelegenheit wisse; denn sie hatte ihn im Verdacht, als ob er wider
seine Gewohnheit so spät um ihretwillen in den Garten gegangen sei.
    Die Baronesse schlief eine gute Stunde weniger als sonst, weil sie
verschiedene Spekulationen beschäftigten. - Wenn's bei dem Liebhaben bliebe! -
Es geht weiter. - In ihrem Alter darf man das nicht wissen - ewig kamen diese
und ähnliche Reden ihrer Gouvernante in ihr Gedächtnis zurück: sie wollte sich
davon losmachen, sie schloss die Augen, um einzuschlafen, sie wandte sich bald
rechts, bald links: nichts half! in ihrem Kopfe schwammen immer die nämlichen
Gedanken herum.
    Den folgenden ganzen Morgen über lauerte Fräulein Hedwig am Fenster auf
Schwingern wie ein Kater auf eine Maus: er ging nicht vorbei. Ihre Unruhe liess
sie nicht länger warten: sie musste eilen, Gewissheit über ihre Besorgnis zu haben
und im Notfalle durch eine untergeschobne Lüge der Ausbreitung der Wahrheit
zuvorkommen. Sie nahm also einen alten Autor in die Hand und ging unter dem
Vorwande, ihn über den Sinn einer Stelle um Rat zu fragen, zu ihm auf das
Zimmer. Ohne lange Umschweife lenkte sie sogleich die Unterredung auf ihr
gestriges Zusammentreffen im Garten; und Schwingers Antworten auf ihre Fragen
über diesen Punkt machten es ihr unzweifelhaft, dass er weiter nicht daran
gedacht hatte, noch haben würde, wenn sie ihn jetzt nicht darauf brächte.
Schwinger war ein sehr ehrlicher Mann, besonders aller Verstellung unfähig; er
ging seinen Gang in diesem Leben vor sich hin, ohne sich sonderlich um die
Handlungen andrer links und rechts neben ihm zu bekümmern, wenn sie nicht auf
sein Wohl oder Weh unmittelbar wirkten oder seine besondre Pflicht ihn nötigte,
acht auf sie zu haben: weil sie das gewiss wusste, so hielt sie die Mühe, mit
welcher er sich an die Umstände jenes Zusammentreffens erinnerte, für
aufrichtig. Indessen war es doch einmal soweit gekommen, dass ihm nun der ganze
Vorgang wieder einfiel: er besann sich, dass sie die Baronesse bei dem Rocke
erwischt und dabei gerufen hatte: Da hab ich dich, du dicker Amyntas!, und
erkundigte sich nunmehr nach der Veranlassung dieses seltsamen Auftritts.
    »Warum ich das tat?« antwortete sie und freute sich im Herzen, ihre
ausgedachte Lüge an den Mann zu bringen. - »Das war ein Stratagematum. Sie
wissen, dass die Baronesse beständig ihrem Heinrich nachläuft und ihm zuweilen
sehr viele Marques d'amour gibt. Es ist meine Pflicht, über das Mädchen zu
wachen, dass sie mit einem so gemeinen Jungen nicht zu weit geht: man weiss ja,
wie leicht der Satan durch seine Fallacibus alt und jung betrügt -«
    Schwinger. O für den Satan ist mir nicht leid, wenn nur nicht das böse
Beispiel -
    Fräulein Hedwig. Ja, das weiss man wohl, dass die Herren, die in Academiis -
sprech ich nicht so recht?
    Schwinger. Völlig recht!
    Fräulein Hedwig. - die in Academiis et Gymnasibus gewesen sind, keinen
Teufel glauben: aber der Glaube kommt ihnen mannigmal in die Hände.
    Schwinger. Vor dem Teufel ist ihre Baronesse und mein Heinrich sicher: den
Schaden, den er ihnen zufügt, nehm ich über mich. Wenn wir sie kein böses
Beispiel sehen lassen noch geben -
    Fräulein Hedwig. Sie denken doch nicht etwa, dass ich der Baronesse ein böses
Beispiel gebe? - Sie könnten mich in einen hübschen Ruf bringen -
    Schwinger. Nein, das war mein Gedanke gar nicht. In Ihrem Alter, gnädiges
Fräulein, ist man darüber hinweg, ein böses Beispiel zu geben.
    Fräulein Hedwig. Das ist nun eben kein galantes Kompliment.
    Schwinger. Weder etwas Galantes noch ein Kompliment will ich Ihnen sagen.
Ich hoffe aber, Ihnen auch nichts Ungalantes noch Beleidigendes zu sagen, wenn
ich Ihnen alle die Gesetzteit und Ruhe der Leidenschaften zutraue, die Ihr
Alter und Ihre Aufsicht über eine junge Dame erfodert.
    Fräulein Hedwig. Immer das Alter! Immer das Alter! Mein Alter ist ja noch
kein Jahrhundert.
    Schwinger. Man wäre sehr unglücklich, wenn man so lange Zeit brauchte, um
weise zu werden. - Aber wir kommen von Ihrer Erzählung ab. Sie haben also die
Baronesse im Verdacht -
    Fräulein Hedwig. Nicht im Verdacht! ich weiss es gewiss, dass sie den Jungen
liebt.
    Schwinger. Das sollte mir lieb sein.
    Fräulein Hedwig. Lieb sein? - Sie haben wohl nicht ausgeschlafen.
    Schwinger. Ich spreche mit völligem Bewusstsein. Ich wollte noch obendrein
wünschen, dass auch mein Heinrich sie liebte.
    Fräulein Hedwig. Bedenken Sie doch, was daraus entstehen könnte! Wenn sie
nun in amori weiter gingen!
    Schwinger. Das müssen wir verhüten. Vor allen Dingen muss man ihnen aus der
Liebe kein Verbrechen machen, es ihnen nicht untersagen, Zuneigung zueinander zu
fühlen und zu bezeigen. Eine solche Zuneigung ist meistens nichts als ein hoher
Grad kindischer Freundschaft: untersagt man ihnen diese, so nötigt man sie
selbst, an der Liebe eine andre Seite aufzusuchen, die die Natur die meisten
Kinder nur spät kennen lehrt. Die innere Empfindlichkeit kann man durch kein
Verbot unterdrücken: sie verschliesst sich wie ein unterirdisches Feuer und
steckt entweder die Einbildungskraft oder den Körper in Brand. Vergeben Sie mir,
dass ich Ihnen bei der Gelegenheit einen Vorwurf machen muss! Wenn die Baronesse
weiter geht - Ihren Ausdruck zu gebrauchen -, so sind Sie schuld daran.
    Fräulein Hedwig. Was sagen Sie? - Sie werden doch nicht denken, dass sie mein
Beispiel verdirbt?
    Schwinger. Nein, das nicht, aber Ihr Verbot! Was haben Sie dadurch gewonnen?
Dass sie Schlupfwinkel sucht! dass sie eine kindische Neigung, die sie vor Ihnen
nicht blicken lassen darf und doch nicht unterdrücken kann, nur dann äussert,
wenn's am gefährlichsten ist, das heisst, wenn sie beide allein sind! Durch die
Zurückhaltung in Ihrer Gegenwart wird sie, wie verschlossne Luft, stärker und
ihre Ausbrüche desto gewaltsamer, wenn ihr äusserer Widerstand weggeschafft ist.
Hätte man sie nicht gehindert, so wäre sie vielleicht in einem halben Jahre
abgenutzt worden, dass ich so sagen mag: sie hätten nie die Heimlichkeiten, die
Einsamkeit gesucht, und wir hätten sie mit geringer, unmerklicher Wachsamkeit
dafür bewahren können: doch jetzt brauchten wir Argusaugen, und noch wär's
misslich.
    Fräulein Hedwig. Wir müssen uns nur nicht wie Argus durch die Flöte des
Ambassadeurs Mercurii einschläfern lassen, so wird sich's wohl geben.
    Schwinger. Nein, es gibt sich nicht so leicht! Man hat sie einmal auf den
Weg hin gestossen: fünf Minuten Einsamkeit! - und wer kann diese in einem Hause,
wie das unsrige, ganz vermeiden? - ein Tête-à-tête von fünf Minuten kann sie auf
diesem Wege zu Entdeckungen führen, vor denen ich zittre.
    Fräulein Hedwig. Sie müssen nur Ihren Heinrich gewöhnen, dass er nicht alle
unanständige Sachen so deutlich heraussagt, wie ich mit der Baronesse tue: aber
sie will sich auch nicht daran gewöhnen. Es ist mir recht ärgerlich, wenn sie
alles wie die Grasemägde deutsch nennt und nicht lieber eine anständige
französische oder lateinische Expression gebraucht.
    Schwinger. Was hülfe denn das? Bleibt der Sinn nicht derselbe?
    Fräulein Hedwig. Behüte! man muss angenehme Umschreibungen machen und viele
Sachen gar nicht nennen. Die Worte führen weiter, als man glaubt.
    Schwinger. Sehr richtig! aber nur dann am weitesten, wenn man die Zahl der
unanständigen Dinge und Worte zu sehr vergrössert! Sie meinen doch vermutlich
solche Unanständigkeiten, die wegen ihrer Verbindung mit der körperlichen Liebe
Kindern gefährlich werden können? - Eben diese Verbindung muss man verringern: je
mehr Sachen, die ihrer Natur nach nur in einer entfernten Beziehung mit ihr
stehen, man für unanständig erklärt, je mehr Dinge gewöhnt man sie in einer
solchen Beziehung zu denken; und auf das Denken kömmt es an, nicht aufs Nennen.
Die Delikatesse muss in diesem Punkte in die engsten, natürlichsten Schranken
zurückgeführt werden. Warum sollte man in Gegenwart eines Knaben einen Busen
nicht einen Busen nennen?
    Fräulein Hedwig. Schämen Sie sich doch! Vor einem Frauenzimmer so etwas zu
nennen!
    Schwinger. So wenig als ein Frauenzimmer sich schämt, einen zu haben! Mein
Untergebner muss einen Busen mit ebensolcher Gleichgültigkeit nennen als einen
Finger oder ein Gesicht: ich will alles Spiel seiner Einbildungskraft dabei
hindern, einen Busen so wenig in Verbindung mit der Liebe zu setzen als einen
Finger. Einen schönen Busen soll er schön finden wie ein schönes Gesicht, eine
schöne Hand: so wenig ich verhüten kann, dass ein schönes Gesicht gewisse
Empfindungen bei ihm veranlasst, so wenig kann ich's auch bei dem Anblicke eines
schönen Busens tun: aber das hab ich doch gewonnen, dass sie ein schöner Busen
nicht mehr veranlasst als eine schöne Hand.
    Fräulein Hedwig. Nun weiss ich doch, warum er so gern nach den Autels de
l'amour schielt!
    Schwinger. Das ist einer von Ihren delikaten Ausdrücken, die unendlich mehr
Schaden tun als die bestimmteste Benennung. Sie lehren ja durch solche
Umschreibungen Ihrer Baronesse selbst Beziehungen, die sie so spät als möglich
denken sollte. Mein Heinrich schielt nach keinen Altären der Liebe, sondern er
sieht mit dem nämlichen Vergnügen einen Busen, womit er ein Gesicht ansieht, das
ihm gefällt: an die Liebe denkt er gar nicht dabei; diese hat sich seiner
Einbildungskraft noch nicht bemächtigt: er fühlt sie bloss, wie sie ihn die Natur
fühlen lässt.
    Fräulein Hedwig. Ja, das Fühlen! das ist eben das schlimme Ding.
    Schwinger. Lange so schlimm nicht, als Sie sich einbilden! Man muss nur ein
solches unvermeidliches und im Grunde auch nicht tadelhaftes Gefühl immer mehr
in Freundschaft verwandeln und ihm beizeiten zween Hüter entgegenstellen - Scham
und Ehre.
    Fräulein Hedwig. Das tu ich fleissig: ich erinnere die Baronesse daran, dass
er nur ein gemeiner Bursche ist.
    Schwinger. Und geben ihr, um sie vor Fehlern zu bewahren, ein Laster! den
unerträglichsten, armseligsten Stolz! - Nein, die Ehre, die ich meinem
Untergebnen einpflanzen will, ist ein Grad von Rechtschaffenheit, ein
beständiges Bestreben, nichts zu tun, was andern schaden oder missfallen kann -
»Vergeben Sie«, fiel ihm Fräulein Hedwig ins Wort, »dass ich Sie unterbreche! Ich
bin noch im Negligé, wie Sie sehen: ich muss nunmehr an meine Toilette. -«
    Sie machte eine tiefe Verbeugung und wanderte die Treppe hinunter, voller
Freuden, dass sie der Entdeckung ihrer Liebesangelegenheiten auf allen Seiten
vorgebaut hatte. Vermutlich um ihr Gewissen wegen des Versprechens zu beruhigen,
das sie gestern abend in der Übereilung der Baronesse tat, und auf eine andere
Art den Folgen vorzubeugen, die aus der angelobten Unachtsamkeit auf die
Tändeleien ihrer Untergebnen entstehen könnten, ging sie, nachdem sie angezogen
war, sogleich zur Gräfin und bat sie noch einmal um ein geschärftes Verbot an
die beiden Kinder, mit dem Zusatze, dass sie nicht verraten werden möchte, weil
die Baronesse einen Groll auf sie werfen würde, welcher alle gute Wirkungen
ihrer Erziehung hinderte - und was dergleichen Beschönigungen und Gründe mehr
waren!
    Die Gräfin versprach Verschwiegenheit. Es wurde ihr nunmehr selbst bange,
dass ihr Gemahl, wenn er hinter das Verständnis käme, allen seinen Zorn über sie
ausschütten und ihr allein die Schuld beimessen würde, da sie die Veranlassung
gewesen war, den jungen Herrmann ins Haus zu nehmen. Die Furcht malte ihr die
Sache viel schrecklicher vor, als sie war, und liess sie alle mögliche Folgen,
die ein Liebesverständnis begleiten können, schon als völlig gewiss besorgen.
Alle Vertraulichkeiten und Freiheiten der Liebe, heimliche Flucht, Entehrung der
Familie, allgemeine Nachrede, Verachtung bei allen von ihrem Stande - aus diesen
und ähnlichen Zügen setzte sich ihre Besorgnis ein fürchterliches Bild zusammen,
bei dessen Vorstellung sie erschrak, dass sie zitterte. Eilfertig liess sie
Schwingern zu sich rufen und schärfte ihm neue Wachsamkeit ein: er mochte ihr
sagen, soviel er wollte, dass die Liebe bisher noch unschuldig sei und dass man
sie zuversichtlich durch ein neues Verbot strafbar machen werde: da half nichts!
Die Gräfin gab ihm alles das zu und sagte nichts, als dass sie einmal über das
andere wiederholte: - »Werde daraus, was auch wolle! wenn's nur der Graf nicht
erfährt!« - Sie war in zu heftiger Wallung, um sie nicht durch fortgesetzten
Widerspruch zum Unwillen wider sich zu reizen: Schwinger schwieg also, gelobte
verdoppelte Wachsamkeit an und ging ab.
    Die Gräfin war wirklich in der äussersten Unruhe. Den Knaben nach einer
zweijährigen bessern Erziehung den Eltern zurückzugeben schien ihr schimpflich
und unbillig; ihn auf eine Schule zu tun zu kostbar: und gleichwohl stand der
Zorn des Grafen wie ein Ungeheuer, das ihr mit der Dorngeissel droht, vor den
Augen. Sie wusste keinen bessern Ausweg, als dass sie die beiden Verliebten zu
sich kommen liess und durch Furcht in die nötigen Schranken zurückscheuchte. Der
junge Herrmann musste zuerst erscheinen: aller vertraulicher Umgang mit der
Baronesse wurde ihm schlechterdings untersagt, und in dem Eifer des Verbotes
brach ihr Stolz so sehr durch den Schleier der Politesse, dass sie ihm seine
niedrige Geburt als eine Ursache vorrückte, warum ihm ein solcher Umgang nicht
erlaubt sei; auf den Übertretungsfall, der schon in einem Berühren der Hände
bestehen sollte, setzte sie die Verbannung aus dem Schloss und Städtchen zur
Strafe. Das nämliche Verfahren wurde auch unmittelbar darauf gegen die Baronesse
beobachtet und ihr die Zurücksendung zu ihrer Mutter - einer Witwe, der die
Verschwendung ihres Mannes nicht das mindste übriggelassen hatte, einer Frau
ohne Erziehung und voller Strenge - zur Strafe angekündigt.
    Heinrich, ob er gleich der Gräfin nicht einen Laut antwortete, kam in einer
Glut auf das Zimmer seines Lehrers: sein Ehrgeiz war durch den Vorwurf einer
Geburt und das Verbot so beleidigt, dass ihn Schwinger lange Zeit nicht
besänftigen konnte. Er wollte mit aller Gewalt von dem Schloss und aus der
Gegend weg: sein Lehrer mochte ihm noch so dringend die Undankbarkeit
vorstellen, die er durch einen so ungestümen Abschied aus dem Hause seiner
Wohltäterin beging - noch so fürchterlich die Gefahren vormalen, denen ein
Bursche von seinem Alter in der weiten Welt ausgesetzt sei, wo man Geld haben
oder verdienen müsste, um fortzukommen: er blieb unbeweglich in seinem Vorsatze.
Schwinger, der ihn wie seinen Sohn liebte und seine rasche Gemütsart kannte,
besorgte in der Tat eine Entlaufung. Er ging brausend und schnaubend in den
Garten: Schwinger, in einer kleinen Ferne, folgte ihm nach, doch ohne dass es
schien, ihn beobachten zu wollen. Er eilte gerade nach der Gartenmauer,
erblickte eine Leiter, setzte sie an: Schwinger lauerte verborgen hinter der
Hecke. Heinrich sah sich noch einmal um und - husch! war er die Leiter hinauf.
Schwinger stürzte sich aus seinem Hinterhalte hervor und ertappte ihn bei dem
Rocke, als er eben den Fuss aufhub, um von der Mauer hinabzuspringen: er zog ihn
nach sich her und trug ihn in den Armen die Leiter herab.
    »Lieber Sohn«, sprach er, als er herunter war, und hielt ihn noch immer in
den Armen fest, »ich bitte dich um Gottes willen, begehe keine Unbesonnenheit!
Ich muss dir folgen, wenn du gehst. Ich liebe dich zu sehr, um dich auf immer
unglücklich werden zu lassen. Willst du mir zuliebe nicht eine kleine
Beleidigung ertragen? - Verschmerze sie und mässige dich!«
    dabei drückte er ihn so fest an sich, dass der junge Mensch laut schrie. Er
liess ihn los. Heinrich stund vor ihm und sah in den Sand. Mit halber Rührung und
halbem Zorne stampfte er auf die Erde und sprach: »Ich kann unmöglich bleiben.«
    Schwinger. Wohl, so gehe! - Aber ich schwöre dir, ohne mich sollst du nicht!
Ich habe dich so weit gebracht, dass ich mich deiner freuen kann; und nun sollt
ich dich allein, hülflos, halb gebildet in die Welt, in Mangel, Elend, Gefahr
und Verführung hineinrennen lassen, ohne dir beizustehn? -Nein, ich bin dein
Begleiter: ich will mit dir betteln, arbeiten, hungern, schmachten und sterben.
Aber ehe du deinen Entschluss ausführst, nur einen Augenblick Überlegung!
Bedenke, dass du dich und mich, deinen einzigen Freund, der Schande aussetzest,
als wären wir wie Schelme durchgegangen, dass du mich, den du so kindlich liebst,
ins Unglück mit dir hineinziehst, dass du mich zwingst, meine Liebe gegen dich
als eine Torheit anzusehn, als eine Schwachheit, die mich elend macht! - Kannst
du es ertragen, dass dich jedermann für einen undankbaren, einen jachzornigen,
unbesonnenen Buben, einen entlaufnen, liederlichen Menschen schilt, dessen Namen
man mit Verachtung und Abscheu nennt? Kannst du es ertragen, dass du deinen
Lehrer auf immer unglücklich machtest, weil er dich zu sehr liebte? - Itzt
beweise, ob ich recht hatte, dass ich dich für einen edeldenkenden Jüngling
hielt, den Ehre und gutes Herz regieren, oder ob du ein schlechter und
niederträchtiger Mensch ohne Ehre und Gewissen bist! - Willst du nun, so gehe!
Ich folge dir. -
    Heinrich fasste seine Hand und sprach mit nassen Augen: »Ich bleibe: aber ich
kann unmöglich die Gräfin wieder ansehn.«
    Schwinger. Das sollst du nicht, bis dass du wieder gesund bist. Du liegst
itzo gefährlich krank am Zorne; und von Kranken kann man nicht verlangen, dass
sie billig sein sollen. Komm! wir wollen einen Spaziergang zu unserm Freunde,
dem Pastor Schweder, tun: Bewegung, Zerstreuung, Gesellschaft wird dich gewiss
kurieren.
    Heinrich. So eine entsetzliche Beleidigung! - Wenn ich gleich kein Graf bin,
muss ich denn darum ein schlechter Kerl sein, der mit einer Baronesse nicht
einmal umgehen darf?
    Schwinger. Lieber Sohn, wenn man so tödlich krank ist wie du, da kann man
nicht richtig urteilen: sobald du wieder völlig gesund bist, dann wollen wir von
deiner Beleidigung zusammen sprechen. Itz denke nicht an so eine verdriessliche
Sache, damit du desto geschwinder genesen kannst.
    Mit diesen Worten ergriff er seine Hand und ging mit ihm, Arm in Arm, zu
ihrem Freunde, der auf einem nahe gelegnen Dorfe wohnte. Unterwegs beschäftigte
er ihn unaufhörlich mit Erzählungen, die er freilich nur mit halber
Aufmerksamkeit hörte: gekränkte Ehre und vielleicht, auch ohne sein Bewusstsein,
gekränkte Liebe nagte zu sehr in ihm: und seine innerlichen, vielfachen, sich
kreuzenden Empfindungen und Gedanken nahmen allmählich so eine Wendung, dass er
sich vorsetzte, die Baronesse, der Gräfin zum Trotze, zu sprechen und zu lieben.
Seine bisherige Neigung zu ihr, die gleichsam eingehüllt in einem Winkel des
Herzens gelegen hatte, wagte sich auch in diesem Augenblicke so weit hervor, dass
sich seine Gedanken einen grossen Teil des Wegs über mit einer zärtlichen
Betrübnis von der Baronesse unterhielten. Er sann auf Mittel, sie öfter heimlich
zu sehn, und es schien ihm zu seinem Vergnügen und seiner Rache so
schlechterdings notwendig, sie öfter zu sehen, dass er jetzt schon Unruhe empfand,
weil er durch den Spaziergang abgehalten wurde, seinen Trotz in der Minute zu
befriedigen. Schwinger glaubte ihn durch seine Erzählungen beruhigt zu haben:
weit gefehlt! die Aussicht auf seine ausgedachte Rache war es, die ihn vor der
Ankunft bei ihrem Freunde schon ganz wieder aufheiterte. Der gute Mann wusste
nicht, wie richtig er prophezeit hatte, dass harter Widerstand aus kindischer
Freundschaft wahre Liebe machen werde.
    Auf die Baronesse, weil sie schon wirkliche Liebe in sich fühlte, und zwar
mit Bewusstsein fühlte, tat das Verbot eine andre Wirkung: es machte sie traurig,
niedergeschlagen. Sie bekam Kopfweh, dass sie nicht zur Tafel gehen konnte: sie
holte sich ein Buch aus der Bibliotek der Gräfin, und der Zufall musste ihr
gerade Gessners Daphnis in die Hände spielen. Sie las die Szenen verliebter
Traurigkeit mit einem Interesse durch, das ihr bisher fremd gewesen war. Da ihre
Empfindung nicht mehr in Blicke, Küsse und Händedrücke ausbrechen durfte, so
trat sie zurück und warf sich auf die Einbildungskraft: jede Nische im Garten
war ihr seit diesem Augenblicke eine Jasminlaube, wenn sie auch gleich nur aus
grünen Latten bestand, jedes Rosenparterre eine grasreiche Ebene, voll Tymian
und Quendel, wo wollichte Schafe herumirrten und junge mutwillige Lämmer
hüpften: hinter jeder Hecke lauschte eine Phillis, um den lieblichen Liedern
ihres Schäfers zuzuhorchen: auf den Kastanienbäumen und Linden in den Alleen
sassen Dryaden, Waldgötter, Amors haufenweise: jeder Sperling und jede Meise, die
mit zwitscherndem Geschrei sich um die dunkelroten Herzkirschen zankten, war
eine Nachtigall, die mit melancholischen Akzenten um ihren Gatten trauerte. Kein
Frosch sprang bei ihrer Annäherung in das Bassin des Springbrunnens, ohne dass er
in eine Nymphe umgeschaffen wurde, die schamhaft ihre entblössten Hüften im
Wasser verbarg. Der ganze Garten wurde ihr ein Arkadien: in der Einsiedelei des
Tannenwäldchens wohnte ihre Mutter, ihr Schäfer auf dem Schneckenberge, der sich
jenseits auf der Wiese emporwand, und sie spielte vor sich in Gedanken den
ganzen eingebildeten Roman durch. Fräulein Hedwig durfte sie keinen Augenblick
verlassen: sie folgte ihr überall nach, und während dass die Gouvernante sich in
Gedanken von ihrem dicken Amyntas unterhielt und mit den Augen auf seine
gelblederne Chaussure Jagd machte, ergötzte sich die Baronesse mit ihrem
phantastischen Schäferspiele.
    In der Einsiedelei, bildete sie sich ein, wohnte ihre Mutter, eine grausame
Frau, die ihr Umgang, Gespräch und Liebe mit ihrem Daphnis untersagte. Phillis -
diesen Namen hatte sie sich selbst gegeben - bat sie mit allen Wendungen ihrer
kleinen Beredsamkeit, ihr nur einen viertelstündigen Besuch bei Daphnis zu
verstatten: die Mutter war unerbittlich. In der Begeisterung dieses
Gedankenspiels murmelte sie oft, wenn Fräulein Hedwig neben ihr auf der Bank
sass, einige halblaute Worte, es entwischten ihr Seufzer, und Tränen rannen aus
ihren Augen: ihre Einbildungskraft riss sie so stark hin, dass sie zuweilen mit
lebhafter Bewegung auf ihre Gouvernante hinzusprang und ihre Knie umfassen
wollte: plötzlich weckte sie ein hastiges »Was wollen Sie?« aus ihrem Traume,
sie wich beschämt zurück und antwortete leise und voller Verwirrung: »Nichts!«,
oder sie beschönigte ihre Selbstvergessenheit mit dem Vorwande, als wenn sie ein
Steinchen neben ihr aufheben oder ein Blümchen hätte pflücken wollen. Zuweilen
liess ihre Gouvernante sie in der Einsiedelei zurück, mit dem Befehle, ja nicht
von der Stelle zu gehen, und streifte indessen den Garten allein durch, um den
Stallmeister hinter einer Hecke oder in ein Boskett mit einem krächzenden Husten
zu rufen: unterdessen dachte Phillis auf die Flucht. Ihre Mutter war nach ihrer
Vorstellung auf das Feld gegangen, um die Ziegen heimzuholen, und sie nützte
diese Abwesenheit, um ihren Daphnis zu sehen. Sie stritt lange mit sich selbst,
fürchtete ihren Zorn, wenn sie ihre Zusammenkunft entdeckte, wankte, schaute
ängstlich um sich und floh in einem Rennen nach dem Schneckenberge hin. - Ach!
welch ein Schmerz! Daphnis war nicht da! Er hütete noch die Schafe auf dem
grossen Boulingrin, weit, weit von seiner Wohnung: sie konnte unmöglich seine
Rückkunft erwarten, aus Furcht, dass ihre Mutter vor ihr wieder nach Hause kommen
möchte. Um indessen ihm ein Zeichen zu hinterlassen, dass sie ihn gesucht hätte,
hing sie an die grosse Vase auf dem Schneckenberge einen Kranz aus Buchenlaube,
aus Gras oder andern grünen Materialien gewunden, eilte nach der Einsiedelei
zurück und sass meistenteils, wenn ihre Gouvernante von ihrer verliebten
Expedition sich wieder einfand, so still und ordentlich da, als wenn sie nicht
von der Stelle gekommen wäre. Wenn sie mit ihr durch die Kastanienallee
wandelte, sammelte sie Kastanien, warf sie über die niedrigen Gesträuche der
spanischen Weiden, in der Absicht, ihren Schäfer zu necken; und wenn ihr
Fräulein Hedwig dies als einen unanständigen Mutwillen verbot, so kränkte sie
sich insgeheim, dass ihr ihre strenge Mutter auch sogar jeden unschuldigen Scherz
verwehrte.
    Auf dem Zimmer hatte sie so gut ihr Arkadien wie im Garten: im Kabinette
wohnte ihr Schäfer, der Sofa war die Wohnung der Mutter, und jedes graue oder
weisse Feld in dem parkettierten Fussboden eine besondre Trift, wo Daphnis,
Alexis, Damon und andre Herren aus der gessnerischen Schäferwelt ihre Herden
weiden liessen. Das Schreien der übelgeschmierten Kabinettür, wenn sie geöffnet
wurde, waren ihr die lieblichen Melodien der Schalmeien und Pfeifen, die auf den
Fluren des Fussbodens widerhallten: und diese Tür liess sie eines Nachmittags ihre
Schalmeientöne so oft machen, dass ihre Gouvernante Zahnweh bekam und sogleich
der Kammerjungfer Befehl erteilte, die verwünschte Tür mit Baumöle zu salben.
Nun war Hain und Flur stumm: die Flöten ertönten nicht mehr über das bunte
Parkett hin: es war Winter, und die Schäfer trieben ihre Schafe nach Hause. Zum
Glücke bekam auch der Sofa eine Neigung, musikalisch zu werden; und sogleich
kehrte der Sommer zurück. Alle Triften waren wieder voll von wollichten Herden,
die Baronesse setzte sich auf den Sofa und brachte durch öfteres hin und her
rücken, wie ein lebhafter Orgelspieler, wenn er das Pedal mit Füssen tritt, so
vielfache Schalmeientöne hervor, dass Fräulein Hedwig unsinnig hätte werden
mögen. Der Tischler schlug einen Keil in die gewichne Fuge, aus welcher die
Musik ertönte; und abermals vertrieb ein rauher Winter Freude und Gesänge von
den öden Fluren.
    Bei so beständiger innerer Beschäftigung verbreitete sich notwendig über das
Gesicht der Baronesse eine Art von Tiefsinn, eine Zurückgezogenheit in sich
selbst: ihre Lebhaftigkeit verschwand, sie sprach selten und allemal nur
abgebrochen, hörte auf keine Anrede, beantwortete keine Frage, wenn sie nicht
etlichemal wiederholt wurde, verstand sie meistenteils falsch, murmelte sehr oft
vor sich hin, brach zuweilen in eine Rede aus, die in ihr inneres
Gedankengespräch gehörte und mit der äussern Unterhaltung in keinem Zusammenhange
stund: Niemand wusste, was man von ihr denken sollte. Sie war gesund, ass, trank
und schlief wie gewöhnlich: Graf und Gräfin vermuteten eine versteckte Krankheit
und liessen den Arzt holen. Sie wurde in ihrer beiderseitigen Gegenwart von dem
Äskulap des Städtchens verhört, der Puls untersucht: da war keine Krankheit zu
finden! auch nicht eine Spur davon! Der Arzt wollte doch nicht umsonst gekommen
sein und versicherte, dass sie Würmer habe: die ruchlosen Tiere, die ihr allen
Mut weggefressen hatten, wurden so heftig mit Purganzen bestürmt, dass sie Gefahr
lief, wirklich krank zu werden. Ihre Munterkeit kehrte nicht wieder, und
Fräulein Hedwig behauptete endlich, da kein anderer Grund gültig befunden wurde,
dass sie stark wachse, welcher Meinung man einmütig beistimmte, und nach einer so
wahrscheinlichen Entdeckung beruhigte man sich, ohne weiter sich zu wundern oder
nachzuforschen.
    Die Gräfin argwohnte zwar anfangs, dass ihr Verbot wegen des Umgangs mit
Heinrichen die Veranlassung sei: allein da die Baronesse nicht die mindeste
Miene machte, als wenn sie nach ihm verlangte, nicht eine Gelegenheit suchte,
ihn zu sprechen, so gab sie ihre Vermutung bald wieder auf. Im Grunde war auch
wirklich die Betrübnis darüber nur sehr kurz bei Ulriken: der Zufall führte ihr
bald ein Rettungsmittel in die Hand: sie setzte ihre Liebe in der Einbildung so
glücklich und zufrieden fort, dass sie gar nicht die Schwierigkeit, ihren
wahrhaften Geliebten zu sehen, hinwegzuräumen suchte. Wenn sie noch so still und
mutlos schien, fühlte sie in sich Freuden, die ihr die Wirklichkeit nie hätte
geben können. Heinrich durfte seit jenem Verbote keine Lehrstunden mehr
gemeinschaftlich mit ihr haben: Schwinger liess ihn sowenig von seiner Seite als
Fräulein Hedwig die Baronesse, ging gar nicht mehr mit ihm in den Garten,
sondern jedesmal auf das Feld spazieren: kurz, die beiden jungen Verliebten
wohnten unter einem Dache, und waren so gut als durch Meere und Länder getrennt.
dabei gebrauchte Schwinger den Kunstgriff, dass er seinen Zögling doppelt mehr
als vorher beschäftigte, zerstreute und seine Tätigkeit in ein so unaufhörliches
Spiel setzte, dass die Ehrbegierde die Liebe darniederhielt und auch sehr bald
der Vorsatz, die Baronesse der Gräfin zum Trotze zu lieben, mit seinem Grolle
über die erlittene Beleidigung verschwand, besonders da es in den ersten Tagen
darauf ganz unmöglich war, mit ihr eine Minute allein zu sein. Jedes von ihnen
beiden verfolgte ein Phantom der Einbildung - er die Ehre, die Baronesse ihren
Daphnis; und darüber vergassen sie beide die Wirklichkeit.
 
                                Viertes Kapitel
Während dieser Zeit hatte ein boshafter Nachbar in einem Zanke dem alten
Herrmann den Vorwurf gemacht, dass er ein Hahnrei sei und einen Knaben für den
seinigen erkenne, der doch einem viel vornehmern Mann angehöre. Das hiess die
empfindlichste Seite seiner Ehre berühren: er brach sogleich den zankenden Ton
ab und fragte den Mann sehr ernstaft, woher er das wisse. - »Weil ich's weiss!«
erwiderte der andre. »Warum fütterte und erzog denn der Graf deinen Jungen? -
He? umsonst und für nichts tut man so etwas nicht. Frage nur deine Frau! die
wird's besser wissen.« - Durch diese und ähnliche Gründe machte er den Alten so
argwöhnisch, dass er sich vornahm, Licht in der Sache zu suchen. Die Szene des
Zanks war bei dem Gartenzaune und der Streit, wie leicht zu erraten, durch die
Weiber angefangen worden: Herrmann war seinem Nillchen zu Hülfe geeilt, der
Nachbar hielt sich für verbunden, der seinigen gleiche Liebe zu beweisen, die
Weiber traten ab und zankten, eine jede für sich in ihrer eignen Küche,
währenddessen ihre beiden Klopffechter den Kampf vollends öffentlich ausführten.
Weil der Nachbar sich als den Schwächern fühlte, so geriet er auf die List,
durch jenen Argwohn die feindliche Partei mit sich selbst zu entzweien. Sie
gelang ihm auch so wohl, dass sein Gegner sogleich von dem Kampfe und Wahlplatze
abging, um über den erregten Argwohn ein peinliches Verhör mit seinem Nillchen
anzustellen.
    Die Gemahlin wollte ihn nach seiner Rückkehr von dem Schlachtfelde für den
geleisteten Beistand und erfochtnen Sieg mit ihrem Beifall krönen und stand
deswegen in der Hoftüre, bereit zu seinem Empfange: schon brach sie in
Lobeserhebungen über seine Heldentat und in Schmähungen wider die Feinde aus,
allein wie sonderbar! - ihr Verfechter ging mit weggekehrtem Blicke und
drohender Miene vor ihr vorbei, ohne die Belohnung seiner Tapferkeit von ihr
annehmen zu wollen. Sie ging - wie allemal bei solchen unvermuteten
Erscheinungen - in die Küche, nahm ein Stück Essen auf die Hand und sann, indem
sie es verzehrte, bei sich nach, was ihr Mann wohl haben möge.
    Sie wollte sich eben ein zweites Stück aus dem Schranke holen, weil sie bei
dem ersten in ihrer Untersuchung nicht sonderlich weit gekommen war, als ihr der
laute Befehl ihres Mannes gebot, vor ihm zu erscheinen. Weil es gegen Abend war,
ihr wo Simson allemal seine Stärke verlor, ging sie unerschrocken in die Stube
und freute sich schon im voraus auf eine neue Demütigung, die er sich selbst
antun würde. Sobald sie in die Stube getreten war, schloss er hinter ihr zu: in
der Mitte stand ein kleiner runder Tisch und auf demselben lag eine Pistole: es
waren einander gegenüber zwei Stühle gesetzt, und ohne ein Wort zu sagen,
klopfte er mit der flachen Hand auf den einen, um sie zum Niedersetzen zu
nötigen. Da sie dergleichen wunderliche Schnurren von ihm gewohnt war, so nahm
sie, der Pistole ungeachtet, Platz, gleichfalls ohne zu reden. Er setzte sich
ihr gegenüber auf den andern dastehenden Stuhl, ergriff die Pistole, spannte den
Hahn und setzte sie vor sich, die Öffnung des Laufes nach ihr gekehrt: aus
natürlicher Furcht vor Schiessgewehr rückte sie mit ihrem Stuhle seitwärts, um
aus dem Schusse zu kommen - er rückte mit der Pistole nach: sie rückte auf den
alten Fleck - er folgte ihr mit der Pistole nach: um ganz sicher zu sein, rückte
sie dicht an ihn - er lief mit seinem Stuhle um den Tisch herum, dass sich der
Lauf wieder nach ihr hinrichtete, berührte bei dem schnellen Umdrehen den Hahn -
pump! ging die Pistole los. Das arme Nillchen tat einen lauten Schrei, glaubte
sich getroffen und sank vom Stuhle, voll Verwunderung, dass sie noch lebte: Der
Mann besorgte selbst, dass er in der Übereilung wider seinen Willen etwas
Tödliches hineingeladen habe, und fing vor Angst so gewaltig an zu zittern, dass
er kein Glied von der Stelle rühren konnte. Fest überredet, dass sie gestorben
sei, blieb die Frau einige Minuten auf der Erde liegen und mit der nämlichen
Überredung der Mann zitternd und bebend auf seinem Richterstuhle sitzen. Endlich
merkte die Frau wohl, woran sie mit ihrem Leben war, und stund aus tückischem
Trotze nicht auf. - »Nillchen!« hub er mit schwacher, bänglicher Stimme an,
»bist du tot?« - Nillchen antwortete nicht.
    »Nillchen! bist du tot?« wiederholte er mit weinerlichem Tone. - »So sag
mir's doch nur! - Nillchen, antworte doch! bist du tot? mausetot? - So rede
doch!«
    Der Frau entwischte ein Lachen: er hörte es. Hurtig verwandelte sich seine
Angst in nachdenkenden Ernst. - »Kannst du noch lachen?« sprach er vor sich hin
und setzte mit starkem, gebietenden Tone hinzu: »Steh auf, Hure!«
    Schnell sprang die erschossne Frau in die Höhe und fuhr geifernd auf ihn los:
- »Was? wie nennst du mich!«
    Der Mann. Was du bist!
    Die Frau. So? Seht mir doch! - Wenn du weisst, dass ich keine ehrliche Frau
bin, warum hast du mich denn genommen?
    Der Mann. Weil ich ein Narr war.
    Die Frau. Das bist du wohl alle Tage.
    Der Mann. Weib, habe Respekt! oder dich soll - Höre! antworte mir! bist du
eine ehrliche Frau?
    Die Frau. Bist du wohl gescheit?
    Der Mann. Weib, antworte ordentlich! oder ich schiesse dich übern Haufen.
    Die Frau. Ich wollte, dass du mich erschossen hättest, damit sie dich itzo
hängten. - So ein alter Narr! Pfui! schämst du dich nicht, so eine alberne Frage
zu tun?
    Der Mann. Nicht mehr als du, keine ehrliche Frau zu sein!
    Die Frau. Das bin ich! und den will ich sehn, der meiner Ehre zu nahe kommen
soll!
    Der Mann. Dass du's weisst! Ich lasse mich von dir scheiden.
    Die Frau. Ja, da stehn sie und warten, ob sich Herr Herrmann scheiden lassen
will! - Beweise mir doch etwas! beweise mir doch!
    Der Mann. Hast du den Grafen vor unsrer Heirat gekannt?
    Die Frau. Ach, wo will er denn da hinaus? - Freilich hab ich ihn gekannt.
    Der Mann. Nun ist's gewiss: ich lasse mich scheiden.
    Die Frau. Ach über den einfältigen Adam! Ich glaube, er denkt gar - lasst uns
doch lachen! - Ja, der Herr Graf bekümmerte sich viel um deine Nille: dem liefen
wohl andre nach.
    Der Mann. Hat er dir nicht das Halsband mit den grossen Perlen geschenkt?
    Die Frau. Das hat er.
    Der Mann. Wofür?
    Die Frau. Wofür? - Ach, geh mir doch! wirst wohl da die alte Historie wieder
aufwärmen? - Das ist zu Metusalems Zeiten geschehn.
    Der Mann. Ich scheide mich. - Packe deine paar Lumpen zusammen! und dann aus
dem Hause!
    Die Frau. Wegen des alten Märchens? - Die Historie war ja hundert Jahre vor
unsrer Hochzeit. Was hattest du mir denn damals zu befehlen?
    Der Mann. Aber ich habe itzo zu befehlen. Wir sind Mann und Frau gewesen.
    Ohne weiter auf ihre Reden zu achten, wanderte er die Treppe hinauf, packte
alle Kleider und Wäsche in die grosse Lade mit den korintischen Säulen und
brachte über eine Stunde zu, alle ihre Effekten von den seinigen abzusondern und
einzupacken. Der Frau ward wirklich nunmehr bange, dass er sie einmal peinigen
und zum Gelächter der Stadt machen werde; und was sie fürchtete, geschah. Er
schob und schleppte mit eigner Hand die schwere vollgefüllte Lade die Treppe
herunter und setzte sie vor die Tür in den Hof: die übrigen Pakete flogen zum
Fenster herunter und nahmen ihren Platz auf und neben der Lade, wo sie ihn
fanden. Als ihm nichts mehr in die Augen fiel, das der Frau eigentümlich
angehörte, so ging er zu ihr, band ihr das Halsband mit den grossen Perlen, das
sie einmal als Jungfer von dem Grafen bekommen hatte, um den Arm und führte sie
zur Hoftür hinaus zu ihren Sachen, schloss alle Eingänge am Hause zu und stellte
sich mit seinem Pfeifchen ans Stubenfenster, um seine eifersüchtigen Grillen mit
dem Tobaksdampfe in die freie Luft hinauszublasen.
    Die verabschiedete Frau sass also unter freiem Himmel auf ihrer Lade zwischen
den übrigen Effekten und hoffte ganz sicher, dass bei der eintretenden Dämmerung
ihren Mann sein Liebesfieber überfallen und nötigen werde, sie unter
demütigenden Bedingungen wieder zurückzurufen. Die Dämmerung kam; es wurde
Nacht: niemand im Hause rührte sich. Nun musste sie im Ernst darauf denken, ihre
Sachen in Sicherheit zu bringen und ein bequemeres Nachtlager zu suchen, als ihr
die Lade darbot; dem Mann zum Trotze wollte sie wieder ins Haus. Sie sah sich
allentalben nach einem niedrigen Fenster um und konnte keins ansichtig werden,
das sich besser zu einer Tür gebrauchen liess als das Küchenfenster, ob es gleich
ziemlich hoch von der Erde war. Sogleich wurden die nötigen Anstalten zum
Einsteigen gemacht, die Lade unter das Fenster gerückt, und nun hinauf! Aber wer
sollte das Fenster aufmachen, das sich nur inwendig öffnen liess? - Man schlägt
eine Scheibe ein: sie tat's, und nun waren beide Flügel weit offen. Alle
Schwierigkeiten hatte sie immer noch nicht besiegt: wie sollte sie sich ohne
Hülfe so weit hinaufschwingen? - Sie versuchte: es ging nicht. Sie wanderte den
Hof hinab, um sich den Beistand einer Nachbarin zu erbitten, und siehe da! eben
kam die Magd vom Felde hinten zum Garten herein: nun hatte sie gewonnen Spiel.
Die Allianz wurde gleich zwischen ihnen geschlossen, und man eilte mit grossen
Schritten, die Eroberung des Küchenfensters fortzusetzen. Die Magd begeisterte
das allgemeine Interesse ihres Geschlechts mit Löwenmut, sie erstieg den Wall,
sprang in die Küche hinab, in einem Augenblicke war der innere Riegel der Hoftür
weggeschoben, und man zog triumphierend in der eroberten Festung ein.
    Nacht und Dunkelheit waren geschworne Feinde des alten Herrmanns: sie
entwaffneten seine Tapferkeit so sehr, dass er fast zum Kinde wurde. Ermüdet von
der Hastigkeit, womit er seiner Frau Habseligkeiten in den Hof schaffte, war er
bei seinem Pfeifchen am Fenster eingeschlafen: Zähne und Hände liessen den
schwarzen beräucherten Stumpf entschlüpfen, dass er in hundert kleinen Stücken
auf dem Pflaster herumtanzte. Der Schlummer hielt an bis zu dem ersten Sturme,
den die Frau auf das Küchenfenster wagte; das Geklirre der eingeschlagnen
Scheibe erweckte ihn: aber o Himmel! in der ganzen Stube war's finster wie im
Grabe. Er tappte nach dem Feuerzeuge, fand es, schlug sich die Knöchel wund, und
da sein Zunder brannte, war kein Licht da. Indessen nahm der Lärm der Eroberung
zu: nun war's vollends um seine Herzhaftigkeit geschehn. Er konnte keinen
Schritt vor die Tür tun, wenn er gleich ein Königreich damit hätte gewinnen
sollen. Das Getöse vermehrte sich - denn die Frau schaffte mit Hülfe der Magd
die Effekten wieder ins Haus -, und er fand kein ander Mittel, als die Partie
aller Furchtsamen zu ergreifen - er verschanzte sich: die Tür wurde verriegelt,
ein Tisch vorgerückt, und es war fest beschlossen, dass er die Nacht hinter
seinen Verschanzungen zubringen wollte.
    Nillchen kannte seine Furchtsamkeit im Finstern und liess nichts ermangeln,
ihre Rachsucht nach Herzenslust zu sättigen. Die zwei Weibsbilder erregten ein
Getöse im Hause, als wenn sieben Legionen Teufel eingekehrt wären: Treppe auf,
Treppe nieder! Die Magd, um ihrem Tritte mehr Gewicht zu geben, bewaffnete die
Füsse mit einem Paar Schuhen von Juchten, deren Sohlen dick wie Bretter und deren
Absätze mit Nägeln wie mit Hufeisen beschlagen waren: bei jedem ihrer
Dragonertritte erbebte das ganze Gebäude, und aus allen vier Winkeln des Hauses
hallte das Klappen der Nägel, wenn sie auf den Backsteinen hinlief, in
mannigfaltigen Tönen wie ein übelgestimmtes Glockenspiel zurück. Die Türen
wurden zugeschlagen, dass sie aus den Angeln sprangen: man bereitete in der Küche
ein Bankett und verzehrte die triumphalische Mahlzeit mit lautem Lachen und
Singen, währenddessen der alte Herrmann in der daranstossenden Stube ausgestreckt
auf drei Stühlen lag, vor Hunger und Ärger seufzte, gern seinen Kummer
verschlafen wollte und vor dem Getöse, das bis über Mitternacht hinaus dauerte,
kein Auge schliessen konnte. Einen schimpflichen Frieden durch Nachgeben zu
erkaufen, litt seine Ehre nicht, und ihn durch Gewalt zu erzwingen, war er zu
furchtsam, weil er, nach der Grösse des Lärms zu urteilen, glaubte, der weibliche
Teil des ganzen Städtchens habe sich versammelt, sein beleidigtes Geschlecht an
ihm zu rächen; und dann war es einmal sein Grundsatz, in der Dunkelheit nicht zu
fechten, weil er gewiss den kürzern zog, sobald man die Bosheit beging, das Licht
auszulöschen. Sonach ertrug er gelassen alles Ungemach und war froh genug, dass
man um ein Uhr ihn auf den harten Stühlen einschlummern liess, unterdessen dass
die feindliche Partei sich in weiche Federn versteckte.
    Kaum erschien die gewöhnliche Zeit des Aufstehens, als Nillchen schon wieder
im Hause herumtobte, doch mit vermindertem Geräusche: sie nahm mit lautem
Geklirre der Tassen und Teller in der Küche Kaffee und Frühstück ein. Der alte
Herrmann dehnte sich auf seinem harten Lager, stand, wie an allen Gliedern
gerädert, auf und überlegte seinen Operationsplan für den folgenden Tag. - Die
erste Hand zum Vergleiche zu bieten, das war, bei so vielem Rechte auf seiner
Seite, sehr hart: gleichwohl hatte die Frau die vorteilhaftesten Posten im Hause
besetzt und ihn so eingeschlossen, dass sie ihn mit leichter Mühe aushungern
konnte: da war nichts zu tun, als sie mit List aus ihrer günstigen Stellung zu
vertreiben. Er räumte die Festungswerke vor der Stubentür weg und ging, ohne
sich mit einem Blicke umzusehn, zum Hause hinaus.
    Nun hatte er das Feld geräumt. Er blieb den ganzen Tag aussen, auch die
Nacht: er brachte beides bei einem Bekannten zu, einem Schlosser, von dem er
sich ein grosses starkes Vorlegeschloss verfertigen liess. Mit Anbruche des Tages
erschien er nebst seinem Freunde, öffnete die Haustür - er hatte den Schlüssel
dazu bei sich - und nun geradeswegs vor die Schlafkammer der Frau! Der Schlosser
schlug mit allem Geräusche seines Handwerks Haspen und Anwurf an die Tür, und
beide legten feierlich das grosse Schloss davor. Darauf begaben sie sich, voll
Freude über den ausgeführten Anschlag, in die Nebenstube und übten alle mögliche
Repressalien aus. Der Schlosser war ebenfalls einer von den Ehemännern, der mit
seiner Gattin in unaufhörlichem Kriege lag, und stritt für sein eignes
Interesse, indem er die Rache seines Freundes unterstützte. Sie fingen an zu
trinken; der Schlosser, dem diese wohltuende Rache ungemein behagte, nahm einen
so lebhaften Anteil an der Ehre seines Freundes, dass er in einer halben Stunde
bereits betrunken war; der alte Herrmann konnte, wie gesagt worden ist, vor dem
Nachmittage keinen Branntewein zu sich nehmen und hielt sich für seine
Nüchternheit mit einer grossen Kanne selbstgemachten Kaffee schadlos; und dann
ging er in eigner Person, das Mittagsmahl für sie beide zuzubereiten.
    Diese Abwesenheit ihres Mannes wollte die eingesperrte Frau nützen: sie
redete den trunknen, zurückgebliebnen Schlosser durch die Wand an und bestürmte
sein verstocktes Herz mit den rührendsten Bitten, sie heimlich herauszulassen.
Der Wächter, der in seinem berauschten Kopfe gegenwärtige und vergangene Zeit
nicht sonderlich unterschied und sich also beinahe gar nicht besann, wer diese
Frau sei und warum man sie hier eingeschlossen habe, staunte nicht wenig, eine
Weiberstimme in der Nähe zu hören. Er horchte und erkundigte sich stammelnd, wo
sie sich aufhalte: zehnmal sagte sie es ihm, und zehnmal begriff er's nicht: er
merkte wohl, dass die Stimme von der Wand herkam, und taumelte deswegen an ihr
auf und ab, um das Frauenzimmer zu haschen; und wenn er einmal zugriff und etwas
festielt, so war's ein Stuhl oder ein Tisch. Der Trunk hatte mancherlei
verliebte Regungen in ihm aufgeweckt, und er war äusserst erbittert auf das
Frauenzimmer, das ewig redete und sich niemals haschen liess. Sie schmeichelte
seiner Begierde mit dem Versprechen, sich sogleich haschen zu lassen, wenn er
nur das grosse Schloss öffnete, das er heute angelegt habe: der verliebte
Trunkenbold, nachdem er lange Zeit mit dem Hammer an der Wand herumgehauen
hatte, um das Schloss aufzuschlagen, begriff endlich, dass er es vor der Stube an
der Nebentür suchen müsste, und wankte hinaus, zog einen grossen Schlüssel aus der
Tasche und fluchte und schwor, dass sich das verdammte Schlüsselloch nicht
treffen lassen wollte: er stiess und stampfte um sich herum, sosehr ihm die
Gefangene leise zu verfahren riet, und tobte so ungestüm, dass endlich der alte
Herrmann durch sein Getöse herbeigezogen wurde. Leicht zu erachten, dass er ihn
etwas unsanft zur Ruhe wies! Er warf ihn zur Stube hinein und zeigte ihm einen
Platz, von welchem er bei Lebensstrafe nicht aufstehen sollte; und der folgsame
Schlosser legte sich demütig in den Winkel, wie ein Hund, wenn ihm ein drohendes
Kusch! zugerufen wird.
    Bei der Mittagstafel fand der halbnüchterne Schlosser einen neuen Beruf,
sich zu betrinken, und nachmittags, etwas zeitiger als sonst, fühlte der alte
Herrmann den nämlichen Trieb. Nun kam der Zeitpunkt, wo die eingesperrte Ehefrau
ihre Erlösung bewirken musste. Er fing allmählich an, von seinem Nillchen sehr
viel zu sprechen und sie wegen ihrer Schönheit und häuslichen Erfahrung zu
loben: - »Wenn sie nur eine ehrliche Frau wäre!« setzte er hinzu. - »Kannst du
dir vorstellen, Jakob?« fuhr er nach einer Pause fort, »da will sie sich von mir
scheiden lassen - das Donnerweib! damit sie so recht nach ihrem Gefallen leben
kann - aber ich habe sie eingesperrt - sie darf nicht fort - ich lasse mich doch
nicht scheiden - und wenn's gleich der Kaiser und der Oberpfarrer haben wollte.
- Sie soll nicht heraus - bis sie mir verspricht, dass sie sich nicht will
scheiden lassen - und wenn sie bis an den Jüngsten Tag drinne stecken sollte.«
    Einen so günstigen Augenblick liess die Gefangne nicht ungebraucht
vorbeigehen: sie versicherte ihn durch die Wand, dass sie sich nicht scheiden
lassen wollte, wenn er sie in Freiheit setzte.
    »Du musst mir schwören«, rief der Mann. - Sie verstund sich dazu: er sagte
ihr einen Schwur vor, der die fürchterlichsten Verwünschungen entielt: sie
sprach ihn nach.
    »Ja, Nillchen«, fing er von neuem an, »wenn ich nur wüsste, ob du eine
ehrliche Frau bist! - Bist du's nicht, so lass ich mich scheiden. Das muss ich
wissen; sonst kömmst du nicht heraus.« -
    Natürlich, dass sie alle Beredsamkeit anwandte, ihn über den streitigen Punkt
zu versichern. - »Du musst mir schwören«, war seine neue Foderung, die sie
ebensogern zugestand; und mit den vorigen Formalitäten beschwor sie ihm, dass sie
nicht nur eine ehrliche Ehefrau sei, sondern auch in alle Ewigkeit bleiben
wolle. Die Kapitulation war gemacht, der Friede geschlossen und die
Gefangenschaft aus.
    Desto stärker fiel nun sein Zorn auf alle, die die Ehre seiner Frau
angetastet hatten; sie musste sich neben ihn setzen, und er konnte beständig noch
nicht von der Hauptfrage wegkommen: sie sollte ihm berichten, warum der Nachbar
sie einer Untreue beschuldigt habe, und sie gab ihm zur Ursache den Neid an, den
die Gnade des Grafen gegen ihren Heinrich bei jedermann errege. Nun war er auf
einen schlimmen Punkt geführt: er brach in Schmähungen wider den Grafen aus, dass
er das ehrliche Nillchen durch seine Gnade in einen solchen Ruf bringe, und
beteuerte, dass er ihm die ganze Gnade vor die Füsse werfen wolle. - »Mach ein
recht kostbares Abendessen«, schloss er, »dass es fertig ist, wenn ich
wiederkomme!« -
    Nillchen gehorchte dem Befehle. Er folgte ihr nach und ging halb taumelnd
zum Hause hinaus. Er wollte aufs Schloss; aber in der Berauschung verfehlte er
den Weg, wanderte durch drei, vier Gassen, und eh' er sich's versah, war er
wieder vor seinem Hause. Er fluchte auf den Grafen, dass er sein Schloss so oft
verrückte, und wiederholte die Wanderung so oft, dass er in der Abenddämmerung an
Ort und Stelle anlangte. Graf und Gräfin waren verreist, niemand da, der ihn
zurückhielt, und er erreichte also ungehindert Schwingers Zimmer.
    Schwinger sass im Kabinette und arbeitete an einer Predigt, womit er die
christliche Gemeinde künftigen Sonntag bewirten wollte, hatte sich verschlossen
und so sehr in Begeisterung verloren, dass er weder hörte noch sah. Fräulein
Hedwig, um sich die Abwesenheit der gnädigen Herrschaft zunutze zu machen, war
ihrem dicken Amyntas nachgegangen und belustigte sich im Garten mit ihm nach
Herzenslust: die Baronesse stund, in arkadische Bilder vertieft, am Fenster und
weidete sich mit der Einbildung an den Freuden der Liebe, die ihr die
Wirklichkeit nicht gewähren durfte.
    Der alte Herrmann ging unangemeldet ins Zimmer hinein und fand seinen Sohn
am Tische sitzend, von den Weisen der heidnischen Welt umringt: Augen und
Gedanken waren ganz in seinem Buche, und er wurde die Anwesenheit seines Vaters
nicht eher inne, als bis er ihn bei dem Arme fasste. »Heinrich«, sprach er, »komm
mit mir!« Der Sohn folgte ihm ohne Widerrede. Er führte ihn die Treppe hinunter.
Heinrich erkundigte sich zwar sehr oft, wohin er sollte, aber die Antwort blieb
aussen. -
    An der Tür entschuldigte er sich, dass er ohne Erlaubnis seines Lehrers nicht
weitergehen dürfe, und wollte umkehren: schnell ergriff ihn der Vater in der
Mitte des Leibes, lud ihn auf die Schultern und trabte mit ihm fort wie ein
Schwan, der seiner kleinen Nachkommenschaft zum Schiffe dient.
    Der Sohn war durch die Neuheit des Vorfalls so in Erstaunen gesetzt, dass er
sich ohne Widerstand forttragen liess und nur unterwegs zuweilen Miene machte,
sich loszureissen, aus Besorgnis, seinem Vater eine zu schwere Last zu sein: da
half nichts! Je mehr er widerstrebte, je fester packte ihn der Herr Papa, je
schneller eilte er mit ihm davon. Alle Leute blieben verstummend stehen, und
niemand dachte vor Verwundrung über die Seltsamkeit der Sache daran, ihn
aufzuhalten. Die Baronesse erblickte durch das Fenster ihren Heinrich auf dem
Rücken eines Fremden, den sie nicht erkennen konnte und der wie ein Knabenräuber
mit ihm dahineilte. In einer übereilten Hastigkeit riss sie die Tür auf, flog die
Treppe hinunter, zum Hause hinaus und dem Entführer nach. Der Vater setzte seine
Bürde in seinem Hause ab und schloss die Tür zu. »Da!« sagte er zu seiner Frau,
die erstaunt in der Küchentür stund, »da ist Heinrich! Die Leute sollen uns
nicht länger nachreden, dass ihn der Graf füttert, weil er nicht mein Sohn ist.
Wenn dir nun noch jemand Schuld gibt, dass du keine ehrliche Frau bist, Nillchen!
Nillchen! so nimm dich in acht! Ich schlage allen die Köpfe ein, die so
sprechen, und dich wider die Wand wie einen alten Topf!« dabei fasste er, um
seine Drohung sinnlicher zu machen, einen alten dort stehenden, berussten Topf
und schleuderte ihn mit einer Gewalt an die Küchenmauer, dass die Umstehenden
sich vor den herumfliegenden Scherben retten mussten.
    »Du bleibst nun in alle Ewigkeit bei uns«, fuhr er fort, indem er sich zu
seinem Sohne wandte und ihn derb bei dem Ohre zupfte, welche eine von seinen
hauptsächlichsten Liebkosungen war: - »Du bleibst bei uns. Du sollst nicht
länger schmarotzen: und wenn dich jemand wieder wegholen will und du gehst mit
ihm, so mache dich gefasst, dass die Stücken von deinem Kopfe so herumfliegen
werden wie die Scherben von dem Topfe.« - Diese Drohung wurde von einem paar
fühlbaren Stössen begleitet, die er dem Sohne mit geballter Faust auf den Wirbel
versetzte.
    Indessen hatte sich die arme Baronesse ihre zarten Fingerchen an der Haustür
beinahe wund geklopft, und die Frau war während der Drohung ihres Mannes hinter
seinem Rücken weggeschlichen, um aufzumachen. Die Baronesse stürzte sich herein
in die Arme der Frau und bat sie ängstlich um Nachricht, wohin Heinrich sei und
wohin er solle. Madam Herrmann führte sie mit ehrerbietigen Verbeugungen an die
Küche und zeigte ihr den verlangten Heinrich. - »Da ist er ja!« rief die
Baronesse freudig und ergriff seine Hand. - »Aber was soll denn mit ihm werden?
wohin soll er denn?« - und mit hundert ähnlichen übereilten Fragen drang sie auf
den Vater los.
    »Bei mir, bei seinem Vater soll er bleiben!« - war die Antwort, »und nicht
länger bei Leuten schmarotzen, denen er nichts angeht! Komm, Heinrich!« - Er
wollte ihn wegführen. Die Baronesse stiess mit einem kleinen Unwillen seine Hand
zurück. »Lass Er ihn!« sprach sie. Der Alte tat einen Schritt zurück, stemmte die
Hände in die Seite, guckte ihr mit dem schiefsten, verächtlichsten Blicke ins
Gesicht und hub eine Rede an, die mit Schimpfen begann und mit Schimpfen
endigte. Er verteidigte darin seine Ansprüche auf seinen Sohn so lebhaft und
verwies der Baronesse ihren Eingriff in dieselben so derb, dass dem guten Kinde
die Tränen in die Augen kamen. Nillchen erboste sich äusserst wider seine
Unhöflichkeit: sie hielt ihm den Mund zu und gebot ihm, sich nicht wider die
gnädige Herrschaft zu vergehen: der Mann schwatzte in halben gebrochenen Tönen
durch ihre Finger, stiess das Schutzbrett mit einem tüchtigen Schlage von seinen
Lippen hinweg und begann desto erbitterter von neuem. Nillchen war zum
Zerspringen aufgebracht, schritt zum erstenmal während ihrer ganzen Ehe zu
wirklichen Tätlichkeiten, warf ihn mit einem hohltönenden Puffe in den Rücken
zur Küche hinaus und hatte nichts Geringeres im Sinne, als ihn unter dieser
Musik in die Stube hineinzutreiben. Unglücklicherweise gab ihm seine grössere
Stärke das Obergewicht: mit einer schnellen Wendung streckte er seine Gegnerin
zu Boden, dass sie ächzte und vor Erbitterung die Lippen zusammenbiss. Während des
Handgemenges war die Baronesse so listig und nahm ihren Adonis bei der Hand -
husch! waren sie beide zur Tür hinaus. Der alte Herrmann wurde die Flucht
gewahr, liess den gestreckten Feind liegen, und hurtig hinterdrein! Wie
dergleichen Zurückholungen nie ohne Gewalttätigkeiten abgehn, so mangelte es
auch hier nicht daran: Heinrich wurde bei dem Kleide zurückgezogen, und die
Baronesse, die sich hinter ihm hereindrängte, kam auch nicht ohne blaue Flecken
davon. Vater und Sohn verschlossen sich in der Stube, und die arme Ulrike setzte
sich traurig auf die Treppe und weinte die bittersten Tränen. Die Frau Herrmann
war unterdessen wieder auf die Füsse gekommen und tröstete sie mit Verwünschungen
gegen ihren »Hund von Manne«, wie sie ihn zu nennen beliebte.
    »Ich gehe nicht wieder aufs Schloss«, sprach die Baronesse schluchzend, »wenn
ich nicht Heinrichen mit zurückbringe: ich bin ihm so gut, dass ich nicht ohne
ihn sein kann. Sein Vater wird ihn gewiss aus der Stadt tun wollen, vielleicht
auf eine Schule - ach! liebe Frau Herrmann, da muss ich sterben!« - Sie weinte
von neuem und verbarg ihr Gesicht an dem Schosse ihrer Trösterin, die vor ihr
stund.
    Es wurde ihr vorgeschlagen, sich wieder aufs Schloss bringen zu lassen, und
zwar mit der Versichrung, dass Heinrich gewiss längstens des Morgens darauf
nachkommen solle.
    »Nein«, antwortete sie mit Entschlossenheit; »ich gehe nicht von der Stelle.
Sie wollen mich nur gern los sein, damit ich's nicht sehen soll, wenn er
fortgebracht wird. - Tun Sie mir's doch nicht zuleide! lassen Sie ihm doch bei
uns!« -
    »Er soll ja gewiss wieder zu Ihnen kommen« - rief die Herrmann einmal über
das andere.
    Die Baronesse. Sie hintergehn mich gewiss. Warum wollen Sie mir nun nicht die
Freude gönnen, dass ich ihn liebhaben soll? Ich darf ihn ja so nicht sehen und
sprechen: wenn ich nur wenigstens weiss, dass er in einem Hause mit mir ist, so
bin ich ja zufrieden. Weiter will ich nichts! weiter gar nichts! - Wenn der
Vater nur nicht so ungestüm wäre, so wollt ich ihm um den Hals fallen: aber er
stösst mich von sich. - Ich bin recht unglücklich: - aber dass Sie ja die gnädige
Tante oder Fräulein Hedwig nichts davon erfahren lassen! - Heinrich ist der
einzige Mensch auf der Welt, dem ich gut bin: und ich möchte nur wissen, was das
nun Böses ist, dass man mir's verbietet, und nun will man ihn gar weit, weit von
mir wegschicken. Warum soll ich denn einen Menschen nicht liebhaben? Es ist ja
besser, als wenn ich ihn hasse.
    Die Herrmann. Ja, allergnädigste Baronesse. Sie können ihm wohl gut sein:
aber die Frau Gräfin und Fräulein Hedwig werden wohl etwas anders meinen.
    Die Baronesse. Was denn? - Ich habe ihn gern um mich, schäkre gern mit ihm:
was ist denn nun so Entsetzliches dabei?
    Die Herrmann. dabei wohl nicht! aber -
    Die Baronesse. Was denn? - So sagen Sie mir's doch nur! Wenn es etwas Böses
ist, so will ich mich dafür hüten. Ich versprech es Ihnen: ich will mich in acht
nehmen wie vor dem Feuer.
    Die Herrmann. Die Frau Gräfin wird wohl denken, dass mein Sohn nicht vornehm
genug zu Ihrem Umgange ist.
    Die Baronesse. Soll ich denn die Leute deswegen hassen, weil sie nicht
vornehm sind?
    Die Herrmann. Das wohl nicht! aber Sie werden vielleicht zu vertraut.
    Die Baronesse. Je vertrauter, je besser! das ist mir das liebste. Wenn man
da so reverenzt und knixt und komplimentiert - das ist kein Vergnügen. Wem ich
gut bin, der ist mir auch vornehm genug.
    Die Herrmann. Ich weiss freilich auch nicht, warum die Frau Gräfin gar nicht
haben will, dass Sie mit meinem Heinrich umgehen sollen: wenn er gleich kein Graf
ist, so hat ihn doch seine Mutter auch nicht auf der Gasse geboren; und wer
weiss, was aus ihm noch werden kann? - Aus gutem Holze lässt sich alles schnitzen
- Also sind Sie ihm gut, allergnädigste Baronesse?
    Die Baronesse. O ungemein! Ich wollte den ganzen Tag bei ihm sein - lieber
als bei Grafen und Baronen! Wenn ich nur ein gemeines Mädchen werden könnte, dass
ich allentalben herumlaufen und umgehen dürfte, mit wem ich wollte! Unsereins
ist recht wie im Gefängnis: ach, liebe Frau Herrmann, mir wird das Leben sauer!
Nicht einen Schritt soll ich ohne Erlaubnis tun; und wenn ich einmal lustig
werde, so schreit die alte Hedwig gleich auf mich los, dass mir's angst und bange
macht. Bald geh ich einwärts, bald halt ich mich schief, bald red ich zuviel und
bald zuwenig. - Machen Sie doch ein Kompliment! Reden Sie nicht zu frei! Küssen
Sie der Dame die Hand! Sehen Sie den Herrn nicht zu starr an! Sprechen Sie doch
nicht immer deutsch! - So geht's den ganzen Tag: das ist ein ewiges Tadeln; man
wird des Lebens recht überdrüssig dabei. - Wenn ich nun vollends bei dem Grafen
oder der Gräfin sein muss, da geht die liebe Not erst recht an. Da darf ich kein
Wort reden, wenn man mich nicht fragt: wie ein Stock muss ich dastehn. - Wie Ihre
Gnaden gnädigst befehlen - Ihre Gnaden untertänigst aufzuwarten - Ich bitte Ihre
Gnaden untertänigst um Vergebung - Wenn Ihre Gnaden die hohe Gnade haben wollen
- Und wenn ich einmal von den tausend Millionen Gnaden, die ich beständig im
Munde haben muss, eine vergesse - ach! da ist's ein Lärm zum Kopfabhauen! Oder
wenn ich zu hurtig spreche, zu langsam oder zu hurtig, zu tief oder zu seicht
den Reverenz mache, wenn ich nicht gleich nach einer Sache laufe, sobald sie der
Graf nur nennt, da geht's gleich los. -Ja, das bisschen Leben wird einem recht
schwer gemacht.
    Die Herrmann. Dafür geniessen Sie auch desto mehr Ehre -
    Die Baronesse. Ach! schade für die Ehre! Wenn man mir nur mein Vergnügen
liesse! Da soll ich stundenlang wie angepflöckt sitzen, und wann ich's nicht tun
will, so nennt man mich ungezogen. Sitz ich nun dort und gebe nicht recht acht
und mache nur einen Fehler, gleich werd ich ausgehunzt: seh ich verdriesslich
darüber, so krieg ich wieder etwas ab, dass ich nicht munter bin: lach ich ein
wenig zu laut, so heisst's, ich führe mich unanständig auf: red ich leise - so
rede doch laut, dass man's versteht! - sprech ich laut - wer wird denn schreien
wie ein gemeines Mensch? - Immer mach ich etwas unrecht: kein einziges Mal kann
ich's treffen. Mannichmal, wenn mir die Zeit gar zu lang wird, geh ich aus der
Gesellschaft: gleich watschelt die dicke Hedwig hinter mir drein und schilt mich
aus, dass ich keine Lebensart habe: steh ich etwa in Gedanken und antworte nicht
gleich, wenn mich jemand anredet, so sollten Sie nur das Unglück sehn, das ich
ausstehen muss, sobald die Gesellschaft fort ist! Wenn sich nicht die Gräfin
zuweilen meiner annähme, so wär ich längst davongegangen. Ich tu es auch gewiss
noch einmal.
    Die Herrmann. Sie werden ja so etwas nicht tun!
    Die Baronesse. Es wäre kein Wunder, wenn man so geplagt wird. So steif und
trocken Tag für Tag zuzubringen und auch nicht einmal ein Vergnügen haben zu
dürfen, das ist keine Kleinigkeit. Ich soll ja mit niemanden reden, mit
niemanden lachen, weil das alles zu gemeine Leute sind; und dass ich nicht
Heinrichen sooft sehen und sprechen darf, wie ich will - ach! das nagt mir am
Herze! - Ich kann's Ihnen wohl sagen: er gefällt mir besser als alle die jungen
Herren und Kavaliere, die zum Grafen kommen. Machen Sie ja, dass er nicht vom
Schloss weggenommen wird!
    Die Herrmann. Nein, das lass ich nicht zu, und wann ich mich mit meinem Manne
darüber prügeln müsste. Ich will Sie wieder nach Hause begleiten: morgen wird
meinem alten Bäre der Sonnenschuss wohl vergangen sein.
    Die Baronesse. Nein, ich gehe nicht, solange Heinrich hier bleibt. - Sie
wollen mich hintergehn: so leichtgläubig bin ich nicht: wenn ich aus Ihrem Hause
bin, so schaffen Sie ihn gleich fort, damit ich nicht weiss, wohin er gekommen
ist. Wenn das geschieht, hernach ist es ganz aus auf der Welt für mich: dann
können sie mich begraben, wenn sie wollen. -
    Alle weitre Vorstellungen fruchteten nichts bei ihr: sie beharrte hartnäckig
auf ihrem Entschlusse, nicht wieder aufs Schloss zu gehen, wenn sie Heinrich
nicht begleitete, und drohte, die ganze Nacht auf der Treppe sitzen zu bleiben,
wofern man ihr nicht willfahrte. Die Herrmann war am Ende ihrer Beredsamkeit,
liess sie sitzen und ging heimlich fort, Fräulein Hedwig von dem Plane der
Baronesse zu benachrichtigen.
    Die Botschaft war äusserst willkommen: denn die arme Gouvernante war in
unbeschreiblicher Angst über die Abwesenheit ihrer Untergebnen. Sie hatte,
einige Minuten nachdem die Flucht geschehn war, ihren verliebten Kreuzzug durch
den Garten beendigt, und ihr Herz schlug ellenhoch vor Schrecken, als sie bei
ihrer Rückkunft ins Zimmer die Baronesse nirgends fand. Als wenn sie ein
Gespenst jagte, lief sie brausend und glühend die Treppe hinauf zu Schwingern
und fand auch hie niemanden: nun war keine Vermutung gewisser, als dass die
beiden jungen Leutchen, nach dem löblichen Beispiele der Gouvernante, auch
ihrerseits eine Liebesfahrt getan hatten. Sie rief bald Schwingern, bald
Ulriken, bald Heinrichen und raste wie unsinnig in dem Zimmer herum, riss das
Fenster auf und rief: alles tot, als wenn die ganze Hofstatt durchgegangen wäre!
- »Ach du liebes Väterchen im Himmel droben!« schrie sie trostlos, rang die
Hände, und Angstschweiss stund in grossen Perlen auf der rotunterlaufnen Stirn.
»Du herzliebes, liebes Gottchen! wo sind die gottlosen Kinder hin? Wer weiss, was
sie jetzt miteinander anfangen?« - Schwinger wurde durch das Klagegeschrei aus
seiner homiletischen Begeisterung erweckt und öffnete das Kabinett. Fräulein
Hedwig fiel mit ihrem ganzen plumpen Körper über ihn her: - »Schaffen Sie mir
die Baronesse«, schrie sie, »oder ich kratze Ihnen die Augen aus.« - Schwinger
war mit den Gedanken noch bei seiner Predigt, die von der christlichen Sanftmut
handelte, und hub mit kanzelmässigem Tone an: »Die Sanftmut ist eine von den
Tugenden, die das Herz eines Christen zieren sollen« -
    »Ach! mit ihrer verzweifelten Sanftmut!« unterbrach ihn die Gouvernante.
    Er fuhr ungehindert fort: - »Sie muss in seinen Worten und Werken sich
äussern« -
    Fräulein Hedwig. So lassen Sie uns doch suchen, ehe sie der böse Feind in
den Klauen hat!
    »Wen denn?« fragte Schwinger, von seinem Traume erwachend.
    Fräulein Hedwig. Die Kinder! Sie sind ja fort! Wenn sie nun gar die
Fallacibus Satanas blendeten - ach! wir müssten beide mit Schimpf und Schande
davonlaufen! aus dem Hause würden wir gejagt! - Hab ich's nicht immer
prophezeit? Aber mit den Leuten, die keinen Teufel glauben, ist nichts
anzufangen. Hernach -
    Schwinger. Gedulden Sie sich nur! Es wird vermutlich nicht so schlimm sein,
als Sie denken. -
    Er ermahnte sie noch weiter zur Geduld, allein die Furcht vor einer
Entdeckung der geheimen Ursache, warum sie die Baronesse allein gelassen hatte,
machte sie wütend, besonders da Schwinger einigemal sich erkundigte, warum sie
ohne die Baronesse spazierengegangen sei. - »Sie denken wohl gar«, sprach sie
erschrocken, »dass ich auf bösen Wegen gewesen bin? Dafür bewahre mich mein
liebes Väterchen im Himmel!«
    Beide waren noch mitten in der Überlegung, wo sie zuerst die Entflohnen
aufsuchen sollten, als Frau Herrmann mit ihrer Botschaft anlangte und sie aus
ihrer Verlegenheit riss: der Hauptknoten war indessen immer noch aufzulösen. Die
Herrmann schlug dazu selbst ein Mittel vor: um ihren Mann zu bewegen, dass er
Heinrichen wieder zurückgebe, hielt sie nichts für kräftiger, als ihn durch eine
Bouteille Wein zu bestechen. Schwinger steckte eine zu sich und wanderte mit der
Herrmann ab, und Fräulein Hedwig, um desto sicherer zu sein, folgte ihnen.
    Schwinger fing seine Traktaten mit dem alten Herrmann unter dem Fenster an,
wo er sein Pfeifchen schmauchte: er stellte ihm die Ungade des Grafen und der
Gräfin vor, die den Burschen von ihm foderten, erschöpfte alle mögliche anderen
Bewegungsgründe: der Alte gab einen jeden zu und schlug sie alle damit nieder -
»Ich mag nicht.« - Endlich wurde das kraftvolle Argument ad stomachum aus der
Tasche geholt; auch dies schlug nicht an: doch gab er die Erlaubnis, es in die
Stube zu bringen.
    Als Schwinger ins Haus trat, fand er Fräulein Hedwig in offenem Zanke mit
der Baronesse: sie hatte sie schon mit ihren breiten Händen wie der Geier eine
Taube umklammert, um sie mit Gewalt hinauszuziehen: die nervichte Strafpredigt
war schon vorausgegangen. Die Baronesse fühlte so viel Unwürdigkeit in dieser
Behandlung, dass sie alle Rechte der Selbstverteidigung gebrauchen zu dürfen
glaubte: die Angst, von Heinrichen mit Gewalt getrennt zu werden, und die
Überredung, dass dies alles abgekartet sei, machte sie doppelt unwillig und
doppelt beherzt: sie zog eine lange Nadel aus den Haaren und stach so lange auf
die Klauen los, die sie umschlungen hielten, bis sie der Schmerz nötigte,
fahrenzulassen. In diesem Augenblick wollte Schwinger beide auseinanderbringen,
als sie sich ohnehin aus dieser Ursache gehen liessen. Aller Widersprüche
ungeachtet, nahm er die Baronesse mit sich in die Stube: er wollte seine
Vorstellung erneuern, allein die erboste Hedwig, die auf und nieder rannte und
das Blut aus den zerrjetzten Armen saugte, machte mit ihrem Toben alle seine
Worte unverständlich. Dem alten Herrmann war die Gesandtschaft durch die
vorgezeigte Bouteille Wein interessant geworden, und ärgerlich, dass er nichts
verstehen konnte, ergriff er Fräulein Hedwig bei dem Arm und gab ihr mit seiner
originalen Unmanierlichkeit die Wahl, hinauszugehen oder zu schweigen. Sie
wählte das letzte, und Schwinger, weil er auf dem angefangenen Wege nicht
weiterzukommen gedachte, schlug einen andern ein: er stellte es dem alten
Herrmann frei, seinen Sohn dazubehalten, und bat ihn, wenigstens die Flasche mit
ihm auszutrinken, damit er nicht ganz umsonst bei ihm gewesen sei. Ohne Anstand
wurde die Bitte bewilligt, die Pfeife niedergelegt, und Nillchen stand mit den
Gläsern schon in Bereitschaft, ehe er sie noch foderte.
    Die Flasche war itzo leer: die Baronesse stand betrübt im Winkel neben dem
Grossvaterstuhle, wo Fräulein Hedwig in vollem Feuer der Erbitterung sass und sich
mit dem weissen Schnupftüchlein das breite Antlitz fächelte: das gute Kind
schielte noch mit ängstlichem Blicke nach ihrem Heinrich, dem sie sich nicht
nähern durfte; - denn sooft sie zu ihm hintrat und seine Hand ergriff, fuhr die
grimmige Gouvernante wie ein böser Geist auf sie los und trennte sie von ihm: -
ihr gegenüber wartete Heinrich mit neugierigem Blicke nach dem Tische, wo sein
Vater und Schwinger sassen und tranken, voller Ungeduld, was für eine
Entscheidung seines Schicksals seinem Vater die Flasche eingeben werde: ebenso
erwartungsvoll lauerte Nillchen neben ihrem Manne, mit der Brust auf die Lehne
eines leer dastehenden Stuhls gelehnt, den Kopf weit herüberhängend, um die
Veränderungen, die der Wein allmählich im Gesichte des alten Herrmanns bewirkte,
desto schneller wahrzunehmen, und lächelte mit steigender Freude, je günstiger
die Aspekten wurden. Der Alte, der sich heute schon den zweiten Rausch trank,
wurde gleich bei dem zweiten Glase ungemein geschwätzig, bat seinen Mittrinker
jeden Augenblick um Verzeihung wegen Beleidigungen, die er ihm nimmermehr getan
hatte, und war jetzt am Ende der Flasche so schwachherzig, dass er sein Nillchen
zu loben und zu karessieren anfing. - »Was machst denn du hier, Heinrich?«
sprach er stammelnd, indem er seinen Sohn von ungefähr erblickte. »Hast du mich
einmal besuchen wollen?« - Er stand auf, wankte zu ihm und zwickte ihn in die
Backen. »Du Schelm«, sagte er, »besuchest deinen Vater so selten! - Kinderchen!
geht nur wieder nach Hause: ich werde schläfrig. Geht, und kommt bald wieder!« -
    Viktoria! die List war gelungen: der Alte hatte im Rausch seinen vorigen
feindseligen Plan vergessen: man bestätigte ihn in der Einbildung, dass die ganze
Gesellschaft bloss aus eignem Triebe gekommen sei, ihn zu besuchen, und sagte ihm
ohne Zögern gute Nacht. Nillchen sprang vor Freuden dreimal in die Höhe und
klopfte in die Hände: alle Gesichter heiterten sich auf, jedermann nahm
fröhlichen Abschied, nur Fräulein Hedwig nicht. Bald wäre aber der Auftritt, als
er zu Ende eilte, noch weinerlich geworden: der betrunkene Alte bildete sich
ein, dass Hedwig seine Frau sei, und übte daher einen Teil seiner gewalttätigen
Karessen an ihr aus: Hedwig, voll keuschen Grimms über seine Frechheiten, stiess
ihn zurück: er erzürnte über diesen rebellischen Widerstand und misshandelte sein
vermeintes Nillchen auf die grausamste Weise: man mochte ihm einreden, soviel
man wollte: er beharrte hartnäckig auf der Meinung, dass Hedwig seine Frau sei,
bis endlich sein wahrhaftes Nillchen ihm um den Hals fiel und ihm die Freiheiten
anbot, die Hedwigs Sprödigkeit versagt hatte: die übrige Gesellschaft schlich
fort, und die Liebe schläferte unter ihren Schwingen den trunknen Ehemann ein.
 
                                Fünftes Kapitel
Die Begebenheit brachte bei Heinrichen in dem Reiche seiner Neigungen eine
mächtige Revolution hervor: die Liebe, welche die Baronesse bei dieser
Gelegenheit ihm so tätig bewies und in dem Gespräche mit seiner Mutter auf der
Treppe erklärte - er hatte dieser Unterredung, als er bei seinem Vater in der
Stube eingesperrt war, durch das Schlüsselloch zugehorcht -, diese so tätig
erwiesene, so deutlich erklärte Liebe zündete seine bisherige Zuneigung bis zur
Flamme an. Der zwölfjährige Bursche war ihr nicht mehr gut wie in seinem achten
Jahre, als er beschloss, der Gräfin zum Trotze mit ihr umzugehen, und ebensobald
seinen Trotz wieder aufgab, weil ihn sein Lehrer durch Beschäftigung und
Zerstreuungen davon ablenkte: die Liebe foderte jetzt den Ehrgeiz, der bisher in
seiner Seele den Ton angegeben hatte, wirklich zum Kampfe auf, und er fühlte den
ersten starken Streit der Leidenschaften in sich. Vorher waren es nichts als
kleine Scharmützel gewesen: Zuweilen ein flüchtiger Wunsch, eine kleine
Unzufriedenheit mit seinen gewohnten Beschäftigungen, ein Zuck am Herze, ein
inneres, unbestimmtes Verlangen nach einer Erweiterung seines Wirkungskreises,
so ein schwankendes Gefühl, als wenn ihm etwas fehlte, auch oft ein wirklicher
Schmerz über das Verbot, das seinen Umgang mit der Baronesse hinderte! weiter
ging es nicht; und wenn ihn sein Lehrer wieder in das ordentliche Gleis
hineinführte, so lief er darin mit beruhigtem Herze fort.
    Itzt ward die Sache ernster. Er suchte Gelegenheiten, die Baronesse zu sehn,
ihr süsse Blicke zuzuwerfen; wenn er an Schwingers Seite vor ihrem Zimmer
vorüberging, stand sie hinter der halboffnen Tür, und hurtig schlüpften ein paar
wechselseitige Blicke durch die schmale Öffnung. Wenn er in den Garten ging,
stand sie am Fenster; unaufhörlich hatte er Ursachen, sich umzusehen, und wenn
Schwinger nach dem Gegenstande fragte, so fehlte ihm nie einer voller
Merkwürdigkeit: während dass jener diese meistens schwer zu findende
Merkwürdigkeit daran aufsuchte - husch! flog ein Wink, auch wohl mitunter ein
Kuss ins Fenster hinauf und blieb nie unbeantwortet. Dergleichen Spaziergänge in
den Garten hatte er jetzt täglich so viele zu machen, dass Schwinger sich darüber
verwunderte und in der Länge verdriesslich wurde, die Treppen sooft mit ihm auf
und nieder zu laufen, besonders da er nie weiter als in die ersten Alleen zu
bringen war, aus welchen er die Baronesse am Fenster sehen konnte: wenn er durch
keinen Vorwand Schwingern bewegen konnte, vorn bei dem Eingange
herumzuspazieren, sondern ihm weiter folgen musste, so währte es nicht fünf
Minuten, und es fand sich ein Kopfweh oder eine andre dringende Ursache ein,
warum er ihn bitten musste, wieder aufs Zimmer zu gehn. - »Der junge Mensch ist
wohl krank«, dachte Schwinger bei sich selbst, »dass er so unruhig ist und auf
keiner Stelle bleiben kann«: und in dieser Voraussetzung gehorchte er allen
seinen Verlangen, strengte ihn weniger zu Arbeiten an und wanderte aus gutem
Herzen wohl zehnmal in einem Vormittage auf seine Bitte mit ihm in den Garten
und aus dem Garten, dass die Leute im Hause verwundert stehenblieben und fragten:
»Kommen Sie denn schon wieder? Sie gehen ja jetzt sehr fleissig spazieren!« -
»Ach!« zischelte ihnen Schwinger leise zu, »mein armer Heinrich ist krank: er
kann an keinem Orte bleiben: seine Unruhe beweist es deutlich: es wird
vielleicht eins von den herrschenden Fiebern werden.«
    Wenn er aufs Zimmer kam, nahm er einen lateinischen Schriftsteller: zwei
Zeilen - und in seinem Kopfe stand die Baronesse: er sah starr und unverwandt
auf sein Buch, und durch seinen Kopf liefen Projekte, wie er die Baronesse öfter
sehen könnte. Schwinger sah ihm von der Seite zu, wie er nach seiner Meinung an
einer Stelle so lange mit einem Ernste nagte, als wenn er den Kopf sprengen
wollte. - »Greife dich nicht zu sehr an!« sagte der gutmütige Lehrer und nahm
ihm das Buch weg. »Komm! wir wollen uns die Zeit vertreiben.«
    Er holte Kupferstiche oder die Gipsabdrücke der römischen Kaiser; keiner, an
welchem Heinrich nicht eine Ähnlichkeit mit der Baronesse Ulrike fand! Augustus
hatte ihr Kinn, Nero die Stirn, ein andrer das, ein andrer jenes, und selbst dem
alten Nerva fehlte es nicht an Reizen, um ihr völlig ähnlich zu sein. Er störte
in den Kupferstichen; alle niederländische Bauernszenen, die ihn sonst sosehr
ergötzten, wurden verächtlich zurückgelegt, wenn nicht ein Mädchen darin
schäkerte. - Alexander mit seinen Heldentaten, alle berühmte grossen Männer, die
er sonst zu Viertelstunden anstaunte, mussten ungesehen vorbeimarschieren. Itzt
kam ein Urteil des Paris - ah! hier ist Ulrike, wie sie leibt und lebt! Dreifach
steht sie da! Jede Göttin sieht ihr so gleich, als wenn sie dem Künstler bei
jeder gesessen hätte! - Hier wurde haltgemacht: er sah den Göttinen ins Gesicht:
sie schienen ihn anzulächeln: er winkte ihnen mit den Augen, und es war nichts
gewisser, als dass sie ihm wieder winkten: er berührte mit schüchternem Finger
ihre Wangen, wagte sich an die vollen Brüste, strich die sanften, federweichen
Arme, ein süsser Schauer lief über seine Brust hin, und er zog schamhaft den
Finger zurück, als wenn er zuviel gewagt hätte. Itzt wurde er den glücklichen
Paris gewahr. »O wer Paris wäre!« dachte er und legte den Kupferstich auf die
Seite allein. Er blätterte weiter - da war nichts, gar nichts Sehenswürdiges
mehr! Weg mit den Kupferstichen! Die Göttinnen wurden auf die Kommode quartiert,
um sich an ihrem Anblicke weiden zu können, sooft es ihm beliebte.
    »Bist du's schon wieder überdrüssig?« - fragte Schwinger und erbot sich, ihm
etwas auf dem Klavier vorzuspielen: er schien sich über das Anerbieten zu
freuen. Sein Lehrer spielte alle seine vorigen Lieblingsstücke nach der Reihe,
die brausenden Allegros, die majestätischen, patetischen grossen Arien, die er
sonst so aufmerksam bewunderte: nichts reizte ihn: er stand bei den drei
Göttinnen, hörte kaum darauf und bat Schwinger um etwas Neues. -
»Des Tages Licht hat sich verdunkelt« -
fing dieser zu singen an: Heinrich horchte.
»Komm, Doris, komm, zu jenen Buchen« -
Sein Herz klopfte: die ganze Buchenhecke, von welcher er sooft der Baronesse
zuwinkte, stand vor seinem Gesichte.
»Lass uns den stillen Grund besuchen,
Wo nichts sich regt als ich und du« -
Er schwamm in sanftem, rührendem Vergnügen: er fühlte sich in eine höhere Sphäre
versetzt, seine ganze Einbildungskraft erweitert.
»Und winket dir liebkosend zu« -
Nun konnte er sich nicht mehr halten: er wiederholte mit entzückungsvollem
Akzente den Vers leise, eilte zum Klavier, liess nicht nach, bis ihm Schwinger
die ganze Ode durchgesungen hatte, und fand jedes Wort darin so vortrefflich,
dass er viele Tage nichts anderes hören wollte.
    Die Baronesse, welche Fräulein Hedwig weder mit Kupferstichen noch Liedern
zerstreute, ergriff die einzige für sie übrige Zuflucht - sie las, sah freilich
sehr oft ins Buch, indessen dass ihre Einbildungskraft an allen Orten, wo ihr
Heinrich ein Zeichen der Liebe zugeworfen, herumschweifte und ihr künftige
angenehme Szenen vormalte: sie labte sich an diesen Luftbildern so herrlich als
Heinrich an seinen drei Göttinnen.
    Schwingern wurde sein Schüler etwas verdächtig, dass er beständig, auch bei
der entferntesten Gelegenheit, Ulriken herbeizubringen wusste: um
dahinterzukommen, liess er ihm völlige Freiheit, allein zu gehn, wohin er wollte,
und beobachtete ihn von fern in einem Winkel oder auf eine andre Art, doch dass
er ihn nie zu beobachten schien; er spürte lange Zeit gar nicht einmal Lust an
ihm, das Zimmer zu verlassen. Eines Nachmittags, als er ihn so sich selbst
überlassen hatte - welches jedesmal wie von ohngefähr geschah -, ging er die
Treppe hinunter in den Garten. Die Baronesse, die seinen Gang genau kannte,
hörte ihn kaum kommen, als sie an der Tür war: er wollte nicht bloss mit einem
zugeworfnen Blicke sich begnügen, sein Herz strebte nach der Tür hin: schon
hatte er einen Schritt zu ihr hingewagt - hurtig zog ihm ein Etwas den Fuss
zurück; er ging verschämt, als wenn die ganze Welt den Schritt gesehn und doch
nicht merken sollte, dass er um der Baronesse willen geschehen sei, mit
niedergeschlagnen Augen dicht an der anderen Wand weg, warf keinen verliebten
Blick nach ihr, sah sich vor dem Garten nicht nach ihrem Fenster um: nur zween
Gänge durch den Garten! - und er wanderte wieder zurück: ein flüchtiges
Hinschielen auf dem Rückwege konnte er sich nicht verwehren, aber es war nur wie
weggestohlen, und mit desto gesenktrem Kopfe und desto dichter an der Wand ging
er vor ihrem Zimmer vorbei. Unmutig über die Scham, die ihm seine Absicht
vereitelt hatte, eilte er ans Fenster und zürnte auf sich und seine
Schüchternheit.
    Das Verlangen war zu dringend, die Gelegenheit zu günstig: er musste einen
zweiten Versuch wagen. Aller mögliche Mut wurde in der Brust gesammelt, er
spornte sich selbst durch Vorwürfe über seine Feigheit an: entschlossen ging er
fort, marschierte ziemlich nahe an der geliebten Tür vorbei - da war keine
Baronesse! Wie mit einer Keule vor den Kopf geschlagen, blieb er eine halbe
Minute dabei stehen: wenn dich nun jemand sähe! rief die Scham in ihm; und als
wenn zehn Peitschen auf seinen Rücken loshieben, rennte er die Treppe hinunter
in einem Zuge in den Garten: auf dem Rückwege, der unmittelbar darauf erfolgte,
schielte er nach dem Fenster - da war keine Baronesse! Traurig langte er von
dieser zweiten Reise an, die noch unglücklicher ausgefallen war als die erste.
Er sann und sann, warum die Baronesse nicht erschienen sein möchte: der arme
Verliebte wusste nicht, dass er bei allem geschöpften Mute auf den Zehen zur
obersten Treppe herabgegangen war: seine Venus hatte ihn gar nicht kommen hören.
    Er fühlte nunmehr, was für eine grosser Unterschied es sei, in seinem
sechsten Jahre eine Baronesse küssen und im zwölften, wenn man durch tägliche
Erfahrung an den Unterschied des Standes gewöhnt ist, eine Baronesse lieben:
dort machte ihm kindische Unbesonnenheit alles leicht und hier die Überlegung
alles schwer. Der vertrauliche Umgang mit ihr hatte schon seit vier Jahren
aufgehört: er war durch Schwingers Wachsamkeit, ohne Zwang, sogar ohne dass er's
merkte, in einem Hause von ihr getrennt und gewissermassen fremd gegen sie
geworden: die häufigen Beschäftigungen und Zerstreuungen, in welchen ihn sein
Lehrer gleichsam ersäufte, hatten zwar seine erste Zuneigung nicht ausgelöscht,
aber doch nicht weiter aufbrennen lassen, da hingegen die Baronesse bei ihrer
völligen Musse, bei allem Mangel an für sie anziehenden Zerstreuungen die ihrige
irisch unterhielt, durch Einsamkeit, Lektüre und Nachdenken stärkte, belebte,
glühender machte.
    Sosehr Heinrich die Schüchternheit seiner Liebe fühlte, so beschloss er doch
eine dritte Reise: jetzt war nichts gewisser, als dass er sich ihr näherte, ihr
eine Hand bot, und der Himmel weiss, was weiter tat: es war so ausgemacht, dass er
im Heruntergehen stark auftreten und husten wollte, um sie herbeizulocken: er
schritt mit ängstlicher Herzhaftigkeit schon daher - Himmel! da trat Schwinger
herein - und er hatte sich so schön zubereitet!
    »Wo willst du hin?« fragte sein Lehrer. - Diese unvermutete Frage schlug
seine Unerschrockenheit darnieder wie ein Hagelwetter: er errötete von einem
Ohre zum andern, dass er glühte, ward verwirrt, wiederholte die Frage und
stammelte, statt der Antwort, ein nichtssagendes: »Nirgends.«
    »In den Garten?« fuhr Schwinger fort. »Bist du schon vorhin unten gewesen?«
- Die glühenden Wangen wurden wie mit Blut übergossen: er antwortete: »Nein.«
    Das war bedenklich: Schwinger hatte ihn belauscht, als er seine zwo
verliebten Reisen getan hatte: er, der für seinen Lehrer sonst nichts Geheimes
hatte, leugnet jetzt eine so gleichgültige Handlung? Die Spaziergänge müssen
Bewegungsgründe haben, deren er sich schämt - dachte Schwinger, setzte nicht
weiter in ihn und behielt seine Mutmassungen für sich, um sie durch neue Versuche
zu bestätigen oder zu widerlegen.
 
                                  Dritter Teil
                                  Erstes Kapitel
Schwinger fand durch wiederholte Proben zu seiner grossen Unruhe nichts gewisser,
als was er vermutet hatte: die Neigung seines jungen Freundes zur Baronesse war
unverkennbar. Den Verliebten konnte die Entfernung, in welcher ihn seine
Schüchternheit und so viele Aufpasser hielten, nicht so quälen als seinen Lehrer
jene Gewissheit: er übersah alle die traurigen Folgen für das Schicksal des
jungen Menschen und für sein eignes, die eine solche Liebe begleiten müssten, die
Vorwürfe, die man ihm deswegen machen würde, besonders da er immer sein
Verteidiger gewesen war und gewissermassen es über sich genommen hatte, für ihn
und seine Neigung zu stehn: er ängstigte sich selbst mit der Besorgnis, dass er
vielleicht in der Erziehung einen Fehler begangen, ihn nicht genug bewacht, die
falsche Metode in seiner Bildung ergriffen, nicht genug getan habe, einer
gefährlichen Leidenschaft zuvorzukommen. Bald wollte er nunmehr selbst anhalten,
seinen Freund aus dem Hause zu entfernen: aber welch ein Schmerz für ihn, wenn
er an diese Trennung gedachte! welche neue Unruhe, was aus ihm werden könne! wer
sollte ihn unterstützen, mit Rat und Geld auf der Bahn weiterführen, auf welche
er ihn geleitet hatte?
    Wie unrecht tat ich, sprach er oft zu sich selbst, dass ich diesen Durst nach
Ehre in ihm rege machte! dass ich ihn in eine Laufbahn hinzog, in welcher er sich
unmöglich erhalten kann! Sein Elend hab ich in der besten Absicht bewirkt: er
wird nach Ehre wie nach dem höchsten Gute aufstreben und seine Armut ihn wie
einen Vogel, dem Blei an die Flügel gebunden ist, wieder zurückziehn; und dann
wird der Unglückliche sich im Staube wälzen, sich selbst durch Kummer und Ärger
zerstören und dem fluchen, der ihn fliegen lehrte, da er nach dem Willen des
Schicksals nur kriechen soll. - Meine künftigen Tage, die das Bewusstsein, einen
edlen Menschen gebildet zu haben, erheitern sollte, werden unaufhörlich in
Wolken und Stürmen über meinen Scheitel dahergehn. O dass mir mein erstes, mein
hoffnungsvollstes Werk misslang! Was konnt ich Elender, den das Geschick für die
enge, kümmerliche Sphäre bestimmte, wo weder Ansehn noch Belohnung meiner
warten, wo ich nicht durch Verdienste glänzen und nur mir selbst gefallen kann -
für die enge Sphäre eines Landgeistlichen, der gern den Dank einer Nation
verdienen möchte und alle seine Wirksamkeit auf eine Handvoll einfältiger Bauern
einschränken muss -, was für Trost konnt ich in solch einer niederschlagenden
Stellung wünschen und suchen, als einen Menschen gebildet zu haben, der
verrichtete, was ich nicht verrichten konnte? - Auch dieser Trost ist dahin! Ich
soll schlechterdings Kräfte und Willen haben und nichts mit ihnen nützen. - Geh,
Verachteter! predige, taufe, begrabe, gräme dich und - stirb!
    Aber, tröstete er sich zu einer andern Zeit, seine Liebe ist noch
schüchtern: ich will meinem Plane treu bleiben und diesem Winke nachgehn, seine
Ehrbegierde, seine Tätigkeit von neuem bis zum Zerspringen anspannen, seine
Schüchternheit durch alle Mittel erhöhen, Tag und Nacht über ihn wachen, und
wann es zum äussersten kömmt - ihn entfernen. Vielleicht macht mir unterdessen
ein lebenssatter Seelsorger in der Herrschaft des Grafen Platz: dann soll er bei
mir wohnen, bei mir leben, bis ich ihm zu einem Gewerbe oder einer Kunst
verhelfen oder auf der Bahn der Ehre weiterbringen kann. Aus solchem Tone muss
ein edles Gefäss werden, oder es springe!
    Dem gefassten Entschlusse gemäss verdoppelte er täglich die Beschäftigungen
seines jungen Freundes, gab sich unendliche Mühe, dass ihn Graf und Gräfin einer
höhern Aufmerksamkeit würdigen und durch Beifall aufmuntern sollten: sie taten
es beide und warfen dem Zöglinge, seinem Erzieher zu Gefallen, zuweilen einen
Brocken Lob als eine Gnade zu, mehr mit derjenigen nachsichtigen Güte, womit man
der Marotte eines Menschen willfahrt, dem man nicht ungeneigt ist, als aus
wahrer lebendiger Überzeugung. Bei der Gräfin mochte es noch ein Rest von
Zuneigung sein, aber es war gewiss nur ein Rest: denn solange er ein Knabe war,
hielt sie es nicht für unanständig, sich mit ihm abzugeben: allein sein jetziges
Alter setzte sie gegen ihn in das völlige Verhältnis des ungleichen Standes: sie
sprach und handelte gegen ihn wie eine gnädige Herrschaft, und wenn sie auch
mehr Vergnügen in der Herablassung fand, so durfte sie vor dem Grafen nicht zu
weit gehn, der so etwas eine Unanständigkeit nannte.
    Sonach musste Schwinger das meiste tun: er liess sich gegen niemanden von
Heinrichs Liebe etwas merken, und Graf und Gräfin waren durch das Alter der
Baronesse sicher gemacht, sie zu argwohnen, weil sie ihr nunmehr Verstand genug
zutrauten, sich nicht mit ihrer Zuneigung wegzuwerfen. Auch liess es besonders
der Graf nicht an Bemühung fehlen, ihr Stolz und Verachtung gegen alle Personen
unter ihrem Stande einzupflanzen und die Vertraulichkeit zu benehmen, mit
welcher sie sich gegen solche Leute betrug: seine Lehren fruchteten wenig: je
mehr er sie zu Steifheit, zu Ernst und zerimoniöser Gravität zwingen wollte, je
mehr wuchs ihr Missfallen daran, das sie freilich wohlbedächtig verbarg. Daher
gefiel sie auch fast niemanden von ihrem Stande: sie spielte wider ihre innern
Antriebe eine angenommne Rolle, und es war nicht zu leugnen, dass ihr Betragen,
ihre Manieren dadurch etwas ungemein Gezwungenes, Linkisches bekamen: sie war
eine Puppe, die im Drahte geht, weil sie nicht natürlich gehen soll. Nicht
besser fielen auch ihre Reden in der Gesellschaft aus: bei jedem Einfalle, der
in ihr aufstieg, hielt sie sich zurück, aus Furcht, zu frei, zu unanständig zu
sprechen, und sagte in solchem Zwange meistens etwas Albernes. Man sagte
allgemein: es ist ein gutes Mädchen, das Ökonomie lernen und einmal einen
Landkavalier heiraten muss: für die Welt wird sie niemals. Die Damen rückten ihr
ihren Mangel an Lebhaftigkeit vor, tadelten sie, dass sie zu still sei, rieten
ihr, sich ein wenig aufzumuntern, den jungen Herren zu gefallen zu suchen, um
durch sie aufgeheitert zu werden, und sie ward durch die öftern Aufforderungen
noch gezwungner, noch ängstlicher.
    Die Herren gaben sich die Ehre, sie lustig machen zu wollen, wie sie es
nannten: ihre laue Fröhlichkeit erwärmte die Baronesse, dass die ihrige in
Flammen ausbrach, sie wurde im eigentlichen Verstande lustig, das heisst, sie
vergass sich und fiel in ihre Natur zurück: gleich erging durch Fräulein Hedwig
ein Befehl an sie, sich nicht zu frei und wider den Wohlstand zu betragen: da
stand das arme Geschöpf und war wieder eine unleidliche stumme Drahtpuppe! Desto
mehr hielt sie sich auf ihrem Zimmer wieder schadlos, wiewohl auch hier Fräulein
Hedwig gleich über Unanständigkeit schrie.
    Sie wunderte sich äusserst, dass ihr geliebter Heinrich seine Spaziergänge auf
einmal so ganz einstellte, und kundschaftete aus, dass er den ganzen Tag mit
Schwingern beschäftigt sei: - keine erfreuliche Nachricht für sie! Nun wird er
mich wohl ganz vergessen - dachte sie, aber sie hatte das nicht zu besorgen. Der
gute Bursche war ein Fuhrwerk, an beiden entgegengesetzten Enden mit Pferden
bespannt: bald zog das vorderste Gespann den Wagen eine kleine Strecke vorwärts,
und gleich zog das hinterste an und riss ihn nach sich hin. Die Arbeit war ihm
zur Last: wenn ihm Schwinger die goldnen Früchte der Ehre vorhielt, griff er nur
mit halber Entschlossenheit darnach, weil ihm die Liebe schönere Lockungen
darbot: er hörte, er las, ohne oft etwas zu verstehen: sein Kopf war mit
Nymphen, Liebesgöttern, Grazien und allen übrigen schönen Bewohnerinnen der
poetischen Liebeswelt angefüllt, die ihm mancherlei interessante Szenen zusammen
vorspielten: er suchte nur Bücher auf, die ihm dieses Teater mit mehr
Schauspielern und mannigfaltigern Auftritten versorgten; und da er die Alten
nicht hinreichend dazu fand, wandte er sich zu den Neuern: je üppiger, je
wollüstiger ihre Bücher mit der Imagination spielten, je willkommner waren sie
ihm. Schwinger konnte ihn von dieser Lektüre nicht abziehn und wollte sie ihm
geradezu nicht verbieten, weil er durch das Verbot seine Begierde darnach nur
mehr zu entflammen glaubte: er suchte sie ihm also anfangs mit guter Manier aus
den Händen zu spielen, packte alle von diesem Schlage, die in seiner Bibliotek
waren, heimlich in einen Kasten zusammen und las sie nie, als wenn sein junger
Freund schlief.
    »Aber warum hatte Schwinger, ein so gesetzter Mann, ein künftiger
Seelenhirt, solche schädliche Bücher? Warum las er solche verderbliche
Schriften, Sauflieder, Hurengesänge, solch Buhlgeschwätze und verliebtes Zeug?«
- Kurzsichtiger, der du so fragst! Weil ein solcher Mann ein Bedürfnis fühlte,
solche Schriften zu lesen, ist das nicht Antworts genug? - Er las sie und würde
sie auch seinem Freunde nicht verschlossen haben, wäre dieser mit ihm in einem
Alter und nicht in so einer kritischen Seelenlage gewesen: und da er ihren
Verlust gelassen zu ertragen schien und in seinen Arbeiten wieder wie vorher
fortfuhr, so glaubte er ihn völlig genesen. Der leichtgläubige Arzt! denkt, dass
der Patient gesund ist, weil er nicht mehr im Bette liegt!
    Noch mehr wurde er in seinem wohlmeinenden Selbstbetruge durch einen Vorfall
bestärkt. Als er einstmals aus dem Kabinette herauskam, fand er Heinrichen, vor
dem Tische hingestellt, den Kopf auf beide Hände gestützt, den Blick starr auf
eine Büste des Antonins gerichtet, die vor ihm stand. Er redete ihn an und blieb
ohne Antwort: er ging um ihn herum und sah ihm ins Gesicht: grosse Tränentropfen
rollten über die eisstarren Wangen aus den unverwandten Augen. - »Was weinst
du«, fragte ihn Schwinger, Heinrich sprang erschrocken auf. »Dass mein Vater kein
Kaiser ist«, sagte er zornig und stampfte. - »Warum ist dir denn das itzo erst
so unangenehm?« - »So könnt ich doch noch etwas Gutes in der Welt ausrichten«,
war Heinrichs Antwort, »aber so bleibe ich zeitlebens ein schlechter Kerl, und.
-«
    Er verstummte: ein Erröten und der gesenkte Blick hätten Schwingern leicht
belehren können, was er verschwieg. - Und ich dürft es ungescheut wagen, die
Baronesse zu lieben, dachte er sich so deutlich, als es hier gedruckt steht:
aber Schwinger war von dem vermeinten glücklichen Erfolg seiner Kur so sehr
bezaubert, dass er die Retizenz nicht einmal wahrnahm. Er setzte die Kur einige
Zeit unermüdet fort, um ihn von Grund aus zu heilen: allein nicht lange! Hatte
sich der junge Mensch durch die gehäuften Beschäftigungen zu stark angegriffen?
Oder erschöpfte dies Hin- und Hertreiben zweier Leidenschaften, worunter die
eine seine ältre und die andere seine liebere Freundin war, seine junge
Maschine? - Er wurde krank: er verfiel in ein Fieber.
    Die Baronesse erschrak bis zur Ohnmacht, als sie die erste Nachricht davon
bekam: nun war Graf und Gräfin samt Fräulein Hedwig zu schwach, sie
zurückzuhalten: dass sie sich verraten und dass diese Leute sie trefflich dafür
ausschelten würden, daran dachte sie gar nicht, sondern hören, die Tür
aufreissen, die Treppe hinauf, ins Zimmer hinein und vor sein Bette treten, das
war alles eine Handlung, in einem Paar Atemzügen getan. Die Zusammenkunft war
für den Kranken so verwirrend als unvermutet: er wagte sich kaum zu freuen; er
stammelte furchtsam etwas her, wenn sie ihn fragte; er zog schüchtern die Hand
zurück, wenn sie nach ihr griff: er war so verlegen, so ängstlich, so
überwältigt vom Zwange, dass er aus sich selbst nichts zu machen wusste. Ehe man
sich's versah, siehe! da kam Fräulein Hedwig herangekeucht.
    »Ulrikchen! Ulrikchen!« schnatterte sie und schlug sich auf den Schoss - »was
machen Sie hier? Wenn das der Graf erfährt?« -
    Die Baronesse. Mag er! Ich bleibe hier, bis Heinrich wieder gesund ist.
    Hedwig. Sind Sie gar toll? - Was das für ein Unglück werden wird, wenn Graf
und Gräfin dahinterkommen!
    Schwinger. Sie sollen es nicht erfahren: trösten Sie sich!
    Hedwig. Ja aber - Sie wissen ja wohl!
    Schwinger. Was soll ich wissen? - Was Sie vermuten, ist blosse Grille, blosse
Einbildung. Ich stehe dafür. Lassen Sie die Baronesse immer ihren Besuch
verlängern -
    Die Baronesse. O ich bin nicht zum Besuch da. Ich bediene Heinrichen; dass
Sie's nur wissen.
    Schwinger. Ach das! Ich will Ihr Mitbediente sein.
    Hedwig. Sie werden ja ihrer Tollheit nicht noch fortelfen? - So etwas gebe
ich nicht zu. Kommen Sie, Ulrikchen! den Augenblick fort! - Ihn da gar zu
bedienen!
    Schwinger. Was ist denn Böses darin? - Sie sind ja sonst so gelehrt:
kennen Sie denn die Königin in Frankreich nicht, die den Kranken in den
Hospitälern aufwartete? - Es ist ein Beweis von der Baronesse gutem Herzen.
    Hedwig. Ja, und - wenn man nicht wüsste.
    Schwinger. Sie wissen auch immer, was andere Leute nicht wissen. Ich bleibe
beständig hier am Bette sitzen; und wenn die Baronesse ihres Amtes überdrüssig
ist, dann bring ich sie zu Ihnen.
    Hedwig. Das geht nicht! das geht nicht! Bedenken Sie doch die
Unanständigkeit! Der Mensch liegt ja, so lang er ist, im Bette.
    Schwinger. Diese Freiheit entschuldigt die Krankheit.
    Hedwig. Ja, liegen mag er; das wird ihm niemand wehren: aber ihn liegen
sehen - schämen Sie sich, Baronesse!
    
    Schwinger. Verderben Sie doch dem lieben Kinde die guterzige Freude nicht
durch unzeitige Vorwürfe! Soll sie sich denn eines guten Werks schämen, weil sie
es einem jungen Menschen unter ihrem Stande erweist? - Ich möchte, dass alle
Vornehme ihrem Beispiele folgten und keinen Sterblichen für einen Liebesdienst
zu gering achteten.
    Hedwig. Das ist wohl freilich wahr: wir sind allzumal Sünder und Adams
Nachkommen: mortalis nascimus: aber Sie wissen ja, wie der Graf ist.
    Schwinger. Wenn er hierinne dem Vorurteil und nicht der Vernunft folgt, so
ist es unsere Pflicht zu verhüten, dass seine Anverwandtin nicht seine
Denkungsart annimmt, da sie keine Anlage dazu hat. Der Graf soll es nicht
erfahren, dass die Baronesse dem Triebe ihres menschenfreundlichen Herzens mehr
gefolgt ist als den lieblosen Gesetzen ihres Standes.
    Hedwig. Ich kann es wohl geschehen lassen; aber dass nur nicht die Schuld
hernach auf mich kömmt. Sobald es dunkel wird, marsch ab! Wie können Sie sich
nur so etwas Einfältiges einkommen lassen? hierbleiben zu wollen, bis der
Bursche gesund wird! Sie werden doch nicht gar die Nacht hierbleiben wollen?
    Schwinger. Die Baronesse ist viel zu verständig, als dass sie so etwas nur
wollen könnte. Das war Scherz: wie Sie nun alles gleich im bittersten Ernste
nehmen!
    Hedwig. Ja, der Ernst kömmt mannichmal hintennach: aber Sie sind ein
Ungläubiger, der liebe Gott muss Sie mit der Nase darauf stossen. - Nu! sobald es
dunkel ist, marsch ab!
    Sie ging. Schwinger liess sich in ein Gespräch mit der Baronesse ein; aber
sie hielt nicht lange darin aus: alle Augenblicke war sie besorgt, dass der
Kranke etwas brauchen möchte, erkundigte sich bei ihm darnach und war so freudig
als über ein Geschenk, wenn er etwas verlangte: machte er in seinem Verlangen
eine zu lange Pause, gleich war sie mit dem Wasserglase, mit dem Löffel oder mit
der Arznei da. - »Wollen Sie nicht trinken? Sie durstet gewiss.« - »Itzt müssen
Sie einnehmen.« - »Das Kopfkissen liegt nicht recht.« - »Sie haben ja den ganzen
Nachmittag noch nicht eingenommen.« - »Sie trinken ja gar nicht.« - »Wollen Sie
Limonade?« - Bald zupfte sie an der Decke, um ihn recht warm einzuhüllen, bald
am Kissen, um es ihm aus dem Gesichte zu ziehen, bald wedelte sie ihm mit dem
Schnupftuche Kühlung zu, jetzt jagte sie eine Fliege vom Bettuche, dass sie ihn
nicht künftig stechen sollte, jetzt wischte sie ihm den Schweiss von den kleinen
Fingern, um sie unter dem Schnupftuche verstohlen zu drücken: jetzt summte eine
Schmeissfliege am Fenster - sie machte Jagd auf sie und ruhte nicht, bis sie
gefangen war: jetzt schloss der Kranke die Augen - gleich wurde Schwingern
gewinkt, dass er schwieg, sie sass wie erstarrt, sie atmete kaum, und wenn ihr ein
ganzes Heer Fliegen das Blut aus der Stirn zapften, so hätte sie nicht die Hand
nach ihnen bewegt, sie zu vertreiben, und wenn Schwinger nur einen Finger regte,
so winkte sie ihm schon unwillig mit den Augen: sobald der Patient die Augen
wieder aufschlug, flog ihm auch gleich ein freundlicher, erquickender Blick
entgegen. Die Dämmerung kam: sie liess sich ungern, aber ohne Weigerung, von
Schwingern zurückführen; und bei dem Abschiede wusste sie es so listig
anzufangen, dass ihr Begleiter schlechterdings auf einen Augenblick ins Kabinett
gehen musste: sie bat sich ein Buch von ihm aus, und indem er's holte - hurtig
hatte der Kranke einen Kuss weg.
    Der Kuss steckte seine ganze fieberhafte Imagination in Brand: mit einem
wehmütigen, durchdringenden Schauer empfing er ihn, und sooft sich in der Nacht
seine Augen zu einem kurzen Schlummer schlossen, wurde er im Traume von Grazien,
Nymphen und den sämtlichen Göttinnen des Olymps, die zu seiner Bekanntschaft
gehörten, wiederholt. Liebesgötter trabten auf Zephirn vom Himmel herab: andre
tummelten sich auf bäumenden Grashüpfern herum: ein kleiner Verwegner wagte sich
auf Alexanders Bucephal und wurde für seine Kühnheit bestraft; das Ross spottete
wiehernd der leichten Bürde, lehnte sich auf und schüttelte den schreienden
Knaben ab: dort lag er wie tot vor Schrecken, verlacht von dem umringenden
Haufen seiner mutwilligen Brüder. Ein andermal zogen ihn und Ulriken sechs
schneeweisse Rosse an einem römischen Triumphwagen: Graf, Gräfin und die ganze
vornehme Welt, die er kannte, begleiteten sie zu Fuss in den festlichsten
Kleidern; der Zug ging nach dem prächtigen Kapitol, das wie ein Tempel auf
seinen Kupferstichen gross und majestätisch vor ihm stand: die Menge jauchzte.
Plötzlich, als wenn ein Wind sie wegführte, verschwand die zauberische Szene, er
lag bis an den Kopf in herkulanischen Schutt vergraben und arbeitete sich mit
allen Kräften hervor, dass ihm der Schweiss über die Stirne rann: die Baronesse,
in weissen, strahlenden Atlas gekleidet und mit einer goldnen Glorie umgeben,
erschien, reichte ihm die Hand und riss ihn leicht heraus: dankend wollte er sie
umarmen, einen Kuss auf die Lippen drücken, und hielt in den zusammengeschlossnen
Armen - die dicke, schielende Hedwig. Zu einer andern Zeit lag er tot am Rande
des Styx: seine Seele irrte ängstlich am Ufer hinab, um über ihn zu setzen, und
vermochte es nie: endlich gesellte sich zu ihm eine andre peinlich suchende
Seele: es war Ulrike, die ihren Körper verlassen hatte, um ihm nachzueilen, sie
flohen miteinander zu ihren Leibern zurück, belebten sie von neuem und starben
nie wieder. - So ergötzte ihn mit unendlichen Schauspielen seine träumende
Phantasie; er schlief jede halbe Stunde zu neuem Entzücken ein, und die
Baronesse erwachte jede halbe Stunde, um sich zu beklagen, wie lang die Nacht
sei.
    Nach dem Tee war sie schon wieder vor dem Bette: ihre Gouvernante fand in
mannigfaltiger Rücksicht ihre Rechnung bei den Abwesenheiten der Baronesse und
setzte sich nicht mehr dawider, vornehmlich da Schwinger darauf bestund, dass man
sie in ihrem freundschaftlichen Mitleiden nicht stören solle, und beständig
Aufsicht über ihre Besuche zu haben versprach. Auf solche Weise brachte sie alle
Zeit, wo nicht Onkel und Tante ihre Gesellschaft foderten, mit der sorgsamen
Pflegung ihres Geliebten zu: sie las ihm vor, und jede Stelle, die Zuneigung und
Liebe ausdrückte, wurde durch einen nachdrücklichen Ton ausgezeichnet und von
einem Blicke auf den Kranken begleitet: auch er gewöhnte sich sehr bald an diese
geheime Sprache: er tat, als ob er gewisse verbindliche Stellen nicht verstanden
habe, und wiederholte sie unter diesem Vorwande mit der bedeutungsvollsten
Pantomime: so spielten sie in ihres Aufsehers Gegenwart, den Roman und gaben
sich die feurigsten Liebesversicherungen, ohne dass er's wahrnahm.
    Die Krankheit wuchs in einer Nacht plötzlich: als sie am folgenden Morgen
heraufkam, lag Heinrich sinnlos, ohne Bewusstsein und Bewegung da: die verdrehten
Augen standen weit offen, und doch erkannten sie niemanden: die Lippen waren
dick und blau, als wenn das Blut in allen Adern von der strengsten Kälte
geronnen wäre: jede Muskel lag unbeweglich, abgespannt, und aus jedem
seelenlosen Zuge starrte der Tod hervor. Minutenlang stand sie vor ihm wie ein
Marmorbild, von Schrecken und Schmerz versteinert. Schwinger wollte sie bereden,
dass er schliefe. - »Nein«, schrie sie mit hohlem, schauerndem Tone, die Augen
unverwandt auf ihn gerichtet, »er ist tot!« - »Er ist tot!« schrie sie noch
einmal - und dann in einem Atemzuge: »Heinrich! Heinrich!« - Nicht eine Fiber
rührte sich an dem Kranken. Sie hob seine Hand auf; schlaff, kraftlos fiel sie
wieder auf das Bette. Sie fasste den Kopf, konnte ihn kaum aufbringen: starr,
schwer fiel er wieder aufs Kopfkissen. Sie rief dicht in das Ohr: »Heinrich!
Heinrich!« - Kein Zuck!
    Die Tränen standen wie geronnen in ihren Augen, bis zum Überlaufen voll; und
keine konnte fliessen. Ohne ein Wort zu reden, stürzte sie sich zur Tür hinaus,
die Treppe hinunter, und wer ihr begegnete, den stiess sie vor sich hin und rief:
»Den Arzt!« Sie flog in die Küche, in den Stall, brachte alles in Aufruhr,
befahl allen, den Arzt zu holen: niemand ging. Sie zürnte, sie tobte, sie stiess
die Leute fort: schwerfällig blieben sie stehn, sahen sie an und wussten nicht,
was sie von ihr denken sollten. - Hie und da kam eine phlegmatische Frage:
»Warum denn? Für wen denn?« - oder so etwas. - »Er ist tot!« schluchzte sie mit
halbverbissnem Worte. - »Wer denn?« fragte man abermals. - »Heinrich!« rief sie
und hätte die dumpfen, trägen Geschöpfe mit den Händen zerfleischen mögen. Sie
bekam weiter nichts zur Antwort als ein langgedehntes »So?«, das die ganze Küche
in einem Tutti aussprach. Niemand ging.
    Der Zorn kochte wie ein Strudel in ihrer Brust: mit glühendem Gesichte
verliess sie das untätige Volk, und in den Hof! - Mit aufgestreiften Armen, im
Hemde, ein kurzes, schwarzes Pfeifchen zwischen den Zähnen, lehnte der
Stallknecht an der Tür und sah in die Sonnenstäubchen. Sie erblickte ihn: in
einem Fluge auf ihn los und ihn um den schmutzigen Hals! - »Ich bitte Euch um
Gottes willen, holt den Arzt!« - Der Bursche, durch den andringenden Ton in
Bewegung gesetzt, rennt mechanisch über den Hof weg: als er an die Tür kam,
besann er sich, dass er nicht wusste, wohin er sollte: »Wen soll ich rufen?«
fragte er und kam wieder zurück. Indem die Baronesse von neuem entbrennen
wollte, stand Schwinger hinter ihr und brachte ihr die Nachricht, dass der
Medikus bei dem Grafen gewesen und bereits oben bei dem Kranken sei. Viel Freude
für sie! Mit vorstrebender Brust eilte sie so geschwind hinauf, dass ihr
Schwinger kaum folgen konnte.
    Das erste Wort, was durch die aufgerissne Tür flog, war - »Lebt er wieder?« -
»Ja«, versicherte der Arzt und bewies seine Versichrung aus dem zunehmenden
Pulsschlage. Sie wollte den Beweis ganz ungezweifelt haben und fühlte selbst an
den Puls, hielt ihn lange Zeit, um sein steigendes Zunehmen zu bemerken, und in
dieser Stellung erblickte und fühlte sich der Kranke bei seinem Erwachen aus der
Betäubung. Welch ein glückliches Erwachen zu einem Bilde, das seine Nerven in
verdoppelte Schwingungen setzte und ins Herz drang, um einen unlöschbaren
Eindruck zurückzulassen! - »Itzt blickt er mich an!« rief die Baronesse, und die
Freude ging in ihrem Gesichte auf wie der volle Mond am Ende eines trüben
Horizonts, wenn die Wolken vor ihm weichen.
    Leben und Vergnügen auf beiden Seiten wuchs mit jedem Pulsschlage: sie
konnte sich nicht genug über die fühllosen Kreaturen ärgern, die an Heinrichs
vermeintem Tode nicht so vielen Anteil genommen hatten als sie: auch der Arzt
kam nicht ohne Schmälen weg, dass er so kalt von seiner Besserung sprach und so
gleichgültig versicherte, dass er wohl sterben würde, wenn so ein Sturz noch
einmal käme. Sie zog ihn am Ärmel zurück, als er gehn wollte, und verlangte
schlechterdings, dass er diesen zweiten Sturz abwarten möchte: allein er
entschuldigte sich sehr höflich und gab zur Ursache an, dass er zu einer Braut
müsse, bei der man vorige Nacht auf das Ende gewartet habe. - »Sie wird wohl
nicht mehr am Leben sein«, setzte er frostig hinzu, »aber ich muss mich denn doch
erkundigen, ob sie wirklich tot ist.«
    Die Baronesse stiess ihn von sich und mochte ihn vor Verachtung über seine
Kälte nicht ansehen. »Ich hätte«, sagte sie zu Schwingern, als er hinaus war,
»ich hätte dem krummnasichten Doktor ein Paar Ohrfeigen geben mögen, so hab ich
mich über ihn geärgert. Sprach er nicht von Heinrichs Tode, als ob er gleich
wieder einen andern aus seinen Büchsen herausdestillieren könnte, wenn dieser
gestorben wäre? Ich bezahlte ihn gewiss nicht, wenn ich der Onkel wäre.« -
    Noch hatte weder Graf noch Gräfin erfahren, wie tätig sie sich mit der
Wartung des kranken Heinrich beschäftigte: ein einziges Mal verriet sie sich bei
der Tafel. Der prophezeite zweite Sturz hatte sich eingefunden, und ein
Bedienter brachte die Nachricht, dass Heinrich eben gestorben sei. Der Gräfin
stieg eine Träne ins Auge, die sie durch ein Umdrehen des Kopfes nach dem
Bedienten, der die Nachricht gebracht hatte, vor ihrem Gemahle verbarg, der
schon zu beratschlagen anfing, wie man ihm, ohne seinen Stand zu überschreiten,
ein distinguiertes Begräbnis veranstalten solle. Die Baronesse liess vor
Schrecken den Löffel auf den Teller fallen, dass der Milchcreme weit
herumsprjetzte: sie schob ihren Stuhl mit dem Fusse zurück, blieb verwildert,
sinnenlos kurze Zeit in halb fliehender Stellung: plötzlich warf sie die
Serviette in den Creme hinein und ging zum Zimmer hinaus, langsam die Treppe
hinauf- der Schrecken hatte ihre Knie gelähmt -, und grosse Tropfen rollten wie
Perlen über das bleiche, stumme Gesicht. Schwingern schauderte vor dem Anblicke,
als immer eine Träne die andre über die eiskalte, starre, steinerne Miene
hinjagte. Sie musste sich setzen, denn ihre Knie sanken. - »Was haben Sie, liebe
Baronesse?« fragte Schwinger. Sie redete nicht, sah immer steif vor sich hin. -
»Was fehlt Ihnen?« tönte eine ängstliche, schwachatmige Frage hinter dem
Vorhange des Bettes hervor. Es war Heinrichs Stimme. Die Freude traf sie wie ein
elektrischer Schlag:
    sie fuhr zusammen und stürzte vom Stuhle. Schwinger erhaschte sie zu rechter
Zeit noch, Fräulein Hedwig, die man ihr gleich nachgeschickt hatte, kam eben an
und trug mit schwerfälligem Galoppe alle Fläschchen, die sie ansichtig wurde,
herbei und hielt sie unter die Nase, sie mochten riechen oder nicht. Endlich kam
sie wieder zu sich: sie sass Heinrichs Bette gegenüber, der, um zu sehn, was
vorging, die Vorhänge ein wenig zurückgeschoben hatte, und bei dem ersten
Eröffnen der Augen traf Blick auf Blick. Wie mächtig Gefühl und Imagination
durch solche Spiele des Zufalls aufgeregt und welche bleibende Eindrücke durch
sie der Seele eingedrückt werden, wird jedem Leser sein eignes Gedächtnis
belehren; und warum sollte ich also mit Worten beschreiben, was ihm seine
Erfahrung besser berichten kann? -
    Nach einigen Verwunderungen, Fragen und Antworten auf allen Seiten
entwickelte sich's, dass der Bediente entweder aus boshafter Schadenfreude oder
aus der Gewohnheit dieser Leute, Vermutung als geschehne Gewissheit
wiederzuerzählen, gelogen hatte; denn es war ihm nichts weiter von der
Kammerjungfer im Vorbeigehn gemeldet worden, als dass Heinrich wieder schlimmer
sei und wohl sterben werde: und die ganze Sache war nichts als eine kurze
Betäubung, die schon lange vor jener Todesbotschaft aufgehört hatte.
    Der Graf war über das Betragen der Baronesse ein wenig stutzig geworden:
nicht als ob er Liebe dabei mutmasste! - davon hatte er gar keinen Begriff -,
sondern eine zu grosse Vertraulichkeit zwischen beiden jungen Leuten argwohnte
er; und die Idee, dass seine Schwestertochter sich zu einer so ausgezeichneten
Betrübnis um den Sohn seines Einnehmers erniedrige, hatte so viel Widriges für
ihn, dass er Fräulein Hedwig wegen ihrer schlechten Erziehung tadelte, ihr einen
Verweis für ihre eigne Person erteilte und einen zweiten für die Baronesse in
Kommission gab. Die Gräfin musste auch einen versteckten annehmen, weil sie ihre
Tränen nicht genugsam verborgen hatte. Um sich nicht in seinen Augen so
verächtlich zu machen, als ob sie aus Mitleid um den Sohn seines Einnehmers
geweint hätte, wandte sie einen starken Schnupfen vor, der ihr bei jedem Worte
das Wasser aus den Augen triebe; und damit ihr Gemahl nicht bei ähnlichen
Vorfällen auf die Spur der wahren Ursache geraten möchte, die ihre geheime
Mutmassung für unleugbar hielt, redete sie ihm mit ihrer gewöhnlichen Kunst alles
aus, was er besorgte, und nahm es über sich, die Baronesse über ihr
unanständiges Betragen selbst zu bestrafen.
    Die Bestrafung fiel sehr gelind aus. Die Gräfin besass von Natur viel
Reizbarkeit, allein ihre Empfindung war durch die Erziehung ihrer Eltern und den
Stolz ihres Gemahls in beständigem Zwange gehalten worden. Sie hatte sich
dadurch eine gewisse künstliche Kälte erworben, dadurch gleichsam eine Eisrinde
um ihr Gesicht gezogen, die ihr inneres Gefühl nicht durchschmelzen konnte,
wofern es ein Vorfall nicht zu plötzlich in Flammen brachte. Das Bewusstsein
ihres eignen Fehlers - denn dafür musste sie es nach allen Begriffen erkennen,
die ihr die Erziehung davon beigebracht hatte - machte sie gegen die
Empfindlichkeit der Baronesse ungemein nachsichtig: der Rest von Güte des
Herzens, den ihr Eltern und Gemahl nicht hatten auslöschen können, überredete
sie, ihrer jungen Anverwandtin ein Vergnügen nicht ganz zu verwehren, das für
sie selbst eine verbotne Frucht war: sie hatte es wohl ehemals aus Furcht vor
dem Grafen getan, allein da sie die Baronesse nunmehr für alt und verständig
genug hielt, ihre Würde nicht ganz zu vergessen, so empfahl sie ihr bloss
Vorsichtigkeit und Zurückhaltung und vor allen Dingen Wachsamkeit über sich
selbst, um sich in Gegenwart des Grafen nichts Verdächtiges entschlüpfen zu
lassen.
    Das Verfahren der Gräfin war in Ansehung der Absicht, die sie erreichen
wollte, äusserst zu missbilligen: wenn sie eigentliche Liebe bei der Baronesse
verhüten wollte, so musste sie ja durch die stillschweigende Anerkennung, dass man
ihr einmal etwas unrechterweise verboten habe, und durch den Rat, einen vormals
unrechterweise verbotnen und jetzt erlaubten Umgang unter der Bedingung
fortzusetzen, dass sie ihn dem Onkel verheimlichte, notwendig auf den Weg geführt
werden, diese nämliche empfohlne Klugheit auch wider die Tante zu gebrauchen,
wenn es diese einmal für heilsam erachtete, das alte Verbot zu erneuern.
Ausserdem beging die Gräfin einen ungeheuren Fehlschluss, dass ihr die Aufhebung
des Verbots itzo weniger notwendig schien: doch man hatte einmal falsche
Massregeln genommen, und bei der Erziehung machen die ersten falschen Schritte
meistens alle nachfolgenden zu Fehltritten: man verbot, da man erlauben, und
erlaubte, da man verbieten sollte. Man glaubt nicht, wie listig die Leidenschaft
bei aller Unbesonnenheit ist, die man ihr Schuld gibt: sie kennt ihren Vorteil
so gut als ein Finanzpachter; und man darf ihn nur von fern weisen, so macht sie
schon Projekte darauf.
    Auch hatten die Massregeln der Gräfin wirklich alle Folgen, die man erwarten
konnte: die Baronesse ging ohne Scheu mit Heinrichen nach seiner Genesung um,
und weder Fräulein Hedwig noch Schwingern durften etwas dawider einwenden, weil
sie die Begünstigung der Gräfin hatte, die allen einzig anbefohl, nichts davon
zur Wissenschaft des Grafen gelangen zu lassen. »Zudem«, sagte sie zu sich
selbst, »wird Ulrike oder der junge Mensch bald aus dem Hause kommen: mein
Gemahl wollte sie ja neulich schon in eine Stadt tun, wo ein Hof ist; und so mag
sie immerhin sich zuweilen mit einer jugendlichen Schäkerei vergnügen: die
feinern Sitten des Hofes und der grossen Stadt werden das alles wieder
verdrängen: ein Mädchen muss in ihrem Leben einmal rasen: besser also früh als
spät!«
    So hatte der Schutzgott der Liebe alle Hindernisse durch die vermeinte
Klugheit derjenigen selbst weggeräumt, die am feindseligsten gegen sie handeln
wollten. Die Neigung der beiden jungen Personen wurde täglich durch
Gefälligkeiten, Umgang und kleine Vertraulichkeiten genährt und flammte
allmählich zur Leidenschaft empor. Wie sollte Heinrich nicht ein junges
Frauenzimmer lieben, das sich so lebhaft in seiner Krankheit für ihn
interessierte, das täglich durch neue Unbesonnenheiten ihres guten Herzens und
ihrer Zärtlichkeit für ihn sich Ungelegenheit und Verdruss zuzog und nichts
achtete, wenn sie ein paar Minuten mit ihm zubringen konnte? Und wie sollte die
Baronesse den Eindruck eines jungen Menschen mit so einnehmender Figur und
Bildung, von so auszeichnendem Charakter, so vieler Lebhaftigkeit und
Unterhaltungsgabe von sich abwehren? - Die Fesseln des Zwanges wurden auf beiden
Seiten mehr und mehr abgeworfen und ihrer Leidenschaft ein anderes Gewand dafür
angelegt - die Hülle der Heimlichkeit.
 
                                Zweites Kapitel
Wenn einmal die Liebe so weit ist, dann sorgt das Schicksal gemeiniglich, dass
sie nicht auf der Hälfte des Wegs stehenbleibt: ein Zufall musste sogar den
beiderseitigen Vorteil der jungen Personen mit ins Spiel ziehn und sie nötigen,
Partie miteinander gegen die Unterdrückung eines Dritten zu machen - ein neues
Band, das Herzen fester zusammenzieht!
    Der Graf hatte unter seinen vielfältigen Marotten eine von der seltsamsten
Art: er wollte seinem Hause gern das Ansehn eines Hofs geben und empfand daher
eine besondre Freude, wenn die Kabalen eines Hofs darin regierten: Ränke,
Unterdrückungen, Uneinigkeiten, Verleumdung zierten seine kleine Hofstatt nach
seiner Meinung; und er gab sich sogar selbst Mühe, das Feuer der Zwietracht
wieder aufzuwecken, wenn es ihm zu niedrig brannte. Deswegen führte man auch in
seinem ganzen Hause die eigentliche Hofsprache: wenn der Koch das Küchenmensch
geprügelt und bei dem Haushofmeister es dahin gebracht hatte, dass er ihr den
Abschied gab, so sagte man allgemein, der Koch hat die Küchenmagd gestürzt.
Hatte der Kutscher des braunen Zugs es so einzuleiten gewusst, dass er den Grafen
bei der sonntäglichen feierlichen Promenade fuhr, da es einige Zeit her sein
Kamerad mit dem perlfarbenen getan hatte, so sagte man: Jakob hat Gürgen
untergraben. Wenn der eine Laufer dem Grafen nach dem Spaziergange im Garten die
Schuhe abbürsten musste, da es sonst der andre getan hatte, so berichtete man
sich: dass Albert wider Franzen eine Intrige gemacht habe; und durfte der
Stallknecht auf ausdrücklichen Befehl, der meistens nur ein Einfall war, nicht
mehr die perlfarbenen Wallachen in die Schwemme reiten, so war, nach der
allgemeinen Sage, der Stallknecht in Ungnade gefallen.
    Zuweilen gingen die Kabalen wirklich ins Grosse: man plagte und quälte sich
so herrlich, als wenn's ein Königreich gegolten hätte, und gewöhnlich war doch
nichts als die kleine Glückseligkeit, mit einem Befehle mehr vom Herrn Grafen
beehrt zu werden, der Preis, um dessentwillen man sich das Leben sauer machte.
Vornehmlich war der Lieblung des Grafen, sein sogenannter Maulesel, der grosse
Hetzhund seines Herrn, der sich ein ordentliches Studium daraus machte, seine
Kameraden in unaufhörlichem Streite zu erhalten. Er hatte es darin so
unglaublich weit gebracht, dass ihm seine Absicht nie misslang: er ging zu dem
einen, den er zum Zank ausersehen hatte, und erzählte ihm die aufbringendsten
Dinge, die ein andrer von ihm gesagt haben sollte und nie gesagt hatte, dass er
vor Zorn kochte: darauf begab er sich zu dem andern und vertraute ihm die
nämlichen Beleidigungen an, als wenn sie jener von ihm gesagt hätte; und jeder
musste ihm noch obendrein dafür danken, weil er ihm diese erlognen Nachrichten
als Heimlichkeiten entdeckte, wobei er inständigst bat, den Überbringer
derselben ja nicht zu verraten: wenn sie nun beide vor Grimm brausten und
sprudelten, dann gingen nicht drei Minuten vorbei, so legte er's so geschickt
an, dass sie an einem dritten Orte einander treffen mussten; und die menschliche
Natur wirkte bei beiden sogleich einen so heilsamen erleichternden Zank, dass ihr
Zusammenhetzer im Winkel, wo er sie behorchte, sich vor Freude hätte wälzen
mögen. Meistens hatte er auch noch eine andre boshafte Nebenabsicht: nach der
Gewohnheit dieser Leute warfen sich die Streitenden jedesmal alle Spitzbübereien
und Schelmenstreiche ins Gesicht, die einer vom anderen wusste: sonach erfuhr er
auch die skandalose Chronik des ganzen Schlosses, und es kamen durch dieses
Mittel zuweilen Gottlosigkeiten an den Tag, die man ausserdem nicht anders als
mit dem höchsten Grade der Tortur aus ihren Urhebern herausgebracht hätte.
Zuweilen, wenn er wusste, dass einer einen Groll auf einen andern hatte, brachte
er diesen unter irgendeinem Vorwande in die Nähe bei des erstern Wohnung, oft
stellte er ihn ausdrücklich unter das Fenster, um ihm zu beweisen, wie schlecht
jener von ihm spreche: dann ging er hinein, leitete das Gespräch auf denjenigen,
der unter dem Fenster horchte, lobte oder tadelte ihn, und wenn der Mann, der
von seinem Feinde nicht behorcht zu werden glaubte, treuherzig genug war, so
stimmte er mit lautem Halse in den Tadel ein: dann nahm der Boshafte die Partie
des Horchenden und feuerte den Mann in der Stube durch den Widerspruch zu
solcher Erbitterung an, dass der Mann unter dem Fenster seinen Zorn nicht länger
halten konnte, sondern hereinbrach und auf der Stelle den Beleidiger mit Worten
oder Tätlichkeiten angriff. In diesen Kunstgriffen, die Leute ohne ihren Willen
zum Sprechen wider einen Dritten zu reizen, wenn und wie oft es ihm beliebte,
bestand sein ganzer Verstand: er war unerschöpflich erfindsam darin und
beständig so neu, dass er oft den Klügsten des Nachmittags wieder betrog, wenn er
ihn gleich vormittags schon einmal betrogen hatte. Jedermann floh ihn deswegen,
und jedermann musste ihn suchen, weil er der einzige Kanal war, bei dem Grafen
etwas auszuwirken. Alle solche Lustbarkeiten endigten sich damit, dass sie ganz
frisch und warm dem Grafen hinterbracht wurden, der zuweilen so herzlich darüber
lachte, dass ihm die Augen übergingen. Die Folgen solcher Klatschereien waren
aber meistens sehr ernstaft: einer von den Zankenden, dem der Maulesel
übelwollte, wurde seines Dienstes entlassen oder auf einige Zeit aus dem
Schloss gewiesen, oder der Graf kehrte ihm allemal den Rücken, wenn er sich
zeigte, oder es widerfuhren ihm andre herzangreifende Kränkungen; und alles
geschah in der stolzen Absicht, dass grosse und öftere Revolutionen im Hause sein
sollten, die ihm die höchste Ähnlichkeit eines Hofs zuwege brächten. Daher war
auch das Schloss des Grafen von Ohlau ein wahrer Sammelplatz, ein
Raritätenkabinett von Lügen und Klatschereien: nicht eine Minute lang stunden
zween Menschen auf einem Flecken, so wurde ein drittes zum Schlachtopfer ihres
Gesprächs: eine Grube voll Füchse, Wölfe und Tiger war's, die sich alle
angrinsten und zerfleischten; und wenn Falschheit, Feindschaft und Verleumdung
nötige Ingredienzien eines Hofs sind, so war dies Haus der grösste in Europa.
    Das grosse Schwungrad dieser herrlichen Maschine - den Maulesel meine ich -
hatte schon gleich anfangs mit Widerwillen die Aufnahme des jungen Herrmanns auf
das Schloss angesehen und war zum Teil daran schuld, dass er die Gunst des Grafen
nur kurze Zeit genoss: da auch die überspannte Liebe der Gräfin bald wieder
schlaff wurde und man den Burschen, abgesondert von der übrigen Hofstatt, zu
Schwingern steckte, wo er mit niemanden als seinen Büchern und der Baronesse
Ulrike in Gemeinschaft stand und nach dem Beispiel seines Lehrers sonst keine
Seele im Hause anredete, so entging er gewissermassen der Aufmerksamkeit jenes
Boshaften: er war nebst seinem Freunde so gut als tot geachtet und keiner von
beiden wert, dass man wider ihn maschinierte, weil sie zum Zanken nicht taugten.
Itzt aber besann sich der Mann, dass sein eigner Sohn in dem Alter sei, um eine
Kreatur des Grafen zu werden und sich durch zeitige Übung zum Nachfolger seines
Vaters zu bilden. Er lag also dem Grafen an, oder vielmehr er befahl ihm - denn
so klangen alle seine Bitten und hatten auch die nämliche Kraft -, seinen Sohn
auf dem Schloss wie den jungen Herrmann erziehen zu lassen: der Graf sagte ohne
Bedenken ja, und den Tag darauf erschien der Bube, das echte Konterfei seines
Vaters. Unseren Heinrich wollte er nicht geradezu verdrängen, weil er hoffte,
dass sein vielversprechender Sohn bald einen glücklichen Zank bewerkstelligen
werde, wo jener als die schwächere Partei notwendig den kürzern ziehen und durch
seine Veranstaltung in Ungnaden den Platz ganz räumen müsse.
    Schwinger hätte lieber einen leiblichen Sohn des Satans unterrichtet als
diesen Buben: allein was sollte er tun? Es war Befehl des Grafen, von dem er
sein Glück erwartete. Jakob - so hiess er - wurde also der Stubenkamerad und
Mitschüler des armen Heinrichs. Schwinger gab seinem bisherigen Zöglinge
heilsame Verhaltensregeln und empfahl ihm vor allen Dingen, Zank zu verhüten,
den gefährlichen Nebenbuhler zu meiden, soviel es sich tun liess, und keine von
seinen Beleidigungen der Aufmerksamkeit zu würdigen: er selbst beobachtete eine
ähnliche Aufführung gegen ihn, liess ihn bei seinem Unterrichte gegenwärtig sein,
ohne sich um ihn zu bekümmern, ob er etwas lernte oder nicht; er konnte gehn,
kommen, achtaben oder nicht, und wegen seiner Aufführung lobte und tadelte er
ihn mit keiner Silbe. Der Bube, der nicht den mindesten Trieb zum Fleisse hatte,
war mit dieser verächtlichen Behandlung äusserst zufrieden und brachte die
Lehrstunden meistens am Fenster mit dem unterhaltenden Spiele zu, dass er Fliegen
fing, an Stecknadeln spiesste und mit inniger Freude sie zu Tode quälen sah.
Deswegen sagte ihm auch einmal Schwinger: »Du bist zum Scharfrichter geboren« -
welche Bestimmung er so freudig anerkannte, dass er versicherte, er wolle einem
Menschen wohl den Kopf abhauen, wenn er stillhielt. Heinrich kehrte ihm vor
Abscheu den Rücken zu und verzog sein ganzes Gesicht in die Miene der
Empfindlichkeit: es schauerte ihn.
    Noch ging's auf allen Seiten gut: allein der Junge war von der Natur so zum
Hasse ausgezeichnet, dass man ihn unmöglich um sich sehen und bloss verachten
konnte. Aus seinen lichtgrauen, beinahe grünen Augen lauschte der ausgemachteste
Schelm hervor, der niederträchtig sein musste, weil er zur Bosheit zu dumm war:
alle Muskeln des Gesichts bewegten sich unaufhörlich: bald zog sich der Mund in
eine schiefe, höhnende Lage, bald rümpfte sich die Nase, bald rissen die Augen,
wie grosse unterirdische Höhlen, auf, und die Augenbraunen fuhren über die Stirn
bis an die Haare hinan, bald bleckte er die Zunge, bald fletschte er die Zähne
wie ein grimmiger Tiger - und alles vor sich hin, ohne ein Wort zu sprechen! Zum
freien Blicke in die Augen liess er's niemals kommen, sondern wandte sogleich die
Augen hinweg, wenn sie ein fremdes Auge traf, und wollte er jemanden anschauen,
so geschah's nicht anders als mit einem hämischen Seitenblicke. Nie stand er
gerade auf den Fusssohlen, sondern ein Fuss lag gewöhnlich auf der Seite und rieb
sich an den Dielen: drei Finger in den eirunden Mund zu stecken und daran zu
kauen, beide Ellbogen auf den Tisch zu stützen und den Affenkopf in die Hände zu
legen, sich nur mit einer Seite des Leibes auf den Stuhl zu setzen und mit der
Schläfe an der Lehne hin und her zu fahren - diese und ähnliche waren seine
Lieblingsstellungen. Der Kontrast, wenn dieser Pavian und Heinrich nebeneinander
stunden, war so auffallend als zwischen einem Satyr und einem Apollo. Dem jungen
Herrmann sprach aus den feurigen, dunkelblauen Augen eine Seele voll edler Grösse
und starken Gefühls: auf den roten, vollen Wangen blühte Heiterkeit und
fröhlicher Mut: der lächelnde kleine Mund kam, auch schweigend, mit Gefälligkeit
und Liebe entgegen: die gebogene Nase kündigte Verstand, die hochgewölbte Stirn
Tiefsinn und Ernst und die starken, in erhabne Bogen gekrümmten Augenbrauen
Würde an: aus allen Punkten des Gesichts redete Offenheit, dass man beim ersten
Anblicke in ein Herz zu schauen glaubte. Jede Bewegung seines wohlgebildeten
Leibes wurde von einem Reize, einem bezaubernden Reize begleitet: selbst die
stolzeste Dame, wenn sie die Pantomime sah, womit seine Lebhaftigkeit alle Reden
beseelte, spitzte den Mund zu einem Kusse und würde ihn gewiss auf seine Lippen
gedrückt haben, wenn sie nicht die Erinnerung an ihren Stand zurückgezogen
hätte. Erblickte man neben diesem Marmorbilde des Phidias den tönernen Jakob,
von dem elendesten Töpfer geformt - einen dicken, kugelrunden Kopf mit
Schweinsaugen, einer ungeheuern Nase, einem grossen verzerrten Munde und
hauptsächlich, zur Warnung aller Sterblichen, mit der hämischsten, tückischsten,
gelbsüchtigsten Miene und der niederträchtigsten Dummdreistigkeit, so deutlich
und leserlich, als ein Dieb, vom Scharfrichter gebrandmalt: sah man diesen
krummbeinichten Pagoden dahinschlendern und mit den plumpsten Manieren oder
leidenschaftlichem Ungestüm die Arme bewegen: dann wünschte man sich das Recht,
ein so misslungenes Werk zu zerstören, das eine Welt verunstaltete, die solche
Geschöpfe hervorbringt, wie eins neben ihm stund.
    Die natürliche Antipatie, die zwei so dissonierende Kreaturen voneinander
wegstossen muss, verstattete dem jungen Herrmann schlechterdings nicht, der
Ermahnung seines Lehrers ganz getreu zu bleiben: doch wäre er vielleicht wieder
in das Gleis der stillen Verachtung zu leiten gewesen, hätte sich nicht
Eifersucht darein gemischt. Trotz aller Merkmale der Verwerflichkeit zog der
Graf das Geschöpf Heinrichen weit vor: diesen liess er niemals zu sich kommen und
jenen sehr oft zu sich rufen: wenn ihm die Baronesse einen Einfall von
Heinrichen erzählte, so schwieg er und tat, als ob er's nicht hörte, oder sprach
gleich etwas anders darein: warf Jakob eine Grobheit oder plumpe Höhnerei
jemanden an den Hals, so erschallte ein beifallvolles Lachen: sehr oft erzählte
er sogar Einfälle, die Heinrich gesagt und die Baronesse bei Tafel vorgebracht
hatte, als ob sie von dem struppköpfichten Jakob herrührten. - Es ist ein
unseliger Trieb in der menschlichen Natur, der die Menschen gegen die
Vortrefflichkeit empört: lieber räuchern sie einem abgeschmackten, geistlosen,
unwürdigen Apis, um einen Apoll zu demütigen, weil er den Weihrauch verdient.
Auszeichnendes Verdienst ist ein Fehdebrief an die Verachtung, den die Natur
ihren Günstlingen auf die Brust hing, der jedesmal richtig beantwortet wird, wo
es die Leute nicht der Mühe wert achten zu hassen. Zu diesem Grunde gesellte
sich noch ein anderer nicht weniger wichtige: Jakob, weil er keinen Wert in sich
selbst fühlte, kannte keinen andern als den Gehorsam eines Hundes, der sich von
seinem Herrn zu allem gebrauchen lässt, wenn er ihn nur gut füttert: Heinrich
hingegen, voll vom Gefühl seiner Kraft, erwies und foderte Achtung, gehorchte
aus Erkenntlichkeit und rang nach keiner Gunst, die er als eine erniedrigende
Gnadenbezeugung besitzen sollte: als Belohnung, als Verdienst wollte er sie
empfangen. Dieser schmeichelte und ehrte den Grafen, um sich ihm verbindlich zu
machen, und der Graf wollte nur aus Schuldigkeit geehrt und geschmeichelt sein:
er foderte Respekt als einen Tribut. Eine solche Foderung erfüllte Jakob
ungleich besser: er war sich in seinen eignen Augen nicht viel und fand also
nicht befremdend, wenn ihn der Graf als gar nichts behandelte.
    Heinrich sah vielleicht einen grossen Teil hiervon ein: allein welche
Menschenseele sollte nicht dessenungeachtet bei einem so offenbaren Unrechte
entbrennen und wider den Unwürdigen auflodern, der so ganz ohne Verdienst den
Vorzug an sich reisst? - Sooft auch Schwinger seine Ermahnungen zur Gelassenheit
wiederholte, so konnte er sich doch nicht entalten, ihn zuweilen mit bittern
Spöttereien und empfindlichen Verächtlichkeiten zu bestrafen: zu seinem Ärger
verstand sie der Bube meistenteils nicht, war aber die Dosis so stark, dass er
sie notwendig fühlen musste, so rächte sich der Beleidigte mit einer Plumpheit,
und wenn er im darauffolgenden Wortwechsel nicht weiterkonnte, so war seine
gewöhnliche Zuflucht, den Streit mit Erdichtungen zum Nachteile des Gegners dem
Grafen zu hinterbringen, der nicht selten Heinrichen einen Verweis darüber geben
liess. Eines Tages ging es so weit, dass ihn der Graf, als er ihn von ohngefähr
auf der Treppe traf, in Gegenwart seines ganzen Gefolgs und des Anklägers derb
ausschalt, weil er diesen die Meerkatze des Grafen genannt hatte. Heinrich, über
die Vorwürfe und das triumphierende Gelächter seines Gegners aufgebracht,
antwortete bitter: »O ich hab ihm noch zuviel Ehre angetan; Ihre Hofsau hätt ich
ihn nennen sollen.« - Der Graf vergass sich in der Hitze so weit, dass er ihm mit
hoher Hand auf der Stelle eine Ohrfeige gab.
    Wie angewurzelt stand der Beleidigte da und wusste nicht, ob er dem Grafen
nachgehen und sich durch stärkre Empfindlichkeiten rächen oder dem Buben, der
vor Freude hüpfte, die Kehle zudrücken sollte: jetzt ging er, jetzt stund er,
knirschte mit den Zähnen, schlug sich mit der geballten Faust an die Stirn, dass
es laut schallte, seufzte, lehnte den Kopf an die Wand und brach vor Schmerz
über seine ohnmächtige Wut in eine Flut von Tränen aus.
    Die Baronesse hatte durch eine schmale Eröffnung ihrer Tür den hässlichen
Auftritt mit angesehn: schon war sie auf dem Sprunge, sich zu verraten und
dazwischenzulaufen, als der Graf ausholte, allein zu ihrem Glück blieb sie mit
der Falbala am untersten Riegel hängen, und ehe sie sich losriss, war die
Ohrfeige schon empfangen und ihr Onkel fortgegangen. Sie tat einen lebhaften
Ruck, dass ein grosser Teil der Garnitur an dem Riegel zurückblieb, und eilte auf
Heinrichen zu, wie er mit dem Kopfe an der Wand lehnte. Sie legte beide Hände
auf seine Schultern, um ihn abzuziehen, tröstete und bat ihn, sie in ihr Zimmer
zu begleiten. - »Ich bin allein«, setzte sie hinzu, »Hedwig ist bei der Gräfin.«
- »Lassen Sie mich!« rief er mit schmerzhaftem Tone und ging die Treppe hinunter
- stund - ging über den Hof - stund wieder - ging in den Garten - ein paar Gänge
aufwärts mit untergeschlagenen Händen und gesenktem Haupte, so tief in seinen
Schmerz verloren, dass er an Bäume rennte, weder hörte noch empfand. Die
Baronesse folgte ihm stillschweigend Schritt vor Schritt sehr nahe auf den
Zehen. Er kam an einen Teich: Die Baronesse hatte schon die Hand am Rockzipfel,
um ihn aufzuhalten, wenn er im Tiefsinne das Wasser nicht gewahr werden sollte:
der Fuss war bereits aufgehoben, um ihn in den Teich zu setzen - die Baronesse
zog ihn zurück: ohne sich des Zuges bewusst zu sein, erwachte er, erblickte das
Wasser, trat zurück und stund da. Er warf sich in den Sand hin, die Baronesse
flüchtete hinter einen nahen Baum. Plötzlich sprang er auf, mit einer Bewegung,
als wenn er sich in den Teich stürzen wollte: dass er wirklich die Absicht hatte,
ist nicht zu leugnen: aber der Entschluss war nur ein schneller Stoss, eine
Verzuckung der Leidenschaft, und er hielt sich schon zurück, als die Baronesse
hervorbrach und ihm um den Hals flog. Als wenn er noch immer bereit wäre, seinen
Vorsatz auszuführen, packte sie ihn in ihrer Umarmung fest und trieb ihn mit
aller Gewalt vom Wasser hinweg.
    Der Übergang von Schmerz und Kränkung zur Liebe ist nur ein halber Schritt:
die zärtliche Stellung, in welcher er sich mit der Baronesse befand - von ihren
Armen festumschlungen und dicht an ihren klopfenden Busen gedrückt, dass ihr Odem
sein Gesicht betaute - ihr Mitleid, ihre Vorsorge -, alles drängte in einem
Tumulte auf seine Empfindung los und spannte ihre Federn so stark an, dass er
sein Gesicht an ihren Busen verbarg und heisse Tränen hineinströmte: beide
zerflossen in einer Inbrunst, die auch Ulrikens Augen trübte. Bei der Baronesse
erwachte Besonnenheit und Scham zuerst: sie machte ihre Arme los und schob ihn
von der Brust hinweg: der Schwung, den Zorn und Wut seiner Seele gegeben hatte,
machte ihn dreist: er wiederholte eine Umarmung, die seinen Schmerz so merklich
in sanfte, erleichternde Empfindungen verwandelte, und zog Ulriken mit sich
unter den Baum hin: der Sturz entdeckte ihm ein Knie, das die Natur nur einmal
in solche Form goss, das ihm Neuheit und wallende Imagination in dem Augenblicke
mit Reizen belebten, die alle seine Sinne benebelten: er war berauscht, er
lechzte vor innerlicher Glut. Ulrike wand sich zum zweiten Male los: beide sahen
ins Gras und schwiegen.
    »Ach, unmöglich kann ich aus dem Hause gehn«, fing Heinrich an, »ich muss
meinen Schimpf tragen - den entsetzlichen Schimpf!«
    Die Baronesse. Du? aus dem Hause gehn?
    Heinrich. Ja, ich muss: aber ich kann nicht; und wenn ich alle Tage bis aufs
Blut gequält würde, ich kann nicht! - Ulrike, wie mach ich's, dass ich mir nicht
gram werde, wenn ich bleibe?
    Die Baronesse. Rächen muss du dich an dem Lotterbuben! Räche dich, und dann
geh! Geh aus dem Hause und -, lieber Heinrich, nimm mich mit dir! Das ganze
Schloss ist mir zuwider, dass ich's nicht gern ansehe. Man wird seines Lebens
nicht froh darin: das ist eine ewige Langeweile, ein ewiger Zwang: das
Reprimandieren, Korrigieren hat gar kein Ende. Ich muss mich bücken und schmiegen
und werde verachtet, weil ich aus Gnade im Hause bin: die geringste Kleinigkeit
muss ich mir als eine grosse Gnade anrechnen lassen und - kurz, ich bin des Lebens
satt. Nun soll ich auch noch dem Schandbuben, dem Jakob, aufwarten: noch gestern
hat mich der Onkel seinetwegen ausgescholten, dass ich -
    Sie verstummte mit Tränen. Heinrich knirschte. »Ja«, sprach er, »rächen
wollen wir uns und gehn! - Aber wohin?« setzte er bedenklich hinzu.
    Die Baronesse. Wohin uns unsre Füsse tragen! Ich kann ja Putz machen, nähen,
stricken und tausend andre solche Arbeiten: ich will mich indessen als
Kammerjungfer vermieten: - aber es muss weit, weit sein, dass Onkel und Tante
nichts von mir erfahren - und wenn du einmal einen Dienst bekommst - möchte er
auch noch so klein sein - ach, lieber Heinrich, wenn du das wolltest! -
    Sie senkte den Blick und schwieg.
    Heinrich. Baronesse -
    Die Baronesse. Nenne mich nicht mehr Baronesse! Ich bin dem Namen feind: er
klingt viel zu fremd für uns; und ich will's von nun an nicht mehr sein.
    Heinrich. Ulrike, hier ist meine Hand! Ich wandre aus: ich suche einen
Dienst, der uns ernähren kann; und dann - ach, liebe Ulrike, wenn du das
wolltest! -
    Stillschweigend zog sie einen kleinen goldenen Ring bedächtlich vom Finger.
- »Hast du keinen Ring?« fragte sie leise.
    Heinrich. Ja, aber nur einen bleiernen, den mir einmal ein armer Hausierer
für ein Almosen geschenkt hat.
    Die Baronesse. Schadet nichts! bleiern oder golden!
    Sie steckte ihm den ihrigen an den Finger. - »Er passt«, sprach sie freudig,
»als wenn er für deinen Finger gemacht wäre. Gib mir deinen bleiernen dafür!«
    Heinrich. Noch heute!
    Die Baronesse. Geh, suche einen Dienst! und dann - Heinrich, du hältst Wort?
    Heinrich. So gewiss, als ich dir diese Hand gebe! Du wirst Kammerjungfer: und
dann - Ulrike, wenn gehn wir?
    Die Baronesse. Bald! denn der Onkel liess neulich ein Wort fallen, dass er
mich nach Dresden zu einer alten Anverwandtin tun wollte: da wird vollends ein
hübsches Leben angehn! Ich grämte mich zu Tode. - Wir müssen ja eilen!
    Heinrich. Die Minute geh ich mit dir, dass ich nicht wieder in das
schändliche Haus darf.
    Die Baronesse. Komm! wir wollen sehn, ob die Tür offen ist! - Sie gingen
wirklich, um auf der Stelle einen Anschlag auszuführen, dessen nur ein
unbesonnenes Mädchen im sechzehnten und ein beleidigter Bursche im fünfzehnten
Jahre fähig ist: allein zu ihrem Glücke war die Tür verschlossen. Zudem besann
sich auch die Baronesse unterwegs, dass sie den bleiernen Ring noch nicht
bekommen habe, und drang also in ihren Begleiter, zurückzukehren. Auf dem
Rückwege vertraute sie ihm eine andre Entdeckung, die nach ihrer Meinung für ihr
künftiges Glück sehr heilsam sein sollte. - »Du weisst vielleicht«, sagte sie,
»dass mein Vater sehr viele Schulden hinterlassen hat, und nach seinem Tode haben
die Leute, von denen er borgte, alles weggenommen. Nun sass ich ehegestern auf
dem Sofa in der Tante Zimmer und stickte an der Weste, die wir dem Onkel machen:
er sprach mit der Tante im Nebenzimmer. Ich hörte meinen Namen nennen: gleich
warf ich die Arbeit hin und horchte. So wäre doch Ulrike, sprach der Onkel,
keine schlechte Partie, wenn wir Friedrichshain - das ist ein Gut von meinem
verstorbnen Vater - aus dem Konkurse ziehen könnten: es ist offenbar, dass man's
nicht dazu hätte nehmen sollen: aber meiner Schwester Mann war nachlässig, und
die Advokaten haben das so ineinander verwickelt, dass vielleicht zuletzt weder
Gläubiger noch Erben etwas bekommen werden: indessen einmal muss doch die Sache
ein Ende nehmen, wenn's auch noch einige Jahre hin dauerte. Weiter konnt ich
nichts hören: denn sie gingen ins chinesische Zimmer.« - »Sieh einmal,
Heinrich!« rief sie, ausser sich vor Freude, »wie reich wir noch werden können!
Wenn ich das jetzt schon hätte, braucht ich nicht erst Kammerjungfer zu werden.
Ich weiss auch gar nicht, was für schändliche Menschen die Advokaten sein müssen,
dass sie die Sachen so verwickeln. Sie können das wohl so mit ansehn: sie haben,
was sie lieben - ach«, unterbrach sie sich plötzlich, »dort kommt die dicke
Hedwig. Ich will zu den Erdbeeren gehen und tun, als wenn ich für den Onkel
pflückte. Hurtig! geh, dass sie dich nicht sieht!«
    Ein Händedruck und ein freundlicher Blick war der Abschied. Zween Schritte!
dann kam sie wieder zurück. »Heinrich«, zischelte sie, »du wirst doch den
bleiernen Ring nicht vergessen?« - Er versicherte sie das Gegenteil, und sie
flog zu den Erdbeeren und hatte schon eine ziemliche Menge gepflückt, als
Fräulein Hedwig ankam. Die Baronesse freute sich über ihre gelungne List und die
Leichtgläubigkeit ihrer Gouvernante, die wegen eigenen Herzenskummers die
Richtigkeit ihres Vorwands weder bezweifelte noch untersuchte. Sie pflückten
beide in Gesellschaft. Die Baronesse beklagte sich, dass sie ihren Ring verloren
habe. Die Gouvernante, die sonst bei solchen Gelegenheiten wie ein Löwe
aufbrüllte, antwortete nichts als ein gleichgültiges »So?«. - Sie suchten unter
den Erdbeersträuchern, fanden ihn nicht und gingen beide fort, ohne sich weiter
darüber zu beunruhigen.
    Das Projekt der Entfliehung beschäftigte seitdem die Baronesse unaufhörlich.
Jeden Morgen legte sie ihr Schlafzeug in ein kleines Paket zusammen und an das
unterste Ende des Bettes: ihre diamantnen Ohrgehänge trug sie in der Tasche
nebst dem kleinen Geldvorrate, der sich nie sehr hoch bei ihr belief, weil sie
aus Guterzigkeit jedem gab, der etwas brauchte. Etwas weniges Wäsche wurde in
einem alten Pavillon im Garten hinter aufgeschütteten Ziegelsteinen verborgen
und bei Gelegenheit auch ein Schächtelchen, mit den Instrumenten aller
weiblichen Arbeiten angefüllt, welche sie verstund und wodurch sie ihren
Unterhalt zu finden hoffte. Ihre Vorsorge ging so weit, dass sie sogar Seide,
Goldfaden und andere Materialien zusammenpackte, und je länger sich die Flucht
verschob, je mehr fand sich mitzunehmen, dass sie zuletzt einen Maulesel
gebraucht hätte, um ihr Gepäcke fortzubringen: überdies musste sie sehr viele
Sachen, wenn nach ihnen gefragt wurde, oft wieder auspacken. Um sich dieser
Unbequemlichkeit zu überheben, hielt sie für dienlich, ihre Gerätschaft bloss in
der pünktlichsten Ordnung zu erhalten, jedem Stücke den bestimmtesten Platz
anzuweisen und es nach jedesmaligem Gebrauch pünktlich wieder dahin zu legen, um
erforderlichenfalls in einer Viertelstunde sich reisefertig zu machen. Fräulein
Hedwig wunderte sich ungemein, woher ihr plötzlich diese ungewohnte
Ordentlichkeit kam, und die Gräfin meinte, dass sie anfinge, die Kinderschuhe
auszutreten. Die nahe Aussicht, nach ihren Begriffen aus einem Kerker erlöst zu
werden, gab ihr die freudigste Munterkeit: die Hoffnung begeisterte sie so sehr,
dass sie auch die langweiligsten Stunden mit Standhaftigkeit ertrug und die
lästige Gesellschaft des Grafen ohne den mindesten Verdruss aushielt: sosehr es
ihr sonst schwerfiel, das Mass der Anständigkeit zu treffen, das sie nach seinem
Verlangen ihren Reden und Handlungen geben sollte, so leicht fiel es ihr jetzt.
Der Graf fand sie ganz umgeändert und versicherte, dass vielleicht doch noch
etwas aus ihr werden könnte. Ihre Geschäftigkeit und ihre Freude war ohne
Grenzen: sie ging niemals, sie flog, getragen auf den Schwingen der Hoffnung.
    Nicht weniger Anstalten machte auch Heinrich. Er war sogleich nach ihrer
Trennung durch Hedwigs Dazwischenkunft ins Haus zurückgegangen und hatte seinen
Ring, um keinen Verdacht zu erwecken, an einem Faden um den Hals gehängt; und so
trug er ihn beständig unter dem linken Arme auf der blossen Haut, nicht etwa aus
Empfindsamkeit - diesem gekünstelten Hautgout in der Liebe, den er noch nicht
kannte! -, sondern weil er ihn auf diese Art am sichersten zu verbergen glaubte.
Er ging etlichemal vor dem Zimmer der Baronesse vorbei, um ihr sein bleiernes
Gegengeschenk einzuhändigen: sie erschien nicht. Endlich begegneten sie
einander: Fräulein Hedwig ging neben der Baronesse, und also war nicht mehr
Zeit, als verstohlen zu geben und verstohlen zu nehmen: wie ein Wind war der
Ring an ihrem Finger, den sie auch nicht eher verliess, als wenn sie vor dem Graf
oder der Gräfin erscheinen musste, die sie verschiedenemal wegen dieser
schlechten Zierde gescholten hatten und ihr drohten, das elende Ding zum Fenster
hinauswerfen zu lassen, wenn sie es noch an ihrer Hand blicken liess.
    Heinrich packte nach jener Übergabe seines Liebespfandes nicht etwa Wäsche
oder andere ähnliche Bedürfnisse, sondern einen alten Seneka, einen Antonin und
ein paar andre seiner Lieblingsbücher zusammen, setzte Feder, Papier und Tinte
in Bereitschaft und dachte wie ein wahrer Neuling in der Welt, der voll
Berauschung nicht über die augenblickliche Ausführung seines Projekts
hinaussieht, mit einem solchen Reisebündel seine Wanderschaft anzutreten.
Schwinger bemerkte die Unruhe, die die unaufhörliche Beschäftigung mit einem so
wichtigen Anschlage hervorbringen musste: allein weil er glaubte, dass sie noch
von der empfangnen Ohrfeige herrührte, so ermahnte er ihn mit den auserlesensten
Sittensprüchen zur Standhaftigkeit und mutigen Ertragung seiner Beleidigung.
 
                                Drittes Kapitel
Jakobs Vater fand, dass sein Sohn seinem Posten etwas schläfrig vorstund: ausser
der Ohrfeige hatte er Heinrichen nichts als unbedeutende Verweise zugezogen, und
zum offnen Zanke war es gar noch nicht gekommen. Er selbst war der Machinationen
wider seine Kameraden überdrüssig und verlangte nach einer höhern Sphäre zu
seinem Wirkungskreise, und in diese Sphäre gehörten Fräulein Hedwig und
Schwinger mit ihren beiderseitigen Untergebenen: er hatte keine geringere
Absicht, als dass sie alle samt und sonders in voller Ungnade aus dem Hause
sollten. Der Bewegungsgrund? - Keinen hatte er, als weil er eine Ehre darein
setzte, bei dem Grafen Einfluss zu haben, und weil es ihn mehr schmeichelte,
durch seinen Einfluss andern zu schaden als zu nützen: das Schicksal aller im
Hause sollte auf seinem Willen beruhen wie das Geschick einer Welt auf Jupiters
Winke. Er hatte, seinem grossen Entwurfe gemäss, seine Aufmerksamkeit zuerst auf
Fräulein Hedwig gewendet und ihr Verständnis mit dem dicken Amyntas, dem
Stallmeister, glücklich ausspioniert: versteht sich, dass es der Graf die Minute
darauf erfuhr! Nächstdem hatte er auch eine Vertraulichkeit zwischen der
Baronesse und Heinrichen ausgekundschaftet - - eigentlich zwar nicht
ausgekundschaftet, ob er's gleich bei dem Grafen vorgab, sondern nur erdichtet,
und passte ihnen nunmehr auf, um zum Beweise seiner Erdichtung wahrscheinliche
Umstände aufzusammeln. - Um endlich auch den armen Schwinger nicht eine müssige
Nebenrolle spielen zu lassen, musste er sich sogar in die Gräfin verliebt haben
und also bei dem Schauspiele die lustige Person sein: kein Abend ging vorbei, wo
er den Grafen nicht mit komischen Auftritten jener verwegnen Liebe unterhielt,
die der Graf für bare Wahrheit annahm und belachte.
    Jakob wurde auf ausdrückliches Verlangen des Grafen zum Spion bestellt: er
schlich den ganzen Tag auf dem Saale vor dem Zimmer der Baronesse wie ein
lichtscheuer Vogel an den Wänden herum und haschte Fliegen, wenn auch keine da
waren, und schielte seitwärts nach allen Vorübergehenden unter den gesträubten
Augenwimpern hin. Jedermann scheute ihn, weil er einem Vater gehörte, den
jedermann fürchtete, und man vermutete gleich, dass er ein Spion sei. Weder die
Baronesse noch Fräulein Hedwig rührten sich einige Tage von der Stelle: Heinrich
tat zwar oft seinen Spaziergang in den Garten, aber fruchtlos: er durfte nicht
einmal nach der geliebten Türe hinblicken. Die Baronesse wollte den Spion
schlechterdings wenigstens auf einige Minuten entfernen, um mit Heinrichen
Abrede zur vorgenommenen Rache zu nehmen. Der Junge war äusserst genäschig: sie
stahl also ihrer Gouvernante, die beständig einen reichen Vorrat an Purganzen
und Vomitiven zu eignem Gebrauche hatte, aus der Kommode soviel von beiden, als
sie wegnehmen konnte, ohne die Verminderung der Apoteke sehr merklich zu
machen. Die Medikamente wurden durch feine Öffnungen in ein Paket gebackne
Pflaumen verteilt, die präparierten Pflaumen in die Tasche gesteckt und in die
Tasche ein grosses Loch geschnitten: sie lief so oft über den Saal bald dahin,
bald dortin und liess bei jedem Gange eine Strasse von verlornen Pflaumen hinter
sich, auf welche Jakob wie eine lauernde Spinne aus ihrem Hinterhalte
hervorschoss und mit der aufgelesenen Beute an die Wand zurückeilte, wo er sie
begierig mit Fleisch und Kern verschluckte. Seine Fressbegierde machte die Dosis
allmählich so stark, dass er vor den Schmerzen der Wirkung nicht auf seinem
Posten bleiben konnte. Er ging, dem Rufe der Natur zu folgen; und während seiner
oft wiederholten Abwesenheit hatte die Baronesse die Dreistigkeit, auf die
Treppe zu treten und so lange zu husten, bis Heinrich den Ruf verstand und
herunterkam. Er musste sie ins Zimmer begleiten; und nun wurde unter Fräulein
Hedwigs Vorsitz ein förmliches Komplott wider den Spion geschmiedet; und die
Baronesse schlug dabei, um sich von Zeit zu Zeit Operationspläne unentdeckt
mitzuteilen, eine eigene Art von Korrespondenz vor.
    Es war in dem Hause ein Pfänderspiel Mode, das man die Divination nannte.
Eine Person in der Gesellschaft durchstach in einem bedruckten Blatte mit der
Stecknadel einzelne Buchstaben, die, herausgesucht und zusammengesetzt, einen
Sinn gaben, überreichte das Blatt einer andern, die diesen Sinn heraussuchen
musste. Dieses Spiel brachte sie auf den Einfall, in einem Buche Buchstaben in
der Ordnung durchzustechen, dass man sie, wenn das Blatt gegen das Licht gehalten
wurde, ohne Beschwerde zu Worten zusammensetzen und lesen konnte. Unter dem
Vorwande, als wenn Heinrich ihr und sie Heinrichen Bücher borgte, sollte der
Spion selbst ihr Bote sein und die heimliche Stecknadelschrift überbringen.
Fräulein Hedwig sah Heinrichen bloss als einen Gehülfen der Rache an, ohne dass
sie seine Teilnehmung einer andern Ursache als der Ohrfeige zuschrieb. Nach
genommener Verabredung lauerte die Baronesse an der Tür, und bei der ersten
Abwesenheit, zu welcher die Pflaumen die Schildwache nötigten - husch! war
Heinrich die Treppe hinauf.
    Die Korrespondenz nahm ihren Anfang: allein statt sich Entwürfe zur Rache
mitzuteilen, liess man's einige Zeit bei einem verliebten Briefwechsel bewenden.
Die beiden Korrespondenten sagten sich in ihrer natürlichen, unschuldigen
Sprache Zärtlichkeiten, angenehme Erwartungen künftiger Glückseligkeit, leere
Tröstungen mit der Flucht - kurz, alles, womit sich ein Paar Verliebte
beunruhigen und aufrichten können. Jakob war so gierig nach den Büchern, die man
ihm zu überbringen gab, als nach den Pflaumen und fragte oft bei beiden Teilen
an, ob nichts zu bestellen sei: sein Vater hatte ihm ausdrücklichen Befehl dazu
gegeben, weil er sich jedesmal vor der Überbringung das Buch zur Durchsicht
zeigen liess, und so einmal einen handschriftlichen Beweis seiner Erdichtung
darin zu erwischen hoffte, wenn's auch nur ein gleichgültiges Zettelchen wäre,
das man dem argwöhnisch gemachten Grafen durch eine geschickte Auslegung als
sehr strafbar vorstellen könne. Er blätterte und suchte in den Büchern und fand
niemals etwas.
    Die Beschwerden, die Jakob nebenher allen im Schloss verursachte, wurden
immer drückender. Aus unseliger Gefälligkeit gegen ihren Gemahl hatte sich sogar
die Gräfin auf die Seite des Buben geschlagen: überhaupt handelten, liebten und
hassten diese beiden Leute beständig wider ihre eigne Überzeugung: ein jedes
quälte sich mit Neigungen und Abneigungen, um dem andern zu gefallen, und die
Gräfin wurde an dem struppköpfichten Jakob zum wahren Märtyrer der Politesse. Er
war ihr bis zum Ekel widrig, wie sein Vater verhasst, und doch lobte sie das
Ungeheuer in des Grafen Gegenwart, tändelte mit ihm, beschenkte ihn und erwies
ihm tausend Gütigkeiten, behandelte ihn sogar als ihren Liebling und sagte dem
Vater Schmeicheleien über die Annehmlichkeiten seines Sohns: sie ging in dieser
traurigen Gefälligkeit bis zur Ungerechtigkeit gegen diejenigen, die dem Jungen
missfielen: man kann leicht raten, wer dies sein mag. Sie ging aus wahrer
Abneigung gegen Heinrichen, den ihr seine Feinde die Zeit her in so nachteiligem
Lichte vorgestellt hatten, und in völligem Ernste damit um, ihn aus dem Hause
wegzuschaffen; und nur eine Art von weiblichem Mitleiden zwang sie, auf Mittel
zu denken, wie sie ihm mit den wenigsten Unkosten zu einem Fortkommen ausser
ihrem Hause behülflich sein könnte. Der Graf hatte ihn unmittelbar nach der
Ohrfeige fortjagen wollen, wie er's nannte, allein sein Maulesel verbot es ihm:
dem Niederträchtigen war es nicht genug, dass er mit einem so kleinen Zorne
wegkommen sollte, und verzögerte durch verstellte Vorbitten bei dem Grafen seine
Verabschiedung bis zu einem Zeitpunkte, wo sie mit grösserm Aufsehen geschehn
konnte.
    An Neckereien liess es sein Jakob nicht fehlen, diesen Zeitpunkt zu
beschleunigen. Die Baronesse hatte einen kleinen Fleck im Garten für ihr
Taschengeld mit Begünstigung des Onkels bearbeiten lassen, worinne sie einige
ihrer verliebten arkadischen Ideen ausführte. Es war eine Laube darin, kleine
Rasenplätze, die Triften vorstellten, worauf sie ein kleines wollenreiches
Schäfchen mit einem roten Halsbande zuweilen selbst weidete, Kirschbäume mit
eingeschnittenen Namen, die niemand entziffern konnte als sie, Blumenbeete, mit
Tymian und Lavendel eingefasst, von welchen sie Kränze band, um ihre Laube damit
zu zieren, auch ein Bach, der bei starkem Regenwetter Wasser und beständig
Mücken und Frösche in Menge hatte: sie versicherte in der Folge oft selbst, dass
sie in dieser mit Kränzen behangnen Laube, ihr weidendes Schäfchen vor sich,
wahre Empfindungen arkadischer Glückseligkeit genossen und in ihrer Einbildung
eine Welt um sich geschaffen habe, in welcher sie zeitlebens träumen möchte. An
einem Morgen, als sie dieser phantastischen Glückseligkeit zueilte, fand sie
alle ihre Kirschbäume zerschnitten, zerknickt, zum Teil umgerissen, ihre Blumen
abgeschnitten, die Einfassungen ausgewurzelt, ihre Laube beschädigt: ihre
erträumte Welt war dahin und mit ihr ihre Glückseligkeit, traurig sah sie auf
die Ruinen ihres Glücks herab, weinte und beschwerte sich bei dem Onkel. Sie gab
es dem heimtückischen Jakob Schuld: und da der Bursche sich meisterlich auf das
Leugnen verstund, so endigte sich die Klage mit einem doppelten Verweise für die
Baronesse, dass sie einen Unschuldigen angeklagt habe und dass sie in ihrem Alter
die Unanständigkeit begehe, über solche Kindereien zu weinen.
    Jakob bekam Lust zu ihrem Schäfchen, das sie seitdem mit stiller Wehmut
zuweilen in dem verwüsteten Arkadien geweidet hatte: ohne Anstand musste es ihm
abgetreten werden und der Garten dazu, mit dem Bedeuten, dass sich eine
sechzehnjährige Baronesse mit ernstaftern Vergnügen als mit solchen
Kinderpossen die Zeit vertreiben müsse. -»Stricke, sprich, nimm die Karten in
die Hand! das ist anständiger für dich« - belehrte sie der Graf.
    Die Baronesse unterhielt sich aus natürlicher Freude an dem niedrigen Leben
mit den geringsten Mädchen, und nicht selten ging sie, wenn die Hintertür des
Gartens offen war, auf der grossen Wiese, in einem Zirkel von Bettelkindern,
spazieren, unter welche sie ihr Taschengeld austeilte: nicht selten gesellte sie
sich zu den Mägden und Frönern, wenn sie Heu machten, setzte sich unter sie,
kaufte ihnen ein Stück ihres groben Vesperbrots ab und ass mit ihnen, so vergnügt
und heiter über ihren dörfischen Scherz, als wenn sie dazu geboren wäre. Jakob
belauerte sie, zeigte es an, und auch dieses Vergnügen wurde ihr bei der
schärfsten Strafe und in den schärfsten Ausdrücken untersagt.
    Heinrichen konnte er im Grunde weniger anhaben, weil man sich um diesen
weniger bekümmerte: er suchte ihn also auf seines Vaters Eingebung mit
Schwingern zu entzweien. Er goss ihm Tinte auf die Bücher oder auf die Wäsche und
beteuerte alsdann mit Schwüren, dass er's Heinrichen habe tun sehen. Er wollte
Herr des Zimmers sein, despotisch befehlen, wo dieses, wo jenes stehn sollte,
dass oft selbst der gutmütige Schwinger die Geduld verlor und seine Hand mit
Gewalt zurückhalten musste. - Heinrich hingegen war aller Zurückhaltung
überdrüssig: er widersetzte sich ihm jetzt mutig und tat gerade von allem das
Gegenteil, was er wollte: die Aussicht auf die nahe Flucht, wozu man nunmehr
durch die geheime Korrespondenz den Tag angesetzt hatte, gab ihm unüberwindliche
Herzhaftigkeit.
    Vorher aber beschloss er Rache über ihn, die er für sich ohne Zutun der
Baronesse ausführen wollte. Der Junge war so neugierig als genäschig: ein
hellfarbiger Lappen, ein funkelnder Stein konnte ihn wer weiss wie weit locken.
Heinrich hing also an einem Baum jenseits eines schlammichten, tiefen Grabens
etliche bunte flatternde Bänder auf, überbaute einen schmalen Fleck des Grabens
mit einigen dünnen Stecken, schüttete Erde darauf und bedeckte sie künstlich mit
Laub und Gras, dass man die Falle nicht vermutete. Jakob wurde durch eine Strasse
von gestreuten Kirschen, die wie verloren dalagen, zu dem Orte gelockt: kaum
erblickte er die wehenden roten Bänder von weiten, als er nach ihnen hineilte:
er hoffte eine Entdeckung zu machen, die er oder sein Vater zu jemands Unglücke
brauchen könnte, hielt in der Übereilung Heinrichs gebaute Brücke für festen
Boden, galoppierte auf sie hin, den Blick stier auf die roten Bänder gerichtet -
pump! brach der betrügerische Steg ein, und Jakob lag bis an die Schultern im
Schlamme: die Ufer des Grabens waren tief und für ihn unersteiglich, sosehr er
arbeitete, herauszukommen: er schrie, doch niemand hörte ihn.
    Sein Vater, der Graf und auch endlich die Gräfin waren in der äussersten
Verlegenheit, dass der werte Jakob sich verloren hatte: man suchte ihn mit
Laternen und Fackeln und kam in den abgelegnen Teil des Gartens nicht, wo er im
Schlamme seufzte: er musste die Nacht unmassgeblich mit dem feuchten Bette
vorliebnehmen. Die Nachsuchung wurde den andern Tag wiederholt: der
Gärtnerbursche hörte wohl, als er in die Nachbarschaft des Grabens
zufälligerweise kam, etwas piepen, das einer Menschenstimme ähnlich klang:
allein da es sich nicht in artikulierten Tönen näher erklärte, so ging er seinen
Weg und liess es piepen. Zufälligerweise kömmt er nach Tische in die Küche,
erzählt sein piependes Abenteuer und ist beinahe der Meinung, dass die kleine
Komtesse Fritzchen, die vor dreissig oder mehr Jahren, als der Graben noch Wasser
hatte, nach der Sage des Städtchens darin ertrunken war, dies Klagelied
angestimmt habe. Die Vermutung war nicht übel ausgedacht: denn alle
Gärtnerburschen vor ihm hatten dergleichen Jammertöne von dem ertrunknen
Fritzchen gehört, und durch ununterbrochene Tradition waren alle Gärtnerburschen
in den Besitz eines unauslöschlichen Rechts geraten, allein mit Ausschliessung
aller andern Erdenbewohner das ertrunkne Fritzchen jammern zu hören. Der Bursche
stand im Kredit eines grossen Verstandes und fand bald unter den Domestiken
starken Anhang: alle erklärten seine Erklärungsart für die einzige ortodoxe
Meinung, nur der Koch, ein Heiducke und ein Jäger, drei rohe Kerle, die weder
Himmel noch Hölle glaubten, waren Antifritzianer: der andere Jäger war anfangs
ein Zweifler, erklärte sich aber, als Not an den Mann ging, für die ortodoxe
Partei. Die Fritzianer konnten es nicht ertragen, dass sie ihre Gegner mit ihrem
einfältigen Glauben aufzogen und laut belachten: diese beriefen sich alle drei
in einem Tutti auf die Unmöglichkeit der Sache; und jene setzten ihnen entgegen,
dass es aber geschehen sei, und geschehne Dinge könne man doch nicht verwerfen.
    »Es ist nicht geschehen«, sagten die Antifritzianer.
    »Es ist aber geschehen!« riefen die Fritzianer. »Moritz, hast du's nicht
gehört?« -
    Wo war Moritz? Der kluge Sektenstifter, als er den Streit zu lebhaft werden
sah, schlich sich heimlich aus der Küche fort. Da also der Zeuge fehlte,
schränkte man sich bloss auf eine Disputation über die Möglichkeit der Sache ein.
Die Fritzianer bewiesen aus der Geschichte alter Gespensterbegebenheiten die
Wirklichkeit eines solchen Vorfalls: die Antifritzianer leugneten Faktum und
Schlussfolge und verlachten alle Gespensterhistorien als alte Weibermärchen.
    »Ja«, sagte der Tafeldecker, ein heimlicher Antifritzianer,
    »Moritz kann sich wohl geirrt haben: vielleicht ist es ein ungeschmiertes
Schubkarrenrad gewesen« -
    »Oder eine Eule«, schrie der Jäger, der Antifritzianer. -
    »Oder eine Maus«, rief der Heiducke -
    »Oder ein kranker Hammel«, sprach der Koch -
    »Oder ein Schwein«, unterbrach ihn der Heiducke -
    »Oder ein Esel«, rief der Jäger -
    »Oder ein Ochse«, schrie der Koch -
    »Ihr werdet doch die drei Kerle nicht recht behalten lassen«, zischelte der
andere Heiducke, ein eifriger Fritzianer, einigen von seiner Partei zu: wie ein
Lauffeuer verbreitete sich seine Anreizung von einem zum andern, und in wenig
Sekunden war der ganze Haufen entschlossen, recht zu behalten.
    »Gebt euch nicht mehr mit solchen Halunken ab!« sagte der nämliche Heiducke
laut zu seiner Partei, um den eingeschlafnen Streit wieder anzufachen. »Die
Kerle glauben nicht, dass eine Sonne am Himmel ist, wenn sie ihnen gleich den
Kopf verbrennt.«
    »Ihr habt wohl Ursache zu schimpfen!« erwiderte der Jäger von der
Gegenpartei, ein feiner Spötter. »Ihr Schöpse glaubt jeden Quark frischweg, wie
er auf die Erde fällt.«
    »Und ihr lebt wie die Säue in den Tag hinein und glaubt gar nichts«, riefen
die Fritzianer alle.
    »Weil ihr Hornvieh, dumme Esel seid«, rief der Koch patetisch, »deswegen
glaubt ihr alles. Ihr seid ja, straf mich Gott! so ochseneselgänserindviehdumm
wie die Gänse: die nehmen auch alles an, was man ihnen in den Hals stopft.«
    »Warte! ich will dich taufen, dass du einmal ein Christe wirst«, sagte der
Heiducke von der Gegenpartei, ein schlimmer Spötter, und goss ihm ein ganzes
Gefäss voll Wasser über den Kopf, das ihm die Küchenmagd, voll Ärger über des
Kochs Unglauben, von hintenzu heimlich reichte.
    »Macht die Tür zu!« rief der ergrimmte, triefende Koch zu seiner Partei, und
im Augenblicke schlug sie der antifritzianische Jäger zu. - »So wollen wir
dann«, fuhr der wütende Küchenmonarch fort, »die verfluchten Kerle sengen und
brennen, bis sie nicht mehr glauben« - und sogleich schleuderte er einen grossen
Feuerbrand vom Herde unter die zitternden Fritzianer hin; seine Gesellen folgten
dem Beispiele, und alle drei Antifritzianer rückten, flammende Feuerbrände in
den Händen, wider die Gegner an. Unter den bedrängten Fritzianern, die zwischen
den Feuerbränden und der verschlossnen Tür im eigentlichsten Verstand in
ecclesia pressa sich befanden, schlug sich einer die sengenden Funken vom
Kleide, ein anderer löschte das rauchende Toupet, ein dritter drückte sich den
wundgeschundnen Arm, und ein Teil floh hinter den Herd, um den Antifritzianern
in den Rücken zu fallen. Es geschah wirklich. Dem Koche, der à la françoise, den
Hut auf dem Kopfe, alle seine Verrichtungen tat, fiel plötzlich der Filz vom
Haupte in seinen Feuerbrand, und er fühlte eine gewaltige Hitze im Nacken: der
fritzianische Heiducke, der ihn vorher ersäufen wollte, hatte ihm den zierlichen
Crapaud, der seine Haare verschloss, in Brand gesteckt. Er musste hurtig löschen,
seine Gesellen eilten, ihn zu rächen;
    unterdessen sprengte die Gegenpartei die Tür auf und entfloh: die übrigen
machten sich die Unordnung des brennenden Kochs zunutze und entwischten
gleichfalls.
    Als sie sich von ihrer Flucht auf dem Hofe versammelt hatten, fassten sie
insgesamt den Entschluss, nunmehr, da sie sich genug um die Wahrheit gezankt
hatten, die Wahrheit zu untersuchen. Sie näherten sich in corpore dem Graben,
horchten; es jammerte: - »Ich lasse mich fressen, wenn das nicht eine
Menschenstimme ist«, schrien sie alle. »Das muss der Koch hören!« - Sogleich
wurde eine Gesandtschaft an ihn abgeschickt, die ihn nach langen Weigerungen
herbeibrachte. Er horchte, stutzte - »Ja, es ist eine Menschenstimme«, sagte er.
- »Siehst du, du ungläubiger Höllenbrand«, rief der ganze Haufe auf ihn los,
»dass es Komtesse Fritzchen ist?« -
    »Und wenn's der leibhafte Teufel wäre«, brach der zornige Koch wütend aus,
»so zieh ich ihn bei den Hörnern heraus« - und so marschierte er auf den Graben
los. Alle hielten ihn zitternd zurück und baten, die Komtesse nicht mehr in
ihrer Ruhe zu stören - »lasst mich!« rief er, wand sich los und zog das grosse
Küchenmesser von der Seite - »lasst mich! oder ich mach euch alle zu
Gespenstern.« - Man fürchtete die Drohung eines so grimmigen Mannes und liess
ihn: er sah in den Graben hinunter - die Klagestimme wurde immer lauter - er sah
ein menschliches Gesicht über den Schlamm herausragen - erkannte es: »Es ist der
verfluchte Jakob«, rief er. »Warte, du Schandbube! die Kehle will ich dir
abschneiden, dass du uns so zum Narren gehabt hast.« - Er liess eine Leiter holen,
stieg hinunter und zog den versunknen Jakob mit etwas sehr unsanfter Manier aus
dem Schlamme herauf. Wie ein schwarzer Geist, mit Schlamme von oben bis unten
überzogen, lag er triefend am Rande da und musste sich noch obendrein von dem
ganzen Haufen ausschelten lassen, dass er so grossen Zwiespalt unter ihnen erregt
hatte.
    Der Herr Vater hatte die Gewohnheit, wenn zwei oder drei Personen
beisammenstunden, gingen und sprachen, sogleich sich bei ihnen einzufinden, um
etwas von ihrem Gespräche aufzuschnappen: kein Wunder also, dass er hinter dem
ansehnlichen Truppe des ganzen Hofgesindes, wie ein Wolf hinter der Schafsherde,
augenblicklich nachfolgte! Der Koch überlieferte ihm seinen Sohn mit dem
Küchenwitze, dass er ihm hier einen Schweinsbraten mit Kirschsauce zustellen
wolle. Der Vater, zu beschäftigt mit dem Unglücke seines geliebten Erben,
verschluckte den satirischen Einfall und wanderte unter Begleitung der
sämtlichen Domestiken ins Haus, um ihn säubern zu lassen. Alles lief an die
Fenster, als sich der Zug durch die Allee näherte: Heinrich und die Baronesse
waren nicht die letzten darunter, und mit der innigsten Herzensfreude sahen sie
den pechschwarzen Jakob an der Hand des Vaters traurig daherwandeln, während dass
der begleitende Trupp sich mit mutwilligen Liedern über sein Unglück belustigte.
Auf dem ganzen Schloss war dieser Tag ein Freudenfest.
    Das schlimmste war nur, dass dies Freudenfest ernstafte Folgen nach sich
zog. Der erboste Jakob und sein Vater wussten nicht, an wem sie sich für sein
Unglück rächen sollten, und hielten sich, um nicht ganz ungerochen zu bleiben,
an die Personen, die bei dem Schauspiele nicht geschäftig genug gewesen waren:
der Gärtnerbursche erhielt seinen Abschied, dass er dem wimmernden Jakob nicht
nachgespürt, sondern sogleich, als er das Klaggeschrei gehört, wieder
weggegangen war, ohne ihm herauszuhelfen. Der Koch wurde für den beissenden
Küchenwitz, den er sich nach der Errettung des Buben entwischen liess, insofern
suspendiert, dass er vier Wochen nicht mehr die Schokolade des Morgens für den
Grafen machen durfte, welches er bisher am besten gekonnt hatte: allein da der
Grafsich bei dieser Suspension am schlimmsten befand, weil ihm seine Schokolade
niemals schmeckte, so wurde sie wieder aufgehoben und in die Ungnade verwandelt,
dass er alle Essen tadelte, wenn sie auch seinem Gaume noch so wohl behagten.
 
                                Viertes Kapitel
Jakobs Vater arbeitete indessen unermüdet an der Ausführung der Hauptrevolution,
die er im Sinne hatte, und bestimmte das arme Fräulein Hedwig zur ersten
Unglücklichen, die das Trauerspiel eröffnen sollte.
    Ihr Verständnis mit dem Stallmeister hatte er längst ausgekundschaftet, das
ist bereits gemeldet worden: seit dieser Entdeckung suchte er auf alle Weise an
den Liebhaber zu kommen und ihm sein Geheimnis abzulocken: es wollte lange Zeit
nicht gehn. Endlich machte er ihn treuherzig. Er besuchte ihn oft auf seiner
Stube und bat ihn oft zu sich, und weil der Stallmeister von der Vertraulichkeit
und dem freundschaftlichen Umgange mit dem Lieblinge des Grafen nicht nur Ehre,
sondern auch Nutzen hoffte, so lief er gerade in die Falle hinein, die ihm
dieser aufstellte. Bei einem solchen Besuche, wo er mit einem guten Glase Wein
aufgeräumt und offenherzig gemacht worden war, brachte der nüchterne Wirt den
halbtrunknen Gast auf die Liebe und gab ihm auf den Kopf Schuld, dass er bei
Fräulein Hedwig in grosser Gunst stehe. Der Stallmeister lehnte die Beschuldigung
lachend von sich ab. - »Leugnen Sie nur nicht!« rief der Bösewicht, »der Graf
weiss es lange.« - Der Stallmeister war des Todes vor Schrecken.
    »Was ist's denn nun weiter!« fuhr jener fort. »Fräulein Hedwig hat's ihm
selber gesagt: sie möchte gern gar mit Ihnen getraut sein.« -
    Der Stallmeister sass da, sagte kein Wort und schwebte mit seinem wirblichten
Kopfe zwischen Glauben, Zweifel und Verwundrung umher.
    »Der Graf wollte gar nicht«, redete jener weiter, »aber ich hab ihm
zugesetzt; und wenn Sie mir ein gutes Wort geben, so bring ich's dahin, dass
Ihnen der Graf seine Einwilligung gibt.«
    »Gehn Sie! machen Sie das einem Kinde weis!« unterbrach ihn der
Stallmeister.
    »Ich dächte«, erwiderte der andre, »Sie wüssten, wieviel ich bei dem Grafen
ausrichten kann. Nur ein Wort soll mir's kosten: ich hab ihn so schon auf Ihre
Seite gezogen. Setzen Sie eine Supplik auf! bitten Sie den Grafen um seine
Einwilligung, und ich will sie ihm übergeben. Es ist ja doch keine Kleinigkeit,
ein Fräulein zu heiraten.« -
    Allmählich gelang's ihm, durch sein Zureden und Versicherungen eines guten
Erfolgs dem leichtgläubigen Stallmeister das Vertrauen abzugewinnen: es ging so
weit, dass er seinem Spione den ganzen Liebeshandel beichtete und morgendes Tages
eine Supplik aufzusetzen versprach; und er schmeichelte sich darum mit den
günstigsten Erwartungen, weil er seit einiger Zeit bei dem Grafen in
vorzüglicher Gnade zu sein glaubte, was ihm der Betrüger, der ihn jetzt im Netze
fing, überredet hatte.
    Freudig ging der Bösewicht, als ihn der Stallmeister verliess, zu Fräulein
Hedwig und wünschte ihr geradezu zu ihrer Vermählung Glück. Sie riss die grossen
Augen ellenweit auf.
    »Der Graf«, fuhr er fort, »ist nicht ungeneigt dazu: ich hab ihn darüber
gesprochen. Sie wissen, dass ich Ihnen beständig beim Grafen das Wort geredet
habe, und es sollte mir eine rechte Freude sein, wenn ich ihn dahin bringen
könnte, dass er in Ihre Heirat willigte.« -
    Fräulein Hedwig tat entsetzlich verwundert, leugnete aus allen Kräften und
war hundert Meilen weit von einer Sache entfernt, die sie gleich beim ersten
Worte erriet.
    »Leugnen Sie nur nicht!« versetzte jener mit dem vertraulichen Tone, womit
er jedermann anzureden pflegte. »Der Herr Stallmeister hat mir die ganze Sache
anvertraut; und ich werde mein möglichstes tun, so einen braven Mann, meinen
Herzensfreund, glücklich zu machen. Er hat bei dem Grafen angehalten.« -
    Fräulein Hedwig wollte in Ohnmacht sinken: aber sie besann sich hurtig
anders.
    »Reden Sie nur selber mit dem Grafen: und das heute noch! Stellen Sie ihm
nur vor - zwar das werden Sie besser zu sagen wissen als ich. Gehn Sie lieber
itzo zu ihm, damit ich auf den Abend mit ihm die Sache zustande bringen kann.
Ich habe schon mit dem Grafen überlegt, dass er wohl wird geadelt werden müssen;
und wir finden's billig, dass man die wenigen Taler an so einen braven Mann
wendet. -«
    Fräulein Hedwig hüpfte im Herzen vor Entzücken, traute aber noch nicht ganz.
    Er setzte noch stärker in sie und machte das verliebte Fräulein durch die
vielfältigen Versicherungen, was er und der Graf für sie tun wollten, so kirre
und seine verdammte Lüge so wahrscheinlich, dass sie ins Garn hineineilte, zwar
nichts ausdrücklich bekannte, aber doch mit dem Grafen darüber zu reden
versprach.
    Sie rennte vor Freude und Hoffnung, als er fort war, das Zimmer auf und
nieder: jetzt wollte sie gehn, hatte die Tür schon in der Hand, liess sie hurtig
fahren und ging zurück: jetzt war sie schon an der Treppe, bebte und ging wieder
ins Zimmer, jetzt schöpfte sie Herz, überdachte die Rede, die sie halten wollte,
triumphierte über die Schnelligkeit, mit welcher sich ihr Gedanken und Ausdruck
darboten, und über die Wirkung, die sie sich davon versprach. »Aber wenn nun der
Graf nicht einwilligen wollte!« fuhr ihr durch den Kopf:
    sie zitterte vor Entsetzen über die Vermutung. Die Lebhaftigkeit ihrer
Wünsche richtete sie bald wieder auf; sie sah sich schon am Altare, schon in den
Armen ihres dicken Amyntas, schon - wie ein Zephir flog sie mit ihren bleiernen
Füssen die Treppe hinunter, die andere hinauf, den Korridor durch - da stand sie
im Vorzimmer des Grafen! Es wollte ihr das Herz abdrücken: kaum konnte sie dem
Bedienten, der die Aufwartung hatte, stammelnd sagen: »Melde Er mich!« - und
kaum war er hinein, so wollte sie ihn schon wieder zurückziehn. - Gütige Götter!
er kömmt heraus, macht den Türflügel weit auf, der Graf steht wartend da, sie
muss hinein.
    Kein Dieb, der zum erstenmal stahl und zum ersten Male ertappt wurde, kann
mit solcher Angst im Verhör auftreten als die arme Hedwig vor dem Grafen. Sie
stotterte, fing ihre Rede zehnmal an und blieb zehnmal stecken und hatte schon
fünf bis sechs völlige Minuten gesprochen, ohne dass der Graf wusste, was sie
wollte, ob er sie gleich oft genug darum befragte. Endlich brach ihre
Beredsamkeit durch: sie bat deutlich und vernehmlich um die gnädige Erlaubnis,
einen ihrer grössten Wünsche zu vollziehen und sich mit dem Stallmeister zu
vermählen. - In dem Gesicht des Grafen stieg ein sehr ungnädiges Donnerwetter
auf und zog sich von der äussersten Nasenspitze bis zu der nördlichen Breite der
Stirn hinan, dass zuletzt diese ganze Halbkugel seines Kopfs eine grosse
Gewitterwolke war. Leugnen konnte sie nicht: denn sie hatte sich zu bestimmt
ausgedrückt; und - eherne Federn und steinerne Griffel vermögen nicht die Wut zu
beschreiben, mit welcher das Gewitter losbrach: das war ein Orkan, wie ihn noch
kein Seefahrer ausgestanden hat! und Fräulein Hedwig kroch, wie ein Vögelein in
einen hohlen Baum vor dem losstürzenden Schlossenwetter flieht, ängstlich
rückwärts nach der Tür und schlich mit gebeugter Seele zu ihrem Zimmer zurück,
nahm niederschlagend Pulver, Rhabarber, Sennesblätter und Gott weiss was mehr,
konnte nicht essen, nicht trinken, nicht schlafen: sie dachte vor Kummer gar
nicht daran, dass sie betrogen war.
    Sogleich nach ihrem Abtritte musste der Betrüger, dem sie ihr Unglück zu
danken hatte, zum Grafen kommen: er wollte sich zu Tode lachen, als ihm der Graf
das Vorgefallne erzählte. - »Nun denken Sie einmal!« setzte der Gewissenlose
hinzu, »der Stallmeister hat mich schon lange geplagt, ich soll eine Supplik von
ihm übergeben, worinne er um das nämliche anhalten will. Wer weiss, was
vorgefallen ist? Der Umgang ist schon alt: aber ich hab Ihnen nur nicht das
Herze damit schwer machen wollen.«
    Der Graf knirschte vor Wut und wollte beide gleich aus dem Schloss jagen
lassen: allein er durfte nicht; denn sein Maulesel sagte ihm, er sollte das
nicht tun. - »Ich will mir morgen die Supplik geben lassen,« sprach er, »und
dann wollen wir miteinander überlegen, was zu tun ist.« -
    Der Graf, dem alles sklavisch gehorchen musste, gehorchte dem befehlenden
Rate dieses Mannes wie ein Schulknabe. - Indessen wurde die Gräfin durch ihn von
der nahen Verunehrung ihres Hauses unterrichtet: sie liess die Delinquentin rufen
und bekam die Entschuldigung zur Antwort, dass ihr nicht wohl sei. Den Morgen
darauf liess man die Entschuldigung nicht mehr gelten: sie musste sich
schlechterdings stellen: die Gräfin liess sie, ihrer Sanftmut ungeachtet, hart an
und befahl ihr vorläufig, ihr Paket zusammenzumachen. Sie fiel auf die Knie: die
Gräfin verwies ihr diese Erniedrigung und ebensosehr ihre Unbesonnenheit, dass
sie sich mit einer so seltsamen Bitte an ihren Gemahl gewendet hatte. Sie wollte
die Betrügerei erzählen, die sie dazu verleitete, aber ihr Schluchzen machte
jedes Wort der Erzählung unverständlich. Ungetröstet und ungerechtfertigt musste
sie hinweggehn.
    Der Stallmeister, der nichts hievon erfahren konnte, sass die ganze Nacht
durch und buchstabierte mit schwerer Mühe eine Supplik zusammen und brachte sie
mit dem frühsten Morgen seinem vermeinten guten Freunde und Beschützer, der sie
augenblicklich zum Grafen trug. Der betrogne Mann wartete voller Ungeduld im
Vorzimmer und bekam endlich zur Antwort, dass er gegen Abend die Willensmeinung
seines Herrn erfahren solle. Seinem Glücke so nahe, bildete er sich ein, dass es
ihm wohl erlaubt sei, die hochwohlgeborne Braut auf ihrem Zimmer bei Tageslicht
zu besuchen: er eilte auf den Fittichen der Liebe zu ihr, eine fröhliche
Botschaft zu hinterbringen, die sie nach seiner Meinung aus seinem Munde zuerst
erfuhr, und - Götter! wie stutzte der Mann, als er seine breitschulterichte
Chloe - wie er sie sonst nennen musste - in Tränen zerfliessend, bleich und voller
Betrübnis erblickte. - »Gehn Sie!« rief sie ihm entgegen, »Sie sind die Ursache
meines Unglücks: ich möchte, dass ich mich niemals vom bösen Feinde hätte
verführen lassen, Sie zu lieben. O Tartarus! schlinge mich in deinen flammenden
Wanst hinab!«2 - Mit dieser patetischen Ausrufung ging sie ins Kabinett und
schloss hinter sich zu. Der erstaunte Liebhaber sah sich im Zimmer um, klatschte
mit dem spanischen Rohr dreimal an die gewichsten Stiefeln und ging seinen Weg.
    Unmittelbar nach aufgehobner Tafel wurde Fräulein Hedwig angedeutet, dass man
im Städtchen eine Wohnung ausgemacht habe, wo sie künftig residieren und wohin
sie sich nebst ihren sämtlichen Effekten in der Dunkelheit des Abends begeben
solle: um ihr Exilium nicht ganz trostlos zu lassen, versprach ihr der Graf eine
jährliche kleine Pension, doch mit dem Vorbehalt, dass sie nie seinen ungnädigen
Augen mit ihrem Antlitze in den Weg kommen sollte. Durch den nämlichen Boten
erhielt auch der Stallmeister seinen Abschied nebst dem Befehle, sich nie wieder
in den Grenzen der gräflichen Herrschaft sehen zu lassen, wenn er nicht mit
kräftigen Prügeln bewirtet sein wollte. Niemand wusste, was einen so schnellen
Sturm bewirkt hatte: der Stallmeister selbst wusste nicht, was und wie ihm
geschah: er suchte seinen Beschützer, um nach der Beschaffenheit der Sache zu
fragen:
    dass sich der heimtückische Bösewicht nur mit einem Auge hätte blicken
lassen! Er wollte sein geliebtes Fräulein sprechen, um ihr den gestrigen Groll
zu nehmen; er durfte nicht:
    ohne Abschied und ohne sein Verbrechen gewiss zu erfahren, musste er in einer
Stunde das Schloss und denselben Abend noch die Stadt räumen.
    Die Baronesse hatte nie sonderliche Ursache gehabt, ihre Gouvernante zu
lieben: doch jetzt, da es zum Äussersten kam, bat sie bei dem Grafen und der
Gräfin für sie; aber sie bestürmte Felsenherzen: es blieb bei der gegebnen
gnädigen Verordnung, und Fräulein Hedwig ging des Abends zwischen neun und zehn
Uhr, ohne vor Scham von jemandem Abschied nehmen zu können, noch jemanden, der
ihr begegnete, ansehen zu können, aus dem schönen Schloss, schloss sich in ihr
kleines angewiesenes Stübchen und kam in einem ganzen Monat nicht öffentlich zum
Vorschein und verfluchte den bösen Feind, der sie zu der Sünde verleitet hatte,
einen Menschen unter ihrem Stande zu lieben, samt seinem bösen Werkzeuge, den
dicken Stallmeister mit der funkelnden gelbledernen Chaussure.
    Der Maulesel triumphierte über den abermaligen Lorbeer, den ihm seine
boshafte List über ein paar Menschen erworben hatte, über den abermaligen Beweis
seiner Macht über den Grafen und dachte auf nichts Geringers, als das Haus in
kurzem ganz rein von allen Personen zu machen, die ihm nicht ganz anstunden oder
nicht zu seiner Fahne schwören wollten: der Graf selbst war bei allem Zorne und
Unwillen im Grunde über die hofmässige Revolution sehr erfreut, und die Gräfin
wartete eine günstige Gelegenheit ab, das Schicksal der armen Hedwig zu mildern.
 
