
        
                            Johann Gottwert Müller
                            Siegfried von Lindenberg
                            Eine komische Geschichte
                     Vorrede mit einer Dedikationsvarentese.
Nichts, lieber Leser! ist so gross oder so klein unter der Sonne, oder unter dem
Monde - wie die schönen Geister zu sagen pflegen, wie ich aber nicht sage, weil
ich kein schöner Geist sein mag; denn, so wie du mich siehst, hab ich wohl eher
Leute gefunden, die sich schöne Geister nannten: aber an denen war alles so
kunterbunt, und so mächtig gekräuselt, und so verzweifelt hoch, und gar nicht
ein bisschen so, wie bei andern ehrlichen Leuten, dass ich nicht das zehnte mal
klug draus werden konnte, und es der Seele des Eustatius (welches eine sehr
scharfsinnige Seele ist, die bei Leibesleben ihre Stärke darin hatte, dass sie
die schönen Geister da verstand, wo sie sich selbst nicht verstanden) überlasse
zu beurteilen, ob die Herren selbst daraus klug werden können. Nein, dafür lob
ich mir die guten braven Leute, die so hübsch gerade vom Munde weg reden, dass es
nicht kraus und nicht bunt ist, und doch hübsch heraus kömmt. Da hab ich unter
andern einen gekannt, der nun wohl schon ganz verweset ist, der hiess Hagedorn,
und war ein feiner freundlicher Mann, der mich oft auf den Schoss nahm, als ich
noch ein Knabe war, und mir Rosinen und Zuckerstritzeln in den Mund steckte.
Auch kenne ich einen, der Gleim heisst, und meinen lieben alten Freund, der zur
Minderung des menschlichen Elends so ein menschenfreundliches Büchlein gemacht
hat. Habe auch mancherlei gelesen, das Engel, Weisse, Lessing und etliche andre
geschrieben haben, kenne auch den wackern Buchhändler Friedrich Nicolai in
Berlin, der, Jahr aus, Jahr ein, ein paar dicke Bände verlegt, worinn den
schönen Geistern die Wahrheit gesagt wird, wenn sie sich zu mausig machen. (Er
hat mir auch wohl eher die Wahrheit gesagt oder sagen lassen, wiewohl ich kein
schöner Geist bin, und mich eben nicht mausig zu machen pflege. Aber eben darum
weil ichs für Wahrheit erkenne, und auf der Welt nichts lieber höre als
Wahrheit, wenn sie manierlich, wie sichs unter feinen Leuten schickt, gesagt
wird: so will ich um meine Erkenntlichkeit so öffentlich als ich kann zu Tage zu
fördern, alles was in diesem Büchlein Gutes ist, Ihnen, mein werter Nicolai,
hiermit in bester Form dediciret haben, mit angehängter Bitte, da doch für eine
Dedikation die mehrste Zeit ein kleines Andenken zu erfolgen pflegt, mir statt
dessen die Gefälligkeit zu erzeigen, und fernerhin wie vor diesem, in einer
kleinen Recension dem ehrsamen Publikum mein Gutes, und mir meine Gebrechen
anzeigen zu lassen. Wesfalls ich Ihnen nicht nur dieses, sondern auch meine
letzten zwei oder drei Büchlein samt dem was ich etwa nächstens schreiben werde,
zu baldigem Andenken empfehle. - Alles hergegen, was sich in diesem Buche
Schlechtes und Mittelmässiges findet - und das wird wohl bei weiten der grösste
Teil sein - das dedicire ich hiermit in tiefster Devotion der hohen
Ottomanischen Pforte, einmal, weil es doch so hübsch lässt, einen Monarchen zum
Patron zu haben; zweitens, weil Seine Hoheit der Grosssultan, wie ich von guter
Hand weiss, kein Wörtchen Deutsch verstehen.) Alle die Leute, von denen ich vor
dieser meiner Dedikationsparentese redete, und alle ihres gleichen, müssen wohl
keine schöne Geister sein, weil man alles was sie schreiben, ganz ordentlich
verstehen kann, ob man gleich zuweilen seine Sinne ein wenig zusammen nehmen
muss. Wobei ich doch nicht unterlassen kann anzumerken, dass ich mich darum just
für kein Pfefferkorn1 gebe. Ich mag auch überall kein Pfefferkorn sein; lieber
denn doch noch ein Gewürznägelein, das reucht und schmeckt doch besser, und ist
darum doch pikant. Denn ich habe mich all mein Tage vor übler Gesellschaft
gefürchtet, und wenn das Sprüchwort wahr ist, welches die Gewürzkrämer
entscheiden mögen, so ist Pfeffer und ein gewisses ekelhaftes Ding mehrenteils
unter einander gemischt. Und gesetzt ich entgienge der Gesellschaft, so wäre ich
damit noch nichts gebessert, zerstampft zu werden, um etwa ein Topf voll
Kartoffeln zu würzen.
    Aber was wollt ich doch sagen? - Das ist meine Unart, wenn ich eine Vorrede
schreibe, dass ich manchmal von meinem Zwecke so leicht und so weit abkomme, dass
ich mich kaum wieder zurecht finden kann. Was ich für Unarten habe, wenn ich ein
Buch schreibe, das magst Du, lieber Leser, selbst ausfündig machen, denn ich
selbst weiss es noch nicht recht. - Also, was ich sagen wollte: Unter der Sonne
ist nichts so gross und so klein, davon nach einiger Leute Meinung nicht schon
Bücher gemacht wären. Diese einige Leute müssen doch wohl nicht recht zugesehen
haben; denn ich habe in allen Buchladen fleissig nachgefragt, aber vom Junker
Siegfried hat noch, so lange der Wind wehet und der Hahn krähet, keine Seele ein
Buch geschrieben. Es kömmt auch sonst noch dies und das in diesem Büchlein vor,
das anderwärts wohl noch nicht gesagt sein mag, aber freilich auch wohl nicht
recht weit her ist. Auch präsentiret sich neben etlichen bekannten Physiognomien
wohl ein und andres Gesicht, das noch keinem Maler gesessen hat. Nun kömmts nur
darauf an, ob der Edelmann im Pommerlande Mannes genug sei, dem Publikum
gefallen zu können, oder nicht? Und das überlassen wir dem Publikum und ihm,
unter einander auszumachen, ohne den guten Mann und die armen Wichtlein die wir
neben ihm zur Schau stellen, auch nur mit Einem Worte zu empfehlen oder
anzuschwärzen. Wir haben noch ein Vieles zu lernen, und stellen uns so nach
still und lehrbegierig hinter den Vorhang, sans Komparäson wie Apelles, um zu
vernehmen was die Vorübergehenden urteilen werden. Und hätten wir ja was zu
bitten, so möchte es dieses sein, dass der Schneider nicht über den Stiefel, und
der Schuster nicht über den Schnitt des Kleides urteilen wolle. Sollt auch
irgend jemand, aus Drang des Genie oder so etwa unser Eustatius zu werden Lust
und Belieben finden: den bitten wir gar säuberlich, sich die Lust vergehen, und
das Ding unterwegs zu lassen, bei nahmhafter Pön.
    Fände sich jemand, der da meinte, wir hätten Unrecht getan, nur Fragmente
zu liefern, und aus dem vielen Stoff nur eins und anders auszuheben: dem geben
wir die Versicherung, dass wir selbst bedauern, durch gewisse Umstände zu diesem
Verfahren genötiget gewesen zu sein. Da wir aber in unserm Pulte noch sehr
viele Dokumente haben, das Lindenbergische Philantropinum, die grosse Reise die
der Edelmann inkognito tat, seine Liebes und Vermählungsgeschichte, und
wenigstens hundert andre eben so wichtige und merkwürdige Begebenheiten
betreffend: so könnten wir uns wohl entschliessen, die Geschichte unsers Junkers
und seines Ludimagisters vollständig zu liefern. Wir versprechen aber in dieser
Absicht nichts gewisses, indem wir, wie billig, der Meinung sind, dass
Versprechen Schuld mache, und andern Teils wohl wissen, wie viel bei der
Autorschaft auf Wind und Wetter ankomme. Das können wir aber versichern, dass der
Leser, dem dieses Bündel Siegfriediana nicht unschmackhaft vorkömmt, bei dem
zweiten sein Konto wohl noch reichlicher finden dürfte.
    Uebrigens ersuchen wir alle Kaiser, Sultane, Könige, Fürsten und Herren, die
dieses unser geringes Büchlein lesen mögten, es ihrerseits dem guten Junker
immerhin zu erlauben, dass er, was sie Grosses tun, im Kleinen nachahme. Er hat,
das getrauen wir uns kecklich zu beschwören, seinerseits nichts als Grösse und
seines Landes Bestes vor Augen. Dass das für einen Landjunker missverstandne Grösse
sei, räumen wir gern und willig ein, wenn uns dagegen eingeräumet wird - denn
eine Hand muss die andre waschen - dass des Junkers Untertanen sehr glückliche
Leute waren, in so fern ihr Glück von ihm abhieng. Schliesslich versichern wir,
dass wir, so wenig als Junker Siegfried, irgend einem Mutterkinde zu nahe zu
treten gewillet sind, womit wir uns Dir bis aufs Wiedersehen bestens empfehlen.
    Leipziger Oster-Messe, 1779.
 
                                    Fussnoten
1 M. s. die bekannten Fragmente aus Briefen von Tellow an Elisa, S. 17. Ein Buch
an dem ich, ausser dem Pfefferkorn, nur sehr wenig tadle, und sehr viel lobe.
 
                                Erstes Kapitel.
         Ohne welches der Leser alle übrige nicht wohl verstehen wird.
Es war einmal ein Edelmann im Pommerlande, der ein Schloss hatte, und ein Paar
Hufen Land umher, und ein Dorf, wo Bauern drinn wohnten, und etliche hundert
Bäume, die er seinen Forst nannte, und sechs räudige Köter, die hiess er seine
Kuppel, und wer ihm die schief ansah, der griff ihm an die Seele. Sie hatten
auch jeder ein hübsches ledernes Halsband um, mit blanken messingenen Buchstaben
drauf, und messingenen Schlössern dran; und des Sonntags blaue sammtne Halsbänder
mit Silber gestickt. Es gibt zwar hässliche Lästermäuler, die sich nicht scheuen
auszubreiten, es sei nur blauer Manschester und unächtes Silber: ich aber, der
ich beides gesehen habe, und ohne Ruhm zu melden wohl weiss, was Manschester sei,
versichre jeden, dem daran gelegen ist, dass es ächter Sammt und ächtes Silber
war.
    Es war auch ein Nachtwächter auf dem Hofe, der ein Horn hatte; und ein
viereckigter Tölpel mit einem Stelzfusse, das war der Jäger; auch stand ein Pfal
mit einem Halseisen mitten auf dem Schlossplatze, und draussen vor dem Dorfe ein
Galgen, denn der Edelmann hatte die hohe und niedre Gerichtsbarkeit. Daher war
auch ein Justitiarius im Schloss, welcher dermalen auch ein witziger Kopf war
und ein grosser Satirikus - nach seiner Meinung; zwo Eigenschaften, die eben
nicht zu seinem Amte erfodert wurden, und wovon man die letzte billig als ein
Symptoma seines Advokatengewerbes, welches er nebenbei trieb, anzusehen hat. Das
muss man ihm aber lassen, dass er kein unrechter Poet gewesen sein würde, wenn er
zum Ausstreichen Mut, und zum Feilen Geduld gehabt hätte. Uebrigens war er
wirklich, was die Poeten alle von sich vorgeben, ein grosser Liebhaber starker
Getränke.
    Der Edelmann hatte auch eine Kirche in seinem Bezirke, und das Jus
Patronatus. Auch war ein Ludimagister auf dem Gute, der den Bauerjungen das A,
B, ab einpeitschte, und Seiner Gnaden die Avisen vorlas. Dieser Mann wusste auf
jegliche Frage eine Antwort, denn er war nichts geringers als ein Polyhistor und
Originalgenie. Daher war er denn auch des Junkers Faktotum und Orakel, wie der
Verwalter zu sagen pflegte; der Justitiarius aber, der seinen Ausdruck besser
wählte, behauptete immer, der Schulmeister sei dem Edelmanne das, was das
Gewicht dem Bratenwender ist. Beide haben im Grunde Recht; denn, so oft unsre
Leser bei diesen Blättern eine Lust zu lächeln oder zu lachen anwandeln wird -
und wir mögten wohl prophezeihen, dass das nicht selten geschehen dürfte, wenn
sie sich nur durch die Paar ersten Kapitel hindurch gearbeitet haben - so könnte
wohl der ehrsame Ludimagister, wo nicht ganz, doch zum Teil, den Dank dafür
verdienen.
    Man pflegt so gern auf den Zufall zu lästern, aber man sage davon was man
will, er tut dem Menschengeschlecht überhaupt mehr zu Gefallen als zum Possen.
Der Ludimagister hatte die Gewohnheit jedes bedruckte Papierchen, das er aus den
Krämerladen kriegte, sorgfältig durchzustudiren; auf diese Art schnappte er
manchen fetten Bissen Gelehrsamkeit weg. Er konnte ein bisschen Latein, und der
Zufall war ihm einmal so günstig, dass er ihm, da er ein paar Lot Schnupftoback
aus dem nächsten Städtchen mitbringen liess, zwei Blätter aus des hochgelahrten
Henrici Smetii Prosodei bescherete. Da hatte er nun, einen griechischen Vers aus
dem Oppian ungerechnet, den er nie brauchte, weil er ihn nicht lesen konnte,
einen hübschen Vorrat von hundert zwei und siebenzig Brocken aus verschiedenen
lateinischen Dichtern. Das schien ihm zu einem ziemlichen Anstrich von Lektüre
schon hinlänglich; und Gott weiss, ob er diesen Vorrat fleissig im Munde führte!
Man hätte schwören sollen, er habe sich nach Herrn Partridge lateinischen
Andenkens gebildet; es ist aber erweislich, dass er von dem Manne so wenig wusste,
als wenn derselbe nirgends existiret hätte, weil vom Tom Jones noch all mein
Tage kein Exemplar in die mörderischen Hände eines Krämers sich verirret hat.
Eben so wenig hatte er irgend einem Gelehrten den üblichen Kunstgriff zu danken,
seine Quellen sorgfältig zu verbrennen, nachdem er sie auswendig gelernet hatte;
er hatte ihn selbst erfunden. Auf die Art konnte er manches für seine eigne
Gedanken geben, und in Absicht der hundert zwei und siebenzig Brocken jeden
Dichter so kecklich citiren, als wenn er ihn selbst gelesen hätte, und ich hätte
den sehen wollen, der seine Glaubwürdigkeit in Verdacht hätte ziehen dürfen.
    Die andern Personen, die in diesem goldnen Büchlein vorkommen, wird, der
geneigte Leser, so wie Zeit und Ort es mit sich bringen, kennen lernen.
    Wir hatten uns vorgenommen zu sagen, was unser Edelmann hatte; und das wäre,
so viel für jetzt Not tut, so ziemlich ins Reine gebracht. Wir gehen nun
weiter, und melden, was unser Edelmann war. dabei können wir uns denn, so viel
dieses Kapitel betrifft, beliebter Kürze bedienen, weil alle folgende Kapitel
überflüssig sein würden, wenn der Leser aus dem gegenwärtigen den Edelmann im
Pommerlande vollständig und mit allen seinen Grillen und Launen kennen lernte.
Doch über seine Erziehungsgeschichte müssen wir uns wohl etwas weitläuftiger
ausbreiten, damit unsre Leser ihm für keine Missgeburt halten mögen.
    Grillen hatte er also und Launen; das ist uns entwischt. Sonst war er eine
so gute Seele von Junker, als jemals eine unter Gottes Sonne gelebet haben mag:
schlecht und recht; ohne Komplimente, mitin ohne Falsch; nicht sehr
vertraulich, aber offenherzig und bieder, und so weiter, wie man ihn in der
Folge finden wird. Aber, bei alle dem wollt ers wissen, dass er ein Edelmann sei,
- und zwar, wie Seine Gnaden sich ausdruckten: so gut ein Edelmann, als der
Kaiser.
    Er trug eine hessliche Stutzperüke, und einen zottigten grünen Friesrock über
seinen Pelz; in Sommertagen aber auch wohl eine Schwanzperüke und seinen Dolman,
ohne Pelz und Friesrock, weils ihm so lustiger und leichter war, und er sich
noch immer mit Entzücken dran erinnerte, dass er von der Wiege an bis in sein
vierzehntes Jahr Kornet unter einem Husarenregimente gewesen war. Auch pflegte
er sich immer herzlich über die Heldentaten zu freuen, die er hätte verrichten
können, wenn er im Dienste geblieben wäre. Sein langer Schnurrbart hieng in
zween Knoten herab, und stand gar herrlich zur runden Stutzperüke. Seinen grossen
altmodischen Hut umstralte eine breite goldne Kutschertresse Seine hirschledernen
Scharivari giengen, wie ich wohl nicht zu erinnern brauche, bis unter die
Knöchel herab. Die gelben Halbstiefel waren, wie sichs gehört, mit Eisen
unterlegt, und dienten einer dick mit Silber beschlagenen Meerschaumnen Pfeife,
für die wenigen Augenblicke, die ihr Besitzer ohne Rauchen zubrachte, zum
Quartiere. Den Anzug vollendete ein silberner Säbel, der nie von seiner Seite
kam, und unter dem grünen Friesrocke hervor hinter Seiner Gnaden herschleppte.
    So von innen und aussen fiel der Edelmann im Pommerlande jedem der ihn sah,
gleich in der ersten Minute ins Auge.
    Seine Gnaden wohnten fast immer zu Pferde, und ritten am liebsten junge,
schnellfüssige, unbändige Hengste, mit denen sie meisterhaft umzugehen wussten,
und deren Zeug mit Schnakenköpfen prunkte.
 
                                Zweites Kapitel.
                       Erziehungsgeschichte des Junkers.
Der Edelmann, so wie er nun leibte und lebte, hätte ganz aus der Reihe der Dinge
weggenommen werden können, ohne dass ausser seinem Gute irgend eine lebendige
Seele dabei zu kurz gekommen wäre. - Doch nehme ich, nach reiflicher
Ueberlegung, diejenigen Seelen aus, die, wenn sie über andrer Leute Torheiten
lachen, zugleich in ihren eignen Busen zu greifen pflegen. - Von der Natur aber
war er so wenig bestimmt, das Spiel eines närrischen Schulmeisters und seiner
eignen Grillen zu werden, als mich vielleicht die Natur zum Geschichtschreiber
seiner Torheiten bestimmet hat. In seinem Charakter war so viel Güte, so viel
Tätigkeit, so viel Grösse, dass er, wenn der rohe Klumpen gehörig wäre geformet,
und die leeren Fächer des Gehirns gebührend angefüllet worden, aus dem Kabinete
würde haben Länder beglücken, und im Felde eine Stütze seines Monarchen sein
können. So aber war seine Anlage versäumt oder verderbt, jenes von seinem Vater,
dieses von der gnädigen Frau Mama, beides von dem Lehrer seiner Jugend. Seine
Güte war in Schwachheit, seine Tätigkeit in Alfanzerei, seine Grösse in
Abenteuerlichkeit und in jenen närrischen Stolz ausgeartet, der Kaisern,
Königen, Herzogen und Fürsten nichts Grosses oder Kleines voraus lassen wollte.
    Sein Vater, ein wackrer Husarenobristlieutenant, rauh wie sein Schnauzbart,
und brav wie sein Säbel, hatte es in den Wissenschaften nicht weiter gebracht,
als bis zur Fähigkeit, eine Ordre lesen, und seinen Namen so so unterzeichnen zu
können, daher er auch bei andern Leuten nichts auf Schulfüchserei hielt. Am
allerwenigsten war er Willens, den Kopf seines Sohnes mit solcherlei Unrat
ausstafiren zu lassen.
    Der Säbel war ihm alles, und diesen Sinn trachtete er auch einzig in der
Seele seines Erben zu nähren. Daher kams, dass unser Edelmann von Vaterswegen
nichts weiter gelernt hatte, als Reiten, Fechten, das Gewehr präsentiren, und
mit lateinischen Buchstaben seinen Namen zu kratzen. Der König, als Gevatter,
hatte dem Kindlein eine Kornetstelle eingebunden, folglich war er Soldat, und
folglich hatte er nach des Obristlieutenants Meinung an jetztgedachten
Geschicklichkeiten Gott und genug.
    Seine gnädige Frau Mama liess sich, wie manche Mutter, eine reichliche
Portion Affenliebe gegen ihr Söhnchen zu Schulden kommen, und wollte nicht, dass
er durch vieles Lernen an Kopf und Nerven geschwächet werden sollte. Ueberdem
hielt sie alle irdische menschliche Weisheit für eitel Tand, und war fest
überzeugt, Witz und Verstand müsse einen Edelmann von sechzehn Ahnen von selbst
zufallen. Nicht eben, als hätte sie zuerst nach dem Reiche Gottes getrachtet;
das war nicht ihr Fall, denn sie wusste vom Reiche Gottes so wenig, als ob gar
keins gewesen wäre: sondern weil sie es wirklich für bürgerlich und pöbelhaft
hielt, sich mit Büchern und Wissenschaften zu beschäftigen, gab sie sich alle
Mühe ihrem Sohne eine tiefe Geringschätzung solcher Narrenteidung beizubringen.
Dagegen predigte sie ihm täglich und stündlich die hohe Lehre von seinem alten
Adel, und schärfte ihm wohl ein, dass er nach seines Vaters Tode, die Einkünfte
seines freien Guts ungerechnet, jährlich an die zwanzigtausend Taler Zinsen zu
verzehren haben würde.
    Der Hofmeister des jungen Herrn war ein sklavischer Kerl, ein niedriger
Speichellecker, der mit dem Obristlieutenant Danziger trinken, und der gnädigen
Frau die Hand küssen konnte. Was Recht war, wusst er so gut als einer. Er hatte
aber weder das Herz es zu sagen, noch die Entschlossenheit es zu tun, denn er
befand sich gut im Schloss, und liebte faule Tage über alles. Aber fechten
konnt er trotz Rahn, das muss ich sagen; und zu Pferde sass er wie eine Puppe,
auch das muss wahr sein; und saht ihr ihn tanzen, so stahl er euch vollends das
Herz aus dem Leibe. Auch, wenn der alte Herr Lust hatte zu paschen, oder die
gnädige Frau Piket zu spielen, war niemand bereiter als er, dem Herrn und der
Dame ihr Geld abzugewinnen.
    Aller Nutzen, den unser Edelmann aus seiner Erziehung zog, bestand darin,
dass die heftigen Leibesübungen mit dem Karabiner, mit dem Rapier, und auf der
Reitbahn, seine Muskeln stärkten, seinen Körper dauerhaft machten, und seine
Natur abhärteten; und dass er, weil Mama und der Mentor ihn metodisch in
mancherlei Spielen unterwiesen, durch den Zwang den heftigsten Widerwillen gegen
alle Arten des Kartenspiels fasste.
    Vierzehn Jahre war unser Junker alt, wie sein Herr Vater das Zeitliche
gesegnete. Seine gnädige Mama fand jetzt in ihren überreifen Jahren den
Soldatenstand bei weitem nicht mehr so reizend, als in ihren jüngern Jahren, da
der goldbesetzte Dolman, die funkelnden Quasten und Schleifen des Pelzes, die
reichen Franzen auf den knapp anliegenden Scharivari, und der hohe wehende
Federbusch auf dem Haupte des damaligen Herrn Rittmeisters von Lindenberg jetzt
ihres wohlseligen Gemals, ihr jugendliches Herz in lichterlohe Flammen, setzten.
Sie bat um den Abschied ihres Sohnes, schützte eine schwächliche
Leibesbeschaffenheit vor, darüber er sich mit seinen vor Gesundheit strotzenden
Backen nicht zu beklagen hatte, und trieb ihr Wesen so lange, bis der Junker
wirklich seinen Abschied erhielt.
    Nun wuchs er denn in Gottes Namen unter der Zucht seiner Frau Mama und des
treufleissigen Mentors ferner auf. Zu allem Glücke noch fand sichs, dass der
Pastor loci ein ernstafter, verständiger und gewissenhafter Mann war. Da es nun
Sitte im Lande ist, dass der junge Kavalier nicht minder als junge Bauer
konfirmiret werden muss, und der fromme unbestechliche Pfarrer unsern Junker so
wie er war, in seiner unbeschreiblichen Unwissenheit nicht annehmen wollte: so
gedieh es dahin, dass er von der edlen Lesekunst schier so viel begriff, als zur
Erlernung der zehn Gebote und was sonst im kleinen Katechismus stehet,
erforderlich sein mag. Auch fasste er durch Vorschub des ehrlichen Predigers die
Grundsätze der christlichen Sittenlehre in so fern, dass ihn der wackere Mann
nach Jahres Frist unter die Katechumenen aufnehmen konnte, ohne sein Gewissen
gar zu sehr zu verletzen. Der gute Prediger verlohr zwar durch seinen Trotz und
Halsstarrigkeit, wie es die Frau von Lindenberg nannte, manches Accidens, manche
Mahlzeit auf dem Edelhofe, und manchen fetten Braten für seine Küche: aber er
tröstete sich darüber, und zwar sehr leicht, mit der Erfüllung seiner Pflicht,
und mit der Zufriedenheit, dem jungen Herrn einige gute Grundsätze beigebracht
zu haben, die, das meinte er könne nicht fehlen, früh oder spät ein lebendiges
Gefühl der grossen Wahrheit bewirken müssten, dass man seine Bestimmung hienieden
noch nicht erfüllet habe, wenn man reiten, fechten, und allenfalls die Einkünfte
eines Ritterguts verzehren könne. - Die liebe Hausehre des braven Pastors nahm
das Ding zwar nicht völlig so. Sie lüsterte nach den Fleischtöpfen Egypti, und
beseufzte die Einbusse der feisten Puter, der gestopften Gänse, und der leckern
Hasen von ganzem Herzen. Besonders musste der gute Mann herhalten, wenn etwa an
einem hohen Festtage, oder gar am Geburtstage der Frau Pastorinn, die Familie
sich schlechtweg mit einem Stücke Rindfleisch behelfen musste. Bei solchen
Gelegenheiten unterliess sie niemals, so lange die Frau von Lindenberg lebte,
sehr laut zu werden, und es ihrem Manne sehr bitter und heftig zu verweisen, dass
er die Küche so aus purem Eigensinn, wie ihr zu sagen beliebte, und recht um
nichts und wieder nichts geschmälert habe. Denn, rief sie, andre Prediger nehmen
wohl noch unwissendere Jungen an, als der Junker war: aber dafür (Hier schlug
sie auf den Tisch.) haben sie auch Brodt. Du hergegen stössest alles
mutwilliger Weise von dir; Weib und Kinder mögen sehen wie sie fahren. Das
stand doch wohl an den Fingern abzuzählen, dass an dem Junker Hopfen und Malz
verloren ist! dass du mit allen deinem gepredige die Perlen für die Säue salva
venie, warfst! und dass er nun wohl längst schon alles wieder ausgeschwitzet
haben wird, was du ihm damals so mühselig einkauen tatst!
    Das fürcht ich nicht, sagte dann der ehrwürdige Mann, der vollkommen so
sanfmütig und friedliebend war, als jeder billig sein sollte, der den Gott des
Friedens verkündigt. Das fürcht ich nicht, Lena, sagte er, alles wird wohl nicht
auf dürren Boden gefallen sein. Etwas, hoff ich, wird wohl im Kopf und Herzen
haften und mit Gottes Hülfe schon zu seiner Zeit irgend einige gute Frucht
bringen. - Aber Kind, gieb mir doch noch ein Schnittchen Fleisch und einen
Löffel voll Brühe. Ich weiss nicht wie du es anfängst, aber für deine Pohlnische
Brühe lass ich der gnädigen Frau ihre genudelten Gänse und Schnepfenpasteten von
Herzen gern.
    Das liebreiche Gesicht des gutmütigen Mannes, und sein Lobspruch auf ihre
Kochkust besänftigte dann gemeiniglich die Frau, die eben kein Engel, aber doch
auch just kein Teufel war, und mit der man, wie mit allen Frauen auf der Welt,
ganz schicklich auskommen konnte, wenn man sie bei einer von ihren Seiten zu
fassen wusste.
    Uebrigens pflichten wir dem Prediger bei: es war in der Tat nicht alles an
dem Edelmanne verloren, und nebenbei hatte er doch lesen gelernet, wiewohl er
dieses Talent in der Folge wieder hässlich vernachlässigte.
    Nach dem Hintritte weiland Seiner Gnaden des Herrn Obristlieutenants fiel
das Exerciren zu Pferde und zu Fusse von selbst weg, und es wurden jährlich
etliche Paar Rapiere weniger in dem Schloss zerbrochen. Das Reiten aber behielt
der junge Herr aus Neigung bei, weil es ihm eine herzliche Freude war, über
solche Hecken und Graben zu setzen, wo selbst sein Mentor nicht das Herz hatte
ihm zu folgen, vorübergehenden Männern das Haar zu Berge stand, und der
tollkühnste Bauerjunge bewundrungsvoll ausrief: Der Henker! das war mir 'n
Hoppas! Unser Junker hat den Teufel im Leibe mit Reiten. - Dieser elende
Beifall, den ein wohlgezogner Jüngling verachtet haben würde, hatte für unsern
Edelmann so viel Reize, dass er ihm zu Gefallen sich tägliw mehr als Einmal in
Gefahr setzte, den Hals zu brechen.
    Der gnädigen Frau war dieses allerdings ein schwerer Stein auf dem Herzen,
aber sie vermochte dem Dinge nicht abzuhelfen. Eine Beschäfftigung will der
Mensch haben, das liegt in seiner Natur; und der Junker hatte auf der Gotteswelt
nichts gelernet, als rechtsum machen, Karten geben, Fechten, und Reiten. Mit dem
Ersten dieser Studien wars vorbei; das Zweite war seine Sache nicht; das Dritte?
je nu, das sahen seine Bauern an, und begriffens nicht. Aber, wenn er zu Pferde
sass, dann ragte er über die ganze Welt, die er kannte, hervor. Da nun tief in
seiner Seele ein gewisses Gefühl lag, das ihn anspornte mehr zu tun als andre
können, und mehr zu sein als andre sind, ein Gefühl das weder durch Treffen und
Stickerei, noch durch einen vollen Geldbeutel befriedigt wurde: was Wunder dann,
dass er ihm jetzt auf die einzige ihm mögliche Art ein Gnüge zu tun suchte, und
in der Folge auf Torheiten verfiel, die ihn zum lächerlichsten Original von der
Welt machten?
    Weil man aber doch nicht immer reiten und über Graben setzen kann, so
tödtete er ein gutes Teil seiner Zeit in gedankenloser Musse mit der Pfeife und
dem Glase; daher denn im ganzen Lande kein Mensch so geschwind und so schön
einen meerschaumnen Pfeifenkopf braun schmauchen konnte. Was sonst an Zeit ihm
übrig blieb, das füllte er mit Schlafen und Essen aus.
 
                                Drittes Kapitel.
                             Vom Tode und Sterben.
So war denn nun der Edelmann im Pommerlande geworden, was er den Umständen nach
werden konnte: der vornehmste Bauer auf seinem Gute. Dass er nicht der elendeste
wurde, davon lag der Grund, wir sagen es noch einmal, in der überwiegenden Güte
seines Herzens, und in einer so vortreflichen Anlage, dass sie schlechterdings
nicht völlig zu unterdrücken noch auszurotten stand. Was aber davon übrig blieb,
hatte freilich eine so schiefe Richtung bekommen, dass der Schade lebenslang
unheilbar blieb.
    Die gnädige Frau ging aus dieser Zeitlichkeit, gerade als ihr Sohn mündig
geworden war, und liess ihn im Besitz ungeheurer Reichtümer. Seit der
Konfirmation des Junkers hatte sie dem Pfarrer nicht über den Weg getrauet,
darum vermachte sie ihm in ihrem letzten Willen baare zweihundert Taler mit der
Klausel, dass er die Ehre ihr den Leichensermon zu halten, einem benachbarten
Prediger übertragen möchte. Der Geistliche aber, ob er gleich arm war, und eine
geizige Frau hatte, schlug das Legatum grossmütig aus, und hielt die Predigt
selbst, und zwar gerade weg, wie ers gewohnt war, für jeden aus seiner Gemeine
zu tun, ohne ihrem guten Leumund den allerkleinsten Kleck anzuhängen, oder ihr
irgend eine Tugend nachzulügen. Schand- oder Ehrensäulen zu errichten, käme, so
dachte er, dem Geschichtschreiber zu, nicht dem Prediger; Weihrauch sei all
überall ein abgeschmacktes Ding; und Asa fötida könne schlechterdings kein
taugliches Ingrediens einer heiligen Rede sei. - Diesen Umstand, so wenig er
eigentlich in mein Buch gehören mag, kann ich, zu Ehren meines lieben Pfarrers,
unmöglich verschweigen, dessen ehrwürdige Absicht, so oft er predigte, immer die
war, seine Zuhörer zu erbauen und zu bessern. Dieser Zweck, davon glaubte er
überzeugt zu sein, stand nicht zu erreichen, wenn er die Tugenden oder Fehler
einer vor ihm stehenden Leiche, jene zum Muster, diese zur Vogelscheuche
ausstellen wollte. Aber zur Ehre des Edelmannes kann ich ebenfalls nicht
verschweigen, dass er ihm die zweihundert hundert Taler dennoch bezahlte. »Bin
dem Pastoren das Schulgeld noch schuldig, dass er mich das Lesen gelehrt hat.« So
sagte er, und sandte ihm überdem noch ein artiges Geschenk für die
Leichenpredigt.
    Als unser Edelmann sich von den Unruhen des Leichenbegängnisses einigermassen
wieder erholet hatte, schwankte er zwischen zween Einfällen hin und her, über
welchen er nicht etwa seit gestern brütete. Schon lange war er mit dem
heldenmässigen Gedanken schwanger gegangen, dermaleinst, wenn die gnädige Mama
versterben sollte, wieder Kriegsdienste zu nehmen. Das war der eine Einfall. Der
andre war nicht vollends so halsbrechend, und die Frucht der ternhaften
Unterhaltungen weiland seines Mentors, aus welchen ihm noch dies und jenes im
Gedächtnisse schwebte. Denn, das muss ich, da es hier die Gelegenheit gibt, dem
Hofmeister nachrühmen, dass er sehr fleissig gewesen war, den Zögling in den
Mysterien der hohen Schulen, so viel an ihm war, zu initüren, und dessen
Geschmack durch die kräftigsten Burschenlieder zu bilden. Und wenn das alles
nicht tiefe Wurzel geschlagen, oder schlimme Folgen hervorgebracht hatte, so ist
es bloss der damaligen zarten Jugend des Junkers beizumessen, die unstreitig zu
des Mentors Zeiten ausserordentlich zart gewesen sein muss, da er noch in den
ersten Jahren seiner Bekanntschaft mit dem Ludimagister, das heisst, wie er schon
nahe an die vierzig war, Mayenkäfer ankleidete und Kartenhäuser bauete. Aber so
tief hatten die Erzählungen des Hofmeisters doch gewurzelt, dass sie nach dem
Tode der gnädigen Frau den Einfall in seinem Gehirne erzeugten, eine Universität
zu beziehen, nicht eben um zu studiren; denn er wusste nicht recht, was studiren
sei: sondern um sich für sein Geld zu vergnügen, weil er steif und fest glaubte,
das Universitätsleben sei das lustigste Leben von der Welt.
    Diese beide Einfälle hielten einander in des Edelmanns Kopfe so ziemlich die
Wage. Aber wenn er zwischen beiden, wie dort Herkules am Scheidewege, unschlüssig
stand, so wars nicht etwa deshalben, weil er für jeden Einfall Gründe pro und
kontra fand; - denn mit Gründen sich zu befassen, war bisher nie sonderlich
seine Sache gewesen; - sondern weil ihn weder Instinkt noch Zufall zu einem von
beiden determinirte. Er nahm sonach von einem Tage zum andern die Sache ad
deliberandum, und so flossen ihm ganz unvermerkt ein acht oder zehn Jahre hin,
in welcher ganzen Periode der Unschlüssigkeit er beständig die Lebensart
fortführte, an die er sich seit dem Tode des Obristlieutenants gewöhnet hatte,
ohne ein Tittelchen dran zu ändern. So wie man ihn jezt kennet, standen auch
Tausend an Eins zu wetten, dass er in eben dem Gleise bis an sein eignes Ende
geblieben sein, und sich dabei eins ums andre, jetzt an dem Glanze des
Soldatenstandes, jezt an den akademischen Freuden ergötzt haben würde, wenn es
nicht seinem Gestirne beliebet hätte, ihm den Ludimagister in den Weg zu führen.
Diesem Manne war es vorbehalten, die Unentschlossenheit des Edelmanns zu enden,
seiner Phantasie ihren Schwung zu geben, und ihn in das glänzende Licht zu
setzen, wovon ich, so Gott will, in den folgenden Kapiteln einen Abglanz meinen
Lesern ins Auge stralen zu lassen gedenke.
 
                                Viertes Kapitel.
                        Das erste Kapitel vom Taufnamen.
Von Gott und Rechtswegen gebühret uns Geschichtschreibern der Rang vor den
leidigen Poeten, und Trotz sei dem geboten, der mir das abstreiten will! Nur
Eins zu rügen: wenn diese Leutchen erst bitten und betteln müssen, dass eine Muse
sich ihrer annehmen, und ihnen Nachricht von den Sächelchen geben wolle, die sie
zu singen Willens sind, und die nicht selten - so bekannt sind, dass alle
Zeitungen davon sprechen: so kann unser einer selbst auftreten, darf keines
Vormunds oder Soufleur's, erzählet selbst, was er mit Augen gesehen, oder aus
Urkunden geschöpfet hat; und das ist dann doch wohl ein wenig glaubwürdiger, als
was Poet auf Treu und Glauben einer alten Jungfer sagt - oder als sein eignes
Weibergeklatsche, dass er der Muse in den Mund legt. Denn, wiewohl das Ding seine
grossen und handgreiflichen Bequemlichkeiten haben mag, den Unsinn, den man
selber zu verantworten sich nicht getrauet, durch eine Stimme vom Himmel reden
zu lassen: so treibt mirs doch oft kalten Schweiss aus, wenn ein Poet die Muse
die er aufgeboten hat, oder die Stimme vom Himmel gar zu erbärmlich -
deräsonniren lässt. Wusst ers vorher, dass sie comme un bijou resonniren würde,
warum rief er sie zu Hülfe? Und wusst ers nicht vorher, so konnt ers denn doch
merken, wie sie es durch den Mund von sich gab, dass es schaal sei; warum schrieb
ers denn nach? - Mit unter trägt sichs wohl zu, dass das Orakel vernünftig
spricht; aber dann bringt gemeiniglich der Dichter sein Sage mir, Muse! so
trotzig heraus, dass er völlig das Ansehen gewinnt, als wollt er sie nur ihre
Lektion überhören. Und es mag jemand vor den Augen und Ohren des ganzen Publikum
den Schüler oder den Schulmeister machen, beides - mit Gunst zu melden - kömmt
immer ein bisschen, ich weiss nicht wie, heraus.
    Ich bin es selbst, freundlicher lieber Leser, der dir die Nachricht gibt,
dass unser Edelmann eigentlich mit seinem Taufnamen Seifried hiess. Seifried,
Erb-und Gerichtsherr auf Lindenberg. Diese Nachricht hab ich mir von keiner Muse
sagen lassen, und bin überall keiner Eingebung Dank dafür schuldig, sondern ich
habe sie unmittelbar aus dem Kirchenbuche geschöpft. Es würde auch wohl
vergeblich gewesen sein, wenn ich einer von den Musen den Mund drum hätte gönnen
wollen, denn die Musen sind gottlose blinde Heiden, denen kein ehrlicher Küster
erlauben wird, ihre Nase in ein christliches Kirchenbuch zu stecken. Besser
also, ich wendete dem Küster zwei Groschen zu, als einem heidnischen
Teufelsbraten einen Kratzfuss.
    Seifried hiess also eigentlich der Edelmann; aber er hörte es gar zu gern,
wenn man ihn Siegfried nannte. Und - zur dienstlichen Nachricht: hier etwa fängt
er an interessant zu werden, wenn es anders, wie ich sehr geneigt bin zu
glauben, jemand gibt, den er interessiren kann.
 
