
        
                              Sophie von La Roche
               Rosaliens Briefe an ihre Freundin Mariane von St**
                            Von der Verfasserin des
                            Fräuleins von Sternheim
                                   Erster Teil
                           Vorbericht des Herausgebers
Diese Briefe, die ich hier besonders Leserinnen gedruckt vorlege, bedürfen
keiner Empfehlung; und wenn sie einer bedürften, wäre ich, wie ich mich sehr
gerne bescheide, der Mann nicht, der ihnen diesen Dienst leisten könnte. Denn
ausserdem, dass ich, in der litterarischen und übrigen feinen Welt gleich
unbekannter Alte kein Gewicht haben möchte, käme ich auch zu spät, da schon
verschiedene dieser Briefe in der Iris gedruckt stehen.
    Also nur ein Paar Worte über diese Ausgabe in Gestalt eines ordentlichen
Büchleins für sich selbst: -
    Der oft unwahre Fürwand, »man hat mich ersucht, drucken zu lassen« ist hier
nicht nur völlig wahr, sondern es wird sogar auch, da die Veranlassung zu diesem
Ersuchen in der Iris zu Tage liegt, nicht einmal unwahrscheinlich sein, dass
verschiedene gute Frauenzimmer, von manchen Orten her, die Verfasserinn ersucht
haben. - Ob ausser mir Alten auch viele junge Mannspersonen? weiss ich nicht;
sollte es aber fast nicht glauben, weil mir es scheint, als müssten viele
darunter es fühlen, dass die Verfasserinn ihnen ihre Puppen zu verderben und zu
verschliessen Willens ist.
    Also hätte die natürliche Neigung der Frau Verfasserinn, ihre junge
Schwestern zu verbinden, schon den Entschluss, »drucken zu lassen,« erzeugen und
rechtfertigen können. Es kam aber noch eine Ursach hinzu. - Ich sagte diese
gerne, weil sie so gut ist, als - - aber, wer würde nicht glauben, dass zwischen
der Verfasserinn und dem Herausgeber eine Verbindung sei? Und, Gottlob! sag'
ich, es ist eine da; aber sie hat keine Lobrednerei zum Zwecke.
    Vielleicht wundert es einige Leser, warum ich Unbekannter die Ausgabe
besorge, und weder ihr Ehegemahl, noch der Herausgeber der Sternheim, noch der
Iris, oder sonst jemand von ihren bekannten würdigen Freunden? Wenn ich noch
jung wäre, könnte die nicht unerlaubte Absicht dabei Statt gefunden haben, mich
bekannt zu machen; so aber, ist die Ursach bloss diese: vorgedachte Männer sind
jeder mit eignen, für das Publikum mehr oder minder nützlichen Unternehmungen
beschäftigt, und ich Müssiggänger, in Vergleichung mit ihnen, konnte die
männlichen Verrichtungen bei Besorgung des Drucks besser abwarten; deswegen bat
ich darum, und erhielt meine Bitte.
    Dass ich (in allem Ernste! ohne Vorbewusst meiner Freundinn,) auf den Titel
gesetzt: »Von der Verfasserinn des Fräuleins von Sternheim,« hoffe ich dei. Ihr
dadurch zu entschuldigen, dass das schon in den letzten Bänden der Iris gesagt
worden ist; denn sonst denke ich über diesen Stempel eben so, wie sie selbst.
    Also blosse Nachricht (denn es soll weder Drohung noch Schmeichelei für Leser
und Leserinnen sein, da mirs vorkommt, als sagte ich dies hiermit im Namen
meiner edlen Freundinn,) füge ich hinzu, dass ich noch Vorrat an Handschrift zur
Fortsetzung besitze, und es nunmehr bei den Leserinnen hauptsächlich steht, wie
bald sie den Verleger, Herrn Richter, zum Druck des folgenden Bandes bereden,
und dadurch die hier ungesagte gute Absicht der Verfasserinn befördern helfen
wollen.
W-r, den 26sten März, 1779.
                                                                            B**.
 
                                  Erster Brief
Lassen Sie mich, meine geliebte, so lang gewünschte Freundin, einige Tränen
über mein Schicksal weinen, das mich von Ihnen entfernt, und alle die süsse
Freuden zerstört, die mir ihre Güte und Ihr Geist wechselsweise schenkten. Was
ist Leben, Glück und Wissen, wenn sie nicht von anteilnehmender Liebe und
Freundschaft mit genossen werden! - Wie lange wartete mein Herz auf diese
irrdische Seligkeit! - Ihr feiner aufgeklärter Geist, Ihre edle, liebreiche
Seele, haben mir solche in vollem Maass gegeben. - Sie erforschten mich, und da
sie sahen, dass mein Herz gut ist, und mein Kopf denken und fassen kann, so waren
Sie zufrieden, ohne zu fodern und zu hoffen, dass ich fehlerlos sein sollte. -
Ihre Gesinnungen waren zärtlich, Ihre Hochachtung aufrichtig, ohne den hohen
Grad Schwärmerei, aus welchem die Unverträglichkeit entspringt. Sie sind das
zweite wahre Geschenk des Himmels, das mir zu Teil wurde; denn nachdem ich ein
Herz voll Gefühl des Edlen und Guten erhalten hatte, so fehlte mir noch ein
anderes, auch dessen Zeugnis ich mich stützen konnte. Ihre moralische Seele war
mein zweites Gewissen, Ihr geübter Geist die Bewährung des meinigen. Ihnen ist
weder die Lebhaftigkeit meines Kopfs, noch die überfliessende Empfindsamkeit
meines Herzens jemals anstössig gewesen. -
    Bei Ihnen, meine Mariane, kann ich mich der süssen Empfindung, jemand
imhöchsten Grad hochzuachten, ohne Sorge überlassen; die Eigenschaften Ihres
Geistes und Herzens versichern mich dass ich durch Sie den Schmerzen niemals
fühlen werde, diese Gesinnungen zurück zu nehmen. Ihre Bekanntschaft, Ihr Umgang
war für meine Seele das; was ein heiterer Himmel, reine Luft und freie Aussicht
in eine fruchtbare Gegend, einem Menschen ist, der lange verbannt war, eine
niedrige Hütte, in einem sumpfigen mit unangebauten Bergen umgebenen Tale, zu
bewohnen. Manchmal sah er einzelne schöne Büsche auf einer Ecke des Gebürgs. Mit
Begierde und Freude stieg er dazu, an dem Geruch ihrer Blumen und ihrer schönen
Gestalt sich zu ergötzen; aber häufige versteckte Dornen verletzten ihn; der
lockere, wenige Sand, in dem der Busch stund, wich unter seinen Füssen; er
wankte und beschädigte sich noch an umliegenden Felsstücken. Traurig kam er in
seine Hütte zurück, und versuchte dann wieder einmal in trockenen Tagen, ein
nah' an dem Felsen liegendes Stück grünen Rasen zu betreten. Der Gedanke, der so
wohltätigen Graspflanze gab ihm Zuversicht. Aber es deckte einen trügerischen
Haufen von Schlamm, und er hatte Mühe, sich vor dem Sinken zu retten.
Niedergeschlagen über die vergeblichen Versuche, blieb er in dem Kämmerchen
seiner Hütte, und überdachte das Glück derer, die auf einer schönen Anhöhe, mit
Weingärten, Wiesen und Feldern umgeben, wohnen, und mit jedem Blick Freude
fühlen. Nachdem aber ein Geschick ihn auch dahin rufte, ist gewiss jeder Atemzug
Dank zu der gütigen Vorsicht. - Wie oft zog mich bei meinen ehmaligen Bekannten
der schöne Schein von Sanftmut und Güte! - wie sehr trogen und verwundeten sie
mich! - Wie grundlos fand ich ein andermal die schönsten Anzeigen von Stärke und
Edelmütigkeit der Seele! - Nun reise ich mit meinem Oheim. Die Pflichten,
welche ihm aufgegeben sind, und die Absichten seines Herumwanderns, führen ihn
in verschiedene Gegenden. In einigen werden wir uns lange aufhalten; da will
ich, während mein Oheim politische Beobachtungen sammlet, auf meiner Seite
suchen jede tätige Tugend zu bemerken, welche ich in dem Laufe meiner Reise
ansichtig werden kann. Darüber will ich Ihnen schreiben, und Sie können, nach
Ihrer Lieblingsgewohnheit, und des Herrn Hume Anweisung zufolge, das Maass meiner
moralischen Kräfte nach dem Grade sympatetischer Bewegung berechnen, welche die
Betrachtung übender Tugend in mir hervorbringen wird; denn Sie pflegten so gern
den Umfang eines öden oder angebauten Kopfs zu bestimmen, je nachdem Sie sein
Vergnügen und Aufmerksamkeit bei den Unterredungen der Vernunft und
Wissenschaften stark oder schwach sahen. In diesem Felde hoffe ich Nutzen für
meinen Geist zu sammlen. Sie werden alles, auch den leisesten Gedanken, zu lesen
bekommen, und mich also auf allen Seiten kennen lernen. - Denn, meins Mariane,
meine Seele ist bei Ihnen, mit Ihnen allein redet sie durch mein Vertrauen, und
in meinen Briefen mit andern redet meine Achtung, meine Höflichkeit, welches
Abgaben und Anforderungen sind, die ich niemand versagen werde. - Aber Sie,
meine Freundinn, Sie allein haben die besten Gesinnungen des Herzens
                                     Ihrer
                                                                        Rosalia.