                                Fünftes Kapitel
Sosehr die Baronesse über diese plötzliche Trennung bewegt war, so merkte sie
doch bald den Vorteil, den sie ihr verschafte: sie war nunmehr ohne Aufsicht
und konnte ihren Heinrich sprechen, wenn es ihr beliebte. Schwinger hatte zu dem
vorzüglichen Verstande seines Freundes ein zu unumschränktes Vertrauen und liess
ihm jetzt wirklich mehr Freiheit, als er sollte. In der ersten Beratschlagung,
die sie in diesem Interregnum auf der Baronesse Zimmer hielten, riet Heinrich
aus allen Kräften die Beschleunigung der Flucht: er drang so lebhaft darauf, dass
sie bald beide einig waren, Tag, Stunde und andre Umstände festsetzten, und
vorher noch eine Rache an ihrem gemeinschaftlichen Feinde beschlossen.
    Jakob besuchte vermöge seiner Genäschigkeit sehr fleissig einen Baum voll
grosser, lockender spanischer Kirschen, die man für die Ehre, von dem Grafen
gegessen zu werden, aufhob. Jedermann floh die Gegend dieses Baums wie einen den
Göttern geheiligten Ort, um nicht den Verdacht eines vorgehabten Diebstahls
wider sich zu erregen: nur Jakob wagte es, einen solchen Raub oft zu begehn und
nahm seine Massregeln so gut, dass er nie ertappt wurde. Heinrich, der es wusste,
riet dem Gärtner, etliche Schlingen dabei zu legen: anfangs wollte er aus Furcht
vor dem Vater nicht daran, doch endlich liess er sich bereden. Bei dem nächsten
Diebstahle, der allemal in der Dämmerung geschah, fand sich der Dieb plötzlich
gefesselt; Furcht und Mangel an Kräften hinderten ihn, sich von den
unschädlichen Stricken loszumachen. Zudem war die Falle sehr künstlich und mit
einem Gewichte versehen, das den Knoten fest zuzog. Der Gärtner lauerte hinter
einer Hecke und eilte sogleich, es anzuzeigen: allein statt der Belohnung
erhielt er einen Verweis, und zur Bestrafung sollte er einen Monat lang nicht
die Gnade haben, dem Grafen sonntags früh ein Bukett zu überreichen. Der Dieb
kam los und wurde derb von seinem Vater ausgescholten, dass er sich hatte
ertappen lassen; und weil dem Gärtner in dem ersten Unwillen über seine
misslungenen Massregeln ein Wörtchen entwischte, dass Heinrich sein Ratgeber dabei
gewesen sei, und Jakob dem Ratgeber Vorhaltungen darüber tat, auch ein paar
Drohungen mit Rache hinzusetzte, so war dies ein neuer Sporn, die Flucht um
keine Stunde weiter hinauszuschieben.
    Heinrich ging seit dieser zweiten Festsetzung eines so nahen Termins
beständig ängstlich um Schwingern herum: wenn er ihn anblickte, senkte er die
Augen oder kehrte sich weg, um Tränen zu verbergen: jede Gipsbüste schien einen
wehmütigen Blick auf ihn zu werfen, jedes sonst geliebte Buch erinnerte ihn an
eine schmerzliche Trennung. Seine Unruhe trieb ihn von einem Orte des Zimmers
zum andern: nirgends fand er länger als eine Minute Rast. Wohl zehnmal ging er
des Vormittags an den Ort, der zur nachmittägigen Zusammenkunft bestimmt war,
besah ihn starr von allen Seiten: es war ihm, als wenn ein Zentnergewicht auf
die beklemmte Brust fiel, er seufzte, zitterte, weinte und ging. Keinen Bissen
konnte er des Mittags mit dem Munde berühren, ohne dass der Gedanke in ihm
aufstand: Der letzte, den du hier geniessest! - Itzt fühlte er zum ersten Male,
welch eine schwere Kunst es ist, leben zu wissen, und durch wie viele Schmerzen
man diese Weisheit erkaufen muss. Je näher die Stunde rückte, je beklemmter wurde
seine Brust:
    Tränen waren jetzt nicht mehr in seiner Gewalt, sie rannen wie Bäche
herunter, dass es Schwinger bemerkte und eine Menge Mutmassungen machte, ohne die
Wahrheit zu treffen.
    Die Baronesse war ungleich besser daran: wen sie liebte, folgte ihr, und die
sie verliess, liebte sie nicht. Voller Munterkeit, Freude und mutiger Hoffnung
sprang sie nach der Rückkunft von Tafel im Zimmer herum, warf sich in ein
Negligé und setzte ihr Reisebündel in Bereitschaft: was sie zuweilen
beunruhigte, war Furcht vor Entdeckung. Nur die Trennung von den Örtern, wo sie
ihre phantastischen Arkadienfreuden genossen hatte, erfüllte sie mit
vorübergehender Wehmut; und sonst wünschte, hoffte, begehrte sie nichts, als dass
die Stunde schlagen möchte, wo sie einander im Garten treffen wollten.
    Wie Geschöpfe, die von der ganzen weiten Welt nichts als die Spanne kennen,
wo sie spazierengegangen und -gefahren sind, hatten sie ihren Plan angelegt:
unbekümmert, wer sie speisen und beherbergen werde, wenn ihr kleiner Geldvorrat
aufgezehrt ist, wollten sie ihn ausführen. Sie glaubten, dass man auf unserm
Planeten nur wollen dürfte, um zu finden.
    Graf und Gräfin fuhren nachmittags spazieren: die Baronesse entschuldigte
sich mit Kopfschmerzen und blieb zu Hause. Diese daher entstandne Leerheit des
Schlosses wollte sie nicht ungenützt lassen-denn ein Teil der Domestiken
begleitete die gnädige Herrschaft, und der andre war seinem eignen Vergnügen
nachgegangen -, sie sagte ihrem Zimmer ein stilles Lebewohl und wanderte in den
Garten hinunter, lange vorher, ehe die anberaumte Stunde schlug, holte ihr
Paketchen Wäsche aus dem alten Pavillon herbei und legte es in das Kabinett, das
zur Zusammenkunft bestimmt war. Darauf tat sie einen Spaziergang auf die Wiese
hinter dem Garten, wo man Grummet machte. Sie liess sich mit einer von den Mägden
in ein Gespräch ein, wie sie schon sonst zu tun pflegte, wenn sie keine Aufsicht
daran hinderte: sie lobte den Stand und die Beschäftigung des Mädchens und
wünschte darin geboren zu sein: das Mädchen bat sie, sich nicht so zu
versündigen, und versicherte, dass sie lieber eine Baronesse als eine Dienstmagd
sein möchte.
    »Komm! wir wollen tauschen!« sagte die Baronesse lebhaft. »Gib mir deine
Kleider, ich will dein Leben auf ein paar Stunden versuchen.« - Das Mädchen
weigerte sich lange: endlich liess sie sich zu der Maskerade bereden und wischte
mit ihr seitwärts in ein Birkenbüschchen, wo sie ihre Kleider wechselten. Das
Mädchen sprang vor Freude in die Höhe, als ihr die weisse Kontusche und Rock auf
dem Leibe hing und der Sommerhut auf ihren zerstörten bäuerisch geflochtenen
Haaren schwebte: wirklich nahm sich auch der schneeweisse Anzug zu den
verbrannten Armen, blossen Füssen und Mulattengesichte ungemein drollicht aus: sie
spazierte auf und ab und schwenkte den weissen Rock wie einen Uhrperpendikel:
nichts bedauerte sie mehr, als dass der benachbarte Wassergraben zu schmutzig und
das Stückchen Spiegelglas nicht bei der Hand war, wobei sie gewöhnlich ihre
bäurischen Reize ordnete. Die Baronesse nahm sich in ihrem neuen Anzuge nicht
weniger gut aus: das Mädchen hatte ihr mit Ehren nichts als einen streifichten,
kurzen Rock abgeben können, weil sie ausser einem schwarzen Mieder, dessen sie
nicht begehrte, nichts auf dem Leibe hatte. Das Mädchen musste ihr die schöne
Frisur zerstören, die sie herzlich gern auf ihren Kopf ganz unversehrt
hinübergetragen hätte, und ihre Haare auf dem Wirbel in ein bäurisches Nest
winden. Da das Abtragen des vornehmen Gebäudes, das mit Haarnadeln wie mit
grossen Balken durchzogen war, sehr viel Zeit erfoderte, so wurde die Bäuerin bei
ihrer Arbeit vermisst: der Vogt störte in den Büschen herum, um zu entdecken, ob
sie sich vielleicht schlafen gelegt habe, und die beiden Damen hielten für
ratsam, tiefer in den Busch hineinzurücken. Die Umschaffung der Frisur nahm so
viele Zeit hinweg, dass auf der Wiese Feierabend gemacht wurde und die Stunde der
Zusammenkunft heranrückte. Die Arbeiter gingen unter dem Kommando des Vogts nach
Hause, und die beiden Verkleideten durch den Busch auf einer andern Seite nach
dem Garten hin. Anfangs war die Maskerade bei der Baronesse nur ein unüberlegter
Einfall gewesen, um sich zu belustigen: doch jetzt wollte sie Partie davon
ziehen. Sosehr ihre Begleiterin ihre Bauerkleider wieder foderte, um nicht durch
zu langes Aussenbleiben sich noch schwerere Strafen zuzuziehn, als ohnehin ihrer
warteten, so bestund doch die Baronesse darauf, dass sie ihr den bäurischen Anzug
gegen ihr Negligé überlassen, zu ihrer Mutter, die auf dem nächsten Dorfe
wohnte, gehen und sie dort erwarten sollte. Das Mädchen wusste sich aus dem
Vorschlage nichts zu machen, glaubte zwar aus angewöhntem Gehorsam, dass sie
einer Baronesse aufs Wort folgen müsse, sah aber doch auch einige unangenehme
Szenen von seiten derjenigen voraus, die diesen Gerhorsam missbilligen könnten.
Da nichts half, überwand sie die Baronesse durch eine Lüge. »Närrin!« sprach
sie, »ich will meinem Onkel eine heimliche Freude machen. Morgen ist sein
Namenstag: ich will mich bei deiner Mutter als eine Bäuerin anziehen: gegen
Mittag wird die Tante mit ihm ins Dorf kommen, und ich werde ihm einen
Blumenstrauss überreichen.Er wird mich vermutlich nicht kennen: da wollen wir
rechte Freude haben. Die Tante hat mir's selbst befohlen; und ich wollte dir's
anfangs nicht sagen, aus Furcht, du möchtest plaudern.« -
    Nun war das Mädchen auf allen Seiten sichergestellt, hüpfte und freute sich
über den Spass und glaubte, dass Gehorsam gegen den Vogt dem Gehorsam gegen die
Gräfin und Baronesse nachstehen müsse: sie schlich durch Büsche und Sträucher,
um nicht gesehn zu werden, in dem weissen Negligé zu ihrer Mutter und verkündigte
ihr mit lauten Freuden den hohen Besuch, der die heute noch beehren würde. Die
gute Mutter hatte so wenig Romane gelesen als ihre Tochter und argwohnte also
nichts Schlimmes. Kaum war die überredete Dirne fort, so begab sich die
Baronesse ins Kabinett, um Heinrichen zu erwarten.
    Der arme Bursche hatte endlich nach manchem Kampfe mit sich selbst, nach
langem Hin- und Herwanken, seinem Herze einen Stoss gegeben und sich auf den Weg
gemacht: allein da es ihm nicht möglich war, Schwingern zu entfernen, so liess er
sein Reisebündel im Stiche. Sein Freund las in einem Buche, den Rücken nach der
Tür gekehrt: gern wäre er ihm um den Hals geflogen, aber er musste sich mit einem
stillen Abschiede begnügen: er warf ihm einen Kuss stillschweigend zu und ging
mit betränten Augen die Treppe hinunter. Schwinger las mit voller Aufmerksamkeit
und wurde sein Weggehn nicht einmal gewahr.
    Die erste Empfindung bei seinem Eintritte ins Kabinett war Erschrecken, weil
er jemanden anders zu finden glaubte, als er wollte: aber die Stimme der
Baronesse benahm ihm bald seine Besorgnis. Sie war voller Freude, so entzückt,
als wenn der Streich schon gelungen wäre, und tadelte ihn wegen der
Ängstlichkeit, womit er einen schlimmen Ausgang befürchtete, wegen der
Traurigkeit, in welche ihn die Trennung von Schwingern versetzte. Auch der
Gedanke, wie nachteilig eine heimliche Flucht seiner Ehre sein könne, fuhr ihm
oft wie ein Schwert durchs Herz: tiefsinnig, von innern Kämpfen herumgetrieben,
stund er da, und Ulrike konnte ihn mit allem Zureden, aller ihrer Freudigkeit
nicht ermuntern: er wollte sich selbst in einen freudigen Taumel versenken, aber
es ging nicht: in seinem Kopfe standen alle seine Nachbarn und Bekannten in
grossen Haufen beisammen, redeten von seiner Flucht und scholten ihn einen
Entläufer.
    Was weder Wille noch eine Leidenschaft sonst vermag, kann bekanntermassen die
Liebe. Sie mussten in dem Kabinette bis zur völligen Dunkelheit eingesperrt
bleiben: was war in diesem Zeitraum natürlicher, als dass man sich mit einigen
Szenen künftiger Glückseligkeit unterhielt? Die Baronesse verfertigte schon ein
ganzes vollständiges Gemälde davon und begeisterte Heinrichs Einbildungskraft so
stark, dass er auch das Gemälde durch manchen reizenden Zug verschönerte. Ebenso
natürlich kamen sie allmählich auf Szenen vergangner Glückseligkeit, und ehe man
sich's versah, waren Heinrichs Gedanken bei dem schönen, marmornen Knie der
Baronesse, das ihm Amor einst unter der Linde, als sie den ersten Vorsatz zur
Flucht fassten, bei einem Falle zeigte:
    seine Phantasie malte es vollends aus, schöner und herrlicher, wenigstens
reizender, als Correggio und van der Werft eins geschaffen haben: seine
Begierden wurden durch das Bild befeuert und rissen die Hand hastig zu einer
Verwegenheit hin - schnell zog sie die Scham zurück, und aus der Verwegenheit
wurde eine zärtliche Umarmung. Das Bild wich nicht von der Stelle aus seinem
Kopfe: er schalt sich selbst wegen seiner Schüchternheit: die Begierde brach zum
zweitenmal durch: die Hand rüstete sich zu einer zweiten Verwegenheit; und die
Scham lenkte sie mitten auf ihrem Wege zu der Hand der Baronesse: aus der
Verwegenheit wurde ein feuriger Händedruck. Wie ein durchbrechender Strom
sprengte plötzlich sein Blut alle Ventile durch: alle Nerven bebten von
ungewohnten Schwingungen: die Begierde siegte zum dritten Male: er warf sich
ungestüm an ihre Seite und-küsste sie. Die Baronesse stritt mit den nämlichen
Empfindungen: der süsse Schauer, der sie durchlief, als er unter der Linde mit
dem Gesichte auf ihrem Busen ruhte, kehrte bei jeder leisen Berührung zurück:
sie wünschte ihn wiederholt zu fühlen, und doch liess sie die Schamhaftigkeit
nichts tun als bei jeder Annäherung schüchtern den Busen an ihn drücken: einmal
wagte sie ihm mit einer Umarmung zuvorzukommen, und eine glühende Röte deckte
ihr Gesicht, als sie geschehn war. Die kindische Dreistigkeit war dahin.
    Die Kleidung der Baronesse war ungemein geschickt, Begierden zu entflammen,
und wenn sie einmal brannten, nicht leicht erlöschen zu lassen. Ihr Busen war
mehr als halb offen:
    das Halstuch war nur leicht darüber gelegt und durch kleine Bewegungen
merklich verschoben: der kurze bäuerische Rock deckte kaum einen handbreiten
Raum unter den Knien:
    die Arme waren bloss und leuchteten in der Dämmerung des Kabinetts mit
verdoppelt blendender Weisse wie Schnee in der Nacht. Dunkelheit und Stille, die
beiden Vertrauten der Einbildungskraft, erhöhte bei beiden Verliebten
Reizbarkeit und Reiz: der Baronesse deuchte Heinrich ein Genius, ein Apoll,
seine feurigen Augen glänzten ihr wie ein Paar Sterne und sein Gesicht wie ein
beseelter Marmor: seine niedlichen Hände schienen ihr wohlgebildeter, ihr Druck
sanfter und seine Stimme lieblicher: es war für sie der leibhafte Amor.
    Als wenn unsichtbare Mächte sie zueinander hinrissen, strebte, kämpfte,
arbeitete ein jedes, dem geheimen Zuge zu widerstehn und zu folgen: jedes
Abendlüftchen, das durch die alten zerbrochenen Fensterscheiben hereinschlich,
schien ihnen mit der Stimme eines Liebesgottes zuzuflüstern: »Seid kühn und
unverschämt!« - und mit jedem Herzschlage ertönte in ihnen ein strenger Befehl:
»Wagt nichts!« - Aber der Rat der Liebe überstimmte jeden Gedanken: sie schlang
in einem Augenblicke beider Arme um beider Schultern, warf Heinrichs Gesicht auf
den klopfenden Busen, in welchen er einst den Schmerz seiner gekränkten Ehre
weinte, führte seine verwegne Linke zu dem Saume des Rockes und - plötzlich
öffnete sich die Tür, die beiden Verliebten erwachten durch das Geräusch aus der
Trunkenheit, und vor ihren Augen stand - der Graf, Jakob und sein Vater. Ihr
gemeinschaftlicher Feind war Heinrichen nachgeschlichen, als er zur
Zusammenkunft ging, hatte, sobald sie beide im Kabinette waren, die Tür aussen
leise verriegelt, seinem Vater die Einsperrung angezeigt, der nicht zauderte,
die empfangne Nachricht dem Grafen mitzuteilen; und der Graf musste, weil er's
verlangte, sich von ihm und dem Angeber an den Ort führen lassen: sie besetzten
die Tür, und Jakob und sein Vater waren sogar mit langen Kutscherpeitschen
bewaffnet.
    Der Graf konnte vor Zorn nicht schelten, sondern brauste und schnaubte bloss
den Befehl heraus, sie zu fangen und ins Haus zu führen. Jakob rückte vorwitzig
an, glaubte die Peitsche nicht vergebens führen zu müssen und holte mit der
süssesten Schadenfreude der Rachsucht einen Streich aus, der Heinrichs Kopf
treffen sollte: doch sein Gegner war schnell, fasste die lange Peitsche, die in
dem engen Raume schlecht regiert werden konnte, mit der Hand auf, als sie eben
auf ihn herabfallen wollte, bemächtigte sich ihrer und stiess den entwaffneten
Feind, der nunmehr einen Angriff mit der Faust wagte, zurück, dass er seinem
hereintretenden Vater in die Arme stürzte und die ganze Armee um ein paar
Schritte rücklings in die Flucht trieb. Jakobs Vater ergrimmte, fuhr mit blinder
Wut auf den Feind los: allein das sogenannte Kabinett, wo die Belagerung
geschah, war vor alten Zeiten ein Schiesshaus gewesen und hatte folglich in dem
Geschmacke dieser alten Zeiten sehr niedrige Türen: der erboste Maulesel verlor
in der Hitze das Augenmass und rennte mit der ganzen Stärke des Angriffs seinen
Kopf wider den obersten Querbalken der Türöffnung, dass er vor Schmerz ächzte: er
fuhr zurück, liess die Peitsche sinken, lehnte sich an die Wand und hielt mit
beiden Händen seinen sinnlosen Kopf, den er für zerbrochen achtete. Um die
Wunden seines Vaters zu rächen, raffte sich der Sohn auf und griff so schnell
zu, dass er mit einer Hand Heinrichen an der Brust festielt und mit der andern
nach der Kehle griff - ob er sie ihm zudrücken oder was er sonst tun wollte,
weiss der Himmel. Die Baronesse sah ihren Heinrich kaum in so grosser Gefahr, als
sie den Feind bei den Beinen fasste und sie ihm so hastig wegrückte, dass er
seinen Schwerpunkt verlor und rückwärts auf die Backsteine daniederschlug: alle
vier Winkel des Kabinetts warfen, wie sein Hirnschädel den Fussboden traf, den
leeren Schall einer hölzernen Büchse zurück: zwar wollte er im Hinstürzen auch
den Feind mit sich herabziehen, und er hatte ihn bereits zum Sinken gebracht,
allein die Baronesse stach mit einer Stecknadel wie mit einem Speere so
heldenmässig auf die umklammernden Hände, dass sie blutend ihre Beute
fahrenliessen.
    Itzt lag ein Feind wimmernd auf der Erde, der andere trug ächzend den
geschmetterten Kopf in den Händen: der Graf allein war noch frisch und gesund,
aber zu steif, um ohne Beistand die Belagerung mit Nachdruck fortzusetzen: die
Belagerten nahmen des Vorteils wahr und drangen Hand in Hand zur Tür heraus. Der
Graf hielt es für eine Flucht und warf ihnen in der letzten Verzweiflung des
Zornes mit ohnmächtiger Gravität sein Rohr nach: das lichtbraune Rohr, für
zwanzig Dukaten in Holland gekauft, stolperte, wie ein Pfeil von einer schlaffen
Sehne abgeschossen, zwei Schritte von dem Wurfe auf das Steinpflaster hin, und
die porzelläne Sirene, mit zwei vollwichtigen Carldoren auf der Stelle bezahlt,
brach den Hals, ihr schöngekrümmter Schwanz prellte in zehn Stücken empor, und
der weitbauchichte Leib riss sich von dem vierfarbichten goldnen Ringe los, dass
die Eingeweide von Werg aus dem gespaltnen Bauche hervorquollen. Der Graf hörte
den tönenden Fall der geliebten Sirene und beklagte ihn mit einem
lautschallenden »Ach«.
    Doch jetzt war es nicht Zeit zu Klageliedern: kaum war das Ach über die
Lippen, so setzte er schon den Fliehenden in einem halben Galoppe mit krummen
Knien und ausgespreiteten Beinen nach, erwischte die Baronesse bei dem
streifichten, groben Rocke und bildete sich ein, sie von einer schändlichen
Entfliehung auf immer zurückgeholt zu haben, ob sie gleich schon völlig still
stunden und nichts weniger als fliehen wollten: die Heldentat hatte ihm so viel
Anstrengung gekostet, dass er dreimal keuchte, ehe er seine Truppen zum Beistande
rief.
    »Wir werden uns beide nicht weigern zu gehn, wohin wir sollen«, fing
Heinrich an, »wenn nur diese beiden Spitzbuben uns nicht berühren dürfen; kömmt
uns einer zu nahe, so muss er sterben oder ich.« Diese sechzehnjährige Tapferkeit
begeisterte die Baronesse doppelt. »So muss er sterben oder wir!« wiederholte sie
mit der Heldenstimme einer Amazonin. Jakob und sein Vater hatten genug mit ihren
Köpfen zu tun, um sich der Drohung zu widersetzen: sie lasen auf Befehl des
Grafen das beschundne Rohr und die Trümmer des Knopfes auf, und die beiden
feindlichen Heere langten also mit zwei Verwundeten und einer toten Sirene im
Schloss an. Die Baronesse wurde von ihm selbst in ihr Zimmer gesperrt und ein
Heiducke zur Wache davor gestellt, Heinrich auf der Stelle dem andern Heiducken
übergeben, um ihm vor dem Zimmer der Baronesse dreissig lautschallende
Stockschläge zu erteilen und nach richtigem Empfange aus Schloss und Herrschaft
auf ewig nebst aller seiner männlichen und weiblichen Nachkommenschaft bis ins
dritte und vierte Glied zu verweisen. Der Heiducke fand seine Ehre durch den
Auftrag beleidigt und schlug ihn mutig aus, aus der Ursache, weil er kein
Henkersknecht oder Büttel sein wolle.
    Während dass der Graf so sein Richteramt pflegte und keinen Exekutor seiner
Sentenz finden konnte - denn alle Bedienten liefen davon, um nicht dazu
aufgerufen zu werden -, kam Schwinger herbei: er hatte Heinrichen, weil er ihn
zu lange vermisste, aufsuchen wollen. Der Graf stürmte ihm mit Verweisen seiner
schlechten Aufsicht entgegen und mutete ihm die Ausübung seines Urteils zu: der
gute Mann entschuldigte sich, tat Vorstellungen wider die Strenge desselben und
bat um Untersuchung, wie sehr der junge Mensch strafbar sei: der aufgebrachte
Graf war gegen alle Vorstellungen taub. Er schickte den triumphierenden Jakob,
der vor Verlangen brannte, die Exekution selbst zu vollstrecken, wenn nicht der
Graf zuviel Misstrauen gegen die Stärke seiner Arme gehabt hätte, noch einmal
aus, herbeizurufen, wen er nur fände: aber er kam mit der Nachricht zurück, dass
niemand zu finden sei: aus Liebe für Heinrichen und aus Groll gegen seine
Widersacher hielt sich jedermann versteckt und lief willig Gefahr, sich einen
derben ungnädigen Verweis zuzuziehn. Heinrich sah das ganze Vorspiel zu seiner
Züchtigung unerschrocken an; und die eingesperrte Baronesse hätte vor Ungeduld
und Besorgnis die Tür mit den Zähnen durchnagen mögen.
    Da also von allen Seiten Unmöglichkeit war, das gesprochne Urteil zu
vollstrecken, so liess man's bei der Verweisung bewenden. »Schaffen Sie den
Schurken den Augenblick aus dem Schloss«, sagte der Graf zu Schwingern; »morgen
in aller Frühe soll er die Stadt meiden und sich nimmermehr wieder in meinen
Landen betreten lassen.« - In meiner Herrschaft, wollte der Herr Graf sagen,
allein es entwischte ihm zuweilen der Ausdruck eines Souveräns. Der Schurke fuhr
durch Heinrichs ganze Seele mit einer verwundenden Schärfe: er rüstete sich
schon zu einer Antwort, doch Schwinger riss ihn mit sich hinweg, um ihn zu seinen
Eltern zu führen. Die Baronesse lief wie unsinnig in dem verschlossnen Zimmer
herum, als sie hörte, dass er fortging, riss das Fenster auf, ihm nachzusehn, der
Himmel weiss, ob nicht auch, ihm nachzuspringen - foderte mit zornigem Ungestüm
von den apfelgrünen Wänden des Zimmers ihren Heinrich zurück; denn sonst konnte
sie niemand hören.
    Der Graf erhub sich von seinem Richterplatze geradeswegs zur Gräfin: die
gute Dame sass am offnen Fenster und stund auf, als er zu ihr herintrat, weil sie
glaubte, dass es der Bediente sei, der ihr die Abendmahlzeit ankündige. Wie
erschrak sie, als ihr die Stimme ihres Gemahl entgegenbrauste: - »Da haben Sie
die Frucht Ihrer Liebe, Ihrer übel angewandten Gnade!An Ihnen sollt ich meinen
Zorn zuerst auslassen: Sie sind die einzige Ursache unsers Unglücks.«
    Die Gräfin erschrak, weil sie nichts von dem Vorfalle wusste, fasste sich
gleich wieder und küsste seine Hand. - »Mildern Sie meine Strafe, gnädiger Herr!«
sprach sie mit bittendem Tone. »Ich weiss zwar nicht, wodurch ich Ihre Ungnade
verdient habe -«. »Wodurch?« unterbrach sie der Graf hastig. -»Dass Sie wider
meinen Willen einen Jungen aufs Schloss nahmen, der unser Haus entehrt hat! Dass
Sie bei jeder Gelegenheit seine Beschützerin wurden, wenn ich darauf drang, ihn
fortzujagen!«
    Die Gräfin. Ich hätte freilich voraussehen können, dass es üble Folgen haben
müsste, wenn ich etwas liebte und verteidigte, das Ihnen missfällt. Aber Sie
verzeihen ja meiner Schwäche täglich -
    Der Graf. Und Sie sollten einmal aufhören, Verzeihung nötig zu haben!
    Die Gräfin. Freilich könnt ich durch Ihre Lehren und Ermahnungen weise
geworden sein: allein ich bin einmal so unglücklich, dass ich Ihre Gnade nicht
verdienen soll.
    Der Graf. Und doch wär's Ihnen so leicht. Wenn Sie nur hörten! nur folgten:
und zwar zu rechter Zeit!
    Die Gräfin. O ich elende Frau! Ich weine manche Träne über meinen
Ungehorsam.
    Der Graf. Aber ich will in Zukunft alle Achtung gegen Sie vergessen: ich
will meinen Willen durchsetzen, wenn's Ihnen auch noch so wehe tut.
    Die Gräfin. Ich bitte Sie darum, gnädiger Herr. Beugen Sie das verzärtelte
Kind mit Strenge! Ihre Nachsicht verdirbt mich. Behandeln Sie mich als eine
Blödsinnige, die sich nicht selbst regieren kann, sondern regiert werden muss!
Lassen Sie mich nie einen Willen haben!
    Der Graf. Das soll geschehn! Ich will mich zwingen, grausam gegen Sie zu
sein. Wenn Sie nur erkennen wollten, wieviel Güte eine solche Grausamkeit ist!
    Die Gräfin. Mit Freuden, gnädiger Herr! Ich werde meine angelegenste
Bemühung daraus machen, dies einsehen zu lernen. - Darf ich indessen auch jetzt
eine Verzeihung hoffen, die Sie mir so oft haben angedeihen lassen? Haben Sie
Mitleid mit meiner Reue, gnädiger Herr! -
    Der Graf reichte ihr stolz die Hand zum Kusse dar und setzte mit halb
entwaffnetem Zorne hinzu: »Wenn Sie nur durch Ihre Reue das Übel ungeschehen
machen könnten!«
    Die Gräfin. Für das Geschehne kann ich freilich nicht: aber für die Zukunft!
Ich will Heinrichen in dieser Minute selbst ankündigen, dass er noch heute zu
seinen Eltern zurückkehren soll. -
    Der Graf hielt sie zurück. - »Das ist längst geschehen«, sagte er. »Er ist
fort: aber das Unglück, das er gestiftet hat, bleibt zurück.«
    Die Gräfin stutzte: es tat ihr leid, dass man Heinrichen, wie sie besorgen
musste, vielleicht zu hart verabschiedet hatte, um soviel mehr, da sie sich bloss
darum selbst zu seiner Verabschiedung erbot, um sie nicht zu empfindlich zu
machen:
    demungeachtet verbarg sie ihren Missfallen und dankte dem Grafen sehr
freudig, dass er ihr ein unangenehmes Geschäfte erspart habe.
    »Warum unangenehm?« fuhr der Graf auf. »Können Sie dem Buben noch immer Ihre
Gnade nicht entziehen? Er ist sie nicht wert, sag ich Ihnen.«
    Die Gräfin. Er kann die meinige nicht einen Augenblick länger behalten, da
er die Ihrige nicht hat. Ich hasse ihn.
    Der Graf. So werden Sie ihn verfluchen, wenn Sie das Bubenstück wissen -
    Die Gräfin. Verschonen Sie mich damit, gnädiger Herr! Es schmerzt mich
ohnehin genug, dass ich meine Gewogenheit so lange an einen Unwürdigen
verschwendet habe.
    »Sie müssen es wissen«, fiel der Graf ein und erzählte ihr die gemachte
Entdeckung nach der Länge und beging dabei den gewöhnlichen Kunstgriff oder
Fehler - was es unter diesen beiden bei ihm war, will ich nicht bestimmen -, dass
er die gemutmassten Bewegungsgründe der entdeckten Zusammenkunft für ertappte
Wahrheit ausgab: er wusste gewiss, dass sie hatten entfliehen wollen, ob er's
gleich im Grunde nur als eine Möglichkeit vermuten konnte: er wusste gewiss, was
im Kabinett zwischen den beiden Verliebten vorgegangen war, und fürchtete
Folgen! schreckliche Folgen für die Ehre seines Hauses! Die Gräfin fürchtete sie
aus Gefälligkeit mit ihm, wiewohl sie im Herzen ganz das Gegenteil glaubte: sie
opferte dieser traurigen Gefälligkeit die arme Baronesse auf und dachte ihren
Gemahl am sichersten wieder auszusöhnen, wenn sie nichts zu ihrer Verteidigung
oder Entschuldigung sagte, sondern sich ohne Verhör und Untersuchung - wie der
Graf zu verfahren pflegte - zu ihrer Strafe mit ihm vereinigte.
    Die erste Strafe, die der Stolz dem Grafen eingab, war die Verbannung aus
seiner Gegenwart und von seinem Schloss-in seinen Augen das Empfindlichste, was
jemanden begegnen konnte! Ulrike sollte in diesem Leben sein gnädiges Angesicht
nicht wieder schauen: aber wohin mit ihr? - Wäre es ihm nach gegangen, so hätte
sie zu ihrer Mutter wandern müssen: doch die Gräfin, die aus Liebe zur Baronesse
dies nicht wünschte, stellte ihm vor, dass es für die Baronesse eine unendlich
grössere Bestrafung sein müsste, wenn man sie an einen ganz fremden Ort täte und
sie also noch weiter aus der Gegenwart des Grafen verbannte. Die Vorstellung
schmeichelte ihm, und man beschloss, sie entweder zu einer alten Anverwandtin
nach Berlin oder zu einer andern nach Dresden zu schicken und Pension für sie zu
bezahlen. »Um doch die gute Erziehung, die ihr der Graf Ohlau bisher gegeben und
deren sie sich sowenig würdig gemacht habe, einigermassen fortsetzen zu lassen« -
gab die Gräfin zur Ursache an. Auch das schmeichelte ihm, und also wurde auch
das bewilligt: es sollte an die beiden alten Damen geschrieben werden, und
welche sie für die geringste Pension zu sich nehmen wollte, die sollte die Ehre
haben, dies Meisterstück seiner Erziehung vollends auszubilden. Die Baronesse
musste einige Tage Arrest auf ihrem Zimmer halten, wurde von der Gräfin heimlich
über ihre Zusammenkunft verhört und in Ansehung ihrer Liebe unschuldig befunden,
das heisst, sie war bei aller Unschuld schlau genug, die Zusammenkunft für eine
Wirkung des Zufalls und die Umtauschung der Kleider mit der Magd für einen Spass
auszugeben, wodurch sie Heinrichen hätte in Verlegenheit setzen wollen. Die Not
machte sie so erfinderisch, dass sie ihrer Lüge den völligen Anstrich von
Wahrheit gab. Die Gräfin hielt es für ausgemacht, dass ihr Gemahl seinen Argwohn
einmal übertrieben und Dinge gesehen habe, die er nur mutmasste, und war beinahe
willens, ihn durch ein paar Schmeicheleien zur Widerrufung seines strengen
Edikts zu bewegen: doch da ihr der Aufentalt in einer grossen Stadt vorteilhaft
für die Baronesse schien, so schmeichelte sie ihm nicht und liess ihn aus Ungnade
eine Wohltat erzeigen.
 
                                Sechstes Kapitel
Wie der Graf seinen Argwohn übertrieb, so übertrieb Schwinger die Gutmütigkeit:
er mutmasste nicht einmal etwas Strafbares in der entdeckten Zusammenkunft, und
in der festen Überredung, dass seinem Freunde Unrecht geschehe, tröstete er ihn
unterwegs und ermahnte ihn zur gelassnen Ertragung eines Unglücks, das ihm
Jakobs Bosheit und seine eignen Verdienste vermutlich zugezogen hätten. - »Durch
Standhaftigkeit allein kannst du deine schadenfrohen Feinde demütigen: lass dir
nicht eine Klage über dein Schicksal entwischen! Leide und freue dich ihnen zum
Trotze über deine Leiden! Ein Kopf und so viele Tätigkeit, wie du besitzest,
überwinden Feinde und Schicksal« - so sagte der gute Mann und ging mit ihm zu
seines Vaters Hause hinein.
    Er vermutete von seiten der Eltern einige sehr betrübte Auftritte, wenn er
ihnen Heinrichs Verweisung ankündigen würde, und machte sich deshalb auf eine
Trostpredigt gefasst: wie erstaunte er, dass er mitten in seinen Tröstungen
verstummte, als sich das Gesicht des alten Herrmanns immer mehr aufheiterte, je
mehr er von dem gesprochnen Urteil über seinen Sohn erfuhr. Er liess vor Freude
Schwingern nicht ausreden, sondern fiel seinem Sohn um den Hals und rief in
unaufhörlichem Vergnügen: »So ist mir's recht! so ist mir's gelegen! Nun kann
etwas aus dir werden, Junge! Ich hab es dem Grafen mit dem Teufel Dank gewusst,
dass er dich zu einem Stockfische machen wollte, wie er samt allen den
Schlaraffengesichtern ist, die ihm den ganzen Tag die Pfoten küssen und den
Rockzipfel lecken. Nun kann etwas aus dir werden. Fort mit dir, in die weite
Welt! Wer da nicht klug wird, ist eine Gans von Hause aus: so ist dein Vater zum
gescheiten Kerle geworden.« -
    Schwingern drückte er so dankbar die Hand, als wenn er die glücklichste
Botschaft überbracht hätte, liess ihm nicht Ruhe, bis er sich niedersetzte und
eine Pfeife mit ihm zu rauchen versprach. »Nillchen«, rief er, »Nillchen!«
    Nillchen antwortete nicht. Fama, die in solchen kleinen Städten nur in die
Posaune zu hauchen braucht, um etwas, das in den verborgensten Kammern eines
Hauses vorgefallen ist, zu jedermanns Wissenschaft zu bringen, hatte das Urteil
des Grafen, so warm, als es aus seinem Munde hervordrang, in jedes Paar Ohren,
das nicht taub war, von einem Ende des Städtchens bis zum andern ausgerufen, und
das arme Nillchen, dem dieser Ruf auch in die Ohren geschallt hatte, sank in
einem der Ohnmacht ähnlichen Schrecken dahin, als sie in der Küche - ihrem
gewöhnlichen Zufluchtsort bei bedrängten Umständen - Schwingers Botschaft hörte.
Kein schrecklicher Unglück konnte ihr in der Welt begegnen als eine solche
Beschimpfung, und ihre Augen strömten wie aufgezogene Schleusen von ihrem
weiblichen Tränenvorrate grosse Bäche dahin.
    »Nillchen! Nillchen!« rief der Mann noch einmal voller Ungeduld, lief in die
Küche und zog sie bei dem Arme in die Stube. Schwinger, als er ihre Betrübnis
wahrnahm, setzte sich in Positur, seine Trostpredigt bei ihr anzubringen: allein
der Mann hiess ihn schweigen. »Was da?« sprach er, »was trösten, betrüben und
Possen! - Nillchen, ich habe heute grosse Freude an meinem Sohne erlebt: ich will
mir mit dem Herrn da eine Güte dafür tun. Hier hast du einen ganzen Gulden: geh
zum Apoteker und lass dir von seinem besten Weine und von seinem besten Knaster
soviel geben, als er dir dafür geben kann: und zwei Pfeifen, so lang wie ich!
Der Tag ist so gut wie dein Geburtstag, Heinrich. - Und Nillchen!« fuhr er fort,
als er sie schluchzen hörte, »wenn du noch einmal so ein Gesicht machst und so
grunzest und nicht gleich freundlich aussiehst wie ein Maikätzchen, mit dem
Ohrzipfel nagle ich dich hier an den Tisch an. Geh, und komme gleich wieder!«
    Schwinger wollte die Gasterei höflich verbitten: allein Herrmann versicherte
ihm, dass er ihn einmal mitten in einer Predigt öffentlich in der Kirche einen
Schurken nennen wollte, wenn er sein Traktament nich annähme; und er musste sich
darein fügen.
    Wein, Tabak und Pfeifen langten an, und das Gastgebot wurde eröffnet.
Nillchen setzte sich in den Winkel, um ungestört ihrem Kummer nachzuhängen: ihr
Mann foderte sie zum Trinken auf, sie schlug es seufzend aus. - »Nillchen!« fuhr
er auf, »dich soll der Teufel holen, wenn du nicht in der Minute lustig wirst:
dem Grafen zum Trotze soll's heute hoch bei uns zugehn. Herr Schwinger! Sie
klimpern ja auf dem Klavier: spielen Sie auf! Nillchen soll mit mir tanzen.«
    Schwinger wurde mit Gewalt zum Klavier geführt und ihm befohlen, einen
lustigen, extralustigen Tanz zu spielen. Nillchen wollte entwischen: allein er
fasste sie bei dem Arme, dass sie vor Schmerz schrie, und schleppte sie, die lange
Pfeife im Munde, tanzend die Stube auf und nieder. Sie wollte nicht trinken, und
er flösste ihr das Glas ein. Der goldne Trank tat seine Wirkung: sie fühlte ihr
Herz um ein Glas Wein leichter und ging diesem Tröstungsmittel, nachdem sie es
einmal gekostet hatte, so lange nach, bis ihr der Kopf so schwer wurde, als ihr
vorher das Herz gewesen war. Der alte Herrmann hatte die ausgeleerte Flasche
durch eine andre ersetzt, und die ganze Gesellschaft war aufgeräumt wie an einem
Hochzeitstage. Schwinger wartete die Lustbarkeit nicht bis zum höchsten Grade
des Vergnügens ab, sondern stahl sich hinweg, um einen Versuch zu machen, ob
sich nicht bei der Gräfin für Heinrichen ein Reisegeld oder vielleicht gar eine
kleine Pension auswirken liess, wenigstens so lange, bis er sein Unterkommen
gefunden hätte.
    Auch war er in seinem Gesuche glücklich: er passte gerade die Zeit ab, als
die Gräfin von Tafel in ihr Zimmer ging, stellte sich ihr in den Weg und bat nur
um einige Minuten Audienz. Die Gräfin, die bei dieser Unterredung eine Fürbitte
für den exilierten Heinrich vermutete und besorgte, dass auch andre sie vermuten
möchten, sah sich auf allen Seiten um, ob nicht etwa eine Kreatur von dem
Maulesel in der Nähe sei, und da sich kein solches gefährliches Tier blicken
liess, erlaubte sie ihm - aber noch immer nur verstohlnerweise -, sie in ihr
Zimmer zu begleiten. Das Gespräch eröffnete sich zwar auch mit einigen, doch
sehr gemässigten Vorwürfen über Schwingers schlechte Aufsicht, doch gestund sie
ihm selbst zu, dass ihr Gemahl sich in seinem Argwohne übereilt oder vielmehr von
Heinrichs Feinden habe zur Übereilung verführen lassen. Der nämliche Mund, der
dem Verwiesenen vorher in des Grafen Gegenwart alles Verdienst abgesprochen und
zum unwürdigen Buben erniedrigte, stimmte jetzt mit Schwingern in sein Lob ein:
sie bedauerte ihn, hoffte, dass die Entfernung von seinen Feinden zu seinem
Glücke gereichen werde, und als Schwinger auf den eigentlichen Punkt kam und sie
um eine Beisteuer für ihn bat, so wurde sie durch seine Vorstellungen und seine
Freundschaft für den jungen Menschen so gerührt, dass sie lebhaft wünschte, etwas
zu seinem Fortkommen beitragen zu können. Schwinger fachte die glimmende
Empfindlichkeit vollends an, dankte in seines Freundes Namen für ihre bisherigen
Wohltaten mit vieler Beredsamkeit und setzte hinzu, dass er ihm ein kleines
Monatsgeld aus seinem eignen Beutel bestimmt habe. Nun fing sie Feuer: sie hielt
es für entehrend, dass der Informator eine Wohltätigkeit fortsetzen sollte, die
sie angefangen hatte. - »Sie sollen ihm nichts geben«, sagte sie, »ich verbiete
es Ihnen. Er soll das Monatsgeld von mir empfangen: hab ich so weit für ihn
gesorgt, will ich's auch weiter tun. Aber es bleibt unter uns beiden: wenn ein
Wort davon zu meines Gemahls Ohren kömmt, so hört die Wohltat auf.« -
    Sie gab ihm darauf vier Louisdor Reisegeld für Heinrichen und die
Versicherung ihrer Gnade, wenn sie der junge Mensch durch seine Aufführung
verdienen werde: Schwinger bat um einen Tag Urlaub, um seinen Freund zu
begleiten, erhielt ihn, doch unter der Bedingung, niemanden es merken zu lassen,
schaffte, sobald alle Anhänger der Gegenpartei zu Bette waren, Heinrichs Sachen
zu seinen Eltern, brachte die Nacht bei ihm zu, um ihn in aller Frühe in seiner
Verweisung bis zum letzten Dorfe der Herrschaft zu begleiten.
    Bei Heinrichen wurden durch diese Güte alle Schmerzen der Trennung von neuem
aufgewiegelt: sosehr ihn auch sein Vater durch Beispiel und Ermahnungen zur
Lustigkeit ermunterte, so blieb er doch sprachlos, niedergeschlagen, und oft,
wenn er's am wenigsten vermutete, überwältigte ihn die Betrübnis bis zu Tränen.
Schwinger tat ihm den Vorschlag, sich nach Dresden zu wenden, weil er ihm an
zwei dortige Freunde, beide Advokaten, Empfehlungsbriefe mitgeben könne, die ihm
vorderhand, bis sich etwas Bessres fände, den Platz eines Schreibers verschaffen
sollten: Heinrich, der einmal von der Baronesse gehört hatte, dass man sie nach
Dresden tun wolle, ergriff den Vorschlag mit solcher Hastigkeit, dass Schwinger
darüber stutzte. Der Vater war durch den Wein in die einwilligende Laune
versetzt worden: die Mutter konnte vor Traurigkeit weder billigen noch
verwerfen. Sie sass im Winkel, den Kopf niederhängend, und benetzte die
netteltuchne Schürze mit ihren Zähren: der Alte sass am Tische, nickte und
schnarchte: Schwinger schrieb die Briefe, und Heinrich, der sich nicht
entschliessen konnte, sich niederzulegen, sass tiefsinnig in einer andern Ecke:
seine Einbildungskraft schweifte durch die Gefilde seines künftigen Glücks oder
Unglücks und wurde nicht selten durch Intermezzos von Schluchzen und Weinen
unterbrochen. Schwinger, als er mit seiner Arbeit fertig war, konnte auch zu
keinem Schlafe gelangen und vermehrte die stumme, betrübte und nur silbenweise
sprechende Gruppe durch eine neue stumme Person.
    Um die Abschiedsszene weniger angreifend zu machen, wollte er die Mutter
entfernen und dann heimlich mit ihm fortwischen: aber es war unmöglich. Als man
sich zum Abmarsche in Bereitschaft setzte, fiel der alte Herrmann dem Sohne um
den Hals. »Junge!« sagte er, »mach es wie dein Vater! Lebe in den Tag hinein und
lerne nichts mehr, als du brauchst, um zu leben! Lerne eine Profession, ein
Handwerk, eine Kunst, alles, was du willst und was du umsonst lernen kannst! Nur
lass dir nicht den Satan durch den Kopf fahren, dass du ein Gelehrter oder ein
vornehmes Tier werden willst! Oder ich erkenne dich nicht für meinen Sohn. Ich
bin aus meines Vaters Hause mit acht Groschen gegangen und fortgekommen: ich
gebe dir sechzehn; und du bist nicht wert, dass dich die Sonne bescheint, wenn du
über Not klagst. Nimm dich vor vornehmen Leuten und Dummköpfen in acht: geh
ihnen aus dem Wege wie dein Vater! Nun packe dich und leb wohl!«
    Die Mutter konnte den Abschied nicht aushalten und wollte sich in die Küche
begeben: doch ihr Mann zog sie zurück. »Nillchen«, rief er mit drohendem Finger,
»wenn du nicht gleich lachst, so prügle ich dich wie eine Korngabe. Lache! sag
ich dir.« - Sie wurde erbittert, riss sich los und wanderte in die Küche, dem
Sammelplatze ihrer Tränen.
    Unterwegs stellte ihm Schwinger das Reisegeld der Gräfin zu, doch ohne etwas
von dem versprochnen Monatsgelde zu entdecken: auf dem Dorfe, wo sie scheiden
wollten, erkundigte er sich nach der Post, bezahlte einen Platz für ihn und wies
ihm eine Stube an, wo er ein paar Tage warten sollte, bis sie abgehen würde.
Nachmittags schlich er sich davon:
    den Schmerz des Abschiedes traute er sich nicht auszuhalten. Auf dem
Rückwege fasste er den Entschluss, Heinrichen, sobald er eine Pfarrstelle haben
würde, zu sich zu nehmen;und mit diesem Vorsatze ging er ins Schloss wie ein
Witwer ins Trauerhaus zurück.
    Schwinger hatte bei Heinrichen eine Betrübnis bemerkt, die er anfangs auf
niemanden als auf sich selbst zog: noch bei dem Abschiede trug er ein
ausserordentliches Verlangen, wenigstens auf ein paar Minuten wieder ins Schloss
zurückkehren zu dürfen: er wünschte das mit so vieler Sehnsucht und so
zitternder Ängstlichkeit, dass Schwinger selbst nunmehr Argwohn schöpfte: doch da
seine wiederholten Fragen nichts Bestimmtes aus ihm herauszubringen vermochten,
so mass er's derjenigen Liebe bei, die ein Ort für sich in uns erweckt, an
welchem man sich die ersten sechzehn Jahre seines Lebens wohl befunden hat. Du
guter Schwinger! Dem Orte gehörte nicht der zwanzigste Teil des Schmerzes:
Ulrike und die verhinderte Flucht mit ihr war der ganze verborgene Kummer.
Indessen gab der Verwiesene den Plan noch nicht auf: mit der schmeichelnden
Aussicht, dass sie nach Dresden zu einer alten Anverwandtin kommen, dass er dort
zu einem Glücke gelangen und es mit ihr teilen werde - mit tausend solchen
Hoffnungen, denen nur ein sechzehnjähriger, der Welt unkundiger Mensch einen
hohen Grad von Wahrscheinlichkeit geben kann, stieg er auf die Post! Der
Postknecht schwang die Peitsche, und die Reise ging fort.
 
                                  Vierter Teil
                                  Erstes Kapitel
Erfüllt mit den süssesten Träumen der Ehre und künftiger Grösse - in der festen
Überredung, dass sich unmittelbar nach seiner Ankunft in Dresden Schwingers
Freunde und alle andre Personen, die etwas für ihn zu tun vermöchten, um die
Wette beeifern würden, seine Einbildungen wirklich zu machen, langte der
unerfahrne Jüngling an einem heitren Morgen in der Meissner Gegend an. Zwo Nächte
hindurch hatten sich seine Augen keine Minute geschlossen: immer wandelten vor
seiner Seele goldne Bilder vorüber, bald Liebesauftritte mit der Baronesse, bald
Szenen der Ehre, doch keine, woran nicht Ulrike den Hauptanteil hatte: ihr
Besitz war das letzte, der vollendete Schluss bei allen Vorspiegelungen seiner
Einbildungskraft: sie beleuchtete wie eine Mittagssonne alle seine
Vorstellungen, gab ihnen Leben, Feuer und Wahrscheinlichkeit, spannte alle seine
Kräfte an. - Er wurde nicht von vier abgelebten Schecken auf dem Postwagen
langsam fortgezogen: nein, er schwebte in den Wolken: die Räder, so schwerfällig
sie sich umdrehten, rollten ihm schnell dahin wie die Ideen durch seinen Kopf:
alles um ihn herum, die ganze Postgesellschaft war für ihn vernichtet: er war
allein auf der Erde.
    Der Schaffner fing einige witzige Scharmützel mit ihm an, um die verschlafne
Gesellschaft auf seine Unkosten aufzuheitern: nicht ein Laut war aus ihm zu
locken! Der Mann wurde über die misslungnen Angriffe verdriesslich: er verdoppelte
sie, und weil er besorgte, dass sein Witz für eine so hölzerne Seele, wie ihm
Herrmann schien, zu fein gewesen sei, so machte er ihn jetzt so derb und plump,
dass ihn auch der phlegmatischste Dummkopf hätte fühlen müssen: nicht eine Silbe
wurde erwidert! Inzwischen fielen doch dem Träumer die öftern Anreden des
witzigen Schaffners allgemach beschwerlich: um nicht ferner durch sie gestört zu
werden, stieg er aus und nahm einen Platz vorn vor der Kutsche: hier quälte ihn
das Mitleid des Postillions, der ihm unaufhörlich über seinen schlechten Sitz
kondolierte, und endlich gesellte sich sogar der Schaffner dazu und nötigte ihn
mit spottender Höflichkeit, auf den alten Platz zurückzukehren; und da die Güte
nicht verfangen wollte, gebrauchte er sein Schaffneransehen, ihn
zurückzubringen, und stellte ihm seine Pflicht, für die Bequemlichkeit der
Passagiere zu sorgen, und die Verantwortung, die er ihm durch Beharrung in
seinem Eigensinn zuziehen werde, mit so eindringendem Eifer vor, dass er nachgab
und den alten Sitz wieder einnahm. Nun hagelten witzige Einfälle und Höhnereien
auf ihn los: denn der Schaffner hatte der Reisegesellschaft, als er ihn
zurückholte, das Wort gegeben, ihm recht einzuheizen, wenn er ihn wieder unter
dem gelben Tuche hätte. - Endlich, da aus dem Klotze schlechterdings gar keine
Antwort zu ziehen war, wurde der Mann unwillig: er wandte sich mit zorniger
Bewegung zu der übrigen Gesellschaft: »Dass der Teufel den Kalbeskopf holte!«
sprach er patetisch. »Ich bin doch, meiner Seele, zwanzig Jahr Schaffner und
habe so manchen aus Afrika und Amerika, aus Russland und Petersburg gefahren:
aber straf mich Gott, so einen Hans Morchel hab ich noch nicht auf meiner
Kutsche gehabt. So wahr mich unser Herrgott erschaffen hat! es ist ein Pilz.
Mich soll der Teufel lebendig speisen, wenn ich ihn wieder ansehe.« - Wirklich
drehte er ihm auch den Rücken zu und sprach die ganze Reise über kein Wort mehr.
    Itzt eröffnete sich die ganze herrliche Szene des Septembermorgens: unser
Reisender war durch Schwingern darauf vorbereitet worden und nahm deswegen
wieder einen freien Platz ausser der Kutsche ein. Phantastische Felsen in düstern
Schatten gehüllt, mit einer Strahlenkrone von der aufgehenden Sonne bekränzt,
wanden sich in mannigfaltigen Krümmungen an der linken Seite hin: zur Rechten
die breite Fläche der Elbe, die für ihn ein Meer war; auf ihr einzelne Kähne,
langsam daherschwimmend, als wenn ihre Regierer noch halbschlaftrunken das Ruder
regierten: an ihrem jenseitigen Ufer aufsteigende Berge mit dichtem, dunkeln
Buschwerk bedeckt, aus welchem die weissen, schlanken Birkenstämme hier in
freundschaftlichen Gruppen, dort einzeln in ungeselligen Entfernungen
emporstiegen! Itzt floh der Fluss von der Strasse hinweg, liess am linken Ufer
bunte Wiesen und Fruchtfelder, noch halb mit dem Flore der Nacht überdeckt, und
wand sich mit der bleifarbenen Fläche nach einem Halbzirkel von Felsen hin: sie
nahmen ihn in ihre Arme auf, er wurde zum stehenden Meer und schien hier von
seinem Laufe ausruhen zu wollen. - Die ernste Stille der Nacht beherrschte noch
diese Ruhestätte: in feierlichen Reihen standen hohe Eichen, breitgewachsne
Buchen und langaufgeschossne Birken übereinander an dem Amphiteater der
zackichten Berge und empfingen mit ehrerbietigem Warten den kommenden Fluss: für
Herrmannen war dies eine melancholische Einsiedelei, die Öffnungen der Berge
waren ihm Höhlen; in einer sass Ulrike und weinte, von ihrem stolzen Onkel in
Felsen eingesperrt: eine ungeheure See trennte sie und seinen Postwagen: seine
Phantasie stimmte bald das Feierliche des Auftritts zur Traurigkeit um:
    die finstern Eichen und Buchen standen ihm in Flor tiefsinnig da, die
starren Birken hatten weisse Leichengewänder um sich geworfen und stiegen mit
stummer Betrübnis aus dem dunkeln Grunde hervor, den die Dämmerung wie ein
ausgebreitetes schwarzes Tuch bedeckte: alles trauerte um die einsame
Eingeschlossne, und ich bin nicht gut dafür, ob er sie nicht endlich gar vor
Schmerz in ihrer Höhle hätte sterben lassen: aber sein Wagen wandte sich nach
der linken Seite hin, das traurige Amphiteater nahm von ihm Abschied, streckte
seitwärts noch einmal den Arm nach ihm aus und - verschwand: die Pferde setzten
sich bei der Wendung in Trab, und das ganze Bild einer gewaltsamen Trennung war
da: er seufzte, hüllte die nassen Augen in den Mantel und - welch ein belebender
Auftritt, als er sie wieder aufschlug! Die Pferde trabten mit ihm in ein
Paradies hinein! Ein langgedehnter, rotschimmernder Bergrücken mit wimmelnden
Häusern, Türmen, Schlössern, in weisse Terrassen geteilt, woran sich Weinreben
hinanschlangen, mit Fruchtbäumen geschmückt, lachte ihm wie ein glückliches Eden
entgegen: seine überraschte Einbildungskraft schuf jedes Winzerhaus zu einem
Palaste um und erhöhte das lebhafte Kolorit der Natur bis zur Bezauberung: aus
einem melancholischen dumpfen Kerker war er plötzlich unter den lachendsten
Himmel versetzt. Itzt vergoldete der schiefe Morgenstrahl der Sonne eine
hervortretende Kante, während dass der übrige Grund in dunkelrotem Schatten
dalag: jetzt blinkte ein weisses Gebäude auf der Spitze am Ende des Horizonts
herab - es war ihm ein ferner Marmorpalast, von einem Fürsten oder Prinzen
bewohnt.
    Allgemeine Regsamkeit belebte nunmehr die Szene: weitaufgeschürzte
Dorfnymphen gingen scharenweise an die frühe Arbeit; ringsum ertönten
freundliche Morgengrüsse, allentalben erschienen fröhliche Gesichter, rote
Wangen und fleischvolle, nervichte Arme, von Gesundheit und Zufriedenheit
genährte Körper. Itzt kam ein Trupp alter Mütter, das reichliche Morgenbrot in
den Händen: mit stillem, weisem Ernste besprechen sie sich über Angelegenheiten
der Haushaltung, über die schweren Pflichten der Hausmütter, über bezauberte
Kälber, die nicht wachsen wollen, und behexte Kühe, die keine Milch geben,
obgleich ein doppelt heiliges Kreuz die Stalltür bezeichnet und die Hörner ein
hellroter Lappen wider des Satans Arglist und der Menschen Bosheit bewaffnet.
Itzt schallte fernher das laute Lachen eines schäkernden Haufens: junge blühende
Mädchen waren es, rote Gesichter auf schwarzbraunem Grunde, alle mutig und
glühend wie Göttinnen der Gesundheit: ihre spassenden Anbeter schlenderten mit
gebogenem Knie zwischen ihnen daher, trugen mit guterziger Galanterie ihre
Körbe, und aus galanter Bosheit füllten andere die Körbe ihrer Geliebten mit
Steinen und Erdklumpen: die Schönen, die sich auf feinen Scherz verstunden,
schleuderten den Mutwilligen die ganze Ladung an die Köpfe, dass sie fluchend und
drohend dastunden, den Sand aus den Augen rieben oder aus den buschichten Haaren
die Erdklumpen schüttelten: triumphierend trabten die Nymphen davon, nur eine,
die gern gehascht sein wollte, verweilte zu lange, ihr braungelber Adonis
erwischte sie schnell, schlang um sie die aufgestreiften Arme, und schon näherte
sich seine verwegne Hand dem verschobnen Halstuche; das beschämte Mädchen schrie
dreimal laut, und dreimal hallte ihr keusches Geschrei aus den Weinbergen und
vom fernen Ufer der Elbe zurück: der ganze übrige Haufen sah wartend ihrer
Bestrafung zu und ehrte den Sieg ihres unverschämten Liebhabers mit einem
mannig-stimmigen, lachenden Chor, und in der ganzen Gegend lachte der Widerhall
ein Triumphlied über die Bestrafung der schwarzbraunen Schöne. - Itzt kamen mit
eilfertigem Schritte ein paar Städter, die auf Gewinst ausgingen, die Gesichter
voll Ärger über einen geschmälerten Profit; mit lebhafter Bewegung der Hände
stritten sie über Projekte und Anschläge, ihren Vorteil zu vergrössern; - jetzt
ein paar andre, die den Lohn ihrer Arbeit von gnädigen Herrschaften auf dem
Lande herausbetteln wollten: Sorge für ihr Auskommen sprach aus jedem Zuge des
hagren Gesichts, und Klagen über Mangel an Nahrung waren ihr Gespräch. - Hier
schleppten wiederkauende Ochsen den knarrenden Pflug in langer Reihe langsam
dahin: einer ihrer Monarchen pfiff der erwachten Flur ein rasches Morgenlied,
ein anderer sang ein galantes »Schätzel, du bist mein«; dieser unterhielt sich
mit seinem Stier, predigte ihm Regeln des Wohlverhaltens, lehrte ihn die
Pflichten seines Berufs und spornte seine trägen Füsse durch Versprechungen und
Drohungen und, wenn diese nichts über sein fühlloses Herz vermochten, mit
hohltönenden Hieben an; jener schlich nachdenkend, in die Wichtigkeit seines
erhabnen Postens vertieft, das dampfende Pfeifchen im Munde, mit stummer
Gravität neben seinem Viehe her. - Dort wallte in der Ferne eine dichte
Staubwolke, von Sonnenstrahlen erhellt: in ihr rollte, schnell wie der
Donnerwagen Jupiters, von vier braunen Holsteinern gezogen, eine goldlackierte
Kutsche, hinten und vorn mit einem Schwarm geputzter Domestiken befrachtet, und
in dem innersten Winkel des weiten leeren Kastens steckte ein schwindsüchtiges
Männchen wie eine Spinne, die ihr Gewebe dort anlegen wollte. - Kurz darauf
erschien ein gnädiger Erb-, Lehn- und Gerichtsherr in einer demütigen
Staubwolke, die kaum dem Qualme eines pudernden Friseurs ähnlich sah:
    eine gichtbrüchige, rotfuchsichte Kutsche trug den hochadligen Körper, mit
drei matterzigen Bauernpferden bespannt, die ihre Füsse auf Unkosten des Rückens
schonten. Wie ein Pfeil flog vor ihm auf einem leichten Rollwagen der dicke,
ausgestopfte Pachter vorbei, der im vorjährigen Konkurse sein Rittergut
erstanden hatte, mit leichtem Kopfnicken den gnädigen Vorgänger grüsste und
spottend nebst seinem Hans die abgezehrten Gäule an der adligen Kalesche mit
seinen brausenden Hengsten verglich. Um die Lebhaftigkeit des Bildes zu
vergrössern, wanderten ganze Karawanen schnatternder Marktweiber mit
schnatternden Gänsen vor dem Postwagen vorbei: dieser trug, jener schleppte
seine Ware, einige führten sie auf Karren, andre auf hochgetürmten Wagen: es war
allentalben nichts als Gehen und Kommen, Fahren und Reiten in einem wimmelnden
Gedränge. Herrmann fühlte sich in eine neue Welt versetzt; er war betäubt,
hingerissen, überwältigt: die reizendste Landschaft im schönsten Glanze des
Morgens! das laute Getöse der Geschäftigkeit! so viel Leben, Munterkeit,
Tätigkeit, wohin er nur blickte! - Das ganze beseelte Gemälde drang mit
stürmischer Gewalt auf alle seine Sinne los: er konnte sich nicht eher als bei
der nächsten Einkehr von der Berauschung so mannigfaltiger, überfüllender Bilder
erholen. Indessen dass die übrige Gesellschaft sich in der dumpfen Wirtsstube mit
dem Frühstück labte, schlich er einsam und tiefdenkend längs dem Dorfe hinan.
Bald ging er in Gedanken mit Ulriken so fröhlich und schäkernd durch die
arkadischen Fluren, wie er kurz vorher Bäuerinnen mit ihren glücklichen
Liebhabern zur Arbeit hatte auswandern sehn: o wie beneidete er das glückselige
Volk! wie wünschte er, ihnen gleich zu sein! Schon machte er Entwürfe, wie er
von dem Gelde, das Ulriken von ihrer Erbschaft zufallen musste, ein Bauergut
kaufen wollte - oder vielmehr er hatte in seiner täuschenden Einbildung schon
wirklich eins gekauft: der Prozess war geendigt, das Geld ausgezahlt, Ulrike
seine Frau, er ging schon an ihrem Arme ins Feld, säte und erntete mit ihr ein,
sass schon leibhaftig mit ihr auf dem Stein vor seinem ländlichen Häuschen in der
Abendkühlung, und ein Schwarm von kleiner Nachkommenschaft spielte dem
sechzehnjährigen Herrn Papa um den Schoss. Er zerfloss vor inniger Freude, vor
sanfter Rührung über sein Glück: er hätte weinen mögen, dass er nicht zaubern
konnte, um es auf der Stelle wirklichzumachen.
    Brausend und schnaubend flogen zwei Isabellen mit einem leichten Visavis
daher, den ein Herr und eine Dame füllten: Scherz, Vertraulichkeit und Vergnügen
lächelte aus ihren Gesichtern durch die Öffnung des Fensters - weg war aus
Herrmanns Kopfe die ganze ländliche Glückseligkeit! mit dem ersten Brausen der
Pferde rein weggeblasen! Er ging nicht mehr an Ulrikens Hand zu Fusse ins Feld:
nein, er fuhr ihr gegenüber in dem nämlichen Visavis, mit der nämlichen frohen
Vertraulichkeit, als ein reicher Mann durch die grüssenden Reihen der gaffenden
Dorfkinder, mit Ehre und Rang geziert, und der Himmel weiss, ob er sich nicht gar
adeln liess, sein Kleid mit einem Sterne und die Schulter mit einem Ordensbande
schmückte. Mit stolzem, edlem Schritte wandelte er daher, wie auf den Schwingen
der Ehre getragen: der Postillion blies - o das verdammte Postorn! Wie eine
Sterbeglocke klang's! Sein rauhes Stöhnen verscheuchte den Traum seiner Grösse,
und traurig und seufzend kroch er unter das gelbe Gewölbe der Postkutsche und
musste, statt Ulriken, mit einer alten, finnichten, verwachsenen Jüdin
vorliebnehmen, die er jetzt zum ersten Male mit grossem Ekel an seiner Seite
wahrnahm, ob sie gleich den halben Weg über schon neben ihm gesessen hatte. Die
beräucherte Tapezierung des Wagens und die widrige Nachbarschaft versetzte ihn
den ganzen übrigen Weg in so üble Laune, dass er sich von Herzen über die
ekelhafte Hässlichkeit ärgerte, womit der Gott der Israeliten seine hebräische
Nachbarin gebrandmalt hatte. Der Weg deuchte ihm hundert Meilen lang.
    Endlich rumpelte das schwerfällige Fuhrwerk, durch den Schlag übers Pflaster
stossend und werfend, daher: man hielt, man examinierte: ein neues Wunder für
unsern Reisenden! Zum Unglücke erkundigte sich der Torschreiber bei ihm zuerst
nach dero Namen und Charakter: dem armen Heinrich ward Angst wie in der Hölle:
er fasste sich hurtig zusammen und tat der Anfrage mit so aufrichtiger
Umständlichkeit Genüge, dass er Taufnahmen und Geschlechtsnamen nebst
Geburtsjahr, Namen und Charakter seiner Eltern genau und pünktlich referierte:
die übrige Gesellschaft lachte, hielt es für Fopperei und wunderte sich, dass ein
Mensch, der den ganzen Weg über kein Wort geredet hatte, einer so beissenden
Antwort fähig sei: der Torschreiber wusste selbst nicht, woran er war, ob er's
für Spötterei oder Einfalt nehmen sollte, und da ihm die raffinierte Miene des
jungen Menschen das letzte nicht wahrscheinlich machte, so hielt er sich ans
erste und verwies ihm mit derbem Tone seine Naseweisheit und versicherte ihn,
dass er an seines gnädigsten Herrn Statt hier stehe und auf seinen Befehl frage,
wer er sei: der arme Bursche glaubte ein Verbrechen der beleidigten Majestät
begangen zu haben und konnte gar keine Ursache finden, warum der Landsherr so
neugierig nach seinem Namen sei, dass er ihn auf ausdrücklichen Befehl darum
fragen lasse. Er wusste in seiner ganzen Seele keinen andern Rat zu finden, als
dass er den Torschreiber demütig ersuchte, wegen seines Versehens in seinem Namen
bei seiner Durchlaucht untertänigst um Verzeihung zu bitten. Der Torschreiber,
der seine Reue für fortgesetzten Spott ansah, brannte lichterloh vor Zorne,
sprudelte ihm die schrecklichsten Flüche und Drohungen ins Gesicht: der gute
Heinrich ward blass wie eine Leiche vor Furcht und Warten der Dinge, die da
kommen sollten, zitterte und bebte. Der Schaffner loderte auch auf, dass er so
langes Anhalten veranlasste, und stürmte wie ein Wütender auf ihn los: da sass der
arme Betäubte wie sinnlos, wusste nicht, was er begangen hatte, und noch weniger,
wie er's wieder gutmachen sollte, konnte weder denken noch reden! - »Straf mich
Gott!« rief der Schaffner, »mit dem Menschen ist's im Oberstübchen nicht
richtig: den ganzen Weg über hat er vor sich hin gesehn wie ein kranker Mops,
und nun weiss er nicht einmal seinen Namen! So wahr ein Gott im Himmel ist! Der
Pinsel weiss viel, ob er einen Vater hat. Man sollte sich's nicht so vorstellen,
bei meiner Seele! nicht so arg! Ist ein getaufter Christ, in der Christenheit
geboren und erzogen, und kann dem Torschreiber nicht einmal antworten!« - Die
finnichte Jüdin fand sich durch die Rede des Schaffners mittelbarerweise
beleidigt und öffnete ihre Lippen zu Herrmanns Verteidigung, befragte ihn noch
einmal Punkt für Punkt, er antwortete Punkt für Punkt wie zuvor: die ganze
Gesellschaft erklärte ihn für einfältig, und der Torschreiber liess mit
verächtlichem Mitleid seinen Zorn erlöschen und den Wagen fahren.
    Man stieg aus, der unerfahrne Heinrich wollte seine Habseligkeit
herausnehmen: gebieterisch wurde er davon zurückgescheucht - neue Verlegenheit!
Er stand neben dem Schilderhäuschen und sann ernstaft nach, warum man ihm sein
paar Hemden und die schwarzen Sonntagsbeinkleider nehmen wolle - denn er gab sie
für ganz verloren -, er bildete sich ein, dass es ebenfalls so auf Befehl
geschehe, wie er um seinen Namen befragt worden war: und mit vieler Bewegung
nahm er bei sich von den schönen Sonntagsbeinkleidern Abschied, als man sein
Kufferchen ins Haus schaffte. Nun betrübte er sich erst, dass er seine
Vaterstadt, wo ihn jede Katze kannte, hatte verlassen und in ein Land auswandern
müssen, wo er nichts als fremde Gesichter sah: ausserdem war er so lange her
Schwingers sanfte, gefällige Freundlichkeit gewohnt, er war nie anders als in
gütigem Tone angeredet worden: doch hier sprach jedermann so scharf und rasch,
dass er alle Leute in grauen, gelben, blauen Röcken, die bei dem Abpacken
herumwimmelten, für erzürnt hielt; und auf die hastige Frage, welches sein
Kuffer sei, näherte er sich ihm furchtsam und wies, ohne reden zu können, halb
zum Fliehen fertig, mit dem Zeigefinger darauf. - »Dieser?« fragte der
Postbediente mit der nämlichen Hastigkeit noch einmal. - Er flüsterte ein
halbverschluckte »Ja«. Eine Minute darauf fragte ein Mann im grautuchnen
Überrocke abermals nach seinem Kuffer: er konnte gar nicht begreifen, warum sein
bisschen Habseligkeit alle die Leute so sehr interessierte: allein dieser Mann
tat seine Anfrage leutselig und mit einem, tiefen Grusse; das gab ihm Mut: er
antwortete hurtig mit einer Verbeugung von der ersten Grösse: der Mann ersuchte
ihn, zu öffnen: ehrfurchtsvoll nahm er den Hut unter den Arm und schloss
eilfertig auf. Die Entdeckung war bald gemacht, dass er nichts Strafbares
entielt, und es wurde erlaubt, ihn wegzuschaffen: wie seinem Freunde, seinem
Wohltäter, drückte er dem Manne die Hand und dankte verbindlich, dass er ihm den
Kuffer wiedergeschenkt habe: der Visitator reichte ihm sehr freundlich die
Rechte dar und zog sie, verdriesslich über den leeren Dank, langsam wieder
zurück.
    Die Not war noch nicht aus. Verlassen stand der arme Bursche da, und niemand
bot ihm eine Wohnung an. Die überhäuften Gegenstände, das Getöse, der Sturm des
Torschreibers hatten ihn so verwirrt, dass es um alle seine Besonnenheit
geschehen war: Unerfahrenheit im Weltlaufe macht auch den besten Verstand blöde,
und scharfsinnige Gelehrte haben sich bei ähnlichen Gelegenheiten, wenn sie
ihnen zum ersten Male aufstiessen, nicht mit grössrer Entschlossenheit betragen
als Heinrich. Er ging auf und ab und dachte mit Herzeleid an das Schloss des
Grafen von Ohlau zurück, wo er mit römischen Kaisern und griechischen Feldherrn
wie mit Brüdern umging, wo ihm regelmässig Essen und Trinken gebracht wurde, ohne
dass er einen Laut darum verlor, und hier! - ach! hier bekümmerte sich niemand um
ihn, als wenn er gar nicht unter die essenden und trinkenden Kreaturen gehörte.
Ein geschäftiger Gelbrock rennte vor ihm vorbei:
    Heinrich fragte ihn sehr höflich, wo er wohnen sollte: Der Mann hielt ein
wenig an, sah ihm starr ins Gesicht: jener wiederholte mit einer tiefen
Verbeugung seine Frage - »wo Sie wollen!« antwortete der Gelbrock hastig und
ging. Eine solche Lieblosigkeit war über alle seine Begriffe.
    Endlich erschien der Lohnlakai und erkundigte sich, den Hut in der Hand,
sehr menschenfreundlich, ob er eines Bedienten benötigt sei. »Ach, wenn ich nur
erst wüsste, wo ich wohnen sollte!« sprach Herrmann mit einem tiefen Seufzer.
-Nun wurde bald Rat geschafft: mit einer Eilfertigkeit, als wenn er sich den
Kopf zerstossen wollte, lief der Lakai die Treppe auf, Treppe ab und lud ihn
kurze Zeit darauf mit vielen Komplimenten auf das Zimmer ein. Heinrich, der den
geputzten Lohnlakai für nichts weniger als einen Lakai hielt, komplimentierte
mit ihm die Treppe hinauf und dankte in einem Atem für seine Gütigkeit. Wie
hatte sich die Szene plötzlich verändert! Nunmehr erkundigte sich sein neuer
Botschafter alle Augenblicke, ob er dies, ob er jenes bedürfe, bat ihn, nur zu
befehlen, und er entschuldigte sich sehr liebreich, dass er ihn nicht bemühen
wolle: er mochte nur reden, nur winken, und man war zu seinem Befehle. Er schien
sich jetzt ein kleiner Zeus, der von der Höhe seines tapezierten Zimmers mit
einem Hauptschütteln eine kleine Welt regierte. Es fanden sich sogleich eine
grosse Menge Leute ein, die ihm ihre Waren anboten: er dankte mit vieler Güte für
ihre Bemühung und fand die Menschen hierzulande ungleich liebreicher als in
seiner Vaterstadt, dass sie so für das Wohlsein der Fremden besorgt waren. Der
Zulauf wurde immer stärker: Mannspersonen und Weiber kamen und wünschten ihm zu
seiner Ankunft Glück. - Da sieht man recht, dachte er bei sich, wie es in der
grossen Stadt anders ist als bei mir zu Hause! Das heisst doch Höflichkeit! - Die
höflichen Leute fingen an, ihm ihr Elend mit der höchsten Bettlerberedsamkeit
vorzustellen; dieser hatte eine todsterbenskranke Frau zu Hause, die nun seit
Jahr und Tag an der Schwerenot, Gott sei bei uns! hart daniederlag und zuweilen
so heftig schrie, dass man es aus Friedrichstadt in Altdresden hörte; jene hatte
eilf unerzogne Kinder zu Hause, wovon neune schon seit Jahr und Tag gefährlich
krank lagen, der Mann war an Händen und Füssen lahm, und sie, für ihre
selbsteigne Person, hatte einen grossen Ansatz zur Wassersucht - es war ein
Jammer, dass es einen Stein in der Erde hätte erbarmen mögen; ein Bursche, frisch
und gesund, hatte einen gichtbrüchigen Grossvater, zwei lahme Eltern und dreizehn
ungesunde Schwestern zu Hause, die alle mit der englischen Krankheit behaftet
waren. Heinrichs Herz zerschmolz von tiefgerührtem Mitleide bei ihren Tränen,
Zähren traten ihm ins Auge, und er hielt es für seine Pflicht, so höflichen
Leuten mit einer reichlichen Wohltat für ihren Glückwunsch zu danken.
    Er wunderte sich gegen den Lohnlakai, als er den Tisch deckte,
ausserordentlich über die zahlreichen Familien hierzulande und versicherte, dass
dergleichen bei ihm zu Hause gar nicht zu finden wären. - »Ach«, antwortete der
Lakai lachend, »glauben Sie's denn? Sie werden's nicht ungnädig nehmen, Sie sind
noch ein junger Herr und zu guterzig:solchen Leuten müssen Sie nichts geben
oder doch sehr wenig; das ist eitel loses Gesindel.« -
    »Aber sie taten doch so kläglich, dass man gerührt werden musste.« -
    »Ach«, erwiderte der Lakai mit dem nämlichen Lachen, »für zwei Dreier weinen
Ihnen die Leute eine halbe Stunde, wenn Sie's haben wollen. Man könnte hier ein
Raritätenkabinett von Bettlern anlegen: in den schönsten Kleidern gehn sie herum
wie die Pfauen; sie brauchen's freilich: aber sehen Sie, gnädiger Herr - ich
weiss nicht, ob ich Sie recht tituliere -, sehen Sie! wenn ich etwas zu sagen
hätte, das Ding sollte ganz anders werden.« -Heinrich befragte ihn, wie er das
zu machen gedächte. -»Sehn Sie!« erwiderte der Lakai, »wenn ich etwas zu sagen
hätte - befehlen Sie etwa die Suppe?«
    Er ging, trat mit ihr herein, und mit dem Hereintreten begann er schon
wieder: »Sehn Sie! wenn ich etwas zu sagen hätte - befehlen Sie auch Wein?«
    Er holte ihn; und so trat er sechsmal ins Zimmer mit einem »Sehn Sie! wenn
ich etwas zu sagen hätte« - und erkundigte sich jedesmal nach einem Bedürfnisse:
denn er hatte das Unglück, dass er nicht eher an den Löffel dachte, als bis die
Suppe dastand, noch ans Messer, als bis man das Fleisch schneiden wollte. Da
alle Notwendigkeiten auf die Weise einzeln herbeigeschaft waren, drang Hermann
von neuem in ihn, sein Bettlerprojekt zu entdecken: denn der guterzige Bursche,
der noch zu wenig fremdes, wahres und erdichtetes Leiden kannte, um ihm nicht
sogleich abhelfen zu wollen, hatte während des Essens bei sich selbst ernstaft
überlegt, wie man's dahin bringen könne, dass niemand mehr in der Welt arm und
elend sei. - »Sehn Sie!« fing der Bediente wieder an, »wenn ich etwas zu sagen
hätte - sehn Sie! da sagt' ich den Leuten geradezu: Ihr sollt nicht betteln!,
und wer's dennoch täte, der müsste - befehlen Sie, diesen Nachmittag auszugehn?«
    Das Projekt blieb abermals stecken und kam auch zeitlebens nicht völlig zum
Vorschein.
 
                                Zweites Kapitel
Das erste nötige Geschäfte war, Schwingers Briefe zu überliefern. Er wollte sich
zu dem Ende mit seinen schönen, schwarzen Sonntagsbeinkleidern, mit stattlich
breiten genähten Manschetten und der ganzen übrigen Feierkleidung schmücken, die
er ausgebreitet unterdessen auf den Tisch legte, um sich von dem ankommenden
Friseur adonisieren zu lassen. Der kurze, dicke Pudergeist nennte ihm eine Menge
Frisierarten her und bat, darunter auszulesen, und frisierte und schwatzte
unaufhörlich, ohne ihm Zeit zur Wahl zu lassen. Heinrich war noch ganz bei den
Bettelleuten mit seinen Gedanken und fragte auch bei dem Friseur an, ob man denn
gar nichts täte, um dem Elende der armen Leute abzuhelfen. Der Friseur hielt
inne, reckte ihm sein rechtes Ohr dicht vor den Mund hin und schrie: »Was?« -
Heinrich wiederholte seine Frage. - »O ja!« antwortete der Bursche und hieb mit
weit ausgeholtem Kamme keuchend in die Haare hinein - »o ja! man trägt sie jetzt
einen Finger breit überm Ohre.«
    Heinrich merkte, dass er ihn nicht verstanden hatte, und weil er's für
unhöflich hielt, zum drittenmal zu fragen, liess er's dabei bewenden. Die
zahlreichen Familien hierzulande fielen ihm wieder ein, und er erkundigte sich
bei dem Pudergotte, wieviel er Schwestern habe.
    »Welche Sie befehlen, junger Herr!« schrie der Friseur. »Eine offne, eine
lange, eine kurze, eine dicke, eine dünne-ich mach sie, wie Sie befehlen.«-
Abermals missverstanden! So setzten sie das Gespräch eine Zeitlang fort: immer
tat er das Gegenteil von dem, was Heinrich verlangte. Beim Abschiede wollte er
kein Geld nehmen, weil er schon auf den künftigen Morgen wieder bestellt war:
Heinrich fand die Höflichkeit etwas übertrieben und drang in ihn, ein Geschenk
anzunehmen, da er den Preis seiner Arbeit nicht bestimmen wollte: allein der
taube Friseur machte einen Reverenz und wackelte fort, ohne auf seine Bitten zu
hören.
    »Dergleichen Höflichkeit hätt ich mir beim ersten Eintritte ins Haus nicht
vermutet!« dachte Hermann bei sich. »Die Leute sind doch wahrhaftig viel besser
als bei mir zu Hause.« Während dass er diese Betrachtung fortsetzte, legte er
seinen Staat an, erblickte sich mit Freuden schön wie einen Königssohn im
Spiegel, und die Reise ging fort. Unterwegs freute er sich schon auf den
liebreichen Empfang, womit ihn Schwingers Freunde beehren würden, sann auf
Komplimente, ihre Höflichkeit zu erwidern, und sah vor begeisternder Erwartung
kein einziges von den schönen Häusern, die ihm der Lohnlakai zeigte. Er langte
an: er glaubte, nur Schwingern nennen zu dürfen, um mit ausgebreiteten Armen
empfangen zu werden. Der Bediente, bei dem er sich meldete, kannte keinen
Schwinger, erkundigte sich kalt nach seinem Verlangen, nahm ihm den Brief ab und
trug ihn zum Herrn. Schon rüstete sich Heinrich zu einem der auserlesensten
Reverenze und harrte mit freudiger Ungeduld auf die Erscheinung seines Patrons.
Der Bediente kam zurück: »Es ist gut«, sagte er, »Sie sollen morgen früh um acht
Uhr wiederkommen.« -Der unerfahrne Bursche wusste sich das Phänomen nicht zu
erklären: er empfahl sich voller Erstaunen und konnte auch seinem Lohnlakai
nicht verhehlen, dass die Leute, die ihn heute bei seiner Ankunft besuchten, viel
höflicher gewesen wären. - »Ja, sehn Sie!« antwortete der Bediente, »der Herr
ist vor kurzem in ein sehr hohes Amt gerückt: das ist ein vornehmer Mann!« -
    Zu dem Besuche bei Schwingers zweitem Freunde kam er mit verminderter
Erwartung und fand auch Ursache, zufrieden mit der Aufnahme zu sein. Der Mann
war in kein hohes Amt unterdessen gerückt, sondern noch Advokat, und freute sich
deswegen ungemein über Schwingers Andenken. Mit der gutmütigsten Freude zog er
das blausamtne Mützchen vom Kopfe, sooft Heinrich seinen Freund nannte und der
guten Meinung gedachte, die er von ihm habe: er bot alle möglichen Dienste an
und ward recht unruhig, als er nach einigem Nachdenken fand, dass er sie ihm
nicht auf der Stelle erzeigen könnte. - »Hm! hm!« brummte er vor sich hin, sann
und rückte verdriesslich das Samtmützchen im Kreise auf dem Kopfe herum, »braucht
denn niemand einen Schreiber? Gar niemand? Hm! hm! fatal! recht fatal.« -
    Man sah ihm in allen Zügen des Gesichts den Schmerz an, dass er ihn mit einer
blossen Vertröstung von sich lassen musste: er konnte das unmöglich ohne einen
gewagten Versuch übers Herz bringen. Er lief zur Frau Gemahlin, führte sie
herbei und ersuchte sie inständigst, dem jungen Menschen einen Platz im Hause zu
verstatten: er streichelte ihr die Hände, liebkoste und bat sie wie ein Kind.
Die Frau Gemahlin antwortete mit preziosem Tone: »Das weisst du ja selber,
Papachen, dass wir keinen Platz haben: nein, das kann ich nicht, Papachen.
Vielleicht in einigen Wochen oder Monaten, wenn dein Schreiber abgeht: aber ich
kann nichts versprechen.« - Der Mann verdoppelte seine Bitten und flehte
demütigst, ihn wenigstens zum Abendessen dazubehalten. - »Nein, Papachen, das
kann ich heute nicht«, war abermals ihre Antwort, »vielleicht ein andermal, wenn
uns Gott Leben und Gesundheit gibt.« - Der Mann wusste vor Verlegenheit nicht,
was er tun sollte; und da es ihm schlechterdings nicht möglich war, jemanden,
der ihn interessierte, ungegessen von sich zu lassen, so holte er ein
Schächtelchen Magenmorschellen aus einem Schranke und verehrte, als seine Frau
den Rücken wandte, seinem Gaste heimlich drei grosse Stücken davon, nahm höchst
unruhigen Abschied und versprach seine tätigsten Dienste auf das feierlichste,
mit vielem Händedrücken und Backenstreicheln.
    Weil es noch sehr zeitig am Tage war, entschloss er sich auf Zureden seines
Begleiters, einen Spaziergang zu machen, um die Stadt zu sehn. Er wanderte,
mutig und froh über die Freundschaftsversicherungen des dienstfertigen
Advokaten, der Katolischen Kirche zu, bewunderte, in Erstaunen verloren, die
majestätische Brücke mit herauf- und hinabgehenden Menschen mit mannigfaltiger
Vermischung, mit herauf-und hinabfahrenden Karossen, Wagen, Karren, Trägern und
Reitern erfüllt: er weidete sich unersättlich an dem herrlichen Schauspiele: in
seinen Augen war es eine kleine Welt, die hier zwischen Himmel und Wasser
schwebte. Er tat einen Gang über sie hin und brach mit entzückter
Selbstvergessenheit in laute Bewundrung aus, als auf beiden Seiten das schönste
Teater in bezauberndem Reize vor ihm stand. Gärten und Pavillons, die ihm in
der Luft zu hängen schienen, Häuser, ferne Paläste an beiden Ufern hin und über
den lang daherwallenden Strom hinaus am Ende der Aussicht einen schieflaufenden
Bergrücken, mit bunten Häusern, einzelnen Bäumen und malerischen Einzäunungen
überstreut und mit hohem, dunkelgrünen Walde in mannigfaltigen Krümmungen
bekrönt: er hatte nie des Anblicks genug. Nicht weniger verweilte er auf dem
Rückwege bei der andern Seite der Aussicht und vermehrte die Anzahl der
Neugierigen, die Geländer und Bogen besetzt hatten, um den Mast eines Schiffes
mit langen Zurüstungen niedersenken zu sehen, das dem schiessenden Strome
entgegen durch die Wölbung der Brücke gezogen werden sollte: die Zuschauer
äusserten mit der lebhaftesten Teilnehmung Besorgnis und Erwartung, Tadel und
Bewundrung über die Massregeln der Zimmerleute und Schiffer, die wie Eichhörner
auf der Bedachung des Schiffs herumsprangen, schrien, schalten, zankten,
anordneten, jetzt mit angestrengten Kräften dem fallenden Baume das Gegengewicht
hielten, jetzt müssig, auf ihre Hebebäume gelehnt, dastanden und plaudernd und
pfeifend in den wallenden Strom sahen. Beladne Kähne mit roten, flatternden
Wimpeln schwammen fern daher auf der ausgespannten Fläche des Wassers: mit
schnellerm Laufe fuhren andre, vom Strome begünstigt, vor ihnen vorbei, grüssten
mit lautem Zuruf die Kommenden, empfingen und gaben mit treffendem Schifferwitze
Grüsse von wartenden Mädchen, verliebten Weibern und eifersüchtigen Ehemännern;
und eine Kanonade von helltönendem Gelächter war der Abschied. Andre ruhten am
Ufer: mit tätiger Emsigkeit stieg man in sie hinab und entlud sie ihrer
Bürde:hier wurden verwundete Fahrzeuge zur unvermuteten Reise eilfertig
ausgebessert: dort stand auf dem umgekehrten Bauche eines anderen ein Trupp
Zimmerleute um den Herrn des Kahns, in ernste Beratschlagung vertieft, wie man
mit leichten Kosten dem zerlöcherten Patienten vollkommne dauerhafte Gesundheit
verschaffen könne: bedenklich wie ein Arzt bei einer gefährlichen Krisis
schüttelte der Zimmermeister über dem hoffnungslosen Gebäude den Kopf, und
betrübt kraute der Patron sich den Kopf.
    Tagelang hätte Heinrich bei einem für ihn ganz neuen Schauspiele verweilen
mögen, wenn ihn nicht sein ungestümer Begleiter beständig zum Abmarsche
ermahnte: nach langem Kampfe mit sich selbst riss er sich endlich los, doch mit
dem festen Vorsatze, oft zurückzukehren.
    Kaum näherte er sich der Katolischen Kirche, als ihn von der Seite eine
Knabenstimme anfiel. -»Mein junges, schönes Herrchen«, tönte ihm in das linke
Ohr, »der liebe Gott hat Sie gar zu schön gemacht, und er wird Sie noch schöner
machen, wenn Sie einem armen Jungen auch etwas mitteilen.« -
    Der unerwartete Lobspruch riss seine Hand nach der Tasche hin: er gab dem
Schmeichler ein Zweigroschenstück. Der Bube zeigte es triumphierend und hüpfend
seinen Kameraden zwischen den emporgehaltnen Fingern; und kaum sahen sie es
blinken, so schoss eine ganze Kuppel wie wütend auf den Wohltäter los: gleich
Hunden, die eine Beute erwischt haben, packten sie ihn fest, als wenn sie sich
in seine ganze Person teilen wollten. Jeder bekam soviel als der vorige, und nur
einer, der die Schmeicheleien der andern mit einem »Gnädiger Herr« überbot,
erhielt doppelt soviel.
    »Ihre hochwohlgeborne Gnaden« - rief eine alte zerlumpte Frau, die auf einem
Steine bei der Kirche sass und sich langsam und zitternd zu ihm hin bewegte. So
eine Höflichkeit war etwas wert: er bezahlte sie mit einem halben Gulden. Die
Alte erschrak über die Grösse des Geschenks, wackelte ihm mit gefaltnen Händen
nach und betete mit lauter Stimme zwo lange Strophen aus einem Kirchenliede, die
der Lohnlakai, aus mechanischer Andacht, murmelnd nachsprach: dann fuhr sie ihm
nach dem Rockzipfel und küsste ihn, eh' er's wehren konnte.
    »Wenn doch die Leute hierzulande nicht so entsetzlich höflich wären!« dachte
Heinrich, als er in die Tasche griff und seinen Geldvorrat merklich vermindert
fühlte. Indem er's dachte, erschienen die Buben, die er schon einmal beschenkt
hatte und um die Kirche herumgeschlichen waren, zum zweiten Male und stürmten
mit Exzellenzen und Gnaden so gewaltig auf ihn zu, dass er dem Angriffe nicht
widerstehen konnte: Guterzigkeit und Eitelkeit leerten seine ganze Tasche unter
sie aus.
    Den Abend brachte er nach seiner Rückkunft unter mancherlei angenehmen
Träumereien hin, worunter sich wie ein Gespenst die traurige Vermutung mischte,
dass es ihm mit der Zeit, und zwar sehr bald, an Geld fehlen könne: - aber
Schwingers vornehmer Freund, der in so ein hohes Amt vor kurzem gerückt ist und
mich morgen früh zu sich bestellt hat, wird mir schon helfen - tröstete er sich;
und die Hoffnung drückte ihm die Augen zu.
 
                                Drittes Kapitel
Zur bestimmten Stunde flog er am folgenden Morgen zu seinem Patrone. Der
Bediente stellte eine lange Untersuchung mit ihm an und hiess ihn endlich warten.
Nach einer halben Stunde öffnete er einen Flügel der Tür, ging voran und gebot,
ihm nachzufolgen. Die Wanderung geschah durchs ganze Stockwerk, wenigstens durch
fünf bis sechs grosse Zimmer, und am Ende steckte er ihn in ein kleines, enges
Stübchen, wo er ihn abermals warten hiess. In einer halben Viertelstunde trat der
halbangekleidete Patron durch eine Nebentür auf, eine Büchse mit Zahnpulver in
der einen Hand, in der anderen ein Bürstchen, womit er die breiten Zähne
scheuerte, dass ein rosenfarbener, müskierter Sprühregen aus dem Munde
hervorsprützte. Er blieb in dieser Beschäftigung lange stumm bei der Tür stehen
und überlegte bei sich, ob er den jungen Menschen Sie oder Er nennen sollte:
endlich wählte er einen klugen Mittelweg und fragte: »Was will man?« - Hermann
tat seinen Vortrag. -»Also lebt Schwinger noch?« unterbrach ihn der Patron.
Heinrich führte ihm den gestern abgegebnen Brief zur Beantwortung der Frage zu
Gemüte: der Patron besann sich. »Ja, ich hab ihn gelesen«, sprach er. »Wenn sich
etwas findet, worinne ich dienen kann, so darf man sich nur an mich wenden: ich
werde mir ein Vergnügen daraus machen« - hustete und ging ab.
    Erstaunt stand Heinrich da und wusste nicht, ob er gehn oder bleiben sollte:
er bildete sich ein, der Patron habe nur einen Abtritt genommen, um mit tätiger
Hülfe zu ihm zurückzukehren: der Himmel weiss, mit welchen jugendlichen
Einbildungen mehr er sich täuschte: doch da die Wiedererscheinung zu lange
aussenblieb, so schloss er ganz vernünftig, dass er die Erlaubnis habe, wieder nach
Hause zu gehn. Er wäre gern diesem Schlusse gefolgt, aber wie sollte er sich
durch die vielen Zimmer bis zum Ausgange finden? Zudem schien es ihm auch
unanständig, in fremden Zimmern allein herumzuschweifen. Er sah durchs Fenster:
Niemand rührte sich. Er versuchte eine Tür zu öffnen: sie war verschlossen. Da
er fast eine halbe Stunde lang eingesperrt war und keine Erlösung vor sich sah,
wagte er's herzhaft, den Weg wieder aufzusuchen, durch welchen man ihn
hereingelassen hatte. Mit vieler Behutsamkeit, nachdem er vorher an jeder Tür
gehorcht hatte, fand er sich durch zwei Zimmer hindurch: aber nun war seine
Geographie aus: das dritte Zimmer hatte vier Türen: er brauchte bei jeder die
nämliche Vorsicht, öffnete eine-Götter und all ihr himmlischen Mächte! welcher
Anblick!-, eine junge Dame im nachlässigsten Negligé lag lang ausgestreckt auf
einem Sofa, ein zottiges Hündchen stand auf den Hinterbeinen neben ihrem Kopfe,
eine Vorderpfote ruhte auf dem Busen, die andre hielt seine Gönnerin in der Hand
und küsste sie mit stummer Zärtlichkeit, während dass ihre andre Hand ihn bei dem
langbehangenen Halse fasste und freundschaftlich an die Brust drückte. Heinrich
wurde glühend rot: er glaubte zu träumen: denn seine verliebte Einbildung gab
der Dame so völlig das Gesicht der Baronesse Ulrike, dass in seinen Gedanken
nichts gewisser war, als, sie sei ihm nachgefolgt und wolle ihn durch ihre
Gegenwart überraschen - dass nichts gewisser war, als, man habe ihn auf ihre
Veranstaltung eingesperrt und sich selbst überlassen, um sie bei seinem
Herumirren zu finden. Diese Erdichtung war in zwei Pulsschlägen gemacht, und mit
dem dritten schwebte schon »Ulrike!« auf der Zunge: noch ehe der Laut durch die
Lippen flog, wurde ihn die Dame gewahr, sprang auf, als wenn sie den feurigen
Ziegenbock erblickt hätte, dass das arme Hündchen jammernd zu Boden stürzte, und
rennte mit tugendhafter Eile davon: der Hund, um das Schrecken seiner Gebieterin
zu rächen, lief klaffend auf den halb sinnlosen Heinrich zu und zwang ihn,
seinen Posten zu verlassen. Der Hund setzte ihm mit unaufhörlichem Bellen nach:
es erhub sich in den Nebenzimmern ein Getöse: man schlug Türen auf, schlug Türen
zu, trampelte auf und ab: es ward ihm bange, was man mit ihm auszuführen
gedenke, die eingebildete Gefahr gab ihm Entschlossenheit: er riss herzhaft eine
Tür auf, flüchtete durch ein Zimmer, dann noch durch eins, und nun war er zu
grosser Herzensfreude an der Treppe, setzte hinunter, der Hund hinter ihm drein.
Der Bediente begegnete ihm in der Haustür und wunderte sich nicht wenig, dass ein
Mensch, den er schon längst nicht mehr im Hause glaubte, sich jetzt mit Hunden
fortetzen liess. So ein stürmisches Ende nahm die erste Patronschaft.
    Doch Heinrich konnte sich nicht vorstellen, dass damit nun alles aus sei:
davon hatte er gar keinen Begriff, dass ein Mann in einem hohen Posten nicht
helfen könne; und dass er's nicht tun wolle, wenn er gleich könnte, der Gedanke
galt in seinem Kopfe der Unmöglichkeit gleich. Er war sich bewusst, dass er jedem
Ärmern seinen letzten Pfennig freiwillig geben würde, wenn er ihn in Not sähe,
dass er so bereitwillig, als er Schwingers kleinstes Verlangen erfüllte, von
einem Ende der Stadt bis zum andern laufen würde, wenn jemand einen Dienst von
ihm foderte; und solche Leute, die viel älter waren als er und also nach seiner
Voraussetzung besser sein mussten, sollten schlechter denken und handeln als er?
- Eine solche Vermutung fiel ihm gar nicht ein, besonders da sie nach seinen
jugendlichen Vorstellungen bloss da waren, um jedem zu helfen, der Hülfe
bedurfte. Er erwartete sie standhaft von seinen Patronen und liess sich keinen
Kummer anfechten.
    Eine Menge Krämer, die sich in einem Menschen von seinem Alter eine gute
Kunde versprachen, begleiteten ihn bei seiner Rückkunft auf sein Zimmer und
wunderten sich nicht wenig über die Entschlossenheit, mit welcher er seiner
Kauflustigkeit und ihren Einwendungen widerstand: aber einer andern Begierde
konnte er desto weniger widerstehn: er brannte vor Verlangen, einen Gang um die
Katolische Kirche zu tun und neue Lorbeeren der Wohltätigkeit einzuernten: er
fühlte etwas in sich, das ihn über sich selbst erhob, ein Entzücken, das ihn
süsser begeisterte als alle genossene Freude - nur Ulrikens Gegenwart und der
Gedanke an sie hielt ihm die Waage -, er schien sich über die Sterblichkeit
hinausgeschwungen, wenn er sich umringt von einem Zirkel Knaben dachte, die
Hülfe von ihm flehten, wie er stolz daherging, bei jedem Schritte von einem
neuen Dürftigen angesprochen wurde, mit edler Freigebigkeit ihr Elend milderte,
und wie dann der ganze Trupp mit frohen Gesichtern und lautem Danke und Wünschen
ihm nachlief, indessen dass er sich mit der Vorstellung ergötzte, diesen allen
geholfen zu haben: das Bild rührte, bezauberte, fesselte ihn: in freudiger
Berauschung füllte er seine Tasche und eilte nach dem Schauplatze seiner
Wohltätigkeit hin, und es fehlte ihm nie an Veranlassungen, die Freuden der
Guterzigkeit reichlich zu geniessen. Itzt, nachmittags, hatte er seinen
menschenfreundlichen Spaziergang zweimal getan und fühlte einen
unwiderstehlichen Zug, ihn zum dritten Male zu wiederholen: er hatte freilich
nur noch einen einzigen Taler im Vermögen und wusste nicht, woher er Geld nehmen
sollte: bedachtsam legte er den Taler auf den Tisch, wenn ihm diese
Bedenklichkeit einfiel, steckte ihn in die Tasche, wollte gehn, besann sich,
überzählte sein Geld - es war und blieb nicht mehr als ein Taler: er wollte auf
dem Zimmer bleiben, stritt, kämpfte mit sich selbst und - ging. Der Ruf seiner
Wohltätigkeit hatte sich schon wie ein Lauffeuer unter den Armen ausgebreitet:
eine ansehnliche Zahl hatte sich truppweise versammelt und erwartete ihn: wie er
den ersten Schritt aus dem Hause setzte, tönte ihm schon eine klägliche Bitte
entgegen: um sein Vergnügen zu verlängern, machte er zwar kleinere Portionen,
aber die Menge der Prätendenten war so gross, dass er seinen Taler schon rein
ausgeteilt hatte, als er bei der Katolischen Kirche anlangte: dort erwartete
ihn der stärkste Teil der Armee, aus jedem Winkel geschah ein Anfall auf ihn:
man nannte ihn den kleinen Prinzen, Eure Durchlaucht, Eure Hoheit - welches
Unglück, er fühlte und suchte in allen Taschen und fand nichts. Den Kopf hätte
er sich mit der Faust zersprengen mögen: beschämt, verwirrt, geängstigt wie ein
Missetäter, der ins Gefängnis geführt wird, eilte er mit niedergeschlagnen Augen
dahin, und der ganze Haufen bittend und schmeichelnd hinter ihm drein: unter
dieser zahlreichen Begleitung langte er zu Hause an, dass sich die Leute auf der
Gasse und an Fenstern laut fragten, welches der Delinquent sei, den man
einführte.
    Dies war der unglücklichste Abend seines ganzen bisherigen Lebens: Scham und
Ärger folterten ihn und verstatteten ihm nur wenige Minuten ruhigen Schlaf. Er
war von der Höhe seiner Einbildung herabgeworfen worden und sollte noch tiefer
herabsinken.
    Der Lohnlakai hatte eine andre Herrschaft unterdessen zu bedienen bekommen
und bat also den Morgen darauf um seine Entlassung und Bezahlung. Herrmann
geriet in Todesangst: er musste seinen Mangel an Gelde bekennen und ihn
vertrösten, bis ihn sein Freund Schwinger aus der Verlegenheit reissen werde, an
welchen er noch den nämlichen Tag schrieb. Den Augenblick verwandelte sich die
übermässige Höflichkeit des Bedienten in übermässige Grobheit: er sagte einige
empfindliche Reden und ging. Heinrich hätte sich vor Ärger zum Fenster
hinabstürzen mögen. Kurz darauf liess der Wirt, dem der Lohnlakai grossen Argwohn
beigebracht hatte, seine Rechnung überreichen mit dem Bedeuten, dass diesen
Nachmittag eine Herrschaft das Zimmer in Besitz nehmen werde, die es schon vor
vielen Wochen habe bestellen lassen: alle übrigen Zimmer im ganzen Hause waren
besetzt. Er nahm das fatale Papier, warf sich in einen Lehnstuhl und schwieg.
    Was nun zu tun? - Es war die erste Verlegenheit dieser Art in seinem ganzen
Leben und griff ihn deswegen mit einer Stärke an, die ihn bis zur Verzweiflung
brachte. Nicht zu bezahlen und fortzugehn? - das gab Ehre und Gewissenhaftigkeit
nicht zu. Dazubleiben und um Nachsicht zu betteln? - das war ihm bitter wie der
Tod. Sich an seine Patrone zu wenden? - So bedenklich ihm das schien, so
bequemte er sich doch dazu. In vollem Vertrauen, dass niemand eine Bitte
abschlagen werde, die er auch den unbekanntesten Menschen nicht versagt hätte,
ging er zu dem einen und dem andern: der eine liess ihn nicht vor sich, der andre
war nicht zu Hause. Die Verlegenheit drückte wie eine Zentnerlast auf sein Herz:
er konnte kaum atmen. An der Haustür des Advokaten unterdrückte er alle
Einwendungen der Ehre und fasste den verzweifelten Entschluss, sein bisschen
Habseligkeit dem Wirte statt der Bezahlung zurückzulassen und in die Welt
hineinzugehn. Die Gewissheit, was er tun wollte, erleichterte plötzlich seinen
Schmerz: sobald nur der Vorsatz gefasst war, setzte sich alles in ihm in
Bewegung, ihn zur Ausführung zu begeistern. Er wanderte mit heroischem Mute zum
Pirnaischen Tore hinaus gerade dem Grossen Garten zu. Alle Reize der unendlich
schönen Gegend, das ganze herrliche Amphiteater einer langen Ebne, mit Bergen,
Wäldern und fernen, vielgestalteten Felsen umgürtet, fesselte ihn nicht: Kummer
und Mut, Besorgnis und Entschlossenheit kämpften in ihm mit tyrannischer Wut. Er
suchte einen einsamen Ort, warf sich in dem dicksten Gebüsche auf den Boden hin
und seufzte. Er kehrte seinen Plan auf allen Seiten herum und wusste ihm keine
bessere Wendung zu geben, als dass er sich vornahm, den nächsten Pfarrer oder
Schulmeister um Aufnahme und Unterhalt zu ersuchen und jede Arbeit dafür zu
übernehmen, deren er fähig wäre. Der Schluss war so fest, so unerschütterlich als
die Tanne, die ihn mit ihren tief hängenden Ästen beschattete.
    Ein Fasan erhub in der Nachbarschaft seine rauhe Stimme, er erhielt
Verstärkung, und der Gesang wurde zum allgemeinen Chor: auf allen Bäumen hüpften
und zwitscherten Vögel in mannigfaltiger Vermischung, so munter, so fröhlich,
als wenn sie seines Elends spotten wollten: das ganze Gebüsch war ein
lauttönendes Konzert glücklicher Geschöpfe. - »O ihr seligen Geschöpfe! ihr
bedürft keines elenden Silbers oder Goldes, um glücklich zu sein!« sprach er,
stund auf, ging tiefer ins Gebüsch, um der widrig fröhlichen Musik zu entgehn.
Er trat in einen schauernden, finstern Gang, wo unter dem Gewölbe verschlungener
Fichtenäste tote Stille und Melancholie wie ein ausgebreiteter Flor schwebte: je
grauser, je willkommner: je mehr er schauerte, je glücklicher fühlte er sich.
Das finstre, lebenlose Leere des Orts spannte die Flügel seiner
Einbildungskraft: das Gewölbe wurde enger und düstrer: ein schmaler, weisser
Sandweg leuchtete in verzognen Krümmungen durch die Dunkelheit vor ihm her: bald
wurde er ihm zu einem Geiste, in weisses Gewand gehüllt, der ihn leitete; bald
war es Ulrike in ihrem Atlaskleide, die ihn aus dem Labyrinte führte: er hörte
Atlas rauschen: der weisse Weg verlor sich, und Ulrike verschwand. Welche
Betrübnis! auch eingebildetes Glück muss ihm das missgünstigste Schicksal rauben!
- Itzt schimmerte fernher der Pfad wieder aus den aufgehäuften Fichtennadeln
hervor: welche Freude! Als wenn die leibhaftige Ulrike sich wieder zu ihm
eingefunden hätte!
    »O Ulrike!« rief er und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen, als sich
der Weg zum zweiten Male verlor, »wenn ich jemals so wieder bei dir sitzen
könnte wie am Abende, als ich mich von dir trennen musste! Das war ein Leben! ein
Leben, um sich niemals den Tod zu wünschen! - Aber jetzt, jetzt bin ich schon so
gut als tot. Um meiner Nahrung willen muss ich auf einem Dorfe vermodern,
verachtet und unbekannt dahinsterben: Du eilst der Ehre und dem Reichtum
entgegen, vergissest mich in Wollust und Freuden; und ich! - was werd ich? - ein
verachteter, elender Bettler, der ums Brot arbeiten muss! - O wenn ich wieder
jung werden und an alle die Örter der Freude, zu meinem Freunde, zu Ulriken
zurückkehren dürfte!« -
    Er schwieg lange: dann fuhr er hastig auf:
    »Aber wenn sie nun wirklich nach Dresden käme! wenn sie mir nun nachgegangen
wäre! wenn sie nun wirklich in dieser Minute, heute oder morgen ankäme! und ich
hätte die Stadt verlassen! sie fände mich nicht und geriet in noch grösseres
Elend als ich! - Nein, ich muss zurück! ich muss! ich muss!« -Übereilend drängte er
sich durchs Gebüsch hindurch und schonte weder Haut noch Kleidung, als wenn sie
schon aussen auf ihn wartete. Plötzlich war er auf einem freien Platze und die
ganze Stadt mit Türmen, Häusern und Gärten im schönsten Sonnenglanze vor ihm:
der glänzende Anblick, wie er so schnell auf den vorigen melancholischen
Aufentalt folgte, riss seine Seele empor: er schien sich aus einem Kerker
gezogen, und die Sonne zerstreute seinen Kummer wie Nebel. Er wurde durch eine
geheime Macht nach der Stadt hingezogen, und bei jedem Schritte wuchs mit seinem
Wunsche die Wahrscheinlichkeit, dass der Advokat sich seiner annehmen werde.
Diesen Mittag zu hungern, weil es nicht anders sein könnte, hatte er sich schon
gefasst gemacht.
    Er schwankte, ob er in seine Wohnung zurückgehn sollte: endlich entschloss er
sich dazu und war sogar nicht übel willens, etwas von seinen Habseligkeiten auf
allen Fall in die Tasche zu stecken: er erschrak bis zum Erröten, als sich ihm
diese Vorsichtigkeit wie eine Betrügerei vorstellte. Nein, sagte er sich, ich
muss erst meine Sachen taxieren, ob sie zur Bezahlung zureichen; und dann -
    Hier kam ihm eben der Lohnlakai sehr freundlich und dienstfertig entgegen
und bückte sich vor ihm, dass die Nase aufs Knie stiess: er wollte seiner
Höflichkeit gar kein Ende machen. Das unerwartete Betragen war unerklärlich. -
»Bleiben Sie ja ein Viertelstündchen zu Hause!« sprach er und lief eilfertig
nach dem Hut, »ich will gleich jemanden holen: das wird eine Freude sein!« - Mit
diesen kurz herausgeatmeten Worten lief er davon und liess Heinrich Zeit, über
seinen Text Mutmassungen zu machen. Was war natürlicher, als dass es die Baronesse
sein musste, die er holte? - Sie war eben angekommen, hatte sich bei einem seiner
Patrone nach ihm erkundigt, ihn hier aufgesucht, nicht gefunden, dem Lohnlakai
ein gutes Trinkgeld versprochen, wenn er sie sogleich nach seiner Rückkunft
rief, und um dieses tun zu können, musste sie Geld mit sich bringen: aber woher
das? - Ei! konnte sie denn nicht ihre diamantnen Ohrgehenge verkauft haben? Oder
vielleicht hatte sie sich Schwingern anvertraut: vielleicht hatte er ihr
durchgeholfen, Geld geborgt. Aber was brauchte er sich denn darum zu bekümmern,
wie sie zum Gelde kam? Genug, sie sollte angekommen sein und Geld bei sich
führen, um ihn aus seiner Verlegenheit zu reissen: das ist nun so eine
zusammenhängende, einleuchtend wahre Geschichte! Je mehr er sie wahr wünschte,
je mehr vergass er, dass er sie bloss mutmasste.
    Nach langem, ungeduldigem Hoffen hörte er die Stimme des Lohnlakais: sein
Herz klopfte, er zitterte, er flog nach der Tür, riss sie auf und - erblickte
eine Perücke, einen ölgelben Rock, von oben bis unten zugeknöpft, schwarze
Unterkleider und einen silbernen Duodezdegen, der aus der Öffnung des Schosses
hervorguckte - mit einem Worte, seinen Patron, den gutmütigen Advokaten.
    »Lieber Sohn«, fing er an, »du sollst heute bei mir essen: meine Frau ist
verreist. Wenn die Katze nicht zu Hause ist, macht sich die Maus lustig, wir
wollen hoch zusammen leben; und wenn du so angebrachtermassen bei mir als heute
mittags issest, so wollen wir weiter deliberieren, was in puncto deines
Fortkommens zu tun und zu machen ist.«
    Er berichtete zugleich, dass er ihn schon zweimal vergeblich gesucht und in
der Nachbarschaft bei einem Freunde erwartet habe. Welche fröhliche Botschaft! -
Sie wanderten zusammen fort.
    Bei Tische entdeckte er ihm, dass er seine Rechnung im Gastofe bezahlt habe
und ihn zu sich ins Haus nehmen wolle:
    aber was ihn dazu so schnell bewegte, verschwieg er ihm. Schwinger hatte ihn
in einem zweiten Briefe ersucht, seinen Freund zu sich zu nehmen, und Tisch und
Wohnung vierteljährig für ihn zu bezahlen versprochen. - »Aber lassen Sie ihn
nichts davon merken!« schrieb er. »Der Bursche muss glauben, seinen Unterhalt
durch seine Arbeit zu verdienen, damit er sich daran gewöhnt und es ohne
Widerwillen tut, wenn er's bedarf. Beschäftigen Sie ihn also unaufhörlich und
unterlassen Sie nichts, was Sie zu seinem Fortkommen beitragen können!
Vielleicht kann ich ihn in einem halben Jahre wieder zu mir zurückholen: der
Oberpfarrer in G** ist gefährlich krank: man hat mir seinen Platz versprochen:
stirbt er, so werde ich schon weiter für den jungen Menschen sorgen. Er liegt
mir am Herzen wie mein Sohn.« -
    Der gutmütige Doktor Nikasius - so heisst er - war unmittelbar nach
Durchlesung des Briefs so fest wie itzo entschlossen, die Bitte seines Freundes
gewissenhaft zu erfüllen: aber die Frau! die Frau! - Er gestund Heinrich
offenherzig, dass sie das grosse Hindernis bei allem Guten sei, was er nur jemals
tun wollte. »Aber«, setzte er hinzu, »wir wollen sie schon dergestalt und
allermassen hinter das Licht führen, dass sie sich fordersamst zum Ziel legen
soll. Anlangend nun deine Herkunft also, wollen wir ihr dergestalt und
allermassen überreden, du seist ein Edelmann: denn die Hexe will mit niemandem
sonst etwas zu tun und zu schaffen haben. Wenn du nun zwar kein Edelmann bist,
noch sein oder heissen willst und dir solchemnach allerhand Kalamitäten und
Beschwerden durch Arrogierung einer unerweislichen Geburt zuwachsen und erfolgen
dürften, solchergestalt also wollen wir ihr ferner geflissentlich anheimstellen,
deine Geburt als ein Fideicommissum wohl und geziemend zu bewahren, auch
niemandem zu entdecken, noch viel weniger zu offenbaren, welchergestalt und auf
was für Art und Weise es nur immer sein und geschehen möge. Zufolgedessen sollen
alle deine Res mobiles noch heute anhero gebracht und geschafft werden, damit du
in possessione bist und sie dich sofort ohne grosse Unhöflichkeit nicht
extrudieren kann.« -
    Die Anstalt wurde auch sogleich gemacht und Heinrich in den Besitz einer
Kammer gesetzt, bis die Frau Gemahlin eine Stube für ihn bewilligen wollte.
Nachdem die Geschäfte besorgt waren, kehrte der Doktor wieder zur Freude zurück
und sprach und handelte so natürlich wie jeder andre Mensch: sobald etwas nur
die mindste Miene eines Geschäftes hatte, sprach er in seinem schwerfälligen,
tautologischen Stile, und wenn er auch nur dem Bedienten ein Stück Akten
wegzutragen befahl. Um die Abwesenheit seiner Frau recht zu geniessen, hatte er
einige Universitätsfreunde auf den Nachmittag zu sich gebeten, die ihm das
Andenken seiner frohen akademischen Jahre erneuern helfen sollten. Er war ein
ungemeiner Liebhaber der studentenmässigen oder fidelen Lebensart, wie er sie
nannte, und durfte sich vor seiner Frau, einer sehr zeremoniösen Dame, nichts
davon merken lassen.
    Die Gäste erschienen, tranken und rauchten Tabak und wurden so aufgeräumt,
als wenn die Freude ihre leibhafte Mutter wäre: sie erzählten sich Schwänke und
kurzweilige Histörlein, und auf jedes folgte ein so lautes, allgemeines
Gelächter, dass die Gläser und Fensterscheiben zitterten. Das Lustigste für den
Zuschauer bei dieser auserlesnen Gesellschaft bestund darin, dass ein jedes von
den vier Mitgliedern sich ein Wort angewöhnt hatte, welches er ohne Sinn und
Zusammenhang unaufhörlich wiederholte.
    Herr Fabricius trat herein, machte eine Verbeugung, und ohne ein Wort
gesprochen zu haben, fing er an: - »Wie gesagt, ich bin Ihr gehorsamer Diener.«
    Der Wirt antwortete: »Seien Sie willkommen dergestalt und allermassen.«
    Fabricius. Wie gesagt, Brüderchen, ich habe dich lange warten lassen: aber
wie gesagt, wo stecken die andern Hundsfötter? Wie gesagt, bin ich ja doch nicht
der letzte.
    Nikasius. Die Schurken werden dergestalt und allermassen wohl zu tun haben.
    Herr Piper guckte scherzhaft zur Tür herein: - »Nämlich hauptsächlich, seid
ihr böse auf mich, ihr Halunken?«
    Fabricius. Wie gesagt, du Pfannkuchenkopf, warum bleibst du so lange?
    Piper. Du Schweinigel, ich konnte ja nämlich hauptsächlich nicht eher
kommen.
    Herr Furiosus riss die Tür auf, trat, den Hut auf dem Kopfe, herein und
brüllte: - »Und abermals guten Tag, ihr Hundejungen!«
    Tutti. Grossen Dank, Herr Hasenfuss!
    In einem so kräftig liebkosenden Tone wurde das Gespräch fortgesetzt, und
zwar mit einer Unerschöpflichkeit an Schimpfwörtern, dass keins mehr als zweimal
zum Vorschein kam: der schlechte Spass schwang seine Flügel über sie und
schüttelte einen Platzregen von plumpen Einfällen unter ihnen aus. Als ihre
Lustigkeit im höchsten Schwunge war, fand sich ein junger Doktor, der vor kurzem
von der Akademie zurückgekehrt war, ein Männchen à quatre epingles, vom Kopf bis
auf die Füsse wie aus Wachs geformt, mit vielen scharrenden Verbeugungen und
schnatternden Komplimenten bei ihnen ein, um dem Herrn vom Hause die Aufwartung
zu machen. Die Gesellschaft trat im Zirkel um ihn herum und blies eine so
ungeheure Menge Rauch auf das geputzte Herrchen los, dass die Flittern seiner
gestickten Knöpfe wie blinkende Sternchen durch Regenwolken schimmerten:
ausserdem verloren seine Komplimente Geschmeidigkeit und Fluss, weil ihm der
erstickende Dampf auf die Lunge fiel und ihn jeden Augenblick zu husten nötigte.
Zuletzt wurde die Wolke so dicht, dass sie ihn nicht mehr sahen: es entstund
allgemeine Stille, weil er vor Ersticken nicht mehr reden konnte: man glaubte
also wirklich, er sei aus Verdruss ohne Abschied fortgegangen. Das arme
Doktorchen, das vor Berauschung und Taumel des Kopfs nicht sah noch hörte,
suchte die Tür und konnte sie schlechterdings nicht finden: er wankte hin und
her.
    »Wie gesagt, der Narr ist fort«, fing Fabricius an. »Ich empfehle - mich -
Ihnen gehorsamst« - flüsterte ein kraftloses Stimmchen aus der Dampfwolke
hervor. Es war der halb ohnmächtige Doktor, der nach langem Taumeln eine Tür
erwischt hatte und zu ihr hinauswankte: aber er hatte die falsche erwischt; denn
er kam in die Schlafstube. Er merkte wohl, dass er unrecht sei, allein seine
Schwäche überwältigte ihn so stark, dass er unmöglich der Versuchung widerstehn
konnte, der Einladung eines schönen, kattunen Vorhangbettes zu folgen: entweder
glaubte er in seinem Schwindel, wirklich schon zu Hause zu sein, oder wollte er
bloss die Gelegenheit zur Erholung nützen? - genug, er warf sich, wie er war, auf
das Bette und schlief ein. Inzwischen freute sich die dampfende Gesellschaft
ihres Triumphs über den schön geputzten Doktor, und die Unterredung lenkte sich
allmählich auf die Weiber, worunter keine sonderlich gut wegkam: ein jeder
wollte mit der seinigen eine schlimme Operation vornehmen: der eine wollte sie,
wie gesagt, unter die Freipartie tun, der andre wollte sie nämlich hauptsächlich
in einem Zuchtause versorgen: Nikasius wollte die seinige dergestalt und
allermassen auf Interessen austun, und Furiosus dachte, und abermals, ein
Depositum miserabile aus ihr zu machen. Ihr Witz lief noch lange Zeit in diesem
Gleise fort, als plötzlich die Tür aufging: man hatte die Fenster geöffnet, um
die Atmosphäre vom Qualme zu reinigen, und durch die dünnen Dampfwolken zeigte
sich - die Dame vom Hause.
    Wie eine Schildwache, die mit scharfgeschultertem Gewehre vor dem
vorübergehenden Offizier in steifer Ehrerbietigkeit dasteht, trat die ganze
Gesellschaft dahin, streckte die Pfeifen und zog die Hüte von den Köpfen, als
die Frau vom Hause erschien. Niemand sprach: mit unwilligem Schütteln des
Hauptes und kochendem Grimme im Herze begab sie sich wieder hinweg: dem Herrn
Gemahle entsank Mut und Lustigkeit: wie ein Kind, das Knecht Ruprecht gescheucht
hat, ging er ängstlich in der Stube herum und wunderte sich, warum seine Frau
schon wiederkäme, da sie doch erst morgen abend hätte eintreffen sollen. Herr
Piper nahm seinen Stock und sagte nämlich hauptsächlich gute Nacht: Furiosus
wünschte, dass der Teufel, und abermals, die Hexe fortgeführt haben möchte. -
»Wie gesagt, wir müssen gehen«, sprach Fabricius unmutig. »Ja, Brüderchen«,
sagte der Herr vom Hause mit verzerrtem Gesichte, »das wird wohl dergestalt und
allermassen das beste sein.« - Man folgte seinem Rate.
 
                                Viertes Kapitel
Um die erzürnte Ehefrau wieder auszusöhnen, begab sich der Mann unmittelbar nach
dem Abschiede seiner Freunde zu ihr und bewillkommte sie in der Form: da sie
keinen kleinen Vorrat von Eigendünkel besass und die vornehme Dame gern spielen
wollte, so war eine solche Formalität für sie ein angenehmes Sühnopfer. Er küsste
ihr die Hand - sie schmunzelt: - er machte drei förmliche Verbeugungen rückwärts
und wünschte zur erfreulichen Rückkunft Glück.
    »Du bist einmal lustig gewesen, Papachen?« sprach die Frau mit stolzem,
verdriesslichem Tone zu ihm herab und machte ihr Reisekleid los: der Mann sprang
hinzu und half ihr: sie dankte ihm mit einer preziosen Verbeugung. Diese Hülfe
hatte ihm die Antwort auf ihre Frage erspart: sie fuhr also fort:
    »Nun werd ich wohl vierzehn Tage lang den Studentengeruch nicht wieder aus
dem Hause bringen.« -
    Ohne sie ausreden zu lassen, unterbrach sie der Mann: »Mein Äugelchen,
willst du etwa Tee, Kaffee oder etwas zu essen? Ich will gleich bestellen.« -
Sie dankte.
    Die Frau. Wenn du dir nur einmal das böse Studentenleben abgewöhnen
könntest! Man darf auch nicht den Rücken kehren, so fällst du gleich wieder in
deine alten Sünden zurück. Man zieht seine Schande an dir. Kannst du denn nicht
einmal ein Mann werden, der seinem Stande Ehre macht? - So lass doch die
Tabaksbrüder sich in Kneipen und Schenken herumwälzen und beschimpfe dich und
deine Frau nicht durch solche schlechte Gesellschaft! - Werden die Leute nicht
denken, dass bei uns alles vollauf ist, wenn du so schmausest und brausest? Man
kann ja das Geld zu bessern Gesellschaften und anständigern Besuchen sparen.
    Der Mann. Hm! hm! Fatal! recht fatal, dass ich mich dazu habe bereden lassen!
Es soll nicht wieder geschehen, mein Mäuschen.
    Die Frau. Das hast du mir schon tausendmal versprochen, Papachen. Ich will
auch gar nicht mehr aus dem Hause gehn ohne dich.
    Der Mann. Fatal! recht fatal! - Verlass dich auf dein Papachen! Es soll nicht
wieder geschehn.
    Die Frau. Und obendrein zu so ungelegner Zeit die alten Dampfgäste
daherzusetzen! Ich muss ja morgen abend zu essen geben. Die Gäste möchten sich
die Nase zuhalten, so übel wird das ganze Haus riechen.
    Der Mann. Vielleicht haben sie den Schnupfen. Wenn's ihnen nicht gut in
meinem Hause riecht, ist mir's desto lieber. Da kommen sie dergestalt und
allermassen nicht wieder.
    Die Frau. Ja, freilich, dir sind deine lustigen Saufbuben lieber als hübsche
Leute.
    Der Mann. Die hübschen Leute machen mir dergestalt und allermassen nicht halb
soviel Vergnügen als meine lustigen Kameraden. Da gibst du mir elende Suppen und
magres Zugemüse, damit du alle Monate einmal deinen hübschen Leuten vollauf
vorsetzen kannst, dass dergestalt und allermassen der Tisch brechen möchte. Ich
lobe mir's, alle Tage gut gegessen -
    Die Frau. Wenn du das Geld dazu hast!
    Der Mann. Das hätten wir wohl. Wenn wir nicht alle vier Wochen einmal den
hübschen Leuten meinen Verdienst zu verzehren gäben, so brauchten wir nicht die
übrige Zeit so kümmerlich und jämmerlich zu fressen. Mir ist dergestalt und
allermassen eine kleine, wohlfeile Lust, die man oft anstellen kann, tausendmal
lieber als so eine seltne kostbare Fresserei, wobei man sich den Magen verdirbt
und des Lebens unter den hübschen Leuten nicht froh wird. Lass sie Kaffee saufen,
wenn du ja Besuch haben willst, und damit gut! Oder gib guten Freunden ein paar
Schüsseln, und das oft, und lass uns fröhlich und guter Dinge dabei sein!
    Die Frau. Schweig, Papachen! das verstehst du nicht.
    Der Mann. Ja, ja; ich bin's ja zufrieden, wenn's nicht anders sein kann. -
Aber -
    Die Frau. Papachen, geh an deine Arbeit! Akten verstehst du:verdiene du nur
das Geld! Wie es vertan werden soll, das versteh ich. - Geh! arbeite!
    Der Mann. Ja, ja, Mäuschen: ich will's ja tun.
    Er gehorchte: sie merkte wohl, dass ihm noch etwas auf dem Herzen lag, aber
sie trug kein grosses Verlangen, es zu erfahren. Er wollte ihr Heinrichs Aufnahme
in sein Haus hinterbringen, das war es: gleichwohl wusste er nicht, wie er sich
am besten dabei benehmen sollte. Er berief ihn zu sich auf seine Stube, um ihm
die Marotten seiner Frau bekanntzumachen, damit er desto leichter das Geheimnis
erriete, sich in ihre Gunst zu setzen.
    »Pro primo«, hub er an, »hat meine Frau dergestalt und allermassen einen
recht spanischen Stolz - nimm einen Bogen Papier und schreib, wie ich dir
vorsage! -, sie lässt sich gern die Hände küssen, sie sieht es sehr gern, dass man
tiefe, tiefe Reverenze vor ihr macht, und nimmt's übel, wenn sie nicht tief
genug sind: sie wird böse, wenn man sie Madam nennt: Frau Doktorin muss man sie
nennen, wenn sie antworten soll; und krieg ich einen Titel - welches ich nächst
Gottes Hülfe in wenig Wochen erwarte -, dann muss man jedesmal nach zwei Worten
den Titel einschieben, damit diejenigen, so es nicht wissen, gleich erfahren,
wen sie zum Manne hat. Wenn man von ihr und sich selbst zu gleicher Zeit
spricht, so muss sie zuerst genennt werden, oder sie macht ein Gesicht wie eine
wilde Katze. Zur Tür hinein oder heraus muss sie allemal vorangehn, oder es läuft
übel ab. Auch muss man soviel möglich sich hüten, gegen sie sich solcher
natürlichen Ausdrücke zu bedienen wie folgende: Ich habe Sie im Zwinger gesehn -
Sie haben hier eine Faser hängen - Gehn Sie voran! - Dafür sage man zierlicher
zu ihr: Frau Doktor, ich habe die Frau Doktorin im Zwinger gesehn - Die Frau
Doktorin haben hier eine Faser hängen - Die Frau Doktorin belieben voranzugehn!
- Wer sie mit der linken Hand führen will, ist ihr Todfeind: sie zieht in einem
solchen Falle ihre Hand zurück und rümpft die Nase. Item muss man sich alles
Naseputzens, Räusperns, Ausspeiens, starken Redens und andern Geräusches, was
und welcherlei es sein möge, sorgfältigst in ihrer Nähe entalten: je leiser und
unverständlicher man spricht, je angenehmer ist es für sie. Item darf man nicht
frei und offen, sondern beständig mit einer Art von Zwang und ehrerbietiger
Scheu mit ihr sprechen, nicht zu nahe zu ihr treten, sondern sich sosehr als
möglich bei der Tür halten, nie lustig und aufgeräumt, sondern beständig ernst,
gesetzt, langsam, feierlich und mit häufigen Komplimenten und Verbeugungen zu
ihr reden. -Wer diese und andre Gebote hält, dem wird es nie an Gunst und guter
Meinung bei ihr fehlen.
    Pro secundo hat besagte meine Frau einen kurzsichtigen Verstand und hält
deswegen jede Meinung für abscheulich, die nicht die ihrige ist, es sei in
politischen, ökonomischen oder anderweitigen Angelegenheiten. Wer nicht ihre
Meinung trifft, den hasst, den verfolgt sie. - In Religionssachen ist sie
ungemein kützlich: sie hat einen eisernen Glauben, und wer nicht glaubt wie sie,
ist ein Bösewicht: zuweilen schwärmt sie gar und ist schon einmal erzfanatisch
gewesen: der Himmel bewahre sie vor einem Rezidiv! Die Prediger betet sie an,
und ihre Worte sind ihr Orakelsprüche; man darf deswegen in ihrer Gegenwart
keinen nennen, ohne das Haupt zu entblössen. Von der Philosophie hält sie nicht
viel, und von der Poesie gar nichts - Nb. gereimte geistliche Lieder
ausgenommen. - Sie spricht am liebsten vom Hofe und am besten von Domestiken.
Durch ein zweideutiges, auch wohl unschuldiges Wort kann man in ihren Augen zum
Freigeiste werden, und ist man das einmal, dann wird man von ihr geflohen wie
der Erzfeind. Sie glaubt einen Teufel: wer ihn vor ihr bei Namen nennt, ist
verflucht, auch darf man ihm sonst nichts zuleide tun. Sie versteht im Grunde
von allem nichts, ist einfältig und unwissend wie ein Trampeltier, nimmt es aber
höchst übel, wenn jemand etwas besser zu verstehn glaubt. Sie ist intolerant,
dass sie jeden bei langsamem Feuer braten würde, der nicht so glaubt, denkt und
handelt wie sie, wenn das Verbrennen nicht durch die Gesetze verboten wäre.
    Pro tertio, ihren Willen anlagend, ist sie überaus argwöhnisch: da sie von
blödem Verstande und ohne Kenntnis ist, dabei ihre Schwäche bei vielen
Gelegenheiten merkt, so glaubt sie sich gleich gemeint, wenn man von etwas
spricht, das sie treffen könnte. Ferner ist sie misstrauisch, zurückhaltend,
knickerig, voll Bettelstolz, Prahlerei, Kleidersucht, Eitelkeit. Trotz dieser
mannigfaltigen Fehler ist sie zuweilen so guterzig wie ein Schaf. Nicht minder
-«
    Eben trat das Original herein: man musste also die Schilderung beiseite
legen, weil man es nicht für ratsam hielt zu erfahren, ob die Dame ihr Porträt
ähnlich fände. Sie erstaunte über die Gegenwart des jungen Menschen; Heinrich
besann sich sogleich auf den ersten Artikel seiner Instruktion und fuhr mit
einem tiefen, tiefen Reverenze nach ihrer Hand küsste sie und trat vier grosse
Schritte weit nach einer abermaligen Verbeugung zurück. - »Wer ist denn der?«
fragte sie ihren Mann. - »Kennst du ihn nicht, Mäuschen?« antwortete der Doktor.
»Der junge Mnesch, der vor einigen Tagen -«
    Die Frau. Den Brief brachte? - Was will er denn schon wieder? - Die Frage
wurde mit dem verdriesslichsten, gedehntesten Akzente gesagt. Der Mann brachte
die verabredete Lüge vor: und kaum hatte sie erfahren, dass er ein Edelmann sei,
als sie sich mit einer tiefen, graziosen Verbeugung zu ihm wandte und sich, voll
unbeschreiblicher Freundlichkeit, über die Ehre freute, »Ihro Gnaden zu
beherbergen«.
    »Still!« rief der Mann und gebot ihr, seinen Stand nicht zu verraten. Sie
flog, eine Mahlzeit zu bereiten, wie sie sich für einen solchen Gast schickte,
machte ihm ihr bestes Zimmer zurechte, und Heinrich spielte die anbefohlne Rolle
der komplimentarischen Ehrerbietigkeit so gut, dass er noch den nämlichen Abend
bei Tische vom Kopf bis zu den Füssen in ihrer Gunst sass.
    Bei dem Schlafengehen legte sie ihrem Mann einen wichtigen Punkt über die
Etikette vor, die man gegen den jungen Herrn beobachten sollte, da man ihn nicht
seinem Stande gemäss behandeln und titulieren dürfte. Die erste Frage war - ob
man ihn Monsieur3nennen sollte? - Die Stimmen teilten sich: man stritt heftig
und lange; und weil der Mann die Negative ergriff, sagte die Frau ja. Alsdann
schritt man zum zweiten wichtigen Punkte: »Soll man den jungen Menschen Sie,
Ihr, Er oder Du heissen?« - Bei einer so grossen Menge möglicher Fälle wurde die
Frage in vier verschiedene Untersuchungen abgeteilt, und die Beratschlagung kam
vor zwölf Uhr nicht zum Schlusse, welcher dahin ausfiel, dass man, um dem jungen
Menschen, da er nicht unter seiner wirklichen Qualität erscheinen durfte, weder
zuviel noch zuwenig Ehre zu erweisen, sich keiner jener vier Arten der deutschen
Höflichkeit, sondern des Wörtleins,man' gegen ihn bedienen wolle - versteht
sich, dass sich der Mann bei der ganzen Überlegung bloss leidend verhielt und bei
den Kurialien blieb, die er bisher schon gegen ihn gebraucht hatte!
    »Die übrigen Punkte wollen wir bei Gelegenheit in Erwägung ziehen«, sagte
die Frau gähnend und schlug die Vorhänge zurück, um ins Bette zu steigen. »Ach!«
schrie sie laut und sank dem hinter ihr stehenden Manne in die Arme.
    »Mäuschen, was ist dir denn?« - »Ach, Papachen!« - dabei blieb sie.
    Papachen setzte die Frau in einem Armstuhle ab und holte die Nachtlampe,
leuchtete ins Bett - beim Jupiter! da lag lang ausgestreckt und schnarchend, als
wenn ihn Merkurs Rute eingeschläfert hätte, der schön geputzte Doktor, der sich
nachmittags in dem Tabakrauche verirrt hatte! Da lag er, durch den narkotischen
Dampf in einen Todesschlaf versenkt, mit dem Degen und Chapeau bas, wie ein
schlafender Endymion, à la française geputzt! rührte kein Glied, sosehr er
geschüttelt wurde! Endlich erwachte er, reckte sich, erhub sich langsam in die
Höhe und sprach zum Doktor Nikasius, den er für seinen Bedienten ansah: -
»Kleidet mich aus!« - Über eine Weile fuhr er auf: - »Nu! was wartet denn der
Schlingel? Ich bin wie zerschlagen.« - - Indem er dies sagte, blickte er mit den
halbblinzelnden Augen nach der Frau Doktorin hin. - »Was Teufel!« stammelte er
schlaftrunken, »bist du hier, Lieschen? Heute ist es nichts« - und so sank er
wieder zurück. Der Doktor Nikasius ergrimmte und klopfte mit den Fäusten so derb
auf seinem Rücken herum, dass er aufsprang und sich zur Wehr stellte. Itzt
erkannte er seinen Gegner bei dem hellbrennenden Lichte, das die Frau Doktorin
unterdessen angezündet hatte. Neue Verwunderung, warum ihn diese beiden Leute im
äussersten Negligé besuchten! denn er glaubte noch immer, bei sich zu Hause zu
sein: man überzeugte ihn von seinem Irrtume, und er wanderte beschämt und
einfältig wie ein Kind davon, dass ihm der Doktor Nikasius kaum mit dem Lichte
folgen konnte, um ihm die Haustür zu öffnen: er stolperte über Tisch und Stühle
hinweg, verirrte sich, und so jagten die beiden Leute einander ewig durch alle
Stuben durch, ohne sich finden zu können, bis der Hausherr den Gast bei dem Arme
erwischte und zur Treppe hinunterführte.
    Den folgenden Morgen musste Herrmann bei der Frau vom Hause den Tee
einnehmen: sie erzeigte ihm diese Höflichkeit, um ihn auf ihre Seite zu ziehn,
wenn vielleicht zwischen ihr und dem Manne Faktionen entstehen sollten. Sie
entwarf ihm deswegen das Porträt des Herrn Gemahls.
    »Mein Mann ist ein guter Narr«, begann sie, »man kann aus ihm und mit ihm
machen, was man will. Er glaubt weder Himmel noch Hölle, aber Gespenster: er
hält nicht viel auf sich: wenn er nur lustig sein kann, so ist er imstande, mit
Schuster und Schneider umzugehn. Mit dem Gelde weiss er gar nicht hauszuhalten:
er wirft's weg, wie er's bekömmt, wenn ihn jemand darum bittet. - Ich sage das
nur, damit man sich an seinem Beispiele spiegelt und sich nicht von ihm
verderben lässt: besonders nehme man sich vor seinem Unglauben in acht und richte
sich deswegen bloss nach mir. Wer meinen Lehren und Ermahnungen folgt, der ist
wohlberaten: man kann bei mir den Ausbund aller Herz und Seele stärkenden Bücher
erhalten, und man lese nur fleissig darin, so wird es nicht an Segen und
Gedeihen fehlen. Ich werde mir zuweilen selbst die Mühe geben und zum Lesen
anhalten, damit man nicht durch den Unglauben meines Mannes angesteckt wird.« -
    Im Grunde wollte sich die Dame durch diese Vertraulichkeit nur den Weg zu
einer Befriedigung ihrer Neubegierde bahnen: sie lag ihr wie eine zentnerschwere
Last auf dem Herze, es ängstigte und drückte sie das Verlangen, zu erfahren,
warum Herrmann seine Geburt verheimlichte: sie mutmasste wer weiss welche
Geheimnisse dahinter. Deswegen rückte sie immer näher zur Sache, erkundigte sich
nach dem gnädigen Herrn Vater und der gnädigen Frau Mutter - Heinrich war in der
äussersten Verlegenheit und antwortete höchst lakonisch. Da auf diese Manier
nichts herauskommen wollte, so schritt sie zu der unausweichlichen Frage, warum
er seinen Adel verberge. Heinrich fühlte in der falschen Anmassung eines höhern
Standes und dem Kunstgriffe, sich durch eine Lüge in der Gunst einer Frau zu
befestigen, die er nicht sonderlich hochachtete, so etwas Aufbringendes, so
etwas Erniedrigendes, dass er nach einer zweiten Wiederholung ihrer Frage die
reine Wahrheit geradeheraus sagte, ohne einen Umstand seiner Herkunft zu
verhehlen. Die Frau Doktorin empfand in dem Augenblicke gegen den aufrichtigen
jungen Menschen eine so tiefe, tiefe Verachtung, dass sie sogleich das Gespräch
abbrach und ihm auf seine Stube sich zu begeben gebot.
    Auf der Stelle eilte sie zum Manne, ihm über die entdeckte Lüge Vorhaltung
zu tun: der friedliebende Doktor, der sich lieber mit sechs Parteien vor Gericht
als mit seinem Weibe einmal zankte, suchte zwar anfangs durch angenommene
Unwissenheit der fernern Untersuchung zu entgehn, allein da er sich durch das
eigne Zeugnis des jungen Menschen überführt sah, so bekannte und beichtete er
seine Sünde offenherzig und entschuldigte sie mit der guten Absicht, nahm mit
einem treffenden Verweise vorlieb und schrieb ruhig an seinen Akten fort.
    Ihr Unwille wuchs noch mehr, als sich sogar ihr Eigennutz auch betrogen
fand: sie hatte in der ersten Berauschung über die Ehre, einen jungen Kavalier
bei sich zu beherbergen, vorausgesetzt, dass die Bezahlung dafür noch nicht
bestimmt sei, sondern dass man ihr ohne Widerrede jede noch so grosse Foderung
zugestehn werde - leicht zu erachten, dass ihre Foderung nicht klein ausfallen
sollte! -, wie stutzte, wie knirschte sie, als ihr der Mann bei genauer
Nachfrage offenbarte, für welch geringes Geld der guterzige Narr - wie sie ihn
bei der Gelegenheit nannte - Tisch und Wohnung versprochen hatte. Er wurde
ausgefilzt wie ein Schulknabe; und um seine hochgebietende Gemahlin zu
beruhigen, gelobte er an, eine Zulage von Schwingern zu verlangen. Dass es der
gute Mann über sein Herz hätte bringen können! Nein, lieber bezahlte er der Frau
aus seinem eignen Beutel die gefoderte Erhöhung der Pension und überredete sie,
dass er sie von seinem Freunde geschickt bekomme. Auch diese vermehrte Summe war
immer noch nicht genug: da sie gar nichts an der Ehre gewann, so wollte sie sich
durch desto grössern Nutzen schadlos halten und drang endlich mit einem Haufen
scheinbarer Gründe in den Mann, ihr diese Last aus dem Hause zu schaffen. Der
Mann widerstand mit seinem ganzen kleinen Vorrate von Mut.
    »Bedenke doch nur, Mäuschen!« sprach er bei einer Unterredung über diese
Angelegenheit, »was soll denn aus dem jungen Menschen werden, wenn wir ihn von
uns treiben?« -
    Die Frau. Dafür mag Er sorgen.
    Der Mann. Wir können ihm aber doch dergestalt und allermassen ohne die
mindesten Unkosten, ohne unsern Schaden und etwaigen Nachteil, ohne alle Last
und Mühe fortelfen;und sein Freund, mein alter Duzbruder und Stubenbursche, hat
mir ihn auf die Seele empfohlen -
    Die Frau. Ja, empfehlen ist keine Kunst; wenn er nur auch bezahlte!
    Der Mann. Das tut er ja, Katrinchen, soviel als recht und billig ist.
    Die Frau. Wie will nun der einfältige Mann wissen, was in der Haushaltung
recht und billig ist! Das muss ich verstehn.
    Der Mann. Hast du denn Schaden dabei?
    Die Frau. Nein, das wohl eben nicht, aber auch keinen Nutzen!
    Der Mann. Ach, potz Plunder! muss man denn nichts ohne Nutzen tun? -
Katrinchen, du plauderst nun so viel von Frömmigkeit und Gottesfurcht, dass mir
mannigmal die Ohren weh tun, und du bist doch dergestalt und allermassen ärger
als Juden, Heiden und Türken. Nicht so viel Christentum hast du im Herze, als
man auf einen Nagel legen kann.
    Die Frau. Ich? kein Christentum? - Davon darf so ein Unwiedergeborner, so
ein Ungläubiger gar nicht reden. Das muss ich verstehn, was dazu gehört. Ich
vergiesse manche Träne über deinen Unglauben.
    Der Mann. Gehorsamer Diener, Frau Doktorin: bemühen Sie sich nicht! Sie
hätten ihrer genug über sich selbst zu vergiessen - über die Harterzigkeit: über
den Eigennutz, den Stolz, die Hoffart! Ob du gleich alles frisch vom Munde weg
glaubst, was du von deinen Seelenräten hörst oder in deinen schwarzkorduanen
Büchern liesest, so hast du doch ein Rabenherz, so trocken wie Bimsstein und
härter als alle Felsen im ganzen Plauenschen Grunde! Dein Glaube hat noch keinen
hungrigen Hund gesättigt, aber meine Guterzigkeit, die du mir so oft vorwirfst,
hat schon manchem armen Teufel geholfen, den ihr allesglaubenden Unmenschen
verhungern liesst.
    Die Frau. Schweig, dass du dich nicht an mir versündigst! Wenn du nur soviel
Almosen gäbst als ich!
    Der Mann. Was, Almosen! ich gebe keine Almosen: ich tue Wohltaten und
Dienste. Deine Almosen sind Prahlerei, Eitelkeit, Stolz: Du demütigst die Leute
damit. Meine Gefälligkeiten erniedrigen niemanden; denn ich verlange nicht
einmal einen Dank dafür, und das zehntemal wissen die Leute gar nicht, dass die
Hülfe von mir kömmt: sie sollen's auch dergestalt und allermassen nicht wissen.
Potz Plunder! lass dir einmal sagen, Katrinchen! und jage die schwarze Parucke,
den konfiszierten Magister, der alle Tage zu dir kömmt -
    Kaum war das Wort zwischen den Lippen hervor als der Bediente die Ankunft
des eben genannten Magisters meldete:die Strafpredigt des Mannes musste also
unvollendet bleiben, weil die Frau wie ein Gems zur Stube hinausschoss, um den
schwarzperückichten Magister zu empfangen und sich mit ihm an der stolzen
Einbildung zu weiden, dass sie allein die frömmsten Kreaturen im Lande wären.
    Ungeachtet der Mann auf seiner menschenfreundlichen Halsstarrigkeit bestund
und den jungen Herrmann mit seinem Wissen nicht im geringsten kränken liess, so
trug sein Schutz doch nicht viel zur Glückseligkeit des Beschützten bei, weil er
seine Lage nicht änderte. Der ehrbegierige Jüngling fühlte die Verachtung, womit
ihm die Frau vom Hause begegnete, das Armselige, das Erbettelte, das
Erniedrigende in seinem Zustande zu sehr, um nicht alle Foltern des beleidigten
Ehrgeizes dabei auszustehn: seine lebhafte, fast brausende Tätigkeit war in die
traurige Beschäftigung eingezäunt, trockne Akten, die weder seinem Verstande
noch Herze einen Brocken Nahrung verschaften, wörtlich und sorgfältig
abzuschreiben. Alle seine Begierden strebten zum höchsten Gipfel eines Dinges,
das er sich weder zu benennen noch deutlich zu entwickeln wusste, nach Ehre,
Vorzug, Grösse: der Vogel wollte mit gespannten Fittichen zur Sonne emporfliegen,
und das arme Geschöpf musste sich in einem engen, händebreiten Zirkel unter der
langweiligsten Einförmigkeit herumführen lassen: er flatterte, er zitterte von
dem innern, hervordrängenden Feuer und keuchte vor Anstrengung, seine
Leidenschaft zu unterdrücken: er wurde verdriesslich, mürrisch, einsilbig.
Natürlich folgte daher, dass er seine Geschäfte, da sie ihm so widrig schmeckten,
ungemein nachlässig verrichtete; er war nie fertig, wenn er es sein sollte, und
sein Abgeschriebnes so voller Fehler, dass man es nie brauchen konnte. Sein
Patron hatte bei aller Gutmütigkeit militarische Strenge, sobald es seine
Geschäfte betraf, und bestrafte deswegen die Unachtsamkeit und Langsamkeit des
Abschreibers mit scharfen Verweisen ohne alle Schonung. Die Empfindlichkeit
wollte oft dem unglücklichen Jünglinge das Herz abstossen: er erkannte in sich
die Strafbarkeit seiner Fehler, konnte nicht über die Strafe zürnen, sondern
über seine Unfähigkeit, sie zu vermeiden: oft stampfte und sprühte er vor Wut
auf seiner Stube nach einem solchen Verweise, lief glühend auf und nieder und
verwünschte sich als einen Unwürdigen. - »O wer noch auf dem Schloss des Grafen
Ohlau wäre!« - mit diesem wehklagenden Ritornell ging meistens sein Zorn zur
Betrübnis über. Gemeiniglich wanderte er bei einem solchen Vorfalle auf das
freie Feld hinaus, um seinen Schmerz in den Wind auszuhauchen.
 
                                Fünftes Kapitel
Herumgetrieben von Unmut über Verweise, gequält vom Schmerz über sein
niederdrückendes Schicksal, gemartert von Sehnsucht nach Vergnügen, von Hunger
nach Liebe, kehrte er, den ganzen Kummer auf dem Gesichte, eines Tages gegen
Abend von einem solchen traurigen Spaziergange nach Hause, warf den Hut seufzend
auf den Tisch, erblickte etwas, das nicht gewöhnlich dort lag, sah hin - es war
ein dicker Brief mit seiner Adresse. Der Verdruss hatte seine Neubegierde
gelähmt: die Finger erbrachen ihn langsam, zogen schwerfällig einen Brief heraus
- er war von Schwingern. Er las:
                                                        A**, den 6.Oktober l7**.
Lieber Heinrich!
    Meine Freude über Deinen glücklichen Zustand in Dresden ist unbeschreiblich:
ich möchte meinem ehrlichen, guterzigen Nikasius um den Hals fliegen, so hat
mich seine Aufnahme und Vorsorge für Dich gerührt. Liebe, ehre ihn wie einen
Vater, lass Dich von ihm leiten wie ein Kind, das ich erzogen habe!
    Liebster Freund, wie kannst Du Dich auf unser Schloss zurückwünschen, wenn Du
es nicht aus Liebe für mich wünschest? Bei uns ist der Bosheit kein Ende: das
ist ein ewiges Zanken, Verfolgen, Verdrängen und Verleumden. Ich bin des Lebens
so überdrüssig, dass ich noch heute zu Dir eilen und lieber Akten mit Dir
schreiben als hier in dieser Tigerhöhle bei voller Tafel müssig gehen möchte. Der
Oberpfarrer in G**, dessen Tod mich daraus erlösen sollte, ist wieder gesund
geworden; und wer weiss, wie lange ich also noch auf meine Befreiung warten muss?
Ich bin ein verlassnes Schaf, das seinen Freund sucht und nirgends finden kann:
Du fehlst mir immer noch an allen Orten, ob Du gleich schon einen Monat von uns
bist.
    Jakob, unser aller Feind, ist nunmehr durch seines Vater unablässige
Bemühungen in die wirklichen Dienste des Grafen getreten, der Vater ist
Oberaufseher in der ganzen Herrschaft geworden, und der Sohn hat seinen roten
Rock und Federhut, seinen Gehalt, seine Verrichtung und das Ohr des Grafen
bekommen: er lässt sich so gut an, dass er den Vater in kurzem weit übertreffen
wird. So jung er ist, so hat er sich doch schon zum Probestücke am Koche wegen
eines übereilten Spasses gerochen, den dieser gesagt haben soll, als er ihn
einmal aus dem Schlamme zog: der arme Mensch hat vor acht Tagen in voller
Ungnade den Abschied erhalten.
    Fräulein Hedwig ist eine Stunde von hier zu einem Dorfgeistlichen gezogen:
weil sie entweder mit Fleiss oder zufälligerweise dem Grafen zweimal begegnet
ist, hat man ihr befohlen, das Städtchen zu verlassen, damit sich der Fall nicht
wieder ereignen könnte.
    Eine für mich höchst schmerzhafte Begebenheit, weil sie Dich so nahe angeht,
wirst Du aus dem eingeschlossnen Briefe erfahren. Tröste Dich, lieber Freund! Sei
standhaft wie ein Mann, und glaube, dass noch kein Bösewicht ungestraft ins Grab
ging. -
Herrmann zitterte: er konnte nicht weiterlesen: er nahm den eingeschlossnen Brief
hastig und öffnete ihn mit bestürzter Erwartung: er war von seiner Mutter.
    Gott zum Grus libes Kind wens dir noch wolget so ists uns fon Herzen lib und
angenem wir sind dem högsten sei Dank noch alle wohl auf. Es were gar kein Wunder
wen man for schwärer Ankst und grosen Herzenskumer auf der Nase lege. Libes Kind
Es is uns gar n groses Unglik begegent weil dein Fater den 7ten hugus seinen
Dinst Ferloren hat aber der teifel wird inen schon in der Helle dafor lonen den
gottlosen Packe. Als ehegestern den 7ten huigus namen si im di Rechnunk ab. ich
habe gedacht ich mus in Onmacht fallen wi der Berenheiter der verfluchte
Maulesel du wirscht ia deinen Rachen noch voll krigen du alter Dikkop das du
erliche Leite um ir bisgen libes Brot bringst lass dir nmal erzelen libes Kint da
sasen wir bei tische unt da kam das huntsgesicht als ehegestern den 7tn huigus
unt sagte das dein Fater den Dinst nicht mehr haben sollte es war als wen mir
jemand mit den Brotmesser s Herz entzweischnitte wie s so Knall unt fal kam. ich
habe di drei tage iber kein trocknes Auge gehabt s ist gar ne grosse Not mit uns
das dein Fater den Dinst verloren hat Dein Vater ist n rechter krober Kloz das
er mich so veksiert das ich mich so betriebe das er n Dinst Ferloren hat. Der
Libe gott erhalte dich gesund di schlaraffengesichter habens den krafen gesagt
weil dein fater nmal das Maul zu weit aufgetan hat r hat den krafen das Kalb
Moses geheisen und das mag n verdrosen haben und ta hat er seinen Dinst
verloren. Wir zin wek ich will dirsch schon schreiben wir wisen noch nicht wohin
ich wills ja wohl noch erleben das den SchandKerl die leise fressen Deine getreie
Mutter bis in den Tod
                                                           Anna Maria Petronilla
                                                                      Hermannin.
Auf einen kleinen Zettel hatte der Vater flüchtig geschrieben: Der Teufel hat
meinen Dienst geholt: er wird die bald nachholen, die mich darum gebracht haben,
hoffe ich. Nakt bin ich auf die Welt gekommen, nakt muss ich von dem Dreckhaufen
wieder fortgehn: wer nichts hat, verliert nichts. Drum sei gutes Muts wie dein
Vater und gieb keinem Menschen ein gutes Wort. Lebe wohl, Heinrich. Wenn du nach
mir gerätst, so bin ich lebenslang
                                                         Dein herzensguter Vater
                                                       Adam Ehrenfried Herrmann.
Heinrich war wehmütig über diese unerwartete Nachricht, aber noch wehmütiger,
dass ihm niemand etwas von der Baronesse sagte. Er warf die Briefe auf den Tisch,
schleppte sich traurig in einen Armstuhl und sah steif vor sich hin. - Und auch
keinen Gruss! dachte er. Nicht ein Wort, wo sie ist, wie es ihr nach meiner
Abreise ergangen ist! Zeitlebens kann ich das Schwingern nicht vergeben - so
eine Unachtsamkeit! Er spricht immer, wie sehr er mich liebt: ja, mag er mich
lieben! das ist eine schöne Liebe, das Beste zu vergessen! - Sie hat ihm
vermutlich wer weiss wieviel aufgetragen, aber er ist so vergesslich! Zu Tode
möcht ich mich über ihn ärgern. Ob ich wüsste, was Jakob geworden ist, oder
nicht; das hätt er für sich behalten können: wenn er mir nur dafür mit einem
Worte gesagt hätte - die Baronesse ist nicht mehr bei uns - die Baronesse ist in
Berlin, ist in Dresden. - Ach! wenn sie vielleicht schon hier wäre, und ich wüsst
es nicht. - Ja, zuverlässig! so wird es sein: sie ist schon hier, sie weiss
nicht, wo ich wohne: wie oft mag sie mich schon gesucht, sich nach mir erkundigt
haben! - Und davon sagt man mir nun kein Wort! Da denken die Leute, es ist in
den grossen Städten wie in unserm kleinen Neste, dass sich zwei Leute gleich
begegnen, wenn sie nur eine Stunde darin sind. Schwinger ist ja doch schon in
grossen Städten gewesen - aber er überlegt sich nichts! Wie soll ich denn nun
unter den vielen tausend Häusern das Haus finden, wo sie wohnt? und unter den
Millionen Stuben und Kammern ihr Zimmer? Soll ich denn in den hunderttausend
Gassen täglich auf und nieder laufen? und wenn ich an diesem Ende bin, so ist
sie vielleicht an jenem. Sie kann ja in einer Kutsche vor mir tausendmal
vorbeifahren, und ich erkenne sie nicht: sie geht vielleicht dicht neben mir hin
und sucht mich und ängstigt und quält sich meinetwegen, und keins sieht das
andre vor den vielen Menschen, die da um uns herumkrabbeln. Wievielmal mag das
schon geschehn sein! Ich habe sie vielleicht im Vorbeigehn berührt, habe sie
vielleicht beim Herausgehn aus der Komödie gedrückt, bin dicht an sie gepresst
worden, und keins von uns wusste, wie nahe das war, was wir suchten. - O ich
möchte den Schwinger - Ob er denn gar mit keinem Worte an sie denkt? Ob ich's
vielleicht in der Eilfertigkeit überhüpft habe? Ob es vielleicht am Rande steht?
Ich habe ja wohl den Brief noch nicht ganz gelesen. -
    Er sprang auf, ergriff den Brief, las ihn noch einmal vom Anfange bedächtig
durch und jeden Satz zwei-, dreimal, um ja nichts zu übersehen, kam an den Ort,
wo er vorhin abgebrochen hatte, und das erste Wort der ungelesnen Periode war -
die Baronesse. Seine Augen glänzten vor Freude, er war von dem freudigen
Schimmer halb geblendet, er las fünf-, sechsmal - die Baronesse -, blinkte mit
den Augen und konnte nichts erkennen. - Die Baronesse grüsst dich und hat ein
kleines Billet beigelegt. - »Ein Billett?« rief er, wie trunken. »Aber wo ist
es? Hat er's vielleicht vergessen?-«
    Hurtig wurden alle Briefe durchschüttelt, befühlt, übereinander geworfen: da
war kein Billett! - Aber wie denn, im Umschlage? - Er riss ihn auf- Da war es!
verkrochen im äussersten Winkel! Das hartnäckige Siegel wollte nicht weichen: er
riss und riss das Billett in drei Stücken, dass er die zerfleischten Fragmente
mühsam zusammenlegen musste, um den Inhalt herauszubuchstabieren. Endlich brachte
er heraus:
Lieber Herrmann!
    Ich freue mich, dass Sie gesund sind und dass es Ihnen wohlgeht. Denken Sie
zuweilen an Ihre Schulkameradin und leben Sie wohl. Ich bin
                                                      Ihre aufrichtige Freundin,
                                                         Baronesse von Breisach.
»Was ist mir denn das für ein Billett?« sagte er und liess die Hand langsam mit
ihm sinken. »So fremd! so vornehm! als wenn's die Gräfin geschrieben hätte! - Es
ist vorbei! Sie ist geworden wie sie alle - sie verachtet mich: mein Stand ist
ihr verächtlich. O ich Elender! dass mein Vater ein Einnehmer sein musste! -
Zugetraut hätt ich ihr das nicht: aber es ist eine Baronesse. - Ich möchte Blut
weinen, dass ich so ein verachtetes, weggeworfnes Geschöpf bin. - Es ist aus: sie
liebt einen vornehmen Narren, und ich muss hier als ein elender Schreiber in
Kummer, Jammer, Not, Verachtung vermodern. - Sonst hiess es Such einen Dienst,
Heinrich! - und jetzt: Denken Sie zuweilen an Ihre Schulkameradin! - Ich möchte
den kalten vornehmen Wisch gleich zum Fenster hinauswerfen, dass es jedermann
lesen könnte, wie schlecht sie gegen mich handelt.« -
    Wirklich machte er auch auf der Stelle Anstalt dazu, riss das Fenster auf,
und wie er das Blatt gegen das Licht hielt und sich bedachte, ob er sie der
angedrohten Schande aussetzen sollte, wurde er eine Menge Nadelstiche darin
gewahr: die Entdeckung erinnerte ihn an den vorigen geheimen Briefwechsel, er
folgte der Spur und buchstabierte aus den Stichen bald ein Ich zusammen. Mit
zitternder Ungeduld suchte er den Rest der Nadelschrift zu entziffern und
brachte nach langer Mühe heraus: - Ich komme nach Dresden. Bist Du mir noch gut?
-
    »Ja, ja, ja!« rief er überlaut und hüpfte und küsste das zerfleischte Blatt:
er tanzte wie ein Besessener die Stube auf und ab: - »Sie kömmt! sie kömmt!«
schrie er entzückt und klatschte springend in die Hände. Die kleine Marmotte,
den Schosshund der Frau Doktorin, der mit ihm unversehens in die Stube gewischt
war und ruhig auf dem Stuhle schlief, raffte er auf und drückte sie dicht an
sich, dass sie schrie. - »Sie kömmt!« rief er, sie drückend und schüttelnd. Er
tobte in der Stube herum, lärmte, lachte, stampfte, dass die Leute in dem Zimmer
unter ihm besorgten, es sei jemand über ihnen rasend geworden; und eine Dame,
die ihm gegenüber wohnte und durch das offne Fenster alle seine Grimassen
beobachtete, womit er die Nadelschrift entzifferte, und wie er nach geschehner
Entzifferung herumraste, schickte aus Mitleid gegen ihn, da seine Figur sie beim
Ein- und Ausgehen eingenommen hatte, einen Bedienten an den Doktor Nikasius und
liess ihn bitten, den jungen Menschen vor Schaden zu bewahren; denn allem Ansehn
nach müsste es mit ihm rappeln. Indem der Bediente noch sprach, kam auch eine
Gesandtschaft von dem Hofrate, der unter Herrmanns Stube eine Relation
verfertigte und sich erkundigen liess, ob jemand bei dem Herrn Doktor plötzlich
krank geworden sei, dass man so einen entsetzlichen Tumult über ihn erhoben habe.
Der Doktor konnte vor Verwundrung nichts antworten: er versprach, sich nach dem
Unwesen zu erkundigen und ihm zu steuern, öffnete Heinrichs Tür - mit einem
freudigen Sprunge eilte der Berauschte entgegen und umklammerte den
versteinerten Doktor. - »Sie kömmt! sie kömmt!« rief der trunkne Verliebte.
    Der Doktor. Wer denn? wer denn?
    Herrmann. Sie kömmt, sag ich Ihnen: sie hat's ja geschrieben.
    Der Doktor. Potz Plunder! wer denn? wer denn?
    Herrmann. Da! Lesen Sie! lesen Sie! -
    Und mit diesen hastig gesprochnen Worten warf er ihm alle empfangene Briefe
in die Hände: der Doktor las sie durch und fand in keinem sonderliche Ursache
zur Freude, noch viel weniger eine Nachricht, wer kommen sollte. Er sah unter
dem Lesen von Zeit zu Zeit nach Heinrichen hin, dessen Füsse sich immer wie zum
Tanze huben, während dass die Freude sein Gesicht in konvulsivischen Bewegungen
ununterbrochen erhielt: der Doktor war von der Meinung der gegenüber wohnenden
Dame und riet ihm mit bedenklicher Miene, sich schlafen zu legen. - »Oh«, rief
Herrmann, »heute kann ich weder essen noch trinken, noch schlafen: ich bin ausser
mir: ich möchte vor Freuden zum Fenster hinabspringen.« - Da ist ja der
deutlichste Beweis, dass die Dame recht hat, dachte der Doktor und machte das
Fenster zu. -
    »Du armer Junge!« sprach er zu ihm und streichelte seine schwitzenden,
glühenden Backen - »du hast Hitze: Nur Geduld! halte dich nur ruhig! es wird
sich schon geben.«
    »Ach, ruhig!« sprach Heinrich mit beklemmter Stimme, »es drückt mir das Herz
ab.« -
    Der Doktor fühlte ihm nach dem Herze. »Armes Tier!« sagte er mitleidig, »es
klopft wahrhaftig wie eine Mahlmühle. Ein Aderschlag! Warte! Ein Aderschlag!«
    Heinrich versicherte, dass ihm wohl wäre, wohl wie im Himmel, und dass er
keines Aderschlages bedürfte. Der Doktor tröstete ihn, dass es sich wohl mit ihm
bessern werde. - »Aber es fehlt mir ja nichts«, rief Herrmann entrüstet. - »Nur
gemach, mein Sohn!« unterbrach ihn der Doktor, »es wird schon besser werden.« -
Er untersuchte die Fenster noch einmal, befestigte die Wirbel, so gut er konnte,
mit den Vorhangschnuren und marschierte ab, weil ihn seine Arbeit rief:zu
grössrer Sicherheit befahl er dem Bedienten, von Zeit zu Zeit an der Tür zu
horchen, auf dem Saale beständig zu patrouillieren und ihn bei dem geringsten
verdächtigen Geräusche herbeizuholen.
    Itzt verflog allmählich der erste Taumel der Freude bei Heinrichen, und
seine Empfindung fing an, bänglich zu werden. Sehnen, Ungeduld, Begierde,
Unwillen, nicht schon zu haben, was er wünschte und erwartete, Ängstlichkeit,
Besorgnis, ob es auch gewiss geschehen werde - alles erwachte in einer Reihe, und
wie sein Blut vorhin vor Freude brauste, so wallte und kochte es jetzt vor
Unruhe. - Zu welchem Tore wird sie hereinkommen? Wo wird sie wohnen? Werd ich
sie finden? Wenn wir nun einander ewig suchten und nicht fänden? Wenn ich nicht
zu ihr dürfte? sie allentalben sehen und nirgends sprechen dürfte? Wenn ich
niemals mit ihr allein reden könnte? Wenn sie nun hier einen Kavalier fände, der
sie allentalben begleitete, mit ihr spräche, tändelte und scherzte, und ich
armer Sohn eines Einnehmers müsste das alles ansehn! müsste schweigen, meinen Zorn
in mir nagen mich von Kummer und Herzeleid über den Anblick verzehren lassen! -
Tausend ähnliche Besorgnisse und Grillen stiegen wie Gespenster in ihm auf,
wurden immer ernster, immer schreckender und endlich so schwarz, dass er seufzte
und vor Bangigkeit nicht wusste, wohin er sich wenden sollte als wenn schon alles
mögliche Unglück über sein Haupt zusammengestürzt wäre, das er fürchten konnte.
    Er rührte weder Essen noch Trinken an: sein Magen war wie überladen. Der
Doktor besuchte ihn noch einmal, fand ihn zu seinem Vergnügen völlig vernünftig
wieder und liess nicht nach, bis er in seiner Gegenwart schlafen gegangen war:
der Bediente musste in der Stube wachen, und er brachte seiner Frau die angenehme
Nachricht, dass er wieder richtig wäre.
 
                                Sechstes Kapitel
Unterdessen hatte die Frau Doktorin, da sie Heinrichs Entfernung aus dem Hause
nicht mit Gewalt durchsetzen konnte, bei sich überlegt, dass sie ihren Mann durch
eine feine Gleissnerei am sichersten dazu bewegen werde. Je eifriger sie nach der
Entdeckung, dass es zuweilen mit ihm rappele, seiner los zu sein wünschte, je
mehr gab sie sich die Miene, als wenn ihr sein Fortkommen besonders am Herzen
läge: sie redete ihm viel vor, wie zeitig ein Mensch von Kopfe sich bemühen
müsste, etwas zu werden, und wie hoch man's bringen könnte, wenn man recht jung
anfinge, wie leicht es in seinem Alter sei unterzukommen, wenn man vorliebnähme
und eine Zeitlang sich gehorsam in andre Leute schickte und fügte, um durch sie
weiter befördert zu werden. Herrmann hörte ihre Predigten aufmerksam an, aber
die Sache schmeckte ihm nicht: Ulrikens Billett hatte seinen Gedanken und
Empfindungen eine ganz andre Richtung gegeben: die Ehre reizte ihn jetzt wie eine
Speise, die man auf den Fall aufhebt, wenn man keine bessere hat. Die Dame war
nicht wenig aufgebracht, dass ihr auch dieses Mittel fehlschlagen wollte: doch
gab sie ihren Plan nicht ganz auf.
    Desto eifriger verfolgte seit dem Empfange des Billetts Herrmann den
seinigen. Vom Morgen bis zum Mittag, vom Mittagessen bis zum späten Abend war er
bei Regenwetter und Sonnenscheine in Bewegung, wanderte die Gassen durch, ging
zu einem Tore hinaus, zum andern herein, spionierte jedes Frauenzimmergesicht,
das hinter der Glasscheibe lauschte oder zum offenen Fenster heraussah, begaffte
jedes, das in einer Kutsche vorbeifuhr oder zu Fusse vor und neben ihm wandelte,
verfehlte keine Komödie, keine Oper, solange sein kleines Taschengeld zureichte:
das Schauspiel war für ihn so gut als nicht da: man mochte weinen oder lachen,
er blieb immer derselbe und durchirrte mit forschendem Auge Logen und Zirkel:
umsonst! er fand nicht, was er suchte: es wurde ihm bänglich, er konnte nicht
bleiben: er musste gehn, wenngleich das Schauspiel nur halb geendigt war. Die
Leute im Hause wunderten sich ausserordentlich über seine häufigen Wanderungen,
und die Frau Doktorin, eine strenge Sittenrichterin, hatte ihn gar in einem
gewissen argen Verdachte und hielt ihm deswegen eine kraftvolle Rede über
Lüderlichkeit und Verführung, wovon er kein Wort verstund. Auch der Doktor
befragte ihn über die Ursache seines beständigen Ausgehens: dass er sie nur ganz
verraten hätte! Er wandte eine Bänglichkeit vor, die ihm an keinem Orte zu
bleiben verstatte, eine Unruhe, Angst, die nur Bewegung und freie Luft
milderten: - alles die lautere Wahrheit! - »So recht, mein Sohn!« sagte der
Doktor, »Bewegung ist dergestalt und allermassen der beste Koch und der beste
Apoteker: es ist das junge, warme Blut, das dir die Unruhe macht. Du sollst mir
vierzehn Tage über kein Wort schreiben, und lauf dir alle Tage ein Paar Schuhe
entzwei! Ich will sie bezahlen.« -
    Da sonach aus einer genommenen Freiheit eine gegebne geworden war, so
bediente er sich ihrer desto reichlicher. Auf seinen Irrungen durch Feld, Busch
und Strassen fand sich allmählich das alte Projekt wieder ein, das er mit der
Baronesse bei der Verwechselung der Ringe entworfen hatte: er wünschte, es
ausgeführt zu sehn, und es schien ihm bald höchstwahrscheinlich, dass die
Baronesse ihm von ihrem Kommen nach Dresden heimliche Nachricht gegeben habe, um
es mit ihm auszuführen. - Hui! das ist es! dachte er Hier kann uns der Graf
nicht hindern oder in unsrer Liebe stören: hier hat er nichts zu befehlen: der
alten Anverwandtin, wohin sie kommen soll, kann sie wohl leicht entwischen. Sie
bleibt so lange auf einem Dorfe versteckt, bis die alte Anverwandtin stirbt
-wenn sie nur recht alt wäre! -, oder wenn sie auch lange leben bleibt, so hol
ich Ulriken unter einem fremden Namen zurück, heirate sie, und - Ich muss nur
Anstalt machen und dem Rate der Doktorin folgen, damit ich unterdessen
emporsteigen und etwas Grosses werden kann. - O über das entsetzliche Schicksal,
dass mein Vater ein Einnehmer sein musste! Da wär's so leicht, sie zu besitzen! -
Aber warum musste nun mein Vater nur ein Einnehmer sein? Es war doch so eine
Kleinigkeit, ihn zum Baron zu machen. -
    Kaum war dies jugendliche Projekt zur Welt gebracht, so eilte er schon zur
Frau Doktorin und bat sie flehentlich, ihn die versprochne Unterstützung auf der
Bahn der Ehre und des Glücks nunmehr geniessen zu lassen: er wolle alles daran
wagen und die äusserste Mühe nicht sparen, um ein grosser Mann zu werden. Die
Doktorsfrau, voller Freuden, ihn plötzlich dem Ziele so nahe zu sehn, wohin er
sollte, bestärkte ihn in seinen ehrgeizigen Illusionen und fachte seine Begierde
durch goldne Erwartungen so gewaltig an, dass sie lichterloh brannte: sie stellte
ihm zwar vor, dass man klein anfangen müsste - »schadet nichts!« unterbrach er sie
hitzig, »klein! noch so klein! nur her damit!« -, »aber«, fuhr sie fort, »man
hat der Exempel sehr viele, dass aus Schreibern Hofräte, Geheimeräte, Minister
geworden sind.« -
    »Das wäre!« rief Herrmann entzückt und war in seinen Gedanken schon
wenigstens Geheimerat, wo nicht wirklicher Minister. »Ja, man hat der Exempel!«
erwiderte die Doktorin. »Wenn man nur Geschick und ein gutes Ingenium hat, sich
gut aufführt und fromm und gottesfürchtig ist, so kann man steigen, ehe man
sich's versieht. Ich habe Sie schon dem Kammerdiener empfohlen, den Sie oft bei
uns gesehn haben müssen: er ist zwar in keinem der grössten Häuser: aber sein
Herr braucht immer Sekretäre und Schreiber; und was er mit der Zeit nicht durch
sich selbst tun kann, das vermag er durch Empfehlungen. Es ist ein sehr
gottesfürchtiger, braver Mann und rechter, guter Christ.« -
    Herrmann konnte sich vor Vergnügen nicht fassen und flog schon auf den
goldnen Fittichen der Ehre Ulrikens Umarmung entgegen, sah sich an ihrer Seite
geehrt, blühend, glücklich und fähig, andre glücklich zu machen: er war in
seinem Traume schon von Mengen umringt, die ihm ihr Wohlsein verdankten: er
zerschmolz in der seligen Vorstellung, so viel Ehrenvolles, Rühmliches, Grosses
getan zu haben, und Antonin konnte seiner Unsterblichkeit nicht gewisser sein
als er. Das herrliche Bild begeisterte ihn, dass er seine Kraft in sich erhöht,
jede Fiber zu Tätigkeit und Unternehmungen angespannt und sein ganzes Wesen über
sich selbst erhaben fühlte.
    Der Flug seiner Einbildung senkte sich freilich schon nicht wenig, als er
den folgenden Tag befehligt wurde, dem Kammerdiener aufzuwarten: das war ein
Schreckschuss, der seinen Traum zur Hälfte verscheuchte. Er eilte zur bestimmten
Stunde mit vollen Segeln der Erwartung zu ihm: sein Patron wusste nicht das
mindste von ihm: Herrmann trug ihm mit fliessender Beredsamkeit den
Bewegungsgrund seines Besuchs vor: der Patron besann sich lange - jetzt wusste er,
dass die Frau Doktorin ihm gestern oder vor einigen Tagen davon gesagt hatte. -
»Ich werde für Sie sorgen«, schloss er und brach den Besuch ab.
    In einem paar Tagen erging durch die Doktorin ein abermaliger Befehl, dass er
sich zur Kammerjungfer des nämlichen Hauses verfügen sollte, an welche ihn der
Kammerdiener empfohlen habe. Mit etlichen Segeln der Erwartung weniger ging er
abermals und kam abermals mit der Versicherung zurück, dass sie für ihn sorgen
wollte.
    In einer Woche darauf musste er sich vor der gnädigen Frau stellen, an welche
ihn die Kammerjungfer empfohlen hatte: man meldete ihn, sie kam im Pudermantel
heraus, liess sich seinen Namen sagen und versicherte, dass sie für ihn sorgen
wollte. Der Friseur schlug mit der pudervollen Quaste los, und Herrmann kam zum
ersten Male nicht leer zurück; denn er war voller Puder.
    In vierzehn Tagen wurde ihm nach vielem Betreiben der Doktorsfrau, die nur
entfernt durch den Kammerdiener auf die übrigen Hebel seines Glücks wirken
konnte, die Erlaubnis gegeben, vor dem gnädigen Herrn zu erscheinen. Er verwies
ihn an den Hofmeister, der ihn examinieren sollte. Der Hofmeister bestellte ihn
in acht Tagen, sonntags nach geschlossner Nachmittagspredigt. Er ging, aber so
demütig, so langsam wie ein Schiff ohne Wind: alle Segel waren beigelegt. Der
Examinator war nicht zu Hause. Die Kinderfrau riet ihm, morgen früh
wiederzukehren: er tat es, der Examinator hatte keine Zeit.
    Er verwunderte sich äusserst gegen seine erste und älteste Patronin, die
Doktorsfrau, über die Verzögerung. - »Ach«, sagte jene, »man hat etwas versehen.
Der Herr Magister ist sonst ein lieber, gottesfürchtiger Mann: aber Sie hätten
ihm die Visite machen sollen. Das hat er übelgenommen! nun ist's da vorbei.« -
    »Wegen einer Visite will er mein ganzes Glück, mein Emporkommen hindern?«
rief Heinrich, wie aus den Wolken gefallen.
    »Ja«, erwiderte die Doktorin, »das ist nicht anders: es will doch ein jeder
sein Recht haben.« -
    Gute Nacht Minister, Geheimerat, Hofrat! Weg waren die glänzenden Aussichten
der Ehre! vom Winde verweht! der aufklimmende Jüngling von der erträumten Höhe,
die er mit einem Schritte erreicht zu haben hoffte, wo ihm menschenfreundliche
Grösse und wohltätige Gewalt Kränze und Lorbeeren entgegenboten, durch einen
plötzlichen Windstoss zurückgeworfen, in die unbedeutendste Geringfügigkeit
zurückgesetzt! Er fühlte schmerzlich, dass er nur der Schreiber eines Advokaten
war, und fürchtete ebenso schmerzlich, dass er nichts weiter werden sollte. Wie
ein Vogel mit frischbeschnittnen Flügeln schlich er traurig im Hause herum und
verschmähte das reichlich aufgeschüttete Futter, weil er nicht mehr fliegen
durfte.
    Während dieses verunglückten Laufes nach der Ehre hatte der Eigennutz seiner
Patronin eine Ursache gefunden, seine Entfernung aus dem Hause nicht mehr zu
betreiben: deswegen war sie auch so kaltblütig über die unterlassne Visite, die
sie sonst mit der schärfsten Strenge geahndet hätte. Der bisherige Schreiber
ihres Mannes hatte durch ihren Vorschub eine Versorgung bei einer adligen
Herrschaft auf dem Lande bekommen, und es schien ihr ungemein schicklich, den
jungen Herrmann, für welchen Tisch und Wohnung bezahlt wurde, an seine Stelle zu
setzen und also einen Artikel ihres Aufwands zu ersparen. Der Mann wollte aus
dem guten Grunde nicht daran, weil der junge Mensch die Arbeit nicht allein
versehen könnte und weil es unbillig wäre, jemandem eine Bürde aufzuladen, die
er ungern trüge, ohne ihn dafür zu belohnen: allein sie gebot ihm zu schweigen
und sich nicht in Finanzsachen zu mischen, die sie besser verstünde. Sie setzte
ihr Projekt mit vieler Hitze durch und übernahm selbst die Aufsicht über den
Fleiss des neuen Schreibers: wenn die Feder nur ein paar Minuten ruhte, so
schallte ihm schon der Befehl ins Ohr: »Geschrieben! geschrieben!« - Er durfte
ohne Erlaubnis keinen Fuss über die Schwelle setzen: bei seiner Rückkunft war er
allemal zu lange aussengeblieben, wenn er gleich die vergönnte Zeit nicht
überschritten hatte; und dann musste er ein Verhör ausstehen wie ein Delinquent.
- »Wo ist man gewesen? Was hat man gemacht? Was hat man gesprochen? Was hat man
gedacht?« - Stund er nach dem Verhör ein paar Minuten zu lange müssig da, so
erging der Befehl: »An die Arbeit! an die Arbeit! Nicht so müssig dagestanden!
Wer essen will, muss sich sein Brot verdienen.« - Bei Tische ass er ihr zu
langsam, ward zu spät fertig und sollte schon mit dem letzten Bissen die Feder
wieder ergreifen: des Morgens konnte er nie zeitig genug ausschlafen, ob er
gleich von Kindheit an zum frühen Aufstehn gewöhnt war, und des Abends nie
zeitig genug zu Bette gehen, weil er nichts tat und doch Licht verbrannte. Sein
Ofen nahm immer das meiste Holz hinweg, so sparsam ihm auch eingeheizt wurde und
sosehr er auch fror, dass er zuweilen kaum die Feder zu regieren vermochte; und
wenn der Himmel nur einen weniger kalten Tag gab, wo das Termometer nicht auf
dem Gefrierpunkte stund, so wurde das Heizen bei ihm ganz eingestellt. dabei
unterliess sie nicht, seinem Ehrgeize mit himmlischen Erwartungen zu schmeicheln,
dass er alle seine Kräfte anspannte und jedes tägliche Ungemach mit Heldenmute
ertrug, um nach einigen Jahren voll Beschwerlichkeit und Arbeit das Goldne Vlies
zu erringen, das man ihm vorhielt, und die erkämpfte Beute mit Ulriken zu
teilen. Die Aussicht auf dieses Glück bewaffnete ihn mit eherner
Standhaftigkeit: oft, mitten in seinen trocknen Beschäftigungen, wenn seine Hand
auf das Papier malte, dass Hans wider Gürgen klagend einkomme, weil er ihn mit
zwei Ohrfeigen und drei Stockschlägen begünstigt habe, oder dass Anna Klara
Eissfeldin, alle rechtliche Notdurft vorbehältlich, sotanes ihre Befugnis zu
erweisen schuldig sei - mitten unter solchen trocknen Beschäftigungen flog seine
Seele in die Gefilde der Liebe hinüber, schwebte wie ein zweiter Herkules nach
ausgekämpftem Streite mit Hindernissen, Ungemächlichkeiten und Arbeit, Ulriken,
seinen errungnen Preis, im Arme, triumphierend daher: nach seinem Gefühle war er
ein Held, der sich durch Leiden und Taten zum Halbgotte hinaufschwingen sollte.
Die Feder stund bei solchen Flügeln der Einbildung freilich oft still: seine
Aufseherin schrie: »Geschrieben! geschrieben!« - und die Hand flog im Galopp
durch den holprichten, steinichten Aktenstil dahin, weil er mit jedem sauren
Zuge Ulriken durch eine Beschwerlichkeit mehr verdient zu haben glaubte.
    Inzwischen erleichterte ihm doch der Doktor die Mühe seiner herkulischen
Laufbahn mit vieler Billigkeit: ohne dass es seine Frau erfuhr, liess er den
grössten Teil der Arbeit durch einen heimlich besoldeten Schreiber ausser dem
Hause tun und gab Herrmannen nur solche Sachen, die nicht dringend waren noch
vorzügliche Genauigkeit erfoderten, und auch nur in geringer Menge. Unter dem
Vorwande, dass er ihn brauche, nahm er ihn jedesmal mit sich, wenn er auf
Gerichtsbestallungen reiste, um ihn zu zerstreuen und ihm Erholung zu
verschaffen, und vor dem Tore lud er seinen heimlichen wirklichen Schreiber auf,
der die Arbeit verrichten musste, während dass Heinrich in den Feldern spazieren
oder sich mit andren ländlichen Winterergötzlichkeiten vergnügen konnte. Solche
kleine Reisen waren für ihn Fahrten zur Freude; er wurde von dem Drachen, der
ihn bewachte, erlöst, und jedes Dorf, wohin sie ihn führten, gab ihm das Bild
seines Vaterstädtchens, das Herrschaftshaus eine Vorstellung vom Schloss des
Grafen Ohlau und Garten und Felder jede Szene kindischer Glückseligkeit wieder:
Schwinger, die Baronesse, alle wandelten neben ihm her, sie stunden vor ihm, sie
sprachen mit ihm: die kahlen, bereiften Bäume am gefrornen Wasser waren ihm
seine Feinde, die vom Himmel gezüchtet, verworfen, traurig und verlassen
dastunden und ihre Bosheit bereuten. Oft glühte ihm bei solchen Gedanken sein
Innerstes wie von aufloderndem Feuer, indessen ihm Hände und Gesicht vor Kälte
starrten, ohne dass er es fühlte.
 
                               Siebentes Kapitel
Itzt hatte er unter so mancherlei Freuden, Ängstlichkeiten, Täuschungen,
Hoffnungen, Arbeit und Kummer einen ganzen Winter in Dresden zugebracht, Ulriken
sehnlich erwartet, und noch war sie nicht da, wenigstens nicht für ihn da, weil
er sie nicht zu finden wusste. Der Frühling erschien, und noch hatte er sie nicht
gefunden. Mit dem Aufleben der Natur wachten auch seine Triebe und Tätigkeit zu
ihrer alten Stärke auf: das Aktenschreiben wurde ihm auf einmal eine Last, die
wie ein Alpengebirge drückte: die Einsperrung, die er bei der Erstorbenheit des
Winters nur wenig fühlte, machte jetzt seine Stube zum Gefängnis: die ganze Welt
wurde ihm zu enge. Die Frau mochte rufen und schreien, soviel sie wollte - seine
Feder ruhte: sie mochte noch sooft fragen, wohin er ginge - er ging: sie mochte
schelten, drohen und strafen - er achtete nichts, widersprach ihr mutig und
behauptete hartnäckig die Freiheit, ausgehn zu können, wenn es ihm beliebte, und
der Doktor unterstützte seine Ansprüche, soviel er vermochte. Er schweifte
wieder herum wie ein Papilion, der aus der zersprengten Hülle eben
hervorgeflattert ist: er freute sich der muntern Saat, des hervorbrechenden
Laubes, der wirtschaftlichen Tätigkeit in Feldern und Weinbergen, der
allgemeinen Emsigkeit, die ihm aus der reizenden Landschaft ein Paradies machte.
    Bei allen Freuden trug er doch eine Unruhe mit sich herum, die ihn
überredete, dass er unter allen diesen wirksamen Geschöpfen das unglücklichste
sei: er beneidete die Ackersleute, die so vergnügt mit lautem Pfeifen hinter dem
Pfluge dreinschritten, mit niemandem unzufrieden als mit ihren Pferden: ein
Trupp froher Landmädchen, die mit froher Geschäftigkeit den Acker reinigten oder
lachend und scherzend ein andres Geschäfte verrichteten, versetzte ihn in
Traurigkeit, und ein Bauerkerl, der mit einer dickstämmigen Dorfvenus schäkerte,
erregte seine Galle.
    Sein Weg führte ihn an einem heitern, sonnichten Nachmittage durch die
Felder nach dem Plauenschen Grunde hin, den er jetzt zum ersten Male
kennenlernte: er folgte, ohne es recht zu wollen, der Menge Menschen, die eben
damals ihren Spaziergang dortin taten. In sich vertieft, wurde er allmählich
von einem nahenden Wassergeräusche erweckt, und ringsum betäubte ihn das Konzert
rauschender Wasserstürze klappernder Mühlen und des herabschiessenden Flössholzes,
das in den schäumenden Strudel mit hohlem Getöse hineinstürzte, verschwand, weit
jenseit des Schaumes wieder langsam emporkam und sanft dahinschwamm. Auf einer
Seite nackte Felsen, auf der andern Berge mit Gesträuch und Busch, vor sich eine
Fläche mit Holz, wie mit schwimmenden Nachen bedeckt - es schien ihm der Eingang
in den Wohnsitz eines Gottes zu sein: er ging längst den Felsen hin, und seine
begleitenden Spaziergänger verliessen ihn schon, als wenn sie sich nicht in das
Heiligtum der Natur getrauten. Er trat auf die zweite Brücke, und vor ihm stand
ein Amphiteater, das in der Schöpfung nur einmal wurde. Auf der linken Seite
dunkelbraune, glattgeschnittne Felsenwände, schief wie Kulissen einer Schaubühne
hintereinandergestellt, aus dem Flusse, der sich an ihrem Fusse in wirbelnden
Wallungen bricht, zu den Wolken gerade emporsteigend; rechts am Flusse der
phantastisch geschlungne Weg mit strauchichten, rauhen Bergen, die mit den
Felsenwänden sich zu vereinigen scheinen, um die Szene zu schliessen; in der
Mitte das ausgespannte Wasser; im Rücken und vorwärts Brausen und Getöse bald in
leisen Pianos, bald mit der angestrengtesten Stärke, in wechselnden Solos und
betäubenden Chören - er staunte, mit melancholischem Schauer verweilte er bei
dem herrlichen Anblicke, in tiefer Empfindung verloren, und nur mit Mühe riss er
sich los. Auch hier schien er noch mehr von den Menschen Abschied zu nehmen: der
grösste Teil ging zurück, und nur zwei Einsame folgten ihm in verschiedenen
Entfernungen, so tiefsinnig, als wenn sie eine Not in diesen Grund tragen oder
eine Geliebte in ihm suchen wollten. Durch vielfache Wendungen des auf- und
niedersteigenden Wegs ging er, den Fluss unaufhörlich zur Linken, unter fernem
und nahem Wassergetöse dahin: jetzt stiegen jenseit des sprudelnden Stroms zween
waldichte Berge empor, boten sich freundschaftlich die Arme und liessen unter
ihnen eine breite aufsteigende Kluft - er sah in ihr hinauf und erblickte
Gebäude: bald lehnte zur Rechten ein öder, unfruchtbarer, zerrissner Bergrücken
mit fauler Bequemlichkeit da und trug auf seinen Schultern ein Dorf, von welchem
Häuser, Leimwände und Strohdächer einzeln und in Gruppen über die Bergkrümmungen
herabschielten: jetzt schloss sich die Aussicht ganz, er glaubte in einer weiten
Felsenhöhle zu sein, aus welcher ein Fluss strömte - plötzlich wand sich der Weg
um einen hervorstehenden Berg und öffnete ein breites, mit Birken rings
umschlossnes Tal: jetzt war diese Seite eine bergichte Wüste und jene ein
lachender Hain, schnell wurde der Hain zum kahlen Felsengebirge und aus der
Wüste ein bearbeiteter, bepflanzter Berg: hier stunden längs am Wasser hin
versilberte Weiden, in künstlichen Reihen gepflanzt, hinter ihnen im
aufsteigenden Gebüsche herrschte die völlige Unordnung der Natur: dort lehnte am
Fuss einer Steinklippe ein Gärtchen voll junger Obstbäume, in weisse, blinkende
Stäbe eingezäunt, dort hing eins, vom zerrissnen Dornzaune umgeben, mitten an
einem schroffichten, dürren Berge, und mühsam schwebte dort zwischen Steinen ein
arbeitsames Weib und behackte mit weitausgeholtem Schlage, der Natur zum Trotz,
ein Beetchen für die kleinen Bedürfnisse ihrer Tafel: ihre Kinder klimmten auf
Händen und Füssen an den vielzackichten Felsen hinan, während dass die ältern
Brüder sich schon auf der äussersten Spitze wiegten und mit lautem Händeklatschen
der furchtsamen Schwestern lachten, wenn sie mit den ausweichenden Steinen weit
zurückgleiteten und schrien, als wenn's dem jungen Leben gölte, ewig kletterten
und ewig zurücktaumelten.
    Der Schauplatz war leer, still, melancholisch tot, nichts als das
fortwährende Geräusch des strudelnden Wassers hörbar - hie und da eine
klappernde Mühle, selten ein vorüberschiessender Landmann, der aus der Stadt zur
wartenden Familie zurückeilte oder betrübt dem Arzt die Bezahlung für seine
gestorbne Hausfrau hineintrug, noch seltner ein langsam wandelnder Fruchtwagen!
- ausser diesen Unterbrechungen lag hier unter dem engen Horizonte die tiefste
Einsamkeit ausgebreitet: Schweigen und Brausen war ihre Sprache - eine Sprache,
die so tief in Herrmanns Herze eindrang, dass ihm schauerte: mit Zittern und
Furcht stand er da, die Einsamkeit fesselte ihn an, und die Furcht drängte ihn
von ihr hinweg: er suchte eine Anhöhe, stieg aus dem frischen Schatten zu ihr
hinan und schaute aus dem Sonnenglanze in die düstere Tiefe, das einzige
Meisterstück der Natur, hinab. Auch die beiden Spaziergänger, die ihm anfangs
folgten, waren umgekehrt, der Träumer ganz allein.
    »O wie ist dies Tal so still und wie mein Herz so unruhig!« - war sein
erster Ausruf, als er eine Weile ernstaft hinabgesehn hatte. - »Von
Leidenschaften gepeinigt, gepeitscht wie der Strudel, der hier vor mit schäumt!
- So soll ich dann ewig im Staube mich wälzen, ewig ein unwirksamer
Nichtsnütziger bleiben? nimmermehr eine Tat tun, die mir nur einen Kranz der
Ehre erwirbt? durchs Leben dahinschleichen, mir immer helfen lassen und
niemandem helfen können? ein Lastträger in der Welt sein, zu den niedrigsten
Arbeiten verdammt? - O die glücklichen Sterblichen, die Antonine, die Aurele und
die gleich ihnen sich den Dank einer halben Welt und aller künftigen Zeiten
verdienen konnten! Warum musste ich nun der einzige sein, der in rühmlicher
Tätigkeit gern alle Adern seines Leibes zersprengen möchte und doch wie ein
Ackergaul im langweiligen Karren ziehen soll? - Das Herz möchte mir springen vor
überströmender Wirksamkeit; und da sitz ich, angefesselt am Blocke, muss dienen
und arbeiten und sehe dessen kein Ende: kein Ende, wie ich's wünschte! Was
hilft's, wenn ich jahrelang mich um den kümmerlichen Bissen Nahrung quäle? - ich
bleibe doch ein Verachteter, ein Auswurf der Menschheit, der nie besitzen darf,
was er liebt: Ulrike bleibt doch ein unerringbares Gut, nach dem ich nicht
einmal ohne Beschimpfung sterben kann. Sie wird mich vergessen lernen, weil sie
sich meiner nicht erinnern darf: sie wird mich verachten, weil man ihr die Liebe
verwehrt. - Aber ich muss meinem Schicksal entgegenarbeiten! ich muss mich
stemmen, ihm trotzen und wider seinen Willen erlangen, was ich will. - Fort mit
mir, so weit mich meine Füsse tragen! Wo das Land fehlt, mag es ein Schiff tun!
Entweder alles, was ich wünsche, oder gar nichts! Mag ich auf dem Lande oder im
Meere umkommen! es kömmt doch immer nur ein Elender um, den niemand beklagt,
weil ihn niemand kennt.« -
    Er sprang auf, eilte die Anhöhe herab mit allen Bewegungen trostloser Wut,
dass ihm der losgetretene Kies haufenweise nachrollte, ging mit heftigen
Schritten am Wasser zurück: Höhlen, Klüfte, Büsche, Felsen, alles war für ihn
vernichtet, selbst die Musik des Wassers nicht hörbar für ihn: alle Sinne hatten
sich auf den einzigen Punkt seiner Seele zurückgezogen, wo seine unbefriedigte
Ehrbegierde nagte: sein einziger Gedanke war: Ich bin der unglücklichste
Sterbliche - und seine ganze Empfindung bestund in dem schmerzlichen Gefühle
seiner Unglückseligkeit. Den Kopf voll so schwarzer Schatten, wie die Felsen um
ihn über das Tal deckten, das nämliche Getöse, Brausen und Rauschen in allen
seinen Adern, wie von dem dahinschiessenden Flusse in den Felsen widerhallte, in
der entsetzlichsten, menschenfeindlichsten Stimmung des Geistes, langte er bei
der grossen Mühle an: unter dem Getöse des Wassers, das über die Räder
dahinstürzte, schallten Menschenstimmen, lautes mutiges Gelächter hervor - er
hätte umkehren mögen, so zurückscheuchend, so abstossend war für ihn der Ton. Er
schlug die Augen auf und erblickte Menschengesichter, zwei gutgekleidete
Frauenzimmer, die an der Mühle sassen, eine ältliche Dame, die zurückgelehnt
schlief, und eine junge, die mit einem Stäbchen im Sande spielte. - O des
widrigen Anblicks! dachte er, wie die Ruhe aus dem schlafenden Gesichte lacht,
wie das Mädchen so zufrieden tändelt! Ist denn so viel Glück auf der Erde, dass
man so zufrieden sein kann? - Mit neidischer Bitterkeit dachte er es und kehrte
das Gesicht von ihnen. Itzt war er vor ihnen: ein Rest von seiner verfinsterten
Menschenliebe lenkte seine Augen auf die Damen: die junge sah auf, beider Blick
blieb aufeinander hängen - er stund - ging. - Wäre das nicht Ulrike? - Sie ist
es! - Seine täuschende Einbildung liess ihn zweimal das Zischeln ihrer Stimme
hören - jetzt schon wieder! - jetzt hörte er gar seinen Namen nennen! - sein Traum
zwang ihn umzukehren. Die junge Dame stund auf, und noch war er vier völlige
Schritte von ihr, als sie auf ihn hervorschoss, mit beiden Armen um seinen Hals!
Da standen sie beide, fest umklammert, als wenn eine Gotteit sie zu
freundschaftlichen Bäumen einwurzeln liess! Keins sprach, keins bewegte sich. Ein
Mühlbursch, der an der Tür lehnte und die stumme Umarmung mit ansah, glaubte
sich aus Pflicht verbunden, die alte Dame zu wecken, zupfte sie am Ärmel und
zeigte, als sie schnarchend auffuhr, mit dem Finger nach dem umarmten Paare. Die
Alte ergriff den Spazierstock, der neben ihr lag, wackelte mit schlaftrunkner
Eilfertigkeit hin und riss an Ulriken mit solcher Gewalt, dass sie beiden die
Erschütterung eines elektrischen Schlages mitteilte: ihre Stärke reichte nicht
zu, sie zu trennen, sondern sie musste den Mühlburschen zu Hülfe rufen. Durch
Vermittelung seiner nervichten Hände brachte er sie auseinander, fasste, auf
Befehl der Alten, die Baronesse in seine bestaubten Arme und trug sie in die
Mühle, ohne der häufigen Hiebe zu achten, die ihm Ulrikens Unwille mit der Faust
auf die breite Nase versetzte. Heinrich fiel ihm ohne Anstand in den Rücken und
schlug auf ihn los, dass eine dicke Mehlwolke aus der grauen Jacke herausfuhr:
alles umsonst! der Bursche liess seine Beute nicht fahren. Heinrich, in seinem
Zorne, gerade auf die alte Dame los! doch wie er sich nach ihr wandte, hielt sie
hinter seinem Rücken ihren Rückzug in die Mühle - schnapp! war die Tür
verschlossen.
    Was zu tun? Den sämtlichen Mühltruppen zu widerstehn, fühlte er sich zu
schwach: auch schien ihm Gewalt überhaupt zu nichts nütze. Kurz bedacht,
entschloss er sich voranzugehn, um den Weg zu gewinnen und dann in einer kleinen
Entfernung hinter Ulriken in die Stadt zu schleichen und so ihre Wohnung zu
erfahren. »Wenn ich nur diese weiss«, sagte er sich, »dann sollen mich Millionen
Mühlbursche und Tanten und Vettern nicht abhalten!« - Er setzte sich in den
Marsch und wanderte mit so behenden Schritten, dass er sich kein einziges Mal
umsah, ob ihm Ulrike folgte. Erst in einer kleinen Entfernung vom Schlage sah er
eine Kutsche hinter ihm dreinwackeln, die er für dieselbe erkannte, welche nicht
weit von dem Schauplatze seiner Wiedererkennung hielt: er erblickte die
Baronesse darin, verdriesslich in einen Winkel gedrückt; und nun wanderte er
mutig hinterdrein. Sobald der Kutscher auf dem Pflaster war, schlug er die
Pferde an, sie trabten dahin, um eine Ecke hinum - weg war die Kutsche! und
erschien auch nicht wieder: wie wehe das tat!
    Seine Bekanntschaft mit Betteljungen hatte sich seit seiner Ankunft in
Dresden nicht verringert! sie passten ihm in der Nachbarschaft auf, um ihm ihr
Anliegen zu entdecken, wenn er ausging oder nach Hause kam, und genossen auf
diese Weise den grössten Teil seines Taschengeldes. Einer von diesen Pensionären
fand sich auch itzo bei ihm ein, als er, voll wichtiger Überlegungen, die Gasse
heraufkam, und bat um eine kleine Gabe zur Abendmahlzeit. Der Bursch erregte bei
seinem Wohltäter eine Idee, dass er ihm zu folgen befahl: als sie im Hause
anlangten, beschrieb ihm Heinrich die Equipage, mit welcher er Ulriken hatte
fahren sehn, umständlich und fragte, ob er sie nicht kennte. - »O ich kenne alle
Kutschen und Mistwagen in der ganzen Stadt«, fing der Junge an, »aber die
Equipage kenn ich nicht.« - »Nicht?« fragte Heinrich erschrocken. - »Halt!« hub
der Junge von neuem an und verbesserte Heinrichs Beschreibung in vielen
Umständen, »war sie nicht so?« - »Völlig so!« rief Heinrich entzückt. - »Ach,
die kenn ich genau!« war die Antwort, »ich bin so manch liebes Mal in meinem
Leben mit ihr gefahren, wenn kein Bedienter hintenaufstund. Sie gehört einer
alten Schnattergans; Gott und ihr Vater werden's wissen, wie sie heisst: es fährt
immer ein kleines lustiges Ding mit ihr, wir Jungen nennen sie nur das
Baronesschen -«
    Heinrich fiel ihm um den Hals. - »Die kennst du?« redete er in ihn hinein.
    »Ach, das ist meine Herzensfreundin«, sprach der Bursch. »Ihre Fenster gehen
in ein kleines Gässchen: nun lassen Sie sich einmal sagen! Da treten wir hin und
singen ein Liedchen - etwa Mein Schätzel ist ein gutes Kind oder so was, und da
wirft sie uns Geld herunter, und da nehmen wir's und machen recht tiefe
Bücklinge: da will sie sich zum Narren lachen.«
    Heinrich. Liebster, bester Freund! kannst du ihr nicht einen Brief heimlich
zustecken?
    Der Junge. Oh, sechse für einen! das alte Gespenst, bei der sie wohnt, passt
zwar auf wie ein Flurschütze. Man darf ihr nicht einen Schritt zu nahe kommen,
so flucht sie wie ein Teufel. Sie reisst das arme Nüsschen herum wie einen
Wischlappen -
    »Das hässliche Weib!« rief Heinrich und knirschte.
    »Aber lassen Sie sich nur sagen!« fuhr jener fort, »ich will den alten
Bootsknecht schon anführen: ich schleiche mich zur Tür des Baronesschen und
bitte, und wenn sie mir etwas gibt, schenk ich ihr mein Briefchen heimlich
dafür. Unsereins versteht das schon.« -
    Er wurde morgen früh auf den nämlichen Platz bestellt, wo die heutige
Unterredung gehalten worden war, die sich mit Versprechung eines ansehnlichen
Trinkgeldes endigte, und der glückliche Heinrich ging stolz die Treppe hinan: er
wandelte in den Lüften, und sein Scheitel berührte vor Übermut die Sterne.
    Die Doktorin empfing ihn mit ihren gewöhnlichen überhäuften Fragen und bekam
nichts als lakonische Antworten: sein Glück schwellte ihn auf: das ganze
alltägliche Leben um ihn her, alles, wovon und was man mit ihm sprach, war tief
unter der Stimmung seiner Seele: er dünkte sich ein Gott, für welchen sterbliche
Beschäftigungen und Reden des gewöhnlichen Gesprächs zu gering waren. Mit so
erhöhtem Fluge der Gedanken und Empfindungen, als wenn er im Äter selbst
schwebte, setzte er sich an den Tisch, um seinen Brief zu schreiben: seine
Aufseherin, die nicht wusste, was er schrieb, lobte ihn mit vollem Halse über
seinen Fleiss, dass er sich sogleich zur Arbeit kehrte und das Versäumte wieder
einzubringen suchte. Wie ihm das Lob widrig schmeckte! Er hätte ihr vor Zorn an
den Kopf fliegen mögen. Wen muss ein solcher Beifall über so nichtswerte Dinge
wie Aktenschreiben nicht beleidigen, wenn man so überglücklich, so erhaben über
sich selbst ist, als er sich in dem Augenblicke fühlte?
    Er schrieb in sehr langer Zeit ein sehr kleines Billett; denn bei jedem
Worte flogen seine Gedanken mit ihm davon, schweiften unter Projekten zu öftern
Zusammenkünften, zu Entfliehungen und andern Mitteln, das Glück des
Wiederfindens so gut als möglich zu nützen und sich Ulrikens Besitz zu
versichern, herum, und über den unendlichen Gedankenwanderungen verschrieb er
sich so vielfältig, dass kein Menschenverstand in dem Geschriebenen war, wenn er
es durchlas: immer deuchte ihm, dass er noch etwas zu sagen hätte und nun noch
etwas - er sann nach, und dort lief sein Kopf mit ihm davon! Er schloss - aber
beim Jupiter! gerade das Wichtigste vergessen! Sonach bekam sein Brief sechs
Schlüsse, und durch das öftre Wegwerfen der völlig unverständlichen Exemplare
hatte er das Abendessen versäumt und Mitternacht herangebracht; und doch
entielt das Billettchen nichts als eine Nachricht von seiner Wohnung und eine
Bitte, den Briefwechsel durch den Überbringer fortzusetzen und ihm bald zu einer
Zusammenkunft zu verhelfen. Hier ist es, nach seiner Handschrift genau
abgeschrieben.
Liebe Ulrike,
liebste Ulrike, allerliebste Ulrike!
    Ich bin ausser mir. Schreibe mir heute noch. Ich weiss mich nicht vor
übermenschlichem Glücke zu fassen. Ich bin bis in den Tod und in alle Ewigkeit
                                 Dein aufrichtiger, ewig Dich zärtlich liebender
                                                                       Heinrich.
N.S. Schreibe mir ja durch den Überbringer. Ich bin entzückt, über Sterne und
Himmel bin ich tief, tief in die Seele entzückt, dass ich Dich wiederhabe. Der
Überbringer ist ein Betteljunge. Schreibe mir ja oft durch ihn, alles, wie Dir's
ergangen ist. Ich verbleibe lebenslang mit der grössten Zärtlichkeit und Liebe
und Freundschaft und Zärtlichkeit, ich kann Dir gar nicht schreiben, wie sehr
ich bin
                                       Dein getreuer unveränderlicher zärtlicher
                                                                       Heinrich.
N.S. Wenn ich Dich nur oft, recht oft, alle Tage, alle Stunden, alle Minuten
sehn könnte! Schreibe mir ja! Der Überbringer ist ein Bettler, der für ein
Almosen unsern Briefwechsel besorgen wird. Lebe wohl, tausendmal wohl. Ach, dass
ich nicht beständig bei Dir sein kann!
    P.S. Ich wohne bei dem Doktor Nikasius. Ach Ulrike, ich sterbe vor
Verlangen, wenn ich Dich nicht jeden Pulsschlag meines Lebens sehn kann. Glaube,
dass ich bis in die Gruft und noch in jenem Leben Dich lieben werde. Aber ich
kann Dich nicht genug lieben. Ich küsse Dich in Gedanken tausendmillionenmal und
möchte weinen, dass ich's nur in Gedanken tun muss. Ich verharre unausgesetzt
                                   Dein getreuer, fest an Deinem Herze hängender
                                                                       Heinrich.
N.S. Du wohnst in der Hölle bei einem Satan. Der Überbringer hat mir erzählt,
dass Du bei einer Tante wohnst, die beständig flucht. Deine vermaledeite Tante
geht mit Dir um, dass es mich jammert. O wenn ich dem zähnebleckenden Ungeheuer
den Kopf spalten könnte! spalten!!!!! Es ist mir so weh ums Herze, dass ich Dir
so nahe sein muss und nicht Ich verbleibe
                                                  Dein betrübter, tief gebeugter
                              zärtlichstinnigstbrünstigstsehnlichstschmachtender
                                                                       Heinrich.
Postscript. Wenn ich Dich nur einmal, nur ein allereinziges Mal sprechen könnte!
Ich bin so melancholisch geworden, dass ich Blut weinen möchte.
    Ich bin mit aller Hochachtung
                                                          Ihr gehorsamer Diener,
                                                            Heinr. Ch. Herrmann.
Den letzten Schluss schrieb er halb im Schlafe, und die Höflichkeit trat an die
Stelle der Liebe. - Die unselige Liebe! was für schlechte Stilisten sie macht!
    Nach langer, quälender Sehnsucht, die ihn jede fünf Minuten an das Fenster
riss, erschien der Bote am Ende der Gasse! er lief die Treppe hinunter und nahm
ihm folgenden Brief im Hause ab.
                                                                 den 12. Junius.
Wie sehr ich mich gestern über unser plötzliches Wiederfinden gefreut habe, das
weiss mein Herz und Dein eignes. Nach einer so langen, ewigen Trennung ist die
Freude so voll, dass man von sich selbst nichts weiss. Aber lieber, lieber
Heinrich! die Trennung ist noch nicht aus. Der Onkel hat der Oberstin, bei der
ich itzo im Gefängnis sitze, auf das Leben anbefohlen, mich keine Minute aus den
Augen zu lassen; und sie kömmt dem Befehle so getreulich nach, dass sie mich
lieber am Halse herumtrüge, wenn's sein könnte. Auf dem Spaziergange darf ich
nur den Kopf zurückwenden, um zu sehn, wer hinter uns geht, oder auf die Seite
kehren, um jemanden an einem Fenster zu beschauen, gleich geht das Unglück los.
»Sapperment!« schreit sie, »wo gakeln Sie einmal mit den verfluchten Augen
herum?« - Bald geh ich ihr zu langsam oder stehe wohl gar still, um etwas
anzusehn: »In des Teufels Namen!« fängt sie an; »so heben Sie doch die infamen
Knochen!« - Bald hab ich Langeweile und eile nach Hause. - »Dass Sie das
Donnerwetter erschlüge mit Ihrem höllischen Rennen!« - und dabei reisst und stösst
und wirft sie mich herum wie ihr Spaniol, wenn sie eine Prise nimmt. So eine
widerliche Frau kann gar nicht mehr auf der Erde sein: ihr Mund und ihre Brust
ist beständig mit gelbem Tabak überglasiert, und wenn sie mich mit den
schmutzigen Fingern angreift, geht mir's allemal durch Mark und Bein. Als ich
gestern, da wir bei der Mühle so übel angelassen wurden, nach Hause kam, hat sie
mir recht mitgespielt: schon in der Mühle fluchte sie auf mich, dass die Balken
zitterten; und zu Hause stiess und zerrte und warf sie mich so gewaltig herum,
dass der Abdruck von ihren grossen, gelben Tabaksfingern in Lebensgrösse auf meinem
weissen Kleide zurückgeblieben ist. Wir haben uns im Zimmer von einem Ende zum
anderen herumgejagt: ich wollte mich durchaus nicht von ihr anrühren lassen, und
sie kann doch nicht sechs Worte mit jemandem sprechen, besonders wenn sie böse
ist, ohne dass sie nicht die Leute bei dem Arme oder an der Brust anpackt. -
»Schmälen Sie, soviel Sie wollen!« rief ich immer und wehrte sie mit allen
Händen von mir ab. »Greifen Sie mich nur nicht an!« - Sie hüpfte immer wie ein
welscher Hahn mit aufgeschwollnem Kamme, und die Arme wie ein Paar Flügel
ausgebreitet, auf mich los. »Sapperment!« schrie sie, »du Zeteraas! du wirst
doch nicht die Pestilenz kriegen, wenn ich dich anrühre? Ich will dir die
verfluchten Knochen zusammendrücken«: - und, Heinrich! nun packte sie zu! wie
ein Häscher packte sie zu und schüttelte mich, dass ich dachte, ich sollte das
Fieber kriegen.
    Sie muss dem Onkel alle Wochen einmal schreiben, wie ich mich aufführe; und
sie hat heute schon den ganzen Vormittag geschmiert: Du kannst Dir leicht
vorstellen, wovon. Nun werde ich ein saubres Briefchen vom Onkel über unsern
gestrigen Vorfall erhalten. Schadet nichts! Ich bin des Ausschmälens so gewohnt
wie des täglichen Brots. Ich singe, springe, hüpfe und bin lustig, sobald mir
nur die Tante Sapperment vom Leibe ist: das wehrt sie mir auch nicht; denn wenn
sie den Wurn kriegt, so geht's mit ihr selber über Tisch und Stühle weg. Wenn
Fräulein Pimpelchen - den Namen hat ihr meine Tabakstante gegeben; denn das tut
sie allen Leuten - und Fräulein Ripelchen und Mamsell Zieräffchen zu uns kommen,
dann geht's buntüber: da wird geschrien und gelärmt, dass die Nachbarn neulich
dachten, es wäre Feuer im Hause, und mannigmal ist der Staub so arg, dass wir
einander an die Köpfe rennen und in die Augen greifen und nicht wissen, wo wir
sind.
    Zuweilen tut mir aber doch mitten in dem lustigen Leben mein Herz recht weh,
wenn mir's einfällt, dass ich meiner Tante, der Gräfin, so viele Unruhe
verursache. Du weisst gar nicht, wie der Graf mit ihr umgeht, seitdem Du weg
bist: sonst war er doch höflich: aber jetzt ist das alles aus. Er brummt den
ganzen Tag: nichts kann sie ihm recht machen; und wenn sie vor ihm auf die Füsse
fiele, so fährt er sie doch an wie eine Viehmagd: ein paarmal trieb er's so arg,
dass ich mich des Weinens nicht entalten konnte; und dann ging ich mit der
Gräfin in ihr Zimmer: eine Träne jagte immer die andre bei ihr: sie rang die
Hände; sie konnte kein Wort reden: das schmerzte mich so tief in der Seele, dass
ich zu dem Grafen unangemeldet ins Zimmer lief und ihm zu Füssen fiel und bat, er
möchte meiner Tante nicht so übel begegnen. Kannst Du Dir einbilden, Heinrich? -
Der Onkel war wirklich recht bestürzt und räusperte sich so kurzatmicht, wie er
immer tut, wenn er sich nicht recht zu helfen weiss; er hub mich auf und drückte
mir die Hand so ängstlich, als wenn's ihm von Herzen leid täte: da trat der
krummbeinichte Jakob ins Zimmer: gleich liess mich der Graf fahren und sagte mir
mit gebieterischem Tone: »Geh in dein Zimmer! Wenn du in Zukunft etwas mit mir
zu sprechen hast, so weisst du, wo du dich vorher melden musst. Führe sie fort!«
sprach er zu seinem Jakob. Der Bube fletschte die Zähne und freute sich recht
innig, dass ich so übel ankam: er fasste mich bei dem Arme, aber ich gab ihm einen
so empfindlichen Nasenstüber, dass er mich fahren liess und hell wie eine Trompete
in seine beiden Tatzen hinein nieste.
    Ich kann mir's gar nicht aus den Gedanken bringen, ob wir vielleicht an
allem dem Unglücke schuld sein möchten: denn seitdem wir im Kabinette ertappt
worden sind, hat es angefangen und nicht wieder aufgehört bis zu meiner Abreise
nach Dresden. Die Gräfin hat uns ein paarmal verteidigt -
    Ach! da hör ich unsern Boten betteln. Lass ihn morgen nachmittag
wiederkommen. Lebe wohl.
                                                                         Ulrike.
Den folgenden Morgen kam wirklich ein zweiter Brief an, der die Fortsetzung
ihrer abgebrochnen Erzählung entielt.
                                                                    den 13. Jun.
Allerliebster Heinrich!
    Tante Sapperment buchstabiert heute noch an ihrem Briefe: sie schreibt wie
Onkels Reitknecht, den wir einmal behorchten, da er auf dem Futterkasten an
seine Braut schrieb. »H-o-ch Hoch« - so buchstabiert sie laut vor sich, und wenn
sie einmal drei Worte zusammengestoppelt hat, so liest sie sich's laut vor, um
zu sehn, ob Verstand darin ist; und dann ruft sie mich hundertmal und fragt
mich: »Wie schreibt man denn das Wort? wie denn das?« - Sag ich ihr, wie ich
glaube, dass es sein muss, so ist's ihr niemals recht. - »Sapperment! das ist ja
falsch; das klingt ja nicht!« - da streitet, da zankt und flucht sie! und wenn
ich ihr recht gebe, um nicht zu streiten, so sappermentiert sie wieder, dass ich
ihr nicht helfen will. Mir ist es nunmehr desto lieber, je länger sie über ihren
Briefen zubringen muss: unterdessen kann ich ungestört an Dich schreiben; und zu
meinem noch grössern Vergnügen glaubt sie itzo sogar, dass ich nicht richtig
buchstabieren kann, und fragt mich deswegen sehr selten um Rat, nur wenn der
Bediente nicht zu Hause ist, der ihr besser zu raten weissweil es bei ihm allemal
klingt, wenn er vorbuchstabiert, sagt sie. Du müsstest Dich zu Tode lachen, wenn
Du einmal zuhorchtest, was für Zeug die beiden Leute zusammenbuchstabieren; und
mitunter wird dann auf beiden Seiten ein gutes Stückchen geflucht. Der Bediente
ist einmal Packknecht gewesen und spricht mit allen Leuten, als wenn's seine
Pferde wären. Wenn er der Tante zuweilen zwei N oder M vorgesagt hat, so ist sie
imstande, ein ganzes halbes Dutzend in einem Zuge hinzuschmieren: - »Oh!«
schreit der Bediente wie zu einem Pferde, das stillstehn soll. - »Dass dich der
Donner und das Wetter!« fährt die Tante grimmig auf und wischt die überflüssigen
M mit der Zunge weg, »die verfluchten M laufen einem aus der Feder heraus, als
wenn sie der Satan herausjagte. Nun hab ich gar die Wetteräser alle
ausgewischt.« - »Ah! Ah!« spricht der Packknecht, »was blecken Sie denn die
Zunge so lang heraus wie ein Kehrbesen?« - Dann fliesst die Tinte auf dem nassen
Papier zusammen: wieder ein Donnerwetter auf das Rackerpapier! dann wird
ausgestrichen: daraus entsteht eine Donner-Blitz-Hagelssau. - »Da! Hans Pump!«
ruft Tantchen dem Bedienten, »das verfluchte Schwein ist für mich zu gross«; und
so schluckt es Hans Pump wie eine Auster mit Haut und Haar vom Papier weg.
    Da haben wir's! da bettelt unser Briefträger schon. Schick ihn erst
übermorgen und etwas später! Viel tausend Küsse von
                                                                  Deiner Ulrike.
Der Termin war etwas weit hinausgeschoben; und den zweiten Tag darauf erst in
der Dämmerung erschien der versprochne Brief: er war sehr eilfertig und
unleserlich geschrieben.
                                                                    den 15. Jun.
Lieber, lieber Heinrich!
    Tante Sapperment ist zum Besuch: ich will Dir hurtig erzählen, was ich
letztin vergessen habe. Ich sagte Dir, dass es der Tante Gräfin jetzt so übel
geht, weil sie uns hat verteidigen wollen. Sie glaubt es nicht, dass wir die
Absicht hatten, davonzugehn: aber der Graf lässt sich's nicht ausreden. Ich
klagte Schwingern mein Herzeleid, dass ich glaubte, die Tante müsste um
meinetwillen so viel ausstehn: allein er tröstete mich und versicherte, dass der
Graf durch den schändlichen Jakob und seinen Vater wider sie aufgebracht wäre.
Die abscheulichen Kreaturen können's nicht leiden, dass sie den Grafen zuweilen
zu etwas bewegt, was ihnen nicht lieb ist: er soll durchaus nichts tun, was sie
nicht angegeben haben. Er fürchtet sich auch vor ihnen wie unser Spitz vor der
Tante Sapperment. Ich wäre noch lange nicht nach Dresden geschickt worden, wenn
die beiden Schurken nicht so getrieben hätten: aber für diese Schurkerei bin ich
ihnen herzlich verbunden. Ich rate auch noch eine andre Ursache, warum der Graf
itzo noch so griesgramicht ist: eh' ich fortreiste, speisten fast alle Tage
Advokaten, fremde Kaufleute und Bankiers bei uns: das geschah auch bei meinem
Papa kurz vor seinem Tode; und wenn ich die Mama fragte, was die Leute alle
wollten, so antwortete sie mir: »Wir müssen sie füttern, damit sie uns das Brot
nicht nehmen.« - Ja, sie kehrten sich viel daran; denn da der Papa tot war,
liessen sie uns nichts zu beissen noch zu brechen. - Ich gebe dem Briefe vier,
fünf, sechs Küsse für Dich; nimm sie ihm ab!
                                                                   Deine Ulrike.
 
                                  Fünfter Teil
                                  Erstes Kapitel
Herrmann gab jedesmal seinem Boten, wenn er ihn aussandte, einen Brief an Ulrike
mit, worinne er ihr seine bisherigen Schicksale seit der Abreise aus seinem
Vaterstädtchen pünktlich und umständlich erzählte, und war deswegen den ganzen
Tag unaufhörlich mit Schreiben beschäftigt, ohne einen Schritt aus dem Hause zu
tun. Die Frau Doktorin floss von Lobsprüchen über und weissagte ihm mit der
äussersten Zuversichtlichkeit, dass er in kurzem ein grosser Mann sein werde, weil
er so fleissig an ihres Mannes Akten schriebe. Kaum dass er auf ihre
Lobeserhebungen und Verheissungen hörte! Kaltblütig nahm er sie an, und der
Doktor, der wohl wusste, dass er wenig oder nichts für ihn arbeitete, liess seine
Frau aus Gutmütigkeit und Liebe für seinen Schreiber in ihrem Wahne.
    Nach dem letzten, eilfertig geschriebenen Briefe stockte die Korrespondenz:
der Bote ging zwar den zweiten Tag nach dem Empfange desselben mit einem grossen
Schreiben von Heinrichen zur Baronesse, allein er brachte es wieder zurück mit
der Nachricht, dass ihn die Köchin abgewiesen habe. - War das Geheimnis verraten?
Hatte man die Baronesse von Dresden weggebracht? Wollte man sie verheiraten?
Wollte man sie einsperren? - Alles gleich wahrscheinlich für den argwöhnischen
Verliebten! Dahinter musste er kommen, kostete es auch noch soviel. Sein Postbote
wurde befehligt, gegen Erlegung eines baren Gulden die Gasse, wo die Baronesse
wohnte, unablässig durchzupatroullieren, in der Nachbarschaft und im Hause, doch
mit Vorsichtigkeit, nach ihr zu fragen und bei der ersten gewissen Nachricht
sogleich getreuen Bericht zu erstatten. Herrmann setzte sich ebenfalls in
Bewegung, auch durch sich selbst Gewissheit zu bekommen.
    Neun Tage lang erfuhr er nichts, als dass Ulrike weder verreist noch
eingesperrt, noch weggebracht sei, sondern sich wirklich in Dresden befinde und
alle Tage mit ihrer Tante ausfahre: er sah auch einigemal die Kutsche, allein
seit der Begebenheit bei der Mühle fuhr die Oberstin nicht anders als mit
zugemachten Fenstern, stieg bei einer Spazierfahrt nie aus, wenn es nicht in
einem Garten oder andern verschlossnen Orte war, und erlaubte Ulriken nicht,
einen Blick aus dem Wagen zu tun: sobald sie nur Miene machte, sich nach dem
Fenster zu neigen, so wurde sie mit einem Donnerwetter oder Sapperment wieder in
die Ecke gedrückt. Das waren neun Tage, in Höllenpein zugebracht!
    Erst am zehnten langte ein Brief an, den sie, mit Blei beschwert, dem Kurier
zum Fenster herabgeworfen hatte. Er wurde nicht gelesen, sondern verschlungen.
    