                                Fünftes Kapitel.
                 Die Dorfschenke, oder der gehörnte Siegfried.
Deswegen fange ich auch ein neues Kapitel an.
    Es war an einem unvergleichlichen Herbstnachmittage, als Junker Seifried
tat, was er vorher niemals, oder doch so ausserordentlich selten zu tun
pflegte, dass davon auch nicht der Schatten einer Nachricht auf mich gekommen
ist: Er ging spazieren.
    Fast ganz an der südlichen Grenze seines Gebietes lag das kleine
Lustwäldchen, dessen ich zu Anfang des ersten Kapitels rühmlichst gedacht habe.
Dahin begab sich der Edelmann. Er lagerte sich unter einer majestätischen Eiche,
und hörte den Vögeln, die um ihn her zwitscherten - nicht zu, hatte auch in der
Welt kein Arges draus, dass eine liebliche Quelle zu seinen Füssen mit sanftem
Murmeln durch Gebüsch und bunte Blumen sich schlängelte. Er rauchte sein
Pfeifchen, freuete sich herzlich, dass es Zirkel gab, wenn er in den Bach
spuckte, und schlummerte endlich gar sanft und süss über dem Rauchen ein. Als er
erwachte, fand er sich in der schönsten Abenddämmerung, und ehe er noch den
Rückweg halb vollendet hatte, war es völlig dunkel.
    Der gnädige Herr erreichte sein Dorf, und schlenterte ganz gemächlich durch
die Pfützen und über die Mistaufen vorwärts, bis eine laute patetische Stimme,
die in der Stube der Dorfschenke gewaltig deklamirte, seine Aufmerksamkeit auf
sich zog. Neugier war sonst des Pommerschen Edelmanns Fehler nicht, aber heute
sollte alles bei ihm ungewöhnlich zugehen. Bin doch kurjos zu wissen, was da so
gröhlet, sagte er bei sich selbst und kuckte ins Fenster. Da sah er denn am Ende
des Tisches den Schulmeister, sitzend in seiner ganzen Gravität, vor ihm zwei
Endchen Licht, eins auf dem Leuchter, das andre in den Hals einer Bouteille
gesteckt, neben und hinter ihm die Kinder des Wirts mit aufgesperrten Mäulern,
und um den Tisch her fünf oder sechs Bauern in ihren weissen Kitteln, die kurzen
Stummelchen im Schnabel, aus welchen der Dampf des Brandenburgischen Knasters in
dichten wirbelnden Wolken hervorstieg, und die Stube an Qualm und Wohlgeruch
vollkommen jenem Abgrund ähnlich machte, der der Hölle zum Schornstein dienet,
und in welchen Astolph, reitend auf dem Hippogrifen die Harpyen zu allen Teufeln
jagte.1 Der Schulmeister hatte die wahre und wundersame Geschichte des kecken
und mannhaften Ritters Siegfried, mit dem Beinamen des Hörnernen, in seiner
linken Hand, breitete die rechte in zierlichen Gestikulationen seinem Auditorium
entgegen, und las, dass er braun um den Kopf wurde. Er war gerade bei dem
unerhörten Ebenteuer, des Ritters wider den scheusslichen Haselwurm. Die
Nasenlöcher der Bauern erweiterten sich, die Kinder schmiegten sich an einander,
die Wirtin rückte ihren Bettschemel näher an den Tisch und sah von Zeit zu Zeit
hinter sich, ob ihr auch etwa ein Drache in die Arrieregarde fiele, und der
Junker draussen vor dem Fenster horchte aufmerksam zu, als der Schulmeister las,
wie die Hiebe fielen als Hagel, und jeder Hieb 'ne Wunde machte, wie 'n
Scheuntor, und wie der Ritter den Lindwurm, dess er kümmerlich Herr werden mogt,
braten tät, dass 's Fett raus quoll, und 's Fett Horn ward, als 's gerann, und
der Ritter sich damit fest machte wider Hieb und Stich, und 's Fräulin erlöste,
und sich zu ihr tät wonniglich - und was des Dings mehr war, welches alles Ihr
weiter nachlesen möget, teils im Büchlein selbst, teils auch in der Paraphrase
des Ludimagisters, von der ich aber nicht weiss, ob sie gedruckt ist.
    Hagel noch mal, sagte der Edelmann, das war'n ganzer Kerl, der Ritter da! -
Muss doch mal 'nein gehen, setzte er nach einer kleinen Pause hinzu, hieng sein
spanisch Rohr über den Griff des Säbels, nahm die Tobackspfeife in die linke
Hand, tappte mit der rechten voraus, um die Nase nicht zu gefährden, und
gelangte so ganz glücklich und wohlbehalten bis an die Stubentür und in die
Stube.
    Die Gesellschaft sah, Trotz der Atmosphäre von Tobacksqualm, worinn sie
gehüllet war, dennoch das Flimmern des reichbesetzten Dolman's, und erkannte an
diesem Zeichen, wie auch am Klirren des Säbels und Stockes, wozu die Eisen unter
den Stiefeln den Takt gaben, die Gegenwart des gnädigen Herrn. Die Posaune des
Schulmeisters verstummte, die Bauern nahmen die Pfeifen aus dem Munde und die
schwarzen Pudelmützen herunter, und der Wirt, der nicht aus dem Dorfe, sondern
bei Reichenwalde her gebürtig war, auch in jüngern Jahren als Stangenreiter
eines Frachtfuhrmanns manche Reise von Frankfurt nach Leipzig getan, folglich
die Welt gesehen und Mores gelernet hatte, machte einen Knickerling mit einem
Sequens.
    Die Bauern fürchteten sich zwar nicht vor dem Edelmanne, denn sie waren
überzeugt, dass er der gutmütigste Junker auf Gottes weiten runden Erdboden sei;
aber sie wurden doch ein wenig bestürzt, und wussten nicht gleich, was sie aus
dieser unerwarteten und unerhörten Erscheinung machen sollten. Selbst der
Schulmeister vermochte von seinen hundert zwei und siebenzig lateinischen Brocken
keinen einzigen herauf zu würgen.
    »Geht man wieder sitzen, sagte der Edelmann. Der Blix! geht sitzen, Leute,
wenn ichs euch sage; habt doch wohl eure Knochen heut müde strapenziret. Hab'
den da draussen predigen hören; wollt mal hören, was 's hier gibt, so wollt ich.
Hä?«
    Der Wirt, an den sich dieses Hä addressirte, nahm das Wort, und versetzte in
seinem Reichenwalder Dialekt: Ih nu, gnädiger Harre, wos werds Wunger synn? De
Nochbern do hann den Luhmegester do gebaten...
    »Wen?«
    Ih nu, gnädger Harre, den Luhmegester do. 'S is der Schullmeester, er sichts
adder garne, wenn ma'n Luhmegester tittelirt. Er kann asn schiene lasen, doss 's
'ne Lust is. - -
    - Meine Leser, hoff ich, werden mir den Reichenwalder Dialekt fürs künftige
erlassen. Er lässt sich so wenig als das Plattdeutsche für Leute, die seiner
nicht kundig sind, schreiben, und hat überdem seine eigne Melodie und Accent.
    Der Wirt belehrte demnach den Edelmann, dass der Ludimagister, der so schön
lesen könnte, den Nachbarn wöchentlich einen Abend vorzulesen pflegte, und dafür
von der Gesellschaft frei gehalten würde. Heute Abend sonderlich hätte er 'n
schnurriges Ding gelesen von'n Ritter, der gar'n abscheulich gewaltiger Ritter
war ....
    »Lassts man gut sein, sagte der Edelmann; hab all'n bisschen von gehört.
Trinkt mal alle meine Gesundheit, und komm Er morgen früh mal zu mir,
Schulmeister, und bring Er's Buch mit, versteht Er. Gute Nacht, Leute!«
    Indem er dieses sagte, warf er ein Paar harte Taler auf den Tisch. - Werde
nicht ermangeln aufzuwarten, sagte der Ludimagister; danken Eu'r Gnaden auch
sämtlich für die hohe Gnade! Tu das epulis accumbere diuum!
    »Oh Schnack!« sprach der Pommersche Edelmann, und ging weg, immer zum Dorfe
hinaus; und voll vom hörnernen Siegfried kam er in seinem Schloss an.
    Wie Seine Gnaden die Schenke verlassen hatte, erhub sich ein Streit zwischen
dem Wirte und seiner Frau. Diese liess ihren Eheherrn sehr übel an, und
behauptete, er habe dem Edelmanne nicht mit der geziemenden Repetenz begegnet.
Hättst'n doch 'ne Ehre antun sollen, und 'n aus unserm gläsernen Kruge mit 'm
zinnernen Deckel mal zutrinken sollen, so hättst Du! und Herr Gnaden würde dir
Bescheid getan haben, und hättst denn 'n mal deinen Kindern erzählen können,
und wenn 'n Reisender durchs Dorf kommen wäre, dass der gnädge Herr wohl eher aus
unserm schönen Kruge getrunken hätte, und hättst den Leuten den Krug weisen
können, so hättst Du. Aberst so tat er den Herrn Gnaden nicht 'n mal 'n Stuhl
anprimisiren, der Schlumpenschleef! -
    Seht mir doch die kluge Sabille! ewiederte der Wirt. Meinst auch, dass man
en'm Edelmanne nur so zutrinkt, und dass er einem da so gleich Bescheid tut! Da
würd er dir Butter dran getan haben, siehst Du! Wird dir da auch nur so sitzen
gehn, ha! Meinst nur, weil du mal in der Stadt gedient und ein Paar vornehme
Wörter aufgeschnappt hast! Aber wirst wohl all mein Tage 'ne dumme Jitte
bleiben.
    Ich 'ne Jitte? sagte die Frau, und die Borsten auf ihrem Haupte empörten
sich. - Es würde arg geworden sein, wenn der Ludimagister sich nicht ins Mittel
gelegt hätte. Der sprach pro Rostris, und war der Meinung, sie könne ganz
schicklich die Jitte mit dem Schlumpenschleef kamp auf gehen lassen. Die
Eintracht ward hergestellt, dess brüstete sich der Schulmeister, und wiederholte
wohl zehnmal an diesem Abend die Stelle aus dem Virgil, die er aber nicht aus
dem Smetius hatte:
    Tum pietate grauem et meritis si forte virum quem Conspexere, filent!
    Einen fürwitzigen Bauern, der ihn bat, er möchte ihn doch den Spruch
ausdeuten, fertigte er damit ab: das Latein würde zu nichts in der Welt taugen,
wenn man dergleichen auf Deutsch sagen wollte. Lasst uns dafür des gnädigen Herrn
Gesundheit trinken. Er hats befohlen, und seiner Obrigkeit soll man gehorchen,
wie das vierte Gebot sagt.
    Recht so! rief der Wirt. Komm her, Frau! keinen kindischen Groll mehr! Da,
schenk ein! - Und die Gesellschaft zechte diesen und den folgenden Abend aufs
Wohlsein Seiner Gnaden, bis die zwei Taler verzehret waren.
 
                                    Fussnoten
1 Orlando furioso, Cant. XXXIII, XXXIV.
 
                               Sechstes Kapitel.
Der Ludimagister macht seine Aufwartung im festlichen Pomp. Nicht jedes Unglück
                         wird durch Kometen verkündigt.
Am andern Morgen stand der Ludimagister vor Tages Anbruch auf, kämmte seine
Sonntagsperüke, schmierte sie reichlich mit Schweineschmalz und Lichttalg,
zerrte einige Locken perpendikular, richtete andre horizontal, und bestreuete
sie Strohhalmsdicke mit seinem gebeutelten Semmelmehl. Hierauf langte er sein
schwarzes Feierkleid aus der Lade, dürstete und fegets. Seine Schuhe schwärzte
er mit Kienruss und einer Speckschwarte, und rieb die messingnen Schnallen mit
gepülvertem Ziegelstein, Baumöl, und zarter weisser Kreide. In seinen baufälligen
Hut trachtete er mit warmen Essig Neuheit zu dürsten - alles das zum grössten
Erstaunen seine eheliche Gemalin, der Frau Schulmeisterinn, die ihn dermalen
vergebens fragte, und kaum eines Blickes über die Schulter gewürdiget wurde. Um
den Hals ward ein sauberes weisses Tuch gebunden, und die Strümpfe gürtete er
unterhalb des Knies mit schönen roten ledernen Knieriemen. So zu seinem
heutigen Ehrentage mit dem festlichsten Putze geschmückt, versah er sich mit der
Rittergeschichte des hörnernen Siegfrieds, ergriff seinen schönsten Dornstock,
und wandelte fort. Doch konnte er seine Hausgötter nicht verlassen, ohne seinem
heutigen Stolze ein Opfer zu bringen, indem er die Ursache desselben anzeigte.
Frau, sagte er und warf das Haupt zurück, Frau, wenn jemand nach mir fragt, so
lass ihn nach Tische wieder kommen. Ich mache dem gnädigen Herrn meine Visite. -
    Hiermit ging er. Nach dem Maasse aber, wie er dem Edelhofe näher kam,
verwandelte sich sein Stolz in Beklemmung; und wie er den Fuss ins Schloss setzte,
sank ihm plötzlich das Herz um gute andertalb Spannen hinab.
    »Lasst'n gleich 'rein kommen!« sagten Seine Gnaden, die noch mit Ihrer
Toilette beschäfftigt waren, und sich eben den Bart kämmen und knüpfen liessen,
als man den Ludimagister anmeldete.
    Der Schulmeister trat nicht ohne Zittern hinein. Die ganze schöne Anrede,
auf die er die liebe lange Nacht studiret hatte, ging zum Henker, so bald er
Seine Gnaden in ihrer Herrlichkeit vom Kammerdiener und Lakayen umgeben
erblickte. Und die Rudera, die er etwa noch hatte wieder erhaschen können,
zerstreute der Edelmann vollends, indem er ihm gleich beim Eintritt entgegen
rief: Na, Schulmeister, hat Er 's Buch bei sich?
    Aufzuwarten, mit Eu'r Gnaden untertänigster Permission! stammelte der
Ludimagister. Ad mandatam venimus ecce domum.
    »Könnt's Fransche man weglassen. Bin da kein Freund von, Schulmeister!«
    'S ist Latein, wenn Eu'r Hochwohlgebohrne Gnaden demütigst erlauben wollen.
    »Gleichviel! - 'ch hatte nicht darnach gehöret. Unser eins hat mehr im
Kopfe. Aber 'n bisschen Lateinisch lass ich noch wohl gelten - für ihn mein' ich.
'S ist, glaub ich, die Schulmeistersprache; ists nicht? Hätts selbst wohl lernen
mögen, wie der Pastohr meinte, aber Mama seliger wollt's nicht haben, und so
blieb's nach. - Krischan! gebt dem Schulmeister 'n Schnaps und so'n bisschen
dazu.«
    Dem Ludimagister wollts noch nicht so recht geläufig werden, mit vornehmen
Herren umzugehen. Wie ihm der Kammerdiener das Frühstück präsentirte, machten
ihn Hut, Buch und Dornstock verlegen. Doch half er sich so gut sichs tun liess,
nahm das Buch unter den linken Arm, klemmte den Hut zwischen die Knie, und
wickelte den Riemen der den Dornstock statt des Bandes schmückte, zweimal um den
dritten Rockknopf; dann ergriff er, da er nun beide Hände frei hatte, mit der
einen das Glas, mit der andern ein Stück Gebacknes. - Gehorsamstes Wohlsein
untertänigst, Sie erlauben! sagte er, und machte einen gewaltig
abenteuerlichen Lorenz, fast mit der Nase bis zur Erden. Zu gleicher Zeit
wollte er, um seinen Bückling recht manierlich heraus zu bringen, mit dem
rechten Fuss hinten aus kratzen, und dachte nicht an den Hut. Dieser entglitt ihm
über all der Höflichkeit, und als er, vermutlich auf Anstiften seines bösen
Dämon's, ihn mit den Knien begreifen wollte, verlor er selbst das Gleichgewicht,
und stürzte so lang er war zu den Füssen des Edelmannes, der in ein so herzliches
Gelächter ausbrach, dass ihm die Tränen über die Backen liefen. Hiermit war aber
das widrige Schicksal des Ludimagisters noch nicht erschöpft, sondern sein
Unstern wollte, dass er im Fallen mit seinem Kopfe auf den Leibhund Seiner Gnaden
treffen musste. Türk nahm den Spass übel, und schnappte dem Schulmeister nach der
Nase; glücklicher Weise aber fasste er nur die Perücke, und kühlte sein Mütchen
waidlich daran.
    Exküse untertänigst! Halten zu Gnaden! rief der Ludimagister, indem er sich
aufraffte, die Landkarten von seinem Feierkleide klopfte, und die Glasscherben
auflas. Dero werden verzeihen! Es ist wahrhaftig nicht mit Willen geschehen!
Procumbit humi bos. Ich war nur ein bisschen gefallen ...
    »Das kömmt von den Speranzien, fiel ihm der Edelmann ins Wort und wischte
sich die Augen. Da liegt nu die liebe Gottesgabe! - Krischan! schenkt dem
Schulmeister mal 'n ander Glas ein.«
    Während der Kammerdiener dem Befehle des gnädigen Herrn nachkam, bearbeitete
sich der Ludimagister, dem Hunde die Perüke wieder abzujagen. Die Bestie wies
ihm die Zähne zur herzlichen Kurzweil des Pommerschen Edelmanns, der doch
endlich geruhete, der Verlegenheit des Mannes ein Ende zu machen - »Apport,
Türk! - Sieht Er, Schulmeister, da gibt er's von selbst her. - Oh brav
Türkschen! - Ist 'n Gelehrter, und weiss nicht mal 'n Hund 'ne Pruck' abzunehmen!
Mama seliger hatte wohl Recht, dass 'n Kavalier immer mehr weiss, als 'n
Gelehrter.«
    Dero halten zu Gnaden! er wollte mich aber beissen.
    »Ah, Kikel kakel! Er weiss man nicht mit umzugehen, Schulmeister. Da! setz
Er's Eulennest man vor erst wieder auf. Mein Pruckenmacher soll ihm 'ne neue
Atzel machen.«
    Der Schulmeister bedeckte sein weises Haupt so gut sichs tun liess mit den
Fragmenten, und trank nun mit etwas weniger Cäremonie. Unterdessen war der
Edelmann angekleidet, und der Kammerdiener vollendete die Toilette damit, dass er
seinem Herrn den Säbel reichte.
    »Könnt nu man 'naus gehen, Krischan!«
    Christian und die andern Bedienten giengen.
    »Türk! Alloh! Farm le Part!«
    Was weiter vorfiel, wird der Leser im folgenden Kapitel sehen können.
 
                               Siebentes Kapitel.
   Captatio beneuolentiae. Vorlesungen. Das zweite Kapitel vom Taufnamen. Die
                                    Avisen.
Der Ludimagister war ein Politikus. Er hatte das im Augenblicke weg, dass Türk
das andre Ich des gnädigen Herrn sei. Da er auch nunmehro schon über eine halbe
Stunde mit Seiner Gnaden in Freude und Leid konversiret hatte, so waren ihm
Hände und Füsse schon etwas weniger im Wege, ums Herz wurde es ihm merklich
leichter, heller im Kopfe, und das Band seiner Zunge ward los. Er bewunderte in
einer wohlgesetzten Rede die Talente des Hundes, erstaunte über die
Geschicklichkeit desselben, strich seine Grösse, Schönheit und Folgsamkeit
heraus, beteuerte, es fehle ihm nichts als die Sprache ....
    »Schnack! fiel ihm der Edelmann ins Wort; kann wohl sprechen nach seiner
Art. Alloh Türk! pahrel hoch!«
    Der Hund brach in ein Mittelding von Heulen und Bellen aus.
    Der Schulmeister schlug mit so künstlicher Verwunderung, als hätte er in
seinem Leben keinen Hund heulen gehört, die Hände zusammen, verdoppelte seine
Lobsprüche, und schloss mit der Versicherung, er hätte nun und nimmer geglaubt,
dass ein unvernünftiges Vieh so was lernen könnte. - Dadurch brachte er sich denn
einen treflichen Stein bei dem Edelmann ins Brett.
    »Und was das schnakisch ist, Schulmeister, dass so 'n Hund Fransch versteht.
- Aber nicht eins ins ander zu reden; - was ich sagen wollte, Schulmeister, so
hab ich ihn herkommen lassen, dass er mir das Siegfriedenbuch da 'n bisschen
vorlesen soll. Geh Er da man sitzen, und wenn Er noch 'n Schnaps will, kann Er
sich man einschenken.«
    Danke gar schöne. Mögte mir zu viel werden, Eu'r Gnaden. -
    Hiermit nahmen also die Vorlesungen ihren Anfang, und es ging so scharf
über den hörnernen Siegfried und über des Ludimagisters Lunge her, dass das Buch
in zween Vormittagen von einem Ende bis zum andern durchgelesen war, wobei der
Vorleser nicht ermangelte, die dunkeln Stellen, deren für den Edelmann nicht
wenige waren, durch eingestreuete Anmerkungen, Erinnerungen, Erläuterungen und
Gleichnisse - noch dunkler zu machen. Die Seele des Junkers war das
unbeschriebenste Blatt von der Welt. Stand ja etwas drauf, so warens ein Paar
Dintenkleckse. Kein Wunder also, wenn die Rittergeschichte einen tiefen Eindruck
auf ihn machte.
    Es ist ausgemacht gewiss, dass die Grille des Pommerschen Edelmanns, sein
Geschlecht müsse wohl ursprünglich vom tapfern und mannlichen Ritter Siegfried
dem Hörnernen abstammen, diesen Vorlesungen ihren Ursprung zu danken habe. Der
Name Seifried, der in der Lindenbergischen Familie seit undenklichen
Generationen so erblich ist, als - sans Komparaison - der Name Heinrich bei den
Grafen von Reuss, oder Ludwig bei den französischen Monarchen, bestärkte ihn in
seiner Meinung. Und er, der all sein Tage nichts bewiesen hatte, bewies und
behauptete nun dagegen männiglich, es müsse sich einmal irgend ein Pfarrer
versprochen, oder ein Küster im Kirchenbuche verschrieben haben. Und diese
Meinung war er immer bereit mit Säbel und Pistolen zu verdefendiren, wie er
sagte. - Nun weisst Du, freundlicher Leser, warum unser Edelmann, wie wir in
unserm ersten Kapitel vom Taufnamen anmerkten, es gar zu gern hörte, wenn man
ihn Siegfried nannte, weil man nehmlich seinen Ursprung dadurch anzuerkennen
schien. Seine Haus- und Dorfgenossen mussten sich wohl in ihn schicken; und da es
seinen Nachbarn und etwanigen Bekannten auch nichts verschlagen konnte, ob der
Herr von Lindenberg, Siegfried oder Seifried hiess: so blieb er im ungekränkten
Besitz des Namens, dem er so herzlich gut war. - Aber wir fahren in unsrer
Geschichte fort.
    »Hagel noch mal, Schulmeister, wie ist Er an das Buch gekommen?«
    Habs mal gekauft, Eu' Hochwohlgebohrnen Gnaden, als ich meiner Mutter
Brudersohn besucht, der in Greifswalde studirte. Ich hörte, dass es ein grosser
vornehmer Professor in Greifswalde gemacht hätte, und da dacht ich, ich müsste
die etlichen Dreier schon dran wenden.
    »Alle Blix! 's muss 'n ganzer Kerl sein, der Professor - sagt er nicht so? -
der so'n Buch machen kann. Bin 'n Edelmann, so gut wie der Kaiser, aber so'n
Buch wüsst ich nicht zu machen, nee, und wenn ich die ganze Welt haben sollte.
'Sist'n allerwelts Kerl, der Siegfried! Mögt auch wohl mal so um mich 'rum hauen!
Hätt sich auch wohl passen können, wenn ich im Dienst geblieben wäre. Aber der
Lindwurm, das war'n Racker, so war er. Wüsst ich man mal einen, ich wollt'n
lebendig braten, dass er die Angst kriegen sollte. Und da könnt' einer denn auch
'n Buch von machen. Nicht wahr, Schulmeister?«
    Allerdings Eu'r Gnaden. Und wenn Eu'r Gnaden denn des Fortunatus
Wünschhütlein hätten ...
    »Kenne das Dings nicht.«
    O Eu'r Gnaden, das war ein köstliches Ding! Ich habe ein kurjoses Buch von
diesem Fortunatus mit dem Wünschhütlein und Säckel zu Hause ...
    »War das 'n Edelmann, der Fortnaz?«
    Allerdings, Eu'r Gnaden! - Das Buch könnt ich Eu'r Gnaden vorlesen ...
    »Das kann Er, Schulmeister!«
    - und wenn Eu'r Hochwohlgebohrne Gnaden allergnädigst erlauben wollten ...
    »Der Blix! das will ich ganz gern, Schulmeister!«
    - so könnt ich morgen damit den Anfang machen. Und wenn Eu'r Gnaden ein
Liebhaber vom Herzbrechenden sind ...
    »Nicht sonderlich, dass ich wüsste.«
    Sonst könnt ich auch die Geschichte vom Oktavianus mitbringen ...
    »War's auch 'n Kavalier?«
    Allerdings Eu'r Gnaden, und ein Römischer Kaiser dazu; aber weil Dero nicht
sonderlich fürs Tragische sind ...
    »Nee! Nee! Schulmeister bring er das Acktafijanusbuch man auch mit, versteht
er, weil's doch von'm Kaiser ist.«
    Auf diese Art wusste der Ludimagister immer Ein Buch aufs andre folgen zu
lassen; ein Kunstgriff, den er zwar der Sultaninn Scheherazade, die so schön ein
Mährchen ans andre zu nähen wusste, nicht abgelernet haben konnte, der ihm aber
treflich zu statten kam, sich allmählig dem Herrn Siegfried von Lindenberg
unentbehrlich zu machen. Der Edelmann lernte auch nach und nach ein Urteil über
die Bücher fällen, die er vorlesen hörte. Sonderlich erklärte er sich herzlich
für die Ritter, an denen er recht viel Bieders, Grosses und Gutes bemerkte, und
nährte seinen Geist mit ihren grossmütigen und schönen Taten. »Denn, sieht Er,
Schulmeister, pflegte er zu sagen, um sich hauen, kann 'n jeder, der man 'n
fixen Säbel und Mark in den Knochen hat. Aber so'n ganz Königreich mir nichts
dir nichts wegschenken, das einer eben mit saurem Schweiss und Blut eingenommen
hat, oder 'ne Prinzessinn zu erlösen, die einer sein Lebstage nicht mit Augen
gesehen hat, der Blix Schulmeister, das ist'n andrer Schnack.«
    Den Kaiser Oktavianus aber erklärte er schlechtweg für einen schäbigten
tückischen Schurken, und dessen Mutter für eine verläumderische, garstige,
klatschmäuligte Petze, von denen er in seinem Leben kein Wort mehr hören wollte.
Das Genovefenbuch sei nicht 'n Haar besser, und Junker Schmerzenreich wäre, mit
Permission zu melden, ein Schleef Aergern konnt er sich über alle Maassen, wenn er
lesen hörte, dass die Ritter an Galatagen in köstlichen Schammlott, oder in
grünen Purpur gekleidet waren. Das wäre man nichts. Ein ächter Kriegsmann müsse
nichts als seine Uniform tragen; doch liesse er wohl 'n Friesrock überher gelten,
wenn's kalt wäre. Schöne Kleider aber, das täte so heraus kommen, als wenn
einer sich der Uniform schämen täte, u.s.w.
    Hätte der Ludimagister die Ehre gehabt, mit den Geschöpfen des
unvergleichlichen Cervantes und des komischen Smollet bekannt zu sein, so wäre
ihm wohl nichts leichter gewesen, als aus unserm Edelmann einen Pommerschen Don
Quixotte oder Sir Launcelot Greaves zu machen.
    Als nun der ganze Apparatus von Büchern, die der Schulmeister ehemals zum
Behuf seiner Abendvorlesungen in der Schenke angeschaffet hatte, auch auf dem
Schloss eins nach dem andern vorgelesen und wieder vorgelesen waren, bis der
Edelmann fast alles auswendig wusste, begann er nach und nach einigen Ekel vor
der losen Speise zu empfinden, und beliebte sich darüber gegen den Ludimagister
wie folgt zu erklären:
    »Weiss den Kukuk nicht, wie's kömmt, Schulmeister, aber es kömmt mir vor, so
tut es, als wenn das Melusinenbuch nicht mehr so hübsch ist.«
    Inuenies alium, si istum fastidis, Alexin! versetzte der Ludimagister. Es
gibt ja mehr zu lesen, gnädiger Herr! Zum Exempel, was meinen Eu'r Gnaden -
jedoch mit untertänigster Submission unter Eu'r Gnaden besseres Videtur - wenn
Eu'r Gnaden die Avisen kommen liessen?
    »Kenne die Dinger nicht, Schulmeister!«
    Avisen, untertänigst! will ich die Gnade haben Dero zu sagen, sind so halbe
Bogen, auch wohl ganze Bogen, wo alles drinn steht, was in der ganzen Welt
passiret.
    »Alle Blix, Schulmeister! das muss schnurrig sein! Steht denn auch drinn von
dem Hasen, den Türk letztens greifen tät?«
    Allerdings Eu'r Gnaden! - Zwar - Wiewohl - Was das anlangt - So eigentlich
will ich das nun wohl eben - - Indessen aber - Es könnte doch drinn stehen.
    »Hätt mir das längstens sagen können. Steht denn auch drinn, wenn 'n Ritter
'n Haselwurm schmohren tut?«
    Allerdings, Eu'r Hochwohlgebohrne Gnaden. So was Remarkabels steht immer
drinn.
    »Wills kommen lassen, Schulmeister. Wo kriegt man die Dinger? Hä?«
    Werden vieler Orten gedruckt, Eu'r Gnaden! Habe mir aber sagen lassen, mit
hoher Permission, dass sie in Hamburg die besten drucken. Hab auch wohl eher
welche gesehen, die in Berlin gemacht waren.
    Wills kommen lassen. - Krischan! - Ruft mir mal den Verwalter. - Bin doch
kurjos; will doch mal hören, obs von Türk drinn steht. - Verwalter, was ich
sagen wollt, schick er mal gleich stantepeh 'n Kerl zu Pferde weg nach Hamburg
und Berlin, und lass Er mir mal alle Avisen kommen, die da gemacht werden. Lass
Er'n brav zu reiten, dass er auf 'n Mittag wieder hier ist, versteht Er.
    Halten zu Gnaden, versetzte der Ludimagister, Hamburg liegt wohl, wer weiss
wie viel Tagereisen von hier, wo die Elbe ins Mittelländische Meer fällt ....
    »Weiss wohl, sagte der Edelmann; dachte man nicht gleich daran.«
    - aber wenn Eu'r Hochwohlgebohrnen Gnaden aufs nächste Postamt schicken
wollten .....
    »Das will ich. Verwalter! schick Er stantepeh auf's nächste Postamt.«
    - so könnte sie der Postbote immer mitbringen.
    »Kann angehen, Schulmeister.«
 
                                Achtes Kapitel.
                  Bis die Avisen ankommen. Ein langes Kapitel!
Es gibt - Ich weiss nicht ob Aristoteles oder Kovarruvias das gesagt hat.
Vielleicht aber hätt ichs auch im Abulfeda lesen können, wenn ich das Arabische
Seiner Majestät verstände. - Es gibt manches Ding in der Welt, das man nicht
begreifen kann; und es soll auch manches Ding geben, das man nicht begreifen
muss.
    Das Letztere lassen wir dahin gestellet sein; das Erstere aber, wer mir das
abstreiten wollte, den wollt ich eben so trocken abführen, als Diogenes tat, da
ihm ein witziger Kopf abdisputiren wollte, dass es Bewegung in der Welt gebe. -
Und, man sage dagegen was man will, die Metode des Diogenes ist eine sehr gute
Metode, weil sie ungemein simpel ist, und schnurgerade zum Ziele führet. - Er
setzte erst den rechten Fuss vorwärts, dann den linken, dann wieder den rechten,
und immer so fort, einen um den andern; und so kam er denn ganz natürlich an das
andere Ende des Zimmers. Dahin konnt er nicht gekommen sein, wenn er sich nicht
über den Fussboden hin beweget hätte, oder - der Fussboden hätte sich unter ihm
her bewegen müssen. Nichts auf der Welt kann simpler sein.
    Sollte nun - und wer weiss was sich zutragen kann? Alter Tage Abend ist noch
nicht gekommen. - Sollte nun irgend ein witziger Raritätenkasten sich gelüsten
lassen zu behaupten, er könne alles begreifen: so rat ich ihm wohlmeinend, es
so leise zu sagen, dass ichs nicht höre; sonst würd ich mir die Freiheit nehmen,
ihn a la Diogenes ad Absurdum zu bringen. Ich würde ihn ein kleines Problemchen
vorlegen, so ganz aus dem gemeinen Leben, und damit sollts Lied zum Ende sein.
    Ich habe die Ehre gehabt Seine Hochwohlgebohrne Gnaden, den Edelmanne im
Pommerlande, sehr lange und so genau zu kennen, als unser einer nur immer einen
Edelmann kennen lernen kann: aber ich kann mit Wahrheit nicht anders sagen, als
dass er nie von vielen Worten, und überall kein sonderlicher Liebhaber des
geselligen Umgangs war. So gar seine nächsten Grenznachbarn, welche zwar
freilich mehrenteils Hofleute oder in Kriegsdiensten waren, und sich daher nie
lange auf ihren Gütern aufhielten, sprach er fast niemals, wenn sie ihm nicht
etwa auf seinen gewöhnlichen Spazierritten begegneten, und dann wars guten Tag
und guten Weg. Mit seinen Bedienten liess er sich nie ein. Seine gnädige Mama
hatte ihm von Kindesbeinen an viel zu scharf eingepräget, er sei ein Kavalier,
und der müsse sich mit keinem Bürgerlichen gemein machen, (Gemein machen hiess bei
der seligen Frau: freundlich ansehen, und höflich reden.) am wenigsten mit
denen, die sein Brodt ässen. Daher vergieng mancher schöne Monat, dass selbst sein
Christian, ehe er Oberkammerherr wurde, ausser den notwendigsten Befehlen keine
Sylbe aus seines Herrn Munde hörte. Bloss gegen seine Pferde und Hunde war er
gesprächig, übrigens das ungeselligste Tier. Dass mogt er aber für sein Leben
gern haben, dass Christian, oder wer es sonst von seinen Leuten war, (den
Justitiarius ausgenommen, den er nicht leiden konnte, weil er überall den
Juristen feind war) mit ihm sprach, ihm diese und jene Haus- oder Dorfneuigkeit
erzählte, und ihm so die langen Abendstunden vertrieb. Dazu rauchte er dann im
tiefsten Stillschweigen seine Pfeife, und hörte andächtig zu. Er litt aber
niemals, dass einer seinen Kameraden anschwärzte oder verfuchsschwänzte, und man
weiss noch heutiges Tages auf Lindenberg davon zu erzählen, dass er bei einem
solchen Vorfalle zum ersten mal in seinem Leben in Wut geraten sei, den Säbel
gezogen, und den armen Sünder mit eignen hochadlichen Händen dermassen
durchgefuchtelt habe, dass ihn der Feldscheer an die vier Wochen lang besalden
und bepflastern müssen. »Wart du! rief er, will dich Racker schwänzelieren
lehren!« - Dieses einzige Beispiel war so würksam, dass seitdem nie wieder ein
Klätscher auf Lindenberg aufduckte.
    Hergegen, wenn ihm erzählet wurde, Hannes Bruck sei in der Verbesserung
seiner Ländereien so glücklich gewesen, dass er in diesem Jahre schon so und so
viel Fuder Heu mehr gewonnen habe, als sonst; - oder Peter Imbeck wolle Hochzeit
machen, und Jürgen Risch Kindtaufe geben: dann dähnte er sich gemächlich in
seinem Polsterstuhle, und sah so heiter aus, als wenn er selbst der Bräutigam,
oder Vater zum Kinde wäre. Hiess es aber: dem langen Friedrich ist ein Pferd
umgefallen; - oder in Hannes Breimanns Schaafstall ist das Sterben gekommen:
dann war er im Stands so ein trübseliges Gesicht zu machen, als ob ihm selbst
die Peterfilie verhagelt wäre; und selten ermangelte er in Freud oder Leid,
seine milde Hand aufzutun. Auch war im ganzen Dorfe kein Bauer, der dürftig,
oder ohne Verbindlichkeit gegen den gnädigen Herrn gewesen wäre.
    - Ich weiss nicht, ob sich in der Folge eine bessere Gelegenheit dazu
anbieten möchte, darum will ichs hier erzählen, dass sein Verwalter den
gemessensten Befehl hatte, in Absicht der Herrengefälle und Abgaben keinem
einzigen Bauern eine Stunde Rachsicht zu geben, sondern ihm, dem gnädigen Herrn,
so bald am Nachmittag des letzten Hebungstages die Klocke fünfe schlug, ein
genaues Verzeichnis aller derer, die bezahlt und nicht bezahlet hatten,
einzureichen, und vorzulesen. Traf sichs dann einmal, dass etwa ein Bauer mit den
Gefällen ausgeblieben war, so liess Er ihn zu sich rufen. »Hör, du! sagte er,
mein Verwalter will dich exquiren lassen, weil du nicht bezahlen tust. Ich mag
aber den Schimpf nicht haben, dass ich so'n Schlüngel auf meinem Gute hätte, der
geexquirt werden muss. Da hast's Geld. Geh hin und bezahle den Verwalter.«
    Diesen Weg hatte er ausgedacht, weil er glaubte, des Verwalters Rechnungen
so am leichtesten übersehen zu können, wobei ihm nun die Restanten keine
Schwürigkeit verursachen konnten. »'S ist einerlei, dachte er, ob's der Bauer
meiner Kasse oder meiner Tasche schuldig ist; und der Verwalter kann mir doch
kein X für'n U machen, und meine Untertanen werden auch nicht getribuliret. Und
solcher Wege hatte er noch mehrere ausgedacht, um seinem Verwalter das X für'n U
machen zu verwehren. Das Schöne bei der Sache war aber dieses, dass, wenn der
Bauer dem er so geholfen hatte, ihm über kurz oder lang das Geld wieder brachte,
er es niemals annahm.« Geh man hin, sagte er; bist doch 'n ehrlicher Kerl, seh
ich wohl. Mach aber, dass mein Verwalter nicht wieder über dich klagt. - Kannst
nu man gehen, und halt 's Maul von, sonst kömmst' ins Hundeloch.«
    Dieses im Vorbeigehen. Wir lenken wieder in unsern Weg.
    So gern also der Edelmann hören mochte, so wenig war er selbst fürs viele
Reden, und wenn er ja den Mund öffnete, so pflegte ihm doch das Ding eigen zu
sein, das man gemeiniglich Imperatoria Brevitas zu nennen pflegt. Wie er demnach
dazu kam, dass er mit dem Ludimagister manchen ausgelängten Tag verplaudern
konnte, der doch mehr als Ein Jahr zubrachte, ehe er den eigentlichen Ton
merkte, worinn man mit dem gnädigen Herrn reden musste, wenn es ihm recht sein
sollte: das - ist würklich ein wenig mehr als sich begreifen lässt. Der
Schulmeister pflegte zum Exempel eine Neuigkeit auf diese Art vorzubringen:
Wissen Eu'r Gnaden wohl? - oder: Haben Eu'r Hochwohlgebohrne Gnaden schon
gehöret? - oder auch schlechtweg: dies und dass hat sich zugetragen. Und auf
diese oder ähnliche Art musste man dem Edelmann im Pommerlande nicht kommen. Das
hatte das Ansehen als ob man ihn etwas lehren wollte. Nein, man musste sich so zu
wenden wissen, dass man immer voraus setzte, er habe das schon längst gewusst, was
man jezt erzähle; zum Exempel: mich soll verlangen, wer bei dem kleinen Jungen,
wovon Jürgen Risch's Frau gestern entbunden ist, morgen Gevatter stehen wird? -
oder: das hat mich doch recht gefreuet, dass dem ehrlichen Hannes Bruck seine
Verbesserungen so gut eingeschlagen sind, dass - u.s.w.
    Noch unbegreiflicher ists, wie er sogar den Ludimagister zu seinem
Vertrauten machen, und über Dinge zu Rate ziehen konnte, die er wohl ein
dutzend Jahre im Busen herum getragen hatte, er, der sein Tage sich gegen keine
Seele zur Vertraulichkeit herabgelassen, und niemals jemand um seine Meinung
gefragt hatte.
    »Muss Ihn mal in Rat nehmen, Schulmeister! Habe schon lange bei mir selbst
bedacht, was ich anfangen wollte, als Mama seliger noch lebte. Dachte immer in
meinem Sinn, sollst wieder in 'n Krieg gehen, wenn du länger lebst als Mama,
oder auch auf Unverstäten. Und nu sie todt ist, weiss ich nicht, was ich davon
tun soll, versteht Er. Und Eins von beiden muss ich doch wohl tun. Habe da all
manchen lieben Tag über repliciret, und bin nicht kumpabel mich zu risolviren.«
    Das war wirklich ein Donnerschlag für den Ludimagister. Er hatte sich auf
dem Schloss eingenistelt, und galt, wie selbst diese Vertraulichkeit bewies,
alles bei dem Edelmanne, was ein Tier, das nicht sein Hund oder sein Pferd war,
nur immer bei ihm gelten konnte! Er speisete fast täglich mit dem Justitiarius,
dessen Frau, dem Sekretär, und den andern vornehmsten Bedienten seiner Gnaden!
Er befand sich so wohl bei dem allen! Wenn nun der Edelmann einen von
vorgedachten Einfällen befolgte. - Leser! ich habe von Deinem Verstande und
Scharfsinne einen sehr hohen Begriff; aber unmöglich kannst du die unangenehmen
Folgen, die ein solcher Entschluss für den Schulmeister unumgänglich hervor
dringen musste, geschwinder und deutlicher einsehen, als er sie gleich auf der
Stelle einsah. Aber in der ersten Bestürzung war er nicht gleich im Stande,
einen guten Einfall zu haschen, um die Entfernung des Junkers zu hintertreiben.
    Halten zu Gnaden! sagte er, die Sache ist wichtig, gnädiger Herr! Aber, wenn
Eu'r Gnaden mir ein vierzehn Tage oder so, Bedenkzeit ...
    »Schnickschnack! rief der Junker erzürnt; alle Blix, Schulmeister, so muss Er
mir nicht kommen! Er wollte das in vierzehn Tagen ausdenken, hä? und ich habe da
so manchen Tag über spikulirt?«
    Der Schulmeister war in grosser Verlegenheit. Er hatte befürchtet es nicht
recht zu machen, dass er nicht auf der Stelle seinen Rat geben konnte; und
siehe! er hatte es wirklich nicht recht gemacht, dass er ihn schon in vierzehn
Tagen zu geben sich getraurte. Der Mann wusste noch nicht, wie schwer es sei, mit
Köpfen, in denen es nicht helle ist, umzugehen.
    Dero kapiren mich nicht, gnädiger Herr! rief der Politikus. Ich meinte nur,
ich wollte mir ein vierzehn Tage Zeit nehmen, zu untersuchen, ob ich all überall
im Stande bin, in einer so wichtigen Sache zu raten, wo Eu'r Hochwohlgebohrne
Gnaden selbst so lange zweifelhaft geblieben sind. Dicere conantem debilitabit
onus!
    »Kikelkakel! Ist'n Gelehrter und kann nicht raten? Das ist man Schnack.
Wofür ist Er denn 'n Gelehrter, hä? - Krischan! Wollen morgen mehr von sprechen,
Schulmeister. - Krischan, den Hans!«
    Der Junker zündete eine Pfeife an, schwang sich auf den schnellfüssigen Hans,
gab ihm die Spornen, und galopirte davon. Der Schulmeister aber ging mit sich
zu Rate, wie er den Junker im gewohnten Gleise erhalten wollte.
    »Na, Schulmeister, rief der Junker ihm am folgenden Morgen entgegen, hat
Er's beschlafen?«
    Aufzuwarten Eu'r Gnaden!
    »Hab's all manch' liebe Nacht beschlafen, ich, und kann doch nichts 'raus
schlafen. Na? was meint Er?«
    Hm! Ha! Hm! - Ich meine - ich - Aber mit untertänigster Permission zu
fragen, wozu hätten Eu'r Gnaden wohl die meiste Lust?
    »Alle Blix, Schulmeister, das ists eben, dass ich zu beiden Lust habe.«
    Wenn Eu'r Gnaden nicht ungnädig vermerken wollten ...
    »Nee, nee, Schulmeister! Will's ganz gut vermerken.«
    - so mögt ich wohl untertänigst so frei sein, Eu'r Gnaden zu fragen, ob
Dero wohl Lust hätten, noch in die Schule zu gehen?
    »Hagel noch mal, so muss er mir nicht kommen, oder -«
    Halten zu Gnaden untertänigst - Bitte gar schön, Eu'r Gnaden! - Sagten Eu'r
Gnaden nicht, Dero hätten wohl Lust, auf Universitäten zu gehen?
    »Nu ja, auf Unversetäten.«
    Im Grunde, gnädiger Herr, sind das doch Schulen. Freilich hohe Schulen, wo
die Schulmeister Professoren heissen, aber doch Schulen ...
    »'S ist nicht wahr! - Der Blix! 's ist doch wohl wahr. Also wenn Er 'n
Professer hiesse, da wäre seine Schule 'ne Unversetät?«
    Beinahe, gnädiger Herr!
    »Und nu Er nicht Professor heisst, da ists nur 'ne Schule? Hm! - Bin doch
wohl zu alt noch in 'ne Schule zu gehen. Muss wohl wieder Dienste nehmen, hä«
    Gott behüte Eu'r Gnaden davor! Dero würden sich doch wohl von einem
Rittmeister oder Oberst-Wachmeister nicht - halten zu Gnaden! - übers Maul
wollen fahren lassen? Und - ich meine nur so! - wenn Eu'r Hochwohlgebohrne
Gnaden nun etwa als Lieutenant ...
    »Pack ein! Pack ein! Höre schon, wo er hinaus will, Schulmeister! - Aber der
Blix! zu einem muss ich doch greifen, so muss ich. Hä?«
    Halten zu Gnaden! unser einer sieht nun freilich so weit nicht. Aber,
unvorgreiflicher massen, da Eu'r Gnaden nun schon so manches Jahr Land und Leute
regieret haben ...
    »Hab ich das? - Sieh mal! gewiss und wahrhaftig, das hab ich auch!«
    - so dächt ich, meines unmassgeblichen Dafürhaltens, Eu'r Gnaden blieben
dabei.
    »Hagel noch mal, dass ich da nicht eher angedacht habe! Hätt' nicht nötig
gehabt, mir so lange den Kopf zu strapenziren, als ich getan habe. Will man
dabei bleiben. 'Sist doch, mein Seel! kurjos, dass ich da nicht einmal an gedacht
habe, hä? 'n Glück ists, dass mir 's noch eben zu rechter Zeit einfiel.«
    Der Schulmeister, zufrieden den gnädigen Herrn umgestimmt zu haber, liess ihm
gar gern die Ehre des Einfalls, welche der Edelmann sich gemeiniglich
zuzuschreiben pflegte. Denn bei seiner grossen Unwissenheit und Narrheit war der
Ludimagister nichts weniger als ein Dummkopf.
    Dieses Kapitel ist ein bisschen lang geworden; aber es gehöret auch Zeit
dazu, Avisen von Hamburg nach Pommern kommen zu lassen.
 