 
                                 Zweiter Brief
Sie haben Recht, meine Freundinn. Sie haben Recht, wenn Sie mir sagen, dass der
beste Trost, den ich jemals gegen die Schmerzen einer geraubten Freuds, oder
eines misslungenen Wunsches finden könne, in dem Gedanken der Erfüllung meiner
Pflichten liege, und dass eine edle gefühlvolle Seele das Maass dieser Pflichten
in der Gewalt finde, die ihr zum Wohltun gegeben worden. Ich sehe, dass meine
Gesellschaft ein wahres Vergnügen für meinen teuren Oheim ist; und ich werde
davon am meisten in den Stunden überzeugt, wo er sein Tagebuch mit mir
durchlieset. - Er ist so gut, dass ihn mein Beifall freuet. - Meine Sorgfalt für
seine Gesundheit, das kleine Stück Munterkeit und Talente meines Geistes, meine
Liebe für ihn, nennt er die Freude seines Lebens; und wenn er mir dieses sagt,
so liebe ich den Entschluss mit ihm zu reisen, und fühl selbst die Entfernung von
meiner Freundinn Mariane nicht mehr mit so viel Bitterkeit - denn es ist mir
süss, sehr süss, die Freude des Lebens eines rechtschaffenen Mannes zu sein, und
es in meiner Gewalt zu haben, Gaben des Glücks, die ich von meinem zwölften
Jahre an von meinem Oheim genoss, mit Wohltaten des Herzens zu belohnen! -
Dennoch, meine Mariane, fühle ich, dass dieser Trost über die verlohrne Freuden
Ihres Umgangs nicht so wirksam sein würde, wenn ich die Erreichung meiner
Absicht nicht vor mir sähe. - Ich erinnere mich hier, dass Sie einst sagten:
»Nahes Glück rejetzt und treibt zu Ausübung vieles Guten, so wie allein die
gerade neben uns liegende Strafe vom Bösen zurück hält; denn wenn die in der
weiten Zukunft ruhende Freude oder Elend viel Gewalt über uns hätten, so
geschähe mehr Gutes; und weniger Böses.« - Ich wünsche würklich, dass die Idee
von Belohnung bei der Kinderzucht mehr gebraucht werden möchte als die von
Strafe, weil dabei der Geber und die Zusehende zugleich als Zeugen unsers
Wohlverhaltens erscheinen, als solche geliebt werden, und natürlicherweise die
Begierde entsteht, ihnen immer gefällig zu sein. So, wie man im Gegenteil die
Zeugen seiner Fehler und seiner Strafen hasst, und oft aus der Begierde sich in
rächen, die Fehler behält, die dem Vorgesetzten und andern am meisten
Missvergnügen geben. Die Menschen sind gewiss, im Ganzen genommen, viel edler und
besser, als man glaubt. - Ich bin diese angenehme Ueberzeugung dem Nachdenken
schuldig, mit welchem ich bemerkte, dass sich die schönsten jungen Leute so gern
zum Krieg werben liessen, und sich dem Tode dadurch eher weihten, als die Natur
es gefodert hätte. - Und meistens ist es die Versicherung des Lohns der Ehre,
des Vorzugs, des Ruhms, der Tapferkeit, des Anteils an der Verteidigung der
gerechten Sache, die so viele Tausende ihrem sichern Tode entgegen führet. Mein
Herz ist ganz gewiss, dass ein Fürst, der das Maass der Strafen und Unkosten, die
damit verbunden sind, in ein Maass Wohltat und Belohnung für den guten und
arbeitsamen Bewohner seiner Staaten verwandelte, vielleicht in kurzer Zeit
meistens lauter gute Untertanen haben würde. Denn die Bande der Liebe ziehen
die Herzen vester an, als die Ketten der Furcht. Sie hörten mich einst
behaupten, dass die gelinde Todesstrafe, mit welcher in England die
Strassenräuber beleget werden, die gewisse Ursache bei, warum diese Art
Bösewichter eine Gattung Grossmut unter ihre Uebeltaten mische, indem sie
selten morden, und noch seltener einen Reisenden ganz ausplündern, sondern, nach
Berechnung seines Weges, ihm lassen, was er nötig hat. Dahingegen die
schreckliche Strafe des Radbrechens in Frankreich die Summa der Diebstähle und
Mordtaten nicht verminderte. - Aber, meine Mariane, wo komme ich hin! Die
Stärke dieser Betrachtung gibt meinem Briefe einen harten Ton, unter dem nur
Sie die sanfte Stimme einer bewegten Menschenliebe hören werden, welche sagt,
dass, wenn wir das Gepräge der Glückseligkeit nicht auf den Überfluss des
Reichtums und der Wollüste gelegt hätten, so würde man weniger Leidende und
weniger Uebeltäter sehn. -
                                                                        Rosalia.
 
                                 Dritter Brief
Ich schreibe Ihnen, meine Mariane, von einem schönen Dorfe, das auf einer
kleinen Anhöhe liegt, die mir das Glück schafft, aus dem Fenster, wo ich sitze,
eine Reihe der majestätischen Schweitzergebürge zu sehen. Die untergehende Sonne
färbt sie Blau und Rosenrot, mit grossen Stücken Glanzsilber dazwischen. Meine
Seele fühlt mit innigem Vergnügen die Grösse der Allmacht meines Schöpfers. Es
freut mich, mein Dasein aus der nehmlichen Hand erhalten zu haben! und es ist
Ueberzeugung in mir, dass auch ich die Fähigkeit zu grossen und edlen Handlungen
in mir habe. - Ach, warum sind Sie nicht in diesem Augenblicke bei mir! Warum
sieht das geistreiche Auge meiner Mariane diese schöne Gegenstände nicht mit
mir! - Ihre Gegenwart würde meine Freude erhöhen; meine Blicke begegneten den
Ihren; Sie kennten den Wert der Träne, die in meinem zum Himmel erhabenen Auge
schwimmt! - Meine, mit Bewunderung des Schöpfers gefalteten Hände, die ich
einsam an meine Brust drücke, würden Sie, beste Freundinn, und mit Ihnen Ihre
tugendvolle Seele umarmen. Sie teilten das selige Gefühl des Lebens und der
Anbetung unsers Schöpfers mit mir, und, auf Ihre Brust gelehnt, dankte ich ihm
für Sie, für jede Tugend Ihres Herzens, und für die Schönheit Ihres Geistes!
Denn, meine Mariane, ich könnte, ich bekenne es, ich könnte Sie nicht lieben,
wie ich Sie liebe, wenn Sie nicht so viel Geist und Kenntnisse hätten, als Sie
haben. - Aber, meine Freundinn, wenn die Stärke meiner Empfindungen bei dem
nähern Anblick dieser Berge zunimmt: so bin ich begierig, wie ich sie ausdrücken
werde! - Bald, meine Mariane, bald kann ich dieses wissen; denn wir gehen diese
Stunde noch weiter, und mein Oheim sagte mir, da ich die Angst vor dem
Nachtreisen verriet, dass ich ohne Kummer sein könne, weil während der
Erndtezeit das Feld voller Bauersleute wäre, die wegen der Tageshitze des Nachts
durch das Korn schnitten, und man also ganz sicher sein könne. -
                        Aus dem schönen St**. Dorfe W**.