    
                                                                 den 24. Junius.
Ich schreibe Dir diesen Brief, liebster Heinrich, mit höchst betrübtem Herze, so
voll Beklemmung, dass sie mir den Atem nimmt. Was ich befürchtete, ist geschehn:
die Oberstin hat der Tante Gräfin den ganzen Vorfall bei der Mühle haarklein
geschrieben, und ich habe gestern einen Brief von ihr bekommen, der mir am Herze
nagt. Sie bittet mich um Gottes willen, ich soll mir Gewalt antun und meine
Liebe gegen Dich aufgeben. Sie hätte, schreibt sie, aus zu guter Meinung von
meinem Verstande keine von allen Beschuldigungen und verdächtigen Anzeigen wider
mich geglaubt und sehr oft durch meine Verteidigung des Onkels Unwillen auf sich
geladen: Aber nunmehr, setzt sie hinzu, hat mich das Geständnis, das Du Deiner
Tante mit der äussersten Frechheit in der Mühle tatest, aus meinem Irrtum
gerissen: ich sehe, dass Du nicht bloss unvorsichtig, sondern verführt bist und
Deine Verführung liebst, Dir vielleicht gar etwas darauf zugute tust. Besinne
Dich, Ulrike: bedenke, wer Du bist, wer Dein Onkel und Deine übrigen Verwandten
sind! Und dann überlege, ob Du es verantworten kannst, uns allen eine solche
Schande zu machen! Weise den liederlichen Buben - Heinrich! das Blut möchte mir
aus den Adern sprützen, indem ich's hinschreibe: den liederlichen Buben! wenn's
nicht meine Tante wäre, ich wollte ihr eine verzweifelte Antwort auf den
liederlichen Buben geben. - Weise den liederlichen Buben von Dir! Meide, fliehe
den Erzbösewicht, der uns unsere Wohltaten durch Bubenstreiche vergelten will!
Alles Gute, was ich ihm erzeigt habe, muss sein Verderben werden: mein eignes
Verderben muss ich mir zur Strafe wünschen, dass ich mich von unseliger
Schwachheit verleiten liess, den Schänder unsers Hauses selbst zu erziehen. Noch
weiss der Graf nichts von der öffentlichen Beschimpfung, die Dir der verhasste
Bube in Gegenwart Deiner Tante angetan, die Du mit Wohlgefallen ertragen hast
und sogar zu verteidigen Dich erdreistest. Wenn Dich der falsche, versteckte
Bösewicht wirklich eingenommen hat und es Dir Mühe kostet, ihn zu verachten, wie
er's verdient, so will ich Dir die Überwindung erleichtern. Ich bemühe mich jetzt
um eine Stelle in einem Fräuleinstift für Dich, wo Du zeitlebens versorgt bist,
wenn sich keine anständige Partie für Dich findet; ich tue es heimlich, ohne
Vorwissen des Grafen, wenigstens verhehle ich ihm sehr sorgfältig meinen
Bewegungsgrund: allein kömmt es zustande, welches ich bald hoffe, weil auf
Michael ein Platz ledig wird, so bin ich doch seiner Einwilligung gewiss, zumal
da uns viele Ursachen nötigen, unsern Aufwand einzuschränken. Erkenne meine
Gnade, Ulrike! Setze Deinen Stand und unser Haus nicht aus den Augen, da Du
Deiner Versorgung so nahe bist, und führe Dich in der Zwischenzeit, bis Du dazu
gelangst, mit aller Achtung für Dich selbst auf! Ich bitte Dich um Gottes
willen, Ulrike! tue Deinem Herze Gewalt an und wirf Dich nicht weg! Verbittre
mir nicht den kleinen Rest von Ruhe, den mir der Graf und seine Ohrenbläser
täglich mehr rauben! Erfahre ich nur das mindeste von einem fernen oder gar
geheimen Verständnisse zwischen Dir und dem niederträchtigen Landläufer, so muss
ich selbst an Deinem Unglücke bei dem Grafen arbeiten: ich muss ihm alles
entdecken, und es wird ihm nicht viel Mühe machen, eine exemplarische Strafe für
Heinrichs Verwegenheit auszuwirken. Wie es Dir ergehen würde, das kannst Du Dir
leicht vorstellen: wie wehe wollte mir's tun, eine mir so liebe Blume, die ich
selbst begossen und gepflegt habe, mit meinen eignen Händen zu zerknicken! Rührt
Dich dieser Schmerz nicht, dann möchte ich Dich nie gekannt haben und Dich
hassen können. -
    Was sagst Du zu dem Briefe, Heinrich! Muss sich das Herz nicht umwenden, wenn
man so etwas liest? - Ich zitterte, als ich ihn las, die Betrübnis wollte mich
ersticken, und aus Liebe für die Gräfin ward ich durch ihre Bitte so bewegt, dass
ich im ersten Augenblicke willens war, ihr zu gehorchen. Aber, Heinrich, es ist
mir unmöglich, ihr zu gehorchen: ich kann mich nicht von Dir losmachen: sooft
ich's wünsche, ist mir immer, als wenn Du bei mir stündest, mir um den Hals
fielst und riefst: »Um Gottes willen, Ulrike! gehorche nicht!« - Nein, Heinrich!
ich kann nicht gehorchen - Gott ist mein Zeuge! ich kann nicht gehorchen! Du
bist mir so allgegenwärtig, so mein einziger Gedanke, wohnst so ganz in mir, als
wenn Du meine Seele wärst. Ich denke immer: Könntest du dich denn nicht zwingen?
könnte denn Heinrich nicht lieber eine von seinem Stande -, kaum dass ich's
soweit denke, so geht schon das ganze Zimmer mit mir herum; es wird mir
bänglich, so ängstlich, als wenn mir's das Herz abstossen wollte; ich laufe vor
Wehmut und Bangigkeit aus einem Winkel in den andern: die vier Wände sind mir so
enge, als wenn sie über meinem Kopfe sich zusammensenkten, dass ich zum Fenster
hinunterspringen möchte. Nein, Heinrich! ich schwöre Dir's bei Himmel und Erde!
ich kann nicht gehorchen! ich muss Dich lieben! Du musst mein werden, und wenn die
Verdammnis mein Lohn würde.
    Ich habe hier, indem ich dies bei der Nachtlampe schreibe, die Hand auf die
Brust gelegt, den Schwur laut getan und Gott zum Zeugen angerufen: ich will ihn
halten. Es ist mir ein grosser Fels vom Herze gewälzt, dass ich ihn getan habe: es
war, als ich ihn tun wollte, bei dem blassen Schimmer der Lampe, völlig, als
wenn die Tante Gräfin in ihrem weissen Atlaskleide zum Kabinett hereinrauschte
und mir den Mund zuhalten wollte: es lief mir ein rechter Totenschauer über den
Rücken; und wie ich schwur, fiel die zurückgeschlagene Bettgardine - vermutlich
weil ich mit dem Ellenbogen daran stiess - über mich herab: ich denke, die Tante
fällt über mich her, so erschrak ich: aber ich ermannte mich: ich vollendete den
Schwur mit Zittern, und kaum hatte ich das letzte Wort gesprochen, so ward mir's
wie Tageslicht vor den Augen, und Mut und Entschlossenheit belebten mich so
plötzlich, als wenn sie mir in alle Adern gegossen würden.
    Ich bin entschlossen, fest entschlossen, der Versorgung in einem Stifte zu
entgehen. Eine Versorgung zeitlebens! - Ja, daran liegt mir viel! Die Leute
denken, wenn man Essen und Trinken hat, dann ist man versorgt: hat man denn
nicht auch ein Herz? Meins ist versorgt: ich bedarf gar keine Versorgung weiter.
Was bekümmert mich das bisschen elender Kleiderputz, kostbare Tafel, Equipagen
und Bedienten? Nehm es, wer's mag! Ich war in dem gestreiften Raschrocke, als
wir den Abend vor Deiner Abreise im Kabinette beisammensassen, so glücklich und
tausendmal glücklicher, als ich niemals in dem schönsten Steifrocke bei dem
herrlichsten Feste gewesen bin. Wenn mich nun aller der langweilige Plunder
nicht rührt? Wenn ich nun keine Versorgung zeitlebens haben will? - Ich begreife
gar nicht, wo die Leute hindenken! Ich muss doch wohl am besten wissen, wie ich
versorgt sein will: ich bin's ja, ich bin's ja! und wenn Du nur einen Platz mit
hundert, mit funzig Talern Einnahme bekömmst, so bin ich versorgt! Zeitlebens
nach Wunsch und Verlangen versorgt! Aber das kann niemand begreifen: man möchte
sich zu Tode ärgern.
    In ein Fräuleinstift! - Es fährt mir eiskalt durch alle Glieder, wenn mir
das Fräuleinstift einfällt. So ein Stift stelle ich mir wie ein grosses,
winklichtes, finsteres, steinernes Haus vor, mit dicken, dicken Mauern, kleinen
Fensterchen mit runden rotberäucherten Scheibchen wie ein Achtgroschenstück,
grosse eiserne Stäbe davor, dass man das ganze Jahr Licht in den dämmrigen Zellen
brennen muss, weil der Tag durch das viele breite Blei nicht dringen kann - ein
dumpfes, hochgewölbtes, graushaft stilles Kloster mit langen schallenden Gängen,
schmalen finstern Treppen und spitzrunden Türen, mitten unter öden zackichten
Felsen, dass man nicht durch die Fensterstäbe hindurchschielen kann, ohne zu
fürchten, es möchte ein Stück losstürzen -, in einem meilenlangen fürchterlichen
Tannenwalde; und so ein Gefängnis nennen die Leute eine Versorgung! Ja freilich!
der Dieb hat auch eine Versorgung, der bei Wasser und Brot im finstern Turme
sitzt. Lieber will ich mit Dir hinter den Zäunen schlafen, in den Dörfern
betteln oder Ställe misten und Kühe hüten, als in so ein Stift gehn. Es bleibt
bei unserer Verabredung unter dem Baume, da ich Dir meinen goldnen Ring an den
Finger steckte.
                                                                 den 25. Junius.
Hier löschte mir diese Nacht die Lampe aus: ich musste abbrechen, und heute früh
konnte ich vor grossem Vergnügen nicht wieder ans Schreiben kommen. Die Tante
Gräfin hat der Tante Sapperment einen Teil ihres Schmuckes geschickt, damit sie
ihn hier verkauft, und Onkels Sekretär, der ihn mitgebracht hat, soll ihn
verkaufen helfen. Die Tante will einen Berliner Bankier heimlich davon bezahlen,
doch ohne dass es der Graf weiss: wenn's nicht geschieht, so will der Bankierden
Onkel verklagen; und dann wachen alle andere auf, denen er schuldig ist, sagte
der Sekretär, und um sie alle zu bezahlen, reicht seine Herrschaft sechsfach
nicht zu. Die Oberstin hat also heute den ganzen Vormittag nichts als Juden bei
sich gehabt: es war eine Hauptlust, wie sie unter den Mauscheln herumfluchte und
schimpfte, weil sie ihr nicht genug geben wollten; denn die Gräfin verlangt
dreissigtausend Taler. Mit dem einen Juden kriegte sie gar Zank, dass ihn ihr Hans
Pump zum Hause hinauswerfen sollte. Sie kann mit niemanden reden, ohne ihn
anzugreifen: den Damen dreht sie die Brustschleifen entzwei und den Herren die
Knöpfe ab oder reisst ihnen mit den Nägeln Löcher in die Busenstreifen. Sie
sprach also mit dem Juden am Fenster, das offenstand, und während des eifrigen
Redens und Handelns drehte sie ihm einen Knopf nach dem andern ab und warf ihn
zum Fenster hinaus. Der Jude gab nicht darauf acht, und fünfe lagen schon auf
der Gasse; ich konnte das Lachen kaum verbergen, so belustigte mich's, als ich
zusah. - Indem sie an dem sechsten Knopfe hantiert, wird sie böse, weil der Jude
schlechterdings nicht soviel geben will, als sie verlangt, und reisst ihm aus
Grimm den Knopf mit so vieler Gewalt ab, dass der Mauschel nach ihr hintorkelt.
»Mein«, ruft der Jude, »wo sind meine Knöpfe?« und sieht sich in der Stube um. -
»Du Schelm hast keine mitgebracht!« antwortete die Tante. - »Mein, habe Knöpfe
gehabt, so viel als Löcher! Da hat sie ja Ihre Gnaden in der Hand.« - »Da, du
Fratzengesicht!« - und so warf sie ihm den sechsten Knopf in die Augen. - »Aber
die andern! die andern! habe so viel Knöpfe gehabt als Löcher, so wahr ich leb!
Sie werden doch nich von meinem Kleid weg nach Haus spaziert sein!« - »Du
beschnittner Sappermenter! denkst du, ich habe deine Knöpfe gestohlen?« fuhr die
Tante auf mit untergestemmten Armen. »Hans Pump! wirf mir den Eselskinnbacken
aus dem Hause!« Hans Pump trieb ihn aus dem Zimmer; und er schrie beständig die
ganze Treppe hinunter: »Meine Knöpfe! meine Knöpfe! habe Knöpfe mitgebracht, so
viel als Löcher!« - Als ich hernach ans Fenster kam, stund er auf der Gasse und
las sich seine Knöpfe zusammen. - Ich habe mir einen rauhen Hals gelacht über
den possierlichen Auftritt.
    Schicke übermorgen erst!
                                                                         Ulrike.
Herrmann war nicht so geneigt, sich über die possierliche Geschichte einen
rauhen Hals zu lachen: entweder fehlte ihm Ulrikens Leichtsinn und Biegsamkeit,
jeden hintereinanderfolgenden, noch so entgegengesetzten Eindruck anzunehmen und
gleich stark zu fühlen, oder die Liebe war zu sehr seine herrschende Empfindung,
um einer andern den Eingang zu verstatten, die nicht in der engsten
Vertraulichkeit mit ihr stund. Auch hatte ihn die lange ängstliche Ungewissheit
vor dem Empfange dieses Briefs und der wehmütige Anfang desselben in eine
Stimmung des Geistes versetzt, die nicht sehr wohl mit der Belustigung
harmonierte: nicht weniger schwer drückten die kränkenden Benennungen der Gräfin
auf seine ganze Empfindlichkeit: der Niederträchtigkeit, der Bosheit, der
Undankbarkeit sich beschuldigt zu sehn und so aufbringende Beschuldigungen weder
widerlegen, noch rächen zu können, welcher Schmerz für seinen Stolz! Er setzte
in der ersten Hitze einen Brief an die Gräfin auf, worinne er mit Härte und
Bitterkeit sich über ihre beleidigenden Ausdrücke beschwerte und ihr bei seinem
Gewissen beteuerte, dass er nie die Grösse ihrer Wohltaten, aber auch nie die
Grösse ihrer Beleidigung vergessen werde. Nie kann ich, schrieb er, nunmehr Ihren
Namen ohne Hass hören, wie ich nie an Ihre Güte ohne Dankbarkeit denken will. Ich
möchte, dass ich Ihnen alle diese traurige Wohltaten wiedergeben könnte, wenn sie
mir nur erwiesen wurden, um mir ungestraft das einzige zu nehmen, was weder Sie
noch irgendein Mensch auf dieser Erde mir zu geben vermögen - meine Ehre, meine
Rechtschaffenheit. -
    Sein angegriffner Stolz verblendete ihn so sehr, dass er nicht bedachte,
welche Verräterei er an Ulriken und sich selbst durch ihn beging: erst am
folgenden Morgen wurde sein Horizont wieder licht: er besann sich, dass die
Gräfin nichts von der geheimen Mitteilung ihres Briefs wissen dürfte, zerriss den
seinigen, ertrug mit stummem Schmerze die Kränkungen und betrachtete sich als
einen Märtyrer, der um seiner Geliebten willen litt. Diese Vorstellung gab
seinen Leiden einen so hohen Wert in seinen Augen, dass er sie verdoppelt
wünschte: es schmeichelte seinem Stolze, sich durch solche Widerwärtigkeiten ein
Verdienst um Ulriken zu erwerben: er wurde immer entschlossner, zur Vergrössrung
seines Verdienstes Schmach, Mangel, Kummer, Schmerz, Schimpf und Unehre
aufzufodern und mit ihnen um Ulriken zu kämpfen. Mut und Standhaftigkeit wuchsen
in ihm bis zur Begeisterung empor: er schrieb folgendes Billett.
Ulrike, wie Du in jener Nacht geschworen hast, so schwöre ich Dir jetzt
Entschlossenheit und Mut zu, und so gewiss Du mich lieben wirst, so gewiss will
ich Martern, Hungern, Blösse, Schmerz und Kränkung nicht achten, um einmal Dein
zu werden. Ich bin entschlossen, so entschlossen wie Du es sein kannst, unsrer
Verabredung unter dem Baume zu folgen: veranstalte eine mündliche Unterredung,
um uns über die Ausführung unsers Vorsatzes umständlicher zu besprechen. Vor
allen Dingen müssen wir für Geld sorgen, es komme, woher es wolle; und dann in
die Gefahren hinein! Eine ganze Welt voll Hindernisse sollen uns nicht
aufhalten: wir reissen uns durch, treten sie danieder oder sie uns. Lass Dich
weder durch Bitten noch Drohungen irre machen und fürchte Dich vor keinem
Stifte! Müsst ich meinen Kopf darüber verlieren, Du sollst nicht hinein. Halte
Dich zu allem gefasst und lebe wohl.
Das Blatt wurde zwar am bestimmten Termine eingehändigt, aber erst viele Tage
darauf erschien die Antwort der Baronesse.
 
                                                                    den 26. Jun.
Es geht gewiss nicht gut, Heinrich! O welche Übereilung, dass ich schwur. Der
Schwur frisst wie ein Wurm an der Seele. Sollten wir denn wirklich etwas
Strafbares begehn, dass wir uns lieben? Du kannst Dir nicht vorstellen, wie ich
mich ängstige und härme: es ist heute wieder so viel Lustiges bei uns
vorgefallen, dass man sich zu Tode lachen möchte: ja, wer lachen könnte. Es fährt
mir wohl ein Gelächter durch die Lippen, aber es ist so halbweinerlich, so
sauer, dass mir die Brust davon weh tut. Wenn ich nur nicht geschworen hätte! Ich
habe mich von Kindesbeinen an vor einem Schwure gefürchtet, und doch lass ich
mich übereilen! Wenn ich nun zu schwach wäre, meinen Schwur zu halten? Wenn ich
mich nun durch Bitten oder Drohungen bewegen liess, ihn zu brechen? Wenn Gefahr
oder Unglück, Elend oder Kummer zu gross, zu schwer für meine Schultern würden,
und ich erläg unter ihnen? Wenn mir's nun ganz unmöglich wäre, ihn zu erfüllen?
- Und doch hab ich auf meine Verdammnis geschworen! Bedenke, was das gesagt
heisst - auf meine Verdammnis! Und daran wärest Du schuld, wenn ich sie
verdiente: Du nur, wenn ich mich in ewige Qualen stürzte! Ich kann nirgends Ruhe
finden: die Angst treibt mich herum, als wenn ich Mord und Diebstahl begangen
hätte.
                                                                    den 27. Jun.
Ich musste gestern nachmittag hier abbrechen, weil mir vor Unruhe ganz
schwindlicht wurde. Heute geht mir's noch schlimmer. Ach Heinrich! der Schwur
bringt mich ins Grab! Sogar Schwinger hat an mich geschrieben und ermahnt mich,
von Dir abzulassen. Wenn ein so vernünftiger, guterziger Mann unsre Liebe für
sträflich hält, dann muss sie es sein: aber ich habe geschworen! Ich muss
sträflich handeln. Wenn ich nur Ruhe vor dem Gedanken fände!
    Reissen Sie, schreibt Schwinger, meinen armen, hülflosen Freund nicht ins
Verderben hin; und Sie tun es zuverlässig, wenn Sie seine Liebe unterhalten oder
gar noch anfachen. Die Reizbarkeit seines Alters folgt freilich Ihren Lockungen;
denn aus allen Nachrichten und Anzeigen muss ich schliessen, dass Sie zuerst mehr
für ihn empfanden, als Sie sollten, und dass Sie zuerst bei Ihrem itzigen
Wiedersehn seine schlafende Empfindlichkeit erregten. Wecken Sie keinen
schlummernden Löwen und keine Liebe in dem Herze eines Menschen auf, der nicht
für Ihre Hand geboren ist! beide zerfleischen ihn. Sie haben ihn schon vor der
Gräfin verhasst gemacht und aller künftigen Unterstützung beraubt, die ich durch
meinen Vorspruch für ihn auswirken konnte: es ist aus, ganz aus: er hat nicht
einen Pfennig mehr von ihr zu erwarten: ich darf gar keine Fürbitte mehr wagen.
Noch nicht genug! Der Hass Ihres Hauses verfolgt ihn; und wenn Sie die brausenden
Begierden seines Alters bis zur wirklichen Liebe aufwiegeln, dann kann ich
schwacher Freund nicht das mindeste tun, um eine Rache zu hindern, die der Onkel
bis zu seinem letzten Atemzuge für ihn aufheben wird. Und Sie, teuerste
Baronesse, Sie wollten Ihrem Lehrer für seine Liebe den Schmerz zum Lohn geben,
dass Sie ihm seinen Freund vor seinen Augen in eine Grube stiessen, wo er elend
verschmachten muss?
    Nein, Heinrich! Ich kann, ich darf, ich will Dich nicht lieben! Ich reisse
Dich ins Verderben, stosse Dich in eine Grube, wo Du verschmachten musst! Dich,
der mir lieber als die ganze Welt ist! den ich gern auf einen Tron, gern in den
Himmel auf meinen Händen tragen möchte! Lieber will ich meinen Schwur brechen
und verdammt sein als Dich ins Verderben hinabreissen. Ich will ins Stift, will
zeitlebens keinen Menschen sehn noch hören, noch sprechen, will mich einsperren,
bis ich mich zu Tode gräme und in die Verdammnis übergehe, die mein
schrecklicher Schwur verdient. -Diesmal geliebt und niemals wieder!
    Itzt bettelt der Junge an der Tür: aber ich kann Dir unmöglich den Brief
mitschicken: es ist der letzte, den ich Dir jemals schreibe, und ich habe noch
viel zu sagen.
                                                                    den 28. Jun.
Dein mutiges Billett habe ich nach dem Empfange zweimal gelesen, und wenn ich
nur ein paar Augenblicke allein bin, zieh ich's aus der Tasche, trete in einen
Winkel und lese. Es machte mir einen sehr zerstreuten, unmutigen Abend: die
Tante hat etwas ehrliches auf mich geflucht, dass ich nicht redete und niemals
antwortete, wenn sie mich fragte. Itzt ist die Angst überstanden: ich bin wieder
mutig und entschlossen - Heinrich! ich halte meinen Schwur. Schwinger stellt
sich alles zu gefährlich vor: er ist bei jeder Sache gar zu gewissenhaft, und
wer weiss, wie ihm die Tante Gräfin zugesetzt hat? Du weisst ja, wie leicht sie
beide eine Mücke zum Elefanten machen. Was kann Dir denn in fremden Ländern der
Hass des Onkels schaden? Können wir denn die Sache nicht so heimlich anfangen,
dass er niemals erfährt, wo wir sind? - Und zudem, wenn auch mein Ungehorsam und
meine Liebe gegen Dich sträflich ist, muss ja doch wohl diese Sträflichkeit
geringer sein, als wenn ich einen Schwur breche, auf welchem die Verdammnis
steht. - Nein, ich lasse mich nicht irre machen: ich bleibe fest an Dir und
Deinem Herze, und niemand soll mich davon losreissen, es sei König oder Kaiser.
Ich bin jetzt so mutig - o so mutig und herzhaft, dass ich die Minute mit Dir aus
Dresden gehn wollte, wenn Du bei mir wärst. Es ist, als wenn mein Herz
davonhüpfen wollte, so frisch schlägt mir's: es schwillt mir vor Begierde bis zu
den Lippen. - Topp, Heinrich! wir sehn uns bald.
    Du kleingläubiger Narr! was ist Dir denn um Geld leid? - Sieh doch her! hier
in meiner Kommode liegen 36 Dukaten - alles erspartes Taschengeld! Tante
Sapperment lässt mich nichts ausgeben, weil ich sparsam oder, wie sie es nennt,
haushältrisch werden soll. Sobald ich also mein Monatsgeld bekomme, wird Gold
eingewechselt, zierlich in türkisches Papier eingewickelt und wie ein toter Hund
in einem roten Schächtelchen in meiner Kommode begraben. Ich seh es allemal dem
armen Golde an, wie weh es ihm tut, dass es so lebendig begraben wird. Zum
Verschenken kriege ich einen lumpichten Gulden Silbergeld: drum kann ich auch
unsern Boten so schlecht bezahlen: ich schäme mich jedesmal, dass ich ihm nur
zwei oder vier Groschen geben kann. Wenn er diesen Brief holt, bekömmt er meinen
ganzen Rest von Silbergeld; denn nun ist uns geholfen.
    Von meinen 36 Dukaten will ich Dir die Hälfte einmal des Abends in der
Dämmerung selbst bringen; denn dem Jungen mag ich sie nicht anvertrauen, da es
unser einziges bisschen ist. Die andre Hälfte behalte ich bei mir, wenn wir etwa
unterwegs voneinander getrennt würden. Lass unsern Boten nunmehr alle Abende in
der Dämmerung bei unsrer Haustüre herumgehn: sobald einmal Gelegenheit da ist,
wisch ich hinunter und lasse mich von ihm zu Dir führen. Dass Du auch beständig
bei der Hand bist! Wir wollen uns nur auf ein paar Minuten sehn und den Tag
bestimmen, wo die Reise fortgehn soll. - Topp, Heinrich! Du wirst mein.
    Der Bote holt ja meinen Brief ewig nicht: er wird zu einem Buche werden,
wenn er nicht bald abgeht. Ob er vielleicht nicht mehr zu mir darf? Vielleicht,
dass man ihn für verdächtig hält!
                                                                     den 5. Jul.
Ja, ja! hab ich's doch gedacht! die ganze Historie ist entdeckt. Den Jungen hat
Hans Pump zur Treppe hinuntergeprügelt, wie er Dir schon geklagt haben wird; und
heute früh zog Tante Sapperment Deine Briefe, die ich in einem Paketchen recht
artig hinter der losgerissnen Tapete versteckt hatte, hervor. Hans Pump hat die
Tapete gestern wieder annageln sollen und sie gefunden: um nicht den Groschen zu
verlieren, den ich ihm zuweilen zum Branntewein gebe, hat er meine Tante
gebeten, so zu tun, als ob sie selbst dahinterkäme. Sie traf also heute früh mit
dem Hämmerchen bei mir ein, als wenn sie selbst die Tapete befestigen wollte,
und zog das Paketchen heraus: das Herz tat mir weh, dass ich die armen Briefe in
den gelben, schmutzigen Tabaksfingern sehn musste. Sie las und fluchte: das war
die ganze Geschichte. Ich will Dir etwas von unserm Gespräche hersetzen.
    Sie. Sie sappermentisches Zeterkind! Sie lassen sich gar von dem Halunken
Briefe schreiben?
    Ich. Mir schreibt kein Halunke: Sie dürfen nur seine Briefe lesen, um dies
schändliche Wort zu bereuen.
    Sie. Aber wie alle Wetter haben Sie denn die Briefe gekriegt? Nicht wahr,
durch den verfluchten Donnerjungen, der immer vor Ihrer Türe gebettelt hat?
    Ich. Sie wissen's.
    Sie. Seht mir einmal das Wetterkind! Ist erst drei Monate über siebzehn Jahr
und doch schon blitzhagelschlau? Ich hab es in meinem zwanzigsten nicht so
verhagelt fein machen können.
    Ich. Manche Leute werden spät klug.
    Sie. Nur nicht so spitzig, mein Fräulein Naseweis! Wir sind lange schon
gewesen, wohin Sie wollen. - Schreiben Sie denn dem Hagelwetterjungen auch?
    Ich. Meinem Heinrich? - Ja, ich schreib ihm alle Tage, alle Stunden und
Minuten.
    Sie. Über Sie sappermentisches Element! Ich habe immer drei Tage gebraucht,
um einen Brief an meinen Kapitän zusammenzustoppeln, und war doch schon
fünfundzwanzig Jahr alt; und Sie Kreuzhagelwetterbalg schreiben Ihrem Igel alle
Stunden und Minuten! - Wo sind Ihre elementschen Briefe?
    Ich. Bei meinem Heinrich. Ich will sie holen lassen, wenn Sie darin lesen
wollen.
    Sie. Aber, potz alle Welt! sagen Sie mir nur, wollen Sie denn den Ripel
heiraten?
    Ich. Nicht anders!
    Sie. Das machen Sie einer Gans weis und nicht mir! Ich bin dabei gewesen.
Potz alle Hagel! ich weiss, wieviel die Elle gilt. Aber wenn Sie nun einmal nach
den verwünschten Affenköpfen, den Mannspersonen, hungert - Blitz und der Hagel!
man weiss ja wohl, wie einem in Ihrem Alter zumute ist - wenn Ihnen denn nun ja
das Herz aus der Schnürbrust nach den Äsern hüpft, so werfen Sie sich doch, in
des Teufels Namen, nicht weg! Suchen Sie sich doch einen hübschen Offizier aus!
Es sind ja so viele artige, galante Kerlchen da: dass dich das Kreuzelement
holte! das Herz lacht einem ja im Leibe, wenn man die herzallerliebstscharmanten
Puppchen nur gehn sieht. Fickerlot! man darf ja nur die Hand ausstrecken, so hat
man einen Vogel drauf sitzen.
    Ich. In so einem Falle würden Sie mir also erlauben, mich zu verlieben?
    Sie. Ei, möchten Sie sich verlieben, soviel Sie wollten! Suchen Sie sich
einen aus, sag ich Ihnen! Wenn's etwas Hübsches ist, soll der Teufelsbraten bei
uns essen, trinken und ein und aus gehn, wenn, wie und wo er will. Sie mögen ja
mit ihm anfangen, was Sie nur wollen - ich will die Augen zutun: Sapperment! ich
will gar nichts davon hören noch sehen.
    Ich. Ihre Hand, Tante, wollen Sie das? Ich habe mir einen ausgesucht.
    Sie. Aber ist er auch hübsch? Nicht etwa wieder so ein Katzenkopf?
    Ich. O der vortrefflichste Mensch auf der Erde! So voll Verstand, voll
Rechtschaffenheit, voll Ehre, voll Annehmlichkeiten, so voll Empfindung, Feuer!
- er lodert ganz von Tätigkeit! und kann lieben! ach lieben! lieben, wie keiner!
Es ist der vollkommenste Geist -Sie. Ach, was geht mich der sappermentische
Geist an? - Ist er hübsch gewachsen? hat er rote Backen? ein hübsches,
freundliches Gesicht? Redet er viel? Ist er lustig? höflich? nicht schüchtern?
nicht furchtsam? - Darnach frag ich: was Henker! kommen Sie mir denn da mit dem
Blitzhagelgeiste her? Und wenn er zehn Geister im Leibe hätte, man kann sie ja
doch nicht sehn.
    Ich. O alles, alles das ist er! Voll des einnehmendsten Reizes!
    so lieblich lächelnd! Aus jeder Miene, jedem Akzente seiner Stimme, jeder
Bewegung spricht Liebe, Gefühl: in allen seinen Handlungen ist Seele und Nerven.
    Sie. Über das Zeterkind! was das für eine Beschreibung ist! Man möchte
zubeissen, so appetitlich! Hat sie nicht mit den verfluchten Hexenaugen gleich
das Hübscheste in der ganzen Stadt ausgegattert? - Ja, man sieht's auch den
schwarzen Wetteräsern an, was dahintersteckt: sie schiessen herum wie ein Paar
grosse Karfunkel. - Aber der Hagel! haben Sie denn schon mit ihm gesprochen?
    Ich. Freilich! Mehr vielleicht als mit Ihnen.
    Sie. Und haben mir ihn niemals gewiesen?
    Ich. Ich darf ja nicht.
    Sie. Blitzelement! wer wehrt Ihnen denn das, wenn's ein hübscher Kerl ist? -
Sagen Sie mir nur, wie er heisst? Ich will den Sappermenter gleich wissen: sagen
Sie mir nur den Namen.
    Ich. Heinrich - und wenn Sie noch mehr von seinem Namen wissen wollen -
Herrmann.
    Sie. Kreuz-Wetter-Blitz-Donner-Hagel-Element! Das ist ja der
Eselskinnbacken, der die Briefe hier geschrieben hat!
    Ich. Der nämliche! Ein recht hübscher Kerl, wie Sie vorhin sagten! Sie
wollen ja die Augen zutun, weder sehn noch hören, wenn's nur ein hübscher Mensch
ist: ich soll mir ja nur einen recht hübschen aussuchen: ich hab es getan.
    Sie. Den verhenkerten Feuerripel! den Maulaffen!
    Ich. Sie fanden ja aber meine Beschreibung von ihm so appetitlich; und er
ist tausendmal schöner, als ich ihn beschrieben habe. Das Bild, das in meiner
Seele von ihm liegt, das sollten Sie sehn! Wenn Sie dann mich tadeln können, dass
ich keinen andern wünsche und begehre -
    Sie. Schweigen Sie von dem sappermentischen Nussknacker! Mich mit dem
Stachelschweine so zum Narren zu haben! Warten Sie! das werd ich Ihrer Tante,
der Gräfin, schreibenalles, haarklein!
    Ich. Wenn es Ihnen beliebt; ich darf mich Ihnen nicht widersetzen. Schreiben
Sie ihr alles, was ich itzo sagte: von mir soll sie erfahren, was sie geraten
haben. Vergessen Sie aber ja nicht, sie zu versichern, dass ich diesen Menschen,
den ich für den einzigen in der ganzen Schöpfung halte, immer und ewig lieben
werde, solange noch ein Hauch in mir ist; dass ich ihn, sobald es die Umstände
verstatten, auch heiraten will, und dass mich daran nicht Tante, nicht Onkel,
nicht Himmel, Erde und Hölle hindern sollen. Je mehr man mir widersteht, je
liebenswürdiger wird er mir, je beharrlicher und entschlossner macht man mich.
Ich habe meine Seele zum Unterpfande eines Schwurs gegeben, dass er mein werden
soll: kann eine Tante mich von der Verdammnis lossprechen, wenn sie mich zum
Meineid zwingt?
    Sie. Mir vergeht der Atem. Über das Blitzhagelskind! Ei, so schwöre du und
alle Kreuzelementteufel! - - Bedenken Sie doch, Rikchen! was soll denn aus Ihren
Kindern werden? Schabichte Füchse, aus denen kein Mensch etwas macht!
    Ich. Wenn Sie nur alles werden, was ihr Vater ist. Seine Eltern waren arme
Leute, und doch ist er mehr als alle die Grafen, Barone und Herren, die ich bei
meinem Onkel gesehn habe.
    Sie. Die verfluchte Liebe blendet Sie. - Sie verlieren ja Ihren ehrlichen
Namen.
    Ich. Ich bekomme ja einen andern ebenso ehrlichen dafür.
    Sie. Und dürfen hernach nicht mehr unter Ihresgleichen, in keine ordentliche
Gesellschaft kommen.
    Ich. Das kann ich verschmerzen.
    Sie. Ach du Blitzhagelsbalg! Wenn du mein Kind wärst, ich wollte dich schon
gescheit machen: ich drehte dir den sappermentischen Hals um wie einer Taube.
    Ich. Sie wollen der Tante meine Entschliessung melden: ich will Sie nicht
stören, wenn Sie jetzt, bei frischem Angedenken, schreiben wollen. -
    So schieden wir auseinander. Man passt mir seit der Zeit entsetzlich auf, ob
ich schreibe: aber ich sehe mich wohl vor: ich tue es nur des Nachts. Ich war
wohl ein wenig schnippisch gegen meine Tante - es ist ja nur eine Tante à la
mode de Bretagne: und dann war ich gerade so herzhaft, so ausser mir vor Mut, dass
mir alles herausfuhr, ohne dass ich selbst daran dachte. Du kannst Dir gar nicht
vorstellen, wie ich seit Deinem letzten Billett vor Ungeduld brenne, Dich zu
sehen und meinen Sparpfennig mit Dir zu teilen: ich bin über und über eine
Flamme, so begeistert mich die Hoffnung: ich laufe herum und suche in allen
Ecken, und wenn ich hinkomme, weiss ich nicht, was ich suchen will: es ist mir
immer, als ob ich etwas wollte, als ob mir etwas fehlte, und wenn ich mir den
Kopf zerbreche und sinne und sinne, so ist es nichts. - Ach, lieber Heinrich!
Itzt fühl ich, was leben heisst: einen Menschen lieben wie Dich, das heisst es und
nicht einen Buchstaben mehr.
                                                                  den 8. Julius.
Wenn dieser Brief zu Dir kömmt, so haben wir von grossem Glück zu sagen: aus dem
Fenster, anders kann ich ihn nicht bestellen. Schicke den Jungen in Zukunft
unter mein Fenster und schreibe mir nicht weiter: ich bekomme es doch nicht.
Wenn ich nun so zum Fenster hinunterspringen und mich in der Tasche zu Dir
tragen lassen könnte wie dieser Brief! Aber nur Geduld! die Not wird schon
einmal aufhören: und dann, liebster, allerliebster Heinrich! - ich kann vor
Freuden nicht sagen, was dann geschehen wird.
    Ich küsse, umarme, schätze, verehre, liebe, bete Dich an, und verharre und
verbleibe und bin in, vor und nach dem Tode, solang es nur ein Ich und Du gibt,
                                                                   Deine Ulrike.
 
                                Zweites Kapitel
Welcher Liebende sollte nicht einer versprochenen Zusammenkunft, besonders bei
einer so kritischen Lage der Umstände, mit allen Rudern und Segeln
entgegeneilen? - Herrmann macht die verlangten Anstalten dazu und begab sich
manchen Abend in höchsteigner Person unter Ulrikens Fenster, um die Unterredung
vielleicht zu beschleunigen. Es vergingen acht, es vergingen vierzehn Tage,
keiner darunter war der glückliche, wo sie geschehen sollte: es vergingen zwei
Monate, und noch war sie nicht geschehn. Unmutig über eine so traurige
Verzögerung wanderte er eines Abends im Vorhause auf und nieder und war fest
entschlossen, wenn sich die Konstellation am Himmel seiner Liebe nicht bald nach
Wunsche änderte, das Äusserste zu wagen, zu Ulriken zu gehn und mit Hintansetzung
aller Gefahr die Zusammenkunft auf ihrem eignen Zimmer zu suchen: Siehe da!
während dieser unruhigen Beratschlagung mit sich selbst wird er Bewegung in der
Dämmerung gewahr, hört etwas sehr heftig keuchen und eine leise erschöpfte
Stimme, die ihm seinen Namen zu flüstern schien: ohne zu untersuchen, ob es
Ulrike sein könnte, setzte er voraus, dass sie es sei, sprang hinzu und fasste -
einen grossen, ungeheuren Jagdhund, der sich sogleich mit Gewalt losriss und mit
lautschallendem Bellen seinen Abschied nahm.
    Armer Verliebter! Ist wohl einer, solange Venus die Welt regiert, so
vielfältig und so unglücklich in seinen Erwartungen getäuscht worden? Als wenn
Liebe und Schicksal es verabredet hätten, seine Standhaftigkeit zu prüfen!
Wollten sie vielleicht gar versuchen, sie wankend zu machen, so hatten sie sich
ihren Mann nicht gut gewählt; denn jedes neue Hindernis, jede neue Täuschung
spannte seine Beharrlichkeit einen Grad höher. Er ging zwar, höchstunwillig über
sein Ungemach, auf die Stube und setzte sich in einen Winkel, aber nur, um das
angefangne heldenmütige Projekt desto lebhafter zu überdenken. Es war beinahe
bis zur Ausführung reif, und der nötige Entusiasmus befeuerte schon seine ganze
Stirne, als plötzlich die Tür aufging. - »Wer da?« - »Ich!« - Es war die Stimme
seines geheimen Botschafters, der ohne das Gespräch weiter fortzusetzen, die Tür
offenliess und davonlief. Ein neues Wunder! In einer kleinen Weile kam jemand
geschlichen: er konnte in der Dunkelheit nichts erkennen, aber seine Ohren
hörten bald einen Ton, und seine Hände fühlten eine Hand, die er nicht zu
verkennen vermochte. - »Heinrich!« »Ulrike!« ertönte Schlag auf Schlag, und
Schlag auf Schlag drückte sich Hand in Hand. Aber welch neuer Unfall: Sein Glück
überraschte ihn: er war zerstreut, verlegen, ängstlich: er hatte tausend Sachen
zu sagen und wusste nicht, wo er anfangen sollte: in seinem Kopfe stürzte sich
Gedanke über Gedanke, und Wort an Wort drängte sich zur Zunge: der Mund war
immer zum Reden geöffnet, und über der grossen Bemühung, das Wichtigste zuerst zu
sagen und ja nichts Erhebliches zu vergessen, sagte er gar nichts; denn es war
alles gleich wichtig, gleich erheblich. Noch mehr Unglück! es war finster in der
Stube: er hatte nun fast ein Jahr hindurch ein so liebes Gesicht nicht mit
ruhiger Aufmerksamkeit gesehn, hatte sich so kindisch auf den entzückenden
Anblick gefreut, und auch diese Hoffnung musste ihm fehlgehn! Und Licht zu holen,
das fiel ihm in der Verwirrung gar nicht ein: auch hätte er ja indessen ein paar
Augenblicke von Ulrikens Gegenwart eingebüsst!
    Zum Glücke brachte die Baronesse mehr vorbereitete Fassung mit. Sie übergab
ihm eilfertig die Hälfte ihrer sechsunddreissig Dukaten, berichtete ihm mit
ebenso übereilter Hastigkeit, dass sie nur einige Minuten verziehen könnte, damit
nicht ihre Tante unterdessen vom Besuche zurückkäme und sie vermisste, und bat
also inständigst, sogleich über die Hauptpunkte ihrer Unterredung, die
Entfliehung von Dresden und die Bestimmung des Orts, wo sie einander treffen
wollten, zu sprechen. Eh er noch anfangen konnte, seine Meinung vorzutragen,
unterbrach sie sich schon selbst. -
    - »Ach!« sagte sie, »weisst du, was für eine schreckliche Nachricht ich
bekommen habe? Die Gräfin hat wirklich einen Platz im Stifte für mich
ausgemacht: es soll zwar nicht so hässlich darin sein, wie ich mir's
vorgestellt habe, aber ich danke doch dafür. - Hurtig, Heinrich, wenn du mir
etwas zu sagen hast!«
    Heinrich. Natürlich, unendlich viel! An unsrer itzigen Verabredung hängt ja
unser ganzes Glück. Wir müssen die Zeit nützen. Nur hurtig, was du noch sagen
willst.
    Ulrike. Noch etwas Schrecklicheres! die Gräfin hat an meine Mutter
geschrieben und ihr unsre ganze Liebe erzählt. Das wird ein Lärm werden! Ich
kann mich zwar nicht recht auf meine Mutter mehr besinnen; denn ich bin schon in
meinem sechsten Jahre von ihr zum Grafen gekommen; und seitdem hab ich sie nicht
wieder gesehn. Sie kann die Gräfin nicht leiden, und deswegen ist sie auch
niemals zum Besuche bei uns gewesen, wie du dich besinnen musst. Daran erinnere
ich mich noch wohl, dass sie mich zuweilen auf die Arme oder den Schoss nahm und
streichelte und küsste, als wenn sie mich aufküssen wollte, und kurz darauf durft
ich ihr nicht vors Gesichte kommen: da war ich ihr wieder so unausstehlich, dass
sie mich anbrüllte wie ein Löwe, wenn ich ihr zu nahe kam; und wenn ich etwas
tat, das ihr nicht gelegen war, musst ich wohl gar das Essen entbehren oder mich
in eine finstere Kammer sperren lassen, damit mich der Pupu fressen sollte. Es
ist ein rechter Heide von einer Frau, wenn sie böse wird, das haben mir alle
Leute gesagt. Kannst du dir vorstellen? Da mein Vater noch lebte und seine Güter
noch nicht durch Konkurs verlorengegangen waren, ist sie selbst auf dem Felde
herumgeritten und hat die Arbeiter mit der Peitsche ausgeprügelt, wenn sie nicht
fleissig genug gewesen sind: sie hat in ihrem Leben mehr als ein Pferd zu Tode
gejagt und manchem Domestiken ein blaues Auge geschlagen. Bedenk einmal, was wir
alles von ihr zu befürchten haben! Wenn sie nur nicht etwa gar auf den Einfall
kömmt, mich zu sich zu verlangen, bis ich in die Stelle im Stift einrücken kann!
Das wäre mein Tod. -
    Ach! bester Heinrich, wenn ich auf immer von dir getrennt würde! Es tut mir
weh genug, es itzo zu tun - aber wir dürfen keine Zeit verlieren -
    Heinrich. Jede Minute wollen wir nützen. O wenn unsre Liebe einmal aufhörte,
eine verstohlne Liebe zu sein!
    Ulrike. Bald, bald soll sie das nicht mehr sein: ich setze durch Wasser und
Feuer, um es dahin zu bringen: aber dann, Heinrich! dann wollen wir uns lieben
wie Engel: nichts tun und denken und fühlen als Liebe. - Wenn nur die Zeit nicht
so drängte! dass wir ja nichts vergessen! -
    So drehte sich ihr Gespräch ewig um Klagen über die gegenwärtigen
Hindernisse ihrer Liebe und um erfreuliche, meistens schimärische Hoffnungen auf
die Zukunft; bei jedem sechsten Worte erinnerte Ulrike, dass sie schlechterdings
ihn bald wieder verlassen müsste, wollte gehn und blieb: beide ermahnten sich
unaufhörlich, ja nichts Notwendiges zu vergessen, und vergassen alles: sie
führten sich sorgfältig zu Gemüte, dass ihre Entfliehung äusserst dringend sei und
dass man Zeit, Ort und Zusammenkunft und tausend andre Umstände verabreden müsse,
und verabredeten auch nicht eins von allen: kurz, es war eine Beratschlagung
zwischen zwei Verliebten, die mit vielen andern Beratschlagungen das
Eigentümliche hat, dass man viel dabei spricht und nichts ausmacht.
    Über dem vielen Sprechen musste sich notwendig die Unterredung bis in das
Unendliche verlängern, und aus den paar Minuten, die man anfangs dazu bestimmte,
war jetzt mehr als eine halbe Stunde geworden. Plötzlich hörte man auf dem Saale
murmeln und gehen: es ging jemand an allen Türen herum, versuchte sie
aufzumachen und fluchte, wenn er sie verschlossen fand. Der nächste Gedanke war,
dass Herr und Frau vom Hause, die zum Besuch waren, zurückgekommen sein möchten:
aber der Lärm näherte sich immer mehr, und man rasselte bereits an der nächsten
Tür. Angst und Furcht überfielen die beiden Verliebten so heftig, dass sie sich
beide in einen Winkel drückten, um nicht gesehn zu werden, wenn man ja
hineinbräche. Nicht lange währte es, so klopfte man ziemlich heftig an die Tür:
sie atmeten kaum: die Tür ging auf, und Götter! wer trat herein? - Tante
Sapperment, begleitet von Hans Pump, der eine grosse, helleuchtende Stocklaterne
trug! Ihr erster Blick traf die beiden zitternden Verliebten, und mit dem ersten
Blicke fuhr einer der kräftigsten Flüche aus ihrem Munde. Sie wütete wie ein
erbitterter, hungriger Wolf, der ein paar bebende Rehe in einen Winkel getrieben
hat, um sie zu würgen: sie ergriff Ulriken, die das Bewusstsein eines Ungehorsams
und die Überraschung zaghaft machte, schleuderte sie dem Bedienten in die Arme,
der sie mitleidig auffing, wie sie von der Gewalt des Zuges bis zum Fallen
dahintaumelte: Heinrich fiel zwar der Oberstin in die Arme, allein zu spät: sie
spannte alle soldatische Kraft ihrer Nerven an, wand sich los und stürzte ihren
Gegner mit einem Stosse, dass er knirschend über Stuhl und Tisch dahinfiel.
Augenblicklich wandte sie sich nach Ulriken und drückte sie in die Arme
zusammen, dass sie laut schrie und sich der unwürdigen Behandlung widersetzte:
allein die Tante hatte die Grösse und die Knochen eines Grenadiers, wurde durch
den Widerstand noch wütender und warf die ungleich schwächere Baronesse zur Tür
hinaus: sie schlug auf die Dielen darnieder, dass der Vorsaal von ihrem Falle
schütterte. Sie lag ohne Bewegung da, und nur ein leises schmerzliches Hauchen
war das Zeichen ihres Lebens. Ohne Erbarmung zog sie die schnaubende Oberstin
auf, riss dem Bedienten die Laterne aus der Hand und gebot ihm Ulriken in die
Kutsche zu tragen: es geschah: er lud sie mit dem derben Griffe eines
Packknechts auf seine Arme, und wie ein Lamm, das von den harten Fäusten seines
Schäfers zur Schere hingeschleppt wird, die ihm mit Wunden die Wolle rauben
soll, liess sie sich ohne Leben und Widerstand, mit schlaff niederhängenden
Armen, wankendem Kopfe und blutender Wange, hinabbringen. Herrmann hatte sich
indessen aufgerafft und wurde durch ihr blasses, blutiges Gesicht, welches der
darauf fallende Laternenschein totenähnlich machte, so bis ins Innerste
durchdrungen, dass er vor Wehmut keine Kraft zur Rache in sich fühlte: er bat die
Oberstin mit der beweglichsten Rührung, Ulrikens zu schonen, und klammerte sich
vor Eifer und Inbrunst so fest an sie an, dass sie nicht von der Stelle konnte:
sie befand nicht für gut, ihn durch ein Versprechen zu beruhigen, sondern machte
sich von ihm los und eilte mit grossen soldatischen Schritten Ulriken nach:
Herrmann hinter ihr drein! Doch da das Getöse Bediente und Mägde im ersten
Stocke versammelt hatte, so gebot die Oberstin, den tollen Menschen aufzuhalten:
man gehorchte und führte den armen Herrmann, der vor Wut hätte zerspringen
mögen, die Treppe liebreich hinan, steckte ihn in seine Stube und schlug sie zu.
    Der Doktor und seine Frau erfuhren bei ihrer Zurückkunft von dem Bedienten
des Hofrats nur den letzten Teil der Geschichte, und zwar nicht die Begebenheit,
wie er sie gesehn hatte, sondern wie er sie sich dachte: er berichtete nämlich,
dass ihr Schreiber einen Anfall von Raserei bekommen und eine Dame, die er auch
nannte, auf der Treppe angegriffen und sich mit schwerer Mühe von ihr habe
zurückhalten lassen. Die Doktorin argwohnte gleich Mord, Totschlag und wer weiss
welch andres Unglück, der Mann hingegen argwohnte weder Gutes noch Böses,
sondern ging mit gelassnem Schritte, von Herrmannen selbst Erkundigung
einzuziehen. Er fand ihn äusserst niedergeschlagen, trostlos und verlegen; und
weil das Gehör zu umständlich wurde, wandte der Verhörte Krankheit, Schmerzen am
ganzen Leibe vor und bat um die Erlaubnis, sich zu Bette zu legen, die ihm der
Doktor ohne Anstand erteilte: er wiederholte zwar von Zeit zu Zeit seine
Hauptfrage, was er mit der Oberstin vorgehabt hätte, allein der Kranke
antwortete jedesmal mit Klagen über seine Schmerzen und lautem Stöhnen darauf,
dass ihn der Doktor für heute in Ruhe liess und seine Frau versicherte, er sei
nicht toll.
    War es aus Verstellung oder weil er seinen Schmerz nicht anders zu verdauen
wusste? - wahrscheinlicher das letzte, warum er einige Tage das Bette nicht
verliess! Er ass und trank wenig oder gar nichts; wenn man ihn etwas fragte,
schien er einzuschlafen oder antwortete so undeutlich, dass man nichts vernehmen
konnte. Alle seine Kräfte waren von Fasten und Kummer endlich so abgespannt, dass
er für alles Gleichgültigkeit bekam: ob er starb oder lebte, ob seine Liebe
glücklich oder unglücklich ausfiel, ob er sich verriet oder nicht, alles galt
ihm gleich: kein Wunder also, dass er in dieser trüben Verzweiflung alle seine
Geheimnisse entdeckte! Er offenbarte dem Doktor, der ihn fleissig besuchte,
seinen ganzen Liebeshandel, ohne ihn um Verhinderung oder Beistand zu bitten,
und erzählte ihn so frostig wie die Begebenheit eines fremden Menschen. Der
Doktor lachte, tröstete ihn spasshaft und verwies zur Geduld.
    Die Frau hatte sich schon längst bitterlich beschwert, dass der Mensch nun
schon drei Tage krank sei, nichts tue und weder gesund werden noch sterben
wolle; hatte auch dem Manne abermals beide Ohren vollgebrummt, dass er sich durch
seine Guterzigkeit verleiten liess, einen Menschen ins Haus zu nehmen, von dem
man nicht wüsste, ob er toll oder gescheit sei. Sie wiederholte ihm jetzt, als er
vom Kranken zurückkam, diese letzte Bedenklichkeit sehr nachdrücklich. - »Ach«,
sprach der Mann lachend, »mit dem Kopfe ist er wohl gescheit, aber das Herz ist
toll. Der Bube ist verliebt.«
    Die Frau. Verliebt! - Nun muss er den Augenblick aus dem Hause: den
Augenblick! Wer wird die Sünde auf sich laden und einen verliebten Menschen über
Nacht bei sich behalten? - Fort mit ihm!
    Der Mann. Närrchen, was ist denn nun weiter für Sünde dabei? - Er ist
verliebt.
    Die Frau. Papachen, du weisst viel, was zu einer Sünde gehört. Deine Akten
verstehst du: was Sünde ist, das muss ich wissen. - Einen Sünder dulden heisst,
sich fremder Sünde teilhaftig machen. -
    »Je, Mäuschen!« unterbrach sie der listige Mann, »er ist in dich verliebt.«
    »In mich!« rief die Frau und wusste noch nicht, ob sie es für Ernst nehmen
sollte.
    Der Mann. Freilich! in dich! Ich habe gar nicht geglaubt, dass ich so eine
schöne Frau habe: er macht dich zum Engel, zur Göttin -
    »In mich! - Der Mensch ist ein Narr«, sagte die Dame lächelnd. »Er wird doch
meinetwegen nicht verrückt worden sein?«
    Der Mann. Geh zu ihm, damit er sich nur beruhigt! Du weisst ja wohl: in
seinem Alter macht man nichts als dummes Zeug in der Liebe.
    Die Frau. Ist es denn etwas so sehr Dummes, sich in mich zu verlieben? - Geh
an deine Akten, Papachen! Ich will sehn, wie sich der Kranke befindet. -
    Die Wendung, die Papachen der Sache gab, war zwar listig, aber etwas
boshaft; denn Herrmann konnte unter allen Mitgeschöpfen weiblicher Art seine
Frau am wenigsten leiden, das war ihm deswegen wohl bekannt, weil er seine
Abneigung gegen sie zuerst veranlasst hatte. Die Doktorin brachte geschwind ihre
kleinen Reize in Ordnung und begab sich in die Stube des Kranken: sobald sie
hereintrat, drehte er sich um, das Gesicht nach der Wand zu, und schlief so
fest, als wenn ihn Circe eingeschläfert hätte. Sie redete ihn an, und da sie
merkte, dass aus ihrer Anrede kein Gespräch werden wollte, wanderte sie wieder
ab. Seit dieser Zeit versäumte sie keine Gelegenheit, ihm zu gefallen und durch
Anzug, Blicke und Dienstfertigkeiten ihn noch verliebter zu machen, als er nach
ihrer Rechnung bereits war, ohne sich eine Minute lang der Sünde zu fürchten;
und der Mann war viel zu froh, dass ihm seine List so gut gelungen war, um ihr
den Unzusammenhang ihres Sündensystems vorzurücken. Ob es mehr als Eitelkeit bei
ihr war, das weiss allein ihr Herz.
 
                                Drittes Kapitel
Allmählich wurde dem Kranken seine Krankheit zur Last, und mit den Kräften
kehrte auch die Liebe in ihm wieder, wachte Sehnsucht und Entwürfe zu ihrer
Befriedigung wieder auf. Am ersten Tage, den er ausser dem Bette zubrachte, hörte
er des Morgens schon seinen Boten an der Türe betteln: in langer Zeit hatte sein
Ohr keinen so willkommnen Ton gehört. Mit froher Eilfertigkeit öffnete er die
Tür und lud im Übermass seiner Freude den Jungen höflichst in die Stube ein: er
überreichte bei dem Hereintreten ein kleines, schmutziges Papierchen, das eine
unleserliche, halb verwischte Schrift, mit Bleistift geschrieben, entielt. Es
war nichts herauszubringen als folgendes:
    Heinrich, ich verlas heute noch Dresden. Meine grausame Mutter hat mir
schreiben lassen, dass sie in paar Tagen kommen und mich abholen will. In len wir
uns find Ich halte mich nicht auf, wenn nicht gleich nachkömmst.
    schreibe bald, wo ich bin, Lebe wohl.
    Er drehte und wandte das Papier voller Ängstlichkeit und vermochte kein Wort
weiter herauszubringen: der Ort, den sie ihm zur Zusammenkunft bestimmte, war
verwischt, und das meiste übrige erriet er mehr, als er es las. - »Wo hast du
das Billett bekommen?« fuhr er den Jungen an.
    Der Junge. Auf der Gasse bei der Oberstin Haustür hat mir's das Baronesschen
gegeben. Sie hatte eine schwarze Kappe auf - ich hätte sie nicht gekannt, wenn
sie nicht gesprochen hätte -, sie sah aus, als wenn sie verreisen wollte, und
ging sehr hurtig nach dem Tore zu
    Herrmann. Wenn gab sie dir's?
    Der Junge. Ehegestern abends.
    Herrmann. Und du, Unglücklicher, bringst mir's heute erst?
    Der Junge. Ich habe ja gestern fast alle Stunden hier gebettelt: aber es
hörte niemand. -
    Diese Entschuldigung sagte der arme Liebesbote zwar sehr laut, aber er hatte
kaum das erste Wort davon ausgesprochen, so lag ihm schon der Stock auf dem
Rücken. Herrmann, ohne sie annehmen zu wollen oder zu bedenken, dass sie sehr
gültig war, weil er den ganzen gestrigen Tag im Bette in der Kammer zugebracht
und also sein Betteln wirklich nicht hatte hören können, rächte er sich für die
Tücken des Schicksals an dem unschuldigen Abgesandten und verfolgte ihn mit
ausgeholtem Stocke die Treppe hinunter. Zorn und Wut über den unglücklichen
Zufall stiegen bis zur Verwilderung: er buchstabierte noch einmal das schmutzige
Papier durch, aber schlechterdings liess sich der Ort nicht entziffern: er war
auf immer und ewig verwischt. Er warf das verhasste Blatt an die Erde, hub es
auf, zerriss es und streute die unendlich kleinen Fragmente in alle vier Winde
aus: er scharmuzierte die Stube auf und nieder, und was im Wege stund, musste die
Wirkung seines Grimms erfahren: Tasse und Teller, die vom Frühstücke noch
dastanden, tanzten klirrend vom Tische herab und rollten zerbrochen über den
Fussboden hin: der Spiegel bekam einen Schlag, der ihn zeitlebens in zwo Hälften
teilte: der schnaubende Unglückliche hätte sich selbst in zwo Hälften
zerfleischen mögen.
    Die Doktorin, die der Lärm herbeigerufen hatte, kam mit kläglicher Gebärde
zu ihrem Manne und versicherte sehr mitleidig, dass die Liebe dem armen Menschen
den Kopf verrückt haben müsste. - »Wenn man ihm doch nur zu helfen wüsste!« setzte
sie hinzu. »Es ist doch wahrhaftig gar ein hässliches Ding, die Liebe, wenn man
sich einmal mit ihr einlässt. Der arme Mensch! War so artig, so hübsch! Ich
fürchte mich vor ihm, Papachen: ich kann unmöglich auf meiner Stube allein
bleiben.«
    Der Mann lachte und suchte ihr die Furcht zu benehmen. »Ach, Papachen!« fuhr
sie fort, »du weisst nicht, wie weit es mit so einem Menschen geht. Wenn ich nur
nicht an seinem Unglücke schuld wäre. Es kränkt mich in der Seele: der arme
Mensch! - Wenn du nicht bei mir bleiben kannst, schliess ich mich ein.« -
    Wirklich schloss sie auch ihre Tür ab und schob den Riegel vor. So hielt sie
ihre leichtgläubige Eitelkeit den ganzen Vormittag gefangen, und Magd und
Bediente mussten jedesmal durch viele Beweise dartun, dass sie es waren, ehe sie
hineingelassen wurden.
    Kurz nach Tische langte Hans Pump, der Bediente der Oberstin, an, um sich zu
erkundigen, ob Ulrike diese Tage her nicht ins Haus gekommen wäre. Die Dame
hatte zwar unmittelbar den Morgen nach ihrer Entlaufung an den Doktor geschickt,
und er stellte auch die Versichrung von sich, es ihr sogleich zu melden, wenn
sich die Baronesse blicken liess: da Herrmann die Tage her nicht ausgegangen war,
so nahm er ihn gar nicht in Verdacht, dass er um die Entlaufung etwas wüsste, und
über seinen vielen Geschäften vergass er, dem Kranken etwas davon zu sagen, und
wenn er ja daran dachte, so verhehlte er ihm die Begebenheit, um ihn nicht noch
mehr zu kränken. Hans Pump hatte seitdem in der Gasse vor dem Hause des Tages
und Abends patrouillieren müssen: in andre Gegenden der Stadt waren andre
Kundschafter ausgesandt worden. In der Länge wurde Hans Pump seines Postens
überdrüssig und kam jetzt, seiner Pflicht die letzte Genüge zu tun, das heisst
noch einmal im Hause anzufragen, und dann von seiner Wache abzugehn: diese
Anfrage wurde, weil der Doktor nicht zu Hause war, der Doktorin in die Hände
geliefert. Sie war in der ganzen Geschichte noch so neu wie ein neugebornes Kind
und ersuchte Hans Pumpen, ihr den ganzen Vorfall vom ersten Anfange an zu
berichten, welches er sogleich mit möglichster Weitläuftigkeit tat. Sie
rechtfertigte Herrmann auch, dass er wegen seiner Krankheit keinen Anteil an der
Entfliehung haben könnte; dabei liess sie Eu. Gnaden, der Frau Oberstin, mit
etwas beleidigtem Tone melden, dass man keine lüderlichen Mädchen, wenn es auch
Baronessen wären, bei ihr suchen müsste.
    Nun ging ihr ein Licht auf. Sie vermutete zu ihrer empfindlichen Kränkung,
dass sie ihr Mann zum besten gehabt oder aus einer andern Ursache hintergangen
habe, als er ihr überredete, dass Herrmann in sie verliebt sei: gleichwohl sich
bei ihm darüber zu beschweren und zu verraten, dass sie ihre Eitelkeit verführt
habe, der Lüge ihres Mannes zu glauben, war noch mehr erniedrigend: sie beschloss
also, ihren Ärger zu verbeissen, sich zu stellen, als ob sie gar nichts von der
Liebe des jungen Menschen zu ihr geglaubt, sondern seine Angelegenheit mit der
Baronesse längst schon gewusst und ihrem Manne verhehlt hätte. Sie erzählte ihm
also, da er nach Hause kam, die unterdessen gemachte Entdeckung als eine bisher
mit Fleiss verschwiegne Neuigkeit; und der Mann, den Kopf voller Gerichtstermine,
nahm sie herzlich gern dafür an, um nur in Ruhe vor ihr zu bleiben.
    »Aber man muss dem armen Menschen helfen«, beschloss sie ihre Erzählung. »Man
muss ihn aus seinen sündlichen Gedanken und Neigungen herausziehn. Ich will den
Herrn Magister Wilibald zu ihm schicken: der soll ihn bekehren.« -
    »Ja, ja, Mäuschen! das tu! und jetzt gleich!« rief der Mann, um ihrer endlich
einmal los zu werden.
    Die Frau schickte sogleich in der nämlichen Minute zum Herrn Magister
Wilibald, von dem nebst seiner schwarzen Perücke schon einmal schuldige
Erwähnung geschehn ist. Er war ihr Gewissensrat, hatte ungehinderten Zutritt zu
ihr und genoss eine Verehrung von ihr, die fast bis zur Anbetung stieg. - Er war
- was aber niemand ausser ihm in der ganzen Stadt wusste - ein teologischer
Abenteurer ohne Amt, der mit Heiden- und Judenbekehrungen prahlte, die er nie
gemacht hatte: er hatte die ganze pietistische Pantomime in seiner Gewalt, einen
schleichenden Ton, und suchte durch die tiefste weggeworfenste Ehrerbietigkeit
und Demut schwachen Seelen, besonders den Weiblein, das unumschränkteste
Vertrauen abzuschmeicheln. Seinen Stolz und Ehrgeiz maskierte er so geschickt,
dass ihm viele die übertriebenste Achtung und Ehrfurcht bezeugten, und er nahm
sie ohne Weigerung als Opfer an, die man durch ihn dem lieben Gott brächte, für
dessen Diener sich der Unverschämte ausgab. Die Natur hatte ihn mit einem
Gesichte gebrandmalt, das mit so belehrender Deutlichkeit als ein eingebrannter
Galgen vor ihm hätte warnen sollen: der mittlere Teil war durch starkes
Brannteweintrinken mit kupfrichter Röte überzogen worden, aus welcher grosse
weisse Blattern wie Kalkhaufen auf einem rotsandichten Ackerfelde hervorragten:
die beiden Enden des Gesichts bestunden unten in einem gelbgrünlichen, spitzigen
Judaskinne und oben in einer breiten, weissen, schuppichten Stirn, die an beiden
Schläfen sich in ein Paar Hörner emporhob und in der Mitte bis zur Nase ein
tiefes Tal liess. Durch einen Zufall, den nur der allwissende Himmel, Herr
Wilibald und der Chirurgus kannte, hatte die Nase einen Teil ihres knochichten
Gebäudes eingebüsst, dass sie also mit ihrer dicken, aufgelaufnen Spitze einer
aufbrechenden Rosenknospe nicht unähnlich sah: auch war ihr durch den nämlichen
Zufall ein schwirrender Ton mitgeteilt worden, der bei jedem Atemzuge wie der
danebengehende Wind einer schlechtgeblasnen Flöte aus beiden Nasenlöchern
deutlich und vernehmlich herausfuhr, und wenn er sprach, wurden seine Worte
beständig von dem Orgelwerke seiner Nase in gebrochenen Akkorden begleitet. Es
war, von allen Seiten betrachtet, der widrigste und zugleich der unwürdigste
Mensch, der lüderlichste, ausschweifendste, wenn er unentdeckt zu bleiben
hoffte, ein vollkommnes Muster der Tugend, wenn er in Gegenwart andrer handelte
und sprach, von vielen unendlich geachtet, von vielen fast göttlich verehrt.
    Dies verdammte Gesicht, in eine kohlenschwarze Perücke gesteckt, trat jetzt
in Herrmanns Stube herein, grüsste mit einem seichten Nicken und sagte mit der
gewöhnlichen Nasenbegleitung, dass die Frau Doktorin ihn, den Magister Wilibald,
habe rufen lassen, um sich der Seele eines von sündlicher Liebe kranken und
geistlich toten Menschen anzunehmen. Herrmann vermutete nichts weniger, als dass
er dieser geistlich Tote sei, und bat ihn, noch voll von einem Reste seines
Unwillens, zur Frau Doktorin zu gehn, die ihn besser brauchen könnte als er. Der
Magister setzte sich nieder, legte den umgekehrten Hut auf den Schoss, die
gefaltnen Hände darein, räusperte sich und fing mit lauter, schwirrender Stimme
an:
    »Seht mich nicht an, dass ich so schwarz bin -«
    »Warum tragen Sie so eine verfluchte schwarze Perücke?« unterbrach ihn
Herrmann.
    Der Heidenbekehrer liess sich nicht stören, sondern hub mit verstärkter
Stimme noch einmal an:
    »Seht mich nicht an, dass ich so schwarz bin; denn die Sonne hat mich
verbrannt. Seht mich nicht an; denn ich will vor Scham vergehen; ich möchte mir
vor Reue das Gesichte zuhalten; ich kann vor Scham die Augen nicht aufschlagen,
noch viel weniger mir von andern, besonders von frommen und wiedergebornen
Leuten und Menschen, ins Gesicht sehn lassen. Dass ich so schwarz bin, so schwarz
wie eine Kohle, von grosser Sündenschwärze; schwarz wie ein Mohr, den nieman
bleichen kann; schwarz wie ein Rabe, der sich von Aas und Luder nährt, gleich
den Menschen, die in lüderlichen Neigungen und Affekten ersoffen und ertrunken
sind. Aber warum bin ich so kohlschwarz? denn die Sonne, oder wie Sie lieber
sagen möchten, denn die Liebe hat mich verbrannt: verbrannt, das heisst wie eine
Glut im Feuerofen oder, welches noch heisser ist nach der Bemerkung erfahrner
Naturkündiger, wie die Flamme der Sonne, wenn sie im heissen Mittage steht, hat
mich das höllische Feuer der Liebe versengt, gebraten, in Asche und Staub
verwandelt.« -
    »Leider! leider!« unterbrach ihn Herrmann seufzend. »O hätt ich nie eine
Minute lang Liebe in mir gefühlt! nie etwas anders als Ungeheuer um mich gesehn,
die mir nichts als Hass und Widerwillen einflössten! Wenn es möglich wäre, ein
Gelübde zu halten, dem mein Herz widerspricht - auf der Stelle wollt' ich
schwören, nie mit einem Gedanken, mit einer Nerve wieder Liebe zu empfinden.«
    Der Magister. Also empfinden Sie wahre Reue darüber?
    Herrmann. Reue, Schmerz, Betrübnis, Ärger, Kummer! alles, was nur eine
menschliche Seele martern kann! - Wer hat wohl mehr Ursache dazu? Wenn ich
meinem Verlangen so nahe bin, dass ich nur zuzugreifen brauche, dann jagt mir's
plötzlich der Zufall wie der Wind eine Feder vor der Hand weg. Ist in der ganzen
weiten Welt ein unglücklicherer Mensch als ich? Und was machte mich unglücklich?
Fünf oder sechs elende verwischte Buchstaben! O der traurigen Welt, wo das Glück
des Lebens von einem Bleistiftzuge gegeben oder genommen wird!
    Der Magister. Sie verabscheuen, hassen und verachten also die Welt samt
allen ihren Lüsten und Begierden?
    Herrmann. Ja, und nur um eines Geschöpfes willen verfluch ich sie nicht. Nur
um eines Geschöpfs willen! Die übrigen sind nur da, um die Glückseligkeit andrer
zu stören, zu hindern, zu verbittern.
    Der Magister. Ja allerdings! die Welt liegt im argen: es ist alles eitel.
Entsagen Sie der Welt?
    Herrmann. Mit Freuden! In dem tiefsten, unzugänglichsten Gebürge wollt' ich
mir eine Hütte bauen und als Einsiedler mein ganzes übriges Leben in der
traurigsten Einsamkeit zubringen: aber Ulrike! die Arme, Verlassne, Verfolgte!
Aus Liebe zu mir verliess sie Wohlsein und Rang. - Wo sie jetzt herumirren mag? In
welcher elenden Leimhütte wohnen? Auf welchem beschmutzten Lager ruhen? Immer
ängstlich, immer besorgt, wie eine Taube, die den Habicht flieht. - O der
unselige Bleistift!
    Der Magister. Sie bereuen also von ganzem Herzen Ihre Liebe?
    Herrmann. Wie sollt ich etwas nicht bereuen, das mich auf immer unglücklich
macht? -Aber was hilft Reue? - Ich muss sie finden, die Unglückliche, oder mich
zu Tode quälen. Der Magister. So wünsch ich Ihnen gute Besserung. -
    Mit diesem christlichen Wunsche nahm er Abschied und berichtete seiner
Gönnerin, dass der junge Mensch auf dem rechten Wege sei, sich zu bessern; und
weil sie voraussetzte, dass er ihn dahingebracht habe, lobte und pries sie seine
ungemeine Kunst, die Leute zu bekehren, und ermahnte ihn, das angefangne gute
Werk durch wiederholte Besuche fortzusetzen, welches er seit dieser Zeit täglich
tat. Die Unterredung fiel fast allemal auf den nämlichen Schlag aus: Herrmann
wurde täglich verdriesslicher, unzufriedner und erbitterter auf die Liebe und auf
sich selbst: er schalt sich, dass er die Torheit gehabt hatte, sich in eine
Baronesse zu verlieben, und wünschte, sie ohne Verletzung seines Gewissens nicht
mehr lieben zu können. - Den Schmerz wollt' ich tragen, sagte er sich oft, aber
was hilft es der unglücklichen Vertriebnen, dass ich nicht länger ein Tor bin?
Sie hat sich einmal zum Opfer meiner Torheit gemacht.
    Bald tadelte er Ulriken bis zum Erzürnen, dass sie seine Liebe erregt,
ermuntert und unterhalten habe, und zuweilen war er recht erbittert, dass sie so
liebenswürdig sei. - Wenige Augenblicke darauf dankte er ihr alle Freuden seines
Lebens, schien sich selbst durch sie der Glückseligste auf der Erde geworden zu
sein und sah in sein Leben wie in ein finstres, wüstes Leere hinab, wenn Ulrike
es nicht durch ihre Liebe angefrischt, munter und fröhlich gemacht hätte. - Itzt
beschloss er, seine Neigung zu bezwingen und Ulriken dem Elende zu überlassen,
worein sie sich unbesonnen selbst gestürzt hätte: ihre Entfliehung, ihr Schwur
erschienen ihm als übereilte, tolle Handlungen und die ganze Ulrike als eine
Zusammensetzung von Unbesonnenheiten und Schwachheiten, ohne Überlegung, ohne
Vernunft. - Nach einem paar Atemzügen erblickte er sie schon wieder als eine
verdienstvolle Märtyrerin seines Glücks, als die edelste, grossmütigste Seele,
der er für alles Ungemach, Schmerz, Beschwerlichkeit, Verfolgung nicht feurig
genug zu danken glaubte, und wenn er sich ihr lebendig opferte: er musste sie aus
Dankbarkeit lieben, und kaum hatte er diesen Gedanken einige Minuten verfolgt,
so zeigte sich ihm sein Entschluss, sie nicht zu lieben, als eine platte
Unmöglichkeit, als eine Idee, die man nur in der Fieberhitze haben könnte, die
er gar nicht zu begreifen vermochte; und nun riss seine Phantasie mit ihm aus: er
sah in Gedanken Ulriken unter tausendfachen Gefahren, in Stürmen, Ungewittern,
zu Wasser und zu Lande, unter Löwen, Tigern, Bären und Wölfen, in Krankheit,
Hunger, Gefängnis, Verfolgung, und jedesmal sich als ihren Erretter, der wie ein
mutiger Perseus herbeieilte, sie befreite und zur Belohnung seines Mutes ihre
Hand empfing. Nun war es ihm leid, dass er nicht so hurtig wie die Liebeshelden
seiner Fabelwelt auf geflügelten Drachen oder Rossen reiten konnte: er wäre den
Augenblick durch alle Lüfte gejagt, wenn er einen Pegasus gehabt hätte.
    In dieser schwankenden, veränderlichen Gemütsverfassung, wo sich die Dinge
und Umstände fast mit jedem Pulsschlage von einer andern Seite, in anderm
Lichte, mit andern Farben zeigen; wo Hell und Dunkel in der Seele mit so
schnellem Vorüberschiessen abwechselt wie Licht und Schatten an einem Apriltage;
wo kein Entschluss länger als fünf Minuten dauert und die Seele wechselsweise von
Vernunft, Einbildung, Leidenschaft gleichsam gewiegt wird, ohne dass sie lange zu
einem festen Stande gelangt: - in dieser nicht sonderlich angenehmen
Gemütsverfassung empfing Herrmann einen Brief von Schwingern, der ihn unerwartet
wie ein Blitz traf.
                                                                den 25. Oktober.
Lieber Freund!
    Noch will ich Dir diesen Namen nicht entziehn, so wenig Du Dich seiner
würdig zu sein bestrebst. Du zwingst mich, eine Sprache mir Dir zu reden, die
ich in Deinen Kinderjahren nie gebrauchen durfte: aber auch nie hast Du als Kind
mich bis zu solchem tiefen Schmerze betrübt wie jetzt in Deinem Jünglingsalter.
Bis zu Deinem funfzehnten Jahre warst Du ein Weiser, und jetzt in Deinem
siebzehnten wirst Du ein Tor! Doch warum sag ich: ein Tor? - Ein Lasterhafter
und fast ein Bösewicht! Heinrich, ich bitte Dich um meiner Ruhe willen, erzeige
mir die einzige Wohltat und widerlege mich! strafe mich Lügen, dass ich Dich
einen Bösewicht nannte! ich beschwöre Dich darum.
    Doch warum halte ich Dir nicht lieber gleich das Gemälde Deiner Vergehungen
vor die Augen, dass Du mit Scham und Reue vor ihm zurückbebst? - Du hast durch
eine einzige Torheit ein ganzes Haus, das Dich erzog, nährte, pflegte, eine
Dame, die Dich noch vor einem Monate durch ihre letzte Wohltat unterstützte, in
Tränen, Uneinigkeit, Gram und Herzeleid versenkt. Wo war Deine Vernunft, als Du
Dir zuerst eine so ausschweifende Neigung gegen die Baronesse erlaubtest? Denn
so lange ich auch aus Freundschaft für Dich daran zweifelte, so kann ich leider
nicht länger in diesem gutgemeinten Wahne beharren! Dein eigner
handschriftlicher Beweis zeugt wider ihn und Dich.
    Heinrich, einen Augenblick Überlegung! hast Du ganz vergessen, dass Dein
Vater Einnehmer des Grafen Ohlau war, des Grafen Ohlau, dessen Schwestertochter
Du Dich zu lieben erdreistest? dessen Schwestertochter Du Deine Geliebte, Deine
künftige Gattin nennst und ihr Mut und Entschlossenheit zuschwörst, um mit ihr
durch alle Gefahren Dich hindurchzureissen? dass Dein Vater Einnehmer, abgedankter
Einnehmer des Grafen Ohlau ist, der ihm durch ein kümmerliches Gnadengeld das
Leben fristet, dessen Schwestertochter Du wider alle Deine und ihre Feinde
beschützen willst? Widersetzte sich nicht Deine Feder, als Du dies zu schreiben
wagtest? Und wer sind diese Feinde? Die Gräfin Ohlau, Deine Wohltäterin, Deine
wahre Mutter, die Dich geliebt, erzogen, zum Menschen gemacht hat! ohne die Du
ein armseliger, nackter Bube wärst, ohne Bildung, Wissenschaft und Sitten roh,
schwach und kraftlos in Mangel und Niedrigkeit herumkröchst! die Dir noch jetzt
in Dresden Dein elendes Leben durch eine monatliche Mildtätigkeit erhielt! denn
wisse, nur durch sie lebst Du! wisse, dass Du ein Hauch bist, den sie belebte,
den sie verlöschen lassen kann, wenn sie will, und sie will es; denn von ihr
darfst Du keine einzige Wohltat mehr erwarten. - Und diesen Grafen, diese Gräfin
nennst Du Deine Feinde? - O Du toller Jüngling! Wie schäme ich mich Deiner
Freundschaft!
    Und wozu hast Du Dich nunmehr gemacht? - Zu einem Bettler! Reisse Dir einmal
den blendenden Wahn der Leidenschaft von den Augen und siehe Dich in Deiner
ganzen Dürftigkeit! und wenn Du dann nicht über Dich selbst die Zähne knirschest
und vor Schmerz über Deine Raserei vergehn möchtest, dann will ich meine Hand
verfluchen, wenn sie noch einen Buchstaben an Dich schreibt: dann bist Du ein
Unwürdiger, der nicht einmal Hass, sondern Verachtung verdient.
    Aber solltest Du das wirklich sein? - Noch immer widerstrebt mein Herz, wenn
ich dies von Dir argwohne. Dein feuriges Blut, Deine reizbare Seele, Dein
brausendes Alter, vielleicht auch Dein Stolz, Dein Ehrgeiz - das, das sind die
Urheber Deiner Torheit und Deines Unglücks: Du bist von ihnen überrascht,
überredet, überlistet worden; und doch muss ich zu meiner Betrübnis mir auch
diese Täuschung versagen. Ich bin durch Deine eignen Briefe an Ulriken, die uns
von der Oberstin zugesandt worden sind, meiner Schwäche, meiner Nachlässigkeit
überführt worden: Du hast schon eine Neigung heimlich in Dir genährt, als ich
Dich vor aller Welt davon freisprach; und welche beharrliche Überlegung gehörte
dazu, meiner Wachsamkeit in einem solchen Alter eine vorzeitige Leidenschaft zu
verbergen! Auch hat mir Deine Torheit manches Unglück schon verursacht:
Vorwürfe, scheele Gesichter, brennende Verweise habe ich von Graf und Gräfin
über meine schlechte Aufsicht ausstehn müssen; und Gott sei mein Zeuge! sie war
doch nach allem meinem Wissen und Gewissen die beste, die sorgfältigste, deren
ich mit allen meinen Kräften fähig bin. Freilich hinterging mich meine
leichtgläubige Freundschaft für Dich; und für diese guterzige Schwäche muss ich
dann büssen, schwer büssen! Die Vorwürfe des Grafen und der Gräfin haben mich vom
Schloss vertrieben: ich konnte ihre Bitterheit unmöglich länger ertragen: ich
verliess die Wohnung der Zwietracht und der Verfolgung, die jetzt durch den
Ungestüm so vieler unzubefriedigender Gläubiger und noch mehr durch Deine
Tollheit zum Sitze des Verdrusses, des Unwillens, der Traurigkeit und des
Weinens geworden ist; denn täglich bist Du Ursache, dass Deine Wohltäterin sich
auf ihrem Zimmer in Tränen badet, wenn sie die grausamen Vorwürfe ihres Gemahls
bis in die Seele verwundet haben. Die Verlegenheit über seine ökonomischen
Umstände macht ihn wild und hart; und er schüttet seinen geheimen Schmerz
darüber mit barbarischer Unbarmherzigkeit über die arme Gräfin aus, weil sie in
Dir den Unglücklichen erzog, der ihr Haus schänden sollte. Ich wohne zwar jetzt
an dem äussersten Ende der Stadt, in einem einsamen friedfertigen Häuschen, in
anscheinender Ruhe: aber Du, unseliger Freund, hast mir auch diese Ruhe
verbittert. Ich quäle mich unablässig mit eignen Vorwürfen, dass ich zu Deiner
Unbesonnenheit und so vielem Herzeleide eine der nächsten Veranlassungen sein
musste: ich ängstige mich, sooft ich an Dich denke; und ich denke jede Minute an
Dich.
    Ergreift Dich nicht ein eiskalter Schauer, wenn Du so die ganze Reihe Deiner
Vergehungen und die Menge der Unglückseligkeiten überdenkst, die Du auf Dich und
uns alle gehäuft hast? Und wer sind wir alle? Deine Wohltäter, Deine Freunde!
Denke Dir Deine Liebe zur Baronesse ein einziges Mal als die Urheberin so
vielfachen Unglücks! und ich möchte Dich in dem Augenblicke einer solchen
Vorstellung sehen: ich weiss gewiss - oder die Natur müsste sich selbst betrogen
haben, als sie Deinen so früh erwachten Verstand bildete -, ich weiss gewiss,
Tränen, heisse bittere Tränen werden Deine Wangen netzen: Du wirst Deine
Leidenschaft verabscheuen und wünschen, alle traurigen Folgen derselben
vernichten zu können. - Man fängt mit Torheit an und endigt mit Laster - glaube
diese Erfahrung Deinem ältern Freunde! Ein Mensch, voll so feurigen Gefühls für
Ehre und Rechtschaffenheit, kann unmöglich jene gewisse Erfahrung gelernt haben
und nicht mit allen Kräften den Schritt zurückziehn, den er in seiner Torheit
weiter tun will: lieber lähmte er seinen Fuss, um keinen weiter tun zu können.
    Ob mich meine gute Erwartung von Dir täuschen wird, dazu soll mir ein
einziger Beweis genug sein. Die Baronesse hat schon über einen Monat Dresden
heimlich verlassen: die Oberstin kann ihren Aufentalt nicht auskundschaften. Um
sich Ungelegenheit zu ersparen, weil sie die Entlaufne wiederzufinden hoffte,
hat sie der Gräfin den Vorfall erst vor kurzem gemeldet: noch ist man imstande
gewesen, dem Grafen diesen neuen Zuwachs von Ärger und Zorn zu ersparen. Wir
wissen, dass die Baronesse eines Abends Dich heimlich besucht hat, und auch dem
Grafen konnte man es nicht verbergen: auf seinen Befehl sollte Ulrike von ihrer
Mutter aus Dresden weggeholt und in das Stift zu ** gebracht werden, aber ein
unglücklicher Fall mit dem Pferde hinderte ihre Reise, und man gab der Oberstin
den Auftrag, es an ihrer Stelle zu tun, allein zu einer Zeit, wo die Baronesse
schon entlaufen war: wir alle glaubten sie längst im Stifte, als die
schreckliche Nachricht von ihrer Unbesonnenheit anlangte. Alle diese Umstände
erzähle ich Dir, um zwo Fragen an Dich zu tun, deren Beantwortung mich bestimmen
wird, ob ich mich ferner Deiner annehmen oder Dich der Besserung des Unglücks
überlassen soll. - »Hast Du teil an der Entfliehung der Baronesse? Weisst Du, wo
sie ist?« - Auf Gewissen und Ehre beantworte mir diese beiden Fragen! belügst Du
mich, dann gehe! Werde ein Schurke, ein Lasterhafter, ein Bösewicht, werde
gehängt, gerädert oder geköpft! - ich kenne Dich nicht mehr.
    Indessen, in der Hoffnung, dass Du mich nie zu einer so harten
Selbstverleugnung zwingen wirst, empfange von mir den letzten Beistand! aber
gewiss den letzten, ich schwör Dir's bei Gott! wenn Du in Deiner Torheit
beharrst! Ich habe Dich an einen Berliner Kaufmann, der sich wegen seiner
Schuldforderungen an den Grafen bei uns aufgehalten hat und dessen Adresse Du
diesem Briefe beigefügt findest, empfohlen, dass er Dich als Handelsbursche in
die Lehre nehmen soll. Ich übersende Dir deswegen 10 Louisdor zu den Reisekosten
und zur Erleichterung Deiner Subsistenz in Berlin: den Akkord mit dem Kaufmanne
habe ich bereits geschlossen, und Du brauchst für nichts zu sorgen, als Dich
unverzüglich, das heisst höchstens in Monatsfrist, dahin zu begeben und in eine
Bahn der Geschäftigkeit zu treten, die künftig Dein Glück machen soll, die Dir
Nutzen und Ehre verspricht.
    Und nun, lieber Freund, noch einmal! Bezwinge Dich wie ein Mann! behaupte
Deine Würde! Reisse alles Andenken an Ulriken aus Deinem Herze, bis auf das
kleinste Würzelchen reiss es aus, und wenn es Dich blutige Tränen kosten sollte!
Bedenke, dass Du nicht zum Empfinden, sondern zum Handeln geboren bist, nicht zum
schmachtenden Schäfer, sondern zum tätigen Weltbürger!
    Wirf Dich in die Geschäftigkeit tief hinein, gib ihr alle Deine Kräfte und
Gedanken, dass für die Liebe nichts übrigbleibt! Deine Schreibart in Deinen
Briefen seit mehr als einem halben Jahre ist mir bedenklich gewesen: sie war
hart, heftig, in der geringsten Kleinigkeit übertrieben und aufgeschwellt: sie
hatte durchaus die Kennzeichen der Leidenschaft: sie soll auch inskünftige mich
belehren, ob das Feuer in Deinem Herze gelöscht ist.
    Wenn Du sehen könntest, mit welcher Bewegung des Herzens, mit welchen
Erwartungen, mit welchen gerührten Wünschen ich diesen Brief schliesse - Du
hörtest noch heute auf, ein Tor zu sein. Sei ein Mann! sag ich Dir, und dann bin
ich ewig
                                                           Dein Freund Schwinger
Welch ein Brief! Als wenn eine Donnerstimme jedes Wort in Herrmanns Herz rief,
erschütterte er ihm Mark und Bein: er änderte auf einmal den ganzen Schauplatz
seiner Gedanken und Empfindungen und zeigte ihm seine Liebe zu Ulriken in einem
Lichte, in welchem er sie nie gesehn hatte, dass er vor ihr erschrak. Sie zeigte
sich ihm bisher bloss als Gefühl für einen liebenswürdigen Gegenstand - als
Empfindung der Natur, der er nicht widerstehen konnte noch mochte, weil er es
für billig hielt zu lieben, was ihm gefiel -, als Quelle seiner Glückseligkeit:
die Vorstellung davon war beständig von so vieler Süssigkeit begleitet und mit so
helleuchtenden, strahlenden Farben ausgeschmückt, es war eine Sonne, die ihn
befeuerte und blendete, dass er nichts als einen liebenden Heinrich und eine
liebende Ulrike erblickte: doch jetzt! - plötzlich sah er sich als Sohn eines
Einnehmers und Ulriken als Baronesse, als Verwandtin des Grafen Ohlau: seine
Liebe zu ihr schien ihm Torheit, Unsinn, Raserei. Schwingers Brief zwang seinen
Blick so unwiderstehlich, diese längstvergessne Seite seiner Liebe zu betrachten,
dass seine Leidenschaft auch nicht einen Grund dawider aufbringen konnte: sie
verstummte. Es herrschte einige Tage hindurch eine tote, öde Stille in seiner
Seele: die Liebe wagte es kaum, sich von dem gewaltigen Sturze wieder zu
erheben. Er antwortete Schwingern auf seine Fragen mit aller Gewissenhaftigkeit,
dass er die Flucht der Baronesse weder befördert noch angeraten habe und
ebensowenig wisse, wo sie sei: es fiel ihm zwar einigemal ein, lieber die Schuld
durch eine Lüge auf sich zu nehmen und lieber Schwingers Freundschaft zu
entbehren, als Ulrikens Strafbarkeit durch sein Zeugnis zu vermehren: allein das
Schrecken, das ihm der Brief eingejagt hatte, stand wie ein fürchterlicher Riese
vor ihm und gebot, die Wahrheit zu sagen: er gehorchte, bekannte seine
Leidenschaft, erklärte sie für Torheit und gelobte an, ihr auf immer zu
entsagen. Auch war das Gelübde in dem Augenblicke ganz ernstlich: er wünschte,
es halten zu können, und nahm sich fest vor, es nicht zu brechen. Konnte man
mehr Aufopferung verlangen?
    Länger als eine Woche las er den Brief wohl zehnmal in einem Tage: von jeder
Beschäftigung, von jedem Gedanken kam er auf ihn zurück. Besonders machte die
letzte Ermahnung einen tiefen Eindruck auf seine Ehrbegierde: sie arbeitete sich
allmählich wieder empor, und in kurzer Zeit war der ganze Ton seiner Seele
umgestimmt. Er dachte mit Wehmut an die Liebe, wenn sie sich in ihm regte, wie
an eine anmutige Gesellschafterin, die man wider seinen Willen verlassen muss: er
riss sich selbst von ihr hinweg - Sei ein Mann! tönte ihm Schwingers Stimme ins
Ohr; und die Liebe kroch furchtsam in das äusserste Winkelchen zurück: aber sie
war nur verscheucht, nicht verjagt.
 
                                Viertes Kapitel
Magister Wilibald, der seine geistlichen Krankenbesuche unermüdet forsetzte,
ermangelte nicht, die Revolution in Herrmanns Herze, sobald er sie wahrnahm,
sich und der Kraft seiner Beredsamkeit zuzuschreiben, ob er gleich nach zween
Besuchen sich seines Trost-, Lehr- und Strafamtes freiwillig entsetzt und den
neubekehrten Herrmann von Stadtneuigkeiten und besonders von den Mühseligkeiten
seiner Mitbrüder unterhalten hatte. Die wichtigste Angelegenheit schien für den
schwarzperückichten Seelenbekehrer die Entdeckung zu sein, dass Herrmann mit
Schwingers Briefe funfzig bare Taler bekommen und achtzehn schön funkelnde
Dukaten ausserdem noch in seinem Schränkchen eingeschlossen habe: er liess sich
beides zeigen, pries mit inniger Freude den Besitzer desselben glücklich als
einen Auserwählten, auf welchen Gott seine Gaben reichlich ausschüttete, und
ermahnte ihn zum guten, weisen Gebrauche dieser zeitlichen Güter.
    »Spielen Sie?« fragte er am Ende seiner Ermahnung.
    Herrmann. Nein; ich habe allem entsagt, was mich nur einen Fingerbreit von
meiner Hauptabsicht ausführen kann: ich bin auf eine Art ein Tor gewesen, ich
will es nicht wieder auf eine andre sein.
    Wilibald. Das sind wahre Entschlüsse, wie sie ein Mensch fassen muss, den ich
wiedergeboren habe. Indessen wenn man mit christlichen frommen Leuten spielt,
die nicht dabei fluchen und schwören - wie zum Exempel, wenn Sie in Sanftmut und
Gelassenheit mit mir ein zeitverkürzendes und gemütergötzendes Spielchen machten
-
    Herrmann. Mit niemandem, und wenn's ein Engel wäre! Schwingers Brief hat
meine ganze Seele umgeändert: er hat mich erinnert, dass ich nichts bin: ich muss
arbeiten, dass ich's nicht länger bleibe. Wie? ich sollte so daniedergedrückt, so
zurückgesetzt, ungeehrt, ein Wurm bleiben, über den jedermann verächtlich
hinschreitet? zeitlebens ein Tier sein, das arbeitet und sich füttert, ohne dass
mich eine Tat vor den übrigen auszeichnet? - Lieber mag ich nicht leben: nicht
eher will ich an Ulriken, an Liebe, Vergnügen und Glückseligkeit denken, als bis
ich mich aus dem Nichts emporgerissen habe, das mir Schwinger vorwirft.
    Wilibald. Das ist sehr löblich. - Das Gemüt will aber doch zuweilen auch
seine Ergötzung haben, und ein anständiges Spielchen mit frommen Leuten -
    Herrmann. Nein, sag ich Ihnen. Liebe, Vergnügen, Spiel - alles, alles ist
mir zuwider, verächtlich, klein: ganz ein andrer Trieb lebt in mir: wie eine
Flamme brennt er in meiner Brust: wenn Sie diesen Durst löschen können, dann
sind Sie mein Freund.
    Wilibald. Ich bin freilich ein schwaches Werkzeug in den Händen der
Vorsicht; indessen wenn ich wüsste, was so eigentlich Ihr Wunsch und Begehren sei
-
    Herrmann. Nur eine Tat, eine Handlung, die meine Geburt auslöscht! O der
Sohn eines Einnehmers, den mir Schwinger vorrückt, brennt mich Tag und Nacht wie
eine Kohle in meinem Herze! Ich kann nicht ruhen, bis ich den Vorwurf rein
ausgetilgt habe.
    Wilibald. Wenn Sie das wünschen, so will ich Ihnen eine Handlung
vorschlagen, die Ihnen bei Gott und Menschen Ehre bringen, eine Tat, die Ihren
Namen durch alle vier Weltteile verbreiten, die Sie nach Jahrtausenden noch so
berühmt machen wird wie alle Märtyrer und Heidenbekehrer: das Kind, das an der
Mutter Brust liegt, wird Ihren Namen zuerst aussprechen lernen: der sterbende
Greis wird ihn noch mit Dank und Ehrfurcht nennen: auf allen Kanzeln in Europa,
Asia, Afrika und Amerkia wird Ihr Lob ertönen: Dichter und Redner in allen
Sprachen der Christenheit werden Sie erheben: Ihr Bildnis wird in Sandstein und
Marmor, in Kupfer, Erz, Gips, Wachs, Siegellack und Ton, in schwarzer Kunst,
gestochen, geätzt, gemalt, als Büste, Kniestück und in Lebensgrösse in allen
Zimmern, Stuben und Kammern, unter venetianischen Spiegeln und an himmelblauen
Brotschränken durch die ganze Welt zu finden sein, man wird es an Uhren, auf
Stockknöpfen und Dosen, in Ringen tragen, und nach Jahrtausenden werden sich
noch Kenner und Antiquare über Ihre Nase zanken: Ihr Ruhm wird mit Himmel und
Erde eine Dauer haben.
    Herrmann. Und welches ist diese grosse, herrliche, einzige Tat?
    Wilibald. Wir wollen die Berliner bekehren.
    Herrmann stutzte und schwieg. Der Magister liess seiner Verwunderung ein
wenig Zeit und fuhr alsbald in seiner Rede patetisch also fort:
    »Fromme Männer haben Boten ausgesandt, um beschnittne Juden und ungetaufte
Heiden zu bekehren: fromme Männer haben sich zu einem so grossen Endzwecke als
Apostel gebrauchen lassen, haben mit Regen und Hitze, Sturm, Hagel, Donner und
Blitz, mit rüttelnden Postwagen und ungeheuren Meereswellen gekämpft: bald sind
ihnen die Schuhe, bald das Schiff, das sie trug, leck geworden: sie haben
gefastet, gehungert und gedurstet, haben sich von den blinden Heiden Nasen und
Ohren abschneiden, mit den Ohrläppchen an die Türen annageln, geisseln, sengen,
stechen, braten, kochen und fressen lassen, um die Ungläubigen durch ihr Leben
und Tod zu bekehren: aber niemand ist noch Apostel der Berliner geworden; und
doch sind sie ungläubiger als Hottentotten und Malabaren, ohne Erkenntnis und
Erleuchtung, Unwiedergeborne, Ateisten, Deisten, Sozinianer, ohne Glauben,
eitel Sünder und Sündengenossen: sollte nicht uns die hohe Ehre aufgehoben sein,
diesen verirrten Haufen wieder auf den rechten Weg zurückzuführen? - Wir wollen
es wagen: Bruder, lass uns mutig ihre Apostel werden und das Werk ihrer Bekehrung
vollenden. Dann wird unser Ruhm von einem Ende der Welt bis zum andern
erschallen.«
    Herrmann fand anfangs eine kleine Bedenklichkeit bei dem Vorschlage, oder
vielmehr dieser Weg, Ruhm zu suchen, war seiner Ehrbegierde zu fremd, um ihn
sogleich zu betreten: er wusste wohl, dass Männer durch edle, grossmütige,
gemeinnützige, mutige Handlungen, durch Patriotismus, durch wichtige Werke des
Genies gross und berühmt geworden waren: aber dass man es durch Bekehrung andrer
Menschen werden könne, davon sagte ihm alle seine Kenntnis und Erfahrung kein
Wort. Er hörte also den Vorschlag innerlich und äusserlich ohne Beifall und
Widerspruch an und versprach, ihn geheimzuhalten, welches sich der Magister sehr
angelegentlich von ihm ausbat.
    Die Frau Doktorin gab oft kleine Abendessen, wovon aber ihr Mann nichts
erfuhr und noch weniger dabei zugelassen wurde; denn sie geschahen bei
verschlossnen Türen, und niemand hatte gewöhnlich die Ehre, Anteil daran zu
nehmen, als der Magister Wilibald: doch seit jener Unterredung über die
Bekehrung der Berliner wurde auf seine Veranstaltung Herrmann jedesmal der
dritte Mann. Das Gespräch war allemal höchst erbaulich, und ehe man es
vermutete, lenkte es sich auf Berlin: der Magister und die Doktorin sagten
beide, ohne es gesehn zu haben, so viel Böses davon, dass jedem ehrlichen Manne
bei dem Gemälde die Haare zu Berge stehen mussten.
    »Es überläuft mich allemal ein Schauer vor Schrecken«, fing die Doktorin an,
»wenn ich einen Berliner sehe. Sie sind auch meist alle gezeichnet. Ich habe
zwar nur zwei in meinem Leben gesehn, aber ich versichre Sie, sie hinkten alle
beide.«
    Wilibald. Die Männer haben fast alle eine Art von Hörnern an der Stirne, wie
mir Magister Augustinus erzählt hat. Er ist zwar niemals dort gewesen, aber er
weiss es ganz gewiss; und Magister Augustinus lügt in seinem Leben nicht.
    Die Doktorin. Ach, ich will's wohl glauben. Solche Male sind nicht umsonst.
- Und wissen Sie denn auch, was man von den Weibern sagt?
    Wilibald. Sie sollen fast alle grosse Füsse und kleine Köpfe haben und doch
dabei so schön sein, dass man sie nicht ansehn kann, sagte mir Magister Blasius.
    Die Doktorin. Ei, ei! Und warum denn das?
    Wilibald. Man soll gleich weg sein, gleich gefangen. - - Ach! die Töchter
dieser Welt sind nicht vergeblich mit solchen verführerischen Reizungen
geschmückt! Das sind Geschenke des Satans.
    Die Doktorin. Nicht anders! - Und von den Geistlichen hat mir ja neulich der
Magister Kilian recht schreckliche Dinge erzählt.
    Wilibald. Sie sind gar nicht zu unterscheiden von den übrigen Menschen: wenn
sie ihre Amtskleidung nicht tragen, soll man hundertmal vor einem vorübergehn
oder gar mit ihm stundenlang sprechen können, ohne zu nur vermuten, dass es ein
Geistlicher ist. Sie stellen sich den Kindern dieser Welt in allem gleich, sagte
mir Magister Severus. Sogar in ihrem Amte sollen sie reden wie alle andre
Menschen. Was kann aus einer solchen Vermischung herauskommen als Verachtung?
    Die Doktorin. Da haben Sie recht. Wenn Sie ohne Perücke und schwarzen Rock
zu mir kämen, könnt ich Ihnen kein Wort glauben. Ich hätte nicht mehr Liebe und
Vertrauen zu Ihnen als zu meinem Manne.
    Wilibald. Nicht anders! Man muss sich selbst ehren, damit uns andre ehren.
Aus einer solchen Selbstverkleinerung des Standes entstehen auch hernach nichts
als Ateisten, Deisten, Naturalisten -
    Die Doktorin. Da haben Sie recht. Ich habe in meinem Leben noch keinen
Deisten und Naturalisten gesehn; denn Gott sei Dank! hierzulande bekömmt man
solche Kreaturen nicht zu Gesichte: aber ich stelle sie mir recht abscheulich
vor. Sagen Sie mir nur! Wie sehn sie denn aus?
    Wilibald. Magister Hieronymus hat einmal im Grünen Baume zu Berlin unter
einer ganzen Gesellschaft solcher Menschen gespeist.
    Die Doktorin. Ach, der arme Mann! Wie hat er denn das tun können?
    Wilibald. Weil er nichts davon wusste! Aber sie verrieten sich gleich, sagt
er: Ob sie sich wohl anfangs vor mir nicht wenig scheuten, so konnten sie sich
doch vor meinen scharfsichtigen Augen nicht lange verbergen. Sie hatten alle
grosse, schwarze Nägel an den Fingern, ihre Hände waren wie Tatzen gestaltet und
ihr Atem so beschwerlich, dass ich's nicht aushalten konnte. Als ich dies
wahrnahm, wurde mir angst und bange unter ihnen, und ob ich gleich zuweilen
meine Stimme erheben wollte, sie zu bekehren, so war mein Herz doch so
geängstigt und schwer, dass ich kein Wort aufbringen konnte und darum lieber
schwieg. Endlich ermannte ich mich und fing an, laut unter ihnen zu predigen: da
verstummten sie wie die Fische, falteten die Hände und fielen wie tot mit den
Köpfen auf den Tisch.4 - Er hat sie insgesamt bekehrt.
    Die Doktorin. Der brave Mann! Hat er in seinem Eifer nach einem so
gesegneten Anfange nicht mehr Wunder getan?
    Wilibald. Allerdings! In dem Tiergarten hat er einem ganzen Truppe junger
Deisten gepredigt: sie waren alle zu Pferde und versammelten sich in einem
grossen Kreise um ihn, als er anfing: doch hier musste er Verfolgung leiden. Sie
setzten ihn auf ein Pferd, führten ihn durch zwo lange Alleen und schrien: der
Apostel! dabei huben sie Sand und Steine auf, steinigten ihn und jagten das
Pferd, bis er stürzte5. Er hat es darauf an dem nämlichen Orte mit vornehmen,
sehr geputzten Naturalisten versucht: allein sie waren so frech, ihn mit Gelde
bestechen zu wollen: sie reichten ihm insgesamt etwas; aber er schlug es mutig
aus, ergrimmte über sie und verfolgte sie mit seiner Predigt, dass sie eilfertig
davonflohen und ihn ängstlich baten, sie zu verlassen: so kräftig wirkte seine
Rede auf ihr Gewissen.
    Die Doktorin. Der vortreffliche Mann! Wieviel Grosses und Herrliches er schon
in seinen jungen Jahren getan hat! Er wird gewiss noch die ganze Donau und Afrika
und Russland bekehren. Das heisst doch in der Welt leben, wenn man so grosse Dinge
tut. -
    Obgleich alle Unterredungen bei diesen geheimen Mahlzeiten meistenteils
diese Gestalt und Form hatten, so tauchte doch der Magister zuweilen seinen
Pinsel in dunklere, fürchterlichere Farben und gab den Ausschweifungen und
Lastern, die ihm Magister Kasimir und Magister Hildebrand von Berlin erzählt
hatten, ein schauerhaftes Kolorit. Alle Strassen, Gassen und Plätze waren nach
seiner Schilderung alle vierundzwanzig Stunden von einem Mittage bis zum andern
mit Werken der Finsternis erfüllt, wie er sie nannte: wo man ging und stund,
wurde geraubt und gemordet. Das Bild glich keiner einzigen Stadt in der Welt,
aber es tat doch grosse Wirkung durch das Übermass seiner Abscheulichkeit: die
Doktorin zitterte und bebte bei den Freveltaten, Sünden, Unmenschlichkeiten,
Betrügereien, Bosheiten und Lastern, die der Magister in seiner Erzählung dicht
aufeinander folgen liess, verabscheute sie, und wie die Kinder ihre Amme zu neuen
Gespenstergeschichten auffodern, indem sie noch vor den erzählten schaudern, so
ermahnte sie den Erzähler zur Fortsetzung, ob sie ihn gleich bei dem Schlusse
einer jeden Lüge inständigst bat zu schweigen. Das Ende aller solcher Gespräche
war allemal die Beherzigung, wie heilsam und rühmlich es sei, die Berliner zu
bekehren.
    Auch Herrmann lernte dies allmählich empfinden. Das Unglück seiner Liebe
hatte seinem Gemüte eine gewisse Bitterkeit mitgeteilt: alle seine Freunde und
Bekannten bekämpften seine Lieblingsleidenschaft durch Hindernisse oder Verbot:
ob er ihnen gleich nachgab und zum Teil einsah, wie sehr sie recht hatten, so
blieb doch ein Verdruss wider sie in ihm zurück. Sein Verdruss machte es ihm zum
Vergnügen, viel Böses von den Menschen zu hören, und je mehr er von ihnen hörte,
je leichter ward es ihm, auch das Unglaublichste zu glauben. Sein tätiger Geist
konnte unmöglich ohne Leidenschaft sein, und die Bekehrung der Berliner wurde
endlich so sehr sein Wunsch, dass er die hohe Unternehmung bei sich beschloss; und
seine Ruhmbegierde und Unbekanntschaft mit der Welt verbargen ihm das
Abenteuerliche und Lächerliche eines solchen Entschlusses. Er las eifrig
Missionsgeschichten und Leben der Märtyrer und entflammte seine Einbildung durch
die erstaunenden Begebenheiten so stark, dass er schon seinen ganzen Leib mit
rühmlichen Wunden bedeckt und seinen Ruhm durch alle Weltteile verbreitet sah.
Er lernte durch des Magisters Umgang meisterhaft auf das Verderben der Menschen
schmähen: und es tat ihm recht wehe, dass er seinen geistlichen Feldzug wider den
Unglauben nicht auf der Stelle eröffnen konnte.
    Da seine fanatische Ruhmsucht in voller Flamme stund, bestimmte ihm der
Magister einen Tag, wo sie heimlich von Dresden entweichen wollten. Herrmann
stemmte sich aus allen Kräften wider die heimliche Entweichung, allein sein
Gefährte im Apostelamt hatte die wichtigsten Ursachen von der Welt, warum er
darauf bestehen musste. Die Schulden, die sein unordentliches Leben angehäuft
hatte, liessen ihn den Verlust aller Gunst bei seinen Gönnern und Gönnerinnen
befürchten, wenn die Gläubiger aufwachten: viele waren schon erwacht, und es
schien ihm also schicklicher, seinen Namen den Schimpf als seine Person die
Gefahr seiner Insolvenz tragen zu lassen. Deswegen stellte er seinem Mitbekehrer
vielfältig vor, dass die Apostel und andre grosse Männer in dieser Laufbahn alle
ihre Reisen zu Fuss getan hätten, dass dies ein erfoderliches Stück ihrer
Unternehmung sei und dass er schlechterdings Dresden heimlich verlassen müsse,
weil man ihn sowenig entbehren könnte und deswegen durch alle Mittel, vielleicht
gar durch Gewalt, zurückhalten würde. Was sollte Herrmann tun? Er war schon von
seiner künftigen Grösse beinahe blind und wurde es durch die Beredsamkeit des
Magisters täglich mehr: um nicht vielleicht von der Ehre der Teilnehmung an so
einer hohen Tat gar ausgeschlossen zu werden - womit ihn der Magister bedrohte
-, willigte er in alles. Er liess auf dem Tische in seiner Stube einen Zettel
zurück, worinne er bat, dass man ihm seine Sachen aufheben sollte, bis er sie
durch einen Brief verlangen werde, und begab sich in den Abendstunden in die
Wohnung des Magisters, die man zur Zusammenkunft bestimmt hatte, mit nichts als
seinem sämtlichen Gelde und einem kleinen Vorrate Wäsche versorgt, soviel als
seine Taschen zu fassen vermochten.
    Wilibalds Stube war so ein entsetzliches Nest, dass für Herrmann jeder
Augenblick darin zu lange dauerte: schwarz beräucherte Wände, die
unglaublichste Unordnung unter allen den Maschinen, die die Stelle der Möbeln
vertraten! - Hier lehnte auf zween schwachen Füssen ein Stuhl, an welchem das
Eingeweide durch grosse Öffnungen auf allen Seiten des ledernen Polsters
hervordrang, die übrigen beiden Füsse lagen nebst einigen andern zerstreut auf
dem Fussboden herum, der überhaupt wie ein Schlachtfeld aussah, wo die sämtlichen
Möbeln der Stube ein Treffen geliefert haben mochten - hier stand ein Schuh auf
dem berussten Tische oder schwamm vielmehr in einem Meere von verschüttetem
Milchkaffee und sah sich traurig nach seinem Kameraden um - dort hing das
zerrissne, schmutzige Bette über das Bettgestelle herunter, und bei jeder
Bewegung flogen die Federn wie Schneeflocken durch die Atmosphäre der Stube -
der Ofen diente zur Garderobe, welche aber nichts entielt als verschiedene
höchst unbrauchbare Strümpfe, die wie Kirchenfahnen an den Schrauben und Ecken
desselben hingen -, auf dem Fensterbrett war das Speisegewölbe und die
Polterkammer, und das Kopfkissen steckte in der zerbrochnen Glasscheibe, um die
Stube zu wärmen.
    Das erste Unglück, das den beiden Aposteln begegnete, war der Mangel an
Licht: das Tacht eines abgebrannten Talglichts, auf ein Gesangbuch geklebt,
schwamm bereits indem zerschmolznen Inselt und verwandelte schon die hölzernen
Tafeln in Kohlen. Wilibald beschwerte sich über die itzige Seltenheit des
Silbers und die disproportionierte Menge des Goldes, womit das Land überschwemmt
wäre, dass man bei kleinen Bedürfnissen im Handel und Wandel gar nicht
auseinanderkommen könnte, und erkundigte sich, ob Herrmann nicht ein Restchen
Silbermünze bei sich führte: weil er damit versorgt war, musste er Vorschuss tun,
und der Apostel Wilibald ging in eigner Person und holte unter seinem schwarzen
Rocke ein Talglicht, das in Ermangelung des Leuchters in den Hals einer
gläsernen Bouteille gestellt wurde.
    Einer Unbequemlichkeit war abgeholfen: aber die eindringende Dezemberluft,
welche das Kopfkissen nicht hinlänglich abwehren konnte, besonders da ihr eine
Menge kleiner unverstopfter Ritzen in dem übrigen Teile des Fensters freien
ungehinderten Eingang verstattete, machte es in diesem Stalle so kalt wie auf
offnem Felde. Wilibald fühlte dabei so grosse Unbehaglichkeit als Herrmann, und
da nach seiner Erzählung sein Vorrat an Brennholz den Morgen vorher alle
geworden war - ob er gleich noch keinen Span in seinem Ofen gebrannt hatte -, so
beschloss er, alles Holz in der Stube zu fällen: die zerstreuten Stuhlbeine
wurden gesammelt, die übrigen ausgedreht, ein Stück des Bettgestells zu Hülfe
genommen, aus den Stuhlpolstern das Werg gerissen, nach allen Regeln der
Einheizekunst aus diesen Materialien ein Holzstoss im Ofen errichtet, das Werg
loderte empor, das dürre, überfirnisste Holz prasselte in hellen Flammen, und
Wilibald erblickte mit inniger Herzensfreude das erste Feuer in seinem Ofen,
solange er mit ihm in Bekanntschaft stund.
    Endlich fand sich auch ein drittes Bedürfnis ein - der Hunger. Da Wilibald
seinen gänzlichen Mangel an Silbermünze einmal für allemal kundgemacht hatte,
erbot sich Herrmann ungebeten zum Vorschuss: der Apostel Wilibald besorgte auch
diesen Einkauf und brachte geräuchertes Fleisch und Brot in reichlicher Menge
herbei, eine grosse Flasche Branntewein nicht zu vergessen: nebenher wurde ein
Kaffee gekocht. Da alles zur Mahlzeit bereitet war und doch kein einziger Stuhl
mehr aufrecht stehen und eine menschliche Kreatur tragen konnte, beschloss man,
auf dem Fussboden Tafel zu halten: sie lagerten sich also beide in der Nähe des
Ofens, die Bouteille mit dem Lichte zwischen ihnen, die Brannteweinflasche
daneben, nebst dem Topfe voll Kaffee, womit Wilibald das Gastmahl eröffnete: ein
jeder nahm sich nach eignem Belieben ein Stück auf die Faust und verzehrte es,
ohne Messer und Gabel, die Knochen sammelte man im Ofen, um die Stelle der
Kohlen vertreten zu helfen. Die Wärme, die der Ofen versagte, gab der
Branntewein, und Freude und Begeisterung stiegen bei beiden mit jedem Zuge.
Herrmann fühlte zwar anfangs keine kleine Abneigung in sich gegen diese
schmutzige und wüste Lebensart, und er wäre schon durch den Anblick der Stube
beinahe von seinem Apostelamte abgeschreckt worden: allein seine fanatische
Ruhmbegierde scheuchte bald alle Bedenklichkeiten hinweg: er erinnerte sich an
die ungleich grössern Martern, die so viel berühmte Vorgänger im Bekehrungswerke
vor ihm ausgestanden hatten, und trug mit herzlichem Vergnügen diese ersten
Beschwerlichkeiten seiner neuen Laufbahn, in der angenehmen Hoffnung, dass seine
Standhaftigkeit bald auf härtere, verdienstvollere Proben stossen werde. Der
Branntewein teilte seinem innern Feuer neue Nahrung mit, dass seine Seele glühte
wie seine Backen: die Köpfe der beiden Apostel bekamen einen Schwung bis zum
halben Unsinn: sie jauchzten, sangen, wälzten sich wie Besessne, sanken in Küssen
und Umarmungen dahin, fluchten den Ungläubigen und schwuren allen Naturalisten
den Tod: sie warfen die Federn aus den Betten ins Feuer und triumphierten
springend und frohlockend, so viele Deisten und Ateisten in der Hölle brennen
zu sehn. Wilibald, der nur die Hälfte dieses Unsinns aus Trunkenheit tat und
einen grossen Teil davon beging, um seinen Kollegen desto mehr in Feuer zu
setzen, hielt während der Mahlzeit eine sehr patetische Rede, worinne er ihre
Unternehmung wider den berlinischen Unglauben mit der Eroberung von Amerika
verglich und weit über alle Heldentaten der alten und neuen Welt erhob. Ein
Stück geräuchertes Fleisch in der Rechten und eine Semmel in der Linken hub der
Redner also an:
    »Drei sind nicht zwei, und zwei nicht hundert: aber zwei Wiedergeborne sind
mehr als tausend mal tausend Ungläubige. Wie ich diese Semmel vor deinen Augen
zerreisse, teuerster, auserwählter Bruder, wie ich dieses Fleisch vor deinen
Augen zermalme und verschlinge, so werden wir den Unglauben, Naturalisterei und
Deisterei zerfleischen, bezwingen, zerstören, verwüsten. Jene auserwählten
Rüstzeuge erwürgten viele Millionen Indianer um ihres schrecklichen Unglaubens
willen; aber wir tun mehr als sie: wir wollen nicht töten, sondern lebendig
machen: wir wollen alle Deisten wiedergebären; und unsere Namen sollen mit
ehrernen Buchstaben in die Tafeln des Ruhms eingegraben werden. Wir sind die
grössten Helden, die jemals den Lorbeer verdienten: Cäsar, Alexander, Turenne und
Schwerin müssen vor uns in den Staub fallen, die Knie beugen und uns anbeten.
Waffne dich also mit Standhaftigkeit und Mut! Trotze Gefahren und
Beschwerlichkeiten! Je mehr sie sich häufen, je gewisser gehst du zur
Unsterblichkeit. Iss, trink und labe dich, du Auserwählter! Stärke dich mit
diesem Brote und diesem Tranke des Lebens zu der geheiligten Unternehmung!« -
    Seine kraftvolle Rede, wovon dieses nur der schönste Teil ist, wurde sehr
oft durch Besuche von Weibspersonen unterbrochen, die ungestüm hereintraten und
ungestüm fortgingen: einige liessen sogar eine reichliche Ladung der
schmählichsten Schimpfwörter zurück. Herrmann war von Fanatismus und Branntewein
zu sehr berauscht, um etwas Böses hinter den Besuchen zu argwohnen, obgleich
zwei von den Weibsbildern seinem Gefährten geradezu ins Gesicht sagten, dass er
ihnen schon seit einem Vierteljahre zwo Nächte schuldig wäre, und ihm mit
öffentlicher Beschimpfung drohten, wenn er ihnen ihr bisschen ehrliches Verdienst
nicht ordentlich bezahlte: Wilibald bestellte sie alle auf den morgenden Abend,
wo er richtige Zahlung und überdies noch eine reichliche Erkenntlichkeit für die
lange Geduld versprach. - »Ach!« sagte er zu seinem trunknen Kollegen, als sie
weg waren: »Wohltätigkeit und Guterzigkeit sind eine schwere Last: ich habe
mich dieser Unglücklichen angenommen, und ich muss mich durch eine List von ihnen
losreissen: wenn sie meine Abreise wüssten, würden sie mir mit Tränen um die Knie
fallen und mich zurückhalten. Wie sie weinen und jammern werden, wenn sie mich
morgen abend nicht finden! Das Herz tut mir weh: aber die geringe Handlungen der
Wohltätigkeit müssen der grössern, zu welcher wir uns bereiten, nachstehn.«
    In diesem verwilderten Zustande machten sie sich marschfertig: sie gaben
sich beide zween neue Namen, die mehr für ihre heilige Unternehmung passten:
Herrmann wurde zum Bonifacius, und der Magister machte sich selbst zum
Chrysostomus. Sie wählten überdies ein Feldgeschrei, das sie bei Trennungen oder
Verirrungen, besonders in der Nacht, einander zurufen wollten, um sich sogleich
zu erkennen: der nunmehrige Bonifacius schlug den Namen Ulrike dazu vor und
setzte seine Wahl mit lebhafter Hitze durch, ob ihn gleich sein Gefährte wegen
des irdischen, weltlichen Klanges verwarf.
    Die Luft war ausserordentlich rauh, kalt und scharf, die beiden Abenteurer
apostelmässig nur mit einfacher, leichter Kleidung versorgt: doch der doppelte
Rausch des Körpers und der Seele wirkte so heftig, dass Herrmann äusserlich mit
allen Gliedern zitterte und innerlich von einem Feuer brannte. Sie taumelten mit
schweren Köpfen, matten Füssen und halbgeschlossnen Augen bis zum nächsten Dorfe,
wo sie Müdigkeit und Kälte einzukehren zwang.
    So setzten sie ihre Reise standhaft fort, übernachteten in Schenken und
elenden Wirtshäusern und taten sich soviel Gutes, als es in den jämmerlichen
Herbergen möglich war: besonders wurde der Branntewein nicht gespart: dass
Herrmann jedesmal die Zeche bezahlen musste, versteht sich von selbst; und mit
Freuden tat er es. Der begeisterte und immer betrunkne Jüngling hörte sich schon
von allen Vorübergehenden den heiligen Bonifacius grüssen: in jedem Dorfe, wenn
die Hunde sie mit lautem Bellen empfingen und das Getöse die Einwohner, denen
der Winter Musse zur Neubegierde gab, an Fenster und Türen lockte, glaubte er,
dass die Merkwürdigkeit und der Ruf seiner heiligen Unternehmung so viele
Zuschauer herbeiziehe, und er wunderte sich ungemein, wie eine so geheim
behandelte Sache so allgemein ruchbar geworden war; denn seine kranke Einbildung
liess seine Ohren deutlich und vernehmlich hören, dass sich's die Leute aus den
Fenstern erzählten, zu welcher wichtigen Tat diese beiden Wanderer eilten.
Übertriebner Ruhm bläst leicht auf: wirklich wurde er auch so unleidlich stolz,
dass er auf alle Sterbliche, ausser seinen Begleiter, wie auf elende, verächtliche
Insekten herabsah, die kaum Anrede und Antwort von seinem heiligen Munde
verdienten. Da nach seiner schimärischen Vorstellung schon zu Anfange seiner
Auswanderung alle Leute sogar in den Dörfern - die Städte vermied Wilibald, ohne
es seinen Gefährten merken zu lassen - von dem herrlichen Endzwecke derselben
unterrichtet waren, so beleidigte es ihn itzo schon, wenn ihn jemand fragte,
wohin er wollte; und er wäre mit einigen Gastwirten beinahe in Händel über diese
Anfrage geraten.
    »Wisst ihr das nicht, ihr Unwiedergebornen?« sagte er einem. »Der kleinste
Bube in allen Dörfern, durch welche wir gegangen sind, hat von unsrer hohen
Unternehmung gewusst, und du, Ungläubiger, du allein bist so unwissend?« - Alles
das war Galimatias für den Mann: er glaubte, ihn vielleicht nicht höflich genug
gefragt zu haben, bat um Verzeihung und wiederholte seine Frage, mit vielen
Titulaturen und Komplimenten verschönert: der heilige Bonifacius drehte ihm den
Rücken.
    »Sie wollen wohl nach Berlin?« fragte ihn ein anderer bei der dritten
Einkehr.
    »Freilich!« erwiderte Herrmann trotzig und leise.
    »Wollen Sie denn etwa Soldat werden?« fuhr der spasshafte Mann fort. »Mord
und Todschlag! Sie werden die Feinde zusammennehmen. Piff! paff! puff! Da liegen
sie!«
    »Das sollen Sie!« sagte Herrmann ernstaft. »Wir wollen sie alle mit unsern
geistlichen Waffen daniederschlagen, und keiner soll dem allgewaltigen Schwerte
unsrer Rede entgehn.«
    Der Wirt. Blitz, Zeter, Mordio! ha! ha! ha! ha! - Wenn der Krieg wieder
losginge und die Preussen sollten etwa unsre Feinde werden - wofür uns Gott
bewahre! -, so schonen Sie wenigstens meinen armen Sohn! Wenn Sie alles
umbringen, so lassen Sie mir nur den armen Burschen leben! Wollen Sie?
    Herrmann. Ist er Naturalist?
    Der Wirt. Nein, so weit hat er's noch nicht gebracht. Zeter! Sie tun hohe
Sprünge! Mein Sohn ein Generalist!
    Herrmann. Ein Naturalist, sag ich!
    Der Wirt. Was ist denn das für ein neuer Titel?
    Herrmann. Ein Unwiedergeborner wie du. Über dich wollen wir zuerst das
Schwert zücken: dich soll unser Wort zuerst zermalmen.
    Er machte zugleich eine Bewegung, als wenn er ihn erdrosseln wollte, und der
Mann floh, mit spasshafter Furcht vor ihm, zur Tür hinaus. - Der erste Sieg über
die Ungläubigen!
    Den fünften Morgen, wo sie noch nicht einmal die brandenburgische Grenze
erreicht hatten - so gemächlich machten sie ihre Reise -, brachte Herrmann
beinahe zur Hälfte auf der Streu in dem Stübchen zu, das sich Wilibald diesmal
wider ihre Gewohnheit genommen hatte: den Abend vorher war ihm von diesem
Bösewicht so viel Branntewein aufgedrungen worden, dass er, wie von einem
Schlaftrunke eingeschläfert, in einer Art von Ohnmacht dalag. Endlich wand er
sich aus dem schweren Schlafe heraus, erblickte schon helles Tageslicht und sich
ganz allein in der Stube. Aufzustehen waren seine Glieder von dem gestrigen
Trunke noch zu schwach: er verweilte also auf seinem Strohlager, und nicht lange
dauerte es, so unterhielt ihn seine erwachte Einbildungskraft von dem
herannahenden Anfange seines Ruhms. Er erblickte sich schon in Marmor und Erz
auf allen öffentlichen Plätzen Deutschlands: ihm zu Ehren wurden Spiele und
Feste angestellt: Knaben und Mädchen schmückten mit Blumen und Kränzen sein
Bildnis und feierten mit Tänzen und Liedern sein Andenken. Nach Jahrhunderten
sah er seinen Namen noch in allen Chroniken, Annalen und Geschichten: die Grossen
nannten ihn mit Ehrfurcht, die Gelehrten mit Bewunderung und das Volk mit
Andacht.
    Mit solchen von Branntewein und Ruhmsucht aufgeschwellten Ideen, benebelt
von Trunk und Leidenschaft, berauscht von seinen fanatischen Träumen, hub er
sich schwerfällig auf, um den Teilnehmer seiner überschwenglichen Grösse
aufzusuchen. Er war wie zerschlagen am ganzen Leibe: er schleppte sich unter
heftigen Kopfschmerzen zu dem Tische hin und erblickte auf ihm ein Briefchen mit
der Aufschrift: - An den jungen Herrmann, weiland heiligen Bonifacius und
Bekehrer der Naturalisten. - Er faltete das unversiegelte Blatt auseinander und
las:
    Gehn Sie nach Berlin und werden Sie Lehrbursch bei dem Kaufmanne, an welchen
Sie Ihr Freund adressiert hat. Lassen Sie sich mit der Bekehrung der Berliner
nicht weiter ein: man möchte Sie für einen Narren halten und ins Tollhaus
bringen. Sie haben sich ganz entsetzlich anführen lassen: sein Sie in Zukunft
weniger ruhmsüchtig und mehr vorsichtig. Diese Lehre hinterlässt Ihnen Ihr
gewesener Gefährte am Bekehrungswerke der Berliner und verbundenster Freund
                                                                   Chrysostomus.
N.S. In Ihrer Tasche ist das nötige Reisegeld: eilen Sie, ehe es alle wird.
Man lasse sich aus dem Vorzimmer des Himmels, wo man schon die Engel
harmonienreiche Psalter in die goldnen Harfen singen und die Chöre der
Auserwählten hohe rauschende Wechselgesänge anstimmen hörte, durch einen
plötzlichen Stoss in die dürftigste, kahlste, menschenloseste Heide nach Island
versetzen: alsdann hat man Herrmanns Empfindung nach der Durchlesung des
schändlichen Blattes.
    Weg waren die glänzenden Träume des Ruhms! Weg die funkelnden Bilder der
Grösse, die bis zum Himmel reichen sollte! Der Horizont seiner Gedanken, der noch
vor einem Augenblicke sich über die ganze bewohnte Erde erstreckt, war jetzt in
ein enges, elendes Stübchen zusammengeschrumpft! Der Mensch, der sich vor einer
Minute ein Riese, über Kaiser, Könige und Fürsten, über alle sterbliche
Bedürfnisse erhaben schien, auf welchen Beifall, Ehre und Bewunderung von allen
Seiten strömte - dieser in seiner Einbildung so aufgeschwollne und stolze Mensch
erblickte sich jetzt auf einmal als einen dummen, unerfahrnen, leichtgläubigen,
betrognen Jüngling, als einen künftigen Kaufmannsburschen, als einen Verlassnen,
ohne Geld, ohne Freund, ohne Retter! - Nachdem die erste Betäubung des
Schreckens vorüber war, ergossen sich seine Augen in einen reichen Tränenstrom:
der Unglückliche weinte um sein Glück, um seinen Traum: seine kümmerlichen
Umstände waren ihm wenig - denn er konnte sie nur noch vermuten -, aber sein
Traum sein Traum! hätte ihm der schändliche Betrüger diesen nicht verscheucht,
keine Zähre wäre über seine Wangen geflossen. - Und dann! dass er sich so
einfältig hatte hintergehn lassen! mit Zähneknirschen dachte er an seine
Leichtgläubigkeit. Er warf das betränte Gesicht auf den Tisch, in allen seinen
Eingeweiden nagte Scham und Ärger: er hätte sich vor der Welt, vor sich selbst
verbergen mögen.
    Nicht angenehmer waren seine Empfindungen, als die Gewalt des ersten
Schmerzes ein wenig ausgetobt hatte und ihm der Gedanke einkam, in seinen
Kleidern die zurückgelassne Barschaft aufzusuchen: von seinen schönen achtzehn
Dukaten, von den funkelnden zehn Louisdoren hatte ihm der Bösewicht einen
einzigen zurückgelassen. Sein Zorn über die Bosheit brannte freilich in grossen
Flammen empor: aber was half Zorn? - Er sah das ein, zog sich allgemach an und
ging hinunter zum Wirte.
    Neues Wunder! Die Wirtsleute glaubten, dass er in der Morgendämmerung mit
Wilibald, der den Abend vorher alles heimlich bezahlt hatte, um mit dem
frühesten aufzubrechen, fortgegangen sei, und sahen ihn lange bedenklich an, ob
er ein Gespenst oder ein Mensch wäre. Er klagte die Treulosigkeit seines
Reisegefährten in herzbrechenden Ausdrücken - versteht sich mit wohlbedachter
Auslassung seines Bekehrungsprojektes! - und beschwerte sich, dass er ihm sowenig
zurückgelassen hatte, um den weiten Weg damit zurückzulegen. - »So, so?«
antwortete der Wirt im Lehnstuhl kaltblütig. »Ja, es geht schlimm in der Welt
her!« - Indessen kam seine Frau mit quecksilbrichtem Gange hereingetanzt. -
»Lise«, sprach der Mann, »der Herr ist heute Nacht bestohlen worden.« -
»Bestohlen?« schrie die Frau auf und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen.
»Ach, dass Gott erbarm! Du gerechter Gott! bestohlen!« - und dabei gebärdete sie
sich, als wenn sie alle Haare ausraufen wollte. Sie schwänzte zur Tür hinaus:
über eine kleine Weile kam sie wieder: »Über das Unglück! Du mein Gott und
Vater! bestohlen ist er? heute nacht?« - dann wieder zur Tür hinaus, und in
einer Minute erschien sie schon wieder mit den nämlichen Ausrufungen und
Verwunderungen: so stattete sie unter unaufhörlichem Laufen ihre Kondolenz zu
sechs wiederholten Malen ab. Der Mann liess sich dabei, ohne eine Miene zu
verziehen, Herrmanns Geschichte und seine gegenwärtige Lage umständlich
erzählen, stund phlegmatisch und stumm auf und ging. Nach einiger Zeit kam er
zurück und setzte sich in den Lehnstuhl. - »Mein Bruder, der Müller«, fing er
an, »fährt gegen Mittag ins nächste brandenburgische Dorf: er will Sie
mitnehmen: ich habe jetzt mit ihm gesprochen. Es ist ein Karren: er will Sie für
seinen Sohn ausgeben und dort eine andre Fuhre für Sie ausmachen, wenn sich's
tun lässt. Essen Sie erst! Ja, ja, es geht schlimm her in der Welt.« - Herrmann
wollte ihn vor Freuden umarmen und schlang schon die Arme um ihn: aber der Mann
war eben im Begriffe aufzustehn, und ohne dass er die Höflichkeit verstund, bat
er ihn, aus dem Wege zu gehn, weil er etwas zu essen holen wollte. Er trug auf,
und während dass Herrmann sich mit dem Vorgesetzten bediente, brachte der Wirt
Tinte, Papier und Feder. »Da!« sprach er, »schreiben Sie Ihren Namen und Ihren
Geburtsort auf! Wenn wir Ihren Dieb kriegen, sollen Sie Ihr Geld wiederhaben.« -
Er sprach's und setzte sich in den Lehnstuhl.
    Herrmann schrieb, der Wirt stund auf, überlas brummend das Blatt, legte es
auf den Tisch und setzte sich in den Lehnstuhl: so endigten alle seine
Handlungen.
    Der Müller meldete sich, Herrmann wollte bezahlen: der Wirt stund auf und
verbat es. - »Reisen Sie glücklich! Nehmen Sie sich künftig besser in acht! Ja,
ja, es geht schlimm her in der Welt« - er sprach's und setzte sich in den
Lehnstuhl.
    »Mann«, schrie die Frau aus der Küche, »hat der Herr auch bezahlt?« - Der
Wirt stand auf. »Ja, Lise, ja!« rief er und setzte sich in den Lehnstuhl; und
der heilige Bonifacius stieg demütig auf den Karren und fuhr dahin: so
gedemütigt, so herabgesunken mit Einbildungskraft und Leidenschaft sass er da
unter leeren Getreidesäcken, dass in seiner Seele eine völlige Windstille
herrschte.
    Bei der Ankunft im Dorfe, wohin sie wollten, erzählte der Müller einem
seiner dasigen Herren Kollegen den Unfall, der Herrmannen begegnet war, und bat,
ihn bei der nächsten Gelegenheit weiterzuschaffen. Die Erzählung versammelte
sehr bald alles, was in der Mühle lebte, um den Unglücklichen, der sich wie ein
fremdes Tier von allen anstaunen lassen musste. Der Müller, dem er empfohlen war,
versprach, ihn einige Tage bei sich zu behalten, wenn er bei ihm vorliebnehmen
wollte, und mit einem Getreidetransporte künftigen Sonnabend, beliebt's Gott,
eine Stunde weit von Potsdam zu schaffen.
    Es geschah. Der unglückliche Herrmann war über das unerwartete Mitleiden so
vieler Leute gerührt, von Dankbarkeit und Freude durchdrungen: aber, aber! dass
er Mitleiden nötig hatte, welche Bitterkeit mischte diese Vorstellung unter
seine Freude. Er freute sich über die Güte dieser Leute und trauerte, dass er
sich darüber freuen musste.
    An diesem Orte hielt er sich wegen Mangels an Gelegenheit eine ganze Woche
auf, und weil er aus Misstrauen in keinem Gastofe einkehren wollte, wurde er von
dem Knechte, der ihn transportiert hatte, in ein Bauerhaus gewiesen, wo man ihn
willig aufnahm: aber unglücklicherweise war die Armut des Bewohners so gross, dass
er seinem Gaste bei dem besten Willen mit nichts als einem Brunnen voll schönen,
klaren Wassers aufwarten konnte. Herrmann liess also einkaufen, und die ganze
ziemlich zahlreiche Familie speiste täglich mit ihm: er wurde durch diesen
Umgang so sehr der Herr des Hauses, dass die Kinder nicht zu ihrem Vater, sondern
zu ihm kamen, wenn sie hungerten. Oft stand er mitten in der Stube, ein grosses
Brot in der Hand, sechs barfüssige Kinder im Hemde oder mit einigen Lumpen
bedeckt um ihn herum, die gierig mit allen Händen nach den abgeschnittenen
Stücken langten: wenn er sass, stand zuversichtlich allemal eins zwischen seinen
Knien, zuweilen hing der ganze Haufen an ihm herum. Das Bild der Dürftigkeit und
die Munterkeit, die Zufriedenheit, die Fröhlichkeit der Kinder und Alten bei
allem Elende versetzte ihn in eine süsse Wehmut: das Andenken an sein eignes
Unglück zog ihn täglich mehr zu diesen Leuten hin: in drei Tagen war er mit so
unertrennlichen Banden an diese Familie geknüpft, dass ihr Wohl und Weh mit dem
seinigen eines wurde. Der Hausherr erzählte ihm die ganze Reihe von
Unglücksfällen, die seine Armut allmählich herbeigeführt hatten: seine Felder
konnten das künftige Jahr nicht bestellt werden, weil ihm der Samen fehlte; und
jedesmal war der Schluss seiner Erzählung: wenn ich nur drei Taler hätte! dann
wär mir geholfen. - »Die hab ich ja«, dachte Herrmann bei sich: er zählte sie
dem Manne auf den Tisch. Der Bauer wollte auf die Knie vor ihm fallen, die
Hausfrau drückte ihm weinend und dankend mit den schwielichten Händen fast die
Finger entzwei, die Kinder erhuben auf das Gebot der Eltern ein lautes
Dankgeschrei und stürmten mit ungestümer Freude auf ihn los: die Leute wussten
nicht, woher sie Worte nehmen, noch wo sie mit ihrer Dankbarkeit aufhören
sollten. Wie wohl dem Jünglinge, der bei einem Vermögen von nicht völligen vier
Talern noch eine Familie auf ein ganzes Jahr und vielleicht auf immer glücklich
machen konnte, wie wohl ihm da um das Herz ward! Es schlug zum ersten Male
wieder lebhaft, es deuchte ihn, als wenn er jetzt aus dem Nichts hervorgestiegen
und ein Etwas geworden wäre, das leben, empfinden und handeln könnte: aus dem
Auge schlich ihm eine Träne und durch seine ganze Seele ein wehmütiger freudiger
Schauer. Die Leute erzählten im Übermasse ihrer Dankbarkeit seine Wohltat allen
Nachbarn: das Gerücht verbreitete sich weiter, und eins nach dem andern kam an
die niedrigen Fenster und guckte herein, um den grossmütigen Jüngling zu sehn:
wohin er nur sah und hörte, waren ein Paar Augen auf ihn gerichtet oder ein Paar
Lippen zu seinem Lobe offen. Nun war seine Einbildungskraft und seine ganze
Tätigkeit wieder emporgeschraubt, sein niedergeschlagenes Gemüt wieder erhoben:
er fühlte sich bei achtzehn baren Groschen als den glücklichsten Menschen der
Erde.
    Aus Erkenntlichkeit erbot sich der Bauer, ihn nach Berlin vollends zu
bringen, wenn er den Weg zu Fusse machen wollte: er entschloss sich dazu und
langte zwar mit völlig leeren Taschen, aber doch mit einem Herze voller
Zufriedenheit an Ort und Stelle an.
 
                                Fünftes Kapitel
Da war er nun in dem grossen, schönen, weiten Berlin! wie in einem grossen Walde
verirrt! verloren in den unendlichen Strassen! fragte jeden Augenblick nach der
Wohnung des Kaufmanns, an welchen er adressiert war, liess sich nebst seinem
Begleiter die Marschroute aufmerksam vorzeichnen, und wenn er fünf Minuten
gegangen war, weg war die ganze Landkarte! So irrte er durch die Strassen, quer
und längs hindurch, und sooft er fragte, war er falsch gegangen: ein Bursch
erbot sich, ihn für eine Erkenntlichkeit zurechtzuweisen: zu seiner
Herzensfreude entdeckte er noch einen verkrochnen Groschen im Winkel der Tasche,
und nun war ihm geholfen. Bei einer Wendung um eine Ecke sah er sich nach dem
Bauer um, der ihm bisher mit vielen Beschwerden über das harte Pflaster langsam
nachtaumelte: aber er war verschwunden, blieb verschwunden, und er allein weiss,
wie er wieder nach Hause gekommen ist.
    Der Kaufmann hatte vor vielen Wochen schon auf den neuen Lehrburschen
gehofft, verkündigte ihm, dass er Schwingern nur versprochen habe, ihn auf ein
halbes Jahr zur Probe anzunehmen, und stellte ihm ein Paket Briefe zu, das lange
schon seine Ankunft erwartet hatte.
    Wie verändert war abermals die Szene! Ein enges Kämmerchen, keine Stube,
nahm ihn ein: wie war der grosse Herrmann, der jüngst auf den Schwingen des Ruhms
nach Berlin eilte und sich noch vor einigen Tagen von der Bauerfamilie wie einen
Gott angebetet sah, wie war der grosse Mann abermals gesunken! So gütig sein
neuer Herr sich gegen ihn bezeigte, so sprach er doch im Tone des Herrn mit ihm:
traurig schlich der gedemütigte Jüngling auf gegebne Erlaubnis in die warme
Stube des Dieners und las mit beklemmender Empfindung seine Briefe.
    Schwinger, der das Paket besorgt hatte, meldete ihm, dass er dem Grafen und
der Gräfin seinen Aufentalt in Berlin habe verhehlen und sich stellen müssen,
als ob er von ihm nichts wüsste, um sich nicht ihren Unwillen zuzuziehn. - Sie
sind so sehr wider Dich erbittert, sagte er, dass sie auch mich als Deinen
Mitschuldigen hassen würden, wenn sie erführen, dass ich mich Deiner annehme.
Ungerufen geh ich jetzt niemals auf das Schloss, weil ich's doch nie ohne
Betrübnis und Ärger wieder verlassen kann: sowenig ich mich also um die innern,
immer fortwährenden Unruhen desselben bekümmere, so weiss ich doch für gewiss, dass
dem Graf ein Brief von der Oberstin aus Dresden in die Hände gefallen ist,
worinne die Flucht der Baronesse erwähnt wurde, und dass er die Gräfin gezwungen
hat, ihm den ganzen Verlauf umständlich zu erzählen. Seinen Zorn und die Leiden
der armen Gräfin kannst Du Dir leicht vorstellen - denn Dein letzter, reuvoller
Brief lässt mich vermuten, dass Du wieder einer vernünftigen Vorstellung fähig
bist. - Der Zorn, und ich möchte fast sagen, die Wut ging bei dem Grafen so
weit, dass er Anstalt machte, Dich in Dresden in Verhaft nehmen zu lassen und
eine exemplarische Strafe wider Dich auszuwirken: wenn Du also, meinem Rate
gemäss, zu der von mir bestimmten Zeit nach Berlin gegangen bist, so hast Du eine
Schande vermieden, die Dir nach Deiner Denkungsart äusserst empfindlich sein
müsste. Ich zittre für Dich, lieber Freund, wie ein Vater für sein Kind, solange
ich über diesen Punkt keine Gewissheit von Dir habe.
    Den Aufentalt der Baronesse hat die Oberstin ausgekundschaftet, und man
wird nächstens unfehlbare Massregeln ergreifen, sie in Sicherheit zu bringen,
wenn es nicht schon geschehen ist. Also, lieber Freund, wenn Du nicht durchaus
Dein Unglück willst, so lass Dich nicht gelüsten, in Deine Torheit
zurückzufallen; und wenn Ulrike mit Dir in einem Hause wohnte und aus einer
Schüssel ässe, so verschliesse Deine Augen! Wache über Dein Herz! Lass ihm nicht
eine Minute lang den Zügel schiessen! es reisst gewiss mit Dir aus, wenn Du ihn
nicht beständig straff anziehst. Entsage lieber dem Vergnügen alles weiblichen
Umganges! habe den Mut, den Beifall der Frauenzimmer zu entbehren! Besser ist
Dir's, ein Dummkopf oder ein trockner, kalter, blödsinniger Mensch von ihnen
gescholten zu werden, als dass Dich eine verliebte Betörung für einige
Augenblicke Vergnügen zeitlebens unglücklich macht. Du kennst nunmehr Deine
Stärke und Schwäche: nütze diese Erfahrung!
    Noch eine Nachricht will ich Dir, statt einer Belohnung für die Besiegung
Deiner selbst und für Deine Rückkehr zum vernünftigen Verhalten, geben; und
warum sollte es nicht für den beleidigten ehrlichen Mann eine Erstattung des
erlittnen Unrechts sein, zu sehen, dass seine Feinde sich selbst strafen? Jakob,
unser aller Verfolger, ist mit seinem Vater in die grösste Uneinigkeit geraten:
sie haben sich über einen kleinen Vorteil entzweit, den sie sich bei dem
Verkaufe einiger Kostbarkeiten zur Schuldenbezahlung des Grafen machen wollten
oder gemacht haben: jeder glaubte von dem andern an seinem Anteile verkürzt zu
sein. Im ersten Zorne entdeckte der Vater dem Grafen die Spitzbübereien des
Sohns, und der Sohn rächte sich durch ähnliche Entdeckungen am Vater; das Blut
starrt mir in allen Adern, wenn ich die Betrügereien, Bosheiten und
Schelmenstreiche höre, die bei dieser Gelegenheit herausgekommen sind und noch
täglich herauskommen. Sie haben unstreitig das meiste zum Ruine des Grafen
beigetragen, der seine Gläubiger durch die Bezahlung einiger Posten besänftigt
hat: aber ich fürchte, sie sind nur auf einige Zeit besänftigt: doch lässt sich
wenigstens hoffen, dass diese Besänftigung von längerer Dauer sein wird, wenn
sich der Graf überwinden kann, jene beiden Bösewichter von sich zu schaffen. Man
arbeitet aus allen Kräften daran, und der Vater ist sogar in gerichtliche
Untersuchung geraten: aber der Sohn, der jetzt bei kälterm Blute den Schaden
einsieht, den sie sich durch ihre beiderseitige Unbesonnenheit zugezogen haben,
gibt sich unendliche Mühe, den Grafen zur Aufhebung der Inquisition zu bewegen;
und seine Mühe wird ihm zuversichtlich gelingen; denn die Untersuchung wurde nur
im Anfalle der ersten Hitze anbefohlen, und der Stolz des Grafen, wenn der Zorn
vorüber ist, erträgt lieber den Verlust seines ganzen Vermögens, als dass er
durch die Bestrafung eines offenbaren Diebes das Bekenntnis ablegen sollte, er
habe sich geirrt und sein Vertrauen einem Unwürdigen gegeben. Inzwischen ist
doch zur Erniedrigung unsrer Feinde so viel geschehen, dass der Vater die
Oberaufsicht über die Herrschaft verloren hat und in Pension gesetzt werden
soll. Auch mir hat der Habsüchtige, wie es sich nunmehr erweist, seit Ulrikens
Abreise von hier die Hälfte meines Gehalts entzogen: ich wusste diese
Verringerung zwar und ertrug sie gelassen, weil sie mir der Betrüger auf
vorgeblichen Befehl seines Herrn ankündigte: allein der Graf hat sich nie so
einen Befehl einfallen lassen, und die ohne sein Wissen abgezogene Hälfte hat
jener Elende, der diese Auszahlungen besorgte, an sich gerissen und in der
Rechnung verfälschte Quittungen untergeschoben. Fräulein Hedwig hat ein gleiches
Schicksal erlitten. Was mich am meisten kränkt, ist der Betrug, womit er Deinen
Vater hintergangen hat: nach der Verordnung des Grafen sollte er nach seiner
Absetzung sein ganzes Salär behalten, bis er eine andre Versorgung fände: allein
der gewissenlose Siegfried setzte ihn auf den vierten Teil herab, der so wenig
betrug, dass Deine Eltern nicht ohne Not davon leben konnten: auch hier hat er
sich durch verfälschte Quittungen geholfen. Hätten Deine Eltern nicht bei einem
herrenhutischen Leinweber, einem alten Freunde Deines Vaters, Schutz gefunden,
so wären sie nicht sicher vor dem Mangel gewesen. Ihre eignen Briefe, die ich
Dir hier übersende, werden Dich vermutlich näher davon belehren - usw.
    Der erste unter diesen Briefen, den Herrmann erbrach, war von seiner Mutter.
Got zum Krus herzgelibtes Kint, liber son wir sint alle gesunt und frelig in dem
liben Heiland, megte wohl wisen wo Du Stikst hast so lange nicht geschriben und
uns allen so weh nach tir Gemacht, Ich unt Dein fater sind forigen Monad von
einen kristligen leinwäwer zu unsern liben Heilant bekert und haben diesen Monad
als am ersten huigus zum erstenmale das heilige Libesmal gehalten. winschen von
Herzen das der libe heilant dich bald nachholen mege, bereie deine Sinden libes
Kint, unt schlag an teine Prust, teinen fater wars nicht recht lustig di weld zu
ferlasen und den liben heilant anzuzin, Wir haben dem Alten starkop was rechtes
zugerett, ta lachte uns der hellenbrant aus das wir in bekeren wollten der
kristlige leinwäber unt ich, unt hat geflucht das der kristliche Leinwäber in
nicht mehr im hause leiten wollte. Er hat Dir geflucht libes Kint das einem grin
und Gälb vor den Augen wurte. ta bädte der christliche leinwäber so fil das mein
gotloser man das kalde fiber krigte das schittelte ihn das ich nicht andersch
tachte als er wirte in seinen sinten dahinfaren libes Kint s hat in geschitelt
wohl ellenhoch unt in der Hitze hing im di Zunge armsticke zum halse heraus und
er hat ausgestanten wie ein Fich (Vieh) ach da lernte er gar balt den liben
Heilant erkennen und hat sich bekert und ist widergeboren man sit seinen
spektakel an ihn weil er fon dem garstigen fiber noch so elent aussicht libes
Kint, sick tich for unt tue buse, s sind gar ser schwäre Zeiten. Der kristliche
Leinweber bätt alle Dage for dich das der libe heilant auch balt iber dich
kommen mege, der her Hofmeister Schwinger hat uns gar ser ankst gemacht als wen
tu werst verfallen in sintliche liste und fleischeslust unt das er nicht sagen
tirfte wo tu werst, las tich ja nicht fom satan blenden das tu dich verlibst unt
lose Streiche machst wir werten uns wohl in tisem leben nicht witer sehn bis wir
alle heimgegangen (gestorben) sint Deine getreie Mutter bis in den Dod
                                                              A.M.P. Herrmannin.
Aeben erfaren wir das tu in Perlin bist, ta wars nicht anters als wen mir gemand
eine rechte derbe Maulschelle gebe ta ich das las ins Herrn Hofmeister
Schwingers Brife ach tu liber son da habe ich mich recht gekrämt das tu an einen
so garstigen Orte bist. ter kristliche Leinwäber hat mich noch getrest er sagte
s weren ser fil Widergeborne unt fromme Brider dort di tich zu dem liben
Heilante bekeren wirten, das wünschen wir tir von Herzen Amen.
Endlich zeigte sich auch ein Briefchen vom Vater, so zitternd und unleserlich
geschrieben, dass man jedem Zuge das Fieber ansah.
                                                             B** den 26. Novemb.
Heinrich!
    Mein kaltes Fieber und meine Nille haben mich so lange geplagt, bis ich ein
Herrenhuter geworden bin: aber ich werde es wohl nicht lange treiben. Des
Kopfhängens und Pimpelns und Seufzens bin ich nachgerade überdrüssig: fluchen und
reden darf ich auch nicht, wie ich will: wenn mir nur einmal so ein kleines »Hol
mich der Teufel!« über die Zunge fährt, so schrein sie gleich alle auf mich zu,
als wenn das Haus brännte. Es ist ein rechtes Hundeleben, wenn man nicht reden
darf, wie einem der Schnabel gewachsen ist: aber ich muss freilich ein übriges
tun und mir das Maul verbinden lassen, sonst jagt mich der Leinweber zum Tempel
hinaus: alsdann kann ich mich in den Schnee legen und an den Fingern saugen,
wenn mich hungert. Solang es noch Winter bleibt, seh ich mir das fromme Leben
mit an: sobald ich aber die erste Schwalbe wieder höre - heida! fort mit mir!
dann werd ich wieder der alte Adam. Man kann ja des Guten auch zuviel tun: der
Leinweber betet den ganzen Tag mit meiner Nille. Ihr Leute, sag ich immer, ihr
fallt ja unserm Herrgott recht beschwerlich: das nennen sie eine
Gotteslästerung: »Du bist noch nicht wiedergeboren, lieber Bruder«, sprechen
sie, »wir wollen beten, dass der liebe Heiland bald über dich kommen möge.« Zu
allem dem Gikelgakel muss ich nun schweigen, als wenn ich aufs Maul geschlagen
wäre. Aber kurz und gut! sobald die Schwalben fliegen, lass ich meine Nille bei
dem Leinweber sitzen und komme zu Dir nach Berlin: da mögen sie miteinander
pimpeln und seufzen, soviel sie wollen. Lebe wohl.
                                                                  A.C. Herrmann.
Herrmann beantwortete diese Briefe unverzüglich, meldete Schwingern den
erlittenen Verlust, doch mit sorgfältiger Verschweigung seines
Bekehrungsprojektes, stattete auch dem Doktor Nikasius und seiner Ehefrau von
der Dieberei des Magister Wilibald getreuen Bericht ab und versicherte, dass ihn
der schändliche Bösewicht verleitet habe, Dresden heimlich zu verlassen, wozu er
sich ausserdem nie entschlossen hätte: zugleich bat er um Übersendung seiner
zurückgelassnen Habseligkeiten, welche auch ein paar Posttage darauf erschienen,
nebst diesem Briefe vom Doktor Nikasius.
                                                            Dresden, den 6. Jan.
Wertgeschätztester lieber Freund!
    Nachdem Dieselben in einem Schreiben de dato 28 Decembris a.c. schriftlich
an mich gelangen lassen, wasmassen Dieselben Dero mibilia von Dresden nach Berlin
mit der ordinären Post bringen zu lassen gewillet sind und dannenhero um die
Verabfolgung gedachter Ihrer mobilium geziemend angesucht: als habe nicht
ermangeln wollen, solche durch meinen Bedienten, Johann Friedrich Hartknoch, in
Dero mit Seehund überzogenen Kuffer getreulich einpacken und verwahren zu
lassen. Welchergestalten nun Dieselben nur berührte mobilia benebenst diesem
meinen ergebensten Schreiben verhoffentlich erhalten werden, als bitte mir über
den richtigen Empfang derselben schriftliche Nachricht aus: wie denn auch
Dieselben in vorbemeldetem Dero Schreiben beizubringen beliebt, wie der S.T.
Herr, Herr Magister Wilibald Dero sämtliche bei sich habende actiua an sich zu
nehmen und mit denenselben ab und von dannen zu gehen sich nicht entblödet,
absonderlich auch sich nicht nur propter dolosam rei alienae ablationem eines
Diebstahls schuldig gemacht und durch sein hinterlassnes Schreiben
handschriftlich angeklagt, sondern auch Dieselben per simulationem amicitiae
schändlich und lästerlich hintergangen: solchemnächst will denn nun meine teure
Ehegattin allen dergleichen und sonstigen Anschuldigungen als Verunglimpfungen
seines ehrlichen Namens und anmasslichen Beschönigungen anderweitiger
selbsteigner Zersplitterung Dero bei sich habenden Geldes keinen Glauben
angedeihen lassen, inmassen denn sie dem Herrn Magister beständig als einen
gottesfürchtigen und wohl conduisireten Candidatum gekannt und befunden.
    Der ich nebst freundlichem Gruss von meiner Ehe-Liebsten mit geziemender
Liebe und Inclination allstets verharre
                                          Meines wertgeschätzten lieben Freundes
                                           gutwillig geneigter Freund und Diener
                                                                D.F.M. Nicasius.
Da der Doktor Schwingern seines Freundes heimliche Abreise von Dresden sogleich
gemeldet hatte, erschien schon wieder ein nachdrücklicher Verweis von diesem
äusserst besorgten Manne, dass sich Herrmann später, als er sollte, wegbegeben und
in eine so verdächtige Reisegesellschaft eingelassen hatte: doch freute er sich,
dass die Abreise nicht weiter war hinausgeschoben worden, weil ihm Nikasius
geschrieben, dass man ihren gemeinschaftlichen Freund auf Ansuchen des Grafen
Ohlau gefänglich habe einziehen und verhören wollen. Herrmann freute sich nicht
weniger, einer so nahen Gefahr, obgleich mit Verlust seiner Barschaft, entgangen
zu sein, und erblickte mit ungemeinem Vergnügen im Briefe einen Louisdor, den
ihm Schwinger zur Schadloshaltung für den Diebstahl schickte.
    Sonach war nun Herrmann von allen Seiten glücklicher, als er vermutete, aber
nur nicht so glücklich, wie er wünschte. Die Unterwürfigkeit und der Gehorsam
eines Lehrburschen, sosehr beides gemildert wurde, war für ihn eine bittere
Speise. Befehle anzunehmen und auszuführen tat ihm nicht sonderlich weh:
Verweise schmerzten ihn schon mehr und oft bis zur tiefsten Verwundung: doch
wäre alles dies noch erträglich für ihn gewesen, nur seine Lage wurde es täglich
weniger: das Licht, in welchem er sich und seine Beschäftigungen sah, die enge
kleine Sphäre, wo er unter allen war, die ihn umgaben, wo er dienen musste,
selten ein kleines Lob wegen einer geringfügigen Verrichtung, worauf er sich
sowenig zugute tun konnte als auf Essen und Trinken, und niemals Ehre erwerben
sollte - diese so eingeschränkte, auf Kleinigkeiten geheftete Tätigkeit machte
abermals seine ehrbegierige Seele unmutig, unzufrieden mit sich und den Dingen
um ihn. Eigennutz und Begierde nach Gewinn waren bei ihm unendlich klein und in
Vergleichung mit seinem Ehrgeize fast so gut als gar nicht da:
Kaufmannsgeschäfte mussten also unter allen für ihn die geringste Anzüglichkeit
haben: mit einem Worte, er war jetzt ein ebenso schlechter Kaufmannsbursch als
vor dem Jahre ein schlechter Schreiber. Immer zerstreut, in Gedanken,
verdriesslich stand er da, hörte nicht eher als zum zweiten oder dritten Male,
wenn ihm sein Herr etwas befahl, tat jedes Geheiss mit Verdrossenheit und
begegnete niemandem freundlich, der in den Laden kam. An andern deutschen Orten
hätten ihn seine Kameraden den Träumer genannt, doch hier hiess er bei jedermann
vom Herrn bis zur Kindermagd - Herrmann le misantrope -, und jeden Augenblick
wurde er ermahnt, nicht so pensif zu sein. Trotz aller Ermahnungen blieb er es,
und seine Tiefsinnigkeit vermehrte sich sogar, weil sich bei einer so grossen
Leere in seinem Herze, bei so geringer Tätigkeit und so wenigen Beschäftigungen
für andere Leidenschaften die Liebe wieder zu regen anfing: an Ulriken erlaubte
er sich zwar nur mit Schüchternheit zu denken: er wünschte und wünschte, dass er
sie lieben dürfte, aber ein Kaufmannsbursch und eine Baronesse! Je mehr ihm
dieser Abstand einleuchtete, je mehr fühlte er freilich, dass es Notwendigkeit
und Klugheit sei, dieser Liebe zu widerstehen, je mehr schien es ihm töricht und
gefährlich, sie wieder aufwachen zu lassen. Zudem wusste ja Graf und Gräfin
Ulrikens Aufentalt, wollten sie auffangen lassen, und vielleicht war sie schon
längst wieder bei ihnen auf dem Schloss und musste sich mit Vorwürfen und
Misshandlungen peinigen lassen: sie war so gut als verloren. Gar nicht zu lieben,
wie Schwinger von ihm verlangte, das war hart und bei seinem Charakter und
seiner innern und äussern Verfassung unmöglich: eine andere zu lieben als
Ulriken, das war noch härter: wenn sich ihm auch die leibhafte Venus dargeboten
hätte, wäre ihre Wirkung doch unter dem Eindrucke gewesen, den die Baronesse
eine so lange Reihe von Jahren hindurch ihm einprägen musste.
    »Es ist keine Schönheit mehr in der Welt«, sagte er sich an einem Morgen,
als er sich seine Schürze vorband, setzte sich auf das Bett und lehnte sich an
das Fussbrett. »Es ist keine Schönheit mehr in der Welt, gar nichts, das mein
Herz nur mit einem Zucke schneller bewegte. Da zeigt mir bald der Diener, bald
ein Kamerad ein Gesicht: ach, rufen sie, welche Schönheit! welcher Wuchs!
welcher Gang! - Ich sehe mir nichts daran, worüber ich mich nur mit einer
Fingerspitze freuen könnte. Es ärgert mich in der Seele, dass die Leute
allentalben soviel Vergnügen finden, und ich muss so trocken dabeistehn und mich
ausschimpfen oder verachten sehen, dass mir gar nichts gefällt. Hier liebäugelt
der Diener mit einem vorbeigehenden roten Pelze, des Abends hör ich ihn, wenn er
mich auf der Stube bei sich duldet, von einer blauen Pelzsaloppe erzählen, die
er vorigen Sonntag geführt, gestreichelt, geliebkost, die mit ihm gelacht,
getändelt, gegessen, getrunken, getanzt hat. Da schäkert in der Schreibstube
mein Herr mit einem Mädchen; sie lachen und sind so vergnügt, so entzückt, als
wenn sie gar nichts vom Kummer wüssten: werd ich in die Stube geschickt, so find
ich auf dem Kanapee die Frau mit einem jungen Franzosen: wenn sie mir nur den
Gefallen täten und sich vor mir scheuten! aber nein! mit verschlungnen Armen,
lachend und tändelnd sitzen sie da: alles liebt rings um mich her, alles darf
lieben, alles wird geliebt, nur ich Elender, allein ich darf nicht, ich kann
nicht. - Das Schicksal drückt mich mit schwerer Hand danieder, dass ich kaum
atmen kann: ich soll mich unter seinem Drucke langsam zu Tode arbeiten. Ich soll
die einzige Schönheit, die es auf der Erde für mich gibt, erkennen, fühlen, ihr
Bild in der Seele mit mir herumtragen, vor Augen schweben sehn, in Gedanken mit
ihm reden, es umarmen, liebkosen, alle Ergiessungen des Herzens, alle Wonne,
alles Sehnen der Liebe dabei empfinden; und wenn ich Unglücklicher die Arme
zuschliessen, mein Glück greifen will, dann ist es ein Schatten, eine Idee, ein
Gedanke, den ich liebe, und mit meinen Armen fasse ich Luft. - Nie, nie hoff ich
Ulriken wiederzufinden, nie mich ihr nähern zu dürfen: - aber wie müsst es nur
sein, wenn ich sie wiederfände? wie nur, wenn wir uns Tag für Tag sehen, frei
und ohne Zwang sprechen, ohne Furcht lieben dürften? - Das ist für mich ein so
unbegreiflicher, so unvorstellbarer Zustand wie die Freuden der Seligkeit. Er
schwebt mir im Gehirne wie in einer dunkeln Ferne: gleich einer Sonne durch
Nebelwolken, strahlt dies überschwengliche Glück aus der Ferne daher: ich strebe
mit allen Gedanken und Empfindungen nach ihm hin; aber wer kann die Sonne über
seinem Scheitel erreichen?« -
    Sein Selbstgespräch hatte ihn so lange beschäftigt, dass er einen Teil seiner
Pflicht darüber versäumte: weil er zu lange über die bestimmte Zeit nicht im
Gewölbe erschien, kam sein Kamerad, rief ihn und störte den Lauf seiner trüben
Gedanken.
    Kaum eine Viertelstunde hatte er mit seiner gewöhnlichen Träumerei
dagestanden und saumselig einige aufgegebne Geschäfte verrichtet, als der Herr,
ein Porträt in der Hand, in den Laden kam. Er stellte es hin und fragte alle
Anwesende, ob jemand ein Frauenzimmer in Berlin gesehn habe, das diesem Porträte
ähnlich sehe. Herrmann erschrak, liess seine Arbeit auf die Erde fallen und trat
so dicht an das Bild, als wenn er es verschlingen wollte: er erkannte es bei dem
ersten Blicke für Ulrikens Porträt, das in der Gräfin Zimmer über dem Sofa hing:
Rahmen, Ähnlichkeit, Grösse, alles traf ein.
    »Oh«, fing der Diener an und sah starr hin, »die hab ich oft gesehn.«
    »Wo? wo?« rief Herrmann entzückt. Der Kaufmann sah ihn an und lachte.
»Kennst du das Frauenzimmer?« fragte er.
    »Nein - nicht recht - ein klein wenig!« antwortete Herrmann und blickte
seinen Herrn geheimnisvoll an, als wenn er ihn fragen wollte, ob er sich
entdecken dürfte.
    »Ja, es ist wahr«, fuhr der Kaufmann fort, »du musst sie kennen: sie ist ja
aus deiner Vaterstadt. Wer sie unter euch zuerst sieht und auf meine Stube
bringt, der hat zehn Dukaten verdient. Es ist ein liederliches Mädchen.«
    »Glauben Sie das um des Himmels willen nicht!« unterbrach ihn Herrmann
ereifert: doch hurtig besann er sich, dass er sich so verraten könnte, und setzte
deswegen, um den gemachten Fehler zu verbessern, kaltblütig hinzu: »Ich dächte
nicht, dass sie liederlich aussähe.«
    »Meinetwegen mag sie aussehn, wie sie will!« fiel ihm der Kaufmann etwas
heftig ins Wort. »Sie ist ihrem Onkel, dem Grafen Ohlau, durchgegangen; und er
hat mich gebeten, sie ihm zu überschicken, wenn ich sie finde; und weil er mein
speziell guter Freund ist - ich hab ihm manche hundert und wohl tausend
Louisdore verschafft -, so könnt ich's ihm nicht abschlagen. Wer sie auf meine
Stube schafft, kriegt zehn Dukaten: aber die Sache muss heimlich betrieben
werden.«
    Der Diener versicherte, dass er sie wohl tausendmal unter den Linden und im
Tiergarten gesehn habe; sie sei in einem gewissen öffentlichen Hause, das er
auch nennte und wo er sie ehestens suchen wollte.
    Herrmann war des Todes über diese unglückliche Nachricht und fragte den
Diener, sooft er ihn müssig sah, ob sie gewiss in einem öffentlichen Hause sei,
dass der andre endlich des Fragens müde wurde und es auf immer untersagte.
    Freude und Glück war es genug, dass er jetzt selbst den Auftrag bekam
aufzusuchen, was er so lange gern gefunden hätte: aber das verdammte öffentliche
Haus! das versetzte seiner Freude so einen empfindlichen Schlag, dass sie einen
grossen Zusatz von Angst, Besorgnis, Eifersucht und verachtendem Widerwillen
gegen Ulriken bekam. Er ging wie vor den Kopf geschlagen herum.
 
                                 Sechster Teil
                                  Erstes Kapitel
Freilich nur mit halber Freude und mehr aus Neubegierde, ob die verdächtige
Nachricht gegründet sei oder nicht, befolgte Herrmann den Auftrag seines Herrns
getreulich und nahm jedesmal seinen Weg, wenn er ausgeschickt wurde, durch die
Lindenallee, sollte auch der Umweg eine Stunde betragen: er sah niemals ein
Gesicht, das Ulriken mit einem Zuge glich. Der Diener war in seinem Suchen nicht
glücklicher und brachte seinem Herrn jeden Morgen die Nachricht, dass die Nymphe
schon versprochen gewesen und ihm nicht zuteil geworden sei. Herrmann knirschte
jedesmal mit den Zähnen, wenn so eine Nachricht überliefert wurde.
    Seine Unruhe ängstigte ihn Tag und Nacht: sie liess ihn nicht zwo Minuten auf
einem Flecke stehen oder sitzen, und des Nachts wälzte er sich von einer Seite
zur andern und suchte den Schlaf, ohne ihn auf lange Zeit zu finden. Er bat sich
von seinem Herrn die Erlaubnis aus, die zehn Dukaten zu verdienen und die
Schauspielhäuser zu durchstreichen: der Kaufmann, dem er im Gewölbe ohnehin
entbehrlich schien und der auch schon beschlossen hatte, sich zu Ende der
Probezeit seiner zu entledigen, verstattete ihm ohne Weigerung seine Bitte.
    Mit der Empfindung eines Staatsgefangnen, der sein Urteil erwartet und
beinahe gleichwahrscheinlich Tod und Leben hoffen kann, wanderte Herrmann aus.
Sein erster Besuch im deutschen Schauspielhause lief fruchtlos ab: den folgenden
Tag rüstete er sich mit einer Lorgnette und machte im französischen Schauspiel
einen Versuch: man spielte Racinens Bérénice. Er hatte auf dem Schloss des
Grafen hinlängliche Kenntnis der Sprache erlangt, um alles zu verstehen, was er
hörte; und die grosse Ursache, warum er nichts verstund, war keine andere, als
weil er bloss sah und nicht hörte, wenigstens nur hie und da einen Vers, der ihm
noch aus der Lektüre geläufig war und zufälligerweise jetzt auf sein Trommelfell
fiel: sein Kopf war unaufhörlich nach den Logen gerichtet, und jedes
Damengesicht, das erschien, musste sich Zug für Zug untersuchen lassen, ob nicht
einer darunter sei, der ihm Ähnlichkeit mit Ulriken gebe. Der Vorhang fuhr
rauschend in die Höhe: noch war keins gefunden, das ihr gehören konnte. Das
schnurrende Geräusch der Zuschauer verstummte, das Orchester schwieg: ein
langer, baumstarker Antiochus in rotseidnem Mantel, mit einem schwankenden Busch
Gänsefedern auf dem papiernen Helme, marschierte in abgemessnen Schritten, die
Arme gleich den Henkeln eines Blumentopfs majestätisch in die Seiten gestemmt,
durch den gewölbten Portikus daher: ihm folgte im gelben, blumenreichen Mantel
ein kurzer untersetzter Arsaz, von unten bis an den Gurt der schwarzsamtnen
Beinkleider ein Franzose, vom Nabel bis zum Ende des befiederten Kasketts ein
altgriechischer Bastard.
                             »Hier lass uns stehn!«
huben Ihro Majestät an; und sie stunden. Der König lehrte seinen Vertrauten die
Geographie des Palastes und machte ihn besonders mit den zwo Nebentüren bekannt.
Nachdem er so die Landkarte verzeichnet hatte, befahl er ihm, zur Königin zu
gehen, ihr einen schönen Gruss zu vermelden und höflichst zu bedauern, dass ihr
der König wider seinen Willen beschwerlich fallen und sich eine geheime
Unterredung ausbitten müsste.
    Arsaz, der ehemals in Languedoc Hecheln verkauft hatte, trat einen Schritt
zurück und verwunderte sich mit dem lauten Geschrei seines vormaligen Gewerbes,
wie ein so grosser König in einem so hübschen, roten Mantel einer Königin
beschwerlich fallen könnte, deren Liebhaber er sonst gewesen wäre. »Ob sie
gleich die künftige Gemahlin des Titus ist«, rief er,
    »Setzt dich ihr Rang von ihr unendlich weit hinweg?« Herrmann, dem die
lautgekreischte Frage die Ohren erschütterte; glaubte nicht anders, als dass sie
der Schauspieler seinetwegen getan habe, und wiederholte seufzend den Vers
einigemal in Gedanken.
    Antiochus war unterdessen vom Vertrauten allein gelassen worden und
unterhielt sich deswegen mit sich selbst.
»Werd ich ihr ohne Zittern sagen können:
Ich liebe dich!
Nein, ach! ich zittre schon! Mein wallend Herz
Scheut diesen Augenblick so sehr, als ich ihn wünschte.«
Herrmann stutzte: der Mann hatte seine Empfindung aus dem Herze gestohlen. Nicht
weniger als er wünschte, Ulriken wiederzufinden, fürchtete er, sie verführt,
ungetreu, auf immer seines Hasses wert wiederzufinden.
»Entfernt von ihren Augen, will ich sie
Vergessen und dann sterben!«
Ja, wer es könnte! dachte Herrmann.
»Wie? soll ich stets in Qualen seufzen,
Die sie nicht kennt? stets Tränen weinen,
Die sie nicht fliessen sieht?«
Die Verse wurden so ganz mit seiner Empfindung gesprochen, dass er sich nicht von
ihnen losreissen und kein Wort mehr von dem übrigen Monologe hören konnte: die
ganze folgende Unterredung mit dem Vertrauten war ihm unleidlich, widrig,
langweilig: denn sie entielt kein Wort, das auf seinen Zustand passte: er gähnte
und mochte die langweiligen Schwätzer vor Verdruss nicht einmal ansehn.
                            »Die Königin erscheint«,
rief Antiochus auf dem Teater: es kam auch wirklich eine dicke, rotgetünchte
Königin im Fischbeinrocke und Goldstoffe, sehr zierlich en coeur frisiert, eine
Milchstrasse von funkelnden Steinen wie Sternchen quer über den hochgetürmten
Haaren, gravitätisch dahergeschritten: aber Herrmann würdigte die vergoldete
Majestät keines Blickes; denn er hörte eben das interessantere Knarren einer
sich öffnenden Logentür und sah eine interessantere Königin im roten Pelze
hereinkommen. Sie brachte ein junges Frauenzimmer von sechs oder sieben Jahren
mit sich, dem sie einen bequemen Platz zurechtemachte: indem fragte man sich im
Amphiteater hinter und vor Herrmanns Sitze: wer ist das? - »Es ist die
Gouvernante bei der Fräulein Troppau«, antwortete jemand. Sie hatte während
ihrer Beschäftigung mit dem Niedersitzen der Fräulein ihr Gesicht beständig
niederwärts gebeugt und sah itzo erst sich in der Versammlung um. - »Eine
hübsche Physiognomie!« sagte hier einer, der sie lorgnierte. - »Eine artige
Figur!« sprach dort ein anderer, der durch einen Gucker sah. - »Ah!« versetzte
ein dritter und zog jenem ungeduldig den Gucker vom Auge weg. »Pardi! eine sehr
interessante Physiognomie! grosse schwarze Augen, voller Feuer! ein frisches
Teint!« - »Ah ça!« fing ein grauhaarichter, rotbackichter Franzose an, der schon
lange mit seinen alten Augen unter den silbernen Augenbraunen hinaufgeblinzelt
hatte, »donnez!« und langte nach dem Gucker. »Voulez-vous voir, Monsieur?«
fragte der andre und überreichte langsam das Sehinstrument. »Diable!« rief der
Alte so laut, dass alle Köpfe nach ihm herumfuhren, »voilà une jolie petite
gueuse! - Voïez!« fing der begeisterte Alte nach einem Weilchen wieder an und
stiess seinen Nachbar. »Quel sourire! elle a un trait de malignité, cette petite
coquine« - und jeden Augenblick wischte er mit begieriger Eilfertigkeit den
Gucker an der Manschette ab und schalt das fatale Instrument, dass es den Blick
trübte, wiewohl seine Augen trüber sein mochten als der Gucker. »Elle me
charme!« rief der Alte ganz ausser sich vor Entzücken und zappelte mit den Füssen.
- »Voudriez-vous bien l' avoir?« fragte sein Nachbar lachend. - »Je vous dis
Monsieur«, antwortete der Alte, zitternd vor Vergnügen, »que c'est un excellent
morceau.« - »Permettez!« schnarrte ihm ein junges geputztes Männchen, das schon
lange in allen Taschen nach seinem Fernglase vergeblich gesucht hatte und sich
doch schlechterdings die Schande nicht antun konnte, mit blossen Augen zu sehen,
über die Schultern herüber, riss ihm den Gucker aus der Hand und sah hin. »C'est
une Allemande?« fragte er: man bejahte es. »Elle passe«, sprach er mit
kritischer Kaltblütigkeit und gab den Gucker zurück. - »Comment!« rief der Alte
und drehte sich ereifert nach ihm um, »was finden Sie an ihr auszusetzen? so
eine artige runde Stirn! Ich sage Ihnen, die mediceische Venus hat kein artiger
Kinn, und der kleine lächelnde Mund! diese spirituelle Miene! Ich sage Ihnen,
ich kann kein schöner Gesicht malen, und wenn Sie mich wie ein Prinz bezahlen.
Les parties et l'ensemble - je vous dis, Monsieur, qu'elle est delicieuse.«
Während dieses Zankes verschlang auch Herrmann die Schönheit, die er betraf, mit
den Augen, und um so viel begieriger, weil ihm jeder Blick mehr bestätigte, dass
es Ulrike sei. Die Gleichheit war so vollkommen, dass ihr auch nicht ein Zug
fehlte: er hatte sie zwar nunmehr über ein Jahr nicht mit ruhiger Aufmerksamkeit
gesehn, und das Gesicht musste seit seiner Abreise aus seiner Vaterstadt einige
beträchtliche Veränderungen gelitten haben, wenn sie es sein sollte. Er hätte
dem französischen Maler, als er ihre Schönheit so lebhaft verteidigte, mit
beiden Fäusten wider den jungen Laffen, der sie nur leidlich fand, beistehen
mögen. Sie war ihm tausendmal reizender als sonst: eine Gotteit musste sie mit
neuen Annehmlichkeiten belebt haben: ihr Blick zog das Herz in die Höhe wie die
Sonne den Abenddunst. Bei allem Lächeln ihres Mundes schien ihm geheime
Betrübnis aus ihrem Gesichte zu sprechen: - »Ganz natürlich!« dachte er, »sie
weiss nicht, wo ich bin; weiss nicht, dass wir nur um einen Blick voneinander
getrennt sind!« - Itzt lenkte sie ihr Auge nach seinem Platze hin, indem
erschallte vom Teater:
»Meine Tränen, meine Seufzer
Folgten dir an jeden Ort.« -
Ihre Miene wurde wehmütig, ihre Lippen bewegten sich, als wenn sie die Worte
leise zu ihm herabsprächen: nun war in seinen Gedanken nichts gewisser, als dass
sie ihn schon gesehen und erkannt hatte; und verschiedene ähnliche Zufälle
bestätigten ihn völlig in seiner süssen Einbildung.
»So viele Treue
Verdiente grösser Glück«,
sprach eine vierzigjährige Vertraute auf dem Schauplatze mit keuchendem Tone: so
schlecht sie es sagte, so klatschte er ihr doch seinen Beifall zu, weil sie für
ihn eine so grosse Wahrheit gesagt hatte: das Amphiteater hielt es für Spötterei
und folgte seinem Beispiele nach, dass die arme Vertraute, die nur eben
aufgetreten, war, vor Verwunderung über den so seltenen und jetzt ganz
unerwarteten Beifall den Kopf schüttelte.
    Bérénice.
Ich will ihn nicht erwarten,
Will unerwartet ihn hier finden, und
Bei dieser Unterredung alles sagen,
Was langverschlossne Zärtlichkeit
Zween liebenden, zufriednen Herzen eingibt -
Seine Einbildung täuschte ihn so gewaltig, dass ihm die Worte nicht vom Teater,
sondern aus Ulrikens Loge zu schallen schienen: das Orchester hub nach ihnen ein
sanftes Andante an, und Ulrike stand auf und liess neugierig ihre Blicke im
ganzen Hause herumschiessen. Aber warum sah sie nun nicht ihren Herrmann allein
an? Er ärgerte sich, dass ein Blick auf jemanden ausser ihm fiel. Endlich nach
langem Herumschauen trafen ihre Augen wirklich auf sein Gesicht: sie sah es
starr und ernstaft an: er lächelte zu ihr hinauf, und die Freude, als sie ihn
erkannte, zwang sie unbewusst zu einer so entzückten Bewegung des Kopfs und
drückte sich so lebhaft in allen Zügen des Gesichts aus, dass ihre Bewunderer im
Amphiteater sich neidisch nach dem Gegenstande umsahn, dem die Freude galt.
Mit halbem Zweifel an der Wahrheit des Anblicks erfolgte ein Wink mit den Augen,
und dann auf beiden Seiten ein förmlicher Gruss: allein bei aller Zurückhaltung
waren sie doch nicht zurückhaltend genug: denn ihrem beiderseitigen
vertraulichen Nicken, worinne der ganze Gruss bestand, konnte auch ein
Halbblinder anmerken, dass es mehr als Höflichkeit ausdrückte. Nach dieser
Beobachtung richtete sich nunmehr die Neugierde der Umstehenden auf den
glücklichen Menschen, welchem ein so englischer Gruss herabgeworfen wurde: man
fragte sich ringsum: niemand kannte ihn. Der alte Franzose, der sie vorhin so
lobpries, drängte sich über zween Plätze weg zu ihm hin und hielt ihm mit einem
sehr höflichen »Monsieur?« seine Tabaksdose vor: Herrmann sah nichts, was tiefer
als Ulrikens Kopf war: der Maler stiess ihn also an: Herrmann wandte sich hastig
und warf ihm die lackierte Büchse aus der Hand, dass sie unter den Bänken bis ans
Parkett hinabrollte. Der Mann wollte zwar diese Gelegenheit nützen, ein Gespräch
einzufädeln, allein die Musik schwieg, und er musste sich gleichfalls zum
Schweigen entschliessen.
    Nunmehr wurde das Schauspiel eine unaufhörliche Unterredung für die beiden
Liebenden: Herrmann war Titus, und Ulrike machte sich zur Bérénice: jede
Süssigkeit, jeder Ausdruck der Zärtlichkeit, jede Versicherung der Treue, jede
Sentenz, die mit ihrem beiderseitigen Zustande übereinstimmte, wurde
unmittelbar, wie sie aus dem Munde der Schauspieler heraustönte, in Gedanken von
beiden wiederholt und mit einem Blicke von ihm zu ihr hinauf oder von ihr zu ihm
herab auf ihren Zustand angewendet.
    Titus: Ach! welcher Liebe soll ich mich entschlagen!
    Paulin: Ja, leider! einer glühend heissen Liebe!
    Titus:
O tausenfältig heisser ist sie, Freund,
Als du dir denken kannst. Mir war es Wonne,
Sie jeden Tag zu sehn, zu lieben und ihr zu gefallen.
- - -
    Titus:
Ich kenne sie, ich weiss, dass nie ihr Herz
Nach einem andern als nach meinem strebte.
Ich liebte sie, gefiel ihr, und seit jenem Tage -
Soll ich ihn traurig oder glücklich nennen? -
Verlebt sie, fremd in Rom und unbekannt dem Hofe,
Die Tage, liebt und wünscht kein grössres Glück,
Als eine Stunde mich zu sehn,
Die übrigen mich zu erwarten.
- - -
Ich sehe sie, benetzt mit Tränen,
Die meine Hände trocknen sollen.
Was nur die Liebe kennt, um mächtig stark zu fesseln,
Kunstlose Sorge, zu gefallen, Schönheit, Tugend -
Oh, alles, alles find ich in ihr! - -
Während dieser geheimen Unterredung schien die ganze Versammlung vor Herrmanns
Augen zu schwimmen: Lichter, Kulissen, Menschenköpfe tanzten in schwebender
Verwirrung wie trübe, ferne Schatten vor ihm herum: das einzige Bild, das seinen
ganzen Horizont füllte, das deutlich und bestimmt durch die Augen bis zur Seele
und zum völligen hellen Bewusstsein gelangte, war Ulrike. Bérénice war für ihn
das höchste Ideal eines schönen Schauspiels, und Schauspieler und
Schauspielerinnen schienen ihm Apoll mit den neun Musen, die in eigner Person
herabgestiegen waren, das schönste Stück meisterhaft zu spielen. Seine Nachbarn
dachten zwar hierinne ganz anders, und es flogen von allen Seiten lustige
Einfälle über die spielenden Personen um ihn herum: allein für ihn war dieser
Widerspruch nicht hörbar. Nichts belästigte ihn als der Maler, der so gern um
Ulrikens willen seine Bekanntschaft machen wollte: denn er sprach nicht bloss mit
dem Munde, sondern noch mehr mit dem Ellebogen, und beschwerte sich zornig bei
seinen Nachbarn über die Unhöflichkeit des Menschen, der ihm nur mit unwilligen
Mienen oder gar mit einem erzürnten »laissez-moi« antwortete. Es lag ihm um
soviel mehr daran, seinen Zweck zu erreichen, weil seine Bekannten sich über ihn
lustig machten und gleichsam mit Bonmots nach ihm warfen.
    Da Ulrike merkte, dass man mit allen Augen, Guckern und Lorgnetten aus dem
Amphiteater nach ihr zielte und dass man nunmehr alle diese Sehwerkzeuge auch im
Parkett und den Logen nach ihr richtete, befand sie für gut, ihren Stuhl
zurückzuschieben und sich so zu setzen, dass sie nur für sehr wenige sichtbar
blieb. In dieser Pause gelang es dem Maler wirklich, den müssgen Herrmann ins
Gespräch zu ziehn. - »Monsieur, connoissez-vous cette Dame?« fing er an. - »Ob
ich sie kenne?« fragte Herrmann mit pikiertem Tone. »So gut als mich!« - »Ah!«
brach der Maler abermals in ihr Lob aus, »quels yeux! quel front! quelle bouche!
quel joli tour de visage!«
    Herrmann. So viel Geist in der Miene! So viel Feuer im Auge!
    Der Franzose. Quel teint! quel nez!
    Herrmann. Und die feine zarte Haut! so sanft, so annehmlich wie ihre Seele!
    Der Franzose. Quelle gorge! - Je vous dis, Monsieur, qu'elle est delicieuse
(und dabei zog er alle fünf Finger über den Mund weg).
    Herrmann. Sie haben die Hände noch nicht gesehn: so weiss, so fleischicht,
von einem so liebevollen Drucke, dass man nicht denkt, hört noch sieht, wenn man
von ihnen berührt wird.
    »Diable!« schrie der Maler und fing mit seinem Lobe wieder von vorn an. Für
die Nachbarn war es ein wahrhaftes Lustspiel, die beiden Leute so unerschöpflich
und inbrünstig um die Wette einen Gegenstand loben zu hören: einer redete in den
andern hinein und wollte ihn übersteigern. Beide zeichneten freilich als
Verliebte, aber Herrmann noch am treffendsten. Ulrikens Bildung war in Ansehung
der einzelnen Teile nicht schön: ein strenger Beurteiler würde vielleicht an
jedem, für sich betrachtet, etwas zu tadeln gefunden haben: aber in der
Zusammensetzung bildeten sie vom Kopf bis zu den Füssen das niedlichste Ganze: in
jeder Bewegung war Geist, ihre Miene beständig sprechend und oft stärker
sprechend als ihre Worte, ihr Gesicht ein abwechselndes Gemälde von kleiner,
mutwilliger Lustigkeit und Guterzigkeit, und der immer bleibende Grund, auf
welchem dieses Gemälde sich zeigte, eine ausgebreitete, schuldlose Heiterkeit:
ob sie gleich in ihren Bewegungen und Handlungen oft bis zur Unbesonnenheit
rasch war, so wurde doch selbst diese Raschheit von einer gewissen Anmut
begleitet, von Sanfteit so gemildert, dass jemand von ihr sagte, sie habe zwei
Seelen, eine männliche und eine weibliche. Ihr Wuchs und der feine Gliederbau
war vielleicht die einzige körperliche Schönheit, die sie auszeichnete: von der
äussersten Fusszehe bis zum Wirbel schwebte Anstand und Reiz wie ein Paar
Liebesgötter mit ausgebreiteten Fittichen um sie her. Ihr erster Anblick
überwältigte: man musste schlechterdings mit solcher Ergiessung loben wie der alte
Franzose; und fand man gleich in der Folge weniger Schönheit an ihr, so hielt
doch ihre Naivität und ungekünstelte Munterkeit dem ersten heftigen Eindrucke so
sehr die Waage, dass man seine Verminderung nicht sonderlich wahrnahm oder
wahrnehmen wollte.
    So richtig zeichnete freilich weder der Franzose noch Herrmann, ob sie
gleich den ganzen fünften Akt über dem Gemälde ihrer Göttin verplauderten: der
Maler erbot sich, sie zu malen, lud Herrmannen zum Abendessen zu sich ein und
versprach ihn en buste et en demi-figure gratis zu malen, wenn er ihm die Ehre
verschafte, ihr Porträt zu machen. Herrmann schlug nicht ab und sagte nicht zu;
denn eben, als sie auf diesen Handel kamen, machten die Schauspieler ihre
Verbeugung, und der Vorhang rollte herab: ohne die Ankündigung abzuwarten,
drängte sich Herrmann ungestüm durch die Bank, der Franzose hinter ihm drein: da
standen sie beide an der äussersten Tür und lauerten! Es kamen rotgemalte und
weissgetünchte Damen und gelbe, hustende Herren in Pelze gewickelt, Laufer
schwangen die Fackeln, Bediente kreischten mit rauhen Hälsen den schlummernden
Kutschern zu, die wartenden Herren klagten über Kälte und ihre Damen über Nässe,
Kutschen rollten dahin, rollten daher; geblendete Fussgänger krochen an den
Wänden hin, den trampelnden Rossen zu entgehn; andre schrien, erschrocken, dass
sie an Pferdeköpfe rennten; hier lauschte ein frierender Liebhaber auf seine
verzögernde Schöne, dort ein brummender Ehemann auf die plauderhafte Gattin;
hier wurde mit leisem Gezischel eine Nacht bedungen, dort um bessern Kredits
willen eine bezahlt; ein gähnender Kopf klagte da über die Langweiligkeit des
Stücks und beschwerte sich, dass er nur zweimal im ganzen Trauerspiel gelacht
habe; hinter ihm lobte eine empfindsame, seufzende Schöne das Rührende des
Schauspiels, sie war gerührt worden, ach! gerührt, dass ihr noch die Tränen über
die Wangen flossen; vor ihr drängte sich eine rauschende Französin am Arme ihres
Anbeters vorüber - »Ah!« schrie sie, »cette piese m'a dechiré le coeur« und
brach in ein lautschallendes Gelächter aus, weil sie ihr zweiter Anbeter von
hinten galant in die Seite knipp: ein deutscher Kritikus lachte des matten
französischen Ausdrucks, der drei Einheiten und des tragischen Kreischens, und
ein französischer bewies ihm mit hitziger Demonstration aus dem Batteux, dass die
Franzosen die besten Trauerspieldichter auf der Erde sind: schöne Eheweiber, die
von dem händeküssenden und scharrfüsselnden Haufen ihrer Liebhaber Abschied
nahmen, während dass der Mann grunzend in der Kutsche auf sie harrte:
schnatternde Franzosen und schweigende Deutsche - ein verwirrter Haufen in
mannigfarbiger Mischung quoll aus allen Türen hervor: das Gedränge wurde schon
dünne: noch war Ulrike nicht da. Der Maler guckte jeden Augenblick mit langem
Halse nach ihr, und Herrmann fürchtete schon zitternd, dass er sie übersehn habe.
- »Ah! voilà notre Princesse!« schrie der Maler. Sie kam, aber o ihr guten
Götter! - von einem Offizier geführt: Herrmann wurde totblass vor Schrecken. Sie
sprach sehr munter mit ihrem Führer, ohne sich umzusehn: der Offizier nahm mit
einem Händekuss Abschied, und sie schwang sich federleicht in den Wagen hinein.
Nun hatte der arme übersehene Herrmann nichts Geringers zur Absicht, als dem
Wagen aus allen Kräften nachzulaufen, um ihre Wohnung zu erfahren: er sprang
also die Treppe hinunter, der Maler ihm nach. »Ecoutez, Monsieur!« rief er und
ergriff ihn bei dem Rocke: der brennende Verliebte riss sich los, dass alle Nähte
des Kleides prasselten, und nun in einem Galoppe hinter dem geliebten Wagen
drein! Von Neid und Besorgnis über den Offizier gequält, von der Fackel des
aufstehenden Bedienten mit einem glühenden Pechregen übersprützt, keuchend und
stolpernd, setzte er den langen Lauf standhaft fort, durch Pfützen, Kot und
Schlammhaufen, dass beständig ein feiner Hagelregen von Unflat auf sein Gesicht
und Kleidung herabstürzte: der Weg ging durch die Königsstrasse über die Brücke
hinweg und noch durch einige Strassend der Vorstadt. Der Wagen hielt: Ulrike
eilte mit ihrer jungen Begleiterin lachend und schäkernd die breite Treppe
hinan.
    Sich in so höchst beschmutzter Gestalt in ein so schönes Haus zu wagen, dazu
gehört viel: aber seinem Wunsche so nahe, sich über so mannigfaltige Unruhen und
Besorgnisse kein Licht zu verschaffen und ganz unverrichteter Sache wieder
abzuwandern, dazu gehörte noch mehr: er entschloss sich kurz und wagte sich die
Treppe hinan. Bediente liefen geschäftig mit dem Abendessen, mit Tellern und
Lichtern auf dem Vorsaale hin und wider: er erkundigte sich bei einem nach der
Gouvernante der Fräulein. »Die Mamsell Herrmann?« fragte der Bediente, »eine
Treppe höher, über den Flur weg, rechts, am Ende die grosse Tür hinein, über den
Saal linker Hand die dritte Tür!« - plappernd sprach er dies und ging seinen
Weg.
    Himmel! das war eine Tagreise: Er wiederholte sich die angezeigte
Marschroute und wandelte die Treppe hinan, den ganzen langen Flur durch - jetzt
hörte er Ulrikens Stimme, die grosse Tür öffnete sich, sie kam heraus, ihr
Fräulein an der Hand, schäkernd und lachend: sie erblickte Herrmanns beschmutzte
Figur, dicht an die Wand gedrückt, sah halb schüchtern, mit gerecktem Halse
stillstehend, nach ihm, erkannte und erschrak, dass sie aus aller Fassung geriet.
Die junge Fräulein bestürmte sie mit einer kindischen Frage nach der andern, wer
es sei, und drückte sich furchtsam mit dem Kopf an Ulrikens Seite: es antwortete
ihr niemand. Endlich brach Herrmann das minutenlange Stillschweigen und
berichtete, dass er die Ehre habe, der Mamsell Herrmann einen Brief zu
überbringen. - »Gleich, Herr Vetter!« rief Ulrike: dort flog sie hin.
    Herrmann freute sich seiner verliebten List und der glücklichen
Gemütsfassung, womit er sie ausführte: er musste lange warten. Itzt schwebte
seine Göttin in dem seidnen, schlanken Anzuge, leicht wie auf den Fittichen der
Luft, durch den dämmernden Korridor daher: ihr glühendes Gesicht leuchtete von
fern wie der aufgehende Mond hinter rötlichen Abendwolken. Vom Laufen erschöpft,
bat sie ihn, ihr zu folgen. So zeremoniös wie einen Fremden, führte sie ihn in
ihre Stube; und nun - weg waren alle Komplimente! Sie warf sich ihm um den Hals,
er ihr; ihr Gesicht lag auf seiner Schulter, das seinige an der ihren:
»Willkommen, Herzensheinrich!« schluchzte sie in sein Kleid hinein, »tausendmal
willkommen, Herzensulrike!« antwortete er mit der nämlichen Dumpfheit der
Stimme. -
    Ulrike riss sich los. »O dass ich dich habe!« rief sie. »Dass ich dich hier
habe, wo uns niemand kennt, niemand hindern kann!«
    Herrmann. Wohl mir, wohl wie im Himmel, dass ich dich habe! - Aber wehe uns,
wenn wir uns nicht behalten dürfen!
    Ulrike. Ich bitte dich, Heinrich, mache mich nicht wehmütig! Wozu denn nun
itzo das Flennen? Ich war so lustig, ich hätte mögen über Tisch und Stühle
wegspringen: da schlägst du mir gleich meine Wonne mit deinem schwermütigen
Wehe! danieder. Ich glaube, die Freude macht dir den Kopf wirblicht. Besinne
dich doch! Ich bin ja da: was willst du denn weiter?
    Herrmann. Glücks genug! so wahr ich lebe, Glücks genug! Aber du weisst nicht,
was ich fürchte! doppelt fürchte!
    Ulrike. Was hast du denn so Fürchterliches zu fürchten? Und gar doppelt? -
Also zum ersten?
    Herrmann. Man sucht dich: Onkel und Tante wissen, dass du hier bist: sie
versprechen demjenigen, der dich findet, zehn Dukaten -
    Ulrike. So wohlfeil bin ich ihnen?
    Herrmann. Noch mehr! Jemand, dem nach diesem Preise lüstet, gibt
entehrenderweise vor, dass er dich in einem schändlichen Hause gesehn habe, und
verspricht, dich zu liefern - Er schwört, dass diejenige, die er genau kennen
will, deinem Porträte, das der Onkel an einen Kaufmann geschickt hat, damit er
dich nach ihm finden soll -, dass jene Person deinem Porträt auf ein Haar ähnlich
sieht; und sobald sie in seiner Gewalt ist, wird sie fortgeschickt.
    Ulrike. Lass sie schicken! lass sie schicken! Ich wollte, dass sie mir wie aus
den Augen geschnitten gliche.
    Herrmann. Aber bedenke, Ulrike, welchem Rufe dich diese falsche Nachricht
aussetzt! wie der Graf zürnen wird, wenn er sich so schändlich hintergangen
sieht!
    Ulrike. Lieber Heinrich, das sind zwei Sachen, an die wir wahrhaftig nicht
denken müssen, wenn wir Lust haben, uns zu freuen. Ein Mädchen, das ihrer Tante
heimlich entlaufen ist, muss mit dem Rufe vorliebnehmen, der ihr zuteil wird:
wenn sie sich nicht damit trösten kann, dass sie keinen bösen verdient, so muss
sie zu Hause bleiben, in ein Stift gehen oder einen Stock heiraten, wie ihn der
liebe Gott beschert. - O Heinrich! mannigmal mitten in meiner Lustigkeit sticht
mich's wie ein Dorn am Herze, wenn mir der Gedanke durch den Kopf fährt, dass ich
von allem dem Kummer und Herzeleid und Zank und Lärm die Urheberin bin: aber der
Schritt ist einmal geschehn: ja, Heinrich, so sehr ich dich liebe, sollt ich ihn
noch tun, ich bedächte mich. Ein entlaufnes Mädchen und ein lüderliches werden
gar leicht miteinander verwechselt - und dann! so schüchtern wie ein
gescheuchtes Reh herumzuirren, immer fürchten, dass man gehascht wird, zwischen
Schimpf und Misshandlung eingesperrt - Gott weiss es, ein trauriges Leben! - O
Heinrich! Heinrich! weinen sollten wir, nicht lachen: ich schien mir nur
glücklich, weil ich nicht an unser Unglück dachte.
    Herrmann. Du schienst dir's nur? Du bist's! Aber ich - ich werd es nie.
    Ulrike. Warum nicht? - Leidest du Not? Heinrich, sprich! Du Verzagter, so
härme dich doch nicht! Ich habe Geld, Geld in Menge, Geld, ich weiss nicht wohin
damit! ich will dich kleiden, will deine Taschen füllen, will herzlich gern Pelz
und alle Kleider verkaufen, wenn dir's nicht genug ist: sprich! und der Jude
soll gleich da sein: nur ängstige mich nicht und sage, dass du unglücklich bist!
    Herrmann. Ulrike, ich bin glücklich bei dir, mit dir, durch dich: aber in
meinem Herze fasst auch dies Glück keine Wurzel. Nimm ihm so viele
Leidenschaften, die es zusammenpressen, dass mir der Atem vergeht, die Begierde,
die mich immer vorwärts zieht, die mich an die Zukunft fesselt und die Gegenwart
nicht fühlen lässt! dann erst machst du mich fähig, glücklich zu sein.
    Ulrike. Sage mir nur, woher dir die unselige Laune kömmt! Du warst sonst so
munter: ich wette, du bist bei dem Doktor Nimmersatt - oder wie dein Doktor in
Dresden hiess - so ängstlich geworden. Was bekümmert dich die Zukunft? Wir können
ja kaum mit der Gegenwart zurechtekommen. Mache nicht, dass ich auch zum
Murrkater werde! hernach ist's gar mit uns aus. Wir haben so nicht viel Freude
zuzusetzen.
    Herrmann. Aber sage mir nur, Ulrike, wo ich die Freude hernehmen soll! Ein
elender Kaufmannsbursch, vom Morgen bis zum Abend dem Befehle und Zwange
unterworfen, zu widrigen, langweiligen, schlechten Verrichtungen genötigt, der
es kaum wagen kann, dich zu lieben, sobald er bedenkt, was er ist - ein
Unglücklicher, dem nichts auf der Welt gelingt, ohne Beruf, ohne Stand, ohne
Ehre, ein Verachteter, Herabgesetzter, ein Irrläufer, der seine Bestimmung sucht
und sie nie finden kann -, solch ein Kind des Unglücks soll sich freuen? Wie
kann das Ross springen, wenn es im Karren ziehen muss?
    Ulrike. Warte, armer Heinrich! warte, ich will dich ausspannen. Sage deinem
Kaufmann noch heute, dass du nicht länger sein Junge sein willst. Ich habe
jährlich zweihundert Taler, alle Bedürfnisse frei und bekomme Geschenke über
Geschenke: die zweihundert Taler sind dein, ganz dein: miete dir eine Wohnung,
lebe für dich! Freunde und Patrone will ich durch unser Haus schon für dich
finden; und dann ist uns beiden geholfen: was sollen wir weiter? - Du armer,
lieber Kaufmannsjunge! wie bist du denn in das Leben geraten, da du keinen
Gefallen daran findest? Warum bist du so misstrauisch gewesen und nicht gleich,
wie du gingst und stundst, nach Berlin gekommen, als ich dir schrieb?
    Herrmann. Als du mir schriebst? - Nicht eine Zeile von deiner Hand hab ich
empfangen.
    Ulrike. So ist doch wahrhaftig dein Doktor des Hängens wert. Vierzehn Tage
nach meiner Ankunft in Berlin hab ich dir mit dieser meiner rechten Hand
geschrieben, dass du nach Berlin kommen sollst, und dir ein Haus angezeigt, wo
wir uns finden wollten. Gut, dass ich damals meine itzige Station noch nicht
hatte! Den Brief hat der unselige Doktor aufgefangen und der Oberstin
zugeschickt -
    Herrmann. Zuverlässig! denn Schwinger berichtete mir, dass die Oberstin
deinen Aufentalt ausgekundschaftet habe -
    Ulrike. Und Tante Sapperment hat den aufgefangenen Brief an die Tante Gräfin
geschickt -
    Herrmann. Und der Oberstin Brief ist in die Hände des Grafen geraten, das
schrieb mir Schwinger -
    Ulrike. Und nun hat der Graf mein Porträtchen hergeschickt, um mich
aufsuchen zu lassen -
    Herrmann. Und nun hat sich jemand gefunden, der dem Porträt ähnlich sieht -
    Ulrike. Und diesen Jemand wird man statt meiner dem Grafen schicken. - Das
ist die ganze Geschichte Wort für Wort, als wenn ich ihr zugesehn hätte.
    Herrmann. Gewiss, das ist sie! - O der Freude, dass uns das Glück so wohlwill!
    Ulrike. Überglücklich sind wir! - Bedenke nur, was das für eine Lust sein
muss, wenn sie denken, sie haben Ulriken im Garne und - pah! da kömmt ein
Jüngferchen heraus, das sowenig ihre Ulrike ist wie der Karpfen, den wir heute
gegessen haben!
    Herrmann. O welche köstliche Szene! Ich muss lachen, wenn gleich der Kopf
darauf stünde. -
    Sie lachten auch beide so herzhaft und priesen den glücklichen Zufall mit so
vieler Fröhlichkeit, dass sie den Bedienten nicht kommen hörten, als er mit dem
Tischzeuge anlangte, um zu decken. Sobald sie ihn gewahr wurden, nahmen sie
wieder die Miene des Zwangs und der Fremdheit an.
    Ulrike. Herr Vetter, Sie werden mir die Ehre erzeigen und heute bei mir
speisen.
    Herrmann. Wenn Sie erlauben, Mamsell, werde ich die Ehre haben, Ihnen
Gesellschaft zu leisten. -
    Man schwieg; der Bediente deckte, ging: und nun laute Freude und inniges
Gelächter über die komplimentarische Betrügerei!
    Ulrike. Ich habe dir deinen Namen den ganzen Weg über gestohlen: um des
Diebstahls willen verklagst du mich wohl nicht? - Ich kriege ja doch den Namen
einmal: was schadet's, ein paar Jahre früher, als er mir von Gott und Rechts
wegen zukömmt?
    Herrmann. Ich möchte, dass er dir schon jetzt vor aller Welt zukäme! - Aber
warum ein paar Jahre früher? Nunmehr können wir die Entfernung unsers Glücks nur
nach Wochen berechnen.
    Ulrike. Du hast recht, Heinrich. Was das für eine alberne Rechnung war, die
ich machte! Du hast recht: was will uns denn nun hindern? - Der Graf kriegt
ehester Tage eine Ulrike: wenn's auch gleich nicht die Rechte ist, was liegt
denn daran? Er mag sie dafür behalten und ihr alle seine Gnade und seinen Zwang
schenken. - Nun sind wir ja alle befriedigt: er hat eine Ulrike und ich meinen
Heinrich. - O du allerliebster Kaufmannsjunge! wir sind glücklich wie die Engel!
    Herrmann. Glücklich, dass mein Herz vor Wonne schmelzen möchte! -
    Der Bediente unterbrach abermals ihre Freude: er brachte die Suppe.
    Ulrike. Wollen der Herr Vetter die Gewogenheit haben, Platz zu nehmen?
    Herrmann. Ich werde das Vergnügen haben, Ihnen gegenüberzusitzen. -
    In diesem Tone mussten sie sich während der Suppe erhalten, weil sie der
Bediente nicht verliess. Das war eine drückende Last: Ulrike machte ihm also
weis, dass seine Gegenwart anderswo nötig wäre und dass er deswegen das ganze
übrige Essen zugleich aufsetzen sollte: das alte, faule Geschöpf liess sich so
etwas mit Freuden überreden und folgte ihrem Rate. Nun sahen sie sich sicher und
frei: aber ihre Herzen waren zu überströmend voll, dass sie noch lange schwiegen
und viel zu reden glaubten, weil sie innerlich mit sich selbst sprachen. Bei
Ulriken löste sich zuerst die Zunge.
    »Es ist mir schon lange eingefallen«, fing sie an, »ob mich nicht die Frau
verraten haben möchte, die mich von Leipzig nach Dessau brachte. Vergeblich hab
ich zwei Tage in Leipzig auf dich gewartet: hast du mein Billett vor meiner
Abreise von Dresden nicht empfangen?«
    Herrmann. Empfangen, aber unglücklicherweise durchaus verwischt!
Nachgeflogen wär ich dir; aber das fatale Blatt sagte mir alles, nur den Ort
nicht, wohin ich sollte. - Wie konntest du so ein Wagestück unternehmen?
    Ulrike. Es hat mich Überwindung genug gekostet. Man schrieb mir, meine
Mutter wäre schon unterwegs, um mich ins Stift abzuholen: einen so nahen Besuch
konnt ich unmöglich abwarten: ich ersah mir die Gelegenheit und wischte fort.
Ich hatte mir schon lange vorher vorgenommen, wenn die Saiten zu hoch gespannt
würden, nach Berlin zu gehn und mich als Kammermädchen zu vermieten. Tante
Sapperment hat eine alte Landkarte von Obersachsen, auf Leinwand geklebt und
noch vom seligen Herrn Gemahle angekauft: jetzt wird sie zuweilen statt des
Strohtellers unter die Schüsseln gelegt: auf dem alten berussten Blatte suchte
ich mir den Weg nach Berlin zusammen. Eine Kappe über den Kopf, ein
Reisebündelchen am Arme, in Saloppe und Negligé wanderte ich zum Tore hinaus:
meine Tante war zum Souper gebeten, Hans Pump ausgegangen, die Köchin in ihrer
Kammer: es ging mir alles nach Wunsche. In der Vorstadt treffe ich einen
Bauerwagen, der vor einem Wirtshause hält. - »Willst du denn noch so spät nach
Hause, Gürge?« fragte ein Mensch, der vermutlich der Hausknecht oder gar der
Wirt sein mochte, und trank dem Bauer einen Krug zu. - »Ja«, antwortete Gürge,
»es ist aber heint verzweifelt dunkel.« - »Narr! du wirst dich doch wohl nicht
fürchten?« fing jener wieder an. »Bis Wilsdruf ist's ja nicht aus der Welt.« -
Die Nachricht war mir gar sehr gelegen: da der Wirt gute Nacht gesagt hatte,
ging ich leise zu dem Bauer hin und bot ihm einen guten Abend. - »Gürge, willst
du mich mit nach Wilsdruf nehmen? Ich gebe dir einen Gulden.« - Gürge lachte und
wunderte sich, dass ich ihn so genau kannte. - »Wer ist Sie denn?« fragte er. -
Eine Pfarrerstochter aus Meissen: ich will eine gute Freundin besuchen. - »Ist
Sie denn schwer?« fragte der drollichte Schäker und hub mich in die Höhe. »Ach!
dass mich das Schäfchen bisse! Das ist ja eine Feder: Sie wird mir die Pferde
nicht lahm machen« - und mit diesen Worten warf er mich so leicht wie ein Bündel
Stroh in den Wagen hinein, machte mir einen Sitz und gute Nacht Dresden! Mir
klopfte mein Herz, dass ich dachte, die Schnürbrust würd es nicht halten können.
Im Tore raffte ich mich, so gut es sich tun liess, zusammen, zog die Kappe tief
über das Gesicht, dass man nicht viel sehen konnte, ob man mir gleich ins Gesicht
leuchtete: ich antwortete richtig auf alle Fragen, und kam mit meiner Erdichtung
durch. Heinrich, wie froh ward ich, da wir ausser dem Schlage waren! Die Furcht
sass zwar hinter und vor mir und auf allen Seiten, und mein armes Herz pochte wie
eine Uhr. Jeden Augenblick dachte ich: jetzt wird man mich zu Hause vermissen!
jetzt wird man mir nachschicken! Das beste war, dass die Oberstin den Abend vor
zwölf nicht nach Hause kam und mich vermutlich im Bette glaubte: demungeachtet
war mir nicht wohl dabei zumute. Ich ermahnte und bat den Bauer inständigst,
hurtig zu fahren: allein er meinte, wir hätten ja nichts zu versäumen, zündete
sich ein Pfeifchen an und kam zu mir in den Wagen. Wie ward mir nun vollends
bange! die Stricke, woran er die Pferde lenkte, band er sich an den Fuss und
beliebte, sich und mir die Zeit mit einer galanten Schäkerei zu vertreiben: er
schlang seine plumpen Arme um meinen Leib -
    »Der Bauerkerl!« unterbrach sie Herrmann erhitzt.
    Ulrike. Ja, ja, lieber Heinrich! der Bauerkerl! wenn du eifersüchtig werden
willst, warte nur: es wird bessere Gelegenheit dazu kommen. Sieh, du
Eifersüchtiger! so schlang er die plumpen Arme um mich, wie ich dich jetzt
umfasse. -
    »Ha, ha, ha«, fing er lachend an, »dass dich alle Rotkehlchen! Sie ist ja so
dünne wie mein kleiner Finger. Sie nehm ich in die Hand und trag Sie bis nach
Leipzig und Merseburg. Wie könnt Sie denn nun so dünne sein? es ist ja gar
nichts an Ihr.« - Als er vollends meine Hand ergriff, brach er in lautes Lachen
aus und wälzte sich vor spottender Verwunderung. - »Ach, dass du mir nicht aus
der Haut hüpfst!« rief er. »Das Patschchen wäre mir, mein Seel! kaum ein Bissen
zum Morgenbrote. Dass dich alle Nachtmützen! was das für Fingerchen sind! Es ist,
hol mich der Six! als wenn einem vier Regenwürmer in der Pfote lägen.« - Dass er
nichts an mir nach seinem Geschmacke fand, war mir sehr angenehm: aber zum
Unglücke zog er bei dem heftigen Ausdrucke seines Erstaunens den Strick mit dem
Fusse bald hierhin, bald dortin, und die Pferde wurden wider seinen Willen eine
Anhöhe hinaufgelenkt, dass sich der Wagen schon zu legen anfing: ich schrie, und
der Tölpel lachte aus allen Kräften. Endlich verstummte sein Spass: er legte
sich, so lang er war, neben mir hin und schnarchte, dass die Toten hätten
erwachen mögen. Bei mir war an keinen Schlaf zu denken: immer stellte sich mir
meine Entlaufung als etwas Schimpfliches, etwas Strafbares vor, immer deuchte
mir, als ob mich jemand vom Wagen risse: meine Angst drängte mich so gewaltig,
dass ich mehr als einmal herabspringen und zu Fusse nach Dresden zurückgehn
wollte. Die Dunkelheit, die Gefahr des Umwerfens - denn der Wagen hing bald auf
diese, bald auf jene Seite -, meine innerliche Beklemmung! - O Heinrich! das war
eine schreckliche Nacht! Dunkle und lichte Wolken hingen über mir wie grosse
Riesen mit flammenden Schwertern, die auf mich herabzustürzen und mich für meine
Unbesonnenheit zu strafen drohten. Gegen Mitternacht fing der Wind an zu pfeifen
und zu brausen, und die grossen, dicken Wolken liefen wie grosse, ungeheure
Elefanten und Löwen und Trampeltiere über den Mond weg: bald sah die ganze
Gegend im schnellabwechselnden Mondscheine wie ein Kirchhof aus, voller Gräber
und weisser Leichensteine: bald bildete ich mir ein, dass die Pferde in einen
grossen Teich hineinstolperten: ich schrie und weckte meinen Gürgen auf, der mich
schnarchend versicherte, es wäre weisser Sand. Etlichemal erschrak ich bis zur
Todesangst: ein schwarzer, langer Mann lehnte am Wege dort: die Pferde gingen
gerade auf ihn los; ich wollte sie immer weglenken. Das ist ein Räuber, ein
Mörder! dachte ich: die faulen Pferde gingen sogar langsamer, da wir ihm nahe
kamen, als wenn sie's mit ihm abgeredet hätten, damit er mich desto besser auf
den Kopf schlagen könnte. Der Wagen war noch einige Schritte von ihm, so schoss
plötzlich eine schwarze Figur dicht an mir vorbei über den Wagen weg: ich bebte
und konnte nicht schreien, als wenn mich der Mörder schon bei der Kehle gepackt
hätte. Nach einigen ähnlichen Auftritten kam ich dahinter, dass meine Mörder
Bäume und die schwarzen Figuren, die über den Wagen dahinliefen, Schatten von
Wolken waren, die der Wind über den Mond jagte. Oft schien die ganze Gegend
ringsherum von Menschen zu wimmeln: sie hüpften, sie sprangen, sie tanzten,
manche schwarz, manche weiss: die weissen fletschten die Zähne, und zuletzt wurden
es in meinen Augen leibhaftige Totengerippe: ich hörte die Knochen klappern,
wenn sie im Tanze aneinanderstiessen: sie kamen immer näher, immer näher: die
Zähne klapperten mir vor Furcht wie den Toten die Knochen; und dabei fuhren die
langen Schatten immer unter ihnen durch wie schwarze Teufel, die sie wegführten.
Deine, des Onkels, der Tante Stimme hab ich unaufhörlich im Winde gehört: Tante
Sapperment fluchte, und du riefst mir nach: »Warte, warte Ulrike!«, ich hörte
dich keuchen, dich auf den Wagen springen: ich erwachte und erkannte meine
Vorstellungen für Traum oder Wind.
    Ein neues Unglück! Mein Bauer wachte auf und versicherte, als er sich umsah,
dass seine Pferde den Weg verfehlt hätten: er ging einen Fleck voraus, um
gewissere Nachricht einzuziehn, und brachte keine bessere zurück, als dass wir
auf einem falschen Wege wären. Dafür wurden dann die armen Tiere trefflich
ausgescholten, aber nicht bestraft: es war nichts zu tun, als gerade bis zu
einem Dorfe fortzufahren. Es geschah: wir langten nach einer beschwerlichen
Fahrt über Stock und Stein in einem Dorfe an und erfuhren vom Nachtwächter, dass
unser Umweg nicht weniger als zwo Stunden betrug. Mein Gürge lachte von Herzen
über den Eselsstreich, wie er es selbst nannte, und beteuerte seinen Gaulen, dass
sie's nicht dümmer hätten machen können, wenn sie gleich Esel wären.
Demungeachtet bekamen sie ein kleines Futter, und erst am Morgen trafen wir in
dem Städtchen ein: hier erfuhr ich, dass mein Gürge der Knecht eines dortigen
Bürgers war; denn er bat sich meinen Gulden aus und brachte mich zu Fuss in ein
Wirtshaus, damit es sein Herr nicht gewahr würde, dass er sich nebenher mit
seinen Pferden etwas verdient habe. - »Hol mich der Six! er zieht mir's am Lohne
ab« - sprach er und empfahl mich der Wirtin zu guter Pflege.
    Sonst hielt ich's immer für eine leichte Kunst, in die Welt hineinzulaufen:
aber wie schwer fand ich sie jetzt! Die Wirtin meinte es ausserordentlich gut mit
mir und bereitete mir das köstlichste Frühstück, das sie aufbringen konnte;
aber, aber! jeder Tropfen wurde mir Galle, jeder Bissen ekelhaft: alles Geschirr
war reinlich, aber war's nicht genug für mich. Ich hatte mich auf dem offnen
Wagen die Nacht hindurch erkältet, war wie zerschlagen am ganzen Leibe, spürte
Mattigkeit und Hitze in mir und bat mir deswegen ein Bette aus, auf welches ich
mich warf, ohne Frühstück noch Nachsetzung zu achten. Die gute Frau sah mich
immer bedenklich an und tat Ausruf über Ausruf wegen meiner Blässe.
Schlaflosigkeit, Wind, Herumschütteln des Wagens und Erkältung hatten mich
wirklich so bleich gemacht, dass ich vor mir selbst erschrak, als ich in den
Spiegel sah. Was soll das werden? dachte ich. Erst eine Nacht, und schon so
mitgenommen! Aber was hilft's? Soll der Vogel von selbst wieder in den Käfig
fliegen, wenn er einmal heraus ist? - Nein! ich muss nach Berlin oder unterwegs
umkommen. - Ich war an der Stubentür einen Postbericht gewahr worden und las
darin, dass eine Post nach Leipzig den nämlichen Tag von Dresden abging: ich
erkundigte mich näher bei der Wirtin darnach. - »Ja, meine Scharmante«, sagte
sie, »diesen Nachmittag kömmt sie hier an« - und zu gleicher Zeit erbot sie
sich, alles für mich zu besorgen.
    Ich hatte nicht lange auf dem Bette zugebracht, als die Frau zu mir leise
herankam und mich fragte, ob ich schlief. Sie tat allerhand seltsame Fragen an
mich, die ich äusserst kurz oder gar nicht beantwortete, sie fühlte mir an den
Puls, an die Backen, an das Herz, an die Füsse und schüttelte jedesmal mit dem
Kopfe, und jedes Kopfschütteln wurde mit einem tiefgeseufzten »Ei! ei!«
begleitet. Der Ton und die Fragen verdrossen mich, und ich fragte, was sie
hätte. - »Ach, meine Scharmante!« fing sie an, »ich habe ein Anliegen: Sie
werden mir meine Vorwitzigkeit zugute halten; ich habe ein Anliegen.« - »Was
denn?« - »Sie sind von Dresden?« - Ich wusste nicht, ob ich Ja oder Nein
antworten sollte. »Ich komme daher«, sprach ich. - »Legen Sie mir doch meine
Vorwitzigkeit ja nicht übel aus, meine Scharmante! Sie sehn mir sehr blass aus,
überaus blass.« - »Darf man denn nicht blass aussehn, wenn man von Dresden kömmt?«
fragte ich etwas empfindlich. - »Ei! ei! Ja! ja!« - Das war die ganze Antwort.
Ich versicherte sie, dass sie mich böse machen würde, wenn sie ihr Anliegen nicht
geradeheraus sagte. - »Um Gottes und aller Welt willen nicht, meine Scharmante!«
rief sie, »böse müssen Sie nicht werden: das könnte Ihnen gar leicht Schaden
tun. Haben Sie denn etwa, da Sie von Dresden kommen - aber Sie müssen meine
Vorwitzigkeit ja nicht übel deuten -, haben Sie denn etwa so etwas aufgeladen?«
-»Was meint Sie damit?« - »Sie sind doch noch Jungfer, dass ich Ihnen nicht etwa
Unrecht tue: oder haben Sie schon einen Mann?« - »Nein!« antwortete ich, ohne
sie recht zu verstehn. Endlich tat sie eine so deutliche Frage an mich, die ich
schlechterdings verstehen musste und die mich so entsetzlich aufbrachte, dass ich
sie gehn hiess und ihr unwillig den Rücken zukehrte. Die Frage der Frau erlaubte
mir nicht, ein Auge zuzutun, so müde ich war: ich ärgerte und härmte mich über
den schrecklichen Verdacht und stellte mir die Nachreden vor, die ich mir in
Dresden zugezogen haben würde, und was für gefährliche Mutmassungen ich noch in
Zukunft erregen könnte. Ich weinte vor Schmerz und Kummer, verbarg das Gesicht
in dem Kopfkissen vor Scham, ich konnte vor Beklemmung kaum atmen: ich fühlte
einen wirklichen Fieberschauer. - O Gott! dachte ich, wenn du vor Krankheit
hierbleiben müsstest! man fände dich! holte dich zurück und sperrte dich wie eine
Gefangne auf immer in ein Stift ein! oder zwänge dich, einen Pinsel zum Manne zu
nehmen, damit du nicht wieder entlaufen könntest! - Die Vorstellung war mir so
fürchterlich, dass ich aufstund und in der Stube auf und nieder ging und immer
davonlaufen wollte, als wenn ich meiner Angst dadurch entlaufen könnte. -
    »Arme Ulrike!« sprach Herrmann vor Mitleid. »Wie gern hätt ich deine Angst
für dich tragen wollen.« -
    Ulrike. Indem ich so herumirrte, kam die Wirtin mit einer Flasche
Branntewein und zwei Gläsern, schenkte ein und reichte mir das Glas. - »Meine
Scharmante!« fing sie an, »Sie waren vorhin auf meine Vorwitzigkeit böse: kommen
Sie, wir wollen den Groll zusammen vertrinken.« - Ich wollte nicht, aber ich
musste einen Schluck tun: die Magd brachte Backwerk, und ich entschloss mich zum
zweiten Schlucke, weil mir der erste merkliche Dienste getan hatte. Sie lobte
die Güte ihres Tranks und erzählte, wieviel Wunderkuren sie schon damit
verrichtet hätte, trank dabei so reichlich, als wenn sie sich von Grund aus
kurieren wollte, und kam allmählich auf die Heiratsgeschichte ihres verstorbnen
bucklichten Mannes. Sie wurde so aufgeräumt, und ihre Erzählung war so lustig,
dass ich meine ganze Angst darüber vergass: die dicke Frau fing an zu tanzen vor
Aufgeräumteit und sang sich mit einem klaren, pfeifenden Stimmchen dazu: der
Anblick war komisch, um in Todesnöten darüber zu lachen. Ich musste sie bitten,
mich zu verlassen; denn das Lachen und das starke Getränke machten mich so
schläfrig, dass ich den Kopf nicht aufrecht halten konnte. Ich legte mich und
schlief glücklich ein. - Bei Tische ass ich mit einem Appetite, als wenn ich bei
dem Onkel zu Tafel wäre: die Frau Wirtin erzählte mir ihre Ehe mit dem
bucklichten Manne - lauter drollichtes Zeug! Mir war so wohl, dass ich mich
munter und fröhlich des Nachmittags auf die Post setzte: meine Gesellschaft -
    Eben kam ihr Fräulein vom Essen zurück, und man musste die Erzählung
abbrechen und wieder fremd tun. Überdies war es schon sehr spät, und Ulrike bat,
dass sich der Vetter morgen gegen Abend wieder zu ihr bemühen möchte, um ihre
Antwort auf den überbrachten Brief abzuholen. Er empfahl sich sehr höflich und
ging.
 
