
        Joachim Heinrich Campe
Robinson der Jüngere
Vorbericht.
Wenn ich die mannigfaltigen Zwecke, die ich bei der Ausarbeitung dieses Werkchens vor Augen hatte, nicht alle verfehlt habe, so liefere ich hier ein Buch, welches in mehr, als einer, Hinsicht Nuzen verspricht. Ich will diese Zwecke kürzlich darlegen, um einen jeden in den Stand zu setzen, sie mit der Ausführung zusammen zu halten. Das wird dann auch den Vorteil haben, dass angehende Erzieher daraus den Gebrauch ersehen können, den ich von diesem Buche gemacht wünsche.
Erstlich wollte ich meine jungen Leser auf eine so angenehme Weise unterhalten, als es mir möglich wäre; weil ich wusste, dass die Herzen der Kinder sich jedem nützlichen Unterrichte nicht lieber öfnen, als wenn sie vergnügt sind. Auch darf ich hoffen, diese meine erste Absicht in einem ziemlichen Grade erreicht zu haben.
Dan nahm ich mir zweitens vor, an den Faden der Erzählung, die in diesem Buche zum Grunde liegt, so viel elementarische Kenntnisse zu schürzen, als es, ohne meinem ersten Zwecke Eintrag zu tun, nur immer geschehen könnte. Ich verstehe aber unter den elementarischen Kenntnissen nicht etwa bloss litterarische, sondern auch vornehmlich solche, welche den eigentlichen litterarischen oder wissenschaftlichen Elementen vorgehen müssen; nämlich alle die Vorbegriffe von Dingen aus dem häuslichen Leben, aus der Natur und aus dem weitläuftigen Kreise der gemeinen menschlichen Wirksamkeit, ohne welche jeder andere Unterricht einem Gebäude gleicht, das keine Grundlage hat.
Nebenbei wollte ich freilig auch drittens manche nicht unerhebliche litterarische Vorerkentniss, besonders aus der Naturgeschichte, mitnehmen, weil es sich auf einem Wege tun liess. Denn warum hätt' ich nicht, statt der erdichteten Dinge, womit die Geschichte des alten Robinsons aufgestuzt ist, lieber wahre Gegenstände, wahre Produkte und Erscheinungen der Natur – und zwar in Beziehung auf diejenigen Weltgegend, wovon die Rede ist, – in meine Erzählung aufnehmen sollen, da ich beide zu einem Preise haben, und mit beiden einerlei Absicht erreichen konnte? Schon eine Ursache, warum ich von der Geschichte des alten Robinsons bei der Meinigen wenig Gebrauch machen konnte. Es werden sich mehrere finden.
Meine vierte und wichtigste Absicht war, die Umstände und Begebenheiten so zu stellen, dass recht viele Gelegenheiten zu moralischen, dem Verstande und dem Herzen der Kinder angemessenen Anmerkungen und recht viele natürliche Anlässe zu frommen, gottesfürchtigen Empfindungen dadurch hervorwüchsen. Auch um dieser Ursache willen musste ich mir einen eigenen Stof nach meinem jedesmahligen Bedürfnisse schaffen und von der alten Geschichte abgehen. Derjenige also, der dies Buch bloss zur Leseübung für seine Kinder brauchen wollte, (welches gewöhnlicher Weise nicht das angenehmste Geschäft für sie ist) werde meinen angelegentlichsten Wunsch, – den Samen der Tugend, der Frömmigkeit und der Zufriedenheit mit den Wegen der göttlichen Vorsehung, in junge Herzen auszustreuen, gar sehr vereiteln. Es soll erwachsenen Kinderfreunden zum Vorlesen dienen und nur solchen Kindern selbst in die Hände gegeben werden, die im Lesen schon eine zureichende Fertigkeit erlangt haben.
Meine fünfte Absicht hatte Beziehung auf eine dermalige epidemische Selenseuche, welche unter allen Kräften unserer gesamten körperlichen und geistigen Natur, zu recht sichtbarer Verminderung der Summe unserer Lebensfreuden, seit einigen Jahren eine so fürchterliche Verwüstung angerichtet hat. Ich meine das leidige Empfindsamkeitsfieber. Zwar hat – dem Himmel sei Dank! – die Wut dieser moralischen Seuche in so fern wieder nachgelassen, dass sie nicht mehr eine Pestilenz ist, die am hellen Mittage verderbet, weil wohl keiner mehr das Schild der Empfindsamkeit öffentlich auszuhängen wagt: aber nichts destoweniger ist sie noch bis auf diesen Tag eine Seuche geblieben, die im Finstern schleicht, und gleich andern Krankheiten, deren man sich schämt, an der Gesundheit der menschlichen Seele im Verborgenen nagt. Nichts hat mich mehr dabei gejammert, als zu sehen, dass man das sässe einschmeichelnde Gift dieser Krankheit auch unserer jungen Nachkommenschaft anzuhauchen und also auch das kommende Geschlecht eben so an Leib und Seele kränkelnd, eben so nervenlos, eben so unzufrieden mit sich selbst, mit der Welt, und mit dem Himmel zu machen suche, als es das gegenwärtige ist. Indem ich nun darüber nachdachte, welches wohl das wirksamste Gegengift wider diese Anstekkung sein möchte, stellte sich meiner Seele das Ideal eines Buchs dar, welches grade der Gegenfüssler der empfindsamen und empfindelnden Bücher unserer Zeit wäre; ein Buch, welches die Kinderselen aus der fantastischen Schäferwelt, welche nirgends ist, und in welche Andere sie hinzukörnen suchen, in diejenige wirkliche Welt, in der wir uns dermalen selbst befinden, und aus dieser in den ursprünglichen Zustand der Menschheit zurückführte, aus dem wir herausgegangen sind; ein Buch, welches jede in uns schlummernde phisische und moralische Menschenkraft wekte, anfeuerte, stärkte; ein Buch, welches zwar eben so unterhaltend und anziehend, als irgend ein Anderes wäre, aber nicht so, wie Andere, bloss zu untätigen Beschauungen, zu müssigen Rührungen, sondern unmittelbar zur Selbsttätigkeit führte; ein Buch, welches den jungen Nachahmungstrieb der Kindersele (den ersten unter allen Trieben, die bei uns zu erwachen pflegen) unmittelbar auf solche Gegenstände richtete, welche recht eigentlich zu unserer Bestimmung gehören, ich meine – auf Erfindungen und Beschäftigungen zur Befriedigung unserer natürlichen Bedürfnisse; ein Buch, worin diese natürlichen Bedürfnisse des Menschen mit den erkünstelten und eingebildeten, so wie die wahren Beziehungen der Dinge in der Welt auf unsere Glükseeligkeit, mit den fantastischen, anschaulich kontrastirten; ein Buch also endlich, welches Junge und Alte das Glük des geselligen Lebens, bei allen seinen Mängeln und unvermeidlichen Einschränkungen, recht mit Händen greifen liesse, und dadurch Alle zur Zufriedenheit mit ihrem Zustande, zur Ausübung jeder geselligen Tugend und zur innigsten Dankbarkeit gegen die göttliche Vorsehung ermunterte.
Indem ich mir das herrliche Ideal eines solchen Buches dachte und schüchtern nach dem Manne, der's uns geben könnte, umherblickte; fiel mir ein, dass schon Rousseau (Friede sei mit seinem abgeschiedenen grossen Geiste!) einmal ein ähnliches Buch gewünscht und – wie fing mein Puls an zu pochen! – schon zum Teil gefunden habe. Geschwind ergrif ich den zweiten Teil des Aemils, um die angenehme Nachricht davon noch einmal zu lesen; und hier ist die Stelle, worin ich sie fand:
»Solte es wohl kein Mittel geben, so viele in so vielen Büchern zerstreuete Lehren näher zusammen zu bringen? sie unter einen gemeinschaftlichen Gegenstand zu vereinigen, der leicht zu übersehen, nüzlich zu befolgen wäre, und auch selbst diesem Alter zum Antriebe dienen könnte? Wenn man eine Verfassung finden kann, worinnen sich alle natürliche Bedürfnisse des Menschen auf eine dem Geiste des Kindes sinliche Art zeigen, und wo sich die Mittel, für diese Bedürfnisse zu sorgen, nach und nach mit eben der Lebhaftigkeit entwikkeln: so muss man durch die lebhafte und natürliche Abschilderung dieses Zustandes seiner Einbildungskraft die erste Uebung geben.
Hiziger Philosoph, ich sehe schon Ihre Einbildungskraft sich entzünden. Sezen Sie sich in keine Unkosten; diese Verfassung ist gefunden, sie ist beschrieben und, ohne Ihnen Unrecht zu tun, viel besser, als Sie solche beschreiben würden, wenigstens mit mehr Wahrheit und Einfalt. Weil wir durchaus Bücher haben müssen, so ist eins vorhanden, welches nach meinem Sinne die glücklichste Abhandlung von einer natürlichen Erziehung an die Hand gibt. Dies Buch wird das Erste sein, welches mein Aemil lesen wird; es wird lange Zeit allein seine ganze Bibliotek ausmachen und es wird stets einen ansehnlichen Platz darin behalten. Es wird der Text sein, welchem alle unsere Unterredungen von den natürlichen Wissenschaften nur zur Auslegung und Erläuterung dienen werden. Es wird bei unserm Fortgange zu dem Stande unserer Urteilskraft zum Beweise dienen, und so lange unser Geschmak nicht wird verderbt sein, wird uns das Lesen desselben allezeit gefallen. Welches ist denn dieses wundersame Buch? Ist es Aristoteles, ist es Plinius, ist es Büffon? – Nein; es ist Robinson Krusoe.
Robinson Krusoe ist auf seiner Insel allein, von allem Beistande seines Gleichen und von den Werkzeugen aller Künste entblösst; [Fussnote] er sorget indessen doch für seinen Unterhalt, für seine Erhaltung und verschafft sich sogar eine Art von Wohlsein. Dies ist ein wichtiger Gegenstand für jedes Alter und man hat tausenderlei Mittel ihn den Kindern angenehm zu machen. Man sehe, wie wir die wüste Insel wirklich machen, die mir anfangs nur zur Vergleichung diente. Dieser Zustand ist, ich gestehe es, nicht des geselligen Menschen seiner. Wahrscheinlicher Weise wird er auch nicht Aemils seiner sein. Allein nach eben diesem Stande soll er alle die andern schäzen. Das sicherste Mittel, sich aber die Vorurteile zu erheben, und seine Urteile nach den wahren Verhältnissen der Dinge einzurichten, ist, dass man sich an die Stelle eines einzelnen Menschen seze und von allem so urteile, wie dieser Mensch in Absicht auf seinen eigenen Nuzen davon urteilen muss.
Dieser Roman, welcher von allen seinem Gewäsche entladen, mit Robinsons Schifbruche bei seiner Insel anfängt und sich mit der Ankunft des Schiffes endiget, welches ihn von da abholet, wird während der Zeit, wovon hier die Rede ist, Aemils Zeitvertreib und Unterricht zugleich sein. Ich will, dass ihm der Kopf davon schwindle, dass er sich unaufhörlich mit seinem Schloss, mit seinen Ziegen, mit seinen Pflanzungen beschäftige; dass er umständlich, nicht aus Büchern, sondern an den Sachen selbst lerne, was er in dergleichen Falle wissen muss. Er denke, er sei selbst Robinson; er sehe sich in Felle gekleidet, wie er eine grosse Müze, einen grossen Säbel trägt und den ganzen seltsamen Aufzug des Bildes machet, bis auf den Sonnenschirm beinahe, den er nicht nötig haben wird. Ich will dass er sich wegen der Massregeln beunruhige, die er nehmen soll, wenn ihm dies oder das abgehen würde; dass er die Aufführung seines Helden untersuche; dass er nachforsche, ob derselbe nichts unterlassen habe; ob nichts besser zu machen gewesen wäre; dass er seine Fehler aufmerksam anmerke und dass er sich derselben zu Nuze mache, damit er in dergleichen Falle nicht selbst darein gerate. Denn man zweifle nicht, dass er nicht den Anschlag fasse, einen dergleichen Siz anzulegen. Dies ist das wahre Luftschloss dieses glücklichen Alters, worin man keine andere Glükseeligkeit kennet, als das Notwendige und die Freiheit.
Was für ein Hülfsmittel ist doch diese Torheit für einen geschikten Man, der sie nur hervorzubringen gewusst, damit er sie zum Vorteile anwende! Das Kind, welches gedrungen ist, sich ein Vorratshaus für seine Insel anzulegen, wird weit hitziger sein zu lernen, als der Lehrmeister zu lehren. Es wird alles wissen wollen, was nüzlich ist, und wird nur das wissen wollen. Man wird nicht mehr nötig haben, es zu führen; man wird es nur zurück zu halten brauchen. – Die Ausübung der natürlichen Künste, wozu ein einziger Mensch genug sein kann, führet zur Nachforschung derjenigen Künste des Fleisses und der Geschiklichkeit, welche nötig haben, dass viele Hände zusammen kommen.«
So weit Rousseau!
Und so wäre es dann wirklich schon längst da gewesen, das wunderseltsame Buch, welches uns noch zu fehlen schien? – Ja! und nein! je nachdem man entweder die blosse Hauptidee von einem solchen Buche, oder die ganze Ausführung derselben meint. In jener Hinsicht (aus welcher Rousseau davon redet) ist es da, ist es längst da gewesen und Robinson Krusoe ist sein Nahme; in dieser fehlt' es bisher noch gänzlich. Denn ich brauche doch wohl nicht erst anzumerken, dass so viel weitschweifiges, überflüssiges Gewäsche, womit dieser veraltete Roman überladen ist, die bis zum Ekkel gezerte, schwerfällige Schreibart desselben und die veraltete, oft fehlerhafte Sprache unserer alten deutschen Uebersezung eben so wenig, als so manche, in Rüksicht auf Kinder, fehlerhafte moralische Seite desselben, keine wünschenswerte Eigenschaften eines guten Kinderbuchs sind.
Hierzu kömt in der Geschichte des alten Robinsons noch etwas, welches einen der grössten Vorteile zernichtet, den diese Geschichte stiften könnte; ich meine den Umstand, dass Robinson mit allen europäischen Werkzeugen versehen wird, deren er nötig hatte, um sich viele von denjenigen Bequemlichkeiten zu verschaffen, welche das geselschaftliche Leben gesitteter Menschen gewährt. Dadurch geht der grosse Vorteil verloren, dem jungen Leser die Bedürfnisse des einzelnen Menschen, der ausser der Gesellschaft lebt, und das vielseitige Glük des gesellschaftlichen Lebens, recht anschaulich zu machen. Abermahls ein wichtiger Grund, warum ich von der Geschichte dieses alten Robinsons abgehen zu müssen glaubte.
Ich zerlegte daher die ganze Geschichte des Aufentalts meines jüngern Robinsons auf seiner Insel in drei Perioden. In der ersten solt' er ganz allein und ohne alle europäische Werkzeuge sich bloss mit seinem Verstande und mit seinen Händen helfen, um auf der einen Seite zu zeigen, wie hülflos der einsame Mensch sei, und auf der andern, wie viel Nachdenken und anhaltende Strebsamkeit zur Verbesserung unsers Zustandes auszurichten vermögen. In der andern geselte ich ihm einen Gehülfen zu, um zu zeigen, wie sehr schon die blosse Geselligkeit den Zustand des Menschen verbessern könne. In der dritten Periode endlich liess ich ein europäisches Schiff an seiner Küste scheitern, und ihn dadurch mit Werkzeugen und den meisten Notwendigkeiten des Lebens versorgen, damit der grosse Wert so vieler Dinge, die wir gering zu schäzen pflegen, weil wir ihrer nie entbehrt haben, recht einleuchtend werde.
Nach dieser Anzeige meines ganzen Plans werden meine Leser sich wundern, in diesem Bande nur die angezeigte erste Periode beschrieben zu finden. Hierüber und über den doppelten Titel, womit ich diesen Band versehen habe, muss ich mich jezt, und zwar besonders gegen die Herrn Subskribenten, erklären.
Von Allem, was ich bisher für die Presse schrieb, giengen wenigstens drei halbbeschriebene Bogen auf einen gedruckten. Dieser Erfahrung zu folge, hatte ich darauf gerechnet, dass ich zum jüngern Robinson nicht weniger Handschrift brauchte, als ich zu jedem andern Buche von zwanzig Bogen in klein Oktav bisher gebraucht hatte. Darnach schnit ich also bei der Ausarbeitung meinen Stof zu.
Jezt sollte das Papier zum Druk eingekauft werden, und nun erfuhr ich die erste Buchhändler Verlegenheit. Man sagte mir, dass ich nur unter zweierlei Schreibpapierarten zu wählen hätte, wovon die Eine ganz grosses, die Andere kleines Format habe. Da das erstere für ein Kinderbuch von der Art, wie dieses, ein sehr unschikliches Format sein werde, so musste ich mich zu dem Leztern entschliessen. Und nun liess ich den Sezer Ueberschlag machen, wie viel der geschriebenen Bogen zu einem so gedruckten erfodert werden durften.
Da erfuhr ich dann zu meiner grossen Befremdung, dass derjenige Vorrat von Manuskript, den ich zu ohngefähr zwanzig Bogen bestimmt hatte, wohl an vierzig ausmachen werde. Ich liess den Ueberschlag zwei, dreimal wiederholen, aber immer ergab sich dasselbe Resultat.
Nun befand ich mich in einer ausnehmenden Verlegenheit. Die Schrift durfte nicht kleiner, der Zwischenraum zwischen Zeilen und Lettern nicht enger sein, weil es ein Buch für Kinder werden sollte. Wurden hingegen beide so gewählt, und sollte dennoch das Ganze abgedruckt werden: so musst' ich mich entschliessen, statt achtzehn bis zwanzig Bogen, die ich versprochen hatte, vierzig zu liefern. Wolt' ich dies: so musst ich entweder von den Pränumeranten und Subskribenten einen ansehnlichen Nachschuss fodern, oder mich entschliessen, einen ansehnlichen Schaden zu leiden. Aber jenes untersagten mir meine Begriffe von Recht und Unrecht, dieses meine ökonomischen Umstände. Ich suchte also einen Mittelweg, dessen Einschlagung sich mit beiden vertragen könnte, und fand ihn in folgender Einrichtung.
Ich beschloss nämlich, nur so viel Bogen drukken zu lassen, als ich versprochen hatte, und diesen die Form eines ganzen vollendeten Buchs zu geben; damit derjenige, der kein Verlangen träge, noch mehr davon zu besizen, nicht gezwungen werde, einen zweiten Teil zu kaufen. Für solche Subskribenten und Käufer ist der erste Titel beigelegt, auf welchem der Zusaz: erster Teil, weggelassen worden ist. Für Andere hingegen, welche Lust haben, sich auch die zweite Hälfte dieses Kinderbuchs anzuschaffen, ist der andere Titel bestimmt, welcher diesen Zusaz hat.
Durch diesen Ausweg glaubte ich meinen Subskribenten und mir selbst Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen. Solte aber dem ohngeachtet Einer oder der Andere von jenen mit dieser Einrichtung nicht völlig zufrieden sein: so erkläre ich ihn hiermit von der Verbindlichkeit seiner Unterschrift völlig frei und bitte ihn, sein Exemplar irgend einem armen Kinde seines Orts zu schenken, und, statt der Bezahlung, mir bloss zu melden, dass dieses geschehen sei.
Der zweite Teil also, der die Fortsezung und das Ende der Geschichte in sich fasst, wird, wenn sein Abdruk verlangt wird, ohngefähr eben so viel Bogen stark werden, als der gegenwärtige erste Teil entält. Wenn ich frühzeitig genug benachrichtiget werde, dass eine zureichende Anzahl Subskribenten diesen zweiten Teil begehrt, so kann er, nebst der französischen Uebersezung, schon zur nächsten Ostermesse erscheinen. Ich ersuche daher die Resp. Besizer dieses ersten Teils mir ihren Willen baldigst anzuzeigen.
Ehe ich aber von meinen Lesern Abschied nehme, sei es mir vergönt, junge Erzieher auf eine Nebenabsicht aufmerksam zu machen, die mir bei der Ausarbeitung dieses Buchs gleichfalls, als ungemein wichtig, vor Augen schwebte. Ich hofte nämlich, durch eine treue Darstellung wirklicher Familienscenen ein für angehende Pädagogen nicht überflüssiges Beispiel des väterlichen und kindlichen Verhältnisses zu geben, welches zwischen dem Erzieher und seinen Zöglingen notwendig obwalten muss. Wo dieses glückliche Verhältnis in seiner ganzen Natürlichkeit einmal eingeführt worden ist: da sinken viele der sitlichen Erziehung entgegenstehende Klippen von selbst nieder: wo dieses aber nicht ist, – nun da nimt man seine Zuflucht zu dem Kompass pädagogischer Künsteleien, dessen Abweichungen so mannigfaltig, und durch hinlängliche Beobachtungen bei weitem noch nicht bestimmt sind. –
Uebrigens entält diese Absicht den Grund, warum ich lieber wirkliche, als errichtete Personen, habe redend einführen, und meistenteils wirklich vorgefallene Gespräche lieber habe nachschreiben, als ungehaltene und künstlichere Dialogen habe machen wollen.
Ueber die Ursachen, die mich bewegen, in Büchern, die für Kinder bestimmt sind, die gewöhnliche so genante Rechtschreibung mit ihren meisten Anomalien beizubehalten, habe ich mich in der Vorrede zum zweiten Bändchen meiner kleinen Kinderbibliotek erklärt.
Man hat von diesem Buche zugleich eine französische Uebersezung, zum Nuzen der Lehrlinge dieser Sprache veranstaltet, die sich hoffentlich von selbst empfehlen wird. Solte sich ein, der lateinischen Sprache hinlänglich, mächtiger, Man finden, der Lust und Musse hätte, eine gute lateinische Uebersezung davon zu machen: so würde dadurch eine sehr erhebliche Lükke in unserer dermaligen, noch so überaus mangelhaften Schulbibliotek ausgefült werden. Denn wo ist das Buch, welches man Langens erbärmlichen Kolloquien unterschieben, und den ersten Lehrlingen der lateinischen Sprache, ohne alle Bedenklichkeit in die Hände geben könnte? Das Buch, meine ich, welches lauter, für solche Kinder verständliche, für solche gehörige, für solche auch zugleich angenehme Sachen in einem leichten lateinischen Gewande entielte? Ich hab' es sorgfältig gesucht; aber fand es nirgends.
 
Hamburg im Junius 1779.
 