Wie angenehm, meine Mariane, wie sehr angenehm war mir der Schutz meines Lebens
aus der redlichen Hand der Arbeitsamkeit! Ruhig, unbesorgt, setzten wir unsern
Weg fort, weil wir unter der Obhut der Tugend und des Fleisses waren. Mit
dankbarer Liebe und mit Segen sah' ich die Schnitter an, und dachte: so schaffen
übende Tugenden die Menschen wechselsweise zu Schutzgeistern des Glücks und der
Freude ihres Nächsten; so, wie man vom Laster sagen kann, dass es seine
Untergebene durch Verführen und Quälen der Guten zu Satans macht. -
    Wir kamen den andern Tag sehr frühzeitig hieher, wo mein Oheim mit dem
Oberbeamten des Grafen von St**. etwas zu bereden hatte. Wir wurden zur Tafel
geladen, und erhielten die schmeichelhaftesten Höflichkeitsbezeugungen. Es war
mir lieb, dass Nachmittags der Graf mit so vieler Aufmerksamkeit den ernstaften
Geschäftshandlungen beiwohnte, weil ich dadurch das Glück hatte, um seine
Gemahlinn zu sein, die eine liebenswürdige und verdienstvolle Dame ist, von
deren angebauten Geist, Gottesfurcht, angenehmen Umgang und jeder
Geschicklichkeit, die eine Frauenzimmerhand beseelen kann, ich schon lange hatte
reden hören. Ich fand sie edel, natürlich, ohne das geringste Gepränge, weder
auf ihren Stand noch ihre Talents. Die ungemein schöne Ordnung des Hauses zeugt
von ihrer Einsicht in Wirtschaftssachen, und ihre zwei ganz vortreflich
erzogene Söhne beweisen die feine Wahl, die man in den Fähigkeiten ihrer
Lehrmeister gemacht hatte. Es freute mich, diese würdige Frau als eine so
glückliche Mutter zu sehn, indem sie Geist, Talente und Character in ihren
Kindern blühen sieht. Gerne hätte ich ihr meine besondere Verehrung und Liebe
bewiesen, aber die Umstände hinderten mich, sie auszudrücken, und gewiss hätten
sie auch ihre Empfindungen zurück gehalten. Ich wünschte ihr im Grunde meiner
Seele jede Glückseligkeit ihres Ranges und fühle Zufriedenheit, diese meine
wahre Gesinnungen bei Ihnen, meine Mariane, die mich kennt, so ganz ungekünstelt
auszudrücken. Bei Ihnen haben weder Umstände noch Personen die Gewalt, einen
Nebel oder Rauch um mich zu ziehen, die meine wahre Gestalt undenklich machen
würden! - Das Schloss W**. liegt auf einem Halbberg, möchte ich sagen, und gewiss,
nach der Einrichtung der Zimmer, Einteilung des Gartens und der Felder umher,
kann man sagen, dass es einer der schönsten Edelmannssitze in ganz Deutschland
sei. Uebermorgen Abend hoffe ich in einer Schweisserischen Gränzstadt zu
schlafen. Da werde ich Freiheit und Vaterlandsliebe träumen.
                                                                        Rosalia.
 
                                 Vierter Brief
Vorgestern Abend konnte ich nichts als ein kleines Zetteichen an Sie schreiben,
weil die Post und mein Oheim mir die Zeit vorsagten, wo ich fertig sein musste.
Gestern aber machten wir schon verschiedene Bekanntschaften, die meinem Oheim
bei seinen Aufträgen nötig sein werden. Von all diesen Leuten aber habe ich
nichts, als die Gesichter und den Ton der Stimme kennen gelernt, weil, wie Sie
wissen, Anfangs der angekommene Fremdling sich nur zu einer freundschaftlichen
Aufnahme zu empfehlen, und der Einwohner ihm höfliche Anerbietungen zu machen
sucht. Ich kann Ihnen also noch ganz gemächlich die Gedanken und Wünsche
erzählen, die seit den zwei letzten Tagen der Reise in mir liegen. - Ein inniger
Wunsch ist, dass man bei Erziehung der Kinder, besonders aber der Knaben die
Kenntnis der physikalischen Welt niemals verabsäumen möge, weil diese Kenntnis
den Genuss des Lebens verdoppelt, und Spatziergänge und Reisen um so viel
nützlicher für uns und andere macht. Mein Oheim kennt jeden Baum, jedes
Gesträuch; alle angebauete und wild wachsende Pflanzen. Ich, die bishero nur auf
ihre Mannigfaltigkeit in Formen und Farben achtsam und empfindlich war, bis es
nun auch bei den meisten für ihre Nutzbarkeit, die beinah eben so verschieden
ist, als ihre Gestalt. Wenn ich Sie wieder sehn, und an Ihrem Arm längst der
Ufer des schönen Flusses gehen werde, der die Gegend unserer Vaterstadt so
angenehm macht, dann werde ich Ihnen von dem erquickenden Geiste, den man aus
diesem Gewächse, von dem heilenden Balsam, der aus jenem zu ziehen ist, von den
nährenden Tugenden so vieler andern, und dem tausendfachen Nutzen der Gehölze,
Gebürge und Steine, aus ihrem Anblick reden können, und Sie werden den milden
Einfluss bemerken, den das Nachsuchen des Gepräges der Wohltätigkeit, womit Gott
unsere physikalische Welt bezeichnete, auf unsere Seele hat. Denn jemehr Spuren
ich davon erkannte, je inniger wurde meine Verehrung gegen den Vater der Natur
und meine Liebe für meine Mitgeschöpfe. - Die Tage und die Wege verschwanden mir
bei den lehrreichen Unterhaltungen meines unschätzbaren Reisegefährten. Eine
Stadt, ein zerfallenes oder wohlstehendes Schloss gab den Anlass zu Auszägen der
Geschichte von Deutschland, dessen grossen und kleinen Regenten; dem Zerreissen
der alten, und Zusammenheftung der neuen Verfassungen. Aber wie sehr traurig war
mir oft der Anblick von Dorfschaften, in denen entweder die harte Arbeit, welche
der rauhe Boden erfordert, oder das Joch des Kummers und der Armut, womit
kleine Despoten ihre Untertanen drücken, in dem Alter von zwanzig Jahren den
Besitz und Genuss einer schönen Gestalt, der Gesundheit und Freuden der Jugend
zerstören; da welke Wangen die Sorgen des weiblichen, und niedergeschlagene,
unmutige Gesichter das mühselige Leben des männlichen Geschlechts eben so
deutlich zeigten, als ihre baufällige Wohnungen und elende Kleider. - Die
hiesige Stadt ist sehr schön gebauet. Grosse, reinliche Strassen und Häuser.
Unter vermögenden Personen scheint grosse Pracht zu herrschen; auch sollen viele
Künstler hier sein. Wissenschaften des Geistes aber müssen nicht sehr blühen,
weil zwei Buchhändler kurz nach einander Bauquerott gemacht haben, die
Modekrämerinnen hingegen sich sehr bereichern sollen. - Dieses ist der Auszug
von Antworten, die gestern der Hauswirt beim Abendessen auf die Frage meines
Oheims erteilte. - Wir werden etliche Wochen hier bleiben, und ich daher noch
bessern Stoff zu Briefen an meine Mariane bekommen. - Jetzo einen schönen Tag!
in Eil von
                                     Ihrer
                                                                        Rosalia.
 
                                 Fünfter Brief
Mein letztes Schreiben war klein, sagen Sie? - Ich fühlte es auch, meine
Freundinn; aber, ich musste abbrechen, weil ich mit meinem Oheim zu Gast essen
musste. Ich dachte aber nicht, dass der Verdruss, mich von Ihnen loszureissen,
durch einen ganz eigenen Auftritt begleitet sein würde.
    Der Sohn des Hauses, wo wir assen, erzählte bei Tische seiner Schwester, dass
sein schöner Freund St**. diesen Morgen von der alten Frau von B**. einen
vergoldeten Becher zum Geschenk bekommen hätte. - Der Vater fragte nach der
Ursache. - Es war Vorgestern früh, wegen des kleinen Regens, sehr übel die
Berggasse hinunter zu gehen; die alte Frau von B**. wollte von ihrem Neffen nach
Hause, und sorgte, sie möchte fallen, bat daher oben am Berge eine junge Magd,
die im Hinuntergehen begriffen war, sie möchte sie mitnehmen und führen! Das
unbesonnene Ding sagte ihr: alten Weibern gebührte bei schlimmen Wetter zu Hause
zu bleiben u.s.w. Herr St**. sprach mit mir, oben am Eckhause, sah die Träne
der alten Frau, und hörte die schlechten Reden der jungen Dirne, packt diese
beim Arme: »Schweigt,« sagt er, »elendes Ding, und geht eurer Wege,« und reicht
hierauf der Frau von B**. seinen Arm: »Wollen Sie, ehrwürdige Frau, sich auf
meinen Arm stützen? Ich will Sie mit kindlicher Sorgfalt nach Hause führen.«
Meine Alte sieht ihn an, ergreift seine Hand, und sagt gerührt: »Ja, führen Sie
mich, mein schöner Sohn! Gott wird Ihre junge Jahre zu glücklichen Jahren
machen, weil Sie sie so edel gebrauchen.« - Mein St**. bringt sie in ihre
Wohnung, wo sie nach seinem Namen und Aufentalt fragte, und heute früh schickte
sie ihm einen vergoldeten Becher mit der Umschrift: »Zum gesegneten Andenken der
liebreichen Begegnung der blühenden Jugend gegen das welkende Alter. Von
Elisabeta von B**. an Hrn. St**.« - Mit Eifer sagte ich: Ihr Freund hat dieses
Geschenk auf eine edle Art verdient, ich geb' ihm auch meinen Segen. - O,
erwiederte er, bei seiner artigen Braut war er nicht so glücklich, Beifall zu
finden. Sie wissen, sagte er zur Gesellschaft, dass St**. der schönste junge Mann
ist, den man sehen kann, so wie die Frau von B**. die garstigste Alte, die noch
dazu die Kleidung unserer Urälter Mütter trägt, St**. ist hingegen allezeit nach
dem neusten Geschmack und in muntern Farben geputzt. Hierauf stützte das
Fräulein von A**. ihren Spott, und trieb ihre Anmerkungen über die
Verschiedenheit der Gesichter und Kleidung so weit, dass ich nicht weiss, wie es
gehen wird, denn sie hat die entusiastische Seite meines guten St**. verwundet.