                                Zweites Kapitel
Herrmann erhielt bei seiner Ankunft zu Hause, wohin er erst nach stundenlangem
Herumirren den Weg fand, von seinem Kameraden die Nachricht, dass der Diener
schon die zehn Dukaten verdient und das Mädchen ins Haus gelockt habe, wo sie
heute übernachte: dabei berichtete er auch den Unwillen des Herrn über sein
langes Aussenbleiben und hinterbrachte ihm als eine geheime Entdeckung, dass der
Herr willens sei, ihn mit dem Mädchen wieder nach Hause zu schicken.
    Den Morgen darauf bestätigten sich alle diese Nachrichten: der Kaufmann liess
ihn zu sich auf die Stube kommen und stellte ihm sehr glimpflich vor, dass er
nicht zum Kaufmanne tauge und für ihn insbesondere ganz unbrauchbar sei: er habe
also sich schon längst vorgenommen, ihn nach Verlauf der Probezeit wieder von
sich zu tun, allein da sich ihm jetzt eine so bequeme Gelegenheit darbiete,
wieder nach Hause zu seinem Freunde Schwinger zu kommen, so solle er sich in
Bereitschaft setzen, diesen Nachmittag mit abzufahren. -»Die Anverwandtin des
Grafen«, setzte er hinzu, »ist gefunden: ich habe sie niemals gesehn, weil sie
schon in Dresden war, als ich mich wegen meiner Geschäfte auf seinem Schloss
aufhielt. Wir sollen sie nicht merken lassen, was mit ihr vorgeht: ich habe ihr
also eine Lustreise vorgeschlagen - denn so hat es der Graf ausdrücklich
verlangt -, sie hat die Partie angenommen: mein Kuffer wird in dem Tore heimlich
hinter der Kutsche aufgepackt; und hab ich sie nur einmal ein paar Stunden von
der Stadt, so soll sie schon reisen müssen, wenn sie nicht im guten will. Du
musst sie wohl kennen?«
    Herrmann. Ja - nicht sonderlich - so ziemlich.
    Der Kaufmann. Ich will sie dir hernach zeigen: aber dass du dich nicht von
ihr blicken lässt! sie möchte sonst Argwohn schöpfen. Sie hat sich mit dem
Bordellwirte veruneinigt und ist, schon ein paar Tage her, für sich in der Stadt
herumgewandert: sie sieht hübsch aus, aber es ist ein erzlüderliches Tier. Wenn
ich wie der Graf wäre, ich liesse sie laufen und dächte gar nicht daran, dass sie
meine Verwandtin ist. Man muss aber das dem Grafen verschweigen: schreibe ja
nichts an Schwingern davon, und wenn du nach Hause kömmst, tu, als wenn du
nichts davon wüsstest! - Sie ähnlicht zwar dem Porträt nicht ganz, aber wie sie
gelebt hat! es ist ein Wunder, dass sie sich noch so ähnlich sieht. - Es tut mir
leid, dass wir nicht beisammenbleiben können: aber es ist vielleicht zu deinem
Glücke: halte dich also bereit! -
    Herrmann dankte mit den tiefsten Verbeugungen für sein Anerbieten und
ersuchte ihn nur um die Erlaubnis, sich noch einen oder etliche Tage im Hause
aufzuhalten: er habe schon längst Abneigung gegen Kaufmannsgeschäfte in sich
gefühlt und sich deswegen nach einer Schreiberstelle umgetan, die er in einigen
Tagen anzutreten und wodurch er Sekretär in einem angesehenen Hause zu werden
hoffte. Der Kaufmann fragte nach dem Namen des künftigen Herrn, und Herrmann
nennte ihm einen Geheimerat, auf welchen sich jener freilich nicht recht
besinnen konnte, weil Herrmann auf der Stelle seinen Namen erfunden hatte. Er
musste noch ein paar Fragen von dahin gehörigem Inhalte beantworten, und er log
sich glücklich aus der Verlegenheit heraus.
    Eine gelungne Lüge verleitet leicht zur zweiten. - Der Kaufmann rief die
vermeinte Ulrike zu sich in die Stube, und Herrmann musste sie aus dem Kabinette
beobachten. Er fand wirklich einige Ähnlichkeit mit Ulriken an ihr, aber nur wer
die rechte Ulrike nicht gesehn hatte, konnte die falsche mit ihr verwechseln.
Der Kaufmann fragte ihn um seine Meinung; und das Glück, die wahre Ulrike zu
besitzen, und die Freude, einen Mann zu kränken, der ihn von jeher gehasst hatte,
machte ihn so übermütig keck, dass er versicherte, sie sei es leibhaftig. Nun war
aller Zweifel bei dem Kaufmanne gehoben.
    Dreimal, viermal glücklicher Herrmann! Kaum vermochtest du dein Glück zu
fassen. Von lästigen Beschäftigungen befreit, mit den angenehmsten Aussichten
auf Fortkommen und Ehre geschmeichelt, am Grafen durch eine einzige Lüge
gerächt, und vor allen Dingen - in Ulrikens ungestörtem Besitze! einer
Verbindung mit ihr, wenigstens in Gedanken, nahe! ohne Furcht, ohne Besorgnis,
entdeckt, verfolgt, getrennt zu werden! in der schönsten glänzendsten Stadt
Deutschlands! - wenn das nicht dem Glück im Schosse sitzen heisst, was soll es
denn sein?
    Sein Glück sollte noch höher wachsen: gegen Mittag kam eine Frau und brachte
ihm folgenden Brief von Ulriken.
                                                                    den 27. Jan.
Freude, Freude, lieber Heinrich! Wir kommen einander immer näher. Ich habe heute
mit Madam Vignali Deinetwegen gesprochen: sie will Dir, meinen Fenstern
gegenüber, in ihrem Hause ein Zimmer einräumen, Dich mit Möbeln, Betten und
allen übrigen Bedürfnissen versorgen. So viel tut sie mir zu Gefallen; und wenn
sie Dich kennt, will sie Dich, Dir zu Gefallen, bei sich speisen lassen. Sie
sagte zwar: »Wenn ich ihm und er mir gefällt« - aber das ist gar keine Frage.
Das sagt ich ihr auch: »Er muss Ihnen gefallen, oder -«, weiter wollt ich nichts
sagen: aber es verdross mich, dass sie noch erst daran zweifeln konnte. Kurz und
gut! lege Deinen Kaufmannsjungen ab und bestelle in der Minute den Schneider!
Lass Dich herausputzen wie einen Prinz! Ich bezahle, und wenn mein Geld nicht
zureicht, streckt mir Madam Vignali Hände voll vor. Ich freue mich schon wie ein
Kind auf die erste Puppe, wenn meine Herzenspuppe, mein Heinrich, zum ersten
Male im Degen, Chapeau bas, seidnem Futter, gestickten Knöpfen, en herisson
frisiert, wie ein Adonis vor mir erscheinen wird. Ob dich Dich kennen werde? -
Vielleicht nicht mit den Augen, aber mein Herz erkennt Dich gewiss: das hüpft Dir
gleich entgegen, sobald Du nur in die Stube trittst: es will itzo schon mit
aller Gewalt zur Schnürbrust heraus, und wenn ich das närrische Ding frage, was
ihm ist - »er kömmt! er kömmt!« ruft es und will sich ganz vor Freude zerstossen.
    Du musst mit Deinem Putze morgen früh zustande sein; denn morgen mittag um
zwölf Uhr sollst Du Madam Vignali aufwarten. Sie hat mich schon auf morgen zu
Tische gebeten, und ich hoffe, dass sie selbst so gescheit sein und Dich auch
einladen wird. Ich schicke Dir mit diesem Briefe hundert Taler, damit Du die
nötigen Unkosten bestreiten kannst; und nun, lieber Heinrich! kaufe, bestelle,
lass nähen und arbeiten, und wenn der ganze Schneider mit seinen Gesellen darüber
zugrunde ginge: ich lass ihn begraben, wenn er sich zu Tode näht, und setze ihm
auf seinen Leichenstein: Ein wackrer Schneider! er nähte hurtig und starb wie
ein Held für die ungeduldige Liebe. - Kann denn ein Schneider wohl eines edleren
Todes sterben?
    Vermutlich möchtest Du gern wissen, was diese so oft genannte Madam Vignali
für ein Geschöpf ist! Ich will Dir's sagen, lieber Heinrich, während dass sich
Frau Hildebrand, die Überbringerin dieses Briefs, die auch inskünftige unsre
Botenfrau sein wird, ihre roten Finger an meinem Ofen auftaut. Rundheraus
gesagt! es ist die Mätresse meines Herrn: er hält ihrer drei, eine Italienerin,
welches die hochbelobte Madam Vignali ist, eine Französin, die Mademoiselle
Lairesse heisst, und eine Deutsche, deren eigentlichen Namen ich nicht weiss: weil
mein Herr die deutschen Namen nicht leiden kann, hat er sie wegen ihrer
rosenfarbnen Wangen Mademoiselle Rosier genannt, und das ist nunmehr bei
jedermann ihr Name. Jede von diesen drei Schönen wohnt in einem andern Teile der
Stadt, und ist jede also eine halbe Stunde von der andern entfernt. Des Abends
gibt meistenteils Vignali ein kleines Essen für einen kleinen Zirkel guter
Freunde, das der Herr von Troppau das Soupér der drei Nationen nennt, weil die
andern beiden, Lairesse und Rosier, allemal auch dabei sind. Sie leben sehr
einig und freundschaftlich untereinander, besuchen sich oft und haben mich alle
drei von Herzen lieb: die Hauptrolle aber spielt Deine künftige Gönnerin, Madam
Vignali, weil sie den meisten Verstand hat. Du wirst sie alle nach der Reihe
kennenlernen und Dich herrlich bei ihnen befinden; denn sie sind beständig
lustig und guter Dinge. Nur Vignali ist ein wenig ernstaft und will gern wie
eine grosse Dame behandelt sein. Nimm Deine ganze Galanterie zusammen bei ihr;
denn davon ist sie Liebhaberin; aber, Schelm! wenn Du mir nicht bei der
Galanterie stehenbleibst! - In ihrer und aller andern Gegenwart sind wir Cousin
und Cousine; denn nun musst Du allmählich anfangen, Dein Deutsch zu verlernen und
alles französisch zu nennen, auch wenn Du deutsch sprichst. Madam Vignali wird
französisch mit Dir reden, weil sie kein Deutsch kann: allein lass Dich das nicht
anfechten! Ich habe sie schon vorbereitet, dass Du in der Sprache noch nicht
geübt genug bist. - »Ich will ihn schon unterrichten«, sagte sie. Mit einer
solchen Sprachmeisterin bist Du doch wohl zufrieden? -
    Ja doch! gleich, Frau Hildebrand! Ihre Finger können unmöglich schon
aufgetaut sein. - Die Frau drängt und treibt mich, dass ich vor Übereilung
tausend höchstnötige Dinge vergessen werde. Lass sie Dir einkaufen helfen: sie
versteht sich auf die Preise und ist ehrlich.
    Ich muss nur schliessen; denn sie treibt schon wieder. - O Heinrich! wer hätte
sich in Dresden so überirdisch grosses, so übermässiges Glück träumen lassen? Wer
hätte sich nur die Hälfte so vieler, so entzückender Freude vorgestellt? - Ich
bin auch so trunken, so wirblicht davon, dass ich taumle: ich glaube, ich
phantasiere gar zuweilen. Die Leute sagen immer, dass die Liebe ernstaft macht:
Lügen! lauter Lügen! Mich macht sie so lustig, dass ich oft für mich ganz allein
lachen muss; und ich bin doch verliebt, das weiss der Himmel! Ich glaube, dass sich
alle Liebe, die es nur auf der Welt gibt, in das kleine Fleckchen hier, in mein
Herz, zusammengezogen hat. Ich merke auch gar nicht, dass sich jemand ausser uns
liebt: hast Du jemanden gesehn? - Nicht wahr? keine Seele! Die guten Leute
können nicht: es ist so kalter Winter in ihren Herzen und Gesichtern wie auf der
Strasse; denn die Mädchen haben keinen Heinrich und die Jünglinge keine Ulrike.
Wen ich nur erblicke, der schielt mich an und seufzt in Gedanken: Ach, wer so
glücklich wäre wie die! - Sie dauern mich recht, die armen Leute.
    Die ungestüme Frau Hildebrand! fragt sie nicht schon wieder, ob ich fertig
bin? - O sie kann sich heute den ganzen Tag bei mir wärmen, ich bin doch immer
noch nicht fertig: aber ich will mir Gewalt antun, punctum. Lebe wohl.
    Diesen Abend um fünf Uhr hofft man die Ehre zu haben, den Herrn Cousin bei
sich zu sehn. Es warten zwei Dinge auf dieselben, meine Reisebeschreibung und
Deine
                                                                   Deine Ulrike.
Nach Empfang dieses Briefes wurde kein Augenblick versäumt, die verlangten
nötigen Anstalten zur morgenden Aufwartung zu machen, dem Schneider doppeltes
Macherlohn versprochen und alles übrige doppelt so teuer eingekauft, als es
weniger eilfertige Leute bezahlt hätten. Es schlug fünfe, und der glückliche
Herrmann ging, stolz auf sein Schicksal, zur wartenden Ulrike.
 
                                Drittes Kapitel
»Hilf mir lachen, Ulrike«, so trat Herrmann in ihre Stube. »Hilf mir lachen! vor
einer Stunde ist dein Porträt und ein Gesicht abgefahren, das ihm wahrhaftig
ähnlicher sieht, als ich glaubte, dass dir ein Gesicht sein könnte. Fort ist sie!
Sie hat meinen gewesenen Prinzipal gebeten, ihr heimlich ein Kleid von seiner
Frau zu geben: allein er ist es nicht eingegangen, sondern hat ihren ganzen
Anzug vom Juden geborgt und für die Bezahlung zu haften versprochen. Welche
Lust! wie der Graf stutzen und sprudeln wird, wenn er eine falsche Ulrike
bekömmt! Der Kaufmann war sehr aufgebracht wider ihn, dass er nicht mit der
Bezahlung innehält: der Graf hat ihm von der versprochenen Summe nicht mehr als
tausend Taler ausgezahlt: deswegen begleitet er seine Ulrike selber, um deinen
Onkel zu mahnen und zu verklagen, wenn er nicht Richtigkeit macht.«
    Ulrike. Also geht's schon wieder schlimm? - Die arme Tante Gräfin! Wenn die
nur nicht dabei leiden müsste! das wird einmal ein Tränenvergiessen werden! - Ihre
Leiden gehn mir ans Herz! aber ich kann sie jetzt unmöglich bedauern: ich müsste
mir's an meiner Freude abbrechen: das Mitleiden glitscht mir itzo nur über die
Seel weg; und wie die Betrübnis tut, davon weiss ich kein Wort mehr.
    Herrmann. Das sollst du auch nicht! nimmermehr wollen wir das wieder
erfahren! Seitdem ich dich wieder habe, ist mir jedermann verächtlich, elend,
klein: die Leute auf der Strasse, wenn sie vor mir vorübergehn, kommen mir alle
wie Zwerge vor: ich rage weit über sie weg. Die nichtswerten Geschöpfe! denk
ich: wozu leben sie? um in niedrigen, gewinnsüchtigen, langweiligen Geschäften
herumzukriechen, bestimmt, des Lebens Last zu tragen und nie eine wahre Freude
zu fühlen. Lieben können sie nicht; denn es ist nur eine Ulrike. - Ich kann gar
nicht begreifen, wie jemand sagen mag: »Ich liebe!«, wenn er dich nicht lieben
darf: alle die bewunderten Schönen - alle sind sie gegen dich wie eine
Nachtlampe gegen die Sonne: nicht eine Ader tut mir nach ihnen weh.
    Ulrike. Bemitleide, beklage sie, die armen Geschöpfe! was kann der Bettler
dafür, dass er nicht so glücklich ist als der Reiche? - Ich habe heute allen
Leuten ins Gesicht lachen müssen, so komisch verdriesslich und ernstaft sehn sie
mir aus. Wenn ich mich nur einmal satt lachen dürfte! Bei Tische brach es mir
heute etlichemal heraus: ich verbarg es mit dem Schnupftuche, aber die Frau von
Dirzau wurde es doch gewahr: sie fragte mich, was ich hätte; und zum Glück
besann ich mich auf ein lustiges Histörchen, das mir eingefallen wäre und das
ich ihr erzählte, um nur einmal frei herauslachen zu können.
    Herrmann. Und mich muss die Freude zerstreut, verwirrt, abwesend machen; denn
der Kaufmann beschwerte sich über mich, dass ich ihm so verkehrt antwortete und
immer nicht wüsste, wo ich wäre. »Du bist ja seit gestern gar zum Klotze
geworden«, sagte er mir: allein ich bat sehr inständig, mich mit dergleichen
vertraulichen Benennungen zu verschonen, da ich nicht mehr die Ehre hätte, sein
Junge zu sein - »wie trotzig!« sagte er und wunderte sich. - »Und das mit
Recht!« sprach ich und ging. Auch deine Botenfrau klagte über mich, dass sie
nicht klug in mir werden könnte. -
    Ulrike. Bei mir hat sie noch mehr geklagt. Du misstrauischer Schelm! warum
traust du ihr denn nicht? - Sie ist eine recht gute Frau.
    Herrmann. Ich traue niemandem als dir und mir. Ich habe leider die Erfahrung
gemacht, dass man sehr gut scheinen und doch ein Spitzbube sein kann.
    Ulrike. O du hocherfahrner Heinrich! hat dich während unsrer Trennung die
Erfahrung so vorsichtig gemacht? - Du musst wissen, dass wir dieser Frau unser
ganzes Glück zu danken haben. Hab ich dir nicht gestern schon von ihr erzählt? -
Nein! Itzt besinne ich mich: ich setzte mich ja erst in meiner Erzählung zu
Wildsdruf auf die Post, als wir gestern gestört wurden.
    Herrmann. In was für Gesellschaft reistest du?
    Ulrike. In herzlich schlechter! Sie hingen alle die Köpfe wie welke
Maiblumen. Ein Kandidat, ein Kantor und ein Jäger: sie waren fromm wie die
Schäfchen gegen mich; denn keiner redete ein Wort mit mir; und das war mir ganz
gelegen: ich hatte mit mir genug zu sprechen. Gegen Abend schickte der Himmel
einen gnädigen Regen, der das entlaufne Mädchen so durchnässte, dass ich am ganzen
Leibe eine Wasserflut wurde. Ich zitterte vor Kälte, fühlte schauerhaften
Fieberfrost, mein Mut war ganz dahin. Meine drei Gefährten wickelten sich in
Mäntel und Überröcke und verlangten gar nicht zu wissen, ob mich fröre; nur der
Postillion war so guterzig und erkundigte sich nach meinem Befinden, erbarmte
sich meiner und gab mir aus christlicher Liebe für vier Groschen seinen Mantel
bis zur nächsten Station. Dort liess man mir die nämliche Milde gegen den
doppelten Preis angedeihen. O Heinrich, beklage dein armes, entlaufnes Mädchen!
Die Strafe war wirklich zu hart. In einen gelben Mantel vom Kopf bis an die Knie
gewickelt, unten in Stroh eingepackt, bald frierend, dass mir das Herz bebte,
bald glühend wie ein Feuerofen und bei der grössten Hitze noch innerlich
schauernd vor Frost, sass ich armes Geschöpf verlassen und allein die übrige
Nacht durch auf dem Wagen, und die Wolken strömten so ungeheure Fluten auf mich
herab, dass Stroh und Füsse in Wasser schwammen: wie eine zarte, kranke Blume, vom
Platzregen ersäuft, in den Boden gedrückt, sass ich da, trauerte und weinte.
Meine Seelenkümmernis erwachte, Reue und Furcht vor der Zukunft quälten mich;
und so wurde die unbesonnen verliebte Ulrike das Spiel eines doppelten Sturms!
von innen und von aussen: ein krankes Schäfchen, in einer menschenlosen Wüste!
    Obgleich die übrige Reise hindurch die Grausamkeit des Wetters nachliess,
blieb ich doch krank und niedergeschlagen: langes Fasten, Mattigkeit,
Rückenschmerzen von der Erschütterung des rumpelnden Wagens, Übelkeit, Verdruss,
Fieber raubten mir die Kraft, ein Auge aufzuschlagen oder ein Glied zu rühren.
Mitten in einer Station stieg ein sächsischer Soldat auf, ein Kavallerist, der
bis nach Grimma bei mir blieb. Kaum hatte er meine Krankheit aus mir
herausgefragt - welches er gleich tat, als er Platz genommen hatte -, so warf er
hastig seinen Mantel von sich, richtete mich auf, liess den Postknecht halten und
wickelte mich so derb in seinen roten Mantel ein, dass ich fast erstickte, holte
eine zottichte Mütze aus der Tasche, weitete sie über das Knie und setzte sie
mir auf meine Kappe darüber: ich bat ihn, seine Güte nunmehr nicht weiter zu
treiben, allein er ruhte nicht, bis ich ein Paar wollne Handschuhe annahm,
worein er meine Füsse steckte. Ich dankte ihm mit einem gerührten Blicke und
beklagte, dass er sich aller Bequemlichkeiten um meinetwillen beraubte. - »Ha!«
sprach er, »das Hemde vom Leibe können Sie kriegen, wenn Sie's haben wollen.
Solche Kerle wie mich macht der liebe Gott alle Tage, aber ein hübsches Mädchen
nur alle Jahre einmal. Du bist ein rechter Halunke, Schwager!« rief er zum
Postknecht, »dass du das arme Nüsschen so frieren lässt.« - »Ich kann sie ja nicht
wärmen: es ist kalt«, antwortete der Postillion mit gedehntem Tone. - »Könntest
du dich nicht ausziehn bis auf die Haut und deine Kleider auf sie decken? Du
hölzerner Peter wirst doch wohl nichts erfrieren, und wenn du im Hemde bis nach
Rom fährst. - Soviel will ich Ihnen nur sagen« (wobei er sich zu mir
herüberbeugte), »solange ich bei Ihnen hin, soll Ihnen nichts zuleide geschehn:
hier ist Mordgewehr. Mich hat einmal ein Mädchen vom Tode errettet, und seit der
Zeit hab ich ein Gelübde getan, kein Mädchen in der Welt Not leiden zu lassen:
ich gehe durch Feuer und Wasser für Sie, wenn Sie's verlangen. Was wollen Sie
sagen? Ich habe einmal um eines Mädchens willen dreissig Fuchteln gekriegt. Potz
Geier! das tat!« - In diesem Tone fuhr er fort, mir alle seine Heldentaten für
die Mädchen, seiner Familie und seiner Kameraden Geschichte zu erzählen; und er
plauderte mir wirklich einen grossen Teil meiner schmerzhaften Empfindungen weg.
dabei war er äusserst sorgsam, nachzusehn, ob etwa der Mantel sich irgendwo
aufgeschlagen hatte und den rauhen Wind auf mich streichen liess: und wo er nur
einen verdächtigen Fleck traf, da kam er dem Übel sogleich zuvor. Dieser
wohlmeinende Plauderer stieg zwar vor Grimma ab, allein der Wagen war kaum bei
dem Postause, so fand er sich schon wieder ein und bat mich, mit ihm bei seiner
Mutter einzukehren, bei welcher er sich auf Urlaub aufhielt. Ich nahm die
Einladung an und wurde mit einer Güte von der alten Witwe und ihrem Sohn
bewirtet, gepflegt, gewartet - mit einer Güte, die ich zeitlebens nicht
vergessen werde. Doch äusserte auch diese Frau bei aller Güte einen kränkenden
Verdacht, der mir Ruh und Pflege verbitterte, ein Mitleiden über meine Jugend
und Schwächlichkeit des Körpers - ein Mitleiden, mit so mancherlei bedenklichen
Reden vermischt, dass mir die Seele blutete! Ich gab mir alle Mühe, ihr den argen
Verdacht einer geschehnen Verführung zu benehmen: sie entschuldigte sich zwar
und versicherte, dass sie etwas dergleichen von so einem artigen Frauenzimmer gar
nicht dächte, und schwur, Gott sollte sie vor einem solchen Argwohn bewahren:
aber des Predigens über die Verführungen der Mannspersonen und des Bedauerns
über junge, verführte Mädchen ward doch kein Ende. Ich versicherte sie, dass ich
eine Freundin in Leipzig besuchen wollte und aus Unwissenheit den geraden Weg
verfehlt hätte, dass ich durch die Empfehlung dieser Freundin Gouvernante in
Berlin werden sollte: sie beteuerte mir ebenso stark, dass sie alles glaubte, und
fuhr immer in ihren bedenklichen Äusserungen fort. Als ich drei Tage bei diesen
Leuten zugebracht hatte, kam der Sohn des Nachmittags voller Freuden in die
Stube und brachte mir die Nachricht, dass morgen in aller Frühe ein Kapitän mit
Extrapost nach Leipzig fahren und mir auf seine Fürbitte einen Platz in seiner
Chaise geben wolle.
    Herrmann. Und du nahmst den Platz an?
    Ulrike. Was sollt ich tun? - Mein Kavallerist versicherte mich, dass ich
nichts zu fürchten hätte - »Der Mann hat eine Frau und drei Kinder«, sagte er,
»er ist schon ein bisschen alt und mein speziell guter Freund und Patron: er hat
einmal als Leutenant bei meinem Vater seliger im Quartier gelegen; und da tut er
Ihnen nichts, darauf können Sie sich verlassen.« - Ich nahm mit Tränen von den
guten Leuten Abschied: mein Fieber und mein innerlicher Kummer hatten mich so
weichmütig gemacht, dass mich jedes Wort zum Weinen bringen konnte: ich legte
einen Dukaten hin, allein der Sohn schwur, dass er des Teufels lebendig sein
wollte, und die Mutter, dass sie Gott bewahren sollte, einen roten Pfennig
anzunehmen: ich drückte dem Reuter dankbar die Hand, als er mir den Dukaten mit
Gewalt in die meinige legte, und hätte ihn küssen mögen -
    Herrmann. Und ich möcht ihm Millionen schenken, wenn ich sie hätte. Ulrike,
wenn wir jemals glücklich zusammen werden, die Leute sollen bei uns wohnen,
sollen Freud und Leid mit uns teilen: sie sind meinem Herze mehr als Vater und
Mutter. - Aber, liebste Ulrike, also reistest du mit dem Offiziere?
    Ulrike. Warum fragst du denn so ängstlich? - Er war ja alt und hatte eine
Frau und drei Kinder! - Sei unbesorgt! Er hat unterwegs mehr mit dem Postknechte
als mit mir gesprochen, und wenn's ihm einfiel, mich zu unterhalten, so redete
er von Rebhühnern, wilden Schweinen, zahmen und wilden Enten oder erzählte mir
ein Jagdhistörchen, über das ich zum Unglück nicht lachen konnte. Sonst galt es
ihm gleich, ob mich hungerte, fror oder durstete, und etlichemal schalt er mich
recht derb aus, dass ich mich auf so eine Reise so leicht angezogen hätte, da ich
doch so eine elende, patschichte Kreatur wäre. Überhaupt fand er immer etwas zu
tadeln, und wo andre Leute bedauert hätten, da schalt er. Statt mir Wein oder
eine Höflichkeit anzubieten, fragte er mit mürrischem strafendem Tone: »Warum
trinken Sie denn nicht? warum nehmen Sie denn meinen Mantel nicht, wenn sie
friert?« - Da wir in Leipzig ausstiegen, dankte ich ihm sehr demütig für seine
Güte: allein er wollte meinen Dank nicht: ohne ihn anzuhören, sprach er: »Es ist
gerne geschehn« - und wandte sich zum Postknechte, um mit ihm über den Bau
seiner Chaise zu sprechen. Ich war nicht zwo Stunden im Gastofe, als sich eine
Putzmacherin, die ihre Stube neben mir hatte und eine fremde Herrschaft in mir
vermuten mochte, auf meinem Zimmer einstellte, um mir ihre Waren anzubieten. Ich
erschrak, als ich die Stimme hörte, und noch mehr, da ich das Gesicht erblickte:
es war die Putzmacherin aus Dresden, von welcher Tante Sapperment so vielfältig
gekauft, mit der ich so vielfältig geschäkert hatte. Ich dankte leise und wandte
mein Gesicht weg: aber unvorsichtigerweise trat ich so, dass sie es im Spiegel
sehen konnte.- »Ei, du allerhöchster Gott, sind Sie's denn wirklich?« rief sie
aus und fuhr auf mich zu. »Gott sei mir gnädig! wie ich erschrocken bin! Bin ich
besoffen oder nüchtern? - Ja, ja. Sie sind's ja mit Leib und Seele. Ei,
untertänige Magd, liebes Baronesschen! Behüte mich Gott! in des Henkers Namen, wo
kommen Sie denn her?« - Es half nun weiter keine Verstellung: ich musste mich
entdecken. Ich überredete ihr in der Geschwindigkeit, dass ich mich mit der
Oberstin veruneinigt hätte und heimlich fortgereist wäre, um mich zu einer
Anverwandtin in Berlin zu begeben. Ich bat sie, um alles in der Welt mich nicht
zu verraten, und bot ihr Geld, soviel ich nur entbehren konnte: aber sie schlug
alles aus und tat einen entsetzlichen Schwur, dass sie nichts über ihre Zunge
kommen lassen wollte, wenn ich mich ihr ganz anvertraute. Sie erbot sich, mich
in zwei Tagen mit nach Dessau zu nehmen, wohin sie mit Waren bestellt war; und
weil sie dort ihre Muhme, die Madam Hildebrand aus Berlin, zu sprechen hoffte,
so könnte ich alsdann mit dieser Frau vollends nach Berlin reisen. Alles sehr
erwünscht für mich! Wir fuhren mit einem Mietkutscher nach Dessau, wo die Frau
Hildebrand schon wartete; denn sie hatten einander dahin bestellt, um gewisse
Angelegenheiten abzutun, die ich nicht erfuhr. Die Geschäfte der beiden Weiber
nahmen zwei ganze Tage hin: alsdann wurde ich der Frau Hildebrand förmlich
übergeben, und wir gingen zusammen mit der Post ab. Nun war es hohe Zeit,
offenherzig zu beichten und um Rat zu fragen: meine achtzehn Dukaten hatten
abgenommen, und wenn auch durch grosse Sparsamkeit der Rest noch einen Monat in
Berlin widerhielt, was dann zu tun? - Ich tolles Mädchen hatte noch nie
hausgehalten und bildete mir ein, dass man mit achtzehn Dukaten durch die halbe
Welt reisen könnte: wie fand ich mich betrogen! Ich eröffnete der Frau
Hildebrand mein Anliegen und fragte, ob sie mir nicht zu einer Stelle als
Gouvernantin verhelfen könnte, da sie nach der Aussage ihrer Muhme in allen
grossen Häusern bekannt sein sollte. Sie versprach nichts als ihren guten Willen.
Sie bot mir so lange Wohnung bei sich an, bis sich etwas für mich fände, und
ermahnte mich beständig, nicht ekel in den Bedingungen zu sein: wenn ich das
nicht sein wollte, wäre nichts leichter für so ein hübsches Frauenzimmer wie
ich, als in Berlin unterzukommen. Ohngefähr eine Woche verging nach unserer
Ankunft, als sie mir einen Spaziergang unter die Linden vorschlug: aber lieber
Himmel! ich hatte keine Kleider. Frau Hildebrand schaffte Rat. Sie brachte mir
ein vollständiges, reinliches, seidnes Kleid, koeffierte mich mit eigner Hand
und wanderte mit mir fort. Niedergeschlagenheit des Herzens und die
Schwächlichkeit vom Fieber machten mich furchtsam: ich konnte kein Auge
aufheben, und wenn ich's wagte, kam mir's vor, als wenn jedermann nach mir sähe
und von mir spräche: gleichwohl bekümmerte sich niemand um mich, wie mich meine
Begleiterin versicherte, ausser einigen Mannspersonen, die mir starr in die Augen
sahen oder wohl gar stehenblieben und nach mir wiesen. Ich war so beklommen, dass
ich die Frau bat, mit mir umzukehren, weil mir das Anstarren fremder Personen
unerträglich wäre. »Das müssen Sie sich zur Ehre rechnen«, sprach sie, »wer wird
denn so blöde sein? Gucken Sie nur den Leuten recht dreist in die Augen, mein
Schäfchen! Sie werden bald Ihr Unterkommen finden, dafür ist mir nicht leid: ich
merke das schon. Nur hübsch dreist, mein Lämmchen!« - Auf dem Spaziergange waren
nichts als Mannspersonen, und auch in keiner grossen Anzahl; denn es war schon im
Herbste und nicht sonderlich angenehm: meine Begleiterin hatte viele Bekannte
unter ihnen, die sie von Zeit zu Zeit auf die Seite nahmen und sich von ihr
etwas ins Ohr zischeln liessen, indessen dass ich allein dort stund und mich von
den Vorübergehenden begaffen lassen musste; besonders einer, sehr mittelmässig
gekleidet, in einem grauen Überrocke, gestiefelt und gespornt, nahm mich in so
genauen Augenschein, als wenn er meine Person auf seine ganze Lebenszeit merken
wollte. Er sprach ein paar Worte leise mit der Hildebrand, und gleich darauf
riet sie mir, wieder nach Hause zu gehen: wir taten's, und unterwegs entdeckte
sie mir, dass dieser Herr, der mich so genau angesehn habe, Herr von Troppau
heisse, eine Gouvernantin für ein siebenjähriges Fräulein brauche und mich morgen
vormittag bei sich sehen wolle. Mir war die Einladung höchst ungelegen: aber was
konnte ich tun? - Ich musste mich dazu entschliessen und ging mit der Hildebrand
am folgenden Vormittag zu ihm hin. Er empfing mich mit ungemeiner Politesse und
führte mich sogar bei der Hand ins Zimmer, dass ich stutzte und nicht anders
glaubte, als dass er meinen Stand wüsste. Wir setzten uns, der Bediente brachte
Schokolade und ein paar Teller Näschereien; unser Gespräch wollte sich nicht
sonderlich erwärmen. Sein überaus ernstes Ansehn und Betragen, seine abgebrochne
Art zu reden, sein starrer, steifer Blick schreckten mich anfangs nicht wenig:
allein da ich glaubte, dass er mich nicht zu sich verlangt habe, um mich
anzusehn, fing ich allmählich an, ein wenig lebhafter zu plaudern. Er lächelte
zuweilen und fragte endlich ganz abgebrochen, ob die Hildebrand mit mir von
seiner Absicht auf mich gesprochen habe: ich bejahte es. - »Ich werde schon
weiter mit Ihnen darüber sprechen«, sagte er und schickte zu seiner Schwester,
der Frau von Dirzau, die mit ihm in einem Hause wohnt, um sich erkundigen zu
lassen, ob er mich ihr vorstellen dürfte: der Bediente kam mit einem Ja zurück,
und er führte mich zu ihr. - »Ich bin Witwer«, sagte er unterwegs, indem wir die
Treppe in den zweiten Stock hinaufstiegen, »und meine Schwester hat meine
Tochter bei sich, die Ihnen zur Erziehung bestimmt ist.« - Die Dame empfing
mich, wie ihr Bruder, sehr freundlich, blieb ebenso ernstaft und besah mich so
genau, dass keine Falte im Kleide, kein Härchen auf dem Kopfe von ihrem Blicke
verschont blieb; und wenn sie mich eine Zeitlang begafft hatte, dann wandte sie
sich zu ihrem Bruder und sagte ihm leise ihr Urteil, doch immer laut genug, dass
ich's hören konnte: es fiel meistens missbilligend aus, wie ich auch schon aus
dem verzognen Munde und der gerümpften Nase hätte schliessen können. Ihre Fragen
an mich betrafen mein Alter, meine Herkunft und andere Dinge dieser Art, die ich
grösstenteils mit Lügen aus dem Stegreife beantworten musste. Der Bruder war bei
allem, was sie über mich sprachen, entgegengesetzter Meinung: was die Schwester
tadelte, lobte er, und da sie beinahe alles tadelte, lobte er auch beinahe alles
an mir: zuweilen schien es sogar, als wenn er sich über sie aufhielt. Sie bat
mich zum Mittagsessen: der Herr von Troppau ging auf die verbindlichste Weise
mit mir die Treppe herunter und befahl einem Bedienten, mich zu Madam Vignali zu
bringen, drückte mir die Hand bei dem Abschiede und stieg wieder die Treppe
hinauf zu seiner Schwester. Madam Vignali nahm meinen Besuch, auf welchen sie
schon vorbereitet war, bei dem Putztische an, und in drei Minuten war ich schon
in die Frau verliebt. Sie empfing mich mit offnen Armen und zween der
freundschaftlichsten Küsse, wünschte sich sogleich nach den ersten Komplimenten
Glück, dass sie in so nahe Verbindung mit mir geraten sollte, bat um meine
Freundschaft als um die grösste Wohltat, die ihr widerfahren könnte, schilderte
mir den Herrn von Troppau als den freigebigsten, edeldenkendsten, angenehmsten
Mann: die Frau von Dirzau hingegen kam desto schlimmer weg. - »Sie hat ehemals
gelebt wie wir alle«, sagte sie von ihr, »sie hat geliebt und sich lieben
lassen: die Vergnügungen hat sie bis zur Tollheit geliebt und die Narrheit
begangen, einen grossen Teil ihres Vermögens dabei zuzusetzen. Um ihren Aufwand
unter einem ehrbaren Vorwande einzuschränken, warf sie sich vor zwei Jahren in
die Devotion und lebt und liebt seitdem im stillen: sie ist mannigmal von einer
so skandalösen Frömmigkeit, dass man nicht bei ihr aushalten kann. Sein Sie auf
Ihrer Hut! sie ist erstaunend höhnisch, spöttelt über alles mit der Miene eines
kanonisierten Heiligen: sie ist das Archiv aller Stadtneuigkeiten und besoldet
ein halbes Dutzend alter Huren, die herumschleichen und Nachrichten für sie
sammeln müssen. Wahrscheinlich werden Sie in diesem Bureau des affaires
scandaleuses auch einen Platz bekommen; und Sie tun klug, wenn Sie sich ihn
beizeiten selbst nehmen: das ist das einzige Mittel, ihr zu gefallen; und ich
rate Ihnen nicht, ihr zu missfallen: Sie wären verloren, da Sie bei ihr wohnen
und speisen werden, wenigstens für jetzt: ich werde den Herrn von Troppau schon
antreiben, dass er seine Tochter bald von ihr wegnimmt: die arme Kleine wird zum
Schafe bei der Frau.« - Das waren ohngefähr die Nachrichten, die sie mir nebst
einigen andern von gleichem Schlage erteilte. Beim Weggehn führte sie mich in
ein kleines Kabinett, zog eine Rolle Geld aus dem Schreibschranke und übergab
sie mir. - »Sie brauchen vermutlich Geld«, sprach sie, »um sich Kleider
anzuschaffen: nehmen Sie!« - Ich weigerte mich, erstaunt über eine solche
Gütigkeit. - »Ich leih es Ihnen«, fing sie an, als sie meine Verlegenheit
merkte. - »Aber ich werde Sie nicht wiederbezahlen können«, sprach ich. - »Das
wird sich schon geben: wenn es alle ist, wenden Sie sich an mich!« - Unter
Küssen, Umarmungen, Versicherungen der Freundschaft und Liebe trennten wir uns.
- Heinrich, sage! Kann man eine bessere, liebenswürdigere, edlere Frau finden?
    Herrmann. Bis hieher fürwahr nicht! Wenn nichts dahintersteckt?
    Ulrike. Über den Misstrauischen! Wer hat dich nur dazu gemacht? - Ach ja!
deine Erfahrung, sagtest du ja vorhin! - So ist diese vortreffliche Frau bis auf
die Stunde gegen mich geblieben, meine einzige vertrauteste Freundin, meine
Zuflucht bei allen Bedürfnissen: unsre Herzen sind einander offen, und unsre
Anliegen und Wünsche gehn aus einem in das andre über: sie erzählt mir ihre
kleinsten Begebenheiten, und wenn's auch nur eine verlorne Stecknadel wäre: wir
singen, tändeln, schwatzen miteinander - kurz, wir lieben uns, wie zwo
Freundinnen sich lieben müssen: keine kann ohne die andre einen Tag zubringen,
und wenn wir uns einen halben Tag nicht gesehn haben, leiden wir wie bei einer
ewigen Trennung; und sehn wir uns dann wieder, o da ist die Freude so voll! so
herzlich! mit Tränen fliessen wir bei der ersten Umarmung zusammen: unsre Hände
schliessen sich ineinander, erwärmen sich unter dem feurigsten Drucke und möchten
sich gern noch inniger vereinigen, wenn sie nur könnten. Oft sitz ich neben ihr
auf dem Sofa, rede lange kein Wort, kann auch nicht reden, so voll ist mir mein
Herz: es steigt mir vor süsser Wehmut bis in die Gurgel herauf: ein angenehmer
Schauer läuft mir durch den ganzen Rücken hinab: ich kann mich nicht halten, ich
werfe mich der vortrefflichen Frau an die Brust und schluchze und weine grosse
Tropfen und möchte mich gern in ihre Seele hieindrücken können. O Heinrich! nur
diese edle Freundin hat mir deine Trennung erträglich gemacht; ich liebte dich
in ihr. Wenn eine weibliche Freundschaft auf der Erde wahr und ohne Affektation
gewesen ist, so muss es die unsrige sein: ich zittre vor Vergnügen, wenn ich mir
sie nur denke.
    Herrmann. Aber bist du gewiss versichert, dass Vignali dich ebensosehr liebt
als du sie?
    Ulrike. Wie du nur so einfältig fragen kannst? - Einfältig, recht einfältig
ist das gefragt.
    Herrmann. Erzürne dich nicht, liebe Ulrike!
    Ulrike. Fast möcht ich! - Tue nicht noch eine so wunderliche Frage! oder du
bringst mich gewiss afu. - Ob sie mich liebt? Sehe, höre, fühl ich's denn nicht?
Sie erfüllt ja meine kleinsten Verlangen, kömmt meinen Wünschen zuvor, lauert
recht auf Gelegenheit, mir Gefälligkeiten zu erzeigen, gibt mir Geld, soviel ich
nur brauche, ohne zu bedenken, dass ich's ihr niemals wiedergeben kann, will auch
schlechterdings nichts wiederhaben: liebt man da nicht, wenn man alles das tut?
- Du solltest nur unsern Abschied sehn, wenn wir uns auf eine ganze Nacht
verlassen müssen - wie wir immer voneinander wollen und nicht können, immer
umarmen und küssen und gute Nacht sagen, und immer wieder stehnbleiben, noch
etwas zu sagen haben, dann wieder umarmen, wieder küssen, und so zehnmal,
zwanzigmal Abschied nehmen und zwanzigmal stehnbleiben, bis wir an der untersten
Haustür sind; und noch reissen wir uns mit Mühe los, um eine ganze Nacht
voneinander zu sein: liebt man da nicht, wenn man das tut? - Sage mir eine von
deinen hocherfahrnen Erfahrungen, die alles das zur Lüge macht! Möcht ich dich
doch tausendmal lieber dumm und einfältig als misstrauisch sehn. Der Himmel weiss
es, wie sehr ich dich liebe: aber so wahr ein Himmel ist! ich müsste aufhören,
dich zu lieben, wenn du so misstrauisch bliebst. -
    Sie war so lebhaft aufgebracht, dass sie einigemal die Stube hastig auf und
nieder ging: Herrmann suchte sie zu besänftigen, ging ihr nach, warf einen Arm
um sie und drückte sie zärtlich an sich.
    »Liebste Ulrike«, sprach er, »zürne nicht! Ich will allen meinen Verdacht,
alles mein Misstrauen unterdrücken, wenn es dich beleidigt! lieber unvorsichtig
mit dir ins Unglück rennen als dich durch Vorsichtigkeit kränken! - Komm! setze
dich! erzähle mir weiter! - Du nahmst von Vignali Abschied; und nach diesem
Morgenbesuche gingst du? Wohin, liebe Ulrike?«
    Ulrike. Zum Mittagsessen bei der Frau von Dirzau: es war gerade zwölfe, und
Vignali sagte mir: »Die Frau von Dirzau setzt eine Ehre darein, mit den
Tagelöhnern zu gleicher Zeit zu essen: gehn Sie also gleich hinüber!« - Wirklich
war es auch hohe Zeit; denn die Suppe stand schon auf dem Tische, als ich
anlangte. Die Frau von Dirzau sagte in eigner Person ein langes, langes
Tischgebet her, wozu die Fräulein auch einen kleinen Zuschuss tat, und
gegenwärtig geht das Beten nach der Reihe herum. Sie, mein Fräulein und ich, wir
machten, wie seitdem täglich, den ganzen Tisch aus und sassen lange sehr züchtig
und still da: die Frau von Dirzau legte vor. Als sie den ersten Löffel Suppe
essen wollte, fing sie mit einem höhnisch verzognen Munde an: »Sie haben der
Madam Vignali die Cour gemacht?« - »Ja: der Herr von Troppau hat mir befohlen,
sie zu besuchen.« - »Daran haben Sie wohlgetan: es ist eine sehr kluge Frau.« -
Nun stund unser Gespräch still. Da sie die Suppe aufgezehrt hatte, welches sie
äusserst bedächtig tat, hub sie wieder an: »Wie gefällt Ihnen die Vignali?« -
»Ausserordentlich wohl! Sie hat mich empfangen wie eine Schwester.« - »Das ist ja
sehr schön: es ist eine Frau voller Lebensart.« - Abermals eine Generalpause!
Das Rindfleisch erschien: sie machte ein Kreuz mit dem Messer und schnitt ein.
Als das Rindfleisch herumgegeben war, fragte sie: »Trauen Sie der Vignali?« -
»Ja, ich glaube, dass sie mein Vertrauen verdient.« - »Glauben Sie das? So habe
ich die Ehre, Ihnen zu sagen, mein liebes Kind, dass Sie falsch glauben. Es ist
eine abscheuliche Frau, ein wahrhaftig gottloses Weib, das weder Gott noch
Menschen scheut, um ihre Absichten durchzusetzen.« - »Das sollte ich doch kaum
denken«, unterbrach ich sie. - »Es ist möglich«, sagte sie äusserst spöttelnd,
»dass Sie die Kunst besitzen, die Leute in einer Stunde besser kennenzulernen als
ich in sechs Jahren: am Ende wollen wir sehn, wer sich geirrt hat, ich oder Sie.
Sie hat meinen Bruder in ihrer Gewalt und spielt mit ihm wie die Katze mit dem
Zwirnknaul: nehmen Sie sich in acht! Sie sind sehr jung, und ihr Äusserliches
lässt mich erwarten, dass Sie noch nicht verdorben sind: aber Vignali kann nicht
wohl unverdorbne Menschen um sich leiden: sie müssen ihr gleich werden oder
zugrunde gehn. Mein Bruder ist gewöhnlich das Werkzeug, solche schuldlose
Geschöpfe, die ein wenig Ehrbarkeit und Tugend mehr haben als dies schändliche
Weib, unglücklich zu machen: hüten Sie sich, dass Sie nicht das Opfer werden, das
mein Bruder diesem grausamen Götzen bringen muss. Wenn Sie klug sind, wissen Sie
nunmehr genug. Ich hoffe, dass Sie in Zukunft sich mehr an mich als meinen Bruder
und die Vignali halten werden: es ist zwar seine Tochter, die Ihnen anvertraut
werden soll, allein ich erziehe sie und will sie zu einem ehrbaren, frommen
Leben und nicht zu so einer wüsten Tollheit erzogen wissen. Fliehen Sie alle
diese lustigen Gesellschaften! Man wird Sie vermutlich dazuziehen wollen: aber
wie ich Ihnen sage, halten Sie sich einzig an mich und gehorchen Sie sonst
niemandem! Sie können leicht erachten, dass ich ein gutes Zutrauen zu Ihnen habe,
weil ich so offenherzig mit Ihnen spreche. Alle meine Domestiken verstehen
französisch, und doch scheue ich mich nicht, alles dies und jedes andre
Geheimnis in ihrer Gegenwart zu sagen: nicht ein Wort kömmt über ihre Zunge: so
eine Treue, Einigkeit und Liebe herrscht in meinem Hause!« - Sie sprach noch
lange in diesem Tone mit mir: wir stunden auf, und sie war noch immer bei der
Vignali. Nach Tische nahm sie mich in ihr Kabinett, liess ihren Bruder bitten, zu
ihr heraufzukommen und bei meiner Annehmung selbst zugegen zu sein: er kam auch
wirklich, aber sehr verwundert, was er dabei sollte. - »Soll denn der Mamsell
vielleicht eine Bestallung ausgefertigt werden?« fragte er spöttisch. »Ich habe
meine Meinung heute früh gesagt: das kann ihr wieder gesagt werden: man weist
ihr das Zimmer an; und so ist die ganze Historie fertig. Ich bekümmere mich um
solche Dinge nicht. Willst du vielleicht zum glücklichen Anfange ein paar
Vaterunser mit ihr beten, so ist dir's unverwehrt: ich kann aber nicht die Ehre
haben, dabei zu sein: ich muss zu Tische fahren. Adieu!« - Die Frau von Dirzau
wurde feuerrot vor Empfindlichkeit: sie verbiss den Ärger, sagte mir die
Bedingungen, die mir ihr Bruder machte, und befahl der Fräulein, mich auf ihr
Zimmer zu führen: ehe wir gingen, hielt sie eine förmliche Anrede an uns beide,
worinne sie uns zur Ausübung unsrer gegenseitigen Pflichten ermahnte, beschloss
wirklich mit einem Vaterunser und hiess uns in Gottes Namen gehen.
    Kaum war ich eine Viertelstunde auf meinem Zimmer, siehe, da kam Madam
Vignali. Sie wollte mein Fräulein umarmen, allein dem guten Kinde war ein
solcher Abscheu gegen die Frau von ihrer Tante eingeflösst worden, dass es alle
Liebkosungen von sich abwehrte und mit Zittern augenblicklich aus dem Zimmer zur
Frau von Dirzau flüchtete. Ich wollte sie zurückholen, allein Vignali hielt mich
ab. »Tant mieux! tant mieux!« schrie sie lachend. »Das Kind soll mich schon
einmal lieben, wenn wir sie in die Zucht bekommen. Eh bien? was hat Ihnen denn
die gottselige Dame gepredigt? Ich bin doch wohl der Text gewesen?« - Ich sagte
ihr das wenige Gute, was die Frau von Dirzau von ihr gesagt hatte, und
verschwieg alles übrige. - »Eine kluge Frau! eine Frau voller Lebensart!« sprach
sie und zählte dabei an den Fingern. »Sehn Sie! das sind erst zwei Finger; und
wenn man das Böse überrechnet, was ihre Dame in einer Stunde von einem Menschen
sagt, so zählt man jedesmal alle zehn Finger zehnmal herum: Sie stehen also noch
sehr stark im Reste: was sagte sie weiter?« - Ich antwortete: »Nichts!« -
»Liebes Kind!« sprach sie sehr ernstaft, »für eine Bekanntschaft von vier oder
fünf Stunden ist Ihre Heuchelei verzeihlich. Solchen Schnickschnack, wie die
Frau von Dirzau spricht, vergisst ein gescheiter Mensch sehr leicht: ich will Sie
wieder daran erinnern« - und nun erzählte sie mir Wort für Wort, alles, was wir
über Tische gesprochen hatten. Ich stutzte, gestund, dass alles die Wahrheit
wäre, und verwunderte mich, woher sie unser Gespräch so umständlich wüsste. -
»Woher?« fing sie mit trocknem Tone an. »Haben Sie nicht hinter dem Stuhl Ihrer
gnädigen Frau einen lange, krummen, hölzernen Lümmel bemerkt, der sich, solange
das Essen dauerte, nicht von der Stelle bewegte, sich jede Sache zweimal sagen
liess und doch zum drittenmal falsch verstand, der einen Löffel brachte, wenn man
Brot foderte, und ein Glas Wein, wenn man einen Löffel verlangte? Dieser taube
Pavian besucht mich jedesmal nach Tische durch die Hintertür und erstattet
Bericht vom Tischgespräche: er hört so fein wie eine Spitzmaus, wenn er mit mir
spricht, und bei seiner gnädigen Frau liegt ihm beständig ein starker, starker
Fluss vor den Ohren. Ich bezahle ihm monatlich einen Louisdor für seine Taubheit;
und für noch einen kauf ich dem Kerle alle übrige vier Sinne ab, wenn's nötig
ist. Stutzen Sie nicht darüber: ich vergelte nur Gleiches mit Gleichem. Die Frau
von Dirzau hat alle meine und ihres Bruders Leute im Solde: allein da sie wegen
ihres eingeschränkten Vermögens nur kleine Besoldungen machen kann, so überbiete
ich sie, und meine treuen Schurken entdecken ihr nichts, als was sie hören soll.
So viel Treue und Einigkeit herrscht in meinem Hause! sagte sie heute zu Ihnen.
Ah! la bonne bête! Die sämtliche Treue ihres Hauses will ich für einen Gulden in
jedem Falle mit Haut und Haar wegkriegen, und die Einigkeit ist für acht
Groschen feil. Alle ihre beiden Bediente sind ausgemachte Galgenvögel, und die
meinigen Galgenstricke: ich hätte sie zum Besten der Welt längst alle hängen
lassen, wenn ich dürfte. Aber auf das Hauptkapitel zu kommen! Riet Ihnen nicht
Ihre kluge Dame, dass Sie sich an sie halten sollten?« - Ich konnte es nicht
leugnen. - »Kind!« sagte sie mir mit Stärke und drohte mit dem Finger dazu, »wo
du dich unterstehst, dem Rate zu folgen, so sei versichert, dass deine
glücklichen Tage vorbei sind! Unser Haus wird dein Grab, dafür steh ich dir.« -
Ich erschrak bis zum Zittern über diese Drohung: aber sie richtete mich gleich
wieder auf, indem sie mit gemildertem, beinahe lustigem Tone sagte: »Närrchen,
was erschrickst du denn? Wer wird so kindisch sein? Geniesse deines Lebens,
solange du kannst! Wenn die Herrlichkeit aus ist, dann halte dich zur Frau von
Dirzau! Itzt tust du besser, du hältst dich zu mir: ich verstehe mich aufs Glück
des Lebens.« - Ohne mich zur Antwort kommen zu lassen, brach sie ab und sah zur
Tür hinaus. - »Ach! da sind ja meine Leutchen schon!« rief sie und bat mich um
Erlaubnis, ihren Schneider hereinkommen zu lassen. Er nahm mir das Mass: ihr
Mädchen brachte seidne Zeuge: wir lasen aus: sie lenkte meine Wahl und ordnete
meine Befehle an den Schneider. Frau Hildebrand erschien mit Kopfputze, ein
Bedienter mit andern Galanterien: genug, in einem Nachmittage wurde meine
Garderobe instand gesetzt. Vignali suchte unter allem das Teuerste aus: ich nahm
sie deswegen auf die Seite und stellte ihr vor, dass ich das nimmermehr bezahlen
könnte. - »Närrin!« sprach sie, »wer uns alle ernährt, wird auch diesen Plunder
bezahlen.« - Als der Einkauf vorbei war, sollte ich mit zu ihr gehn und eins von
ihren Kleidern versuchen, weil das meinige zur Abendgesellschaft zu schlecht
wäre. Ich weigerte mich und bat sie zu bedenken, dass mir die Frau von Dirzau
diese Gesellschaft schlechterdings untersagt hätte. - »Hat sie dir der Herr von
Troppau auch untersagt?« - »Nein«, antwortete ich, »aber auch nicht befohlen!«
-»So befehle ich, dass du keine von diesen Abendgesellschaften versäumen sollst.«
- Ich wusste nichts mehr vorzuwenden als meine Untergebne, von welcher ich mich
unmöglich so lange trennen könnte: denn ich hatte durchaus einen Widerwillen in
mir gegen diese Gesellschaften. - »Lass du nur«, sprach sie lachend, »das gute
Mädchen bei ihrer Tante recht dumm werden, damit wir desto mehr Ehre davon
haben, wenn wir sie klug machen. Allons!« - Mit diesem Allons fasste sie mich
unter den Arm und wanderte mit mir die Treppe hinunter. Ich musste mich von ihr
selbst anputzen lassen, sosehr ich mich auch sträubte: es deuchte mir, als wenn
ich mein Totenkleid anzöge, so eine Ängstlichkeit fühlte ich, dass ich in ein
Haus voll solcher Schikanen, Parteien und Kabalen geraten war.
    Herrmann. Und ich möchte, dass du nie einen Fuss hineingesetzt hättest. - Ach
Ulrike! wenn deine Tugend nicht Löwenstärke hat - aber ich habe ja versprochen,
nicht misstrauisch zu sein! Erzähle weiter!
    Ulrike. Bei mir war wahrhaftig damals das Misstrauen auch sehr stark. Mit der
übelsten Laune von der Welt sah ich die Gesellschaft allmählich ankommen.
Lairesse war die erste, die erschien. Solch eine tolle Lustigkeit, so eine
übernatürliche Unbesonnenheit und so viel Leichtsinn kannst du dir nicht
vorstellen: mich nennte man zu Hause unbesonnen: aber ich bin ein Cato dagegen.
Sie sagte mir so eine grosse Menge Sottisen beim ersten Anblicke ins Gesicht, so
viele Abgeschmackteiten, dass meine Backen gar nicht aufhören konnten zu
erröten. Ich hasste sie anfangs deswegen, aber in der Folge hat sie mich doch
sehr eingenommen. Man muss ihr ihre Lebhaftigkeit, die oft in Ungezogenheit
ausartet, zugute halten: sie ist sehr dienstfertig, wenn sie es in ihrem
unendlichen Leichtsinne nicht vergisst, und liebt mich wie eine Schwester. Ich
habe ihr zwar nie so gewogen werden können als der Vignali: sie scheint mir auch
ein wenig falsch zu sein: deswegen hat sich seit einem paar Wochen mein Zutrauen
gegen sie sehr gemindert: aber ich mag mich vielleicht irren. - Nach ihr stellte
sich der Herr von Troppau ein: er tat, als wenn er mich unvermutet hier fände,
fasste mich bei der Hand und rief voller Vergnügen: »Ach, da ist ja unsre kleine
Prinzessin! Das ist ein gescheiter Einfall, Vignali, dass Sie das gute Mädchen
mit zu unsrer Gesellschaft ziehn: bei meiner Schwester wird sie ohnehin
Langeweile genug haben. Ich beklage, dass ich vorderhand keine Veränderung
treffen kann.« - »Wir wollen schon eine Veränderung treffen«, fing Vignali an,
»auf Ostern nehm ich Ihre Tochter zu mir: das arme Kind wird lichtscheu werden
bei ihrer itzigen Erziehung.« - »Mir ist das sehr gelegen!« antwortete Herr von
Troppau. »Das überlass ich Ihnen, Vignali: sehn Sie, wie Sie das Mädchen von
meiner Schwester herauskriegen: ich mische mich nicht drein.« - Mit der
nämlichen Folgsamkeit willigte er in alles, was Vignali für gut fand. Endlich
langte auch Mamsell Rosier an, ein recht gutes, herzlichgutes Kind, zärtlich,
empfindsam, weich wie geschmolzne Butter, voll deutscher Treuherzigkeit und
verliebt! In jeden Menschen, der nur zwei Worte mit ihr spricht, verliebt sie
sich; und lässt sich dabei zum besten haben - o dass mir zuweilen die Seele für
sie weh tut. Sie ist der wahre Souffre-douleurs der Gesellschaft: wenn niemand
etwas zu reden weiss, zieht man über das arme Mädchen her; und dabei ist sie so
einfältig, dass sie sich noch obendrein etwas darauf zugute tut, wenn sie die
Gesellschaft auf ihre Kosten belustigt hat. Man kann ihr nicht Schuld geben, dass
sie dumm ist, aber wegen dieses Mangels an Empfindlichkeit ist sie mir
unleidlich: sie hat auch weder die einnehmende Lebhaftigkeit der Lairesse noch
Vignalis einnehmenden Ernst: so zutuend sie ist, so zieht sie doch nicht an: man
möchte sie von sich stossen, so lästig wird sie zuweilen. Sie liebt mich sosehr
als die andern alle: unendlich liebt sie mich, und es schmerzt mich, dass ich sie
nicht gleich stark lieben kann: aber es geht nicht, und wenn ich mir noch soviel
Gewalt antue.
    Herrmann. Also lieben sie dich alle wie Schwestern? unendlich? feurig?
zärtlich? - Wenn du dir nur nicht einbildest, dass dich die Mädchen unendlich
lieben, weil du sie so liebst! Nach dem Porträte zu urteilen, das du von ihnen
machst -
    Ulrike. Noch immer Misstrauen? - Heinrich, ich binde dir den Mund zu.
    Herrmann. Vergib mir, Ulrike! Mein Herz ist mir während deiner Erzählung so
schwer geworden, dass mir wider meinen Willen bisweilen eine trübe Anmerkung
entwischt. Fahre nur fort, ich will mich schon zurückhalten.
    Ulrike. Wenn du mich so oft unterbrichst, kömmt meine Erzählung heute nicht
zu Ende. Also stockstill, bis mein Märchen aus ist! - Wer kam denn zuletzt in
die Gesellschaft? - Ja, die rotbäckige Mamsell Rosier. Der Herr von Troppau
schlug mir auch einen französischen Namen vor: allein ich wehrte mich so stark
dawider, dass er sich begnügte, meinen deutschen Namen französisch auszusprechen:
ich wurde zur Mademoiselle Erman. Sie freuten sich alle ungemein auf eine
Kurzweil, die sie diesen Abend auszuführen gedachten. Weil ich gar nichts davon
wusste und also nicht mitlachen konnte, erzählte mir Vignali, dass gestern bei ihr
ein junger Franzose, aus Paris frisch angekommen, gespeist habe. »Der Mensch«,
sagte sie, »plauderte so unendlich, dass kein einziges unter uns ein Ja oder Nein
zwischen seine Tiraden einschieben konnte: von dem ersten très-humble serviteur
bis zum letzten hielt er eine aneinanderhängende Rede von skandalösen
Histörchen, Spötteleien, Unverschämteiten, Aufschneidereien und jämmerlichen
Kleinigkeiten, und wir armen Leute waren so überrascht, dass wir uns ärgerten und
ihm geduldig zuhörten: wir konnten uns nicht helfen: wenn jemand auch es wagte,
dazwischenzureden, so brachte jener Unverschämte die übrigen zum Lachen, und
sein Nebenbuhler hatte keine Zuhörer. Aber heute wollen wir uns rächen: er soll
darniedergeschwatzt werden und nicht einmal ein Bon soir zustande bringen. Er
ist darum eine halbe Stunde später gebeten, damit die Alliierten alle beisammen
sind, ehe er kömmt.« - Auch war die Gesellschaft, die ausser den genannten noch
aus einem paar artigen, vernünftigen Franzosen bestand, lange versammelt, ehe
der Held des Possenspiels erschien. Lairesse wälzte sich singend auf dem Sofa
vor übermässigem Vergnügen, und Rosier klatschte unaufhörlich hüpfend in die
Hände und lispelte: »Das wird hübsch sein! das wird hübsch sein!« - Endlich
erschallte vom Bedienten, der ihm aufpasste, ein erfreuliches »le voilà« durch
die Tür: sogleich marschierte Vignali gegen ihn los, der übrige Haufe drang
gleichfalls zu, und alle schwatzten so stürmisch auf den einzigen Menschen
hinein, dass der Plauderer verwundert und stumm mitten dastand, sich bald dahin,
bald dortin drehte, den Mund öffnete wie ein Fisch, der nach Luft schnappt,
reden wollte und nicht konnte. Man trieb die Rache so weit, dass ich wirklich den
ganzen Abend keinen verständlichen Laut von ihm gehört habe; und dabei machte
man ihm beständig die bittersten Vorwürfe, dass er nicht spräche, so wenig zur
Unterhaltung der Gesellschaft beitrüge, da er doch gestern so viel dazu getan
hätte: er öffnete den Mund, allein man fiel ihm sogleich ins Wort. Man sah es
dem armen Knaben recht an, wie ihm Herz und Lunge weh tat, wie ihn die Hemmung
seiner Zunge ängstigte: er drehte, sich bei Tisch auf seinem Stuhle, räusperte
sich, strich sich das Gesicht oder arbeitete an der Halsbinde: für mich war die
Lust unschätzbar. Den schlimmsten Streich spielte ihm noch Lairesse: weil er
nicht wenig ausser Fassung gesetzt war, nahm er unmittelbar nach dem Essen Hut
und Degen, um sich à la françoise wegzubegeben: allein das vorwitzige Mädchen
erwischte ihn an der Tür bei dem Arme, drehte ihn um, machte eine tiefe langsame
Verbeugung und sagte mit komischer Gravität: »Mein Herr, man hat Sie
persifliert.« - Der Franzose machte eine ebenso tiefe Verbeugung und sprach mit
dem nämlichen Tone: »Mademoiselle, ich hab es wohl bemerkt!« - weg war er!
    Du kannst dir leicht vorstellen, dass mir eine solche Unterhaltung ungleich
besser behagte als das stille, schleichende Gespräch der Frau von Dirzau, wo bei
jedem Gerichte eine Frage und eine Antwort zum Vorschein kam: da ich obendrein
in diesen Gesellschaften wohl manchen ausschweifend lustigen Auftritt, aber nie
eine eigentliche Unanständigkeit, noch viel weniger etwas Böses erblickte, so
versäumte ich keine, wenn man mich dazuzog. Vignali legte mir durch ihre
vielfachen Gütigkeiten immer neue Verbindlichkeiten auf und gewann durch die
Annehmlichkeiten ihrer Person und ihr freundschaftliches Betragen mein Herz so
ganz, dass ich ihr alles aufopferte. Das Vertrauen der Frau von Dirzau hatte ich
gleich den ersten Tag verloren, weil ich bei Vignali zum Abendessen gewesen war:
ihr Gespräch wurde deswegen noch zurückhaltender und kälter, dass es zuweilen die
ganze Mahlzeit über nur aus einer Frage und einer Antwort bestund: überfiel mich
zuweilen der Plaudergeist, so hörte sie nicht darauf, sondern unterbrach mich
gleich durch einen Befehl an den Bedienten oder fing wohl gar mitten in meinem
Reden ein Gespräch mit ihm an, dass mich die Mühe verdross, mich allein anzuhören:
seitdem bin ich völlig stumm bei Tische, wenn sie mich nicht fragt. Dafür fragt
sie mich aber auch kein Wort anders als äusserst höhnisch: anfangs ertrug ich's
und ärgerte mich bloss in mir selbst, aber Vignali und selbst der Herr von
Troppau, wenn ich mich beklagte, ermunterten mich, Gleiches mit Gleichem zu
vergelten. Der Ton wollte mir lange nicht gelingen, aber nunmehr hab ich ihn so
sehr in meiner Gewalt, dass ich der Frau von Dirzau gewiss nichts nachgebe.
Seitdem sie merkt, dass ich ihr ihre Kunst so sehr abgelernt habe, spricht sie
mannigmal in drei, vier Tagen keine Silbe mit mir. Auch gut, denk ich: so muss
ich mich nicht wider meine Natur zwingen, höhnisch zu sein. Für die Langeweile
des Mittags halte ich mich des Abends wieder schadlos.
    Herrmann. Aber der Herr von Troppau? wie verhielt er sich gegen dich? denn
nunmehr kann doch ein Kind raten, warum deine ehrliche Frau Hildebrand mit dir
unter die Linden spazieren ging, woher sie sogleich ein Kleid für dich schaffte,
warum dir Vignali so freundschaftlich mit Gelde beistund: alles floss aus einer
Quelle; und so grosse und ausgezeichnete Gütigkeiten tut kein Herr von Troppau
umsonst: es lauscht gewiss ein Betrug dahinter.
    Ulrike. Ein Betrug? - Heinrich! wachst du? - Wenn du nicht im Schlafe
sprichst, hat dich gewiss der schwarzperückichte Magister angesteckt, von dem du
mir einmal in Dresden schriebst. Was gilt's? das Wetterhagelsvieh - wie meine
Tante Sapperment sich zierlich ausdrückte - hat dich mit seiner frommen
Misantropie angesteckt.
    Herrmann. Leider! nicht bloss angesteckt! getan hat er mir, was ich jetzt bei
jedermann fürchte! du sollst es hören und urteilen, ob mir nur der Wind mein
Misstrauen angewehet hat. - Itzt beruhige mich über meine Frage!
    Ulrike. Das kann ich leicht. - Höre drauf, du Misantrop! der Herr von
Troppau hat sich gegen mich wie der edelste, vortrefflichste, freundlichste,
liebreichste, freigebigste, gütigste Mann betragen: ich verehre und liebe ihn:
ich habe in meinem Leben keinen bessern Mann gesehn.
    Herrmann. Und weiter war er nichts gegen dich?
    Ulrike. Ist denn das nicht genug und alles Dankes wert?
    Herrmann. Ulrike! Ulrike! du heuchelst. Wenn ich taube Bediente hätte
sprechen lassen wie Vignali, ich wette, ich wollte dir mehr sagen. - Auf dein
Gewissen, Ulrike! heuchelst du nicht?
    Ulrike. Neugieriger, vorwitziger Mensch! Warum zwingst du mich nun durch
deine Zudringlichkeit, dir einen Dorn mehr ins Herz zu stecken? Du wirst ja
ohnehin genug vom Misstrauen gestochen. Wenn ich auf mein Gewissen antworten
soll, muss ich dir frei bekennen, was ich dir, du blinder Mensch, zu deinem
Vorteile verhehlen wollte - dass der Herr von Troppau einmal mehr sein wollte,
als ich dir vorhin von ihm sagte: aber ich schwöre dir bei unsrer Liebe und
meiner ewigen Wohlfahrt! kein Umstand soll dir verschwiegen werden, was in
diesem einzigen, verdächtigen Falle vorging. Ich war einmal des Nachmittags bei
Vignali, und weil wir keine Komplimente miteinander machen, fuhr sie zum Besuch
und liess mich allein und versprach in einer halben Stunde wiederzukommen: ich
nehme ein Buch - es waren des Abt Bernis Werke -, beim ersten Aufschlagen fallen
mir seine Betrachtungen über die Leidenschaften in die Augen. Ich setze mich auf
den Sofa, und kaum schlage ich zum erstenmal um, so ist schon die Liebe da: wer
wird nicht gern etwas von der Liebe lesen? - Ich lese den ganzen Brief6 an die
Gräfin C** durch. Als ich bei den letzten vier Zeilen bin, siehe, da kömmt mein
Herr von Troppau. Er sieht sich nach Madam Vignali um, hört von mir, dass sie zum
Besuch ist, fragt, wo - ich sage es -, er setzt sich, nimmt das aufgeschlagne
Buch vom Sofa, liest. - »Ah!« fängt er lächelnd an, »qu' est ce qu' amour? - was
ist die Liebe? Können Sie darauf antworten?« - »Warum nicht?« sagte ich, »wenn
Sie mir das Buch erlauben wollen!« - »Oh, aus dem Buche ist's keine Kunst: Sie
sollen aus dem Herze antworten.« - »Mein Herz kann keine Verse machen.« - »Eh
bien! Ich will Ihnen meine Verse vorlesen: Ihr Herz mag in Prosa darauf
antworten.« - Er las die Verse her:
Was ist die Liebe?
Es ist ein Kind, beherrschet mich,
Beherrscht den König und den Diener,
Schön, Iris, schön wie du, es denkt wie ich,
Nur ist's vielleicht ein wenig kühner.
»Ist Ihr Herz auch der Meinung?« fing er an und umfasste mich. Ich sagte in aller
Unschuld: »Ja.« - »Also finden Sie doch den nämlichen Fehler an mir, den alle
Damen an mir tadeln, dass ich zu bescheiden, nicht kühn genug bin?« fragte er. Es
verdross mich, dass er meinem unschuldigen Ja eine so geflissentlich falsche
Auslegung gab: ich antwortete ihm also, halb wider Willen, in dem Tone der Frau
von Dirzau: »Keineswegs!« - »Das Keineswegs haben Sie wohl von meiner Schwester
gelernt? Es war ihr leibhafter Ton: aber es ist auch so falsch, wie alles, was
meine Schwester sagt. Ihr Herz möchte wohl, dass ich ein weniger dreister wäre?«
- »Mein Herz schweigt ganz still dabei«, sagte ich. - »Ich will es einmal
fragen«, sprach er lachend und machte eine Bewegung, die mich zum Aufstehen
nötigte. Er holte mich zurück und fing ein zweideutiges Gewäsch über die Liebe
und die Herzen der Damen an, das ich mich so sehr zu wiederholen schäme, als ich
mich damals schämte, es zu hören. Seine Hände nahmen dabei wieder so vielen Teil
am Gespräche, dass ich mit grosser Empfindlichkeit aufstund und ihm nachdrücklich
sagte: »Gnädiger Herr, ich bin wohl verliebt, aber nicht verhurt!« - dabei
machte ich eine Verbeugung und ging. Auf der Treppe begegnete mir Vignali und
nötigte mich, wieder mit ihr zurückzugehn. Der Herr von Troppau sprach
italienisch mit ihr, und beide lachten herzlich - vermutlich über mich, weil sie
in einer Sprache redeten, die ich nicht verstehe, und auch ein paarmal einen
Blick nach dem Sofa wurfen: das setzte mich in so üble Laune, dass ich vor
Ärgerlichkeit kein Wort mehr sprach. Da er uns verlassen hatte, fing Vignali an:
»Der Herr von Troppau hat mit Ihnen geschäkert?« - »Ja«, antwortete ich, »aber
nicht, wie ich's liebe!« - »Sie sind wohl gar empfindlich darüber? Sie sind ja
sonst nicht so eigensinnig, so erzürnbar und auch keine Feindin von der Liebe.«
- »Das nicht!« unterbrach ich sie, »ich habe auch dem Herrn von Troppau sehr
deutlich gesagt, was ich von der Liebe unterscheide.« - »Närrin!« rief sie und
schlug mich auf die Schulter, »wer wird denn so einen einfältigen Unterschied
machen? Lieben wir nicht alle? Wollen Sie allein sich mit dem Zusehen begnügen?
Können Sie andre Leute essen sehn, ohne dass Sie hungert?« - »Wenn ich nichts zu
essen habe!« sprach ich. »O sehr gut!« - Mit dieser Antwort hatte ich mich
selbst gefangen: sie schikanierte mich ganz entsetzlich darüber und fragte
endlich, ob mir der Herr von Troppau zu schlecht wäre. Ich war so verdriesslich
über das Gespräch, dass ich ihr etwas zu übereilt antwortete: »Er ist mir zu
allem nicht zu schlecht, was er bisher für mich gewesen ist: aber ich dünke mich
zu gut, um seine Hure zu sein.« - Darüber wurde Vignali feuerrot. - »Untertänige
Dienerin!« sprach sie etwas spöttisch, »also bin ich auch seine Hure? denn das
sag ich Ihnen frei, ich liebe den Mann: ich habe unsre Liebe niemals verhehlt,
weil ich keine Heuchlerin bin. Für eine Gouvernante sind Sie noch sehr kindisch.
Ich will dem Herrn von Troppau sagen, dass er Sie in Ruhe lässt, bis Sie bei
reiferem Verstande sind. Sie sind noch zu neu, um sich dabei zu benehmen, wie es
sich gehört.« - Ich konnte mich nicht entalten, über die Lektion ein wenig zu
schmollen: allein der Vignali merkte man's nicht eine Minute an, dass sie auf
mich zürnte: sie brach ab und war wieder so freundlich wie vorher. Seitdem hat
mich der Herr von Troppau nicht mit einer Hand wieder berührt, meiner und
Vignalis Freundschaft hat es auch nicht geschadet, und ich bin so ruhig, so
munter und vergnügt zeiter in dem Hause -
    Herrmann. Das du mit dieser Minute verlassen solltest, wenn du Gewissen
hast! Du bist in einem schrecklichen Hause, in dem Wohnplatze der Verführung,
unter Betrügern und Kupplerinnen, unter gleissenden Betrügern -
    Ulrike. Heinrich, ich sage dir's noch einmal, du machst mich böse.
    Herrmann. Ich wollte, dass du's würdest: so zankten wir uns, trennten uns,
hassten uns, und es kostete uns doch keine Mühe, keinen Schmerz; denn mit unsrer
Liebe ist es doch aus, rein aus. - O Ulrike! ich habe, seitdem ich in dieser
Stadt bin, Dinge gehört, wovon weder mein noch dein Verstand träumte -
schreckliche Dinge, bei welchem sich meine ganze Seele empört: dein Glück ist
es, wenn du sie nicht weisst: aber du wirst sie erfahren! Du wirst sie erfahren!
    Ulrike. Du setzest mich in Todesangst: sage mir nur, was du hast, was du
fürchtest!
    Herrmann. Nunmehr weiss ich unsre Geschichte, unsre traurige Geschichte. Die
Unschuld liebte mich, ich liebte sie: die Unschuld kam an den Ort der
Verführung, ward verführt und ich - zur Leiche; denn das sagen mir alle meine
Gedanken und mein ganzes Gefühl, wenn du liebtest wie sie alle, die du deine
Freundinnen nennst - du wärst mir verhasst: ich müsste laufen, so weit mich See
und Land trügen, um deinem Andenken zu entgehn. Unsre Liebe, das sagt mir mein
Herz laut, ist ein andres Ding als die Liebe der Vignalis, der Lairessen, und
wie sie weiter heissen. Wenn du ihnen gleich würdest?
    Ulrike. So gross ist dein Zutrauen zu mir, meiner Tugend, meinem Gewissen,
meiner Ehre? Tat ich nicht einen Schwur?
    Herrmann. Liebe Ulrike, was sind tausend Schwüre in der Anfechtung? wenn man
gedrängt, getrieben, gestossen wird? Ich hielt meinen Verstand für einen
Götterverstand; und doch schwatzte mir ihn ein Bösewicht danieder: glaubst du,
dass deine Tugend stärker ist als mein Verstand! Und wenn sie es wäre, hat sie
nicht auch mit grösserer Stärke zu kämpfen als ich? Kein Geld wird dich
überwinden: aber eine glattzüngige, beredte, einschmeichelnde Vignali! ein
wollüstiger, überraschender, schlauer Herr von Troppau! Traust du dir, solchen
Gegnern immer, immer zu widerstehen?
    Ulrike. Ich bitte dich, Heinrich, schweig! Du scheuchst eine Schlange auf-
    Herrmann. Aber ist es nicht besser, sie jetzt aufzuscheuchen, damit sie dich
nicht beisst, wenn du unachtsam auf sie trittst oder sorglos daliegst und
schlummerst? - Ulrike, das schwör ich dir, eine Untreue, eine einzige Untreue
reisst unsre Herzen auf ewig auseinander.
    Ulrike. So verdunkle doch unser Vergnügen nicht mit so schwarzen
Vorstellungen! Freilich lauerte auf meines Onkels Schloss keine Verführung auf
mich: auch ohne Beschützer war ich sicher: aber warum sollt ich's hier nicht
ebenfalls sein? was könnt ich von diesen friedlichen, freundlichen Leuten
fürchten! - Durch einen unglücklichen Vorfall, den du mir noch nicht deutlich
gesagt hast, bist du misstrauisch geworden: du machst dir trübe Einbildungen und
malst dir fürchterliche Gespenster vor die Augen. Vignali wird dir die
Gespenster schon verjagen.
    Herrmann. Mein Unglück wär's, wenn sie mir sie verscheuchte. - Ulrike, hast
du das Herz, aus Liebe für mich dies Haus zu verlassen?
    Ulrike. Verlassen? Dies Haus? Warum?
    Herrmann. Aus Liebe für mich, sag ich!
    Ulrike. Um wessentwillen verliess ich Dresden? - Weisst du nun, wieviel ich
aus Liebe für dich tun kann? - Ja, aus einem Palaste kann ich aus Liebe für dich
gehen, wenn es sein muss: aber wohin?
    Herrmann. In die Welt: je weiter von hier, je lieber.
    Ulrike. Menschenfeind! was hat dir denn die unschuldige Stadt getan?
    Herrmann. Nichts! aber sie wird! Ich habe mit der Verführung meines
Kameraden, der zwei Jahre jünger ist als ich, mit seinem Hohne, seinen
Schmähungen, seinen verachtendsten Spöttereien - ich habe mit den Lockungen
einer Dirne, die oft den Diener unter mancherlei Vorwand auf seiner Stube
besuchte, mit den Höhnereien beider gekämpft: aber ich trug sie, weil mir Zürnen
nichts half. Die Verführung war plump, zurückscheuchend, empörend für alles mein
Denken und Empfinden: es kostete mir nicht einen Atemzug Standhaftigkeit, um ihr
zu widerstehn: es war eine Reizung, die mir widerstund: aber, Ulrike, wenn wir
ihrer gewohnt würden und sie uns endlich in einem anständigern Gewande weniger
widerstünde, was dann? - Ulrike, wir wollen fliehn, weil es Zeit ist.
    Ulrike. Wollen wir uns vom Winde nähren?
    Herrmann. Hier sind vier Hände! Was die Hände nicht können, wird vielleicht
der Kopf tun.
    Ulrike. Ich bitte dich, Heinrich, übereile dich nicht! - Glaube mir! das
sind alles finstre Grillen, die du dir machst. Warum sollten denn in dieser
Stadt nicht so gut tugendhafte, ehrliche Leute sein als anderswo? Muss man denn
notwendig verführt werden? Ich wohne ja schon drei Monate hier und bin's noch
nicht: wir sind zwar jung, aber doch keine Kinder, die man mit Mandelkernen
lockt und überredet. Das hast du dir noch von Schwingern angewöhnt, der auch
jede Sache zu ernstaft betrachtet und über alles moralisiert. Vignali wird dich
schon heiter und aufgeräumter machen. Hab ich dir nicht schon genug aufgeopfert?
meinen Stand, meinen Ruf, die Gunst meiner ganzen Familie! Soll ich nun gar
wegen einer übeln Laune und einiger finstern Grillen, die dir eben aufsteigen,
allem Wohlsein, aller Ruhe, allem Vergnügen entsagen und mit dir ins Elend
auswandern? Bedenke doch nur, welche Laufbahn sich für dich eröffnet! du findest
durch unser Haus Gönner, Freunde, Beförderer, bekömmst einen Platz und mit dem
Unterhalt vielleicht auch Ehre; und Heinrich! - soll ich dich noch erinnern, was
alsdann für eine Glückseligkeit auf uns beide wartet? Unser Wunsch ist ja dann
erreicht: wollen wir uns von dem Glücke, das uns bei der Hand dahin führt,
mutwillig losreissen? - Du Grillenkopf! was stehst du denn da und murrst? So wirf
doch deine ernstafte, finstre Laune in die Spree! in den tiefsten Grund hinein!
    Herrmann. Gute Nacht, Ulrike. Ich gehe morgen zu Vignali. - Er ging. Der
hastige, abgebrochne Abschied setzte Ulriken in Erstaunen: sie eilte ihm nach,
aber er war schon die Treppe hinunter.
 
                                Viertes Kapitel
Den grössten Teil des folgenden Morgens brachte Herrmann mit seiner Adonisierung
zu, und um eilf Uhr war er schon völlig mit seinem neuen Staate angetan, als der
Sohn der Frau Hildebrand, ein Knabe von zwölf Jahren, ihm einen Brief von
Ulriken überbrachte.
                                                                    den 28. Jan.
Heinrich!
    Du hast mir abermals eine recht schlaflose Nacht gemacht. Deine Besorgnis
muss mich angesteckt haben: die ganze Nacht wand und drehte ich mich um die
Vorstellung herum, dass ich verführt werden könnte: es kam mir nunmehr selbst
vor, als wenn es sehr leicht anginge. Die Grösse der Gefahr und meine Furcht
wuchsen mit jedem Pulsschlage: ich hätte in der Angst tausend Meilen mit Dir
laufen mögen, um nur aus dem verführerischen Hause zu kommen. Da fiel mir
endlich ein Gedanke ein - Heinrich! ein recht gottloser Gedanke! Aber, dacht
ich, du hast deinem Heinrich so viel aufgeopfert: wenn du ihm nun durch die
Aufopferung deiner Tugend auf immer glücklich und gross machen könntest? Du
würdest dein Leben für ihn hingeben, warum nicht auch deine Tugend? - Kaum war
mir der abscheuliche Gedanke durch den Kopf gefahren, so erschrak ich, als ob
mich der Schlag träfe: ich glühte und schwitzte vor Entsetzen und wurde so
grimmig auf mich selbst, dass ich mir eine recht derbe Ohrfeige gab. Es kam mir
wohl hundertmal wieder in den Kopf: ich habe mich mit dem abscheulichen Gedanken
gequält und abgeängstigt wie mit einem Gespenste: ich schloss die Augen fest zu
und wollte einschlafen, um nur nicht mehr zu denken; aber es ging nicht. Ich
schlummerte endlich ein wenig ein: gleich kam mir vor, dass der Herr von Troppau
vor meinem Bette stünde, so schön und reizend, als ich noch keine Mannsperson
gesehn habe: er hielt mit sanftem Lächeln seine Arme offen, mir entgegen: mein
Herz pochte, ich wollte hinaus in seine Arme, ich arbeitete, um mich
herauszuwinden: da warfst Du Dich mir plötzlich um den Hals und zogst mich so
gewaltig zurück, dass ich fast erstickte: ich hustete und wachte drüber auf, aber
so froh, so entzückt, als wenn mich jemand aus den Klauen eines Löwen gerissen
hätte. Der Stutz auf meinem Schreibeschranke schlug gerade drei: ich stund auf,
nahm meine Pelzsaloppe um, zündete mein Licht bei der Nachtlampe an und schrieb
Dir dies Briefchen. Aber ich muss hier schliessen: meine Finger können vor Kälte
kaum die Feder regieren, ich zittre, trotz der dicken Pelzsaloppe, wie im Fieber
vor Frost. Wohl Dir, wenn Du ruhiger schläfst als ich!
Ich muss Dir geschwind noch einen sonderbaren Besuch erzählen, den ich heute in
aller Frühe gehabt habe. Meine Unruhe liess mich nicht im Bette: gegen sechs Uhr
stund ich auf und machte mir selbst Feuer im Windofen und setzte mich im Pelze
nicht weit davon nieder. Ich schlummre ein, sinke mit dem Kopf auf einen
danebenstehenden Stuhl und schlafe so halb sitzend, halb liegend, bis es Tag
wird. Da ich aufwache, sitzt eine Mannsperson am Tische: ich erschrecke und
erkenne den Lord Leadwort. Hab ich Dir schon etwas von diesem Originale gesagt?
Es ist ein Engländer, der diesen ganzen Winter hier zugebracht hat und einigemal
in der Abendgesellschaft bei Vignali gewesen ist, wo ich seine Bekanntschaft
gemacht habe. Er sass in einem braunen Reitrocke, Pantoffeln, einer baumwollnen
Stutzperücke, einem runden Hute, einen knotichten, mit Eisen beschlagnen Stock
in der Hand, tiefsinnig und steif nach der Tür hinsehend, da, ohne sich zu
rühren. Ich stand lange und wusste nicht, ob ich ihn für einen Rasenden oder
Betrunknen halten sollte. Er redete nicht. - »Mein Gott!« fing ich endlich an,
»Mylord, wo kommen Sie so früh her?«
    Er. Ich bin schon lange da.
    Ich. Ich muss bekennen, dass ich ein wenig erstaunt bin, Sie so früh bei mir
zu sehn.
    Er. Ich will den Tee bei Ihnen trinken.
    Ich. Aber in diesem Anzuge, Mylord! Ich muss Ihnen frei heraus sagen, dass
mich die Freiheit ein wenig verdriesst, die Sie sich genommen haben. Wenn Sie
jemand so bei mir antrifft - was man alsdann argwohnen wird, können Sie leicht
selbst erraten.
    Er. Man wird glauben, ich habe bei Ihnen geschlafen.
    Ich. Mylord! Ich hätte einen andern Mann in Ihnen vermutet.
    Er. Ist es denn nicht die Wahrheit? Ich bin schon seit ein Uhr hier: ich
habe aber nicht sonderlich geschlafen. -
    Ich war so erbittert, dass ich ihm voller Zorn ins Gesicht sagte: »Mylord,
das ist eine Unwahrheit. Wollen Sie vielleicht meinen guten Ruf zugrunde richten
und eine so schändliche Erdichtung von mir ausstreuen? - Was hab ich Ihnen
getan?« »Nichts!« unterbrach er mich kaltblütig. »Es ist die lautere Wahrheit.
Ich habe seit ein Uhr hier geschlafen: Sie sind um drei Uhr aufgestanden und
haben geschrieben: dann legten Sie sich wieder nieder, stunden gegen sechs Uhr
auf, machten Feuer, schliefen auf dem Stuhle ein und wachten itzo auf. Wie kann
ich das alles wissen, wenn ich nicht hier geschlafen habe?«
    Ich. Aber ich habe Sie nicht gesehn.
    Er. Ich habe mich beständig stillgehalten, um Sie nicht zu erschrecken.
    Ich. Sie werden mir verzeihen, Mylord, ich finde, dass Sie eine grosse
Unbedachtsamkeit begangen haben. Sie könnten mich unschuldigerweise in einen
schlimmen Ruf bringen. Aber sagen Sie mir in aller Welt, wie sind Sie auf den
Einfall gekommen?
    Er. Ich hab Ihnen etwas zu sagen. Um es nicht zu verschlafen, sondern gleich
bei der Hand zu sein, wenn Sie aufstünden, hab ich bei Ihnen geschlafen.
    Ich. Aber wie sind Sie hereingekommen?
    Er. Durch die Tür. - Weil mir das, was ich Ihnen sagen will, beständig zu
sehr in Gedanken lag, konnte ich nicht einschlafen: ich trat ans Fenster: der
Mondschein gefiel mir: ich warf meinen Reitrock über, ging hieher, fand die Tür
offen, ging in Ihr Zimmer, legte mich auf den Sofa und schlief. Was ist denn
Übels dabei?
    Ich. Sehr viel! wenn's die Frau von Dirzau erfährt?
    Er. So will ich ihr selbst sagen, dass ich bei Ihnen geschlafen habe.
    Ich. Tausendmal lieber wär mir's, wenn Sie am hellen Tage und wachend zu mir
gekommen wären.
    Er. Das bin ich! Ich bin wachend zu Ihnen gekommen, ganz wachend! -
    Ich war zu ärgerlich, um über seine tollen Antworten zu lachen: ich wollte
den Tee bestellen und bat um die Erlaubnis, ihn verlassen zu dürfen. - »Der Tee
ist bestellt: ich hab es selbst getan«, sprach er. Wirklich langte er auch ein
paar Augenblicke darauf an.
    Wir tranken: es erschienen verschiedene Arten von Backwerk, das er
gleichfalls vor meinem Erwachen bestellt hatte: niemand sprach. Endlich fing er
ganz trocken an: »Mademoiselle, ich will Ihnen in zwei Worten sagen, was ich bei
Ihnen will: ich liebe Sie.«
    Ich. Sehr viel Ehre für mich, Mylord!
    »Das ist eine Lüge!« fuhr er hitzig auf. »Mir macht es Ehre, aber nicht
Ihnen.« - Sogleich fiel er wieder in seinen kalten Ton zurück. »Ich habe eine
Abneigung gegen die Ehe«, fuhr er fort, »wenn Sie meine Freundin werden wollen,
so versprech ich Ihnen« (hier zog er ein Blatt Papier aus der Tasche und las)
»jährlich vierhundert Pfund für Ihre kleinen Ausgaben, freie Equipage,
Bedienung, Wohnung und Tafel, alles, wie Sie es nach Ihrem Gefallen einrichten
wollen, auf meine Rechnung. Trennt uns der Tod oder nötigt mich eine
unvermeidliche Ursache, nach England zurückzukehren, so bestimme ich Ihnen auf
Ihre ganze Lebenszeit tausend Pfund Interessen, wovon Ihnen das Kapital nach
meinem Tode sogleich ausgezahlt werden soll. Die Verschreibung desselben soll
gerichtlich bestätigt und bei den hiesigen Gerichten niedergelegt werden. - Was
sagen Sie dazu?«
    Ich. Mylord, ich sage, dass Ihr Anerbieten sehr grossmütig ist, und beklage um
soviel mehr, dass ich keinen Gebrauch davon machen kann.
    Er. Das tut mir leid. - Aber warum nicht?
    Ich. Weil ich in keine Verbindung von dieser Art jemals willigen werde.
    Er. Wollen Sie lieber geheiratet sein?
    Ich. Auch das nicht!
    Er. Wozu sind Sie denn also auf der Welt? - Haben Sie schon eine andre
Liebe? -
    Die Frage kam mir so hurtig auf den Hals, dass ich erschrak und in der
Verlegenheit mit einem gestammelten »Vielleicht!« antwortete.
    Er. Das ist ein ander Ding. Wenn Sie schon in einer andern Verbindung sind,
darf ich keinen Anspruch mehr auf Sie machen: hätten Sie mir das gleich gesagt!
    »Nein, Mylord!« rief ich etwas entrüstet. »Sie irren sich sehr: ich bin in
keiner Verbindung, wie Sie meinen, und werde auch nie in eine treten.«
    Er. Warum nicht?
    Ich. Weil ich sie meiner nicht würdig achte.
    Er. Gut! so wollen wir achtundert Pfund zu kleinen Ausgaben setzen, wenn
Ihnen vierhundert nicht genug sind.
    Ich. Und wenn Sie zweitausend setzten, bewegten Sie mich nicht dazu. Geben
Sie sich keine Mühe!
    Er. Ich bedaure. - Aber warum nicht?
    Ich. Wie ich Ihnen schon gesagt habe - weil ich mich zu gut dünke, um die
Mätresse eines reichen Lords zu werden.
    Er. Ein reicher ist ja doch besser als ein armer. - Warum denn nicht bei
einem reichen?
    Ich. Bei gar keinem! sag ich Ihnen.
    Er. Sonderbar! - Aber warum nicht?
    »Weil ich nicht will!« antwortete ich, höchst unwillig über sein ewiges
Fragen.
    Er. Warum wollen Sie denn nicht? -
    Ich schwieg: er wiederholte unermüdlich sein Warum. -»Ich weiss nicht«,
sprach ich endlich mit der äussersten Verdriesslichkeit. Wir sassen beide
stillschweigend da: es öffnete plötzlich jemand die Tür: der Herr von Troppau,
gestiefelt und gespornt, trat herein. - »Was, Teufel, machen Sie hier, Mylord?«
rief er lachend. - »Ich habe bei der Mamsell geschlafen«, antwortete der
eiskalte Lord. - »Bravo!« schrie der Herr von Troppau und wollte sich
ausschütten vor Lachen. »Bravo, mein Puppchen! Fangen Sie nun an, zu werden?« -
    Ich hätte dem hölzernen Lord in die Augen springen mögen: ich musste einige
Zeit den übeln Spass des Herrn von Troppau ausstehen, aber endlich riss mir die
Geduld. »Mylord«, sprach ich hastig, »so erzählen Sie doch die ganze
Begebenheit, wie sie ist, damit Sie mich nicht in einen unangenehmen Verdacht
bringen!« - - »Sehr gern!« sagte der Lord und wandte sich zum Herrn von Troppau.
»Ich habe in aller Ehrbarkeit bei der Mamsell geschlafen« - und nun erzählte er
ihm den ganzen Vorfall mit allen Umständen der Reihe nach. Als er sein getanes
Anerbieten wieder von seinem Blatte abgelesen hatte, fuhr der Herr von Troppau
auf mich hinein: »Und Sie nehmen das nicht an?« fragte er verwundert. »Sind Sie
toll? Glauben Sie, dass solche Anträge alle Tage kommen? Mylord, lassen Sie Ihr
Blatt hier, damit sie's besser überlegen kann.« - Der Lord steckte das Blatt
hinter meinen Spiegel: ich wollte es verhindern, aber der Herr von Troppau liess
mich nicht zum Worte kommen. Er sagte, dass ihn seine Schwester habe rufen
lassen, um bei ihr nachzusehn, was für eine Mannsperson heute bei mir
übernachtet hätte, dass sie über mich geseufzt und auf mich geschmäht habe. - Mir
stiegen die Tränen in die Augen. - »O Mylord!« sagte ich weinerlich, »Sie haben
mich in einen Verdacht gebracht, von dem Sie mich mit Ihrem ganzen Vermögen
nicht loskaufen können.« - »Beruhigen Sie sich!« sprach er mit viel
Guterzigkeit, »ich will der Dame gleich selbst sagen, warum ich bei Ihnen
geschlafen habe.« Er wollte gehn, aber es kam ein Bedienter des Herrn von
Troppau und sagte ihm etwas ins Ohr. - »Mylord«, fing er lachend an, »Ihre
Bedienten laufen mit Stiefeln und Schuhen in der ganzen Stadt herum und suchen
Sie.« - »Me voilà!« sprach er äusserst gelassen und gab Befehl, dass sein
Bedienter mit den Stiefeln heraufkommen sollte. Als er kam, war Mylord doch so
höflich, dass er vor die Tür ging und sie mit seinen Pantoffeln vertauschte. Der
Herr von Troppau, sosehr er auch davon abwehrte, musste ihm das Zimmer der Frau
von Dirzau zeigen: er ging unangemeldet zu ihr hinein: wie sie ihn aufgenommen
hat, weiss der Himmel. Ich bin seitdem in einem sonderbaren Zustande: es ist mir
immer, als wenn ich mich über Dich und Deinen Besuch bei Vignali freuen sollte,
und gleichwohl mischt sich auch so viel Verdriesslichkeit und Besorgnis darunter.
- Lieber Heinrich! traue mir nur! mache mich nur nicht schwächer, als ich bin!
Und wenn's Liebhaber und Anbeter auf mich herabregnete, solltest Du sie alle
erfahren; und dass mich einer von Dir abwendig machte, das ist so unmöglich, als
dass um Mitternacht Mittag wird.
    Ich habe diesen Brief nur eilfertig hingeworfen. Gutes Glück bei Vignali!
Ich bin Deine
                                                                         Ulrike.
Der Brief war noch nicht völlig gelesen, als schon der Lohnkutscher vorfuhr, der
Herrmann zu seiner neuen Gönnerin bringen sollte: er stieg hinein, von seinem
gewesenen Kameraden begafft, der nebst dem Diener mit neidischem Lachen in der
Gewölbetür zusah. Der neugeschmückte Adonis nahm seine ganze Herzhaftigkeit,
Lebhaftigkeit und Galanterie zusammen, um vor Madam Vignali mit der bescheidnen
Dreistigkeit eines Weltmannes zu erscheinen: der Empfang war überaus gütig, der
Besuch dauerte fast bis ein Uhr, das Gespräch war lebhaft und ununterbrochen:
Vignali zeigte sich in dem ganzen Glanze ihrer Schönheit und Beredsamkeit; und
um Herrmanns Vorstellung von beiden noch zu vergrössern, affektierte sie eine
Migräne, die ihr die natürlichste Gelegenheit gab, zuweilen aus dem raschen,
überwältigenden Tone in den sanften, schmachtenden überzugehn. Die Frau war
gewiss eine der edelsten Figuren, im grossen heroischen Stile von der Natur
gebildet: ihre Miene, ihr Ton verschaften ihr über jeden, der mit ihr sprach,
eine Autorität, der man sich ohne Weigerung unterwarf, als wenn die Natur einmal
das Verhältnis so bestimmt habe, dass sie allein befehlen und alle andre Menschen
gehorchen sollten. Herrmann wurde schon bei diesem ersten Besuche ihr wirklicher
Sklave: es war, als wenn sie ihm die Unterwürfigkeit mit dem ersten Blicke in
die Seele hauchte. Er bekam die Erlaubnis, nachmittags sein Zimmer, worinne noch
eine Kleinigkeit zu machen war, zu beziehen und auf den Abend in der
Gesellschaft bei ihr zu erscheinen. Er war glücklich, vom Wirbel bis zur Fusszehe
entzückt über das neue, glänzende Leben, wovon er nur ein Vorspiel gesehn hatte,
und gestund sich unterwegs, dass Ulrike reizend und liebenswürdig, aber Vignali
schön und hinreissend sei. Wie berauscht taumelte er aus der Kutsche: aber wie
traurig wurde er inne, dass ihn sein Besuch mitten zwischen die vornehme und
bürgerliche Esszeit eingeklemmt hatte! Denn zu Hause war bereits um zwölfe
gespeist worden, und hätte nicht die Kaufmannsfrau die Neubegierde gehabt,
seinen neuen Staat zu besichtigen, und ihn deswegen in die Stube gerufen, so
wäre bei aller Glückseligkeit sein Magen leer geblieben: um ihn mit grössrer Musse
ausfragen zu können, liess sie ihm einen Rest ihrer Mittagsmahlzeit aufwärmen;
und nun wurde gefragt! bis auf den Boden der Seele ausgefragt! Seine Figur war
angenehm, ziemlich lang, gut gebaut: sein neuer Putz erhöhte ihren Reiz: die
Frau hatte bei der Abwesenheit ihres Mannes entsetzliche Langeweile: sie bat den
schöngeputzten Herrmann zum Kaffee. Freilich liess sie wohl auch nichts mangeln,
um ihre Schönheiten - sie war wirklich schön - und ihre Unterhaltungsgabe in das
vorteilhafteste Licht zu stellen: allein sosehr sie zu jeder andern Zeit für
sich selbst gefiel, so gering war ihre Wirkung jetzt nach einem Besuche bei Madam
Vignali - wie alles so gemein, so alltäglich, so platt in ihren Reden und
Manieren gegen das edle, grosse, einnehmende Betragen, gegen die feine, gewählte,
lächelnde Sprache einer Vignali! Herrmann hätte sich mit tausendmal grösserm
Vergnügen in seinem kalten Kämmerchen Vignali gedacht, als diese matte Schönheit
den ganzen Nachmittag gesehn. Zu seiner unendlichen Freude erlöst ihn die
Ankunft eines Briefs von Ulriken aus dem Zwange. Sie schrieb:
                                                                    den 28. Jan.
Hab ich's doch gedacht: mein Heinrich ist alles, was er sein will; und wenn's
ihm morgen einfällt, den Fürsten zu spielen, so ist er's gleich so ganz, als
wenn er zeitlebens nichts anders gewesen wäre. - Wahrhaftig, Du bist etwas mehr
als ein Mensch. Vignali ist von Dir bezaubert: sie spricht von nichts als von
Deinem Lobe: sie findet in Dir den vollkommensten Weltmann, dem man's bei dem
ersten Hereintritt ansieht, dass er in der grossen Welt gebildet ist. Ich musste
mich bei mir über den Lobspruch herzinniglich freuen, dass Du sogar eine so feine
Frau hast hintergehn können. Die Frau war mir in dem Augenblicke noch einmal so
schön, so lieb und wert: ich habe ihr Hände und Lippen beinahe entzweigeküsst vor
Herzenswonne, wie sie so ewig von Dir redete, als wenn sie gar nicht wieder von
Deinem Lobe wegkommen könnte. Die brave, vortreffliche Frau! es gibt gar keine
bessere auf der Erde.
    Ich wunderte mich ausserordentlich, dass Du wieder weggefahren warst: aber um
mich nicht zu sehr zu verraten, wollte ich nicht nach Dir fragen. Der Lord
Leadwort erschien: die Suppe wurde aufgetragen: es war noch kein Heinrich da.
Wir setzten uns: noch immer war kein Heinrich da - und wird wohl auch keiner
kommen! dachte ich betrübt. Ob die Vignali toll ist? Als wenn sie nicht wüsste,
dass ich gern mit meinem Heinrich eine Seele ausmachen möchte! - Zwar - nun
besann ich mich erst - was weiss sie denn? Nichts! Also sei ihr der Fehler
vergeben! - Aber was half mir's, dass ich ihr den Fehler vergeben musste? Ich
wurde so verdriesslich und tölpisch wie ein ungezogenes Mädchen. Ich ass ein paar
Löffel Suppe: sie schmeckte mir wie Galle, und ich liess in meinem Verdrusse den
Löffel hineinfallen, dass sie herumsprützte: ich stopfte hastig Brot über Brot in
den Mund, trank Wasser, trank Wein: es wurde mir so weh ums Herze, dass mir die
Augen übergingen. Vignali sah mir nachdenkend zu und lächelte: warum nur die
Frau lächeln mochte? Es war ein so tückisches Lächeln, das ich noch niemals an
ihr gesehn habe.
    Der Lord fing an, sein gewöhnliches tolles Zeug zu machen, nahm jedes Wort
in einem andern Sinne und vergass auch sein ewiges Warum nicht. Man kann fürwahr
den Mann nicht anhören, ohne zu lachen. Er trieb einmal die Vignali mit seinem
»aber warum?« so in die Enge, dass sie ihm nicht mehr antworten konnte: gleich
darauf schlug sie ihn mit seinen eignen Waffen und fragte ihn von jedem Warum
wieder das Warum bis ins unendliche fort, dass er sich mit nichts zu helfen wusste
als durch eine Gesundheit, die er der Vignali als der grössten Warumfragerin
zubrachte. Am meisten beschäftigte er sich mit mir: bei dieser Gelegenheit habe
ich erfahren, dass er in Logogryphen, Rätseln, Auslegungen der Namen und
dergleichen Wissenschaften sehr stark ist. Er führt beständig ein Punktierbuch
bei sich: »Neulich«, erzählte mir Vignali, »tut eine Dame die Frage an ihren
Nachbar: Ob ich wohl heute Briefe von meinem Manne bekommen werde? - Gleich
erscheint der Lord, den sie vorher gar nicht gesehn noch gesprochen hat,
übergibt ihr seine Schreibetafel und einen Bleistift: Punktieren Sie! sagte er.
Die Dame weiss nicht damit umzugehen, er erklärt ihr also das Geheimnis der
Kunst, kniet vor ihr mit dem rechten Knie nieder, legt auf das linke seine
Punktiertabellen, zählt, sagt ihr die Buchstaben, und sie muss sie aufzeichnen.
Die ganze Gesellschaft, die wenigstens aus zwanzig Personen bestanden hat,
versammelt sich um ihn; aber er punktiert ungestört fort.« Mir hat er heute bei
Tische mein ganzes künftiges Leben auspunktiert und brachte heraus, dass ich ihn
heiraten würde: aber ich versicherte ihn, dass seine Tabelle entsetzlich falsch
sein müsste. - »Aber warum?« fragte er. - »Weil ich Sie nicht heiraten werde«,
antwortete ich; und er schwieg.
    Nach Tische ging eine ernstaftere Szene vor. Ich war mit Vignali allein.
»Meine Liebe«, fing sie auf einmal abgebrochen an, »Sie sind eine Baronesse von
Breisach.« Sie sagte das mit dem eignen Tone, den sie allemal braucht, wenn sie
entdeckt, dass sie etwas weiss, was sie nicht wissen soll. - »Sie sind eine
Baronesse von Breisach.« - Ich war so überrascht, als wenn der Tod plötzlich vor
mir stünde. - »Erschrecken Sie nicht!« fuhr sie fort. »Sie sind eine Baronesse
von Breisach, sind Ihrer Tante in Dresden entlaufen und haben den Namen Ihren
Vetters angenommen.« - Ich hatte mich unterdessen ein wenig gesammelt und fragte
sie mit gezwungenem Lachen: »Wer hat Ihnen das Märchen überredet?« - »Sie kennen
eine Frau Hildebrand?« sagte sie etwas spöttisch. »Die Frau Hildebrand hat eine
Muhme in Dresden, die Sie von Leipzig bis Dessau gebracht hat; und diese Muhme
in Dresden ist sehr wohl bekannt bei der Oberstin, der Sie entlaufen sind; und
diese Muhme in Dresden hat ihrer Muhme in Berlin Ihre Geschichte anvertraut, und
diese Muhme in Berlin hat mir, der Madam Vignali, Eröffnung davon getan: wie
doch ein Märchen unter so vielen Händen zur Wahrheit werden kann! Ich hab es
gewusst, ehe Sie noch ins Haus kamen, und Ihnen heute erst entdecken wollen, dass
ich das Märchen weiss.« - Ich war gefangen: das Herz wollte mir brechen: ich warf
mich ihr mit Tränen zu Füssen und bat sie bei allem, was heilig ist, mich nicht
zu verraten: vor Begierde und Angst stürmte ich so in sie hinein und riss so
stark an ihrem Kleide, dass alle Nähte an ihm krachten und platzten: in dem
Augenblicke machte sie eine so schadenfrohe, stolze, tückische Miene, die mir
durch die Seele fuhr, wie ich noch nie eine in ihrem Gesichte gesehn habe. -
»Stehn Sie auf!« sprach sie beleidigend stolz zu mir, »so bittet man einen
Kaiser, aber keine Freundin.« - Gleich ging ihr Gesicht wieder zur süssesten
Freundlichkeit über: sie versicherte mich bei ihrer Ehre, dass niemand durch sie
mein Geheimnis erfahren sollte, solang ich's nicht entdeckt wissen wollte. -
»Hören Sie nun auch«, fuhr sie fort, »warum ich mich gerade jetzt mit Ihnen in
dies Gespräch einlasse! Der Lord Leadwort hat Ihnen heute einen Antrag getan,
den Sie ausgeschlagen haben: er lässt Ihnen jetzt einen andern durch mich tun: er
will Sie heiraten. Was sagen Sie zu diesem Antrage.« -
    »Was ich heute früh gesagt habe!« antwortete ich entschlossen.
    »Sie sind ein Kind«, sagte sie, auch gerade in dem Tone, wie man mit Kindern
spricht. »Ich will Sie nur erst mit dem Manne recht bekanntmachen« - und nun
holte sie ein grosses Papier aus dem Schreibeschranke, wovon sie mir eine
unendliche Menge Reichtümer ablas, nebst allem, was er mir zum Leibgedinge
aussetzte. Bei seinem Leben versprach er mir jährlich tausend Pfund zu den
kleinen Ausgaben und nach seinem Tode ein Leibgedinge von zweitausend Pfund
jährlichen Einkünften, die ich aber nirgends als in Engelland verzehren könnte:
bei seinem Leben sollte es meiner Wahl überlassen sein, ob ich beständig in
Engelland oder abwechselnd ein Jahr in Deutschland und ein Jahr in Engelland
leben wollte. Soviel habe ich mir nur daraus gemerkt. - Als Vignali fertig war,
fragte sie mich mit recht spitzigem Tone: »Sagen Sie nun noch wie heute früh?«
»Ja«, sprach ich mit festem Akzente so fest wie mein Entschluss und schlug mit
beiden Händen auf die Brust, »wie heute früh spreche ich noch jetzt und werde
ewig so sprechen.« - »Gehn Sie!« sagte die stolze Frau und stiess mich
verächtlich von sich. »Sie sind ein Kind. Gehn Sie! ich muss zum Besuche fahren.«
- Sie ging, ohne Abschied zu nehmen, in ihr Kabinett und liess mich allein stehn.
    Ich bin in Todesangst, was man nun alles wider mich anzetteln wird. Ob sie
vielleicht gar unsre Liebe weiss? Aber wie wäre das möglich? Sie müsste allwissend
sein. Damit wir uns nicht verraten, wollen wir einander nicht anders als bei
Vignali sehen und desto öfter schreiben. Der Überbringer meiner heutigen Briefe
soll Dein Bedienter werden: Vignali lässt ihm eine Liverei machen. Da mich die
Hildebrand so schändlich verraten hat, trau ich auch ihrem Sohn nicht: wer weiss,
warum Vignali ihn zu Deinem Bedienten gewählt hat? Aber es ist unmöglich: sie
weiss nichts und soll auch nichts erfahren. Dass ja jeder Deiner Briefe fest, fest
zugesiegelt und auf starkes Papier geschrieben ist! Lieber gib ihm gar nicht die
Form eines Briefs! Wenn die verschmitzte Frau alles auskundschaftet, soll ihr
doch unsre Liebe ein Geheimnis bleiben.
    Du denkst doch nicht etwa, dass mir meine abschlägige Antwort auf des Lords
Anerbieten etwas gekostet hat? - Nicht einen Zuck am Herze! Nicht eine bittre
Empfindung! - Nein, Heinrich! so klein bin ich nicht! Konnt ich meinen ehrlichen
Ruf um Deinetwillen aufs Spiel setzen; war mir meine Ehre gegen Deine Liebe eine
Feder, so sind mir zweitausend Pfund Leibgedinge gewiss nur eine Seifenblase
dagegen. Weg, weg mit ihnen! Du bist mir Reichtums genug; was brauch ich mehr?
    Eben lässt mir Vignali sagen, dass Dein Zimmer in Bereitschaft ist: Der
Überbringer hat Befehl, Dich zu begleiten und anzuweisen. Mache Dich gleich auf
den Weg.
    Ich bin diesen Abend nicht zur Gesellschaft gebeten worden und doch Du! Was
das nur bedeuten mag? - O die unselige Vignali! ich zittre vor ihrer List wie
vor einer Schlange.
                                                                              U.
Unmittelbar nach der Durchlesung des Briefs wurde eine Kutsche bestellt: weil es
schon finster war, liess Herrmann sein leichtes Kufferchen, das seine sämtlichen
Effekten in sich fasste, hineinschieben, nahm im Hause Abschied und fuhr davon.
Seine neue Wohnung war schön, zierlich, voll Geschmack, der Heinrich, der noch
vor einigen Tagen die Schürze trug, zum vornehmen Herrn geworden: alles fand er
hier wieder wie auf dem Schloss des Grafen Ohlau: er kehrte zu dem vornehmen,
glänzenden Leben wieder und sah in sein bisheriges wie in ein Grab, wie ins
Nichts zurück. Freilich Ulrikens Brief! das war ein verzweifeltes Gegengewicht
gegen seine Freude. Er wollte ihn noch einmal lesen, aber er musste ihn
verstecken; denn Vignali trat herein, um ihn aus übertriebner Höflichkeit zu
bewillkommnen. Sie nahm ihn mit sich auf ihr Zimmer, wo sie ihm seine Überlegung
über Ulrikens Brief aus dem Kopfe rein herausschwatzte. Lairesse stellte sich
sehr zeitig ein und trug auch das ihrige zu seiner Aufheiterung bei: sie
versuchte ihre ganze unendliche Tändelsucht an ihm. Ihr Lieblingszeitvertreib
bestand darin, dass sie die tollsten, ungeheuresten Figuren in buntem Papiere
ausschnitt und ihre Gesellschafter damit ausputzte: deswegen legte ihr Vignali
jedesmal, wenn sie zum Besuche bei ihr war, buntes Papier und eine Schere in
Bereitschaft, welches auch diesen Abend geschehn war. Sie schnitt Riesen,
Zwerge, Polischinelle, Hanswürste, Pantalons und andre Karikaturen. Vignali fand
an dieser Beschäftigung allmählich auch Geschmack: auch Herrmann bekam eine
Schere, und so sassen sie alle drei an einem kleinen Tischchen, mit der äussersten
Geschäftigkeit und Ernstaftigkeit, und jedes suchte das andre durch die grössere
Abenteuerlichkeit seines Produkts zu übertreffen. Lairesse sang mitunter ein
französisches Liedchen zu der Arbeit, behing den armen Herrmann vom Kopf bis zu
den Füssen mit den abscheulichsten Fratzengesichern und lachte ihn aus, schwenkte
ihn tanzend ein paarmal um, dass die Papiermänner in dem Zimmer herumflogen,
trällerte, ass ein Stückchen Biskuit, neckte Vignali, neckte Herrmann, setzte
sich wieder an die Papierarbeit und suchte jedem ihrer Mitarbeiter durch Stösse
oder mutwillige Scherenschnitte, wenn sie jetzt den letzten vollendenden
Meisterschnitt tun wollten, das Werk zu verderben. Die Tischgesellschaft bestund
für diesmal nur aus diesen drei Personen, war ebenso kindisch lustig, und
Herrmann, dem alle diese Auftritte neu waren, ging zufrieden und vergnügt aus
ihr auf sein Zimmer, um sich desto trauriger die Nacht hindurch mit Ulrikens
Briefe herumzuschlagen.
 
                                 Siebenter Teil
                                  Erstes Kapitel
Herrmann stund nach einer langen, ernsten, nachdenkenden Nacht sehr früh auf, um
an Ulriken folgenden Brief zu schreiben.
                                                                    den 29. Jan.
Dein letzter Brief, liebste Ulrike, hat mich in die ernstafteste Überlegung
versenkt, die mich selbst mitten im Vergnügen gestern abend beschäftigte. Die
Liebe empört sich zwar in meinem Herze laut wider ihn: bei dem tiefsten
Nachdenken presste sie mir eine rührungsvolle Zähre in die Augen und suchte meine
Vernunft durch Wehmut zu täuschen: aber, liebste Ulrike, so gewiss die feurigste
Liebe in meinem Herze für Dich brennt, so gewiss sagt mir mein Verstand, dass wir
nicht bloss lieben, sondern auch überlegen müssen. Unterdrücke einmal alle
Empfindlichkeit, alle Neigung für mich! verschliesse die Ohren für Deine
Zärtlichkeit und lass sie nur mir und der Vernunft offen!
    Glaubest Du wirklich, dass die Liebe glücklich genug macht, um äusserliches
Wohlsein zu verachten? dass die Liebe auf die ganze lange Lebenszeit dem Herze
Stärke und Trost genug mitteilt, um Mangel, Armut, Bedrückung, Unsicherheit,
Niedrigkeit, Verachtung, auch vielleicht Spott standhaft zu ertragen? dass nicht
endlich überhäuftes Leiden sich durch den eisernen Mut bis zum Herze durchfrisst,
schmerzlich am Leben naget und am Ende vielleicht die Liebe selbst zermalmt?
Glaubst Du das nicht bloss auf die Überredungen Deiner Leidenschaft, sondern aus
reifer lebendiger Überzeugung?
    Was hast Du von mir und durch mich zu erwarten? - Elend oder kärgliches
Glück! Meine Person ist mein einziges Gut; und hieltest Du sie in der
Verblendung des Affekts für ein unschätzbares Kleinod, so würde ich zum
Bösewicht, wenn ich Dich nicht daran erinnerte, dass sie nichts ist. Weder zum
Pfluge, noch zum Handwerke, noch zum Fabrikanten tauglich, ohne Stand, ohne
Gewerbe, ohne Vermögen, um eins anzufangen, ohne Wissenschaft, ohne Gönner! -
ein blosser nackter Erdenkloss, dem das Glück einen seidenen Rock oder einen
Kittel anziehen kann! auf die Erde dahingeworfen, dass das Schicksal mit ihm
spielen, ihn entweder emporschnellen oder in den Kot wälzen soll! Und wenn in
diesen dürftigen Erdenklumpen die Natur alle grosse Talente gelegt hätte, die nur
einen Sterblichen erheben, alle Leidenschaften, die ihn aus dem Staube
emporreissen können, was sind sie ohne Glück? - Würmer, die am Herze nagen und
das bisschen Glückseligkeit, das Jugend und Gesundheit darbieten, wie eine
frische Blüte wegfressen! verderbliche Würmer, die sich in den saftvollen Baum
des Lebens hineingraben, seine Rinde durchlöchern, den nützlichen Nahrungssaft
abzapfen, in seiner Schale mit unendlicher Fruchtbarkeit brüten, dass oft der
kraftlose Baum erstirbt, eh er noch die ersten Blüten trieb, oder mit dürren
Zweigen, kleinen gilblichten Blättern, ohne Frucht, Schönheit und Anmut dasteht
und sich zu Tode kränkelt! Möchte ich also der vollkommenste Sterbliche sein,
der jemals aus der Hand des Schöpfers ging: alle diese Vollkommenheiten sind
immer nur Krücken auf dem Wege des Lebens, aber das Glück ist der Führer, das
lehren mich alle meine bisherigen Schicksale.
    Nimm Deine ganze Besonnenheit, Dein ganzes Nachdenken zusammen und überlege!
Sind Dir gewisse zweitausend Pfund Einkünfte lieber oder ein Würfel, mit dem Du
vielleicht den zwanzigsten Teil dieser Summe oder nichts gewinnen kannst? Denn
wie ich Dir gesagt habe, ich bin fürwahr nichts als ein Würfel, den das
Schicksal wirft; und es steht nicht etwa wenig oder gar kein Glück auf dem
Spiel: nein, wenig Glück oder viel Ungemach sind die beiden wahrscheinlichsten
Gewinnste, die Du durch mich erlangen kannst. Wählst Du zu Deinem Schaden statt
der Gewissheit Wahrscheinlichkeit, statt einer lebenslangen unverbesserlichen
Versorgung vielleicht lebenslangen Kummer, Reue, Armut, dann ist wenigstens mein
Gewissen ruhig, ob es gleich mein Herz nie sein könnte: ich habe mich Dir mit
meinem ganzen Nichts vor Augen gestellt. Wäre mein Körper für ländliche Arbeiten
gemacht und nicht in Bequemlichkeit und Zärtlichkeit aufgewachsen oder wüsste ich
eine Kunst, ein Handwerk, das mir jeden Tag das Brot des folgenden verspräche,
dann sagte ich Dir: Ulrike, wenn Dein Herz so fest an meinem hängt, dass es
Niedrigkeit und sparsames Auskommen nicht zu trennen vermögen, wohl! entsage
aller Bequemlichkeit, allem Range, allem Überflusse! lass Deine zarten Finger von
Arbeit, Kälte und Sonnenhitze auflaufen, Deine weissen Arme von der Luft
schwärzen oder röten und Deine weichen Hände mit Schwielen überziehn! Du sollst
in der Umarmung eines Fürsten nicht glücklicher sein als bei mir: Liebe soll
unser schwarzes Brot würzen und unsern schwachen Trank lieblich und stark
machen: Liebe soll den Tag anfangen und beschliessen, und auf meinen Händen will
ich Dich dem Grabe entgegentragen. - Aber Ulrike! ein Würfel des Glücks sein und
auf einen misslichen Wurf seine Ruhe, selbst seine Liebe setzen! - die heisseste
Hölle verdiente ich, wenn ich Dich vor einem solchen Wagstücke nicht warnte. Ein
Brief von Schwingern, den ich in Dresden empfing und Dir hier beilege, ist für
mich eine Lampe, bei welcher ich meine Vernunft anzünde, sobald die Liebe sie
auslöscht: ich lese ihn oft und habe ihn noch diese Nacht zweimal gelesen: lies
ihn aufmerksam und dann erwäge!
    Was ich tun werde, wenn Du der Vernunft folgest? - denn einen Menschen wie
mich einem Lord vorziehn, was ist das anders als Schwachheit, und ich kann es
dreist Unvernunft nennen, ob ich gleich wider mich selbst spreche. - Was ich
also tun werde? - Berlin verlassen und zeitlebens um meine erste Liebe trauern:
Dein Ring, den Du mir unter dem Baume gabst, soll, in Flor gehüllt, auf meinem
Herze hängen, im Leben und im Grabe, solange mein Gebein zusammenhält: mein Herz
soll ein ewiges Trauerhaus sein, still, öde, traurig wie das Haus eines Witwers,
der nie wieder zu lieben versprach; und dies soll auch mein Gelübde sein, mein
feierlich zugesagtes Gelübde. Glaube mir, dass ich's halten werde! Ein Herz, wo
Du wohntest, ist für jede andre eine zu kostbare Wohnung: an den Ort, den Dein
Bild heiligte, ein andres setzen, wäre Abgötterei. In jedem Jahre soll der Tag,
wo meine Liebe starb, ein Tag der Trauer sein: Zähren will ich ihr opfern, wenn
ich ihn beginne, Zähren, wenn er sich schliesst: keine Speise soll meine Lippen
berühren, solange die Sonne den Horizont erleuchtet, kein Trank meine Zunge
benetzen: in Flor und schwarzer Kleidung will ich den ganzen langen Tag feiern
wie einer, dem man seine Liebe begrub; und fragt mich jemand: um wen trauerst
du, Freund? dann antwort' ich ihm: um mich! - Wäre ich in einer Religion
geboren, die dem Bedrängten eine Zuflucht in einsamen Mauern darbietet, so legte
ich den nämlichen Tag, wo Deine Wahl wider mich entscheidet, einen Ordenshabit
an: doch ich bedarf solcher gewaltsamen Mittel nicht, um mir mein Gelübde zu
erleichtern: es wird mir leicht sein, so leicht wie eine Sache, die gar nicht
anders geschehn kann. Ein zweites Gelübde, das ich zur Erleichterung Deiner
Schmerzen tue, ist das Versprechen, sogleich Deutschland zu verlassen und weder
dahin noch in Engelland jemals einen Fuss zu setzen: welches Land mich auch
nähren mag, so soll es doch nie eins sein, wo Du bist.
    So überlege dann, erwäge und wähle! Frage nicht, ob es mich, ob es Dich
schmerzt: was wäre Trennung, wenn sie nicht schmerzte? - Vergiss mich ganz und
denke nur an Dich!
    Ich opfre Dir meine Glückseligkeit mit schwerem, aber willigem Entschlusse:
so wahr eine Seele in mir denkt und empfindet, so wahr fühle und sage ich Dir,
dass ich mit ebenso williger Entschliessung noch heute meinen Kopf auf den Block
legen wollte, wenn ich Dir durch meinen Tod alle Schmerzen unsrer Trennung
ersparen könnte!
    Lebe wohl. Wie Vignali mir sagt, werden wir uns nur selten bei ihr sehn
können: sie darf Dich nicht oft mehr zu sich bitten, weil es der Herr von
Troppau untersagt haben soll: warum, entdeckte sie mir nicht. Glaube mir! die
Frau ist tückisch: sie hat etwas im Kopfe wider uns, darauf wollte ich schwören;
und wenn sie nicht allwissend ist, so muss sie unsre Briefe lesen; denn sie hat
mir gestern Dinge gesagt, die nur in unsern Seelen und in unsern Briefen stehn.
Ich argwohne sehr, sie weiss unsre ganze Liebe schon. So schön sie ist, so schlau
scheint sie mir: ich trau ihr nicht.
                                                                              H.
Vignali nötigte ihn, nach Tische mit ihr spazieren zu fahren, und er empfing
deswegen erst gegen Abend Ulrikens Antwort, ungefähr eine Viertelstunde nach
seiner Zurückkunft.
Heinrich! Heinrich! bist Du toll, dass Du mir so einen Brief schreiben kannst?
Denkst Du, dass ich um Geld liebe? oder dass ich mit meinem Herze hausieren gehe
und es den Meistbietenden zuschlage? - Du Undankbarer! so einen schlechten,
verächtlichen Begriff hast Du also von mir, dass Du glaubst, es komme mir nicht
darauf an, wen ich liebe, sondern wieviel er mir Glück oder Unglück einbringt?
Durch so viele Widerwärtigkeiten, die ich seit meinen frühesten Jahren um
Deinetwillen litt, mit freudiger Standhaftigkeit litt, hab ich nicht einmal so
viel bei Dir gewonnen, dass Du mir eine edlere Denkungsart zutraust? Ist jemals
eine Handvoll Schmerz und Gefahr in meinen Augen ein Punkt gewesen, den ich
eines Blicks würdigte? Hab ich nur eine Minute mich bedacht, Ehre und Leben zu
wagen, wenn sie Dich mir versicherten, wenn sie unsre Liebe in Sicherheit
setzten? Und nun trittst Du, kalter Vernünftler, noch hin und rätst mir, für
gehabte Bemühung zweitausend Pfund Sterlinge anzunehmen, aus Furcht, Du möchtest
vielleicht gar mein Schuldner bleiben müssen! Hab ich denn noch jemals eine
Bezahlung, eine Vergeltung von Dir gefodert? - Es falle Unglück wie Hagel auf
uns herab! was ist das mehr oder weniger? Wenn es unsre Liebe daniederhagelt,
dann macht es uns unglücklich: aber das tu es! ich spotte seiner.
    Todsünde war es schon, dass Du Dir nur einbilden konntest, mich durch so
einen abgeschmackt vernünftigen Brief zu einem Entschlusse zu bewegen, den ich
nicht denken kann, ohne dass mir dafür ekelt: ich will auch die Minute den
abscheulichen Brief verbrennen, damit Dich die Leute nicht ins Gesicht
schimpfen, wenn ihn jemand bei mir fände. - Hier flammt er im Ofen, der
beleidigten Liebe geopfert! Wie ein böser Geist fährt sein Dampf durch die
krachende Blechröhre und lässt einen scheusslichen Gestank zurück. Wenn Du wieder
so einen schreibst, lass ich ihn auf öffentlichem Markte verbrennen.
    Ich armes Mädchen denke, was für ein rührendes Dankschreiben ich erhalten
werde, dass ich der Vignali und dem Lord so gescheit geantwortet habe, und da
ich's öffne - ist es eine elende schlechtgeschriebne erbärmliche Busspredigt, als
wenn Du einem schlechten Kandidaten das Konzept von seiner ersten Predigt
gestohlen hättest. Zeitlebens habe ich mich nicht so entsetzlich erzürnt, als
wie mir da die Galle überlief: ich glühte wie mein Ofen, ich schluchzte, ich
weinte vor Ärger und kann nicht zu Tische gehn, bis ich Dir den Text recht derb
gelesen habe.
    Aber sage mir! denkst Du wirklich so weggeworfen von mir, wie Du schreibst?
- Heinrich! ich beschwöre Dich bei Deiner Glückseligkeit! haftet noch ein
Gedanke von Deinem Briefe in Deiner Seele, so lösch ihn aus! rein aus, als wenn
er nie dagewesen wäre: oder wenn Du es nicht vermagst, so lass ihn meine Tränen
austilgen! mein Blut soll ihn tilgen, wenn Tränen zu schwach sind. Könnten sie
so in Deine Seele fliessen, wie sie auf dies Blatt tröpfeln! Es sind bittre
Tränen, wie die beleidigte Liebe sie weint: sie würden Dich heisser brennen als
Deine heisseste Reue. - O Du Grausamer! dass ich sie so zeitig um Dich vergiessen
muss!
Oder hat Dich vielleicht Vignalis Schönheit schon geblendet? Diese edle, schöne
englische Figur, wie man sie nennt! Wolltest Du mir's etwa nicht zuleide tun,
dass Du so kalt von ihr sprichst? Guter Heinrich! man kann auch raten, was kluge
Leute verschweigen. Die Frau ist mir seit heute und gestern, da Du bei ihr
wohnst und immer um sie bist, so verdächtig, so widrig geworden, dass ich mich
wundre, wie ich sie jemals so sehr habe lieben können. Sie hat ganz ein ander
Gesicht, ganz andres Tun und Wesen, seitdem Du bei ihr wohnst: wenn ich sie am
Fenster mit Dir stehn sehe, schielt sie so tückisch, so schlau, so tiegermässig
grinsend durch die Scheibe! Und wie sie heute mit Dir in den Wagen stieg, kam
mir's nicht anders vor, als wenn sie Hörner hätte wie der Teufel. Ich trau ihr
keinen Schritt weiter; und doch hab ich dem falschen Weibe mein Einziges, mein
Liebstes anvertraut! - O ich Tolle! ich Unbesonnene! wenn ich Dich nur wieder
mit Ehren aus dem Hause bringen könnte! Die Vignali kömmt mir nun Tag und Nacht
nicht aus den Gedanken: wo ich gehe und stehe, ist sie neben mir und grinst mich
mit ihrer stolzen tückischen Miene an wie ein Beutelschneider, der die
Gelegenheit ablauert, um mir meinen einzigen Reichtum zu rauben. - Itzt war
mir's doch wahrhaftig, als wenn sie zur Stube hereinkäme, um mir meinen Brief
wegzureissen: ich versteckte ihn hurtig unter die Schnürbrust: du wirst's dem
armen Briefe anmerken, dass er sich vor einem Räuber hat verkriechen müssen: er
ist jämmerlich zerknittert.
    Heinrich, wenn Du mich betrügst, Dich durch Vignalis List und Schönheit von
mir abziehen und untreu machen lässt; wenn Du vielleicht schon wirklich auf dem
Wege bist, Dich von ihr einnehmen zu lassen, vielleicht schon gar für sie
eingenommen bist: welche Strafe kann für einen solchen Meineid empfindlich genug
sein? Alle zeitliche und ewige Strafen wären zu schwach für eine Untreue, die Du
an der schwachen Guterzigkeit begingst, an mir unschuldigem Geschöpfe, mir
jammernder Taube, die aus einfältiger Güte den Geier liebkoste, der ihr ihren
geliebten Tauber würgen will.
    Meine Ruhe ist vorbei, solange Du bei der Vignali bist. Dass ihr der Herr von
Troppau untersagt hat, mich zu sich zu bitten, ist eine der schändlichsten
Lügen, darauf wette ich. - O wie ich mir so süsse, so himmlische Freuden
versprach, wenn Du mir so nahe wärst! Wo sind sie? - Alle dahin! alle von einem
Fuchse in einer Nacht gewürgt!
    Ich kann nicht mehr schreiben, so zittert mir die Hand. Ich fühle einen
Fieberschauer. Heinrich, mache nur bald wieder Mut, eh ich krank werde!
                                                                              U.
Herrmann wurde durch den Schluss des Briefes und die Wendung, die Ulrike dem
seinigen gab, nicht wenig ausser Fassung gebracht: doch ermannte er sich bald und
antwortete ihr sogleich.
Ulrike, härme Dich nicht! Vignali kann mich vielleicht zu ihrem Freunde, zu
ihrem Bewunderer machen: aber nie, nie wird sie Dich verdrängen, nie mir die
Untreue nur eines Gedankens abnötigen. Ausser Dir ist keine auf der Erde, die mir
Liebe einflössen kann, am wenigsten eine Vignali, die sich mir auf der
Spazierfahrt noch verdächtiger gemacht hat.
    Mein Brief war in der reinsten Absicht geschrieben: aber er sei vergessen,
weil Du es willst, in unserm Gedächtnisse vernichtet, wie ihn die Flammen
vernichteten; und auch meine Kopie will ich verbrennen.7 Dass ich nicht so von
Dir dachte, wie Du glaubst, und nie so denken werde, bezeugt mir mein Gewissen.
- Was Du für mich tust, das fühl ich dankbarlich: was ich für Dich werde tun
können, weiss Gott. - Aber mutig! kann ein Mädchen des Unglücks spotten, so kann
ich's fürwahr auch, spottete schon lange dessen, was mich trifft, und nur von
Dir wollte ich durch meinen Rat die Leiden abwenden, die unsre Liebe über Dich
zusammenzieht. Wenn Vernunft nicht die Streiche des Unglücks abwehren darf, so
soll Standhaftigkeit ihnen trotzen, und weder Vignalis noch die ausgesuchtesten
Qualen werden jemals die meinige erschüttern.
                                                                              H.
Er kam wegen des Briefes sehr spät in die Gesellschaft bei Vignali und fand
schon den Herrn von Troppau, dem sie ihn als ihren Freund vorstellte, ohne
seiner vorgegebnen Anverwandtschaft mit Ulriken zu erwähnen: auch den ganzen
übrigen Abend wurde nicht mit einer Silbe an sie gedacht. Vignali glänzte bei
Tische mit allen Seiten ihrer Grösse: sie wagte es sogar, leichten gefälligen
Witz zu haben, was sonst ihr Talent nicht war, da es ihr hingegen an boshaftem,
auch wohl beissendem niemals fehlte: ihre Aufmerksamkeiten und Gefälligkeiten
gegen Herrmann waren unzählbar. Wie einem kleinen Prinzen schmeichelte und
wartete sie ihm auf: als wenn sie seinen und Ulrikens Brief gelesen hätte,
benahm sie ihm allen Verdacht und blies ihm das Misstrauen wie rein gefegt aus
dem Herze weg. Sie war in seinen Gedanken ganz eine andre Frau.
    Aber wie lange? - Eine Nacht! und der Verdacht war desto stärker wieder da.
Überhaupt gab ihr jedermann das Zeugnis, dass man nicht klug in ihr werden könne:
sie wechselte ihren Charakter wie ihre Handschuhe; und vermutlich wird auch
Herrmann nicht eher in ihr klug werden, als bis er es werden soll.
 
                                Zweites Kapitel
Der weniger misstrauische Herrmann musste bei Vignali des Morgens darauf
frühstücken. Sie sah ihm wieder so listig, so tückisch aus, dass er sich vor ihr
scheute.
    »Herrmann«, hub sie nach einigen gleichgültigen Gesprächen mit ihrem
Entdeckungstone an, »Sie sind in Ihre Muhme verliebt.«
    Ihr grösstes Vergnügen war, bei solchen Gelegenheiten den Leuten starr ins
Gesicht zu sehn, um die Verlegenheit zu vermehren, in welche sie durch ihre
überraschenden Worte gesetzt wurden: die heimtückische Freude lachte alsdann aus
allen Zügen des Gesichts. Herrmann war zwar eine gute halbe Minute nach ihrer
Anrede wie auf den Kopf geschlagen: allein sein beleidigter Ehrgeiz, dass ihn die
Frau so aus der Fassung gebracht hatte, arbeitete sich bald durch, er fragte
etwas hastig: »Woher wissen Sie das?« -
    Vignali verdross die Frage: sie tat ihm, statt der Antwort, eine andre mit
sehr spitzigem Tone: »Wollen Sie den Mann vor Gerichte verhören lassen, der
mir's gesagt hat? Hier ist er!« - Sie wies auf ihn selbst.
    Herrmann. Ich? Ich hätte Ihnen jemals so etwas nur mit einem Worte verraten?
    Vignali. Pst! Verraten? das ist ein verräterischer Ausdruck.
    Herrmann. Entdeckt, anvertraut, wollt ich sagen.
    Vignali. Ja doch! Sie versprachen sich. - Aber bei aller Behutsamkeit sind
und bleiben Sie doch Ihr eigner Verräter.
    Herrmann. Oder Sie eine selbstbetrogne Erraterin!
    Vignali sah ihn mit dem stolzesten Ernste an: - »Herrmann! wollen Sie mich
Lügen strafen? Gleich gestehn Sie mir, dass Sie das Mädchen lieben! oder es wird
Leute geben, die ihr schaden können.«
    Herrmann. Eine solche Drohung bewegte mich fürwahr zu keinem Geständnisse:
aber was soll ich leugnen, was ich für mein grösstes Verdienst halte? - Ja,
Madam, Sie haben's getroffen: ja, ich liebe sie.
    Vignali. Und sind ihr wohl recht exemplarisch treu?
    Herrmann. Das ist eine Frage, die sich selbst beantwortet.
    Vignali. Sie werden's nicht lange mehr sein.
    Herrmann. Ihr? Ulriken nicht lange mehr treu? - So müsste doch wahrhaftig die
Sonne auslöschen und der Mond vom Himmel fallen -
    Vignali. Was wetten Sie? Sie müssen ihr untreu werden.
    Herrmann. Madam, Sie haben mich zum besten. Ausser ihr, das sag ich Ihnen
dreist, ausser ihr ist kein Reiz für mich auf der Welt, keine Schönheit, die mir
nur einen Pulsschlag Liebe abnötigen könnte.
    Vignali. Daran ist gar kein Zweifel. - Aber eben darum, weil diese einzige
Schönheit so unmenschlich schön ist, müssen Sie ihr untreu werden. Glauben Sie
denn, dass Sie der einzige sind, der diese einzige Schönheit empfindet und
anbetet?
    Herrmann. Das nicht! aber zuverlässig der einzige, von dem sie angebetet
sein will!
    Vignali. Ah! das ist eine andre Sache. - Sie sind eifersüchtig.
    Herrmann. Eifersüchtig? Ich habe gar keine Ursache dazu.
    Vignali. Sie sind's! haben auch Ursache dazu! Sie kennen nur diese Ursachen
noch nicht recht: aber rechnen Sie auf meinen Beistand! In wenigen Tagen sollen
Sie ganz zuverlässig wissen, wieviel oder wie wenig Ursachen zur Eifersucht Sie
haben.
    Herrmann. Das wäre lustig. Sparen Sie Ihre Mühe, Madam! So gewiss Ulrike das
einzige Mädchen ist, das ich lieben kann, so gewiss bin ich der einzige, der von
ihr geliebt wird; und eher wollt ich mich überreden lassen, dass heute nachmittag
das Ende der Welt kömmt, als dass unsre Treue und Standhaftigkeit in unserm
ganzen Leben nur eine Minute lang wanken wird. -
    »Lieber Herrmann, wie glücklich ist Ihre Freundin, einen so
ausserordentlichen Liebhaber zu besitzen!« sprach Vignali mit verstellter
Süssigkeit. »Ziehen Sie sich an! wir wollen ausfahren: vielleicht kann ich meine
abscheuliche Migräne loswerden. Gehn Sie!«
    Auf der Spazierfahrt wurde das Gespräch in dem nämlichen Tone fortgesetzt,
und Vignali gab ihm Eifersucht und nahe Untreue mit so dreister Frechheit
schuld, dass er fast zu zweifeln anfing, ob er es nicht ohne sein Wissen schon
wirklich sei: wenigstens brachte sie ihn doch für diesmal so weit, dass er auf
Ursachen zur Eifersucht aufmerksam wurde.
    Nachmittags hielt sie mit Lairesse und Rosier eine Ratsversammlung bei
verschlossnen Türen in dem innersten Kabinette, wovon freilich Herrmann sich
nicht träumen liess, dass sie ihn betraf. Vignali, als Vorsitzerin, eröffnete die
Versammlung mit einer patetischen Rede.
    »Meine lieben Freundinnen«, begann sie, »ich muss euch eine Entdeckung
machen, die euch gewiss sehr interessieren wird. Der junge Mensch, den ich ins
Haus genommen habe, liebt die Gouvernante bei der Fräulein Troppau und mit einer
Zärtlichkeit und Heftigkeit, dass man sich zu Tode lachen muss. Ich habe alle
Briefe gelesen, die sie einander täglich schreiben: ehe sie abgegeben werden,
muss mir sie der Bursche zeigen, der den Liebhaber bedient; auch da seine Mutter
noch ihre geheime Botschafterin war, sind sie schon in meine Hände gekommen: ich
habe mir noch gestern eine Migräne über das tolle Zeug gelacht. Das möchte
hingehn: aber die Sache wird für uns ernstaft. Das Mädchen ist äusserst stolz
und bildet sich viel auf ihre sogenannte Tugend ein: ich habe sie zwar ins Haus
gebracht, weil ich mir etwas anders in ihr versprach, aber sie wurde mir gleich
drei Tage nach unsrer angefangenen Bekanntschaft unleidlich; und ich habe
deswegen ihr Emporkommen beständig zu hintertreiben gesucht. Der Herr von
Troppau war wirklich in sie verliebt, und hätte ich nichts getan, so wäre sie
schon längst auf den nämlichen Fuss gesetzt worden wie wir alle; und sähe sie
sich einmal auf einer solchen Höhe, dann wäre es um uns geschehen: wir würden
zurückgesetzt und endlich gar verabschiedet. Dafür sind wir bisher durch meine
Klugheit gesichert worden und werden auch künftig dafür gesichert werden: aber
es droht eine andre Gefahr. Ihre närrische Grille von Tugend und Ehre hat dem
Herrn von Troppau einige wunderliche Ideen in den Kopf gebracht: er schwatzte
mir gestern nach Tische so viel albernes Zeug von der Tugend eines Mädchens
daher und besonders so viel von der Tugend und Ehrbarkeit dieses Affen, wie sehr
die weibliche Tugend allen noch so glänzenden Schönheiten vorzuziehen sei, dass
man doch am Ende ihr Bewunderer werden müsse, auch wenn man sich den
Vergnügungen noch sosehr ergäbe, und was dergleichen armselige Lappereien weiter
wären: der Himmel weiss, in welchem einfältigen Romane er einmal das tugendhafte
Geschnacke aufgelesen haben mag; denn da kriegt er mannigmal solche Paroxysmen
von Weisheit. Ich musste alle Mühe anwenden, um ihn aus seinem Weisheitsfieber
herauszureissen: da ich ihn nur einmal soweit gebracht hatte, dass er bei mir
blieb, alsdann verging ihm wohl die Weisheit. Wisst ihr, was ich befürchte? -
Wenn er erfährt, dass das Mädchen von seinem Stande ist, so sind wir nicht einen
Augenblick sicher, dass er nicht die Torheit begeht und sie heiratet; denn er ist
wirklich in sie verliebt, sehr verliebt: was er gestern von ihr sprach, war mehr
als Bewunderung: es entschlüpfte ihm sogar der Wunsch, dass sie von seinem Stande
sein möchte, und er erschrack, da er sich besann, dass er sich so sehr verraten
hatte. Seine gottselige Schwester treibt ohnehin beständig an ihm, dass er sich
wieder verheiraten soll; weiss sie erst, dass das Mädchen eine Baronesse ist, dann
ruht sie nicht, bis sie seine Frau wird, sobald sie nur merkt, dass er sie liebt.
Was alsdann aus uns allen würde, könnt ihr leicht raten, die verachteten,
zurückgesetzten Nachtreterinnen einer stolzen Ehefrau!
    Wie sie jetzt schon von uns denkt, und wie sie uns also in einem solchen
Falle unfehlbar begegnen würde, das könnt ihr leicht aus zween Umständen
abnehmen. Neulich, als der Herr von Troppau eine kleine Schäkerei mit ihr
vornahm, wurde sie so empfindlich darüber, dass sie mir ins Gesicht sagte: sie
möchte nicht des Herrn von Troppau Hure sein: - und zwar mit einem so
verächtlichen Seitenblicke nach mir, dass sich meine ganzen Eingeweide
erschütterten. Ich unterdrückte damals meinen Zorn, aber von dieser Minute an
war Rache über sie beschlossen. Glaubt das eingebildete Mädchen, dass sie die
einzige Tugend auf der Welt ist? Haben wir nicht sowohl Tugend und Ehre als sie?
Ist es nicht die tollste Frechheit, uns einen so erniedrigenden Namen zu geben?
Ist das nicht die schmerzendste Beleidigung, die allein schon Rache, die
empfindlichste Rache foderte?
    Aber das ist noch nicht genug. In ihren letzten Briefen an ihren Liebhaber
spricht sie so schlecht von mir, dass ich alle meine Fassung zusammennehmen
musste, um meinen Unwillen nicht gegen den jungen Menschen zu verraten. Sie malt
mich als eine schlaue, stolze, boshafte Frau ab, und auch ihr Liebhaber macht
keine bessere Schilderung von mir: sie sind beide darin einig, dass sie mir
nicht trauen wollen. Das Misstrauen ärgert mich, dass ich rasen möchte: aber ihr
Elenden! ihr sollt mir trauen und durch euer Vertrauen eure eignen Verderber
werden: dafür steh ich. Ich will mein Haupt nicht ruhig niederlegen, bis ich die
Würmer zerdrückt habe.
    Itzt kennt ihr die Gefahr, die uns alle bedroht, meine Freundinnen, und die
Beleidigung, die mir und uns allen widerfahren ist: vernehmt nunmehr auch meine
Rache! Das Mädchen muss gedemütigt werden: das einzige, worauf sie stolz tut,
weswegen sie uns verachtet, uns solche kränkende Namen gibt, muss sie verlieren:
ich beruhige mich nicht, solange sie nicht soweit gebracht ist. Ich habe schon
den alten Gecken, den Lord Leadwort, der auch in die Närrin verliebt ist, an sie
abgeschickt: er musste ihr einen sehr anständigen Kontrakt anbieten, aber sie
schlug ihn aus: ich bered'the ihn, dass er sie heiraten sollte, und das ehrliche
Vieh verstund sich auch dazu. Ich tat ihr in seinem Namen den Antrag: auch
diesen wies sie mit der frechsten Naseweisheit von sich. Ich dachte gewiss, sie
würde mit auf diese Art ins Garn laufen: sagte sie damals ja, dann musste noch
denselben Abend der Lord seine Brautnacht mit ihr feiern, in einem paar Tagen
von Berlin wegreisen und die Braut sich mit der Brautnacht begnügen. Den
treuherzigen Lord drehe und wende ich wie ein Stückchen Papier: ich triumphierte
schon über meine gelungene Rache und hätte dem Mädchen das Gesicht zerfleischen
mögen, als sie mir so ein trotziges Nein zur Antwort gab. Dem Fratzengesichte
steckt ihr Herrmann im Kopfe: auf diesen gesetzten, gewissenhaften, soliden
Philosophen baut sie ihre Hoffnung wie auf einen Felsen: dieser nachdenkende,
altkluge, übermässig weise Junge hat ihr ganzes Herz. Wisst ihr nun, was zu tun
ist? - Wir müssen die Liebe zerreissen. Erstlich wollen wir den warmen Liebhaber
eifersüchtig machen: ich will dem Mädchen Liebhaber über Liebhaber zuschicken:
der Bube ist sehr heiss vor der Stirn, und ich wette mit euch, ehe eine Woche
vergeht, sollen sich die beiden Leute nach Herzenslust zanken. Facht ihr nur in
allen Abendgesellschaften seine Eifersucht recht an! weder Lügen noch Betrug
müssen gespart werden. Sind sie erst veruneinigt, dann nehmen wir den Liebhaber
vor und setzen ihm alle drei aus allen Kräften zu, dass wir ihn zu einer Untreue
verleiten: aus Verdruss, Eifersucht und Rache gegen das Mädchen wird er schon von
seines Herzens Härtigkeit nachlassen: die ihn unter euch gewinnt, soll diesen
Ring zur Belohnung von mir empfangen. Erfährt das Mädchen seine Untreue - und
sie soll sie gewiss die Minute darauf erfahren, dafür will ich sorgen -, dann
wird sie sich rächen wollen: man schickt ihr einen Liebhaber zu, der den
Augenblick des Verdrusses zu nützen weiss; und fällt sie da noch nicht, dann muss
sie ihr Liebhaber selbst zugrunde richten, selbst demütigen und unser aller
Schande und Gefahr an ihr rächen.
    Betragt euch klug und verschwiegen, das rate ich euch! bedenkt, dass ihr mir
euer Glück zu verdanken habt, dass du, Lairesse, eine Tänzerin, und, Rosier, ein
Waschmädchen warst! Um euch an mein Interesse zu knüpfen, hab ich euch erhoben:
gehorcht ihr mir nicht in allem pünktlich, seid ihr nicht verschwiegen wie die
Mauern, dann wisst, dass der Töpfer so gut den Topf zerschmeissen kann, als er ihn
bildete. Troppau muss von nun an nicht eine Stunde zur Besonnenheit kommen: wir
müssen ihm seinen Paroxysmus von Weisheit ganz vertreiben: er muss mit Vergnügen
überfüllt werden, dass es ihm gar nicht einfällt, an seine Liebe zu dem Mädchen
zu gedenken. Ich will schon sorgen, dass er sie wenig zu sehen bekömmt. Itzt wisst
ihr alles, was ihr zu tun habt: ich ermahne euch noch einmal - seid klug und
verschwiegen oder - zittert!«
    Sie sprach's, räusperte dreimal ihren rauhen Hals, und beide Zuhörerinnen
klatschten ihr Beifall zu und gelobten ihr Gehorsam und Verschwiegenheit an.
Lairesse wälzte sich vor Freuden auf dem Sofa, dass sie den jungen Menschen zum
Narren haben sollte, und Rosier hüpfte wie eine Elster und lispelte mit
Händeklatschen: »Das ist hübsch! das ist hübsch!« - Die Ratsversammlung erhub
sich in das Zimmer, Vignali stimmte ihre Muskeln zur Freundlichkeit und Liebe
um, und Herrmann wurde zur Gesellschaft gerufen.
 
                                Drittes Kapitel
Die listige Vignali lenkte sogleich das Gespräch auf die Untreue der Mädchen und
führte bittre Klagen über die Wankelmütigkeit ihres eignen Geschlechts, erzählte
Geschichten von hintergangenen Liebhabern, die ihr Leben gegen die Beständigkeit
ihrer Geliebten verwettet hätten: die übrigen beiden Nymphen brachten auch einen
Zuschuss von ähnlichen Begebenheiten herbei. Hermann schwieg, seufzte und machte
Betrachtungen bei sich.
    Auf einmal sprachen die drei Schönen leise, als wenn er es nicht hören
sollte, wiewohl sie eigentlich seine Aufmerksamkeit noch mehr dadurch zu reizen
suchten, dass sie durch öftere Seitenblicke nach ihm, durch öftere halblaute
Warnungen, dass man den armen Herrmann nicht kränken müsste, sich ein
Stillschweigen auferlegten und immer lauter und öfterer Ulrikens und seinen
Namen nannten: eine wollte es schlechterdings nicht glauben, die andere hielt
eher des Himmels Einsturz für möglich als so eine Treulosigkeit, und die dritte
stritt mit aller Zuverlässigkeit dafür. Herrmann wurde rot, horchte mit allen
Ohren auf das zischelnde Gespräch und kochte am ganzen Leibe, als er aus dem
geheimnisvollen Geschwätze eine Geschichte erriet, die er nur fürchten, aber
nicht glauben konnte.
    Endlich, als man ihn in Gärung geraten sah, fing man an, sich laut zu
erzählen, wie glücklich Ulrike sei, dass kein Mädchen in Berlin so viele Anbeter
habe als sie. - »Ich weiss keinen als den Leadwort«, sprach Vignali. - »Und
Monsieur Piquepoint!« rief Lairesse. - »Und der sklavonische Graf!« lispelte
Rosier. - »Den Herrn von Troppau können wir auch dazu rechnen«, hub Vignali
wieder an. - »Und den Herrn Bassano bitte ich nicht zu vergessen!« sagte
Lairesse. - »Und wie heisst denn der da?« lispelte Rosier. »Wisst ihr nicht?
Monsieur Nattier.« - »Das sind ihrer doch nicht mehr als sechse«, rief Vignali
laut und vernehmlich, als wenn sie zur Ausruferin darüber bestellt wäre.
Lairesse konnte des Spasses nicht satt werden und nannte noch wenigstens drei
oder vier Kastraten her, die Herrmann nicht kannte und von denen er also nicht
wusste, wie wenig fürchterliche Nebenbuhler sie waren. »Das Mädchen kann sich
nicht erhalten«, versicherte Vignali. »Gebt acht! sie fällt, ehe man sich's
versieht.«
    Lairesse. Ich setze nicht eine Stecknadel dagegen. Sie sind ohnehin alle
schon ziemlich weit mit ihr gekommen.
    Rosier. Und ich wette nicht um eine Seifenblase. Sie ist auch nicht wenig
froh, so eine Herde Liebhaber zu haben.
    Vignali. Aber ich beklage nur den armen Menschen. So viele Liebe gegen ihn
vorzugeben, und doch so eine Menge anderer daneben zu haben! Wie nur jemand so
falsch sein kann! -
    Herrmann glühte, stund mit einem Seufzer auf: - »Der arme Teufel ärgert
sich«, sprach Vignali zu ihren beiden Freundinnen, »finissons!« - »Er muss es
doch einmal erfahren«, setzte Lairesse hinzu, »besser zeitig als spät!« -
Vignali gebot noch einmal Stillschweigen und holte buntes Papier: Herrmann musste
sich niedersetzen und arbeiten helfen: man schnaubte nicht mehr von Ulrikens
Untreue. Der arme Verliebte war äusserst zerstreut und im eigentlichen Verstande
auf der Folter: er konnte nichts glauben, und gleichwohl war doch alles so
wahrscheinlich.
    Sobald der Herr von Troppau anlangte, wurde er von Vignali auf die Seite
genommen und empfing ohne sein Bewusstsein eine Rolle bei ihrem rachsüchtigen
Plane. Sie berichtete ihm, dass Monsieur Piquepoint eingeladen sei, worüber er
sich von Herzen freute, und dass er ihn überreden solle, Ulrike habe sich in ihn
verliebt und sei zu bescheiden, ihm ihre Liebe anzutragen, weswegen sie sich
bloss begnüge, ihm ihren Schattenriss zu überschicken; sie hoffe den seinigen zum
Gegengeschenk zu erhalten. Herr von Troppau war entzückt über das Possenspiel
und beförderte aus Liebe zum Vergnügen Vignalis Absichten wider Herrmanns Ruhe.
    Dieser Monsieur Piquepoint - wie man ihn zum Scherz hiess - war ehemals
Schneider gewesen, hatte unvermutet eine reiche Erbschaft von einem Vetter in
Holland getan und sogleich Nadel und Bügeleisen zum Fenster hinausgeworfen. Weil
er ehedem als Geselle in Paris gearbeitet hatte, war ihm ein wenig von der
Sprache hängengeblieben, welches ihn verleitete, schon als Schneider seine
kleine Wissenschaft bei jeder Gelegenheit auszukramen: alles um und an ihm bekam
französische Namen, und er hielt es für eine Beschimpfung, worüber er auf der
Stelle Beschwerde führte, wenn man ihn deutsch anredete. Da er vollends soviel
Vermögen bekam, wurde es zur Todsünde, wenn man nur mit einem Worte sich merken
liess, dass man ihn für einen Deutschen hielt. Er wollte schlechterdings ein
vornehmer Herr scheinen und glaubte es wirklich zu sein, wenn er die Laster und
Torheiten der Vornehmen nachahmte: er überliess sich also den entsetzlichsten
Ausschweifungen der Liebe, und da kein Mädchen anders als durch den Nutzen
angelockt werden konnte, ihn nur Hoffnung zur Begünstigung zu machen, so
kosteten ihm seine verliebten Abenteuer unmässiges Geld, und meistenteils
endigten sie sich damit, dass er um den Genuss betrogen und ausgelacht wurde:
indessen, das machte ihm wenig Sorge: er beging seine Ausschweifungen aus
Eitelkeit, und darum war es zu seiner Zufriedenheit genug, wenn nur die Leute
wussten, dass er mit dieser Schönen, mit dieser Tänzerin, jener Aktrice in
Verbindung stund: er wollte nichts als die Miene der Ausschweifung haben, und
sein ganzes Gesicht wurde mit Vergnügen wie mit einem Firnis überzogen, wenn man
ihm einen verliebten Ritterzug mit dieser oder jener berühmten Schönheit schuld
gab. Seine Narrheit und sein Geld lockten viele junge Leute herbei, die auf
seine Unkosten teils schmarotzen, teils sich belustigen wollten: sie hatten ihn
auf alle Weise zum besten, und wenn sie ihn ein ganzes Abendessen hindurch, das
er bezahlen musste, herumgetummelt hatten, dann genoss oft einer von ihnen die
Gunst, die der arme Narr durch sein Gastmahl und vorhergegangne Geschenke zu
erkaufen suchte, während dass ihn die übrigen Gäste auf seine Rechnung zu Boden
tranken. Eine zweite vornehme Torheit, die er bis zum Übermasse trieb, war seine
Sucht, französisch zu reden und ein Franzose zu scheinen: er würdigte keinen
Deutschen eines Blicks, wenn er ihn seine Muttersprache reden hörte, und seine
Frau und Kinder liess er beinahe verhungern, weil sie Deutsche waren und kein
Französisch sprachen. Er veränderte deswegen seinen Namen, und der Herr von
Troppau, ein grosser Namenerfinder, schlug ihm zum Scherze die Benennung
Piquepoint vor, die er mit Dank annahm und beständig beibehielt: wer ihm einen
süssen Augenblick machen oder sich bei ihm einschmeicheln wollte, hiess ihn
Monsieur de Piquepoint, und endlich adelte man ihn so allgemein, dass er sich
selbst einbildete, ein Edelmann zu sein, und es übelnahm, wenn ihm jemand das
Wörtchen de entzog: auch hütete er sich sorgfältig, mit einem andern Menschen
als mit seinesgleichen umzugehen, wie er den Adel nannte. Dieser ausgesuchte
Narr hatte mit der Lairesse, als sie noch Tänzerin war, ein paar tausend Taler
durchgebracht, doch ohne dass es ihr etwas half, weil ihre Unbesonnenheit mehr
ans Verschwenden als ans Bereichern dachte: sie hatte ihn in Vignalis
Bekanntschaft gebracht, die ihm um so lieber zum Abendessen lud, weil der Herr
von Troppau nie aufgeräumter war, als wenn er den selbstgeadelten Schneider
durchziehen konnte; und auch die übrige Gesellschaft fand ihre Rechnung dabei,
weil schon sein Französisch allein hinreichend war, um einen Abend über ihn zu
lachen.
    Er kam diesmal sehr spät, in einem buntsamtnen Kleide, wie der vollkommenste
Stutzer herausgeputzt und so entsetzlich parfumiert, dass er eine herumwandelnde
Apoteke zu sein schien. Er war ein dickes, untersetztes Männchen mit einem
rotkupfrichten Gesichte und machte, zur Nachahmung der französischen
Flüchtigkeit, jede Bewegung mit so komischer Behendigkeit und so steif wie die
Kartenmänner, die mit einem Fadenzuge den ganzen Körper bewegen: auf dem Absatze
konnte er sich so meisterhaft umdrehn, als wenn er auf einer Spindel liefe.
Sobald er hereintrat, rief ihm der Herr von Troppau französisch entgegen:
»Monsieur de Piquepoint, woher kommen Sie so spät?«
    »Ah«, antwortete er schmunzelnd, »on n' dit ça d'apord, Monsieur lé Baron.«8
    Herr von Troppau. Von welcher berühmten Schönheit? Soll ich raten?
    Piquepoint. Ah, Monsieur lé Baron, ça vous né devine pas. Lairesse schrie
ihm von hinten einen Namen hastig ins Ohr. - »Pardon, Mademoiselle!« rief er und
drehte sich auf dem Absatze zu ihr, »né mé parlez par lé derriere.«
    Der Herr von Troppau kündigte ihm darauf einen neuen Sieg an und nahm ihn
auf die Seite, um ihm Ulrikens Schattenriss zu geben, mit der Nachricht, dass sie
ein Gleiches von ihm erwarte. »Das arme Mädchen schmachtet recht nach Ihnen«,
setzte der Herr von Troppau hinzu. - »Elle languit!« schrie Piquepoint, ganz
ausser sich. »Ah, la pauvre petite chose!« (»Das arme kleine Ding!«)
    Herr von Troppau. Aber Sie müssen Mitleid haben. Lassen Sie das arme Mädchen
nicht zu lange schmachten!
    Piquepoint. Pacienza, Monsieur lé Baron! Je fais ça, comme les grands
Seigneurs de campagne: dans lé commencement jé marche sur les filles un peu
horriblement: mais si ils se donnent, jé suis douce comme de la marmelade. -
    Unterdessen, da dies Gespräch noch einige Zeit fortgesetzt wurde und
Monsieur de Piquepoint seine Freude über Ulrikens Liebe auf alle Weise
auszudrücken bemüht war, besteckte ihm die mutwillige Lairesse den Haarbeutel
mit einer Menge Scheren und Bügeleisen von buntem Papier: und berichtete
jedermann, dass Herr Piquepoint heute sein Wappen angehängt habe. Wohin sich der
verspottete Naar kehrte, fing man an zu lachen, und kaum hatte er sich hurtig
nach der lachenden Person hingewandt, so brach hinter ihm eine andre los: er
sagte einige von seinen Bonmots über das Lachen, und weil es sich vermehrte -
welches er seinem gesagten Witze zuschrieb -, so drehte er sich wie ein Dreher
voller Lustigkeit herum und lachte selbst mit. »Ah«, rief der dumme Tropf und
klatschte in die Hände, »je pé (peux) amiser les gens en maître qu'ils crévent
pour rire.«
    Bei Tische hatte er Ulrikens Silhouette beständig neben sich liegen, küsste
sie und musterte ihre Reize, versicherte, qu'il l'aimoit toute entiere, son ame
et son corps, und schwatzte so viel aberwitziges Zeug, besonders wie er ihr
seine Liebe bezeugen wollte, dass Herrmann die Geduld verlor und ihm den
Schattenriss heimlich wegnahm. Wie unsinnig schrie und wehklagte der Narr, als er
den Verlust inne ward, und bot einen, zwei, drei Dukaten, wenn man ihn
wiederschafte.
    »Und wenn's tausend Dukaten wären«, fing Herrmann an, »so soll er nicht in
so unwürdige Hände wieder kommen.«
    Piquepoint. Ces mains sont au Monsieur de Piquepoint: savez - vous ça bien,
mon petit Monsieur!
    Herrmann. Einen ausgemachten Narren gehören sie.
    Piquepoint. Quoi? Moi une boufon! Allons, je me duelle! je me duelle. -
    Er trat wirklich mitten in die Stube und zog den Degen: Lairesse stund auf,
zog eine Schere aus der Tasche und erbot sich, Herrmanns Verfechter zu sein. -
»Quoi?« rief Piquepoint, »vous voulez être son champignon? (champion). Allez, ou
jé vous pique! - Non, non«, unterbrach er sich sehr sanftmütig, kniete nieder
und legte ihr den Degen zu Füssen,»pour les Dames jé place mon epée sur la terre.
- Voyez-vous?« sagte er zu Herrmann, als er wieder aufstund, »Vous êtes echapé
par ste Demoiselle.« - Die Silhouette blieb für ihn verloren.
    Nach Tische erbot sich Lairesse, seinen Schattenriss zu machen, da er ihm zum
Gegengeschenk versprochen hätte: er setzte sich, und sie erhöhte die Hässlichkeit
seines Gesichts so sehr, dass es wie eines von den Polischinellen aussah, die sie
in buntem Papier ausschnitt: dem ungeachtet küsste er ihr demütig die Hände dafür
und versicherte, dass ihn in seinem Leben noch niemand so gut getroffen habe: sie
machte sogleich eigenhändige Anstalt, es aufzupappen, und kleisterte im Kabinett
das scheussliche Profil auf einen Bogen türkisches Papier, dass der ganze
Schattenriss einem Gesichte ähnlich sah, das vor kurzem die Blattern gehabt hat.
    Herrmann langte von der grossen Lustigkeit sehr unlustig in seinem Zimmer an:
nicht als wenn ihn der Narr eifersüchtig gemacht hätte! sondern dass man zu einer
solchen Art des Spasses Ulriken wählte, das beleidigte ihn. Die vielen Liebhaber,
die man ihm vorgezählt hatte, gingen ihm doch nicht wenig im Kopfe herum: er war
zwar wegen Ulrikens Treue festiglich versichert, allein die Empfindung der
Liebe, die andre für sie fühlten, beneidete er schon: er war ein so
habsüchtiger, missgünstiger Verliebter, dass er gern alle Lichtstrahlen von ihrem
Gesichte auf sich allein gelenkt oder ihre Gestalt in eine beständige Nebelwolke
für jeden andern gehüllt hätte, damit alle Empfindung des Wohlgefallens, die sie
erregen konnte, sich allein in seinem Herze versammelte. Und dann! Verführung,
Überraschung durch List war seine grosse Furcht. Wie ein Geiziger, der ängstlich
seinen Schatz gern bei sich tragen möchte, um ihn vor Diebstahl zu sichern,
schloss er die eroberte Silhouette in die Kommode und beklagte sehr, dass er das
Original nicht zugleich mit verschliessen konnte.
    Den folgenden Morgen bekam er einen Brief von Ulriken, der den weiteren
Erfolg von der Liebesgeschichte des Herrn Piquepoint entielt.
Heute früh, Heinrich, habe ich ein grosses Schrecken und eine grosse Lust gehabt.
Der Phantast, Monsieur de Piquepoint, den Du vermutlich nunmehr auch kennen
wirst, trat ausserordentlich geputzt zu mir herein, machte eine unendliche Menge
seiner zierlichen Verbeugungen und warf sich gerade vor mir hin auf die Knie:
ich erschrak und dachte wahrhaftig, der Narr wäre verrückt geworden. Er zog
unter dem Rocke einen grossen, mit Goldpapier eingefassten Bogen hervor, worauf
ein abscheuliches Fratzengesicht von buntem Papier geklebt war, ein so
possierlicher, rotgeschundner Kopf, dass ich mich vor Lachen nicht halten konnte.
- »Ist das Ihr Portrait?« fragte ich ihn. - »Qui, oui, ma charmante bête!«
antwortete er voller Süssigkeit, hustete und sagte mir kniend vier französische
Knittelverse her, die er diese Nacht gemacht haben will. Ich habe sie
aufgeschrieben: hier sind sie:
Acceptez, divine Deese,
Le portrait d'un Amant,
qui vous aime sans cesse,
Accordez-moi un rendez-vous,
Ou mon amour me rend très-fou.
Zuletzt, da ich nicht glauben wollte, dass es sein Produkt wäre, gestand er mir,
dass es ein Billett sei, das einmal ein deutscher Baron an eine Französin
geschrieben habe. »C'est un seigneur«, setzte er hinzu, »qui crache des ver
françois, tant il est françois, tout françois: c'est un Monsieur de qualité,
comme il faut; il parle allemand comme un cochon, mais lé françois, il lé parle
comme lé diable; et il ecrit françois comme un enfant en France« (französisches
Landeskind). Die Possen, die er ausserdem noch sagte und tat, waren unzählig: er
liess mir keine Ruhe, bis ich ihn wegen der gefoderten Zusammenkunft auf eine
bessere Zeit vertröstete: wenn ich über sein unverschämtes Verlangen zürnte,
besänftigte er mich mit so komischen Ausdrücken, dass ich meinen Zorn vergessen
und lachen musste: um seiner loszuwerden, musste ich ihm die Hoffnung geben, dass
er bei Gelegenheit nähere Nachricht bekommen sollte.
    Es ist mir höchst verdriesslich, dass der Phantast mit mir seine Narrenrolle
zu spielen anfängt: er berühmt sich immer mit so vielen unsinnigen Zeuge, dass
ich sicher durch ihn in die Rede der Leute kommen werde. Ob ihm gleich niemand
glaubt, weil man weiss, dass er ein Naar ist, so könnte doch sein Geschwätze mehr
Menschen auf mich aufmerksam machen, als ich wünschte; denn ich vermeide mit
Fleiss alle öffentliche Örter, wo viele Leute beisammen sind, seitdem man mein
Portrait hergeschickt hat. Ich lebe seitdem so eingezogen wie eine Nonne; und so
ist es der Frau von Dirzau recht, die mich schon deswegen gelobt hat, besonders
weil ich jetzt weder zu Vignali noch in die Abendgesellschaften komme. Wenn sie
wüsste, wie gern ich ihr Lob entbehrte! Aber ich begreife doch nicht, was dem
Herrn von Troppau im Kopfe liegt, dass er der Vignali den Umgang mit mir
untersagt. Ich mache mir tausend Grillen darüber und sinne, ob ich ihn oder
Vignali beleidigt habe: es bleibt mir ein Rätsel. Mein Leben ist dadurch äusserst
verdriesslich und traurig geworden: den ganzen Tag bin ich allein auf meinem
Zimmer oder mit meiner Karoline, die vor Sittsamkeit und Vernünftigkeit unter
den Händen ihrer Tante stumm wie ein Stockfisch geworden ist; man kann nicht ein
muntres Wort aus ihr bringen. Bei Tische ist die Langeweile so gewöhnlich und
unausbleiblich da wie das liebe Brot: sie ist unser Hauptgerichte. Also liegt
mir der ganze lange Tag auf dem Nacken wie ein schweres Joch. Ich will lesen;
aber es schmeckt mir kein Buch, ich kriege Kopfschmerzen, die Gedanken laufen
mir im Kopfe herum, und dabei ist so eine Leere, so eine langweilige
schmerzhafte Leere in meiner Seele, wie in einem Magen, der drei Tage gefastet
hat. Ans Arbeiten darf ich gar nicht denken; denn mir ekelt, wenn ich nur eine
weibliche Arbeit liegen sehe. Schreiben? - das tu ich ja wohl, aber es gelingt
mir nicht: alles klingt mir so steif, so hölzern, dass ich's zerreissen möchte:
ich tu es auch oft genug; denn dies ist von vier Briefen der erste, den Du
bekömmst; und noch möchte ich ihn lieber ins Feuer werfen, so elend ist er, so
schleppend, so schläfrig, so langweilig wie ich selbst und alles um mich her.
Fürwahr, man wird so eines abgeschmackten ungesalznen Lebens überdrüssig, und
ich wäre jetzt aus Verdruss zu allem fähig, um mir nur die Last vom Halse zu
schaffen. - So einen entsetzlichen Ekel vor allem, was ich denke, tue und
empfinde, hab ich in meinem Leben nicht gespürt: meine eignen Gedanken machen
mir Langeweile.
    Was das für eine abscheuliche Schrift ist! Es wird kaum zu lesen sein: da
liegt mir nun das Tintenfass so voller Federn, dass ich immer die unrechte fasse:
ich will sie alle zerstampfen, die unseligen Federn!
    Ich bin des einfältigen Schreibens müde: ich bringe doch nichts Gescheites
zustande. Lebe wohl.
Ich sah Dich eben jetzt am Fenster mit Vignali lachen. Sage mir, wie Du das
kannst! Stellest Du Dir nicht vor, dass ich vor Verdruss vergehen möchte, und
unsre Trennung, die ewige Störung unsrer Liebe liegt Dir so wenig am Herze, dass
Du noch lachen kannst? - O Heinrich! Leichtsinn ist sonst nicht Dein Fehler: es
ist also Unbeständigkeit, überlegte Unbeständigkeit, dass Dich Vignalis Vergnügen
stärker rührt als mein Kummer. Hat sie Dich etwa schon so fest mit ihren Fesseln
umschlungen, dass Dir das Mitleid gegen die arme vergessne Ulrike Mühe kostet?
Bist Du schon so sehr mit Vignali einverstanden, dass Du ihren Triumph über mich
durch Deine Freude empfindlicher machen willst? Ich versichre Dich, Dein Lachen
ging mir durch Mark und Bein. O ich Törin! dass ich Dich in die Hände eines so
listigen Weibes brachte! Du kannst, Du kannst mir nicht treu bleiben, wenn Du
gleich wolltest: es ist um mich geschehn! Aber wisse! Untreue kann nur durch
Untreue gerächt werden; und gewiss ein schwerer Schritt, wenn ein Mädchen aus
Rache Untreue begehen muss! der Schritt in den Sarg kann nicht schwerer sein.
    Heinrich, wenn es noch Zeit ist, erbarme Dich Deiner Ulrike! Ich wohnte in
einem Rosengarten, ehe Du kamst: seitdem Du hier bist, wohne ich im Kloster,
schlafe auf Dornen, der Fussboden wird mir zum zackichten Felsen und die ganze
Welt eine Wüste. Nun willst du Freuden des Paradieses voll, rein, unerschöpflich
geniessen, hoffte ich, als Du zu Vignali zogst; und ach! - ich durfte kaum
hineinblicken in das Paradies. - Keine Liebe, keine Sorge.
                                                                              U.
Dies war der letzte Brief, den Herrmann empfing: seine Antwort darauf, die
Ulriken wegen ihrer Besorgnis beruhigen sollte, wurde nebst den folgenden, so
viel sie ihrer beiderseits schrieben, von Vignali zurückbehalten: also war ihnen
auch diese Art der Mitteilung benommen, doch ohne dass eines das Stillschweigen
des andern der wahren Ursache zuschrieb. Herrmann wurde nunmehr gar nicht auf
sein Zimmer gelassen als des Nachts und zur Zeit des Anziehens und Auskleidens:
die ganze übrige Zeit musste er bei Vignali zubringen, mit ihr ausfahren, sie
bald dahin, bald dortin führen. Das heimliche Gezischel zwischen ihr und ihren
Mitverschwornen nahm täglich zu, und jeden Tag erzählten sie sich, wie weit der
Lord Leadwort, wie weit der sklavonische Graf, dieser und jener mit Ulriken
gekommen sei: dabei äusserte man das grausamste Mitleiden gegen den betrognen
Herrmann und liess ihm nichts als den elenden Trost, dass er Gleiches mit Gleichem
vergelten könnte. Er wagte nicht, jemandem seinen geheimen Kummer über dies
halblaute Reden mitzuteilen, sondern litt geduldig wie ein Märtyrer: was ihn
jeden Tag vermehrte, war die Wahrscheinlichkeit des Verdachtes, der mit jedem
Tage wuchs. Einige Morgen hintereinander führte ihn die tückische Vignali ans
Fenster, damit er den Lord Leadwort erblicken sollte, der Ulriken auf ihr
Anstiften so früh besuchen musste und ihr jedesmal aus Ulrikens Fenster einen
guten Morgen bot. Sie hatte den verliebten Lord überredet, dass sich die spröde
Ulrike durch anhaltende Zudringlichkeit gewiss gewinnen lasse; und er war so gut
und folgte ihrem Rate. Das arme geängstigte Mädchen klagte zwar ihr Herzeleid in
ihren aufgefangnen Briefen, weinte, kümmerte und härmte sich doppelt über das
Zusetzen und Zudringen des Lords und über Herrmanns vermeinte Untreue; denn was
konnte sie aus einem so langen Stillschweigen anders argwohnen, als dass Vignali
ihn überwunden habe? Sie war wider die himmelschreiende Treulosigkeit beider zu
sehr aufgebracht, um ihnen mündliche Vorhaltung darüber zu tun: sie schien sich
der beleidigte Teil und konnte also unmöglich den Anfang zur Wiederkehr machen.
Wenn sie des Nachts zu einem Schlummer erwachte, stund ihr Vignali und Herrmann
mit umschlungnen Armen, lachend, froh, küssend und scherzend vor ihren Augen:
die stolze Siegerin warf einen verachtenden triumphierenden Blick auf sie,
welcher der schlummernden Verlassnen wie ein schneidendes Schwert durch das Herz
fuhr: beide flohen in verliebter Vertraulichkeit und mit spottendem Gelächter
über die leichtgläubige, hintergangne Ulrike hinweg: die Träumende wollte ihnen
nach, sie sprang aus dem Bette, erwachte und sah sich allein, bebte vor dem
melancholischen Scheine der Nachtlampe und dem stillen Grausen des dämmernden
Zimmers. Hurtig warf sie sich wieder in die Betten, wickelte sich tief ein,
ächzte und weinte. Selbst wachend fuhr ihre aufgeregte Einbildung fort, sie mit
Kummerbildern zu quälen: aus jedem Schatten, den die düstre Lampe in einem
Winkel malte, aus jedem schmalen Scheine, den sie auf die Wand warf, schuf ihre
Phantasie eine Vignali und einen Herrmann: die Täuschung ging so weit, dass sie
ihr Zischeln, ihr halblautes Lachen hörte; sie verbarg Augen und Ohren tief in
den Betten und schluckte mit neuen Tränen ihren Ärger hinab.
    Sie schrieb in diesem Zustande zuweilen einige Hauptszenen desselben auf
Zettelchen, wovon sie die meisten verbrannte und nur einige aufbehielt, weil sie
sich in ihrem Arbeitsbeutel verkrochen hatten. Auf einem steht: Das war ein
harter Kampf heute früh. Warum muss nun der verwünschte Lord jedesmal zu mir
kommen, wenn ich am meisten vom Kummer entkräftet bin und über die Treulosigkeit
des Undankbaren, der mich so schnell vergass, geweint und gewehklagt habe? Als
wenn er mit meiner Betrübnis in geheimer Verbindung stünde, kömmt er nur dann! -
Wahrhaftig, fast sollte ich glauben, dass böse Geister Gedanken eingeben können;
denn wohl tausendmal fährt mir die Idee durch den Kopf: Wie? wenn du dich an dem
Undankbaren rächtest? Was nützt Tugend und Beständigkeit, wenn nur Herzeleid und
Kummer ihr Lohn ist? Haben Vignali und andre ihresgleichen nicht unendlich
grössere Freuden als ich? Ohne Liebe des Herzens schwimmen sie im Vergnügen: ein
Liebhaber, der sie verlässt, ist ihnen nicht mehr als eine Stecknadel, die sie
verlieren: es gibt ihrer mehr. Weg mit allen den Grillen von Tugend und Liebe!
Einbildungen sind's! Vignali hat mir's oft genug gesagt, dass ich an die Grillen
nur glaube, weil ich die Welt nicht kenne. Sie hat recht: ich will dem
Anerbieten des Lords Gehör geben, will dem Vergnügen nachgehn und alle die
Zierereien von Delikatesse und Ehre vergessen. Die Liebe hat mich einmal zu
einer Entlaufnen, zu einem übelberüchtigten Flüchtlinge gemacht: meine Ehre vor
der Welt ist dahin: was hab ich weiter zu fürchten? - Vignalis Zustand ist ein
Himmel, der meinige eine Hölle; und doch bildete ich mir so viel über sie ein,
weil ich tugendhaft liebte, und hielt Tugend und Glückseligkeit für zwo
Schwestern: nein, es können wohl weitläuftige Verwandten sein, aber sie
vertragen sich auch so schlecht wie Verwandte.
    Auf einem andern Blatte, worauf sie Zwirn gewunden hatte, ist etwas
unleserlich geschrieben: Wenn nur ein Engel vom Himmel käme und mir sagte, ob
Vignalis Leben ein Verbrechen ist! Liebe macht unglücklich: das hab ich leider
erfahren: sie hat mich zu Unbesonnenheiten verleitet, um Stand und Ehre
gebracht. - Herrmann ist zeitiger zur Erfahrung gelangt als ich. Er hat das
Schimärische der Liebe eingesehn. Er hat ihr entsagt. Warum sollte ich nicht dem
Beispiele folgen? So viele tausend, die der Liebe höhnen und für das Vergnügen
leben, werden doch klüger sein als ich phantastisches Mädchen? - Ich träume noch
in der Welt herum: ich kenne sie noch nicht: Vignali hat recht darin. Itzt
sind mir die Augen geöffnet worden: alles hab ich erfahren, was sie mir von der
Liebe prophezeite. Drum warnte sie mich wohl vor der schimärischen Herzensliebe.
Nicht anders! ich will dem Lord - bin ich nicht erschrocken! War mir's doch, als
wenn ein Teufel vor mir stünde und mir die Hand führte: ich fühle noch, wie ich
mich losriss. - Was das für tolle Einbildungen sind!
    Den Inhalt eines dritten übergebliebnen Zettelchen, das sehr zerstochen ist,
kann man nur durch mühsames Raten herausfinden. Es fängt abgebrochen an: Nein!
ich will nicht! meine ganze Seele widersetzt sich dem Gedanken, eine Buhlerin zu
sein oder das Weib eines Mannes, der nicht liebt, der wollüstig seine
vorgegebene Liebe auf den Kauf herumträgt und noch Geld bietet, damit man sie
nur annimmt! Ich will - nicht lieben? - Nein, mich grämen!
    Auf der umgewandten Seite steht: Wie schrecklich ist es, Liebe zu fühlen und
niemanden lieben zu können! Wie traurig, Liebe zu fühlen und den einzigen, den
man lieben möchte, seiner Liebe unwert zu finden! - O wie glücklich machte mich
heute mein Unwille! er machte mich hart, mürrisch, gefühllos: doch itzo wacht
meine ganze Seele wieder zur Empfindung auf: das Feuer ergreift mich, und ich
elendes Mädchen - muss verbrennen. - Heinrich! gern will ich dir vergeben! gern!
Kehre nur wieder! mache mir's nur nicht zu schwer, dich zu lieben. Entsage
Vignali, und meine Arme sollen dir so offen entgegeneilen wie itzo mein Herz! -
    In solchen Stunden der Liebe war sie mehr als einmal im Begriffe, zu ihm zu
gehen und ihm Vergebung für seine Untreue anzubieten, ihn durch Tränen zu
bewegen, dass er Berlin mit ihr verlassen möchte: allein teils fürchtete sie
Vignalis Übermut, wenn ihr der Versuch nicht gelänge, teils ihre heimtückische
List, die die Wirkung ihrer Bemühungen vereiteln würde, sobald sie Gefahr von
ihnen besorgte. Also jammerte und trauerte die arme Einsame über eine nicht
begangene Untreue, während dass derjenige, der sie begangen zu haben schien,
nicht weniger über die ihrige sich beschwerte: beide hatten das grösste Recht;
denn da Vignali ihre Briefe unterdrückte, musste ein jedes unter ihnen glauben,
von dem andern zuerst beleidigt zu sein.
    Herrmann klagte und wimmerte zwar nicht über die erlittne Kränkung, aber er
zürnte, er raste. Er knirschte mit den Zähnen, sooft er den Lord an Ulrikens
Fenster erblickte: jede Speise schmeckte ihm widrig, wie jedes Vergnügen. Die
Abendgesellschaft konnte um ihn herum schäkern und lachen, dass ihm die Ohren
zitterten: er bewegte keine Lippe: er hörte kaum, so zerstreut, verwildert und
vertieft war er in seinen Schmerz. Reichte ihm der Bediente ein Glas, dann hielt
er es in seiner Verwirrung für Brot und griff gerade hinein: oft trank er in der
Selbstvergessenheit so hastig und so übermässig viel, als wenn sein Magen ein
Feuerofen wäre, den er löschen müsste, und einmal goss er seiner Nachbarin ein
ganzes Glas Wasser in die Suppe, als sie ihn um das Salzfass bat. Wenn ihm
Vignali sagte, dass er mit ihr ausfahren oder ausgehn sollte, dann wanderte er
gedankenvoll auf sein Zimmer, um den Hut zu holen, vergass unterwegs seine
Absicht, stellte sich ans Fenster oder setzte sich trübsinnig auf den Stuhl und
liess die wartende Vignali vor Ungeduld vergehen, bis sie nach ihm schickte.
Einmal gab sie ihm in einer Gesellschaft bei Lairessen den Auftrag, sich zu
erkundigen, ob ihr Wagen da sei: er ging hinunter, fand ihn, setzte sich hinein
und fuhr nach Hause, und Vignali musste über eine Stunde verziehen, bis die
Kutsche zurückkam. Zuweilen belustigten seine Zerstreuungen die übrigen, oft
veranlassten sie ihm auch Bitterkeiten und empfindliche Spöttereien: aber sein
Gefühl war halb stumpf, wenigstens empfand er das Gesagte nie in gehörigem Masse:
oft konnte er die stechendsten Reden gelassen anhören, und oft erzürnte er sich
bei Kleinigkeiten, worüber er lachen sollte. Oft mitten unter den fröhlichsten
Auftritten bei Tische stiegen ihm Tränen in die Augen, und in der Gruppe
lachender Gesichter stach das seinige mit betrübter Wehmut und weinerlicher
Traurigkeit hervor: mitten im gleichgültigsten Gespräche verzogen sich seine
Muskeln plötzlich in Wut, er sprang knirschend auf und murmelte verbissne Flüche
vor sich hin. Die schlimmsten Verfolgungen musste er von Lairessens Mutwillen
ausstehn. In jeder Gesellschaft, wo er sich befand, wusste sie eine Menge
Gefälligkeiten zu erzählen, die bald der Lord, bald der sklavonische Graf von
Ulriken genossen haben sollte: ihren Nachrichten und Schilderungen zufolge war
sie ganz gesunken, ein freches, liederliches, wollüstiges Weibsbild geworden;
und wenn ihr Herrmann widersprach, dann lachte ihn die Boshafte als einen
leichtgläubigen, empfindsamen, einfältigen Duns mit den angreifendsten
Spöttereien aus. Er tat Ulriken in einem Briefe sehr lebhafte Vorhaltung
darüber, allein er wurde nicht beantwortet, weil ihn Vignali sowenig als die
vorhergehenden übergeben liess. Was war nunmehr gewisser zu vermuten, als dass sie
sich scheute, auf Vorstellungen zu antworten, die sie nicht befolgen wollte?
oder dass sie vielleicht aus Leichtsinn ihrer gar nicht achtete?
    Lairesse ging in ihrem boshaften Mutwillen so weit, dass sie den sogenannten
sklavonischen Grafen, der bisher verreist gewesen war, ohne dass es Herrmann
wusste, unmittelbar nach seiner Rückkunft in eine Abendgesellschaft zog. Er
gehörte unter die Zahl ihrer heimlich begünstigten Liebhaber und war ein
Abenteurer, dessen eigentliches Vaterland niemand wusste, weil er in jeder Stadt,
wo er sich aufhielt, ein anderes angab: bald war er ein Italiener, bald ein
Türke, bald aus Albanien, bald aus der Walachei, und in dieser Gesellschaft
wurde er der sklavonische Graf genennt. Er hatte im vorjährigen Karneval zu
Venedig grosses Glück im Spiel gehabt und hielt sich jetzt in Berlin auf, um
seinen Gewinnst wieder zu vertun. Der Mann war das drolligste Gemische von
affektierter Philosophie, natürlichem Verstande und aufschneidendem Aberwitze,
er räsonierte über alles, und oft übernahm ihn mitten in dem Laufe seiner kalten
Dissertationen der Zorn so gewaltig, dass er die Leute um sich mit den Zähnen
hätte zerreissen mögen. Lairesse, der es nur um seine Geschenke zu tun war, hatte
schon sehr oft die Stelle einer Kupplerin für ihn vertreten und erbot sich auch
itzo, es bei Ulriken zu sein. Er hatte dies gute Mädchen, wie er sie nannte,
einigemal in den Abendgesellschaften gesehn und nur darum, seiner Lüsternheit
widerstanden, weil es ihm eine Beleidigung alles Rechts zu sein schien, wenn er
nach einem Gegenstande strebte, in dessen rechtskräftigem Besitze, nach seiner
Meinung, der Herr von Troppau sich schon befand: doch jetzt, da ihn Lairesse von
dem Gegenteil seiner Mutmassung überzeugte, ward seine Begierde desto
entflammter, besonders weil man ihm dabei die Lorbeeren der ersten Eroberung
versprach. Vignali und Lairesse erboten sich, unterdessen für ihn wirksam zu
sein, bis eine günstige Gelegenheit herannahte, wo er den Kranz eines so schönen
Siegs verdienen könnte.
    In der ersten Abendgesellschaft, wo er nach seiner Reise erschien, sprach er
von Ulriken mit so vieler Entzückung, als nur ein feuriger Liebhaber von einem
Mädchen sprechen kann: Herrmann schlich während seiner berauschten Lobrede an
den Wänden herum, biss sich an den Lippen, nagte an den Nägeln, zog jede
Viertelstunde das Schnupftuch aus der Tasche, nahm Tobak, rückte an der Weste
oder Halsbinde, ob sie gleich beide vortrefflich sassen - machte mit einem Worte
alle Handgriffe eines Schauspielers, der nicht weiss, was er mit seiner Person
anfangen soll. Endlich ging der Sklavonier so weit, dass er gegen Lairesse und
Vignali, die ihm verstellterweise widersprachen, trotzig behauptete, er brauche
nur die Karten aufzulegen, so gewiss sei ihm sein Spiel mit Ulriken. Das war in
Herrmanns Ohren eine Blasphemie wider sie: Zurückhaltung wurde ihm nur zu
schwer, er fasste den Grafen von hinten zu bei dem Arme und drehte ihn hastig
herum. - »Legen Sie Ihre Karten auf!« rief er mit bitterm Lachen, »Sie sollen
doch bete werden.«
    Der Graf antwortete mit philosophischer Kälte: »Ich habe hundert
hinreichende Gründe, warum ich meine Eroberung als gemacht betrachte: aber ich
will Ihnen nur einen angeben, der stärker ist als alle Gründe in der Welt: -
Weil ich es bin!«
    Herrmann. Der Grund beweist weiter nichts, als dass Sie sehr viele Einbildung
haben.
    Der Graf. Ich räsoniere so: Wer viel Einbildung hat, muss Ursache dazu haben,
und wer Ursache dazu hat, muss viel Einbildung haben; und da meine Einbildungen
gross sind, müssen auch meine Ursachen gross sein: folglich muss ich zu meinem
Zweck gelangen.
    Herrmann. Und Sie werden nicht zu Ihrem Zweck gelangen, sage ich. Wissen Sie
warum? - Weil ich mein Leben daran wage, um Sie zu hindern.
    Der Graf. Ich räsoniere so: Ihr Leben ist weniger wert als das Mädchen, und
das Mädchen mehr als Ihr Leben: folglich können Sie mich nicht daran hindern.
Das Mädchen ist ihre bare hundert Dukaten unter Brüdern wert, und für Ihr Leben
gebe ich nicht einen halben Gulden: folglich können Sie mich nicht daran
hindern. Madam Vignali würde in meinem Vaterlande nicht mehr als neunzig Dukaten
gelten, wenn man sie zu Markte brächte, und Lairesse kaum siebenzig: aber das
Mädchen ist völlig so gebaut, wie wir sie bei uns zulande lieben. Wenn ich sie
bewegen könnte, mir in mein Gebiet zu folgen, so würde ich ihr ein paar Städte
schenken, wovon sie honett leben sollte. Sie müsste sich freilich gefallen
lassen, meine Sklavin zu heissen, weil ich sie nach den Gesetzen des Landes nicht
zur Gemahlin machen darf: und wenn Sie sich insgesamt entschlössen, mir zu
folgen, so sollte es Ihr Schade nicht sein. Ihnen, Vignali, verspreche ich drei
Dörfer: unter uns gesagt, ich danke Gott, dass ich sie loswerde; und Dir,
Lairesse, gebe ich eine Stadt mit drei Toren: und Sie, sprach er zu Herrmann,
mach ich zum Vizegouverneur meiner sämtlichen Lande, bis der itzige mit Tode
abgeht. -
    Herrmann merkte nunmehr, dass auch dieses Subjekt mit Monsieur de Piquepoint
in eine Klasse gehörte, und hielt ihn deswegen nicht für fürchterlich; er
verliess ihn voller Verachtung. Allein der Aufschneider fuhr ungestört in seinem
grosssprecherischen Tone fort. Der Herr von Troppau erzählte in der Folge, dass
ihm ein Bedienter entlaufen sei: gleich erbot sich der Graf, ihm drei Sklaven zu
schenken, wenn er sie von seinen Gütern aus der Walachei holen lassen wollte.
Vignali beschwerte sich über einige Unbequemlichkeiten ihrer Wohnung: der Graf
versicherte sie, dass er zu Hause über zwanzig Paläste leerstehen habe, die alle
zu ihrem Befehle wären, wenn man sie nach Berlin schaffen könnte. Lairesse
beklagte sich über Berlins Weitläuftigkeit und den gewaltigen Kot der Strassen:
»Sie sollten in meinen Städten wohnen«, fing der Graf an, »ich möchte, dass ich
Ihnen eine zur Probe herbringen lassen könnte: da würden Sie Gassen sehen, wie
sie sein müssen! so rein, dass man sich auszuspucken scheut!« - Man sprach von
der Schwierigkeit, mit welcher sich die Zimmer im Hause heizen liessen, und
Herrmann berichtete, dass das seinige ein Abgrund sei, der unendliches Holz
verschlinge, ohne jemals warm zu werden: »Ich wünschte«, unterbrach ihn der
Graf, »dass ich Ihnen ein paar von meinen Wäldern kommen lassen könnte: sie
verderben und verfaulen mir, weil der Überfluss nicht zu verbrauchen ist.« - Man
sprach von Öfen: der Graf hatte in seinen Palästen Sparöfen, die mit sechs
Stücken trocknen Holzes eine Stube von sieben Fenstern im stärksten Winter auf
einen ganzen Tag heizten. Man machte ihm den Einwurf, wozu ihm bei so
unverbrauchbarem Überflusse an Waldung Sparöfen nützten. - »Ja«, antwortete er,
»meine Waldungen liegen alle so viele Meilen weit von meinen Palästen, dass mich
die Transportkosten zwanzigmal höher kommen als hier das teuerste Holz.« - »So
bauen Sie lieber Ihre Paläste näher an die Wälder!« riet ihm der Herr von
Troppau. - »Ich räsoniere so«, versetzte der Graf, »wer viel Sklaven hat, muss
ihnen viel zu tun geben, und wer ihnen viel zu tun geben will, muss sein Holz
weit holen lassen: folglich lasse ich alle meine Residenzen weit von meinen
Wäldern anlegen.« - »Sonach kann Ihnen ja der Transport nicht viel kosten, wenn
er von Sklaven geschieht«, warf ihm Vignali ein. - »Der Transport nicht«,
versetzte er, »aber die Lebensmittel für so viele Sklaven, die es auf den
Schultern an Ort und Stelle tragen müssen!«
    So war der Grosssprecher unerschöpflich an Aufschneidereien und
unerschöpflich an Beschönigungen und Ausflüchten, wenn man ihm Zweifel und
Einwürfe entgegenstellte. Es durfte kaum ein Möbel oder ein anderes Bedürfnis
des menschlichen Lebens genannt werden, so hatte er eine äusserst sinnreiche
Erfindung entweder selbst auf seinen Gütern oder auf seinen Reisen an
irgendeinem Orte der Welt gesehn: er trieb den Unsinn so weit, dass er
behauptete, er habe auf einem seiner Sommersitze ein Zimmer, das man, sowie die
Gesellschaft zunähme, erweitern könnte. Er besass viele Geheimnisse in der
Medizin, wovon er zwar nie eine Probe ablegte, aber doch ungemein viel sprach.
    Auch dieser prahlerische Abenteurer belagerte die arme Ulrike mit seinen
Besuchen, und so unverschämt, dass er sie wiederholte, ob sie ihm gleich in einer
mürrischen Laune das Zimmer verbot: die beiden ältern Lieberhaber, der Lord und
Mr. de Piquepoint, setzten ihre Verfolgungen - so nannte Ulrike ihre Besuche -
ebenso unermüdlich fort. Die Frau von Dirzau ward ihr so gram deswegen, dass sie
ihrem Bruder unaufhörlich anlag, sie aus dem Hause zu tun, weil die Erziehung
seiner Tochter darunter litte: allein er gab ihr seine gewöhnliche Antwort, dass
er sich um solche Sachen nicht bekümmerte. - »Ich bezahle eine Gouvernante für
meine Tochter«, sagte er, »wenn sie nichts taugt, so ist es nicht meine Schuld:
ich kann nicht jede Woche eine neue annehmen.« - Über die häufigen männlichen
Besuche, die seiner Schwester so anstössig waren, lachte er und versprach, den
Lord und die übrigen zu bitten, dass sie künftig ganz eingestellt würden,
versprach es in völligem Ernste und vergass die Minute darauf, dass er es
versprochen hatte. Überhaupt besass er eine unaussprechliche Indolenz in allen
seinen Angelegenheiten, wünschte sehr oft, etwas zu ändern, und kam niemals
dazu: seine gesellschaftlichen Zerstreuungen rissen ihn davon hinweg, ehe er an
die Ausführung seines Wunsches denken konnte: also blieb es in seinem Hause
beständig, wie es war, schlecht oder gut, und es gehörte ein gewaltsamer Stoss
dazu, um eine Änderung hervorzubringen, wobei meistens Vignali die erste
bewegende Kraft war.
    Die bedrängte Ulrike wusste in ihrer ganzen Seele kein Mittel zu finden, wie
sie den höhnischen Vorwürfen der Frau von Dirzau entgehen sollte, die um so viel
stärker und häufiger wurden, je weniger ihr Bruder Anstalt zu der verlangten
Abänderung machte. Alle Entschuldigungen halfen nichts bei dieser grausamen
Moralistin, nichts mehr als das ausdrücklichste Verbot bei den hartnäckigen
Liebhabern. In so einer kritischen Lage gab ihr an einem Nachmittage, wo sie von
allen dreien den ungestümsten Sturm hatte ausstehen müssen, üble Laune und Ärger
einen sonderbaren Einfall ein, den sie auf der Stelle ausführte. Sie versprach
der Küchenmagd, einem hässlichen, triefäugichten alten Weibe, ein Geschenk, wenn
sie diesen Abend eins von ihren Kleidern anziehn und sich in ihr Zimmer setzen
wollte: die alte Melusine liess sich ihren Lohn zum voraus bezahlen und gab ihre
Hand darauf, dass sie die Rolle übernehmen werde. Sogleich flog Ulrike auf ihr
Zimmer zurück und schrieb an jeden ihrer drei Liebhaber ein Billett, mit dem
blossen Anfangsbuchstaben ihres Namens unterschrieben, worinne sie allen eine
Stunde zu einem Abendbesuche bestimmte. Kaum hatte der Sklavonier das seinige
empfangen, als er zu Vignali eilte und es triumphierend vorzeigte. Vignali
triumphierte nicht weniger und glaubte, ihren rachsüchtigen Zweck nunmehr völlig
erreicht zu haben. Herrmann erkannte Ulrikens Hand und war mit seinen eignen
Augen von ihrer Untreue überzeugt: er überlas mit tiefsinniger Aufmerksamkeit
unzählige Male das unglückliche Billett, legte es langsam auf den Tisch, und
neben der Hand fielen zween grosse Tränentropfen nieder, die ihm wider seinen
Willen entschlüpften: sie wurden, tief aus dem Herze, um Ulrikens Tugend
geweint. Er drückte hurtig die übrigen, welche eben nachfolgen wollten, ins
Schnupftuch, verbarg, so gut er konnte, seinen Schmerz und ging auf sein Zimmer.
Vignali, die mit einem Seitenblicke die Tränen hatte abwandern sehn, hinderte
ihn nicht, sondern empfand wirkliches Mitleid für ihn, da sie sich ohne seine
Beihilfe der Vollendung ihrer Rache so nahe dünkte. Im Übermasse ihres Mitleids
beschloss sie sogar, ihn für seine Betrübnis durch ihre eignen Reize wieder zu
entschädigen: sie war so entzückt, so trunken von ihrem Siege, dass sie sich vor
Freuden selbst nicht kannte: sie holte den niedergeschlagnen Herrmann in eigner
Person von seinem Zimmer und war äusserst geschäftig, seinen Schmerz durch alle
Arten des Zeitvertreibs zu zerstreuen; allein das Vergnügen berührte nur die
Oberfläche seiner Seele: es war keins mehr für ihn auf der Erde.
    Unterdessen stellten sich die beschiedenen Liebhaber zur bestimmten Stunde
ein; der Lord war der erste und stutzte nicht wenig, als er das ganze Zimmer mit
einem unausstehlichen Brannteweinsgeruche durchräuchert fand, der immer stärker
wurde, je mehr er sich der vermeinten Ulrike näherte. Die Alte hatte sich für
den verdienten Lohn eine Güte getan, und zwar in so reichlichem Überflusse, dass
sie auf keinem Bein stehen und kein Wort sprechen konnte. Der Lord erkannte in
der schlecht erleuchteten Stube ihr Gesicht nicht und redete sie sehr treuherzig
an, als er noch einige Schritte von ihr war: wie fuhr er zurück, als ihm ein
lautes grunzendes Gelächter und mit demselben eine ganze Atmosphäre voll
Brannteweinsdünste entgegenkam! Mit seinem gewöhnlichen Phlegma ergriff er das
Licht, um den übelriechenden Gegenstand zu beleuchten, und hatte es kaum in die
Hand genommen, als der Sklavonier, in einen weissen Mantel gehüllt, hereintrat.
Der Lord hielt ihm das Licht vor das Gesicht: er starrte den Sklavonier an, der
Sklavonier ihn: jedem starb das Wort zwischen den Lippen. Eben wollte sich ihre
Zunge lösen, als auch Mr. de Piquepoint, in dem funkelndsten Anzuge, den Degen
an der Seite, gravitätisch durch die Tür hereinmarschierte. Wie versteinert
blieb er mitten in seinem majestätischen Schritte stehn, als er die beiden
übrigen erblickte: da stunden sie alle drei, gafften einander an, und jeder
fragte den andern, was er hier wollte. Der Lord nahm den Sklavonier bei der
Hand, um mit ihm gemeinschaftlich die vorhin unterbrochne Untersuchung
anzustellen. »Mon Dieu!« schrien sie beide in einem Tempo, da ihnen die
gläsernen Katzenaugen aus dem alten runzlichten Gesichte entgegenblickten: die
Alte nahm es in ihrer Trunkenheit übel, dass man ihr so nahe in die Augen
leuchtete und fing mit stotternder Zunge aus allen Leibeskräften zu schimpfen
an. Der Lord setzte kaltblütig das Licht nieder und sprach ebenso kaltblütig:
»Wir sind betrogen.« - »Wir sind betrogen«, schrie der Sklavonier und schwur Tod
und Rache. Die Alte, die indessen in einem, fort geschimpft hatte, stund wankend
auf und torkelte auf den erstaunten Mr. de Piquepoint hin, der sich mitten im
Zimmer aufhielt und nicht wusste, wie ihm geschehn war. Kaum hatte sie ihn
erwischt, so gab sie ihm mit tölpischer Hand eine so lautschallende Ohrfeige,
dass er sich im Kreise herumdrehte. »Ah, mon joue, mon tête!« rief er winselnd
und floh: die Alte torkelte ihm nach. In der Angst rennte er an den ergrimmten
Sklavonier, der in seinem Zorne ihn bei der Brust packte und zurückstiess, dass er
der nachsetzenden Alten in die Arme stürzte und in ihrer Umarmung auf den Sofa
sank. Sie hielt den kraftlosen Schneider mit angestrengter Stärke fest,
streichelte ihm die Backen, lehnte sich mit ihrem Gesichte auf das seinige, und
wenn er vor Brannteweinsdampf beinahe erstickte und sich losmachen wollte,
strafte sie ihn mit Ohrfeigen und überströmte ihn mit ihrer ganzen
Fischmarktberedsamkeit. Der Lord sah dem Scharmützel zu und sagte frostig zu dem
Sklavonier: »Der Mann könnte leicht Schaden leiden.« - »Sie bringt ihn um!« rief
der Sklavonier, machte die Tür auf, riss die Alte los, trug sie hinaus und legte
sie auf dem Saale hin. Unterdessen hatte Mr. de Piquepoint bei dem Lord seine
Beschwerden angebracht, dass er ihn beinahe hätte umbringen lassen, ohne ihm
beizustehen. - »Aber warum?« fragte der Lord. »Sie hätten sollen zu Hause
bleiben.« - Das nahm Piquepoint übel und belferte ihm eine Menge von seinem
rotwelschen Französisch ins Gesicht, um ihn zu belehren, dass er gleiches Recht
mit ihm gehabt habe, hier zu erscheinen. Er war mitten im Flusse der Rede, als
der Sklavonier zurückkam: weil er sehr heftig sprach, gebot ihm dieser zu
schweigen. Piquepoint versicherte ihn, dass er kein Recht habe, ihm ein solches
Gebot zu tun: hurtig lud ihn der Sklavonier auf seine Schultern, trug ihn hinaus
und setzte ihn an dem nämlichen Orte ab, wo die betrunkne Alte lag: kaum merkte
Piquepoint, dass er sich in einer so übeln Nachbarschaft befand, als er aufsprang
und brüllend wie ein Besessner die Treppe hinunterlief.
    »Was wollen wir tun, Lord?« fragte der Sklavonier voller Zorn, als er
zurückkam.
    »Nach Hause gehn!« antwortete der Lord äusserst gelassen.
    Der Sklavonier. Aber wir müssen uns rächen: ich sprühe Feuer und Flammen.
    Lord. Aber warum?
    Der Sklavonier. Lord, Sie können noch fragen, warum? Ist es nicht die
grausamste Beleidigung, uns beide so zum besten zu haben? uns mit so einem
Narren in eine Klasse zu setzen? - Raten Sie, Lord, was wollen wir tun. Lord.
Eine Schale Punsch zusammen trinken und dann zu Bette gehn.
    Der Sklavonier. Ich nehme die Partie an, Lord. Bei dem Punsch beschliessen
wir Rache. -
    Sie gingen und taten, wie der Sklavonier wollte, beschlossen Rache über
Ulriken, die fürchterlichste Rache, die ein beleidigter Wollüstling über ein
unbesonnenes Mädchen beschliessen kann. Vignali war um so empfindlicher, als sie
den Morgen darauf den unglücklichen Verlauf von dem Sklavonier erfuhr, je
sichrer sie schon auf den guten Erfolg gerechnet hatte. Dies unerwartete
Misslingen setzte sie so sehr aus ihrer Fassung, dass sie auf den Tisch schlug und
schwur, das naseweise Mädchen in seine Hände zu liefern oder nicht zu leben.
 