Robinson der Jüngere
Es war einmal eine zahlreiche Familie, die aus kleinen und grossen Leuten bestand. Diese waren teils durch die Bande der Natur, teils durch wechselseitige Liebe vereiniget. Der Hausvater und die Hausmutter liebten Alle, als ihre eigene Kinder, ohngeachtet nur Lotte, die Kleinste von Allen, ihre leibliche Tochter war; und zwei Freunde des Hauses, R** und B**, taten ein Gleiches. Ihr Aufentalt war auf dem Lande, nahe vor den Toren von Hamburg.
Das Wort dieser Familie war: bete und arbeite! und Klein und Gross kanten kein ander Glük des Lebens, als welches die Erfüllung dieser Vorschrift gewährt. Aber während der Arbeit und nach vollendetem Tagewerke, wünschte jeder von ihnen auch etwas zu hören, welches ihn verständiger, weiser und besser machen könnte. Da erzählte ihnen dann der Vater, bald von diesem, bald von jenem, und die kleinen Leute alle hörten ihm gern und aufmerksam zu.
Eine von solchen Abenderzählungen ist die folgende Geschichte des jüngern Robinsons. Da man glaubte, dass wohl noch mehr gute Kinder wären, die diese merkwürdige Geschichte zu hören oder zu lesen wünschten: so schrieb sie der Vater auf und der Buchdrukker musste zwei tausend Abdrükke davon machen.
Das Buch, liebes Kind, das du iezt in Händen hast, ist einer davon. Du kanst also, wenn du wilst, gleich auf der folgenden Seite anfangen.
Aber bald hätte ich vergessen, dir zu sagen, was vorher ging, ehe diese Erzählung ihren Anfang nahm! – »Wilst du uns nicht wieder was erzählen, Vater?« fragte Gottlieb an einem schönen Sommerabend. »Gern!« war die Antwort; »aber es wäre Schade, einem so herrlichen Abend nur durch die Fenster zu zusehen. Komt, wir wollen uns im Grünen lagern!«
O das ist schön, das ist schön! riefen Alle; und so ging's in vollen Sprüngen zum Hause hinaus.
Erster Abend.
Gottlieb. Hier, Vater?
Vater. Ja, hier unter diesem Apfelbaume.
Nikolas. O prächtig!
Alle. Prächtig! Prächtig! (hüpfen und klatschen mit den Händen.)
Vater. Aber, was denkt ihr denn zu machen unter der Zeit, dass ich euch erzähle? So ganz müssig werdet ihr doch wohl nicht gern da sizzen wollen?
Johannes. Ja, wenn wir nur was zu machen hätten!
Mutter. Hier sind Erbsen auszukrüllen! Hier türksche Bonen abzustreifen; wer hat Lust?
Alle. Ich! ich! ich! ich!
Gottlieb. Ich, und meine Lotte und du, Frizchen, wollen Erbsen auskrüllen: nicht?
Lotte. Nein, mit Erlaubnis, ich muss erst den Kettenstich machen, den Mutter mir gezeigt hat.
Gottlieb. Na, wir beide denn! Kom, Friz, sezze dich.
Freund R. Ich arbeite mit euch. (Sezt sich neben sie ins Gras.)
Freund B. Und ich mit euch andern; ihr wolt mich doch?
Diederich. O gern, gern! Hier ist noch Platz genung. Das ist exzellent! Nun wollen wir sehen, wer am meisten abstreifen kann!
Vater. Sezt euch so herum, dass ihr die Sonne könt untergehen sehen; es wird heute ein schön Spektakel am Himmel geben. (Alle lagern sich und beginnen ihr Werk.)
Vater. Nun, Kinder, ich will euch heute eine recht wunderbare Geschichte erzählen. Die Hare werden euch dabei zu Berge stehen, und dann wird euch das Herz wieder im Leibe lachen.
Gottlieb. O, aber mach's ja nicht zu traurig!
Lotte. Nein, nicht zu traurig; hörst du, Väterchen? Sonst müssen wir gewiss weinen, und können nicht davor.
Johannes. Nun, so lasst doch! Vater wird's schon wissen.
Vater. Seid unbesorgt, Kinder; ich will's schon so machen, dass es nicht gar zu traurig werde.
Es war einmal ein Man in der Stadt Hamburg, der hiess Robinson. Dieser hatte drei Söhne. Der Aelteste davon hatte Lust zum Soldatenstande, liess sich anwerben und wurde erschossen in einer Schlacht mit den Franzosen.
Der zweite, der ein Gelehrter werden wollte, hatte einmal einen Trunk getan, da er eben erhitzt war; kriegte die Schwindsucht und starb.
Nun war also nur noch der Kleinste übrig, den man Krusoe nante, ich weiss nicht, warum? Auf den sezten nun der Herr Robinson und die Frau Robinson ihre ganze Hoffnung, weil er jezt ihr Einziger war. Sie hatten ihn so lieb, als ihren Augapfel; aber sie liebten ihn mit Unverstand.
Gottlieb. Was heist das, Vater?
Vater. Wirst es gleich hören. Wir lieben euch auch, wie ihr wisst; aber eben deswegen halten wir euch zur Arbeit an, und lehren euch viel angenehme und nüzliche Dinge, weil wir wissen, dass euch das gut und glücklich machen wird. Aber Krusoe's Eltern machten es nicht so. Sie liessen ihrem lieben Söhnchen in allem seinen eigenen Willen, und weil nun das liebe Söhnchen lieber spielen, als arbeiten und etwas lernen mochte: so liessen sie es meist den ganzen Tag spielen, und so lernte es denn wenig oder gar nichts. Das nennen wir andern Leute eine unvernünftige Liebe.
Gottlieb. Ha! ha! nu versteh ich's.
Vater. Der junge Robinson wuchs also heran, ohne dass man wusste, was aus ihm werden würde. Sein Vater wünschte, dass er die Handlung lernen möchte; aber dazu hatte er keine Lust. Er sagte, er wollte lieber in die weite Welt reisen, um alle Tage recht viel neues zu sehen und zu hören.
Das war nun aber recht unverständig gesprochen von dem jungen Menschen. Ja, wenn er schon was rechts hätte gelernt gehabt! Aber was wollte ein so unwissender Bursche, als dieser Krusoe war, in der weiten Welt machen? Wenn man in Ländern sein Glük machen will: so muss man sich erst viel Geschiklichkeit erworben haben. Und daran hatte er bisher noch nicht gedacht.
Er war nun schon siebenzehn Jahr alt, und hatte seine meiste Zeit mit Herumlaufen zugebracht. Täglich quälte er seinen Vater, dass er ihn doch möchte reisen lassen; sein Vater antwortete: er wäre wohl nicht recht gescheit, und wollte nichts davon hören. Söhnchen, Söhnchen! rief ihm dann die Mutter zu, bleibe im Lande und nähre dich redlich!
Eines Tages –
Lotte. Haha! nun wirds kommen!
Nikolas. O stille doch!
Vater. Eines Tages, da er, seiner Gewohnheit nach, bei dem Hafen herum lief, sah er einen Kammeraden, der eines Schiffers Sohn war und der eben mit seinem Vater nach London abfahren wollte.
Frizchen. In der Kutsche?
Diederich. Nein, Frizchen, nach London muss man zu Schiffe fahren über ein grosses Wasser, das die Nordsee heisst. – Nun?
Vater. Der Kammerad fragte ihn: ob er nicht mit reisen wollte? Gern, antwortete Krusoe, aber meine Eltern werden es nicht haben wollen! I, sagte der Andre wieder, mache einmal den Spass und reise so mit! In drei Wochen sind wir wieder hier, und deinen Eltern kanst du ja sagen lassen, wo du geblieben seist.
»Aber ich habe kein Geld bei mir!« sagte Krusoe. – »Schad't nichts, antwortete der Andere; ich will dich schon frei halten unterwegens.«
Der junge Robinson bedachte sich noch ein Paar Augenblicke; dann schlug er dem Andern auf einmal in die Hand und rief aus: »Top! ich fahre mit, Bruder! Nur gleich zu Schiffe!« – Darauf bestellte er jemand, der nach einigen Stunden zu seinem Vater gehen und ihm sagen sollte: er wäre nur ein bisschen nach England gefahren und werde bald wieder kommen. Dan giengen die beiden Freunde an Bord.
Johannes. Fi! den Robinson mag ich nicht leiden.
Nikolas. Ich auch nicht.
Freund B. Warum denn nicht?
Johannes. Ja, weil er das tun kann, dass er so von seinen Eltern weg geht, ohne dass sie's ihm erlaubt haben!
Freund B. Hast Recht, Johannes, es war wirklich ein dummer Streich von ihm; wir müssen Mitleid mit seiner Dumheit haben. Gut, dass es solcher einfältigen jungen Leute, die nicht wissen, was sie ihren Eltern schuldig sind, nicht viel gibt!
Nikolas. Giebt es mehr solche?
Freund B. Mir ist keiner dergleichen vorgekommen; aber das weiss ich ganz gewiss, dass es solchen jungen Leuten nicht gut gehen kann in der Welt.
Johannes. No, wir wollen hören, wie's dem Robinson gegangen ist.
Vater. Die Matrosen – das sind die Schifferknechte – zogen die Anker auf, und spanten die Segel; der Wind fieng an das Schiff zu treiben und der Schiffer sagte der Stadt mit sechs Kanonenschüssen Adieu! Der junge Robinson war mit seinem Freunde auf dem Verdekke und war ganz närrisch, vor Freude, dass er nun endlich einmal reisen sollte.
Es war ein angenehmer Tag und der Wind blies so günstig, dass sie in kurzer Zeit die Stadt Hamburg aus den Augen verloren. Am folgenden Tage kamen sie schon bei Ritzebüttel an, wo die Elbe sich ins Meer ergiesset. Und nun ging's in die offenbare See.
Was der Robinson für Augen machte, da er vor sich nichts als Luft und Wasser sah! Das Land, wo er hergekommen war, verschwand schon nach und nach aus seinen Augen. Jezt konnte er nur noch den grossen Leuchteturm sehen, den die Hamburger auf der Insul Heiligeland unterhalten. Nun verschwand auch dieser, und nun sah er über sich nichts, als Himmel, und um sich nichts, als Wasser.
Gottlieb. Das mag aussehen!
Freund R. Kanst es vielleicht bald einmal zu sehen kriegen!
Gottlieb. O wollen wir hingehen?
Freund R. Wenn ihr recht aufmerksam seid, indem wir euch die Erdbeschreibung lehren, dass ihr lernt, wo man hingehen muss, um von einem Orte zum andern zu kommen –
Vater. Ja, und wenn ihr durch Arbeitsamkeit und Mässigkeit im Essen und Trinken euch täglich abhärtet, dass ihr so eine Reise aushalten könt: so machen wir schon einmal einen kleinen Spaziergang nach Travemünde, wo die Ostsee angeht –
Alle. Oh! oh!
Vater. – setzen uns da auf ein Schiff, und lassen uns ein Paar Meilen weit ins Meer hinein fahren.
Alle sprangen auf, hingen sich dem Vater an Hals, Arme und Knie und drükten ihre Freude durch Liebkosungen, durch Händeklatschen und durch Hüpfen und Springen aus.
Mutter. Nehmt ihr mich auch mit?
Lotte. Ja, wenn du so weit gehen kanst! – Das ist aber weit hin – nicht wahr Vater? – wohl noch weiter, als nach Wandsbek, wo Herr Claudius wohnt und noch einer, der ein grosses Haus und einen grossen Garten hat – ach! der ist so gross, so gross! Viel grösser, als unser Garten; ich bin schon da gewesen, nicht wahr Vater! Da wir auf dem Felde die bunten Steine suchten und –
Vater. Und das Pflügen ansahen –
Lotte. Ja, und in die Schmiede giengen, die da am Wege lag –
Vater. Und auf die Windmühle hinauf stiegen –
Lotte. Ach! ja, wo mir der Wind den Hut abwehete –
Vater. Den der Müllerjunge dir wiederholte.
Lotte. Das war doch ein guter Junge, nicht wahr, Vater!
Vater. Ein recht guter, der uns gleich etwas zu gefallen tat, ohngeachtet er uns vorher niemahls gesehen hatte!
Lotte. Du gabst ihm auch was –
Vater. Freilich gab ich ihm was! Guten Menschen, die uns gern etwas zu gefallen tun, sucht jederman wieder Freude zu machen. – Aber wir vergessen unsern Robinson; wir müssen machen, dass wir ihn wieder einholen, sonst verlieren wir ihn aus dem Gesichte. Denn seine Fart geht verzweifelt schnel!
Zwei Tage hinter einander hatten sie immer schönes Wetter und immer guten Wind. Am dritten überzog sich der Himmel mit Wolken. Es wurde dunkel und immer dunkler, und der Wind fieng an aus vollen Bakken zu blasen.
Bald blizte es, als wenn der ganze Himmel in Feuer stände; bald war es wieder so finster, wie um Mitternacht und der Donner hörte gar nicht auf zu krachen. Der Regen rauschte, wie ein Strom, herab und ein mächtiger Sturmwind wühlte so gewaltig in dem Meere, dass die Wellen, wie Häuser hoch, aufschwollen.
Da hättet ihr sehen sollen, wie das Schiff eins ums andere auf und niederschwankte! Bald trug eine hohe Welle es bis zu den Wolken hinauf, bald stürzte es wieder in den tiefen Abgrund hinab; bald lag es auf der einen, bald auf der andern Seite.
Das war ein Lermen zwischen dem Tauwerke! Das war ein Gepolter im Schiffe! Die Leute mussten sich anhalten, wenn sie nicht alle Augenblicke umfallen wollten. Robinson, der des Dings noch nicht gewohnt war, wurde schwindlicht, kriegte Uebelkeiten, und wurde so krank, dass er glaubte er müste den Geist aufgeben. Das nennen sie die Seekrankheit.
Johannes. Das hat er nun davon!
Vater. »Ach! meine Eltern! meine armen Eltern!« rief er nun einmal über das andere aus. »Sie werden mich nie wieder sehen! O ich unverständiger Mensch, dass ich sie so betrüben konnte!«
Krak! Krak! ging's plözlich auf dem Verdekke. »Himmel, sei uns gnädig!« schrie das Schifsvolk und ward blass, wie der Tod und rang verzweiflungsvol die Hände. »Was ist?« rief Robinson, der vor Schrekken beinahe des Todes war.
»Ach, hiess es, wir sind verloren! Ein Wetterschlag hat den Fokmast (das heisst, den ersten von den drei aufrechtstehenden Mastbäumen des Schifs) zersplittert und der grosse mitlere Mast steht nun so lose, dass er auch gekapt und über Bord geworfen werden muss!«
»Wir sind verloren! schrie eine andere Stimme aus dem Schiffsraume herauf. Das Schiff hat einen Lek bekommen; das Wasser steht schon vier Fuss hoch im Schiff!«
Robinson, der in der Kajüte auf den Boden sass, sank bei diesen Worten rüklings nieder, und fiel in eine tiefe Ohnmacht. Alle andere liefen nach den Pumpen, um das Schiff, wo möglich, flot, das heisst, über dem Wasser, zu erhalten. Endlich kam ein Matrose; schüttelte ihn und rief ihm zu: ob er denn allein müssig da liegen wollte, indes alle andere Leute im Schiffe sich zu Tode arbeiten müsten?
Er rafte sich also auf, so schwach er auch war, und stellte sich mit an eine der Pumpen. Indes liess der Schiffer einige Kanonen abbrennen, um andern Schiffen, die sich etwa in der Nähe befinden mögten, ein Zeichen zu geben, dass er sich in Not befinde. Robinson, der nicht wusste, was der Knal zu bedeuten habe, glaubte das Schiff wäre geborsten, und sank von neuem in Ohnmacht. Ein Matrose, der an seine Stelle trat, stiess ihn aus dem Wege und liess ihn für todt liegen.
Man pumpte mit Macht; allein das Wasser im Schiffsraum stieg immer höher und man erwartete schon den Augenblick, da das Schiff untersinken werde. Um es zu erleichtern wurde alles, was nur einigermassen entbehrt werden konnte, Kanonen, Ballen, Fässer u. s. w. über Bord ins Meer geworfen. Aber das wollte alles nicht helfen.
Indes hatte ein anderes Schiff die Notschüsse gehört, und schikte ein Boot ab, um die Leute, wo möglich, zu retten. Aber dieses Boot konnte nicht heran kommen, weil die Wellen gar zu hoch giengen. Endlich kam es dem Hinterteile des Schiffes so nahe, dass man den Leuten, die darein waren, ein Tau zu werfen konnte. Durch Hülfe desselben zogen sie das Boot heran; und nun sprang alles, was Füsse hatte, hinein, um sich zu retten. Robinson, der nicht auf den Füssen stehen konnte, wurde von einigen mitleidigen Matrosen gleichfalls hinein geworfen.
Kaum waren sie eine kleine Strekke von dem Schiffe weggerudert: so sahen sie es vor ihren Augen sinken. Glüklicher Weise fieng um diese Zeit der Sturm an, sich ein wenig zu legen: sonst würde das Boot, worin nun so viele Menschen sassen, gewiss von den Wellen sein verschlungen worden. Unter vielen Gefahren kam es endlich bei dem Schiffe, wozu es gehörte an, und alle wurden in dasselbe aufgenommen.
Gottlieb. Ach! das ist gut, dass die armen Menschen doch nicht ertrunken sind!
Nikolas. Ich bin recht angst gewesen.
Lotte. Das wird den Monsieur Robinson lehren, dass er künftig nicht wieder so dum Zeug anfängt!
Mutter. Das denk' ich auch; nun wird er wohl kluger geworden sein?
Diederich. Wo blieb er denn nun?
Vater. Das Schiff, welches ihn und die Andern aufgenommen hatte, segelte nach London. Vier Tage darauf war es schon bei der Mündung der Temse und nicht lange darnach lag es bei der Stadt London vor Anker.
Frizchen. Was ist das, die Mündung der Temse?
Freund R. Die Temse ist ein Strom, wie unsere Elbe, der nicht weit von London ins Meer fliesst. Der Ort, wo ein Strom ins Meer fält, wird die Mündung desselben genant.
Vater. Alle giengen nunmehr ans Land, und jeder freute sich, dass er so davon gekommen war.
Robinson hatte nun genug zu tun, die grosse Stadt London zu besehen, und vergass darüber das Vergangene und das Zukünftige. Endlich erinnerte ihn sein Magen, dass er auch was zu Essen haben müste, wenn er in der grossen Stadt London leben wollte. Er ging also hin zu dem Schiffer, mit welchem er gekommen war, und bat ihn, dass er ihn möchte mit sich speisen lassen.
Dieser war bereit, ihn gastfreundlich aufzunehmen. Während dem Essen fragte er unsern Robinson, warum er denn eigentlich hieher gekommen sei? und was er nun hier vorzunehmen gedächte?
Da erzählte ihm Robinson offenherzig, dass er bloss zur Lust und zwar ohne Wissen seiner Eltern diese Reise getan habe, und dass er nun nicht wisse, was er anfangen solle.
»Ohne Wissen ihrer Eltern?« rief der Schiffer ganz erschrokken aus, indem ihm das Messer aus der Hand fiel. »Guter Gott! warum musste ich das doch nicht eher erfahren!« »Glauben Sie mir, unbesonnener junger Mensch, fuhr er fort, hätte ich das zu Hamburg gewust, ich würde sie nicht mitgenommen haben, und wenn sie mir eine Tonne Goldes zur Belonung angeboten hätten!«
Robinson sass beschämt und schlug die Augen nieder.
Der ehrliche Schiffer fuhr fort, ihm sein grosses Unrecht vorzustellen, und sagte: er sei versichert, dass es ihm unmöglich wohl gehen könne, bis er sich gebessert und von seinen Eltern Vergebung erlangt hätte. Robinson weinte seine bittern Tränen.
Aber, was soll ich denn nun machen? fragte er endlich, mit vielem Schluchzen.
»Was sie machen sollen? antwortete der Schiffer; – zurück zu ihren Eltern sollen sie; ihre Knie umfassen und mit kindlicher Reue sie um Verzeihung ihrer Unbesonnenheit bitten.«
Lotte. Das war doch ein recht guter Man, der Schiffer; nicht wahr, Vater?
Vater. Er tat, was jeder tun muss, wenn er seinen Nebenmenschen fehlen sieht; er erinnerte den jungen Menschen an seine Pflicht.
»Wollen Sie mich wieder mit zurück nach Hamburg nehmen?« fragte Robinson.
»Ich? antwortete der Schiffer; haben sie denn vergessen, dass mein Schiff untergegangen ist? Ich werde nicht eher wieder zurück gehen, bis ich Gelegenheit gehabt habe, ein anderes Schiff zu kaufen, und das möchte länger währen, als sie hier bleiben dürfen. Auf das erste das beste Schiff, das von hier nach Hamburg segelt, sollen sie sich setzen, und das lieber heute, als morgen!«
»Aber ich habe kein Geld!« sagte Robinson.
»Hier, antwortete der Schiffer, sind einige Guineen –
Gottlieb. Was sind das, Guineen.
Vater. Englisches Geld, mein Lieber; Goldstükken, so wie unsere Louisd'or. Sie gelten ohngefähr sechs Taler; zu Hause will ich dir eine zeigen.
Johannes. O nu, nur weiter!
Vater. »Hier, antwortete also der brave Schiffer, sind einige Guineen, die ich ihnen leihen will, ohngeachtet ich selbst mein bisschen Geld jezt sehr nötig habe. Gehen sie damit nach dem Hafen und miten sie sich auf ein Schiff ein. Wenn ihre Reue aufrichtig ist, so wird Gott ihnen eine Rükreise verleihen, die glücklicher sein wird, als unsere Herreise war.« Und damit schüttelte er ihm treuherzig die Hand und wünschte ihm Glük auf den Weg.
Robinson ging.
Nikolas. O nu geht er schon wieder nach Hause? Ich dachte, es würde erst recht angehen!
Mutter. Bist du es nicht zufrieden, lieber Nikolas, dass er zu seinen Eltern zurückkehrt, die vermutlich so bekümmert um ihn sind?
Freund R. Und freuest du dich nicht, dass er sein Unrecht bereut und sich nun bessere will?
Nikolas. Ja, das wohl; aber ich dachte, es sollte erst recht was lustiges kommen.
Vater. Er ist ja noch nicht zu Hause; lasst uns hören, wie's weiter mit ihm geht!
Auf dem Wege nach dem Hafen ging ihm dies und jenes durch den Kopf. »Was werden meine Eltern sagen?« dacht' er, wenn ich nun wieder zu Haus komme. Gewiss werden sie mich strafen, dass ich das getan habe! Und meine Kammeraden und die andern Leute, wie werden die mich auslachen, dass ich so geschwind zurück komme und fast nichts gesehen habe, als ein Paar Strassen von London!«
Er blieb vol Gedanken stehen.
Bald fiel's ihm ein, er wollte noch nicht abreisen; bald dachte er wieder daran, was der Schiffer ihm gesagt hatte, dass es ihm nicht wohl gehen könne, wenn er nicht zu seinen Eltern zurückkehrte. Er wusste lange nicht, was er tun sollte? Endlich aber ging er doch hin nach dem Hafen.
Aber zu seinem Vergnügen musste er hören, dass jezt kein Schiff da sei, welches die Fart nach Hamburg machen wollte. Der Man, der ihm diese Nachricht gab, war ein Guineafahrer.
Frizchen. Was ist ein Guineafahrer?
Vater. Das lass dir von Diederich erzählen, der's wohl schon wissen wird.
Diederich. Weisst du noch wohl, dass es ein Land gibt, das Afrika heisst? Nu die eine Küste davon –
Frizchen. Küste? –
Diederich. Ja, oder das Land, was dichte am Meer liegt, sieh ich habe meinen kleinen Atlas eben bei mir! – dieser Strich Landes hier, der da so krum hinunter geht, der wird die Küste von Guinea genant.
Vater. Und die Schiffer, die da hinfahren, um da was zu handeln, heisst man Guineafahrer. Der Man also, mit dem unser Robinson redete, war ein solcher Guineafahrer, oder Kapitain eines Schifs, welches nach Guinea segeln wollte.
Dieser Schiffskapitän fand Vergnügen, sich weiter mit ihm zu unterreden, und nötigte ihn also, mit an Bord zu gehen, um in seiner Kajüte eine Tasse Tee mit ihm zu trinken; und Robinson willigte darein.
Johannes. Konte der Kapitain denn deutsch sprechen?
Vater. Ich habe vergessen zu sagen, dass Robinson schon im Hamburg Gelegenheit gehabt hatte, Englisch zu lernen, welches ihm jezt, da er in dem Lande der Engländer war, sehr wohl zu statten kam.
Da der Schiffskapitän von ihm hörte, dass er so grosse Lust zu reisen habe, und dass es ihm so leid tue, schon jezt wieder nach Hamburg zurück kehren zu müssen: so tat er ihm den Vorschlag, mit ihm nach Guinea zu reisen. Robinson erschrak anfangs vor diesem Gedanken. Aber da ihn der Kapitain versicherte, dass die Reise sehr angenehm sein wurde; dass er ihn, um einen Geselschafter zu haben, umsonst mitnehmen, und frei halten wollte, und dass er vielleicht etwas Ansehnliches auf dieser Reise erwerben könnte: so stieg ihm plözlich das Blut zu Kopfe, und die Begierde zu reisen wurde so lebendig in ihm, dass er auf einmal vergass Alles, was ihm der ehrliche Hamburger Schiffer geraten hatte, und was er kurz vorher tun wollte.
»Aber, sagte er, da er sich ein wenig bedacht hatte, ich habe nur drei Guineen. Was kann ich für so wenig Geld einkaufen, um einen Handel zu treiben an dem Orte, wo sie hinfahren wollen?«
»Ich will ihnen, antwortete der Schiffskapitän, noch sechs Guineen dazu leihen. Dafür können sie schon so viel Waren einkaufen, als hinreichend sein werden, um in Guinea ein reicher Man zu werden, wenn uns das Glük ein bisschen günstig sein wird.«
»Und was sollte ich denn dafür einkaufen?« fragte Robinson.
Der Kapitain antwortete: »lauter Kleinigkeiten, – allerlei Spielzeug, Glaskorallen, Messer, Scheeren, Beile, Bänder, Flinten u. s. w. – woran die Schwarzen in Afrika so viel Vergnügen finden, dass sie ihnen no comma? mehr an Gold, Elfenbein und andern Sachen dafür geben werden, als sie wert sind.«
Robinson konnte nun sich länger nicht mehr halten. Er vergass Eltern, Freunde und Vaterland und rief freudig aus: »ich fahre mit, Herr Kapitain!« »Top!« antwortete dieser; und so schlugen sie sich einander in die Hände, und die Reise war beschlossen.
Johannes. Na, nu will ich auch gar kein Mitleid mehr haben mit dem dummen Robinson, und wenn's ihm auch noch so unglücklich geht!
Vater. Kein Mitleid, Johannes?
Johannes. Nein, Vater; warum ist er so dum, und vergisst schon wieder, was er seinen Eltern schuldig ist. Dafür muss ja wohl der liebe Gott es ihm wieder schlim gehen lassen –
Vater. Und scheint dir ein so unglücklicher Mensch, der seiner Eltern vergessen kann, und den der gute liebe Gott erst durch Strafen bessern muss, kein Mitleid zu verdienen? Freilich ist er selbst Schuld an allem, was ihm nun begegnen wird: aber ist er nicht um desto unglücklicher? O mein Sohn, Gott bewahre dich und uns alle, vor dem schreklichsten unter allen Leiden, welches darin besteht, dass man fühlt, man habe sich selbst elend gemacht! Aber wo wir von einem solchen Unglücklichen hören, da wollen wir bedenken, dass er unser Bruder, unser armer verirter Bruder sei, und eine Träne des Mitleids und der brüderlichen Fürbitte für ihn gen Himmel weinen.
Alle schwiegen einige Augenblicke; dann fuhr der Vater folgendermassen fort:
Robinson eilte nun mit seinen neun Guineen in die Stadt, kaufte dafür ein, was der Schiffskapitän ihm geraten hatte und liess es an Bord bringen.
Nach einigen Tagen, da ein guter Wind sich erhob, liess der Kapitain die Anker lichten und so giengen sie unter Segel.
Diederich. Wo mussten sie denn eigentlich hinsegeln, um nach Guinea zu kommen?
Vater. Du hast deine kleinen Charten bei dir; komm, ich will dir's zeigen! Siehst du, von London fahren sie hier die Temse hinunter bis in die Nordsee; dann steuern sie gegen Abend durch die Meerenge bei Calais in den Kanal. Aus diesem kommen sie in das grosse atlantische Weltmeer, worauf sie dann immer weiter fortsegeln, hier bei den Canarischen Inseln und da bei den Inseln des grünen Vorgebirges vorbei, bis sie endlich hier unten an dieser Küste landen, welche Guinea ist.
Diederich. Wo werden sie denn eigentlich landen?
Vater. Vielleicht da, bei Capo Corso, welches den Engländern gehört.
Mutter. Aber es wird wohl Zeit sein, dass wir auch unter Segel gehn und dem Tische zusteuern. Die Sonne ist schon lange untergegangen.
Gottlieb. Ich bin noch gar nicht hungrig.
Lotte. Ich möchte auch lieber noch zuhören.
Vater. Morgen, morgen, Kinder, wollen wir hören, wie's dem Robinson weiter gegangen ist. Jezt zu Tische!
Alle. Zu Tische! zu Tische! zu Tische!
Zweiter Abend.
Am andern Abend, da die ganze Gesellschaft sich an eben demselben Orte wiederum gelagert hatte, fuhr der Vater in seiner Erzälung folgendermassen fort.
Die neue Fart unsers Robinsons gierig anfangs wieder sehr glücklich von statten. Schon waren sie, ohne die mindeste Widerwärtigkeit, durch die Meerenge bei Calais und durch den Kanal gesegelt, und nun befanden sie sich mitten auf dem atlantischen Weltmeere. Hier hatten sie viele Tage hinter einander so widrigen Wind, dass sie immer weiter gegen Amerika zugetrieben wurden.
Seht, Kinder, ich habe eine grosse Charte mitgebracht, auf der ihr besser, als auf einer kleinen sehen könt, wohin das Schiff eigentlich segeln sollte und wohin es von dem Winde wirklich getrieben ward. Hier, immer so hinunter, wollten sie eigentlich fahren, aber weil der Wind ihnen halb entgegen, und halb von der Seite kam: so wurden sie wider ihren Willen dortin verschlagen, wo ihr Amerika liegen seht. Ich will die Charte hier hinstellen, dass wir im Notfal sie im Gesichte haben.
Eines Abends zeigte der Steuermann an, dass er in einer weiten Entfernung Feuer erblicke, und dass er eben daher auch einige Kanonenschüsse gehört hätte. Alle liefen auf das Verdek, sahen das entfernte Feuer, und hörten gleichfalls noch verschiedene Kanonenschüsse. Der Schiffskapitän sah genau auf seiner Seecharte nach, und fand, dass wohl auf hundert Meilen weit kein Land sei; und alle waren daher der Meinung, dass dieses Feuer nichts anders sein könne, als ein in Brand geratenes Schiff.
Man beschloss den Augenblick, den unglücklichen Leuten zu Hülfe zu eilen, und steuerte dahin. Bald darauf konten sie deutlich sehen, dass ihre Mutmassung gegründet gewesen sei: denn sie erblikten nun wirklich ein grosses Schiff, welches ganz in Flammen stand.
Der Schiffskapitän liess sogleich fünf Kanonen abbrennen, um den armen Notleidenden ein Zeichen zu geben, dass ein Schiff in der Nähe sei, welches ihnen zu Hülfe eile. Kaum war dieses geschehen: so sah man mit Schrekken das brennende Schiff plözlich unter einem grossen Knal in die Luft fliegen, und bald darauf war alles versunken und das Feuer erloschen. Die Flamme hatte nämlich die Pulverkammer des Schifs ergriffen.
Was aus den unglücklichen Leuten des Schifs geworden sei, konnte man noch nicht wissen. Es war möglich, dass sie vor dem Auffliegen des Schifs sich in die Böte gerettet hätten; deswegen fuhr der Kapitain die ganze Nacht hindurch fort, aus den Kanonen schiessen zu lassen, um die Gefahrleidenden zu benachrichtigen, in welcher Gegend das Schiff sei, welches ihnen zu Hülfe zu kommen wünsche. Auch liess er alle Laternen aushängen, damit das Schiff von ihnen möchte gesehen werden.
Mit Anbruch des Tages entdekte man durch die Ferngläser wirklich zwei Böte, welche vol von Menschen waren und welche zwischen den hohen Wellen auf und nieder schwankten. Man bemerkte dass sie aus allen Kräften dem Schiffe zuruderten, indem der Wind ihnen entgegen war. Gleich liess der Kapitain die Flagge wehen, zum Zeichen, dass man sie bemerkt habe, und dass man sie aufzunehmen bereit sei. Das Schiff segelte zugleich stark auf sie zu, und in einer halben Stunde hatte man sie glücklich erreicht.
Es waren sechzig Menschen, Männer, Weiber und Kinder, die alle an Bord genommen wurden. Da hätte man sehen sollen, was das für ein rührender Auftrit war, da diese armen Leute sich nunmehr glücklich gerettet sahen! Einige weinten laut vor Freuden; andere schrien, als wenn sie jezt erst in Gefahr geraten wären; einige sprangen wie sinlos auf dem Schiffe herum, andere waren blas, wie der Tod, und rungen die Hände; andere lachten, wie Wahnsinnige, und tanzten und jauchzten laut; andere hingegen standen stum und leblos da und konten kein Wort sprechen.
Bald fielen einige von ihnen auf ihre Knie, hoben ihre Hände gen Himmel und dankten laut dem Gotte, dessen Vorsehung sie so wunderbar errettet hatte. Bald sprangen sie wieder auf, hüpften wie Kinder, zerrissen sich die Kleider, weinten; fielen in Ohnmacht, und konten kaum wieder ins Leben zurückgerufen werden. Auch dem härtesten Matrosen, der das mit ansah, lief eine Träne über die Bakken.
Unter diesen Unglücklichen befand sich auch ein junger Geistlicher, der sich unter alle am mänlichsten und würdigsten betrug. Bei seinem ersten Tritt auf das Schiff legte er sich aufs Gesicht nieder, und schien ganz leblos zu sein. Der Schiffskapitän trat zu ihm, um ihn zu ermuntern, weil er glaubte, dass er in Ohnmacht gefallen sei. Aber er redete ganz ruhig, dankte ihm für sein Mitleid und sagte: »erlauben sie, dass ich erst meinen Schöpfer für unsere Errettung danke; dann will ich auch ihnen sagen, wie sehr ich ihre Wohltat mit innigstem Dank erkenne.« Der Schiffskapitän trat ehrerbietig zurück.
Einige Minuten blieb er auf seinem Gesichte liegen; dann richtete er sich freudig auf, und ging zum Kapitain, um auch ihm seinen Dank zu sagen. Hierauf wandte er sich zu seinen Gefährten, und ermahnte sie, ihr Gemüt zu beruhigen, um ihre Gedanken desto besser zu dem Algütigen erheben zu können, dem sie die ungehofte Erhaltung ihres Lebens zu verdanken hätten. Sein Zureden tat auch bei vielen gute Wirkung.
Und nun erzählte er, wer sie wären, und wie es ihnen gegangen sei.
Das verbrante Schiff war ein grosses französisches Kauffarteischif gewesen, welches nach Quebek – seht hier, nach diesem Orte in Amerika – segeln wollte. Das Feuer war in des Steuermans Hütte ausgebrochen und hatte so geschwind um sich gegriffen, dass an kein Löschen zu denken war. Sie hatten nur noch eben so viel Zeit gehabt, einige Kanonen zu lösen, und sich dann in die Böte zu retten.
Was aus ihnen werden würde, hatte keiner von ihnen gewust. Das wahrscheinlichste war gewesen, dass sie alle mit ihren kleinen Schiffen bei dem geringsten Sturme von den Wellen würden verschlungen werden; oder dass sie in Kurzen vor Hunger und Durst würden umkommen müssen, weil sie von dem brennenden Schiffe nur auf einige Tage Brod und Wasser mitnehmen konten.
Frizchen. I, was brauchten sie denn Wasser mitzunehmen? Sie waren ja mitten drauf?
Vater. Du hast vergessen, liebes Frizchen, dass das Wasser im Meere so salzig und bitter ist, dass kein Mensch es trinken kann!
Frizchen. Ha! ha!
Vater. In diesem schreklichen Zustande, hatten sie die Kanonenschüsse von dem englischen Schiffe gehört, und bald darauf auch die aufgestekten Laternen erblikt. Zwischen Furcht und Hoffnung hatten sie die lange traurige Nacht hingebracht, indem die Wellen sie immer weiter wieder zurück trieben, als sie mit Anwendung aller ihrer Kräfte vorwärts nach dem Schiffe zugerudert hatten. Endlich hatte das längst gewünschte Tageslicht ihrem Jammer ein Ende gemacht.
Robinson hatte die ganze Zeit über mit fürchterlichen Gedanken gekämpft. »Himmel, dachte er, haben diese Leute so grosses Unglück leiden können, unter denen doch gewiss wohl recht gute Selen sind: was werd' ich zu erwarten haben, der ich so undankbar gegen meine Eltern handeln konnte!« Dieser Gedanke lag ihm, wie ein Berg, auf dem Herzen. Blass und stum, wie ein Mensch, der kein gutes Gewissen hat, sass er in einem Winkel, rang die Hände, und getraute sich kaum zu beten, weil er dachte, Gott könne unmöglich ihn noch lieb haben.
Man liess die Geretteten, die nun sehr ermattet waren, sich durch Speise und Trank erquikken. Dan kam der Vornehmste unter ihnen mit einem grossen Beutel vol Geld zum Schiffskapitän und sagte: »Dies wäre das Einzige, was sie von dem Schiffe hätten mitnehmen können. Er überreiche es ihm, als einen kleinen Beweis der Dankbarkeit, die sie für die Erhaltung ihres Lebens ihm schuldig wären.«
»Gott bewahre mich, antwortete der Schiffskapitän, dass ich ihr Geschenk annehmen sollte! Ich habe weiter nichts getan, als was die Menschlichkeit mir zu tun gebot und ich bin versichert, dass sie eben das an uns würden getan haben, wenn sie in unserer Stelle, und wir in der Ihrigen gewesen wären.«
Vergebens nötigte ihn der dankbare Mann, dass ers doch annehmen möchte: er blieb bei seiner Weigerung und bat ihn, davon zu schweigen. – Darauf entstand die Frage: wohin die Geretteten denn nun gebracht werden sollten? Sie nach Guinea mitzunehmen, ging, um einer zweifachen Ursache willen, nicht wohl an. Denn erstlich warum sollten die armen Leute eine so weite Reise nach einem Lande machen, wo sie nichts zu tun hatten? Und dann, so waren auf dem Schiffe nicht so viel Lebensmittel vorhanden, dass so viel Menschen bis dahin genug daran gehabt hätten.
Endlich beschloss der brave Schiffskapitän, sich die Mühe nicht verdriessen zu lassen, dieser armen Leute wegen, ein Paar hundert Meilen umzuschiffen, um sie erst nach Terreneuve zu bringen, wo sie Gelegenheit haben würden mit französischen Stokfischfängern wieder nach Frankreich zurück zu kehren.
Lotte. Was sind das für Leute die Stokfischfänger?
Johannes. Weist du nicht mehr, was uns Vater erzählt hat von den Stokfischen, wie sie da oben aus dem Eismeere herunter kommen bis nach den Sandbänken bei Terreneuve, wo sie in so grosser Menge gefangen werden?
Lotte. Ach ja! Nun weiss ich schon.
Johannes. Sieh, das ist Terreneuve, was hier oben dichte bei Amerika liegt, und die Punkte da bedeuten die Sandbänke! – Na, die Leute die die Stokfische fangen, die heissen die Stokfischfänger.
Vater. Man fuhr also dahin; und weil es gerade in der Zeit war, da die meisten Stokfische gefangen werden, so fand man auch französische Schiffe da, welche diese unglücklichen Leute aufnehmen konten. Ihre Dankbarkeit gegen den guten Schiffskapitän lässt sich mit Worten nicht beschreiben.
Sobald dieser sie an Ort und Stelle gebracht hatte, kehrte er mit gutem Winde wieder zurück, um seine eigentliche Reise nach Guinea fortzusetzen. Das Schiff flog durch die Wellen, wie ein Vogel durch die Luft, und in kurzer Zeit hatten sie wieder einige hundert Meilen zurück gelegt. Das war etwas für unsern Robinson, dem's nie zu geschwind gehen konnte, weil er ein unruhiger Geist war!
Einige Tage darauf, da sie immer südwärts gesteuert hatten, wurden sie plözlich eines grossen Schiffes gewahr, welches nach ihnen zu hielt. Bald darauf hörten sie, dass es einige Notschüsse tat, und bemerkten nun, dass es den Fokmast und den Boegspriet verloren habe.
Nikolas. Den Boegspriet?
Vater. Ja; du weist doch noch, was das ist?
Nikolas. Ach ja, der kleine Mastbaum, der nicht so, wie die andern, grade in die Höhe gerichtet, sondern nur so schief hingestellt ist auf dem Vorderteil des Schiffes, als wenn's der Schnabel des Schiffes wäre!
Vater. Ganz recht. Sie steuerten also auf dieses beschädigte Schiff zu, und da sie nahe genung gekommen waren, um mit den Leuten, die darauf waren, reden zu können; schrien ihnen diese mit aufgehobnen Händen und mit kläglichen Gebehrden zu:
»Rettet, guten Leute, o rettet ein Schiff vol Menschen, die alle des Todes sein müssen, wenn ihr euch ihrer nicht erbarmet!«
Man fragte sie hierauf, worin ihr Unglück denn eigentlich bestehe? und da erzählte einer von ihnen folgender Gestalt:
»Wir sind Engländer, die nach der französischen Insel Martinike – (Seht hier, Kinder; dies ist sie, hier mitten in Amerika!) – schiften, um eine Ladung Kaffebohnen zu holen. Da wir alda vor Anker lagen und bald wieder abreisen wollten, giengen unser Schiffer und der Obersteuerman eines Tages ans Land, um noch etwas einzukaufen. Unterdess erhob sich ein so gewaltiger und zugleich wirbelnder Sturmwind, dass unser Ankertau zerriss und wir aus dem Hafen in das weite Meer hinausgetrieben wurden. Der Orkan –
Gottlieb. Was ist das?
Vater. Ein solcher heftiger und wirbelnder Sturmwind, der daraus entsteht, wenn mehrere starke Winde von verschiedenen Seiten gegen einander blasen. – »Der Orkan also wütete drei Tage und drei Nächte; wir verlobten unsere Masten und wurden einige hundert Meilen fortgetrieben. Zum Unglück versteht sich keiner von uns auf die Schiffart; schon neun Wochen werden wir so herum geworfen, all' unsere Lebensmittel sind verzehrt, und die meisten von uns sind schon halb todt gehungert.«
Der gute Schiffskapitän liess sogleich das Boot aussetzen, nahm einen Vorrat von Lebensmitteln zu sich und fuhr, nebst Robinson, selbst nach diesem Schiffe hin.
Sie fanden die Leute des Schifs in dem kläglichsten Zustande. Alle sahen so verhungert aus, und viele unter ihnen konten kaum mehr auf den Füssen stehen. Aber da sie in die Kajüte giengen – Gott! was für ein schreklicher Anblik zeigte sich ihnen da erst! Eine Mutter mit ihrem Sohn und einem jungen Dienstmädchen lagen, allem Ansehen nach, schon ganz todt gehungert da. Die Mutter sass star und steif zwischen zwei festgebundnen Stühlen auf dem Boden, den Kopf gegen die Schifswand gelehnt; die Magd lag der Länge nach neben ihr und hatte den einen Arm fest um den Tischfuss geklammert; der junge Mensch aber lag auf dem Bette und hatte noch ein Stük von einem ledernen Handschuh im Munde, den er schon halb zernagt hatte.
Lotte. O Väterchen, machst es ja doch so traurig!
Vater. Hast Recht; ich vergass, dass ihr so was nicht hören woltet. Ich will diese Geschichte also immer überhüpfen –
Alle. O nein! o nein, lieber Vater! Lass sie uns nun ganz aushören!
Vater. Wenn ihr wolt! – Ich muss euch also erst sagen, wer diese armen Leute waren, die da so kläglich lagen.
Es waren Reisende, die mit diesem Schiffe aus Amerika nach England gehen wollten. Alle sagten, dass sie recht wakkere brave Leute gewesen wären. Die Mutter hatte ihren Sohn so unaussprechlich geliebt, dass sie keinen Bissen mehr geniessen wollte, damit ihr geliebter Sohn nur noch ein wenig zu essen haben möchte: und der gute Sohn hatte es eben so gemacht, um alles für seine Mutter zu sparen. Auch das getreue Mädchen war mehr für ihre Herschaft, als für sich selbst besorgt gewesen.
Man hielt sie alle drei für todt: aber es zeigte sich bald, dass noch einiges Leben in ihnen sei. Denn da man ihnen einige Tropfen Fleischbrühe in den Mund gegossen hatte, fiengen sie nach und nach an, die Augen wieder aufzuschlagen. Die Mutter aber war schon zu schwach, um etwas hinunter zu schlukken, und gab durch Zeichen zu verstehen, dass man nur ihrem Sohne helfen möchte. Bald darauf verschied sie auch wirklich.
Die andern beiden wurden durch Arzeneimittel wieder zu sich selbst gebracht, und da sie noch junge Kräfte hatten; so gelang es der Sorgfalt des Kapitains, ihr Leben zu erhalten. Aber da der junge Mensch nach seiner Mutter blikte und bemerkte, dass sie todt da liege, fiel er vor Schrekken wieder in Ohnmacht, aus der man ihn kaum ermuntern konnte. Er wurde indes wieder zu sich selbst gebracht, und so wohl er, als auch das Mädchen, blieben am Leben.
Der Schiffskapitän versorgte darauf das ganze Schiff mit so vielen Lebensmitteln, als er nur immer entbehren konnte, liess durch seine Zimmerleute die zerbrochenen Masten, so gut es gehen wollte, wieder herstellen, und gab den Leuten guten Rat, wie sie steuern müsten, um nach dem nächsten Lande zu kommen, welches die Kanarischen Inseln wären.
Dahin fuhr er nun selbst auch ab, um sich erst wieder mit Lebensmitteln zu versorgen.
Eine von diesen Inseln heisst, wie ihr wisst, Madera.
Diederich. Ach ja; die den Portugiesen gehört!
Johannes. Wo der schöne Maderawein wächst –
Gottlieb. Und Zukkerrohr!
Lotte. Und wo die vielen Kanarienvögel sind, nicht Vater?
Vater. Ganz recht. Bei dieser Insel landete der Schiffskapitän und Robinson ging mit ihm ans Land.
Er konnte sich nicht sat sehen an dem herrlichen Anblik, den diese fruchtbare Insel gewährt. So weit sein Auge reichte, sah er Gebirge, die mit lauter Weinreben bekleidet waren. Wie wässerte ihm der Mund nach den schönen süssen Trauben, die er da hengen sah! Und wie labte er sich, da der Schiffskapitän ihm die Erlaubnis erkaufte, so viel zu essen, als er Lust hätte!
Von den Leuten, die in dem Weinberge waren, erfuhren sie, dass der Wein hier nicht so, wie in andern Ländern, durch Hülfe einer Kelter ausgepresst werde.
Gottlieb. Und wie denn?
Vater. Sie schütten die Trauben in ein grosses hölzernes Gefäss und dann treten sie den Saft mit den Füssen, oder stampfen ihn mit den Ellenbogen aus.
Lotte. Fi! ich mag keinen Maderawein trinken.
Johannes. Ich möchte ihn so nicht trinken, wenn sie ihn auch ordentlich auskelterten.
Frizchen. Warum?
Johannes. Ach! du bist noch nicht hier gewesen, da uns Vater erklärte, dass der Wein den jungen Leuten nicht gut ist. Solst nur hören, was er alles schaden kann.
Frizchen. Ist das wohl wahr, Vater?
Vater. Freilich, liebes Frizchen, ist es wahr. Kinder, die oft Wein, oder andere starke Getränke trinken, werden schwächlich und dum.
Frizchen. Fi, so will ich niemahls Wein trinken!
Vater. Wirst wohl daran tun, mein Kind!
Da der Schiffskapitän sich hier eine Zeitlang verweilen musste, um sein Schiff ausbessern zu lassen, welches etwas schadhaft geworden war: so fieng unser Robinson nach einigen Tagen an, Langeweile zu haben. Sein unruhiger Geist sehnte sich wieder nach Veränderung, und er wünschte sich Flügel, um so geschwind, als möglich, die ganze Welt durchfliegen zu können.
Unterdess kam ein portugiesisches Schiff von Lissabon an, welches nach Brasilien in Amerika segeln wollte.
Diederich (auf die Charte zeigend) Nicht wahr, nach diesem Lande hier, das den Portugiesen gehört, und wo so viele Goldkörner und Edelgesteine gefunden werden?
Vater. Nach dem nemlichen. – Robinson machte Bekantschaft mit dem Kapitain des Schifs, und da er von den Goldkörnern und Edelsteinen gehört hatte: so wäre er um sein Leben gern mit nach Brasilien gefahren, um sich da die Taschen vol zu lesen.
Nikolas. Der hatte wohl nicht gehört, dass da keiner Gold und Steine lesen darf, weil sie dem König von Portugal allein gehören?
Vater. Das machte, dass er in seiner Jugend sich gar nicht hatte unterrichten lassen. – Da er nun den Portugisischen Schiffskapitän bereit fand, ihn unentgeldlich mitzunehmen, und da er hörte, dass das englische Schiff wenigstens noch vierzehn Tage hier stil liegen müsse: so konnte er der Begierde, weiter zu reisen, nicht länger widerstehen. Er sagte also seinem guten Freunde, dem englischen Schiffskapitän, rund heraus, dass er ihn verlassen würde, um mit nach Brasilien zu fahren. Dieser, der kurz vorher von ihm selbst gehört hatte, dass er ohne Wissen und Willen seiner Eltern in der Welt herum schwärme, freute sich, seiner los zu werden, schenkte ihm das Geld, welches er in England ihm geliehen hatte, und gab ihm noch recht viel gute Lehren mit auf den Weg.
Robinson stieg also an Boord des Portugisischen Schiffes, und darauf gings fort nach Brasilien. Sie steuerten nicht weit von der Insel Teneriffa vorbei, auf der sie den hohen Spizberg liegen sahen.
Lotte. Ich meine, der hiesse der Piko von Teneriffa?
Johannes. I, das ist ja einerlei! Piko heisst ja ein Spizberg. – O nun weiter!
Vater. Es war ein köstlicher Anblik des Abends, da die Sonne schon lange untergegangen und es auf dem Meere schon finster geworden war, zu sehen, wie der Gipfel dieses Berges der einer der höchsten in der ganzen Welt ist, noch von Sonnenstralen glühte, als wenn er gebrant hätte.
Einige Tage nachher sahen sie eine andere, gleichfalls sehr angenehme Erscheinung auf dem Meere. Eine grosse Menge fliegender Fische erhob sich über die Oberfläche des Wassers und die waren so glänzend, als polirtes Silber, so dass sie einen ordentlichen Schein, wie Lichtstralen, verbreiteten.
Frizchen. Giebt es denn auch Fische, die fliegen können?
Vater. O ja, Frizchen; mich dünkt, wir haben ja schon einmal selbst einen gesehen.
Gottlieb. Ach ja, da wir neulich in der Stadt waren! Der hatte ja aber keine Federn und keine Flügel?
Vater. Aber doch lange Flosfedern! Diese braucht er, statt der Flügel, und schwingt sich damit über das Wasser empor.
Die Reise ging viele Tage hintereinander recht glücklich von statten. Plözlich aber brach ein heftiger Sturm aus, der aus Südosten wehete. Die Meereswogen schäumten und türmten sich, wie Häuser hoch, indes das Schiff von ihnen auf und nieder geschleudert wurde. Sechs Tage hinter einander dauerte dieser entsezliche Sturm, und das Schiff wurde dadurch so weit verschlagen, dass der Steuerman und der Schiffskapitän gar nicht mehr wussten, wo sie waren. Sie glaubten indes, dass sie in der Gegend wären, wo die Karibisschen Inseln – (hier in dieser Gegend!) – liegen.
Am siebenten Tage, eben da die Morgendämmerung anbrach, rief ein Matrose, zur grossen Freude der ganzen Schifsgeselschaft, plözlich: Land!
Mutter. Land! Land! – Das Abendbrod wartet schon; Morgen wollen wir weiter hören.
Gottlieb. O liebe Mutter, lass uns doch nur erst hören, wie sie ausgestiegen sind, und wie's ihnen da ging! Ich wollte gern mit einem Stük Brod vorlieb nehmen, wenn wir nur hier draussen blieben und Vater fortfahre zu erzählen.
Vater. Ich dächte auch, liebe Marie, wir ässen unser Abendbrod hier im Grünen!
Mutter. Wie du wilst. Last's euch also immer auserzählen, Kinder; ich will unterdess Anstalt machen.
Alle. O das ist scharmant! das ist herrlich!
Vater. Alle liefen nun aufs Verdek um zu sehen, was für ein Land es sei, wohin sie kommen würden. Aber in eben dem Augenblicke wurde ihre Freude in das grösste Schrekken verwandelt.
Puf! ging's, und alle die auf dem Verdekke waren, kriegten einen so starken Schup, dass sie zu Boden fielen.
Johannes. Was war's denn?
Vater. Das Schiff war auf eine Sandbank gerant, und sass in dem Augenblicke so fest, als wenn es angenagelt gewesen wäre. Gleich darauf sprizten die schäumenden Wellen so viel Wasser auf das Verdek, dass Alle nach den Hütten und Kajüten flüchten mussten, um nicht fortgespühlt zu werden.
Nun erhob sich ein Winseln und Wehklagen unter dem Schifsvolke, dass es einen Stein hätte erbarmen mögen! Einige beteten, andere schrien; einige rungen verzweiflungsvol die Hände, andere standen star und steif, wie todte Leichnahme. Unter den Leztern befand sich Robinson, der mehr todt, als lebendig war.
Plözlich hiess es: das Schiff wäre geborsten! Diese schrekliche Nachricht gab allen wieder neues Leben. Man lief hurtig aufs Verdek; liess in gröster Geschwindigkeit das Boot hinab, und alle sprangen hinein.
Es waren aber der Menschen so viele, dass das Boot kaum eine Hand hoch Bord behielt, da sie hinein gesprungen waren. Das Land war noch so weit entfernt, und der Sturm so heftig, dass Jederman es für unmöglich hielt, die Küste zu erreichen. Indes taten sie doch ihr möglichstes durch Rudern, und der Wind trieb sie glücklicher Weise Landwärts.
Plözlich sahen sie eine berghohe Welle dem Bote nachrauschen. Alle erstarten vor dem schreklichen Anblikke, und liessen die Ruder fallen. Jezt, jezt nahete der schrekliche Augenblick heran! Die ungeheure Welle erreichte das Boot; das Boot schlug um, und – alle versanken im wütenden Meere! –
Hier hielt der Vater ein; die ganze Gesellschaft blieb schweigend sizen, und vielen entfuhr ein mitleidiger Seufzer. Endlich erschien die Mutter mit einem ländlichen Abendbrod, und machte den wehmütigen Empfindungen ein Ende.
Gottlieb. Ist denn Robinson nun wirklich todt, lieber Vater?
Vater. Wir haben ihn gestern in der augenscheinlichsten Lebensgefahr verlassen. Er versank, da das Boot umschlug, mit allen seinen Gefährten im Meer. – Aber eben dieselbe gewaltige Welle, die ihn verschlungen hatte, riss ihn mit sich fort, und schleuderte ihn gegen den Strand. Er ward so heftig gegen ein Felsenstük geworfen, dass der Schmerz ihn aus dem Todesschlummer, worin er schon versunken war, wieder erwekte. Er schlug die Augen auf und da er sich unvermutet auf dem Trokkenen sah, so wandte er seine lezten Kräfte an, um den Strand vollends hinauf zu klimmen.
Es gelang ihm; und nun sank er kraftlos hin, und blieb eine ziemliche Zeitlang ohne Bewustsein liegen.
Da endlich seine Augen sich wieder öfneten, richtete er sich auf und schaute umher. Gott, welch ein Anblik! Von dem Schiffe, von dem Bote, von seinen Gefährten war nichts, nichts mehr zu sehen, als einige losgerissene Bretter, die von dem Meereswogen nach dem Strande hingetrieben wurden. Nur er, nur er allein war dem Tode entgangen.
Vor Freud' und Schrekken zitternd warf er sich auf die Knie, hob seine Hände gen Himmel, und dankte mit lauter Stimme, und unter einem Strom von Tränen, dem Herrn des Himmels und der Erde, der ihn so wunderbar errettet hatte. –
Johannes. Aber warum mochte Gott auch wohl den Robinson allein erretten, da er die andern Leute alle ertrinken liess?
Vater. Lieber Johannes, bist du wohl im Stande, jedesmahl die Ursachen einzusehen, warum wir Erwachsene, die wir euch herzlich lieben, dies oder jenes mit euch vornehmen?
Johannes. Nein!
Vater. Zum Exempel neulich, da es ein so schöner Tag war und wir alle gern eine Lustreise nach den Vierlanden gemacht hätten, was tat ich da?
Johannes. Ja, da musste der arme Nikolas zu Hause bleiben, und wir andern mussten nach Wansbek, und nicht nach den Vierlanden gehen.
Vater. Und warum war ich denn so hart gegen den armen Nikolas, dass ich ihn nicht mit lassen wollte?
Nikolas. Ach! ich weiss noch wohl! Da kam bald unser Bromlei und hohlte mich ab zu meinen Eltern, die ich lange nicht gesehen hatte.
Vater. Und machte dir das nicht mehr Freude, als eine Lustreise nach den Vierlanden?
Nikolas. O viel, viel mehr!
Vater. Ich wusste vorher, dass Bromlei kommen würde, und deswegen gebot ich dir, zu Hause zu bleiben. – Und du, Johannes, wen trafst du in Wansbek an?
Johannes. Meinen lieben Vater und meine liebe Mutter, die auch da waren.
Vater. Auch davon hatte ich Nachricht, und deswegen wollte ich dass ihr dasmahl nach Wansbek und nicht nach den Vierlanden reisen soltet. Meine Einrichtung wollte euch Allen damahls gar nicht zu Kopfe; denn ihr wusstet meine Ursachen nicht. Aber warum sagte ich euch die nicht?
Johannes. Um uns eine unerwartete Freude zu machen, wenn wir unsere Eltern zu sehen kriegten, ohne dass wir es vorher gewust hatten.
Vater. Ganz recht; – nun, Kinder, meint ihr nicht, dass der grosse liebe Gott seine Kinder, die Menschen alle, eben so lieb hat, als wir euch haben?
Gottlieb. O noch wohl lieber!
Vater. Und wisst ihr nicht schon längst, dass Gott alle Dinge viel besser versteht, als wir armen blödsichtigen Menschen, die wir so selten wissen, was uns eigentlich gut ist?
Johannes. Ja, das glaub ich! Gott ist ja auch allwissend und weiss alles, was künftig ist; das wissen wir nicht!
Vater. Da also Gott alle seine Menschen so väterlich liebt, und da er zugleich so weise ist, dass er allein weiss, was uns immer gut ist: sollte er dann wohl nicht auch immer alles aufs Beste mit uns machen?
Gottlieb. O ja, ganz gewiss!
Vater. Aber können wir wohl immer die Ursachen einsehen, warum Gott dies oder jenes so und nicht so mit uns macht?
Johannes. Da müsten wir ja auch eben so allwissend und so alweise, als er, sein!
Vater. Nun, lieber Johannes, hast du jezt Lust, deine vorige Frage noch einmal zu tun?
Johannes. Welche?
Vater. Die: warum Gott den Robinson allein errettet, und die Andern alle habe ertrinken lassen?
Johannes. Nein!
Vater. Warum nicht?
Johannes. Weil ich jezt einsehe, dass es eine unverständige Frage war?
Vater. Warum eine unverständige?
Johannes. Ja, weil Gott am besten weiss, warum er etwas tut, und weil wir das nicht wissen können!
Vater. Der liebe Gott hatte also ohnstreitig seine weisen und gütigen Ursachen, warum er die ganze Schifsgeselschaft umkommen, und nur den Robinson allein am Leben lies; aber wir können diese Ursachen nicht begreifen. Vermuten können wir wohl so etwas, aber wir müssen uns nie einbilden, dass wir es getroffen haben.
Gott konnte z. E. vorher sehen, dass den Leuten, die er ertrinken liess, ein längeres Leben mehr schädlich, als nüzlich sein wurde; dass sie in grosse Not geraten, oder gar, dass sie lasterhaft werden würden: deswegen nahm er sie von der Erde weg und führte ihre unsterblichen Selen an einen Ort, wo sie es viel besser hatten, als hier. Den Robinson aber liess er vermutlich deswegen noch am Leben, damit er durch Trübsale erst gebessert werde. Denn da er ein gütiger Vater ist: so sucht er die Menschen auch durch Leiden zu bessern, wenn sie durch Güte und Nachsicht sich nicht wollen bessern lassen.
Merkt euch dies, meine guten Kinder, und denkt daran zurück, wenn in eurem künftigen Leben euch einmal auch etwas begegnen sollte, wovon ihr nicht werdet begreifen können, warum euer guter himlischer Vater es so über euch verhengt habe! Dan denket immer bei euch selbst: »Gott weiss doch besser, als ich, was mir gut ist; ich will also gern leiden, was er mir zu schikt! Gewiss schikt er mir's deswegen zu, dass ich noch besser werden soll als ich bin; das will ich denn tun, so wird Gott es mir gewiss auch wieder wohl gehen lassen!«
Diederich. Dachte Robinson jezt auch so?
Vater. Ja; jezt, da er aus so grosser Lebensgefahr errettet war, und da er von allen Menschen sich nun verlassen sah: jezt fühlte er in dem Innersten seines Herzens, wie unrecht er gehandelt habe; jezt bat er auf seinen Knien Gott um Vergebung seiner Sünden; jezt sezte er sich fest vor, sich von ganzem Herzen zu bessern und nie wieder etwas zu tun, wovon er wüste, dass es nicht recht wäre.
Nikolas. Aber was fieng er denn nun an?
Vater. Da die Freude über seine glückliche Errettung vorüber war, fieng er an, über seinen Zustand nachzudenken. Er sah sich umher: aber da war nichts, als Gebüsch und Bäume! Nirgends erblikte er etwas, woraus er hätte vermuten können, dass dieses Land von Menschen bewohnt sei. Das war nun schon ein schreklicher Gedanke für ihn, dass er so ganz allein in einem fremden Lande leben sollte. Aber wie standen ihm nicht erst die Hare zu Berge, da er nun weiter dachte: wie? wenn es hier wilde Tiere oder wilde Menschen gäbe, vor denen du keinen Augenblick sicher wärest?
Frizchen. Giebt's denn auch wilde Menschen, Vater?
Johannes. I ja, Friz! Hast du das noch nicht gehört? Es gibt weit – o wer weiss wie weit von hier! solche Menschen, die so wild, wie das Vieh sind!
Gottlieb. Die fast ganz nakt gehen; stelle dir mahl vor, Frizchen!
Diederich. Ja, und die nichts verstehen; die keine Häuser bauen, keinen Garten pflanzen, kein Feld beakkern können!
Lotte. Und die ungekochtes Fleisch essen und rohe Fische; ich habe es wohl gehört! Nicht wahr, Vater, hast du's uns nicht erzählt?
Johannes. Ja und was meinst du wohl, die armen Menschen wissen gar nicht, wer sie erschaffen hat, weil sie niemahls einen Lehrer gehabt haben, der's ihnen sagte!
Diederich. Deswegen sind sie auch so barbarisch! Denke mahl, einige von ihnen essen so gar Menschenfleisch!
Frizchen. Fi! die garstigen Menschen!
Vater. Die unglücklichen Menschen! wolltest du sagen. Unglücks genug für die armen Schelme, dass sie so dum und so viehisch aufgewachsen sind!
Frizchen. Kommen die auch wohl hier her?
Vater. Nein; die Länder, wo es noch jezt einige von diesen armen Menschen gibt, sind so weit von hier, dass niemahls welche zu uns kommen. Auch werden ihrer immer weniger, weil die andern gesitteten Menschen, die dahin kommen, sich Mühe geben, sie auch klug und artig zu machen.
Diederich. Lebten denn auf dem Lande, wo iezt Robinson war, solche wilde Menschen?
Vater. Das wusste er noch nicht. Aber da er einmal gehört hatte, dass es auf den Inseln in dieser Weltgegend dergleichen gäbe: so dachte er, es könnte wohl sein, dass da, wo er sich jezt befand, auch welche wären; und darüber war er in so grosser Angst, dass ihm alle Glieder am Leibe zitterten.
Gottlieb. Das glaube ich! Es wäre auch gewiss kein Spass, wenn welche da wären!
Vater. Vor Furcht und Angst getraute er sich anfangs nicht aus der Stelle zu gehen. Das geringste Geräusch erschrekte ihn und machte, dass er zusammen fuhr.
Endlich fing er an einen so heftigen Durst zu fühlen, dass ers nicht mehr aushalten konnte. Er sah sich also gezwungen, herum zu gehen, um eine Quelle oder einen Bach zu suchen. Glüklicher Weise fand er eine schöne klare Quelle, aus der er nach Herzenslust sich laben konnte. O was ein Trunk frisches Wasser für eine Wohltat ist für den, der von Durst gequält wird!
Robinson dankte Gott dafür, und hofte, dass er ihm auch Speise verleihen wurde. Der die Vögel unter dem Himmel füttert, dacht' er, der wird mich ja auch nicht verhungern lassen!
Zwar Hunger spürte er eben nicht, weil die Angst und der Schrekken ihm allen Appetit benommen hatten. Aber destomehr sehnte er sich nach Ruhe. Er war so ermattet von Allem, was er gelitten hatte, dass er kaum mehr auf den Füssen stehen konnte.
Allein wo sollte er nun die Nacht über bleiben? Auf der Erde, und unter freien Himmel? Aber da könten wilde Menschen oder Tiere kommen und ihn auffressen! Ein Haus, oder eine Hütte, oder eine Höle – waren nirgends zu sehen. Er stand lange Zeit ganz trostlos und wusste nicht, was er tun sollte.
Endlich dachte er, er wollte es, wie die Vögel machen, und sich auf einen Baum setzen. Er fand auch bald einen, der so dikke Aeste hatte, dass er bequem darauf sizen, und mit den Rükken sich anlegen konnte. Auf diesen kletterte er hinauf, verrichtete ein andächtiges Gebet zu Gott, sezte sich dann zurecht, und schlief augenbliklich ein.
Im Schlafe träumte er von Allem, was ihm den Tag vorher begegnet war. Dan kamen ihm seine Eltern vor. Es war ihm, als sähe er sie, von Gram und Kummer abgehärmt, wie sie um ihn trauerten, seufzten, weinten, die Hände rängen und sich nicht wollten trösten lassen. Der kalte Schweiss drang ihm aus allen Gliedern. Er schrie laut: »ich bin da, ich bin da, liebste Eltern!« und indem er so rief, wollte er seinen Eltern in die Arme fallen, machte eine Bewegung im Schlaf, und stürzte jämmerlich vom Baume herab!
Lotte. O der arme Robinson!
Gottlieb. Nun ist er wohl todt?
Vater. Glüklicher Weise hatte er nicht hoch gesessen, und der Boden war so sehr mit Gras bewachsen, dass er nicht gar zu unsanft nieder fiel. Er fühlte nur einige Schmerzen an der Seite, auf die er gefallen war; aber da er im Traum vielmehr gelitten hatte, so achtete er dieser Schmerzen nicht. Er kletterte vielmehr wieder auf den Baum, und blieb da so lange sizen, bis die Sonne aufging.
Nun stellte er Ueberlegungen an, wo er was zu essen hernehmen wurde. Alles, was wir in Europa haben, fehlte ihm. Er hatte kein Brod, kein Fleisch, keine Gartengewächse, keine Milch; und wenn er auch etwas zu kochen oder zu braten gehabt hätte, so fehlte es ihm doch an Feuer, am Bratspiess und an Töpfen. Alle Bäume, die er bisher gesehen hatte, waren von der Art, die man Kampeschenbäume nent: die keine Früchte, sondern nur Blätter trugen.
Johannes. Was sind das für Bäume?
Vater. Es sind Bäume, deren Holz man zu allerlei Färbereien braucht. Sie wachsen in einigen Gegenden von Amerika, und werden häufig nach Europa verfahren. Wenn das Holz davon in Wasser gekocht wird, so wird das Wasser schwarzrötlich, und das brauchen denn die Färber um andere Farben damit zu schattiren.
Aber wieder zu unserm Robinson!
Ohne zu wissen, was er machen sollte, stieg er von dem Baume herab. Da er den ganzen vorigen Tag nichts genossen hatte: so fing der Hunger an, ihm entsezlich weh zu tun. Er lief einige tausend Schritte umher: aber Alles, was er fand, waren unfruchtbare Bäume und Gras.
Seine Angst war jezt aufs höchste gestiegen. »Ich werde vor Hunger sterben müssen!« rief er aus und weinte laut gen Himmel. Indes gab die Not ihm Mut und Kräfte, längst dem Strande hinzulaufen, um zu sehen, ob er nicht irgendwo etwas Essbares finden werde.
Aber umsonst! Nichts, als Kampeschen und indianische Weidenbäume, nichts, als Gras und Sand! Mat und ohnmächtig warf er sich mit dem Gesicht auf die Erde, weinte laut, und wünschte, dass er doch lieber möchte ertrunken sein, als nun so jämmerlich vor Hunger sterben zu müssen!
Er hatte schon beschlossen, in dieser trostlosen Lage den langsamen und schreklichen Tod des Hungers zu erwarten, als er sich zufälliger Weise umkehrte, und einen Seefalken erblikte, der mit einem gefangenen Fische durch die Luft flog. Plözlich fielen ihm die Worte ein, die er irgendwo einmal gelesen hatte.
Der Gott, der Raben nährt, wird Menschen nicht verstossen;
Wer gross im Kleinen ist, wird grösser sein im Grossen.
Er tadelte sich nun selbst, dass er so wenig Vertrauen zu der götlichen Vorsehung gehabt habe; sprang augenbliklich vom Boden auf, und beschloss so weit herum zu gehen, als seine Kräfte nur immer reichen würden. Er fuhr also fort, längst der Küste hinzugehen und nach allen Seiten umher zu blikken, ob er nicht irgendwo eine Speise entdekken möchte.
Endlich sah er einige Austerschalen im Sande liegen. Gierig lief er nach dem Orte hin, und suchte sorgfältig nach, ob er nicht vielleicht einige volle Austern finden möchte. Er fand sie und seine Freude darüber war unaussprechlich.
Johannes. Liegen denn die Austern so auf dem Lande?
Vater. Eigentlich nicht. Sie leben vielmehr im Meere, wo sie sich an die Felsenwände eine über die andere ankleben, so dass ein ordentlicher kleiner Berg davon entsteht. Einen solchen Haufen nent man denn eine Austerbank. Manche Auster aber wird von den Wellen losgespült, und von der Flut auf den Strand geschwemt. Wenn dann die Zeit der Flut aus ist, und die Ebbe eintrit, so bleiben sie auf dem Troknen liegen.
Frizchen. Was ist denn das, die Ebbe und die Flut?
Lotte. O weisst du das nicht einmal! Das ist, wenn das Wasser so anschwillt, und wieder abläuft.
Frizchen. Was für Wasser?
Lotte. I, das Wasser im Meer!
Freund R. Frizchen, lass dir das von deinem Bruder Johannes erklären, der wird's dir wohl deutlich machen kennen.
Johannes. Ich? – Na, ich will sehn! Hast du nicht bemerkt, dass das Wasser in der Elbe zuweilen weiter aufs Land kömt, und denn nach einiger Zeit wieder zurückgeht, und dass man denn dahin gehen kann, wo vorher Wasser war?
Frizchen. O ja, das hab' ich wohl gesehn!
Johannes. Na, wenn das Wasser so anläuft, dass es über die Ufer kömt, so nent man das Flut; wen's aber wieder zurück trit und das Ufer trokken wird, so nent man's Ebbe.
Vater. Nun muss ich dir sagen, lieber Friz, dass das Wasser im Weltmeer alle vier und zwanzig Stunden auf diese Weise zweimahl aufsteigt, und zweimahl wieder niedersinkt. Sechs Stunden und etwas drüber schwilt es jedesmahl an, und sechs Stunden und etwas drüber sinkt es wieder. Jenes nent man die Zeit der Flut, dieses die Zeit der Ebbe. Verstehst du's nun?
Frizchen. O ja! Aber warum schwilt denn das Meer immer auf?
Gottlieb. O ich weiss wohl; das kömt vom Mond, der zieht das Wasser an sich, dass es in die Höhe steigen muss!
Nikolas. O das haben wir ja schon so oft gehört! Lasst doch Vater weiter erzählen!
Vater. Ein andermahl, Frizchen, will ich mehr davon mit dir reden.
Robinson war ausser sich vor Freuden, dass er etwas gefunden hatte, womit er seinen nagenden Hunger ein wenig stillen konnte. Die Austern, die er fand, reichten zwar nicht zu, ihn ganz zu sätigen, aber er war zufrieden, dass er nur etwas hatte.
Jezt war seine grösste Sorge, wo er nun künftig wohnen sollte, um vor wilden Menschen und vor wilden Tieren gesichert zu sein? Sein erstes Nachtlager hatte so viel Unbequemlichkeiten für ihn gehabt, dass er nicht ohne Schaudern daran denken konnte, dass er seine künftigen Nächte alle auf eben diese Weise würde hinbringen müssen.
Gottlieb. O ich weiss wohl, was ich gemacht hätte!
Vater. Und was dann? Lass doch hören!
Gottlieb. Ja, ich hätte mir erst ein Haus gebaut mit so dikken Wänden! und mit dikken eisernen Türen. Und denn hätte ich einen Graben da herum gemacht mit einer Zugbrükke und die Zugbrükke hätte ich alle Abend aufgezogen, und denn sollten's die Wilden wohl bleiben lassen, dass sie mir was zu leide täten, wenn ich schliefe.
Vater. Das lässt sich hören! Schade, dass du nicht dabei warest; du hättest dem armen Robinson schon raten können! – Aber – mir fält doch was ein – hast du wohl schon recht genau zugesehen, wie die Zimmerleute und die Maurer es anfangen, wenn sie ein Haus bauen?
Gottlieb. O ja! schon so oft! Der Maurer macht erst Kalk zurechte und rührt Sand darunter. Denn legt er immer einen Stein auf den Andern und schmiert mit seiner Mauerkelle den Kit dazwischen, dass sie recht fest zusammen halten müssen. Denn kommen die Zimmerleute her, und behauen die Balken mit ihren Beilen und machen, dass sie so recht in einander passen. Darnach winden sie die Balken mit einer Winde oben auf die Mauer hinauf und nageln immer einen an den andern. Dann sägen sie auch Bretter und Latten, die sie auf die Sparren nageln, um die Dachziegel darauf zu legen. Und denn –
Vater. Ich sehe schon, du hast dir's recht gut gemerkt, wie sie's machen, ein Haus zu bauen. Aber der Maurer braucht doch Kalk und eine Mauerkelle und Baksteine oder Feldsteine, die erst behauen werden müssen: und die Zimmerleute müssen Beile, Sägen, Bohrer, Nagel, Winkelmass und Hammer haben. Wo hättest du denn die hernehmen wollen, wenn du in Robinsons Stelle gewesen wärest?
Gottlieb. Ja, das weiss ich nicht!
Vater. So ging es dem Robinson auch und deswegen musste er sich die Lust, ein ordentliches Haus zu bauen, wohl vergehen lassen. Er hatte kein einziges Werkzeug, als seine beiden Hände, und damit allein kann man keine solche Häuser bauen, als wir haben.
Nikolas. I so hätte er sich ja nur eine Hütte machen können von Zweigen, die er von den Bäumen abbrechen konnte!
Vater. Und hätte eine Hütte von Laubwerk ihn wohl schüzen können gegen Schlangen, Wölfe, Panter, Tieger, Löwen und andere solche wilde Tiere?
Johannes. Hu! – armer Robinson, wie wird dir's gehen!
Nikolas. Kont' er denn nicht schiessen?
Vater. Ja, wenn er nur eine Flinte und Pulver und Blei gehabt hätte! Aber der arme Schelm hatte ja nichts, wie wir wissen; nichts, gar nichts auf der Welt, als nur seine beiden Hände!
Da er diesen seinen hilflosen Zustand überdachte, sank er auf einmal wieder in seine vorige Bekümmernis zurück. Was hilft es mir, dachte er, dass ich dem Tode des Hungers vor jezt entgangen bin, da ich vielleicht diese Nacht von wilden Tieren werde zerrissen werden!
Es kam ihm ordentlich vor, als wenn schon ein grimmiger Tieger vor ihm stünde, seinen Rachen weit aufsperte, und ihm seine grossen scharfen Zähne zeigte. Jezt bildete er sich ein, er pakke ihn schon bei der Gurgel, tat einen lauten Schrei: »o meine armen Eltern!« – und sank kraftlos zu Boden.
Nachdem er eine Zeitlang gelegen und mit Angst und Verzweifelung gerungen hatte, fiel ihm ein Lied ein, welches er seine fromme Mutter manchmahl hatte singen hören, wenn ihr etwas Trauriges begegnet war. Das Lied fängt sich so an:
Wer nur den lieben Gott lässt walten,
Und hoffet auf ihn allezeit,
Den wird er wunderlich erhalten
In allem Kreuz und Herzeleid;
Wer nur den Allerhöchsten traut,
Der hat auf keinen Sand gebaut.
Das war eine rechte Herzstärkung für ihn! Er sagte dieses schöne Lied ein Paar mahl recht innig in Gedanken her; dann fing er an, es laut zu singen; rafte sich dabei von dem Boden auf und ging, um zu sehen, ob er nicht irgendwo eine Höle finden könnte, die ihm zur sichern Wohnung diente.
Wo er eigentlich wäre, – auf dem festen Lande von Amerika, oder nur auf einer Insel? – das wusste er noch nicht. Er sah aber von fern einen Berg liegen, und dahin ging er.
Auf diesem Wege machte er die traurige Bemerkung, dass die ganze Gegend nichts als unfruchtbare Bäume und Gras trage. Wie ihm dabei zu Mute war, könt ihr euch vorstellen.
Er kletterte auf den Berg, der ziemlich hoch war, mit Mühe hinauf; und nun konnte er viele Meilen weit umher sehen. Da sah er denn mit Schrekken, dass er wirklich auf einer Insel wäre, und dass, so weit sein Auge reichte, nirgends Land erscheine, ein Paar kleine Inseln ausgenommen, die etliche Meilen weit von da aus dem Meere hervor ragten.
»Ich armer, armer Mensch! rief er aus und hob seine Hände, die er ängstlich gefaltet hatte, gen Himmel. So ist es also wahr, dass ich von allen Menschen abgesondert, von allen verlassen bin, und keine Hoffnung habe, aus dieser traurigen Einöde jemahls, jemahls wieder errettet zu werden? O meine arme bekümmerte Eltern! So werde ich euch also niemahls wieder sehen! Niemahls euch um Vergebung meines Fehlers bitten können! Niemahls wieder die liebliche Stimme eines Freundes, eines Menschen, hören! – Aber ich habe mein Schiksal verdient, fuhr er fort. Gott, du bist gerecht in deinen Schikkungen! Ich darf mich nicht beklagen. Hab' ich es doch nicht besser haben wollen!«
Gedankenlos und wie ein Träumender blieb er auf derselben Stelle stehen und hatte seine starren Blikke auf die Erde geheftet. »Von Gott und Menschen verlassen!« das war Alles, was er denken konnte. – Zum Glük fiel ihm endlich wieder eine Strofe aus seinem schönen Liede bei:
Denk' nicht in deiner Drangsalshize,
Dass du von Gott verlassen seist,
Und dass ihm der im Schoss size,
Der sich mit stetem Glükke speist!
Die Zukunft ändert oft sehr viel,
Und sezt der Trübsaal Maass und Ziel.
Er warf sich mit Inbrunst auf seine Knie vor Gott, gelobte Geduld und Unterwerfung in seinen Leiden, und bat um Stärke zur Ertragung derselben.
Lotte. Das war doch recht gut, dass der Robinson solche schöne Lieder wusste, die ihn so trösteten in seinem Unglück!
Vater. Freilich war das sehr gut! Was würde aus ihm geworden sein, wenn er nun nicht gewust hätte, dass Gott der algütige, der allmächtige und der algegenwärtige Vater aller Menschen ist? Er hätte umkommen müssen vor Angst und Verzweiflung, wenn man ihn das nicht gelehrt gehabt hätte. Aber der Gedanke an diesen himlischen Vater gab ihn immer wieder neuen Trost und Mut, so oft er in seinem Jammer vergehen wollte.
Lotte. Wilst du mich auch noch mehr von Gott lehren, wie du die Andern gelehrt hast?
Vater. Gern, mein gutes Kind! So wie du von Tage zu Tage verständiger werden wirst, werde ich dir auch immer mehr von unsern lieben Gott erzählen. Du weist, ich rede von nichts lieber, als von ihm, der so gut und so gross und so liebevol ist.
Lotte. O das ist schön! Es ist mir auch nichts lieber, als wenn du von Gott mit uns redest. Ich freue mich schon recht darauf.
Vater. Hast auch Ursache, liebe Lotte! Denn, wenn du Gott erst recht wirst kennen lernen: so wirst du dich noch vielmehr bemühen, so ganz gut zu werden, und dann wirst du noch vielmehr Freude haben, als jezt. –
Robinson fühlte sich nun wieder um vieles gestärkt und fing jezt an, an dem Berge herum zu klettern. Lange war seine Bemühung, einen sichern Ort zu seiner Wohnung ausfindig zu machen, vergebens. Endlich kam er zu einem kleinen Berge, der von der Vorderseite so steil, als eine Wand war. Indem er diese Seite desselben genauer untersuchte, fand er eine Stelle, die etwas ausgehöhlt war, und einen ziemlich schmalen Eingang hatte.
Hätte er ein Hakeisen, einen Steinmeissel und andere Werkzeuge gehabt: so wäre nichts leichter gewesen, als diese Hölung, die zum Teil felsicht war, weiter auszuarbeiten und sie zu einer Wohnung geschikt zu machen. Aber von allen diesen Dingen hatte er nichts. Es war also die Frage, wie er den Mangel derselben ersetzen sollte?
Nachdem er sich lange den Kopf darüber zerbrochen hatte, dachte er so: »die Bäume die ich hier sehe, scheinen wie die Weidenbäume in meinem Vaterlande zu sein, die sich leicht verpflanzen lassen. Ich will eine Menge solcher jungen Bäume mit meinen Händen ausgraben, und hier vor diesem Loche einen kleinen Platz so dicht damit bepflanzen, dass es wie eine Wand werden soll. Wenn die denn wieder ausschlagen und wachsen, so werde ich in diesem Raume so sicher schlafen können, als wenn ich in einem Hause wäre. Denn von hinten beschüzt mich die steile Felsenwand und von vorn her und von den Seiten werden es die dicht gepflanzten Bäume tun. –
Er freute sich über den glücklichen Einfal und lief augenbliklich hin, ihn auszuführen. Zu seinem noch grösseren Vergnügen sah er nahe bei diesem Orte eine schöne klare Quelle aus dem Berge hervorsprudeln. Er lief zu ihr hin, um sich erst durch einen frischen Trunk zu erquikken, weil er bei dem Herumlaufen in der brennenden Sonnenhize sehr durstig geworden war.
Gottlieb. War's denn so heiss auf der Insel?
Vater. Das kanst du denken! Sieh hier (auf die Charte zeigend) liegen die Karibisschen Inseln, wovon diejenige, auf welcher Robinson jezt lebte, vermutlich eine war. Nun siehst du, diese Inseln sind nicht gar weit mehr von da weg, wo man sagt, dass man unter der Linie sei, und wo die Sonne den Leuten zuweilen grade über den Köpfen steht. Es muss da also wohl schon sehr heiss sein.
Er grub nun einige junge Bäume auf eine sehr mühsame Weise mit seinen Händen aus, und trug sie an den Ort, den er zu seiner Wohnung bestimmt hatte. Hier musste er nun wieder ein Loch krazen um die Bäume dahin zu pflanzen, und weil dies Alles sehr langsam von statten ging: so rükte der Abend heran, indes er kaum erst mit fünf oder sechs Bäumen zu Stande gekommen war.
Der Hunger trieb ihn an, erst wieder nach der Küste zu gehen, um sich abermals einige Austern zu suchen. Allein unglücklicher Weise war grade die Zeit der Flut. Er fand also nichts, und musste sich bequemen für dasmahl hungrig zu Bette zu gehen.
Und wo? – Er hatte beschlossen, so lange auf dem Baume zu übernachten, bis er mit einer sichern Wohnung werde zu Stande gekommen sein. Dahin ging er also.
Um aber diese Nacht nicht wieder eben das Schiksal zu haben, was er in der vorigen Nacht gehabt hatte, band er sich mit seinen Strumpfbändern um die Brust herum an dem Aste fest, der ihm zur Rüklehne diente. Dan empfahl er sich seinem Schöpfer und schlief ruhig ein.
Johannes. Das machte er klug!
Vater. Die Not lehrt uns vieles, was wir sonst nicht wissen werden. Eben deswegen hat ja auch der gute Gott die Erde und uns selbst so eingerichtet, dass wir mancherlei Bedürfnisse haben, die wir erst durch Nachdenken und allerlei Erfindungen befriedigen müssen. Diesen Bedürfnissen also haben wir es zu verdanken, dass wir klug und verständig werden. Denn wenn uns die gebratenen Tauben in den Mund flögen; wenn Häuser, Betten, Kleider, Speise und Trank und alles Andere, was wir zur Erhaltung und zur Bequemlichkeit des Lebens nötig haben, so ganz von selbst und schon ganz fertig aus der Erde hervorwüchsen; so würden wir sicherlich weiter nichts tun, als essen, trinken und schlafen; und dann würden wir bis an unsere Tod so dum bleiben, als das liebe Vieh.
Nikolas. Das hat also der liebe Gott recht gut gemacht, dass er nicht Alles so aus der Erde hervorwachsen lässt.
Vater. So wie er alles Andere in der Welt auch gut und weise eingerichtet hat! – Aber seht doch dort den lieben schönen Abendstern! Wie er so freundlich auf uns herab funkelt! Auch den hat unser Vater im Himmel geschaffen, dem wir nun noch unsern Dank für den abermals verlebten angenehmen Tag zu bringen haben. – Komt, Kinder! lasst uns Hand in Hand gelegt zu jener Laube gehn!
Vierter Abend.
Vater. Nun, Kinder, wo blieben wir denn gestern mit unserm Robinson?
Johannes. Er war wieder auf den Baum geklettert, um da zu schlafen, und –
Vater. Ganz recht, ich bin schon da! – Nun für dasmahl gings besser; er fiel nicht wieder herab, sondern schlief geruhig bis an den Morgen.
Mit Anbruch des Tages lief er erst nach dem Strande, um einige Austern zu suchen, und dann wieder an seine Arbeit zu gehen. Er nahm diesmahl einen andern Weg dahin und hatte unterwegens die Freude, einen Baum anzutreffen, an dem grosse Früchte hingen. Er wusste zwar nicht, was es für welche sein mögten; aber er hofte doch, dass sie essbar wären, und schlug also eine davon herab.
Es war eine dreiekkichte Nuss, wie ein kleiner Kinderkopf gross. Die äusserste Schale war fasericht und wie aus Hanf gemacht. Die andere Schale hingegen war fast so hart als eine Schildkrötenschale, und Robinson sah bald, dass er sie statt eines Napfes würde brauchen können. Diese Schale ist so geräumig, dass der kleine amerikanische Affe, Sagoin genant, zusamt seinem langen Schwanze darin wohnen kann. Der Kern war ungemein saftig, und schmekte, wie süsse Mandeln, und in der Mitte desselben, welche hohl war, fand er eine sehr wohl schmekkende süsse Milch. Das war einmal eine Mahlzeit für unsern ausgehungerten Robinson!
Sein leerer Magen war mit einer Nuss noch nicht befriedigst; er schlug also noch eine zweite ab, die er mit eben so grossem Appetite verzehrte. Vor Freude über diesen Fund trat ihm eine Träne in die Augen, die er dankbar gen Himmel weinte.
Der Baum war ziemlich gross und hing vol von Früchten. Aber leider! war er nur der einzige in dieser Gegend!
Gottlieb. Was mochte denn das für ein Baum sein? Hier sind ja keine solche.
Vater. Es war ein Kokusbaum, deren es vornemlich da in Ostindien und hier auf den Inseln des grossen Südmeers gibt. Wie dieser auf Robinsons Insel mochte gekommen sein, dass kann ich euch nicht sagen. Auf den amerikanischen Inseln pflegt es sonst dergleichen nicht zu geben.
Ohngeachtet Robinson nun gesätiget war: so lief er doch nach dem Strande, um zu sehen, wie es heute um die Austern stände. Hier fand er zwar wieder einige; aber doch bei weitem nicht genug, um eine vollkommene Mahlzeit davon halten zu können. Er hatte also grosse Ursache Gott zu danken, dass er ihm heute ein anderes Nahrungsmittel hatte finden lassen. Und das tat er denn auch wirklich mit sehr gerührtem Herzen.
Die gefundenen Austern nahm er sich mit zum Mittagsessen, und nun kehrte er mit freudigen Mute zu seiner gestrigen Arbeit zurück.
Er hatte am Strande eine grosse Muschelschale gefunden, die er statt eines Spatens brauchte. Dadurch ward ihm seine Arbeit schon um vieles leichter. Nicht lange nachher entdekte er eine Pflanze, deren Stengel so fasericht war, als bei uns der Flachs und der Hanf sind. Zu einer andern Zeit wurde er auf so etwas gar nicht geachtet haben; jezt aber war ihm nichts gleichgültig. Er untersuchte Alles und dachte über Alles nach, ob er nicht irgend einigen Nuzen daraus ziehen könnte?
In der Hoffnung, dass diese Pflanze sich eben so wie Flachs oder Hanf werde bearbeiten lassen, riss er eine Menge davon aus, band sie in kleine Bändel, und legte sie ins Wasser. Da er nach einigen Tagen merkte, dass die grobe äusere Schale vom Wasser weich genug gebeizt sei, nahm er die Bündel wieder heraus und spreitete die erweichten Stengel an der Sonne aus. Kaum waren sie hinlänglich getroknet, so machte er einen Versuch, ob sie sich nun auch eben so, wie der Flachs, durch Hülfe eines grossen Stoks würden boken und brechen lassen. Und siehe! es gelang ihm.
Von dem Flachse, welches er daraus gewan, machte er sogleich einen Versuch, kleine Strikke zu drehen. Diese wurden nun freilich nicht so fest, als diejenigen sind, die bei uns der Seiler drehet: weil er kein Drehrad und keinen Gehülfen hatte. Indes waren sie doch stark genug, um seine grosse Muschel damit an einem Stokke fest zu binden, wodurch er denn ein Werkzeug kriegte, welches einem Spaten ziemlich ähnlich sah.
Nun sezte er seine Arbeit fleissig fort, und pflanzte Baum bei Baum, bis er endlich den kleinen Raum vor seiner künftigen Wohnung völlig eingezäunt hatte. Da ihm aber eine einzige Reihe schlanker Bäume noch keine sichere Schuzmauer zu sein schien: so liess er sich die Mühe nicht verdriessen, noch eine zweite Reihe um die erste herum zu pflanzen. Dan durchflocht' er beide Reihen mit grünen Zweigen und endlich geriet er gar auf den Einfal, den Zwischenraum zwischen den beiden Reihen mit Erde auszufüllen. Dadurch entstand nun eine so feste Wand, dass schon eine recht grosse Gewalt würde erfodert worden sein, um sie zu durchbrechen.
Alle Abend und alle Morgen begoss er seine kleine Pflanzung mit Wasser aus der nahen Quelle. Zum Wassergefäss diente ihm die Kokusschale. Bald hatte er auch die Freude zu sehen, dass die jungen Bäume ausschlugen und grünten, dass es eine rechte Lust war, sie anzusehen.
Da er mit seiner Einzäunung fast völlig fertig war, wandte er einen ganzen Tag dazu an, viele und starke Strikke zu drehen. Von diesen machte er, so gut er konnte, eine Strikleiter.
Diderich. Wozu denn die?
Vater. Wirst es gleich hören. – Er war Willens ganz und gar keine Tür zu seiner Wohnung zu machen, sondern auch die lezte noch übrige Oefnung zu zupflanzen.
Diderich. Wie wollte er denn aber hinein und heraus kommen?
Vater. Dazu sollte ihn eben die Strikleiter dienen. Der Fels nämlich über seiner Wohnung war ungefähr zwei Stokwerke hoch. Oben stand ein Baum. Um diesen legte er seine Strikleiter und liess sie bis zu sich herunter hängen. Er versuchte darauf, ob er daran hinauf klettern könnte, und es gelang ihm nach Wunsche.
Da dis Alles fertig war, so überlegte er nun, wie er es wohl anzufangen habe, um die kleine Hölung des Berges noch weiter auszuarbeiten, damit sie gross genug wurde, ihm zur Wohnung zu dienen. Mit seinen blossen Händen, sah er wohl, würde es nicht gehen! Was war also zu tun? Er musste suchen, sich irgend ein Werkzeug ausfindig zu machen, das ihm dazu behilflich wäre.
In dieser Absicht ging er hin nach einem Orte, wo er viele grüne Steine, die man Talksteine nent, und die sehr hart sind, hatte liegen gesehen. Da er unter denselben sorgfältig suchte, fand er zuerst einen, bei dessen Anblik ihm vor Freuden das Herz im Leibe klopfte.
Es war nämlich dieser Stein ordentlich wie ein Beil gestaltet; er ging vorn scharf zu und hatte so gar ein Loch, um einen Stiel hinein zu stekken. Robinson sah gleich, dass er sich ein ordentliches Beil daraus würde machen können, wenn er nur das Loch ein wenig erweiterte. Hiermit kam er durch Hülfe eines andern Steins nach langer Arbeit endlich glücklich zu Stande. Dan stekte er einen dikken Stok zum Stiel hinein und band ihn mit selbst gedrehten Bindfaden so fest, als wenn er wäre eingenagelt gewesen.
Er versuchte darauf sogleich ob er nicht einen jungen Stam damit abhauen könnte; und seine Freude über den glücklichen Erfolg dieses Versuchs war unaussprechlich. Man hätte ihm tausend Taler für dieses Beil bieten können und er würde es nicht dafür gegeben haben; so viel Nuzen versprach er sich davon!
Indem er weiter suchte unter den Steinen fand er noch zwei, die ihm gleichfalls sehr brauchbar zu sein schienen. Der Eine war ohngefähr wie so ein Klöpfel geformt, als die Steinhauer und die Tischler brauchen. Der Andere hatte die Gestalt eines kurzen dikken Prügels und ging unten spizig zu, wie ein Keil. Auch diese beiden nahm Robinson mit und lief nun freudig nach seiner Wohnung hin, um sich sogleich in Arbeit zu setzen.
Das Werk ging treflich von statten. Indem er den spizigen keilförmigen Stein an das Erdreich und an die Felsenstükke sezte, und mit dem Klöpfel darauf schlug, löste er ein Stük nach dem andern ab und erweiterte auf diese Weise die Höle. In einigen Tagen war er so weit damit gekommen, dass er den Platz für gross genug hielt, um ihn zur Wohnung und zur Schlafstelle zu dienen.
Er hatte schon vorher eine Menge Gras mit den Händen ausgerauft, und es an die Sonne gelegt, um Heu daraus zu machen. Dieses war nun hinlänglich gedört. Er trug es also in seine Höle, um sich ein bequemes Lager davon zu machen.
Und nun hinderte ihn nichts mehr, einmal wieder auf eine menschliche Weise, nämlich liegend, zu schlafen, nachdem er über acht Nächte, wie die Vögel, auf einem Baume hatte sizen müssen. O was das für eine Wollust für ihn war, seine ermatteten Glieder so der Länge nach auf einen weichen Heulager auszustrekken! Er dankte Gott dafür und dachte bei sich selbst: o wenn doch meine Landsleute in Europa wüsten, wie es tut, wenn man viele Nächte hinter einander auf einem harten Aste sizend zubringen muss: gewiss, sie würden sich glücklich schäzen, dass sie alle Abend sich auf ein weiches und sicheres Lager strekken können, und würden nicht vergessen, auch für diese Wohltat Gott täglich Dank zu bringen!
Der folgende Tag war ein Sontag. Robinson widmete ihn der Ruhe, dem Gebet und dem Nachdenken über sich selbst. Stundenlang lag er auf seinen Knien, die betränten Augen gen Himmel gerichtet, und flehete zu Gott um Vergebung seiner Sünden und um Seegen und Trost für seine armen Eltern. Dan dankte er Gott mit Freudentränen für die wunderbare Hülfe, die er ihm in seinem verlassenen Zustande hatte wiederfahren lassen und gelobte tägliche Besserung seiner Selbst, und beständigen kindlichen Gehorsam an. –
Lotte. Nun ist er doch ein viel besserer Robinson, als er vorher war!
Vater. Das wusste der liebe Gott wohl vorher, dass er sich bessern würde, wenn's ihm unglücklich ginge; und deswegen schikte er ihm eben dieses Leiden zu! So macht's der gütige himlische Vater immer mit uns. Nicht aus Zorn, sondern aus Liebe, lässt er's uns zuweilen übel gehen, weil er weiss, dass wir sonst nicht gut werden würden.
Um die Folge der Tage nicht zu vergessen, und um immer zu wissen, welcher Tag ein Sontag sei, war Robinson darauf bedacht, sich einen Kalender zu machen.
Johannes. Einen Kalender?
Vater. Freilich keinen so genauen und auf Papier gedruckten, als man in Europa machen kann, aber doch einen, nach dem er die Tage zählen könnte.
Johannes. Und wie machte er denn das?
Vater. Da er kein Papier und keine Schreibmaterialien hatte: so suchte er sich vier neben einander stehende Bäume aus, die eine glatte Rinde hatten. In den grösten von ihnen grub er alle Abend mit einem scharfen Steine einen kleinen Strich ein, welcher jedesmahl einen zurück gelegten Tag bedeutete. So oft er nun sieben Striche gemacht hatte, war eine Woche geendiget; und dann schnit er in den nächsten Baum einen Strich ein, welcher eine Woche bedeutete. So oft er in diesem zweiten Baume vier Striche gemacht hatte, bezeichnete er in dem dritten Baume durch einen ähnlichen Strich, dass ein ganzer Monat verflossen wäre. Und wenn endlich dieser Monatszeichen zwölf geworden waren: so merkte er in dem vierten Baume an, dass nun ein ganzes Jahr geendiget sei.
Diderich. Aber die Monate sind ja nicht alle gleich lang! Die Einen haben ja dreissig, die andern ein und dreissig Tage: wie wusste er denn immer wie viel Tage jeder habe?
Vater. Das wusste er an den Fingern abzuzählen.
Johannes. An den Fingern?
Vater. Ja; und wenn ihr wolt, so will ich euch das auch lehren.
Alle. O ja! o ja, lieber Vater!
Vater. Nun, so gebt Achtung! – Seht, er machte so die linke Hand zu; dann stipte er mit einem Finger der andern Hand erst auf einen dieser hervorragenden Knöchel, dann in die dabei befindliche Grube, und nante dabei die Monate in der Ordnung, wie sie auf einander folgen. Jeder Monat der auf einen Knöchel fält, hat ein und dreissig Tage, die andern aber, die in die Grübchen fallen, haben nur dreissig, den einzigen Februar ausgenommen, der nicht einmal dreissig, sondern nur acht und zwanzig, und alle vier Jahre neun und zwanzig Tage hat.
Er fing aber mit dem Knöchel des Zeigefingers an und nante indem er darauf stipte den ersten Monat im Jahr, nämlich den Jenner. Der hat also, wie viel Tage?
Johannes. Ein und dreissig.
Vater. Nun will ich fortfahren, die Monate auf diese Weise an den Knöcheln abzuzählen, und du, Johannes, magst jedesmahl die Zahl der Tage nennen. – Also zweitens: Februar!
Johannes. Solte 30 Tage haben, hat aber nur 28 und zuweilen 29.
Vater. März.
Johannes. Ein und dreissig.
Vater. April.
Johannes. Dreissig.
Vater. Mai!
Johannes. Ein und dreissig.
Vater. Junius!
Johannes. Dreissig.
Vater. Julius.
Johannes. Ein und dreissig.
Vater. August! (Auf den Knöchel des Daums zeigend.)
Johannes. Ein und dreissig.
Vater. September.
Johannes. Dreissig.
Vater. Oktober.
Johannes. Ein und dreissig.
Vater. November!
Johannes. Dreissig.
Vater. December.
Johannes. Ein und dreissig Tage!
Vater. Diderich, hast du immer im Kalender nachgesehen, ob unsere Angabe richtig war?
Diderich. Ja, es traf Alles auf ein Haar ein!
Vater. Dergleichen Dinge muss man sich merken, weil man nicht immer einen Kalender zur Hand hat, und einem doch manchmahl daran gelegen ist, zu wissen, wie viel Tage jeder Monat habe.
Johannes. O ich werd' es nicht vergessen!
Diderich. Ich auch nicht; ich hab' es mir wohl gemerkt!
Vater. Auf diese Weise also sorgte unser Robinson dafür, dass er die Zeitrechnung nicht verlöre, und immer wüste, welcher Tag ein Sontag wäre, um ihn, wie die Christen, feiern zu können.
Unterdess hatte er den grösten Teil der Kokusnüsse von dem einzigen Baume, den er bisher entdekt hatte, schon verzehrt, und die Austern wurden so sparsam ausgeworfen, dass er von ihnen allein nicht leben konnte. Er fing also wieder an für seinen künftigen Unterhalt besorgt zu sein.
Aus Furcht vor wilden Tieren und Menschen hatte er sich bisher noch nicht sehr weit von seiner Wohnung zu entfernen gewagt. Jezt zwang ihm die Not, ein Herz zu fassen, und sich etwas weiter auf der Insel umzusehen, um neue Nahrungsmittel zu entdekken. In dieser Absicht beschloss er, am folgenden Tage in Gottes Namen eine kleine Landreise vorzunehmen.
Um sich aber vor der brennenden Sonnenhize zu verwahren, wandte er den Abend dazu an, sich einen Sonnenschirm zu verfertigen.
Nikolas. Wo nahm er denn Leinewand und Fischbein dazu her?
Vater. Er hatte weder Leinewand, noch Fischbein, weder Messer noch Scheere, weder Nadel noch Zwirn, und doch – was meint ihr wohl wie ers anfing, um sich einen Sonnenschinn zu machen?
Nikolas. Ja, das weiss ich nicht!
Vater. Er flochte sich aus Weidenruten ein kleines Dach, stekte in die Mitte desselben einen Stok, den er mit Bindfaden fest band und dann holte er sich von seinem Kokusbaum breite Blätter, die er mit Steknadeln auf dem geflochtenen Dache befestigte.
Johannes. Mit Steknadeln? I, wo kriegt' er denn die her?
Vater. Das ratet einmal!
Lotte. O ich weiss schon! Die hatte er gefunden unter dem Auskehrigt, und in den Dielenrizen; ich finde da oft auch welche!
Johannes. Ja, du hast es schön getroffen! Als wenn man Steknadeln finden könnte, wo keiner welche verloren hat! Und wo waren denn Dielen und Auskehrigt in Robinson seinem Loche?
Vater. Nun wer räht's? – Wie würdet ihr es machen, wenn ihr etwas fest stekken woltet, und keine ordentliche Steknadeln hättet?
Johannes. Ich wurde Stacheln vom Dornbusch dazu brauchen.
Gottlieb. Und ich vom Stachelbeerbusch!
Vater. Das lässt sich hören! – Indes muss ich euch sagen, dass Robinson weder jene, noch diese brauchte, weil er weder Dornbüsche noch Stachelbeerbüsche auf seiner Insel gefunden hatte.
Johannes. Nun, was braucht' er denn?
Vater. Fischgräten. Das Meer warf von Zeit zu Zeit todte Fische aufs Land, und wenn die denn verfault oder von Raubvögeln verzehrt waren: so blieben die Gräten davon liegen. Von diesen hatte Robinson die stärksten und spizigsten aufgelesen, um sie statt der Steknadeln zu gebrauchen.
Durch Hülfe derselben brachte er einen so festen Schirm zu Stande, dass kein einziger Sonnenstrahl durchfallen konnte. So oft ihm eine solche neue Arbeit glückte, hatte er eine unaussprechliche Freude darüber; und dann pflegte er zu sich selbst zu sagen: was bin ich doch in meiner Jugend für ein grosser Nar gewesen, dass ich meine meiste Zeit mit Müssiggang zubrachte! O wenn ich jezt in Europa wäre, und alle die vielen Werkzeuge hätte, die man da so leicht haben kann: was wollte ich nicht alles machen! Was sollte mir das für Freude sein, die meisten Dinge, die ich nötig hätte, selbst zu verfertigen!
Da es noch nicht sehr spät am Tage war: so fiel ihm ein, ob er nicht auch einen Beutel machen könnte, worin er etwas zu leben mitnähme, und worin er dasjenige zurücktrüge, was er etwa so glücklich wäre an neuen Lebensmitteln ausfindig zu machen. Er san eine Zeitlang darüber nach und endlich glückte es ihm, auch dazu Mittel zu finden.
Er hatte nämlich einen ziemlichen Vorrat Bindfaden verfertiget; von diesem beschloss er ein Nez zu strikken, und aus dem Neze eine Art von Jägertasche zu machen.
Das fing er nun so an. An zwei Bäume, die etwas über eine Elle weit aus einander standen, knöpfte er einen Faden unter den andern, und zwar so dicht, als möglich. Dies sollte das sein, was bei dem Weber der Aufzug ist. Dan knöpfte er von oben herunter wiederum einen Faden neben dem andere gleichfalls so dicht, als möglich; und zwar machte er mit diesen herunter gehenden Faden um jeden Querfaden einen Knoten, recht so, wie es bei dem Filetmachen geschieht. Diese herunter gehenden Faden waren also der Einschlag. Und so brachte er bald ein Nez zu Stande, das einem feinen Fischerneze glich. Er lösete darauf die Enden von den Bäumen ab, schürzte sie auf der einen Seite und unten zusammen, und liess nur die obere Seite offen. Und so hatte er also eine ordentliche Jagdtasche gemacht, die er durch Hülfe eines dikken Bindfadens, den er an den obersten Enden befestigte, um den Hals hengen konnte.
Vor Freude über den gleichen Erfolg seiner Bemühungen konnte er fast die ganze Nacht hindurch nicht schlafen.
Gottlieb. O ich möchte mir auch gern eine solche Jägertasche machen.
Nikolas. Ich auch; aber wenn wir nur Bindfaden hätten!
Mutter. Wenn ihr eben so viel Freude, als Robinson, an eurer Arbeit haben woltet: so müstet ihr auch erst euch den Bindfaden selbst machen, und auch selbst erst den Flachs oder den Hanf zubereiten. Aber da diese noch nicht reif sind auf dem Felde, so will ich euch wohl Bindfaden dazu geben.
Gottlieb. O wilst du das, liebe Mutter?
Mutter. Gern, wenn ihr es wünscht. Kom, wir wollen welchen holen.
Gottlieb. O das ist prächtig!
Lotte. Das ist recht gut, Kinder, dass ihr das nachmacht. Wenn ihr denn auch einmal auf eine Insel komt, wo keine Menschen sind: so wisst ihr schon, wie ihr es machen müsst. Nicht wahr, Vater?
Vater. Ganz recht; macht nur! – Unsern Robinson werden wir denn wohl bis Morgen müssen schlafen lassen! – Ich will unter der Zeit sehen, ob ich ihm nicht die Kunst, einen Sonnenschirm zu machen, ablernen kann.
Fünfter Abend.
Am folgenden Abend, da die Gesellschaft an dem gewöhnlichen Orte sich wieder versamlet hatte, kam Nikolas mit einer von ihm selbst verfertigten Jagdtasche einher stolziert, wodurch er Aller Augen auf sich zog. Stat des Sonnenschirms hatte er sich von der Köchin einen Sieb geliehen, den er über seinem Kopfe auf einem Stokke trug. Sein ganzer Aufzug war sehr ernstaft und majestätisch.
Mutter. Bravo, Nikolas! Das hast du gut gemacht! Es fehlte nicht viel, dass ich dich für den wahren Robinson genommen hätte.
Johannes. Ich habe nur noch nicht fertig werden können mit meiner Tasche; sonst wäre ich auch so gekommen!
Gottlieb. So geht's mir auch!
Vater. Schon gut, dass Einer damit fertig geworden ist: nun sehn wir doch, dass es geht! Aber dein Schirm, Nikolas, taugt nichts!
Nikolas. Ja, ich habe ihn auch nur aus Not gemacht, weil ich keinen andern so geschwind fertig kriegen konnte!
Vater. (Der einen von ihm selbst gemachten Schirm hinter der Hekke vorlangt) Was sagst du hierzu, Freund Robinson?
Nikolas. Ah! der ist schön!
Vater. Ich hebe ihn so lange auf, bis wir unsere Geschichte ausgehört haben. Wer denn von den Dingen, die Robinson machte, am meisten wird nachmachen können, der soll unser Robinson sein und dem will ich den Sonnenschirm schenken.
Gottlieb. Sol der sich denn auch ordentlich eine Hütte bauen?
Vater. Warum nicht?
Alle. O das ist exzellent! Das ist prächtig!
Vater. Robinson konnte kaum den Tag erwarten; er stand noch eher auf, als die Sonne, und machte sich zu seiner Reise fertig. Er hing die Tasche um; gürtete einen Strik um seinen Leib, stekte sein Beil, statt eines Degens, daran, nahm den Sonnenschirm auf die Schulter und wanderte darauf getrost fort.
Zuerst besuchte er seinen Kokusbaum, um eine oder ein Paar Nüsse in seinen Beutel zu stekken; dann lief er auch erst an den Strand, um einige Austern dazu zu suchen; und da er sich mit beiden notdürftig versorgt und einen guten Trunk frisches Wasser aus seiner Quelle zum Frühstük genossen hatte: so marschierte er ab.
Es war ein reizender Morgen. Die Sonne stieg jezt eben in ihrer ganzen Klarheit, wie aus dem Meere, hervor, und vergoldete die Gipfel der Bäume. Tausend kleine und grosse Vögel von wunderbaren Farben sangen ihr erstes Morgenlied und freuten sich des neuen Tages. Die Luft war so rein und so erquikkend, als wenn sie jezt eben erst von Gott wäre geschaffen worden, und aus den Kräutern und Blumen duftete der süsseste Wohlgeruch empor.
Robinsons Herz schwol auf von Freude und Dankbarkeit gegen Gott. Auch hier, sagte er zu sich selbst, auch hier zeigt er sich, als den Algütigen! – Dan vermischte er seine Stimme mit dem Gesange der Vögel und sang laut das schöne Morgenlied:
Dein erstes Werk sei Preis und Dank,
Du neugestärkte Seele!
Der Herr hört deinen Lobgesang,
O preis' ihn, meine Seele!
Mich selbst zu schüzen viel zu schwach,
Lag ich und schlief in Frieden.
Wer war indessen für mich wach?
Wer schenkte Schlaf mir Müden?
Du bist es, Herr und Gott der Welt,
Dein, dein ist unser Leben;
Du bist es, der es uns erhält,
Und mir's jezt neu gegeben.
Gelobet seist du, Gott der Macht,
Gelobt sei deine Treue,
Dass ich, nach einer sanften Nacht,
Mich dieses Tags erfreue.
Lass deinen Seegen auf mir ruhn,
Mich deine Wege wallen;
Und lehre du mich selber tun
Nach deinem Wohlgefallen.
Nim meines Lebens ferner wahr
Auf dich hoft meine Seele;
Sei du mein Retter in Gefahr,
Mein Vater, wenn ich fehle.
Gib mir ein Herz vol Frömmigkeit,
Vol warmer Menschenliebe;
Ein Herz dass sich mit Freudigkeit
In jedem Guten übe.
Dass ich, als dein gehorsam Kind,
Nach wahrer Tugend strebe;
Und nicht, durch Leidenschaften blind,
Den Lastern mich ergebe.
Dass ich, dem Nächsten beizustehn,
Beschwerlichkeit nie scheue;
Mich gern an andrer Wohlergehn
Und ihrer Tugend freue.
Dass ich das Glük der Lebenszeit
Dir dankbar, froh geniesse,
Und meinen Lauf mit Freudigkeit
Wenn du gebeutst, beschliesse. [Fussnote]
Gottlieb. O lieber Vater, wilst du mir wohl dies Lied abschreiben, dass ichs alle Morgen für mich lesen kann, wenn ich aufstehe?
Vater. Sehr gern!
Fr. R. Und ich will euch die Melodie dazu lehren: so können wir es vor dem Morgengebete singen.
Nikolas. O das ist gut! Es ist ein gar zu schönes Lied!
Vater. Da Robinson sich noch immer vor wilden Menschen und vor wilden Tieren fürchtete: so vermied er bei seiner Wanderung, so sehr er nur immer konnte, die dichten Wälder und Gebüsche, und wandte sich vielmehr nach solchen Gegenden, die ihm eine freie Aussicht nach allen Seiten hin gewährten. Aber diese waren grade die unfruchtbarsten Teile seiner Insel. Er war daher schon ziemlich weit gegangen, ohne etwas zu finden, welches ihm hätte nüzlich werden können.
Endlich fiel ihm ein Gewächs in die Augen, welches er näher untersuchen zu müssen glaubte. Es waren kleine Krautbüsche, die neben einander standen und wie einen kleinen Wald ausmachten. An einigen sah er rötliche, an andern weisse Blumen und an noch andern fanden sich, statt der Blumen, kleine grünliche Aepfelchen, von der Grösse einer Kirsche.
Er biss hurtig einen derselben an, aber fand, dass sie nicht geniessbar wären. Aus Unwillen darüber riss er den Busch, von dem er sie gepflükt hatte, aus und wollte ihn wegwerfen, als er zu seiner Verwunderung an der Wurzel der Stengel allerlei kleine und grosse Knollen hängen sah. Er vermutete augenbliklich, dass diese Knollen die eigentliche Frucht der Pflanze wären, und fing an, sie zu untersuchen.
Aber mit dem Einbeissen wollte es ihm abermals nicht gelingen. Das Gewächs war hart und unschmakhaft. Robinson war schon im Begrif, sie wegzuwerfen: aber zum Glük fiel ihm ein, dass eine Sache doch wohl zu etwas gut sein könne, ohngeachtet man ihren Nuzen nicht sogleich bemerkt. Er stekte also einige dieser Knollen in seine Jagdtasche und ging weiter.
Johannes. Ich weiss schon, was das für Knollen waren!
Vater. Nun, was für welche meinst du denn wohl?
Johannes. I, es waren Kartoffeln! Die wachsen ja grade so, wie sie hier beschrieben werden!
Diderich. Und die sind ja auch in Amerika eigentlich zu Haus!
Gottlieb. Ach ja, da hat sie ja der Franz Drake hergebracht! – Aber das war doch dum, dass Robinson die nicht einmal kante!
Vater. Woher kenst du sie denn?
Gottlieb. I, weil ich sie so oft gesehen und gegessen habe; sie sind ja meine Leibspeise!
Vater. Aber Robinson hatte sie nie gesehen und nie gegessen.
Gottlieb. Nicht?
Vater. Nein; weil sie damahls in Deutschland noch gar nicht bekant waren. Erst ohngefähr seit 40 Jahren sind sie bei uns eingeführt und es ist wohl schon 200 Jahr her, dass unser Robinson lebte.
Gottlieb. Ja denn –
Vater. Siehst du, lieber Gottlieb, dass man unrecht tut, wenn man so voreilig ist, andere Leute zu tadeln? Man muss sich immer erst selbst ganz in ihre Stelle setzen und sich dann erst fragen: ob man's besser gemacht haben würde, als sie? Hättest du auch niemahls Kartoffeln gesehen und hättest du niemahls gehört, wie man sie zubereiten müsse: so würdest du anfangs eben so, wie Robinson, nicht wissen, was damit zu machen sei? Lass dir diesen Umstand zur Warnung dienen, dich nie wieder für klüger, als andere Menschen, zu halten.
Gottlieb. Küsse mich, Väterchen! Wil's nicht mehr tun. –
Vater. Von da ging Robinson nun weiter; jedoch sehr langsam und mit grosser Vorsichtigkeit. Jedes Geräusch, welches der Wind zwischen Bäumen und Büschen verursachte, erschrekte ihn und machte, dass er nach seinem Beil grif, um sich zu verteidigen, wenn's nötig wäre. Aber immer sah er zu seiner Freude, dass er sich ohne Ursache gefürchtet habe.
Endlich kam er an einen Bach, wo er sein Mittagsbrod zu verzehren beschloss. Hier sezte er sich unter einen dikken schattigten Baum, und fing schon an nach Herzenslust zu schmausen – als er plözlich wieder durch ein fernes Geräusch entsezlich erschrekt ward.
Er sah ängstlich umher und bemerkte endlich eine ganze Heerde –
Nikolas. Ah! gewiss Wilde!
Gottlieb. Oder Löwen und Tieger!
Vater. Keine von beiden! sondern eine ganze Heerde wilder Tiere, die einige Aehnlichkeit mit unsern Schafen hatten, nur, dass sie auf dem Rükken einen kleinen Hökker trugen, und dadurch einem Kamele ähnlich wurden. Sie waren übrigens nicht viel grösser, als ein Schaf.
Wenn ihr wissen wolt, was das für Tiere waren und wie sie genant werden, so will ichs euch wohl sagen.
Johannes. O ja!
Vater. Man nent sie Lama's, auch wohl Guanako's. Ihr eigentliches Vaterland ist dieser Teil von Amerika (auf die Karte zeigend) der den Spaniern gehört, und den man Peru nent. Hier hatten die Amerikaner, ehe die Europäer ihr Land entdekten, dieses Tier zahm gemacht und brauchten es, wie einen kleinen Esel zum Lasttragen. Von der Wolle desselben wussten sie sich Zeug zu Kleidern zu machen.
Johannes. Die Leute von Peru mussten also wohl nicht mehr so wild sein, als die andern Amerikaner?
Vater. Bei weiten nicht! Sie wohnten, so wie auch die Mexikaner, (hier in dem nördlichen Amerika!) in ordentlichen Häusern, hatten prächtige Tempel gebaut und wurden ordentlich von Königen beherscht.
Gottlieb. Ist das nicht das Land, wo die Spanier das viele Gold und Silber herkriegen, was sie alle Jahr auf der Silberflotte aus Amerika holen, wie du uns erzählt hast?
Vater. Das nemliche! – Da Robinson diese Tiere, die wir nun auch Lama's nennen wollen, herannahen sah: regte sich bei ihm ein starker Appetit nach einem Stük Braten, wovon er nun schon in so langer Zeit nicht gekostet hatte. Er wünschte also eins derselben zu erlegen, stellte sich daher mit seinem steinernen Beil dicht an den Baum, und hofte dass eins derselben vielleicht so nahe bei ihm vorbei kommen werde, dass er es mit dem Beile treffen könnte.
Es geschahe. Die sorgenlosen Tiere, die hier vermutlich niemahls waren gestöhrt worden, gingen ohne alle Furcht bei dem Baume, hinter welchen Robinson sich verstekt hatte, vorbei nach dem Wasser und da eins derselben und zwar ein Junges, ihm so nahe kam, dass er es erreichen konnte, schlug er ihm mit seinem Beile so nachdrüklich in den Nakken, dass es augenbliklich todt zur Erde stürzte.
Lotte. O fi! Wie konnte er nun auch das tun? Das arme Schäfchen!
Mutter. Und warum sollte er's denn nicht tun?
Lotte. Ja, das arme Tierchen hatte ihm ja nichts zu Leide getan; so hätte er's ja auch können leben lassen!
Mutter. Aber er brauchte ja das Fleisch dieses Tiers, um davon zu essen: und weisst du nicht, dass Gott uns erlaubt hat, die Tiere zu brauchen, wozu wir sie nötig haben?
Vater. Ohne Not ein Tier zu tödten, oder zu quälen, oder auch nur zu beunruhigen, wäre grausam; und das wird auch kein guter Mensch zu tun im Stande sein. Aber sie zu brauchen, wozu sie gut sind, sie zu schlachten, um ihr Fleisch zu essen, ist uns unverwehrt. Wisst ihr nicht mehr, wie ich euch einmal erklärt habe, dass es so gar für die Tiere selbst gut ist, dass wir es so mit ihnen machen?
Johannes. Ach ja, wenn wir die Tiere nicht brauchten, so würden wir auch nicht für sie sorgen, und dann wurden sie es lange nicht so gut haben, als jezt, und denn würden des Winters viele von ihnen vor Hunger sterben müssen!
Diderich. Ja, und sie werden vielmehr leiden müssen, wenn sie nicht geschlachtet werden, sondern an Krankheiten und vor Alter stürben; weil sie sich einander nicht so helfen können, als die Menschen sich einander helfen!
Vater. Und dann, so müssen wir auch nicht glauben, dass der Tod, den wir den Tieren antun, ihnen so viel Schmerz verursache, als es uns wohl vorkömt. Sie wissen nicht vorher, dass sie geschlachtet werden sollen, sind daher ruhig und zufrieden bis auf den lezten Augenblick, und die Empfindung des Schmerzes, während dass sie getödtet werden, ist bald vorüber.
In dem Augenblicke, da Robinson das junge Lama erschlagen hatte, fiel ihm erst die Frage ein: wie er nun mit der Zubereitung des Fleisches würde zu Stande kommen können?
Lotte. I kont' ers denn nicht kochen oder braten?
Vater. Das hätte er gern getan; aber es fehlte ihm unglücklicher Weise an Allem, was er dazu nötig hatte. Er hatte keinen Topf und keinen Bratspiess, und, was das Schlimste war, – er hatte nicht einmal Feuer.
Lotte. Kein Feuer? – Das hätte er sich ja anmachen können!
Vater. Freilich, wenn er Stahl und Zunder, einen Feuerstein und Schwefelhölzer gehabt hätte! Aber von allen diesen hatte er nun grade nichts!
Johannes. Ich weiss wohl, wie ichs gemacht hätte!
Vater. Und wie denn?
Johannes. Ich hätte zwei Stükchen troknes Holz so lange an einander gerieben, bis sie in Brand geraten wären; so wie wir einmal in der Reisebeschreibung lasen, dass die Wilden es machten.
Vater. Grade darauf verfiel unser Robinson auch! Er nahm also das getödtete Lama auf seine Schultern und machte sich damit auf den Weg, um wieder nach seiner Wohnung zurück zu kehren.
Auf seinem Rükwege machte er noch eine Entdekkung, die ihm grosse Freude verursachte. Er traf nämlich sechs bis acht Zitronenbäume an, unter denen schon verschiedene abgefallene reife Früchte lagen. Er las sie sorgfältig auf, merkte sich den Platz, auf dem diese Bäume standen, und eilte nun sehr vergnügt zurück nach seiner Wohnung.
Hier war seine erste Arbeit, dem jungen Lama das Fel abzuziehen. Durch Hülfe eines scharfen Steins, den er statt eines Messers brauchte, kam er damit zu Stande. Das Fel spante er, so gut er konnte, an der Sonne aus, um es zu troknen, weil er voraus sah, dass er davon einen guten Gebrauch würde machen können.
Johannes. Was konnte er denn davon machen?
Vater. O vielerlei! Erstlich fingen seine Schuh und seine Strümpfe schon an zu reissen. Da dachte er nun, wenn er keine Schuhe mehr hätte, so könnte er sich von dem Felle Fusssolen machen, und sie unter die Füsse binden, dass er doch nicht ganz baarfuss zu gehen brauchte. Dan war ihm auch nicht wenig bange vor dem Winter und er freute sich daher sehr, dass er nun ein Mittel wüste sich mit Pelzwerk zu versorgen, um nicht erfrieren zu dürfen.
Zwar dieser Sorge hätte er füglich können überhoben sein, weil es in dieser Gegend niemahls Winter wurde.
Gottlieb. Niemahls Winter?
Vater. Nein! In allen den heissen Himmelsgegenden hier zwischen den beiden Wendezirkeln, die ich euch neulich erklärt habe, pflegt es niemahls Winter zu werden. Dafür aber haben diese Länder ein Paar Monate lang ein unaufhörliches Regenwetter. – Doch davon wusste unser Robinson noch nichts, weil er in seiner Jugend sich nicht ordentlich hatte unterrichten lassen.
Johannes. Aber, Vater, ich meine doch, dass wir einmal gelesen haben, dass der hohe Spizberg auf Teneriffa und die hohen Cordilleras in Peru immer mit Schnee bedekt sind? Da muss es ja also wohl immer Winter sein; und die liegen doch auch zwischen den Wendezirkeln?
Vater. Hast Recht, lieber Johannes; die sehr hohen bergigten Gegenden machen eine Ausnahme. Denn auf den Gipfeln solcher hohen Berge pflegt ein immerwährender Schnee zu liegen. Erinnerst du dich noch, was ich euch von einigen Gegenden in Ostindien erzählte, da wir neulich auf der Landkarte dahin gereiset waren?
Johannes. Ach ja, dass da in einigen Gegenden der Sommer und der Winter nur ein Paar Meilen weit aus einander sind! Auf der Insel Zeilon, die den Holländern gehört und noch wo – wo war's doch gleich?
Vater. Auf der vordersten Halbinsel. Wenn's nämlich disseits des Gebirges Gate, auf der Malabarischen Küste Winter ist, so ist es jenseits des Gebirges auf der Küste Koromandel Sommer, und so umgekehrt. Eben so soll es ja auch auf der Insel Zeram sein, die zu den Molukkischen Inseln gehört, wo man nur drei Meilen zu gehen braucht, um aus dem Winter in den Sommer, oder aus dem Sommer in den Winter zu kommen.
Aber wir haben uns auf einmal wieder weit von unserm Robinson verstiegen! Seht, wie unser Geist durch einen einzigen Sprung sich plözlich an Örter begeben kann, die viel tausend Meilen von uns entfernt sind! Aus Amerika flogen wir nach Asien und nun – gebt Acht! – husch! da sind wir wieder in Amerika auf Freund Robinsons Insel. Ist das nicht wunderbar? –
Nachdem er also das Fel abgestreift, das Eingeweide ausgenommen, und ein Hinterviertel zum Braten abgeschnitten hatte; war er nun zunächst darauf bedacht, einen Bratspiess zu machen. Hierzu hieb er einen jungen schlanken Baum ab, löste die Rinde davon ab, und spizte ihn an dem einen Ende zu. Dan suchte er ein Paar gabelförmige Aeste aus, welche dem Bratspiess zu Stüzen dienen sollten. Nachdem er diese gleichfalls unten zugespizt hatte, schlug er sie gegen einander über in die Erde, stekte dem Braten an den Spiess, legte ihn dann in die Gabeln und freute sich nicht wenig, da er sah, wie gut er sich umdrehen liess.
Nun fehlte nur noch das Nötigste von Allen, das Feuer. Um dieses durch Reiben hervorzubringen, hieb er von einem troknen Stamme zwei Hölzer ab, und sezte sich sogleich in Arbeit. Er rieb, dass ihm der Schweiss in grossen Tropfen vom Gesichte treufelte; allein, es wollte ihm nicht gelingen, seine Absicht zu erreichen. Denn wenn das Holz schon so heiss geworden war, dass es rauchte; so befand er sich so ermattet, dass er notwendig erst einige Augenblicke einhalten musste, um wieder neue Kräfte zu samlen. Darüber kühlte denn das Holz sich immer wieder etwas ab, und seine vorige Arbeit war vergeblich gewesen.
Hier fühlte er einmal wieder recht lebhaft die Hülflosigkeit des einsamen Lebens und die grossen Vorteile, die uns die Gesellschaft anderer Menschen gewährt. Hätte er nur einen einzigen Gehülfen gehabt, der dann, wenn er selbst ermattet war, fortgefahren hätte zu reiben: so würde er gewiss mit der Entzündung des Holzes zu Stande gekommen sein. So aber war es ihm unmöglich.
Johannes. Aber ich meine doch, die Wilden machten sich Feuer durch das Reiben?
Vater. Das tun sie auch. Aber das macht, dass diese Wilden gemeiniglich stärker sind, als wir Europäer, die wir gar zu weichlich erzogen werden. Und dann, so verstehen sie auch besser, wie man das Ding angreifen müsse. Sie nehmen nämlich zwei Hölzer von verschiedener Art, ein weiches und ein hartes, und reiben das Leztere mit grosser Geschwindigkeit auf dem Erstern. Dan entzündet sich dieses. Oder sie machen auch wohl in das eine Holz ein Loch, stekken das Andere da hinein, und drehen dieses dann zwischen ihren Händen so geschwind und so unaufhörlich herum, dass es anfängt zu brennen.
Davon wusste nun Robinson nichts; und also wolt's auch damit nicht gelingen.
Traurig warf er endlich die beiden Hölzer weg; sezte sich auf sein Lager; stüzte schwermütig den Kopf auf die Hand; blikte oft mit einem tiefen Seufzer nach dem schönen Braten, der nun ungegessen bleiben sollte; und indem er an den bevorstehenden Winter dachte, und was er alsdan machen würde, wenn er kein Feuer hätte, überfiel ihn eine solche Angst dass er aufspringen und etwas herumgehen musste, um freier Atem zu holen.
Da sein Blut dabei in grosse Wallung gekommen war, so ging er nach der Quelle um sich einen frischen Trunk Wasser in einer Kokusschale zu holen. Mit diesem Wasser vermischte er den Saft einiger Zitronen, und erhielt dadurch ein kühlendes Getränk, welches ihm unter diesen Umständen sehr zu statten kam.
Immer aber wässerte ihm noch der Mund nach dem Braten, von dem er gar zu gern ein Stükchen gegessen hätte. Endlich erinnerte er sich einmal gehört zu haben, dass die Tatern, die doch auch Menschen sind, das Fleisch, welches sie essen wollen, unter den Sattel legen und es mürbe reiten. Das, dachte er, muss auf eine andere Weise ja auch wohl möglich sein; und er beschloss einen Versuch zu machen.
Gedacht, getan! Er holte sich zwei ziemlich breite und glatte Steine von der Art, wovon sein Beil war. Zwischen diese legte er eine Porzion Fleisch, worin kein Knochen war und fing nun an mit seinem Klöpfel ohne Unterlass auf den obersten Stein zu schlagen. Er hatte dieses kaum zehn Minuten fortgesezt: so fing der Stein an, heiss zu werden. Desto muntrer schlug er darauf los, und ehe eine halbe Stunde verstrich, war das Fleisch, sowohl von der Hize des Steins, als auch von dem unaufhörlichen Schlagen so mürbe geworden, dass es vollkommen geniessbar war.
Freilich schmekte es nicht völlig so gut, als wenn es ordentlich wäre gebraten worden: aber für Robinson, der so lange kein Fleisch gegessen hatte, war es ein ausserordentlicher Lekkerbissen. – O ihr Lekkermäuler unter meinen Landsleuten, rief er aus, denen oft die besten Speisen Ekel verursachen, weil sie grade nicht nach eurem verwöhnten Geschmakke sind, wäret ihr doch nur acht Tage an meiner Stelle gewesen, wie würdet ihr künftig gern mit jeder Gottesgabe zufrieden sein! Wie würdet ihr euch hüten, durch Verschmähung irgend einer gesunden Speise euch gegen die alles ernährende Hand der Vorsehung undankbar zu bezeigen!
Um den Wohlgeschmak dieses Gerichts noch mehr zu erhöhen, drükte er Zitronensaft darauf; und nun tat er eine Mahlzeit, wie er lange nicht getan hatte! Auch vergass er nicht, dem Geber aller guten Gaben für diese neue Wohltat recht inniglich zu danken.
Nach aufgehobener Tafel ging er mit sich selbst zu Rate, welche Arbeit nun wohl die nötigste sei? Die Furcht vor dem Winter, die heute so lebhaft in ihm geworden war, machte, dass er sich vorsezte, einige Tage bloss dazu anzuwenden recht viele Lama's zu fangen oder todt zu schlagen, um sich mit Fellen zu versorgen. Da sie so sehr zahm zu sein schienen, so hofte er, dass er seinen Wunsch ohne viele Mühe werde erreichen können.
Mit dieser Hoffnung legte er sich zu Bette, und ein sanfter erquikkender Schlaf belohnte ihm reichlich jede überstandene Mühe des vollbrachten Tages.
Sechster Abend.
(Der Vater fährt in seiner Erzälung fort.)
Unser Robinson schlief dasmahl bis weit in den Tag hinein. Er erschrak, da er erwachte, dass es schon so spät wäre, und rafte sich hurtig auf, seinen Weg nach den Lama's anzutreten. Aber der Himmel hinderte ihn daran.
Denn da er den Kopf zu seiner Höle hinausstekte, musste er ihn geschwind wieder zurückziehen.
Lotte. Warum denn?
Vater. Es stürzte ein so gewaltiger Plazregen herab, dass an kein Ausgehen zu denken war. Er beschloss also zu warten, bis der Schauer vorüber wäre.
Aber der Schauer ging nicht vorüber; der Regenguss wurde vielmehr immer heftiger. Unter durch blizte es so stark, dass seine sonst dunkle Höle ganz in Feuer zu stehen schien; und dann folgte ein Donner, dergleichen er sonst niemahls gehört hatte. Die Erde zitterte von dem ganz entsezlichen Krachen, und von den Bergen kehrte ein so vielfacher Wiederhal zurück, dass das fürchterliche Getöse gar kein Ende nahm.
Weil Robinson keine gute Erziehung gehabt hatte: so war ihm auch eine törigte Furchtsamkeit vor dem Gewitter eigen.
Gottlieb. Vor dem Donner und Bliz?
Vater. Ja; er fürchtete sich so sehr davor, dass er vor Angst nicht zu bleiben wusste.
Gottlieb. I, das ist ja was Prächtiges, warum fürchtete er sich denn davor?
Vater. Warum, das weis ich selbst nicht recht zu sagen; vermutlich, weil der Bliz zuweilen zündet, auch wohl dann und wan einmal einen Menschen tödtet.
Johannes. Ja, aber das geschieht doch so selten! Ich kann doch nun schon lange denken, und habe noch niemahls gesehen, dass der Bliz einen todt geschlagen hätte.
Gottlieb. Und wenn er's auch täte, so kömt man ja so geschwind von der Welt und wenn man todt ist, so kömt man ja zum lieben Gott: was tut's denn?
Diderich. Ach, und es ist doch so schön, wenn ein Gewitter ist! Da kühlt sich die heisse Luft so darnach ab, und es sieht so schön aus, wenn der Bliz aus den schwarzen Wolken heraus fährt!
Lotte. Ich mag das auch gern haben. Wilst du uns wieder hinaus führen, Väterchen, wenn ein Gewitter kömt, dass wir es recht ansehen?
Vater. O ja! – Robinson war, wie ihr wisst, in seiner Jugend schlecht unterrichtet worden; daher wusste er auch nicht, was die Gewitter für eine grosse Wohltat Gottes sind; wie die Luft darnach so rein wird! Wie sie machen, dass auf dem Felde und in den Gärten Alles noch einmal so gut wächst! Wie Menschen und Tiere, Bäume und Pflanzen dadurch so angenehm erquikt werden! –
Jezt sass er in einem Winkel seiner Höle mit gefaltenen Händen, und fühlte Todesangst. Indes rauschte der Plazregen, indes leuchteten die Blize, indes brülte der Donner unaufhörlich fort. Schon rükte die Mittagsstunde heran, und noch hatte das Toben des Gewitters nicht im geringsten nachgelassen.
Hunger fühlte er nicht; denn den vertrieb ihm die Angst, worin er war. Aber desto mehr wurde seine Seele durch schrekliche Gedanken gepeiniget. »Die Zeit ist gekommen, dachte er, da Gott mich für meine Vergehungen will büssen lassen! Er hat seine Vaterhand von mir abgezogen; ich werde umkommen, werde nie meine armen Eltern wieder sehen!«
Freund R. Nun dasmahl bin ich mit Freund Robinson doch auch gar nicht zufrieden!
Nikolas. Warum nicht?
Freund R. Warum? Hatte nicht der liebe Gott schon so viel an ihm getan, dass er wohl aus seiner eigenen Erfahrung hätte wissen können, dass er Niemanden verlässt, der ihm von Herzen vertraut und aufrichtig sich zu bessern sucht? Hatte er ihn nicht aus der augenscheinlichsten Lebensgefahr gerettet? Hatte er ihm nicht schon so weit geholfen, dass er nicht mehr besorgen durfte vor Hunger sterben zu müssen? – Und doch so kleinmütig! Fi! das war nicht hübsch von ihm!
Mutter. Ich bin Ihrer Meinung, lieber R.; aber lassen Sie uns Mitleid mit dem armen Menschen haben! Er war ja erst seit kurzen zum Nachdenken gekommen, und konnte daher unmöglich schon so vollkommen sein, als Einer, der schon von früher Jugend an sich zu bessern bemüht gewesen.
Vater. Hast Recht, meine Liebe; deine Hand! und hier einen Kuss für dein Mitleid mit meinem armen Robinson, den ich nun schon seit einiger Zeit recht lieb gewonnen habe, weil ich sehe, dass er auf guten Wegen ist.
Indes er nun so in Angst und Sorgen da sass, schien das Gewitter endlich nachzulassen. So wie der Donner schwächer ward und der Regen nach und nach abnahm, wachte auch die Hoffnung wieder in seiner Seele auf. Jezt glaubte er könne er sich schon auf den Weg machen; eben wollte er nach seiner Jagdtasche und nach seinem Beile greifen, als er plözlich – was meint ihr? – betäubt und sinlos zu Boden stürzte.
Johannes. Nun! was geschah ihm denn?
Vater. Rrrrrrrrr – puf! ging es über seinem Kopfe; die Erde bebte und Robinson stürzte hin, wie ein Todter! Das Gewitter schlug nämlich in den Baum, welcher über seiner Höle stand, und zerschmetterte ihn mit einem so entsezlichen Krachen, dass dem armen Robinson Sehen und Hören verging und dass er sich einbildete, er wäre selbst erschlagen worden.
Lange blieb er liegen, ohne sich seiner selbst bewust zu sein. Endlich, da er merkte, dass er noch lebte, richtete er sich wieder auf; und das erste, was er vor der Tür seiner Höle erblikte, war ein Teil des Baums, den der Wetterschlag zerschmettert und herab geworfen hatte. Ein neues Unglück für ihn! Woran sollte er nun seine Strikleiter befestigen, wenn der ganze Baum, wie er glaubte, zerschlagen war?
Da der Regen indessen gänzlich nachgelassen hatte, und auch kein Donner weiter gehört wurde: so wagte er's endlich, hinaus zu gehen. Und was erblikte er nun?
Etwas, welches ihn auf einmal wieder mit Dank und Liebe gegen Gott und mit tiefer Schaam über seine vorige Kleinmütigkeit erfülte! Nemlich der Stam des Baums, den der Wetterschlag getroffen hatte, stand in lichten Flammen. So war also seinem grösten Bedürfnisse auf einmal abgeholfen, und so hatte die götliche Vorsehung grade zu der Zeit am sichtbarsten für ihn gesorgt, da er in seiner Aengstlichkeit sich einbildete, dass sie ihn verlassen habe!
Mit unaussprechlichen Empfindungen der Freude und der Dankbarkeit hob er seine Hände auf gen Himmel und dankte laut und unter vielen Freudentränen dem guten, dem alles regierenden Vater der Menschen, der auch bei den schreklichsten Begebenheiten, die er zulässt, immer die allerweisesten und liebreichsten Absichten hat. »O! rief er aus, was ist doch der Mensch, der arme kurzsichtige Wurm, dass er murren durfte über das, was Gott tut, und was er nicht versteht!«
Nun hatte er Feuer, ohne dass es ihm weiter die geringste Mühe gekostet hätte; nun war es ihm leicht dieses Feuer zu unterhalten; und nun brauchte er wegen seiner künftigen Erhaltung auf dieser einsamen Insel weniger bekümmert zu sein. – Die Jagd wurde für heute eingestellt, weil Robinson sogleich von dem Feuer Nuzen ziehen, und seinen Braten, der noch von gestern her am Spiesse stekte, zubereiten wollte.
Da der unterste Teil des brennenden Stammes, an welchem seine Strikleiter hing, noch unverlezt war: so konnte er sicher hinauf steigen. Er tats, nahm darauf einen Feuerbrand, stieg mit demselben hinab in den eingezäunten Vorplaz seiner Wohnung, machte daselbst ein helles lustiges Feuer vor seinem Braten an, und kletterte alsdan wieder zu dem brennenden Stamme hinauf, um das Feuer auszulöschen. Hiermit kam er auch bald zu Stande.
Und nun verwaltete er das Amt eines Küchenjungens, unterhielt das Feuer und wendete seinen Braten fleissig. Der Anblik des Feuers war ihm ungemein erfreulich und rührend. Er sah es als ein teures Geschenk Gottes an, das er ihm aus den Wolken herabgesandt habe; und indem er die grossen Vorteile überdachte, die es ihm gewähren würde, so waren seine Augen oft dankbar gen Himmel gerichtet. So oft er nachher Feuer sah, oder an Feuer dachte, war sein zweiter Gedanke immer: auch das hat mir Gott gegeben!
Freund B. Kein Wunder, dass einige arme unwissende Menschen, die niemahls unterrichtet wurden, auf den Gedanken gerieten, dass das Feuer, wodurch Alles, was auf Erden lebt, erhalten wird, Gott selbst sei!
Johannes. Haben das einige Leute geglaubt?
Freund B. Ja! – Gotlob! dass wir besser unterrichtet sind, und wissen, dass das Feuer nicht selbst Gott, sondern, so wie das Wasser, die Erde und die Luft, Wohltaten Gottes sind, die er um unserntwillen erschaffen hat!
Vater. Bei seiner gestrigen Abendmahlzeit hatte Robinson in dem Geschmakke des mürbe geschlagenen Fleisches das Salz vermisst. Er hofte mit der Zeit auf seiner Insel etwas zu finden; für jezt aber lief er nur hin nach dem Strande, um sich eine Kokusschale vol Meerwasser zu holen. Mit diesem begoss er einige mahl seinen Braten; und salzte ihn dadurch notdürftig.
Jezt schien er hinlänglich durchgebraten zu sein. Die Freude, mit welcher Robinson das erste Stük davon abschnit und den ersten Bissen davon in den Mund stekte, mag derjenige beschreiben, der einmal, so wie er, in vier Wochen keine Mundvol ordentlich zubereiteter Speise genossen, und alle Hoffnung, dergleichen jemahls wieder zu geniessen, schon gänzlich aufgegeben hatte.
Nun war die grosse Frage: wie er verhüten sollte, dass das Feuer ihm niemahls wieder ausginge?
Gottlieb. O das konnte er ja leicht machen! Er brauchte ja nur immer wieder neues Holz zuzulegen.
Vater. Schon gut; aber wenn er nun schlief und es kam des Nachts einmal ein plözlicher Regenguss: wie da?
Lotte. Weisst du was, Vater? Ich hätte das Feuer in meiner Höle angemacht, wo der Regen nicht hinkommen konnte.
Vater. Nicht übel! Aber seine Höle war zum Unglück so klein, dass sie ihm nur eben zur Lagerstelle diente; und dann, so hatte sie auch keinen Schorstein. Er wurde also vor Rauch darin nicht haben aushalten können.
Lotte. Ja, so weiss ich ihm nicht zu helfen.
Johannes. Das ist doch verzweifelt, dass sich immer wieder etwas finden muss, das ihm Not macht! Oft sollte einer glauben, nun wäre er doch recht glücklich! aber grossen Dank! gleich kömt ihm wieder etwas Neues in die Queer!
Vater. So unendlich schwer ist es für jeden einzelnen Menschen, für alle seine Bedürfnisse selbst zu sorgen; und so gross sind die Vorteile, die uns das gesellige Leben gewährt! O Kinder, wir wären nur arme elende Wigte von Menschen, wenn jeder von uns allein leben sollte, und keiner sich der Hülfe seiner Nebenmenschen getrösten dürfte! Tausend Hände reichen nicht zu, um alles das zu bereiten, was ein Einziger unter uns an jedem Tage braucht!
Johannes. O, Vater –
Vater. Meinst du nicht, lieber Johannes? Wohlan! lass doch sehen, was du heute alles genossen und was du alles gebraucht hast! Erstlich hast du bis zu Sonnenaufgang geschlafen und zwar in einem ordentlichen Bette, nicht?
Johannes. Auf Madrazen.
Vater. Recht! – Die Madrazen sind mit Pferdeharen ausgestopft. Diese haben zwei Menschenhände abgeschnitten, zwei gewogen und verkauft, zwei eingepakt und versandt, zwei empfangen und ausgepakt, zwei wieder an den Satler oder Tapezirer verkauft. Des Satlers Hände haben die Hare, die verwikkelt waren, aus einander geflükt, und die Madraze damit angefült. Der Ueberzug der Madraze ist von gestreifter Leinewand, und wo ist diese hergekommen?
Johannes. Die hat der Leineweber gemacht.
Vater. Und was braucht' er dazu?
Johannes. I, einen Weberstuhl und Garn, und eine Winde, und einen Scheerramen und Kleister und –
Vater. Schon genug! Wie viel Hände mussten nicht erst beschäftigst sein, ehe der Weberstuhl fertig ward! Wir wollen nur wenig setzen – zwanzig! Der Kleister wird von Mehl gemacht: wie viel muss nicht erst geschehen, ehe man Mehl haben kann! Wie viel hundert Hände müssen sich angreifen, um alles das zu machen, was zu einer Müle gehört, worauf das Mehl gemalen wird! – Der Leineweber braucht aber auch vornemlich Garn, und wo nimt er das her?
Johannes. Das wird gesponnen von den Spinnerinnen.
Vater. Und woraus?
Johannes. Aus Flachs.
Vater. Und weisst du noch, durch wie viel Hände der Flachs erst gehen muss, ehe er zu Faden gesponnen werden kann?
Johannes. Ach ja, das haben wir ja neulich erst berechnet! Erst muss der Landman den Leinsamen sichten, damit kein Unkraut dazwischen komme; dann muss der Akker gedünget, und ein Paar mahl gepflügt werden. Dan wird gesäet, dann geegget. Wenn denn der junge Flachs hervorwächst, so kommen ein Haufen Frauen und Mädchen und gäten das Unkraut aus. Ist er denn gross genug geworden: so reissen sie die Stengel aus, und ziehen sie durch die Raufe, dass die Samenknöpfchen davon abfallen müssen. –
Nikolas. Ach ja, und denn binden sie die Stengel in kleine Bündel und legen sie ins Wasser!
Diderich. Und wenn sie da lange genug gelegen haben, so nehmen sie sie wieder heraus –
Gottlieb. Und setzen sie an die Sonne, dass sie trokken werden –
Frizchen. Und denn brechen sie den Flachs auf der Breche –
Lotte. Nein, mit Erlaubnis, lieber Herr, erst müssen sie ihn boken! Nicht wahr, Vater?
Frizchen. Ach ja; und denn brechen sie ihn und denn –
Johannes. Denn wird er gehechelt auf der Hechel, die so viel spizige Stacheln hat, dass der Werg heraus komme.
Diderich. Und denn tun sie noch was damit – ich weiss – o gleich, gleich! – sie schwingen es mit der Schwinge!
Vater. Nun nehmt einmal alles das zusammen, was erst geschehen muss, ehe wir Leinewand haben; bedenkt zugleich, wie vielerlei Arbeit alle die Werkzeuge erfodern, die der Akkersman, die Flachsbereiterin, und die Spinnerin nötig haben: und ihr werdet mir gestehen, dass es nicht zu viel gesagt sei, wenn ich versichern wollte, dass bloss zur Verfertigung der Madraze, worauf ihr so sanft schlaft, mehr, als tausend Hände, beschäftiget gewesen sind!
Gottlieb. Das ist doch erstaunlich! tausend Hände!
Vater. Nun bedenkt, wie viel andere Dinge ihr täglich nötig habt; und sagt mir denn einmal, ob's wohl zu verwundern sei, dass Robinson alle Augenblick in Not geraten musste, da keine einzige andere Hand, ausser den Seinigen, für ihn arbeitete, und da er kein einziges von allen den Werkzeugen hatte, womit man bei uns so leicht etwas zu Stande bringen kann?
Jezt war er also darüber bekümmert, wie er es doch wohl anzufangen habe, um sein liebes Feuer vor dem Erlöschen zu bewahren. Bald rieb er sich die Stirn, als wenn er einen guten Einfal aus seinem Kopfe mit Gewalt heraus reiben wollte; bald ging er mit untergeschlagenen Händen und mit hastigen Schritten in seinem Vorplaze auf und nieder, und wusste lange nicht, was er machen sollte. Endlich fielen seine Augen von ohngefähr auf die Felsenwand des Hügels, und in dem Augenblicke wusste er, was er zu tun habe!
Diderich. Wie so?
Vater. Aus der Felsenwand ragte, ohngefähr eine Elle hoch über der Erde, ein sehr grosser und sehr dikker Stein hervor.
Frizchen. Wie gross war er wohl?
Vater. Eine genaue Zeichnung davon habe ich nicht erhalten können: aber ich vermute, dass er ohngefähr so lang war, als ich bin. In der Breite und in der Dikke mochte er eine gute Elle halten.
Ohngeachtet es stark geregnet hatte, so war doch die Stelle unter diesem grossen Steine so trokken geblieben, als wenn ein ordentliches Dach darüber gewesen wäre. Robinson sah daraus den Augenblick, dass sie einen völlig sichern Feuerheerd abgeben könne. Aber er sah noch mehr. Er bemerkte nämlich, dass es ihm leicht sein werde, diesen Platz zu einer ordentlichen Köche mit Feuerheerd und Schorstein einzurichten; und er nahm sich vor, sogleich Hand ans Werk zu legen.
Mit seinem Spaten grub er die Erde unter dem grossen Steine ohngefähr eine gute Elle tief aus. Dan machte er den Anschlag, die beiden Seiten dieser Stelle, bis an den dikken Stein hinauf mit einer ordentlichen Mauer einzufassen.
Gottlieb. Ja, wie kont' er denn eine Mauer machen?
Vater. Da er jezt auf alles, was ihm vorkam, mit der grössten Aufmerksamkeit achtete und sich immer selbst fragte: wozu möchte das wohl nüzlich sein? – so hatte er auch eine gewisse Tonerde nicht unbemerkt gelassen, die er an einer Stelle seiner Insel gesehen hatte. Er hatte vielmehr gleich gedacht: ei, daraus könnte man ja wohl Baksteine machen, um eine Mauer aufzuführen?
Jezt erinnerte er sich wieder daran; und da er mit dem Ausgraben der Küche beinahe fertig war: so nahm er seinen Spaten und sein steinernes Messer und begab sich damit hin nach dem Orte, wo die Tonerde war, um sich sogleich in Arbeit zu setzen.
Weil es stark geregnet hatte: so war die Erde so weich, dass er sie ohne Mühe ausstechen, zu vierekkigten Baksteinen formen und mit seinem Messer glat schneiden konnte. Er hatte in kurzer Zeit eine ziemliche Menge davon bereitet, die er einen bei dem andern an einen Ort stellte, wo sie den ganzen Tag über von der Sonne konten beschienen werden. Mit dieser Arbeit beschloss er Morgen fortzufahren, und verfügte sich nun wieder nach Hause, um den Rest seines Bratens zu verzehren, weil die muntere Arbeit starken Appetit bei ihm erregt hatte. Um an einem so freudenvollen Tage einmal recht königlich zu speisen, erlaubte er sich auch, eine von den wenigen noch übrigen Kokusnüssen mitzunehmen.
Die Mahlzeit war herrlich. – Ach! seufzte Robinson mit freudigem, aber doch auch zugleich mit wehmütigem Herzen – ach! wie glücklich wäre ich jezt, wenn ich nur einen einzigen Freund, nur irgend einen Menschen, und wäre er auch der armseeligste Betler, zu meinem Geselschafter hätte, dem ich sagen könnte, dass ich ihn lieb hätte, und der mir wieder sagte, dass er mich auch lieb hätte! Wäre ich nur so glücklich, irgend ein zahmes Tier – einen Hund oder eine Kaze – zu besizen, dem ich Gutes erzeigen könnte, um mir seine Liebe zu erwerben! Aber so ganz allein, von allen lebendigen Wesen so ganz abgesondert zu sein! – Hier rolte eine wehmütige Träne über seine Wangen.
Jezt erinnerte er sich der Zeit, da er mit seinen Brüdern und andern Gespielen oft in Unfriede und Zänkereien gelebt hatte; und er erinnerte sich derselben mit der bittersten Reue. Ach! dachte er, wie wenig wusste ich doch damahls zu schäzen, wie viel ein Freund wohl wert sei und wie unentbehrlich uns die Liebe andrer Menschen sei, wenn wir glücklich leben wollen! O wenn ich doch jezt in meine Jugend zurückgesezt würde, wie freundlich, wie gefällig, wie nachgebend wolt' ich mich gegen meine Brüder und gegen andere Kinder betragen! Wie gern wolt' ich kleine Beleidigungen dulden, und wie wollte ich durch Güte und Freundlichkeit alle Menschen zwingen, mir gut zu sein! Gott! Gott! Warum wusste ich das Glük der Freundschaft doch nicht eher zu schäzen, bis es für mich verloren – ach! auf immer verloren wäre!
Indem er hierauf zufälliger Weise die Augen nach dem Eingange in seine Hütte richtete, bemerkte er eine Spinne, die in einer Ekke ihr Nez ausgespant hatte. Der Gedanke, mit irgend einem lebendigen Wesen unter einem Dache zu schlafen, hatte so viel freudiges für ihn, dass es ihm jezt ganz und gar nicht darauf ankam, was es für ein Tier sei. Er beschloss, dieser Spinne alle Tage Fliegen zu fangen, um ihr zu erkennen zu geben, dass sie an einem sichern und freundschaftlichen Orte wohne, und, wo möglich, sie zahm zu machen.
Da es noch hel am Tage und die durchs Gewitter abgekühlte Luft so sehr erquikkend war: so wollte Robinson noch nicht zu Bette gehen; und um die Zeit mit etwas Nüzlichem hinzubringen, nahm er seine Spate wieder zur Hand, und fing an noch etwas Erde aus seiner Küche auszugraben. Plözlich stiess er auf etwas Hartes in der Erde, so dass sein Spaten beinahe zerbrochen wäre.
Er glaubte es sei ein Stein: aber wie erstaunte er nicht, da er den Klumpen heraus hob und nun entdekte, dass er – aus gediegenem Golde sei!
Johannes. Dass dich! der hat doch auch einmal rechtes Glük, der Robinson!
Vater. Ein recht grosses! Der Klumpen Gold war so dik, dass wohl für hundert tausend Taler Münze daraus hätte geprägt werden können. Nun war er auf einmal ein steinreicher Man; und was konnte er sich nun nicht alles anschaffen? Er konnte sich einen Pallast bauen lassen, konnte Kutschen, Pferde, Bedienten, Läufer, Affen und Meerkazen halten; konnte –
Gottlieb. Ja, wo wolt' er das aber herkriegen auf seiner Insel? Da war ja keiner, der was zu verkaufen hatte!
Vater. Ja so, daran hatt' ich nicht gedacht! – Unserm Robinson fiel dieses den Augenblick ein. Stat sich über den gefundenen Schaz zu freuen, stiess er ihn verächtlich mit dem Fusse fort und sprach: »da liege du elender Klumpen, wornach die Menschen so begierig zu sein pflegen! Was nüzest du mir! O hätte ich statt deiner ein gutes Stük Eisen gefunden, woraus ich mir vielleicht eine Axt oder ein Messer hätte schmieden kennen! Wie gern gäbe ich dich für eine Handvol eiserner Nägel oder für irgend ein nüzliches Werkzeug hin!« Und so liess er den ganzen kostbaren Schaz mit Verachtung liegen, und würdigte ihn nachher kaum eines Bliks im Vorbeigehen.
Lotte. Weist du was, Vater? Der machte es recht so wie der Hahn!
Vater. Wie welcher Hahn?
Lotte. I weisst du nicht mehr die Fabel, die du uns einmal erzählt hast: Es war einmal ein Hahn – ?
Vater. Nun?
Lotte. Der krazte im Miste und fand – i wie heisst es doch?
Vater. Eine Perle?
Lotte. Ach ja eine Perle war's! Da sagt' er: was nüzest du mir, du glänzendes Ding? Wenn ich, statt deiner, ein Gerstenkorn gefunden hätte, wär's mir viel lieber. Und da liess er die Perle liegen und bekümmerte sich nicht mehr darum.
Vater. Ganz recht; grade so machte es Robinson auch mit dem Goldklumpen.
Jezt rükte die Nacht heran. Die Sonne war schon längst ins Meer hinabgesunken –
Gottlieb. Ins Meer?
Vater. So kömt es denen vor, die auf einer Insel wohnen, wo sie rund umher nichts, als Wasser, sehen. Da scheint es ihnen recht so, als wenn die Sonne des Abends im Meer versünke, wenn sie untergeht; und deswegen pflegt man wohl zuweilen so zu sprechen, als wenn's wirklich so wäre.
An dem andern Ende des Himmels stieg der liebliche Mond herauf und warf so freundliche Stralen in Robinsons Höle, dass er vor Vergnügen darüber erst gar nicht einschlafen konnte.
Lotte. O sieh, sieh, lieber Vater, dort kömt unser Mond auch eben hervor!
Johannes. Ach, ja! – O wie das prächtig aussieht!
Frizchen. Warum nimt denn Vater die Müze ab?
Johannes. (Leise) Stil, Frizchen! ich glaube er betet.
Frizchen. (Leise zu Johannes) I, warum denn?
Johannes. (Leise) Er wird wohl Gott danken, dass er den schönen Mond erschaffen hat.
(Nach einer kleinen Pause.)
Vater. Nun Kinder, Robinson schläft, indes sein Feuer an einigen grossen Holzstükken langsam fortbrennt; was denkt ihr denn unterdess zu machen?
Nikolas. O wollen wir nicht erst wieder in unsere Laube gehen, ehe wir uns zu Bette legen?
Gottlieb. O ja, in die Laube!
Vater. Nun so komt, meine Lieben, um unsern Schöpfer bei dem Lichte seines herrlichen Mondes ein Loblied für die Freuden des verflossenen Tages zu singen!
Und Alle gingen freudig nach der Laube.
Siebender Abend.
Johannes und Nikolas und Gottlieb zogen am folgenden Abend den Vater am Arm' und Schoss zur Haustür hinaus. Auf ihr Geschrei um Hülfe kamen die übrigen auch herbei gerant und so ward er, ohne weitere Umstände, von Allen fortgeschlept.
Vater. Nun, wohin wolt ihr mich denn ziehen, ihr gewaltigen Leute?
Johannes. I, auf den Grasplaz, unter den Apfelbaum!
Vater. Was soll ich denn da?
Nikolas. O von unserem Robinson! Bitte, bitte!
Gottlieb. O ja! Von unserm Robinson! Solst auch mein liebstes zukkersüsses Väterchen sein!
Vater. Ja, das ist schon gut; aber ich besorge, dass euch mein Robinson kein Vergnügen mehr macht!
Johannes. Kein Vergnügen? Wer hat das gesagt?
Vater. Keiner! Aber, wenn ich nicht irre, so sah ich gestern Abend Einige unter euch gähnen; und das pflegt sonst ein Zeichen zu sein, dass man lange Weile habe.
Gottlieb. O nein, gewiss nicht! Das kam nur davon her, dass wir so viel gegraben hatten in unserm Garten. Das glaube ich, wenn man den ganzen Nachmittag gegraben hat: so kann man wohl ein bisschen schläfrig sein!
Nikolas. Heute haben wir nur Unkraut ausgegätet und die Salatpflanzen begossen; nun sind wir noch recht munter.
Lotte. O ja, nun sind wir noch recht munter; sieh nur, wie ich noch springen kann!
Vater. Wenn ihr denn so wolt, so will ichs wohl tun; aber ihr müsst mir auch sagen, wenn ihr's müde werdet.
Johannes. O ja! – Na?
Vater. Weil die Hize auf Robinsons Insel bei Tage so unerträglich war: so musste er vornemlich den frühen Morgen und den Abend nutzen, wenn er irgend eine Arbeit zu Stande bringen wollte. Er stand also noch vor Aufgang der Sonne auf, legte neues Holz an sein Feuer, und nahm eine halbe Kokusnuss zu sich, die ihm von gestern übrig geblieben war. Jezt wollte er einen andern Braten von seinem Lama an den Spies stekken; aber er fand, dass das Fleisch schon stinkend geworden sei, der schwülen Hize wegen. Den Fleischappetit musste er sich also für heute vergehen lassen.
Da er sich nun auf den Weg nach der Tonerde machen wollte und seine Jagdtasche umhing, fand er noch die Kartoffeln drin, die er ehegestern aufs Geratewohl mit zu Hause genommen hatte. Es fiel ihm ein, sie bei seinem Feuer in glühende Asche zu legen, um zu sehen, was doch wohl daraus werden möchte, wenn sie gebraten wurden? Dan ging er ab.
Er arbeitete so fleissig, dass er noch vor Mittage so viel Baksteine aus Ton geformt hatte, als er vermutete, dass er zu der Mauer um seine Küche nötig haben werde. Alsdan ging er nach dem Strande um einige Austern aufzusuchen. Aber statt der Austern, deren er nur wenige fand, entdekte er hier, zu seiner grossen Freude, ein anderes Nahrungsmittel, welches noch besser, als diese, war.
Johannes. Was war denn das?
Vater. Es war ein Tier, welches er zwar selbst noch niemahls gegessen, aber wovon er doch gehört hatte, dass das Fleisch desselben wohlschmekkend und gesund sei.
Johannes. Nun, was war es denn?
Vater. Eine Schildkröte, und zwar eine so grosse, als man hier nicht leicht zu sehen kriegt. Sie mochte leicht hundert Pfund wiegen.
Gottlieb. Ah das muss ja eine erschrekliche Schildkröte gewesen sein! Giebt es denn wohl solche?
Johannes. O es gibt noch viel grössere! Weisst du nicht mehr aus unserer Reisebeschreibung, die uns Vater vorgelesen hat? Die die Leute, die um die Welt reiseten, auf dem Südmeere fingen? Die waren ja dreihundert Pfund schwer gewesen.
Gottlieb. Dreihundert Pfund! das ist doch erstaunlich.
Vater. Robinson lud seinen Fund auf seine Schultern und schlepte ihn langsam nach Hause. Hier hieb er mit seinem Beile so lange auf den untern Teil der Schale, bis sie endlich zerplazte. Dan bemächtigte er sich der Schildkröte, schlachtete sie, und schnit eine gute Porzion zum Braten davon ab. Diese stekte er an den Spiess, und wartete, weil er von der Arbeit hungrig geworden war, mit Schmerzen, dass sie gar sein möchte.
Unterdess, dass er den Braten wendete, ging ihm der Gedanke im Kopfe herum, was er nun mit dem übrigen Fleische der Schildkröte anfangen sollte, um es vor der Fäulung zu verwahren? Um es einzubökeln, fehlte es ihm an einem Zuber und an Salze.
Lotte. Was ist das, einbökeln?
Vater. Das heisst, Fleisch, welches man gern aufbewahren möchte, in ein Gefäss legen und mit vielem Salze bestreuen; hast du nicht gesehen, wie Mutter diesen Winter das Schweinefleisch einbökelte?
Lotte. Ach ja! Aber ich meine, das hiesse einpökeln?
Vater. Man spricht wohl so; aber eigentlich musste man einbökeln sagen: weisst du noch, Johannes, warum?
Johannes. O ja! Man sagt – ich weiss aber nicht, obs wahr ist – das Wort käme von dem Wilhelm Bökel oder Beukelsen her, der zuerst die Kunst erfand, die Häringe einzusalzen, dass man sie das ganze Jahr hindurch essen kann.
Mutter. Schönen Dank, Johannes, dass du mich das gelehrt hast! Nun weis ich doch auch, wie man sprechen muss.
Vater. Traurig sah Robinson voraus, dass seine ganze schöne Schildkröte, wovon er vierzehn Tage und länger leben könnte, Morgen schon ungeniessbar werden wurde, und doch sah er kein Mittel ein, wie er es einsalzen könnte. Plözlich aber fiel ihm etwas ein! Die obere Schale der Schildkröte war wie eine ordentliche Mulde. Diese, dachte er, will ich statt des Zubers brauchen. Aber woher nun Salz? –
Sieh! was ich für ein Dumkopf bin! sagte er, und schlug sich vor die Stirn. Kan ich das Fleisch nicht mit Meerwasser übergiessen und wird das nicht beinahe so gut sein, als wenn's in einer Salzlake läge? O treflich! treflich! rief er aus, und drehete vor Freuden den Bratspiess noch einmal so geschwind, als vorher, herum.
Jezt war der Braten fertig. Ach! seufzte Robinson, indem er ein recht appetitliches Stükchen davon mit Wohlgefallen gekostet hatte, wer nun ein Stükchen Brod dazu hätte! Was bin ich doch in meiner Jugend für ein dummer Mensch gewesen, dass ich nicht zu schäzen wusste, was für eine grosse Wohltat Gottes ein Stük trokken Brod sei! Da musste man mir immer erst Butter dazu geben, auch wohl noch Käse oben drein! O ich Unverständiger! Hätte ich doch jezt nur das schwarze Kleienbrod, das unserm Gartenhunde gebakken wurde! wie wollte ich mich glücklich schäzen!
Indem er so dachte, fielen ihm die Knollen ein, die er diesen Morgen in die glühende Asche gelegt hatte. Ich will doch sehen, sagt' er, was daraus geworden ist; und holte eine derselben hervor.
Welche abermalige Freude! Der harte Knollen war nun so weich geworden, und da er ihn aufbrach, stieg ein so angenehmer Geruch davon in seine Nase, dass er sich keinen Augenblick bedachte, ihn anzubeissen. Und siehe! der Geschmak dieses Gewächses war so lieblich, so lieblich, als – nun wer hilft mir, eine Vergleichung machen?
Freund B. So lieblich, als der Geschmak einer Kartoffel!
Vater. Schön! Das heist Alles mit einmal sagen! Also der Geschmak dieser gebratenen Kartoffel war so lieblich, als der Geschmak einer Kartoffel; und Robinson merkte sogleich zu seiner grossen Freude, dass ihm dieses Gewächs die Stelle des Brods vertreten könne.
Er tat also wieder eine Mahlzeit, die sich gewaschen hatte. Dan legte er sich, der brennenden Sonnenhize wegen, ein wenig nieder auf seine Lagerstäte, um unter der Zeit, dass er nicht arbeiten konnte, allerlei Ueberlegungen anzustellen.
»Was soll ich nun wohl zunächst vornehmen?« dachte er. »Die Baksteine müssen erst von der Sonne gehärtet werden, ehe ich mein Mauerwerk anfangen kann. Es wird also wohl am Besten sein, dass ich unterdess auf die Jagd gehe, um ein Paar Lama's zu erlegen. – Aber, was soll ich mit all' dem Fleische machen? – Wie? Wenn ich meine Küche so einrichtete, dass ich etwas darin räuchern könnte? – Vortreflich!« rief er aus, sprang hurtig von seinem Lager auf und stellte sich vor den Ort seiner künftigen Küche hin, um zu überlegen, wie er diese Absicht wohl am besten erreichen könnte?
Er sah bald, dass es recht gut gehen wurde. Er brauchte ja nur in den beiden Seiten Mauern, die er aufführen wollte, ein Paar Löcher zu machen und einen grossen Stab dadurch zu stekken. Dan konnte er seine Schinken daran hengen und die Rauchkammer war gemacht!
Der Kopf schwindelte ihm fast vor Freude über den neuen glücklichen Einfal. Was hätte er nicht darum gegeben, dass seine Baksteine schon hart genug gewesen wären, um das grosse Werk sogleich anfangen zu können! Aber was war zu tun? Er musste sich entschliessen, zu warten, bis die Sonne die Baksteine fertig gemacht hätte.
Aber was sollte er nun diesen Nachmittag anfangen? – Indem er darüber nachdachte, kriegte er einen neuen Einfal, der alle andere, die er bisher gehabt hatte, an Vortreflichkeit bei weiten übertraf. Er erstaunte über seine Dumheit, dass ihm das nicht eher eingefallen wäre!
Johannes. Was war denn das?
Vater. Nichts Geringeres, als dieses: er wollte sich, zu seiner Gesellschaft und zu seinem Unterhalt einige Haustiere zuziehen!
Gottlieb. Ah, gewiss von den Lama's?
Vater. Richtig! Andere Tiere hatt' er ja auch bisher noch nicht gesehen. Da diese Lama's so sehr zahm zu sein schienen: so hofte er, dass es ihm schon gelingen werde, ein Paar derselben lebendig zu fangen.
Gottlieb. O das ist scharmant! Ich wollte, dass ich bei ihm wäre, um mir auch eins zu fangen!
Vater. Aber, wie wolltest du es anfangen, lieber Gottlieb? So zahm werden sie wohl nicht sein, dass sie sich mit Händen greifen liessen.
Gottlieb. Wie wollte Robinson es denn anfangen?
Vater. Das war nun eben die Frage, und darüber liess er sich in lange und ernstliche Ueberlegungen ein. – Aber der Mensch braucht eine Verrichtung, die nicht an sich selbst unmöglich ist, nur recht ernstlich und anhaltend zu wollen, so ist seinem Verstande und seinem Fleisse nichts zu schwer. So gross und mannigfaltig sind die Kräfte, womit der gütige Schöpfer uns ausgerüstet hat!
Merkt euch dieses, meine Lieben, und verzweifelt nie an einem erwünschten Erfolge irgend einer schweren Arbeit, wenn ihr nur entschlossen genug seid, nicht eher nachzulassen, bis ihr sie werdet vollendet haben! Anhaltender Fleiss, fortgeseztes Nachdenken, und ausdauernder Mut haben schon viele Dinge zu Stande gebracht, die man vorher für unmöglich hielt. Lasst euch also niemahls durch die Schwierigkeiten, die ihr bei einem Geschäfte antreft, davon abschrekken; sondern denket immer, dass es am Ende um so viel mehr Freude macht, ein Werk zu Stande gebracht zu haben, je grösser die Anstrengung war, die man dazu anwenden musste!
Auch unserm Robinson glückte es bald, ein Mittel auszusinnen, wie er die Lama's lebendig fangen könnte.
Johannes. Na?
Vater. Er nahm sich vor, einen Strik so einzurichten, dass er eine Schlinge davon machen könnte. Dan wollte er sich wieder hinter einen Baum verstekken, und dem ersten dem besten Lama, das ihm nahe genug käme, die Schlinge über den Kopf werfen.
In dieser Absicht drehete er sich einen ziemlich starken Strik; und in einigen Stunden war Strik und Schlinge fertig. Er machte einige Versuche, ob sie sich gut würde zu ziehen lassen: und es ging nach Wunsche.
Weil der Ort, wo die Lama's nach dem Wasser zu kommen pflegten, etwas fern war; und weil er nicht wusste, ob sie des Abends auch dahin kommen wurden, da sie neulich gegen Mittag da gewesen waren: so sezte er seinen Fang bis Morgen aus, und machte unter der Zeit die nötigen Anstalten zu seiner Reise.
Er lief nämlich nach dem Orte hin, wo die Kartoffeln wuchsen und holte sich seine ganze Jägertasche vol davon. Einen Teil derselben legte er wieder in glühende Asche, um sie zu braten, und die übrigen schüttete er in einen Winkel seiner Höle, um sie für die nächsten Tage aufzubewahren. Dan schnitte er auch ein ansehnliches Stük seiner Schildkröte für diesen Abend und für Morgen ab und übergoss den Rest derselben mit Seewasser, welches er dazu mitgebracht hatte.
Er grub hierauf ein kleines Loch in die Erde, welches ihm vor der Hand zum Keller dienen sollte. Darein sezte er die Schildkrötenschale mit dem eingesalzenen Fleische, legte das Bratenstük bis auf den Abend dazu, und bedekte die Oefnung des Lochs mit Zweigen.
Den noch übrigen Teil des Nachmittags widmete er der Aufheiterung seines Gemüts durch einen angenehmen Spaziergang längst dem Strande des Meers, von wannen ein sanfter Ostwind wehete, wodurch die schwüle Luft um etwas abgekühlt ward. Seine Augen weideten sich an dem Anblikke des unermesslichen Weltmeers, welches nur von kleinen in einander laufenden Wellen gekräuselt wurde. Er sah sehnsuchtsvol nach der Himmelsgegend hin, in welcher sein geliebtes Vaterland lag, und eine bange Träne schlich über seine Wangen, da der Gedanke an seine teuren Eltern lebhaft in ihm ward.
»Was mögen sie jezt machen, die armen bekümmerten Eltern?« rief er aus und rang unter vielen Tränen seine Hände. »Wenn sie den bittern Schmerz, den ich Elender ihnen verursachte, überlebt haben: ach! wie traurig mag ihnen jeder Tag verstreichen! Wie mögen sie seufzen und klagen, dass sie nun gar kein Kind mehr haben; dass ihr lezter, von ihnen so geliebter Sohn, zum Verräter an ihnen werden und sie auf immer verlassen konnte! O teurer bester Vater! O meine geliebte teure Mutter, verzeiht, o verzeiht eurem armen elenden Sohne, dass er euch so betrübet hat! Und du, mein himlischer – jezt mein einziger Vater, meine einzige Gesellschaft, mein einziger Helfer und Beschüzer – (hier warf er sich anbetend auf seine Knie) – o mein Schöpfer, schütte deinen besten Seegen, schütte alle die Freuden, die du für mich bestimmt hattest und deren ich mich selbst unwert gemacht habe; – o schütte sie Alle herab auf meine geliebten, so gröblich von mir beleidigten Eltern, um sie für den ausgestandenen Kummer schadlos zu halten. Gern, ach! gern will ich selbst leiden Alles, was deine Weisheit und Liebe zu meiner Besserung noch ferner über mich ergehen zu lassen für gut befinden wird: wenn nur meine armen, meine unschuldigen Eltern glücklich sind!«
Er blieb noch eine Zeitlang auf seinen Knien liegen und sah in stummer Wehmut und mit Tränenvollen Augen gen Himmel. Endlich stand er auf und grub mit seinem steinernen Messer in den nächsten Baum die geliebten Namen seiner Eltern ein. Ueber dieselben schnitt' er die Worte ein: Gott seegne euch! und unter dieselben sezte er: Vergebung für euren ungeratenen Sohn! Dan küsste er die eingeschnittenen Namen mit heissen Lippen und wusch sie mit seinen Tränen aus. In der Folge schnitt' er eben diese teuren Namen mit eben den Worten in eine Menge anderer Bäume in andern Gegenden der Insel ein, und gemeiniglich pflegte er nachher bei einem dieser Bäume sein Gebet zu verrichten, worin er nie vergass, seiner Eltern zu gedenken.
Gottlieb. O nun ist er doch ein recht guter Mensch!
Vater. Er ist jezt auf dem besten Wege ein recht guter Mensch zu werden; und das hat er der weisen götlichen Vorsehung zu verdanken, die ihn hierher geführt hat.
Gottlieb. Nun könt' ihn Gott auch wohl wieder erretten, und ihn zu seinen Eltern zurück führen!
Vater. Gott, der Alles, was zukünftig ist, vorher sieht, weiss am Besten, was ihm gut ist, und darnach wird er auch sein Schiksal einrichten. Zwar ist Robinson, allem menschlichen Ansehen nach, jezt auf dem besten Wege der täglichen Besserung; aber wer weiss, was aus ihm werden dürfte, wenn er schon jezt von seiner Insel befreit und zu seinen Eltern wieder zurückgeführt würde! Wie leicht ist es, dass ein Mensch wieder in seine vorigen Untugenden zurück verfällt! O Kinder, es ist ein wahres Wort: wer steht, der sehe wohl zu, dass er nicht falle!
Indem nun Robinson so am Strande herum ging, fiel ihm ein, dass es wohl nicht übel getan wäre, wenn er sich einmal badete. Er zog sich also die Kleider aus; aber wie erschrak er nicht, da er sah in welchem Zustande sein Hemde sei, das einzige welches er hatte! Da er es in einer so heissen Himmelsgegend schon so lange ununterbrochen am Leibe trug, so konnte man fast nicht mehr sehen, dass die Leinewand ehemals weiss gewesen war. Ehe er sich also selbst badete, war er bemüht, das Hemde, so gut er konnte zu waschen; dann hing er es an einem Baume auf und sprang ins Wasser.
Er hatte in seiner Jugend schwimmen gelernt. Es machte ihm daher Vergnügen, von dem Orte, wo er ins Wasser gestiegen war, nach einer Erdzunge hinzuschwimmen, die ziemlich weit ins Meer hinein lief und auf der er bisher noch nicht gewesen war.
Frizchen. Eine Erdzunge? Was ist das?
Vater. So nent man einen schmalen Strich Landes, der von einer Insel oder vom festen Lande sich ins Meer hinein erstrekt. Sieh, wenn jenes Ufer unsers kleinen See's, das da so etwas ins Wasser hervor geht, noch weiter hinein ginge: so wäre das eine Erdzunge. Verstehst du's nun?
Frizchen. O ja!
Vater. Auch dieser Einfal unsers Robinsons war sehr glücklich gewesen. Er fand nämlich, dass diese Erdzunge zur Flutzeit unter Wasser gesezt werde, und dass denn nachher, wenn die Ebbe wieder eintrete, eine grosse Menge Schildkröten, Austern und Muscheln darauf zurück blieben. Dasmahl kont' er zwar keine davon mitnehmen; auch brauchte er jezt keine, weil seine Küche noch hinlänglich bestellt war: aber er freuete sich doch herzlich, diese neue Entdekkung gemacht zu haben.
In der Gegend des Meers, wo er herum schwam, wimmelte es dergestalt von Fischen, dass er sie beinahe mit Händen greifen konnte. Hätt' er ein Nez gehabt: so würd' er viele Tausende derselben haben fangen können. Das hatte er nun zwar noch nicht; aber da er bisher in allen seinen Arbeiten so glücklich gewesen war: so hofte er, dass es ihm auch einst gelingen würde, ein Fischernez zu verfertigen.
Froh über diese angenehme Entdekkungen stieg er wieder ans Land, nachdem er wohl eine Stunde im Wasser gewesen war. Die warme Luft hatte sein Hemde schon ganz getroknet, und er hatte nun also auch das Vergnügen, einmal wieder reine Wäsche anzulegen.
Aber der Gedanke: wie lange diese Freude dauern wurde? Wie bald sein einziges Hemde, das er nun beständig tragen müsste, werde unbrauchbar geworden sein? Und was er dann anfangen sollte? – Dieser Gedanke verbitterte seine Freude gar sehr. Er fasste sich indes bald wieder und nachdem er sich angekleidet hatte, ging er singend nach Hause: Wer nur den lieben Gott lässt walten, u. s. w.
Johannes. Das ist doch gut, dass er nun nicht mehr so kleinmütig ist und hübsch Gott vertraut!
Lotte. O ich wollte, dass der Robinson zu uns käme; ich habe ihn recht lieb!
Gottlieb. Ja, wenn Vater mir nur Papier geben wollte; so wolt' ich ihm gern einen Brief schreiben.
Nikolas. O ja, ich auch!
Johannes. Ich wolt' ihm auch wohl schreiben!
Lotte. Ja, das wolt' ich auch wohl: aber wenn ich nur schreiben könnte!
Mutter. Kanst mir vorsagen, was du ihm gern schreiben mögtest, so will ich's für dich aufschreiben.
Lotte. O das ist gut!
Mutter. Nun so komt! Ich will euch Andern Papier geben.
 