                                Neuntes Kapitel.
   Der gnädige Herr fällt auf die Nase, und wird in diesem Buche nicht wieder
                  aufstehen. Der Ludimagister geht auf Reisen.
Es giengen wohl noch acht Tage hin, nachdem dieser wichtige Punkt zum grossen
Vergnügen unsers Edelmanns berichtiget war, ehe die sehnlich erwarteten
Zeitungen ankamen. Schon begonnten Seine Gnaden ungeduldig zu werden, siehe da
langten an in einem dicken Pakete die Haude- und Spenersche Zeitung nebst der
Vossischen von Berlin, die sich hier in einem und demselben Umschlage ganz
brüderlich vertrugen; ferner in einem beträchtlich dickeren Pakete der Altonaer
Postreuter und der Hamburger Relationskourier, der Merkurius und der
unparteiische Korrespondent, samt allen ihren in Altona, Hamburg und Wandsbeck
hervorgehenden Kollegen, die Intelligenzblätter mit eingerechnet, sämtlich vom
ersten Januar an, bis auf den letztverwichnen Posttag.
    Seine Gnaden amüsirten sich eine halbe Stunde lang, die Holzschnittchen, die
zu Anfang einer jeden Zeitung stehen, zu betrachten und zu kritisiren. Das Pferd
des Relationskouriers, meinte er, wäre die impertinentste Schindmähre unter der
Sonne, wenn es sich für ein Pferd ausgäbe; höchstens könne es für eine Kuh
gelten, der man die Hörner abgesäget. Das Postreuterpferd gefiel ihm weit
besser, »wenn 's nur nicht das Maul aufsperren täte, als wenn's alle Leute
beissen wollte. Der Reiter sitzt dar aber viel zu steif auf. Das ist keine
Posentur, das. Der weiss so 'n Hengst nicht zu reiten. Machts dem Gaul mit seinem
Zurücklehnen allzu bestialisch sauer, so tut er.« u.s.w.
    Mit den Löwen auf dem Korrespondenten war er so ziemlich zufrieden, und
meinte, sie täten recht löwenhaftig aussehen; aber dass sie den Schwanz zwischen
die Beine steckten, das wäre nicht hübsch. An den Löwen auf der neuen Hamburger
Zeitung mögt er nichts leiden, als dass sie den Schwanz hübsch hoch trugen; der
Eine1 sah nach seiner Meinung bald aus wie Türk. Der Junge mit den Krähenflügeln
am Kopfe sah ihm gar nicht darnach aus, dass er 'n Springer reiten könne. Gebt
man pass, sagte er, pumps wird er 'n Sandreuter machen. - Die übrigen
Holzschnitte waren sämtlich unter seiner Kritik.
    Unterdessen fand sich der Ludimagister ein. Gut, dass er kömmt, Schulmeister,
sagten Seine Gnaden. Da ist 'n ganzer Spitakel von Avisen zu Lande geschlagen,
sieht Er, zwei Parten. Lass mal hören, ob da von Türk in steht.
    Der Schulmeister nahm und las: Petersburg vom 20sten Junius. Petersburg das
ist da, wo der Moschowiter ist. Das ist ein böses Volk, Eu'r Gnaden. - London
vom 30sten Junius. London, will ich die Ehre haben Eu'r Gnaden zu sagen, ist
eine Stadt in England. O! das ist ein ganzes Volk, die Engländer!
    »Weiss wohl.« sagten Seine Gnaden.
    Einige andre Städte, deren Namen der Ludimagister hier zum erstenmal sah,
liess er ohne Anmerkung. Endlich kam er auf einen Artikel von Strasburg.
Strasburg, gnädiger Herr, ist eine Stadt, da lauter Franzosen in wohnen.
    »Nee, lauter Franzosen! Da muss schlimme Zeit sein! Schlag das man über,
Schulmeister! mag das Volk nicht leiden.«
    Es ist auch ein tolles wurmhaftiges Volk, bemerkte der Ludimagister, so
faselicht und hasenhaftig als ein Eichkätzchen, wie Eu'r Gnaden wohl wissen,
wenn die ...
    »Man weiter, Schulmeister. Weiss das wohl.«
    Paris vom 25sten Junius. Gestern haben die Gens du Roi Seiner Majestät den
Beschluss des Parlements vorge ...
    »Halt da! Blix noch mal, halt da! da war ja wieder was Fransches. Paris ist
ja 'n fransch Land, wie die alte fransche Jungfer mit dem einen Auge sagt.
Schlag das man über Schulmeister. Mag von der franschen Majestät nichts hören,
so mag ich. Will lieber von Türken und Mamedanern hören; sind auch wohl
Blutunde, aber doch nicht so arg als das fransche Volk; bleiben doch in ihrem
Lande. Aber die andern aus dem Pariser Land, die Kummihs, die kommen hier ins
Land, und saugen den Leuten 's Blut aus.«
    So wurde täglich eine ganze Reihe Zeitungsblätter durchgelesen, wobei der
Edelmann herzlich gähnte, und der Ludimagister weisheitsvolle Randglossen
machte. Dieser war nie verlegen, er mochte eine Fregatte oder eine Galeere, das
englische Parlament oder das Spanische Inquisitionsgericht definiren sollen. Das
dauerte so etwa ein Jahr, da hätten aber Seine Gnaden beinahe das Magellonenbuch
oder die Geschichte von den vier Haimans Söhnen wieder zurück gewünscht.
    »Ist alles ganz gut, Schulmeister, was da drinn steht von den Paketbooten
die abgesegelt sind, und von Herzoginnen die Kinder gekriegt haben, und von
Schiffen die in einen Täckel hineingelaufen sind - wiewohl ich nicht begreife,
wie sie das machen, und von Königen, die ein gross Gastgebot gegeben haben: aber
der Blix! was geht das mich an? - Wollt lieber, dass dar in stehen tät von
meinem Türk, und was auf meinem Gute passiret, so wollt ich. Warum schreiben sie
das nicht auch 'nein, wenn Ich spazieren reite, so gut als wenn der Kaiser
spazieren tut? Der Kaiser ist Herr in seinem Lande, und ich bin Herr in meinem
Lande, so bin ich. Und wer weiss, wer die reichsten Bauern aufzuweisen hat? Lass
mich man mal so'n Avisenmacher kriegen, ich will 'n schon Moritzen lehren!«
    So klagte der Pommersche Edelmann manch liebes mal, bis endlich ein Gedanke
bei ihm reif wurde, der vielleicht schon beim allerersten Zeitungsblatte in
seinem Kopfe aufgekeimt war, und worüber er sich gegen den Schulmeister
folgender Gestalt erklärte:
    »Weiss der Blix nicht, Schulmeister, was er für 'n Gelehrter ist! Noch soll
er all mein Lebstage den ersten guten Einfall haben. Hätt er nicht längst dran
denken können, dass ich auch 'ne Avise hier machen liesse? - Hagel noch mal, das
will ich. - Hör er mal, Schulmeister! Was ich sagen wollte, er soll mein
Avisenmacher werden.«
    Das war Wasser auf des Schulmeisters Mühle! Er war weit davon entfernt, der
Weisheit des Edelmanns, die so kläglich auf die Nase fiel, wieder auf die Beine
zu helfen; vielmehr liess er sichs angelegen sein, den guten Junker in dieser
Lage zu erhalten. Gnädiger Herr, sagte er, mit meiner geringen Wenigkeit stehe
ich zwar immer zu hohen Befehlen. Aber eine Avise muss billig gedruckt sein;
daher müssten Eu'r Gnaden eine Druckerei haben, sonst hat das Ding keine Art.
    »Weiss wohl. Will eine machen lassen. Frag er mal nach, Schulmeister, wer so
'n Dings machen kann.«
    Werde nicht ermangeln, Eu'r Gnaden.
    »Will auch von mir reden lassen so gut als einer. Habe nun wohl Jahr und Tag
lesen hören, dass die Königinn von - was weiss ichs? zur Ader gelassen, und der
König von England Pillen eingenommen hat, oder der Spanische Ambassadeur ein
Lustaus mieten tat. Die Könige und Ambassadeurs mögen sich nun mal lesen
lassen, was ich tun will. Mach er unterdessen man 'n Paar Avisen fertig,
versteht er, dass sie flugs gedruckt werden können, wenn die Druckerei kömmt.«
    Werde nicht mankiren, Eu'r Gnaden. Aber mit hoher Permission, wenn Dero einen
Befehl ausgehen liessen, dass alle Dero Untertanen mir berichten müssten, was bei
jedem Neues passiret?
    »Wills dem Justitiarius schon sagen, dass er ihn ausgehen lassen soll.«
    Halten zu Gnaden! Dero haben gewiss schon resolviret, dass wir die Avisen
irgendwo in der Nähe könnten drucken lassen, bis Eu'r Hochwohlgebohrnen Gnaden
Schlossbuchdruckerei im Stande sein wird?
    »Ja, ja! kann so nah bei einerwegen drucken lassen.« -
    Der Ludimagister erhob sich zum Rademacher des Dorfs, und erkundigte sich,
ob er wohl eine Buchdruckerei machen könne? Dieser Mann aber hatte von dem Dinge
so wenig einen Begriff als der Schulmeister, und verwies ihn an den Zimmermann.
Der Zimmermann behauptete, eine Druckerei zu machen müsse Schmiedearbeit sein.
Der Ludimagister ging zum Hufschmid, und dieser gab ihm die Versicherung, die
Buchdruckereien mache der Rotgiesser; denn er hätte einmal als Geselle auf der
Wanderschaft, bei einem Rotgiesser eine grosse messingene Platte gesehen, und
auf Befragen vernommen, das sollte das Fundament zu einer Druckerei werden. Da
nun kein Rotgiesser auf dem Gute befindlich war, so kehrte der künftige
Avisenmacher wieder aufs Schloss zurück, und stattete dem Junker Bericht ab.
Seine Gnaden trugen ihm auf, in der Nachbarschaft einmal zuzuhören. »Wird ja
einerwegen so 'n Dings zu kriegen sein, Schulmeister. Er muss ja doch wohl
nachfragen, wo wir unterdessen die Avisen drucken lassen; kann denn mit eins mal
zuhören. Geh er man hin; da hat er'n bisschen Reisegeld. Na, seh er zu, hört er,
dass er was aufstaket.«
    Der vorgedachte Befehl wurde ausgefertigt und gehörigen Orts, das heisst: vor
der Gerichtsstube und in der Schenke affigiret. Der Ludimagister trabte in den
benachbarten Landstädten und Flecken herum, um eine Druckerei ad interim, und
einen Rotgiesser, der eine machen könnte, aufzustöbern. Und der Edelmann? Der
ging seinen gewöhnlichen Schlentrian, und freuete sich herzinniglich, wenn er
sein Pfeifchen in Pace rauchte, dass er eine eigne Schlossbuchdruckerei und eigne
Avisen, folglich vor allen seinen Nachbarn einen gewaltigen Sprung voraus haben
würde.
    Anfangs liess es sich mit des Ludimagisters Bemühungen nicht zum besten an.
Fortuna ist ein Frauenzimmer, mitin launisch. Er wandelte etliche Tage
fruchtlos in der ganzen umliegenden Gegend umher, zog aus dem Süden ins Norden,
und von Niedergang gen Aufgang, und war des Abends nicht klüger, als er am
Morgen gewesen war. Denn, in diesem abgelegenen Winkel des Pommerlandes, hatten
allerdings Kartoffeln und Rüden besseres Gedeihen, als Wissenschaften und
diejenigen Künste, die den Wissenschaften unmittelbar zu Pflegemännern und
Handlangern dienen. Hier war an keine Buchdruckerei, und eben so wenig an einen
Mann, der eine machen konnte, zu denken. Das war so ein wahres ächtes Revier für
Freund Rousseau von Geneve, und die andern hässlichen Menschenkinder, die
durchaus nicht glauben wollen, dass eine Welt voll Jurisprudenz, Ontologie,
Terapie und wie die Dinge alle heissen, versehen überdem mit Buchdruckerei,
Uhrmacherei, Apotekerei, Juweliererei, Scharfrichterei, Gleissnerei,
Verläumderei, Brodneiderei, und was es sonst für freie und galante Künste geben
mag - dass, sag ich, eine solche Welt besser sei, als ein simples Lumpending von
Welt, das sich dispensiret dieserlei Arten irdischer Weisheit zu treiben. Die
Herren würden in dortiger Gegend zwar nicht just ihr Paradis, aber doch einen
ganz schicklichen Vorhof desselben gefunden haben. -
    Lustig und lüftig war der Schulmeister ausgewandert, aber langsam vt iniquae
mentis asellus, und mit bekümmerter Seele richtete er jezt seine schwerfälligen
Schritte wieder nach der Burg seines vornehmen Gönners, als Dame Fortuna Mitleid
mit ihm zu haben begonnte. Wir halten nicht viel von Eingebungen oder Dämonen.
Aber der Einfall kam unserm Wandrer zu plötzlich, als dass es so ganz mit rechten
Dingen zugehen konnte. Es war schlechterdings eine Eingebung Fortunens, oder ein
Dämon hatte die Hand im Spiele, anders können wir das Ding nicht erklären. Ob es
aber, wenn man den letzten Fall annimmt, der Dämon des Schulmeisters oder des
Herrn Peter Fix gewesen sei: das lassen wir unerörtert. Es fiel dem Ludimagister
plötzlich ein, es liege verschiedne Meilen abwärts ein feines Landstädtchen. Nun
wusste er freilich so gut als hätte ers im Büsching gelesen, dass so viel Meilen
hin, eben so viel Meilen zurück austragen, und dass man in dem Städtlein ohne
allen Zweifel stämmigte Fleischer, wohlbeleibte Bierbrauer, und dürre
spindelbeinigte Schneider die Fülle, hergegen eher zwölf Senfmühlen, als eine
einzige Druckerei vermuten konnten aber ein glückliches je ne sais quoi zog ihn
unwiderstehlich hin. Es war - Aber so was verdient schon ein oder ein Paar
eigene Kapitel, welche aber diejenigen die mehr Vernunft als Genie haben,
ihrentwegen, diejenigen aber, die das Genie bald auf Alpen, bald in Mistlachen
und Pferdeschwemmen zu führen pflegt, meinetwegen ungelesen lassen können. Ehe
ich mich aber an diese Kapitel mache, will ich vorher ein Kapitel von den
Gastwirten schreiben, in welchem ich hoffentlich, was ich bisher nicht finden
konnte, Zeit und Platz zu dem Konterfei des Ludimagisters finden werde.
 
                                    Fussnoten
1 Dies gilt von dem vormaligen Stocke auf der neuen Zeitung, der vor drei oder
vier Jahren abgeschaffet ist. Die Löwen auf dem jetzigen sollten Seiner Gnaden
schon gefallen haben, wenn Ihnen solche zu Gesicht gekommen wären.
 
                                Zehntes Kapitel.
Mein Kapitel von den Gastwirten, nebst einer Zugabe von Bier, Milch und Eyern.
Mein guter Freund, Sir Samuel Crowe, wenn er hier an meiner Stelle sässe, würde
gerade zu gesagt haben: der Schulmeister setzte alle Segel bei, und steuerte von
der Stelle, wo er den Einfall hatte, Nord-Nord-Ostwärts, legte sich aber
nordlich von seiner Fart in der Bay eines Dorfes vor Anker, weil er, da in
seinem Raume weder Gut noch Ballast war, nicht länger See halten konnte. - Und
ich gestehe, kürzer könnte kein Mensch die Sache erzählen. Da ich aber weder ein
Schiffskapitain bin, wie Sir Crowe, noch, so viel ich vorher sehen kann, irgend
einen Seemann zum Leser haben werde: so muss ich wohl ein paar Worte mehr von der
Sache machen.
    Vom Tage war nicht so viel mehr übrig, dass der Ludimagister den Ort
erreichen konnte, und seine Beine, die ohne Widerrede stark und dick genug
waren, wohl einen Konrektor tragen zu können, fiengen an ihm ihre Dieste zu
versagen, ob sie gleich nur einen Dorfprofessor getragen hatten. Aus übler Laune
hatte er auch unterlassen diesen Mittag mit seinem Magen Abrechnung zu halten;
eine Sache die er sonst niemals zu unterlassen pflegte, am wenigsten seitdem ihm
die fette Küche des Edelmanns offen stand. Nein, seines Leibes wartete er, und
das gedieh ihm so wohl, dass er quoad Korpulentiam (ob der Römische Konsul dieses
Wort jemals gebraucht habe, weiss ich nicht) eher einem Prälaten als einem
Ludimagister ähnlich sah. Er fand also für gut, in dem nächsten Dorfe sein
Standquartier zu nehmen, wo er recht gutes Bier, und noch bessere Milch fand,
ein Mandel Eyer in Butter schlagen liess, und seinem Leichnam so gütlich tat,
als Ort und Umstände erlauben wollten.
    Nach eingenommnen Mahl und gerauchter Digestionspfeife (denn er liebte den
Toback so sehr als sein Junker) hieng er seine schöne grosse Perüke, dieselbige
die ihm der Edelmann schenkte, als Türk vor ein paar Jahren die damalige
Staatsperüke in ein Krähennest verwandelt hatte, auf den Spinnrocken der
Wirtin, band sein Schnupftuch um den Kopf, vertrauete sein neugekehrtes
Feierkleid samt den Stiefeln und der Pfeife dem Wirte zu treuen Händen,
streckte seine Gliedmassen auf eine für ihn bereitete Streu, und legte, auf alle
Gefahr, sein spanisches Rohr neben sich - denn den Dornstock und die ledernen
Knieriemen hatte er, als eines Hofmannes unwürdig, abgeschaffet. Die
dienstfertige Wirtin wickelte den fremden Herrn in einen abgedankten
Schäferpelz, und er schlief ein. Mit Tages Anbruch erhob er sich, und kleidete
sich während des Frühstücks an.
    Da wir nun, indessen der Mann seinen festlichen Pomp anlegt, und seinen
Cichorienkaffe einschlurft, nichts bessers zu tun haben, wollen wir dir,
günstiger Leser, mit einem leichtingezeichneten Abriss seiner Person aufwarten,
da du mit einem grossen Teile seines Inneren schon so ziemlich, und mit seiner
festlichen Garderobbe vollkommen bekannt sein musst. Beiläufig bitten wir dich
mit dieser Skizze so lange fürlieb zu nehmen, bis wir einmal Anstalt machen, ihn
und drei ober vier von den andern Herren die in diesem Buche vorkommen, unserm
Hogart-Chodowiecki sitzen zu lassen. Kömmt Zeit, kömmt Rat!
    Denke dir demnach einen Mann von mittelmässiger Grösse, oder etwas drüber, mit
einer Physiognomie die aus Neger, Pudel, und Mops zusammengesetzt ist, und, ohne
just ausnehmend hässlich zu sein, so viel Widriges in sich vereiniget, dass ein
Zehnteil davon mehr als hinreichend wäre, alle Lavaters auf Gottes Erdboden von
einem genaueren Umgange mit ihrem Eigentümern kräftig abzumahnen. Die Negernase
vor allen, machte, wenn man sie zum erstenmal sah, einen unbeschreiblich
unangenehmen Eindruck. Der Körper war unförmlich gebauet. Seine Korpulenz war
freilich noch nicht Abt- oder Domprobstmässig, aber ein Prälat von geringerem
Schlage, ein Prior zum Exempel, oder ein Kapuzinergardian hätte sich auf den
Notfall ganz schicklich damit behelfen können. Seine Beine, das waren einmal
Beine! Wäre sein Bauch dreimal so dick gewesen, so hätten diese Säulen immer
noch dazu gepasset. Man kann just nicht sagen, dass sie krumm waren: aber so übel
waren sie doch gebauet, dass sie, auch mit einem minder wassersüchtigen Ansehen,
die allerhässlichsten Extremitäten von der Welt gewesen sein würden. Wie er nach
Jahren so vornehm wurde, dass er in weissen seidnen Strümpfen und einer
Beutelperüke stolzierte, fiel zwar das Abenteuerliche des Antlitzes nicht mehr
so heftig auf, aber das Unförmliche der Beine desto sichtlicher ins Auge. So war
der äussere Mensch des Ludimagisters beschaffen, der ... Potz tausend! da geht
er schon hin, fix und fertig, und ich male noch! Wir müssen ihm wohl folgen,
ohne jezt von seinem innern Menschen noch ein und anders, wie wir Willen waren,
zu sagen. Mag der Leser doch selbst aus seinem Betragen schliessen, dass er im
Grunde ein tückisches, boshaftes, und ich darf wohl hinzusetzen: schadenfrohes
Tier war, wie zwar die Narren von Metier mehrenteils zu sein pflegen.
    Unser schön geschmückte Wandrer - denn als ein Mann, der in Geschäften des
gnädigen Herrn reisete, glaubte er, sich mit Anstand und Prunk zeigen zu müssen
- setzte seine Reise sehr eilfertig fort, dennoch aber erreichte er das
Städtchen nicht eher, als kurz vor Mittage. Gravitätisch zog er durch das Tor,
und durch die vornehmsten Strassen, in der Hoffnung, an einem der Schilder und
Zeichen, die er über und neben den mehrsten Haustüren sah, das Ziel seiner
Wünsche zu erblicken. Zuerst, gleich bei seinem Eintritt in den Ort, sah er an
einem Hause das Königliche Wapen, und schloss daraus ganz richtig, ohne sich
lange mit Lesen der Unterschrift aufzuhalten: hier werde wohl der Zollbediente
residiren. Er ging vorüber, doch grüsste er Seiner Majestät Wapen mit
abgezogenem Hute. Ferner sah er hölzerne Stiefel, Barbierbecken,
Gewürzkrämerzeichen, Kollekteurschilde, und andre solcherlei Insignien in
ungezählter Menge, auch mit unter eine grosse vergoldete Scheere von zween
griesgrammenden Löwen gehalten, oder eine Hand aus den Wolken mit einer
Beutelperüke. Einzeln blähete sich hie und da in der trügerischen Dämmerung
eines unbedeutenden übel fournirten Ladens ein Lakenkramer in der Kontormütze,
wie der Eckern Ober unter dem Pöbel der kleineren Matadore. Ein Haus erkannte er
am Geruche für eine Apoteke. Vielfältig aber verkündigte das Konterfei eines
Hechtes, eines Palmbaums, eines weissen Rosses, oder auch schlechtweg einer
Branntweinblase und Bierfasses die Wohnung eines gewissenhaften Gastwirtes,
eine Tabagie, oder einen honeten Branntweinwinkel. In Häusern, wo er ganz und
gar kein Zeichen über oder neben der Tür fand, vermutete er einen Bewohner,
der nicht Ursache haben mochte, sich auf sein Gewerbe allzuviel zu Gute zu tun,
zum Exempel: einen Müssiggänger, Kapitalisten, Wucherer, Kuppler, Betschwester,
Nachtwächter, Häscher und desgleichen.
    Er hatte nunmehr beinahe das Ende der letzten Strasse erreichet, und befand
sich gerade bei einem Hause, das er an der grossen Einfahrt und an der
gepflasterten Diele ohne alle Mühe für einen Gastof von einiger Bedeutung
erkannt haben würde, wenn auch die schönen goldnen Worte: Der Gastoff zum
offnen Helm, von der Höhe eines Schildes herab den Wandrer nicht eingeladen
hätten. Hier stand er still, und sah mit forschendem Blicke vorwärts. Alle
Zeichen aber, die er von hier aus erblickte, verkündigten ganz offenbar, dass er
die Strasse vergebens zu Ende gehen würde, deswegen entschloss er sich, wiewohl
traurigen Mutes, in den Gastof einzukehren, um seinen abgematteten Leichnam
mit Speise, Trank, und Ruhe zu laben.
    Hier bewillkommte ihn erstlich ein dicker halbnüchterner Wirt mit einem
feisten schelmischen Antlitze, der sich aus der ehrenfesten Miene des
Wandersmannes flugs einen Vogel prophezeihete, dem er schon auf eine oder andre
Art spielend und in Liebe ein paar Fettfedern würde ausrupfen können; zweitens,
eine kleine, hübsche, rasche, dicklichte Wirtin mit schönen braunen verliebten
Augen, die jeden ansehnlichen Passagier für eine gute Prise zu erklären,
dermalen aber von unserm Ludimagister sich keinen zu versprechen schienen. Doch
zogen diese freundlichen Augen ein solches Prognostikon eben nicht aus dem
schwarzen Kleide des Gastes, denn sie hatten wohl eher Männer in schwarzen
Kleidern, so gut als Stutzer, Referendarien, Handwerker, und reisende Kaufleute
unter ihre Gesetze gezwungen.
    Auf die Frage des Wirtes: ob er ein besondres Zimmer verlange, oder in die
Gaststube zu treten beliebe? wählte er vorläufig das letztere, um der
Gesellschaft willen, wie er sagte, bat aber zugleich, ein Zimmer für ihn in
Bereitschaft zu halten. Der Wirt tat einen Seitensprung und öffnete die
Gaststube, und der Ludimagister marschirte hinein, indem er die Anwesenden
vornehm grüsste. Nachdem er Hut und Stock abgeleget, liess er sich in den
Lehnstuhl nieder, streckte die Beine von sich, und foderte eine Halbe Spanisch
Bitter, und eine Pfeife.
    Mit Erlaubnis, dass ich fragen mag, wo soll die Reise hingehen? - Durch diese
unverschämte Frage, die den Gastwirten so ganz eigen ist, eröffnete der Wirt
die Unterredung.
    »Nicht einen Fingerbreit weiter!« erwiederte der fremde Herr mit der
wichtigsten Miene.
    Werden Sie sich hier eine Zeitlang aufhalten?
    »Nach Advenant.«
    Sie haben gewiss Geschäfte hier?
    »Ja und nein, wie es kömmt.«
    Mit Erlaubnis zu fragen, wo kommen Sie her?
    »Von Hause, Herr Wirt.«
    Sie wohnen wohl nicht weit von hier?
    »Es geht noch so wohl an.«
    Sie sind doch wohl heute erst ausgereiset?
    »Nein, Herr Wirt.«
    Der Gastwirt fügte zu diesen impertinenten Fragen noch verschiedene hinzu,
die jeder, der nur einmal in seinem Leben sechs Meilen gereiset ist, sich
hoffentlich ohne Schwierigkeit wird denken können, weil man in Deutschland
unmöglich sechs Meilweges reisen kann, ohne der naseweisen Unverschämteit eines
neugierigen Wirtes ausgesetzt zu sein; man müsste denn so sehr eilen oder -
knickern, dass man auf sechs Meilen kein einziges mal einkehrte. Je mehr indessen
dieser Wirt hier seine Fragen häufte, desto geflissener machte sich der
Ludimagister eine boshafte Freude daraus, den zudringlichen Fürwitz desselben
bei der Nase herum zu führen. Ein Betragen, welches uns so nachahmenswürdig
scheint, dass wir nicht umhin können, es allen Reisenden bestens zu empfehlen.
    Unterdessen brachte eine Aufwärterinn von ausgesuchter Hässlichkeit
(vielleicht um die Annehmlichkeiten der Wirtin desto besser zu heben) mit
weniger Grazie den Bitterwein und eine neue Pfeife, und die freundliche Wirtin
schenkte unserm Pilger das erste Glas ein, und fragte: ob ihm diesen Mittag hier
zu speisen beliebte? - Ja, Madam, antwortete er mit feierlichem Ernst, und
diesen Abend auch, wenn Sie erlauben.
    Viel Ehre für uns, sagte sie mit einer kleinen Neigung des Hauptes und jenem
possirlichen, kurzabgestossnen, schnellen Knickbeinen, welches bei dem
kleinstädtischen Frauenzimmer, das so gern vornehm tun möchte, an die Stelle des
Knixes einer wohlgezognen Person tritt.
    Und nun, lieber Leser, wollen wir Dir die Kapitel, die wir am Schlusse des
neunten versprochen, keine Minute länger vorentalten.
 
                                Eilftes Kapitel.
                     Malus sutor inopia deperditus. Phaedr.
                                      Oder
                       Das erste Kapitel vom Geniewesen.
Es war dieses eine Stadt, von der der Ludimagister noch nicht wusste, dass der
Teufel daselbst unter dem Pöbel sein Spiel mit dem leidigen Geniewesen hatte. Da
gabs philosophische Schulknechte, und metaphysische Schneider; politische
Bartputzer, und statistische Friseurs; satyrische Gerichtsdiener, und poetische
Kollekteurbursche; seraphische Lakaien, und Ziegelstreicher voll rhetorischer
Figuren. Bei den übrigen Klassen aber ging alles ganz natürlich her, und seinen
überall gewöhnlichen Gang, denn die Vornehmen, etliche wenige ausgenommen,
behalfen sich mit ihrem Range; die Reichen, etliche wenige ausgenommen, behalfen
sich mit ihrem Gelde; die Obrigkeitlichen Personen, etliche wenige ausgenommen,
behalfen sich mit dem Schlentrian; der Mittelmann behalf sich grösstenteils mit
der gesunden Vernunft. In diesen Klassen also befand sich alles in seiner
gebührenden Ordnung, nur bloss der Jan Hagel und was nahe dran grenzte, schlug
aus der Art, und konnte sich, verdorben durch etliche übel verdauete Bücher, und
durch missverstandne Beispiele so wenig vor dem Drang des Genies retten, als
einer der sich in geräucherten Rindfleisch und Pudding übernommen hat, vor
Magendrücken. Das alles wusste der Ludimagister noch nicht, ein Aufentalt aber
von nicht mehr als andertalb Tagen lehrte es ihn, und ein besserer Beobachter
als er würde es in andertalb Stunden gelernet haben. Ob aber der Pastor loci
und sein Diakonus sich für oder wider die symbolischen Bücher erklärten, ob die
Aerzte sich mit der Metode und die Sachwalter mit Schimpfen und Türlüpiniren
behalfen: das hatte der Schulmeister zu erforschen vernachlässiget; folglich kann
ich, der ich alle meine Nachrichten von diesem Städtchen einzig und allein aus
seinem Munde habe, meinen Lesern und ihrer Wissbegierde hierunter nicht dienen.
    Es befand sich unter den Anwesenden, die ihren Morgen in diesem Gastofe bei
einem Glase Wein oder Aquavit verplauderten, ein Mensch, der, seine
Waldteufelphysiognomie ausgenommen, und bloss nach seiner Kleidung zu urteilen,
wie ein feiner Mann, aber doch etwas närrisch aussah, denn er trug einen
Kasaquin von Mineralgrünem seidnen Damast nebst Weste, Beinkleidern und
Pambouschen von eben dem Zeuge. Nur die Strümpfe waren hellblau, sonst hätte man
schwören sollen, der ganze abenteuerliche Kerl sei in einen Farbekessel
gefallen. Sein Haupt verwahrte vor den Einflüssen der gesunden Luft ein falber
Hauptschmuck, der von den Händen seines Schöpfers eigentlich zur Beutelperüke
geschaffen war, aber um den Haarbeutel zu sparen, mit einem kleinen Biddelchen
fast wie eine Abbe-Perüke getragen ward. Vom Hute stralte ein goldnes Bourdalou
das vormals neu gewesen war, wie das Siebengestirn durch den Saum einer
Regenwolke; und eine gewaltige Troddel bummelte dran, an der aber die Krepinen
nicht mehr vollzählig waren. Der Mann der in dieser Schale steckte, war ein
Genie, aber ein verteufelt grosses Genie, und führte mit sich herum, wie alle
seines gleichen, eine mächtig hohe Meinung von seiner Person, von seinem Geiste,
Witze, Verstande, Talenten, Verdiensten, Werte, und dergleichen; so hoch, dass
ihn selber schwindelte, wenn er von oben herunter sah; so hoch, dass er sich
erlaubte alles zu sagen, was ihm in den Mund kam, wobei er keines Abwesenden
schonte, und alles zu tun was ihm einfiel - und einem Genie ohne irgend eine
Art von Grundsätzen pflegt denn mancherlei einzufallen, mit unter auch wohl ein
Ding, das nicht völlig so unschuldig ist als mineralgrüne Damastne Pantoffeln zu
- tragen. Alles das tat er auf Rechnung seines Wertes, denn er hatte einmal
die meines Bedünkens nicht ganz richtige Bemerkung gelesen: grosse Genies hätten
immer grosse Fehler. Das Sprüchlein führte er fleissig im Munde, wusste aber einen
solchen Sinn hinein zu legen, dass es so viel hiess als: schlechte Handlungen
verraten einen hohen Genius. Wenn man ihm aber vieles übersah, so geschah es
nicht in Betracht seines Wertes, sondern weil er der Gegenstand des Spottes und
der Verachtung aller vernünftigen Leute war. So viel einstweilen zur Nachricht
von dem Manne mit der Waldteufelphysiognomie, der sein mineralgrünes Gehäuse
dermalen in diesen Gastof zur Schau getragen hatte.
    Der seidne Mann schloss aus der Miene und Kleidung des schwarzen Mannes, er
habe ein Stück von einem Gelehrten vor sich; und ein Blümlein aus Latium's
Gefilden, das dem Fremdling unversehens zu entfallen schien, bestärkte ihn in
seiner Meinung. So bald er diese Entdeckung gemacht hatte, beschloss er, sich zu
zeigen, und um das Ding schicklich einzuleiten, trank er des fremden Herrn
Gesundheit, und musste gleich darauf gestehen, dass der Knaster, den der Herr
rauche, von so feinem Geruche sei, als er ihn kürzlich nicht gerochen.
    »Er geht und steht so, versetzte der schwarze Mann gar vornehm; es ist so
unser gewöhnlicher Kneller auf dem Schloss.«
    Bei dem Worte Schloss hörte der damastne Mann hoch auf, hatte aber doch den
Mut nicht, zu fragen, aus Beisorge, der Fremde, der dass Inkognito zu lieben
schien, möchte ihn, wie den Wirt, herum führen.
    »Mein Herren, fieng der Ludimagister an, mit Permission zu fragen, was gibt
es in diesem Orte für Merkwürdigkeiten für einen Reisenden? Ich möchte mich doch
gern ein wenig umsehen.«
    Merkwürdigkeiten? murmelte der eine; Merkwürdigkeiten? wiederholte der
andre. Das Wort sogar war den Leuten fremd.
    Merkwürdigkeiten? sagte der damastne Mann, Ich wüsste hier nichts, als etwa,
dass es wohl an keinem Ort in der Welt so viel Krüppel gibt. Bloss allein in
dieser kleinen Strasse kann ich Ihnen ganzer neune zeigen.
    »Hm! Es wird hier doch wohl eine öffentliche Bibliotek sein?«
    O was das betrifft, ja. Auf dem Rathause steht der allzeit fertige Notarius
in Schweinsleder gebunden, und zwei Kodex Fridericianusse.
    »So! gibt es hier keine öffentliche Gebäude?«
    O ja! da ist das Stockhaus - wiewohl das eigentlich nur die Garnison angeht;
und der Ratskeller, wo aber der Wein nichts taugt.
    »Ich sehe, Sie scherzen, mein Herr!«
    Das mineralgrüne Genie beteuerte mit einem grässlichen Schwure das
Gegenteil. Ob er falsch geschworen? - Das lasse ich dahin gestellt sein; aber
das mögt ich wohl behaupten, dass er das Abgeschmackte in der Frage nach einer
öffentlichen Bibliotek in einem Landstädtlein nicht fühlte, und sich nicht so
wohl über das schwarze Genie, als vielmehr nach seiner Art über den Ort lustig
machte.
    »Giebt es hier wirklich nichts für die Aufmerksamkeit eines Reisenden? Kein
Naturalienkabinet? Keine Gemäldesammlung?«
    O! damit können wir dienen. Herr Peter Fix hat ein hübsches
Naturalienkabinet in einer Schachtel, das soll er Ihnen wohl weisen. Und dann
ist hier noch einer, der hat die ganze biblische Geschichte in buntgemalten
Kupfern, und sechs Könige und Königinnen von Nilson, die recht schön sind. Aber
das ist 'n dummer Kerl, der versteht so was nicht. Die schönen Bilder hängen da
im Tobacksrauch, und ich glaube wohl nicht, dass er sie weisen würde, wenn Sie
auch drum hingiengen.
    Dem Schulmeister war auch wirklich mit Naturalien, Bildergallerien, und was
er sonst aus den Zeitungen aufgeschnappt haben mochte, nichts gedient, darum
näherte er sich seinem Zwecke, und nach einem Seufzer, dass freilich mancher
Demant in Blei gefasset sei, fuhr er fort zu fragen:
    »Aber ein Buchladen ist doch wohl hier?«
    Dass Gott erbarme! lästerte der grüne Mann, wenn ich mich und noch 'n Stück
oder etliche ausnehme, so glaube ich nicht, dass ein Mensch hier ist, der 'n Buch
lesen kann -
    Nun hatte der schwarze Mann wirklich nicht das Herz, gerade zu nach einer
Druckerei zu fragen, wiewohl das damastne Genie hier gottlos gelogen hatte.
Denn, wenn man es genau nehmen will, so war gerade Er vielleicht der einzige im
Orte, der nie ein Buch hätte lesen müssen, weil er weniger als jemand auf der
Welt im Stande war, ein Buch zu verdauen. - Der Ludimagister, sage ich, hatte
nicht den Mut, gerade zu zu fragen, denn er glaubte schon zum voraus das
schröckliche Nein, vor dem er sich so sehr fürchtete, zu hören; doch fragte er
etwas beklemmt, ob es hier Künstler in dem Orte gebe? Das mineralgrüne Genie war
auch schon im Begriff, die Frage zu beantworten, als ein Mann in einem simpeln
dunkelbraunen Kleide hereintrat, auf dessen Gesichte ein trüber, in sich
gekehrter, melancholischer Ernst unter einem erzwungenen Lächeln verborgen war.
Mit flüchtigem Auge übersah er die ganze schaale Versammlung, und zeichnete
besonders den seidnen Mann durch einen Blick voll unaussprechlicher Verachtung
aus. Er grüsste die Herren sehr nachlässig, den Ludimagister aber, als einen
Fremden, sehr bescheiden, ob er gleich nicht umhin zu können schien, an der
auffallenden Physiognomie des Mannes einige Augenblicke zu haften. Herr Bunke,
sagte er zum Wirte, indem er einige Papiere aus seiner Brieftasche nahm, geben
Sie doch diese Frachtbriefe und Zollzettel dem Fuhrmanne. Er wird alles richtig
finden.
    Hiermit wollte er wieder gehen, als der damastne Mann zum schwarzen sagte:
Sehen Sie, das ist der Herr, der die schöne Bildersammlung hat.
    Es war wirklich der Mann, den das grüne Genie vor wenig Augenblicken mit der
aus seinem Munde sehr ehrenvollen Benennung eines dummen Kerls beehret hatte.
    Ich eine Bildersammlung? träumt Er, Meister?
    Ey, ich meine die Kupferstiche von Nilson, und denn ihre schönen bunten
Bibelstücke, wovon ich diesem Herrn, der ein fremder Gelehrter ist, und sich
nach den hiesigen Merkwürdigkeiten erkundigte, gesagt habe.
    Nun ja, sagte der dunkelbraune Mann, Kupferstiche von Nilson, dem Meister in
steifen Figuren, sind wunderwürdige Raritäten! - Hierauf wandte er sich an den
schwarzen Mann: Es ist wahr, mein Herr, ich habe in meinem Pulte zwei oder drei
Stücke, die von Kennern gelobt werden. Wenn so wenig ihre Aufmerksamkeit reizen
kann, so bitte ich um Ihren Besuch, wofern ihre Zeit nicht ausgefüllt ist.
    »Die möchte mir heute wohl lang werden, versetzte der Ludimagister, da
hiesigen Ortes, wie der Herr da mich versichert, nichts Sehenswürdiges für einen
Reisenden ist.«
    Der Ort, erwiederte der Braune, ist wie alle Landstädte, aber wir haben hier
einige schätzbare Männer, die eines Reisenden Aufmerksamkeit verdienen, und
unsre Gegenden sind reizend. Und doch - zwar nicht hier im Orte, aber sehr nahe
dabei, wüsst ich doch einen Gegenstand, dem zu Gefallen ich funfzig Meilen reisen
würde.
    »Darf man fragen?« sagte der Schwarze, der nichts geringers als eine
Buchdruckerei vermutete.
    Es ist ein Mensch, mein Herr.
    Ih Herr Je! rief die Wirtin, was Sie doch immer schnaksch sind! Das sollte
mich lüsten, funfzig Meilwegs nach einem Menschen zu reisen! Kann hier, wenn
ich, alle Tage genug im Hause sehen.
    Menschengesichter, Madam, versetzte der Braune, dem die Falten der Stirn
merklich sichtbar wurden, aber doch keine Menschen; und doch kenne ich hier im
Orte wirklich sieben bis acht Menschen. Das ist viel, recht viel für eine mässige
Stadt. - Aber dieser Mann, den ich einen Menschen nenne, weil ich kein edleres
Wort weiss, ist ein sehr vornehmer Mann durch Geburt und Stand und Güter. Fühlen
Sie, mein Herr, (dem schwarzen Manne sagte er das) was das sagen will, reich, in
ansehnlichen Würden, von alter sehr edler Abkunft, und doch ein Mensch zu sein?
Bei den mehrsten Erdensöhnen bedarfs nur einen von diesen drei Vorzügen, um
ihnen Herz und Kopf zu verrücken: bei Ihm sind alle drei vereinigt, gerade,
möchte man sagen, um Ihm die rechte Richtung zu geben. Er fühlt den Wert seines
Standes, aber ohne allen Hochmut; er ist höflich, ohne Falsch; herablassend,
vertraulich sogar, aber mit Würde; gütig, aber mit Grösse und ohne Prahlerei;
voll Sentiment, aber ohne Affektation. Er hat keine Bibliotek, aber eine
Büchersammlung; er gibt sich für keinen Gelehrten aus, aber er liebt die
Gelehrten, und sie lieben ihn. Er hat kein Naturalienkabinet, aber Untertanen,
deren Glück - keine Bildergallerie, aber liebenswürdige Kinder, deren Bildung
ihm am Herzen liegt. Er kann vielleicht weder malen, noch an der Drechselbank
tändeln, aber er schätzt die schönen Künste, und ehret den Künstler. Er besitzt
Geschmack, und hat es bewiesen durch ein reizendes Elysium, das er in einer
Wüste geschaffen hat. Er hat Freunde, und was man so selten findet, und was sein
Bild vollendet! selbst unter seinen Hausgenossen warme Freunde, und ist wert
sie zu haben, weil er selbst der wärmste Freund ist. Er hat Feinde, und ist gross
genug, darüber zu lächeln. Die Härte, den Bauernstolz, das trotzige unbescheidne
Wesen, den ekeln Ton, und alles, wodurch ein grosser Teil des Adels sich unter
seine Bauern herabsetzt, suchen Sie bei ihm so vergebens, als die
entgegengesetzten Fehler. Er liebt die gesellige Freude, den lächelnden Witz,
den gezügelten Mutwillen. Kurz mein Herr, sein Herz ist gross, gut, und schön,
und edler noch als seine Geburt, die doch, Sie mögen auf die Reihe oder auf den
Wert der Vorfahren sehen, so edel ist als irgend einer. Stände das Glück des
ganzen Menschengeschlechts bei ihm, er würde es mit dem seinigen erkaufen.
Gestehen Sie mir, dass so ein Herr den Namen eines Menschen, und eine Reise von
funfzig Meilen verdienet! - -
    Nach dem Maasse, wie der braune Mann sprach, entfaltete sich seine Stirn,
sein Auge funkelte, und eine heitere Zufriedenheit verbreitete sich über sein
Gesicht. Er hohlte das alles so tief aus seinem Herzen! aber bei den letzten
Worten fiel sein Blick, vielleicht von ungefähr, auf das mineralgrüne Genie.
Flugs waren alle Falten wieder da. Der Blick blieb haften, und wurde bedeutend.
    Mich däucht aber, fuhr er fort, ich bringe sein Bild hier nicht in die beste
Gesellschaft. (Hier wurde der mineralgrüne Mann glühend rot.) Indessen, mein
Herr, (er wandte sich gegen den Schwarzen) beruhige ich mich damit, dass ich es
für sie allein aufgestellet habe, und hoffe, es wird in gute Hände gekommen
sein.
    Hiermit empfohl sich der braune Mann, ungeachtet einer höflichen Einladung
der Frau Wirtin mit ihnen fürlieb zu nehmen. Meine Frau und Kinder, die mich
gern in ihrer Mitte haben, erwarten mich, sagte er, und ging.
    Der Narr ist in seine Frau verliebt, sagte das seidne Genie. Der schwarze
Mann aber meinte, er möchte ihn doch wohl näher kennen. Weiss nicht, obs der Mühe
wert ist, antwortete der Grüne; es ist ein dummer grämischer Kerl, der manchmal
den ganzen Tag den Mund nicht auftut, und jedem, den er nicht leiden mag, alles
ins Gesicht sagt; und ich glaube nicht, dass sechs oder acht Leute in der Stadt
sind, die er leiden mag. Nichts ist ihm recht, und auf alles weiss er was zu
mäkeln. Kurz, mein Mann ist er nicht. Er ist kein Genie.
    Nee, ich mag ihn gern reden hören, sagte die Wirtin. Er ist immer so
apart. Manchmal versteh ich wohl nicht recht, was er will, eben als heute, dass
'n Menschengesicht kein Mensch sein soll. Aber eben weil das so schnaksch ist,
mag ich ihn gern hören.
    'S ist doch 'n hochmütiger Kerl, sagte der Grüne, und indem wurde die Suppe
aufgetragen.
 