                                Viertes Kapitel
Herrmann wusste von allen diesen Begebenheiten nichts, und weil er Ulrikens
eigenhändiges Billett gesehn hatte, hielt er den traurigen Abend, wo sie
vorgingen, für die Sterbestunde ihrer Tugend. Er siegelte noch denselben Abend,
als er von Tische kam, den goldnen Ring, den er von Ulriken zum Unterpfande
ihrer Liebe unter dem Baume empfing, in ein Blatt, welches nichts als diese
Worte entielt:
    Ulrike, dieser Ring werde das Monument Deiner Tugend, da er nicht länger das
Band unsrer Liebe sein darf. Weine bei ihm wie bei dem Grabsteine einer
Freundin, die plötzlich in der Blüte ihres Lebens dahinstarb! Blutige Zären sind
für eine Tugend wie die Deine nicht zuviel. Ich feire heute Deinen Sterbetag;
denn seit gestern bist Du für mich tot. -
    Er konnte sich nicht entschliessen, das Briefchen abzuschicken, weil ihm
Ulrikens Fall so unglaublich vorkam, dass er beinahe seinen eignen Augen nicht
traute. Nach langem Bedenken und Ängstigen stieg ihm der wunderliche Vorsatz
auf, Vignali zur Vertrauten seines Kummers zu machen: sie hatte bisher so vielen
verstellten Anteil daran genommen, dass ihm sein Misstrauen gegen sie gereute. Sie
hatte ihm seine Eifersucht und Ulrikens Untreue vorausgesagt und ihn vor der
Leichtgläubigkeit gegen sie gewarnt; und der Erfolg gab ihrer Prophezeiung so
völlig recht, dass er sich über sich selbst wunderte, wie er ihr jemals unrecht
geben konnte. Er tadelte sich, dass er ihr nicht eher sein Zutrauen schenkte, und
wie die meisten Menschen, wenn sie recht entsetzlich betrogen sind, fasste er
jetzt das Vertrauen der Verzweiflung zu ihr: er war so arg hintergangen worden,
dass es ihm nicht auf die Gefahr ankam, noch einmal hintergangen zu werden.
    Leicht zu erachten, dass ihn Vignali nicht allein bei seiner Überredung von
Ulrikens Falle liess, sondern auch aus allen Kräften darin bestätigte! Die
schadenfrohe Frau war wegen des Streiches, wodurch Ulrike den Abend vorher ihre
gewiss geglaubte Rache vereitelt hatte, in völligem Ernste so herzlich auf sie
erbittert, dass sie in einem ausgezeichnet heftigen Tone von ihr sprach. Herrmann
war überhaupt ein sehr brennbarer Zunder und stund daher sehr bald in hellen
Flammen; als er durchaus loderte, liess die hinterlistige Vignali heimlich
Ulriken rufen: unterdessen, bis sie kam, fachte sie seinen Zorn vollends bis zur
gänzlichen Feuersbrunst an. Das gute Mädchen wurde durch die unerwartete
Botschaft in solche Freude versetzt, dass sie zitterte: sie vermutete Wiederkehr,
Versöhnung, Reue, Verbindung auf ewig -alles, was nur guterzige Liebe vermuten
kann. Sie eilte, schauernd vor Vergnügen und Erwartung, hinüber, und Vergebung
schwebte ihr schon auf der Zunge: sie beschloss, gleich alle Entschuldigungen zu
verbitten und nach dem ersten ruhigen Worte Verzeihung und neue stärkere Liebe
entgegenzurufen. So, mit gespannten Segeln der Erwartung, trat sie herein: sie
bebte innerlich, als wenn sie das Fieber schüttelte.
    Vignali tat, als wenn der Besuch ein Wunder für sie wäre, und schwatzte so
viel in sie hinein, dass Ulrike nicht zum Worte kommen und fragen konnte, warum
man sie habe rufen lassen. Die falsche Frau überhäufte sie mit Liebkosungen,
berichtete ihr freudig, dass sie inskünftige ihre Besuche wieder wie zuvor
fortsetzen könnte, weil die Ursache aufgehört habe, warum sie der Herr von
Troppau untersagt hätte; und nötigte sie, auf dem Sofa Platz zu nehmen, wo
Herrmann in Schrecken und Erstaunen über diese plötzliche Erscheinung wie
angefesselt sitzengeblieben war. So gern sie diesen Platz im Herzen annahm, so
rückte sie doch dicht an das äusserste Ende, um nicht den Anschein zu haben, als
wenn sie Herrmanns Wiederkehr veranlassen oder gar den ersten Schritt dazu tun
wollte. Er stund hastig auf, als sie sich setzte, wollte zur Tür hinaus und fand
sie verschlossen - Vignali hatte bei Ulrikens Empfange verstohlnerweise das
Schloss abgedrückt - er wollte sie öffnen, aber Vignali rief ihn zurück und bat,
Ulriken unterdessen zu unterhalten, bis sie mit einem Briefe fertig wäre, den
sie notwendig itzo schreiben müsste. - »Sagen Sie ihr die Wahrheit!« zischelte
sie ihm ins Ohr und ging ins Kabinett.
    Herrmann wandelte das Zimmer auf und ab, am ganzen Leibe kochend, wollte
jeden Augenblick herausplatzen und hielt sich jeden Augenblick wieder zurück.
Ulrike sass auf dem Sofa, spielte an Vignalis Arbeit, die an einem Tischchen
angeknüpft hing, und schielte darüberweg nach Herrmann hin, voller Erwartung, ob
er nicht bald das Gespräch anfangen werde. Vor Ungeduld, dass es nicht geschah,
hatte sie schon etlichemal den Mund offen und schloss ihn sogleich wieder: es
entschlüpfte ihr sogar zweimal ein Wort, aber schnell verwandelte sie es
künstlich in einen tiefgeholten Husten. Die Liebe wollte sich bei Ulrikens
Gegenwart in Herrmanns Herze wieder emporarbeiten: sie rang in ihm mit dem Zorne
wie ein paar ergrimmte Riesen: Angstschweiss strömte ihm über das rotbraun
geschwollne Gesicht; er schlug die Daumen vor Beklemmung und innerlichem Tumulte
ein: der Zorn tat einen gewaltsamen Stoss auf Seele und Zunge, und die Worte
stürzten sich wie geflügelt heraus.
    »Unverschämte!« stürmte er auf sie los, »wie kannst du die Frechheit begehn,
dich vor meine Augen zu wagen? Ist es dir nicht genug, dass du eine Ehrlose bist,
die Zucht und Tugend vergass? Willst du mich sogar zum Zeugen deiner Schande
machen? Soll ich nicht bloss wissen, soll ich sogar sehn, wie tief du gesunken
bist? - O wenn doch ein Erdbeben unter dir den Boden geöffnet hätte, als der
letzte Funke deiner Tugend erlosch! - In der nämlichen Minute erlosch auch meine
Liebe, und kein Mensch hat noch so fürchterlich gehasst als ich seitdem. Du bist
seitdem in meinen Augen ein so niedriges elendes Geschöpf geworden, das ich
nicht zermalmen, das ich noch tiefer verachten möchte als den Staub, den meine
Füsse treten. Meine Liebe war fest wie Himmel und Erde, aber mein Hass ist stärker
als der Tod.« -
    Ulrike wollte zitternd ein paar Worte einschieben, aber er rief ihr sogleich
zu: »Schweig, Unwürdige! schweig, dass ich deinen Hauch nicht einatme! Hier, nimm
diesen Brief!« - Todesangst überfiel ihn, als er ihn aus der Tasche zog: alle
seine Muskeln arbeiteten, wie bei einer gezwungenen Trennung von dem Liebsten,
was er sich entreissen konnte: mit zitternden Händen warf er ihn auf den Tisch
und setzte bebend hinzu: »Da! lies und weine!« -
    Ulrike riss ihn auf, fuhr zusammen, als ihr der Ring entgegenfiel, und die
Tränen quollen ihr vor Unwillen aus den Augen, indem sie las. Stolz, Liebe,
Dankbarkeit waren auf das äusserste beleidigt: sie war sich lebhaft bewusst, dass
Herrmann zuerst mit Kaltsinnigkeit angefangen, zuerst den Briefwechsel
unterbrochen hatte; und nun noch obendrein so eine schnöde Behandlung, die sie
nach aller Überzeugung nicht verdiente! Sie schwieg lange und wusste nicht, was
sie tun sollte: immer war es ihr, als wenn sie seinen bleiernen Ring vom Finger
ziehen und ebenso verächtlich hinwerfen müsste: gleichwohl war es hart, sich zu
scheiden, ohne sich vorher zu verständigen. Ihr Zorn verbrauste bald. »Aber sage
mir, Heinrich!« fing sie an, »was bewegt dich zu so einem ungerechten Schritte?«
    Herrmann. Wie sehr gerecht er ist, wird dir dein Gewissen sagen.
    Ulrike. Wer hat mich bei dir verleumdet?
    Herrmann. Diese meine Augen zeugen wider dich.
    Ulrike. Worinne denn?
    Herrmann. O du Schamlose! Also willst du noch wider dich selbst zeugen, dass
du nicht bloss verführt, dass du verderbt bist? - Wehe, wehe über uns beide, dass
wir in diese Stadt, in dies Grab der Unschuld kamen! Aus Engeln macht sie
Teufel, die beharrlichsten, frechsten Teufel. Ulrike schwieg. Mit wehmütigem
Tone fing sie wieder an: »Heinrich, ich bitte dich mit Tränen, reiss nicht wegen
einer schwarzen Grille dein Herz von dem meinigen!«
    Herrmann. Wenn Tränen deine Seele wieder reinzuwaschen vermögen, dann bade
dich darin! - Aber wie sollen sie dies vermögen? Einmal verscheucht, kehrt die
Unschuld nie in ihre enteiligte Wohnung zurück. - Gott! wer hätte sich das im
Schlafe träumen lassen? dass eine so frische Blume so bald verduften sollte? -
Aber sie ist dahin! Wer mag einen Leichnam und die Unschuld eines Mädchen wieder
ins Leben bringen? - Lege dich und stirb! Was nützt dir dieser elende Odem? seit
gestern bist du doch nur eine herumwandelnde, langsam modernde Leiche.-
    Ulrike, die den Grund seines Grolls nunmehr erriet und argwohnte, dass man
ihm eins von ihren gestrigen Billetten gezeigt und verleumderische Auslegungen
davon gemacht habe, sprang auf, dass der Arbeitstisch, der vor ihr stand,
umstürzte, und warf sich um Herrmanns Hals. »Ich bitte dich«, sprach sie, »lass
dir deinen schrecklichen Argwohn widerlegen!«
    Herrmann liess sie nicht ausreden: er stiess sie von sich zurück. »Weg von
mir!« rief er, »deine Umarmung ist mir jetzt ein Abscheu, deine Berührung ein
Ekel. Mein Entschluss ist unerschütterlich, wie ich deine Tugend glaubte: ich mag
nicht lieben, was ich verachten muss. Nimm deinen Ring und stecke ihn dem ersten,
dem besten an den Finger, der deine Schande nicht weiss oder niedrig genug denkt,
um sie nicht zu achten. - Sprich nicht ein Wort zu deiner Entschuldigung! Du
konntest schwach sein: aber ich mag keine lieben, die nicht stärker war als die
Schwächste, ob man sie gleich warnte!« -
    Ulrike machte noch einen Versuch, ihn zu besänftigen, aber er gebot ihr, zu
schweigen, wie vorhin. Ihre Empfindlichkeit über eine solche Unwürdigkeit
schwoll in ihr von neuem auf: sie konnte sich unmöglich länger zurückhalten,
sondern brach in einen harten, scheltenden Tone aus. Er stund am Fenster, das
Gesicht nach der Strasse gekehrt.
    »Undankbarer!« hub sie an. »So lohnest du denen, die dich lieben? Erst
lockst du die guterzige Schwäche, dass sie dir in den Morast folgt, und wenn sie
mitten im Sumpfe steckt, dann reissest du deine Hand von ihr los, dass sie
umstürzt und darin erstickt? Weil dich grössere oder vielleicht listigere
Schönheiten reizen, darum machst du Übereilung zum Verbrechen, um nur mit mir
zanken und brechen zu können. Geh, Verblendeter! versuche, ob eine einzige von
denen, die dich von mir abgezogen haben, sich den Finger deinetwegen ritzen
wird! ob sie aus Liebe zu dir nur eine Schleife ihres Kleides hingeben wird!
Gerate in Not und versuche dann die Liebe dieser schönen Gesichter! - Heinrich,
lass dich nur überzeugen! Gern, gern will ich dir ja verzeihen -«
    Henmann. Du mir verzeihen? Welche Unverschämteit! -Du mir? die Verbrecherin
dem Beleidigten?
    Ulrike. Wer beleidigte zuerst? du oder ich? Rede!
    Herrmann. Wer zuerst Tugend, Unschuld und Scham beleidigte! Wer war das? du
oder ich? Rede!
    Ulrike. Blinder! merkst du nicht, in welchen Wahn dich meine Feinde gestürzt
haben?
    Herrmann. Deine grösste Feindin bist du selbst: du hast mir einen Wahn
entrissen, den süssesten Wahn, dass du die Tugend selbst seist.
    Ulrike. Verliert man durch eine Unbesonnenheit sogleich die Tugend?
    Herrmann. Ha! eine feine Philosophie! Man hat nur eine Tugend und nur ein
Leben.
    Ulrike. Möcht ich doch fast dieses nicht mehr haben, da ich die erste nicht
mehr besitzen soll! Kann der grausamste Barbar härter sein als du? Zu verdammen,
ohne den Beschuldigten anzuhören!
    Herrmann. Solch alltägliches Gerede wird dich fürwahr von keiner Schuld
lossprechen. Hier steht sie an deiner Stirn: sie spricht aus allen Zügen deines
Gesichts. - Mein Schluss ist einmal gefasst: meinen Ring hast du: unsre Herzen
bleiben getrennt, und wenn uns tausend Ringe zusammenbänden. Sei glücklich,
sosehr du es verdienst! Wir sind in Zukunft zween Menschen, die einander nur
kennen. -
    Er ging.
    »O ich Elende!« rief Ulrike und war sich auf den Sofa. »Ich selbstbetrognes
Mädchen! Da sitz ich nun in der Fremde unter Wölfen, die mich alle anheulen, und
auch der einzige, der mich liebte, ist ein grimmiger Wolf geworden. Da sitz ich
nun, von allen verlassen! verworfen von Mutter und Anverwandten!
    verraten von Freunden! verleumdet, verfolgt! verstossen von dem einzigen, der
mir alles dies ersetzen sollte! der mich zur Verräterin an meinem Glück, meiner
Ehre und an meiner ganzen Wohlfahrt machte! - O hätt ich mir's nie einkommen
lassen, jemanden zu lieben, den ich nicht lieben durfte! Nun ist das unbesonnene
Mädchen gestraft - Gott weiss es, härter gestraft, als Onkel und Tante es können!
- Ach, dass jemals ein Fünkchen Liebe gegen einen solchen Starrköpfigen,
Mürrischen, Undankbaren in meinem Herze glimmte! Nun hab ich's versucht, was
Liebe ist - ein blinkender, rotschimmernder, saurer Apfel, der die Zähne
stumpft, lieblich anzusehn und herbe bis in die Seele, wenn man ihn kostet. - Es
ist schrecklich! so vieles für einen Menschen zu leiden und zu tun, seine ganze
Hoffnung auf einen Menschen zu bauen, und auf einmal mit dem ganzen festen
Gebäude von Hoffnung einzusinken! in die tiefste Verachtung und Verworfenheit
hinabzustürzen! - Was wird nun aus mir werden? - Ein herumirrendes scheues
Täubchen, mitten in die weite grosse Welt hinausgejagt! - Freilich, wer verjagte
es? War es im Taubenschlage unter den Flügeln seiner Freunde geblieben, wie wohl
wär ihm jetzt!« -
    Sie weinte: eben trat Vignali herein, und ob sie gleich den ganzen Auftritt
von einem Ende zum andern an der halb offnen Kabinettür gehört hatte, so
erkundigte sie sich doch, warum sie Herrmann verlassen habe und warum sie weine.
    »Um meine Liebe!« brach Ulrike mit einem Tränenstrome aus, »und Sie,
Vignali, Sie sind ihre Mörderin.« -
    Vignali. Ich? Wie denn das? - Ach! hier liegt ja ein Ring! hat etwa die
eisenfeste Treue einen Riss bekommen? - Ich kondoliere.
    Ulrike. Wehe der elenden Spötterin, die den Riss machte! die durch
Verführungen, Aufhetzungen, Anschwärzungen meine Ruhe untergrub!
    Vignali. Mädchen, von wem reden Sie denn? Wer wird sich denn die Mühe geben,
Ihre Liebe zu stören? Wenn Herrmann Ursache findet, mit Ihnen zu brechen, wer
kann sie ihm gegeben haben als Sie selbst?
    Ulrike. Oder die Boshaften, die ihn durch falsche Eingebungen wider mich
einnahmen!
    Vignali. Sie schwärmen. Das sind Phantome, die Ihnen Verdruss und Langeweile
machen. Sie sind des Menschen satt gewesen, und weil der Trank schal geworden
ist, soll Ihnen jemand etwas Widriges hineingeworfen haben. Wer kann für
verdorbnen Appetit?
    Ulrike. Vignali, Sie sind die falscheste, heimtückischste Frau, die es geben
kann: das sag ich Ihnen dreist unter die Augen.
    Vignali. Und ich nehm es nicht übel; denn Sie sind halb verrückt: aber ich
begreife nur nicht, worüber Sie sich eigentlich beschweren. Wenn eine Schüssel
nicht schmeckt, langt man nach der andern, und hat man sich überladen, so fastet
man. Sie mögen sich eine etwas starke Indigestion der Liebe zugezogen haben. Sie
machten es also recht klug, dass Sie dem unschmackhaften Liebhaber den Laufzettel
gaben: was wollen Sie weiter? - Sie werden vielleicht ein paar Tage, auch wohl
Wochen fasten: aber Geduld, liebes Kind! der Appetit kömmt wieder; er kömmt
gewiss wieder.
    Ulrike. Vignali, ich mag Ihre hämischen Verdrehungen nicht länger ertragen.
Ich verlasse Sie.
    Vignali. Das wird auch wirklich das beste sein. Alte Liebe und alte Eichen
fallen freilich nicht ohne grosse Erschütterung: es geht durch Mark und Bein,
wenn so eine tiefe Wurzel aus dem Herze gerissen wird, das weiss ich wohl. Drum
gehn Sie, schaffen Sie sich die Kleider vom Leibe, nehmen Sie eine Herzstärkung
ein, stecken Sie sich in die Federn bis über den Kopf, und schlafen Sie bis an
den späten Morgen. Der Appetit wird schon wieder kommen. -
    Ulrike riss sich mit tränenden Augen und erstickendem Ärger von ihr hinweg:
Vignali küsste, tröstete sie, trocknete ihre Zähren ab und beklagte mit vieler
Politesse, dass sie um Herrmanns willen nunmehr, wenigstens auf einige Zeit, ihre
Besuche wieder einstellen werde, begleitete die schluchzende Trostlose bis an
die unterste Tür; und dann in einem Rennen die Treppe hinan, ins Zimmer hinein!
und mit drei Händeklatschen und drei Sprüngen rief sie ein lautes Viktoria!
    Sie vertauschte ihren Anzug mit einem weissatlasnen Deshabillé, frischte ihre
Wangen mit neuem Rosenrot auf, stellte in der weitausgeschnittnen Kleidung die
Reize des Busens mehr als gewöhnlich zur Ansicht dar, gab ihnen Glanz und
duftenden Wohlgeruch, den Augenbrauen ein tieferes Kolorit, und den Augen
erteilte die Freude ohne ihr Zutun Feuer und Lebhaftigkeit: die blendende Hand
schien mit dem Kleide von einem Stoffe zu sein, so einen täuschenden Übergang
bahnte dem Auge die dunklere Farbe des Aufschlags. Selbst der Atem wurde
schwach, aber lieblich parfümiert: alles strahlte von Schönheit an ihr, alles
duftete Liebe und Wollust: mit jeder Bewegung breitete sich ein sanfter Hauch
von ihr aus wie ein erquickendes Abendlüftchen, das den Blumen ihre Wohlgerüche
geraubt hat.
    Herrmann wurde durch ihr Mädchen befehligt, zu Madam Vignali zu kommen. Er
ging ins gewöhnliche Zimmer und spazierte gedankenvoll auf und nieder, war lange
allein, und niemand regte sich. Das Zimmer wurde von zwei dämmernden
Wachslichtern nur halb erhellt: Düsternheit und Stille machten die Szene
feierlich. Plötzlich erhub sich im Kabinett ein Gesang: es war Vignali selbst.
Ihre Stimme war mittelmässiger als ihre Kunst, aber durch die fingerbreite
Öffnung einer Flügeltür schien sie vortrefflich. Sie sang ein französisches
Liedchen, das den Abschied eines beleidigten Liebhabers an seine ungetreue
Schöne entielt: die Melodie verlor sich bald in leise zärtliche Klagetöne und
stürmte bald in brausenden Akzenten des Zorns; und das Adieu des Schlusses
wiederholte sie etlichemal mit so hinsterbender erlöschender Schwäche, als wenn
es die Liebe selbst mit dem letzten Lebenshauche ausspräche. Herrmann stund
mitten in dem Zimmer, horchend: ihm war's, als wenn das letzte Adieu aus seinem
Herze herausdränge, als wenn der Ton in seiner Kehle stürbe: die plötzlich
darauffolgende Stille machte den Abschied eindringender und die Empfindung
wahrer und stärker: es schien das Verstummen der Scheidung zu sein. Dies stumme
Intermezzo wurde durch ein ander Lied unterbrochen: der geschiedene Liebhaber
hatte eine andre gewählt, drückte voller Berauschung seine Freude über die neue
Wahl aus, triumphierte, die vorige Verletzung der Treue gerochen zu haben, und
lobte seine neue Schöne von allen Seiten: das Lied tanzte so munter und fröhlich
dahin wie ein Triumphgesang und wurde gegen das Ende ganz übermütig froh.
Unmittelbar darauf folgte eins der wollüstigsten: der begünstigte Liebhaber
schilderte voller Trunkenheit die Szene des Genusses mit lichten Farben, und was
dem Ausdrucke an Kraft und Mysteriosität fehlte, ersetzte Vignali durch gewisse
täuschende Akzente, durch wohlangebrachte Pianos und besonders durch die
angemessne Veränderung des Tempo: die Stimme ersank, wie von der Stärke der Wonne
überwältigt, und verstummte mit zitternden abgebrochnen Lauten. Herrmann stand
mit offnen Ohren und verwirrten Gedanken noch auf dem nämlichen Flecke des
Zimmers da, als sich die Kabinettüre öffnete: ein labender Duft von lieblichen
Wohlgerüchen atmete durch sie daher: die Göttin erschien und leuchtete durch die
dämmernde Atmosphäre des Zimmers wie ein neuaufgehender Stern: noch nie war in
Herrmanns Augen ihr Gesicht so blendend, nie ihre Figur so majestätisch gewesen:
der Eindruck auf seine durch den Gesang gestimmten Sinnen war hinreissend. - Ein
gewaltiger erschütternder Schlag.
    »Sind Sie schon da?« fragte Vignali, als wenn sie nichts um seine Gegenwart
wüsste. »O Sie sind ein Mensch, des Küssens wert!« - und so flog sie mit offnen
Armen zu ihm hin, drückte ihn dicht an die Brust und gab ihm einen berauschenden
entzückten Kuss. Herrmann konnte vor Behaglichkeit und Erstaunen sich nicht
erkundigen, wodurch er einen so schönen Lohn verdient hatte: sie fasste seine
Hand, streichelte, drückte und schloss sie in die ihrigen.
    »Sie haben Ihrem Affen den Abschied gegeben?« fing sie an, »Sie haben sich
bei der Szene so meisterhaft betragen, dass ich Sie krönen muss.« - Sie nahm aus
der Kommode einen Kranz von Wachs und steckte ihn mit einer grossen Haarnadel auf
seinem Kopfe fest, führte ihn zum Spiegel, umschlag ihn mit einem Arme und liess
ihn sich in dieser angenehmen Gruppe im Spiegel erblicken: dabei stimmte sie ein
Siegesliedchen an, worinne er mit Lorbeern gekrönt und unter die Sterne versetzt
wurde, und sie konnte es ungehindert in dieser Stellung durchsingen; denn
Herrmann dachte nicht daran, vom Spiegel wegzusehn, so sehr hatte er sich in die
Gruppe vertieft, die darin stand. Sie beschloss den Gesang mit einem Kusse, den
er sich mit schielendem Blicke im Spiegel geben sah, wie er ihn auf seinen
Lippen fühlte: er schien ihn in dem Glase mitzuempfinden.
    »So gefallen Sie mir!« fuhr Vignali fort und ging, umfasst mit ihm, das
Zimmer hinab. »So sind Sie ganz der liebenswürdige Mensch, wofür ich Sie
gehalten habe. Ein Mensch wie Sie konnte sich unmöglich mit einer so närrischen
Liebe lange abgeben: hab ich's nicht vorausgesagt? - Ein Mensch wie Sie kann
lieben, wo er will« -
    Hierbei trat sie vor ihn hin und gab ihm einen sehr bedeutungsvollen Blick.
    »Wo er will!« fuhr sie fort. »Er darf nur anklopfen, nur winken, nur
gebieten. Nur ein Wort dürfen Sie sprechen, und jedermann wird Ihnen mit der
Liebe zuvorkommen. O Sie haben schon manche Eroberung gemacht!« -
    dabei schoss sie einen zweiten verliebten Blick auf ihn und klopfte ihm die
Backen. Bewegung und Rede wurde immer belebter, immer auf die Empfindung
eindringender, und Herrmann blieb immer stumm: in einem so überspannten Tone war
Vignali noch nie mit ihm umgegangen. Er war aus aller Fassung, so hatte sie ihn
überrascht, und in seinem Kopfe und Herze drehte sich alles wie in einem grossen
Wirbel herum. Man brachte spanischen Wein und einen Teller Gebackenes: Vignali
trank zu Ehren des grossen Herzensbezwingers Herrmann, zu Ehren seiner gemachten,
nahen und künftigen Eroberungen: er musste dem Anstande zu Gefallen ihrem
Beispiele folgen und bemerkte sehr bald eine gänzliche Revolution in sich: die
trüben Schatten, die der Zorn und die Trennung von Ulriken in seinem Kopfe
zurückliessen, verschwanden, sein ganzer Horizont wurde lichter, und lebhaftere,
hellere Bilder tanzten mit muntern Gestalten rings in ihm herum.
    »Wo denken Sie sich nunmehr mit Ihrem Herzchen hinzuwenden, wenn ich fragen
darf?« hub Vignali an. »Nirgends!« antwortete Herrmann mit einem abgebrochenen
Seufzer. »Einmal getäuscht, mag ich's nicht zum zweiten Male werden.«
    Vignali. Nirgends? - Wissen Sie, dass Sie da eine Lüge der ersten Grösse
sagten?
    Herrmann. Keine, Madam! So gewiss dieser Wein vor meinen Augen steht, so
gewiss ist dies mein fester unveränderlicher Entschluss.
    Vignali. Und ich wette mit Ihnen, der feste Entschluss soll schon heute nach
dem Essen sehr wandelbar sein.
    Herrmann. Ich schwöre Ihnen, Madam -
    Vignali. Fi! fi! schwören Sie nicht! Wissen Sie nicht, dass man grüne Augen
und schwarze Nägel bekömmt, wenn man falsch schwört? Und Sie wollten sich
mutwillig Ihre schönen verliebten Augen und Ihre schönen fleischfarbenen Nägel
verderben? - Nein, um alles in der Welt geb ich nicht zu, dass Sie schwören.
    Herrmann. Sie scherzen, Madam; und ich rede sehr ernstaft.
    Vignali. Auch ich! In völligem Ernste versichere ich Sie, dass Sie einen
Meineid begingen, wenn Sie die Liebe verschwüren.
    Herrmann. Und ich beteuere Ihnen nochmals, dass ich nie wieder lieben werde.
Soll ich nicht wissen, was ich will und empfinde?
    Vignali. O wenn Sie das wüssten! dann redeten Sie ganz anders mit mir.
    Herrmann. Sie sind ungemein drollicht. Warum sollt ich's denn nicht wissen?
    Vignali. Weil Sie nicht verliebt sein wollen und es doch schon sind.
    Herrmann. Ich? verliebt? - Fürwahr, das kömmt mir jetzt nach einer so
widrigen Erfahrung am wenigsten ein. Wenn Ulrike so gewiss tugendhaft wäre, als
ich nicht verliebt bin -
    Vignali. Was wetten Sie? Sie sind's.
    Herrmann. Wetten Sie, soviel Sie wollen!
    Vignali. Sie sind verliebt, dabei bleib ich; und ich weiss auch in wen.
    Herrmann. Lustig! - In wen denn?
    Vignali. In mich. -
    Herrmann sah sie starr und bestürzt an: er war so jämmerlich in die Enge
getrieben, dass er weder ja noch nein sagen konnte. Sie füllte die Pause des
Gesprächs mit einem Blicke, einer Miene aus, die ihn beinahe glaubend machten,
dass sie die Wahrheit gesagt habe.
    »Närrchen!« sagte sie mit einer kleinen Frechheit, »das hab ich dir lange
schon angemerkt, dass du in mich verliebt bist. Dein schelmisches Auge hat mir's
jeden Tag millionenmal gesagt. Du armes Kind! bist wahrhaftig ganz trunken von
Liebe: wie dir die Backen glühn; wie du so schmachtend nach mir blickst! wie dir
das kleine Herz schlägt! - Und nun gar ein Seufzer? - Du brennst ja wahrhaftig
so ganz lichterloh vor Liebe, dass dir die Funken aus den Augen sprühen: nur
Geduld, mein Puppchen! Ich bin eine vernünftige Frau: ich weiss, was die Liebe
eines solchen Amors heisst: wir wollen die Flamme schon löschen, ehe du in Asche
zerfällst.«
    Herrmann. Madam, ich begreife nicht, was Sie mir heute noch überreden
werden.
    Vignali. Überreden? - Gar nichts! Ich erzähle dir ja nur, was du fühlst, was
du bist. Ich sage dir, dass du der liebenswürdigste Mensch unter der Sonne bist,
ein Adonis, mit allen Schönheiten des Geistes und des Körpers geschmückt - ein
Kupido, der mit seinen Augenstrahlen tödlicher verwundet als mit Pfeilen - ein
Gott, den Dichter und Maler nicht schöner erfinden können: ist denn das nicht
wahr?
    Herrmann. Vermutlich nicht! denn das Lob ist überspannt.
    Vignali. Lobte die Liebe wohl jemals anders als überspannt? - Lass doch
einmal sehn, ob dein Lob nicht ebenso überspannt ausfallen würde, wenn du mich
schildertest! Lass einmal hören! - Du schielst nach meinem Busen? Ich merke wohl,
damit mit fingst du dein Gemälde am liebsten an. - Wohlan! Fürs erste also, was
sagst du von meinen Busen?
    Herrmann. Madam, Sie setzen mich ausser mir: alle meine Sinne benebeln sich.
    Vignali. Lass sie dich benebeln! Antworte mir nur auf meine Frage! - Wie
findest du meinen Busen?
    Herrmann. Ich finde, dass er ein Meisterstück der Natur ist, zween
Marmorhügel, mit Rosen bekrönt.
    Vignali. Wie der Mensch so gut treffen kann! - Und dann?
    Herrmann. Ein Blumenpfad zwischen zween Rosengärten, wo Wonne und Entzücken
strömt - zween lieblich duftende Marmortempel der Liebe, wo man ihr täglich ein
reichliches Opfer von Küssen bringen
    möchte -
    Vignali. In der Tat, diese Beschreibung ist allein schon einer
Erkenntlichkeit wert. Man muss dich lieben, man mag wollen oder nicht. Du bist
einzig. -
    dabei erfolgte eine feurige Umarmung, die zu Opfern in dem Tempel der Liebe
unausweichbare Gelegenheit gab. »Und die Hand?« fragte Vignali.
    Herrmann. Es ist Vignalis Hand, die man nicht schildern, nur küssen, nur
drücken, nur liebkosen kann. Die Seele zittert, wenn man sie nur berührt: jedes
Streicheln von ihr tut erquickender als ein kühles Lüftchen am schwülen Abend:
ein Druck von ihr belebt mit so schauernder Wonne, dass das Herz flattert und
davonfliegen möchte. Vignali. Das ist vermutlich eine Schmeichelei -
    Herrmann. Nein, Vignali, die selbständigste Wahrheit, gefühlte, tausendfach
gefühlte Wahrheit!
    Vignali. Aber das Lob ist doch überspannt.
    Herrmann. Wollen Sie meine Empfindungen schon wieder besser wissen als ich?
- O den tausendsten Teil verschweig ich Ihnen, weil ich mich zu kraftlos fühle,
es auszudrücken.
    Vignali. Sie sind ein loser Schmeichler.
    Herrmann. Wenn ich Ihnen nun sage, dass ich nicht schmeichle! So wahr ich
lebe! ich schmeichle Ihnen nicht.
    Vignali. Wer weiss, was Sie mir alles heute noch überreden werden?
    Herrmann. Vignali, Sie ärgern mich mit Ihrem Widerspruche. Glauben Sie, dass
ich ein elender, fader Schwätzer bin, der Ihnen gelernte Liebestiraden hersagt?
Denken Sie, dass ich zu schwach, zu dummköpficht bin, um das Schöne und
Vortreffliche zu empfinden? - Bei dem ersten Besuche, den ich Ihnen machte,
überzeugten Sie mich, dass Sie die grösste, die hinreissendste Schönheit sind. Ich
habe seit jener Stunde Ihren Wert täglich mehr empfunden: so misstrauisch ich
gegen Ihre Freundschaft war - ich bekenne jetzt frei, dass ich dies war, und wohl
mir, dass ich's nicht mehr zu sein brauche! -, aber alles Misstrauen hinderte mich
nicht Ihre Liebenswürdigkeit zu erkennen, zu bewundern, anzubeten: Vignali ist
falsch, sagte ich oft, aber schön: und wenn ich damals jemanden ausser Ulriken
hätte lieben können -
    Vignali. So wäre ich's gewesen? - Wie glücklich, wenn ich's glauben dürfte!
    Herrmann. Sagen Sie mir nur, was Ihnen meine Aufrichtigkeit gerade heute so
verdächtig gemacht hat! Ich sage Ihnen die innersten Gedanken meiner Seele, und
doch bezweifeln Sie meine Aufrichtigkeit!
    Vignali. Zürne nur nicht! Ich glaube dir ja. Du hättest mich also damals
geliebt, wenn dich Ulrike nicht gehindert hätte? Ulrike hindert dich nicht mehr;
und du liebst mich?
    Herrmann. Ja, ich würde! aber ich habe geschworen, nie wieder zu lieben.
    Vignali. Nein, Kind! Du hast nicht geschworen: besinne dich!
    Herrmann. Aber ich habe mir vorgenommen, ein feierliches Gelübde zu tun -
    Vignali. Vorgenommen ist nicht getan! So kann ich dich vor der Narrheit
bewahren. - Ein Mensch von deinem Alter, deiner Figur, deinem einnehmenden Wesen
will die Liebe verschwören? - Man wird sich zu dir drängen, dich bestürmen, dir
die Liebe aufzwingen: siehst du nicht, wie man mich neidisch anschielt, wenn ich
mit dir fahre, mit dir gehe? wie alle Augen auf dich nur gerichtet sind? wie die
Damen sich zischeln, dich anlächeln, dir gern gefallen möchten? wie alle vom
höchsten und niedrigsten Stande stehnbleiben, wo sie dich erblicken, dir
nachsehen, einander halbleise zurufen: »Ah, ein allerliebster Mensch! ein sehr
schöner Mensch! ein Mensch zum Küssen! zum Aufessen!« - und dabei fliegt dir
mancher Seufzer, mancher zärtliche Blick entgegen. Vor zwei Tagen lorgnierte
dich eine alte, alte Dame in der Komödie so lüstern, so schmunzelnd, als wenn
sie durch deinen Anblick wieder verjüngt würde: - Und ein so allgemein geliebter
Mensch will der Liebe entsagen? Wie lange wird man dich denn das Gelübde halten
lassen? - Siehst du nun die Torheit ein? - Liebe, liebe und lass dich lieben!
Wenn du nicht mehr lieben kannst, dann tue dein Gelübde! Itzt geniesse der
Liebenswürdigkeit, womit dich die Natur nicht umsonst beschenkt hat!
    Herrmann. O Vignali! Sie sind eine verführerische Frau. Vignali. Aber doch
zu deinem Besten, zu deiner Glückseligkeit? - In unaufhörlichem Taumel
überfüllender Freuden, von Vergnügung zu Vergnügung hineilend, immer überflüssig
reich an Wonne, stets geniessend und doch nie gesättigt, immer nach neuer Lust
lechzend - nennst du das keine Glückseligkeit?
    Herrmann. Schweigen Sie, Vignali! Sonst schwatzen Sie mir meine ganze
Vernunft hinweg.
    Vignali. Ah, quel drôle! Was willst du denn nun vollends gar mit der
Vernunft? Was geht dich die Vernunft an? - Lerne von mir, was leben heisst und
wie man leben
    muss! -
    Sie erzählte ihm nunmehr eine Menge verliebter Geschichten, die sie bei
ihrem Aufentalte in Paris erlebt hatte, malte ihm die wollüstigsten Szenen mit
Freiheit und ohne Schleier und unterrichtete ihn in allen Geheimnissen der
Buhlschaft, dass er in diesem einzigen Abende Kenntnisse erlangte, die ihm Paris
in Jahren nicht hätte verschaffen können. Die Schamröte, die zu Anfange ihrer
Erzählungen seine Wange färbte, verwandelte sich bald in das glühende Rot eines
innern Wohlgefallens, und in allen Muskeln des Gesichts drückte sich das
Arbeiten seiner aufgeregten Phantasie aus. Er fühlte ungekannte Regungen, ein
Feuer, das tief ins Mark drang: alle Fibern waren vom süss hinabschleichenden
Weine gespannt, Blut und Lebensgeister liefen in übereiltem, gedrängtem Tumulte
durch Adern und Nerven und ungeheure Massen von üppigen Bildern rasch und dicht
hintereinander durch den Kopf.
    Sie speisten allein zusammen: der Gerichte waren wenige, aber alle
ausgesucht leckerhaft und stark gewürzt. Herrmanns gereizte Neubegierde führte
nunmehr selbst die Fortsetzung des abgebrochnen Gesprächs wieder herbei: der Ton
wurde immer kühner, immer freier, die Beschreibungen immer unverhüllter: er
schien mit allen begeisterten Sinnen in einer See von Entzücken zu schwimmen,
die Augen verengerten sich und blickten nur noch durch schmale Ritzen hindurch,
alle Gegenstände bemalten sich mit den Farben des Regenbogens, sein Mund sprach
durch ein unaufhörliches inniges Lächeln, er zitterte vor Glut und sah Vignali
nur noch mit seiner Phantasie, wie sie mit ihm alle die Szenen des Vergnügens
durchwanderte, die sie ihm eben jetzt geschildert hatte: alle Herzoginnen,
Marquisinnen und berühmte Schönheiten, von welchen ihm Vignali erzählte,
spazierten in den bezauberndsten, nacktesten Reizen, die ihnen seine
Einbildungskraft sogleich lieh, durch den Kopf, und alle sahen wie Vignali aus:
wenn ihm seine Gedanken einen erzählten Auftritt ausmalten, waren die handelnden
Personen allemal Vignali und er.
    In dieser Berauschung wäre nichts leichter gewesen, als den überwältigten,
seiner unmächtigen Herrmann allmählich auf den entscheidenden Punkt zu führen:
allein Vignali geriet in der Verfolgung ihres Siegs ausser Fassung: die Freude,
ihrem Zwecke so nahe zu sein, machte sie hitzig, und die Vorstellung seiner
Unverfehlbarkeit verleitete sie, in der Gradation einen Sprung zu begehen. Sie
lenkte den eingeschläferten Liebhaber mit einer zu raschen Wendung von der
Erzählung fremder Begebenheiten auf sich und ihn: sie stand plötzlich vor seinen
Augen wie eine freche, unzüchtige Buhlerin, nicht mehr unter dem Bilde
verführerischer Liebe, die unmerklich hinreisst, sondern als ein foderndes geiles
Weib. Dieser beleidigende Anblick schoss wie ein Lichtstrahl durch seine Seele
und verscheuchte auf einmal alle Schatten des Traums, welche sie umhüllten: er
sprang mit empörter Empfindung und unwilliger Verachtung auf.
    »Vignali, ich verabscheue Sie!« rief er zornig und ging. Sie riss sich hastig
empor und eilte ihm nach: allein in der Übereilung des ersten Schreckens
verwickelte sie sich in ihre lose flatternde Kleidung und stürzte: ebenso
schnell raffte sie sich wieder auf und erwischte ihn noch bei dem Arme: als er
eben die Tür zumachen wollte, zog sie ihn mit allen Kräften wieder herein. Sie
wollte schlechterdings siegen und wiederholte ihren Sturm mit so vieler
Unbesonnenheit, dass er sich gewaltsam aus ihren Armen wand und sie von sich
stiess. - »Lass mich, unwürdige Buhlerin!« rief er, »du bist mir ein Abscheu.« -
Er ging auf sein Zimmer.
    Vignali wütete fast über diese unerwartete Katastrophe: sie tobte wie in
einer Verirrung in dem Zimmer herum, riss sich den Kopfputz herunter und warf ihn
an die Erde, das schöne Gesicht wurde zum wahren Medusenkopfe vom Zorne gemacht,
das weisse Atlaskleid zerknittert und beschmutzt, vom Leibe gerissen und auf
einen Stuhl geschleudert: der schöne Marmorbusen kochte vor Ärger und wollte
zerspringen. In diesem verwilderten Zustande brachte sie die halbe Nacht zu: ein
reicher Tränenstrom quoll aus den aufgeschwollnen Augenlidern, und kaum war ihre
Hitze durch ihn ein wenig gemildert, so sann sie auf Entwürfe, den Unglücklichen
auf das empfindlichste zu demütigen, der sie so empfindlich gedemütigt hatte.
    Desto froher und entzückter triumphierte Herrmann über die errungnen
Lorbeern, als wenn er den Euphrat und Ganges überwunden hätte: sein eignes
Verdienst stieg in seinen Augen desto höher, wenn er an die Gefahr zurückdachte,
in welcher er schwebte, und wie nahe er dem Unterliegen gewesen war, fast nur
ein Haarbreit davon entfernt. Vignali war ihm durch die letzte Übereilung so
verächtlich, so widrig, so ekelhaft geworden, dass er an ihre glühende,
wollüstige Miene und ihre freche Stellung nicht denken konnte, ohne den
lebhaftesten Abscheu wider sie zu empfinden. Er dünkte sich ein unüberwindlicher
Held der Tugend und glaubte mit stolzer Zuversicht, nunmehr die gefährlichsten
Angriffe überstehn zu können.
    Voll Übermut ging er den Morgen darauf sehr zeitig zum Tee, um durch seinen
Triumph die gedemütigte Überwundne noch mehr zu kränken. Vignali war sehr
freundlich und höflich, aber äusserst niedergeschlagen: je mehr sie ihren Missmut
merken liess, je mehr zwang er sich zur Aufgeräumteit und Lustigkeit: je weniger
und einsilbiger sie sprach, je geschwätziger und lebhafter plauderte er: alle
seine Gebärden und Mienen waren angestrengt munter, und man konnte im
eigentlichen Verstande von ihm sagen, dass er im Angesicht des überwundnen
Feindes sein Te Deum anstimmte.
    Vignali senkte den Blick, nahm Verschämteit und Verwirrung an und sagte
ganz abgebrochen mit unterdrückter Stimme: »Lieber Herrmann, ich muss Sie wegen
einer Unbesonnenheit um Vergebung bitten, die mich in Ihren Augen notwendig
erniedrigen muss.« -
    »Das ist alles längst vergeben und vergessen!« rief Herrmann mit freudigen
Verbeugungen, ohne zu merken, dass Vignali ihn durch ihre Reue mehr hinterging
als er sie durch seine Grossmut.
    Vignali. Bei Ihnen vielleicht, aber nicht bei mir! Sie sind in der Tat ein
gefährlicher Mensch: ich merke wohl, man muss auf seiner Hut bei Ihnen sein: Sie
können so unvermerkt das Herz wegstehlen - und Sie wissen, wie schwach ein
weibliches ist!-, so unvermerkt hinreissen, dass man aus aller Fassung gerät und
halb verwirrt handelt. Sehn Sie alles gestern Vorgefallne als Handlungen einer
Verrückten an: auch war ich's wirklich: die Liebe, womit Sie mich erfüllten,
hatte meinen Verstand angegriffen: ich raste.
    Herrmann. Denken Sie nicht mehr daran! Eine solche Kleinigkeit -
    Vignali. Nein, Herrmann, für mich ist's keine Kleinigkeit, wenn es gleich
ein Mensch, der so edel und grossmütig denkt wie Sie, dafür hält. Welche
weggeworfne, verächtliche Meinung muss ich Ihnen von mir eingeflösst haben? Man
muss so erhaben denken wie Sie, um mich nur eines Anblicks zu würdigen. Aber
nehmen Sie meine Reue zur Versöhnung und den Zustand der Verirrung, in welchen
mich das Feuer der Liebe versetzte, zur Entschuldigung an! Wollen Sie mich
hassen? - ich hab es verdient. Wollen Sie mir den kleinen Rest von Liebe
erhalten, den Ihre Güte in Ihrem Herze für mich noch übriggelassen hat? - es ist
ein Geschenk, das ich mit Stolz und Dankbarkeit empfange und durch die feurigste
Gegenliebe erwidern werde.
    Herrmann. Geben Sie meiner Liebe keinen solchen Wert! Sie ist meine Pflicht.
Ich tue wahrhaftig nur meine Schuldigkeit, wenn ich Sie liebe.
    Vignali. Spötter!
    Herrmann. Ich versichre Sie auf mein Leben, ich spotte nicht. Kann man bei
einer Venus wohnen und sie nicht anbeten?
    Vignali. Ich vergebe diesen beissenden Schmerz Ihrem Übermute: ich dächte,
meine Reue hätte mehr Schonung verdient als solche empfindliche Spötteleien.
    Herrmann. Ich schwöre Ihnen bei meiner Seele, ich spotte nicht.
    Vignali. Schweigen Sie! ich kenne diese Sprache. Sie sollten aber nur
bedenken, dass ich ein Weib und Sie ein Mann sind und dass ein Weib Mitleiden und
keinen Spott verdient, wenn die Liebe ihre Überlegung zu Boden wirft: inzwischen
muss ich auch meinem Geschlechte die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass es nur
wenige Männer gibt wie Sie. Sie sind ein wahres Muster von Tugend und
Standhaftigkeit.
    Herrmann. Madam, Sie beschämen mich.
    Vignali. So ein heroischer Mut! so ein männlicher Widerstand gegen die
Versuchung. Ohne mir schmeicheln zu wollen, unter tausend, vielleicht
zehntausend Mannspersonen würde nicht einer so herzhaft der Liebe getrotzt
haben. Ihr Heroismus verdiente einen Platz in der Chronik von Berlin.
    Herrmann. Das, das ist Spott, Madam: aber sosehr Sie sich vielleicht
innerlich darüber aufhalten werden, so muss ich Sie doch ernstaft versichern,
dass ich über alle Verführungen der Liebe hinaus bin: das dank ich den
Grundsätzen der Ehre und des Gewissens, womit mich mein Lehrer wie mit einem
doppelten Schilde bewaffnet hat: mich schrecken keine Gefahren, weil mich keine
überwinden. Vignalis Schönheiten können mir Liebe einflössen, aber nie bewegt
mich Schönheit noch Liebe zu einer Handlung, die meine Ehre brandmalte; die mich
in meinen Augen verfluchenswert machte; die mich zeitlebens wie eine Hölle
peinigte: - nie, nie bewegt mich etwas zu einer solchen Vergehung, das beteuere
ich Ihnen zuversichtlich.
    Vignali. Wahrhaftig, man möchte vor Ihnen auf die Knie fallen: Sie sind ein
Gott. - Aber mich deucht, auch Jupiter liess sich oft von Nymphen fangen?
    Herrmann. Ihres Jupiters lach ich: der verdiente fürwahr kaum, Aufwärter in
einem Bordelle zu sein - der schwach-köpfichte Jupiter!
    Vignali. Aber er hatte eine Tugend - er bildete sich nicht mehr Stärke ein,
als er besass -
    Sie sagte dies mit einem bedeutungsvollen Ernste: aber Herrmann, ob er den
Verweis gleich verstund, lachte insgeheim desselben. Er ward so stolz auf
Vignalis Demütigung, dass er sich mehr solche Versuchungen wünschte, um sie, wie
Herkules die Ungeheuer, zu bekämpfen und zu besiegen; so sicher ward er durch
sein gestriges gutes Glück, dass er sich von Herzen freute, als ihm Vignali
nachmittags einen Besuch bei Lairessen vorschlug. - Aha? dachte er, da blüht ein
zweiter Lorbeer für dich!
 
                                Fünftes Kapitel
Kaum waren sie bei Lairessen fünf oder sechs Minuten gewesen, als sich Vignali
eines nötigen Besuchs erinnerte und Herrmann bis zu ihrer Rückkunft zu verziehen
bat: sie ging und begab sich heimlich in die Nebenstube.
    Lairesse war neben der Tänzerin auch einige Zeit Schauspielerin gewesen, in
beiden zwar gleich mittelmässig, aber sie hatte doch zuweilen im Notfall auch
zweite Liebhaberinnen gespielt. Ohne Zweifel mochte sie dies auf den Einfall
bringen, ihren Unternehmungsplan ganz teatralisch einzurichten.
    Sie sprachen einige Zeit von lieben und geliebt werden, und Herrmann, der
erst während seines Aufentalts bei Vignali so hochgelehrt in diesem Fache
geworden war, redete darüber mit zufriedner Selbstgenügsamkeit; Lairesse wusste
nicht mit dem zehnten Teile seiner Erfahrung und Beredsamkeit davon zu sprechen,
ob sie gleich seit ihrem siebzehnten Jahre im Tempel der Liebe diente. Plötzlich
sank sie in Ohnmacht - aber nur in eine künstliche Ohnmacht, versteht sich! Man
sagte ihr als Schauspielerin nach, dass sie nur zwo Aktionen meisterhaft zu
machen verstünde - sich wie ein Klotz auf das Teater hinzuwerfen und in
Ohnmacht zu fallen: man versicherte deswegen, dass sie die grösste Aktrice des
Erdbodens sein würde, sobald jemand ein Stück von lauter Ohnmachten schriebe.
Auch gelang ihr die gegenwärtige so täuschend, dass ihr Herrmann mit ängstlicher
Besorgnis sein vergoldetes Riechfläschchen in die Nase goss: das war ein
unsel'ger Streich, der dies Meisterstück von Ohnmacht durchaus verdarb; denn die
Menge der hinabströmenden, starkriechenden Essenzen verursachte ihr einen
erstickenden Husten: doch zog sie sich sehr gut aus dem widrigen Zufalle: sie
schlug mit richtiger Steigerung des wiederkommenden Lebens und mit einem
zärtlichen Blicke nach Herrmannen die Augen auf und blieb liegen, wie sie die
Ohnmacht auf das Kanapee hingeworfen hatte.
    »Was haben Sie denn?« fragte Herrmann.
    »O du Ungeheuer!« antwortete Lairesse mit kraftlosem Zorne, »du wirst mich
wohl noch umbringen.«
    Herrmann. Ich?
    Lairesse. Ja, du, du!
    Herrmann. Ich erstaune. Wie das?
    Lairesse. Dass du so schön und doch so unempfindlich bist! Ich armes Mädchen
bin in dich verliebt, solang ich dich kenne: sooft ich dich nur sehe, wandelt
mir eine Ohnmacht an: und du, kieselhartes Herz, tust gar nicht, als wenn du
meine Not wüsstest. Ich werde gewiss noch vor Liebe sterben, wenn du mir nicht
beizeiten zu Hülfe kömmst. Komm, du Pavian! gib mir einen Kuss! -
    Sie zog mit diesen Worten den neben ihr stehenden Herrmann nach sich hin und
nahm sich den Kuss mit einer so zweideutigen Umarmung, dass sich der Tugendheld
nach einer flüchtigen Anwandlung von süsser Schwachheit losriss und mit stolzem
Mute wie ein tapfrer Ritter, der abermals ein Abenteuer glücklich bestanden hat,
auf sie herabsah.
    »Ach, der vermaledeite Kuss!« fing Lairesse wieder, halb ohnmächtig, an, »da
wird mir schon wieder schlimm. Komm mir zu Hülfe, du Unmensch! Ich ersticke:
mache mir Luft!«
    »Lairesse!« sagte Herrmann mit trocknem Lächeln, »geben Sie sich nicht so
viele Mühe! Ich errate Ihr Spiel: so fängt man mich nicht.«
    »Seht mir einmal das Affengesicht!« rief Lairesse lachend und sprang auf. »O
lacht ihn doch aus! Da wird man dich lange fragen: willst du mich gleich im
guten lieben? oder ich drücke dir die Kehle zu.«
    Wirklich fasste sie ihn auch so fest bei dem Halse, dass er zu ersticken
glaubte und sich mit Mühe von ihren Armen losmachte. »Lairesse, das ist
Beleidigung, aber nicht Scherz«, sprach er unwillig.
    Lairesse. Denkst du, dass ich scherze? - Hab ich dir's denn nicht deutlich
gesagt, dass ich dich liebe? Aber ich weiss schon, ich bin nicht die erste, die du
hast verschmachten lassen.
    Herrmann. Desto besser! So können Sie sich um soviel leichter beruhigen.
    Lairesse. Desto schlimmer! willst du sagen. - Fürwahr, ich schämte mich: so
ein hübscher Mensch und tut so steif und hölzern, wenn sich ein Mädchen die Mühe
gibt, sich in dich zu verlieben! Bin ich dir denn nicht hübsch genug? - Über den
Delikaten!
    Herrmann. Zur Gesellschafterin sind Sie mir hübsch genug: und mehr verlang
ich nicht.
    Lairesse. Aber damit bin ich nicht zufrieden. Gesellschaft ohne Liebe ist
etwas kahl.
    Herrmann. Auch daran soll es nicht fehlen: ich liebe Sie und habe Sie
geliebt, solange wir einander kennen.
    Lairesse. Und das ist deine ganze Liebe, wie sie bisher gewesen ist? - Die
ist verzweifelt trocken und langweilig. Ich will dich eine bessere lehren. Aber
du Heuchler! kennst sie lange.
    Herrmann. Und wenn ich sie kennte?
    Lairesse. So wärst du Schläge wert, dass du so unwissend tust und dich nicht
gescheiter aufführst als ein kleines Kind. -
    Stehst du nicht da wie eine Bildsäule? -
    Sie sang ihm ein Liedchen vor, dessen Hauptgedanke war, dass Genuss der letzte
Zweck der Liebe ist, und die letzte Strophe schloss sich:
Einladend winkt ein Sofa dir,
Gepolstert für die Liebe -
»Schweigen Sie!« unterbrach sie Herrmann. »Enteiligen Sie nicht einen Namen,
der nur auf Ihrer Zunge und nicht in Ihrem Herze ist! Ich will Ihnen mit zwei
Worten sagen, wie ich hierüber denke. Liebe und Buhlerei sind bei mir zwei
verschiedene Dinge: merken Sie sich das!« Lairesse schlug ein Gelächter auf, als
wenn sie springen wollte. - »O du hochweiser Stockfisch!« rief sie und stiess ihn
von sich. »Ich will die Leute auf der Gasse zusammenrufen, dass sie dich
auslachen helfen. Der Mensch redet wie ein Schulmeister. - Lieber Herr
Schulmeister, sein Sie doch nicht so grämlich! - Die Buhlerei! wo hast du denn
das Wort her?«
    Herrmann. Das Wort ist alt: aber die Sache hab ich jetzt an Ihnen
wahrgenommen.
    Lairesse. Die Buhlerei? - Was der Mensch für ein Orakel ist! Ein lebendiges
Buch der Weisheit bist du.
    Herrmann. Und Sie ein verbuhltes Mädchen!
    Lairesse. Ihre Dienerin - warum missfällt denn Euer Hochweisheiten das Buhlen
so sehr?
    Herrmann. Weil die Stimme der Ehre in mir ruft, dass ich mich nicht wegwerfen
soll.
    Lairesse. Mit mir wirfst du dich weg? - O mein kleiner Herr, er muss sich's
für eine Ehre rechnen, dass ich mich mit ihm abgebe. Prinzen, Lords, Grafen,
Barone haben meine Gütigkeit mit Dank erkannt: man ist so verlegen nicht, wie
Sie denken. Ihr kleines Persönchen mag in Ihren Augen sehr liebenswürdig sein:
aber solche Schlaraffengesichter kann man alle Tage haufenweise bekommen, wenn
man nur wollte.
    Herrmann. Lairesse, Sie werden so beleidigend, dass ich zürnen muss.
    Lairesse. Allons, zürnen Sie doch! Sie werfen doch nicht etwa die Leute mit
Goldbörsen tot? - Der arme Schlucker! spricht so weise wie ein Buch! will sich
nicht wegwerfen! Ich würfe mich weg: wissen Sie das?
    Herrmann. Sie werden so unverschämt, dass ich gehn muss.
    Lairesse. Geh! geh! Wer hat denn dich Polisson gerufen? - Aber noch eins! Du
bist ein Narr. -
    Dies sagte sie ihm in einem leisen vertraulichen Tone und wollte die Lobrede
mit einer derben Ohrfeige begleiten: doch Herrmann fing ihre Hand auf,
ergrimmte, hub den Stock in die Höhe und drohte: »Ich werde dich strafen, du
niederträchtige Dirne!«
    Lairesse. Strafe mich! hier steh ich. Siehst du hier zehn Finger? und an
jedem einen Nagel? Alle zehn sollen sie dir auf den ersten Schlag in deinen
Schelmenaugen liegen. -
    Herrmann ging, um nicht zu einer Misshandlung hingerissen zu werden. In der
Tür knipp sie ihn von hinten zu empfindlich in die Arme. - »Wirf dich nicht
weg!« schrie sie. Herrmann drehte sich, und der Zorn übernahm ihn so sehr, dass
er den Stock, mit der völligen Absicht zu strafen, aufhub. - »Schlagen Sie zu!«
rief Vignali hereintretend, »das Geschöpf hat es verdient.« - Sie glühte vor
Ärger; und da Herrmann ihren Befehl nicht vollzog, gab sie Lairessen einen
empfindlichen Stoss mit der Faust und sagte leise zu ihr: »Du bist ein dummes
Vieh: nun kannst du noch heute dein Paket zusammenmachen.«
    »Kommen Sie! wir wollen gehn«, sprach sie ausser Atem und nahm Herrmanns Arm.
-
    Vignali! Vignali! das war stark verraten: auch merkte Herrmann nunmehr das
ganze Spiel, das er vorhin nur dunkel argwöhnte. Dem Herrn von Troppau wurde
seit dieser Zeit von Vignali tägliche und stündliche Vorstellung getan, dass er
Lairessen den Abschied geben sollte, und nach einigen Weigerungen willigte er,
obgleich sehr ungern, darein: Lairesse kam, demütigte sich vor Vignali, bat um
Verzeihung, und der Herr von Troppau musste sie behalten.
 
                                Sechstes Kapitel
Vignali sah nunmehr wohl ein, dass sie den unrechten Weg gewählt hatte: sie nahm
sich also vor, dem Tugendhelde durch unaufhörliche Schmeicheleien und
Gefälligkeiten unvermerkt vollends einzuflössen, was zur Liebe noch fehlte, ihm
durch wollüstige Gespräche seine Einbildung noch mehr aufzuregen, ihn bei der
Eitelkeit anzugreifen und vielleicht durch dieses Mittel ihm eine so heftige
Leidenschaft beizubringen, dass ihn am Ende die Begierde selbst zu einem Schritt
hinrisse, dem er jetzt so standhaft auswich. Ulrike war durch die unglückliche
Wendung, die sein Widerstand Vignalis Plane gab, ihrer Aufmerksamkeit ganz
verschwunden: obgleich Herrmann anfangs nur Mittel zur Demütigung der erstern
sein sollte, so wurde er nunmehr das Ziel der Unternehmung, wenigstens musste
Vignali sich erst an ihm gerochen haben, um wieder an die alte Rache gegen
Ulriken zu denken.
    Die neue Metode glückte besser: er war schon vorhin in Vignali verliebt,
ohne dass er es vielleicht selbst wusste, und es wurde also unendlich leicht,
einen Verliebten noch verliebter zu machen. Mit ebenso vielem Glücke gelang es
ihr, Galanterie und Liebe für ihn zu einer Sache der Eitelkeit zu machen: sie
sprach beständig davon, dass es eine von den ersten Eigenschaften eines Mannes
von Lebensart und gutem Stande sei, viele Liebeshändel zu haben: Menschen, die
ohne Intrige lebten, wurden verächtlich als Dummköpfe oder schlechte niedrige
Leute verschrien. Auch hierzu war er schon längst hinlänglich zubereitet; denn
die gewöhnliche Unterhaltung in allen Gesellschaften, wozu er kam, betraf
Liebesintrigen, und die Wichtigkeit, womit sich die Leute behandelten, die die
meisten eignen Erfahrungen hierinne zu erzählen wussten, hatte schon mannigmal
den Wunsch in ihm erregt, sich eine solche Wichtigkeit zu verschaffen. So
mächtig ihn also die Ehrbegierde auf der einen Seite von der Ausschweifung
abzog, sosehr trieb sie ihn auf der andern Seite zu ihr hin.
    Am liebsten wäre es Vignali gewesen, wenn sie diese Eitelkeit hätte nützen
können, um ihn in einen lächerlichen Liebeshandel zu verwickeln; und vielleicht
hätte er es als ein Glück ansehen können, wenn er weniger vorsichtig und
vernünftig gewesen wäre, um ihr nicht diese Freude zu machen: sie hätte auf
seine Unkosten gelacht und mit dieser geringern Rache vorliebgenommen. Es bot
sich ihr eine Gelegenheit dazu dar. Ihm gegenüber wohnte eine alte Kokette, die
jeden Nachmittag am Fenster die aufgetragnen Reize trocknete, womit sie des
Abends in der Gesellschaft glänzen wollte. Ihr entblösster Busen schien in der
Ferne eine helleuchtende Marmorfläche: auf ihren schneeweissen Wangen blühten die
Rosen der Jugend, und blaue strotzende Adern liefen über die Schläfe hin.
Herrmann sah mit Verlangen nach dieser einladenden Schönheit: sie bemerkte seine
Aufmerksamkeit sehr bald und suchte sie durch ihre Koketterie noch mehr auf sich
zu ziehen: aus Blicken wurden Gestikulationen: ein jedes verstand schon des
andern Sprache. Herrmanns galante Eitelkeit hatte nunmehr ihr Ziel gefunden: wer
war glücklicher? - Vignali, die die stumme Unterredung aus den Fenstern sehr
bald auskundschaftete, zog ihn damit auf und machte ihn so treuherzig, dass er
sich sein Geheimnis entwischen liess. Sie ermunterte ihn, eine so schöne Prise
nicht fahrenzulassen, sondern sobald als möglich Besitz davon zu nehmen: sie
entwarf ihm sogar einen Operationsplan und versprach ihren Beistand. Was die
Wollust nicht vermocht hatte, vermochte beinahe der Ehrgeiz: ohne zu überlegen,
wie empfindlich er abermals Vignali beleidigte, dass er die Liebe einer
Unbekannten suchte, nachdem er die ihrige verschmäht hatte, liess er sich halb in
die Unterhandlung ein: Vernunft und Eitelkeit stritten so gewaltig in ihm, dass
er wankte und sich bald als einen Narren betrachtete, der Unsinn begehen wollte,
bald als einen feinen Mann, der es in der Kunst zu leben bis zur Galanterie
gebracht hatte. Während dieses Schwankens zwischen Vernunft und Torheit riss ihn
sein gutes Schicksal auf einmal aus der Verblendung: er hatte sehr oft hinter
dem Vorhange des nämlichen Fensters, an welchem nachmittags so eine glühende
Schönheit prangte, vormittags einen runzlichten alten Totenkopf lauschen sehn,
der sich sogleich zurückzog, wenn er ihn zu genau betrachtete. Eines Nachmittags
führte das Schrecken, weil ein Feuergeschrei einen plötzlichen Auflauf in der
Strasse verursachte, Herrmanns Geliebte vor der Zeit ans Fenster, ehe die
Schöpfung ihrer Schönheit vollendet war: sie besann sich zwar bald und fuhr
wieder zurück, aber der Galan hatte doch ein Gesicht erblickt, das halb Tag und
halb Nacht war, vom Kinne bis zu den Augen glänzend weiss und an der Stirn
schwarzgelb wie ein Mulatte, auf den Wangen blühten keine Rosen und über den
Augen hingen statt der schön gewölbten schwarzen Bogen ein Paar struppichte
Büschel graue Haare. In der ersten Überraschung tat er die Frage an Vignali, wer
die Missgeburt sei: sie konnte sich das Vergnügen nicht versagen, ihn zu
beschämen, und antwortete: »Ihre Liebe!« - »Ihre Liebe!« rief sie noch einmal
und lachte seiner, als er erschrocken, verlegen, verwirrt vor ihr stand, sich
gern durch Ausflüchte helfen wollte und nicht konnte, weil sie ihn nicht
dazuliess.
    »Nun sollen Sie Ihre Schönheit werden sehn«, sprach Vignali.» Des Morgens
ist sie ein Ungeheuer, dass man die Kinder mit ihr zu fürchten machen könnte - -
ein abgestorbnes, gelbsüchtiges Affengesicht. Von zehn Uhr bis um eins wird ihr
der ellenhohe Haarputz mit der Menge dicker Locken auf den kahlen Wirbel gebaut
und an die dünnen grauen Borsten, die noch darauf stehn, angekleistert,
angesteckt und angenäht. Wenn dieser chinesische Porzellanturm von Schafwolle
und Ziegenhaaren aufgeführt ist, dann isst sie eilfertig ein paar Bissen, um
hurtig wieder zur Toilette zu kommen. Vor Tische wurde das Dach aufgesetzt, nun
wird das beräucherte, leinenfarbne Haus angestrichen. Der Busen, soweit er
sichtbar ist, das ganze Gesicht und selbst Hände und Arme werden mit weisser
Tünche überwerfen - da kömmt sie! Itzt trocknet sie die weisse Glasur an der
Luft.« - Über eine Weile ging die kalkweisse Schönheit vom Fenster weg. - »Ah«,
rief Vignali, »die Tünche hat Ritze bekommen: nun werden sie ausgefüllt und das
Ganze mit der Kelle sehr zierlich geebnet; denn das ist wahre Mäurerarbeit,
müssen Sie wissen.« - Einige Zeit darauf fing Vignali wieder an: »Aufgeschaut!
jetzt sind ihr an den eingesunknen Schläfen jugendliche blaue Adern gewachsen!«
    Herrmann. Woher hat sie so schnell diese herrlichen blauen Adern bekommen?
    Vignali. Sie kauft sie bei meiner Zwirnfrau: für einen Dreier kriegt sie
Adern auf ein halbes Jahr, und jeden Tag hat sie neue. O die Frau ist sehr wohl
daran: sie kauft ihre Reize in Büchsen und kann sich die Dosis so stark geben,
wie sie es nötig hat. -
    Endlich langte die schnellaufgeblühte Schönheit in dem letzten Punkte ihrer
Reife mit schönen, funkelnden roten Backen an. »Sie fallen doch nicht in
Ohnmacht?« sprach Vignali zu Herrmann. »So ein frisches sechzigjähriges Mädchen
reisst hin. Der arme, galante Herrmann! verliebt sich in eine Schminkbüchse!«
    Der arme Herrmann musste noch unendlich mehr dergleichen Höhnereien
ausstehen, und die ausserordentliche Geduld, womit er sie ertrug, bewies, dass
Vignali ein grosses Vorrecht in seinem Herze haben musste; denn da Lairesse
dazukam und sich ins Spiel mischte, brach seine Empfindlichkeit sogleich los.
Aber wie er sich seiner Torheit schämte, als er mit sich allein war! Seit der
Zeit war an keine Galanterie mehr bei ihm zu gedenken: weiter konnte seine
Eitelkeit nichts von ihm erhalten, als dass er sich die Miene davon gab, sich
vorsichtig nirgends einliess, aber doch beständig den Schein annahm, als wenn er
sich mit einer Menge einlassen wollte oder gar schon eingelassen habe.
    Sonach fehlte nicht viel, dass er in dieser Schule zum Gecken wurde: ein paar
Gran weniger Verstand, so war der Tor fertig. Er lernte in den
Abendgesellschaften und Vignalis Umgange meisterlich persiflieren, von jeder
Sache im verächtlichen, spöttelnden Tone sprechen, feine Unverschämteit in
Reden und Betragen, eine Dreistigkeit, die fast an die Keckheit grenzte: seine
Ehrbegierde strebte nicht mehr mit Adlerflügen zu grossen rühmlichen Handlungen
empor: durch gesellschaftliche Artigkeiten, durch Gefälligkeiten und
Achtsamkeiten zu gefallen war jetzt ihr Ziel. Die Sphäre seiner Ruhmsucht, die
sonst die halbe, wo nicht die ganze Welt umfasste, war jetzt ein kleiner Kreis von
Damen und Herren aus der schönen Welt, und ein gelungenes Kompliment, eine
glückliche Lüge, eine beklatschte artige Bosheit, ein belachter Einfall gab ihm
itzo soviel Entzücken als sonst die edlen Taten der Antonine und aller grossen
Männer, mit welchen ihn Schwinger bekannt machte. Gefühl des Grossen, Erhabnen,
Begeisternden ertrug seine Seele kaum mehr: sie war nur dem Angenehmen, dem
Reizenden, dem Ergötzenden offen: aus dem stolzen, hochfliegenden Adler war ein
artiger, bunter Kolibri geworden. Freilich leuchtete immer, auch selbst wenn
sich Betragen und Reden dem Geckenhaften näherten, sein grosser gesunder Verstand
hervor, und sogar seine Narrheiten hatten eine gewisse Würde, die zu erkennen
gab, dass der Mensch sich bemühte, weniger zu sein, als er sollte und konnte.
Sein gutes Herz gab ihm oft empfindliche Stiche, wenn er einen ehrlichen
Einfältigen zum besten hatte; aber wie sollte er es unterlassen, da es ihm den
Beifall aller einbrachte, die er belustigte? Seine Beurteilung lehrte ihn oft
das Geschmacklose, das Unmoralische eines Einfalls, und doch sagte er ihn, weil
er belacht wurde: seine Vernunft rief ihm unaufhörlich zu - Du tust Torheit! -
und doch tat er sie. Das sind alles warnende Lehren, die nicht eher gehört
werden, als bis das Schicksal wie ein Schulmeister mit einem wohlgemeinten Hiebe
die Ohren öffnet.
    Und Ulrike? - Die arme Vergessne trauerte, härmte, verzehrte sich unterdessen
und hoffte auf eine Gelegenheit, um ihren verirrten Heinrich von ihrer Unschuld
zu überzeugen.
 
                                  Achter Teil
                                  Erstes Kapitel
Wie weit Vignali mit ihrer Operation in kurzer Zeit fortrückte und welch eine
starke Dosis von Liebe sie ihm beigebracht haben musste, beweist nichts so
deutlich als ihre Gewalt über seine tiefsten, festgewurzelten Neigungen und
Gesinnungen. Keine Freundschaft war ihm so heilig als die seinige gegen
Schwingern: sie gründete sich auf Dankbarkeit, und Dankbarkeit war seine erste
Tugend. Er hatte wohl den guten Mann unter den unaufhörlichen Zerstreuungen,
Vergnügungen und dem erschlaffenden Müssiggange seines itzigen Lebens vergessen:
er dachte und empfand gegenwärtig ganz anders als sein Freund, bedurfte seiner
nicht; was konnte ihn also an ihn erinnern? Unvermutet empfing er einen Brief
von ihm, der im März geschrieben, im März von dem Kaufmanne, bei welchem er in
der Lehre gestanden hatte, nach Berlin gebracht und jetzt, zu Anfange des Junius,
erst abgegeben wurde: er hätte seine Wohnung nicht eher auskundschaften können,
liess er sagen. Das sanfteste Gefühl der Freude überströmte den Jüngling, als er
eine so lange nicht gesehne Hand erblickte, und mit inniger Wehmut fühlte er den
Abstand seines gegenwärtigen und vorigen Lebens: es war, als wenn ihm ein Freund
aus fernen Landen nach langer Trennung wiederkäme und ihn jetzt umarmte: alle
Vergnügen und Leiden seiner ersten Jugend, alle Verbindlichkeiten seines
Freundes überlief er mit schneller Erinnerung und vergass vor Rührung über die
sonderbare Leitung seines Schicksals, den Brief zu öffnen. Indem er so ganz
wieder der vorige gutdenkende, starkempfindende, dankbare Herrmann war und sich
in Empfindungen und Vorstellungen versetzt fühlte, die ihm sein bisheriges Leben
fremd gemacht hatte, kam Vignali auf sein Zimmer. - »Sie haben, glaub ich, einen
Brief bekommen?« fing sie an.
    »Ja«, antwortete Herrmann mit entzückter Freude, »von meinem einzigen besten
Freunde, dem ich alles zu danken habe, was ich bin, die Bildung meines
Verstandes und Herzens, mein Fortkommen. Vignali, das ist für mich der erste
Mensch unter der Sonne, mehr als Vater und Mutter, und ich bin so entzückt über
sein freundschaftliches Andenken, dass ich weinen möchte. Ich bin in der
äussersten Rührung und -«
    Vignali. Doucement, Monsieur, doucement! - Ich will Ihnen den Brief
vorlesen: da Sie bis zu Tränen gerührt sind, werden Sie vermutlich nicht gut
sehen können. Soll ich?
    Herrmann. Ja, Vignali, lesen Sie! lesen Sie! -
    Sie setzten sich: Vignali wurde zu ihrem Leidwesen inne, dass der Brief
deutsch war, und Herrmann musste ihn also Periode für Periode ins Französische
übersetzen. Er las: »Unbesonnener Freund!«
    »Der Mann ist wohl Schulmeister«, fragte Vignali: Herrmann stutzte über den
Anfang und fuhr fort:
    »Muss ich abermals die Feder ergreifen, um Dich zu züchtigen?«
    Vignali. Potztausend! der Mann wird böse: er greift nach der Rute.
    »Hast Du allen Verstand, alle Überlegung in Deiner Vaterstadt
zurückgelassen, dass Du so höchst unsinnig handelst?«
    Vignali. Der Pedant ist verrückt; ihm mag wohl der Verstand fehlen, dass er
so schreiben kann.
    »Welche eiserne Stirn gehörte dazu, um dem Grafen statt seiner
Schwestertochter eine verbuhlte, liederliche Dirne zuzuschicken?«
    Vignali. Sie haben das getan? O Sie sind bewundernswert! Hurtig, erzählen
Sie mir die Geschichte! -
    Herrmann erzählte ihr mit einiger Verlegenheit den Vorfall und entschuldigte
sich mit seiner Liebe zu Ulriken, dass er den Kaufmann durch eine falsche Aussage
verleitet habe, dem Grafen statt ihrer ein Bordellmädchen zu überbringen.
    »Darüber entschuldigen Sie sich?« rief Vignali und brach in ein
erschütterndes Gelächter aus. »Das ist ein Streich, der eine Ehrensäule
verdient: Sie sind wert; dass man Sie anbetet. Die Bosheit ist nicht mit Gelde zu
bezahlen. - Und was sagt Ihr Schulmeister dazu?«
    »Den Zorn des Grafen, der unter seinen eignen drückenden Angelegenheiten
vielleicht verdampft wäre, hast Du von neuem zur Flamme gebracht: er hat
geschworen, dass er nicht ruhen will, bis Du für diese Bosheit bestraft bist; und
gewiss! sie verdient Strafe.«
    Vignali. Der Mann ist ein Narr: sie verdient Altäre, sollte er sagen.
    »Hat Dich ein kleines Glück, welches Du nach dem Berichte deines gewesenen
Lehrherrn gefunden hast, schon so übermütig gemacht, dass Du keines Menschen mehr
achtest, selbst derjenigen nicht, die Dir schaden können? O lieber Freund, ein
Schreiber,9 selbst in einem angesehnen Hause, hat keinen so hohen Posten, dass
Dich ein Mann wie der Graf Ohlau nicht mit seiner Rache erreichen könnte; und
wenn Du auf der höchsten Staffel der Ehre und des Wohlseins sässest, so sollte
Dich's in der Seele schmerzen, dass Du ihn mit so kränkendem Mutwillen
beleidigtest, ihn, der Dir Gutes tat.«
    Vignali. Das ist sehr erbaulich: der Mann predigt wie ein Pfarr auf der
Kanzel.
    »Ich weiss nicht, welche Einbildung mich noch immer beredet, alle Deine
bisherigen Vergehungen für Übereilungen zu halten: mache, lieber Freund, dass
meine Einbildungen mich nicht täuschen. Du wohnst itzo an einem Orte, der
freilich wohl nicht so schlimm ist, wie ihn viele übertriebene Sitteneiferer
verschreien, aber zuversichtlich schlimmer als Dein Vaterstädtchen; unter einer
so viel grössern Menge Menschen müssen mehr Gute, aber auch mehr Böse als bei uns
sein. Ich sagte mir also, da ich Deine Vergehung an dem Grafen erfuhr:
vielleicht hat ihn der Ton des Leichtsinns und Mutwillens, der in solchen
Städten herrscht, angesteckt: Bosheit war es gewiss nicht: nein, nichts als
jugendlicher Übermut, vielleicht gar die Eingebung und Anstiftung eines
leichtfertigen Jünglings, der sich für seinen Freund ausgibt: jetzt lege die Hand
auf Dein Herz und frage Dich, ob ich recht gewähnt habe!«
    Vignali. Ah! das ist ja so herzbrechend, dass man gähnt. Ein Muster von
Busstagsrede!
    »Dass ich richtig geurteilt habe, daran zweifle ich gar nicht mehr; und damit
nicht die Verderbnis der grossen Stadt Dich ebenso leicht ergreife, als Dich
bereits ihr Leichtsinn angesteckt hat, will ich Dir einen Vorschlag der
Freundschaft tun. Der Oberpfarr in G., auf dessen Platz ich schon vor dem Jahre
vertröstet wurde, ist gestorben, und ich werde im Mai seine Stelle antreten« -
Vignali. Hab ich's nicht gesagt? Der Mann ist ein Pfarrer: dergleichen Vögel
erkennt man bei dem ersten Tone, den sie singen.
    »Komm zu mir! wohne bei mir! sei mein Freund, wie ich der Deinige sein will!
Wir wollen uns die Zeit durch Lesen und Gespräche, ökonomische Geschäfte und
ländliche Vergnügungen vertreiben. Du bist freilich noch jung und könntest nach
Deiner Kraft und Tätigkeit der Welt besser dienen, als dass Du mein
Gesellschafter wirst; und wenn Du schon zuverlässige, nicht bloss eingebildete
Aussichten dazu hast, will ich kein Wort mehr verlieren: hast Du diese nicht und
Du willst bessere bei mir erwarten, wohl! so eile und sei meiner Liebe
willkommen! Ich habe aus einer Ursache, die ich Dir hernach vertrauen will, das
Gelübde getan, nie zu heiraten: ich habe mir von meiner bisherigen Einnahme
jährlich hundert Taler zurückgelegt und also ein Kapital von tausend Talern
zusammengebracht: diese sind Dein, wenn ich sterbe. Mein künftiger Platz wird
auf sechshundert jährliches Einkommen gerechnet: was ich von ihnen erspare,
sammle ich für Dich, damit Du mit der Zeit, wenn uns der Tod trennen sollte,
einen Handel oder ein andres Gewerbe anfangen kannst.«
    Vignali. Das ist sehr edel: nach einem so schlechten Eingange hätte ich
nicht so etwas Gutes erwartet.
    »Mein Herz wünscht sehnlich, dass Du meinen Vorschlag annehmen mögest. Da G.
eine gute Meile von dem Schloss des Grafen ist, so wird er Dich weder sehn noch
erfahren, dass Du bei mir bist: erfährt er's ja, so will ich alles tun, um ihn
für Dich auszusöhnen; und es wird mir hoffentlich gelingen, da die Baronesse
nicht mehr auf dem Schloss ist, noch jemals wieder da wohnen wird; denn ihr
Schicksal ist beschlossen. Ich setze zum voraus, dass Du Deine törichte Neigung
gegen sie bezwungen hast: ist es noch nicht ganz geschehen, so fliehe zu mir!
Erfülle Dein Herz ganz mit den Empfindungen der Freundschaft, dass die Liebe
keinen Platz darin findet. Wir wollen uns lieben und leben wie Brüder: und
meine stille Einsamkeit soll Dir mehr Freude gewähren als das Geräusch der
grössten Stadt. Welche Glückseligkeit wird den Rest meines Lebens bekrönen, wenn
ich ihn mit Dir zubringe! mit Dir, der in meinem Herze wohnt, wie er von nun an
in meinem Hause wohnen soll!«
    »Nun, mein kleiner Abgott?« unterbrach ihn Vignali und sah ihn mit einem
durchdringenden Blicke voll Zärtlichkeit und Liebe an, »wirst du den Vorschlag
annehmen?«
    Herrmann. Fast möcht ich, Vignali! mein ganzes Herz hängt dahin: aber -
    Vignali. Aber ich habe zuviel Mitleiden für die arme Vignali und zuviel
Dankbarkeit für ihre Liebe, um eine Trennung vorzunehmen, die sie ins Grab
bringen würde: - dachten Sie nicht so?
    Herrmann. Nicht mit so vielem Stolze, aber mit ebenso vieler Liebe! Mein
Freund ist mir lieb: aber Sie, Vignali - - Ich will zu meinem Freunde.
    Vignali. Das nenn ich plötzliche Entschliessung; denn das Gegenteil schwebte
Ihnen schon auf der Zunge. Wir wollen sehn, ob Sie bei dem Entschlusse beharren.
- Lassen Sie doch indessen Ihren bezaubernden Brief weiter hören!
    »Du wirst um soviel freudiger in mein Verlangen willigen, wenn ich Dir die
Nachricht gebe, dass Dein grösster Feind auf immer von uns entfernt ist. Ich
meldete Dir in meinem letzten Briefe, dass Jakobs Vater durch seinen eignen Sohn
in gerichtliche Untersuchung wegen seiner Spitzbübereien geraten sei und dass der
Sohn sich bemühe, ihn wieder davon zu befreien, damit seine eignen
Schelmenstücke nicht durch das Bekenntnis des Alten an den Tag kämen: er brachte
auch wirklich den Grafen so weit, dass er die Inquisition einzustellen befahl.
Plötzlich nahm die Sache eine unvermutete Wendung. Der Vater setzte sich durch
die Verschaffung einiger Summen zur Schuldenbezahlung seines Herrn auf einmal
wieder in völligen Kredit, und ehe man sich's versah, stund er wieder in seinem
vorigen Posten. Als nunmehriger Oberaufseher rächte er sich auf das
empfindlichste an seinem Sohne: unter dem Scheine der Gerechtigkeit, als wenn er
aus Liebe für den Grafen seines eignen Sohns nicht einmal schonte, brachte er es
durch geheime Angebungen dahin, dass Jakob in der grössten Ungnade fortgejagt
wurde, und der Himmel weiss, wohin ihn sein Schicksal getrieben hat. Nun ist also
das ganze Vermögen des Grafen wieder in den Händen des Räubers, der zur
Verringerung desselben das Seinige aus allen Kräften beigetragen hat. Dein
gewesener Lehrherr hat sich fast zwei Monate hier aufgehalten und wollte nicht
von der Stelle gehen, bis er sein Geld hätte: kaum war er befriedigt, so
erschien schon andre Mahner. Man spricht sehr stark von Sequestration, weil die
Gläubiger so häufig und so ungestüm fodern. Niemand dauert mich mehr als die
arme Gräfin: sie hat sich ihres Schmuckes beraubt und die gelöste Summe dem
Grafen durch Jakobs Vater als von einem Fremden vorgestrecktes Geld anbieten
lassen: dadurch hat sie ihren Gemahl auf einige Zeit gerettet, ohne dass er es
weiss, und doch ist sie die Lastträgerin seiner mürrischen Laune. Sie bemüht sich
unaufhörlich, seine Verdriesslichkeit zu zerstreuen, und bekömmt nichts als üble
Begegnung dafür zum Lohne: sie ist abgehärmt, bleich, entstellt, dass man sie
kaum kennt; und doch ist sie gegen jedermann, der ihren Kummer nicht wissen
soll, freundlich und nimmt sogar, wenn's nötig ist, eine Munterkeit an, die ihr
sehr wohl glückt. Dein toller Streich hat sie sehr aufgebracht und ihren Hass
gegen Dich vermehrt: doch hat sie mir, als ich letztin mich für die erhaltne
Pfarrstelle bedankte, anvertraut, dass der Graf Ulrikens Schicksal sehr mildern
werde, wenn sie um Gnade bittet. Wenn sie weise ist, so ergreift sie dieses
einzige Mittel, um sich von dem Untergange zu retten. Man weiss, dass sie auf eine
ehrliche Weise, obgleich unter ihrem Stande, in Berlin lebt; man weiss das Haus,
wo sie sich aufhält: ergreift sie das angebotne Rettungsmittel nicht, dann mag
sie sich es selbst zuschreiben, wenn man sie durch härtre Massregeln zur Vernunft
bringt.
    Dein Vater hat, wie ich höre, den unsinnigen Streich begangen und schon in
der Mitte des Februars den Leinweber, wo er sich aufhielt, und seine Frau
heimlich verlassen: wo der tolle Mann herumschweift, weiss niemand.
    Um Dir als einem Freunde, den ich in mein Herz geschlossen habe, kein
Geheimnis zu verhehlen, habe ich Dir hier die Abschrift eines Briefs von
Fräulein Hedwig beigelegt, der für mich ein Bewegungsgrund geworden ist, nie zu
heiraten, solange sie lebt.«
    »Wer ist das Tier?« fragte Vignali. Herrmann entwarf ihr kürzlich mit etwas
komischen Farben ein Porträt der Fräulein Hedwig; und Vignali wurde so begierig,
ihren Brief an Schwingern zu hören, dass er ihn sogleich vorlesen musste.
                Hochwohlehrwürdiger künftiger Herr Seelenhirte!
                           Trautester Herr Pastoris!
Gott, der Allmächtige, schuf ein Männlein und ein Fräulein, dass sie beide würden
ein Leib, und erweckte dem Stammvater unser aller aus seiner Rippe eine
Gehülfin, die um ihn sei und so Freud als Leid mit ihm teile, und welches der
liebe Gott heutiges Tages nicht mehr tut, weil die Hülle und die Fülle da sind,
dass ein weiser Mann sich durch eine vorsichtige Wahl darunter auslesen mag, wenn
er etwa benötigt sei, sich eine conjugam oder sociam tori durch eine mariage
beizulegen. Da nun erfahren habe, dass Dieselben durch die hohe Vorsorge Eu.
hochgräflichen Exzellenz eine Seelensorge und curam pastorum bekommen habe, so
gratuliere Denenselben ergebenst, wünschend, dass er auch bald Dero inclination
allväterlich leiten möge und Denenselben eine Gehilfin bescheren, die um Ihnen
sei, damit Sie eine curam corporis erhalten, wie er Ihnen jetzt eine curam
animorum mitgeteilt hat. Da nun Dieselben, mein liebwertester Herr Pastor, mir
beständig als ein gottesfürchtiger, leutseliger und wohl conduisirter Mann
bekannt gewesen sind, so kann nicht bergen, dass schon längst wahren estime und
inclination für Dieselben gehabt habe, will auch nicht verhehlen, dass vermöge
meiner inclination wohl wünschte, Dieselben mit einer tugendhaften und frommen
Gattin, auch treuen, fleissigen Hausfrau versorgt zu sehen. Da nun Gott der Herr
den Ehestand selbst eingesetzt und anbefohlen hat, und insonderheit die Herren
Seelenhirten dazu gesetzt und verordnet sind, dass sie ihren anvertrauten Seelen
mit gutem Beispiele vorgehen sollen und lebendige Lehren geben, so kann nicht
unterlassen, Denenselben vorzustellen, dass mein Stand wohl verdient in
consideration gezogen zu werden und dass meine übrigen Qualitaeten, ohne
Flatterie von mir zu reden, mich zu einer Frau Pastorin wohl capable machen. Da
nun eine Fräulein bin und Dieselben vermutlich wegen meines Standes nicht gewagt
haben, mir Ihre inclination zuerst anzutragen, so habe nicht ermangeln wollen,
Ihnen zu avertieren, dass mir Dieselben mit einem solchen Antrage angenehm und
willkommen sein werden, auch dass Dieselben sich keines refus oder repulses zu
versehen haben.
    Die ich in Erwartung einer baldigen Antwort mit wahrem estime und
vollkommener inclination lebenslang verharre
                                                   Meines trauten Herrn Pastori,
                                                   zum Gebet verbundne Dienerin,
                                         Hedwig Gottelieba Charitas von Starkow.
Vignali konnte nicht vom Lachen zurückkommen, ob ihr gleich Herrmanns
Übersetzung nur die Hälfte von den Schönheiten des Briefe zu geniessen gab.
    »Und Ihr Herr Seelsorger«, sprach sie, »ist so einfältig gewissenhaft, dass
er einem solchen dummen Tiere zu Gefallen nicht heiraten will? Fürwahr, man weiss
nicht, wer von beiden das dümmste ist. - Aber wir sind ja mit seinem Briefe noch
nicht fertig: übersetzen Sie mir doch den Rest vollends!« -
    »Spotte nicht über die Schwachheit einer alten dürftigen Person! habe
Mitleiden mit ihr! Sie befindet sich in kümmerlichen Umständen, weil ihr bei der
itzigen Verwirrung ihre Pension nicht richtig ausgezahlt wird, die ohnehin klein
genug ist. Zu welchen misslichen, lächerlichen Schritten verleitet nicht Hunger
und Stolz?«
    Vignali. O das ist ja das ewige Evangelium! ein unausstehlicher Prediger!
Machen Sie, dass Sie fertig werden, oder ich schlafe ein.
    
    »Und nun, liebster Freund meines Herzens! eile, komm in meine wartenden
Arme! Wenn Du kein Verlangen nach mir empfindest, sondern mein Anerbieten gar
ausschlägst: dann fürchte ich für Dich, dann hat gewiss eine törichte
Leidenschaft wieder Wurzel bei Dir geschlagen. Noch ist Dir Hülfe zu schaffen:
hast Du vielleicht Ulriken in Berlin gefunden, und setzt Ihr beide Eure
unsinnige Liebe fort, weil Euch niemand daran hindert, so fasse den mutigen
Entschluss, Berlin zu verlassen, um Dich bei mir von Deiner Torheit zu heilen.
Bist Du jetzt, da Du am Ende dieses Jahres bereits Dein neunzehntes erreichst,
noch nicht vernünftig genug, um der Stimme Deines Freundes zu gehorchen, dann
gebe ich Dich für verloren: Du kannst alsdann nicht anders als durch Unglück,
durch schweres Unglück weise werden. Nur vor einem einzigen bewahre Dich und
Ulriken der Himmel: Ihr seid beide in dem Alter der brausenden Begierden, lebt
ohne Hindernis, Zwang und Aufsicht an einem Orte, wo die Wollust laut spricht
und ohne Scheu handelt, wo leicht Umgang, Gesellschaft, Beispiele die Phantasie
aufregen und mit verführerischen Bildern erfüllen, die wie Schwefel in das
brennende Jünglingsherz hinabsinken, dass es von tausend Wünschen und Trieben
auflodert: Wenn in der Stunde der Schwachheit Dein feuriges Blut aufkocht und in
hohen Wellen über Vorsichtigkeit und Klugheit zusammenschlüge - o Freund, die
Feder sinkt mir, so erschüttert mich dieser Gedanke bis ins Innerste. Bleibst Du
in so naher Gefahr - vielleicht sitzt sie Dir schon auf dem Nacken -, so erwarte
nicht mehr die freundschaftliche Züchtigung eines Freundes: wie einen Unwürdigen
will ich Dich züchtigen und selbst an Deiner Festsetzung und Bestrafung
arbeiten: wer sich nicht zur Weisheit leiten lässt, muss von Elend und Schmerz mit
Ruten zu ihr gepeitscht werden. Aber, bester Freund, noch immer hoffe ich, Du
wirst eine so harte Besserung nicht brauchen, und unter dieser Voraussetzung bin
ich Dein
                                                              Freund Schwinger.«
Herrmann war durch den Schluss des Briefes tief gerührt: allein Vignali höhnte
und belachte ihn so viel über seine Rührung, dass er sie nicht nur verbarg,
sondern auch unterdrückte. Sie arbeitete mit allen Kräften ihres boshaften
Witzes, ihn wider Schwingers strafende Sprache aufzubringen, und legte ihm
unaufhörlich ans Herz, dass sie eine Beleidigung seiner Ehre sei. - »Mit einem
Menschen wie Sie so im Tone des Präzeptors zu reden!« rief sie einmal über das
andere aus. »Einen Menschen wie Sie züchtigen zu wollen! Es ist schon ein
Verbrechen, dass der Schulmeister mit einem Menschen wie Sie in so vertrautem
Tone spricht; und Sie leiden gar, dass so ein Pedant einen Menschen wie Sie
züchtigen will? Züchtigen?« - Herrmann entschuldigte zwar seinen Freund, allein
durch das ewige ein Mensch wie Sie! schwoll doch sein Ehrgeiz so stark auf, dass
er endlich Schwingers starke Sprache für beleidigend erkannte. In der
Abendgesellschaft wurde seine unsterbliche Tat, wie Vignali den Betrug nannte,
den er dem Grafen Ohlau mit einer falschen Ulrike gespielt hatte, belacht,
beklatscht und bis zum Himmel erhoben: Vignali setzte ihm zum Scherz bei Tische
eine dampfende Räucherpfanne vor, um ihm wie einem Halbgotte zu räuchern. Ebenso
fand jedermann Schwingers Brief unverschämt, grob, beleidigend, weil ihn Vignali
so fand: Jedermann schalt Schwingern einen Pedanten, einen Schulmeister, weil
ihn Vignali so schalt: man spottete auf das unbarmherzigste über seinen Stand
und machte den Brief durch boshafte Verdrehungen und mutwillige Glossen so
lächerrlich, dass er auch in Herrmanns Augen sehr viel von seinem Werte verlor.
    Des Morgens darauf war der Brief Vignalis erstes Gespräch. - »Die
Beleidigung, die Ihnen gestern widerfahren ist«, fing sie an, »hat mir eine
schlaflose Nacht verursacht: Sie wissen, wie stark mich alles interessiert, was
Sie angeht, und ich muss Sie antreiben, Ihre Ehre zu rächen oder keine Ruhe
haben. Selbst das Anerbieten, das Ihnen der Pedant tut, ist eine Beschimpfung.
Wie? ein Mensch wie Sie sollte in einen einsamen Winkel zu einem Landgeistlichen
kriechen und da mit allen seinen Talenten und Annehmlichkeiten im stillen
vermodern? Ein Mensch wie Sie, der für die Welt gemacht ist, um zu gefallen,
bewundert und angebetet zu werden? Was fehlt Ihnen denn, um in jeder
Gesellschaft zu glänzen? Sie sind Ihres Beifalls und Ihres Glücks gewiss: Sie
dürfen nur winken, so fliegen Ihnen die Herzen der Damen entgegen: wenn Sie mit
Ihren angenehmen Talenten auf dem Rosenpfade der Liebe und des Vergnügens weiter
fortgehn, was hindert Sie denn, vielleicht einmal eine der glänzendsten Rollen
in Europa zu spielen? Damen können Minister und Subalternen machen: selbst wo
ihr Einfluss so gering ist, dass sie gar nichts zu vermögen scheinen, vermögen sie
doch immer genug, um einen Menschen von Ihren Verdiensten emporzuheben. Fi! ich
muss mich in Ihre Seele schämen, dass Sie gestern nur anstehn konnten, einen so
entehrenden Vorschlag abzuweisen.«
    Herrmann. Aber, Vignali, die Freuden der Freundschaft, ländliche Ruhe,
einsames Vergnügen muss auf so ein tumultuarisches, zerstreutes Leben, wie ich
hier geführt habe, unendlich wohltun: ich sehne mich nach der stillen
Einsamkeit.
    Vignali. So hätte ich Ihnen doch fürwahr mehr Verstand zugetraut. Was wollen
Sie denn dort? - Busspsalmen mit Ihrem Herrn Pastor beten? oder über die
Sündlichkeit und Bosheit der argen Welt erbauliche Betrachtungen anstellen? -
Freilich, Sie haben doch wohl gottlob! nunmehr fast neunzehn Jahre auf der Welt
zugebracht und sind dieses Jammertals voll tumultuarischer Zerstreuungen so satt
und überdrüssig, dass Sie den Rest Ihres mühseligen Lebens in Ruhe hinzubringen
wünschen. So ein lebenssatter Geist von neunzehn Jahren ist freilich wohl ein
lächerliches Ding: Sie stehen freilich wohl erst an der Tür des Vergnügens und
der Ehre: Sie durften nur noch einen Schritt tun, um zu dem innersten Heiligtum
dieser beiden Götter eingelassen zu werden: allein das bekümmert Sie nicht: das
viele Glück, das viele Vergnügen schmeckt Ihnen nun einmal bitter, und Sie
wünschen gar sehnlich, dass Ihnen der Tod endlich einmal Ihre neunzehnjährige
Kehle abschneiden möge. - Fühlen sie nicht, wie lächerrlich Sie sind? - Fort! ich
will Sie vor der Lächerlichkeit bewahren: schreiben Sie! ich will Ihnen die
Antwort an Ihren Schulmeister diktieren.
    Herrmann. Ich bitte Sie, Vignali, lassen Sie mich keinen Undank begehn -
    Vignali. Keine Einwendungen! Gehorchen Sie! - Versteht der Herr Pastor
Französisch?
    Herrmann. Ja.
    Vignali. So schreiben Sie! Mein lieber Herr Präzeptor! Ich bin neunzehn Jahr
alt und brauche keinen Schulmeister mehr, der mich mit Ruten züchtigt, wenn ich
nach seiner einfältigen Meinung nicht Gutes tue.
    Herrmann. Vignali, mein ganzes Herz widersetzt sich einem so trotzigen
Briefe.
    Vignali. Ihr Herz ist ein Narr. Schreiben Sie! Ich bin zu alt, um mich mit
so pedantischem Tone ausschelten zu lassen, aber auch zu jung, um schon mit
Ihnen im Sack und in der Asche Busse zu tun. Ich habe die Ehre, Sie zu
versichern, dass ich hier so viel Vergnügen geniesse, als ich bei Ihnen Langeweile
haben würde. Eine Frau wie Vignali, bei welcher ich lebe, die mich liebt,
schätzt und fast anbetet, vertauscht man nicht gern mit einem mürrischen,
moralisierenden Landpastor. - Sie können leicht daraus schliessen, dass auch
meinerseits Liebe und Dankbarkeit sich einer Trennung von ihr widersetzen
würden, wenngleich Ihr lächerliches Anerbieten weniger beleidigend wäre.
    Herrmann. Vignali, unmöglich kann ich solchen Unsinn schreiben.
    Vignali. Unsinn, mein kleines Herrchen? - Unsinn ist es, wenn Sie bekennen,
dass Sie Liebe und Dankbarkeit gegen mich fühlen? - Du stolzer Bettler! wem bist
du dein ganzes Wohlsein schuldig als mir. Wer hat dich aus dem Kramladen
herausgezogen? Wer hat dich mit glänzenden Kleidern, mit anständiger Wohnung,
mit Bedienung, Bequemlichkeit und Wohlleben bisher versorgt? Wer hat dir deinen
rohen kleinstädtischen Geist gebildet? Wer hat dich aus deiner schulmässigen
Denkungsart herausgerissen? Wer dich von pedantischen Stubengrundsätzen und
linkischen Meinungen befreit? Wer hat dich mit den Artigkeiten der Welt, mit
einnehmenden Manieren, mit gefälligen Sitten und dem Tone der guten Gesellschaft
bekannt gemacht? Wer als ich? sage mir! Du bist meine Kreatur: ich will dich
dein ganzes Nichts einmal fühlen lassen; und nunmehr nennst du es Unsinn,
Dankbarkeit gegen die Frau zu bekennen, die dich geschaffen hat? - Wenn dir dein
knurrender Präzeptor lieber ist als deine Wohltäterin, wohl! gehe zu ihm! wirf
mir alle meine Geschenke und Wohltaten vor die Füsse! gib mir verächtlich alle
Kleider und Wäsche zurück, die du von mir empfingst, und eile, nackt, wie du aus
Mutterleibe kamst, in die liebreichen Arme deines ökonomischen Landpredigers!
    Herrmann. Ja, Vignali, ja! ich will gehn: ich mag nicht das Insekt sein, das
ein Weib zerdrücken oder leben lassen kann. Alle Geschenke und Gütigkeiten, die
Sie mir so entehrenderweise vorrücken, sollen Ihnen durch meinen Freund bezahlt
werden. Danken will ich dir, stolzes Weib, und dich verachten.
    Vignali. Unsinniger! trotzest du also meiner Liebe? - Alle meine Geschenke
sind nichts: verachte sie! Aber eins - wag es, dies einzige zu verachten, wenn
du nicht der ärgste Bösewicht der Erde sein willst! Ist dir die heisse, brennende
Liebe eines Weibes nichts? Die elenden Lumpen, womit dich das stolze Weib
behing, kannst du bezahlen: aber sage mir, Trotziger, womit willst du meine
Liebe bezahlen? Und wenn du einem Könige seine Schätze abborgtest, gegen die
Liebe einer Frau wären sie immer eine leichte Feder. Nur Liebe vergilt Liebe. -
Verblendeter Tor! bedenk einmal, was Vignali aus Liebe für dich tat! Wer bot dir
mit zuvorkommender Güte die süssesten Vergnügungen der Liebe an, die du,
Undankbarer, verschmähtest? Wer liess dich die berauschenden Freuden der
Zärtlichkeit aus vollem Becher geniessen? Wer liess dich, wenn du wie ein
Durstender vor Liebe schmachtetest, an seinem Busen wie ein Kind ruhen und dich
mit dem seligsten Entzücken laben? Welche Lippen eilten deinem Kusse entgegen!
In wessen Umarmungen starbst du voll trunkner Wonne dahin? Wer machte dir mein
Haus zum Paradiese und deine Tage zu Tagen der Seligkeit? Wer tat dies alles als
die stolze Vignali, die dir noch unendlich mehr anbot, als du annahmst? die dir
alle ihre Delikatesse, alle Rechte ihres Geschlechts, ihre ganze Person
aufopferte! die mit ihrem Blicke an den deinigen hing, keine Freuden kannte,
wenn du nicht Teil daran nahmst, mit zärtlicher Schwachheit Tag und Nacht vor
dir, ihrem Abgotte, auf den Knien lag, auf jeden deiner Winke von fern merkte,
dich wie eine Magd bediente, deinen Willen ausforschte und ihn tat, ehe du noch
wolltest! - Glaubst du, dass Vignali ein Weib ist, das für elenden Lohn liebt?
ein Weib, das Liebhaber durch Schmeicheleien ankörnen muss? - Nein, unter den
vielen wählte nur dich mein Herz aus. Überdenke dies, Wahnsinniger! und dann wag
es, solche Geschenke zu verachten! Wag es, wenn dir nicht der Schlag die Zunge
lähmen soll, sobald sie noch ein undankbares Wort ausspricht!
    Herrmann. Vignali, schonen Sie meiner. Sie vernichten mich. - O Sie
verführerisches Weib könnten mich mit Ihren Reden in die Hölle locken.
    Vignali. Denke nicht, dass ich Dich wie eine Buhlschwester überreden will!
Nein, ich will dich bloss ermahnen, gerecht zu sein: aber wenn ich es gegen dich
sein wollte? - doch was red ich von Gerechtigkeit gegen dich? Gegen dich, du
kleiner Herzensbezwinger, kann ich an nichts als Liebe denken. - O wie
gefährlich ist es, mit Ihnen zu zanken! Mit einem Blicke entwaffnen Sie gleich
den fürchterlichsten Zorn. - Wenn Sie ja meine Liebe nicht achten -
    Herrmann. Leider, Vignali! acht' ich Sie mehr, als ich sollte. Sie haben
Saiten in meinem Herze berührt, die ich nie so tönen hörte. - Vignali, warum
zwingen Sie nun die Leute zur Liebe, wenn man alle Ursache hätte, Sie zu hassen?
Die eine Hälfte meines Herzens möchte Sie für Ihre Beleidigung zerfleischen und
die andere vor Liebe Ihnen um den Hals fliegen.
    Vignali. Was das für ein schneidender Blick war, mit dem Sie das sagten! -
Ich bitte Sie, sehen Sie mich nicht so wildverliebt an! Sie schmelzen mir das
Herz.
    Herrmann. Vignali, ich bin ein Undankbarer: ich habe Sie durch meinen Trotz
beleidigt.
    Vignali. Sie mich beleidigt? - Liebes Kind, Sie irren sich. Ich machte Ihnen
ja übereilte Vorwürfe über ein paar armselige Geschenke, die kaum des Redens
wert sind. Herrmann. Und ich war der Elende, der Ihr grösstes Geschenk, Ihre
Liebe, verkannte: - aber, Vignali, wo ich Sie wieder verkenne: dann stossen Sie
mich aus dem Hause!
    Vignali. Nein, gewiss! In der Hitze haben Sie vergessen, was wir redeten: Sie
sind von mir auf das empfindlichste beleidigt worden: ich muss Ihnen Genugtuung
geben. Was für eine foderst du denn, du kleiner Zauberer? Herrmann. Keine! denn
ich habe sie nicht verdient. Aber um eine Wohltat fleh ich, die ich nie genug
schätzen kann - Ihre Liebe.
    Vignali. Du verführerischer Schwätzer! Du könntest mich mit deinen Reden in
die Hölle locken. Wer mag dir denn etwas versagen, und wenn du noch so
unverschämt bätest? - Und wenn ich dir nun meine Liebe verspräche, was tätest du
dann? Verliessest du mich und gingest zu deinem andächtigen Herrn Pastor?
    Herrmann. Ich wünschte, zu ihm gehen zu können, und - blieb bei Ihnen.
    Vignali. Gut! das wollen wir ihm schreiben. Ich wünschte, zu Ihnen kommen zu
können, allein Vignali hat mich eben jetzt ihrer Liebe von neuem so lebhaft
versichert, dass ich nur für sie zu leben verlange. Unter der Voraussetzung, dass
Sie dieses sehr vernünftig finden werden, bin ich Ihr
                                                               Freund, Herrmann.
Sogleich wurde Licht bestellt, der Brief zugesiegelt und fortgeschickt. Herrmann
ging unruhig aus dem Zimmer, in der Tür rief ihm Vignali nach: »Sie vergessen
doch nicht, dass Sie eine Genugtuung bei mir zu fodern haben!« - Herrmann sah
sich mit einem tiefen Seufzer nach ihr um, schwieg und ging. Der Brief quälte
ihn mit unbeschreiblicher Angst: er hätte ihn gern zurückgewünscht. Schwingern
mit Undank zu begegnen war ihm empfindlich: aber Vignalis Willen zu widerstehen
eine platte Unmöglichkeit.
 
                                Zweites Kapitel
So überzeugend dieses alles Vignalis Macht und Herrmanns Schwäche bewies, so
trieb sie doch ihre Überlegenheit bei einem andern Vorfalle ein paar Wochen
darauf viel weiter. Nach Schwingers Berichte hatte Herrmanns Vater schon in der
Mitte des Februars den christlichen Leinweber verlassen: nach langem
Herumschweifen war er im Mai, seinem Vorsatze gemäss, zu Berlin angekommen:
allein wie sollte er ohne Adresse in dem weiten Berlin seinen Sohn finden? Er
lief bei allen Kaufleuten herum, ihn auszufragen, und lief so lange, bis er zu
dem gewesenen Lehrherrn seines Sohnes kam, der ihn anweisen liess: er erzählte
ihm aber zugleich in der Kürze so viel von Herrmanns itzigen Umständen, dass dem
Alten der Zorn aufschwoll: er nahm sich fest vor, den ungeratenen Jungen tüchtig
auszuhunzen, dass er sich zu dem vornehmen Leben hätte verführen lassen.
    Als er in Vignalis Haus anlangte und auf seine Anfrage erfuhr, dass Herrmann
hier wohne und sich in diesem Zimmer bei Vignali befinde, wollte er
geradezugehn: der Bediente hielt ihn zurück und erbot sich, seinen Sohn
herauszurufen. - »Was?« rief der Alte, »der Hans Lump, mein Sohn, soll mich vor
der Tür sprechen?« - »Aber es ist Madam Vignalis Zimmer«, erwiderte der
Bediente. - »Was geht mich deine Madam Maulaffe an?« schrie der Alte und stiess
ihn von sich. »Ich will hinein, und wenn hundert Madams drinne steckten.« - Auch
ging er wirklich, ohne nur anzuklopfen, ins Zimmer. Herrmann erkannte sogleich
seinen Vater und erschrak bis zum Zittern: der Alte hingegen lief mit
aufgehobnem Stocke auf ihn zu. »Du Halunke!« war sein Gruss. »Bist du schon so
hochmütig geworden, dass du deinen Vater vor der Tür sprechen willst? Sag mir
einmal, Schurke! wie wärest du denn auf die Welt gekommen, wenn ich nicht getan
hätte? Und nun soll sich dein Vater bei dir, Hans Lump, erst melden lassen? Dass
du's weisst, ich habe deine Mutter bei dem Leinweber sitzenlassen und bleibe bei
dir. Nille hat den Durchbruch so gewaltig gekriegt, dass kein ehrlicher Mann bei
ihr aushalten kann; und der Leinweber ist auch so ein verflucht frommer Kerl,
dass sie mich beide so lange gepeinigt haben, bis ich davonlief. Der Narr meinte,
ich wäre so ein roher Heide, dass die Gnade gar nicht bei mir durchschlagen
könnte: für den rohen Heiden gab ich ihm eine derbe Ohrfeige und ging meinen
Weg.- Ihr habt verdammt schlechten Branntewein in eurer schönen Stadt: ich habe
noch keinen gescheiten Tropfen hier getrunken. - Ja, mein lieber Sohn, da hab
ich etwas Rechtes ausgestanden. Im Fieber konnt ich mich meiner Haut nicht
wehren, da musst ich beten, dass mir hören und sehen verging. Da ich wieder bei
Kräften war, liess ich mich nicht länger plagen: ich sagte ihnen geradezu, dass
sie ein paar Narren wären, die man ins Tollhaus bringen sollte, und dass ich
beten wollte, wenn ich Lust hätte: aber in der Krankheit musst ich alle Stunden
ein Gebetbuch durchlesen: das war ein elendes Leben! - Aber sage mir, Heinrich!
lässt du mich denn so trocken dasitzen? Ich dächte, du könntest deinem Vater wohl
etwas vorsetzen.«
    Herrmann bat, ihn auf sein Zimmer zu begleiten, um Madam Vignali nicht zu
belästigen, allein der Alte versicherte ihn, dass es hier sehr hübsch wäre. Er
hatte während seiner Erzählung bereits einen Stuhl in Besitz genommen und sass
mit voller Bequemlichkeit da, den Hut auf dem Kopfe und den Rücken nach Vignali
gekehrt, die er in der ersten Berauschung seines väterlichen Grusses ganz
übersah. Sie erschnappte aus seiner Anrede gerade die wenigen deutschen Worte,
die sie verstund: sie hörte ihn sehr oft Vater wiederholen und sogar die
Benennung mein lieber Sohn: Herrmanns Bestürzung, als der Fremde hereintrat, die
Freude, die mitten aus seiner Verwirrung hervorleuchtete, und die beständige
Unruhe, womit er von Zeit zu Zeit nach ihr hinsah, machten ihr die Vermutung
ungemein wahrscheinlich, dass es sein Vater sei. Sie fragte ihn französisch, ob
sie recht vermutet habe, und eine gewisse Scham hielt ihn zurück, einen Mann
ohne Sitten für seinen Vater vor ihr zu erkennen: er liess ihre Frage
unbeantwortet und suchte den Alten durch alle mögliche Vorstellungen auf sein
Zimmer zu bringen: er war unbeweglich. Vignali setzte ihm auf der andern Seite
mit gehäuften Fragen zu, dass er ihr endlich ein gestammeltes, unruhiges »Oui«
zur Antwort gab. Der Alte fuhr indessen ungehindert in seinen Reden fort, schlug
auf den Tisch und machte tausend von seinen geräuschvollen Gebärden: besonders
schalt er seinen Sohn aus, dass er sich wider seine Warnung mit dem vornehmen
Leben eingelassen habe. »Was ist denn das für ein Mensch?« fragte er endlich und
wies auf Vignali. - »Ich bitte um etwas mehr Anständigkeit in den Ausdrücken«,
antwortete Herrmann mit ärgerlichem Tone.
    Der Vater. Was? du willst deinen Vater lehren, wie er reden soll? Wenn ich
mich nicht zu sehr freute, dich wiederzusehn, ich drückte dir das Genicke ein
wie einem Krammetsvogel. Ich will reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist; und
daran soll mich so ein vornehmer Hundejunge wie du nicht hindern: kein Kaiser
und kein König soll's, solang er mir nicht die Zunge ausschneiden lässt. Wenn ich
nur erst meinen Gaum geletzt habe, dann soll's besser gehn. Aber sage mir nur,
was du da stehst wie ein alter Kehrbesen? So rühr dich doch! In den schönen
Zimmern geht's verzweifelt hungerleidig zu: denkst du, dass ich satt werde, wenn
ich die bunten Wände ansehe? Schaff etwas Gutes zu essen und zu trinken! dann
wollen wir etwas Rechtes zusammen schnaken. - Du Bube frissest hier wie ein
Papagei im goldnen Käfig, lauter artige feine Leckerbissen, und dein armer Vater
hat drei Monate hier gelebt wie ein Hundsfott: es fehlte nicht viel, so musst ich
das Brot vor den Türen suchen. Ich habe meiner Nille alles Geld mitgenommen, was
noch da war: sie mag sehn, wie sie sich etwas verdient. Sie ist ja unter Dach
und Fach, und ich muss wie ein Storch in der Welt herumfliegen. - Das Leben bei
dem Leinweber war ein verfluchtes Leben: ich musste Garn winden wie ein
Waisenjunge, und meine Nille spann und betete laut dazu. Der Leinweber sang und
akkompagnierte mit seinem Weberstuhle: ich fluchte und knurrte wie ein Bär: das
war eine Teufelsmusik. - Hol mir Feuer! ich will mir mein Pfeifchen indessen
anstecken, bis etwas zu trinken kömmt. - Was lauerst du denn? Deinen Vater musst
du bedienen, wenn du gleich eine ganze Goldfabrik auf dem Kleide hättest. -
    Vignali, als sie ihn ein kleines beräuchertes Pfeifchen aus der Tasche
ziehen sah, erzürnte sich und sprach unwillig zu Herrmann: »Sie werden doch ein
solches Schwein nicht für Ihren Vater erkennen? Ich will ihn fortjagen lassen.«
- Sie klingelte dem Bedienten. Herrmann, voll kochender Unruhe, lief ihr nach
und beschwor sie, keine Gewalt zu gebrauchen. - »Wenn Sie sich unterstehen«,
sprach sie drohend, »gegen irgend jemanden zu bekennen, dass er Ihr Vater ist, so
zittern Sie! Glauben Sie, dass Vignali sich mit der Gesellschaft eines Menschen
entehren wird, der ein solcher Urang-utang angehört?« -
    Der Bediente erschien, und Vignali gab ihm Befehl, diesen Wilden aus dem
Hause zu schaffen, in Güte oder Gewalt. Herrmann bat den Bedienten inständigst,
ihm nicht unsanft zu begegnen, weil er betrunken sei.
    Der Vater. Was? dein Vater wäre betrunken?
    Herrmann. Ich kenne keinen Vater, der sich ungesittet aufführt.
    Der Vater. Du vergold'ter Halunke willst deinen Vater verleugnen? - Die Hand
wird dir aus dem Grabe wachsen.
    Herrmann. Ein ungesitteter Mann kann mein Vater nicht sein. -
    Vignali. Führt ihn fort, den Trunkenbold! -
    Der Bediente fasste ihn an und zerrte ihn nicht mit der sanftesten Manier
nach der Tür hin: der Alte fluchte und schimpfte unaufhörlich auf seinen
gottlosen Sohn und die Hure, die ihn verleitete, ihn zu verleugnen, riss sich von
dem Bedienten los und trat mitten ins Zimmer. »Sage mir«, rief er geifernd, »bin
ich nicht dein Vater?« - »Nein!« antwortete Herrmann hastig mit erstickender
Beklemmung. - »O so schlage dich aller Welt Donnerwetter in die Erde zusammen,
du Höllenbrut!« - das war sein Abschied; denn der Bediente schleuderte ihn
unversehens zur Tür hinaus, und Vignali schob den Riegel vor.
    Herrmann lief wie ein Halbrasender im Zimmer herum, schlug sich an die Stirn
und rief aus: »O ich bin ein Ungeheuer, und Sie, Vignali, machen mich dazu.«
    Vignali. Ein Tor sind Sie! - Bedauern Sie es noch, dass Sie von der schönen
Anverwandtschaft befreit sind?
    Herrmann. Aber er ist mein Vater!
    Vignali. Und sollt es nicht sein! Auch die Melone wächst aus Miste. Es ist
unverschämt, dass Sie ihn in meiner Gegenwart für Ihren Vater erkannten.
Überlegten Sie nicht, was ich empfinden musste, den Menschen, den ich mit meiner
Freundschaft beehre, als den Sohn eines solchen Ungeheuers zu erblicken? Wenn
Sie das nicht überlegten, so will ich Ihnen sagen, was ich empfand - ich schämte
mich Ihrer. - Diese Anverwandtschaft bleibt ein Geheimnis unter uns beiden: wo
Sie noch sonst jemanden Anteil daran haben lassen, dann veracht ich Sie.
    Herrmann. Und wenn Sie mich auf der Stelle mit der empfindlichsten
Verachtung straften, so kann ich kein Barbar sein und meinen Vater im Elende
schmachten lassen.
    Vignali. Wer verlangt denn das? - Er soll essen und trinken, soviel ihm
beliebt: nur Ihr Vater darf er nicht sein. Ich will ihm einen Louisdor geben:
dann mag er den Weg wieder nach Hause suchen. -
    Sie rief dem Bedienten, der mit der Nachricht zurückkam, dass der Mann
verrückt sein müsste; er sei gar nicht aus dem Hause zu bringen. Er überlieferte
ihm auf Vignalis Befehl den Louisdor, allein der Alte warf ihn fluchend auf die
Erde und ging mit den schrecklichsten Verwünschungen fort.
    »O des empfindlichen Knabens!« fing Vignali spöttelnd an, als der Bediente
dieses erzählt hatte. »Sie sollten sich schämen: wahrhaftig, die Tränen stehn
Ihnen in den Augen.«
    Herrmann. Und mein Herz zerfliesst darin.
    Vignali. Sie haben ein lächerliches Herz: es weiss immer nicht, was es will.
- Wer ist Ihnen mehr? Vignali oder dieser Irokese? - wenn Sie diesen vorziehn,
begleiten Sie ihn!
    Herrmann. Das will ich! Tausendmal besser, ein Bettler sein, als die ersten
heiligsten Pflichten der Natur verleugnen!
    Vignali. Aber mein lieber Gewissenhafter! Du nimmst doch auch die arme
Vignali mit, wenn du gehst? - Denn ich bilde mir ein, du liebst die Frau zu
sehr, als dass du sie so allein lassen solltest. Ich kann mich irren: aber ich
bilde mir fest ein, dass du nicht ohne mich sein kannst.
    Herrmann. Ich möchte, dass Sie nicht wahr redeten!
    Vignali. Aber ich dächte auch, die Frau hätt es um dich verdient: sie liebt
dich so zärtlich und pflegt dich wie einen Prinzen: das verdient allerdings
Erkenntlichkeit; und du bist gewissenhaft - o so gewissenhaft, dass man dich
einmal kanonisieren wird! So ein dankbarer Mensch gäbe wohl einer solchen Frau
zu Gefallen zwei Väter hin und Mutter und Grossmutter noch obendrein; und die
Frau, die dies kleine Opfer fodert, ist gewiss eine gute Frau - die beste Frau,
die ich kenne! Meinst du das nicht auch?
    Herrmann. Ich wollte, dass ich Ihre Vortrefflichkeit weniger empfände. -
Vignali, beherrschen Sie mich nicht so tyrannisch! Der Himmel weiss es, wie Sie
mit einem Worte, einem Blicke meine Seele regieren: sind Sie allmächtig, dass Sie
so meine besten Gesinnungen und Entschliessungen zu Boden stürzen? Immer fühl
ich, dass ich anders handeln sollte: aber nein! ich muss handeln, wie Sie wollen.
Selbst meine feurigsten Begierden und Wünsche stehen still, wenn Sie gebieten.
Ich fürchte jede Minute, dass Sie mich zum hässlichsten Verbrecher machen werden.
    Vignali. Also sind wir ja einig? - Sie tun, was Sie wollen, und Sie wollen,
was ich will: es lässt sich keine bessere Harmonie denken. Bilde ich närrisches
Weib mir nicht ein, wir hätten uns einmal wieder gezankt und ich wäre Ihnen
Genugtuung schuldig? - Wie ist mir denn? Ich bin Ihnen wirklich noch eine
schuldig: wissen Sie nicht, von unserm letzten grossen Zanke her, da ich Sie so
gröblich beleidigte? - Du saumseliger Mahner! wirst du mir bald die Schuld
abfodern? -
    Sie führte ihn ins Kabinett und leitete ihn unter mancherlei Wendungen so
weit, dass er nur noch um einen Gedanken von dem Entschluss entfernt war, seine
Schuldfoderung zu befriedigen. Die unendlichen Reizungen, womit ihn Vignali
bestürmte, schläferten wie ein Ammenlied sein Bewusstsein und Nachdenken ein: mit
umwölkten Sinnen, in glühendem Traume, mit hinreissender Begierde stand er dicht
am Abgrunde seines Falles: plötzlich rollte mit lautem Geräusch das schlecht
befestigte Rouleau am Fenster herab: das Schrecken verscheuchte seinen Traum,
seine Sinne öffneten sich, er sah um sich her, erblickte Vignali in entülltem
Reize der Liebe, zitterte und taumelte, als wenn ihn ein Dämon hinwegpeitschte,
zum Kabinett hinaus. Auch Vignali war durch das Getöse des Rouleaus so
erschreckt worden, dass sie ihn gehen liess, ohne ihm nachzusetzen.
    Dies war der höchste Sieg, den sie über ihn erlangte: vielfältig gelang es
ihr, ihn dem entscheidenden Schritte so nahezuführen, und jedesmal rettete ihn,
genau untersucht, der Zufall - ein herabrollendes Rouleau, ein Lichtstrahl, der
plötzlich auf sein Auge fiel und ihn aus seiner Trunkenheit schreckte, ein
ungefähr aufsteigendes Bild der Phantasie, eine Idee, die durch den Kopf fuhr,
der Himmel weiss woher, eine schnell dazwischenkommende Empfindung - ein solches
Etwas, gleichsam wie vom Winde dahergeweht, weckte sein Gefühl für Würde und
Ehre auf, riss plötzlich die Stärke seines Geistes aus dem Schlummer empor: die
Schüchternheit der ersten Begierde und die Scham eines edeln Herzens, das nicht
der empfundne Genuss, sondern bloss die Reize einer verführerischen Frucht locken,
vollendeten seinen Sieg: er schmachtete nach dem einladenden Apfel und musste ihn
fliehen, ärgerte sich, ihn nicht gepflückt zu haben, und dankte dem guten
Schicksale, das seinen zulangenden Arm zurückzog. Jedesmal wurde er
vorsichtiger, wünschte, es nicht zu sein, und war es nicht, wenn ihn neue
Reizungen einluden: jedesmal zitterte er vor der Gefahr, wünschte sie sich
wieder und eilte ihr entgegen, wenn sie sich zeigte. Nicht wollen und doch
wollen, verwerfen und doch begehren, vermeiden und doch suchen, war der
Lebenslauf seines Herzens.
 
                                Drittes Kapitel
Vignali, die über den zaghaften Liebhaber bis zum Zähneknirschen zürnte, hatte
das Unglück, nicht lange darauf eine sehr herzangreifende Nachricht von ihren
besoldeten Aufpassern zu erfahren: sie meldeten ihr, dass der Herr von Troppau
einen Brief, von unbekannter Hand geschrieben, erhalten habe und seitdem Ulriken
mit ihrer Untergebnen oft zu sich auf das Zimmer kommen lasse, dass er sich zu
ganzen Stunden mit ihr unterrede und dass sie jedesmal sehr vergnügt und froh
sich von ihm trenne. Zween Tage darauf berichtete ihr der Kammerdiener, dass er
den Brief in seines Herrn Schreibeschranke gefunden und weiter nichts als die
Unterschrift Le Comte d'Ohlau habe lesen können. Noch den nämlichen Tag erfuhr
sie, dass der Herr von Troppau bei seiner Schwester gespeist habe, was er in zwei
Jahren nicht getan hatte, und nach Tische lange allein mit ihr in ihrem Kabinett
gewesen sei. Mehr brauchte Vignali nicht, um sich diese sonderbaren
Begebenheiten zu erklären: sie erriet die ganze Geschichte auf ein Haar und
machte sogleich Anstalt, ihren Mutmassungen Gewissheit zu geben und den vermuteten
Anschlag zu zernichten.
    Seit der ersten Nachricht von dem Empfange des Briefes gingen die Kuriere
unaufhörlich herüber und hinüber und statteten ihr von der kleinsten Handlung
des Herrn von Troppau Bericht ab, und eben jetzt, eine halbe Stunde nach jener
Unterredung mit der Frau von Dirzau, lief die Zeitung ein, dass er schriebe: im
Augenblick wanderte Vignali hinüber zu ihm und überraschte ihn so sehr, dass sie
schon das überschriebene Monsieur auf dem Blatte las, als er sich umdrehte und
sie erblickte: er erschrak, dass er alle Fassung verlor, versteckte den Brief
unter den Papieren und schloss sie ein. Vor Schrecken vergass er, sie zu
bewillkommnen oder nach der Ursache ihres Besuchs zu fragen. Sie liess ihm zwar
auch keine Zeit dazu, sondern fing sogleich an: »Ich beklage, dass ich Sie störe;
und der Brief ist wohl notwendig?«
    Herr von Troppau. Nein, er kann warten.
    Vignali. Was wetten Sie, ich weiss, an wen Sie schreiben?
    Herr von Troppau. Schwerlich.
    Vignali. Ich wette mit Ihnen um die erste Nacht ihrer künftigen Gemahlin. -
    Der Herr von Troppau wurde feuerrot, stutzte und lächelte, seine
Verlegenheit zu verbergen. - »Sie sind spasshaft«, sprach er.
    Vignali. Wozu denn lange Umwege? Sie schreiben an den Grafen Ohlau.
    Das war ein Donnerschlag für den Herrn von Troppau: er hustete und brauchte
lange Zeit, ehe ihn sein Erstaunen reden liess. - »Wie kommen Sie denn auf diesen
Mann?« fragte er voller Verwundrung und mit gezwungner Gleichgültigkeit.
    Vignali. Weil er an Sie geschrieben hat.
    Herr von Troppau. An mich? - Sie träumen.
    Vignali. Er schreibt Ihnen wegen der Baronesse von Breisach.
    Herr von Troppau. Wer hat Ihnen das gesagt?
    Vignali. Ich kenne die Baronesse sehr gut! sie hat unzähligemal bei mir
gegessen. Ich weiss ihre ganze Geschichte aus ihrem eignen Munde: sie macht vor
mir gar kein Geheimnis daraus. - Wird sich die Baronesse bald öffentlich dafür
erklären? Man muss doch alsdann auf eine andre Gouvernante für Ihr Fräulein
denken. - Die Baronesse sollte heiraten, da ihre heimliche Liebe aus ist.
    Herr von Troppau. Sie reden also von der Gouvernante meiner Tochter?
    Vignali. Ja, ja, von der Baronesse von Breisach.
    Herr von Troppau. Wer hat sie denn dazu gemacht?
    Vignali. Vermutlich ihr hochseliger Herr Vater. Es ist mir eine eigne Idee
dabei eingekommen. Wissen Sie, wer die Baronesse heiraten sollte? - Sie!
    Herr von Troppau. Ich? - Woher wissen Sie denn, dass ich heiraten will?
    Vignali. Ein Einfall! ein blosser Einfall! - Es ist Ihnen ja wohl bekannt,
dass die Weiber gern Heiraten machen. Da sie von Ihrem Stande ist - so viele
Liebenswürdigkeiten besitzt - nicht wahr, Sie sind meiner Meinung? - Die
Baronesse ist liebenswürdig?
    Herr von Troppau. Unleugbar liebenswürdig! - Das Geständnis, dass ich das
Mädchen so finde, wird Sie hoffentlich nicht beleidigen -
    Vignali. Mich im mindesten nicht! - Denken Sie, dass ich mich für die einzige
liebenswürdige Frau auf der Welt halte? - Denn dass ich mir einige
Liebenswürdigkeit zutraue, das ist mir zu vergeben, weil Sie mich mit Ihrer
Liebe beehrt haben - Sie, ein so feiner Kenner der Schönheit! - Wenn Ihnen die
Baronesse gefällt, so würde mich's beleidigen, wenn Sie sich meinetwegen die
geringste Gewalt antäten.
    Herr von Troppau. Sprechen Sie aufrichtig, Vignali? Vignali. Warum zweitem
Sie denn an meiner Aufrichtigkeit? Haben Sie nicht Proben genug, dass ich nichts
als Ihr Vergnügen, Ihre Zufriedenheit suche? Steht nicht mein ganzes Leben in
Ihrer Hand? Hab ich Ihnen nicht einen Mann aufgeopfert? Hab ich nicht alle Bande
der Freundschaft und Liebe zerrissen, um nur für Sie zu leben? Und wie hab ich
für Sie gelebt? - Mit einer Treue, Ergebenheit, mit einer so festen Vereinigung
des Willens, mit einer Stärke der Liebe, die nur mein Herz ganz kennt - kann man
wohl nicht aufrichtig sprechen, wenn man so aufrichtig handelt?
    Herr von Troppau. Sie entzücken mich, Vignali. Ich bekenne, ich bin Ihnen
unendliche Verbindlichkeiten schuldig.
    Vignali. Sie beschämen mich mit so einem stolzen Worte. Ich bin nicht so
eitel, dass ich Ihnen meine kleinen Verdienste herzählte, um Ihnen ein Kompliment
abzulocken: ich wollte Sie nur überzeugen, wie ungerecht Ihre Zweifel wider
meine Aufrichtigkeit sind. - Aber wozu denn so weit hergeholte Beweise? ich kann
Sie ja auf der Stelle überführen, dass ich aufrichtig gegen Sie handle. Wenn Sie
die Baronesse lieben und durch ihren Besitz glücklich zu werden hoffen, so
erbiete ich mich zur Brautwerberin. Da Sie die Güte gehabt haben, so viele
Gefälligkeiten von mir anzunehmen, so werden Sie doch nicht so grausam gegen
mich sein und einer andern das Vergnügen gönnen, Ihnen eine liebenswürdige
Gemahlin verschafft zu haben? - Sagen Sie mir nur, ob Sie die Baronesse lieben
oder lieben können! Für das übrige lassen Sie mich sorgen!
    Herr von Troppau. Sie bezaubern mich, Vignali. Ich habe unendlich viel Gutes
von Ihnen geglaubt: aber eine solche Uneigennützigkeit traut ich Ihnen nicht zu.
    Vignali. Da seh ich keine Uneigennützigkeit! Ich glaube wahrhaftig, dass Sie
mir noch obendrein ein Verdienst daraus machen: wie man doch so leicht zu einem
Verdienste kommen kann, wenn man mit guten Leuten zu tun hat!
    Herr von Troppau. Und Sie müssen mehr als gut sein, dass Sie sich so etwas
für kein Verdienst anrechnen wollen. Einer so edlen Uneigennützigkeit waren nur
Sie unter Ihrem ganzen Geschlechte fähig: aber Sie können auch meiner
immerwährenden Erkenntlichkeit versichert sein: selbst wenn ich einen solchen
Schritt tun sollte, wozu Sie mir raten -
    Vignali. Behält die ehrliche Vignali immer noch die eine Hälfte Ihres
Herzens! - Haben Sie der Baronesse schon Ihre Absicht entdeckt?
    Herr von Troppau. Was reden Sie denn schon von Absicht? - Ich weiss ja noch
nicht, ob sie mich lieben kann.
    Vignali. Das sollen Sie durch mich erfahren. Sie haben Ihre Tochter schon
längst aus der erbärmlichen Zucht der Frau von Dirzau wegnehmen wollen: ich will
ihr ein Zimmer in meinem Hause einräumen. Alsdann hab ich die schönste
Gelegenheit, die Baronesse auszuforschen: Sie soll nicht eher etwas von unsern
Absichten erfahren, als bis es Zeit ist, nicht einmal, dass jemand ausser mir
ihren Stand weiss. Wie gefällt Ihnen der Plan?
    Herr von Troppau. Sehr wohl: nur wird es schwer halten, meine Schwester zu
bewegen, dass sie meine Tochter von sich lässt.
    Vignali. Das will ich besorgen, wenn ich nur Ihr Wort habe.
    Herr von Troppau. Das geb ich Ihnen sehr gern: allein ich sage Ihnen zum
voraus, ich mische mich nicht darein, wenn es Uneinigkeit gibt. Ich bekümmere
mich um solche Dinge nicht: meine Erlaubnis haben Sie: nun sehen Sie, wie Sie
das Mädchen von meiner Schwester herauskriegen.
    Vignali. Das soll mir wenig kosten. Sie können ja indessen dem Grafen Ohlau
melden -
    Herr von Troppau. Ich war eben damit beschäftigt. Aber woher in aller Welt
wissen Sie, dass er an mich geschrieben hat?
    Vignali. Einfall! Scherz! Weiter war es nichts. Weil mir die Baronesse ihre
Geschichte anvertraut hat und täglich fürchtet, dass ein Brief von ihrem Onkel an
Sie kommen wird, um sie zurückzufodern, so fiel mir gerade, als ich zum Zimmer
hereintrat und Sie schreiben sah, der Graf Ohlau ein: ich wunderte mich selbst,
wie mir der Mann so plötzlich in die Gedanken kam. Der Graf Ohlau führte seine
Schwestertochter herbei, und seine Schwestertochter brachte uns auf Ihre Liebe
und Ihre Heirat. Wie sich doch ein Gespräch so wunderlich drehen kann! Das hätt
ich mir nur fürwahr nicht eingebildet, dass ich heute noch ihre Brautwerberin
werden sollte. - Will sie der Graf Ohlau wiederhaben?
    Herr von Troppau. Allerdings. Er bittet mich, den jungen Menschen in Verhaft
nehmen zu lassen und seine Schwestertochter in Verwahrung zu bringen, bis er
jemanden schickt, der sie abholt. - Hier ist sein Brief.
    Vignali. Ich will ihn zu mir stecken und zu Hause lesen: jetzt ist mir Ihre
Unterhaltung lieber.
    Herr von Troppau. Aber, Vignali, dass ihn niemand sieht! Das Mädchen könnte
etwas erfahren -
    Vignali. Sie werden doch keine solche Sorglosigkeit bei mir vermuten? -
Sonach ist mir doch der Graf Ohlau recht zu gelegner Zeit durch den Kopf
gefahren: denn ich kann Sie in den Stand setzen, ihm eine fröhliche Nachricht zu
geben. Ich hab Ihnen ja, glaub ich, schon gesagt, dass es mit der Liebe des
jungen Menschen aus ist? Er hat mit ihr gebrochen, auf ewig gebrochen.
    Herr von Troppau. Das ist also der junge Mensch, der bei Ihnen wohnt?
    Vignali. Freilich wohl, das gute Vieh!
    Herr von Troppau. Er schien mir aber nicht dumm.
    Vignali. Ach, er wird's täglich mehr. Ich nahm ihn aus Freundschaft für die
Baronesse ins Haus; und in wenigen Wochen war er ihr schon zuwider. Es ist eine
kindische Leidenschaft bei dem Mädchen gewesen: jetzt, da sie zu Verstande kömmt,
sieht sie ein, dass es ein hübsches Schaf ist.
    Herr von Troppau. Kann ich's also für gewiss schreiben, dass ihre Liebe
zerrissen ist?
    Vignali. Für unzweifelhaft gewiss! - Sie werden ihm wohl die Wahl
freistellen, wenn er das Mädchen abholen lassen will?
    Herr von Troppau. Abholen? - Das soll er nicht, sondern ich will ihn
vielmehr fragen, ob er mir die Erlaubnis gibt, eine anständige Partie für sie zu
machen, mit einem Manne von gutem Hause, dessen Namen ich ihm melden will,
sobald ich seine Gesinnungen hierüber weiss.
    Vignali. Und dieser Mann sind Sie? - Also ist es wirklich Ihr Ernst? Ich hab
es nur für halben Scherz gehalten. - Wie mich das freut! Ich kann Ihnen meine
Freude nicht ausdrücken. Also zieht Ihre Tochter zu mir; und in kurzer Zeit
sollen Sie über den streitigen Punkt Nachricht haben.
    Herr von Troppau. Ich wünschte, dass es bald sein könnte.
    Vignali. Freilich, die Liebe zaudert nicht gern. - Weiss es die Frau von
Dirzau?
    Herr von Troppau. Ich hab ihr etwas davon entdeckt.
    Vignali. Vergeben Sie mir! das war ein grosser Fehler.
    Herr von Troppau. Warum? Sie rät mir sehr dazu.
    Vignali. Sie rät Ihnen dazu? - Wenn Sie nur recht gehört haben! Oder ist es
Verstellung. Ich lasse dieser höhnischen Heuchlerin schlechterdings den Ruhm
nicht, dass sie Ihnen ein so wesentliches Vergnügen angeraten haben soll: den
Ruhm muss ich mir verdienen. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, so heiratete ich die
Baronesse gleich nicht, weil die Frau von Dirzau dazu geraten hat. Soll ich mich
ernstlich mit der Sache abgeben, so muss diese weise Dame ihre Hand aus dem
Spiele ziehen; und ich hoffe doch, dass Sie einen so angenehmen Dienst lieber von
mir annehmen werden als von einer solchen Betschwester, die alles tadelt, was
Sie sagen und tun? - Versprechen Sie, dass Sie die Frau von Dirzau nicht weiter
zu Rate ziehen wollen?
    Herr von Troppau. Ja, Vignali, ich versprecht es. Niemandem als Ihnen will
ich die grösste Verbindlichkeit schuldig sein.
    Vignali. O wie mich das freut, dass Sie sich vermählen wollen! und dass Sie
mich zur Mittelsperson wählen! Ich kann mich vor Vergnügen nicht halten. Wie
mich das freut!
    Sie nahm mit dieser verstellten Freude gleich darauf Abschied und ging
geradeswegs zu Ulriken hinauf, um ihr die bevorstehende Veränderung ihrer
Wohnung zu melden. Ulrike wusste nicht, was sie von dieser unvermuteten
Revolution fürchten oder hoffen sollte: sie entschuldigte sich, dass sie ohne der
Frau von Dirzau Erlaubnis so etwas nicht unternehmen dürfte. - »Der Herr von
Troppau befiehlt«, sprach Vignali heftig, »und ich befehle Ihnen im Namen des
Herrn von Troppau: brauchen Sie mehr? - Mein Kind«, red'the sie die kleine
Karoline an, »Sie sollen inskünftige bei mir wohnen, hat Ihr Papa befohlen.«
    »Ach, bewahre mich Gott!« schrie die Fräulein und floh von ihr. »Sie
verführen mich.«
    Vignali. Närrchen! ich habe ein herrliches Gebetbuch für Sie angeschafft, in
schwarzen Samt gebunden, vergoldet auf dem Schnitt, und bei dem Buchbinder sind
noch drei schönere. Wir wollen Tag und Nacht zusammen beten.
    Karoline. Können Sie auch beten? - Sie sind ja eine Sünderin.
    Vignali. Das hat Ihnen Ihre einfältige Tante überredet. Ich verstehe das
Beten besser als Sie.
    Karoline. Sie prahlen. Das versteht niemand so gut als ich. - Und nun betete
sie mit frommem Stolze eine lange Reihe von Gebeten, Sprüchen und Liedern her;
und da sie fertig war, fragte sie mit der äussersten Selbstgenügsamkeit: »Können
Sie so beten?«
    Vignali. Meine kleine Einfalt, hundertmal besser! Sie werden sehen: kommen
Sie nur!
    Karoline. Nein, mit Ihnen gehe ich nicht: Sie sind ein freches Kind des
Satans.
    Vignali. Du einfältigster Papagei der einfältigsten Tante! Komm! deine
Gouvernante wird so gescheit sein und dir ungebeten nachfolgen. -
    Mit diesen Worten nahm sie die achtjährige Fräulein auf die Arme, trug sie
den Flur hindurch, die Treppe hinunter, die Strasse hinüber in ihr Haus hinein:
das Kind faltete zitternd die Hände und betete so inbrünstig, als wenn sie der
Teufel in seinen Klauen davontrüge. Ulrike ging voller Verlegenheit in einer
kleinen Entfernung hinterdrein. Sogleich gab Vignali ihrem Bedienten Befehl, die
Sachen der beiden Flüchtlinge herüberzuräumen; und das Zimmer war schon zur
Hälfte leer, als die Frau von Dirzau den geschehenen Raub erfuhr. Ihre
Bedienten, die das Ausräumen verhindern sollten, halfen dabei, weil Vignali ein
gutes Trinkgeld versprochen hatte. Die Frau von Dirzau lief in eigner Person zu
ihrem Bruder und beschwerte sich, dass er ihre Möbeln wegschaffen liess. - »Ich
will sie bezahlen«, rief er. -»Und deine Tochter willst du in die Hände eines so
schändlichen Weibes geben?« - »Ich bekümmere mich um solche Sachen nicht«,
antwortete ihr Bruder. »Vignali hat mich gebeten, dass ich sie zu ihr in Pension
tun soll: ich hab es ihr versprochen: nun misch ich mich weiter nicht drein.
Schicke mir die Rechnung für die Möbeln! dann seht ihr, wie ihr
auseinanderkommt. Ich will ausgehn. Adieu, Schwester.« - So war er zur Tür
hinaus. Was war also zu tun? Die Frau von Dirzau musste in ihr Zimmer zurück,
musste geduldig leiden, dass man Ulrikens Zimmer ausleerte, und ihren Ärger in
frommer Gelassenheit verbeissen. Den Tag darauf schickte ihr Vignali alle ihre
Möbeln zurück, weil sie einen unmässigen Preis darauf setzte, und schrieb ihr
einen der empfindlichsten Briefe dazu.
    Sobald Ulrike mit ihrer Untergebenen in sicherer Verwahrung war - denn es
musste beständig jemand auf der Treppe wachen, um sie zu hindern, wenn sie
vielleicht entfliehen wollten -, so stürzte sich Vignali, wie unsinnig vor
Freuden, in ihr Zimmer hinein. »Ich habe gewonnen«, rief sie aus, »ich habe
gewonnen. Alles geht, wie ich will. Nun sollen alle meine Zwecke erreicht
werden, oder der Satan selbst müsste mich hindern. Der stolze, widerspenstige
Junge, der meine Gütigkeit so lange gemissbraucht hat, soll gedemütigt werden: er
muss sich zum Ziele legen, oder es ist sein Untergang. Das Mädchen will ich
erniedrigen: dann werde Gemahlin eines Mannes, der mich liebt, du Elende! - Wie
sich der gute Troppau so treuherzig sein Geheimnis abschwatzen liess! Es ist
köstlich, wie ich ein Mann angeführt habe. Der Brief von dem Grafen Ohlau ist
mir Goldes wert: das soll der letzte Pfeil sein, den ich verschiesse, wenn kein
andrer trifft. - Triumph! ich habe gewonnen.«
 
                                Viertes Kapitel
Herrmann und Ulrike spielten bei dieser unvermuteten Nähe eine sonderbare Rolle:
keins sah das andre an, und die ersten zwo Mahlzeiten, die sie zusammen tun
mussten, brachten sie beide ganz stumm hin; bei der dritten wurden schon
verstohlne Blicke herüber und hinüber geworfen, wobei man aber die Gelegenheit
sorgfältig ausspähte, dass der angeblickte Teil es nicht wahrnahm. Für Vignali
war dieses Blickespiel eine herrliche Komödie; und wenn der Zufall einmal die
beiden Blicke in einem Punkte zusammentreffen liess, wie dann hurtig ein jedes
den seinigen zurückzog und viele Minuten den Kopf nicht wieder aufzuheben wagte!
Der Zufall und Vignali veranlassten sie endlich, auch Worte zu wechseln, sosehr
es beide anfangs vermieden: aus einzelnen Worten, mit gesenkten Augen
gesprochen, wurden allmählich Reden, und nach sechs oder sieben Mahlzeiten war
das Gespräch schon wieder leidlich in Gang gebracht; allein beide sprachen mit
essigsaurem Ernste zueinander, der desto drollichter gegen die Freundlichkeiten
abstach, womit ein jedes zu Vignali redete. Der Blick milderte sich, nahm bei
Ulriken sogar Güte an, ihr Ton blieb nicht mehr gebrochen und scharf, sondern
bekam seine natürliche Sanfteit: obgleich auch Herrmann Miene und Stimme sehr
herabstimmte, so erhielt er sich doch in einer beständigen ernsten Entfernung
von ihr und suchte der Vertraulichkeit so sorgfältig zu entgehn, dass er eine
übertriebne Politesse gegen sie annahm, die sie dann erwiderte. Dies eiskalte
Betragen behielten sie bis zu dem grossen Sturme, den Vignali indessen
veranstaltete: jedermann erkannte sie für sehr höfliche Freunde, die sich nie
liebten und vermutlich auch nie lieben würden.
    Was in ihren Herzen vorging? - Beide wünschten, sich mit Ehren wieder lieben
zu können, beide wünschten, dass sie Zufall oder Zwang dahin führen möchte. Die
Liebe schwang in beiden die glimmende Fackel, um sie wieder zur Flamme zu
bringen. - Wenn sich nur Herrmann verzeihen lassen wollte! dachte Ulrike. - Wenn
du nur Ulriken unrecht getan hättest! dachte Herrmann. Auch stellte sich bei ihr
ein gutes Symptom wieder ein - eine ziemlich eifersüchtige Empfindung, wenn
Herrmann und Vignali zu freundlich miteinander taten.
    Die Sache war also wieder in dem besten Gleise; aber Vignali! Vignali! - Sie
hat zween zu mächtige Gründe - Rache und Selbstverteidigung -, warum sie jenen
ruhigen Gang der Sachen entweder anders leiten oder ganz stören muss. Auch hemmte
ihre Unternehmung nichts als die Überlegung, welches von beiden ihr am
zuträglichsten sein werde. Sie ersann endlich ein Projekt, das alle ihre
Verlangen mit einem Male zu befriedigen versprach: der sklavonische Graf, der
ohnehin noch einen alten Groll wider Ulriken wegen des unglücklich abgelaufnen
Abendbesuchs hatte und bisher mit seiner Rache nicht an sie kommen konnte, wurde
zum Werkzeug ihrer Erniedrigung bestimmt: Herrmann sollte durch Vignalis
Veranstaltung Augenzeuge davon sein und also zu aller Versöhnung auf immer
abgeneigt werden: auch er sollte zum Zeugen wider Ulriken bei dem Herrn von
Troppau dienen, um ihm seine Liebe zu ihr und den Gedanken an die Verheiratung
mit ihr zu benehmen. Herrmanns unbezwingliche Seele konnte alsdann durch neue
Stürme überwunden werden; denn eine angefangene Eroberung unvollendet zu lassen,
wäre für eine solche Herzensbändigerin ein ewiger Vorwurf gewesen. Welch ein
trefflicher Plan, der mit einem Hiebe den Knoten zerschnitt! Vignali war nichts
als Jubel und Wonne.
    Dass der Graf die aufgetragene Rolle mit Dank annahm, versteht sich von
selbst. Vignali liess des Nachmittags die kleine Karoline zu sich herunterrufen
und gab ihr mancherlei Spielzeug, womit sie sich jetzt stundenlang zu belustigen
pflegte, weil ihr die Frau von Dirzau kein solches Vergnügen erlaubt hatte: sie
spielte eifrig für sich in Vignalis Zimmer. Gegen die Dämmerung begab sich der
Graf zu Ulriken, die über den Besuch nicht wenig erstaunte und Misshandlungen für
ihre falsche Einladung fürchtete. Der Graf brannte von Wollust und Rache und
schritt sehr bald zu verdächtigen Tätlichkeiten: Ulrike argwohnte böse
Absichten, zitterte für den Ausgang, da sie im ganzen zweiten Stockwerk allein
war, und fasste allen Mut und alle Kräfte zur Gegenwehr zusammen. Sie machte
Vorwürfe, sie bat: nichts rührte den entflammten Grafen, der schon in Gedanken
Rache und Begierde befriedigte. Die Gewalttätigkeiten wurden so unerhört, dass
Ulrike zu Faustschlägen ihre Zuflucht nehmen musste.
    Vignali eilte sogleich in Herrmanns Zimmer und schlug ihm einen Besuch bei
Ulriken vor: der weigerte sich, allein ihre Autorität zwang ihn zum Gehorsam.
Sie gingen leise die Treppe hinan, um sie zu überraschen, und langten in dem
Augenblicke bei der Tür an, als Ulrikens erschöpfte Kräfte der wilden Brutalität
des Grafen beinahe unterlagen. Sie horchten und hörten ein heftiges Keuchen
nebst einem rauschenden Getöse, als wenn sich zwei Leute balgten: Vignali
triumphierte schon in der Seele. Plötzlich erhub sich ein heiseres angestrengtes
Geschrei: Ulrikens ersterbende Stimme rief: »Hülfe! Hülfe! Ach! Gott!« -
Herrmann, ohne sich von Vignali zurückhalten zu lassen, so derb sie ihn auch
fasste, riss die Tür auf und fand Ulriken im ohnmächtigen Kampfe wider den Grafen,
der in der Begeisterung weder das gewaltsame Öffnen der Tür noch Herrmanns
Hereintritt wahrnahm, sondern die arme Unschuldige mit dem plumpsten Ungestüm
nach dem Sofa hintrieb. Herrmann ergriff ihn mit voller Wut bei dem Zopfe und
zog ihn mit solcher Stärke, dass er vor Schmerz seine Beute fahrenliess und
schreiend rückwärts auf den Fussboden hinstürzte: er war so erbittert, dass er den
hingestreckten, vom Falle betäubten Sklavonier bei den Füssen an die Tür
schleppte und nicht eher ruhte, als bis er ihn ausser dem Zimmer hatte: er kehrte
sogleich zurück, schob inwendig den Riegel vor - da stand er und wusste nicht,
was er glauben, denken und sagen sollte! Ulrike stand mit ebenso freudiger
Verlegenheit da, in zerstörten, zerrissnen Haaren, bleich, schwerkeuchend, mit
entblösstem, blutendem Busen, zerfetzter Kleidung, über die Hüften herabgezogenen
Röcken und blutrünstigen Armen: Vignali las mit tiefem Ärger die ausgerissenen
Locken, Blonden und Fragmente der Garnierung vom Schlachtfelde auf.
    »Ist es möglich?« rief Herrmann nach der ersten verwunderungsvollen Pause,
»bist du es, Ulrike, die so für ihre Unschuld kämpfte? Du, die blutend eine
Tugend verteidigte, die ich schon längst für erstorben hielt? Ich kann meine
Wonne nicht fassen.« - Und so stürzte er sich ihr um den arbeitenden Hals und
drückte sie so fest in seine Arme, dass sie kaum atmen konnte; Jammer, Freude und
Dankbarkeit pressten ihr Tränen aus den Augen: sie schmiegte tiefschluchzend,
weinend und zitternd den Kopf an seine linke Schulter und konnte kein Wort
reden: indessen schielte Vignali mit scheelem Blicke nach der Umarmung hin und
hätte beinahe vor Ärger über ihren misslungenen Plan mitgeweint. Sie konnte den
Anblick der wiederversöhnten Zärtlichkeit, die sie durch das nämliche Mittel neu
belebt hatte, wodurch sie ihr auf immer den Tod geben wollte, unmöglich länger
ertragen, sondern trennte die Umarmung und erinnerte Ulriken an den beschämenden
Zustand, in welchem eine solche Heldin der Tugend wie sie eine Mannsperson nicht
umarmen dürfte. Dieser spöttische Verweis liess sie ihre Entblössung gewahr
werden, die sie im ersten Taumel der Überraschung ganz übersehn hatte: sie eilte
verschämt ins Schlafzimmer, um dem Übel abzuhelfen.
    Herrmann war so berauscht, dass er ungestüm mit seiner Freude in Vignali
hineinstürmte, ihr die Hände drückte und küsste, sie zur Teilnehmung an seiner
Wonne ermunterte, wozu sie nicht den mindesten Trieb empfand, und einmal über
das andre schrie er: »Wie glücklich! nun kann ich Ulriken wieder lieben.« -
Vignali hätte zerspringen mögen: sie befahl ihm, sie hinunter zu begleiten: er
wollte nicht, aber er musste. In ihrem Zimmer fanden sie den Grafen vor dem
Spiegel, aus allen Kräften beschäftigt, seine zerzausten Haare wieder in Ordnung
zu bringen.
    Vignali. Sie haben ja schreckliche Exzesse in meinem Hause begangen, Graf.
Was bewegte Sie denn zu einem so barbarischen Verfahren?
    Der Graf. Die Rache, wie Sie wissen.
    Vignali. Wie ich weiss? - Ach vermutlich wegen des Billetts, das Ihnen das
Mädchen neulich schrieb, als sie Ihnen eine Zusammenkunft anbot und Sie hernach
statt Ihrer eine alte betrunkne Frau finden liess? -
    »Das ist das unglückliche Billett, das uns entzweit hat?« unterbrach sie
Herrmann. »O so reut mich's, dass ich den Bösewicht nicht ärger gemisshandelt
habe.«
    »Wer ist der Bösewicht?« fragte der Graf mit einer Renomistenmiene. »Wenn
ich es sein soll, so wollen wir auf eine andre Art miteinander sprechen.«
    Herrmann. Auf welche Sie wollen; und gleich auf der Stelle!
    Der Graf. In einer Dame Zimmer war es ja unanständig, Händel anzufangen.
    Vignali. Ich erlaub es: ich bin Herrmanns Sekundantin.
    Der Graf. Nein, so eine Unanständigkeit werd ich nicht begehn.
    Herrmann. Feiger! mit schwachen, kraftlosen Mädchen kannst du kämpfen, aber
nicht mit Männern.
    Der Graf. Beruhigen Sie sich! in einer Dame Zimmer sich zu zanken, wäre
ungesittet. Ich räsoniere so -
    Vignali. Mein Herr Räsonierer. Sie werden die Güte haben, nicht weiter an
die Sache zu gedenken, da Sie doch kein Herz haben, Sie auszufechten. Wir wollen
vergeben und vergessen. Bis auf Wiedersehn. -
    Er nahm sehr höflichen Abschied, besonders von Herrmann, dem er gnädigst die
erste vakante Stelle in seinen Ländern zum Zeichen der Versöhnlichkeit
versprach. - »Aus einem schlechten Komödianten10 wird auch ein schlechter Graf«,
sprach Vignali, als er weg war. »Der baumstarke Kerl ist nur gegen betrunkne
Weiber und furchtsame Knaben tapfer: einem Kinde, das ihn stark anfährt, gibt er
nach: gleichwohl tut er gleich, als wenn er seine Gegner mit Leib und Seele
vernichten wollte; und wenn er nicht auszukommen getraut, dann macht er den
Philosophen und fangt an zu räsonieren. Ich will ihn schon wegen seiner heutigen
Aufführung züchtigen: sich in mein Haus zu schleichen und solche
Unmenschlichkeiten zu begehn!« - In diesem Tone wurde der sogenannte Herr Graf
tüchtig ausgefilzt, weil er nicht zugegen war: weder Herrmann noch Ulrike
merkten jemals, dass Vignali selbst ihn zu diesen Unmenschlichkeiten angestiftet
hatte.
    Ulrike, sosehr sie das Bewusstsein, alles getan zu haben, was Pflicht und
Tugend von ihren Kräften fodern konnten, beruhigen musste, fühlte eine so tiefe
Scham über das Vorgegangne, insonderheit über den Zustand, worinne sie Herrmann
und Vignali antrafen, dass sie eine Schwächlichkeit vorwandte und auf ihrem
Zimmer speiste. Wirklich hatte sie auch die Plumpheit des Satyrs, mit welchem
sie um ihre Ehre stritt, die Anstrengung ihres Widerstandes und die Angst, unter
dem Kampfe zu erliegen, so sehr angegriffen, dass sie die folgende Nacht
Kopfschmerz und Fieber bekam.
    Sosehr auch Herrmann vor Ungeduld brannte, ihr seinen falschen Verdacht,
Groll und übereilten Bruch abzubitten, so liess sie ihn doch nicht vor sich:
Scham und Schüchternheit nötigten sie, seit jener schrecklichen Begebenheit
beständig die Tür verschlossen zu halten, und sie würde auch des Mittags darauf
nicht zu Tische gekommen sein, wenn nicht Vignali sich mit Gewalt bei ihr
eingedrängt und sie mit Gewalt heruntergeholt hätte. Sie wünschte ihr spöttisch
zum Siege der Tugend Glück und schalt sie, dass sie wie ein Kind sich über einen
Unfall schämte, wozu sie nichts beigetragen hätte. - »So eine exemplarische
Standhaftigkeit macht Ehre«, sagte sie lächelnd, »und was noch mehr ist, Sie
haben ja durch diesen heldenmütigen Kampf Ihren Liebhaber wieder errungen. Sie
sind ein braves Mädchen: wenn Sie sich beständig so herzhaft wehren, werden Sie
Ihre Tugend gewiss unversehrt und wohlbehalten mit sich ins Grab nehmen.«
    Kaum trat die verschämte Ulrike in Vignalis Zimmer, wo Herrmann auf sie
wartete, als er auf sie zuflog und in den reuigsten Ausdrücken um eine
Verzeihung bat, die ihm im Herzen schon längst zugestanden war. Er nannte seinen
so schnell gefassten Verdacht wider ihre Tugend und versicherte, dass er sich
durch ihn ihrer Liebe unwürdig gemacht habe. - »Nein«, sprach sie gütig, »um
dieses Verdachtes willen werd ich dich desto mehr lieben; denn ich hoffe, dass du
selbst so bist, wie du mich verlangst. Wer mich nicht ohne Tugend lieben kann,
muss wohl selbst ihr Freund sein.« - Herrmann merkte in der Fülle der Freude die
Bedenklichkeit des Tons nicht, womit sie dies sagte; denn es schien ihr sehr
misslich, dass Herrmann so lange mit Vignali auf einem Meer gesegelt habe, ohne
Schiffbruch zu leiden. Die feine Frau, die eine eigne Spürkraft besass, sich
keinen unmerkbaren Zug in Reden und Betragen entwischen zu lassen, rückte ihr
ihren bedenklichen Ton vor und überschüttete den verwunderten Herrmann, der die
Veranlassung nicht merkte, mit einem ganzen Regen von Lobsprüchen auf seine
Entaltsamkeit, Standhaftigkeit, Vernunft und Herrschaft über sich selbst. Die
Bitterkeit, womit sie ihre Lobrede hielt, benahm Ulriken fast gänzlich ihren
Argwohn; denn sie vermutete zu ihrer Zufriedenheit, dass Vignali ihn versucht und
nicht überwunden habe. So wurde unter den Augen der Friedensstörerin der Friede
förmlich unterzeichnet und die Liebe wieder erneuert.
 
                                Fünftes Kapitel
Verschoben ist nicht unterlassen. Für eine Frau wie Vignali ist jedes Hindernis,
jedes Misslingen ein neuer Sporn. Sie war zwar nach jenem unglücklichen Erfolge
ihrer Absichten ein paar Tage von höchst übler Laune und liess die Sache gehen,
wie sie ging: aber deswegen unterliess sie nicht, Massregeln auszusinnen, um doch
endlich zu ihrem Zwecke zu gelangen. Der Herr von Troppau brachte ihr auch in
einigen Tagen die fröhliche Nachricht, dass der Graf Ohlau versprochen habe,
sogleich in die Vermählung seiner Schwestertochter zu willigen und auch die
Einwilligung ihrer Mutter zu bewirken, sobald er Namen, Familie und
Vermögensumstände des Mannes wüsste, den man ihr bestimmte, wofern die Partie nur
im mindsten anzunehmen wäre. Er verriet durch das Vergnügen, das er über die
Bereitwilligkeit des Grafen bezeugte, die Stärke seiner Liebe so völlig ohne
Zurückhaltung, dass Vignali bei sich stutzte, sie grösser zu finden, als sie
geglaubt hatte. Er war im Grunde ein leibhafter phlegmatischer Deutscher, der
sich durch den Umgang mit Franzosen und aus Nachahmungssucht etwas von ihrer
Lebhaftigkeit angewöhnt hatte: daher fiel es desto stärker auf, dass sein sonst
lauer, höchstens warmer Ausdruck der Freude jetzt so siedend heiss wurde. Um die
wallende Freude ein wenig niederzuschlagen, gab ihm Vignali die Nachricht, dass
Ulrike nicht sonderlich viel Neigung für ihn zu haben scheine. Der Verliebte
vergass sein Phlegma so sehr, dass er aufsprang und sie versicherte, sie würde
sich ihm verhasst machen, wenn sie keine bessere Nachrichten brächte. Vignali
tröstete ihn mit etlichen Gemeinsprüchelchen, dass die Liebe oft langsam wachse
und dann sehr schnell reife; versprach, aus allen Kräften ihr Wachstum zu
beschleunigen, und leitete ihn allmählich zu seiner alten Liebe hin, dass der
selbstgelassne Wollüstling über den gegenwärtigen Genuss den künftigen aus der
Acht liess. Es wurde beschlossen, dass die Antwort an den Grafen acht oder
vierzehn Tage verschoben bleiben sollte, bis man Ulrikens Gesinnungen tiefer
erforscht hätte.
    Nun war Hannibal vor dem Tore. Entdeckte sie dem Herrn von Troppau Herrmanns
erneuerte Liebe, so musste dieser aus ihrem Hause, und Ulrike wurde entweder,
ohne dass Vignali es hindern konnte, Troppaus Gemahlin oder, wenn sie das
schlechterdings nicht werden wollte, zu ihrem Onkel gebracht: das war für die
rachsüchtige Frau viel zuwenig: sie verlangte, ihre Nebenbuhlerin nicht bloss
wegzuschaffen, sondern zu demütigen, und den halsstarrigen Herrmann mit ihr.
Liess sie die Liebe bei den beiden jungen Verliebten frei wirken, so konnten sie
durch Beihülfe einer so grossen Gelegenheitsmacherin, wie Vignali war, wohl
endlich selbst die Werkzeuge der verlangten Rache werden: allein wie langsam
vielleicht! und gar zu lange liess sich weder der Herr von Troppau noch der Graf
Ohlau aufhalten, ohne dass nicht der erste aus verliebter Ungeduld sich an
Ulriken selbst wendete; und war sie gleich wieder mit Herrmann ausgesöhnt, so
konnte sie doch der Zufall, nach Vignalis Begriffe von der weiblichen
Veränderlichkeit, sehr leicht wieder entzweien, der Herr von Troppau in diesem
Zeitpunkte sich anbieten, und Ulrike im ersten Verdrusse seine Hand annehmen.
Die Lage war also höchst kritisch. - »Aber ich muss Herr des Walplatzes werden
oder nicht leben«, sprach Vignali. »Soll ein so elender Junge über mich
triumphieren? ein so albernes Mädchen meine Absichten vereiteln? Sie müssen
beide fallen, ohne Schonung fallen. Mögen sie sich lieben und in ihrer Liebe
allmählich das Gift bereiten, das ihren Stolz töten soll! Der Nichtswürdige, der
mich verschmähen konnte, muss gebeugt werden: hart, hart soll er für seinen
stolzen Widerstand büssen; und meine Nebenbuhlerin will ich ganz vernichten.
Entgeht sie auch diesmal ihrem Falle, dann ruh ich nicht, bis ich sie mit meinen
eignen Händen in den Sarg gelegt habe: mag sich der verliebte Narr, der Troppau,
zu ihr legen und seine Brautnacht bei den Toten halten! - Aber seid ihr nur
einmal dahin, wohin ihr sollt - o dann will ich euch geisseln! wie keine Furie
das Gewissen züchtigen kann, will ich euch quälen: dann sollt ihr mir schon
selbst den Kampfplatz räumen! - Wohlan! die Liebe tue, was weder Vignali noch
der Satan vermag!«
    Hätte es auch ihr Plan nicht so mitgebracht, so wäre es ihr doch nunmehr
unmöglich gewesen, Freundschaft gegen Ulriken und Liebe gegen Herrmann zu
affektieren: Zorn und Rachsucht hatten wegen Nähe der Gefahr zu sehr Besitz von
ihr genommen; und auch der Herr von Troppau warf ihr vor, dass sie auf einmal in
allen Handlungen so äusserst unruhig und hastig sei und eine heftige Leidenschaft
in allen verzerrten Zügen des Gesichts trage: sie lehnte die Vorwürfe immer
durch vorgewandte Erhitzung oder Krankheit ab.
    Indessen weideten sich die beiden Verliebten sorglos in vollem Masse mit den
Freuden der wiedergekehrten Liebe und spielten wie zwei Lämmer vertraulich und
froh um den Wolf, der sie gern gewürgt hätte. Der Kontrast zwischen Ulriken und
Vignali, besonders bei dem itzigen leidenschaftlichen Zustande der letztern,
lehrte Herrmannen täglich mehr, dass nur eine Ulrike sei: oft konnte er bei
Tische stumm dasitzen und Vergleichung zwischen beiden Zug für Zug anstellen,
und jedesmal wunderte er sich am Ende der Vergleichung, wie er sich nur
einfallen liess, Vignali im Ernste zu lieben, nachdem er eine viel reizendere
Schönheit gekannt hatte. Den Unterschied des Alters abgerechnet, stach das
heitre, unschuldvolle, anspruchlose, wohlwollende Gesicht der einen gegen die
ernste, gebietende, Beifall fodernde, wollüstige, schlaue Miene der andern sehr
zum Vorteil des ersten ab: Ulrikens Augen waren ein Paar anziehende Magnete oder
ein Paar Sonnen, die in jedem Herze die Liebe erwärmten, und wenn sie auch den
kältesten Boden trafen: Vignalis Blick ein Blitz, der niederschlug, er gebot
Ehrerbietung und selbst die Liebe wie einen Tribut: daher drückte sich Herrmann
ihren Unterschied dadurch aus, dass er sagte - Ulrike gibt Liebe, Vignali fodert
sie; und ein andrer nannte Vignali einen Despoten, den man zu lieben glaubt,
weil man ihn fürchtet. Bewegungen und Gebärden waren bei der Italienerin ihrem
Gesichte völlig ähnlich, edel, anständig, durch die Welt gebildet, lebhaft bis
zur Heftigkeit, immer leidenschaftlich, wenn nicht der Wohlstand es verbot; ihr
Ton stark, schnell und fast jeden halben Tag anders - denn jeder heimlichen
Absicht, jeder vorgegebnen Empfindung passte sie ihn mit unendlichen
Veränderungen an. Wie vorteilhaft stach auch hierinne Ulrike in Herrmanns Augen
dagegen ab! Jede ihrer Bewegungen bezeichnete Reiz und Anstand, das Tempo ihrer
Gebärden war eine sanfte, ruhig dahinfliessende Lebhaftigkeit, alles hatte
darin das Gepräge der Natur und nur selten noch Spuren von dem Studierten,
Abgemessnen, wozu man sie bei ihrem Onkel abrichtete; doch äusserte sich dieses
nie, als wenn sie sich im Zwange befand. Ihre Stimme war eine zärtliche, sanft
dahingleitende Modulation, jeder Ton von Güte und Liebe gestimmt. Wie konnte der
begeisterte Herrmann lauschen, wenn sie sprach! wie hallte jeder Laut in seinem
Ohre gleich einer eindrucksvollen Musik lange nach! Der kleine Gram während
ihrer Uneinigkeit hatte das vorige Rasche und Übereilte, das sie zuweilen
überfiel, ziemlich gedämpft, und es gehörte jetzt ein hoher Grad von Leidenschaft
dazu, wenn es wiederkommen sollte. Eine Annehmlichkeit, die man gegenwärtig an
ihr vermisste, war der kleine lustige Mutwille, in welchem sich sonst ihre
Aufgeräumteit ausdrückte: aber Herrmann vermisste ihn nicht sonderlich, weil er
sich in einem zu unruhigen, leidenschaftlichen Zustande befand, um ein
Wohlgefallen für etwas zu fühlen, das Heiterkeit in der Seele desjenigen
verlangt, der es erwecken und der es geniessen soll. Die Verfassung seines Gemüts
in dem gegenwärtigen Zeitpunkte schildert er selbst in einem spät geschriebnen
Briefe an einen seiner Freunde.
    Nach der Wiedergeburt meiner Liebe, sagt er, fühlte ich mich, oft zu meiner
grössten Verwunderung, in einen Zustand versetzt, den ich in meinem Leben noch
nicht gekannt hatte: meine Liebe veränderte ihre Miene so ganz, dass sie mir eine
Fremde zu sein schien, die sich während meines Umgangs mit Vignali in mein Herz
eingeschlichen habe. Nicht mehr dieses stille, sanfte, angenehme Feuer war es,
das auf dem Schloss des Grafen Ohlau in mir brannte, von erquickender,
belebender Wärme, mehr leuchtend als brennend: nicht mehr die heftiger
schlagende Flamme, die in Dresden in mir wallte, ein starkes, überwältigendes
Gefühl, aber noch immer durch Güte und Zärtlichkeit gemildert: nein, eine
hochlodernde Feuersbrunst war meine ganze Seele, und jeder Blick, jedes Wort,
jeder Händedruck von Ulriken neuer Brennstoff, der in die glühende Masse
hineinfiel: dabei so viel Wildheit, so viel Grausamkeit, so ungestüme
Heftigkeit! dass ich noch zittre, wenn ich an diese Gemütsverfassung denke. Welch
ein süsser Schauer durchlief mich sonst, wenn ich neben Ulriken stand oder ihre
Hand in der meinigen lag! desto süsser und durchdringender, je seltner mich das
neidische Schicksal ein solches Glück geniessen liess! Itzt, da ich's Stunden und
Tage ungehindert geniessen konnte, fürchtete ich mich vor mir selbst, es zu tun:
sobald ich mich ihr näherte, fuhr eine schneidende Flamme durch alle meine
Adern, meine Brust zog sich pressend zusammen, das Herz schlug hoch wie getürmte
Wellen, dass mir der Atem stockte: unter zehn Malen konnte ich mich kaum einmal
entschliessen, ihre Hand zu fassen, und wenn ich sie hielt, dann flogen mir die
ungeheuresten Bilder durch den Kopf: es war, als wenn von innen her ein geheimer
Antrieb mich drängte, sie zu zerdrücken. Tausendmal stiess mich diese nämliche
innerliche Heftigkeit zu Ulriken hin, mir schien es, als wenn eine geheime Macht
mir die Arme auseinanderzöge und mich gewaltsam forttriebe, ihr um den Hals zu
fallen und sie in meine Brust hineinzudrücken; und zu gleicher Zeit zog eine
andre gütige Macht die Heftigkeit meiner Begierde zurück. War ich bei ihr
allein, dann wollte mich die Angst von ihr wegtreiben: ich konnte nicht bleiben,
ich musste sie verlassen. Ermannte ich mich und blieb da, so fingen meine
Beunruhigungen erst recht an: es wurde mir finster und schwindlicht, der Boden
wankte unter mir, und alle Gegenstände schienen mir zu zittern; und zerstreueten
sich die Wolken in meinem Kopfe, dann trat ich vor ihr hin, sah sie steif an und
hätte weinen mögen, so überfiel mich ein plötzlicher Jammer. Wie ein Teufel mit
glühenden Augen stand der Gedanke vor mir: So viel Liebenswürdigkeit und
Unschuld soll nicht ewig blühen! Du sollst der Mörder einer solchen Tugend
werden! - Ich suchte mich seiner zu erwehren; ich stritt mit ihm wie mit einem
bösen Geiste: aber umsonst! Dann überfiel mich eine Beängstigung wie die Reue
einer grossen Freveltat: ich war wie in einen Abgrund von Unruhen gestürzt. Auch
tat Ulrike so schüchtern, wenn wir beisammensassen oder -stunden, bei jeder
meiner Bewegungen so scheu und furchtsam, als ob sie mich gleich dem ärgsten
Bösewichte fürchtete, welches vermutlich von ihrer Begebenheit mit dem
Sklavonier herrührte. Manche Viertelstunde lang stand ich an dem braunen Tische
in ihrem Zimmer mit untergeschlagnen Armen, sie sass neben ihm: wir sahen
einander stumm an und weinten: der Himmel weiss, woher unsre Tränen kamen; ohne
alle nahe Veranlassung drängte sie der innere Tumult aus den Augen hervor, als
wenn sie die Flammen des Vulkans, der in mir wütete, löschen sollten. Zuletzt
ging diese ahndungsvolle Traurigkeit so weit, dass wir einander fast nicht
anblicken konnten, ohne gerührt, ohne erschüttert zu werden. Ich besinne mich
noch genau, dass wir eines Nachmittags allein in Vignalis Zimmer auf dem Sofa
sassen: mein rechter Arm hatte sich, ohne dass ich's selbst wusste, um Ulriken
geschlungen: wir sprachen sehr ernst, in kurzen, abgebrochenen Reden: auf einmal
riss sie sich von mir los und sprang auf. - Was hast du, Ulrike? fragte ich. -
Ich weiss nicht, antwortete sie, was für eine närrische Erscheinung in meinem
Gehirne mich täuschte: du kamst mir vor, als wenn du mich so grausam behandeln
wolltest wie der Graf neulich. Aber nein! das wirst du nicht! setzte sie nach
einer Pause mit zitternder Stimme hinzu: ich schwieg, sah auf die Erde und
dachte - der Himmel weiss es, was ich dachte: wenn's Gedanken waren, so hatte ich
sie ohne mein Bewusstsein.
    Dass ich Vignalis Versuchungen so herzhaft widerstand, war vielleicht keine
so grosse Heldentat, wie sie es scheint: den Zufall abgerechnet, der mir meistens
durch die grössten Gefahren half, konnte das verführerische Weib nicht anders als
in Augenblicken der Schwäche oder durch Überraschung über mich siegen; denn
sosehr ich sie auch liebte, so streifte doch diese Liebe nur die Oberfläche des
Herzens: auch blieb mir immer noch eine gewisse Kälte dabei zurück: sie war
gleichsam nur ein künstliches Lustfeuer, von Eitelkeit durch eine aufgeregte
Phantasie angezündet, dass ohne meine Entzweiung mit Ulriken bloss geglimmt hätte
und mit einem kleinen Knalle erloschen wäre wie eine schwache Rakete. Hingegen
die Liebe zu Ulriken nach unsrer Versöhnung wohnte im Herze drinne, bemächtigte
sich aller meiner Kräfte und Empfindungen, spannte meine Tätigkeit zu einer
solchen Höhe an, dass ich Riesenstärke in meinen Nerven fühlte. Alle Nächte waren
ein fortdauernder schwerer Traum: aus Vignalis üppigen Erzählungen und Ulrikens
neulichem Kampfe setzte meine Einbildung die seltsamsten, ausschweifendsten und
schrecklichsten Szenen zusammen. Sosehr ich mich zuletzt fürchtete, mit ihr
allein zu sein, so war ich's doch immer: oft schien es sogar, als wenn Vignali
uns mit Fleiss aus dem Wege ginge. Ihr tägliches Gespräch war noch unzüchtiger
als sonst, dass oft Ulrike mit Schamröte sie zu schweigen bat: allein allmählich
gewöhnte sie sich so sehr daran, dass sie ohne Erröten mit Aufmerksamkeit und
sogar mit Vergnügen zuhörte: wenn die ausschweifendsten Auftritte erzählt
wurden, schielte sie oft aus den gesenkten Augen nach mir herauf, seufzte und
glühte, als wenn sie ein plötzlicher, strafender Schlag für ihre Empfindung
träfe. Alle meine Sinne waren so mächtig erhöhet, dass selbst Speisen und
Getränke meiner Zunge ein schärferes Gefühl mitteilten und neues Feuer in meine
Adern zu giessen schienen. Also von Vignali und der Liebe vorbereitet, schlich
ich wie die lebendige Unruhe von Zimmer zu Zimmer, von Stuhl zu Stuhl, fand
nirgends eine bleibende Stelle, nirgends Friede, bis zu jenem unglücklichen
Spaziergange, der den wichtigsten Knoten meines Lebens knüpfte: die Geschichte
desselben ist ein bedeutungsvolles memento mori für die menschliche Stärke.
    Der unglückliche Spaziergang, dessen hier in diesem Briefe gedacht wird,
geschah an einem der schönsten Tage im August: nach einem schwülen, drückenden
Vormittage hatte ein Donnerwetter die erhitzte Atmosphäre abgekühlt und eine
schmeichelnde, Herz und Sinne belebende Temperatur der Luft für den Nachmittag
hervorgebracht. Alles, was ein Paar Füsse bewegen konnte, eilte zum Tiergarten,
den herrlichen Nachmittag in sonntäglichem Wohlleben hinzubringen. Vignali
schlug auch eine Spazierfahrt vor, allein eine Grille, die sie für Migräne
ausgab, bewegte sie, zu Hause zu bleiben und die kleine Karoline bei sich zu
behalten: Herrmann und Ulrike gingen allein, und zwar zu Fusse. Das Gewimmel der
Gehenden und Fahrenden unter den Linden war unbeschreiblich gross - ein bunter,
funkelnder, summender Schwarm, in eine grosse Staubwolke gehüllt, in welcher man
die Gesichter nicht eher erkannte, als bis man den Leuten auf die Füsse trat,
denen sie gehörten. Das Rasseln der Karossen auf beiden Seiten, wo die
hervorragenden Kutscher auf den hohen Böcken in aufwallendem Staube wie Jupiter
in den Wolken dahinzuschweben schienen, indessen dass man Kutsche und Pferde nur
wie Schatten hinter einem Flore dahinlaufen sah - das Rasseln der Karossen
stritt mit dem Gemurmel der Gehenden um den Vorzug, welches das andere am
betäubendsten überstimmen könnte. Dies ungemein lebhafte Bild, so erschütternd
es war, machte gleichwohl einen schwachen Eindruck auf Herrmanns Sinne: er ging,
in sich gekehrt, stumm und ängstlich an Ulrikens Arme durch die Menge dahin,
liess sich treiben und stossen, ohne es sonderlich zu merken, und hatte kaum für
den auffallenden Staub einen Sinn: in ihm brannte die Atmosphäre noch so glühend
heiss wie vormittags, und der Regen hatte sie so wenig gelöscht als den Sand, auf
welchem er wandelte. Ulrike rühmte, als sie durch das Tor waren, den duftenden
Wohlgeruch, den ein kühles Lüftchen Tannen und Birken raubte, und den Hauch der
Fruchtbarkeit, der in den lichten Gängen von Wiesen und Bäumen atmete: Herrmann
hatte keinen Sinn dafür. Gewohnheit und Neugierde lenkte Ulriken nach den Zelten
hin: er folgte ihr ohne Widerspruch, sprach wenig, auch die gleichgültigsten
Dinge in harten, abgebrochenen Tönen. Zuweilen stund er plötzlich, sah in den
Sand, dann ergriff er Ulrikens Hand und drückte sie mit einer so befeuernden
Inbrunst, dass ihr die zitternde Empfindung des Druckes wie ein geschlängelter
Blitz durch die Seele fuhr. - In lautem Tumulte spielte Fröhlichkeit und
Eitelkeit bei und unter den Zelten das grosse Sonntagsschauspiel; im weiten
Zirkel sass unter Bäumen und in Hecken die glänzende schöne Welt in
Fischbeinröcken und im Frack, in bezahlter und geborgter Seide - ein furchtbares
Heer, das in vergnügter Musse nach Herzen und guten Namen wie nach der Scheibe
schoss: ging gleich neben den Herzen mancher Schuss hinweg, so fehlte doch keiner,
der einem guten Namen galt. Spott und Plauderei schwebten mit witzigem und
unwitzigem Lärme über der Gesellschaft: geputzte Franzosen tanzten fröhlich
daher und suchten den Mann, der sie heute abend speisen sollte; Hypochondristen
schlichen gebückt dahin und suchten im Sande die Zufriedenheit: nachäffende
Deutsche gaukelten mit schwerfälliger Geckerei herum und dünkten sich Wesen
höherer Art, weil sie französisch erzählten, wo sie gestern gegessen hatten;
andre krochen krumm und gebückt wie lichtscheue Engländer umher und glaubten
britische Philosophen zu sein, weil sie rotfuchsichte Hüte und zerrissne
Überröcke trugen; junge Liebesritter eröffneten hier die Laufbahn ihrer
künftigen Grösse, das junge Mädchenauge buhlte um Liebhaber oder Mann, was der
liebe Himmel bescheren wollte, und die verblühete Schönheit spottete über Siege,
die sie nicht mehr machen konnte. Aus den Büschen tönten muntre Chöre von Oboen
und Hörnern, und mit ihnen wechselten, wenn sie schwiegen, kreischende Fiedeln
und brummende Violoncelle nebst dem schallenden Händeklatschen des Tanzes ab.
Hier sass ein schweigender Herrnhuter bei dem Bierkruge und betete mit verdrehten
Augen für die Sünden, die seine Nachbarn begingen; dort fluchte ein trunkner
Soldat, dass ihm jemand das Glas ausgeleert habe, wovon er taumelte; hier suchte
ein erboster Liebhaber sein gestohlnes Mädchen und dort ein andrer sein einziges
gestohlnes Schnupftuch; mancher vertrank hier für den letzten halben Gulden die
Sorgen der vorigen Woche, um die ganze künftige zu darben; mancher gewann mit
dem glücklichen Würfel das Brot, das seine hungernde Familie morgen nähren
sollte: jedermann war vergnügt, entweder weil er Freude genoss, oder wenigstens
weil er nichts tat.
    Ulriken teilte sich das allgemeine Vergnügen sehr lebhaft mit, und ob sie
gleich nichts weniger als ruhig war, so bildete sie sich doch, wie alle um sie
her, das Vergnügen ein: allein Herrmann hatte für diese geräuschvolle
Fröhlichkeit keinen Sinn. Er eilte vor ihr vorüber durch hohe lichte Alleen in
düstre gewölbte Gänge bis zu den einsamen Schlangenwegen der Wildnis. Sie
setzten sich, schwiegen, sahen vor sich hin: Insekten summten, einzelne Vögel
zwitscherten, in den Wipfeln der hohen Tannen lispelte ein leiser Wind: sonst
war alles menschenleer, dämmernd, schauerlich still. Hastig warf Herrmann einen
Arm um Ulrikens Schulter und drückte sie so fest in sich hinein, dass sie sich
losriss und schüchtern zurückfuhr.
    »Herrmann!« rief sie mit zitterndem Erschrecken, indem sie ihn anblickte,
»was ist dir? warum rollen deine flammenden Augen so fürchterlich? warum bebt
deine Unterlippe wie im Fieberfrost? - Was liegt dir im Sinne, das dich so
heftig erschüttert? Jeder deiner Blicke erfüllt mich mit Entsetzen. - Ich bitte
dich um unsrer Liebe willen, lass uns diesen Ort fliehn! Der Himmel will über
mich einstürzen, so ängstigt mich deine grimmige wilde Miene: lass uns fliehen!
mir bricht das Herz vor Angst.«
    Er wollte ihre Hand fassen, um sie zu beruhigen: sie tat einen lauten Schrei
und sprang auf wie ein gescheuchtes Reh.
    »Was fürchtest du?« sprach er, wie vom Froste geschüttelt. »Ängstige dich
nicht mit Phantomen deiner Einbildung! Der Ort ist angenehm: setze dich!«
    Sie gehorchte und setzte sich in einer scheuen Entfernung von ihm, immer zum
Fliehen bereit.
    »Ach, Ulrike«, fing er abgebrochen an, »wie nahe sind Liebe und Grausamkeit
verwandt! zwo leibliche Schwestern!«
    Ulrike. Grausamkeit? - Was bringt dich auf diesen sonderbaren Gedanken?
    Herrmann. Mein Gefühl. - Ich könnt in dieser Minute die barbarischste
Grausamkeit an dir begehn. Ich bin der verruchteste Mensch unter der Sonne.
    Ulrike. Schon wieder so ein blitzender Blick! - Lass uns fliehen!
    Herrmann. Bleibe! fürchte nichts! - Könnte die Liebe, wenn sie in diesem
Gehölze wohnen wollte, einen angenehmern Platz wählen als diesen? Sieh! Gewürme
und Insekten, alles hüpft und scherzt um uns her in reger, unbesorgter
Freundlichkeit, und wir allein verbittern uns unser Glück durch ängstliche
Besorgnisse? - Verscheuche diese bange Mädchenfurcht! Vor wem zitterst du denn?
Bin ich nicht dein Freund? der Geliebte deines Herzens? der Vertraute deiner
Liebe, der gern jedem rauhen Lüftchen wehren möchte, dass es dir nicht ein Haar
krümmte? dein Erwählter, der gern jeden Pfad vor dir ebnete, dass kein Steinchen
deine Fusssohlen drückte? der dich gern allentalben auf seinen Armen oder noch
lieber in seinem Herze herumtrüge, um dich vor jeder Gefahr zu sichern? - Bin
ich nicht dies alles?
    Ulrike. Das bist du! der Retter meiner Tugend! meine Seele, die mich belebt
und regiert! - Aber tut nicht die Seele im Menschen das Böse? Da du so
unumschränkt über meinen Willen herrschest, was vermöchte das schwächere
Mädchenherz wider den stärkern Männerwillen? - Ich bitte dich auf den Knien,
töte die Tugend nicht, die du erhalten hast! Was würde das zarte Gewächs, wenn
du ihm die Blüte abstreiftest? Es senkte die welken Blätter, verdorrte und -
stürbe.
    Herrmann. Trauest du mir ein solches Verbrechen zu? - Wert wäre ich, dass
sich jeder Tautropfen, der mich benetzt, in brennendes Feuer verwandelte, dass
jeder Sonnenstrahl ein Schwert würde, das meine Seele verwundete, wenn ich
jemals eine solche Übeltat begönne. - Hab ich nicht schon der Gefahr in
mancherlei Gestalten widerstanden!? Wenn eine Vignali mit allen zauberischen
Künsten und zwingenden Lockungen meine Vernunft nicht einschläferte, sollt ich
da aus freier Wahl ein Bösewicht werden? Und an wem? an dir? - Hat noch jemals
ein Tauber das Täubchen gewürgt, die ihm liebkost? - Sei mutig! Man fällt am
leichtesten, wenn man sich zu schwach dünkt.
    Ulrike. Und noch leichter durch Sicherheit. - Ich kann dir nicht bergen, ich
liebe dich, dass ich mich vor mir selber fürchte. - O warum müssen nun tausend
Hindernisse eine Vereinigung verzögern, die der Himmel selbst wollen muss? Sie
muss doch geschehn, früh oder spät: warum nun so eine unaussprechliche
Langsamkeit in allem, was auf der Welt vorgeht?
    Herrmann. Das weiss Gott, wie alles in der Welt schleicht! Immer tanzt das
Glück wie ein Irrlicht vor den Schritten her, und je hurtiger man nachläuft, je
weiter stösst man es mit seinem eignen Odem fort. Es ist wahrhaftig schwer, über
so ein zauderndes Schicksal nicht zu zürnen: wenn man eine Glückseligkeit doch
gewiss einmal haben soll, warum bekommt man sie nicht gleich, wo man sie am
liebsten hätte?
    Ulrike. Und wo man sie am vollsten und stärksten genösse! Aber nein! da geht
alles so einen saumseligen Schneckengang, dass man vor Ungeduld sich verzehren
möchte.
    Herrmann. Die Wünsche fliegen, und das Schicksal kriecht. Wahrhaftig, mehr
als eiserne Geduld hat man nötig, um in so einer Welt auszudauern -
    Ulrike. Das ist ein ewiges Hoffen und Harren; und was hat man am Ende?
    Herrmann. Nichts! die Jahre der Freude fliehn, das Alter der Lebhaftigkeit
verschwindet, und endlich, als schlaffer, siecher, fühlloser Greis, gelangt man
zu der so lange gehofften und erharrten Glückseligkeit -
    Ulrike. Und kann sie vor Überdruss des unendlichen Wartens nicht geniessen. Es
ist doch fürwahr eine recht wunderliche Welt.
    Herrmann. Alles geht schief, alles quer. Heftige Wünsche, voreilende
Begierden, rennende Leidenschaften und Millionen Gebürge von Hindernissen,
Schwierigkeiten, Verzögerungen! Wenn man zu geniessen weiss, darf man nicht: wenn
man geniessen soll, kann man nicht. So geht's mit jeder Freude. Tausendmal besser
befänden wir uns, wenn wir Klötze wären, nichts wünschten noch begehrten; so
entbehrten wir nichts. Das Schicksal reicht uns das Vergnügen so kümmerlich, so
kärglich wie arme Leute ihren Kindern das Brot. - Sollt es denn nicht einen
Winkel auf dieser Erde geben, wo Ruhe und Glückseligkeit für zween irrende
Verliebte wohnt?
    Ulrike. O wenn du einen solchen wüsstest! Zu Fuss wollt ich dir dahin folgen
und mit meinen eignen Händen eine Hütte baun, um mit dir dort zu wohnen; aber
nirgends ist eine: wir werden sterben, eh' unser Glück vollendet ist.
    Herrmann. Traure nicht, Ulrike! Warum sollte nicht ein solcher zu finden
sein? Wir dürfen nur suchen: - aber dann, wenn wir ihn gefunden haben, dann
wollen wir die einzigen glücklichen Geschöpfe unter dem Himmel sein. Unsre Arme
sollen vom Morgen bis zum Abend ineinander verschlungen sein wie unsre Herzen:
Liebe soll unsre Speise, Liebe unsre Arbeit sein; sie soll vor uns hergehn und
uns auf allen Schritten begleiten, unser Leben ein wahres arkadisches Leben
werden, wie Dichter es nur dachten und noch nie Sterbliche empfanden - ein immer
klarer Bach, worinne Freuden, Entzückungen und Seligkeiten in ungestörtem Laufe
dahinfliessen -, ein Himmel, wo nie die Sonne untergeht, im ewigen Frühlinge
alles blüht und grünt - ein Paradies, voll der lieblichsten Früchte und
labendsten Ergötzungen, voll Einigkeit, Ruhe, Zufriedenheit, ohne Kummer und
Sorge, wo unsre Gedanken und Empfindungen in vertraulicher Friedlichkeit
ineinanderfliessen wie zween Ströme, die sich in einer Seele vereinigen; wo wir
wie Kinder stets nur geniessen, kein Unglück kennen, als bis es uns trifft, die
Gegenwart voll, rein und unverbittert empfinden und für die Zukunft nie sorgen,
als bis sie da ist, und sie dann zufrieden teilen, sie gebe Schmerz oder Freude
- O des seligen, des seligen Lebens! -
    Die Vorstellung dieser träumerischen Glückseligkeit berauschte sie so
heftig, dass sie beide in entzückter Umarmung dahinsanken und weinend
verstummten; und bald hätte der Taumel ihrer Träumerei Vignalis Wunsch erfüllt:
kaum trennten sie noch wenige Augenblicke von ihrem Falle: plötzlich geschah in
der Nähe ein Schuss: Ulrike wand sich aus seinen Armen, als wenn ihr der Schuss
gegolten hätte, sprang auf und sprach mit zitternder Furchtsamkeit: »Lass uns
fliehen!«
    »Lass uns fliehen!« rief Herrmann mit der nämlichen Erschrockenheit. Sie
gingen beide in weiter Entfernung voneinander, stillschweigend, mit schüchternem
Misstrauen gegen sich selbst, um einen Ausweg aus dem Gebüsche zu suchen. Der
Pfad verlor sich in dichtes Gesträuch: sie mussten wieder umkehren. Bald kamen
sie an einen Ort, wo vier bis fünf kreuzende Wege nach verschiedenen Richtungen
hinliefen: die Wahl war sehr ernstaft, weil im Walde schon die Dämmerung
anfing: je weiter sie auf dem gewählten Pfade fortgingen, je tiefer gerieten sie
in Waldung hinein, je dunkler wurde die Dämmerung. Das Gewitter hatte des
Mittags die Luft so abgekühlt, dass jetzt Ulrike in der leichten Sommerkleidung
vor Frost zitterte: Fledermäuse fuhren sausend über ihren Köpfen hin, der ganze
Schwarm der Nachtvögel setzte sich in Bewegung und fing sein trauriges,
misstönendes Konzert an: die Furcht vor allen diesen ungewohnten Erscheinungen
der Nacht, die Furcht vor Verirrung und noch mehr die Furcht vor sich selbst und
den täuschenden Verführungen der Liebe schreckte das arme Mädchen so gewaltig,
dass ihr die Knie sanken: ihre Lippen bebten und vermochten kaum ein
verständliches Wort zu sprechen: das Gesicht färbte sich mit einer bläulichen
Blässe, und der Angstschweiss, den ihre innerliche Not auspresste, stand in
dichten Tropfen auf der bleichen Stirn; sie klammerte sich fest an Herrmanns Arm
mit dem ihrigen an, schloss die Augen zu, stund und sprach mit schwachem
schaurichtem Tone: »Ich kann nicht weiter; meine Füsse tragen mich nicht mehr.« -
Herrmann verbarg, so gut er konnte, seine eigne Beängstigung und tröstete sie,
riet ihr, hier auszuruhen und ihn einen Weg suchen zu lassen. Das war gar kein
Rat für sie, und kaum hatte er ihn gegeben, so hing sie sich mit dem ganzen
Gewichte ihres Körpers an ihn, um ihn zurückzuhalten: er musste sich mit ihr auf
den betauten Boden setzen und nahm sie in die Arme, um sie an seiner Brust
ausruhen zu lassen. Der innerliche Kampf zwischen Begierde und Furcht, zwischen
Tugend und Schwachheit, zwischen Leidenschaft und Vernunft stieg bei beiden so
hoch, und die Dunkelheit, die Schöpferin und Pflegemutter der Leidenschaften,
vermehrte ihn so gewaltig, dass sich keins von beiden rührte - hin und wieder ein
ängstlicher tiefer Seufzer, das war ihre ganze Sprache. Die fernen Feldgrillen
zischten ihr muntres Abendlied; aus weiter Entfernung schallte der helltönende
Chor der Frösche; mit dem Schweigen des finstern Waldes wechselte zuweilen das
Rauschen des wehenden Abendwindes in den Ästen der hohen Tannen ab; auf dem
Boden rings um sie her regten sich schlüpfend hie und da Geschöpfe, die zur Ruhe
eilten oder zum nächtlichen Leben erwachten. Ulrike, deren Einbildung durch die
Nachtszene mit seltsamen abenteuerlichen Bildern erfüllt wurde, wiederholte noch
einmal weinend die Bitte, die sie schon bei dem ersten Niedersitzen an Herrmann
getan hatte: ihr Herz schlug von einer bangen Ahndung, die er ihr durch die
grössten Beteuerungen nicht benehmen konnte; und ihm selbst flüsterte bei jeder
neuen Beteurung eine geheime Stimme zu: Du lügst!
    Sie traten nach langem Ausruhen eine neue Wanderung an, um sich vielleicht
herauszufinden: aber da war keine andre Möglichkeit, als dass sie hier
übernachteten: sie wurden einer Jägerhütte ansichtig, und Ulrike selbst bezeigte
vor grosser Ermattung ein Verlangen, sie zum nächtlichen Aufentalte zu wählen.
Herrmann untersuchte sie und bereitete ihr von den darin liegenden Zweigen und
Blättern ein Lager: vor Furcht konnte sie ihn nicht von sich lassen, und
gleichwohl setzte sich eine ebenso grosse Furcht dawider, dass er an ihrem Lager
teilnehmen sollte: sie überlegten, stritten und beratschlagten lange, teilten,
schon in vertraulicher Nähe, das Lager und beratschlagten immer noch, wie sie es
anfangen sollten, um es nicht zu tun. Ihre Beratschlagung verlor sich in
Besorgnisse, ihre Besorgnisse in Empfindungen der Liebe, ihre Empfindungen in
Liebkosungen, die Zärtlichkeiten stiegen zur Flamme empor, und so führte
allmählich die Furcht vor dem Falle den Fall selbst herbei: was keine Reizungen
der Wollust, keine Eitelkeit, kein Geld, keine Vignali, kein Lord Leadwort und
kein Herr von Troppau vermochten, vermochte die Allmacht der Liebe. Die Tugend
fiel durch ihre Hand: bei ihrem Falle brauste der blasende Wind durch die Bäume
und starb mit erlöschendem Keuchen in ihren wankenden Wipfeln: Kiebitze
wimmerten in den sausenden Lüften ihren Klaggesang, und Eulen heulten in den
hohlen Ästen das Grabelied der gefallnen Unschuld: die Tannen seufzten, vom
Winde bewegt, und der ganze Wald trauerte im Flor der Nacht um die gefallne
Unschuld.
 
                                Sechstes Kapitel
Vignali kam die ganze Nacht nicht ins Bette: es war für sie eine Nacht des
Triumphs und des Frohlockens; und sie wachte noch, als am frühen Morgen die
beiden Verirrten, in weiter Entfernung hintereinander, beschämt und verwirrt zu
Hause anlangten. Bei ihrem Erwachen hatte sich Ulrike aus der Hütte
herausgeschlichen und befand sich zu ihrer Befremdung nicht weit von einem
bekannten breiten Wege, den vergangne Nacht, in der Angst und Berauschung einer
geheimen Leidenschaft, keins von beiden gewahr wurde. Herrmann, als er sie
herausgehn hörte, riss sich von der Lagerstätte der Liebe empor, erblickte mit
gleicher Verwunderung den gestern übersehenen Weg und folgte Ulriken nach: nicht
einen Blick wagte sie zurückzuwerfen und er nicht, einen aufzuheben: von Scham
und trüber Besorgnis gefoltert, begaben sie sich auf ihre Zimmer, und Vignali
wollte vor rachsüchtigem Vergnügen unsinnig werden, als sie das Geräusch ihrer
Ankunft hörte. Sie hatte ihnen den Bedienten nachgeschickt, der sie in der Ferne
still begleitete und schon vor etlichen Stunden mit der Nachricht von ihrer
Einkehr in der Jägerhütte zurückgekommen war. Sosehr sie indessen Herrmanns und
Ulrikens Fall für gewiss hielt und über die Erreichung ihres Wunsches
triumphierte, so mischte sich doch in ihre Freude ein bittrer Unwille, dass sie
Herrmanns Erniedrigung nicht durch sich selbst hatte bewirken können.
    Er wurde zum Tee gerufen, allein er wandte eine Unpässlichkeit vor und schloss
sich ein: Ulrike tat dasselbe - zween überzeugende Beweise für Vignali, dass ihr
gelungen war, was sie wünschte! Sie liess fleissig durch die Schlüssellöcher
spionieren und tat, als wenn sie die Ursache der Krankheit nicht wüsste.
    Indessen sass Herrmann auf Dornen da, von den schrecklichsten Empfindungen
der Scham und Reue gepeinigt: er zürnte wider sich und seine Überlegung, dachte
an seine Beteuerungen, eine Handlung nicht zu begehn, zu welcher er sich von
seiner Schwäche kurz darauf hinreissen liess, und fluchte sich wie einem
Verbrecher. - »Ach könnt ich doch«, sprach er bei sich, »tief im Schosse der Erde
mein Angesicht verbergen, um von keinem Auge mehr beschaut zu werden! - Ich, ein
Schänder der Tugend! ein Räuber der Unschuld! ein Mörder, der die Ehre der
reinsten, geliebtesten Engelsseele würgte! - Fluche mir, Ulrike! fluche mir! ich
will mir dir die schrecklichsten Verwünschungen über mein Haupt ausschütten. -
Wie in diesen verbrecherischen Armen das Kostbarste dahinschwand, was ich ihr
nehmen konnte! Wie noch mit dem letzten Hauche ihre Ehre durch schwaches
Widerstreben den Mörder von sich abwehrte! kämpfte und ohnmächtig im Kampfe
erlag! - O tausendfach heisser brenne mich, Reue, als du tust! Und würde gleich
mein Herz zum Feuerpfuhl, aus welchem glühende Bäche in alle Adern ausströmten -
ich hätt es verdient. - - Entsetzlich! ein Mädchen über alles zu lieben und aus
Liebe sie elend zu machen! Lässt sich etwas Schwärzeres denken? - Sie in Tränen,
Kummer, Jammer und Schande zu stürzen! O der verfluchten Liebe, die so
barbarisch liebt! - Wehe dem unseligen Rate, der uns zu diesem Spaziergange
antrieb! Wehe den Füssen, die uns zu dem Verbrechen trugen! und tausendfaches
Wehe der Hütte, die sich uns zum Opferaltare der Unschuld darbot! Jedes Auge
wird an meiner Stirn meine Schuld lesen; jede Zunge wird mir nachrufen: das ist
er, der schändlichste Unmensch, der nicht schonte, was er liebte! - Keinen Blick
werd ich wieder in ein menschliches Auge wagen können, keine Minute meines
Lebens ohne Vorwürfe und Qual sein. - Die Unschuld wählte mich zum Freunde, und
zum Lohne ihres Vertrauens ward sie von mir vergiftet! - Aber schon verfolgt
mich die Strafe: die Angst nagt wie ein Wurm in meinen Eingeweiden. - O wehe
über mich Verbrecher!«
    Ulrike weinte in tiefer Schwermut, und zwar am meisten über die
fürchterlichen Folgen, die sich ihrer Einbildung in der schreckendsten Gestalt
vormalten: sie jammerte wie eine Verlassne, die um ihre liebste Gespielin
trauert, verzieh dem Unglücklichen, der sie tötete, und klagte nur sich und die
Schwäche ihres Herzens an.
    Herrmann hatte sich kaum von seinem Schmerze ein wenig ermannt, so schrieb
er folgenden Brief an Ulriken.
    Wenn deine Augen, Ulrike, die Schrift eines Frevlers anzuschauen würdigen,
der die schändlichste Untat an dir beging, so lies hier meine Reue und die
Strafe, die sie mir auferlegt! Ich irre wie ein Mensch, der einen Mord begangen
hat und jeden Augenblick fürchtet, entdeckt zu werden, voll Verzweiflung im
Zimmer herum und kann mit Mühe meine Gedanken zu diesem Briefe sammeln.
    Ich bin mir selbst ein Abscheu: meine eignen Gedanken sind mir verhasst; und
wenn ich jemals meine Ruhe wiederfinde, kann es nur in einem Falle sein - nur
dann, wenn ich imstande bin, dir durch eine gesetzmässige Verbindung die Ehre
wiederzugeben, die ich dir nahm. Bis dahin soll dich mein Auge nicht sehn, oder
ich will verflucht sein: ich will mich aus deiner Gegenwart verbannen, Berlin
morgen verlassen und dich nicht eher wieder an mich erinnern, als bis ich jene
Bedingung erfüllen kann. Begünstigt das Glück meine Absicht nicht, soll deine
Schande ausbrechen und laut wider ihren Urheber zeugen, dann sehn wir uns in
diesem Leben nie wieder. Wohin ich gehen werde, weiss Gott; aber weit genug, um
nie wieder ein Land zu betreten, wo ich mich mit der schwärzesten Schande
brandmalte, dafür steh ich.
    Lebe wohl, Ulrike, so glücklich, als die entweihte Unschuld leben kann! Ich
kann dir keinen Trost geben; denn ich habe selbst keinen. Meine Leiden sind
unzählbar wie deine Tränen. Vergiesse keine um mich! ich bin ihrer nicht wert,
und wenn Unglück über Unglück auf mich herabstürzte.
    O Liebe! wie bitter ist dein Kelch, wenn du ihn bis auf den Boden zu leeren
gibst!
    Ohne sich zu unterschreiben, machte er das Blatt zusammen: da er wusste, dass
man seine und Ulrikens Briefe während ihrer Uneinigkeit unterschlagen hatte, so
traute er niemandem als der kleinen Karoline, welcher er an der Tür aufpasste;
und als sie aus Vignalis Zimmer kam, rief er sie zu sich und bat sie heimlich,
ihn sogleich zu bestellen. Das Fräulein lief aus allen Kräften die Treppe hinauf
und überlieferte ihn richtig: sie hatte von Vignali den Auftrag gehabt, sich bei
Ulriken zu erkundigen, ob sie zu Tische kommen werde, und langte mit einem
»Nein« die Minute drauf wieder bei ihr an. »Was macht sie?« fragte Vignali; und
das gute Kind erzählte mit treuherziger Aufrichtigkeit, dass sie einen durch sie
bestellten Brief lese. Statt des Botenlohns bekam sie einen Stoss, und Vignali
eilte in einem Fluge zu Ulriken. Sie traf die arme Bekümmerte in Tränen bei
Herrmanns Briefe an, den sie sogleich bei Erblickung einer so unwillkommnen
Zeugin zusammendrückte und in den Busen steckte.
    »Was lesen Sie da?« fing Vignali glühend an. Ulrike wollte ihr Weinen
zurückhalten und schluchzte immer stärker, konnte weder reden noch die Augen
aufschlagen.
    »Zeigen Sie mir!« sprach die gebietrische Frau; und da Ulrike nicht gleich
Anstalt dazu machte, fuhr sie ihr plötzlich mit der Hand in den Busen hinein und
zog trotz alles Sträubens den Brief heraus. Ulrike warf sich mit dem Kopfe auf
das Fensterbrett und verbarg ihr beträntes Gesicht in ihren Händen. Zum Unglück
war der Brief deutsch, und Vignali rief also stehendes Fusses den Bedienten, der
ihn, so gut er konnte, französisch verdolmetschte: so unvollkommen auch die
Übersetzung war, so gab sie doch genug von dem Sinne wieder, um die Hauptsache
zu verstehn. Vignali erhub das bitterste Gelächter, als sie so viel
herausgebracht hatte, und der Dolmetscher stimmte mit ein. »Ich kondoliere«,
begann Vignali mit dem schadenfrohesten Spotte. »Ist die gute Tugend auch
gestorben? Ei, Ei! Es war doch eine gar schöne Tugend. Heute Nacht ist wohl das
Leichenbegängnis gewesen? - Und sie war doch so frisch und gesund! blühte wie
eine Rose! Wie hinfällig doch eine Tugend ist - Weinen Sie, mein liebes Kind!
weinen Sie um die Herzensfreundin! Einmal begraben, auf immer begraben! - Aber
sagen Sie mir doch, wie hat denn die arme Tugend so plötzlich den Hals
gebrochen? - Erzählen Sie mir doch!«
    Ulrike fiel ihr um den Hals und flehte mit Tränen, ihre Leiden nicht durch
einen so grausamen Spott zu verdoppeln.
    »Was ist es denn nun weiter?« unterbrach sie Vignali lächelnd. »Wer wird
sich denn bei einem so kleinen Unfalle so närrisch anstellen? Haben Sie nicht
vor lauter Tugend und Unschuld die Liebe lange genug hungern lassen? - Mein
Kind, an der Tugend zu sterben, muss ein sehr bittrer Tod sein.«
    Ulrike. Wenn man nicht besser denkt als Vignali.
    Vignali. Wie denkst denn du, mein tugendhaftes Puppchen? - Du schreitest auf
der Tugend wie auf Stelzen daher, siehst mit verächtlichem Stolze auf alle
herab, die nur auf natürlichen Absätzen und nicht auf Stelzen gehn, und wenn die
Nacht kömmt und kein Mensch mehr zusieht - hurtig werden die Stelzen
weggeworfen; und die tugendbelobte Dame schläft ganz natürlich bei dem Liebhaber
-
    Ulrike. Ich bitte Sie, Vignali, verlassen Sie mich! Mein Kummer quält mich
genug: warum wollen Sie noch mein zweiter Henker sein?
    Vignali. Weil ich mich ganz unendlich über Ihre Demütigung freue: ich
frohlocke, dass Sie Ihren Stolz selbst gestraft haben. - Elendes Geschöpf,
verachte eine Vignali! erhebe dich mit deiner Tugend über sie! Ist sie noch die
Hure, wie du sie einmal nanntest?
    Ulrike. Das ist sie! und ich verachte die schnöde Spötterin, die so
triumphieren kann.
    Vignali. Verachtung ist mir nicht genug: fürchten sollst du mich. - Hier
lies! und dann rate dir! -
    Sie gab ihr den Brief des Grafen Ohlau, den sie jüngst dem Herrn von Troppau
abschwatzte. Ulrike las mit Zittern den heftigen Brief, worinne ihr Onkel
inständigst bat, sie einsperren zu lassen, bis sie zu ihrer Bestrafung abgeholt
werden könnte. Sie sank todblass auf den Stuhl hin und bebte mit fieberhaften
Verzuckungen.
    Vignali. Erkennst du nun, dass du in der Gewalt der Frau bist, die du
verachtest? - Vignali darf nur ein Wort sprechen, so ist deine Tür mit Wache
besetzt - nur ein Wort sprechen, so wirst du in eine Kutsche geladen und zu
deinem Onkel gebracht, der dich einsperren und bei Wasser und Brot deine Sünden
bereuen lassen will: - aber ich will's nicht sprechen: ich will mich deiner
erbarmen und den Untergang abwenden, den ich bisher durch meine Fürsprache bei
dem Herrn von Troppau verschoben habe. Vignali wird dir deine Verachtung mit
Grossmut vergelten und dir fortelfen: verlass heute oder morgen heimlich deinen
Platz und dies Haus! Du sollst entwischen, ohne dass ich's sehe. - Verachte nun
die stolze Vignali und fliehe! -
    Sie sprach dies mit einem unaussprechlichen Stolze, warf den verachtendsten
Blick auf sie und begab sich hinweg. Das arme Mädchen konnte weder stehen noch
sitzen: ihr Herz fasste ihre Leiden kaum.
    Vignali drängte sich unmittelbar darauf in Herrmanns verschlossnes Zimmer mit
dem Hauptschlüssel ein und trat mit schreckender, strafender Miene vor ihm hin.
»Unglücklicher!« rief sie, »was hast du getan? die Unschuld betrogen! die Ehre
eines schwachen Mädchens geraubt! O du verruchter Heuchler! warst du darum gegen
meine Proben so standhaft, um das ärgste Bubenstück zu begehn? verschmähtest du
darum meine Anerbietungen, um auf die Tugend einer unschuldigen Taube zu
lauschen?«
    Hermann. Vignali, Sie sind ein Teufel: erst reizen Sie zum Verbrechen, und
dann quälen Sie den Verbrecher mit Vorwürfen.
    Vignali. Ich möchte, dass ich einer wäre: es sollte mir eine Wonne sein, dich
für deine Untat zu peinigen.
    Herrmann. Sie tun es: aber fahren Sie fort! Eine Hölle voll Vignalis wäre
noch nicht Strafe genug für mich. - Warum lachen Sie nicht über mich? Ihr Herz
grinst doch vor Freuden, dass ich zum Verbrecher wurde: woher wüssten Sie es so
schnell, wenn Ihnen nicht daran läge? - Ich bin's und triumphiere bei allen
meinen Leiden, dass ich's nicht an Ihnen wurde: aber wisse, wollüstiges Weib! auf
dein Haupt muss die Strafe meines Verbrechens doppelt fallen: du hast mich die
Wollust gelehrt, du meine Begierden angeflammt, du Leidenschaften in mir
aufgeregt und die Vernunft eingeschläfert, die vorher über sie wachte. Dein Werk
ist es, Ungeheuer: geniesse deines Werks und freue dich, dass ich nicht besser bin
als du!
    Vignali. Elender! ist das die Sprache der Dankbarkeit, in welcher du mit mir
sprechen musst?
    Herrmann. Die Sprache des Hasses, des glühendsten Hasses, den du verdienst!
Was prahlst du mit Wohltaten, die doch nur der Köder an der Angel sein sollten?
Hast du nicht, mitten unter allen falschen verdammten Liebkosungen, in
Vertraulichkeit an meinem Kummer gearbeitet? - denn wer anders als du kann meine
und Ulrikens Briefe unterschlagen haben? Kein Mensch auf der Erde ist einer
solchen Falschheit und Bosheit fähig wie Vignali: - Und nun soll der Fisch es
dem Fischer als eine Wohltat verdanken, dass er ihm einen Regenwurm an der Angel
reichte?
    Vignali. Herrmann, Sie werden mich zwingen, meinen ganzen Zorn über Sie
auszuschütten -
    Herrmann. Schütte ihn aus, Weib! Giesse deine ganze Galle über mich her, die
du so lange zurückhieltest - - den ganzen Groll, dass ich deine buhlerischen
Foderungen ausschlug! Entlade dich deines Gifts, Viper!
    Vignali. Weisst du, dass du in meiner Gewalt bist? dass ich nur einen Wink zu
tun brauche, um dich auf Befehl des Grafen Ohlau gefangennehmen zu lassen?
    Herrmann. Tun Sie den Wink! mir liegt fürwahr wenig daran, ob ich mich im
Gefängnis oder in Freiheit quäle! - Ich bin ein Elender, aber kein Schwachkopf,
der ein Märchen fürchtet.
    Vignali. Da! lies das Märchen! -
    Sie gab ihm den Brief des Grafen: er las ihn, erschrak und schleuderte ihn
in den Winkel hin. - »Tun Sie, was Sie wollen!« setzte er trotzig hinzu.
    »Verblendeter, jachzorniger Mensch!« sprach Vignali mit gezwungner Güte.
»Glaubst du, dass ich eine solche Grausamkeit an dir begehen könnte? An dir, der
meine ganze Liebe besass?«
    Herrmann. Schweigen Sie von Liebe! In Ihrem Munde ist sie mir verhasst.
    Vignali. Schmähe mich und meine Liebe! und bei aller Undankbarkeit sollst du
sie doch empfinden, erkennen und dich schämen. Du kannst ungehindert mein Haus
verlassen: durch meine Hülfe sollst du der Nachstellung des Grafen entfliehen.
    Herrmann. Ihre Hülfe kommt zu spät: meine Abreise war heute früh
beschlossen.
    Vignali. Und ich will den Entschluss nicht hindern.
    Herrmann. Hindern Sie ihn, damit ich keine Verbindlichkeit gegen Sie mit mir
hinwegnehme. - O dass ich jemals eine von Ihnen empfing! Sie haben den Frieden
aus meiner Seele gescheucht und sie mit ewigem Kriege erfüllt. - Vignali!
Vignali! die Rechnung Ihrer Sünden ist während meines Aufentalts bei Ihnen
stark angewachsen: wenn einst so viel Strafen auf Sie warten -
    Vignali. Wir wollen nicht in den erbaulichen Ton fallen. - Ich liebte in
Ihnen einen Unwürdigen, der für meinen Zorn zu klein ist.
    Herrmann. Und ich liebte in Ihnen eine Falsche, eine Verführerin -
    Vignali. Stille! Wir wollen uns nicht schimpfen, sondern auf eine anständige
Art brechen. - Reisen Sie glücklich und vergessen Sie Vignali nicht!
    Herrmann. Ja, um ihr zu fluchen.
    Vignali. Und ich will mich Ihrer erinnern, um Ihnen zu verzeihen.
    Hermann. Das tu ich Ihnen jetzt. -
    Vignali ging voller Unmut hinweg, dass er ihre verstellte Grossmut überbot. Um
nicht den Anschein zu haben, als ob sie im Zanke mit ihm gebrochen habe, und
vielleicht auch aus einem Rest von Liebe schickte sie ihm des Nachmittags zehn
Louisdor Reisegeld, meldete ihm in einem sehr höflichem Billett, dass sie auf
morgen früh Post für ihn habe bestellen lassen, und wünschte, dass er im stillen,
ohne Abschied zu nehmen, abreisen möchte. Herrmann wurde bei allem Unwillen
wider sie, der ohne ihre vormittägigen Vorwürfe nicht ausgebrochen wäre, durch
so viele Güte empfindlich gerührt und sah mit Beschämung, dass sie grossmütiger
handelte, als er nach seiner itzigen Vorstellung verdiente: er verachtete sich
selbst als einen Unwürdigen, der sich von Zorn und Unmut zur Undankbarkeit
hinreissen liess, dankte seiner grossmütigen Freundin, wie er jetzt Vignali nannte,
schriftlich für die gegenwärtige Verbindlichkeit und für alle vergangne, empfahl
ihr Ulriken auf das angelegenste und bat, sie vor den Nachstellungen ihres
Onkels zu sichern, bis ihm sein Schmerz und bessere Umstände erlaubten, sich
ihrer anzunehmen.
    Vignali hatte vor Freuden, sich an den beiden Verliebten gerächt und von
einer gefährlichen Nebenbuhlerin so schnell erlöst zu sehn, wirklich die
gutgemeinte Absicht, sie beide auf der ersten Station zusammenzubringen, als ob
es vom Zufalle geschähe, und riet deswegen Ulriken, in der Nacht heimlich mit
einem für sie bestellten Fuhrmanne abzufahren, und gab ihr einen Brief nach
Leipzig an eine Freundin, die vor einem paar Jahren ihr Mädchen gewesen war,
wegen einer Ungelegenheit Berlin verlassen hatte, jetzt als Putzmacherin in
Leipzig lebte und noch mancherlei Aufträge für ihre ehemalige Herrschaft
besorgen musste: diese Umstände erfuhr freilich Ulrike nicht, sondern wurde bloss
versichert, dass es eine sehr gute Frau sei, die ihr auf Vignalis Verlangen allen
möglichen Beistand angedeihen lassen werde. Die niedergeschlagne Ulrike fasste
wieder einiges Zutrauen zu Vignali, da sie so lebhaft für ihre Entfliehung aus
der Gefahr sorgte, und nahm den Vorschlag mit Vergnügen an, um nur nicht in die
Hände ihres Onkels zu geraten. - »Bleiben Sie bei dieser Frau«, setzte Vignali
hinzu, »bis Sie Herrmann abholt: ich habe meiner Freundin den Auftrag gegeben,
dafür zu sorgen, dass Sie mit ihm auf einem Dorfe getraut werden und von dem
wenigen, was Sie beide haben, so lange dort leben, bis sich eine Gelegenheit zu
Ihrem Unterkommen zeigt; denn nunmehr ist doch wahrhaftig nichts Besseres für
Sie zu tun, als dass Sie sich von einem schwarzröckichten Manne zusammenbinden
lassen. Vergessen Sie die Baronesse und werden Sie beizeiten Madam Herrmann,
damit nicht ein Monsieur Herrmann - was weinen Sie denn nun gleich wieder?
Geschehen ist geschehen. Liebes Kind! wenn jede so viel weinen wollte wie Sie,
so wären wir nicht vor einer zweiten Sündflut sicher. Mut gefasst! Lafosse, an
die ich Sie empfehle, wird Ihnen mit Ehren unter die Haube helfen; und dann
sorgen Sie weiter für sich! Wenn Sie ein Anliegen haben und ich kann Ihnen
dienen, so wenden Sie sich dreist an mich!«
    Ulrike hielt diese Sprache ganz für Güte, da sie es doch höchstens nur zur
kleinsten Hälfte und die grösste eignes Interesse war: sie bat Vignali wegen
ihres Misstrauens um Verzeihung und glaubte im ersten Anfalle der Dankbarkeit,
dass die Frau wirklich besser sei, als sie ihr geschienen habe. Der Abschied war
auf beiden Seiten rührend und zärtlich, und des Nachts ging die Reise fort. Das
verliebte Mädchen war durch die Aussicht auf eine nahe Verbindung wieder so
leidlich aufgeheitert worden, dass sie nur mit halber Betrübnis an ihren Fall
zurückdachte.
    Auch Herrmann, der von allem diesen nichts erfuhr, empfing einen Brief an
Madam Lafosse, doch ohne von seiner nahen Trauung unterrichtet zu werden,
sondern Vignali setzte bloss in ihrem Billett die Worte hinzu: - Lassen Sie sich
nicht durch falsche Scham, wie Sie bereits geäussert haben, abhalten, Ihre
Pflicht gegen Ulriken zu tun! Wenn Sie dies nach dem, was gestern zwischen Ihnen
beiden vorgefallen ist, nicht verstehn, so wird Ihnen Madam Lafosse auf meinen
Befehl sagen, was Sie zu tun haben. Ein Mensch von so vielen Grundsätzen wie Sie
wird doch wohl nicht zaudern, einem unschuldigen Mädchen wiederzugeben, was er
ihr genommen hat?
    Er reiste in aller Frühe ab und glaubte Ulriken noch im Hause, und sein Herz
wurde deswegen so viel schwerer, als das ihrige durch Vignalis tröstende
Vorspiegelungen leichter geworden war: er verliess, nach seiner Meinung, sein
Liebstes im Hause des Vergnügens und der Gefahr. Erst unterwegs, da sich das
Gewühl seiner schmerzhaften Empfindungen ein wenig zerstreute, überlegte er sich
Vignalis Ermahnungen, seiner Pflicht gegen Ulriken nicht zu vergessen und sich
von Madam Lafosse belehren zu lassen, wie er sie erfüllen sollte: er schloss
daraus, dass er sie dort finden oder von dieser Frau erfahren werde, wo sie ihn
erwarte: Vignalis letzte Güte brachte ihn in seinen guten Mutmassungen so weit,
dass er gar Veranstaltungen zu seiner Verbindung mit Ulriken argwohnte; und er
freute sich schon halb über die Nähe seines Glücks, allein der traurige Gedanke,
wovon soll ich mit ihr leben? tötete seine Freude wie ein giftiger Mehltau. Ohne
zu wissen, was er wünschen, hoffen und tun sollte, langte er in Zehlendorf an.
    Ulrike hatte auf Vignalis Veranstaltung den nämlichen Weg genommen, war
wirklich schon im Wirtshause, als Herrmann abstieg, und rettete sich bei seiner
unvermuteten Erblickung durch die Flucht, liess sich ein Stübchen allein geben
und verschloss sich. Die guten Kinder hatten beide Vignalis Vertröstung, dass
Madam Lafosse ihre Verheiratung besorgen sollte, angehört, ohne in der
Verwirrung zu bedenken, dass sie also einen Weg nehmen müssten: Ulrike hätte sich
durch alle Reichtümer der Welt nicht bewegen lassen, sich ihm zu zeigen, und
tröstete sich dafür mit der gewissen Hoffnung, ihn in Leipzig wiederzufinden, um
durch Madam Lafosse mit ihm vereinigt zu werden: die süsse Erwartung zerstreute
fast ihren ganzen Kummer.
    Herrmann, ohne zu vermuten, dass ihn nur eine Leimendecke von Ulriken schied,
überliess sich finstern Gedanken und zweifelhaften Hoffnungen, frühstückte wenig
und sass mit der traurigsten Melancholie im Winkel. Ihm gegenüber Befand sich an
einem kleinen Tischchen voller Viktualien ein kleiner, dicker, runder Pommer,
der sich mit stiller Selbstgelassenheit von dem reichlich aufgetragenen Vorrate
nährte: mit ernster Bedachtsamkeit steckte er jede Minute einen Bissen in den
Mund, seufzte vor Sättigung und fuhr immer in gleichem Takte zu essen fort.
Herrmann hatte ihn bei dem Hereintritte in der Zerstreuung gar nicht
wahrgenommen und bemerkte ihn auch nicht, da er ihm gegenübersass, weil sich an
der dickgestopften Figur kein Glied regte als der Arm, wenn er den Lippen einen
neuen Bissen überlieferte. Herrmann dachte über die Unmöglichkeit, Ulrikens Ehre
zu retten, bei sich nach, glaubte, allein zu sein, und fuhr in der Düsternheit
seiner Träumerei auf: "O Gott! Stehe mir bei! Was soll ich anfangen?" - Indem er
es sagte, ging er in dem Stübchen auf und nieder, stund still, vor sich
hinsehend - auf einmal zupfte ihn jemand etlichemal am Ärmel; er blickte um
sich, und siehe! Da stund der kleine, dicke, runde Pommer mit dem originalsten
Gesichte voll treuherziger Einfalt, ein kleines ledernes Beutelchen in der Hand,
das er mit ganzer Seele darbot. Der guterzige Junge kannte aus eigner Erfahrung
keine andre Not als Geldmangel und bildete sich also ein, als Herrmann mit
gerungnen Händen seine Ausrufung tat, dass es ihm an Barschaft fehle, besonders
da er sich ein so elendes Frühstück geben liess. - »Ich habe noch acht Groschen«,
sagte er, indem er das Beutelchen darreichte, »da! Ich will mit Ihm teilen.« -
Herrmann musste erst einige Fragen tun, un hinter die Veranlassung einer so
originalen Dienstfertigkeit zu kommen, und ward so entzückt von ihr, dass er den
Jungen in die Arme drückte und die angebotnen vier Groschen aus dem Beutelchen
nahm: der Bube verliess Umarmung und Beutelchen und kehrte, um nichts zu
versäumen, zum Essen zurück. In der Zwischenzeit steckte ihm Herrmann statt der
vier Groschen zwei preussische halbe Taler hinein und gab es mit feurigem Danke
zurück - »Es will nicht viel sagen«, sprach der Bube in seiner platten Sprache,
»steck Er mir nur das Säckel in die Ficke!« - Herrmann tat es, und sein
Wohltäter schmauste ungehindert fort.
    »Wo willst du hin?« fragte Herrmann.
    Der Pommer. In die Fremde.
    Herrmann. Mit vier Groschen?
    Der Pommer. Die Leute werden mir ja geben, wenn's alle ist.
    Herrmann. Du guter Junge! aus welcher Welt kömmst du?
    Der Pommer. Aus Pommern.
    Herrmann. O so gehe den Augenblick wieder nach Hause, wenn die Menschen dort
so gut sind, wie du sie in der Fremde erwartest! Warum bliebst du nicht zu
Hause?
    Der Pommer. Vater ist zu böse; er schlägt mich.
    Herrmann. Was willst du aber in der Fremde anfangen?
    Der Pommer. Was der liebe Gott beschert.
    Herrmann. O du weiser Pommer! komm mit mir! du sollst mich lehren, wie man
mit vier Groschen ohne Sorgen durch die Welt kömmt. -
    »Das kann ich wohl!« antwortete der Bube und nahm die Partie an. Er ruhte
nicht, bis das ganze aufgetragne Frühstück verzehrt war, und dehnte sich
ächzend, nachdem er das Messer eingesteckt hatte, als wenn er sich von einer
schweren Arbeit erholen wollte. Die Bezahlung des Frühstücks nahm gerade sein
übriges Vermögen hin: da er bei dieser Gelegenheit die zwei halben Talerstücke
gewahr wurde, legte er sie auf Herrmanns Tisch. »Mein Säckel ist ledig«, sagte
er äusserst zufrieden und wickelte das Beutelchen zusammen: Herrmann nötigte ihn,
das Geld zurückzunehmen, allein er verlangte, dass er es tragen möchte, da sie
doch miteinandergingen. Der Bursch in einem kurzen, blauen Jäckchen und einer
Pelzmütze, ob es gleich mitten im Sommer war, barfuss, Schuh und Strümpfe unter
dem Arme, setzte sich ohne Bedenken auf den Wagen und fuhr davon, ohne zu wissen
wohin.
    In Beeliz hielt es Herrmann für ökonomischer, die ordentliche Post zu
erwarten, und verkündigte seinem Pommer, dass er ihm keinen Platz werde
verschaffen können. »So geh ich zu Fusse nebenher«, sprach der Junge, mit allem
zufrieden, wenn er sich nur nicht von ihm trennen durfte. Ulrike kam erst in der
Dunkelheit an, schlich hurtig und ungesehen in ein Stübchen und verschloss sich.
Ihr Fuhrmann war nur bis dahin gedungen: zur Extrapost schien ihr kleiner
Geldvorrat nicht hinlänglich: sie entschloss sich also auch zur ordentlichen;
allein da man ihr berichtete, dass unten auch ein Herr auf die Post wartete, und
da sie aus der Beschreibung Herrmannen erkannte, den sie schon wieder abgereist
glaubte, verschob sie ihre Entschliessung und blieb nach langem Wanken bis zum
folgenden Posttage hier: nach seinem letzten Billett besorgte sie, ihn zu
beleidigen, wenn sie ihn plötzlich auf dem Postwagen mit ihrer Gegenwart
überraschte. Finden wir doch einander gewiss bei Madam Lafosse, dachte sie
freudig und liess ihn reisen. Herrmann merkte abermals nicht, dass er eine Nacht
und einen Tag in einem Wirtshause mit ihr zubrachte: er setzte seinen Weg fort,
sein getreuer Pommer zu Fuss nebenher: der Bube war durch eiserne Banden an ihn
geknüpft und hätte auf dem nächsten Dorfe vor Leipzig beinahe die Freundschaft
mit seinem Blute besiegelt.
    Ein Schwarm berauschter Musensöhne focht hier einen alten Groll aus, einen
vieljährigen Zwist mit den Gesellen verschiedener Zünfte, der schon bei mancher
Dorflustigkeit die schmutzigen Dielen mit Blute gefärbt hatte, wenn es auch nur
blutende Nasen waren: an diesem Tage war ein entscheidendes Treffen geliefert
worden. Die schlauen Zünftler, die es vermuteten, versammelten sich sehr früh
und zahlreich und nahmen mit ihren Nymphen den Tanzplatz ein: nicht lange darauf
langten die Vortruppen der akademischen Armee an und suchten durch feine
Neckereien den ruhenden Zwist in Bewegung zu setzen: ihre gelehrten Hälse
ertönten von platten Schimpfwörtern, ihre Ellenbogen bestürmten die Flanken der
friedfertigen Handwerker: noch immer wollte der Streit nicht Feuer fangen.
Endlich versuchten die Angreifer das letzte gewaltsame Mittel: sie begingen
einen Sabinerraub, entführten den Zünftlern ihre Schönen, eroberten den
Tanzplatz und tummelten sich mit ihnen in fröhlichen, triumphierenden
Schwenkungen herum. Gelassen ertrug lange das feindliche Chor Unrecht und Hohn
und regte sich nur durch leises Murmeln dagegen; doch jetzt konnten sie länger
nicht: patetisch trat ein Schneidergesell, ein grosser Redner, der bei den hohen
Festtagen seiner Zunft schon manchen Lorbeer durch seine Beredsamkeit errungen
hatte, ein zweiter Demosten, mit edlem Anstande hervor, erzählte Punkt für
Punkt mit fruchtbarer Kürze die Beschwerden seines Ordens und bat - doch ohne
seiner eignen Ehre etwas zu vergeben - um Einstellung der Feindseligkeiten:
wider alles Völkerrecht verachteten die Söhne der Musen seine gesandtschaftliche
Würde, höhnten den Redner und prellten ihn mit einem unvermuteten Kniestosse, dass
er stotternd in die Arme seiner Kameraden zurücktaumelte. Über eine so offenbare
Beleidigung der geheiligten Gesandtschaftsrechte schwoll allen die Galle empor,
schwarze Wut sprach aus den braunen Gesichtern, Rachsucht blitzte aus den
wässrigen Augen, und die Hände ergriffen die Waffen: sie verschwuren sich, einen
solchen Schimpf mit akademischem Blute auszulöschen. Mutig brachen sie auf die
schwächeren Feinde los, doch kaum fiel der erste Schlag auf sie herab, so
stürzte sich die ganze Hauptarmee der Musensöhne mit blinkenden Degen und
knotichten Prügeln herein, sie schwangen unter kriegerischem Jauchzen die Waffen
hoch in die Luft und liessen einen Platzregen von Wunden auf die Köpfe der
umzingelten Feinde herabfallen, die bald der eindringenden Macht weichen mussten:
hier lag einer und glaubte sich tot; dort untersuchte ein andrer seinen Kopf, ob
er noch festsitze; ein dritter kroch krächzend und hustend unter den
schwerausgeholten Hieben hindurch; wimmernde Mädchen weinten um ihre
zerprügelten Liebhaber; andere wuschen den ihrigen den Heldenschweiss und die
blutigen Wunden; einige heroische Nymphen wagten sich sogar in den Streit, um
ihre Seladons anzufrischen oder aus dem Gedränge herauszureissen, und wurden so
tief in das Getümmel verwickelt, dass ihre goldnen Häubchen über die Haufen der
Geschlagnen dahinrollten und ihre glattgeschnürten Leiber über ihre Freunde
herpurzelten. Der Sieg war so unzweifelhaft, dass die Zünftler um Frieden baten
und voll Beulen und Wunden das Feld räumten. Die Sieger trugen Tisch und Stühle
in die freie Luft und besangen hier bei dem vollen Glase mit lauten Jubelliedern
die grossen Heldentaten des Tages. Dem Landesvater zu Ehren stachen die
patriotische Löcher in die Hüte und vertranken die lang erwarteten Wechsel zur
Erhaltung der akademischen Freiheit.
    In diesem Zeitpunkt des Triumphs und des Jubels langte Herrmanns getreuer
Pommer neben dem Postwagen an: man hielt, weil der Postknecht Geschäfte im
Wirtshause hatte. Einige unter den Triumphierenden, von Sieg und Biere trunken,
nahten sich den Pferden, um die armen, müden Tiere die Ausgelassenheit ihrer
Freude empfinden zu lassen. Der kleine Pommer, dem dieser Wagen mit allem
Zubehör so nahe wie sein Leben anging, weil Herrmann auf ihm fuhr, hatte das
Herz, ihn wider die Anfälle der Betrunknen zu verteidigen: sie verstunden seine
gutgemeinte Herzhaftigkeit so übel, dass sie mit geballten Fäusten auf ihn
hereinstürzten und das arme Geschöpf zu zermalmen drohten. Mit Mühe konnte ihn
Herrmann nebst der übrigen Gesellschaft von ihrer Wut retten: er floh ins weite
Feld hinaus, und die Trunknen wurden von einigen weniger Trunknen zum Glase
zurückgeholt. Kaum war der Wagen wieder in Bewegung, so kam er von der Flucht
zurück, hielt als Herrmanns Begleiter seinen Einzug in Leipzig und liess wie ein
Pudel Tag und Nacht nicht von ihm ab, ass fleissig, wo er nur etwas erwischen
konnte, und gehorchte auf den Wink.
 
