
        
                           Friedrich Heinrich Jacobi
                                    Woldemar
                    Eine Seltenheit aus der Naturgeschichte
                                  Erster Band
 Tere are more tings in heaven and eart, Horatio,
 Tan are dreamt of in your philosophy.
                                                          HAMLET, Act. I. Sc. 5.
                 Veritas essendi, & veritas cognoscendi, idem sunt; nec plus
                a se invicem differunt, quam radius directus & reflexus.
                                                  BACO, de Augm. Scient. Lib. I.
 
Von diesem ersten Bande sind einige Stücke (der Anfang und das Ende) im
deutschen Merkur bekannt gemacht worden; ganz, erscheint er hier zum erstenmahl.
    Da noch zwei Bände abgehen um das Werk zu vollenden, die aber dem
gegenwärtigen bald hintereinander folgen sollen: so entalte ich mich jetzo
aller Vorrede. Ich hoffe, die Leser werden dagegen so billig sein, dasjenige
noch nicht beurteilen zu wollen, was sich noch nicht beurteilen lässt.
 Ego d' akompos oxlon doynai logon,
 Eis hlikas de koliges sopoteros.
                                                                      EURIPIDES.
 
                         Des ersten Bandes erster Teil
                 Ich halte die Freundschaft so hoch, dass es mich dünkt, wenn man
                geliebt wird, so sprost einem Glück von Gott und den Menschen
                unter den Füssen hervor.
                                                                       Xenophon.
 
                Eine menschliche Bildung erhalten nur diejenigen Seelen, die das
                Feld der Wahrheit schon gesehen haben. Aber nicht alle Seelen
                rufen sich die Erinnerungen ihres Götterlebens mit gleicher
                Klarheit zurück: sie sahen das Gefilde der Wahrheit nicht lange
                genug, oder versanken auch zu tief in Vergehungen und böse
                Gewohnheiten, welche die ihnen eingeprägten Bilder fast bis zur
                Vergessenheit auslöschten. Nur wenige finden sich, in denen sich
                die Spuren der Wahrheit sehr lebhaft erhalten haben: und diese
                werden von einem heiligen Schauer überfallen, wenn sie hier auf
                Erden ähnliche, ihren Urbildern entsprechende Abdrücke
                wahrnehmen.
                                                                          Plato.
 
Eberhard Hornich, ein angesehener Handelsmann zu B., hatte drei Töchter: die
älteste hiess Caroline, die zweite Henriette, und die dritte Luise. Carl
Dorenburg, der sich lange Zeit in Italien und England aufgehalten hatte, und
zurück nach London wollte, wo ein vorteilhaftes Etablissement auf ihn wartete,
sah Carolinen, und ward von ihr gefesselt. Er war ein sanfter und herzlicher
Mann, der die feinern Vergnügen mit Einfalt liebte, einen reinen und festen
Geschmack hatte, und sich nie an etwas hieng, als mit innigem Gefühl und aus
wahrer aufrichtiger Neigung. Das Mädchen nahm ihn gern, und der Alte willigte
mit Freuden in die Heirat mit einem Manne, der ein so vortreflicher Kaufmann
und von so grossem Vermögen war. Vater und Tochtermann traten miteinander in
Gesellschaft.
    Dorenburgs vertrautester Freund war Biedertal, ein junger Rechtsgelehrter.
Die Aehnlichkeit ihrer Neigungen, der Eifer, den sie gegenseitig in sich
erweckten, die Hülfe, die sie einander leisteten, brachte jene geistige
Gemeinschaft der Güter unter ihnen zuwege, welche den Neid unmöglich und das
Leben so süss macht. So war ihr Verständnis zwei Jahre hindurch immer
vollkommener und enger geworden. Damals kam Luise, eben siebenzehn Jahr alt, aus
dem Kloster zurück, und entzündete in Biedertalen eine unüberwindliche
Leidenschaft. Er wollte sie erst unterdrücken, hernach verbergen; aber es war
Liebe. Dass ihm der alte Hornich das Mädchen geben würde, daran war nicht zu
denken; er hatte geschworen, dass keine seiner Töchter einen Gelehrten heiraten
sollte, und dazu besass Biedertal nur ein sehr geringes Vermögen. Dorenburg, dem
das Geheimnis seines Freundes nicht lange verborgen blieb, genoss keine frohe
Stunde mehr. Da er bei seinem Schwiegervater, dessen Handlung durch ihn ungemein
war erweitert worden, in grossem Ansehn stand, so hatte er sich anfangs
geschmeichelt, dieser würde, aus Ergebenheit gegen ihn, sich ein einzigmahl in
seinem Leben grossmütig stellen, und auf sein Bitten den wackern Biedertal
glücklich machen: aber der Alte wusste von keinem Edelsinn, als dass er das Nichts
der Ehre und alles brodlose Wesen verachtete, weder durch Sache noch Grund sich
betören, und in seiner Ueberzeugung durch nichts sich irre machen liess; er
hatte nur die Tugenden der Kargheit, oder richtiger, einer polizeimässigen
Gewinnsucht. Da alles vergeblich gewesen war, so erklärte ihm Dorenburg, in
sechs Monaten laufe der Societäts-Contract mit ihm zu Ende, er sei gesonnen
alsdann auszuscheiden. Der Alte gab die besten Worte, tat die vorteilhaftesten
Vorschläge; Dorenburg war nicht zu bewegen. Endlich wurden sie einig, Biedertal
sollte sich der Handlung widmen, und dann das Mädchen nehmen. Voll Entzücken gab
dieser eine ansehnliche Bedienung auf, worauf er Anwartschaft hatte, und ergriff
das Gewerbe seines Freundes. Luise fühlte das im Innersten der Seele. Kein
Brautpaar ist jemahls glücklicher gewesen. Nach einem halben Jahre ward die
Heirat vollzogen; und die beiden Freunde hatten sich nun zu Gefährten in all
ihrem Tun. Ihre Wohnungen waren die angenehmsten in der Stadt, aber sowohl der
Lage als der inneren Einrichtung nach ganz von einander verschieden. Eben so
auch ihre Landhäuser. Jeder dieser Örter hatte andre Reitze, war zu andern
Ergötzungen geschickt; in jedem mangelte etwas; aber dies war beim Bruder. Das
glückliche Leben dieses doppelten Paars ist etwas, das sich nicht abbilden lässt.
Wer aber ein liebes Weib hat, und einen Freund auch mit einem lieben Weibe, und
dabei soviel Geist und Tätigkeit, um sein Herz mit unschuldiger Leidenschaft zu
füllen, der versteht mich, wenn ich sage, dass in diesem Kreise das Wehen der
Liebe nie sich legte.
    Eine Hauptstütze dieser schönen Verfassung war die noch unverheiratete,
mittlere Tochter, Henriette. Die drei Schwestern waren von Kindheit an in jener
reinen Vertraulichkeit miteinander geblieben, welche nur mit Unschuld bestehen
kann, und die Reinheit der Seele am sichersten bewahrt. Herzen, die immer offen
gewesen, in denen der Friede eines guten Gewissens nie unterbrochen worden,
erstarren vor dem blossen Schimmer einer Versuchung, fangen im Gegenteil, wie
Zunder, alles Edle und Schöne, und können eine Festigkeit im Guten beweisen, die
oft allen Glauben übersteigt. Caroline und Luise hatten neben ihren übrigen
Vorzügen auch eine schöne Bildung: Henriette war nicht das, was man schön nennt,
vielmehr hatte sie etwas an sich, das von ihr zurückhielt, besonders im Gesicht
jene Wachsamkeit und Klarheit, der wir so übel wollen und so gern einen bösen
Nahmen machen; aber eben darin lagen Züge, welche denjenigen, der sie erkannte,
mit tiefem Gefühl und eigener Kraft des Geistes überraschten. Ihr Blick war rein
und eindringend, und ging von Seele zu Seele. Ihr Vater hieng an ihr wie
bezaubert, und er scheute das Mädchen: einer eigentlichen Achtung sind Leute von
seiner Art nicht fähig. In Dorenburgs und Biedertals Hause wurde sie angebetet.
Die jungen Weiber setzten in ihr gleichsam noch ihr jungfräuliches Leben fort;
sie stellte ihnen ein so süsses Bild der Vergangenheit dar, erinnerte sie an
alles so lebhaft, dass es ihnen kaum einfiel, dass ihnen etwas verschwunden sei;
nie war die Schwester ihnen so teuer gewesen. Henriette auf ihrer Seite kostete
in ihren Schwestern die Wonne der Gattinn, der Mutter, der Vorsteherinn einer
frölichen Schaar von Genossen; und welcher Wonne hält diese nicht die Wage? Wer
ist glücklicher, als ein munteres Weib, das mit zärtlicher Sorge an seinem
Manne, mit heisser Liebe an seinen Kindern hängt? - Geist und Herz in ihm bleiben
in immerwährendem Triebe; seine süssen Leidenschaften erneuern sich mit jedem
Augenblick, und werden in jedem Augenblick befriedigt. So ward auch Henriettens
Seele durch Mitgefühl in beständiger Bebung erhalten; und Mitgefühl schwingt
sich, in hundert Fällen, höher als eigenes. Mann, Weib und Kinder, jedes in
beiden Häusern, wollte Henriettens Freude sein; sie sollte jede Lust, nie eine
Beschwerde teilen; aber Henriette wusste sich schon hinzuzudrängen, wo es
Beistand galt, und ihr Beistand war voll geheimer Kräfte; ihre Gegenwart machte
jede Arbeit zum Fest; und waren's Widerwärtigkeiten, so verschlang die Liebe,
die Dankbarkeit, die sie einflösste, die Hälfte des Kummers.
    In ihres Vaters Hause hatte sie freie Hand. Der Alte war nicht sowohl
geizig, als nur gierig; und da Henriette verschiedene Heiratsvorschläge
abgewiesen und dabei geäussert hatte, sie wolle bei ihrem Vater aushalten, so
glaubte er für eine so treue Verpflegerinn nie zuviel tun zu können. Es gibt
wenig Menschen, in denen nicht durch Langmut und Huld einiger Geschmack an
liebenswürdigen Neigungen erregt, und nachher diese Neigungen allmählich
verstärkt und vermehrt werden könnten. Der alte Hornich erfuhr eine solche
Verwandlung, ohne dass er weiter etwas davon merkte, als dass seine Henriette so
gut mit ihm umzugehen wisse, dass er nun erst des Lebens froh werde. Meine
Bekannten, sagte er zuweilen, wünschen ihre Jugend zurück; mir ist mein Alter
lieber: wie sauer hab' ich es nicht sonst gehabt, und wie gut hab' ich es jetzt?
Sein ganzes Hauswesen hatte sich nach und nach verändert. Vormals glaubte er auf
jede unschuldige Lustbarkeit, die er doch zugab, wenigstens schmälen zu müssen,
und würklich schien ihm jede Freude verdächtig, so wie jeder Notleidende - und
wie alles Schöne. Nun wollte er, dass seine Wohnung an Annehmlichkeiten die
Wohnungen seiner Schwiegersöhne überträfe; in nichts durfte seine Henriette
zurück bleiben; auch gelang es ihm, dass die Familie nirgends aufgeräumter war,
als in seinem Hause: aber vergnügter als vorhin war man überall durch vermehrte
Eintracht und Offenheit. Der Überfluss, der sich in Hornichs Hause zeigte,
lockte Bedürftige hinzu, und das liebe Mädchen hatte den Triumph, das graue
Haupt ihres Vaters noch mit Seegen und Ehre zu bekränzen.
    Wie dem Mädchen sowohl zu Mute gewesen sein mag! Ohne Tumult der
Leidenschaft, und doch alle Fibern seines Herzens rege. So ganz frei und heiter,
mit dem ungetrübten Sinn, mit der reinen Phantasie einer Jungfrau, dennoch so
ganz befangen - bloss aus himmlischer Liebe!
    Henriette hatte auch eine Freundinn, die ebenfals noch Mädchen war, und von
der sie mit einer Art von Leidenschaft geliebt wurde. Diese Freundinn war früh
ihrer Eltern beraubt worden, die ihr ein ansehnliches Vermögen hinterlassen und
Hornichen darüber zum Vormund gesetzt hatten. Noch grösserer Reichtum fiel ihr
nach dem Tode zweier Tanten anheim, bei welchen sie sich gegenwärtig aufhielt.
An all den Reichtum dachte sie nie, eben so wenig als an ihre Schönheit, und
war ärgerlich auf die jungen Herren, weil sie ihr allein und keiner von ihnen
Henrietten die Aufwartung machte. Das liebe Mädchen hiess Allwina Clarenau.
    Biedertal, ein weitläuftiger Anverwandter von den Clarenaus, hatte in ihrem
Hause, das einem Pallaste gleich war, ein Gemach inne gehabt. Nach seiner
Heirat bleiben diese Zimmer für seinen jüngern Bruder offen, mit Nahmen
Woldemar, welchem die Anwartschaft, die der ältere zurückgegeben hatte, war
bewilliget worden.
    Woldemar hatte seit vier Jahren unter dem nehmlichen Fürsten eine andre
Stelle zu G** bekleidet, und musste daselbst bleiben, bis die Bedienung zu B.
erlediget wurde. Zwei Jahre verstrichen darüber; nun ereignete sich der Fall,
und er sollte ankommen.
    Biedertal, der sich unaussprechlich gesehnt hatte, seinen Bruder wieder zu
sehen, war vor Freuden ausser sich; er konnte von nichts anderm reden, als von
Woldemaren - »Sie wissen, dass nun ehestens mein Bruder kommen wird?« - Jeder,
den er so begrüssen konnte, war ihm willkommen; und jeder, den er schon so
begrüsst hatte, und bei dem er es nicht gerade zu wiederholen durfte, machte ihn
verlegen. Seine Frau, seine Schwägerinnen und Dorenburg schienen ihm jetzt mehr
als jemahls die beste Gesellschaft: sie teilten so aufrichtig seine Freude; sie
waren für sich selbst, mit ihm, so voll Erwartung; sie neigten mit so herzlicher
Aufmerksamkeit sich ihm entgegen; hörten so gerne noch einmal, was er schon
oft, aber noch nie mit dem Interesse, mit dem Leben von Umständen, erzählt hatte
- die ganze Geschichte, wie Woldemar und er mit einander aufgewachsen; wie sehr
sie schon als Kinder sich einander zugetan gewesen; wie treu sie sich
geblieben; was sie alles für einander getan; was sie alles für einander
gelitten ... Wahrhaftig! brach Biedertal einmal in seiner Entzückung aus, es
ist doch keine rechte Freundschaft, als nur unter zween solchen Brüdern! -
Dorenburg, der gerade gegen ihm über sass, blickte lächelnd nieder. Das stiess
Biedertalen an; er flog auf und hieng seinem Freund am Halse. Dorenburg drückte
ihn an die Brust, ergriff dann seine beiden Hände.... Lieber! sagte er, und
lachte ihm offener ins Angesicht - Lieber ! indem er ihn treuherzig schüttelte -
gehe und erzähl uns weiter. Biedertal küsste Dorenburgen noch einmal und ging.
Henriette haschte bei'm Vorübergehn ihm die Hand, und küsste ihn. Er umarmte
Carolinen; herzte sein Weib; setzte sich dann und erzählte weiter. -
    Endlich kam die Nachricht, dass Woldemar würklich abgereiset sei. Sein Brief
war aus R., wo er eines wichtigen Geschäfts wegen einige Tage verweilen musste. -
»Die Hälfte des Weges ist zurückgelegt, schrieb Woldemar. Es war mir lieb, dass
die Post nach B. erst heute abgieng, denn ich hätte schwerlich vermocht eher an
Dich zu schreiben. Mein Herz ist in einem wunderbaren Zustande. Als ich von G *
abreiste, war ich wie ausser mir. Ich sass in meinem Wagen und hörte das Rasseln
über das Pflaster hin, und wusste kaum was es war.
    Wir erreichten die Landstrasse. Knall auf Knall des Schwagers Peitsche, und
die Pferde im Flug. Ich schlug die Augen auf, sah Hecke, Baum und Land an mir
vorbeischwinden - an mir vorbei zurück. Ich streckte maschienenmässig den Kopf
hinaus, dem allen nach. Die Sonne war am aufgehen. - G * war schon fern, aber
noch deutlich genug zu unterscheiden; auch erreichte noch das Geläute von seinen
Türmen mein Ohr, und zuweilen kam's mit einem Windstoss schnell im hellerem
Klange - und wieder weg, wie der Laut eines tiefen Seufzers. Dazwischen
wirbelten oben die Lerchen, und klirrten die Ketten am Pferde-Geschirr; und
hallte das Treiben des Postknechts...
    Unversehens ging's um eine Hecke, eine Anhöhe hinunter. Alles, was da war,
nur auf einmal entrückt!
    Ich stürzte zurück in den Wagen, presste mein Gesicht aus allen Kräften
zwischen die Lehnküssen, und meinte das Herz würde mir die Brust entzwei
schlagen... Weg! so immer weg - einst weg von allem! - so scholl's dumpf in
meinem Innern. Endlich brachen die Tränen los - und du, Lieber! - Du standest
vor meiner Seele. Ich fühlte das: hin zu ihm, zu meinem Biedertal! - Aber ich
weinte doch noch lange - weine noch heut.... Bedenk, Lieber, ich war nun sechs
Jahre zu G *; stand dort in manchem süssen Verhältnisse; glaubte einst, ich wurde
wohl immer dort bleiben. Nun reiste ich weg, ich sah das alles vor mir
untergehen. Ach! So bin ich: etwas vergehen zu sehen, wär' es noch so geringe;
zu fühlen, es ist damit zu Ende - es ist aus: bis zur Ohnmacht kann's mich
bringen.
    Nun geh' ich nach B., da werd ich bleiben! - Sieh, davor schaudert mich
wieder! - Ich bin erst neun und zwanzig Jahr alt, und mag nur so weniges noch
vom Leben. Was ich nun erhalte, ist die Erfüllung meiner Wünsche! - Ich werde
glücklich sein; endlich zufrieden; - - aber das muss ich nun auch sein, muss,
oder... Lieber! - Bester, Einziger, verzeih! Du wirst mich ja nicht
missverstehen. Wie könntest du? Ist es doch Fülle der Wonne was mich ängstiget! -
    Es war recht gut, dass ich mich hier einige Tage aufzuhalten hatte; weniger,
um mich von meinem Abschiede zu G ** zu erholen, als auf Dein Wiedersehen mich
vorzubereiten. Als ich die hiesige Gegend erreichte, diese Stadt erblickte, wo
wir in verschiedenen Zeitpunkten so viele Tage mit einander zugebracht hatten: -
es ist nicht auszusprechen wie mir ward! Beim Eintritt in die Krone kam mir der
eine Kellner, der gute Johann, der von früh an auf mich gelauert hatte, mit
Deinem Brief entgegen. Er war noch der alte; und so alles im Hause noch beim
alten. Die Leute hatten eine gewaltige Herrlichkeit mich wiederzusehen. Das
Geräusch ihrer Freude stillte auf eine angenehme Weise meine Phantasie. Es
dauerte an eine Stunde bis ich in mein Zimmer kam und allein blieb. Da erbrach
ich Deinen Brief. Aber mein Herz geriet gleich bei den ersten Zeilen in so
starke Bewegung, dass ich ihn wieder einstecken musste. Ich ging hinaus unter die
Eichen. Es war Wetter wie im May. Vor sieben Jahren hatten wir eben so schöne
Februar-Tage; und du warst mit mir hier. Weisst Du, wie wir über die Höhe
giengen; an der Seite weit her, den Fluss schlängeln sahen, so schön blau
zwischen den sonnigten Ufern! Wir schlugen einen Weg ein, den wir nicht kannten,
der uns an einen waldigten Hügel leitete. Erinnere Dich, wie wir hinanstiegen;
bei jeder sich öfnenden Aussicht weilten, aber ungeduldig; dann mit schnellerem
Gange strebten die herrliche Gegend immer weiter vor uns auszudehnen; atemlos
endlich hinaufkamen, da standen - auf der nackten Felsen-Glätte.... Damals
dacht' ich weiter nichts dabei; jetzt bei der Wiedererinnerung fiel mir's auf.
Wir blieben eine Weile oben, im Genuss der erstrebten Ferne; merkten voll
Entzücken nicht auf die öde Stelle, die ihn uns verlieh. Doch räumten wir bald
den Platz. Schnell hinab ging's den steilen Pfad, und wir suchten über Aecker
und Wiesen den Weg zum Tal unserer lieben Eichen. Wir fanden ihn. Es war am
Kreuz bei Hildern. Da setzten wir uns hin und ruhten aus. Ich wüsste nicht, dass
ich einen Frühling so empfunden hätte. Von seinem lieblichen Hauch schien die
Erde sichtbar sich zu öfnen, schien zu beben vor Wonne, dass sie das erste Grün
hervorgebracht. Hecken und Bäume - noch ohne Blat; aber wie herrlich überglänzt
vom Durchschein ihrer Fülle, alle Zweige mit hochgeschwellten Knospen bedeckt.
Da wünscht' ich mir nur so lange zu leben, bis die Knospen aufbrachen, bis der
Seegen sich löste - nur bis zum nahen May. Ich sagte Dir das, und es drang in
Dich; uns wurde so wohl...
    Diese Unbefangenheit, diese heiligen Gefühle suchte ich jetzt wieder; und
fand sie im Eichental. Ich lagerte mich in die Tiefe, und las nun Deinen Brief.
.... Wie mir dabei geschah - wenn ich das sagen könnte, so wär's des Sagens
nicht wert. - Bei einem sonderbaren Schauer, der mich durchfuhr, war's mir, es
sei ein Kuss von Dir, den mir vielleicht Dein Engel brächte. - Ich flehte zu dem
meinigen, dass er Dir auch einen Kuss von mir bringen möchte. Du schlummerst wohl
noch in dieser Frühstunde! o, dass er Dir erschiene!...
    Eben las ich Deinen Brief noch einmal. Die Stelle ist mir tief in die Seele
gegangen, wo du sagst: Ich fühlte mich bisher, in meinem schönen Familienkreise
so glücklich, und glaubte bei dem immerwährenden Verlangen Dich hier zu sehen
hauptsächlich nur den Wunsch zu haben, dass es Dir eben so gut werden möchte als
mir. Welche Täuschung! jetzt empfind' ich klar, dass es vielmehr nur die Aussicht
war, Dich hier an mich zu ketten, warum ich meine Lage so beneidenswürdig fand.
Ich habe dess keinen Hehl, habe es Dorenburgen und meinen andern Lieben
offenbaret, und sie tadeln mich nicht. Nach allem was ich ihnen von Dir erzählt;
nach allen Deinen Briefen... Aber was mach' ich, dass ich dies hier abschreibe? -
O du Bester, o ihr teuren, treflichen alle - um Gotteswillen! hoft doch nicht
soviel von mir! Ach, ich bin der Mensch nicht, auf den man ein Glück bauen kann
- ich, den das Schicksal mit eisernem Arm regiert, den es so von Kindesbeinen an
umher trieb ... Hast Du das denn ganz vergessen, Biedertal? Vergessen den Gram,
den Kummer, die Not, worum ich Dich so häufig setzte? und wie ich mehrmals
Deinen zarten, treuen, edlen Busen verliess, um mein Herz an Felsen zu zermalmen
- seine Wärme Dir entzog, um damit über Basilisken zu brüten? - Ich liebte Dich
immer von Grund der Seele, das ist wahr, und wenn Du mich brauchtest, war ich
nicht fern, war Dir immer daheim; besann mich auch nie, wenn von Aufopferung die
Rede war; fragte nie, was es gälte, nichts oder alles; - aber was ist das - was
ist alle mein Tun für Dich, gegen das, was Du für mich gelitten, gegen Dein
Schonen, Dein Dulden? Du hast doch kein einzigmahl über mich gemurret; nie einen
Augenblick Dich von mir abgewendet; - hieltest standhaft Deinen Blick auf mein
besseres Selbst geheftet; dachtest nie von ferne nur, dass ich die Bruder-Treue
verletzen, den Bund unserer Freundschaft brechen könne - Engel! - Und so muss es
gehen, wenn Liebe zu Freundschaft empor kommen soll. Lieben - bis zur
Leidenschaft, kann man jemand in der ersten Stunde, da man ihn kennen lernt,
aber Eines Freund werden - das ist ein ander Ding. Da muss man erst oft und lang
in dringende Angelegenheiten miteinander verwickelt sein, sich vielfältig
aneinander erproben, bis gegenseitig Wesen und Taten zu einem unauflöslichen
Gewebe sich in einander schlingen, und jene Anhänglichkeit an den ganzen
Menschen entsteht, die nach nichts mehr fragt, und von sich nicht weiss - weder
woher noch wohin.
    Du wirst mich verändert finden, lieber Biedertal. Soviel ich konnte hab'
ich Dir von allem, was mit mir vorgegangen, Rechenschaft gegeben; aber was ist's
mit dem Schreiben? Ich habe während der sechs Jahre, die wir von einander sind,
viele Erfahrungen gemacht. Von Eitelkeit wirst du wenig Spuren mehr an mir
finden. Ueberhaupt werd' ich Dir etwas kälter vorkommen. Ich denke anders, ich
bin anders gesinnt über verschiedene Dinge. Ueber den Menschen insbesondere
haben sich meine Ideen ziemlich festgesetzt, und ich habe teils einen viel
höhern, teils einen viel geringern Begriff von seiner Natur als ehemals. Es
kann nichts so Schönes, so Grosses gedichtet werden, das nicht in ihm läge, das
man auch nicht hie und da Himmelrein aus ihm hervorgehen sähe; nur ist er in all
seinem Tun - ach! so beschränkt, so endlich, so wandelbar. Und dann ist wieder
sein Vermögen dennoch zu gross, seine Spähre zu ausgebreitet, als dass er alle
seine Kräfte zugleich gegenwärtig haben, und alles, was er vermag, auf einmal
lebendig in sich darstellen könnte: darum nichts Ganzes, nichts durchaus
Bleibendes... Seitdem ich dies anschauend erkenne, bin ich viel gelassener, viel
stiller; ich hoffe weniger, und suche mehr zu geniessen. Da wäre ja wohl Gewinn!
- Aber ich kann es hierinn noch nicht weit genug mit mir bringen. Da bei mir
alles tiefer einzugehen und länger zu haften scheint, als bei andern, so muss
mein Herz auch mehr ahnden - und da kömmt dann unversehens wieder ein Wunsch -
eine Hoffnung zum Vorschein - die unterdrückt werden muss... So wandle ich immer
weiter ins Leben hinein; betroffen, immer stiller und leiser, und lächle beim
wiegenden Tritte mich an.
    Mein Brief ist lang geworden. Ich musste wohl schreiben! - Vor künftigem
Freitag kann ich nicht hier weg. Den 8ten März bin ich bei Dir; also in zehn
Tagen. - Wie ich mich nach Deinem Anblick sehne, nach Deiner Rede, nach Deinem
Kuss! Und doch zittr' ich vor dem Moment, da mein Auge Dich erreichen wird. O dass
ich gleich in Deinen Armen wäre, säh' und hörte schon nicht mehr! - Leb' wohl
Lieber! Ich schwebe in Deiner Gegenwart. - Leb' wohl.«
                                                                       Woldemar.