    Er kommt doch zu uns in die Gesellschaft, fiel die Schwester ein. - Ich
zweifle sehr! Aber sie kommt gewiss, denn sie will mit Dir über ihn lachen,
besonders da sie gehört hat, dass die junge Magd, die er so wegschleuderte, ein
artiges Gesichtchen wäre. - Gegen Abend kam die Gesellschaft; die Braut auch,
welche eine von den niedlichsten weiblichen Figuren ist, die ich jemals gesehn
habe. Gleich sing sie an, die Beschreibung des Auftritts zu machen; von den
Runzeln und der braunen Gesichtsfarbe der alten Frau zu reden, auch gleich den
Hrn. St**, bei seinem Eintritt ins Zimmer, damit aufzuziehen. -
    So schön als dieser St**. mag Antinoiis gewesen sein, als er sich mit sechs
und zwanzig Jahren der Miene des männlichen Alters näherte. - Er trat mit etwas
ernsten Gesichtszügen gegen die Frau vom Hause, ohne dem Fräulein von A**. eine
Antwort zu geben. Diese fuhr unbesonnen fort: Es fehle ihm nichts, als die
Falten und die Warzen der Frau von B**, so würde er eben so knurrig aussehen,
wie sie! - Aber, ohne seine Braut anzublicken, kam er zu mir, küsste meine Hand,
und sagte mit Bewegung: »Ich danke Ihnen, mit aller Empfindsamkeit meines
Herzens, für den Segen, mit welchem Ihr schöner Mund die Erfüllung einer meiner
Pflichten belohnte.« -
    Denken Sie sich, meine Mariane, mein Erstaunen und die Aufmerksamkeit der
ganzen Gesellschaft, welche mein Oheim zu einer unmässigen Höhe trieb, da er
einfiel: »Gewiss, meine Rosalia hätte über eine schöne Handlung der Nächstenliebe
niemals gespottet. - Ich weiss noch, wie mit vieler Achtsamkeit Du mit dem
hässlichen und unfreundlichen Vater meiner Baase umgiengest!« - O, mein Oheim,
sprach ich ganz verwirrt, alle Welt muss sagen, dass Sie zu viel Güte für mich
haben! - Auch sahen alle meinen Oheim, mich und Herrn St**, an. Dieser hatte
seine Augen auf mich geheftet. - Meine Bestürzung war ihm leid, und er wandte
sich an den nächsten Tisch: »Spielen Sie fort, ich bitte recht sehr! die
Schönheit der Seele ist allezeit mit Bescheidenheit verbunden. - Die
Mademoiselle C**. will nicht mehr umsehn, da sie Sich so bewundert sieht.« - Ich
ging mit der Frau des Hauses in ein Fenster, wo ich mich über ihren Sohn
beklagte, der die Ursache dieser Scene war, da er seinem Freund von meinem ihm
erteilten Lobe gesagt hatte. Es schmerzte mich, dem Herrn St**. zu seiner Rache
Anlass gegeben zu haben. - Gerne wäre ich zu dem Fräulein von A**. gegangen, und
hätte mit ihr gesprochen, aber sie warf Feuerblicke gegen mich und meinen Oheim.
Endlich ging sie weg, ohne vom Herrn St**. etwas anders, als eine tiefe
Verbeugung erhalten zu haben. Nun redte ihm alles zu, sich wieder auszusöhnen!
Ich bat ihn darum als um eine Genugtuung für den Verdruss, den mir die Rachsucht
seiner Eigenliebe dabei verursacht hätte. »O, verdammen Sie mich nicht,« sagte
er, »Ihr Missvergnügen durchbohrt mein Herz, aber, es ist unmöglich, ganz
unmöglich, dass ich meine Verbindung mit dem Fräulein von A** vollziehe. Wir
haben uns betrogen! es ist keine Simpatie unter unsern Seelen!« - Ich eilte
durch ein Nebenzimmer fort; und zu Hause sagte mein Oheim bei der Wiederholung,
dass oft die Umstände den Wert einer Handlung erhöhten oder verminderten. - Wäre
der junge Mann weniger schön, oder hätte er diesen schuldigen Dienst der
Menschenliebe einer schönen Frau angeboten, so hätte man nicht davon geredet. -
Hätte seine Braut nicht gespottet, da ihn andere lobten, so hättest Du keinen
Liebhaber an ihm bekommen; und gewiss hätte die alte Frau einem übel aussehenden
Menschen kein so schönes Geschenk gemacht! - Das schlimmste ist, sagte ich, dass
die Tugenden der Nächstenliebe so selten geworden sind, sonst würde man ihn
nicht so gelobt und beschenkt haben! Aber zum Liebhaber möchte ich keinen jungen
Mann, der alles so arg nähme, und mir sein Herz nur in dem Augenblick seiner
geschmeichelten Eigenliebe anböte.
    Sagen Sie mir was über diesen kleinen Vorfall in der Liebeswelt! Der junge
G**. war heut bei uns und versicherte, dass die ganze Heirat aufgehoben wäre.
St**. gäbe keinen Menschen mehr eine Sylbe Antwort, der vom Fräulein von A**.
redete. -
    Schönheit und Reichtum machen also auch Männer zu Stutzköpfen. Dennoch
bekenne ich Ihnen, dass mir der Unmut des von St**. sehr edel scheint. Denn auf
was für einen andern Grund können wir dauernde Liebe bauen, als auf
übereinstimmende Neigungen?
    Herr St**. unterbrach mein Schreiben. Der Mann ist wunderlich! er will mich
und meinen Oheim überzeugen, dass der gestrige Tag hinreichend gewesen sei, ihm
den ganzen Wert meines Charakters zu zeigen. - Ohne Zweifel denkt er dabei auch
mir seine Verdienste bewiesen zu haben! - O, meine Mariane, wie froh würde ich
sein, von hier abzureisen, aber ich habe noch wenigstens drei Monate hier
auszudauern! -
 
                                 Sechster Brief
Mein Oheim ist Heute sehr zeitig schlafen gegangen, weil er von dem Herumgehen
in der Stadt gar müde geworden. Der Tag war schön, und unsere hiesige Freunde
wollten, dass wir uns mit den Strassen und Gebäuden bekannt machen sollten. - Die
vielen engen Gassen machten mich zu Herrn K**. sagen: dass die erste Anlage der
Stadt von sehr nachbarlichen Leuten müssen gebaut worden sein, weil sie die
Häuser so fetzten, dass sie sich die Hände über die Strasse reichen konnten. -
Vielleicht, sagte er, geschah es auch, um die Gläser, bei einem alten deutschen
Trunk, aus dem Fenster an einander zu stosen! -
    Er führte uns in die Werkstätte von Künstlern, wo ich meinen herzlichen
Anteil an der billigen Freude nahm, mit welcher ich sie, aus edler, gerechter
Selbstzufriedenheit, auf die Geschöpfe ihrer Hand umherblicken sah. - Ich
dachte, schätzbarer Mann, wie viel Vergnügen hat Dein Fleiss um Dich versammelt!
Du genossest es in der Kenntnis Deiner Fähigkeiten, in der Versicherung Deines
Wohlstandes, und der Unterhaltung Deiner Frau und Kinder; die quälende
Langeweile ist nie über Deine Schwelle gekommen, und wenn einst das Alter deine
Hände steif macht, so kannst Du sie noch mit Dank zum Himmel erheben, dass Du sie
den Müssiggang niemals Preis gabst, der Dich zum Laster und Verderben gezogen
hätte! - So oft ich bei der Bude eines Handwerkers vorbei ging, wünschte ich ihm
Seegen und dauernde Kräfte. Kaufmannsgewölbe, die tausend Gegenstände der
Notdurft und des mutwilligen Vergnügens des Ueberflusses in sich fassten, waren
mir angenehm zu sehen. Sie dünkten mich Wasserleitungen zu sein, die den
fruchtbaren Boden der Erfindung und der Arbeit des Handwerkers bewässern; so wie
die unzählbare Notwendigkeiten, die unsere Einbildung sich schuf, die Quellen
davon sind. Also knüpft das Verhängnis den Überfluss an den Mangel, weil das
überlaufende Maass des Reichen der erquickende Anteil des Aermern wird. -
Gewächse und Arbeiten von allen vier Weltteilen, Betrachtungen, die mein Oheim
über den Geist der Handlung machte, gaben mir einen schönen Blick auf die den
ganzen Weltkreis als eine Kette umfassende Tugend der Redlichkeit und Treue, an
welche der Handelstand bevestiget ist. - Es war ein Augenblick sonderbarer
Bewegung in wir, da ich die Menge Zirkel dachte, die man in der physikalischen
Geschichte unserer Erde beschreibt, und nur einen einzigen moralischen Kreis
sah, der im Zusammenhang unsere Menschenwelt durchläuft; denn alle andere
geistige Bande der Erdkinder sind nur in abgerissenen Stücken zu sehen! - Einen
Wunsch fügte ich hinzu: dass, da der Wohlstand der Kaufleute sie verbindet, Treue
und Glauben, als persönliche Eigenschaften, zu besitzen, und die Triebfeder des
Eigennutzes hinreicht, sie in ihre Kinder zu pflanzen und als nötige Tugend
ihres Standes anzusehen; so sollten Gelehrte, in ihren Familien, auch das Glück
haben, die eigne Vorzüge des Geistes und Denkens ihren Kindern einzugraben! -
Meine Feder wiederholte hier den Gang meiner Empfindungen von dem ganzen Tage,
weil ich unter allen, die uns begleiteten, Niemand gestimmt fand, diesen Ton zu
hören, und ich Herrn St**, der sich zu uns gedrungen hatte, keinen einzigen Zug
meines Charakters weiter zeigen will. - Denn warum sollte ich das glimmende
Feuer anfachen, da weder meine Neigungen, noch die Umstände meiner Bestimmung,
sein Verlangen vorteilhaft sind? - Ich wollte mich also heut lieber in seiner
Meinung heruntersetzen, und ihn dadurch beruhigen, als, meiner Eitelkeit zu
Liebe, seine Hochachtung vermehren. - Möchten nur Sie, meine Freundinn, über die
Verwendung dieses Tags, zufrieden sein mit
                                     Ihrer
                                                                        Rosalia.