                                  Neunter Teil
                                  Erstes Kapitel
Dass Herrmann, voll guter Ahndungen, nicht lange zögerte, Vignalis Brief
abzugeben, lehrt die Sache selbst: aber wie scheiterten die guten Ahndungen so
plötzlich! Madam Lafosse hatte noch vor ein paar Wochen in dem Hause gewohnt,
welches die Aufschrift des Briefes anzeigte, und war gegenwärtig gar nicht mehr
in Leipzig. Warum? »Weil sie einem Handschuhmacher aus Dresden nachsetzte, der
sich mit ihr in der Ostermesse versprochen hatte und nicht Wort halten wollte«,
berichtete der Hausknecht und setzte hinzu, dass sie ihre Stube aufgegeben habe
und vermutlich nur in den Messen Leipzig besuchen werde.
    Also war dem armen Herrmann auch das bisschen Trost geraubt? - Nicht eine
Stütze, nicht ein Schatten, nicht eine Illusion blieb ihm übrig: sein trauriges
Schicksal lag so schwer auf ihm, dass er unter dem gewaltigen Drucke weder dachte
noch fühlte. Er öffnete Vignalis Brief, verstund ihn in der Niedergeschlagenheit
kaum und las ihn wohl zwanzigmal, ehe er den Inhalt glaubte, als er darin den
Auftrag an Madam Lafosse fand, den Überbringer desselben anzuhalten und ihm
allen möglichen Vorschub zu tun, dass er sich auf einem Dorfe in der Stille mit
dem Frauenzimmer trauen liesse, das entweder in seiner Gesellschaft oder nicht
lange nach ihm mit einem Briefe von Vignali ankommen werde; als er darin fand,
dass Vignali sich zur Tragung der Unkosten erbot und ihre Freundin recht
inständig bat, die Sache mit ihrer gewöhnlichen Klugheit zu betreiben und sosehr
als möglich zu beschleunigen: zugleich wurde sie auf den Brief verwiesen, den
Ulrike mit sich bringen werde, um den ganzen Plan zur Ausführung zu erfahren.
    Wie unglücklich war er nun vollends! Der Brief lehrte ihn, dass ihm der
Zufall sein Glück unter den Händen wegnahm: gleichwohl war er auf der andern
Seite nunmehr insofern besser daran, dass er sich mit einem Schimmer von Hoffnung
täuschen konnte. Ulrike musste also, nach Vignalis Briefe zu urteilen, nicht mehr
in Berlin sein - schon eine Beruhigung! Sie musste entweder schon in Leipzig sich
befinden oder doch bald eintreffen: wie leicht war es, sie aufzusuchen, Vignalis
vorgeschlagnen Plan aus ihrem Briefe zu erfahren und ihn ohne Beihülfe der Madam
Lafosse auszuführen? - Aber er hatte sich vorgenommen, nicht eher wieder vor ihr
zu erscheinen, als bis er ihr einen sichern Unterhalt anbieten könnte! - Er
schwankte lange, ob er seinem Vorsatze treu bleiben sollte, erkannte ihn für
Übereilung in den ersten Augenblicken der Reue, glaubte, dass es für ihn und
Ulriken zuträglicher sei, sie zu heiraten, um sie nicht den Nachstellungen und
der Rachsucht ihres Onkels aufzuopfern: - aber wo und wovon sollten sie zusammen
leben? - Von der Arbeit! sagte er sich. Sie mag nähen, stricken, waschen: ich
will in einer Handlung oder bei einem Advokaten Arbeit suchen. - Wie gesagt, so
beschlossen; wie beschlossen, so getan: er bestellte in der gewesenen Wohnung
der Madam Lafosse, dass man ein junges Frauenzimmer, wenn sie nach dieser Frau
fragte, in seinen Gastof weisen sollte.
    Er für seinen Teil liess es unterdessen nicht an Mühe fehlen, sie zu treffen:
vom frühen Morgen bis zum Abend wanderte er auf den Strassen, auf dem Wege, wo
die Berliner Post herkommen musste, unermüdlich herum, stellte auch eine
Anweisung im Postause aus: da war keine Ulrike! da kam keine Ulrike!
    Er durchstrich an den volkreichsten Tagen und Stunden den Spaziergang ums
Tor, sah geputzte Damen und Herren, die in einem kleinen Bezirke drängend
durcheinander herumkrabbelten, alle etwas suchten und zum Teil zu finden
schienen. Gähnende Damengesichter, von der Langeweile auf beiden Seiten
begleitet, suchten den Zeitvertreib, und rechnende Matematiker suchten zu der
Grösse ihres Kopfputzes und ihrer Füsse die mittlere Proportionalzahl oder suchten
in den Garnierungen ihrer Kleider Parallelopipeda, Trapezia, Würfel und Kegel,
schöne Mädchen und Weiber suchten Bewunderer ihrer Reize und funfzigjährige
Magistri Bewunderer ihres Schmutzes; Doktores juris à quatre epingles suchten
die Jurisprudenz und veraltete Koketten die Jugend; junge Anfängerinnen suchten
die ersten Liebhaber und junge Dozenten die ersten Zuhörer, Scheinheilige
suchten Sünden und Ärgernisse, um sie auszubreiten; Moralisten suchten Laster
und Torheiten, um dawider zu eifern, und Kennerinnen des Putzes suchten Sünden
des Anzugs, um darüber zu spotten: ein jedes suchte die Gesichter der andern,
ein jedes in den Gesichtern der andern Zeitvertreib, und ein grosser Teil des
Geländers war mit lebendigen Personen verziert, die mit stieren Augen die
übrigen alle suchten, um sich auf ihre Unkosten zu belustigen. Aus dieser
suchenden Gesellschaft drängte sich Herrmann in den grössern, verachteten Teil
der Promenade: hier suchte ein tiefsinniger Philosoph mit gesenktem Haupte und
wackelndem Schritte die Monaden mit dem Stocke im Sande, ein denkender Kaufmann
suchte Geld für verfallene Wechsel, ein Almanachsdichter Gedanken für seine
Reime und ein bleicher Hypochondrist das Vergnügen in der Luft; und alle suchten
vergebens wie Herrmann.
    Welch nagender Kummer, nicht zu wissen, wo sie ist, die man liebt! Tausend
Gefahren und Widerwärtigkeiten sich als möglich zu denken, unter welchen sie
vielleicht schmachtet, und dabei sich den Vorwurf machen zu müssen: Du warst es,
der sie durch eine Unbesonnenheit aus ihrer Ruhe auf ein Meer von Kümmernissen
hinaustrieb! - Unendlichemal sagte sich Herrmann dies in einem Tage und bereute,
dass er eine Liebe nährte, die der Himmel selbst nicht billigen müsste, weil er
sie so vielfältig hinderte.
    Seine Leiden machten ihn stumm und äusserst traurig: er sprach an dem
öffentlichen Tische, wo er speiste, beinahe kein Wort, ass wenig und wusste
selten, was er genoss: sein gewöhnlicher Nachbar hielt es ebenso; und deswegen
vertrugen sich diese beiden Leute so vortrefflich miteinander, dass sich
allmählich eine Sympatie zwischen ihnen entspann. Die leidende, verzerrte Miene
des Mannes, sein hagres, fast verdorrtes Gesicht, sein in sich gezognes,
menschenhassendes Betragen, seine Zerstreuung zog sehr bald Herrmanns
Aufmerksamkeit auf sich: er liebte ihn, weil er auch zu leiden schien. Wenn
einer den Tisch verliess, verliess ihn auch der andre: als wenn sie ein geheimer
Zug lenkte, gingen sie nebeneinander spazieren, ohne es meistenteils selbst zu
wissen, redeten nicht vielmehr als bei Tische, höchstens alle fünf Minuten ein
paar Worte: der eine richtete seinen Gang, vielleicht ohne daran zu denken, in
einen Garten; ungefragt und ohne Widerspruch folgte der andre ihm nach: sie
setzten sich in eine Laube, eine schattichte Allee; der eine stund vielleicht
auf und ging nach Hause, der andre vermisste ihn nicht, als bis er selbst gehen
wollte. Gerieten sie in einen Kaffeegarten, so foderten sie Kaffee, vergassen ihn
zu trinken und schmälten, wenn sie endlich einmal einschenkten, dass man ihnen so
kalten Kaffee vorsetzte. Die Bekanntschaft wuchs so schnell zur Freundschaft
empor, dass sie sich mit vieler Treuherzigkeit Besuche versprachen, zuweilen
gaben und alsdann die Stunden mit nichts hinbrachten, als dass sie nebeneinander
träumten. Nachdem sie schon einige Wochen einander alle Tage gesehen hatten,
machte Herrmanns neuer Freund die Bemerkung, dass er ihm heute nicht so
aufgeräumt wie sonst vorkomme, obgleich Herrmann vorher während ihrer ganzen
Bekanntschaft so traurig gewesen war wie jetzt. - »Ist Ihnen etwas Widriges
begegnet?« setzte der Hypochondrist hinzu. - »Ach Freund!« antwortete Herrmann,
»ich bedarf keines neuen Unglücks zur Traurigkeit: ich muss der Freude sehr jung
entsagen.«
    Der Hypochondrist. Ich bin auch heute nicht halb so lustig wie sonst. Die
starke Hitze schlägt allen meinen Mut nieder.
    Herrmann. O es ist kühl, rauh, wie im Herbst: man friert.
    Der Hypochondrist. Meinen Sie? - Ja, Sie haben wirklich recht: es ist sehr
kalt: ich werde meinen Pelz umnehmen. -
    Er nahm ihn um: über eine Weile schüttelte er sich, als wenn er vor Frost
schauderte. - »Es ist gewaltig kalt«, sprach er, »dass ich einheizen lassen muss.«
- Er gab Befehl dazu; und der Mann, der vorher sich einbildete, vor Hitze zu
ersticken, bildete sich itzo ein, vor Frost zu vergehen, und stellte sich im
Pelze an den glühenden Ofen.
    Auf einmal fing er an: »Es ist Ihnen ganz entsetzlich warm.«
    Herrmann. Ich sitze hier am offnen Fenster: ich kann nicht darüber klagen.
    Der Hypochondrist. Ihnen wäre nicht warm? Sie keuchen ja vor Hitze.
    Herrmann. Wenn meinem Herze so wohl wäre wie dem Körper!
    Der Hypochondrist. Ich weiss nicht, wozu Sie es leugnen: der Schweiss läuft
Ihnen ja am Kopfe herein.
    Herrmann. Mir nicht, aber Ihnen! Sie schwitzen und glühen wie ein Backofen.
    Der Hypochondrist. Meinen Sie? - Ja, es kann wohl sein. - Oh, es ist mir
übernatürlich warm: der Pelz brennt wie die Hölle - ah, ich möchte
verschmachten. -
    Hastig warf er den Pelz von sich, das Kleid hinterdrein und zog das
leichteste, dünnste Negligé an. Er ging stillschweigend in der Stube herum.
»Warum sind Sie denn so still?« fragte er.
    Herrmann. Lieber Freund, meine Seele ist so voll, dass die Zunge nicht reden
kann. Sprechen Sie! Zerstreuen Sie meine düstern Empfindungen!
    Der Hypochondrist. Red ich denn nicht? - Ich dächte, ich hätte den Mund
nicht zugetan.
    Herrmann. Kaum funfzig Worte haben Sie gesprochen, solang ich hier bin.
    Der Hypochondrist. Das wundert mich; aber es ist möglich: ich fühl es
selbst, dass ich heute nicht halb so munter bin wie sonst. Kommen Sie! wir wollen
den Magister - wie heisst er doch? -, Sie werden's schon erfahren; er ist mein
sehr guter Freund und wird uns gewiss aufheitern. -
    Sie begaben sich zu dem Magister und fanden ihn in einem so tollen Anzuge,
dass sich Herrmann, seiner übeln Laune ungeachtet, des Lachens kaum entalten
konnte. Ein kleines Männchen, einen Tressenhut nebst einer Haarbeutelperücke auf
dem Kopfe, den buntgestreifichten Schlafrock mit einem braunledernen
Degengehenke zusammengeschnallt und aufgeschürzt, wie die Bauermädchen die Röcke
aufgürten, in blossen Füssen und grossen wollnen Socken: in dieser grotesken
Kleidung wandelte er gravitätisch die enge beräucherte Stube auf und nieder,
ohne sich durch den Besuch von seiner Richtungslinie abbringen zu lassen. Kaum
hatte Herrmann den Mund geöffnet, um ihn zu grüssen, als ihn der Ton seiner
fremden Stimme verscheuchte - husch! war er in die Kammer hinein. Nach langer
Zeit kam er mit bekleideten Füssen, aber in dem vorigen Anzuge, wieder zurück,
weil ihn sein Freund durch die Kammertür aus allen Kräften versicherte, dass der
Fremde seine Draperie nicht übelnehmen werde. Er bewillkommte seinen noch nie
gesehnen Gast mit vieler Ängstlichkeit und drückte sich dabei mit dem Rücken so
dicht an die Wand, als wenn er besorgte, Herrmann werde ihm darauf springen; und
da er sich so an drei Wänden hin bekomplimentiert hatte, bat er an der vierten
um Erlaubnis, seinen Hut aufzusetzen. - »Ich habe mir meinen Kopf so gewaltig
erkältet«, gab er zur Ursache an, »dass er sich seit vier Tagen nicht erwärmen
lässt.« - Herrmann verstattete ihm sehr gern die verlangte Freiheit und wartete
ungeduldig auf die versprochne Aufheiterung, die ihm dieser Mann verschaffen
sollte: er suchte deswegen das erloschne Gespräch wieder anzufachen; der
Aufheiterer machte sich bei jedem Gange, den er tat, beständig den Rücken frei
und verliess deswegen niemals die Wand. Seine Scheu wurde zuletzt so gross, dass
sie sein Freund bemerkte und ihn darüber befragte: er wollte lange nicht
beichten, doch da ihm auch Herrmann durch Fragen zusetzte, gestund er endlich,
dass seine Gegenwart ihn in solche Furcht versetze. Herrmann näherte sich ihm, um
die Furcht durch freundliches Zureden zu vertreiben: je näher er ihm kam, je
ängstlicher und zitternder zog sich der andre vor ihm zurück, bis er in einen
Winkel kam, der ihn nicht weiterliess: er bat um Gottes willen, ihm ja nicht auf
den Hals zu fallen. Herrmann entfernte sich zwar, aber ruhte nicht, bis er ihm
die Ursache dieser sonderbaren Besorgnis entdeckte. - »Sie sehen«, sagte er,
»natürlich wie ein griechisches Sigma (s) aus; und den verwünschten Buchstaben
kann ich nun vierzehn Tage her nicht ohne Angst ansehn: es ist mir immer, als
wenn er über mich herfallen und mich mit dem gottlosen langen Schnabel hacken
wollte.«
    Nicht lange darauf erschien ein zweiter Besuch: ein anständig gekleideter,
wohlgesitteter Mann trat herein, um, wie er berichtete, dem Herrn der Stube den
Krankenbesuch zu machen: »Aber«, setzte er hinzu, »ich tu es aus grosser
Freundschaft; denn ich bin selbst keine Minute vor dem Tode sicher.« - Herrmann
musste sich um so viel mehr darüber verwundern, da der Mann so frisch und gesund
aussah, dass er dem Tode wohl noch zwanzig Jahre Trotz bieten zu können schien.
Man erkundigte sich nach der Krankheit, die ihn mit einem so nahen Tode
bedrohte. »Gestern«, antwortete er, »hab ich mir mit dem Federmesser eine so
tödliche Wunde gemacht, dass ich wegen der gefährlichen Folgen keinen Augenblick
ruhig sein kann. Der Schnitt schmerzte mich entsetzlich: es wollte nicht bluten,
und das ist immer eine schlimme Anzeige. Wenn nun gar eine Entzündung dazu
schlüge, und aus der Entzündung würde der kalte Brand, und der kalte Brand träfe
die Eingeweide: da wär ich ja den Augenblick ohne alle Umstände tot.« - Weil
Herrmanns Freund mit der Gewohnheit des Verwundeten, seine körperlichen Leiden
zu vergrössern, bekannt war, drang er in ihn, seine Wunde zu zeigen: der Mann
ging ausserordentlich schwer daran und wickelte nach vielen schmerzlichen
Bewegungen und langen Zurüstungen ein grosses Stück Leinwand von dem Finger: die
ganze Gesellschaft untersuchte ihn an allen Seiten und konnte ohne Mikroskop
schlechterdings keine Wunde entdecken. Der Verwundete, der mit beständigem
Zittern fürchtete, dass man sie zu stark berühren werde, bezeugte eine sonderbare
Verlegenheit, als man nirgends eine Wunde entdecken wollte: endlich besann er
sich, dass es der Zeigefinger war, an welchem man auch einen kleinen
unbedeutenden Schnitt fand: der gute Mann hatte sich den unrechten Finger
verbunden und sich den unrechten Finger schmerzen lassen.
    »Kleinigkeit!« rief der Herr von der Stube, »die ganze vorige Woche hab ich
meine linke Hand nicht brauchen können: ich fürchtete mich, sie nur zu
berühren.«
    »Und warum?« fragte jemand.
    »Sie war in einer Nacht so weich geworden, dass ich alle Augenblicke glaubte,
sie würde zerfliessen: wie eine Gallerte! und so leicht, dass ich kaum fühlte, ob
ich eine Hand hatte.« -
    »Und wie ist sie denn wieder hart geworden?« -
    »Von sich selbst in einer Nacht! Da ich des Morgens aufstehe, ist meine Hand
wieder so fest und brauchbar wie die rechte.«
    »Possen!« fiel ihm der Mann mit der Federmesserwunde ins Wort. »Das ist
Einbildung gewesen: aber lassen Sie sich einmal eine Historie von mir erzählen,
wobei Ihnen die Haare zu Berge stehn sollen! Am dritten heiligen Osterfeiertage
vor dem Jahre - was meinen Sie wohl? -, da sitz ich unter den Linden - es war
gerade ein gar allerliebster Tag -, da sitz ich unter den Linden und - was
meinen Sie wohl? - da fällt mir etwas von dem Baume über mir gerade in den Mund
hinein, und eh' ich mich's versehe, ist es hinuntergeschluckt. Nun stellen Sie
sich einmal die Angst vor, was das alles gewesen sein konnte! Vielleicht ein
Stückchen Holz voll von giltigem Tau, wie er in dieser Jahreszeit häufig fällt?
Es konnte auch ein Stückchen Glas sein, das mit die Eingeweide zerschnitt; oder
wohl gar der Unrat eines Vogels, der mir Säfte und Blut mit Fäulnis ansteckte;
oder auch ein Samenkorn, das in mir keimte und aufging, woran ich hätte
elendiglich ersticken müssen: was meinen Sie wohl, dass es wahr? - Ich zittre
noch an allen Gliedern - eine Spinne!« -
    »Woher wissen Sie denn das?« -
    »Woher?« antwortete er, durch die Frage beleidigt. »Weil ich's gefühlt habe!
Ich habe mich ja mit der verdammten Spinne über zwei Monate geplagt: dem Arzte
machte sie auch nicht wenig zu schaffen: er hat mir Arzenei über Arzenei
eingeschüttet, um sie zu töten: ich bat ihn um Gottes willen, dass er das nicht
tun sollte; denn es fiel mir immer aus Pantoppidans Naturgeschichte ein, dass
einmal eine junge Seekrabbe - die doch nach seiner Beschreibung auch eine Art
Spinnen sein müssen - in einem Kanale verfault ist und beinahe eine ganze Stadt
angesteckt hat: was meinen Sie wohl, dass aus mir geworden wäre, wenn sie der
Doktor wirklich umgebracht hätte? - Elendiglich wär ich gestorben.«
    Herrmann. Und wie wurden Sie denn das Ungeheuer los? -
    »Mein Arzt gab mir einen Schlaftrunk ein und körnte sie am Munde so lange
mit einer Fliege, bis sie sich zu der Lockspeise heraufspann: er zeigte sie mir,
als ich erwachte, nebst einem grossen Bündel von ihrem Gewebe. Nun war mir nur
wegen des übrigen Gewebes bange; aber mein Arzt hat mir glücklich davongeholfen.
Er purgierte mich so stark und liess mir so lange zur Ader, bis ich weder Saft
noch Kraft mehr im Körper hatte: das hat mich vom Tode errettet. Lieber Gott!
wie der Mensch doch so leicht elendiglich umkommen kann!«
    »Wie können Sie nur so ein Kindermärchen glauben?« fing Herrmanns Freund an.
»Sie haben sich das närrische Zeug eingebildet, und der Doktor machte Ihnen
etwas weis.«
    »Ich? mir das eingebildet?« rief jener und brannte vor Ärger.
    »Nicht anders! eingebildet!« unterbrach ihn der andre ebenso hitzig. »So ein
kluger Mann wie Sie, und lässt sich solche tolle Einbildungen aufheften! Das sind
alles Schwachheiten; aber ich will Ihnen einmal einen Vorfall erzählen, der ganz
anders aussieht: Sie werden sich wundern, allein ich kann Ihnen einen
körperlichen Eid schwören, dass es die reine, lautere Wahrheit ist. Vor drei
Jahren in dem grimmig kalten Winter - Sie werden das allerseits noch wissen -
stund ich an dem kältesten Tage bei dem Ofen und fror, dass mir die Zähne
klapperten, obgleich der Ofen vor Hitze springen wollte. Die Fenster hatte eine
dicke Eisrinde überzogen, die etliche Tage her gar nicht aufgetaut war: ich sehe
immer nach den bereiften Fenstern hin; auf einmal fang ich von unten an zu
erfrieren: die Beine waren schon bis an die Knie tot, so steif, dass ich mich auf
einen nahen Stuhl werfen musste. Ich fühlte ganz deutlich, wie der Tod immer
weiter nach dem Herze heraufstieg: ich wurde so starr, dass ich mich nicht rühren
konnte, das Herz stund - weg war ich!«
    Herrmann. Wie sind Sie denn wieder aufgetaut? -
    »Das weiss Gott. Meine Aufwärterin, da sie mich findet, macht gleich Lärm und
holt Leute, die mich zu Bette schaffen. Wer weiss, was sie nun mit mir
vorgenommen haben: sie sagen alle, dass ich von selbst wieder zu mir gekommen
wäre; aber ein Narr, der's glaubt! Sie wollen mir nur nicht gestehen, was für
entsetzliche Mittel sie gebraucht haben. - Was sagen Sie dazu?« -
    »Dass es Einbildungen gewesen sind!« riefen die andern beiden
Hypochondristen.
    »Einbildungen, wenn man alles so gewiss fühlt, als ich hier vor Ihnen stehe?
- Wenn man sich mit dem Federmesser rjetzt und den unrechten Finger verbindet und
dann sich vorstellt, dass man in der Minute daran sterben wird, das sieht einer
Einbildung eher ähnlich: oder wenn man sich vom Arzte überreden lässt, dass er mit
einer Fliege eine Spinne aus dem Leibe gelockt hat, das ist eine Einbildung;
oder wenn man sich gar vorstellt, dass die Hand zu Gallerte geworden ist - man
möchte toll werden, sich so eine handgreifliche Unmöglichkeit einzubilden!« -
    »Ei, sagen Sie mir doch«, rief der Mann, dem der letzte Stich galt, »ist
denn Ihr Erfrieren von unten auf nicht eine viel grössere Unmöglichkeit? Sie sind
von der grossen Ofenhitze, die Ihren Kopf von hinten traf, in Ohnmacht gefallen,
und weil Ihnen die kalte Luft vom Fenster auf die Füsse strich, bildeten Sie sich
ein, dass Sie von unten auf erfrören.« -
    »Schwachheiten!« rief der Widerlegte erbost, »ich hab es aber gefühlt.«
    »Wir auch!« antworteten die andern beide, »auch wir haben gefühlt.« -
    »Das ist nicht wahr: ihr habt nicht gefühlt, sondern euch nur das Gefühl
eingebildet.« -
    »Und Sie haben etwas gefühlt und sich eine falsche Ursache eingebildet«,
erwiderte der Herr von der Stube.
    »Das ist albern geredet«, sprach der Erfrorne, »dass Sie es nur wissen! als
wenn ich nicht causam et effectum unterscheiden könnte!«
    »Das können Sie auch nicht!« rief jener.
    »Das hab ich gekonnt, eh' an Sie gedacht wurde: ich habe dinstinguiert, da
ich noch ohne Hosen herumlief.« -
    »Und wenn Sie in Mutterleibe schon distinguiert hätten, so sind Sie doch ein
Narr, wenn Sie sagen, dass ich mir meinen Zufall mit der Hand nur eingebildet
habe.« -
    »Ein Erznarr«, stimmte sein Konsorte mit ihm ein; »wenn ich mir nur
eingebildet haben soll, dass ich eine Spinne im Leibe hatte.«
    »Meine Herren«, fing Herrmann sehr bescheiden an, »wenn Sie nun alle drei
recht hätten? Sie bildeten sich alle etwas ein.« - Armer Herrmann! nun ging der
ganze Krieg auf den Zweifler los, der allen zugleich und keinem allein recht
gab: zu seinem grossen Glücke stellte sich ein neuer Besuch ein. Herr Logophagus
trat äusserst verwildert herein: die Streitenden riefen ihn zum Richter auf,
allein er lehnte die Ehre mit der höflichen Bitte von sich ab, dass man ihn
ungeschoren lassen sollte, weil er wichtigere Sachen im Kopfe hätte. Man fragte
ihn, welche, und er begann also:
    »Da bin ich mit einem Ignoranten, einem Narren, der den schönen Geist macht,
zusammen gewesen: der Hasenfuss tat so dicke und hielt sich so viel über mich
auf, dass ich böse wurde und mich recht tüchtig mit ihm zankte. Ach! es ist aus
in der Welt: alle wahre echte Gelehrsamkeit hat ein Ende: seitdem so viele
schöne Geister unter uns geworden sind, rücken die Wissenschaften und
Gelehrsamkeit dem Untergange mit jeder Minute näher. Da lernen die Leute ein
bisschen Geschmack, und nun sind sie schöne Geister und verachten einen Mann, der
das Seinige redlich und rechtschaffen in litteris getan hat.«
    Herrmann. Machen denn vielleicht die schönen Geister eine besondre Innung
bei Ihnen aus? Sie sprechen davon wie von einem Handwerke, das man lernt. Er ist
ein schöner Geist - kömmt mir nicht anders vor, als wenn man von jemandem sagte,
er ist ein gutes Gedächtnis.11 Ein französischer Gelehrter sagte mir einmal:
»Die Deutschen haben viel schöne Geister, aber wenig schönen Geist.«
    »Es ist auch nicht viel daran gelegen«, antwortete der Wirt. »Das sind
Einbildungen des Herrn Litophagus. Er denkt, weil seine Silbenstechereien,
seine kritische und humanistische Wortkrämerei nicht mehr im Gange ist, deswegen
wird es gleich mit aller Gelehrsamkeit aus werden. Desto besser, dass wir uns
nicht mehr um das heidnische, abergläubische Zeug bekümmern! Ich will Ihnen
besser sagen, was das Schöngeistern unter uns für Schaden anrichtet: es verdirbt
die Religion, führt Freigeisterei und Unglauben ein, und Gottesfurcht und
Frömmigkeit nehmen alle Tage mehr ab, seitdem das verhenkerte Schöngeistern bei
uns eingerissen ist. Nichts wird geschrieben und gelesen als Witz: ein bisschen
Witz ist bald hingeschmiert, und wer ihn liest, dem tut der Kopf auch nicht weh:
darum saugen die Menschen so gern Witz ein, und Witz und Unglauben sind Brüder«.
12
    »Da haben Sie völlig recht«, fiel ihm der Mann mit der Federmesserwunde ins
Wort. »Aber das Übel erstreckt sich viel weiter. Wissen Sie, warum das
Menschengeschlecht so elend, so kraftlos, klein und schwach ist, dass sechs
Menschen jetzt nicht so viel heben und tragen können als einer zu unsrer Väter
Zeiten? Sonst gab man dem Tee und Kaffee die Schuld: grundfalsch! der Witz hat
uns zu solchen krüppelichten Zwergen gemacht; und wenn der verdammte Witz so
fortfährt, unter uns einzureissen, so werden unsre Kinder so matt wie die
Fliegen: wenn sie ein rauhes Lüftchen trifft, werden sie umfallen und sterben.«
    »Ach, Sie haben immer etwas mit dem Sterben zu tun!« unterbrach ihn
Herrmanns Freund. »Ich weiss besser, woran unser Jahrhundert krank liegt - an der
Menge von Genies. Die Genies haben die Sitten verderbt, alle Wissenschaften in
Verachtung gebracht und sind die Ursachen unserer itzigen Unwissenheit in der
Philosophie. Hätten wir nichts vom Genie in Deutschland gehört und gesehn, so
würde auch die Philosophie noch so viel gelten wie vormals.«
    A. Ach, mit Ihrer Philosophie! Diese könnten wir wohl entbehren: aber wo
Kritik und Philologie nicht mehr im Werte sind, da sind die Menschen der
Barbarei nahe.
    B. Die Philologie und Kritik? - Was Sie sich einbilden! Die Wortklaubereien
hätten immerhin niemals auf der Welt sein mögen: aber die Teologie! das ist der
Brunnquell aller Künste und Wissenschaften; wenn diese in Verfall gerät, dann
werden aus den Menschen Bruta.
    C. Ei, gehorsamer Diener! Ich dächte, auf die Jurisprudenz käme wohl mehr an
als auf die liebe Teologie: wo die echte, elegante römische Jurisprudenz keine
Liebhaber mehr findet, da ist alles vorbei; und nach ihr setze ich die Medizin;
denn sie errettet vom Tode.
    D. Ja, wenn man Spinnen verschluckt hat! Ihr seid alle nicht auf dem rechten
Flecke. Der übrige Plunder alle kann zugrunde gehn: aber wenn die Philosophie
sinkt, dann entsteht allgemeine Finsternis. Ausser der Philosophie ist alles
Schnurrpfeiferei.
    »Das sagt ein Narr!« riefen die andern drei in einem Tempo.
    »Woher wüsste denn die Philosophie so viele Sachen, wenn ihr meine
Wissenschaft nicht hülfe?« sprach der Teolog. »Sie weiss nichts von guten und
bösen Geistern« -
    Auf dies Wort fielen die andern drei mit vereinten Kräften der Lunge über
ihn her. Der Philolog bewies aus griechischen Redensarten, dass diese beiden
Benennungen nur Namen und keine Wesen wären: der Jurist leugnete ihre Existenz
schlechtweg ohne Gründe, und der Philosoph höhnte den Teologen als einen
abergläubischen Schwachkopf mit seinen bösen Geistern aus: alle redeten zugleich
mit wüstem Geschrei, dass Gläser und Fenster klangen, und der arme kleine
Teolog, da er von drei so beissigen Disputanten zugleich angebellt wurde, wusste
sich nicht anders zu helfen, als dass er alle seine Gegner in den Bann tat. »Ich
möchte«, schrie er mit lauter Stimme, »dass den Augenblick der Teufel käme und
euch alle holte: alsdann würdet ihr wohl an ihn glauben.« - Nicht lange nach
dieser Appellation an den Herrn selber, den der Streit betraf, geschah plötzlich
vor der Tür ein entsetzliches Getöse, als wenn ein Stück Mauer einstürzte:
schnell verstummte die Disputation, alle zitterten und bebten und stunden
eingewurzelt da, ohne einen Schritt von der Stelle zu wagen. Dass einer die
Ursache des Schreckens hätte untersuchen sollen, war gar nicht zu erwarten: der
Lärm geschahe zum zweiten Male, und es schlug sogar etwas heftig an die Tür an:
als wenn der Erzfeind mit Schwanz und Klauen leibhaftig schon in der Stube
stünde, purzelten alle vier mit übereilter Hastigkeit in die Kammer hinein und
schlossen sie fest zu. Herrmann, ob er gleich nie eine Akademie besucht hatte,
öffnete die Stubentür und entdeckte bei dem ersten Blicke die Ursache des
Schreckens: der Tür gegenüber ruhte auf zween Balken, ein paar Ellen über den
Fussboden erhaben, ein Holzschrank, in welchem der kleine, übelgetürmte Haufen
eingestürzt und zum Teil an die Stubentür herübergerollt war. Er teilte den vier
verschlossnen Flüchtlingen seine Entdeckung mit und konnte sie mit grosser Mühe
bewegen, das Holz selbst in Augenschein zu nehmen: sie kamen dicht
hintereinander heraus, ein jeder hielt des andern Rockzipfel - alle gestunden
das Phänomen zu: aber die Ursache? - Herrmann gab eine sehr natürliche an, dass
das Holz schlecht gelegt gewesen sei; und der Jurist und Philolog pflichteten
ihm insofern bei, weil sie es überhaupt nicht für nötig hielten, sich um die
Ursache eines Dinges zu bekümmern. »An solchen Unfällen ist nichts als die
Ignoranz schuld«, setzte der Philolog hinzu, »hätten die Holzhauer Griechisch
gelernt, so wüssten sie, dass die Figur eines grossen Delta (D) die vollkommenste
zum Holzlegen ist.« - So leicht sich diese beiden beruhigten, so schwer konnten
es die übrigen beiden: der Teolog ahndete gewisse ausdrückliche Veranstaltungen
der Vorsicht, um seine rechtgläubige Meinung durch ein Zeichen zu bestätigen,
und der Philosoph, da er mit der Zentralkraft nichts ausrichtete, war nicht
ungeneigt, eine eigne holzbewegende Kraft zu erschaffen. Sie disputierten
unendlich lange und mit vieler Heftigkeit: jeder widerlegte den andern, ohne dass
er ihn seine Meinung völlig vortragen liess; fast mit jedem Worte kamen sie
weiter vom Ziel ab und taten so starke Märsche durch alle Nebenwege und
Schleifpfade, dass sie in einer Viertelstunde von der holzbewegenden Kraft schon
bei dem Leben nach dem Tode waren. Sie kamen beide (die erste Übereinstimmung
während der ganzen Unterredung!) in den Klagen über die Mühseligkeiten dieses
Jammertals überein, und der Philosoph wusste keine bessere Kur dawider, als sich
durch einen herzhaften Tod den Weg daraus zu öffnen: hier schied sich sein
Gegner plötzlich von ihm und bestritt seine gewagte Meinung mit allen möglichen
teologischen Gründen: doch jener, ohne seine Einwürfe zu achten, fuhr
ungehindert fort und untersuchte schon, welches die bequemste Art des Todes sei,
um sich von der Last des Lebens zu befreien, und war für das Kehlenabschneiden
ungemein eingenommen. »Was ist es denn?« sprach er und zog ein Messer aus der
Tasche. »Ein herzhafter Schnitt! und man ist weg.« - Der andre bat ihn zitternd,
das mörderische Gewehr einzustecken; und da er, aller Warnungen ungeachtet, in
der Hitze, womit er die Leichtigkeit eines solchen Todes verfocht, die blinkende
Klinge sehr oft der Kehle näherte - welches aber bei ihm nur eine Gestikulation
war -, so glaubte der andre in seiner hypochondrischen Einbildung, dass er sich
im Ernste entleiben wollte, schrie auf, warf sich in Herrmanns Arme und bat ihn
inständigst, die Untat zu verhindern, dass sie nicht auf seiner Stube geschehe.
Der Philosoph lachte seiner und der zwei andern, die furchtsam aus dem Winkel
nach ihm hinschielten und jeden Augenblick den tödlichen Streich erwarteten: er
steckte das gefährliche Werkzeug wieder ein, die Flüchtigen versammelten sich um
den Tisch, und jeder machte die weise Anmerkung, dass man mit dergleichen
abscheulichen Dingen nicht scherzen müsse. Der Verteidiger des Selbstmords, der
vielleicht nicht das Herz gehabt hätte, einem Sperlinge das Leben zu nehmen, war
in diese Materie so verliebt, dass er sie sogleich wieder fortsetzte: ein jeder
wusste ein Histörchen von einem Selbstmorde; man erzählte nach der Reihe herum,
je schauderhafter, je lieber. Die Dämmerung nahte sich, und die ganze
Gesellschaft hatte sich ihre Einbildung mit so schreckenden Bildern erfüllt, dass
sie alle wie festgemacht am Tische sassen: keiner wagte einen Blick hinter sich
in die finstre Stube: die Furcht band endlich auch die Zungen: Licht zu
bestellen wäre keinem einzigen möglich gewesen, und Herrmann wollte sich
eigenmächtig nicht dazu erbieten, weil er die Gelegenheit des Hauses nicht
kannte. Sie schnaubten kaum, machten die Augen zu und schliefen alle viere ein,
dass sie schnarchten. Herrmann, dem die schnarchende Musik lästig wurde, schlich
sich leise zur Tür hinaus und ging nach Hause.
    Den folgenden Tag erfuhr er, dass die Gesellschaft bis gegen zehn Uhr
zusammen geschlafen hatte. Als einer nach dem andern erwachte, fürchtete sich
ein jeder vor den Augen der übrigen, die ihm in der Dunkelheit zu brennen
schienen: der Philosoph ermannte sich zuerst und suchte ein altes Feuerzeug,
schlug an: er lief mit dem brennenden Schwefel in der Hand herum, um den
Leuchter zu suchen, und da er von ohngefähr nach dem Tische blickte und die drei
Gesichter seiner Freunde sah, auf welche das blaue Schwefellicht einen blassen,
totenähnlichen Schein warf, dass sie in der Dunkelheit drei Leichen zu sein
schienen, warf er vor Schrecken den Schwefel auf die Erde, flüchtete in die nahe
Kammer, legte sich wohlbedächtig auf das Bette und schlief sehr bequem, während
dass der Wirt mit den übrigen beiden Gästen am Tische übernachtete.
 
                                Zweites Kapitel
Für einen Menschen, der wie Herrmann so viele eigne Ursachen zur Betrübnis
hatte, war solche traurige Gesellschaft ein wahres Verderben: gleichwohl ging er
ihr nach und hätte sie um alles in der Welt nicht gegen bessere vertauscht: sie
harmonierte zu sehr mit der Stimmung seiner Seele, um nicht Nahrung für seinen
Kummer in ihr zu suchen.
    Nicht bloss Unglück der Liebe; nicht bloss Ungewissheit wegen Ulrikens
Schicksal; nicht bloss Reue über seine verliebte Übereilung; nicht bloss die
Unmöglichkeit einer Verbindung mit ihr quälte ihn itzo mehr, sondern das
schrecklichste Übel, das einen Menschen von Herrmanns Denkungsart bedrohen kann
- der Mangel. Seine kleine Barschaft, die er von Berlin mit sich brachte, war
teils auf der Reise, teils bei seinem Aufentalte in Leipzig weggeschmolzen; er
hatte kein gelehrtes noch mechanisches Handwerk gelernt, um sich seinen
Unterhalt zu verschaffen, zu den Arbeiten, die er hätte verrichten können,
raubte ihm der Gram Lust und Kräfte; mit seinem einzigen Freunde, mit
Schwingern, hatte er sich auf Vignalis Antrieb entzweit und wagte es nicht, ihm
seinen Aufentalt zu entdecken, aus Furcht, er möchte seine Drohung wahr machen
und ihn in die Hände des Grafen zur Bestrafung für seinen unverschämten Brief
liefern; von seinen Eltern, wenn er auch seinen Vater nicht durch die schnöde
Behandlung in Berlin beleidigt hätte, konnte er keinen Beistand erwarten; die
Rache des Grafen musste er täglich fürchten: also ohne Rettungsmittel, ohne
Freund, unter Furcht, Qual und Kummer sass er da in einer unbekannten Stadt unter
unbekannten Menschen, die von ihm gewinnen wollten, und sein ganzes Vermögen
waren zween Louisdor. Hunger war seine kleinste Sorge; aber sich ohne Schande
aus einer so kritischen Lage herauszuziehn, das war sein Anliegen; er überlegte
so oft und vielfältig auf allen Seiten, was er tun sollte, dass ihm von der
Unmöglichkeit, sich zu retten, wie vor einem Abgrunde schwindelte. Das Rosental
wurde der Vertraute seines Schmerzes, aber meistens, um ihn zu mehren; jedes
Paar, das vertraulich nach geendigter Arbeit dem Vergnügen in Gohlis zueilte,
erinnerte ihn an eine Glückseligkeit, die ihm fehlte. - So könntest du, dachte
er, jetzt mit Ulriken dahinwandeln, wenn Vignalis Anschlag vollzogen worden wäre,
so nach der Mühe des Tags die Ruhe am Arme der Liebe geniessen. O wärst du einer
von diesen Glücklichen, die Leben und Vergnügen durch die Arbeit ihrer Hände zu
erkaufen wissen! - Er wollte dem beneideten Anblicke in Nebenpfade entfliehen
und kam immer wieder auf den Hauptweg zurück, um sich neuen Stoff zum
Missvergnügen zu holen: er hörte die fröhliche, schreiende Tanzgeige, das
schallende Horn und das laute Gewühl der Freude: o wie eilte er der brausenden
Mühle zu, für ihn ein viel harmonischer Getöse! und mit weitem Umwege entging er
der Freude durch einsame, menschenlose Gänge. Das absterbende Laub, die
abgemähten Wiesen, der herannahende Tod der Natur, den die herbstliche Szene
allentalben ankündigte, waren reizende Bilder für seine Melancholie: die
halbentblätterten Bäume wurden seine Freunde, die mit ihm zu empfinden schienen,
weil sie mit ihm um sich selbst trauerten.
    In einer der finstersten Launen kam er eines Abends von einem solchen
Spaziergange zurück, und auf der Stube warteten schon ebenso finstre Gedanken
auf ihn, als er mit sich brachte. Er wollte kein Licht, lehnte sich in der
Dunkelheit mit dem Rücken ans Fenster und tat, was er immer tat - sann auf
Rettung und fand keine.
    »Ist es möglich?« fing er endlich mit gerungnen Händen an, »also ist leben
wirklich eine so schwere Kunst, als mir Schwinger oft sagte? Unter einer solchen
Last von Unglück den Atem nicht zu verlieren, das erfodert Riesenstärke. - Aber
wenn doch leben unser Beruf auf der Erde ist, warum muss dieser Beruf so sauer
sein? Hätte mich die Natur zum Bösewichte oder zum Niederträchtigen gemacht,
wohl mir! Ich dränge mit einem schlechten Wagestücke, das mir Leben oder Tod
brächte, hindurch, raubte oder betröge, um reich oder geköpft zu werden: aber
die Natur gab meinem Gewissen eine Stimme und legte in mein Herz die Ehre, die
mich bei jedem Schritte nicht bloss vor Schande bei den Menschen, sondern auch
vor der Schande bei mir selbst warnt - ein edles, aber fürwahr auch ein lästiges
Geschenk! Kämpfe mit Unglück, Kummer und Mangel! gebietet das Schicksal, rette
dich aus dem Kampfe! will die Natur: übersteh ihn ohne Schande oder komme
darin um! verlangt Gewissen und Ehre: - ist das nicht das Leben eines
Missetäters, der auf der Folter liegt und nach allen Seiten hingezerrt wird? Der
Elende muss zerspringen und den Geist aufgeben: wehe ihm, wenn er ihn langsam
aufgibt!«
    Nach einer Pause, die schwarze Bilder und ängstigende Empfindungen
ausfüllten, begann er wieder. »Sollte denn wahrhaftig, wie meine Freunde neulich
unter sich stritten, dem Unglücklichen verboten sein, sich den Weg aus dem
Labyrinte gewaltsam zu öffnen? Wenn ich nichts Böses noch Entehrendes tun soll
und gleichwohl meine Rettung aus dem Unglücke nicht anders geschehen kann, ist
es nicht doppelte Pflicht, mir selbst die Versuchung zu einem entehrenden
Rettungsmittel abzuschneiden? Was lehrte mich Seneca? Was tat Cato, um der
Schande zu entgehen? Er wählte den kleinern Schmerz, um dem grössern
auszuweichen. Was kann ein Mensch wie ich, der sich durch ein Verbrechen an der
Tugend versündigt hat, anders erwarten als die tiefste Schande? Beginnt nicht
meine Strafe schon? Kann die Gerechtigkeit, die mein Schicksal regiert, härter
strafen, als dass sie mir alle Mittel benimmt, der geschändeten Unschuld nur das
kränkelnde Leben wieder zu verschaffen, das man guten Ruf nennt? - Verschmachten
soll ich in Reue und Verzweiflung, in Kummer und Mangel wie in tiefem Schlamme,
mich emporarbeiten wollen, meine Kräfte langsam verzehren, bis das Ästchen,
woran ich mich halte, zerbricht, mich sinken lässt und das eindringende Wasser
den schwachen Atem erstickt. Tut ein Verbrecher nicht den Willen der
Gerechtigkeit, wenn er eine Strafe beschleunigt, die ihn spät, aber gewiss
treffen soll? Menschen strafen mit einem Schwertschlage; und eine Gerechtigkeit,
wovon die unsrige nur ein Schatten ist, sollte mit zehntausend Streichen, mit
langsam entseelenden Stichen, mit verwundenden und allmählich tötenden Schnitten
wie der grausamste Hurone strafen? - Nein: sie will durch kein Wunder töten: das
junge feste Leben widersteht ihrer Hand; was tut also der Verbrecher, als dass er
ihrer Hand seine eigne leiht und das Urteil ausführt, das sie gern gleich
vollstrecken möchte, aber nicht anders als langsam vollstecken kann? - Meine
Tätigkeit ist in der Blüte verwelkt: für das Vergnügen bin ich tot, für
Geschäfte erstorben, ein wahres Flickwort im Ganzen des menschlichen Lebens; in
Schande bei mir selbst versunken; der Schande vor den Menschen nahe; jeden
Augenblick in Gefahr, von Mangel und Kummer, wenn sie Gewissen und Ehre
allmählich einschläfern, zu Verbrechen und entehrenden Handlungen hingerissen zu
werden; an keinen Freund, keine Familie, nur an eine einzige Seele mit einem
Faden geknüpft, den das Schicksal zerrissen hat: ein so unnützes Geschöpf, für
jedermann entbehrlich, das nichts Erhebliches tun kann noch soll, elend ausser
sich, elend in sich, elend in der Gegenwart und in der Zukunft, eine Beute der
Verzweiflung, wozu lebt das? - Die Welt verliert nichts an ihm: es verliert
nichts an der Welt: jeder künftige Zustand kann leicht besser sein als der
seinige: welche Bedenklichkeit kann also einen Entschluss aufhalten, den
Gerechtigkeit und Selbstliebe vorschreiben?«
    Hier stockte er: seine Seele hatte sich aus dem stürmenden Gewitter in die
bange, schwüle, schwerdrückende Stille hineinräsoniert, wo sie nichts als
Vernunft zu sein scheint, aber alles, was in ihr denkt und spricht, ist
Leidenschaft, die durch lange Gewohnheit die Miene der Vernunft angenommen hat.
Es deuchte ihm, als ob ein neues Licht in seinem Kopfe aufgegangen wäre: kein
Tumult, kein Brausen und Toben mehr in ihm! Aber so kalt, so vernünftig er sich
vorkam, so fühlte er doch, dass alle seine Glieder zitterten: so richtig ihm
seine Gründe schienen, so hielt er sich doch in einer misstrauischen Entfernung
von ihnen, wie von neuen Bekannten, denen er sich nicht so blindlings
anvertrauen möchte. Je schärfer und länger er sie ansah, je misstrauischer wurde
er; aus dem Misstrauen wurde Angst: er floh in der finstern Stube auf und nieder,
rang die Hände und schlug sie über den Kopf zusammen; und immer verfolgte ihn
der fürchterliche Gedanke des Selbstmords wie eine Furie, die ihn bei den Haaren
fassen wollte: seine Schritte wurden immer stärker und hastiger, die Angst
drückender: der Unglückliche floh vor seinen eignen Gedanken, wollte ein
Gespenst abschütteln, das in seiner Seele sass und desto grimmiger die Zähne
fletschte, je mehr er mit ihm rang.
    Schon eilte er nach der Tür, um dem Henker seiner Seele aus der Stube zu
entfliehen, die Treppe hinab und durch die Strassen zu rennen: indem trat sein
kleiner Pommer, der ihn zeiter bedient hatte, mit einem Lichte in der Hand
herein. Herrmann fasste ihn derb bei der andern und bat mit geknirschtem, hohlem
Tone, bei ihm zu bleiben. - »Lass mich nicht aus den Augen! stehe dicht neben
mir! lass meine Hände nicht aus den deinigen!« sprach er, äusserst verwildert und
bebend. Der Junge wusste nicht, was er denken sollte, fühlte wohl an dem
einklammernden Drucke der Hand, merkte auch an Miene und Ton, dass sein Herr sich
in einer unbeschreiblichen Angst befand: allein da er an blinden Gehorsam
gewohnt war, tat er den Befehl wörtlich, ohne nach der Ursache zu fragen.
Herrmann setzte sich, der Pommer hielt ihm beide Hände fest und sah ihm
unverwandt ins Gesicht; und obgleich sein Herr, als sich die Angst durch die
Erleuchtung der Szene und die Gesellschaft ein wenig milderte, seinen Befehl
widerrief, so gehorchte er doch dem ersten Gebote mehr als dem letzten. Herrmann
sah wehmütig auf ihn und sprach: »Lieber Bursch, was wird aus dir werden, wenn
wir voneinanderkommen sollten?«
    Der Pommer. Was Gott will.
    Herrmann. Bekümmert dich denn die Zukunft gar nicht?
    Der Pommer. Die Zukunft? - Was ist denn das?
    Herrmann. Sorgst du nie für morgen, sondern bloss für heute?
    Der Pommer. Nicht für morgen und auch nicht für heute. Ich sorge gar nicht.
    Herrmann. Wenn ich dir aber kein Brot mehr geben könnte oder stürbe, was
dann?
    Der Pommer. Da gibt mir's ein andrer.
    Herrmann. Wohl dir, dass du so denken kannst! - Also hast du niemals Unruhe?
    Der Pommer. In Pommern nicht; aber hier! Wenn ich die schönen Leute in den
schönen Kleidern sehe, wenn sie so fahren und reiten, oder wenn ich die reichen
Leute in der grossen Stube unten brav essen und trinken sehe, da geht mir's
mannigmal wohl so unruhig im Leibe herum, dass ich nicht auch so essen und
trinken und reiten und fahren kann. Wenn mir's denn so gar zu bange wird, so
pfeif ich: da vergeht's.
    Herrmann. Wenn dein Pfeifen solche Kraft hat, so pfeife mir doch eins vor! -
    Der Pommer gehorchte und pfiff aus allen Leibeskräften ein Liedchen aus
seinem Vaterlande. »Ich sehe wohl«, sprach Herrmann nach geendigter Musik, »man
muss ganz wie du denken, wenn dein Liedchen die Unruhe wegpfeifen soll.«
    Der Pommer. Ich will Ihm wohl sagen, woher das bei mir kömmt. Sieht Er? Das
Liedel pfiff ich allemal, wenn mir Mutter ein Brotränftel zur Vesper abschnitt;
und wenn ich das Liedel pfeife, denk ich allemal an die Brotränftel, und da wird
wir so wohl! so wohl, ich kann's Ihm gar nicht sagen.
    Herrmann. O gehe den Augenblick wieder nach Pommern, wenn das Wohlsein dort
so wohlfeil ist! Geh in dein Vaterland zurück! Ich kann dich unmöglich bei mir
behalten.
    Der Pommer. Warum denn nicht?
    Herrmann. Ich werde Leipzig verlassen.
    Der Pommer. So geh ich mit.
    Hermann. Aber mein Geld könnte alle werden, und wir müssten dann beide
zusammen hungern.
    Der Pommer. Da bettle ich und bring es Ihm.
    Herrmann. Oder ich könnte sterben.
    Der Pommer. Er wird ja nicht! Mutter sagte immer: wenn man stirbt, ist man
tot. Er wird nicht sterben: dazu ist er viel zu jung.
    Herrmann. Der Kummer frisst auch ein junges Leben: du Glücklicher weisst
nicht, was Kummer ist.
    Der Pommer. Wenn Er Kummer hat, ich will Ihm eins pfeifen: da vergeht's. -
Wenn Er stürbe, da legt' ich mich zu Ihm in den Sarg: da schmeckte mir
zeitlebens Essen und Trinken nicht mehr. Sieht Er? Mutter hatte einmal eine
Gans, die sie stopfte: die Gans war Ihm so fett, dass man seine Freude daran sah.
Das wird schmecken! dacht ich. Sieht Er? Da wollte Mutter die Gans schlachten,
und da starb die dumme Gans; und da hab ich Ihm um die Gans geflennt, dass mich
der Bock stutzte. - Hör Er! sterb Er ja nicht wie Mutter ihre Gans! - Ja,
wahrlich! wenn Er stürbe, ich flennte wie um Mutter ihre Gans.
    Herrmann. Ich beklage, dass ich dir so viele Treue nicht belohnen kann. Deine
Treuherzigkeit verdient, dass ich aufrichtig gegen dich bin. Mein Geld ist alle:
ich kann dich nicht länger ernähren.
    Der Pommer. Da sorg Er nur nicht: die Leute werden mir schon geben; und was
sie mir geben, das soll Er alles kriegen. - Ich gehe nicht von Ihm, dass Er's nur
weiss!
    Herrmann. Geh wieder nach Pommern: da bist du am glücklichsten, wo du nur
ein Brotränftchen dazu brauchst.
    Der Pommer. Ich gehe nun nicht, das sag ich Ihm. Ich bleibe bei Ihm bis in
den Tod.
    Herrmann. Bis in den Tod? - Vielleicht kömmt dieser gute Freund bald und
führt mich aus meinem Unglücke heraus. Wie glücklich bist du, dass du dir so eine
traurige Hülfe nicht wünschen darfst!
    Der Pommer. Ach, ich habe mir auch schon einmal den Tod gewünscht; aber ich
bin deswegen nicht gestorben. Vater schlug mich alle Tage so gottsjämmerlich,
dass mir der Rücken platzte. Sieht Er? Da ging ich heraus aufs Feld zum Schäfer
und sagte: »Mattis, schlagt mich tot! Vater bleut mich gar zu sehr.« Da sagte
der Schäfer: »David, bist ein Narr! Wenn du tot bist, schmeckt dir kein Bissen
mehr gut.« Da sagt ich zum Schäfer: »Mattis, du sollst mich totschlagen.« -
»Das tut weh«, sagte Mattis, »wir wollen uns lieber ersäufen. Ich hab es schon
gestern tun wollen: meine Frau bleut mich wie ein Dreschflegel: aber ich habe
mir's erst überlegt, eh' ich's tue: ich habe da eine schöne Wurst, die möcht ich
dem Wetteraase doch nicht gönnen; sie ist dir gar zu schön: ich kann's gar nicht
übers Herz bringen, dass ich sie anschneide. Weisst du was, David? wir wollen sie
zusammen essen, und hernach ersäufen wir uns.« Da holte Mattis eine grosse,
unbändige Wurst aus dem Schubsacke - dass ich nicht lüge! sie war Ihm, bei meiner
blutarmen Seele! wohl so dick wie mein Arm: eine recht unbändige Wurst! und da
setzten wir uns hin und schnabulierten, dass einem das Herz im Leibe lachte. Da
fing Mattis an: »David, es schmeckt gar zu gut: hol mich der Teufel! ich kann
mich nicht ersäufen.« - Und da sagt ich: »Bei meiner blutarmen Seele! ich auch
nicht! und wenn mir Vater alle Rippen zerbleute.« Da sprach Mattis: »Wer gäb
uns denn im Wasser so schöne Würste? David, wir wollen uns bleuen lassen. Alle
Tage Schläge und mannigmal so ein Stückchen Wurst ist doch besser als keine
Schläge und keine Wurst. Man wird das Unglück gewohnt. Nach einer Tracht Schläge
schmeckt's noch einmal so gut.« - »Das sag ich auch«, sprach ich; und da ging
ich heim und ersäufte mich nicht und liess mich Vatern bleun, soviel er wollte,
und da wurd ich's gewohnt, und da tat mir's nicht mehr weh, und ich kann's Ihm
gar nicht sagen, wie mir's seitdem gut geschmeckt hat. Der Mattis war Ihm ein
recht gescheiter Kerl. Nun bereut' ich's schön, wenn ich mich damals ersäuft
hätte. - Herr, soll ich Ihm etwas zu essen holen?
    Herrmann. Ja, David; bringe mir ein Stück von Mattis' Wurst.
    Der Pommer. Hol mich alle! wenn wir die noch hätten! Da sollt ihm das
Sterben schon vergehn. Wenn Ihm nicht so recht lustig um den Kopf ist, so sag Er
mir's nur: da pfeif ich Ihm mein Liedel; und da vergeht's.
    Herrmann. So musst du mich erst lehren, bei einem Brotränftchen glücklich zu
sein.
    Der Pommer. Das lernt sich bald; und wenn Er kein Geld hat, da müssen mir
die Leute geben, und ich bring's Ihm; und wenn Er sterben will, da hol ich Ihm
etwas zu essen. -
    Herrmann wurde durch die genügsame, zufriedne Philosophie des Burschen
beschämt: er tadelte sich, dass ein so dummes Geschöpf mehr Standhaftigkeit haben
sollte, das Unglück zu ertragen, als er, und fand in der Anmerkung des Schäfers,
»man wird das Unglück gewohnt«, einen Schatz von Weisheit, die ihn weder der
Umgang mit seinen gelehrten Freunden noch sein eignes, von der Leidenschaft
bestochnes Nachdenken so anschauend gelehrt hätte. Zwar kamen die vorigen trüben
Gedanken in der Nacht etlichemal zurück, und der Stolz sophistizierte Mattis'
Philosophie oft danieder: allein der nämliche Stolz, der ihm den Mangel an Gelde
als einen unerträglichen Schandfleck vorstellte, malte ihm nunmehr den Mangel an
Standhaftigkeit und die Verzagteit im Unglücke als einen noch grössern
Schandfleck ab. Wie die Sonne, wenn sie über dem gesunknen Nebel hervorsteigt,
erhub sich den Morgen darauf seine Seele über die gestrigen düstern Gedanken:
die Mutlosigkeit schien ihm so entehrend klein und die Stärke des Geistes in der
Widerwärtigkeit so erhaben, dass er sich beinahe über seine Verlegenheit freute,
weil sie ihm Gelegenheit gab, sich selbst durch Mut und Klugheit zu gefallen. In
seinem Kopfe hatten jetzt alle Gedanken eine andre Beleuchtung: jedes
Rettungsmittel, das ihm sein bisheriger Unmut für verwerflich und unrühmlich
erklärte, schien ihm itzo wünschenswert oder doch nicht schimpflich, nachdem
seine Rettung einmal eine Sache der Ehre für ihn geworden war. Er nahm sich vor,
noch denselben Vormittag an Schwingern und Vignali zu schreiben, suchte unter
seinen Briefschaften Papier, und siehe da! - unter dem Suchen fällt ihm Ulrikens
Schattenriss, den er einmal in einer eifersüchtigen Laune dem Mr. de Piquepoint
in Berlin raubte, in die Hände: er erschrak, verweilte dabei, und je mehr er die
sanfte Physiognomie ansah, je mehr schämte er sich seiner gestrigen Melancholie.
Gedanke holte Gedanken, Empfindung Empfindung herbei, und in wenigen Minuten
stand er im vollen Feuer verliebter Begeisterung: das Bild schien seinem
Ehrgeize zu sagen, dass er für Ulriken Ungemach leide und überstehe: ihre Lippen
befahlen ihm, jedes Mittel zu versuchen, um einen an ihr begangnen Raub wieder
zu vergüten: was ihm gestern Verbrechen schien, war ihm heute Übereilung, und
fast war ihm die Übereilung lieb, weil sie ihm eine so wünschenswerte Vergütung
auferlegte. Alles ging ihm leicht, alles hurtig von der Hand: er schrieb an
Vignali, meldete ihr die Entfernung der Madam Lafosse von Leipzig und seine
daher entstandne Verlegenheit und ersuchte sie um ihren Rat, besonders um
Nachricht von Ulriken. An Schwingern schrieb er gleichfalls, berichtete ihm die
Veranlassung zu seinem trotzigen Briefe aus Berlin, bat ihn um Verzeihung, Rat
und Beistand und bezeugte, da er sich in dem Sitze einer Universität aufhielt,
ein grosses Verlangen zu studieren, doch war er auch bereit, den Vorschlag, den
er in Berlin von sich gewiesen hatte, nunmehr anzunehmen, wenn Schwinger ihm
mehr dazu riete als zum Studieren. - Alles ernste und feste Vorsätze!
    Er hoffte, dass Schwinger seinen Plan, sich einer Wissenschaft zu widmen,
nicht nur billigen, sondern ihm auch einen Zuschuss dazu geben werde: die noch
fehlenden Bedürfnisse dachte er sich durch Arbeiten zu gewinnen, und wenn es
auch durch Informieren geschehen müsste: keine sollte ihm zu gering, keine zu
beschwerlich sein, um am Ende seiner akademischen Laufbahn Ulriken, einen so
hohen Preis, zu erlangen. Er sann, zu welcher Fakultät er sich schlagen wollte,
und wählte die juristische. »Wer weiss«, sagte er sich, »welchen hohen Posten ich
durch Fleiss und Anstrengung erringen kann, der mich Ulriken mit Ehren besitzen
lässt, ohne dass sich ihre Anverwandten meiner zu schämen brauchen?« - Mit
ungeduldiger Hitze eilte er diesem glücklichen Zeitpunkte auf den Flügeln der
Liebe schon entgegen, wollte seine Wissenschaft nicht bloss lernen, sondern
verschlingen, und deswegen während seiner ganzen Studierjahre niemals mehr als
fünf Stunden schlafen und zum Vergnügen nicht eine Minute verschwenden: Bücher
sollten sein einziger Umgang und Studieren seine einzige Beschäftigung sein. Wie
kränkte es ihn, dass er nicht auf der Stelle gleich Instituten und Pandekten wie
eine Tasse Tee hinunterschlucken konnte!
 
                                Drittes Kapitel
Die Philosophie seines Pommers und Ulrikens Schattenriss schienen ihm seine
vorige Tätigkeit wieder eingehaucht zu haben: er machte noch denselben Tag
Anstalt, sich Bekanntschaften, Gönner und Freunde zu verschaffen, die ihm mit
Rat und Unterstützung beistehen sollten, und erfuhr von seinem hypochondrischen
Freunde, dass er Bekanntschaften von dieser Art in einem gewissen Italienkeller
machen könnte, wo er des Abends jederzeit Leute finden würde, die viel durch
Empfehlung vermöchten.
    Wie dauerte ihm der Nachmittag so ewig! und wie flog er, sobald es dunkel
war, nach dem Keller! Er wagte eine halbe Bouteille Wein daran und hoffte, dass
ihm diese Ausgabe durch die neuen Bekanntschaften wieder ersetzt werden sollte.
Ein merkurialischer Mann von unendlichem Geschwätze sprach für die ganze übrige
Gesellschaft: man fragte sich ringsherum zischelnd, wer der Fremde wäre, selbst
der Schwätzer hielt mit seiner Predigt inne, und da Herrmann ein Kleid mit einer
schmalen Tresse trug, wurde die Neugierde so allgemein rege, dass man
schlechterdings dahinterkommen wollte. Ein junger Kaufmann redete ihn an, gab
ihm seine Adresse und erbot sich, ihn mit allen seinen Waren, die er nach der
Reihe hersagte, zu bedienen; Herrmann dankte sehr freundlich. - »Sie wollen hier
studieren?« hub der Sprecher der Gesellschaft an: die Frage wurde mit einem der
höflichsten Ja beantwortet. - »Kann ich Ihnen irgendworinne dienen«, fuhr jener
mit geläufiger Zunge fort, »so werde ich mir eine Ehre daraus machen. Ich
wollte, dass Sie schon ausstudiert hätten: ich habe jetzt eine Versorgung für Sie,
die Ihr Glück machen würde. Die Kaiserin von Russland hat an mich geschrieben,
ihr einen Informator für den Sohn ihrer ersten Kammerfrau zu schaffen: ich
schwöre Ihnen zu Gott, wer den Platz bekömmt, der hat sein Glück gemacht: straf
mich Gott! es kann ihm gar nicht fehlen. Die Kaiserin ist seine Pate und hat mir
sehr viele Komplimente gemacht - ich habe den Brief nicht bei mir, aber ich kann
ihn zeigen -, sie schreibt überaus gnädig, dass man sieht, es muss der Dame sehr
am Herzen liegen, dass ihre Kammerfrau wohl versorgt wird: sie fängt ohngefähr so
an - Monsieur, la reputation, dont Vous jouissez par toute l'Europe - und so
weiter in diesem Tone fort. Oder wäre denn das nicht etwas für Sie? der erste
Kammerherr beim König in Schweden braucht einen Sekretär. Sehn Sie, da wäre
wieder Ihr Glück gemacht: Sie dürfen ja, straf mich Gott! dem Herrn nur sagen,
was für eine Stelle im Reich Sie haben wollen, so sagt er's dem Könige, und ich
weiss, der König interessiert sich überaus für den Herrn: er hat selbst die Gnade
gehabt, mich grüssen zu lassen, und empfiehlt mir die Sache wie seine eigne. Ich
habe Ihre Majestät meine untertänigste Bereitwilligkeit versprochen, aber noch
hab ich, so wahr ich lebe! keinen Menschen gefunden, der so gut dafür wäre wie
Sie: Sie sind gut gewachsen, und Ihr Glück ist gemacht, dafür lassen Sie mich
sorgen! Ich pariere hundert Dukaten, Sie sind in einem halben Jahre Reichsrat,
oder was sie nun dort haben. Nach China gehn Sie doch nicht, das weiss ich schon:
aber ich habe auch einen schönen Auftrag. - Apropos, meine Herren«, fuhr er in
einem Atem fort und wandte sich zur übrigen Gesellschaft, »gestern hat mir die
Fürstin von ** ein Kompliment sagen lassen durch den Bereuter vom Hofe. Dass Er
mir ja zu dem Manne geht! hat sie noch aus dem Fenster nachgerufen, als er
fortgeritten ist. Ein halb Dutzend andre Kommissionen kann er vergessen, aber
nur mein Kompliment nicht. - Er kam auch geradesweges vor mein Haus geritten,
eh' er noch in einem Gastof eingekehrt war. Der Mann hatte nun seine tausend
Freude, mich zu sehen - den berühmten Mann und den grossen Gelehrten, und was er
mir denn noch weiter für Komplimente machte -, er hatte gar nicht geglaubt, dass
ich so aussähe wie ein andrer Mensch: ich schwöre Ihnen zu Gott, der Mann freute
sich wie ein Kind: die Tränen standen ihm in den Augen, da er Abschied nahm.
Hören Sie! sagte er, bei Ihnen wollt ich Tag und Nacht en suite sitzen und nur
zuhören: ich kann es gar nicht satt kriegen: - und drückte mir die Hand; und da
ich ihn vollends küsste, da wollt er wie von Sinnen kommen. Hören Sie! sagt' er,
das ist mir so lieb, als wenn mich meine Fürstin geküsst hätte. - Ha, ha, ha, ha.
Er hat mir Aufträge über Aufträge mitgebracht: ich weiss gar nicht, wo ich
anfangen oder wo ich aufhören soll. Hört, Leute! ich rate euch, werdet nicht
berühmt! Ihr denkt, das ist lauter Glückseligkeit, wenn man von Königen und
Fürsten, bald von der schönen Dame, bald von dem vornehmen Herrn Komplimente und
Aufträge bekömmt: aber ich schwöre euch zu Gott, man wird seines Lebens nicht
froh dabei. Bei Tische esse ich kaum sechs Bissen, so fällt mir der Brief ein -
der Henker! dem Geheimerate hast du auch noch nicht geantwortet -, und so werfe
ich die Serviette hin und setze mich und schreibe an den Herrn Geheimerat. Geh
ich spazieren, so bin ich kaum vor dem Tore - halt! hast du die Verse nach Wien
doch vergessen! -, gleich kehr ich wieder um, und wenn andre Leute sich
belustigen und das schöne Wetter geniessen, da sitz ich in meinem Stübchen und
mache Verse nach Wien. Apropos -« (womit er sich zum Kellerwirt hindrehte) -
»habt Ihr meine Ode auf die Leipziger Lerchen noch nicht gehört? Seht Ihr!
solche Oden müsst Ihr Euch ein paar Dutzend machen lassen und Sie den Gästen
vorlesen, wenn sie Lerchen bei Euch essen: da werden Euch die Leute den Keller
stürmen. Die Gräfin ** war die letzte Messe hier und liess mich zu sich rufen,
sie war kaum aus dem Wagen gestiegen. Des Abends konnte ich nun nicht wegkommen,
das war vorbei. Da die Lerchen kamen, fing ich an: Ihre Exzellenz, ich pariere
hundert Louisdor, ich bezahle Ihnen die Lerchen teurer, als sie Ihnen der Wirt
anschreibt. - Wieso? fragte sie. - Ich pariere tausend Dukaten, ich gebe Ihnen
so viel Verse dafür, als sie alle zusammen Krallen an den Füssen haben. - Sie
wollte das sehn. Ich sagte: Haben Sie nur die Gnade, mich fünf Minuten ins
Nebenzimmer gehen zu lassen! - Ich ging, und hört, ihr Leute! in fünf Minuten
komme ich mit fünfzig Versen zurück, dass die Dame ganz erstaunt ist. Hören Sie!
sagte sie, ich lasse Sie nicht mehr mit mir essen. Sie müssen hexen können: ich
habe Sie zwar für einen sehr grossen Mann gehalten, aber so etwas ist mir doch
nicht vorgekommen. - Da ich ihr nun vollends meine Verse vorlas, da ging das
Erstaunen erst recht an; da wollte die Dame gar nicht aufhören zu lachen: es tat
mir selber leid um sie; denn sie ist sehr korpulent und wollte nun gar nicht
wieder zu sich kommen. Noch bei dem Abschiede fing sie wieder an und drückte mir
die Hand sehr gnädig. - Ach, Sie sind ein scharmanter Mann! ein gar
allerliebster Mann! man möchte sich bucklicht über Sie lachen; und solange ich
hier bleibe, dürfen Sie gar nicht von meiner Seite kommen. Sie müssen jeden
Morgen den Tee bei mir trinken, und hernach nehm ich Sie in Beschlag und lasse
Sie nicht von mir bis zum Schlafengehn. - Ich sagte: Ihre Exzellenz, es ist mir
eine hohe Gnade, aber meine vielen Geschäfte! es warten wenigstens dreissig
Briefe auf Antwort; und die Welt will doch auch befriedigt sein: ich lebe doch
einmal für die Welt. - Ach, Sie haben genug für die Welt gelebt; leben Sie nun
einmal auch acht Tage für mich! - Straf mich Gott! Sie hat mich des Morgens
durch die Heiducken mit der Portechaise holen und des Abends wieder nach Hause
bringen lassen; darüber hab ich nun alles versäumt und kann diesen Winter mit
meinen Briefen nicht fertig werden: da liegen an hundert zu Hause. Ja, denk ich,
wenn ich sie sehe: ihr werdet lange liegen müssen, ehe die Reihe an euch kömmt.
- Stille! ich will euch meine Ode vorlesen.« -
    Auf die Ankündigung hub sich einer nach dem andern in der Gesellschaft
empor, um sich in die andre Stube zu begeben: allein der Deklamator stellte sich
vor die Tür. - »Ihr wärt nicht wert, dass euch die Sonne beschien, wenn ihr meine
Ode auf die Leipziger Lerchen nicht anhörtet«, sprach er und trieb sie an den
Tisch zurück. Sie mussten sich dem Zwange unterwerfen; er räusperte sich, gebot
allgemeine Stille und hub an:
»Wie wenn im Ozean die hocherhabnen Wellen
Mit grimmig wilder Wut bis zu den Sternen schwellen;
Wie wenn ein schwarzer Sturm den Nationen Tod
Und steilen Felsen Angst und bange Schmerzen droht.
Die Stelle hab ich dem Virgil gestohlen: aber dieser römische Homer könnte sie
nicht herrlicher ausdrücken, wenn er deutsch schriebe. Ich will euch die Stelle
einmal vorlesen: sie ist überaus prächtig: aber straf mich Gott! sie hat in
meiner Ode nichts verloren.« - Er holte stehenden Fusses einen Virgil aus der
Tasche, las die Beschreibung eines Sturms vor und übersetzte und erklärte die
Schönheiten derselben mit der wortreichsten Beredsamkeit, doch jederzeit mit
einer Wendung, dass Virgil einen Grad unter seiner Ode blieb. Die Gesellschaft
schlich sich, einer nach dem andern, in die andre Stube, auch Herrmann folgte
dem Beispiele, und der erzgelehrte Mann las den stummen Kellerwänden bald ein
Stück aus seiner Ode, bald ein Stück aus dem Virgil oder Horaz in einem
unaufhaltsamen Flusse vor, stürzte mit seinen fechtermässigen Gebärden ein paar
Gläser zu Boden und wurde nicht gewahr, dass er sich selbst predigte, bis ein
Fremder zur Tür hereintrat. »Setzen Sie sich! Setzen Sie sich!« rief ihm der
Deklamator entgegen: es war ein guter, ehrlicher Wollhändler, der sich etwas
langsam bewegte, und da er nicht gleich gehorsamte, wurde er mit gewaffneter
Faust niedergestossen. »Sind das Zeitungen?« fragte der Wollhändler phlegmatisch.
- »Ja, mein lieber Freund«, antwortete der quecksilberichte Poet lachend,
»Zeitungen aus dem Parnass! Ihm zu Gefallen will ich wieder von vorn anfangen.« -
Der Wollhändler horchte einige Zeit zu, allein da ewig nichts von Spaniern,
Franzosen oder Engländern kommen wollte, zog er gähnend sein Taschenbuch hervor
und rechnete seine Bestellungen und Wechsel durch. Der begeisterte Dichter ward
über seine Verachtung grimmig, riss ihm mitten im Lesen das Taschenbuch weg und
warf es unter den Tisch, dass die Zettelchen wie Schneeflocken herumflogen. Der
erstaunte Wollhändler wusste lange nicht, wie ihm geschah: endlich, da jener
ungestört fortlas, fasste er ihn bei der Krause, schüttelte ihn und sprach, die
drohende Peitsche in der Hand: »Den Augenblick les Er mir meine Zettel auf, oder
der Teufel soll ihm das Licht halten.«
    Der Deklamator. Herr, hab Er Respekt vor den Musen und ihren Schwestern, den
Grazien!
    Der Wollhändler. Was geht mich alles das Lumpengesindel an? Weiss Er wohl,
dass Er hier viele tausend Taler unter den Tisch geworfen hat, die Er zeitlebens
nicht bezahlen kann?
    Der Deklamator. Er ist ein roher Mann. Straf mich Gott! Er glaubt wohl gar,
dass seine Zettel mehr wert sind als meine Ode.
    Der Wollhändler. Das denk ich! Für Seine purpurroten und hochgetürmten
Quodlibets geb ich Ihm nicht einen Quark: aber mein Taschenbuch ist viele
tausend Taler wert. Den Augenblick les Er auf!
    Der Deklamator. Ich pariere hundert Dukaten, Er weiss nicht, wen Er vor sich
hat. Ich bin der grosse Solstizius. Untertäniger Diener.
    Der Wollhändler. Blitz! das ist ja wohl der Stizius, der mich nun sechs
Messen her nicht bezahlt hat. Gut, dass ich dich habe! He da! -
    Der Wollhändler rennte ihm nach, aber der grosse Solstizius war entwischt,
und er musste sich bequemen, seine papiernen Reichtümer selbst aufzulesen.
Hinterdrein erfuhr er, dass dieser Mann nicht der Tuchmacher Stizius, sein übler
Bezahler, sondern nur ein egoistischer Windbeutel sei; und Herrmann wurde von
einem artigen, bescheidnen Manne gewarnt, sich nicht mit dem Aufschneider
einzulassen. »Wenn Sie Rat oder Unterstützung brauchen«, sagte er, »so wenden
Sie sich an ** und **; diese Männer dienen gern, soviel sie vermögen, und tun
ohne Prahlerei alles, dessen sich dieser Windbeutel berühmt.« - Herrmann nahm
den Rat um so freudiger an, da er schon bei dem ersten Anblicke das nämliche
Urteil über den Mann bei sich gefällt hatte, und trank eben das letzte Glas von
seinem Weine, als sich ein anständig gekleideter Mann in seine Bekanntschaft
einführte, ihn nach einigen Wendungen des Gesprächs um seine Freundschaft
ersuchte und morgen zu Mittag zu sich zu Tische bat. Herrmann nahm die Partie
an.
    Die Gesellschaft bestund aus sechs Personen, und der Wirt führte das Wort -
ein Mann von einer unendlichen, aber verworrenen Einbildungskraft und einem
unpolierten Witze, der in einem Atem von Grönland nach Ostindien, vom Grosssultan
auf den Bullenbeisser Sultan, vom Coeurbuben zu dem Mann im Monde hinübersprang;
die übrigen assen und schwiegen und bezahlten ihm die Mahlzeit mit unaufhörlichem
bewunderndem Lachen über seine phantastisch-witzigen Seiltänzersprünge. Nach
Tische hatte oder gab jedermann Langeweile vor, und der Wirt trug auf ein
Spielchen an: Herrmann wollte sein kleines Vermögen nicht daran wagen und machte
sich unter dem Vorwande los, dass er kein Spiel verstünde; man liess ihm seine
Freiheit, ohne ihm mit einem einzigen Worte zuzureden. Als der Spieltisch schon
zur Quadrille in Bereitschaft war, fing einer nach dem andern an, Quadrille
langweilig zu finden und den lebhaftesten Widerwillen dagegen zu bezeugen. »So
wollen wir eine kleine Bank machen«, schlug der Wirt vor: die meisten schrien Ja
und lobten ihn über einen Einfall, auf welchen sie nie verfallen wären, und der
übrige Teil willigte halb gezwungen aus blosser Höflichkeit darein. Einer
erzählte, dass er nun in einem halben Jahre nicht Pharao gespielt habe; der andre
musste erst überrechnen, wie lange er nicht dabei gewesen war; ein dritter
brachte zwei Jahre heraus, dass er keine Karten in einem Hasardspiele angerührt
hatte; und der vierte musste sich erst besinnen, wie man es spielte. Der Wirt
wurde Bankier, und Herrmann ebenso eingeladen wie vorhin, als wenn es gar nicht
auf ihn abgesehn wäre: er bat, dass man ihm erlaubte, vorjetzt ein wenig zuzusehn,
und es wurde ohne alle Schwierigkeit in sein Belieben gestellt. Man spielte
äusserst niedrig: der Bankier verlor fast jedes Blatt, das er umschlug. Herrmann,
als er so gewinnen sah, bekam keine kleine Lust, mit zu gewinnen; und da der
höchste Satz nur zwei Groschen sein sollte und also die Gefahr so sehr klein
war, so konnte er unmöglich der Versuchung widerstehen, sein Glück auf die Probe
zu stellen. Sobald er Anstalt machte zu setzen, wollte man aufhören, und nur aus
Höflichkeit gegen ihn verlängerte man das Spiel. Er gewann in einem fort: in der
Hitze des Glücks wurde von allen das Gesetz, das den höchsten Satz bestimmte,
merklich überschritten; und binnen einer Stunde war die kleine Bank gesprengt
und Herrmann beinahe funfzig Taler reich. Ein andrer erbot sich zwar, Bank zu
machen, aber niemand hatte den mindsten Appetit dazu. Die Gesellschaft ging
auseinander und küsste sich so herzlich bei dem Abschiede, als wenn sie in Jahr
und Tag nicht wieder zusammenzukommen gedächten. Herrmann wurde von seinem neuen
Freunde auf ein Kaffeehaus eingeladen, des Abends abgeholt und verlor die Hälfte
seines Gewinstes wieder: so weh es ihm tat, sie nicht wieder erobern zu können,
weil er nicht mehr bei sich gesteckt hatte, so verbiss er doch seinen Ärger und
ging mit gezwungner Mässigung nach Hause. Dreimal hatte er schon seine übrige
Barschaft in den Händen, um mit ihr zum Spieltisch zurückzugehn, und dreimal zog
ihn sein guter Genius warnend zurück.
    Der Verlust liess ihn nicht ruhig schlafen; nicht sowohl aus Eigennutz und
Gewinnsucht, als vielmehr, weil ihm seine Ehre beleidigt schien, empfand er ihn
so hoch und beschloss noch in derselben Nacht, den folgenden Tag die Hälfte
seines Restes daranzusetzen, um seinen Ehrgeiz wieder zu versöhnen. Er war der
erste auf dem Kaffeehaus, spielte an der Bank seines Freundes, den er nunmehr
aus allen Umständen für einen Spieler von Profession erkannte, und gewann über
achtzig Taler. Der Mann besuchte ihn den morgenden Nachmittag und erkundigte
sich mit einer Neugierde nach seiner Herkunft, Familie und seinen
Vermögensumständen, als wenn er ihn über Artikel verhören wollte, doch auf eine
so gute Art, dass er allen Schein einer lästigen Zudringlichkeit vermied. Er
merkte wohl aus Herrmanns Verlegenheit und stotternden Antworten, dass sein
Reichtum nicht sehr erheblich sein musste und dass er daher keine Prise war, wie
er sie in ihm suchte: kaum war er soweit mit seinen Fragen gekommen, als er ihn
durch überhäufte Freundschaftsbezeigungen so treuherzig machte, dass er seine
Verlegenheit wegen seines Auskommens in ziemlich unverhüllten Ausdrücken
gestund. Der Spieler, der ihn bis auf die letzte Faser ausgezogen hätte, wenn er
bei Gelde gewesen wäre, legte ihm eine Börse auf den Tisch. »Hier, mein Freund!«
sprach er, »spielen Sie aus dieser Börse, bei welcher Bank Sie wollen! den
Gewinst teilen wir: den Verlust trage ich.« - Herrmann war über eine so
unerwartete Freigebigkeit erstaunt, weigerte sich, sie anzunehmen, und wollte
dafür danken, als sein Freund ihn mit den Worten verliess: »Wir sehen einander
heute auf dem Kaffeehause.«
    Wer war nun froher und der Glückseligkeit näher als Herrmann? - Er fand in
der Börse vierzig Louisdor und war beinahe willens, gewisse zweihundert Taler
besser anzuwenden als zum ungewissen Spiel: allein sein Freund hatte sie ihm nur
zu diesem Endzwecke geliehen, und er glaubte, einen Diebstahl zu begehn, wenn er
sie zu einem andern anlegte. Er spielte viele Abende hintereinander mit
steigendem und fallendem, doch nie mit ausgezeichnetem Glücke, speiste täglich
bei seinem Freunde, der eine Art von offner Tafel für den Zirkel seiner Freunde
hielt, und Glück und Vergnügen verdrängten Kummer, Unruhe und beinahe auch
Ulriken, wenigstens dachte er nicht mit so wehmütigem Verlangen mehr an sie; und
wenn es geschah, tat er es mehr mit der Empfindung eines Versorgers als eines
Liebhabers. Die neue Laufbahn, in welche ihn die Gewinnsucht seines Freundes
hingeleitet hatte und worinne ihn die Grossmut des nämlichen Mannes erhielt,
brachte ihn unvermeidlich auf den Plan, sich auf einem so angenehmen Wege ein
kleines Vermögen zu erwerben, alsdann Ulriken aufzusuchen und in einem
unbekannten ländlichen Winkel sparsam mit ihr davon zu leben. Er teilte den
Vorsatz seinem Freunde mit, der in vierzehn Tagen schon zu einer so brüderlichen
Vertraulichkeit mit ihm gelangt war, dass keiner dem andern ein Geheimnis
verschwieg: er billigte den Plan überaus und versprach alle mögliche Beihülfe.
    Die Freundschaft wurde noch inniger durch ein Verdienst, das sich Herrmann
zufälligerweise um ihn erwarb. Er hörte eines Abends ein Komplott wider seine
Bank machen, die die Zusammenverschwornen schlechterdings sprengen wollten: er
benachrichtigte seinen Freund davon, dass er die nötigen Massregeln dawider nehmen
konnte, und aus Dankbarkeit versprach dieser, bei dem ersten glücklichen
Streiche, den er machen würde, ihm zu Errichtung einer eignen Bank eine Summe zu
geben, die er nicht wieder bezahlen sollte, im Fall, dass er unglücklich damit
wäre.
    Auch diese Gelegenheit erschien. Einen reichen Livländer lockte man auf die
nämliche Weise ins Garn, wie Herrmann gekirrt wurde, da man nur sein bordiertes
Kleid, und seine leere Börse nicht, kannte: der junge Mensch wurde durch den
kleinen Gewinst, den man ihn anfangs machen liess, so hitzig und durch den
nachfolgenden Verlust so aufgebracht, dass er sein Glück schlechterdings zwingen
wollte und in einem Niedersitzen alle Wechsel verlor, die er in Leipzig zu
seinen Reisen nach Frankreich und England teils heben, teils stellen lassen
sollte. Den Tag darauf dachte er seinen Verlust einigermassen wieder zu erobern
und verlor an einen andern Spieler um die Hälfte soviel als gestern, gegen einen
Wechsel; der arme Unglückliche stellte ihn mit Tränen und hätte in der Angst und
Betrübnis seine Seele verpfändet, wenn es verlangt worden wäre. Arnold - so hiess
Herrmanns Freund - liess den jungen Menschen täglich bei sich speisen und
erlaubte ihm nicht anders, als unter seiner Aufsicht zu spielen: er streckte ihm
von Zeit zu Zeit einige Louisdor vor, um bei andern Banken vielleicht das
Reisegeld nach Hause zu gewinnen, allein das Glück blieb sein entschlossner
Feind: alles Vorgestreckte ging den vorigen Weg. Arnold ermahnte ihn täglich,
wieder nach Hause zu reisen, weil der Termin seines Wechsels bald verflossen
war. »Sie kommen augenblicklich in Verhaft«, sagte er ihm unaufhörlich, »und Sie
haben mit einem harten, geizigen Manne zu tun.« - Nichts half: der unglückliche
Junker getraute sich nicht, vor seinem Vater zu erscheinen, und wusste doch auch
keine andre Partie zu ergreifen. Arnold riet ihm, Kriegsdienste zu nehmen;
allein dazu fand er in seinem weichen, zarten Körperchen nicht den mindesten
Beruf. Sein Hofmeister, der bei einem Freunde etliche Meilen von Leipzig zum
Besuch war, getraute sich gleichfalls nicht, vor einem Vater zu erscheinen,
dessen ihm anvertrauter Leibeserbe alle seine Wechsel verspielt hatte, und
antwortete dem jungen Herrn gar nicht auf den Brief, worinne er ihm seinen
Unfall klagte, sondern nahm aus Verzweiflung die Flucht. Über der
Unentschlossenheit des Junkers rückte der Zahlungstermin heran, und was man ihm
prophezeit hatte, erfolgte: auch hier schlug sich Arnold ins Mittel, zwang den
Gläubiger durch vieles Zureden, dass er sich mit der Hälfte der schuldigen Summe
befriedigen liess, und streckte sie dem Schuldner auf einen weit hinausgestellten
Wechsel vor: der junge Mensch wurde durch diese Güte so gerührt, dass er einen
kleinen Ring, den ihm Fräulein Renatchen zum Andenken ihrer Gewogenheit auf die
Reise mitgegeben hatte, aus der innersten Beinkleidertasche zog und ihm mit
Tränen der Dankbarkeit zum Geschenk überreichte. Arnold, als er erfuhr, welchen
Wert der Zuneigung der Ring für seinen Besitzer hatte, lehnte das Geschenk von
sich ab, bestellte die Post für ihn, versah ihn mit Reisegeld und übergab ihn
einem livländischen Kaufmanne, der ihn in die Hände des gnädigen Papas liefern
sollte. Noch den Abend vor der Abreise fährt dem unbesonnenen Jünglinge der
Spielgeist in den Kopf: er besass noch zwanzig der auserlesensten,
hellglänzendsten Kremnitzer Dukaten, die dem teuren Kinde die gnädige Frau Mama
von ihrem Spielgelde nach und nach zurückgelegt und in einem roten, saubern
Beutelchen von Gros de Tours, worauf sie mit eigner Hand das Familienwappen in
Gold stickte, als einen Notpfennig auf den Weg mitgegeben hatte, mit dem
Befehle, diesen Schatz, wo möglich, unversehrt wieder zurückzubringen. Um dem
Befehle desto leichter zu gehorchen, nähte der Herr Sohn nach seinem ersten
grossen Verluste dies Beutelchen in der linken Uhrtasche fest und glaubte, dass es
der Satan selbst nunmehr nicht wegstehlen sollte: auch widerstand er die ganze
übrige Zeit tapfer allen Versuchungen, den Gefangnen zu erlösen, sah jeden Abend
bei dem Schlafengehen darnach, ob seine Fesseln noch unversehrt wären, und in
Gesellschaft, wo er ging und stund untersuchte alle fünf Minuten seine linke
Hand das Befinden des roten gestickten Beutelchens. An jenem unglücklichen
Abende führte ihn die Dankbarkeit auf das Kaffeehaus, um seinen Freund Arnold
noch einmal zu umarmen: Arnold warnte ihn vor dem Spiele, allein er glaubte sich
über alle Reizungen erhaben und trat an einen Tisch, um bloss zuzusehn: da stand
er, sah neidisch Summen gewinnen und verlieren und zappelte vor Begierde! Bald
kraute er sich hinter dem Ohre, bald nahm er den Hut ab und fächelte sich - er
glühte am ganzen Leibe von dem innerlichen Kampfe -, seine Linke deckte
unaufhörlich das rote Beutelchen, arbeitete zuweilen an den Zwirnbanden, um sie
loszureissen, und stund hastig wieder davon ab, wenn ihm die Möglichkeit, die
schönen Dukaten zu verlieren, einfiel. Lange drehte er sich so in dieser
ängstlichen Unentschlossenheit herum: endlich gab die Leidenschaft seinem Herze
einen Stoss: er foderte von dem Marqueur ein Messer, trat in einen Winkel und
schnitt die ganze Uhrtasche heraus, um sich nicht zu lange dabei aufzuhalten.
Grinsend vor Freude trat er an den Tisch, das Beutelchen in der Linken, setzte
eine Maria Teresia nach der andern und verlor sie: seine Dukaten waren so
hervorstechend, dass ihnen der Tailleur einen besondern Platz anwies und
jedermann mit Bewundrung nach ihnen hinblickte. Itzt prangten sie alle zwanzig
vor dem Bankier: dem Junker traten die Tränen vor Ärger in die Augen. »So mag
der Teufel den Beutel auch holen!« sprach er weinerlich, nahm eine Karte und
setzte das rote Beutelchen darauf: der ganze Tisch lachte, der Tailleur schlug
um, und mit der ersten Karte war auch das rote Beutelchen in seiner Gewalt. Der
unglückliche Jüngling schlug sich an den Kopf, weinte und jammerte: das ganze
Kaffeehaus versammelte sich, die schönen zwanzig Dukaten und das schöne
Beutelchen zu beschauen: auch Arnold erschien und fragte nach der Ursache seines
Wehklagens. »Ach, der gnädigen Mama rotes Beutelchen!« rief er unaufhörlich mit
bangem Trauertone, schlug die Hände über den Kopf zusammen und stürzte sich zur
Tür hinaus. Arnold lief ihm nach und wich nicht von seiner Seite, bis er auf dem
Postwagen sass, damit er nicht sein Reisegeld noch obendrein verspielen sollte.
    So handelte dieser sonderbare Mann beständig: er lebte vom Raube im
eigentlichen Verstande und teilte seinen Raub mit andern, die weniger hatten als
er: wen er nicht plündern konnte, den beschenkte er, oder plünderte die Leute
und erzeigte ihnen hinterdrein die grössten Wohltaten, interessierte sich so
brüderlich für sie wie für diesen Junker und verschwendete durch seine
aufrichtige, gutgemeinte Vorsorge oft die Hälfte der Beute wieder an denselben
Menschen, dem er sie abgenommen hatte. Jede Betrügerei verabscheute er im
Glücke, aber in der Not war ihm keine zu verächtlich, wenn sie nur ein wichtiges
Objekt betraf: überhaupt konnte er nie im kleinen arbeiten, und er kannte keine
andre Niederträchtigkeit, als kleine Summen durch schlechte Mittel zu erobern
suchen: dies nannte er Beutelschneiderei. Seine grösste Stärke war die Kunst,
junge und alte, erfahrne und unerfahrne Leute zum Spiel zu verleiten, und zwar
so unmerklich, dass sie die Absicht der Verleitung gar nicht argwohnten. Seine
Leidenschaften waren Verschwendung und Liebe, für deren Befriedigung er jeden
Streich unternahm, und oft gesellte sich auch ein gewisser Ehrgeiz hinzu, dass er
sich schmeicheln konnte, einen gesetzten oder vorsichtigen Menschen überlistet
und wider seinen Willen zu einer Handlung gebracht zu haben, die er zu vermeiden
suchte. Der nämliche Ehrgeiz schien ihn grösstenteils auch bei seinen verliebten
Unternehmungen zu regieren; die seinen Anerbietungen mutig widerstund, konnte
auf seine Freigebigkeit sichre Rechnung machen, ohne dass er die mindeste
Erkenntlichkeit dafür verlangte, und er verliess gemachte Eroberungen sogleich
wieder, weil ihm der Sieg keine Mühe kostete. War er einmal aus Mitleid oder
innerer Zuneigung jemandes Freund geworden, dann dünkte ihm keine Aufopferung,
keine Gefahr, keine Arbeit zu gross, um seinem Freunde zu helfen oder Vergnügen
zu machen.
    Davon war Herrmann ein lebendiger Beweis: von der Minute an, da er sich das
Geständnis seines Mangels entwischen liess, wurde Arnold sein unermüdeter Freund
und Wohltäter, besonders nachdem er aus der Nachricht, die ihm Herrmann eines
Abends von dem Komplotte wider seine Bank gab, schliessen konnte, dass der junge
Mensch Zuneigung für ihn fühlte: einen solchen Beweis wartete er gemeiniglich
ab, und auch ein geringerer Dienst, als ihm Herrmann tat, war ihm hinlänglich
dazu. Seinem Versprechen gemäss schenkte er ihm von dem Gewinst, den der
livländische Junker einbrachte, die Hälfte, um selbst Bank zu halten. Das Glück
breitete seine Flügel über Herrmann aus und träufelte Gewinn und Reichtum auf
ihn herab: er legte sich von Zeit zu Zeit einen Teil seines Gewinns zu
Ausführung seines Plans mit Ulriken zurück und wiegte sich wie ein auserwählter
Günstling in dem Schosse der Freude und der süssesten Hoffnung. Allmählich verlor
er freilich seinen verliebten Zweck ganz aus dem Gesichte und spielte nicht
mehr, um zum Besten seiner Liebe zu gewinnen, sondern um zu spielen. Seine ganze
Tätigkeit wurde auf diesen Punkt hingerissen und seine Leidenschaft so
überspannt heftig, dass ihn selbst Arnold darüber tadelte. Wie bald waren nun
Musen und Wissenschaften aus seinem Kopfe verscheucht! Bald wollte er spielen,
um nebenher studieren zu können, wollte immer morgen den Anfang machen, und
immer erschien nur der künftige Morgen für das Spiel: bald verwarf er das
Studieren als einen Umweg, um zu Ulrikens Besitze zu gelangen, und hoffte, nach
einem halbjährigen Gewinnen schon genug beisammen zu haben, um mit ihr in
philosophischer Stille und Genügsamkeit den Rest seines neunzehnjährigen Lebens
auf dem Lande zuzubringen: er schwankte bald zu diesem, bald zu jenem Plane;
jeder Tag brachte einen neuen hervor, bis sie endlich samt und sonders verdrängt
und nur Spielen sein Denken, Trachten und Begehren wurde.
 
                                Viertes Kapitel
In diesem Zeitraume der Spielsucht empfing er Schwingers Antwort auf seinen
letzten reuevollen Brief und in demselben den Rat, seinen Studierplan noch ein
halbes Jahr aufzuschieben und den Winter bei ihm auf dem Lande zuzubringen: er
hatte dabei die gutgemeinte Absicht - wiewohl er sie in dem Briefe nicht angab
-, den jungen, von der Liebe verführten Menschen wieder in das Gleis seiner
vorigen Grundsätze durch seinen Umgang zurückzuführen und von dem Geschmacke
einer zerstreuten, geräuschvollen Lebensart zu heilen: auch glaubte er ihn auf
solche Weise von Ulriken abzuziehn, die ihm nach seiner Mutmassung entweder
nachgefolgt sein möchte oder doch bald nach Leipzig nachfolgen würde. Überhaupt
war ihm in Herrmanns Geschichte alles zu dunkel, als dass er nicht das Schlimmste
argwohnen und nicht neugierig sein sollte, sie im Zusammenhange aus seinem
eignen Munde zu erfahren. Der gutmütige Mann schrieb in einem so gemilderten
Tone und vergab ihm seinen unhöflichen Brief aus Berlin so aufrichtig, dass
Herrmann in jeder andern Gemütsverfassung bis zu Tränen gerührt worden wäre:
doch jetzt fühlte er nur einen flachen Eindruck, steckte den Brief in die Tasche
und legte das Reisegeld, das ihm Schwinger schickte, in seine Spielkasse: er
wollte jeden Tag antworten und ihm berichten, dass er seinen Vorschlag auch
diesmal ausschlagen müsste, und vergass es jeden Tag: Zerstreuung und Spiel liessen
ihm keine Zeit dazu.
    Inzwischen, so leichtsinnig ihn auch Glück und Leidenschaft zu machen
schienen, so wenig vermochten sie doch über Gewissen und Ehre bei ihm: nie
suchte er, wie seine Freunde, von der Unerfahrenheit oder Dummheit eines
Jünglings Vorteil zu ziehen: nie lockte er durch listige Kunstgriffe zum Spiel
an, sondern wer freiwillig bei ihm gewinnen oder verlieren wollte, war ihm
willkommen, und nur das Glück entschied. Den Nachstellungen, womit Arnold junge
Leute zum Spieltisch und meistens in ihr Verderben lockte, sah er anfangs mit
stiller Missbilligung zu, tadelte seinen Freund darüber, der ihn meistens dafür
auslachte, und die Gewohnheit härtete allmählich seine Billigkeit so sehr ab,
dass er sich an den lustigen Szenen, die oft dabei vorkamen, vergnügte, Arnolds
List bewunderte und das Ungerechte, Räuberische in seinem Verfahren gar nicht
mehr fühlte: er bedauerte im Herzen die unglücklichen Schlachtopfer und blieb
ein stiller Zuschauer ihres Verlustes. Die Leidenschaft hat eine eigne
Kasuistik: in den wenigen Stunden der Überlegung, die Herrmann übrigbehielt,
machte er sich zuweilen Vorwürfe über seine itzige Lebensart, allein sie wurden
sehr bald durch die herrlichsten Scheingründe niedergeschlagen. Was tut Arnold
Böses? fragte er sich in solchen nachdenkenden Stunden. Er verleitet freilich
Leute zum Spiel, die ausserdem vielleicht nicht gespielt hätten: aber lässt er es
nicht lediglich auf das Schicksal ankommen, welchen Ausgang es haben soll? Wagt
er nicht das Seinige mit dem Gelde des andern in gleiche Gefahr? Kann er dafür,
dass das Glück die Karten für ihn günstiger fallen lässt als für den andern? Ich,
der Arme, streite mit dem Reichen um das ungleich ausgeteilte Vermögen, und der
Wurf eines gemalten Blattes entscheidet, ob er oder ich mehr davon besitzen
soll, als ein jeder bereits hat: handelt nicht ein jeder unter uns aus gleich
freier Entschliessung und nach gleichem Rechte? - Aber seine Kräfte so im
geschäftigen Müssiggange dahinschwinden lassen! die Tätigkeit, womit man etwas
Grosses, Rühmliches und allgemein Nützliches schaffen könnte, bloss zu seinem
eignen Nutzen, zu Befriedigung einer schnöden Geldbegierde anwenden! - Freilich
sind das nicht Grundsätze, die mir Schwinger eingeprägt hat: - aber was
Schwinger? Er kennt die Welt nicht. Was tun die Menschen rings um mich anders,
als dass sie miteinander um ihren Nutzen, um die Mittel des Vergnügens und
Wohlseins kämpfen? Dieser arbeitet mit den Händen, jener mit dem Kopfe, um dem
Reichern etwas abzugewinnen: dieser handelt mit Schwefelhölzern, jener mit
Juwelen, um vor der Masse des allgemeinen Reichtums einen grössern Teil zu
erbeuten, als er hat; und was tut ein Spieler mehr oder weniger als das? Der
Kaufmann, der Handwerker, der Gelehrte sucht Kunden an sich zu ziehen: wir tun
nichts mehr und nichts weniger. Ich spiele aufrichtig, ohne den mindsten Betrug,
und habe einen der edelsten Zwecke dabei, der beleidigten Unschuld Genugtuung
und der schmachtenden Liebe Nahrung und Unterhalt zu verschaffen: kann es bei
solchen Absichten und unter solchen Umständen Schande sein, für seinen Nutzen zu
leben? - Schwinger hat mich mit finstern Schulgrillen angefüllt: Vignali sagte
mir das oft: je mehr ich von der Welt sehe, je mehr fühl ich, dass es ganz anders
ist und sein muss, als mir sie der gute Mann vormalte. Da sollt ich immer nur zum
Besten der menschlichen Gesellschaft, immer nur für meine Ehre, immer nur wegen
des Bewusstseins, etwas Gutes getan zu haben, arbeiten; allem Vergnügen und
Eigennutz entsagen und nur nach grossen und edlen, sich selbst belohnenden
Handlungen streben: Schimären! nichts als Schimären! Ich habe bei Vignali dem
Vergnügen gelebt; und ich lebe hier dem Nutzen, um mir neues Vergnügen erkaufen
zu können. Niemand bewegt um meinetwillen eine Fingerspitze, wenn er nicht eine
Vergeltung seiner Mühe erwarten kann: jeder denkt nur auf seinen Vorteil, sein
Vergnügen; und ich Tor soll mich mit leeren Gespenstern der Ehre herumjagen?
soll der Grille nachlaufen, dem Irrlichte der Einbildung, dem Phantome des
Bewusstseins, etwas Gutes für andre getan zu haben, da doch niemand etwas Gutes
für mich tun will? - Weg mit den Träumen! Vergnügen und Nutzen sind die beiden
Realitäten auf der Erde: das übrige ist Tand. Meine eingesognen Vorurteile und
Hirngespinste haben mich in Berlin gegen das Vergnügen misstrauisch gemacht: o
welch ein glückseliges Leben hätt ich bei Vignali geniessen können, wenn meine
lichtscheuen Grundsätze nicht Wirkung getan hätten! Schwinger hat, bei aller
guten Absicht, die bisherige Hälfte meines Lebens verbittert. Das Vergnügen bot
sich mir wie ein voller Baum mit funkelnden Früchten dar: meine hungernden
Lippen wollten sich sättigen, und ängstliche Besorgnisse, wunderliche Träume von
hoher Ehre und überspannter Tugend liessen mich nicht einmal kosten; diese
nämlichen Grillen entzweiten mich auch mit Ulriken und trübten eine Liebe, die
wie ein klares, süsses, labendes Wasser aus Herz in Herze floss: sie brachten mich
der Verzweiflung und dem Gedanken des Selbstmordes nahe: noch jetzt machen sie
mich bedenklich und schmälern mir meine Glückseligkeit: immer hungre ich halb am
Tische des Vergnügens und Nutzens, aus Furcht, mich zu überladen. - Nein! ich
will die Einbildungen alle verscheuchen: erwerben und geniessen sollen meine
beiden Wünsche, meine beiden Beschäftigungen sein.
    Diese veränderten Gesinnungen, die der herrschende Ton des Eigennutzes rings
um ihn und grösstenteils Arnolds Umgang erzeugt hatte, befolgte er getreulich:
doch konnten sie die zwei Elemente seiner Denkungsart, Grösse und Güte, nie
verdrängen. Er dürstete nach Gewinn; und gleichwohl konnte er sich nie
entschliessen, einen rechtmässigen Gewinst anzunehmen, wenn er wusste, dass der
Verlierer deswegen darben musste: er schickte ihm einen Teil seines Verlustes
wieder nach geendigtem Spiele, ohne dass er wissen liess, wer das Geld schickte,
oder er lud ihn zu sich ein und verlor durch vorsätzliche Unachtsamkeit an ihn.
Er wollte sammeln und sammelte auch sehr geizig; allein wenn er von einer armen
Witwe hörte, die kein Holz hatte, oder von einer dürftigen Familie, die sich des
Bettelns schämte und doch kümmerlich darbte, oder von einem Unglücklichen, den
die Musen beinahe verhungern und erfrieren liessen, dann wurde des Zurückgelegten
nicht eine Minute geschont: die Leute empfingen von ihm durch die dritte Hand,
ohne zu wissen, wem sie es verdanken sollten: er sammelte also in das Fass der
Danaiden und hatte bei dem grössten Glücke und dem grössten Geize immer nichts.
Seine stille, guterzige Wohltätigkeit machte gegen Arnolds ausschweifende
Grossmut und verschwenderische Freigebigkeit einen sonderbaren Kontrast, und es
war ein wirkliches Vergnügen zu hören, wie diese beiden Leute deswegen
wechselweise den Hofmeister aneinander spielten. - »Wenn du jedem, der Geld
braucht, das deinige hingibst«, sprach Arnold, »so wirst du in Ewigkeit nichts
zusammenbringen. Was gehn dich denn die Leute an, denen du einen Louisdor nach
dem andern zuwirfst! Du kannst hundert Jahre spielen und wirst doch nie genug
beisammen haben, um dir nur ein Bauergütchen kaufen zu können.« - »Bist du nicht
wunderlich?« antwortete Herrmann lachend. »Ich habe ja Geld in Menge: es fliesst
mir von allen Seiten zu. Wer viel hat, muss viel geben. Ich verschenke alle Tage
und lege alle Tage neue Summen zurück. Das Glück ist freigebig gegen mich: so
muss ich ja wohl wieder freigebig gegen andre sein, die es karg behandelt.«
    »Du bist ja ein wahrer Verschwender«, sprach zu einer andern Zeit Herrmann
zu seinem Freunde. »Du wirst dich durch deine übertriebne Freigebigkeit zugrunde
richten. Wozu denn so ungeheure Verschwendungen an Leute, die dir's nicht einmal
danken? Sie essen sich dick und rund und tun nicht einen Schritt deinetwegen,
wenn du Hülfe brauchst.« - »Narr!« war Arnolds Antwort gemeiniglich, »das Geld
muss vertan werden: dazu ist es gemacht. Ich kann nicht so klein leben wie alle
die Knicker, die bei mir schmarotzen. Bei mir muss es gross hergehn, alles im
Überflusse sein; und wenn mir's morgen einfällt, die ganze Stadt zu Tische zu
bitten, so darf mir's nicht fehlen. Was willst du denn? mein itziges Leben ist
ein bettelhaftes Leben. Wenn ich täglich sieben oder acht Leuten vier, auch wohl
sechs Schüsseln und ein lumpichtes Dutzend Bouteillen Wein vorsetze; was ist
das? - Wenn's nach meiner Neigung recht ordentlich zugehen soll, so muss ich alle
Tage an zwei, drei Tafeln vierzig, fünfzig Personen speisen können; jede
Mahlzeit müssen sich ein paar Leute zu Tode essen; die Champagnerflaschen müssen
in einem fort springen, als wenn bei Tische kanoniert würde: in einer Stunde
müssen die Gäste schon vor Trunkenheit auf der Erde herumliegen wie tote Fliegen
und sich im Weine wälzen; und dabei Pauken, Trompeten, Kanonen und ein halbes
Dutzend Hofnarren! Das muss ein Toben und Lärmen sein, dass die Ohren zerspringen
möchten: da muss gar nicht gefragt werden: Ist das da? kann man jenes haben? -
sondern ein jeder sagt: Ich will Tokaier; ich will Fasanen; ich will Drosseln;
ich will Vogelnester; ich will Kapwein; ich will den Fisch, ich will jenen - und
wie er's sagt, muss es da sein, und wenn sich jemand einfallen liess,
amerikanische Schweinefüsse zu fodern: das heiss ich Leben. Mein itziges Leben ist
ein halber Tod; kümmerlich wie bei einem Halunken geht's bei mir zu. Wenn wir
vierundzwanzig Bouteillen ausgestochen haben, ein bisschen torkeln und hie und da
ein schwacher Kopf spricht wie ein Kalb oder mit der Nase auf den Tisch fällt
und einschläft, das ist unser grösstes Fest: ist das wohl des Redens wert? -
Schwimmen muss ich im Wohlleben wie ein Sultan, wenn ich's gelten lassen soll:
jetzt leb ich wie Sultan, mein Hund.«
    Unter der Anführung eines solchen Lehrmeisters war es kein Wunder, dass
Herrmann mit dem Geschmack am geräuschvollen trunknen Wohlleben angesteckt
wurde: seine tägliche Gesellschaft hielt es für eine Sache der Ehre, im Trunke
viel leisten zu können: wie mochte er es also über das Herz bringen, sich durch
verspottete Mässigkeit lächerrlich zu machen? Ausserdem verdrängte der Wein den
Rest seines vorigen Kummers vollends; der halbe Rausch, in welchem sich sein
Kopf beständig befand, unterdrückte die Stimme der Vernunft und des Nachdenkens,
die ihm jetzt beide sehr zur Last fielen, weil sie ihm mancherlei unangenehme
Dinge sagten, sobald sie zum Sprechen kamen: der Trunk begeisterte ihn mit Kraft
und Tätigkeit und spannte alle Nerven seiner Phantasie an: er befand sich
ungemein wohl in dem Gefühl seiner Stärke und leerte das freudenschaffende Glas
desto öftrer aus, um dieses Gefühl voller und dauerhafter zu machen.
    Ohne Liebe ist der Wein matt: auch folgte sie dem Trunke auf dem Fusse nach;
aber keine Liebe zu einer Ulrike! nein, eine Liebe, die sich vor Ulrikens
Andenken schämte und es mit aller Gewalt zu vertilgen suchte! Sie wurde durch
Arnolds Reden genährt, der die Ausschweifung laut predigte, und durch seine
Beihülfe brach sie sehr bald in verwüstende Flammen aus.
    In dem einsamsten Winkel der Stadt wohnten zwo Schwestern, die von der
Arbeit ihrer Hände lebten, trocknes Brot assen und dünnen Kaffee dazu tranken
und, dieser kümmerlichen Kost ungeachtet, in der Kirche und auf dem Spaziergange
mit den Reichsten in der Schönheit und Nettigkeit des Anzugs wetteiferten. Die
Älteste war rasch, leichtsinnig, verbuhlt, und Arnold genoss ihre Vertraulichkeit
im weitesten Umfange: seine Freigebigkeit erhielt sie beide; allein sie liessen
seine Geschenke mehr ihrer Eitelkeit als ihrem Appetite zugute kommen, assen so
kümmerlich wie vorher, wenn er sie nicht bewirtete, und putzten sich alle Tage
herrlich heraus. Die Jüngste war still, von angenehmem Ernste, hatte einen
höchst interessanten Zug der Traurigkeit im Gesichte, und aus ihrem schüchternen
Auge sprach die Liebe mit so vieler Stärke als aus ihrer Schwester ganzem
Gesichte die Buhlerei. Sie gab sich wohl auch zuweilen die freche Miene, allein
man merkte sehr bald, dass sie nur nachgemachte Grimasse und nicht natürlicher
Ausdruck ihrer Denkungsart war: deswegen achtete sie Arnold sehr wenig, nennte
sie das stille Schaf und machte sich nebst ihrer Schwester meistenteils über sie
lustig. Herrmann wurde von seinem Freunde in diese Gesellschaft gezogen, damit
er nicht so müssig ginge, wie dieser sagte, sondern sich etwas zu tun schaffte.
Arnolds Absicht schlug nicht fehl: denn gleich bei dem ersten Blicke, den
Herrmann und Lisette - welches der Name der Jüngsten war - aufeinander warfen,
machten beiden den Anfang, sich etwas zu tun zu schaffen. Die Vertraulichkeit
blieb nicht lange aussen; allein mitten darunter mischte sich bei dem Mädchen
eine Scheu, eine Zurückgezogenheit, die den neuen Liebhaber so sehr anlockte,
als ihn ihre Buhlerei zurückstiess, weil sie ihr so wenig stund, dass sie
unendlich dabei verlor. Arnold erkundigte sich jeden Tag bei ihm, wie weit er
mit ihr gekommen wäre, und jedesmal tadelte er seine Blödigkeit. »Ich will dein
Geschäfte machen«, erbot er sich endlich, da ihm die Zauderei zu lange währte,
brachte dem entbrannten Herrmann die günstigste Antwort und trieb ihn durch
beschämende Vorwürfe an, aller Schüchternheit zu entsagen. Eigentlich war es
nicht Schüchternheit bei ihm, sondern Lisette hatte ihm mit der Liebe bereits
zuviel Achtung beigebracht: er liebte sie zu sehr und zu zärtlich, um ihr eine
unerlaubte Zumutung tun zu können; allein Arnolds Zuredungen, die seinen Ehrgeiz
verwundeten, siegten zuletzt über ihn. Lisette, von seinem Freunde vorbereitet,
empfing ihn überaus ängstlich und traurig, ob man gleich das Gegenteil hätte
vermuten sollen. Das Gespräch belebte sich zwar ein wenig: Herrmann, von Wein,
Liebe und Ehrgeiz trunken, erlaubte sich ungewohnte Freiheiten: das Mädchen
wurde immer trauriger und bis zum Weinen bänglich. Endlich, da die geduldeten
Freiheiten sich bis zur Unverschämteit verstärkten, fing Lisette an, bitterlich
zu weinen. »Schonen Sie meiner!« sprach sie unterdrückter Stimme. »Meine Armut,
Ihre Geschenke und Arnolds Zuredungen verleiteten mich freilich zu einem
übereilten Versprechen, das ich seitdem vielfältig bereut habe. Ich bin in Ihrer
Gewalt: wollen Sie mich unter keiner andern Bedingung Ihre Freigebigkeit
geniessen lassen, so muss ich Ihnen aufopfern ...« - Tränen erstickten den Rest
ihrer Rede: Herrmann stand bestürzt und verlegen da, ohne ein Wort reden zu
können.
    »Sie sind zu edel, um ein armes Mädchen ins Verderben zu stürzen«, fing sie
nach einer langen Pause wieder an, »und unglücklich muss ich zeitlebens sein,
wenn Sie schlechter denken, als ich glaube; denn Sie können mich nicht
heiraten.« -
    »Warum nicht, Lisette?« unterbrach sie Herrmann, der sich indessen wieder
von der Bestürzung erholt hatte. »Glauben Sie, dass ich Sie dazu nicht genug
liebe?« -
    »Nein«, antwortete das Mädchen, »sondern weil Sie vermutlich eine ältre
Liebe mir nicht aufopfern werden.«
    Herrmann. Wieso? eine ältre Liebe? - Sie sind freilich nicht die erste, die
ich liebe; aber was schadet das? - Aus den Augen, aus dem Sinne: wer kann alle
Mädchen heiraten, die man liebt?
    Lisette. Und so dächten Sie wahrhaftig nicht besser gegen unser Geschlecht?
Sind Sie wirklich einer so entsetzlichen Untreue fähig? - Wollen Sie mich
wirklich heiraten?
    Herrmann. Vielleicht: versprechen kann ich nichts - vielleicht, vielleicht.
    Lisette. Ich muss Ihr völliges Ja haben.
    Herrmann. Wenn Sie mir nicht anders trauen wollen - Ja, Lisettchen! hier ist
meine Hand.
    Lisette. Ich nehme sie nicht an, weil Sie mich durch Ihr Versprechen
hintergehn wollen. Sie können keine Hand mehr weggeben: Ihre Treue ist
verpfändet. -
    Sie zog darauf ein Papier aus der Tasche und überreichte es ihm. »Wenn die
Verfasserin dieses Briefs befriedigt ist«, sprach sie, »dann bin ich von dieser
Minute an die Ihrige.«
    Herrmann erkannte wie vom Schlage gerührt Ulrikens Hand auf dem Papiere: es
war einer ihrer zärtlichsten Briefe, worein er - wie es sich hernach auswies - -
in der Zerstreuung des Vergnügens und der Spielsucht eine Garnitur Haarputz
gewickelt und Lisetten ein Geschenk damit gemacht hatte. Er fühlte sich wie von
einem Abgrunde zurückgezogen: er war überführt, konnte und wollte nichts
leugnen, sondern bekannte offenherzig die Falschheit, die er zu begehen willens
gewesen war.
    Lisette unterbrach sein Bekenntnis. »Meine Schwester«, sagte sie, »hat sich
mit mir veruneinigt: ich habe zeiter halb von ihrer Wohltätigkeit leben müssen,
und sie rückte mir's sehr oft vor, dass sie mich Arnolds Freigebigkeit
mitgeniessen liess. Ihre Vorwürfe und ihr Übermut auf Arnolds Freundschaft werden
so unerträglich, dass ich mich von ihr trennen muss. Die Arbeit meiner Hände gibt
mir kaum kümmerliches Brot; und ich wollte lieber verhungern, als durch meine
Aufführung in Kleidern meine Eltern im Grabe beschimpfen. Sie waren reich,
erzogen uns beide im Überflusse und wurden durch einen unglücklichen Bankerutt
arm. Die Welt hatte an unserm Unglücke nicht genug, sondern beneidete,
verleumdete und verspottete uns noch obendrein, dass wir den Schein des vorigen
Glücks durch unsern Anzug zu behaupten suchten: mit dem giftigsten Spotte und
den hämischsten Erdichtungen haben uns die üblen Nachreden der
Stadtklatscherinnen verfolgt. Verlassen Sie mich, so bin ich ganz verloren; ich
werde der Dürftigkeit und Schadenfreude preisgegeben; und lieber wollt' ich in
den Tod gehn oder in die grösste Schandtat willigen, als der Bosheit das
Vergnügen machen, dass ich ihr meine Dürftigkeit öffentlich zeigen müsste. Wollen
Sie nunmehr nicht anders als für die Befriedigung Ihrer Lust mein Wohltäter
werden und mich der öffentlichen Schande, der Armut entziehen, wohl! - machen
Sie alles mit mir, was Ihnen gefällt! Ich muss Ihrer Begierde gehorchen; aber nur
noch einen Augenblick Überlegung! Wenn Sie mich armes Mädchen einer noch grössern
Schande aussetzen; und wenn mich, um der Schande und den Gesetzen zu entgehn,
meine Ehre zu einem Verbrechen verführte - haben Sie das Herz, die ganze
künftige Glückseligkeit eines verlassenen Mädchens einigen frohen Augenblicken
aufzuopfern?«
    Sie weinte, dass Träne auf Träne folgte. - »Solch ein Verworfner bin ich
nicht!« rief Herrmann tief gerührt. »Nein, Lisette! so weit will ich nicht
herabsinken, dass meine Liebe Ihre Tränen verachten soll. Ich war ein
Leichtsinniger, der im Taumel der Verführung eine Schandtat durch Untreue und
Betrug erkaufen wollte: aber ein vorsätzlicher Bösewicht kann ich nicht sein.
Ich will verflucht sein, wenn ich von dieser Minute an noch ein Verlangen gegen
Sie äussere, das Sie unglücklich machen könnte. Einmal Verführer der Unschuld
gewesen zu sein ist genug; und das war ich, Lisette, das war ich! an dem
schuldlosen Geschöpfe, das diesen Brief schrieb! An die Stirn will ich mir meine
Schande ätzen lassen, dass jede, die noch einen Funken Tugend und Ehre im Herze
trägt, vor mir flieht wie das Schaf vor dem Wolfe. - Solch eine Nichtswürdigkeit
hätte ich mir doch nie selbst zugetraut: Kaum steh ich von einem Falle auf, so
renne ich schon wieder zu einem zweiten hin. - O Verführung! Verführung! du bist
der Löwe, der im Finstern herumschleicht! aber du sollst mich nicht mehr
beschleichen, das schwör ich. Kein Tropfen Wein soll wieder über meine Zunge
gehn und meine Hände keine Karte jemals wieder berühren; denn das sind meine
beiden Verderber. - O Ulrike! wenn du den wüsten, taumelnden Spieler und
Mädchenverführer sehen solltest, ob du deinen Herrmann noch in ihm erkennen
würdest? Mit Abscheu müsstest du dich von mir wenden; und du tätest recht: ich
bin deiner unwert! ein Verworfner!«
    Lisette musste alle Mühe anwenden, um ihn wieder zu beruhigen; denn des
Selbstverwünschens und Bereuens wurde gar kein Ende. Nachdem es ihr gelungen
war, ihn zufriedenzusprechen, tat er ihr, um seine ungerechten Zumutungen zu
vergüten, die heiligste Versicherung, dass er nunmehr seine Freigebigkeit gegen
sie verdoppeln werde. »Mieten Sie sich eine Wohnung!« sprach er, »ich bezahle
sie: alles, was Ihre kleine Haushaltung kostet, trage ich, aus Dankbarkeit, dass
Sie mich aus einer Verblendung gerissen haben, die mich in das tiefste Verderben
führen konnte. Sie sind künftig meine Freundin; und sobald mich die Liebe
hinreisst, mehr als Freund für Sie sein zu wollen, so verstossen Sie mich als
einen Unwürdigen, oder rufen Sie mich mit der liebenswürdigen Güte, wie jetzt, zu
meiner Pflicht zurück! - Aber auf einer Bitte muss ich bestehen: Arnold soll
glauben, dass Sie meine Absichten begünstigen: sein Spott würde mich unbarmherzig
verfolgen, wenn er erführe, was zwischen uns vorgefallen ist. Er hätte
vielleicht geradeso in meinem Falle gehandelt; allein seine Höhnereien über
meine Blödigkeit und Mässigung sind ohnehin unendlich: er würde mich wie ein Kind
auslachen. Dass er ja nicht eine Silbe erfährt!«
    Lisette versprach, weil er schlechterdings darauf bestund, sich gegen seinen
Freund einen schlimmern Schein zu geben, als sie war; und sie trennten sich
beide mit dem lebhaftesten Danke und zuversichtlich zufriedner, als wenn
Herrmann in ihren Armen seine Leidenschaft gestillt hätte. Seinem Vorsatze gemäss
ging er nicht auf das Kaffeehaus, speiste zu Hause und hatte Langeweile: das
Spiel fehlte ihm; die ganze Stube war ihm zu enge: er ging in allen vier Winkeln
herum wie ein Mensch, der etwas vermisst, konnte dem Triebe unmöglich
widerstehen, nahm den Hut, ging an die Tür, stund - warf plötzlich den Hut auf
den Tisch und setzte sich. Um sich seine Entaltsamkeit weniger peinlich zu
machen, rief er seinen Pommer zu sich in die Stube. »Kannst du spielen?« fragte
er, »mit Karten, mit Würfeln oder ein ander Spiel?« - »Würfeln!« antwortete der
Pommer, »würfeln ist mein Leibspiel.« - Wer war froher als Herrmann? Er würfelte
mit dem Burschen, und da er ihm alle Barschaft abgenommen hatte, musste er Weste,
Beinkleider, Strümpfe und Schuhe setzen: der arme Teufel war so unglücklich, dass
er seinen ganzen Anzug verlor und im Hemde und barfuss dortstehen musste. Die
Beschimpfung verdross ihn, und weil ihm gar nichts mehr übrig war, setzte er im
Zorne seine Haut; auch diese verlor er: der Junge fing an bitterlich zu weinen,
als wenn er das Schicksal des Marsyas leiden sollte, und während dass Herrmann
seiner Tränen lachte, trat Arnold herein. Der Spass wurde auf Unkosten des armen
Pommers eine Zeitlang fortgesetzt, der so verwegen war, auch Arnolden eine
Partie anzubieten: das Glück drehte sich so schnell auf seine Seite, dass er in
kurzer Zeit einen Dukaten gewann. Wie unsinnig vor Freuden sprang der Bube, den
funkelnden Dukaten in der Hand, zur Tür hinaus und liess seinen Anzug herzlich
gern im Stiche.
    Sogleich wurde das Gespräch auf Lisetten gelenkt: Herrmann gab sich die
Miene des begünstigten Liebhabers, nahm mit vieler Verlegenheit die Glückwünsche
seines Freundes an und wurde berichtet, dass heute sehr schlechtes Kommerz auf
dem Kaffeehause wäre: deswegen schlug Arnold eine Partie bei ihm auf der Stube
vor. Herrmann wollte sie ablehnen, aber er kam mit seinem Widerstande nicht
sonderlich weit; denn eben traten vier von seinen Bekannten herein und
unterstützten Arnolds Vorschlag. Sie machten, ohne lange zu fragen, Anstalt zum
Spiel, Arnold besorgte den Punsch: halb ängstlich, ein getanes Gelübde so bald
zu brechen, und halb erfreut, sich zum Bruche gezwungen zu sehn, setzte sich
Herrmann zum Spiel, brachte die Nacht bis an den frühen Morgen bei dem
Punschglase und den Karten zu und verlor ein paar hundert Taler. Das war in
jedem Verstande ein schlimmer Anfang zur Besserung; denn mit dem Verluste
bemäntelte seine Leidenschaft den gänzlichen Aufschub derselben: er musste
nunmehr notwendig spielen, um sich das verlorne Geld wieder zu schaffen. Der
Verlust wuchs jeden Tag und also auch jeden Tag die Hitze seiner Spielbegierde:
das Glück ging so gewaltig mit ihm abwärts, dass er, der noch vor acht Tagen der
Besitzer unendlicher Reichtümer zu sein glaubte, nicht den Pfennig mehr besass.
Das Schlimmste dabei war, dass Arnold mit ihm gleiches Schicksal hatte: einige,
die ihm übelwollten, hatten eine Verschwörung wider ihn gemacht und Vermögen und
Leben unter sich verpfändet, ihn zugrunde zu richten: das Glück und Arnolds
Heftigkeit begünstigten ihren Plan, und in kurzer Zeit war er ganz auf dem
Trocknen, mit Schulden überhäuft, nicht fähig, sie zu bezahlen, und sehr
geneigt, sie zu vermehren; allein man verschob den Kredit bis auf bessere Zeiten.
Was war zu tun? die offne Tafel wurde eingestellt, kein Champagner netzte mehr
seine Kehle, Freunde und Schmarotzer flohen, und er musste nebst Herrmannen
äusserst zufrieden sein, dass ein guterziger Speisewirt ihnen täglich eine
schlechte Portion Fleisch auf Kredit zukommen liess. Kleider und Wäsche war schon
verkauft und nichts mehr übrig, als bei der Nacht sich unsichtbar zu machen: der
Entschluss war wirklich gefasst, und nur die nahe Neujahrsmesse sollte
entscheiden, ob er ausgeführt werden müsste. Unterdessen stimmte Arnold seine
Denkungsart herab und arbeitete im kleinen: er schlich in den Dorfschenken herum
und übertölpelte zuweilen ein paar junge Bauernkerle, denen er mit dem Würfel
wenigstens so viel abgewann, um den Kredit des Speisewirts bei Atem zu erhalten.
Herrmann fand freilich diese Lebensart äusserst erniedrigend: allein was vermag
nicht die Not? Wenn niemand um Geld spielen wollte, geschah es um Stecknadeln,
einen Krug Bier, eine Mahlzeit, und an einem Sonntage gewannen sie einem Bauer
seinen ganzen Hühnerstall ab. Sie trieben sich einige Zeit auf dem Lande herum,
und alles, was nur in Geld gesetzt werden konnte, wurde zum Einsatz genommen:
Herrmann war zwar bei den häufigen Betrügereien, wodurch Arnold sich sein
Gewerbe ergiebig machte, nur Zuschauer, höchstens Gelegenheitsmacher, allein er
erschien sich selbst als Mitgehilfe bei einer solchen Kaperei in einem so
verächtlichen Lichte, dass er beschloss, die Messe abzuwarten und dann heimlich
seinen Freund zu verlassen, wenn sie das Glück nicht wieder in bessere Umstände
versetzte.
 
                                Fünftes Kapitel
Die längstgewünschte Messe erschien, und die beiden Kaper rückten mit einer
kleinen Barschaft, die sie aus den erbeuteten Hühnern, Gänsen, Kühen und Eiern
gelöst hatten, wieder in die Stadt. Arnold, so freigebig und edel er im Glücke
war, handelte in der Not mit der grausamsten Tyrannei: um sich emporzuhelfen,
schonte er weder Vater, Mutter noch Freund. Gleich zu Anfange der Messe wandte
er sich an einen fremden Kaufmann von seiner vertrautesten Bekanntschaft, der
von seinem Unglücke noch nichts wusste, und schwatzte ihm zehn Louisdor ab, die
er in drei Tagen wieder zu bezahlen versprach. Herrmann bekam zwei davon, um
sein Glück auf den Kaffeehäusern zu versuchen, und Arnold ging aus, einen
einfältigen, reichen Fremden oder guterzigen Jüngling aufzusuchen, um ihn
reinzuplündern. Herrmann, der sein Versprechen gegen Lisetten noch nicht mit
einem Groschen hatte erfüllen können, flog sogleich zu ihr und überbrachte ihr
die Hälfte seiner zehn Taler: er fand sie noch bei ihrer Schwester, die teils
aus Kummer, dass sie Arnold ganz verlassen hatte, teils aus Furcht vor künftiger
Schande krank geworden war; denn sie hatte gegründete Ursachen, traurige Folgen
von Arnolds Vertraulichkeit zu erwarten. Lisette konnte nicht genug verdienen,
um sich und ihre bettlägerige Schwester zu erhalten: ein Teil ihrer Kleider war
schon versetzt, und an den übrigen sollte nächstens die Reihe kommen. In einer
so kläglichen Lage war Herrmann mit seinem Louisdor ein Engel, der sie vom
Himmel speiste. Lisette weinte, bleich von vielem Härmen, und ihre Schwester
wickelte sich schluchzend in die Betten, um ihr entstelltes, schamvolles Gesicht
zu verbergen: das Bild des Schmerzes und Mangels, das er erblickte, wohin er
sich kehrte, und die Klagen der beiden Mädchen machte so tiefen Eindruck auf
Herrmann, dass er auch seinen zweiten Louisdor hingab. Er blieb die übrige Zeit
des Tages bei ihnen und ging gegen Abend auf Arnolds Stube mit verstellter Wut
und Trostlosigkeit, als wenn er sein Geld auf dem Kaffeehause verloren hätte.
Sein Freund zog ihn mit seinem vorgegebenen Verluste auf und versicherte ihm,
dass er heute abend einen bessern Fang tun werde. »Den Vogel hab ich im Garne«,
sprach er, »und diesen Abend wollen wir ihn rupfen. Einen Mann, so fidel wie ein
halbjähriger Student, so treuherzig wie ein Kind und ein herzlicher Liebhaber
vom Spiel, hab ich erwischt. Er ist in Geschäften hier und hat einige tausend
Taler bei sich, die er morgen auszahlen soll: sobald wir sie ihm abgenommen
haben, müssen wir fort; denn das Geld gehört nicht ihm, und wenn Untersuchung
angestellt würde, könnten wir übel dabei wegkommen. Ich habe ihn zum Abendessen
gebeten: Essen, Wein und Gesellschaft ist schon bestellt: unser Hahn, dem wir
die Federn ausziehen wollen, trinkt gern ein Gläschen, und damit soll er
reichlich bedient werden. Wenn er dessen genug hat, dann soll die Lustjagd
angehn; und ich setze meinen Kopf zum Unterpfande, dass ihm nicht ein roter
Pfennig von seinen dreitausend Talern übrigbleiben soll. Hier sind meine Würfel
mit lauter Sechsen und hier mein allzeit fertiges Ass zum Vingt et un; denn das
ist sein liebstes Spiel, hat er mir gesagt. Freue dich, Brüderchen! Morgen
wollen wir nicht mehr solche Halunken sein wie heute.«
    Herrmann konnte sich nicht freuen, ob ihm gleich reichlicher Anteil an der
Beute versprochen wurde: er ging ängstlich wie ein Missetäter herum, oder als
wenn er zu einem Opfer eingeladen wäre: er konnte es weder sich noch seinem
Freunde verhehlen, dass dies förmliche Räuberei sei, wurde für sein guterziges
Moralisieren ausgelacht und musste schweigen.
    Der eingeladne Fremde stellte sich früher als alle anderen ein, weil er sich
einmal einen recht lustigen Abend machen wollte: aber wie gross war Herrmanns
Entsetzen, als er an der Stimme und Figur bei seinem Hereintritt den Doktor
Nikasius erkannte: er wusste nicht, wie er sich vor ihm verbergen sollte, und
begab sich deswegen unter einem Vorwande gleich nach dem ersten Grusse hinweg.
Sich erkennen zu geben war demütigend, weil er glaubte, dass ihm jedermann seine
schlechten Umstände und schlechte Lebensart an der Stirn lesen könnte:
gleichwohl seinen ehemaligen Retter, seinen wohltätigen Freund und Beschützer
der schrecklichsten Gefahr nahe zu sehn und ihn mit keinem Winke zu warnen, das
war eine Unmenschlichkeit, wofür sein Herz schauderte: warnte er ihn, so
zerstörte er Arnolds Plan und lud seine unversöhnlichste Feindschaft auf sich.
Er ging die Strasse einigemal nachdenkend auf und ab, so kalt es war, und
beratschlagte: bald wollte er dem Doktor in einem Billett, als ein Unbekannter,
die Gefahr zu wissen tun, bald Arnolden inständigst bitten, sich ein andres
Opfer zu wählen: beides war misslich, und er schlug deswegen einen Ausweg ein.
Arnold hatte des Doktors Bekanntschaft bei Tische in einem Gastofe gemacht: es
war folglich zu vermuten, dass er auch dort wohnen oder seine Wohnung dort zu
erfragen sein werde. Er wanderte hin: glücklich war es des Doktors Quartier: man
wies ihn zu dem Bedienten, der ihn auf den ersten Blick erkannte und etwas
verdriesslich bewillkommte. Herrmann bat ihn, sogleich in das Haus, das er ihm
anzeigte, zu gehen, nach Herrn Arnold zu fragen und dem Doktor zu melden, dass
ihn jemand, der Geld an ihn auszuzahlen habe und noch diesen Abend wegreisen
wolle, notwendig auf eine Viertelstunde augenblicklich sprechen müsste: dem
Bedienten schärfte er auf das Gewissen ein, seinen Namen nicht eher zu verraten,
als bis er mit seinem Herrn auf der Strasse sei. Der Bediente ging, und Herrmann
wartete am Tore des Gastofes so freudig, so leicht ums Herze, als wenn ihm ein
grosser Stein abgewälzt wäre.
    Arnold liess den Doktor mit unendlicher Schwierigkeit von sich, und nur wegen
der Hoffnung, seinen Gewinst durch die neue Auszahlung vielleicht zu vergrössern,
willigte er in sein Weggehn. Nikasius langte voll Erwartung und keuchend an: der
Bediente hatte ihm auch unterwegs Herrmanns Namen nicht entdeckt, und er führte
ihn unerkannt auf seine Stube. »Dergestalt und allermassen«, rief der Doktor, als
er ihm ins Gesicht blickte, »wie ist mir denn? Bin ich denn recht?« - Herrmann
unterbrach sogleich seine Verwunderung, versicherte ihm, dass er recht sei, und
erzählte ihm das Komplott. Nun ging erst Verwundrung und Erstaunen bei dem
Doktor an: er lief vor Angst hurtig nach seiner Schatulle, um zu sehn, ob er
seine dreitausend Taler nicht schon verspielt habe, und wusste nicht, wie er für
die Warnung genug danken sollte, als er sie noch fand. Er wollte aus
Erkenntlichkeit sogleich Wein und Kuchen holen lassen, allein Herrmann verbat
es, versprach, ihn den andern Tag zu besuchen, und trennte sich von ihm, um
keinen Verdacht bei Arnolden zu erwecken. Der Doktor wollte umständlich belehrt
sein, woher er das alles wüsste, wie er in solche Bekanntschaft gekommen wäre,
und tat tausend andre Fragen, die Herrmann nicht zu beantworten Lust hatte.
    Er kam zur Gesellschaft zurück, die mit Schmerzen auf des Doktors Rückkunft
wartete, liess sich die Ursache seiner Abwesenheit wie eine ganz fremde Sache
erzählen und wandte sehr heftige Zahnschmerzen als einen Bewegungsgrund vor,
warum er sich vorhin wegbegeben habe und itzo auf seine Stube verfügen werde,
ohne Anteil an der Lustbarkeit zu nehmen. Der Anblick seines ehemaligen
Versorgers, das Andenken an seine eigne Gemütsbeschaffenheit bei seinem
Aufentalte in des Doktors Hause und die Vergleichung seiner damaligen Umstände
mit den gegenwärtigen hatten ihn in eine Stimmung des Geistes versetzt, dass er
das Gewühl der Freude unmöglich zu ertragen vermochte. Er schloss sich ein und
seine traurigen, nagenden Gedanken mit sich.
    Arnold verlor indessen alle Geduld über des Doktors langes Aussenbleiben,
schöpfte Argwohn und suchte ihn in eigner Person auf. Welch Entsetzen! die Tür
war verschlossen, Nikasius ausgegangen und die Beute verloren: Arnold
durchstrich in der äussersten Wut alle Örter des Vergnügens und traf ihn
nirgends, denn er besuchte einen alten Magister, seinen ehemaligen
Universitätsfreund.
    Mit den Zähnen hätte Arnold sich, den Doktor und die ganze Gesellschaft
zerreissen mögen: Verdacht war sichtbarlich da; aber auf wen? - Es war nichts zu
tun, als dass er das bestellte Abendessen mit den beiden übrigen Gästen genoss und
sich im Namen des Doktors betrank. Herrmann, der mit ihm seit dem grossen
Verluste in einem Hause wohnte, wurde von ihm zur Gesellschaft zurückgeholt:
Wein und Spiel zerstreuten die quälenden Gedanken, die des Doktors Gegenwart in
ihm erregt hatte, und trieben ihn wieder ins vorige Gleis zurück. Er bekam zwar
noch einige Tage hinterdrein einige Anfälle von Vernunft: er wollte den Doktor
aufsuchen und ihn bitten, dass er ihn aus seiner Lebensart herausrisse; allein
teils schämte er sich, in einem so nachteiligen Lichte vor ihm zu erscheinen,
teils war seine Leidenschaft für das Spiel ein verzärteltes Kind, dem er
unmöglich wehe tun konnte: er wünschte, sie zu vertreiben, und wagte es nicht.
    Arnold hatte in jener Nacht der Schwelgerei von den beiden halbtrunknen
Gästen über hundert Taler gewonnen und eilte nunmehr mit seinem Busenfreunde
Herrmann auf neue und grössere Beute aus. Auf ihren Wanderungen erblickten sie
einen kleinen, blaurockichten Mann, der mit vier schönen, kastanienbraunen
Pferden vormittags und nachmittags um das Tor fuhr. - »Was wettest du?« fing
Arnold an, »übermorgen soll der Postzug unser sein.« - Herrmann lachte über
seinen Einfall und nahm ihn für Scherz auf. Sie erkundigten sich nach diesem
blaurockichten Manne und erfuhren, dass es ein Pferdehändler war, der diesen
Postzug einer Herrschaft auf dem Lande überbringen wollte und zu seinem
Vergnügen in der Messe mit ihm paradierte. Sie passten ihm auf, als er vor seinem
Quartier hielt, und Arnold fragte ihn, wie teuer er die Pferde verkaufen wollte.
- »Nit teuer und nit wohlfeil, mein Herr«, antwortete der Pferdehändler, »sie
sind bestellt.« - Arnold und Herrmann lobten die Gäule um die Wette, dass den
kleinen Pferdehändler die Eitelkeit nicht wenig übernahm, und fragten, ob er
ihnen nicht geradeso einen Postzug schaffen könnte, und zwar so bald als
möglich. Der Rosstäuscher, dessen Eigennutz ein Paar verblendete Liebhaber vor
sich zu haben glaubte, lenkte sogleich wieder ein und erbot sich, den beiden
Herren aus Gefälligkeit, weil sie es wären, auch diesen zu lassen, wenn sie
einen guten Preis machten. Arnold setzte mit verstellter Begierde vierhundert
Taler darauf: der Rosstäuscher glaubte die Leidenschaft der beiden Leute besser
nützen zu müssen und schüttelte mit dem Kopfe, als wenn das ein Missgebot wäre. -
»Aber so sagen Sie doch geradeheraus«, sprach Arnold heftig, »was Sie haben
wollen! Es wird ja noch zu bezahlen sein.« - »Mit einem Wort, achtundert
Reichstaler in Gold!« war des Mannes Erklärung. Arnold und Herrmann fanden die
Foderung etwas hoch und meinten, dass vielleicht noch fünfzig oder hundert Taler
abgehen würden: der Mann versicherte das Gegenteil, und die beiden vorgeblichen
Liebhaber baten sich indessen die Erlaubnis aus, des Nachmittags mit ihm und
seinen Pferden auf ein Dorf zu fahren, um genauere Bekanntschaft mit dem
Postzuge zu machen. - »Wenn er gut geht«, setzte Arnold hinzu, »so soll's auf
fünzig, hundert Taler nicht ankommen.« - Nach einer so edelmütigen Erklärung
willigte der Pferdehändler mit einer tiefen Verbeugung in die Partie und sprach
nunmehr nicht anders als den Hut in der Hand, ob er ihn gleich vorher nicht mit
einer Fingerspitze vom Kopfe bewegt hatte.
    Sie luden den Mann des Mittags zu Tische ein, und auch diese Einladung nahm
er mit einer so tiefen Verbeugung an, dass er keuchte; denn weil er ziemlich dick
war, wurde ihm die Höflichkeit ein wenig sauer. Bei Tische fand der Blaurock den
Wein so köstlich, dass er wie ein trockner Schwamm ein Glas nach dem andern in
sich zog; kaum war ihm eingeschenkt, so wischte er die dicken Finger an der
Serviette ab, packte das Glas an - »Sie erlauben Dero hohes Wohlsein« -,
schnapp! war es hinunter.
    Er liess sich Dero hohes Wohlsein so angelegen sein, dass er taumelte, als sie
in den Wagen stiegen. Arnold und Herrmann fanden die Pferde so vortrefflich, dass
der Rosstäuscher seine achtundert Taler schon in der Tasche zu haben glaubte:
seine Höflichkeit stieg so übermässig hoch, dass er, trotz der Kälte, nicht anders
als mit blossem Kopfe fahren wollte. Kaum war man an Ort und Stelle, als schon
von neuem aufgetragen wurde - Wein, Likör, Kuchen, alles im Überflusse! Der
Pferdehändler lobte aus Erkenntlichkeit, dass man seine Gäule so vortrefflich
fand, den Likör aus allen Kräften, setzte sich an den Tisch und fütterte und
tränkte sich mit solcher Behaglichkeit, dass ihm die kleinen Katzenaugen wie ein
paar Feuerfünkchen aus den glühenden aufgedunsenen Backen hervorleuchteten.
    Arnold und Herrmann stritten miteinander, wer von ihnen den Postzug kaufen
sollte, und man wählte Würfel zu Schiedsrichtern: man liess Würfel bringen, und
Arnold gewann den Vorkauf. »Sie würfeln wie die Hundsfötter«, fing der betrunkne
Rosstäuscher an, »ich werfe auf jeden Wurf einen Pasch.« - Arnold schob ihm seine
falschen Würfel unter, und der Narr triumphierte laut, als seine Prahlerei ein
paar Würfe hintereinander wahr wurde. Er bildete sich ein - wenigstens gab er in
ganzem Ernste so vor -, dass ihm dies niemals fehlginge, und foderte Arnolden mit
einem Dukaten heraus: das Spiel hub an, der Rosstäuscher gewann drei oder vier
Dukaten; aber plötzlich wandte sich das Glück, weil es Arnold regierte: alles
Geld, was der Pferdehändler in seiner Tasche hatte, war ihm in etlichen Minuten
abgenommen. Der Mann ergrimmte, schnallte eine ungeheure Geldkatze los, die er
um den Leib trug, legte sie mit Arnolds Beihülfe auf den Tisch und foderte die
beiden Hundsfötter heraus, indem er auf seinen ledernen Geldsack klopfte. Der
Einsatz wurde von Wurf zu Wurf gesteigert, die strotzende Geldkatze von Wurf zu
Wurf magrer: der Blaurock schwitzte, keuchte und entschädigte sich für jeden
grossen Verlust mit einem Glase Likörs. Das viele Trinken machte ihn so hitzig
und zugleich so unbesonnen, dass er in weniger als einer Stunde alles Geld, den
Postzug, Chaise und Knecht verspielte. Arnold machte gleich Anstalt, dass er zu
Bette gebracht wurde, um den Folgen des Likörs vorzubeugen, und hielt mit den
gewonnenen Pferden seinen Einzug vor dem Kaffeehause, wo er gewöhnlich spielte:
alle seine Freunde wurden mit dem Postzuge dahingeholt und der Abend in
Schmausen, Freude und Wonne zugebracht: dem Pferdehändler schickte er noch
denselben Tag seinen Postzug zum Geschenke zurück.
    Herrmann bekam einen ansehnlichen Teil von der Beute: das Glück erklärte
sich wieder zu seinem Vorteil, und der ganze übrige Winter war, kleine
Abwechslungen abgerechnet, für beide sehr ergiebig: sosehr auch Arnold
verschwendete, so fehlte es doch nie an Geld und Kredit. Er machte eine Reise
zum Karneval an einen Hof und kam bereichert zurück. In seiner Abwesenheit
gelangte Herrmann so sehr zum Nachdenken, dass er ernstliche Anstalten machte,
seiner Lebensart zu entsagen, Ulriken aufzusuchen und sein Erworbnes mit ihr zu
teilen. Er überlegte täglich, wo er sie finden oder ihren Aufentalt erfahren
sollte, blieb mit seiner Überlegung von Tag zu Tag auf dem nämlichen Flecke und
spielte rüstig fort, mit Glück, Klugheit und Ökonomie. Itzt besann er sich, dass
ihm Vignali seinen Brief, den er vor vielen Monaten an sie schrieb, nicht
beantwortet habe, und schrieb zum zweiten Male an sie: er bekam keine Antwort:
Ulrike blieb verloren.
    Plötzlich wurde seine Ruhe durch eine Begebenheit unterbrochen, die ihm von
schlimmer Vorbedeutung sein musste, wenn er sie recht überdacht hätte. Er kam in
Verhaft, und zwar, wie es sich auswies, auf Verlangen des Grafen Ohlau: er
spielte mit dem Schliesser der Gefangenstube um Stecknadeln, weil dieser nichts
Höheres daran wenden wollte, wurde verhört, und da man nicht das mindeste
Strafbare auf ihn bringen konnte, wieder auf freien Fuss gesetzt. Seine Freude,
wieder ungehindert spielen zu können, erstickte seinen Zorn gegen den Grafen: er
lachte seiner öffentlich und Rächte sich mit Spott. Das gefährlichste bei diesem
kurzen, vorübergehenden Sturme war, dass ihn eigentlich Schwinger veranlasste, dem
Nikasius von Dresden aus gemeldet hatte, dass sein Freund sich in schlimmer
Gesellschaft und wüstem Leben befinde. Der äusserst gutmütige, nachsichtige Mann
schloss daraus auf die Ursache, warum ihm Herrmann auf seinen letzten,
verzeihungsvollen Brief nach Leipzig nicht geantwortet haben möchte; und weil er
einmal auf einen bösen Argwohn wider ihn gebracht war, vermutete er, dass seine
ganze Reue wegen seines schändlichen Briefs aus Berlin nur erdichtet gewesen
sei, um ihm ein paar Louisdor abzulocken. Der Gedanke, sich durch einen
Menschen, den er so zärtlich liebte, dem erso viele Wohltaten und so viele
Nachsicht erwiesen hatte, mit der schändlichsten Undankbarkeit hintergangen zu
sehn und mit falscher Reue von ihm betrogen worden zu sein, brachte seine gute
Seele so gewaltig auf, dass er ernstlich beschloss, an seiner Bestrafung und durch
sie an seiner Besserung zu arbeiten, weder Mühe noch Antreiben bei dem Grafen zu
sparen und seinen Entschluss durch keine Bitten, Reue und Demütigungen
erschüttern zu lassen. Herrmanns Arrest war die erste Wirkung dieses
Entschlusses.
 
                                  Zehnter Teil
                                  Erstes Kapitel
Gegen den Ausgang des Winters, mitten in dem blühendsten Spielerglücke, nach so
vielfältigen vergeblichen Bemühungen, Ulrikens Aufentalt auszuforschen, empfing
Herrmann eines Abends einen Brief, dessen Aufschrift ihrer Hand sehr ähnlich
war: allein weil eben einer von seinen Pointierern seinen Beutel bei ihm rein
ausgeleert hatte und ein andrer auch schon anfing, die verdammten Karten, die
niemals gewinnen wollten, mit den Zähnen zu zerreissen, und ein dritter nach
seiner Gewohnheit, die er jedesmal bei einem grossen Verluste beobachtete,
unaufhörlich hustete und eine Prise nach der andern nahm; so steckte er den
Brief in seine Tasche, wartete sein Glück bis um Mitternacht ab, trank in
Arnolds Gesellschaft auf seiner Stube eine Schale Punsch aus, schlief ruhig bis
um neun Uhr und dachte an keinen Brief. Bei seinem Erwachen fiel er ihm wieder
ein: er zog ihn aus dem Kleide, das neben dem Bette an der Wand hing, und
eröffnete ihn, im Bette sitzend. Welch ein Entsetzen, von Freude und Besorgnis
begleitet, als er in der Unterschrift Ulrikens Namen las!
                                                                F**, den 4. Mai.
Lieber Heinrich!
    Mit solchem Jammer wie jetzt hab ich noch nie die Feder ergriffen, um an Dich
zu schreiben: aber das weiss der Himmel! ich hatte auch nie solche Ursachen dazu
wie jetzt. Von Sorge und Bekümmernis abgezehrt, von Krankheit entkräftet, von der
Furcht auf allen Tritten verfolgt, irre ich wie ein gescheuchter Vogel herum und
kann mit Mühe eine Hütte finden, die mich vor Wind und Wetter schützt. - Gott!
ist denn keine Barmherzigkeit für ein Mädchen, das liebte, wen es nicht lieben
sollte? Gern will ich ja meinen Rücken der Strafe darbieten, wenn sie nur nicht
ohne Ende sein soll: aber nein! ich kann ihr Ende niemals finden, so tief, tief
bin ich in der Not versunken. Du lebst in der Freude, wie man mir sagt; und wenn
Freude und Kummer nicht anders unter uns ausgeteilt werden sollten, so tat das
Schicksal wohl, dass es mir den Kummer zu tragen gab. Ich mache keinen Anspruch
mehr auf die Freude; sie sei alle Dein; aber um Hülfe fleh ich, um ein Almosen,
wie ein Bettler es bittet; und von wem kann ich's dreister fodern als von Dir? -
Siehe mich nicht mehr als die Geliebte Deines Herzens an! Die Zeiten sind vorbei
- nein, bloss als ein dürftiges, unglückliches Mädchen, das bald auch diesen
Namen vor der Welt verlieren wird, wie es ihn schon längst vor seinem Gewissen
verlor! Lies meine traurige Geschichte, und dann urteile, ob ein Geschöpf Hülfe
verdient, das nicht durch Dich, sondern an Dir durch sich selbst, durch seine
eigne Verblendung unglücklich wurde!
    Auf Vignalis Verlangen verliess ich einige Stunden früher als Du ihr Haus:
wir trafen uns in einem Dorfe, dessen Namen ich vergessen habe,13 und
übernachteten in einem andern14 in einem Gastofe miteinander: aber sosehr ich
mit Dir zu reisen wünschte, so war mir's doch nicht möglich, mich vor Dir sehn
zu lassen: ich glaube, ich wäre vor Scham versunken. Auch fürchtete ich Dich zu
beleidigen, wenn ich Deinem letzten Briefe zuwiderhandelte: ich tröstete mich
also mit der Hoffnung, die mir Vignali machte, Dich in Leipzig bei Madam Lafosse
zu finden und mit Dir - aber ich mag es gar nicht ausschreiben, was sie mir
alles überredete. Ich dachte wohl immer bei meiner Hoffnung: nein, das Glück
wäre zu gross für dich! Du findest ihn gewiss nicht! - Wie gedacht, so geschehen.
Ich komme nach Leipzig mit einem Briefe von Vignali: da war keine Madam Lafosse!
Sie hatte einen Handschuhhändler in Dresden geheiratet. Ich erkundigte mich bei
dem Manne, der mir die Nachricht gab - es war, glaub ich, der Hausknecht -, ob
nicht ein junger Mensch, den ich ihm beschrieb, nach ihr gefragt habe. »Es ist
mir so«, sagte der schläfrige Kerl. »Es fragen sehr oft junge Menschen nach ihr:
wer kann sie alle behalten?« - Mit diesem Bescheide musste ich vorliebnehmen. Ich
fand nichts wahrscheinlicher, als dass Du zu Madam Lafosse nach Dresden gereist
wärst und dort auf mich wartetest: in der Hitze meines Verlangens dachte ich gar
nicht daran, dass mich jemand in Dresden kannte, sondern trat ohne Bedenken die
Reise an, ohne mehr als einen halben Tag in Leipzig zuzubringen. Nach meiner
Ankunft begab ich mich gleich in einen Laden, wo man Handschuhe verkaufte, und
fragte nach Madam Lafosse: niemand wollte sie kennen, bis ich endlich in einem
erfuhr, dass sie seit zwei Tagen Madam Düpont hiess. Man zeigte mir ihre Wohnung
an, und ich fand sie glücklich. Die Frau hatte kaum Vignalis Brief zur Hälfte
gelesen, als sie mir schon die Backen klopfte und einmal über das andre rief:
»Sie sollen ihn haben! Sie sollen ihn haben!« - Sie bot mir ihre Wohnung an, bis
sich mein Amant, wie sie Dich beständig nannte, einstellen würde. Ich nahm das
Anerbieten mit Freuden an, wartete viele Tage, aber Du kamst nicht. Der Verdruss
übernahm mich: ich wollte schlechterdings unser Zusammentreffen erzwingen und
hatte die Unbesonnenheit, auszugehn, um Dich aufzusuchen. Wo ich ging, war
mir's, als wenn alle Leute stehnblieben und einander ins Ohr sagten: »Da ist sie
wieder!« Bei manchen mochte es auch wahr sein; denn ich hatte viele Personen in
Dresden ehemals gekannt. Auf einmal sehe ich den Bedienten der Tante Oberstin
mir entgegenkommen: ich denke, der Blitz trifft mich, so erschrak ich über das
fatale Gesicht. Ich kehrte mich zwar um, damit er hinter meinem Rücken weggehn
sollte: es geschah: ich gehe meinen Weg fort, glaube, aus aller Gefahr zu sein,
und eile, was ich kann, nach Hause, mit dem festen Vorsatze, bei Tage nicht
wieder auszugehn: in der Türe seh ich mich um und werde gewahr, dass mir der
Bösewicht nachgegangen ist. Nun war ich verraten.
    Ich entdeckte mich Madame Düpont und bat sie, mir den Augenblick aus Dresden
zu helfen: sie beruhigte mich und versicherte, dass ich bei ihr nichts zu
fürchten hätte. Indem wir noch miteinander davon reden und über die Zukunft
beratschlagen, höre ich einen Wagen vor der Tür halten: ich laufe voller Angst
ans Fenster; und eben steigt Tante Sapperment aus. Wie vor Todesschrecken falle
ich der Madam Düpont um den Hals und bitte sie, mich zu verhehlen: sie versprach
es, und ich sprang in die Kammer, riegelte die Türe zu und horchte. O wie
fürchterlich klang in meinen Ohren der Tante Stimme, als sie hereintrat! Mir
zitterten alle Glieder vor Entsetzen. Sie fragte in sehr bestimmten Ausdrücken
nach mir: Madam Düpont versicherte Ihre Gnaden, dass sie unrecht angekommen sein
müssten. Zum Unglücke hängt mein rosenfarbnes Kleid, das ich der Düpont gegeben
hatte, um es zu verkaufen, auf einem Stuhle. »Wem ist das Kleid?« fing die Tante
an. »Das kann nicht Ihnen gehören.« - Madam Düpont ist beinahe noch einmal so
stark als ich. - »Nein«, antwortete sie, »es ist einer guten Freundin, die mich
aus Leipzig besucht hat.« - »Wo ist die gute Freundin?« - »Ausgegangen.« - »Das
ist eine Donner-Blitz-Hagelslüge. Das ist Ulrikens Taille und Grösse. Mein
Bedienter hat die Wetterhure bei Ihnen hereingehn sehn: gestehen Sie's. Sie
haben den kreuzelementschen Nickel versteckt: gestehn Sie's! oder ich lasse
Haussuchung bei Ihnen tun.« - »Das können Sie!« sagte die Düpont. Die Tante
rasselte an der Türe, schloss mit dem Schlüssel auf und fluchte, dass es
verriegelt war. »Es muss ja wohl da aussen noch eine Tür in die sappermentsche
Kammer gehen?« sagte sie, und ohne die Antwort abzuwarten, schritt sie aus der
Stube hinaus und kam an die andre Tür der Kammer. In der Angst stecke ich mich
in ein Vorhangsbette und vergrabe mich so tief, dass ich kaum atmen kann. Die Tür
geht auf, die Tante kömmt herein und durchsucht alle Winkel; und die Düpont
leidet alles so geduldig, als wenn sie vor der Tür bestochen worden wäre: ich
glaub es auch. Endlich trifft die Reihe auch mein Bette: sie reisst die Vorhänge
auf, will das Deckbette aufheben und fühlt Widerstand; denn ich zog es aus allen
Kräften an mich. »Da ist das kreuzhagelsappermentische Donneraas!« rief sie und
arbeitete mit beiden Fäusten so lange, bis sie mich packen konnte: ich wehrte
mich wohl, sosehr es sich tun liess, allein die Frau hat Löwenstärke: sie riss
mich heraus, richtete mir den Kopf höchst unsanft in die Höhe und sah mir ins
Gesicht: ich schloss die Augen fest zu. - »Ja, du bist's ja!« rief sie, »du
infamer, elementscher Wetterbalg!« - und mit diesen Worten peitschte ihre rechte
Faust so unbarmherzig auf mein Gesicht los, dass mir zu einer Zeit die Tränen aus
den Augen und das Blut aus der Nase stürzte. Ich war vor Bestürzung und Angst
ohne Sinn und Stärke: ich liess mich schleppen, stossen und schlagen wie eine
Elende, die in den Tod geführt werden soll. Ich rief Madam Düpont einigemal zu
Hülfe, allein die Falsche liess sich weder sehen noch hören. In dem kläglichsten
Zustande wurde ich von der Oberstin und ihrem Bedienten die Treppe
hinuntergebracht: ich widersetzte mich auch nicht, sondern stieg freiwillig in
den Wagen; denn ich war so voll Verzweiflung, dass ich's darauf ankommen liess,
was man mit mir tun wollte.
    Zu Hause brach erstlich der Sturm vollends aus: das war nichts als fluchen
und sappermentieren: ich blieb stumm wie ein Stock und liess auf mich
hineintoben. Das war ihr wieder nicht gelegen: nun fluchte sie, dass ich nicht
widersprechen wollte, damit sie desto mehr Ursache hätte, noch länger und
heftiger zu rasen: zum Trotz tat ich ihr nicht den Gefallen. Die Fenster meiner
Stube wurden vernagelt, die Türe den ganzen Tag verschlossen, und sie begleitete
jedesmal in eigner Person den Bedienten, wenn er mir das Essen brachte. Hier
steckte ich nun, eingesperrt wie eine wahre Gefangne, und wiederholte in
Gedanken die Freuden und Bekümmernisse, die ich vor andertalb Jahren in diesem
Kerker hatte: ich wusste noch, auf welchem Flecke ich jeden Brief an Dich
schrieb, wo ich mich gefreut und wo ich mich geängstigt hatte, wo ich den
unglücklichen Schwur auf meine Verdammnis tat, nicht von Dir zu lassen - es lief
mir ein eiskaltes Schaudern über den ganzen Leib, als die düstre Nachtlampe zum
ersten Male auf dem kleinen Tischchen vor meinem Bette brannte und alles wieder
so war wie vor andertalb Jahren: aber die süssen Erscheinungen der Phantasie,
die mich damals ergötzten, selbst indem sie mich quälten, waren vorbei: meine
Seele hatte der Schmerz niedergedrückt: ich war nicht mehr das verliebte
Mädchen, das sich durch Hindernisse und Gefahren durchschlägt, um zu dem
Geliebten ihres Herzens hinzudringen: ich strebte nicht mehr auf den gespannten
Flügeln der Hoffnung und mutiger Begeisterung dem Genusse verbotner Liebe
entgegen: nein, eine entlaufne Dirne war ich, die sich an einen jungen Menschen
hing, sich zu ihrer Schande verführen liess, Strafe fürchtete und Strafe
verdiente: meine Leiden waren nicht mehr aufrichtendes Verdienst, sondern
niederschlagende Züchtigung: in einem solchen Lichte erschien ich mir jetzt. Seit
jener unseligen Nacht haben sich meine Augen geöffnet: ich habe strafbar die
Frucht gekostet, die Erkenntnis des Guten und Bösen gibt, und trage den Fluch
und werde ihn bald doppelt fühlen. - O Liebe! Liebe! du musst die einzige Sünde
auf der Erde sein; denn keine bestraft sich selbst mit so peinigenden Nachwehen
wie du.
    Für Onkel, Tante, Mutter und alle andere Anverwandte war mir wenig bange,
sosehr mir auch die Oberstin mit ihnen drohte. Was können sie tun? dachte ich.
Vorwürfe machen und dich zwingen, einen Mann zu nehmen, den du nicht liebst,
oder in ein Stift zu gehen: das ist es alles: das Leben müssen sie dir doch
lassen. Aber Heinrich! ich zitterte vor einem viel schrecklichern Übel. Meine
Gesundheit wurde äusserst abwechselnd: ungekannte Empfindungen erwachten in mir:
meine Wangen verblühten: meine Augen, wenn ich mich im Spiegel erblickte, waren
trübe, matt, erstorben: meine Tante selbst schöpfte Argwohn und liess einige
bedenkliche Reden über meine Umstände fallen, die ich mit nichts als Tränen
beantworten konnte. Sie meldete dem Onkel sogleich, dass ich wieder in ihrer
Gewalt war: darauf erfolgte zwar eine sehr zornige und fürchterliche Antwort von
ihm, aber doch keine solche, wie sie die Oberstin wünschte. Sie hätte mich gern
wieder in Pension gehabt: doch das verbot sich von selbst. Dem Onkel war vor
einem Monate ein Sequester in seiner Herrschaft gesetzt worden, wie Schwinger in
seinem Briefe, den Du mir in Berlin zeigtest, befürchtete. Er hat zwar die
Erlaubnis, so lange auf dem Schloss zu bleiben, bis sich die Leute, von denen
er geborgt hat, untereinander vereinigt haben: allein seine Einnahme ist doch so
erstaunend gering, dass er nicht mehr als zwei Bediente halten kann: die schönen
Kutschen, die schönen Pferde, alles ist schon längst fort: es soll so einsam und
tot auf dem Schloss sein wie auf einem Kirchhofe. Er wollte also gar nichts
mehr mit mir zu schaffen haben, sondern mich dem Elende überlassen: aber die
Tante Gräfin versprach in ihrem Briefe, dass sie mich abholen lassen wollte, weil
die Oberstin meiner überdrüssig war, da ihr niemand Kost und Wohnung für mich
bezahlte. Ich sollte zu meiner Mutter gebracht werden, die schon seit einem
Vierteljahre an den Folgen ihres vorjährigen Sturzes mit dem Pferde krank
daniederliegt: der Graf hatte der Tante nach langem Bitten erlaubt, so viel für
mich zu tun, nur mit der Bedingung, dass ich ihm zeitlebens nicht wieder zu
Gesichte käme.
    In einer Woche langte auch wirklich Fräulein Hedwig mit einer alten Kutsche
und einem Paar Bauernpferden an: sie hatte mit dem jämmerlichen Fuhrwerke
völlige acht Tage unterwegs zugebracht, und die Rückreise schienen die Kracken
nicht unter vierzehn Tagen machen zu wollen. Wir fuhren ab. Hedwig klagte
ausserordentlich über ihr trauriges Schicksal: auf Vorbitte der Gräfin hatte ihr
der Graf erlaubt, wieder auf dem Schloss zu wohnen, wenn sie sich demütigen und
um Gnade bitten wollte. Die Hauptursache mochte wohl sein, weil ihr der Onkel
die Pension nicht mehr bezahlen konnte: sie bat um Gnade und wurde seit der Zeit
wieder an die Tafel gelassen. Aber sie beschwerte sich gar zu kläglich, dass
alles so genau, so kärglich zugeschnitten wäre und dass ihr der Graf fast täglich
zu verstehen gäbe, wie lästig sie für ihn in seinen itzigen Umständen sei. -
»Ich werde wie ein Bettelmensch von ihm behandelt«, klagte sie, »bei jedem
Bissen, den ich esse, muss ich mir vorrücken lassen, dass er ein Almosen ist. Der
guten Gräfin tut es weh: sie ermahnt mich zur Geduld, weil sie nicht helfen
kann. Es graut mir, wieder nach Hause zu reisen: wenn ich in meinen alten Tagen
irgendwo unterkommen könnte, und wenn ich einen Schulmeister heiraten müsste, ich
liesse Sie allein fahren und bliebe zurück. Ich möchte lieber betteln gehn, als
das ewige Knurren und Brummen bei dem Grafen ertragen.« - Sie jammerte mich, so
bitterlich weinte sie. Schon ihre Figur war mitleidenswert: du kennst ihre
dicken, ausgestopften Backen und die ungeheuren fleischvollen Arme: sie keuchte
sonst bei jeder kleinen Bewegung: das war alles verschwunden, an dem Halse hing
die zusammengefallne Haut wie ein grosser, leerer Beutel, die rubinroten Wangen,
wie wir sie sonst nannten, waren zusammengeschrumpft und kreideweiss. Es ging mir
ans Herz, wenn sie mir die Hand gab: sonst war es, als wenn sich ein
dichtgestopftes Federbett um die meinige wickelte, und jetzt fühlte ich durch die
runzlichte Haut alle Knochen.
    Mir graute so sehr nach Hause zu reisen als ihr, und eh' ich noch wusste, wie
schlimm es mit ihr stund, hatte ich mir schon vorgenommen zu entwischen, sobald
es die Gelegenheit zuliesse. Da ich sie gleichfalls so geneigt fand, nicht zum
Onkel zurückzukehren, schöpfte ich ein Herz und tat ihr den Vorschlag, mit mir
Partie zu machen. Sie war gleich dabei:15 aber wohin? - Ich fiel auf Leipzig, um
entweder Dich dort zu finden oder mich von dort an Vignali zu wenden: es war mir
alles gleich, mochte aus mir werden, was auch wollte, wenn ich nur nicht zu
meiner Mutter durfte. Indem wir beide des Abends in einem Wirtshause
beisammensitzen und überlegen, wie wir von dem Bauer, der uns fuhr, loskommen
sollen, tritt er in eigner Person zu uns herein und meldet uns, dass wir sehen
möchten, wie wir weiterkämen. - »Ich kann Sie nicht nach Hause fahren«, sagte
er, »ich habe meine Pferde eben itzo verkauft und bin Soldat geworden. Was soll
ich zu Hause machen? Mein Gütchen ist verschuldet: es kömmt so bald zum
Konkurse: Frau und Kinder hab ich nicht: mögen sich meine Schuldleute drein
teilen. Der liebe Gott erhalt Sie gesund und bringe Sie glücklich nach Hause!« -
Mit diesem Wunsche nahm er seinen Abschied. Nun hatten wir auf einmal, was wir
wollten: wir verkauften auch die alte Kalesche und reisten mit der Post. Hedwig
konnte das Fuhrwerk nicht vertragen: sie wurde krank, und wir mussten in einem
Dorfe liegenbleiben. Zum Glück traf unsre Reise gerade in die Michaelmesse, und
es boten sich uns häufige Gelegenheiten an, mit fortzukommen: wir wählten einen
Wagen, mit Wolle beladen, wo wir für einen wohlfeilen Preis weiche Sitze und
langsames Fuhrwerk bekamen.
    Ein Anblick verursachte mir auf dieser mühseligen Fahrt ungemein viel
Vergnügen; und warum sollte es nicht ein erlaubtes Vergnügen sein, das die
Strafe eines Bösewichts verursacht? - Ein Kommando Soldaten brachte einen
Menschen auf den Bau, weil er seinen Posten verlassen und gestohlen hatte. Sie
hielten mit uns in einem Dorfe an, und da ich dem jungen Menschen genau ins
Gesicht sehe, erkenne ich in ihm unsern gemeinschaftlichen Feind, Jakob. Ich
erkundigte mich bei dem Korporal nach seinem Namen, und er war es wirklich. Ich
konnte mich nicht entalten, mit Hedwig laut zu triumphieren, dass dieser
schändliche Mensch seine Strafe durch sich selbst fand: sein eigner Vater musste
ihn aus der Gnade und den Diensten des Grafen verdrängen, damit er Soldat,
Verbrecher und für alle seine Bosheiten auf immer bestraft würde. Wenn in allen
Schicksalen auf dieser Erde so viel Gerechtigkeit herrscht, o so muss auf dich
und deinen Heinrich noch grosse Glückseligkeit warten, dachte ich: aber ich
bildete mir zuviel Verdienst ein. Leiden, endlose Leiden hatte ich verdient; und
sie trafen mich und werden nie von mir weichen.
    Auch mit Madame Düpont, die auf die Messe reiste, kamen wir zusammen: ich
war so aufgebracht wider die Treulosigkeit, die sie in Dresden an mir beging,
dass ich sie vermied; aber sie liess gleich halten, als sie mich erblickte, und
nötigte mich zu sich auf ihren Wagen: ich schlug es aus, weil ich die arme
Hedwig nicht verlassen konnte. Sie entschuldigte sich also, weil sie ihre
Gesellschaft nicht zu lange warten lassen wollte, mit zwei Worten über ihr
Verhalten in Dresden und versicherte, dass sie es zu meinem Besten getan habe.
»Wie ich aber sehe«, sagte sie, »hat mir meine gute Absicht nichts geholfen;
denn Sie sind schon wieder durchgegangen: aber Sie werden schon zeitig genug
erfahren, dass es bei Ihrer Tante besser ist, als in der Irre herumzulaufen. Sie
sind nichts als eine Unglücksstifterin: die arme Vignali ist Ihretwegen, gleich
nach Ihrer Abreise, mit dem Herrn von Troppau zerfallen: sie hat sich von ihm
trennen müssen und kann nun auch so eine Landläuferin wie Sie werden: aber die
Strafe wird schon kommen. So eine Landstreicherin, die kein Gutes tun will und
andre Leute nur ins Unglück bringt, muss auf der Strasse sterben.« - Nach einem so
höflichen Anfange hätte ich so eine Sprache nicht vermutet, und ich ärgerte mich
bis in die Seele, dass sie mich vor allen Leuten öffentlich so unbillig
ausfilzte: ich wollte ihr antworten, aber sie stieg auf ihren Rollwagen und fuhr
davon, ohne mich anzuhören. Sie schien recht froh, dass sie sich ihrer Galle
entladen hatte. Die Unbilligkeit des Verweises war mir nicht weniger
empfindlich, als dass ich wider meine Absicht und meinen Wunsch das Unglück einer
Person veranlasst haben sollte, der ich bei allen Bedrängnissen, die sie mir
verursachte und die grösstenteils nicht einmal von ihr herrühren mochten, so
viele Gefälligkeiten schuldig war. Ich hatte wegen ihrer letzten Vorsorge für
unsre Verheiratung grosse Hoffnung auf sie gebaut: auch diese war nunmehr
eingestürzt. Mit allem meinen Nachsinnen kann ich nicht ausfündig machen, wie
ich ihre Entzweiung mit dem Herrn von Troppau bewirkt haben soll: vielleicht
weil sie mir durchgeholfen hat? Aber was kann dem Manne so sehr daran liegen,
mich in die Hände meines Onkels zu liefern?16 Es ist und bleibt mir ein Rätsel.
-
    Die alte Hedwig winselte mir unaufhörlich die Ohren voll, dass sie sich von
der übeln Laune und mir zu einem so gefährlichen Schritte hatte bereden lassen,
in ihren alten Tagen noch herumzustreichen: ich konnte sie nicht trösten; denn
mir war selbst der Mut genug gesunken. Der Herbst fing schon an rauh zu werden,
und wir hatten keine bleibende Stätte! keine Hütte, die uns aufnahm, und wenig
Geld, die Aufnahme zu erkaufen! Unser letztes Rettungsmittel waren meine
Kleider: wir sahen uns nach einem Juden um, quartierten uns auf einem Dorfe
nicht weit von Leipzig ein, und in zwei oder drei Tagen handelte uns ein
durchreisender Jude unsre ganzen Garderoben ab: wir tauschten von ihm Zeug zu
schlechter Bürgerkleidung ein und beschlossen, von dem gelösten Gelde den Winter
über auf dem Lande zu leben. Wir wohnten dicht neben dem Wirtshause bei einer
Witwe, mit welcher wir uns über Heizung und Tisch verglichen und gegen die
billigste Bezahlung mit ihr in einem Stübchen wohnten und aus einer Schüssel
assen. Wir strickten und nähten für das ganze Dorf, und einige junge Mädchen, die
sich etwas besser dünkten als die übrigen, nahmen Unterricht in weiblichen
Arbeiten. Hedwig verliebte sich so sehr in unsre einfache Lebensart, dass sie bis
an ihr Grab nichts Bessers wünschte: sie wurde so aufgeräumt und zufrieden, dass
sie fleissig wieder Latein redete und ihre Gelehrsamkeit reichlich auskramte, die
auf unsrer ganzen Reise erstorben gewesen war. Auch ich hätte mich gern in mein
mittelmässiges Schicksal gefügt, weil ich es viel schlimmer erwartete: aber mein
Herz verwundete ein Dorn, der sich täglich dem Leben näher eingrub. Die Folgen
meiner Schuld begleiteten mich auf allen Tritten: ich trug sie in mir und konnte
sie niemandem mehr verhehlen. Hedwig wurde mit jedem Tage voller und verjüngter
und ich mit jedem Tage mehr zum Schatten, eine kränkelnde, dahinschwindende
Leiche vor Schmerz und Bekümmernis. Die Witwe und Hedwig trösteten mich, als ich
meine Umstände ihnen entdeckte, mit dem leidigen Grunde, dass ich hier ganz fremd
wäre und mich für die Frau eines entlaufnen Mannes ausgeben könnte: mir verhalf
ein solcher Trost zu keiner Beruhigung. Eine Lüge deckte wohl die Schande vor
der Welt: aber die Schande vor mir selbst, welche Lüge konnte diese decken? Vor
meinen eignen Gedanken hätt ich fliehen mögen, so ängstigte mich die Scham: ich
konnte ihr quälendes Gefühl nicht von mir entfernen, ich mochte denken und tun,
was ich wollte. Tränen rollten in meine Speisen, Tränen netzten meine Arbeit und
mein Lager: des Nachts peinigten mich schreckliche Träume, und selbst am Tage
schlummerte ich oft mitten im Gespräche ein; und sobald sich meine Augen
schlossen, standen die fürchterlichsten Gestalten und Begebenheiten in meinem
Kopfe auf: alle Geschichten von ermordeten, ersäuften oder erstickten Kindern,
von geköpften Kindermörderinnen, die ich nur jemals gehört hatte, gingen in mir
von neuem vor, und mit so entsetzlichen Veränderungen und Zusätzen, dass ich vor
Angst verging: in jedem Traum war ich jedesmal die Verbrecherin, die zu den
entehrendsten Strafen geführt wurde, dass mir zuletzt auch wachend nicht anders
war, als ob ich unvermeidlich einen Mord begehen müsste. Die Furcht der
Einbildung nahm bei mir so gewaltig überhand, dass ich Hedwig inständigst bat,
mich in der Stunde der Schwachheit sorgfältig vor einer Untat zu bewahren und
Tag und Nacht nunmehr keine Minute von meiner Seite zu weichen. Wenn verliebte
Übereilung nicht bloss nach dem Urteile der Menschen und angenommenen Gesetzen,
sondern auch vor dem Richterstuhle des Gewissens sträflich ist, so hab ich meine
Strafe gelitten: meine Einbildung hat mich gequält wie eine Hölle; und noch lässt
sie nicht ab: sie ist ein finstrer Abgrund, aus welchem täglich Schreckbilder,
Gespenster und Furien heraufsteigen und mich mit entsetzlichen Empfindungen
martern.
    Unsre Wirtin glaubte mich zu beruhigen, wenn sie mir berichtete, dass man in
meinen Umständen zu wunderlichen Einbildungen geneigt sei: aber minderte das
mein Gefühl? Meine Unruhe nahm so stark zu, dass ich mehr als einmal in
Versuchung geriet, davonzulaufen: ich verlangte nach einem Orte, wo mich gar
niemand kennte. Das war die Ursache, warum ich mitten im Winter in eine Reise
willigte, die mir den Tod hätte bringen können: aber ich sollte einmal Torheit
auf Torheit häufen.
    Unter den Arbeiten, die wir verfertigten, waren gestrickte baumwollne Mützen
eine der vorzüglichsten. Nicht lange nach dem neuen Jahre kömmt ein kleiner,
dicker Mann zu uns, ein Pferdehändler, den man in dem Wirtshause zu uns gewiesen
hatte, weil er etwas von jener Arbeit verlangte. Für seinen dicken Kopf war eine
jede unter unsern fertigen Mützen zu enge: wir erboten uns, wenn er ein paar
Tage anhielte oder wieder zurückkäme, so viele nach seinem Masse zustande zu
bringen, als er begehrte. - »Ich komme schon zurück«, sagte er, »ich sollte
einer Herrschaft einen Postzug bringen, aber weil ich drei Wochen später kam,
als ich sollte, hatte sie sich schon anderswo versorgt: ich halte mich acht Tage
in Leipzig auf und lasse meine Pferde hier auf dem Dorfe stehn, weil ich sie
sonst ganz gewiss verspiele. Sie sind dem Teufel schon einmal im Rachen gewesen:
ich mag sie ihm nicht wieder vorhalten.« - Er beklagte sich in diesem Tone sehr
bitter über einen Verlust, den er bei seiner Herreise an der Neujahrsmesse in
Leipzig erlitten hatte, und verwünschte die Räuber, die ihm zum Trunke
verleiteten und in der Trunkenheit alles bei sich habende Geld abgewannen. Er
kassierte einige Summen ein, die ihm in Leipzig auf Anweisung ausgezahlt werden
sollten, und war so misstrauisch gegen diese Stadt durch sein Unglück geworden,
dass er nicht einmal darin schlief und die ganze Zeit des Tags, wenn seine
Geschäfte vorbei waren, auf dem Dorfe zubrachte, und zwar mehr bei uns als in
dem Wirtshause. Der Mann wurde mit mir vertraut, und weil er sehr leicht merken
konnte, dass ich mich nicht in den besten Umständen befand, tat er mir im Scherz,
und endlich im völligen Ernste den Antrag, mit ihm nach Hause zu reisen und
seine beiden Töchter in weiblichen Arbeiten zu unterrichten. Er zählte mir dabei
täglich seine Reichtümer her, die nach seiner Angabe sehr beträchtlich waren,
liess sich auch zuweilen ein paar Worte entwischen, aus welchen man schliessen
konnte, dass seine Absichten auf mich weiter gingen. Mit der Veränderung des
Aufentalts hoffte ich auch meine Gemütsverfassung zu ändern: die gute Hedwig
bildete sich ein, dass seine Absicht auf sie gerichtet wäre, oder dachte
wenigstens, sie dahin zu lenken: genug, sie und meine Unruhe setzten mir so
heftig zu, dass ich in seinen Vorschlag willigte, wenn Hedwig meine Begleiterin
sein dürfte. Er war es sogleich zufrieden und so vergnügt über meine
Einwilligung, als wenn ich ihm das grösste Geschenk machte. Er bezahlte, was wir
unsrer bisherigen Wirtin schuldig waren, die auch nicht wenig an mir getrieben
hatte, seinen Vorschlag anzunehmen, weil ich, wie sie sagte, vielleicht mit
Ehren noch unter die Haube kommen könnte, wenn ich mich in den Mann schickte.
Der Himmel weiss es, dass mir der Mann nicht sonderlich gefiel, und doch wage ich
nicht zu leugnen, ob ich nicht das nämliche dabei dachte. Die Schande, der ich
entgegeneilte, ist für eine Mädchenseele ein so fürchterliches Gespenst, dass ich
gern ein Gespenst geheiratet hätte, um nur jenem zu entgehen. Ohne mir nur das
mindste von diesem anwandelnden Gedanken entwischen zu lassen, reisten wir mit
vier schönen Kutschpferden und einer anständigen, bequemen Kalesche ab. Vor
Leipzig gesellte sich noch ein Student zu uns, der Predigerssohn aus dem Dorfe,
wo mein Pferdehändler wohnte. Der junge Mensch war äusserst niedergeschlagen und
hatte nichts bei sich, als wie er ging und stund. Ich fragte ihn um die Ursache
seiner Traurigkeit, und ohne grosse Weigerung gestund er mir mit der
liebenswürdigsten Offenherzigkeit, dass er das Unglück gehabt habe, in schlechte
Gesellschaft zu geraten und alles bis auf die Kleidung, die er trug, zu
verspielen: »Weil ich kein Geld mehr habe«, setzte er hinzu, »und diesen alten
Bekannten in Leipzig antraf, so bat ich ihn, mich mit zu sich zu nehmen. Die
Schuldner verfolgen mich: nirgends hab ich mehr Kredit: studieren kann ich auch
nicht: also will ich den Winter vollends bei meinem Vater zubringen und ihn
bitten, dass er mich auf eine andre Universität tut.« - Wir versprachen alle, bei
seinem Vater eine Vorbitte für ihn einzulegen und Vergebung für seine Unordnung
auszuwirken. Der Pferdehändler fing von neuem an, seinen Verlust zu erzählen,
und die beiden Unglücklichen klagten und fluchten wechselsweise. »Wir sind wohl
durch die nämlichen Spitzbuben geprellt worden, wie es scheint«, sagte der
Pferdehändler. - »Hiess der eine nicht Arnold und der andre Herrmann?« fragte der
Student. - Der andre wusste die Namen nicht, aber er beschrieb Figur und
Kleidung. Der Student ergänzte seine Schilderung, und ihr beiderseitiges Gemälde
war Dein leibhaftes Bild: alles, sogar die Kleider trafen ein. Er musste mir
Deine ganze Lebensart erzählen, und er erzählte mir mehr, als ich wünschte. »Es
ist ein lüderlicher Landstreicher«, waren seine Worte, »er hat eine Baronesse
entführt, geschwängert, sitzenlassen und wälzt sich nunmehr in allen
Ausschweifungen herum, spielt, trinkt, verführt Mädchen: sein Glück im Spiel ist
so ausserordentlich, dass er notwendig betrügen muss.«
    Der Atem stund mir still bei dieser schrecklichen Nachricht: meine Schande
so laut auf den Zungen und in den Ohren aller Menschen zu wissen! mir Dich als
einen Lasterhaften, Gewissenlosen zu denken! das waren zween harte Stösse für
mein bekümmertes Gemüt. Jedes Wort, das er weiter von Dir sprach, bestätigte die
Vermutung, dass ich eine Betrogne und Du ein Betrüger warst, ein Leichtsinniger,
der die gemissbrauchte Liebe vergass und noch mehr Unschuldige ins Verderben
reissen wollte, weil es ihm mit einer so wohl gelungen war. - So sei er auch
vergessen, der Ehrlose! beschloss ich in dem ersten Zorne; so treffe ihn die
Strafe der Verführung und Treulosigkeit spät, wie ich die Folgen meiner
Unbesonnenheit zeitig fühle! - Ich war so aufgebracht, dass ich mich mit dem
Pferdehändler, wenn er's damals verlangte, in der Minute ohne Weigerung trauen
liess, ob er mir gleich itzo mehr missfiel als jemals. Er trank, war im Trunke
äusserst freigebig und in der Nüchternheit so knickerig, dass er jede Gütigkeit,
die ihm etwas kostete, ohne Zurückhaltung bedauerte: aber was sollt ich tun?
Leiden und dulden war mein Los.
    Als wir in der Heimat des Pferdehändlers angekommen waren, ging erst meine
Not recht an. Die beiden Töchter, ein paar schnippische, überkluge Mädchen,
sahen mich mit scheelen Augen an, weil sie besorgten, dass ich ihre Mutter werden
sollte, taten mir alles zum Possen und quälten mich mit plumpen Höhnereien vom
Morgen bis zum Abend: der Vater wurde unser auch sehr bald überdrüssig, weil
seine Liebe oder Grossmut, oder was es sonst sein mochte, nur ein Einfall im
Trunke gewesen war: die Töchter nahmen ihn noch mehr wider uns ein und tadelten
ihn, dass er zwei solche Menscher, wie uns die Kreaturen ins Gesicht nannten, so
ganz umsonst ernährte, und der täglich berauschte Pferdehändler fing an, mit uns
wie mit Pferden umzugehen: er sagte uns geradezu, dass er weder Menschen noch
Vieh im Hause dulden könnte, das sein Futter nicht verdiente, und seine
naseweisen Töchter, die das Regiment im Hause hatten, muteten uns Mägdearbeit
zu. Sie argwohnten meine Umstände, und ihr Spott wurde so unbarmherzig beissend,
dass er mir am Leben frass.
    Mit Schwachheit, Kummer und Schmerz, halb mit dem Tode ringend, schlich ich
zu dem Vater des jungen Menschen, der uns hieher begleitete, entdeckte ihm mit
Tränen meine traurige Geschichte, ohne einen Umstand zu verbergen, und bat ihn
um seinen Beistand, bloss um die Vergünstigung, meine Bürde in seinem Hause
abzulegen und mein Leben in seine Hände auszuhauchen. - »Brich dem Hungrigen
dein Brot!« sprach der Prediger nach einer kleinen Pause, »ich will Sie
aufnehmen.« - So biblisch und gutgemeint sein Kompliment war, so kränkte es mich
doch so empfindlich als eine abschlägige Antwort. Die wenigsten Menschen wissen
auf eine gute Manier Wohltaten zu erzeigen; die Erfahrung hatte ich schon längst
gemacht, und meine Empfindlichkeit musste sich darunter schmiegen. Bei diesem
Prediger lebe ich nunmehr seit der Mitte des Februars, fühle mich durch Ruhe und
Pflege wieder ein wenig gestärkt, aber in immerwährender Demütigung. Bloss von
der Wohltätigkeit leben ist ein schrecklicher Gedanke, der mich täglich
beunruhigt, obgleich der Prediger und seine Frau mich gleich gütig behandeln:
aber ich kann mir denken, was sie sich denken, was sie sich sagen werden. Wenn
wir doch das müssige Geschöpf nicht ernähren müssten! ist ein Wunsch, den ich
besonders im Gesichte der Frau sehr deutlich lese, ob sie ihn gleich aus
Höflichkeit nicht hervorbrechen lässt; denn sie erkundigt sich täglich, wo ich
mich hinzuwenden gedenke, wenn ich nieder ... ich kann das niederschlagende Wort
nicht ausschreiben, das ich täglich hören muss: die Scham rückt mir die Feder
weg. O Heinrich! was für ein schöngefärbter Regenbogen einer schwarzen Wolke ist
die Liebe! Mit den täuschenden Farben der Einbildung und ebenso täuschenden
Worten verbirgt man sich ihre wahre Gestalt und zürnt schon, wenn nur jemand in
der gewöhnlichen Sprache von ihr redet. Wir dünkten uns ganz anders zu lieben
als die übrigen Sterblichen; und wir liebten wie sie alle: unser Gefühl schien
uns englisch, überirdisch, und wir empfanden und handelten, ohne es zu glauben,
nur menschlich. Seit jener unglückseligen Nacht ist der Regenbogen vor meinen
Augen verschwunden, und nichts steht mehr da als finstere dicke Wolken, in
welchen er sich bildete.
    Was mich in meinem Elende noch aufrichtet, sind die guten Nachrichten, die
mir der Predigerssohn von Dir verschafft hat. Auf mein Verlangen musste er einige
seiner Freunde in Leipzig antreiben, die sorgfältigste Erkundigung von Dir
einzuziehen, und alle Berichte widerlegen die böse Meinung, die mir der junge
Mensch im Zorn über seinen Verlust von Dir beigebracht hat. Du spielst, doch
ohne Betrug und Unredlichkeit: das Glück wirft Dir Reichtum mit vollen Händen
zu: Du lebst in der Freude und dem Wohlergehn, doch ohne ein ausschweifender
Trunkenbold zu sein: auch von den Ausschweifungen der Liebe spricht man Dich
frei: Du wendest Deinen Gewinst zur Freigebigkeit und Wohltätigkeit an, und
selbst einer von denen, die von Deiner Lebensart Nachricht einziehen sollten,
hat von Deiner Güte mehr als einen Beweis erfahren: wohl Dir! und wohl mir, dass
mein Herrmann sich meiner Liebe nicht unwürdig machte! Mich haben alle diese
günstigen Berichte erfreut, als wenn sie lindernden Balsam in meine ganze Seele
gössen.
    Da Du noch der vorige Herrmann bist, so kann Ulrike Deinem Herze durch Dein
Glück nicht fremd geworden sein, und sie darf Dich dreist um eine Wohltat
bitten: wenn ich einmal Wohltaten empfangen soll, so sei es von Dir. Bezahle den
Leuten, wo ich jetzt wohne, für Tisch und Wohnung, soviel Dir gut dünkt, von der
Mitte des Februars bis zu Ende des Mais: es sei ein Geschenk, ein Almosen, das
Du mir reichst, damit ich nur den Gedanken von mir entfernen kann, dass ich von
dem Almosen fremder Personen lebe: diese Vorstellung verbittert mir jeden
Bissen. Bis zu Ende des Mais sage ich darum, weil die Stunde, die mich meiner
Bürde entladet, auch meine Sterbestunde sein wird: ich bin so gewiss, so fest
hiervon überzeugt, dass der Tod gegenwärtig mein einziger Gedanke und mein
einziges Gespräch ist. Mein unaufhörlicher Kummer, seitdem ich aus Berlin bin,
hat mich langsam dazu vorbereitet, und meine Schwäche ist so gross, dass ich an
diesem Briefe wenigstens drei Wochen geschrieben habe, um nur die besten,
heitersten Stunden dazu auszusuchen. Muss ich die Offenbarung meiner Schande
überleben, so nimm Dich meiner an! Von Gott und Menschen verlassen, in wessen
Arme soll ich mich werfen als in die Deinen, in welchen meine Unschuld starb? -
Geniesse Deines Glücks, lebe für Freude und Ehre, wenn es Dein Schicksal will,
ändre meinetwegen nicht eine einzige Deiner Absichten! Ich vermute, dass Dir das
Spiel nur dienen soll, um Dir fortzuhelfen: wenn Du Dir also eine Bahn
vorgezeichnet hast, die Du mit Deinem erworbnen Vermögen antreten willst, so
gehe sie, ohne meiner zu achten! Von diesem Augenblicke an will ich für Dich tot
sein, ich mag sterben oder leben: meine törichte Liebe hat Dich bisher von aller
Vorbereitung zu Deinem künftigen Glücke abgehalten, sie soll es nicht länger,
weil es noch Zeit ist. Ich will auf dem Lande in der Einsamkeit den Rest meines
jungen Lebens hinbringen, mich mit Arbeiten nähren, und nur dann, wenn mein
Kummer mich krank und untüchtig zur Arbeit macht, nur dann stehe mir bei! Ich
habe Dich freilich, wie mir einst Schwinger schrieb, in eine Grube gezogen, wo
Du verschmachten konntest: aber räche Dich nicht! Ich sprang in die Grube und
zog Dich mit mir hinein, aber Dir half das Glück heraus, und ich schmachte noch
darin. Den Ring, den ich Dir in der süssesten Trunkenheit der Liebe unter dem
Baume an den Finger steckte, den Du mir mit edlem Zorne über den vermeinten Fall
meiner Tugend in Berlin wiedergabst und mit einem Kusse nach unsrer
Wiederversöhnung von mir zurücknahmst - trag ihn zum Andenken der
unglücklichsten Liebe! Selbst wenn nach meinem Tode dereinst ein glücklicheres
Mädchen Dich besitzt, dann schäme Dich seiner nicht! Ich habe schon der Hedwig
auf das Leben anbefohlen, dass der Deinige an den nämlichen Finger, den er itzo
ziert, mit mir ins Grab gehen soll, damit ich als Deine Braut im Sarge liege.
    Wird meine Hoffnung, zu sterben, erfüllt, so komm einmal zu meinem Grabe,
eh' es unkennbar wird! Das modernde Mädchen kann freilich Deinen Seufzern nicht
antworten oder mit Deinen Tränen die ihrigen vermischen; aber die Vorstellung
ist süss, ungemein süss, mir Dich hingeworfen auf den Hügel zu denken, unter
welchem ich als Deine Braut liege - und wie dann die dürre Erde, mit welcher ich
mich vermischen soll, Deine Tränen in sich trinkt; wie das geliebte Herz, das
ich so oft unter meinen Händen schlagen fühlte, dem meinigen so nahe, sich mit
dumpfen Schlägen in den Boden hineindrückt und Deine ausgebreiteten Arme den
Staub umschliessen, zu welchem ich geworden bin.
    Verzeihe dem unbesonnenen, guterzigen Mädchen, dass es Dich liebte! Lieben
musst ich Dich, und wenn es die unverzeihlichste Sünde gewesen wäre. Meine Tante
bat mich um Gottes willen, von meiner Liebe abzulassen: ich verschmähte eine so
teure Bitte, setzte ihr einen fürchterlichen Schwur entgegen, und der Schwur
wurde zum schleichenden Gifte, das mein junges Leben tötete, als es kaum anfing.
    O Liebe! Liebe! Wenn Offenbarungen dich in deiner ganzen Gestalt dem
empfindungsvollen Mädchen kundtäten, noch wenn sie an der Mutter Brust liegt -
welche Fehltritte könnten sie sparen! Mich pflückte itzo nicht der Gram wie eine
junge Maiblume: ich riss gestern eine auf der Wiese hinter der Pfarrwohnung aus -
Gott! wie war es anders mit mir, als ich auf der Wiese hinter des Onkels Garten
sie ausriss! wie anders, als ich sie in Dresden in den Gärten aufsuchte! Damals
schwebte ich noch auf den lichten Silbergewölken der Einbildung im Sonnenscheine
der Liebe. - Ich steckte gestern das frisch ausgerissne Blümchen an meine Brust,
und in wenigen Minuten senkte es das zarte Haupt und verwelkte. So früh? dachte
ich; und doch ist das Ende des Maies noch nicht da!
    So früh! schon am Ende des Maies soll ich mein Haupt senken und verwelken!
    Ich küsse dieses Blatt statt Deiner, und wenn der Sarg meine Brautkammer
wird, dann lies hier noch einmal mein Lebewohl! lass ein paar Tränen, wie sie
jetzt aus meinen Augen auf die erlöschenden Buchstaben herabtröpfeln, auf meinen
Namen fallen und wünsche meiner Seele die Ruhe, die ich im Leben nicht
wiederfinden konnte!
    Die Angst, wenn sich der Faden des Lebens von meinem Herze losreissen wird,
kann nicht schwerer sein als die meinige, indem ich diesen Brief schliessen soll:
die Hand bebt mir - die Ohren brausen - es sprengt mir das Herz - Gott! welche
Beklemmung.
Sie ist vorüber: die Liebe schied von meiner Seele. Die Unschuld verwelkte, und
der Stengel, der die schöne Blume trug, verdorrte.
    Wenn am Ende des Mais ein leises Röcheln Dich im Schlafe stört oder eine
erlöschende Stimme am Bette Deinen Namen stöhnt oder im Traume ein blasses
Mädchen im Sterbkleide vor Dir steht, dem Kummer und Reue noch aus den
entseelten Zügen sprechen, das traurig den Kopf senkt, bänglich seufzt und
verschwindet; dann denke: - jetzt starb, die mich liebte wie keine, meine
                                                                         Ulrike.
Herrmann, dem die Tränen in grossen Tropfen über das bestürzte Gesicht
herabschossen, sprang aus dem Bette und lief, wie er war, in Arnolds
Schlafkammer, der noch tief schnarchte, weckte ihn hastig, legte ihm den Brief
hin. - »Da! lies!« rief er, »ich muss fort, gleich fort!« - Mit der nämlichen
Hastigkeit rennte er wieder von ihm, kleidete sich an, packte mit Hülfe seines
Pommers ein, bestellte Postpferde, bezahlte und kassierte Schulden ein, vergass
Essen und Trinken und kam eben nach Hause, als Arnold zu Tische gehen wollte.
    »Ich will dich begleiten«, fing dieser an. »Der Brief hat mir wunderbare
Gedanken in den Kopf gebracht. Wir sind doch wahrhaftig beide des Hängens wert,
sitzen da und spielen und fressen und saufen und lassen uns wohl sein wie ein
paar Brüder des Bacchus, und unsre armen Mädchen hungern und kümmern sich
unterdessen, dass ihnen die Seele ausfahren möchte! Weisst du, was ich mir
vorgenommen habe?-Ich will meine Adolfine, Lisettens Schwester, heiraten. Ich
habe über dem verdammten Spielen das arme Tier ganz vergessen. Ich will mit dir
reisen, will mir für das Geld, das ich beisammen habe, ein Gütchen kaufen, mit
meiner Adolfine auf dem Lande leben und zeitlebens weder Karte noch Würfel mehr
anrühren. Ist das nicht auch deine Meinung?«
    Herrmann. Allerdings! Wohl mir, dass ich den Plan nunmehr ausführen kann, den
ich mir gleich anfangs machte, als ich in deine Bekanntschaft geriet! Wie hat
mich bei allem Unglücke das Schicksal so lieb! Es gibt mir Geld, dass ich meiner
Ulrike mit Hülfe und Beistand zueilen und sie fast von dem Tode selbst befreien
kann. Die minute nach meiner Ankunft bei ihr soll sie mein werden, ohne Onkel
und Tanten, Vater oder Mutter darum zu fragen. Mein soll sie werden: wie zwei
Menschen aus der goldnen Zeit wollen wir auf dem Lande zusammen leben und im
Schweiss des Angesichts mit patriarchalischer Freude unser Brot essen, wie
Menschen es essen sollen. Findest du nicht, dass ich der glücklichste Mensch
unter der Sonne bin? Ich wüsste gar nicht, was mir fehlte: Und du, Freund, wirst
mein Nachbar! Wie froh, wie überglücklich wollen wir des Abends nach geendigter
Arbeit und Sorge in unserm stillen Dörfchen unter den Bäumen oder auf dem Steine
vor der Tür beisammensitzen und in nachbarlicher Vertraulichkeit schwatzen,
schäkern und lachen, unsre Weiberchen neben uns oder auf dem Schosse! oder in den
langen Winterabenden, wenn bei der düstern Lampe Hausmütter und Mädchen im
Zirkel dasitzen und spinnen und mit lustigen Erzählungen und lautem Gelächter
die schnurrenden Räder überstimmen, wie freundschaftlich wollen wir dann am
Tische sitzen und dem fröhlichen Getümmel zuhören und durch unser Gespräch
Lustigkeit und Gelächter vermehren! Endlich hab ich dann die längst geträumte
und gewünschte Glückseligkeit, ein stilles ländliches Leben mit Ulriken zu
teilen; und nach dem langen Kummer, wie wird ihr das kleine Glück, das ich ihr
verschaffe, doppelt süss schmecken! Sie glaubt zu sterben? - nein, Ulrike, ich
bringe dir das Leben! -
    In einem so entusiastischen Tone fuhr er lange fort, seinem Freunde Szenen
ihrer künftigen Glückseligkeit vorzumalen; und in der ersten Aufwallung seiner
schwärmenden Freude ging er so weit, dass er sich auf der Stelle die Haare
abstutzen liess, einen runden Hut kaufte, die Kleider, die für den Stand des
Landmanns nicht passten, verschenkte und nur einen einfachen Tuchrock zum
Sonntagskleide und einen Überrock zur alltäglichen Kleidung behielt: er wollte
ganz mit Leib und Seele ein Landmann werden, wie er nach seiner träumerischen
Idee sein musste, und entfernte deswegen alles unter seinen Habseligkeiten, was
nur im mindesten die Miene des städtischen Luxus hatte: was er nicht verkaufen
oder vertauschen konnte, wurde verschenkt.
    Die Pferde waren zwar gleich nach Tische bestellt, allein Arnold nötigte
ihn, sie wieder absagen und erst auf den Abend kommen zu lassen. Sie kamen zur
bestimmten Zeit: Arnold war den ganzen Nachmittag nicht nach Hause gekommen,
weil er seine Angelegenheiten in Ordnung bringen wollte: auch jetzt fand er sich
nicht ein. Herrmann wurde ungeduldig und lief auf das gewöhnliche Kaffeehaus,
ihn dort zu suchen, und fand ihn in voller Arbeit am Spieltische. »Reise nur!«
sagte Arnold, »ich sitze eben im Verluste: sobald ich wieder heraus bin, komm
ich dir nach.«
    Herrmann nahm von dem Tempel des Spiels ungern Abschied: aber eine höhere
Gotteit zog ihn nach sich; und er reiste ohne Zögern ab. Seine Freigebigkeit
gegen die Postknechte war so ausserordentlich, dass sie aus Dankbarkeit weder
Pferde noch Wagen schonten, sondern die Gäule in einem Trabe dahinrennen liessen:
viertausend und etliche hundert Taler, die er im Kuffer hatte, schienen ihm eine
so unversiegbare Quelle, dass ihm alles zu wohlfeil vorkam.
 