Da Biedertal diesen Brief hatte, stellte er ein Fest an. Er gab es auf dem
Lande; dort sollten seine Freunde mit ihm die ersten Verheissungen eines neuen
Frühlings empfangen. Es war aber schon mehr als Verheissung da. Sie giengen zu
Fusse hinaus. Die Sonne kam so warm und doch so sanft hernieder, dass man nicht
anders konnte, man musste gen Himmel schauen und sagen: o die liebe Sonne! Nach
dem Tore, wo ihr Weg hinausgieng, schwingt eine fruchtbare Ebene sich
allmählich hinab, und weit umher. Sie sahen da die frischgepflügte Erde vom
höchsten Braun bis zum falbesten Gelb mannichfaltig schattiert, und Felder wie
Smaragd, die sie durchstreiften; ein Gemische von Farben und Lichtern, so süss,
so zauberisch, dass ihnen die ganze Seele im entzückten Auge schwamm. Nur wie im
Traume wurden sie das lustige Zwitschern der Vögel gewähr - und dass schon der
Buchfink schlug - und das Wirbeln der Lerche den blauen Himmel hinan.
    Biedertal fühlte alle Augenblicke an seinen Brief in der Tasche, aber er
zog ihn erst hervor, nachdem sie auf seinem Gut angelangt waren, und sich
ausgeruht hatten. Niemand war von dieser Vorlesung so gerührt, wie Henriette.
Sie hatte Woldemars geheimstes Wesen aus diesem Briefe wunderbar geahndet.
Lieber Armer! seufzte sie innerlich; - komm nur, du sollst Pflege finden -
sollst finden, woran du verzweifelst - ein ganzes Herz, und das nichts verlangt,
als nur dem deinigen Ruhe zu geben. Die Tränen, die ihr zuweilen aus den Augen
flossen, ihre Farbe die sich öfter veränderte, und die Blässe, die endlich auf
ihrem Angesichte ruhen blieb, machte nach und nach jedweden aufmerksam auf sie.
Sie ward es inne; aber es machte sie im mindesten nicht verlegen: O, sagte sie,
indem sie von ihrem Sitz aufstand, mich verlangt sehr nach diesem Woldemar.
Biedertal ging auf sie zu, schloss sie in die Arme: »Liebe Henriette! wenn sie
noch einmal, wenn sie zum zweitenmahl meine Schwester würden!« - Das nicht,
erwiederte Henriette, - wie Sie es verstehen, nicht; aber meiner Clarenau gönnte
ich den Mann, und nur diesem Mann meine Clarenau - an mir soll er eine Schwester
finden; und glauben Sie mir, Biedertal, darum ist ihm mehr Not, als um eine
Geliebte.
    Woldemar traf am bestimmten Tage ein.
    Es geschah, was in dergleichen Fällen gewöhnlich zu geschehen pflegt; jeder
fand ihn anders als er sich ihn vorgestellt hatte; aber, was nicht so
gewöhnlich ist, alle waren nur desto mehr von seiner Gegenwart entzückt. Es war
in der Tat fast unmöglich, Woldemarn in seinen glücklichen Augenblicken zu
sehen, ohne bis zur Schwärmerei für ihn eingenommen zu werden. Seine
Gesichtsbildung, seine Gestalt, seine Geberden, sein ganzes Wesen, alles an ihm
würkte melodisch in einander, und stimmte zu einem ausserordentlichen Eindruck
zusammen. Sein Ansehn hatte etwas sehr hohes, aber hinterher auch etwas so gutes
und liebliches, etwas so entgegenkommendes, dass wer vor ihm stand bald voll
Sehnsucht wurde, ihn umarmen zu dürfen. Nach seinem Anstande hätte man die
feinste Hofsitte von ihm erwartet; aber er tat damit so schlechtweg, als wär's
die Zeit der Patriarchen. Die Eigenschaften eines liebenswürdigen
Gesellschafters besass er in einem hohen Grade.
    Diesen Vorzug zu erwerben, hatte ihn in der frühesten Jugend seine Eitelkeit
angespornt, und mehrmal eine gewisse ärgerliche Heftigkeit gegen allen
Widerstand: er wollte überall hin können; und da ihm seine Geburt den freien
Eintritt in die grosse Welt versagte, so war er bemüht, ihn durch Zaubermittel zu
erhalten. Alle Türen giengen ihm bald auf, und er brachte es so weit, dass man
sich um ihn riss. Nun floh er, und nahm einen tiefen Ekel an allem Flitterwesen
zur Beute mit sich davon. Von den Eigenschaften, die er damahls erworben, waren
ihm nur diejenigen geblieben, die sich in ganz einfache Natur hatten umsetzen
lassen. Da er jetzt nie etwas zum Schein war, so würkten seine Äusserungen desto
unwiderstehlicher; sein ganzes Wesen war voll Bedeutung und überall erweckend.
    Woldemar wurde die Seele der liebenswürdigen Familie, die ihn in ihre Arme
gezogen hatte.
    Einen so glücklichen Zustand als derjenige, worinn er dieselbe angetroffen,
durch seinen Beitrag noch zu erhöhen, musste ihm die süsseste Zufriedenheit geben;
nur war ihm das peinlich dabei, dass er spürte, er verminderte die Unabhängigkeit
dieser würdigen Menschen, indem er ihnen zu unentbehrlich werde, und er
fürchtete, bald in die Verlegenheit zu geraten, entweder sie öfters zu kränken,
oder seine eigene Freiheit aufopfern zu müssen. Aber Freiheit lässt sich nicht
aufopfern: es ist eine Sache, die nur im freiesten Tausch gewechselt werden
kann. Das wusste er, und darum war es seiner Zärtlichkeit unausstehlich, wenn
sich jemand um vieles mehr und stärker an ihn hieng, als er selber gegenseitig
tun konnte. Seine ganze, volle Liebe..... Ach! seufzte er wohl einmal in der
Stille, ach! ich fange Küsse aus allem was ich seh' in der Natur, sie füllen
meine Lippen, man muss sie darauf schweben, zittern sehn... aber wohin damit?
    So sorgfältig er war, allen falschen Erwartungen von sich vorzubeugen, so
konnte er es doch nicht genug sein. Sein Character war zu sehr ausser der
gemeinen Ordnung, die Leute mussten häufig an ihm irre werden. - »Ich habe Ihnen
ja von Anfang gesagt, dass ich so bin, und dass kein Bessern an mir ist« war seine
gewöhnliche Antwort auf die Vorwürfe, die man ihm machte; - »aber, erwiederte
man ihm, warum sind Sie so? wie mögen Sie nur so sein? - es lässt sich ja auf
keine Weise reimen!« - - hierauf pflegte er weiter nichts als ein freundliches,
Nachsichtflehendes Achselzucken zu geben. Sein Hauptverbrechen war, dass er zu
sehr für sich lebte, und hierinn seinem Sinne auf eine Weise folgte, welche die
Zärtlichkeit seines Herzens verdächtig machte.
    An einem Abend, da man ihn früh erwartet hatte, nachdem er seit vielen Tagen
nur ein paarmahl auf Augenblicke sichtbar geworden, und nun wieder spät noch
nicht angekommen war, wurden seine Freunde einer nach dem andern verdriesslich,
und es entstand ein allgemeines Murren. Henriette, welche nie in die Klagen über
Woldemar einstimmte, sondern ihn immer verteidigte, wurde traurig: - »Wir
werden so lange machen, sagte sie (mit einer Bewegung und in einem Ton, welche
man nicht an ihr gewohnt war) bis Woldemar unserer müde wird. Sein Witz, seine
zauberische Laune, sein vortrefliches Herz machen ihn uns wert, aber soll er
darum allein für uns leben? Und dennoch lebt er ja fast allein für uns - Er
gewiss vielmehr für uns, als wie für ihn! Oder vermag wohl einer hier, vermögen
wir alle zusammen soviel für sein Glück, als er für das unsrige? Und wie liebt
er uns nicht? Sagt, hat wohl einer von uns soviel wahre, ächte Freundschaft für
den andern, als Woldemar für jedweden von uns beweist? Freilich hangen wir an
ihm mehr, als er an uns hangen kann - aber ist dies seine Schuld? sind wir nicht
eben drum weit besser dran als er? - Wo hat er - nur seines Gleichen, nur einen
andern Woldemar; geschweige jemand, der ihm wäre, was Woldemar uns ist? So gönnt
ihm doch wenigstens, dass er in sich selbst, dass er im All der Schöpfung suche,
was wir ihm nicht zu geben im Stande sind.« - Indem trat Woldemar mit freudiger,
Liebevoller Eile ins Zimmer. Die Gesichter waren noch nicht in ihrer natürlichen
Lage. Henriette sprang auf, trat vor Woldemar, legte ihre beiden Hände auf seine
Schultern: - Ach! Woldemar, sagte sie, Sie sind so gut, so lieb; - fühlen Sie
das doch, wie lieb Sie sind - und haben Sie Geduld.
    Henriette war öfter mit Woldemar als die übrigen der Familie, wegen ihres
vertrauten Umganges mit Allwina. Woldemar fand grosses Behagen in der
Gesellschaft dieser Allwina - und ihrer Tanten, welche beide Personen von
Verstande und sehr vorzüglichen Eigenschaften waren; besonders hatte die jüngere
(noch keine funfzig Jahr alt) eine Lebhaftigkeit, eine Schnelligkeit des
Geistes, die zu Woldemars Laune ausnehmend stimmte. Da fand ihn denn Henriette
oft bei ihnen sitzen; und weil Henriette kam, lief Woldemar eben nicht weg.
Manchmahl blieb er dann unvermerkt ganze Nachmittage und bis in die Nacht,
schwazte, las vor, machte Musik mit den beiden Mädchen, zeichnete mit ihnen,
liess sich so hingehen, in immer wärmerer Neigung, zu allerhand Mitteilungen;
und ihm war sehr wohl dabei; den Mädchen, sicher, nicht weniger. Wenn es ihm
aber einfiel, sie unversehens zu verlassen, so war darüber auch weiter keine
Frage. Dies begegnete ihm wohl mitten im feurigsten Anschlage, oder wenn sie
würklich schon im besten Wesen drinnen waren. - »Da läuft er nun fort!« - Dies
war das ärgste, was je die lieben Geschöpfe sagten; und sie sahen dabei so von
Grund der Seele gut und freundlich aus, dass Woldemar es sich schwer aus dem
Sinne schlagen konnte, und manchmahl, wenn er kaum auf seinem Zimmer war, wieder
herunter zu ihnen musste; aber dann litt Henriette schlechterdings nicht, dass er
angenommen wurde. - »Er solle nicht so wankelmütig sein, sagte sie zu ihm, das
zieme keinem Manne; sie - oder Allwina, oder die Tanten - sie hätten jetzt etwas
vorgenommen, dass sie um nichts fahren liessen, und wobei seine Gegenwart sie
störe;« - und damit die Tür auf, und fort mit Woldemar! zuweilen tat er
hartnäckig: das half zu nichts; er musste abziehen. - War es aber dass sie merkte,
er habe würklich seinen Sinn geändert, und es sei ihm frei darum zu tun, wieder
zugelassen zu werden, so wusste sie den Streit so zu lenken, dass er zuletzt die
Oberhand behielt. Er musste gestehen, dass er ein Kindskopf sei, und dann kriegte
er seinen Willen.
    Allwina hatte nie vorher das Leben so schön gefunden, und sie sagte gerad
heraus, dass nach Henrietten Woldemar ihr lieber als Alles sei. Es war ihr ganz
neu und von ungemeinem Behagen, mit einem Mann umzugehen, der sie lebhaft
interessierte, ohne sie in irgend eine Art von Verlegenheit zu setzen. - Ja,
sagte er, wenn aber auch Woldemar so albern gegen einen täte, wie die andern
Herren, so merkte man gleich, dass er einen nur zum Besten hätte, und man könnte
ihn nicht ausstehen. Auf Ansprüche an ihn dachte sie so wenig, dass er vielmehr
durch den Vorzug, den er gleich von Anfang Henrietten gegeben, bei ihr
hauptsächlich in Ansehen gekommen war. - »Du musst den lieben Menschen heiraten,
sagte sie zu ihrer Freundinn; ich schenk' ihm mein halbes Vermögen, sobald ich
Meister darüber bin, und wohne bei euch; das übrige kriegen eure Kinder, denn
ich heirate gewiss nie.« - Henriette lächelte: - »Du guter Narr!« - und küsste
den Engel: - »Lass mich nur gehen; ich habe etwas anders vor; aber beisammen
wollen wir dennoch bleiben.«
    Henriette hatte nicht jene funkelnde, sprühende Empfindsamkeit, jene
röstende Wärme, wobei das Herz so schwer in Friede bleiben kann, und die nur ein
sehr zweideutiges Merkmahl von seiner Vortreflichkeit ist. Das ihrige war so
glücklich gebildet, dass es die Unterstützungen der Sinne und Einbildung
gewissermassen entbehren - das es seine Verrichtungen allein bestehen konnte, und
genug hatte an seinen eigenen lautersten Gefühlen. Wenige Menschen wissen, was
das für eine Stille und Stetigkeit in die Seele bringt, wenn man vor allen
andern die eigentlichen Gefühle des Herzens zu schärfen weiss; wie sehr das
allein schon heitert, wenn kräftigere Regungen den Meutereien der Eitelkeit ein
Ende machen. Henriette konnte das wissen, und das machte das Mädchen so milde,
und liess ihren muntern Geist so hell, so wunderbar fassend werden. Woldemar der
nach und nach sie erforschte, fühlte mit Entzücken, was ihm das Schicksal in ihr
darbot. Ihr Einverständnis wurde von Tag zu Tage leiser und inniger. Henriette,
die zu ihrem eigensten Dasein bisher nicht hatte gelangen können, erhielt es in
dem Anschauen eines Mannes, der durchaus selbstständig war, und ihren besten
Ideen und Empfindungen - den einsamen, verschlossenen - Ausflucht, lebendige
Kraft und unüberwindliche Gewissheit erteilte.
    Wessen Seele je mit himmlischer Liebe befruchtet gewesen, und der gefühlt
hat in seinem Inwendigen das unsägliche Weben, das mit dem Aufkeimen des
herrlichen Saamens beginnt, und zunimmt mit seinem Gedeien zu Freundschaft, der
wird von der Wonne, welche Henriette und Woldemar in diesem Zeitpunkt erfuhren,
keine Beschreibung erwarten.
    Freund und Freundinn kamen nie zusammen, dass sie nicht an irgend einem
Ereignis sich noch genauer erkannten, irgend eine Erwartung, die sie von
einander geschöpft, sich erfüllen sahen, und dann Empfindung die Stätte einnahm,
welche Ahndung bereitet hatte. Dass die Begebenheiten oft, an sich, zu den
unerheblichsten gehörten, benahm ihrem Eindrucke nichts. So waren sie einst mit
ihren Geschwistern auf ein nahe gelegenes Jagdhaus gefahren, wo ein künstliches
Reiten von Engelländern zu sehen war. Das schöne Wetter hatte eine Menge Leute
hinausgelockt. Die meisten von denen, welche in Wagen gekommen waren, wollten
den Rückweg lieber zu Fusse machen. Woldemar, der seine Freundinn führte, sah,
als sie zwischen die Tore kamen, ohngefähr dreissig Schritte vor ihnen ein
kleines Mädchen mit einem Gemüss-Korbe auf dem Kopf, das einem Phaeton ausweichen
wollte, und darüber seine Bürde fallen liess. Er und Henriette hemmten zugleich
den Schritt. Unterdessen das arme Ding seine Sachen wieder in den Korb packte,
kam ein kleiner Bube mit einem schweren Bündel Holz beladen, der vermutlich ihr
Bruder war. Sie rief ihn an, dass er ihr hülfe. Der Bube warf auf die Mauer vom
Glacis zürnend sein Bündel ab und griff den Korb an. Da er aber noch kleiner als
das Mädchen war, und beide zu wenig Stärke hatten, so schwankte ihnen der Korb
auf die Seite, und alles was drin war lag von neuem auf dem Boden. Von den
vorübergehenden lachten die Geringen über den Spas, und die Vornehmen lächelten
oder schielten gravitätisch hin und wieder weg. Woldemar liess Henriettens Arm. -
»Machen Sie sich so lange zu Dorenburg,« sagte er, und sprang hinzu. Aber
Henriette sprang mit. Sie packten gemeinschaftlich das Gemüs wieder in den Korb,
und wollten ihn eben dem Mädchen aufsetzen, als zwei Soldaten von der Wache
herbei gelaufen waren, die es ihnen gar freundlich wehreten. - »Das freut mich,
sagte Henriette beim Weggehn, und indem sie noch einmal umguckte, dass die
Soldaten uns gesehn haben; wenn nun einmal wieder ein armer Tropf da in Not
kömmt, so lassen sie ihn schwerlich so lange zappeln.« - Und erzählen auch ihren
Cameraden wohl noch die Geschichte, fügte Woldemar hinzu ... Indessen ... Aber
haben Sie bemerkt, was da gleich für ein Trupp Menschen um uns stand? - »Ich gab
nicht Achtung, erwiederte Henriette. Die glaubten wohl, es gäbe da ein grosses
sehenswürdiges Unglück zum Besten!« - Nichts anders, antwortete Woldemar. Wenn
ich so denke, fuhr er fort, - es ist doch wunderbar, wie die Leute in ihrem
Fratzenwesen sich so verlieren können, dass sie zu nichts natürlichem mehr den
Weg finden, und ihnen immer am verkehrtesten dünkt, was es am wenigsten ist. Da
war doch keiner, der sich nicht für Schande gefürchtet hätte, wenn er durch eine
Handreichung dem Gequäle der armen Kinder ein Ende gemacht hätte, und nun, da
wir es drauf wagten, nun werden sie es uns zur Eitelkeit auslegen. - »Zur
Eitelkeit?« stutzte Henriette. - - Ja, sagte Woldemar, sie werden es für Liebe
des Sonderbaren halten, für Hochmut - was weiss ich? - allemahl für Fratze. -
»Eben fällt mir ein, unterbrach ihn Henriette, dass Sie zu mir sagten: machen Sie
sich so lange zu Dorenburg! - Wie, wenn ich's getan hätte?« - Es wäre nie mir
eingefallen, Sie deswegen zu tadeln, antwortete Woldemar, Sie sind ein Mädchen,
Sie haben gerad einen Putz an, der Sie vorzüglich ins Auge stellt; ich hatte
Ihre Hülfe nicht nötig, und also konnten Sie umhin, sich dem Begaffen
auszusetzen und die Sache abenteuerlicher zu machen. - »Und also tadeln Sie
mich, dass ich mit ging? - Sie haben Recht! Schwerlich hätte ich es auch getan,
wenn ich mich erst besonnen hätte; aber ich hieng so an Ihrem Arm, sah nur auf
das Mädchen und den Buben, und dachte nur darauf, was Woldemar tun würde: und
wie der ging, ging's eben hinten drein mit mir, ich weiss nicht wie; - und was
solls denn auch?« - Engel! sagte Woldemar, und wendete sich auf Henriettens
rechte Seite, und drückte ihren Arm fest an sein Herz; - Engel! und er bebte
davon wie er's leiser noch einmal aussprach, und sein Angesicht schwand. -
»Woldemar! sagte Henriette; Woldemar! was ist? was bewegt Sie so seltsam?« - und
doch war sie selbst bis zu Tränen gerührt. - Was mich bewegt? erwiederte
Woldemar. Beste! - es ist nicht von heute, nicht eben von jetzt: es ist, Gott
Lob! schon von lange: aber bei jedem neuen Vorfalle durchdringt's mich
gewaltiger, und alles wieder, und alles auf einmal! - Liebe! - das: dass du da
bist - würklich da - dass ich Dich endlich habe - ein Wesen, dessen Herz, wie das
meinige, sich von jedem Moment der Schöpfung ganz erfüllen lässt - dass sich nicht
scheut allein zu tun, was unter tausenden keins möchte und auch keins dürfte -
das eine Tat, die in tausend Fällen nicht schön und nicht gut wäre, in dem
Einzigen, wo sie schön und gut ist, schnell dafür erkennt und da mutig sie
ausübt - das immer nur seinen eigensten Willen tut, und doch, mit hellem Blick
gen Himmel, sagen darf: »Vater, deinen Willen!« - - O du Eine! Du Meine!
    Es dauerte keine zwei Jahre, da waren beide Seelen so ganz von einander
durchwittert, waren miteinander in so geheime durchgängige Befassung geraten,
dass sie nie in etwas sich missverstanden. Woldemar erlaubte sich nun gegen seine
Freundinn nicht die kleinste Zurückhaltung mehr; er wollte nicht höher bei ihr
gelten als seinen innerlichen Wert; und da sie ihn so gut zu fassen im Stande
war, als er nur selber mochte; so sah er keinen Grund ihr irgend etwas zu
verheelen. Sie durfte so leise in sein Zimmer treten als sie Lust hatte, und bei
jedem Geschäfte ihm über die Achsel gucken. Wenn er verreist war, erbrach sie
alle Briefe, ohne Ausnahme, die an ihn kamen, und beantwortete viele davon, auch
die von dem vertrautesten Inhalt, an ihres Freundes Statt.
    Woldemar fühlte sich wie neugebohren; alle Menschen waren ihm lieber, und er
war es allen Menschen und sich selbst. Es konnte nicht fehlen, nachdem er
einmal in Ein Geschöpf ein unumschränktes Vertrauen gesetzt hatte, dass die
ganze Gattung dabei gewinnen musste. Wie viel mehr seine näheren Bekannten und
Freunde! Jedermann priess die Veränderung die man an ihm wahrnahm; dass er so
merklich offener, mitteilender, duldsamer, gleichmütiger und geselliger
geworden sei; dass man jetzt so viel mehr als sonst von ihm habe. - Es war ihm
eben durch und durch wohl; und der Zufriedene - wie leicht dem nicht jedes
Opfer? - er hat soviel zu missen!
    Unterdessen aber hatte man auch allgemach in der Familie gelernt Woldemaren
besser zu verstehen; und das war grösstenteils Henriettens Werk. Sie wusste so
einnehmend zu erzählen, wie bei den Clarenaus mit Woldemar umgegangen wurde, dass
dadurch unvermerkt bei den Zuhörern den Reiz zur Nachahmung entstand, und die
Grillen des Menschen ein Ansehen von Liebenswürdigkeit, manchmahl gar von
Erhabenheit bekamen. Es lässt sich nicht sagen was für einen leichten,
nachlässigen und muntern Ton sie dabei hatte; den hatte sie aber vorzüglich, wenn
sie auf besondre Entwicklungen von Woldemars Character kam, oder seine
Vortreflichkeit darstellte; das immer nur von ohngefähr, oder doch - wie von
ohngefähr geschah; man war im höchsten Entusiasmus, und wusste es nicht;
wenigstens konnte man Henrietten nicht Schuld geben, dass sie einen angesteckt
habe; so frei, so unbefangen schien sie dabei, und so rein und schlecht gab
sie's hin. Die Unarten ihres Freundes war sie geständig, und sie neckte ihn bei
jeder Gelegenheit damit. Dies mochte sie mit dem schärfesten Witz tun, Woldemar
wurde nie böse, sondern er hatte eine wahre, herzliche Freude darüber; nur
zuweilen wenn sie ihn an einer Seite traf, die er selbst noch nie so recht
wahrgenommen hatte, wurde er ernstaft und brach dann auf die herbeste Weise und
manchmahl mit ungemeiner Hitze wider sich selber aus; aber ihre Laune wusste
dieses Feuer noch geschwinder zu löschen, als sie es angefacht hatte. Auch in
jedem andern Fall, wenn Woldemars Entusiasmus in Schwärmerei ausarten wollte,
war sie gleich da, um ihn beim Ermel zu zupfen. Sie konnte seinen Ideen und
Empfindungen in ihrem höchsten Schwunge nach; und Er war nicht weniger
aufgelegt, ihre feinsten Bemerkungen und scharfsinnigsten Raisonnements in ihrem
ganzen Umfange zu erwägen, und sie für das was sie waren, bei sich gelten zu
lassen. Daher die herzlichste Gattung von Uebereinstimmung unter ihnen, jenes
Gleichgewicht - jenes Zusammenfliessen in Glauben - oder in Zweifel - jenes - wo
man die Gegenwart des Freundes so lebhaft fühlt, und mit einer Rührung ihn
umschlingt, die nichts anders so erwecken kann.
    Biedertal hatte das Verlangen nie los werden können, seinen Bruder mit
Henrietten vermählt zu sehen. Er sprach oft davon mit seiner Luise und mit
Dorenburg; aber sie sahen mit einander keine Möglichkeit dazu, weil der alte
Hornich Woldemaren bis zum Abscheu hasste. Aus Scheu vor seiner Tochter, die ihm
öfter darüber Vorstellungen getan, mässigte er sich zwar: aber seine Gesinnungen
blieben darum nicht weniger wie sie waren, und das offenbar genug. Nun begab es
sich, dass der Alte, der lange mit der Wassersucht bedrohet gewesen, sichtbar
sich seinem Ende nahete, und nun konnte der gute Biedertal sich nicht länger
halten. An einem Abend, da sie bei Dorenburgen sehr vergnügt zusammen bei Tische
sassen, und Henriette unversehens ihres Vaters wegen abgerufen wurde, brach
Biedertal, so wie sie zur Tür hinaus war, los: »Bald lieber Woldemar, bald,
wird deine Not ein Ende haben! Du glaubst nicht, wie mirs beständig nachgeht;
meine Frau, Dorenburg und Caroline könnens bezeugen.« - Woldemar verstand nicht
gleich; - »Was für eine Not?« - Biedertal lächelte, Luise, Dorenburg und
Caroline mit. - »Nein, in Wahrheit! - Ich, in Not?« - Doch musste er anfangen
und mitlächeln - - Endlich begriff er, fuhr zusammen und fieng laut zu lachen
an: »Meine Not!« rief er, und konnte kaum für Lachen, - warf die Serviette hin,
sprang vom Stuhl auf und lief zu Biedertalen, dem er um den Hals fiel: - »meine
Not! du guter Biedertal, meine Not!« und küsste und lachte; und lachte endlich
so herzlich in einem fort, dass sie alle mechanisch einfallen, und lange warten
mussten, bis sie erfuhren, warum das Gelächter. - »Bester! sagte Woldemar endlich
zu Biedertalen, deut mir das nicht unrecht, dass ich deiner zärtlichen,
brüderlichen Aufwallung so ungereimt begegnete; du kamst mir zu unerwartet;
gleich verstand ich dich nicht, und da ich dich verstand, machte der Ausdruck,
dessen du dich bedient hattest, mir den Contrast meines würklichen Zustandes mit
dem deiner Einbildung so auffallend, und stellte mir die Sache in ein so
comisches Licht, dass ich durchaus mir Luft schaffen musste. - - Sieh, Lieber,
fuhr er sehr ernstaft fort, ich bin mir nicht bewusst, je nur inne geworden zu
sein, dass Henriette zu dem andern Geschlecht gehört, geschweige dass ich eine
Leidenschaft für sie empfunden hätte, oder noch empfände. Dies hab' ich auch
genug zu erkennen gegeben, und daher kam mir der Einfall, Henrietten manchmahl
Bruder Heinrich zu nennen, wie ihr tausendmahl gehört habt.« - Aber, sagte
Dorenburg, Sie waren doch so aufmerksam auf Henriettens Gestalt; und das, auf
eine so eigene Art. Was andere daran auszusetzen fanden, das konnten Sie nicht
sehen, ja Sie wussten es als Schönheiten auszulegen, und behaupteten die Sache,
wenn man ihrem Gefühl widersprach, mit einem Eifer, mit einer Begeistrung...