                               Zwölftes Kapitel.
Das zweite Kapitel vom Geniewesen, worinn der Leser das mineralgrüne Genie näher
                                 kennen lernt.
Man wies dem schwarzen Genie als einem ganz fremden Herrn die Oberstelle an;
aber er hatte im täglichen Umgange mit den vornehmsten Bedienten Seiner Gnaden,
mit welchen er längstgedachter massen fast täglich speisete, schon lange so viel
begriffen, dass er in der allerfeinsten Galanterie kein Neuling mehr war. Sonach
fuhr er mit seiner nervigten Rechte behende in den Schlitz der Falten seines
Rockschoosses, machte einen gefährlichen Bückling und scharrte hinten aus, dass
es witterte, tat darauf einen zierlichen Schritt vorwärts, der ihn der hübschen
Wirtin nahe brachte; erhob sodann den Rockschooss, und ergriff mit demselben
gar sittiglich und züchtig die linke Hand der Wirtin. Sie erlauben, werteste
Madam! sagte er zu der Frau, die, ob dem ihr ganz unbekannten Manövre erstaunt,
ganz geduldig ihre kleine runde Hand in den Rockzipfel begraben liess, und
vielleicht dachte, der fremde Herr wolle ihr etwa die Spur eines angegriffnen
Kochtopfes abwischen. Sie erlauben, werteste Madam, sagte er, und tät sie
ehrbarlich zu der Oberstelle führen, und zwang sie gar höflich, sich daselbst
nieder zu lassen, wiewohl sie dreimal versicherte, das würde sich gewiss und
wahrhaftig nicht schicken. Das Wesentliche dieses Manövres hatte er dem Herrn
Verwalter und der Frau Liebste des Herrn Justitiarius abgestolen, die
Nebenverzierungen tat er aus seinem eignen Schatze hinzu. Als er diesen
wichtigen Beweis seiner feinen Lebensart abgeleget hatte, nahm er mit vieler
Würde seinen Platz zur Linken der Dame, und ihr zur Rechten pflanzte sich das
mineralgrüne Genie hin, in dessen Giebel die braunen Aeuglein der lieblichen
Wirtin schon längst einen solchen verteufelten Spuk angerichtet hatten, dass er
oftmals Genie, und Philosophei, und Litteratur darüber vergass; wie er denn auch
an diesem Mittage nicht ermangelte, diese Augen, und was ein missgünstiges
Halstuch nicht ganz verbergen durfte, gar erbärmiglich anzuschielen, und von
Zeit zu Zeit Seufzer so dick als des Schulmeisters Beine auszustossen. Die
übrigen Gäste samt dem Wirte setzten sich ohne Cärimonie. Das Töchterchen im
Hause stammelte, übelhergebrachter Gewohnheit nach, das Benedicite, welches ich
allemal lieber vom Hausvater sprechen höre, und die Schüsseln wurden leer.
    Ich habe oben schon verkündiget, dass das mineralgrüne Genie beschlossen
hatte, sich zu zeigen. Weil er vor Tische nicht so recht dazu kommen konnte,
entschloss er sich im Gastofe zu essen, welches er, Trotz dem Gebrumme seiner
Hausehre, gar oft, und vorzüglich dann zu tun pflegte, wenn er Fremde da fand,
die er bewunderte, oder die ihn bewundern sollten. Jetzt bei Tische fieng er
allmählich an, das Nordlicht seiner Einsichten leuchten zu lassen. Er machte den
Anfang mit etlichen paradoxen Sätzen, auf die aber niemand achtete, der
Schulmeister nicht, weil er die Suppe sehr wohlschmeckend fand, die übrigen
nicht, weil sie das zum neun hundert neun und neunzigsten mal hörten. Bei der
zwoten Schüssel stellte er sich frank und frei unter Voltäre's und Damm's
Fahnen, aber der Ludimagister war entweder noch zu hungrig, oder er mochte sonst
seine Ursachen haben, so viel ist gewiss, dass er keine Sylbe darauf antwortete.
Als das mineralgrüne Genie sah, dass auch dieser Schlag kein Oel gab, besann er
sich, vor einiger Zeit den Alexander von Joch über Verbrechen und Strafen nach
türkischen Gesetzen gelesen zu haben, den er aber, seiner Gewohnheit und
Unvermögen nach, nicht digeriret hatte. Auf einmal hub er einen stattlichen
Diskurs über die Dauer der Höllenstrafen an; und, um das schwarze Genie recht
mit den Haaren zur Aufmerksamkeit und Bewundrung zu zwingen, richtete er seine
Rede gerade an ihn.
    Zufälliger Weise war hier der Ludimagister zu Hause. Denn wie manchmal das
Glück der Narren Vormund ist, so hatte er just vor etlichen Wochen eine
Unterredung meines lieben Pastors mit dem Herrn Justitiarius angehöret, worinn
dieser Gegenstand weitläuftig untersuchet wurde, und wobei es scharf hergieng.
Der schwarze Mann hatte, wie mehrenteils alle Schulmeister von Profession, ein
sehr glückliches Gedächtnis, also waren ihm die wichtigsten Argumente pro und
kontra noch sehr geläufig, und er beschloss den Augenblick, dem grünen Genie gar
stattlich das Obstat zu halten, die Meinung desselben möchte nun sein, welche sie
wolle, und vor der Gesellschaft Ehre einzulegen. Zu diesem tapfern Entschlusse
trug das nicht wenig bei, dass er schon lange weg hatte, sein Gegner sei kein
sehr gewiegter Mann.
    Nach einigen Generalien über die Höllenstrafen überhaupt, erklärte das
damastne Genie sich wider die gewöhnliche Bedeutung des Worts Ewig, und tat
einen grossen Schritt über die Grenze bis ins Centrum der Philosophei. Herr,
sagte er, sind sie nicht auch der Meinung, dass ein unendliches Wesen von einem
Endlichen nicht Unendlich beleidiget werden könne?
    »Mein werter Herr, erwiederte das schwarze Genie, ich bin zwar nicht hieher
gekommen, über die Religion zu disputiren, doch - ich sehe, Sie sind auf
Irrwegen, und es ist Pflicht, seinen irrenden Bruder zurecht zu weisen,
vorausgesetzt, dass er nicht mutwillig irre, noch in der Absicht mit seinen
Irrtümern zu pralen, welches meines Dafürhaltens nur ein Bösewicht oder ein
Narr tun kann.« -
    Dieser Eingang machte den mineralgrünen Philosophen ein wenig betreten. Er
fühlte, dass er an ein zum wenigsten eben so boshaftes Tier geraten sei, als er
selbst war. Doch befürchtete er noch nicht, dass der schwarze Mann so gar arg mit
ihm umspringen würde, als wirklich geschah.
    - »Was also, fuhr der Schwarze fort, Ihre Frage betrifft, mit der Sie mich
angehen, so dienet in Antwort, dass wir nicht nur wissen müssen, wovon wir reden,
sondern auch was wir reden. Meinen Sie das nicht ebenfalls, mein Herr?«
    Ich denke: Ja! antwortete der grünseidne Mann.
    »Gut also, mein Herr! sagte der Schulmeister. Aber ehe wir weiter gehen, das
trockne mein Herr macht meines Dafürhaltens die Unterredung ein wenig hölzern.
Es ist so herzlicher und besser, wann man sich bei seinem Namen oder Karaktehr
zu nennen weiss; man kann sich auch seinen Respekt besser geben. Ohne Zweifel
wird das auch des Herrn Videtur sein. Also, mit Permission! mit wem habe ich das
Vergnügen zu konversiren?«
    Ich heisse Herr Pfrieme, zu dienen!
    »Und Ihr Karaktehr?«
    Habe keinen. Ich bin ein Liebhaber der Humaniorum.
    - Es ist wohl Zeit, dass wir unsern Lesern sagen, wer der mineralgrüne
Philosoph eigentlich war, und dazu haben wir die beste Gelegenheit, während die
beiden Genies gegen einander zu Felde ziehen. Sein Vater lebte und starb als ein
Leineweber mit dem Ruhme eines ganz hübschen Mannes, und hatte diesen seinen
Sohn ebenfalls zu einem ehrbaren Handwerk erzogen und anführen lassen; wie denn
der Bursch auch so weit gedieh, dass er als Schuhknecht seine Wanderjahre antrat,
nachdem er seinen Vater viel Verdruss gemacht hatte. Nach des Vaters Tode aber
warf der Sohn aus leidigem Drang des Genie Leisten und Kneif zum Henker, und
nach vielen in der Nachbarschaft und daheim überstandnen Fährlichkeiten und
versuchten Metiers, bald Bettler bald Matador, nahm er eine Frau, und zehrte
nun, da er schon über die funfzig hinaus war, auf den Rest eines geringen
Vermögens, der nicht gar zu edlen Frucht seines letzten Coup de genie, waidlich
los; schlemmete und demmete redlich; sprach nichts als Hochdeutsch, weil, wie er
sagte, das Plattdeutsche keines erhabnen Ausdrucks fähig sei, sonderlich so, wie
es der Pommersche gemeine Mann spräche; verläumdete alle Welt; schwänzelte immer
noch hinter Weiber und Mägdlein her; las jedes Buch das er auftreiben konnte,
und pränumerirte auch wohl mit unter auf Bücher die - unstreitig für
Schuhknechte nicht geschrieben waren, um seinen Namen schwarz auf weiss gedruckt
im Pränumerantenverzeichnisse täglich vor Augen zu haben. Ein paar unrechte
Bücher, ein paar schlechte Buben, und, mehr als das, eine Mutter voll Affenliebe
hatten den Grund zu seinem sittlichen Verderben gelegt; denn wirklich, der grüne
Mann schämte sich keines Verbrechens. - Mütter! Mütter! wie unzählig mehrere
Seufzer und Flüche unglücklicher, zu spät zur Erkenntnis kommender Kinder fallen
auf euch, als auf die Väter! - Eine fortgesetzte unrechte Lektüre machten ihn
vollends zum Narren, und, weil er nicht verstand was er las, endlich zum
vollendeten Bösewicht. Ihr Herren, die ihr alles wisset! gibt es kein Mittel
die Mütter, und dadurch zugleich die Kinderzucht zu bessern? gibt es kein
Mittel den Pöbel vor Büchern die für ihn nicht geschrieben wurden, zu bewahren?
    Seinem Pränumerationswesen hatte Herr Pfrieme den Titel eines Liebhabers der
Humaniorum, der bis jezt in keinem Titularbuche stehet, zu danken. Denn, da er
zum erstenmal seinen werten Namen zu einem solchen Verzeichnisse einzusenden
vorhatte, war er unschlüssig was für einen Schwanz er demselben anhenken sollte.
Exschuster, - wie heut zu Tage Exjesuit - das schien ihm nicht schicklich.
Bürger und Einwohner très renommé, das war vollends nichts Gar kein Schwanz liess
auch so kahl und gestutzt. Homme de Lettres war damals noch nicht üblich. Genie?
Ein Genie? Das war Etwas. Aber es liess doch gar zu wer weiss, wie! Sonach ward
der glänzende und unerhörte Titel: Liebhaber der Humaniorum beliebt und
erkieset.
    - Ich bin ein Liebhaber der Humaniorum, sagte der Exschuster. Aber, erlauben
Sie, wen hab' ich die Ehre für mir zu sehen?
    »Vor mir, sagte der Schulmann, wenns Ihnen beliebt. Ich bin ein Gelehrter,
und habe mich eigentlich dem Edukationswesen gewidmet, Ihnen zu dienen, wo ich
aber jezt nicht weiter Fait von mache als ich unumgänglich muss, weil ich bei
Seiner Hochwohlgebohrnen Gnaden dem Herrn von Lindenberg das Amt eines Lektoris
ordinarii übernommen habe, welches mir so viel Zeit weg nimmt, dass mir zu
Erziehungsarbeiten nur wenig, und für mich selbst zu studiren gar nichts übrig
bleibt. Allerdings mögt ich in Absicht des letzteren wohl mit dem Poeten
ausrufen: Triste et miserabile! Aber, da Seine Gnaden von jeher viel
Freundschaft und Gnade für mich gehabt haben, so ist es meine untertänigste
Schuldigkeit, was mir Gott an Kräften verliehen hat, zu Deroselben Diensten zu
verwenden. Indessen, wie ich sage, bin ich ein eifriger Diener, so ist er ein
gnädiger Herr. Noch diesesmal, da Seine Gnaden vernahmen, dass ich ein kleines
Geschäffte in dieser Gegend hätte, geruheten Sie zu sagen: Ich gebe es durchaus
nicht zu, liebster Herr Lektor, dass Sie die Reise auf einem offnem Wagen tun.
Wer weiss was für Wetter einfallen kann? Sie müssen meine blaue Schäse nehmen.
Mein Heinrich (das ist der Leibkutscher Seiner Gnaden) soll Sie fahren; er kann
vier von den neuen Schweissfüchsen vorspannen; das sind Pferde wo Sie schon mit
vom Flecke kommen sollen; und mein Christian (das ist des gnädigen Herrn erster
Kammerdiener) soll Sie begleiten, dann weiss ich, dass Sie gut aufgehoben sind. -
Danke Eu'r Gnaden untertänigst, sagte ich. Eu'r Gnaden erlauben, sagte ich, dass
ich mir einmal eine kleine Motion mache. Ich hätte wohl Lust, den Weg zu Fusse zu
machen, sagte ich. Seine Gnaden wollten denn doch, dass ich auf den Notfall die
Schäse hinter her fahren lassen sollte; und als ich mir das ernstlich verbat,
wurden Sie wirklich ein wenig empfindlich. Nu, wie Sie wollen, Herr Lektor,
sagten Seine Gnaden. Ihr Herren Gelehrten habt doch immer so Euere aparten
Grillen, sagten Sie.«
    - Nicht wahr, trauter Leser, aus dieser langen Rede leuchtet die herrlichste
Anlage zum Zeitungsschreiber hervor? -
    Hierauf ging er dem Exschuster tapfer zu Leibe, und wiewohl es lieblich und
lustig zu lesen sein möchte, was ein Schuster und ein Dorfschulmeister wie der
unsrige über die Dauer der Höllenstrafen und über metaphysische Subtilitäten,
die sie beide nicht verstanden, zu Markte brachten: so wollen wir doch,
anerwogen dieses lange Gefecht uns zu viel Platz wegnehmen dürfte, selbiges
übergehen, und uns begnügen, ein Wörtlein über des schwarzen Genies dermalige
Metode zu sagen, womit er den mineralgrünen dergestalt in die Enge trieb, dass,
wie Butter und Käse aufgetragen wurden, alle Lacher auf des Ludimagisters Seite
waren. Dieser hatte nun freilich kein Arges daraus, dass sein Sieg gerade von
dieser Metode abhieng, denn er ging schlechtin so zu Werke, als er es dem
Pastor abgemerket hatte: dennoch, damit wir doch auch etwas in Logicis erfinden,
wollen wir dieser Art zu fechten, den Namen der Schulmeister-Metode beilegen,
und sie beiläufig allen vernünftigen Leuten empfohlen haben, die sich der
Zudringlichkeit eines schaalen Schwätzers der keine Rason anzunehmen pflegt,
gern erwehren wollen. Der Schulmeister aber machte es also:
    So bald Herr Pfrieme den Mund auftat, war er, der schwarze Mann, mit der
Frage bereit: Was verstehen Sie darunter? Da nun schaale Köpfe selten wissen,
was sie eigentlich sagen, so folgt, dass sie in ein Paar Minuten von der Schule
geschlagen sind. Um ein Exempelchen zu geben: der schwarze Mann trat dem Grünen
stracks mit der Frage auf den Hals: Was nennen Sie Endlich und Unendlich? - Und
der Grüne antwortete: Endlich ist, was ein Ende hat, und Unendlich, was keins
hat. Nein, sagte der Ludimagister, ein endliches Ding kann auch zwei Enden
haben; Sie wissen also nicht, was Sie reden. Denn der Anfang eines Dinges ist
das Ende vorn hinaus, und das Ende ist das Ende hinten hinaus. Das sind also
zwei Enden. - Hierauf fragte er ferner, erstlich, was beleidigen, und
hiernächst, was unendlich beleidigen heisse. Das letzte erklärte Herr Pfrieme
durch: so beleidigen, dass Gott es gar nicht vergeben könne. - Und so gab ein
Wort das andre, bis es dem Exschuster an Händen und Füssen kalt wurde. Es lebe
die Schulmeistermetode!
    Als nun das mineralgrüne Genie durch seine eigne Unwissenheit und
halbrichtige oder ganz falsche Erklärungen in so viel Schwürigkeiten verwickelt
war, dass ihm Wort und Bissen im Halse stecken blieb, da konnte der gefrässige
Wirt, der zwar mit beiden Ohren zugehöret, aber auch mit beiden Backen gekauet
hatte, sich nicht erwehren, seinen Zähnen einen Stillstand von acht Sekunden zu
gönnen, um triumphirend auszurufen: Sieh! Bruder Pfrieme! da hast mal deinen
Mann gefunden!
    Da verstehst du viel von, Bruder Bunke! Unser Dispüt ist noch lange nicht
ausgemacht, und kann auch wohl nicht ausgemacht werden, denn des Herrn Lekters
Meinung und meine Meinung sind doch nur Apotesen.
    »Hypotesen, Herr Pfrieme, sagte der schwarze Mann. Aber wollen Sie mir wohl
sagen, was Sie unter Hypotese verstehen?«
    Das ist - Will ich Sie sagen - gleichsam - Aber lass uns von was anders
reden. Ich sehe wir haben mit der Philosophie der lieben kleinen Frau Langeweile
gemacht.
    Sie belieben zu scherzen, sagte Madam Bunken. Aber weil wir unsern Lesern
nicht gern allzuviel Langeweile machen mögten, so melden wir kürzlich, dass das
Gratias gesprochen wurde, worauf der Ludimagister sich ein Schälchen Kaffe, und
bei demselben die Gesellschaft des mineralgrünen Exschusters ausbat; denn die
andern Tischgenossen giengen gleich nach aufgehobner Tafel an ihre Geschäffte.
    »Es ist doch verdriesslich, muss ich sagen, fieng der Ludimagister an, indem
er seine Pfeife stopfte, dass ein Gelehrter hier zu Lande gar nicht seine
gehörige Bequemlichkeit hat.«
    Wie meinen Sie das, Herr Lekter? fragte der seidne Mann.
    »Das will ich Ihnen sagen, Herr Pfrieme. Sehen Sie, ich bin ein Gelehrter,
wie Sie wissen. Aber was hilft mir das? Ich bin gezwungen mein Licht unter einen
Scheffel zu setzen, anstatt es vor den Leuten leuchten zu lassen, und andern
Gelehrten mit meinen Einsichten nützlich zu werden. Hätten wir in dieser Gegend
- - Aber so haben wir nicht. Ich habe, unter uns gesagt, schon seit geraumer
Zeit meine Meditationen über manche Gegenstände schriftlich entworfen, worinn
ich über viele Dinge der Welt ein Licht aufstecke ....«
    Ey, das wäre viel! Sind Sie ein Autor?
    »Lassen Sie sich nur erst sagen, lieber Herr Pfrieme! da überraschten mich
neulich Seine Gnaden am Pulte, als ich meine Aufsätze ein wenig befeilete - denn
wir besuchen einander ohne Komplimente. Ey Herr Lektor, sagte der gnädge Herr,
darf man wohl einmal in ihre Hefte kucken? - Ich mochte einwenden, was ich wollte
- und bei so vornehmen Herren darf man denn nicht allemal recht viel einwenden -
-«
    Das ist ganz natürlich, Herr Lekter.
    »Kurz, er bemächtigte sich meiner Hefte, und las über zwo geschlagne Stunden
drinn. Ich muss gestehen, lieber Herr Lektor, sagte er, ich kann mich nicht satt
lesen. Sie haben ihren Materien sehr gründlich nachgedacht. So ein Buch, wenn
das gedruckt würde, wäre wert, dass Könige und Kaiser es auswendig lernten. -
Ich wollte das nun freilich nicht an mich kommen lassen, können Sie leicht
denken ...«
    Ganz natürlich, sagte Herr Pfrieme.
    »Aber der gnädige Herr sagte: Ich habe das lange an Ihnen getadelt, mein
liebster Herr Lektor, dass Sie allzu bescheiden sind. Ich bin Ihr aufrichtiger
Freund, sagte er, und mein unmassgeblicher Rat ist der, Ihr Werk je eher je
lieber drucken zu lassen. - Nun wissen Sie wohl, lieber Herr Pfrieme, dass der
Rat eines solchen Freundes ein gemessner Befehl ist. Zudem sind Seine Gnaden ein
Herr von tiefen Einsichten, und ich täte ihm gern den Gefallen, wenn es möglich
zu machen wäre. Aber in diesem Lande! - Man muss nicht daran denken. In magnis et
voluisse fat est, wie Aristoteles sagt. - Seine Gnaden mögen dermalen mit meinem
guten Willen fürlieb nehmen.
    Dem Himmel sei Dank, dass die lange Rede des Schulmeisters zu Ende ist! Die
Finger schmerzen uns vom Nachschreiben, und wir wünschen herzlich, dass unsre
Leser vom blossen Lesen nicht etwa die Darmgicht bekommen mögen! Um das so viel
an uns ist zu verhüten, haben wir von neun lateinischen Brocken, womit sie
verbrämet war, achte weggelassen, so wie wir gemeiniglich die lateinische
Gelehrsamkeit des schwarzen, und die Flüche des grünen Mannes zu unterdrücken
pflegen. Wir konnten nicht wohl umhin, dem Leser ein merkliches Beispielchen zu
geben, dass das schwarze Genie lügen konnte als wenn es gedruckt wäre, und in
welche endlose Länge er, der sich selbst gar zu gern hörte, seine Reden
auszuspinnen pflegte, wo ers irgend durfte. Der grüne Mann aber, der nicht wie
unsre Leser in des Ludimagisters Wahrhaftigkeit Misstrauen zu setzen befugt war,
hörte diese lange Legende aufmerksam an, tät darauf seinen Mund auf, und hub
an, den Pechdrat seiner Gegenrede zu drehen, wie folgt:
    Es ist leider mehr als allzuwahr, mein werter Herr Lekter, dass hier zu
Lande andre Mariten besser geästimiret werden, als Gelehrsamkeit. Aber da ein
Gelehrter billig ein Kospolit sein muss, so wollt ich Sie wohl raten, nicht auf
dieses Land zu sehen, sondern auf die Welt. Die muss darum nichts zu kurz kommen,
weil das Land, worinn Sie leben, noch nicht kulturiret ist. Sie müssen Ihr
gelehrtes Werk drucken lassen ...
    »Das will ich ja eben gern, Herr Pfrieme! Sie kapirten mich nicht. Aber da
steckt eben der Knoten, dass ich nicht weiss, wo? Und weit von hier das wäre meine
Sache nicht; dazu habe ich meine aparten Ursachen.«
    Was? wissen Sie da keine Mauen anzusetzen? Da müsste doch Rat zu werden.
Wissen Sie was, Herr Lekter? Vielleicht kann ich Sie darunter dienen, und das
sollte mir ein wahres Plasir sein.
    - Im Vorbeigehen gesagt: kein Mensch war bereitwilliger zu Diensterbietungen
als der seidne Schuster, aber kein Mensch war träger zu Dienstleistungen. Seinen
alten wackelöhrigten Karrengaul, seinen Geldbeutel, sein Haus und - seine Kinder
dazu, alles was er hatte, bot er vornehm an, wenn er wusste, dass man - nichts
brauchte. Fasste man ihn aber ja beim Worte, so war das Ross vernagelt, oder in
andern Fällen eine eben so passliche Ausflucht bei der Hand, es wäre denn etwa,
dass er mit der Wurst nach dem Schinken geworfen hätte. Von dem geringsten
erwiesenen Dienst aber pralte er sein lebenlang. Bei Anlässen hergegen wie der
gegenwärtige, wo er nur mit Rat und Worten zu dienen hatte, war er sehr, recht
sehr dienstfertig.
    »Könnten Sie das? rief der entzückte Schulmeister. Wissen Sie wirklich hier
herum eine Druckerei, oder einen Künstler, der eine machen könnte?«
    Das nun wohl eigentlich nicht, Herr Lekter! Aber wir haben einen Mann hier,
der ein Tausendkünstler ist, der nimmt Pränumeration an auf Bücher. Ich habe
seit vielen Jahren auch bei ihm gepränumeriret. Habe zwar noch kein Buch
gekriegt, aber das wird schon noch kommen. Gut Ding will Weile haben, und seine
künftigen Bücher sind hol mich - gut Ding. Ich habe da unter andern vor ein
Jahrer zehne auf ein Buch gepränumeriret, das soll heissen: Neu eröffnetes Ein
mal Eins, mit historischen, kritischen und geographischen Randglossen. Das wird
meiner Seel 'n kapitales Buch werden! Alle Matematici im ganzen Lande sollen
dran arbeiten, und die Randglossen will er selbst machen ...
    »Dann stehet zu besorgen, fiel der Ludimagister mit einer schlauen Miene ins
Wort, dass die vielen Köche den Brei verderben werden, wie das Adagium sagt.
Aber, Herr Pfrieme, der Mann denk ich wird mir nicht viel helfen können. Ich bin
nicht Willens auf mein Werk pränumeriren zu lassen. Auch hab ich keine zehn
Jahre Zeit.«
    Der Mann könnte Ihnen denn doch Anleitung geben, mein Herr Lektor. Sonst
wenn Sie wollen gepränumeriret haben, will ich auch pränumeriren. Ich habe einen
hübschen Imperatus von Büchern, wohl an die zwanzig Stück, wo ich alle auf
pränumeriret habe, und mein Vor- und Zuname in gedruckt steht. Andre Bücher mag
ich nicht haben. Sie können ja mal zu dem Manne gehen. Schadt ja nicht. Ich will
Ihnen hinbringen.
    »Ey ja, wenn Sie meinen, Herr Pfrieme.«
    Nun kam in einer blank gescheuerten kupfernen Kanne der Kaffe, samt Zubehör.
Die Herren setzten sich und das grüne Genie liess sichs doppelt gut schmecken,
weil es ihm nichts kostete. Was aber beim Kaffe geredet wurde, und wie des
Exschusters giftige Zunge, zum Zeitvertreib der Frau Wirtin, die wieder ins
Zimmer kam einen guten Namen nach dem andern meuchelmördrisch anfiel, ärgerliche
Liebeshändel zwischen Bürgerweiber und Musketiers, zwischen Meisterinn und
Gesellen, zwischen Geistlichen und Weltlichen, zwischen Fräulein und Grafen,
ungeheure Lügen und nichtsbedeutende Wahrheiten mit schändlicher Grosspralerei
und schmutziger Niederträchtigkeit durchmischet, herschwadronirte, und ohne auf
Charakter, Stand oder Würde zu sehen, die Einwohner des Orts Strassenweise durch
seine ehrlosen Spiessruten jagte, und keines Menschen, selbst seiner leiblichen
Brüder nicht schonte, - und alles das aus Drang des Genie; - ferner, wie er
seine eignen Heldentaten, seine Wege zu weiland seines Vaters Geldschranke und
den Spinden seiner Hausgenossen herposaunte, und es als ein grosses Kompliment
ansah, dass die Wirtin ihn, und zwar auf keine sehr versteckte Weise, der
Giftmischerei beschuldigte: - alles das entalten wir uns, wie billig, um weder
dem Fiskal noch der Obrigkeit des Ortes ins Amt zu fallen oder vorzugreifen. Der
Ludimagister aber fand an dem verläumderischen Talent des alten Sünders ein
innigliches Behagen, und in dessen giftigen Romanen die kräftigste Nahrung für
seinen Geist; denn im Grunde war er selbst ein hämischer Bube, nur dass ers nicht
so auslassen durfte. In Dörfern pflegen Lästerungen gar zu bald rund zu kommen,
und er hatte jeden Bauern zu schonen, wenn er in seinen ausserordentlichen
Einkünften, welche doch manchem Dorfschulmeister das meiste bringen, keinen
Defekt spüren wollte.
 
                               Dreizetes Kapitel.
                    Das dritte Kapitel vom Geniewesen. Oder:
                              Mein langes Kapitel.
Nach dem Kaffee erhoben sich die beiden Herren zu dem obgedachten Manne, und da
sie auf dem Wege dahin vor dem Hause des mineralgrünen Philosophen mit der
grünlichgelben Seele vorbei mussten, erbat sich dieser die Erlaubnis, seinen
Anzug ändern zu dürfen. Er nötigte das schwarze Genie um so viel
zuversichtlicher hinein, da er wusste, dass seine strenge Hausehre nicht zu Hause
sei. Das erste was der Schulmeister im Hause sah, waren ein Paar flachsköpfigte
Buben, die der Herr Papa zu künftigen Genies erzog, und denen die Schelmerei
schon jetzt aus beiden Augen kuckte, wie denn der jüngere auch nicht ermangelte,
dem Schulmeister, so bald er sich nur gesetzt hatte, einen Hasenschwanz
vermittelst etlicher Kletten an die Perüke zu heften.
    Der grüne Mann hatte sich auf einige Augenblicke entfernt, und erschien
wieder in verändertem Pomp, an Beinen gestiefelt, mit seinem weissen atlasnen
Bratenweste und seinem schönen roten Kleide mit blanken weissen Knöpfen. Er
zeigte und besah seine gestiefelten Extremitäten so viel und so lange, dass der
Ludimagister nicht umhin konnte zu versichern, er habe nie so wohlsitzende
Stiefel gesehen.
    Das macht, ich habe sie selbst zugeschnitten, versetzte Meister Pfrieme
etwas voreilig, indem er dadurch beinahe seine ehemalige Profession verraten
hätte, auf die er nicht sehr stolz war. Er fasste sich aber geschwind wieder, und
fuhr fort: Denn ich muss Ihnen sagen, ich habe an manchen Dingen mein Plasir;
unter andern mag ich auch gern meine Stiefel selbst zuschneiden.
    »Ich gestehe, sie sind nach dem schönsten Schnitte von der Welt.«
    Das macht, Herr Lekter, ich schneide sie nach der Philosophie zu. Den Ofen
da hab ich auch selbst aufgesetzt. Ein Mann von Genie muss sich mit alles
behelfen können.
    Der schwarze Mann dachte dem grünen Manne ein Kernkompliment zu machen, und
sagte, wenn er nur gleich zwei Felle kriegen könnte, so würde er ihn bitten, ihm
zu seinem Andenken ein Paar Stiefel zuzuschneiden. Aber die Höflichkeit bekam
ihm schier nicht wohl, denn der mineralgrüne Meister kuckte arglistig unter
seinen krummen Augenbraunen hervor, erst dem Gelehrten ins Antlitz, liess dann
den Blick sehr signifikativ auf dessen unförmliche Beine hinabgleiten, und
sprach gar langsam und vernehmlich: Mein Herr! der tapfre Schanderbecher sagte
einmal zum Kaiser von - Russland: ich konnte Euro Kaiserliche Majestäten wohl
meinen Sabel leihen, aber nicht meinen Arm. - Bei dem Worte: Arm, hob der
Exschuster sein rechtes Bein, das wirklich nicht schlecht gemacht war, hoch
empor, und der Ludimagister steckte den Hieb vorgängig trocken ein.
    Meister Pfrieme wollte seinen Gast so herzlich gern mit allen seinen
Vollkommenheiten regaliren, und hätte sie ihm gern mit Löffeln eingegeben, darum
setzte er sich an einen alten baufälligen Flügel und hub an gar grimmiglich
darauf los zu pauken, sang auch darneben in lieblichsten Schuhknechtsdiskant das
wohlbekannte Lied: Sollen nun die grünen Jahre etc. rief darauf seine Köchinn
herein, und duettirte mit ihr sehr herzbrechend die schöne Aria: Komm mit mir in
grüne Schatten, komm geliebte Sylvia. etc.
    Will dir die schöne Silfiges gesegnen! rief plötzlich eine kreischende
Stimme halb auf der Strasse, halb in der Haustür, als Damöt gerade der geliebten
Sylvia Heerde, Hund und Stab anbot, wenn sie einmal mit ihm im einsamen Schatten
- die Nachtigallen wollte schlagen hören. Der grüne Mann erkannte gleich, dass
diese Stimme seiner Hausehre, deren Heimkunft er nicht so früh erwartet hatte,
zuständig sei, und da er nichts Gutes witterte, sprang er schnell zum Fenster
hinaus, und überliess es seinem Gaste, sich zu retten, so gut er könnte. Dieser
sah etwas betäubt dem Hausherrn nach, und wusste nicht, ob er ihm durch diesen
ungewöhnlichen Weg folgen sollte oder nicht, als die Frau wie eine Furie in die
Stube brach, rot um den Kamm und blind vor Eifersucht. Der erste Gegenstand,
der in ihre Fäuste fiel, war die arme Köchinn. Wart, du schöne Silfiges! ....
Weiter verstand der Ludimagister nichts, denn er hatte gerade die erfoderliche
Gegenwart des Geistes, diesen Augenblick zu nutzen, und hinter der Furie weg zur
Tür hinaus zu huschen. In Einem Satze war er auf der Gasse, wo er den
Exschuster in einer Entfernung von sechzig bis siebenzig Schritten vor sich hin
laufen sah, so schnell die wohlgemachten Beine ihn nur tragen wollten. Und
wahrhaftig, sie mussten sehr schnell sein, um ihn in dem Nu - denn der ganze
Auftritt war die Sache eines Nu - so weit vorwärts bringen zu können. Der
schwarze Mann rannte und schrie hinter ihm drein zu grosser Verwundrung der
Vorübergehenden, die in Zweifel standen, ob das ein Wettlauf sei, oder ob einer
dem andern den Beutel gemauset habe. Der mineralgrüne Mann, denn so werde ich
ihn Trotz des roten Kleides ferner nennen, stand nicht eher still, bis er um
die Ecke war. Da erst wartete er des Schwarzen. Ey, ei! Herr Pfrieme, rief
dieser, der tapfere Skanderbeg tat sehr weislich, dass er seinen Arm nicht mit
verlieh.
    Still! antwortete Pfrieme, die Frau ist was schalluh. Und ausser dem Hause,
halt ich dafür, muss ein Mann nichts auf sich sitzen lassen, aber im Hause muss er
fünfe gerade sein lassen.
    »So! - Nu, nu! ich denke, ein Mann muss allentalben ein Mann sein; und - mit
Permission! - heute Mittag, der Mann in dem dunkelbraunem Kleide schien eben so
zu denken.«
    Ah, das ist 'n dummer patziger Kerl, über den ich weit weg bin. Dem brauchts
nur 'n halbes Wort, so ist er geraakt; und in öffentlichen Häusern, wissen Sie,
mag man denn nicht gern Spektakel machen.
    »Da haben Sie Recht, Herr Skanderbeg! vor allen wenn man just seinen Säbel
verliehen hat.«
    Unterdessen versammelten sich um die beiden Herren her ein paar dutzend
Strassenbuben, die den närrischen Appendix bemerkten, der bei jedem Schritte den
der Schulmeister tat, zwischen seinen Schulterblättern wackelte. Vermutlich
waren sie von Monsieur Ulrich Pfrieme, dem jüngsten Sohne des mineralgrünen
Genies, dazu aufgewiegelt; wenigstens befand er sich in der Arrieregarde des
Trupps, und half das Geschrei waidlich vermehren. Die beiden alten Genies
dachten anfangs nicht, dass einer von Ihnen der Held in der Farce sei, bis einige
Aepfel, die aber auf keinem Baume gewachsen waren, um ihre Ohren flogen. Da
rochen die Herren Lunte, und machten durch ein Rechts um kehrt euch, Fronte
gegen die jungen Genies. Durch dieses Manövre wäre aber der Exschuster beinahe
um seine Faunennase gekommen, und zwar durch die Hand seines leiblichen Sohnes.
Dieser, den wir nach seinem Jäckchen von striefigten Fünfkamm, das gestreifte
Genie nennen wollen, zielte und warf eben nach dem Haupte des Ludimagisters; da
aber die beiden alten Genies gerade in dem Augenblick ihre Wendung machten, so
traf der Sohn den Papa dermassen in das Centrum des Gesichtes, dass das Nasenbein
samt dem ganzen Vordergebiss ohne alle Gnade zum Henker gewesen sein würden, wenn
nicht, wie jedermann weiss, eine Handgranate von obgedachter Art, zu allem Glücke
von sehr weicher und nachgebender Materie wäre.
    Die Herren, um dies zu rächen, rückten tapfer auf die feindliche Armee los,
und ein Treffen wäre unvermeidlich gewesen, wenn nicht ein ältlicher Herr in
einem Ueberrocke und weissem Federhute den Ludimagister mit den Worten angeredet
hätte: Sie würden besser tun, mein Herr, wenn Sie den Hasenschwanz weg täten,
als dass Sie sich mit der Grundsuppe des Pöbels einlassen.
    Wie? wa wa was? stotterte der bestürzte Schulmeister.
    Friedrich, sagte der Herr zu einem Bedienten der ihm folgte, nehmt dem Manne
die Narrenpossen ab. Und wenn ich wüsste, Meister Pfrieme, dass das einer von
seinen Coups de genie wäre, wie ich sehr geneigt bin zu glauben - -
    Euro Excellenz wollen verzeihen, sagte Pfrieme, ich bin so unschuldig als
ein Kind in Mutterleibe. Die Jungen haben mir selbst bald die Augen ausgeworfen.
    Dergleichen sieht ihm sonst ähnlich genug, sagte der alte Herr.
    Es war der General, von dessen Regiment ein Bataillon die Garnison des Ortes
ausmachte. Seine Gegenwart machte, dass der Pöbel sich ohne weiter Umstände
zerstreuete. Der Bediente nahm das Hasenschwänzlein weg. Der Ludimagister machte
tiefe Bücklinge, und der Exschuster schnitt ein Gesicht als wenn er die
Strangurie hatte. Als der General ein paar Schritte entfernt war, reinigten die
beiden Genies einander wechselsweise von den Ueberbleibseln der Kanonade, bei
der es in dieser Strassenaffäre sein Bewenden gehabt hatte, und setzten ihren
Stab weiter, nicht ohne heimlichen Groll von Seiten des Schulmeisters, der das
Amulet nicht wohl der Freigebigkeit eines andern als seines Gefährten
zuschreiben konnte.
    Der Mann, dem sie ihren Besuch zugedacht hatten, stand eben am Fenster und
fabricirte ein Dutzend oder so Nägel von Kupferblech, wie die Kesselflicker zu
brauchen pflegen, weil er gleich im Begriff war, mit ökonomischen Händen ein
Loch in seinem Teekessel zu flicken, als die beiden Genies um die Ecke der
Strasse traten, wo er wohnte. Er bemerkte sie, warf geschwind seinen Kram auf die
Seite, und rief einen von seinen Leuten: Helf er mir doch mal geschwind das
Kleid an. Da kömmt die skandalöse Chronik und ein Schornsteinfeger oder so was.
Pfrieme kömmt gewiss hierher. - Er war kaum in den Rock gefahren, so traten die
beiden Genies ins Haus, und der Ludimagister fand an dem Herrn Peter Fix einen
langen Mann in einem Kleide dessen Zeug er nicht zu nennen wusste, aber die Farbe
war changeant, und goldgesponnene Knöpfe sassen drauf. Die Beinkleider waren von
schwarzen Bockleder mit hörnernen Knöpfen, und auf den Knien schon etwas blank.
Schwarze wollene gerade Strümpfe bekleideten ein Paar etwas krumme Beine, und
den Anzug nach unten vollendeten ein Paar Schuhe von gewichstem Kalbleder. So
fand der Schulmeister den Tausendkünstler beim ersten Anblick. Weil es aber dem
Leser nicht zuwider sein möchte, von diesem Manne etwas mehr zu wissen, als ein
Mutterkind dem andern beim ersten flüchtigen Anblick an der Nase anzusehen
vermag: so wollen wir trachten, ihm so viel an uns ist, Gnüge zu leisten.
    Herr Peter Fick, oder das changeante Genie war ein Junggeselle, und ein
gutes Endchen über die Jugendjahre hinaus, so etwa reichlich in die vierzig,
sehr grosser Statur, krausköpfig von Haar und Sinn, blau von Augen, spitz von
Nase, hässlich von Zähnen, nicht zu klein von Munde, grünlichgelb von Farbe, kurz
von Halse, schmächtig von Leibe, zart von Händen, und vorgedachter massen ein
klein wenig sprenkelbeinigt. Aus den Augen, aus den Falten der Stirn, aus den
Falten der Nase den Fusstapfen eines gewohnten Naserümpfens, aus jedem Zuge
stralte hoher Genius. Hoher Genius dampfte aus seinen Nasenlöchern, schäumte ihm
vom Munde, und kitzelte ihn hinter den Ohren. Alles das mit einem Worte: er war
ein abscheulich grosses Genie, das grösste das je vom Weibe geboren ist; und das
wollt er auch wissen. Vom Adler bis zur Fledermaus, vom Lindwurm bis zur
Käsemade, von der Ceder auf Libanon bis zum Isoppen im Tal, was kein Auge sah
und kein Ohr vernahm, das alles kannte er von innen und aussen. Von der
Goldmacherkunst die kein Mensch in seinem ganzen Leben lernet, bis zur
Glaserprofession die in zwei Stunden gelernet ist, war er in jeder ein Meister. -
Doch weiss ich nicht, ob er nicht selbst die edle Fechtkunst ausnahm. Sonst hatte
er in jede Brühe sein Brodt getunkt, und wusste was von jedem Dinge die Elle
gelte. Er konnte in allen deutschen Büchern lesen, er konnte Schweine kapaunen
und Hähne verschneiden, er konnte Gänse nudeln und Schusterpflöcke schnitzen, er
wusste mit dem Hobel und mit der Feile umzugehen, er konnte einen Floh durch ein
Mikroskopium sehen, und einen Ochsen mit ungewaffnetem Auge, er wusste dass der
Schnee kalt, und das Eis gefrornes Wasser sei, und hatte viele Versuche gemacht,
etliche von den grossen Hagelkörnern die Anno drei und sechzig fielen, zum ewigen
Denkmaal in Weingeist zu konserviren, die aber nicht geglückt waren. Er konnte
ein Prisma über die Nase halten. Er verstand Handlung und Manufakturen und las
Kollegia drüber; er kritisirte Bücher und machte Verse; er sah in die Kabinete
und in die Rüellen; er machte den Patrioten in der Tabagie und den Hannswurst
auf dem Teater gleich fertig. Kurz, er war überzeugt, dass er alles kannte,
wusste, und konnte, besser als irgend ein Mutterkind.
    Dass er in dieses leidige Unwesen geraten war, davon haben wir die Ursache
schon angegeben: er war ein entsetzliches Genie, und hatte - das wahre
Kennzeichen des Genies! - zu allem in der Welt Lust und Trieb, nur zu seinem
eigentlichen Gewerbe nicht. Und dieses Gewerbe bestand darin, dass er Brillanten
und edle Steine, auch wenn man es verlangte, unedle Steine und geschliffen Glas,
in Gold, Silber, oder Blei, trefflich oder schlecht, wie man es haben wollte, zu
fassen verstand, wiewohl seine schlechteste Arbeit vom Kenner immer wohl so gut
geachtet wurde, als die Meisterstücke manches andern Juwelierers.
    Mir, (der ich alles am liebsten von der komischen Seite ansehe, um wider
manches Accidens das sich nicht radikaliter heilen lässt, wenigstens ein
Palliativ zu finden,) scheinen die Absprünge des changanten Genies so lustig,
dass ich der Versuchung unterliege, meinen Lesern zur Ergötzung, und andern
aufkeimenden Genies, deren jedem ich seinen eignen Biographen wünsche, zur
wohlgemeinten Warnung, einige derselben anzuführen. Sollte dieser oder jener von
unsern Lesern hier, oder bei andern Stellen unsers Buches anders urteilen, so
tut uns das um unserntwillen zwar leid - denn wir mögten gern Allen gefallen,
wenn das möglich wäre - aber wir bitten ihn zu bedenken, dass es ihm weniger Mühe
kostet, hier und da eine Stelle zu überhüpfen, als es uns kostete, sie
niederzuschreiben; und wir sehen uns dermalen gemüssigt, alles mit eigner Hand
niederzuschreiben, weil unser Amanuensis das Chiragra hat.
    Herr Peter Fix hatte schon lange bei sich selbst bedacht, dass er zu seiner
Arbeit Gold, Silber, Arsenik, Antimonium, Borrax, Farben zum Schmelzwerk, und
viele andere Zutaten, samt Grabsticheln und einer Menge andrer Gerätschaft
brauche. Wenn ich das alles kaufe, sprach er, so muss ich viel baares Geld
hingeben. Könnt ich das alles selbst machen, so hätt ich viel weniger Auslage,
und zehnfachen Gewinn. - Rasch wurden Oefen gebauet, Tiegel und Retorten, nebst
Vorstössen und Recipienten gekauft, und mit der höhern Chemie viele mühsam
erworbne Friedrichd'or durch den Schorstein gejagt, wobei er zwar seinen Zweck
so eigentlich nicht erreichte, aber doch einige recht hübsche Fratzen
herausbrachte, in die er sich herzlich sich verliebte; wie er denn auch so weit
kam, dass er verschiedene seiner wohlfeileren Zutaten selbst machen konnte.
Grabstichel aber, und andre kleine Geräte lernte er sehr bald zurecht feilen,
und prahlte mächtig damit. So weit ging alles noch wohl an; aber als er eines
Tages auf seine selbstgemachte Kleinigkeiten einen Blick voll triumphirenden
Selbstgefühls warf, rief er aus: Das ist die grosse Babel die du erbauet hast!
Alles das kannst du nun selbst machen und sparst das baare Geld ...
    - Denn, dass seine mehrsten Geschöpfe ihm, die Versäumnis ungerechnet, wohl
so teuer zu stehen kamen, und oft teurer als wenn er sie gekauft hätte, das
predigte ihm kein Mensch ein, weil, was er auch sagen mochte, die edle Regula de
Tri nebst Zubehör, sein Haupt und Grundstudium nicht war. -
    Wie, wenn du auch versuchtest, fuhr er fort, die Edelgesteine selbst zu
machen, dann würdest du recht Geld wie Heu verdienen! - Gesagt, getan. Er, der
nur mit seiner Zeit hätte geizen dürfen, um Geld wie Heu zu erwerben, arbeitete
nun drauf los, dass es puffte; und, wie denn doch immer Spähne fallen, wo Holz
geschlagen wird, so brachte er mit grossen Kosten rotes, weisses, blaues,
gelbes, und grünes Glas, und einen schönen Pfad heraus, der gerade der Nase nach
über die Grenze von Seiner Königlichen Majestät Gebiete zu führen pflegt. Das
war eine Herrlichkeit wie er die schönen bunten Steine hatte! Unächt waren sie
freilich, aber sie flimmerten doch bei Lichte Trotz ächten Steinen. Er verkaufte
sie auch keinem Menschen für ächt, denn er war ein ehrlicher Mann, aber
besonders wars, dass er mit Leib und Seele dafür stritt, es sei ein grosses
Verdienst, unächte Steine zu machen; und ein schäbiges Gewerbe, Steine zu
fassen. Dieser Punkt war auch auch der, dem er am längsten mit Ausübung und
Verteidigung getreu blieb; denn, so wie der Mann ein Quecksilbernes Genie
hatte, das ihn keine fünf Minuten in Ruhe liess, sondern immer von einem aufs
andre trieb: so hatte er auch kaum ein Ding gekostet, als ers schon wieder müde
war.
    Ein andermal wollte er ein Rosskamm werden; als ihm aber die Pferde Nase und
Ohren fast abgefressen hatten, gab er das wieder auf, ungeachtet er behauptete,
kein Mensch verstünde das Gewerbe besser als er.
    Hierauf unterrichtete er im Tanzen, aber als die Leute sich an seinen
verbogenen Beinen zu stossen schienen, ward er unwillig und schwur hoch und
teuer, das Lumpenvolk sei es nicht wert, dass ein Mann von Genie sich ihrer
Bildung annehme.
    Ferner wollte er eine Spiegelfabrik anlegen, es blieb aber bei dem Wollen
und zwei oder dreihundert verschleuderten Talern.
    Hierauf hielt er um ein Privilegium an, das ganze Land einzig und allein mit
Schwefelfaden versehen zu dürfen, die er nach einer unerhörten Erfindung
fabriciren wollte. Das wurde ihm abgeschlagen, und aus Verdruss wollte er in
ferne Lande ziehen, und seinem undankbaren Vaterlande auf ewig Valet geben. Es
bleibt aber bei dem Wollen, ob er gleich schon eine herzbrechende Abschiedsarie
gedichtet hatte, die sich anfieng: Ade du falsches Pommerland.
    Hierauf folgten zehntausend andre Anschläge, die nicht um ein Haar klüger
oder einträglicher waren. Denn, wo nur ein Fratz aufduckte, gleich war er bei
der Hand, um sich keinen Rang ablaufen zu lassen, und zeigte, er sei noch ein
viel grösserer Fratz. Er liess Berge abtragen und Bäche ableiten, um zwei Metzen
Kartoffeln bauen zu können. Er liess ein Paar Centner Weidenrinde aus Dännemark
kommen, um zu versuchen, ob er in Pommern Randersches Handschuhleder machen
könne? Seine Kosten standen nie mit den zu erwartenden Vorteilen in Verhältnis.
Las er von einem Juventiönchen in der Zeitung, flugs musste es verschrieben
werden. So fand er einmal in einem Zeitungsavertissement, dass bei Buchenröder
und Ritter in civilen Preisen zu haben sei: Eine neuerfundne
Taschenbuchdruckerei von diverser Grösse. Er hätte gar zu gern so eine Tändelei
gehabt, aber seine Kasse mit der er Rücksprache gehalten, sagte nein. Er tat
also, was er immer zu tun pflegte, wenn ihm sein Genie den Beutel gefeget
hatte; das ist: er juwelierte so lange, bis er sich reich genug fand, eine
Taschenbuchdruckerei die zu einem Quartblatte gross genug war, kommen zu lassen.
Wie sie aber anlangte, ergab sichs, dass die Verkäufer vergessen hatten, die
gedruckte Gebrauchsinstrucktion beizulegen, und Herr Peter Fix fühlte sich viel
zu sehr Genie, als dass er um einer solchen Kleinigkeit willen die Feder hätte
ansetzen sollen. Dafür künstelte er so lange, bis er den Gebrauch und Nutzen
eines jeden Dinges herausbrachte. Dieser glückliche Erfolg machte ihn so stolz,
dass er sich von der Stunde an öffentlich rühmte: es sei eben so viel als wenn er
die ganze Buchdruckerkunst selbst erfunden hätte, weil er drucken könne, ohne
von einer Christenseele Anweisung gehabt zu haben. - Sollte dieser einzige Zug
nicht fast hinreichen, das ganze Genie des changeanten Mannes zu schildern?
    Nun noch wenige Worte von seinem Charakter. Er war dienstfertig und gastfrei
in einem hohen Grade; sehr freundschaftlich so lange es währte, - es währte aber
gemeiniglich nicht recht lange, weil er mit der unschuldigsten Miene zu
beleidigen war, und nicht den mindesten Widerspruch, sonderlich auch die
allerkleinste Einwendung gegen irgend einen seiner närrischen Anschläge nicht
anhören konnte, ohne in Wut zu geraten; dieses kam daher, weil er von sich
eingenommen war, und aus einem wunderlichen Misstrauen, selbst denen Leuten, die
es am besten mit ihm meinten, Neid beimass. Er war aufbrausend und heftig ohne
Ansehen der Person, weil es ihm an Erziehung mangelte. Er schmollte sehr lange,
aber sein Hass, wiewohl er seines gleichen an Heftigkeit nicht hatte, so lange er
währte, war gemeiniglich von kurzer Dauer, denn sein Herz war gut, und er
pflegte bald einzusehen, dass er ohne Ursache hasste, doch liebte er den nie
wieder von Herzen, von dem er sich einmal beleidigt geglaubt hatte. Er sprach
selten oder nie von jemand schlecht, selbst von denen nicht, die er hasste. Alles
Böse was er von ihnen zu sagen pflegte, bestand in einer patetischen Erzählung
der Beleidigungen, die er von ihnen erlitten zu haben glaubte. Er schwieg aber
still und duldete es, wenn sie von andern verläumdet wurden. Sein grösster Fehler
war eine hässliche Art von Neid gegen jedermann, der eins von seinen zehntausend
Gewerben trieb. Das schöne Geschlecht liebte er nicht, und war Willens als
Junggeselle zu sterben. Die Schwätzer gaben davon einen fatalen Grund an; er
aber versicherte, seine Abneigung gegen das Frauenzimmer stütze sich auf die
Ueberzeugung, dass nichts in der Welt das Genie so sehr schwäche, als der
genauere Umgang mit diesem Geschlecht. Um sein Bild zu vollenden: er besass viele
Tugenden eines guten Naturells, alle Fehler einer schlechten Erziehung, und alle
Torheiten eines sich dünkenden Genies. Hätte der Mann Grundsätze gehabt, so
würde er vortreflich gewesen sein.
    Herr Fix empfieng die beiden Herren mit aller seiner Höflichkeit, und der
grüne Mann stellte ihm den Schwarzen vor, als einen fremden Gelehrten, der sich
in einer wichtigen Angelegenheit seines Rates bedienen wollte. Das changeante
Genie versicherte, die Herren wären ihm sehr willkommen, und wenn er dem fremden
Herrn dienen könne, sollts ihm recht lieb sein: Er liess Pfeifen und Tee
bringen, die Herren setzten sich, die Tassen wurden vollgegossen. Nehmen Sie an,
ich bitte nun sehr! und die Herren nahmen an.
    Nach verschiednen Gesprächen, worinn Herr Peter Fix sich zeigte, fand auch
der schwarze Mann Gelegenheit, seinem Anliegen näher zu rücken, und entdeckte,
er wolle gern Etwas im Druck ausgehen lassen, es sei aber traurig, dass hier zu
Lande eine Druckerei unter die Aues rariores gehöre. Und nachdem er ein Langes
und Breites von seinem grossen Ansehen bei des Herrn von Lindenberg
Hochwohlgebohrnen Gnaden geschwatzt, welches alles wir schon im Gastofe im
kürzerem Auszuge gehöret haben, bat er das changeante Genie, nicht ungütig zu
vermerken, dass er sich die Dreistigkeit nehme, ihn in dieser Sache um seine
Meinung und Rat zu bitten.
    Sagen Sie da nicht von, lieber Herr Lekter, sprach Herr Fix; ich diene gern
mit meiner geringen Meinung und Rat, so viel ich kann. Was das also betrifft,
dass Sie ein Buch wollen ausgehen lassen, so haben sie dreierlei Wege vor sich:
Entweder müssen Sie sich einen Verleger wählen, der gut bezahlt, oder wenn Sie
den Profit selbst geniessen wollen, müssen Sie sich nach einem billigen Drucker
umsehen, wiewohl die Blutigel alle von Billigkeit nichts wissen. Juden und
Heiden sinds! da kann ich ein Liedchen von singen. - Oder drittens ...
    »Mit Permission, Herr Fix! der zweite Weg wäre gerade der, den ich
einzuschlagen wünschte. Ich suche nichts weiter als eine Druckerei ohne es mit
ihrer Billigkeit so genau zu nehmen. Es kömmt hier auf ein paar Mandel Taler
nicht an, wenn ich nur in der Nähe eine Druckerei finden könnte.«
    Ganz nahe finden Sie keine die was taugt, mein lieber Herr Lekter, das kann
ich Sie sagen.
    »Ach, Herr Fix! ich habe auch schon allerwegen hier herum nachgefragt. Meine
einzige Hoffnung ist noch diese, einen Rotgiesser zu finden, der eine giessen
kann, denn der gnädige Herr wäre wohl geneigt, eine Schlossbuchdruckerei
anzulegen. Und hätte man die nur erst, so fände sich auch wohl jemand, der das
verstünde zu traktiren.«
    Schnell wie ein Blitzstral fühlte Herr Fix den Drang des Genie. Weil er aber
Bedenken trug, sich in Gegenwart der skandalösen Chronik zu erklären, so fasste
er sich, unterdrückte so gut er konnte jede Spur von Freude in seinem Gesichte,
legte den Zeigefinger seiner rechten Hand an die Nase, dergestalt dass die Spitze
desselben genau auf die Stelle kam, die der geheime Rat Darjes uns für den Sitz
der Seele zu geben geneigt ist, und stellte sich tief nachdenkend. Herr Lekter,
fieng er an, wenn das so ist, so kann ich Sie vielleicht Anleitung geben ....
    »Ey mein lieber Herr Fix, das wäre ja schön!«
    Sagt ich das nicht? rief das mineralgrüne Genie.
    Jetzt kann ich noch nicht viel Gewisses davon sagen, fuhr das changeante
Genie fort; ich muss das alles erst durchdenken wie das anzufangen ist, denn dazu
gehöret sehr viel. Und das ist auch nicht andem, Ihr Wort in Ehren, dass der
Rotgiesser eine Druckerei machen kann, der giesst nur das Fundament und den
Tiegel. Ach zu so was gehört sehr viel, als das Tenakel, und Ballennägel, und
Ahlspitzen, und Setzbrett, und - -
    Er machte ein langes Verzeichnis aller der Nebendinge, die zu der Sache zwar
gehören, aber allenfalls durch andre ersetzt werden können; so tritt eine
Spicknadel, die man in jeder Küche findet, sehr leicht an die Stelle der
Ahlspitze, und Ballennägel sind nicht mehr und nicht weniger im Grunde als -
gute ehrliche Schusterzwecken. Aber das changeante Genie war sehr gross in
Kleinigkeiten. Und erst am Ende der Litanei dachte er gelegentlich an Presse,
Schriften und Setzkasten. Sie sehen, sagte er dann, dass ich Ihnen über alles
Auskunft geben kann. Denn was das betrifft, so verstehe ich jede Profession so
gut als einer. Und wenn Sie das alles wollen machen lassen, kann ich Ihnen die
Risse dazu nach dem verjüngten Massstab aufreissen. Aber wie sagt der Lateiner?
Seriös in Christina! Morgen ist auch ein Tag. Ich will das durchdenken. Wie
lange bleiben Sie hier?
    »Ich dachte morgen mit dem frühesten abzureisen, aber nun, sehe ich wohl,
muss ich noch einen Tag zugeben.«
    So will ich mir morgen die Ehre geben, bei Sie fürzusprechen. Wo losiren
Sie, dass ich fragen darf?
    »Im offnen Helm, bei einem Manne, der mich schärfer examiniret hat, als der
Unterofficier im Tore.«
    Ja, das macht Herr Bunke nicht anders. Nu, wie gesagt. Morgen früh sollen
Sie Bescheid haben.
    Der schwarze Mann wollte hierauf Abschied nehmen, aber das changeante Genie
liess ihn nicht weg, sondern die beiden Herren mussten den Abend mit seiner
Junggesellenwirtschaft, wie ers nannte, fürlieb nehmen.
    Ob es Sympatei und Antipatei gibt oder nicht, das mögen unsere Weisen
unter sich ausmachen. Mir liegt nichts daran. Ich erkläre mich auch weder für
noch wider die Sache, ob ich gleich die Nachricht gebe, dass der schwarze und der
changeante Mann ein herzliches Behagen an einander fanden, und ohne die
Hoffnung, sich am nächsten Morgen wieder zu sehen, sehr ungern von einander
geschieden sein würden.
    Der folgende Tag kam, und Herr Fix mit ihm. Einen schönen guten Morgen,
lieber Herr Lekter! Wünsche wohl geruhet zu haben! Lieb wohlzusehn! Nehmen nicht
übel, Sie zu inkumodiren. Haben Sie gut geschlafen, so soll mirs lieb sein.
    Der schwarze Mann bewillkommte seinen Gast gar herzlich, und rückte ihm den
Lehnsessel zurechte. Sie nahmen stracks ihre Leibmaterie vor, schlichen aber
beide um den Punkt, der, ohne dass einer es von dem andern mutmasste, jedem
gleich nahe am Herzen lag, lange herum, wie die Katze um den heissen Brei. Der
changeante Mann wollte gern Schlossbuchdrucker werden, und der schwarze Mann
wollte ihn gern zum Schlossbuchdrucker haben. Keiner aber wagte sich mit der
Sprache heraus. Endlich gab doch ein Wort so lange das andre, dass der
Ludimagister seinem Freunde eröffnete, jedoch sub Rosa, es sei eigentlich des
gnädigen Herrn Absicht, eine eigne Schlossavise drucken zu lassen; er habe das
nur gestern um des Herrn Pfrieme willen nicht so gerade heraus sagen mögen, weil
der Mann so was Koboltmässiges im Gesicht habe, das kein Zutrauen erwecke.
    Werde gleich wieder bei Ihnen sein, sprach Peter Fix, lief fort, und kam in
kurzer Zeit wieder, zog ein Kästlein hervor, und kramte die Taschenbuchdruckerei
aus, erklärte anbei, es gienge ganz füglich an, mit derselben einstweilen, bis
eine ordentliche Presse zu Stande käme, die Zeitungen zu drucken. Wenn Sie nur
jemand hätten, sagte er, der mit das Dingschen umzugehen wüsste. - Und so gab
wiederum ein Wort das andre, bis endlich die Herren dahin einig wurden, -
obgleich nach einigen Einwendungen von Seiten des Herrn Fix, der sich nicht zu
wohlfeil geben wollte, sobald er sah, wie sehr dem Ludimagister die Sache
angelegen war - dass das changeante Genie den Gelehrten nach dem Schloss
begleiten sollte, um selbst mit Seiner Gnaden zu reden. Da sie beide gleich
eilfertig waren, beliebten sie den folgenden Morgen zu ihrer Abreise, und sie
würden den Augenblick gegangen sein, wenn Herr Fix nicht zuvor sein Haus hätte
bestellen müssen.
 