                                Zweites Kapitel
Zwo Stationen vor dem Ende seiner Reise sah er einen Mann, dessen Figur
ausserordentlich viel Bekanntes für ihn hatte, den jungen Burschen gebieterisch
kommandieren, der seinen Kuffer auf den Wagen packte: über eine Weile drehte
sich der Mann nach dem Fenster hin, wo ihn Herrmann beobachtete. - Das ist mein
Vater! sagte sich dieser und wollte eben Anstalt machen, Erkundigung einzuziehn,
als der nämliche Mann in einem gelben Postrocke hereintrat und sein Packgeld
foderte: er stutzte, da er Herrmanns Gesicht erblickte, dass ihm das Wort
zwischen den Lippen starb. »Herrmann! mein Vater!« rief der Sohn und flog auf
ihn zu, seine Hände zu fassen: aber der Alte wehrte ihn von sich ab. - »Geh! du
stolzer Halunke: ich kenne dich nicht: ich kenne keinen Sohn, der mich
verachtet.«
    Er wollte gehn, aber Herrmann zog ihn mit der äussersten Gewalt zurück. -
»Ich muss von meinem Vater für seinen Sohn erkannt werden: eher reise ich nicht
von der Stelle«, rief er.
    Der Vater. So kannst du bleiben bis zum Jüngsten Tage. Bist du etwa in Not,
dass du mich itzo kennst, du Schandbube? - Du hast mich in Berlin verleugnet, da
ich dich brauchte: jetzt mach ich's wieder so. Ich bin versorgt ohne deine Hülfe,
du hochmütiger Affe; ich habe mein Brot: suche dir deins! Geh mir aus den Augen!
    Der Sohn. Aber, liebster Vater, nur ein Wort! Meine Vergehung in Berlin war
nicht meine Schuld: die Reue darüber hat mich genug gefoltert. Aus blosser Reue,
um meine schändliche Verleugnung wieder gutzumachen, aus kindlicher aufrichtiger
Liebe biete ich meinem Vater die Hand zur Versöhnung. Ich bedarf keine Hülfe:
ich habe alles vollauf: ich biete Ihnen an, soviel Sie wollen, soviel Sie
bedürfen, ich will gleich den Kuffer öffnen und vor Ihnen alles ausschütten:
nehmen Sie, nehmen Sie davon, was Sie brauchen!
    Der Vater. Denkst du, Hasenkopf, dass ich meine väterliche Liebe für Geld
verkaufe?
    Der Sohn. Nein, das ist gar nicht der Bewegungsgrund: bloss um Ihnen zu
beweisen, dass mich nicht die Not dringt, Ihre Verzeihung zu suchen; dass ich mein
schändliches Leben in Berlin mit der heissesten Reue missbillige; dass ich nicht
der Unmensch bin, der sich seines Vaters schämt, sondern dass eine fremde Gewalt
mich dazu zwang - bloss darum fleh ich um Verzeihung. - Vater, ein versöhnendes
Wort!
    Der Vater. Da! schlag ein, du Halunke! es mag dir diesmal hingehn, weil du
nicht mehr so vornehm aussiehst wie in Berlin. Ja, wenn ich nicht gar zu böse
auf dich gewesen wäre, so hätt ich dir gleich die Hand auf das erste Wort
gegeben, so gefällst du mir itzo in dem Aufzuge. Ein allerliebster Kerl bist du
in den abgestutzten Haaren und dem runden Hute. So wahr ich lebe! ich habe gar
nicht gedacht, dass mein Junge so hübsch ist: - ja, ich will dir's vergeben, weil
du so hübsch um die Haare gehst. - Aber du gottlose Brut! willst du denn etwa
deinen Vater wieder so trocken abspeisen wie in Berlin! den Augenblick nehm ich
meine Vergebung zurück, wenn du nicht auftragen lässest! -
    Der Sohn flog sogleich hinaus und bestellte alles, was zu haben war, in dem
reichlichsten Überflusse. Sie setzten sich: der Vater zog sein schwarzes
Pfeifchen aus der Tasche, schlug Feuer an und rauchte. - »So gefällt mir's«,
sprach er dampfend, »dass wir so hübsch vernünftig beisammensitzen können. In der
schönen Stube der hochgetürmten gelbschnäblichten Madam in Berlin hätt ich nicht
für meine Sünden sein mögen: das war ein Hundeleben; und mich gar zur Tür
hinauszujagen! - Siehst du, du gottesvergessner Bube? weil du deinen Vater
verleugnetest, hab ich die Leute ansprechen müssen: von Berlin bis nach Leipzig
hab ich mich gebettelt, bis mich ein Kaufmann aus Hamburg mit sich nahm und mir
in seinem Hause eine Versorgung geben wollte: da wir hieher kamen, hörte ich,
dass hier im Postause der Packmeister gestorben war, und weil sie mich brauchen
konnten, zog ich den gelben Rock an und blieb hier. Bist du nicht der Hölle
wert, du ungeratner Sohn, dass du deinen Vater in solche erbärmliche Umstände
kommen lässt?«
    Der Sohn. Mein Herz zerschmilzt vor Betrübnis darüber: aber, ich gebe meine
Seele zum Unterpfande, mein Herz blutete, indem ich dem grausamen Befehle, Sie
nicht zu erkennen, gehorchte. -
    Er erzählte hierauf die Begebenheit, soweit es zu seiner Rechtfertigung
nötig war, und lag dem Alten inständig an, seinen Platz zu verlassen und ihm zu
folgen: das wurde gerade abgeschlagen. Der Sohn verdoppelte seine Bitte,
berichtete die Absicht seiner Reise und seinen künftigen Plan, doch ohne
Ulrikens zu gedenken. »Ich mag nicht deiner Gnade leben«, antwortete der
unerbittliche Alte. Der Sohn liess seinen Kuffer in die Stube holen und schüttete
ihm Geld hin. - »Packe dein Geld ein!« sprach der Alte plötzlich, indem er den
Kuffer durchwühlte und einen weissen abgedankten Überrock fand, der schon einige
Zeit zum Puderkleide gedient hatte. »Wenn mir der weisse Rock passt, will ich mit
dir gehn.« - Er machte einen Versuch, und da er ihn für seinen dürren Körper
recht geräumig fand, rief er auf einmal voll Freuden: »Junge, ich geh mit dir:
komm! mache mir so einen hübschen Kopf, wie du hast: wir leben und sterben
zusammen.«
    Der Sohn musste ihm die Haare verschneiden, einen runden Hut für ihn
zurechtmachen und vermittelte bei dem Postmeister seine Entlassung: sie reisten
zusammen fort, und der Alte war so vergnügt über seinen neuen Kopfputz, dass er
sich in jedem Wasser besah, durch welches sie fuhren.
    Herrmann, als sie in dem Dorfe ankamen, aus welchem Ulrikens Brief
geschrieben war, fuhr gerade vor die Pfarrwohnung, stieg ab, ging hinein: es war
niemand als eine Magd zu Hause, die ihn mit seinem Vater in eine Stube wies und
ihre Herrschaft aus den Wiesen zu rufen versprach. In der Stube stund ausser den
gewöhnlichen Möbeln nichts als ein grosses, altväterisches Himmelbette mit
zugezognen kattunen Vorhängen. Langeweile und Ungeduld trieb ihn an, die Sachen
in der Stube zu betrachten: besonders zogen die bunten Bettvorhänge, wo auf
einem dunkelblauen Grunde eine Menge weisser Israeliten ungeheure Weintrauben an
Stangen aus dem gelobten Lande trugen, seine Aufmerksamkeit auf sich: die
grotesken Figuren reizten seine Neubegierde, auch die inwendige Verzierung des
Bettes zu untersuchen, er schlug die Vorhänge zurück und fand ein schlafendes
Frauenzimmer darin - ein bleiches, abgezehrtes Gesicht, aus welchem selbst im
Schlafe der Kummer sprach: die dürren, fleischlosen Hände lagen kreuzweise
übereinander auf dem Bette, gerade als wenn sie im Sarge daläge. Herrmann,
sowenig er Ulriken in ihr erkannte, zweifelte doch keinen Augenblick, dass sie es
wäre. - Wenn dir ein blasses Mädchen im Sterbekleide vor dem Bette erscheint,
dem Kummer und Reue aus den entseelten Zügen sprechen; dann denke: jetzt starb
meine Ulrike! - Diese Stelle fiel ihm sogleich bei ihrer leichenmässigen Lage aus
ihrem letzten Briefe ein: bestürzt legt er leise die Hand auf ihr Herz, um zu
fühlen, ob es noch schlage, empfand zu seiner Freude unter seinen Fingern matte
langsame Schläge, wollte die Hand zurückziehn, um die Schlafende nicht durch
seinen plötzlichen Anblick zu erschrecken, wenn sie etwa erwachte, und liess sie
immer liegen, wollte gehen und blieb da, mit banger Wehmut in ihre traurige
Miene vertieft. Plötzlich fuhr sie im Schlafe zusammen, als wenn sie ein Traum
schreckte: er wollte entfliehen, aber es war zu spät: ihre Augen standen schon
offen, ehe er die Hand zurücknehmen konnte. Sie sah ihn einige Zeit starr an,
als ob sie seine Erscheinung für einen Traum hielt, und kaum öffnete er die
Lippen zu einem leisen »Ulrike«, als sie ängstlich seufzte: »Gott!« und tief ihr
Gesicht in die Betten verbarg.
    »Wende dich nicht von mir, Ulrike!« sprach Herrmann mit aller möglichen
Sanfteit der Stimme, die ihm seine kochende Empfindung zuliess. »Ich komme als
dein Helfer, als dein Retter, will dein Herz seines Kummers entladen und ihm
Freude und Ruhe wiedergeben, die ich dir nahm. Wende dich nicht von mir! Der
Sarg soll nicht deine Brautkammer werden. Sieh! er ist da, den du liebst, und
beut dir seine Hand, um dich aus den Armen des Todes zu ziehn. Er ist da und
weint die Tränen aus Freude, die er um deinen Tod auf deinen Namen strömen
sollte! Er ist da und wartet auf deinen Blick: warum verbirgst du ihn mir?«
    Er hörte sie in das Bette hineinschluchzen und mit leisen abgebrochnen Tönen
sagen: »Verlass mich, dass ich mich erhole!« - Er gehorchte, machte die Vorhänge
fest zu und ging aus der Stube zu seinem Vater, der im Hofe stand und ein
Pfeifchen rauchte. Der Alte erstaunte, dass er die Pfeife auslöschen liess, als
ihm der Sohn Ulrikens Gegenwart und sein Vorhaben, sie zu heiraten, entdeckte:
er hielt ihn für verwirrt; denn er wusste von seiner Geschichte weiter nichts,
als was auf dem Schloss des Grafen vorgefallen war, und auch dies hatte er
schon längst vergessen. Der Sohn brauchte alle Mühe, ihn zu überzeugen, dass er
bei völligem Verstande sei: er entdeckte ihm in verhüllten Worten den
bedenklichsten Punkt der Geschichte. - »Was?« fuhr der Vater mit herzinniger
Freude auf, »das Mädchen ist schwanger? Du verdammter Hund! so bunt hat's ja
dein Vater nicht gemacht. Erleb ich die Freude so zeitig, dass ich Grossvater
werde? - Über den Zeisig!« -
    Indem seine Freude über die unvermutete Grossvaterschaft sich noch in vollem
Strome ergoss, langte die Gesellschaft aus den Wiesen an, die Pfarrfrau voran,
Herrmann ging auf sie zu, dankte ihr für Ulrikens Aufnahme und benachrichtigte
sie, dass er gekommen sei, ihr die gehabte Bemühung zu vergelten und sie davon zu
befreien. - »Ach, sind Sie der -?« fragte die Pfarrfrau mit einer scheelen
Miene. Ihr Herr Sohn hatte kaum Herrmanns Gesicht erblickt, als er erschrak und
furchtsam sich hinter seine Mutter stellte, um dem Menschen nicht in die Augen
zu sehn, der ihm sein Geld abgewonnen hatte. Zuletzt unter allen kam auch
Fräulein Hedwig herangewackelt und schrie laut, da sich Herrmann nach ihr
hindrehte. »Ach, du liebes Väterchen im Himmel!« fing sie an, »sind Sie denn
wirklich in propriis figuribus da? Bewahre mich mein Gott! das ist ja wie dort
bei dem Virgilio Marus, da Ulysses seine Penelopam in Kindesnöten wiederfindet.
Das wird eine Freude sein. Haben Sie denn das arme Rik-chen schon gesprochen?
Das liebe Mädchen ist so krank, sie kann nicht aus dem Bette. Hab ich's euch
nicht immer gesagt, da ihr noch jung wart, ihr solltet nicht so frei reden und
jede Sache deutsch nennen? Aber da hatte der hochweise Herr Schwinger beständig
etwas einzuwenden: da musste man euch allen Willen lassen, und wenn Ihr euch in
einem Tage hundert Gages d'amour gegeben hättet; da sollte die Liebe durch
Hindernisse und Verbote nur wachsen: ja, sie ist gewachsen! Nun kömmt dem
überklugen Herrn der Glaube in die Hände. - Ach, die Mannspersonen! das sind
doch leibhafte Bestiae ferocis, wie sie mit den armen Mädchen umspringen. Es ist
auch gar kein Erbarmen.«
    Über diesem Geschwätze waren sie in die Stube gekommen, wo Ulrike lag.
Hedwig watschelte sogleich zu dem Bette, auch die Pfarrfrau ging hin. »Rikchen,
sehn Sie doch, wer da ist! Du liebes Gottchen, sehn Sie doch! er ist ja da! er
will Sie heiraten«, rief Hedwig. - »Heiraten, mein trautes Töchterchen!«
unterbrach sie die Pfarrfrau. »Nicht sterben, mein Lämmchen! Heiraten!
heiraten!« -
    So bestürmten sie beide die arme Kranke mit unaufhörlichem Gewäsche und
brachten es endlich so weit, dass sie sich umdrehte und noch um einige Minuten
Geduld bat, ehe sie Herrmanns Blick ertragen könnte: man liess sie in Ruhe.
Herrmann erzählte seinen ganzen Plan, und alle billigten ihn ausserordentlich.
Die Pfarrfrau, die ungemeine Liebhaberin vom Heiraten war und nur deswegen ihre
anfängliche scheele Miene verlor, weil Herrmann Hochzeit machen wollte, rechnte
ihm schon alle Unkosten der Trauung und des Hochzeitsschmauses vor, belehrte ihn
über das Zeremoniell, ordnete schon die Schüsseln auf der Tafel, setzte die
Gäste nach der Rangordnung um sie herum und holte ein hohes Sieb herbei, um ihm
das Mass des Brautkuchens zu zeigen, und meldete mit innigem Vergnügen, dass ihr
eigner in dieser Form gebacken worden sei. Fräulein Hedwig wurde über diese
seelerfreuenden Anstalten so betrübt, dass sie ans Fenster trat und den Schmerz
über ihre zweiundfunfzigjährige Jungfernschaft, für welche sich
wahrscheinlicherweise keine Abnehmer erwarten liessen, in häufigen Tränen
ersäufte, wiewohl sie vorgab, dass sie aus Rührung über das unverhoffte Glück der
jungen Leute weinte. Der alte Herrmann verwarf alles, was die Pfarrfrau
vorschlug, als unnütze Alfanzereien und wäre beinahe über die Grösse des
Brautkuchens in einen Zank mit ihr geraten; aber wenn sie einmal über einen
Punkt einstimmten, dann gaben sie einander die Hände und lobten sich, dass sie so
gescheite Einfälle hatten: die Pfarrfrau erinnerte zwar hie und da mit
bedenklichem Achselzucken, dass es viel kosten werde: »Aber«, setzte sie hinzu,
»es muss sein; und man macht ja nicht alle Tage Hochzeit; und zudem reut mich
kein Geld weniger, als was mich meine Hochzeit gekostet hat.« - »Ach, der Junge
hat Geld!« unterbrach sie der alte Herrmann, »Geld in Menge! Sie können
fürstlich zusammen leben. Wenn nun der Teufel nur auch meine Nille herbeiführte!
Das Henkersweib würde schwänzen und trippeln, wenn sie die Hochzeitanstalten
mitmachen sollte: die würde schnattern und gackern und heulen vor Freuden! Für
unsre Ohren ist es ganz gut; aber ich wollt' ihr doch die Freude gönnen, wenn
sie nicht etwa mit dem christlichen Leinweber selber Hochzeit gehalten hat.
Nille, Nille! wenn ich das erfahre!«
    Herrmann stand, ohne zu reden, neben einem Tische, liess die Leute Anstalten
machen und dachte bei sich, keine einzige auszuführen; denn er wollte sich ohne
alle Feierlichkeiten, wo nicht den nämlichen Tag, doch den folgenden am Bette
mit ihr trauen lassen. Die Freude, die die Beratschlagung der Pfarrfrau und des
alten Herrmanns belebte, teilte sich endlich auch der Kranken mit: sie vergass
ihren Kummer, überwand ihre Scham, öffnete von Zeit zu Zeit die Vorhänge, um
nach ihrem Herrmann hinzuschielen, und liess sie hurtig wieder zufallen: sie
konnte sich nicht bezwingen: nach langem Kampfe mit sich selbst, da die
unendlichen Hochzeitsgespräche die Liebe wieder in ihr aufweckten und die Freude
sie dreist machte, steckte sie den Kopf durch die geöffneten Vorhänge und rief
leise mit bebender Stimme: »Heinrich!«
    Der Laut hatte kaum sein Ohr berührt, so eilte er zu ihr hin, kniete vor dem
Bette nieder und drückte ihre Hand feurig an seine Lippen: die Freude hemmte
beiden die Zunge.
    Ulrike. Kömmst du so zeitig, um auf meinem Grabe zu weinen?
    Herrmann. Nein, Ulrike, um dich aus dem Grabe zu reissen! Schmücke dich mit
Freude wie eine Braut! du bist es! du bist es!
    Ulrike. O Heinrich! das Ende des Mais, wenn die Frühlingsblumen sterben! da
wird dir der Tod eine pflücken -
    Herrmann. Keine solche finstern Gedanken! Unser bisheriges Leben war Tod,
solange uns das Unglück trennte: aber jetzt, jetzt beginnt es neu, frisch und
duftend wie ein junger Morgen.
    Ulrike. Ich kann mich des traurigen Gedankens nicht erwehren, dass ich
sterben werde. Heinrich, ich sterbe gewiss: alles, was ich nur anblicke, was ich
nur höre und empfinde, alle meine Sinne rufen mir zu: du stirbst!
    Herrmann. Phantomen des Kummers und einer entflammten Einbildung! Sind nicht
Tausende Mutter geworden, ohne dass sie starben? Warum sollte der Tod nur dich
auszeichnen?
    Ulrike. Aber keine stritt mit so langem Kummer, mit Reue, Schande und
Mangel. Meine Lebenskräfte sind ausgezehrt, mein Atem nur noch ein schwacher
Hauch: siehst du diese abgefallnen Hände, ein Knochengerippe mit Haut überzogen?
und du zweifelst noch, ob ich sterben werde? - Ich bin gefasst darauf: mein
glimmender Lebensfunke wird ein neues Leben anzünden und erlöschen. Das Bild des
Todes ist nicht aus meinem Gehirne gewichen, solang ich hier wohne: immer steht
das schreckliche Gerippe mit ausgeholter Sense vor mir, dass ich oft den Hals
ängstlich drehe und wende und jeden Augenblick denke: jetzt wird er dich wegmähen
wie eine Grasblume! Dort im Winkel seh ich seit drei Tagen, da ich vor Schwäche
nicht das Bett verlassen kann, meinen Sarg stehen - gerade wie der Sarg der
Sechswöchnerin, die man vorige Woche begrub -, braun mit silbernen Leisten! Wenn
das Tuch zum Essen auf den Tisch gebreitet wird, scheint es mir ein Leichentuch:
ich höre laut und feierlich mein Sterbelied singen, und jedesmal, wenn die
Kinder vor der Tür bei ihren Spielen ein Begräbnis aufführen, tönt mir ihr
Gesang so ernst, so melancholisch! - ich glaube alsdann schon im Sarge zu
liegen, die schwarzen Träger treten herein, um mich aufzuladen: tragt mich fort!
sprech ich weinend: nur sagt meinem Heinrich, wo ihr mich hinlegt! - O warum
kamst du, mich in meinen Todesgedanken zu stören?
    Herrmann. Nicht bloss stören, verscheuchen will ich sie! - Betrachte dich als
eine Auferstandne, von der Liebe aus dem Todesschlafe des Kummers erweckt! Diese
Hand, deren Druck die deinige erwärmt, bietet dir ein kleines Glück, das
freilich ein zufriednes Herz fodert, um ein Glück zu heissen! aber Ulrike, Liebe
und Mässigkeit sollen uns jeden Groschen verdoppeln, Freude den sparsamen Bissen
würzen und Zufriedenheit unsern Acker zum Königreiche machen. Wir werden durch
den Trauring vereinigt, sobald es deine Schwäche zulässt: ich kaufe ein kleines
Bauergut; und Ulrike, hat uns dann nicht der Himmel einen Wunsch gewährt, den
wir in jener Nacht der Liebe taten?
    Ulrike. Die Wonne ist zu gross, als dass ich sie glauben sollte: meine Brust
ist zu enge für sie. - Aber gewiss, Heinrich! ich werde sie nicht erleben, werde
vielleicht den ersten Morgenschimmer dieses Glücks sehen und sterben.
    Herrmann. Neu verjüngt leben, willst du sagen! Wir wollen ganz werden, wozu
die Natur den Menschen bestimmte - den Acker bauen und uns lieben! Bedenke,
welche herrliche Auftritte auf uns warten! Auftritte, so schön du sie dir nie in
deinem Arkadien auf dem Schloss deines Onkels dachtest!
    Ulrike. Die Freude wird mich töten, so gewaltig ergreift sie mein Herz bei
deiner Beschreibung. Du bist mir wie ein Bote des Lebens, der einem Gefangnen
auf Tod den finstern Kerker öffnet: wie eine Sonne hast du alle Bilder in meinem
düstern Gehirn erleuchtet: - Ach! wenn dies nur ein glänzender Traum wäre, den
der Tod hinwegraffte!
    Herrmann. Nennst du einen Traum, was man in der Hand hält? - So fest, so
wirklich, als meine Hand die deinige fasst, so wirklich fassen wir auch unser
Glück. - Welch ein Himmel, wenn unter den kleinen wirtschaftlichen Sorgen im
überfliessenden Genusse der Liebe und Wonne unser Leben dahineilt wie ein
freundschaftliches, muntres Gespräch! Wenn ich hinter dem Pfluge dahinschreite
oder den Samen für das künftige Brot ausstreue oder mit dir die Garben sammle
und einführe und dann in der Sonnenhitze deine Hand mir den Schweiss abtrocknet,
deine Hand mir den Trunk reicht, der mich laben soll! Wenn ich nur für dich
Beschwerlichkeiten trage, für dich säe, für dich ernte! Wie wird dieser Gedanke
alle meine Nerven anspannen, meinen Schultern die Last erleichtern und den
Händen das Grabscheit oder die schwere Hacke zum leichten Spane machen! - Wir
wollen ganz Landleute sein, wie es sich gehört, nicht wie faule Müssiggänger die
Arbeit fremder Hände geniessen, sondern mit unsern eignen unser Leben verdienen.
Keine Beschäftigung, keine Mühe soll für mich zu geringe, zu verächtlich sein:
du erleichterst den Kühen die hängenden Euter, streust reinliches Stroh auf ihr
Lager, schaffst aus der fetten Milch unsern labenden Nachtisch oder reichst sie
mir zum erquickenden Trunke in der hölzernen Schale; sammelst um mich herum das
duftende Futter der kleinen Herde, wie es unter meinem Sensenhiebe dahinfällt;
pflanzest, begiessest; und jede Arbeit, die wir zusammen verrichten, versüsst
muntres, fröhliches Gespräch. Schon seh ich dich wie eine geschäftige Hausfrau
im leichten, kurzen Unterrocke, mit aufgestreiften Armen, die Haare unter das
runde, verschobne Häubchen gesteckt, ohne städtischen Putz, in kunstloser
reizender Nachlässigkeit herbeieilen und das selbstbereitete Mahl auf dem
reinlichen hölzernen Teller mir vorsetzen, vor Betriebsamkeit kaum einen Bissen
ruhig geniessen, immer auf das fehlende Bedürfnis sinnen und schnell es
herbeischaffen, noch ehe man es vermisst: schon sitz ich neben dir des Abends
unter den Linden vor der Haustür und verzehre mit dir von deinem Schosse die
mässige Abendkost und trinke aus dem neben uns stehenden Kruge, heiter, frisch,
belebt wie die Luft, die um uns weht: wenn dann Nachbarn und Nachbarinnen sich
zu uns gesellen, sich um uns herum setzen und mit offnem, neugierigem Munde die
Geschichte der grossen Städte von uns hören und über die Fratzen, Torheiten,
Gebräuche und Bedürfnisse der vornehmen Welt wie über Seewunder lachen, vor
Erstaunen die Hände gen Himmel heben und glauben, wir erzählen ihnen kurzweilige
Märchen aus einem Fabelbuche! - Ich vermag sie nicht alle zu schildern, die
himmlischen Szenen, in so unzählbarer Menge eilen sie mir entgegen! - Unsre
Nachbarn werden uns lieben, weil wir sie lieben: wir stimmen uns allmählich zu
der Kindheit ihres Herzens und ihres Verstandes herab, beneiden, tücken,
verfolgen einander nicht, da ein jedes genug hat, weil es nur wenig braucht:
Zwang, Langeweile, Verdruss kennen wir gar nicht; und dann, Ulrike! in so
vertraulicher, harmloser, treuherziger Gesellschaft Liebe zu fühlen, wie wir sie
empfinden! nach so mannigfaltigen Verfolgungen, Mühseligkeiten, Hindernissen und
Qualen an der Brust der Liebe zu liegen und volles, reines, süsserquickendes
Entzücken, wie Kinder ihrer Mutter Milch, zu saugen! - Ulrike! kannst du noch an
den Tod denken, wenn sich dir ein solches Leben eröffnet?
    Ulrike. O Heinrich, du bist mir ein Engel, der aus rosenfarbnen Wolken Licht
und Feuer in meine bekümmerte Seele herabgiesst: deine Reden haben alle meine
Gedanken und Empfindungen über sich selbst erhöht: komm! fasse mich in deine
Arme, dass mir die Freude nicht die schwachen Nerven zerreisst! -
    Er fasste sie auf, als sie eben, entkräftet von der Wonne ihrer Einbildung,
zurücksinken wollte: schluchzend an seiner Brust, sprach sie einmal über das
andre: »So geht dann nunmehr der Traum meiner Kindheit in Erfüllung! so hab ich
dann nunmehr mein Arkadien, wie ich's in dem Garten meines Onkels mir träumte!«
- Ihre aufgebrachte Phantasie arbeitete so heftig, dass ihr Körper unter der
Anstrengung erlag: sie wurde so schwach, dass sie in Herrmanns Armen einschlief:
er legte sie sanft auf das Kopfkissen nieder und verliess sie.
    Die Pfarrfrau war unterdessen mit der übrigen Gesellschaft hinausgegangen,
um ihr den Platz in natura zu zeigen, wo das Hochzeitessen gehalten, wie die
Tafel gesetzt werden und wie die Gäste sitzen sollten; und Herrmann wartete
ungeduldig auf die Ankunft ihres Mannes, um mit ihm über die Trauung zu
sprechen: die Frau hatte vor Freuden, dass sie Hochzeitanstalten zu besorgen
bekam, schon etliche Male nach ihm geschickt, allein er sass bei dem Bader und
spielte mit ihm und dem Förster Kuhschwanz17, und die Partie war so ernstaft,
dass er sich unmöglich losreissen konnte. Endlich, nach der vierten Gesandtschaft
an ihn, langte er an: Herrmann trug ihm nach der ersten Begrüssung sogleich sein
Anliegen vor und bat, dass er ihn morgendes Tages mit Ulriken verbinden möchte.
Der Pfarr gab ihm zur Antwort: »Um getraut werden zu können, müssen Sie sich
erst dreimal aufbieten lassen: wollen Sie nicht dreimal aufgeboten sein, so
geschieht es nur zweimal! wollen Sie nicht zweimal, so geschieht es nur einmal:
wollen Sie auch nicht einmal, so geschieht es gar nicht.«
    Herrmann. Das ist ja gerade mein Wunsch.
    Der Pfarr. Wenn Sie gar nicht aufgeboten sein wollen, müssen Sie
Dispensation haben: wenn Sie Dispensation haben wollen, müssen Sie sich an meine
Vorgesetzten wenden: wenn Sie sich an meine Vorgesetzten wenden, müssen Sie
ihnen Geld geben, damit sie Ihnen Dispensation geben; und ehe Sie Dispensation
kriegen können, müssen Sie Ihren, Ihrer Braut, Ihrer beiderseitigen werten
Eltern Namen, Ihren beiderseitigen Geburtsort, Geburtsjahr und Zeugnis von dem
Pastore Ihrer beiderseitigen Geburtsörter beibringen, damit man sicher und
zuverlässig weiss, dass Sie mit Einwilligung Ihrer beiderseitigen werten Eltern
und ohne Schaden und Nachteil eines Dritten sich verlobt und versprochen haben.
Wenn Sie die Dispensation erlangt und bezahlt haben, ergeht an mich ein Befehl,
und wenn ein Befehl an mich ergangen ist, trau ich Sie, sobald Sie die
priesterliche Kopulation und Einsegnung begehren. Herrmann. Das ist ja ein
unendlicher Weg zum Ehestande.
    Der Pfarr. Anders geht es nicht; und wenn Sie eins von den genannten
Erfodernissen nicht gehörig beibringen können, so bekommen Sie keine
Dispensation, so darf ich Sie weder dreimal, noch zweimal, noch einmal
aufbieten, so werden Sie nicht getraut.
    Herrmann. Himmel! so sind die Gesetze noch grausamer als die grausamsten
Menschen!
    Der Pfarr. Ich habe die Gesetze nicht gemacht: wer die Gesetze gemacht hat,
machte sie zum Besten vieler tausend Menschen; und was für viele tausend
Menschen gut ist, kann um eines einzigen willen nicht aufgehoben werden.
    Herrmann. O zum Besten der Menschen, dass man mit den Zähnen knirschen
möchte! Priesterliche Gewinnsucht erfand sie, die Begierde, jede Handlung des
menschlichen Lebens zinsbar zu machen: Herrschsucht und Geiz brüteten sie aus,
und Aberglauben und Einfalt nahmen sie an.
    Der Pfarr. Das kann in der Kirchenhistorie wohl wahr sein: ich bekümmere
mich nur um das Gegenwärtige und lasse das Vergangne vergangen sein.
    Herrmann. Ich mag Ihre eitele Zeremonie gar nicht: unsre Herzen sind
zusammengeknüpft und werden es unzertrennlich bis in den Tod sein: - was vermag
die Hand eines Priesters dabei? - Wenn zween Willen sich vereinigen, dann geht
die Ehe an: wenn zween Willen sich trennen, dann hört sie auf. - Ich Tor! was
will ich mich durch einen leeren Gebrauch an meinem Glücke hindern lassen? - Wir
sind getraut: es bedarf Ihrer Hand nicht dazu. Hat uns das Unglück nicht genug
geängstigt, soll es auch noch ein eitler Gebrauch tun?
    Der Pfarr. Ja, in der Welt haben wir Angst. - Sie spielen ja wohl ein
Lomberchen?
    Herrmann. Ulrike ist von dieser Minute an meine Frau: sie soll bei und mit
mir leben, sobald ich eine Bauerhütte gekauft habe, die uns vor Wind und Wetter
schützt, und einen Acker, der uns nährt.
    Der Pfarr. Sie wollen sich ankaufen? - Bleiben Sie bei uns! werden Sie unser
Gerichtsherr! Das Gut wird subhastriert werden. Es war jammerschade um unsern
vorigen Herrn, dass er starb: wir werden so leicht keinen wieder bekommen, der so
gut Lomber spielte. Ich versichre Sie, er machte Bete oder Kodille, und wenn der
andre alle Hände voll Trumpf hatte. Es sollte mir eine Herzensfreude sein, wenn
Sie unser Gerichtsherr würden.
    Herrmann. Nein, so hoch steigen meine Wünsche nicht. Ein Bauer, ein
wirklicher leibhafter Bauer will ich werden, ein mittelmässiges Gütchen kaufen,
das mich und Ulriken durch unserer Hände Arbeit erhält.
    Der Pfarr. Sie ein Bauer? - Ein Bauer ist des lieben Gottes Esel, dem er
alle Säcke aufladet, die die übrigen Menschen nicht tragen wollen - geplagt vom
Morgen bis zum Abend, von der Wiege bis ins Grab: er muss geben für alle, und
jedermann will durch seine Arbeit oder seinen Schaden reich werden: verachtet,
bevorteilt, immer nur halb gesättigt, muss er sich sein Leben lang quälen, damit
es andern Leuten wohlgeht. Hat er sein Äckerchen mit Mühe durchwühlt, gesät,
geerntet, verkauft, dann trägt er sein gelöstes Geld zu Steuern und Gaben hin
und darbt oder lebt kümmerlich, bis er wieder ernten und geben kann: und noch
muss er die Zeit zur Bestellung wegstehlen: da gibt es Spanndienste, Handdienste,
Botdienste, Frönen, Hofdienste, Kriegsfuhren, Kammerfuhren und Gott weiss, was
weiter: viel geben, viel arbeiten und nichts haben, ist der Lebenslauf eines
Bauers.
    Herrmann. Unglücklicher Mann! Sind Sie denn bestimmt, meinen liebsten
Wünschen zu widersprechen? - Milzsucht und Menschenhass können nur so ein
finsteres Bild von dem glückseligsten Stande entwerfen, den die Menschheit
kennt: aber alle Ihre misantropischen Gemälde sollen mich nicht erschüttern:
mein Entschluss bleibt unverrückt.
    Der Pfarr. Mir soll es sehr gelegen sein: so bekomme ich mit meinem Herrn
Konfrater in der Nachbarschaft den dritten Mann zu einem Lomberchen; und kömmt
noch ein guter Gerichtsherr dazu, so spielen wir Quadrille, Trisett, Tarock mit
dem König, spielen Billard à la guerre, à la ronde oder wie Sie wollen: ich bin
bei allem. Bauergüter sind immer zu bekommen: unsre Bauern richten sich immer so
ein, dass man ihnen in zwei Jahren nichts mehr nehmen kann als die Haut: es
werden zwei oder drei Höfe im Dorfe zu verkaufen sein. -
    Herrmann freute sich ungemein über diese Nachricht und nahm sich vor, gleich
den folgenden Tag die verkaufbaren Bauergüter zu besehen und, wo möglich, den
Handel auf der Stelle zu schliessen. Die Pfarrfrau, als sie hörte, dass er keine
Hochzeit haben wollte, geriet in die äusserste Unruhe: sie stellte ihm viele
klägliche Beispiele von solchen selbstgemachten Ehen ohne Trauung und
Hochzeitschmaus vor und empfahl aus allen Kräften ein dreimaliges Aufgebot und
priesterliche Kopulation: sie bat ihren Mann angelegentlich, die Sache nicht so
genau zu nehmen, damit sie nur eine Hochzeit auszurichten bekäme: allein der
Pfarr war ebenso standhaft in seiner Pflicht als Herrmann in seiner Verachtung
gegen die Kopulation. In einer solchen Verlegenheit musste sich die gute Frau mit
dem Gevatterschmause trösten, den Ulrikens Umstände bald zu erfodern schienen,
und lag dem jungen Hausvater eifrigst an, die Anstalten dazu beizeiten durch sie
machen zu lassen. Auch Ulrike verfiel in keine geringe Betrübnis, als sie die
Unmöglichkeit einer gesetzmässigen Verbindung erfuhr, wenn sie nicht durch die
Anzeige ihrer Abkunft sich der Gefahr aussetzen wollte, entdeckt zu werden und
in Untersuchung zu kommen: doch Herrmann beruhigte sie, trat zu ihrem Bette und
sprach: »Ulrike, wir sind getraut, durch stärkere Fesseln verbunden, als ein
Priester verbinden kann. Zum Zeichen unsrer ewigen Treue trag ich hier am
emporgehaltnen Finger den Ring, womit du unter dem Baume im Garten deines Onkels
ihn schmücktest: zum öffentlichen Bekenntnisse deiner Liebe trägst du den
meinigen: ihr insgesamt, Vater, Freund und Freundinnen, seid Zeugen, und noch
mehr das Wesen, das den Meineid bestraft, dass ich hier dieser lieben Seele
eheliche Treue und Liebe bis in den Tod angelobe; und wer sie bricht, den treffe
der Fluch des Himmels, solang ein Gedanke in ihm lebt! Dieser Kuss besiegele
unser Versprechen. - Nun sind wir getraut: welcher Zeremonie bedarf es weiter?«
    Den Tag darauf betrieb Herrmann sein vorgenommenes Geschäfte mit seiner
gewöhnlichen Hitze: er schloss den Handel, sosehr sich auch der Pfarr
dawidersetzte, und viel weniger vorteilhaft, als er tun konnte, wenn er nicht
mit Leidenschaft kaufte. Er liess sich von einem erfahrnen Landmanne in den
Geheimnissen der Wirtschaft unterrichten, lernte von ihm den Pflug regieren,
säen, eggen und die übrigen ländlichen Verrichtungen: der Bauer hatte noch nie
einen so gelehrigen Schüler gehabt, der mit so vieler Lust und Emsigkeit an
seine Lektion ging. Wenn ihn der Pfarr des Abends zu einer Partie Piquet
aufsuchte, sass er bei drei, vier Bauern und liess sich in der ökonomischen
Klugheit unterweisen: der Unterricht war angenehm und fruchtbar, obgleich die
schlechte Metode und der verworrne Vortrag der Lehrer ihn nötigte, alles durch
Fragen aus ihnen herauszuziehn und deutlich zu machen. Er schaffte die nötige
Gerätschaft, Hausrat und andre Bedürfnisse an, baute in seiner neuen Wohnung,
soviel sich in der Geschwindigkeit tun liess, und machte die häuslichen
Einrichtungen mit Hülfe der Pfarrfrau, die vor Vergnügen über diese
Geschäftigkeit um zehn Jahre jünger wurde. Die beiden Leute taten alles mit
einer Heftigkeit, als wenn sie in vierundzwanzig Stunden fertig sein wollten:
Herrmann rennte die Treppe hinauf, die Pfarrfrau hernieder, sie stiessen mit
Armen und Köpfen zusammen, ohne sich aufhalten zu lassen, eins ordnete hier an,
das andre dort, und meistens befahl jedes das Gegenteil von dem, was auf Befehl
des andern schon geschehn war. Selten waren sie einerlei Meinung: die Pfarrfrau
trotzte auf ihre längere Erfahrung und Herrmann auf seinen grössern Verstand: sie
richtete sich pünktlich nach der hergebrachten Gewohnheit, und er wollte keine
andre Regel als Schicklichkeit und Vernunft anerkennen: freilich wollte er der
armen Frau mitunter manche ehrliche Grille für Vernunft aufdringen, aber sie
liess sich durch die schönsten Scheingründe nicht täuschen. Er verlangte von
allen Vorschlägen und Anordnungen das Warum zu wissen, und weil seine Gehülfin
immer keinen andern Grund angeben konnte als: »Es muss so sein«, so gerieten sie
in unendliche Streitigkeiten miteinander: er demonstrierte ihr deutlich und
bündig, dass es anders besser wäre, und sie behauptete, ohne seine Gründe
zuzugeben oder zu widerlegen, dass es so sein müsste. Beide waren in ihren
Meinungen hartnäckig; und so zankten sie sich fast alle Stunden einmal: bei
jedem Zanke schwur die Pfarrfrau, nichts wieder zu sagen, keinen Fuss wieder in
so ein unordentliches Haus zu setzen, so einen verkehrten eigensinnigen Menschen
seiner Blindheit zu überlassen; und kaum war der Schwur über die Lippen, so flog
schon eine neue Anordnung zum Munde heraus, die Herrmann von neuem missbilligte
und worüber sie sich von neuem stritten. Der ernstafteste Bruch entstand über
die Stellung der Betten: da das Haus gegen Morgen lag, wollte er das seinige
schlechterdings so gesetzt haben, dass ihn die aufgehende Sonne jeden Morgen zur
Arbeit weckte, und die Pfarrfrau versicherte ihn, dass es eine ganz unerhörte
Unordnung sei, das Haupt des Bettes an die Kammertür zu stellen: er setzte
seinen Willen mit Gewalt durch, und die Pfarrfrau beteuerte auf ihr Gewissen,
dass sie zeitlebens sich der Sünde nicht teilhaftig machen werde, über die
Schwelle eines Hauses zu schreiten, wo die Leute mit den Köpfen an der Kammertür
lägen: sie ging mit der Prophezeiung hinaus, dass unter dieses Dach weder Segen
noch Gedeihen kommen könne, kam einen ganzen halben Tag nicht hinein, und am
folgenden Morgen war sie schon wieder die erste auf dem Platze.
    Auch Fräulein Hedwig wurde vom Fieber der Landwirtschaft angesteckt: sie
molk der Pfarrfrau alle Kühe rein aus, wo sich nur eine blicken liess, gab allen
lateinische Namen und sprach so viel lateinisch und französisch mit ihnen, dass
sie zuletzt vor Gelehrsamkeit keine Milch mehr gaben; und die Pfarrfrau war sehr
der Meinung, dass ihre Trockenheit von den fremden Sprachen herrührte, die das
arme Vieh nicht gewohnt wäre. Die Sichel zu führen, Futter vorzulegen, Stroh
einzustreuen übte sich das hochgelehrte Fräulein Tag für Tag: um den Unterricht
nicht umsonst zu empfangen, lehrte sie dafür die Mägde, wie Virgilius und
Homerus Sichel und Gras lateinisch nennten. Der alte Herrmann wählte die
bequemste Beschäftigung: er lernte die Schafe hüten. Der Pfarr war bei dieser
allgemeinen Regsamkeit um nichts so sehr bekümmert als wegen des neuen
Gerichtsherrn: keiner unter allen, die das Gut schon besehen hatten, stund ihm
an; und er gab eines Tages Herrmannen mit tiefer Betrübnis die Nachricht, dass es
wahrscheinlicherweise ein Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft erstehen werde, ein
Mann, der ehemals Bedienter gewesen sei, sich durch Spitzbübereien bei seinem
Herrn reich gemacht habe und von seinem Raube nunmehr ein Gut nach dem andern
kaufe: »Er kann unmöglich gut Lomber spielen, weil er ein Spitzbube ist«, setzte
er untröstlich hinzu.
 
                                Drittes Kapitel
Mitten unter diesen landwirtschaftlichen Übungen und Anordnungen, noch einige
Tage vor dem gefürchteten Ende des Mais, trat des Morgens in aller Frühe, als
eben Herrmann auf das Feld gehen wollte, die Pfarrfrau ungemein freudig herein,
ein Kissen auf dem Arme und auf demselben einen neugebornen Knaben, den sie ihm
überreichte. »Da!« sprach sie, »hier hat Ihnen der liebe Gott einen kleinen
Ackersmann beschert: der wird einmal recht kommandieren: er hat schon die Stimme
wie ein Mann, behüt' ihn der liebe Gott!« - Herrmann nahm ihn auf und küsste ihn
mit rührungsvoller Freude. »Willkommen!« sprach er, »du kleiner Erdensohn!
Willkommen in dieser Wohnung des Schmerzes und des Vergnügens, du Frucht der
treuesten, feurigsten Liebe! dein Dasein sollte mich betrüben: - aber nein!
freuen will ich mich über dich, freuen wie ein Vater, dem sein erster Sohn
geboren wird!« - »Das hab ich auch Ulriken geraten«, unterbrach ihn die
Pfarrfrau. »Das arme Geschöpf härmt sich und weint, wenn sie den Jungen nur
anblickt. Ich hab ihr schon gesagt, das Kind kann unmöglich gedeihen: Sie sind
ja nicht die erste und werden auch, so Gott will, nicht die letzte sein: aber
das hilft nichts, sie lässt sich nicht beruhigen. - Sehn Sie einmal, wie der
kleine Schurke seinen Vater anlacht! Nu, so ruf: Papa!« - In dieser muntern
Laune schäkerte und tändelte sie mit dem Kinde und war so lebhaft vergnügt
darüber, als wenn sie es selbst geboren hätte. Sie trug sehr viel zu Ulrikens
Aufheiterung bei: die junge Mutter gewöhnte sich allmählich an ihre Situation,
und die Freuden des künftigen ländlichen Lebens, die ihr Herrmann täglich mit
frischen Farben vormalte, stärkten sie, dass sie die Gefangenschaft einer
Kindbetterin, aller Schwächlichkeit ungeachtet, glücklich überstand.
    Herrmann hatte sich den Plan gemacht, dass nach Verlauf dieses Zeitpunktes in
seiner neuen Behausung alles zustande sein sollte, um ihn mit seiner jungen
Hausmutter aufzunehmen: mit den hauptsächlichsten Einrichtungen gelang es ihm
auch. Von Freude glühend und wallend, brachte er in einem Vormittage Ulriken
ihre neue Bauerkleidung, die er unterdessen für sie hatte machen lassen, half
ihr sich ankleiden und lud sie auf den Mittag zur ersten Mahlzeit in seinem
Häuschen ein. Im kurzen, flanellnen Unterrocke und roten Mieder, die Arme
wirtschaftlich aufgestreift, stand sie da und lächelte mit kindischem Vergnügen
über ihr eignes Bild im Spiegel: nur die Haube, nach der Mode des Dorfs gemacht,
missfiel ihr: sie warf sie mit Widerwillen vom Kopfe, band sich die Haare, dass
sie eine Art von Ghignon bildeten, nahm Herrmanns runden Hut und setzte ihn
drauf: sie war zum Entzücken artig und niedlich in der neuen Tracht. Herrmann
nahm sie an den Arm: sein Vater, Hedwig, der Pfarr und die Pfarrfrau folgten
ihm: die Pfarrfrau liess sich um alles in der Welt die Ehre, das Kind zu tragen,
nicht nehmen; und so hielten sie ihren Einzug. Von dem Eingange durch das
Vorhaus bis zur Schlafkammer war eine breite Strasse von duftenden Blumen
gestreut: über Türen und Fenstern hingen Bogen von Tannenreisig, mit Blumen
verziert: ringsum atmete Wohlgeruch, und aus allen Gesichtern lachte Vergnügen.
Ulrike wusste sich vor inniger Herzenswonne nicht zu fassen: sie lief geschäftig
durch alle Kammern und besah jeden Winkel vom obersten Boden bis zum untersten
Keller, bezeichnete im Garten jedes Plätzchen, wo dies, wo jenes gepflanzt und
gesät werden sollte, und machte auf der Stelle mit einem Paket Samen den Anfang,
den ihr die Pfarrfrau verschafte. Hedwig eilte voller Begierde nach dem Stalle,
den Kühen den Besuch abzustatten, und wollte in Gegenwart der ganzen
Gesellschaft ihre Probestück im Melken machen: allein der heimtückische Zufall
führte sie zu einem Stiere, und der landmännische Scherz hüb laut auf ihre
Unkosten an. Sie hielten die nüchterne Mahlzeit im Obstgarten unter einem
schattichten Apfelbaume: die Bienen des Nachbars summten in den durchsäuselten
Ästen und unter den bunten Blumen des wollüstigen Grases, Vögel hüpften und
zwitscherten in den Zweigen, Schmetterlinge schwärmten mit blinkenden Flügeln
herum, in der Luft lebte das muntre, sausende Gewühl des Sommers und der regen
Natur: an zween niedrige Bäume geknüpft, hing das weisse Tuch, worinne wie in
einem indianischen Hamak, der junge Erbe des Hauses schlief und von der
durchstreichenden Luft sanft gewiegt wurde. Der Tag war für Herrmann und Ulriken
der fröhlichste ihres ganzen Lebens, ein Fest der Wonne.
    Zween Tage hatten sie in voller Berauschung über ihr neues Glück
hingebracht, als sich schon eine Bitterkeit in ihre Freuden mischte: der kleine
Herrmann starb. Sosehr Ulrike vor seiner Geburt sein Dasein scheute, sosehr
blutete jetzt ihr mütterliches Herz bei seinem Verluste. Speise und Trank, Arbeit
und Vergnügen schmeckten ihr herbe: jeder Ort, wo sie ihn getragen, geliebkost,
gewindelt, genährt, wo er geschlafen, geweint oder gelacht hatte, erweckte ihre
Tränen, und oft liess sie eine angefangne Beschäftigung plötzlich liegen, um zu
der geliebten Leiche zu eilen, mit nassem Blicke über ihr zu hängen und in
stiller Betrübnis über ihrem Ebenbilde zu trauern: sie hauchte den kleinen
Lippen ihren Atem ein, aber die mütterliche Liebe vermochte nicht das erstarrte
Herz zu erwärmen: sie trennte sich wehmutsvoll von dem entseelten Knaben und
suchte an Herrmanns Brust Erleichterung für ihren Schmerz.
    »Liebe!« sprach er zu ihr, »wir selbst wollen ihm die letzte Elternpflicht
entrichten, mit unsern Händen sein kleines Grab bereiten, und aus unsern eignen
Händen soll ihn die Erde empfangen.« - Ulrike übernahm das Geschäfte sehr gern,
und während dass Herrmann sich von dem Totengräber einen Platz anweisen liess und
das Grab machte, pflückte sie auf den Wiesen Blumen, bettete mit ihnen in der
Schachtel, die zum Sarge dienen sollte, ein buntes Lager, band einen Kranz von
Fichtenzweigen, mit Vergissmeinnicht durchflochten, und schmückte damit das
kleine Haupt, und in die Hände gab sie ihm eine aufbrechende Rosenknospe. In der
Dunkelheit des Abends ging sie, ihren Herrmann am linken Arme und unter dem
rechten den Leichnam, auf den Kirchhof. Der volle Mond stand über dem Grabe und
warf Tageslicht in die finstre Höhle: alles schlief an diesem Orte der Ruhe,
selbst die Luft. Die beiden Leidtragenden sassen in stummer Umarmung auf der
ausgeworfnen Erde und schauten in die Wohnung ihres versenkten Geliebten hinab:
nichts unterbrach das allgemeine teilnehmende Schweigen als das Rauschen
dahinschiessender Fledermäuse oder der Klageton des Uhus aus den finstern Winkeln
des weissen Kirchturms oder das Wimmern eines Käuzchens, das wie ein ächzendes
Kind über ihren Häuptern schwebte und das Leichenlied jammerte.
    Sie standen auf und warfen das Grab zu, so schwer sich auch Ulrike dazu
entschliessen konnte. - »Welches von uns beiden wird das andre so begraben?« fing
Herrmann an, indem er die Erde hinabschaufelte.
    »Möchtest du es sein!« antwortete Ulrike. »Meine Leiden haben mich mit dem
Tode so vertraut gemacht, dass ich lebendig hier wohnen könnte in dieser
friedlichen Nachbarschaft. Wie sie so einträchtig alle hier schlafen! Sie lieben
sich freilich nicht: aber sie hassen sich doch auch nicht.«
    Herrmann. Noch im Tode ist jede Familie ungetrennt. Siehe! hier neben mir
ruht ein Hausvater - fünfundsiebzig Jahre lebte er, wenn mich das Mondlicht
nicht täuscht -, neben ihm seine alte Hausfrau, im siebzigsten gestorben; hier
ruhen sie unter vier schattichten Obstbäumen und zu ihren Füssen die ganze kleine
Nachkommenschaft. Wie eine junge Baumschule stehn die kleinen Kreuze da: acht
sind ihrer: und wer weiss, wie viele Brüder noch unter dem Joche des Lebens
keuchen, die einst an einem andern Platze ihre kleine Herde ebenso um sich
versammeln werden? - Wie glücklich, Ulrike, dass wir einmal in so guter
Gesellschaft schlummern sollen!
    Ulrike. Tausendmal süsser ist es, mir hier meine Ruhestätte zu denken als in
der hochgräflichen Gruft meines Onkels: man liegt dort in dem schwarzsamtnen,
tressenreichen Kasten, und der ganze traurige Aufputz hat so eine steife,
gezwungne Miene, als wenn sich die Leute noch im Tode voreinander genierten.
Kurz vorher, eh' ich das Schloss verliess, besuchte ich sie, als man frische Luft
hineinliess: O, dacht ich, ihr seid wohl alle an der Langeweile gestorben. Die
Leute liegen in so ehrerbietiger Entfernung voneinander, als wenn sie sich
ebenso aus dem Wege gingen wie im Leben, und kommen nur dann erst in
vertrauliche Nähe unter- und übereinander, wenn ihnen der Platz fehlt. -
Tausendfach angenehmer ist es, hier in freundlicher Zutraulichkeit unter dieser
grünen blumengestickten Decke zu schlafen!
    Herrmann. Tausendfach angenehmer, sich hier sein Grab zu denken als auf dem
städtischen Gottesacker, wo man, oft von Dunsen, Narren, Schurken und
Bösewichtern umringt, liegt und sich vielleicht mit Gebeinen vermischt, die man
im Leben kaum unter einen Himmel mit sich dulden mochte, und wo oft ein
glänzender Stein und eine fabelhafte Inschrift den Nichtswürdigen noch im Tode
über den braven Mann erhebt! Doch hier ruht man in der besten Gesellschaft,
unter den nützlichsten Bürgern des Staats - unter Menschen von dem allgemeinsten
Einflusse, die die Lasten der Menschheit trugen und die Menschen nährten; die in
reger Tätigkeit jede Minute des Lebens verdienten, durch Fühllosigkeit der
Verachtung und Armut standhafter Trotz boten als der gerühmteste Weise, mit
ihren bösen Handlungen den kleinsten Schaden und mit ihren guten den
allgemeinsten Nutzen schafften. - O Ulrike! wenn wir hier, die Frucht unserer
Schwachheit zu den Füssen, beisammen schlummern werden!
    Ulrike. Lass uns gehn! dieser Gedanke macht mir die ganze Szene graushaft.
    Herrmann. Nein, lass uns bleiben! Noch sind wir der Tugend eine Aussöhnung
schuldig. Hier ruht er, der Sohn der Schwachheit: Leidenschaft enteiligte deine
Tugend, um ihn zu zeugen: die Leidenschaft muss für diesen Frevel büssen. Über der
Grabstätte unsers Kindes gelob ich dir - zwei Jahre soll unser Lager getrennt
sein. -
    Ulrike gab ihm die Hand, lehnte sich sanft an ihn und flüsterte ein
seufzendes »Ja«.
    Sie kehrten sich noch einmal zum Grabe, nahmen leisen Abschied und verliessen
den Kirchhof. Ulrike pflanzte den folgenden Tag rings um den Hügel niedres
Gesträuch, und Herrmann setzte darauf ein schwarzes Kreuz mit den
eingeschnittnen Worten: In Kummer gebar mich meine Mutter. Nach der Sitte des
Dorfs wurde der Kirchhof seitdem auch ihr sonntägiger Spaziergang, um das kleine
Grab zu besuchen und von den Lebenden die Geschichte der Verstorbnen zu hören.
 
                                Viertes Kapitel
Die Sorgen der Wirtschaft zerstreuten bald den Schmerz, besonders da sie ernster
und zahlreicher waren, als sie beide in der ersten Begeisterung vermuteten, und
da Herrmann seine neuen Beschäftigungen um ihrer Neuheit willen mit seiner
gewöhnlichen Heftigkeit betrieb. Gleichwohl, bei allem Ernst und aller
Emsigkeit, war und blieb es eine poetische Wirtschaft, die Bemühung, den
arkadischen Traum einer entflammten Einbildungskraft und eines sanftempfindenden
Herzens zur Wirklichkeit zu bringen. Herrmann bedauerte von ganzer Seele, dass
Ulrikens zarte Fingerchen durch harte Arbeit schwielicht und ungestalt und durch
unreine Beschäftigungen schmutzig werden sollten: sie hätten alsdann ihren Reiz
für ihn verloren: er hielt ihr eine Magd und zog sie oft zu ihrem Verdrusse von
Arbeiten ab, weil sie ihm für die Feinheit ihrer Haut oder die Weisse ihrer Farbe
gefährlich zu sein schienen. Mit aufgestreiften Armen deckte sie den Tisch und
trug das Essen auf, das die Magd unter ihrer Anordnung gekocht hatte; und
Herrmann würde es mit geringerm Vergnügen und vielleicht mit Missfallen von
diesen wirtschaftlich aussehenden Armen angenommen haben, wenn sie mit der
Zubereitung mehr beschäftigt und mit Spuren der Küchenarbeit bezeichnet gewesen
wären. Sie harkte auf der Wiese das Heu oder sammelte auf den Feldern das
Getreide, das er gehauen hatte: aber Handschuhe verwahrten Arme und Hände vor
den Beleidigungen der Luft, den Busen beschützte ein Tuch, und ungern liess er
sie auf das Feld, solange die Sonne das Gesicht schwärzen konnte.
    Ebenso besorgt war sie für ihn: der Mann, der anfangs alle Äcker umpflügen
wollte, liess es durch einen Knecht nebst seinem kleinen Pommer verrichten und
musste schon aufhören, wenn er beim Spaziergange dem Knecht das Regiment abnahm
und zwo Furchen zog. Inständigst wurde er gebeten, die Sense niederzulegen oder
dem müssigstehenden Lohnarbeiter abzutreten, wenn er sich ein wenig zu stark
angriff: Ulrike trocknete ihm freilich den Schweiss vom Angesichte bei der
Arbeit, aber sobald er abgetrocknet wurde, hatte die Arbeit ein Ende. Zu allen
Verrichtungen bezahlten sie Leute, und diesen Leuten, aber weder der Wirtschaft
noch der Einnahme, kam es zugut, wenn Herr und Frau Hand anlegten. Sollte ihnen
ihr neuer Stand Vergnügen geben, wie sie wünschten, so mussten sie sich mit
seinen Beschäftigungen nur zuweilen abgeben und sie nie weiter treiben, als bis
die Beschwerlichkeit anfing; und ihr ganzer Bauerstand blieb eine angenehme
Spielerei. Sogar in ihrem Anzuge wurden sie nicht wirkliche Landleute: Beide
unterschieden sich von den übrigen Bewohnern des Dorfs durch den Geschmack, und
die Artigkeit, die sie mit der Einfachheit der Kleidung zu verbinden suchten,
nicht etwa aus Stolz und Unterscheidungssucht, sondern weil sie sich in ihrer
vorigen Lebensart an Nettigkeit und Sorgfalt für die Annehmlichkeit ihrer
Personen gewöhnt hatten. Ulrike raffinierte jetzt so gut wie ehemals, in welcher
Lage und Anordnung ihre Haare die beste Wirkung zu dem runden Hute und dem
Gesichte tun würden: diesen Morgen mussten sie, mit einem Bande leicht gebunden,
über den Rücken hinunterwallen: den folgenden wurden sie in ein Paar kunstlose
Locken geschlagen, an einem andern geflochten und aufgesteckt: der runde Hut
empfing ein Band zur Verschönerung, eine Blume, einen Zweig oder etwas
ähnliches: die Brust zierte beständig ein Blumenstrauss von bescheidnen
Feldblumen: die Bemühung zu gefallen arbeitete bei ihr freilich nicht mehr mit
Schafwolle, Straussfedern, falschen Locken, Seide und Flor, aber mit geringern
Materialien noch immerfort. Auch hätte, bei ihrer einmal eingewurzelten Art zu
denken und empfinden, die Liebe auf beiden Seiten unstreitig sehr viel dabei
gelitten, wenn die Sorgfalt, sich wechselsweise durch solche kleine Galanterien
in der Person und im Umgange zu gefallen, durch ernstere Sorgen verdrängt worden
wäre.
    Herrmann, da er mit Anschaffung der nötigsten Bedürfnisse zustande war, fand
in seinem Hause alles zu schlecht und fing an zu verschönern. Der Hof war unter
seinem vorigen Besitzer ein grosser Düngerhaufen gewesen, wurde jetzt gesäubert,
mit Sande überfahren und zuverlässig ungleich schöner als vorher, aber auch
ungleich weniger nützlich; Türen und Wände empfingen ein schöneres Kolorit, die
Treppen eine bequemere Stellung und alles bis auf den kleinsten Winkel die Miene
der Ordnung, Sauberkeit und Regelmässigkeit, soweit es sich ohne gänzliche
Umschaffung tun liess.
    Auch der Garten wurde verschönert, die schlechtesten Obstsorten ausgemerzt
und edlere angepflanzt, die freilich unter sechs, acht Jahren weder einen
Kirschkern noch einen Apfelstiel trugen; die Einzäunung liess er sehr
geschmackvoll und malerisch machen, und seine und Ulrikens Hände setzten manchen
Strauch in die Erde, der mit seinen ausgebreiteten Ranken das hölzerne Gerüste
grün bekleiden sollte. Nischen erhuben sich in seinen Winkeln mit angepflanzten
Weinstöcken, die an den Stäben hinaufklimmen, mit ihren breiten Blättern
kühlenden Schatten geben und die Traube dem Sitzenden zu den Lippen herabreichen
sollten: Aurikeln und Tulpen verdrängten die Küchengewächse, die samtne Pfirsche
den plumpen Apfel, aus welchem sein Vorgänger Cyder presste. Ein krummer,
übelgebildeter Baum beleidigte durch seinen schlechten Anstand das Auge, er
musste sterben, wenn er gleich sonst dem Gesinde einen Teil seiner Kost gereicht
hatte. In zwei Jahren war durch solche unermüdliche Bemühungen sein Garten der
wohlriechendste und ordentlichste im ganzen Dorfe; gab zwar nicht einen Zoll
breit Schatten, aber doch die angenehme Hoffnung, dass man nach vielen Jahren
völlig unter gerade gewachsenen Bäumen und zarten Zweigen werde ruhen können;
erfrischte den durstenden Mund mit keiner einzigen saftigen Frucht, versorgte
den Tisch mit keinem einzigen Bissen, aber dafür liess er in vielen Jahren die
köstlichsten, labendsten Erquickungen des Gaums erwarten. Da also kein
gegenwärtiges Vergnügen, sondern viele gegenwärtige Unbequemlichkeiten darin
zu finden waren; da die Sonne den Kopf stach, man mochte sich hinwenden, wohin
man wollte, und das Auge allentalben nichts als nur günstige Erwartungen
erblickte, so wurde der Garten, sobald er zustande war, verlassen, äusserst
selten besucht und über der Vergrösserung des künftigen Vergnügens das
gegenwärtige geschmälert.
    Herrmann hatte Scharfsinn und Einbildungskraft: er konnte also unmöglich den
stillen Pfad der Gewohnheit in seiner Ökonomie gehen. Bei tausend Gelegenheiten
spekulierte er, dass es so oder so besser wäre: das Gesinde musste nach seinen
Grillen und Spekulationen verfahren, und das neue Verfahren misslang jedesmal,
weil es die Leute entweder aus Ungewohnheit oder mit Vorsatz verpfuschten, um
den Herrn wieder zur alten geläufigen Praxis zu zwingen; und jeder neue Versuch
erzeugte nicht bloss Verlust, sondern auch Unordnung.
    Ausser den Freuden, die Entusiasmus und Neuheit und so mannigfaltige
Veranstaltungen und Umschaffungen gewährten und die sie beide um so viel voller
und ungestörter genossen, weil sie den Schaden der Unordnung nicht eher fühlten,
als bis er ihnen auf dem Nacken sass, verschaften sie sich noch viele andre
Vergnügungen, die meistens in süssen Einbildungen und artigen Spielereien
bestunden. Herrmann wurde durch seine itzigen Beschäftigungen wieder an die
längstvergessne klassische Belesenheit erinnert, die er sich unter Schwingers
Anführung erwarb: das Pfropfen eines Baums; das Bild eines Feldes voll Schnitter
und Sammler, wo, mit zahlreichem Gewimmel, einige Garben banden, andre in hohe
Haufen sie türmten, hier lachende Dirnen auf den wartenden Wagen sie luden, dort
schwerbefrachtete Wagen, seufzend unter der Last, langsam dahinwankten, um den
ländlichen Reichtum den Scheuren zuzuführen; ein rauschender Quell, ein sanft
hingleitender Bach, eine romantische Höhle; Wiesen, mit weitduftenden
Heuschobern übersät, wo Jünglinge und Mädchen, Männer und Mütter mit fröhlichem
Gespräch und lautschallendem Gelächter, hier singend, dort pfeifend, den Vorrat
des künftigen Winters in Haufen sammelten oder auf Gabeln, hochflatternd in der
Luft, an den Wagen hinanreichten, während dass die hungernden Rosse mit betrübter
Lüsternheit den Dampf des Futters einschnauften, das sie nicht geniessen durften;
das Abendgebrüll der heimeilenden Kühe, die mit harmonischem Geklingel die
strotzenden Euter dem Stalle zutrugen, um von der Last befreit zu werden und in
wohltuender Gemächlichkeit den gefrässigen Gaum mit der aufgeschütteten Abendkost
zu ergötzen: ein strauchichter Berg, woran das weidende Vieh hing, wiederkäuend
umherschaute oder unter Steinen und Stämmen die nährendsten Kräuter
hervorsuchte; ein kahles Brachfeld, wo der bequeme Stier oder das arbeitsamere
Ross unter den lautkreischenden Befehlen ihres Regierers am blinkenden Pfluge
lange Furchen öffneten; das schallende Getöse der Arbeiter, wenn sie abends in
taktmässigem Unison die gestumpften Sensen für die Morgenarbeit schärften; die
Konzerte der Drescher, wenn sie bald in Solos, bald in Duetten, bald in
vierstimmigen Chören mit mutigem Tempo dem Besitzer Brot und reichliche Einnahme
verkündigten: - alles, alles, wohin er nur blickte, wohin er nur hörte, was er
nur tat und tun sah, brachte ihm die Beschreibung eines alten Dichters zurück,
und alles ward durch eine solche Erinnerung süsser und eindringender für
Phantasie und Herz. Ulrike unterhielt sich allentalben mit Szenen aus ihrem
Gessner und Tomson; und was dem gegenwärtigen Gegenstande an Ähnlichkeit
gebrach, schenkte ihm ihre glückliche Einbildung. Ihr Gespräch auf dem
Spaziergange war oft eine fortgesetzte Schilderung der Bilder um sich her, aus
jenen Malern der ländlichen Natur: alles, auch nichtbedeutende Kleinigkeiten,
die andre verächtlich kaum des Anblicks würdigten, erhielten dadurch einen
phantastischen Anstrich für sie, einen erhöhten Reiz, dass sie bei einer
halbvertrockneten Quelle, bei dem gesanglosen Zwitschern der Vögel auf einem
Baume über ihnen, Empfindungen fühlten, die auch die herrlichste Natur ohne die
zaubrische Verschönerung der Imagination nie zu geben vermöchte. Wonne und
Entzücken begleitete sie mit jedem Tritte, sprach aus dem Lispeln jedes Baums,
hauchte in jedem Lüftchen sie an und gleitete durch Blicke und Mienen aus Seele
in Seele hinüber.
    Wenn am längsterwarteten Sonntage die Mitbewohner des Dorfs sich unter der
fünfzigjährigen Linde versammelten und das Andenken der alltäglichen
Beschwerlichkeiten im frischen Trunke ersäuften, in die Lüfte ausjauchzten und
mit geräuschvoller Fröhlichkeit vertanzten, dann fehlten Herrmann und Ulrike
nie: sie eröffneten den Ball der Freude: das kunstlose Dorfmädchen lernte von
ihr Grazie und Anstand, und der Bauerkerl ahmte mit tölpischer Zierlichkeit
seine Manieren nach. Ihre zutrauliche Offenheit erwarb ihnen das Herz aller
Anwesenden: der lustige Alte drückte ihnen treuherzig die Hand, und der lustige
Junge hielt aus Ehrfurcht vor ihnen seine Lustigkeit in den Schranken der
Anständigkeit. Der galante Jüngling nahm alle seine Artigkeit zusammen, wenn er
mit Ulriken tanzte, warf die Füsse zehnmal zierlicher als sonst und schmückte
jeden Schritt mit originalen Bewegungen der Arme und des Kopfs: das Mädchen,
wenn ihr Herrmann zuteil ward, fasste mit niedlicher Züchtigkeit die Zipfel der
Schürze zwischen die Finger und drehte mit den lieblichsten Grimassen den
braunen Hals. Ulrike war bei jedem ländlichen Feste das Orakel der Mädchen: sie
wählte und ordnete Bänder und Kränze an den geschmückten Maien, zu den
Johannistöpfen und dem Erntenkranze: sie putzte die Mädchen, wenn sie zum Altare
gingen und wenn sie eine ihrer Schwestern zu Grabe begleiteten; und jede Mühe
belohnten ihr die vergnügten Mütter mit herzlichen Geschenken von ihrem
ländlichen Reichtume. Der Schulze holte sich bei Herrmannen Rat und
Beredsamkeit, wenn er in der Schenke vor dem vollen Senat und Volke philippische
oder katilinarische Reden halten musste: das Volk brauchte ihn zum Mittelsmann,
wenn es sich mit dem Senat entzweite: selbst der gelehrte Schulmeister
verschmähte seine Belehrung nicht, sooft ihn die Ortographie schwerer
lateinischer Worte quälte: jeder achtete ihn in allem für den Weisesten im
Dorfe, nur nicht in der Wirtschaft: sobald man auf diese zu sprechen kam, gab
sich auch der Geringste ein Ansehn über ihn, und das allgemeine Orakel musste
dann schweigen und lernen.
    Auch stifteten sie ausser den Feiertagen des Dorfs eigne häusliche Feste, die
sie nur mit wenigen Vertrauten teilten. Jeder Geburtstag wurde mit einer kleinen
ländlichen Feierlichkeit begangen: ein Strauss, ein Band, ein Tuch war auf beiden
Seiten das Geschenk: Ulrike weckte Herrmannen an dem seinigen mit einem
Liedchen; er versammelte an dem ihrigen die Kinder und liess sie vor dem Hause
auf dem Rasenplatze tanzen, spielte selbst die schnarrende Fiedel dazu, und
Bänder und wehende Tücher flatterten hoch an Stangen in dem fröhlichen
Reihentanze empor. Da die Kinder den Tag einmal wussten, kamen sie das folgende
Jahr aus eignem Triebe sehr früh und hingen an ihre Schlafkammer einen grossen
Kranz von Zweigen und Blumen: der übrige Teil des Tages wurde in nüchternem
ländlichen Wohlleben, kindischen Tänzen und Liedern zugebracht.
    Noch hatten sie zwei Trauerfeste jährlich, die sie beide allein unter sich
in feierlicher Stille begingen: eins, dem Andenken einer Nacht gewidmet, wo sie
die Liebe betrog und so mannigfaltiges Weh über Ulriken ausgoss; das andre, dem
Todestage ihres Kindes geweiht.
    Das erste feierten sie in einem kleinen Tannenbusche, der zu Herrmanns
Bauergute gehörte: in diesem schmalen Streifen Wald, der vielleicht dreissig oder
vierzig Schritte in der Breite und etwas mehr in der Länge betrug, lag ein öder
unfruchtbarer Sandhügel, von jungen buschichten Kiefern umzäunt und hohen
dichten Tannen und Fichten umschlossen. Hier hatte Herrmanns und Ulrikens
Schwärmerei ein Grabmal errichtet, das sie das Grab der Unschuld nannten: von
Rasen bildeten sie die Gestalt eines Sargs, der mit der obersten Hälfte aus dem
Hügel hervorragte: auf ihm stund eine kleine abgestutzte Pyramide mit der
Inschrift: Sie starb. Der Rasen verdorrte in dem trocknen Sandhaufen, und das
Ganze bekam dadurch für denjenigen, der den Sinn wusste, ein bedeutungsvolles
Ansehn. Als zum ersten Male der August wiederkam, gingen sie beide an dem
unglücklichen Abend zu diesem Grabmale: ein jedes hing an die Pyramide einen
verdorrten Weidenkranz, mit Flor durchflochten, und lange blieben sie in stummer
Betrübnis einander gegenübersitzen, auf den Rasensarg gestützt. Ulrike erzählte
mit Tränen ihren Kummer seit jenem Augenblicke, dessen Gedächtnis sie feierten,
und gegen Mitternacht gingen sie schweigend, in ernste Gedanken verloren, wieder
von ihm hinweg.
    Am zweiten Feste begaben sie sich zu dem Grabe des Kindes, dem es galt, und
pflanzten ein Bäumchen darauf neben dem schwarzen Kreuze; der ganze kleine Raum,
den es einnahm, war indessen grün geworden und mit gelben und weissen Blumen
bewachsen: Ulrike pflückte sie alle, band einen Strauss aus ihnen und trug sie an
ihrer Brust, bis Blumen und Stengel in Staub zerfielen.
    So mannigfaltige Spiele schwärmerischer Zärtlichkeit, welche durch
Einsamkeit und Stille täglich genährt wurde, so viele phantastische
Ergötzlichkeiten und süsse Täuschungen einer hochgespannten Empfindlichkeit
liessen ihnen freilich Freude und Glückseligkeit aus Gelegenheiten erwachsen, die
andern kaum einen Puls schneller bewegt hätten: sie waren Kinder geworden und
träumten sich da ein Paradies, wo ihre Mitmenschen nichts als Kummer, Not und
Beschwerlichkeit fühlten. Ihre Träumerei verdeckte ihnen freilich die traurige
Seite des Bauerstandes; allein sie bereitete sich auch ihr eignes Ende, je mehr
sie die beiden Träumer aus der wirklichen Welt hinauszauberte.
    Ein Engel mit flammendem Schwerte vertrieb uns aus dem Paradiese; und wehe
dem Betrognen, der noch darin zu sein wähnt! Not, Bedürfnis war der Engel, der
die ersten Menschen aus einem erträumten Paradiese voll untätigen Genusses
herausscheuchte: Herrmann und Ulrike empfanden seinen Schwertschlag sehr bald,
aber die Trunkenheit ihrer Einbildung liess sie nicht eher auf die Warnung
achten, als bis der drohende Vertreiber vor ihren Augen stand.
    Solange das bare Geld widerhielt, das Herrmann von dem Ankaufe seines
Bauergutes übrig hatte, konnten sie ungestört in ihrer eingebildeten Welt
fortleben und weiter nichts tun als Empfindungen suchen: allein wie lange
dauerte diese kleine Summe bei einer so unordentlichen Wirtschaft! Alles musste
gekauft werden, weil er ohne Ebenmass so viel Vieh hielt, als er zur
Verschönerung seines Hofs für nötig achtete: um einen schönen Vers aus dem
Kleist oder ein schönes Bild aus dem Gessner in der Wirklichkeit zu sehn, füllte
er seinen Hof mit Pfauen und artig gezeichneten Tauben und schönen Hühnern an,
die ihm in einem Monate alle Gerste und allen Hafer wegfrassen, den er im ganzen
Jahre erntete. Seine Kühe waren die schönsten an Farbe, die reinlichsten und
ansehnlichsten im ganzen Dorfe: aber sie frassen das Korn, das ihrem Herrn das
Brot geben sollte. Alles musste um Lohn getan werden; denn die beiden
wirtschaftlichen Entusiasten, die mit Leib und Seele Bauern werden wollten, als
sie den Bauerstand nicht kannten, entzogen sich allen beschwerlichen Arbeiten
und spielten nur mit den leichtern: gleichwohl verlangte das kleine Gut
schlechterdings die eignen Hände des Besitzers und strenge Aufsicht über das
wenige Gesinde, das es verstattete; allein hier gingen die Lohnarbeiter müssig,
das Gesinde tat, soviel ihm beliebte, und wenn sich Herrmann ein strenges Wort
entwischen liess, winselte Ulrike gleich, dass er die armen Leute zu hart
behandelte, schalt ihn einen Tyrannen, einen Grausamen, und er schwieg. Wer für
ihn arbeitete, betrog ihn durch Müssiggang oder Veruntreuung. Seine Äcker waren
vom vorigen Besitzer ausgemergelt, und der itzige nährte sie schlecht und
kostbar, weil er seinen Hof, diesen unsaubern Kotaufen voller Fruchtbarkeit
vormals, zum ebnen, reinlichen, artigen Viereck gemacht hatte, das keine
Schuhsohle beschmutzte, aber auch keinen Kornhalm düngte. Überhaupt vertrug sich
dieser unendle Teil der Ökonomie mit seinen ländlichen Dichterideen so wenig,
dass er ihn weder riechen noch sehen noch davon hören mochte: seine Delikatesse
überliess dem Knechte die völlige Besorgung dieses Geschäftes.
    Den Schaden, den ihm Mangel an Aufsicht, Untreue und Unordnung zufügten,
vollendete seine Guterzigkeit: die Bitte jedes ärmern Nachbars war für ihn ein
Befehl. Wer kein Brot, keinen Samen, kein Stroh, kein Futter hatte, wandte sich
an ihn, bekam entweder die Sachen selbst, wenn sie vorrätig waren, oder Geld
dazu: alle borgten und bezahlten teils gar nicht oder bekamen das Geborgte zum
Geschenke, wenn sie Miene machten wiederzubezahlen und die Barmherzigkeit mit
einem paar Tränen oder kläglichen Tönen zu bestechen wussten. Herrmann genoss
allerdings das edelste Vergnügen, dessen eine menschliche Seele fähig ist - die
Zuflucht aller Notleidenden zu sein, kein Auge ungetrocknet, keinen Mangel
unbefriedigt, keinen Kummer ungestillt von sich zu lassen. Stolz freute er sich
seiner Güte, wenn er auf seinen Spaziergängen hier einen dankbaren Händedruck
von einem alten Mütterchen empfing, dem er das sieche Leben durch seine
Wohltätigkeit fristete; wenn dort ein Bauer ihm freundlich die schöne Saat
zeigte, die von seinem vorgestreckten oder geschenkten Samen aufgegangen war;
wenn ein Kind, das er gekleidet hatte, auf den Armen seiner Mutter, von ihr zur
Dankbarkeit ermuntert, ihm die kleinen Hände reichte und der Mutter die
kindischen Danksagungen nachstammelte: wo er ging und stund, erblickte er
Beweise seiner Guterzigkeit und Gelegenheiten, auf sich stolz zu sein. Auch
Ulrike war nie geschäftiger und froher, als wenn sie in der Türe stand und einem
Haufen versammelter Kinder, die wetteifernd an ihr hinaufreichten, Stücken Brot,
Kuchen oder andre Annehmlichkeiten austeilte: nach einer solchen Verrichtung
sprach sie viel freudiger, ging viel lebhafter, und jede Gebärde wurde viel
feuriger. Schade, dass alles in und um den Menschen und also auch die Freuden der
Tugend eingeschränkt sein sollten! Mit jedem neuen Vergnügen der Wohltätigkeit
näherten sich unsre beiden Landleute der Verwirrung ihrer Umstände mehr: das Gut
nutzte sich nicht allein schlecht, sondern frass ihnen auch das bare Geld weg,
und Guttätigkeit leerte ihre Börse ganz aus.
    Wie bekam alles nunmehr eine andre Miene! Der glänzende Firnis, womit
Empfindung und Phantasie vorher jeden Gegenstand rings um sie her überzogen,
verblich, verschwand, und alles erschien in seiner wahren alltäglichen Gestalt.
Dass auf dem Landmanne die Last der Abgaben hart liege, hatte Herrmann sonst gar
nicht gefühlt; dass in seiner Wirtschaft alles teuer gekauft werden müsse und dass
er nie etwas zu verkaufen habe; dass sein Gütchen bei der gegenwärtigen
Einrichtung in einem Monate mehr Geld verzehre, als es auch bei der besten
Ordnung abwerfen könnte; dass er zwar nüchtern und sparsam lebe, wie er sich
anfangs vorsetzte, dass er aber an seinem mässigen Tische mehr Menschen speise,
als der Ertrag seiner Ökonomie verstattete; das merkte er sonst nicht: er griff
in die volle Börse, wenn man foderte, und gab, sooft zu geben war; doch jetzt, da
er in der leeren Börse nichts mehr fand, wenn er hineingriff, jetzt empfand er
das Los des Landmanns doppelt schwer. »Geld!« schrie der Knecht; »Geld!« schrien
die Mägde; »Geld!« foderte der Einnehmer. Fräulein Hedwig klagte den ganzen Tag,
dass die Kühe fast verhungerten, weil ihnen das Futter fehlte, dass ihnen die
Knochen durch die Haut stächen und die Euter keine Milch gäben: der Knecht
fluchte, dass seine schönen Pferde fasteten, vor Magerkeit nicht mehr ziehen
könnten und bald vor Herzeleid und Elend verscheiden würden: Ulrike weinte, dass
ihr ein Perlhuhn, ein goldgesprenkter Hahn, eine schöne Henne nach der andern
sich hinlegte und stürbe: die Magd jammerte, dass das prächtige Gras auf den
Wiesen versauerte, weil sie es nicht allein ohne Lohnarbeiten zwingen könnte:
das war den ganzen Tag vom Morgen bis zum Abend nichts als ein Fodern und
Beschweren: die Unordnung wuchs täglich, und der arme Herrmann sah sich ohne
Rettung verloren.
    Nunmehr, nachdem ihn das Unglück aus seinem geträumten Paradiese verstossen
und ihm die Ökonomie verhasst gemacht hatte, erwachten tausend Wünsche und
Leidenschaften wie eingeschlummerte Löwen, um ihn zu quälen. Verdruss,
Langeweile, Verlegenheit erweckten Begierde zum Spiel, das ihm schon einmal zur
ergiebigen Goldmine gedient hatte; und er ärgerte sich, dass ihm hier auf dem
Lande ein so herrliches Rettungsmittel versagt war: der Ekel an der misslungnen
Landwirtschaft ängstigte seinen Ehrgeiz; und er ärgerte sich, dass er seine
Talente und Tätigkeit zu so elenden kleinen Geschäften erniedrigt hatte: er
wollte den gesenkten Flug wieder erheben, aber leider! waren ihm die Flügel
verbrannt. Seine niedergedrückte Seele arbeitete unter den Bürden des Unglücks
und der Leidenschaft, dass ihr der Atem verging, und sah keine Möglichkeit, sie
abzuwerfen: der Mann, der zwei Jahre her sich glücklicher als ein König dünkte,
der alle Freuden der Welt in sich zu fühlen glaubte, entbehrte jetzt alles,
seufzte nach Vergnügen, dürstete nach Gewinn, beneidete den Bewohner der grossen
Städte wegen der zahllosen Wege zum Erwerbe, beneidete den Vornehmen, den
Reichen über die Leichtigkeit, zur Ehre hinanzusteigen, und über ihren reichen
Genuss der Vergnügen. So mannigfaltiger Neid, Unwille, Schmerz teilte seinem
Gemüte eine Säure, eine Bitterkeit mit, die endlich auch die Liebe überwand: er
misshandelte Ulriken nie mit einem Worte, aber er betrachtete sie bei sich als
die Urheberin seines Unglücks, als eine Zentnerlast, die ihm am Nacken hinge und
alles Emporkommen erschwerte. Wie leicht flög ich durch die Welt, wenn Ulrike
nicht wäre! dachte er oft. Immer mürrisch, immer von innerlichem Tumulte
erschüttert, gab er ihr keine Freude und nahm keine von ihr: Amor mit seinem
ganzen anmutigen Gefolge, Zärtlichkeit, Schwärmerei und Wonne, hatte sein Haus
verlassen, und Ulrike weinte um ihre Flucht. Sie sahen sich nicht anders als bei
Tische und auch dann mit gesenkten Häuptern und nassen Blicken des Mitleids:
Armseligkeit war ihre Kost und Kummer ihre Würze: sie wichen einander die übrige
Zeit des Tages aus, weil ein jedes dem andern Gram mitteilte und Gram von ihm
empfing. Das nachbarliche Gespräch vor der Tür in den kühlen Abendstunden
verstummte, Scherz und Lachen bei dem Essen waren verbannt, der Hof ertönte
nicht mehr vom frohen Geschnatter und Gekreische des Federviehes: aus jedem
leeren Winkel starrte der Mangel mit hohlen Augen und eingefallnen Backen
hervor: es war ein totes, banges Leichenhaus, wo man um die zween grössten
Schätze des menschlichen Lebens trauerte - um Liebe und Glück.
    Vor so grossen Widerwärtigkeiten, ehe sie mit völliger Macht auf den armen
Herrmann hereinbrachen, ging ein Unglück her, das er nicht sogleich übersah und
das ihn in der Folge aus dem Abgrunde über Felsenspitzen, Stämme und Äste mit
mancher blutenden Wunde emporriss. Gegen das Ende des zweiten Winters kam der
Pfarr an einem Nachmittage sehr unmutig zu ihm und brachte die Nachricht, dass
der äusserst verwickelte Konkurs, den der verstorbne Herr des Dorfes hinterlassen
habe, endlich einmal geendigt sei und dass zu seiner höchsten Unzufriedenheit der
gewesene Bediente, von dem er ihm schon kurz nach seiner Ankunft aus Leipzig
gesagt hatte, ein Bösewicht, der von dem gestohlnen Gelde seines verarmten Herrn
sich in der ganzen Gegend Güter ankaufe und weder Lomber noch Trisett verstehe,
das subhastierte Gut wirklich erstanden habe und also ihr hochgebietender Erb-,
Lehn- und Gerichtsherr geworden sei. Herrmann, dessen Vergnügen nichts dabei
einbüsste, hörte die Nachricht sehr gleichgültig an: da er bei der
darauffolgenden Huldigung, wo ihm der Gerichtsverwalter auch seinen Handschlag
abnahm, in Erfahrung brachte, dass sein neuer Gerichtsherr Siegfried hiess, und
nach weiterm Nachforschen völlig überzeugt wurde, dass es Jakobs Vater, der
gewesene Günstling und sogenannte Maulesel des Grafen Ohlau war, dann wurde ihm
die neue Herrschaft schon widriger und bedenklicher: allein teils hielt sie sich
auf den übrigen benachbarten Gütern für gewöhnlich auf und besuchte dieses nur
zuweilen, teils versank Herrmann nicht lange darauf in die vorhin beschriebne
Verlegenheit; und darüber liess er den Herrn Siegfried samt seiner Bosheit aus
der Acht und hütete sich nur, wie auch Ulrike, ihm zu Gesichte zu kommen, wenn
er einmal einige Tage im Dorfe zubrachte. Der neue Erb-, Lehn-und Gerichtsherr,
dem das Vergnügen, den kleinen grossen Herrn zu spielen, unendlich wohl tat,
wollte es gern in seinem ganzen Umfange geniessen und den Grafen Ohlau im kleinen
vorstellen: er ahmte deswegen viele von seinen Feierlichkeiten und prunkhaften
Possen nach, aber freilich jedesmal mit so vieler Sparsamkeit und
Lächerlichkeit, dass er die Fabel der ganzen Gegend wurde. Ohngefähr ein paar
Monate nach der Huldigung seiner neuen Untertanen fiel der Geburtstag der Frau
Gemahlin: er sollte auf diesem neuen Gute nach dem Modell der ehemaligen
hochgräflichen mit dem nämlichen Pomp begangen werden, womit er schon zwei auf
seinen andern Gütern gefeiert hatte. Es wurde einige Tage vorher angesagt, dass
sämtliche Untertanen ihre Röcke ausflicken und in dem auserlesensten Feststaate
an mehrbenanntem hohen Geburtstage früh um zehn Uhr auf dem herrschaftlichen
Schlossplatze paarweise erscheinen sollten; die jungen Mädchen und Knaben, mit
Bändern, Kränzen und Blumensträussen geschmückt, sollten mit einigen flatternden
Freudenfahnen vorangehn und die Alten, bunte Tücher und grosse Zitronen in den
Händen, ihnen nachfolgen, und die sämtlichen Materialien zu der Feierlichkeit
wurden zugleich auf herrschaftliche Kosten Haus für Haus ausgeteilt. Die Bauern,
die sich allgemein freuten, einen Frontag erlassen zu kriegen und auf eine
vergnügte Weise müssig zu gehn, stellten sich an dem bestimmten Tage, der
Verordnung gemäss, vor der Schulwohnung ein, nur Herrmann und Ulrike nebst ihrem
ganzen Hause blieben aus. Der Schulmeister mit einer Perücke, worauf zwei Pfund
des feinsten Weizenmehls glänzten, und einen grossen Bakel in der Hand - so
nennte er seinen Stock18-stellte mit gebietrischer Wichtigkeit die
Geburtstagstruppen: die Glocken hatten während des Zugs geläutet werden sollen,
aber der Pfarr liess es, vermöge seiner bischöflichen Gewalt über alle geistliche
Dinge im Dorfe, nicht zu. Die gnädige Herrschaft musste sich also begnügen, bloss
das Schlossglöcklein ertönen zu hören, womit den Frönern gewöhnlich der Mittag
und Feierabend angekündigt wurde: es hatte ohngefähr den Klang wie die
Armensünderglocke an manchen Orten. Der Zug begann: am Schlosstore paradierten
die Hofknechte mit hölzernen Spiessen, alten Flintenläuften und Pistolen, und
zwei von ihnen, als Hanswürste angezogen, peitschten auf zwei Feuertrummeln
herum, dass alle Balken zitterten. Ausdrücklich zu dieser Feierlichkeit hatte der
tolle Nabob einen Taubenschlag, den der vorige Besitzer aus grosser Liebhaberei
für diese Tiere an ein Fenster des Wohnhauses anbaute, in einen Balkon
verwandeln lassen: er war rund gebaut, bloss das Dach und der oberste Teil
abgenommen, himmelblau angestrichen und hatte also das förmliche Ansehn einer
Kanzel. Nachdem die versammelten Untertanen eine halbe Stunde gewartet und die
Hanswürste ihre Trummeln und ihren Witz müdegeplagt hatten, erschien auf dem
runden himmelblauen Balkon die gnädige Herrschaft in dem schimmerndsten Prunke,
die Dame in einem rosenroten Kleide mit silbernen Blumen, das zu dem
Mulattengesichte und dem lichtgelben Halse ungemein lieblich abstach: Brust und
Arme zierten ganz alltägliche, schneidend gelbe Schleifen, und auf dem Kopfe
stund ein fürchterlich hohes Gebäude von Locken und Spitzen, dass sich die Bauern
ängstlich nach ihrem Kirchturme umsahn, aus Furcht, ihre hochgebietende Frau
möchte ihn zur Vermehrung der Feierlichkeit auf ihren Kopf haben setzen lassen:
die bretterne gesenkte Brust war so unverschämt entblösst, dass kein Sterblicher
ohne Ekel hinzuschauen vermochte. Ihr ungeheurer Fischbeinrock füllte den ganzen
engen Balkon aus, dass der Herr Gemahl nur mit dem Kopfe über den einen
emporstehenden Flügel desselben herübergucken konnte: sein Staat war aber auch
sehr merkwürdig: ein seladongrünes Kleid, mit Gold gestickt, eine hellblaue
Weste mit Silber und ein Paar schwarzsamtne Beinkleider nebst perlfarbnen
Strümpfen sagten auf den ersten Blick, wer der Mann war. Alle diese Kleider wie
auch die schönen Möbeln im Hause hatten ehmals dem Grafen Ohlau und seiner
Gemahlin gehört und waren von seinem Günstlinge in der Auktion, nach
ausgebrochnem Konkurse, mit des Grafen eignem Gelde erstanden worden.
    Der Nabob begab sich sehr bald mit seiner Frau in ein Zimmer und erteilte
Befehl, dass die Prozession heraufkommen sollte: auf den nämlichen zween Stühlen,
worauf sonst Graf und Gräfin Ohlau Glückwünsche annahmen, empfingen itzo jene
beiden Geschöpfe den Handkuss der vorübergehenden Bauern, Weiber, Knaben und
Mädchen. Siegfried, um seinen gewesenen Herrn in allem nachzuahmen, liess sich
das Verzeichnis der Einwohner bringen und rief einen nach dem andern mit Namen
auf; und wenn der Aufgerufne hervortrat, dann blinzte er ihm ein paar Sekunden
geradeso ins Gesicht, wie der Graf zu tun pflegte, und wandte sich zu seiner
Frau, um ihr etwas über die Nase oder das Kinn des Hervorgetretnen zu sagen, und
rief dann plötzlich einen andern, dass der Vorhergehende verlegen dastund, sich
die Haare hinter die Ohren strich und nicht wusste, ob er gehn oder bleiben
sollte. Sehr bald zeigte es sich, dass nur ein einziger Hauswirt fehlte: der Herr
Schulmeister wurde aufgerufen, um Nachricht von dem Ungehorsamen zu geben. Der
Herr Schulmeister berichtete untertänig und gehorsamst, dass es ein Mann wäre,
der - der - der sich zuviel dünkte, um dergleichen Solennitäten und
Feierlichkeiten mitzumachen. Mit versteller Gleichgültigkeit verbarg der feine
Mann, wie sonst der Graf Ohlau bei solchen Übertretungen, seinen geheimen
Unwillen: aber die Widerspenstigkeit dieses einen ärgerte ihn zu empfindlich, um
seinen Groll lange zu verbergen. Er erkundigte sich bei dem Gerichtsverwalter
nach diesem einen, erkundigte sich bei dem Pfarr, der mittags zur Tafel geladen
war, unaufhörlich nach diesem einen: beide entschuldigten ihn, wollten mit der
Sprache nicht heraus, allein da das Nachfragen nimmermehr ein Ende hatte,
erzählte der Pfarr, der von Siegfrieds und Herrmanns ehemaligem Verhältnisse
nichts wusste, von der Geschichte des letztern, soviel ihm bekannt war und ohne
Schaden erzählt werden konnte. Nun stieg Siegfrieds Neugierde auf das äusserste:
der Pfarr wurde mit ewigen Fragen geplagt, der Wein machte ihn schwatzhaft und
unvorsichtig, und das ganze Geheimnis entwischte ihm, dass Herrmann und Ulrike
nicht getraut wären, sich bisher mit seiner Begünstigung bei dem Publikum für
getraute Eheleute ausgegeben und auch so zusammen gelebt hätten. Siegfried brach
in heftige Vorwürfe aus, dass er als ein christlicher Prediger dergleichen
Unzucht im Dorfe duldete, und befahl dem Gerichtsverwalter, Untersuchung darüber
anzustellen. Sein Herz hüpfte vor Freuden, dass er unter einem so ehrbaren
Vorwande den ungehorsamen Verächter des hohen Geburtsfestes bestrafen konnte. Er
schöpfte bloss aus den Namen einige Mutmassungen, wer es sein möchte, aber er war
mit seiner eignen Rache zu sehr beschäftigt, um einer solchen Mutmassung weiter
nachzugehn, besonders da der Pfarr bei beiden jungen Leuten einen höhern Stand
bloss aus ihren persönlichen Eigenschaften vermutete und ihre Namen für
angenommen hielt. Die Untersuchung wurde durch Vermittelung des Pfarrs bei dem
Gerichtsverwalter von einer Zeit zur andern verschoben: Herrmann erfuhr von
allem nichts. Sein Gerichtsherr gab sich zwar viele Mühe, ihn zu sehn; aber er
hielt sich mit Ulriken so sorgfältig inne und seine Türe so verschlossen, dass es
nicht möglich war; und wenn er auf das Schloss beschieden wurde, befand er sich
allemal nicht wohl.
    Während dass Siegfrieds Rache sich durch die Vermittelung des Gerichtshalters
und des Pfarrs verzögerte und Herrmann mit sich zu Rate ging, wie er sich aus
einer lastvollen Lebensart, einer verhassten Untertänigkeit und der traurigsten
Verworrenheit seiner häuslichen Umstände herausreissen, woher er, wenn sein
Gütchen nicht sogleich einen Käufer fände, Geld nehmen, wohin er sich mit seiner
Gesellschaft wenden, was er anfangen sollte - während dieser Zwischenheit
empfing Siegfried einen Brief von Schwingern, worinne er ihm entdeckte, dass sich
die Baronesse Ulrike auf seinem neuangekauften Gute aufhalten müsste: er bat ihn
daher in der Gräfin und seinem eignen Namen, heimliche Nachforschung zu tun und
die Baronesse in Verwahrung zu bringen, bis man weiter über sie verfügen könnte
- ein Auftrag, der Siegfrieds Bosheit und Intriguensucht unendlich willkommen
war.
    Eigentlich hatte Herrmann selbst dieses neue Ungewitter veranlasst. In dem
Rausche seiner ländlichen Glückseligkeit, ohngefähr ein Jahr nach seiner Ankunft
auf dem Lande, schrieb er teils aus Begierde, die Freude über sein Wohlsein
seinem besten, geliebtesten Freunde mitzuteilen, teils aus Pflicht, Dankbarkeit,
Zuneigung einen Brief an Schwingern in der vollsten Ergiessung des Herzens:
seiner Empfindung gemäss waren auch seine Ausdrücke äusserst feurig. Endlich,
sprach er unter andern, habe ich mich durch alle Gefahren, Verfolgungen, Leiden
durchgeschlagen, durch so mannigfaltige Widerwärtigkeiten hindurchgearbeitet und
auf ein kleines, ruhiges Eiland gerettet, wo ich allen, die mir übelwollen, Hohn
spreche; wo ich alle, die mich noch neulich durch fruchtlosen Arrest unglücklich
zu machen suchten, verachte, verspotte, verlache. Von der Höhe meiner ländlichen
Glückseligkeit sehe ich mit Mitleid und Triumph auf die elenden Kreaturen herab,
die durch schwache Maschinen und kraftlose Anstrengung mit ohnmächtigem Zorne
meine Standhaftigkeit erschüttern und das Gebäude meines Glücks einstürzen
wollen. In Ihrem Busen, liebster Freund, lege ich das Geheimnis nieder, dass
Ulrike meine Glückseligkeit mit mir teilt: wir wohnen beisammen, aber mit einer
Unsträflichkeit, einer Unschuld wie Heilige, wie Engel. Wir beide, mein Vater
und Fräulein Hedwig bilden eine kleine glückselige Republik, eine Familie, die
Einigkeit, Wohlergehen und Seligkeit belebt. Wollen Sie meinen Feinden die
Demütigung machen, dass sie mich, sich selbst zum Trotze, in dem Besitze des
liebenswürdigsten Mädchens sehn und lassen müssen, so entdecken Sie ihnen meine
Glückseligkeit, wenn Sie es für gut befinden: doch ist es mir lieber, wenn Sie
schweigen und meine Nachricht als ein anvertrautes Geheimnis bei sich bewahren.
Auch die halbtote Schlange kann noch schädliche Bisse tun: zischen mag der Graf
Ohlau und sich ärgern, dass er mich nicht erreichen kann, weil er mich nicht zu
finden weiss: aber wenn er mich auch zu finden wüsste, Ulriken soll mir niemand
nehmen, und wenn Sie selbst, lieber Freund, sich wider mich verschwüren:
Freundschaft und Leben opferte ich einer Kostbarkeit auf, nach welcher ich so
lange gerungen habe.
    In einem solchen Triumphtone war der ganze Brief geschrieben - übermütig,
überspannt, ausschweifend, aber aus den lautersten Bewegungsgründen und mit der
freundschaftlichsten Empfindung. Gutmütige Leute kommen langsam zu Argwohn und
Zorn, kommen aber auch ebenso langsam von beiden zurück, wenn sie einmal dazu
gebracht werden. Der Mann, der länger als zehn Jahre keinen Verdacht wider
Herrmannen an sich haften liess, der ihn wider die scheinbarsten Anzeigen, wider
schriftliche und mündliche Zeugnisse verteidigte, seine unwiderlegbaren
Vergehungen entschuldigte, ihn als einen Schwachen liebte, warnte, leitete,
unterstützte,19 der ihm sogar den frechen beleidigenden Brief aus Berlin von
Herzen vergab und neue Wohltaten erzeigte: dieser so nachsichtige Mann wurde
durch die persönlichen Beleidigungen des Berliner Briefs zu einem Verdachte
geführt, der ihm alles, was Herrmann tat und schrieb, in einen unrechten
Gesichtspunkt stellte. Herrmann hatte ihm schon oft lange auf Briefe nicht
geantwortet, ohne dass es ihm etwas anders als Nachlässigkeit schien: da der
junge Mensch in Leipzig auf die Verzeihung für den Berliner Brief und den
erneuerten Vorschlag, den Winter auf dem Lande bei ihm zuzubringen, die Antwort
aus Zerstreuung und Spielsucht unterliess, wurde Schwingern diese Unterlassung
sogleich verdächtig: er geriet augenblicklich auf den Argwohn, dass er ihn mit
seiner Reue über die Beleidigungen des Berliner Briefes hintergangen habe.
Nikasius gab ihm die Nachricht, dass Herrmann unter Spielern und Trinkern lebe;
und Schwinger wurde nicht nur in jenem Verdachte bestärkt, sondern sah auch
seinen jungen Freund nun nicht mehr als einen Schwachen an, der aus Übereilung
fehlte, sondern als einen Verderbten, Lasterhaften, Undankbaren: seine gutmütige
Seele wurde vom Zorn ergriffen wie vielleicht noch niemals und beschloss Strafe
über den Boshaften, wiewohl selbst dieser zornige Entschluss auf der andern Seite
ein Beweis war, dass er auch den vermeintlich boshaften Herrmann noch liebte;
denn ausserdem hätte er ihn verachtet und dem Schicksal überlassen: aber nein!
weil er ihn noch liebte, bewegte er den Grafen, ihn in Verhaft nehmen zu lassen,
um teils Ulrikens Aufentalt von ihm zu erfahren, sie ihm wegzunehmen und grössere
Vergehungen zu verhüten, teils ihn durch eine leichte Züchtigung zum Nachdenken
zu bringen. Die Verhaftnehmung war in jeder Rücksicht fruchtlos, wie bereits am
gehörigen Orte erzählt worden ist: aber Schwinger hielt diese Fruchtlosigkeit
nicht für eine Wirkung der Umstände, wie sie es war, sondern glaubte in seiner
argwöhnischen Gemütsverfassung, dass Herrmann aus beharrlicher Bosheit sich durch
Leugnen und den Vorschub seiner lüderlichen Brüder losgemacht habe. So
vorbereitet, empfing Schwinger nach andertalbjährigem Stillschweigen - das
anfangs Zerstreuung, alsdann die Beschäftigung mit Ulrikens Kummer, mit der
Einrichtung seines Gütchens und endlich der erste Taumel seiner ländlichen
Glückseligkeit veranlasste - jenen hochfliegenden Triumphbrief; und der gute Mann
verstand ihn als eine neue Beleidigung, als den bittersten Spott, wodurch sich
Herrmann für die Verhaftnehmung in Leipzig an ihm rächen wollte, deren
eigentlichen Urheber er nach Schwingers Voraussetzung wissen sollte, ob es
gleich gar nicht möglich war; denn die Sache geschah im Namen des Grafen Ohlau.
Diese neue, vermeintliche Bosheit brachte einen neuen Zorn bei Schwingern
hervor, aber einen kränkenden Zorn, der die Liebe ganz verdrängte; denn er nahm
sich vor, einen so äusserst boshaften Menschen der Züchtigung des Schicksals zu
überlassen und nur zu Ulrikens Rettung das seinige aus allen Kräften
beizutragen, wofern ihr noch zu helfen wäre. Er reiste zu dem Grafen und wurde
von ihm abgewiesen, weil er ein entlaufnes, lüderliches Mädchen nicht wieder in
seine Familie aufnehmen wollte. »Sie mag sterben oder leben«, sprach er, »ich
tue schlechterdings, als wenn sie mich nichts angeht. Ich verbiete hiermit von
neuem, dass man sie mir jemals wieder nennt: auch wenn sie sich demütigte und um
Gnade bäte, würde ich sie doch nicht als meine Schwestertochter annehmen.« -
    Nach dieser abschlägigen Antwort wandte sich Schwinger an die Gräfin und
fand viel günstiger Gehör. halb aus Güte, halb aus Weichheit des Herzens, auch
aus einem Rest von Liebe für Ulriken willigte sie in Schwingers Verlangen, sie
mit Gewalt aus Herrmanns Besitze zu reissen: aber wohin mit ihr? - Auch diese
Schwierigkeit wurde gehoben: einer ihrer Vettern stand als Oberste in den
Diensten eines kleinen Hofs und war Generalissimus über die ganze Mannschaft,
die er hielt. Die Gräfin bat ihn schriftlich, seinen Kredit bei der Fürstin
anzuwenden und Ulriken einen Platz als Hofdame bei ihr auszuwirken: der Oberste
gab Hoffnung, dass es ihm glücken werde, sie anzubringen, obgleich vorderhand
kein Platz ledig sei, und bot ihr unterdessen sein Haus an, damit sie sich bei
der Fürstin vielleicht durch ihre eigne Person in Gnade setzen könnte. Nun war
nur noch eine Bedenklichkeit übrig - ob sie nicht durch langen vertraulichen
Umgang mit Herrmannen in Umstände geraten sei, dass man sie nicht ohne Schande
einer Fürstin zur Hofdame anbieten könne; denn seiner Versicherung, dass sie als
Engel beisammenlebten, traute man nicht. Aber woher sollte man sich über diesen
Punkt zuverlässig unterrichten? - Schwinger suchte auf der Karte die Lage des
Dorfs, aus welchem Herrmanns Brief datiert war, und fand es in der Gegend, wo
sich Siegfried zufolge seines letzten Berichtes angekauft hatte: denn dieser
neue Gutsherr hatte die Höflichkeit oder vielmehr die Unverschämteit, dem
Grafen und allen seinen Bekannten, auch wenn er sie sonst gehasst hatte, in einem
grossen Briefe jeden Ankauf zu wissen zu tun, wenn er auch nur in einem Vorwerke
bestund. Schwinger schlug ihn der Gräfin zur Mittelsperson vor; allein sie
wollte dem Manne, der sich durch das blinde Vertrauen ihres Gemahls bereichert
hatte, auch diese kleine Verbindlichkeit nicht schuldig sein: die Sache blieb
hängen. Es kam ein Brief vom Obersten, der die Fürstin schon so weit gebracht
hatte, dass sie Ulriken zu sehen verlangte und ihr einen Platz mit der halben
Besoldung einer Hofdame versprach, wenn sie ihr gefiele: es kam ein
Notifikationsschreiben vom Herrn Siegfried, welches den Ankauf des nämlichen
Dorfs meldete, wo sich Herrmann aufhielt. Schwinger drang nach diesen
Nachrichten mit seinem guterzigen Eifer noch einmal in die Gräfin, einen
Versuch zu machen, nahm die Besorgung des ganzen Geschäftes über sich und bat
bloss um die Erlaubnis, es im Namen der Gräfin betreiben zu dürfen: darein wurde
dann gewilligt. - So zog sich über Herrmanns Haupt, unterdessen dass er seine
ländliche Ruhe genoss, verlor und darbte, auf seine eigne Veranlassung das
Ungewitter zusammen, das ihn jetzt bedrohte, ohne dass er etwas davon wusste: so
entstand der Brief, den jetzt, wie vorhin gesagt wurde, Siegfried von Schwingern
erhielt, mit dem Auftrage, die Baronesse Ulrike auszuforschen.
    Der Mann hatte sein Talent zu dergleichen Verrichtungen schon auf dem
Schloss des Grafen sattsam bewiesen: er bewies es auch jetzt. Er bat den Pfarr
zu sich zu Tische, und vieles Fragen und etliche Gläser Wein vermochten abermals
so viel, dass er Herrmanns armselige Umstände entdeckte: Siegfried tat, als wenn
er ihm durch verborgne Wohltätigkeit aufhelfen wollte, und bat den Prediger, dass
er ihm Gelegenheit verschaffen möchte, den jungen Mann und seine Frau in seiner
Pfarrwohnung zu sehen, ohne von ihnen gesehen zu werden. »Ich weiss wohl«, sagte
der Verstellte, »solche Leute, die einmal vornehmer gewesen sind, haben zuviel
Bettelstolz; sie lassen es nicht gern merken, dass sie Wohltaten brauchen. Wenn
sie mir wie ehrliche Leute aussehn, will ich ihnen durch Sie Geld vorschiessen:
Sie können ja tun, als wenn es von Ihnen käme.«
    Der Pfarr, der so oft für Herrmanns Ungehorsam bei der Geburtstagsfeier
Vorbitten eingelegt hatte, war über eine solche unvermutete Wendung der Sache
ungemein vergnügt, lud die beiden jungen Leute zu sich, Siegfried kam durch die
Hintertür herein, verbarg sich und lauschte an dem Fenster in der Stubentür,
sobald sie darin waren. Sosehr sie sich beide in den sechs Jahren, dass er sie
nicht gesehn, verändert hatten, so erkannte er sie doch gleich. Der Pfarr
tröstete sie mit der Hoffnung, dass er ihnen mit einem kleinen Kapital, das man
ihm vor einem paar Wochen aufgesagt hätte, ohne Interesse dienen wollte, um
ihrer Wirtschaft emporzuhelfen: sie nahmen das Anerbieten mit freudiger
Dankbarkeit an und ging ein wenig beruhigter von ihm weg, als sie kamen.
    Siegfried liess den Pfarr auf eine Spielpartie noch den nämlichen Tag zu sich
bitten. Auf eine Spielpartie? - Nun war die Freundschaft zwischen beiden
geknüpft, da der Pfarr sah, dass sein Patron spielte: das Spiel lieben und ein
ehrlicher, verständiger, braver Mann sein war in seinen Augen dasselbe. Er fand
sogar, dass Siegfried gut spielte, und nunmehr offenbarte er ihm seine innersten
Gedanken, weil ein Mann, der so gut spielte, nach seiner Meinung weder Schelm
noch Verräter, noch Bösewicht sein konnte. Das Gespräch wurde sogleich bei dem
Abendessen wieder auf Herrmannen gelenkt: Siegfried versicherte, dass ihm die
beiden Leutchen ziemlich gefielen und dass er sie schützen und unterstützen
wollte. Da er einmal durch sein gutes Spielen und diese verstellte Güte das
Vertrauen des Predigers gewonnen hatte, so war es äusserst leicht zu
bewerkstelligen, dass dieser alles beichtete, was er das letzte Mal verschwiegen
hatte. Sogleich wurden die eingezognen Nachrichten Schwingern mitgeteilt, der
aber der Gräfin alles verheimlichte, was sie geneigt machen konnte, Ulriken ihre
Hülfe zu entziehn: sie schrieb ihrem Vetter, dem Obersten, dass er die Baronesse
in einigen Wochen erwarten sollte, und ersuchte ihn inständigst, sie nach ihrer
Ankunft in sorgfältiger Verwahrung zu halten, dass sie nicht wieder entwischte.
Schwinger nahm mit dem Geschäfte auch stillschweigend die Kosten über sich,
teils vielleicht aus einer kleinen Rache gegen Herrmann, teils, und zwar
grösstenteils, in der Absicht, ein gutes Werk zu tun, eine junge Person, die er
liebte, aus der Verirrung zurückzubringen und die Unruhe zu vergüten, die er
wider seinen Willen durch die Verteidigung und Unterstützung seines missgeratenen
Freundes einem Hause zugefügt hatte, dem er Verbindlichkeit schuldig war; und
Siegfried bot willig die Hände zur Ausführung eines Komplotts dar, das seiner
tückischen Schadenfreude und seinem gekränkten Stolze so wohltat. Alles war
angelegt, Ulriken durch List oder Gewalt zu rauben und in die Hände des Obersten
zu bringen.
 
                                  Elfter Teil
                                  Erstes Kapitel
Bei der Ausführung des Komplotts musste der Pfarr abermals eine Rolle übernehmen,
doch ohne dass er es wollte oder wusste. Siegfried gab ihm unbeträchtliche zwanzig
Taler, um sie dem hülfsbedürftigen Herrmann zuzustellen: zugleich bezeugte er
grosses Verlangen, einen Mann von so sonderbaren Schicksalen näher
kennenzulernen, und bestimmte Tag und Stunde, wo er ihn in die Pfarrwohnung
kommen lassen und nach der Überlieferung des Geldes so lange durch Gespräche
aufhalten sollte, bis der hochgebietende Erb-, Lehn- und Gerichtsherr dazu käme.
Es geschah: der Pfarr lieferte das längstversprochene kleine Kapital mit
Verlegenheit und Entschuldigungen aus, dass es nicht mehr war, und Herrmann nahm
es aus dem nämlichen Grunde mit Verlegenheit und Verwunderung an. Die
Unterredung entspann sich, und ein Mensch in Not, der sein Herz gegen einen
Freund erleichtert, kann ohne Mühe den Faden eines Gesprächs sehr lang spinnen:
unbemerkt strichen drei ganze Stunden darüber hin. Plötzlich trat Siegfried mit
der stolzen Miene eines neugeschaffnen Gutbesitzers herein: Herrmann erschrak
bei einer so verhassten Erscheinung, dass er fast alle Besonnenheit verlor.
Siegfried, als er seine Verwirrung innewurde, bekam doppelten Mut und doppelte
Unverschämteit und fragte ihn wie einen Missetäter über Artikel: Herrmann war
ertappt: er konnte und wollte keine Frage verneinen, sondern bekannte mit
stolzem Trotze seinen Namen und Abkunft: sie hatten sich beide ehemals zu wohl
gekannt, um mit Verleugnen durchzukommen.
    »Leider! kennen wir uns!« fing Herrmann an, als ihn Siegfried fragte, ob er
ihn noch kennte. »Sollt ich den Vater des Bösewichts nicht kennen, der mich aus
der Gunst und dem Schloss des Grafen Ohlau vertrieb? den grossen
Intriguenmacher, der meinen Vater ums Brot brachte und sogar das kümmerliche
Gnadengeld bestahl, das ihm der Graf aussetzte? Einen Dieb, dem die Natur den
Galgen auf die Stirn brannte, erkennt man ja wohl, auch wenn man ihn nie sah.« -
    Die unvermutete Dreistigkeit, womit er dies sprach, verursachte Siegfrieden
eine Bestürzung, dass er ihn nicht unterbrechen konnte; endlich übermannte sie
der Grimm. - »Wisst Ihr, mit wem Ihr sprecht?« fuhr er schäumend heraus.
    »Mit Euch!« schrie ihm Herrmann ins Gesicht. »Mit Euch! und das will viel
sagen; denn so ein ganzer Schurke wie Ihr wird in Jahrtausenden nicht wieder
geboren.«
    Der Pfarr, der ausser allem Zusammenhange war und nicht begriff, wie ein
solcher Dialog daherkam, suchte beide Teile zu besänftigen: vergebens! Siegfried
drohte mit Gefängnis: Herrmann spottete seiner. »Unter Eurer Gerichtsbarkeit«,
sprach er, »werden wohl nur die ehrlichen Leute ins Gefängnis gebracht: dass sich
Euer Gerichtshalter ja nicht einfallen lässt, die Schelmen einzuziehen:
wahrhaftig, wenn der Mann nicht selber einer ist, so macht er bei dem
Gerichtsherrn den Anfang.«
    Siegfried schwoll von Gift und Galle so gewaltig an, dass er den Stock
aufhub: der Pfarr warf sich dazwischen. »Lassen Sie ihn!« schrie Herrmann. »Der
Sohn hat unter den Spitzruten geblutet; der Vater möcht es gern unter meinen
Fäusten tun. Mit dem ersten Schlage sitzen ihm meine Hände an der Kehle: aber
erwürgen will ich ihn nicht! das mögen Hände tun, die die Obrigkeit dazu
bezahlt.«
    Siegfried konnte vor Zorn nicht antworten: der Pfarr befahl Herrmannen
ernstlich, sich solcher harten Reden zu entalten. »O der harten Reden!« rief
Herrmann mit knirschender Bitterkeit. »Gegen die Verbrechen dieses Unwürdigen
sind es nur leichte Luftblasen: brennend wie Schwefel sollten sie sein, und noch
würden sie so ein steinhartes Gewissen nicht brennen: Das hat
Schildkrötenschalen, worein es sich versteckt, wenn es ein Vorwurf trifft.«
    »Ich bin Euer Gerichtsherr«, stotterte Siegfried. Henrmann. Dafür kann ich
nichts und vermutlich der liebe Gott ebensowenig; denn sonst hätt er Euch noch
höher steigen lassen als Euern Sohn. Dem Sohne hat er einen würdigen Platz
gegeben: nun sollte noch der Vater -
    Der Pfarr hielt ihm den Mund zu, aber er machte sich los. »O Sie wissen's
nicht«, fuhr er fort, »aus welcher grossen Familie unser Gerichtsherr ist! Dem
Sohn ist seine Ordenskette angeschmiedet: Cartouche und Lips Tullian sind ihre
beiden Ahnherren.«
    Siegfried. Was bist denn du? - Ein Mädchenverführer! Mädchendieb!
Mädchenschänder! - Wenn du deine Ehrentitel hören willst, so lies einmal diesen
Brief. -
    Er warf ihm einen Brief auf den Tisch: Herrmann erkannte bei dem ersten
Blicke Schwingers Hand, nahm ihn auf und las die Aufschrift, an Herrn Siegfried,
mit einem langen Schwanze von Gütern, die dem Namen gehörten: er öffnete ihn
voll Erstaunen und fand folgenden Inhalt.
                                                                 den 16. Julius.
Hochgeehrtester Herr!
    Endlich ist mir's gelungen, dem Unwürdigen, den ich ehmals meinen Herrmann
nannte, seine Bubenstücke zu vereiteln. Die Gräfin willigt in alles: sie hat
ihren Vetter schon benachrichtigt, dass er die Baronesse erwarten soll, und nun
machen Sie Anstalt, wie es Ihnen selbst gut dünkt, um die unschuldige Verführte
aus den Klauen ihres verachtungswürdigen Verführers zu reissen und an Ort und
Stelle zu liefern, wie ich bereits in meinem letzten Briefe Verabredung mit
Ihnen genommen habe! Ich trage die Unkosten und werde sie Ihnen erstatten,
sobald Sie mir die Rechnung davon übersenden, im Falle dass der Gräfin Vetter,
der Oberste, sich nicht dazu erbietet: fodert er Ihnen nicht freiwillig die
Rechnung ab, so erinnern Sie ihn auch nicht von fern daran; und fragt er bloss,
wer die Reisekosten bezahlen wird, so nennen Sie die Gräfin. Der guten Dame
würde die Erstattung freilich schwer sein, und bewahre mich der Himmel, sie ihr
zuzumuten! Doch bitte ich inständigst, es niemanden zu entdecken, dass ich die
Kosten übernommen habe: ich möchte auch nicht gern scheinen, dem Hause, das mich
ernährt und befördert hat, eine Verbindlichkeit auflegen zu wollen, die es nicht
ohne geheime Kränkung öffentlich auf sich ruhen lassen würde. Auch suche ich
niemanden auf der Welt durch die kleine Aufopferung zu verbinden, sondern bloss
mein Gewissen zu beruhigen: ich will mir den Rest meines Lebens durch das
Bewusstsein versüssen, dass ich die Unschuld von der Verführung gerettet, der
geschändeten Tugend zur öffentlichen Ehre wieder verholfen - denn leider! kann
ich ihre innere nicht wieder herstellen! -, ein betrognes, guterziges Mädchen
vom Elende befreit, vor künftigen Vergehungen verwahrt, in ihren rechtmässigen
Stand wieder eingesetzt und einem Hause, das ohnehin Kummer genug drückt, die
Ruhe wieder verschafft habe, zu deren Verbitterung ich unschuldigerweise durch
Schwäche, unzeitige Nachsicht, verblendetes Wohlwollen, Kurzsichtigkeit und übel
angewandtes Vertrauen so vieles beitrug. Alle Fehler, die ich dabei beging, hat
mir meine Betrübnis darüber und der Undank und nagende Spott des Bösewichts
genug vergolten, den ich aus einfältiger Blindheit so lange für ein Muster der
Rechtschaffenheit und Ehrliebe hielt. Ich kenne ihn nicht mehr und verachte ihn
so sehr, dass ich nicht einmal an seiner Bestrafung arbeiten mag. Wenn Sie die
Baronesse seinen Händen entrissen haben, so ist der Gräfin und mein Zweck
erreicht: bekümmern Sie sich weiter nicht um ihn, sondern überlassen Sie ihn dem
Elende, den Qualen des Gewissens und der Verachtung der Menschen! Ich habe der
Gräfin die Schandtat verhehlt, die der Ruchlose an der Baronesse verübt hat: wir
wollen sie auch der Welt verhehlen, soviel uns möglich ist, um dem künftigen
Glücke der guten Ulrike nicht zu schaden: das Geheimnis ihrer Niederkunft soll
mit mir ins Grab gehn, und ich bitte Sie bei Ihrer ewigen Wohlfahrt, tun Sie ein
Gleiches und beschwören Sie alle, die darum wissen, unserm Beispiele
nachzuahmen! Der Verbrecher wird seinen Lohn durch sich selbst finden, so wahr
ich einen Gott glaube; und von diesem erwarten Sie den Dank für Ihre Bemühungen
zu Ulrikens Rettung, wenn Ihnen der meinige nicht genug ist. Ich bin etc.
                                                                      Schwinger.
Betäubt wie von einem plötzlichen Schlage und beinahe sinnlos liess Herrmann den
Brief sinken: Schmerz, Verzweiflung, Verwilderung starrten ihm fürchterlich aus
Aug und Mienen hervor. Knirschend sah er empor, die Daumen eingeschlagen, die
Fäuste geballt, und drohend mit beiden erhobenen Armen rief er: »O so stürze Erd
und Himmel zusammen, wenn das Menschen sind! Ungeheuer, denen Löwenblut in den
Adern rollt! Teufelsseelen, aus Unbarmherzigkeit und Wildheit zusammengesetzt! -
So denkt, so spricht der Mann, der sich meinen Freund nannte? So lässt sich der
gutmütige Schwinger von der Bosheit zu einer Verschwörung wider mich verleiten?
Spricht ein Urteil über mich, wie es kaum die unmenschlichste Dummheit, der
barbarischste Menschenhass sprechen könnte? - Noch einmal! Himmel und Erde muss
zusammenstürzen und eine solche Brut von Treulosen, Barbaren und Verrätern
vernichten! Verräter seid ihr insgesamt an mir! schändliche Verräter, die ihren
Lohn durch sich selbst finden müssen, wenn Gerechtigkeit die Welt regiert.«
    Er wandte sich zum Pfarr: »Heisst das die menschenfreundliche, wohltätige
Lehre ausüben, die Sie predigen sollen, dass Sie einen Freund verraten, der sich
in Ihre Arme warf? Ist das die allgemeine Nächstenliebe, das die Nachsichtigkeit
gegen Fehler und Schwachheiten, das die Sanftmut gegen den Verirrten, die Sie
einprägen sollen, dass Sie ein Geheimnis aufdecken, auf dessen Verheimlichung Sie
mir Ihr Wort und diese Rechte gaben? - Verzehren muss sie sich, die treulose
Rechte, und jeder Segen, den sie austeilen soll, wie zehnfacher Fluch auf den
Gewissenlosen zurückfallen, der sie zum Unterpfande der Falschheit gab! - Gott!
das sind Menschen! sprechen Lügen, sooft sie atmen, und handeln wilder, als es
ein menschlicher Verstand sich vorzustellen vermag! Überliefern den gefallnen
Bruder in die Hände des Bösewichts, den niemand schwarz genug malen kann, und
wenn er die Farben aus der Hölle nähme! - Da stehn sie, die beiden
Nichtswürdigen, und freuen sich ihrer Tücke: ich mag sie nicht länger anschaun.
- Wagt es! führt euren Schelmenstreich aus! Nehmt mir Ulriken! Aber der erste,
der eine Hand an sie legt, drückt mir die Kehle zu oder ich ihm.«
    Er warf dem Pfarr, ohne etwas weiter zu sagen, die vorgestreckten zwanzig
Taler auf den Tisch und ging. Siegfried, sosehr ihn die gemachten Vorwürfe
kränkten, freute sich mit satanischem Lächeln über die Uneinigkeit dieser beiden
Leute; und der arme Pfarr, der sich vor Überraschung nicht besinnen konnte, wie
er zu Meineid und Treulosigkeit gekommen war, ohne es zu wissen noch zu wollen,
blieb entfärbt und unbeweglich stehen und vermochte nicht ein Wort zu seiner
Verteidigung aufzubringen, ob er sich gleich keiner Bosheit, sondern höchstens
nur einer unzeitigen Schwatzhaftigkeit schuldig gemacht hatte. Auch Siegfried
verliess ihn, und er war noch immer nicht bei sich.
    Herrmann ging nicht gerade zu Ulriken, um sie nicht durch seine Verwilderung
zu schrecken: seine Seele war mit zu fürchterlichen Gedanken erfüllt, und nach
einer so ausgezeichneten Verräterei zweier Männer, deren Redlichkeit ihm
felsenfest zu sein schien, kam ihm alles, was menschlich heisst, zu verhasst vor,
um einen Sterblichen anzublicken: er schloss die Haustür hinter sich zu und
setzte sich im Garten in eine Laube. Alles um ihn herum war schwarz wie die
Galle, die in ihm kochte: selbst der heitre, blaue Himmel schien ihm mit
finstern, pechschwarzen Wolken überzogen: er war seinem eignen Odem gram, so
tief verabscheute er die Menschheit.
    »Ein Verbrecher?« fing er abgebrochen an. »Ja, ich bin's - und will es
doppelt werden. - Sie sollen Ulriken nicht haben, und wenn ich meine eignen
Hände mit ihrem Blute färben müsste! Wird eine Übereilung der Schwachheit schon
so unbarmherzig gestraft, was soll dann einem Morde geschehen? - Nichts mehr und
nichts weniger! Wenn glühende Qualen einmal mein Gewissen martern sollen - Feuer
brennt wie Feuer, und Qual martert wie Qual, sie martre für ein oder zwei
Verbrechen. - Sie sollen sie nicht haben: eher will ich ihr mit meinen Händen
die Adern zerreissen, dass der purpurne Lebensstrom herausquillt, oder - Gott! wie
mich schaudert! - Herrmann! Herrmann! was beginnst du? - Wenn sich nun das
liebe, sanfte Geschöpf an mich hinge, mit krampfichter Angst die Finger sich in
mein Fleisch hineingrüben - wenn dann röchelnd und zuckend ihr schlaffes Haupt
sich senkte, das erstarrte Blut aus der Wunde nicht mehr flösse und das Leben
mit einem Seufzer entflöhe, und ich, ihr einziger Freund, stünd als ihr Mörder
da und liess die Leiche platzend auf den Boden hinfallen - und ich eilte von ihr,
um mich vor Himmel und Menschen zu verbergen, irrte von Ort zu Ort, und immer
schwebte das Schwert des Henkers über meinem Nacken - Oh, wer schützt mich vor
meinen eignen Gedanken? Wer fesselt meinen Willen, dass er keine Untat
beschliesst?« -
    Nach einer tiefsinnigen Pause fing er wieder an: »Fliehen will ich mit ihr!
sie auf meine Arme nehmen wie ein Kleinod, das man aus dem Feuer rettet, und mit
ihr fliehen! Weit von den Barbaren, die mich um den Bissen Glückseligkeit
beneiden, dass die Liebe eines treuen Mädchens meine Not erleichtert! Nie sei
mein Herz der Freundschaft gegen einen Menschen offen: nie fühle mein Herz einen
Pulsschlag lang Vertrauen zu einem Menschen: wie ein einsames Gewächs in einer
Wüste, das sich auch selbst im grössten Sturme nie zu einem andern hinneigt und
Schutz sucht, will ich in der menschlichen Gesellschaft sein, will mich in mich
selbst verschliessen, Mitleid fühlen und helfen, wo ich kann, aber nie
Freundschaft, nie Zutrauen. - Wenn Schwinger sich mit einem Bösewichte, den er
sonst tödlich hasste, wider mich verbindet; wenn er dem grössten Schelm auf der
Erde Lohn von Gott verspricht und mir für eine verliebte Vergehung den Lohn
eines Bösewichts prophezeit; wenn Schwinger aus schnöder Gefälligkeit gegen
einen Grafen alle Vernunft, alles Gefühl verleugnet; wenn mich die Ehrlichkeit
selbst verrät und in die Hände der Räuber spielt: was sollen dann die übrigen
tun? - Fort! fort mit mir! Ich bin mit Tigern, Ottern und Wölfen umgeben: fort
mit dir! ehe sie mich verschlingen.« -
    Er sprang hastig auf; und ins Haus hinein! Er suchte Ulriken in der Stube,
in der Kammer - fand sie nicht; rief, lief die Treppe hinan, schrie ängstlich
ihren Namen, so laut er konnte: Fräulein Hedwig, sein Vater kamen auf das
Geschrei, ein jedes aus seinem Kämmerchen herbeigelaufen. »Wo ist Ulrike?«
fragte Herrmann zitternd vor Ahndung.
    Hedwig. Sie ist Ihnen ja nachgegangen.
    Der Vater. Kaum drei oder vier Minuten, nachdem du aus dem Hause warst.
    Herrmann. Mir ging sie nach? - Und warum?
    Hedwig. Eine Magd rief sie -
    Herrmann. Und sie ging mit der Magd?
    Hedwig. Allerdings! Die Magd brachte ja Ihren Befehl, dass sie Ihnen
nachkommen sollte. Der Pfarr wäre Ihnen begegnet, sagte sie, und ginge mit Ihnen
zum Grabe auf den Kirchhof: sie sollte hurtig nachkommen.
    Herrmann. Und sie ist noch nicht wieder da? - Sie ist fort! Man hat sie
gestohlen! Lauft! sucht! holt sie zurück! Lauft, so weit eure Füsse vermögen!
-Mit diesem schnaubenden Geschrei eilte er fort auf den Herrnhof: nach
jedermanns Berichte, den er nur fragte, war Siegfried schon beinahe vor vier
Stunden abgereist. Er eilte in die Pfarrwohnung: niemand liess sich sehen: der
Pfarr und seine Frau versteckten sich vor Furcht, als sie seine Stimme hörten,
und sonst war keine Seele im ganzen Hause zu finden. Er erkundigte sich auf dem
Herrnhofe, wohin Siegfried gereist wäre; und man antwortete: »Auf sein Gut.« -
»Wie weit ist das?« - »Zwo Meilen.« - Er fragte bei allen Mägden auf dem Hofe
an, ob eine Ulriken gesehn oder gar gerufen habe: keine wusste etwas von ihr.
Nicht einmal den Weg nach Siegfrieds anderm Gute, kaum den rechten Namen
desselben konnte man ihm berichten: er stellte bei allen Bauern im Dorfe
Nachsuchung und Nachforschung an: alles umsonst! Die Nacht rückte heran: es fand
sich wohl jemand, der ihm den Weg nach Siegfrieds Gut beschrieb, aber jedermann
war zu müde von der Arbeit, um ihm zum Boten zu dienen, und allein konnte er
sich in der Dunkelheit unmöglich finden. Er musste seine Reise bis in den Morgen
darauf versparen, ass, trank und schlief nicht und machte sich mit der ersten
Morgenröte auf den Weg. Nach vielfältigem Fragen und Verirren langte er
erschöpft an: auch hier umsonst. Der Herr war seit drei Tagen nicht zu Hause und
die Frau gestern abend verreist. Nun liess sich über Ulrikens Schicksal nicht
mehr zweifeln: sie war geraubt, entführt und vermutlich für ihren Geliebten auf
immer verloren.
    Nie beweist die eingeschlummerte Liebe ihre wahre Stärke mehr, als wenn ihr
Trennung oder ein ähnlicher Unfall den Tod droht. Herrmanns Gemütsunruhe hatte
ihn seit dem Anfange seiner häuslichen Unordnung gleichgültig gegen Ulriken
gemacht: sein Herz liebte sie im Grunde nicht weniger als vorher, aber es war in
so viele andre Leidenschaften geteilt, dass es zu den vorigen heftigen
Ergiessungen der Liebe nicht genug Kraft hatte. Itzt mussten alle andre
Kümmernisse schweigen: der Schmerz der Liebe überstimmte sie alle. Herrmann
betrachtete sich als einen Witwer und brachte vier Wochen in einer dämischen
Betrübnis zu, die ihm Überlegung, Tätigkeit und Empfindung für alles ausser sich
raubte: mancher Tag ging ohne Speise und Trank hin. Endlich drückte die
häusliche Not so gewaltig auf die Federn seiner Seele, dass sie ebenso gewaltig
emporsprangen: er hatte mit den Seinigen bisher von dem Verkaufe des
Ackergerätes und des Viehes gelebt, das der Hunger nicht hinraffte; dies
Rettungsmittel war jetzt vorbei: der Pfarr hatte ihm zuweilen Kleinigkeiten
zufliessen lassen; auch diese hörten auf, und Herrmann hätte lieber von der Hand
des Todes Trost angenommen als von den Händen eines Mannes, den er als einen
Gewissenlosen hasste. Der Hunger sprach aus Hedwigs verfallnem Gesichte: sie
foderte mit Tränen Brot und kündigte traurig an, dass sie weder durch Kredit noch
für Geld eine einzige Mahlzeit mehr verschaffen könnte: der Vater war so
kleinlaut, so schwachmütig geworden, dass ihm keine einzige von seinen
auffahrenden Reden mehr entwischte: Beide baten kläglich, dass Herrmann Rat
schaffen möchte. Von ihren Vorstellungen gerührt, sprach er zu ihnen: »Seid
ruhig, meine Lieben! Ihr sollt heute essen wie Reiche. Dem Unglück kann ich
nicht wehren, dass es mich trifft: aber niederschlagen soll es mich fürwahr
nicht. Der Schmerz der Seele machte mich unfähig, an die Bedürfnisse des Körpers
zu denken. Vergebt mir, dass ich so ein schlechter Hausvater bin!« - Er ging und
tat, wozu er sich bisher aus einer falschen Scheu, seine Verlegenheit kundwerden
zu lassen - wiewohl sie jedermann wusste, ob er sich es gleich nicht einbildete
-, nicht entschliessen konnte: er verpfändete sein Gut, empfing von dem Schulzen
gegen eine Handschrift eine höchst geringe Summe, um der gegenwärtigen Not zu
steuern, und kam mit ihm überein, dass er eine grössere in vierzehn Tagen gegen
gerichtliche Versichrung erhalten sollte. - »Seht ihr«, sagte er mutig, als er
nach Hause kam und das Geld auf den Tisch legte, »seht ihr, dass noch Hülfe für
uns in der Welt ist? Verzagen gehört für schwache Seelen und Bösewichter.
Hedwig, tischen Sie auf! Wir wollen heute essen wie Reiche: halt ich nicht
Wort?« - Geschäftig bereitete Hedwig eine reichlichere Mahlzeit als gewöhnlich,
und der Tag, der mit dem äussersten Kummer anfing, endigte sich für alle mit
Freude und Erquickung.
    Herrmann machte nunmehr das Projekt, von dem aufgebrachten Gelde seinen
beiden Hausgenossen das Nötige zurückzulassen, auf das Gut einen Pachter zu
setzen und mit dem Reste seiner Barschaft auszuwandern, um das Glück oder
Ulriken zu suchen: doch nahm er sich ernstlich vor, seinem Herze Gewalt anzutun,
ihre Liebe durch seine Gegenwart nicht von neuem zu befeuern, sondern vielmehr
sich von ihr zu entfernen, sobald er wüsste, dass sie sich in günstigen Umständen
befände: Wünsche, Begierden, Entwürfe stiegen haufenweise in ihm auf: der neue
Plan riss ihn hin: hastig brachte er alle seine Angelegenheiten zustande und
quälte sich vor Ungeduld, dass ihm Hindernisse nur einen Tag Aufschub
verursachten. Er schloss seinen Pachtkontrakt mit Hitze und also sehr zu seinem
Nachteil, wies seinem Vater und der Fräulein Hedwig den Genuss der Pachtgelder zu
ihrem Unterhalte und zu Bezahlung der Zinsen an, gab ihnen nebst dem Pachter
sein Haus ein, und nichts als die verschobene Auszahlung des Kapitals, das ihm
der Schulze versprochen hatte, hielt seine Abreise auf.
 
                                Zweites Kapitel
Als alle Zurüstungen zustande waren und die Auszahlung des geborgten Geldes in
wenigen Tagen geschehen sollte, langte bei seinem Hause ein Mann an, der sich
sehr genau nach seinem Namen erkundigte: der Mann trat in die Stube, sah sich
sorgfältig allentalben um - »Ja, es ist wohl so, wie man mir's beschrieben
hat«, fing er an und gab einen Brief ab. Die Hand der Aufschrift war fremd, aber
kaum war er geöffnet, so zeigte sich mit dem ersten Blicke Ulrikens Schrift.
                                                             M**, den 23.August.
War das nicht, als wenn uns der Wind auseinanderführte, liebster Herrmann? Ich
dachte, wir wären längst von allen Menschen vergessen, und doch gibt man sich
die Mühe, uns zu trennen: aber die Trennung soll nicht lange dauern, hoffe ich.
    Vermutlich hast Du nicht einmal erfahren, wie mich die schändlichen Leute
weggekapert haben. Du mochtest, als Dich der Pfarr zu sich rufen liess, kaum drei
oder vier Minuten aus dem Hause sein, so kam ein Bauernmädchen sehr eilfertig
gerennt und sagte mir, dass ich Dir nachkommen sollte. »Er ist mit dem Herrn
Pfarr durch den Kirchhof gegangen und wartet vor der Tür, die aufs Feld geht«,
sagte die Verschmjetzte. Wer sollte dahinter etwas Böses argwohnen? Ich glaube
wirklich, das Mädchen, das eine Magd vom Herrnhofe war, sei Dir begegnet und von
Dir geschickt worden, wie sie vorgab. Ich gehe quer über den Kirchhof nach der
andern Tür hin, die auf das Feld geht, und erblicke, wie ich mich nähere, eine
Kutsche mit offnem Schlage vor ihr. Der Anblick machte mich wohl ein wenig
stutzig, aber da ich nicht die mindeste Ursache zum Argwohn hatte, liess ich mich
durch nichts beunruhigen als durch die Besorgnis, dass jemand da sein möchte, von
dem ich nicht gern gesehen sein wollte: weil ich aber niemanden gewahr wurde,
gab ich der Neubegierde nach, trat in die Tür und fragte den Burschen, der am
Schlage lehnte, wem der Wagen gehörte: er nahm tölpisch den Hut vom Kopfe,
machte eine dumme freundliche Miene und fragte: »Was?« und hielt mir das Ohr
hin, als wenn er taub wäre. Indem ich etwas näher trete und meine Frage
wiederhole, ergreift mich plötzlich jemand von hinten und wirft mich in den
Wagen hinein - pump! war die Türe zu, und die Kutsche rollte mit mir dahin: das
geschah alles so schnell, dass ich mich kaum besinnen konnte. Da sass ich nun in
dem verwünschten Kasten und konnte gar nicht begreifen, was das bedeuten sollte.
Alle drei Fenster waren niedergelassen und statt derselben hölzerne Schieber
vorgesetzt, die nur durch drei viereckichte Löcher, so gross als ein Auge, Licht
und Luft hineinliessen. Mir wurde angst: ich versuchte die Schieber aufzumachen
und arbeitete mir die Finger blutig daran: aber es war nicht möglich: sie mussten
angenagelt sein. Die Türen liessen sich inwendig ebensowenig öffnen: ich befand
mich im Gefängnisse und sah durch eins meiner drei Luftlöcher nach dem andern
und erblickte nichts als Stückchen Feld und Bäume, und durch das vorderste ein
Stückchen Kutscher: ich rief ihm zu, dass er halten sollte, aber er drehte sich
nicht einmal um; und der Wagen rollte in einem fort so barbarisch über Stock und
Stein dahin, als wenn mich geflügelte Drachen zögen, dass ich in dem weiten
Kasten vor heftiger Erschütterung und von den öftern Stössen wie ein Knaul von
Winkel zu Winkel herumkollerte. Für einen Spass von Dir war die Komödie zu lang
und zu plump: ich konnte also nichts als Betrügerei argwohnen. Aber von wem? -
Ich quälte mich mit Mutmassungen und Besorgnissen und konnte nicht einmal ruhig
mutmassen: denn ehe ich mich's versah, kam ein Stoss, und dann wieder einer, und
warf mich so hoch empor, dass mir die Gedanken aus dem Kopfe fielen.
    Endlich, nachdem ich, ohne Möglichkeit mich zu retten, zwei oder drei
Stunden bald langsam, bald hurtig zusammengerumpelt worden war, fuhr die Kutsche
durch einen Torweg und hielt an: man öffnete die Tür, und weil der ganze Hof mit
Mist überdeckt war, nahm mich der nämliche Bursche, den ich bei dem Kirchhofe am
Schlage fand, auf die Arme und trug mich in ein altväterisches, gotisches Haus
hinein. Die Haustüre wurde hinter mir zugemacht, und mich empfing ein
entsetzlich geputztes Frauenzimmer - so entsetzlich, so linkisch geputzt, dass
man sich des Lachens kaum entalten konnte! Sie gab mir die Hand und führte mich
die Treppe hinan. »Aber wo bin ich denn?« rief ich beständig. »Was will man mir
denn tun?« - »Das sollen Sie gleich hören, meine Liebwerteste«, antwortete das
Schlaraffengesicht und lachte. Die Stimme kam mir bekannt vor, und da ich mir
den geputzten Kobold genauer besehe, ist es Madame Siegfried, unsre
allergnädigste Gerichtsherrschaft. »Meine liebwerteste Baronesse«, fing sie an
und keuchte wie ein Schmiedeblasebalg und wimperte unaufhörlich mit den Augen
dazu, wie sie sonst tat - »meine liebwerteste Baronesse, sein Sie mir doch
untertänig willkommen.« - »Was soll ich denn hier?« - »Alles Liebes und Gutes,
meine werteste Baronesse! Geruhen Sie nur, sich zu setzen und zu essen und zu
trinken!« - »Nicht einen Bissen, wenn ich nicht weiss, was man mit mir willens
ist! Wer hat mich so diebischerweise auffangen lassen?« - »Belieben Sie das
nicht zu sagen, meine trauteste Baronesse! Sie sind in allen Ehren und
Honettität hieher gebracht worden und sollen auch heute noch weiterreisen.« -
»Wohin denn?« - »Das werden Sie schon erfahren«, sprach sie lachend. »Lassen Sie
sich's nur unterdessen nicht missfällig sein, sich hier umzuputzen: ich werde die
Ehre und das geneigte Vergnügen haben, mit Ihnen zu reisen.« - »Das ist eine
himmelschreiende Betrügerei, die man mir spielt«, fuhr ich auf, »und ich will
doch sehn, wer mich von der Stelle bringen soll, wenn man mir nicht sagt, warum
ich hier bin, wer mich hieher hat bringen lassen.« - »Sein Sie nur so geneigt«,
unterbrach sie mich, »und folgen Sie mir! Ziehen Sie hier die Schirkassienne
(Circassienne) an und belieben Sie, dabei etwas von frischer Milch und kalter
Küche zu geniessen: ich will Ihnen dabei die ganze Historie erzählen.« - »Mir
etwas weismachen? Nicht wahr?« unterbrach ich sie. - »Sein Sie doch so geneigt
und denken nicht so kanalljöfisch von mir! Ich will Ihnen ganz reinen Wein
einschenken: Sie sollen zu Ihrem Onkel, oder wie ich ihn nennen soll, dem Herrn
Obersten von Holzwerder: Sie kennen ihn ja wohl noch? Er war einmal bei Ihro
Exzellenz, dem Herrn Grafen, Ihrem gnädigen Herrn Onkel, zur Vesitte.« - »Das
weiss ich wohl; aber was will er denn mit mir anfangen?« - »Alles Liebes und
Gutes! Ihr Herr Herrmann ist voraus: Sie werden einander dort finden: weiter sag
ich nichts.« - »Märchen sind das! blaue Dünste, um mich ins Netz zu locken! aber
ich bin kein Kind und glaube solche Fratzen.« - »Sie denken auch gar zu
mesantropsch von mir, meine liebwerteste Baronesse. Ich bin ja keine meschante
Kanaille, die mit Lug und Trug umgeht. Ich bin ja eine honette Madam, die es in
aller Ehre und Honettität mit Ihnen meint.« -
    In diesem scheinheiligen Tone überredete sie mir eine gotteslästerliche
Lüge, die sie so wahrscheinlich zu machen wusste, dass ich sie wirklich glaubte.
Meinen und Deinen Aufentalt sollte ihr Mann durch Schwingern erfahren haben -
sehr glaublich! denn Du hattest ihm Nachricht davon gegeben, das wusste ich.
Dieser Herr Schwinger sollte sich über unsre Liebe erbarmt und an den Obersten
Holzwerder gewandt haben, um meine Verbindung mit Dir zu bewirken: der Oberste
Holzwerder war gleichfalls so geneigt gewesen und hatte sich erboten, unsre
Verbindung zustande zu bringen: darauf sollte Schwinger an ihren Mann
geschrieben und ihn gebeten haben, uns beide zu dem Obersten zu schaffen; »und
weil mein Mann den Spass liebt«, setzte der hässliche Puterhahn hinzu, »so lässt er
ein jedes von Ihnen besonders an Ort und Stelle bringen. Sie sollen beide
einander bei des Herrn Obersten von Holzwerder Gnaden finden, als wenn es so par
hussar (par hasard) geschähe: Herr Herrmann ist mit meinem Manne und dem Herrn
Pastor spazierengefahren: aber sie reisen zu dem Herrn Obersten. Der wird sich
wundern, wenn die Spazierfahrt so lange währt! Und wenn Sie nun vollends mit
mir, so gleichsam als wie par hussar, ankommen, da wird erstlich die
Verwunderung angehn. Aber belieben Sie sich ja nichts davon remerquieren zu
lassen, meine liebwerteste Baronesse! denn mein Mann hat mir's bei Kopfabhacken
verboten, Ihnen ja nichts davon zu sagen, damit es ein Spass wird, wenn sie
einander so gleichsam als wie par hussar rankertieren (rencontrieren). Aber ich
bin eine viel zu honette Madam, dass ich meine liebwerteste Baronesse so in der
Angst lassen sollte. Das kann ich Ihnen wahrlich nicht: Sie würden sich
ambrassieren (embarassieren). Nein, das kann ich Ihnen nicht übers Herz bringen,
dass ich Sie so ambrassieren sollte.« -
    Sah das Fabelchen nicht der Wahrheit so ähnlich, dass sich auch der Klügste
fangen lassen musste? - Es stiegen mir zwar Zweifel dawider auf, aber weil ich so
sehr wünschte, dass es keine Fabel sein möchte, hüpfte ich über die
Bedenklichkeiten hinweg, besonders da mir die alte Heuchlerin so oft und mit so
anscheinender Aufrichtigkeit ihre Honettität beteuerte. Ich leichtgläubiges
Geschöpf zog die Schirkassienne an und die übrigen Reisekleider, die dabeilagen,
und freute mich innerlich wie ein Kind auf Weihnachten, dass sich unser Himmel so
unvermutet aufheiten sollte. Es überfiel mich eine eigne Empfindung, als ich
mich zum ersten Male nach beinahe drei Jahren wieder in dem städtischen Putze
befand: ich sah mir ganz anders aus und konnte vor Wohlgefallen nicht vom
Spiegel wegkommen. Alles Glück und aller Verdruss, den ich sonst in meinen
vornehmen Kleidern erlitten hatte, kam mir in die Gedanken zurück: ich sah auf
meine ländliche Kleidung, als sie dort auf dem Tische lag, wie auf eine
abgeworfne Hülle des Elends hinab, aus welcher ich neugeboren zu einem neuen
glücklichen Leben hervorgegangen wäre. Rührung, Freude, Hoffnung bemeisterten
sich meiner so stark, dass ich in dem Taumel ein grosses Glas mit drei hastigen
Zügen hinterschluckte und so viel Butterbrot dazu ass, als wenn ich acht Tage
gefastet hätte - alles, ohne dass ich's eher inne ward, als bis ich die Schmerzen
der Überladung fühlte! Die alte, keuchende Siegfried, so widrig sie mir sonst
war, schien mir jetzt eine so liebenswürdige, so eine herzlich gute Frau, dass ich
kein Mittel aussinnen konnte, ihr meine Zufriedenheit und Zuneigung genug zu
beweisen: ich drückte ihr die Hände, ich liebkoste sie, ich überwand sogar
meinen Widerwillen und drückte ihr zween Küsse auf die dicken, breiten Lippen.
Die Küsse gereuen mich diese Stunde noch: wenn ich sie dem schändlichen Weibe
nur wieder abnehmen könnte!
    Die Pferde waren indessen gefüttert und wieder vorgelegt worden; und wir
stiegen in vollen Freuden ein: des Nachmittags liefen sie mir zu hurtig und jetzt
nicht schnell genug. Unterwegs hatten wir ein ewiges Geschwätze - das mir
freilich sehr angenehm war - von dem Glücke und dem hohen Vergnügen, das auf
Dich und mich bei dem Obersten wartete, dass wir zur Landwirtschaft nicht gemacht
wären und durch den Obersten in eine angemessnere Lage geraten würden. Die ganze
Nacht kam kein Schlaf in meine Augen. In dem nächsten Städtchen nahmen wir
Postpferde und fuhren die ganze Nacht hindurch, und von Zeit zu Zeit weckte ich
meine schnarchende Reisegefährtin durch einen Stoss, als wenn er so par hussar
geschähe, damit sie von Deinem und meinem Glücke mit mir reden sollte.
    Auf der letzten Station empfing mich der Oberste, ein allerliebster Mann,
und mir damals noch tausendmal lieber als itzo, weil er, nach meiner Überredung,
uns beiden so herrliche Dienste getan hatte und tun wollte. Der Postknecht
blies, wir nahmen von Madam Siegfried Abschied, fuhren fort: noch war kein
Herrmann da. Der Oberste war sehr gesprächig und spasshaft, scherzte mit mir, dass
in der Stadt, wohin wir wollten, ein hübscher Mann auf mich wartete, beschrieb
mir ihn vom Kopf bis auf die Füsse und fragte mich bei der Beschreibung eines
jeden Stücks an dem hübschen Manne, wie er mir gefiele. Dein Portrtät war es
nicht, fast in allem das Gegenteil: - Aber, dachte ich, er tut das aus Scherz,
dass er mir meinen Herrmann so hässlich malt; und in diesen Gedanken lobe ich denn
alles an seinem Gemälde, sogar die zwo grossen Warzen, die der hübsche Mann auf
dem Backen haben sollte, gefielen mir ausserordentlich: ich sprach bei meinem
Lobe mit wahrem innigen Entzücken. Den Obersten steckte mein Entzücken so sehr
an, dass er sich zusehends verjüngte: er wurde so munter, so belebt, dass er mich
küsste, und trotz des stechenden Bartes nahm ich mit seinen Küssen vorlieb. »Der
arme Mann!« dachte ich, »unsre Liebe macht ihn ganz jung wieder: er möchte gern
auch etwas lieben: es ist doch traurig, wenn man so alt ist und sich mit dem
Zusehn abspeisen muss.« Als seine Beschreibung bei den Füssen war, die zuweilen
mit dem Podagra behaftet sein sollten, wollte ich ihm sein Geheimnis ablocken
und fragte ihn, wie denn dieser hübsche Mann hiesse: der Name Herrmann klang
schon in meinen Ohren: am Ende, da er sich lange geweigert hatte, war er es
selbst. »Das ist eine Ausflucht, um dir den rechten Namen nicht sagen zu
dürfen«, dachte ich und antwortete mit gezwungnem Scherze, dass vermutlich der
Pfarr, der ihn und mich trauen sollte, uns zu Hause schon erwartete: ich war
verdriesslich bei mir, dass er mir nicht die Freude machte und den rechten Namen
nennte, da mir doch an der Überraschung gar nichts lag; und mein Verdruss musste
vermutlich durch die angenommene scherzhafte Miene durchgeleuchtet haben; denn
er sagte mir ernstaft darauf: »Sie werden doch den Spass nicht übelnehmen?« -
und drückte mir dabei die Hand. Ich versicherte ihn aus allen Kräften das
Gegenteil; und den übrigen Weg wurde viel geschäkert, aber nicht mehr auf diese
Art. Inzwischen zog ich doch alles, was er sagte, auf Dich, und was sich nur im
mindsten so auslegen liess, verstund ich als eine Anspielung auf unsre nahe
Trauung: sogar, als er mir die Liebkosungen erzählte, die mir sein kleiner Hund
Marquis machen würde, bildete ich mir ein, er meinte Dich; und wegen dieser
Illusion lachte ich über alles so ausgelassen vergnügt und mannigmal bei Sachen,
die gar keinen Anlass zum Lachen geben konnten, dass der Oberste mich oft fragte,
warum ich darüber lachte.
    Wir langten an, fanden den scherzhaften Marquis und Lieschen, des Obersten
Ziperkatze, den einen so klaffend und die andre so schnurrend und
krummbucklicht, wie er sie mir beschrieben hatte, alle Tapeten und Möbeln, wie
er sie mir beschrieben hatte, aber - keinen Herrmann. Die Nacht verging, auch
der Morgen: der Oberste zeigte mir alle seine Herrlichkeiten und machte mir
vielen Spass vor, aber ich hatte kein Gefühl dafür: weil ich Betrug argwohnte,
hörte auch meine gestrige Auslegungskunst auf: ich hielt keinen von seinen
Scherzen mehr für eine Anspielung auf Dich und unsre Verbindung, sondern
verstund jeden, wie er gemeint war, und so war jeder ohne Reiz für mich: nicht
einmal zwingen konnte ich mich zum Lachen. Er liess den Schneider kommen, um mir
ein Kleid zu verschaffen, worinne ich mich der Fürstin darstellen könnte, und
nennte mich unaufhörlich sein liebes schmuckes Bräutchen: der Schneider lachte
über seine Schnaken, dass er beständig das Mass falsch nahm: das Bräutchen blieb
so ernstaft wie die dickköpfichten Chineser auf der Papiertapete rings in dem
Zimmer, weil ihr der rechte Bräutigam fehlte. Verdruss und Ärger, dass ich mich so
schändlich hatte hintergehen lassen, nahmen sichtbarlich zu, und der Oberste,
der meine mürrische Laune dem Mangel an Vergnügen zuschrieb, stellte auf den
Nachmittag ein Konzert an. - »Wir haben hier sehr schöne Musikanten«, sagte er
mir bei dem Mittagsessen. »Wir haben noch vor drei viertel Jahren eine rechte
Sängerin aus Berlin bekommen, die Madam Dormer: sie singt wie ein
Nachtigallchen: Sacre-papier! wenn die Frau in die Höhe mit ihrer Kehle steigt!
das geht, das geht, wie mein Lieschen, mein Ziperchen, wenn sie zum Dach
hinaufläuft! Wie der Wind ist sie oben; und wenn sie nun oben auf dem Forste mit
ihren Tönen sitzt, da trillert und tanzt sie so kraus in der Höhe herum, als
wenn's die Engelchen im Himmel wären; und dann hüpft sie auf einmal - hop, hop,
hop, hop, hop -« (er machte die Prahltriller der Sängerin mit seiner unsingbaren
Stimme sehr komisch nach) »von dem obersten Dachziegel herunter, dass man denkt,
die Kehle wird Hals und Beine brechen. Sacre-papier! das ist eine Sängerin, die
für den König von Frankreich nicht zu schlecht wäre! Ihr Mann ist auch ein
grosser Musikant: er pfeift sehr schön auf der Flöte und fiedelt auch auf der
grossen Rumpelmaschine - wie heisst sie denn gleich? -, auf dem grossen Basse -
rumpel, rumpel! das geht drauflos, was das Zeug hält, wenn das Kerlchen seine
Grimassen hinter dem grossen Brummkasten zu schneiden anfängt! Dass der Staub
herumfliegt, so marschiert er auf den Saiten herum. Und dann haben wir noch
einen grossen Musikanten; der geht über alle, das sag ich. Hören Sie! wenn der zu
fiedeln anfängt, das klingt wie ein Glöckchen, wie wenn ich Ihnen hier mit der
Gabel ans Glas schlage, kling, kling, kling! -und dabei will er sich alle Adern
am Leibe zerreissen: das ist ein Arbeiten auf der Fiedel, dass ihm die Haare um
den Bogen herumhängen, wenn er fertig ist. Meine Soldaten können sich nicht so
hurtig schwenken und drehen, als der Mensch auf
    dem Brette mit dem Fiedelbogen herumspaziert. Das ist die Kapelle: aber nun
nehm ich meine Leute dazu; das sind ganze Kerle: wenn sie zu hoboen anfangen und
die Waldhörner und die F-zmaschinen - Fagots heissen sie - dazwischen
hineinfallen, das ist ein Gequake und ein Gekreische, dass man davonlaufen
möchte. Das versichre ich Sie, meine Hoboistenbande ist die schönste in Europa:
die Ohren möchten springen, so einen exzellenten Lärm machen sie.« -
    Ohngefähr in diesem Tone schilderte er mir auch die Talente der
Stadtmusikanten und der Liebhaber in der ganzen Stadt, die auf irgendeinem
Instrumente etwas Vorzügliches leisten. Nachmittags fand sich ein Virtuose nach
dem andern ein, ein schreckliches Heer, das die Toten hätte erwecken können. Ich
fühlte zum Leidwesen meiner Nerven, dass der Oberste richtig prophezeite: die
Ohren wollten mir springen, und ich wäre gern davongelaufen. Die Herren griffen
sich mir zu Ehren alle so gewaltig an, dass ihnen der Schweiss schon bei der
ersten Sinfonie am Kopfe hereinlief, und jede Minute platzte eine Saite. Sie
wedelten sich insgesamt mit den Schnupftüchern, als sie sich durch das tobende
Presto durchgearbeitet hatten; und so angreifend das Getöse in dem kleinen Saale
war, so meinte doch der Oberste, dass sie heute nicht so frisch gespielt hätten
wie sonst. Um den Schimpf nicht auf sich sitzen zu lassen, bat der Direktor des
Konzerts um eine Verstärkung des Orchesters, nach welcher sogleich Boten
ausgesandt wurden, und legte ein Stück auf, wobei Waldhörner, Trompeten, Oboen,
Fagotte, Posaunen und fast alle übrige Blasinstrumente hervortraten. Mit grosser
Betrübnis beschwerte sich der Direktor, dass man die Pauken weglassen müsste. -
»Diese will ich machen«, sprach der Oberste und befahl eine Trummel zu holen. -
»Geben Sie einmal acht«, sagte er zu mir, »wie ich die Trummel peitschen will:
ich bin sehr stark darin: ich lehre alle meine Tambours selber.« - Verstärkung
und Trummel langten an: mir wurde angst und bange. Das Getöse begann: der
Oberste stand in der Mitte mit umgehängter Trummel, gab ihr bald einen einzelnen
empfindlichen Hieb, schlug bald einen langen schnurrenden Wirbel, dass man nichts
als das Quäken der rauhen Trompeten hören konnte: es war eine Höllenmusik;
demungeachtet glaubte der Oberste, dass zwei Trummeln einen bessern Effekt tun
würden, und konnte nicht begreifen, warum die übrigen heute so erstaunend leise
spielten, dass er nur sich allein hörte. Man schob die Schuld auf die Violinen
und beklagte, dass der Stadtmusikant nicht zugegen wäre, der mit seiner Geige
sieben andre überschrie. Auf alle Gassen mussten Boten auswandern, den Mann
aufzusuchen: er erschien mit seiner gewaltigen Geige nebst einem Tambour: allein
wenn man gleich noch sechs Männer mit so gewaltigen Geigen herbeigeschaft
hätte, so wäre die Musik für den Obersten immer zu schwach gewesen; und der Lärm
war doch so unmenschlich, dass die Leute auf den Gassen zusammenliefen und Feuer
riefen, in der Meinung, man habe die Feuertrummel gerührt. Seine Gehörnerven
müssen von Stahl sein; denn die meinigen haben mir acht Tage lang gesaust und
gezittert.
    Endlich erschien auch Madam Dormer, die grosse Sängerin: ich freute mich, dass
meine Ohren wenigstens auf eine andre Manier die Tortur leiden würden. Die Frau
trat mit vielem Anstande und edler Stellung herein: alles stellte sich in
ehrerbietige Parade, als wenn die Fürstin ankäme: der Oberste brachte sie gleich
zu mir und machte sie mit mir bekannt. Rate, Herrmann, rate, wer die grosse
Sängerin war! -Vignali, die leibhaftige Vignali! Wir erschraken beide nicht
wenig, uns hier wiederzufinden, aber behielten doch so viel Fassung, dass sich
keins verriet. Sie schämte sich ausserordentlich, in ihrer itzigen Qualität vor
mir zu erscheinen, und war durch keine Bitten zu bewegen, dass sie sang: sie
wandte einen Katarrh vor.
    Die Neugierde und die rätselhafte Beschuldigung der Madam Düpont auf meiner
Flucht von Dresden, dass ich die Ursache von Vignalis Unglücke wäre, liessen mir
keine Ruhe: ich suchte mit ihr in ein Nebenzimmer zu kommen, um mich nach ihrer
Geschichte zu erkundigen: kaum hatte ich die erste Frage getan, was sie hier mit
mir zusammenbrächte, und zur Antwort erhalten: »Das Unglück!« - so führte das
Unglück schon ein Paar Fräulein zu uns, die während des Konzerts, dem sie
beiwohnten, so eine seltsame Zuneigung zu mir gefasst hatten, dass sie mir auf
allen Tritten nachgingen: alle drei Minuten drückte mir die eine die Hand und
fragte mich: »Sind Sie mir nicht ein bisschen gut?« - und die andre erkundigte
sich unaufhörlich, wie mir die Musik gefiele: die beiden zutuenden Gänschen
waren mir jetzt doppelt zur Last, weil sie die Befriedigung meiner Neugierde
hinderten. Nach dem Konzert bat ich den Obersten um Erlaubnis, Vignali oder, wie
man sie jetzt nennen muss, Madam Dormer morgen zu besuchen. - »Nein«, antwortete
er sehr ernstaft, »das schickt sich nicht: Sie können ja eine Sängerin nicht
besuchen. Sie kömmt sehr oft zu mir und arbeitet mit uns: da werden Sie
Gelegenheit genug haben, die Frau zu sprechen, wenn sie Ihnen gefällt.« - »Sie
arbeitet mit Ihnen! wie denn das?« fragte ich. - »Gedulden Sie sich nur!«
antwortete er lachend. »Sie sollen schon auch ein Geselle in meiner Werkstatt
werden: aber erst muss ich Sie als Lehrbursch aufnehmen: das soll morgen
geschehn; und wenn Sie sich gut anschicken, können Sie in acht Tagen schon
Geselle sein.« - Mehr wollte er mir vorderhand nicht entdecken: dass die Leute
doch die Überraschung sosehr lieben!
    Den folgenden Morgen gleich nach dem Frühstück wurde ich von ihm selbst in
seine Werkstatt abgeholt: der tändelnde Mann band mir ein weisses Schurzfell um,
mit rotem Bande eingefasst, und wies mir meinen Platz auf einem Taburett an, wo
ich zusehn sollte, um die Handgriffe und Geheimnisse seiner Kunst zu lernen:
»Einen Stuhl mit der Lehne bekommen nur die Gesellen und Meister«, setzte er
sehr wichtig hinzu. Ich erfuhr noch immer nicht, zu was für einer Kunst ich
eingeweiht werden sollte, und konnte es auch nicht raten; denn in dem ganzen
engen Stübchen war nichts, woher ich Mutmassungen nehmen konnte, als alte grüne
Tapeten, mit einem greulichen Staube über und über bedeckt: woraus ich schloss,
dass man entweder hier sehr lange nicht ausgefegt habe oder dass es Staub bei der
Arbeit gebe. Auf dem Tische lagen Stücken Bimstein, Leder und andre Sachen und
vorzüglich viel Staub. Als ich noch meinen Mutmassungen nachhing, trat ein Mann
in blauem Rocke, roter Weste, gelben Beinkleidern und grauen, wollnen Strümpfen
herein, die verwirrte Perücke nicht zu vergessen - der Himmel weiss, ob sie von
Natur oder aus Mangel des Puders schwarz ist: - aber da sie sich seit unsrer
ersten Bekanntschaft bis diese Stunde unveränderlich gleichgeblieben ist, mag
sie wohl natürlich schwarz und vor Alter und Gram etwas rotgrau geworden sein,
besonders weil sie ihm nach aller Wahrscheinlichkeit auch zur Nachtmütze dient.
Alle Kleidungsstücke waren in kläglichen Umständen, auf dem beschabten, blauen
Rocke lagen die groben Grundfaden offen da wie weisser Bindfaden, und die rote
Weste war mit grossen und kleinen Flecken von mancherlei Farbe wie eine Landkarte
illuminiert. - »Da kömmt mein Altgesell«, sagte der Oberste, als der Mann mit
einem »Sehr schönen guten Morgen« hereintrat. Ohne im mindsten zu bemerken, dass
eine fremde Figur in der Stube war, legte er sogleich seinen Hut hinter seinen
Stuhl auf den Fussboden, setzte sich, zog eine Brille heraus, wischte sie an
einem kleinen, weissen Schnupftüchelchen rein, ohngefähr von der Grösse, wie sie
meine ehmalige Puppe, glorreichen Andenkens, an Sonn- und Festtagen zu brauchen
pflegte: darauf stellte er die Brille mit vieler Akkuratesse auf die Nase - da
sass er, die Arme auf den Tisch gelegt! Es ist, wie ich hernach vom Obersten
erfuhr, ein gewesener Apoteker, der den tollen Einfall gehabt hat, alle seine
Büchsen in Gold verwandeln zu wollen; und da sie ihm, ungeachtet aller Mühe und
Unkosten, den Gefallen nicht erzeigt haben, sondern gutes ehrliches Holz
geblieben sind, wie es der liebe Gott erschuf und der Drechsler drehte, so hat
er sie versilbern, das heisst für Silbergeld verkaufen müssen: - dieser Spass mit
der Versilberung ist von dem Obersten, um seinen Witz in Deine Bekanntschaft zu
bringen. Von dieser Versilberung lebt er itzo, behilft sich elend und schlüge
jedermann ohne Ansehn der Person hinter die Ohren, der ihm die Kunst, alles in
Gold zu verwandeln, nicht zugestehn wollte. Er ist dabei entsetzlich gelehrt,
dass mir mannigmal ganz schwarz vor Augen wird, wenn er disputiert: griechische
Wörter mit langen, langen Schwänzen und noch viel mehr Latein als Fräulein
Hedwig speit er den Leuten wie einen Hagelregen an den Kopf: der Oberste weiss
zuweilen vor Angst nicht wohin, so übel bekömmt ihm die grausame Gelehrsamkeit
des Mannes: Das war also der Altgesell en Skizze - mit dem Maler zu reden, der
gestern eine Türe bei uns anstrich.
    »Es ist doch wahr, dass ehegestern nacht ein Geist bei der Mamsell -« (ich
weiss nicht mehr, wie er sie nannte) »gewesen ist«, fing er an, »er hat eine
glühende rote Nase und an jeder Hand sechs Finger gehabt.« - Ich musste lachen:
das nahm er übel, gab mir einen Verweis und erklärte mir, warum die Geister
lieber zu den Mädchen als den Mannspersonen kämen. Ich habe seine langweilige
Erklärung vergessen, aber so viel weiss ich noch, dass seine Geister so gescheit
sind und sich lieben und heiraten wie unsereins. Er bildet sich ein, dass er sie
zitieren kann, auch die Seelen der Lebendigen: ich nahm mir die Freiheit, mir
die Deinige zu einem Tête-à-tête bei ihm zu bestellen: aber entweder hat der
Mann seine Kunst verlernt, oder Deine Seele ist zu fest an den Körper gewachsen;
denn seitdem ich hier bin, muss ich alle Abende Deinen Namen auf Papier
schreiben, verbrennen und ihm die Asche überliefern, und er zitiert, dass ihm der
Angstschweiss am Kopfe hereinströmt: aber die liebe Seele will nicht kommen. Er
ist so unverschämt zudringlich, dass man sich seiner gottlosen Künste gar nicht
erwehren kann, wenn man sich zum Spass einmal mit ihm einlässt: so geht es mir mit
Deiner armen Seele, sosehr ich ihn auch bitte, er soll sie in Ruhe lassen.
    Der Oberste, der sich sonst um die Geisterangelegenheiten sehr gern
bekümmert, aber seine Arbeit doch höher achtet, unterbrach den Altgesellen
damals sehr bald in seiner Erklärung und befahl ihm kraft seiner Meistergewalt,
nicht müssig zu gehn, sondern erst zu arbeiten und dann zu schwatzen. Indem der
Geisterseher die Arbeit aus dem Tischkasten hervorsuchte, traf auch der
Junggeselle ein, Madam Dormer: sie warf eilfertig ihre Saloppe ab, und gleich
über die Arbeit! - Es ist doch wahrhaftig das verschmjetzteste Weib auf der Erde:
weil sie weiss, dass man sich durch solchen Eifer bei dem Obersten überaus beliebt
machen kann, tut sie so geschäftig und behandelt alles mit einer solchen
Wichtigkeit, als wenn von der Spielerei dieser drei Leute die Wohlfahrt des
ganzen deutschen Reichs abhinge. - »Nunmehr«, fing der Oberste sehr gravitätisch
an, was er gewöhnlich gar nicht ist, und wandte sich zu mir, »nunmehr will ich
Ihnen die Geheimnisse unsrer Kunst offenbaren. Sie sehn hier in meinen Händen
einen gräulichen Stein, Dendrit genannt: in diesen Stein hat die Natur alles
gezeichnet, was auf der Welt ist, Menschen, Tiere, Bäume, Häuser, Landschaften,
Städte, Armeen, ganze Feldzüge und Schlachten.« - »Aber«, nahm der Goldmacher
das Wort, »wie die Natur überhaupt alle ihre Schätze tief verborgen hat, damit
sie des Menschen Ingenium und Fleiss hervorsuche und herausziehe, wie par Exempel
das Gold, welches in allen, auch den verächtlichsten Materien entalten ist; wir
essen es im Brote, wir tragen es in unsern Kleidern auf dem Leibe« (wobei er auf
seinen kahlen, blauen Rock wies), »wir treten es auf unsern schmutzigen Gassen
mit Füssen, die Magd kehrt es mit dem Besen aus der Stube, wir haben es in uns,
in Blut und Eingeweiden: nun muss des Menschen Fleiss und Geschicklichkeit aus
allen diesen Goldgruben jenes köstliche Element heraussuchen und aus den
verächtlichen Materien gleichsam herausziehen.«
    - »Nicht so weitläuftig, Altgesell!« unterbrach ihn der Oberste. »Sehn Sie,
Rikchen!« sprach er darauf in seinem alltäglichen Tone zu mir, »wir reiben und
polieren die Steine so lange, bis die vortrefflichen Zeichnungen, die die Natur
hineingelegt hat, zum Vorschein kommen.« - »Das ist«, hub der Goldmacher wieder
an, »das ist par Exempel just wie mit einer sympatetischen Tinte - Sie wissen
doch, was eine sympatetische Tinte ist?« fragte er mich und sagte mir einige
Rezepte, sie zu verfertigen: aber er kam nicht weit mit seinen Rezepten; denn
der Oberste schrie: »Gearbeitet! gearbeitet, Altgesell! und dann geschwatzt!« -
Sogleich wandte er sich wieder zu mir und versprach, mir eine Probe von diesen
Wunderzeichnungen der Natur zu weisen. Er holte einen grossen Kasten herbei,
worinne eine Menge polierte Dendriten nach der Ordnung lagen, wie die
Geschichten erfoderten, die er sich darauf vorstellte. »Sehen Sie!« begann er,
»das ist der Einfall des itzo allergnädigst regierenden Königs von Preussen in
Schlesien anno 40: - das hier ist die Schlacht bei Molwitz, wo mich eine Kugel
am Arme streifte: Sie können das sehr deutlich sehen. Hier steht unser
Bataillon; hier steh ich als Leutenant; und hier kömmt die verfluchte
Flintenkugel und fährt mir so dicht am Arme hin, dass sie mir ein Stück Haut
wegnimmt.« - Ich sah auf dem Steine nichts als schwarze Punkte, die wohl
Bäumen, aber keinen Soldaten ähnlich waren: allein aus Gefälligkeit sah ich
alles, was er darauf erblickte. - »Das hier«, fuhr er fort, »ist die Aktion bei
Hennersdorf, wo ich meinen Hut verlor und eine Kugel ins linke Schulterblatt
kriegte: ich bin zweimal darauf: hier fällt mein Hut, und hier kömmt die Kugel:
sehn Sie! es ist alles deutlich.« - Der Goldmacher schüttelte den Kopf. »Halten
Sie mir zu Gnaden«, fing er an, »mit der Aktion bei Hennersdorf ist es nicht
richtig. Ich setze Leib und Leben zum Unterpfande, Sie irren sich. Es ist die
Geschichte Luteri, wie er dem Teufel das Tintenfass an den Kopf wirft: das
fliegende Tintenfass sehn Sie für eine Flintenkugel an, und die Tinte, die hier
dem Teufel vom Kopfe läuft, halten Sie für den Hut, der Ihnen bei Hennersdorf
vom Kopfe fiel.« -
    Der Oberste. Und was Sie für den Teufel ansehn, das bin ich? - Sie müssen
behext sein oder den Star haben, wenn Sie mich hier nicht erkennen wollen.
Sacre-papier! sieht mich für den Teufel an!
    Der Apoteker. Ich sterbe darauf. Sehn Sie hier nicht deutlich die Hörner,
den Schwanz und die Pferdefüsse?
    Der Oberste. Sacre-papier! das ist mein Toupet, mein Degen und die
Vorderfüsse von meinem Pferde. Sie sind ja sonst nicht so dumm, dass Sie das nicht
begreifen können.
    Der Apoteker. Herr Oberster, ich will in der Minute des Todes sein, wenn
ich nicht recht habe. Mit Ihrer Schlacht bei Molwitz ist es nicht anders. Das
bin ich, als ich den letzten Versuch machte, der mich ins Unglück brachte. Das
reine Gold war schon da: gleich kömmt ein Bergmännchen (eine Art von seinen
Geistern) und gibt mir eine Ohrfeige, dass ich die ganze köstliche Materie vor
Schrecken zusammenwerfe: dort lagen alle meine Reichtümer! Sehn Sie hier nicht
das Bergmännchen ganz deutlich, so natürlich, wie es damals vor meinen Augen
stund?
    Der Oberste. Der verfluchte Goldmacher! Nun sieht er mich auch noch für ein
Bergmännchen an! - Wofür wird er mich nun hier auf dieser Platte ansehn? Bin ich
das nicht, wie ich vor zwei Jahren meine Soldaten auf der grossen Wiese
manövrieren liess? Sieht Er hier nicht deutlich die zwei Divisionen, die ich
machen liess?
    Der Apoteker. Nein, das sind die sieben törichten und sieben klugen
Jungfrauen aus dem Evangelio, und was Sie für Ihre eigne Person halten, ist der
Bräutigam, der ihnen entgegenkömmt.
    Der Oberste. Altgesell! Er ist ein Narr. Sacre-papier! Da wird sich wohl die
Natur die Mühe geben und ihm seine sieben törichten Jungfern auf die Steine
malen. Gearbeitet! damit wir etwas vor uns bringen. -
    »Ach«, fing Madam Dormer an, »was Sie für die Schlacht bei Molwitz halten,
ist der natürliche Tiergarten bei Berlin: hier ist die Jägerhütte, in welche
zwei Verliebte gehen, um die Brautnacht darin zu feiern.« - Ich glaubte, ein
Bergmännchen gäbe mir eine Ohrfeige wie dem Apoteker, als die Frau den
heimtückischen Einfall sagte: ob ihn gleich niemand ausser uns beiden verstund,
wusste ich doch vor Verlegenheit nicht, wo ich mich hinwenden sollte. Sie ist
immer noch die vorige freundlich-hämische Vignali: aber ich muss ihr schmeicheln,
damit sie meine Geschichte nicht verrät und es bei solchen tückischen Neckereien
bewenden lässt, die sie auch nicht spart.
    Ich konnte meine Neubegierde nach ihrem Unglücke nicht eher befriedigen als
nachmittags, wo der Oberste mit dem Apoteker ausging, um der Sektion eines
Frosches beizuwohnen, die einer ihrer Bekannten ihnen schon lange versprochen
hatte. Madam Dormer empfing Befehl, dass sie mich unterdessen in den Handgriffen,
Dendriten zu polieren, unterrichten sollte: aber wir wandten die Zeit besser an.
Auch sie gab mir die Schuld, dass sich der Herr von Troppau mit ihr entzweit
hätte: ich fragte sie voll Verwunderung, wie das möglich wäre. - »Troppau«,
antwortete sie mir, »hatte in Erfahrung gebracht, dass Sie nebst Ihrem Liebhaber
durch meinen Vorschub entkommen waren: er beschwerte sich mit den bittersten
Anzüglichkeiten darüber20 und schalt mich förmlich aus. Ein so ungewohnter Ton
verdross mich, besonders da er mir mit der ärgsten Beleidigung sagte, dass ich ihm
einen Gefallen getan hätte, wenn ich mit Ihnen gereist wäre. Ich verliess mich
ein wenig zu sehr auf seine vorige Liebe und meine Gewalt über ihn und
antwortete ihm im Zorne, dass es noch Zeit wäre, wenn seine erkaltete Liebe eine
Trennung wünschte. Ein Wort führte das andre herbei, und wir sagten einander
alle Gemeinschaft und Liebe auf. Ich bildete mir närrischerweise ein, dass der
Mann nicht ohne mich leben könnte, und hoffte jeden Augenblick, dass er den
ersten Schritt zur Versöhnung tun würde; aber die Männer sind ein gottloses
Geschlecht: solange das Vergnügen neu ist, das wir ihnen geben, sind sie unsere
Sklaven; aber wenn die Sättigung sich einstellt oder ein neueres Vergnügen
winkt, dann werden sie wilde Bäre, die alle Banden zerreissen, wenn man sie auch
nur mit einem Zwirnfaden regieren will. Ich merkte wohl bald, dass ich eine
Übereilung begangen hatte, und bot auch von fern die Hand zur Versöhnung: sein
Herz war ohne Rückkehr verloren. Ich bekam die Pension, die er mir auf den Fall
einer Trennung ausgesetzt hatte, richtig ausgezahlt: aber was half mir das?
Meinen vorigen Aufwand konnte ich nicht fortsetzen: alle meine Freunde verliessen
mich: nachdem ich so lange stolz gefahren war, sollte ich nunmehr demütig zu
Fusse gehn. Berlin wurde mir verhasst, und ich wünschte eine Gelegenheit, die
Stadt zu verlassen, wo ich so tief unter mir selbst gesunken war. Von ohngefähr
bringt einer meiner vorigen Freunde, der mich allein im Unglücke nicht vergessen
hatte, den jungen Dormer, meinen itzigen Mann, in meine Bekanntschaft: er kam
damals von Reisen aus Italien und suchte bei der Kapelle eines deutschen Hofs
anzukommen. Er besuchte mich oft, und aus Verzweiflung und Verdruss verliebte ich
mich in ihn: er tat mir einen Heiratsantrag, und aus Verzweiflung und Verdruss
nahm ich ihn an. Die Pension, die mir Troppau nur solange versprochen hatte, bis
ich mich verheiraten würde, fiel freilich nunmehr weg: aber das kränkte mich
nicht sonderlich; denn ich mochte dem Manne, der meine Liebe mit solchem Undanke
belohnte, nicht gern die Verbindlichkeit meiner Erhaltung schuldig sein. Ich
verkaufte mein Haus und verliess mit meinem Manne Berlin, wo ich durch die
Blindheit der Mannspersonen so hoch gestiegen und durch ihre Treulosigkeit so
tief gefallen war. Wir zogen herum und konnten an keinem Hofe unser Unterkommen
finden. Mein Mann war an ein verschwenderisches, wüstes Leben gewohnt oder
gewöhnte sich daran, als er mich und meine paar tausend Taler in seiner Gewalt
sah: alle meine Vorstellungen, alle meine Klugheit vermochte nichts über den
Wildfang, der Schulden auf Schulden häufte und mich misshandelte, wenn ich sie
nicht bezahlte. So wurde mein kleines Vermögen innerhalb eines Jahres
durchgebracht, und weil keine andre Rettung übrig war, gesellten wir uns zu
einer herumziehenden deutschen Schauspielergesellschaft. Ich mag die Schande
nicht aufdecken und Ihnen die nächste Ursache sagen, warum mein Mann diese
Partie ergriff: ich war so töricht, ihn wirklich zu lieben, und dachte, ihn von
seiner Untreue zurückzubringen: deswegen willigte ich in seinen tollen
Entschluss. Ich hatte mein bisschen Musik seit meiner Verheiratung wieder
hervorgesucht und meine Kehle so ziemlich wieder geübt. Die ganze Truppe bestund
aus trägen, frostigen, steifen Figuren, aus Leuten ohne Eziehung und Sitten, die
aus Marquis, Grafen und Baronen Schuhflicker machten und alle Rollen so
spielten, als wenn der Dichter ihre eigne elende Person hätte schildern wollen:
unsre Stutzer waren Hanswürste, denen nichts als die Pritsche fehlte, und unsre
Könige sassen auf ihren glanzleinewandnen Tronen wie auf Nachtstühlen und
schrien und lärmten, als wenn die Dissenterie in ihren Eingeweiden wütete. Wir
spielten meistens Trauerspiele, und wenn einmal einer von den Helden böse oder
eifersüchtig wurde, dann blökte er, als wenn ihn der Satan bei den Haaren
zauste, und die übrigen stunden um ihn herum wie Schafe, die der Wolf fressen
will. Ich konnte sehr wenig Deutsch, ob ich mir gleich Mühe gab, es zu lernen:
mein Hals wollte sich an die rauhen Töne gar nicht gewöhnen; aber das schadete
nichts: mein Mann oder der Direktor der Gesellschaft sagte mir meine Rollen vor,
und ich lernte die Worte auswendig, ohne viel davon zu verstehen. Ich beschwerte
mich zwar oft darüber, dass ich niemals verstünde, was ich sagen müsste: allein
man versicherte mich, dass es den übrigen allen nicht besser ginge und dass darauf
auch nicht viel ankäme. An dieser Stelle müssen Sie zornig tun, an jener
verliebt; hier weinen, dort lachen; hier sauer, dort süss aussehn - das war mein
ganzer Unterricht; und weiter brauchte ich nichts, um die grössten Rollen mit
Beifall zu spielen. Ich habe gefochten mit Händen und Füssen wie eine Besessne und
geschrien, dass mir die Ärzte ein Lungengeschwüre prophezeiten; denn das hatte
mir der Direktor vorzüglich zu tun empfohlen. Es ging alles nach Wunsch: doch in
einer barbarischen Rolle sollte ich so viele R schnurren, dass mir die Ohren
sausten: ich bekam mitten in der Rolle von dem verwünschten Schnurren der vielen
R einen erstickenden Husten, dass ich sehr schwach sprechen musste: das
verursachte meinen gänzlichen Fall in der Gunst des Publikums. Seitdem sang ich
italienische Arien zwischen den Akten und schwang mich dadurch so sehr wieder in
die Höhe, dass die Zuschauer wünschten, das ganze Schauspiel möchte aus
italienischen Arien bestehen. Weil mein Einfall dem Direktor viel Geld
einbrachte, spielte er alle Stücke mit italienischen Arien, und Zaire, als sie
den tödlichen Stich empfangen hatte, starb mit einer italienischen Bravourarie,
die ich hinter der Szene sang, weil die sterbende Zaire nicht singen konnte. Die
Begierde, Arien zu hören, wurde so zu rasender Wut, dass zuletzt die Lampenputzer
nicht anders als singend die Lampen putzen durften. Ein so allgemeiner Beifall
erregte den Neid und die Verfolgung der ganzen Trauerspielbande wider mich; denn
mit einer italienischen Arie sang ich alle die bärbeissigen Mörder darnieder: man
kränkte und plagte mich so gewaltig, dass ich nebst meinem Manne die Gesellschaft
verliess. Wir gingen noch einige Zeit in der Irre herum, liessen uns an
unterschiedlichen Höfen hören und wurden endlich an dem hiesigen angenommen, wo
ich, Gott sei Dank! die grösste Sängerin in Europa bin.« -
    So ohngefähr erzählte sie mir: ich habe, soviel ich konnte, ihre eignen
Worte beibehalten; aber Du weisst, wie sie erzählt: man kann es ihr unmöglich
nachtun. Lass Dir besonders ihren teatralischen Lebenslauf noch einmal von ihr
selbst erzählen, wenn Du zu uns kömmst: sie hat mir ihn fast alle Tage
wiederholen müssen: der Frau möchte man Tag und Nacht zuhören, so bezaubernd
spricht sie. Sie hat hier schon jedermann eingenommen und mischt sich in alles.
Es ist zwar etlichemal übel für sie abgelaufen, dass sie ihre Hand bei Sachen im
Spiele haben will, um welche sich eine Sängerin nicht bekümmern darf: allein sie
kann ihren Vorwitz nicht lassen und ohne Intrige nicht leben; daher bringt sie
Dinge zustande, die man für unmöglich hält, und sogar bei Leuten, die auf sie
zürnen, dass sie sich mit Angelegenheiten abgibt, die nicht für sie gehören:
besonders bei der Fürstin steht sie in grosser Gnade.
    Sie erkundigte sich sehr nach Dir oder, wie sie Dich nennt, nach meinem
Adonis. Ich habe sie um dieses Ausdrucks willen wieder recht liebgewonnen: sie
ist gewiss eine unvergleichliche Frau, und gar im mindsten nicht so hämisch und
tückisch, wie wir geglaubt haben, oder wie es zuweilen scheint. - »Mein Adonis?«
antwortete ich und küsste ihr die Hand: sie lachte über den respektvollen Kuss,
und ich weiss selber nicht, wie ich auf den sonderlichen Einfall kam.-»Mein
Adonis«, sagte ich, »lebt, aller Welt abgestorben, in philosophischer Einsamkeit
auf dem Lande.« - »Wirklich?« rief sie und lachte. »Der Mensch hat mannigmal
wunderliche Grillen: bei mir in Berlin bekam er auch zuweilen seinen
philosophischen Koller: wenn er nicht beständig unter der scharfen Zucht einer
Frau oder eines Mädchens steht, so verdirbt er gleich. Im Zweiundzwanzigsten der
Welt abzusterben! wenn alles so hurtig mit dem Menschen geht, so ist er im
Fünfundzwanzigsten begraben und im Dreissigsten schon kanonisiert: er soll mein
Patron werden, wenn ich noch so lange lebe. Wollen Sie ihn kommen lassen?« - Ich
antwortete mit einem tiefen Seufzer. - »Der Seufzer heisst: Ja, ich möchte wohl,
aber ich kann nicht«, sprach sie lächelnd. »Lassen Sie ihn kommen! er soll bei
mir wohnen und speisen, wenn er mit mir und meinem Manne vorliebnehmen will.
Sollte man ihn denn nicht irgendwo unterbringen können?« - Sie sann herum.
»Bravo!« fing sie wieder an. »Sie haben wohl noch nichts von dem Präsidenten
Lemhoff gehört? Man nennt ihn hier den kleinen Fürsten, weil er im Grunde das
ganze Land nach seinem Gefallen regiert. Das nächstemal, wenn ich bei ihm singe,
will ich ihm weismachen, dass er einen Sekretär braucht und dass er an dem
Schreiber, den er itzo hält, nicht genug hat. Was wetten Sie? er soll mir's
glauben und Herrmann sein Sekretär werden, sobald er bei uns ist. Machen Sie
indessen einen Brief an ihn fertig, geben Sie mir seine Adresse, ich will die
Aufschrift machen und ihn durch einen Expressen in meinem Namen bestellen.« -
    Mein Brief ist bis hieher fertig: mit welchen Aussichten oder Hoffnungen ich
ihn schliessen werde, hängt von der Antwort der Madam Dormer ab. Ich will von
Zeit zu Zeit das merkwürdigste, was mir begegnet, hinzusetzen.
                                                                 den 29. August.
Gestern bin ich der Fürstin vorgestellt worden: sie empfing mich überaus gnädig,
aber beinahe wäre ich aus aller Fassung geraten. Sie fragte mich, ob ich die
Dormerin kennte, und ich einfältiges Geschöpf bilde mir ein, dass sie diese Frage
nicht tun kann, ohne meine Berliner Bekanntschaft mit dieser Frau und meine
ganze Geschichte zu wissen. Ich stammelte ein erschrocknes Ja und fürchtete
jeden Augenblick, dass sie mich auch fragen würde, ob ich nicht einen gewissen
Herrmann liebte. Sie sah mich lange mit Verwunderung an: nach meiner Empfindung
zu urteilen, mochte sie auch Ursache zur Verwunderung haben; denn meine Miene
muss in dem Augenblicke entsetzlich albern und furchtsam gewesen sein. Indem wir
einander so stumm ansahen, trat der Fürst ins Zimmer: die Fürstin präsentierte
mich ihm: er sah mir steif und unbeweglich in die Augen, als wenn er mich
durchbohren wollte. - »Das Mädchen sieht sehr verliebt aus«, sprach er halbleise
zur Fürstin: sie lächelte, und ich glaubte vor Schrecken, der Himmel läge auf
mir. Sie tat noch ein paar Fragen und liess mich von sich. Ich habe bei dieser
Gelegenheit nachher die Bekanntschaft ihrer beiden Hofdamen gemacht: zwo
herzlich gute Seelen sind es: sie liebkosten und küssten mich und freuten sich
ungemein, dass sie Hoffnung hätten, mich zu ihrer Gefährtin zu bekommen. Die eine
ist überaus aufgeräumt, aber sie muss sich gern über alles aufhalten: diese
Neigung leuchtet aus allen ihren Reden und Mienen hervor. Die andre scheint mir
ziemlich alt und schwächlich, aber sie ist gleichfalls sehr munter; beide gehn
so vertraut und freundschaftlich mit mir um, dass ich sie ungemein liebe.
    Ich begreife gar nicht, warum man den Hof beständig so gefährlich, so voller
Zwang, Hass, Neid und Verfolgung beschreibt: ich habe mir ihn wegen dieser
Beschreibungen ganz anders vorgestellt, als ich ihn finde. Die Grossen dachte ich
mir tausendmal zeremoniöser, stolzer und einsilbiger als meinen Onkel, den
Grafen: weit gefehlt! so herablassend, so mild, so freundlich ist mein Onkel in
seinem ganzen Leben nicht eine Minute, als Fürst und Fürstin täglich und gegen
jedermann sind. Das Schloss des Grafen war ein leibhaftiges Zuchtaus; jeden
Tritt, jede Miene, jedes Wort musste man abmessen, und jedermann ging dem andern
aus dem Wege: hier lebt man so frei, so ungezwungen, ohne alle langweilige
Komplimente und steife Grimassen. Bei meinem Onkel sahen die Leute alle so
mürrisch, verdriesslich und so bitter und böse wie erboste Meerkatzen aus: hier
lacht Freundlichkeit, Vergnügen und Freundschaft auf allen Gesichtern: die Leute
scheinen sich alle so herzlich gut zu sein wie Brüdern und Schwestern. Du hast
mir so ein wunderliches Misstrauen gegen die Menschen beigebracht, dass ich immer
bei mir zweifle, ob es ihnen auch von Herzen geht, wenn sie mir so gütig und
freundlich begegnen: aber ich zwinge mich alle Tage mehr, das unglückliche
Misstrauen zu verlieren. Einbildungen, nichts als schwarze Einbildungen sind es,
die man sich bei übler Laune oder im Unglücke macht! In Berlin schrieb ich der
Vignali unsre Zwistigkeit zu, glaubte, dass sie mich verfolgte und von Dir
trennen wollte, und hielt sie für so hämisch und tückisch und falsch wie ein
Tigertier; und es ist doch die beste Frau von der Welt, die sich jetzt so lebhaft
für Dich und mich interessiert wie eine Mutter für ihre Kinder: sie läuft und
rennt unsertwegen herum und spricht allentalben Gutes von mir. So mag es Dir in
den meisten Fällen auch gehn: Du bürdest die Schuld Deiner übeln Laune und
Deines Unglücks den armen Menschen auf die Schultern. Komm nur zu uns! Du wirst
mir gewiss beipflichten. Wenn einmal in einer trüben Stunde jemand, der Dir
vorher schmeichelte, aus Versehen an Dich stösst, so hältst Du ihn gleich für
falsch: ich mach es nicht besser, und ich schäme mich zuweilen vor mir selbst,
dass ich so argwöhnisch bin. Ich liebe die Leute alle, dass ich jeden gern in mein
Herz schliessen möchte, und mitten unter der Liebe ist mir beständig, als wenn
ich ihnen nicht recht trauen dürfte: aber ich will mir die Unart schon
abgewöhnen.
                                                                   den 12. Sept.
Endlich, nach vielen Tagen und Wochen kömmt Madam Dormer mit einer erwünschten
Nachricht. »Setzen Sie sich!« sagt sie mir eben jetzt. »Ich will Ihnen den Brief
diktieren, damit Ihr Herrmann sieht, wie gelehrt ich indessen in der deutschen
Sprache geworden bin.« - Das wird ein sauberes Briefchen werden: ich schreibe
buchstäblich, wie sie es mir vorsagt. -
»Komm Sie su uns, Monsieur Erman! Sie soll werde eine Sekretär bei die Herrn von
Lemhoff: Sie mir hat gegebet seine Wort.« (»Er hat mir sein Wort gegeben, wollen
Sie sagen, meine hochgelehrte Dame.«) »Er liebt sehr die Gimpel; et sie Vous
pouvez devenir un peu Gimpel, Vous-même, tant, mieux pour Vous. - Non, non,
raïez celà. Ich will sage teutsch. - Wenn Sie kann werde ein Gimpel Sie selbst,
der Herr Präsident Sie nehmet lieber in Dienst. Kaufe Sie ein Gimpel, der wohl
peifet« - (»pfeift, wollen Sie sagen.«) »Quel diable de mot! säuft?«- (»Nein,
nein, das heisst boire.«) - »Mais je ne veux pas dire celà. Comment? keift?«
-(»Ebensowenig, das heisst gronder.«) - »Eh, mon Dieu, comment se peut-il donc
qu'un oiseau gronde?« - (»Sie wollen sagen, pfeift.«) - »Eh bien, feif ou säuf
ou läuf, comme il Vous plaira. Ecrivez! - Kaufe Sie ein Gimpel, der wohl peift,
und machet daraus ein Present dem Mr. le President: kaufe Sie auch ein Paar -
attendez! comment est ce que celà s'appelle en allemand? des tourterelles.« -
(»Turteltauben!«) - »Ecrivez donc! Turteltauben. Das wird Sie legen in die
bonnes graces von Herr President; und wenn die Purzeltauben - que riez-Vous? -
Wenn die Gimpel wohl singet und die Buttertauben - Mais qu'avez-Vous donc? -
Wenn die tourterelles wohl lachet, der Herr President lachet und säufet mit
Sie.« (»Pfeifet mit Ihnen.«) »Sie soll logir - comment dit-on? mit ou zu Madam
Dommer? Mon Dieu, Vous etouffez de rire. Comment faul-il donc dire?« -, (»Bei
Madam Dormer Sie können Ihren eignen Namen nicht einmal aussprechen.«) - »Madam
Donner?« - (»Dormer!«) - »Ne me chicanez pas; ce n'est pas le nom de mon mari.
Allons, finissons la lettre. - Adieu, meine liebe Herr Ermann. Madame Vignali,
si Vous la connoissez, Vous donne sa benediction. -
    Heut abend um acht Uhr schick Sie mir den Brief, Mademoiselle, oder noch
besser, ich will kommen holen.«
    Nun noch ein paar gescheite Worte unter uns, eh' es achte schlägt!
    Also kömmst Du? - denn was sollst Du allein in der kümmerlichen traurigen
Bauerhütte anfangen? Glaube mir, unter den Leuten in der Stadt und am Hofe ist
es tausendmal besser als unter Deinen Bauern: wenn wir uns nicht sosehr geliebt
hätten, so wären wir im ersten Jahre vor Langerweile gestorben; und an unsern
Kummer in der letzten Zeit mag ich herzlich gern nicht denken. Nunmehr danke
ich's den Leuten, die mich aus der Jammerhöhle herausgestohlen haben: sie
wollten mir einen recht üblen Streich spielen und taten mir die grösste Wohltat.
Das neue angenehme Leben hier und die muntre Gesellschaft und die guten Leute,
die mich alle so herzlich lieben, dass ich zuweilen recht verlegen bin, wie ich
sie genug wiederlieben soll - alles das hat Deine Ulrike so munter, so fröhlich
gemacht, dass man denken sollte, es fehlte mir nichts; und doch fehlt mir alles -
Du!
    Leider! müssen wir einmal wieder fremd gegeneinander tun, wenn Du zu uns
kömmst! Es ist doch etwas Unglückliches in der Welt, dass man nie eine Freude
ganz geniessen kann: immer darf man nur auf den Raub kosten und muss dabei sich
umsehn, ob es jemand gewahr wird. Madam Dormer wird Dich im Polieren der
Dendriten unterrichten und bei dem Obersten bekannt machen, und dann wirst Du
mein Mitgeselle: was kann erwünschter sein? Es ist mir zwar nicht recht, dass Du
bei der Dormerin wohnen sollst: die verführerische Frau - schon wieder
Misstrauen? und ich hab es doch ganz aus mir verbannen wollen! Nein, Du sollst
bei ihr wohnen; und wenn ich nur ein misstrauisches Wort wieder äussre, so strafe
mich! Du sollst um und mit mir leben: wie ich stolz sein will, wenn Dir Liebe
und Achtung von allen Seiten entgegenkömmt! Die guten Leute, die ich hier kenne,
werden Dich zu ihrem Abgotte machen; und wie das wohltun muss, wenn man statt des
Hasses und der Verfolgung endlich einmal Liebe und Freundschaft findet! als wenn
man aus der tiefsten Finsternis ans helle Tageslicht kömmt! Ich möchte jedermann
küssen, der mir nur zu Gesicht kömmt, seitdem mir Madam Dormer die glückliche
Nachricht gebracht hat, dass Dich der Präsident annehmen will. Es muss ein
vortrefflicher Mann sein, der Präsident: die Leute sprechen zwar nicht gut von
ihm, aber die Leute sind nicht gescheit. Zu Fusse möcht ich ihm fallen, so viele
Hochachtung und Ehrfurcht fühle ich für den göttlichen Mann; und Madam Dormer! -
mein Herze hüpft ihr entgegen, wenn ich nur ihren Namen denke: dem Obersten
möcht ich um den Hals fliegen, und selbst den Apoteker hab ich so liebgewonnen,
dass er mir viel hübscher vorkömmt, als sonst. O welche Wonne, unter so braven
Leuten zu wohnen, die man lieben kann! und wenn nun vollends der Bravste, der
Schönste, der Beste unter allen, mein kleiner Abgott, dabeisein wird - o dann
brauchen wir gar nicht erst zu sterben, um in den Himmel zu kommen: wo man alle
Menschen liebt und von allen geliebt wird, da ist er. Komm! fliege! in diesem
Himmel erwartet Dich
                                                        Deine glückliche Ulrike.
 