»Das will alles nichts bedeuten, unterbrach ihn Woldemar, wenigstens in
Beziehung auf mich, dessen Auge für Schönheiten so offen, und für Mängel neben
ihnen - so blind ist. Gestalt heisst überhaupt sehr viel bei mir, und was die von
Henrietten vortrefliches ausdrückt, musste, seiner eigenen Natur nach, eine
Würkung auf mich machen, welche so leicht nicht verringert, wohl aber sehr
erhöhet werden konnte; Leidenschaft aber, ich wiederhol' es, hat sie keinen
Augenblick in mir erregt.« - Nun! fiel Biedertal lachend ein, Du auf einmal so
platonisch, was Dir sonst beinah ein Gräuel war! Du, Woldemar, Du, Du! - und das
mir vor Angesicht? - »Ich bitte Dich! sagte Woldemar, lass uns abbrechen!... Wo
ist hier von platonischer Liebe die Rede? - Was bei uns diesen Nahmen führt,
verhöhn' ich, wie immer. Auch bin ich mir sehr wohl bewusst, dass
Klosterheiligkeit nie meine Sache war; Cynismus aber, oder Faunische
Ausgelassenheit - noch viel weniger: und allemahl blieben diese Lippen doch nur
der Freundschaft und Liebe geweiht, kein schnöder Kuss hat sie jemahls befleckt,
und nie hat dies Herz an einem feilen Busen geschlagen. Mit ehrbaren Weibern und
Mädchen mutwillig Liebeshändel anzuspinnen, oder viel mit ihnen zu tändeln, war
auch nicht meine Art. Just weil meine Sinne äusserst reizbar sind, und ich mich
schwer zu mässigen weiss, fühlte ich geschwinde das unbehagliche, zerstreuende,
schwächende, verwüstende, das mit dergleichen verknüpft ist, und da bemühte ich
mich meiner Einbildungskraft Meister zu werden, und kam bald so weit, dass ich
mit den schönsten Weibern vertraut umgehen konnte, ohne im mindesten dabei meine
Ruhe zu verlieren. In Wahrheit mein Freund, das ist nicht so schwer als
verdorbene Menschen uns überreden wollen; denn selbst derjenige mächtige Reitz
der Schönheit, welcher Leidenschaft erweckt, kann bei einer reinen Einbildung
die Seele wie lang entzücken, ehe sich Begierden merken lassen.« - »Einen
Augenblick! rief Biedertal - alles zugegeben; wenn aber dies letzte nun gerade
dein Fall wäre?« - Um Gottes willen, erwiederte Woldemar, ich bin doch kein
Knabe mehr! ich habe ja alle Kasereien der Liebe bestanden; und ich sollte nun
selbst nicht wissen, ob ich eine Leidenschaft im Busen trage? Wäre je der Wunsch
in meine Seele gekommen, Henrietten zu besitzen, ich hätte sicher nicht darauf
geharret, dass unser guter Hornich wassersüchtig würde: soviel kennt ihr mich
doch alle? - »Freilich, antwortete Biedertal - aber du bist ein so wunderbarer
Mann; du hast dich schon oft so unbegreiflich getäuscht... wenn du abermahl dich
hintergiengest, dich verwickeltest - wenn ich dich wieder unglücklich sehen
müsste! - Woldemar! -« Ein tiefer Seufzer brach ihm das Wort im Munde, und er sass
da - das rührendste Bild zärtlicher Sorge und ächter Lieb und Treue. Ueber
Woldemaren hatte sich mit Biedertals Rede eine Flut von Ideen und Empfindungen
ergossen, so dass ihn der Anblick seines Bruders mit zehnfacher Gewalt
erschütterte. Er wollte sprechen, seine Lippen öfneten sich - aber ihre Bewegung
war nicht zu Worten. Auf einmal traten ihm die Tränen in die Augen. Er beugte
sich über den Tisch, und reichte Biedertalen die Hand - und auf den Arm sank
sein nasses Gesicht. - Alles war stumm und still. -
    Nun sahen die Brüder sich einander wieder an - nun öfneten sich wider ihre
Lippen - aber nicht zu Worten - nur zum Hauch der Liebe.
    Endlich stand Woldemar auf, und nachdem er einigemahl im Zimmer auf und
niedergegangen war, trat er zu Biedertalen, fasste ihn herzlich bei der Hand: -
»Sei ruhig, Bester! sagte er zu ihm; ich bitte dich, sei ruhig! Ich schwöre dir
in diesem feierlichen Moment, dass ich für Henrietten nichts anders, als die
reinste, heiligste Freundschaft empfinde; und alle Kenner des menschlichen
Herzens sind darüber einig, dass Freundschaft nie in die Leidenschaft der Liebe
ausarten kann. Warum soll ich durchaus Henrietten lieben? und da ich sie nicht
liebe, warum sollt' ich mich mit ihr vermählen? Ich verlöre dabei unendlich
mehr, als ich gewönne. Das holde trefliche Geschöpf scheint ausdrücklich
gebildet zu dem freien Verhältnis, das jetzt zwischen ihr und mir besteht. Zu
ihren Kenntnissen und Talenten hat sie noch alles erworben, was sie brauchte, um
ganz meine Gefährtinn zu sein; und meine Gefährtinn soll sie bleiben, soll nie
meine Gattinn werden. Ich zittre vor dem blossen Gedanken ein so herrliches
Verhältnis der Gefahr einer Verwandlung auszusetzen, wär' es auch nur der
unbedeutendsten. - Gott! diesen unschätzbaren Besitz - was schon würklich da
ist, und über alles ist, freiwillig zu zerstören - die höchste Glückseligkeit,
die ich mir gedenken kann: - ich verdiente die Hölle! - Und ist es nicht für uns
alle besser - am meisten für das liebe Mädchen selbst, dass sie ungefesselt wie
bisher unter uns wandle; gleich einer Gotteit, Freude und Seegen allentalben
verteile?...«
    Woldemar wurde gefragt: ob er denn entschlossen sei nie zu heiraten? - Ob
Henriette Willens sei immer ledig zu bleiben? - Nach letzterem hatte er nie
geforschet; über das erstere erklärte er sich zweifelhaft. So schieden sie
auseinander.
    Henriette erfuhr diese Unterredung am folgenden Morgen von ihren Schwestern.
Ueber Biedertals Anrede errötete sie; und dass Woldemar ein so unmässiges
Gelächter aufgeschlagen, machte sie stutzig. Nie war in ihre Seele der Argwohn
gekommen, dass über ihre Freundschaft mit Woldemaren ein unrichtiger Gedanke
unmöglich sei: - ein Gemische von Unwillen und Schmerz bewegte ihr Inwendiges: -
und Woldemar - hatte nur gelacht! Doch fand sie dies am Ende ganz natürlich,
ganz an seinem Platz, und verwies sich ihre Befremdung. Aber lebhaft fühlte sie
in diesem Augenblick den Unterschied - zwischen Mädchen und Mann.
    Ihre Schwestern, denen die kleine Verwirrung, worein Henriette geraten,
nicht entgangen war, machten ihre eigene Auslegungen darüber. Henriette liess sie
nicht lange in Irrtum; sie erklärte einerlei mit Woldemar, und tat es noch
bündiger als er, und durchaus bestimmter. - »Du bist also wohl fest entschlossen
nie zu heiraten,« sagte Caroline. - Man kann nicht fester, erwiederte
Henriette. - »Und Woldemar auch wird nie heiraten?« - Woldemar wird heiraten,
und du sollst sehen, er heiratet bald. - Ich bitte dich, Henriette, (fiel Luise
ein) - aber du musst nicht ärgerlich werden - als Woldemar erst zu uns gekommen
war.... »Schon genug! unterbrach Henriette. - Ich verlange das nicht zu läugnen,
dass Woldemar Eindrücke auf mich gemacht hatte, wovon ich damahls glaubte, dass
Leidenschaft sie leicht zu Leidenschaft würde beleben können. Woldemar kannte
sein Herz besser; und ich - habe seitdem auch das meinige kennen gelernt.
Nunmehr, nach der innigen Freundschaft, die unter uns entstanden ist, kann ich
mir Woldemaren gar nicht mehr als Liebhaber nur gedenken. Ich bin gewiss, dass ihm
in Absicht meiner nicht anders zu Mute ist. Aber den Fall gesetzt, es wäre
möglich, dass Woldemar nun auf einmal in Liebe gegen mich entflammte - sieh! es
würde dies eine Würkung auf mich machen, wovor meine Einbildung sich entsetzt -
es wäre das unglücklichste, das abscheulichste, was mir begegnen könnte. Gut,
dass ich eher des Himmels Einsturz zu befahren habe!«
    An demselbigen Tage, gegen Abend, ging Woldemar zu Henrietten, um ihr den
Auftritt bei Dorenburgen zu erzählen. »Ich weiss schon alles, unterbrach sie ihn,
da er anfangen wollte; Sie sollen heiraten, das steht Ihnen nicht an: aber hör,
Brüderchen, du musst! du musst, oder es taugt nicht.« - Wenn ich muss; nun in
Gottes Namen, Bruder Heinrich! - »Deine Hand drauf!« - Woldemar zuckte.
Henriette lächelte: »Nun!« - Henriette! Schwester! muss ich fragen, ob das dein
Ernst ist? - »Mein Ernst! Was?« - Ach! rief Woldemar unwillig. - »Sachte,
sachte! gab Henriette; ich habe Ihr Wort, und darauf fordre ich Ihre Hand; her,
lieber Woldemar, her Ihre Hand - für: Allwina Clarenau!« - Ey! sagte Woldemar,
das ist ja abermahl etwas neues! - »Etwas Neues? Nichts weniger! Ich hatte Ihnen
meine Freundinn bestimmt, noch ehe Sie bei uns waren. Diese Idee ist mir von
Tage zu Tage lieber geworden, und ich hätte sie Ihnen längst entdeckt, wenn
nicht die Gewalt, welche Allwinens Vater dem meinigen über das Schicksal des
guten Kindes gelassen, der Erfüllung meines Wunsches bisher im Wege gewesen
wäre. Auf der ganzen Welt ist so kein Mädchen für Sie wie unsere Clarenau?« -
Allwina ist ein liebes herrliches Geschöpf, sagte Woldemar, aber um des Himmels
willen, warum soll ich denn durchaus eine Frau haben? - Henriette zuckte
mitleidig die Achseln: »Wunderlicher Mensch! - um desto glücklicher zu sein;
auch um mich desto glücklicher zu machen.« - Sie heiraten dann wohl auch? -
»Wie mögen Sie nur so albern tun, Woldemar? Mit mir, mit Ihrer Henriette
dergleichen - ja Complimente? Als wenn nicht der Unterschied in die Augen fiele?
Mich verlören Sie beinah' ganz, wenn ich meinen Stand änderte; Sie, im
Gegenteil, bringen mich um nichts, wenn Allwina Ihre Gattinn wird; vielmehr
gewinn ich unendlich: muss ich Ihnen etwa das der Länge nach auseinandersetzen? -
Hiezu kömmt noch, dass ich nach meines Vaters Tode, bei Euch am liebsten meine
Wohnung aufschlüge. -«
    Woldemar umarmte seine Freundinn. - Aber, sagte er, ich fühle keine
Leidenschaft für Allwina; sie - keine für mich, und ich kann nicht begreifen...
»Halten Sie inne, Woldemar, sagte Henriette; Sie würden mich zum erstenmahl in
Ihrem Leben ungeduldig machen. - Haben Sie nicht no comma? gesagt, dass Sie nie
aus Leidenschaft heiraten möchten? - Haben Sie nicht no comma? gesagt, Sie
würden nie von einem Mädchen Leidenschaft verlangen; man dürfe diese von keinem
Mädchen erwarten, das ein ächtes Kind der Natur sei; denn Mutter Natur habe das
Weib nur zu Einer Leidenschaft angewiesen - zur Leidenschaft für die Kinder;
Mutterherz sei sein wahres, eigentliches Wesen. Wo ein Weib - sagten Sie - die
Leidenschaft der Liebe gleich uns Männern zu empfinden scheint, da wird fast
immer etwas unlauteres, verkehrtes zum Grunde liegen. Nicht ein herrschender,
unmittelbarer Trieb, sondern Leichtsinn, Eitelkeit, schnödes Gelüst reisst es
hin. Und darum - fügten Sie hinzu - ist ein ungetreues, buhlerisches Weib mit
Recht für das niederträchtigste aller Wesen zu halten«... Also, mein Freund,
wäre das, was sie eben vorzubringen gedachten, wohl nur eine Ausflucht gewesen;
und was haben Sie Ausflüchte nötig? Sie sind in Verlegenheit, ich seh' es - das
kränkt mich eben. Ueber meinen Antrag zu stutzen, war natürlich, wie sie ihn
aber von sich weisen - darin ist.... »Nicht wahr, sagte Woldemar - darin ist
Verstellung? Liebe Henriette, ich will Ihnen meines Herzens Gedanken sagen:
Allwina Clarenau ist allerdings ein sehr reitzendes Geschöpf in meinen Augen;
wohl ist mir auch einmal durch den Kopf geflogen: Das wäre gerade eine Frau für
dich! und vielleicht wäre der Gedanke öfter wiedergekommen, und hätte nach und
nach mehrern Raum gewonnen, wäre nicht das schöne innige Verhältnis mit Ihnen
gewesen. So aber mochte ich mir nicht einfallen lassen zu heiraten, weil ich
mir nicht wollte einfallen lassen, dass Sie heiraten könnten. Und dann: ich
fühlte mich so glücklich in meiner gegenwärtigen Lage, - liebe Henriette, so
weit über alle meine Hoffnung glücklich, dass ich mich der Sünde fürchtete noch
glücklicher werden zu wollen. - Henriette reichte ihm ihre Hand, zog dann die
seinige sanft ihren Lippen entgegen, die sie darauf gedruckt hielt, während er
fortfuhr: Noch glücklicher? (Er hatte seine linke auf ihren Schoos gelegt und
sacht' ihre Wange geküsst,) sag', Liebe, wär es nicht Frevel? - Und Frevel auch
von dir, deiner Freundinn einen Mann anzuraten, der doch an dir allein,
obgleich nur in Freundschaft, aber doch an dir allein nur mit ganzer Seele
hängt? - Nein; lass, lass! - ich bitte dich, Engel, lass! -« Woldemar! - sagte
Henriette, indem sie sich aufrichtete und mit dem süssesten Blick ihn fasste -
Woldemar! Lieber! - nur ein bisschen Besinnung! - Für so gering wollten Sie Ihre
Seele geben, dass ihre Kraft an einem einzigen Gefühl erschöpft wäre, das nicht
einmal Leidenschaft ist? Sehen Sie nicht, was für eine Schmach Sie auf unsere
Freundschaft legen; was für ein läppisches, ärgerliches Ding Sie daraus machen,
sobald dieselbe Sie hindert, dass Sie nicht alles sein können, wozu Sie von der
Natur den eigentlichsten Beruf haben? Sagen Sie nicht, das lasse sich gegen mich
selbst zurückwenden. Sie wissen was ich seit Jahren beschlossen hatte, und mit
bestem Grunde. Ueberhaupt ist mit einem Mädchen der Fall durchaus anders. In
meiner Lage nun gar, die so voll herzlicher Geschäftigkeit, so voll wahres
Lebens und Genusses ist, dass ich schwerlich zu weit gehe, wenn ich meine
Bestimmung für so schön und gut und vollkommen achte, als irgend Eine. Und dann:
so und nicht anders war nun schlechterdings einmal meine Bestimmung; auf der
Bahn, die mir mein Schicksal geöfnet, bin ich gerad und einfältig hingegangen;
Ort und Stelle, wo ich mich befinde, sind unfehlbar die rechten; ich kann sie
eben so wenig ändern, als ich mag.... Genug hievon - und genug überhaupt; denn
wenn Ihre Freundschaft für mich das ist, wofür ich sie immer gehalten (und das
muss sie sein, oder es ist Grillenfängerei damit) so kann niemanden dadurch etwas
genommen werden, am mindesten dereinst Ihrer Gattinn, wer sie auch sei. Allwina,
die bisher so merklich dabei gewonnen hat; die selber mich bis zur Ausschweifung
liebt; wie könnte sie dabei verlieren? Allwina hat von je her ihren eigenen
Anteil an Ihrem Herzen gehabt, einen so eigenen vielleicht, als immer ich, und
gewiss einen unmittelbareren. Die Lieblichkeit des Mädchens, seine wunderbare
Unschuld, aus der es einem so hell entgegen strahlt, dass sie unverführbar ist,
wie die Unschuld eines Engels; seine frohe Laune, mehr wert, als aller Witz;
seine Arglosigkeit, Genügsamkeit, Eitellosigkeit... Wie waren Sie nicht
tausendmahl davon entzückt, und sind es alle Tage noch? - Und, Woldemar - die
Schönheit des holden Kindes? - Oder ist Allwina etwa nicht schön - (Woldemar
musste lächeln) - und auch etwa nicht jung? - Doch ist sie sieben Jahre jünger
als ich, kaum über neunzehn. Gewiss, lieber Woldemar, es ist kein geringes
Wunder, dass Sie neben Allwina Zeit behielten, mich Ihre Freundinn werden zu
lassen. Wären Sie nicht der seltsame Mann, mit einem Kopf, der Ihnen wenigstens
eben so viel zu schaffen macht, als Ihr Herz, und der mit diesem ganz ähnliche
Bedürfnisse hat: es wäre nie geschehen - und desto schlimmer für Allwina. Wie
vieles in Woldemar, das ohne mich, nie an Allwina gelangt wäre! - Nicht weiter
Henriette! rief Woldemar; ich verstehe, ich fühle alles, aber ich bin betäubt.
Wenn der Engel mir bestimmt ist, ich will ihn nicht von mir weisen. Lassen Sie
mir Zeit.
    Es war im Merz, da diese Unterredung vorfiel. Einige Zeit darauf glaubte der
alte Hornich sich von neuem zu erholen, und Henriette bekam Erlaubnis die
Clarenaus auf ihren Landsitz zu begleiten. Woldemar ging auch mit. - Henriette
stand in sehr geheimen Verträgen mit der Natur. Hier schien diese ganz mit ihr
dazu verschworen, dass das Herz des guten Woldemars von der Liebe beschlichen
würde. Wie ihm zu Mute war, erhellet aus einem ziemlich dityrambisschen Briefe,
den er in die Stadt an seinen Biedertal schrieb. Hier ist er.
                                                                Am 28sten April.
»Ich glaube, Bruder, alle Nachtigallen haben sich hieher in unsere Büsche
beschieden! Es ist ein Singen, dass man es kaum aushalten kann. All die andern
Vögel dazu. Das Heer von Lerchen, die in ununterbrochenem Jubel einem über dem
Kopfe schweben. Rund herum die ganze vollständige Symphonie. Und dann - hör! -
durch all den Gesang durch - aus allen möglichen Distanzen - die Wechsellieder
der Nachtigallen. Man weiss nicht wohin sich kehren und wenden. Und ruht das Ohr
nun einen Augenblick, dann fallen all die Bäum- und Hecken-Blüten über einen -
all das neu gewordene Laub... - Und sieh da! die herrliche Ebene; - das
vielfarbene Grün dort im Tal! - O, und die Hügel da hinauf! - Seitwärts die
darüber ragenden Höhen! - Hier - durch die Oefnung - noch weiter! Alle Gipfel
durchsichtig; alles so lüftig, so voll lebendigen Otems, sich einander
anhauchend mit Wohlgerüchen, und ausströmend seine beste Kraft in Schönheit und
Wohltun ... - Da auf einmal laut vom nächsten Zweig der hellste Schlag!! - Es
fuhr durch Mark und Bein - Offen allem! - Welt und Himmel! - Meine
Begleiterinnen, die zwei lieben Mädchen standen da vor dem Verzückten. - Gott!
meine Brust so eng, so fest! ich wankte, taumelte nieder, verbarg mein
Gesicht... - Es war Sonnen Untergang. Ich wandelte mit meinen Freundinnen sachte
unserer Wohnung zu, sammelnd in mir alle die Töne, die in meiner Seele
angeschlagen hatten, dass sie nicht verhalleten, wenigstens nicht so geschwinde
verklängen. Ein vieljähriges Gemisch dunkler Empfindungen ordnete sich in
Melodie; und diese Melodie wieder in Accorde. In den schwindenden Sonnenglanz
traten Sirius und Venus. Vor und nach erschienen die übrigen Sterne. Wir hörten
die Music der Sphären.
    So weit hatte ich gestern Abend geschrieben. Jetzt komm' ich von einem
Spatziergang mit Allwina nach Hause. Henriette hatte zu schreiben. Schon um fünf
Uhr waren wir draussen. Als wir einem Wäldchen, auf einem Hügel gelegen und schön
wie ein Paradies, vorbeikamen, wünschte ich uns in den Stand der Unschuld. Nun
liessen wir's linker Hand liegen, und wandelten nach dem Wasserfalle zu, und
setzten uns nächst dem grossen Teich, der so hell und schön da stand, dass man
sich nur gleich hätte hineinstürzen mögen. - Am Sonnabend schreib ich dir
wieder, und wer weiss, vielleicht etwas merkwürdigeres.
                                                                 Dein Woldemar.«
... Es gibt eine Menge lieblicher Scenen, wo die verborgensten Quellen der
Seele sich öfnen, und die sich auf kein Schaugerüst bringen lassen. Sie lassen
sich auch nicht malen, weil sie rund um im vollsten Himmelslichte gesehen sein
wollen.
    Allwina ruhte an Henriettens Busen. Da empfieng sie Woldemars Gelübde, und
es ergab sich ihre Seele dem Edlen.
 
                        Des ersten Bandes zweiter Teil
  Polloi d' antropoisi logoi deiloi the, kai estloi
 Prospiptes', on mht ekplhsseo, mht ar eashs
 Eirgestai sayton.
                                                                     PYTHAGORAS.
                           Welches Dacier übersetzt:
    Il se fait parmi les hommes plusieurs fortes de raisonnemens bons &
                mauvais;
    Ne les admire point legerement, & ne les rejette pas non plus.
                 Il y a une espece de fureur qui vient du corps à l'ame,
                procedant de quelque mauvaise temperature d'humeur maligne, ou
                de la meslange de quelque mauvais vent & esprit pernicieux,
                mais cette fureur là est fascheuse & maladie dangereuse. Il
                y en a une autre espece qui ne s'engendre pas sans quelque
                divinité ni ne so concrée pas en l'ame ou dedans nous, ains est
                une inspiration estrangere, qui vient de dehors, un devoyement
                de la raison du sens & de l'entendement naturel, prenant son
                origine & le principe de son mouvement de quelque puissance
                divine, laquelle passion en general s'appelle entusiasme, comme
                qui diroit inspiration divine: car ainsi comme empnen se nomme
                repletion d'esprit, & empron, qui est à dire prudence &
                repletion de sens: aussi telle agitation de l'ame se nomme
                entesiasmos, qui n'est autre chose qu' une repletion de quelque
                puissance divine.
                              Oeuvres morales de Plutarque, traduites par Amiot.
 
In der Nacht kam Biedertal mit einer Postschaise, um Henriette eilends
abzuholen. Der alte Hornich war wieder eingefallen, und neue Zufälle
verkündigten ihm ein schleuniges Ende.
    Biedertal ward von der Nachricht, dass sein Bruder mit Allwina verlobt sei,
wie versteinert. Er konnt' es nicht glauben, und trauete nicht sich von ganzem
Herzen darüber zu freuen.
    Henriette fand ihre Geschwister zu Hause beisammen. Der Kranke war etwas
eingeschlummert. Dieser Umstand war für Biedertalen erwünscht; denn nun konnte,
nachdem Henriette über ihres Vaters Befinden alle Erkundigung eingezogen hatte,
und man wieder gelassener da sass, sogleich die Wundergeschichte von Woldemars
Verlobung vorgenommen werden. Er sah mit Befremdung, dass die beiden Schwestern
und Dorenburg mehr erfreut und weniger erstaunt waren, als er vermutet hatte.
dabei schien es ihm, als herrsche etwas Geheimnisvolles in ihren Mienen. Er war
ungeduldig auf den Grund zu kommen, und wusste sich nicht zu helfen. Henriette
hatte auch etwas bemerkt; sie hub plötzlich an: Ihr habt etwas miteinander; was
ist's? - Alle drei wurden rot - und nach und nach kam es herausgestottert: der
alte Hornich befinde sich in einer Art von Höllenangst wegen Woldemar und
Henrietten, und würde nicht anders als voll Verzweiflung den Geist aufgeben,
wenn er nicht von seiner Tochter das feierliche Gelübde erhielte, dass sie nie
Woldemaren die Hand geben wollte. - »Denkt euch die Beklemmung, worinn wir uns
befanden, sagte Dorenburg, und was für eine Würkung die glückliche Nachricht auf
uns machen musste, die ihr mitbrachtet.« - Aber damit ist nicht geholfen, sagte
Henriette, denn so lange noch einige Hoffnung zur Genesung bei meinem Vater ist,
darf ihm Woldemars Verlobung nicht kund werden; und ihn durch die Erklärung, die
er wünscht, zu beruhigen, das ist mir unmöglich. - Wie! warum denn nicht?
fragten die geängsteten Schwestern wie aus einem Munde. - Warum! antwortete
Henriette, und ward feuerrot; - weil ich dem Hass, der Verachtung gegen den
Besten unter den Menschen nicht die Hand bieten will; weil ich in keinen Bund
treten will, gegen meinen Freund! - Ein feierliches Gelübde meinem Woldemar zur
Schmach! - Ha! rief sie, die Augen gen Himmel; und schluchzend ging sie zur
Türe hinaus.
    Als Hornich erwachte, war sein erstes Wort nach Henrietten zu fragen. Sie
hatte Zeit gehabt sich zu fassen, und war schon in sein Zimmer geschlichen; und
sobald man dem Alten geantwortet, sie sei da, stand sie auch schon vor seinem
Bette. Wie er sie erblickte, hob er Hand und Haupt ihr entgegen mit einem
unaussprechlichen Ausdruck von Liebe. - »Liebe Henriette« (sagte er, und konnte
für Wehmut es kaum über die lächelnde Lippe bringen) »- sieh! - du hast mir
Wort gehalten!« - Der rührende Sinn dieser Rede ging Henrietten in die Seele;
sie sank in die matten Arme ihres Vaters, und er lispelte ihr an der Wange her:
Ja, bis in den Tod! Du gutes Kind; Gott wird dirs vergelten!
    Eine Weile nachher - (Henriette sass jetzt neben seinem Bette ihm nah gegen
über) - Es kommt mir hart vor, dass ich sterben muss, sagte der Greis, denn du
hattest mich vergessen gemacht, dass ich so alt war; du hast mich so süss und
sanft ans Grab geleitet; - aber dennoch - ich habe etwas auf dem Herzen; wenn du
mir das davon nähmest - ja, liebe Tochter, auch hinunter in die Grube könntest
du mich sanft geleiten! - Ach, lieber Vater! rief Henriette, ich weiss schon was
Sie von mir verlangen; - ich bitte, hören Sie mich, glauben Sie mir! Woldemar
hat nie Ansprüche auf mich gemacht; und eben so wenig habe ich den entferntesten
Gedanken je die seinige zu werden. Sie müssen sich erinnern, dass ich Ihnen das
schon mehrmahls bekräftiget habe; ich wiederhole es Ihnen nochmahls, und schwöre
Ihnen bei allem was heilig ist, dass ich die lautere Wahrheit sage. Wozu dann ein
feierliches Gelübde? Warum wollen Sie, ohne einige Not, sich so gehässig gegen
einen Mann beweisen, den Sie für den Aerger, den er Ihnen einigemahl
unbesonnener Weise zugefügt (unmittelbar beleidiget hat er Sie niemahls) lange
genug bestraft haben? O, besänftigen Sie Ihr Gemüt; machen Sie Friede mit
Woldemar; tun Sie's, lieber Vater, auf mein Wort - ihrer betrübten Henriette zu
Liebe! - »Beste Tochter, (antwortete der Alte) sei versichert, ich besinne mich
kaum, dass mir durch Woldemar je eine Minute unangenehm geworden. Wollte Gott, er
hätte mich aufs äusserste gekränkt, und wäre nur ein anderer Mensch! Du solltest
sehen, dass ich kein so unversöhnlicher Mann bin. Und wessen Herz ist nicht voll
Vergebung in der Stunde des Todes? - Bloss um Dich ist's mir bei der Sache zu
tun, Woldemarn gönnte ich gern alles Glück, das du ihm gewähren könntest. Aber
sieh! ich habe genau auf den Menschen Achtung gegeben, und da ich wahrgenommen,
dass du dich immer stärker an ihn hiengest, mich allerwärts nach ihm erkundiget.