                              Vierzehntes Kapitel.
      Ein Kapitel, zu lesen, wenn die liebe Sonne in den Steinbock tritt.
Wir haben da einige sehr lange Kapitel gemacht, aber wir hatten auch von grossen
Genies zu reden, dergleichen man nicht alle Tage findet. Wer da glaubt, wir
hätten uns hierbei einige überflüssige Weitläuftigkeit zu Schulden gebracht, dem
mögten wir, ohne ihm übrigens zu widersprechen, im Vertrauen sagen, dass wir
dieser Leutlein schier noch fürder bedürfen könnten, wo nicht in diesem
Büchlein, doch in einem der nächsten, die wir ichtwa gebähren mögten, wenn der
Himmel unsre rechte Hand bewahret, und welches diesem hier, traun! das sein
soll, was der Speck dem Kohl ist. Wenn das denn geschehen sollte, wie es gar
leicht geschehen kann, so könnte uns wohl daran liegen, dass der geneigte Leser
im Stande sei, die drei Genies auf tausend Schrit und weiter hin zu kennen.
 
                              Fünfzehntes Kapitel.
  Der Ludimagister lässt Herrn Fix seinen Reverenz machen, und besitzt honette
                                   Ambition.
»Na, Schulmeister, wie stehts? Hat er so'n Dings aufgestaket?«
    Ich hoffe, mit hoher Permission! Eu'r Gnaden werden mit meinen gehorsamsten
Verrichtungen alleruntertänigst zufrieden sein.
    »Na, lass mal sehn was er verrichtet hat.«
    Der Schulmeister fieng nun seinen Rapport an dessen Inhalt meinen Lesern
bekannt ist, und dessen Styl sie sich leicht denken können, da sie aus Erfahrung
wissen, dass der schwarze Mann mit andern Leuten noch ganz schicklich reden
konnte, ein erkleckliches Teil Pedanterei und Prahlerei ausgenommen: dass er
aber schwindelnd wurde, und vor übertiefer Submission ein ganzer Narr war, so
bald er die hohe Gnade genoss mit seinem vornehmen Gönner zu reden. Den Herrn Fix
strich er unbändig heraus, und beschloss seinen Vortrag damit: er habe nicht
anders als durch die wiederholte Versicherung, dass so ein gnädiger Herr als der
Herr Siegfried von Lindenberg wären, gar nicht mehr auf der Welt sein könne, den
Mann dahin bewogen, Haus und Geschäffte zu verlassen, um in Absicht der
künftigen Druckerei Seiner Gnaden Befehle zu vernehmen.
    »Kann man 'rein kommen; will ihm meine Befehle zu vernehmen geben. -
Krischan! - Ruft den Mann mal 'rein!«
    Herr Peter Fix trat gar behende herein, wie er denn in allen seinen
Bewegungen, gleich allen seinerlei Schlages Genien, sehr merkurialisch war, und
machte flugs in der Tür seinen grossen Scherwenzel fast züchtiglich. Tät darauf
mit sittiger Gebehrde drei grosse grosse Schritte vorwärts, und machte seinen
zweiten Scherwenzel schier tief. Dann trabte er die noch übrigen Schritte bis
dicht vor Seine Gnaden, und scherwenzelte zum dritten mal, schob auch seinen
linken Fuss, der an einem sehr langen Beine hangen tät, einer Ehlen weit hinten
aus. Seine Gnaden sassen in ihrem Polsterstuhle, und waren im Dolman, daran war
also nicht füglich ein Zipfel zu fassen Herr Fix neigte sich demnach bis zur
Erden, erwischte die Säbeltasche des Pommerschen Edelmannes, und verehrte sie
mit einem lauten Schmatze. Bei dieser tiefen Demut fiel ihm ein Vorderschopf
seines rund verschnittnen Hauptaars über das Antlitz herab, und wollte sich
beim Aufrichten durch kein Schütteln wieder in die gehörige Form bringen lassen.
Ein Strich mit der Hand vom Stirnbein längst der Sutura sagittalis gegen die
lamdoidea würde dem Unwesen endelich abgeholfen haben: da er aber gehöret, oder
im neuen Komplimentirbuch gelesen hatte, es wolle sich nicht ziemen Angesichts
grosser Herren zu räuspern, zu speien oder im Haupte zu schaben: so ertrug er
diese Beschwerde geduldiglich, stellte sich steif hin wie ein Laternenpfahl, und
liess das Haar seines Hauptes übers Gesicht herab hängen, wodurch er den Löwen
auf dem Eichelndaus gar wundersam ähnlich sah.
    Der Edelmann, der nicht wusste was der Mann mit seiner Säbeltasche im Schilde
führte, wunderte sich sehr, als er den Schmatz erschallen hörte. Seine Gnaden
schlugen das linke Bein über das rechte Knie, und lehnten sich gemächlich in den
linken Winkel Ihres Grossvaterstuhls, täten mit der rechten Hand die Pfeife aus
dem Munde, und gaben dem changeanten Genie folgendes zu vernehmen:
    »Hör er mal, mein guter Mann, lass er das 'n andermal man unterwegens. Bin
gar nicht für das Alfanzen, sieht er. Mag wohl haben dass einer hübsch ordentlich
ist; aber die Säbeltasche oder 'n Zippel vom Peltz zu küssen, versteht er, das
muss kein hübscher Mann tun. Mögt das von meinem Türk nicht leiden, so mögt ich.
Aber nicht eins ins ander zu reden, ist er der Mann der das Drucken versteht?«
    Ja Ihr Gnaden. Zu dienen.
    »Kann er denn auch wohl Avisen drucken?«
    O ja Ihr Gnaden.
    »Will mal 'ne Probe von sehen. Wenn mirs gefällt, soll er mein
Leibavisendrucker werden.«
    Ja Ihr Gnaden. Zu dienen.
    »Will ihm des Tags 'n Gulden geben, und da Dach und Fach zu, wenn er mir
ansteht. Essen soll er auch haben und Trinken. Ist er damit zufrieden?«
    O ja Ihr Gnaden.
    »Krischan! - - Mal einschenken für den Mann. - Trink er mal!«
    Erlauben mir gutes Wohlsein Ihr Gnaden!
    Der Junker nickte mit dem Kopfe.
    »Na, kann nu man gehen und machen sein Probestückschen.«
    Empfehle mich untertänigst Ihr hochadlichen Gnaden, und danke für guter
Aufnahme.
    Der Junker nickte mit dem Kopfe.
    Herr Peter Fix, der die Höflichkeit selbst war, machte einen Lorenz auf der
Stelle, tat dann rücklings drei grosse grosse Schritte, und fabricirte seinen
zweiten Bückling, ging darauf immer rücklings bis vollends an die Tür, wo er
seinen dritten Bückling wie beim Eintritt mit einem Scharrfuss von stattlicher
Länge begleitete, und rückwärts zur Tür hinaus schritt.
    »Bin froh, dass er mit Gott und Ehren 'naus ist. War immer bange als er sich
so wie 'n Krebs überrücks abführen tat, dass er auf seine drei Buchstaben fallen
würde - als er mal, Schulmeister; weiss er noch wohl?«
    Ach Eu'r Gnaden! manet alta mente repostum, sagt der grosse Poet Virginius.
Das soll mir mein Tage nicht aus dem Gedächtnisse kommen! Ich fiel aber auf die
Nase mit hoher Permission!
    »'S ist wahr, das tat er auch, und kehrt seine drei Buchstaben in die Höhe.
Na, kann nu man gehn und 'ne Avise machen.«
    Alleruntertänigster Knecht, Eu'r Gnaden.
    Der Ludimagister ging zwar, kehrte aber in der Tür wieder um, und näherte
sich dem Edelmanne mit vieler Cärimonie. »Will er noch was, Schulmeister? hä?
Man raus mit!«
    Mögte Eu'r Gnaden wohl untertänigst bitten - weils doch so hübsch klingt -
mir den Titel Ihres Lektoris ordinarii allergnädigst zu erteilen.
    »Kenne so'n Ding nicht, Schulmeister!«
    Das ist, will ich die Gnade haben untertänigst zu berichten, den Titel als
Eu'r Gnaden ordentlichen Vorleser.
    »Blix noch mal, das ist er ja schon.«
    Freilich wohl, Eu'r Gnaden, was das anlangt; aber ich habe doch den Titel
und Respekt nicht davon. Die Leute heissen mich alle schlechtweg Schulmeister,
oder wenn sie recht manierlich sein wollen, Herr Ludimagister; und das klingt
doch so - - gar nicht ein bisschen für einen Gelehrten.
    »Na, na, er ist hochmütig, seh ich wohl.«
    Halten zu Gnaden! es mir nicht um meinetwillen zu tun, sondern, weil es
doch besser meines demütigsten Dafürhaltens ins Ohr fällt: der Herr Lektor
ordinarius Seiner Hochwohlgebohrnen Gnaden, als - Halten untertänigst zu
Gnaden! - der Schulmeister der dem Junker vorliest.
    »Na, na, er kann man 'n Saplik aufsetzen, wo's drinn steht, dass er gern
Lektoris ordinari werden will, und das einreichen, so will ich schon drüber
risalviren.«
    Aber Eu'r Gnaden, ich wollte das gern in die erste Avise setzen, die ich
gleich schreiben will, halten zu Gnaden.
    »Na, will ihn hiermit zu meinem Lektoris ordinari in Gnaden ernannt haben.
Er kann aber man tun, als wenn das nicht wäre, und reich er doch so 'n Mamorial
ein, dass ich drüber risalviren kann, wie's Kustühm ist. Will ihm dann 's Sekret
schon drüber ausfertigen lassen.«
    Danke Eu'r Hochwohlgebohrnen Gnaden in tiefster Submission für Dero hohe
Gnade, und werde stets geflissen sein, es untertänigst wieder zu verschulden.
    »Alle gut. Mach er nu man, dass die Avise fertig wird.«
 
                              Sechzehntes Kapitel.
                       Des Herrn Lektoris ältestes Kind.
Am folgenden Morgen trat der Ludimagister mit der erstgebohrnen Frucht seines
Geistes in der Hand vor den Lehnstuhl Seiner Gnaden. Er und Herr Fix hatten
sichs gestern den ausgeschlagnen Tag blutsauer werden lassen, das Zeitungsblatt
zu setzen, und ohngeachtet sie die ganze Nacht zu Hülfe genommen, waren sie doch
beim Aufstehn des gnädigen Herrn kaum fertig geworden. Vor der Hand war noch
kein Wapen drüber, die beiden Herren hatten aber schon Abrede genommen, den
gnädigen Herrn ehesten Tages mit einem schönen Schnitte von der Hand des
changeanten, und der Erfindung des schwarzen Genie's angenehm zu überraschen.
Bis dahin ward beliebet, die Stelle des Bildes jedesmal mit einem lateinischen
Motto auszufüllen.
    Nach erhaltener hoher Erlaubnis las der Ludimagister, wie folgt.
                     Mit gnädigster Hochadlichen Permission.
         Lindenbergische politische und literarische Novitätenstafette.
                                 Erste Nummer.
               Accipite ergo animis, atque haec mea figite dicta.
»Schloss Lindenberg vom 19. Julius. Seine Hochwohlgebohrne Gnaden, unser
allerteuerster Herr kamen diesen Morgen um 11 Uhr von Hochdero gewöhnlichem
Spatzierritte in hohem Wohlsein zurück. Hochdero haben den Engländer Hans
geritten, und in Gnaden zu befehlen geruhet, dass morgen früh der neue
Isabellfarbne Hengst um 8 Uhr in Bereitschaft gehalten werde. Seine
Hochwohlgebohrne Gnaden haben der gestern gekauften lichtbraunen Stute den Namen
Lise in Gnaden beigeleget.«
    »Heute Nachmittag erlustigten Hochdero sich mit der Jagd, und schossen ein
Eichhörnchen und drei Goldammern.«
    »Diesen Abend um 7 Uhr 91/2 Minute trafen Seine Hochgelahrten, der Herr
Ludimagister Bartolomäus Schwalbe, nach einer neuntägigen Abwesenheit in
Begleitung eines fremden Herrn von grossen Gaben, auf dem Schloss allhier bei
erwünschtem Wohlsein ein. Sie empfiengen die Bewillkommungskomplimente von
Seiner Rechtserfahrnen dem Herrn Justitiarius und dessen Frau Gemalinn, dem
Herrn geheimen Sekretär, dem Herrn Verwalter, wie auch von den übrigen höchsten
und hohen zur Regierung, Finanz- und Oekonomiewesen, verordneten Beatmen, auch
vornehmsten Hof- Jagd- und Forstbedienten. Hierauf setzten Sie nach einem
Aufentalt von 18 Minuten 57 Sekunden Ihren Weg weiter fort bis zu Dero eignen
Behausung im hohen Winkel.«
    »Ueber den unbekannten Herrn verbreiteten sich bei Hofe verschiedene
Gerüchte. Man erfuhr aber noch selbigen Abend mit Gewissheit, dass es der berühmte
Herr Peter Fix sei, welcher von Seiner Hochwohlgebohrnen Gnaden in geheimen
Geschäfften gebraucht werden dürfte.«
    »Schloss Lindenberg vom 20 Julius. Heute früh um 7 Uhr 4 Minuten hatten Seine
Hochgelahrten, der Herr Ludimagister Bartolomäus Schwalbe eine geheime Audienz
bei Seiner Hochwohlgebohrnen Gnaden unserm allerteuerstem Herrn, worinn
dieselben von dem Success Ihrer Reise submissesten Bericht abzustatten die hohe
Ehre hatten, und nachher Hochdero den berühmten Herrn Peter Fix vorstellten.
Seine Gnaden empfiengen diesen weltberühmten Künstler mit vorzüglichen
Merkmaalen Ihres hohen Wohlwollens, unterredeten sich mit demselben über
verschiedene Kunstsachen, und geruheten ihm im Schloss das Quartier anweisen zu
lassen.«
    »Seine Gnaden haben gnädigst geruhet den Ludimagister, Herrn Bartolomäus
Schwalbe, wegen desselben grosser Gelehrsamkeit und Verdienste, und zum
vorläufigen Beweis Ihrer hohen Zufriedenheit mit dem Erfolg seiner Reise, aus
hocheigenem Triebe auf dessen untertänigstes Ansuchen zu der Würde Hochdero
Lektoris ordinarii in Gnaden zu erheben, nebst einer Zulage von zweihundert
Reichstalern zu dessen jährlichem Gehalte, worüber ihm morgen das Patent ...«
    Halt! - Alle Blix, halt da! Das ist mein Seel! erstunken und erlogen. Links
um, Schulmeister! - Alle Hagel noch mal, das kann da nicht in stehen.
    Allerdings, Eu'r Gnaden! Mit hoher Permission, hier steht es.
    »'S ist doch aber 'ne verdammte Lüge, hä? Wie kanns denn da in stehn?«
    Es kömmt nur auf ein Wort von Eu'r Hochwohlgebohrnen Gnaden an, so ists
wahr.
    »Wie? Was? ich soll ihm zu gefallen lügen? Pack ein! Pack ein! Links um, sag
ich, Schulmeister. Weiss er was Schulmeister? Er ist 'n Flegel, Herr Lektoris
ordinari, da will ich ihm 's Portent über geben lassen.«
    Halten untertänigst zu Gnaden! Hochdero kapiren Ihren demütigsten Diener
nicht! Ich meine nicht, dass Eu'r Gnaden mir zu Willen lügen sollen; da bewahre
mich Gott vor! Ich meine nur, Eu'r Gnaden könnten das mit ins Patent setzen
lassen, so wäre es wahr.
    »Nee, kuckst mir da heraus? Sieh doch, ins Portent setzen lassen! Das setzt
sich auch man so! Ich will den Lektoris ordinari ins Hundeloch setzen lassen,
das geht eher an, so will ich.«
    Dero werden ja nicht! Halten zu hohen Gnaden! Es kann ja in der nächsten
Avise widerrufen werden.
    »Widerrufen! ist Er 'n Narr, Herr Ordinari? Weiss, dass ich das verfluchte
Wiederrufen an den andern Avisen nicht leiden kann; hab mich da oft über monkirt
dass sie heute schwarz sagen und morgen weiss, und ich soll den Spitakel an meinen
eignen Avisen erleben? Eben drum lass ich ja selbst Avisen machen dass da nichts
für gewiss 'nein soll, das nicht so gewiss ist, als 's Amen in der Kirche. Nee,
ehr ich das leide, lieber will ich 'm die zweihundert Taler zulegen; aber für
das Stückschen soll er mir ins Loch tanzen, so soll er!«
    Danke Eu'r Gnaden zwar in tiefster Untertänigkeit für die Zulage. Gebe aber
anbei allergnädigst zu bedenken, wer Dero vorlesen soll, und die
Novitätenstafette schreiben wird, wenn ich im Hundeloche sitze?
    »Er ist 'n Flegel, das ist Er. Halt Er's Maul, und les er seinen Salm man
weiter.«
    Der Schulmeister las fort:
    »- jährlichem Gehalte, worüber ihm morgen das Patent von dem Herrn geheimen
Secretär ausgefertiget werden wird.«
    »Seine Rechtserfahrnen der Herr Justitiarius laboriren am Schnupfen; die
Aerzte glauben aber, dass keine Gefahr zu besorgen sei, und schreiben diese
Unpässlichkeit der Folge einer äusserlichen Erkältung auf eine innerliche
Erhitzung zu. Dessen Frau Gemalinn haben neuerlich wieder einige heftige Zufälle
gehabt, und werden sich daher auf Anraten der Kuhhirtinn des neuntägigen kalten
Bades in fliessendem Wasser bedienen. Der Herr Justitiarius haben auf diesem
Vorfall eine lesenswürdige Ode gemacht.«
    »So eben vernimmt man, dass Türk, Wachtel und Greif von Seiner Gnaden mit
neuen blausammtnen, reich mit Silber gestickten Galahalsbänder beschenkt sind.
Man trägt sich zwar mit dem Gerüchte, dass dergleichen auch für Sultan, Waldmann
und Prinz in der Bestellung wären: aber eine so wichtige Nachricht braucht
allerdings noch Bestättigung.«
    »Schloss Lindenberg, vom 20sten Julius. Die Frau Lektorinn Brigitta Schwalbe
haben sich an der linken Seite der unteren Kinnlade einen Backenzahn ausziehen
lassen, und nahmen auf Anraten des Wundarztes alle fünf Minuten Weinessig in den
Mund.«
    Nun folgten Nachrichten von Schweinen, so die Bräune, und von Kühen, die den
Steertwurm oder auch das rote Wasser bekommen, von Hünern, welche Windeier
gelegt, von Jürgen Voglers Eimer, der in den Brunnen gefallen, aber doch noch
gerettet worden, und von andern solchen wichtigen und merkwürdigen
Dorfneuigkeiten mehr, die sich im hohen Winkel, auf Fahlenort und andern Winkeln
und Orten des Dorfes Lindenberg zugetragen hatten. Eine Nachricht, dass der
Schlossnachtwächter um der kühlen Nachtlust zu begegnen und sich vor Flüssen, zu
bewahren, die Ohren mit Baumwolle verstopfet habe, dadurch aber manchmal in der
Verlegenheit sei, dass er die Klocke nicht hören könne, beschloss für diesesmal
die politischen Neuigkeiten.
    Der gelehrte Artikel - denn die Lindenbergische Novitätenstafette hatte auch
ihren gelehrten Artikel hinten auf gebunden - war ein hübscher Beweis, dass man
ohne eine Spur von gesunder Kritik, und mit der gröbsten Unwissenheit, doch
kleine Dingerchen elaboriren könne, die bei Unschuldigen und Arglosen gar leicht
für Recensionen angebracht sind, und sich immer noch lesen lassen. Zwar haben
die neueren Jahrgänge einer in saurem jungen Rheinwein und reichlichem Wasser
aus dem Maynstrom, mit vielem Laserpitium gekochten gelehrten Anzeige auch
solcherlei Dingerchen mit unter aufzuweisen, die lesen sich aber nicht gut und
sind voll übelriechenden verleumderischen Unrats; auch kuckt die heillose
Unwissenheit aus jeder Zeile hervor. Eben das gilt von dem Konsorten dieser
Anzeigen, dem vierleibigten, und an allen Gliedmassen presshaften Professorkinde,
welches sein Papa in Unehren mit der Göttinn Kloacina, die er für eine Muse
hält, alljährlich zu erzeugen pflegt. (Ich weiss nicht mehr, wo ich es gelesen
habe, aber mich däucht, es stand in einem Journale, dass der Herr Professor, der
sein Unwesen so gern im Finstern treibt, auch wenigstens an den langen Ohren der
dickgedachten Anzeige nicht unschuldig sein soll. Und das ist sehr glaublich.)
Diese beiden, so Gott will kritischen, Werke beweisen weiter nichts, als dass
unwissende Büblein sich oftmals erfrechen, den Schulmeister und Brillenschleifer
des Publikums machen zu wollen. Wir wollen aber ganz was anders beweisen,
nämlich, dass ein unwissender Bube mit zehn bis zwölf Recensentenblümlein
ausstafiret, nicht nur Recensionen machen, sondern sich wohl gar einen Anstrich
von Gründlichkeit und Einsicht geben, auch ganz erträglich zu lesen sein könne,
woferne nur die Unwissenheit nicht mit natürlicher Unfähigkeit verbunden ist.
Folglich ist unsere Arbeit nicht überflüssig und unnötig, wenn wir eine von des
Ludimagisters Recensionen hierher schreiben, die, als sein erstes Probestück, an
Persiflage und hämischen Kalenderlob der schlechtesten unter allen andern, die
er nachher schrieb, nicht das Wasser reicht. Und dass der Ludimagister ein sehr
unwissender Bube war, das beweisen wir damit, dass seine Humaniora sich auf das
einschränkten, was er aus der kleinen Märkischen Grammatik, dem Cellarius,
Gottscheds deutscher Sprachlehre, Werteims Briefsteller und Kirschs Kornukopiä
gelernet hatte, denn andre Bücher (den gehörnten Siegfried etc. bringe ich nicht
in Anschlag) hatte er nie weder gelesen, noch besessen. Hierzu kamen einige
hundert Sentenzen, die ihm weiland sein Präceptor aus einem Florilegio dictiret
hatte, und die obgedachten Blätter aus dem Smetius, samt etlichen andern
Makulaturblättern, worunter wohl zwanzig aus des beliebten und belobten Schmid's
Teorie der Poesie waren, samt dessen ganzer sehr merkwürdiger
Inauguraldisputation, die er aus den zerstörenden Händen eines Käsekrämers
rettete. Vermutlich wird er auch selbst nicht ermangeln, seine tiefe Ignoranz,
die er in den Recensionen selbst, nicht so wie sein Kollege, der Anzeiger,
hervor kucken lässt, sonst irgendwo an den Tag zu legen.
    Dass er von dem Korrespondenten, der neuen und Wandsbecker Zeitung u.s.w.
nichts gelernet hatte, das wird jedermann sehen, der Recension und Kritik von
Persiflage, und eine aufrichtige, unparteiische Anzeige von schaalem Geschwätz
und unwissendem Kritikakel unterscheiden kann. Dafür bin ich aber nicht Bürge,
dass er nicht aus den Recensionen dieser Zeitungen (denn andre waren ihm nie zu
Gesicht gekommen) die Form, und ein und andres Kunstwort geborget haben möchte:
ich wüsste sonst nicht, wie er dazu gekommen wäre. Aber genug hiervon. Wir wollen
ihn einmal kritikakeln hören.
    Wie Herr Bartel Schwalbe mit den politischen Neuigkeiten, die der Edelmann
mit vielem Vergnügen (die Pensionsgeschichte ausgenommen) gehöret hatte, zu Ende
war, fuhr er fort, und las:
                               »Gelehrte Sachen.
                    An die Najade des Rosenbaches. Eine Ode.
               Phoebe faue! ingreditur nouus tua templa sacerdos.
    Dieses ist die in mancherlei Betracht lesenswürdige Ode des Herrn
Justitiarius, deren wir oben gedacht haben. Das Motto zeuget von der
Bescheidenheit des Herrn Verfassers, der in alle Wege kein nouus sacerdos ist.
Vielleicht aber will ers beim Phöbus wieder gut machen, dass er in Absicht der
Heilkunst das Wassermädchen über ihn hinauf setzt- und alsdann hätte der
Recensent wider diese captatio beneuolentiae, nichts einzuwenden.
    Es ist diese Ode ein Gewebe der feinsten venusinischen Schönheiten, lauter
Anmut und Grazie. Leichte fliessende Verse, hübsche runde Perioden, sonore
Wörter, und die schöne Unordnung der Ode, alles ist hier im reichhaltigsten
Maasse. Und wenn wir da und dort einen platten Ausdruck, manchmal einen
schleppenden Vers, hin und wieder einen Lückenbüsser, hier und da eine Stelle,
die der liebe Reim erschuf - o! wenn werden doch unsere Dichter sich von den
Fesseln des Reimes losmachen! - wenn wir dergleichen Kleinigkeiten abrechnen, so
hält sie den schönsten Liedern des Flakkus gut und gern die Wage. Besser als
hier kann das ubi plura nitent nicht angebracht werden, und wir möchten den
zärtlichen Dichter, der so liebliche Lieder für seine Hausehre singt, in vorigen
Zeiten für sein Mädchen haben singen hören. Er bittet in den ersten Strophen die
Najade, seine Gattinn wieder zur vorigen Gesundheit zu verhelfen, seine kranke
Gattinn, die sich des Bades in ihrer Quelle bedienen will - ein Mittel, das wir,
im Vorbeigehen gesagt, nicht angeraten haben würden. Er verspricht - Aber wir
wollen ihn selbst hören, um zugleich ein Beispiel seiner Versifikation zu geben.
So hebt er an:
Wohltätige Najade dieser Quelle,
Die hier im Rosenschatten fliesst!
Dich grüss ich und das Tal wo Deine Silberwelle
Sanftmurmelnd sich ergiesst!
Sei Chloens Arzt und Retter, o Najade!
Sei ihr Hygea! - Schenkst Du mir
Die Gattinn, (Deine Flut wählt Chloe sich zum Bade,)
Dann, Nymphe, dank ich Dir
Mit Hekatomben! - Jubelhymnen, Lieder,
So warm sie je ein Dichter sang,
Sing ich Dir, Göttliche, und Echo singt sie wieder;
Und Chloe bringt Dir Dank!
    Was sagen unsre Leser zu dem Rosenschatten, der Hygea, dem Bade, den
Jubelhymnen, den Schönheiten jeder Zeile? Und wir versichern, dass das Ganze um
Nichts schlechter sei, als dieser Anfang, mit dessen letzten beiden Gesetzen
freilich ein nouus sacerdos noch klebend an die verba magistri, voll ängstlicher
Genauigkeit, kalter Logik, und sklavischer Observanz der Regel das Ganze
beschlossen haben würde: aber eben dieses zeuget vom Genie das sich den Fesseln
entwindet, und von der männlichen Kühnheit unsers Dichters, dessen Jubelhymnen
zu verdienen, wir, wenn wir an der Najade Stelle wären, nicht nur Chloens
Gesundheit herstellen, sondern gerne noch ein Uebriges tun würden. In der
vierten und den folgenden Strophen überlässt der Hr. V. sich ganz der trunkenen
Schwärmerei einer so glühenden Phantasei, als man bei einem Manne, der sein
Fleisch mit dem Kodex und Pandekten gekreuziget hat, und der sich mit dem
beschwerlichen Geräte der Gerechtigkeit, dem Schwerdte und der Wage schleppen
muss, schwerlich suchen sollte. Er malt mit dem wärmsten Pinsel, in die feinsten
Farben getaucht. Wäre hier nicht ein lebendiges Beispiel, das dem Recensenten
das Obstat hielte, so wäre er geneigt, zu behaupten, es sei nicht ganz in der
Natur, wenn ein Mann, der schon schon über die zwölf Flittermonate verheiratet
ist, sich noch so sehnlich, so schmelzend an die Stelle der Silberwellen
wünscht, wenn sie vom leichten West gekräuselt um seine Gattinn gaukeln, und
Jetzt ihren stolzen Marmorbusen kühlen,
Den Cypris und die Grazien
So schön gebaut, jetzt um die runden Hüften wühlen.
So missgünstig, wir gestehen es, könnten wir nicht sein. Aber wie gesagt, der
Herr Justitiarius hat eine feine warme Phantasei, die sich in diesem Tone durch
zwei und zwanzig schöne Strophen zu erhalten weiss. Das kühlen des Marmorbusens
will uns nicht recht behagen. Wir dächten, Marmor wäre von Natur mehr kalt als
kühl. Wir hätten lieber spielen gesetzt, und das kühlen für die Gegend der
Hüften verspart, wo das wühlen manchem Schwachen, der nicht weiss, was
Dichtersprache und Dichterische Schönheit für Dinger sind, anstössig sein dürfte.
Da der Dichter noch unbeerbt ist, so schliesst er sein reizendes Lied mit dem
Wunsche, dass die keusche Nymphe (wir hoffen: unbeschadet ihrer Keuschheit,) auch
diesem Umstande abzuhelfen vermögte, so gut als jener Bach aus dem Altertume,
dessen Namen er nicht zu wissen scheint, womit wir ihm aber auf Verlangen gar
gerne andienen wollen. Das Einzige was wir noch tadeln mögten, sind die
Hekatomben. Wenns noch Eine Hekatombe wäre! Wiewohl auch das wäre für einen
Dichter, der selbst keine Heerden hat, schon zu viel. Vollends Hekatomben in der
mehreren Zahl! Wo will er die bei jetzigen schweren Zeiten hernehmen? - es
müssten denn gute Namen sein. Die sind freilich leicht geschlachtet, aber
unstreitig für ein so artiges Göttermädchen, als die Najas unsers lieblichen
Rosenbachs unstreitig sein muss, wohl kein liebliches Dankopfer. Wir empfehlen
unserm Verfasser Lektüre und Uebung. Wenn er dann künftig ein klein wenig
nüchterner ans Werk geht, so darf er kecklich unter die besten Dichter unsers
Vaterlandes treten.«
    Das war die erste Eingebung, die der Herr Bartel Schwalbe von der Tochter
der Pansophei1 empfieng. Durch welche Öffnung aber, und in welchem Vehikulo,
überhaupt auf welche Art sie in seinen Körper gekommen war, das wird sie, die
Göttinn Kritika, am besten wissen.
                                    Fussnoten
1 S. Ramler's Oden. Wissentlich mag ich keinem Menschen eine Sylbe stehlen.
 