Nach einer halben Stunde kam Einer nach dem Andern herbei gesprungen, und zeigte was er geschrieben hatte.
Lotte. Hier, Väterchen! Sieh, da ist mein Brief! Nun liss ihn einmal!
Vater liest: [Fussnote]
 
        Mein lieber Robinson,
Mache doch, dass du recht arbeitsam und gut werdest. Das wird den Leuten Freude machen und deinen Eltern auch. Ich grüsse dich sehr vielmahl. Du siehst nun, wie die Not nüzlich ist! Gottlieb und Johannes grüssen dich vielmahl; Diderich und Nikolas auch. Korn einmal zu uns, so will ich dich auch noch besser unterrichten.
Lotte.
 
Gottlieb. Nun meinen, lieber Vater! Hier ist er!
Vater liest:
 
        Mein lieber Freund,
Wir wünschen dir alles Glük, was wir nur können! Und wenn ich erst Taschengeld haben werde. so will ich dir auch was kaufen. Und fahre fort, was du angefangen hast, gut zu sein. Schikke dir hier ein bisschen Brod; und werde nur nicht krank. Wie befindest du dich? Lebe wohl, lieber Robinson! Ohne dass ich dich kenne, so liebe ich dich doch sehr und bin
Hamburg d. 7ten Febr.
1779.
Dein
getreuer Freund
Gottlieb.    
 
Nikolas. Hier ist meiner! Ich habe ihm aber nur kurz geschrieben.
Vater liest:
 
        Lieber Robinson,
Ich bin traurig, dass du so unglücklich bist! Wenn du bei deinen Eltern geblieben wärest: so hätte sich das Unglück nicht zugetragen. Lebe wohl! Korn bald wieder zu deinen lieben Eltern. Lebe noch einmal wohl! Ich bin
Hamburg d. 7ten Febr.
1779.
Dein
getreuer Freund
Nikolas.    
 
Johannes. Nun meinen!
Vater liest:
 
        Hochedelgebohrner Robinson,
Ich bedaure dich sehr, dass du so ganz von allen lebendigen Geschöpfen abgesondert bist. Ich glaube wohl, dass du es anjezt selbst bereuen werdest. Lebe wohl! Ich wünsche von ganzem Herzen, dass du einmal wieder zu deinen lieben Eltern kommen mögest. Vertrau künftig ja immer Gott; der wird schon für dich sorgen. Nochmahls: lebe wohl! Ich bin
Hamburg d. 7ten Febr.
1779.
Dein
getreuer Freund
Johannes.    
 
Diderich. O meiner taugt nichts!
Vater. Lass doch hören!
Diderich. Ich habe nur geschwind so was hingeschrieben, damit ich bald wieder hier wäre.
Vater liest:
 
        Lieber Herr Robinson,
Wie geht dir's auf deiner Insel? Ich habe gehört, dass du manche Trübsal gehabt hast. Du weist wohl noch nicht, ob die Insel, worauf du bist, bewohnt sei? Das mögt' ich gern wissen. Ich habe auch gehört, dass du einen grossen Klumpen Goldes gefunden hast; aber da auf deiner Insel hilft dir das ja nichts.
(Vater. Hättest können hinzusetzen: hier in Europa macht das viele Gold die Menschen auch nicht besser und nicht glücklicher.)
Es wäre besser gewesen, wenn du dafür Eisen gefunden hättest, woraus du dir ein Messer, ein Beil und andere Instrumente hättest machen können. Lebe wohl! Ich bin
Hamburg d. 7ten Febr.
1779.
Dein
Freund  
Diderich.
 
Gottlieb. Ja, aber wie wollen wir nun die Briefe hinkriegen?
Lotte. I, wir können sie ja einem Schiffer mitgeben, der nach Amerika schift, und da können wir ihm ja auch was mitschikken! Ich will ihm Rosinen und Mandeln schikken; o gib mir doch welche, liebe Mutter!
Johannes (dem Vater ins Ohr). Die glauben ordentlich, dass Robinson noch lebt!
Vater. Lieben Kinder, ich danke euch in Robinsons Namen, dass ihr so viel Freundschaft für ihn habt. Aber diese Briefe ihn hinschikken, – das kann ich nicht.
Gottlieb. I warum nicht?
Vater. Darum nicht, weil Robinsons Seele schon lange im Himmel, und sein Leib schon lange verweset ist.
Gottlieb. Ach, ist er schon todt? Er hat sich ja eben erst noch gebadet!
Vater. Du vergisst, lieber Gottlieb, dass das, was ich euch vom Robinson erzähle, sich schon vor zweihundert Jahren zugetragen hat. Er selbst ist also schon lange todt. Aber in der Geschichte, die ich jezt von ihm schreibe, will ich eure Briefe mit abdrukken lassen. Wer weiss, vielleicht erfährt er im Himmel, dass ihr ihn so lieb habt, und das wird ihm denn gewiss auch dort Freude machen.
Lotte. O du erzählst uns doch aber noch was von ihm?
Vater. O ja; ich kann euch noch recht viel von ihm erzählen, was euch eben so angenehm sein wird, als das, was ihr schon gehört habt. Aber für heute, dächte ich, hätten wir wohl genug. – Robinson ging nach dem Baden singend zu Hause, verzehrte sein Abendbrod, verrichtete sein Gebet und legte sich ruhig schlafen.
Und so wollen wir es denn auch machen!
Achter Abend.
Frizchen. Mutter! Mutter!
Mutter. Was wilst du, Frizchen?
Frizchen. Mögtest Johannes ein ander Hemde schikken!
Mutter. Warum ein ander Hemde?
Frizchen. Ja, er kann sonst nicht aus dem Bade kommen.
Mutter. Warum nicht? Kan er denn sein heutiges Hemde nicht wieder anziehen?
Frizchen. Nein, das hat er gewaschen; und nun ist es noch ganz nass. Er wolt' es wie Robinson machen!
Mutter. Auch gut! – Nun, ich will dir eins geben. – Da lauf und macht dass ihr bald hier seid; Vater will uns wieder was erzählen!
 
Mutter (zu Johannes, der mit den übrigen komt.) Nun, Freund Robinson, wie bekömt dir das Bad?
Johannes. Recht gut! Aber das Hemde wollte nicht wieder trokken werden.
Vater. Du hast nicht bedacht, dass es hier zu Lande nicht so warm ist, als es auf Robinson's Insel war. – Aber wo blieben wir denn gestern?
Diderich. Da Robinson zu Bette ging und den andern Morgen –
Vater. Ah! nun weiss ich schon! – Am andern Morgen also stand Robinson frühzeitig auf und röstete sich zur Jagd. Seine Jägertasche stopfte er mit gebratenen Kartoffeln und mit einem derben Stükke Schildkrötenbraten aus, welches er in Kokusblätter gewikkelt hatte. Dan stekte er sein Beil an die Seite, wand das Strik, welches er gestern zum Lamafang gedreht hatte, um den Leib, nahm seinen Sonnenschirm in die Hand und machte sich auf den Weg.
Es war noch sehr früh am Tage. Er beschloss daher, diesmahl einen Umweg zu nehmen, um zugleich noch einige andere Gegenden seiner Insel kennen zu lernen. Unter der Menge von Vögeln, wovon die Bäume wimmelten, sah er auch viele Papegaien von wunderschönen Farben. Wie gern hätte er einen davon gehabt, um ihn zahm und zu seinem Geselschafter zu machen! Aber die Alten waren zu klug, um sich greifen zu lassen, und ein Nest mit Jungen sah er nirgends. Er musste also die Befriedigung dieses Wunsches für dasmahl aufschieben.
Dafür aber entdekte er auf diesem Wege etwas, welches ihm nötiger, als ein Papegai war. Indem er nämlich einen Hügel nahe am Meere bestieg und von da herab zwischen Felsenklüften hinblikte, sah er daselbst etwas liegen, welches seine Neubegierde reizte. Er kletterte also hinab und fand zu seinem grossen Vergnügen, dass es – was meint ihr?
Diderich. – Perlen waren!
Johannes. Ja darüber wurde er sich gefreut haben! – Es war wohl Eisen?
Nikolas. I, weisst du nicht mehr, dass in den heissen Ländern kein Eisen gefunden wird? – Es mochte wohl wieder ein Klumpen Gold sein!
Lotte. Ich dachte gar! Würde er sich denn darüber wohl gefreut haben? Das Gold kont' er ja nicht brauchen!
Vater. Ich sehe wohl, ihr werdet es doch nicht raten; ich will's also nur selbst sagen. Was er fand, war – Salz.
Zwar hatte er den Mangel desselben bisher durch Seewasser einigermassen ersezt: aber es war doch das nicht. Das Seewasser hat auch zugleich einen bittern Geschmak, der sehr unangenehm ist, und dass sein Bökelfleisch sich darin halten würde, war ein Irrtum; weil dieses Seewasser, eben so wie Brunnen- oder Flusswässer, faul wird, so bald es stil steht. Es tat ihm also recht wohl, dass er hier wirkliches Salz fand. Auch fülte er seine beiden Roktaschen damit an, um sogleich etwas davon mitzunehmen.
Gottlieb. Wie war denn das Salz dahin gekommen?
Vater. Du erinnerst dich wohl nicht mehr an das, was ich von dem Ursprunge des Salzes euch einmal erzählt habe?
Johannes. O ja, ich weiss noch! Sie graben welches aus der Erde; und dann so kochen sie auch was aus salzigem Wasser, welches aus der Erde hervorquilt, und dann so ist auch was in dem Meerwasser!
Vater. Ganz recht. Nun aus dem Meerwasser kochen, so wohl die Menschen, als auch die Sonne, Salz.
Gottlieb. Die Sonne?
Vater. Ja; indem nämlich nach einer hohen Flut, oder nach einer Ueberschwemmung Seewasser auf dem Lande zurück bleibt, so troknet die Sonne nach und nach dies Wasser aus und was denn an dem Orte übrig bleibt, das ist Salz.
Lotte. I, das ist ja närrisch!
Vater. So gütig hat der liebe Gott für uns gesorgt, dass dasjenige, was uns am unentbehrlichsten ist, die wenigste Zubereitung durch Kunst erfodert, und am häufigsten da ist.
Robinson ging nun vergnügt nach dem Orte hin, wo er ein Lama zu erhaschen hofte. Da er ankam, war keins derselben da; aber es war auch noch nicht ganz Mittag. Er lagerte sich also unter einem Baume, um sich unterdess von seinem Braten und von seinen Kartoffeln gütlich zu tun! O wie viel kräftiger schmekte ihm jezt beides, da er es mit etwas Salz geniessen konnte!
Eben da er mit seiner Mahlzeit fertig war, zeigten sich in der Ferne die herbei hüpfenden Lama's. Robinson stellte sich geschwind in Positur, und wartete mit aufgehobener Schlinge, bis eins derselben sich ihm nähern würde. Jezt waren schon verschiedene von ihnen vorüber gegangen, ohne dass er sie erreichen konnte: aber plözlich kam ihm eins so nahe, dass er nur seine Hände durfte fallen lassen, um es in der Schlinge zu haben. Er tat's und in dem Augenblicke war das Lama sein!
Es wollte blöken; aber aus Besorgnis, dass die Andern dadurch scheu werden mögten, zog er die Schlinge so fest zu, dass dem Tiere das Schreien wohl vergehen musste. Dan zog er es, so geschwind er nur konnte, ins Gebüsch, um den Uebrigen aus den Augen zu kommen.
Das gefangene Lama war eine Mutter zweier Lämmer. Zu Robinsons grosser Freude folgten diese ihr auf dem Fusse nach, und schienen sich gar nicht vor ihm zu fürchten. Er streichelte die kleinen lieben Dinger, und sie – recht als wenn sie ihn bitten wollten, dass er doch ihre Mutter möchte gehen lassen – lekten ihm die Hand.
Gottlieb. O da hätte er sie doch auch müssen gehen lassen!
Vater. Da wär' er wohl ein grosser Nar gewesen, wenn er das getan hätte!
Gottlieb. Ja, aber das arme Tier hatte ihm ja nichts getan!
Vater. Er aber brauchte seiner; und du weisst ja, lieber Gottlieb, dass es uns erlaubt ist, die Tiere zu brauchen, wozu sie gut sind, wenn wir sie nur nicht misbrauchen! –
Nun, Robinson war hoch erfreut, dass er seinen Wunsch so glücklich erreicht hatte. Er zog das gefangene Tier, so sehr es sich sträubte, aus allen seinen Kräften mit sich fort, und die beiden Lämmerchen folgten ihm. Der kürzeste Weg war ihm jezt der liebste; und auf diesem langte er endlich glücklich bei seiner Wohnung an.
Aber nun war die Frage, wie er das Lama auf seinen Hofraum bringen sollte, den er, wie wir wissen, auf allen Seiten fest zugemacht hatte. Es oben von dem Felsen am Strik hinab zu lassen, war wohl nicht tunlich, weil er besorgen musste, dass es unterwegens erstikken werde. Er beschloss also, vor der Hand einen kleinen Stal neben seinem Hofplaze zu machen, und das Lama mit seinen Jungen so lange darin zu verwahren, bis er irgend eine bessere Anstalt würde getroffen haben.
Bis dieser Stal fertig wäre, band er es an einen Baum und fing so gleich die Arbeit an. Er hieb nämlich mit seinem steinernen Beil eine Anzahl junger Bäume ab, und pflanzte sie so dicht neben einander in die Erde, dass sie eine ziemlich feste Wand machten. Das Lama hatte sich unterdess vor Müdigkeit nieder gelegt, und die Lämmer, die nichts davon wussten, dass sie Gefangene wären, lagen sorglos an ihren Zizen und liessen sichs wohl schmekken.
Was das für ein erfreulicher Anblik für unsern Robinson war! Zehnmahl stand er stil, um den lieben Tierchen zuzusehen, und sich glücklich zu schäzen, dass er doch nun wenigstens einige lebendige Geschöpfe zu seiner Gesellschaft habe! Von diesem Augenblicke an, schien sein Leben ihm nicht mehr ganz einsam zu sein, und die Freude darüber gab ihm so viel Kraft und Munterkeit, dass er in kurzer Zeit mit der Anlegung des Stals zu Stande kam. Dan führte er das Lama mit seinen Jungen hinein und verzäunte die lezte Oefnung mit dichten Zweigen.
Wie vergnügt er nun war – O das lässt sich mit Worten nicht beschreiben! Ausser der Gesellschaft dieser Tiere, die ihm allein schon unschäzbar war, versprach er sich noch viel andere, recht grosse Vorteile davon; und das mit Recht! Von ihrer Wolle konnte er sich vielleicht mit der Zeit irgend eine Kleidung machen lernen, ihre Milch konnte er essen, konnte auch Butter und Käse davon machen. Wie er dies alles eigentlich anfangen würde, das wusste er zwar noch nicht; aber er hatte nun schon hinlänglich erfahren, dass man an seiner Geschiklichkeit nicht verzweiflen müsse, wenn man nur Lust und Fleiss genug zur Arbeit brächte.
Eins fehlte noch, um sein Glük vollkommen zu machen. Er wünschte mit seinen lieben Tieren von einerlei Wänden eingeschlossen zu sein, um sie immer vor Augen zu haben, so oft er zu Haus wäre, und um sich die Freude zu machen, sie an seine Gesellschaft gewöhnt zu sehen.
Lange zerbrach er sich den Kopf darüber, wie er das wohl anzufangen habe? Endlich beschloss er, es so zu machen. Er wollte nämlich sich die Mühe nicht verdriessen lassen, die Baumwand seines Hofraums an einer Seite einzureissen und eine Neue von etwas grösserem Umfange anzulegen, damit sein Hof zugleich ein wenig erweitert würde. Um aber unter der Zeit, dass er die neue Baumwand anlegte, doch auch zugleich sicher wohnen zu können, nahm er sich klüglich vor, die alte Wand nicht eher einzureissen bis er mit der neuen würde fertig geworden sein.
Durch unverdrossenen Fleiss ward das Werk in einigen Tagen vollendet; und so hatte Robinson die herzliche Freude, sich in Gesellschaft dreier Hausgenossen zu finden. Indes vergass er darüber nicht, wie viel Vergnügen ihm die Entdekkung seiner ersten Geselschafterin, der Spinne, verursachet hätte, und fuhr fort, sie täglich mit Fliegen und Mükken zu versorgen. Das Tier merkte auch bald seine freundschaftlichen Gesinnungen gegen sich und wurde so vertraut, dass es, so oft er das Nez berührte, hervorkam, um ihm die Fliege aus der Hand zu nehmen.
Auch das Lama und die Jungen gewöhnten sich bald an seine Gesellschaft. So oft er zu Hause kam, sprangen sie ihm entgegen, berochen ihn, ob er ihnen nichts mitgebracht habe, und lekten ihm dankbar die Hand so oft sie frisches Gras oder junge Baumreiser von ihm erhalten hatten.
Er gewöhnte darauf die Jungen von der Muttermilch ab, und fing an, die Alte des Morgens und des Abends ordentlich zu melken. Zu Gefässen dieneten ihm seine Kokusschalen, und der Genuss der Milch, die er zum Teil süss verzehrte, zum Teil sauer werden liess, vermehrte das Vergnügen seines einsamen Lebens um vieles.
Da der Kokusbaum ihm so sehr viel Vorteile verschafte: so hätte er ihn gar zu gern vervielfältigst gesehen. Aber wie solt' er das anfangen? Er hatte wohl gehört, dass man Bäume zu pfropfen oder einzuimpfen pflege; aber wie das eigentlich gemacht werden müsse, darum hatte er sich niemahls bekümmert. O, seufzte er oft, wie wenig habe ich in meiner Jugend meinen Vorteil gekant, dass ich nicht auf Alles, was ich sah oder hörte, recht genau Achtung gab, um den Leuten alle ihre Künste abzulernen! Hätte ich das Glük noch einmal jung zu werden: o wie wolt' ich aufmerksam sein auf Alles, was Menschen Hände und menschliche Geschiklichkeit nur immer machen können! Es sollte kein Handwerker, kein Künstler sein, dem ich nicht etwas von seinen Kunststükken ablernen wollte.
Aber was halfen ihm diese Klagen jezt, da es zu spät war, ihnen abzuhelfen? Besser wars, er richtete alle seine Gedanken darauf, wie er den Mangel an gelernten Künsten durch seine Erfindsamkeit ersetzen möchte. Und das tat er denn auch wirklich.
Ohne zu wissen, ob er es recht mache, schnitte er ein Paar junge Bäume ab, machte in der Mitte des Stams einen kleinen Einschnit, stekte ein junges Reis vom Kokusbaum da hinein, umwand darauf die Stelle des Einschnits mit Baumbast; und erwartete mit Ungeduld, was wohl der Erfolg sein werde? Und siehe! auch dieses musste ihm gelingen. Nach einiger Zeit fingen die eingepfropften Reiser an zu grünen, und das Mittel war also gefunden, sich nach und nach einen ganzen Wald voll Kokusbäumen zu zuziehen!
Neue Ursache zur Freude! Neuer Antrieb zur innigsten Dankbarkeit gegen den Schöpfer, der so unzählbare Kräfte und Eigenschaften in die Natur der Dinge gelegt hat, dass es seinen lebendigen Geschöpfen nirgends an Mitteln fehlt, sich zu erhalten, und ihren Zustand angenehm zu machen!
Das alte und die jungen Lama's waren in kurzer Zeit so zahm geworden, als bei uns die Hunde sind. Er fing daher nach und nach an, sich ihrer zu seiner Bequemlichkeit, als Lasttiere zu bedienen, so oft er etwas einholen wollte, welches zu tragen ihm selbst zu schwer geworden wäre.
Johannes. Ja, wie kont' er sie aber mitnehmen, da er sie aus seinem Hofplaze nicht heraus kriegen konnte?
Vater. Ich habe vergessen zu sagen, dass er in der neuen Seitenwand und zwar an einer Stelle, die an ein dikkes Gebüsch grenzte, eine Oefnung gelassen hatte, die grade so gross war, dass ein Lama durchkriechen konnte. Dieses Loch war von aussen gar nicht sichtbar, und von innen flochte er es jeden Abend mit dichten Zweigen zu.
Das war nun recht niedlich anzusehen, wenn er so zu Hause kam und das bepakte Lama vor sich her gehen liess! Es wusste den Rükweg so gut zu finden, als er selbst und sobald es an die kleine Türe kam, stand es stil, um sich seine Bürde erst abnehmen zu lassen. Dan kroch es gebükt hinein, und Robinson folgte ihm auf eben diesem Wege. Dan hatten die jungen Lama's ihr Fest! Sie drükten ihre Freude durch Springen und Blöken aus, ranten bald zur Mutter, um sie zu bewilkommen, bald zu ihrem Herrn, um auch ihm zu liebkosen. Robinson ergözte sich dann an ihrer Freude, wie ein Vater an der Freude seiner Kinder, wenn er nach einer Abwesenheit von einiger Zeit sie wieder in seine Arme schliesst.
Freund B. Es ist doch sehr merkwürdig, dass die Tiere so erkentlich sind gegen den Menschen, der ihnen gutes tut!
Vater. Davon hat man viele, ungemein merkwürdige Beispiele, die einen fast auf die Vermutung bringen könten, dass einige Tiere ordentlich Menschenverstand haben, wenn man nicht aus andern Gründen wüsste, dass es ihnen daran fehlt.
Diderich. Ach ja, der Löwe, wovon in unserm Sittenbüchlein steht, und der Man – i wie hiess er doch?
Johannes. Androklus!
Diderich. Ach ja! – der dem Löwen eine Dornspize aus der Klaue gezogen hatte!
Gottlieb. Das war doch ein recht guter Löwe! Er hatte den Androklus so lieb dafür, dass er das an ihm getan hatte, und tat ihm nachher nichts zu Leide, da er ihn zerreissen sollte. – Ja, wenn sie alle so wären, so mögt' ich auch wohl einen Löwen haben.
Johannes. Mir gefällt doch der Hund, den einmal der Schweizer hatte, noch viel besser!
Lotte. Was für ein Hund?
Johannes. I weisst du nicht mehr? Der den beiden Menschen das Leben rettete?
Lotte. O erzähle doch, lieber Johannes!
Johannes. Es war einmal ein Man in der Schweiz, wo die hohen Alpenberge sind –
Lotte. Ach ja, wo die Murmeltiere wohnen?
Johannes. Ja da! – Na, der Man stieg auf einen abscheulich hohen Berg hinauf, o der war so hoch, so hoch – als wenn du den Michaelisturm zehnmahl auf einander sezest!
Gottlieb. Du lässt was aus, lieber Bruder! Er nahm auch einen Wegweiser mit!
Johannes. Freilich tat er das! – Na, und der Wegweiser nahm seinen Hund mit. Als sie nun oben auf den Berg gekommen waren –
Gottlieb. Ja, und der Berg war ganz mit Schnee bedekt –
Johannes. O so lass doch! – Ja, der Berg war ganz mit Schnee bedekt; und als sie nun bald oben waren, da glitschte der Herr aus, und da ihm der Wegweiser helfen wollte, glitschte er auch aus, und so glitschten sie beide hinunter, und waren nur noch ein Paar Schritte von dem Rande ab, von welchem sie fast eine halbe Meile tief hätten hinunter fallen müssen. Da pakte der gute Hund seinen Herrn bei dem Schoss und hielt ihn fest, dass er nicht weiter glitschen konnte, und dieser hielt den Andern fest, bis sie sich beide wieder aufgerichtet hatten.
Gottlieb. Ja, nun musst du aber auch erzählen, was der fremde Herr da sagte! Ich weiss es noch.
Johannes. O ich auch! Er bat den Wegweiser, dass er ihn zuweilen besuchen möchte, da wo er zu Haus war, und denn sollte er doch ja immer auch den Hund mitbringen; dem wolt' er denn auch immer eine Wurst braten lassen.
Lotte. Tat denn das der Man auch?
Johannes. O ja! So oft der Wegweiser ihn besuchte, traktierte er ihn immer aufs Beste und dem Hunde liess er allemahl eine Bratwurst vorsetzen.
Lotte. Das war recht!
Vater. Nun, Kinder, wir sind von unserm Robinson abgekommen; wollen wir es heute dabei bewenden lassen?
Gottlieb. O nein, lieber Vater! Noch ein klein Bischen von Robinson!
Vater. Jezt waren seine Baksteine hart genug, um gebraucht zu werden. Er suchte also eine leimigte Erde auf, womit er, in Ermangelung des Kalchs, seine Mauer aufzuführen dachte; und fand sie. Dan machte er sich eine Mauerkelle von einem platten Steine und um Alles, was zu der Maurerei gehört, recht vollständig zu haben, machte er sich sogar eine Art von Sezwage und Richtscheid, freilig so gut, als es sich wollte tun lassen. Ihr wisst doch noch, was das für Dinger sind?
Nikolas. O ja, die haben wir ja oft genug gesehen!
Vater. Nachdem er also mit allen Anstalten, die zum Mauern erfodert werden, fertig war, liess er von seinem Lama die benötigte Zahl Baksteine herbei tragen.
Johannes. Wie konnte er denn die Baksteine dem Lama auflegen?
Vater. Wie er das anfing, werdet ihr schwerlich erraten; ich will's also nur gleich selbst sagen.
Er hatte schon lange gemerkt, wie nüzlich es ihm sein würde, wenn er etwas von der nützlichen Kunst, Körbe zu flechten, verstünde. Aber in seiner Jugend hatt' er es so wenig der Mühe wert geachtet, einem Korbmacher aufmerksam zuzusehen, dass er von dieser, an sich nicht schweren Kunst, nicht mehr, als von allen übrigen nützlichen Künsten, verstand, das heisst, so viel, als gar nichts.
Da es ihm aber gleich anfangs gelungen war, einen Sonnenschirm zu flechten: so wandte er nachher oft eine müssige Stunde dazu an, sich ferner darin zu üben. Und da entdekte er denn immer einen Handgrif nach dem andern, bis er endlich so geschikt wurde, einen ziemlich festen Korb zu machen. Solcher Körbe nun hatte er zwei für sein Lama verfertiget. Diese band er mit einem Strikke zusammen, und legte sie dem Lama auf den Rükken und zwar so, dass von jeder Seite desselben einer hinab hing.
Gottlieb. O Vater, ich möchte auch wohl Körbe machen lernen!
Vater. Ich selbst auch, lieber Gottlieb; und ich werde daher nächstens einen Korbmacher bitten, dass er uns einigen Unterricht gäbe.
Gottlieb. O das ist schön! Da will ich meiner Lotte auch ein hübsches nettes Körbchen machen.
Lotte. O ich werde es auch mit lernen! Nicht wahr, Vater?
Vater. O ja! Es kann dir auch nicht schaden. Es fehlt uns doch zuweilen an einer Arbeit, wenn ich euch was erzähle; da wird uns denn das Korbflechten vortreflich zu statten kommen.
Robinson fing also seine Maurerarbeit an, und sie ging ihm ziemlich gut von statten. Schon hatt' er die eine Seitenmauer seiner Küche aufgeführt und zu der andern schon den Grund gelegt: als sich plözlich etwas ereignete, welches er nicht vorher gesehen hatte, und welches einen gewaltigen Strich durch seine Rechnung machte.
Johannes. Was war denn das?
Lotte. O ich weiss schon! Die wilden Menschen sind gekommen und haben ihn aufgegessen!
Gottlieb. Bewahre! Ist das wohl wahr, Vater?
Vater. Nein, das nicht; aber es war etwas, welches ihm beinahe eben so grossen Schrekken verursachte, als wenn die Wilden ihn hätten lebendig braten wollen.
Johannes. O nu! Was war's denn?
Vater. Es war Nacht, und Robinson lag ruhig auf seinem Lager, die treuen Lama's zu seinen Füssen. Der Mond stand in seiner ganzen Herlichkeit am Himmel; die Luft war rein und stil, und ein tiefes Schweigen herschte durch die ganze Natur. Robinson, von der Arbeit des Tages ermüdet, lag schon im süssen Schlummer und träumte, wie er sehr oft zu tun pflegte, von seinen lieben Eltern. als plözlich – aber nein! mit einer so schreklichen Begebenheit wollen wir diesen Abend nicht beschliessen! Es könnte uns die Nacht davon träumen, und dann wurden wir einen unruhigen Schlaf haben.
Alle. Oh!
Vater. Lasst uns vielmehr unsere Gedanken auf etwas Angenehmes richten, um auch diesen Tag mit Freuden und Dank gegen unsern guten Vater im Himmel beschliessen zu können. – Komt, liebe Kinder, erst wollen wir zu unsern Blumenbeeten und dann zu unserer Laube gehn.
Neunter Abend.
Nachdem der Vater bis zu Ende des vorigen Kapittels erzählt hatte, fielen so viel andere Geschäfte vor, dass verschiedene Abende verstrichen, bevor er wieder Zeit gewan, seine Geschichte fortzusetzen.
Die kleinen Leute des Hauses waren indes nicht wenig bekümmert, wie es dem armen Robinson doch wohl möchte ergangen sein; und sie hätten gern ihren besten Kreusel oder wohl noch etwas Lieberes darum gegeben, wenn ihnen einer hätte sagen können, was in der Nacht, wovon zulezt die Rede war, sich denn eigentlich zugetragen habe? Aber das konnte ihnen niemand, als der Vater selbst, sagen; und der fand für gut, es ihnen nicht eher zu sagen, als bis er wieder Zeit gewönne, in seiner Erzählung ordentlich fortzufahren.
Das war nun ein ewiges Raten und Kopfbrechen unter ihnen die ganze Zeit hindurch, dass der Vater sein beschwerliches Stilschweigen fortsezte. Der Eine riet dies, der Andere jenes; aber nichts von alle dem, was sie rieten, wollte so ganz zu den Umständen passen, die sie von der unbekanten Begebenheit schon gehört hatten.
»Aber warum sollen wir's denn noch nicht wissen?« fragten einige unter ihnen mit recht kläglichen Gebehrden?
»Ich habe meine Ursachen«, antwortete der Vater.
Die Kinder, welche gewöhnt waren, sich mit dieser Antwort zu begnügen, drangen nicht weiter in ihn, und erwarteten mit bescheidener Sehnsucht die Stunde, da diese Ursachen seines Stilschweigens aufhören würden. Indes, weil die erwachsenen Leute den Kindern leicht ins Herz sehen und alle ihre Gedanken erraten können, so war es auch dem Vater nicht schwer, einigen unter ihnen den Gedanken an der Stirn zu lesen: »aber was könten doch das wohl für Ursachen sein, die ihn abhalten, uns den Gefallen zu tun.« Er hielt es also für nötig, sie bei dieser Gelegenheit noch einmal zu überzeugen, dass es ihm nicht an gutem Willen fehle, ihnen so viel Freude zu machen, als er nur könne, und dass er also wichtige Ursachen haben müsse, warum er ihnen nicht jezt das Vergnügen gewährte, ihnen weiter zu erzählen.
»Bereitet euch, sagte er zu ihnen, Morgen mit dem Frühesten die längst gewünschte Reise nach Travemünde zur Ostsee anzutreten!«
Nach Travemünde? – Zur Ostsee? – Morgen früh? – Ich auch, lieber Vater? – Ich auch? – so fragten alle mit einem Munde, und da ein allgemeines Ja! alle diese Fragen auf einmal beantwortete: so entstand ein Freudengeschrei, dergleichen wohl kürzlich nicht gehört worden, und wohl so bald nicht wieder gehört werden dürfte.
»Nach Travemünde! Nach Travemünde! Wo ist mein Stok? Hanne, wo sind meine Halbstiefel? Geschwind, die Bürste! Den Kam! Reine Wäsche! Nach Travemünde! O Geschwind! Geschwind! –« so ging's durchs ganze Haus, dass alle Wände davon erschollen.
Alles ward nun zur morgenden Wanderschaft vorbereitet; und die kleinen Wanderer taten in dem Feuer ihrer Freude tausend Fragen, ohne eine einzige Antwort abzuwarten. Mit Mühe waren sie dahin zu bringen, sich denselben Abend zu Bette zu legen, weil sie die Zeit nicht erwarten konten, dass der Tag wieder anbrechen und die Reise angetreten würde.
Jezt brach die erste Morgendämmerung an; und das ganze Haus ward laut. Vor allen Schlafzimmern ward getrommelt; und da half nichts, es musste Alles heraus!
Und da nun Alles, Gross und Klein, auf den Beinen war, und die Ersten von den Lezten durch Liebkosungen und Freudensbezeigungen fast aufgerieben wurden: rieb der Vater die Augen und sagte in einem Tone, der mit der allgemeinen Stimme der Freude einen erbärmlichen Misklang machte: »Kinder, wenn ihr mir einen Gefallen tun woltet, so sprächet ihr mich heute frei von meinem Versprechen!«
»Von welchem? Von welchem?« – und jeder Mund, der diese Frage tat, blieb vor ängstlicher Erwartung und vor halben Schrekken offen stehen.
Vater. Von dem Versprechen, heute mit euch nach Travemünde zu gehn. –
Nun war der Schrekken ganz; keiner konnte eine Silbe hervorbringen.
Vater. Ich habe diese Nacht bedacht, dass wir einen dummen Streich machen würden, wenn wir diese Reise schon heute antreten.
»I, warum denn?« – mit halberstikter Stimme, und mit einer zurück gehaltenen Träne.
Vater. Das will ich euch sagen, und ihr möget dann selbst entscheiden. – Erstlich haben wir seit einiger Zeit immer Ostwind gehabt, und der treibt alles Wasser aus der Trave so geschwind ins Meer, dass aus dem Hafen bei Travemünde kein einziges Schiff auslaufen und auch keins in denselben einlaufen kann, weil das Wasser in der Mündung des Flusses viel zu seicht ist. Und Eins oder das Andere wollten wir doch wohl Alle gern sehen, wenn wir einmal da sind!
»O der Wind kann sich ja heute wohl noch umsetzen!«
Vater. Dan ist mir noch etwas eingefallen. Wenn wir noch vier Wochen warteten: so wäre grade die Zeit, da die Häringe in ihrem grossen Zuge, aus dem Eismeere herunter, auch in das Baltische Meer oder in die Ostsee kommen. Dan schwimt ein ganzes Heer derselben auch bis zur Mündung der Trave, wo die Fischer ihrer eine grosse Menge mit leichter Mühe aus dem Wasser herausziehen. Das wollten wir doch auch wohl gerne sehen? Nicht wahr?
»Ja – aber –«
Vater. Nun hört aber noch meinen wichtigsten Grund! Was werden unsere neuen Freunde Matias und Ferdinand, die erst in vier Wochen zu uns kommen, von uns denken, wenn wir diese Lustreise angestellt hätten, ohne erst ihre Ankunft zu erwarten, um sie mitzunehmen? Würden sie nicht über uns seufzen, so oft wir künftig von dem Vergnügen dieser Reise redeten, und wurde uns Allen denn wohl die Erinnerung daran noch Freude machen können? Nein, gewiss nicht! Wir werden uns immer geheime Vorwürfe machen, dass wir nicht das an ihnen getan hätten, was wir wünschten, dass sie an uns tun mögten, wenn wir jezt in ihrer Stelle und sie in der Unsrigen wären. – Also was sagt ihr?
Ein tiefes Stilschweigen.
Vater. Ihr wisst, ich habe nie mein Wort gebrochen; besteht ihr also darauf, so marschiren wir ab. Sprecht ihr mich aber selbst frei davon, so tut ihr mir, und unsern künftigen Freunden, und euch selbst einen Dienst. Also, sprecht! Was soll geschehen?
»Wir wollen warten«, war die Antwort, und so wurde also die schöne Lustreise bis auf weiter ausgesezt.
Man konnte deutlich sehen, dass einigen unter ihnen diese Selbstüberwindung viel gekostet hatte. Diese waren auch den ganzen Tag über lange nicht so fröhlichen Muts, als sie sonst wohl zu sein pflegten. Das gab denn dem Vater Gelegenheit, sie am Ende des Tages folgendermassen anzureden:
»Kinder, was euch heute begegnet ist, das wird in eurem künftigen Leben euch noch sehr oft begegnen. Ihr werdet, bald dieses, bald jenes irdische Glük erwarten; eure Hoffnung wird sehr gegründet scheinen und euer Verlangen darnach wird ungemein feurig sein. Aber in dem Augenblicke, da ihr das vermeinte Glük zu ergreifen meint, wird die alweise götliche Vorsehung plözlich einen unerwarteten Strich durch eure Rechnung machen, und ihr werdet euch in eurer Hoffnung jämmerlich betrogen finden.
Die Ursachen, warum euer himlischer Vater so mit euch verfahren wird, werdet ihr so deutlich und so gewiss selten einsehen, als ihr diesem Morgen diejenigen Ursachen einsaht, warum wir heute nicht nach Travemünde gehen wollten. Denn da Gott unendlich weiser ist, als ich bin: so sieht er auch immer in die entfernteste Zukunft und lässt uns zu unserm Besten oft etwas begegnen, wovon wir die glücklichen Folgen erst lange nachher, ja wohl erst in dem ewigen Leben erfahren werden. Ich hingegen sah nur auf vier Wochen voraus.
Wäre nun in eurer Jugend euch Alles immer nach Wunsche gegangen, und hättet ihr dasjenige, was ihr hoftet, jedesmahl zur bestimmten Zeit richtig erhalten: o Kinder, wie würde das in eurem künftigen Leben euch schlecht bekommen! Wie würde dadurch euer Herz verwöhnt werden, und wie unglücklich würde dies so verwöhnte Herz euch in der Folge machen; wenn die Zeit erst wird gekommen sein, da euch nicht Alles mehr, so ganz nach Wunsche gehen wird, als jezt! Und diese Zeit wird kommen, meine Lieben; sie wird eben so gewiss für euch kommen, als sie für alle andere Menschen zu kommen pflegt. Denn noch ist kein Mensch auf Erden erfunden worden, der da hätte sagen können, dass es ihm in allen Dingen völlig nach seinem Sinne gegangen wäre.
Was ist demnach hierbei zu tun, ihr lieben Kinder? – Nichts anders, als dieses, dass ihr euch schon jezt in eurer Jugend übet, oft ein Vergnügen zu entbehren, dessen ihr für euer Leben gern genossen hättet. Diese oft wiederhohlte Selbstüberwindung wird euch stark machen, stark am Geist und Herzen, um künftig mit gelassener Standhaftigkeit Alles, Alles ertragen zu können, was der weise und gute Gott zu eurem Besten über euch verhengen wird.
Seht, Kinder, hier habt ihr den Schlüssel zu manchem, euch rätselhaft scheinenden Betragen, welches wir Erwachsenen zuweilen gegen euch zu beobachten pflegen! Ihr werdet euch erinnern, dass wir euch oft ein Vergnügen versagten, dessen ihr gern genossen hättet. Zuweilen sagten wir euch wohl die Ursachen unserer abschlägigen Antwort, (wenn ihr nämlich sie begreifen kontet) zuweilen aber auch nicht, (wenn ihr nämlich sie noch nicht begreifen kontet.) – Und warum taten wir dieses? – Oft bloss darum, um euch in der allen Menschen so nötigen Geduld und Mässigung zu üben; um euch auf euer künftiges Leben vorzubereiten!
Nun wisst ihr auch, warum ich alle diese Tage hindurch mich beständig geweigert habe, euch die Geschichte unsers Robinsons weiter zu erzählen. So viel Zeit hätte ich doch wohl erübrigen können, als erfodert wird, um euch wenigstens den Umstand aufzuklären, mit dem ich neulich geschlossen und worüber ich euch in einer unangenehmen Ungewissheit gelassen habe. Aber nein! ich sagte euch kein einziges Wort mehr davon, ohngeachtet ihr mich batet, und ich so ungern euch etwas abschlage. Also warum tat ich das, Lotte?«
Lotte. Dass du uns lehren wolltest, Geduld zu haben.
Vater. Richtig! und gewiss, wenn ihr mir dereinst für irgend etwas danken werdet, so wird es dafür sein, dass ich euch gewöhnt habe, ohne grosse Betrübnis etwas zu entbehren, nach dessen Besize ihr doch ein grosses Verlangen in euch verspürtet. –
So gingen also wieder einige Tage hin, ohne dass vom Robinson etwas erzählt ward. Endlich aber erschien die sehnlich gewünschte Stunde, da der Vater durch nichts weiter abgehalten wurde, dem allgemeinen Verlangen ein Genüge zu leisten. Er fuhr also in der unterbrochenen Erzählung folgendermassen fort:
Es, war, wie ich schon neulich sagte, Nacht, und unser Robinson lag ruhig auf seinem Lager, die treuen Lama's zu seinen Füssen. Eine tiefe Stille herschte durch die ganze Natur, und Robinson träumte, wie gewöhnlich, von seinen Eltern, als plözlich die Erde auf eine ungewöhnliche Weise erzitterte, und unter der Erde ein so entsezliches Brüllen und Krachen gehört wurde, als wenn viele Donnerwetter auf einmal losbrechen. Robinson erwachte mit Schrekken, und fuhr auf, ohne zu wissen, wie ihm geschahe und was er tun wollte. In dem Augenblicke erfolgte ein schreklicher Erdstoss nach dem andern; das fürchterliche unterirdische Getöse dauerte fort; es erhob sich zu gleicher Zeit ein heulender Orkan, der Bäume und Felsen niederriss und das laute brausende Meer bis auf den tiefsten Abgrund durchwühlte. Die ganze Natur schien in Aufruhr zu sein, und sich ihrem Ende zu nahen.
In wahrer Todesangst sprang Robinson aus der Höhle auf seinen Hofplaz und die erschrekten Lama's taten ein gleiches. Kaum waren sie heraus, als die über der Höhle ruhende Felsenstükke auf die Lagerstäte herabstürzten. Robinson, von Angst beflügelt, floh durch die Oefnung seines Hofraums, und die Lamas liefen ihm ängstlich nach.
Sein erster Gedanke war, einen in der Nähe liegenden Berg auf derjenigen Seite zu besteigen, wo er oben eine nakte Ebene hatte, um nicht von einstürzenden Bäumen erschlagen zu werden. Er wollte dahin laufen; aber plözlich sah er mit Erstaunen und Schrekken, dass an eben der Stelle des Berges sich ein weiter Schlund eröfnete, aus welchem Rauch und Flammen, Asche, Steine und eine glühende Materie, die man Lava nent, herausfuhren. Kaum war es ihm möglich, sich durch die Flucht zu retten, weil die glühende Lava, wie ein Strom herabschoss, und grosse ausgeworfene Felsenstükke, wie ein Regen, weit und breit umhergeschleudert wurden.
Er rante nach der Küste zu. Aber hier erwartete ihn ein neuer schreklicher Auftrit. Ein gewaltiger Wirbelwind der von allen Seiten her bliess, hatte eine Menge Wolken dicht zusammen getrieben, und aus diesen stürzte nun auf einmal eine solche Flut herab, dass das ganze Land in einem Augenblicke zur See ward. Einen solchen ungewöhnlichen Wasserguss pflegt man eine Wasserhose zu nennen.
Mit genauer Not rettete Robinson sich auf einen Baum; seine armen Lama's hingegen wurden von der Gewalt des Wassers fortgerissen. Ach! wie zerriss ihr klägliches Jammergeschrei sein Herz, und wie gern hätt' er sie mit Gefahr seines eigenen Lebens zu retten gesucht, wenn die schnelle Flut sie nicht schon zu weit mit sich hätte fortgeraft gehabt!
Das Erdbeben dauerte noch einige Minuten fort; dann wurde auf einmal Alles stille. Die Winde legten sich; der Feuerschlund hörte nach und nach auf zu speien; das unterirdische Getöse schwieg; der Himmel ward wieder heiter, und alles Wasser verlief sich in weniger, als einer Viertelstunde.
 