Gewiss, liebe Henriette, er glaubt weder recht an Gott noch an Menschen; es ist
durchaus ein desperater Character; hitzig, ausschweifend, unbesonnen... Kurz,
ich weiss kein Unglück, das du nicht mit ihm zu befahren hättest; du wärest
verloren für diese Welt, und wahrscheinlich auch für jene.«
    Die Ankunft der Aerzte unterbrach diese Unterredung. Hornich erriet aus
ihrer Miene, dass es um ihn geschehen sei, und er drang in sie, um so genau als
möglich zu erfahren, wie viel Frist ihm noch bleibe. Aus ihren Antworten liess
sich abnehmen, dass er es höchstens bis an den dritten Tag - vielleicht aber auch
nicht einmal bis an den morgenden bringen werde. Henriette, die ferne war,
einen so plötzlichen Wechsel zu vermuten, geriet in die äusserste Bestürzung.
Der Alte schien wunderbar gefasst; nur dass ihn die Angelegenheit wegen seiner
Tochter ängstigte. Er eilte die Aerzte von sich wegzuschaffen. Henriette wollte
ihn nun ohne Verzug durch die Entdeckung von Woldemars Verlobung mit Allwina
beruhigen. Hornich erschrack über die Nachricht. »Das gute Blut! sagte er. Doch
vielleicht wird's noch rückgängig; bei Leuten, wie Woldemar, kann man auf nichts
rechnen; da du aber andrer Meinung bist, so seh' ich nun gar nicht mehr, was
dich abhalten könnte, mein Verlangen zu erfüllen, und dadurch eine Angst von mir
abzuwälzen, bei der mir die Todesangst verschwindet, die mich aber im Tode zur
Verzweiflung bringen wird.« - Henriette weinte bitterlich. Sie stürzte neben
seinem Bette auf die Knie, und trug ihm die Gründe ihrer Weigerung mit so viel
Stärke, auf eine so zärtliche und rührende Weise vor, dass der alte Vater äusserst
davon bewegt wurde, ohne jedoch sich überwältigen zu lassen. Dieser Kampf
vermehrte die Unruhe seines Gemüts bis zum Tumult, und unversehens sah man ihn
von einer Atemsnot ergriffen, die in wenigen Augenblicken so grässlich wurde,
dass Henriette laut um Hülfe schrie, und alle nicht anders dachten, als es wäre
aus. Henriette glaubte zu vergehen, so unerträglich war ihr der Gedanke, das
Leben ihres Vaters auch nur um einige Stunden verkürzet zu haben. Er kam wieder
zu sich. Unterdessen waren zwei der nächsten Anverwandten und der Beichtvater
angelangt: alle drei sehr wackere Leute. Sie wussten um Hornichs Bekümmernis, und
hatten bereits alle Mittel versucht, ihn auf andere Gedanken zu bringen. Das
alles erzählten sie Henrietten genau, und fügten sehr eindringende Gründe hinzu,
um sie zum Nachgeben zu bewegen. Beide Schwestern stimmten ihnen bei; zuletzt
auch Dorenburg, welcher seiner Schwiegerinn zu Gemüt führte, es sei wider ihre
eigene Grundsätze, und Woldemars Moral ganz entgegen, einer eingebildeten
Pflicht, einer unwürksamen Grille wegen, ein wahres Uebel zu verursachen. - »Das
passt hier nicht; (antwortete Henriette) ach! Dorenburg, was man nur so spricht,
ist immer in den Tag hinein!« Biedertal schlug vor, man solle seinen Bruder
eilends benachrichtigen. Aber der Clarenauische Landsitz war vier Meilen von B.
entfernt, und ohnedem verwarf Henriette diesen Vorschlag ganz. - »Ihr versteht
meinen Eigensinn nicht, sagte sie; ihr nehmt die Sache von einer Seite, wo es
sehr verkehrt wäre, ihr die mindeste Wichtigkeit zu geben«...
    Sie unterlag endlich. Der kommende Tod, den sie immer näher und näher sich
an ihren Vater lagern sah, seinen fürchterlichen Arm schon zwischen ihr und ihm,
um ihn von ihr wegzureissen - das erschreckte ihren Geist bis zur Verwirrung, und
betäubte ihre Sinne. Jeder angstvolle Blick, den der Sterbende auf sie warf,
brach ihr das Herz; mit jedem zuckte wie Blitz in der Nacht der Gedank' ihr
durch die Seele: Wenn er wo noch zu retten wäre? Könnte, wie so mancher, von dem
Rande des Grabes zurückkehren? - wenn diese Blicke um Leben fleheten: - um Leben
- bei seiner Tochter! - dass sie ihm die Hand böte umzukehren: - und sie weigerte
die Hand - und sie liess ihn hinabsinken!... Das liebe Mädchen fiel in Ohnmacht
über diesen Vorstellungen; und da sie wieder zu sich kam, stammelte sie bebend,
blass und blind: - ich will es tun!
    Die Sache wurde sogleich ins Werk gerichtet, und Henriette gab die Erklärung
von sich: dass sie ihrem Freund und Bruder Woldemar, den sie unter allen Menschen
am höchsten schätze, nie als Gattinn angehören wolle.
    Hornich, welcher, aus Zärtlichkeit für Henrietten, bemüht war auf alle Weise
an den Tag zu legen, dass er ferne sei einige böse Absicht gegen Woldemarn zu
hegen, hatte aus eigenem Antriebe die gegenwärtigen Personen zur
unverbrüchlichsten Verschwiegenheit anheischig gemacht. Er verschied ohngefehr
vier und zwanzig Stunden nachher, gegen Abend.
    Dass Woldemar auf die Nachricht von Hornichs Tode in die Stadt fliegen würde,
war natürlich zu erwarten, und darüber geriet nun sein Bruder die Nacht durch
auf allerhand Betrachtungen. Voll davon eilte er am frühen Morgen zu Henrietten,
damit er sie bewege, von allem Vorgegangenen Woldemaren doch ja nichts zu
offenbaren. - »Sorgen Sie nicht, sagte das betrübte Mädchen! Wie in aller Welt
sollt' ich es angreifen, Woldemaren diese Begebenheit vorzutragen? Und das wäre
doch nur das geringste... O ich weiss - ich weiss nur zu wohl, dass ich schweigen
muss!« - und mit einem schmerzvollen Seufzer: - »Arme Henriette, dass Du nicht
stärker warest!«
    Es fiel Henrietten unerträglich, nach ihres Vaters Beerdigung länger in
seinem Hause zu verweilen, und schleunig wurde Anstalt gemacht, dass sie zu ihrer
ältesten Schwester ziehen konnte. Ihr Vorhaben war, sich hier so lange
aufzuhalten, bis ihre Freundinn Mutter wäre; den Sommer durch aber auf dem Lande
zuzubringen.
    Sie litt nicht, dass Woldemar länger als acht Tage in der Stadt blieb, und
von Allwina hatte sie zum voraus sehr ernstlich begehrt, dass sie gar nicht
herein käme: - dagegen wollte sie, ehe sechs Wochen um wären, sich in
Pappelwiesen zu ihnen gesellen.
    Nachricht von da erhielt sie unterdessen mit jeder Gelegenheit; oft an
demselbigen Tage mehr als einmal. Es waren nicht immer Briefe, sondern
mehrenteils - ich weiss keinen eigentlichen Nahmen dafür; - und wozu brauchen
wir Nahmen? Hier sind zwei von diesen Stücken; die zu mehr als einem Ende hier
einen Platz zu behaupten haben.
                                                                   Am 12ten May.
    »Wie behaglich ich zwischen dem Grün und den Blüten - Nachtigallen- Finken-
    und Lerchen-Gesang daher wandelte; der weichenden Sonne nach; entgegen der
    Abendstille! Dünnes mit Lichtstreifen durchschossenes Gewölk über den ganzen
    Himmel. - Zu dieser süssen Tagesdämmerung nun allmählich die Dämmerung der
    Nacht - und tüschender Schauer. Aus den Dörfern umher das May-Geläute, -
    nicht mit dem Wehen der Lüfte, (kaum dass ihr Wallen die Blätter bewegte!) -
    es schlich von selber an mein Ohr in immer gleichem Klang und immer eben
    zusammen: und eben so an mein Auge das Grün und die Blüten; kein rascher
    Lichtstrahl der mir die Gegenstände aufdrang; ich genoss alles in Freiheit,
    in Ruhe, schwebte im Meer der Allmacht... Und eben so sanft und leise wie
    der Alliebende, wie sein Frühling um mich her - eben so leise, sanft und
    liebend fasste Ihre Hand die meinige: nicht damit ich umblickte; - auch
    blickt' ich nicht um: - aber vor mir hin auf dem schönen Pfade lächelte ich
    mit doppeltem Entzücken die ganze Schöpfung an.«
                                                                 Den 20sten May.
    »Wir hatten am Abend dieses etwas schwülen Tages am Wasserfall gesessen, und
    den schönsten Sonnen-Untergang betrachtet. Nun zogen wir, durch leuchtende
    Schatten, am Ufer des Baches her, und blieben stehen an der Wendung, wo das
    Auge einen Teil seiner Krümmungen überschauen kann. Es war ein bezaubernder
    Anblick, wie die schlanken flammenden Pappeln sich in ihm bespiegelten. Es
    schien als hätten sie zur Lust sich hinunter getaucht, und es durchfahre sie
    das süsse Schrecken der angenehmsten Empfindung. Wunderbar ergrif einen das
    Gerege umher in allen Blättern. Uns wurde als schwebten wir im Hauch der
    Lüfte, die zwischen den Aesten lispelten und auf sanften Wellen über den
    kleinen Fluss gleiteten, und mit der ganzen Natur sich ergötzten. - Da kamen
    die Sterne hernieder. Der blaue Himmel schwamm zu unsern Füssen. Es hatte der
    Unermessliche sich in niederes Gebüsche zu uns gelagert.
        Wasser der Himmel - in Wassern der Erde!... Leben - in Leben
        hinübergestralt! - ... Kraft - mit Kraft sich begattend!...
        Hohe Ahndungen ergriffen meinen Geist. Meine Seele wähnte den
        Unbegreiflichen in etwa zu fassen. Sie, die einst nicht Einer
        Vorstellung sich bewusst war, nun so voll Empfindung und Gedanke!
        Eigenes, gefühltes Dasein - aus dem Nichts! - Schöpfung!«
Dergleichen Aufsätze flossen häufig aus Woldemars Feder, und waren nicht
bestimmt von jemanden ausser ihm gesehen zu werden. Er nannte sie die Schatten
seiner abgeschiedenen Stunden, in dem nehmlichen Sinn, wie man auch die Seelen
Schatten zu nennen pflegt. Sie werden in der Folge dieser Geschichte uns sehr zu
statten kommen.
    Die Vermählung wurde nicht lange verschoben; aber man hielt sie, aus
Familien-Ursachen, äusserst geheim. Erst im Winter, wenn man vom Lande
zurückgekommen sein würde, sollte sie bekannt gemacht werden.
    Woldemar fand sich wie in eine neue und bessere Welt versetzt. Es war ganz
über seine Erwartung, was er Allwina in seinen Armen werden sah, und er konnt'
es nicht ergründen. Nie hatte jemand auf diese Weise Teil an ihm genommen, so
wunder lieb und lauter, so aus ganzer Herzens-Fülle, bis zur blinden
Parteilichkeit, und doch ohne weiter eine Spur von Leidenschaft. Es schien,
seitdem Woldemar ihr Mann sei, habe sie weniger Recht an ihn als zuvor; sie
hatte sich ihm völlig hingegeben, alle ihre Ansprüche mit, auch die an ihn
selbst. Seiner Liebe zu ihr freute sie sich; aber in der Tat mehr weil sie
fühlte, dass Woldemar dadurch glücklich wurde, als dass sie dabei an sich gedacht
hätte: nur sein Wohl - war ihre Sorge, ihr Wunsch; und wie das alles an ihr
bestand und aus ihr hervorgieng - man musste glauben, sie sei durch eine
unmittelbare Einwürkung des Himmels dazu begeistert worden. - Ich wiederhol' es,
Woldemar wusste es nicht zu ergründen, und das schwellte sein Herz nur desto
höher von Wonne; es stand unter einer Flut süsser nie gekannter Empfindungen. -
Und die Flut hub ihn empor und trug ihn zurück - sanft hinauf den Strom bis zu
den Quellen seines Lebens. Von allem erwachte wieder in seiner Seele die Erste
frischblühende Empfindung. Der Frühling seines Daseins ward ihm wiedergegeben, -
eine zwote Jugend, voller und kräftiger als die Erste, - Unschuld, Zuversicht
und Paradies.
    Henriette, welche um die versprochene Zeit angekommen war und zu
Pappelwiesen für den ganzen Sommer ihre Wohnung aufgeschlagen hatte, sah das
alles, und konnte fast die Wonne nicht tragen, die sie empfand. Von der einen
Seite war ihr der Gedanke süss, dass sie die Glückseligkeit ihrer Freunde, grossen
Teils, als ihr Werk anzusehen hatte; von der andern Seite aber machte eben
dieser Gedanke sie manchmahl beklommen: sie scheute ihren Jubel zu verkündigen,
als verherrlichte sie damit sich selber. Wenn sich nur etwas ergeben könnte,
wünschte sie tausendmahl, das Woldemars und Allwinas Dankbarkeit gegen Sie
aufhöbe, oder denselben zu betrachten verstattete, wie ihr Verdienst um sie nur
dem Anschein nach so gross; aber im Grunde - so gar nichts sei - »denn«, sagte
sie »was hab' ich aufgeopfert? War wohl ein widersprechendes Verlangen in meinem
Herzen, das ich unterdrücken musste? Hab' ich nicht meine eigenen Wünsche
befriedigt - alle meine Wünsche?.. - Das hab' ich getan, ich habe von ganzer
Seele geliebt, was ich von ganzer Seele liebte - getan, was ich nicht lassen
konnte: - Und dafür - Dank? - Und dennoch fühl' ich, dass ich den Unsinn nicht
aus ihnen vertilgen werde, und dass ich ihn sogar in mir selber mittlerweile gut
heissen muss.«
    Aber auch die Art Verschlossenheit die aus dergleichen Beherzigung folgte,
musste Henrietten neue Seeligkeit bereiten; leise, aber tief und beständig war
ihr Inwendiges bewegt. Allwina fand oft die Edle, sitzend oder wandelnd in ihrer
Demut, mit eingekehrtem Blick; - schlich dann geschwind sich hin an ihren Hals
- lispelte alle Nahmen des Himmels in ihren Busen - drückte mit geschlossenem
Auge die Freundinn sanft an sich, und verschwand. - Woldemar aber konnte nicht
immer sein Herz übermannen; zusammen mit Allwina zwang er Henrietten, dass sie
sich hingeben musste ihrer Dankbarkeit, ihrem Preise - - »Ja,« rief dann das
fromme Mädchen, ja, Dank sei dem Höchsten, ich hab Euch glücklich gemacht; ewig,
ewig sollt' Ihr mir danken: und ich gelob ihn, ich weih ihn dem Himmel allen
diesen Dank!
    Woldemar kam selten, nur wenn es die äusserste Not seiner Geschäfte wegen
erfoderte, in die Stadt. Den ganzen August und noch einen Teil des
nachfolgenden Monats blieb er ununterbrochen auf dem Lande, und ohne allen
Besuch; denn Biedertal hatte seine Frau ins Bad begleitet; Dorenburg konnte
wegen Biedertals Abwesenheit nicht wohl aus der Stelle; und seine übrigen
Freunde oder Bekannten waren zerstreut. Von denen Briefen, die er während dieser
Zeit an seinen Bruder schrieb, wollen wir nur Einen, aber diesen auch seiner
ganzen Länge nach, mitteilen, wie er vor uns da liegt.
                             Woldemar an Biedertal
                                                  Pappelwiesen, den 23ten August
Liebster Biedertal, ich mache mir bittere Vorwürfe darüber, dass ich beinah
vierzehn Tage Dich ohne Briefe von mir lassen konnte. Allwina und Henriette
haben mich genug ermahnt; mein eigenes Herz noch mehr - aber ich konnte nicht!
Eine Menge Blätter will ich Dir zeigen für Dich, worauf sehr deutlich zu lesen
steht - den Wievielten wir jedesmahl hatten in diesem Jahr; auch etliche mit
einer halben Zeile würklichen Briefs; - etliche sogar mit einer ganzen Zeile; -
mit zwei, mit drei - Aber dann wolt' es für die Welt nicht weiter!
    Ich begreife nicht mehr, wie ich es ehmahls anfieng, dass ich an Leute, die
mir das gar nicht waren, was Du mir bist, so lange Briefe schreiben mochte. Der
halben Welt bin ich Antworten schuldig. Ich werde erinnert, geplagt, zum
Mitleiden gerejetzt - weiss mir nicht zu helfen, und gerate in Wut. Mir däucht,
es müsste mein Feind sein, der mir zumutete, meine Empfindungen bis auf den Grad
zu schwächen, dass ich sie mir klar vorstellen, in eine lange Rede fassen und
hinschreiben könnte. Die edle unwiderbringliche Zeit auf diese Weise
umzubringen! Soll zu leben aufhören, damit ein andrer etwas zu lesen kriege! Im
ganzen Ernst, wenn ich mir so einen teuren Freund gedenke, der das will; und
mit zärtlich verdriesslichem Gesicht da sitzt, und zwischen den Zähnen murmelt,
weil ich das nicht will - Ich kann ordentlich hämisch auf ihn werden, vom Stuhl
aufspringen und ihn nicht mehr ansehen mögen.
    Freilich kommen hernach vernünftigere Augenblicke, worinn ich gleichwohl
fühle, dass ich Unrecht habe; dass ich mich sehr sträflich beweise; wo ich gegen
mein Gewissen nicht aufkommen kann: - Und das ist eben mein Unglück!
    Aber nun, was soll dies alles hier? - Vielleicht eine Entschuldigung gegen
Dich? - Gott im Himmel! - Ja, wenn man einmal so tief im Unrecht sitzt, dann
rede sich einer heraus!
    ..... Lieber, ich habe eben Deine zwei letzten Briefe zur Hand genommen und
sie wieder durchgelesen. Mir wurde doch ganz bange ums Herz dabei, und ich danke
Gott, dass wenigstens Allwina und Henriette an Deine Frau geschrieben hatten, und
letztere eine ziemlich lange Epistel auch an Dich. - Du kennst mich; Du fühlst
meine Lage: also verzeih! Nein - verzeihen nicht; danken sollst du dem Himmel,
der mich so glücklich machte, dass ich Dirs nicht sagen konnte und Dich
verabsäumte! Ich weiss, ich kann das von Deinem edlen brüderlichen Herzen fodern:
und dies Zutrauen - Lieber! ist es nicht mehr wert als tausend Briefe, und sagt
es nicht alles?
    Ich bin seit gestern ganz allein hier. Die beiden Tanten mit Allwina und
Henrietten sind nach Schellenbrug, kommen aber diesen Abend zurück. Es war mir
gar nicht zuwider, auf diese kurze Zeit in diese Einsamkeit versetzt zu werden;
ich habe herrliche Stunden zugebracht. Noch war ich nicht Einmahl zu einem
solchen alleinigen ganz stillen Anschauen meiner Glückseligkeit gekommen; hatte
mich eben auch nicht darnach gesehnt; aber mir geschah unaussprechlich wohl, da
ich nun von ohngefähr dazu gelangte. - Könnt ich Dir in etwas nur bedeuten, wie
mir war, und wie mir ist!
    Sobald meine Reisenden weg waren, Morgens um neun Uhr, lagerte ich mich,
nicht weit unter der Krümmung des Bachs, in die wilde Laube unter den hohen
Nussbäumen. Der Eine Nussbaum diente mir, wie gewöhnlich, zur Lehne. Draussen ging
ein starker Wind. Man hörte sein Anfallen an das dichte Gebüsch, wie er die
Aeste bog und die Blätter drängte, - dann sich verwehte im Laube, - drinnen zum
sanftesten Lüftchen wurde - und zwischen den jungen Eschen, Morellen,
Pappelweiden, Quitten und Haseln in vieltönigem Gelispel sich verlor; - dann
wieder majestätisch rauschte, höher und hinauf von Krone zu Krone, in den
Zweigen der Nussbäume, - und beinah Sturm war in ihren Gipfeln. - - In den
mannigfaltigen Millionen Blätter, welch unendliches Spiel! Welch ein Wallen und
Wühlen der Aeste! - Unter und über das lustige Laub-Meer! - Ergriffen von seinen
Wogen schwamm mein Auge hinweg in die schöne Flut, und liess sich von ihr
verschlingen. - - Leise rieselte unterdess der liebe Bach an meiner Seite;
gauckelte kleine Wellen daher, Wirbel und Schlünde; - und die Fische hattens
ihren Scherz, mit Springen, Schnalzen und Klatschen. - - Der mächtige Stamm an
den ich gestützt war, schwankte, fast unmerklich, hin und her - bald stärker
bald schwächer; wiegte meinen Rücken, und bewegte sanft schauerlich mein Haupt.
- - - Nie war meine Seele so in allen meinen Sinnen! - Lauter Genuss mein ganzes
Wesen! - Ewigkeit, mein fliehendes Dasein! - Hülle der Gotteit um den
Endlichen!
    Ich verliess nach einer Weile den Platz; aber die Empfindungen, die er mir
gegeben, folgten mir nach. Wohin ich wandern mochte, fand ich denselbigen
Zustand. Alles entzückte mich so wie es war. Ich freute mich ohne Aussicht, ohne
Hoffnung, ganz und gleich erfüllt von der Wonne jedes Augenblicks, und wie von
Allgenugsamkeit umgeben.
    Der Wind hatte um Mittag sich gelegt, es war etwas schwül geworden, und
gegen Abend regte sich kein Blat. Ich ging umher und ergötzte mich an den
wunderbaren Beleuchtungen der Erde; die Bäume und Blumen, als ob sie in die Höhe
schienen und die Dämmerung erhellten. Ich liess mein Essen etwas früher unter die
Laube vor dem grossen Saal bringen, weil ich keine Kerze mochte und die Nacht
wollte kommen sehen. Ich war bald fertig; sass stille da, und liess mir träumen -
von Dir; dachte - wie Du jetzo wohl vielleicht auch an mich dächtest; - Deine
Gespräche mit Luisen; Dein Sehnen nach mir zurück - Dein Kommen - Dein Eilen auf
dem Wege, und mein Erwarten ...
    Es war mir nicht eingefallen, dass wir Vollmond hatten. Ganz hinten, bei den
Eichen, sah ich ihn unversehens in die Castanienbäume scheinen. Er zog heran -
wie mit später Dämmerung feierlich die Stille heranzieht; - lächelte zwischen
dem dunkeln Laube; gleich einem Freunde, der sich zur Ueberraschung
herbeischleicht, bebend von den Schlägen seines Herzens, das die Freude nicht
halten kann ... Ich regte mich nicht, mochte kaum aufschauen, als wär' es so in
der Tat und ich fürchtete ihm die Freude zu verderben. Da kam er endlich über
den Gipfel der Eichen und trat vor mich hin, und ich flog auf. Lieber, es war
ein Becher voll Himmelsluft! - Ich ging, und wandelte auf und ab in meinen
Alleen von Oranienbäumen, unter den Linden, und in der langen Buchenhalle ganz
durchglinzert vom Mond. Es war eine Nachtstille - ein Schweigen um mich, wie das
Schweigen unaussprechlicher Liebe. So ging ich, bis der Mond in den Teich
schien, und ich nicht weg konnte unter der Ulm' am Canal. Ich sass, umfangen von
ihren prächtigen Aesten, um mich gewebet ihr Laub - wie jene Wolken um den Mond.
- Man hörte nichts als den Gesang der Grillen, das Rieseln durch den Teich, und
dann und wann die Bewegung eines Fisches. - Hell und heller wurde das Wasser -
und ich schwebte wie in der Mitte der Schöpfung, aufgelöst, und an mich ziehend
aus dem feinsten Aeter eine neue Bildung.
    Lieber Biedertal - wie ist mir so anders! - - Du weisst, schon als Kind
hatte ich diese süsse Verliebteit in alles, was meinen Sinnen oder meinem Geiste
in Schönheit entgegen kam; - war in beständigem Ringen; und so voll Lust und
Mut - und so voll Trauer! - Wie wurd' ich des Lebens so froh - Ach! und so
müde? - - Ich erfuhr, dass ich ein Herz im Busen trug, welches mich von allen
Dingen schied, von sich selber mich schied, weil es zu heftig mit allen Dingen
sich zu vereinigen strebte. Jedermann liebte mich darum, dass ich alles so
liebte, aber was mein Herz so liebend machte, so töricht, so warm und so gut -
das fand ich in keinem ... - Von den mehresten dacht' ich deswegen nicht
schlechter; zuweilen, im Gegenteil, nur desto besser; aber ich glaubte zu
sehen, dass überhaupt die Menschen im Grunde keinen rechten Sinn für einander
haben. - - Ich wurde duldsam und stille ... Lieber, mir rollen die Tränen
herunter, vom Andenken meiner einsamen Wehmut! - Jede Lust machte mich betrübt,
weil sie nur Staub war vom Winde aufgeregt; dahin fuhr mit dem Lichtstrahl, mit
dem Schall, mit dem Wallen des Blutes. Ich wollte Raum machen in meiner Seele;
erretten wenigstens für mein Teil, was an mir war: aber, ach! dann erwachte
mein Herz, und ich fühlte zehnfaches Leiden. Wie oft hab' ich auf meinem
Angesicht gelegen, vor der aufgehenden Sonne und vor der niedergehenden, unter
dem Mond und den Sternen, voll Liebe und voll Verzweiflung, und habe geklagt,
wie Pygmalion vor dem Bilde seiner Göttinn ... - Und wie Er, - Dank und Preis
sei dem Ewigen! - und wie Er, nicht vergebens!
    Lieber, wie ist mir so anders! Mein Herz, das einer Brust glich, worinn der
Lebenssaft zurückgetrieben worden, weil den Säugling die Klemme dahin riss, und
die nun der Krebs angefressen hat - Es ist genesen! Ich lebe und liebe, und alles
lebt und liebt um mich her. Wie dem Hiob hat mir der Herr alles zehnfach
wiedergegeben und hat mich geheilt. Jeder Sonnenstral wird lebendig, wenn ich
ihn in Allwinas oder Henriettens Auge fallen sehe; Mond und Sterne werden
lebendig, wenn Allwina und Henriette von ihnen beglänzt mich umarmen: so wird
mir alle die Liebe wiedergegeben, die ich hofnungslos ausgoss ins Unendliche: - -
Lebendiger Otem ist in den Erdenklos gefahren; er ist Mensch geworden: Fleisch
von meinem Fleisch und Bein von meinem Bein nun die ganze Schöpfung -
geschlungen an meine Brust, und erwiedernd meine Küsse!