                                Drittes Kapitel
Herrmann wurde weniger durch den Ton dieses Briefes aufgeheitert als in dem
Entschlusse, Ulriken zu meiden, befestigt: er wusste sie glücklich oder doch
solchen Umständen nahe, die sie vor Not und Bekümmernis schützten: was verlangte
er weiter zu seiner Ruhe? - Er hatte in keiner gesetzmässigen Ehe mit ihr gelebt;
nur wenige Personen wussten um das Geheimnis ihrer Niederkunft; der Zeuge, der es
offenbaren konnte, war nicht mehr am Leben: was hinderte also eine Trennung,
wenn Ulrikens Glück sie foderte? - Die bisherigen Schicksale hatten seiner
Vernunft die Augen geöffnet und so sehr emporgeholfen, dass die Liebe zwar
zuweilen wider sie murrte, aber doch nicht mehr allein das Wort in seiner Seele
führte; er liebte also Ulriken mehr mit Verstande als Leidenschaft, und das
Verlangen nach ihrem Besitze war dem Wunsche für ihr Wohlsein untergeordnet; er
sah deutlicher als jemals ein, dass sie dies Wohlsein von jeder Hand eher als von
der seinigen empfangen konnte: wenn musste ihm also eine Trennung weniger schwer
werden als jetzt?
    Nächstdem hatte sich in der Kummerperiode seiner Ökonomie und in den sechs
Wochen seines Witwerstandes der Ehrgeiz wieder bei ihm emporgearbeitet: er
fühlte, dass seine Kräfte weit über alles waren, was er bisher tat und unternahm:
Vergnügen, Spiel, Liebe füllten seine Tätigkeit nicht ganz aus. Er selbst war
bei allen bisherigen Entwürfen, Empfindungen und Handlungen das letzte Ziel
gewesen; und gleichwohl hatten die Beispiele grosser berühmter Männer und die
darauf gestützten Grundsätze, die ihm Schwinger in seiner ersten Jugend
vorlegte, ihn eine weitere Sphäre kennengelehrt, wo man Wirkung ausser sich
verbreitet, wo für den Vorteil andrer durch unsre Tätigkeit etwas entsteht, wo
nicht bloss zwei oder drei Menschen erkennen und empfinden, dass wir da sind,
sondern tausend und mehrere den Einfluss unsers Daseins fühlen. - Er hatte bis in
sein sechzehntes Jahr den Grafen Ohlau als die Seele eines ganzen Hauses Befehle
austeilen und Anordnungen machen sehen: wie sollte sich in seinen tätigen Geist
nicht die Begierde, zu herrschen, eindrücken? die Begierde, andre Menschen, wo
nicht nach seiner Vorschrift, doch wenigstens nach seinem Muster denken,
empfinden, reden, handeln zu sehn? - Die Pracht des Grafen, seine Gewohnheit,
alles mit Feierlichkeit oder Aufsehen zu tun, teilte der richtiger gestimmten
Seele des jungen Herrmanns zwar nicht die Liebe zur Kleiderpracht, zu schönen
Equipagen, wohlbesetzten Tafeln und ähnlichen Herrlichkeiten mit, aber doch das
Verlangen, durch seine Handlungen Aufmerksamkeit und Bewunderung zu erregen. -
Die Wichtigkeit, womit ihn die Gräfin anfangs behandelte, erweckte und nährte in
ihm die eigne Idee von seiner Wichtigkeit; und da ihn in der Folge wegen seiner
geringen Umstände niemand wichtig finden wollte, so wuchs der Wunsch, es zu
werden, desto mehr in ihm. Der Mangel an Vermögen und Geburt liess es ihm gar
nicht einkommen, alle diese Wünsche und Begierden auf die nämliche Weise wie der
Graf Ohlau befriedigen zu wollen: halb aus Neid setzte er die Weise, wie sie der
Graf befriedigte, sogar bei sich herab: er wurde also notwendig nach den Dingen
hingetrieben, die Schwinger seiner Ehrbegierde vorhielt, nach guten, edlen,
nützlichen Handlungen: die Spiele seiner ersten Jahre mit den römischen und
griechischen Gipfköpfen, wo er so viele politische Anordnungen und
Staatsgeschäfte besorgte, bestimmten gewissermassen die Art der guten und
nützlichen Handlungen, das Feld, wo er glänzen wollte. Die Verachtung, worinne
er nach dem vorübergerauschten Taumel der hochgräflichen Gewogenheit seine
Jugendjahre zubrachte, gab ihm immer mehr Geringschätzung der äusserlichen
Vorzüge und seiner Ehrbegierde immer mehr die Richtung, die sie bereits
anderswoher empfangen hatte. Die republikanischen Ideen, die er aus seiner
Lektüre in seinen Gipssenat übertrug und seiner Phantasie so geläufig machte,
dass er mit der lebhaftesten Teilnehmung Empörungen dämpfte, Rebellen züchtigte,
Gesetze vortrug und verwarf - diese beständige Wachsamkeit über Angelegenheiten
eines so grossen Körpers wie das römische Volk: die Handlungen der Antonine, der
Titus, der Marc Aurele, die halbe Welten beglückten - alle diese Ideen
erweiterten immer mehr den Zirkel, den die Imagination seiner Tätigkeit
vorzeichnete.
    Seine so erzeugte, so gebildete, so gelenkte, so gestärkte Ehrbegierde musste
unter den Schicksalen, die ihn nach seiner Entfernung von des Grafen Schloss
trafen, unaufhörliche Neckereien ausstehen: bald rief sie ein günstiger
Sonnenblick aus ihrem Winkel hervor, und gleich musste sie vor einem Unglück oder
einer andern Leidenschaft wieder zurückkriechen: durch solche unaufhörliche
Krisen wurde sie mitten unter der Herrschaft der Liebe und des Vergnügens wach
und munter erhalten. Itzt waren die Begeisterungsszenen der Liebe fast alle
durchlaufen: er wusste, wieviel Wahres und wieviel Einbildung in ihren Freuden
ist; Not und Verleg enheit hatten ihn das Verhältnis ihrer Täuschungen zu der
wirklichen Welt ausser ihm gelehrt: was war natürlicher, als dass die Ehrbegierde,
die bisher nur als Dienerin und allein zum besten der Liebe gearbeitet hatte,
sich itzo nach gemindertem Widerstande zur Selbsterrscherin in seiner Seele
erhob und die Liebe unter sich erniedrigte? - Man kann nicht entschlossner sein,
als er es unmittelbar nach der Durchlesung jenes Briefes war, dem Rufe, den er
entielt, nicht zu folgen.
    Sonderbar, dass jetzt die Liebe dem Ehrgeize so hülfreich die Hände bot, als
der Ehrgeiz vorher der Liebe gedient hatte! Der nämliche Brief eröffnete auch
seiner itzigen herrschenden Neigung eine schmeichelhafte Aussicht, die er bei
dem ersten Durchlesen desselben ganz übersah: er gab ihm Hoffnung zu einem
Platze bei einem Präsidenten, der ein ganzes Land eigenmächtig regierte: wozu
konnte ein solcher Platz nicht führen? - Kaum hatten seine Gedanken diesen Pfad
betreten, so lief schon seine Einbildungskraft auf ihm bis ins Unendliche fort:
so entschlossen er anfangs war, nicht an einen Ort zu gehn, wo die Liebe seinem
Emporkommen Eintrag tun könnte, so notwendig, so heilsam schien es ihm nach
einer zweiten Überlegung, diesem Orte sobald als möglich zuzueilen. »Der Zwang,
welchen wir unsrer Liebe auferlegen müssen, wird sie in den Schranken halten,
die Ulrikens Glück und das meinige fodert«, sagte er sich zu seiner Bestärkung
in dem neuen Entschlusse, brachte eilfertig seine Angelegenheiten vollends
zustande, nahm von Fräulein Hedwig und seinem Vater Abschied und begab sich auf
die Reise.
    Er hatte im ersten Feuer seiner Entschliessung nicht bedacht, dass Madam
Dormer die vormalige Vignali war, in welchem Verhältnisse er ehemals mit dieser
Frau stund und mit welchen Gesinnungen er sich in Berlin von ihr schied. Kurz
vor der Ankunft fiel ihm dies erst ein, und noch mehr fühlte er es bei dem
Empfange: doch Madam Dormer hatte nicht aufgehört, Vignali zu sein, sondern
wusste immer noch mit ihrer vorigen Feinheit ihre Empfindungen zu verbergen, eine
entgegengesetzte Miene anzunehmen und andern eine solche Gemütsverfassung
mitzuteilen, als sie haben sollten. Sie schwatzte Herrmanns misstrauische
Zurückhaltung sehr bald hinweg und stimmte ihn auf den weniger vertraulichen,
aber offnen, ungezwungnen Ton, den er jetzt gegen sie annehmen sollte. Sie lehrte
ihn die Kunst, Dendriten zu polieren, und verschafte ihm einen, der die
Schlacht bei Molwitz nach dem Leben vorstellen sollte, machte den Obersten
begierig, den Besitzer dieses seltnen Kunstwerks kennenzulernen, und der Weg zu
Ulriken war offen: der Oberste fand zwar diese Vorstellung seiner
Lieblingsschlacht weniger natürlich als die andre, die er schon besass, zweifelte
sogar, ob sie es sein möchte, allein er nahm doch den Stein mit vielem Danke an
und bezeugte dem Geber des Geschenkes überaus viele Gewogenheit, die sich durch
Herrmanns warmen Eifer für die edle Polierkunst und die weitläuftigen
Kenntnisse, womit er prahlte, täglich vermehrte: der Oberste freute sich, ein so
tüchtiges Subjekt in seine Werkstatt zu bekommen, nahm ihn wie einen wandernden
Gesellen in Arbeit und lobte allentalben, ohne weitre Beweise, den grossen Kopf
und die herrliche Talente dieses Fremden. Weil in dem kleinen Städtchen der gute
und böse Ruf eines Menschen den Umlauf in einem Nachmittage so völlig machte,
als wenn er von der Kanzel verlesen worden wäre, so wies man schon den andern
Tag, nachdem Herrmann des Obersten Bekanntschaft gemacht hatte, mit Fingern auf
ihn, und bei Hofe und in der Stadt wurde allgemein von nichts als dem
neuangekommnen Menschen mit dem grossen, gescheiten Kopfe gesprochen: die Mädchen
lauerten an den Fenstern auf ihn, und die Mannspersonen gingen aus, um ihm zu
begegnen. Madam Dormer tat das ihrige redlich, die allgemeine Aufmerksamkeit bei
Leben zu erhalten, und erinnerte den Präsidenten bei der nächsten Gelegenheit an
sein Versprechen: er gestand zwar, dass er die Wundergaben des vorgeschlagnen
Subjekts von dem Obersten Holzwerder selbst erfahren habe, aber demungeachtet
wollte er vorsichtig verfahren und seine Entschliessung noch ein halbes Jahr
verschieben. Madam Dormer bat um Erlaubnis, ihren Klienten zeigen zu dürfen: -
»Das ist nicht nötig«, war die Antwort. Sie liess das Gespräch sogleich fallen
und erkundigte sich sehr ehrfurchtsvoll nach des Herrn Präsidenten Turteltauben:
sie musste sie in eigner Person besuchen. - »Der junge Mensch«, fing sie an, »von
dem ich vorhin sagte, wird für Ihre Täubchen sehr brauchbar sein, wenn er noch
die Gnade erlangt, in Ihre Dienste zu kommen: er hat überhaupt starke Kenntnisse
von den Vögeln und besitzt auch sehr viele Geheimnisse, ihre Krankheiten zu
heilen, verlorne Stimmen wiederzuschaffen, und besondre Geschicklichkeit, den
Pips zu benehmen.« - »Was?« rief der Präsident, »den Pips zu benehmen? das weiss
er? Er soll kommen, gleich zu meinem Kanarienvogel kommen: das arme Tier hat ihn
auf den Tod. Er muss ein kluger Kopf sein.« - »Allerdings!« antwortete Madam
Dormer. »Er hat sich auf dem Lande mancherlei Kenntnisse dieser Art erworben: er
ist stark in der Ökonomie.«
    Der Präsident. Ökonomie versteht er? Das ist ja ein Mensch, wie ich ihn
haben will. Er muss ein gescheiter Kopf sein.
    Madam Dorner. Eine Zeitlang hat er sich auch mit Wettergläsern abgegeben -
    Der Präsident. Auf die Wettergläser versteht er sich? Das ist mir gerade
recht: ich habe itzo nur vier aufgestellt, aber ich kann doch nicht damit
herumkommen, und mein Schreiber bringt mir beständig falsche Beobachtungen. Der
Mensch ist auf die Art recht für mich gemacht: es muss ein gescheites Kerlchen
sein. Es tut mir recht leid, dass ich ihn nicht gleich annehmen kann: aber ich
habe unterdessen nach Leipzig, Göttingen und Altorf geschrieben, dass man mir auf
diesen berühmtesten Universitäten die besten Subjekte aussuchen und vorschlagen
soll; denn ich möchte doch gern einen ganzen Kerl haben, der in allen
Wissenschaften wohl beschlagen ist: die Ökonomie muss er aus dem Fundamente
verstehn; in der Physik, Matematik und Jurisprudenz muss er völlig zu Hause
sein, eine hübsche, leserliche Hand schreiben, ein paar Sprachen sprechen,
besonders lateinisch und französisch - denn in den Sachen, die er mir
abschreiben muss, kommen sehr oft lateinische und französische Wörter vor -, und
hauptsächlich sich auf Wettergläser und Vögel verstehen.
    Madam Dormer. Aber Sie brauchen so notwendig einen Sekretär -
    Der Präsident. Ja, das seh ich nunmehr wohl ein: ich habe mir vorher gar
nicht eingebildet, dass er mir so nötig ist: aber ich muss doch warten, bis die
Subjekte von den drei Universitäten ankommen, damit ich das Auslesen habe und
dasjenige wählen kann, das in allen Wissenschaften wohl beschlagen ist. Ich gebe
einen ansehnlichen Gehalt: er soll jährlich vierzig Taler bekommen, und wenn er
noch ein paar Wissenschaften mehr versteht, als ich verlangt habe, kömmt es mir
auf zehn Taler nicht an: alsdann soll er funfzig haben. -
    Ob man gleich das Gespräch noch eine kurze Zeit in diesem Tone fortsetzte
und darauf dem Gimpel einen Besuch abstattete, mit welchem der Herr Präsident um
die Wette pfiff, so konnte doch Madam Dormer für diesmal mit allem ihrem
Betreiben nicht weiterkommen Desto glücklicher war der Oberste bei der Fürstin:
er nützte eine ihre guten Launen, als sie sich auf einem Vorwerke befand, wo sie
mit den ländlichen Beschäftigungen zuweilen so angenehm spielte wie Ulrike sonst
auf ihrem Bauergütchen und jedesmal so aufgeräumt war, dass sie nichts abschlagen
konnte: sie gewährte dem Obersten ohne alle Weigerung sein wohlabgepasstes
Ansuchen und befahl auf der Stelle, die Baronesse herauszuholen, welches auch
ohne Verzug geschah. Ulrike war mit der Landwirtschaft besser bekannt als die
übrigen beiden Hofdamen, deren Kenntnisse sich nicht über die Milch erstreckten,
von welcher sie die Sahne zum Kaffee abschäumten; und durch die Emsigkeit und
Erfahrenheit, womit die neue Hofdame alles angriff, gewann sie in einem
Nachmittage die völlige Gnade ihrer Gebieterin. Die Gesichter der beiden weniger
erfahrnen Fräulein wurden von Minute an so übertrieben süss wie ihre Herzen
bitter: allein da Ulrike die Herzen nicht sehen konnte, pries sie sich in ihrem
neuen Posten darum glücklich, weil sie die Gnade ihrer Fürstin und die
Freundschaft ihrer Kolleginnen besass.
    Sonach war Herrmanns Vergnügen schon wieder aus: so eingeschränkt und
gezwungen auch sein Umgang mit Ulriken bisher gewesen war, so sah er sie doch
täglich und konnte zuweilen durch versteckte Reden und verstohlne Blicke die
alte Vertraulichkeit erneuern. Das Polieren der Dendriten wurde ihm nunmehr
langweilig und der Oberste mit ihm unzufrieden, weil sein Fleiss erkaltete: Madam
Dormer vermochte mit aller Kunst und Verschlagenheit nichts über den
Präsidenten: der Gimpel, nach welchem sie geschrieben hatte, blieb auch ewig
aussen: wer sollte in solchen Umständen nicht verdriesslich werden? Was Herrmanns
Verdruss erleichterte, war der Umgang seiner Wirtin und ein geheimer Briefwechsel
mit Ulriken, wobei Madam Dormer das Postwesen besorgte. Aus den vornehmsten, die
Ulrike schrieb, sollen hier solche Stellen einen Platz finden, die Schilderungen
ihrer gegenwärtigen Lage und der Personen entalten, die auf ihr künftiges
Schicksal den meisten Einfluss haben werden.
                                                                den 6. November.
- - Es lebe der Hof. So glücklich bin ich noch nie gewesen als itzo - versteht
sich, insofern ich's ohne Deinen Umgang sein kann! Die Fürstin begegnet mir so
vertraulich, mit so freundschaftlicher Zärtlichkeit, dass es mich rechte Mühe
kostet, den Abstand zwischen ihr und mir nicht zu vergessen: sie beschenkt mich
sehr oft, aber immer mit Putze: wenn's nur Geld wäre, dass ich es mit Dir teilen
könnte! Freilich ist sie sich sehr ungleich, und in ihren trüben Launen bekömmt
man so viele empfindliche Bitterkeiten als Liebkosungen und gnädigste
Freundlichkeiten - wie mein Mädchen sich ausdrückt - in den heitern Stunden. Das
bin ich von Onkel und Tante noch gewohnt: die Gnade geniess ich wie den
Sonnenschein; ich wärme mich daran und bin munter und vergnügt, dass die liebe
Sonne so hübsch warm scheint: kömmt ein Donnerwetterchen der Ungnade, ein
Platzregen, ein wenig Schnee mit kleinem Hagel vermischt- immerhin! denk ich; es
regnet und hagelt und donnert ja nicht das ganze Jahr: wenn das Übergängelchen
vorbei ist, will ich mich wieder an der Sonne trocknen. - Also steh ich
unbeweglich und gefühllos da wie ein Baum und lasse mich geduldig nass- und
vollregnen: komm ich zu meinen beiden Freundinnen, dann wird das Herzeleid
weggetanzt, weggesungen, weggeplaudert. Ich habe Dir schon einmal geschrieben,
dass die jüngste unter meinen Kolleginnen entsetzlich wild ist: bis zur
Unerträglichkeit ist sie es zuweilen: die Alte spielt alsdann die weise
Hofmeisterin und lehrt und ermahnt so lange, bis sie von der Lustigkeit
angesteckt wird und die tollen Streiche mitmacht, die sie vorher verboten hat.
Fräulein Ahldorf - das ist die Jüngste - hat eine ganz eigne Neigung, auf
Steckenpferden zu reiten: jeder Stock, der ihr in die Hände kömmt, muss ihr zum
Steckenpferde dienen: auf Stecken reiten, Rosinen und Mandeln aus der Tasche
essen und sich über die Leute aufhalten, sind die drei Hauptzüge ihres
Charakters. Ehegestern traf ich sie bei einem solchen Ritte an: sie trabte auf
dem Blondenstocke in dem Zimmer herum, die alte Limpach sass am Tische und
arbeitete und kiff und brummte über das Reiten wie sonst meine Gouvernante
Hedwig: wenn das Knurren gar zu unleidlich wurde, legte ihr die Ahldorfin bei
dem Vorbeireiten eine Rosine oder Mandel auf den Tisch, die die Alte wie ein
Eichhörnchen aufpickte, und solange sie mit dem Essen beschäftigt war, welches
bei ihr etwas langsam zugeht, schwieg die Strafpredigt. Endlich, da das Knurren
gleich wieder anging, sobald die Bestechung verzehrt war, hatte die Ahldorfin
die Bosheit und bot ihr einen Schecken, wie sie den weissen Stock nennte, zu
einer Kavalkade an: die Alte stritt und schmälte und wehrte sich wie vor einem
Verbrechen; aber die boshafte Ahldorfin, die sie kennt, drang so lange in sie,
bis sich die Gesetzpredigerin bereden liess und einen kleinen Trab versuchte: so
geht's der schwachköpfigen Alten jedesmal, dass sie sich am Ende für ihre
heilsamen Lehren auslachen lässt. Um das Gelächter zu vermehren, kam der
Goldmacher dazu, der Altgesell in des Obersten Fabrik: der elende Mensch ist der
allgemeine Narr des ganzen Hofs: sobald er erscheint, führt die Ahldorfin ihre
Steckenpferde gleich in den Stall, um ihn herumzutummeln. Das Mädchen hat alle
kriegerische Neigung von ihrem Vater geerbt, der, glaub ich, General gewesen
ist; denn sie spielt mit nichts lieber als mit Soldaten und Kanonen. Der
Apoteker, der ein Tausendkünstler sein will, bringt ihr immer ganze Taschen
voll Musketiers, Grenadiers, Reiter und Kanonen, aus Kartenblättern geschnitten:
das alte Kind stellt alsdann mit der Ahldorfin die Kartenarmee in
Schlachtordnung, und sie brauchen Erbsen statt der Kanonenkugeln, womit sie auf
die armen Papiermänner losfeuern, dass sie Hals und Beine brechen: sind die
beiden feindlichen Heere sämtlich daniedergeschossen - denn gewöhnlich kömmt
auch nicht ein Mann mit dem Leben davon -, so kanonieren sich die beiden
Heerführer, und der arme Apoteker zieht meistens den kürzern: wenn seine
Gegnerin ihre Erbsen verschossen hat, wirft sie ihm Rosinen, Mandeln,
Schnupftuch, Schere und was sie sonst in den Schubsäcken oder in der
Nachbarschaft um sich findet an den Kopf: für die Limpachin ist dieser letzte
Teil der Komödie der interessanteste, und sie beweist sich ausserordentlich
geschäftig dabei. So vertreiben wir uns die Zeit in den itzigen ewigen
Winterabenden: zuweilen wird Blindekuh oder ein andres Spiel von diesem Schlage
gemacht; aber bei jedem ist der Apoteker die lustige Person, auf dessen
Unkosten gelacht wird. Mir ist der Mann dadurch, dass er sich mit so grossem
Vergnügen von jedermann zum Narren gebrauchen lässt, äusserst verächtlich
geworden: er macht freilich den weisen Unterschied, dass er niemanden Spass mit
sich treiben lässt, der nicht wenigstens von Adel ist; aber er kömmt mir wegen
dieses Unterschiedes nur noch kleindenkender und armseliger vor, weil er von der
Würde eines Menschen gar kein Gefühl haben muss. Ich kann nicht mit ihm reden;
und er nimmt mir's sogar übel, dass ich ihn nicht zum Narren habe, und schilt
mich deswegen stolz. Überhaupt weiss ich nicht, warum ich hier allgemein für
stolz gehalten werde: bin ich's denn wirklich? Bei dem Onkel tadelte man mich
beständig, weil ich zu lustig und zu gemein sein sollte; und hier muss ich mir
unaufhörlich Stolz und Ernstaftigkeit vorrücken lassen. Freilich ist es wohl
war, ich muss mich meistens zum Lachen zwingen, wenn die andern beinahe den Atem
verlieren, und mit den Leuten wie der Apoteker, deren es hier eine Menge gibt,
kann ich mich unmöglich einlassen: sie sind so plump oder so dumm, dass sie mir
zu ekelhaft werden, um etwas Lächerliches an ihnen zu finden. Zum Glücke muss ich
oft bei der Fürstin sein und ihr aus einem Romane oder andern Büchern erzählen.
Sie gibt mir das Lob, dass ich sehr gut erzähle; und sie hat das eigne Unglück,
dass sie weder selbst lesen noch vorlesen hören kann: sie lässt also die Bücher
kaufen, ich muss sie lesen und ihr das Gelesene wiedererzählen. »Es klingt nicht
so natürlich in den Büchern«, sagt sie, »als wenn mir's jemand mündlich
erzählt.« - Am liebsten hört sie Feenmärchen und Gespensterhistorien: je
ungereimter und abenteuerlicher, je lieber: ich habe die Zeit her des Zeugs so
viel lesen müssen, dass ich alle Nächte von Ogern, Kobolden, Hexen, bezauberten
Prinzessinnen und geflügelten Drachen träume. Von den Büchern, wo sich die Leute
lieben und heiraten, will sie gar nichts hören: das nennt sie Alfanzerei,
verliebte Possen. Aus Trauerspielen lässt sie sich am liebsten erzählen, wenn sie
recht grässlich sind: im Komischen sind Holberg und Molière ihre Leibautoren,
aber der letzte nur szenenweise. Wenn sie selbst liest oder sich vorlesen lässt,
muss das Buch französisch und nicht stark sein. Nichts wundert mich so sehr, als
dass sie im Französischen für die besten Sachen, und im Deutschen nur für die
schlechten Geschmack hat: ich stimme überhaupt selten mit ihren Urteilen
überein, ob ich es gleich nicht merken lassen darf: was mir nur mittelmässig
scheint, hält sie immer für das schönste. Am höchsten steigt meine Verwunderung,
wenn sie sich mit einen von den privilegierten Narren abgeben und über ihre
plumpen Einfälle lachen kann, als wenn es die sinnreichsten Bonmots wären: der
Apoteker und einer von den Laufern müssen sich zuweilen in ihrer Gegenwart
schrauben, wie es hier genennt wird, und die Schrauberei geht oft so weit, dass
der eine dem andern einen Bart macht, ein Bein stellt oder ihn mit Kot bewirft,
dass er nicht aus den Augen sehen kann. Mein Unglück ist es, dass ich die
Widrigkeit, die ich bei solchen Lustbarkeiten empfinde, unterdrücken und noch
obendrein mitlachen muss. - - -
                                                               den 16. November.
- Die Fürstin ist wirklich eine vortreffliche Frau und hat sich heute so sehr in
Gunst bei mir gesetzt, dass ich ihr ihren übeln Geschmack in den Vergnügungen
herzlich gern vergebe. Sie fuhr spazieren, und ich musste sie begleiten: wir
stiegen aus, um in dem Sonnenscheine herumzugehn, den sie ungemein liebt. Ein
Bauer näherte sich uns und bettelte. »Warum bettelt Ihr?« fragte die Fürstin,
»Ihr seid ja gesund und auch nicht schlecht in Kleidung.« - »Das will ich Ihr
wohl sagen«, antwortete der Bauer, »aber Sie muss mich nicht verraten. Unser
Amtmann straft gern; und wenn man nur einen Schritt der Quere tut, so rasselt
gleich der Amtsdiener an der Haustür. Ich hab ihn, mit Ehren zu melden, einen
Scheisskerl geheissen, und dafür soll ich ihm zwei Taler bezahlen. Sie ist ja die
Fürstin: sag Sie doch dem Amtmanne, dass er mich ungeschoren lässt: aber er riecht
das bisschen Geld, das ich jetzt vom Markte nach Hause bringe. Ich wollte mir's
also von Ihr ausbitten, dass Sie bei dem Herrn Amtmann ein gutes Wort für mich
einlegen möchte, Frau Fürstin, damit er mir nachsieht und mich nicht pfänden
lässt: ich will's herzlich gern wieder gleichmachen.« - Die Fürstin lächelte und
befahl mir, ihm zwei Taler zu geben. »Da!« sprach sie, »bezahlt Euerm Amtmanne
den Ehrentitel, den Ihr ihm gegeben habt.« - »Ach!« sagte der Bauer äusserst
treuherzig, »Sie gibt sich gar zu viele Mühe. Hat Sie kein schlechter Geld? Dies
ist für den Amtmann zu gut. Sie tut sich aber doch auch keinen Schaden, wenn Sie
mir soviel Geld gibt?« - Eine so originale Mischung von Einfalt, Treuherzigkeit
und bäuerischem Witze veranlasste die Fürstin, dass sie sich lange mit dem
Menschen unterhielt: er gab ihr etliche Aufträge an den Fürsten, dass er ihm die
Felder nicht vom Wilde möchte abfressen lassen und die Saat nicht mit der
Falkenhetze zugrunde richten. Die Fürstin entledigte sich des Auftrages, und die
Falkenhetze wurde stark belacht: ob die Erinnerung etwas fruchten wird, steht
dahin, wiewohl der Fürst solche offenherzige Beschwerden der ländlichen Einfalt
sehr wohl aufnimmt.
    Weil ich mich so gut auf Ökonomie verstehe, bin ich die Almosenpflegerin
geworden, und jeder Arme in der ganzen Stadt, der sich des Bettelns schämt oder
seine Dürftigkeit nicht bekanntwerden lassen will, meldet sich bei mir und
empfängt wöchentlich so vielen Zuschuss, als die Armenkasse verstattet, worüber
ich Rechnung führen muss. Für mich ist dies die liebste unter allen meinen
Beschäftigungen: nur schade, dass die monatliche Summe, die ich in meine Kasse
empfange, zu klein und die Zahl der Armen zu gross ist! die Portionen werden
etwas klein: aber ich halte alle Tage um Vermehrung an, und ich hoffe, sie zu
bekommen. Niemand weiss ausser der Fürstin und mir, wer aus meiner Kasse etwas
erhält: ich freue mich die ganze Woche auf den Sonnabend, wo meine Vögelchen
sich jedesmal ihr Futter holen.
                                                               den 22. November.
- O Heinrich, in welcher Verlegenheit bin ich heute gewesen. Fürst und Fürstin
sprachen zusammen: ich stund an der Seite, ohne auf ihr Gespräch zu hören: auf
einmal wurde es äusserst lebhaft, und wie ich meine Aufmerksamkeit darauf richte,
höre ich, dass sie von Mädchen sprechen, welche die Liebe zu einem Fehltritte
verleitet hat. Schon der Inhalt der Unterredung brachte mein ganzes Blut in
Bewegung, und die grausame Strenge, womit die Fürstin sich wider solche
unglückliche Schlachtopfer der Liebe erklärte, machte, dass ich am ganzen Leibe
zitterte. Der Fürst urteilte viel billiger und behauptete, dass sie meistens
Mitleiden, aber keine Strafe und noch weniger Hass und Verachtung verdienten: die
Fürstin hingegen versicherte mit der grössten Hitze, dass sie eine solche Person
nicht eine Minute um sich dulden könnte. Ihr Gemahl machte ihr lachend den
Einwurf, dass sie nicht wüsste, ob nicht vielleicht alle ihre Fräulein und
Jungfern solche Personen wären. »Wer weiss«, sprach er und wies auf mich, »ob
nicht gar dies stille Schäfchen schon einmal Mutter gewesen ist.« - »Den
Augenblick jagt' ich dich fort, wenn ich nur das mindste dergleichen von dir
erführe«, sagte sie drohend und entrüstet zu mir. - »Wir haben das arme Mädchen
ganz rot gemacht«, fing der Fürst nach einer Pause an und sah mir steif ins
Gesicht, um mich noch roter zu machen.
    - »Für diese wollt' ich wohl selber gutsagen«, setzte er hinzu, »das ist die
Unschuld, wie sie leibt und lebt.« - »Wir wollen's wünschen«, gab die Fürstin
mit einem Tone zur Antwort, der mich verdross. Meine Angst während der ganzen
Unterhaltung kann ich Dir nicht beschreiben; und in solcher Angst schwebe ich
fast jeden Tag; denn die Fürstin spricht von keiner Sache lieber und jedesmal
mit gleicher Heftigkeit und Barberei. Barberei ist es wirklich, wenn Personen
ein so strenges Urteil sprechen, die selbst nie in der Versuchung gewesen sind,
noch wegen der genauern unaufhörlichen Aufsicht darin scheitern können. Ihre
Tugend kostet ihnen nichts als das bisschen Kampf wider die Regungen der Natur:
sie haben nie mit den mannigfaltigen Einladungen der Liebe, mit den
überraschenden Gelegenheiten, mit den überwältigenden Eindrücken gestritten, die
in jedem niedrigern Stande möglich sind: der Vogel im Käfig kann sich freilich
rühmen, dass er kein verbotnes Hanfkorn genascht hat. Hätte die strenge
Moralistin nur einmal die Gewalt der Liebe und die zauberischen Künste der
Gelegenheit empfunden wie ich, o wie würde sich ihre richterliche
Unbarmherzigkeit mildern! Täglich bin ich auf der Folter: immer fürcht ich, jetzt
wird das Gespräch auf deinen Fall kommen; und wenn eine ähnliche Geschichte wie
die meinige erzählt wird, dann denk ich immer, jetzt wirst du dich verraten:
mannigmal bilde ich mir sogar ein, dass die Fürstin meinetwegen so häufig darüber
moralisiert. Wie schwer drückt eine verheimlichte Schande! Wie auf Stacheln steh
ich, vor Furcht entdeckt zu werden. - -
                                                               den 30. November.
- Nachgerade fange ich an, mein itziges Leben ein wenig seltsam zu finden.
Gestern blitzten und hagelten Verweise und grämliche Reden auf mich herab:
nichts konnt ich rechtmachen: wenn ich nur eine Miene verzog, traf mich ein
derber Ausputzer; und gleichwohl durft ich nicht vom Flecke gehn, damit meine
gnädige Dame jemanden hatte, an dem sie ihre üble Laune auslassen konnte. Bald
sollt ich das, bald jenes holen lassen: nun kam es nicht hurtig genug: da traf
mich das Unglück, dass das Mädchen, welches ich geschickt hatte, nicht fliegen
konnte: langte die Sache endlich an, so war ihr die Sehnsucht wieder vergangen
oder es gab etwas daran auszusetzen: es musste etwas anders geholt werden:
unterdessen änderte sich die Lust wieder; hurtig wanderte ein zweiter Bote dem
ersten nach, um ihm Gegenordre nachzutragen, und ein paarmal schickte ich dem
zweiten einen dritten nach, und wenn sie alle drei ohne Atem wiederkamen, dann
hatten sie alle drei den Weg umsonst gemacht. Etlichemal hatte ich alle Leute
ausgesandt, die Befehle von mir annehmen: der Fürstin kam eine neue Grille ein,
aber ich konnte niemanden auftreiben, dem ich den Auftrag zumuten durfte, ob ich
gleich allentalben herumrennte: nun wurde ich ausgezankt, erstlich, dass ich
nicht gleich wiedergekommen war; zweitens, dass ich die Leute alle ausgeschickt
hatte; drittens, dass alle die ausgeschickten Leute zu langsam gingen. So
willkommen ist mir noch kein Abend gewesen als der gestrige, der dem
durchschmälten Tage ein Ende machte: wie ein Züchtling, der den ganzen Tag
Farbenholz geraspelt hat, begrüsst ich die Nacht und mein Bette.
    Heute früh stand der Himmel offen und regnete nichts als Gnade und
Freundlichkeit auf mich herab: ich wurde bei allem um Rat gefragt, und was ich
vorschlug, gefiel allemal: wie ein Orakel musste ich über die unbedeutendste
Kleinigkeit meine Meinung sagen, und meine Meinung war die einzig richtige in
der ganzen Christenheit: ich hätte ihr raten können, die Schuhe an die Hände zu
ziehen, und es wäre gewiss geschehen. Jeden Augenblick liess sie mich zu sich
rufen: gestern jagte mich die üble Laune herum und heute die grosse Gnade. Den
Beschluss machte ein sehr ansehnliches Geschenk - ein vortreffliches Kleid und
Geld, das ich nicht besser anwenden kann, als wenn ich Dir's mit diesem Briefe
überschicke. Könnt ich Dir jeden Tag soviel verdienen, so trüg ich jeden Tag mit
Freuden so eine Tracht üble Laune wie gestern.
                                                                den 9. Dezember.
- Himmel, das ist nicht auszuhalten: ich entlaufe. So ist keine Viehmagd in
ihrem Leben ausgescholten worden wie ich vor zween Tagen: mein Herz bebt mir
noch vor Ärger: ich glaubte, ein Gallenfieber zu bekommen, so übel hab ich mich
seitdem befunden; und kannst Du Dir einbilden, warum? - Der Fürst begegnete mir
im Korridor und fragte mich, wohin ich so eilfertig wollte: ich antwortete, und
aus der Frage und Antwort wurde ein Gespräch, das ich in der Minute wieder
vergass, so geringfügig war es, und bei dem Abschiede klopfte er mich auf die
Backen. Der Himmel weiss, welch schadenfrohes Geschöpf es sieht und der Fürstin
mit Verschönerungen hinterbringt. Fünf Minuten darauf werde ich zu ihr gerufen
und wie ein Delinquent auf Tod und Leben verhört. Ob ich mit dem Fürsten
gesprochen hätte? - »Ja.« - »Warum? wie lange? was?« - Die Fragen waren mir alle
schwer zu beantworten, wenigstens musste ich mich vorher lange besinnen, weil ich
die Sache nicht für so wichtig hielt, um nur einen Augenblick Aufmerksamkeit
darauf zu verwenden: ich erzählte indessen alles aufrichtig, was mir einfiel.
Dass sie mir ein Wort geglaubt hätte! Ich sollte wer weiss wieviel heimlich
gesprochen haben, das ich mich zu gestehen schämte: ich sollte nicht leugnen,
und gleichwohl konnte ich nichts gestehen: also musste ich ganz geduldig die
bittersten Verweise und Drohungen über mich ausschütten lassen. »Geh mir aus den
Augen!« war die gnädige Beurlaubung.
    Ganz ohne einen Schatten von Schuld, um einer wunderlichen Einbildung willen
so empfindlich zu leiden war für mich so angreifend, dass ich mich in mein Zimmer
verschloss: die Tränen strömten mir aus den Augen, und der Ärger wühlte in allen
meinen Eingeweiden herum. Ich wünschte mich mit jedem Pulsschlage auf Dein
Bauergütchen in Kummer und Mangel zurück: ich ass dort kümmerlich, aber doch in
Freiheit und ohne Unrecht zu leiden: was nützt mir hier der Überfluss, wenn mir
jeden Bissen Verdruss, Ärger und Unruhe verbittern? - O wie leicht war alle mein
bisheriger Kummer gegen den Schmerz einer so unwürdigen Behandlung!
    Die Hauptveranlassung dazu mochte wohl sein, weil sie wider ihren Gemahl
aufgebracht war: er hatte ihr kurz vorher widersprochen, und nichts kann sie
weniger ertragen als Widerspruch: da sie ihren Zorn an ihm nicht auslassen
durfte, nahm sie die nächste Gelegenheit und entledigte sich ihrer Galle an mir.
Sie ist ausserordentlich argwöhnisch in dem Punkte, worüber sie mit mir zankte;
und so artig und gesittet der Fürst spricht, so vermeide ich doch alle
Unterredung mit ihm, so sehr es sich ohne Unanständigkeit tun lässt; und gerade
muss ich sie nicht vermeiden können, da es am gefährlichsten war! Das Gerüchte
geht sehr stark, dass er Madam Dormer seiner Vertraulichkeit würdigen soll: ich
habe sie vor dem Unwillen der Fürstin gewarnt, wenn diese Nachricht zu ihren
Ohren gelangte; allein sie antwortete mir sehr stolz: »Den Unwillen fürchtete
ich nicht, wenn ich sonst Lust hätte, das Gerüchte wahr zu machen.« - Sie
verlässt sich ein wenig zu sehr auf die Gnade der Fürstin, die ihr freilich sehr
gewogen ist, weil sie alle Zeitungen am Hofe und in der Stadt zusammenträgt.
Diese unendlichen Klatschereien, womit sich jedermann in Gunst setzen oder die
Zeit vertreiben will, sind mir das Unausstehlichste nächst den Hofnarren, die
ohne Narrenkleid so zahlreich herumlaufen: so gut, als wenn man alles unter
freiem Himmel täte, wird man beobachtet, und die kleinste Posse läuft gleich von
Ohr zu Ohr: in der nächsten Minute weiss schon der ganze Hof, was man in der
vorhergehenden gedacht hat.
    O lieber Herrmann, wenn Du nicht glücklicher bist als ich, so sind wir's
beide nicht. Ich habe meinen Ärger verbeissen und heute schon wieder den ganzen
Vormittag um die Fürstin sein müssen: aber ich gab mir nicht die geringste Mühe,
meinen Verdruss zu verhehlen, ob es gleich nicht sehr hofmässig ist. Madam Dormer
masst sich an, die Aussöhnung bewirkt zu haben, und riet mir, um Vergebung zu
bitten. »Weswegen?« antwortete ich. »Dass ich unschuldigerweise ausgehunzt worden
bin?« - Sie rümpfte die Nase und ging. Die Frau ist unleidlich hofmännisch
geworden. - -
 
                                Viertes Kapitel
Unterdessen, ehe noch der Briefwechsel und Ulrikens Unmut soweit kamen, hatten
sich auch Herrmanns Umstände geändert. Der verschriebene Gimpel und die
verschriebenen Subjekte, unter welchen sich der Herr von Lemhoff einen Sekretär
aussuchen wollte, langten an, doch glücklicherweise der Gimpel zuerst. Madam
Dormer meldete, sobald es sich tun liess, dem Präsidenten, dass der junge Mensch,
den sie ihm neulich empfohlen habe, sich unterstehn wollte, ihm den schönsten
Gimpel in Europa zu überreichen. Der Präsident konnte sich mit keinem einzigen
Gedanken auf den jungen Menschen besinnen, aber den Gimpel nahm er mit beiden
Händen an und konnte die Zeit kaum erwarten, ihn zu sehen. Der Gimpel wurde zu
ihm getragen, und Herrmann nahm sich die Ehre, ihn zu begleiten: der Präsident
pfiff dem Vogel entgegen, sobald er ins Zimmer kam, und der Vogel hatte soviel
Lebensart und antwortete ohne ängstliche Scheu: die pfeifende Unterhaltung wurde
auf beiden Seiten mit gleicher Lebhaftigkeit lange fortgesetzt: die Freude war
unaussprechlich. Madam Dormer nützte diesen Zeitpunkt und bat um Erlaubnis, den
jungen Menschen, der vor der Türe wartete, hineinrufen und darstellen zu dürfen:
sie wurde ohne Weigerung bewilligt. Herrmann erschien, empfing überaus viele
Gnadenbezeugungen und kramte seine kleine Gelehrsamkeit im Fache der Vögel,
Wettergläser und der Ökonomie mit so vieler Scharlatanerie aus, als er sich kaum
selbst zugetraut hätte: kurz, er gefiel ausserordentlich. Der Präsident
versicherte Madam Dormer, dass der Mensch so gescheit sei wie sein Gimpel, und
wünschte ihn in seinen Diensten zu haben: die listige Frau merkte sehr bald,
warum er dies nur wünschte, und meldete ihm, dass Herrmann um nichts als Kost,
Wohnung und die Ehre, in seinem Hause und Dienste zu sein, ansuchte und alle
Besoldung so lange ausdrücklich verbäte, bis er sie durch sein gutes Verhalten
verdient hätte: nun war der Handel den Augenblick richtig.
    Nachdem Herrmann seinen neuen Platz bereits angetreten hatte, trafen zwei
verschriebene Subjekte aus Leipzig und eins aus Göttingen ein: in Altorf war
keins aufzutreiben gewesen. Der Göttinger hatte sich, um mit Anstand zu
erscheinen, zwei neue tressenreiche Kleider machen lassen und kam mit Extrapost
und grossen Erwartungen an, die sich auf nichts als die zwei Wörter, Präsident
und Hof, stützten; denn der Präsident hatte die Bedingungen, die er machen
wollte, nirgends angegeben: aber Präsident! und Hof! dies beides war für die
akademische Erfahrung des Jünglings genug, um schon von vielen Hunderten
Besoldung zu träumen und sich in drei oder vier Jahren schon als Hofrat zu
denken, ob ihm gleich der Professor, der den Auftrag hatte, ein vorsichtiges
Bedenken empfahl. Der gute Narr lauerte acht Tage und konnte niemals vorkommen:
endlich liess ihm der Präsident durch einen Bedienten melden, dass er sich unter
der Zeit schon versorgt habe und für seine Bemühungen sehr vielmals danke. Der
arme Betrogne ergrimmte über diesen Dank für eine Bemühung von etlichen zwanzig
Meilen, verkaufte eins von seinen Tressenkleidern an den Hofjuden und reiste mit
der gewöhnlichen Post demütig auf die Georg-Augustus-Universität zurück. Noch
vor seiner Abreise fanden sich die beiden Leipziger an verschiedenen Posttagen
ein, mit geringerer Kleidung, aber ebenso hoher Erwartung, womit sie der
Professor berauschte, an welchen der Präsident geschrieben hatte: um sich das
Ansehn eines Universalpatrons zu geben, machte dieser Mann meistens bei einem
solchen Auftrage die ganze Universität aufrührisch und hatte auch jetzt die die
Wörter Präsident und Hof so vielen und so emphatisch in die Ohren gerufen, dass
sich zwei auf den Weg machten, ohne voneinander etwas zu wissen. Lustig war es,
als diese drei Subjekte in einem Zeitraume von sechs Tagen hintereinander
anlangten, sich in einem Gastofe, dem einzigen in der ganzen Stadt,
einquartierten, mit vieler Wichtigkeit einander erzählten, zu welchem hohen
Posten sie berufen wären, und dann mit weit offnem Munde sich verwunderten, dass
sie Kompetenten eines und desselben hohen Postens zu sein schienen. Der eine
Leipziger räumte gleich den Platz, verlangte den Herrn Präsidenten gar nicht zu
sehn, schämte sich, mit langer Nase, wie er sich ausdrückte, in sein liebes
Pleissaten zurückzukommen, und reiste zu seiner Mutter, um ihr sein Herzeleid
und seinen leeren Beutel zu klagen. Das andre Leipziger Subjekt liess es sich
weiter gar nicht merken, welche Absicht ihn in diese Stadt gebracht hatte,
sondern suchte Bekanntschaften und gab vor, dass er sich der Redouten wegen
diesen Winter hier aufhalten wollte. Eine der ersten Bekanntschaften, die er
machte, war natürlicherweise Madam Dormer, da sie die einzige Frau in der Stadt
war, die einen Fremden anziehen konnte. Sie gerieten beide sehr bald in
verdächtige Vertraulichkeit, wenigstens in den Augen des Publikums, das ein
Männlein und ein Weiblein nicht zusammen lachen sehen konnte, ohne das eine zur
Braut oder zur Hure des andern zu erheben; der freie, zwanglose Ton der Madam
Dormer war ohnehin ein Ärgernis für die ganze Stadt. Herrmann besuchte sie um
soviel öfter, da sie seine Beförderin, die geheime Negotiantin seiner Liebe und
der einzige weibliche Umgang in der Stadt war, der ihm schmeckte. Notwendig
musste er also mit dem Leipziger Subjekte sehr bald bei ihr zusammentreffen; und
dies Leipziger Subjekt war - sein ehmaliger Freund und Spielgefährte Arnold. Er
schämte sich, seine bisherigen Schicksale zu gestehen, bekannte aber doch
einmal, als sie beide allein beisammen waren, dass ihn seit jenem Abende, wo
Herrmann Leipzig verliess, um zu Ulriken auf das Land zu eilen, das Glück
unaufhörlich zum besten gehabt habe. Kleiner Gewinn und grosser Verlust, kleine
Einnahme und grosser Aufwand war sein Lebenslauf, bis ihn Schulden und Mangel so
gewaltig drückten, dass er das Spielerhandwerk verfluchte, weise werden und
studieren wollte. Er fand Zuflucht und Unterstützung bei einem livländischen
Barone, der sich gleichfalls von der Spielsucht bekehren und weise werden
wollte: allein sie bekehrten einander wie ein Paar Ungläubige das heisst, einer
verführte den andern, bis endlich das geschärfte Verbot der Hasardspiele beide
zur Bekehrung zwang. Arnold gab sich wirklich die Miene, als wenn er studierte,
bis der Brief des Präsidenten und die selbsterfundnen Versprechungen des Mannes,
der ihn empfing und sich ein Ansehn damit geben wollte, so viele Bewegung
verursachten, dass sich Arnold von ihm bereden liess, die Reise nach der
einträglichen Sekretärstelle anzutreten. Diesen letzten Teil seiner Geschichte
verhehlte er seinem wiedergefundnen Freunde, so gut er konnte, und wandte, wie
allentalben, die Redoute vor, so unwahrscheinlich auch diese Ursache schien.
    Madam Dormer, die auf das Probestück von Patronschaft, das sie an Herrmannen
abgelegt hatte, nicht wenig stolz tat' geriet sehr in Versuchung, an Arnolden
ein zweites abzulegen: zum Teil konnte es wohl Liebe sein, aber grösstenteils war
es gewiss Neigung zur Intrigue, unruhige Geschäftigkeit. Er hatte eine
mittelmässige Fertigkeit auf der Flöte: er musste sich in möglichster Eile bei
ihrem Manne Tag für Tag üben, und wenn Lehrer oder Schüler eine dazu bestimmte
Stunde aussetzten, bekamen sie gleich eine derbe Lektion von Madam. Arnold lebte
ganz von ihrer Freigebigkeit, und ihr Mann war seit seinem Abschiede von der
Schauspielergesellschaft auch wieder unter das Joch gebracht worden: also mussten
sie ihr beide gehorchen. Der Fürst hielt des Winters wöchentlich ein paar
Konzerte auf seinem Zimmer, wo ihn sonach Madam Dormer alle Wochen zweimal
sprach: denn er war sehr herablassend und liess kein Konzert vorbeigehn, ohne
sich mit ihr zu unterhalten, und wenn er nicht beizeiten Anstalt dazu machte,
wusste die dreiste, zudringliche Frau das Gespräch schon an ihn zu bringen. Sie
bat um die Erlaubnis, dass sie Arnolden, der hieher gekommen wäre, um sich in der
Musik festzusetzen, in die Konzerte mitbringen dürfte: dem Fürsten, der sich
einbildete, dass an seinem Hofe die Musik blühe, schmeichelte diese Lüge
unendlich, und er gestand die Erlaubnis ohne Bedenken zu. Arnold stellte sich
seitdem gewöhnlich hinter das Orchester und hörte zu: er gefiel dem Fürsten sehr
wohl, weil ihm Madam Dormer eine Menge schmeichelnde Bewegungsgründe andichtete,
warum er gerade diese Residenzstadt zu seinem Aufentalte erwählt haben sollte.
Sobald er durch ihren Mann in den Stand gesetzt war, dass er ein auswendig
gelerntes Konzert sich zu blasen getraute, musste er auftreten; und ausdrücklich
las die verschmitzte Frau eins aus, wozu der Fürst, der selbst ein wenig
komponierte, ein andres Andante gesetzt hatte. Mit Erstaunen hörte der Fürst
sein selbstverfertigtes Andante, das nach seiner Meinung nicht aus dem
Notenschranke seiner Kapelle herausgekommen war, und fragte nach dem Schlusse,
woher er dies Andante habe: Arnold versicherte, dass er es vielfältig in Leipzig
geblasen und niemals dies Konzert mit einem andern Andante habe blasen hören: es
sei so allgemein beliebt und bekannt, dass man es auf den Promenaden trällere. -
»Ja, ja«, fing Madam Dormer an, »ich kenn es: in Berlin wird es oft bei der
Wachparade geblasen.« - Der Fürst holte sein eigenhändiges Konzept herbei, um zu
beweisen, dass er der Verfasser davon sei, liess im Notenschranke nach dem
abgeschriebenen Exemplare suchen, das man auch richtig und unversehrt fand, weil
Dormer auf seiner Frau Befehl heimlich eine Abschrift davon hatte nehmen müssen;
tat sehr unwillig, dass Leute, auf die er sein Vertrauen setzte, seine
unvollkommnen Arbeiten in die Welt ausschickten, und bat Arnolden inständig, das
Andante ja niemanden weiterzugeben, welches dieser auch mit einem tiefen
Reverenze angelobte. Nun arbeitete seine Gönnerin aus allen Kräften, die
innerliche Freude des Fürsten zu nützen und um einen Platz in der Kapelle für
ihn anzuhalten: er wurde ihr zugesagt; und da man an diesem Hofe mit einer
Besoldung gern zwei oder drei Dienste verband, wurde Arnold in einigen Tagen
darauf Hof- und Kammermusikus, Kammerdiener bei dem Fürsten, mit dem Prädikat
eines Geheimen Kämmerers, und Subinspektor des Pferdestalls.
 
                                Fünftes Kapitel
Um die Lage kennenzulernen, in welche diese Beförderung allmählich Herrmanns und
Ulrikens Angelegenheiten setzte und wie sie in der Folge die feindselige
Stellung möglich machen konnte, die Arnold und Madam Dormer wider jene beiden
annahmen, wird es am dienlichsten sein, hier einige Fragmente aus Briefen folgen
zu lassen, die nach Herrmanns Eintritt in seinen Sekretärposten geschrieben
wurden.
                                                                 den 4. Februar.
- - Das waren gestern fünf Minuten des Lebens für mich, als ich Dich auf der
Redoute sprach: nach so vielen langen Monaten, wo ich in jedem einen oder zwei
Briefe an Dich schrieb und Dich nirgends als verstohlnerweise in der Kirche
sehen konnte, endlich einmal die Stimme zu hören, die für mein Herz so süsse
Musik ist, o wie rührte das mit einem hastigen Griffe alle Saiten meiner
Empfindung! Die lärmende Tanzmusik verstummte für mich, das Rauschen der
Allemande war mir unhörbar, ich nur allein in dem Saale und nur für die Stimme
meines geliebten Türken da. Das waren vielleicht funfzig Worte, die Du mir
sagtest, aber für mich goldne Sprüche gegen alles das Gewäsche und sinnlose
Witzeln, womit hier ein Kammerjunker und dort Gott weiss wer meine armen Ohren
foltert: Dir hörte ich gern Stunden, Tage, Wochen zu, und doch waren's nur fünf
Minuten! und von den faden Schmeicheleien und abgeschmackten, abgedroschnen,
Seel und Magen angreifenden Schnickschnack, den mattesten Siebensachen, dem
elendesten Gackern klingen mir die Ohren vom Morgen bis zum Abend. - O Herrmann!
gestern hat sich mein Herz wieder eine grosse Krankheit bei Dir geholt: es war
seit meiner Ankunft in dieser Stadt ein Patient, der das Bette verlassen hat und
wieder ein wenig herumgeht: aber gestern! gestern wurd es von neuem bettlägrig:
ich bin seitdem so unleidlich, so mürrisch geworden wie ein Podagrist. Mein
Mädchen beschwerte sich, dass sie mir nichts recht machen könnte. »Du närrisches
Geschöpf!« sprach ich, »die vornehmen Sitten haben mich angesteckt: gedulde dich
nur: ich werde schon noch launischer werden.« - Ja, gewiss werd ich's: ich fange
schon an: seit gestern ist mir der Hof und die grossen vornehmen Leute und das
Putzen, Zieren, Tändeln, Schmeicheln, Knixen und Grimassieren so unerträglich
ekelhaft geworden, dass ich die Ehre einer Hofdame an die Magd vertauschen
möchte, die Dir aufwartet.
    Die Fürstin examinierte mich sogleich gestern, mit wem, warum und was ich
mit Dir gesprochen hätte: sie musste mit einem paar Lügen vorliebnehmen, und
meine Freude machte mich so erfinderisch, dass ich nicht einmal stockte: sie
verbot mir alle dergleichen Gespräche, wenn sie auch noch so gleichgültig wären:
- ob ich mich vielleicht durch meine Freude verdächtig machen mochte?
    Nachdem dies Examen überstanden war, zog mich Madam Dormer in einen Winkel
und kiff förmlich mit mir über meine Unvorsichtigkeit: gleich war auch Herr
Arnold dabei, der sich die Ehre gibt, auch um unser Geheimnis zu wissen und sich
Deinen grossen Patron zu nennen. Sooft er mich erblickt, erzählt er mir, dass er
Deiner bei dem Fürsten gedacht hat. Ich halte ihn für einen Menschen, der um
eine gute Mahlzeit oder eine Flasche guten Wein Vater und Mutter verrät: er hat
sich bei dem Fürsten in der kurzen Zeit so sehr eingeschmeichelt, dass sie auf
den vertrautesten Fuss miteinander umgehen, wohin es bei dem guten Fürsten nur
gar zu leicht kömmt. Man kann zwar Arnolden bisher nicht das mindeste Böse
schuld geben, nicht einmal Verleumdung; aber er drängt sich allentalben voran,
will der erste und einzige in der Gunst sein und nützt die Veränderlichkeit
seines Herrn so meisterlich, dass er alle andre aus den Besitze der Gnade
vertreibt. Wie sollte er diese Künste nicht wissen, da Madam Dormer seine
Lehrerin ist?
    Ich zittre, wenn ich bedenke, dass unser Geheimnis in den Händen dieser
beiden Leute ist: ich traue keinem unter ihnen, aber ich muss ihnen schmeicheln,
damit sie mir nicht schaden. Welche traurige Sache, Leute liebkosen zu müssen,
die man nicht für gut hält! Und wieviel trauriger wär es vollends, wenn ich sie
beleidigte, vielleicht durch den Zufall beleidigte! Ein Wort dürften sie der
Fürstin von unserm Verhältnisse hinterbringen, und wir wären beide verloren.
    Von Ulriken.
                                                                    den 7. März.
- - Eine Freude muss ich Dir noch mitteilen, die ich vor acht Tagen gehabt habe,
eine, wie sie mir seit langer Zeit nicht zuteil worden ist. Der Graf Ohlau hat
sich an die Familie gewendet und um Unterstützung gebeten, weil ihm der Bankerut
nicht das geringste übriggelassen hat. Der Oberste Holzwerder hat sich auch zu
einem jährlichen Beitrage unterzeichnet und fragte mich zum Scherze, ob ich
nicht gleichfalls einen Louisdor unterzeichnen wollte. Der Scherz war mir
empfindlich; ich antwortete: »Vielleicht.« Bei der nächsten guten Laune der
Fürstin bettelte ich bei ihr für einen gestorbnen Anverwandten. - »Willst du
sogar den Toten Almosen geben?« fragte sie. - »Der Mann lebt wohl noch«,
antwortete ich, »aber er lässt sich's nicht gern nachsagen, dass er noch lebt,
weil er um seine schönen Kutschen, Pferde, Lakaien und goldnen Kleider gekommen
ist.« - »Ist er bestohlen worden?« - »Ja, von einem Diebe, den man Bankerut
nennt.« - »Darf ich den Mann nicht wissen? Oder vielleicht hast du dein Geld
vergangnen Winter auf den Redouten verspielt und vertrunken und machst mir nun
weis, dass du für einen vornehmen Bettler bettelst?« - »Wenn ich den Mann alsdann
verschweigen darf, so will ich die Beschuldigung auf mich nehmen und untertänig
um Vergebung bitten, dass ich meine Liederlichkeit habe bemänteln wollen.« - Sie
ging zu dem Schreibeschranke und brachte mir ein Paketchen mit zwanzig
Louisdoren. »Da!« sprach sie, »schicke das deinem Toten, damit er wieder ein
bisschen zu Atem kömmt!« - Ich küsste ihr die Hände so vielmals, dass sie es
überdrüssig wurde und mich zum Scherz leise auf den Mund schlug: die Schuhsohlen
hätt ich ihr küssen mögen, so entzückt war ich über die Wohltat. Ich packte die
zwanzig Louisdor gleich sehr säuberlich ein, schrieb ein Billett an den Obersten
und bat ihn, diese Kleinigkeit ohne Unterzeichnung an den Onkel zu schicken. Er
kam hernach zu mir und wollte schlechterdings, dass ich das Geld in meinem Namen
schicken sollte: aber das ging ich nicht ein: ich packte es in weisses Papier,
liess von meinem Mädchen die Adresse darauf schmieren und schickte es ohne Brief
fort. Wie sie sich freuen werden, wenn die zwanzig gelben Rosse aus dem Briefe
herausspringen, als wenn sie aus der Luft herabfielen!
    Dies Vergnügen waffnet mich wider einen ganzen Monat Langeweile; denn das
weiss mein Herz, wie sie mich tyrannisiert. Man spricht täglich von
Lustbarkeiten: bald wird dahin, bald dortin gefahren, gejagt, geangelt,
gegangen und geschwatzt: aber bei allen Partien schleicht die grämliche
Langeweile hinter mir drein, setzt sich mir auf den Nacken oder gegenüber und
gähnt und gähnt, dass ich mitgähnen muss. Ich glaube, dass mir die Liebe fehlt: wir
haben zuwenig mit ihr hausgehalten: darum wird der Rest unsers Lebens öde und
leer sein. Ich wüsste die Langeweile umzubringen, aber ich darf nicht: ich bin
wie Andromeda gefesselt, der Drache, die Langeweile, sitzt neben mir und will
mich verschlingen, und mein Perseus - vielleicht schneidet er endlich einmal die
Hoffesseln los, und dann ist mir für meinen Drachen nicht bange: vor einem
Blicke von Dir zieht er aus wie vor zehntausend Feinden. -
    Von Herrmann.
                                                                   den 21. März.
- - Ich beklage das gnädige Fräulein unendlich über höchstdero langweilige
Glückseligkeit: ich habe keine Glückseligkeit, aber auch keine Langeweile;
Lächerrlichkeiten in Menge um und neben mir, wenn ich sonst Neigung hätte, über
die Torheiten und Vergehungen eines Mannes zu lachen, der das Wohl und Weh eines
Landes in seiner Hand hat und damit spielt wie mit einem Balle. Ich erwerbe mir
jetzt die Kenntnisse, die mich Verirrung und Taumel der Liebe nicht früher
erwerben liessen: erschrecken würdest Du, wenn Du mich, umschanzt von
ökonomischen und politischen Büchern, unter Quartanten und Oktavbänden voll
Polizei und Finanzanstalten, die nirgends existieren, fändest. Der Himmel will,
dass ich alles, was ich bin und werde, Dir verdanken soll; denn alle diese
Weisheit und Torheit hab ich für die Geschenke gekauft, womit Du Deine Briefe
begleitest: kann ich Dir besser dafür danken, als dass ich sie zu dem einzigen
Mittel anwende, das mich Deiner Verbindung wertmachen, wo auch nicht dazu
bringen kann? Verstand und Gedächtnis werden durch diese Gedanken gestärkt:
meine Begriffe werden heller und meine Vorstellung umfassender, wenn mich die
Liebe erinnert, dass ich alles Nachsinnen, alle diese Mühe für Dich und durch
Dich unternehme. Ich habe bisher mein Leben im Schlafe zugebracht, im Traume der
Empfindung, des Vergnügens, des Eigennutzes, in süsser, verliebter, aber kleiner
Geschäftigkeit: das Unglück hat mich aus meiner Schlaftrunkenheit
herausgepeitscht, und ich will anfangen zu leben, zu tun, zu handeln, was allein
Leben heisst. Wie begeistert mich die Vorstellung, wie schwellt sie meinen Mut
an, dass ich vielleicht dereinst etwas beitragen soll, diesem Lande, das die
Beute habsüchtiger Geier geworden ist, durch gute Anstalten zum Wohlstande zu
verhelfen, Ordnung, Fleiss, Tätigkeit darin zu verbreiten, der Menge dürftiger,
fauler Müssiggänger Arbeit und Nahrung zu verschaffen, durch Vermehrung des
Triebes zur Beschäftigung alle Laster der Geschäftlosigkeit zu ersticken und so
durch politische Veranstaltungen ein Völkchen weiser und glücklicher zu machen,
als Moralisten und Prediger vermögen! Diese Aussicht ist jetzt meine
allbegleitende Idee, der Mittelpunkt alles meines Denkens und Trachtens. Meine
gegenwärtige pflichtmässige Beschäftigung ist freilich trocken, gering, ekelhaft:
ich muss Rechnungen, Befehle, Quittungen, Spezifikationen von des Herrn von
Lemhoffs Schweinen, Schafen und Rindvieh, Pachtbriefe und Mietkontrakte
abschreiben, den Vögeln den Pips nehmen, Wettergläser begucken und die Grade
ihres Steigens und Fallens aufschreiben - freilich alles lästige, traurige
Berufsarbeiten, die einer von den Bedienten des Hauses besser und schicklicher
verrichten könnte als ich! Aber was schadet's? Man kann wohl einige Zeit Steine
und Kalk zuführen, wenn man nur Hoffnung hat, einmal Mauermeister zu werden. Ich
bin doch unendlich besser daran, wenigstens in meinen Augen nützlicher als
Arnold, der den Lustigmacher bei dem Fürsten spielt und Hofspassmacher geworden
ist. Nimmermehr hätt ich dem Manne zugetraut, dass er sich zu solchen Mitteln
erniedrigen würde, um die Gunst seines Herrn zu gewinnen: er ist ein
Nichtsnützer, der im geschäftigen Müssiggange herumschleicht: seine grösste
Handlung ist ein mittelmässig geblasnes Konzert und seine beste ein Spass, womit
er dem Fürsten eine Wolke von der Stirn treibt; und noch wäre dies Verdienst
nicht gering, wenn er den Herrn nach Beschäftigungen oder Unannehmlichkeiten
aufheiterte oder Verdruss und üble Laune, zwo so ergiebige Quellen von
Ungerechtigkeiten, von ihm abwehrte: aber die Harlekinspossen, die elenden
Schwänke, die Kinderspiele, womit er ihn belustigen soll, machen ihn in meinen
Augen verächtlich. Wieviel verdienstvoller und glücklicher schein ich mir mitten
in meinen schlechten Umständen schon jetzt, wenn ich mir bewusst bin, dass der
Präsident einen Gedanken, einen Vorschlag, den ich für heilsam halte, billigt
und annimmt! Wie vollkommen wird nun vollends meine Glückseligkeit sein, wenn
ich diese schlechten Umstände übersprungen und mich in eine Lage gesetzt habe,
wo meine Gedanken und Vorschläge von ausgebreitetem Einflusse, meine Arbeiten
der Vorteil etlicher tausend Menschen sein werden! Der Vorstellung, für und auf
einen beträchtlichen Teil der Menschheit einst zu wirken und gewirkt zu haben,
kömmt nichts gleich, als das Gefühl einer Liebe wie die unsrige, als der Gedanke
an Deine Treue. Ich beneide Euch alle nicht um die herrlichen Lustbarkeiten, um
die schönen Parties de plaisir: meine Partie de plaisir soll angehn, wenn Euch
vor den Eurigen ekelt. - -
    Von Ulriken.
                                                                den 13. Oktober.
- Das heisst man Landleben? Eine Plage auf dem Lande nenne ich das. Da sind wir
den ganzen Sommer auf dem Dorfe gewesen und haben uns ganz trefflich ennuyiert,
dass wir uns vor Langerweile mit den Köpfen hätten stossen mögen. Die Fürstin hat
dies Jahr die Ökonomie an den Nagel gehängt und ist der Wirtschaft so
überdrüssig geworden, als wenn sie mit uns auf unserm Bauergütchen gewohnt
hätte. Halb ist sie dafür zur Jägerin und halb zur Fischerin geworden. Ihre
kriegerischen Zeitvertreibe haben einen rechten Nimrod aus Deiner friedfertigen
Ulrike gemacht: ich bekriege alles, was Odem hat: aber ich lasse mich nur mit
der hohen Jagd ein, mit Sperlingen, Meisen und Finken. Die Fürstin mit ihren
beiden Leibjägerinnen - denn Fräulein von Limpach hat die Gicht in beide
hochwohlgeborne Füsse bekommen -, wir drei Jägerinnen haben den ganzen Sommer
über wenigstens zehn Pfund Pulver und Blei verschossen, und dem Himmel sei Dank!
wenigstens drei Sperlinge und vier Meisen erlegt: den Tod einer Meise habe ich
auf meinem Gewissen, aber ich kann es beschwören, dass ich den Mord ohne Vorsatz
beging. Gewöhnlich schoss ich immer los, wenn die andern anlegten, um die Vögel
zu warnen, dass sie wegflogen: aus der nämlichen christlichen Absicht schiess ich
einmal in einen Kirschbaum, und siehe da! es fällt eine Meise herunter. Ich
zitterte vor Schrecken und hätte beinahe geweint, als der gute Narr
herunterstürzte, nahm sie auf und dachte, er wäre vielleicht wegen Schwäche der
Nerven über den Spass in Ohnmacht gefallen: aber nein, er war tot, sosehr man es
nur sein kann. Die Fürstin behauptete, er hätte die Gicht gehabt wie die
Limpachin, wäre vor Schreck heruntergefallen und hätte den Hals gebrochen; und
ich glaub es gern, damit ich an keinem Totschlage schuld bin. Die armen Vögel in
der ganzen umliegenden Gegend waren uns zuletzt so gram geworden, dass sie
davonflogen, als wenn sie das Unglück jagte, sobald sich nur eine von uns
Scharfschützinnen blicken liess.
    Wenn uns die Hitze das Jagen lästig machte, setzten wir uns an den Fluss und
warfen unsre Angeln aus: viele Stunden sassen wir da wie angepflöckt, ohne
Bewegung und Sprache, und brachten meistens so viele Weissfischchen zusammen, dass
jedermann des Abends bei der Tafel einen halben bekam. Das Langweilige dieser
Zeitverkürzung ist unbeschreiblich: wenn die Fische herumgeflogen wären, so
hätte ich sie mit dem Munde fangen können, so hab ich gegähnt. Arnold setzte
sich bei dieser Gelegenheit durch seine ganz einzige Geschicklichkeit, die
Regenwürmer an die Angel zu stecken, in die vollkommenste Gnade bei der Fürstin,
die ihn vorher so wenig leiden konnte, dass sie ihn den Hofaffen nannte; aber
seitdem er seine Verdienste so vorteilhaft gezeigt hat, gefällt ihr der Mann
samt seinen Possen ungemein wohl. Er hat bei unserm Sommeraufentalte die
wichtigste Rolle gespielt: wenn Hitze und Langeweile alle Kraft und Lust zur
Tätigkeit niederdrückte, trat er mit dem Apoteker oder, war dieser in der
Stadt, mit einem andern Einfaltspinsel auf, und beide spielten zusammen ein
burleskes Intermezzo, welches meistens darauf hinauslief, dass der unverschämte
Narr den blödsinnigen Narren zu seinem Narren machte. Ich begreife nicht, ob ich
das Lachen verlernt habe: die Schwänke, die der Herr von Troppau mit Mr. de
Piquepoint und den andern Souffre-douleurs unsrer Abendgesellschaft in Berlin
vornahm, belustigten mich zuweilen, dass ich darüber lachen musste, sooft ich mich
ihrer erinnerte; und hier sitze oder steh ich da wie die Bildsäule des Cato,
wenn alles rings um mich vor Lachen bersten will: nur der Fürstin zu Gefallen,
damit sie meine Ernstaftigkeit nicht übelnehmen soll, lache ich mit, sooft sie
mich ansieht. Ich höre kein Wort von den schalen Einfällen, sondern träume für
mich und lache also sehr oft bei Gelegenheiten, wo es gar nichts zu lachen gibt,
bloss weil mich die Fürstin anblickt: nun geht wieder das ewige Fragen an, warum
ich lache, und ich weiss niemals zu sagen warum, weil ich die rechte Ursache
nicht entdecken darf. Entweder mir oder den Possen muss etwas fehlen - vermutlich
mir! - Alle Zeitvertreibe sind so kalt, so affektlos, blosse Mittel, die Zeit zu
würgen; alle Vergnügen berühren meine Empfindung so flach und dringen mir weder
an Geist noch Herz: aber was macht es? - ich sehe nichts mehr mit den Augen der
Liebe: die Liebe vergoldete sonst alle Gegenstände um mich her mit Sonnenschein:
die Liebe spannte meine Einbildung, dass sie jedem Blatte, jedem Lüftchen, jedem
Insekt geheime Beziehungen auf mich mitteilte, gab allem, was um mich war,
Regsamkeit, Leben, Interesse, Wärme und erhöhte in mir jedes Gefühl zur
Berauschung. Das war eine Welt! - Gott! wenn ich noch an das erste Jahr denke,
das wir auf dem Bauergütchen zusammen verlebten! Da hatte alles so einen
frischen Anstrich, so eine Lebhaftigkeit, so ein Feuer! Freilich war der frische
Anstrich nur in meinem Kopfe und die Lebhaftigkeit und das Feuer nur in meinem
Herze: mag es! Ich befand mich doch millionenmal besser dabei als itzo in der
kahlen Alltagswelt, wo mir alles so matt, träge, leblos, kalt, ohne Geist und
Interesse dahinschleicht wie ein elendes Schattenspiel an der Wand.
    Diesen Winter will die Fürstin eine Fabrik bei sich anlegen: Hoffräulein,
Hofjungfern und Hofmädchen sollen in ihrem Zimmer sich alle Nachmittage
versammeln und spinnen, stricken, nähen, und unsre Fabrikwaren sollen unter die
armen Leute ausgeteilt werden. Der Einfall gefällt mir überaus wohl, und die
erste Versammlung aller jener Fabrikantinnen, die gleich den Tag nach unsrer
Ankunft vom Lande und seitdem nicht wieder geschah, hat mich belustigt, wie mich
noch nichts am Hofe belustigt hat. Stelle Dir einmal ein grosses Zimmer vor; in
der Mitte die Fürstin an einem Tische voll Flachs, Garn, Leinewand, Zwirn,
grober und feiner Wolle - lauter Materialien, die sie unter die Arbeiter ihrer
Fabrik austeilt! Im Halbzirkel vor ihr sitzen alle ihre Gesellen, bei der Tür
schnurren drei Mädchen mit Spinnrädern; daneben die podagristische Limpachin mit
einer grossen Haspel vor sich, wovon sie grobes baumwollenes Garn zu einem Paar
grauen Mannsstrümpfen abwindet; dann ein Mädchen, mit einem Hemde für einen
Bettler beschäftigt, der vielleicht seit Jahr und Tag nur kein ganzes gehabt
hat; dann ein anders mit einer Kinderhaube unter der Arbeit; und endlich vier
bis fünfe, worunter auch meine Wenigkeit gehört, mit Stricknadeln bewaffnet, mit
wollnen und zwirnen, grossen und kleinen Manns-und Weiberstrümpfen, worunter jede
die andre überholen, jede das grösste Stück Arbeit liefern will. Die Fürstin
strickt für einen alten Mann, den sie vorigen Winter barfuss gesehn hat, ein Paar
tüchtige, derbe, warme Winterstrümpfe, und ich arbeite für eine arme, alte
Witwe, die der Schlag gerührt hat. Weil ich so gut Märchen erzählen kann, wie
man mir schuld gibt, so habe ich unstreitig den wichtigsten Posten in der ganzen
Gesellschaft; denn ich muss arbeiten und erzählen. Damals sassen wir mit
ununterbrochner Emsigkeit von vier Uhr des Nachmittags bis des Nachts um halb
zwölfe, und die kalte Küche, die man des Abends herumgab, wurde nur nebenher
eilfertig hinuntergeschlungen, ohne dass es die Arbeit störte, dem Bedienten das
Glas abgenommen, hastig ein Schluck getan, und nun gleich wieder an die Arbeit!
Wir waren insgesamt so vergnügt und freudig, und dies ganze Bild der
Arbeitsamkeit für mich so einnehmend, dass mir meine Märchen noch einmal so
lustig gerieten; denn Du musst wissen, ich habe eine so starke Belesenheit in
diesem Fache bei der Fürstin bekommen, dass ich jetzt alle Bücher verachte und
meine Märchen selber erfinde, oft aus dem Stegreife, und meine selbsterfundnen
tun meistens mehr Wirkung als die gedruckten; denn ich mache sie so
abenteuerlich, dass meinen Zuhörern alle Sinne vor Verwundrung stillstehn, wie
nur so entsetzliche Dinge in der Welt vorgehen können. Ich habe seitdem die
Fürstin fleissig an ihre Fabrik wieder erinnert, aber sie scheint an dem ersten
Male genug zu haben: wenn das so fortgeht, wird der arme Alte seine warmen
Winterstrümpfe wohl unter sechs Jahren noch nicht bekommen, und meine lahme
Witwe mag sich auch beizeiten anderswo versorgen, ehe die starke Kälte
einbricht. - -
    Von Ulriken.
                                                                  den 16. April.
- - Nun hab ich erfahren, warum den ganzen Winter über die Fürstin so
misstrauisch, so zurückgezogen und kalt gegen mich tat: aber ich möcht es lieber
nicht erfahren haben, da es ohne das Unglück einer Person nicht geschehen
konnte, die ich freilich für etwas anders hielt, als sie sich nunmehr gezeigt
hat. Du wirst vermutlich gehört haben, dass Fräulein Ahldorf neulich den Hof
plötzlich verlassen musste, und vermutlich hat Dir auch das Gerücht hinterbracht,
dass ich ihren Abschied bewirkt habe: aber das Gerücht ist eine Lüge, von Leuten
erfunden, die mich verhasst machen wollen. Ich will Dir die wahre Geschichte
erzählen.
    Die Fürstin war sonst der Fräulein nicht gram, aber auch wegen ihrer
erstaunlichen Faselei nicht sonderlich gewogen, und noch den vorigen Sommer auf
der Jagd und bei dem Angeln musste das arme Mädchen beständig Verweise, recht
bittre Verweise über ihr läppisches Wesen anhören, und die Fürstin nannte sie
immer gegen mich ihren Kammerhusaren. Auf einmal, als wir vom Lande
zurückgekommen waren, änderte sich die Szene: ich wurde zurückgesetzt, durfte
wenig und zuletzt fast gar nicht mehr um die Fürstin sein: die Ahldorfin bekam
alle Gnade und alle Last, die ich vorher genossen und getragen hatte. Ob ich
gleich im Grunde mehr Ruhe dabei gewann, so nagte mich doch die Zurücksetzung
nicht wenig: jedermann schmeichelte mir sonst, woran mir wenig lag, jedermann
wartete mir auf, auf den Wink gehorchte man mir; jetzt war ich wie verlassen, man
drehte mir den Rücken zu, alle brachten ihren Witz und ihre Höflichkeit der
Fräulein Ahldorf zum demütigen Opfer, und niemanden fand ich unverändert als
mein Mädchen. Am meisten machte sich noch zuweilen der Fürst mit mir zu
schaffen: er spricht sehr gut, wenn er will, und seine Unterhaltung hielt mich
für alle andern schadlos; aber sie war niemals lang, weil gleich von allen
Seiten Leute herbeikamen, die ihn von meinem Gespräche abzogen. Ich konnte mit
allem meinen Verstande die Ursache einer so schleunigen Veränderung nicht
erforschen, besonders da Madam Dormer mich so äusserst selten besuchte, niemals
kam, wenn ich sie nicht drei-, viermal bitten liess, und allemal kaum fünf
Minuten dablieb. Auf einmal wurde ich letztin aus meiner Unwissenheit gerissen.
    Ich gehe durch das Vorzimmer der Fürstin, um mich zu erkundigen, ob auf den
Abend Spiel bei ihr sein wird: ich finde alles leer, aber in ihrem Zimmer wurde
stark gesprochen. Die weibliche Neubegierde treibt mich an, ein wenig
stillzustehn, um zu hören, ob vielleicht die üble Laune einmal regierte: es war
des Fürsten Stimme, und da ich meinen Namen zweimal hintereinander nennen hörte,
glaubte ich, mit völligem Rechte neugierig sein zu können, warum er genennt
wurde. Der Fürst bat die Fürstin mit seinem eignen gesetzgebenden Tone - er
bittet alsdann mit den Worten und befiehlt mit der Stimme -, bat sie ernstlich,
der Fräulein Ahldorf augenblicklich den Abschied zu geben. Die Fürstin bat für
sie, aber er bestund darauf und befahl der Fräulein, innerhalb einer Stunde das
Schloss zu räumen, wofern sie sich nicht grössern Unannehmlichkeiten aussetzen
wollte. Dass er ihr dies selbst sagte, dazu gehörte ein hoher Grad von Zorn: weil
sich die Stimme darauf der Türe näherte, wischte ich davon. Indem ich durch den
Gang gehe, der an das Vorzimmer stösst, treffe ich mit einer von den Jungfern
zusammen, die auf der andern Seite in dem Nebenzimmer förmlich gehorcht hat. Sie
tat so freundlich gegen mich und machte mir eine so tiefe Verbeugung, als ich
den ganzen Winter über nicht von ihr bekommen hatte: das war eine gute
Vorbedeutung: »O ich habe Dinge gehört!« fing sie an leise auszurufen. »Darf ich
mit Ihnen auf Ihr Zimmer gehn? Ich habe Ihnen recht vieles zu sagen, das Ihnen
Freude machen wird.« - Ich nahm sie mit mir, und wir waren kaum ins Zimmer
hinein, so hub schon die Erzählung in ihrer gewöhnlichen exklamatorischen Manier
an. »Ach, ich habe Ihnen Dinge gehört!« rief sie aus. »Ach, ich kann Ihnen gar
nicht sagen, was für Dinge! Ich musste der Fürstin ein Kleid aus der Garderobe
bringen, woran etwas geändert werden soll: indem wir so reden, tritt der Fürst
herein. Die Fürstin erschrak über den unvermuteten Besuch, und ich machte, dass
ich über Hals und Kopf mit meinem Kleide ins Nebenzimmer kam. Der Fürst sah mir
entsetzlich böse aus, und ich horchte deswegen, was es einmal geben würde. Ach,
da hab ich Ihnen Dinge gehört! Ich kann's gar nicht sagen.« -
    Die Wunderdinge kamen lange nicht zum Vorschein: endlich erfuhr ich
folgendes: Der Fürst befiehlt der Fräulein Ahldorf, die auch das Zimmer
verlassen will, dazubleiben und fragt sie geradezu, ob sie der Fürstin nicht
überredet habe, dass er gestern auf meinem Zimmer gewesen sei; ob sie ihr nicht
erzählt habe, dass er da, dort und hier mit mir allein gewesen sei; und eine
Menge andere Fragen, die alle ähnliche Beschuldigungen wider ihn und mich
entielten. - Ich kann mir ihn vorstellen, wie er das alles gefragt haben mag:
er nimmt in solchen Fällen einen ganz eignen kalten Ernst an. - Da die Fragen
vorbei sind, befiehlt er ihr, dass sie gestehn soll. Die Ahldorfin ist vor
Schrecken ausser sich, weiss sich nicht zu helfen, weint, wirft sich dem Fürsten
zu Füssen in der Angst: er befiehlt ihr aufzustehn und gebietet noch einmal mit
schärferem Tone, dass sie gestehn soll: in der Furcht beichtet sie alles. Darauf
bittet er die Fürstin mit seinem befehlenden Tone, eine solche freche
Klätscherin, die sich so unverschämte Lügen erlaubte, nicht länger um sich zu
dulden, und befiehlt der Fräulein, das Schloss zu räumen, was ich selber hörte. -
Nach dieser Szene wurde ein entsetzlicher Aufruhr; alles setzte sich in
Bewegung, Vorbitten einzulegen, aber umsonst. Der Fürst ist in solchen Fällen
unerbittlich, besonders wenn es darauf ankömmt, sein Ansehn wider unser
Geschlecht zu behaupten, von dem er überhaupt keine hohe Meinung zu haben
scheint, so artig und galant er ihm auch begegnet. Von Mannspersonen lässt er
sich leicht einnehmen, aber gegen das Frauenzimmer - auch seine eigne Gemahlin
dazu gerechnet - steht er auf der Hut, und er gibt eher seinem Kammerdiener nach
als der Fürstin: er beleidigt sie nie, sondern behandelt sie mit ungemeiner
Achtung und Höflichkeit, aber wenn er einmal etwas befohlen hat und sie bittet,
den Befehl abzuändern, dann lässt er sich nicht bewegen, sollte auch ihre Bitte
die grösste Billigkeit und sein Befehl die grösste Unbilligkeit sein. Er soll
selbst einmal gesagt haben, dass ein kleiner und grosser Fürst das andre
Geschlecht achten, aber nicht lieben und ihm alle Bitten abschlagen müsse, damit
er ihm keine schädliche gewährte. Ganz genau folgt er seiner Maxime nicht, und
bei aller Vorsichtigkeit und allem Misstrauen muss er sehr vielfältig tun, was die
Weiber wollen, wenn sie nur männliche Maschinen dazu gebrauchen: das wird alles
durch den dritten, vierten Mann bewerkstelligt. Itzo ist Arnold das grosse
Triebrad, das ihm mit Spass und feiner Schmeichelei seinen Willen und seine
Gedanken umdreht, und dies grosse Triebrad wird von einem kleinern umgedreht, das
Madam Dormer heisst: wer dieses verborgne Rad recht zu seinem Vorteil zu stellen
weiss, dem zeigt der Weiser, wie er's wünscht. -
    Von Ulriken.
                                                                  den 27. April.
- - Arnold versichert mich, dass er dem Fürsten die Klätscherei der Fräulein
Ahldorf entdeckt hat, und behauptet, dass ihr Bewegungsgrund nicht bloss Neid
gegen mich, sondern auch Bosheit gegen den Fürsten gewesen sei, um sich für die
Kälte zu rächen, womit er ihre Bemühungen, sich in Gunst bei ihm zu setzen,
aufgenommen habe; und sie soll sich ihm in Gunst haben setzen wollen, um sich an
der Fürstin für den Vorzug zu rächen, den sie mir so lange Zeit gegeben hat. Es
mag kein Wort davon wahr sein; denn da sie in Ungnaden fortgeschickt worden ist,
hält es jedermann für seine Pflicht, ihr die abscheulichsten Dinge nachzusagen:
sie müsste ein Ungeheuer sein, wenn sie so wäre, wie man sie jetzt allgemein
abbildet.
    Für mich will Arnold bei dem Fürsten und der Fürstin sehr vorteilhaft
gesprochen haben, und die allmählich wiederkehrende Gnade der letztern soll sein
Werk sein: auch für Dich will er nunmehr sorgen, dass Du aus dem Hause des
Präsidenten in einen bessern Platz kömmst. »Ich bin ein rechter Schurke, dass ich
an meinen besten Freund nicht eher gedacht habe«, sagte er, »aber ich will's
schon einbringen: geben Sie nur acht, was alles aus ihm werden soll.« - Spricht
der Mann nicht wie ein wahrhafter Maître-valet! Ich will's ihm herzlich gern
glauben, dass er der Urheber meiner neuen Gunst ist, wenn er nur für Dich etwas
ausrichtet. Auch kann er wohl die Wahrheit gesagt haben. Wie wollt ich den Mann
lieben und achten, so wenig ich es itzo kann, wenn er nur mit einem Finger dazu
hülfe, Dich emporzuheben! Der Gedanke, Dich emporgekommen zu sehn, belebt mich
inniger und süsser als die neuerlangte Gnade: dann gäb ich ihm die Erlaubnis, ein
Stocknarr und ein Erzschurke zu sein, ohne ihn zu hassen.
    Madam Dormer gab sich die Ehre, bei dem Vorfalle mit der Fräulein Ahldorf
ein wenig zu vorwitzig zu sein, und bekam von der Fürstin ein sehr empfindliches
Kompliment darüber. - Die Fürstin ist ihr um der sonderbaren Ursache willen
nicht mehr gewogen, weil ihr der Mann davongelaufen ist: sie behauptet, dass
allemal die Frau nichts tauge, wenn sich der Mann auf so eine Art von ihr
trennt; und Dormer war doch allgemein für den lüderlichsten Menschen unter der
Sonne bekannt. Es ärgerte mich, aus so einem seltsamen Grunde einen
unverschuldeten Groll auf die arme Frau geworfen zu sehn, und ich wurde in ihrer
Verteidigung so warm, dass mir die Backen glühten, als die Fürstin mit mir
neulich von ihr sprach; aber sie gebot mir zu schweigen. Wahrhaftig, man könnte
über die Witterung der Gnade einen eignen Hofkalender machen: allein ich möchte
mich auf diese Wetterprophezeiungen so wenig verlassen als eine Wäsche heute
anfangen, weil mir der Almanach morgen schönen Sonnenschein zum Trocknen
verspricht. -
    Von Ulriken.
                                                               den 12. November.
Nur zwei Worte, damit Du weisst, dass ich noch schreiben kann! Diesen Sommer sind
wir auf dem Lande Gärtnerinnen gewesen, haben Blumen, Kohl, Gurken gesteckt,
gesät, gepflanzt, dem Gärtner alle Beete verdorben und ein schlechtes Jahr
gemacht; denn alles unser Gesätes, Gepflanztes und Gestecktes hatte weder Segen
noch Gedeihen. Was wir sonst noch getan haben? - Verdruss und Langeweile gehabt.
Die beiden Ungeheuer werden mich noch aufreiben. Ach, die schreckliche Leerheit
in meinem Herze! - -
    Von Herrmannen.
                                                                den 3. Dezember.
- Mit Erstaunen habe ich mich neulich von meinem Kalender belehren lassen, dass
ich schon zwei Jahre in meinem Platze zugebracht habe. Wie sie mir verflogen
sind! als wenn ich sie in Deinen Armen, an Deiner Seite verlebt hätte! Nie
glaubte ich, dass Arbeit und eifriges Streben nach einem vorgesetzten Zwecke die
Flügel der Zeit so schnell bewegen könnte. Nur die Liebe, bildete ich mir ein,
vermöchte das Wunder zu tun, dass Wochen und Monate unbemerkt wie Gedanken
dahinflögen: aber nein, auch Tätigkeit und Rennen nach einem festen Ziele vermag
es. Wenn mein Nachsinnen ermattete, wenn Verdruss und unerfreuliche Begegnung vom
Präsidenten meinen Mut schlaff machte: dann dachte ich, für wen, um
wessentwillen ich meine Kräfte anspannte. »Ulrike ist der Kranz«, sagte ich mir,
»Ulrike der Lohn, der am Ende der Laufbahn auf dich wartet: laufe, renne,
arbeite dich tot oder erringe sie!« - Wie der herabströmende Einfluss einer
Gotteit stärkte mich die Aussicht auf einen solchen Lohn, und wenn Zweifel und
Unmut mir ihn als entfernt, als zu hoch hängend, als ein blosses Vielleicht
darstellten, dann rang und kämpfte ich mit neuer Arbeit, um die
Wahrscheinlichkeit dieses Vielleichts zu erhöhen.
    Ich habe ihn geendigt, den Plan, habe mich mit den Verfassungen des Landes,
mit den zahlreichen Mängeln und Gebrechen der hiesigen Einrichtung
bekanntgemacht, habe mir Kenntnisse aus Büchern und der Erfahrung andrer
gesammelt, habe unermüdet gefragt, gesucht, gelesen, gesonnen und so manche
nützliche Anstalt und Verbesserung ausgedacht, wodurch dem Ganzen, der Regierung
und einzelnen Einrichtungen geholfen werden könnte, habe in meinem Kopfe einen
Plan erzeugt, ein Ideal, nach welchem ich bei allen Vorschlägen in meiner
künftigen Bestimmung verfahren will. Wie froh bin ich, endlich in eine Laufbahn
hingezogen zu sein, wo ich für mehr als meinen Nutzen und mein Vergnügen
arbeiten soll; und wer zog mich hin? - Du, Du, Ulrike! Du, deren Hände Leben,
Wohlsein, Glück und Ehre über mich verbreiten und noch reichlicher verbreiten
werden!
    Meine bisherigen Beschwerlichkeiten waren nicht gering: Du seufzest über die
aprilmässige Veränderlichkeit der Gunst, über die Schmerzen, die Dir die schlimme
Laune Deiner Gebieterin zuweilen auflegt, über Neid, über Langeweile: von allen
diesen Übeln war ich wohl frei, aber mich drückten andre. Der Handlanger - als
etwas Bessers kann ich mich fürwahr nicht betrachten -, der Handlanger eines
Mannes zu sein, der in dieser Minute, wenn ich seinem Gimpel oder seinen
Turteltauben eine Güte getan habe, mir mit brüderlicher, beschämender
Vertraulichkeit begegnet und in der folgenden wie ein orientalischer Despot
befiehlt und aufgewartet sein will; der in dieser Stunde dringend und treibend
mit der äussersten Schärfe etwas anbefiehlt, eine halbe Stunde darauf schon
vergisst, dass er's befohlen hat, und das Gegenteil gebietet oder sich wohl gar
einbildet, das Gegenteil befohlen zu haben, und zürnend auffährt, wenn man tat,
was er ausdrücklich verlangte; der weder Widerspruch noch Entschuldigung
erträgt, keine Vernunft hört, weder nach Plan noch Grundsätzen, sondern bloss
nach augenblicklichen, vorübergehenden Einfällen handelt und anordnet; der in
allem, was er denkt und tut, keine Regel als seinen Eigennutz kennt und keine
Mittel verschmäht, ihn zu befördern, wovon ich die himmelschreiendsten Beweise
erfahren habe, seitdem ich verpflichtet worden bin und also nicht mehr bloss in
seinen Privatgeschäften, sondern auch in Sachen seines Amtes gebraucht werde;
dem nicht ein Finger weh tut, wenn gleich das halbe Land zugrunde ginge, und der
doch ausser sich gerät, sobald sein Gimpel nicht fressen will: - wie muss man sein
Gefühl verhärten und seinen Unwillen zurückhalten, welche Leiden und innerliche
Kämpfe muss man erdulden, wenn man einem solchen Manne dient. Sein Beruf ist ihm
eine leichte Feder, die er spielend dahin bläst, wohin sie der Wind treiben
will: ich glaubte von ihm göttliche Weisheit zu lernen, und auch die
bekanntesten Dinge, worauf ihn tägliche Erfahrung leiten sollte, sind ihm fremd
und unwichtig. Ich bin vor Erstaunen ausser mir selbst geraten, wie er mich von
sich wies, als ich mir neulich die Freiheit nahm, in einer seiner vertraulichen
Launen über verschiedene Einrichtungen und Anstalten zu sprechen, die nach
meinem Bedünken dem Lande so not tun, meine Meinung darüber als bescheidne
Zweifel und Fragen vorzulegen, worüber ich Belehrung von ihm zu erhalten
wünschte: er gebot mir von dergleichen Zeuge zu schweigen, das weder ihn noch
mich etwas anginge, und etwas Gescheiteres zu sprechen; und doch waren es Dinge,
deren Besorgung seinen Händen anvertraut ist! und doch war dieses gescheitere
Gespräch, das er an die Stelle des meinigen setzte, eine Unterredung über die
letzte Krankheit seines Gimpels! Aber ich will sie zerbrechen, die schimpflichen
Ketten, die Ketten eines Galeerensklaven, die ich bisher ohne Murren getragen
habe, weil ich mich erst durch Kenntnisse und Erfahrung in den Stand setzen
wollte, allen die Spitze zu bieten, deren Widerstand ich befürchten muss, wenn es
mir gelingt, zu den Ohren des Fürsten durchzudringen. Die Unordnungen,
Ungerechtigkeiten und widersinnigen Dinge, die ich täglich schreiben muss, lassen
mich nicht länger ruhen: ich gehe herum wie ein Mensch, den Gewissensangst
peinigt, dass ich alles das weiss und verhehle: ich kann es, so wahr ich lebe,
nicht länger verhehlen, wenn ich nicht gleich strafbar mit dem Urheber werden
will: ich bin es schon, dass ich meine Hände dazu hergab und es schrieb. Ich will
ein Wagestück unternehmen, es gelinge oder nicht: entweder jagt man mich mit
Schimpf und Schande fort, oder man erkennt meine gute Absicht und belohnt mich.
Sei der Ausgang, welcher es wolle, ich befriedige Ehre und Gewissen; und wenn
diese beiden für mich sind, dann mag die halbe Welt wider mich sein, ich fürchte
sie nicht.
    Beunruhige Dich nicht über mein Unternehmen, da ich Dir es nicht entdecke!
Ängstige Dich nicht, wenn Du etwa bald hörst, dass ich plötzlich die Stadt
verlassen musste; wenn alles von mir übel spricht, mir meine Verjagung als eine
verdiente Strafe gönnt und jedermann mich der tollsten Unverschämteit, der
Undankbarkeit, der Verleumdung und der Himmel weiss welcher Verbrechen mehr
anklagt; das sind alles Stimmen, aus einem Sprachrohre gerufen, um meine
Verjagung zu beschönigen und mein Zeugnis wider die Ungerechtigkeit unkräftig zu
machen; glaube solchen Nachreden so wenig, als ich dem Gerüchte glaubte, da es
Dich beschuldigte, dass Du die Gunst Deiner Fürstin missbrauchtest, um eine
Fräulein Ahldorf zu verdrängen! Ich handle, wie ich soll; und nicht so zu
handeln soll mich weder üble Nachrede noch Ansehn, Elend und Mangel, und, was
noch mehr als alles dieses ist, selbst die Gefahr, Dich auf immer zu verlieren,
nicht bewegen. Wenn ich Dich zurücklassen muss, so tröste Dich über mein
Schicksal damit, dass ich mir durch eine so plötzliche Trennung den Märtyrerkranz
der Ehrlichkeit erwarb. - -
 
                                 Zwölfter Teil
                                  Erstes Kapitel
Herrmanns gefährliches Wagestück, dessen er in dem vorhergehenden Briefe
gedenkt, war die Entdeckung aller Kniffe, Kunstgriffe und Praktiken, die der
Präsident gebrauchte, mit einem Teile der fürstlichen Kasse zu wuchern, während
dass unter dem Vorwande des Geldmangels alle Anfoderungen an dieselbe abgewiesen,
verschoben, vertröstet und oft die Auszahlung der geringsten Besoldungen
ausgesetzt wurde. Er suchte eine Gelegenheit, den Fürsten allein zu sprechen und
ihm das ganze eigennützige System, des Präsidenten vorzulegen, um welches er
allein zu wissen glaubte, ob man gleich öffentlich darüber klagte, schmälte und
fluchte und nur gegen ihn zurückhaltend tat, weil er zum Hause des Herrn von
Lemhoff gehörte und in dem Verdachte stund, dass er der Handlanger der
Ungerechtigkeit sei. Madam Dormer und alle übrigen Virtuosen des Hofs hassten
seit langer Zeit den Präsidenten bis auf den Tod: sein unharmonisches Gemüt
hatte eigentlich niemals Neigung für die Musik gefühlt, sondern war ihr vielmehr
gram, und er gab sich nur einige Zeit die Miene eines Liebhabers, hielt fleissig
Konzerte bei sich, unterhielt sich viel über die Tonkunst, ohne das mindeste
davon zu verstehen, bloss um der Liebhaberei des Fürsten ein Kompliment zu
machen: da bei diesem der Eifer erkaltete und sich mehr zur Malerei hinlenkte,
liess der Präsident keinen Geigenstrich mehr in seinem Hause tun, würdigte
Sängerin, Geiger und Flötenblaser kaum eines Blicks und drang bei jeder
Gelegenheit auf ihre Abdankung: alle litten auf seinen Betrieb eine Verminderung
des Gehalts. Herrmann glaubte also durch Madam Dormer und Arnolden den
sichersten und geheimsten Kanal zum Fürsten zu finden: er vertraute sich ihr an,
sie ermunterte ihn in seinem Vorsatze, teilte ihn Arnolden mit, und beide
ergriffen die Gelegenheit, dem Präsidenten zu schaden, mit so grosser Freude, dass
Herrmann schon den folgenden Tag zu Arnolden beschieden wurde. Unter dem Schein
eines Besuchs ging er zur bestimmten Stunde zu ihm, Arnold passte die Zeit ab, wo
der Fürst sich allein auf seinem Zimmer mit Zeichnen zu beschäftigen pflegte,
und brachte ihn so weit, dass er Herrmanns Anbringen hören wollte. Herrmann tat
seinen Vortrag mit unerschrockner Freimütigkeit, überreichte die Beweise, die er
mitgebracht hatte, seine Beschuldigungen zu unterstützen, und machte einen
kurzen Abriss von der Verfahrungsart des Präsidenten und den Unordnungen, die
desselben Nachlässigkeit, Unwissenheit und Eigennutz veranlassten: alles war
durch unverwerfliche Gründe so sonnenklar, dass auch nicht ein Zweifel dawider
stattfand. Der Fürst hörte ihn gelassen an und liess nicht die mindeste
Verwunderung und noch viel weniger Unwillen in seinem Gesichte blicken: er sah
die überreichten Schriften flüchtig durch, gab sie Herrmannen zurück und sagte
lächelnd: »Ich weiss dies alles: das Geheimnis soll unter uns bleiben: ich danke
indessen für den guten Willen.« - So schloss sich die Audienz.
    Herrmann schwebte viele Tage in Ungewissheit über die Wirkung seiner
Entdeckung: Arnold versicherte ihn zwar, dass sie der Fürst sehr wohl aufgenommen
zu haben schiene, setzte aber auch mit Betrübnis hinzu, dass sie vermutlich ohne
schädlichen und guten Effekt bleiben werde, weil ihm der Fürst Stillschweigen
geboten hätte, als er in einem günstigen Augenblicke Herrmanns Aussage
verstärken wollte. Madam Dormer mit ihrem unruhigen Geiste und heftigen Affekten
konnte die ersten Tage weder essen noch trinken, noch schlafen. »Ich sank
(zanke) mich mit die Fürst«, sprach sie immer, »wenn Sie noch länger bleib die
dupe von die Präsident abominable.« - Es blieb, wie es war: Madam Dormer zankte
sich nicht mit dem Fürsten, und der Fürst schien sich auch vor ihrem Zanke nicht
zu fürchten; denn er blieb wie vorher die dupe von die abominable Präsident.
    Arnold suchte wenigstens die Gelegenheit zum Vorteil seines Freundes zu
nützen, um ihn aus seinem gegenwärtigen Platze zu erlösen, welches Herrmann um
soviel eifriger wünschte, da er der Ungerechtigkeit nicht dienen wollte, wenn er
sie nicht hindern könnte. Der Fürst lobte ihn gegen Arnolden wegen seines
Anstands, seiner bescheidnen Dreistigkeit und besonders wegen seiner warmen
Ehrlichkeit, verriet auch sehr viel gute Meinung von seinen Talenten und seiner
künftigen Brauchbarkeit: aber auf den Hauptpunkt, den Arnold betreiben wollte,
gab er nie Antwort. Bei der nächsten besondern Unterredung mit dem Präsidenten
verlangte er, dass Herrmann bei seinem Kollegium als überzählig angestellt werden
sollte, bis sich ein Platz für ihn erledigte, und bestimmte selbst seinen
einstweiligen Gehalt: der Präsident machte Schwierigkeiten, dass er ihn ungern in
seinen eignen Angelegenheiten entbehrte, »aber doch diese Unentbehrlichkeit
gegen Eu. Durchl. Befehl in gar keine Betrachtung ziehen würde noch dürfte, wenn
nur nicht alle Gelder schon ihre Anweisung hätten«; dass es also schlechterdings
unmöglich wäre, eine Quelle für die verlangte Besoldung ausfündig zu machen. Die
Schwierigkeiten und die Berechnungen, wodurch er sie wahrscheinlich machte,
waren unendlich: der Fürst hörte ihn lange an und sagte nichts, als dass er die
Besoldung aus seiner Schatulle zu geben versprach. Auch hier wollte ihm der
Präsident die Unmöglichkeit zeigen, allein der Fürst unterbrach seine
vortreffliche Beredsamkeit mit einem frostigen: »Ich will.« - Der Präsident
häufte in der Folge die Schwierigkeiten noch mehr, doch konnte er nichts als
Verzögerung bewirken; denn Arnold hielt ihm das Gegengewicht sobald ihm der
Fürst seinen Entschluss in Ansehung Herrmanns gesagt hatte, und rastete nicht,
bis der Fürst mit einigem Unwillen und durch ernstlichen Befehl der Verzögerung
ein Ende machte.
    Herrmann konnte in dem Platze eines Subalternen nicht viel mehr ausrichten
als vorher: er musste ohne Widerspruch Befehle tun, wenn er sie gleich äusserst
missbilligte, und durfte sich seine Missbilligung nicht einmal merken lassen: er
musste ohne Murren verkehrte Anstalten machen sehen, die auf einer Seite einen
unbedeutenden Nutzen und auf allen andern allgemeinen Schaden stifteten,
Anordnungen schreiben oder in Ausführung bringen, bei welchen der
entgegengesetzte Erfolg ihres Zweckes ohne sonderliche Einsichten vorauszusehn
war, Befehle ausfertigen, die den Gehorchenden schwer drückten und weder dem
Gehorchenden noch dem Befehlenden nützten: der Unwille kochte oft in seiner
Brust bis zu den Lippen herauf, aber er bändigte ihn wie ein wildes Ross und
schwieg, weil der Fürst und alle seine Obern schwiegen und der grausame
Despotismus des Präsidenten jede Erinnerung, wenn sie auch in der pflichtmässigen
Anzeige einer falschgeschriebnen Zahl bestund, mit Härte von sich wies. Herrmann
konnte sich zwar von den eigennützigen Praktiken seines Vorgesetzten nicht mehr
so genau wie sonst unterrichten, aber er nahm sie in ihren Folgen wahr, in der
wachsenden Verwirrung aller Finanzangelegenheiten und den allgemeinen
Beschwerden, die jetzt häufig zu seinen Ohren kamen, weil man ihn nicht mehr für
den Günstling und Handlanger des Herrn von Lemhoffs hielt. Die Nachsicht des
Fürsten, seine erkünstelte Blindheit, auch wenn ihm die Unordnung und
Unrechtmässigkeit in die Augen fiel, seine Einwilligung in Dinge, die oft der
gesunden Vernunft widersprachen, blieb ihm ein ewiges Rätsel: es war weder
Indolenz noch Mangel an Einsicht noch guterzige Schwäche, und wenn eine Absicht
dahintersteckte, konnte sie doch niemand erraten. Inzwischen hatte doch
Herrmanns Entdeckung eine Veränderung bei ihm hervorgebracht, die man mit
Verwunderung wahrnahm, ohne ihre Ursache zu erraten: der Fürst entsagte seitdem
seinen liebsten Ergötzlichkeiten und bekümmerte sich mit ungewöhnlichem Eifer um
alles, oft gar um Kleinigkeiten: die Jagd wurde ganz eingestellt, Zeichnen war
jetzt sein einziges übriges Vergnügen, und sein Geschmack für die Malerei war so
herrschend, dass er Gemälde zu einer Sammlung zu kaufen anfing. Kaum hatte der
Präsident den ersten Wink von der neuen Liebhaberei, als er schon darauf dachte,
Partie für seinen Nutzen zu ziehn. Er selbst war sowenig Kenner in Gemälden als
von irgendeiner andern schönen Kunst, und da er keinen Unterschied zwischen den
Gemälden fühlte, die er einmal im Vorübergehn in der Düsseldorfer Galerie gesehn
hatte, und zwischen den Kunstwerken, die ihm der Hofmaler im letzten Frühling
auf den Kalkwänden seines Lustäuschens schuf, so bildete er sich ein, dass es
bei allen Menschen und daher auch bei dem Fürsten ebenso sein müsste. Er gab also
dem Hofmaler, der itzo ein geschickter Türenanstreicher und ehemals
Dekorationsmaler gewesen war, den geheimen Auftrag, alle Kräfte seiner Kunst
anzuspannen und ein halbes Dutzend extrafeine Gemälde mit Ölfarbe auf Leinwand
zu verfertigen, die etwa biblische Geschichten, die vier Jahreszeiten, die vier
Elemente oder so etwas vorstellten. Der Maler hatte von der berühmten Nacht des
Correggio vorzeiten etwas gehört, ohne sie jemals gesehn zu haben, und nahm sich
also vor, eine Nacht zu malen, die noch tausendmal finstrer sein sollte, als
nach seiner Meinung Corregios Nacht sein müsste: von dem Inhalte des Gemäldes
wusste er nichts und dachte deswegen jenen Künstler noch zu übertreffen, wenn er
nicht blosse eine Nacht malte, sondern auch etwas darin vorgehn liess. Er malte
eine pechschwarze Nacht, eine wahre ägyptische Finsternis, stellte unten
perspektivisch eine Gasse hin und vorn einen Nachtwächter mit der Laterne, der
eine grosse Schnarre in der Hand schwenkte. Ausser dieser schwarzen Nacht schuf er
vier Elemente so deutlich und unverkennbar, dass man sie alle mit den Händen
greifen konnte, und eine keusche Susanne, die man für ein Bordellmädchen hätte
halten können, machte das halbe Dutzend vollständig. Alle gefielen dem
Präsidenten sehr wohl, nur die Nacht war ihm zu schwarz: der Künstler stellte
ihm vor, dass es eins der berühmtesten Gemälde in der Christenheit sei, aber es
half nichts: es sollten doch wenigstens Laternen auf der Gasse brennen, damit
man die Häuser besser sähe; und weil er nicht eher bezahlen wollte, als bis
Laternen auf der Gasse brannten, so setzte der Künstler zwo Reihen düstere
Lampen hin. Nun brennten die Laternen nicht helle genug. »Ei«, antwortete der
Künstler, »die Gasse ist aus einer Stadt, wo das Lampenwesen verpachtet ist« -
aber sein Einfall half ihm nicht durch: er musste aus den Laternen flammende
Sonnen machen.
    Die Schöpfung war so heimlich zugegangen, dass niemand am Hof und in der
Stadt etwas davon wusste, und der Präsident kündigte dem Fürsten mit vielem
Geräusche ein halbes Dutzend verschriebne und angekommene Gemälde an wie sechs
Wunder der Malerwelt. Der Fürst, der seiner Kennerschaft nicht viel zutraute,
lächelte und verlangte sie zu sehen: er verbiss mit aller Mühe das Lachen, da er
sie erblickte, und fragte nach dem Preise: der Präsident machte es zum Anfange
der Kundschaft billig und foderte fünf Louisdor für das Stück, das er mit einem
Dukaten bezahlt hatte. Der Fürst liess sogleich die Summe aus der Schatulle
auszahlen und machte dem Präsidenten mit allen sechs Gemälden ein Geschenk.
»Kaufen Sie in Zukunft nicht mehr von diesem Gemäldehändler!« setzte er hinzu,
»er hat Sie angeführt; denn unser Hofmaler macht Ihnen solche wie diese das
Stück zu zwei Gulden.« - Der Präsident wanderte betroffen mit seiner Galerie ab
und stellte den Handel ein: er konnte zwar nicht begreifen, wie der Fürst seinen
Betrug erraten haben sollte, aber er hielt es doch für klüger, die Gefahr nicht
zum zweiten Male zu wagen, zumal da ihm ohnehin die bisherige Veränderung seines
Herrn bedenklich schien.
    Jedermann fand sie so, wenigstens unerklärbar. Man gab zwar dem Fürsten
schuld, dass er eine gewisse Unbegreiflichkeit des Charakters erkünstele, mit
Vorsatz seine Neigungen oft ändre und entgegengesetzte Handlungen tue, damit
niemand wissen solle, woran er mit ihm sei, bisweilen bloss, um in Erstaunen zu
setzen. So gegründet die Beschuldigung in andern Fällen vielleicht sein mochte,
so war sie doch hier völlig falsch; und Herrmann konnte nunmehr insgeheim mit
Vergnügen die Früchte seiner Ehrlichkeit bemerken, indem andre sich die Köpfe
zerbrachen, eine Ursache zu erraten, die sie nicht zu erraten vermochten. Der
Präsident traf sie beinahe und hatte Arnolden, Madam Dormer und Herrmannen in
Verdacht, doch am meisten den ersten. Seine Politik riet ihm also, diese drei
Personen zu gewinnen; und weil er sich einbildete, dass niemand seine Griffe und
Schliche wüsste als die wenigen Leute, die er zu Gehilfen dazu brauchte, und weil
er die Unvorsichtigkeit begangen hatte, Herrmannen für weniger ehrlich oder - in
dem Gesichtspunkte, wie es der Präsident betrachtete - für ehrlicher anzusehn
und ihn deswegen in seine Karte blicken zu lassen, so musste er diesen am meisten
fürchten und am meisten hüten. Er begegnete ihm daher viel freundlicher und
weniger despotisch als allen übrigen, die unter ihm stunden; und da der Ernst
des Fürsten, seine Aufmerksamkeit, seine genauen Erkundigungen und argwöhnischen
Mienen täglich zunahmen, suchte der Präsident durch neues Vertrauen und Vorteil
einen Mann an sich zu ziehen, der sein voriges Vertrauen entweder gemissbraucht
hatte oder missbrauchen konnte. Er liess also Herrmannen unter dem Vorwande, dass
sein Gimpel sich in sehr kritischen Gesundheitsumständen befinde, zu sich kommen
und brachte das Gespräch nach mancherlei Wendungen auf seinen Hauptzweck. »Sie
werden«, sagte er ihm, »bei mir zuweilen Papiere abzuschreiben gehabt haben,
woraus man schliessen könnte, als ob ich mannigmal Bezahlungen, die mich
betreffen, an fürstliche Kassen stellte: ich leugne auch nicht, dass es einmal
oder zweimal geschehn sein mag. Ich habe, wie Sie wissen, einen kleinen Verkehr
mit Weinen, Pelzwerk und andern Dingen: zuweilen kömmt einen eine plötzliche
Bezahlung auf den Hals; man kann etwas um ein Spottgeld gegen bares Geld
bekommen, wenn es die Verkäufer gerade benötigt sind; man hat nicht allemal
gerade soviel liegen, und ich habe also ein paarmal in höchstwichtigen Vorfällen
meine Zuflucht zu der fürstlichen Einnahme genommen. Es ist zwar nicht das
mindeste Böse dabei - denn ich habe die geborgten Summen jedesmal ehrlich und
redlich wieder ersetzt -, aber da es ohne Vorwissen des Fürsten geschehen ist,
könnte es doch Verdacht und Unwillen wider mich erregen oder von einem Feinde
genützt werden, mich in Ungnade zu bringen: ich bitte Sie also, schweigen Sie
davon! Ich werde mich gewiss als ein wahrer, guter Freund dafür bezeugen. Ihre
Besoldung ist klein, und ich begreife nicht, wie Sie davon leben können: ich
habe schon längst darauf gedacht, wie ich Ihnen die treuen Dienste belohnen
soll, die Sie mir in meinem Hause geleistet haben; aber in dem schrecklichen
Wirbel von Geschäften kömmt man gar nicht recht zu sich, man vergisst seine
besten Freunde: Sie wissen ja, ich muss allentalben sein und auch für Sachen
sorgen, die mich eigentlich gar nichts angehn, da der Fürst nun einmal sein
Vertrauen und seine Gnade auf mich geworfen hat. Aber es ist mir heute
eingefallen, dass ich Ihnen schon lange einen jährlichen Zuschuss habe geben
wollen: hier will ich das Versäumte wieder einbringen: Sie sollen in Zukunft
alle Jahre soviel bekommen, und wenn Sie sonst Geld brauchen, wenden Sie sich an
mich, gerade an mich! meine ganze Börse steht Ihnen offen.«
    Herrmann wehrte das Paket, das er ihm bei diesen Worten anbot, von sich ab.
»Nein«, sprach er, »ich danke für Ihr Geschenk: es könnte den Anschein haben,
als wenn Sie meine Verschwiegenheit dadurch erkaufen wollten.«
    Der Präsident. Behüte! behüte! wer wird denn so etwas denken?
    Herrmann. Freilich sollte man nicht! denn Sie sagen ja selbst, dass ich
nichts Böses zu verschweigen habe: was nicht böse und unerlaubt ist, kann
überall gesagt werden.
    Der Präsiden. Es ist nur um der bösen Leute willen, die etwas Böses daraus
machen. Sie wissen ja wohl, jedermann hat seine Feinde, wenn er auch noch so
ehrlich handelt: nur deswegen hab ich Sie um Verschwiegenheit gebeten: wie
können Sie sich das nur träumen lassen, dass ich sie von Ihnen erkaufen will? Ich
sehe Sie für einen grundehrlichen Menschen von altem deutschen Schrot und Korne
an; und solchen Leuten trau ich blindlings. Ich werde ja einen so braven Mann
nicht so arg beleidigen und ihn bestechen wollen! Wie ich Ihnen sage, bloss zur
Belohnung Ihrer vielen treuen Dienste geb ich Ihnen das Geld. Machen Sie keine
Komplimente! Nehmen Sie!
    Herrmann. Nein! Auch ich darf um der bösen Leute willen, die etwas Böses
daraus machen könnten, nichts annehmen. Hab ich Ihnen treue Dienste getan, so
ist mir mein Bewusstsein und Ihre Anerkennung Lohns genug: hab ich nichts Böses
von Ihnen zu verschweigen, so werd ich auch nie etwas Unschuldiges entdecken,
das durch boshafte Auslegung verdächtig gemacht werden könnte, das schwör ich
Ihnen bei meinem Gewissen: aber ich mag mir durch keine Verbindlichkeit die
Zunge binden lassen.
    Der Präsident. Die Zunge binden! was meinen Sie denn damit?
    Herrmann. Ich will mich an meiner kleinen Besoldung begnügen, damit mich
niemals die Dankbarkeit hindert, Pflicht und Gewissen zu gehorchen. - Haben Sie
sonst noch etwas zu befehlen?
    Der Präsident. Sie müssen mir das erklären! Sie müssen mir das erklären! das
versteh ich nicht. Was wollen Sie denn da mit dem Gewissen und der Pflicht? Wie
kömmt denn das hieher?
    Herrmann. Sie haben mich ja selbst darauf verpflichtet, den Vorteil meines
Fürsten und meine Treue gegen ihn allem andern vorzuziehn; und Ihnen, als meinem
Vorgesetzten, hab ich eben jetzt dies Versprechen erneuert.
    Der Präsident. Sie schwatzen wunderlich: davon ist da jetzt gar nicht die
Rede. Was haben Sie denn mit der Treue gegen den Fürsten vor?
    Herrmann. Nichts weiter, als dass ich entschlossen bin, ihr jederzeit meinen
eignen Vorteil aufzuopfern. -
    Der Präsident, den sein übles Bewusstsein hinter diesen Ausdrücken alles
mutmassen liess, was dahinter versteckt sein konnte, drang noch lange Zeit auf
eine bestimmtere Erklärung, und da Herrmann beständig bloss die nämlichen Worte
wiederholte und mit Fleiss alle grössere Deutlichkeit vermied, so liess ihn der Herr
von Lemhoff mit einiger Ängstlichkeit von sich, nachdem er ihm die angebotne
Belohnung seiner treuen Dienste beinahe aufgedrungen hatte: aber Herrmann schlug
sie standhaft aus und beharrte bei allen folgenden ähnlichen Versuchungen in
seiner Standhaftigkeit. Der Präsident wurde äusserst unruhig und suchte
wenigstens die Kanäle zu verstopfen, durch welche die Anzeigen seines gewesenen
Sekretärs zu dem Fürsten gelangen könnten: er sprach wieder sehr vorteilhaft von
der Musik, wirkte der Madam Dormer wieder ihren vorigen Gehalt aus, den nach
seinem Angeben bisher die Verminderung der fürstlichen Einkünfte notwendig
gemacht haben sollte, gab wieder Konzerte in seinem Hause, worinne Madam Dormer
und Herr Arnold mit seinem grössten Beifalle Stimme und Flöte hören liessen: sein
Entusiasmus für die Musik stieg so hoch, dass man ihn in Verdacht nahm, als wenn
ihn verliebte Absichten auf Madam Dormer damit angesteckt hätten. Arnold, den er
wegen seiner Gunst bei dem Fürsten lieber mit den Blicken getötet hätte, wurde
sein Herzensfreund und erhielt, wo sie einander trafen, einen gnädigen Druck von
seiner Hand.
    Unterdessen starb einer von den alten Räten des Kollegiums, und man glaubte
allgemein, dass der Fürst schon längst seinen Platz Herrmannen bestimmt habe:
auch der Präsident zweifelte nicht daran und baute heimlich vor; allein da er
merkte, dass alles Vorbauen nichts half, sondern dass Ulrike durch die Fürstin und
Arnold bei dem Fürsten aus allen Kräften für Herrmanns Erhebung arbeiteten, so
hielt er es für klug, einen Mann, in dessen Gewalt er gewissermassen war, nicht
durch Widersetzung gegen sein Glück aufzubringen, und erklärte sich daher mit so
vieler Wärme für ihn, dass der Fürst selbst darüber stutzte und beinahe Misstrauen
gegen Herrmanns Unbestechlichkeit gefasst hätte: dieser Umstand brachte indessen
nur eine kleine Verzögerung seines Glücks zuwege. Der Präsident war der erste,
der ihm zu seiner Erhebung feurig Glück wünschte, und seine
Freundschaftsbezeugungen wuchsen mit jedem Tage: Arnold und Madam Dormer freuten
sich voller Stolz über den neuen Rat, weil sie ihn für ein Werk ihres Einflusses
ausgaben; und Ulrike schwebte den ganzen Tag nach der Ernennung ihres Geliebten
auf den Fittichen der Freude: solange sie am Hofe war, hatte die Fürstin noch
keine so lustige Laune an ihr bemerkt und fragte sie nach der Ursache: Ulrike
tat, als wenn sie keine anzugeben wüsste. »Freust du dich denn etwa über den
neuen Rat«, fragte die Fürstin zum Scherz, »weil dir deine Empfehlung so wohl
gelungen ist?« - »Vielleicht«, antwortete Ulrike, »hat das wirklich etwas dazu
beigetragen; denn es soll ein ganz vortrefflicher Mann sein.« - Sie sprach dies
mit einem Tone des Entzückens, der mehr im Herze mutmassen liess, als die Worte
ausdrückten; und die Fürstin sagte ihr deswegen etwas ernstaft: »Mädchen, du
hast dich wohl gar in deine Empfehlung vergafft?« - Ulrike senkte die Augen,
errötete und geriet so sehr ausser Fassung, dass sie zu antworten vergass: der
Scherz wurde von der Fürstin noch einige Zeit fortgesetzt, bei der nächsten
Unterredung dem Fürsten erzählt, der ihn gleichfalls mit vielem Vergnügen
fortsetzte: als ihn Fürst und Fürstin fallenliessen, fingen ihn die
dabeistehenden Kavaliere auf, von ihnen schnappten ihn die Lakaien auf,
überlieferten ihn den Hofjungfern als ausgemachte Wahrheit: die Hofjungfern
schickten die ausgemachte Wahrheit mit dem ersten Mädchen, das aus dem Schloss
ging, in die Stadt, und in zwei Stunden war es am Hofe und in der Stadt ein
allgemeiner Glaubensartikel, dass Fräulein Breisach übermorgen mit dem neuen Rate
getraut werde. Der Oberste Holzwerder, als ihm sein Altgeselle die zuverlässige
Nachricht davon brachte, warf den Dendriten, der unter seinen Händen war, in den
Tischkasten sogleich hinein, lief geradesweges zur Fürstin und bat inständigst
um Gehör wie in der dringendsten Angelegenheit: die Fürstin liess ihn nicht vor
sich. Der Oberste lief zum Fürsten, kam vor ihn und bat untertänigst, dass er
doch eine solche Heirat nicht zugeben möchte, da es die erste wäre, solange die
Familie stünde. Der Fürst lächelte über die Ereiferung, womit der Alte bat, und
versicherte ihn, dass er weiter nichts davon wüsste, als was ihm die Fürstin im
Scherz gesagt hätte: das war dem Obersten nicht genug; er wiederholte seine
untertänigste Bitte einmal über das andre, dass der Fürst die Heirat verbieten
möchte, wenn etwa eine Verliebung bei seiner Cousine vorgegangen wäre. - »Ich
kann ja den Leuten nicht verbieten, sich zu heiraten, wenn sie sich lieben«,
sagte der Fürst.
    Der Oberste. Aber Ihre Durchlaucht geruhen nur zu bedenken, die Ehre der
Familie leidet doch nicht, dass ich so ruhig dabei bleibe -
    Der Fürst. Macht denn ein Rat, der in meinen Diensten steht, der Familie
Schande?
    Der Oberste. Der Rat wäre wohl gut, der Rat - aber es ist doch nur ein Rat.
    Der Fürst. Und ist so wohl mein Diener als der Oberste.
    Der Oberste. Freilich wohl sind wir allzumal unnütze Knechte und Eu.
Durchlaucht untertänige Diener - und möcht es auch ein Rat sein, da Eu.
Durchlaucht uns alle machen können, wozu es Eu. Durchl. gnädigst gefällt -,
aber, aber da er nicht von Familie ist -
    Der Fürst. Ich will mich erkundigen, wie weit die Sache gekommen ist -
    So entliess er ihn. Der beunruhigte Oberste lief zu Ulriken und fand sie
nicht, lief zur Fürstin und fand sie nicht: erst den andern Tag konnte er seine
Unruhe vor ihr ausschütten. Sie gab ihm zur Antwort, dass Ulrike zu dem Rate
vielleicht eine geheime Zuneigung haben könnte, aber um ihn heiraten zu wollen,
schiene sie ihr zu verständig. Der Alte hörte nicht auf zu bitten, bis die
Fürstin seine Cousine rufen liess, um sie in seiner Gegenwart zu verhören: Ulrike
gestund auf ihre Frage unverhohlen, dass ihr der Rat gefalle, sehr gefalle. Als
es an den Punkt des Heiratens kam, schwieg sie, wurde zum zweiten Male gefragt
und antwortete betrübt: »Wenn ich dürfte!« - »Eu. Durchl., haben Sie die einzige
Gnade und verbieten Sie ihr das!« rief der Oberste. »Haben Sie die einzige
Gnade!« - Die Fürstin sah Ulriken lange schweigend an und sagte endlich: »Lass
dir nicht solch tolles Zeug einkommen! Es fehlt ja nicht an Kavalieren, wenn dir
das Heiraten am Herze nagt.« - Das war der Bescheid, und beide gingen
ungetröstet hinweg. Der Oberste folgte Ulriken auf ihr Zimmer und hielt ihr mit
der guterzigsten Wärme eine Ermahnungspredigt, dass sie vor innerlichem Verdruss
weinte: wie jeder schlechte Prediger hielt er ihre Rührung für eine Folge seiner
Predigt und schmeichelte sich, ihre Sinnesänderung bewirkt zu haben, da doch
gerade das Gegenteil ihre Tränen erweckte - Betrübnis über die neuen
Hindernisse, die sich ihrem Wunsche entgegensetzten. Fürst und Fürstin
betrachteten ihre Liebe als eine vor kurzem erst entstandene fliegende Hitze;
und da ihr jedesmal die Tränen in die Augen stiegen, wenn man mit ihr darüber
scherzte, so schonte man ihre Empfindlichkeit und dachte weder im Scherz noch im
Ernst mehr daran, um die Liebe im stillen verdampfen zu lassen: Hof und Stadt
sagte jetzt allgemein - »Fräulein Breisach und der neue Rat werden nicht
getraut.« Die ganze Sache schlief ein.
 
                                Zweites Kapitel
Herrmann bewies nicht lange nach dem Antritte seiner neuen Stellung, dass er
bisher geschwiegen hatte, um itzo zu reden: er widersprach der Meinung des
Präsidenten mit Mut, Stärke und Bescheidenheit, ohne die mindeste Scheu, und
setzte das Widersinnige, Zweckwidrige, Schädliche seiner Vorschläge in ein so
helles Licht, dass der Präsident teils um der Neuheit willen, teil aus Unvermögen
nicht ein Wort dawider einwenden konnte: er war verwirrt, bestürzt, erzürnt. Er
wollte das Mittel anwenden, wodurch er die übrigen Räte feige gemacht hatte, und
brutalisierte Herrmannen, aber er fand einen Gegner an ihm, bei welchem Vernunft
und Affekt in gleichem Schritte gingen, der ihn, ohne die mindeste Verletzung
der Ehrerbietigkeit, bloss durch die Stärke seiner Gründe so in die Enge trieb,
dass er seine Saiten umstimmte und glimpflicher verfuhr. Herrmann wurde durch die
Aufmerksamkeit, womit ihn der Fürst anhörte, ob er ihm gleich fast niemals
ausdrücklichen Beifall gab, durch die Auffoderungen, die ihm der Fürst tat,
seine Meinung zu sagen, und die Verbote, die der Präsident empfing, wenn er ihn
unterbrechen und daniederschwatzen wollte, mächtig aufgemuntert, in seinem Eifer
fortzufahren; und da der Fürst, seitdem ihm Herrmann die geheime Entdeckung
gemacht hatte, fast keine Sitzung und Beratschlagung von Wichtigkeit versäumte
und überall mit seinen eignen Augen sehen wollte, so nahm alles auf einmal einen
ordentlichen Gang, die Kassen waren nicht mehr leer, und die Auszahlungen
geschahen alle zu gehöriger Zeit. Das Publikum schrieb diese glücklichen
Veränderungen Herrmannen zu, frohlockte und pries ihn wie den Schutzgott des
Landes, der die Macht des Plagegeistes, der es bisher despotisierte, brechen
sollte. Die ältern Räte, denen die freimütige, unerschrockne Sprache ihres neuen
Mitglieds so fremd war wie das Malabarische, rissen vor Verwunderung die Augen
weit auf, hielten ihre Ohren hin, ob sie nicht etwa eine Einbildung täuschte,
und sassen da wie versteinert vor Erstaunen. Da sie wahrnahmen, dass seine
Dreistigkeit dem Fürsten gefiel, machten sie ihm alle nach der ersten Sitzung,
wo er sie zeigte, ihren Glückwunsch darüber, lobten ihn wie einen braven Mann,
der so glücklich wäre, etwas wagen zu können, was sie wegen ihrer Familien nicht
wagen dürften, weil sie mit ihren Weibern und Kindern notwendig elend werden
müssten, wenn der Präsident die Oberhand behielt und ihre Verabschiedung bewirkte
- aber wohlgemerkt! alles in Abwesenheit des Präsidenten! Sprachen sie mit
diesem in Herrmanns Abwesenheit, so machten sie den lobgepriesnen Patrioten zum
Vorwitzigen, Tollkühnen, Naseweisen, der seinem Vorgesetzten die gebührende
Achtung versagte und nichts als schädliche, lahme, unausführbare Vorschläge tat.
    Der Fürst nützte Herrmanns Einsichten so sehr, dass er ihn zuweilen auf sein
Zimmer fodern liess und sich mit ihm über Angelegenheiten besprach, die für ein
andres Kollegium gehörten. Auf diesem Wege leitete ihn Herrmann auf die
Verbesserung der öffentlichen Schulanstalten, auf die Vermehrung der Industrie
und Verbesserung der Moralität durch Abschaffung des Bettelwesens und Errichtung
eines Armenhauses und besonders eines Arbeitshauses, wo die Leute, die an dem
kleinen, gewerblosen Orte keine Arbeit finden konnten, auf Unkosten des
Landesherrn arbeiten sollten, der die Früchte ihres Fleisses ohne Profit einem
Unternehmer zum Verkehr überlassen möchte; so leitete er ihn auf Änderungen in
kirchlichen Sachen, auf die Einschränkung des geistlichen Ansehns, auf die
Abschaffung alles religiösen Zwanges, auf die Simplifizierung des
Gottesdienstes; so brachte er ihn auf die Mittel, den Ackerbau zu ermuntern, den
man dort aus Bequemlichkeit und Mangel an Absatz nicht viel über das Notdürftige
trieb, die ländlichen Erzeugnisse mehr zu einer Handelsware zu machen, Industrie
und Gewerbe zu erhöhen, insofern es ein kleines, von mächtigen Nachbarn
umzingeltes, gehindertes Ländchen zuliess. Von allen diesen und tausend andern
nützlichen Dingen, worüber sie oft zu Stunden mit der äussersten Ernstaftigkeit
sprachen, wurde freilich wenig oder gar nichts ausgeführt: allein Herrmann
freute sich doch, einem Fürsten zu dienen, der sie wusste und anhörte. Nur blieb
es ihm befremdend, wie dieser nämliche Herr das erkannte Bessere, das er in
jeder Sitzung mit der Miene billigte, nie beschloss, sondern jedesmal entweder
ein Mittel zwischen des Präsidenten und Herrmanns Meinung traf oder, wo sich
dieses nicht tun liess, dem Gutachten des erstern ganz folgte.
    Unvermeidlich musste unter den Neuerungen, die Herrmann durchsetzte oder wozu
er den Fürsten durch seine Unterredungen veranlasste oder die ihm das Publikum
fälschlich zuschrieb, manche den Privatnutzen dieses oder jenes Mannes
schmälern, das Vorurteil, den Schlendrian und die Faulheit kränken; und es
erhuben sich einzelne Stimmen mit mächtigen Beschwerden wider den neuen Rat. Der
Präsident glaubte, dass Neuerungen und Verbesserungen einerlei wären, und dachte
Herrmannen zu übertreffen, wenn er mehr Veränderungen vorschlüge und durchsetzte
als er: auch der Fürst hatte durch die Ideen, die ihm Herrmanns Gespräch
mitteilte, Neigung zu Reformen bekommen: sonach wurden der Reformen freilich im
kurzen ein wenig zuviel; und alle, gute und schlechte, gerade und schiefe,
überdachte und übereilte, musste sich der arme Herrmann auf seine Schultern
binden lassen. Die Kreaturen des Präsidenten fachten den glimmenden Hass des
Publikums wider ihn zur Flamme an, und sehr bald wurde der neue Rat bei der
Kaffeetasse und auf der Bierbank so allgemein gelästert, verflucht und
gescholten, als man ihn nicht allzulange vorher lobpries.
    Gleichwohl hatte Herrmann bei diesem allgemeinen Hasse, wovon er wenig oder
gar nichts erfuhr, ein Projekt im Kopfe, wozu er notwendig Freunde und Gehülfen
brauchte: er wollte den Präsidenten völlig stürzen und sah dies Unternehmen für
eine ebenso verdienstliche Handlung an, als wenn er das Land von einer
Räuberbande befreite. Auf seine Kollegen konnte er nicht viel rechnen; denn sie
waren froh, dass er den grössten Teil der Arbeit über sich nahm und ihnen Musse zu
einem Lomberchen verschafte, nährten und pflegten sich und lachten insgeheim
des Toren, der mit dem Kopfe wider die Wand rennen wollte: sie waren durch
langen Despotismus so schlaff und abgestimmt, dass sie Herrmannen kaum
beneideten, sondern alles gehn liessen, wie es ging.
    Noch kleinmütiger hätte er werden können, als er gewahr wurde, dass auch
Arnold und Madam Dormer auf die Seite des Präsidenten getreten waren, zwar nicht
gegen ihn als Feinde handelten, aber doch sein Ansehn bei dem Fürsten
untergruben. Dieser Übergang zur feindlichen Partei, so plötzlich er Herrmannen
schien, weil er ihn in dem Eifer für sein neues Amt übersehen hatte, wurde durch
das erste Konzert schon vorbereitet, das der Präsident wieder in seinem Hause
gab. Durch Schmeicheleien und Vertraulichkeiten gewann er Arnolden und knüpfte
ihn dadurch fest an sich, dass er ihm einen Anteil an dem Handel versprach, den
er mit dem Gelde aus der fürstlichen Kasse trieb: Arnold erriet diesen letzten
Umstand mehr, als er ihn wusste, und als ein Mann, der Vergnügen und Aufwand
liebte und zeiter beides sehr einzuschränken gezwungen war, nahm er mit Freuden
die Summen an, die ihm der Präsident von Zeit zu Zeit als den Ertrag seines
Anteils an der Handlung gab, und red'the aus Dankbarkeit das beste von ihm bei
dem Fürsten. Madam Dormer wurde auf die nämliche Manier durch Schmeicheleien,
Ehrenbezeugungen und Geschenke gewonnen: sie spielte gern die grosse Dame, und da
sie der Präsident völlig so behandelte, sprach sie allentalben zu seinem
Vorteil und trieb auch Arnolden an, dem Fürsten gute Gesinnungen von einem so
braven Manne beizubringen.
    Diese neue Freundschaft erzeugte noch eine dritte Ursache zur Kleinmütigkeit
für Herrmannen. Der Fürst bekam auf Arnolds Betrieb, den der Präsident dazu
angestiftet hatte, wieder Neigung zur Jagd: sein Liebling bot ihm täglich so
viele schöne Büchsen und Hunde an, dass er sie probierte, und über dem öftern
Probieren erhielt das Vergnügen wieder für ihn Reiz, sein voriger Trieb erwachte
und wuchs sehr bald zur Leidenschaft empor. Die neue Liebhaberei verdrängte die
bisherigen, und da seine angelegentliche Sorge für die Regierung und seine
Verbesserungsbegierde zum Teil auch nur Liebhaberei gewesen sein mochten, so kam
er jetzt in keine Sitzung mehr, Herrmann wurde nicht mehr zu politischen
Unterredungen geholt, konnte nie vor ihn kommen, weil er ausser der Tafelzeit
nicht zu Hause war, und bekam ihn in vielen Wochen nicht einmal zu sehn. Er
entbehrte also eine wichtige Stütze gegen den Präsidenten, der sich täglich mehr
zu seiner vorigen Gewalt empor brutalisierte und tat, was ihm lüstete, ohne auf
Herrmanns Widerspruch im mindsten zu achten.
    Herrmann war also auf allen Seiten verlassen, sollte allein wider alle sich
stemmen; und da er genug zu tun hatte, sich der Feinde zu erwehren, wollte er
sie gar noch angreifen? - Das war allerdings verwegen, aber Mut und Erbitterung
wuchs bei ihm täglich, je mehr der Präsident tyrannisierte und ihn drückte:
vorderhand musste er zwar lavieren, aber sein Entschluss, das Ungeheuer zu töten
oder von ihm getötet zu werden, war unbeweglich fest, und er wartete nur auf die
Gelegenheit zum Angriff.
    Der Präsident wurde nach seiner neuen Allianz, da er die Aufmerksamkeit des
Fürsten eingeschläfert und den hauptsächlichsten Zugang zu ihm, Arnolden, in
seiner Gewalt hatte, so keck, so unverschämt, dass er seine vorigen Unterschleife
mit verdoppelter Dreistigkeit fortsetzte, sogar ohne sie zu verstecken.
Herrmann, dem er damit trotzen wollte, musste seinen Ärger verbeissen: er
verstummte, tat, als wenn er nichts bemerkte, und sammelte indessen insgeheim
alle Beweise auf, die zur Unterstützung seiner Anklage wider den Präsidenten
dienen konnten: er fand Gelegenheit, einige von den Rechnungen, die ihm schon
längst verdächtig waren, zu untersuchen, und alle waren verfälscht: er entwandte
sie, und diesen unwiderlegbaren Beweis nebst seiner gesammelten skandalösen
Chronik unter dem Kleide, stellte er sich des Mittags einmal dem Fürsten in den
Weg, um von ihm getroffen zu werden, wenn er von der Jagd käme. Es glückte ihm:
nachdem er lange herumgegangen war, kam der Fürst an, stieg ab und ging wie
gewöhnlich ohne Begleitung über den Schlosshof: er erblickte Herrmannen und
fragte ihn: »Wie geht's?«
    Herrmann. Schlecht! sehr schlecht! Wie kann es unter den Dienern wohl
hergehn, wenn der Herr schläft?
    Der Fürst. Wieso? ist das eine Beschwerde wider mich?
    Herrmann. Nicht wider den guten Fürsten, sondern wider die Betrüger, die
seine Güte missbrauchen! Ich bitte um fünf Minuten Gehör, und Eu. Durchl. sollen
schaudern vor der Bosheit, womit man Ihre Gnade erwidert. -
    Der Fürst befahl ihm, in sein Zimmer nachzufolgen: Herrmann übergab ihm
seinen Aufsatz, zeigte ihm in den Rechnungen die auffallendsten Beweise wider
den Präsidenten und seine Kreaturen und überzeugte ihn so unwiderlegbar, dass er
vor Zorn die Papiere auf den Tisch warf und ihm nach der Tafel wiederzukommen
befahl. Der Ärger trieb den Fürsten wieder zu den Papieren hin, er las den
Herrmannischen Aufsatz und wurde so heftig erzürnt, dass er den Präsidenten auf
der Stelle rufen liess. Dieser war durch Arnolden sogleich in vollem Fluge von
des Fürsten Unterredung mit Herrmannen benachrichtigt worden, und ob er gleich
den Inhalt derselben nicht wusste, so vermutete er doch nichts Gutes und rüstete
sich deswegen mit aller möglichen Unerschrockenheit. Der Fürst gab ihm zornig
Herrmanns Aufsatz und befahl ihm, vorzulesen: der Präsident gehorchte, las Punkt
für Punkt und drehte Punkt für Punkt so künstlich mit der völligen Miene der
Wahrheit herum, dass sein Ankläger augenscheinlich zum boshaften Verleumder
wurde: der Fürst war durch seine Vorspiegelungen so überzeugt und überzeugter
als durch Herrmanns Gründe, und je höher sein Zorn vorhin stieg, je stärker
lenkte er sich nunmehr wider den Urheber desselben. Der Angeklagte bat mit der
Energie der falsch beschuldigten Ehrlichkeit um Satisfaktion und wollte lieber
seine Würde in die Hände seines Herrn zurückgeben und den Geschäften entsagen,
wenn er sie nicht erhielt: er wusste die kräftige Beredsamkeit seines Gegners
sehr gut nachzuahmen und gab ihr durch eingemischte Demütigungen und
Schmeicheleien einen neuen Reiz. Bestürmt von den Bitten und Scheingründen des
Präsidenten, gereizt von Unwillen, dass Herrmann nach allem Anschein aus Neid
seinen Vorgesetzten hatte anschwärzen wollen, befahl der Fürst im ersten
Verdrusse, dass Herrmann bis nach genauerer Untersuchung der Sache Hausarrest
haben sollte. Die Kreaturen des Präsidenten posaunten diesen Triumph der
Unschuld sogleich am Hofe und in der Stadt mit aufgeblasenen Backen aus, und
Ulrike erfuhr die Nachricht davon, als man zur Tafel ging. Düstere Wolken hingen
auf des Fürsten Stirne; alles schwieg in ehrfurchtsvoller Stille vor dem Unmute
des Regenten; die Fürstin freuete sich innerlich über den Vorfall, weil ihr
Herrmann wegen eines Vorschlags, den er einmal ihrem Gemahle über die
Einschränkung ihres Hofstaates tat, äusserst verhasst war; Ulrike sass in banger
Betrübnis da, gab jeden Teller unberührt hinweg, wie sie ihn empfangen hatte,
und beratschlagte bei sich, was sie zur Befreiung ihres Geliebten tun sollte.
Sie beschloss, mit ihren Bitten herzhaft einen Anfall auf den Fürsten zu wagen,
sollte er ihr auch die Ungnade der Fürstin zuziehn: gleich nach der Tafel ging
sie ihm nach, holte ihn in seinem Vorzimmer ein, warf sich mit Tränen vor ihm
hin und bat um Herrmanns Befreiung und um die Untersuchung seiner Unschuld. Sie
flehte so dringend, mit so vollströmendem Schmerze, dass sie der Fürst lange
gerührt ansah und sogleich den Arrest aufzuheben befahl: ohne weiter etwas zu
sagen, ging er zerstreut ins Zimmer. Ulrike, eine so artige Figur, den ganzen
Kummer der Liebe auf dem Gesichte, in Tränen, flehend vor ihm hingeworfen, hatte
einen so lebhaften Eindruck auf ihn gemacht, dass er, in das Bild vertieft,
einigemal im Zimmer auf und nieder ging: er sah in der Zerstreuung zur Türe
hinaus, ob sie vielleicht noch wartete, aber sie war fort: herzlich gern hätte
er sie noch einmal in der vorigen Stellung erblickt. Er seufzte, befahl,
niemanden vorzulassen, und griff verdriesslich nach den Papieren, die Herrmann
überreicht hatte, um nach Ulrikens Verlangen seine Unschuld zu untersuchen. Wie
erstaunte er, als er statt der dicken Rechnung, die er vor Tafel in Händen
hatte, nur wenige Bogen erblickte und nichts darin fand, was er vor Tafel las!
Arnold musste kommen und wurde gefragt, wer diese Papiere ausgetauscht habe: er
hatte auf diesen Fall schon seine Partie genommen, sobald er Ulrikens Fürbitte
und ihre Folgen sah, und antwortete dreist, dass es ihm der Präsident im Namen
Ihrer Durchlaucht befohlen habe. Nun war offenbarer Verdacht da: dem Herrn von
Lemhoff wurde geboten, im Augenblicke die umgetauschte Rechnung
herbeizuschaffen, allein er konnte nicht; denn sie war vernichtet worden. Er
dachte zwar durch seine Beredsamkeit den Fürsten wieder umzustimmen, aber er kam
nicht vor, und Herrmann erhielt den Auftrag, die übrigen Rechnungen
herbeizubringen. Es geschah: alle waren auf den nämlichen Schlag gemacht, der
Präsident überführt: er demütigte sich, bat die Fürstin um ihren Fürspruch, den
sie ihm auch nicht verweigerte, weil er zu Herrmanns Nachteile wirken sollte,
allein ehe sie mit ihm zu dem Fürsten gelangte, hatte der Präsident schon seine
Entlassung. Zur Strafe musste er das Arbeitshaus bauen lassen, das Herrmann so
oft in Vorschlag gebracht hatte. Die Fürstin versuchte zwar verschiedene eifrige
Fürbitten, um den Gefallnen wieder in seinen Posten zu bringen, allein sie
bewirkte nichts, als dass sich das allgemeine Misstrauen des Fürsten, das ihm eine
so unerhörte Untreue einflösste, auch auf sie erstreckte, besonders da ihm Arnold
ihren Hass gegen Herrmann als die Ursache ihres Fürspruchs und die Veranlassung
dieses Hasses angab; und Arnold freuete sich auch nicht wenig, der Fürstin bei
der Gelegenheit so nebenher einen Streich zu versetzen, da ihre Gunst gegen ihn
ganz erloschen war, seitdem sie nicht mehr angelte. Täglich, fast stündlich
liefen Beschwerden wider den verabschiedeten Präsidenten und Entdeckungen neuer
Betrügereien ein, dass sie zuletzt der Fürst untersagen musste, um nicht überhäuft
zu werden: da der Gefürchtete einmal in der Grube lag, so arbeitete jedermann,
ihn nicht emporkommen zu lassen: wer vorher nicht ein freimütiges Wort
flüsterte, sprach itzo laut wie ein Held. Herrmann, weil er siegte, war der
angebetete, von allen Zungen gepriesene Erretter des Vaterlandes: Madam Dormer
wartete ihm noch den nämlichen Tag, wo der Präsident stürzte, sehr spät auf, um
ihm ihre Freude über den erfochtnen Sieg zu bezeugen, und Arnold, der in der
Minute, als der Fürst nach der Umtauschung der Rechnung fragte, auf Herrmanns
Seite getreten war, konnte nicht laut genug über den Fall des Präsidenten
triumphieren, welches er notwendig tun musste, um sich nicht wegen seiner vorigen
Verbindung mit ihm verdächtig zu machen. Es kam zwar zu den Ohren des Fürsten,
dass er Anteil an dem Verkehr des Herrn von Lemhoffs gehabt und viel Geld von ihm
empfangen hatte, allein er rechtfertigte sich damit, dass es bloss eine
kaufmännische Verbindung gewesen sei, die er freilich nicht eingegangen wäre,
wenn er gewusst hätte, dass der Fonds des Handels aus den fürstlichen Kassen
genommen würde: Er tat seine Unwissenheit in Ansehung des letzten Punktes
leidlich dar, der Fürst nahm seinen Beweis für gültig an, aber behielt lange
Misstrauen und Zurückhaltung gegen ihn.
    Aus einer so grossen Staatsveränderung, dergleichen in diesem Lande seit
undenklichen Zeiten nicht vorgegangen war, mussten notwendig wichtige Folgen
entstehn. Der älteste adelige Rat, ein Mann, den Alter und Faulheit zum
Despotisieren und Betrügen untüchtig machten, bekam einen Teil von der Besoldung
des Herrn von Lemhoffs und sollte in Zukunft den Präsidenten vorstellen, welches
er auch treulich tat; denn er sass auf seinem Stuhle da, ohne sich zu rühren, vom
Anfange jeder Sitzung bis zum Ende. Die andre Hälfte der Besoldung erhielt
Herrmann, dabei den Titel eines Direktors und die ganze Arbeit des Präsidenten.
Die Hauptperson, von welcher alles abhing und ohne welche nichts geschehen
konnte, wollte der Fürst selbst sein und war es beinahe mehr, als er es sein
sollte: er entsagte von neuem allen seinen Vergnügen, liess seiner Aufmerksamkeit
nichts ungefragt entwischen und wollte so sehr mit seinen eignen Augen
allentalben sehn, dass alles zwar ordentlich, aber unerträglich langsam ging:
seine Ideen waren oft schief und nur halb gut, weil er das Ganze nicht
überschaute, und so bewundernswürdig seine Geduld war, Belehrungen anzuhören, so
ermüdend war es doch für diejenigen, die ihn belehren mussten: aus jeder
Beratschlagung wurde meistens ein Kollegium, das ihm Herrmann las. Gern hätte
ihn dieser aus der besten Absicht zuweilen auf die Jagd gewünscht; denn vor
grosser Bedachtsamkeit und vielem Überlegen kam weder Gutes noch Böses zustande:
es tat Herrmannen tausendmal weher, ihm zu widersprechen als dem vorigen
Präsidenten, weil er sich scheute, dem guten Fürsten die Kränkung zu
verursachen, dass er falsch geurteilt habe, und er hinderte aus diesem Grunde
weniger Schädliches als unter dem Despotismus des Herrn von Lemhoffs. Ausserdem
stieg das Misstrauen des Fürsten zu einem Grade, der beleidigen konnte, wenn man
die Veranlassung dazu nicht wusste: er fürchtete allentalben List und Betrug und
brauchte oft lange Untersuchung, um da keinen zu finden, wo keiner war. Indessen
waren doch seine Einkünfte und das ganze Land unendlich besser beraten als
vorher, und er gab Herrmann deutlich zu verstehn, dass er ihm die Anklage des
Präsidenten zum Verdienst anrechnete.
    Auch Ulriken traf die Wirkung jener Revolution. Sie zog sich durch die
Fürbitte für Herrmannen ein scharfes Verhör von der Fürstin zu, und da sie so
gewaltig mit Fragen gequält wurde, gestund sie ihre Liebe ohne Rückhalt und
versicherte mit einiger Wärme, die man für Trotz annehmen konnte und die Fürstin
auch wirklich dafür annahm, dass sie ihn heiraten würde, sobald er für gut
befände, ihre Hand zu verlangen. - »Auch wenn ich's nicht gern sähe?« fragte die
Fürstin mit Stolz. - »Ich hoffe«, antwortete Ulrike, »dass es Eu. Durchlaucht
gern sehen werden.« - »Nein«, sprach die Fürstin entrüstet, »bei meiner Ungnade
untersag ich die Heirat.« - Ulrike seufzte und schwieg.
    Als sie der Fürst, nachdem der Hauptsturm mit dem Präsidenten vorüber war,
zum ersten Male wieder erblickte, kam ihm das reizende Bild, wie sie weinend vor
ihm auf den Knien lag, in die Gedanken zurück, und er erkundigte sich, ob sie
nunmehr mit ihm zufrieden wäre. Sie dankte ihm mit der lebhaftesten Freude für
Herrmanns Freisprechung und hielt inne, als wenn sie noch etwas mehr zu bitten
hätte. - »Fehlt noch etwas?« fragte der Fürst lächelnd. »Soll ich etwa den Pfarr
holen lassen?« - Ulrike nahm den Scherz mit Fleiss als Ernst auf und erzählte ihm
die traurige Lage, in welche sie das Verbot der Fürstin gesetzt hatte. - »Ich
sehe wohl«, sprach der Fürst und drückte sie verliebt bei der Hand, »so einem
hübschen Mädchen kann man nichts abschlagen. Ich will noch einmal helfen.«
    Er besprach sich mit der Fürstin darüber, aber sie widersetzte sich mit
einer Heftigkeit, die ihn beleidigte. - »Der Mensch soll so eine hübsche Frau
nicht haben«, sagte sie und wiederholte ihr Verbot in seiner Gegenwart. Seit
diesem Augenblicke fiel der Termometer ihrer Gunst gegen Ulriken bis zum
Gefrierpunkte herunter.
    Der Fürst, durch die Heftigkeit seiner Gemahlin beleidigt, ob er gleich
seine Empfindung verhehlte, sprach selbst mit Herrmannen über seine
Liebesangelegenheit und nötigte ihn durch die Versprechung alles Vorschubes,
frei heraus zu beichten; Herrmann tat es, aber ging wohlbedächtig in seiner
Geschichtserzählung nicht weiter als bis zu dem Zeitpunkte zurück, wo er der
jüngste Geselle in des Obersten Werkstatt gewesen war. Der Fürst riet ihm, die
Sache so lange anstehn zu lassen, bis er die Fürstin gegen ihn ausgesöhnt hätte:
Herrmann nahm den Rat willig an, da ihm seine überhäuften Geschäfte und der
Eifer, womit er die Arbeit eines ganzen Kollegiums verrichtete, keine Zeit zur
Liebe übrigliess: er wollte erst in seinem neuen Posten festsitzen, um den Genuss
eines endlich errungenen Glücks voller und ungestörter zu geniessen. Dem Fürsten
gefiel die Aufopferung, die er seinem Dienste machte, überaus wohl, er versuchte
der Fürstin Gesinnungen gegen ihn zu ändern, und es wäre ihm auch gelungen, wenn
nicht der Oberste Holzwerder ihr so flehentlich angelegen und auch ihn mit
seinen Bitten so vielfältig bestürmt hätte, dass er bei der neuen Aufmerksamkeit
auf die Geschäfte nicht weiter daran dachte: die Sache schlief abermals ein, und
das Publikum hatte das Brautpaar abermals zu zeitig trauen lassen.
 
                                Drittes Kapitel
Arnold und Madam Dormer hatten seit der Entlaufung ihres Mannes und schon vorher
in geheimer Vertraulichkeit gelebt, und einen grossen Teil von der Ungnade der
Fürstin, die solche Verbindungen für ihr Leben nicht ausstehn konnte, mussten sie
dieser Ursache zuschreiben. Um ihren Hass zu mildern und weil auch der Fürst auf
ihren Antrieb Arnolden etlichemal befahl, die Dormerin entweder zu heiraten oder
von ihr zu lassen, waren sie beständig willens gewesen, sich durch eine
gesetzmässige Ehe zu verbinden, und die Braut machte schon Anstalt, ihren
entlaufnen Mann auf den Kanzeln ausrufen zu lassen, in der Hoffnung, dass er es
nicht hören werde. Arnold erregte unaufhörlich Schwierigkeiten: der entlaufne
Mann war bis jetzt noch nicht ausgerufen, die Heirat bis jetzt noch nicht
vollzogen; und der Bräutigam dachte gegenwärtig sogar darauf, sie nie zu
vollziehen: aber Madam Dormer verstand das Handwerk besser und lenkte ihn so
schnell wieder um, dass er bei dem Fürsten um die Erlaubnis anhielt; er bekam sie
ohne Verzug, der entlaufne Mann wurde ausgerufen, und siehe, da erscheint bei
dem Fürsten eine demütige Supplik von einem Frauenzimmer aus Leipzig, die Herrn
Arnold wegen eines nicht gehaltnen Eheversprechens verklagt und gegen seine
vorhabende Heirat Einspruch tut. Das Frauenzimmer hatte sich in eigner Person
mit ihrer Bittschrift hieher bemühet und war die stille Lisette, die einmal
Herrmannen in seiner Spielerperiode vor einer Untreue bewahrte. Arnold
unterhielt damals Adolfinen, ihre verbuhlte Schwester, verliess sie, worauf das
Mädchen in eine Krankheit verfiel, in welcher Herrmann ihrem Mangel mit einer
kleinen Wohltat zu Hülfe kam; als dieser Leipzig verlassen hatte, trieben
Arnolden die Vorwürfe seiner Freunde wieder zu seiner alten Geliebten hin: sein
Geschmack für sie wollte sich nicht wiederfinden, er verliebte sich in Lisetten,
tat ihr Anträge, die sie unter der nämlichen Bedingung eingehn wollte, die sie
Herrmannen vorlegte: der verliebte Arnold verstund sich ohne Bedenken zu einem
Heiratsversprechen: sie wechselten Ringe und zeugten zusammen ein wohlgebildetes
Knäblein. Sie kam in der Stille auf dem Lande nieder, nahm das Kind der Folge
als eine angebliche Waise zu sich, er unterhielt Mutter und Kind, so gut er
konnte: die ganze Zeit über, die er in seiner itzigen Stelle zubrachte,
wechselten sie Briefe miteinander, ohne dass die listige Dormerin etwas davon
gewahr wurde, und weil er Lisetten auf die sechs letzten Briefe zu antworten
unterliess, befand sie für gut, ihm den siebenten selbst einzuhändigen. Der Sohn
zeugte wider den Vater; der Vater konnte sich weder ihm noch der Mutter
verleugnen: Arnold bekannte, schob alle Schuld seiner zweiten Verbindung auf
Madam Dormers Verführungen, gab ihr den Abschied und heiratete Lisetten. Die
Fürstin und alle seine Feinde wollten diesen Zufall nützen, ihn aus der Gnade
des Fürsten oder gar aus seinem Platze zu verdrängen: aber Herrmann vertrat ihn
mit allen Kräften bei dem Fürsten, aus alter Freundschaft für Lisetten.
    Diese Heiratsgeschichte, so unbeträchtlich sie an sich ist, hatte den
beträchtlichsten Einfluss auf die vornehmsten Personen des Hofes. Die Fürstin
wurde der Dormerin wieder gewogen, weil sie nicht die Frau eines Mannes geworden
war, den sie nunmehr doppelt hasste: durch seine Fürsprache für Arnolden ward
Herrmann der Fürstin und der Dormerin unversöhnlich verhasst: diese erbitterte
Frau trat völlig zur Partei der Fürstin, um sich durch sie an Arnolden
empfindlich zu rächen. dabei hatte sie noch einen Nebenzweck: sie wünschte schon
lange eine grössere Rolle am Hofe zu spielen und war unzufrieden, dass ihr Einfluss
auf den Fürsten nur heimlich durch die dritte Person geschehn musste, schon
längst sehr gering gewesen war und itzo ganz aufhörte. Ihre Mühe, dem Fürsten
Liebe beizubringen, konnte vor der unermüdlichen Aufmerksamkeit seiner Gemahlin
nichts fruchten: auch verlor sich sein Geschmack für sie sehr bald. Itzt, da sie
die Fürstin wieder gewonnen hatte und mit ihr gemeinschaftliche Sache wider
Arnolden machte, glaubte sie in ihrer Operation auf den Fürsten desto kühner
fortschreiten zu können, weil ihr Arnolds Erniedrigung zum Deckmantel diente:
sonach sollte die Fürstin aus Feindschaft gegen Arnolden sie bei dem Fürsten in
Gunst setzen und ihr die Absicht selbst erleichtern, die ihre Eifersucht so
gewaltig zu hindern suchte. Der Plan war so fein eingefädelt, dass er unmöglich
gelingen konnte.
    Gleich der erste Schritt, den ihre Rache tat, ging ihr fehl. Die Fürstin war
zwar zur Erreichung ihrer Absichten so gefällig, dass sie in die Zudringlichkeit
ihrer Alliierten zu dem Fürsten keinen Verdacht setzte, sondern sie eher
begünstigte: die Dormerin nahm sich also vor, bei der ersten Gelegenheit, wo sie
den Fürsten irgendwo allein finden werde, ihm Arnolds vormalige Verbindung mit
dem abgesetzten Präsidenten in dem nachteiligsten Lichte vorzustellen, und hatte
schon mit der Fürstin Verabredung genommen, wie sie ihr eine solche Gelegenheit
verschaffen sollte. Arnold kannte zwar die Nähe der Gefahr nicht, aber er hielt
es überhaupt für sicher, sich beizeiten in Positur wider eine Frau zu setzen,
deren Intriguensucht und Rachbegierde er auswendig wusste, und nahm deswegen von
dem Augenblicke an, wo seine Heirat ihre Freundschaft trennte, den Fürsten so
stark wider sie ein, dass er ihr aus dem Wege ging und sie weder sehn noch hören
wollte, welches sehr leicht zu bewerkstelligen war, da er sie schon lange wegen
ihrer Zudringlichkeit nicht sonderlich leiden konnte. Demungeachtet drang sie
mit Beihülfe der Fürstin bis zu ihm durch, aber er hörte ihr Anbringen nicht,
sondern drehte ihr den Rücken zu und liess sie stehn: die Frau wollte vor Wut
zerspringen. Arnold erhielt Nachricht von dem verunglückten Versuche, mutmasste,
dass sie seine ehmalige Vertraulichkeit missbrauchen wollte, ihn anzuschwärzen,
und arbeitete seitdem, sie ganz vom Hofe zu entfernen. Allein für sich glaubte
er, dies bei der verminderten Gunst des Fürsten nicht zu vermögen, und wandte
sich an Herrmannen: er stellte ihm ihre beiderseitige Gefahr so lebhaft vor, dass
Herrmann wirklich sich ein Verdienst um den Hof zu erwerben glaubte, wenn er zu
ihrer Entfernung beitrüge, seine eigne Sicherheit ungerechnet. Es tat ihm zwar
weh, ihrer vormaligen Verbindlichkeiten zu vergessen; allein was half es? Die
Partie der Fürstin schien ihm durch den Beitritt einer so verschmitzten Frau zu
gefährlich geworden zu sein, und er trug daher, was er schon oft getan hatte,
bei dem Fürsten auf die Einziehung aller überflüssigen Bedienungen an: der Fürst
billigte den ökonomischen Vorschlag und zeichnete Madam Dormer eigenhändig oben
an. Sie bekam ihre Entlassung und eine Pension auf ein Jahr mit der Bedingung,
sich unterdessen nach einer andern Versorgung umzutun. Die Fürstin nahm sie
Herrmannen zum Trotz unter ihren Hofstaat auf und legte dadurch den Grund zu der
folgenden Uneinigkeit mit ihrem Gemahle.
    Die Dormerin sprühte Feuer und Flamme wider den Fürsten, wider Hermannen,
wider Arnolden, wider Herrmanns sämtliche Partie und hätte sie insgesamt mit
ihren Händen würgen mögen. Das Misslingen ihrer Absichten machte sie allemal
tückisch und boshaft, wie sie schon in Berlin bewies: sie bewies es auch jetzt.
Sie wusste sich durch nichts an dem Fürsten zu rächen, als dass sie die Eifersucht
seiner Gemahlin wider ihn erregte: sie fachte eine Leidenschaft, wozu die Dame
ohnehin sehr geneigt war, durch Erdichtungen, falsche Auslegungen und alle
Künste ihrer höllischen Beredsamkeit so ausserordentlich bei ihr an, dass sie aus
allen Blicken, Reden und Handlungen ihres Gemahls Argwohn schöpfte: es kam zu
empfindlichen Sticheleien und endlich gar zu beleidigenden Verweisen. Der Fürst
hielt mit männlicher Geduld an sich und foderte bloss von ihr, die Dormerin vom
Hofe zu schaffen; sie weigerte sich mit Heftigkeit, und der Bruch war geschehen:
ihr Gemahl gab ihr, ohne weiter etwas Unangenehmes zu sagen, acht Tage
Bedenkzeit, und da nach dem Verlaufe derselben sein Befehl nicht befolgt wurde,
lebte er abgesondert von ihr und nahm sich vor, seine Absonderung so lange
fortzusetzen, bis sein Befehl erfüllt würde.
    Dies nennte die Dormerin gelungne Rache für die Verschmähung ihrer Reize,
und sie spornte nunmehr die Fürstin an, die Waffen gegen Herrmannen zu kehren.
Dies Projekt war schon ungleich schwerer; aber welche Mittel wusste die Frau
nicht zu finden? - Sie riet zu einem Bündnisse mit Arnolden, verschluckte allen
Groll und suchte seine Freundschaft. Sie drang sich bei seiner Frau ein und
gewann die gute stille Lisette mit ihrem Geschwätze so sehr, dass sie
unwiderstehlich ihre Herzensfreundin wurde: sie wiederholte ihre Besuche bei ihr
täglich, brachte ihr Grüsse, Gnadenversicherungen und Geschenke von der Fürstin
und versprach, ihr Zutritt bei dieser Dame zu verschaffen. Lisette wurde von
ihrem Manne gewarnt und ihr das Verbot gegeben, die Frau nicht wieder ins Haus
zu lassen: das gute Weibchen war eitel und begierig nach einer Gnade, die sie
noch nie gekostet hatte, liess trotz des Verbotes die Dormerin doch herein, und
eines Nachmittags liess sie sich durch vieles Zureden überwinden und begleitete
sie zur Fürstin. Der Mann erfuhr nichts davon, aber das Weibchen war von den
Gnadenbezeugungen so gestopft voll, dass sie sich schlechterdings ihrer entladen
musste: mit der freudigsten Begeisterung erzählte sie ihm des Abends die
gnädigste Bewillkommung und die gnädigste Herablassung, die Herrlichkeiten, die
man ihr gezeigt, und die Geschenke, die man ihr gemacht hatte. Arnold erriet,
dass man ihn gewinnen wollte, ob er gleich den Zweck nicht absehn konnte, freute
sich seiner Wichtigkeit und gab seiner Frau kein so geschärftes Verbot mehr, um
zu erfahren, wo das hinauslaufen sollte: er bildete sich gar ein, dass ihm die
hohe Ehre eines Friedensstifters zwischen Fürsten und Fürstin zugedacht sei.
Lisette wurde zu mehr gnädigen Bewillkommungen abgeholt und kam jedesmal
entzückter und reicher mit Geschenken zurück: ihr Mann verstund die Kunst, Geld
zu vertun, und war also nicht unzufrieden, dass sich ihm hier eine neue Quelle
öffnete. Seine Frau söhnte die Dormerin mit ihm aus, und diese überredete ihn,
dass die Fürstin ihn zur Mittelsperson zwischen sich und dem Fürsten erwählt
habe: der eingebildete Narr, stolz über diesen erdichteten Auftrag, glaubte noch
der vorige Günstling zu sein, der mit einem Spasse den Willen seines Herrn
regieren könnte, und wagte wirklich einen Versuch, den der Fürst sehr ungnädig
aufnahm. Der abgewiesene Friedensstifter machte zwar, um den Zufluss von der
Fürstin im Gange zu erhalten, der Dormerin grosse Wunder weis, die er bei seinem
Herrn ausgerichtet habe, und verstund sich sogar zu der Unternehmung, Herrmanns
Kredit zu schwächen: er brachte ihr täglich günstige Nachrichten, wieviel weiter
er darin gekommen sei, ob er gleich nicht wagen durfte, nur ein nachteiliges
Wort wider Herrmannen bei dem Fürsten zu schnauben. Die Fürstin bildete sich
gleichwohl ein, dass ihr Einfluss durch diesen Kanal sehr gross sei, und bedachte
nicht, dass die Wirkung einen weiten Umweg nahm und folglich ungemein viel von
ihrer Kraft verlieren musste: sie wirkte auf die Dormerin, die Dormerin auf
Arnolds Frau, Arnolds Frau auf ihren Mann und ihr Mann auf den Fürsten: das Ziel
war so weit, dass die Kugel matt vor ihm niederfiel und nicht einmal anprallte.
Zu Arnolds Unglücke erfuhr der Fürst seine neuerrichtete Freundschaft zu Madam
Dormer und die Geschenke, die seine Frau von der Fürstin bekam: er argwohnte ein
Komplott und liess den gewesenen Günstling gar nicht mehr um sich sein.
    Unglückliche Dormerin! alles soll dir misslingen. - Sonst wäre der Frau diese
völlige Entziehung der Gunst eine Freude gewesen und war es auch wohl im Grunde
noch, aber nur zur Hälfte; denn mit ihrem Verluste vereitelte sich auch der Plan
wider Herrmannen. Ihn ganz aufzugeben war ihrer Rache unmöglich: da sie auf
einer Seite zurückgetrieben war, wollte sie auf einer andern den Angriff tun:
wenn sie ihn nicht um seinen Kredit bei dem Fürsten bringen konnte, so sollte er
Ulriken verlieren: sie machte Anstalten zur Entzweiung.
    Die arme Ulrike sass wie ein eingesperrtes Schäfchen zwischen Wölfen, die sie
zerreissen wollen, und hielt sich so still als möglich, um nicht unter sie zu
geraten und im Gedränge zerdrückt zu werden. Sie empfing von der Fürstin seit
der letzten Fürbitte für Herrmannen wenig freundliche Blicke und desto mehr
saure, bat um ihren Abschied und erhielt ihn nicht, weil die Fürstin und
besonders Madam Dormer besorgten, dass alsdann ihre Heirat mit Herrmannen
zustande kommen würde. Herrmann dachte täglich daran, sie zu befreien, allein
weil sie zum Hofstaate der Fürstin gehörte und also zu ihrer Partei gerechnet
wurde, wagte er es bei den vorwaltenden Misshelligkeiten nicht, einen so
delikaten Fleck bei dem Fürsten zu berühren und sich die Hofdame seiner Gemahlin
zur Frau von ihm auszubitten: er hoffte auf eine Wiedervereinigung der beiden
fürstlichen Personen, die ihm auch nicht schwer schien, sobald man das
Unglücksweib, die Dormerin, vertreiben könnte. Das war freilich wohl klug
gedacht; aber er konnte sich seine ganze Klugheit sparen, wenn er über seinem
grossen Entusiasmus für die Geschäfte sich etwas mehr um die geheime
Hofgeschichte bekümmerte, die fast jedermann im Lande eher wusste als er.
    Der Fürst hatte allmählich seine misstrauische Laune verloren, völliges
Zutrauen zu Herrmanns Treue gefasst und folglich seine Aufmerksamkeit auf die
Angelegenheiten sehr vermindert: keine von seinen vorigen Liebhabereien wollte
ihm mehr schmecken, auch für die Jagd war sein Geschmack sehr schlaff: er hatte
keinen Günstling, dem er traute, der ihm Zeitvertreib und Neigungen mitteilte,
war übel aufgeräumt über die Misshelligkeit mit seiner Gemahlin und hatte also
viel Verdruss und viel Langeweile auf sich liegen. Eine so traurige Lage suchte
er sich durch die Liebe zu mildern: Ulrike hatte seit ihrer ersten Erscheinung
am Hofe geheimen Anteil an seinem Herze gehabt und in dem Augenblicke, als sie
im Vorzimmer weinend und kniend für Herrmannen bat, ihm wirkliche Liebe
eingeflösst: um die Eifersucht seiner Gemahlin nicht zu kränken, tat er sich den
möglichsten Zwang an, seine Liebe nicht in verdächtige Vertraulichkeiten
ausbrechen zu lassen: jetzt hatte ihn die Fürstin beleidigt, er war von ihr
abgesondert, frei und aus Rache nicht ungeneigt, sie durch eine neue Liebe für
ihre Hartnäckigkeit zu strafen. Er suchte daher Gelegenheiten, mit Ulriken
zusammenzutreffen: wo er sie fand, sprach er ohne Scheu im Tone vertraulicher
Zärtlichkeit mit ihr und spielte sehr häufig auf eine Verbindung an, wie sie
Fürsten mit Personen geringern Standes eingehen können, um ihre Denkungsart über
diesen Punkt zu erforschen. Zum Teil verstund sie diese Anspielungen nicht, zum
Teil wich sie ihnen mit ihrer Antwort aus: weil sie in keiner Gunst mehr bei der
Fürstin stund, hatte sie mehr Freiheit, herumzugehen und öfterer in solche
Gespräche mit dem Fürsten zu geraten: sie hat auch in der Folge offenherzig
gestanden, dass sie die Gelegenheiten dazu suchte, aber in der unschuldigen
Absicht, sich durch seine Unterhaltung von der Langenweile zu erholen, die sie
wie ein Alpengebirge drückte - eine Absicht, die man ihr um so weniger verdenken
darf, da der Fürst die einzige Mannsperson am Hofe war, deren Unterhaltung ihr
gefallen konnte. Die Fürstin und Madam Dormer übersahn Ulriken und ihre
Unterredungen mit dem Fürsten über der hitzigen Verfolgung ihres Plans wider
Herrmannen: auf einmal verbreitet sich das Gerücht am Hofe, dass Ulrike des
Fürsten heimliche Mätresse sei und morgen oder übermorgen öffentlich in dieser
Qualität erscheinen werde: der eine hatte ihr einen Kuss geben sehn, der andre
wollte sie von seinen Armen umschlungen, der dritte in andern vertraulichen
Stellungen erblickt haben: jedermann masste sich die Ehre an, mit dieser geheimen
Liebesgeschichte schon längst wie mit seiner eignen bekannt gewesen zu sein, und
alle wollten sie verheimlicht haben, weil man nicht gern von solchen Sachen
spräche, wie ein jeder mit weisem Achselzucken zur Ursache seines tiefen
Stillschweigens angab; und doch war die ganze Geschichte nichts als ein Kuss, den
ein Küchenjunge den Fürsten Ulriken hatte geben sehn. Wie schwollen die
Nasenlöcher der Madam Dormer empor, als dies Gerücht zu ihren Ohren gelangte!
Der Zorn blies ihre Backen auf, die Augen traten wie ein Paar Flammen hervor,
sie knirschte, sie schnaubte vor Wut, dass ein solches Mädchen, wie sie Ulriken
bei sich nannte, ein Glück erlangen sollte, nach welchem sie so lange, so eifrig
und so vergeblich gestrebt hatte: die Eifersucht fuhr wie schneidende
Messerschnitte durch ihr Herz: sie nahm sich nicht Zeit zur Erholung von ihrem
Zorne, sondern flog mit diesem gorgonischen Gesichte geradesweges zur Fürstin,
um ihr die verhasste Entdeckung mitzuteilen. Die Heftigkeit ihres Ausbruchs und
ihrer Gebärden, das glühende Feuer auf ihrem Gesichte und die Sache selbst
steckte die Fürstin mit gleichem Feuer an: die Dormerin vergass Überlegung und
Klugheit und erzählte, um ihrer Nebenbuhlerin recht zu schaden, ihren ganzen
Liebeshandel mit Herrmannen, ihre Niederkunft, und war von der Rachsucht so sehr
geblendet, dass sie sogar den geheimen Briefwechsel nicht ausliess, den die beiden
Verliebten durch sie bei ihrem Hiersein geführt hatten. Ulrike musste auf Befehl
der Fürstin erscheinen, und wie ein zitterndes Reh, von zween Jägern mit
angelegtem Gewehr geängstigt, wurde sie mit Fragen und Drohungen so gewaltig
gequält, dass sie alle ihre Vergehungen bekannte: die Dormerin stund vor ihr,
fragte Artikel für Artikel ihre ganze Geschichte durch, und wenn sie zauderte,
ja zu sagen, rief ihr die Fürstin drohend zu: »Willst du gestehn?« - sie weinte
und gestand.
    Sobald sie den Hauptpunkt, ihre Niederkunft, nach langem Weigern und Weinen
bekannt hatte - denn man drohte ihr mit gerichtlicher Untersuchung, wenn sie
nicht hier gestünde -, nach diesem von Furcht und Angst ausgepressten Ja wurde
sogleich ihr Urteil gesprochen: die Fürstin befahl ihr mit der fürchterlichsten
Ungnade, den Augenblick das Schloss zu verlassen, wenn sie nicht in der folgenden
Minute von der Wache weggeführt sein wollte. - »Und die gottlose Kupplerin
dazu!« sprach sie zur Anklägerin. Nun besann sich die sonst so kluge Frau, dass
sie in der Hitze einen dummen Streich begangen und sich selbst verraten hatte.
Sie suchte den Vorschub, den sie den beiden Verliebten durch Besorgung des
Postwesens getan hatte, zu beschönigen, aber es half nichts: sie musste
augenblicklich aus dem Zimmer.
    Ulrike, ohne in der Bestürzung zu bedenken, dass es nicht von der Fürstin
abhing, sie mit der Wache fortführen zu lassen, eilte, von Furcht gejagt, als
wenn sie Grenadiers mit aufgepflanzten Bajonetten verfolgten, aus dem Schloss,
und der Schrecken führte sie blindlings in die Arme der Liebe, in Herrmanns
Wohnung. - »Herrmann!« rief sie mit zitternder Stimme, indem sie in die Stube
hereintrat, »hier kömmt dein verfolgtes Täubchen, nimm es auf! nimm es auf in
den Schutz der Liebe!« - Herrmann sass, von Berichten, Verordnungen und
Rechnungen umschanzt, und hatte ebensoviel Mühe, sich aus seinen Papieren als
aus seinen kameralischen Gedanken herauszufinden: die Stimme tönte ihm
dazwischen wie das ferne Girren einer Turteltaube in einer dürren Sandwüste: er
sprang auf, schleuderte Rechnungen, Pachtbriefe und Berichte von sich hinweg,
stand da und staunte. - »Ulrike! in der Dämmerung! zu mir! so allein! bist du
es?« rief er, starrend vor Verwunderung.
    Ulrike. Freilich bin ich's! Das verabschiedete, weggejagte, verfolgte
Mädchen! Von Bosheit und Schadenfreude vertrieben! - Unsre ganze Schande ist
entdeckt: ich selbst habe sie durch mein Geständnis offenbaren müssen.
    Herrmann. Entdeckt? durch wen?
    Ulrike. Durch das Weib, das allein einer solchen Bosheit fähig ist!
    Herrmann. Durch die Dormerin? - Ha! die Verwegne soll dafür büssen, schwer
büssen! Schmach und Strafe soll die Verbrecherin treffen. Bleib hier! beruhige
dich! ich will zum Fürsten eilen; und er muss sie strafen, oder ich will meine
Treue gegen ihn verfluchen. Bleib - den Kopf muss man der Natter zertreten, wenn
sie nicht schaden soll: ich will keine Sonne in diesem Lande wieder aufgehen
sehen, wenn das Ungeheuer nicht gezüchtigt wird. - Aber wie hat sie ihre Bosheit
verübt? hurtig, Ulrike, hurtig erzähle! -
    Sie berichtete ihm eilfertig den Auftritt in der Fürstin Zimmer, wie man sie
zum Geständnisse zwang; und kaum hatte sie das Notwendigste gesagt, so machte er
sich auf den Weg. - »Der Donnerkeil ward von höhern Händen für meinen Scheitel
geschmiedet«, sprach er im Gehen, »mich soll er durch dich treffen: aber er soll
abprallen, unschädlich abprallen. Sei mutig, Ulrike, und hoffe auf die
Gerechtigkeit des Fürsten!«
    Aus den Misshelligkeiten der regierenden Personen suchen bekanntermassen immer
die Geringern ihren Vorteil zu ziehn, und es kam gleich einer von solchen
dienstfertigen Aufpassern, sobald Ulrike aus dem Schloss geflüchtet war, und
meldete dem Fürsten ihre Entfliehung, doch ohne die Ursache derselben angeben zu
können. Die Liebe beunruhigte ihn sogleich mit mancherlei Besorgnissen, mit
Mutmassungen, dass seine Gemahlin etwas von seiner Absicht auf Ulriken erraten,
erfahren und sie deswegen gemisshandelt habe: er glühte vor Unwillen und Unruhe
und sandte gleich zu dem Obersten Holzwerder, um zu erfahren, ob sie zu ihm
geflüchtet wäre: der Oberste begegnete dem Boten unterwegs in voller Eile zur
Fürstin, die ihn hatte rufen lassen, und hörte jetzt das erste Wort von Ulrikens
Flucht. - »Ist sie nicht da?« fragte der Fürst ängstlich, sann und befahl dem
nämlichen Boten, sogleich mit allen seinen Kräften zu Herrmannen zu laufen. Der
Laufer rennte, dass er sich die Beine hätte zerbrechen mögen, in grossen Sprüngen
und schoss am Eingange des Schlosses vor Herrmannen vorbei, der mit scharfen
Schritten zu dem Fürsten wanderte und schon angelangt war, als der Laufer mit
der Nachricht zurückkam, dass Herrmann nicht zu Hause sei. - »Ist sie bei Ihnen?«
fragte der Fürst hastig, als Herrmann ins Zimmer trat, und war so begierig,
Ursache und Umstände zu erfahren, dass er vor vielen Fragen die Erzählung lange
nicht in gehörigen Gang kommen liess. Herrmann trug alles vor, was er aus
Ulrikens Munde gehört hatte, setzte das Geständnis ihrer beiderseitigen
Vergehung und ihrer so lang ausgedauerten Liebe hinzu und schloss mit diesen
Worten: »Den Händen eines gerechten Richters habe ich mein Geheimnis und meine
Liebe anvertraut: er mag richten! Ihrer Durchlaucht Urteil ist ein Spruch über
mein Leben.« -
    Nach einer tiefsinnigen Pause sprach der Fürst seufzend: »Wenn es so ist, so
müsst ihr euch heiraten.« - Kaum hatte er es ausgesprochen, so liess der Oberste
Holzwerder inständigst um Gehör bitten: er wurde vorgelassen und ersetzte noch
einige Umstände, die in Herrmanns Erzählung gefehlt hatten, berichtete
untertänigst, dass ihm die Fürstin auf das schärfste bei ihrer Ungnade anbefohlen
habe, die Verheiratung zwischen Ulriken und Herrmannen nicht zuzulassen, und bat
ebenso untertänigst und flehentlichst, dass ihn der Fürst in der Erfüllung dieses
Befehls unterstützen möchte. Der Fürst, beleidigt durch das Verbot seiner
Gemahlin und durch ihr ganzes Verfahren wider eine Person, die einen so grossen
Teil seiner Liebe besass, voll Begierde, seiner Gemahlin nicht die Oberhand zu
lassen, fuhr zornig heraus: »Sie sollen sich heiraten: ich will es.« - Der
Oberste wagte noch einige Vorstellungen, aber der Fürst unterbrach ihn mit
verachtendem Tone: »Der Fürst befiehlt, dass sie sich heiraten sollen; und der
Oberste Holzwerder soll das Weib, die Dormerin, mit Wache aus dem Schloss
schaffen, wenn sie sich nicht freiwillig dazu entschliesst, und gleich itzo,
bitte ich mir aus!« - Der Oberste kroch mit einem, untertänigst erschrocknen
Bücklinge zum Zimmer hinaus, um den gegebnen Befehl zu vollstrecken.
    Der Fürst war so aufgebracht wider seine Gemahlin, ob er gleich kein
beleidigendes Wort wider sie sagte, dass er hastig etlichemal das Zimmer auf und
nieder ging und sann, wie er sie empfindlich genug strafen sollte: er glaubte,
seinem Ansehn Eintrag zu tun, wenn er nicht das Gegenteil ihres Verbotes
durchsetzte, und befahl, den Geistlichen zu holen, der auf der Stelle die
Trauung vollziehen sollte. - »Ich will Herr in meinem Schloss sein«, sprach er
zu Herrmannen, der im Vorzimmer wartete, »wenn ihr getraut seid, sollt ihr bei
mir das Brautessen halten.«
    Herrmann war nicht lange zurück, um Ulriken die fröhliche Botschaft zu
bringen, als schon der fürstliche Wagen vor der Türe anhielt, der sie zur
Trauung abholte; und wie sie durchs Schlosstor fuhren, schlich Madam Dormer,
tiefgebeugt, mit verhülltem Gesicht, an der Wand hin und wich den Pferden und
der Demütigung aus, von Personen erblickt zu werden, die ihren festlichen Einzug
hielten, wo sie mit Schimpf vertrieben war. Sie konnte das Gerede des Publikums
nicht ertragen, sondern begab sich noch den nämlichen Abend aus der Stadt,
voller Schmerz und Gram, dass sie sich selbst in der Schlinge fing, die sie für
andre knüpfte, und das Glück einer Nebenbuhlerin dadurch beförderte, wodurch sie
es umstürzen wollte. - Vignali, Vignali, wo war deine List? -
    Nach der Trauung, die sich später verschob, als der Fürst wollte, wurden die
beiden Brautleute zur Tafel abgeholt, wozu auch der Oberste Holzwerder
eingeladen war, teils als ein Anverwandter der Braut, teils, weil ihn der Fürst
in der Hitze ein wenig zu hart angelassen zu haben glaubte und ihm durch diese
Einladung die Furcht vor Ungnade benehmen wollte. Das Hochzeitsmahl ging sehr
still und wenig aufgeräumt vorbei: der Fürst war vom Zorne über das Verfahren
seiner Gemahlin noch unruhig, und ob er gleich von Zeit zu Zeit die Wolken von
der Stirn vertreiben wollte, so gelang es ihm doch nur auf kurze Augenblicke,
vornehmlich da sich die Liebe in seinem Herze hervordrängte und ihn neidisch
machte, dass ein andrer besitzen sollte, was er selbst so zärtlich liebte: dabei
stellten sich auch unangenehme Betrachtungen über seine eigne misshellige Ehe
ein: er sass melancholisch da, warf zuweilen einen Blick auf Ulriken, seufzte,
sprach ein paar abgebrochne Worte, einen gezwungen muntern Scherz, und bei jeder
Rede kam er darauf zurück, dass er den Bräutigam glücklich pries: er tat dies
jedesmal mit einem Tone, der Herrmannen schon an seinem Hochzeitstage hätte
eifersüchtig machen können. Die beiden Neuvermählten waren von der Freude wie
vor den Kopf geschlagen: sie besannen sich kaum vor Überraschung ihres Glücks:
in sich gekehrt sassen sie da und hatten vor zerstreuender Wonne so wenig
Vermögen, viel zu sprechen, als der Fürst vor Traurigkeit. Der Oberste tat sich
zwar gütlich in Essen und Trinken und genoss also das Hochzeitsessen besser als
die übrigen, denen es nicht sonderlich schmeckte: aber er war noch scheu gegen
den Fürsten, besorgte, dass der Unwille wider ihn noch nicht völlig verdampft
sein möchte, und sprach daher nicht anders als gefragt und mit der möglichst
demütigen Ehrfurcht.
    Nach aufgehobner Tafel sprach der Fürst zu Herrmannen: »Wir wollen tauschen:
Sie sollen heute Fürst sein.« - »Nein«, antwortete Herrmann, »ich will lieber
auch heute der Diener eines guten Fürsten bleiben.« - »So mag ich dann der
Fürst, und Sie der Glückliche sein!« - sagte der Fürst mit einem tiefen Seufzer
und gab ihnen gute Nacht.
    Als sie in dem Zimmer anlangten, das zu ihrem Brautgemache bestimmt war,
wurde ihre Freude beredter. Ulrike wollte immer nicht glauben, dass sie getraut
wären. »Nein«, sprach sie, indem sie Herrmann auf dem Schosse wiegte, »es ist ein
Phantom, ein Traum, der mir durchs Gehirn schleicht: ich bin auf die heutigen
Misshandlungen krank geworden und phantasiere: hast du auch die Fiebereinbildung,
dass ich nun endlich dein bin?«
    Herrmann. Und meine Einbildung ist so überzeugend gewiss wie mein Dasein. -
Mein bist du! endlich! So schnell vom Winde in meine Arme geworfen, als er dich
oft von mir trieb! - Haben wir wirklich mit der Liebe so wenig hausgehalten, wie
du einmal besorgtest, dass unser künftiges Leben öde und langweilig sein wird?
Oder fühlst du, dass sich in Herzen wie die unsrigen die Liebe nie erschöpft?
    Ulrike. Ich fühl es, dass ich mich an meinem eignen Herze versündigt habe. Es
schlägt noch so frisch und fröhlich bei deinem Kusse als unter dem Baume im
Garten des Grafen, da du an meinem Busen Trost suchtest.
    Herrmann. Und meine Seele ist, wie ich merke, durch Zahlen, Berichte und
Verordnungen sowenig zur Liebe verstimmt, als da ich dich im Plauenschen Grunde
nach einer halbjährigen Trennung in meine Arme schloss: deine Umarmung
durchdringt mich mit dem nämlichen süssen Schauer wie damals, als wenn es die
erste wäre: mein Puls hüpft so übereilt wie damals. O wie hast du dich durch
deine Besorgnis an der Liebe versündigt!
    Ulrike. Schwer versündigt! Denn was sind alle die verliebten Abende, die wir
auf dem Lande zubrachten, gegen diesen Abend des Glücks? Dort irrten wir unter
Schatten, unter erträumten Glückseligkeiten herum, und immer stand die Not an
der Tür und wollte herein; und sie rächte sich hart, dass wir nicht eher
aufmerksam auf sie wurden! Itzt halten wir wahres, festes Glück in unsern
Händen: es wohnt in unsern Herzen: es lebt in allen unsern Gedanken und Sinnen.
Fühlst du nicht den Unterschied? Es ist mir, als wenn ich jetzt erst lebte, als
wenn ich vorher alles, was ich empfand und dachte und tat, nur so dunkel wie im
Traume gesehn hätte: so hell, so wahr, so anschauend hab ich noch nie die
Gegenwart empfunden wie jetzt; und doch dacht ich, die Liebe wär erschöpft? O wie
schwer hab ich mich an der Liebe versündigt!
    Herrmann. Und versündigst dich noch jetzt! Warum übergehst du eine
glückselige Szene unsers Lebens, ob sie gleich tausendfache Leiden über uns
verbreitete? - Ulrike, wo werden unsre Entzückungen seliger sein, hier oder in
der ... du senkst den Blick? soll ich sie21 nicht nennen, die Zeugin unsrer
Schwachheit? - Aber wie so ganz anders sind itzo unsre Empfindungen als damals?
Du zitterst nicht vor Furcht: die Knie sinken dir nicht: Angstschweiss strömt dir
nicht über die Wangen wie damals. -
    Ulrike. Und deine Augen rollen nicht so fürchterlich, so flammend wild wie
damals. - Ach, des schrecklichen Abends! wenn ich noch an die grausende Miene
gedenke, die damals aus deinem Gesichte hervorstarrte, voll so gieriger
Leidenschaft, als wenn du mir mit jeder Bewegung die Kehle zudrücken wolltest;
und die Angst dabei, die in mir kochte; wie mich immer eine Empfindung von dir
hinwegscheuchte und die folgende zu dir hindrängte - ich bebe noch vor der
Vorstellung eines so quälenden Kampfes. - Wie ist itzo deine Miene so heiter,
dein Blick ein sanftleuchtendes Licht, der Druck deiner Hand so leise zitternd,
der Ton deiner Stimme wie eine dahingeleitende Musik - o wie ganz anders alles
als damals! Die Freude lacht aus jedem Zuge deines Gesichts -
    Herrmann. Wie sollte sie nicht, da ich den Himmel in meinen Armen halte? -
Laut möcht ich triumphieren, dass ich ihn endlich durch lange Anfechtung errang!
Und dies ist nur der Anfang unserer Seligkeit: wenn die glückliche Mutter einst
solche Zweige um sich herum aufsprossen und zu grossen früchtevollen Bäumen
erwachsen sieht, die den Menschen Schutz und Schatten geben - solche Zweige, wie
schon einer verwelkt auf dem ländlichen Kirchhofe liegt -, ist es dann nicht der
Mühe wert, sich geliebt, sich mit beharrlicher Treue geliebt zu haben wie wir? -
O Liebe! wärst du nicht in der Natur, wo nähmen die Sterblichen ihre Freuden
her? -
    Sie verstummten, zärtlich umarmt. Hymen schwang die Freudenfahne über das
seidne Hochzeitlager, und allgemeine Stille feierte die glückliche Brautnacht.
 
                                Viertes Kapitel
Fast das ganze Publikum der Stadt nahm an dem Glücke eines Mannes lebhaften
Anteil, dessen Verdienste seit dem Falle des Präsidenten ziemlich von jedermann
anerkannt wurden, einige Unzufriedne ausgenommen, die kein ander Vergnügen
wissen, als das Gute zu verkleinern, das sie nicht tun können. Der Oberste
Holzwerder wagte von Zeit zu Zeit eine Vorstellung an den Fürsten, wie sehr
besonders das hochgräfliche Haus ihm zur Last legen werde, dass er eine so
ungleiche Verbindung nicht gehindert habe: der Fürst, der ewigen Vorstellungen
müde, bot zum Ersatze des Unrechts, dass er Ulrikens Familie durch die
Beförderung ihrer Heirat zugefügt haben sollte, Herrmannen den Adel an. Herrmann
antwortete: »Wenn Eu. Durchl. meine Dienste in einem höhern Stande angenehmer
sind, so nehme ich das Geschenk mit Freude und Dank an: wo nicht, so verlange
ich keinen Vorzug, der weder mein Verdienst noch Ihre Gnade vergrössert.«
»Bravo!« sagte der Fürst und klopfte ihm auf die Schulter. »Ich schätze den Mann
von Verdienst; der Stand gilt mir gleich: es mag bleiben, wie es ist.« - Der
Oberste, da er sah, dass es nicht zu ändern stund, gewöhnte sich allmählich an
die Anverwandtschaft, lebte beständig in freundschaftlichem Vernehmen mit den
beiden Eheleuten, Ulrike half ihm zuweilen Schlachten und Wälder und Städte aus
Dendriten hervorpolieren, auch Herrmann wurde zum Ehrenmitglied in seiner
Akademie aufgenommen und verplauderte mit dem Alten manche lustige Stunde über
der Erklärung eines neupolierten Dendriten.
    Herrmann hielt es für seine Pflicht, Verachtung nicht mit Verachtung zu
vergelten, und schrieb an Grafen und Gräfin Ohlau: ohne nur mit einem
Seitenblicke, mit einem Worte für die beleidigenden Schimpfnamen und
verächtlichen Begegnungen sich zu rächen, die er von ihnen zu einer Zeit
ausstehn musste, wo es freilich zu verwegen von ihm war, nach Ulrikens Besitze zu
streben, dankte er beiden im Tone der wahren Politesse, ohne weggeworfne
Ehrfurcht und ohne stolze Vertraulichkeit, dass sie ihn durch die Sorge für seine
Erziehung würdig gemacht hätten, eine Anverwandtin von ihnen zu besitzen. Ulrike
tat das nämliche: selbst der Fürst hatte soviel Herablassung und liess an den
Grafen schreiben, um ihn über die Heirat zu beruhigen und zu bezeugen, dass sie
mit seiner Genehmigung und Zufriedenheit geschehen sei. Der Graf antwortete dem
Fürsten in einem schlecht ortographierten Handschreiben, weil er in den itzigen
geldbedürftigen Zeiten sein eigner Sekretär sein musste und seine vormalige
sogenannte Kanzelei mit dem Verkaufe der Herrschaft an einen andern Herrn
gekommen war: er dankte dem Fürsten in hochfahrendem Tone für sein Schreiben und
die Gnade, die er gegen seine Schwestertochter zu haben schien: der ganze Brief
bestund aus drei Zeilen und berührte den Punkt, worauf es ankam, nicht mit einem
Worte. Der Fürst, als er ihn gelesen hatte, warf ihn lächelnd unter den Tisch.
    Weder Herrmann noch Ulrike erhielten Antwort von ihm: die Gräfin schrieb
zwar nach einiger Zeit an die letztere, aber kurz und mit der kältesten
Höflichkeit: sie freute sich über ihre Gesundheit, dankte für ihren Brief und
versicherte, dass sie ihre wohlaffektionierte Tante sei. Herrmanns und seiner
Verbindung wurde nicht mit einer Silbe gedacht: aber man sah deutlich, dass sie
den Brief unter der Aufsicht ihres Gemahl geschrieben hatte; denn auf der andern
Seite stand, flüchtig hingeworfen - Grüsse Deinen Mann und sei glücklicher als
ich. - Vermutlich mochte sie diese Worte heimlich bei dem Zumachen des Briefs
hinzugesetzt haben; denn sie waren äusserst unleserlich. Auch für diese
Verachtung rächte sich Herrmann nicht, sondern gab zu der Kollekte, die die
Familie jährlich für den Unterhalt des Grafen machte, einen der stärksten
Beiträge, ohne seinen Namen zu unterzeichnen. Der Oberste selbst, der ihn bei
näherer Bekanntschaft ungemein schätzte, tadelte ihn wegen dieser Grossmut und
sagte in seiner kernhaften Sprache: »Setzen Sie dem stolzen Bettler Ihren Namen
unter die Nase hin, dass er daran riecht, wen er verachtet. Sacre-papier! Wenn
wir ihm nichts geben, muss er ja schnurren gehn oder Brandbriefe herumschicken.«
- Herrmann war niemals dazu zu bewegen. »Ich vergebe dem Grafen«, sprach er,
»dass er in seinem Alter nicht besser denkt, als er es in der Jugend lernte. Mich
haben meine Schicksale etwas Bessers gelehrt; und so will ich denn auch hierinne
diesem Unterrichte nicht untreu werden.« - Er war der letzte, der mit seinem
Beitrage bis zum Tode des Grafen aushielt und der Gräfin eine Pension auswirkte,
als alle übrige echte Mitglieder der Familie des Beitragens schon längst
überdrüssig waren.
    Alle seine übrigen Freunde bekamen nach der Reihe Briefe von ihm und darin
die Nachricht von seiner Verbindung: er wollte durchaus aller Beleidigungen
vergessen und sich nur der Verbindlichkeiten erinnern, welches vorzüglich sein
Brief an Schwingern bewies. Ihre Antworten sollen hier in der Ordnung folgen,
wie er sie erhielt.
    Vom alten Herrmann.
                                                          F**, den 15. Dezember.
Denkt mir doch! Bist nun gar ein grosses Tier geworden und hast eine Fräulein
geheiratet? Wenn's nicht so ein hübsches, herzlichgutes Tierchen wäre wie
Baronesse Ulrikchen, so spräch ich: Sohn, Du bist ein rechter Tölpel, dass Du
Dich mit einer Fräulein behangen hast: nun halt ich in meinem Leben nichts
wieder auf Dich. Aber was will ich denn sagen: hat sich denn nicht Dein Vater
selbst vom Teufel blenden lassen, dass er einen dummen Streich machte? wie kann
man's vom Sohne besser verlangen? Ach, Heinrich, Du wirst Dich kreuzigen und
segnen, wenn Du hörst, wie es Deinem alten Vater gegangen ist.
    Stelle Dir einmal vor! Nille ist Deine Mutter nicht mehr. Weil ich so hübsch
versorgt auf Deinem Gütchen war, so kam mir die Lust an, meine Nille wieder bei
mir zu haben: was geschieht? ich schreibe an sie, nicht lange nachdem Du von uns
gereist warst. Wer keine Antwort kriegte, war ich. Ich kriege den Koller und
schreibe drei, vier Briefe: endlich kömmt ein Wisch von dem Schandkerl, dem
Leinweber, bei dem ich sie sitzenliess. Da hat sie bei dem verdonnerten Leinweber
den Durchbruch22 so gewaltig gekriegt, dass sie beide - ich mag Dir's gar nicht
sagen, Du wirst schon raten. Kurz und gut, die Vettel lässt mich wie ein
verlaufnes Windspiel in die Zeitungen setzen und auf den Kanzeln ausrufen. Hier
in dem Neste kriegt man das ganze Jahr keine Zeitungen zu sehn, und ich lese
auch keine; denn was gehn mich die Sachen der grossen Herren an? Aber wenn ich
gewusst hätte, dass etwas von meinen Affären drinne stünde, so hätt ich doch so
einen Wisch einmal in die Hand genommen. Da ich also nichts erfahre und mich
nicht melde, so heiratet das Schandmensch feliciter den christlichen Leinweber.
O so heirate Du in alle Ewigkeit hinein bis zum Nimmersattkriegen! Das schreibt
mir mein Herr Nachfolger. Warte, dachte ich, ich will dich schon bezahlen. So
sollst Du mich nicht wieder zum Manne haben, und wenn du schön wärst wie ein
Kirchengel. Hast du einen andern genommen, so nehme ich mir eine andre, die
erste, die beste, aber eine Jungfer muss es sein. Ich bin ein alter Kerl, aber
eine Witwe ist nicht meine Sache. Weil ich nun so recht toll und böse bin und
vor Desperation durchaus wieder heiraten will, so sag ich zur Fräulein Hedwig:
der Donner und das Wetter, wenn nur gleich ein Kobold bei der Hand wäre, der
mich heiraten wollte: meiner ehrvergessnen Nille zum Trotz wollt ich mich auf der
Stelle mit ihm trauen lassen. Für die alten Jungfern ist das Heiraten ein gar zu
delikates Gericht. Was geschieht? der Rumpelkasten schmunzelt und schwänzelt so
viel um mich herum und schwatzt mir so nach dem Mäulchen und legt mir's so nahe,
dass ich in einer tollen Stunde herausplumpe und sie frage, ob sie mich haben
will. Höre, Sohn! das war, als wenn ihr der Blitz das Ja aus dem Halse führte.
Ich schlage ein, und wir werden kopuliert. Hinterdrein biss mich wohl der Wurm
ein bisschen, dass ich mich mit so einer vornehmen Trolle beklunkert hatte; denn
alles Vornehme ist mir zeitlebens bis zum Ekel zuwider gewesen. Aber es ist eine
brave Frau geworden, das muss ich ihr lassen, eine Frau, als wenn ich mir sie
bestellt hätte, eine Frau aus dem Fundamente. Meine Nille ist ein Lump dagegen,
ein rechter Lump, sag ich Dir. Es ist mir recht lieb, dass sich der Leinweber mit
ihr beseligt hat, so bin ich doch das Meerkalb los. Das hätt ich der dicken
Hedwig in meinem Leben nicht zugetraut, dass so eine gute Frau aus ihr werden
würde. Sie sieht freilich aus, dass man sie nicht gern von der Strasse aufhebt,
besonders plagen sie itzo die Füsse jämmerlich. Das alte Tier bildet sich etwas
anders ein und will es nicht Wort haben, dass es Flüsse sind, aber sorge nur
nicht, dass Du noch in Deinem dreissigsten Jahre, oder wie alt Du bist, ein
Brüderchen bekommen möchtest: es sind nichts als Flüsse, dabei bleib ich. Sie
milkt, sie bäckt und macht alles wie eine geborne Hausfrau und hantiert im Hause
herum wie ein Feldwebel: das muss alles gehn wie am Schnürchen, oder sie poltert
wie ein Drache und schlägt auch wohl mit Fäusten drein, wenn das Gesinde nicht
gut tut. Sie hat Dir Dein Gütchen, seitdem Du den Pachter abgesetzt hast, wieder
so in Ordnung gebracht, dass wir recht gut davon leben können; und dabei wartet
sie mir auf wie einem Fürsten, dass ich mich pflege, mir in Essen und Trinken
gütlich tue und recht vergnügte, müssige Tage habe. Mit dem Pfarr spiele ich
zuweilen ein Picketchen, bin vergnügt und lasse den lieben Gott einen guten Mann
sein. Blitz! was mir der Pfarr noch täglich die Ohren voll räsoniert, dass er
sich damals von dem Donnerkerle, dem Siegfried, so hinters Licht führen liess und
ihm Deine ganze Historie vorplauderte und endlich gar noch Ursache war, dass Dir
Dein Ulrikchen weggenommen werden konnte. Er will sich gar nicht zufriedengeben.
Schreib doch an ihn und sprich ihm Trost zu! Ich sage immer, wenn er so
lamentiert: es ist ja zu des Jungen seinem Glücke ausgeschlagen; wenn Sie sich
nicht so hätten übertölpeln lassen, so wäre er ja itzo nicht, was er ist, so
könnte er ja seine Ulrike itzo nicht zur Frau haben, so hätte ich ja das Gütchen
itzo nicht mit meinem Weibchen so allein zu geniessen und könnte mir nicht so
wohl sein lassen. Aber der Mann hört nicht. Solange er nicht Dein Wort hat, dass
Du ihm seine damaligen dummen Streiche vergibst, solange kann er nicht eine
Minute recht mit Verstande Picket spielen. Er macht einen Pudel über den andern,
und die Unruhe ist ihm nur erst wieder angekommen, seitdem er gehört hat, dass Du
ein grosses, vornehmes Vieh geworden bist. Du kannst ihm ja vergeben. Er schwört
Stein und Bein, dass keine Bosheit dabei gewesen ist und dass er sich aus guter
Herzensmeinung gegen Dich von dem Banditen, dem Siegfried, so treuherzig hat
machen lassen. Aber der Schurke, der Siegfried, gibt sich itzo selbst seinen
Lohn. Seitdem Du von uns weg bist, hat er alle Tage gesoffen, dass er vom Morgen
bis zum Abend keine Minute den Himmel erkennen konnte, und die dicke
Watschelente, seine Frau, mit ihn. Das ging alle Tage zu wie bei dem reichen
Manne. Unser Dorf ist auf diese Art in die Kehle hinunterspaziert. Es ist schon
lange verkauft, und mit dem andern Gute wird's nächstens auch so kommen. Über
dem vielen Trinken sind sie krüppelicht, kontrakt und elend wie der arme Lazarus
geworden. Da liegen sie und können sich weder helfen noch raten, müssen sich
heben und tragen lassen und saufen noch alle Tage, dass sie springen möchten. Sie
werden's nicht lange mehr antreiben; denn wenn sie sich nicht bald zu Tode
trinken, so müssen sie aus dem Gute, und dann mögen sie bei den lieben Vögelein
in hohlen Bäumen schlafen und hungern und betteln. Unrecht Gut gedeihet nicht,
das ist mein Spruch, und darum hab ich in der Welt nichts vor mir gebracht,
damit ich nichts unrecht Erworbnes auf meinem Gewissen haben möchte. Was hilft's
nun dem versoffnen Krüppel, dass er mich damals um meinen Dienst brachte und mir
hernach noch mein kümmerliches Gnadengeld bestahl? Was hilft's ihm, dass er den
Grafen so rein ausgezogen und seine ganze Herrschaft geplündert hat? Was hilft's
ihm, dass er Dich hier so drückte und so schelmisch um Deine Ulrike brachte?
Nicht einen Pfifferling! Ende gut, alles gut. Drum geht nichts über den
Kernspruch: Ehrlich währt am längsten. Wer ist nun besser daran? Ich oder der
Bandit? Der Teufel! ich bin so vergnügt wie eine Bachstelze, habe gute Tage und
lebe mit meinem Weibchen so zufrieden wie ein Engel im Himmel. Hab ich's nicht
immer gesagt? Dem alten Herrmann wird's wohlgehn, wenn alles das Gesindel, das
ihn itzo schuriegelt, verhungern und verkummern muss. Ich meine den hochfahrenden
Grosstuer, den Grafen, auch mit. Es ist ihm ganz recht, dass er jetzt so demütig zu
Fuss gehn muss, wie er sonst stolz gefahren ist. Er hat die Leute etwas ehrliches
geplagt und mich am meisten, dass ich nicht so schmeicheln und hofieren wollte
wie seine andern Maulaffen. Nun mag er selbst den Leuten hofieren, damit sie ihm
nur das liebe Leben erhalten. Nun kann er sehn, wie es andern Menschen, die auch
keine Narren sind, in der Seele weh tat, dass sie so einem Ölgötzen beinahe zu
Fusse fallen mussten, wenn sie einmal ein Bröckchen Gnade haben wollten, und ihn
doch niemals genug anbeten konnten. Ende gut, alles gut. Ich möchte wahrhaftig
itzo nicht mit ihm tauschen: ich brauche doch nicht zu betteln. Ich möchte itzo
nur zwei Stündchen bei ihm sein. Nu? wollte ich ihm sagen. Wer ist nun der
grösste Narr unter uns beiden? Der alte, grobe Klotz, wie Sie mich sonst nannten,
oder Ihre Hoch-Hoch-Hoch-reichsgräfliche Exzellenz und Hochgeborne Gnaden? Kurz
und gut, wer bis ans Ende beharrt, der ist selig. Das merke Dir und sei ein
ehrlicher Kerl, bis Dich die Maden fressen, wie
                                                                      Dein Vater
                                                       Adam Ehrenfried Herrmann.
N.S. Du hättest wohl mit Deinem Briefe ein Stückchen Brautkuchen schicken
können. Unser Schulze macht itzo superfeinen Kümmel, und dazu wär er mir just
gelegen gewesen. Ich will Dir's diesmal vergeben. Bei der Kindtaufe macht es
besser.
                       Von der gewesenen Fräulein Hedwig,
                          jetzt Herrmanns Stiefmutter.
                                                               den 15. Dezember.
Wohlgeborner Herr!
Hochgeehrtester Herr Stiefsohn!
    Dero hohe und preiswürdige Eigenschaften wie auch Dero Frömmigkeit und gutes
ingenium und diese und viele andre lobens- und rühmenswerte Tugenden Ihrer
vortrefflichen Frau Gemahlin haben bei mir beständig so grosse admiration und
approbation gefunden, dass Denenselben beiderseits bei Dero erfreulichen
Vermählung und Beilager nicht bergen kann, wie sehr ich mich über eine so
wohlgetroffne mariage erfreue, und wünsche Ihnen dazu salus, prosperité und
Wohlergehen. Mich hat der weise Gott, der alles wunderlich fügt, noch in meinen
Jahren in ein glückseliges matrimonium versetzt, wodurch zugleich Dero
ergebenste Stiefmutter worden bin, und notificiere Denenselben zugleich, dass
meine bisherigen Umstände mir die angenehme Hoffnung geben, dass ich nicht sine
effectus oder pour rien und vergeblich in meinen neuen Ehe- und Wehestand
getreten bin. Auch kann daher nicht ermangeln, Dieselben beiderseits zum Voraus
zu Taufzeugen und Paten gehorsamst zu erbitten und versichre, dass ich beständig
mit allem estime und cum affectionibus, wie eine leibliche Mutter, nebst
ergebenstem Gruss an Dero preiswürdige Frau Gemahlin, bis in den Tod sein werde,
worüber ich ungemein flattiert bin,
                                         Meines wertgeschätzten Herrn Stiefsohns
                                                   zärtlich liebende Stiefmutter
                                             Hedwig Gottelieba Charitas Herrmann
                                                               geb. von Starkow.
Von Doktor Nikasius.
                                                      Dresden, den 20. Dezember.
Wohlgeborner etc.
    Eu. Wohlgeb. gütiges Schreiben vom 5. Decembris c.a. ist mir wohl und
glücklich zu Handen gekommen und habe daraus mit angenehmer Gemütsbewegung für
mich und meine liebe Ehegattin ersehn, wasmassen Dieselben nicht nur die praemia
Ihrer guten Qualitaeten und vortrefflichen Eigenschaften allbereits gefunden und
erhalten, wie auch zu Vermehrung Ihrer Satisfaction und Zufriedenheit mit Tit.
pl. der Hochwohlgebornen Fräulein, Fräulein von Breisach etc. etc. ein
christliches Eheverbündnis getroffen und in vollkommner Leibes- und
Gemütsergötzung vollzogen haben, für welche uns zu geben beliebte Nachrichten
wir beiderseits gehorsamsten Dank abzustatten nicht ermangeln. Und wie wir nun
an Eu. Wohlgeb. hierob schöpfenden Freude, wie an allem, so Denenselben und Dero
Frau Gemahlin Gnaden Behagliches und Vergnügliches widerfahren mag, aufrichtig
teilnehmen und Denenselben zu solcher glücklichen Begebnis hiermit ergebenst
gratulieren: also wünschen wir annebenst beiderseits, dass die göttliche
Providenz und Vorsehung zu Dero angetretenem Ehestande reichen Segen und
Gedeihen nebst allen selbst verlangenden Prosperitäten verleihen, mitin auch
Denenselben aus sotaner mariage continuierliches Vergnügen empfinden lassen
wolle.
    Da nun Dieselben aus alter Bekanntschaft und wohlmeinen der affection nicht
ungeneigt sein werden, mein und meiner lieben Ehegattin Gesundheit und
anderweitiges Befinden zu vernehmen, als dienet hiermit zur freundlichen
Nachricht:
    1mo) anlangend unsern beiderseitigen Gesundheitszustand, so ist derselbe
noch völlig so erwünscht und glücklich wie bei Dero geehrten Gegenwart in unserm
Hause, wie denn auch meine Frau dergestalt und allermassen täglich an
körperlichem Gedeihen und Leibesstärke zunimmt und deswegen schon längst von
allem Gehen und in specie von dem Steigen auf denen Treppen überaus
incommodieret wird, welchermassen denn auch mich wegen zunehmender Corpulenz
meine vielen Arbeiten in meinen hohen Jahren gewaltig belästigen und beschweren.
    2do) meine sonstigen Umstände und res domesticas betreffend, so ist alles
noch auf dem vorigen Fusse, völlig ut supra, und ist sonst gar nichts
Veränderliches vorgefallen, als dass ich nach langem Streben und Treiben meiner
Frau vor einigen Jahren einen ansehnlichen Titel erhalten habe und denselben
noch gegenwärtig zu geniessen fortfahre.
    3tio) in betracht Dero an die Frau Oberstin abgelassenen Schreibens, so ist
dasselbe den Tag darauf von meiner Frau bei einer förmlichen Visite eigenhändig
und richtig überliefert und zugestellt worden. Obwohlen nun der Frau Oberstin
Gnaden bei Durchlesung obangeregten Schreibens die Augen nicht wenig
aufgesperret, auch einige ungebührliche Reden und lästerliche Flüche auszustossen
sich nicht entblödet haben, als wie in specie: »Also hat das
donner-hagels-blitz-elementsche Wetteraas den sappermentschen Seehund doch noch
geheiratet!« Ferner: »wenn der Kreuz-Mordio-Sappermenter nur wenigstens ein
Edelmann geworden wäre!«, desgleichen auch mit verschiedentlichen andern
Schmähreden Eu. Wohlgeb. und Dero Frau Gemahlin zu begünstigen nicht ermangelt
haben: jedennoch hat sich bemeldete Frau Oberstin verlauten lassen, dass sie bei
so gestalten Sachen sich über Dero Verbindung höchlich erfreue, auch meiner
Frauen aufgetragen, Denenselben beiderseits in ihrem Namen alles erspriessliche
Wohlergehen dazu anzuwünschen und von Herzen zu gratulieren, inmassen denn sie
wegen heftiger Schwäche und starken Zitterns in denen Händen, auch sonstigen
Ungeübteit im Schreiben sich kein eignes Antworts- und Gratulationsschreiben
abzufassen getraue, zumalen ihr bisheriger treufleissiger Bedienter, so sonst bei
dergleichen Vorfällen ihr Beistand und assistenz geleistet, durch einen
Steckfluss schon seit geraumer Zeit das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselt, und
desselben Nachfolger so kreuz-hagel-ochsen-gänse-hornviehmässig dumm
buchstabiere, dass mit demselben nichts anzufangen sei.
    Schliesslich empfehlen wir Eu. Wohlgeb. beiderseits in Gottes Obhut, allstets
mit vollkommnem Estime verharrend etc.
    Von Schwingern.
                                                           G., den 23. Dezember.
Noch einmal wage ich es, die Sprache freundschaftlicher Wärme so ganz mit Dir zu
reden, wie sie meinem Herze sonst so wohltat, ohne sie durch frostige Titel und
Komplimente zu ersticken; und warum sollte ich nicht reden wie sonst, da Dein
Brief noch völlig die starke feurige Empfindung atmet, die vormals Deine Briefe
belebte? Ich will mit Dir sprechen wie ein Vater mit seinem emporgekommnen
Sohne; und gewiss, Dein leiblicher Vater kann sich über Dein Glück nicht
aufrichtiger und inniger freuen als ich. O könnt ich zu Dir hineilen, Dich nur
einmal an meine Brust drücken und mir sagen: dazu hab ich ihn gebildet! dieser
tätige, feurige Mann, dieses edle, rechtschaffne Herz, dieser auffliegende
Geist, diese starke, männliche Seele ist ein Werk meiner Sorge! diese
Grundsätze, die ihn nahe an den Rand des Verderbens, des Lasters, des
Leichtsinnes und selbst des Verbrechens hintaumeln liessen, dass ihn oft nur ein
Haarbreit vom Falle schied, und die ihn jedesmal kräftig zurückzogen, diese
Grundsätze habe ich in ihn gelegt! diese Lenkung seiner Ehrbegierde auf
nützliche, grosse, wichtige Dinge hat er mir zu danken! Diese brennende Wärme des
Herzens habe ich zuerst angefacht, diese vernünftige Schätzung der
Glückseligkeit ich ihn gelehrt! Diese Offenheit des Charakters, die für jeden
liebenswerten Gegenstand der ganzen Natur sich aufschliesst, diese weitumfassende
Sympatie, die an allem teilnimmt, was edles Vergnügen gibt und nimmt, diese
wahre richtige Empfindsamkeit ohne Künstelei und Zwang - dieser ganze
vortreffliche Mensch ist die Frucht meiner Erziehung! Glücklich, wem so für
seine Mühe gelohnt wird!
    Vergib mir diese Ruhmrätigkeit! es ist die Prahlerei der Liebe, weder
Eitelkeit noch Schmeichelei spricht aus mir. Wie soll man sich nicht von Freude
und Wonne, von Stolz begeistert fühlen, dass man zwo so edle Seelen wie Dich und
Ulriken gebildet hat? Soll man nicht den Guten preisen, dass er Verführung
überwand und aus dem Taumel der Jugendjahre sich zu der Vollkommenheit
emporarbeitete, wozu ihn die Natur bestimmte? - Ja, ein Jahr meines Lebens gäb
ich für das Entzücken dahin, Dich an Deinem Hochzeitstage neben Ulriken gesehn
zu haben: welch ein Bild! Ulrikens fröhliche Lebhaftigkeit neben Deinem heitern
Ernste! - Wie freu ich mich, als wäre ich neu geboren, dass mich Dein Brief aus
einer Verblendung riss, worein mich, ich weiss nicht welcher Wahn, versetzte! Ich
habe Dich verkannt, Dich für einen Bösewicht, für einen verderbten Spötter,
einen Verächter der heiligsten Freundschaftsrechte, einen verstockten Verführer
gehalten: ich habe an Deiner Bestrafung gearbeitet, und, wie ich sehe, Dein
Glück veranlasst, indem ich Dich ins Elend bringen wollte: ich bekenne mein
Vergehen, und ob Du mir gleich grossmütig mit Deiner Verzeihung zuvorgekommen
bist, so will ich sie doch durch meine tiefste Reue jetzt zu verdienen suchen.
Ich handelte aus Irrtum: so schwach ist der Mensch, dass auch Leute, die aus
allen ihren Kräften sich der Billigkeit und Menschenliebe befleissigen, sie oft
gröblich beleidigen, selbst indem sie sich einbilden, sie auf das
gewissenhafteste auszuüben. Die Vorsicht hat richtiger geurteilt als ich elender
Sterblicher: sie hat durch ihre Führung meinen Irrtum widerlegt. Wohl mir! dass
ich einen Mann wieder lieben darf, den ich eine Zeitlang mit Betrübnis hassen
musste! Ich bin wie ein Vater, der sein einziges Kind für ermordet von den Händen
der Räuber achtete und es plötzlich voll Leben und Wohlsein wiederfindet.
    Der Rest meines Lebens soll mir nunmehr wie Jugendtage verfliessen, zwar
einsam, ohne Freund und Gattin um mir, aber doch ruhig, in ländlicher Stille und
Zufriedenheit. Anfangs hielt mich übertriebne Gewissenhaftigkeit von der Ehe ab,
und dann liessen mich zu hochgespannte Begriffe von weiblicher Vollkommenheit
keine finden, die meine Wahl zu verdienen schien: so sei es! Unser Leben ist ein
immerwährender Irrtum: der meinige hat mir viele Freuden geraubt, die Freuden
des Gatten und des Vaters: so gebe sie dann der Himmel meinem Freunde in vollem
Masse, und ich will durch die Teilnehmung an seinem Glücke die Wonne geniessen,
die mich kein eignes empfinden lässt.
    Lebt wohl, Ihr zwei mir so lieben Herzen! seid glücklich, und wenn Ihr mir
meine Verlassenheit versüssen wollt, so weiht zuweilen mitten im Genusse Eures
Glücks einige Augenblicke dem Andenken Eures
                                               aufrichtigen liebevollen Freundes
                                                                      Schwinger.
                        Von Herrmanns gewesener Mutter.
                                                              Z**, den 19. Juli.
Hochehrwirticher Hochwolgeborner Her,
    Ire hochwolgeporne Gnaden werten nich ungnedig nemen ich bin eine arme
ferlasne Frau und habe weter Tach noch Fach Ihre hochwolgepornen Gnaten werden
Ihr mildes Herz auftun salfa fenia ich muss auf der Strasse umkommen Es ist mir
gar zu schlim geganen (gegangen) ich denke Ire hochwolgeborne Gnaden mein Man
ist tot unt neme in kristlicher Gesinnung einen Antern. Das war ein rechter
Schantkerl Ire hochwolgeporne Gnaten er war ein Leinwäber. Der Henker wirt im
wohl das Lon geben dass er mich so betölpelt hat. Ich arme Frau weis weder aus
noch ein. Da nam ich ten Galgen-Schwengel Ire hochwohlgeporne Gnaten weil er so
ein guter Krist war unt so hübs bätte (betete) da nam ich In zum manne. Ich habe
was rechts bei im ausgestanten, er hat mich geprigelt wien Melsack weil er alle
Dage drank und palt bätte (betete) unt balt trank und hernach nich von sinnen
wusste und ta prigelte er mich weil er gar nich zu sich kam. Ire hochwolgeporne
Gnaten s war n rechter Höllenprand. Da ging ich von im weil ichs gar nich mer
aushalten konnte unt lebe nun in Kummer unt Jammer und weiss nicht wo ich mein
haubt hinlegen soll. Ihre hochwolgeborne Gnaten werten sich irer armen Mutter
erbarmen. Ich habe erfaren dass Si ein gar groser vornemer mann geworten sint unt
sie werten toch ir miltes Herz auftun unt mich nicht verhungern und verkummern
lasen. wen mich nur nich der böse Feind geplagt hätte unt dass ich nicht einen
antern Man genomen hette ach s ist gar eine grosse Not mit mir weil ich nischt zu
beisen noch zu brechen habe Ire hochwolgeporne Gnaten mögen sich meiner annemen.
Wen Sie mir was schicken wolen ich bin mit gehorsamster submision Ire
untertänichste Magd
                                            Anna Maria Petronilla Schwenkfeldin.
 
                                     Anhang
Vielleicht sind die meisten Leser begierig, die Schicksale der vornehmsten
Personen, die ihre Aufmerksamkeit in dieser Geschichte an sich gezogen haben,
nach dem Ende der Hauptandlung zu erfahren: um ein solches Verlangen zu
befriedigen, wird man ihnen hier nach der Reihe von einer jeden erzählen, was
aus ihr bis zu diesem Augenblicke, wo die meisten noch leben, geworden ist.
    Fürst und Fürstin söhnten sich nicht lange nach Herrmanns Verheiratung,
vorzüglich durch seine Vermittelung, wieder aus: der Fürst tat den ersten
Schritt dazu, und beide Teile bewiesen durch ihre nachfolgende Einigkeit, dass
Fürsten sehr gut sind, wenn sie böse Leute nicht daran hindern. Seitdem die
Dormerin ihre Entfernung vom Hofe durch die Übereilung ihrer Leidenschaft
bewirkt hatte, verschwanden Kabalen, Intriguen und Ränke, als wenn sie mit ihrer
Urheberin entflohen wären: kleine, unbedeutende Feindseligkeiten ausgenommen,
wurde der Hof ein Schauplatz der Ruhe und Ordnung, der Fürst vorsichtiger gegen
Schmeichler und Ohrenbläser, aufmerksamer auf die Geschäfte und die Fürstin in
ihrer Gunst weniger veränderlich und von allem Parteimachen abgeneigt. Ihre
Ungnade gegen Herrmann und Ulriken verlor sich allmählich durch des Fürsten
Fürspruch so sehr, dass sie sich zuletzt in Gunst verwandelte. Im ganzen Lande
zeigten sich Spuren von allen diesen glücklichen Veränderungen: die
Aufmerksamkeit des Regenten gab allen Geschäften Leben, Geschwindigkeit und
Ordnung: gute Anstalten beförderten den Wohlstand der Einwohner, gaben ihnen
Geist und Tätigkeit und entkräfteten durch die Vertreibung des Müssiggangs Laster
und Mutwillen: jeder ehrliche Mann war in seinem Posten sicher, weil seine
Sicherheit nicht von dem Steigen und Fallen einer Hofpartei, sondern von seinem
Verdienste abhing, und kein Schelm entging lange Herrmanns Wachsamkeit. Die
Habsucht, womit selbst die geringsten Bedienten unter dem vorigen Präsidenten an
sich rissen, was sie unentdeckt an sich reissen konnten, verschwand itzo völlig,
weil jedermann richtig empfing, was ihm gehörte, und weder durch Not noch durch
das Beispiel seines Obern zu Schelmereien sich für berechtigt hielt.
    Der Graf Ohlau starb sehr bald nach Herrmanns Heirat unter Kummer, Unwillen
und übler Laune, ohne seine Gesinnungen gegen Ulriken zu ändern. Herrmann
verschafte, wie schon gesagt worden ist, der Gräfin ein kleines Gnadengeld vom
Fürsten, und die Dankbarkeit machte sie um soviel gütiger und freundschaftlicher
gegen ihn, da sie ihr stolzer Gemahl nicht mehr zwang, härter und unfreundlicher
zu sein, als ihr Herz wollte. Sie lebt auf dem Lande, im stillen, zwar ohne
Mangel, aber in beständiger Kränklichkeit unter mancher Unruhe über den Verlust
ihres vorigen Wohlstandes, ob sie ihn gleich äusserlich ganz verschmerzt zu haben
scheint. Unglück und Einsamkeit haben sie sehr andächtig gemacht: sie liest
täglich Erbauungsbücher, wird von niemandem als dem Prediger des Orts besucht,
der alle Nachmittage eine Betstunde mit ihr halten muss, und achtet alle
zeitliche Freuden und Herrlichkeiten für Kot, da sie keine mehr besitzen soll.
    Ulrikens Mutter starb schon vor vielen Jahren, als sich Herrmann auf dem
Lande aufhielt. Der Sturz mit dem Pferde, der sie hinderte, ihre Tochter von
Dresden abzuholen, brachte sie in die Hände eines unerfahrnen Wundarztes, dessen
Kur ihr einen offnen Schaden zuzog, dass sie lange Zeit das Bette nicht verlassen
konnte: der Unerfahrne wollte den begangnen Fehler wieder gutmachen, heilte den
Schaden zu und verursachte ihr Geschwulst und eine Krankheit, woran sie starb.
Die Einwohner des Gutes, das ihrem verstorbnen Gemahle gehörte und durch den
Konkurs verlorenging, betrachteten nach der gewöhnlichen Denkungsart dieser
Leute die Leiden ihrer ehmaligen Gebieterin als Strafen des Himmels für die
harte Begegnung, die sie oft von ihrem Zorne und ihrer Peitsche erlitten hatten.
Da ihr eignes Vermögen in dem Konkurse mit aufgegangen war, so vertat sie nach
dem Tode ihres Gemahls den unbeträchtlichen Rest, den sie mit Mühe noch gerettet
hatte: von ihrem herabgekommenen Bruder, dem Grafen Ohlau, konnte sie keine
Unterstützung erwarten und war also dem Mangel sehr nahe, und die Furcht vor
seiner Nähe mochte sehr viel zu ihrem Tode beitragen. Die Familie liebte sie
nicht und vergass sie und ihre Armut so ganz, dass niemand ihren Tod erfuhr, und
der Oberste Holzwerder musste sich erst besinnen, ob sie gelebt hatte, als ihm
Ulrike die Nachricht von ihrem Absterben aus Schwingers Briefe mitteilte, den
sie kurz nach ihrer Vermählung mit demjenigen erhielt, den man vorhin gelesen
hat.
    Siegfried bestrafte sich selbst durch übermässiges Trinken für seine
ehmaligen Bosheiten und Schelmereien, nach des alten Herrmanns Berichte, und zog
sich eine schmerzliche Krankheit zu, die seinem elenden Leben ein Ende machte:
seine Frau kaufte sich von dem Reste des vertrunknen Vermögens in einem
Hospitale ein, und keins von beiden genoss in Ruhe die Früchte der Betrügerei.
Ihr Sohn, Jakob, hat schon längst seine verdiente Versorgung auf dem Baue
gefunden und wird vermutlich sein unrühmliches Leben dort beschliessen.
    Die listige heimtückische Vignali und nachmalige Dormerin wusste sich nach
ihrer Vertreibung vom Hofe nicht anders zu helfen, als dass sie sich wieder zu
einer Schauspielergesellschaft begab, wo sie in aufgewärmten Operetten singt und
alle veränderliche Schicksale mit ihr teilt, die eine wandernde kleine deutsche
Truppe betreffen können. Sie fühlt die Demütigung des Geschicks so stark, dass
sie kaum die Flügel zu einem höhern Schwunge zu erheben wagt: sie hat den
dritten Mann genommen und ist dadurch an eine Lebensart gefesselt, wo sie nie
grossen Fortgang machen wird, weil ihr die deutsche Sprache zu schwer fällt und
ihre Intriguensucht ihr bei jeder Truppe sogleich allgemeinen Hass erweckt.
    Arnold gelangte nie wieder zu der Gunst des Fürsten, bekam ein
Kassiererämtchen und lebte bei mässigem Einkommen mit Lisetten ruhig und
vergnügt.
    Der Doktor Nikasius soll, wie man sagt, vor einigen Monaten gestorben sein.
    Herrmanns erste Mutter bekam auf ihren kläglichen Brief das Versprechen
eines jährlichen Zuschusses von ihm, wenn sie ordentlich für sich leben und sich
die übrigen Bedürfnisse durch weibliche Arbeiten verdienen wollte. Sie wohnt in
einem Städtchen, spinnt, singt und betet viel und lebt von der Unterstützung
ihres Sohns, von ihren beiden Männern getrennt, in unvergleichlichem
Wohlbefinden.
    Der alte Herrmann kämpft zwar täglich mit körperlichen Schwachheiten und
flucht auf das Alter, das ihm den Appetit genommen und geschwollne Füsse gegeben
hat. Seine Prophezeiung, dass die Zufälle seiner werten Frau Gemahlin, die sie
übereilterweise für Merkmale einer glücklichen Schwangerschaft hielt, nichts als
Flüsse sein möchten, hat der Ausgang bestätigt. Sie leben beide auf dem
Bauergütchen und erwarten in christlicher Geduld, dass ihnen der Himmel ein
seliges Ende verleihen möge; und der kleine dicke Pommer als wohlbestallter
Ackerknecht im zufriednen Genusse seiner genügsamen Philosophie mit ihnen.
    Der Magister Wilibald, der Herrmanns kranke Einbildungskraft und überspannte
Ruhmsucht so boshaft hinterging und auf dem Wege zur Bekehrung der Berliner zum
Diebe an ihm wurde, machte an einigen Orten so viele Schulden wie in Dresden und
ging, um sich vor seinen europäischen Gläubigern zu sichern, als Missionar nach
Asien, wo er seine Bekehrungssucht an den armen Heiden so heftig ausliess, dass
sie unwillig wurden, ihn griffen, mit dem Ohre an einen Baum nagelten und in
dieser Stellung drei Tage fasten liessen: seine Gefährten, die ihn diese drei
Tage über vergebens gesucht hatten, befreiten ihn, als sie ihn fanden, und er
liess sich in der Folge in Trankenbar nieder, entsagte dem Bekehrungsgeschäfte
und legte sich auf den Handel, wobei er sich itzo leidlich wohl befinden soll.
    Held und Heldin der Geschichte geniessen noch itzo unverändert die Freuden
einer treuen, lang ausgeharrten Liebe: ihre vierjährige Ehe ist mit einem Knaben
und einem Mädchen gesegnet, denen die Natur das Bild ihrer Eltern in jedem Zuge
eingedrückt hat: in beiden lebt der ernste, feurige Geist des Vaters, durch die
sanfte Aufgeräumteit der Mutter gemildert. Herrmann findet in dem Gespräche
seiner Gattin Erholung von dürren, oft verdriesslichen Geschäften und schäkert
mit seinen Kindern am Abende die Zahlen aus dem Kopfe, die sich den Tag über
darin angehäuft haben; und keine glücklichere Gruppe kann noch auf der Welt
gewesen sein, als wenn er auf dem Sofa sitzt, die kleine lächelnde Karoline auf
dem rechten Knie wiegt, Ludwig, mit beiden Armen auf das linke Knie des Vaters
gestützt, schäkernd zur Schwester hinaufsieht, und Ulrike danebensteht, den Arm
um die Schulter des Mannes schlingt, bald ihm, bald Karolinen die Wangen kneipt,
bald dem aufgeheiterten Vater, bald einem ihrer Lieblinge einen Kuss gibt. Mit
der geschäftigsten Sorgfalt einer Hausfrau wacht sie über ihre kleine
Wirtschaft: denn die vielen Wohltätigkeiten und Unterstützungen, wozu sich
Herrmann anheischig gemacht hat, schmälern seine Besoldung so sehr, dass
Sparsamkeit nötig ist, um damit auszukommen: aber die Wirtschaftlichkeit seiner
Frau ist ihm soviel als verdoppelte Einnahme. Geliebt von seinem Fürsten,
geachtet vom Publikum, in einem Posten, wo er den Vorteil einiger tausend
Menschen befördern und ihren Beschwerden abhelfen kann; in Umständen, dass er
anständig leben, Verachtung mit wohltätiger Grossmut und Freundschaft mit
Guttaten erwidern kann; in Geschäften, die hinlängliche Abwechslung haben, die
Langeweile töten, die Leidenschaften nie zum Sturme emporschwellen lassen und
den guten Mut eher beleben als unterdrücken; im Besitze einer so lange
geliebten, so schwer errungenen Gattin; glücklich als Mensch, als Bürger, als
Gatte, als Vater - welches Los kann herrlicher sein?
    Ulrikens Munterkeit ist ganz wieder zurückgekehrt und ihre kleine spielende
Imagination ganz wieder erwacht: sie weiss sich als Gattin und als Mutter die
Wirklichkeit mit tausend angenehmen Tändeleien und Einbildungen zu versüssen und
die Welt um sie her mit einem Anstriche von Lebhaftigkeit zu erhöhen, dass
Gegenstände, Handlungen und Begebenheiten nicht so ein phantastisches, lachendes
Kolorit für sie haben wie während ihres Traums auf dem Lande, sondern die
Vernunft führt itzo über ihre Einbildungen die Aufsicht: sie benehmen der Welt
das Alltägliche, Frostige, Matte, ohne die Sorge für die Angelegenheiten des
Lebens zu hindern oder zu erschweren. Ihre Kinder als Schäfer und Schäferin zu
putzen, ein Lamm von Holz und aufgeleimter Baumwolle mit ihnen zu weiden und in
dem gedielten Fussboden sich eine arkadische Flur vorzustellen: Kühe, aus Mehl
gebacken, und Schafe von Zuckerteig mit ihnen auf dem Tische zu hüten und Berge
von Gras oder Moos darauf zu bauen, an welchen das Vieh hinaufklettern muss, ist
nicht bloss Verlangen, die Kinder zu unterhalten, sondern wirkliches Vergnügen
für sie: aber wenn ein Hausgeschäfte ruft, fliegt sie ohne Verzug aus ihrem
geträumten Arkadien in die Küche, ordnet an und kehrt wieder in ihr Arkadien
zurück. Auch mit ihrem Manne fallen oft mutwillige Schäkereien vor, und eine von
ihren verliebten Neckereien, einer von ihren naiven Einfällen scheucht mannigmal
einen ganzen Schwarm finstrer Wolken von seiner Stirn. Sie wiederholen sich
zuweilen Szenen ihres vorigen Lebens und spielen ihr verliebtes Drama oft mit so
ganzem Herze, dass etlichemal, wenn sie den Auftritt mit dem sklavonischen Grafen
oder einen andern ebenso heftigen mit Vignali vorstellen, der Bediente
herbeigelaufen ist, in der Meinung, dass seiner Herrschaft plötzlich etwas
zugestossen sei, weil sie um Hülfe schreie. Die Liebe macht aus ihrem Hause einen
Himmel; die Liebe weckt sie aus dem Morgenschlummer und drückt ihnen die Augen
zum nächtlichen Schlafe zu; die Liebe schwebt mit ausgebreiteten Fittichen über
ihren Häuptern und strömt aus dem nie erschöpften Füllhorne den Lohn der Treue
und Beständigkeit herab.
                                    Fussnoten
1 Der Himmel weiss, was für eine Stelle das hochgelehrte Fräulein Hedwig meint.
So viel ist mir bekannt, dass sie zuweilen die Verwegenheit hatte, in den
lateinischen Text der alten Autoren hineinzusehen, und weil sie nur hin und
wieder ein Wort verstand, war ihre Übersetzungsart ganz drollicht. Comites
Aeneae waren ihr die jungen Grafen des Aeneas: wo sie duces erblickte, da setzte
sie Herzoge hin, und jeden Caesar machte sie zum Kaiser: auf diese Art gelang es
ihr, die sämtlichen Stände des Heiligen Römischen Reichs in den Virgil
hineinzubringen. Vielleicht hat sie durch eine ähnliche Auslegungskunst ihren
Amor im Topfe herausgekünstelt. Vermutlich fand sie in einer ältern Ausgabe
irgendeines Autors amor in ollam statt illam; denn das begegnete ihr sehr oft,
dass sie einem Schriftsteller zuschrieb, was ein anderer tausend Jahre vor oder
nach ihm gesagt hatte.
2 Zum Henker! Fräulein Hedwig! woher haben sie einen Unsinn, der unserer Zeiten
würdig wäre?
3 Zur Erläuterung dieser Beratschlagung muss man denjenigen Leser, die mit dem
Sprachgebrauche dieser Stadt nicht bekannt sind, berichten, dass dort jedermann
von bürgerlichem Stande, solange er keinen Titel und keine Frau hat, und jeder
Ausländer ohne Charakter Monsieur genannt wird. Es kann also jemand in so einem
Falle zeitlebens durch ganz Deutschland Herr gewesen sein, dort wird er zum
Monsieur.
4 Man weiss aus zuverlässigen Nachrichten, dass es eine Gesellschaft betrunkner
Fuhrleute gewesen ist, die sich in ihrer wilden Fröhlichkeit einige freie
Ausdrücke erlaubten und darum für Naturalisten von dem Herrn Magister gehalten
wurden: als er seine Predigt mit so gewaltiger Stimme begann, nahmen sie
insgesamt die Mützen ab, falteten die Hände, weil sie in ihrer Trunkenheit in
der Kirche zu sein glaubten, und da die Predigt lange dauerte, schlief einer
nach dem andern ein.
5 Wahrscheinlich sind dies die Bursche gewesen, die vor dem Brandenburger Tore
auf abgelebten, steifen Rossen für einen höchst billigen Preis ihre prächtigen
Kawalkaden zuweilen halten.
6 OEvres melées de Nr. I' Abbé de Bernis. S. 89.
7 Dies war vermutlich nur ein Versprechen, um sie zu beruhigen; denn er hat sie,
auf blaues Papier geschrieben, mit zwei grossen Scherenschnitten, die er
vielleicht in der ersten Hitze gemacht haben mag, dem Verfasser übersendet.
8 Um diese Rolle recht zu lesen, muss man jeden Akzent und jeden Buchstaben so
hart aussprechen, wie er hier geschrieben ist.
9 Der Kaufmann musste Schwingern diese Unwahrheit sagen, weil ihm Herrmann, als
er zu Vignali zog, überredet hatte, dass er Schreiber werde, wie oben erzählt
worden ist.
10 Der Abenteurer war eine kurze Zeit in Lyon Schauspieler gewesen, ehe er sich
in den Grafenstand erhob, und jedesmal, wenn er auftrat, richtig ausgepfiffen
worden.
11 Herrmanns unentwickelter Gedanke ist sehr richtig, Schöner Geist, bel esprit,
ist eine Eigenschaft des Kopfes, das Vermögen, den Gedanken eine angenehme,
gefallende Wendung und einen einnehmenden Ausdruck zu geben - l'art de faire
parôitre les choses plus ingenieuses qu'elles ne sont - l'art de donner à une
pensèe commune un tour sententieux, wie ihn Maupertuis ein wenig einseitig
beschreibt. Wie sehr dieser schöne Geist bei uns herrscht, überlasse ich den
Lesern selbst zu bestimmen: er ist in diesem Sinne gar nicht die herrschende
Eigenschaft des deutschen Kopfs. Das Publikum ist so gefällig und nennt jeden
leeren Kopf, der Reime liest und macht, einen schönen Geist: dadurch ist der
Name verächtlich geworden, während dass wir gern ein wenig mehr von der Sache
haben möchten. So geht es uns mit den Wörtern Genie und Witz; und wenn einmal
der Verstand bei uns Mode wird, dann sagt man vermutlich auch: da gehen zwei
Verstande - wie man itzo sagt: da gehen ein paar schöne Geister.
12 Academic dull ale-drinkers P Pronounce all men of wit freetinkers, sagt
Swift.
13 Zehlendorf.
14 Beeliz.
15 Mit Fräulein Hedwigs Erlaubnis! das ist eine Unwahrheit. Es waren allerdings
viele und künstliche Überredungen nötig, um ihre Reisegefährtin zu dieser
misslichen Partie zu bewegen: aber so erzählt man, wenn man sich der Wahrheit
schämt.
16 Sie wusste nichts von seiner Liebe zu ihr und seiner Absicht, sie zu heiraten,
deren Vereitelung ihn so gewaltig wider Vignali aufbrachte, wie man im eilften
Teile erfahren wird.
17 ein gemeines Kartenspiel.
18 Vermutlich ist das Wort von baculus abgeleitet.
19 in seinen Briefen an ihn nach Dresden und Berlin.
20 Madam Dormer wischt hier sehr fein über die Ursache hinweg, warum der Herr
von Troppau so aufgebracht war, dass sie Ulrikens Flucht aus Berlin
bewerkstelligt hatte. Er merkte schon lange vorher, dass sie seine Vermählung mit
der Baronesse nicht nur ungern sah, sondern, unter dem Schein, sie zu befördern,
zu hintertreiben suchte. Seine betrogne Liebe machte ihn also wütend und bitter
gegen Vignali, die so trotzig war, dass sie ihm nicht einmal auf sein Verlangen
den Ort sagte, wohin sich Ulrike gewandt hatte. Er gab sich hernach noch viele
Mühe, ihn auszukundschaften: allein da alles vergebens war, vermählte er sich
ein Jahr darauf mit einem andern Fräulein und führte, soviel man weiss, eine
vergnügte Ehe. Er sagte der Madam Dormer bei dem Zanke, dessen sie in ihrer
Erzählung erwähnt, geradezu ins Gesicht, dass er argwohne, sie habe Ulriken
belogen und Schrecken oder Furcht angewandt, um sie aus Berlin zu bringen. »Sie
glauben«, sagte er, »dass ich Sie nicht mehr lieben werde, wenn ich vermählt bin:
meine Liebe hätte so bald nicht aufgehört, aber Ihr falsches, hinterlistiges
Verfahren, Ihre schändliche Verstellung hat sie ausgelöscht. Ich liebe Sie nicht
mehr.«
21 die Jägerhütte wahrscheinlicherweise.
22 Dies soll vermutlich auf den herrnhutischen Ausdruck gehen: der Durchbruch
der Gnade.
 
    