Gottlieb. (Mit einem tiefen Seufzer) Ach Gottlob! dass das vorbei ist! Der arme Robinson! und die armen Lama's!
Lotte. Mir ist recht angst gewesen!
Frizchen. Wovon kömt denn das Erdbeben?
Johannes. Das hat uns Vater schon längst erklärt, da du noch nicht hier warst.
Vater. Sage es ihm doch, Johannes!
Johannes. In der Erde sind viele grosse und weite Löcher, wie Keller; die sind nun vol Luft und Dünste. Denn sind auch allerlei brenbare Dinge in der Erde, als Schwefel, Pech, Harz und so was. Diese fangen zuweilen an sich zu erhizen und zu brennen, wenn eine Feuchtigkeit dazu kömt.
Gottlieb. Eine Feuchtigkeit? Kan denn das, was nass ist, wohl etwas heiss machen?
Johannes. Ja wohl! Hast du nicht gesehen, wenn die Mauerleute kaltes Wasser auf Kalchsteine giessen, wie es denn gleich anfängt zu kochen, als wenn es über dem Feuer stünde; und ist doch kein Feuer da. – Na, so entzünden sich also auch die Dinge in der Erde, wenn das Wasser hinein dringt; und wenn die denn brennen: so dehnt sich die Luft, die in den grossen Höhlen ist, so gewaltig aus, dass sie keinen Platz mehr darin hat. Denn will sie mit Gewalt herausfahren und erschüttert also die Erde, bis sie sich endlich irgendwo ein Loch macht. Aus diesem Loche fährt sie denn, wie ein Sturmwind, hinaus und reisst eine Menge von den brennenden und schon geschmolzenen Materien mit sich fort.
Vater. Und diese Materie, die aus geschmolzenen Steinen, Metallen, Harzen u. s. w. besteht, ist es, die man die Lava nent. Ich habe einmal irgendwo gelesen, dass man selbst einen kleinen Feuerspeienden Berg nachmachen kann; wenn ihr Lust habt, so wollen wir einmal den Versuch machen.
Alle. O ja! O ja! lieber Vater!
Johannes. Und wie wird denn das gemacht?
Vater. Man braucht nur Schwefel und Eisenfeilstaub an einem feuchten Orte in die Erde zu graben: so erhitzt und entzündet sich diese Masse von selbst, und denn hat man im Kleinen, was ein feuerspeiender Berg im Grossen ist. Nächstens wollen wir den Versuch davon machen.
Indem Robinson von dem Baume, auf den er sich geflüchtet hatte, herabstieg, war seine Seele über alle das Unglück, was ihn jezt von neuem betroffen hatte, so betrübt, dass es ihm gar nicht einfiel, für seine abermalige Errettung dem zu danken, der die sichtbarste Todesgefahr von ihm abgewandt hatte. In der Tat war sein Zustand jezt wieder so kläglich, als jemahls. Seine Höhle, der einzige sichere Aufentalt, den er bisher gefunden hatte, war vermutlich verschüttet; seine lieben treuen Lamas waren fortgeschwemt; alle seine bisherigen Arbeiten zerstört; alle seine schönen Anschläge für die Zukunft dahin! Der Berg hatte zwar aufgehört, Feuer auszuwerfen; aber noch stieg aus dem ofnen Schlunde desselben ein dikker schwarzer Dampf empor, und es war möglich, dass er von nun an immer ein Feuerspeiender Berg bliebe. Und blieb er das, wie konnte Robinson einen Augenblick ruhig sein? Musste er nicht an jedem Tage ein neues Erdbeben, einen neuen Feuerauswurf besorgen?
Diese traurigen Gedanken drükten ihn vollends nieder. Er unterlag der Last seines Kummers, und, anstat dass er sich zu der einzigen wahren Quelle des Trostes, zu Gott, hätte wenden sollen, waren seine Augen bloss auf das Elend seines künftigen Zustandes gerichtet, welches sich ihm unaussprechlich gross und ohn' Ende darstellte.
Von Angst und Beklemmung ermattet lehnt' er sich an den Baum, von dem er herabgestiegen war; und seiner gepresten Brust entfuhren ohn' Unterlass Seufzer, die mehr Schrei, als Seufzer, waren. In dieser trostlosen Stellung verblieb er, bis die Morgenröte den neuen Tag verkündigte.
Gottlieb. zu Fr. R. Nun sehe ich, dass Vater doch recht hatte.
Fr. R. Worin?
Gottlieb. Ja, ich meinte neulich, dass Robinson nun schon ganz gebessert wäre, und dass ihn der liebe Gott nun wohl von seiner Insel erlösen könnte. Da sagte Vater, dass wüsste der liebe Gott selbst am Besten, und dass wir das nicht beurteilen könten.
Fr. R. Und nun?
Gottlieb. Ja, nun sehe ich wohl, dass er doch noch nicht so viel Vertrauen zu Gott hat, als er haben sollte; und dass der liebe Gott recht tat, dass er ihn noch nicht erlösete.
Nikolas. Das habe ich auch schon gedacht; und nun bin ich ihm auch gar nicht mehr so gut.
Vater. Eure Bemerkung, Kinder, ist vollkommen richtig. Wir sehen freilig wohl, dass Robinson lange noch nicht das feste, unwandelbare kindliche Vertrauen zu Gott hatte, welches er, nach so vielen Beweisen seiner Güte und Weisheit, die er selbst erfahren hatte, billig hätte haben müssen. Aber ehe wir ihn deswegen verdammen: wollen wir uns erst einen Augenblick an seine Stelle setzen, und unser eigenes Herz fragen, ob wir, an seinem Plaze, es auch wohl besser würden gemacht haben? Was dünkt dich, Nikolas, würdest du, wenn du Robinson gewesen wärest, wohl getroster gewesen sein?
Nikolas. (Mit leiser, zweifelhafter Stimme.) Ich weiss nicht.
Vater. Erinnere dich einmal an die Zeit, da dir, deiner Augen wegen, eine spanische Fliege gelegt werden musste, die dir einige Schmerzen verursachte. Weisst du noch, wie kleinmütig du da zuweilen wurdest? Und das war doch nur ein kleines vorübergehendes Leiden, welches nur zwei Tage dauerte! Ich weiss, jezt würdest du bei einer ähnlichen Gelegenheit dich viel standhafter bezeigen: aber ob du auch schon stark genug sein würdest, alles das, was Robinson leiden musste, mit frommen kindlichem Sin zu ertragen – was meinst du, Lieber, soll ich daran auch nicht zweifeln? –
Dein Stilschweigen ist die rechte Antwort auf diese Frage. Du kanst es selbst nicht recht wissen, wie du dich in diesem Falle betragen würdest, weil du noch nie darin gewesen bist. Alles also, was wir jezt tun können, ist dieses, dass wir bei den kleinen unbedeutenden Uebeln, die wir etwa zu erleben Gelegenheit haben mögten, uns gewöhnen, unsere Augen immer auf Gott zu richten und immer geduldig, immer getrost zu sein. Dan wird unser Herz von Tage zu Tage stärker werden, auch grössere Leiden zu ertragen, wenn es Gott einst gefallen wird, uns deren aufzulegen.
Der neue Tag brach an, und das aufgehende Freudeverbreitende Licht des Tages fand den armen Robinson in der trostlosen Lage, worin er sich an den Baum gelehnt hatte. In seine Augen war kein Schlaf, und in seine Seele kein anderer Gedanke gekommen, als die einzige schwarze, schwermütige Frage: was soll nun aus mir werden?
Endlich machte er sich auf und schwankte, wie ein Träumender, nach seiner verwüsteten Wohnung hin. Wie gross war aber nicht das freudige Schrekken, welches ihn überfiel, da ihm nahe bei seinem Hofplaze auf einmal seine – was meint ihr? – seine geliebten Lama's gesund und wohlbehalten entgegen sprangen! Anfangs traute er seinen eigenen Augen nicht, aber jeder Zweifel wurde ihm bald benommen. Sie kamen herzugerant, lekten ihm die Hände und drükten ihre Freude, ihn wieder zusehen, durch Hüpfen und Blöken aus.
In diesem Augenblick erwachte Robinsons Herz, welches bis dahin ganz erstorben zu sein schien. Er blikte auf seine Lama's, dann zum Himmel, und eine Träne der Freude, des Danks und der Reue über seine Kleinmütigkeit benezte seine Wangen. Dan überhäufte er seine ihm wiedergeschenkten Freunde mit freudigen Liebkosungen; und von ihnen begleitet ging er nun hin, zu sehen, was aus seiner Wohnung geworden sei?
Diderich. Wie mochten sich denn die Lama's gerettet haben?
Vater. Vermutlich hatte die Wasserflut sie nach einem kleinen Hügel fortgerissen, wo ihre Füsse wieder Grund fassen konten; und weil das Wasser eben so schnel wieder sich verlief, als es aus der Luft herunter gestürzt war, so gingen sie vermutlich nach ihrer Wohnung zurück.
Robinson stand jezt vor seiner Höhle, und fand zu seiner abermahligen Beschämung, dass auch hier der Schade bei weitem nicht so gross sei, als er ihn in seiner Kleinmütigkeit sich vorgestellt hatte. Zwar war die Dekke, die aus einem Felsenstükke bestanden hatte, eingestürzt, und hatte das nächste Erdreich mit sich herabgerissen: aber es schien doch nicht unmöglich zu sein, alle diese Ruinen aus der Höhle wieder hinaus zu schaffen, und dann war seine Wohnung noch einmal so geräumlich und bequem, als sie vorher gewesen war.
Hierzu kam noch etwas, welches ganz offenbahr bewies, dass die götliche Vorsehung das, was vorgefallen war, nicht um Robinson zu züchtigen, sondern vielmehr aus milder Fürsorge für ihn veranstaltet habe. Da er nämlich die Stelle, wo das Felsenstük gehangen hatte, genauer besichtigte, fand er zu seinem Erstaunen, dass es überal mit lokkerer Erde umgeben gewesen war, und also ganz und gar keine feste Haltung gehabt hatte. Nichts war also wahrscheinlicher, als dass es über kurz oder lang von selbst würde eingestürzt sein. Das sah nun Gott nach seiner Alwissenheit vorher, und vermutlich auch, dass dies Felsenstük grade zu einer Zeit einstürzen wurde, da Robinson eben in der Höhle wäre. Da nun aber seine weise Güte diesem Menschen ein längeres Leben bestimmte: so hatte er der Erde, von Anbegin der Welt her, eine solche Einrichtung gegeben, dass grade um diese Zeit auf dieser Insel ein solches Erdbeben entstehen musste. Selbst das unterirdische Krachen und das Heulen des Sturmwindes, so schreklich es auch in Robinsons Ohren klingen mochte, hatte zu seiner Errettung dienen müssen. Denn wenn das Erdbeben ohne alles Getöse entstanden wäre: so würde Robinson vermutlich nicht davon erwacht sein; und dann hätte der einstürzende Felsen seinem Leben sicherlich ein Ende gemacht.
Seht, Kinder, so hatte Gott abermals für ihn gesorgt zu einer Zeit, da er sich von ihm verlassen wähnte; und er hatte grade durch diejenigen fürchterlichen Begebenheiten für ihn gesorgt, die Robinson als sein grösstes Unglück betrachtete.
Und diese seelige Erfahrung, werdet ihr selbst, meine Lieben, in eurem künftigen Leben oft zu machen Gelegenheit haben. Wenn ihr nur auf die Wege der götlichen Vorsehung, die sie mit euch gehen wird, recht merken wolt: so werdet ihr bei allen den traurigen Vorfällen des Lebens, die eurer in der Zukunft warten, zweierlei immer wahr befinden, nämlich:
Erstlich, dass die Menschen sich das Unglück, welches ihnen begegnet, immer grösser vorstellen, als es in der Tat ist und dann
Zweitens, dass alles unser Leiden uns von Gott aus weisen und gütigen Ursachen zugeschikt werde, und also am Ende immer zu unserm wahren Besten gereiche.
Ja, Kinder, – o freut euch dieser tröstenden Wahrheit! – es lebt
Es lebt ein Gott, der seine Menschen liebt!
Wir sehn's, wohin wir blikken,
Am Nebel, der den Himmel trübt,
Wie an den reinsten Sonnenblikken.
Wir sehn's, wenn Donnerwolken glühn,
Und Berg' und Wald bewegen;
Und sehn's, wenn sie vorüber ziehn,
Am sanften lieben Regen.
Jezt sehn wir sie bei stetem Glük
In tausend, tausend Freuden;
Einst sieht sie unser nasser Blik
In kleinen kurzen Leiden.
Zehnter Abend.
(Der Vater fährt in seiner Erzählung fort.)
Robinson, der nun schon seit einiger Zeit gewohnt war, Gebet und Arbeit mit einander zu vereinigen, warf sich erst auf seine Knie, um Gott für seine abermahlige Errettung zu danken; dann legt' er mutig Hand ans Werk, um seine Wohnung von dem eingestürzten Schut zu räumen. Die blosse Erde war bald hinaus geschafft: aber nun lag unten das grosse Felsenstük, welches zwar in zwei Stükke zerbrochen war, aber doch auch so noch mehr, als eines Menschen Kraft, zu erfodern schien, um von der Stelle bewegt zu werden.
Er machte einen Versuch, den Kleinsten dieser Steinklumpen fortzuwälzen: aber vergebens! Er fand, dass diese Arbeit seine Kräfte bei weitem übersteige. Da stand er also wieder in tiefen Gedanken und wusste nicht, was er machen sollte.
Johannes. O ich wüsste wohl, was ich gemacht hätte!
Vater. Und was denn?
Johannes. I, ich hätte mir einen Hebel gemacht, wie wir neulich taten, da wir den Balken auf dem Hofraum fortwälzen wollten.
Gottlieb. Da bin ich nicht bei gewesen; was ist denn das ein Hebel?
Johannes. Das ist so eine dikke und lange Stange; die stekt man mit dem einen Ende unter den Balken, oder den Stein, den man fortbewegen will, und denn legt man einen kleinen Kloz oder Stein unter die Stange, aber recht nahe bei den Balken, den man wälzen will; und denn fasst man an das andere lange Ende der Stange und drükt sie so stark, als man kann, auf den kleinen Kloz; denn hebt sich der Balken und man kann ihn mit leichter Mühe fortwälzen.
Vater. Wie das geschieht, will ich euch zu einer andern Zeit erklären; jezt hört, was Robinson tat.
Nach langem vergeblichen Nachsinnen, fiel ihm endlich eben dieses Hülfsmittel ein. Er erinnerte sich, in seiner Jugend zuweilen gesehen zu haben, dass alle Arbeitsleute es so zu machen pflegen, wenn sie schwere Lasten bewegen wollen; und er eilte nun den Versuch davon zu machen.
Es gelang ihm. In einer halben Stunde waren beide Steine, welche wohl vier Menschen mit ihren blossen Händen nicht von der Stelle gekriegt hätten, aus seiner Höhle glücklich hinaus gewälzt. Und nun hatte er die Freude seine Wohnung noch einmal so geräumig, als sie vorher gewesen war, und zugleich, allem Ansehen nach, völlig sicher zu sehen. Denn nunmehr bestanden sowohl die Wände, als auch die Dekke, aus einem einzigen hohlen Felsen, in welchem nirgends auch nur die kleinste Rize zu sehen war.
Nikolas. Wie war's denn seiner Spinne ergangen?
Vater. Gut, dass du mich daran erinnerst; die hätte ich bald vergessen. Aber in der Tat weiss ich auch nichts mehr davon zu sagen, als dass sie, aller Wahrscheinlichkeit nach, in den Ruinen der eingestürzten Dekke begraben war. Wenigstens sah sie Robinson nimmer wieder, und seine andern Freunde, die Lama's, ersezten ihm den Verlust derselben.
Jezt wagte er einen Gang nach dem feuerspeienden Berge aus dem noch immer ein schwarzer Dampf empor stieg. Er erstaunte über die Menge geschmolzener Materien, die weit und breit umher geflossen waren, und die sich noch nicht abgekühlt hatten. Nur in einer gewissen Entfernung beobachtete er diesmahl das fürchterlich prächtige Schauspiel des dampfenden Schlundes, weil so wohl seine Furcht, als auch die noch zu heisse Lava, ihn hinderten, näher hinzu zu treten.
Da er bemerkte, dass der Strom der Lava nach der Gegend hingeflossen sei, in welcher die Kartoffeln wuchsen: so erschrekte ihn nicht wenig der Gedanke, dass der feurige Ausfluss diesen ganzen Platz vielleicht verwüstet habe; und er konnte nicht ruhen, bis er von dem Gegenteil sich überzeugt hätte. Er lief also nach der Gegend hin und fand zu seinem innigen Vergnügen die ganze Pflanzung unversehrt. Von diesem Augenblike an beschloss er, an verschiedenen Orten seiner Insel aufs Geratewohl Kartoffeln zu pflanzen, um dem Unglück vorzubeugen, eines so herrlichen Gewächses durch irgend einen schlimmen Zufal einmal beraubt zu werden. Zwar stand, seiner Meinung nach, jezt der Winter bevor; allein er dachte: wer weiss, ob diese Gewächse nicht vielleicht von der Art sind, dass sie in der Erde überwintern können?
Nachdem er diesen Vorsaz ausgeführt hatte, fing er wieder an, an seiner Küche zu arbeiten. Auch hierzu hatte die überstandene schrekliche Naturbegebenheit ihm einen grossen Vorteil verschaffen müssen. Der Feuerspeiende Berg hatte nämlich unter vielen andern Dingen auch eine Menge Kalchsteine ausgeworfen. Ordentlicher Weise muss man diese erst in einem Ofen mürbe brennen, ehe man gelöschten Kalch daraus machen kann. Aber das war bei diesen nicht nötig, weil der entzündete Berg schon die Stelle des Brenofens vertreten hatte.
Robinson brauchte also weiter nichts zu tun, als ein Loch in die Erde zu graben, die Kalchsteine da hinein zu werfen, dann Wasser zu zugiessen und die Masse umzurühren. Auf diese Weise wurde der Kalch gelöscht, und zum Mauern brauchbar gemacht. Dan vermischte er ihn mit etwas Sand; sezte sich darauf in Arbeit, und hatte Ursache mit seiner Geschiklichkeit zufrieden zu sein.
Der Berg hatte indessen aufgehört zu rauchen; und Robinson wagte es daher, nach dem Schlunde hinzugeben. Er fand sowohl die Seiten desselben, als auch den Grund mit abgekühlter Lava belegt, und weil er an keinem Orte den geringsten Rauch mehr hervordringen sah: so hatte er Ursache zu hoffen, dass das unterirdische Feuer völlig verloschen, und künftig kein Auswurf weiter zu befürchten sei.
Durch diese Hoffnung gestärkt, war er darauf bedacht, sich einen Vorrat von Lebensmitteln für den Winter einzusammeln. In dieser Absicht fing er nach und nach bis auf acht Lamas, auf eben die Weise, wie er die ersten gefangen hatte. Diese schlachtete er alle bis auf einen Bok, den er seinen drei zahmen Tieren zur Gesellschaft leben liess, und hing den grössten Teil des Fleisches in seiner Küche auf, um es durchräuchern zu lassen. Vorher aber hatte er es auf einige Tage eingesalzen, weil er sich erinnerte zu Hause gesehen zu haben, dass seine Mutter es eben so zu machen pflegte.
Das war nun schon ein ziemlicher Vorrat von Fleisch; und doch besorgte er, dass es noch nicht genug sein möchte, im Fal der Winter sehr rauh und anhaltend werden sollte. Er wünschte daher noch einige Lama's zu fangen; aber das wollte ihm nicht mehr gelingen. Denn die Tiere hatten nunmehr seine Nachstellungen gemerkt, und waren auf ihrer Hut. Er musste also ein neues Mittel ersinnen, sich ihrer zu bemächtigen.
Auch dieses ward gefunden; so unerschöpflich ist der menschliche Verstand, wenn man ihn nur recht übt, an Hülfsmitteln zur Glükseeligkeit! Er hatte bemerkt, dass die Lama's, so oft sie ihn bei der Quelle zu Gesicht bekamen, allemahl in grösster Eile über einen kleinen Hügel nach dem Gebüsche ranten. An der andern Seite war dieser Hügel mit kleinem Gesträuch, wie mit einer Hekke eingefasst und hinter dieser Hekke war eine steile Wand, ohngefähr zwei Ellen hoch. Er sah, dass die Lama's jedesmahl über dieses Gesträuch mit einem Saze vom Hügel hinab sprangen; und diese Beobachtung war ihm genug.
Er machte nämlich den Plan, an dieser Stelle eine tiefe Grube zu graben, damit die Lama's, wenn sie von oben hineinsprängen, darin gefangen würden. Sein unermüdeter Fleiss brachte dieses neue Werk seiner Erfindung in andertalb Tagen zu Stande; er bedekte darauf die Grube mit Sträuchern und hatte am folgenden Tage die Freude, zwei ziemlich grosse Tiere hinein springen zu sehen und sie zu fangen.
Nunmehr glaubte er mit Fleische hinlänglich versorgt zu sein. Er würde verlegen gewesen sein, wo er es den Winter über lassen sollte, wenn nicht der Himmel gleichfalls durch das Erdbeben dafür gesorgt gehabt hätte, ihm einen ordentlichen Keller zu verschaffen. Es war nämlich nahe bei seiner Höhle ein anderes Stück des Berges ohngefähr zwei Klafter tief eingesunken, und dadurch war eine zweite Höhle entstanden, deren Oefnung gleichfalls in seinen Hofplaz ging. So hatte er also nunmehr Wohnung, Küche und Keller dicht neben einander, recht als wenn sie mit Fleiss und durch Kunst so wären angelegt worden.
Nun war ihm noch dreierlei zu tun übrig, um auf den ganzen vermeinten Winter hinlänglich versorgt zu sein. Er musste nämlich noch Heu für seine Lama's machen, sich mit Brenholz versorgen, und alle Kartoffeln ausgraben, um sie gleichfalls in seinen Keller zu bringen.
Von dem Heu, welches er in grosser Menge einsammelte, machte er in seinem Hofraume einen pyramidenförmigen Schober, so wie die Landleute auch bei uns zu tun pflegen, und so oft er etwas Heu hinzutat, trat er es so fest, dass der Regen nicht leicht hinein dringen konnte. Aber bei dieser Arbeit musst' er erst Lehrgeld bezahlen.
Er hatte nämlich nicht die Vorsichtigkeit beobachtet, das Heu erst durchaus trokken werden zu lassen. Wenn dieses nicht geschieht, und das Heu gleichwohl festgetreten wird, so fängt es an, sich zu erhizzen, zu dampfen und endlich wohl gar Feuer zu fangen. Davon hatte er in seiner Jugend nie gehört, weil er sich um die Landwirtschaft niemahls bekümmerte. In seinem jezigen Zustande aber lernte er, wie gut es sei, auf alles zu achten, und so viele Kenntnisse einzusammeln, als man nur kann, wenn man auch gleich nicht zum voraus sieht, wozu sie uns einmal nüzen werden.
Er wunderte sich nicht wenig, da er auf einmal seinen Heuschober dampfen sah; noch mehr aber erstaunte er, da er die Hand hineinstekte und fühlte, dass das inwendige Heu brennend heiss sei. Er konnte nicht umhin, zu glauben, dass Feuer darin sei, ohngeachtet ihm die Art und Weise, wie es hineingekommen sein sollte, schlechterdings unbegreiflich war.
Er machte sich also geschwind darüber her, das Heu wieder abzupakken. Aber zu seiner Verwunderung fand er nirgends Feuer, wohl aber dass das Heu überal sehr erhitzt und feucht sei. Er geriet also endlich von selbst auf die wahre Vermutung, dass die blosse Feuchtigkeit die Ursache der Erhizung sei, ohngeachtet er nicht begreifen konnte, wie das zuginge.
Johannes. Wie mag denn das auch wohl eigentlich zugehen, dass die blosse Nässe etwas erhizen kann?
Vater. Lieber Johannes, solcher Erscheinungen, als diese, gibt es tausend in der Natur, und dem menschlichen Verstande, der nun schon seit vielen Jahrhunderten darüber nachgedacht hat, ist es bei einer Menge derselben gelungen, ihre eigentlichen Ursachen deutlich einzusehen. Diese Ursachen werden uns in einer Wissenschaft gelehrt, die ihr noch nicht einmal den Nahmen nach kent; sie heisst – die Naturlehre oder mit einem andern Nahmen die Phisik. Darin wird auch von diesem merkwürdigen Umstande, wie von vielen andern höchst sonderbaren natürlichen Dingen Rechenschaft gegeben; und wenn ihr fortfahrt in der Erlernung derjenigen Sachen, die wir jezt treiben, den gehörigen Fleiss anzuwenden: so wollen wir euch auch diese Wissenschaft lehren, die euch unaussprechlich viel Vergnügen machen wird. Vorjezt würde es überflüssig sein, davon zu reden, weil ihr das, was ich sagte, doch noch nicht verstehen würdet.
Robinson troknete also sein Heu von neuem, und dann machte er abermals einen Schober, der Wind und Wetter trozen konnte. Zu noch grösserem Schuze verfertigte er über demselben ein Dach aus Rohr, welches unsern Strohdächern an Festigkeit wenig nachgab.
Die nächsten Tage wandte er dazu an, so viel trokkenes Holz einzusammeln, als er für nötig erachtete. Dan grub er seine Kartoffeln aus und gewan einen ansehnlichen Vorrat derselben. Diese sammelte er in seinem Keller. Endlich schüttelte er auch alle reife Zitronen ab, um sie gleichfalls für den Winter aufzubewahren; und nun war er wegen seines Unterhalts in der rauhen Jahrszeit unbekümmert.
Aber diese rauhe Jahrszeit wollte noch immer nicht kommen, ohngeachtet der Oktober schon zu Ende ging. Stat dessen fing es an zu regnen, und zwar so unaufhörlich zu regnen, als wenn die Luft in Wasser wäre verwandelt worden. Robinson wusste gar nicht, was er davon denken sollte. Schon vierzehn Tage hindurch hatte er keinen Fuss weiter aus seiner Wohnung setzen können, als nach dem Keller, nach dem Heuschober, und nach dem Brunnen, um für sich und seine Lama's Lebensmittel und Wasser zu holen. Die übrige Zeit musste er, wie ein Gefangener, zubringen.
Ach! wie langsam verstrich ihm da die Zeit! Nichts zu tun zu haben, und ganz allein zu sein – Kinder, was das für ein Leiden sei, davon habt ihr noch gar keine Vorstellung! Hätte ihm jemand ein Buch oder Papier, Dinte und Feder schaffen können, gern hätte er für jedes Blatt einen Tag seines Lebens hingegeben. O, seufzte er oft, was war ich doch in meiner Jugend für ein Tor, dass ich das Lesen und Schreiben zuweilen für etwas Beschwerliches und das Nichtstun für etwas Angenehmes hielt! Das langweiligste Buch würde jezt ein Schaz für mich sein: ein Blat Papier und ein Schreibzeug wären mir jezt ein Königreich!
In dieser Zeit der Langenweile zwang ihn die Not, zu allerlei Beschäftigungen seine Zuflucht zu nehmen, die er noch nie versucht hatte. Schon lange hatt' er sich mit dem Gedanken getragen, ob's ihm wohl nicht möglich wäre, einen Topf und eine Lampe zu verfertigen, zwei Dinge, die seinen Zustand ungemein verbessert haben würden. Er lief also im vollen Regen hin, einen Vorrat Tonerde zu hohlen; und dann legte er Hand ans Werk.
Freilich wolt' es auch hiermit ihm nicht so gleich gelingen; er musste erst manchen fruchtlosen Versuch machen; aber da er nichts Besseres zu tun hatte: so machte er sich ein Vergnügen daraus, seine Arbeit, so oft sie vollendet und noch nicht ganz untadelhaft war, zu zerbrechen, um sie wieder von neuen anzufangen. So brachte er einige Tage in angenehmer Geschäftigkeit zu; bis endlich Topf und Lampe völlig fertig und so wohl geraten waren, dass es Mutwille gewesen wäre, sie noch einmal zu zerbrechen. Er sezte sie also in seiner Küche, ohnweit dem Feuer hin, damit sie nach und nach austrokneten. Dan fuhr er fort, noch andere Töpfe, auch Pfannen und Tiegel, von verschiedener Gestalt und Grösse, zu formen und je länger er sich damit beschäftigte, desto grösser wurde seine Geschiklichkeit.
Das Regenwetter währte indes unaufhörlich fort. Robinson sah sich also genötiget, noch andere häusliche Arbeiten zu ersinnen um nicht von der entsezlichen Langenweile gequält zu werden. Sein nächstes Geschäft war die Verfertigung eines Nezes zum Fischfang. Er hatte vorher einen ziemlichen Vorrat Bindfaden gedreht, und dieser kam ihm jezt zu statten. Da er sich Zeit genug nahm, und Geduld genug hatte, eine Sache, die anfangs nicht recht gelingen wollte, zehn und mehrmahl zu versuchen: so erfand er endlich die rechte Kunst Knoten zu schürzen und erlangte eine solche Geschiklichkeit darin, als bei uns die Frauen und Mädchen im Filetmachen haben. Er hatte sich nämlich gleichfalls ein Werkzeug von Holz ersonnen und mit seinem steinernen Messer ausgeschnizt, welches die Gestalt einer Filetnadel hatte. Durch Hülfe desselben brachte er endlich ein Nez zu Stande, welches unsern gewöhnlichen Fischernezen an Güte und Brauchbarkeit wenig nachgab.
Dan geriet er auf den Einfal, zu versuchen, ob er nicht vielleicht auch einen Bogen und Pfeile machen könnte? Ei, wie glühete ihm der Kopf, da er diesem Einfalle weiter nachdachte und die grossen Vorteile überlegte, die der Bogen ihm verschaffen würde! Mit ihm konnte er Lama's erlegen, konnte Vögel schiessen und – was das Wichtigste war- mit ihm konnte er sich in seiner Wohnung verteidigen, wenn er einst von Wilden sollte überfallen werden. Er brante vor Begierde, den Bogen fertig zu sehen und lief, troz Regen und Wind, davon, um das nötige Holz dazu aufzusuchen.
Nicht jedes Holz schien ihm gut dazu zu sein. Er suchte eins aus, welches hart und zähe zugleich wäre, damit es sich so wohl biegen liesse, als auch in seine alte Lage zurück zu springen strebte.
Johannes. Das elastisch wäre, nicht?
Vater. Richtig! Ich dachte nicht, dass ihr die Bedeutung dieses Worts euch gemerkt hättet; deswegen wolt' ich es nicht brauchen.
Nachdem er nun solches Holz gefunden und abgehauen hatte, trug er es zu Hause und sezte sich sogleich in Arbeit. Aber ach! wie sehr empfand er jezt den Mangel eines ordentlichen Messers! Wohl zwanzig und mehr Schnitte musste er jedesmahl tun, um so viel abzuschneiden, als wir mit unsern stählernen Messern durch einen einzigen Schnit wegnehmen können. Nicht weniger, als acht volle Tage verstrichen über dieser Arbeit, ohngeachtet er vom Morgen bis an den Abend unaufhörlich daran arbeitete. Ich kenne Leute, die das so lange nicht würden ausgehalten haben.
Gottlieb. (Zu den Andern.) Da meint Vater uns mit!
Vater. Hast's getroffen, Gottlieb; und denkst du nicht, dass ich recht habe?
Gottlieb. Ach ja! Aber künftig will ich gewiss auch in eins fort arbeiten, wenn ich einmal etwas angefangen habe.
Vater. Wirst wohl daran tun; Robinson wenigstens befand sich gut dabei. Zu seiner unbeschreiblichen Freude war der Bogen am neunten Tage fertig, und es fehlten ihm nur noch eine Sehne und Pfeile. Hätt' er damahls, da er die Lama's schlachtete, daran gedacht, so würde er einen Versuch gemacht haben, ob er aus den Gedärmen derselben nicht vielleicht Saiten machen könnte, weil ihm bekant war, dass man in Europa sie aus Schafsdarm zu machen pflegt. In Ermangelung derselben drehete er einstweilen eine Schnur und zwar so fest, als es ihm nur immer möglich war. Dan schrit er zur Verfertigung der Pfeile.
Hätt' er nun ein Stükchen Eisen haben können, um den Pfeilen eine scharfe Spize anzusetzen; was hätt' er nicht darum gegeben! Aber dieser Wunsch war umsonst. – Indem er nun in der Tür seiner Höhle stand, und überlegte, wodurch er wohl den Mangel einer eisernen Spize ersetzen könnte, fielen seine Blikke zufälliger Weise auf den Goldklumpen, der noch immer, als ein verächtliches Ding, auf der Erde da lag. Geh, sagte er, indem er ihn mit dem Fusse zur Seite stiess, geh, unnüzes Ding, und werde Eisen, wenn du wilst, dass ich dich in Ehren halten soll! Und so würdigte er ihn ferner keines Blikkes mehr.
Nach langen Hin- und Hersinnen fiel ihm endlich ein, einmal gehört zu haben, dass die Wilden sich der Gräten grosser Fische, auch wohl scharfer Steine bedienen um ihre Pfeile und ihre Spiesse zu zuspizen; und er entschloss sich, sie darin nachzuahmen. Zugleich fasst' er den Vorsaz, auch einen Spiess zu verfertigen.
Beides ward sogleich bewerkstelliget. Er lief nach dem Strande hin und war so glücklich einige Gräten und Steine, just wie er sie wünschte, zu finden. Dan hieb er eine grade und lange Stange zum Spiess ab, und kehrte, von Regen triefend, wieder heim.
In einigen Tagen waren Spiess und Pfeile fertig. An dem Spiesse hatte er einen spizigen Stein, an den Pfeilen starke stachlichte Fischgräten, und an dem andern Ende derselben Federn befestiget, wodurch ihr Flug bekantermassen befördert wird.
Jezt machte er einen Versuch, über die Brauchbarkeit seines Bogens. So unvollkommen auch derselbe war, und aus Mangel an eisernen Werkzeugen notwendig sein musste: so fand er ihn doch brauchbar genug, um Vögel oder andere kleine Tiere, damit zu schiessen; ja er zweifelte sogar nicht, dass er einen nakten Wilden, wenn er ihn nur nahe genug kommen liesse, auf eine gefährliche Weise damit würde verwunden können. Mit dem Spiesse hatte er noch mehr Ursache zufrieden zu sein.
Nunmehr schienen seine Töpfe und seine Lampe hinlänglich ausgetroknet zu sein. Er wollte also Gebrauch davon machen. Zuerst tat er einen Klumpen Fet von dem Eingeweide der geschlachteten Lama's in einen der neuen Tiegel, um es zu Schmalz zu schmelzen, dessen er sich, statt des Oels für die Lampe zu bedienen dachte. Da musste er nun aber zu seinem Missvergnügen bemerken, dass das Fet, sobald es zergangen war, in den Ton des Tiegels hineindrang und an der Aussenseite desselben wieder herausquol, so dass nur wenig davon in dem Tiegel übrig blieb. Er schloss daraus, dass die Lampe und die Töpfe eben diesen Fehler haben und also wenig brauchbar sein würden; und so fand es sich auch wirklich.
Ein verdrieslicher Umstand! Er hatte sich schon so sehr darauf gefreut, dass er nun bald die Abende bei Licht wurde zubringen, und einmal wieder eine warme Suppe würde essen können; und nun schien diese schöne Hoffnung auf einmal wieder zernichtet zu sein!
Diderich. Das war doch auch fatal!
Vater. Freilich war es das; und gewisse Leute würden verdriesslich darüber geworden sein und den Plunder weggeworfen haben. Aber Robinson war nun schon ziemlich zur Geduld gewöhnt, und hatte sich einmal in den Kopf gesezt, nichts unvollendet zu lassen, was ihm zu vollenden nur immer möglich wäre.
Er sezte sich also in seinen Gedankenwinkel (so nante er die eine Ekke seiner Höhle, wo er sich hinzusetzen pflegte, wenn er etwas ersinnen wollte) und rieb sich die Stirn. »Woher kömt es denn wohl, dacht' er, dass die Töpfe in Europa, die doch auch nur aus Ton bestehen, so viel fester sind, und gar nichts einsaugen? – Ja, das kömt daher, weil sie glasirt sind. – Glasirt? Hum! Was mag denn das wohl eigentlich sein, und wie mögen sie das machen? – Ha! ha! ich glaube, ich hab's! Ja, ja so wird's sein! – Habe ich nicht einmal gelesen, dass, ausser dem Sande, noch verschiedene andere Materien, auch der Ton, glasartig sind, und durch ein starkes Feuer sich in wirkliches Glas verwandeln lassen? – So werden sie es also gewiss machen; sie setzen die Töpfe in einen glühenden Ofen, und wenn der Ton anfängt zu schmelzen: so nehmen sie sie wieder heraus, damit sie nicht ganz in Glas verwandelt werden. Ja, ja, so ists! Das muss ich nachmachen.«
Gesagt, getan! Er machte in seiner Küche ein tüchtiges Feuer an, und als es lichterloh brandte, stekte er einen seiner Tiegel mitten hinein. Aber es währte nicht lange, so ging's knak! und der Tiegel war zersprungen. – O weh! sagte Robinson, wer hätte das gedacht?
Er sezte sich wieder in seinen Gedankenwinkel. »Wie in aller Welt, dacht' er, mag das doch wohl zugehn? – Habe ich denn wohl schon etwas Aehnliches erlebt? – Ei ja doch! Wenn wir des Winters ein Glas mit kaltem Wasser oder Bier auf den heissen Ofen sezten, dass es warm werden sollte, sprang das nicht auch entzwei? – Und wan sprang es nicht entzwei? Wenn es auf den Ofen gesezt wurde zur Zeit, da er noch nicht recht heiss war, oder wenn wir ein Blat Papier unterlegten. – Schon gut; ich merke was! Ja, ja, so wird's sein; man muss das Gefäss nur nicht auf einmal auf die Glut setzen, sondern es erst nach und nach durchwärmen lassen. – Auch muss man sich hüten, dass das eine Ende nicht früher, als das Andere, heiss werde.« »Vivat mein alter Kopf!« rief er fröhlig aus und sprang auf, um einen zweiten Versuch zu machen.
Dieser lief nun schon viel besser ab. Der Tiegel zersprang nicht; aber er wollte doch auch nicht glasirt werden.
»Und warum wohl nicht?« dachte Robinson wieder. »Das Feuer, meine ich, wäre doch wohl stark genug gewesen; – was mag denn nun noch wohl fehlen?« – Nachdem er lange darüber nachgedacht hatte, glaubte er endlich auf den rechten Flek zu treffen. Er hatte nämlich den Versuch in einem Feuer gemacht, welches in keinem Ofen eingeschlossen war, sondern in freier Luft brandte. Aus diesem verflog die Hize viel zu schnel und teilte sich zu sehr nach allen Seiten aus, als dass der Ton dadurch hätte können bis zum Glasiren glühend werden. Seinem Grundsaze, nichts unvollendet zu lassen, getreu, beschloss er also, einen ordentlichen Schmelzofen anzulegen. Aber zu dieser Arbeit musst' er eine bequemere Witterung abwarten.
Es regnete nämlich noch immer fort, und erst nach zwei Monaten fing der Himmel endlich wieder an, sich aufzuklären. Nun, dachte Robinson, würde der Winter angehen: und siehe! der Winter war schon vorüber. Kaum trauete er seinen eigenen Augen, da er sah, dass die albelebende Frühlingskraft schon wieder neues Gras, neue Blumen und neue Reiser hervortrieb; und doch war es würklich so. Die Sache war ihm unbegreiflich, und doch sah er sie vor Augen. »Das soll mir, dachte er bei sich selbst, eine Lehre sein, dass ich künftig nicht gleich etwas leugne, was ich nicht begreifen kann!«
Mutter. Ging er da nicht zu Bette, nachdem er das gesagt hatte?
Gottlieb. O Mutter, wir sind ja noch alle so munter!
Vater. Ganz zuverlässige Nachricht habe ich nicht davon. Indes, da ich in der alten Geschichte seines einsamen Aufentalts auf dieser Insel für diesen Tag weiter nichts aufgezeichnet finde: so vermute ich selbst, dass er mit diesen Worten sich zu Bette legte. Und so wollen wir's denn auch machen, um, so wie er, Morgen früh mit der Sonne zugleich wieder aufstehen zu können.
Eilfter Abend.
Gottlieb. Vater, nun wolt' ich wohl in Robinsons Stelle sein!
Vater. Woltest du das?
Gottlieb. Ja, nun hat er ja Alles, was er braucht und lebt in einem so schönen Lande, wo es niemahls Winter wird!
Vater. Alles, was er braucht?
Gottlieb. Ja, hat er nicht Kartoffeln und Fleisch und Salz, und Citronen und Fische und Schildkröten und Austern, und kann er nicht von der Milch, die ihm die Lama's geben, Butter und Käse machen?
Vater. Das hat er wirklich schon seit einiger Zeit getan; ich hab es nur vergessen zu sagen.
Gottlieb. Na, und Bogen und Spiess hat er auch, und eine gute Wohnung auch: was wolt' er denn mehr?
Vater. Robinson wusste das Alles sehr zu schäzen und dankte Gott dafür; und doch – hätt' er sein halbes künftiges Leben darum gegeben, wenn ein Schiff gekommen wäre, um ihn wieder in sein Vaterland zurück zu bringen.
Gottlieb. Ja, aber was fehlte ihm denn noch?
Vater. Viel, sehr viel, um nicht Alles zu sagen. Es fehlte ihm an dem, ohne welches keine wahre Glükseeligkeit hienieden möglich ist, an Gesellschaft, an Freunden, an Wesen seiner Art, die er lieben und von denen er wieder geliebt werden könnte. Entfernt von seinen Eltern, die er so sehr betrübt hatte, entfernt von seinen Freunden, die er niemahls wieder zu sehen hoffen durfte, entfernt von allen, allen Menschen auf der ganzen Erde – ach! was hätte ihm in dieser traurigen Lage auch der grösste Überfluss an allen irdischen Gütern für sonderliche Freude machen können? Versuche es, junger Freund, versuche es nur einmal einen einzigen Tag, an einem einsamen Orte ganz allein zu sein, und du wirst es fühlen, was es mit dem einsamen Leben auf sich hat!
Und dann, so fehlte auch noch sehr viel daran, dass Robinsons anderweitige Bedürfnisse völlig wären befriediget gewesen. Alle seine Kleidungsstükke verfielen nach und nach in unbrauchbare Lappen, und noch sah er nicht, wie es ihm möglich sein werde, neue Kleider zu verfertigen.
Johannes. O die Kleider kont' er ja auch wohl entbehren auf seiner warmen Insel, wo es niemahls Winter wurde!
Lotte. Fi! so hätte er ja nakt gehen müssen.
Vater. Zum Schuz wider die Kälte brauchte er freilich keiner Kleider; wohl aber zum Schuz wider die Insekten, besonders wider die Musquitos, wovon es auf dieser Insel wimmelte.
Nikolas. Was sind denn das für Tiere, die Musquitos?
Vater. Eine Art von Fliegen, die aber einen viel schmerzhaftern Stich, als die Unsrigen, verursachen. Sie sind eine grosse Plage für die Bewohner der heissen Erdgegenden: denn ihre Stiche lassen beinahe eben so schmerzhafte Beulen nach sich, als bei uns der Stich der Bienen und der Wespen. Robinsons Gesicht und Hände waren fast immer davon aufgeschwollen. Was stand ihm nun nicht erst alsdan für Leiden bevor, wenn seine Kleidungsstükke einst völlig würden zerrissen sein! Und diese Zeit war nahe.
Dies und besonders die Sehnsucht nach seinen Eltern und nach menschlicher Gesellschaft überhaupt, pressten ihm manchen tiefen Seufzer aus, so oft er am Strande stand und mit nassen schmachtenden Augen über das unendliche Weltmeer hinblikte, und jedesmahl nichts, als Wasser und Himmel, vor sich sah. Wie gross wurde ihm oft das Herz von vergeblicher Hoffnung, wenn am entfernten Horizonte ein kleines Wölkchen empor stieg, und seine Einbildungskraft ein Schiff mit Masten und Segeln daraus machte! Und wenn er dann des Irtums inne wurde: ach! wie stürzten ihm da die Tränen aus den Augen, und mit welchem bangen beklommenen Herzen kehrte er dann zu seiner Wohnung zurück!
Lotte. O er hätte nur den lieben Gott recht sehr bitten sollen; so würde der gewiss ihm ein Schiff zugeschikt haben!
Vater. Das tat er, liebe Lotte; er betete Tag und Nacht zu Gott um seine Erlösung; aber er vergass auch nie, hinzu zu setzen: doch, Herr, nicht mein Wille, sondern der Deinige geschehe!
Lotte. Warum tat er das?
Vater. Weil er jezt vollkommen überzeugt war, dass Gott viel besser, als wir selbst, wisse, was uns gut ist. Er dachte also: wenn's meinem himlischen Vater nun so gefallen sollte, mich noch länger hier zu lassen, so muss er gewiss recht gute Ursachen dazu haben, die ich nicht einsehe; und also muss ich ihn nur unter der Bedingung um meine Befreiung bitten, wenn seine Weisheit es für nüzlich erkent.
Aus Besorgnis, dass einmal ein Schiff vorbeifahren, oder sich bei der Insel vor Anker legen möchte, zu einer Zeit, da er grade nicht am Strande wäre: fasste er den Entschluss, auf der vorspringenden Erdzunge ein Zeichen aufzurichten, aus welchem jeder, der da ankäme, seine Not ersehen könnte. Dieses Zeichen bestand in einem Pfahle, an welchem er eine Flagge wehen liess.
Nikolas. Ja, wo kriegt' er denn die Flagge her?
Vater. Das will ich dir sagen. Sein Hemde befand sich jezt in einem Zustande, dass es unmöglich länger getragen werden konnte. Er nahm also den grössten Lappen desselben und machte ihn zur Flagge an dem aufgerichteten Pfahl.
Nun hätt' er auch gern eine Inschrift auf den Pfahl gesezt, um seine Not noch deutlicher zu erkennen zu geben: aber wie solt' er das anfangen? – Das einzige Mittel dazu, welches in seiner Gewalt stand, war dieses, dass er die Buchstaben mit seinem steinernen Messer einschnit. Aber nun entstand die Frage: in welcher Sprache er die Inschrift abfassen sollte? Tat er es in deutscher oder englischer Sprache, so konnte vielleicht ein französisches, oder spanisches oder portugisisches Schiff kommen, und dann würden die Leute auf demselben nicht verstanden haben, was die Worte bedeuteten. Glüklicher Weise besan er sich auf ein Paar lateinische Worte, mit denen er seinen Wunsch ausdrükken konnte.
Gottlieb. Ja, würden denn das die Leute verstehen?
Vater. Die lateinische Sprache, wie ihr wisst, hat sich durch alle Länder Europens verbreitet und die meisten Menschen, die eine ordentliche Erziehung gehabt haben, verstehen wenigstens etwas davon. Robinson durfte also hoffen, dass auf jedem Schiffe, welches da ankäme, wenigstens einer sein würde, der seine Inschrift verstünde. Also macht' er sie fertig.
Johannes. Wie hiess sie denn?
Vater. Ferte opem misero Robinsonio! Verstehst du, Lotte?
Lotte. I ja: helft dem armen Robinson!
Vater. Jezt bestand sein grösstes Bedürfnis in dem Mangel an Schuhen und Strümpfen. Diese waren ihm endlich stükweise abgefallen und die Musquitos verfolgten seine blossen Beine so entsezlich, dass er vor Schmerzen nicht zu bleiben wusste. Gesicht, Hände und Füsse waren ihm seit der Regenzeit, wodurch die Insekten sich auf eine unbeschreibliche Weise vermehrt hatten, dergestalt von schmerzhaften Stichen aufgeschwollen, dass sie gar kein menschliches Ansehen mehr hatten.
Wie oft sezte er sich in seinen Gedankenwinkel, um ein Mittel zu seiner Bedekkung auszusinnen! Aber immer vergebens; immer fehlt' es ihm an Werkzeugen, und an nötiger Kentniss, um das zu Stande zu bringen, was er zu machen wünschte.
Das leichteste unter allen Mitteln zu seiner Bekleidung schienen ihm die Felle der geschlachteten Lama's darzubieten. Aber diese waren noch roh und steif; und zum Unglück hatt' er sich nie darum bekümmert, wie die Lohgärber und die Weissgärber es anfangen, um rohe Felle zu zubereiten. Und hätt' er dies auch gewusst; so hatte er doch keine Nadel und keinen Zwirn, um aus dem Leder irgend ein Kleidungsstük zusammen zu nähen.
Die Not war indes dringend. Er konnte weder bei Tage arbeiten, noch zur Nachtzeit schlafen, so unaufhörlich verfolgten ihn die Fliegen mit ihren Stacheln. Es musste also notwendig irgend etwas geschehen, wenn er nicht auf die erbärmlichste Weise umkommen wollte.
Diderich. Wozu mag doch Gott auch wohl die fatalen Insekten eigentlich geschaffen haben, da sie einem nur zur Last sind?
Vater. Wozu meinst du wohl, dass der liebe Gott dich und mich und andere Menschen erschaffen hat?
Diderich. Dass wir in seiner Welt glücklich sein sollen.
Vater. Und was bewog ihn denn wohl, das zu wollen.
Diderich. Ja, weil er so gut ist, und nicht gern allein glücklich sein wollte.
Vater. Ganz recht. Aber meinst du nicht, dass die Insekten auch einer Art von Glükseeligkeit geniessn?
Diderich. Ja, das wohl; man sieht, wie sie sich freuen, wenn die Sonne so warm scheint.
Vater. Nun, ist es dir also nicht begreiflich, warum auch sie von Gott geschaffen sind? Sie sollen sich auf seiner Erde auch freuen und so glücklich sein, als sie ihrer Natur nach werden können. Ist diese Absicht nicht sehr liebreich, und eines so guten Gottes würdig?
Diderich. Ja, ich meine nur, der liebe Gott hätte wohl nur lauter solche Tiere schaffen können, die keinem was zu Leide tun!
Vater. Danke Gott, dass er das nicht getan hat.
Diderich. Warum?
Vater. Weil du und ich und wir Alle sonst auch nicht da wären.
Diderich. Wie so?
Vater. Weil wir grade zu den reissendsten und verheerendesten unter allen Tierarten gehören! Alle andere Geschöpfe auf Erden sind nicht nur unsere Sklaven, sondern wir tödten sie auch nach Gefallen, bald um ihr Fleisch zu essen, bald um ihre Felle zu bekommen; bald weil sie uns im Wege sind, bald um dieser, bald um jener unerheblichen Ursache willen. Wie viel mehr Recht hätten also die Insekten zu fragen: warum mag doch Gott wohl das grausame Tier, den fatalen Menschen erschaffen haben? – Was würdest du nun der Fliege auf diese Frage antworten?
Diderich. (Verlegen) Ja – das weiss ich nicht.
Vater. Ich würde ohngefähr so zu ihr sprechen: »liebe Fliege, deine Frage ist sehr verwegen, und beweiset, dass du mit deinem kleinen Kopfe noch nicht ordentlich zu denken gelernt hast. Sonst würdest du bei dem geringsten Nachdenken leicht erkant haben, dass Gott aus blosser Güte viele seiner Geschöpfe so eingerichtet habe, dass Eins von dem Andern leben muss. Denn hätt' er dies nicht getan, so würde er nicht halb so viel Tierarten haben erschaffen können: weil Gras und Früchte nur für wenige Arten von lebendigen Geschöpfen hinreichend gewesen wären. Damit also die ganze Erde belebt würde, damit überal – in Wasser, Luft und Erde – lebendige Wesen wären, die sich ihres Daseins freuten, so lange sie lebten, und damit die eine Art von Geschöpfen nicht zum Untergang einer andern Art sich gar zu stark vermehrte: so musste der weise und gute Gott die Einrichtung treffen, dass einige Geschöpfe auf Unkosten anderer lebten. – Ueberdem hast du dir in deinem kleinen dummen Kopfe wohl nicht träumen lassen, was wir Menschen mit völliger Gewissheit wissen, nämlich: dass dies Leben für alle von Gott erschaffene Geister, auch für dich, Fliege! nur der Anfang, nur die erste Morgenstunde eines andern ewigen Lebens sei, und dass sich also künftig einmal Vieles, Vieles aufklären kann, wovon wir jezt noch nichts begreifen. Wer weiss, ob nicht dann auch du erfahren wirst, wozu es dir und Andern gut gewesen sei, dass du dich erst an unserm Blute laben und dann von der Schwalbe gefangen oder vom Fliegenklap zerschmettert werden musstest? Bis dahin bescheide dich, dass du nur eine Fliege seist, die über das, was der alweise und algütige Gott tut, unmöglich urteilen kann; und wir – wollen dir hierin mit unserm Exempel vorgehn.« Was meinst du, Diderich, würde die Fliege, wenn sie Verstand hätte, mit dieser Antwort wohl zufrieden sein?
Diderich. Ich bin's.
Vater. Nun so wollen wir wieder zu unserm Robinson zurückkehren.
Die Not zwang ihn, sich zu helfen, so gut er konnte. Er kriegte also die Felle vor, und schnit aus denselben – freilich nicht ohne viele Mühe – mit seinem steinernen Messer, erst ein Paar Schuhe, dann ein Paar Strümpfe zu. Nähen konnte er beide nicht; also musst' er sich begnügen, nur kleine Bindlöcher darein zu machen, um sie durch Hülfe eines gedreheten Fadens an den Füssen fest zu schnüren. Das war nun freilig mit grosser Beschwerlichkeit verbunden. Denn ohngeachtet er das Rauhe auswärts kehrte; so fühlte er dennoch immer eine brennende Hize in den Füssen, und das steife harte Leder schabte ihm vollends bei dem geringsten Gange, den er vornahm, die Haut wund, und verursachte ihm dadurch nicht geringe Schmerzen. Und dennoch wollte er lieber dies, als die Stiche der Musquitos, ertragen.
Von einem andern sehr steifen und etwas krum gebogenen Stük Leder machte er sich eine Maske, indem er nur zwei kleine Löcher für die Augen und ein drittes für den Mund zum Atemholen hinein schnit.
Und da er einmal bei dieser Arbeit war: so beschloss er nicht eher nachzulassen, bis er endlich auch mit einer Jakke und mit Beinkleidern aus Lamafellen zu Stande gekommen wäre. Das kostete nun freilig schon mehr Kopfbrechen: allein, was hat man auch ohne Mühe, und was gelingt einem endlich nicht, wenn man nur Geduld und Fleiss genug anwendet? – Ihm gelang auch diese Arbeit zu seiner herzlichen Freude.
Die Jakke war aus drei Stükken zusammen gesezt, die durch Schnüre verbunden wurden; zwei Stükke nämlich, waren für die Arme und das Dritte für den Leib. Die Beinkleider bestanden gleichfalls wie unsere Reitosen, aus zwei Stükken, einem Vorder- und einem Hinterteile, und wurden auf den Seiten zugeschnürt. Er legte beides, so bald es fertig geworden war, an, mit dem Vorsaze, sein altes, schon halb zerrissenes Europäisches Kleid nicht anders, als an hohen Festtagen und an seiner Eltern Geburtstagen, die er als heilige Tage feierte, anzuziehen.
Sein Aufzug war nunmehr der sonderbarste von der Welt. Vom Kopf bis zu den Füssen in rauhe Felle eingehült; statt des Degens ein grosses steinernes Beil an der Seite; auf den Rükken eine Jagdtasche, einen Bogen und ein Bündel Pfeile, in der rechten Hand einen Spiess, der noch einmal so lang war, als er selbst, und in der Linken einen geflochtenen Sonnenschirm mit Kokusblättern belegt, und statt des Hutes, einen spizig zugehenden Korb, gleichfalls mit rauhen Fellen überzogen, auf dem Kopfe: stelt euch einmal vor, wie das wohl aussehen musste! Keiner, der ihn so gesehen hätte, würde in diesem wunderbaren Aufzuge ein menschliches Wesen vermutet haben. Auch musste er selbst über sich lachen, da er diese seine ganze Figur zum erstenmahle im Bache sah.
Jezt schritt' er wieder zu seiner Töpferarbeit. Der Brenofen war bald gemacht, und nun wolt' er versuchen, ob er nicht durch die Gewalt des stärksten Feuers eine Glasur hervorbringen könnte. Er stekte also die Töpfe mit den Tiegeln hinein, und machte darauf nach und nach ein so starkes Feuer an, dass der Ofen durch und durch glühend wurde. Dies heftige Feuer unterhielt er bis an den Abend, da er es nach und nach ausgehen liess, und nun sehr begierig war, den Erfolg davon zu sehen. Aber was wars? Der erste Topf, den er hervorzog, war dem ohngeachtet nicht glasirt, der zweite auch nicht, und so die übrigen. Als er aber zulezt einen der Tiegel betrachtete: so bemerkte er zu seiner eben so grossen Freude, als Verwunderung, dass dieser allein auf dem Boden mit einer ordentlichen Glasur überzogen war.
dabei stand nun sein Verstand vollends stil. Was in aller Welt, dacht' er, kann doch wohl die Ursache sein, warum grade dieser eine Tiegel ein wenig glasirt worden ist, und keins von den übrigen Gefässen, da sie doch alle aus einerlei Ton gemacht, und in einem und eben demselben Ofen gebrant worden sind? – Er san und san, aber es wollte sich lange nichts finden lassen, was ihm das Ding begreiflich machte.
Endlich erinnerte er sich, dass in diesem Tiegel ein wenig Salz gewesen sei, da er ihn in den Ofen gesezt habe. Er konnte also nicht umhin zu vermuten, dass dieses Salz einzig und allein die Ursache der Glasirung sei.
Johannes. Hatt's denn auch wirklich das Salz gemacht?
Vater. Ja. Was Robinson hier durch Zufal entdekte, hat man in Europa längst gewusst. Das Salz nämlich ist eigentlich dasjenige, durch dessen Vermischung viele Sachen im Feuer zu Glas werden. Er hätte daher die Töpfe nur mit Salzwasser bestreichen, oder auch nur eine Porzion Salz in den glühenden Ofen werfen dürfen, so würden seine Töpfe alsobald mit einer Glasrinde überzogen worden sein.
Das wolt' er nun am folgenden Tage versuchen. Schon brante das Feuer unter seinem Ofen; schon hatt' er einige Gefässe mit Salzwasser bestrichen und in andere troknes Salz getan, um beide Versuche zugleich zu machen: als er mitten in dieser Arbeit durch etwas unterbrochen wurde, wovor ihm schon lange am meisten bange gewesen war, durch – eine Unpässlichkeit.
Er empfand Uebelkeiten, Kopfschmerzen, und eine grosse Mattigkeit in allen seinen Gliedern. Und nun stand ihm der schreklichste Zustand bevor, in welchen ein Mensch jemahls geraten kann.
»Grosser Gott, dachte er, was wird aus mir werden, wenn ich von meinem Lager nicht mehr aufstehen kann? Wenn keine mitleidige Hand da ist, die meiner wartet und meinem Unvermögen zu Hülfe kömt? Kein Freund, der mir den Todesschweiss abwischt und mir irgend ein Labsal reicht? Gott! Gott! was wird aus mir werden?«
Er sank, von tiefer Selenangst überwältiget, mit diesen Worten ohnmächtig zu Boden.
War ihm nun jemahls ein festes kindliches Vertrauen auf Gott, den algegenwärtigen und alliebenden Vater, nötig gewesen; so war es jezt. Aller menschlichen Hülfe beraubt, von seinen eigenen Kräften verlassen: was blieb ihm nun noch übrig, wenn er in seinem Elende nicht untergehen sollte? Gott, Gott allein; sonst niemand auf der ganzen Welt.
Er lag und rang mit Todesangst. Seine Hände waren fest in einander geklammert; und unfähig zu reden, unfähig zu denken, heftete er seine starren Blikke an den Himmel. Gott! Gott! Erbarmung! – Dies war Alles, was er mit tiefen Seufzern von Zeit zu Zeit hervorzubringen vermochte.
Aber die Angst liess ihn nicht lange ruhen. Er rafte seine lezten Kräfte zusammen, um, wo möglich, das Nötigste zu seiner Verpflegung neben sein Lager zu tragen, damit er, wenn die Krankheit ihm das Aufstehen unmöglich machte, doch nicht ganz ohne alle Erquikkung wäre. Mit grosser Beschwerlichkeit trug er ein Paar Kokusschalen vol Wasser herbei, die er neben sein Lager sezte. Dan legte er einige gebratene Kartoffeln und vier Zitronen, die ihm noch übrig waren, dazu und sank ohnmächtig daneben auf sein trauriges Krankenbette.
Hätt' es dem lieben Gott jezt gefallen ihn durch einen plözlichen Tod von der Erde wegzunehmen.- ach! wie gern, wie gern wär' er gestorben! Er wagte es, Gott darum zu bitten: aber bald darauf besan er sich wieder, dass dieses Gebet nicht recht sei. »Bin ich nicht Gottes Kind? dacht' er; bin ich nicht sein Werk, und ist er nicht mein liebreicher, mein weiser und mächtiger Vater? Wie darf ich ihm also vorschreiben, was er mit mir tun soll? Weiss er es nicht am besten, was mir gut ist, und wird ers nicht so mit mir machen, als es mir am zuträglichsten ist? Ja, ja, das wird er, der gute, liebe, mächtige Gott! Schweig also, mein armes bekümmertes Herz! Sieh auf Gott, meine arme geängstete Seele, – auf Gott, den grossen Helfer in allen Nöten! Und er wird dir helfen, wird dir helfen durch Leben oder Tod!«
Mit diesen Worten ermante er sich, richtete auf seinen Knien sich in die Höhe, und betete mit heisser Inbrunst seines Herzens: »ich übergebe mich dir, mein Vater; ich übergebe mich ganz deiner väterlichen Führung! Mache es mit mir nach deinem Wohlgefallen! Ich will gern leiden, was du mir zuschikkest; und du wirst mir Kräfte dazu verleihen. O verleihe sie mir, mein Vater – dies ist Alles, warum ich dich anflehe – verleihe mir Geduld in meinen Leiden und unwandelbares Vertrauen auf dich. O erhöre diese Bitte, diese einzige flehentliche Bitte deines armen leidenden Kindes, um deiner Liebe willen!«
Jezt überfiel ihn ein heftiges Fieber. Ohngeachtet er sich ganz und gar mit den getrokneten Lamafellen bedekte, so konnte er sich doch nicht erwärmen. Dieser Frost dauerte wohl zwei Stunden. Dan wechselte er mit einer Hize ab, die wie ein brennendes Feuer durch alle seine Adern lief. Seine Brust flog vom heftigen Schlagen der Pulsadern auf und nieder, wie die Brust eines Menschen, der sich ganz ausser Atem gelaufen hat. In diesem schreklichen Zustande hatt' er kaum so viel Kraft übrig die Kokusschale mit dem Wasser nach dem Munde zu führen, um seine brennende Zunge zu kühlen.
Endlich drang der Schweiss in grossen Tropfen hervor; und dies verschafte ihm einige Linderung. Nachdem er aber eine Stunde darin gelegen hatte, gewan seine Seele wieder einige Besonnenheit. Und da fiel ihm der Gedanke aufs Herz, dass sein Feuer ausgehen würde, wenn nicht neues Holz zugelegt wurde. Er kroch also, so mat er auch war, auf allen Vieren hin, und warf so viel Holz auf den Heerd, als nötig war, um bis Morgen zu brennen. Denn jezt war die Nacht schon angebrochen.
Diese Nacht war die traurigste, die er je erlebt hatte. Frost und Hize wechselten ohne Unterlass mit einander ab; die heftigsten Kopfschmerzen hörten gar nicht auf; und kein Schlaf kam in seine Augen. Dadurch wurde er so entkräftet, dass er am andern Morgen kaum wieder nach dem Holze hinzukriechen vermochte, um das Feuer zu unterhalten.
Gegen Abend nahm die Krankheit von neuem zu. Er wollte abermals nach dem Feuer kriechen; aber das war ihm diesmahl unmöglich. Er musste also auf die Erhaltung desselben Verzicht tun und die gewisse Hoffnung, dass es nicht lange mehr mit ihm dauern würde, machte ihn gleichgültig dagegen.
Die Nacht war wieder, wie die vorige. Das Feuer war indes erloschen; das übrige Wasser in den Kokusschalen fing an zu faulen; und Robinson war nunmehr unfähig, sich von einer Seite auf die andere zu legen. Er glaubte die Annäherung des Todes zu fühlen und die Freude darüber machte ihn stark genug, sich noch durch ein frommes Gebet zu seiner grossen Reise vorzubereiten.
Er bat Gott noch einmal demütig um Vergebung seiner Sünden. Dan dankte er ihm für alle Güte, die er ihm – einem so unwürdigen Menschen – sein ganzes Leben hindurch erwiesen habe. Besonders aber dankte er ihm für die Leiden, die er zu seiner Besserung ihm zugeschikt hätte, und wovon er jezt mehr, als jemahls erkannte, wie wohltätig sie für ihn gewesen waren. Zulezt bat er noch um Trost und Seegen für seine armen Eltern; dann empfahl er seine unsterbliche Seele der ewigen Vaterliebe seines Gottes – legte sich darauf zurechte, und erwartete den Tod mit freudiger Hoffnung.
Auch schien derselbe sich mit starken Schritten zu nähern. Die Beängstigungen nahmen zu; die Brust fing an zu röcheln, und das Atemholen wurde ihm immer schwerer. Jezt, jezt schien der lezte gewünschte Augenblick da zu sein! Eine Beängstigung, die er nie gefühlt hatte, ergrif sein Herz, der Atemzug stand plözlich stil; er kriegte Verzukkungen, neigte sein Haupt und hörte auf sich seiner bewusst zu sein.
 