                              Siebzehntes Kapitel.
                    Der Heer Autor spricht von sich selbst.
Ich habe zwei Freunde ...
    »Zwei? Herr Autor, Sie sind ein Prahler!«
    Leser, das bin ich nicht. Was könnt es mir, im Fall ich prahlen wollte, auch
wohl helfen, mich einer Glückseligkeit zu rühmen, die so wenig Menschen zu
schätzen wissen? Dann hätt ich lieber gesagt: ich habe zwei Tonnen Goldes; und
du hättest mir das eben so wohl glauben müssen, da du mich nicht kennst, auch,
wenn Gott Harpokrates kein Schelm ist, nie kennen lernen wirst, und man zudem so
viel Freimut bei mir finden kann, als wenn ich zweihundert Tonnen Goldes hätte.
Um dir auch zu zeigen, dass ich kein Prahler sei, will ich dirs wohl vertrauen,
dass ich weder Vermögen noch Ansehen habe. Aber vergiss nicht, lieber Leser, dass
ich dir dieses bloss im Vertrauen sage; du musst es beileibe nicht unter die Leute
bringen. Man hat so seine Konnexionen mit Fleischern, Weinhändlern und Beckern,
und die müssen dergleichen nicht erfahren. Was den Schneider betrifft, der mags
immer erfahren, denn dieses Kleid, das ich anhabe, kann für einen Autorrock noch
immer seine vier oder fünf Jahre aushalten. Es ist auf beiden Ellenbogen noch
ganz, und hat überall ausser der Farbe, die, wie du weisst, zur Haltbarkeit des
Tuches nichts beiträgt, eben nicht viel verloren. Und da hängt auch noch auf
den äussersten Notfall mein Bratenrock von seinem Couleur de puce, welches aber
kein guter Autorornat ist. So wenig Verdienste ich habe, mag ich mich doch
lieber mit ihnen behelfen, weils meine eignen sind, als dass ich mit fremden
Verdiensten prunken sollte, die ich alle Abend ausziehen müsste. Es ist so schön,
wenn ein Mann darin seiner Sache gewiss ist, dass, wer den Hut vor ihm abzieht,
bloss seine Person grüsse. Siehst du, trauter, lieber Leser! zum Prahlen halt ich
mich zu gut.
    Ich habe zween Freunde; und weil ich die habe, kann ich mich durchaus nicht
entschliessen, diese Erde für einen so schäbigen, klatrigten, garstigen
Lumpenplaneten zu halten, als manche Leute draus machen wollen. Nein, das könnte
ich nicht, wenn ich auch lebenslang in einem Kerker wohnen müsste, und dort
zwiefach vom Hypochonder und zwiefach von Schwindsucht geplagt würde. Ich würde
mich meiner Freunde freuen, und, wenn sie mich besuchen dürften, sie auf mein
gutes Brodt und reines Wasser zu Gaste bitte - (denn so hart wird keine Majestät
unter der Sonne die die grosse ewige Majestät scheinen lässt, sein, dass sie einen
armen unschuldigen Gefangnen schlechtes schimmlichtes Brodt und trübes
Pfützenwasser geben lassen sollte,) und meine Freunde würden, bei allen ihren
Glücksgütern den armseligen Bissen und den irdnen Krug ihres Freundes nicht
verschmähen, und sich seiner im Kerker nicht schämen. Und dürften sie mich nicht
besuchen, so würd' ich doch des Gedankens mich freuen, zween Freunde ausser
meinem Kerker zu haben. Nun weiss jedermann, dass eine Erde auf welcher ein armer
Gefangner sich freuen kann, unmöglich ein Bettel von Planeten ist.
    Ich bin, was das anlangt, so gut als irgend jemand ein Autor, dass ich meine
Kinder für wohl so hübsche Jungen halte, als andrer Leute Knaben, ob ich gleich
gern der erste bin zu gestehen, dass sie hier und da eine unvergängliche
Pockennarbe verunzieret, und dass sie manches Muttermaal mit auf die Welt
gebracht habe, - und ich glaube, es ist eine grosse Narrheit, dergleichen Fehler
mit Schönpflästerchen belegen zu wollen. - Aber das bei Seite gesetzt. So gern
ich also die Kindlein leiden mag, so pflege ich mich doch vor der unartigen
Schwachheit, sie in allen Gesellschaften zu produciren sorgfältig genug in Acht
zu nehmen. Wenn ich aber eben dabei bin, einen neuen Jungen zur Welt zu bringen,
und es kömmt gerade einer von meinen beiden Freunden in meine Manufaktur, so
pflege ich ihm ein Ohr oder eine Fusszehe davon zu zeigen, und damit lass ichs gut
sein. Sonderlich gilt dieses von dem Freunde, dem sein Stand an jedem Tage der
Woche ein farbiges Kleid erlaubt; denn der andre kann mich nicht oft noch lange
besuchen. Vorigen Sonntag aber macht ichs hässlich. Der eine von meinen Freunden,
den ich wegen der stillen Grösse, dem Hauptzuge seines Charakters ehre, so wie
ich an beiden das edle, gute, warme Herz, die unbescholtnen Sitten, die
Festigkeit des Charakters, die feine Denkart, den muntern Witz, die lächelnde
Laune, das glückliche Talent dem unbedeutendsten Histörchen Leben und Anmut
geben zu können, nebst hundert andern schönen Seiten des Herzens und der Seele
schätze und liebe: - der eine, sag ich, besuchte mich, und traf mich gerade als
ich mit Herrn Bartolomäus Schwalbe auf Reisen war. Er nahm etliche meiner
Hefte, und kuckte hinein. Und siehe da! der Herr Autor war so höflich, und legte
ihm alle die übrigen in gehörige Ordnung. Ehrenhalben konnt er nun nicht anders
als alle durchsehen; und so war der herrliche Nachmittag verdorben. Wie er
weggegangen war, besuchte mich mein andrer Freund. Da macht ichs noch ärger: dem
las ich gar ein ganzes Heft vor, ob ich gleich vermuten konnte, dass er keine
Stunde bei mir bleiben würde. Meine Freunde rächten sich dadurch, dass sie nichts
zu tadeln fanden, so sehr ich auch bat, als dass der eine statt eines Komma,
irgendwo ein Semikolon haben wollte, und der andre ein aus Versehen zweimal
geschriebnes Wort bemerkte. Und ich strafe mich, indem ich meine Torheit
hiermit, jedem Autor zum warnenden Exempel, öffentlich zur Schau stelle, und dem
Herrn Lektor freigebe, mir eine Lobrede zu schreiben.
 
                              Achtzehntes Kapitel.
               Herr Bartel Schwalbe zeigt sich in seiner Grösse.
Der Pommersche Edelmann hatte kein Bündnis mit dem Teufel.
    »In aller Welt, mein Herr, was liegt uns dran, das zu wissen?«
    Mehr als Sie glauben, Madam. Denn hätte er ein Paktum mit dem - Gott segne
alles was hier ist! gehabt, so wäre es praktisch erwiesen, dass man ein Paktum
mit dem Bösen machen könne, welches viel arge gottlose Leute heut zu Tage
bezweifeln wollen; wiewohl der Jäger mit dem Stelzfusse das vielfältig hören
musste, sein Vater seliger habe ein Bündnis mit dem Schubbejack gehabt. Zweitens:
in diesem Falle hätte der Edelmann alle Sprachen reden können, und er konnte
nichts, als sein eignes Deutsch.
    Aus diesem zweiten Punkte fliesst ganz natürlich, dass der Junker manchen
Ausdruck in der berühmten Recension nicht verstand, sondern sich oft vom
schwarzen Bartel (so pflegten die Bauern den Schulmeister zu nennen) eine
Erläuterung ausbitten musste. Und die pflegte denn dieser Mann, von dem wir, wie
uns dunkel im Gedächtnisse schwebt, schon gesagt haben, dass er auf jede Frage
eine Antwort wusste, ihm niemals schuldig zu bleiben. Wir halten die Recension
für ein sehr köstliches Stück, darum wollten wir es durch des Junkers Fragen und
des Lektors Antworten nicht unterbrechen, und finden es für den Leser bequemer,
den Kommentar hier besonders zu liefern. Gleich bei den ersten Worten, An die
Najade, unterbrach er den Herrn Lektor:
    »Najade? Kenne das Ding nicht, Herr Ordinari!«
    Najaden, will ich die Ehre haben Hochdero zu berichten, sind Mädchen die im
Wasser leben, wie die blinden Heiden glauben. Das Wort kömmt her von natare,
welches so viel heisst als schwimmen.
    »Weiss wohl, Schulmeister - Lektoris wollt ich sagen. Aber versaufen die
Mädchen denn nicht, hä?«
    Behüte! Eu'r Gnaden. Eine Najade kann nicht ertrinken, denn sie ist eine
Göttin - wiewohl nicht so eigentlich eine Göttin, aber doch so ein Stück von
einer Göttinn, und die Heiden beten sie an.
    »Alle Hagel, Lektoris! ist der Justitscharius 'n Heide? Will den Kerl
stantepe aus dem Schloss karbatschen lassen!«
    Halten zu Gnaden, distinguendum est: als Justitiarius muss er ein guter
Christ sein, das dank ihm der Kukuk; aber als Poet, da ist er ein Heide. Das
schadet nicht. Der liebe Gott weiss wohl, wie das zu verstehen ist. Wir Poeten
haben alle das Recht Heiden zu sein.
    »Na, na, das ist was anders. Les' er man weiter.«
    - des Rosenbaches. Eine Ode.
    »Halt mal! Kann mich wahrhaftig nicht gleich besinnen, was 'ne Ode für'n
Ding ist.«
    Eine Ode ist - so ein tolles Gedicht das sich reimt, und auch manchmal wohl
nicht reimt, und wo kein rechter Menschenverstand in ist, und das den Schwanz
hat wo es den Kopf haben sollte.
    »Versteh all; 's ist so'n unklug Zeug, als ihr Gelehrten immer kakelt. Man
weiter, Lektoris!«
    Mit Erlaubnis unsrer Leser wollen wir uns dispensiren, die Zwischenreden des
Edelmannes herzusetzen, wenn sie nichts Merkwürdiges entalten. Man kennt schon
längst seine Art Erläuterungen zu fodern und anzunehmen.
    Motto sagte Herr Schwalbe, ist so ein Sprüchelchen, das wir Gelehrte gern
vorn hin setzen. Es ist so wie das Gold auf einer Weste. - Den Phöbus erklärte
er ganz leidlich. Aber über die Venusinischen Schönheiten beliebte ihm,
folgendes zu sagen.
    Venusinisch, will ich die Gnade haben zu berichten, kömmt her von Venus. Und
Venus war bei den blinden Heiden die Göttin der Liebe, eine abscheulich schöne
Göttin, von der die Poeten ....
    »Halt! versteh all. 'S ist 'ne Venusschwester pflegte Mama seliger zu sagen,
wenn sie von der liederlichen Dorte sprach. Venusinische Schönheiten, ich weiss
all, das sind Bordellmenscher, als mein Hofmeister, Gott hab'n selig! sagte.
Nicht wahr, Lektoris?«
    Halten zu Gnaden, es könnte wohl so viel heissen. Aber hier, mit hoher
Permission, will ich so viel damit sagen als: Gedanken oder Worte, die so schön
als Venus sind.
    »Na, auch gut. Er muss am besten wissen, was er mit sagen will. Man weiter.«
    Sonore Wörter sind solche, die recht hintennach schnarren.
    »Wie 'ne Bockpfeife. Versteh all.«
    Flakkus war des Kaiser Nero Hofpoet. Er hiess aber eigentlich nicht Flakkus,
sondern - ich weiss nicht gleich - ich denke Rasmus oder Radius. Ja, recht, nun
besinne ich mich; Rasmus hiess er. Flakkus war nur so ein Ekelname den ihm die
Pagen am Hofe gaben, weil er eine grosse Flachsperüke trug.
    »Was? Hält sich der Kaiser Nero 'nen Hofpoeten? Der Blix! ich bin so gut 'n
Edelmann als er. Will mir auch 'n Hofpoeten zulegen, der mein Leibpoet sein
soll. - Man weiter, Lektoris!«
    Strophen. Das sind Reimgesetzlein. Wenn man eine Ode macht, so lässt man alle
vier oder sechs Zeilen einen Fingerbreit Platz. Es ist - - Geruhen Eu'r Gnaden
sich vorzustellen, dass das so in Bündelchen geteilt wäre. So ein Bündelchen ist
eine Strophe.
    Jubelhymnen. Das ist der blinden Heiden ihr Te Deum.
    Hekatomben. Da will ich wohl tausend herkommen lassen, die Eu'r Gnaden das
Wort wohl unerklärt lassen sollen. Hekatomben, will ich die Gnade haben zu
demonstriren, ist ein Hebräisch Wort aus dem alten Testamente, wo die Juden noch
opferten, und ist zusammen gesetzt Hekatom, das heisst so viel als hundert
Tiere, denn Tom heisst ein Tier; und aus Be, welches so viel als ein
Schlachtopfer bedeutet. Und also heisst Hekatombe ein Schlachtopfer von hundert
Ochsen. Doch können es auch Schaafe sein. Daher nennen die Juden des Teufels
seine Haushälterinn oder Köchinn, ich weiss nicht was sie eigentlich draus
machen, Hekate, weil sie ihm zu jeder Mahlzeit hundert arme Seelen braten muss.
    »Gott bewahre!« sagte der Edelmann.
    Haben meine Leser an diesen Proben des Unsinnes, der Unverschämteit, und
der unbeschreiblichen Unwissenheit des Lindenbergschen Kritikasters genug? - Und
müssen sie nicht gestehen, es mangle dem Ludimagister nur bloss an Dummheit,
natürlicher Unfähigkeit, und einem Paar grosser Ohren, sonst habe er alle
Erfodernisse, jährlich ein Opus quadripartitum zu erzeugen das keinem
Professorkinde obgedachten Schlages nachstehen dürfe?
    »Nee! rief der Edelmann als Herr Schwalbe mit seinem Kritikakel fertig war,
hat der Justitscharius wirklich all die hubschen Reimels auf meinen Rosenbach
gemacht? - Krischan! - Den Justitscharius!«
    Es trat, oder eigentlich: es hüpfte herein ein kleines, zierliches,
niedliches, süsses, bebiesamtes, beessenztes, gedrechseltes, und - wie der
Lektor versichert, - geschminktes, allerliebstes Männlein, in dessen sauberen
Korduanschuhen herrliche Steinschnallen funkelten. Der schönste seidne Strumpf
schmückte das wohlgemachteste Beinchen. Schwarze Atlassne Beinkleiderlein
schlugen die artigsten Falten. Ein Westchen von Drap d' Argent mit
geschmackvollen Blümchen, und ein dunkeldunkelpurpurfarbnes Röckchen bekleidete
das mignonnen Persönchen, und doppelte Spitzenmanschetten umcirkelten die weissen
Händchen. Ein Halstuch von weissem Taffet blähete sich unter dem Kinne in einer
pauschenden Schleife. Der künstliche Lockenbau des kastanienbraunen Haars, der
babylonische Turm des Krepps nach damaliger Mode, der bläuliche Puder a la
Fleur d' Orange, ein grosser grosser Scheffelsack von Haarbeutel durch den ein
breiter breiter Postillon d' Amour über die Schultern herüber in den Schlitz des
Jabot flatterte, der Syrup der über das ganze Püppchen ausgegossen war, samt dem
kleinen Hütchen von Karton mit schwarzem Taffet überzogen, und dem kleinen
Porcelanernen Degen - alles das kündigte eher einen Geweiheten der holden Dame
von Gnidus, als einen Priester der ernsten und ehrbaren Temis an. Das Männchen
tanzte, wenn er ging; lispelte, wenn er sprach; fragte, wenn er antworten
sollte; antwortete, wenn er nicht gefragt wurde; verkehrte gar lieblich die
Augen; hatte stets den Zahnstocher in der rechten Hand, und die Lorgnette in der
linken, und konnte sich sehr fertig auf dem Absatz umdrehen. Er hatte von seiner
kleinen Person, sehr niedliche Begriffe, und ein aus Spott und Mitleid
gemischtes Lächeln für alles andre; trank, als Dichter, gern starke
Begeisterung; sprach gemeiniglich Sentenzen und Sarkasmus, und war ein ganz
erträglicher Mensch, wenn er schlief. So sah die Gerechtigkeit auf Lindenberg
aus.
    »Hör er mal, Herr! mein Ordinari da hat in der neuen Avise ein paar Reimels
krimisiret, die er auf meinen Rosenbach gemacht haben soll. Hat er das Dingschen
bei sich?«
    Nein, gnädiger Herr. Man pflegt so was nicht bei sich zu tragen. Befehlen
Sie 's aber, so kann Christian sichs von meiner Frau geben lassen.
    »Nee, nee, lass er man sein. Bin just nicht so gleich drauf versteuret. Kann
's meinen Lektoris man mal geben. Aber Herr, was ich sagen wollt, nicht eins ins
ander zu reden, so mag ich das wohl leiden, dass er 'n feinen warmen Raptum hat,
wie die Avise sagt, ob 's mir wohl lieber wäre, wenn er sich um sein Knips juris
bekümmern täte: aber dass er seine Frau da vor allen Christenmenschen
splitterfaselnackend auszieht, und ihren Tritt und ihre Hüften und alles was sie
hat, herweiset, sieht er, das ist 'n Spitakel. Weil er aber doch 'n Karmina auf
meinen Rosenbach gemacht hat, so kann er sich dafür 'ne Gnade bei mir
ausbitten.«
    Die harten Sachen in dieser Anrede, so treuherzig der ehrliche Junker sie
auch vorbrachte, frappirten den Richter doch. Er sammelte einen Augenblick
Sinnen; drauf sprach er: Darf man sich die Avise wohl auf einen Augenblick,
ausbitten, von welcher Euer Gnaden sagten?
    »Oh ja! gern. Warum nicht? Lektoris, geb er doch mal die Avise.«
    Der Justitiarius lief das Blatt flüchtig durch, und als er sich von dem
guten Willen des Herrn Lektors sattsam überzeugt hatte, entlud er sich seiner
Galle folgendergestalt:
    In der Tat, gnädiger Herr, ihr Lektor ist das erste Recensentengenie unter
dem Monde. - Für mich wüsst ich nichts zu bitten; aber erlauben Sie mir, mich für
den Schulmeister zu verwenden. Ich ersuche Sie, den ehrlichen Mann für sein
Meisterstuck zwo Stunden ans Halseisen stellen zu lassen.
    »Wie? - Was? Herr, ist er gescheut? Nee! da wird nichts aus. Was hat der
Lektoris getan? Herr, versteht er sein Juris nicht besser? Dass er ihn krimisirt
hat, das ist sein Handwerk. Ich hab 'n zu meinen Avisenmacher gedeklarirt, und
er da ... Links um! Schnickschnack! Das ist nicht Kustühm, dass Ihn der Mann
gelobt hat, und soll drum ans Halseisen.«
    Gnädiger Herr, ich habe ihr Wort ...
    »Er mag sonst was haben. Nee, das hab ich nicht versprochen. Eine Gnade soll
er sich ausbitten, und nicht ehrlicher Leute ihr Unglück, versteht er?«
    »Der Justitiarius stand auf seine fünf Augen; der gnädige Herr war verlegen;
dem Schulmeister klopfte das Herz. Endlich fanden Seine Gnaden diese Auskunft:
Lektoris, hört er, der Mann da, will ihn ins Halseisen haben, weil er 'n
recessirt hat, und verlässt sich auf, weil ich 'm 'ne Gnade versprochen habe. Bitt
er sich auch 'ne Gnade von mir aus!«
    Halten untertänigst zu Gnaden! sagte der Lektor nach einigem Besinnen; ich
bitte demütigst, dass Dero dem Herrn da befehlen, mich eigenhändig an und
abzuschliessen, und, weils eben gewaltig regnet, so lange ich am Pfal stehe
hinter mir so wie er da ist zu knien, und mir 'n Regenschirm überzuhalten.
    »Von Rechts wegen. Das ist billig. Herr, mach er flugs Anstalt, und führ er
den Arrestanten ab.«
    Der süsse Justitiarius protestirte dagegen. Nee, nee, rief der Edelmann, das
ist man nichts. Ich tue ihm seinen Willen, ich muss dem Ordinari da auch seinen
Willen tun. Aut oder naut: lassts kamp auf gehen, oder Marsch! Was ihr nu wollt.
    Nach einigen Debatten, wobei der Lektor nun das grösste Wort hatte, liess man
alles kamp auf gehen. Na, das ist recht, sagten Seine Gnaden. Da, gebt euch die
Hände. So! Nu, Herr Justitiarius, will er mir wohl 'n Gefallen tun? Mach er mir
mal 'n Karmina auf Türk da. 'S soll sein Schade nicht sein. Muss aber fertig
werden, dass es in die nächste Avise kommen kann. Will ihn hiermit in Gnaden zu
meinen Schlosspoeten ernennen. Uebers Salahrgen will ich denn auch wohl
risalviren. Schulm ... Ordinari wollt ich sagen, setz ers morgen in die Avise,
dass ich den Herrn Justitiarius zu meinen Leibpoeten, mit einem Gehalt, darüber
ich noch risalviren will, gedeklarirt habe. - Und er, Herr, wie er's Ding auf
meinen Türk macht, so will ich's Salahrgen machen. - Mit diesen Worten ging der
Edelmann hinaus, und setzte sich zu Pferde, voll Freude, dass er sich aus der
Sache gezogen, ohne sein gegebnes Wort, welches er allemal in grossen Ehren
hielt, brechen zu dürfen. Die beiden Gelehrten glupten einander an, des festen
Entschlusses, sichs bei nächster Gelegenheit einzutreiben. Sie stellten denn
einander auch wechselsweise an ihre Pranger gar säuberlich; der Lektor kuckte
aus jedem Verse des Juristen, und der Jurist wurde dafür in den gelehrten
Artikeln Metodo Schmidiana gelobpriesen, das heisst: mit aller möglichen
Unwissenheit und Boshaftigkeit. Uebrigens war es nicht so wohl der gelehrte, als
vielmehr einer von den politischen Artikeln der ersten Novitätenstafette der den
süssen Gerichtsverwalter so erbittert hatte. Und der Groll des Herrn Lektors war
durch einige Sarkasmen des Justitiarius, worauf der schwerfälligere Witz des
Lektors nicht gleich Repliken fand, erreget worden.
 
                              Neunzehntes Kapitel.
                           Die historische Societät.
An einem schönen Morgen, als der Lektor die Zeitungen las, und Seine Gnaden ihre
Pfeife rauchten, geruheten Dieselben, dem Lektor folgendes zu vernehmen zu
geben:
    »Blix, Lektoris, mag das nicht mehr hören, dass ich ausgeritten bin, und auf
der Jagd war. Kann er nicht sonst was 'neinschreiben, was ich tue?«
    Halten zu Gnaden, mit Permission, ich schreibe allein, was ich in Erfahrung
bringe. Aber zeiter ist so wenig Neues passiret, dass ich oftmals meine liebe
Not habe, die Zeitung voll zu kriegen. Und wenn Eu'r Gnaden nicht befohlen
hätten, das ich das Merkwürdigste von andern Fürsten und Herrn mitnehmen soll,
so wüsst ich manchmal in meinem Leibe keinen Rat.
    »Na, na! wart man; soll schon passiren, so soll es! Soll schon zu schreiben
kriegen. Les' Er man weiter.«
    - Am Geburtstage der Fürstinn Jablonowska versammelten sich die Mitglieder
Jablonowskyschen historischen Societät u.s.w.
    »Halt mal! Lektoris, weiss er mir wohl zu sagen, wenn ich ihn fragen tät,
wie so 'ne Sohtschetät sein muss?«
    Das weiss ich so gut, als mein Vaterunser. Das sind Gelehrte, die zusammen
kommen und einen Präsidenten haben; die untersuchen denn allerhand historische
Dinge, und geben Preisaufgaben auf, zum Exempel: In welchem Jahr Christi
Alexander Magnus wider den Türken auszog? oder wer dieses und jenes Mannes
Grossvater gewesen? und wers denn am besten macht, der kriegt den Preis ...
    »Halt mal! Habe schon längst Willens gewesen, auch mal so 'ne Sohtschetät zu
machen. - Krischan! den Justitiarius und den Leibbuchdrucker!«
    »Hört mal, ihr Herren! Will euch alle drei hiermit in Gnaden zu 'ner
historschen Sohtschetät machen. Der Seckertär und Verwalter sollen auch mit bei
sein. Schulm ... Lektoris! kann 's man in die Avisen setzen. Er soll Prätendent
sein, hört er.«
    Danke untertänigst für die hohe Gnade. Wollen Eu'r Gnaden auch über die
Aufgaben resolviren?
    »Kann wohl. Will nu ausreiten. Meld er sich, wenn ich einkomme.«
    Der Ludimagister, nunmehriger Präsident, ermangelte nicht, sich bei der
Zurückkunft Seiner Gnaden einzufinden, und erhielt von ihm Befehl, einige
Preisaufgaben bekannt zu machen. Der Ludimagister erinnerte ihn, dass es nicht
undienlich sei, den Preis zugleich zu bestimmen, und empfieng auch darüber seine
Befehle. Also prunkte die nächste Avise mit folgendem stolzem Artikel:
    »Schloss Lindenberg, vom 13ten Januar. Heute früh, als der Herr Lektor
ordinarius Bartolomäus Schwalbe, Ludimagister Seiner Hochwohlgebohrnen Gnaden,
dem Herrn Siegfried, Erb- und Gerichtsherrn von Lindenberg etc. etc. etc. unserm
allerteuersten Herrn aufwartete, geruheten Seine Gnaden aus einem rühmlichen
Eifer für die Wissenschaften ...«
    »Halt! riefen Seine Gnaden, das ist all wieder nicht wahr; hab' an die
Wissenschaften nicht mal gedacht. Schere mich viel um den Kram. Habs man getan,
weil ich so gut 'n Edelmann bin, als der Fürst Jablonowsky, und so gut Geld
habe, als er, und wohl noch mehr, was das betrifft. Kann auch wohl Sohtschetäten
machen. - Na, man weiter!«
    »- Wissenschaften, den Herrn Schlosspoeten, Martin Christoph Süss, p.t.
Justitiarius, wie auch den Herrn Peter Fix, Schloss und Avisendrucker, auch
Inspector über Seiner Gnaden Taschendruckerei zu sich berufen zu lassen, und
ernennten sie auf der Stelle in einer zierlichen Anrede zu Mitgliedern der
historischen Societät der Wissenschaften, welche Hochdieselben hiermit
errichteten. Der abwesende Herr Friedrich Schulze, geheimer Secretär, und Herr
Georg Detri, Obereinnehmer und Verwalter Seiner Gnaden, hatten gleichfalls die
Ehre, zu Mitgliedern dieses vortrefflichen Instituts ernannt zu werden. Hierauf
stellten Seine Gnaden diesen Herren Dero Lektorum ordinarium, den Herrn
Bartolomäus Schwalbe, als ihren Präsidenten und Oberhaupt vor, und weiheten
sich selbst sehr feierlich zum künftigen Beschützer dieses Instituts ein.«
    »Die binnen Jahr und Tag zu beantwortenden Preisaufgaben sind:
    I. In welchem Jahre zog der tapfere Ritter Siegfried, genannt der Hörnerne,
zum erstenmal auf Abenteuer aus? Wenn ward er geboren, und wenn starb er?«
    »II. Welcher von den Leibeserben dieses Helden ist der eigentliche
Stammvater der Herren von Lindenberg?«
    »Die beste Beantwortung der ersten Frage wird mit einem fetten Ochsen, und
die der zweiten mit einem halben Fasse Bier und vier Flaschen Danziger
Goldwasser belohnet werden.«
    »Wie man vernimmt, werden der Herr Bartolomäus Schwalbe, als Präsident der
Akademie, einen ansehnlichen Gehalt empfangen.«
    »Wenn dieses Institut seine erste Sitzung halten wird, ist noch nicht
bekannt.«
                                     * * *
»Blix, Herr Prätendent, das soll mal 'n Schnack in der Welt geben!«
    Allerdings, Eu'r Gnaden! Es wird ein rechtes Aufsehen machen.
    Der gnädige Herr hatte nie dran gedacht, dass es nicht genug sei, Zeitungen
drucken zu lassen, sondern dass sie auch auswärts gehen, und gelesen werden
müssten. Er genoss seine Grösse, und schmeichelte sich, aller Welt zu reden zu
geben, weil alles was er tat, schwarz auf weiss gedruckt war. Und der
Ludimagister hütete sich wohl, ihm den Staar zu stechen. Er war froh, dass die
Avisen im Gange waren, und dass er vermittelst eines kleinen Winkes in der
Zeitung den gnädigen Herrn zu allem bringen konnte, ohne dass ihm etwa heut oder
morgen etwas hätte beigemessen werden können, gesetzt auch, der Edelmann wäre
von der Art gewesen, irgend jemanden die Ehre eines Einfalles zu lassen.
    So, zum Exempel, als einmal des Basedowischen Philantropin's in der Zeitung
gedacht wurde, und der Edelmann mit seinem gewöhnlichen: Kenne das Ding nicht,
dem Ludimagister Gelegenheit gab, seine Weisheit an den Mann zu bringen: da
schwatzte dieser ein Langes und Breites davon, sagte das wäre eine gar aparte
Schule, abscheulich schön, kompendiös, wo die Knaben - wiewohl's auch für
Mägdlein passte - in einem Schnups alles lernten, alles mit Namen zu nennen
wüssten, wie es auf Deutsch und Latein hiesse - und was ein Dorfschulmeister sonst
noch von einem Philantropin sagen kann. Und des folgenden Tages stand unter dem
Artikel: Schloss Lindenberg, folgendes in der Zeitung:
    »Ein gewisser vornehmer Herr hat sich von einem Gelehrten einen genauen
Begriff von der Einrichtung und dem Nutzen des Dessauischen Philantropini
beibringen lassen; und es stehet zu vermuten, dass er wohl den gedachten
Gelehrten nach Dessau senden werde, um sich mit der Philantropinischen
Einrichtung aufs vollständigste bekannt zu machen, um ein ähnliches Institut zum
Besten seiner jungen Untertanen in seinem Gebiete zu errichten.«
    Mehr brauchte es nicht, den Edelmann zu bestimmen. Das Philantropin für die
Lindenbergschen Bauerjungen kam mit der Zeit zu Stande. Herr Peter Fix schnitt
die dazu erforderlichen Bilder in Holz, und wenn ein Ding vorkam, das dieser
Künstler weder in der Natur noch in einer Abbildung zu sehen Gelegenheit gehabt
hatte: so ersetzte sein Genie solche Kleinigkeiten. - Wenn wir dieses
Philantropin nicht genauer beschreiben, so ist die Ursache diese, weil das ein
grösseres Buch erfoderte, als dieses dermalen werden darf.
 
                              Zwanzigstes Kapitel.
                       - - - Paulo maiora canamus. Virg.
Unser Edelmann hatte nun Einmal den Ehrgeiz keinem Menschen, er mochte Kaiser,
König, Herzog oder Fürst sein, das mindeste voraus zu lassen, ohne manchmal, wie
doch wohl zu raten gewesen wäre, zu überlegen, dass auf einem Rittergute nicht
allemal tulich sei, was in einem grossen Königreiche wohl angehet. Aber er war
nun so. So bald er hörte, dieser oder jene König habe dies und das getan, und
die Königliche Handlung schien ihm nützlich, oder gross, oder sie ward nicht
gerade zu von dem Herrn Präsidenten getadelt: flugs war er bei der Hand, und
tat eben das, oder noch einmal so viel.
    Er fand eines Tages, wie ein gar schweres Ding es sei, Land und Leute zu
regieren, dass es eine Art hätte.
    Das kömmt zum Teil davon her, sagte der Präsident, dass Eu'r Gnaden die
ganze Last allein tragen. Wenn ich andre grosse Herren bedenke, die haben ihren
Konseihl, und ihre Kabinetsminister und Kriegsminister und Domänenräte und
Circumferenzräte und wer weiss was alles. Die machen sichs kommode. Aber Eu'r
Gnaden haben keinen Menschen, und sorgen für alles allein.
    »Blix! 's ist auch wahr, mein Seel! Will mir auch nicht mehr so strapenziren
Will auch 'n Kunseihl zulegen. Aber - lass mal hören, Herr Prätendent, wo soll
ich die Manisters herkriegen?«
    O! Eu'r Gnaden, da ist Rat zu. Ich darf wohl sagen, mit hoher Permission,
dass Eu'r Gnaden mit guten Leuten umgeben sind. Nicht eben, dass ich mich rühmen
will, denn propria laus riecht nicht nach Biesam, wie das Adagium sagt: aber ich
sollte wohl, meines Dafürhaltens, keinen unebnen Premierminister abgeben. Und da
ich schon Präsident bin ...
    »Er ist 'n Flegel, Herr Prätendent, mit Gunst zu melden. Er wollte werden? -
Er mag den Kukuk werden. Ist er'n Edelmann? hä?«
    Nein, Eu'r Gnaden, aber ich konnte ...
    »Was könnt Er? Den Hagel auch! Er könnte sich nobeltiren lassen, meint er.
Da wär Er'n Esel! Nee, Nee, Herr Prätendent, sei er kein Narr! Mama seliger
pflegte immer zu sagen, wir alten Edelleute hätten die neuen doch man zum
Narren, wenn wir auch noch so freundlich mit ihnen täten. Nee, bleib er was er
ist.«
    Aber, Eu'r Gnaden ...
    »Aber, aber! Alle Hagel noch mal, so muss er mir nicht kommen. Das muss ich
verstehn, was zu so was gehört. Manisters, sieht er, das müssen Kaweliers sein,
anderster geht das nicht.«
    Das Konseil blieb also noch ein Weilchen ausgesetzt. Indessen lag es beiden
Parteien sehr am Herzen, dem einen, Premierminister zu werden, dem andern
Ministers zu bekommen. Wir werden künftig schon noch sehen, wie der Präsident
(der gar nicht dran gedacht hatte, sich nobilitiren zu lassen, wie ihm der
Junker Schuld gab) die Sache handhaben wird.
    An eben dem Tage, da das geheime Konseil im Vorschlag war, las der Präsident
dem Edelmanne aus der Zeitung vor, dass der König von Dännemark ...
    »Was ist das für 'n Land?«
    Ein grosses Königreich, will ich die Gnade haben zu sagen. Es liegt - von
hier aus gerade dahin, wo ich mit meinem Finger hin weise, in Jütland, wo die
Ochsen so gut gedeihen. Wiewohl nicht so recht in Jütland, sondern ein bisschen
an der Grenze, wo der Weg nach Ditmarschen vorbei geht.
    »Versteh all, Herr Prätendent Lektoris. Man weiter!«
    - in seinen sämtlichen Staaten (Denn, er hat wohl vier Königreiche, sagte
der Schulmeister, wo er König über ist.) das Jus Indigenatus eingeführet habe.
    »Kenne das Ding nicht, Herr Prätendent.«
    Will's Eu'r Gnaden demonstriren mit hoher Permission. Es ist ein schweres
Wort, und kömmt her von Indigena, welches ein im Lande gebohrner heisst, und von
gignere herkommt. Es will also so viel sagen, als das Recht der Eingeburt.
    Der Edelmann, dem die Jütischen Ochsen im Kopfe lagen, und der, wie alle
leeren Köpfe, eine Idee so leicht nicht fahren liess, forschte weiter und sprach:
»Kann nicht recht klug aus werden, soll kein einländsch Vieh über die Grenze,
oder soll kein fremdes im Lande geschlachtet werden?«
    Halten zu Gnaden, mit hoher Permission. Es ist nicht von Ochsen die Rede.
Eu'r Gnaden kapiren mich nicht ....
    »Was? hat er nicht gesagt, die Ochsen hätten da gut Schick?«
    Allerdings, Eu'r Gnaden, aber das war bei Gelegenheit der Geographei, mit
hoher Permission, wo man immer gern ein Wort von den Landesprodukten mit
einfliessen lässt. Nun aber ist hier nicht die Rede von Landesprodukten, sondern
von Landeskindern.
    Es kostete dem Ludimagister Künste, ehe er seinen Patron aufs rechte
Fahrwasser brachte. Denn, manche Leute, wenn sie einmal verbaset sind, brauchen
lange Zeit, ehe sie wieder aufhören, dämisch zu sein. Endlich aber, wie der
Edelmann es begriffen hatte, freuete ihn die Sache so herzlich, als ihn je etwas
gefreuet haben möchte.
    »Alle Blix, Herr Prätendent Ordinari, das ist gut fürs Land. Ich will auf
meinen Gütern auch 'n Jus Indigenatus machen, so will ich. 'S soll mir mein Seel
keiner in meinem Lande zu Brodte kommen, der nicht in meinem Lande gezogen und
geboren ist. Will's stantepe ausfertigen lassen.«
    Der Herr Präsident unterliess nicht, diesem Einfall aus voller Lunge
zuzujauchzen, ob er gleich wohl sah, dass das Ding hapern würde. Aber eben
deswegen gab er so laut seinen Beifall. Denn er freuete sich im Voraus über die
Verlegenheit, worinn der Junker kommen musste, wenn solche Stellen ledig würden,
die sich durchaus mit Bauern, nicht besetzen liessen; und da der Einfall nicht
von ihm herkam, sondern dem eignen Gehirne des Edelmanns im Pommerlande
abgegangen war: so konnten ihm alle die Verlegenheiten nichts verschlagen, so
meinte er. Die Zeit wirds lehren, ob er richtig dachte.
    Seine Gnaden erhoben indessen ihre Stimme, und riefen: Krischan! - Denn,
obgleich beständig eine silberne Klocke auf dem Tische stand, so pflegte der
Herr von Lindenberg sie doch anders nicht zu brauchen, als wenn er etwa ein
wenig böse auf Christian war; dann galt die Schelle für eine Art von Strafe.
Ausserdem aber war er gewohnt, seinen Homme de Chambre immer zu rufen, wie meine
Leser längst gemerkt haben werden. Und er tat daran auch besser, denn man
konnte seine Stimme dreimal so weit hören als die grösste Klingel die je ein
Kaiser, König, Fürst, oder Herr, - wenns auch ein edelmännischer Bürger wäre,
die, wie man sagt die grössten Schellen haben sollen, - gehabt hat. Doch nehme
ich, nach reifer Ueberlegung, die grosse Klocke in Erfurt aus.
    Die Ursache aber, warum der Edelmann nur in gewissen Fällen klingelte, war
ganz einfältig. Er meinte man müste einen Unterschied zwischen Hund und Diener
machen. Jenen könne man mit allem Schick gewöhnen, der Pfeife zu folgen, dieser
aber sei doch ein Mensch so wohl als der Kaiser, und wohl wert, dass man ihn bei
Namen rufen täte. »Gott Lob, sagte er, dass ich Herr in meinem Lande bin. Aber
wenn ich nun, Gott bewahre mich davor! des Königs Brodt essen täte, als mancher
Edelmann tun muss, und wäre Kammerherr oder so was, es würde mich verflucht
krapiren, wenn mir der König klingeln täte. Aber ein rechter König tut auch so
was nicht. So einer wird immer sagen: Herr Kammerherr Siegfried, wollen Eu'r
Gnaden wohl mal 'rein kommen? so wird er.«
    »Krischan! riefen Seine Gnaden, den Seckertär!«
    Der Sekretär kam, und erhielt den Auftrag, flugs mit Zuziehung des
Leidpoeten und Verwalters, die Verordnung wegen des Indigenars zu fertigen, und
gehörigen Orts affigiren zu lassen, auch eine Abschrift davon dem Präsidenten
zum Einrücken in die Avise zuzustellen.
    Der Präsident, dem das Wort Verwalter längst anstössig und unter der Würde
seines hohen Patrons schien, setzte bei der Gelegenheit in die Zeitung: es
gienge die Rede, Seine Gnaden würden den Herrn Detri, bisherigen Obereinnehmer
und Verwalter, zu Dero Ober- Finanz- und Oekonomie-Intendanten ernennen.
    »Ist 'n langer Salm!« sagte der Edelmann.
 