 
                                Siebenter Brief
Es ist schön, meine Mariane, es ist gewiss sehr schön, wenn man die Gabe hat,
sich Glück zu schaffen, da, wo andre nichts, als die gewöhnliche Lage des
Hausstands sehen. - Gestern machte ich die Bekanntschaft einer Frau, welche
diese Fähigkeit ganz besitzt, und ihre Unterredung mir der jungen Braut, so bei
uns war, schien mir eine Anweisung zu sein, wie man jedes Stück mühsam
angebautes Feld mit einer Reihe ergötzender Blumen einfassen könne. - Die ganze
Ordnung und Stärke der Gedanken kann ich Ihnen nicht wiederholen, nur einen
Auszug, der sich mir stückweis einprägte. -
    Nach den Glückwünschen, die Frau K**. dem artigen Mädchen gemacht, sagte
diese halb ängstlich: »Ach, wenn ich hoffen könnte, in meinem Ehestande so
munter und vergnügt zu sein, wie Sie Madame, es sind!« - Das wird leicht sein,
mein Kind! Sie dürfen sich nur Ihre Verbindung als die Gelegenheit vorstellen,
die Sie haben werden, Ihren Verstand, Ihre Geschicklichkeit und die Güte Ihres
Herzens zu zeigen. - Durch Ihre unausgesetzte zärtliche Achtsamkeit, die Liebe
des Herrn B**. zu erhalten, werden Sie das beste Glück seines Lebens sein. - Das
Maass Wohlergehn, welches gute Hausbediente wünschen, hängt auch nur von Ihnen
ab. - Durch Gefälligkeit, Sanftmut und Munterkeit im Umgang, werden Sie die
Gewalt haben, den Freunden des Herrn B**. Vergnügen zu machen. Den Tag, wo Sie
Mutter werden, müssen Sie nicht denken, dass Ihre Beschwerden und Sorgen sich
häufen, sondern, dass ein Geschöpfe mehr lebt, dessen Glück und Wohlsein aus
Ihrem Herzen fliessen wird. - Ist dieses nicht eine angenehme glänzende Aussicht
für eine junge Schöne? Der Grund des freudigen Tons meiner Seele ist die
häusliche Zufriedenheit meines Gatten; das sorgenfreie Lächeln meiner Kinder;
der frohe Diensteifer meiner Bedienten, und die vergnügte Miene unserer Freunde;
weil ich zum Teil sagen kann, dass es mein Werk ist! - Glauben Sie, meine Liebe,
die Vorsicht hat uns Frauenzimmern ein schönes Gebiet anvertrauet; es kommt nur
darauf an, wie wir es anbauen! - Wenn wir Tugenden und Klugheit ausstreuen: so
wächst uns gewiss Liebe, Hochachtung und Wohlstand auf. Eigensinnig müssen wir
nicht sein, und Rosen ohne Dornen fodern, oder, dass der Stein, an den wir uns
stossen, weich sein solle! Merken Sie sich, mein Schatz, die Züge Ihres Geistes
und Charakters, die Herr B**. bis jetzo an Ihnen belobte, und suchen Sie diese
Eigenschaften vollkommen zu machen, weil dieses die Fesseln sind, die er
freiwillig um sein Herz band, und die ju ihm den Wunsch einer immerwährenden
Vereinigung nach sich zogen. Sein Sie auch sorgfältig auf die Erhaltung Ihrer
Schönheit bedacht: denn die Natur hat den Reizen, die sie uns mitgeteilt, eine
auf die Herzen der Männer ewig würkende Kraft gegeben. Feine Auswahl im Putze
und der äusserste Grad von Reinlichkeit, sind die materiellen Stützen der
häuslichen Liebe. Eine unveränderliche Gleichheit des Gemüts; Ausdruck der
Hochachtung für die Verdienste des Gatten; liebreiches, nicht stockendes
Schweigen, bei Unannehmlichkeiten; der heitre Ton der Zufriedenheit, bei seinem
Anblick; die Ueberzeugung, dass man ihm mit Vergnügen das Glück seines Lebens
danke; dass man jede Pflicht der Gattinn, der Mutter, liebe; der Anbau des
Verstandes, um die nötigen Reize der Abänderung in den Unterredungen einstreuen
zu können: - dieses, meine artige junge Freundinn, sind die tugendhaften
Kunstgriffe, deren ich mich bediente, einen geistvollen, die schöne Welt
kennenden Mann, zwanzig Jahre lang zärtlich, und mit seiner Verbindung vergnügt
zu erhalten. Ohne Mühe erlangen wir nichts. - Der Bauer und Gärtner muss säen und
pflanzen, um von der Erde Brod und Früchte zu ziehen. - Arbeiten des Geistes und
der Hände, sind die Kette, an welche das Wohlsein und Unterhalt gehängt ist. Ihr
Gatte wird für Ihr Glück, Sie müssen für seine Ruhe und sein Vergnügen sorgen;
und nachdem Sie den Segen der Eltern, wegen getreuer Erfüllung der Pflichten
einer guten Tochter, erhalten haben, so muss es Ihr Herz freuen, wenn Sie auch in
Zukunft den Segen und das Lob des Gatten, als liebenswerte Frau erwerben
können. -
    Eine zärtliche Umarmung endigte diesen kurzen reizenden Unterricht, der für
uns alle gut war; denn die zwo Baasen der Mad. G**. waren auch mit da. Das junge
Bräutchen schien halb zu lächeln, halb zu weinen. Wir drei älteren aber hatten,
glaube ich, das Aussehen, zu wünschen, diese schöne Vorschrift bald ausführen zu
können, indem sie uns unfehlbar scheint.
 
                                  Achter Brief
Diesesmal, meine Freundinn, schreibe ich in vollem Zorn an Sie, über Schwätzer,
die mich hinderten, zwei Stunden eher mit Ihnen zu reden! - Artige Sachen hatte
ich gesammlet, und meine besten Ideen dazu gedacht. Mit der Feder in der Hand
sass ich da, meinen Brief anzufangen! aber, da ich weg musste, um die Leute zu
unterhalten, die auf meinen Oheim warteten, so wurde alles zerstört; die
feinsten Gedanken sind verschwunden! Ich bin, wie eine Person, die schöne Blumen
gepflückt hatte, und just begriffen war, ihrer Freundinn ein Bouquet davon zu
binden: jähling kommt ein böser Geist, und wirft einen Haufen Sand, Spreu und
Geniste auf ihr Blumenkörbchen. Nach dem ersten Unmut sucht sie das Zeug
wegzuräumen; aber die meisten Blumen sind zerknickt, haben teils ihre schöne
Form, teils Blätter und alle den frischen Glanz verloren! Ist man da nicht
böse, meine Mariane? Nun ists noch dazu Zeit, zu Tische zu gehen, und da höre
ich gewiss nichts, das mir meine verflogene Gedanken zurück rufte.
                               Nachmittags 4 Uhr.