Alle schwiegen eine gute Weile und ehrten das Andenken ihres Freundes, den sie nie gesehen hatten, durch eine wehmütige Empfindung. – Der arme Robinson! seufzten nachher Einige; Gotlob! sagten die Andern, dass er nun von allen seinen Leiden befreit ist! – Und so ging die Gesellschaft diesen Abend stiller und nachdenkender auseinander, als gewöhnlich.
Zweiter Teil
Zwölfter Abend.
»Väterchen, was wilst du uns denn nun erzählen?« fragte Lotte, da sich Alle wieder unter dem Apfelbaume eingefunden hatten, und der Vater Miene machte, als ob er für seine Kleinen abermals etwas in Bereitschaft habe. (Die ganze Gesellschaft hatte unterdess Unterricht im Korbmachen genommen, womit sie jezt eben beschäftigst war.)
»Von Robinson!« antwortete der Vater, und die Versamlung machte grosse Augen.
Lotte. I, der ist ja todt!
Johannes. O stille doch, Lotte! Er kann ja wohl wieder aufgelebt sein; weisst du nicht, dass wir schon einmal geglaubt haben, dass er todt sei, und da lebt' er ja doch noch.
Vater. Robinson kriegte, wie wir zulezt gehört haben, Verzukkungen; neigte sein Haupt und hörte auf, sich seiner bewust zu sein. Ob er wirklich todt, oder nur von einer starken Ohnmacht überfallen sei, war noch unentschieden.
Ueber eine gute halbe Stunde lag er in dem Zustande einer gänzlichen Sinlosigkeit. Endlich – wer hätt' es wohl gedacht! – kehrte das Bewustsein wieder in seine Seele zurück.
Alle. Ah! das ist gut! das ist schön, dass er noch nicht todt ist!
Vater. Mit einem tiefen Seufzer fing er wieder an, auf die gewöhnliche Weise Atem zu holen. Dan schlug er seine Augen auf und blikte umher, als wenn er sehen wollte, wo er wäre? Denn wirklich war er in diesem Augenblicke selbst noch zweifelhaft, ob er aus seinem Leibe herausgegangen sei, oder nicht? Endlich überzeugte er sich von dem Leztern und zwar zu seiner grossen Betrübnis, weil der Tod ihm jezt wünschenswürdiger, als das Leben, schien.
Er fühlte sich sehr mat, aber doch ohne sonderliche Schmerzen. Stat der troknen brennenden Hize, die er vorher empfunden hatte, quol jezt ein starker wohltätiger Schweiss aus allen seinen Gliedern. Um denselben zu unterhalten, bedekt' er sich noch immer mit Fellen, und kaum hatt' er eine halbe Stunde in dieser Lage zugebracht, als er anfing grosse Erleichterung zu spüren.
Aber jezt quälte ihn der Durst auf die allerempfindlichste Weise. Das übrige Wasser war nicht mehr trinkbar; zum Glük erinnerte er sich der Zitronen. Mit vieler Mühe biss er endlich eine derselben an, und genoss ihres Saftes zu seiner merklichen Erquikkung. Dan geriet er, unter fortdauerndem Schweisse, in einen sanften Schlummer, der sich erst mit dem Aufgange der Sonne endigte.
O wie viel leichter war's ihm jezt ums Herz, als am gestrigen Tage! Die Wut der Krankheit hatte sich offenbar gelegt und sein ganzes jeziges Uebel bestand nur noch in blosser Mattigkeit. Er fühlte sogar schon wieder einigen Appetit und speisete eine der gebratenen Kartoffeln, auf die er etwas Zitronensaft treufelte, um den Geschmak derselben erfrischender zu machen.
Die beiden vorigen Tage hatt' er sich gar nicht um seine Lama's bekümmert; jezt aber war es ihm ein rührender Anblik, sie zu seinen Füssen liegen zu sehen, indem einige derselben ihn star ansahen, als wenn sie sich erkundigen wollten, ob's noch nicht besser mit ihm wäre? Zum Glük können diese Tiere, so wie die Kamele, sich viele Tage ohne Getränk behelfen: sonst würd' es jezt schlim um sie ausgesehen haben; weil sie nun schon seit zwei Tagen nicht getrunken hatten, und Robinson auch jezt noch viel zu schwach war, um aufstehen und Wasser für sie holen zu können.
Da das alte Mutterlama ihm so nahe kam, dass er es erreichen konnte: so wandte er alle seine Kräfte an, ihm etwas Milch aus dem Eiter zu ziehen, damit sie ihm nicht vergehen möchte. Der Genuss dieser frischen Milch musste seinem kranken Körper auch wohl zuträglich sein, denn es ward ihm recht wohl darnach.
Nachher verfiel er von neuem in einen erquikkenden Schlaf, aus dem er erst bei Sonnenuntergang wieder erwachte. Und da verspürte er schon viel stärkern Hunger. Er ass also wieder einige Kartoffeln mit Zitronensaft und legte sich abermals schlafen.
Dieser fortdauernde erquikkende Schlaf und die Güte seiner Natur wirkten so stark zur Wiederherstellung seiner Kräfte, dass er am folgenden Morgen schon wieder aufstehen und – wiewohl mit schwachen zitternden Füssen – einige Schritte versuchen konnte.
Er schwankte aus der Höhle bis auf seinen Hofplaz. Hier hob er seine Augen gen Himmel; ein sanfterwärmender Strahl der Morgensonne fiel durch die Bäume auf sein Angesicht, und es ward ihm, als wenn er neu geboren würde. »O du ewiger Quel des Lebens, rief er aus, indem er sich auf seine Knie warf; Gott! Gott! habe Dank, dass du mich noch einmal deine schöne Sonne erblicken, und in ihrem Lichte die Wunder deiner Schöpfung sehen lässt! Habe Dank! Dank! Dank! dass du mich nicht verlassen hast in meiner Not; dass du noch einmal mich zurück gerufen hast ins Leben, um mir noch mehr Zeit zu meiner Besserung zu schenken! Lass mich doch ja jeden Tag meines noch übrigen Lebens dazu anwenden, damit ich zu jeder Zeit bereit gefunden werde, hinzureisen nach dem Orte unserer ewigen Bestimmung, wo wir den Lohn unserer guten und bösen Taten empfangen werden!«
Nach diesem kurzen, aber herzlichen Gebete weidete er seine Augen bald an dem grossen blauen Gewölbe des Himmels, bald an den Bäumen und Stauden, die in frisches Grün gekleidet und mit Tau beperlt, so lachend vor ihm da standen, bald an seinen treuen Lama's, die sich freudig und liebkosend um ihn her drengten. Es war ihm, als wär' er von einer langen Reise wieder zu den Seinigen gekommen; sein Herz floss über und ergoss sich in süssen Freudentränen.
Der Genuss der frischen Luft, und des frischen Wassers, welches er mit Milch vermischte, und die stille Heiterkeit seines Gemüts trugen nicht wenig dazu bei, ihn völlig wieder herzustellen. In einigen Tagen waren alle seine Kräfte ersezt, und er sah sich wieder im Stande, zu seinen Arbeiten zurückzukehren.
Das erste, was er vornahm, war eine Untersuchung, was wohl aus seinen Töpfen möchte geworden sein? Er öfnete den Ofen und siehe da! alle seine Gefässe waren so schön glasirt, als wenn sie von einem unserer Töpfer wären gemacht worden. In der Freude darüber vergass er eine Zeitlang, dass er von dieser seiner wohlgeratnen Arbeit nun keinen Gebrauch werde machen können, weil sein Feuer ausgegangen war. Da ihm dieses endlich einfiel, stand er mit gesenktem Haupte, sah bald die Töpfe und Tiegel, bald die Feuerstelle in seiner Küche an, und stiess einen tiefen Seufzer aus.
Doch blieb seine Betrübnis diesmahl in den Schranken der Mässigkeit. Er dachte nämlich: eben die gütige Vorsehung, die dir neulich Feuer verschafte, kann dir ja, entweder auf eben dieselbe, oder auf eine andere Weise, auch zum zweitenmahle dazu verhelfen, wenn es ihr gefällig ist. Ueberdem wust' er nun schon, dass er keinen Winter hier zu besorgen habe; und ohngeachtet er von Jugend auf an Fleischspeisen gewöhnt war: so hoft' er doch, dass er auch ohne dieselben, bloss von Früchten und von der Milch seiner Lama's, werde leben können.
Lotte. I, er konnte ja auch geräuchertes Fleisch essen; das braucht ja nicht erst gekocht zu werden!
Vater. Das ist wahr; aber womit solt' er denn sein Fleisch räuchern?
Lotte. Ja so! daran hatt' ich nicht gedacht.
Vater. Es reuete ihn indes nicht, die Töpfe gemacht zu haben: denn er konnte sie nun wenigstens zu Milchgefässen brauchen. Den grössten davon hatte er zu einem besondern Gebrauche ausersehen.
Johannes. Nu, wozu denn?
Vater. Er bildete sich ein, dass ihm seine Kartoffeln noch besser schmekken würden, wenn er sie mit etwas Butter essen könnte.
Gottlieb. Das glaub' ich!
Vater. Aber ein hölzernes Butterfass zu verfertigen, war ihm unmöglich. Er wollte daher versuchen, ob die Butter sich nicht auch in einem grossen Topfe machen liesse. Er samlete also so viel Rahm, als er nötig zu haben glaubte. Dan machte er einen kleinen hölzernen Teller mit einem Loche in der Mitte, in welches er einen Stok stekte. Mit diesem Werkzeuge fuhr er dann in dem mit Rahm angefülten Topfe so lange auf und nieder, bis die Butter von der Buttermilch abgesondert war; worauf er sie mit Wasser wusch und mit etwas Salz vermischte.
So war er also auch damit glücklich zu Stande gekommen: aber indem er der Frucht seines Fleisses jezt geniessen wollte, fiel ihm erst ein, dass er auch keine Kartoffeln mehr braten könnte, weil er kein Feuer hätte, woran er in der Hize seiner Geschäftigkeit wiederum gar nicht gedacht hatte. Da stand nun die schöne Butter, welche ungegessen bleiben sollte, und Robinson stand daneben mit traurigem Gesichte. Er sah sich nun auf einmal wieder in seinen anfänglichen armseligen Zustand versezt. Austern, Milch, Kokusnüsse, und rohes Fleisch waren nun wieder seine einzigen Nahrungsmittel geworden, und es stand dahin, ob er diese immer würde haben können? Das schlimste dabei war, dass er gar kein Mittel vor sich sah, wie er seinen Zustand etwa verbessern könnte.
Was solt' er nun vornehmen? Alles, was er mit seinen blossen Händen machen konnte, war schon getan. Es schien ihm also weiter nichts mehr übrig zu sein, als seine Lebenszeit mit Nichtstun und mit Schlafen hinzubringen. Der schreklichste Zustand, den er sich nur denken konnte. Denn die Arbeitsamkeit war ihm jezt schon so sehr zur Gewohnheit geworden, dass er nicht mehr leben konnte, ohne sich mit einer nützlichen Verrichtung die Zeit zu vertreiben; und er pflegte nachher oft zu sagen, dass er die Besserung seines Herzens vornemlich dem Umstande zu verdanken habe, dass er durch die anfängliche Hülflosigkeit seines einsamen Aufentalts zu einer beständigen Geschäftigkeit sei gezwungen worden. Die Arbeitsamkeit, sezt' er hinzu, die Arbeitsamkeit, lieben Leute, ist die Mutter vieler Tugenden; so wie die Faulheit der Anfang aller Laster ist!
Johannes. Ja, darin hat er gewiss auch Recht! Wenn man nichts zu tun hat, so fält einem lauter dum Zeug ein!
Vater. Richtig! eben darum gab er nachher allen jungen Leuten den Rat, sich doch ja von Kindheit an zu gewöhnen, immer geschäftig zu sein. Denn, sagt' er, so wie man sich gewöhnt in der Jugend, so bleibt man gemeiniglich all sein Lebelang, faul oder fleissig, geschikt oder ungeschikt, ein guter oder ein schlechter Mensch.
Nikolas. Das wollen wir uns merken!
Vater. Tut das, Kinder, und richtet euch darnach: es wird euch nicht gereuen. Unser armer Robinson dachte also lange hin und her, was er doch nun wohl für eine Arbeit wieder vornehmen könnte, um nicht müssig zu sein; und was meint ihr wohl, auf was für eine er endlich verfallen sei?
Johannes. Ich wüste wohl, was ich gemacht hätte!
Vater. Nun, lass doch hören!
Johannes. Ich hätte die Lamafelle gerben wollen, damit ich nicht nötig gehabt hätte, sie so rauh am Leibe zu tragen. Das musste doch sehr unbequem sein in einem so heissen Lande!
Vater. Und wie hättest du denn das anfangen wollen?
Johannes. O ich weiss wohl, wie die Lohgerber es machen! Wir haben 's ja gesehn!
Vater. Nun?
Johannes. Erst legen sie die rauhen Häute einige Tage ins Wasser, dass sie recht durchweichen. Hernach kriegen sie sie auf den Schabebaum und fahren mit dem Streicheisen darüber her, um das eingezogene Wasser wieder heraus zu reiben. Dan salzen sie die Felle ein und bedekken sie, dass die frische Luft nicht dazu kommen kann. Das nennen sie die Felle in die Schwize bringen: denn da fangen sie ordentlich an zu schwizen, wie ein Mensch, der stark arbeitet. Darnach können sie die Haare mit dem Streicheisen abschaben. Wenn das geschehn ist, so legen sie die Felle in die Treibfarbe, die aus Birkenrinde, aus Sauerteig und aus einer sauern Brühe von Eichenrinde gemacht wird. Endlich werden diese Felle in die Lohgrube gelegt, und mit einer Brühe übergossen, die auch aus Eichenrinde gemacht ist; und davon werden sie denn völlig gegerbt, oder gar gemacht.
Vater. Gut, Johannes; aber erinnerst du dich auch noch, was das eigentlich für Leder wird, das der Lohgerber auf diese Weise bereitet?
Johannes. Ja, so was, das man zu Schuhen, zu Stiefeln, und zum Pferdegeschirre braucht.
Vater. Also Leder, welches nicht so geschmeidig zu sein braucht, als dasjenige, was wir zu Beinkleider, zu Handschuhen und zu so etwas brauchen?
Johannes. Nein!
Vater. Und wer bereitet denn das?
Johannes. Das tut der Weissgerber; aber dessen seine Werkstat haben wir ja noch nicht gesehen.
Vater. So ging es Robinson auch; er hatte weder des Lohgerbers noch des Weissgerbers Werkstat jemahls besucht; und daher kont' er es weder dem Einen, noch dem Andern nachmachen.
Diderich. Wie macht es denn der Weissgerber?
Vater. Anfangs eben so, wie der Lohgerber, nur dass er die Felle nicht durch Lohe oder Kalk (denn den brauchen die Lohgerber auch) sondern durch warmes Wasser, mit Waizenkleie und Sauerteig vermischt, und hernach durch Aschenlauge beizt. Wir wollen nächstens zu ihm gehen.
Johannes. Wenn's Robinson nun auch gewust hätte, wie die Weissgerber es anfangen: so hätt' er 's doch nicht nachmachen können, weil er keine Waizenkleie, und keinen Sauerteig hatte.
Vater. Siehst du? Also die Lust must' er sich schon vergehen lassen.
Nikolas. Nu, was tat er denn?
Vater. Tag und Nacht lag Ihm der Gedanke im Kopfe, ob's ihm wohl nicht möglich wäre, ein kleines Schiff zu verfertigen.
Johannes. Was wolt' er denn mit dem Schiffe
Vater. Was er damit wollte? Versuchen, ob er nicht vielleicht aus seiner Einsamkeit, die ihm durch den Verlust des Feuers wieder so traurig geworden war, sich damit befreien und wieder zu Menschen kommen könnte. Er hatte Ursache zu vermuten, dass das feste Land von Amerika nicht sehr fern sein könne; und er war entschlossen, wenn er nur einen kleinen Kahn hätte, keine Gefahr zu achten, um, wo möglich, nach diesem festen Lande hinzukommen.
Vol von diesen Gedanken lief er eines Tages aus, um einen Baum aufzusuchen, den er durch Aushöhlen zu einem kleinen Kahne machen könnte. Da er in dieser Absicht einige Gegenden durchlief, wo er bisher noch nicht gewesen war: so entdekte er noch manches ihm unbekannte Gewächs, womit er allerlei Versuche anzustellen beschloss, um zu erfahren, ob's ihm nicht zum Unterhalte dienen könne?
Unter andern fand er einige Stauden von indianischem Korn, oder Maiz, welches man bei uns türkschen Waizen zu nennen pflegt.
Nikolas. Ah! wovon ich in meinem Garten habe?
Vater. Von dem nemlichen! Er bewunderte die grossen Aehren oder Kolben, an deren jeder er über 200 grosse Körner zählte, die wie Korallen an einander gereihet waren. Er zweifelte nicht, dass man Mehlspeisen und Brod davon machen könne; aber wie solt' er die Körner mahlen? Wie das Mehl von der Kleie reinigen? Wie endlich Brod oder andere Speisen daraus bakken, da er nicht einmal Feuer hatte? Demohngeachtet nahm er einige Kolben davon mit, um die Körner zu pflanzen. Denn, dacht' er, wer weiss, ob ich nicht mit der Zeit einen nützlichen Gebrauch davon machen lerne? Ferner entdekt' er einen Fruchtbaum, der ihm gleichfalls noch niemahls vorgekommen war. Er sah grosse Kapseln daran hengen, und da er eine davon erbrach, fand er wohl 60 Bohnen darin. Der Geschmak derselben wollte ihm nicht sehr gefallen. Indes stekt' er auch von diesen eine reife Schote in seine Jagdtasche.
Johannes. Was mochte denn das für eine Frucht sein?
Vater. Es waren Kakaobohnen, von denen die Schokolade gemacht wird.
Johannes. Ah! nun kann er künftig Schokolade trinken!
Vater. Sobald wohl nicht! denn erstlich kent er die Kakaobohnen nicht; und dann, so müssen sie auch erst beim Feuer geröstet, klein gestossen und mit Zukker vermischt werden; und wir wissen ja, dass er weder Feuer, noch Zukker hat. Auch tut man gemeiniglich noch allerlei Gewürz hinzu, als Kardomomen, Vanille und Gewürznägelein, die er auch nicht hatte. Doch dessen hätt' er auch wohl entbehren können, wenn er nur gewust hätte, wie er wieder zum Feuer kommen sollte.
Endlich fand er einen grossen Kokusbaum, der vor Alter schon auf der einen Seite ein wenig hohl geworden war, und der ihm sehr tauglich schien, einen kleinen Kahn abzugeben, wenn er ihn nur umhauen und völlig aushöhlen könnte. Aber einen so nützlichen Baum, in der Ungewissheit, ob es ihm auch je gelingen wurde ein Schiff daraus zu machen, aufs Geratewohl zu verderben? – Er erschrak vor dem Gedanken, und wusste lange nicht, was er tun sollte? Indes merkt' er sich die Stelle, wo er stand, und ging unentschlossen nach Hause.
Auf seinem Rükwege fand er, was er zu finden längst gewünscht hatte, ein Papageiennest mit flüggen Jungen. Wie gross war seine Freude über diesen Fund! Aber indem er hinzutrat, um die Jungen auszunehmen, flatterten sie alle davon, bis auf einen, den er glücklich haschte. Er begnügte sich damit, und eilte froh zu Hause.
Diderich. Was konnte denn ein Papagei ihm eben helfen?
Vater. Er wollte ihn einige Worte aussprechen lehren, um die Freude zu haben, einmal wieder eine menschenähnliche Stimme zu hören. Uns freilich, die wir mitten in der menschlichen Gesellschaft leben und die wir des Glüks, Menschen zu sehen, Menschen zu hören, mit Menschen zu reden und mit ihnen umzugehen, alle Tage geniessen, scheint die Freude, welche Robinson sich von dem Geschwäz dieses Papageien versprach, eben nicht von grosser Erheblichkeit zu sein. Aber wenn wir uns in seine Stelle versetzen können: so werden wir begreifen, dass das, was uns eine unerhebliche Kleinigkeit scheint, für ihn ein grosser Zuwachs an wirklicher Glükseeligkeit sein musste.
Er eilte also froh nach Hause, verfertigte noch, so gut er konnte, einen Käfig, sezte denselben mit seinem neuen Freunde neben seine Lagerstelle, und legte sich schlafen.
Dreizehnter Abend.
Am folgenden Abend rief der Vater seine Kleinen etwas früher zusammen, weil er, wie er sagte, erst eine Ratsversamlung mit ihnen halten müste, bevor er in seiner Erzählung weiter gehen könnte.
Worüber wollen wir uns denn beratschlagen? riefen die Kleinen, indem sie rund um ihn herum zusammentrafen.
Vater. Ueber eine Sache, die unserm Robinson die ganze Nacht hindurch im Kopfe herum gegangen ist, und wovor er kein Auge hat zu tun können.
Alle. Nun?
Vater. Es war die Frage, ob er den alten Kokusbaum, den er gestern gesehen hatte, in der ungewissen Hoffnung, ob er daraus ein Schiff würde machen können, umhauen oder stehen lassen sollte.
Johannes. Ich hätt' ihn hübsch wollen stehen lassen.
Diderich. Und ich hätt' ihn umgehauen.
Vater. Da sind also zwei entgegengesezte Meinungen; der Eine will den Baum umhauen, der Andere will ihn stehen lassen. Lasst doch hören, ihr Andern, was ihr dazu sagt?
Gottlieb. Ich halt' es mit Johannes.
Lotte. Ich auch, lieber Vater! Der Baum soll stehen bleiben.
Frizchen. Nein er soll umgehauen werden, dass der arme Robinson ein Schiff kriegt.
Nikolas. Das sag ich auch!
Vater. Nun so stellt euch in zwei Parteien; und dann wollen wir hören, was jeder für Grund zu seiner Meinung hat. – So! Nun, Johannes, mache du den Anfang; warum soll der Baum stehen bleiben?
Johannes. I, weil er so schöne Früchte trägt, und weil diese Art von Bäumen so was Seltenes auf der Insel ist!
Diderich. O es ist schon ein alter Baum; der wird doch nicht lange mehr Früchte tragen!
Johannes. Woher weisst du das? Er ist ja nur erst ein wenig hohl; und wie viel hohle Bäume gibts nicht, die noch manches Jahr Früchte tragen.
Nikolas. Robinson hat ja schon andere Bäume gepfropft; nun wird er bald Kokusbäume genug kriegen?
Gottlieb. Ja, aber sind die denn sogleich gross? Da können ja wohl vier Jahre über hingehen, ehe die anfangen, Früchte zu tragen.
Frizchen. Ist es denn nicht besser, dass er ein Schiff kriegt, und wieder zu Menschen fährt, als dass er da immer auf seiner Insel sizt und Kokusnüsse isst?
Johannes. Ja, wenn das Schiff so gleich fertig wäre! Womit will er denn den Baum umhauen, und womit will er ihn aushöhlen, da er nur eine steinerne Axt hat?
Diderich. O, wenn er nur lange genug daran hauet und nicht ungeduldig wird, so wird er schon damit zu Stande kommen!
Gottlieb. Aber denn so hat er ja noch kein Segel! Was will er denn mit dem blossen Schiffe anfangen?
Nikolas. O er muss sich mit Rudern helfen!
Lotte. Ja, das wird schön gehen! Weisst du nicht mehr, da wir bei Travemünde auf der Ostsee waren [Fussnote], und dem einen Matrosen das Ruder brach, wie es uns da beinahe gegangen wäre? Vater sagte ja, wenn das zerbrochene Ruder nicht noch zu gebrauchen gewesen wäre: so hätte uns der andere Matrose allein nicht wieder ans Land bringen können.
Diderich. O das war auch ein grosser Kahn, und waren ja achtzehn Menschen drin. Wenn sich Robinson einen kleinen Kahn und zwei Ruder macht, so wird er ihn schon allein regieren können.
Vater. Nun, Kinder, ihr seht, die Sache ist gar nicht leicht zu entscheiden. Alles, was ihr da gesagt habt, ging dem guten Robinson die ganze Nacht hindurch auch im Kopfe herum; und das nennt man eine Sache überlegen, wenn man nachdenkt, ob es besser sei, sie zu tun, oder nicht zu tun. Seitdem Robinson die traurigen Folgen seiner übereilten Entschliessung, in die weite Welt zu reisen, empfunden hatte, hatt' er sich's zur beständigen Regel gemacht, nie wieder etwas zu tun, ohne erst vorher eine vernünftige Ueberlegung darüber angestellt zu haben. Das tat er also auch jezt. Nachdem er nun die Sache lange genug hin und her überdacht hatte; so fand er, dass Alles auf die Frage ankomme: ob es recht sei, einen kleinen, aber gewissen Vorteil hinzugeben, um einen grössern, aber noch ungewissen Vorteil dadurch zu erlangen? Da fiel ihm nun zuerst die Fabel von dem Hunde ein, der das Stük Fleisch, welches er im Munde hielt, fahren liess, um nach dem Schatten desselben im Wasser zu greifen, und darüber am Ende gar nichts hatte. Aber bald darauf erinnerte er sich auch, wie es die Landleute machen; dass sie nämlich einen Teil des Korns, welches sie schon haben, ausstreuen, in der Hoffnung, noch weit mehr dadurch zu gewinnen. Das Verfahren des Hundes nent jederman unvernünftig, das Verfahren des Landmans hingegen vernünftig und klug: »was mag denn wohl, dachte Robinson, der Unterschied hiebei sein?«
Er san noch ein Weilchen darüber nach und dann sagt' er zu sich selbst: »ja, ja, so ists! Der Hund handelte unvernünftig, weil er nur seiner Begierde folgte, ohne zu überlegen, ob er das, was er haschen wollte, auch wirklich erlangen könnte. Der Akkersman aber handelt vernünftig, weil er mit grosser Wahrscheinlichkeit hoffen kann, dass er mehr Korn wieder bekommen werde, als er ausstreuet.«
»Nun, sagt' er ferner, bin ich nicht in demselben Falle? Ist es nicht wahrscheinlich, dass ich durch anhaltenden Fleiss endlich damit zu Stande kommen werde, aus dem alten Baume einen Kahn zu machen? Und wenn mir dieses glückken sollte, hab' ich dann nicht Hoffnung, mich damit aus dieser traurigen Einöde befreien zu können?«
Der Gedanke an seine Befreiung wurde in diesem Augenblicke so lebhaft in seiner Seele, dass er plözlich aufsprang, sein steinernes Beil ergrif, und spornstreichs nach dem Baume hinlief, um das grosse Werk sogleich anzufangen.
Aber hatt' er jemahls ein mühseeliges und langwieriges Geschäft unternommen, so war es dieses! Tausend andere Menschen werden nach dem ersten Hiebe den Arm mutlos wieder haben sinken lassen, und die Sache für unmöglich gehalten haben. Aber Robinson hatte sich nun einmal, wie wir wissen, zum Gesez gemacht, sich durch keine Schwierigkeit von irgend einem vernünftigen Vorhaben abschrekken zu lassen; und also blieb er auch diesmahl mit grosser Standhaftigkeit bei seinem einmal gefassten Vorsaze, die Ausführung desselben möchte ihm auch noch so viel Zeit und noch so viel Arbeit kosten!
Nachdem er von Sonnenaufgang an, bis gegen Mittag fast unaufhörlich gearbeitet hatte, war das Loch, welches er durch tausend Hiebe in den Stam gehauen hatte, noch nicht so gross, dass er seine Hand hineinlegen konnte. Daraus könt ihr in voraus schliessen, wie viel Zeit er brauchen wird, um den ganzen ziemlich dikken Baum völlig umzuhauen, und ein Schiff daraus zu zimmern.
Er sah nun wohl, dass das eine Arbeit von mehreren Jahren sein würde; und er hielt daher für nötig, eine ordentliche Einteilung seiner Tageszeit zu machen, um für jede Stunde ein gewisses Geschäft zu haben: Denn er hatte nun schon aus der Erfahrung gelernet, dass bei einem geschäftigen Leben nichts mehr unsern Fleiss befördert und erleichtert, als Ordnung und regelmässige Einteilung der Tagesstunden. Hier ist ein Verzeichnis, woraus ihr sehen könt, wozu er jede Stunde gewidmet hatte.
Sobald der Tag anbrach, stand er auf, und lief nach der Quelle, um Kopf, Hände, Brust und Füsse zu waschen. Da er kein Handtuch hatte, so must' er sich von der Luft troknen lassen, welches er dadurch beförderte, dass er jedesmahl in vollem Laufe nach seiner Wohnung zurück rante. Dan kleidete er sich völlig an. War dieses geschehen, so erstieg er den Hügel über seiner Höhle, wo er eine freie Aussicht hatte, warf sich daselbst auf die Knie und verrichtete ein andächtiges Morgengebet, wobei er nie vergass, Gott um Seegen für seine lieben Eltern zu bitten. Hierauf molk er seine Lama's, von denen er sich nach und nach eine kleine Heerde zugezogen hatte. Einen Teil der jedesmahligen Milch verwahrt' er in seinem Keller, die Uebrige genoss er zum Frühstük. Darüber war denn ohngefähr eine Stunde verflossen. Nun legt' er alles, was zu seiner Bewafnung gehörte, an und machte sich auf den Weg, entweder gleich nach dem Orte, wo der Baum stand, oder, fals es eben Ebbezeit war, erst nach dem Strande, um einige Austern zum Mittagsessen aufzulegen. Seine Lama's liefen dann gewöhnlich alle hinter ihm her und weideten neben ihm herum, indes er selbst mit Hauen beschäftigst war.
Gegen zehn Uhr war die Hize gemeiniglich schon so stark, dass er mit seiner Arbeit einhalten musste. Dan ging er wieder nach dem Strande, teils um Austern zu suchen, fals er des Morgens keine gefunden hatte, teils um sich zu baden, welches er gewöhnlicher Weise des Tages zweimahl zu verrichten pflegte. Gegen eilf Uhr war er mit seiner ganzen Begleitung wieder zu Hause.
Dan molk er abermals die milchgebenden Lama's, bereitete Käse aus der sauergewordenen Milch, und richtete seine kleine Mittagsmahlzeit an, die gemeiniglich aus Milch mit frischem Käse vermischt, einigen Austern und einer halben Kokusnuss bestand. Es kam ihm dabei sehr zu statten, dass man in diesen heissen Erdgegenden nicht halb so viel Appetit zu haben pflegt, als in den kälteren Ländern. Demohngeachtet sehnt' er sich sehr nach Fleischspeisen und konnte endlich nicht umhin, wieder zu dem anfänglich von ihm erdachten Mittel, das Fleisch durch Klopfen mürbe zu machen, seine Zuflucht zu nehmen.
Während seiner Mahlzeit beschäftigte er sich mit seinem Papagai, dem er allerlei vorplauderte, um ihn einige Worte sprechen zu lehren.
Frizchen. Womit fütterte er ihn denn?
Vater. In der Wildheit pflegen die Papagaien sich grösstenteils von Kokusnüssen, Eicheln und Kürbiskörnern zu nähren: zahm essen sie fast alles, was Menschen essen. Robinson fütterte den Seinigen mit Kokusnüssen und Käse.
Nach der Mahlzeit ruhete er eine Stunde im Schatten oder in seiner Höhle aus, der Papagai und die Lama's um ihn herum. Da kont er nun zuweilen sizen und zu den Tieren plaudern ordentlich wie ein kleines Kind, das mit seiner Puppe redet, und sich einbildet, dass die Puppe es verstehe. So gross war das Bedürfnis seines Herzens, irgend einem lebendigen Wesen seine Gedanken und seine Empfindungen mitzuteilen, dass er oft darüber vergass, dass er zu unvernünftigen Tieren rede. Und wenn sein Papchen, den er Pol nante, dann je zuweilen ein verständliches Wort ihm nachschwazte: o wer war da glücklicher, als er! Er glaubte eine menschliche Stimme zu hören; vergass Insel, Lama's und Papagai und war in seiner Einbildung mitten in Europa. Aber dieser süsse Traum dauerte gemeiniglich nur eine Minute; dann sass er wieder da im vollen Bewustsein seines kläglichen Einsiedlerlebens und seufzte: armer Robinson!
Gegen zwei Uhr Nachmittags –
Nikolas. Ja, wie wust' er denn immer, was die Glokke geschlagen hatte?
Vater. Anfangs macht' er es bloss so, wie es die Landleute zu machen pflegen; er beobachtete den Stand der Sonne und schloss daraus auf die jedesmalige Tageszeit. Endlich fiel 's ihm gar ein, eine Art von Sonnenuhr zu machen.
Johannes. Na, was der doch nicht alles machen will!
Vater. Freilig keine solche, als man bei uns machen kann, denn wo hätt' er dazu die nötige Geschiklichkeit, die Werkzeuge und die Materialien hergenommen? Aber doch eine, an der er wenigstens sehen konnte, zu welcher Zeit es jedesmahl Mittag sei.
Johannes. Auch die wüst' ich doch gewiss nicht zu machen!
Vater. Und doch ist nichts leichter, als das! – Er stekte nämlich bloss eine grade Stange senkrecht in die Erde. Je näher es nun gegen Mittag kam, desto kürzer wurde der Schatten dieser Stange. Er merkte sich also den Ort, wohin der Schatten der Stange fiel, wenn er am kürzesten war; bezeichnete diesen Ort mit einem Striche, den er die Mittagslinie nante, und so oft dann der Schatten der Stange wieder in diese Mittagslinie fiel, wust' er, dass es grade Mittag sei. – Er bemerkte aber hierbei etwas Sonderbares, welches in Europa nie gesehen wird.
Johannes. Was denn?
Vater. Dieses, dass in einer Jahrszeit der Schatten der Stange, eben so wie bei uns, zur Mittagszeit nach dem Nordpol, in einer andern Jahrszeit hingegen grade umgekehrt, nämlich nach dem Südpol, hinfiel. Ja, was das Sonderbarste war, zuweilen machte die Stange zur Mittagszeit gar keinen Schatten.
Diderich. Ja, das glaub ich; weil die Insel, worauf er war, zwischen den beiden Wendezirkeln lag.
Vater. Richtig! – Ihr Kleineren, begreift das noch nicht. Aber geduldet euch; in vier Wochen werd' ich auch mit euch die Geographie anfangen; dann solt ihr dies und noch viele andere merkwürdige Dinge auch einsehen lernen.
Um nun aber wieder zu den täglichen Beschäftigungen unsers fleissigen Robinsons zurück zu kommen: so pflegte er um zwei Uhr Nachmittags wieder an seine Schifbauerarbeit zu gehen. Unter dieser wirklich schweren Arbeit bracht' er dann jedesmahl wiederum zwei volle Stunden hin. Waren diese verflossen, so lief er abermals nach dem Strande, teils um sich zum zweitenmahle zu baden, teils um wieder Austern zu suchen. Den Rest des Nachmittags wandt' er zu allerlei Gartenarbeit an. Bald pflanzt' er Maiz oder Kartoffeln, in der Hoffnung einst wieder Feuer zu bekommen, um diese Gewächse nutzen zu können; bald pfropft' er noch mehr Kokusreiser ein; bald begoss er die gepfropften jungen Stämme; bald pflanzt' er Hekken, um sein Gartenland einzuschliessen; und bald beschnitt' er die Baumwand vor seiner Höhle, um die Zweige so zu ziehen, dass sie mit der Zeit zusammen wuchsen und eine grosse Laube ausmachten.
Zu Robinsons Leidwesen dauerte der längste Tag auf dieser Insel höchstens 13 Stunden, so dass es mitten im Sommer Abends um 7 Uhr schon finster ward. Er musste also alle Geschäfte, wobei er Licht brauchte, noch vor dieser Zeit vollenden. –
Gegen sechs Uhr also, wenn sonst nichts Wichtiges zu tun mehr übrig war, stellte er gemeiniglich noch einige ritterliche Leibesübungen an.
Gottlieb. Was heisst das?
Vater. Er übte sich im Bogenschiessen und im Spiesswerfen, um, in Fal der Not, sich gegen einen Anfal der Wilden, vor welchen ihm immer noch bange war, verteidigen zu können. In beiden bracht' er es nach und nach zu einer solchen Fertigkeit, dass er ein Ziel, welches nicht grösser, als ein Gulden war, nur sehr selten verfehlte.
Sobald die Dämmerung anbrach, molk er wiederum seine Lama's und hielt darauf eine ländliche und mässige Abendmahlzeit, wozu er sich von den Sternen oder von dem Monde leuchten liess.
Die lezte Stunde des Abends wandt' er zum Nachdenken über sich selbst an. Er sezte sich nämlich entweder auf dem Gipfel des Berges nieder, wo er das ganze Sternbesäte Himmelsgewölbe über sich hatte, oder er lustwandelte auch wohl in der Abendkühle nach dem Strande zu. Dan pflegt' er sich selbst in Gedanken folgende Fragen vorzulegen:
»Wie hast du diesen Tag nun wieder hingebracht? Bist du im Genuss der Gaben Gottes, die dir heute wiederum zu Teil geworden sind, auch wohl des grossen Gebers derselben immer eingedenk gewesen? Hat dein Herz auch Liebe und Dankbarkeit gegen ihn empfunden? Hast du ihm vertrau't, wenn's dir übel ging, und hast du seiner nicht vergessen, wenn du frölich warest? Hast du jeden bösen Gedanken, der dir einfiel, jede böse Begierde, die in dir rege ward, auch so gleich unterdrükt? Und hast du also heute wirklich zugenommen im Guten?«
So oft nun sein Herz auf diese und ähnliche Fragen mit einem freudigen Ja! antworten konnte: o wie war ihm dann so wohl! Und mit welcher Inbrunst sang er dann ein Loblied zum Preise des grossen Gottes, der zum Gutes tun ihm Seegen verliehen hatte! So oft er aber Ursache fand, mit sich selbst nicht so ganz zufrieden zu sein: o wie schmerzte es ihn dann, einen Tag seines Lebens verloren zu haben! Denn für verloren hielt er jeden Tag, an dem er etwas gedacht oder getan hatte, was er am Abend desselben misbilligen musste. Neben dem Striche, womit er einen solchen Tag in seinem Kalenderbaume bezeichnete, pflegte er ein Kreuz einzugraben, um sich beim Anblik desselben seines Unrechts zu erinnern, und sich ins künftige destomehr davor in Acht zu nehmen.
Seht, lieben Kinder, so machte es Robinson, um täglich besser und frömmer zu werden. Ist es euch nun auch ein wirklicher Ernst mit der Ausbesserung eures Herzens. so rate ich euch, ihm darin nachzuahmen. Sezt gleichfalls, so wie er, eine Abendstunde fest, um über eure Aufführung an dem jedesmahl verflossenen Tage im Stillen nachzudenken; und findet sichs, dass ihr etwas gedacht, geredet, oder getan habt, was ihr vor Gott und eurem eigenen Gewissen nicht gut heissen könt: so schreibt es in ein kleines Büchelchen, um euch von Zeit zu Zeit wieder daran zu erinnern, und vor der abermahligen Begehung ebendesselben Fehlers auf immer in acht zu nehmen. So werdet ihr, gleich ihm, von Tage zu Tage besser, und also auch von Tage zu Tage zufriedener und glücklicher werden. –
Hiermit stand der Vater auf; und jeder von der Gesellschaft ging allein in einen besondern Gang des Gartens, um den guten Rat desselben sogleich in Erfüllung zu bringen.
Vierzehnter Abend.
Nun, Kinder, – fuhr der Vater am folgenden Abend fort – auf eben die Weise, wie ich euch gestern erzählt habe, lebte unser Robinson einen Tag, wie den andern, drei volle Jahre lang. In dieser ganzen Zeit sezte er seine Schifbauerarbeit unablässig fort; und wie weit meint ihr nun wohl, dass er in der langen Zeit mit dieser seiner Arbeit gekommen sei? – Ach! der Stam war noch nicht einmal zur Hälfte ausgehöhlt, und es schien noch immer sehr zweifelhaft zu sein, ob er, bei aller seiner Arbeitsamkeit, in drei oder vier andern Jahren mit dem ganzen Werke zu Stande kommen würde!
Dennoch arbeitete er unermüdet fort: denn was solt' er anders machen? Und etwas zu tun wolt' er und must' er doch nun einmal haben! – Eines Tages aber fiel ihm plözlich ein, dass er diese Insel nun schon so lange bewohne, und gleichwohl erst den kleinsten Teil derselben gesehen habe. Das ist doch nicht recht, dacht' er, dass du durch deine Furchtsamkeit dich so lange hast abhalten lassen, eine Reise von einem Ende der Insel bis an das andere zu tun. Wer weiss, was du in andern Gegenden derselben zu deinem Vorteil hättest entdekken können!
Dieser Gedanke wurde so lebendig in seiner Seele, dass er sich auf der Stelle entschloss, die Reise gleich mit Anbruch des folgenden Tages anzutreten.
Nikolas. Wie gross war denn die Insel wohl?
Vater. Ohngefähr so gross, als das ganze hamburgische Gebiet zusammen genommen, das Amt Rizebüttel nicht mit gerechnet; – etwa vier Meilen lang und zwölf im Umkreise.
Noch an eben demselben Tage machte er alles zu seiner Abreise fertig. Am andern Morgen bepakte er eins seiner Lama's mit Lebensmitteln auf vier Tage, legte seine ganze Rüstung an, empfahl sich dem götlichen Schuze und machte sich getrost auf den Weg. Seine Absicht aber war, sich, so viel möglich, am Strande zu halten, weil er den dichten Wäldern, aus Furcht vor wilden Tieren, noch immer nicht traute.
An diesem ersten Tage seiner Wanderschaft fiel eben nichts Merkwürdiges mit ihm vor. Er machte ohngefähr drei Meilen an demselben, und je weiter er kam, desto mehr überzeugte er sich, dass er seinen Aufentalt grade in der unfruchtbarsten Gegend der Insel genommen habe. An vielen Orten fand er Fruchtbäume, die er noch nie gesehen hatte, von denen er aber mit Recht vermutete, dass sie ihm ein gesundes und wohlschmekkendes Nahrungsmittel gewähren wurden. Nachher lernte er, mit dem eigentlichen Gebrauch derselben, auch ihre Nahmen kennen. Es befand sich darunter der Brodfruchtbaum, der eine grosse Frucht trägt, welche die Indianer auf mancherlei Weise zuzurichten wissen, und sie dann statt des Brodes essen; ferner der Papiermaulbeerbaum, aus dessen Rinde die Japaneser ein schönes Papier, und die Bewohner der Insel Otaheite ein schönes Sommerzeug zu Kleidern verfertigen, wovon ich euch nachher eine kleine Probe zeigen will, die ich aus England erhalten habe.
Die Nacht brachte Robinson aus Furcht vor wilden Tieren auf einem Baume zu; und mit Anbruch des Tages sezt' er seine Reise fort.
Er war noch nicht lange gegangen, als er das äusserste südliche Ende der Insel erreichte. Hier war der Boden an einigen Stellen etwas sandigt. Indem er nun nach der lezten Landspize hingehen wollte: blieb er plözlich, wie vom Donner gerührt, auf einer Stelle stehen, wurde blass, wie die Wand, und zitterte am ganzen Leibe.
Johannes. Warum denn?
Vater. Er sah, was er hier zu sehen nicht vermutet hatte, – die Fussstapfen eines, oder mehrerer Menschen, im Sande.
Nikolas. Und davor erschrickt er so? Das sollte ihm ja lieb sein!
Vater. Die Ursache seines Schreckens war diese: er dachte sich in diesem Augenblicke den Menschen, von dem diese Spur herrührte, nicht als ein mit ihm verbrüdertes, Liebe atmendes Wesen, welches bereit wäre, ihm zu helfen und zu dienen, wo es nur könnte: sondern als ein grausames menschenfeindliches Geschöpf, das ihn wütend anfallen, ihn tödten und verschlingen würde. Mit einem Worte: er dachte sich bei dieser Spur keinen gesitteten Europäer; sondern einen wilden menschenfressenden Kannibalen, deren es damahls, wie ihr schon wisst, auf den Karibisschen Inseln soll gegeben haben.
Gottlieb. Ja, das glaub' ich; da must' er auch wohl vor erschrecken!
Vater. Aber weiser und besser wäre es doch gewesen, wenn er sich von Jugend an hätte gewöhnt gehabt, vor keiner auch noch so grossen Gefahr dergestalt zu erschrekken, dass er seines Verstandes nicht mehr mächtig bliebe. Und dahin, meine lieben Kinder, können wir es alle bringen, wenn wir uns nur frühzeitig genug bemühen, gesund und stark an Leib und Seele zu werden.
Johannes. Ja, wie wird man das aber?
Vater. Dadurch, lieber Johannes, wenn man durch eine arbeitsame, mässige und, so viel möglich, natürliche Lebensart seinen Körper abzuhärten, und seinen Geist durch unbefleckte Tugend und Gottesfurcht über jede Abwechselung des Schiksals zu erheben und gegen jedes Unglück im Voraus zu bewafnen sucht. Wenn ihr also, nach unserm Beispiel, euch mit einem mässigen Genusse gesunder, einfacher, und unerkünstelter Speisen zu begnügen, und das süsse Gift der Lekkereien immer mehr zu verschmähen lernt; wenn ihr den Müssiggang, als eine Pest des Leibes und der Seele flieht und, so viel es immer möglich ist, bald durch Kopfarbeit – durch Lernen und Nachdenken – bald durch Handarbeit beschäftiget seid; wenn ihr euch oft freiwillig übt, etwas sehr Angenehmes, das ihr gar zu gern haben mögtet und auch haben köntet, aus eigener Entschliessung zu entbehren, und etwas sehr Unangenehmes, das euch äusserst zuwider ist und das ihr auch abwehren köntet, mit Vorsaz zu übernehmen; wenn ihr euch der Hülfleistungen anderer Menschen so wenig als möglich bedient, und vielmehr durch euren eigenen Verstand, und durch eure eigene Leibeskräfte eure jedesmaligen Bedürfnisse zu befriedigen, euch selbst zu raten und aus Verlegenheiten zu ziehen sucht; wenn ihr endlich in eurem ganzen Leben den grossen Schaz eines guten Gewissens zu bewahren, und dadurch euch des Beifals und der Liebe unsers almächtigen und algütigen himmlischen Vaters zu versichern euch bestrebt: dann, liebste Kinder, werdet ihr gesund und stark an Leib und Seele sein; dann werdet ihr bei jeder Abwechselung des Schiksals ruhig bleiben, weil ihr alsdan überzeugt seid, dass euch nichts begegnen kann, was euch nicht von einem weisen und liebevollen Gotte zu eurem wahren Besten zugesandt werde. –
Unser Robinson hatte es, wie wir sehen, in dieser auf Gottesfurcht gegründeten Standhaftigkeit noch nicht so weit gebracht, als zu seiner Ruhe und Glückseeligkeit nötig gewesen wäre. Daran war wohl ohnstreitig dieses Schuld, dass er nun einige Jahre hindurch ein ganz ruhiges von allen Gefahren und Unglücksfällen freies Leben geführt hatte. Die gar zu grosse Ruhe und Sicherheit verderben den Menschen, machen ihn weibisch und furchtsam; und es ist daher eine wahre Wohltat Gottes, wenn er uns zuweilen einige Widerwärtigkeiten zuschikt, die unsere Leibes- und Selenkräfte in Tätigkeit setzen und unsern Mut durch Uebung stärken messen.
Robinson stand, wie wir gehört haben, beim Anblik der Menschenspur, wie vom Donner gerührt. Furchtsam blikt' er umher, lauschte mit grosser Aengstlichkeit auf jedes kleine Geräusch der Blätter, und wusste vor Verwirrung lange nicht, wozu er sich entschliessen sollte. Endlich rafte er sich auf, flohe, wie einer, der verfolgt wird, und hatte nicht das Herz, auch nur ein einziges mahl sich umzusehen. Aber plözlich machte ihn etwas stuzen, und verwandelte seine Furcht in Grausen und Entsetzen.
Er sah – bereitet euch, Kinder, einen schreklichen Anblik zu ertragen, und den schauervollen Zustand zu sehen, worin Menschen geraten können, welche ohne Erziehung und Unterricht aufwachsen und sich selbst überlassen bleiben! – Er sah einen Ort, woselbst ein runder Kreis in die Erde gegraben war, in dessen Mitte er eine ehemalige Feuerstelle erblikte. Rund um diesen Ort herum lagen – mich schaudert indem ichs erzählen muss – Hirnschalen, Hände, Füsse und andere Gebeine menschlicher Körper, von denen das Fleisch abgenagt war.
Alle. Von wem? von wem?
Vater. Von – Menschen; doch nein, nur von menschenähnlichen Geschöpfen, die so dum und viehisch aufgewachsen waren, dass sie, gleich wilden Tieren, weder von Ekkel, noch von mitleidiger Menschenliebe abgehalten wurden, das Fleisch ihrer geschlachteten Brüder zu verzehren. Es wohnten nämlich damahls, wie ich, wo mir recht ist, schon einmal erzählt habe, auf den Karibisschen Inseln wilde Menschen, die man Karaiben, Kannibalen oder Menschenfresser nante, weil sie die abscheuliche Gewohnheit hatten, alle ihre Feinde, die sie im Kriege lebendig gefangen kriegten, zu schlachten, unter Tanzen und Singen zu braten, und dann mit unmenschlichem Heisshunger zu verschlingen.
Lotte. Fi! die abscheulichen Leute!
Vater. Ihre unmenschlichen Sitten, liebe Lotte, wollen wir verabscheuen, aber nicht die armen Leute selbst, die ja nichts davor können, dass man sie nicht unterrichtet und erzogen hat. Hättest du das Unglück gehabt, unter solchen armen Wilden geboren zu werden: gewiss! du würdest eben so, wie sie, nakt, wild und unvernünftig in Wäldern herumlaufen, würdest dein Gesicht und deinen Leib mit Rötel beschmieren, man würde dir Ohren und Nase durchlöchert haben, du würdest dich nicht wenig darauf einbilden, Vogelfedern, Muschelschalen und andere Dinge darin zu tragen, und an den unmenschlichen Mahlzeiten deiner wilden Eltern und Landsleute würdest du einen eben so frohen Anteil nehmen, als du jezt an unsern bessern Speisen nimst. Freuet euch also, lieben Kinder, und danket Gott dafür, dass er euch von gesitteten, vernünftigen und menschlichgesinten Eltern hat lassen geboren werden, die es euch so leicht machen, auch gesittete, vernünftige und menschlichgesinte Menschen zu werden, und bedauert das Schiksal unsrer armen Brüder, die noch jezt in dem unglückseeligen Zustande einer tierischen Wildheit leben!
Frizchen. Wo sind denn wohl jezt noch solche Menschen?
Johannes. Weit, weit von hier, Frizchen, auf einer Insel die man Neu-Seeland nent! Vater hat's uns vorigen Winter aus einer Reisebeschreibung vorgelesen. Da sollen die Leute auch noch so wild und barbarisch sein, dass sie Menschenfleisch essen. Aber die Engländer, die sie entdekt haben, werden sie wohl zahm machen.
Frizchen. Das ist gut!
Vater. Lasst uns nun wieder zu unserm Robinson zurückkehren. – Er wandte sein Gesicht von diesem grässlichen Schauspiel weg, ihm wurde übel, und er würde in Ohnmacht gesunken sein, wenn die Natur sich nicht durch ein heftiges Erbrechen geholfen hätte.
Sobald er sich ein wenig erhohlt hatte, rante er mit der äussersten Geschwindigkeit davon. Kaum dass sein treues Lama ihm folgen konnte. Doch lief es ihm nach. Aber so sehr hatte die Furcht den Verstand unsers armen Robinsons umnebelt, dass er auf seiner Flucht dieses ihm folgenden Tieres vergass, die Tritte desselben für den Fusstrit eines ihm nachjagenden Kannibalen hielt, und daher mit der grössten Selenangst alle seine Kräfte anstrengte, um ihm zu entlaufen. Noch nicht genug; auch seine Rüstung, seinen Spiess, seinen Bogen, sogar sein steinernes Beil – die er jezt über alles hätte wert achten sollen – warf er von sich, weil sie ihm im Laufen hinderten. dabei achtete er so wenig auf den Weg, dass er bald hier, bald da ausbeugte und am Ende, da er gar nicht mehr wusste, wo er war, sich in einem ordentlichen Zirkel herum drehete und nach ohngefähr einer Stunde wieder an demselben schreklichen Orte war, von wannen sein Lauf angefangen hatte.
Neues Entsetzen! Neue Betäubung! denn er merkte nicht, dass dies eben der Ort sei, den er schon einmal gesehen habe; sondern hielt ihn für ein zweites Denkmahl der unmenschlichen Grausamkeit derer, vor welchen er flohe. Er rante also mit der Schnelligkeit des Sturmwindes davon, und hörte nicht eher auf zu laufen, bis er ermattet, ohnmächtig und sinlos zu Boden stürzte.
Indes er so lag und von sich selbst nichts wusste, fand sein Lama sich wieder bei ihm ein und lagerte sich zu seinen Füssen. Zufälliger Weise war dies grade eben dieselbe Stelle, wo er vorher seine Waffen abgeworfen hatte. Da er also nach einiger Zeit die Augen wieder öfnete, fand er alle das Seinige neben sich im Grase liegen. Dies und alles vorhergehende schien ihm jezt ein Traum zu sein; er wusste nicht, weder wie er selbst, noch wie alles dies hierher gekommen sei, so sehr hatte die Furcht ihn aller Besonnenheit beraubt!
Er machte sich von neuem auf; aber da die Heftigkeit des Affekts sich unterdess um etwas gelegt hatte: so war er nunmehr sorgfältiger darauf bedacht, seine Waffen, das einzige Verteidigungsmittel, welches er hatte, zu erhalten, und nahm sie mit sich. Er fühlte sich aber so entkräftet, dass es ihm unmöglich war, ferner eben so geschwind als vorher zu laufen, so sehr die Furcht ihn auch dazu antrieb. Der Hunger war ihm für den ganzen Tag vergangen, und nur ein einziges mahl nahm er sich die Zeit, seinen Durst bei einer Quelle zu stillen.
Er hofte seine Burg zu erreichen; aber dies war ihm unmöglich. Da es schon angefangen hatte Nacht zu werden, befand er sich noch über eine halbe Stunde weit von seiner Wohnung an einem Orte, den er seinen Sommerpallast zu nennen pflegte. Dieser bestand aus einer Laube und aus einer ziemlich weiten Umzäunung, worin er einen Teil seiner Heerde hielt, weil hier viel fetteres Gras, als in der Gegend seiner ordentlichen Wohnung wuchs. Er hatte hier in dem leztverflossenen Jahre verschiedene Sommernächte zugebracht, weil es daselbst weniger Musquitos gab; und darum hatte er dieser Laube den obbenanten Nahmen gegeben.
Seine Kräfte waren gänzlich erschöpft und es war ihm unmöglich weiter zu gehen, so gefährlich es ihm auch vorkam in einer unverwahrten Laube zu schlafen. Er beschloss also da zu bleiben. Kaum aber hatte er sich, ganz ermattet, den Kopf vol schwerer Gedanken und mehr träumend als wachend, auf den Boden hingestrekt, als er plözlich einen neuen Schrek hatte, der ihn beinahe getödtet hätte.
Johannes. Hilf Himmel! was dem doch alles begegnen muss!
Nikolas. Was war's denn?
Vater. Er hörte eine Stimme, wie vom Himmel herab, die ihm ganz vernehmlich zurief: Robinson, armer Robinson, wo bist du gewesen? wie komst du hierher?
Gottlieb. Tausend! Was mochte denn das sein?
Vater. Robinson sprang erschrokken auf, zitterte, wie ein Espenblat, und wusste nicht, ob er davon laufen oder bleiben sollte. In demselben Augenblicke hört' er die nemlichen Worte noch einmal aussprechen, und da er seine Augen nach dem Orte, woher der Schal kam, hinrichtete: fand er – was meint ihr?
Alle. Ja, wer kann das wissen!
Vater. – fand er, was der Furchtsame fast immer finden würde, wenn er sich nur Zeit zur Untersuchung nähme, – dass er gar nicht Ursache gehabt habe zu erschrekken. Die Stimme kam nämlich nicht vom Himmel, sondern von einem Zweige seiner Laube, auf welchem – sein lieber Papagai sass.
Alle. Ah!
Vater. Dieser hatte zu Hause vermutlich lange Weile gehabt, und weil er einige mahle seinen Herrn nach der Sommerlaube begleitet hatte: so sucht' er ihn hier auf. Robinson hatte ihm aber die Worte, die er jezt aussprach, zu mehreren mahlen vorgesagt, und also hatt' er sie behalten.
Wie froh war Robinson die Ursache seines abermahligen Schrekkens entdekt zu haben! Er strekte seine Hand aus, rief Pol! und flugs hüpfte das vertrauliche kurzweilige Ding herab auf seinen Daumen, legte den Schnabel an seine Bakken und fuhr fort zu schwazen: Robinson, armer Robinson, wo bist du gewesen?
Fast die ganze Nacht hindurch konnte Robinson vor Furcht und sorgsamen Gedanken kein Auge zu tun. Immer stand ihm der grässliche Ort vor Augen, den er gesehen hatte, und vergebens bemühete er sich, seine Einbildungskraft davon abzuziehen. O zu was für törigten und schädlichen Entschliessungen schreitet der Mensch, wenn die Leidenschaften erst einmal seinen Verstand verfinstert haben! Robinson fasste hundert Anschläge sich zu retten, wovon der eine immer noch unweiser, als der andere war. Unter andern – könt ihr es glauben? – beschloss er, sobald es Tag geworden wäre, alles zu zerstören, was er bis jezt mit so viel sauerm Schweisse gemacht hatte. Er wollte die Laube, worin er jezt lag, dann die Verzäunung vor derselben, einreissen und seine Lama's laufen lassen, wohin sie wollten. Dan wollte er eine gleiche Verwüstung mit seiner ordentlichen Wohnung vornehmen und die schöne Baumwand zernichten, die er vor derselben angelegt hatte. Endlich wolt' er auch seine Gärten und Pflanzungen gänzlich zerstören, damit auf der ganzen Insel gar keine Spur irgend eines von Menschenhänden gemachten Werkes übrig bliebe.
Johannes. I, warum denn das?
Vater. Damit die Wilden, wenn sie etwa einmal in diese Gegend kämen, gar nicht merken könten, dass ein Mensch da sei.
Jezt wollen wir ihn seinen unruhigen Gedanken überlassen, weil wir ihm doch nicht helfen können; und indem wir uns auf unser eigenes sicheres Lager legen, wollen wir unsern freudigen Dank dem guten Gotte bringen, der uns in einem Lande geboren werden liess, wo wir unter gesitteten, uns liebenden und helfenden Menschen leben, und nichts von wilden Unmenschen zu besorgen haben.
Alle. Gute Nacht, Vater! Und Dank für die schöne Erzählung!
Funfzehnter Abend.
Der Vater fuhr fort:
Kinder, es ist ein wahres Sprichwort: guter Rat komt Morgen. Das können wir aus Robinsons Beispiel lernen.
Ihr wisset, welche törigte Entschliessungen ihm gestern seine unmässige Furcht eingab. Wohl bekam es ihm, dass er die Ausführung derselben auf den morgenden Tag verschieben musste: denn kaum hatte das liebliche Tageslicht die dunkeln Schatten der Nacht vertrieben, als er die Dinge von einer ganz andern Seite betrachtete. Was er gestern für gut, weise und notwendig hielt, das schien ihm jezt schlecht, töricht, und unnötig zu sein. Mit einem Worte, er verwarf alle die übereilten Anschläge, welche die Furcht ihm eingeflösst hatte, und fasste andere, welche von der Vernunft gebilliget wurden.
Sein Beispiel, lieben Kinder, diene euch zur Warnung, dass ihr in Dingen, die einigen Aufschub leiden, nie gleich von der ersten Entschliessung unmittelbar zur Tat schreitet, sondern vielmehr wenn es sein kann, die Ausführung auf den folgenden Tag verschiebet.
Robinson fand jezt, dass seine gestrige Furcht übertrieben gewesen sei. »Ich bin nun schon so lange hier, dacht' er bei sich selbst, und noch nie ist ein Wilder in die Gegend meiner Wohnung gekommen. Beweis genug, dass auf der Insel selbst keine leben müssen. Aller Wahrscheinlichkeit nach, kommen also nur zuweilen einige derselben von einer andern Insel herüber, um hier ihre Siegesfeste zu feiern und ihre unmenschlichen Mahlzeiten anzustellen; und vermutlich landen diese immer auf dem südlichen Ende der Insel, und fahren wieder ab, ohne sich weiter auf derselben umzusehen. Das ist also abermals ein grosser Beweis von der Güte der götlichen Vorsehung, dass ich grade an diesen unfruchtbaren Teil der Insel habe müssen geworfen werden, welcher der sicherste für mich war. Wie solt' ich ihr denn nicht zutrauen dürfen, dass sie auch ferner mich beschützen und vor Gefahren behüten werde, da ihre weisen und guten Führungen bis hieher so sichtbar gewesen sind!«
Hier macht' er sich selbst die bittersten Vorwürfe, dass er bei seiner gestrigen übertriebenen Furcht so wenig Vertrauen auf Gott bewiesen habe; warf sich reuevoll auf seine Knie und bat um Verzeihung dieser seiner abermahligen Verschuldung. Dan trat er neugestärkt den Weg zu seiner Wohnung an, um dasjenige ins Werk zu richten, was er nunmehr beschlossen hatte.
Johannes. Was wolt' er denn nun tun?
Vater. Er wollte nur noch einige Veranstaltungen zu seiner grössern Sicherheit treffen; und darin handelte er überaus vernünftig. Denn ohngeachtet wir der götlichen Vorsehung zutrauen müssen, dass sie, wenn wir nach ihrem heiligen Willen zu leben uns bestreben, uns in keiner Not verlassen werde: so müssen wir doch auch von unserer Seite nichts versäumen, was zu unserer Sicherheit und zu unserm Glükke etwas beitragen kann. Denn dazu hat eben der liebe Gott uns unsern Verstand und alle andere Kräfte unserer Seele und unsers Leibes gegeben, dass wir zur Beförderung unserer Glükseeligkeit sie anwenden sollen.
Das erste, was er vornahm, war dieses, dass er in einer kleinen Entfernung von der Baumwand, die seine Wohnung einschloss, einen dichten Wald anlegte, welcher verhindern sollte, dass seine Burg von fern nicht könnte gesehen werden. In dieser Absicht pflanzte er nach und nach wohl 2000 Zweige von dem weidenartigen Baume ein, dessen leichtes Fortkommen und schnellen Wachstum er nun schon erfahren hatte. Er pflanzte sie aber nicht in Reihen, sondern mit Fleiss unordentlich durch einander hin, damit das Ganze ein natürliches, nicht durch Menschenhände angelegtes Gebüsch zu sein schien.
Nächstdem beschloss er, aus dem innersten seiner Höhle einen unterirdischen Gang bis an das andere Ende des Berges durchzuführen, um, im Fal der Not, wenn seine Festung von Feinden erstiegen wäre, sich durch diesen Ausgang retten zu können. Dies war aber wieder ein mühseeliges und langwieriges Geschäft und es versteht sich von selbst, dass die Schifbauerarbeit darüber vor's erste eingestellt werden musste.
Er verfuhr aber bei diesem Ausgraben des unterirdischen Weges eben so, wie die Bergleute bei Anlegung der Stollen verfahren.
Gottlieb. Was sind das Stollen?
Johannes. Weisst du nicht mehr? Erst graben ja die Bergleute so grade hinein in die Erde, als wenn sie einen Brunnen machen wollten, das nennen sie einen Schacht; und denn, wenn sie schon ein bisschen tief gegraben haben: so machen sie erst Quergänge zu den Seiten, und die nennen sie Stollen. Dan graben sie wieder einen Schacht und dann wieder einen Stollen, bis sie an Stellen kommen, wo das Erz liegt.
Vater. Gut erklärt! Nun, seht ihr, wenn sie nun so in die Quere, (man nent das Horizontal) graben: so würde ihnen die Erde von oben auf den Kopf fallen, wenn sie dieselbe nicht zu befestigen suchten. Also müssen sie, indem sie weiter arbeiten wollen, diese Erde erst durch Pfäle und Querhölzer stüzen, damit sie fest liege; und eben so macht' es nun auch Robinson.
Alle Erde, die er heraus arbeitete, warf er an die Baumwand, und trat sie fest, so dass dadurch nach und nach eine Erdmauer entstand, die wohl acht Fuss dik und wenigstens zehn Fuss hoch war. An verschiedenen Stellen hatt' er kleine Löcher, wie Schiessscharten, offen gelassen, um durchsehen zu können. Zugleich hatt' er einige Treppen eingeschnitten, um mit Bequemlichkeit auf und absteigen und seine Festung, wenn es einmal nötig sein sollte, von der Mauer herab verteidigen zu können.
Nun schien er vor einem plözlichen Ueberfalle hinlänglich gesichert zu sein. Aber wie? wenn die Feinde sich einfallen liessen, ihn förmlich zu belagern? Wie da?
Der Fal schien nicht unmöglich zu sein; er hielt es also für nötig, sich auch darauf gefasst zu machen, um nicht durch Hunger und Durst zur Uebergabe genötiget zu werden. In dieser Absicht beschloss er, wenigstens ein milchgebendes Lama immer auf seinem Hofraume zu halten und zum Unterhalte desselben einen nur in der Not anzugreifenden Heuschober in Bereitschaft zu haben; ferner so viel Käse, als er nur immer ersparen könnte, aufzubewahren und endlich einen Vorrat von Früchten und Austern von einem Tage zum andern so lange zu sparen, als sie sich nur halten würden.
Auf die Ausführung eines andern Einfals must' er Verzicht tun, weil er voraus sah, dass sie ihm gar zu viel Zeit kosten würde. Er wünschte nämlich, die Quelle, welche nicht weit von seiner Wohnung hervorsprudelte und einen kleinen Bach machte, durch seinen Hofraum leiten zu können, um im Fal einer Belagerung auch mit Wasser versehen zu sein. Aber da hätte er eine ziemlich grosse Anhöhe durchstechen müssen, welches von einem einzigen Menschen ohne grossen Zeitverlust nicht geschehen konnte. Er hielt es daher für besser, dieses Projekt vor der Hand aufzugeben, und wieder zu seiner Schifbauerarbeit zurück zu kehren.
So verstrichen ihm nun wieder einige Jahre, in denen eben nichts vorfiel, welches erzählt zu werden verdiente. Ich eile daher zu einer der wichtigsten Begebenheiten, welche auf das Schiksal unsers guten Freundes einen grössern Einfluss hatte, als alles, was bis hieher auf seiner Insel ihm begegnet war.
Es war an einem schönen warmen Morgen, als Robinson, da er schon mit seinem Schifbau beschäftiget war, in einiger Entfernung von sich unvermutet einen starken Rauch aufsteigen sah. Seine erste Empfindung bei diesem Anblik war Schrekken, die zweite Neugier; und beide trieben ihn an, so geschwind er konnte nach dem Berge hinter seiner Wohnung zu laufen, um von da zu sehen, was doch die Ursache davon sein möchte. Kaum hatt' er den Berg bestiegen, als er zu seiner noch weit grössern Bestürzung wenigstens fünf Kanoes, oder kleine Kähne, am Strande, und bei einem grossen Feuer wenigstens 30 Wilde erblikte, die unter barbarischen Gebehrden und Freudensbezeugungen einen Rundtanz hielten.
So sehr nun auch Robinson auf ein solches Schauspiel vorbereitet war, so fehlte doch nicht viel, dass er nicht abermals vor Angst und Schrekken alle Besonnenheit verlor. Doch rief er diesmahl seinen Mut und sein Vertrauen auf Gott geschwinder zurück; stieg eiligst hinab, um sich in den nötigen Verteidigungsstand zu setzen; legte seine ganze Rüstung an und fasste im Vertrauen auf Gott den mänlichen Entschluss, sein Leben, so lange er könnte, zu verteidigen. Kaum hatt' er diese Entschliessung genommen und durch ein kurzes Gebet sich darin bestärkt, als es ihm so leicht ums Herz ward, dass er Mut genug fühlte, die Strikleiter wieder hinan zu klettern, um die Bewegungen der Feinde von dem Gipfel des Berges herab zu beobachten.
Aber wie schlug ihm das Herz von Unwillen und Entsetzen, da er ziemlich deutlich zwei unglückliche Menschen aus den Kähnen hohlen und nach dem Feuerplaze hinschleppen sah! Er zweifelte nicht, dass sie zur Schlachtbank geführt werden sollten, und in demselben Augenblicke wurde diese seine Vermutung auf die schreklichste Weise bestätigst. Einige der Unmenschen schlugen nämlich den einen Gefangenen zu Boden und ein Paar andere fielen über ihn her, vermutlich, um ihm den Leib aufzuschneiden und ihn zu ihrem abscheulichen Gastmahle zu zubereiten. Unterdess stand der andere Gefangene als ein Zuschauer bei diesem unmenschlichen Schauspiele da, bis die Reihe an ihn kommen würde. Aber plözlich, da dieser arme Mensch merkte, dass alle mit seinem geschlachteten Kameraden beschäftiget waren und eben nicht sehr auf ihn achteten, ergrif er, in der Hoffnung sein Leben zu retten, die Flucht, und lief mit unglaublicher Geschwindigkeit grade nach der Gegend zu, wo Robinsons Wohnung war.
Freude, Hoffnung, Furcht und Grauen ergriffen jezt zugleich das Herz unsers Helden und färbten seine Wangen bald mit hoher Röte, bald mit Todtenblässe; Freude und Hoffnung, weil er bemerkte, dass der Entronnene viel schneller laufen konnte, als die, welche ihn verfolgten; Furcht und Grauen hingegen, weil der Verfolgte und die Verfolger ihren Weg grade nach seiner Burg zu nahmen. Indes war zwischen diesen und jenen noch ein kleiner Meerbusen, den der Unglückliche durchschwimmen musste, wenn er sich nicht gefangen geben wollte. Allein kaum war er dabei angekommen, als er ohne sich einen Augenblick zu besinnen, hineinplumpte und mit eben der Schnelligkeit, die er im Laufen bewiesen hatte, nach dem gegenseitigem Ufer schwam.
Zwei seiner Verfolger, welche die Vordersten waren, schwammen ihm nach, die übrigen kehrten zu ihrem verruchten Gastmahle zurück. Mit innigem Vergnügen bemerkte Robinson, dass diese beiden auch im Schwimmen dem Ersten bei weiten nicht gleich kamen. Dieser flohe schon gegen seine Wohnung zu, indes die Andern noch nicht zur Hälfte durchgeschwommen waren.
In diesem Augenblicke fühlte unser Robinson sich von einem Mute beseelt, der so gross und feurig noch nie in ihm erwacht war. Seine Blikke sprüheten Feuer; sein Herz drengte ihn, dem Unglücklichen beizuspringen; er ergrif seine Lanze und ohne sich einen Augenblick länger zu bedenken, rant' er den Berg hinab und war in einem Hui! zwischen dem Verfolgten und seinen Verfolgern. Halt! rief er dem Ersten mit lauter donnernder Stimme zu, indem er aus dem Gebüsch hervorsprang; halt! Der arme Flüchtling sah sich um, und erschrak beim Anblik des über und über in Felle gehülten Robinsons, den er vermutlich für ein übermenschliches Wesen hielt, dergestalt, dass er nicht wusste, ob er sich vor ihm niederwerfen oder entfliehen sollte.
Robinson winkte ihm mit der Hand, gab ihm zu erkennen, dass er zu seiner Beschüzung da sei, und rükte dabei almählig gegen seine beiden Verfolger an. Jezt war er so weit gekommen, dass er den ersten mit seinem Spiess erreichen konnte. Er ermante sich, und versezte ihm einen so nachdrüklichen Stoss in den nakten Leib, dass er zu Boden stürzte. Der Andere, welcher noch ohngefähr hundert Schritte entfernet war, stuzte; holte darauf einen Pfeil hervor und schoss auf Robinson, indem dieser eben auf ihn los gehen wollte. Der Pfeil traf grade die Stelle des Herzens, – aber glücklicher Weise nur so schwach, dass er von der harten Pelzjakke, wie von einem Panzer zurückpralte, ohne ihm auch nur im geringsten zu verlezen.
Unser mutige Streiter liess dem Feinde nicht Zeit, einen zweiten Schuss zu tun; er rante auf ihn zu, und strekte ihn in den Sand, indem er eben wieder den Bogen spante. Und jezt sah er sich nach dem Geretteten um.
Der arme Flüchtling stand zwischen Furcht und Hoffnung noch auf derselben Stelle, auf der ihm Robinson zugerufen hatte, ungewiss ob das, was vorging, zu seiner Errettung geschähe, oder ob die Reihe jezt an ihn kommen werde. Der Sieger rief ihm abermals zu und winkte ihm, herbei zu kommen. Er gehorchte; stand aber bald wieder stille, trat abermals etwas näher und stand von neuem stille und zwar mit sichtbarer Angst und in der Stellung eines Betenden. Robinson gab ihm alle ersinliche Zeichen von Freundschaftsbezeugung und winkte ihm abermals herzu zu treten. Er tats; doch kniete er alle zehn oder zwölf Schritte mit den demütigsten Gebehrden nieder, als wenn er ihm danken, und zugleich ihm huldigen wollte.
Robinson nahm hierauf seine Maske ab um ihm ein menschliches und freundliches Gesicht zu zeigen; worauf er ohne Bedenken näher trat, vor ihm niederkniete, den Boden küsste, sich plat niederlegte und Robinsons Fuss auf seinen Nakken sezte, vermutlich zur Versicherung, dass er sein Sklav sein wolle. Unser Held, dem es mehr um einen Freund, als um einen Sklaven zu tun war, hob ihn liebreich auf, und suchte ihn auf jede nur mögliche Weise zu überzeugen, dass er nichts als Gutes und Liebes von ihm zu erwarten habe. Allein da war noch mehr zu tun.
Einer der Erschlagenen, der den Stich nur in den Unterleib bekommen hatte und vermutlich nicht tödtlich verwundet war, fing an sich wieder zu erhohlen, und etwas ausgerissenes Gras in die Wunde zu stopfen um das Blut zu stillen. Robinson machte seinen Wilden aufmerksam darauf und dieser antwortete ihm einige Worte in seiner Landessprache, die jener zwar nicht verstand, aber welche doch wie Musik in seinen Ohren tönten, weil es die erste menschliche Stimme war, die er nach so vielen Jahren wieder hörte. Hierauf zeigte der Indianer auf sein steinernes Beil, dann auf sich, und gab zu verstehen, dass er seinem Feinde vollends den Rest damit zu geben wünschte. Unser Held, der ungern Menschenblut vergoss und gleichwohl die Notwendigkeit, den Verwundeten völlig umzubringen, erkannte, gab seinem Schuzgenossen das Beil, und wandte seine Augen weg. Dieser lief drauf hin; und spaltete dem Verwundeten auf einen Streich den Schedel bis in die Schulter herab. Dan kam er lachend wieder zurück und legte mit vielen sonderbaren Gebehrden das Beil und die Hirnschale des Erschlagenen zum Zeichen des Sieges zu Robinsons Füssen nieder.
Dieser gab ihm durch Zeichen zu verstehen, dass er die Bogen und Pfeile der Getödteten nehmen und ihm folgen sollte. Der Wilde hingegen bedeutete ihm, dass er erst die todten Körper im Sande verscharren wollte, damit ihre Kameraden, wenn sie etwa nachfolgen sollten, sie nicht finden mögten. Robinson bezeugte ihm Beifal über diese seine Vorsichtigkeit, und da war er mit seinen Händen so hurtig darüber aus, dass er in weniger, als einer Viertelstunde schon beide Leichname verschart hatte. Dan wanderten Beide nach Robinsons Wohnung und erstiegen den Berg.
Lotte. Aber, Vater, nun war ja Robinson ein Mörder geworden.
Frizchen. I, das waren ja nur Wilde, die er umgebracht hatte; das tut nichts!
Lotte. Ja, es waren aber doch Menschen!
Vater. Allerdings waren sie das, Frizchen, und wild oder gesittet tut hier nichts zur Sache. Die Frage ist nur, ob er ein Recht dazu hatte, diese Unglücklichen umzubringen? Was meinst du, Johannes?
Johannes. Ich glaube, dass er recht daran tat.
Vater. Und warum?
Johannes. Weil sie solche Unmenschen waren, und weil sie sonst den andern armen Wilden würden todt gemacht haben, der ihnen doch wohl nichts mochte zu Leide getan haben.
Vater. Aber wie konnte Robinson das wissen? Vielleicht hatte dieser den Tod verdient? Vielleicht waren diejenigen, die ihn verfolgten, Diener der Gerechtigkeit, die von ihrem Oberhaupte dazu befehliget waren. Und dann, wer hatte Robinson zum Richter über sie bestellt?
Nikolas. Ja, aber wenn er sie nicht getödtet hätte, so würden sie seine Burg gesehen haben, und dann hätten sie es den Andern wieder erzählt –
Gottlieb. Und denn wären sie alle gekommen und hätten den armen Robinson selbst umgebracht.
Frizchen. Und aufgefressen dazu!
Vater. Jezt seid ihr auf dem rechten Flekke; zu seiner eigenen Sicherheit must' er's tun, ganz recht! Aber ist man denn wohl berechtiget, um sein eigenes Leben zu retten, einen Andern umzubringen?
Alle. O ja!
Vater. Warum?
Johannes. Weil Gott will, dass wir unser Leben erhalten sollen, so lange wir nur können. Wenn also einer uns umbringen will, so muss es ja wohl recht sein, ihn erst umzubringen, damit er's wohl müsse bleiben lassen.
Vater. Allerdings, lieben Kinder, ist eine solche Notwehr nach menschlichen und götlichen Gesetzen recht, aber wohl gemerkt! – nur in dem einzigen Fal, wenn ganz und gar kein anderes Mittel zu unserer eigenen Rettung übrig ist. Haben wir hingegen Gelegenheit, entweder zu entfliehen, oder von Andern beschüzt zu werden, oder unsern Verfolger ausser Stand zu setzen, uns zu schaden: so ist ein Angrif auf sein Leben ein wirklicher Mord, und wird auch von der Obrigkeit, als ein solcher, bestraft.
Vergesst nicht, lieben Kinder, Gott zu danken, dass wir in einem Lande leben, in welchem die Obrigkeit so gute Veranstaltungen zu unserer Sicherheit getroffen hat, dass unter hundert tausend Menschen höchst selten ein Einziger in die traurige Notwendigkeit geraten kann, von dem Rechte der Notwehr Gebrauch machen zu müssen.
Genug für heute!
Sechzehnter Abend.
Nachdem die Gesellschaft am folgenden Abend sich wieder versamlet hatte, und das Gewöhnliche »ah! von Robinson! von Robinson!« von Mund zu Mund geflogen war, fuhr der Vater in seiner merkwürdigen Erzählung folgendermassen fort:
Das Schiksal unsers Robinsons, lieben Kinder, das uns allen so sehr am Herzen liegt, ist noch nicht entschieden. Er erstieg, wie wir gehört haben, mit seinem geretteten Wilden den Berg hinter seiner Wohnung; und da haben wir ihn gestern verlassen, ungewiss, was aus beiden weiter werden würde? Seine Lage war noch immer sehr gefährlich: denn was konnte man wahrscheinlicher vermuten, als dass die Wilden, so bald sie ihre unmenschliche Mahlzeit würden vollendet haben, ihren ausgebliebenen beiden Kameraden nachgehen und den entronnenen Gefangenen aufsuchen würden? Und taten sie das, wie sehr stand dann nicht zu besorgen, dass sie Robinsons Wohnung entdekken, sie mit Gewalt erstürmen und ihn mit seinem Schuzgenossen zugleich abschlachten würden?
Robinson schauderte bei diesem Gedanken, indem er auf dem Gipfel des Berges hinter einem Baume stand, und den abscheulichen Freudensbezeugungen und Tänzen der wilden Unmenschen von ferne zusah. Er überlegte in der Geschwindigkeit, was wohl am besten sei, zu fliehen? oder sich in seine Burg zu begeben? Ein Gedanke an Gott, den Beschüzer der Unschuld, gab ihm Kraft und Mut das Leztere zu erwählen. Er kroch also, um nicht gesehen zu werden, hinter niedrigem Gesträuche bis zu seiner Strikleiter fort und befahl seinem Gefährten durch Zeichen ein Gleiches zu tun. Und so stiegen beide hinab.
Hier machte der Wilde grosse Augen, da er die bequeme und ordentliche Einrichtung der Wohnung seines Erretters sah, weil er so was schönes in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen hatte. Es war ihm ohngefähr eben so dabei zu Mute, als wenn ein Landman, der nie aus seinem Dorfe gekommen ist, zum erstenmahle in einen Pallast geführt wird.
Robinson gab ihm durch Zeichen zu verstehen, was er von seinen grausamen Landsleuten für sich und ihn besorgte, und bedeutete ihm, dass er entschlossen sei, sein Leben bis auf den lezten Blutstropfen gegen sie zu verteidigen. Der Wilde verstand ihn, machte ein grimmiges Gesicht, schwenkte das Beil, welches er noch in Händen hatte, einige mahl über dem Kopfe, und wandte sich darauf mit fürchterlichen Gebehrden drohend nach der Seite hin, wo seine Feinde waren, als wenn er sie zum Kampf heraus foderte, um durch dies alles seinem Schuzhern zu erkennen zu geben, dass es ihm gleichfalls nicht an Mute fehle, sich tapfer gegen sie zu wehren. Robinson lobte seine Herzhaftigkeit, gab ihm einen Bogen nebst einem seiner Spiesse (denn er hatte deren nach und nach mehrere verfertiget) in die Hand und stellte ihn, als Schildwache, an ein kleines Loch, welches er mit Fleiss in der Baumwand gelassen hatte, und wodurch man den kleinen Zwischenraum übersehen konnte, der das von ihm gepflanzte Gebüsch von der Baumwand trente. Er selbst stellte sich in seiner ganzen Rüstung an die andere Seite der Wand, wo er gleichfalls ein solches Wachtloch offen gelassen hatte.
In dieser Stellung hatten sie ohngefähr eine Stunde zugebracht, als sie plözlich durch ein wildes, aber noch ziemlich fernes Geschrei vieler Stimmen erschrekt wurden. Beide machten sich fertig zum Streit, und winkten einer dem andern zu, um sich gegenseitig aufzumuntern. Es wurde wieder stil; dann ertönte abermals ein ähnliches Geschrei und zwar schon etwas näher, worauf von neuem eine fürchterliche Stille folgte. Jezt –
Lotte. O Vater, ich laufe weg, wenn sie kommen!
Frizchen. Fi! wer wollte wohl so eine feige Memme sein!
Gottlieb. Lass du nur, Lotte! Robinson wird sich schon wehren; davor ist mir gar nicht bange.
Lotte. Na, ihr solt sehen, sie werden ihn gewiss todt machen.
Johannes. O stille!
Vater. Jezt liess sich ziemlich nahe eine einzige rauhe Stimme hören, die in das Gebüsch fürchterlich herein schrie und von dem Echo des Berges wiederhohlt wurde. Schon standen unsere mutigen Kämpfer bereit; schon hatte jeder seinen Bogen gespant, um dem Ersten der sich werde blikken lassen, einen Pfeil in den Leib zu schiessen. Ihre Augen funkelten von mutiger Erwartung und waren unverwandt auf diejenige Gegend des Gebüsches gerichtet, aus welcher die Stimme erschollen war. –
Hier hielt der Vater plözlich ein, und alle beobachteten ein erwartungsvolles Stilschweigen. Aber es erfolgte nichts. Endlich fragten ihn alle wie mit einem Munde: warum er denn nicht fortfahre? Und der Vater antwortete:
»Um euch abermals eine Gelegenheit zu geben, eure Begierden bändigen zu lernen! Vermutlich seid ihr jezt alle sehr neugierig, den Ausgang des fürchterlichen Kampfes zu wissen, der unserm Robinson bevorzustehen scheint; auch bin ich, wenn ihr es so wolt, sogleich bereit, ihn euch zu erzählen. Aber wie? wenn ihr freiwillig Verzicht darauf tätet? Wenn ihr eure Neugierde bekämpftet und die Befriedigung derselben bis auf Morgen verschöbet? Ihr solt indes euren freien Willen haben; sprecht: wolt ihr? oder nicht?«
Wir wollen! Wir wollen! war die allgemeine Antwort, und so wurde die Fortsezung der Erzählung bis auf den folgenden Abend ausgesezt. [Fussnote]
Jeder sezte unterdess, bis zum Essen getrommelt wurde, seine gewöhnliche Handarbeit unter lehrreichen Gesprächen fort. Einige machten Körbe, andere Schnüre und wiederum andere entwarfen Risse zu einer kleinen Festung, die man nächsten Tages auf dem grossen Hofraume anlegen wollte; und erst am folgenden Abend fuhr der Vater in der abgebrochenen Erzählung also fort:
Robinson und sein mutiger Bundsgenosse blieben in derjenigen kriegerischen Stellung, worin wir sie gestern verlassen haben, bis gegen Abend stehen, ohne fernerhin das Geringste zu sehen oder zu hören. Endlich ward es beiden sehr wahrscheinlich, dass die Wilden von ihrer vergeblichen Nachsuchung wohl müsten nachgelassen, und in ihren Kähnen sich wieder nach ihrer Heimat begeben haben. Sie legten also ihre Waffen nieder, und Robinson hohlte etwas von seinem Vorrate zum Abendessen herbei.
Weil dieser merkwürdige Tag, der in der Geschichte unsers Freundes sich so vorzüglich auszeichnet, grade ein Freitag war; so beschloss er seinem geretteten Wilden den Nahmen desselben zu geben und nant' ihn also Freitag.
Robinson hatte jezt erst Zeit, ihn etwas genauer zu betrachten. Es war ein wohlgewachsener junger Mensch, ohngefähr zwanzig Jahr alt. Seine Haut war schwarzbraun und glänzend; sein Haar schwarz, aber nicht wolligt, wie das Haar der Mohren, sondern lang, seine Nase kurz, aber nicht flach; seine Lippen waren klein und seine Zähne weiss, wie Elfenbein. In beiden Ohren trug er allerhand Muschelwerk und Federn, worauf er sich nicht wenig einzubilden schien. Uebrigens gierig er nakt vom Kopf bis zu den Füssen.
Eine von den vorzüglichsten Tugenden unsers Robinsons war die Schamhaftigkeit. So gross daher auch sein Hunger war, so nahm er sich doch erst Zeit, für seinen nakten Hausgenossen aus einem alten Felle eine Schürze zu schneiden und sie durch Bindfaden zu befestigen. Dan gab er ihm zu verstehen, dass er sich neben ihm setzen sollte, um das Abendbrod mit ihm zu essen. Freitag (denn so wollen wir ihn nun künftig auch nennen) näherte sich ihm mit allen ersinlichen Zeichen der Ehrerbietung und der Dankbarkeit, kniete alsdan vor ihm nieder, legte seinen Kopf abermals plat auf die Erde, und sezte eben so, wie er es das erstemahl gemacht hatte, seines Befreiers Fuss auf seinen Nakken.
Robinsons Herz, welches die Freude über einen so lange gewünschten Geselschafter und Freund kaum fassen konnte, hätte sich lieber durch Liebkosungen und zärtliche Umarmungen ergossen: aber der Gedanke, dass es zu seiner eigenen Sicherheit gut sei, den neuen Gastfreund, dessen Gemütsart er noch nicht kante, eine Zeitlang in den Schranken einer ehrerbietigen Unterwerfung zu erhalten, bewog ihn, die Huldigung desselben, als etwas, welches ihm gebühre, anzunehmen, und eine Zeitlang den König mit ihm zu spielen. Er gab ihm also durch Zeichen und Gebehrden zu verstehen, dass er ihn zwar in seinen Schuz genommen habe, aber nur unter der Bedingung eines strengen Gehorsams: dass er sich also müsse gefallen lassen, alles das zu tun oder zu lassen, was er, sein Herr und König ihm zu befehlen oder zu verbieten für gut erachten wurde. Er bediente sich dabei des Worts Katschike, womit die wilden Amerikaner ihre Oberhäupter zu benennen pflegen, wie er sich glücklicher Weise erinnerte, einmal gehört zu haben.
Mehr durch dieses Wort, als durch die damit verbundenen Zeichen, verstand Freitag die Meinung seines Herrn und äusserte seine Zufriedenheit darüber, indem er das Wort Katschike einige mahl mit lauter Stimme widerholte, dabei auf Robinson wies und sich von neuem ihm zu Füssen warf. Ja, um zu zeigen, dass er recht gut wisse, was es mit der königlichen Gewalt zu bedeuten habe, ergrif er den Spiess, gab ihn seinem Herrn in die Hand, und sezte die Spize desselben sich selbst auf die Brust, vermutlich um dadurch anzuzeigen, dass er mit Leib und Leben in seiner Macht stehe. Robinson reichte ihm hierauf mit der Würde eines Monarchen freundlich die Hand zum Zeichen seiner königlichen Huld, und befahl ihm abermals, sich zu lagern, um die Abendmahlzeit mit ihm einzunehmen. Freitag gehorchte; doch so, dass er sich zu seinen Füssen auf den flachen Boden niedersezte, indes Robinson auf einer Grasbank sass.
Seht, Kinder, auf diese oder auf eine ähnliche Weise sind die ersten Könige in der Welt entstanden. Es waren Männer, die an Weisheit, an Mut und an Leibesstärke andern Menschen überlegen waren. Daher kamen diese zu ihnen, um sie zu bitten, sie gegen wilde Tiere, deren es anfangs mehr gab, als jezt, und gegen solche Menschen zu beschüzen, die ihnen Unrecht tun wollten. – Dafür versprachen sie dann, ihnen in allen Stükken gehorsam zu sein, und ihnen von ihren Heerden und von ihren Früchten jährlich etwas abzugeben, damit sie selbst nicht nötig hätten, sich ihren Unterhalt zu erwerben, sondern sich ganz allein mit der Sorge für ihre Untertanen beschäftigen könten. Diese jährliche Gabe, welche die Untertanen dem König zu bringen, versprachen, nante man dann den Tribut oder die jährlichen Abgaben. So entstand die königliche Gewalt; so die Pflicht des Gehorsams und der Unterwürfigkeit gegen einen oder mehrere Menschen, in deren Schuz man sich begeben hat.
Robinson war also nunmehr ein wirklicher König, nur dass seine Herschaft sich nicht weiter, als über einen einzigen Untertan und einige Lamas erstrekte; den Papagai mit einbegriffen. Seine Majestät geruhete indes sich zu ihrem Vasallen so sehr herabzulassen, als es ihre Würde nur immer gestatten wollte.
Frizchen. Was ist das, ein Vasal?
Vater. Eben so viel, als Untertan, lieber Friz. –
Nach aufgehobner Tafel geruhete seine Majestät in hohen Gnaden zu verordnen, wie es mit dem Nachtlager gehalten werden sollte. Sie fand für gut, ihren Untertan – der nun zugleich auch ihr erster Staatsminister, und ihr Kammerdiener, ihr General und ihre Armee, ihr Kammerherr, Oberhofmarschal, und Kastelan war, vor der Hand noch nicht in ihrer eigenen Höhle, sondern in ihrem Keller schlafen zu lassen, weil sie es für bedenklich hielt, ihr Leben und das Geheimnis des verborgenen Ausganges aus der Höhle einem Neuling anzuvertrauen, dessen Treue noch nicht geprüft und also auch noch nicht bewährt gefunden war. Freitag erhielt also die Anweisung, etwas Heu in den Keller zu tragen, um sich ein Lager daraus zu bereiten, indes seine Majestät selbst, um mehrerer Sicherheit willen, alle Waffen in ihr eigenes Schlafgemach trug.
Dan geruhete sie im Angesicht ihres ganzen Reichs ein Beispiel von Herablassung und Demut zu geben, welches vielleicht das Einzige in seiner Art ist. Ihr werdet darüber erstaunen, und ihr würdet es für unglaublich halten, wenn ich euch nicht versicherte, dass es in den Jahrbüchern der Regierung unsers Robinsons mit klaren Worten gelesen werde und durch dieselben schon längst weltkündig geworden sei. Könt ihr es glauben: Robinson, der Monarch, Robinson, der unumschränkte König und Beherscher der ganzen Insel, Robinson, der Herr über das Leben und den Tod aller seiner Untertanen, verrichtete vor Freitags Augen das Amt einer Stalmagd, und molk mit eigener hoher Hand, die im Hofraum befindliche Lama's, um seinem Premierminister, dem er dies Geschäft künftig zu übertragen beschlossen hatte, zu zeigen, wie er es machen müsse! –
Hier hielt der Vater ein, um dem allgemeinen Gelächter Raum zu geben, welches dieser possierliche Umstand erregt hatte. Dan fuhr er folgendermassen fort:
Freitag wusste noch nicht, was das, was er seinen Herrn verrichten sah, zu bedeuten habe; denn sein und seiner Landsleute schwacher Verstand war noch nicht darauf verfallen, dass die Milch der Tiere wohl eine nahrhafte und gesunde Speise sei. Noch nie hatt' er Milch gekostet und war daher ganz entzükt über den angenehmen Geschmak derselben, da ihm Robinson davon zu kosten gab.
Nach alle dem, was beide an diesem Tage ausgestanden hatten, sehnten sie sich nun nach Schlaf und Ruhe. Robinson gebot daher seinen Vasallen zu Bette zu gehen; er selbst tat ein Gleiches. Doch vergass er nicht, ehe er sich schlafen legte, Gott für die Abwendung der Gefahren des Tages, und für die Zuführung eines menschlichen Gehülfen inbrünstig zu danken.
Siebzehnter Abend.
Johannes. Nun soll mich doch verlangen zu hören, was Robinson mit seinem Freitag alles vornehmen wird!
Diderich. O nun wird er schon viel mehr machen können, als vorher, weil er jezt einen Gehülfen hat!
Vater. Ihr werdet immer mehr sehen, Kinder, was für grosse Vorteile dem Menschen durch die Geselligkeit zufliessen, und wie viel Ursache wir also haben, Gott zu danken, dass er den Trieb nach Umgang und Freundschaft mit andern Menschen uns so tief eingepflanzt hat!
Das erste, was Robinson mit seinem Freitag am andern Morgen vornahm, war ein Gang nach der Stelle, wo die Wilden den Tag vorher ihre unmenschliche Siegesmahlzeit gehalten hatten. Im Hingehen kamen sie zu nächst an den Ort, wo die beiden von Robinson erschlagenen Wilden verschart lagen. Freitag zeigte seinem Herrn die Stelle, und liess sich nicht undeutlich merken, dass er wohl Lust hätte, die todten Leiber wieder auszugraben, um eine Mahlzeit davon zu halten. Aber Robinson machte ein erschrekliches, Unwillen und Abscheu ausdrükkendes Gesicht, hob seine Lanze drohend empor, und gab ihm zu verstehen, dass er ihn auf der Stelle tödten wurde, sobald er sich jemahls wieder einfallen liesse, Menschenfleisch zu essen. Freitag verstand die Drohung, und unterwarf sich demütig dem Willen seines Herrn, ohngeachtet er nicht begreifen konnte, was er doch für Ursachen haben möchte, ihm ein Vergnügen zu versagen, von dessen Abscheulichkeit er ganz und gar keinen Begrif hatte.
Jezt waren sie bei der Feuerstelle angekommen. Welch ein Anblik! Hier lagen Knochen, dort halb zernagte Fleischstükken von Menschen und an verschiedenen Stellen war der Boden mit Blut gefärbt. Robinson musste seine Augen davon abkehren. Er befahl Freitag, alles auf einen Haufen zu werfen, dann ein Loch in die Erde zu graben, und die traurigen Ueberbleibsel der Unmenschlichkeit seiner Landsleute darin zu verscharren; und Freitag gehorchte.
Robinson suchte unterdess mit grosser Sorgfalt die Asche durch, ob nicht vielleicht ein Fünkchen Feuer möchte übrig geblieben sein? Aber umsonst. Es war gänzlich erloschen. Das war nun sehr traurig für ihn; denn nachdem der Himmel ihm einen Geselschafter verliehen hatte, blieb ihm vor der Hand fast nichts zu wünschen übrig, als – Feuer. Indem er nun mit gesenktem Kopfe da stand und mit traurigen Blikken die todte Asche betrachtete: machte Freitag, der ihm eine Zeitlang aufmerksam zugesehen hatte, einige ihm unverständliche Zeichen, ergrif darauf plözlich das Beil, rante wie der Wind nach dem Walde und liess Robinson, der seine Absicht nicht begrif, vol Verwunderung über dieses plözliche Weglaufen zurück.