                          Ein und zwanzigtes Kapitel.
 Der Herr Präsident wird in Versuchung geführt. Das Gnadenzeichen. Das geheime
                                 Konseil u.s.w.
Der Präsident las: Konstantinopel, vom 10ten May. Der Sultan hat den
Dolmetschern der fremden Mächte bekannt machen lassen, dass drei Sultaninnen
schwanger sind, und aus dieser Ursache ist allen Schiffen das kanoniren
verboten.
    »Alle Blix, Herr Prätendent, wie viel Sultaninnen hat der Sultan? Drei?« O
Eu'r Gnaden, er hat wohl dreihundert. Er hat ein gewaltig grosses Schloss
sternhagel voll.
    »Und das sind alles seine Gemalinnen?«
    Allerdings Eu'r Gnaden.
    »Und das ist da zu Lande Mode?«
    Allerdings Eu'r Gnaden.
    »Hagel noch mal! will das hier zu Lande auch Mode machen. Wills mal mit 'n
Dutzt oder so versuchen.«
    Halten zu Gnaden! Das würde Dero viel Ungelegenheiten machen. Zwölf
Gemalinnen zu hüten!
    »Kann der Sultan so viel hundert hüten, Herr Prätendent, so will ich die
Paar wohl hüten, versteht er.«
    Ja, Eu'r Gnaden, der hat da andre Anstalt zu, will ich die Gnade haben zu
sagen. Der hält sich auf jedes Dutzend einen Verschnittenen, der sie bewachen
muss.
    »Kann auch ja wohl so welche halten, so gut als der Sultan. Hör er mal, Herr
Prätendent, tu er mir den Gefallen und lass er sich verschneiden; 's soll sein
Schade nicht sein.«
    Halten zu Gnaden! Bin in allen Stücken nach meiner Wenigkeit zu
untertänigstem Befehl, nur damit bitte mich zu verschonen.
    »Schnack! Kann mir ja das wohl zu Gefallen tun, so kann er.«
    Wenn es auf mich ankäme, gnädiger Herr, so wollt ich wohl sehen. Aber meine
Frau würde das all mein Tage nicht leiden.
    »Ah Schnickschnack! Muss Subordenatschon im Hause einführen. Na, will er mirs
zu Willen tun?«
    Der Hausfriede, gnädiger Herr ....
    Christian unterbrach dieses für den Ludimagister so peinliche Gespräch,
indem er dem Edelmanne einen grossen, sehr sauber in Goldpapier gebundnen Bogen
im Namen des Herrn Leibpoeten überbrachte.
    »Herr Prätendent, seh er mal zu, was das ist.«
    Es war nicht mehr und nicht weniger als ein Karmen auf den Geburtstag Seiner
Gnaden; einen Tag an den bisher niemals jemand gedacht hatte, denn der gnädige
Herr pflegte ihn nie zu feiern, weil er selbst nicht wusste, an welchem Tage er
geboren war. Der Präsident las es vor, und Seine Gnaden bezeugten ihr hohes
Wohlgefallen darüber, ohne ein Wort davon zu verstehen. Der Präsident aber, der
auf seines hohen Patrons Grösse noch stolzer und eifersüchtiger war, als auf
seine eigne, war der Meinung, Seine Gnaden müssten dergleichen Dinge, nach dem
Beispiele andrer grossen Herren, nicht ohne Belohnung lassen.
    »Was ist denn wohl Kustühm, für so 'n Karmina zu geben? Ha?«
    Ja, Eu'r Hochwohlgebohrnen Gnaden, das kömmt auf die Generosität des grossen
Herrn an. Eu'r Gnaden erinnern sich wohl noch aus den Avisen, dass so was
manchmal eine goldne Dose mit des grossen Herrn Konterfei drinn, oder das
Konterfei schlecht weg abwirft. Zuweilen lohnts auch wohl einen Ring, oder eine
Medaille, nachdem der Herr die Laune hat. Aber meines untertänigsten
Dafürhaltens ist das Porträt mit oder ohne Dose, das beste Merkmaal der Gnade.
    »Schnackt wie 'n Schaaf, Lektoris! Weiss ja wohl, dass ich mich mit Dosen, und
Ringen, und so dergleichen Bummelaschen nicht aufhalten tue. Das Patret, was
das anlangt, möchte selbst wohl mein Patret da hängen haben, weiss man nicht, wo
ichs herkriegen soll. Kann er Patretten machen, Herr Prätendent?«
    Hatten zu Gnaden, gnädiger Herr, ich bin ein Gelehrter.
    »Er kann auch Nichts! Weiss er keinen, der 's kann?«
    Nein, Eu'r Gnaden; will aber mal mit Deroselben Herrn Schlossbuchdrucker
sprechen.
    »Kann selber wohl mit ihm sprechen. Krischan! - Den Fix, - - Hör er mal,
Herr Fix, kann er wohl so Dinger, so Kunterfeis machen?«
    Will die Ehre haben, Sie zu sagen, Ihr Gnaden, dass ich alles kann. Bin 'n
Schenny.
    »Na, das ist gut. Mal er mich gleich mal ab.«
    Aufzuwarten, Ihr Hochadlichen Gnaden! Will man hingehn und 'n Bleisticken
holen.
    »Tu er das. 'S wird Arbeit für ihn geben. Er soll mir 'n etzliche hundert
von meinen Konterfeis machen, dass ich gleich eins bei der Hand habe, wenn mir
jemand 'n Karmina bringt, oder wenn ich sonst jemand 'n Merkmaal meiner Gnade
geben will.«
    Erlauben Sie gnädigst, Ihr Gnaden, da wollt ich wohl bitten durchzudenken,
obs nicht besser wäre, wenn ich das Bild in Holz schneiden täte. Da könnte man,
wenn 's einmal geschnitten ist, wohl fünf hundert in einem Tage abdrucken.
    »Sieht er, Herr Prätendent, das ist noch 'n Mann der was gelernt hat. Aber
er? Mit ihm ist nichts anzufangen. - Na, Herr Fix, schneid er mich man. Kann er
auch wohl meinen Türk da bei mir schneiden?«
    O ja, Ihr Gnaden. Und Wachtel dazu.
    »Sieht er, Lektoris? - 'S ist an Türk genug, Herr Fix; mach er den man
recht, mit dem blauen Halsband, versteht er. Kann nu man gehen! - Sieht er, Herr
Prätendent, der kann doch noch was. 'S ist 'n allerwelts Kerl, mein
Leibbuchdrucker!«
    Non omnis fert omnia tellus! versetzte der Ludimagister. Der eine taugt zum
Staatsminister, der andre zum Wurmschneider.
    »Herr, komm er mir nicht so, oder ich will ihn bewurmschneidern, er soll von
nachsagen.«
    Halten zu Gnaden! Formschneider sagte ich.
    Das changeante Genie schnitt wacker drauf los, und brachte ein rares Stück
zu Stande, völlig so schön und in eben dem Geschmack als Karl der Zwölfte auf
den Tobacksbriefen. Es wurde abgedruckt, auf Pappe geklebt, mit einem Streifen
Goldpapier eingefasst, und erhielt Seiner Gnaden Approbation, welche ein Exemplar
neben sich auf den Tisch legten, und flugs den Justitiarius rufen liessen.
    »Hör er mal, Herr Leibpoet, hat mir da letztens durch meinen Krischan 'n
Karmina primisiren lassen. Soll auch bedenkt sein. Und will ihm hier eine
Schenkasche für machen.«
    Hiermit winkte er dem Ludimagister, welcher das Porträt Seiner Gnaden vom
Tische nahm, und es dem glücklichen Dichter mit vieler Cärimonie überreichte.
    Der Justitiarius nahm die Callotsche Fratze aus den Händen des Favoriten an,
zuckte (aber freilich so unmerklich als möglich) die Achseln, und war so
boshaft, über die unerhörte Aehnlichkeit zwischen dem gnädigen Herrn und dem
Holzschnitt zu erstaunen. Er witzelte und spöttelte so hämisch, dass es ein
Wunder ist, wenn der Edelmann nichts merkte. Und der artige Herr wäre sehr am
unrechtem Orte gezäumet gewesen, wenn sein Principal Lunte gerochen hätte. Der
war nicht der Mann, der Spaass mit sich treiben liess, und dem Herrn Justitiarius
war es gar behaglich im Schloss. Sein Dienst war fett, und seine Arbeit gering.
Vorher war er seines Standes wegen dem guten Junker verhasst: nun er sich aber
zur Hofpoetenstelle bequemet hatte, konnt er an Galatagen bei Hofe erscheinen,
und zuweilen ein Wort mitsprechen, so gut als einer.
    Der Herr Präsident hatte indessen den grossen Gedanken, Kabinetsminister oder
so was gutes zu werden, noch nicht aufgegeben. Er begnügte sich anfangs, es bloss
durch einen sehr nachdrücklichen Ton, mit dem er die Nachrichten las, dass dieser
oder jener Bürgerliche einen Titel oder eine ansehnliche Stelle erhalten, dem
Junker aus Herz zu legen, dass man nicht eben lauter Edelleute zu Räten mache.
Und der ehrliche Junker hatte von dem Unterschied zwischen einem Commissionsrat
und Staatsminister keine gar zu richtigen Begriffe. Der eine, glaubte er, sei so
gut ein Minister als der andere. Wie aber der Favorit sah, dass der edle
Siegfried durch den blossen Ton kein Feuer fangen wollte, nahm er sich die
Freiheit, ihn durch einige Randglossen etwas aufmerksamer zu machen. Als aber
auch das nicht helfen wollte, setzte er in die Schlosszeitung, es gienge die
Rede, dass Se. Majestät den Herrn Justitiarius auf Lindenberg zum Kriegsrate
ernennen wollten. Das schlug an.
    »Nee! das soll der König wohl bleiben lassen. Kann selbst wohl meine Leute
zu was machen, so kann ich.« -
    Mit einem male war das Projekt ein geheimes Konseil anzulegen, wieder im
Gange. Der Herr Bartolomäus Schwalbe sah von der steilen und stolzen Höhe eines
Prämierministers herunter, u. stand an der Spitze des hohen Staatsrates, den
die Herren für ihr Leben gern Conseil permanent genannt hätten, weil das so
hübsch klingt. Weil aber der Schulmeister das letzte Wort nicht dolmetschen
konnte, und sich nicht so tief erniedrigen wollte, den Leibpoeten zu fragen, so
hatte es bei geheimen Konseihl sein Bewenden, und der Wohlklang wurde der Furcht
einen Bock zu schiessen, weislich aufgeopfert.
    Von dieser Zeit an wuchsen die Kabinetsminister, Staats- Kriegs- Finanz-
Domänen- Kommercien-Kommissions- und andre Räte auf Lindenberg aus der Erde wie
Pilze.
    Bei aller seiner irdischen Hoheit vergass der Herr dirigirende Minister doch
nicht, dass er seine ganze Grösse ursprünglich den Vorlesungen, und hiernächst dem
Avisenschreiben schuldig sei, und er war weise genug, diese beiden Aemter nicht
niederzulegen, so sehr auch seine Neider und heimlichen Feinde ihm vorstellten,
es sei unter der Würde so eines Mannes sich mit dergleichen zu beschäfftigen. Er
hatte Staatsklugheit genug, einzusehen, dass er nur bloss durch eben die Mittel
die ihn erhoben hatten, sich auf seiner Höhe erhalten könne.
    Um diese Zeit stiess ihm ein Unfall zu, den er weder vorhergesehen hatte,
noch mit aller seiner Klugheit vermeiden konnte. Es begab sich nehmlich, dass der
Schweinehirte des Dorfes Lindenberg das Zeitliche gesegnete. Besetzt musste diese
Stelle wieder werden, das war unstreitig. Aber vermöge des Indigenats musste sie
durch einen Eingebohrnen des hochadlichen Lindenbergischen Gutes verwaltet
werden, und dieser Umstand erregte unendliche Schwürigkeiten. Die sämtlichen
Eingebohrne Untertanen des Edelmanns im Pommerlande waren durch die sanfte
Regierung, durch die brittische Grossmut, und durch die väterliche Fürsorge
Seiner Gnaden samt und sonders zu wohlhabend, als dass sich einer zu einem so
mühseligen Amte sollte bequemet, geschweige denn angeboten haben. Die
Dorfgemeine zerbrach sich die Köpfe darüber in der Schenke, und der Edelmann im
Konseil; aber umsonst.
    »Seh' er zu, wie er da herdurch findet, Herr Magister Lektoris!« sagten
Seine Gnaden als Sie sich vor den Bauern, die nicht wussten was sie mit ihrem
Schweinevieh beginnen sollten, nicht mehr zu retten wussten. Er muss Rat
schaffen, so muss Er. Wofür hab' ich Ihn?
 
                         Zwei und zwanzigstes Kapitel.
                          - - Cicerone disertius ipso.
                                        
                                    Martial.
Der Herr Premierminister freuete sich innerlich, dass er jezt der Notanker
seines hohen Principals in einer Verdriesslichkeit war, zu der er nichts
beigetragen hatte. Er sah zwar keine Auskunft in dieser Sache, aber das kümmerte
ihn nicht. Er setzte sich hin, und elaborirte eine zierliche Rede, und als er
sie so weit ins Gedächtnis gebracht hatte, dass er sich getrauete sie wohl vor
dem Kaiser herzubeten, liess er sich von seiner Frau nochmals überhören, und
berief das geheime Konseil ausserordentlich zusammen. Als die Herren versammelt
waren, stand er auf, räusperte dreimal, und sprach wie folget:
    »Ich habe Sie auf Befehl Seiner Hochwohlgebohrnen Gnaden, unsers gnädig
gebietenden Herrn, zusammen vociren lassen, meine Herrn vom geheimen Konseihl,
um mit Ihnen über eine für das Vaterland sehr erhebliche Angelegenheit zu
ratschlagen. Was sage ich, erhebliche? Es ist die allerwichtigste
Angelegenheit.«
    »Sie wissen, weise und erhabne Väter des Staats, dass der unerbittliche Tod
die Tage des wohlseligen Schweinehirten der Lindenbergschen Nation weggemähet
hat, und mögen wir wohl ausrufen:
Quis desiderio sit pudor aut modus
Tam unentberlichen capitis!
Unsers hier gegenwärtigen teuersten Herrn Hochwohlgebohrne Gnaden, Ach, Sie,
meine Herren, die ganze Gemeine, die ganze Welt, kurz: Jedermann weiss, dass das
Amt eines Hirten ein gar wichtiges Amt, ein Amt multi ponderis sei. Ich vor
allen weiss das aus der Erfahrung, da ich die Ehre habe, meine Herren, Ihr Hirte
zu sein. Ich will aber bei einer so feierlichen Okkasion nicht von mir reden.«
    »Einem jeden, das wissen Sie, weise Väter des Staats, weil es weltkündig
ist, Einem jeden ist sein zeitliches Vermögen die angelegentlichste Sache. Ein
grosses Teil ländlicher Glücksgüter bestehet in Vieh. Die Schweine sind ein
grosses Teil des Viehes. Also ist der Mann, dem eine ganze Gemeine ein so
beträchtliches Teil ihres Reichtums anvertrauet, ein sehr wichtiger Mann. Ich
will hier nicht von den Kenntnissen, von der Arbeitsamkeit, von der Geduld reden
die zu einem solchen Amte erfoderlich sind und die sich niemand recht vorstellen
kann, der nicht entweder selbst Schweinhirte gewesen ist, oder sich wenigstens
mit Erziehung einer blühenden Jugend beschäfftiget hat. Ich will Ihnen nur bloss
die Wichtigkeit des Mannes an sich selbst zu bedenken geben.«
    »Helfen Sie mir jezt überlegen, meine Herren vom geheimen Konseihl! Schämen
Sie sich der Arbeit und des Schweisses fürs Vaterland nicht. Die Ochsen stehen am
Berge, und der Karrn steckt im Sumpfe. Helfen Sie mir, meine Herren, auf die
Ochsen unsrer Erfindungskunst wacker losschlagen, dass der Karrn aus dem Sumpfe
der Verlegenheit erlöset und über den Berg der Schwürigkeiten gezogen werde.
Ueber die Schwürigkeiten darf ich mich wohl nicht weitläuftig ausbreiten. Die
Kinder auf den Strassen reden davon. Nur darum bitte ich Sie, beschwöre ich Sie
bei meiner und Ihrer Würde, bei unsrer Pflicht, bei dem Namen des Vaterlandes,
einen solchen Entschluss zu fassen, der der Ehre dieser Versammlung würdig, und
der Wichtigkeit der Sache, als worauf die Wohlfart eines ganzen Staates
beruhet, angemessen sei Dixi.«
    Nun erhob sich der Herr Leibpoet, und entschüttete sich folgerder Rede, auf
die er aber nicht stüdiret hatte:
    »Schon lange, allervortrefflichster Monsieur le Premier, schon lange sind
Euere Herrlichkeit der Gegenstand meiner pflichtmässigen Bewundrung, Sie der das
Ruder des Staats, die Feder der Autorschaft, das Plektrum des Orbiliats, und die
kritische Karbatsche mit gleicher Weisheit, mit gleicher Kraft, und mit gleicher
Geschicklichkeit respektive schwingen und führen.«
    »Ich ehre in Euerer Herrlichkeit den Eifer fürs Vaterland, den Sie in uns
anzufachen sich rühmlichst, aber ich darf sagen zum Überfluss, bestreben. Denn
wir alle glühen fürs Vaterland.«
    »Euere hochgebietende Herrlichkeit bitte ich, von mir besonders zu glauben,
was ich meinesteils von allen diesen Herren versichert bin: dass ich es für sehr
notwendig halte, die erledigte Stelle mit einem solchen Mann zu besetzen, der
einem solchen Amte völlig gewachsen sei. Ich getraue mir auch zu behaupten, dass
es in Seiner Hochwohlgebohrnen Gnaden Gebiete an mehreren hierzu tüchtigen
Subjektis keinesweges fehle. Die Schwürigkeit ist nur diese, dass keiner von den
Wahlfähigen Männern zu einem Amte welches viel Patriotismus, und Schweiss fürs
gemeine Beste erfodert, Lust bezeugt. Da nun Ew. Herrlichkeit uns auffodern
einen der Wichtigkeit der Sache angemessenen Schluss zu fassen, und mein Rang
mich verpflichtet, meine Stimme zuerst zu geben: so bin ich der Meinung, man
müsse, ehe wir zu einer, ohne diese Vorsicht, vielleicht unnützen Wahl schreiten,
vorher ein unwiderrufliches Gesetz machen, dass jeder Untertan Seiner Gnaden,
der vom geheimen Konseil zu einem Amte ernennet wird, solches unverweigerlich
annehmem müsse, bei schwerer namhafter Pön, er müsste denn solche Gründe
vorbringen können, die das Konseil selbst für annehmlich und gültig erkennen
würde.«
    Hiermit nahm der Herr Kabinetsminister und Schlosspoet seinen Platz wieder
ein. Der folgende, Herr General- Ober- Finanz- Domänen- und Oekonomie-Intendant,
Herr Georg Detri, ein Mann dessen Art es nicht war viel Worte zu machen, stimmte
ganz kurz dem Leibpoeten bei. Herr Staatsminister Peter Fix, als ein Genie,
machte schon ein bisschen mehr Worte und, obwohl im Grunde mit dem Poeten einig,
hatte er doch einige Klausuhle beizufügen. Die andern Herrn, als der Herr
Staatsminister und Ober-Schloss- auch Land-Jägermeister, der lahme Paul genannt,
weil er sich eines Stelzfusses bediente, der Staatsminister und Chef von der
Garde du Korps (eigentlich der Schloss-Nachtwächter) Hannes Meyer, u.s.w. gaben
ohne Umstände ihren Beisatz. Da also des Leibpoeten Vorschlag alle Stimmen
hatte, konnten Monsieur le Premier nicht anders als ihn genehmigen, und Seine
Gnaden gaben Dero Assent zu der Bill.
    Monsieur le Premier hatten nicht die mindeste Ahnung davon, dass der Poet aus
altem Groll gegen Seine Herrlichkeit, und das changeante Genie aus angebohrnen
Neid, schon längst unter der Hand alle Glieder des Konseils auf ihre Seite
gebracht hatten, um das Sauhirtenamt einen Manne aufzuladen, den der erste
Minister unter allen Menschen am wenigsten dazu ernennet haben würde; und dass
dieses Gesetz eine garstige Falle war, die sie Seiner Herrlichkeit stellten.
    Als nun das Gesetz förmlich zu Papier gebracht und behörig paraphiret war,
kam man der Sache nähet und der Herr Premierminister schlug vor, einen
ordentlichen Wahlaufsatz von tüchtigen Subjektis zu machen, aus denen man einen
Hirten wählen könne. Der poetische Minister stand abermals auf, und verwarf
diesen Vorschlag, indem er folgendes ab Protokollum gab:
    »Mit aller Ehrerbietung, welche Votirender vor der Meinung Seiner
Herrlichkeit hat, achtet er einen Wahlaufsatz für desto unnötiger, da in dem
ganzen Gebiete Seiner Gnaden nur ein einziger Mann ist, dessen übrige Geschäffte
sich mit einem so beschwerlichen Dienste vertragen. Der Ackermann würde immer
seinen Feld und Gartenbau vorschützen und das geheime Konseil würde bei derlei
Exceptionen acquiesciren müssen, um so mehr, da er mandato generosissimi Domini
nostri, sämtliche hohe und niedre Landesbediente, von Seiner Herrlichkeit dahin
angewiesen sind, den Landbau besten Vermögens zu befördern. Zudem ist der
einzige Mann der eifrigste Patriot in Seiner Gnaden ganzem Gebiete, eine
Wahrheit die niemand bezweifeln wird, so bald ich ihn genannt haben werde. Seine
ordentlichen Geschäffte sind auch von der Art, dass sie sich mit dem Hirtenamte
sehr wohl vertragen. Ich werde nicht anstehen ihn zu nennen, so bald es per
majora entschieden ist, dass der Aufsatz entbehrlich und unmöglich sei.«
    Die andern Herren verwarfen einstimmig den Aufsatz, bloss Herr Fix nicht,
weil er wohl wusste, dass seine einzige Stimme nichts entscheiden würde. Doch
drang er mit den übrigen darauf Herr Süss müsse seinen Kandidaten nennen. Dieser
erklärte sich hierauf also:
    »Euere Herrlichkeit, Monsieur le Premier, sind es selbst, die einzig und
allein zu dem Amte, dessen Wichtigkeit Sie uns so eben mit aller Wahrheit und
Nachdruck schilderten, wahlfähig sein können. Dero Hauptgeschäfft ist die
Schule, welches ich daher beweisen würde, dass das geheime Conseil zur Winterzeit
erst nach geendigten Schulstunden gehalten wird, wenn es eines Beweises
bedürfte. Da nun hiesiger Lande des Sommers keine Schule gehalten wird, und des
Winters keine Schweine ausgetrieben wergen, auch Dieselben durch die
Schularbeiten zur Geduld hinlänglich gewöhnet sind: so gebe ich hiermit mein
Votum dem Herrn Premierminister zu der erledigten Sauhirten Stelle.«
    Dem Ludimagister schwoll der Kamm. Er wollte das Obstat halten, aber
umsonst. Herr Süss überschrie ihn, und behauptete die Wahlfreiheit, verwies ihn
auch auf das eben erst gemachte Gesetz. Kurz, der Herr Premierminister und
Präsident der historischen Societät ward einstimmig zum Schweinhirten mit dem
Titel eines General- Hut- und Weideinspektors erwählet, und Seine Gnaden konnten
nicht anders als die Wahl konfirmiren.
    Es blieb dem Herrn Minister nichts übrig als sich in Geduld zu fassen, und
einstweilen die Sache hinters Ohr zu schreiben. Er war genötigt sein neues
Bahntje durch seine Frau Gemalinn und ältesten Herrn Sohn verwalten zu lassen.
Und die Frau Premierministerinn hatte auch eine so vortreffliche Hand zum Hüten,
dass das Vieh wundersames Gedeihen hatte. Es währte aber kein halbes Jahr, so
fand Herr Schwalbe eine schöne Gelegenheit, es dem Herrn Leibpoeten
einzutränken. Der Küsterdienst an der hochadlichen Pfarrkirche wurde vakant, und
in Ermangelung eines andern Subjekts musste sich der Herr Schlossnachtwächter,
oder Chef von der Garde bequemen, Küster zu werden, weil er sein Wächterhorn
recht taktmässig blies, und eine schöne Stimme hatte, die Stunden zu rufen. Da
wusste es nun der Prämierminister so zu karten, dass der Herr Leibpoet den
Nachtwächterdienst übernehmen musste.
    Wie aber zuletzt mein lieber ehrlicher Pfarrer starb, dessen Geschichte ich
mit nächsten auf Subscription drucken lassen werde: da nahm das Indigenat ein
Ende, weil in ganz Lindenderg kein Eingebohrner war der Teologie studiret
hatte, und das Konsistorium keinen unteologischen Pastor anerkennen wollte.
 
                         Drei und Zwanzigstes Kapitel.
               Welches noch nicht das letzte in diesem Buche ist.
Seine Gnaden hörten aus der Zeitung, dass in Wien ein neues Schauspiel von
Stephanie mit vielem Beifall aufgeführet sei, und erkundigten sich stracks, was
es mit solcherlei Dingen für eine Bewandtnis habe. Zu allem Glück war der
Schlosspoet bei dieser Erkundigung zugegen, der im Stande war, Seiner Gnaden
hinlängliche Auskunft zu geben, weil Monsieur le Premier es nicht so recht
deutlich machen konnten, was eine Komedia und ein Teatrum sei. Der Poet hatte
sogar in seiner sehr mignonnen und ponponnen Bibliotek einige teatralische
Sachen, die er holen liess, um dem Edelmann das Ding recht begreiflich zu machen.
Der dirigirende Minister musste vorlesen, und so erbärmlich er las, fand der
gnädige Herr doch an der Minna von Barnhelm so viel Behagen, dass er plötzlich
ausrief: Kriege Lust zu den Kram. Hagel noch mal, das ist schnurrig! Manister
Lektoris, weiss er was? Will auch ein Triatrum anlegen.
    Dem Minister war nicht leicht ein Anschlag zu abenteuerlich; und die
zierliche Gerechtigkeit bequemte sich gern zu allem, wobei es Accidenzen gab,
und disponirte den Secretär und Verwalter eben dahin. Die Herren beruhigten
sich, ausser der Beruhigung die feile Seelen allemal in dem Anwachs der Einkünfte
finden, damit, dass das grösste Teil des Lächerlichen, wenn auch das Gerücht
davon über die Grenzen des abgelegnen Gütchens kommen würde, auf den gnädigen
Herrn fiel. Kurz, das Teater ward, wie jede Torheit, allgemein beliebt. Der
Kuhstall, wo die Viehstände rechts und links die natürlichsten Koulissen von der
Welt machten, war der Schauplatz. Minna von Barnhelm hatte, als die erste
Komödie, die dem gnädigen Herrn vorgelesen war, den stärksten Eindruck auf ihn
gemacht, also war sie auch die, womit das Lindenbergsche Triatrum eröffnet
wurde. Die Frau Schlosspoetinn hatte just einen hysterischen Zufall von grosser
Heftigkeit, und konnte nicht mitspielen. An ihrer Stelle musste man sich dann
nach einer andern Minna umsehen.
    Es lebte in dem Dorfe Lindenberg, im Hause eines Bauern, eine alte ein und
sechzigjährige französische Mamsell, aus mir wohlbekannten Ursachen, inkognito
vel quasi. Sie hatte weiland zu Prag, der Hauptstadt im Böhmerland, als
Französinn oder Gouvernante gedienet, sah sich aber genötigt, das Königreich
Böheim zu verlassen, und zog nach Sachsen, in die Polackei, wieder nach Sachsen,
nach Braunschweig, Hannover, Magdeburg, Berlin und Spandau; hatte aller Orten
merkwürdige Ebenteuer, und lebte jetzt im Pommerlande. Sie hatte, Kasu, das
rechte Auge verloren, konnte aber mit dem linken noch ganz gut sehen, und
sprach - nicht Kasu - stark durch die Nase. Der Edelmann konnte sie nicht
leiden, weil sie aus Frankreich war, jetzt aber musste er aus der Not eine
Tugend machen, und dies holde Geschöpf repräsentirte die Minna.
    Des Edelmanns Haushälterinn, eine feine Matrone, lud sich Franciska auf den
Nacken. Sie hatte sich wohl einmal in ihrer Jugend das Sternum entzwei gefallen,
daher denn unter ihrem spitzen Kinn ein so merkliches Vorgebirge hervor ragte,
dass das ehrliche Weib nicht wusste, wie ihre Knie aussahen: aber das tat nichts
zur Sache, sie machte darum ihre Franciska flott weg. Die männlichen Rollen
waren nicht weniger gut besetzt. Den Grafen von Bruchsal machte der Edelmann
selbst, weil es die vornehmste Person im Stücke war, wiewohl er, als Soldat,
auch zum Oberstwachmeister herzlichen Appetit hatte. Da er aber sein Gedächtnis
nicht überladen wollte, fand er für gut, sein Part, wie ers nannte, aus dem
Buche herzulesen, worinn ihn, weil er die edle Lesekunst lange nicht mehr
getrieben hatte, der Herr dirigirende Minister fleissig üben musste, so dass er
ohne eben sehr oft anzustossen, damit fertig würde. Den Tellheim machte der Jäger
mit dem Stelzfusse, und der Herr Schlosspoet den Wachmeister. Der Oberkammerherr
Christian stellte den Wirt vor, u.s. weiter.
    Er hatte sein Wesen geraume Zeit mit dem Teater. Aber zuletzt, wie denn
alles vergänglich ist, zerfiel es durch einen witzigen Einfall der Frau
Schlosspoetinn. Diese vornehme Dame war zu Zeiten sehr vornehm, und fand es
abscheulich tief unter ihrer Würde, eine Rolle in einem Schauspiele zu
übernehmen. Da man aber doch nicht sein Lebenlang hysterische Zufälle haben
kann, ohne sich selbst gewaltig zu inkommodiren, so mussten die ihrigen auch ihre
Lucida Intervalla haben. In einem solchen Zwischenraume, da andre Ursachen es
foderten, dass sie schlechterdings gesund sein musste, drang ihr der Edelmann die
Rolle der Lise, im Bauer mit der Erbschaft, auf. Dies war sein rechtes
Leibstück, und er beschloss, selbst den Jürgen zu machen. Alles ging auch recht
gut, bis man an die zwote Scene kam, wo Jürgen seine Frau unterrichten will, wie
sie sich nun, da sie vornehme Leute geworden, aufzuführen habe. Hier will Jürgen
seine Liese in der Galanterie unterweisen, setzt den Fall, er wäre nicht ihr
Mann, sondern ihr Liebhaber, und fragt, wie sie sich bei einer Liebeserklärung
nehmen würde? sagt ihr nach seiner Art Douceurs, fällt auf die Knie, und fragt:
wat wullt du woll darop seggen?
    Lise. Wat ick darop seggen will? Jürren? Ih! wiss un warhaftig, jüh! erst
stöt ick die vör de Pauss.
    Sie begleitete diese Worte mit einer so heftigen Aktion, dass Seine
Hochwohlgebohrne Gnaden beinahe rücklings übergeschlagen wären. Als er wieder zu
Atem kam, und die ersten Schmerzen überwunden waren, da hätte man die Wut des
Edelmanns sehen sollen, die durch das laute Gelächter der Dame noch vermehret
wurde. Sie unter den Arm gleich einem Bündelchen nehmen, zum Viehhause hinaus
fliegen, und die Frau Schlosspoetinn kopflangs in die Pferdeschwemme stürzen, das
war geschehen, ehe man eine Prise Toback nimmt. Man hatte Mühe, sie zu retten,
denn der tobende Junker wollte sie durchaus ersäufet wissen. Und als man sie
dennoch heraus zog, bestand er lange darauf, sie sollte lebenslang im Hundeloche
sitzen, und den niedlichen Justitiarius wollte er schlechterdings mit Schimpf
und Schande aus dem Schloss karbatschen lassen. Die vereinigten Fürbitten des
gesammten Hofes, selbst die dringenden Vorstellungen des Herrn Premierministers
wären beinahe zu schwach gewesen, diese strenge Sentenz zu mildern. Der
Staatsminister und Generalintendant über die Taschendruckerei Herr Peter Fix,
hatte noch den gesunden Einfall, Seiner Gnaden vorzustellen, es würde ein grosses
Aufsehen in der Welt machen, wenn in allen Avisen stände, Seine Gnaden hätten
einen solchen Vorfall selbst und in der ersten Hitze entschieden, ohne Ihr
geheimes Kunseihl zu Rate zu ziehen.
    Das machte Eindruck. Die Sache ward dem Konseil übertragen, und dahin
entschieden, dass die Frau Schlosspoetinn in einem Kleide von Sackleinwand mit
fliegenden Haaren, barhaupt und barfuss, im grossen Konseil erscheinen, beim
Eintritt, mitten im Saal, und drei Schritt vom Sitze Seiner Gnaden, also in
allen dreimal auf ihre ruchlosen Knie fallen, das letzte mal liegen bleiben, und
in Ausdrücken, die das Konseihl vorher schriftlich eingereicht haben wollte, ihr
Verbrechen bekennen, die Gnade Seiner Hochwohlgebohrnen anflehen ...
    »Halt da! Blix noch mal, Halt da! rief der Junker, als man ihm den Schluss
des Konseils bis hieher vorlas. Streicht das all man aus. Soll mir nicht vors
Gesicht kommen, das Tier! Soll mir aus'm Hause! und damit aus.«
    dabei blieb es denn. Der poetische Staatsminister verlohr Tisch und Wohnung
auf dem Schloss, und musste sein Quartier im Dorfe suchen. Doch durfte er seine
Stelle als Chef von der Leibgarde nicht niederlegen. Ueber diesen Zufall wurden
die teatralischen Repräsentationen eingestellet.
 
                         Vier und zwanzigstes Kapitel.
   In welchem der Leser nach Belieben Abschied von Seiner Gnaden nehmen kann.
»Hör er mal, Manister Fix Aviseninspekter, druck er mir mal 'n Dingschen, wo in
steht, dass ich alle Tage um 4 Uhr Nachmittags an jedermann öffentlich Audienz
geben will. Kann sichs von dem Manister Lektoris man aufschreiben lassen.«
    Zu dienen Ihr Hochadlichen Gnaden.
    »Hör er mal, und lass er das an alle meine Untertanen austeilen. Sollen man
alle zu mir kommen, wer was zu klagen oder zu bitten hat.«
    Ja Ihr Gnaden.
    Darinn ahmte der Junker dem Pabste nach, von dem ihm aus der Zeitung
vorgelesen war, dass er um 4 Uhr jedermann vor sich liesse. Ihm dünkte dies sehr
gut für sein Land und Leute. Als ihm der Zettel gebracht und vorgelesen wurde,
der sich mit den Worten anfieng: Seine Hochwohlgebornen Gnaden u.s.w. rief er:
»Halt da! streicht das man aus, und setzt Exlens für hin. Das ist kürzer, und da
ich in das Minnastückschen doch Graf war, kann das man mein Titel bleiben. Nicht
wahr, Manister Ordinari, brauche mir da keinen Schrupel über zu machen?«
    Ganz und gar nicht, Eu'r Excellenz.
    Hier könnten wir für diesesmal unsre Nachrichten von dem ehrlichen Edelmanne
im Pommerlande beschliessen, und was mehr von ihm zu sagen ist, (das denn ein
wenig mehr ins Grosse läuft, da Seine Excellenz bei aller Ihrer Grossmut und -
Grillen bei weiten ihre Einkünfte nicht verzehrten, und, da der Überschuss sich
sehr gehäufet hatte, denselben zum Ankauf mehrerer Güter verwendeten;) auf ein
andres Büchlein versparen: aber der Orden, den er stiftete, scheint uns so
merkwürdig, dass wir ihn nicht wollen verloren gehen lassen, wenn wir ja vor
Vollendung des andern Büchleins aus dieser Welt scheiden müssten; denn mit einem
ältlichen und schwächlichen Autor ist es, wie mit jedem Menschen, oftmals bald
getan.
    Wir machen hier zwar einen Sprung bis in die letzten Tage Seiner Excellenz,
aber das ziehen wir uns dermalen gar nicht zu Gewissen, da wir in diesem unsern
ersten Siegfriedbuche uns überall an die Chronologie nicht sehr gefesselt haben.
    Der Edelmann hörte demnach kurz vor seinem Ende, da er schon so alt war, dass
er mit dem Kopfe wackelte, dass ein doppelter Orden, ein silberner verguldeter,
und ein blosser silberner, mit verhältnissmässigen monatlichen Einkünften, für
brave Soldaten gestiftet sei. Diese Idee gefiel ihm herzlich. Er künstelte mit
seinem Konseil gar lange daran, sie nachzuahmen. Endlich erfand er für verdiente
Leute einen lakirten und einen nicht lakirten Orden. Die Mitglieder des ersten
hatten monatlich einen Tag frei Danziger und Knaster; und dir des zweiten, einen
Tag frei Bier und Kardues.
    Und hiermit rekommandiret sich Junker Siegfried von Lindenberg, bis aufs
Wiedersehen, dem günstigen Leser zu geneigtem Andenken.
 
                         Fünf und zwanzigstes Kapitel.
                           Mein moralisches Kapitel.
Predigen mag ich nicht gern. Es ist auch meines Amtes nicht. Aber in jedes
Büchlein das ich schreib, mochte ich doch gern hie und da eine gute Lehre in ein
und andern Winkel verstecken, und eine Decke von Filet davor hängen, dass, wer am
Mittage ohne Licht sehen kann, was hinter dem Vorhang war, leicht finden konnte.
So hab ich es auch in diesem Buche zu machen mich besten Vermögens bestrebet. Da
diese Art aber manchen Leuten die durch ein bisschen Filet nicht sehen können,
nicht recht sein muss, weil sie wo nicht Predigten, doch eine Hauptlehre worauf
jedes Teil des Ganzen zielt, wie alle Nadii eines Cirkels ins Centrum,
verlangen, welche am Ende des letzten Kapitels ein bisschen Handgreiflich
angezeiget sein soll: so muss ich diesen Leuten wohl in etwas zu Gefallen sein,
und eine mit dürren deutlichen Worten ausgedruckte Lehre hersetzen, obwohl sie
aus meinem Buche in keine Wege herzuleiten ist, und weder jedes - noch überall
ein einziges Kapitel auf dieselbe, wie der Radius auf das Centrum zielet.
    Diese meine Lehre lautet aber also:
    Rauche nicht stracks auf die Mahlzeit Tobak, sonst ziehst du die
Indigestionen zu.
    Nun sage mir kein Mensch mehr, dass man aus meinen Schriften nichts lernen
könne!
 
                                Letztes Kapitel.
Welches so kurz ist, und den Leser so wenig angeht, dass es nicht der Mühe lohnt,
                          den Inhalt drüber zu setzen.
Und nun, mein Büchlein, du meiner Hände fröhliches Werk, sende ich dich in die
Welt. Die freundliche Muse unter deren Lächeln ich dich gebahr, wolle dich auf
deinem Pfade durch die Hände unzähliger Leser geleiten, ehe du den Weg alles
Papiers gehen musst! Das ist mein väterlicher Segen, den ich dir mit auf die
Reise geben. Halte du, weil ich das Inkognito beobachte, dich darum nicht für
ein Vaterloses Kind noch für einen verlassenen Waisen; ich schäme mich deiner
nicht. Dulde es, wenn jemand dir sagt, deine Nase sei schief, oder du hättest
viel Sommersprossen und Leberflecken; ich will es auch dulden; denn, gesetzt -
was doch nicht immer sein wird - der Jemand hätte Unrecht, so wirst du darum
keinen einzigen Flecken kriegen den du nicht wirklich mit auf die Welt gebracht
hast. Sagt aber jemand, du seist ein Bösewicht, dann sollst du sehen, das du
nicht Vaterlos seist. Oeffentlich will ich dich dann für mein Kind erkennen,
deine Sitten deren Unschuld ich am besten kennen muss, verteidigen und
rechtfertigen, deine Ehre retten, und deinen Verläumder zu schanden machen.
    So zeuch deine Strasse in Friede! Den Allerdurchlauchtigsten Grossmächtigsten,
Gnädigsten, und so herunter jedem Leser bis zum ehrbaren Bürger magst du, ohne
auf Rang und Stand zu sehen (wir sind alle Menschen) meinen freundlichen Gruss
entbieten; den Kritikern begegne höflich und lehrbegierig; sie können deine
Nase, wenn sie wirklich schief ist, vielleicht gerade rücken, oder dir
wenigstens ein Mittel wider die Leberflecken und Muttermaale sagen, und das nimm
mit Danke an. Die Kritikaster und Kritikakler magst du meinentwegen über die
Schulter ansehen; und die Buben, die ehrlichen Schriftstellern strassenräuberisch
und meuchelmörderisch, a la Anzeige, aufpassen, wo du einen solchen findest, und
wenns in der angesehensten Gesellschaft wäre, so reiss ihm die Maske ab, und
tritt ihn unter die Füsse. Ich will dir beistehen, und dich schützen, wenn's auch
wieder den General dieses leichten Gesindleins wäre.
    Führe dich, wo möglich, so auf, dass ich dich zum zweiten mal ausschicken
könne. Suche in solchen Häusern einzukehren, wo irgend ein guter Mensch unter
seiner Bürde seufzet, und versuchs, ob du ihm sein Bündel ein wenig leichter
machen kannst. Dann bist du in meinen Augen ein verdienstvolles Geschöpf. Sei
gegen jede ehrliche Seele so heiter, dass keine Falte der Stirn gegen dich
bestehen könne. Nur, wenn du etwa ihrem Grabe nahe kömmst, dem stillen einsamen
Hügel unter welchem sie schlummert, die mir so schnell entrissen wurde! die ich
schmerzlicher verlohr, als der welchgeschaffne Jüngling sein zärtliches Mädchen;
schmerzlicher, als der fühlende Mann die geliebte Mutter seiner Kinder! um die
ich klagen werde, so lange ich klagen kann! Kömmst du zu dem Grabe dieser
Teuren, zu dem ich jezt traurig eile, so verstumme deine Freude! so schalle,
durch dich erweckt, kein Lachen! so wandle die Muse der ich dich empfahl, und
bei dich wenn du grösser wirst, ich sehe es vorher, zu dem ehrwürdigen heiligen
Hügel führen wird, ihr freundliches Lächeln in frommen Gram.
    O! dass du allein mich hier verstehst!
    Aber, geh in Frieden!
 