Da! gewiss ist selten ein Missvergnügen allein! Ich denke aber, das ist eine Folge
der üblen Stimmung des Gemüts, in welche uns das Erste versetzte. - Ich komme
mit meinem halb mürrischen Gesicht ins Speisezimmer, und fand wider mein
Vermuten einen Fremden, der der feinste Beobachter moralischer Charaktere sein
soll. Auf diesem muss der trockne widrige Ausdruck, der auf meiner Stirne sass,
eine schöne Wirkung gemacht haben! - Denn die heitre Miene, die ich bei dem
Anblick meines Oheims bekam, konnte ihn nicht anders denken lassen, als dass ich
diesem zu Lieb die wahre Beschaffenheit meines Gemüts verberge, und es
vielleicht aus eigennützigen Absichten, und nicht aus der feinen zärtlichen
Sorge für sein Vergnügen tue. - Denn was für Ursachen kann ein gesundes
hübsches Mädchen von zwanzig Jahren angeben, die ihr verdrüssliches Aussehen,
beim Eintritt in das gesellschaftliche Zimmer, entschuldigten? zumal, wenn ihre
Glücksumstände durch die Liebe eines Verwandten, wie mein Oheim, so vorteilhaft
sind, muss man sie sorgenfrei achten, und ihre üble Laune einer verkehrten
Gemütsart, oder Ungeduld der Liebe zuschreiben; und beides ist höchst
nachteilig! O, möchte ich, meine Mariane, für mein ganzes Leben, so schnell und
so stark jeden Fehler meiner moralischen und geselligen Pflichten fühlen, wie
jetzt meine geängstigte Eigenliebe dieses, dem Ruhme meines artigen Humors so
schädliche Verhalten empfindet!
    Herr L**. ist mit meinem Oheim und seinem Freund zu Besuch gegangen. - Er
kommt wieder mit Ihnen nach Hause. Ich will Gelegenheit suchen, von meinem
heutigen Gesicht zu reden! Dieser Mann soll nicht übel von mir denken, durchaus
nicht; eher zehn Andre!
                                 Abends 11 Uhr.
Ich bin mit mir ausgesöhnt! und Herr L**. hat mich gegen jede Besorgnis wegen
seiner Gesinnungen gesichert.
    Er hatte bei Tisch, Mittags, sehr wenig geredt, und nur andre reden zu
machen; wobei er mich, wie mich dünkte, mehr als die andern beobachtete. Nach
der Zurückkunft, da mein Oheim auf einige Zeit in sein Zimmer ging, redte mich
Herr L** ganz sanft, aber mit so ganz forschenden durchdringenden Blicken an.
Ich geriet in eine ganz sichtbare Verlegenheit, aus welcher mich nichts, als
Freimütigkeit erlösen konnte. - Ich sagte ihm, die Ursache meines Stottern und
Errötens wäre ein kleiner Kampf zwischen meiner Eigenliebe und der Wahrheit.
Das unfreundliche Wesen, so er an mir müsste bemerkt haben, wäre Ursache daran. -
Ganz fein, ganz schonend fragte er mich: warum ich deswegen besorgt wäre? - Weil
ich die Hochachtung sah, die Sie meinem Oheim, und er Ihnen bewiess, so wäre mirs
leid, dass er ein Verhalten von mir gesehen hätte, welches der glücklichen Nichte
dieses unschätzbaren Mannes nicht anstünde. - Er lächelte beinah etwas satyrisch
hierüber. - Dieses bewog mich, sogleich aus meinem Zimmer den Anfang meines
Briefs an sie zu holen, und ihm solchen ganz im ernsten Schweigen zum Lesen zu
geben. - Er lächelte wieder, aber nicht mehr bitter; seine Augen, dünkt mich,
wurden grösser, glänzender, und gewiss war ein Ausdruck von staunender Achtung
darin, da er mir meinen Brief gab, und für mein Vertrauen dankte. Den
Augenblick ward mir leicht, mit ihm zu reden, ob ich schon fand, dass alle seine
Fragen notwendigerweise charakteristische Antworten nach sich zogen. Er fragte
auch nach der Mariane, an die ich alles schreibe. Er sah meine Seele, da ich von
Ihnen sprach. Und nun endige ich meinen Brief mit einem herzlichen Gott sei
Dank! dass ein edler, scharfsinniger Mann, und die geistvollste tugendhafteste
Person meines Geschlechts, in jedem Augenblicke meines Lebens in meiner Seele
lesen dürfen.
                                                                        Rosalia.
 
                                 Neunter Brief
Seit fünf Tagen habe ich Ihnen nicht geschrieben; bald, meine Mariane, möchte
ich bei lebenden Leibe an eine Seelenwanderung glauben, und denken, dass die
meinige diese Zeit über nicht bei mir war. - O, Gefälligkeit, wie viel Opfer
foderst du! Bald von der Wahrheit unsrer Gedanken, bald von unsern Empfindungen;
trügest du nicht die Farbe der Menschenliebe, so würde ich dich hassen!
    Die Frauenzimmer im Hause, wo wir wohnen, haben mich in den Wirbel ihrer
Bekanntschaften und Ergötzungen gezogen, ohne dass sie eigentlich wissen, was sie
mit mir tun sollen. Das Vermögen meines Oheims, die in Deutschland so seltene
Erscheinung eines reisenden Mädchens von meinem Stande, macht, glaube ich, dass
mich die einen zeigen, und die andern sehen wollen; und ich, meine Mariane, bin
schwach genug, meinem Widerwillen zu Trotz, Einladungen nachzugeben, die mir
fünf ganzer Tage die Freude rauben, mich mit Ihnen zu unterhalten! Vorgestern
dachte ich einen langen Brief an Sie zu schreiben, da kam noch Morgens Herr G**.
von seinem Amte, und brachte seine Frau und Schwester mit, um sie in das Concert
zu führen; da wurde ich gleich dem Frauenzimmer vorgestellt, in Gespräche
verwickelt, und sah mein Zimmer erst beim Schlafengehen. Sie wissen, wie
feierlich ich meinem Oheim, nach meiner Augenkrankheit, versprechen musste, in
meinem Leben des Nachts nicht mehr zu lesen und zu schreiben; ich habe mir auch
ein Gesetz gemacht, dieses seiner Liebe getane Versprechen in keiner
Gelegenheit zu übertreten; also konnte ich mich auch des Nachts nicht schadlos
halten; und Gestern früh kam der muntre Schwarm der drei Töchter des Hauses,
zweier Nachbarinnen, Mad. G**. und ihre Schwägerinn, mit dem Caffee in mein
Zimmer; da wurde vielerlei, und auch von dem Concert gesprochen. Bei dem Artikel
des Putzes hofte ich ihrer los zu werden, und noch einige Minuten zu einem
Briefchen an Sie zu haschen, indem ich sagte, dass ich fürchtete, nicht Zeit
genug zu meinem Aufsatz zu finden: aber, die rauschende Frölichkeit dieser
Personen bemerkte den leisen Wink nicht, womit ich sie um Räumung meines Zimmers
bat; ich musste harren, gefällig sein, und den Wünschen meines Herzens ihre
Befriedigung auf Heute anweisen.
    Mad. G**. hat die heiterste Gemütsart, die ich jemals an einer Person
meines Geschlechts gefunden habe. Verstand und viel Belesenheit. Aber, da
Lustigkeit der Hauptzug ihres Charakters ist; so sind alle Wendungen ihrer Ideen
drollig, und auch die Farben ihrer Beobachtungen bunt. - In dem Concert, wo eine
grosse Menge sehr artiger Personen beiderlei Geschlechts war, bemerkte ich noch
einen sonderbaren Schwung, den sie manchmal ihren Gedanken gibt, indem sie mir
diese Gesellschaft als das Schauspiel eines Wettstreits nennte, den die
Phantasie der Mutter Natur und die Einbildungskraft ihrer Kinder gegen einander
hielten: wo Erstere ihre Weisheit, Stärke und Gewalt, in Verschiedenheit der
Gesichtszüge, Grösse und Kleine der Gestalt, in Mannigfaltigkeit der Physiognomie
und dem Ton der Stimmen bewiese - die Menschen hingegen, in der Abänderung der
Verzierungen, in Wahl der Farben, Form der Kleider und Kopfputz, in künstlicher
Anmut der Geberden und des Bezeigens. - Mit vieler Schalkhaftigkeit behauptete
sie dieses und jenes in dem einen und andern Gesichte zu lesen; sagte darauf, da
sie mich starr angesehen, dass in meinem Kopf Ideen wären, die das Seitenstück zu
ihren moralischen Betrachtungen ausmachten, und dass sie, ohne anders, es im
ganzen wissen wolle! Jemehr ich mich weigerte, je ungestümer foderte sie; und da
ich ein übereinstimmendes Stück zu ihrem Gemählde liefern, und die Ideen von
Vielfältigkeit und Menge beibehalten musste; so sagte ich: mein Nachdenken hätte
sich auf die unendliche Summe des verflossenen und gegenwärtigen Vergnügens
bezogen, das unser aller liebreiche Mutter, durch Fähigkeit, zu erfinden und zu
geniessen, unter ihre oft so undankbare Kinder ausgeteilt habe. So hätte, zum
Beweis, jede Gattung der verschiedenen Kleiderzeuge dem Arbeiter, bei dessen
Endigung, ein Gefühl von Freude, über seine Geschicklichkeit gegeben; die
Person, die sich mit der Schönheit des Zeugs Ansehen gab, auch ihr Anteil
Vergnügen dadurch erhalten; so wäre es der Putzmacherinn, bei Erfindung der
Moden, dem Frauenzimmer, die ihre Reize dadurch erhöhte, dem Tonkünstler bei der
Aufsetzung und Fügung der Stücke gegangen, die wir gehört hätten. - Gewiss, sagte
sie, es gibt viel kleine Freuden in der Welt, über die man, wie über die
Millionen Grashälmchen, hingeht, die den schönen Rasen machen. Tausend Vergnügen
werden von einem Teil unsers Gefühls ohne Nachdenken genossen, und ihr Dasein
erst bemerkt, wenn man, wie bei dem Spatzierengehen, auf einmal, bei Betretung
des steinigten Weges, an das sanfte Gehen auf dem Grasboden denkt.