    O, Lieber - wie ist mir anders! ......
    Und wie das begann? ... Die Stimme vom Himmel die mir rief? Der Engel der
mir den Weg zeigte? - Du warst es! Du, den ich zuerst, den ich am längsten, den
ich ohne Wandel geliebt, - mein Freund und mein Bruder!
    ... Wunderbar, wie ich an diesen Tag gekommen bin! - Ich werde nicht müde es
zu überdenken; jeden kleinen Umstand meinem Gedächtnisse zu erneuern; alle die
goldenen Ringe an einander zu ketten - Besonders von dem Zeitpunkt an, wo ich,
durch Deine brüderliche Vorsorge, nach B. versetzt wurde.
    Ich kam, und rechnete allein auf Dich - kam - und fand gleich in Dir, noch
mehr als ich gehoft hatte. Du warest mir um vieles näher; verstandest mich in
tausend neuen Dingen; - hattest ein Weib lieb gewonnen; Dich zu ihr gesellet und
mit ihr ein Haus gegründet; - Du hiengst nicht mehr an diesem und jenem, womit
ich nichts zu schaffen haben konnte; warest von einem der traurigsten
Steckenpferde auf ein wackeres lebendiges Ross gestiegen: - von allen Seiten sah'
ich Dich liebenswürdiger und besser. - Dein Gewerbe; Deine Wirtschaft mit
Dorenburgen; Euer ganzes Wesen - (das mit andern Leuten, die Prunkgesellschaften
und Gastmahle ausgenommen, wie Du gar wohl weisst) - ich sage, Euer ganzes Wesen
untereinander, gefiel mir bis zum Entzücken. In Dorenburgen erhielt ich einen
zweiten Bruder; und, was ich nie gehabt hatte, zwei Schwestern in Euren herzigen
Frauen.
    Du hattest mir Henrietten zur Gattinn ausersehen; aber das sollte nicht
sein; sie war bestimmt, meinem Schicksal eine viel merkwürdigere Wendung zu
geben. Das himmlische Mädchen deutete mir meinen alten Traum von Freundschaft;
half ihm zur Erfüllung; machte mir ihn wahr. Kaum dacht' ich zuweilen noch an
diesen Traum, und nie anders, als wie man an ein Hirngespinste denkt. Ich hatte
Freunde von allen Gattungen gehabt; hatte mit anhaltender Leidenschaft den
Menschen tief erforscht; hatte meiner eigenen Seele auf den Grund geschaut; und
hatte gefunden: dass wir samt und sonders zu viel und zu heftige Begierden im
Busen tragen; zu gewaltsam von den Sorgen, Geschäften, Qualen und Freuden des
Lebens herumgetrieben, hin und her gerissen, entzücket und gefoltert werden: als
dass irgendwo in diesen Zeiten, zween Menschen so Eins werden und bleiben
könnten, wie meine liebevolle Schwärmerei es mich hatte träumen lassen.
    Das andre Geschlecht hatte ich flüchtiger beobachtet, und war über seinen
Character, der mir wenig Localfarben zu haben schien, früh mit mir einig. Es kam
mir vor, als wenn die Empfindungen und Ideen bei diesen zarteren Geschöpfen sich
unaufhörlich in einander verschwemmten, und daher keine - von jenen zu einem
gewissen Grad der Stärke; - von diesen zu einem gewissen Grad der Deutlichkeit
sich erheben könnte. Noch hatte ich keine weibliche Seele angetroffen, die in
irgend etwas - nur einen vesten eigenen Geschmack gehabt hätte; nicht einmal
was Gestalt und Zierde, Putz und Geräte angieng. Dagegen aber fand ich in ihr
Wesen die schönsten Triebe gelegt; einen wunderbaren Instinkt der Verläugnung;
holdseelige Lust, nur andern zur Freude, zur Wohlfahrt zu leben; - und jene
allgegenwärtige Schönheit, jenen unbesieglichen Zauber, der uns alle bestrickt
und mich ewig fesseln wird. Ich sagte zuweilen mit Lachen: An Treue, an
Ergebenheit, an gefälligem Witz, überträfen sie uns Männer unendlich, und wichen
kaum - dem besten Pudel: das sagt ich mit Lachen; aber nach meinem inneren
Gefühl gab ich damit ein sehr ernstaftes Lob: allerdings mit etwas Bitterkeit
vermischt; aber nicht sowohl gegen die Weiber, als überhaupt gegen die
Menschheit.
    Ich sah Henrietten. Sie zog mich an; aber mit einer Empfindung, die nichts
mit ihrem Geschlechte zu tun hatte, und die mir ganz neu war. Ich wunderte mich
und wurde aufmerksamer. Jeder weibliche Reiz an ihr war mir sichtbar;
sichtbarer, als allen andern: wie sie hatte noch kein Mädchen mir gefallen.
Dennoch raubte sie mir nicht das Herz. - Die Eigenschaften, die ich an ihr
entdeckte, konnte ich mit meinen allgemeinen Begriffen von ihrem Geschlecht
nicht wohl vereinigen; konnte aber zugleich nicht in Abrede sein: dass sie ganz
Mädchen war. Oester hatte ich über die Mängel der Schönen mit ihr meinen Scherz.
Ich behauptete: kein Frauenzimmer könne sich überwinden, Einen Gedanken zweimahl
zu denken; noch weniger, - im Handeln, auf Veranlassungen, inne zu halten: alles
gehe bei ihnen so in einem fort. Wenn sie in einem schwierigen Falle zu
Ueberlegungen schritten: so begnügten sie sich, einen gewissen, so oder anders
gesponnenen und gezwirnten, gefärbten und gedrehten Faden ihrer Gedanken
zehnmahl hintereinander auf und ab zu haspeln; in Stränge zu schlingen; ihn auf
Karten, in Knäuel und über die Finger zu wickeln; ohne je sich einfallen zu
lassen, ihn an dem einen oder andern Ende auseinander zu drehen und aufzulösen.
Auf nichts vermöchten sie mit stetem scheidenden Blicke zu haften; wären keiner
eigentlichen entschlossenen Geduld fähig; wären, ausser sich und in sich, ewig
zerstreut. - Wie mit ihrem Denken, so sei es, natürlich, auch mit ihrem
Empfinden beschaffen; ja, aus Ursachen, mit diesem noch etwas schlechter, u.s.w.
- - Henriette widersprach nicht sonderlich: ich möchte wohl nicht so Unrecht
haben, sagte sie; sie habe über Denken und Empfinden nie sehr tiefe
Betrachtungen anstellen können; überhaupt sich wenig den Kopf zerbrochen,
sondern in jedem vorkommenden Fall das Nötige überlegt, und, wie ungelehrte
Leute pflegten, nach Gelegenheit und Umständen gehandelt.
    Unterdessen sah ich häufig die Lose mich an Einsicht weit übertreffen, so,
dass ich wie dumm vor ihr da stand, und nicht selten fühlte ich in meinem Herzen
mich durch das ihrige beschämt.
    Wir waren Freunde, ehe wir es dachten, und eh ich noch das Vorurteil recht
überwunden hatte, dass es mit dem weiblichen Verstande und mit der weiblichen
Empfindung, über einen gewissen Grad hinaus, nichts als Betrug und Täuschung
sei.
    Nun aber stund mir das Gegenteil vor Augen; ich sah meinen Irrtum, und
begrif ihn doch nicht: bis ich durch Henrietten von ohngefähr zum Aufschluss
gelangte.
    Wir waren in Allwinas Garten, und untersuchten sehr scharf an den
verschiedenen Kirschbäumen, den verhältnissmässigen Wert ihrer Früchte. Wo wir
zweifelten oder verschiedener Meinung waren, da entschied Allwina; und sobald
hatte sie nicht den Ausspruch getan, als wir mit ihr Eins wurden. - »Wer ein
Paar Tage Hunger und Durst gelitten hätte,« sagte unversehens Henriette, »und
käme über diese Bäume!« - Himmel! rief ich, und sah ganz entzückt aus.
    Henriette lächelte: Wie der Mann die Stillung einer heftigen Begierde
neidet, sagte sie, und gleich alles angenehme, liebliche, köstliche dafür
hingäbe! - Oder, glauben Sie, Woldemar, dass Sie, mit jenem grimmigen Hunger und
Durst, den Geschmack dieser Früchte, ihre süsse Labung so wie itzo empfunden
hätten? Ihr Vergnügen wäre mehr blosse Stillung eines Schmerzes gewesen, als
eigentliche Wollust, und kaum hatten Sie erkannt, was Sie hinuntergeschlungen.
    Ich gab das zu.
    Also, hub sie an, wären die Freuden des Gaumens wohl im Grunde eben so wenig
für den Heisshungrigen, als für den Uebersatten; und der mässig gerejetzte allein
genösse sie würklich und lauter?
    Ich wusste nicht was sie wollte, und gestand es abermals.
    Sie fuhr fort: - Ich habe Sie Weine versuchen sehen, mein lieber Woldemar;
da warteten Sie nicht eine Stunde des Durstes ab; auch rejetzten Sie nicht vorher
durch scharfe Speisen ihre Zunge; sondern Sie wollten mit frischem Munde, und,
dass ich so sage, in einem ganz begierdenlosen Zustande sie kosten. - Was meinen
Sie, mein Freund, sollte man von hier aus nicht weiter gehen, und mit Sicherheit
behaupten können: dass ein gewisser Mittel-Zustand; ein Zustand, worinn die
Kräfte des Menschen wie in nüchternem Erwachen, frei und unbefangen sind: für
ihn auf alle Fälle, so wohl zum Genuss als zur Wahl die schicklichste Fassung
sei?
    Nun, antwortete ich lachend, wir machen ja ein ordentliches Platonisches
Gespräch; und da Sie den Sokrates vorstellen, so warten Sie, dass ich meinen
Bleistift nehme, um Ihre Reden aufzuschreiben.
    Schreiben Sie nur, erwiederte Henriette, ich will sehen, dass ich fortrede,
ohne Antwort von Ihnen zu bedürfen.
    Damit fieng sie an, und brachte, mittels eines kurzen Ueberganges, mein
System von den Mängeln des Weiblichen Characters auf die Bahn. Sie zeigte, dass
diese Mängel zusammen, am Ende nur auf Einen Hauptmangel, auf den Mangel - an
sinnlicher Begierlichkeit hinausliefen: Und sie bewies, dass eben dieses Mangels
wegen das weibliche Gefühl weit reiner, schärfer, vollkommener sei als das
männliche; die wahren Eigenschaften der Dinge, ihren innerlichen und
verhältnissmässigen Wert zuverlässiger unterscheide; dass endlich, und eben dieses
Mangels wegen, in einer weiblichen Seele jede schöne Bewegung leichter
hervorkomme, ungehinderter und dauerhafter würke.
    »Da alle wichtige Geschäfte des Lebens in Euren Händen sind,« fuhr sie fort,
»so habt ihr mehr Uebung, mehr Erfahrung, (des sorgfältigen Unterrichts zu
geschweigen, den ihr von Kindesbeinen an geniesst): - Aber bei Gelegenheiten, wo
Euch alles dies verlässt; wo ihr mit uns in gleichem Fall Euch befindet; wer von
uns sieht da richtiger und weiter; wer ahndet tiefer und schneller? ...«
    »Neben Euren andern Sinnen habt Ihr auch ein Herz, und seid der edelsten
Entschlüsse fähig. Ich will sogar Euch zugeben, wenn Ihr wollt, Euer Herz sei
grösser, als das unsrige. Was hilft es, wenn seine Stimme durch den Tumult Eurer
Begierden beständig unterdrückt wird? - Dass Ihr irgendwo in alleiniger Rücksicht
des Edeln und Schönen handeln solltet; und Euren Leidenschaften entgegen: daran
ist nicht zu denken: Leidenschaft muss überall Euch unterkrücken, - selbst in der
Freundschaft: Wo Ihr nicht eifert, da seid Ihr kalt und todt!«
    »Hingegen ein Weib. ... Aber das begreift Ihr nicht, das seht Ihr nicht, -
das lästert Ihr sogar; - lästert, weil Ihr selber nur nach Lust schnaubet; ohne
die Brille der Begierde keine Schönheit wahrnehmen; ohne Zwang der Leidenschaft
Euch an niemand hingeben; in ihrem heftigsten Rausche nur Euch selber ausser Acht
lassen könnt: - lästert, weil Ihr lieber mögt gelüstet als geliebt sein; lieber
gepriesen als hochgeschätzt.«
    Sie schwieg. - Ihr Auge senkte sich ein wenig; - öfnete darauf sich wieder:
- - Es verklärte sich ihre ganze Gestalt. - Dann hub sie an, in himmlischen
Tönen, die Wonne einer schönen Seele zu verkündigen: ihre Stille, ihren Frieden,
ihre Demut und ihre Stärke. - Keine von den Musen hat so gesungen! Es floss
durch alle meine Sinne, und ich fühlte Göttliches Wesen in der Tat und in der
Wahrheit.
    Das Mädchen war mir heilig geworden in dieser Stunde. - - Wir näherten uns
einander von Tage zu Tage mehr; und von Tage zu Tage wurde die Entzündung einer
gemeinen Liebe unter uns unmöglicher. Der blosse Gedanke daran wäre zuletzt mir
ein Gräuel gewesen; ein Gräuel wie von Blutschande. - Jener blöde Entusiasmus,
den wir Platonische Liebe zu nennen belieben, konnte eben so wenig mich
anwandeln; ich war ihm nie ergeben; und Henriette, die Erz-Widersacherinn von
aller Schwärmerei, hätte diese keinen Augenblick an mir geduldet. Wir wurden
Freunde, im erhabensten Sinne des Worts; Freunde, wie Personen von Einerlei
Geschlecht es nie werden können; und Personen von verschiedenem, es vielleicht
vor uns nie waren. Darum lässt sich auch von unserem Verhältnisse so wenig
bedeuten.
    Wir dachten an nichts; als ihr, untereinander, eine Heirat zwischen uns,
fast unwiderruflich beschlossen hattet. Die Eröfnung dieses Anschlags
beschleunigte meine Verbindung mit Allwinen, die sich längst, ganz in der Stille
bereitet hatte, und auch, ohne jene Veranlassung, durch Henrietten jetzo bald
zur Würklichkeit würde gebracht worden sein. - Henriette war für mich so wenig
Mädchen als Mann; sie war mir Henriette, - die Eine Einzige Henriette: und es
wäre gewesen, als hätt' ich sie verloren, als hätt' ich sie zu Grabe gebracht,
wenn in Absicht ihrer in meiner Vorstellung irgend eine Verwandlung hätte
vorgehen müssen, - in unserem Sein, in unserem Tun und Wesen irgend eine
Veränderung. - Nicht so Allwina. Ich fühlte oft nur zu lebhaft neben ihr - dass
wir mit uns zweien waren, - sie, Mädchen, und ich, Mann. Sie war mein Urbild von
reinem weiblichen Character; durchaus angelegt zur Gattinn und zur Mutter; der
Ausbund ihres Geschlechts. - Ich nahm sie mit Freuden; sie mit Freuden mich: ich
war, entschieden, für sie der einzige Mann, sie, entschieden, für mich das
einzige Weib.
    Was ich aber gar nicht vorausgesehen, auf keine Weise geahndet hatte, und
doch so natürlich erfolgen musste, war ein neuer Zuwachs von Freundschaft
zwischen Henrietten und mir. Allwina, als ich um sie warb, hatte no comma?
ihre Freundinn gefragt: »Aber würde hernach auch Woldemar noch eben das für Dich
sein?« - Hatte mich no comma? gefragt: »Aber Henriette - würde Henriette nicht
dabei verlieren?« - Wir hatten beide die Frage auf sie zurückgewendet: Ob Sie
vielleicht in ihrem Herzen fühle, dass sie nachher weniger an ihrer Freundinn
hangen würde? - »Ach Himmel!« rief sie dann, »was für ein Gedanke«! - Dennoch
behielt sie eine geraume Zeit ihre Sorge, und konnte nicht genug Versicherungen
vom Gegenteil erhalten. Jeder Blick, den ich Henrietten gab; jede Zärtlichkeit,
die ich ihr bewies; jede Liebkosung, die ich ihr machte - war eine Wohltat für
meine betretene Allwina: sie hüpfte dann vor Freude; fuhr mir an den Hals und
wollte mich erdrücken. Wie mir dabei im Herzen geschah; was aus uns allen dreien
in einem solchen Umgang werden musste - kannst Du Dir leicht vorstellen, und hast
es, zum Teil, gesehen. - Wir wurden je länger je vertraulicher untereinander.
Jene äusserliche Zurückhaltung, die Henrietten und mir, als zwei unverheirateten
Personen, die keine Blutsfreunde sind, gegen einander oblag, durfte nunmehr
wegfallen, und tat es sehr bald: wir wurden Bruder und Schwester, - ganz, und
wie von Mutterleibe an. - Allwina weinte oft vor Freude, und ich selber fühlte
mich kaum vor Wonne; wusste nicht, was mir widerfahren war. Aufgeregt war all
mein Wesen, und dabei meine Seele doch so still, mein Geist so helle! ... - Die
frohe, freie, volle Liebe wars; die hatte dies alles getan! Sie hatte bis in
den Grund mich erschüttert; und erwecket, an sich gezogen jedes ihr ähnliche
Gefühl, wie tief es schlummern mochte; hatte so erneuet, vervielfachet alle
meine besten Kräfte; unaussprechlich mein Dasein erhöhet; ein Leben, wie von
Ewigkeit, in meine Seele geboren. - - Glücklich, o, glücklich der Mann, dem
endlich die Liebe seinen Lohn gibt; den sie zu sich erhöhet; den sie vollendet!
    Bester, Komm! - Mit Einem Mahl entsinkt die Feder meiner Hand - - komm! - -
- Ich ringe Dich in meine Arme - drücke, presse Dich an mich, und mir ist, als
senkt' ich mein Herz in Deinen Busen.
                             Biedertal an Woldemar
                                                             Den 3ten September.
Es fehlte wenig, mein trauter Lieber, so hättest Du auf Deinen herrlichen langen
Brief keine Zeile Antwort bekommen. Es lässt sich auf einen solchen Brief hier
nicht antworten; nur ihn hier zu lesen ist beinah Sünde. Gott bewahre Dich, dass
Du je unter diese schaalen, verzerrten, aufgeblasenen, flitterköpfigen Menschen
geratest! Ich habe mir manchmahl vorgestellt, wie Dir sein würde, wenn Du hier
wärest, und mirs in Deinem Nahmen recht grimmig werden lassen. Die alberne
Hoffart und die dumme Aufführung des hiesigen Adels ist weltkündig. Da ich eine
gewisse Reputation habe, und verschiedene Fremde vom ersten Rang uns aufsuchten,
so wollten die läppischen Gesichter wohl ein bisschen freundlich mit uns tun;
sie holten uns an, und luden uns an ihre vornehme Tafel: aber ich habe sie dir
heimgeschickt, einmal über das andre! - Dass die Affenart sich einbilden darf,
einem rechtlichen Menschen eine Ehre erzeigen zu können mit ihrer Companie!
Sieh, das kann mich erst grimmig auf sie machen. Anders! - ich bin ja nicht vom
Geschlecht, und habe unter ihnen nichts zu suchen; möchten sie also meinetwegen
ruhig sich begaffen und ihre Purzelbäume schlagen! Und sie sollten sehen, es
käme mir auf ein Paar Küsse für sie nicht an, wenn ich gerad versehen wäre.
    Mit* und * * * hab' ich mich so gut als bruljiert, weil sie nicht
widerstehen konnten, und sich von den Fratzen schön tun liessen. Männer von
verdientem Ruhm sollten sich so nicht wegwerfen, und von dergleichen Leuten eine
Distinction annehmen; es sieht sonst so aus, als hätt' es würklich mit diesen
armen Tröpfen etwas zu bedeuten, und sie dürften wohl so gut sein und sich zu
einem grossen Mann herablassen, - ihm gnädigst einmal gestatten, zu sein, für die
Zeit, wie hoch ihres Gleichen. Ich kanns nicht ausstehen, die Schellenkappe über
dem Lorbeer!
    Unsere zwei distinguirte Herren schämen sich jetzt vor uns, und schämen sich
vor einander, und wären so gern der Ehre wieder los; zumahl da es allmählig bei
tausend Gelegenheiten an den Tag könnt, wie Ihro Gnaden es im Herzen mit ihnen
meinen. Es sieht scandalös aus, wie sie nun da stehen, und umher schleichen,
und, um sich nicht gar zu prostituiren, bon gré mal gré die inferieurs spielen
müssen: sie sinds dermahlen auch in der Tat, und es geschieht ihnen recht.
Darum lassen wir sie stecken, und laden sie nie zu unserer Gesellschaft, die
noch artig genug componiert ist, wenigstens aus den besten Leuten, die hier
sind: wir haben einige sehr vergnügte Partieen zusammen gemacht. - Aber gewiss
komm ich nie wieder hieher. Sollte ich noch einmal den Brunnen trinken müssen,
so erneuere ich meine Bekanntschaft mit Spa. - Da möcht' ich einmal von dem
allerlei vornehmen Volk (denn die Collection ist hier sehr vollständig!) - da
möcht' ich einmal dies oder das davon hinkommen sehen - Himmel! was sie da für
eine Figur machen würden! Denn eigentliche Welt; ächten guten Ton; Lebensart:
auch das haben sie dir nicht einmal: sie sind ungeschliffen, ungelenk, und im
höchsten Grade fad' und langweilig. - - Aber womit ich die Zeit verderbe? -
Steht es denn nicht schon geschrieben, dass die Erde hervorbringen musste Vieh,
Gewürm und Tier auf Erden, ein jegliches nach seiner Art; - und dass Gott machte
die Tier auf Erden, ein jegliches nach seiner Art, und das Vieh nach seiner
Art, und allerlei Gewürm auf Erden nach seiner Art: - und dass Gott sah, dass es
gut war? - Haben wir also weiter nichts dagegen! hüten uns, und halten uns nur
fein reinlich!
    Am künftigen Montag geht es, dem Himmel sei Dank! von hier weg. - Wie mich
zurück verlangt, nach Dir, nach meinen Kindern, nach Euch miteinander, nach
Stadt und Land wo Ihr seid, nach eigenem Haus und Heerd: davon ist kein Sagen! -
Sei du nur immer glücklich, mein lieber Woldemar! das ist mein Morgen- und
Abend-Gebet, mein stündlicher Seufzer - Guter Gott! bewahre mir meinen Woldemar!
- Ich bin fest überzeugt, so liebend wie Dein Herz auch ist, dass Dir nichts so
beständig im Sinne liegt, wie Du mir im Sinne liegst. Jetzt, da Dir so wohl ist,
jetzt ist mir vor lauter Freuden, Angst; und, teils wegen dieser Angst, teils
aus einer Art von Aberglauben, prophezeih' ich mir allerhand Böses, damit das
Gegenteil eintreffe. Wie abergläubisch mich die Freundschaft macht, das ist
ordentlich zum Lachen. Zum Exempel, die Nacht, eh Dein Brief ankam, hatt' ich
einen entsetzlichen Traum von Dir; ich mag ihn gar nicht erzählen; genug, am
Ende warst Du - todt; und es wurden zwei Särge aus Deinem Hause getragen; aber
in dem zweiten Sarge war nicht Allwina; die lebte. Ich fuhr mit einem
ängstlichen Geräusch aus dem Schlaf, so dass Luise davon mit auffuhr, und ganz
erschrocken fragte: was mir wäre? Ich erzählte ihr, noch in völliger Betäubung,
das fürchterliche Gesicht. - »Pfuy!« sagte sie »was für ein abscheulicher
Traum«! und - schlief bald darauf wieder ein. Ich fiel endlich auch wieder in
Schlaf. Und nun, da ich am Morgen erwachte, und mir gleich mein Traum einfiel: -
Wirst Du glauben, dass ich kindisch, albern genug war, um mir Gedanken darüber zu
machen, dass ich diesen Traum meiner Frau erzählt, und zwar, meiner selbst halb
unbewusst und gleichsam gegen meinen Willen - nüchtern erzählt hatte? ... Es war
ein Glück, dass mir ein paar Stunden nachher Dein Brief gebracht wurde, und nun
der Geck sich das Ding zu seinem Vergnügen auslegen konnte.
    Mein Empfangen, mein haben Deiner Epistel; mein Ermessen ihrer Länge; wie
ich sie erst für mich, hernach mit meiner Luise gelesen, - und alles was folgte:
von dem mit einander - find ich nicht ein Wort in meinem Tintenfass. Es mag wohl
irgend besser aufgehoben sein! - ... Lieber! O, sei doch immer glücklich! - -
Ich danke Gott so von ganzer Seele für Dein Wohl. Wo ich es hie oder da nicht
genug tue, aus Kleinmut, aus Unglauben - Vater im Himmel, da sieh das
innbrünstige Gebet an, worinn meine Zweifel gehüllt sind, und verzeih, - oder,
strafe doch nur mich allein! ... - Ich weine; ich bin zaghaft wie ein Weib - Was
ist das? ...
    Wären wir nur erst ein Jahr oder ein paar Jahre weiter, und ich sähe Dich
einmal recht eingenistet auf dieser Erde! Immer kamst Du mir vor unter den
Menschen wie ein Fremdling, - als könntest Du nicht bleiben.
    Unter uns, das ist wahr, hast Du Dich sehr gut gewöhnt; aber dass Du Dich so
gut gewöhntest: haben wir das nicht grössten Teils der Traumdeuterinn zu
verdanken? - Und hat sie würklich ihn Dir gedeutet Deinen alten Traum; ihn
erfüllet, ihn wahr gemacht, wie Du sagtest; oder vielleicht nur einen neuen
Traum in Dir erweckt? - Wende Dich nicht weg von mir, edler Mann! es ist nicht
Lästerung, was ich sage; am wenigsten Lästerung gegen den Engel, den wir alle zu
uns herab vom Himmel steigen sahen. Du hältst nicht mehr von Henrietten, als sie
verdient; und es ist nichts anders als ihr wahrer würklicher Eindruck, was Du
für sie empfindest: aber in Dein Verhältnis mit ihr bringst Du eine Phantasie,
vor der mir bange wurde; sobald ich sie entdeckte. Ich hatte eigentliche Liebe
unter Euch vermutet, und so lange war ich ruhig; ruhiger, als ich in Absicht
Deiner je in meinem Leben war. -.. Armer Woldemar, ich kenne Dich so gut! und
wenn ich Dich recht ins Auge fasse, - sieh, so will mir das Herz zerspringen vor
Lieb' und vor Wehmut. - Es ist etwas in Dir, etwas, das Dich beständig über
alles gegenwärtige hinaussetzt, ins Unendliche hinüber. - Dich selber
überspannst Du nicht leicht; aber ausser Dir überspannt Deine Imagination beinah
Dir alles; Du bist mit keinem Dinge recht zufrieden, als das Du so erblickst.
Darum wird Dir, in die Länge, kein Mensch aushalten; nein, Woldemar, kein
Mensch!