                            Siegfried von Lindenberg
 Inspicere, tanquam in speculum, in vitas omnium Suadeo, atque ex aliis sumere
exemplum sibi.
                                                                         Terent.
                                 Erster Teil.
           (Zweite rechtmässige, und durchgehends geänderte Ausgabe.)
                           Vorrede zur zweiten Ausgabe.
Dem Himmel sei Dank, lieber guter Leser! wir sind uns nun nicht mehr so fremd,
als da ich mit meinem Siegfriedbüchlein zum erstenmal ins Publikum schritt. Du
glaubst nicht, wie behaglich mir das sei, mir, der ich nirgend lieber als unter
alten Bekannten bin, dass ich, da Du mit dem, was ich Dir nach meiner Wenigkeit
in gedachtem Werklein aufzuschüsseln vermochte, so ziemlich freundlich fürlieb
nahmst, nunmehro Deiner Majestät, Durchlaucht, Hochgebohrnen, oder - Hochedlen -
was Du nun gerade bist, als ein alter Bekannter treuherzig die Hand bieten kann.
    Zwar, wärest Du - und das kann sich gar wohl zutragen, da ich diesen meinen
neuen ersten Teil so gut als den alten, und auf eben den Fuss, dem guten biedern
Nicolai und der hohen Ottomanischen Pforte hiermit, respektive ergebenst und in
tiefster Devotion, dediciret haben will; - wärest Du also gerade eine Majestät,
so möchte mancher, der noch nicht weiss, wie kordat die Schriftstellerchen heuer
mit Königen und Kronprinzen in Büchern, Vorreden und Dedikationen zu reden
pflegen, es für sehr zutäppisch erklären, dass ich so antik und Deutsch Dir die
Hand biete. Aber mögen sie doch, lieber Sultan! Wenn nur Deine Majestät sich
nicht dran stösst, so mag sich meinetwegen die eingebildete Majestät jedes Mufti,
Iman, Torschreibere, Kommissionsrats, - oder wer sonst wähnet, ein
rechtschaffner Mann ehre ihn mehr durch einen krummen Rücken als durch einen
biedern Gruss, dran stossen. (Diese Leutlein kennen meine Art nicht: wem ich die
Hand biete, von dem hab ich sicher eine gute Meinung - denn ich halte meine Hand
ein wenig in Ehren, einen neuen Hut aber kann ich für etliche wenige Gulden
wieder kaufen, drum nehm ichs mit dem nicht so genau.) Da wollt ich ohnehin
drauf schwören, dass ich überall schiedlicher und friedlicher mit Dir aus
einander kommen werde, als mein erstes Siegfriedbüchlein mit den Einwohnern
eines kleinen Fleckens im Lande zu Schwaben. Denn, wir können nichts mit
einander auszumachen haben, sobald Deine Majestät - wie sie denn ohne die
grösseste Ungerechtigkeit nicht anders kann - sich nur versichert hält, dass ich
Dich, obgleich Du Sultan bist und ein Muselman, wegen des wichtigen Postens
eines Monarchen, welchen Dir eben der Gott vertrauete, der dem Muselman so wohl
als dem heiligen Vater zu Rom und dem Oberrabbiner zu Berlin Leben und Dasein
gab, eben so herzlich ehre, als wenn Du der Allerchristlichste König wärest, -
wenn Du anders, wie ich zu Deiner Kaiserlichen Majestät das veste Vertrauen
habe, ein guter Mann bist. Und - nimm mir das nicht übel, grosser Sultan! - ein
guter Mann zu sein, ist Deine Schuldigkeit nicht mehr und nicht weniger, als es
die meinige ist. Zwar gibt es einige Leute, die dafür halten, je grösser und
vermögender einer sei, desto mehr sei er verbunden, ein guter Mann zu sein: ich
aber möchte wohl hören, womit sie das beweisen wollten? Denn ich, der ich das
Glück habe, kein König zu sein, war, so lange ich Rechts und Links unterscheiden
konnte, steif und vest der Meinung, es sei, was diesen Punkt betrift, keiner von
allen, die aus Noah's Kosten herstammen, vor dem andern von Gott mit einem
vorzüglichen Berufe begnadigt; und hier ist mein Beweis, von dem ich wohl einmal
wenn Dirs nicht zu viel Mühe macht, zu erfahren wünschte, ob er Deiner
Ottomanischen Majestät einleuchtet. Der Sultan, sag ich, ist Mensch, ehe er
Sultan, und der Bettler ist Mensch, ehe er Bettler ist. Mensch ist also hier die
Hauptsache; Despot oder Bettler sind zufällige Nebenumstände. Da nun gut sein,
so sehr er kann und vermag, des Menschen Pflicht ist, (cf. Bibel, Koran, und
Vernunft,) und der Bettler so wohl vom Weibe geboren ist, als der Sultan: so
fliesst daraus der Schluss, dass einer wie der andre all sein bisschen Kraft
anstrengen müsse, so gut als möglich zu sein. W.Z.E.W. Alles, was Deinesgleichen
voraus haben, ist, dass jede Minute ihres Lebens ihnen Gelegenheit gibt, zu
beweisen, dass sie gut sind; da im Gegenteil der Bettler oft sein ganzes Leben
hindurch vergebens auf eine unzweideutige Gelegenheit warten kann, darzutun,
dass Adel der Seele vielfältig mit Dürftigkeit gepaaret sei, und ächte Grösse und
Güte des Herzens gar wohl unter einer Hülle von Lumpen wohnen könne. Aber das
ist auch vielleicht das Einzige, was Deinesgleichen neidenswert macht - (wenn
ihr bei allen eueren Lasten und Sorgen, und der schweren Rechenschaft, die ihr
vor dem Trone des ewigen Monarchen zu geben habt, überall neidenswert seid -)
und stehet der Wahrheit nicht im Wege, dass der Mann in Lumpen obgezeigtermassen
einerlei grossen Beruf mit Euren Majestäten, Durchlauchten, Hochgebohrnen, u.s.w.
habe. - Bist Du also, wie ich sagte, überzeugt, dass ich, unbekümmert, ob Du und
Deine Untertanen beschnitten oder unbeschnitten sind, in Dir den Gesalbten
Gottes ehre, den Mann, den die Vorsehung mit der Gewalt rüstete, Millionen
meiner Brüder glücklich oder elend zu machen: so wüsst ich nicht, was wir mit
einander zu teilen haben könnten. Indessen, was dickgedachter Marktflecken im
Lande zu Schwaben mit mir und meiner unbedeutenden Autorschaft zu teilen haben
könnte, wüsst ich eben so wenig, und doch erhoben einige Leutchen in demselben
den Kamm, und kräheten so laut, dass ich, zu Handhabung der Gerechtigkeit, bei
nächster Gelegenheit doch wohl einmal nachsehen muss, ob nicht ich irgend etwas
mit ihnen zu teilen habe? - und wäre das der Fall, so wünsch ich herzlich, es
möge das, was auf ihr Part kommen wird, ihnen keine Indigestionen verursachen.
    Aber vielleicht amüsirt es Deine Majestät und befördert Dir die Digestion,
wenn ich Dir das Döhnchen wenigstens zum Teil erzähle. Und weil es leichtlich
zu Etwas gut sein kann, wenn du an dem Tage, da Dir diese meine renovirte
Dedikation zu Gesichte kömmt, gut verdauest - sollte Dir auch nur ein von allen
Menschen und Freunden verlassner oder unterdrückter armer Teufel (traue das
meiner Weltkenntnis, die ohne Zweifel, so gering sie ist, ein bisschen mehr
umspannt, als die Weltkenntnis aller Sultane zusammen genommen, solchen Leuten
bist Du die mehrste Aufmerksamkeit schuldig, weil die Grossen und Reichen schon
für sich selbst sorgen werden, und die Dummköpfe und Schurken vom Himmel
versorgt zu sein pflegen;) ein Memorial präsentiren, oder ein von Buben
kommentirter Autor ein Buch dediciren - so tät ich Sünde, guter Sultan, Deiner
Hoheit das Geschichtchen vorzuentalten. Ich erzähle Dirs übrigens ohne allen
Eigennutz, und will eben nicht, dass Du mich aus Dankbarkeit, dass ich Dich zu
amüsiren suche - denn ich weiss, ihr Sultane seid sehr erkenntlich - zum Bassa
von einem Vierteldutzend Rossschweifen ernennest, wie weiland einer von Deinen
glorwürdigen Vorfahren dem Bassa Bonneval tät, der ihn - eben nicht amüsirte.
    Dass ein saubergebundnes Exemplar meines Büchleins nach Konstantinopel kam,
war nun wohl kein Mirakel, weil mein damaliger Verleger Deiner Majestät das
Dedikationsexemplar zugefertiget hat. Aber, wie sich mein Werkchen in die Hände
gewisser Schwäbischer - Leser verirret haben mag, das würde mir vielleicht in
eben dem Maasse zu rund sein, als diesen - Lesern meine Schrift, wenn ich mich
nicht ein wenig besser aufs Quadriren verstände, als diese Leutlein auf Bücher.
Doch, im Grunde verschlägt mir das auch nichts; und gesetzt auch, es läge mir so
viel an diesem Wie? als meinem Nachbar, so findet sich wohl an einem andern Orte
Gelegenheit davon zu reden. Genug, mein Büchlein kam durch Vorschub einiger
Leute, die was bessers hätten tun mögen, als ihr ohnedem schon vollgerütteltes
Sündenmaass zugleich mit dem der armen Sünder im Schwäbisschen Kraise zu häufen,
vermutlich unter einer Partei kontrebander Waaren, in jenen Winkel des Landes
zu Schwaben.
    Nun residirten unter dem Tore des Oertleins ein kleines winziges Ding von
Visitaterchen, und ein grosser Lümmel von Torschreiber. - Umgekehrt wär's besser
gewesen: aber es war nun so. Dieser mochte Kammerdiener bei einem
Deutschfranzosen gewesen sein, denn er französirte excellent. Jener, das weiss
ich gewiss, war etliche Tage in Gesellschaft eines Savojarden, dem eine Marmotte
sein tägliches Brodt bescherete, gewandert, und hatte dem lüstigen Burschen ein
Paar Bissen Italiänisch abgestolen, mit welchen er wundersam stolzierte, und
kecklich vorgab, er habe Florenz und Rom und des heiligen Peters ganzes
Patrimonium gesehen.
    »Corpo di Bacco! sprach der Visitator zum Torschreiber, was ist das? - S,
i, e, g. Sie; f, r, i, e, d, vert, Sievert von Lindenberg? - Che mi venga la
rabbia, Herr Konfrater, wenn ich weiss, ob ich das Dings einpassiren lassen darf!
Sievert von Lindenberg! - Cospetto! das könnte wohl gar auf unsers Herrn
Gerichtsschulteiss Gestrengen gehen, denn es klingt ackerat als Sievert von
Lünzelberg.«
    »Parbleu! tät der Torschreiber repliciren. Vous avez verdammt viel Kopf,
Monsieur Confratèr! 's Teufels bin ich, wenn Sie nicht alle Tage kapabel wären,
Torschreiber zu werden.«
    »Vossignoria belieben zu scherzen, Herr Konfrater! Aber ...«
    »Je me donne au diable, wenns nicht mein Ernst ist, Herr Konfrater!
Malpeste! Vous n'avez pas l'esprit bouché.«
    »Nu, nu kann sein. - Aber mit vostra licenza, Signore Confratello, dass ich
nach Ihrer Meinung frage: was denken Sie, soll ichs einpassiren lassen?«
    »Eh! Vertu de ma vie! pourquoi non? vor allen, wenns wirklich auf den
Gerichtsschulteiss geht. Pardi! lassens immer passiren. u.s.w.«
    Die beiden Esel beleuchteten das Ding noch ein wenig, und bekonfraterten
einander nach der Tablatur, bis zuletzt der skrupulöse Visitator, der so schön
buchstabiren konnte, die Argumenta des politischen Torschreibers, der so gern
französisch sprach, goutirte; und so kam das Büchlein in den Ort. Aber die
Untersuchung des Gesindels im Tor war doch noch früher hineingekommen, und
schnell wie ein Lauffeuer lief das Gerücht von Schnabel zu Schnabel, von Haus zu
Haus: es sei ein leidiges, verdammtes, vermaledeietes Ding von einem Buche
angekommen, worinn das ganze Oertlein Mann für Mann auf eine unerhörte Art
seinen Lex bekäme.
    Ich entsinne mich, wohl eher an der Stubentür einer Dorfschenke einen
zierlichen Holzschnitt gesehen zu haben, auf welchem eine ganze Gemeinde mit
Spiessen und Stangen, schwerem und leichtem Geschoss, Heugabeln, Dreschflegeln,
und allem gerüstet, was nur irgend eine Trutzwehr vorzustellen bastant ist, zu
Felde zog wider - einen Rochen.1 Sogar, wenn ich nicht irre, war auch der
Priester mit Sprengwedel und Weihkessel, und geweiheten Kerze bei der Hand, den
argen Feind zu exkommuniciren. - Wer weiter keine Waffen hatte, brachte
wenigstens ein ungezogenes Maul mit und schamlose Sitten. Natürlich so gemahnen
mich die Herren aus jenem Winkel des Schwäbisschen Kraises, denen wohl ein Buch
ein eben so fremdes Ding sein mag, als jenen Bauern, deren Heimat der
Holzschnitt nicht angibt, ein ehrlicher Seefisch. Denn, schauts! die Väter des
Fleckens in ihren grossen Perüken und Amtsmänteln täten halter auf dem
Stadtause drob deliberiren; der liebe geistliche Herr zog sich das Ding zu
Gemüte; die Betschwestern vergassen Schmolken und Verläumdung; Ursula errötete
zum erstenmal vor ihrem Wucher, und schlug kläglich, mit einem: Ach, Herr Jesus
Christus! die Hände über den Kopf zusammen; und zusammen steckten ihre schaalen
Köpfe selbst, in der Schumacherherberge und dem Schneidergildhause, halter die
weisen Kannengiesser unter den ehrsamen Bürgersleuten. Kurz, die Kreti und Pleti
kakelten unter einander; die Spinnstuben schallten wieder; in den Wochenstuben
hörte man nichts anders; bei den Gevatterschmäusen wars halter der ewige Fladen;
die Stricknadel wackelte nicht, die Spindel stand still, und, schauts, der Eimer
am Born blieb schweben. Das war ein Gehaltre und Geschautse vom Henker! Jeder
wusste haarklein alle die heillosen Dinge, die in dem Buche - - nicht standen;
wusste auf ein Haar, von wem der Edelmann seinen Sarras, der Justitiarius sein
Kartonhütlein, und der Ludimagister seinen Dornstock entlehnt habe; wusste auf
ein Haar, dass Freundschaft, Rechtschaffenheit, Achtung gegen würdige Männer, und
was weiss ichs? von dem ruchlosen Verfasser dieses ehrvergessnen Buchs gottloser
Weise unter den frevelnden Fuss getreten wären; wusste, dass Staat und
Menschenliebe, Kaiser und Könige, Ludwig der sechzehnte und die Grafen von Reuss,
- und ich glaube wahrhaftig gar der liebe Gott oben drein, ärgerlich und
lästerlich in dem giftigen Büchlein angetastet wären. Ein Duns erzählte die neue
Mähr dem andern Dunse, und, schauts! bei allen täts halter so glatt hinunter
gehen, als wärs ein Fadensüpple - Zwar trat ein Biedermann auf, nahm eine Priese
aus seinem Riechbüchsle, bot den Umstehenden desgleichen, und bewies: es sei der
Menschheit nit sönderlich ehrsam, dass eine Menge Menschen sich selbst
herabwürdige, bloss in Meinung und Absicht einen andern herabzuwürdigen, und -
was das Abgeschmackteste sei, - alles das auf Hörensagen, alles das auf Treu und
Glauben etlicher Laffen, die im Tore eins und anders aus dem geistreichen
Dialog der beiden Genies aufgeschnappt, und bei der Gelegenheit etwa hie und da
ins Büchl hineingeklotzt haben mögten. - Aber das war in den Wind geredet.
    Unterdessen nun, lieber Sultan, dass das Geträtsch so einige Tage dauerte,
lief allmählich das Buch von Hand in Hand, und einige Leute verwendeten sogar
die etlichen Groschen an ein eignes Exemplar, welches sie um so leichter
erhalten konten, da ein wohldenkender Mann zu Leipzig aus treuem Eifer fürs
gemeine Beste so ehrlich es mit dem Verfasser meinte, durch einen Nachdruck die
Exemplare der ersten Ausgabe zu vervielfältigen, die der Verfasser aus weit
besserem Eifer fürs gemeine Beste in einer ersten Ausgabe nicht vielfältig haben
wollte. Da sah denn nun allerdings, wer Augen hatte zu sehen, dass das Büchlein
unter dem Zuschnitt eines Romans nichts weiter sei, als ein menschenfreundlicher
Versuch, denen, die trauriges Herzens sind, ein halb Stündchen wegzuscherzen,
dessen Verfasser allem, was Gut und Gross ist, gern und freudig Gerechtigkeit
widerfahren lässt, ob er gleich hie und da über das seruum pecus imitatorum sein
Gelächter hat, hie und da der Büberei einen Rippenstoss gibt, und der
Geckenhaftigkeit ihr Schellchen an das Käppchen heftet. Man sah, dass er sich
bemühe, aus der Welt hinauszulachen, was unsre Weisen hinausmoralisiren, und
unsre Eifrer hinauspoltern wollen; dass er da und dort eine nicht unerhebliche,
und unter andern den Eltern vorzüglich die Wahrheit predige, es sei notwendig,
den Charakter und die Anlagen ihrer Kinder sorgfältig auszubilden und zu
entwickeln, oder durch Leute, die dazu tüchtig sind, ausbilden zu lassen, im
Fall sie selbst sich zu einem so wichtigen Geschäft zu schwach fühlen; dass er
zeige, man könne bei der edelsten Geburt und ungeheuren Glücksgütern, selbst bei
der herrlichsten Anlage und dem treflichsten Herzen, ohne Bildung und
notdürftige Kenntnisse nichts anders als ein lächerliches Original und ein
Spiel der Buben sein. Man sah ferner, dass der Verfasser unglücklicher Weise ins
Wespennest der Toren stöhre, und andre dergleichen gar löbliche Dinge mehr,
welches alles Du, weiser Sultan, ebenfalls gesehen haben wirst. Man sah auch,
dass es seine Art sei, alles mit lachendem Munde zu sagen, und dass er sich in
seiner Vorrede und sonst wider Buben und desgleichen hinlänglich verwahret habe.
Aber kein einziger verständiger und redlicher Mann sah in irgend einem Winkel
des Buchs ein Tittelchen, weswegen dem Verfasser, sogar unter dem
willkührlichsten Despotismus eines Bassa in einer der Provinzen Deines grossen
Reichs, auch nur Ein Haar gekrümmet werden könne, geschweige denn im heiligen
Römischen Reiche, in Pohlen (obgleich der böse Skribent dieses Land ärgerlicher
Weise die Polackei nennet,) in Schweden, Dännemark, Berlin, Paris, der
Moskowiterei, u.s.w. Kein vernünftiger Mann bemerkte, dass der Verfasser über
Kaiserliche, Königliche und Fürstliche Verfügungen spotte; wohl aber sahen sie,
dass er den Kindern die Rute gebe, die Gefahr liefen, in Grossvaters Pantoffeln
zu stolpern und das Näschen zu quetschen, indem er die flachen Kopien ächter
Grösse, die aufgebläheten Frösche neben dem Stier, zurecht zu weisen suche, die
von der Spitze ihres Mistaufens soviel zu übersehen glauben, als vom Gipfel des
Blocksberges; die oft aus guter Meinung, oft aus Bauernstolz, oft aus Unverstand
mit wirklicher Grösse des Charakters verbunden, in ihren armseligen vier Pfählen,
und in dem Bezirk ihres Dörfleins den Monarchen machen, was im Grossen möglich
ist, im Kleinen für möglich halten, auf dem Schloss Lindenberg einen Staatsrat
errichten, und in einem abzuspannenden Dörfchen das Indigenat einführen, ihr
Geld zu Stiftungen und Anstalten vertändeln, wodurch in der Welt - das heisst
hier: in dem Cirkel, der sie umgränzt, nichts gebessert wird, u.s.w. Man sah,
dass er sich bemühe, in ein und anderm auffallenden Exempelchen zu zeigen, wie
kläglich es einem Manne von Stande, Vermögen, und einiger Bedeutung stehe, wenn
es in seinem Hirn so öde und leer ist, dass man seine liebe Not hat, ihm die
fasslichsten Dinge begreiflich zu machen, u.s.w. Man sah, dass er es für ein ganz
gutes Ding halte, Genie zu haben, obgleich er es sehr abgeschmackt finde, wenn
Tölpel, Windflügel, Schwätzer und Hasen sich dünken, Genies zu sein; obgleich er
spotte über die Buben, die ihre Büberei, über die Gecken, die ihren Wurm, über
die Schmierer, die ihre platten Fratzen, über die Tappse, die ihre Eseleien,
über die Händelecker, die ihre Hasenhaftigkeit für Züge des Genie geben, und
über die Laffen, die, unbekannt mit den ersten Grundlinien irgend einer
Disciplin, sich dem toleranten Publikum als Kunstrichter aufdringen,
Schriftsteller, deren Superiorität sie fühlen, mit ihrem Geifer bespritzen,
junge Leute, die oft nicht ohne Kopf und Talent sind, abschröcken, den noch
nicht festen Leser irre führen, und zu urteilen glauben, wenn sie eigentlich
nur mit ihren langen Ohren gewackelt haben. Man sah, dass er mit einigem Gewicht
über dergleichen Gesindel herfiel, und, wer sich hellen Kopfs und reinen Herzens
fühlte, der bedaurte nur, dass der Verfasser nicht schwerer wog oder wiegen
wollte.
    Alles das und mehr dergleichen Dinge, ganz erlaubt zu sagen, und für
Tausende gar erbaulich zu lesen, fanden gescheute und redliche Leute in dem
Büchlein, weil sie wirklich drinn standen. Und eben weil sie redlich waren,
übten sie die Gerechtigkeit, die man jedem Schriftsteller schuldig ist, nichts
in sein Buch zu legen, was er ganz augenscheinlich nicht hineingeleget hatte.
    Ganz anders aber nahmen sich die Genies, das lüftige Völklein der Windmichel
und Hasen, der kleine Visitator, der so viel von Italien erzählte, der grosse
Torschreiber, der so gern französisch sprach, der liebe geistliche Herr, die
Kreti und Pleti, und die trätschende Akademie der Wissenschaften im
Schneidergildhause. Sie hatten nun das Büchlein nach Herzenslust begaffet,
bekopfschüttelt, beachselzuckt, und mit ihren schmutzigen Fingern besudelt, auch
sogar berandglosset, und nun war dieses ganze kopflose Häuflein Ein lebendiger
Kommentar über mein armes Buch, das sich der Ehre nicht wert hielt noch
versehen hatte. Es war ein natürliches Hexenfest in dem Oertlein. Jeder war
geflissen, sein Schwefelhölzchen herbeizutragen, um den Scheiterhaufen zu
vergrössern, den ich ruchloser Mann, dem nichts heilig ist, verdienet hatte.
Und, ohne Ruhm zu melden, der liebe fette geistliche Herr machte die giftigsten
Kommentarien unter allen, denn, seine Frau hatte ihm gesagt, und seine Amme
hatte es bestättiget, mein Buch sei gar ein gottloser ehrenschänderischer Quark
von einem Buche.
    Eine grosse, feiste, vierschrötige Excellenz glaubte sich in der Person des
Pommerschen Junkers wie in einem Spiegel zu sehen, und drang beim ehrbaren des
Oertleins Rat ernstlich auf ein Verbot meines Buches.
    Ihro Excellenz erwiesen mir viel Gnade, dass Sie es nicht durch den
unehrlichen Appendix der lieben Justiz verbrannt wissen wollten, und mich
effigialiter dazu. - Ich bin sehr für Wörter, die sich in iter endigen. - Da
Ihro Excellenz freilich wohl zu allen Schwachheiten und Mängeln meines Freundes,
des guten Siegfried, aufgelegt sein mögen, aber keine Spur seiner schönen Seele,
seines grossen herrlichen Charakters, seines Stolzes, der bei aller Unwissenheit
des Mannes edel genug ist, an sich haben: - überdem, da mein Freund keine grosse,
feiste, vierschrötige Excellenz, sondern ein schöner, wohlgewachsener Mann, von
schlankem Wuchs, sehr edler Stellung, und majestätischem Ansehen ist: so kann
ich Ihro Excellenz unmöglich die Ehre erwiesen haben, Dieselben zu schildern. So
verschieden sind nicht Nachteule und Adler, als diese Excellenz und der Junker.
Dünkt Dich das nicht auch, weiser Sultan?
    Wo ein paar Leute einander in den Weg kamen, wars die erste Frage: »Haben
Sie den Siegfried gelesen?« - Ja! - »Nun?« - Je nu! ich denke, schauts! unter
allen hat er meinen Nachbar dort im Eckhause am besten getroffen. - »Schauts!
mei Six! Aber das Peterl ist doch mit Haut und Haar der Hofrat **.« - Das
Peterl hm? Habs nit drinn abselvirt Das Peterl? das Pet .... Ah! nu bin ich
dran. Meinen das Fixerl! Ists nit? Mei Blut! Nu Sie 's sagen, ist mirs wärli,
als wenn ich den Hofrat leibhaftig vor mir hätt'! Das Buch muss hier im Städtel
geschrieben sein, u.s.w.
    So half immer ein Tapps dem andern auf die Sprünge. Aber, dass irgend einer
in seinen Busen gegriffen, gesagt oder nur gedacht hätte: »Das bin ich! an
diesen Zügen erkenn ich meine Büberei, meine Narrheit! Dank sei dem
Schriftsteller, der mir mein eignes Herz aufschloss! ich will mich bessern!« -
davon, lieber Sultan! ist mir nichts zu Ohren gekommen. Und, bei Gott! das hätte
mir mehr Lohn sein sollen, als wenn mir mein Buch eine Million eingebracht
hätte. Denn was ist eine Million, die ich doch früh oder spät zurücklassen muss,
was ist ein Königreich gegen ein Verdienst, das mich durch alle Ewigkeiten
begleiten würde?
    Ich würde so bald nicht fertig werden, wenn ich Deiner Majestät alle die
Armseligkeiten vorlegen sollte, und alle die Bosheiten, die bei Gelegenheit des
Siegfriedbüchleins zu Tage gefödert sind, und nach dem Willen jener Leute auf
mein Konto laufen sollen. Nur die unbedeutendsten, die unschuldigsten hab ich
ausgehoben; denn was die hämischen Kommentare meines Gönners, des lieben
geistlichen Herrn, der mich nicht kennt, und den ich nicht kennen mag, betrift,
so respektire ich teils mich und meine Feder, teils das Ohr und die Person
Deiner Majestät zu sehr, als dass ich hier solchen giftigen Plunder mustern
sollte.
    Was ich den Herren im Lande zu Schwaben sagen werde? - Nichts, grosser
Sultan! Nichts in der Welt, kein Wort, kein Jota! Willst Du aber, dass ich mit
Dir ein wenig über die Sache sprechen soll - ausser allem Zweifel kann ich keinen
unbefangenern Leser haben, als Dich, obgleich mein Freund Siegfried Dein Serail
nachahmen wollte, weswegen mich aber Dein Mufti so wenig als Dein Hofderwisch in
den Bann tun, oder bei Deiner erleuchteten Majestät versuchsschwänzen wird - so
bin ich bereit zu gehorchen.
    Ich bin also der Meinung, dass den Herren im Städtlein zu Schwaben jeden sein
eignes heimliches Geschwür jücken müsse. Denn Horaz sagt schon:
- - - - - Quemuis media arripe turba;
Aut ab auaritia, aut miser ambitione laborat.
Hic nuptarum insanit amoribus, hic puerorum:
Hunc capit argenti splendor, und so weiter,
Omnes hi metuunt versus, odere Poetam.
Foenum habet in cornu! longe fuge! dummodo risum
Excutiant sibi, non hic cuiquam amico, etc.
    Ich wundre mich also gar nicht, wenn die Herren mich anfeinden und mein Buch
fürchten. Eben dieses Quemuis media arripe turba des Menschenkenners ist Bürge,
dass mein Buch, so wie ich es geschrieben habe, wenn es in Rom zu den Zeiten der
Pisonen heraus gekommen wäre, seine Kommentatoren gefunden haben müsste, weil man
ohne Mühe von jedem meiner Originale dort Kopien in Menge angetroffen haben
würde; eben das würde geschehen, wenn ich tausend Jahr später lebte und
schriebe. Denn es stehet nicht zu hoffen, dass binnen hier und tausend Jahren die
Zünfte der Buben und Gecken so ganz aussterben werden, dass nicht in jedem
kleinen Städtlein noch so viel übrig bleiben sollten, als nötig sind, jede
Schellenkappe, die in meinem Buche vorkömmt, wohl mehr als Einem Kopfe anpassen
zu können.
    Ich wundre mich auch nicht, dass die Herren sich versichert hielten, mein
Buch sei dort im Städtel geschrieben, und es ist mir lieb um des Städtels
willen; denn (wiewohl mirs leid täte, wenn ein Unschuldiger jenen Herren bis
jezt an meiner Stelle zum Sündenbock gedienet hätte) es kann immer für einen
Beweis gelten, dass es in dem Oertlein einen Mann gibt, der im Stande ist, ein
leidliches Buch zu schreiben. - Und dass ich mein Buch wenigstens für ein
leidliches Produkt halte, wird mir wills Gott niemand verargen; denn wahrhaftig,
ich müsste noch unverschämter sein, als meine Kommentatoren, wenn ichs für
schlecht hielte, und es dem ungeachtet dem Publikum vorlegte. Zudem bin ich mir
bewusst dass ich es so sorgfältig gearbeitet habe, als ich nach Maassgabe der
Umstände konnte, und so gut als ich durfte. - Um aber doch die Herren von ihrem
Irrtum zu heilen- und zu Steuer der lieben Wahrheit, für deren Freund und
Verehrer ich mich hiermit öffentlich und feierlich bekenne, sei hiermit jedem
Anekdotenjäger, litterarischer Neuigkeiten Notizfabrikanten, u.s.w. kund und zu
wissen, dass mein Buch nicht in Schwaben geboren sei, sondern dass ichs hier,
mitten unter dem frohen Haufen meiner Kinder, an meinem Pulte, in meinem Hause,
belegen in der Stadt Itzehoe im Lande zu Holstein, elaboriret habe; in welcher
Stadt man über mein Büchlein vor meinen Augen und Ohren wohl so liebreich
kommentiret hat, als im Oertlein zu Schwaben, und wahrscheinlich in jedem Orte,
wo man meinem Freunde Siegfried die Ehre tat, ihn kennen zu lernen. Zwar kann
ich nicht leugnen, dass ein weit grösseres Teil meines Siegfriedbüchleins, als
ich dem Publikum in diesen beiden Bändchen mitteile, bereits unter meinen
Papieren lag, als ich noch an den Ufern des Guttalus lebte; aber in Schwaben ist
kein Tittelchen, weder von dieser, noch von irgend einer meiner übrigen
Schriften empfangen oder gar geboren. Mein Beweis ist ganz simpel: Zeitlebens
bin ich mit keinem Fusse nach Schwaben gekommen. Ich weiss sogar von Schwaben sehr
wenig, weiss nicht, wie weit Burlefingen von Grimmelfingen entlegen sei, weiss
nicht, ob Rabiosus Recht oder Unrecht habe, und schäme mich gar nicht, diese
meine Ignoranz frank und frei zu gestehen, da ich zwanzig tausend weit
gepriesenere Dinge weder weiss noch wissen mag, noch zu wissen brauche; da ich
reisete, um Erfahrung und Menschenkenntnis zu sammeln und meines Berufs zu
warten, nicht aber um Turmspitzen und den Esel im Hamburger Dom zu besehen,
oder das Männchen unter der Brücke zu Dresden.
    Freund Richardson hatte seinen Sir Carl, und seinen Lovelace dazu, immer in
Petto behalten mögen, denn der erstere ist, leider! nicht in der Natur, und der
letztere, Gott sei Dank! noch weniger, wofern nicht etwa seit Klarissens
Existenz sich einer gebildet hat. Nützlicher und besser ists, wenn man den
Leuten erreichbare Ideale zur Nachfolge vorstellt, und hübsch bei den
alltäglichen Torheiten, denen so viele sich nur gar zu gern ergeben, stehen
bleibt, und Buben, wie man sie an allen Ecken findet, die Geissel um die Ohren
sausen lässt. Was wir tadeln, muss in der Natur sein, muss nicht so selten sein,
dass es nicht der Mühe lohnet, davon zu reden; sonst ist im ersten Fall,
wenigstens unsere Arbeit fruchtlos und ganz umsonst; und im zweiten läuft man
Gefahr, Bübereien zu lehren, an die kein Mensch gedacht haben würde. Ich gebe es
zu, man kann, wenn man die Züge zu seinen Bildern aus der Natur nimmt, sie von
alltäglichen Originalen abstrahiret, und so aus zehn und mehreren einen einzigen
Gecken zusammen setzet - man kann, sag ich, auf den Fall unmöglich zwischen den
Deutern ungehudelt hindurch kommen. - »Sieh! leibhaftig meines Nachbars Nase!« -
Nimms indessen nicht übel, guter Freund, oft zupft der Autor deine eigne
Wenigkeit beim Ohr, wo du des Nachbars Nase aufs eigentlichste zu erkennen
glaubest. - Es muss aber schlechterdings einem Schriftsteller schmeichelhaft
sein, wenn er an manchem Orte Deuter findet. Zwar ists ein Zeichen, dass die
Menschen nicht leicht zu bessern sind, weil jeder nicht sich, sondern seinen
Nachbar im Spiegel sieht: aber es beweiset doch auch, dass ein solcher Autor ein
treuer Maler der Natur sei; - freilich der fehlerhaften Natur: aber kein
Aristoteles hat dem Sittenrichter das Gesetz gegeben, ins Schöne zu malen.
    Mit welchem Rechte schreiet endlich dieser und jener wider den Mann, der mit
lachendem Munde und heilsamen Spotte zu bessern sucht? Lieben wird ihn, wer Herz
und Hände rein weiss; und wer nicht in dem glücklichen Falle ist, der bessere
sich, und feinde keinen Schriftsteller wegen einer edlen Absicht an, oder
schelte sein Buch für giftig. In meinem Buche kenne ich kein Gift; und zum
Beweise, dass dem so sei, und dass ich bereit stehe, mein Herz, und die Moralität
jeder Zeile, die ich gedruckt oder ungedruckt schrieb, gegen jeden Angriff zu
verteidigen und zu schützen, bekenn ich mich hiermit öffentlich zu diesem
Buche; und wenn es erfoderlich sein sollte, will ich mich gern zu allem
bekennen, was ich jemals schrieb. Ich gebe willig zu, dass nicht alles meinem
Verstande Ehre mache, denn ich bin ein Mensch; aber ich bin mir bewusst, dass ich
durch keine Sylbe mein Herz entehret habe. Uebrigens ist Horaz ein Mann von
grösserem Gewichte als ich. Schon einmal hab ich ihn angeführet, und auch hier
mag er für mich reden. Er sagt:
Nunc illud quaeram, meritone tibi sit
Suspectum genus hoc scribendi. Sulcius acer
Ambulat et Caprius, rauci male, cumque libellis;
Magnus vterque timor latronibus: at bene si quis
Et viuat puris manibus, contemnat vtrumque,
Vt sis tu similis Caeli Birrique latronum,
Non ego sim Caprii neque Sulci; cur metuas me?
- - - - - - - - - - - - - - »Laedere gaudes,
Inquis, et hoc studio pranus facis.« Vnde petitum
Hoc in me iacis? est auctor quis denique eorum
Vixi cum quibus? Absentem qui rodit amicum,
Qui non defendit alio culpante, solutos
Qui captat risus hominum, famamque dicacis,
Fingere qui non visa potest, comissa tacere
Qui nequit, hic niger est! hunc tu, Romane, caueto!
Saepe tribus lectis videas coenare quaternos,
E quibus vnus amet quauis adspergere cunctos
Praeter eum qui praebet aquam: post, hunc quoque potus,
Condita quum verax aperit praecordia Bacchus;
Hic tibi comis et vrbanus liberque videtur
Infesto nigris: ego si risi, quod ineptus
Pastillos Rusillus olet, Gorgonius hircum,
Liuidus ac mordax videor tibi? Mentio si qua
De Capitolini furtis iniecta Petilli
Te coram fuerit, defendas vt tuus est mos:
»Me Capitolinus couuictore vsus amico-
que a puero est, causaque mea permulta rogatus
Fecit, et incolumnis laetor quod viuit in vrbe;
Sed tamen admiror, quo pacto iudicium illud
Fugerit.« Hic nigrae succus loliginis; haec est
Aerugo mera; quod vitium procul afore chartis,
Atque animo prius, vt si quid promittere de mo
Possum aliud, vere promitto. Liberius si
Dixero quid, si forte iocosius, hoc mihi iuris
Cum venia dabis, etc.
    Um Verzeihung, lieber Sultan, wegen dieser langen Citation. Ich citire sonst
nicht gern, aber da die Stelle so passend ist, und ich mir nicht getraute, es
besser zu sagen, so lässest Du mirs ja wohl ohne Bastonnade hingehen, dass ich
einmal einen andern ehrlichen Mann für mich denken lasse, da ich so oft für
andre Leute denken muss. Latein wirst Du freilich nicht verstehen: aber das geht
vielen unsrer Gelehrten, d.i. Männern, die auf Universitäten gewesen sind, nicht
besser. Dein Dragoman - vor allen wenn er kein Gelehrter ist - wird Dir schon
aushelfen. O, es ist eine herrliche Sache um einen tüchtigen Dragoman!
    Ich bin - denn was gehen mich im Grunde die Dragomans an? reden wir lieber
von andern Dingen. - Ich bin jetzt mehr als jemals der Meinung, dass der schöne
Alcibiades ein gescheuter Kopf war. Damals, wie ich noch unter den Händen meiner
Orbile, die Gott selig haben wolle! die klassischen Autoren manch schönes mal
zum Henker wünschte, wollte mir das Ding nie einleuchten, dass ein Hundeschwanz
je eine erhebliche Sache für eine ganze Republik, für die gesittetste,
witzigste, urbaneste, gelehrteste, weiseste - ja, weiseste sag ich; es ist kein
Druckfehler; - Stadt unter der Sonne sein könne. Ich war ein ernstafter Junge,
und hatte, wie mans von einem Burschen, der die Welt nur aus einigen Büchern
kennt, nicht anders erwarten kann, eine herrliche Meinung von dem
Menschengeschlecht, und grosse Hochachtung vor demselben. Es tut mir leid, dass
Erfahrung und Menschenkenntnis diese Meinung und Hochachtung um sehr viele
Oktaven herabgestimmet haben, denn es war mir damals viel besser zu Mute, so
leicht ums Herz, so warm in der Brust, als mir nie wieder sein wird! nie wieder
sein kann! Wie teuer kömmt mir dies arme bisschen Erfahrung und Menschenkenntnis
stehen! - - Jezt brauchts keines Hundeschwanzes mehr. Weisheit und Bildung sind
so hoch gestiegen, dass ein Mückenfuss, und weniger als ein Mückenfuss - denn der
ist doch immer ein Geschöpf Gottes - dass ein unbedeutendes Ding von Roman schon
hinlänglich ausreicht, den gefährlichen Teil des Publikum zu beschäfftigen.
Fast hätt ich Lust, Sultan zu werden! Traun, es muss eine herrliche Sache sein,
sehr schmeichelhaft für den Stolz eines Mannes, über so edle, wichtige, weise
Geschöpfe zu herrschen.
    Hör, lieber Sultan, ich bin - nicht Dein Sklav, sondern ein Mann, ders gut
mit Dir meint ; und ich halte Dich für weise genug, einen guten Rat annehmen zu
können. Und wenn Dein Mufti und alle Imans, Derwische, Fakirs und Kalenders, so
viel ihrer in Deinem Reiche sind, toll darüber würden, und Dein Janitscharenaga
die Gelbesucht davon bekäme, so kehre Dich nicht dran, sondern gieb jedem, ders
nur fodert, Deinen Firman zu Anlegung einer Buchdruckerei, und leide dann nicht,
dass die Pressfreiheit, die Du, nach dem weisen Beispiele des Dänischen,
Preussischen, und andrer Monarchen, erlauben wirst, im mindesten gekränket werde.
Du glaubst nicht, welch ein nützliches Ding Pressfreiheit für euch Monarchen sei!
aber versuchs ein Jahr oder zehn, und Du sollst mirs danken. Sieh, ich will mich
spiessen lassen, wenn je ein Sultan von den Janitscharen detronisirt wird, so
bald ihr Sultane die Druckereien einführet und vernünftig zu handhaben wisset.
Hast Du vor der Hand keine Schriftsteller in Deinen Staaten, so erzeige dem
heiligen Römischen Reiche Deutscher Nation den Liebesdienst, uns ein zehn oder
zwölftausend abzunehmen; wir behalten noch übrig die Hülle und die Fülle, denn
hier ist ihr Name Legion. Das Gewerbe ist ansteckender, als die Pest, unter
deren Geissel Dein Stambul so vielfältig seufzet. Bald werden Deine Moslems von
ihnen lernen, wie man Papier verdirbt, um mit dem Magen zu diskontiren, und
Deine Hoheit wird sich wohl dabei befinden.
    Was die Pressfreiheit betrifft, so ziehe die Gränzen derselben hübsch eng
zusammen in Sachen, die die Sitten angehen. Wenn z.E. Gedichte im Geschmack des
Grekourt, ein Dom B ..., und dergleichen bei Dir aufducken sollten, so lass den
Unflat und seinen Verfasser, ohne weiters, auf einem und demselben
Scheiterhaufen verbrennen. Tausend lüderliche Häuser, und tausend Kuplerinnen
dazu, stiften nicht halb so viel Verderben, als Ein solcher Bube. Was den Staat
anlanget, da kannst Du die Leute schreiben lassen, was sie wollen. Der Deinige
müsste sehr schlecht gegründet sein, wenn ein Mann aus der Dämmerung seiner
Studierstube ihn niederschreiben könnte. Zudem unterbleiben dergleichen
Schriften bald von selbst, wenn nicht darauf geachtet wird. Dass sie geschadet
hätten, habe ich noch nicht erlebt. Sollte jemand die Reise Mahomed's auf dem
Borak, durch alle die Himmel - ich weiss nicht gleich, sinds ihrer sieben oder
nenne, - die er in so kurzer Frist ablegte, dass aus seinem umgestossnen
Wassertopfe kein einziger Tropfen Zeit zum Herausfliessen gehabt hatte, - sollte
jemand die übrigen Wunder des Propheten bezweifeln, so - - ich dächte, Du
liessest ihn zweifeln; denn, Mahomed ist nichts, oder er wird seine Ehre schon
selbst zu retten wissen. Aber, was wider solche Zweifler geschrieben wird, das
lass genau prüfen, ehe es unter die Presse kömmt; denn eine elende Verteidigung
schadet gemeiniglich mehr, als der schärfste Angriff.
    Mit den Schriftstellern von Genie und Talenten rate ich Dir freundlich und
herablassend umzugehen, ihnen gleichsam de pair à compagnon zu begegnen.
Schmeichle ihrem Ehrgeize, und sei nicht geizig gegen sie, das wird Dir wohl
tun. Die Leute sind nicht unerkenntlich; sie werden Dir in den Jahrbüchern der
Welt ein rühmliches Zeugnis geben, und Du wirst nach Jahrtausenden noch als ein
Muster der Sultane angeführet werden, da man von den mehrsten Deiner Vorfahren
kaum den Namen und den kleinen Umstand weiss, dass sie auf Anstiften des Mufti
oder eines müssigen Trunkenbolds von Janitscharen stranguliret sind. Kolbert war
klug genug, dem vierzehnten Ludwig eben dieses unter den Fuss zu geben, und
Ludwig heisst bis auf den heutigen Tag der Grosse. Das Klügste, was jener Dichter,
dem die Verse so leicht abgiengen, als unsern Zeitgenossen die Kommentare,
gesagt hat, ist sein Viuitur ingenio (gleichviel ob durch eignes oder andrer
Leute Genie cetera mortis erunt.
    Der Hauptnutzen, den Du von den Produkten der Schriftsteller hast, ist eben
der, den Alcibiades vom Hundeschwanz hatte: sie beschäfftigen den müssigen Pöbel,
der, unterdessen dass er über ein Buch herfällt, nicht Zeit hat, über den Staat
herzufallen, oder Meutereien anzuzetteln; nicht Zeit hat, es zu fühlen, wenn Du
ihm durch Verordnungen oder Auflagen ein wenig hart fallen musst; sich schon
sattsam an Dir gerächet glaubt, wenn ein Autor ein und andern satirischen Zug
wider Deine Auflagen niederschrieb, und nicht einmal im Traume sich beikommen
lässt, dass Du selbst vielleicht, oder einer von Deinen erleuchteten Vezieren dem
Autor wohl diesen Zug in die Feder diktiret haben könne. Halt demnach die
Schriftsteller in Ehren, die die Kunst verstehen, den müssigen grossen Haufen zu
amüsiren, der Dir sonst leicht gefährlich werden kann, wenn er nichts hat, woran
er seine Unart übet; sie sind Deine Wohltäter. Weisst Du sie zu brauchen, so
kannst Du mit dem grössesten Teil Deines Volkes machen, was Du willst. Einem
andren Teile opfre einen Hundeschwanz, oder des etwas, und für den kleinen Rest
hast Du ja Rossschweife und andre Tändeleien, die eigentlich Zeichen und Lohn des
Verdienstes und der Treue sind, zuweilen auch Auffodrung zur Treue und zur
Erwerbung des Verdienstes, und ein Band, das den Untertan an seinen Souverain
bindet; sehr oft aber auch von klugen Regenten als Zuckerbrodt gebraucht werden,
bärtigen Kindern den Mund zu stopfen.
    Ich könnte noch viel hinzusetzen, aber ich habe eine so erhabne Meinung von
Deiner Weisheit, und werde in derselben durch Deine neuen Piasters, die Du um
verschiedene Para's zu leicht ausmünzen lässest, so sehr bevestiget, dass ich
fast glaube, schon viel Ueberflüssiges gesagt zu haben. Demnach küss ich Deiner
Hoheit - nicht den Kaftan, denn ich verabscheue alles, was kriechend und eines
freien Mannes unwürdig ist, - sondern die Hand, und bitte Dich, lieber Sultan,
dieses als das Zeichen der tiefsten Ehrfurcht anzusehen, zu der ich mich gegen
jeden verpflichtet achte, den Gott mit dem Amte eines Monarchen belehnete; wobei
ich mich zugleich Deiner Gnade empfehle, und von Herzen wünsche, dass Russlands
weise Katarina Deine neuen Piaster, obgleich sie um fünf Aspers zu leicht sind,
für voll zu nehmen geruhen wolle, damit eine so herrliche Finanzoperation nicht
in den Brunnen falle. Murren Deine Untertanen über die neuen Medaillen, so bin
ich erbötig, mit einigen meiner Herren Collegen in Dein Land zu kommen, und zu
versuchen, ob wir durch ein paar komische Romane und einige beissende Züge wider
Deinen Münzwardein ihre üble Laune wegscherzen können.
    Meinen Deutschen Lesern hab ich wenig oder nichts zu sagen. Sie haben mir
grösstenteils die Ehre erzeigt, die erste Ausgabe meines Buches mit einigem
Beifall aufzunehmen. Ich bin kühn genug, eben dieses für gegenwärtige fast
dreifach stärkere Ausgabe zu hoffen.
    So viel ich weiss, bin ich der erste, der es wagte, unserer jetzigen Nation
einen originalen Deutschen komischen Roman vorzulegen. (Von Nachahmungen und
Übersetzungen rede ich nicht.) Das ist nun zwar kein Verdienst, aber es könnte
mir vielleicht einigermassen Anspruch auf ein wenig Nachsicht geben - nicht gegen
Fehler, denn die verdienen niemals Nachsicht, sondern da, wo ich den Geschmack
des Publikum, den ich noch nicht kennen konnte, verfehlt haben möchte.
    Ich wünsche, dass ich auf dieser Bahn, die ich nach meiner wenigen Einsicht
für sehr nützlich halte, viel Nachfolger finden, und von jedem übertroffen
werden möge.
    Mit Vorsatz bin ich keinem Narren auf Gottes Erdboden zu nahe getreten, denn
mein herzlicher Wunsch ist, nicht zu beleidigen, sondern zu bessern.
    Uebrigens möchte ich die Herren Kommentatoren wohl bestens ersucht haben,
mich inskünftige mit ihren Deutungen gütigst zu verschonen, sonderlich
diejenigen, die ihre Wohlmeinung so weit trieben, dass sie ihre schamlosen
Pasquille mir unterschoben.
    - Einem Vorwurfe hätt' ich Lust vorzubeugen. Junker Siegfried ist ein
Pommer, und spricht ungefähr Deutsch, wie ein ehrlicher Handwerksmann hier zu
Lande zu tun pflegt, wenn er glaubt, dass man seine niedersächsische Sprache
nicht verstehe. Das ist nicht lokal, ich gestehe es. Ich hätte den Junker eben
so leicht den Pommerschen Dialekt, der mir geläufig genug ist, können reden
lassen, und ich würde es tun, wenn ich in Pommern schriebe, und der Tummelplatz
meines Helden in irgend einer andern Provinz läge. Aber ich lebe in Holstein,
werde hier am meisten gelesen, und glaube, billigen Kritikern hiermit genug
gesagt zu haben. - Der schulgerechte Leser wird meinem Buche das Wort Roman
nimmer anpassen können; aber mein Büchlein ist überall kein schulgerechtes Buch,
dess weiss ich mich gar wohl zu bescheiden.
    Sonst hoff ich durch dieses Siegfriedbüchlein das Versprechen gewissenhaft
erfüllet zu haben, das ich dem Publikum in der Vorrede zu meinem letzten
komischen Roman, (der Ring, eine komische Geschichte) der 1777 in meinem eignen
Verlage erschien, gegeben habe.
    Ob vom Siegfried mehr Teile erscheinen werden? das ist eine Frage, deren
Beantwortung von denen Lesern abhängt, die mich mit ihrer Subskription beehret
haben, und denen ich hiermit, so gut ich kann, meinen Dank bezeuge. Wenigstens
will ich hiermit den dritten und vierten Teil zu eben dem Subskriptionspreise
ankündigen, welche in der Michaelis Messe erscheinen werden, im Fall die Herren
Subskribenten mich nicht verlassen, sonst aber ruhig in meinem Pulte liegen
bleiben sollen.
    Weder vor dem Deutschen, für dessen Verfasser ich mich hiermit bekenne, noch
vor einer der verschiednen Streifereien, die ich ins Gebiet der Philosophie
wagte, noch vor einer meiner übrigen Schriften, deren, leider, mehr sind, als
mir lieb ist, hab ich mich genannt, denn ich bin mit keinem von allen diesen
Werken sehr zufrieden, und verspreche ihnen keine Dauer. Auch von meinem
Siegfried erwart ich nicht, dass er mich überleben wird, und nur Ursachen, wie
ich oben angeführet habe, können mich bewegen, ihn unter meinem Namen drucken zu
lassen.
    Geschrieben zu Itzehoe,
            im März, 1781.
                                                        Johann Gottwert Müller,
                        Buchhändler.
 
                                    Fussnoten
1 Zu frommen meiner oberländischen Leser merk ich an, eine Roche sei nichts mehr
und nichts weniger, als - ein ganz unschädlicher, wehrloser, friedfertiger, und
dabei nicht übel schmeckender Seefisch, der einem Steinbutt oder Scholle am
ähnlichsten, aber freilich ein wenig abenteuerlich aussieht.
 
                                     Bilder
   B Erziehung des kleinen Siegfrieds. Kap. 2. S. 17
   B Bin doch kurios zu wissen, was da so gröhlet. Kap. 5. S. 30
   B Mama seliger hatte wohl recht, dass 'n Kafflier immer mehr weiss, als 'n
  Gelehrter. Kap. 6. S. 37
   B Servilär Kap. 10. S. 66
   B Will dir die schöne Silfies gesegnen. Kap. 13. S. 93
   B Ei mein lieber Herr Fix, das wäre ja schön. Kap. 13. S. 106
   B Hör Er mahl man guter Mann lass Er das'n andermahl unterwegens. Bin gar
  nicht für das Altanzen, sieht Er. Kap. 15. S. 113
   B Wiss Er was? Er ist'n Flegel - da will ich Ihm's Partent drüber geben
  lassen. Kap. 16. S. 120
   B Hat Er das Dingsgen bei Sich? Kap. 18. S. 137
   B Der Blix, Lectoris, 's ist doch 'n schweres Dings Land und Leute so recht
  zu regieren, dass es 'ne Art hat! Kap. 20. S. 146
   B - und will ihm hier mit meinem Patrett eine Schenktasche für machen. Kap.
  21. S. 155
   B Vorstellung des Schauspiels: Minna von Barnhelm. Kap. 23. S. 166
 
    