»Was ist das?« dacht' er, indem er vol Erstaunen ihm nachsah. »Solte der Undankbare dich verlassen, dich sogar deines Beils berauben wollen? Solt' er grausam genug sein, sich deiner Wohnung zu bemächtigen, dich mit Gewalt davon ausschliessen, oder gar dich seinen unmenschlichen Landsleuten verraten zu wollen?« – »Schändlich! Schändlich!« rief er aus, und ergrif von Unwillen, über eine so unerhörte Undankbarkeit entbrannt, den Spiess, um dem Verräter nachzulaufen und ihn zu hindern, seine schwarzen Anschläge auszuführen.
Schon hatt' er mit schnellen Schritten sich auf den Weg gemacht, als er plözlich Freitag in vollem Laufe wieder zurückkommen sah. Robinson blieb betroffen stehen, und sah mit Verwunderung, dass sein vermeinter Verräter im Herzulaufen eine handvol dürres Gras in die Höhe hielt, aus welchem Rauch empor stieg. Jezt fasst' es Flamme; Freitag warf es zur Erde, legte augenbliklich noch mehr troknes Gras und etwas Reisholz hinzu und Robinson sah zu seinem freudigem Erstaunen in demselben Augenblicke ein helles, lustiges Feuer auflodern. Auf einmal war ihm Freitags plözliches Weglaufen begreiflich; und vor Freude ausser sich fiel er ihm um den Hals, drükte und küsste ihn mit Inbrunst, und bat in Gedanken ihn tausendmahl um Verzeihung, dass er einen so ungegründeten Verdacht auf ihn geworfen hatte.
Nikolas. Aber wo mochte denn Freitag das Feuer her gekriegt haben?
Vater. Er war mit dem Beile in den Wald gerant, um von einem troknen Stamme zwei Holzstükke abzuhauen. Diese hatt' er so geschwind und so geschikt zu reiben gewust, dass sie sich entzündeten. Dan hatte er hurtig das glimmende Holz in etwas Heu gewikkelt, und war mit diesem Heu in der Hand so schnel, als möglich, davon gerant. Durch die geschwinde Bewegung geriet das entzündete Heu in Flammen.
Fr. R. Da hat mir unser Freund Robinson einmal wieder gar nicht gefallen!
Johannes. Warum nicht?
Fr. R. Darum nicht, dass er, ohne hinlängliche Anzeigen von Freitags Untreue zu haben, so gleich einen so schwarzen Argwohn gegen ihn fasste. Fi! wer wollte wohl so mistrauisch sein!
Johannes. Ja, es hätte aber doch wohl sein können, dass es wahr gewesen wäre, was er besorgte; und da must' er sich doch vor ihn in Acht nehmen!
Fr. R. Versteh' mich recht, lieber Johannes! dass der Gedanke an Freitags mögliche Untreue ihm einfiel, verdenk' ich ihm nicht; auch das nicht, dass er ihm nachlief, um ihn zu hindern, fals er etwas wider ihn im Schilde führen sollte: denn diese Vorsichtigkeit gegen einen noch unbekanten Menschen war allerdings nötig und gut. Aber das verdenk ich ihm, dass er diesen Argwohn nun gleich für gegründet hielt, dass er in Leidenschaft geriet und, von Unwillen entbrannt, sich gar nicht einfallen liess, dass Freitag doch wohl unschuldig sein könnte. – Nein! so weit muss unser Mistrauen gegen andere Menschen niemahls gehen, wenn wir nicht die gewissesten Beweise ihrer Untreue in Händen haben. In zweifelhaften Fällen muss man von Andern immer das Beste, nie das Schlimste, vermuten.
Vater. Eine gute Regel! Merkt sie euch, Kinder, und richtet euch darnach. –
Nun, unser Robinson war, wie gesagt, vor Freuden ausser sich, da er seinen Argwohn zernichtet und sich nun auf einmal wieder im Besiz des so lange entbehrten und so sehnlich gewünschten Feuers sah. Lange weidete er seine Augen an den auflodernden Flammen und konnte sich nicht sat daran sehen. Endlich nahm er einen glühenden Feuerbrand und lief damit, von Freitag begleitet, nach seiner Wohnung.
Hier macht' er augenbliklich ein helles Feuer in seiner Küche an, legte einige Kartoffeln dazu und flog darauf, wie der Wind, nach seiner Heerde, um ein junges Lama zu holen. Dieses wurde augenbliklich geschlachtet, abgestreift, zerlegt und ein Viertel davon an den Spiess gestekt. Freitag wurde zum Bratenwender bestellt.
Unterdess dass dieser sein Amt verrichtete, schnit Robinson ein Bruststük ab, und legt' es wohl gewaschen in einen seiner Töpfe. Dan schält' er einige Kartoffeln, zerstampfte zwischen zweien Steinen eine Handvol Maiz zu Mehl tat beides zu dem Fleisch im Topf und goss so viel reines Wasser darauf, als ihm nötig zu sein schien. Auch vergass er nicht etwas Salz dazu zu werfen, und dann sezt' er diesen Topf gleichfalls an das Feuer.
Lotte. Ich weiss schon, was er davon machen wollte! – Suppe!
Vater. Ganz recht; – eine Speise, die er nun wenigstens in acht Jahren nicht genossen hatte! Ihr könt denken, wie der Mund ihm darnach wässern musste!
Freitag machte bei diesen Zurüstungen grosse Augen, weil er noch nicht begreifen konnte, wozu das alles sollte? Vom Kochen hatt' er nie etwas gehört oder gesehen; er wusste daher auch schlechterdings nicht zu erraten, was das Wasser im Topfe bei dem Feuer machen solle? Als nun Robinson auf einige Augenblicke in seine Höhle gegangen war, und das Wasser im Topfe zu kochen anfing: stuzte Freitag, weil es ihm unbegreiflich war, was doch wohl das Wasser auf einmal in Bewegung setzen möchte? Da es aber vollends aufbrausete und von allen Seiten anfing überzulaufen, geriet er auf den närrischen Einfal, dass vielleicht irgend ein lebendiges Tier darin sei, welches diese plözliche Bewegung verursachte; und um zu verhüten, dass dieses Tier nicht alles Wasser aus dem Topfe heraus drengte: stekt' er hurtig seine Hand hinein, um es zu fangen. Aber in eben demselben Augenblicke fing er ein so entsezliches Geschrei an, dass die Felsenwand der Höhle davon erbebte.
Angst und Schrekken ergriffen unsern armen Robinson, da er dies gewaltige Geschrei vernahm, weil er in dem ersten Augenblicke nichts anders vermuten konnte, als dass die Wilden da wären und seinen Freitag schon gepakt hätten. Furcht und Selbstliebe rieten ihm, sich durch seinen verborgenen unterirdischen Gang auf die Flucht zu begeben, um sein eigenes Leben zu retten. Aber er verwarf diesen Einfal augenbliklich wieder, weil er es mit Recht für schändlich hielt, seinen neuen Hausgenossen und Freund im Stiche zu lassen. Ohne sich also länger zu besinnen, stürzt' er aus der Höhle hervor, fest entschlossen, für Freitags abermahlige Befreiung aus den Händen der Unmenschen Blut und Leben zu wagen.
Fr. B. So gefälst du mir, Freund Robinson!
Vater. Er stürzte also hervor, das Beil in der Hand: aber – wie erstaunt' er nicht, da er Freitag ganz allein, wie einen Unsinnigen mit unaufhörlichen Geschrei herumtanzen und die allerseltsamsten Gebehrden machen sah. Lange stand er, wie verduzt, und wusste nicht, was er davon denken sollte? Endlich kam es zu Erklärungen, und da erfuhr er denn durch Zeichen, dass das ganze Unheil nur darin bestehe, dass Freitag sich die Hand ein wenig verbrant habe.
Diesen zu beruhigen, kostete ihm nicht wenig Mühe. Damit ihr aber begreifen möget, (was Robinson erst ein Jahr nachher, da Freitag mit ihm reden konnte, begrif) warum er, um einer solchen Kleinigkeit willen, einen so entsezlichen Lerm machte und sich so wunderlich gebehrdete: so muss ich euch erst sagen, was unwissende, in ihrer Jugend nicht unterrichtete Menschen zu denken pflegen, wenn ihnen etwas begegnet, wovon sie die Ursache nicht einzusehen vermögen.
Diese armen einfältigen Menschen geraten nämlich alsdan fast immer auf den Gedanken, dass irgend ein unsichtbares Wesen, ein Geist, die Ursache von demjenigen sei, was sie nicht begreifen können; und sie meinen, dass dieser Geist eine solche Wirkung auf Befehl irgend eines Menschen tue, dem er dienstbar geworden sei. Einen solchen Menschen, dem sie diese Herschaft über einen oder mehrere Geister zutrauen, nennen sie dann einen Zauberer oder Hexenmeister, und wenn's ein Frauenzimmer ist, eine Zauberin oder Hexe.
Wenn zum Beispiel einem armen unwissenden Landmann plözlich ein Pferd oder eine Kuh krank wird, ohne dass ihm die Ursache dieser Krankheit bekant ist: so gerät er leicht auf den dummen Gedanken, dass irgend ein Hexenmeister oder eine Hexe im Dorfe sei, die sein Pferd oder seine Kuh bezaubert, das heisst, durch Hülfe eines unsichtbaren bösen Geistes krank gemacht hätten. Da gibt's denn gemeiniglich auch einen listigen und boshaften Betrüger, der sich der Unwissenheit und des Aberglaubens dieser armen Leute zu Nuze macht, um Geld von ihnen zu ziehen. Ein solcher Betrüger bestärkt sie darauf in ihrem Aberglauben; weiss sich eine wichtige Miene zu geben; sagt, sie hätten ganz recht, das Tier wäre wirklich behext; aber, wenn sie ihm nur so oder so viel Geld geben wollten, so wäre er im Stande, das Tier wieder zu entzaubern, oder den Zauberer und den bösen Geist zu zwingen, davon abzulassen. Das tun denn diese einfältigen Leute, und der Teufelsbanner (so nennen sie den Betrüger) macht dafür allerlei närrische Gaukeleien. Wird das Vieh dann etwa zufälliger Weise wieder gesund: so schwören sie darauf, dass es wirklich behext gewesen, aber von dem klugen Manne (so pflegen sie den Betrüger auch wohl zu nennen) wieder entzaubert worden sei. Stirbt das Vieh aber doch; nun so hat der kluge Man tausend Ausreden, wodurch er dem Volke begreiflich zu machen weiss, warum seine Bannung ohne seine Schuld fruchtlos geblieben sei.
Je dummer die Menschen sind, desto mehr sind sie diesem schädlichen Aberglauben ergeben. Ihr könt also denken, dass er vornemlich unter den Wilden im Schwange gehen muss. Alles, was diese mit ihrem einfältigen Verstande nicht begreifen können, das schreiben sie den Wirkungen böser Geister zu; und dies war der Fal worin sich unser Freitag jezt befand.
Nie hatt' er gehört oder erfahren, dass man Wasser heiss machen könne; nie hatt' er auch gefühlt, wie es tut, wenn man die Hand in kochendes Wasser stekt: er konnte also auch schlechterdings nicht begreifen, woher die so sehr schmerzhafte Empfindung komme, die ihn plözlich überfiel, so bald das kochende Wasser seine Hand berührte. Er glaubte also steif und fest, dass es mit Zauberei zugehe und dass sein Herr ein Hexenmeister sei.
Nun, Kinder, – macht euch nur darauf gefasst, – es wird euch künftig auch wohl einmal eins und das Andere vorkommen, dessen Ursache ihr nicht werdet begreifen können. Ihr werdet Taschenspieler und Gaukler sehen, die wunderseltsame Dinge machen können, die z. B. dem Scheine nach, einen Vogel in eine Maus verwandeln, einen geköpften Vogel wieder lebendig machen können u. s. w. ohne, dass ihr bei der grössten Aufmerksamkeit im Stande seid, die Gaukelei zu entdekken; wenn euch denn auch etwa der Gedanke anwandeln sollte: das geht nicht mit rechten Dingen zu; das muss ein Hexenmeister sein! so erinnert euch unsers Freitags und seid versichert, dass es euch eben so, wie ihm geht, dass ihr nämlich aus Unwissenheit etwas für übernatürlich haltet, was im Grunde sehr natürlich zu geht. Um euch noch mehr darauf vorzubereiten, wollen wir euch gelegentlich einige solcher Taschenspielerkünste erklären, damit ihr von diesen auf andere schliessen könt.
Es kostete, wie gesagt, viele Mühe, den armen Freitag zu beruhigen und ihn zu bewegen, sich wieder zu dem Braten zu setzen, um ihn zu wenden. Zwar tat er dies endlich, aber den Topf sah er noch immer mit Grausen und seinen Herrn, den er nun für ein unmenschliches Wesen hielt, mit furchtsamer Ehrerbietung an. In diesem Glauben bestärkte ihn die europäische weisse Gesichtsfarbe und der lange Bart desselben, wodurch er ein ganz anderes Ansehen erhielt, als Freitag nebst seinen schwarzbraunen und unbärtigen Landsleuten hatten.
Nikolas. Haben denn die Wilden in Amerika keinen Bart?
Vater. Nein! man hat daher fast durchgängig geglaubt, dass die Natur den Amerikanischen Männern den Bart versagt habe: jezt aber will man bemerkt haben, dass sie ihn bloss deswegen nicht haben, weil sie die Haare des Kinnes, so bald sie hervorwachsen, sorgfältig auszuraufen pflegen.
Suppe, Kartoffeln und Braten waren jezt gar. Da es an Löffeln fehlte, so goss Robinson zwei Porzionen Suppe in zwei andere Töpfe, um sie aus diesen zu trinken. Aber Freitag war durchaus nicht zu bewegen, einen derselben anzunehmen, weil er die Suppe für einen Zaubertrank hielt; und es schauderte ihn, da er Robinson ansetzen, und die bezauberte Brühe trinken sah. Von dem Braten hingegen und von den Kartoffeln ass auch er mit grossem Wohlgefallen.
Wie sehr der Genuss warmer und nahrhafter Speisen unsern Robinson erfreuen musste, könt ihr euch vorstellen. Er vergass darüber aller ausgestandnen Mühseeligkeiten der verflossenen kümmerlichen Jahre, vergass, dass er noch immer auf seiner Insel sei, glaubte in ein ander Land, glaubte wieder mitten in Europa versezt zu sein. So weiss die gütige Vorsehung die Wunden unsers Herzens, die sie zu unserm Besten schlug, und die wir in der Empfindung des Schmerzens für unheilbar hielten, oft in einem einzigen Augenblicke durch den Balsam unverhofter Freuden gänzlich wieder zu heilen! Ob übrigens Robinson im Genuss dieser neuen Gottesgaben auch an den Geber derselben mit Lieb' und Dankbarkeit gedacht habe, brauch ich euch wohl nicht erst zu sagen.
Nach der Mahlzeit lagert' er sich in seinem Gedankenwinkel, um über die glückliche Veränderung seines Zustandes ernstafte Betrachtungen anzustellen. Alles hatte nun eine andere, viel angenehmere Gestalt für ihn gewonnen. Sein Leben war nun nicht mehr einsam; er hatte einen Geselschafter, mit dem er jezt zwar noch nicht reden konnte, aber dessen blosse Gesellschaft ihm doch schon jezt zum Troste und zur Hülfe gereichte; er hatte wieder Feuer und der wohlschmekkenden und gesunden Nahrungsmittel genug, um die Bedürfnisse des Gaums und des Magens hinlänglich befriedigen zu können. »Was kann dich, dacht' er, nun noch hindern, vergnügt und unbekümmert zu leben? Geneuss also der mannigfaltigen Wohltaten des Himmels; iss und trink von deiner Heerde und von den Früchten des Landes das Beste, (denn du hast ja Überfluss an allem) und halte dich nun durch Ruhe und gutes Essen und Trinken schadlos für die ausgestandnen Mühseeligkeiten und den Mangel der verflossenen Jahre! Dein Freitag mag für dich arbeiten; er ist jung und stark und du hast es ja um ihn verdient, dass er dein Knecht sei.« Hier stokten seine Gedanken; denn es kam ihnen eine andere Betrachtung in die Queer.
»Aber wie? dacht' er, wenn deine ganze gegenwärtige Glükseeligkeit einmal wieder ein Ende nähme? Wenn Freitag stürbe? Wenn dein Feuer abermals erlöschte?« Ein kalter Schauder lief ihm bei diesem Gedanken durch alle Glieder.
»Und dacht' er weiter, wenn du durch ein weichliches und wollüstiges Leben dich dann so verwöhnt hättest, dass es dir unmöglich fiele, zu der Härte und Armseeligkeit deiner vorigen Lebensart zurück zu kehren? Und wenn du dennoch, dazu zurück zu kehren, gezwungen würdest?« Er stiess einen tiefen Seufzer aus.
Dan dacht' er weiter: »Wem hast denn du es vornemlich zu zuschreiben, dass du durch Gottes Hülfe manche Schwachheit und Untugend abgelegt hast, die dir vorher eigen waren? Nicht wahr, lediglich der arbeitsamen und mässigen Lebensart, die du bisher zu führen gezwungen warest? Und du wolltest nun durch Müssiggang und sinliches Wohlleben dich in Gefahr setzen, der Gesundheit des Leibes und des Geistes, welche Mässigkeit und Arbeitsamkeit dir verliehen haben, wieder verlustig zu werden? da sei Gott vor!« dacht' er, sprang von seinem Lager auf und ging mit hastigen Schritten in seinem Hofraume auf und nieder. Freitag trug unterdess die übrig gebliebenen Speisen in den Keller und ging, auf Robinsons Befehl, die Lama's zu melken.
Robinson fuhr in seiner Betrachtung also fort: »Und, dacht' er, wenn du von nun an ein ruhiges und schwelgerisches Leben führtest, wie lange würd' es dauern, dass du aller überstandenen Not, und der väterlichen Hülfe, die dein lieber Gott bis hieher dir geleistet hat, vergessen würdest? Wie bald würdest du übermütig, trozig, gottvergessen werden? Schreklich! schreklich!« rief er aus und fiel auf seine Knie, um Gott zu bitten, dass er ihn doch ja vor diesem abscheulichen Undanke bewahren möchte.
Noch stand er einige Minuten im tiefen Nachdenken; dann fasste seine Seele folgende mänliche und wahrhaftig heilsame Entschliessung:
»Ich will, dacht' er, der neuen götlichen Wohltaten zwar geniessen; aber immer mit der grössten Mässigkeit. Die einfachsten Speisen sollen auch künftig meine Nahrung sein, so gross und mannigfaltig mein Vorrat auch immer sein mag. Meine Arbeiten will ich eben so unverdrossen und eben so ununterbrochen fortsetzen, als bisher, ohngeachtet sie nicht mehr eben so notwendig sein werden. An einem Tage einer jeden Woche, und dies sei der Sonnabend, will ich von eben den rohen Speisen leben, die mich bis hieher ernährt haben, und den lezten Tag eines jeden Monats will ich eben so einsam hinbringen, als ich die ganze verflossene Zeit meines hiesigen Aufentalts habe hinbringen müssen. Freitag soll dann jedesmahl einen Tag und eine Nacht sich fern von mir in meinem Sommerpallast aufhalten.«
Er empfand, nachdem er diese tugendhaften Vorsäze gefasst hatte, die reine himlische Freude, welche jedes Bestreben unsers Geistes nach grösserer Volkommenheit allemahl zu begleiten pflegt. Seine Stirn glühete, sein Herz empfand schon zum voraus die seeligen Folgen dieser freiwilligen Aufopferungen und schlug lebhafter; es war ihm unaussprechlich wohl zu Mute. Aber er kante nun schon die Wankelmütigkeit des menschlichen Herzens, auch seines Herzens, und sah daher voraus, wie leicht es möglich sei, dass er dieser seiner guten Vorsäze wieder vergessen könnte. Er glaubte daher, dass es nicht undienlich sein werde, wenn er sich irgend ein sinliches Merkzeichen machte, bei dessen Anblik er sich täglich wieder daran erinnern könnte. In dieser Absicht ergrif er sein Beil und hieb in die Felsenwand über dem Eingange zu seiner Höhle die beiden Worte ein: Arbeitsamkeit und Mässigkeit.
Nun Kinder, ich geb' euch bis Morgen Zeit, über diesen lehrreichen Umstand in unsers Freundes Leben nachzudenken, ob vielleicht etwas darin sei, welches ihr zu eurem Besten nachmachen köntet. Wenn wir wieder zusammen kommen, solt ihr mir eure Gedanken darüber mitteilen, so wie ich euch die Meinigen sagen werde.
Achtzehnter Abend.
Am folgenden Tage war ein Flüstern und Zischeln und eine Bewegung unter dem kleinen Volke, dass man wohl merken konnte, es sei irgend etwas Wichtiges unter ihnen auf dem Tapet. Indes konnte man doch nicht erfahren, was es eigentlich sei, bis die Stunde zur Robinsonserzählung geschlagen hatte. Aber da entstand auch ein Zulaufen und ein Andrängen um den Vater herum, dass dieser sich auf die Grasbank fluchten musste, um nicht zerdrükt zu werden.
Vater. Nun, was gibt's, was gibt's denn?
Alle. Eine Bitte! lieber Vater! Eine Bitte!
Vater. Und was denn für eine?
Alle auf einmal. O ich möchte – o ich wollte gern – o und ich –
Vater. Sch! – ja, da versteh ich kein Wort, wenn ihr alle zugleich sprechen wolt. Rede einer nach dem Andern! Diderich, fange an!
Diderich. Ich und Nikolas und Johannes wollten bitten, dass es uns erlaubt wäre, morgen Mittag nicht zu essen.
Gottlieb. Und ich, und Frizchen und Lotte wollten bitten, dass wir Morgen zum Frühstük nur ein Bischen trokken Brod und den Abend gar nichts essen dürften.
Vater. Und warum das?
Johannes. Ja, wir wollen uns auch gern überwinden lernen.
Nikolas. Und wollten uns üben, ein Bischen Hunger zu ertragen, damit es uns nicht sauer ankomme, wenn wir einmal hungern müssen.
Gottlieb. Ja, und denn wollten wir Vater auch noch bitten, dass es uns erlaubt sein möchte, Morgen Abend nicht zu Bette zu gehen und die ganze Nacht einmal zu wachen.
Vater. Und warum denn das?
Gottlieb. I, weil es doch auch wohl einmal kommen kann, dass wir wachen müssen; damit es uns denn nicht zu schwer werde.
Vater. Ich freue mich, Kinder, dass ihr die Notwendigkeit einsehet, sich zuweilen etwas Angenehmes mit Fleiss zu entziehen, um den Mangel desselben, wenn es sein muss, ertragen zu lernen. Das macht stark an Leib und Seele. Eure Bitte sei euch also gewährt, doch unter der Bedingung, dass ihr es recht gern tut, dass ihr vergnügt dabei seid, und dass ihr es frei heraus sagt, wenn's euch zu schwer fallen sollte.
Alle. O es wird uns gewiss nicht zu schwer fallen.
Fr. R. Ich folge eurem Beispiel, ihr Kleinen, und faste Morgen Abend auch.
Fr. B. Und ich dem Eurigen, ihr Grössern; wir fasten zusammen Morgen Mittag, und die Nachtwache halt' ich mit euch Allen!
Vater. Bravo! Bravo! – Nun, ich werde doch nicht allein zurückbleiben auf dem Wege zum Guten? – Hört, wozu ich mich entschlossen habe!
Ihr wisst, dass ich in meiner Jugend sehr verwöhnt worden bin. Man hat mir Kaffee und Tee, Bier und Wein zu trinken gegeben. Aus eigener Narheit habe ich als Jüngling mir den Schnupftabak und Rauchtabak angewöhnt. Das Alles schwächt nun den Körper gar sehr und gibt uns so viel Bedürfnisse, dass uns alle Augenblicke etwas fehlt und macht dass wir unzufrieden sind, wenn wir es nicht haben können. Ich habe oft Kopfschmerzen; vermutlich würd' ich sie nicht haben, wenn ich nicht von Jugend auf an warme und erhizende Getränke wäre gewöhnt worden. Dies und das Beispiel unsers Robinsons hat mich dann zu der Entschliessung gebracht, von nun an auf Alles dies Verzicht zu tun. Also von heute an, rauche und schnupfe ich keinen Tabak mehr; von heute an, trinke ich keinen Tee, keinen Kaffe, kein Bier und keinen Wein mehr, ausser an Geburtstagen und andern Freudenfesten, da wir gemeinschaftlich ein wenig Wein trinken wollen, um uns auch über diese Gottesgabe zu freuen und dem Geber derselben dafür zu danken.
Es wird mir sauer werden, dies Gelübde zu erfüllen, weil ich schon so lange verwöhnt gewesen und nun schon so alt bin. Aber mag's! desto grösser wird auch nachher meine Freude sein, wenn ich's doch werde erfült haben. Auch die Leute werden viel dawider einzuwenden haben; der Eine wird sagen: »der will den Sonderbaren machen, will dem Diogenes [Fussnote] nachäffen!« Der Andere: »der Man ist hipochondrisch, findet ein Vergnügen daran sich selbst zu quälen!« So werden die guten Leute sprechen; aber, lieben Kinder, wenn man etwas tun will, was vor Gott und vor unserm eigenen Gewissen recht und gut ist, so muss man niemahls fragen: was werden die Leute dazu sagen? man muss vielmehr die Leute sagen lassen, was sie wollen, und selbst tun, was man als recht erkant hat. Auch die Aerzte werden den Kopf über mich schütteln, werden mir, ich weiss nicht was für Krankheiten profezeihn, weil ich aufhören will krank an Leib und Seele zugleich zu sein: aber, lieben Kinder, wenn man Herz genug hat, auf den Weg der Natur zurück kehren zu wollen, so muss man nicht die Aerzte um Rat fragen, welche selbst davon abgewichen sind.
Ich habe geglaubt, dass es gut wäre, euch dies Alles vorher zu sagen, damit ihr aus meinem Beispiele lernen mögtet, dass man viel kann, wenn man viel will, und dass keine böse Gewohnheit so stark sei, dass wir sie mit Gottes Hülfe nicht sollten überwinden können, wenn es nur ein rechter Ernst damit ist. –
Nun, Kinder, zum Anfang werden diese Uebungen in der Entaltsamkeit und Selbstbekämpfung, die wir jezt beschlossen haben, schon hinreichend sein. Haben wir diese glücklich überstanden, so wird uns jede folgende Uebung leichter werden. Also – es bleibt dabei, jeder tut, wozu er sich freiwillig entschlossen hat; und nun wieder zu unserm Robinson!
Der Zustand desselben, war jezt glücklicher, als er, seit seiner Ankunft auf dieser Insel, jemahls gewesen war. Die einzige grosse Sorge, die ihn jezt nur noch beunruhigte, war die, dass die Wilden vielleicht bald zurück kommen wurden, um ihre zurückgebliebenen Gefährten aufzusuchen, und dass es dann leicht zwischen ihm und ihnen wieder zu blutigen Händeln kommen dürfte. Er zitterte vor dem Gedanken, abermals in die Notwendigkeit versezt zu werden, Menschenblut vergiessen zu müssen, und sein eigenes zweifelhaftes Schiksal machte ihn nicht weniger bekümmert.
Bei diesen Umständen erfoderte die Pflicht der Selbsterhaltung, auf seine eigene Sicherheit, so viel möglich, bedacht zu sein. Schon längst hatt' er den Wunsch gehegt, seine Burg zu einer ordentlichen kleinen Festung machen zu können: aber so lange er noch allein war, schien ihm die Ausführung dieses Anschlages unmöglich zu sein. Jezt aber, da er zwei Arme mehr hatte, kont' er so was schon unternehmen. Er stellte sich also auf den Gipfel des Berges, von wannen er den ganzen Platz übersehen konnte, um den Plan dazu zu machen. Dieser war auch bald entworfen. Er durfte nur ausserhalb der Baumwand rund um seine Burg herum einen etwas breiten und tiefen Graben aufwerfen, und den inwendigen Rand desselben mit Pallisaden bepflanzen?
Frizchen. Was sind das Pallisaden?
Johannes. O du kannst auch leicht wieder was vergessen! Weisst du nicht mehr, die spizigen Pfäle, die Vater um das eine Ravelin an unserer kleinen Festung so dicht neben einander gepflanzt hat, – na! das sind Pallisaden.
Frizchen. Ach ja! – Nu nur weiter!
Vater. In diesen Graben beschloss er die kleine Quelle zu leiten, die ohnweit seiner Wohnung entsprang, und zwar so, dass ein Teil des Bachs mitten durch seinen Hofraum flösse, damit es ihm, in Fall einer ordentlichen Belagerung, nicht an Wasser fehlen möchte.
Es hielt schwer, alles dies seinem Freitag durch Zeichen verständlich zu machen. Indes glückt' es ihm endlich damit; und Freitag lief darauf nach dem Gestade, um allerlei Werkzeuge zum Graben und Schaufeln, nämlich grosse Muscheln und platte scharfe Steine zu suchen. Dan sezten beide sich in Arbeit.
Ihr könt denken, dass dies abermals kein leichtes Geschäft gewesen sei. Der Graben musste, wenn er etwas helfen sollte, wenigstens drei Ellen tief und zum mindesten vier Ellen breit sein. Die Länge desselben mochte sich leicht auf 80 bis 100 Schritte belaufen. Und dazu kein eisernes Werkzeug, keine Hakke, keinen Spaten, keine Schaufel zu haben! Denkt einmal nach, was das sagen wolle! Der Pallisaden bedurfte man beinahe 400 Stük; und diese bloss mit einem einzigen steinernen Beile behauen und zuspizen zu wollen: in der Tat kein leichtes Unternehmen! Und dann, so musste auch noch von der Quelle bis zu diesem Graben ein beinahe eben so tiefer Kanal gegraben werden, um das Wasser herzuleiten; und zwischen diesem Quel und der Wohnung war noch oben drein eine Anhöhe, welche durchgestochen werden musste!
Aber alle diese Schwierigkeiten schrekten unsern entschlossenen Freund nicht ab. Durch ein mässiges und immer arbeitsames Leben war auch sein Mut zu jeder wichtigen Unternehmung viel grösser geworden, als er bei weichlichen, im Müssiggang und Wohlleben aufgewachsenen Menschen zu sein pflegt. Mit Gott und gutem Mut! war der Wahlspruch, mit welchem er jedes wichtige Geschäft anfing; und wir wissen schon, dass er dann auch nicht eher nachliess, als bis das Werk geendiget war,
So also auch jezt. Beide, er und Freitag, arbeiteten täglich vom frühen Morgen bis zum späten Abend mit Lust und Eifer, und es war daher erstaunlich, wie viel sie, ihrer armseeligen Werkzeuge ungeachtet, an jedem Tage vor sich brachten. Zum Glük wehete zwei Monate hinter einander ein solcher Wind, der es den Wilden unmöglich machte, Robinsons Insel zu besuchen. Es war also auch, während der Arbeit, kein Ueberfal von ihnen zu besorgen.
Indes nun Robinson so arbeitete, war er nebenbei bemüht, seinen Gehülfen nach und nach so viel von der deutschen Sprache zu lehren, dass er ihn verstehen könnte, wenn er mit ihm redete; und dieser war so gelehrig, dass er in kurzer Zeit schon recht viel davon begriffen hatte. Robinson macht' es dabei eben so, wie wir es mit euch zu machen pflegen, wenn wir euch lateinisch oder französisch lehren; er zeigte ihm immer das Ding, wovon er redete und dann sprach er den Nahmen desselben laut und deutlich aus. Wenn er aber von Sachen redete, die er ihm nicht zeigen konnte, so machte er so vernehmliche Mienen und Gebehrden dazu, dass ihn Freitag doch wohl verstehen musste. So lernte dieser, noch ehe ein halbes Jahr verstrich, so viel Deutsch, dass beide sich ihre Gedanken schon so ziemlich mitteilen konten.
Ein neuer Zuwachs von Glükseeligkeit für unsern Robinson! Bisher hatt' er an Freitag nur einen stummen Gehülfen gehabt; nun ward er fähig, sein wirklicher Geselschafter, sein Freund zu werden. O wie verschwand nun gegen diese Freude das geringere Vergnügen, welches vorher das gedankenlose Geschwäz des Papagaien ihm verursacht hatte!
Freitag bewies sich immer mehr und mehr als einen guterzigen, treuen jungen Menschen, in dem kein Falsch war; und schien seinem Herrn mit der aufrichtigsten Liebe zugetan zu sein. Daher gewan denn auch dieser ihn von Tage zu Tage lieber, und trug nach einiger Zeit gar kein Bedenken mehr, ihn neben sich in seiner eigenen Höhle schlafen zu lassen.
In weniger, als zwei Monaten, war die Grabenarbeit fertig geworden, und nun konten sie jeden Anfal der Wilden ziemlich ruhig erwarten. Denn ehe einer derselben über den Graben kommen und die Pallisaden ersteigen konnte: war es ihnen leicht, ihn entweder mit Pfeilen zu erschiessen, oder mit den langen Spiessen zu erstechen. Für ihre Sicherheit war also nun wohl hinlänglich gesorgt.
Eines Tages, da Robinson und Freitag eine nahe am Strande liegende Anhöhe erstiegen hatten, von der sie weit ins Meer hinaus sehen konten: gukte Freitag sehr scharf nach der Gegend hin, wo man, wie wohl nur ganz dunkel, einige ferne Inseln liegen sah. Auf einmal fieng er an vor Freuden zu hüpfen und zu springen und allerlei seltsame Gebehrden zu machen. Auf Robinsons Frage: was ihn ankomme? rief er freudig aus, indem er fortfuhr zu tanzen: lustig! lustig! dort ist meine Heimat! Dort wohnt meine Nazion!
Aus dem glühenden Gesicht und den funkelnden Augen, womit er dies ausrief, leuchtete eine recht grosse Liebe zu seinem Vaterlande und der Wunsch hervor, wieder dahin zu kommen.
Diese Bemerkung war seinem Herrn gar nicht angenehm, ohngeachtet es sehr lobenswürdig an Freitag war, dass er sein Vaterland mehr, als andere Länder und seine zurückgelassene Freunde und Anverwandte noch zärtlicher, als jeden andern Menschen, liebte. Robinson, der daher Anlass nahm, zu besorgen, dass er ihn bei Gelegenheit, um seiner Landsleute willen, wohl einmal verlassen könnte, versuchte, ihn darüber auszufragen. Er fing also folgendes Gespräch mit ihm an, woraus ihr den ehrlichen Freitag noch besser werdet kennen lernen.
Robinson. Hättest du denn wohl Lust, wieder unter deinen Landsleuten zu leben?
Freitag. Ach ja! ich wollte recht froh sein, wenn ich wieder bei ihnen wäre!
Robinson. Du wolltest vielleicht wieder Menschenfleisch mit ihnen essen?
Freitag. (Ernstaft) Nein! ich wollte sie lehren, dass sie nicht mehr so wild leben, dass sie Fleisch von Tieren und Milch, aber keine Menschen mehr essen sollten.
Robinson. Aber wenn sie dich selbst aufässen?
Freitag. Das werden sie nicht!
Robinson. Aber sie essen doch Menschenfleisch?
Freitag. Ja, aber nur das Fleisch ihrer getödteten Feinde.
Robinson. Köntest du denn wohl einen Kahn machen, worin man hinüberfahren könnte?
Freitag. O ja!
Robinson. Nun, so mache dir einen, und fahre nur immer hin zu ihnen.
Hier sah Freitag auf einmal ganz ernstaft und traurig vor sich nieder.
Robinson. Nun, was ist dir? Worüber wirst du traurig?
Freitag. Ich bin traurig, dass mein lieber Herr böse auf mich ist.
Robinson. Böse? Wie das?
Freitag. Ja, weil er mich von sich wegschikken will.
Robinson. Du wünschtest dich ja hin nach deiner Heimat!
Freitag. Ja, aber wenn mein Herr nicht da ist, wünscht Freitag auch nicht hin.
Robinson. Mich wurde deine Nazion für einen Feind halten und auffressen; reise also nur immer allein ab.
Freitag riss bei diesen Worten seinem Herrn das Beil von der Seite, gab's ihm in die Hand und hielt ihm den Kopf dar, damit er ihn mit dem Beile spalten möchte.
Robinson. Was soll ich?
Freitag. Mich umbringen! Besser umgebracht, als weggeschikt!
Die Tränen stürzten ihm dabei aus den Augen. Robinson ward gerührt, fiel ihm in die Arme und sagte: »Sei unbekümmert, mein lieber Freitag! Auch ich wünsche mich nie von dir zu trennen: denn ich liebe dich herzlich. Was ich gesagt habe, sagt' ich nur, um dich zu prüfen, ob ich dir wohl schon eben so lieb sei, als du mir bist.« Er umarmte ihn hierauf von neuen, und wischte sich selbst eine Freudenträne ab, die ihm aus dem Auge hervorgequollen war.
Freitags Versicherung, dass er wohl einen Kahn machen könne, war unserm Robinson sehr angenehm zu hören gewesen. Er fasste ihn also bei der Hand und führte ihn nach dem Orte, wo er selbst nun schon seit einigen Jahren an einem Schiffe gearbeitet hatte. Hier zeigt' er ihm den Blok, der noch nicht um den dritten Teil ausgehöhlt war und sagte ihm, wie viel Zeit er schon darauf verwandt habe.
Freitag schüttelte den Kopf und lächelte. Auf Robinsons Frage: was er daran auszusetzen fände? antwortete er: dass es all' der Arbeit nicht bedurft hätte; man könnte einen solchen Blok viel besser und zwar in kurzer Zeit durch Feuer aushöhlen. Wer war froher über diese Nachricht, als Robinson! Schon sah er den Kahn vollendet; schon sah er sich im Geiste auf dem Meere und landete schon, nach einer glücklichen Fahrt, in einer Gegend des festen Landes, wo Europäer waren! Wie schlug ihm vor Freuden das Herz bei diesem Gedanken an eine so nahe Erlösung! – Es ward beschlossen, das Werk gleich mit Anbruch des morgenden Tages anzufangen.
Gottlieb. O nun wird die Freude bald aus sein!
Vater. Wie so?
Gottlieb. Ja, wenn er erst ein Schiff hat, so wird er bald absegeln; und wenn er denn erst wieder in Europa ist: so kann Vater uns nichts mehr von ihm erzählen.
Vater. Und wolltest du auf dieses Vergnügen nicht willig Verzicht tun, wenn du des armen Robinsons Befreiung dadurch erkaufen köntest?
Gottlieb. Ach ja, das ist auch wahr! Ich hatt' es nur nicht bedacht.
Vater. Indes, wer weiss, was wieder dazwischen kommen kann, dass der Schifbau oder die Abreise doch noch eingestellt werden muss? Die Zukunft ist ein ungewisses, veränderliches Ding, und fält gemeiniglich ganz anders aus, als wir erwartet hatten. Unsere Hoffnungen, wenn sie auch noch so zuverlässig zu sein scheinen, schlagen nicht selten fehl; und es ist daher sehr weise, sich immer schon zum voraus darauf gefasst zu machen. –
Robinson, der dies nun schon oft aus der Erfahrung gelernt hatte, ging jezt, von Freitag begleitet, mit dem frommen Vorsaze nach Hause, dass er die Erfüllung seines feurigsten Wunsches der alweisen und algütigen Vorsehung überlassen wolle, weil diese doch besser, als er selbst, wisse, was für ihn das Zuträglichste sei. Und so, meine lieben Kinder, wollen wir in ähnlichen Fällen es auch machen.
Neunzehnter Abend.
Da die Gesellschaft am folgenden Abend wieder zusammen kam, waren die beschlossenen Uebungen der Entaltsamkeit zum Teil schon angestellt worden. Alle waren froh und guter Dinge; und der Vater fing die Unterredung mit folgenden Worten an:
Nun, Kinder, wie tut das Fasten?
Alle. O recht gut, recht gut!
Vater. Ihr seht, ich selbst lebe auch noch, ohngeachtet ich heute nur Wasser und Milch getrunken habe.
Nikolas. Wenn's darauf ankäme, so wolt' ich wohl noch länger fasten!
Alle. O ich auch! Ich auch! Das ist ja gar nichts!
Vater. Länger zu fasten ist nicht nötig; könnte auch eurer Gesundheit schädlich werden: aber wenn ihr es wünscht, so will ich euch wohl andere Uebungen vorschlagen, die euch eben so nüzlich sein werden.
Alle. O ja! O ja, lieber Vater!
Vater. Für heute hat jeder von uns genug getan, besonders da diese Nacht noch gewacht werden soll. Aber, wenn ihr wirklich Lust habt, recht trefliche Menschen zu werden, die da gesund und stark an Leib und Seele, und also fähig sind, zum Glük ihrer Nebenmenschen viel, recht viel beizutragen: so hört, was wir tun wollen!
Ich will für euch die Schriften der alten Weisen lesen, welche die Lehrer der grossen und liebenswürdigen Männer waren, die euch, da ich die alte Geschichte erzählte, so sehr gefallen haben. Darin stehen die Vorschriften, welche jene weisen Männer ihren Schülern gaben, und durch deren Erfüllung diese ihre Schüler so gross und so gut geworden sind. Wöchentlich will ich eine dieser Vorschriften auf eine mit Papier überzogene Tafel schreiben und sie euch erklären. Dan will ich jedesmahl euch dabei sagen, was für Uebungen ihr die Woche hindurch anstellen könt, um euch die Erfüllung einer solchen Vorschrift zu einer leichten und angenehmen Gewohnheit zu machen. Aber freilich wird das ohne Aufopferungen nicht abgehen; ihr werdet euch oft freiwillig entschliessen müssen, auf ein sehr liebes Vergnügen Verzicht zu tun, und zuweilen etwas sehr Unangenehmes zu erdulden, um euch dadurch nach und nach diejenige Stärke der Seele zu erwerben, welche uns in den Stand sezt, jede unerlaubte Begierde in uns zu bekämpfen und jeden Verlust, jeden Mangel mit weiser Gleichmütigkeit zu ertragen. Es versteht sich, dass wir Erwachsene euch in allen diesen Uebungen vorgehen und nichts von euch fodern werden, als was wir selbst zu leisten Herz genug haben. Wolt ihr diesen Vorschlag eingehen?
Alle gaben ihre Einstimmung durch ein lautes Ja! und durch freudiges Händeklatschen zu erkennen. Es wurde also von diesem Augenblicke an eine Schule der Weisheit unter ihnen errichtet, welche von andern Schulen sich vornehmlich dadurch auszeichnete, dass wöchentlich nur eine halbe Stunde gelehrt, und das Gelehrte wenigstens acht Tage hinter einander recht eigentlich zur Uebung gemacht ward. Vielleicht teilen wir unsern jungen Lesern einmal eine Nachricht von diesen Uebungen und von ihren erfreulichen Folgen mit, um auch sie die Mittel zu lehren, wodurch man ein vorzüglich guter, gemeinnüziger und glücklicher Mensch werden kann.
Jezt wieder zu unserm Robinson! – Nachdem die gemeldete Verabredung genommen war, fuhr der Vater folgendermassen fort.
Kinder, das, wovon ich gestern Abend beim Schluss meiner Erzählung sagte, dass es möglich sei, hat sich nun wirklich zugetragen.
Alle. Was denn? Was denn?
Vater. Ich sagte, dass im menschlichen Leben unsere gewissesten Hoffnungen oft plözlich vereitelt werden; und dass daher auch Robinson, so wahrscheinlich und so nahe seine Erlösung auch zu sein schiene, doch leicht ein unvorhergesehenes Hindernis antreffen dürfte, welches ihn nötigte, noch länger da zu bleiben. Dieses Hindernis nun fand sich schon am folgenden Tage ein.
Es fing nämlich mit diesem Tage abermals die gewöhnliche Regenzeit an, von welcher Robinson nun schon aus vieljähriger Erfahrung wusste, dass sie jährlich zweimahl, und zwar immer um diejenige Zeit einzutreffen pflege, da Tag und Nacht einander gleich sind. Während dieser Regenzeit, die gemeiniglich einen oder zwei Monate anhielt, war es unmöglich, ausser Hause etwas zu verrichten; so stark und unaufhörlich strömte alsdan der Regen herab! Auch hatte Robinson bemerkt, dass in jener Weltgegend das Ausgehen und Nasswerden in dieser Jahrszeit der Gesundheit äusserst nachteilig sei. Was war also nun zu tun? Der Schifbau musste aufgehoben und die Zeit mit häuslichen Verrichtungen hingebracht werden.
Wohl bekam es nun unserm Robinson an den regnigten Tagen und in den langen finstern Abendstunden, dass er wieder Feuer, noch mehr, dass er einen Geselschafter, einen Freund, hatte, mit dem er unter gemeinschaftlichen Hausarbeiten die Zeit mit vertraulichen Gesprächen vertreiben konnte! Vormahls hatt' er diese traurigen Abende allein, unbeschäftiget und im Finstern hinbringen müssen: jezt sass er mit Freitag bei einer Lampe oder ohnweit dem Küchenfeuer, arbeitete und plauderte und fühlte nie die Beschwerlichkeit der langen Weile, die so drükkend ist.
Freitag lehrte ihn allerlei kleine Künste, wodurch die Wilden ihren Zustand zu verbessern wissen; und dann lehrte Robinson ihn wieder andere Sachen, wovon die Wilden nichts verstehen. So nahmen beide zu an Kenntnissen und Geschiklichkeiten und brachten durch gemeinschaftlichen Fleiss eine Menge kleiner Kunstwerke zu Stande, deren Verfertigung jedem von ihnen, wenn er sich ganz allein befunden hätte, würde unmöglich gewesen sein. Da fühlte dann auch jeder von ihnen recht innig, wie gut es sei, dass die Menschen durch Geselligkeit und Freundschaft zusammen gehalten werden, und nicht, wie die wilden Tiere, einzeln auf dem Erdboden herumschwärmen!
Freitag verstand sich unter andern auf die Verfertigung von Matten aus Baumbast, die er so fein und so dicht zu flechten wusste, dass sie füglich zu Kleidungsstükken gebraucht werden konten. Robinson lernte ihm diese Kunst ab; und da verfertigten beide einen solchen Vorrat davon, als hinreichend war, um für jeden einen ganzen Anzug daraus zu machen. O wie freute sich Robinson, dass ihm die beschwerliche Kleidung aus steifen ungegärbten Fellen nun endlich einmal entbehrlich geworden war!
Ferner verstand Freitag die Kunst, aus den Fasern, worin die Kokusnüsse eingewikkelt sind, und aus verschiedenen flachsartigen Kräutern Garn und Strikke zu drehen, welche diejenigen, die Robinson bisher gemacht hatte, bei weitem übertrafen. Aus dem Garn wust' er Fischneze zu knüpfen, eine Arbeit, die beiden manchen langen Abend auf die angenehmste Weise verkürzte.
Während dieser häuslichen Geschäftigkeit war Robinson vornemlich darauf bedacht, den Verstand seines armen wilden Freundes ein wenig aufzuklären, und ihm nach und nach einige wahre und würdige Begriffe von Gott beizubringen. Wie schwach und irrig Freitags Religionserkentniss war, möget ihr aus folgendem Gespräche zwischen ihm und seinem Herrn ersehen.
Robinson. Sage mir doch, Freund Freitag, weisst du denn wohl, wer das Meer, die Erde, die Tiere und dich selbst erschaffen hat?
Freitag. O ja! Das hat der Toupan getan.
Robinson. Wer ist denn Toupan?
Freitag. I, der Donnerer!
Robinson. Aber wer ist denn der Donnerer?
Freitag. Ein alter, alter Man, der länger, als alle Dinge, lebt, und der den Donner macht. Er ist viel älter, als Sonne, Mond und Sterne; und alle Dinge sagen O zu ihm. (Das sollte so viel heissen, als: Alle beten ihn an.)
Robinson. Kommen denn die Leute in deinem Vaterlande irgendwo hin, wenn sie sterben?
Freitag. Freilich tun sie das; sie kommen zum Toupan.
Robinson. Wo ist denn der?
Freitag. Er wohnt auf hohen Gebirgen.
Robinson. Hat denn jemand ihn da gesehn?
Freitag. Es komt keiner zu ihm hinauf, als die Owokakee's; (dieser Nahme sollte so viel, als Priester bedeuten.) Diese sagen O zu ihm und erzählen uns denn wieder, was er gesprochen hat.
Robinson. Haben denn die Leute, wenn sie nach dem Tode zu ihm kommen, es gut bei ihm?
Freitag. O ja, wenn sie hier recht viel Feinde geschlachtet und aufgegessen haben!
Robinson erschrak vor diesem kläglichen Irtume; und fing von dem Augenblicke an, ihm bessere Begriffe von Gott und von dem Leben nach dem Tode mitzuteilen. Er lehrte ihn, dass Gott ein unsichtbares, höchst mächtiges, höchst weises und gütiges Wesen sei; dass er Alles, was da ist, erschaffen habe, und für alles sorge; er selbst aber habe nie einen Anfang genommen; dass er überal zugegen sei, und wisse alles, was wir denken, reden und tun; dass er Wohlgefallen am Guten finde und alles Böse verabscheue; dass er daher hier und im ewigen Leben nur diejenigen glücklich machen könne, die sich von ganzem Herzen bestrebt hätten, gut zu werden.
Freitag hörte diese erhabene und trostreiche Lehre mit ehrerbietiger Aufmerksamkeit an und prägte sie tief in sein Gedächtnis ein. Er wollte immer mehr davon wissen, und weil Robinson eben so begierig war, ihn zu lehren, als er zu lernen: so sah er in kurzer Zeit die vorzüglichsten Religionswahrheiten so deutlich und so überzeugend ein, als sein Lehrer sie ihm vortragen konnte. Von der Zeit an schäzt' er sich unendlich glücklich, aus seinem Vaterlande auf diese Insel verschlagen zu sein, und er machte selbst die Anmerkung, dass der liebe Gott es doch recht gut mit ihm gemeint habe, da er ihn in die Hände seiner Feinde hätte fallen lassen, weil er sonst wohl nie mit Robinson würde bekant geworden sein. »Und dann, sezt' er hinzu, hätt' ich diesen guten Gott in diesem Leben wohl niemals kennen gelernt!«
Von jezt an verrichtete Robinson sein Gebet immer in Freitags Gegenwart und es war recht rührend anzusehen, mit welcher freudigen Andacht dieser ihm nachbetete. Und nun lebten beide so vergnügt und glücklich, als zwei von aller übrigen Gesellschaft abgesonderte Menschen nur immer leben können.
So verstrich ihnen denn die Regenzeit, ohne dass sie es merkten. Schon klärte der Himmel sich wieder auf; die Stürme schwiegen, und die schweren Regenwolken waren vorüber gezogen. Robinson und sein treuer Gefährte atmeten wieder eine reine sanfterwärmte Frühlingsluft, fühlten sich beide neugestärkt und schritten daher mit grosser Munterkeit zu dem wichtigen Werke, welches sie vor der Regenzeit beschlossen hatten.
Freitag, als der Meister in der Schifbaukunst, fing an, den Stam mit Feuer auszubrennen. Dies ging so geschwind und so gut von statten, dass Robinson nicht umhin konnte, sich selbst einen Dumbart zu schelten, dass ihm dieses Mittel nicht auch eingefallen sei. Doch, sezt' er zu seinem Troste hinzu, wenn's mir nun auch eingefallen wäre, so hätt' ich's ja doch nicht anwenden können, weil ich kein Feuer hatte!
Ihr werdet mich hoffentlich der Mühe überheben, euch umständlich zu erzählen, wie die Arbeit an jedem Tage weiter fortrükte, weil diese Erzählung weder angenehm, noch lehrreich sein würde. Ich begnüge mich also zu melden, dass das Schiff, mit welchem Robinson allein, vielleicht nie, wenigstens in vielen Jahren nicht, würde fertig geworden sein, jezt durch ihre vereinigten Kräfte binnen zwei Monaten gänzlich vollendet ward. Es fehlte nur noch an einem Segel und an Rudern. Zu jenem machte sich Freitag, zu diesen Robinson anheischig.
Gottlieb. Ja, wie kont' er denn ein Segel machen? Dazu braucht' er ja Leinewand!
Vater. Leinewand zu machen verstand er nicht, hatte auch keinen Weberstuhl dazu: aber er konnte, wie ich euch schon erzählt habe, feine Matten von Baumbast machen und dieser bedienen sich die Wilden statt des Segeltuchs.
Beide wurden ungefähr zu gleicher Zeit fertig, Robinson mit den Rudern und Freitag mit dem Segel; und nun war nur noch übrig, das vollendete Schiff vom Stapel laufen zu lassen.
Frizchen. Was ist das?
Vater. Hast du noch niemahls zugesehn, wenn sie ein neuerbautes Schiff von dem Ufer auf die Elbe laufen lassen?
Frizchen. O ja! das hab' ich schon gesehen.
Vater. Nun, da wirst du bemerkt haben, dass das Schiff auf einem schmalen Gerüst von schief liegenden Balken steht. Diese Balken heissen der Stapel. Sobald nun der Keil, der das Schiff festält, weggenommen wird, so schiesst es auf den Balken hinab ins Wasser, und das nent man denn vom Stapel laufen.
Zum Unglück war der Ort, wo sie das Schiff gezimmert hatten, einige tausend Schritte entfernt vom Strande, und es war daher die Frage: wie sie es nun so weit fortbringen könten? Es dahin zu tragen, oder zu schieben, oder fortzuwälzen, schien unmöglich: denn dazu war es viel zu schwer. Was sollten sie also machen? Hier stand der Karren einmal wieder am Berge!
Diderich. I, Robinson brauchte ja nur wieder solche Hebel zu machen, wie er neulich brauchte, da er die beiden grossen Felsenstükke ganz allein aus seiner Höhle wälzte!
Vater. Er hatte den Vorteil, den dieses einfache Werkzeug gewährt, nicht vergessen; er wandt' es daher auch jezt an, aber das Fortwälzen ging dem ohngeachtet so langsam von statten, dass er wohl sah, sie würden einen ganzen Monat darauf verwenden müssen. Zum Glük erinnert' er sich zulezt eines andern eben so einfachen Hülfsmittels, dessen die Zimmerleute und andere Handwerksmänner in Europa sich zu bedienen pflegen, um grosse Lasten fort zu wälzen. Sie brauchen nämlich hierzu die Walzen –
Frizchen. Was sind Walzen!
Vater. Runde länglichte Hölzer, die sich eben deswegen, weil sie rund sind, mit leichter Mühe fortwälzen lassen. Diese legen sie unter die Last, die sie nach einem andern Orte hinbringen wollen, und wenn sie dann die Last nur mit mässigen Kräften schieben: so rolt sie mit den Walzen von selbst fort.
Robinson hatte kaum den Versuch davon gemacht, als er mit Vergnügen sah, wie leicht und wie geschwind sie das Schiff fortbewegen konten! In zwei Tagen war es schon auf dem Wasser, und es machte beiden nicht wenig Freude, zu sehen, dass es vollkommen brauchbar sei.
Nun war also nichts mehr übrig, als die nötigen Anstalten zur Abreise zu machen; das Schiff mit so viel Lebensmitteln zu versehen, als es würde tragen können und dann die von beiden so sehnlich gewünschte Reise anzutreten. Aber wohin nun eigentlich? Freitags Wünsche gingen nach der Insel, auf welcher er zu Haus war; Robinson hingegen verlangte nach dem festen Lande von Amerika zu schiffen, wo er Spanier oder andere Europäer zu finden hofte. Freitags Vaterland war nur ohngefähr vier Meilen, das feste Land hingegen über zwölf bis funfzehn Meilen entfernt. Wolten sie erst nach jenem fahren, so entfernten sie sich um einige Meilen mehr von diesem, und die Gefahr der Reise wurde also auch um so viel grösser. Auf der andern Seite aber kante Freitag nur das Fahrwasser, das heisst, die schifbare Strasse nach seiner Heimat; hingegen war die eigentliche Fahrt nach dem festen Lande ihm völlig unbekant. Robinson konnte sie noch viel weniger kennen, weil er auf diesem Meere noch niemahls geschift hatte. Nun war also guter Rat wieder teuer.
Endlich siegte Robinsons Begierde, wieder zu gesitteten Menschen zu kommen über alle Schwierigkeiten und über alle Einwürfe seines Gefährten. Es ward beschlossen, dass sie gleich am morgenden Tage alle Anstalten zu ihrer Abreise machen und dann mit dem ersten, dem besten günstigen Winde, in Gottes Namen nach der Gegend abfahren wollten, in welcher, nach Freitags Vermutung, die nächste Küste des festen Landes lag.
Und hiermit genug für heute: denn es ist Zeit, dass wir selbst auch Anstalt zu unserer vorhabenden Nachtwache machen. –
Man versammelte sich hierauf in einer Wachstube, alwo die Mutter schon allerlei häusliche Arbeiten in Bereitschaft hielt, womit die Wachenden sich die Nacht hindurch die Zeit vertreiben sollten. Zwei wurden jedesmahl, als Schildwachen, in die entferntesten Ekken des Gartens ausgestellt und nach Verlauf einer Viertelstunde unter Trommelschlag und Pfeifenklang von der ganzen Wache wieder abgelöst, indem zwei Andere an ihre Stelle traten. Nach Verlauf einer jeden Stunde wurde etwas Obst zur Erfrischung genossen.
Es war eine herrliche Sommernacht. Der halbe Mond an der einen Seite des Himmels und an der andern ein fernes Wettergewölk, aus dem es unaufhörlich blizte! Die Luft dabei so sanft erwärmt, die ganze schlafende Natur so stille! Alle gestanden am folgenden Morgen, dass sie nie einen Tag, geschweige eine Nacht, mit mehr Vergnügen hingebracht hätten, als diese.
Zwanzigster Abend.
Vater. Nun, Kinder, Robinson und Freitag haben eingepakt, und der Wind ist günstig. Macht euch also gefasst, ihnen ein ewiges Lebewohl zu sagen: denn wer weiss, ob wir jemahls wieder von ihnen etwas sehen, oder hören werden!
Alle. (Bestürzt und traurig.) Oh!
Vater. So ist es nun einmal in der Welt! Man kann nicht immer bei seinen Freunden sein; der Schmerz der Trennung ist unvermeidlich; man muss sich also auch darauf schon in voraus vorzubereiten suchen.
Da Robinson seine Burg verlassen hatte, blieb er auf dem Hügel über derselben nachdenkend stehen, und hiess seinen Gefährten ein wenig voran gehen. Dan überdacht' er noch einmal alle überstandene Schiksale seines einsamen Lebens an diesem Orte, und ward über die wunderbare Führung des Himmels, die ihn bis dahin so sichtbar geleitet hatte, tief im Innersten seines Herzens gerührt. Ein Strom dankbarer Freudentränen entstürzte seinen Augen. Dan hob er seine ausgebreiteten Arme gen Himmel und betete mit glühender Andacht:
»O du lieber, lieber himlischer Vater, wie soll ich dir danken für Alles, was du bis hieher an mir getan hast? Siehe! (indem er auf die Knie fiel) hier lieg' ich vor deinem alsehenden Auge im Staube, unfähig, die heissen Gefühle meines Herzens durch Worte auszudrükken! Aber du siehst dies Herz, siehst die unaussprechlichen Empfindungen der Dankbarkeit, von denen es so ganz, so ganz durchdrungen ist. Dies von dir gebesserte, dich über alles liebende Herz, dies so oft durch Trübsal verwundete, so oft von dir geheilte Herz, ist alles alles, was ich dir, mein gütiger Vater, für alle deine unzählbaren Wohltaten wieder zu geben vermag. Nim es an, mein Vater, o nim es ganz und vollende das Werk der Besserung, welches du mit ihm angefangen hast! Siehe! ich werfe mich von neuem in deine Vaterarme! Mache du es mit mir nach deinem väterlichen Wohlgefallen. Nur dass ich nie wieder verlasse den Weg der Tugend, auf den deine Barmherzigkeit mich zurückgeführt hat! Nur das nicht, mein Vater, nur das nicht! Sonst mag es mit mir gehen, wie dein weiser Rat beschlossen hat. Ich gehe, wohin du mich führen wirst; gehe im Vertrauen auf dich jeder neuen Gefahr, die meiner vielleicht wartet, mutig entgegen. Begleite mich, mein Gott; bewache meine unsterbliche Seele mit deinem unsichtbaren Schuze bei jeder mir vielleicht bevorstehenden Versuchung zur Kleinmütigkeit, zur Ungeduld und zur Undankbarkeit gegen dich – gegen dich, o du ewige himlische Liebe, mein Schöpfer, mein Vater, mein Gott! Gott! Gott! –«
Hier wurde seine Empfindung so heftig, dass er nichts bestimmtes mehr zu denken vermochte. Er warf sich mit dem Gesicht zur Erde, um auszuweinen. Dan richtete er sich, gestärkt durch götlichen Trost, wieder auf und übersah noch einmal die ihm nun so liebe Gegend, die er jezt verlassen sollte. Es war ihm, wie einem, der sein Vaterland verlassen soll, und es nie wieder zu sehen hoffen darf. Sein nasser Blik blieb liebevol und traurig hangen an jedem Baume, in dessen Schatten ihm einst wohl gewesen war, an jedem Werke seiner Hände, welches er im Schweisse seines Angesichts gemacht hatte. Es war ihm nicht anders dabei zu Mute, als wenn er sich von eben so vielen Freunden trennen sollte. Und da er nun vollends seine am Fuss des Berges im Grase weidende Lama's erblikte, must' er sein Gesicht von ihnen wegkehren, um in seiner Entschliessung zur Abreise nicht wankend zu werden.
Endlich hatt' er ausgekämpft. Er ermante sich, breitete seine Arme gegen die ganze Gegend aus, als wenn er Alles, was darin war, umarmen wollte, und rief mit lauter Stimme aus: lebt wohl, ihr teuren Zeugen meiner überstandenen Leiden! Lebt wohl! Wohl! Wohl! – Das lezte Wohl verlohr sich in einem lauten Schluchzen. Jezt richtete er noch einmal seine Augen gen Himmel und trat entschlossen den Weg zum Strande an.
Im Weggehen bemerkt' er seinen trauten Pol, der von Baum zu Baum neben ihm herflatterte. Er konnte dem Verlangen, ihn mitzunehmen, nicht wiederstehn; also strekt' er seine Hand gegen ihn aus, rief: Pol! Pol! und Polchen hüpfte hurtig herab, kletterte gaukelnd von seines Herrn Hand auf seine Schulter und blieb da sizen. So kam Robinson bei seinem, ihn mit Ungeduld erwartenden Freitag an und beide stiegen in das Schiff.
Es war der 30ste November des Morgens um 8 Uhr, im neunten Jahr des Aufentalts unsers Freundes auf dieser einsamen Insel, da sie bei völlig heiterem Wetter und mit frischen günstigen Winde vom Lande abstiessen. Sie waren kaum einige tausend Schritte fortgesegelt, als sie an ein Rif von Klippen kamen –
Lotte. O sage uns doch erst, was das ist, ein Rif!
Vater. So nennen die Schiffer eine Reihe an einander hängender Felsen, die entweder unter dem Wasser verborgen liegen, oder hie und da hervorragen. Dieses Rif, oder diese Kettenfelsen liefen von einem Vorgebirge der Insel über zwei deutsche Meilen weit schief in die See hinein. Darüber weg zu fahren, schien beiden gefährlich zu sein; also gaben sie dem Segel eine andere Richtung, um durch einen Umweg dieser Felsenreihe auszubeugen.
Nikolas. Wie konten sie denn aber wissen, wie weit das Rif ins Meer hinauslief, wenn das Wasser darüber herfloss?
Vater. Das konten sie aus den Brechungen der Meereswogen sehen, die an solchen Orten, wo Felsen verborgen sind, höher aufbrausen und zugleich schäumen, weil sie von denen unterm Wasser befindlichen Felsen aufgehalten und gebrochen werden.
Kaum hatten sie die äusserste Spize des Rifs erreicht, als ihr Kahn auf einmal mit solcher Geschwindigkeit fortgerissen ward, als wenn sie zwanzig Segel angesezt und den stärksten Sturmwind im Rükken gehabt hätten. Beide erschraken und strichen geschwind das Segel, weil sie glaubten, dass ein plözlicher Windstoss Schuld daran wäre. Aber das half nichts; es schoss vielmehr der Kahn noch eben so schnel durch die Flut, als vorher: und nun sahen sie zu ihrem Schrekken, dass sie sich mitten auf einem reissenden Meerstrome befänden.
Frizchen. I, sind denn in dem Meere auch Ströme?
Vater. O ja, Frizchen! Weil der Grund des Meeres eben so ungleich, als die Oberfläche des festen Landes, ist; weil es da eben so, wie hier zu Lande, Berge, Hügel und Täler gibt: so kriegt das Wasser nach den niedrigern Gegenden hin einen stärkern Schuss, und daher entstehen dann mitten im Meere eben solche grosse Ströme, als unsere Elbe ist, und die pflegen gemeiniglich sehr reissend zu sein. Da ist es dann oft sehr gefährlich für die Schiffe, besonders für die kleinen, wenn sie auf einen solchen Meerstrom geraten; weil sie nicht im Stande sind, wieder davon zu kommen, und oft wohl funfzig und mehr Meilen weit ins weite Meer verschlagen werden.
Gottlieb. Ach, armer, armer Robinson, wie wird dir's nun gehn?
Lotte. Wär' er doch nur auf seiner Insel geblieben! Ich dacht' es wohl, dass wieder was daraus herkommen würde!
Vater. Diesmahl war es nicht Vorwiz, nicht Leichtsin, wodurch er zu dieser Reise angetrieben ward. Er hatte vielmehr die vernünftigsten Bewegungsgründe dazu gehabt. Alles also, was ihm jezt begegnet, darf er für eine götliche Schikkung halten; und in diese hatt' er sich ja ergeben.
Beide strengten alle ihre Kräfte an, um wo möglich, den Kahn durch Rudern aus dem Strome heraus zu arbeiten; aber vergebens! Eine unwiderstehliche Gewalt riss sie mit der Schnelligkeit eines Pfeils dahin und schon waren sie so weit fortgetrieben, dass sie das flache Land ihrer Insel aus dem Gesichte verloren. Ihr Untergang schien nun unvermeidlich zu sein: denn es konnte höchstens nur noch eine halbe Stunde währen: so waren auch die höchsten Gipfel der Berge aus ihrem Gesicht verschwunden; und wenn dann auch die Gewalt des Stromes über kurz oder lang nachliess: so war es ihnen doch unmöglich den Rükweg nach der Insel zu finden, weil sie keinen Kompass hatten.
Frizchen. Keinen – ?
Vater. Keinen Kompass, sag' ich. Nikolas, der ein Schiffskapitän werden will, wird dir sagen, was das sei.
Nikolas. (lachend.) Wenn ich alles andere, was dazu gehört, auch schon so gut wüste, als das? – Frizchen, das ist eine Magnetnadel in einem kleinen runden Kästchen –
Frizchen. Ja, was ist eine Magnetnadel?
Nikolas. Das ist eine ordentliche Nadel von Stahl; die hat man mit einem gewissen Stein bestrichen, welcher der Magnet genant wird. Dadurch hat die Nadel die wunderbare Eigenschaft gekriegt, dass sie immer nach Norden – dort hin über Wandsbek hinaus – weiset. Darnach richten sich denn die Schiffer, wenn sie nichts mehr, als Luft und Wasser sehen können, sonst wurden sie auf dem grossen Meere sich bald verirren und gar nicht wissen, nach welcher Himmelsgegend sie hinsegeln.
Vater. Hast du das verstanden, Friz?
Frizchen. Ja! Nur zu!
Vater. Da also Robinson einen solchen Kompass nicht hatte: so war es ihm unmöglich wieder zurück zu finden, so bald er die Insel völlig aus den Augen verloren hatte. Und welch ein schreklicher Zustand wartete seiner dann? Mitten auf den Ozean getrieben zu werden, in einem kleinen unsichern Nachen, und nur auf einige Tage Lebensmittel zu haben. Kan auch etwas Fürchterlicheres erdacht werden?
Aber hier zeigt' es sich recht sichtbarlich, was für ein unaussprechlicher grosser Schaz eine wahre Frömmigkeit und ein gutes Gewissen in Not und Unglück sind! Hätte Robinson diese nicht gehabt: wie hätt' er die überwältigende Last dieser neuen Leiden ertragen können? Er würde in Verzweiflung geraten sein und seinem gequälten Leben ein Ende gemacht haben, um dem langsamen und schreklichen Tode des Hungers zu entgehen.
Sein Gefährte, dessen Gottesfurcht noch nicht so fest gegründet, und noch nicht durch so viele und so lange Leiden gestärkt war, als die Frömmigkeit seines Herrn, war wirklich der Verzweiflung nahe. Unfähig, ferner zu arbeiten und völlig mutlos, legt' er das Ruder nieder, sah seinen Herrn kläglich ins Gesicht und fragte: ob sie nicht über Bord springen wollten, um alle dem Jammer, der ihnen bevorstände, auf einmal durch den Tod zu entgehen? Robinson redete ihm erst liebreich zu und suchte ihm Mut einzusprechen; dann verwies er ihm mit sanfter Stimme seinen schwachen Glauben an die alles lenkende götliche Vorsehung, und erinnerte ihn an das, was er ihn davon gelehrt hatte. »Stehen wir, sezt' er hinzu, etwa nur zu Lande in Gottes, des Almächtigen, Hand? Ist er nicht auch Herr des Ozeans, und kann er, wenn es Ihm gefällt, nicht auch diesen wilden Fluten gebieten, dass sie uns wieder an einen sichern Ort führen müssen? Oder meinst du, dass du dich seiner Herschaft entziehen könnest, wenn du ins Meer sprängest? Wisse, unbesonnener Jüngling, dass deine unsterbliche Seele immer und ewig ein Untertan in Gottes unermesslichen Reiche bleibt, und dass es ihr ohnmöglich wohl darnach gehen kann, wenn sie, als eine Empörerin gegen Gott, aus diesem Leben flüchtet, ohne erst den Ruf ihres Schöpfers abzuwarten!«
Freitag fühlte die Wahrheit dieser Vorstellungen in dem Innersten seiner Seele und schämte sich seiner Kleinmütigkeit. Auf Robinsons Zureden ergrif er wieder das Ruder und beide fuhren unaufhörlich fort zu arbeiten, ohngeachtet nicht die mindeste Hoffnung war, dass es etwas helfen würde. »Dies, sagte Robinson, ist unsere Pflicht. So lange noch ein Fünkchen Leben in uns ist, müssen wir unser Möglichstes tun, es zu erhalten. Dan können wir, wenn es sein muss, mit dem tröstenden Bewustsein sterben, dass es Gott so gewolt habe. Und sein Wille, lieber Freitag, fuhr er mit erhöhter Stimme und in edlem Feuer fort, sein Wille ist immer gut, immer gut und weise, auch wenn wir schwache Erdenwürmer es nicht begreifen können!«
Der gewaltige Strom schoss indes unaufhörlich fort; mit ihm der Kahn, und von der fernen Insel ragten jezt nur noch die Gipfel einiger Berge hervor. Jezt war nur noch die Spize eines einzigen Berges zu sehen, der auf der Insel der höchste war; und nun war alle Hoffnung einer möglichen Errettung dahin!
Aber, wenn alle irdische Hülfe verschwindet, wenn die Not unglücklicher Menschen aufs höchste gestiegen ist, und nirgends, nirgends mehr ein Rettungsmittel übrig zu sein scheint; dann, lieben Kinder, dann pflegt die Hand der alles regierenden göttlichen Vorsehung am sichtbarsten einzugreifen, und uns durch Mittel zu helfen, die wir gar nicht voraus gesehen hatten. So gings auch hier. Indem Robinson selbst alle Hoffnung des Lebens nun schon für gänzlich verschwunden hielt und vor Mattigkeit zu rudern aufhören musste: merkt' er plözlich, dass die Schnelligkeit der Bewegung des Kahns etwas vermindert ward. Er sah ins Wasser, und fand es weniger trübe, als es vorher gewesen war. Ein zweiter Blik auf der Oberfläche des Wassers hin überzeugte ihn, dass der Strom sich hier geteilt habe, und dass der stärkste Arm desselben gegen Norden ströme, indes der andere minder schnel fliessende, auf dem ihr Nachen jezt fortschwam, sich durch eine Krümmung nach Süden drehte.
Mit unaussprechlicher Freude rief er seinem schon halb todten Gefährten zu: »munter, Freitag! Gott will, dass wir leben sollen!« Dan zeigt' er ihm den augenscheinlichen Grund seiner Hoffnung; und vor Freude jauchzend griffen beide eiligst wieder zu den Rudern, die sie eben aus gänzlicher Entkräftung niedergelegt hatten. Gestärkt durch die unerwartete süsse Hoffnung des Lebens arbeiteten sie mit einer unbeschreiblichen Anstrengung dem Strome entgegen, und sahen mit Entzükken, dass ihre Bemühung diesmahl nicht vergebens war. Robinson, dessen Seele durch eine lange Reihe von Unglücksfällen geübt war, seine Aufmerksamkeit auf jeden besondere Umstand zu richten, bemerkte, dass ihnen jezt auch der Wind zu statten kommen würde. Augenbliklich spant' er das Segel aus; der Wind blies lebhaft hinein, und da beide mit den Rudern nachhalfen: so hatten sie in kurzer Zeit die unbeschreibliche Freude, sich aus dem Zuge des Stroms heraus und auf der ruhigen Oberfläche des stilstehenden Meeres zu sehn.
Freitag weinte laut vor Freuden, sprang auf und wollte seinem Herrn um den Hals fallen. Dieser aber bat ihn, seine Empfindungen vor jezt zu mässigen, weil noch ein gut Stük Arbeit für sie übrig wäre, bevor sie sich für ganz gerettet halten könten. Sie waren nämlich schon so weit verschlagen worden, dass sie von der ganzen Insel nur noch ein kleines undeutliches schwarzes Flekchen am äussersten Horizont erblikten.
Frizchen. Am Horizont? Was ist das?
Vater. Frizchen, wenn du draussen auf dem freien Felde bist, komt dir's da nicht vor, als wenn der Himmel rund umher, wie ein grosses Gewölbe, bis auf die Erde herab gehe?
Frizchen. Ja!
Vater. Nun der Kreis so rund herum, wo die Erde aufzuhören, und der Himmel anzufangen scheint, der wird der Horizont genant. Bald solst du mehr davon hören.
Unsere muntern Schiffer ruderten so rastlos zu, und der Wind blies so frisch gegen die Ostseite der Insel, auf welche sie jezt lossegelten, dass sie in kurzer Zeit schon wieder Berge hervorragen sahen. »Frisch! rief Robinson seinem Gefährten zu, der im Vorderteile sass und der Insel also den Rükken zukehrte; frisch, Freitag! das Ende unserer Mühseeligkeit komt näher!« Er hatte diese Worte kaum ausgesprochen, als der Kahn einen so heftigen Stoss empfing, dass beide Ruderer von ihren Sizen herab der Länge nach auf den Schifsboden hinstürzten. In dem Augenblicke stand der Kahn selbst stille und die Wellen fingen an, über Bord zu schlagen.
Mutter. Ja, Kinder, so gern ich auch, so wie ihr, auf das Abendessen Verzicht täte, wenn wir unsern armen Freund dadurch retten könten: so müssen wir doch jezt aufbrechen. Das Essen wartet auf uns, schon zweimahl hat Hanchen gerufen.
Alle. Oh!
Ein und zwanzigster Abend.
Einige zugleich. O nur geschwind, lieber Vater, dass wir nur erst hören, was aus dem armen Robinson geworden sei!
Vater. Eben, da er sich für gerettet hielt, stürzt' er, wie wir gehört haben, in ein neues Unglück, welches leicht noch grösser werden konnte, als dasjenige, dem sie so eben erst entgangen waren. Der Kahn sass plözlich fest und die Wellen fingen an, über Bord zu schlagen. War nun dasjenige, wovon das Schiff festgehalten wurde, eine Felsenspize: so war es aller Wahrscheinlichkeit nach, um sie geschehen!
Robinson untersuchte, so geschwind als möglich, mit dem Ruder den Grund im Wasser, und da er ihn rund um das Schiff herum fest und das Wasser nicht über eine halbe Elle tief fand: so besan er sich keinen Augenblick, sondern sprang über Bord. Freitag folgte seinem Beispiel und beide fanden zu ihrem grossen Troste, dass es nur eine Sandbank und kein Felsen sei, worauf sie geraten waren.
Beide strengten darauf alle ihre Kräfte an, um den Kahn wieder zurück ins tiefere Wasser zu schieben. Es glückte ihnen; das Schiff ward flot, und beide sprangen wieder hinein.
Lotte. Nun wird der arme Robinson gewiss den Schnupfen kriegen, weil er sich die Füsse nass gemacht hat!
Vater. Liebe Lotte, wenn man durch eine arbeitsame und natürliche Lebensart sich erst so abgehärtet hat, als Robinson: so pflegt man von einer solchen Kleinigkeit den Schnupfen nicht mehr zu kriegen. Sei deswegen nur unbesorgt!
Nachdem sie das eingesprüzte Wasser, so gut es mit den Rudern gehen wollte, wieder ausgeworfen hatten, beschlossen sie, vorsichtiger zu Werke zu gehen und ohne Segel zu fahren, damit sie die Lenkung des Schiffes besser in ihrer Gewalt hätten. So ruderten sie also längst der Sandbank hin, in der Hoffnung, dass sie bald ein Ende nehmen werde. Aber sie mussten wohl erst vier gute Stunden schiffen, ehe diese Hoffnung erfült ward: so weit lief die Bank von Norden nach Süden hin. Robinson merkte, dass sie sich bis in diejenige Gegend des Meeres hin erstrekke, wo er vor neun Jahren Schifbruch gelitten hatte, und dass es also eben dieselbe sei, auf welcher das Schiff damahls gestrandet war.
Frizchen. Was heisst das gestrandet?
Gottlieb. O dass du doch auch immer den Vater unterbrechen must!
Vater. Nun, das ist ja gut von ihm, dass er gern belehrt sein will! Aber nicht so gut von dir, lieber Gottlieb, dass du darüber unfreundlich wirst! Hüte dich künftig davor! – Stranden, lieber Friz, heisst, wenn ein Schiff auf eine solche Sandbank oder auf einen Felsen gerät, und nicht wieder davon loskommen kann.
Frizchen. Gut!
Vater. Endlich erreichten sie wieder ein ordentliches Fahrwasser, und ruderten nun mit aller Gewalt der Insel zu, welche ihnen jezt schon ganz vor Augen lag. Sie erreichten endlich den Strand, da die Sonne eben ihre lezten Blikke auf den Gipfel der Berge warf, und stiegen ganz ermattet, aber unbeschreiblich froh über ihre glückliche Rettung, ans Land.
Beide hatten den ganzen Tag keinen Bissen genossen. Sie konten daher die Zeit nicht abwarten, da sie wieder in der Burg würden angekommen sein, und sezten sich gleich am Strande nieder, um von dem Vorrate, den sie mit sich zu Schiffe genommen hatten, erst eine reichliche Mahlzeit zu tun. Dan zogen sie den Kahn in eine kleine Bugt – ihr wisst doch, was das ist?
Johannes. O ja! Wo das Wasser so etwas ins Land hineintrit. Es ist ja fast eben das, was ein Meerbusen ist.
Vater. Nur, dass der Meerbusen grösser ist! – Sie zogen, sag' ich, den Kahn in eine Bugt und gingen mit allem, was sie im Schiffe gehabt hatten, beladen nach Hause. –
Nikolas. O es ist doch wohl noch nicht aus?
Vater. Robinson und Freitag haben sich bereits zur Ruhe begeben, und der lezte liegt schon im tiefen Schlaf versunken, indes der erste noch ein feuriges Dankgebet für seine abermahlige Errettung zu Gott schikt. Wir könten's also auch so machen; aber da es noch so früh am Tage ist: so will ich die Nacht überspringen und nun noch erzählen, was am folgenden Tage geschahe.
»Nun, Freitag, fragte Robinson beim Frühstük, hättest du Lust, dich noch einmal so mit mir zu wagen, als gestern?«
Freitag. Gott bewahre!
Robinson. Also entschliesst du dich, dein Leben auf dieser Insel mit mir zu endigen?
Freitag. Wenn nur mein Vater auch hier wäre!
Robinson. Also hast du noch einen Vater?
Freitag. Wenn er nicht unterdess gestorben ist!
Hier legt' er die Kartoffel aus der Hand, und ein Paar grosse Tränen rolten ihm die Bakken herab. Robinson dachte an seine eigene Eltern und musste sich gleichfalls die Augen wischen. Beide beobachteten eine Zeitlang ein rührendes Stilschweigen.
Robinson. Sei gutes Muts, Freitag! Dein Vater wird noch leben, und wenn es Gottes Wille ist: so wollen wir nächstens hinüber fahren und ihn zu uns hohlen.
Nun das war zu viel Freude für den armen Freitag! Laut heulend sprang er auf, warf sich über Robinsons Knie hin, klammerte sich fest daran und konnte vor Schluchzen kein Wort sprechen.
»Kinder! rief hier die Mutter aus, welch ein Beispiel von Elternliebe an einem Wilden! An einem Wilden, der seinem Vater keine Erziehung, keinen Unterricht, nur das blosse Leben, und noch dazu ein recht armseliges Leben zu verdanken hatte!«
So gewiss, fügte der Vater hinzu, hat Gott die Liebe und Dankbarkeit gegen Eltern allen Menschen ins Herz gelegt! Und welch ein Ungeheuer müste also nicht der sein – wenn es unter uns gesitteten Menschen einen solchen gäbe – der diesen angebohrnen Trieb bei sich erstikte, und gegen seine Eltern gleichgültig werden, ihnen wohl gar Kummer und Betrübnis verursachen könnte! Soltet ihr je einen solchen Unmenschen antreffen: o so verweilet nicht mit ihm unter einen Dache; flieht ihn, als eine Pest der Gesellschaft, als einen solchen, der auch jeder andern Unmenschlichkeit gleichfalls fähig ist, und dem die gerechten Strafgerichte Gottes auf dem Fusse nacheilen! –
Nachdem Freitag sich einiger massen erhohlt hatte, fragte Robinson, ob er denn auch wohl der Fahrt nach seiner Heimat so völlig kundig wäre, dass sie nicht abermals ein ähnliches Unglück, als ihr gestriges, zu besorgen hätten? und Freitag beteuerte, dass das Fahrwasser dahin ihm so bekant wäre, dass er zur Nachtzeit dahin zu schiffen sich getraue, weil er sich oft mit dabei befunden hätte, wenn seine Landsleute herüber geschift wären, um hier ihre Siegesfeste zu feiern.
Robinson. Also bist du oft mit dabei gewesen, wenn man Menschen schlachtete?
Freitag. O ja!
Robinson. Und hast sie mit verzehren helfen?
Freitag. Leider! Ich wusste ja noch nicht, dass das was Böses sei!
Robinson. An welcher Stelle unserer Insel pflegtet ihr dann zulanden?
Freitag. Allemahl an der südlichen Küste, weil uns diese die nächste war, und weil es da Kokusbäume gibt.
Robinson sah hieraus noch deutlicher ein, wie viel Ursache er habe, Gott zu danken, dass er ihn an der nördlichen Seite der Insel, und nicht an der südlichen hatte Schifbruch leiden lassen, weil er im lezten Falle gewiss in kurzer Zeit ein Raub der Wilden würde geworden sein. Er wiederhohlte hierauf das für Freitag so angenehme Versprechen, dass er in kurzem mit ihm hinüber fahren wollte, um seinen Vater abzuholen. Für jezt liesse sich's noch nicht tun, weil die Gartenarbeiten, zu denen es eben Zeit war, ihre Gegenwart erfoderten.
Zu diesen ward also gleich geschritten. Robinson und Freitag gruben um die Wette und in den Ruhestunden waren sie darauf bedacht, sich immer brauchbarere Werkzeuge zu machen. Robinson, dessen Erfindungskraft und Geduld gleich unerschöpflich waren, kam so gar damit zu Stande, eine Harke zu verfertigen, ohngeachtet er die Löcher, zu den Zähnen mit einem spizigen Steine – ihr könt denken wie langsam! ausboren musste. Freitag hingegen schnizte nach und nach mit einem steinernen Messer zwei Spaten aus so hartem Holze, dass sie ihnen beinahe dieselben Dienste leisteten, als wenn sie von Eisen gewesen wären.
Und nun begnügte sich Robinson nicht mehr damit, bloss für die allernötigsten Bedürfnisse zu sorgen: sondern er fing auch nach und nach an, auf eine Verschönerung seines Aufentalts zu denken. Und so, Kinder, ist es immer in der Welt gegangen. So lange die Menschen noch alle ihre Gedanken auf die Erwerbung ihres Unterhalts und auf die Sicherheit ihres Lebens richten mussten, fiels ihnen gar nicht ein, sich auf diejenigen Künste zu legen, welche nur dazu dienen, die Gegenstände um uns her zu verschönern, und unserer Seele feinere Vergnügungen zu verschaffen, als die bloss tierischen Vergnügungen der Sinne sind. Aber kaum war für Nahrungsmittel und für Sicherheit hinlänglich gesorgt, so fingen sie auch an, das Schöne mit dem Nüzlichen, das Angenehme mit dem Notwendigen verbinden zu wollen. So entstanden dann die eigentliche Baukunst, die Malerei, die Bildhauerkunst, die Tonkunst, und alle die übrigen künstlichen Geschiklichkeiten, welche unter dem Nahmen der schönen Künste begriffen werden.
Robinson fing mit der Verbesserung und Verschönerung des Gartenwesens an. Er teilte seinen Garten nach einem ordentlichen Plane in regelmässige Felder ein; durchschnit diese Felder mit schnurgraden Wegen, legte lebendige Hekken, Lauben und Alleen an; bestimmte den einen Platz zum Blumengarten, den andern zum Küchengarten und einen dritten zum Obstgarten. In diesen leztern pflanzt' er alles, was er von jungen Zitronenbäumen auf der Insel finden konnte, nebst einer Menge anderer junger Bäume, auf die er Kokusreiser pfropfte. Bei dieser lezten Arbeit machte Freitag besonders grosse Augen, weil er gar nicht begreifen konnte, wozu das sollte, bis ihm Robinson das Verständnis darüber öfnete.
Jezt pflanzten sie Kartoffeln und Maiz in grosser Menge und weil der Akker vielleicht von Erschaffung der Welt her brach gelegen hatte; so wuchs das Gepflanzte bald zu einer sehr geseegneten Erndte auf.
Unter durch stellten sie auch Fischereien an, weil Freitag wie ich erzählt habe, in der lezten Regenzeit die Neze dazu verfertiget hatte. Sie fingen jedesmahl weit mehr, als sie brauchen konten, und warfen daher die Ueberflüssigen wieder ins Meer. Bei dieser Gelegenheit pflegten sie sich dann gemeiniglich auch zu baden; und da musste Robinson die erstaunliche Geschiklichkeit bewundern, welche Freitag im Schwimmen und Untertauchen bewies. Er suchte sich mit Fleiss ein felsichtes Ufer aus, wo die Meereswellen sich auf eine fürchterliche Weise brachen. In diese sprang er scherzend von oben hinab, blieb einige Minuten unterm Wasser, so dass dem armen Robinson oft angst und bange dabei ward, kam dann wieder hervor auf die Oberfläche des Wassers, legte sich auf den Rükken um sich von den Wellen wiegen zu lassen und trieb allerlei Gaukeleien, deren umständliche Beschreibung beinahe alle Glaubwürdigkeit verlieren würde. Robinson konnte dabei nicht umhin, die erstaunlichen Anlagen der menschlichen Natur zu bewundern, die zu allem fähig ist, was ihr von Jugend an zur Uebung gemacht wird.
An andern Tagen belustigten sie sich mit der Jagd, weil Freitag gleichfalls Meister, so wohl in der Verfertigung, als auch in dem Gebrauche des Bogens und der Pfeile war. Sie schossen Vögel und junge Lama's, doch nie mehr, als sie jedesmahl brauchen konten, weil Robinson es mit Recht für sündlich hielt, ein Tier, es sei, welches es wolle, bloss zur Lust oder um nichts zu quälen und zu tödten.
So sehr übrigens Robinson dem guten Freitag am Verstande und an mancher Geschiklichkeit überlegen war: so verstand doch dieser auch wieder viele kleine Künste, welche seinem Herrn vorher unbekant gewesen waren, und die ihnen gleichwohl jezt vortreflich zu statten kamen. Er wusste sich allerlei Werkzeuge aus Knochen, Steinen, Muscheln und andern Dingen zu machen, womit er manches so gut bearbeiten konnte, als wenn er Werkzeuge von Eisen gehabt hätte. So macht' er sich z. E. aus dem Armbeine eines Mannes, welches er zufälliger Weise fand, einen Meissel; eine Raspel aus Korallen; ein Messer aus Muscheln; eine Feile aus der scharfen Haut eines Fisches. Damit verfertigte er viel kleines Hausgerät, welches die Bequemlichkeit ihres Lebens gar sehr vergrösserte.
Noch lernte Robinson von Freitag den Gebrauch der Kakaobohnen, die er bei einer ehemaligen Wanderung auf seiner Insel entdekt und einige davon aufs Geratewohl mit sich genommen hatte. Er legte sie nämlich ans Feuer, so wie die Kartoffeln, und liess sie rösten. Dan gewährten sie eine gar nicht unangenehme und dabei sehr nahrhafte und gesunde Speise.
Robinson, welcher gar zu gern neue Versuche anstelte, zerstampfte einige derselben, nachdem sie geröstet waren, zwischen zwei Steinen, schüttete das kleingeriebene Pulver in einen mit Lamamilch angefülten Topf und sezte ihn ans Feuer. Wie erstaunt' er nicht, und wie gross war sein Vergnügen, da er die daraus entstandene Suppe kostete und fand dass es ordentliche Schokolade sei.
Frizchen. Ah! Schokolade?
Vater. Ja, nur dass das Gewürz und der Zukker daran fehlten. – So vervielfältigten sich nach und nach die Nahrungsmittel des guten Robinsons und die Quellen seines Vergnügens! Aber zu seinem Ruhme muss ich sagen, dass er demohngeachtet bei seinem neulichen Vorsaze blieb, und eben so mässig und einfach zu leben fortfuhr, als er angefangen hatte.
Beide stellten jezt öftere und lange Wanderschaften durch die ganze Insel an, besonders an solchen Tagen, an welchen ein Wind blies, der den Wilden entgegen war; und sie entdekten bei solchen Gelegenheiten noch Manches, was ihnen nüzlich werden konnte.
Endlich war der Garten völlig bestellt, und nun wurde der Tag bestimmt, an welchem sie nach Freitags Heimat hinüber fahren und den Vater desselben abholen wollten. Je näher aber die Zeit zur Abfahrt heranrükte, desto öfterer fiel unserm Robinson der Gedanke aufs Herz: wie? wenn Freitags Landsleute dich dennoch als einen Feind behandelten? Wenn sie an Freitags Vorstellungen sich nicht kehrten, und du ein Opfer ihres abscheulichen Menschenhungers werden müstest? Er konnte sich nicht entalten, diese Besorgnis seinem Freunde mitzuteilen. Aber Freitag versicherte ihn bei Allem, was heilig ist, dass er nichts zu besorgen habe; er kenne seine Landsleute zu gut und wisse daher mit völliger Gewissheit, dass sie keinem etwas zu Leide täten, der nicht ihr Feind sei. Robinson war überzeugt, dass er dies nicht sagen würde, wenn's nicht so wäre. Er unterdrükte also alle ängstliche Sorgsamkeit, traute der Ehrlichkeit seines Freundes, und beschloss, am folgenden Morgen in Gottes Nahmen mit ihm abzufahren.
Sie hatten in dieser Absicht den Kahn, der bis dahin auf den Strand gezogen war, wieder aufs Wasser gebracht und an einer in die Erde gestekten Stange befestigst. Den Abend brachten sie damit zu, Kartoffeln zu braten und andere Speisen zuzurichten, die sie mitnehmen wollten, um sich wenigstens auf acht Tage mit Proviant zu versorgen. Freitag zeigte bei dieser Gelegenheit, dass er auch in der Kochkunst so unerfahren eben nicht sei, und lehrte seinen Herrn, ein ganzes junges Lama, welches sie geschossen hatten, in kürzerer Zeit weit mürber zu braten, als es am Spiesse geschehen konnte. Das fieng er so an.
Er grub ohngefähr zwei Fuss tief ein Loch in die Erde, welches er schichtweise mit troknem Holze und mit platten Steinen anfülte. Dieses Holz zündete er an. Dan hielt er das junge Lama über's Feuer um die Hare abzusengen, und nachdem dieses geschehen war, schabte er es mit einer Muschel so rein ab, als wenn es mit heissem Wasser wäre abgebrühet worden. Mit eben dieser Muschel schnitt' er den Leib des Tieres auf, um die Eingeweide heraus zu nehmen. Unterdess war das Holz zu Kohlen gebrant; das Loch war durch und durch erhitzt und die Steine waren glühend geworden. Er warf darauf in der grössten Geschwindigkeit diese Steine nebst den Kohlen aus dem Loche hinaus; legte dann einige der heissgemachten Steine auf den Boden des Lochs und bedekte sie mit grünen Kokusblättern. Auf diese legt' er das Lama, bedekt' es abermals mit Blättern und pakte die übrigen heissen Steine darauf. Dan schüttete er das ganze Loch mit Erde zu.
Nach einigen Stunden ward das Loch wieder geöfnet und das Lama heraus genommen. Robinson, der ein Stükchen davon kostete, musste gestehen, dass es weit mürber, saftiger, und wohlschmekkender sei, als wenn's am Spiesse wäre gebraten worden; und er nahm sich daher vor, künftig immer so zu verfahren.
Johannes. Eben so machen's ja auch die Otahiter, wenn sie ihre Hunde braten?
Vater. Das tun sie auch.
Gottlieb. Ihre Hunde? Essen die denn Hundefleisch.
Johannes. Ja wohl! Wir haben's vorigen Winter ja gelesen; und die Engländer, die mit davon assen, gestanden, dass es sehr gut schmekke.
Einige. Fi!
Vater. Ihr müsst nur wissen, dass die dortigen Hunde auch eine ganz andere Lebensart, als die Unsrigen, führen. Sie fressen kein Fleisch, sondern leben bloss von Früchten. Da mag denn ihr Fleisch auch wohl ganz anders schmekken, als das Fleisch der Unsrigen schmekken würde.
Nun, Kinder, alle Vorbereitungen zu der beschlossenen Reise waren jezt gemacht. Wir wollen also unsere beiden Wanderer erst ausschlafen lassen, und dann sehen, was es morgen geben wird.
Alle. Oh!
Zwei und zwanzigster Abend.
Vater. Robinson und Freitag mochten kaum eine Stunde geschlafen haben, als der erste durch ein heftiges Gewitter, welches unterdess entstanden war, plözlich wieder gewekt wurde. Der Sturmwind heulte fürchterlich, und der Donner krachte, dass die Erde davon erbitterte. »Hörst du, Freitag?« fragte Robinson, indem er seinen Schlafkammeraden anstiess.
»Au weh! antwortete dieser; wenn uns das auf dem Meere getroffen hätte!« Er hatte dieses kaum gesagt, als sie auf einmal einen Knal hörten, der einem fernen Kanonenschusse ähnlich war.
Freitag meinte, es sei der Donner; Robinson hingegen glaubte steif und fest, einen Kanonenschuss gehört zu haben, und geriet darüber in die freudigste Bestürzung. Er sprang eiligst vom Lager auf, lief nach der Küche und befahl Freitag, ihm zu folgen. Hier ergrif er einen glühenden Feuerbrand, und kletterte damit die Strikleiter hinauf. Freitag tat ein Gleiches, ohne zu wissen, was seines Herrn Absicht sei.
Auf dem Gipfel des Berges machte Robinson in grösster Geschwindigkeit ein grosses Feuer an, um den Notleidenden ein Zeichen zu geben, dass sie hier bei ihm einen sichern Zufluchtsort finden könten. Er glaubte nämlich, dass irgend ein Schiff in der Nähe sei, welches in Gefahr wäre, und deswegen einen Notschuss getan habe. Aber kaum loderte die Flamme auf, als ein so entsezlicher Regenguss herabstürzte, dass das Feuer augenbliklich wieder ausgelöscht wurde. Robinson und Freitag mussten sich in ihre Höhle retten, um nicht fortgeschwemt zu werden.
Nun wütete der Sturm, nun rasselte der Plazregen, nun krachte der Donner mit unbeschreiblicher Heftigkeit. Es erfolgte Schlag auf Schlag, und ohngeachtet Robinson sich einbildete, unter durch von Zeit zu Zeit noch mehr Kanonenschüsse zu hören: so war er doch zulezt selbst zweifelhaft, ob's nicht vielleicht bloss der Donner gewesen sei? Dem ohngeachtet hing er die ganze Nacht hindurch dem süssen Gedanken nach, dass ein Schiff zu seiner Erlösung in der Nähe sei; dass dieses vielleicht der Gefahr, worin es sich jezt befinde, glücklich entkommen, und ihn, nebst seinem treuen Freitag, nach Europa führen würde. Zehnmahl versucht' er, ein neues Feuer anzulegen, aber der unaufhörliche Regen löschte jedesmahl es wieder aus. Es blieb ihm also weiter nichts übrig, als für die Unglücklichen zu beten; und das tat er mit der grössten Innigkeit.
Gottlieb. Fürchtet er sich denn jezt nicht mehr so vor dem Gewitter, wie er sonst tat?