    Es ist traurig, dass Dir nie wohl sein kann, als im Irrtum. Wo Du auch am
Wahren, am Würklichen hängst: Du machst so lange, bis ein Hirngespinnst daraus
geworden ist; und dann - zu Boden damit! - Ach, Dein letzter Brief hat mich an
so vieles erinnert; dies und jenes mir so klar aufgedeckt!.. Die volle Wonne,
die er atmet; die hohe, allerhöchste Himmelsfreude - Lieber! wenn Du das alles
nur an einem Haare festieltest - durchaus nur an einem Haare fest halten
wolltest -Und das Haar zerriss - zerrisse vielleicht durch eine Bewegung Deiner
eigenen Hand? - Lieber! ... O, erbarme Dich Deines Biedertals!
    Es ist Zeit dass ich abbreche. - Verzeih, Lieber, wenn ich ein Tor bin. Ich
hoffe dass ich einer bin; und mir ahndet, dass ichs fühlen werde, sobald ich Dich
wiedersehe. Was ich geschrieben habe wird Dir weiter das Herz nicht schwer
machen. Und so leb wohl. Gruss und Kuss an Allwinen und Henrietten! auch von
Luisen. - Bester, Teurester, leb wohl! Leb wohl und bleib meiner Liebe
eingedenk.
                                                                 Dein Biedertal
                                                 heute wie gestern und immerdar.
Zween Tage nach diesem Briefe kam Biedertal selber an. Von seinem Trübsinn war
keine Frage mehr: überall nichts als Herrlichkeit und Freude!
    Woldemar musste der Pflichten seines Amtes wegen nun öfter in die Stadt. Er
pflegte, wechselsweise, dann bei Biedertalen, dann bei Dorenburgen abzutreten.
Sie sahen ihn nie, ohne dass sich neue Aussichten von Glückseeligkeit vor ihnen
eröfneten, und zählten, immer ungeduldiger, Tage und Stunden bis der Winter
einbräche.
    Einst traf es sich, dass Woldemar unversehens in die Stadt kam, und niemand
zu Hause fand, als Luisen; die andern waren aufs Land zu einem Anverwandten von
Dorenburgen, welcher Oberamtmann war. Woldemar hatte ein Bildnis von Henrietten
mitgebracht, welches er ganz neuerlich gezeichnet, ohne dass sie ihm dazu
gesessen. Er machte gerne Porträte, und hatte seine Freunde zu B. mehrmahls und
sehr treffend abgezeichnet. Von Henrietten waren eine Menge Abbildungen da, die
er vor und nach in allerhand Manieren und Launen verfertiget hatte; aber so
regend, so voll Bedeutung, wie diese, noch keine. Luise schrie vor Freude, da
sie das Bildnis sah. Für Woldemar war es ein reiches Gemählde, welches ihm die
ganze Geschichte seiner Glückseeligkeit darstellte, und auf eine Weise
darstellte, dass er viel mehr als ihren wiederholten Genuss davon empfieng; hier
genoss er sie mehr im Geber; freute sich desselben, und fühlte dessen höhere
Wonne. - Niemand hatte ihn noch so von seiner Freundinn reden hören, als er vor
ihrem Bildnisse itzo mit Luisen davon sprach. Seine Begeisterung teilte sich
dem gefühlvollen Weibe mit, und sie wurden beide je länger je mehr - bis zum
Ueberfliessen ihres Gegenstandes voll. So brachten sie, äusserst miteinander
zufrieden, diesen und den folgenden Tag zu Ende. Es war schon nach Mitternacht,
als Woldemar aufstand und nun zu Bette gehen wollte. Stehend fiel ihm ein Zug
von Henrietten ein, den er noch eben erzählen musste. Er bemerkte, dass Luise ganz
ausserordentlich davon getroffen wurde, und fragte nach der Ursache. Sie
veränderte die Farbe bei seiner Frage; und da er zu bitten anfieng, schossen ihr
Tränen über die Wangen. Woldemar wurde dringender; aber Luise konnte ihn nicht
befriedigen, ohne ihm zu entdecken, was sich bei ihres Vaters Tode zugetragen
hatte; denn in der genauen Beziehung, welche das von Woldemarn Erzählte hierauf
hatte, lag die Ursache ihrer Erschütterung. - »Es ist unmöglich, sagte endlich
Luise, dass ich Ihnen willfahre; es sei Ihnen genug, dass Sie Henrietten nie
zuviel lieben, nie zu sehr verehren können; dass Sie mehr Grund dazu haben, als
Sie selbst wissen.« - Diese Worte machten Woldemarn nur noch aufmerksamer; er
war durch nichts mehr zu stillen, flehte unablässig, und drohte endlich, dass er
durch Henrietten selbst das Geheimnis schon herausbringen wolle. Kurz, er setzte
der armen Luise von allen Seiten so lebhaft zu, bis sie, halb aus Furcht halb
aus Treuherzigkeit, nachgab, und ihm alles offenbarte.
    Woldemar brachte die Nacht in seinem Sessel zu. Eh' er sich dazu versehen,
hatten schnell seine Gedanken sich so gehäuft, und sich so vielfältig
durcheinander geschlungen, dass er wie erstarrt davon war. Seine Henriette
weniger hochschätzen, weniger lieben - konnte er um alles, was er jetzt erfahren
hatte, nicht; er musste viel eher sie bewundern, ihr Dank wissen; und doch fühlte
er, dass er unzufrieden mit ihr war. - Unzufrieden mit Henrietten! - Er erschrack
vor dieser Vorstellung: - Und warum unzufrieden? - Durft' er es wohl jemandem
sagen? - Konnte er's nur sich selbst erklären? - »Es ist die erste Befremdung;
(sagte er zu sich) morgen werd' ich ruhig sein« - und wollte aufstehen und sich
zu Bette legen. Aber schnell kam wieder eine neue Gedankenreihe, die ihn fasste
und niederhielt: - »Mir entsagt - feierlich - heimlich! -Ihr Vater, ihre
Geschwister vermochten sie dahin zu bringen! - Sie hat ein Geheimnis mit ihnen
gegen Woldemar! - - O, ich bin ihr nicht was ich dachte! - Henriette ist nicht.
... Er fuhr in die Höhe - wieder zurück - wusste nicht zu bleiben.«
    Der Morgen graute schon, da legte er sich. Der Kopf schmerzte ihn
entsetzlich, es kam Schwindel dazu, und so schlummerte er endlich ein. Gegen
Mittag stand er auf, sehr abgemattet, aber um vieles heiterer, und gefasst genug,
um Luisen gänzlich die Ursache seiner Unpässlichkeit verbergen zu können. Er
schalt sich je länger je ernstlicher über seine ausschweifende Empfindlichkeit,
und gab ihr allerhand gehässige Nahmen. Viel lieber wollt' er sich der
verkehrtesten Eigenliebe - als seine Henriette einer Sünde gegen die
Freundschaft schuldig finden. Es gelang ihm endlich die Gefühle seiner ersten
Aufwallung zu unterdrücken; und er reiste fest entschlossen nach Pappelwiesen
zurück, sich von nun an die Sache ganz und auf immer aus dem Sinne zu schlagen.
Bei seiner Ankunft nahm die einzige Henriette etwas verändertes in seinen Zügen
wahr. Er schob es auf die Unpässlichkeit, wovon er überfallen worden; doch
gestand er zuletzt: einer von seinen bösen Geistern wäre einmal wieder über ihn
gekommen, hätte aber keine Stätte gefunden.
    Die Freude, seine Allwina, seine Henriette wieder zu sehen, war ihm noch
no comma? so warm durch Herz und Adern gelaufen; es kam ihm vor, als nähm er zum
erstenmahl wahr, dass er so sehr geliebt sei. Tief in sein Innerstes ging das
sanfte Forschen seiner Freundinn mit Blicken und Liebkosungen: - ob etwas seine
Glückseeligkeit störe? - ob sie's nicht von ihm nehmen könne? - für ihr Glück,
für ihr Leben - für den Tod ihrer Seele? - Woldemar ertrug's kaum. Der Zustand,
worinn er sich zu B. befunden, schien ihm jetzt zu Pappelwiesen so töricht, ja
so rasend, dass er vor Scham und Reue zu vergehen meinte. Wär' es nicht um Luisen
gewesen, er hätte alles entdeckt. - Er warf sich seiner Freundinn in die Arme: -
»Engel, rief er mit beklommener Stimme, - wie Du mich liebst! - Ich verdien' es
nicht; ich habe kein Herz das zu lohnen.« - Dennoch überfiel ihn nachher wieder
dann und wann auf eine unangenehme Weise der Gedanke an Henriettens Gelübde - an
das Geheimnis zwischen ihr und ihm; und es gab Augenblicke, wo es ihm bis zur
sichtbaren Unbehaglichkeit beschwerlich wurde.
    Sie verliessen erst im November das Land. Von Allwinas Verheiratung war zu
B. nicht das mindeste ruchtbar geworden. Die Frage war dort schon lange gewesen,
lange vor Hornichs Tode, welche von beiden - ob Allwina oder Henriette Woldemars
Gattinn werden würde? Aber nach vielem emsigen Gewäsche war nun seit kurzem so
gut als ausgemacht, man werde gleich nach der Trauer erfahren, dass Henriette die
Braut sei; und so konnten die guten Leute bis dahin andre Sachen sich angelegen
sein lassen. Sie gerieten ausser sich vor Bestürzung, die guten Leute, da sie
jetzt so ganz unversehens mit der Nachricht überrascht wurden: Allwina sei -
nicht erst die Braut - sie sei würklich seit sechs Monaten schon mit Woldemar
vermählt. - Das konnte unmöglich mit rechten Dingen zugegangen sein! Es musste
etwas dahinter stecken: und nun hatten sie keine Ruhe, bis sie das
wahrscheinlichste nach ihrem Begriff herausgebracht.
    Man kann sich die Vermutungen, die da zum Vorschein kamen, nicht ungeheuer
genug denken. Am ärgsten wurde Henriette misshandelt; nicht, dass man ihr
vorzüglich gram gewesen wäre, sondern weil bei ihr das Wahre den guten Leuten am
weitesten aus dem Wege lag. Selten haben - auch die schlimmsten Verläumdungen
eine andre Quelle: es ist nur, dass die guten Leute nach Maassgabe ihres Sinnes,
Herzens und Verstandes urteilen; dass sie ihre eigentliche Meinung entdecken,
nach bestem Gewissen.
    Auf diese Weise geschah es, dass unsere Henriette den Gram erfuhr, ihr
Heiligstes in den Kot treten zu sehen. Ihre Freundschaft mit Woldemarn wurde
auf die schnödeste Weise gelästert; ihre Unschuld mit Schmach angetan ... - Ich
habe sie gesammelt in der Stille meiner Seele, die Tränen des Engels, und ich
zitterte, dass Eine von den meinigen sich darunter mischen möchte: - sollt' ich
sie ausgiessen - vor einer Menge voll Unreiner, die ich nicht wert hielte nur
die meinigen zu sehen; - Euch sollt' ich mit keuscher jungfräulicher Träne -
mit der Weihe der Unschuld besprengen!
    Feig war das Mädchen nicht; Tugend lässt es nicht sein. Henriette blieb
dieselbige in allen ihren Handlungen, in ihrem ganzen Betragen: aber in dem
Grade vermochte sie ihre Einbildung nicht zu beherrschen (und sie wäre lange
kein so herrliches Geschöpf gewesen, wenn sie das gekonnt hätte) dass ihr dabei
nicht sehr oft die verkehrten Urteile der Leute vorgeschwebt und ihr einen
Schauder durchs Blut gejagt hätten. Ihr geheimer Schmerz ward dadurch
vergrössert, und unvermerkt schlich sich einiger Unwillen gegen sie selbst, und
ihm nach Bitterkeit gegen die Menschen in ihr Herz; das bis dahin den reinsten
Frieden genossen hatte.
    Woldemar hatte von allen denen Verläumdungen, welche zu B. herumgeflüstert
wurden, wenig erfahren, weil er von den Einen zu sehr geliebt, und von den
Andern zu sehr gefürchtet war. Jedermann wusste, dass er Dinge dieser Art mit
einem fürchterlichen Grimm empfand, und dass sein Hohn verzehrendes Feuer war.
Den Nichtswürdigen auszuweichen, sich um ihrentwillen zu bequemen, oder Wege der
Klugheit einzuschlagen: - - das spie er an; in allen solchen Fällen war seine
ganze Seele lauter Trotz. Ueberhaupt fühlte er seine Stärke, und brauchte zu
seinem Recht gerne Gewalt.
    Was sich mit Henrietten zutrug, entgieng eine Zeitlang seiner Beobachtung;
und als ihn endlich däuchte, er nähme etwas verändertes an ihr wahr, besonders
in Absicht seiner, da suchte er sichs auf alle Weise auszureden. Er war seit dem
Vorfall nach der Entdeckung, die ihm Luise gemacht, äusserst schüchtern, und
gegen sich selber misstrauischer als jemahls geworden; aber eben das musste seine
Aufmerksamkeit, da sie einmal gerejetzt war, nur in desto stärkern Trieb setzen.
Selbst indem er darauf bedacht war sie abzulenken, stellte er, wider seinen
Willen, Beobachtungen an; und so geriet er, immer unwillkürlich, endlich dahin,
dass er seine Freundinn bald hie bald da auf die Probe setzte. Verschiedene
dieser Proben fielen so aus, dass seine Bemerkungen dadurch bestätiget schienen.
»O, das wollt' er nicht! falsch sollten sie befunden werden, durchaus falsch; -
sie mussten es - beim Himmel, sie mussten!« - Der Unglückliche stand am Abgrunde
der Verzweiflung, und durfte nicht einmal fürchten. -»Keine Sorge! rief er
schwindelnd, keine Sorge! Bei allem was heilig ist, ich bin nur ein Tor! - Gott
weiss, ich bin nur ein Tor - und es wird offenbar werden!« - So drang er immer
weiter voran; ging unablässig hin und her in dem Nebel der zwischen ihm und
seiner Freundinn aufgestiegen war - ob er nicht verschwände? Zuweilen, nah' bei,
da schien er weg zu sein; - einige Schritte davon, ach, da war er wieder! Dann
schwoll ihm das Herz bis zur Beklemmung; und was er begann um des Dranges los zu
werden, war alles eitel; bis etwa ein Ausbruch von Zärtlichkeit und Wehmut in
Henriettens Armen ihm wieder einige Erleichterung verschafte.
    Schon vorher, nehmlich seitdem er das Geheimnis von Henriettens Gelübde
erfahren hatte, war mehr Lebhaftigkeit, aber damit auch, von seiner Seite, mehr
Ungleichheit in seinen Umgang mit ihr gekommen. Alle seine Empfindungen für sie
waren bei diesem Vorfall ausserordentlich erregt und in eine Art von Gährung
gesetzt worden; und (wie einem, dem ein teures Geschöpf, das seine ganze
Wohlfart trägt und bindet, in Gefahr schwebt) fühlte er jetzt doppelt ihren Wert
und all seine Liebe für sie. Da ergriff er sie dann manchmahl und schlang sie
fest und immer fester in seine bebenden Arme. - »Du bleibst mir doch, Henriette?
sagte er zu ihr - ich verliere Dich nie? - nicht wahr, ich verliere Dich nie? -
Tausend Tode - eher als Dich missen! - O, Du weisst nicht, wie an Dir mir alles
hängt, wie an Dir mir so alles gelegen sein muss, und was das für eine Liebe ist,
mit der ich Dich liebe!« - Henriette liess ihr ganzes Herz ihm hierauf die
Antwort geben. Es fiel ihr nie ein, dergleichen ungewöhnliche Bewegungen ihres
Freundes einer andern Ursache, als seiner gegenwärtigen Lage zuzuschreiben,
welche alle Saiten seines Herzens gestimmt zu haben schien, von jeder Empfindung
den höchsten Ton in vollem Klange anzugeben. Aber nun, ganz neuerlich, hatte sie
angefangen etwas stutzig zu werden. Das konnte nicht ausbleiben, zumahl bei dem
Gemütszustande, worinn wir sie erblickt haben. - Woldemars Begegnungen mussten
die Peinlichkeit desselben vermehren, und da sie je länger je zudringlicher
wurden, nach und nach in der Seele des Mädchens eine geheime Empörung zuwege
bringen.
    Henriette wusste nicht wie ihr geschah. Bisher hatte sie ihrer Freundschaft
für Woldemarn weder Maass noch Ende gewusst; nicht der entfernteste Gedanke an
dergleichen war ihr je in die Seele gekommen: und nun auf einmal - Was? - Es
liess sich nicht ausdenken. - Schranken! - Grenzen! - Einer solchen Freundschaft
- Woldemars und Henriettens Freundschaft! - Grenzen? - Schranken? - Wie? Warum?
Welche? - Sie glaubte von Sinnen zu kommen.
    Sie fühlte - mit unendlichem Zagen, dass sie ihrem Woldemar sich offenbaren
musste. - Ja, sie wollte! - Aber in fürchterlichen Finsternissen lag ihr
Entschluss. Da kam unversehens Gelegenheit und Augenblick, und drängte sie zur
Tat.
    Es war in Woldemars Hause auf einem Gastmahl. Henriette befand sich in der
höchsten Spannung, und kaum wollt' es ihr gelingen, indem sie alle ihre Kräfte
zusammengerafft hielt, die Bedrängnisse ihres Herzens zu verbergen. Woldemar
fuhr zusammen von ihrem Anblick, suchte aber seine Befremdung durch einen desto
wärmeren Empfang unmerklich zu machen; aber starr sanken darauf seine Arme an
ihr herab. Henriette fühlt' es, und beide überlief es kalt. Woldemar sah sie an
- und wieder an - und wieder - bis Schwindel und Blindheit ihn zwangen
abzulassen. - »Verloren! verloren! schrie's in seiner Seele, verloren!« - Er
hatte sich umgekehrt und stand am entlegensten Fenster, sein Gesicht an eine
Scheibe geheftet, und sah gerad auf gen Himmel. Sein Bruder und Caroline, die zu
ihm traten, und sich nach seinem Befinden erkundigten, und seine Gäste, die nach
einander ankamen, erlaubten ihm nicht in dieser Stellung zu verweilen. - Er
hätte sein Leben gewagt, um einige Minuten mit Henrietten allein zu sein. -
Henriette litt Todesangst. - Auf einmal ging sie auf ihren Freund zu: »Lieber
Woldemar, sagte sie zu ihm, indem sie ihm die Hand drückte, nicht wahr, wir
haben etwas mit einander zu reden? Auf den Abend! Nur bis dahin, Lieber, sei
ruhig!« - Diese Worte, noch mehr die liebevolle Miene, welche sie begleitete,
erhellten Woldemars Gemüt auf einige Augenblicke; aber kaum dass er recht zu
Gedanken darüber gekommen war, so kehrte seine Unruhe desto unerträglicher
zurück. Sehnsucht, Erwartung und Furchten trieben ihn bis zur Verwirrung umher.
- »Es war also richtig, Henriette hatte etwas auf dem Herzen; - etwas, das ihn
angieng: - sie hatte es schon so lange auf dem Herzen gehabt; schon so lang ihm
verheimlicht: was konnt' es sein?« - Er verwickelte sich je länger je mehr in
diesen Vorstellungen, dass er kaum mehr inne wurde, was um ihn her geschah,
sondern unablässig mit Forschen an Henriettens Augen, an ihren Mienen und
Geberden hieng. Henriette wurde äusserst verlegen; Woldemar, der ihren Unmut
beobachtete, desto verwirrter. Seine Zerstreuung stieg aufs höchste, und nun
begab sich alle Augenblicke etwas, dass sie ihm selber auffallend machte. Er
erschrack darüber, und begann in der Angst allerlei, um sich zu helfen: er wurde
laut; warf mit witzigen Einfällen um sich; unterbrach bald hie bald dort ein
Gespräch; trank, halb in Gedanken, halb mit Vorbedacht, von verschiedenen
Weinen, und in weit grösserer Menge als er gewohnt war. Diese gewaltsame
Erheiterung, bei dem ganz entgegengesetzten Gemütszustande, worinn er sich
eigentlich befand, brachte ihn vollends aus aller Fassung. - Man ging von
Tische, und es ward immer ärger mit ihm. Seine Phantasie glühte; - sein Herz
zerrann. - Er wusste nicht zu bleiben vor all dem Widersinn, der sein Wesen von
allen Seiten auseinander trieb.
    Henriette, voll Bekümmernis, sah sich oft verstohlen nach ihm um. Von
ohngefähr, bei einer schnellen Wendung, begegnete sein Auge einem solchen Blick;
da flog er auf sie zu, fasste ihre Hand, und stand einen Augenblick vor ihr, als
ob ihn die Seele verlassen wollte. Henriette erschrack bis zum Erblassen: -
»Allwina winkt mir« - sagte sie und sprang ihr an die Seite. Woldemar
durchkreuzte einigemahl den Saal; dann kam er wieder geradezu auf Henrietten;
zog sie beiseite: »Ich muss, sagte er, ich muss gleich diesen Augenblick mit Ihnen
reden; kommen Sie mit.« - »Das kann nicht sein,« erwiederte Henriette mit einem
äusserst gefassten Ton; »auf den Abend, sagt' ich Ihnen; dabei bleibt's«
    Woldemar glaubte in ihrer Miene etwas von Verachtung wahrgenommen zu haben,
und ging mit zerrissenem Herzen davon.
    Der Rest des Tages war für beide entsetzlich. Woldemar strengte sich bis zur
Ohnmacht an, und konnte dennoch seine Bewegungen nicht alle zurückhalten.
Henriette zitterte von Augenblick zu Augenblick, dass Woldemar sich noch
sichtbarer vergessen möchte; es däuchte ihr schon lange, alle Anwesenden sein
heimlich nur mit ihm und ihr beschäftigt. - Und - weiter hinaus - der Ausgang! -
das Ende! -Und ohne weiteres - an sich die blosse Sache - Woldemar und Henriette
in solchem Zustande, in solcher Lage? -Mit Qualen der Hölle folterte Beide dies
in gleichem Maass.
    Nachdem die Gesellschaft auseinander gegangen war, führte Woldemar
Henrietten nach Hause. Ihrem gepressten Herzen war so Not um Luft, und der Zwang
neben Woldemarn fiel ihr so unerträglich, dass sie (in einer fremden Sprache)
schon auf der Strasse anfieng sich ihm zu eröfnen, und so ununterbrochen fortfuhr
bis hinein in ihr Cabinet. Sie fühlte nicht die mindeste Zurückhaltung mehr,
konnte alles nach der Reihe jetzt klar heraussagen von Anfang bis zu Ende: was
für hässliche Gerüchte entstanden sein; wie ihr dieselben zu Ohren gekommen; was
sie dabei empfunden; was sich nachher in ihr zugetragen; was sie darauf an ihm
beobachtet habe; - und nun den ganzen gegenwärtigen Zustand ihrer Seele ....
»Dem Himmel sei Dank, fuhr sie fort, dass es noch eben zu rechter Zeit zu einer
Erklärung unter uns gekommen ist; aber nun, lieber Woldemar, auch in unserm
Leben keine wieder! Lassen Sie uns, was unser äusseres Betragen gegen einander
betrift, einige Schritte rückwärts tun. Seit Allwina ihre Frau ist, und schon
etwas vorher, haben wir unvermerkt angefangen, uns weniger in diesem Stück zu
beobachten. Dies unschuldige Vergessen war so natürlich, es floss so unmittelbar
und rein aus den Wendungen unserer Verhältnisse, aus unserer ganzen Lage, war so
schicklich zu den Bedürfnissen von Allwinas Herzen - war durchaus so schön - O,
ich freue mich - ja, ich freue mich auch der Lästerungen, die über mich ergangen
sind, weil sie mir dartun, dass ich gerade die Tugenden, welche die Verläumdung
mir abspricht, in höherem Grad besitze; dass ich weit besser bin, einen viel
höheren Rang habe, als ich selber wusste. - Doch dies gehört so eigentlich nicht
hieher. - Aber genug, und es komme woher es wolle, wir geben Ärgernis; und
dieser Vorwurf soll auf unserer Freundschaft, da sie dessen sehr wohl ohne sein
kann - wenigstens durch meine Schuld nicht haften. - O ich möchte auf jedweden
den Seegen bringen können, dass ihm das Heilige, dass ihm die Unbeflecklichkeit
einer solchen Verbindung offenbar würde. Vor allem ist mir daran gelegen, dass in
meiner eigenen Seele nichts ihr Bild entstelle; und ich habe ihnen vorhin
gesagt, was die verkehrten Urteile der Leute für eine Würkung auf meine
Phantasie gemacht haben. Wenn es Schwachheit von mir ist, so haben Sie Nachsicht
damit; ich bin kein Mann. Auch dem Manne wird es nicht an Betrachtungen und
Gründen fehlen, meinen Vorschlag zu genehmigen. Und so sei denn dies hiemit
festgestellt. - Unsere Freundschaft ist zu tief gegründet, und zu wohl bewährt,
als dass ich mich nicht der Anmerkung schämen sollte, dass sie nicht den mindesten
Abbruch hiebei zu befürchten habe; was geht sie im Grunde dies alles an?«
    Hier zog Woldemar seine Uhr aus der Tasche: - »Schon so spät!« sagte er,
seinen Sitz verlassend - und indem er mit dem Hut in der Hand auf Henrietten
zurück kam. - »Ich werde mich Ihren Wünschen gemäss verhalten, liebe Henriette.
Alles, was Sie mir gesagt haben, war mir - teils neu, teils ganz unerwartet.
Sehr gut, dass Sie sich gegen mich äusserten; ich begreife Sie vollkommen, und
habe nichts einzuwenden; wie gesagt, Sie können sich darauf verlassen, dass ich
mich nach Ihren Wünschen fügen werde.« - Er reichte ihr die Hand: »Ich muss
eilen; schlafen Sie nun recht wohl, meine gute Henriette!« - Sie bot ihm eine
Umarmung, die er annahm, aber etwas frostig; und damit wie ein Blitz zur Tür
hinaus, und die Treppe hinunter.
    Ueber alles was Henriette gesprochen, hatte er, während dem Anhören, wenig
bei sich festsetzen können; er war lauter Verwirrung gewesen, lauter
Verlegenheit, wie er sich äussern sollte, im Fall er sich dazu gezwungen sähe;
und darum war er so schnell entwichen.
    Vor dem Hause blieb er einige Augenblicke stehen. - »Ach! all die Liebe in
seinem Herzen! - All die Liebe die er genossen - in grenzenlosem Vertrauen! - -
All der Friede! - so angefochten?... gewogen! - gewagt - der Zerrüttung
ausgesetzt!«... Dann lief er schnell die Strasse hinab, die folgende eben so, und
weiter bis auf den Platz vor der Pfarrkirche, - da hielt er.
    Hier, im Freien, breitete er sich, rund um, der Luft entgegen. - Die Stille
der Nacht wollt' er haschen - und den Raum der Himmel.
    Er fühlte Erquickung. Gelassenheit und Ruhe giengen, wie Sternenhelle, in
seiner Seele auf. Und nun hatte er Mut, Henriettens ganzen Vortrag sich zu
wiederholen.