    Dieser Ton rührte mich; ich hörte ihr staunend zu, und antwortete ihr mit
zärtlicher Achtung. - Sie erwiederte dieses mit einem Drücken meiner Hand, und
sagte: Es freue sie, dass ich ihr Achtung beweise; sie liebte mich auch
besonders, weil ich so viel Geist hätte, alles aufzufassen, und man keinen
Gedanken bei mir verlöhre. - Hiemit scheuchte sie meine pünktliche Zärtlichkeit
ein wenig zurück; aber ich wurde gleich wieder so billig, zu finden, dass wir
alle nichts lieben, als was uns Vergnügen macht, und Frau G**. so freimütig
ist, es zu sagen.
    Gefällt Ihnen diese Frau nicht auch, meine Mariane? Sie macht eine eigene
Farbe im Character aus. - Ich werde einige Tage mit ihr aufs Land gehen, wo ich
mit mehr Freiheit, in ganz reiner Luft, beim Gesang der Lerche, an meine Mariane
denken und schreiben werde.
 
                                 Zehnter Brief
Wie vortreflich ist Ihr vor mir liegendes Schreiben! wie gütig Ihre Freundschaft
für mich! Ich kann auch die ganze weibliche Welt aufbieten, um mir noch eine
Mariane zu weisen! Mit was für einer schmeichelhaften Wendung sagen Sie mir, dass
Sie sehr zufrieden sind, in acht Tagen keinen Brief von mir gesehen zu haben. So
macht es die edle Liebe, die Freude, das Glück des Freundes wird dem eigenen
vorgezogen. Es ist Ihnen lieb, sagen Sie, dass mein Kopf und Herz Beschäftigungen
hatte, die mich hinderten, Ihre Abwesenheit zu fühlen, und meine Arme
auszustrecken, um von allen Wesen allein Sie zu umschlingen; und gerne wollen
Sie meine feurige Zärtlichkeit für Sie in gemässigte Wärme verwandelt sehen, wenn
ich zugleich gerechter und liebreicher gegen andre werde. O, Mariane! gerecht
war ich just in dem Augenblick, da Sie den vorzüglichsten Teil meines Herzens
und meiner Hochachtung erhielten! Fodern Sie mich nicht auf, gerecht zu sein,
denn da muss ich jedem geben, was ihm gebührt, und dann kommt noch viele Nahrung
zu dem Feuer meiner Zärtlichkeit für Sie. - Aber liebreich, meine Mariane,
liebreich und billig will ich sein! - Ich weiss es, nicht jeder Geist kann, wie
der Ihrige, angebauet, nicht jede weibliche Seele so gross, so edel, wie die
Ihrige, sein; aber, alle könnten doch - ich sehe Ihre Hand, die mir den Mund
zuhalten will. - Ich schweige selbst, und gewiss, ich wollte nichts Hartes sagen.
Sie wollen, dass ich durch Taten rede! Ja, meine Freundinn, ich will; und da
meine armen Briefe das einzige Kennzeichen sind, nach welchen Sie meine
Handlungen beurteilen können: so sollen diese beweisen, ob ich so gut werde,
als Sie es wünschen; und gleich will ich mir eine artige, ganz romantische
Begebenheit unsers Concerts zu Nutz machen, um Sie zu überzeugen, dass ich nicht
so unverträglich bin, als der manchmal heftige oder nur eifrige Ton meiner
Gedanken es vermuten lässt.
    Ich muss in meinem Gespräch mit Mademoiselle G**, nachdem sie gesungen hatte,
billig genug gewesen sein, und sie nicht verhindert haben, jede gute Eigenschaft
ihres Verstandes und Herzens zu zeigen, weil Sie sich durch diese Unterredung
eine vorteilhafte Heirat zuzog. Sie hatte Italienisch gesungen. - Ich fragte,
ob sie die Sprache verstünde? munter sagte sie mir: Signora fi. Ich redte gleich
im Italienischen fort, und sie sagte sehr schön, sehr geläufig, alles Gute, was
sie über meine Frage dachte. Wir vermuteten nicht, dass gleich hinter uns ein
Fremder sass, der aus Venedig kam, und alles, was wir redeten, um so eher hörte,
als es meistens von uns Deutschen geschieht, eine fremde Sprache stärker und
lauter auszusprechen, als gewöhnlich die eigene. Ich sah wohl, dass, wie wir
aufstunden, um die zweite Arie hören zu lassen, er ganz dienstfertig die zwei
Stühle rückte, und seine Blicke mit Sehnsucht auf die schöne Blondine G**.
heftete. - Aber nach dieser Arie ging Mademoiselle G** mit mir und ihrer
Schwester auf und ab, und der Fremde verlohr sich. - Nach Endigung des Concerts,
wie wir aus dem Gastofe, wo es gehalten war, weggingen, stund er unter der
Türe, war sehr höflich, und sah uns nach. Das Haus des Herrn F**, wo wir alle
wohnen, ist nur sechszig Schritte davon; und den andern Tag, als ich Ihnen
meinen ersten Concertbrief geschrieben, liess sich Herr S**, Kaufmann aus
Venedig, bei mir melden. - Ich stutzte und sagte, es müsse eine Irrung sein; ich
hätte die Ehre nicht, Jemand dasigen Orts zu kennen. Er bat aber so sehr, mich
einen Augenblick zu sprechen, dass ich ihn auf mein Zimmer kommen liess. Ich
erkannte sein Gesicht, und war gleich wegen unsers Welschen Geschwätz besorgt.
    Er entschuldigte seine Zudringlichkeit sehr artig und sagte: Er nennte sich
S**, wäre ein Sohn des reichen Banquiers dieses Namens, und in der Absicht
hierher gekommen, eine artige deutsche Frau zu holen. Er wäre eine Stunde vor
dem Concert angelangt, und hätte es gleich mit Begierde angehört, wo er so
glücklich gewesen wäre, nicht nur die schönste Stimme zu hören, sondern auch
durch den Zufall einer Unterredung nahe gewesen zu sein, in welcher das junge
artige Frauenzimmer, so bei mir gesessen, den allervortreflichsten Charakter
gezeigt, und sein Herz auf alle Weise eingenommen hätte. Er wünschte und dächte,
dass eine solche geistvolle Freundinn, wie ich, wissen könne, ob das Herz der
liebenswürdigen Schönen noch frei wäre, und er also sich um ihre Gunst bewerben
könnte. Er würde mir ewig für diese Güte verbunden sein. - Nun kam ich völlig zu
mir; denn anfangs dachte ich, er wollte mir Anträge machen! - Ich versprach,
nach der Mademoiselle G** Freiheit zu fragen. - In dem Augenblick kam mein
Oheim, sah mich bei einem Fremden allein, der mir die Hand küsste. Sein ernstes
Gesicht machte, dass ich ihm gleich die Historie erzählte; da nahm er alles auf
sich. Der Fremde speiste mit uns, redte Mademoiselle G** Italienisch an, blieb
den ganzen Nachmittag bei uns, und hatte das Glück, sich ihr gefällig zu machen.
Abends sprach er mit Herrn und Madame G**. Nach dem Souper war das Versprechen,
und in vierzehn Tagen führte er sie weg, nachdem er einer noch jüngern Schwester
das ganze Vermögen seiner Braut geschenkt, und dieser nur die nötigen
Reisekleider zu behalten erlaubte. - Ist dies nicht ein artiger Roman? und
sollten nicht junge Frauenzimmer recht sorgfältig sein, lauter gute Sachen zu
reden, auch wenn sie ganz allein zu sein denken? Adieu! ich gehe nach R**.
 
                                 Eilfter Brief
      Von dem Schloss R**, wo Herr G** als Oberbeamter seine Wohnung hat.