Vater. Du siehst, dass diese törichte Furcht ihn jezt auch verlassen haben muss; und woher wohl das?
Johannes. Weil er jezt kein böses Gewissen mehr hat.
Vater. Richtig! und dann auch wohl deswegen, weil er jezt vollkommen überzeugt ist, dass Gott ein Gott der Liebe sei, und dass also denen, die from sind und recht tun, nichts begegnen kann, das nicht am Ende zu ihrem wahren Besten gereichte. –
Erst mit Anbruch des Tages legte sich das Ungewitter; und Robinson rante, von Freitag begleitet, zwischen Furcht und Hoffnung nach dem Strande, um zu sehen, ob er recht gehört habe, oder nicht? Aber das Erste, was sich ihnen daselbst zeigte, war für beide äusserst traurig, besonders für den armen Freitag. Der Sturm hatte nämlich ihren Kahn losgerissen, und in das weite Weltmeer fortgeschleudert. Es war recht kläglich anzusehen, wie Freitag sich gebehrdete, da er die schöne Hoffnung, mit seinem Vater vereinigt zu werden, so auf einmal zernichtet sah! Er ward todtenblass, stand eine Zeitlang ganz sprachlos, die starren Blikke zur Erde geheftet und schien mit seiner ganzen Seele abwesend zu sein. Dan brach er in einen Strom von Tränen aus, rang die Hände, zerschlug sich die Brust, und zerraufte sich das Haar.
Robinson, der durch eigenes Unglück gelernt hatte, einem Unglücklichen nach zu empfinden, hatte Mitleid mit seinem Jammer, und suchte durch sanfte freundschaftliche Vorstellungen ihn zur Vernunft wieder zurück zu bringen. »Wer weiss, sagt' er unter andern zu ihm, wozu es uns gut sein mag, den Kahn verloren zu haben? Wer weiss, was der Sturm, der Schuld daran ist, uns oder andern Menschen für grosse Vorteile mag gestiftet haben?« – »Schöne Vorteile! antwortete Freitag in einem etwas bittern Tone; den Kahn hat er uns genommen; das ist alles!« – »Also, erwiederte Robinson, weil du und ich mit unsern kurzsichtigen Augen keine andere Wirkung des Sturms, als die Wegführung des Kahns, wahrnehmen; so glaubst du, dass auch Gott, der Alweise, keine andere Ursache, ihn zuschikken, gehabt habe? Unverständiger, wie kanst du dich erkühnen, die Absichten des grossen Gottes beurteilen zu wollen!«
»Ja, aber was könt' er denn auch wohl für Nuzen für uns gehabt haben?« fragte Freitag. »Must du mich darum fragen? antworte Robinson. Bin ich allwissend, um die Absichten des Weltregenten verstehen zu können? Vermuten kann ich freilich dies und das: aber wer sagt mir, ob ich's getroffen habe? Vielleicht hatten auf unserer Insel sich so viele ungesunde Dünste gesammelt, dass ein Sturmwind nötig war, um sie zu zerstreuen, wenn wir beide nicht krank werden, oder sterben sollten! Vielleicht hätte der Kahn, wär' er geblieben, uns ins Verderben geführt! Vielleicht – Doch wozu alle diese vielleichts, da es uns genug sein muss, zu wissen, dass Gott es sei, der dem Sturmwinde gebietet, und dass dieser Gott ein weiser, und gütiger Vater aller seiner Geschöpfe sei?«
Freitag ging in sich; er bereuete seinen Unverstand, und ergab sich in den Willen der Vorsehung. Robinsons Blikke irreten unterdess auf der weiten Fläche des Ozeans herum, ob er nicht vielleicht irgend wo ein Schiff wahrnehmen möchte? Aber umsonst! Es war nirgends eins zu sehen. Er sah also, dass er sich geirret haben müsse, und dass der gehörte wiederholte Knal, dem er für Kanonenschüsse gehalten hatte, nichts anders, als der Donner, könne gewesen sein. Traurig über die Vereitelung einer so lieben Hoffnung, ging er wieder zu Hause.
Aber zu Hause hatt' er nicht Ruhe, nicht Rast, weil ihm immer ein Schiff vor den Augen stand, das bei seiner Insel vor Anker lag. Er kletterte also wieder auf den Berg, von wannen er die westliche Küste übersehen konnte. aber auch von da aus kont' er nicht entdekken, was der süsse Traum ihm vorgespiegelt hatte. Auch damit noch nicht zufrieden, und noch immer unruhig, rant' er nach einem andern Berge, der viel höher, als dieser, war, um von da nach der östlichen Küste der Insel hinzusehen. In einem Hui! hatt' er ihn erstiegen; und da er nun oben war, und nach der Morgenseite hinblikte – Himmel! welch freudiges Erschrekken bemächtigte sich da plözlich seiner ganzen Seele, als er sah – dass er sich doch nicht betrogen habe!
Alle. Oh!
Vater. Er sah ein Schiff, und zwar, der weiten Entfernung ungeachtet, so deutlich, dass er gar nicht zweifeln konnte, es sei wirklich eins, und noch dazu ein recht grosses. Ueberhebet mich, Kinder, der vergeblichen Mühe, euch seine Freude, sein unaussprechliches Entzükken zu beschreiben. Atemlos rant' er zurück nach seiner Burg; ergrif seine Waffen und konnte zu Freitag, der ihn vol Verwunderung anstaunte, weiter nichts sagen, als: sie sind da! Geschwind! Geschwind! und so, wie der Wind, die Strikleiter wieder hinauf und davon, als wenn er Flügel hätte.
Freitag schloss aus der Verwirrung, aus der Eilfertigkeit, und aus den abgebrochnen Worten seines Herrn, dass die Wilden da wären. Er ergrif also gleichfalls seine Waffen, und lief mit nicht geringerer Geschwindigkeit hinter ihm drein.
Ueber zwei starke Meilen mussten sie laufen, bevor sie an die Stelle des Strandes kamen, der gegen über das Schiff vor Anker zu liegen schien. Und hier war es, wo Freitag erst erfuhr, wovon denn eigentlich die Rede sei. Robinson zeigte ihm das ferne Schiff, worüber er denn gar grosse Augen machte, weil er der Entfernung ohngeachtet, wohl sehen konnte, dass es hundert mahl grösser sei, als das grösste, welches er jemahls gesehen hatte.
Robinson wusste gar nicht, was er vor Freude alles angeben sollte. Bald sprang er, bald jauchzt' er, bald fiel er seinem Freitag in die Arme und bat ihn, mit hellen Freudentränen in den Augen, dass er sich doch auch freuen möchte! Nun ging' es nach Europa; nun nach Hamburg! Da solt' er einmal sehen, wie man in Hamburg lebte! Was für Häuser da die Menschen bauen könten! Wie bequem, wie ruhig, wie angenehm man da sein Leben hinbrächte! – Der Strom seiner Worte war unerschöpflich. Ich glaube, er würde bis Morgen ununterbrochen fortgeredet haben; wenn er sich nicht auf einmal besonnen hätte, dass es töricht wäre, die Zeit mit unnüzen Worten hinzubringen, und dass er vor allen Dingen suchen müsse, sich den Leuten auf dem Schiffe zu erkennen zu geben. – Aber wie nun? Das war die Frage.
Er versuchte seine Stimme ertönen zu lassen; aber er merkte bald, dass das vergebliche Mühe sei, ohngeachtet der Wind sich schon während des Ungewitters gedrehet hatte, und jezt von der Insel nach dem Schiffe zu bliess. Er hiess also seinen Freund, so geschwind, als möglich, ein Feuer anmachen, welches von dem Schiffe her gesehen werden könnte. Dieser kam auch bald damit zu Stande, und nun erregte Robinson eine Flamme, welche baumhoch empor loderte. Seine Augen waren darauf unverrükt nach dem Schiffe gerichtet, weil er alle Augenblicke erwartete, dass ein Boot abstossen und zu ihnen kommen würde. Aber kein Boot wollte sich sehen lassen.
Endlich, da das Feuer schon eine Stunde vergeblich gebrant hatte, tat Freitag den Vorschlag, er wolle, so weit es auch immer wäre, hinschwimmen, und den Leuten sagen, dass sie herkommen sollten. Robinson umarmte ihn dafür, und bat ihn, doch ja für die Erhaltung seines Lebens dabei besorgt zu sein. Freitag warf darauf seine Mattenkleidung ab, brach einen grünen Zweig ab, den er in den Mund nahm, und sprang herzhaft ins Wasser. Robinsons wärmste Seegenswünsche begleiteten ihn.
Lotte. Was wolt' er denn mit dem grünen Zweige machen?
Vater. Ein grüner Zweig ist bei den Wilden ein Zeichen des Friedens; und wer so sich ihnen nähert, dem pflegen sie nichts zu Leide zu tun. Er nahm ihn also zu seiner Sicherheit mit.
Freitag langte glücklich bei dem Schiffe an, schwam einige mahl um dasselbe herum und rief: holla! Aber da war keiner, der ihm antwortete. Endlich bemerkt' er die Schifsleiter, die an der Seite herab hing; er näherte sich ihr und stieg daran hinauf, den grünen Zweig in der Hand.
Als er so hoch gestiegen war, dass er auf das Verdek sehen konnte, erschrekte ihn der Anblik eines Tiers, welches ihm ganz fremd war. Es war schwarz und zottigt; und in dem Augenblicke, dass Freitag von ihm gesehen ward, erhob es eine Stimme, dergleichen dieser noch niemals gehört hatte. Gleich darauf ward es wieder stille, und bezeigte sich so freundlich, dass Freitag die Furcht, die es anfangs ihm eingeflöst hatte, wieder fahren liess. Es kam in der demütigsten Stellung herbei gekrochen, wedelte mit dem Schwanze und winselte so beweglich, dass Freitag wohl merkte, es wolle Schuz bei ihm suchen. Er wagte es daher, da es bis zu seinen Füssen vorgekrochen war, es zu streicheln, und das Tier schien ausser sich vor Freude zu sein.
Freitag ging nun auf dem Verdekke herum und fuhr fort, sein Holla! mit lauter Stimme zu rufen; aber es wollte sich noch immer kein Mensch blikken lassen. Er stand jezt und staunte alle die wunderbaren Sachen an, die er auf dem Verdekke erblikte, und hatte dabei den Rükken gegen die Treppe gekehrt, wodurch man vom Verdekke in das Innere des Schiffes hinab steigt; als er plözlich einen so unsanften und nachdrüklichen Stoss von hinten erhielt, dass er der Länge nach hinstürzte. Vol Schrekken richtete er sich wieder auf, sah sich um und wäre beinahe versteinert worden, da er ein ziemlich grosses Tier mit grossen krummen Hörnern, und mit langem Barte erblikte, welches sich eben wieder in eine drohende Stellung auf die Hinterfüsse sezte, um ihm eine zweite Bewilkommung angedeien zu lassen. Freitag tat einen lauten Schrei und sprang, ohne sich einen Augenblick zu besinnen, über Bord ins Meer hinab.
Das erstbeschriebene schwarze Tier, welches ihr an der Beschreibung vermutlich wohl werdet erkant haben –
Johannes. O ja! ein Pudel!
Vater. Getroffen! – Dieser Pudel, sage ich, folgte Freitags Beispiele und sprang gleichfalls über Bord, um Ihm nach zu schwimmen. Freitag, der das Plätschern desselben hinter sich hörte, bildete sich ein, dass das andere gehörnte Ungeheuer ihm nachgesprungen wäre, und geriet darüber in solche Angst, dass er zum Schwimmen beinahe unfähig geworden, und in den Abgrund versunken wäre. Abermahls ein Beispiel, wie schädlich die Furchtsamkeit sei, und wie sie uns immer Gefahren aussezt, die wir füglich vermeiden könten, wenn wir uns nicht von ihr regieren liessen!
Er getrauete sich nicht, sich umzusehen und schwam, da er sich erst ein wenig wieder erhohlt hatte, so eilig fort, dass der Pudel ihm kaum folgen konnte. Endlich erreicht' er den Strand und sank sprachlos und ohnmächtig zu Robinsons Füssen nieder. Der Pudel erreichte bald darauf gleichfalls das Land.
Robinson bemühete sich auf alle mögliche Weise den treuen Gefährten seines einsamen Lebens wieder zu sich selbst zu bringen. Er küsste, er streichelte, er rüttelte ihn und rief ihn laut bei Nahmen. Aber es verflossen erst verschiedene Minuten, ehe er die Freude hatte, dass Freitag die Augen wieder eröfnete und Zeichen des wiederkehrenden Lebens von sich gab. Endlich war er wieder im Stande zu reden, und da erzählt' er Ihm nun, was für ein entsezliches Abenteuer er ausgestanden habe; wie das Schiff ein grosser hölzerner Berg zu sein schiene, aus welchem drei hohe Bäume (er meinte die Mastbäume) hervorgewachsen wären; wie das schwarze Tier so freundlich gegen ihn getan habe, und wie das gehörnte bärtige Ungeheuer ihn darauf habe umbringen wollen; und wie er endlich glaube, dass dieses Ungeheuer der Herr des schwimmenden hölzernen Berges sei, weil er keinen einzigen Menschen darauf gesehen habe.
Robinson hörte ihm vol Verwunderung zu. Er merkte aus der Beschreibung, dass das gehörnte Ungeheuer nichts anders, als eine Ziege wäre, und er schloss aus allen übrigen Umständen, dass das Schiff gestrandet sei, und dass die darauf befindliche Mannschaft sich in die Böte gerettet und das Schiff verlassen habe. Aber wo diese mögten geblieben sein, das war ihm unerklärlich. Hätten sie auf seine Insel sich gerettet; so müsten sie ja, aller Wahrscheinlichkeit nach, an demselben Orte gelandet sein, wo er mit Freitag sich jezt selbst befand: aber da war nichts von ihnen zu hören oder zu sehen. Wären sie aber in den Böten verunglückt: so müste man ja wohl ihre Leichname und die Böte an den Strand getrieben finden. Endlich erinnerte er sich des Umstandes, dass der Wind während des Ungewitters sich plözlich gedrehet und östlich geworden sei, da er anfangs westlich war. Dies schien ihm das ganze Geheimnis zu erklären.
Gewiss, dacht' er, sind die Leute, da sie in die Böte gesprungen waren, durch den plözlich entstandenen Ostwind abgehalten worden, unsere Küste zu erreichen. Der Sturm hat sie nach Westen getrieben, und da sind sie entweder auf der Fahrt verunglückt – vielleicht auf den Meerstrom geraten – oder an irgend eine westliche Insel getrieben worden. Gott gebe das Lezte seufzt' er; und teilte Freitag seine Mutmassung mit, der sie gleichfalls wahrscheinlich fand.
Aber was ist nun zu tun? fragte Robinson. Die Leute mögen nun entweder todt oder noch lebendig und nur verschlagen sein: so können wir in beiden Fällen nichts Besseres tun, als dass wir von dem Schiffe so viel Sachen zu retten suchen, als uns möglich sein wird. Aber wie? da wir keinen Kahn mehr haben! Hier empfand er selbst den Verlust des Kahns beinahe eben so schmerzlich, als Freitag es vorher getan hatte. Er zerrieb sich die Stirn, um ein Mittel ausfindig zu machen, den Verlust desselben zu ersetzen; aber er konnte lange keins finden. Einen andern Kahn zu zimmern, würde zu viel Zeit gekostet haben. Hinzuschwimmen getraut' er sich nicht, weil es viel zu weit war: und dann was hätt' er im Schwimmen auch eben fortbringen können?
Johannes. Ich weiss wohl, was ich gemacht hätte?
Vater. Nun, was denn?
Johannes. Ein Flössholz.
Vater. Grade eben dasselbe fiel unserm Robinson zulezt auch ein! Ein Flössholz, dacht' er, wird noch am geschwindesten gemacht werden können –
Frizchen. Was ist denn das ein Flössholz?
Johannes. Hast du nicht gesehen, da wir neulich nach dem Jagdschiffe fuhren, da lagen ja da auf der Elbe bei dem Teichtore eine Menge solcher Flösshölzer?
Frizchen. Ach ja, so ein Haufen Balken, die an einander gebunden sind, dass man ordentlich darauf stehen und fahren kann, als wenn's ein Schiff wäre?
Vater. Ganz recht! Ein solches Flössholz also wollte Robinson machen, um damit nach dem grossen Schiffe zu fahren und so viele Sachen daraus abzuholen, als sie nur könten. Er beredete sich darauf mit Freitag, dass einer von ihnen nach Hause laufen sollte, um auf einen ganzen Tag Speise, nebst allen vorrätigen Strikken und was sie von Handwerkszeuge hatten, herzuholen; und weil Freitag am hurtigsten auf den Füssen war: so wurde dieser hingesandt und Robinson blieb zurück, um unterdess Bäume zu dem Flössholze zu fällen.
Es wurde beinahe Abend ehe Freitag zurück kam. Robinson hatte unterdess seine herzliche Freude an dem Pudel, der ihm, als ein europäischer Landsman überaus lieb und wert war. Auch der Pudel schien sich über ihn zu freuen und machte ihm ungeheissen allerlei Künste vor, die er gelernt hatte. Robinson gab ihm bei Freitags Zurükkunft von dem herbei gebrachten Essen die erste Porzion, ohngeachtet er selbst den ganzen Tag über nichts genossen hatte.
Da es zum Glük eine mondhelle Nacht war; so arbeiteten beide unaufhörlich fort, bis nach Mitternacht. Dan stellte sich aber auch das Bedürfnis des Schlafes so dringend ein, dass sie ihm ohnmöglich länger widerstehen konten.
Nikolas. Das glaub' ich, sie hatten auch die ganze vorige Nacht gewacht!
Diderich. Und waren heute so sehr gelaufen; besonders Freitag!
Vater. Sie strekten sich also ins Grüne und überliessen es dem Pudel, sie zu bewachen. Der Pudel legte sich zu ihren Füssen und so genossen sie der Wohltat eines sanften und erquikkenden Schlummers, bis die Morgenröte hervorbrach.
Drei und zwanzigster Abend.
Vater. Der anbrechende Morgen hatte kaum den untersten Rand des östlichen Himmels gerötet: als der muntre Robinson seinen Gefährten wekte, um das Werk zu vollenden, welches sie gestern angefangen hatten. Sie arbeiteten den ganzen Tag über so unverdrossen, dass sie noch denselben Abend mit dem Flössholze zu Stande kamen.
Sie hatten eine doppelte Reihe von Balken, teils durch Strikke, teils durch biegsame und zähe Gerten von indianischen Weiden so fest an einander gebunden, dass sie ein völlig sichres Fahrzeug abgaben, welches ohngefähr zwanzig Fuss lang und fast eben so breit war. Auch hatten sie die Vorsichtigkeit gehabt es dicht am Strande und auf Walzen zu erbauen, um es ohne Zeitverlust und ohne grosse Mühe gleich aufs Wasser bringen zu können.
Zum Glük traf mit dem Anbruch des nächsten Morgens grade die Zeit der Ebbe ein. Sie säumten also keinen Augenblick, das Flösholz vom Strande hinab zu rollen, um mit dem Wasser, welches vom Ufer sich in das Meer zurück zog, wie auf einem Strome, nach dem gestrandeten Schiffe hin zu fahren. Jezt ging die Reise fort, und ehe eine halbe Stunde verstrich, waren sie schon an Ort und Stelle.
Wie schlug unserm Robinson das Herz, da ihm das grosse Europäische Schiff vor Augen stand! Es fehlte nicht viel, so hätt' er die Wand desselben geküsst, so wert macht' es ihm der Umstand, dass es aus seinem Vaterlande gekommen, von Europäern erbauet, von Europäern hierher geführt war!
Aber ach! diese lieben Europäer selbst waren verschwunden! Waren vielleicht vom Meere verschlungen worden! Wie zerriss dieser traurige Gedanke das Herz des armen Robinsons, der gern die Hälfte seines noch künftigen Lebens dahin gegeben hätte, wenn er damit die verschwundene Mannschaft des Schiffes wieder hätte herbei schaffen und mit ihnen nach Europa segeln können! Aber das war nun einmal unmöglich; es blieb ihm also nichts übrig, als von der Ladung des Schiffes so viel zu retten, als er konnte, um es zu seiner grösseren Bequemlichkeit anzuwenden.
Gottlieb. Ja, durft' er denn aber etwas von den Sachen nehmen, die nicht sein waren?
Vater. Was meinst du, Johannes? Durft' er?
Johannes. Ja, er durfte sie wohl aus dem Schiffe heraus nehmen und ans Land bringen; aber wenn die Leute sich wieder einfanden: so must' er sie ihnen wieder geben.
Vater. Richtig! Denn nahm er die Sachen nicht heraus, so wurden sie nach und nach ein Raub der Wellen. Deswegen kont' er auch mit gutem Gewissen sich so gleich dasjenige davon zu eignen, was ihm an unentbehrlichsten war, und es den Leuten, wenn sie jemahls wiederkämen, für die Mühe und Arbeit anrechnen, die er auf die Rettung des Schifguts verwandt hatte.
Was überhaupt die gestrandeten Schiffe betrift: so sind die Menschen in einigen gesitteten Ländern darin übereingekommen, dass die geretteten Sachen jedesmahl in drei Porzionen geteilt werden. Die Eine davon kriegen die vorigen Besizer wieder, wenn sie noch leben, oder ihre Erben, wenn sie todt sind; die Andere wird denjenigen zuerkant, welche diese Sachen gerettet haben, und die Dritte fält dem Landesherrn zu.
Nikolas. Dem Landesherrn? Warum kriegt denn der was davon ab?
Vater. Das ist nun so eine Frage – die ich euch jezt wohl nicht gut werde beantworten können. Indes etwas kann ich euch doch darüber sagen, was euch schon jezt begreiflich sein wird. Seht, Kinder, der König, oder der Fürst, oder wie der Landesherr sonst heissen mag, hält auf den Küsten gewisse Leute, die dahin sehen müssen, dass von einem solchen gestrandeten Schiffe nichts geraubt, sondern alles, was gerettet werden kann, hübsch an einen sichern Ort gebracht werde. Geschähe dieses nicht, so würde der Kaufman, dem die Ladung des Schiffes gehörte, wohl selten etwas davon wieder kriegen, weil die Sachen entweder verderben, oder gestohlen werden würden. Nun kostet es aber dem Landesherrn sein Geld, solche Leute, die darnach sehen müssen, zu unterhalten. Es ist also billig, dass dieses von denen wieder erstattet werde, denen diese heilsame Anordnung zu Gute komt. Deswegen hat man also festgesezt, dass der dritte Teil der geborgenen Sachen (so pflegt man sie nämlich zu nennen) jedesmahl dem Herrn des Strandes zufallen solle; und diese einmal festgesezte Anordnung nent man das Strandrecht.
Diesem zufolge hatte Robinson das Recht, von allen Sachen, die er aus dem gestrandeten Schiffe retten konnte, gleich zwei Drittel als sein rechtmässiges Eigentum zu gebrauchen, wozu sie gut waren.
Johannes. Zwei Drittel?
Vater. Ja; eins für Mühe und Arbeit, das Andere als einziger rechtmässiger Herr der Insel, bei welcher der Schifbruch sich ereignet hatte.
Diderich. Ja, wer hatte ihn denn aber zum Herrn der Insel gemacht?
Vater. Die gesunde Vernunft. Ein Stük Landes, das bisher noch gar keinen Herrn gehabt hat, gehört natürlicher Weise dem zu, der es zuerst in Besiz nimt. Und das war hier der Fal.
Der erste Wunsch, der in Robinsons Seele erwachte, da er sich von der starken Empfindung der Freude über den Anblik eines Europäischen Schiffes erhohlt hatte, war dieser, dass das Schiff noch unbeschädigt sein, und wieder flot werden möchte. In diesem Falle war er fest entschlossen, sich mit Freitag darauf zu setzen, und, wo nicht nach Europa selbst, doch nach irgend einem europäischen Pflanzorte in Amerika zu segeln; so gefährlich es auch immer sein möchte, sich mit einem grossen unbemanten Schiffe, und ohne die nötigen Kenntnisse von der Schiffart zu haben, auf das offenbare Meer zu wagen. Er fuhr also auf dem Flössholze rund um das Schiff herum, um den Grund des Meeres zu untersuchen; und da fand er denn bald zu seiner wahren Betrübnis, dass an kein Flotwerden desselben zu denken sei.
Der Sturm hatte nämlich das Schiff grade zwischen zwei Felsen geworfen, von denen es nun so zusammengeklemt wurde, dass es weder rük- noch vorwärts bewegt werden konnte. Hier must' es also so lange stekken bleiben, bis die anschlagenden Wellen es nach und nach zertrümmern würden. Nachdem diese Hoffnung also vereitelt war, eilte Robinson, an Bord des Schiffes zu steigen, um zu sehen, worin die Ladung desselben bestehe, und ob diese auch noch unverdorben sei. Dem guten Freitag war der Schrekken von ehegestern noch so gegenwärtig, dass er sich kaum entschliessen konnte, seinen Herrn auf das Verdek des Schiffes zu begleiten. Er tat es jedoch, wiewohl nicht ohne Zittern, besonders da das gehörnte Ungeheuer das Erste war, was sich seinen Blikken wieder darbot.
Aber das gehörnte Ungeheuer war dasmahl nicht so mutig, als gestern. Es lag vielmehr so kraftlos da, als wenn es gar nicht mehr aufzustehen vermögte, weil ihm nämlich seit ehegestern keiner das gewöhnliche Futter gereicht hatte. Robinson, der diese Ursache seiner Mattigkeit merkte, liess seine erste Sorge sein, etwas aufzusuchen, was er dem ausgehungerten Tiere zu fressen geben könnte. Weil er mit der innern Einrichtung eines Schiffes vollkommen bekant war; so fand er auch bald, was er suchte, und hatte das Vergnügen zu sehen, wie begierig die Ziege von dem vorgeworfenen Futter ihren Heisshunger stilte. Freitag hatte unterdess an der ihm unbekanten Gestalt des Tieres genug zu bewundern gehabt.
Nun fing Robinson eine ordentliche Untersuchung an. Er stieg aus einer Kajüte in die andere, aus einem Schifsboden in den andern hinab, und sah überal tausend Dinge, die in Europa kaum geachtet werden, für ihn aber einen ganz unschäzbaren Wert hatten. Da waren ganze Tonnen vol Schifszwiebak, vol Reiss, vol Mehl, vol Korn, vol Wein, vol Schiesspulver, vol Kugeln und Schroot; da waren Kanonen, Flinten, Pistolen, Degen, und Hirschfänger; ferner Beile, Sägen, Meissel, Bohrer, Raspeln, Hobel, Hammer, eiserne Stangen, Nägel, Messer, Scheeren, Nadeln; da waren Töpfe, Schüsseln, Teller, Löffel, Feuerzangen, Blasebälge, Näpfe, und anderes hölzernes, eisernes, zinnernes, und kupfernes Küchengerät; da waren endlich auch ganze Kisten vol Kleider, Wäsche, Strümpfe, Schuhe, Stiefel und hundert andere Sachen, für deren jede der entzükte Robinson gern seinen ganzen längstvergessenen Goldklumpen hin gegeben haben würde, wenn man eins oder das andere davon ihm zum Kauf angeboten hätte.
Freitag stand bei dem Allen wie verduzt, weil er so was niemahls gesehen hatte, und von den meisten dieser Wunderdinge auch die Absicht nicht erraten konnte. Robinson hingegen war ganz ausser sich vor Entzükken. Er weinte vor Freuden, grif, wie ein kleines Kind, nach Allem, was ihm vorkam, und warf das Ergriffene wieder aus den Händen, so bald seine Augen auf einen andern Gegenstand fielen, der ihm noch wünschenswürdiger zu sein schien. Endlich wolt' er auch in den untersten Schiffsraum steigen: aber er fand, dass er ganz mit Wasser angefült sei, weil das Schiff einen starken Lek bekommen hatte.
Nun ging er mit sich selbst zu Rate, was er für diesmahl mitnehmen wollte; und konnte darüber lange nicht mit sich einig werden. Bald schien ihm dies, bald jenes das Unentbehrlichste zu sein, und daher verwarf er oft wieder, was er so eben erst gewählt hatte, um statt dessen eine andere Sache mitzunehmen. Endlich sucht' er folgende Dinge, als die schäzbarsten von allen aus, um sie für diesmahl mitzunehmen: 1) Eine kleine Tonne vol Schiesspulver, nebst einem andern Tönchen vol Schroot; 2) Zwei Flinten, zwei Paar Pistolen, zwei Degen und Hirschfänger; 3) Doppelte Kleidungsstükke vom Kopfe bis zu den Füssen für sich und Freitag; 4) Zwei Dutzend Hemde; 5) Zwei Beile, zwei Sägen, zwei Hobel, ein Paar Stangen Eisen, einen Hammer und einige andere Werkzeuge; 6) Einige Bücher, etwas Schreibpapier, nebst Tinte und Federn; 7) Ein Feuerzeug, nebst Zunder und Feuersteinen; 8) Ein Fass vol Zwiebak; 9) Etwas Segeltuch, und 10) die Ziege.
Frizchen. O, die Ziege hatt' er ja eben nicht nötig!
Vater. Das ist wahr, Frizchen; aber die Ziege hatte seiner nötig, und Robinson war viel zu mitleidig gegen alle lebendige Geschöpfe, als dass er dieses arme Tier in der Ungewissheit, ob nicht vielleicht vor seiner Zurükkunft ein Sturm das Schiff zertrümmern würde, hätte zurücklassen können, zumahl, da das Notwendigste doch Raum auf seinem Flössholze hatte. Er nahm sie also mit.
Dahingegen liess er etwas liegen, wornach in Europa die Leute am ehesten greifen würden, – ein ganzes Tönchen vol Goldkörner, und ein Schächtelchen mit kostbaren Diamanten, die er in der Kajüte des Kapitains gesehen hatte. Diese mitzunehmen, fiel ihm gar nicht ein; weil er ganz und gar keinen Gebrauch davon zu machen wusste.
Ueber dem Durchsuchen, dem Aufmachen und Auskramen, dem Frohlokken, dem Auswählen und Aufladen war so viel Zeit verflossen, dass nur noch eine Stunde bis zur nächsten Flutzeit fehlte. Diese mussten sie nun erwarten, weil sie sonst mit der Flösse schwerlich hätten fortkommen können. Diese Stunde wandte Robinson dazu an, einmal wieder auf europäische Weise zu speisen.
Er holte also ein Stük geräuchertes Rindfleisch, ein Paar Heringe, etwas Zwiebak, Butter und Käse, und eine Flasche Wein herbei, sezte alles dieses auf den Tisch in der Kajüte des Kapitains, und liess sich selbst mit Freitag auf den dabei stehenden Stühlen nieder. Schon dieses, dass er endlich einmal wieder von einem ordentlichen Tische, auf einem ordentlichen Stuhle sizend, von einem ordentlichen Teller mit Messer und Gabel essen sollte, machte ihm mehr Freude, als ich euch beschreiben kann. Und nun vollends die Speisen selbst, vornehmlich das Brod, wornach er sich so oft vergebens gesehnt hatte, – o, ihr könt euch gar keine Vorstellung davon machen, wie entzükt er darüber war! Man müste, so wie er, neun Jahre aller dieser Nahrungsmittel und Bequemlichkeiten des Lebens beraubt gewesen sein, um die Freude, die er jezt empfand, nach ihrem ganzen Umfange fassen zu können.
Freitag war mit der europäischen Art zu essen so wenig bekant, dass er gar nicht wusste, wie er Messer und Gabel brauchen sollte. Robinson zeigt' es ihm; aber indem er es nun nachmachen und ein Stük Fleisch auf der Gabel zum Munde reichen wollte, fuhr er damit zum Ohre hinauf und brachte, seiner bisherigen Gewohnheit nach, die Hand mit der Schale der Gabel zum Munde. Von dem Weine, den ihm Robinson zu kosten gab, wolt' er schlechterdings nicht trinken, weil sein nur an Wasser gewöhnter Gaum den Reiz eines starken Getränkes nicht ertragen konnte. Der Zwiebak hingegen behagte ihn ausnehmend wohl.
Jezt war die Flutzeit da; beide stiegen also hinab zur Flösse und stiessen in See, um mit der anschwellenden Flut dem Strande zuzufliessen. In kurzer Zeit waren sie da, und eilten, die geborgenen Güter ans Land zu setzen.
Und nun war Freitag sehr begierig zu erfahren, was alle diese Dinge zu bedeuten hätten, und was für Nuzen sie gewährten? Das erste, was Robinson zur Befriedigung seiner Neugierde vornahm, war, dass er hinter einen Busch trat, sich daselbst ein Hemde und ein ganzes Kleid, welches eine Offizieruniform war, nebst Schuh und Strümpfen anzog; dann einen Degen an die Seite stekte, einen Tressenhut aufsezte und so auf einmal, wie umgeschaffen, hervortrat, und sich vor Freitags erstaunten Augen dahin pflanzte. Dieser wich vol Bestürzung einige Schritte zurück, weil er in dem ersten Augenblicke wirklich zweifelhaft war, ob er seinen Herrn, oder ein anderes, vielleicht übermenschliches Wesen sehe. Robinson, der über sein Erstaunen lächeln musste, reichte ihm freundlich die Hand, und versicherte, dass er noch immer Robinson, noch immer sein Freund wäre, ohngeachtet seine Kleidung und sein Glükszustand sich geändert hätten. Er nahm hierauf eine ganze Matrosenkleidung, zeigte ihm, wie er jedes Stük derselben anziehen müsse, und hiess ihn hinter den Busch zu gehen, um sich gleichfalls anzukleiden.
Freitag gehorchte; aber es dauerte lange, ehe er mit dem Anzuge fertig werden konnte. Bald hatt' er dies, bald jenes unrecht angelegt; das Hemde, zum Exempel, zog er erst verkehrt an, indem er die Beine durch die beiden Ermel stekte, als wenn er Beinkleider anziehen wollte. Eben so macht' er es auch mit den Beinkleidern, in die er gleichfalls die Füsse von unten zu stekken versuchte, und mit der Jakke, die er auf dem Rükken zu knöpfen wollte. Nach und nach sah er seinen Irrtum ein und verbesserte ihn, bis er endlich nach vielen vergeblichen Versuchen mit dem ganzen Anzuge völlig zu Stande kam.
Er hüpfte vor Freuden, wie ein Kind, da er sich so umgeschaffen sah, und da er merkte, wie bequem diese Kleidung sei, und wie gut sie ihn vor den Stichen der Musquito's verwahren würde. Nur mit den Schuhen war er unzufrieden, weil sie ihm etwas Entbehrliches und Unbequemes zu sein schienen. Er bat sich also die Erlaubnis aus, sie wieder ablegen zu dürfen, welches Robinson seinem eigenen Gutbefinden überliess.
Jezt zeigt' er ihm den Gebrauch der Beile und anderer Werkzeuge, worüber Freitag vor Freude und Bewunderung ganz ausser sich gesezt wurde. Sie machten sogleich Gebrauch davon, um einen kleinen Mastbaum für ihr Flössholz zu behauen; damit sie künftig ein Segel aufstekken könten, und dann nicht erst auf die Zeit der Flut zu warten brauchten. Robinson übernahm es, diese Arbeit allein fertig zu machen; und schikte Freitag unterdess nach seiner Burg, um die Lama's zu melken; ein Geschäft, welches sie nun schon zwei Tage hatten aussetzen müssen.
In Freitags Abwesenheit lud Robinson eine der Flinten, weil er sich das Vergnügen vorbehalten hatte, seinen Freund mit den wunderbaren Wirkungen des Schiesspulvers zu überraschen. Da dieser nun zurückgekommen war, und die Geschwindigkeit bewunderte, mit welcher Robinson seine Arbeit schon vollendet hatte, erblikte dieser einen Seefalken, der eben mit einem geraubten Fische davon flog. Schnel ergrif er die Flinte und rief aus: Gieb Achtung, Freitag, der soll herunter! Kaum hatt' er dieses gesagt, so drükt' er ab, und der Falke stürzte aus der Luft zur Erde.
Stelt euch des armen Freitags Erstaunen und Erschrekken vor! Er stürzte, als wär er selbst getroffen zu Boden, weil ihm plözlich sein alter Aberglaube an den Toupan oder Donnerer wieder einfiel, für den er in dem ersten Augenblicke des Schrekkens seinen Herrn selbst hielt. Er fiel, wie gesagt, zu Boden; dann legt' er sich auf die Knie und strekte seine zitternden Hände gegen Robinson aus, als wenn er ihn um Gnade bitten wollte. Reden kont' er nicht.
Robinson war weit entfernt, mit irgend etwas, was die Religion betrift, Spass treiben zu können. Es war ihm daher, sobald er Freitags Gedanken vermutete, augenbliklich leid, ihn nicht vorher über das, was er tun wollte, belehrt zu haben; und er eilte, diesen Fehler wieder gut zu machen. Er hob den zitternden Freitag liebreich auf, umarmte ihn, bat ihn, sich nicht zu fürchten, und sezte hinzu: er wollte ihn gleich auch lehren, einen solchen Bliz und Donnerschlag hervorzubringen, womit es ganz natürlich zuginge. Dan zeigt' er ihm die Einrichtung der Flinte, beschrieb ihm die Beschaffenheit und Wirkung des Schiesspulvers; lud die Flinte vor seinen Augen und gab sie ihm in die Hand, um selbst damit zu schiessen. Aber Freitag, der noch viel zu furchtsam dazu war, bat ihn, es lieber selbst zu tun. Robinson machte darauf ein Ziel auf hundert Schritte, liess Freitag neben sich stehen und feuerte die Flinte ab.
Es fehlte nicht viel, so wäre Freitag abermals zu Boden gestürzt: so übernatürlich schien ihm dasjenige zu sein, was er sah und hörte. Das Ziel war von vielen Schrootkörnern getroffen, welche noch ziemlich tief ins Holz hineingedrungen waren. Robinson machte seinen Freitag aufmerksam darauf, und liess ihn selbst den Schluss machen, wie sicher sie nun in Zukunft vor allen feindlichen Anfällen der Wilden wären, nachdem sie diesen künstlichen Bliz und Donner in ihre Gewalt bekommen hätten. Freitag gewan hierdurch und durch Alles, was er auf dem Schiffe gesehen hatte, eine so tiefe Ehrfurcht gegen die Europäer und gegen seinen Herrn insbesondere, dass es ihm viele Tage hindurch unmöglich war, sich wieder auf den vertrauten freundschaftlichen Ton gegen ihn herab zu stimmen.
Indes rükte die Nacht heran, und machte den Geschäften dieses freudenreichen Tages ein Ende.
Vier und zwanzigster Abend.
Am folgenden Abend fuhr der Vater zur grossen Freude seiner Kleinen, ohne alle Vorrede, folgendermassen fort.
Süsser hatte unser Robinson noch nie geschlafen, als in dieser Nacht; denn seit dem ersten Tage seines einsamen Aufentalts auf dieser Insel war er noch nie so glücklich gewesen, als er sich jezt fühlte. Aber nie empfand auch wohl ein Mensch mehr innige Dankbarkeit und Liebe gegen den himlischen Wohltäter, dem er dieses sein Glük zu verdanken hatte, als er. Wie oft lag er, wenn er allein war, auf seinen Knien und dankte dem guten Geber aller Gaben für das, was er ihm verliehen hatte! Auch seinem Freitag sucht' er diese frommen Empfindungen der Dankbarkeit einzuflössen. Er lehrte ihn, bevor sie sich schlafen legten, das Loblied: Nun danket alle Gott! und dann stimten beide mit gerührtem Herzen es zum Preise Ihres gemeinschaftlichen himlischen Vaters an. –
Am andern Morgen machten sie sich früh auf; legten alle ihre Sachen in ein Gebüsch und bedekten sie, im Fal es etwa regnen sollte, mit vielen Zweigen. Dan stiessen sie mit Anfang der Ebbe vom Lande, um wieder nach dem Wrak zu fahren.
Frizchen. Was ist das Wrak?
Vater. So nent man ein Schiff, welches gestrandet und schon zum Teil zertrümmert ist. – Da sie gestern, wie ich zu erwähnen vergass, auch ein Paar gute Ruder mit sich genommen hatten: so ging die Fahrt noch geschwinder, als das erstemahl. Sie kamen abermals glücklich an; und das erste, was sie vornahmen, war dieses, dass sie alle Bretter, die sie in dem Schiffe fanden, auf ihr Flössholz herab liessen, um einen doppelten Fussboden davon zu machen, damit die Sachen, die sie mitnehmen wollten, trokner, als die gestrigen liegen mögten.
Jezt suchte Robinson wieder Alles durch, um unter den vielen Sachen, die er nicht alle auf einmal mitnehmen konnte, eine kluge Auswahl zu treffen. Diesmahl ward ihm die Wahl schon weniger sauer, weil er das Allernotwendigste nun schon in Sicherheit gebracht hatte. Doch verfuhr er wiederum eben so bedächtig, als das erstemahl.
Unter andern beschloss er, diesmahl eine von den sechs kleinen Kanonen mitzunehmen, die er auf dem Schiffe fand.
Johannes. Eine Kanone? – O dafür hätt' er doch auch wohl etwas nötigeres nehmen können!
Vater. So scheint es uns, die wir die Sache von fern beurteilen; Robinson hingegen, der seine ganze Lage in der Nähe übersah, fand, dass ihm diese Kanone, wenigstens zur Beruhigung seines Gemüts, höchst nötig sei.
Johannes. Wie so?
Vater. Der Ort am Strande, wo er die geretteten Sachen vor der Hand hinlegen musste, war unbefestiget, und lag unglücklicher Weise in derjenigen Gegend, wo die Wilden gemeiniglich zu landen pflegten. Nun kont' er sich zwar ziemlich auf den Schuz seiner Flinten und Pistolen verlassen, fals er angegriffen werden sollte; aber der Gedanke, dass er alsdan wieder in die traurige Notwendigkeit geraten würde, einen oder den andern dieser armen Wilden zu tödten, machte ihn schaudern, so oft er ihm einfiel. Nun dacht' er, wenn er eine Kanone am Strande hätte: so könt' er, wenn sie sich in ihren Kanoes oder Kähnen der Insel nähern wollten, schon von fern eine Kugel über ihre Köpfe hinschiessen, worauf sie dann vor Schrekken vermutlich wieder umkehren würden.
Siehst du, Lieber, wie unsicher es ist, wenn wir das Betragen anderer Menschen zu beurteilen uns anmassen wollen? Höchst selten kennen wir alle die Bewegungsgründe, nach denen ein Anderer sich in seinem Verhalten richtet: wie dürfen wir uns dann einfallen lassen uns zu Richtern über dasselbe aufzuwerfen? Ein weiser Man ist daher sehr langsam zum Urteil über Andere; gibt sich überhaupt nicht damit ab, wenn er keinen eigentlichen Beruf dazu hat, weil er genug über sich selbst und über seine eigene Handlungen zu denken und zu urteilen hat: und so, Kinder! wollen wir es künftig auch machen.
Ausser der Kanone, brachten Robinson und Freitag diesmahl noch folgende Sachen auf ihre Flösse: 1) Einen kleinen Sak vol Rokken, einen andern vol Gerste und noch einen dritten vol Erbsen; 2) Eine Kiste vol Nägel und Schrauben; 3) Ein Duzend Beile; 4) Ein Fässchen vol Schiesspulver, nebst Kugeln und Schroot; 5) Ein Segel, und 6) einen Schleifstein.
Gottlieb. Wozu denn den?
Vater. Um Beile, Messer und andere Werkzeuge wieder scharf zu machen, wenn sie stumpf sein würden.
Gottlieb. Hatt' er denn auf seiner Insel keine Steine?
Vater. Steine in Menge; nur keine Schleifsteine! Hast du nicht bemerkt, dass diese von einer besondere Beschaffenheit, nämlich viel weicher sein müssen, als die andern Steine sind?
Gottlieb. Ja!
Vater. Nun, solcher weichen Sandsteine, hatt' er auf seiner Insel keine bemerkt; und doch ist ein Schleifstein für Alle, welche mit scharfen Werkzeugen umgehen müssen, ein ungemein nüzliches und notwendiges Ding. Er zog ihn also ohne Bedenken, den Goldkörnern und Diamanten vor, die er abermals zurück liess.
Ehe sie abfuhren, untersuchte Robinson den dermahligen Zustand des Schiffes und fand, dass das Wasser noch etwas höher eingedrungen sei, und dass die Wellen und das Reiben an den Felsen schon viele Planken an beiden Seiten des Schiffes losgerissen hätten. Er sah voraus, dass der erste sich ereignende Sturm das ganze Wrak zertrümmern würde. Um destomehr beschloss er zu eilen, um von dem noch übrigen Schifsgute, so viel er nur immer könnte, zu retten.
Da der Wind jezt landwärts bliess, so konten sie mit Hülfe des Segels und der Ruder abfahren, ohngeachtet die Ebbezeit erst kaum halb vorbei war. Unterweges machte Robinson sich einen Vorwurf, der ein Beweis seiner Rechtschaffenheit war.
Diderich. Worüber denn?
Vater. Darüber, dass er das Gold und die Diamanten nicht mitgenommen habe.
Diderich. Was wolt' er denn damit?
Vater. Er selbst wollte nichts damit; aber er dachte so: es ist doch nicht ganz unmöglich, dass der Herr des Schiffes noch lebt, und wieder herkommen kann, um zu sehen, ob er nicht noch etwas retten könne. Wenn nun plözlich ein Sturm entstünde und der zerschmetterte das Schiff, ehe du noch einmal wieder zurückfahren kanst, und Gold und Edelgesteine gingen verloren: wie wolltest du es dann gegen den Besizer derselben, wie wolltest du es vor Gott, und vor deinem eigenen Gewissen verantworten, dass du nur lauter solche Sachen gerettet hast, die dir nüzlich werden können und nicht auch dasjenige, woran dem eigentlichen Herrn aller dieser Sachen am meisten gelegen sein muss? Wovon vielleicht sein und vieler andern Menschen ganzer Glükszustand abhängen mag? Robinson! Robinson! sezt' er hinzu, indem er sich unwillig vor die Stirn schlug, wie viel fehlt noch daran, dass du schon so gut bist, als du sein soltest?
Er konnte kaum die Zeit abwarten, da sie anlanden und wieder abstossen würden, um von neuem hinzufahren; so gross war die Unruhe seines Gewissens über die Versäumung einer Pflicht, die ihm mit Recht heilig schien!
Endlich kamen sie an; aber in dem Augenblicke, da sie ans Land stossen wollten, liefen sie grosse Gefahr, ihre ganze Ladung ins Meer versinken zu sehen. Weil nämlich die Ebbezeit noch dauerte, so war das Wasser am Strande so seicht, dass das Vorderteil des Flössholzes auf einmal auf den Sand rante und daher viel höher zu stehen kam, als das Hinterteil, welches noch vom Wasser getragen wurde. Zum Glük standen Robinson und Freitag beide hinten und konten also die abgleitende Ladung zurückhalten, dass sie nicht ins Wasser fiel.
Nachdem sie Alles wieder befestiget hatten, mussten sie sich entschliessen bis an die Knie durch Wasser und Schlam zu waten, um die Sachen so ans Land zu bringen. Sie taten dies so hurtig und so vorsichtig, dass nichts verloren ging, und dass sie noch vor der zurückkehrenden Flutzeit wieder abfahren konten.
Kaum war Robinson abermals bei dem Wrakke angekommen, als er nichts eiligeres hatte, als das Tönchen mit den Goldkörnern und das Schächtelchen mit den Diamanten auf sein Flössholz zu bringen. Damit fiel ihm, wie man sagt, ein Stein von Herzen; und nun, nachdem er sich dieser Pflicht entlediget hatte, glaubt' er berechtiget zu sein, wieder für sich selbst zu sorgen.
Diesmahl nahm er unter andern ein Paar Schubkarren, die, ich weiss nicht zu welchem Behufe, auf dem Schiffe waren, viel vorrätige Kleidungsstükke und Wäsche, viel Werkzeuge und Gerätschaft, eine Laterne, nebst allen beschriebenen Papieren mit, die er in des Kapitains Kajüte fand; und da unterdess die Flutzeit zurück gekehrt war, so segelten sie wieder ab, und erreichten, von Wind und Wasser fortgetrieben, in kurzer Zeit den Strand.
Den noch übrigen Teil des Tages widmete Robinson einem Geschäfte, welches ihm jezt das dringendste zu sein schien. Er zitterte nämlich vor dem Gedanken, dass ein starker Regen einfallen, und seinen grössten Schaz, das Schiesspulver, unbrauchbar machen könnte. Um diese Gefahr abzuwenden, beschloss er, noch an eben diesem Tage, aus einem grossen mitgebrachten Segeltuche ein ordentliches Zelt zu machen, worunter sein ganzer Reichtum vor dem Regen sicher läge.
Da er Scheere, Nadeln und Zwirn hatte, so ging ihm diese Arbeit geschwind von Händen, und Freitag lernte ihm bald so viel davon ab, dass er ihm dabei helfen konnte. Dieser konnte die unschäzbare Erfindung einer Nadel und einer Scheere nicht genug bewundern und gestand zu wiederhohlten mahlen, dass er und seine Landesleute, mit den künstlichen Europäern verglichen, doch nur recht arme Schelme wären.
Sie wurden noch vor Abend mit dieser Arbeit fertig; und da machte Robinson sich noch die Freude, seinem Freitag die erstaunliche Wirkung einer Kanone zu zeigen. Er lud sie mit einer Kugel, stellte sie darauf so, dass der Schuss die Oberfläche des Wassers streifen musste, damit Freitag recht deutlich sehen könnte, wie weit die Kugel fortgeschnelt werden würde. Jezt brant' er sie ab, und ohngeachtet Freitag schon durch die beiden Flintenschüsse auf dieses Schauspiel vorbereitet war: so erschrak er doch von neuem über den noch weit heftigern Knal der Kanone so sehr, dass ihm alle Glieder zitterten. Die Kugel tanzte auf der Oberfläche des Meeres hin und verlohr sich in einer unabsehlichen Entfernung. Freitag versicherte darauf, dass es nur eines einzigen solchen Schusses bedürfen würde, um alle seine Landsleute, wenn sie auch bei Tausenden herbei kämen, plözlich in die Flucht zu jagen, weil sie den, der diesen Donner machte, gewiss für den Toupan halten würden.
Da es finster geworden war, stekte Robinson seine Laterne an, um die am Schiffe mitgebrachten Schriften durchzusehen, ob er vielleicht daraus erfahren möchte, wem das Schiff zugehört habe, und welches die Bestimmung desselben gewesen sei? Aber zum Unglück waren diese Schriften, so wie die Bücher, die er mitgenommen hatte, in einer Sprache abgefasst, die er nicht verstand. Wie sehr bedauerte er hierbei abermals, dass er in seiner Jugend nicht mehr Fleiss auf Erlernung der Sprachen gewandt habe! Aber diese Reue kam jezt zu spät.
Indes gab ihm ein doppelter Umstand, den er bemerkte, einiges Licht über den Lauf des Schiffes und über die Absicht desselben. Er fand nämlich unter andern ein Paar Briefe, die nach Barbados gerichtet waren, einer Insel bei Amerika, auf welcher ein starker Sklavenhandel getrieben wird.
Frizchen. Sklavenhandel?
Vater. Ich will dir sagen, was das ist. In Afrika – du weisst doch noch, wo das liegt?
Frizchen. O ja; dortin, über die grüne Brükke und die Gänseweide! – Nu nur zu!
Vater. In Afrika also, wo die Mohren wohnen, sind die meisten Menschen noch so roh und ungesittet, wie das liebe Vieh. Ihre Anführer oder Könige, die selbst nicht viel klüger sind, gehen dann auch mit ihnen um, als wenn sie wirkliches Vieh wären. Wenn nun die Europäer dahin kommen, so bietet man ihnen ganze Heerden solcher schwarzen Menschen zum Verkauf an, recht so wie man hier die Ochsen zu Markte bringt. Viele Väter führen auch wohl ihre eigene Kinder herbei, um sie für eine Kleinigkeit los zu werden; und da kaufen denn die Europäer alle Jahr eine Menge derselben und führen sie nach Amerika, wo sie die härteste Arbeit verrichten müssen und dabei recht jämmerlich gehalten werden. Ein solcher Sklav (so nent man sie) ist dann recht schlim daran, und wünschte oft lieber zu sterben, als so zu leben.
Gottlieb. Das ist doch aber auch gar nicht recht, dass man so mit Menschen umgeht!
Vater. Freilich ist es unrecht; auch steht zu hoffen, dass dieser abscheuliche Sklavenhandel mit der Zeit ganz werde abgeschafft werden. –
Ferner fand Robinson eine Rechnung, aus der er ungefähr so viel abnehmen konnte, dass auf dem Schiffe hundert solcher Sklaven gewesen sein müsten, die man nach Barbados habe bringen wollen. Er machte von allem diesem seinem Freitag eine Beschreibung, und sezte hinzu: wer weiss, ob nicht diese Unglücklichen dem Sturme, der das Schiff auf die Felsen trieb, vielleicht ihre Erlösung zu verdanken haben? Ob sie nicht vielleicht durch Hülfe der Böte sich gerettet und irgend eine Insel erreicht haben, auf der ihre Tirannen ihnen nun nicht mehr befehlen dürfen, und wo sie, nach ihrer Art, ein recht glückliches und zufriedenes Leben führen?
Freitag fand dies gar nicht unwahrscheinlich.
Wohl dann, lieber Freitag! sezte Robinson hinzu, indem sein Gesicht zu glühen anfing; hättest du also nun noch wohl das Herz, deine neuliche Frage zu wiederhohlen?
Freitag. Welche?
Robinson. Die: was der Sturm, der uns unsern Kahn entführte, wohl für Nuzen gehabt haben könne?
Freitag ward beschämt und schlug reuevoll die Augen nieder.
»O Freitag! rief hierauf Robinson mit frommem Eifer aus; erkenne die Hand des almächtigen und alweisen Gottes, die hier abermals so sichtbarlich im Spiel gewesen ist! Siehe wie viel der Sturm uns wiedergeben musste, für das Wenige, was er uns zu nehmen Befehl hatte! Sieh ihn an, diesen ganzen Vorrat von Hülfsmitteln zu einem bequemen und glücklichen Leben – würden wir ihn haben, wenn der Sturm nicht gekommen wäre? Zwar ist es traurig, sein Glük dem Unglückke anderer Menschen verdanken zu müssen: aber wie? wenn nun auch die Meisten von denen, die auf dem gestrandeten Schiffe waren, jezt viel glücklicher lebten, als vormahls? Und dass dies wirklich der Fal sei, ist doch gar nicht unwahrscheinlich! Was dünket dich nun von der götlichen Weltregierung?«
»Dass sie unbeschreiblich weise und gut sei, und dass ich ein Nar war!« erwiederte Freitag, indem er die Hände faltete und zum Himmel blikte, um Gott die Sünde abzubitten, die er aus Unverstand begangen hatte.
Robinson verwahrte alle die durchgesuchten Papiere eben so sorgfältig, als das Gold und die Edelgesteine; um, fals er jemahls wieder nach Europa kommen sollte, durch Hülfe derselben, zu erfahren, an wen er diese geretteten Schäze zurück geben müsse.
Noch sechs Tage hinter einander fuhren sie fort, des Tages zwei bis dreimal nach dem Wrak zu fahren und Alles, was sie bewegen konten, ans Land zu bringen. Tausend Kleinigkeiten waren ihnen wichtig und wurden als solche von ihnen mitgenommen, die uns kaum des Aufhebens wert scheinen würden, weil wir den Mangel derselben noch nie empfunden haben. Ein Teil der Schifsladung bestand aus Elefantenzähnen; diese liessen sie liegen, weil sie keinen Gebrauch davon machen konten. Ein Gleiches taten sie mit einigen Tonnen vol Kaffebohnen, welche Robinson gleichfalls verschmähte, weil er nicht gesonnen war, sich jemahls wieder zu überflüssigen und schädlichen Lekkereien zu verwöhnen. Dafür aber suchten sie so viel Bretter loszubrechen und mitzunehmen, als sie nur immer konten, weil ihnen diese einen grössern Nuzen und also auch einen grössern innern Wert zu haben schienen. Sogar die noch übrigen fünf Kanonen brachten sie ans Land, so wie alles Eisenwerk, welches sie nur finden oder vom Schiffe losmachen konten.
Nachdem sie nun schon achtzehn mahl hin und her gefahren und mit ihrer jedesmahligen Ladung immer glücklich an Ort und Stelle angekommen waren; bemerkten sie, da sie sich abermals an Bord des Wraks befanden, dass ein Ungewitter heran nahe. Sie eilten daher, so sehr sie konten, das Aufladen zu beschleunigen und fuhren in der Hoffnung ab, dass sie, noch vor dem Ausbruche des Gewitters den Strand erreichen würden. Aber ihre Bemühung war umsonst. Noch ehe sie die Hälfte der Fahrt zurückgelegt hatten, erhob sich ein so gewaltiger Sturm mit Donner, Bliz und Regen begleitet, dass die Wellen über das Flössholz wegrolten und die darauf befindlichen Sachen in den Abgrund warfen. Sie selbst klammerten sich eine Zeitlang so fest an, dass die schäumenden Wogen sie nicht wegspülen konten, ohngeachtet sie ihnen von Zeit zu Zeit fast einer Elle hoch über dem Kopfe weggingen.
Aber endlich konnte das schwache Gebäude des Flössholzes der Wut der Wellen nicht länger widerstehen. Die Bande, wodurch die Balken zusammen gehalten, löseten sich auf; die ganze Flösse fiel aus einander.
Lotte. O weh der arme Robinson!
Alle. O stille! stille!
Vater. Freitag versuchte sich durch Schwimmen zu retten, Robinson hingegen ergrif einen Balken, mit dem er bald in den Abgrund hinabgeworfen, bald wieder hoch empor gehoben wurde. Er war dabei öfter unter, als über dem Wasser, war ganz betäubt, und konnte weder hören noch sehen. Jezt verliessen ihn seine Kräfte, und mit ihnen seine Besonnenheit. Er tat noch einen lauten Schrei, und verschwand darauf in einer ungeheuern Welle, die von dem Balken ihn losriss.
Zum Glük war sein treuer Freitag ihm immer zur Seite geblieben, ohngeachtet er, wenn er gewolt hätte, sich weit geschwinder hätte retten können. Da dieser nun seinen Herrn vor seinen Augen versinken sah, besan er sich keinen Augenblick, sondern tauchte unter, ergrif ihn mit der linken Hand, und arbeitete mit der rechten sich wieder empor. Und nun verdoppelte er seine Bemühung mit so unerhörter Anstrengung, dass er in einigen Minuten zusamt dem Leichname seines lieben Herrn am Strande war.
Alle. (Ganz erschrokken) Ach! – ach! dem Leichnam?
Vater. So nenne ich ihn, weil in der Tat kein Fünkchen von Leben mehr in ihm zu sein schien.
Freitag trug den Erblassten völlig ans Land, warf sich verzweiflungsvol über ihn hin, rief ihm zu, rüttelte, rieb ihn am ganzen Leibe, und drükte zehnmahl die Lippen auf seinen Mund um ihm Atem einzublasen. Endlich hatt' er die unaussprechliche Freude, wieder einige Merkmahle des Lebens wahrzunehmen; er fuhr in seinen Bemühungen fort und Robinson fing an, sich seiner wieder bewust zu sein.
»Wo bin ich?« fragt' er mit schwacher zitternder Stimme, indem er die Augen wieder aufschlug. »In meinen Armen, lieber Herr!« antwortete Freitag, dem die Tränen aus den Augen stürzten. – Und nun gab es eine rührende Scene, indem Robinson seinem Erretter dankte, und dieser nicht wusste, was er vor Freuden über die Wiederkehr seines geliebten Herrn ins Leben alles vornehmen sollte. 
Und, Kinder, mit etwas Besserem können wir die Erzählung dieses Tages wohl nicht endigen; also genug für heute!
Fünf und zwanzigster Abend.
Es fanden sich abermals verschiedene Abhaltungen, welche den Vater hinderten, in der Erzählung fortzufahren. Die junge Gesellschaft wurde unterdess durch sechs neue Mitglieder vergrössert. Diese hiessen Mattias, Ferdinand, Konrad, Hans, Christel, und Karl.
Das war nun ein Wesen unter den Alten, wovon der Eine noch eher, als der Andere, den neuen Freunden wieder erzählen wollte, was sie von Robinson nun schon gehört hatten! Da wusste der Eine dies, der Andere das von ihm; da hatte der Eine dies, der Andere das noch ausgelassen, weswegen ein Dritter ihm in die Rede fiel, um die Lükke der Erzählung auszufüllen! Da also Alle zugleich redeten, so entstand zulezt ein so verwirtes Geschrei, dass man sein eigen Wort nicht hören konnte. Da sah sich dann endlich der Vater genötiget, um dem Wirwar ein Ende zu machen, die Erzählung von vorn wieder anzufangen, und sie bis dahin zu wiederhohlen, wo er zulezt stehn geblieben war. Dan fuhr er, zum allgemeinen Frohlokken, folgendermassen fort:
Nun, Kinder, unser Robinson hat sich noch einmal wieder erhohlt. Der Schlaf, dessen er die Nacht über unter seinem Zelte auf wirklichen Betten genoss, hat ihn so erquikt, dass er mit Anbruch des Morgens schon wieder da steht in seiner ganzen ungeschwächten Kraft, und Gott für die Erhaltung seiner Gesundheit und seines Lebens dankt. Der Sturm hatte die ganze Nacht hindurch gewütet. Er erwartete daher mit ängstlicher Neubegierde den Tag, um zu sehen, was aus dem Wrak möchte geworden sein?
Jezt stieg die Sonne empor und da erblikt' er zu seinem Leidwesen, dass das Wrak gänzlich verschwunden sei. Einzelne Bretter und Balken, die an den Strand getrieben waren, bewiesen, dass der Sturm es völlig zertrümmert habe. Es tat ihm bei diesem Anblik wohl, sich bewust zu sein, dass er keinen Fleiss gespart habe, von dem Schifsgute so viel zu retten, als ihm nur immer möglich gewesen war; und wohl dem Menschen, dessen ganzes Betragen so weisslich eingerichtet ist, dass er bei jedem unangenehmen Vorfal, wie jezt Robinson, zu sich selbst sagen kann: ich bin nicht Schuld daran! O dieses Bewustsein kann viel versüssen, was für unser Herz sonst unausstehlich bitter sein würde!
Robinson und Freitag zogen sorgfältig jedes am Strande liegende Ueberbleibsel des Schiffes aufs Land, weil sie voraussahn, dass jedes Bret, jede Latte ihnen nüzlich werden könnte. Dan wurde ein ordentlicher Plan zu ihrer nächsten Geschäftigkeit gemacht.
Die Sachen mussten nämlich nach der Burg geschafft werden; aber sich beim Fortbringen derselben jedesmahl so weit davon zu entfernen, schien ihnen mit Recht gefährlich zu sein. Robinson machte also die Anordnung, dass sie wechselseitig fortkarren und Wache halten wollten, einer des Vormittages, der Andere des Nachmittages. Er lud die Kanonen und pflanzte sie an den Strand, die Mündung gegen das Meer gerichtet. Dan wurde ein Feuer angemacht, welches der Wachhabende beständig unterhalten sollte; und neben den Kanonen lag eine Lunte in Bereitschaft, um sie, wenn es sein müste, ohne Verzug abfeuern zu können.
Robinson selbst machte den Anfang zur Fortbringung der Sachen. Um die bessern Kleidungsstükke zu schonen, hatte auch er einen Matrosenanzug angelegt und, statt seiner ehemaligen Waffen, trug er jezt einen Hirschfänger und zwei geladene Pistolen im Gürtel. Er lud zuerst einige Fässchen mit Schiesspulver nebst andern Sachen auf, für welche die Nässe am meisten zu fürchten war; und darauf ging die Reise fort.
Der Pudel, welcher ihm nie von der Seite kam, begleitete ihn, als ein nicht ganz unnüzer Reisegefährte. Robinson hatte ihm einen Strik ums Leib gebunden und diesen vorn am Karn befestigst, damit er durch Ziehen ihm helfen möge. Weil nun die Pudel sehr gelehrige Geschöpfe sind; so fand sich auch dieser bald in seinen neuen Beruf, und verrichtete ihn in kurzer Zeit so gut, als wenn er ein geübter Karngaul gewesen wäre. Auch trug er obenein noch ein Bündel mit den Zähnen, welches man ihn zu tun schon vorher gelehrt hatte.
Beim Zurükkehren nahm Robinson alle seine zahmen zum Lasttragen schon gebrauchten Lama's mit, um sich ihrer gleichfalls zum Fortschaffen der Sachen zu bedienen. Da ihrer sieben waren, und da jedes derselben eine andertalb Zentner schwere Last zu tragen vermochte: so könt ihr denken, wie viel die ganze Karawane auf einmal fortzubringen im Stande war.
Da aber so viele Sachen in Robinsons Höhle und Keller keinen Raum hatten: so ward in der Geschwindigkeit noch ein zweites grosses Zelt gemacht, welches man auf dem Hofplaze der Burg aufschlug, um bis auf Weiter zum Behälter zu dienen. In acht Tagen war Alles fortgeschaft, einen Haufen Bretter ausgenommen, die sie zwischen ein dichtes Gebüsch getragen hatten, um sie vor der Hand daselbst zu lassen.
Lotte. Du hast uns ja nichts wieder von der Ziege erzählt?
Vater. Ach, das hätt' ich bald vergessen. Nun, die Ziege nahmen sie, wie es sich von selbst versteht, auch mit, und taten sie in die Verzäunung zu den zahmen Lama's, mit denen sie sich recht gut vertrug. –
Nun gab's für Robinson und Freitag der angenehmen Arbeiten viele; und sie wussten kaum, was sie zuerst angreifen sollten. Doch machte Robinson, der jezt in allen seinen Verrichtungen Ordnung und regelmässige Einteilung der Geschäfte liebte, bald einen Unterschied zwischen den nötigern und unnötigern Arbeiten, und schrit zuerst zu jenen. Eine der nötigsten unter allen war die Erbauung eines Schuppens, oder einer kleinen Scheune, um diejenigen Sachen, welche in der Höhle nicht Raum hatten, bequemer und sicherer zu verwahren, als es unter dem Zelte geschehen konnte. Da kam es nun darauf an, sich in der Kunst der Zimmerleute zu üben, die freilich keiner von ihnen gelernt hatte.
Aber was konnte dem Fleisse unsers sinreichen Robinsons jezt zu schwer fallen, da er sich im Besiz aller der Werkzeuge sah, die er nötig hatte? Die mühseeligsten und ungewohntesten Arbeiten waren ihm jezt ein Spiel, nachdem er mit so vielen andern, ohne Werkzeuge und ohne einen Gehülfen zu haben, glücklich zu Stande gekommen war. Das Fällen und Behauen der Bäume, das Zusammenfügen und Aufrichten der Balken, das Aufmauern der Wände von Baksteinen und die Anlegung eines doppelten Daches, eins von Brettern, das andre von Kokusblättern – dies Alles ging mit bewundernswürdiger Geschwindigkeit von statten.
Jezt stand das Häuschen da, und glich den kleinen Wohnungen unserer Landleute. Sehr weislich hatte Robinson auch die Fenster aus den Kajüten des Schiffes ausgehoben; und diese kamen ihm jezt treflich zu statten, um den inwendigen Raum des Gebäudes zu erhellen, ohne irgend ein Loch offen lassen zu dürfen. Das Glas war für Freitag ein vorzüglicher Gegenstand der Bewunderung, weil er nie dergleichen gesehen hatte und nun erfuhr, was für eine grosse Bequemlichkeit es gewähre.
Nachdem nun Alles unter Dach und Fach gebracht war, ging Robinson mit dem Gedanken um, sich einen bequemen Eingang zu seiner Burg zu verschaffen, ohne dass sie dadurch von ihrer Festigkeit etwas verlieren möchte. Das sicherste Mittel dazu schien ihm die Anlegung eines ordentlichen Tors und einer Zugbrükke zu sein. Da er alles, was dazu erfodert wurde – Nägel, Ketten, Türangel, Hespen, Schlösser u. s. w. – in Überfluss hatte, so schritt' er sogleich zur Ausführung dieses Vorsazes. Sie machten erst alles, was erfodert wurde, fertig; dann wurde eine Oefnung in dem Walle und der Baumwand nach der Grösse des schon vollendeten Tores gemacht, das Tor errichtet und die Zugbrükke so angelegt, dass sie, wenn sie aufgezogen ward, das Tor bedekte. Dan wurden die Kanonen, und zwar geladen, auf den Wal gepflanzt, so dass zwei die rechte, zwei die linke Flanke oder Seite, und zwei die Face, oder die Vorderseite der Festung dekten. Und nun konten sie vor jedem Anfalle der Wilden völlig ruhig sein, und hatten zugleich die Bequemlichkeit eines ordentlichen Einganges zu ihrer Wohnung.
Jezt war die Zeit zur Erndte gekommen. Robinson bediente sich eines alten Schwerdts statt der Sichel, um den Maiz damit abzumähen, und zum Ausgraben der Kartoffeln einer ordentlichen Hakke, die sich unter den geborgenen Sachen befand. Wie ihnen nun das Alles durch Hülfe dieser Werkzeuge von der Hand ging! Es wäre eine Lust gewesen, es anzusehen, eine noch grössere, sich ihnen als Mitarbeiter zuzugesellen.
Hans. Ich hätte mögen dabei wohl sein, um auch so mit zu arbeiten!
Diderich. O deswegen brauchst du nach keiner wüsten Insel zu fahren! Es lässt sich hier eben so gut arbeiten. Solst nur sehen, was uns Vater immer zu tun gibt, wenn wir Freistunden haben! Bald müssen wir Holz mit ihm pakken, bald klein gehauenes Holz in die Küche fahren, bald im Garten graben, dann wieder Wasser zum Begiessen tragen, oder Unkraut ausgäten – o da gibt es immer genug zu tun!
Vater. Und warum führ' ich denn wohl euch zu solchen Arbeiten an?
Johannes. I, dass wir uns gewöhnen sollen, niemahls mässig zu sein, und weil uns das gesund und stark macht!
Christel. Sollen wir denn auch immer mit arbeiten, Vater?
Vater. Freilich! Ich werde euch ja nicht weniger lieben, als ich die Andern liebe, und werde euch also ja auch wohl alles das tun lassen, was ich für eine nüzliche Beschäftigung halte!
Karl. O das ist scharmant! Da wollen wir eben so fleissig sein, als Robinson.
Vater. Wohl! Robinson, wie wir wissen, befand sich sehr wohl dabei; und so werden wir Alle die seeligen Folgen einer arbeitsamen Lebensart gleichfalls immer mehr erfahren.
Die Erndte war jezt vollendet. Robinson verfertigte zwei Dreschflegel, lehrte Freitag den Gebrauch derselben, und dann klopften sie den Maiz in einem Tage aus. Sie gewannen zwei Säkke vol, welches ohngefähr sechs Scheffel sein mochten. Auf einige Monate hatten sie Schifszwiebak vorrätig. Da aber dieser alsdan ein Ende nehmen musste, so war Robinson entschlossen, das Brodbakken selbst zu versuchen.
Eine kleine Handmühle hatt' er mit von dem Schiffe genommen. Es fehlte also nur an einem feinen Siebe, um das Mehl zu sichten und an einem Bakofen, um das daraus geknetete Brod zu bakken. Zu beiden musste Rat werden. Zum Siebe braucht' er ein dünnes Nesseltuch, wovon unter den geborgenen Sachen sich ein ganzes Stük befand; und die Anlegung eines ordentlichen Bakofens machte ihm den wenigsten Kummer. Auch mit dieser Arbeit ward er fertig, noch ehe die gewöhnliche halbjährige Regenzeit eintraf.
Und nun macht' er einen doppelten Versuch im Brodbakken, indem er einige Brode aus Rokkenmehl, andere aus Mehl von Maiz knetete. Die erstern aber waren bei weitem die schmakhaftesten; und Robinsons Entschliessung war daher gefasst. Er beschloss nämlich, statt des türkischen Waizens, den grössten Teil seiner Aekker mit Rokken zu besäen, um immer hinlänglichen Vorrat zum Brodbakken zu haben. Dies schien ihm auch für seine und Freitags Hände nicht zu viel Arbeit zu sein, weil sie auf dieser Insel zweimahl in jedem Jahre säen und ärndten könten.
Noch fehlte ihnen etwas, welches sie unter dem Schifsvorrate nicht mit gefunden hatten, und welches ihnen gleichwohl sehr nüzlich gewesen wäre, nämlich – ein Paar ordentliche Spaten von Eisen. Zwar hatte Freitag dergleichen aus hartem Holze geschnizt, aber besser ist doch besser, und mit einem eisernen Spaten kann man natürlicher Weise noch mehr beschikken, als mit einem hölzernen. Da nun Robinson fest entschlossen war, künftig den Akkerbau, als die angenehmste und nüzlichste Arbeit unter allen, zu seiner beständigen Hauptbeschäftigung zu machen: so ging er mit dem Gedanken um, auch eine Schmiede anzulegen, um Spaten und vielleicht noch andere nötige Werkzeuge selbst zu verfertigen.
Dieser Einfal war nicht so kühn, als er euch vielleicht vorkommen mag: denn alles, was zu einer Schmiede gehört, fand sich unter seinem Vorrate. Es waren nämlich darunter ein kleiner Amboss, verschiedene Zangen, ein ziemlich grosser Blasebalg und so viel teils altes, teils noch unverarbeitetes Eisen, dass er wahrscheinlicher Weise für sein ganzes Leben genug daran hatte. Der Vorsaz ward also auf der Stelle ausgeführt.
Durch Hülfe eines grössern Daches von Brettern, welches sie über der Küche anbrachten, ward diese so sehr erweitert, dass sie zugleich zur Schmiede dienen, und auch beim Regenwetter darin gearbeitet werden konnte. Sie verwandten also einen Teil der eingefallenen nassen Jahrszeit auf Schmiedearbeit; und auch diese musste ihnen, nach einigen wenigen vergeblichen Versuchen, gar treflich gelingen. Da die Spaten fertig waren, ging Robinson noch weiter und versuchte, ob er nicht auch gar einen Pflug erfinden könnte, der ihren Kräften angemessen wäre? Er erfand ihn und seine Freude darüber war sehr gross.
Dieser Pflug war von den Unsrigen freilich sehr verschieden; er bestand aus einem einzigen krummen Ast von einem Baume, an dessen einem auf der Erde ruhenden krummen Ende die Pflugschaar befestigst war, nebst einer Handhebe, womit der Führer des Pflugs ihn regieren und nach seinem Willen lenken konnte; an das andere Ende hingegen hätten Ochsen oder Pferde gespant werden können, wenn sie deren gehabt hätten. So aber war diese Stelle einem von ihnen selbst vorbehalten. Kurz, dieser Pflug hatte vollkommen die Gestalt von demjenigen, dessen die alten Griechen sich zu bedienen pflegten, da sie anfingen, sich auf den Akkerbau zu legen und wovon ich euch hier eine Zeichnung zeigen kann.
Ferdinand. Das ist ja ein küriöser Pflug!
Konrad. Waren denn keine Räder daran?
Vater. Nein, wie du siehst. So einfach und ungekünstelt, als dieser Pflug, sind anfangs alle andere Werkzeuge auch gewesen. Nach und nach nahmen die Menschen eine vorteilhaftere Einrichtung nach der andern wahr, änderten, verbesserten, und beförderten so immer mehr und mehr den Nuzen und die Bequemlichkeit eines jeden Dinges, dessen sie zu ihren Arbeiten bedurften.
Indes hatte Robinson alle Ursache, sich über diese seine Erfindung zu freuen, besonders da sie so ganz sein eigenes Werk war, weil er die Zeichnung davon niemahls gesehen hatte. Es sind, so viel man weiss, erst viele Jahrhunderte verflossen, bevor die Menschen darauf verfielen, ein so einfaches Werkzeug, als dieser Pflug ist, zu erfinden; und die Erfinder desselben wurden von ihren Nachkommen für so ausserordentlich kluge Menschen gehalten, dass man ihrem Andenken sogar götliche Ehre erwies. Weisst du noch, Johannes, wen die Egipzier für den Erfinder des Pflugs hielten?
Johannes. O ja! Den Osiris, den sie deswegen nachher, als einen Gott, anbeteten.
Vater. Die Phönizier schrieben diese nüzliche Erfindung einem gewissen Dagon zu, den sie deswegen auch für ein ausserordentliches Wesen hielten und ihn einen Sohn des Himmels nanten.
Nikolas. Aber hätte Robinson nicht die Lama's zum Pflügen brauchen können?
Vater. Anfangs zweifelte er, ob sie brauchbar dazu sein würden, weil sie mehr zum Tragen, als zum Ziehen gemacht zu sein schienen. Indes wolt' er doch auch dieses nicht unversucht lassen; und siehe! der Erfolg übertraf seine Hoffnung. Die Tiere lernten nach und nach sich darein schikken; und endlich ging das Geschäft so gut von statten, als wenn Robinson und Freitag ausgelernte Landleute und die Lama's Ochsen oder Esel gewesen wären.
Nun fehlte ihnen zur ordentlichen Bestellung des Akkers nur noch ein Werkzeug, dessen sie nicht füglich entbehren konten, und welches sie gleichwohl auf dem Schiffe nicht vorgefunden hatten.
Ferdinand. Ich weiss schon, was das für eins war!
Vater. Und welches meinst du denn?
Ferdinand. Eine Egge.
Vater. Getroffen! Ohne diese kann das Land nicht wohl bestellt werden, weil man durch Hülfe derselben die dikken Erdschollen erst zertrümmern muss, damit der eingestreute Same in ein lokkeres Erdreich zu liegen komme, und mit Erde bedekt werde.
Robinson schmiedete erst so viel eiserne Zakken, als er dazu nötig zu haben glaubte. Dan kam er, nach einigen vergeblichen Versuchen, auch mit dem hölzernen Gestelle zu Stande, worin diese Zakken befestiget werden mussten. Endlich bohrte er in dieses Gestel so viel Löcher, als die Egge Zähne haben sollte, schlug die eisernen Zakken da hinein, und die Egge war fertig.
Er säete nun, nach geendigter Regenzeit, zwei Scheffel Rokken, einen Scheffel Gerste, und einen halben Scheffel Erbsen aus; und hatte nach fünf Monaten die Freude, zwölfmahl so viel wieder einzuärndten, nämlich vier und zwanzig Scheffel Rokken, zwölf Scheffel Gerste, und sechs Scheffel Erbsen; welches weit mehr war, als er und sein Freitag in einem halben Jahre verzehren konten. Aber, als ein kluger Hausvater, war er darauf bedacht, von Allem immer etwas übrig zu haben, weil Zeiten des Misswachses einfallen, oder seine Erndte einmal durch Hagel oder andere Zufälle zernichtet werden konnte. Er beschloss daher ein ordentliches Getraidemagazin anzulegen, worin immer von einem halben Jahre zum andern ein zu ihrem Unterhalte hinlänglicher Vorrat wäre, auf den Fal, dass einmal eine Erndte verloren ginge.
In dieser Absicht rissen sie, bei anhaltender klarer Witterung das Dach des Schuppens wieder ein, um noch ein zweites Stokwerk darauf zu setzen, welches zum Kornboden dienen sollte. Dies kostete nun freilich schon mehr Kunst und Mühe, als die Errichtung des ersten Stoks gekostet hatte, aber ihr anhaltender unverdrossener Fleiss überwand alle Schwierigkeiten; und das Werk ward vollendet.
Die Ziege hatte unterdess zwei Junge geworfen, so dass nun auch diese Art von Tieren auf der Insel fortgepflanzt werden konnte. Der Pudel diente ihnen zum Nachtwächter; und Pol, der Papagai, war ihr Geselschafter bei Tische, oft auch bei der Arbeit. Die Lama's hingegen waren ihnen nun schäzbarer, als jemahls: weil sie ihnen nicht nur Milch, Käse und Butter gaben; sondern auch das Feld beakkern halfen. Zu Robinsons volkommener Glükseeligkeit fehlte also weiter nichts mehr, als – was meint ihr?
Gottlieb. Dass er nicht bei seinen Eltern war!
Vater. Und – dass ihrer nur zwei waren, wovon der Eine über kurz oder lang sterben und den Andern wieder als einen armen, von allen Menschen getrenten Einsiedler zurück lassen musste. Doch Robinson hielt es für Sünde, sein Leben dadurch zu verbittern, dass er sich vor Unglücksfällen fürchtete, die erst in der Zukunft möglich waren. Der Gott, dacht' er, der bis hieher immer Rat gewust hat, wird auch ferner helfen können. Und so verfloss ihm jezt jeder seiner Tage in ungestörter Zufriedenheit, weil er nunmehr Ruhe von innen und Ruhe von Aussen hatte. Und zu diesem Zustande verhelfe Gott euch Allen! –
Die Mutter sagte: amen! und die Gesellschaft ging auseinander.
Sechs und zwanzigster Abend.
Vater. Nun, Kinder, diesmahl hab' ich euch recht viel zu erzählen!
Alle. O herrlich! herrlich!
Vater. Wenn ich nur an einem Abend damit fertig werden kann!
Einige. O wir wollen Vater auch gar nicht unterbrechen; da wird's gewiss gehen.
Vater. Nun, ich will's versuchen. Bereitet euch also immer zu einem neuen fürchterlichen Auftritte, von dem man noch nicht wissen kann, wie er ablaufen werde.
(Die Kinder drükten einander ihre Vermutung durch eine Pantomime aus.)
Wenn ich jezt fortfahren wollte euch alles das zu erzählen, was Robinson und Freitag durch Hülfe ihrer Werkzeuge täglich machten: so würd' euch wohl kein sonderlicher Gefalle damit geschehen?
Johannes. O ja; aber das lässt sich ja wohl von selbst denken!
Vater. Ich begnüge mich also, nur zu sagen, dass sie nach und nach fast alle Handwerker – den Bekker, Schmied, Schneider, Schuster, Zimmerman, Tischler, Radmacher, Töpfer, Gärtner, Akkersman, Jäger, Fischer – und noch viel andere so glücklich nachahmten, dass sie hunderterlei Dinge machen lernten, wozu wir andern europäischen Faullenzer der Hülfe eben so vieler Menschen bedürfen. Ihre Kräfte wuchsen in eben dem Grade, in welchem sie dieselben anstrengten; und auch ihr Gemüt wurde unter einer beständigen nützlichen Geschäftigkeit je länger je heiterer, je länger je besser. Ein Beweis, dass der liebe Gott uns zu einer solchen Geschäftigkeit wohl recht eigentlich geschaffen haben muss, weil wir allemahl gesunder, besser und glücklicher darnach werden.
Mehr als ein halbes Jahr war nun unter solchen angenehmen Verrichtungen dahin geflossen, ohne dass Freitag es gewagt hatte, seinen Herrn an die Reise nach seiner Heimat zu erinnern; ob er gleich oft, nach vollendeter Arbeit, auf den Berge lief, von wannen er nach der Gegend seiner Geburtsinsel hinsehen konnte, und dann allemahl, wie ein Träumender, in tiefen Gedanken da stand und das Unglück beseufzte, von seinem Vater vielleicht auf immer getrent zu sein. Robinson hingegen wollte bis dahin mit Fleiss nicht davon reden, weil er den Wunsch seines Freundes doch nicht eher erfüllen konnte, bis sie mit den nötigsten Einrichtungen, welche ihre neue Lebensart erfoderte, würden fertig geworden sein.
Jezt war das Nötigste getan; und nun war Robinson der erste, welcher in Vorschlag brachte, dass sie wieder ein Schiff bauen wollten, um Freitags Vater abzuhohlen. Die Freude des guten Burschen über diese erfreuliche Nachricht war wieder eben so gross, als neulich und seine Dankbarkeit gegen Robinson äusserte sich gleichfalls auf die nemliche Weise. Die Arbeit wurde also gleich am nächsten Morgen angefangen, und ging nun, wie natürlich, zehnmahl geschwinder und besser von statten, als das erste mahl.
Eines Morgens, da Robinson mit häuslichen Verrichtungen beschäftiget war, schikt' er Freitag nach dem Strande, um eine Schildkröte zu suchen, weil sie von diesem angenehmen Gerichte schon in langer Zeit nicht genossen hatten. Dieser war noch nicht lange weg gewesen, als er plözlich wieder zurückflog und vom Laufen und Schrekken so ganz ausser Atem war, dass er nur mit stamlender Zunge die Worte hervorbringen konnte: sie sind da! da!
Robinson erschrak und fragte eiligst, wer denn da wäre?
»O Herr! O Herr! antwortete Freitag, ein, zwei, drei, sechs Kanoes!« Er konnte in der Angst die Zahl sechs nicht gleich finden.
Robinson kletterte geschwind den Hügel hinauf und erblikte nicht ohne Grausen, was Freitag gesagt hatte, – sechs Kähne vol Wilden, die eben im Begrif waren, zu landen. Er stieg hierauf hurtig wieder hinab, sprach dem zitternden Freitag Mut zu und fragte ihn dann: ob er entschlossen wäre, ihm treulich beizustehen, fals es zwischen ihnen und den Wilden zu einem Gefechte kommen sollte?
»Mit Leib und Leben!« antwortete dieser, der sich unterdess schon wieder erhohlt hatte, und seine kriegerische Tapferkeit zurück rief. »Wohl denn, sagte Robinson, so wollen wir versuchen, ob wir die Unmenschen verhindern können, ihr abscheuliches Vorhaben auszuführen. Meine Absicht will ich dir unterweges sagen; jezt ist keine Zeit zum Reden, sondern zum Tun.«
Hiermit zog er eine der kleinen Kanonen vom Walle herunter, die auf Rädern ruhete; hohlte sechs scharf geladene Flinten, vier Pistolen und zwei Säbel hervor. Jeder von ihnen stekte zwei Pistolen und deinen Säbel in den Gurt, nahm drei Flinten auf die Schulter, und spante sich vor die Kanone, nachdem sie mit Kugeln, Schroot und Pulver sich hinlänglich versorgt hatten. So ging der kriegerische Zug in stiller, furchtbarer Feierlichkeit zum Tor hinaus.
Nachdem sie über die Zugbrükke gegangen waren, machten sie Halt. Dan musste Freitag wieder umkehren, um die Zugbrükke aufzuziehen, das Tor zu verschliessen und durch Hülfe der Strikleiter, die noch immer den Fels herab hing, sich mit dem Heerführer wieder zu vereinigen. Diese Vorsichtigkeit wandte Robinson auf den Fal an, dass ihr Unternehmen einen unglücklichen Ausgang hätte; damit die Feinde sich alsdan ihrer Burg nicht bemächtigen mögten.
Und nun eröfnete Robinson seinen wohlüberdachten Plan. »Wir wollen, sagt' er, um den Berg herum durch den Wald, wo er am dichtesten ist, marschiren, damit der Feind keine Kundschaft von uns bekomme. Dan wollen wir uns ihnen in dem dikken Gebüsche, welches sich beinahe bis an den Strand erstrekt, so sehr nähern, als wir, ohne gesehen zu werden, nur immer können, und wenn wir bis dahin gekommen sind, wollen wir plözlich eine Kanonenkugel über ihre Köpfe hinschiessen. (Er hatte in dieser Absicht eine brennende Lunte mitgenommen.) Vermutlich werden die Barbaren dadurch so sehr erschrekt werden, dass sie ihre Beute im Stiche lassen und sogleich in ihren Böten die Flucht ergreifen.«
Freitag fand dies sehr wahrscheinlich.
»Dan, fuhr Robinson fort, werden wir die Freude geniessen, die Unglücklichen, die sie braten wollten, gerettet zu haben, ohne dass ein einziger Tropfen Menschenbluts dabei vergossen worden ist. Solte aber, wider Vermuten, unsere Hoffnung fehlschlagen; sollten die Kanibalen auf ihre Menge trozen und sich nicht zur Flucht verstehen wollen: dann, lieber Freitag, müssen wir zeigen, dass wir Männer sind, und der Gefahr, der wir uns in der besten Absicht ausgesezt haben, mutig entgegen gehen. Der, welcher alles sieht, weiss, warum wir unser Leben wagen, und wird es uns gewiss erhalten, wenn's uns nüzlich ist. Sein Wille geschehe!«
Er reichte hierauf seinem Mitstreiter die Hand, und beide gelobten sich einen gegenseitigen treuen Beistand bis auf den lezten Blutstropfen.
Mitlerweile waren sie mit leisen Schritten beinahe bis ans Ende des Gebüsches gekommen, und machten Halt. Hier flüsterte Robinson seinem Gefährten ins Ohr, er sollte so vorsichtig, als möglich, sich hinter einen grossen Baum schleichen, den er ihm zeigte, und ihm Bescheid bringen, ob man von da aus den Feind übersehen könnte. Freitag kam mit der Nachricht zurück, dass man sie alda volkomen gut beobachten könnte; sie sässen alle ums Feuer herum und nagten an den gebratenen Gebeinen des Einen der Gefangenen der schon geschlachtet wäre; ein Zweiter liege in einiger Entfernung gebunden auf der Erde, und den würden sie nun auch bald abschlachten; dieser schiene aber keiner von seiner Nazion, sondern ein weisser bärtiger Man zu sein.
Robinson glühete, besonders da er von dem weissen Manne hörte. Er hatte ein von dem Schiffe gerettetes Fernglas zu sich gestekt; mit diesem schlich er selbst nach dem Baume und fand was Freitag ihm berichtet hatte. Vierzig bis funfzig Kanibalen sassen um das Feuer herum und den noch übrigen Gefangenen erkant' er ganz deutlich für einen Europäer.
Nun hatt' er Mühe sich zu halten. Sein Blut fing an zu kochen; sein Herz pochte laut, und wenn er seiner Begierde hätte folgen wollen, so wär' er unverzüglich hervorgesprungen, um ein Blutbad unter ihnen anzurichten. Aber die Vernunft galt ihm mehr, als blinde Leidenschaft; von ihr also liess er sich leiten und hielt seinen Unwillen im Zaum.
Das Gebüsch lief an einer andern Stelle etwas weiter hervor; dahin wandt' er sich also; pflanzte die Kanone hinter den lezten Busch, welcher eine kleine, von fern unbemerkbare Oefnung hatte, und richtete sie so, dass die Kugel hoch über den Köpfen der Wilden hinfliegen musste, um ihnen kein Leides zuzufügen. Dan flüsterte er Freitag ins Ohr: er sollte ihm alles genau nachmachen.
Hierauf legt' er zwei Flinten auf die Erde und die dritte behielt er in der Hand; Freitag tat ein Gleiches. Dan hielt er die brennende Lunte auf das Zündloch der Kanone und puf! – fuhr der Schuss dahin.
In dem Augenblicke, dass der Knal gehört wurde, stürzten die meisten Wilden von ihrem Rasensize zur Erde, als wenn sie mit einem mahle alle wären erschossen worden. Robinson und Freitag hingegen standen vol Erwartung des Ausganges und hielten sich, fals es sein müste, bereit zum Kampfe. Nach einer halben Minute waren die betäubten Wilden wieder auf den Füssen. Die Furchtsamsten unter ihnen ranten nach den Kähnen, die Herzhafteren hingegen ergriffen die Waffen.
Zum Unglückke hatten sie von dem Kanonenschusse, weder den Bliz des Pulvers, noch die über sie hinfliegende Kugel wahrgenommen; sondern nur allein den Knal gehört. Ihr Schrekken war daher auch nicht so gross, als man erwartet hatte; und da sie nun rund um sich herblikten, und nirgends etwas sahen, welches sie von neuem hätte erschrekken können: so fingen sie plözlich an, sich wieder zu erhohlen; die Flüchtlinge kehrten zurück; Alle erhoben ein fürchterliches Geheule und begannen, indem sie unter den grimmigsten Gebehrden ihre Waffen schwenkten, den ihnen gewöhnlichen Kriegestanz.
Noch stand Robinson unentschlossen da, bis der Kriegestanz geendiget war. Als er aber darauf zu seinem Erstaunen sehen musste, dass die wilde Gesellschaft sich wieder lagerte und zwei von ihnen hingesandt wurden, um den armen Europäer herbei zu hohlen; war es ihm unmöglich länger untätig zu bleiben. Er blikte Freitag an und flüsterte ihm bloss die Worte zu: du zur Linken, und ich zur Rechten! Und nun in Gottes Nahmen! Mit diesen Worten brandt' er seine Flinte los; und Freitag tat ein Gleiches.
Freitag hatte besser, als Robinson selbst gezielt; denn auf der linken Seite des Feuers stürzten fünf, auf der rechten nur drei nieder. Drei davon waren wirklich erschossen, fünf hingegen nur verwundet. Die Bestürzung, mit der nun Alle, die noch unbeschädigt waren, aufsprangen und davon liefen, war unbeschreiblich. Einige ranten hier hin, die Andern dortin und erhoben ein recht fürchterliches Geheule. Robinson wollte jezt hervorspringen, um sie mit dem Säbel in der Faust völlig in die Flucht zu jagen, und seinen armen gebundenen Landsman zu befreien: aber zu seinem Erstaunen must er sehen, dass ein Trup der Fliehenden sich plözlich wieder sammelte, und Anstalt zur Verteidigung machte. Er ergrif also in der grössten Geschwindigkeit eine zweite Flinte und Freitag tat abermahl ein Gleiches. »Bist du fertig?« fragte Robinson; und da er ein Ja! zur Antwort erhielt, drükt' er wieder los und Freitag folgte seinem Beispiele.
Diesmahl fielen nur zwei; es wurden aber so viele verwundet, dass sie mit Schreien und Heulen, als sinlose Menschen herum liefen, zum Teil blutig, zum Teil sehr hart verwundet. Von den Leztern stürzten bald darauf noch drei, wiewohl nicht völlig todt, zur Erde.
»Nun, Freitag!« schrie Robinson, indem er die losgeschossene Flinte wegwarf und die noch geladene dritte ergrif, hervor! Mit diesen Worten sprangen beide aus dem Gebüsch auf den freien Platz und Robinson flog zuerst nach dem armen Schlachtopfer, um ihn seine Erlösung anzukündigen. Indem er bei ihm ankam, bemerkt' er dass Einige der flüchtigen Wilden bei seinem Anblikke stuzten; sich von neuem sammelten und zum Kampfe rüsteten. Er winkte seinem Gefährten, dieser verstand ihn, lief etwas näher hinzu, gab Feuer, und sah zwei von ihnen stürzen.
Robinson schnit unterdess mit einem Messer die Strikke von Binsen los, womit der Gefangene an Händen und Füssen gar jämmerlich zusammen geschnürt war. Er fragte ihn auf deutsch und englisch: wer er wäre? und der Gefangene antwortete auf lateinisch: Christianus, ein Christ! Hispanus, ein Spanier! Mehr kont' er nicht vorbringen, so schwach fühlt' er sich. Robinson hatte zum Glük auf den Fal einer Verwundung ein Fläschchen vol Wein zu sich gestekt. Von diesem gab er dem Spanier zu trinken, und da er sich dadurch plözlich gestärkt fühlte: so reichte ihm Robinson eine seiner Pistolen, nebst dem Säbel, damit er helfen möchte, dem Gefechte ein Ende zu machen. Freitag musste unterdess eilends die losgeschossenen Flinten herbei hohlen, um sie von neuem zu laden.
Der Spanier hatte kaum die Pistole und den Säbel in Händen, als er, wie eine Furie, auf seine Mörder losrante, und in einem Hui! zwei derselben erlegte. Freitag erhielt, um ihm beizustehen, die noch geladene sechste Flinte und Robinson lud unterdess die Uebrigen. Die beiden Streiter fanden Widerstand und wurden bald von einander getrent, indem es zwischen dem Spanier und einem Wilden zum Handgemenge kam, und Freitag, nachdem er die Flinte abgeschossen hatte, mit dem blossen Säbel in der Faust einen ganzen Schwarm der Flüchtlinge vor sich hintrieb. Einige hieb er nieder, Andere sprangen ins Wasser, um nach ihren Kanoes zu schwimmen, und noch andere flohen in das Gebüsch.
Der Spanier hatte unterdess einen harten Stand. Zwar war er troz seiner Mattigkeit, so tapfer auf den Wilden losgegangen, dass dieser schon zwei schwere Hiebe von ihm in den Kopf bekommen hatte: aber nun wurde auch der Wilde wütend und drang mit seinem schweren steinernen Schlachtschwerdte so heftig auf ihn los, dass dieser kaum im Stande war, den Hieben desselben auszubeugen. Endlich fasste ihn der Wilde, warf ihn zu Boden, wandte ihm das Schwerdt aus den Händen, und wollte ihm eben damit den Kopf vom Rumpfe hauen, als Robinson glücklicher Weise die Gefahr bemerkte und dem Kanibalen eine Kugel durch den Kopf jagte.
Der Spanier war kaum wieder aufgesprungen, als er eine der wieder geladenen Flinten ergrif, um denen nach zu laufen, welche in das Gebüsch flüchteten und Freitag geselte sich zu ihm. Da dieses nur wenige und noch dazu grösstenteils Verwundete waren: so hielt Robinson es für besser auf dem Schlachtfelde zurück zu bleiben, als gleichfalls nach zu laufen, um die Bewegung der noch übrigen Feinde, die nunmehr in ihren Kähnen waren, zu beobachten. Es währte nicht lange, so kehrten seine beiden Mitstreiter zurück mit der Nachricht, dass im Gebüsch keiner mehr übrig sei.