    Woldemar fühlte die mehreste Zeit lebhafter, was andre angieng, als was ihn
selber betraf; nichts war leichter, als ihn zu seinem eigenen Nachteil
einzunehmen. Diese ungemeine Guterzigkeit verläugnete sich auch in dem
gegenwärtigen Falle nicht. Die Vorstellungen seiner Freundinn hatten Eindruck
auf ihn gemacht. Indem er sie von neuem ernstlich überdachte, wurde er allgemach
in Henriettens Partei hinübergezogen; er setzte sich ganz an ihre Stelle, und
vertrat sie mit solchem Eifer, dass ihre Sache bald anfieng ein unverwerfliches
Ansehen zu bekommen. Nun wanderte er getrost nach Hause, wo ihn Allwina mit
Schmerzen erwartete, weil er sie wegen seines Befindens in Sorge gesetzt. Sie
freute sich, ihn so wohl zu finden. Er brachte noch eine Weile in liebevollem
Geschwätz mit ihr zu, eh' er sich zur Ruhe begab, und hatte keine schlimme
Nacht; nur dauerte es ein wenig, bis er einschlafen konnte, und er war früh
wieder munter. In Ansehung Henriettens sah' er nicht anders, als den Abend
zuvor. Etwas weh musste ihm freilich das Herz noch tun von den vielen Leiden,
die es erduldet; und auch regte sich darin noch dieser und jener kleine
Vorwurf, hauptsächlich ihres Betragens halben am vorigen Tage, und wegen der
Art, wie sie sich gegen ihn erklärt hatte. Entschuldigen - zur Not - konnt' er
auch das - nach dem Uebrigen; aber ein gewisser Unmut blieb in seiner Seele,
der war nicht zu verdrängen.
    Henriette eilte, gleich nach dem Frühstück ihn zu besuchen. Er sass bereits
oben in seinem Cabinet. Da hörte er sie! hörte - sie die Treppe hinauf fliegen,
- und hin an sein Vorzimmer, - und die Tür öfnen und hinein rauschen, durch auf
sein Cabinet zu. - Es war an seinem Herzen - wie wenn ein Damm durchgeht.
Unverwandt blieb er vor seiner Arbeit sitzen. Henriette fasste mit ihrer linken
Hand seine rechte Schulter, und senkte sich hinüber vor ihn, und schaute ihm mit
so freier, froher Liebe ins Gesicht, dass er davon ausser sich gesetzt wurde. Der
ganze Himmel, den ihm das Mädchen geschaffen hatte, tat sich weit vor ihm auf;
kaum widerstund er, sie an sich zu herzen und eine Flut von Tränen, die ihn
drängte, über sie hinströmen zu lassen. Aber er hielt sich; ermannte sich zu
heiterm Blick und annehmlichem Lächeln, und tat einen Augenblick, als zweifelte
er, sie umarmen zu dürfen. Indem hatte Henriette ihm schon die Wange gereicht. -
Damit stand er auf und fieng an sich freundschaftlich mit ihr über verschiedenes
zu unterreden. Etwas fehlte doch, dass es nicht ganz im alten herzlichen Ton war.
Woldemar merkte wie er je länger je mehr davon abwich; wie er sich immer weiter
zurück zog; aber er konnte sich nicht zwingen anders zu sein. Ihn deshalben
anzugehen trug Henriette Bedenken, zumahl da er allen Anlass durch ein freies
ungezwungenes Wesen zu entfernen bemüht schien.
    Sie sprachen eben von einer Reise, welche Allwina mit ihrer jüngern Tante
vor hatte, als jene dazu kam. Diese Reise war beständig verschoben worden; sie
liess sich weiter nicht hinaussetzen; übermorgen musste sie vor sich gehen.
Hierauf brachte Allwina hundert Gründe herbei, warum Henriette ihr heute und den
ganzen folgenden Tag nicht von der Seite weichen dürfte. Henriette sagte ihr
noch hundert andre dazu, und ward, halb erstickt von Küssen, im Jubel hinweg
geführt.
    Woldemar ging wieder an seine Arbeit, nahm die Feder voll Dinte, und setzte
sie an, als ob sein Geist in der besten Bereitschaft sich befände, und ihn die
Gedanken übereilten. Aber alles fand er getrennt in seinem Kopf, und je mehr er
sich bemühte, seiner Zerstreuung abzuhelfen, je schlimmer ward es damit.
    »Nun dann! - sagte er endlich zu seiner Phantasie, indem er die Arbeit
wegschob und seinen Stuhl herumrückte, - nun, was ist's? Ich will es denn lieber
einmal geduldig anhören und damit ein Ende!«
    »... Das - und das da - und dies und alles? das wusst' ich ja schon! das ist
ja hin und her gedacht genug! - Was solls? - Henriette bleibt ein vortrefliches
Geschöpf, wenn sie mir auch noch weher getan, noch viel ärger gegen meinen Sinn
gehandelt hätte. Ich brauche mich nur an ihre Stelle zu setzen, nur zu bedenken
dass sie ein Mädchen ist, zu erwägen, was überdem unser beider Charactere für
Verschiedenheit mit sich bringen: so kann ich sie über alles rechtfertigen; so
muss ich sie durchaus entschuldigen. - Wer gefehlt hat, das bin ich; dass ich
nicht früher dies in Betrachtung zog, - so in den Tag hinein lebte, als ob...«
    Hier stockte Woldemar. - Er wollte fliehen vor dem Wetter, das ein ferner
Blitz ihm verkündigte, - ein ferner Blitz und dumpfes unendliches Donnergerolle
hinter ihm her. Aber wer kann sich erwehren umzublicken im Fliehen; und wen
ereilts nicht?
    Als ob!... Das war Täuschung also - dass wir Ein Herz, Eine Seele, - Eins in
allem uns fühlten? Ich muss aus mir herausgehen, als aus einem Fremden, und mich
in ihre Stelle versetzen! Versetzen! - Henriette ist mir ein anderer; Henriette
ist wider mich. Hin ist unsre Einmütigkeit, unsre Eintracht: um ihr gut bleiben
zu können, muss ich vergessen, wie ganz ich sie für meine Freundinn hielt - wie
ganz ich ihr Freund war; - - endlich das gefunden zu haben meinte, und darin
ewigen Frieden mit den Menschen.
    Woldemar dachte dieses nicht so klar, nicht ununterbrochen in dieser Folge;
es wirrten sich nur seine Vorstellungen ohngefähr auf solche Art und zu solchem
Erfolge in einander, indem er ihrem Aufkommen und ihrer Verbindung mit Gewalt
entgegen strebte. Die freieren Bewegungen seiner Seele würkten alle Henrietten
zu Liebe; und am Ende, wenn sie auch nicht ganz die Oberhand bekamen, so blieb
es doch dabei, dass sie ihnen gebührte, dass sie dieselbe haben müssten und sollten
.
    Von diesem Gemütszustande wurde seine Aufführung gegen Henrietten der
vollkommenste Abdruck. Er besass eine ungemeine Stärke, die Bewegungen seines
Herzens aufzuhalten, seinen Leidenschaften den sichtbaren Ausbruch zu verwehren,
und sie sogar, auf kurze Zeit, wo nicht zu unterdrücken, doch ausserordentlich zu
schwächen. Gewöhnlich kostete es ihm auch nachher wenig Mühe, wenn er es für gut
fand, seine Aufmerksamkeit ganz von den Gegenständen, die ihn erschüttert
hatten, abzulenken.
    Allwina, den Abend vor ihrer Abreise, übertrug ihrer Freundinn Woldemars
Verpflegung. - »Er ist nur,« sagte sie scherzend, »dass du nicht vergissest, dass
du für zwei stehst, für dich und mich. Du hast noch no comma? soviel auf dir
gehabt, das weisst du doch? Bedenk es nur recht! Wenn ich höre dass mich Woldemar
gemisst hat! - ich verzeihe dirs in Ewigkeit nicht!«
    Damit ergriff sie, in liebevollem Auffahren, mit dem einen Arm die
Freundinn, mit dem andern den Mann, und herzte sie gegen einander, und drückte
sie an sich aus allen Kräften; und indem sie nachliess, zerfloss in englisches
Lächeln ihr Gesicht; und an ihm herab sah man - wie wenn eine sonnichte Wolke
sanft und schnell sich ergiesst - Tränen der Zärtlichkeit und der Freude rinnen.
    Henriette begab sich am folgenden Morgen mit bangem Herzen zu Woldemarn. Sie
hatte genug empfunden, dass tief in dem seinigen, etwas gegen sie arbeitete; -
sie liebte ihn so ernstlich und so schön - und wusste sich keinen Rat. Denn
womit hatte sie ihn beleidiget? Wie hätte sie anders handeln, anders sich
erklären können? - Eine abermahlige Erklärung - wohin sollte die gehen? -
Woldemar hatte Unrecht; er hatte so gewiss - o, er hatte so offenbar Unrecht -
dass man es nur ihm selbst überlassen musste, darüber die Augen zu öfnen.
    Henriette weinte bitterlich, indem sie dieses überdachte. Seufzer auf
Seufzer pressten sich aus ihrer Brust mit unendlichem Weh. Ohne Woldemars
Freundschaft wurde ihr das Leben zu nichts. Und diese Freundschaft stand in
Gefahr. Und sie musste sie der Gefahr überlassen. - »Lieber mag der Himmel sie
mir rauben, sagte sie bei sich selbst, als dass ich sie verderbe!«
    Woldemar hatte schon einige Stunden einsam, in tiefen Gedanken und voll
Unruhe, zugebracht. Sein holdes liebes Weib war früh vor Anbruch des Tages von
ihm geschieden. Es war am Anfang des Merz. Diese Trennung hatte ihn sonderbar
gerührt. Um und um schlug sein Herz von Liebe; - um und um, gegen an die
erstarrende Mitte, wo Missmut über allgemeinem Unglauben brütete und der
erschrecklichsten Verzweiflung.
    Er war zu lange glücklich gewesen; war zu sehr von den süssen Gefühlen
erwiederter herzlicher Zuneigung und innigen Vertrauens durchdrungen worden, als
dass die entgegengesetzten bittern Gefühle sich sobald seiner ganzen Seele hätten
bemeistern können. Die Menge, die Lebhaftigkeit der Erinnerungen, die ganze
Magie der Einbildungskraft, alles würkte vorzüglich auf jene Seite.
    Was ihm nach Allwinas Entfernung zuerst begegnete, waren verschiedene Sachen
auf seinem Tische, die für Henrietten da lagen. Das machte ihm die Vorstellung
auffallend, dass sie, nach Verlauf von ein paar Stunden, bei ihm sein und
gewissermassen ihre Wohnung aufschlagen würde. Er hatte eine Menge zärtlicher
Aufträge an sie von Allwina. Und dann sollte er ja ihr dies und das erzählen,
welches den Abend vorher, nachdem sie schon weggewesen, und den Morgen früh,
zwischen ihnen war geredet worden, worunter manches scherzhafte sich befand, und
das auf länger und kürzer Vergangenes in mannichfaltiger Beziehung stund.
    Woldemar sass da, - unterdessen heiter der Tag heranlichtete, - hinträumend
über das alles; und fühlte, wie sehr er sich jetzt auf Henriettens Ankunft freuen
würde, wenn er freien Mutes gegen sie wäre.
    Diese Vorstellung nahm überhand, und wurde lebhafter mit jeder neuen
Lichtung des Himmels. - Endlich fiengen seine widerwärtigen Grillen ihm an so
lästig zu scheinen, er musste sie so von ganzem Herzen verwünschen, dass er so gut
als entschlossen wurde, sie, im Fall der Not, nur geradezu von sich abzuwerfen.
    Er befand sich hiezu durchaus in der günstigsten Stimmung. Noch war die
Stelle warm, wo Allwina ihr untadeliches Herz an das seine gedrückt hatte. Es
war ihm da ein Anschauen von voller Liebe, von unverbrüchlicher Treue geworden,
wovon seine Seele wie besessen geblieben. Und auch sein eigen Herz hatte er
wieder stärker da gefühlt. Es hatte ihm gezeugt - es hatte, voll Entzücken, gen
Himmel geschworen, dass auf Menschen Verlass sei.
    Und zu diesen Menschen sollte Henriette nicht gehören? seine Henriette? die
Freundinn seiner Allwina?
    Unsinniger Verdacht! - Anschwärzung, blosse Anschwärzung! - Eigendünkel,
Eigensucht, Hochmut, tyrannisches Wesen, verkehrter Sinn mussten da im Spiel
gewesen sein, die hatten ohne Zweifel ihn verblendet ihn betört!
    Gefehlt - etwas gefehlt konnte sie immer haben. - War er doch selber auch
nicht ohne Schuld. Und somit sollte alles aufgehoben, alles vergessen sein.
    Gegen die Zeit, da er Henrietten erwartete, legte er sich ins Fenster, um
ihr entgegen zu schauen. Es dauerte nicht lange, da sah er sie am Ende der
Strasse um die Ecke kommen. Henrietten, da sie ihn erblickte, fieng das Herz an
stark zu pochen. Sie kam näher, sah sein heiteres Auge, sein wonnigliches
Lächeln, und wusste nicht, ob sie ihren Augen trauen sollte. Als sie nächst dem
Hause war, grüsste er sie mit vertraulichem Nicken, sprang hinweg vom Fenster,
und die Treppe hinunter an die Tür ihr entgegen. Sie war nie mit mehr
Zärtlichkeit, mit mehr freundschaftlicher Wärme von ihm empfangen worden. »Nun
geschwinde hinauf! sagte er zu ihr, komm!« griff ihr unter die Arme, und oben in
einem Flug!
    Henriette, die sich auf eine ganz andere Begegnung vorbereitet hatte, wurde
bestürzt und geriet in Verwirrung.
    Auf einige Befremdung hatte Woldemar gerechnet, denn er wusste wohl, dass sein
Unmut die zwei vorhergehenden Tage hindurch von Henrietten nicht hatte können
unbemerkt bleiben: aber diese Befremdung sollte gleich darauf in Freude, und
diese Freude in einen gewissen höhern Grad von Zärtlichkeit übergehen. Natürlich
genug waren diese Erwartungen; aber der Gang, den Henriettens Empfindungen
nahmen, war es nicht minder. Sie hatte nie an Woldemar dergleichen plötzliche
Abwechslungen von Laune (sie konnte es nicht wohl anders nennen) wahrgenommen.
Gegen sie, nun gar, war davon nie ein Schatten gewesen. Jetzt gab es der
sonderbaren Erscheinungen so viel! - Lauter fremde ungewöhnliche Dinge! - Alles
so ausserordentlich, so sehr ausserordentlich! - Wie das kommen - was doch in dem
Manne vorgehen mochte?
    Diese Gedanken, mit welchen sich hundert andre verknüpften - und dass Allwina
nicht da war - heute just verreist....
    Des Hin- und Hersinnens war kein Ende; und sie stand vor Woldemaren
ohngefähr eben so, wie Er vor zwei Tagen Ihr gegen überstanden hatte.
    Woldemar wollte lange das nicht sehen. Doch er musste wohl endlich. Aerger
als alles war ihm eine gewisse Schüchternheit, ein gewisses Argwöhnisches, das
aus ihrer zerstreuten bedenklichen Miene hervorschimmerte. Er rief, wie zu
ewigem Bleiben, die widerwärtigen Vorstellungen zurück, über die er die
Verbannung ausgesprochen hatte. Aber noch widersetzte er sich ihrer Aufnahme,
und eilte, Henrietten zur ältern Tante hinunter zu führen, bei welcher er sie
zurück liess.
    Er brachte den ganzen Morgen mit allerhand kleinen, mehrenteils
mechanischen Geschäften zu, bloss in der Absicht, um sich vom Nachdenken
abzuhalten. Er hofte auf günstigere Eindrücke, und wollte wenigstens den Verlauf
dieses Tages in Gelassenheit abwarten.
    Es traf sich an diesem Morgen, dass er zu wiederholten mahlen gestört wurde,
und er meinte jedesmahl, es sei ein Besuch von Henrietten. Aber sie kam erst
kurz vor Tische zu ihm herauf, und mit Biedertalen, welcher Fremde von sehr
guter Gesellschaft zum Nachtessen haben sollte, und sich Henriette und seinen
Bruder dabei wünschte.
    Woldemar hatte keine Lust; »er wäre heute früh auf gewesen« - und
dergleichen.
    Biedertal erinnerte ihn, dass er immer früh aufstünde; und versicherte, man
säh' ihm an, dass er Zerstreuung nötig hätte.
    Darüber lachte Woldemar.
    »Aber ich denn, sagte Henriette, ich wenigstens brauche Zerstreuung. Ich
weiss nicht, der Kopf ist mir heute so schwer, ich bin so trübsinnig; diese
Partie käme mir gerade recht, wenn Sie mit sein wollten.«
    Was hindert, antwortete Woldemar, dass Sie ohne mich gehen?
    »Das wissen Sie nicht? erwiderte Henriette. Sie sind ja heute von sehr
schwerem Begriff. - Ey nichts! als dass ich dann keine Luft mehr dazu hätte. -
Nun, schlagen Sie ein, lieber Woldemar! Ersparen Sie mir den Verdruss, dass ich
meine schaale Laune die Ihrige mit verstimmen sehe. Sie kennen mich darin, dass
mir nichts schlimmeres begegnen kann. - Und wie käm' ich bei Allwina zurecht? -
Nicht wahr, Lieber, wir gehen miteinander - Sie tuns?«
    Ja, ja! sagte Biedertal und fiel ihm um den Hals; ich seh schon, er tuts.
    Indem kam ein Bedienter, zu melden, dass aufgetragen sei.
    »Nein, er tuts nicht! rief Henriette; er tuts nicht, Biedertal, wenn Sie
mir abschlagen uns diesen Mittag Gesellschaft zu leisten. - Nicht wahr, lieber
Woldemar, Sie tuns nicht? - Sie haben noch nicht fest versprochen?«
    »Recht, recht! sagte Biedertal, tu es nicht, ich muss bleiben!« - Und
hierauf zu Henrietten: »dass man es sich um Euch Mädchen doch überall muss so
sauer werden lassen!«
    Die Mahlzeit lief sehr vergnügt ab. Biedertal war äusserst munter und zeigte
sich in seiner ganzen Liebenswürdigkeit. Er hatte es hauptsächlich mit
Henrietten zu tun; und sie liess sich angelegen sein, so hart es ihr fiel, seine
Laune zu unterhalten. Woldemar stimmte mit ein, so gut er konnte. Die
Frölichkeit und die vortreflichen Einfälle seines Bruders, und Henriettens
zauberischer Witz, rissen ihn gewissermassen hin; er fühlte würkliches Ergötzen.
Aber des Stachels in seinem Herzen wurde er darum nicht weniger gewahr. Der traf
- immer sachte tiefer wühlend - ihm zuweilen so scharf ins Leben, dass er Mühe
hatte, einigemahl mitten im Lächeln nicht einen lauten Seufzer auszustossen.
    Nach dem Essen liess Henriette sich von Biedertalen nach Hause begleiten,
weil sie ihren Kopfputz noch besorgen und sich ganz frisch ankleiden musste.
Abends, um sechs Uhr, sollte Woldemar mit dem Wagen kommen, sie nebst
Dorenburgen und Carolinen abzuholen.
    Woldemaren schauderte vor den Gedanken, die ihn jetzt von allen Seiten
angehen würden; dennoch beschloss er, sich ihnen getrost auszusetzen, keinem
davon den Zugang zu versagen.
    Sie kamen. Kamen auch in Menge, aber nicht stürmisch: langsamer nahten sie
sich und in einer gewissen Ordnung.
    Sein Geist wurde ruhiger.
    Und sein Herz - das war von den heftigen tiefen Erschütterungen, die es,
Stoss auf Stoss, erlitten, besonders von den plötzlichen Abwechselungen des
heutigen Tages dergestalt auseinander, dass es sich selber kaum mehr zu fühlen im
Stande war.
    Also setzte Woldemar sich hin, und ging die Aufführung seiner Freundinn
durch, von dem heutigen Tage an bis auf denjenigen, wo sie in des alten Hornichs
feindseelige Hände ihm entsagt hatte. - Der Schluss fiel dahin aus: dass er in
seiner Meinung von Henrietten geirrt habe. Und das Herz brach ihm nicht davon.
    Er stund auf, liess sich ankleiden, und befahl um die gesetzte Stunde den
Wagen. Es war nicht mehr lange hin. Mittlerweile ging er in seinem Zimmer auf
und ab. Eh' er sichs versah, hörte er den Wagen aus der Remise sprengen. Der
Wagen kam vorgerollt, und stand gerade unter seinem Fenster. Da fuhrs ihm durch
alle Glieder.
    »Hinfahren zu Henrietten; - Mit ihr - und Carolinen und Dorenburg zu
Biedertalen? - Dort die glänzende Gesellschaft; die erleuchteten Zimmer; das
Geräusch; Spieltische; - ein Gastmahl - Gespräch - Scherz - Fröhlichkeit -
Lachen!« - Es war unmöglich, er konnte nicht hin!
    Doch liess er den Wagen eine gute Viertelstunde halten. Er hatte eine Menge
Bedenklichkeiten, über die es ihm schwer fiel hinweg zu kommen. - Endlich befahl
er wegzufahren, und gab einen Bedienten mit, der ihn entschuldigen sollte: »er
habe Kopfschmerzen bekommen, mit denen er sich nicht getraue in Gesellschaft zu
gehen und sei Willens sich ganz früh nach Bette zu machen, u.s.w.«
    Hierauf eilte er, sich die Kleidung vom Leibe zu schaffen, und sich von Kopf
bis zu Fuss in sein Nachtzeug zu stecken, damit, wenn etwa noch sollten Anschläge
auf ihn gemacht werden, er denselben desto zuverlässiger entgienge.
    Nach einer halben Stunde kam der Wagen zurück, und der Bediente hatte
Woldemarn viel zu berichten; wie sehr man seine Unpässlichkeit bedaure; wie
missvergnügt über seine Absagung sich besonders Henriette bezeugt habe. Sie liess
ihm ausdrücklich wissen: dass ihr alle Freude auf diesen Abend dadurch verdorben
sei.
    »All ihre Freude auf diesen Abend verdorben,« - wiederholte Woldemar bei
sich selbst; - »das mag wahr sein! - und so ein Abend kann einem lang fallen. -
So Ein Abend. - - Aber ich? - Und hundert Abende! - hundert Abende und Morgen! -
zehntausend! - - Und die alle - so glücklich sein sollten! - - Die schönen
reichen Blüten alle ... O!«
    Sein Herz wurde plötzlich weich; und es fehlte wenig, dass er laut wie ein
Kind zu weinen angefangen hätte.
    »Aber wie nun auf einmal wieder so ganz dahin?« - fragte er sich. - »Erst
heute Morgen noch so voll Mut, so voll Glauben!...«
    Diese Betrachtung fesselte seine Aufmerksamkeit. Er sann jenem Zustande
nach; suchte die Ideen und Empfindungen, welche ihm denselben zuwege gebracht
hatten, in sich zu erneuern, und versenkte sich mit ganzer Seele in ihren
Begriff.
    »Freilich!« sagte er, »das ist und wird sein, dass Henriette zu den Besten
ihrer Gattung gehört. - Ich kann mich auf ihre Tugend, - auf ihre Freundschaft
(wie andre - auch vortrefliche Menschen diese Worte nehmen) verlassen. - Nur ist
auch Sie nicht - was ich schon lange zu suchen aufgegeben hatte; - was ich
endlich - gefunden zu haben meinte: - nicht die Eine, die Meine.
    Was fest, was unwandelbar macht; diejenige Treue, die keine Tugend - die
allein Stärke, Lebhaftigkeit und Tiefe des Sinnes ist - gebricht ihr.
    Wie fern - dass Ihr Herz wie das Meinige empfände! - Sie weiss nichts davon,
dass sie von mir abgewichen ist - fühlt nicht das Widrige, das Unerträgliche
darin: zweimahl in eine Partei gegen mich - wo nicht getreten - doch
wenigstens verflochten worden zu sein. - Konnt' es wagen, konnt' es über sich
bringen; bei mir in Verdacht zu kommen, um dem Verdacht nichtswürdiger Leute zu
entgehen! - Konnte gegen Freundschaft, gegen die Ruhe meines Lebens, andre Dinge
auf die Wage legen - so kalt! ...
    Wie Manches ihr mehr gelten muss, als meine Liebe; - wie manches sie ärger
schrecken - als dieser Liebe Tod!...
    Es mag sein, dass sie dadurch, dass sie tadelhaft vor mir ist, vor allen
andern Menschen desto untadelhafter erscheint; - es mag oder nicht! - hier ist
davon allein die Frage: was eine Seele von der meinigen unzertrennlich macht; -
das hat die Ihrige nicht! Die Möglichkeit, dass sie von mir abfallen könne, liegt
am Tage. Wir haben würklich den Fall, dass ich ihr eine Art von Eckel, von
Widerwillen errege. - Sie hat mir verheelt; sich gegen mich verstellt - Ränke
gebraucht - Lügen geredet - Zweifel und Misstrauen gebrütet - Hat uns entzweit!
    Und hätte sie nun eben dadurch auch den Himmel verdient - und wäre sie das
Erste unter allen menschlichen Wesen: so könnt' ich sie - wohl eine Heilige
nennen - Freundinn aber nicht. - Wir wären nicht minder abgerissen von einander
- ich desto härter nur verstockt allen Freuden, auf ewig!«
    Der Tumult in Woldemars Seele war nunmehr offenbarer Aufruhr geworden, und
fern dass er darauf gedacht hätte ihn zu hemmen, hiess er den Eifer gut, der seine
Glückseeligkeit zu Grunde richtete. Er brachte die ganze Nacht damit zu, alles
in sich umzukehren, so dass auch jede Aussicht eines Wechsels vernichtiget und
jede Hoffnung zur Torheit wurde. Darnach schien es ihm, er sei ruhiger. Er
lagerte sich hin auf den Ruin und schlief ein.
    Morgens um neun Uhr kam Henriette, und hörte, er sei noch nicht
aufgestanden. Sie wurde bestürzt. Der Bediente musste augenblicklich ins
Schlafgemach, sie selber folgte sachte nach; und als Woldemar den Bedienten
fragte: was er wolle? so gab sie die Antwort: - »Ich bin da, lieber Woldemar!
Wie es Ihnen geht? Sie haben mich zum Tod erschreckt!« - und trat näher. Ihr
Angesicht flammte von Liebe. Sie wurd' es inne, da die Flamme nicht zündete, und
zurückschlug. Ihn gebrandt hatte sie dennoch. Er antwortete dürr und freundlich:
- er sei wieder besser, aber er brauche noch Schlaf; bis gegen sechs Uhr hab' er
wach gelegen. - Hierauf fragte Henriette, mit nassem Aug': ob er nichts begehre?
- Nichts in der Welt, war die Antwort, als Ruhe! - Diese Antwort, obgleich Ton
und Miene dabei nichts bedeuten wollten, ging Henrietten durch die Seele. - Sie
wendete sich langsam und ging. - - Als sie leise die Tür ins Schloss gezogen
hatte, blieb sie, wie erstarrt, die Schling' in der Hand, mit gesenktem Haupt
davor stehen. Endlich liess sie die Schlinge und lehnte sich ans Gesimse. - Sie
war voll Schwermut und wusste nicht wie; sie konnte zu keinem Gedanken kommen.
    Die ältere Tante unterbrach sie in dieser Träumerei und führte sie mit sich
hinunter. Aber da war für sie kein Bleiben. Sie ging bald wieder hinauf, und
warf sich im Vorzimmer auf einen Sessel, ihr Gesicht mit dem Arm verhüllend,
voll unaussprechlicher Herzensangst.