Beide wollten unverzüglich in einen der zurückgelassenen Kähne springen, um denjenigen nachzueilen, die mit vollen Segeln zu entfliehen suchten; aber Robinson hielt sie zurück und sagte: genug, meine Freunde! Wir haben des Menschenbluts schon mehr vergossen, als wir vielleicht gesolt hätten. Mögen die Uebrigen doch leben, da sie, uns zu schaden, weder Vorsaz noch Vermögen mehr haben.
»Aber, sagte Freitag, sie werden vielleicht mit grösserer Mannschaft zurückkommen, wenn wir sie entfliehen lassen!«
Nun, antwortete Robinson, indem er ihm freundlich auf die Schulter klopfte, so ist unser Heer ja auch um ein Drittel grösser, als es diesen Morgen war; und zeigte dabei auf den Spanier. Jezt können wir es immer mit einer ganzen Legion dieser Armseeligen aufnehmen, besonders wenn wir ihren Anfal hinter Wal und Mauer erwarten wollen.
Lotte. Das war doch wieder recht schön von Robinson, dass er die andern Wilden nicht auch todt machen wollte!
Vater. Allerdings war das gut gehandelt; denn grausam würd' es gewesen sein, ohne dringende Not ein Einziges dieser armen Geschöpfe zu erwürgen, die gar keinen Begrif davon hatten, dass das, was sie taten, etwas Böses sei, und die sogar in dem traurigen Irtume standen, dass es etwas Verdienstliches sei, recht viele Feinde geschlachtet und verzehrt zu haben.
Christel. O das hätten sie doch auch wohl wissen können, dass das nicht hübsch sei!
Vater. Und woher, lieber Christel, hätten sie das denn wohl wissen können?
Christel. O das weiss ja das kleinste Kind, dass es nicht recht ist, einen umzubringen, um ihn aufzuessen!
Vater. Aber woher weiss denn dieses das kleinste Kind? Nicht wahr, weil es frühzeitig belehrt worden ist?
Christel. Ja!
Vater. Und wenn's nun nicht belehrt worden wäre? Wenn sogar seine Eltern und andere erwachsene Menschen, die es liebte und ehrte, ihm von früher Kindheit an immer vorgesagt hätten, dass es etwas sehr schönes sei, seine Feinde zu ermorden und aufzuessen?
Christel. Ja denn –
Vater. Nicht wahr, dann würd' es wohl schwerlich einem Kinde jemahls einfallen, das Gegenteil zu vermuten? Es wurde vielmehr, sobald es gross genug dazu wäre, mit schlachten und mit verzehren helfen. Und das war der Fall worin diese armen Wilden sich befanden. Wohl uns, dass Gott uns nicht unter ihnen, sondern von gesitteten Eltern hat lassen geboren werden, die uns frühzeitig lehrten, was recht und unrecht, was gut und böse sei!
Unser menschenfreundlicher Held ging jezt mit Tränen des Mitleids im Auge auf dem Schlachtfelde umher, um zu sehen, ob nicht Einem oder dem Andern von denen, die noch lebten, vielleicht noch geholfen werden könnte? Aber die Meisten waren schon verschieden; und die übrigen starben bald unter seinen Händen, indem er ihnen Wein in die Wunden goss und sie auf alle Weise zu ermuntern suchte. Es waren der Todten überhaupt ein und zwanzig. Die siegende Armee betreffend, so war kein Man von ihr gefallen, nicht einmal einer verwundet worden; nur dass der Spanier, da er zu Boden geworfen war, eine Beule davon getragen hatte.
Matias. Wie mochte denn der Spanier den Wilden in die Hände gefallen sein?
Vater. Darnach zu fragen, hat Robinson noch nicht Zeit; also müssen wir gleichfalls unsere Neugierde bis Morgen sich gedulden lassen.
Alle. O schon wieder aus?
Sieben und zwanzigster Abend.
Matias. Na, Vater, wie war denn der Spanier unter die Wilden gekommen?
Vater. Nur noch ein wenig Geduld, so wirst du's hören! Es hat sich unterdess noch etwas Anderes ereignet, welches ich zuerst erzählen muss.
Johannes. Nun, das soll mich wundern!
Vater. Robinson war neugierig, einen der beiden zurückgelassenen Kanoes zu besichtigen; trat also hinzu und fand in einem derselben zu seiner grossen Verwunderung noch einen unglücklichen Menschen liegen, der so, wie der Spanier, an Händen und Füssen fest geknebelt war. Er schien mehr todt, als lebendig zu sein.
Robinson eilte, seine Bande aufzulösen, und wollte ihm aufhelfen. Allein er war weder im Stande zu stehen, noch zu reden, sondern winselte nur erbärmlich, weil er vermutlich in der Meinung stand, dass man ihn jezt zur Schlachtbank führen wollte.
Da dieser kein Europäer, sondern ein Wilder war: so rief Robinson seinen Freitag herbei, der eben die todten Körper zusammen schlepte, um in seiner Landessprache mit ihm zu reden. Aber kaum hatte dieser ihn recht ins Auge gefasst, so erfolgte ein Auftrit, dem Robinson und der Spanier nicht ohne Tränen beiwohnen konten. Freitag war nämlich auf einmal, wie ausser sich. Er flog dem Gefangenen in die Arme, küsste, drükte ihn, schrie, lachte, hüpfte, tanzte, weinte, rang die Hände, zerschlug sich Gesicht und Brust, schrie wiederum und bezeugte sich durchaus, als ein Wahnwiziger. Es dauerte eine gute Weile, ehe Robinson auf sein wiederhohltes Fragen, die Antwort von ihm heraus brachte: mein Vater!
Es ist unmöglich alle Äusserungen der Entzükkung und der kindlichen Liebe dieses guten Burschen zu beschreiben. Zwanzig mahl sprang er aus dem Kahne und wieder in den Kahn. Bald sezt' er sich nieder, machte seine Jakke auf und legte seines Vaters Kopf an seine Brust, um ihn zu erwärmen; bald rieb er ihm die Arme und Knöchel, welche von dem festen Binden steif geworden waren; bald fiel er ihm wieder um den Hals oder um den Leib und bedekte ihn mit liebevollen Küssen. Robinson hatte noch etwas Wein in der Flasche, womit er ihn die angelaufenen Gliedmassen seines Vaters bestreichen liess; und ging, um ihn seiner Freude ganz zu überlassen, ein wenig auf die Seite.
Da er nach einer guten Weile zurückkam, fragt' er ihn: ob er seinem Vater nicht ein bisschen Brod gegeben hätte? »Der Schlingel hat alles selber aufgegessen!« antwortete Freitag, indem er auf sich selbst wies. Robinson reichte ihm darauf sein eigenes Frühstük, welches er noch in der Tasche hatte, und Freitag gab es seinem Vater. Kaum hatt' er dies getan, so sah man ihn eiligst aus dem Kahne springen, und mit der Geschwindigkeit des Sturmwindes davon laufen. Ehe Robinson Wohin? aussprechen konnte, war er ihm schon aus dem Gesichte.
In kurzer Zeit sah man ihn zurück kommen, jedoch viel langsamer, als er hingelaufen war. Da er näher kam, zeigt' es sich, dass er in der einen Hand einen irdenen Krug mit Wasser, in der andern etwas Brod und Käse trug. Jenes reicht' er seinem Vater, dieses seinem Herrn, um ihn für das abgetretene Frühstük schadlos zu halten. Das frische Wasser erquikte den Alten zusehends, weil er vor Durst beinahe ohnmächtig gewesen war.
Jezt wandte sich Robinson zu dem Spanier, der sich ganz kraftlos ins Gras gestrekt hatte. Er liess ihn gleichfalls durch Freitag tränken und bot ihm etwas Brod und Käse zur Erquikkung an. Dieser blikte mit freundlicher Dankbarkeit zu ihm auf; versuchte aufzustehen, aber es war ihm unmöglich; so viel Schmerzen empfand er in den Knöcheln der Hände und Füsse, die von dem starken Binden sehr angeschwollen waren. Freitag musste sich neben ihm setzen, um sie ihm gleichfalls mit etwas Wein sanft zu reiben, so wie er vorher seinem Vater getan hatte.
Da war es nun sehr rührend anzusehen, wie dieser gute Sohn während des ihm aufgetragenen Geschäftes alle Augenblicke den Kopf nach seinem Vater hindrehete, um zu sehen, was er mache? Einmahl, da der Alte, um besser auszuruhen, sich ganz niedergelegt hatte, flog Freitag, ohne ein Wort zu sagen, so geschwind zu ihm hin, dass man kaum bemerken konnte, dass er den Boden berührte; kehrte aber augenbliklich wieder zurück, so bald er gesehen hatte, dass sein Vater sich nur aus Gemächlichkeit ein wenig niedergelegt habe. Dan wollte Robinson versuchen, ob er mit Freitags Hülfe den Spanier nach dem Kahne führen könnte: aber Freitag, als ein junger starker Kerl, nahm den ganzen Spanier, als eine Kleinigkeit, auf den Rükken, und trug ihn allein dahin. Nachdem sie darauf die Kanonen, und die Flinten, nebst den erbeuteten Waffen der Erschlagenen in den andern Kahn gebracht hatten, sprang Freitag wieder in den ersten, und ruderte, ohngeachtet ein starker Wind zu wehen angefangen hatte, so schnel damit fort, dass Robinson nicht so geschwind am Strande laufen konnte, als jener schifte. Dieser war daher noch nicht auf die Hälfte des Weges gekommen, als er Freitag schon wieder bei sich vorbei zurück rennen sah, um auch den andern Kahn herbei zu hohlen; und ehe noch Robinson an dem Orte anlangen konnte, wo der erste Kahn mit den Kranken lag, war Freitag mit dem andern auch schon da. So gross war die Geschwindigkeit, mit welcher dieser laufen und rudern konnte!
Jezt waren sie der Burg gegen über. Um die Fortbringung der beiden Kranken zu erleichtern, lief Robinson hin, eine Tragbahre zu holen. Auf diese wurde Einer nach dem Andern gesezt und von Robinson und Freitag zur Burg getragen. Beiden schien der Schlaf nötiger, als alles andere zu sein. Indes nun Freitag für jeden ein Lager bereitete, wärmte Robinson etwas Wein, um ihre geschwollene Knöchel damit zu waschen. Dan mussten sie sich zur Ruhe begeben.
Und nun machten die beiden Wirte Anstalt zu einer erquikkenden Abendmahlzeit. Freitag wurde abgeschikt ein junges Lama zu holen und Robinson besorgte das Uebrige. Dieser konnte nicht umhin zu lächeln, da ihm der Gedanke einfiel, dass er einem ordentlichen Könige nun immer ähnlicher werde. Die ganze Insel war sein Eigentum; seine Untertanen, die ihm alle ihr Leben verdankten, hingen lediglich von seinem Willen ab, und waren verbunden, wenn es sein müste, Leib und Leben für ihn zu wagen. Am merkwürdigsten schien ihm dabei der Umstand zu sein, dass er grade eben so viele Religionssekten, als Untertanen, in seinem Reiche hatte. Freitag hatte diejenige christliche Religion von ihm angenommen, welche die Protestanten bekennen. (Ihr Grössern wisst, was dieser Nahme bedeutet; ihr Kleinern aber, müst euch gedulden, bis ihr erst ein wenig verständiger geworden seid; dann solt ihr's auch hören.) Freitag also, war, wie gesagt, ein Protestant, der Spanier ein katolischer Christ, Freitags Vater sogar noch ein Heide.
»Was must du nun wohl dabei tun?« dachte Robinson. »Hättest du nicht etwa das Recht, sie alle mit Gewalt zu zwingen, sich zu demjenigen Glauben zu bekennen, den du für den besten hältst?« Er san darüber nach, weil es eine Sache war, an die er noch niemahls gedacht hatte.
Und was meint ihr nun, Kinder, dass sein gesunder Menschenverstand ihm darauf geantwortet habe? Durft' er seine Untertanen zwingen seine eigene Religion anzunehmen, oder nicht?
Alle. O bei Leibe nicht!
Vater. Warum denn nicht?
Johannes. Ja, weil das keinen etwas angeht, was Einer glaubt, wenn er nur so lebt, wie sich's gebührt.
Vater. Aber wenn nun Einer, der über einen Andern Macht hat, einsieht, dass dieser einen Irrtum habe; solt' es ihm dann nicht erlaubt sein, ihn zu zwingen, seinen Irrtum fahren zu lassen?
Hans. Ja, was würde das helfen? Dadurch, dass einer gezwungen wird, etwas zu glauben, wird er ja nicht klüger und nicht besser.
Vater. Richtig! Denn dadurch wird er ja nicht überzeugt, dass er vorher im Irrtum gewesen sei. Und was kann uns ein Bekentniss nüzen, von dessen Wahrheit wir nicht überzeugt sind? – Und denn, woher weiss denn der Erste so ganz gewiss, dass der Andere, den er zu seinem Glauben zwingen will, im Irrtum sei? Könt' es nicht auch möglich sein, dass er, er selbst, sich darin befände?
Hans. O ja!
Vater. Warum?
Hans. Weil alle Menschen irren können.
Vater. Und sich also keiner einfallen lassen darf, seine Meinungen für untrügliche Wahrheit zu halten!
Gott also, lieben Kinder, Gott allein, als dem einzigen Untrieglichen, kömt es zu, Richter unsers Glaubens zu sein. Er allein weiss ganz genau, wie viel Wahrheit oder Irrtum in unseren Meinungen sei; er allein weiss auch ganz genau, wie redlich, oder wie leichtsinnig wir bei der Erforschung der Wahrheit zu Werke gegangen sind; er allein weiss auch also nur, in wie fern wir an unserm Irtume schuldig, oder unschuldig sind.
Unser Robinson stellte sich die Sache ohngefähr eben so vor. Verwünscht, rief er daher aus, verwünscht sei der unvernünftige Eifer, jemanden mit Gewalt zu seinem Glauben bekehren zu wollen! Verwünscht die blinde Wut, seinen Bruder zu verfolgen und zu quälen, bloss weil er so unglücklich ist zu irren und so tugendhaft, nichts mit dem Munde bekennen zu wollen, wovon er in seinem Herzen noch nicht überzeugt ist! Auf meiner Insel wenigstens soll diese Unmenschlichkeit nie statt finden. Zwar will ich tun, was ich kann, um meine neuen Mitbürger zu belehren: aber solt' ich nicht so glücklich sein, sie von ihrem Irtume und von der Wahrheit meiner Religion zu überzeugen: so mögen sie glauben, was sie können und nicht mir – ihrem irrenden Mitbruder – sondern Gott einst Rechenschaft davon geben.
Es ward also beschlossen, dass Allen ohne Ausnahme, eine freie Religionsübung zugestanden werden sollte, fals sie, nach erhaltenem Unterrichte, nicht selbst für gut finden sollten, einen und eben denselben Glauben anzunehmen.
Mitlerweile war Freitag zurückgekommen und nun ging's frisch ans Kochen und ans Braten. Dieser Tag, sagte Robinson, muss uns ein doppelter Festtag sein, weil wir zwei unserer Brüder aus den Klauen menschlicher Tiger gerissen haben, und weil du, Freitag, deinen Vater wieder erhalten hast. Das Beste also, was wir haben, soll heute auf unserm Tische sein!
Freitag bedurfte nicht, zur Freude erst ermuntert zu werden. Noch nie war er so lustig gewesen, als heute. Er hörte gar nicht auf, zu singen, zu springen und zu lachen; doch verrichtete er dabei alles, was er zu tun hatte, auf das hurtigste und ordentlichste; und wenn man das tut, so ist Lustigkeit kein Fehler.
Jezt waren die beiden Gäste erwacht. Ohngeachtet sie noch einige Schmerzen empfanden, so fühlten sie sich doch schon so erquikt und gestärkt, dass sie, mit Freitags und Robinsons Hülfe aufstehen und sich zu Tische setzen konten. Und nun bezeigte sich der alte Wilde bei allem, was er hier sah, eben so verwundrungsvol und erstaunt, als sein Sohn gewesen war, da er die europäischen Sachen zum erstenmahle sah.
Freitag musste seinem Herrn zum Dolmetscher dienen, indem dieser sich mit seinem Vater und mit dem Spanier unterredete.
Ferdinand. Verstand er denn Spanisch?
Vater. Nein! Aber der Spanier der schon ein halbes Jahr unter den Wilden gelebt hatte, verstand schon etwas von Freitags Landessprache, und konnte sich also gegen ihn einigermassen verständlich machen. Der Hauptinhalt seiner Erzählung war folgender:
»Unser Schiff war zum Sklavenhandel bestimmt. Wir kamen von der afrikanischen Küste, wo wir gegen allerlei europäische Sachen, Goldkörner, Elfenbein, und schwarze Menschen eingetauscht hatten. Der leztern hatten wir hundert geladen, die nach Barbados geführt und alda verkauft werden sollten. Zwanzig davon waren aber schon gestorben, weil man sie, wie die Heringe, eingepakt hatte. Ein anhaltender gewaltiger Sturm verschlug uns von unserm Laufe bis an die Küste von Brasilien und weil unser Schiff dabei lek geworden war: so getraueten wir uns nicht wieder auf die hohe See zu fahren, sondern steuerten vielmehr längst der Küste des festen Landes herauf. Plözlich überfiel uns ein abermahliger Sturm, der aus Westen bliess. Dieser trieb uns wütend von dem festen Lande weg und warf uns zur Nachtzeit, ohnweit einer Insel, auf Felsen. Wir taten einige Notschüsse und waren entschlossen, auf dem Schiffe auszuhalten, so lange es möglich sein wurde. In dieser Absicht löseten wir die Fesseln der gefangenen Schwarzen, damit sie helfen sollten, das eindringende Wasser auszupumpen. Aber diese fühlten sich kaum auf freien Füssen, als sie sich einmütig der Böte bemächtigten, um damit ihre Freiheit und ihr Leben zu retten.
Was wollten wir nun tun? Sie zwingen konten wir nicht; denn unserer waren nur funfzehen, ihrer hingegen achtzig und viele unter ihnen hatten sich überdem unserer Waffen bemächtiget. Ohne Boot aber auf einem gestrandeten Schiffe zurück zu bleiben, war sichtbare Todesgefahr. Wir legten uns also aufs Bitten und suchten diejenigen, welche kurz vorher unsere Sklaven gewesen waren, durch unser Flehen zu bewegen, entweder zu bleiben, oder uns wenigstens mit zu nehmen. Und hier kann ich nicht umhin, die Grossmut und Menschlichkeit dieser armen Sklaven zu rühmen. Ohngeachtet unser Verfahren gegen sie sehr hart gewesen war, liessen sie sich doch von Mitleid rühren, und erlaubten uns, zu ihnen hinab zu steigen unter der Bedingung, dass wir keine Waffen mitnehmen. Wir gingen die Bedingung ein und sprangen in die Böte, die nun so sehr belastet waren, dass wir in jedem Augenblicke unsern Untergang erwarteten.
Wir bemüheten uns indes, die nahgelegene Insel zu erreichen; aber plözlich drehete sich der Wind, und trieb uns, alles Ruderns ungeachtet, wieder der offenbaren See zu. Unser Tod schien nun nicht mehr zweifelhaft zu sein. Allein zu unserm eigenen Erstaunen hielten sich die schwerbeladenen Böte, von hoch aufschwellenden Wogen geschaukelt, noch immer glücklich über Wasser, bis wir endlich ganz unerwartet, und ohne einen einzigen Man verloren zu haben, an eine uns völlig unbekannte Insel geworfen wurden, deren armseelige Bewohner uns ungemein liebreich aufnahmen.
Bei diesen haben wir nun bis jezt gelebt, jeder so gut er konnte; aber freilig armseelig genug, weil die armen Wilden selbst nichts hatten, als die Fische, die sie fingen und einige wenige Früchte, welche die Insel trägt. Dennoch teilten sie mit uns, was sie hatten, und gaben uns Anweisung, wie wir selbst fischen könten. Am besten befanden sich unsere Schwarzen dabei, weil sie keine andere Lebensart gewohnt, und nun noch dazu in Freiheit waren.
Vor einigen Tagen wurde die Insel von einem benachbarten Volke kriegerisch angefallen. Alles grif zu den Waffen, und da hielten wir es für Pflicht, unsern guten Gastfreunden beizustehen. Ich focht an der Seite dieses ehrlichen Alten, der wie ein Löwe, dem man seine Jungen geraubt hat, in den Feind eindrang, wo er am diksten stand. Ich sah ihn umringt, wollte ihm beispringen und hatte das Unglück mit ihm zugleich ergriffen zu werden.
Zwei Tage und zwei Nächte hab' ich in dieser traurigen Gefangenschaft, an Händen und Füssen geknebelt zu gebracht; und weder gegessen, noch getrunken. Denn alles, was man mir vorwarf, waren faule Fische, welche die See ausgespien hatte.
Diesen Morgen mit Anbruch des Tages wurden wir in die Kanoes geschlept, um den Unmenschen, ihrer Gewohnheit nach, an einem andern Orte zur Speise zu dienen. Und da führte die götliche Vorsehung euch, ihr edlen Männer, zu unserer Rettung herbei, um uns eine Wohltat zu erweisen, die wir euch nie werden vergelten können.«
Hier schwieg der Spanier und Tränen der Dankbarkeit rolten ihm die Wangen herab. Robinson war entzükt, seine neuliche Vermutung so ganz bestätiget zu sehen, und Freitag bewunderte mit ihm die Weisheit und Güte der götlichen Vorsehung.
Auf die Frage: wem das Schifsgut eigentlich gehört habe? antwortete der Spanier: dass es von zwei Kaufleuten in Kadix wäre befrachtet worden; aber nur der Eine von ihnen, habe Kommission gegeben an der afrikanischen Küste Schwarze einzuhandeln; der Andere hingegen, dem dieser Handel ein Greuel gewesen sei, habe für seine Waaren nichts, als Goldkörner, verlangt.
Hierauf nahm Robinson den Spanier bei der Hand, führte ihn in sein Vorratshaus und in seine Höhle und zeigte ihm, zu seinem Erstaunen, dass das Wichtigste von dem gestrandeten Schiffe hier beisammen sei. Freitag musste ihm die Geschichte davon erzählen; und der Spanier konnte vor lauter Verwunderung kaum ein Wort sprechen.
Robinson erkundigte sich hierauf noch: für wessen Rechnung denn die Diamanten gewesen wären? Und wem die Offizierkleider gehört hätten, die er auf dem Schiffe vorgefunden habe? und erhielt zur Antwort: beides wäre der Nachlass eines englischen Offiziers gewesen, der sich lange in Ostindien aufgehalten habe, und auf seiner Rükreise nach England so krank geworden sei, dass man ihn auf sein Verlangen an der afrikanischen Küste ans Land gesezt habe. Daselbst sei er gestorben. Das Spanische Schiff habe seinen Nachlass nach Barbados mitnehmen sollen, um von da nach England gebracht zu werden.
Robinson zeigte ihm darauf alle vom Schiffe gerettete Schriften vor, worin der Spanier so wohl den Nahmen des Kaufmans, dem die Goldkörner gehörten, als auch den Nahmen der Offizierwitwe fand, der die Diamanten und die Kleidungsstükke ihres verstorbenen Mannes hatten geschikt werden sollen. Und von diesem Augenblicke an verwahrte Robinson die Goldkörner, die Diamanten und diese Papiere als ein Heiligtum.
Unterdess war der Abend angebrochen und die überstandenen Mühseeligkeiten und Gefahren des Tages hatten Aller Kräfte so sehr erschöpft, dass sie der wohltätigen Erquikkungen des Schlafs früher, als gewöhnlich, bedurften. Sie taten also, was wir auch tun wollen, sobald wir Gott für die ungestörte Ruhe und Glükseeligkeit, die uns heute wieder zu Teil ward, werden gedankt haben.
Acht und zwanzigster Abend.
Vater. Am folgenden Morgen berief Robinson frühzeitig sein ganzes Reich zusammen, um mit vereinigten Kräften ein Geschäft auszuführen, welches keinen Aufschub litte.
Hans. Nun?
Vater. Die todten Körper der Erschlagenen lagen noch auf dem Schlachtfelde, und es war zu besorgen, dass durch die schädlichen Ausdünstungen derselben eine gefährliche Seuche entstehen könnte. Sie versahn sich also sämtlich mit Beilen und gingen nach dem furchtbaren Orte hin.
Ferdinand. Mit Beilen?
Vater. Ja; nicht um Gräber zu machen, denn dazu würden sie Schaufeln und Spaten mitgenommen haben, sondern um Holz zu fällen und einen Scheiterhaufen zu errichten, auf welchen sie die todten Leiber alle auf einmal zu Asche zu brennen, sich vorgenommen hatten.
Johannes. So wie es die Römer mit ihren Todten machten!
Vater. Auch andere Völker des Altertums. Robinson wollte nämlich durchaus nicht die schädliche Gewohnheit seiner, in diesem Stükke noch sehr unweisen Landsleute mitmachen, die damahls noch unverständig genug waren, die Leiber ihrer Verstorbenen mitten in den Städten, ja sogar in den Kirchen beizusetzen, wo sie Seuchen und Tod für die Lebenden aushauchten.
Matias. I das tun sie ja noch!
Vater. Leider! Und das sei euch abermals ein Beispiel, wie schwer es den Menschen fält, böse Gewohnheiten wieder abzuschaffen. Deswegen eben rate ich euch so oft, dass ihr euch ja bestreben möget, frühzeitig Weise und gut zu werden. Denn hat man Torheiten und Laster erst einmal angenommen und sind sie unglücklicher weise uns erst zur Gewohnheit geworden: o dann hält es sehr, sehr schwer, sie jemahls wieder abzulegen, wenn man ihre Schädlichkeit auch noch so deutlich erkant hat.
Jederman weiss jezt, dass die Ausdünstungen der todten Körper für die Lebenden vergiftend sind: aber fährt man nicht dem ohngeachtet fort, sie auf den Kirchhöfen in der Stadt zu begraben, oder gar in Kirchengewölbe zu setzen, wo sie nicht einmal mit Erde bedekt sind. Vielleicht wird noch ein ganzes Jahrhundert verstreichen, ehe es den Menschen einfällt, an die Abschaffung dieses bösen Gebrauches mit Ernst zu denken.
Hans. Ich wollte nur, dass ich etwas zu befehlen hätte: so solt's nicht lange mehr währen!
Vater. Sieh da, lieber Hans, eine der vorzüglichsten Ursachen, die dich und alle andere jungen Leute bewegen muss, euch recht viele und grosse Verdienste zu erwerben, diese nämlich: weil alsdan eure Mitmenschen viel Vertrauen auf euch setzen und euch zu Aemtern hervorziehen werden, die euch berechtigen, viele schädliche Missbräuche abzuschaffen und viele nüzliche Einrichtungen einzuführen. Euch alle scheint der Himmel dazu bestimmt zu haben, solche viel vermögende Menschen zu werden, die ein Seegen für die ganze Gesellschaft ihrer Mitbürger sein können: denn alles, was dazu gehört, hat seine gütige Vorsehung an euch verwandt. Sie hat euch lassen von guten, rechtschaffenen Eltern geboren werden, welche das Vertrauen und die Liebe ihrer Mitbürger haben; sie hat euch einen gesunden Leib und unverwahrlosete Selenkräfte gegeben, und lässt euch nun auch eine Erziehung angedeien, deren sich noch nicht viele Menschen rühmen können. Alles also, was dazu gehört, ein treflicher vielvermögender Man zu werden, hat der gütige Himmel euch verliehen: Schande für den, der nun nicht wollte!
Doch das besorge ich nicht von euch. Soltet ihr also, wie ich zu Gott hoffe, eure grosse Bestimmung erreichen; soltet ihr wirklich solche Männer werden, welche Einfluss auf die Glükseeligkeit von tausend andern Menschen haben: o so braucht doch ja das Ansehen, welches man euch verwilligen wird, dazu, des Bösen immer weniger, des Guten immer mehr zu machen unter euren Brüdern, und Freud' und Glükseeligkeit rund um euch her zu verbreiten! Dan erinnert euch auch der heutigen Veranlassung zu dieser meiner väterlichen Ermahnung und beweget, wenn ihr könt, eure Mitbürger, die Leichname ihrer Todten an solchen Oertern zu verscharren, wo ihre Ausdünstungen keine Pest unter den Lebenden verursachen können.
Nikolas. Wenn ich nur wieder in die Stadt komme: so will ich's meinem Grosvater und meinen Onkeln sagen; die sollens wohl machen!
Vater. Tue das, lieber Nikolas!
Robinson und seine Gefährten waren jezt mit dem Verbrennen der todten Körper fertig und gingen wieder nach Hause. Freitag hatte unterdess seinen Vater gelehrt, dass gesittete Leute kein Menschenfleisch ässen, welches diesem anfangs auch gar nicht recht einleuchten wollte. Aber Freitag fuhr fort, ihm alles dasjenige wieder zu erzählen, was er selbst von seinem Herrn gelernt hatte, und brachte ihn dadurch in kurzer Zeit zu einem wahren Abscheu gegen diese unmenschliche Gewohnheit. Diesem Alten gab Robinson aus dem Grunde, weil er doch eher, als sein Sohn gewesen wäre, den Nahmen Donnerstag; und so wollen wir ihn denn künftig auch nennen.
Jezt berief Robinson Alle zu einer Ratsversamlung, in welcher Freitag abermals sein Dolmetscher so wohl gegen den Spanier, als auch gegen den alten Donnerstag, sein musste. Er selbst, als das Haupt der übrigen, eröfnete die Sizung mit folgender kurzen Anrede:
»Meine guten Freunde, wir, die wir hier versamlet sind, sehen uns jezt im Besize aller derjenigen Dinge, die zu einem ruhigen und vergnügten Leben erfodert werden. Aber ich für mein Teil werde dieses Seegens doch nicht mit ruhigem Herzen geniessen können, so lange es Menschen gibt, die ein grösseres Recht, als ich, dazu hätten, und die demohngeachtet in Mangel und Elend hinschmachten müssen. Eure Landsleute, europäischer Freund, die unter den Wilden noch zurückgebliebenen Spanier, meine ich. Es ist daher mein ernstlicher Wille, dass mir jeder von euch seine Gedanken eröfne, wie wir es am klüglichsten anzufangen haben, um diese Notleidenden mit uns zu vereinigen?«
Er schwieg; und jeder liess nun seine Meinung hören. Der Spanier erbot sich, in einem der erbeuteten Kähne allein hinzufahren, um sie abzuholen. Ein Gleiches zu tun, war auch Donnerstag bereit. Freitag hingegen riet, dass sein alter Vater zurückbleiben, und dass es ihm vielmehr vergönt sein möchte, den Spanier zu begleiten. Da nun hierüber ein grossmütiger Wetstreit entstand, indem der Eine noch lieber, als der Andere, sein Leben wagen wollte: so sah sich Robinson endlich genötiget, einen entscheidenden Ausspruch zu tun, dem alle, wie es sich geziemte, freudigst sich unterwarfen. Dieser fiel dahin aus, dass Donnerstag und der Spanier abreisen, Freitag hingegen bei ihm zurückbleiben sollte.
Karl. Warum schikt' er aber nicht lieber Freitag hin, als den armen Alten?
Vater. Teils aus Liebe zu Freitag, den er unmöglich, ohne zu zittern, einer Gefahr aussetzen konnte, bei der er selbst nicht zu gegen wäre, teils deswegen, weil der Alte noch besser, als sein Sohn, mit dem Meere und der Schiffart bekant zu sein schien. Der Spanier hingegen musste um deswillen mit, weil seine Landesleute auf Robinsons Einladung sonst wohl nicht zu kommen sich getrauet hätten.
Es ward also beschlossen, dass die genanten beiden ihre Reise dahin nächstens antreten sollten. Vorher aber musste dafür gesorgt werden, dass ein, wenigstens zehnmahl grösserer Akker umgearbeitet, und bestellt werde: weil die Vergrösserung der Kolonie auch eine Vergrösserung des täglichen Aufwandes an Nahrungsmitteln zur Folge hatte.
Alle wurden daher auf einige Wochen Akkersleute und da es jeder von ihnen mit der Arbeit ehrlich meinte: so ging auch alles sehr gut und sehr geschwind von statten. Nach vierzehn Tagen war alles getan und man machte daher Anstalt zu der beschlossenen Reise.
Ehe diese aber vor sich ging, gab der Spanier einen Beweis seiner Ehrlichkeit und seiner dankbaren Liebe gegen Robinson, welcher zugleich von einer klugen Vorsichtigkeit zeugete. Er sagte nämlich: seine Landesleute wären, so wie er, nur gemeine Matrosen gewesen, also Leute ohne alle Erziehung. Er kenne sie nicht genau genug, um für aller gute Gemütsart Bürge sein zu können. Sein Rat wäre daher, dass Robinson, als Herr der Insel, erst gewisse Bedingungen aufsezte, unter denen er sie aufnehmen wollte, und dass dann keiner mitgenommen wurde, als welcher diese Bedingungen sich gefallen liesse.
Robinson freuete sich über die Treue seines neuen Untertans, und tat, was er ihm geraten hatte. Die Bedingungen die er aufsezte, waren folgende:
»Wer auf Robinsons Insel leben, und an den Bequemlichkeiten, die sie darbietet, Anteil nehmen will: der muss sich verpflichten:
    Dem Willen des rechtmässigen Herrn derselben in allen Stükken nachzukommen, und sich alle diejenigen Geseze und Anordnungen gern gefallen zu lassen, die derselbe zum Wohl des ganzen Staats für nötig erachten wird;
    Ein arbeitsames, mässiges und tugendhaftes Leben zu fuhren; weil kein Fauler, kein Schlemmer und überhaupt kein lasterhafter Mensch auf dieser Insel geduldet werden soll;
    Sich alles Zankens und Streitens zu entalten, und im Fal einer Beleidigung, nie sein eigener Richter sein zu wollen, sondern vielmehr seine Klage vor dem Herrn der Insel oder vor demjenigen anzubringen, dem dieser das Richteramt übertragen wird;
    Alle diejenigen Arbeiten, die zum Wohl der ganzen Gesellschaft nötig sein werden, ohne Murren zu übernehmen, und im Fal der Not dem Herrn der Insel mit Leib und Leben beizustehen;
    Mit Allen für einen Man wider denjenigen zu stehen, der sich erdreisten dürfte, das Eine oder das Andere dieser billigen Geseze zu überschreiten, um einen solchen entweder zum Gehorsam zurück zu bringen oder ihn auf immer von der Insel zu verbannen.
Jeder wird ermahnt, diese Punkte erst reiflich zu überlegen und seinen Nahmen, statt einer eidlichen Versicherung, nur dann erst zu unterschreiben, wenn er völlig entschlossen ist, ihnen in allen Stükken nach zu leben.
Robinson.«
Der Spanier musste diesen Aufsaz erst in seine Landessprache übersetzen und es ward verabredet, dass er Feder und Tinte mitnehmen sollte, um ihn von seinen Landesleuten, vor ihrer Abreise erst unterschreiben zu lassen.
Und nun suchten sie sich den besten unter den beiden erbeuteten Kanoes aus, und machten Anstalt zu ihrer Abreise.
Konrad. Hatten denn alle die Spanier wohl in einem einzigen Kanoe Raum?
Vater. Nein! Aber sie brauchten dieses kleine Schiff auch nur zur Hinreise. Zurük konten sie in den Böten des gestrandeten Schiffes kommen, welche, wie der Spanier versicherte, noch in gutem Stande waren.
Nachdem hinlänglicher Proviant an Bord des Kahns gebracht war und sich ein günstiger Wind erhob, nahmen unsere Reisende einen zärtlichen Abschied von Robinson und Freitag und giengen unter Segel. Freitag war ganz ausser sich vor Betrübnis, dass er sich von seinem Vater trennen musste. Schon am Abend vor der Abreise desselben hatt' er stundenlang geweint und vor Traurigkeit gar nichts geniessen können. Jezt aber da die Trennung wirklich vor sich ging, war er vollends untröstbar. Alle Augenblicke fiel er seinem Vater von neuem um den Hals und benezte sein Gesicht mit Tränen. Der Alte musste sich endlich mit Gewalt von ihm loswinden; aber, da er schon im Schiffe war, und der Kahn jezt eben vom Lande stiess, sprang Freitag ihm nach ins Meer, und schwam an die Seite des Kahns, um ihn noch einmal zu küssen und ihm noch einmal ein Lebewohl! zu zu schluchzen. Dan kehrte er wieder um nach dem Strande, sezte sich daselbst auf einer Anhöhe nieder und sah dem forteilenden Kahne unter vielen Seufzern und Tränen so lange nach, bis er aus seinen Augen verschwunden war.
Robinson, der ihn zu zerstreuen wünschte, wandte den grössten Teil dieses Tages zur Jagd und zu Lustwanderungen durch die Gebirge an. Sie waren noch nicht weit gegangen, als der Pudel, der mit ihnen gelaufen war, an dem Fusse eines mit Gebüsch bewachsenen Felsens stehen blieb und unaufhörlich zu bellen anfing. Man näherte sich dem Orte und fand ein Loch in dem Felsen, welches aber nur so gross war, dass man hineinkriechen, nicht hineingehen konnte.
Robinson, der nicht gern etwas ununtersucht liess, was seine Aufmerksamkeit einmal an sich gezogen hatte, befahl seinem Begleiter, einen Versuch zu machen, ob er wohl hineinkriechen könne? und Freitag gehorchte. Aber kaum hatt' er den Kopf hineingestekt, als er mit einem entsezlichen Angstgeschrei wieder zurücksprang, und ohne sich an Robinsons Zuruf zu kehren, wie ein Unsinniger, davon lief. Endlich hohlte ihn Robinson wieder ein und erkundigte sich mit einiger Befremdung nach der Ursache seiner Flucht. »Ach! ach! antwortete Freitag, der kaum reden konnte, lass uns laufen, lieber Herr, so sehr wir können; da ist ein entsezliches Ding in dem Loche mit grossen glühenden Augen, und mit einem Rachen, dass es uns beide auf einmal lebendig verschlingen könnte!«
»Nun, das müste ja freilich ein recht grosser Rachen sein, antwortete Robinson; aber das Ding muss ich doch auch sehen.«
»Ach! ach! schrie Freitag und fiel vor ihm auf die Knie; um Gottes Willen nicht! Es frässe dich gewiss auf und dann hätte der arme Freitag keinen Herrn mehr!« Robinson antwortete lächelnd: ob's ihn denn aufgefressen hätte? und da er dies nun eben nicht bejahen wollte: so befahl er ihm, geschwind nach Hause zu laufen, um die Laterne zu hohlen. Er selbst ging wieder zurück nach dem Loche, um unterdess mit geladener Flinte Schildwache davor zu halten.
»Und was in aller Welt dacht' er, kann denn das wohl sein; wovon dein Freitag so viel Fürchterliches gesehen haben will? Ein reissendes Tier? Ein Löwe, Tiger, Panter, oder so etwas? Ja, wenn das wäre, so würd' ich tolkühn handeln, wenn ich hinein kröche. Aber gäb' es dergleichen auf dieser Insel, so würd' ich's ja schon längst erfahren haben. Und dann – so würde ja auch Freitag nicht unverlezt zurück gekehrt sein! Nein, nein! das ist es gewiss nicht; seine Furchtsamkeit hat ihm wieder einen Streich gespielt und ihn etwas sehen lassen, was nicht da war. Ich muss es also schon untersuchen, um den guten Jungen von dieser kindischen Leidenschaft zu heilen.«
Unterdess kam Freitag mit der brennenden Laterne an, und versuchte noch einmal mit Tränen in den Augen seinen Herrn zu bewegen, dass er sich doch nicht in eine so schrekliche Gefahr stürzen möchte, in der er gewiss umkommen würde. Aber Robinson kante keine Furcht, sobald er eine Sache vernünftig überlegt hatte; und liess sich daher in seinem Vorsaze nicht wankend machen. Er bat vielmehr Freitag, gutes Muts zu sein, nahm die brennende Laterne in die linke, eine scharf geladene Pistole in die rechte Hand und ging dem Abenteuer beherzt entgegen.
Er hatte kaum den Kopf hineingestekt, als er bei dem schwachen Laternenschein wirklich etwas entdekte, was ihm selbst schaudern machte. Aber er wollte deswegen nicht gleich die Flucht ergreifen, sondern strekte vielmehr die Hand mit der Laterne aus, um das namenlose Untier deutlicher wahr zu nehmen. Und da sah er denn, dass es nichts mehr, und nichts weniger, als ein alter Lamabok sei, der eben vor Alter und Entkräftung sterben wollte. Nachdem er rund umher gesehen und weiter nichts, als dieses gar nicht fürchterliche Tier bemerkt hatte, kroch er völlig hinein, und rief Freitag zu, dass er ihm folgen möchte.
Freitag zitterte, wie ein Espenblat; gleichwohl kont' ers nicht über's Herz bringen, seinen guten Herrn im Stiche zu lassen. Er fasste also mit edler Selbstverläugnung den Mut, ihm nachzukriechen, und sah nun zu seiner Verwunderung, wie sehr er sich in der Grösse der Augen und des Rachen des Tieres geirt habe.
Siehst du, Freitag, rief ihm Robinson mit freundlicher Stimme entgegen, was die Furchtsamkeit uns alles weiss machen kann? Wo sind nun die grossen glühenden Augen? Wo ist der ungeheure Rachen, den du vorher zu sehen glaubtest?
Freitag. Es kam mir doch wirklich so vor, als wenn ich sie sähe; ich hätte darauf schwören wollen.
Robinson. Daran zweifle ich nicht, dass es dir so vor kam; aber du hättest wissen sollen, dass die Furchtsamkeit eine Lügnerin ist, die uns allerlei vorgaukelt, was gar nicht da ist. Sieh, Freitag, so sind alle die alten Weibermärchen von Gespenstern und ich weiss nicht von was für andern Undingen entstanden! Die Urheber solcher abgeschmakten Histörchen waren furchtsam alte Mütterchen oder ihnen ähnliche Hasenfüsse von Männern, die, so wie du, sich einbildeten etwas zu sehen, was nicht da war, und die denn nachher, gerade so wie du, beteuerten, dass sie wirklich so etwas gesehen hätten. Werd' ein Man, Freitag; siehe künftig zweimahl zu und verbanne aus deinem Herzen alle weibische Furchtsamkeit.
Freitag gelobte sein Möglichstes zu tun. Der alte Lamabok war unterdess verschieden und Robinson bemühete sich mit Freitags Hülfe, ihn aus der Höhle zu werfen, um ihn einzuscharren. Und nun besahen sie mit grösserer Aufmerksamkeit den Ort, wo sie waren, und fanden dass es die geräumigste und angenehmste Grotte oder Höhle sei, von der sie künftig einen sehr vorteilhaften Gebrauch würden machen können. Sie war, wie ausgehauen, ungemein trokken und kühl, und die Wände, die von Kristal zu sein schienen, warfen das Licht der Laterne von allen Seiten her so lebhaft zurück, als wenn es ein Spiegelzimmer gewesen wäre.
Robinson beschloss so gleich, diese angenehme Grotte zu seinem Erquikkungsort bei schwüler Sonnenhize und zugleich zu einem Keller für solche Sachen zu machen, welche die gar zu grosse Wärme nicht ertragen können. Zum Glük war sie nicht über eine Viertelstunde von der Burg entfernt. Freitag musste also unverzüglich hinlaufen, um Werkzeuge zu hohlen. Mit diesen fingen sie dann sogleich an, den Eingang zu vergrössern, um nachher eine ordentliche Tür davor zu machen. Und diese Arbeit gewährte ihnen, in der Abwesenheit der beiden andern, eine sehr angenehme Unterhaltung.
Neun und zwanzigster Abend.
Nikolas. Jezt ist mir immer bange, wenn Vater erzählen will.
Vater. Wovor denn, lieber Nikolas?
Nikolas. Davor, dass die Geschichte bald aus sei.
Gottlieb. Wenn ich in Vaters Stelle wäre, ich wollte sie so lang machen! o so lang, dass sie bis in Ewigkeit fortdauerte.
Vater. Kinder, alle unsere Freuden hier auf Erden müssen einmal ein Ende nehmen; also auch diese. Ihr werdet daher wohl tun, wenn ihr euch zum voraus darauf gefasst macht. An Robinsons Horizonte zieht sich abermals ein Ungewitter zusammen, vor dessen Ausgang ich euch nicht stehen kann. Seid also immer auf eurer Hut. –
Schon acht Tage waren verstrichen, und die Abgesandten liessen sich noch immer nicht wieder sehen. Man fing an, darüber bekümmert zu werden. Freitag lief des Tages wohl zwanzig mahl nach dem Berge oder an den Strand, und sah sich die Augen müde, ohne etwas von ihnen entdekken zu können. Eines Morgens aber, da Robinson noch zu Hause beschäftiget war, kam er plözlich singend und springend zurück gerant und schrie seinem Herrn schon von Weitem zu: sie kommen! sie kommen!
Robinson, der über diese angenehme Botschaft nicht weniger erfreut war, ergrif sein Fernglas und eilte damit den Hügel hinauf. Hier sah er wirklich in einer noch ziemlich weiten Entfernung ein ansehnliches Boot auf die Insel zu segeln; aber da er durch sein Fernglas geschaut hatte, schüttelte er den Kopf und sagte: Freitag, Freitag, ich sorge, das ist nicht richtig! Freitag wurde blass.
Robinson sah noch einmal hin, und ward immer bestürzter. Endlich kont' er an dem, was er zu sehen glaubte, gar nicht mehr zweifeln und teilte daher sein eigenes Erstaunen dem erschroknen Freitag mit: Freitag, sagt' er, das sind nicht unsere Spanier mit deinem Vater; es ist eine englische Schaluppe, (ein grosses Boot) und bewafnete Engländer sind es, die ich darin wahrnehme! Freitag zitterte an allen Gliedern. Kom, sagte Robinson, und erstieg eiligst eine andere Anhöhe, von welcher die nördliche Küste besser übersehen werden konnte.
Kaum waren sie daselbst angekommen, kaum hatten sie ihre Augen nach dem Meere hingerichtet, als beide, wie versteinert, sprachlos stehen blieben. Sie sahen nämlich in einer Entfernung von einer guten deutschen Meile – ein ansehnliches englisches Schiff vor Anker liegen.
Verwunderung, Furcht und Freude hatten in Robinsons Seele wechselsweise die Oberhand; Freude über den Anblik eines Schiffes, welches vielleicht zu seiner Erlösung da war; Verwunderung und Furcht hingegen über die eigentliche Absicht der Ankunft desselben. Vom Sturme kont' es nicht hieher verschlagen sein: denn seit vielen Wochen hatte kein Sturm geweht. Der ordentliche Lauf des Schiffes kont' es auch nicht hieher geführt haben: denn was könnte einen englischen Schiffer bewegen nach einer Weltgegend hinzusegeln, in der die Engländer keine Besizungen, und also auch keinen Verkehr hatten. Es entstand also die Besorgnis, dass es Seeräuber sein mögten.
Frizchen. Was sind das für Leute?
Vater. Es gibt hin und wieder, besonders ausser Europa, noch einige Menschen, die in ihrer Jugend so schlecht unterrichtet worden sind, dass sie nicht einmal wissen, was der Diebstahl für ein grosses Verbrechen sei. Diese elenden Menschen machen sich daher kein Gewissen daraus, andern Leuten heimlich oder mit Gewalt das Ihrige zu nehmen, und es sich zu zueignen. Geschieht dieses nun zu Lande, so nent man solche Leute Diebe oder Räuber; geschieht es aber auf dem Meere: so nent man sie Seeräuber.
Christel. Aber dies waren ja Engländer?
Vater. Das schienen sie zwar zu sein, aber Robinson dachte: wer weiss ob die Bösewichter nicht vielleicht das englische Schiff erobert und sich darauf selbst so gekleidet haben, als ob sie Engländer wären. – In den ersten hilflosen Jahren seines einsamen Aufentalts auf dieser Insel würd' er es für ein Glük gehalten haben, von Seeräubern entdekt und von ihnen als ein Sklav mit fortgeschlept zu werden, um nur wieder unter Menschen zu sein. Jezt aber, da sein Zustand unweit glücklicher war, schauderte ihn vor der Gefahr, einem solchen Gesindel in die Hände zu fallen. Er teilte also Freitag seine Besorgnis mit und ging mit ihm ab, um von fern das Vorhaben derer zu beobachten, welche sich in dem Boote näherten.
Sie stellten sich auf eine mit Bäumen und Gebüsch bewachsene Anhöhe, von der sie alles, was vorging, bemerken konten, ohne selbst bemerkt zu werden. Hier sahen sie denn, dass die Schaluppe, in welcher sich eilf Man befanden, etwa eine Viertelmeile von ihnen, an einem flachen Ufer landete. Die Mannschaft stieg aus. Acht von ihnen waren bewafnet, drei hingegen nicht. Diesen leztern, welche gefesselt waren, wurden die Bande abgenommen, sobald sie am Strande waren. An den kläglichen Gebehrden des Einen unter ihnen konnte man sehr deutlich sehen, dass er die Bewafneten anflehete, indem er sich in einer bittenden Stellung vor ihnen auf die Knie warf. Die beiden andern huben von Zeit zu Zeit die Hände empor, als wenn sie den Himmel um Hülfe und Errettung anfleheten.
Robinson ward bei diesem Anblikke ganz verwirt und wusste nicht, was er davon denken sollte. Freitag hingegen näherte sich ihm mit einer triumphirenden Miene und sagte: siehst du, Herr, dass deine Landsleute ihre Gefangenen auch auffressen? Geh, antwortete Robinson etwas unwillig; das werden sie nicht! und so fuhr er fort durch sein Fernglas zu sehen.
Mit Grausen sah er, dass einige der Bewafneten zu verschiedenen mahlen das Schwerdt gegen den einen Gefangenen aufhoben, der in der flehenden Stellung vor ihnen lag. Endlich bemerkt' er, dass die drei Gefangenen zurückgelassen wurden, indem die Andern sich in den Wald zerstreuten.
Alle drei sezten sich kummervoll an derselben Stelle nieder und schienen ganz in Verzweiflung zu sein. Dies erinnerte Robinson an seinen eigenen elenden Zustand an dem Tage, da er auf dieses Eiland geworfen ward, und er beschloss, sich der Unglücklichen, fals sie es verdienen sollten, anzunehmen, es koste auch, was es wolle.
Freitag wurde also beordert, so viel Flinten, Pistolen, Säbel und Munizion – herbei zu hohlen, als er nur tragen könnte.
Lotte. Was ist das Munizion?
Vater. Schiesspulver und Kugeln. – Robinson selbst fand für nötig zurück zu bleiben, um zu sehen, was es ferner geben würde. Nachdem alles Nötige herbei geschafft und die Gewehre geladen waren, bemerkte man mit Vergnügen, dass die herumschweifenden Matrosen, der eine hier der andere dort, sich in den Schatten legten, um die brennende Mittagshize zu verschlafen. Robinson wartete noch eine gute Viertelstunde; dann ging er beherzt auf die drei Unglücklichen zu, die noch immer an eben der Stelle sassen. Sie hatten ihm den Rükken zu gekehrt, und fuhren, wie vom Donner gerührt, zusammen, da ihnen Robinson plözlich zurief: wer seid ihr?
Sie sprangen auf, als wenn sie fliehen wollten; aber Robinson rief ihnen auf Englisch zu: sie sollten sich nicht fürchten; er sei zu ihrer Rettung da! »Dan müsten sie vom Himmel herab gesandt sein!« sagte der Eine, indem er ehrerbietig den Hut abzog und ihn anstaunte. Alle Hülfe komt von Gott, sagte Robinson; aber geschwind, guten Leute, sagt mir, worin eure Not besteht und wie ich euch helfen kann? »Ich bin der Kapitain des Schiffes, antwortete jener; dieser hier war mein Steuerman und der da ein Reisender;« auf seine Gefährten zeigend. »Meine Matrosen haben sich wieder mich empört, um sich meines Schiffes zu bemächtigen. Mich selbst und diese beiden ehrlichen Männer, die ihr Verfahren misbilligten, wollten sie anfänglich ermorden; endlich aber haben sie sich bewegen lassen, uns das Leben zu schenken. Aber die Barmherzigkeit, die sie uns erzeigen, ist fast noch schreklicher, als der Tod. Denn nun haben sie uns auf diese wüste Insel ausgesezt um hier in Mangel und Elend umzukommen.«
»Zwei Bedingungen, erwiederte Robinson; und ich will zu Ihrer Rettung Blut und Leben wagen!«
»Welches sind sie, edler Man?« fragte der Schiffskapitän.
»Diese, antwortete Robinson, dass Sie, so lange Sie auf dieser Insel sind, meinen Willen in allen Stükken nachleben wollen; und dann, dass sie mich und meinen Gefährten nach England zu bringen versprechen, wenn es mir gelingt, Ihnen wieder zu Ihrem Schiffe zu verhelfen.«
»Wir, das Schiff und alles, was darauf ist, versezte der Schiffskapitän, stehn Ihnen ganz zu Gebote.«
»Wohl dann, sagte Robinson; hier ist für jeden eine Flinte und ein Schwerdt, die ich Ihnen unter der Bedingung überreiche, dass Sie nicht eher Gebrauch davon machen, bis ich es für nötig halten werde. Ihre Mörder liegen jezt und schlafen und zwar zerstreut; auf! lassen Sie uns versuchen, ob wir sie, ohne Blutvergiessen, in unsere Gewalt kriegen können.«
Sie gingen, und Freitag musste die Strikke mitnehmen, mit welchen die drei Männer an Händen und Füssen waren gebunden gewesen. Jezt naheten sie sich dem ersten, der auf dem Gesichte lag und so fest schlief, dass sie ihn an Händen und Füssen schon gepakt und ihm ein Schnupftuch in den Mund gestekt hatten, bevor er recht erwacht war. Man band ihm die Hände auf den Rükken, befahl ihm auf derselben Stelle ohne sich zu regen und ohne den mindesten Laut von sich zu geben, liegen zu bleiben; widrigenfals man ihm unverzüglich eine Kugel durch den Kopf schiessen würde. Man hatte ihn aber so gelegt, dass er das Gesicht nach der See hingerichtet hatte, und also nicht erfahren konnte, wie es um seine Kameraden stünde.
Nun wandten sie sich zu dem Zweiten, dem es nicht besser ging. Er wurde eben so gebunden, eben so gelegt und eben so bedroht, als sein Vorgänger. Das Glük, oder vielmehr die götliche Vorsehung, zeigte sich auch hier, als eine Beschüzerin der Unschuld und als eine Rächerin des Unrechts. Schon waren sechs dieser Elenden auf die nemliche Art gebunden; als die beiden lezten plözlich erwachten, aufsprangen und zu den Waffen griffen. »Nichtswürdige, schrie ihnen Robinson zu, blikt auf eure Gefährten, seht unsere Ueberlegenheit und strekt augenbliklich das Gewehr! Eine Minute Verzug kostet euch den Kopf!«
»Ach! Gnade! Gnade! Herr Kapitain;« riefen jene zurück, indem sie ihre Gewehre von sich warfen und sich selbst auf die Knie legten. Man band ihnen darauf, so wie den Übrigen, die Hände; und führte alle nach der neuentdekten Höhle ins Gefängnis, mit dem Andeuten, dass der erste, der einen Versuch machen würde, die hölzerne Tür zu erbrechen, von der Schildwache, die man zurücklassen würde, erschossen werden sollte. Vorher hatte man allen ihre Messer abgenommen.
Nun gingen Robinson und Freitag nebst ihren neuen Bundesgenossen nach der Schaluppe, zogen sie durch Hülfe einiger Hebebäume völlig auf den Strand und hieben in den Boden derselben ein Loch, damit sie vor der Hand völlig unbrauchbar sein möchte.
Ferdinand. Warum denn das?
Vater. Sie sahen vorher, dass man von dem grossen Schiffe ein zweites Boot abschikken werde, wenn das erstere ausbliebe. Sie wollten also verhindern, dass von diesem das erste Boot nicht mitgenommen werden möchte.
Wie gedacht so geschehen. Gegen drei Uhr Nachmittags wurde auf dem Schiffe eine Kanone gelöset, um die am Lande befindlichen Matrosen zurück zu rufen; und da dieses Signal nach einer dreimaligen Wiederhohlung nicht befolgt wurde: so sah man wirklich ein zweites Boot abstossen und auf die Insel zu segeln. Robinson zog sich hierauf mit seinen Gefährten nach der Anhöhe zurück, um von da aus zu sehen, was sie weiter zu tun hätten.
Das Boot landete. Man lief nach dem ersten und war nicht wenig erstaunt, es auf dem Strande und noch dazu durchlöchert zu finden. Man sah umher, und rief die unsichtbaren Kameraden bei Nahmen, aber da war keiner welcher antwortete. Es waren ihrer zehn, alle bewafnet.
Robinson, welcher von dem Kapitain gehört hatte, dass unter den Gefangenen drei ehrliche Bursche wären, die bloss aus Furcht vor den Uebrigen in die Rebellion gewilliget hätten, schikte Freitag mit dem Steuerman ab, diese so geschwind, als möglich, herbei zu führen. Sie erschienen und der Kapitain, dem Robinson unterdess seine Meinung eröfnet hatte, legte ihnen, nach einigen Vorwürfen, die Frage vor: ob sie ihm treu sein wollten, wenn er ihnen Verzeihung wiederfahren liesse? »Bis in den Tod!« antworteten sie zitternd, indem sie sich vor ihm auf die Knie warfen. Der Kapitain fuhr fort: ich hab euch sonst immer als gute Bursche gekant; ich will daher glauben, dass ihr keinen Teil an der Empörung gehabt habt und dass ihr das, was vorgegangen ist, durch desto grössere Treue wieder gut machen werdet. Die drei Matrosen weinten laut vor Freud' und Dankbarkeit, und küssten mit dem lebhaftesten Zeichen der Reue dem Kapitain die Hand. Dan überreichte dieser ihnen ihre Waffen und befahl ihnen, die Befehle ihres gemeinschaftlichen Anführers genau zu befolgen.
Die Mannschaft des zweiten Boots hatte unterdess nicht aufgehört zu rufen und unter durch zu schiessen, in der Hoffnung, dass ihre zerstreuten Kameraden sich einfinden würden. Endlich da sie sahen, dass alles vergeblich sei, schienen sie, bei anbrechender Abenddämmerung für sich selbst besorgt zu werden und stiessen auf hundert Schritte vom Lande um sich alda vor Anker zu legen. Nun war zu besorgen, dass sie in kurzer Zeit nach dem Schiffe zurückrudern würden, und dass dieses alsdan die verlornen Kameraden im Stiche lassen und davon segeln möchte; eine Besorgnis, welche den Kapitain und Robinson zugleich zittern machte.
Glüklicher Weise kriegte der leztere einen Einfal von dem alle sich viel Gutes versprachen. Er befahl Freitag, nebst einem der Matrosen in ein Gebüsch zu laufen, welches von dem Bote ein Paar tausend Schritte entfernt war und von da aus auf das Schreien der Rufenden zu antworten. So bald sie merkten, dass man auf ihre Stimmen horchte, dass man ausstiege, um sie aufzusuchen, sollten sie sich almählig tiefer in das Gebüsch begeben, um die Leute aus dem Bote hinter sich her zu lokken und so weit, als möglich, zu entfernen. Dan sollten sie selbst auf einem andere Wege eiligst zu ihnen zurück kehren.
Diese wohlersonnene Kriegeslist hatte den erwünschtesten Erfolg. Die Matrosen im Bote hatten kaum eine antwortende Stimme vernommen, als sie eiligst wieder ans Land ruderten, und mit den Flinten in der Hand nach der Gegend hinliefen, von wannen ihnen geantwortet wurde. Zwei liessen sie zur Bewachung des Boots zurück.
Freitag und sein Begleiter machten ihre Sachen treflich, und lokten diejenigen, die ihnen nachgingen, fast eine halbe Meile weit tief in das Gebüsch hinein. Dan kehrten sie mit einer Geschwindigkeit, die ihres Gleichen nicht gehabt hat, zu ihren Anführern zurück. Robinson hatte unterdess dem Kapitain seinen ganzen Plan mitgeteilt, der abermals darauf hinaus lief, dass sie suchen wollten, sich der ganzen Gesellschaft zu bemächtigen, ohne dass ein Tropfen Bluts dabei vergossen würde.
Es war unterdess fast gänzlich finster geworden. Stil, wie ein Mäuschen, rükte Robinson mit seinen Gefährten gegen das Boot an, und waren schon bis auf zwanzig Schritte davon gekommen, ohne dass die darin wachenden beiden Matrosen das geringste merkten. Plözlich sprangen sie alle mit einem entsezlichen Geschrei und mit einem lauten Geklirre ihrer Waffen hervor und droheten Tod und Verderben, wenn ein einziger sich zu rühren wagte. Die beiden Matrosen riefen Pardon! und man sprang hinzu, ihnen die Hände zu binden.
Kaum war dies geschehen: so eilte man auch dieses Boot weit auf den Strand zu bringen. Dan zog man sich mit den beiden Gefangenen in das nahe dabei liegende Gebüsch zurück, um die Ankunft der übrigen zu erwarten. Diese kamen, jedoch nicht alle auf einmal und äusserst ermüdet von dem langen vergeblichen Herumirren. Ihr Erstaunen, und ihr Wehklagen über die Abwesenheit des Boots war unbeschreiblich. Da ihrer fünf zusammen waren, wurde einer der Begnadigten Matrosen mit der Anfrage an sie abgeschikt: ob sie sogleich gutwillig das Gewehr strekken und sich ergeben wollten? Wo nicht, so hätte der Stadtalter der Insel in einer Entfernung von dreissig Schritten funfzig Man aufmarschiren lassen, um sie alle nieder zu schiessen. Ihr Boot wäre schon genommen, alle ihre Kameraden wären gefangen und sie hätten also bloss zwischen Tod und Gefangenschaft zu wählen.
Robinson liess hierauf alle seine Gefährten ein Geklirre mit den Waffen machen, um der Aussage des Matrosen noch mehr Wahrscheinlichkeit zu geben. »Haben wir Pardon zu hoffen?« fragte endlich Einer, dem der Kapitain ungesehen folgendermassen zurief: Tomas Schmit, du kenst meine Stimme: leget ihr unverzüglich das Gewehr nieder, so soll euch das Leben geschenkt sein, bis auf Atkins. Dieser war nämlich einer der Urheber der Meuterei gewesen.
Alle warfen darauf augenbliklich ihre Flinten nieder und Atkins schrie: »ach! um Gottes Barmherzigkeit willen, Herr Kapitain, Pardon! Pardon! Sie sind ja alle eben so schlim gewesen, als ich. O Pardon! Pardon!« Der Kapitain antwortete: alles, was er tun könnte, wäre, dass er ein Fürwort beim Stadtalter für ihn einlegte. Was darauf erfolgen würde, müsse er erwarten. Hierauf wurde Freitag abgeschikt, der nebst den Matrosen ihnen allen die Hände binden musste. Unterdess kamen die drei lezten herbei, und da sie sahen und hörten, was geschehen sei, wagten sie eben so wenig sich zu widersetzen und liessen sich geduldig binden.
Jezt traten auch der Kapitain und Robinson, der für einen Offizier des Stadtalters angesehen wurde, hinzu, und der erstere suchte diejenigen von den Gefangenen aus, die er einer aufrichtigen Reue über ihren Fehltrit fähig hielt. Diese wurden bis vor die Burg geführt, die übrigen nach der Grotte. Unter denen, die schon in der Grotte waren, liess er gleichfalls noch zwei abholen, denen er eine ähnliche Bereuung ihres Fehltritts zu trauete.
Was er mit diesen anfing, und was noch weiter vorfiel, das, Kinder, behalte ich mir vor, euch morgen zu erzählen.
Dreissigster Abend.
Vater. Nun, Kinder, das Schicksal unsers Robinsons ist seiner Entscheidung nahe. In einigen Stunden ist das Loos geworfen; und dann wird es sich zeigen, ob er abermals ohne Hoffnung einer Erlösung auf seiner Insel bleiben, oder ob ihm endlich sein langer heisser Wunsch, einmal wieder zu seinen Eltern zu kommen, gewähret werden soll?
Es komt nämlich nun darauf an, ob der Schiffskapitän durch Hülfe derjenigen Matrosen, die er begnadiget hat, das Schiff wieder erobern kann, oder nicht? Ist jenes, so haben die Mühseligkeiten unsers Freundes ein Ende; ist aber dieses, ja so bleibt alles, wie es war, und es ist an keine Erlösung für ihn zu denken.
Der Begnadigten, welche sich jezt vor der Burg versamlet hatten, waren zehn. Robinson deutete ihnen im Nahmen des Stadtalters an, dass ihr Verbrechen ihnen unter der Bedingung verziehen werden sollte, wenn sie ihren rechtmässigen Vorgesezten behilflich wären, wieder Besiz von seinem Schiffe zu nehmen. Da nun alle die heiligste Versicherung gaben, dass sie diese Bedingung gern und treulich erfüllen würden: so fügte Robinson hinzu, dass sie hierdurch nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch zugleich das Leben ihrer noch gefangenen Kameraden retten könten, die, im Fal, dass das Schiff nicht erobert würde, morgen mit Anbruch des Tages samt und sonders gehengt werden sollten.
Eben dieses Urteil wurde auch den Gefangenen kund getan. Dan führte man beide Parteien, die Gefangenen und die Freigelassenen, zusammen, damit diese durch jene in ihrer Treue bestärkt werden mögten. Unterdess musste der Schifszimmerman in aller Eile den durchlöcherten Boden des einen Boots ausbessern; und da dieses geschehen war, wurden beide Böte in der grössten Geschwindigkeit wieder aufs Wasser gebracht. Darauf ward beschlossen, dass der Schiffskapitän das eine, der Steuerman hingegen das andere Boot kommandiren, und dass die Mannschaft unter sie verteilt werden sollte. Alle wurden mit Gewehr und Munizion versehen, und, nachdem darauf Robinson den Schiffskapitän umarmt und ihm Glük zu seiner Unternehmung gewünscht hatte, ging jener unter Segel.
Nikolas. Das wundert mich doch, dass Robinson nicht mit ging!
Vater. Es war nicht Furchtsamkeit, sondern vernünftige Ueberlegung, die ihn zurück hielt. Die Gefangenen hätten losbrechen, hätten in seiner Abwesenheit sich der Burg bemächtigen können; und dieser einzige sichere Aufentalt, der zugleich alle Hülfsmittel zu seiner Glükseeligkeit entielt, war ihm viel zu wichtig, als dass er ihn so leichtsinnig hätte aufs Spiel setzen können. Der Kapitain hatte ihm daher selbst geraten, dass er mit seinem Freitag zur Beschüzung dieses Orts zurück bleiben möchte.
Robinson, dessen ganzes Schiksal jezt entschieden werden sollte, konnte vor Unruhe und Beängstigung keine bleibende Stäte finden. Bald sezt' er sich in seiner Höhle nieder, bald stieg er wieder auf den Wal, bald kletterte er die Strikleiter hinan, um von dem Gipfel des Hügels hinab durch die stille Nacht hin zu horchen, ob er nicht von dem Schiffe her irgend etwas hören könnte. Ohngeachtet er den ganzen Tag über fast nichts gegessen hatte, so war's ihm doch unmöglich, etwas zu geniessen. Seine Unruhe wuchs mit jedem Augenblicke, weil das verabredete Signal – drei Kanonenschüsse – welches ihn von dem glücklichen Ausgange der Unternehmung benachrichtigen sollte, noch immer nicht gehört wurde, ohngeachtet es schon Mitternacht war. Er besan sich indes, dass er Unrecht habe, sich dem Affekte der Furcht und Hoffnung so sehr zu überlassen, und er erinnerte sich noch zu rechter Zeit einer Lehre, die er erst vor kurzem seinem Freitag gegeben hatte. In zweifelhaften Fällen, hatte er zu diesem gesagt, mache dich immer auf den schlimsten gefasst. Komt dieser schlimste Fal nicht; desto besser für dich! Komt er aber wirklich, nun so bist du darauf vorbereitet, und er wird dich nicht durch seine Ueberraschung betäuben.
Diesem Grundsaze zufolge stellte sich Robinson den unglücklichen Ausgang der Unternehmung als unbezweifelt vor, und bot seine ganze Standhaftigkeit, sein ganzes Vertrauen auf die götliche Vorsehung auf, um auch diesen Schlag des Schiksals zu ertragen. Schon hatt' er fast alle Hoffnung gänzlich aufgegeben, als auf einmal der ferne Knal einer Kanone wirklich gehört wurde.
Robinson fuhr auf, wie einer, der durch einen plözlichen Schal aus dem Schlummer aufgeschrekt wird. Puf! hört' er den zweiten und abermals puf! den dritten Kanonenschuss. Und nun war an der glücklichen Eroberung des Schifs und an seiner bevorstehenden Erlösung gar nicht zu zweifeln.
Im höchsten Taumel der Freude, mehr fliegend, als tretend, huscht' er die Strikleiter hinab; fiel Freitag, welcher schlummernd auf einer Grasbank sass, um den Hals, drükte ihn, und benezte, ohne ein Wort hervor bringen zu können, sein Gesicht mit vielen Tränen. »Was ist dir, lieber Herr?« fragte Freitag, indem er sich ermunterte, und über die ungestümen Liebkosungen, die ihm widerfuhren, ganz erschrekt war. Aber Robinson konnte im Übermass seiner Freude weiter nichts hervorbringen, als: ach, Freitag!
»Gott sei dem Kopfe meines armen Herrn gnädig!« dachte Freitag, weil er auf die Vermutung geriet, dass er wahnsinnig geworden sei. »Lege dich schlafen, lieber Herr!« sagt' er zu ihm, und wollte ihm unter die Arme fassen, um ihn in die Höhle zu führen. Aber Robinson sah ihm mit unbeschreiblicher Freundlichkeit ins Gesicht und antwortete: »Schlafen, lieber Freitag? Ich, jezt schlafen, in dem Augenblicke, da der Himmel meinen einzigen langen Herzenswunsch erfült hat? Hast du die drei Kanonenschüsse nicht gehört? Weisst du noch nicht, dass das Schiff erobert ist?«
Nun gingen Freitag die Augen auf. Auch er fing an, sich zu freuen, aber doch nicht so stark und nicht um seinetwegen, sondern um seines guten Herrn willen. Denn der Gedanke, seinen vaterländischen Himmel auf immer verlassen zu müssen, verbitterte ihm das Vergnügen; in Robinsons und seines Vaters Gesellschaft nach einem Lande zu reisen, aus dem er schon so viele Wunderdinge gesehen hatte, und in dem er noch grössere zu sehn erwartete.
Robinson war vor lauter Entzükken jezt unruhiger, als jemahls. Bald kletterte er den Hügel hinan, warf sich da im Angesicht des sternbesäten Himmels auf seine Knie, um Gott für seine Erlösung zu danken; bald stieg er wieder hinab, umarmte seinen Freitag, sprach von nichts, als Hamburg, und fing schon an, seine Sachen einzupakken. So verstrich ihm die ganze Nacht, ohne dass es ihm ein einzigesmahl eingefallen wäre, sich zur Ruhe begeben zu wollen.
Mit Anbruch des Tages waren seine Augen unverwandt nach der Gegend hin gerichtet, wo das Schiff vor Anker lag, und er erwartete mit Schmerzen den Augenblick der vollkommenen Helle, um das Werkzeug seiner Befreiung, das Schiff, mit seinen Augen zu sehen. Dieser Augenblick kam; aber – o Himmel! wie gross war sein Entsetzen, da er mit völliger Gewisheit sehen musste, – dass das Schiff verschwunden sei! Er tat einen lauten Schrei, und sank zu Boden.
Freitag rante herbei, und konnte lange nicht erfahren, was seinem Herrn eigentlich angekommen sei. Endlich strekte dieser seine zitternde Hand nach dem Meere hin, und sprach mit schwacher sterbender Stimme: Sieh hin! Freitag sah hin; und nun wust' er, was seinem Herrn fehlte.
(Die junge Gesellschaft wusste nicht, wie sie sich bei dieser Stelle nehmen sollte. Gern hätte sie sich der Freude über die nun zu hoffende Verlängerung der Geschichte überlassen; aber die Empfindung des Mitleids über des armen Robinsons abermahliges Unglück dämpfte diese freudige Aufwallung, und liess sie nicht zum Ausbruch kommen. Alle beobachteten daher ein tiefes Stilschweigen; und der Vater fuhr fort:)
Unser Robinson gibt uns hier ein Beispiel, welches uns lehren kann, wie sehr auch gute, schon gebesserte Menschen auf ihrer Hut sein müssen, dass sie sich nicht von gar zu starken Leidenschaften dahin reissen lassen. Hätte Robinson sich nicht so ausschweifend gefreut: so würd' er sich nun auch nicht so ausschweifend betrüben; und hätte die Betrübnis nicht seinen ganzen Verstand so sehr umnebelt gehabt: so würd' er erkant haben, dass er auch diese götliche Schikkung mit geduldiger Unterwerfung sich müsse gefallen lassen, so sehr auch immer seine besten Hoffnungen dadurch vereitelt wurden. Besonders würd' er bedacht haben, dass die götliche Vorsehung auch dann noch Mittel zu unserer Rettung weiss, wenn wir selbst kein einziges mehr für möglich halten; und dieser Gedanke würde ihn beruhiget haben. Seht, Kinder, wie viel selbst gute Menschen noch immer an sich zu bessern haben.
Indem nun Robinson so trostlos da lag, und Freitag ihn zu beruhigen suchte: hörten sie auf einmal an der andern Seite des Hügels ein Geräusch, welches den Tritten mehrerer Menschen ähnlich war. Sie sprangen auf, blikten hin, und sahen mit freudigem Erstaunen – den Schiffskapitän, der mit einigen seiner Leute den Hügel herauf stieg. Ein Sprung, und Robinson lag in seinen Armen! Indem er sich umdrehete, hatt' er auf der westlichen Küste das Schiff in einer kleinen Bucht vor Anker gesehen, und in demselben Augenblicke war sein Kummer verschwunden. Der blosse Anblik nämlich sagte ihm, dass der Kapitain noch vor Anbruch des Tages die Lage seines Schifs geändert und es auf diejenige Seite der Insel gebracht habe, wo es in einem bequemen Hafen sicher vor Anker liegen konnte.
Lange hing Robinson in stummer Entzükkung an dem Halse des eben so hoch erfreuten Schiffskapitäns, bis es endlich zu gegenseitigem Glükwünschungen und Danksagungen kam. Dan erzählte der Kapitain, dass es ihm gelungen sei, sich des Schiffes zu bemächtigen, ohne dass ein einziger Mensch verwundet oder getödtet worden sei, weil man in der Dunkelheit der Nacht ihn selbst nicht bemerkt, und gar kein Bedenken getragen hatte, seine Begleiter aufzunehmen. Die Aergsten unter den Empörern hätten sich nachher zwar zur Wehre stellen wollen. aber ihr Widerstand sei fruchtlos gewesen. Man hätte sie ergriffen und in Fesseln gelegt. Hierauf überliess er sich den Empfindungen der Dankbarkeit gegen seinen Erretter. »Sie sind es, sagt' er, indem eine Träne ihm aus dem Auge quol; Sie sind es, edler Man, dessen Mitleid und Klugheit mich und mein Schiff gerettet haben. Dort steht es! es ist das Ihrige; befehlen Sie darüber und über mich selbst, wie es Ihnen gut dünken wird.« Dan liess er einige Erfrischungen herbei tragen, die er aus dem Schiffe mitgebracht hatte, und alle nahmen nun mit frohem Herzen ein wohlschmekkendes Frühstük ein.
Unterdess erzählte Robinson dem Schiffskapitän seine wunderbaren Schiksale, und sezte diesen dadurch mehr, als einmal, in das grösste Erstaunen. Dan bat der Kapitain, dass Robinson ihm nun vorschreiben möchte, was er für ihn tun sollte; und Robinson antwortete: »Ich habe ausser dem, was ich gestern zur Bedingung meines Beistandes machte, noch eine dreifache Bitte an Sie. Erstlich ersuche ich Sie, dass Sie so lange hier verziehen mögen, bis meines ehrlichen Freitags Vater mit den Spaniern zurückkommen wird; zweitens, dass Sie ausser mir und meinen Hausleuten auch die sämtlichen Spanier aufnehmen und zuerst nach Kadix segeln mögen, um diese daselbst auszusetzen. Endlich bitte ich Sie, dass Sie auch den vornehmsten Aufrührern das Leben schenken, und, statt einer andern Strafe, sie auf dieser meiner Insel zurücklassen mögen; weil ich versichert bin, dass dies das beste Mittel sein wird, sie zu bessern.«
Der Schiffskapitän versicherte, dass alles pünktlich so geschehen sollte, wie er es verlangte; liess die Gefangenen herbei führen; suchte die Aergsten darunter aus, und kündigte ihnen ihr Urteil an. Diese waren sehr erfreut darüber, weil sie wussten, dass sie nach den Gesetzen das Leben verwirkt hatten. Der menschenfreundliche Robinson gab ihnen Anweisung, wie sie sich ihren Lebensunterhalt erwerben könten, und versprach, dass er ihnen seinen ganzen Reichtum an Werkzeugen, Hausrat und Vieh zurück lassen wollte. Er schärfte ihnen dabei zu wiederhohlten mahlen Vertrauen auf Gott, Arbeitsamkeit und Eintracht ein, und versicherte, dass diese Tugenden ihnen den Aufentalt auf dieser Insel ungemein angenehm machen würden.
Indem er noch so sprach, kam Freitag ganz ausser Atem mit der frohen Nachricht herbei gerant, dass sein Vater mit den Spaniern ankäme und jezt eben landen werde. Die ganze Gesellschaft machte sich also auf, ihnen entgegen zu gehen; aber Freitag flog vor allen andern hin, und hieng seinem alten Vater schon längst am Halse, da die Uebrigen herbei kamen.
Robinson erblikte mit Verwunderung, dass unter den Angekommenen auch zwei Frauenspersonen waren; und da er sich bei Donnerstag darnach erkundigte, erfuhr er: dass sie die Weiber zweier Spanier wären, die sie sich von den eingebohrnen Wilden genommen hätten. Diese beiden Spanier hatten kaum gehört, dass Robinson abreisen, und einige Matrosen auf der Insel zurück lassen würde: als sie sich von ihm die Erlaubnis ausbaten, mit ihren Weibern gleichfalls da zu bleiben, weil sie nach allem, was sie von dieser Insel gehört hätten, sich keinen bessern Aufentalt wünschen könten.
Robinson hörte diese Bitte gern und erfülte sie mit Vergnügen. Es war ihm lieb, dass ein Paar Männer zurückblieben, denen ihre Kameraden einstimmig das Zeugnis der Ehrlichkeit gaben; weil er hofte, dass diese die übrigen schlechten Burschen zu einem ordentlichen und friedfertigen Leben würden anhalten können. In dieser Absicht beschloss er, die Andern alle von diesen beiden abhängig zu machen.
Er liess sie daher alle vor sich kommen, um ihnen seinen Willen kund zu tun. Es waren überhaupt sechs Engländer und die beiden Spanier mit ihren Weibern. Robinson redete sie folgendermaassen an:
»Keiner unter euch wird mir hoffentlich das Recht streitig machen, mit meinem Eigentume – und dies ist die ganze Insel nebst allem, was darauf ist – zu schalten und zu walten, wie es mir gefällt. Ich wünsche aber, dass es euch allen, die ihr hier zurück bleiben werdet, recht wohl gehen möge. Hierzu wird eine ordentliche Einrichtung erfodert, und mir komt es zu, sie zu machen. Ich erkläre demnach, dass diese beiden Spanier künftig meine Stelle vertreten, und an meiner Stat die rechtmässigen Herrn der Insel sein sollen. Euch andern komt es also zu, ihnen den strengsten Gehorsam zu beweisen. Sie allein sollen meine Burg bewohnen; sie allein sollen alle Gewehre, alle Kriegsmunizion, alle Werkzeuge in Verwahrung haben; aber sie sollen dabei auch verbunden sein, euch andern davon zu leihen, was ihr bedürft, unter der Bedingung, dass ihr euch friedfertig und in jeder Betrachtung ordentlich betraget. Giebt es Gefahren: so solt ihr alle für einen Man stehen; gibt es etwas zu arbeiten, es sei auf dem Felde oder im Garten, so sollen Alle diese Arbeit gemeinschaftlich verrichten und die jedesmahlige Erndte unter sich teilen. Vielleicht habe ich einmal Gelegenheit, mich nach euch erkundigen zu lassen; vielleicht beschliesse ich selbst einmal, wieder hieher zurück zu kehren, um den Rest meiner Tage auf dieser mir jezt so lieben Insel zuzubringen. Wehe alsdan dem, der unterdess diese meine Anordnung umstossen wird! Er würde ohne Barmherzigkeit in einen kleinen Nachen gesezt, und bei stürmischer Witterung dem grossen Weltmeere Preis gegeben werden.«
Alle bezeugten ihre Zufriedenheit mit dieser Einrichtung und gelobten den strengsten Gehorsam an.
Und nun machte Robinson ein Verzeichnis von den wenigen Sachen, die er mitnehmen wollte, und die daher am Bord gebracht werden sollten. Sie bestanden 1) aus seiner selbst gemachten Kleidung von Fellen, nebst Sonnenschirm und Larve; 2) aus den von ihm verfertigten Spiess, Bogen und steinernen Beile; 3) aus seinem Pol, dem Pudel, und zweien Lama's; 4) aus allerlei Werkzeuge und Gerätschaft, die er selbst verfertiget hatte, da er noch allein war und endlich 5) aus den Goldkörnern, den Diamanten, und seinem eigenen grossen Goldklumpen.
Nachdem dies alles zu Schiffe gebracht, und der Wind sehr günstig war, wurde die Abreise auf den folgenden Morgen festgesezt. Robinson und Freitag bereiteten darauf eine Mahlzeit zu, um den Schiffskapitän und den zurückbleibenden Kolonisten vor ihrer Abreise erst ein kleines Fest zu geben. Das Beste, was sie hatten, wurde dazu hergegeben, und die Speisen waren so schmakhaft zubereitet worden, dass der Kapitain sich nicht genug über Robinsons Geschiklichkeit in der Kochkunst wundern konnte. Um dem edlen Beispiele seines Wirts zu folgen, und zu der Glükseeligkeit der Zurükbleibenden auch etwas beizutragen, liess er eine Menge Lebensmittel, Schiesspulver, Eisen und Werkzeuge von dem Schiffe hohlen, womit er der Kolonie ein Geschenk machte.
Gegen Abend bat sich Robinson die Erlaubnis aus, eine Stunde allein sein zu dürfen, weil er vor seiner Abreise noch einige wichtige Geschäfte abzutun habe. Jederman verliess ihn; und er stieg den Hügel hinauf, um noch einmal der ganzen Geschichte seines Aufentalts auf dieser Insel nachzudenken, und sein volles Herz in kindlicher Dankbarkeit vor Gott zu ergiessen. Es fehlt mir an Worten, die frommen dankbaren Empfindungen desselben auszudrükken; aber wer ein Herz, wie das Seinige, hat, der bedarf auch meiner Beschreibung nicht; er wird es in sich selbst lesen können.
Jezt war der Augenblick zur Abreise da. Mit Tränen in den Augen ermahnte Robinson die Zurükbleibenden noch einmal zur Eintracht, zur Arbeitsamkeit und zur Frömmigkeit und empfahl sie darauf mit brüderlichem Herzen dem Schuze des Gottes, der ihn selbst so wunderbar geleitet hatte. Dan sah er sich noch einmal umher; dankte noch einmal Gott für seine wunderbare Erhaltung und für seine nunmehrige Erlösung; rief darauf mit halb erstikter Stimme den Zurükbleibenden das lezte Lebewohl! zu und ging von Freitag und Donnerstag begleitet an Bord.
Einige. O weh! Nun ist 's aus.
Johannes. Wartet doch! Wer weiss denn, ob nicht wieder etwas dazwischen komt!
Vater. Der Wind wehete so frisch und so günstig, dass es ihnen grade so vorkam, als wenn die Insel davon flöge. So lange sie noch gesehen werden konnte, stand Robinson stum und traurig auf dem Verdekke, die Augen unverrükt auf das geliebte Land gerichtet, welches ein zwölfjähriger Aufentalt und die mannigfaltigen darauf entstandenen Mühseeligkeiten ihm so wert, als sein eigenes Vaterland, gemacht hatten. Endlich, da auch die lezte Bergspize aus seinen Augen verschwand, blikt' er gen Himmel, sagte sich selbst in Gedanken das Lied: Nun danket alle Gott! vor, und verfügte sich mit Donnerstag und Freitag in die Kajüte des Kapitains, um seinem beklommenen Herzen durch freundschaftliche Gespräche Luft zu machen.
Ihre Fahrt war sehr glücklich. In 24 Tagen erreichten sie Cadix, woselbst die mitgenommenen Spanier ausgesezt wurden. Robinson selbst ging gleichfalls an Land, um den Kaufman aufzusuchen, dessen Goldkörner er gerettet hatte. Er fand ihn und hatte die Freude zu erfahren, dass dieser rechtschaffene Man durch ihn aus der grössten Verlegenheit gerissen werde. Der Verlust des Schiffes hatte nämlich die traurige Folge für ihn gehabt, dass er Bankerot machen musste.
Frizchen. Was ist das?
Vater. Wenn jemand mehr schuldig ist, als er bezahlen kann: so wird ihm alles, was er noch etwa hat, genommen, um es unter diejenigen zu verteilen, denen er schuldig blieb, und das nent man denn Bankerot machen.
Das Tönchen vol Goldkörner war mehr, als hinreichend, des Kaufmans Schulden damit zu bezahlen. Den Ueberrest wollte der dankbare Man seinem Wohltäter schenken; aber dieser war weit davon entfernt, es anzunehmen, weil er, wie er sagte, durch das Bewustsein, das Unglück eines ehrlichen Mannes abgewandt zu haben, überflüssig belohnt war.
Von da gingen sie wieder unter Segel, um nach England zu schiffen. Aber auf dieser Fahrt ereignete sich ein trauriger Unfal. Der alte Donnerstag wurde plözlich krank; alle angewandte Bemühungen, ihm zu helfen, waren vergebens; er starb. Was Freitag dabei litte; und wie unmässig er den Tod eines so geliebten Vaters bejammerte, könt ihr euch vorstellen. Auch die beiden Lama's konten das Seefahren nicht ertragen, und starben.
Unterdess langte das Schiff glücklich zu Portsmout, einem bekanten Hafen in England, an. Hier hofte Robinson, die Offizierswitwe wieder vorzufinden, der er die Diamanten zustellen wollte. Er fand sie; aber in dem aller kläglichsten Zustande. Da sie seit zwei Jahren von ihrem verstorbenen Manne ganz und gar keine Unterstüzung mehr aus Ostindien erhalten hatte, so war sie nach und nach mit ihren Kindern in die allergrösste Armut versunken. Ihre Leiber waren kaum noch mit einigen alten Lumpen bedekt, und Hunger und Elend hatte das Gesicht der Mutter und ihrer Kinder mit Todtenblässe überzogen. Robinson ärndtete hier abermals die Wollust ein, deren jeder gute Mensch geniesst, wenn die göttliche Vorsehung sich seiner, als eines Werkzeuges, bedient, um dem Elende anderer Menschen ein Ende zu machen. Er übergab die Diamanten und sah darauf die hinwelkende schon halb verhungerte Familie, wie eine schon halb erstorbene Pflanze nach einem erquikkenden Sommerregen, in wenigen Tagen wieder aufblühen, und einer Glükseeligkeit geniessen, auf die sie für dieses Leben schon längst Verzicht getan hatte.
Da hier grade ein Schiff vor Anker lag, welches nach Hamburg bestimmt war: so verliess er seinen bisherigen Führer, um ihn nicht weiter zu bemühen, und ging, von Freitag begleitet, an Bord dieses Hamburgischen Schiffes; welches bald darauf die Anker lichtete.
Auch diese Fahrt ging geschwind und glücklich von statten. Schon hatten sie Heiligeland im Gesicht; schon erschien am fernen Horizonte Robinsons geliebtes Vaterland, bei dessen Anblik ihm das Herz vor Freude zerspringen wollte; schon erreichten sie die Mündung der Elbe, als plözlich ein vom heftigsten Sturme begleitetes Gewitter ausbrach, wodurch das Schiff mit unwiderstehlicher Gewalt gegen die Küste getrieben wurde. Alles, was Geschiklichkeit und Fleiss vermögen, wurde angewandt, um das Schiff zu wenden und wieder die hohe See zu erreichen; aber umsonst, ein gewaltiger Windstoss vereitelte alle ihre Bemühungen, riss das Schiff dahin und warf es so unsanft auf eine Sandbank dass der Boden desselben zertrümmert wurde.
Das Wasser stürzte in demselben Augenblicke so unerschöpflich hinein, dass an keine Rettung des Schifs zu denken war, und dass die Schifsgeselschaft nur noch eben so viel Zeit hatte, in die Böte zu springen, um, wo möglich, nur ihr eigenes Leben davon zu tragen. So kam Robinson mit seinen Gefährten, abermals als ein armer Schifbrüchiger, endlich zu Kuxhaven an, ohne von seinem ganzen Reichtum irgend sonst etwas gerettet zu haben, als seinen treuen Pudel, der ihm nachgesprungen war, und seinen Pol, der ihm eben auf der Schulter sass, da der Schifbruch sich ereignete. Nach einiger Zeit erfuhr er, dass unter denen von dem Wrak des Schiffes geretteten Sachen, nur sein Schirm und seine selbstgemachte Pelzkleidung befindlich wären. Diese erhielt er, gegen Erlegung der Strandrechtskosten, wieder: sein ganzer grosser Goldklumpen hingegen war verloren gegangen.
Johannes. O der arme Robinson!
Vater. Er ist nun grade wieder so reich, als er damahls war, da er von Hamburg abfuhr. Vielleicht, dass die Vorsehung ihn deswegen alles wieder verlieren liess, weil der Anblik seines Reichtums einen oder den andern leichtsinnigen jungen Menschen vielleicht hätte bewegen können, seinem Beispiele zu folgen, und auch aufs Geratewohl in die weite Welt zu gehen, um, so wie er, mit gefundenen Schäzen zurück zu kehren. Er für sein Teil beklagte diesen Verlust am wenigsten. Denn da er sich fest vorgenommen hatte, seine künftigen Tage in eben so ununterbrochener Arbeitsamkeit und Mässigkeit hinzubringen, als er auf seiner Insel zu leben gewohnt gewesen war: so kont' er des Goldes füglich entbehren.
Jezt fuhr er in einem von Kuxhaven abgehenden Schiffe nach Hamburg. Da man bis gegen Stade über heraufgesegelt war, erblikt' er die Türme seiner Vaterstadt und musste vor Entzükken weinen. Nur noch vier Stunden so war er da, so lag er schon in den Armen seines teuren geliebten Vaters. Den Tod seiner guten Mutter hatte er schon in Kuxhaven gehört, und seit einigen Tagen auf das schmerzlichste beweint.
Jezt flog das Schiff von hoher Flut und gutem Winde getrieben bei Blankenese vorbei; jezt bei Neuenstädten; nun war er gegen Altona über und jezt in dem Hafen bei Hamburg. Mit lautklopfendem Herzen sprang er aus dem Schiffe, und hätte er sich nicht vor den Zuschauern geschämt, er wurde auf sein Angesicht gefallen sein, den vaterländischen Boden zu küssen. Er eilte durch die ihn angaffende Menge der Zuschauer und ging ins Baumhaus.
Von da schikt' er einen Boten nach seines Vaters Hause, um denselben nach und nach auf seine Erscheinung vorbereiten zu lassen. Erst musste der Abgeschikte ihm melden: es wäre jemand da, der ihm angenehme Nachrichten von seinem Sohne bringen wollte; dann, dass sein Sohn die Rükreise selbst nach Hamburg angetreten hätte; und endlich, dass der Jemand, der ihm diese frohe Nachricht brächte, sein Sohn selbst wäre. Hätte Robinson diese Vorsicht nicht gebraucht: so wurde die zu grosse Freude seinen alten Vater überwältiget und getödtet haben.
Und nun flog Robinson selbst durch die ihm noch sehr wohlbekanten Strassen nach seinem väterlichen Hause; und fiel, da er es erreicht hatte, vor nahmenlosen Entzükken ausser sich, seinem vor Freude zitternden Vater in die Arme. Mein Vater! – mein Sohn! Dies war alles, was beide hervorbringen konten. Stum, zitternd und atemlos blieb einer an dem andern hängen, bis endlich ein wohltätiger Strom von Tränen ihrem gepressten Herzen einige Linderung verschafte.
Freitag gafte unterdess im stummen Erstaunen alle die unzählbaren Wunderdinge an, die seinen Augen sich darboten. Er konnte sich nicht sat sehen, und war den ganzen ersten Tag wie betäubt.
Wie ein Lauffeuer lief indes das Gerücht von Robinsons Zurükkunft und von den seltsamen Schiksalen desselben durch die Stadt. Alle sprachen von nichts, als von Robinson; alle wollten ihn sehen; alle wollten die Geschichte seiner Abenteuer aus seinem eigenen Munde hören! Seines Vaters Haus wurde daher bald einem öffentlichen Versamlungsplaze gleich; und da half nichts, Robinson musste vom Morgen bis an den Abend erzählen. Bei diesen Erzählungen vergass er dann nie, den Vätern und Müttern zuzurufen: Eltern, wenn ihr eure Kinder liebt, so gewöhnt sie ja frühzeitig zu einem frommen, mässigen und arbeitsamen Leben! und waren Kinder dabei: so gab er ihnen allemahl die goldne Regel mit: lieben Kinder seid gehorsam euren Eltern und Vorgesezten; lernt fleissig alles, was ihr zu lernen nur immer Gelegenheit habt; fürchtet Gott, und hütet euch – o hütet euch – vor Müssiggang, aus welchem nichts, als Böses komt!
Robinsons Vater war ein Makler. Er wünschte, dass sein Sohn sich in diesen Geschäften üben möchte, um nach seinem Tode an seine Stelle treten zu können. Aber Robinson, der seit vielen Jahren an das Vergnügen der Handarbeiten gewöhnt war, bat seinen Vater um die Erlaubnis, das Tischler-Handwerk zu lernen; und dieser liess ihm seinen freien Willen. Er begab sich also nebst Freitag bei einem Meister in die Lehre, und ehe noch ein Jahr verging hatten sie ihm alles dergestalt abgelernt, dass sie selbst Meister werden konten.
Beide legten darauf eine gemeinschaftliche Werkstat an; und blieben Lebenslang unzertrenliche Freunde und Gehülfen. Fleiss und Mässigkeit waren ihnen so sehr zur andern Natur geworden, dass es ihnen unmöglich war, auch nur einen halben Tag müssig oder schwelgerisch hinzubringen. Zur Erinnerung an ihr ehemaliges Einsiedler-Leben sezten sie einen Tag in jeder Woche fest, an dem sie ihre vormahlige Lebensart, so gut es gehen wollte, zu erneuern suchten. Eintracht, Nachsicht mit den Fehlern anderer Menschen, Dienstfertigkeit, und Menschenliebe waren ihnen jezt so gewohnte Tugenden geworden, dass sie gar nicht begriffen, wie man ohne dieselben leben konnte. Vornehmlich zeichneten sie sich durch eine reine, ungeheuchelte und tätige Frömmigkeit aus. So oft sie den Nahmen Gottes aussprachen, strahlte Freude und Liebe aus ihren Augen; und ein Schauder überfiel sie, wenn sie diesen heiligen Nahmen je zuweilen mit Leichtsin und Gedankenlosigkeit von andern aussprechen hörten. Auch krönte der Seegen des Himmels alles, was sie vornahmen, sichtbarlich. Sie erlebten in Friede, Gesundheit und nüzlicher Geschäftigkeit ein hohes Alter, und die späteste Nachkommenschaft wird das Andenken zweier Männer ehren, die ihren Mitmenschen ein Beispiel gaben, wie man es machen müsse um hier zufrieden, und einst ewig glücklich zu werden.
Hier schwieg der Vater. Die junge Gesellschaft blieb noch eine Zeitlang nachdenkend sizen, bis endlich bei allen der feurige Gedanke: so will ich es auch machen! zur festen Entschliessung reifte.
    