    Woldemar unterdessen prüfte nochmals sein Inneres, und suchte sich in seiner
neuen Verfassung unumstösslich zu gründen. - - Er fand immer eben wahr, dass er
ein für allemahl jene überschwengliche Idee von Freundschaft zwischen ihm und
Henrietten aufgeben müsse. Gesetzt auch er hätte sich weniger an ihr betrogen
gehabt, als die Erfahrung gezeiget: so sei es an denen Zufällen genug, wodurch
er und sie nun einmal auseinander getrieben worden, um eine Wiedervereinigung,
in dem Grade, unmöglich zu machen. - Also, weg damit! - - Und warum sollt' er
sichs nicht aus dem Sinne schlagen können? - Er habe ja vor diesem auch gelebt,
und das Leben nicht unerträglich gefunden.
    Ein Blick in jene Zeiten, die so weit noch nicht zurück waren, und mit
seinen gegenwärtigen stürmischen qualvollen Tagen auf eine Weise abstachen,
welche ihnen keinen geringen Reiz erteilte, versenkte ihn ganz in die
Vorstellung der Süssigkeiten, die mit Genügsamkeit und Ruhe verbunden sind. - Der
Gedanke ward Empfindung, und die Empfindung Genuss. dabei kamen ihm die Vorzüge
seiner gegenwärtigen Lage vor Augen. Eine Allwina zum Weibe; Er, der Gatte solch
eines Engels; bald Vater - von Kindern aus ihrem Schoss; - um ihn her die
liebenswürdigste Verwandschaft; - die besten Glücksumstände - Wohlleben und Ehre
- - wo er hinsah alle seine Wünsche übertroffen! ... Er musste sich seines
Kleinmuts schämen! dass er sich so ganz hatte hinreissen - unsinnig so lange
umhertreiben - bis zur Verzweiflung ängstigen lassen. Er verglich es mit der
Berauschung eines Menschen der einen bösen Trunk hat, schalt sich einen Toren,
einen Rasenden - bedrohte sich mit Unglück und Schande.
    Und Henriette - die Einzige, ward verstossen! - Und Woldemar triumphierte! -
- Er fühlte an sein Herz, - ja, es schlug ihm freier; - - und die Andern alle, -
- sie waren ihm desto lieber geworden - er hatte es nun so gut auf der Welt als
jemals.
    Es schlug eilf Uhr; er stand auf.
    Henriette in seinem Vorzimmer anzutreffen, das war ihm unerwartet. Ihr
schwermütiger Anblick fiel ihm auf - Es wurde ihm noch leichter ums Herz.
    Die Rede kam von seinem Befinden, auf den gestrigen Abend - und Henriette
liess ihrem Herzen freien Lauf. Es war so voll wahrer warmer Zärtlichkeit, und
ergoss so lieblich gegen ihn die schöne Fülle, dass er davon entweder in gleiche
Rührung, oder in die äusserste Verstockung geraten musste. - Das letztere
geschah. - Kaltes freundliches Lächeln war seine ganze Erwiederung, und er griff
nach jeder Nebensache, um die Unterhaltung gleichgültiger zu machen; besonders
wenn dem armen Mädchen Tränen hervordrangen, die es mit Not wieder einsog und
darüber die Sprache verlor; - dann, sag ich, kam er unfehlbar mit einer
Unterbrechung, und führte wohl gar einen Scherz herbei. - Aber Henriette
beschirmte ihre Brust, dass alle diese Dolchstösse nur daran her streiften - viel
Blut machten und wenig Wunde.
    Ich komm! rief sie plötzlich hell auf, als ob ihr jemand wiederholt gerufen
hätte, und stürzte zur Tür hinaus.
    Woldemar war erschrocken. Er blieb noch einige Augenblicke stehen - lächelte
noch einmal, und ging in sein Cabinet.
    Er war ungeduldig, einen Versuch mit Arbeiten zu machen. Sogleich wollt' es
nicht; aber nicht lange, da war er vollkommen gesammelt und es gelang ihm nach
Wunsch. Voll Zufriedenheit hierüber kam er zu Tische, liess sichs wohl sein, und
war sehr gesprächig.
    Henriette wollte ihn bereden, auszugehen - oder auszufahren. Er lehnte das
ab, indem er grosse Sehnsucht äusserte, eine Arbeit, die er den Morgen angefangen,
zu vollenden. Auch gab er sich ungesäumt wieder daran. Es ging ihm noch besser
von Statten, als am Vormittag.
    Henriette, welche nicht Luft hatte, einem Besuch beizuwohnen, der sich bei
der Tante einfand, brauchte ihr altes Recht und liess sich in Woldemars Vorzimmer
nieder. - Auch das konnte Woldemar nicht stören. - Wenn er zuweilen, beim
Durchgehen, an ihr vorbeikam, und sie ihm zuwinkte; so antwortete er ganz
geschäftig, nur eben durch ein freundliches Nicken, und verfolgte Gedankenvoll
seinen Weg.
    Es freuete ihn, seiner Aufmerksamkeit dergestalt zu gebieten, seiner selbst
so mächtig zu sein. Die Luft am Fortgange seiner Arbeit kam dazu; so dass etwas
von wahrer Heiterkeit in seine Seele dämmerte. - Gleich wollte sein Herz wieder
aufwallen zu Liebe, und seine errungene Fassung zu Grunde gehen: - Sie sass da,
mit der er jede Freude zu teilen gewohnt war! Ach! und jeden Schmerz! - - Er
lief hinauf auf den Altan. - Ueber eine Weile folgte ihm Henriette. - Woldemar
hatte sich von neuem gestillt. - - Die Sonne war untergegangen; gegen über trat
jetzo der volle Mond hervor. - Damit kamen die vorigen Regungen wieder, und
mächtiger. - Dess fluchte Woldemar seiner Seele, und rafte alle seine Kräfte
zusammen, um sich zu verhärten. - Aber ein tiefes Grauen überfiel ihn: - »Dass
ihm nunmehr kein Gestirn mehr leuchten dürfe; - leer über ihm sein müsse der
Himmel - und um ihn, nur Finsternis die Nacht.« - - Doch hob er sein Haupt in
die Höhe, blickte rund umher - und sein Geist schwung sich empor. - - Sanft
lenkten seine Augen sich auf Henrietten. - Er lächelte ihr zu - wie ein Heiliger
dem Tode zulächelt, drückte sie an seine Brust, und führte sie mit sich
hinunter.
    Diese Gemütsstimmung hielt an, ohne sonderliche Abwechslung. Denselbigen
Abend schöpfte Henriette lauter gute Hoffnungen; denn sie hatte lange nicht
Woldemaren so ungezwungen heiter, durchaus so nachlässigen Wesens, und gegen sie
so voll herzlicher offener Freundschaft gesehen; sie musste fühlen, er war ihr
gut: und das, schlecht und recht, von Grund der Seelen. Eben das fieng aber
schon am folgenden Tage sie zu drücken an; sie war nicht seine Henriette wie
vormals. Und wie sie das jetzt so nackend, so ganz in seinem eigenen Schmerz zu
fühlen bekam - es war ihr unerträglich. Ihre Betrübnis wuchs von Stunde zu
Stunde, von Tag zu Tage. Woldemar hatte Mitleiden mit ihr; mit sich selber noch
mehr: Hülfe, Rat sah er nirgend; und er wollte nicht jammern, wollte sein
Schicksal ertragen wie ein Mann. - Einmahl, da sie, von innerlichem Weinen halb
erstickt, da sass; ihr endlich ein Paar von denen Tränen, die durchaus nicht los
sollten, über die Wangen schossen und auf den Schoos stürzten; ihr nun die Brust
noch enger wurde, dass sie länger sich nicht halten konnte; ausrief, ohne Laut;
und hinsank mit dem Kopf auf die Hand, und ihr Angesicht offen lag - die Augen
trocken und die Wangen nass ... Er stand vor ihr - und konnte nicht fragen:
Henriette, was ist's? - Konnte kein Haar breit sich ihr nähern. - Das ergriff
ihn mit Entsetzen - Nicht vorwärts, nicht rückwärts! - platt auf der Stelle
musst' er wankend bleiben. Seine Knie, schwer wie Centner-Lasten, zermalmten ihm
die Beine; seine Schultern den Körper; der Nacken morschte; das Haupt versank; -
Ohnmacht, kalte grässliche Ohnmacht kroch durch alle seine Glieder, hin aus
erstarrende Herz.
    Indem kam jemand die Treppe herauf. Henriette rafte sich zusammen; Woldemar
blieb wie er war. Der die Tür öfnete, ins Zimmer trat? - es war Biedertal. Er
fuhr etwas zusammen, fasste sich aber gleich, denn er hatte schon eher
Betrachtungen gemacht, Beobachtungen, über die er in ängstliche Zweifel und
Sorgen geraten war, die er aber teils unterdrückt, teils sorgfältig in sich
verschlossen hatte. Doch musst' er die Frage vollenden, in der er stecken
geblieben war: was - was fehlt dir, Woldemar? - »Wie? was mir fehlt? - seh' ich
übel aus?« Er trat vor den Spiegel: »Würklich! man sollte bange werden« - und
lächelte. »Aber ich weiss schon woher es kommt,« fuhr er fort, »es hat nichts zu
sagen.« Und sogleich brachte er die Rede auf etwas anders; das denn Biedertal
gerne geschehen liess.
    Acht Tage giengen herum; noch eine Woche lief zu Ende - und Henriettens
Seele fieng an sich zu erbittern. Was nur ein menschliches Herz überwältigen
kann, alles, alles war an Woldemarn vergeblich gewesen. So tausendmahl gerührt,
erschüttert; immer ohne Frucht; immer doch, am Ende, unbeweglich! - Warum wollt'
er sie aus seinem Herzen verstossen? - Verstossen? - Stund das in seiner Gewalt?
Sie hatte ja nichts verbrochen; war ja Henriette wie immer. - - O Gott! rief sie
aus, ich bin ja unschuldig.
    Der Stachel, der ihr im Herzen sass und folterndes Pochen in alle seine
Fasern brachte - es war als wenn er bei diesem Ausruf auf einmal sich löste.
    Unschuldig! - überall in ihr wars erklungen - ewig seiner ganzen
Freundschaft wert! - Und kann, was unvergänglich ist, vergehen? - Vergängliches
mag vergehen; - - Harren will ich in Unschuld. ... Harren, und treulich bewahren
all die Lieb' in meinem Herzen - und gen Himmel schauen.
    Da Woldemar die stille Heiterkeit erblickte, den siegenden Mut, der über
Henrietten gekommen war, wandelte ihn etwas an - wie Schrecken. Er sträubte
sich, es dafür zu erkennen; wollte, dass es Freude wäre, und suchte es heimlich
darein zu verkehren: aber er fühlte bald, wie vergebens! Nunmehr ergriff ihn
zwiefaches Schrecken. Was noch von Hoffnung in seiner Seele versteckt war, fuhr
auf und verschwand. Die entsetzlichste aller Empfindungen: Verachtung dessen was
überschwenglich geliebt war, kam, den geräumten Platz einzunehmen; - sie hatte
lange schon gedrängt. - Er wurde voll Eckel vor dem Unbestimmten seiner Lage;
lieber volle Verzweiflung, tausendmahl lieber! und er fieng an darnach zu
ringen.
    Aber er konnt' es nicht fassen, konnt' es nicht glauben!... Das gekostet zu
haben, was eine solche Freundschaft gibt; und es fahren zu lassen, und es
missen zu können, und Mut zu behalten zu leben, Ruhe, Heiterkeit? Sein zu
können dies, und jenes gewesen zu sein? Eben dieselbe? Henriette? Die, die,
die?! ... Er schwindelte in Wahnsinn dahin.
    Noch mässigte er sich in Aeusserlichen; er zeigte nur Kälte: aber sein Wille,
diese Kälte fühlbar zu machen, kam je mehr und mehr zu Tage. Er wich allen
Gelegenheiten aus, Dienste von Henrietten anzunehmen; war höchst sorgfältig, dass
sie in seinem Hause nicht die geringste Bemühung hätte; äusserte in Absicht
ihrer tausend Bedenklichkeiten; hatte beständig ihr etwas aus dem Wege zu
räumen; so dass ihr der Aufentalt neben ihm nicht anders als peinlich sein
konnte. Aber sie hielt Stand; und wenn die Kränkungen, die sie von Woldemar
erfuhr, auch wohl einmal sie erbitterten, so erholte sie sich doch gleich
wieder, und bewiess sich nur desto liebreicher gegen ihn.
    Unterdessen wurde die Verwirrung in Woldemars Gemüte immer fürchterlicher.
- Das liebe Mädchen, unaufhörlich um ihn, mit ihr die Menge süsser entzückender
Angedenken, noch immer voll derselben Kraft ihn glücklich zu machen, wusste noch
jetzt so manchen Schimmer von Freude in seine finstre Seele zu dämmern, brachte
täglich neue Anwandlungen von Glauben, von Vertrauen in sein Herz - von
Vergebung: - Ach! die sie aber nicht foderte, deren sie nicht zu bedürfen
glaubte; ohne Sinn für seine tiefen Leiden - vielleicht ins Geheim sie
verachtend - hoch erhaben über den törichten Woldemar, und nur in schmählichem
Mitleiden sich zu ihm herablassend - die Edle! - Ha, Elende! - Ferne, ferne du
von diesem Herzen, das du geschändet, und das du verlassen hast!
    Alle seine Beschäftigungen lagen. Ausser dass er fast täglich an Allwina
schrieb, die doch an dem Ort ihres Aufentalts nur zweimahl in der Woche Briefe
erhalten konnte. Aber von seinen Briefen wurde auch nur der dritte vierte
würklich abgeschickt, weil er, während dem Schreiben, sich immer vergass und in
Ausbrüche der schwärzesten Melancholie geriet. Allwina sollte auf seine
Schwermut vorbereitet sein; doch wollt' er weder ihre Freundinn bei ihr
verklagen, noch gegen Menschen und Glückseeligkeit überhaupt sie argwöhnisch
machen. Hier ist einer von diesen Briefen die zurückgehalten wurden.
    »Ich habe zwanzig Briefe an Dich geschrieben, die Du alle nicht bekommen
    hast; sie sind zerrissen, verbrandt. - Aber was soll ich Dir länger
    verheelen, dass ich in die tiefste Schwermut versunken bin. - Mir schaudert
    vor dem Gedanken, Deine Engelseele mit Geheimnissen der Hölle zu
    verfinstern! Aber ich muss, ich muss! - Oder soll ich fort, auf und davon? -
    O, ich bin tausendmahl dazu versucht gewesen. Aber Du sollst nicht elender
    werden, als das Schicksal Dich macht: Ihm Deinen Fluch, nicht mir! - - Warum
    hörtest Du mich ehmahls nicht, als ich Dich, als ich Euch alle vor mir
    warnte, so oft warnte, dass ihr nicht auf mich bauen, dass ihr Euch nicht so
    an mich hängen solltet! - Ihr lachtet! - Ha, nun ist's an mir zu lachen!«
        Ich bin nicht im Fieber, Allwina; o Gott! ich bin so wach, bin nur zu
        gut bei Verstande. - Aber Dir entdecken, was ich habe, das geht nicht;
        ich sag' es auch Henrietten nicht, meinem Bruder nicht, niemanden! Aber,
        ja, es ist mir etwas begegnet - etwas ... Ich hab' entdeckt, dass alle
        Freundschaft, alle Liebe nur Wahn ist, Narrheit ist - ausgenommen dem
        Narren - - ich preise sie wohl einmal wieder, so Gott will und ich
        lebe!
        Ihr werdet Mitleiden mit mir haben, in mich dringen um mein Geheimnis zu
        erfahren und mich zu trösten.
        Ich bitt', ich beschwor' Euch, spart das! Sagen werd' ich nichts; und
        Euer Mitleiden? - darüber werd' ich - lachen - und rasen. Ja, wenn ich
        Steinschmerzen hätte, oder die reissende Gicht, oder ich wäre in Armut
        gesunken, oder es wäre sonst ein endlicher Jammer über mich gekommen -
        Dann! Aber nun? - Ihr könntet Meere weinen, und meinem lechzenden Herzen
        käme davon kein Tropfen zu statten.
        Dass in den Menschen das geleget werden musste, das Sehnen nach Mitgefühl,
        die brennende Begierde nach Menschen-Herz. - Die am Ende doch nur
        falsche Luft, kranker Heisshunger ist, der nur des Geruchs bedarf, und es
        folgt Ekel! - - Aber nein! so scheint es von der einen Seite nur. Nicht
        falsche Luft, nicht kranker Hunger; sondern dass die Befriedigung nur
        Blendwerk, der Geruch nur Anstrich ist: darin das Elend!
        Woher nur die Sage unter die Leute gekommen sein mag - das allgemeine
        Gerücht von Liebe, von Freundschaft? - - Es ist wie mit den Gespenstern,
        deren überfall so viele gesehen worden sind. Gerade so!
        Wahrlich, es ist nicht der Rede wert, alles was macht, dass Menschen an
        einander hangen. Worauf wir eigentlich einen Wert legen; das ist nicht.
        Die geselligen Gefühle, wie sie Nahmen haben, sind in so
        zusammengesetzt, so unendlich vermischt, so an tausend Enden zu fassen
        und zu lassen, so zweideutigen, betrüglichen, hinfälligen,
        unwesentlichen Wesens; dass man nie wissen kann was man hat, oder ob man
        nur was hat. - - »Doch gibt es Beispiele von Treue, von alles
        überwiegender Anhänglichkeit!« - Das weiss ich! Aber liegt da wohl je
        würkliche Sympatie zum Grunde; ist da je eigentliche Liebe? Nichts
        weniger! Dumpfe, taube, ungefühlige Seelen sinds! ... Schau die Redern!
        Was hat die nicht für ihren Mann getan? wie war und blieb sie ihm nicht
        ergeben? Man gerät ausser sich vor Bewunderung, wenn mans erzählen hört.
        Und nun, im Grunde, was ist' s mit der Redern? Fühlte sie bei ihren
        schönsten Handlungen wohl mehr, hatte sie wohl mehr Genuss davon, als
        wenn sie für den Mittag eine Suppe kochte? Hatte ihr Mann wohl mehr
        Genuss davon, eigentlichen Seelen- Genuss? - - Und so ist's überall, wo
        Menschen anhaltend einander etwas sind: entweder blinder Traut, wo sie
        so hineinkommen, ohne zu wissen wie; eingebläut, angewöhnt um
        Gottswillen: oder elendes - so elendes Stückwerk, dass es eine Schande
        ist. Hält wo noch einige Vereinigung Stand, und sie bewahrt nicht jene
        gegenseitige gleiche Dumpfheit, so bewahrt sie gegenseitige Resignation;
        - etwa, von der einen Seite durch Verzweiflung an Mitgefühl, an
        Einverständnis; und von der andern durch kindische Genügsamkeit: - oder
        auf sonst eine Weise; denn hier können die Verhältnisse ins Unendliche
        abwechseln, und manches recht hübsch und artig ausfallen: das Band aber,
        das sie zusammen zieht und hält, ist nichts weniger - als was es heisst!
        - - - In alle Wege, je fähiger der Mensch zur Glückseeligkeit wird; je
        unglücklicher wird er in der Tat: je vortreflicher Menschen werden, die
        einander gut sind; je loser, je unsteter wird ihre Verbindung. Indem der
        Eine, oder der Andere, oder beide zugleich sich mehr ausbilden, jeder in
        dem Seinigen, - werden sie sich unähnlicher; indem sie an Kraft
        gewinnen, ihr Geist sich weiter ausbreitet; selbst ihr Herz sich
        erweitert, - werden sie, gegenseitig, eigener, - werden sie unabhängiger
        von einander; - ihre Sympatie - kriegt die Antipatie - und ihre
        Freundschaft hat ein Ende.
        Ich habs lange gewusst; aber mein Wissen war nur Stückwerk: jetzt hab'
        ichs ganz; bin der Wahrheit und der Weisheit voll - ein Seher, ein
        Prophet, - und habe Dir kund getan meine Offenbarungen, habe Dich
        gelehrt, habe Dir geweissagt, - und muss nun weiter, bis ichs verkündige
        auch den unterirrdischen Geistern. - - So lass mich denn, und Gott sei
        Dir gnädig!«
Unterdessen Woldemar diesen Brief schrieb, war Henriette in sein Vorzimmer
gekommen. Die Tür von seinem Cabinet war zu. Sie hörte etlichemahl dass er
gewaltsame Bewegungen machte und fürchterliche Töne ausstiess. Hernach wurd' es
ganz still. Darauf hörte sie Weinen und Schluchzen. - Und nun wieder stille wie
todt. Sie versuchte an der Tür vom Cabinet, ob sie zugeschlossen wäre - sie
ging auf.
    Er sass, den Kopf umgedreht, nach der Wand, gegen die er das Gesicht
gequetscht hatte, wie aus Begierde sie mit den Zähnen zu fassen; die Arme
vorwärts steif ausgestreckt, und die Hände los gefalten; die Beine hiengen,
gezuckt, längst dem Sessel, so dass sie nur mit der Spitze den Boden berührten. -
Henriette trat bebend näher. Sie erblickte das frisch Geschriebene. Von selber
fielen ihr die letzten Zeile, die sehr grosse und weitläufige Buchstaben hatten,
in die Augen. Sie glaubte der Brief wäre an sie, und durchlief ihn ungeduldig,
das hinterste zuerst; dann fieng sie von vorne an; las; meinte noch immer er
gehe sie an; begriffs doch länger nicht ... Da kam sie an die Worte: »Ich rede
nicht im Fieber, Allwina;« - Allwina? - Sie fuhr auf mit einem lauten Schrei. -
- Woldemar kehrte sich um; riss ihr das Blat aus der Hand; und stiess sie unsanft
auf die Seite. - Sie sank, und meinte die Erde wäre mit ihr versunken. - Aber
sie war bald wieder bei sich; kam zurück; hieng sich Woldemarn an den Hals, und
zerrann über ihm in Tränen und in Küssen. - Da sie einigemahl zu reden
versuchte; jedesmahl stockte, und nun wieder heftiger weinen musste: wurde ihr
weh bis zur Ohnmacht; sie musste ihre Stellung verlassen und einen Stuhl suchen.
- Woldemar blickte nach ihr hin ... Er konnte nicht länger! Sein Herz hob sich,
als höbe mit ihm die Welt sich aus ihren Angeln. - »Ach, Henriette!« rief er,
und stürzte vor sie hin auf die Knie, - »Ich bin verloren - lass mich in Deinen
Armen sterben!« - Henriette war ohne Sprache; sie drückte ihn an sich;
schluchzte; sah gen Himmel ... »Ja!« fuhr er fort, »ich bin hin; aber so lang
ich noch lebe, muss ich Dich lieben.« - Es ist entsetzlich, dass ich mich an Dir
betrogen habe, denn Du bist das beste Geschöpf unter der Sonne! ... O, es wird
ja doch endlich einmal schwinden dies Herz, endlich einmal vergehen, nachdem
es so oft alle seine Kraft von sich geströmt hat! - Lieber! unterbrach ihn
Henriette, - Lieber - Lieber - Ach! - Betrogen? - Sie konnte nicht weiter. - »Du
liebst mich nicht, wie ich Dich liebe,« sagte Woldemar, »Dein Gefühl für
Freundschaft ist anders als das meine. - Unsere Freundschaft konntest Du fahren
lassen; - es sei warum es wolle - Du konntest sie fahren lassen: - mich konntest
du dahin geben! - - Und ich, ich - ich liege hier auf den Knien!« - - Er sprung
mit Heftigkeit auf, setzte beide Fäuste sich vor die Stirne: »Gott!« rief er aus
- »Nur Trümmer! - Und das mein Alles! - Und darum betteln! ... - Aber was
hilfts?« - Er stürzte sich von neuem auf den Boden - »Beste, Beste auf Erden -
habe Mitleiden - verlass mich nicht!« - verbarg sein Gesicht in Henriettens
Schoos, und brach in eine Flut von Tränen aus. - Woldemar! sagte Henriette mit
gebrochener Stimme - dich verlassen? Dich, für den ich alles verliess? -...
»Ach!« sagte Woldemar, indem er sein Gesicht wieder in die Höhe richtete - »ich
wollte dass ich mein Herz fassen könnte, wie ein Weib ihre Brust, und Dich
nötigen es zu trinken - damit Dir alles zu Teil würde, Dir nur alles zu gut
käme von mir, eh es dahin ist; - damit nur dies unaussprechliche Gefühl hier,
gerechtfertiget würde - und Bleiben erhielt - und dereinst gen Himmel stieg! O
das nur: die Erfüllung meines Glaubens, die Rettung meiner Liebe, der Liebe -
die ich fühle - und die ich wähnte; der, ein Wesen, eine sichere Stätte auf
ewig; - und ich will, ohne Klage, vergehen, will verloren sein!« - Er senkte
sich wieder. Und Henriette ...
    Doch genug von diesem Auftritt, mit dessen Beschreibung ich mich besser gar
nicht versündiget hätte! Denn nur einen Moment davon darzustellen in Geist und
Wahrheit - ist unmöglich.
                                     * * *
Sie kamen nach und nach zu minder heftigen Worten; gerieten endlich in ein
anhaltendes Gespräch. - Henriette wusste, all die Liebe die in ihr war, und mit
der sie unverrückt an Woldemarn gehangen, ihm jetzt so nah ans Herz zu bringen,
dass er sie fühlen, dass er sie eingestehen musste. Unvermerkt wurde seine Seele
von süssen Empfindungen wie berauscht, - sein Gram übertäubt; und die Wonne, die
er genoss, durchdrang ihn so ganz, dass es ihm genug daran dünkte, sein Leben zu
beglücken.
    Bis auf den folgenden Tag läuterte sich sein Zustand; die fieberhaften
Bewegungen hörten auf: er schwebte nicht mehr in Entzückungen; aber Beruhigung,
stille Zufriedenheit traten an die Stelle. Er fühlte, dass sein Herz in einem
guten Verbande lag, so dass der Schaden daran ihn wenig beschwerte, und allmählig
wohl noch heilen könnte.
    Henrietten war er lieber als jemahls geworden, und sie ermüdete nicht, es
unaufhörlich ihn sehen zu lassen. Die holde Weise, womit sie es tat, vermehrte
den Eindruck: denn es wurde ihm auffallend, dass Henriette auch in der
Freundschaft gewisse Vorzüge besitze, welche gegen die seinigen eben der Art,
wohl in Betrachtung zu kommen verdienten, und ihnen ziemlich die Wage halten
möchten. - Wenn Er sie an Glut der Seele, an hohem und tiefem Sinn übertraf: so
übertraf Sie dagegen ihn an wahrhafter Zärtlichkeit und unvermischtem Adel des
Herzens; an Lauterkeit, Schönheit und durchgängiger Harmonie der Empfindungen.
Seine Ergebenheit gegen sie mochte noch so stark, so ungemessen erscheinen: die
Ihrige gegen ihn hatte etwas, das man dennoch für uneigennütziger, sogar für
fester halten konnte. Zwar widerstritt er das sehr hartnäckig; aber nicht immer
mit dem besten Gewissen. Heimlich fühlte er einigen Zweifel - und lächelte
innerlich dazu - ob nicht auf Henriettens schüchternes, gehaltenes Wesen doch im
Grunde mehr Verlass sei, als auf das mutvolle, heftige - und ungestüme des
seinigen.
    Wahrscheinlich wäre alles gut geblieben und immer besser geworden, wenn
nicht aus dem Vergangenen eine fremde Ereignis sich unversehens entwickelt
hätte, welche für Woldemarn und Henrietten, und alle die sie liebten, von den
schrecklichsten Folgen war.
                             Ende des ersten Bandes
 
    