Wir sind vor sechs Tagen hieher gekommen, um die Hochzeit der Mademoiselle G**
zu feiern. Wenn alles, was der Zufall bei dieser Heirat versammlete,
Vorbedeutungen von dem Schicksal der nunmehrigen Madame S** sind: so kann sie
auf glückliche Tage rechnen. Ihre Geschicklichkeit in der Musik, ihre
vernünftige Unterredung mit mir, erwarb ihr die Neigung ihres Mannes. Das
Zeugnis, welches ihre Freunde von der Tugend und Güte ihres Herzens gaben,
befestigte seine Liebe. - Mein edler, vortreflicher Oheim war ihr Freiwerber. -
Einer der würdigsten Geistlichen segnete ihre Ehe ein, und während der Trauung
sah ich so viel redliche Hände der Landleute für ihr Wohlergehen zum Himmel
erhaben, dass mein Herz Wünsche tat, dereinst meine Gelübde für neue Tugenden
und für das Glück meines Freundes, auch unter der Fürbitte des Wohlwollens und
der Gottesfurcht so vieler Menschen, abzulegen. Denn, ob mich schon die Tränen,
die ich von den Wangen einiger Frauen fliessen sah, auf einen, sie drückenden
Hauskummer denken liess: so war doch gewiss, dass sie in diesem Augenblick der
Braut wünschten, dass sie glücklicher sein möge.
    Ich sagte der Neuvermählten, bei unserer Zurückkunft ins Haus, alle diese
Anmerkungen, die auch einen angenehmen Eindruck auf sie zu machen schienen. Aber
der tolle, unbesonnene Schmerz, der darauf entstund, verdrang das feine Bild
moralischen Glücks, der häuslichen Liebe, so ich ihr vorgezeichnet hatte. - Es
ist wahr, dieser Scherz machte auch die vorher weinende Frauen lachen; aber ich
sagte doch in meiner Seele: Nein! so soll der feierlichste Tag meines Lebens
nicht entweihet werden! Der Tag, an welchem ich alle übrigen zu neuen Pflichten,
nach den ewigen Gesetzen der Natur heilige, heiter und munter soll er vorbei
gehen: aber, mit Kot soll man mein Brautkleid nicht bewerfen! - Diese jähe und
so ganz rauhe Abänderung des Tons der Gesinnungen, da man von dem Gebet um
Segen, zu den elendesten Ideen überging, machte mich bei Tisch denken, dass wir
unsern Geist eben so widersprechend behandeln, wie unsern Körper, dem wir eine
Tracht heisser Speisen, und dann gleich in Eis gekühltes Getränke geben. Die
Macht der Gewohnheit allein ist Ursache, dass wir dieses widersinnige Verhalten
nicht anstössiger finden. Aber sollten nicht in dem ungleichen Gange unserer
moralischen und physicalischen Wirtschaft einige Ursachen liegen, dass wir in
unsern Charaktern nicht mehr so oft das Ganze und Grosse, und in unserer
Gesundheit nicht mehr das Starke und Dauerhafte der alten Zeiten haben? - Sie
können sehen, meine Mariane, dass ich an den Tischgesprächen nicht vielen Anteil
nahm, weil ich diese Betrachtungen bei mir machte. Aber der Bräutigam war so
feindenkend, dass er unvermerkt eine andre Wendung in die Unterhaltung brachte,
indem er von den Gebräuchen sprach, die in Venedig, teils bei vornehmen und
teils bei der gemeinen Hochzeitfeier, gewöhnlich wären. Hier konnte ich wieder
mit reden, und auch gerne zuhören, denn jeder der anwesenden Männer wusste, von
seinen Reisen her, etwas Eigenes zu sagen. - Endlich kam Musik, und man fing an
zu tanzen; welchem Vergnügen ich mich, nach aller Munterkeit meiner Jahre,
überliess. Bei dem zweiten polnischen Tanze aber, da ich ruhen wollte, und
unvorsichtiger Weise zu nah' an einem Officier vorbei ging, der ein sehr guter,
aber rascher Tänzer ist, bekam ich einen so heftigen Schlag von dem Absatz
seines aufgehabenen Fusses an den Seitenknochen des meinigen, dass ich nicht nur
nicht mehr tanzen, sondern auch nicht gehen konnte, und in mein Zimmer musste, um
einige Mittel gegen die Schmerzen zu brauchen; worüber ich dann nachmals sehr
froh war, weil ich dadurch von der Ceremonie des Strumpfbandraubes befreit
wurde. Ich konnte mich auch den andern Tag, da er mir viele Entschuldigungen
wegen dieser Beleidigung machte, nicht entalten, zu sagen, dass ich ihm mehr
Dank wüsste, als er glaube; weil ich, ohne dieses Uebel an meinem Fusse, gewiss
noch einen Schlag an den Kopf bekommen hätte, der mir viel unangenehmer gewesen
wäre! Er konnte mich nicht begreifen, und sah mit einer Miene um sich; als
wollte er andre um die Erklärung fragen. Aber, Abends, da ich mich weigerte, das
Pfandspiel mitzumachen, sagte er mir: Nun sehe ich, warum Sie mir so gerne
vergaben, dass ich Ihren Fuss verletzte. - Ich konnte, meine teure Mariane, ich
konnte nicht mitspielen! meine ganze Seele empörte sich, bei dem Gedanken von
dieser oder jener Aufgabe, zur Lösung eines Pfandes, und ich ging, sobald die
Rede davon war, in mein Zimmer, wo ich unter dem Fürwande einer Ueblichkeit
bleiben wollte, weil ich wohl einsah, dass meine Weigerung als ein Eigensinn
angesehen sein würde, der alles andre Frauenzimmer beleidigte. Mein teurer
Oheim kam zu mir, weil er in Wahrheit glaubte, dass ich nicht wohl wäre. Diesem
sagte ich die wahre Ursache meiner Entfernung aus der Gesellschaft, und
beschwerte ihn, sein Ansehen nicht gegen mich zu gebrauchen; dass ich ganz gerne
in das Dorf gehen, und den Bauersleuten helfen wolle ihr Heu nach Hause bringen;
dass ich im Garten, oder in andern Arbeiten den Mägden der Frau G** an die Hand
gehen wolle, wie sie immer befehlen würde, nur nicht Pfand spielen! - »Aber
Rosalia, Du bist ein Sonderling! die übrige Alle werden es übel nehmen.« Wenn
nur Sie, mein Oheim, mir vergeben, und ich ein klein Fieber bekomme, so bin ich
zufrieden. - »Wunderliches Mädchen! lieber ein Fieber, als einen Spass!« Fragen
Sie den Freund, den Sie mir gaben, ob er böse über mich ist, dass ich dieses
wünsche? - »O, nun sehe ich Deine ganze Grille. Du willst nicht deutsch tanzen,
damit Dich niemand in seine Arme kriege. Du willst nicht um Pfänder spielen,
weil Du fürchtest, es möchte bei dem Auslösen ein Paar Mäulchen kosten. Denkst
Du denn, dass er eben so sorgsam ist?« Ich denke und erwarte nichts, mein Oheim,
als, dass meine Gesinnungen nicht mögen zu einem Opfer gefodert werden. - Ich war
bestimmt, eine eigene Schattirung von Charakter zu haben! Lassen Sie mirs, ich
will doch gut sein! - Er drückte meine Hand und sagte: Aber, Mädchen, sieh zu!
Du wirst eine verworfene Farbe werden. -
 
                                 Zwölfter Brief
O, der schöne ländliche Auftritt, voll wahrer Liebe, den ich Ihnen beschreiben
will, so wie er nach seinem ersten Eindruck in meiner Seele ist!
    Heute kam ein verwittweter Becker aus dem benachbarten Orte zu Herrn G**,
und bat, ihm bei der Oberherrschaft die Erlaubnis auszuwürken, dass er die Wittwe
eines Weinschenken von R** heiraten dürfte. - Herr G** sagt' ihm, es würde
nicht sein können; es wären schon mehrere Weinschenken und Becker da. Er hätte
Befehl, eine gewisse Zahl zu halten, und würde deswegen die Schenke dieser
Wittwe aufheben, da sie ohnehin verschuldet wäre. Hier traten dem guten Becker
die Tränen in die Augen. Er flehte den Herrn Oberpfleger noch inständiger an. -
Just wegen den Schulden möcht' ich sie haben, sagt' er. Hören Sie mich an! Ich
war vor vier und zwanzig Jahren Beckerknecht bei der Wittwe ihren Vater; da war
sie das schönste und bravste Mädchen, durch alle Örter ringsum. Ich hätte gern
mein Leben für sie gelassen, so lieb war sie mir; aber ich war zu arm, und ihr
Vater hatte viele Kinder, da konnten wir nicht ans Heiraten denken, und ich
musste leiden, dass sie der Weinschenk kriegte! Da war mirs ohnmöglich, in R** zu
bleiben, und weit weg konnt' ich auch nicht. Ich verdingte mich bei einem Becker
in B**; da kam ich alle Sonntag und Feiertag in die Schenke, wo mein Bärbela
war, und liess mir einen Schoppen Wein geben. Aber oft zahlte ich den Wein, ohne
ihn zu trinken, wenn ich hörte, dass ihr Mann sie anschnurrte. Wenn sie ein Kind
stillte, oder wenn sie freundlich mit mir war, das war ein! Das Herz und Hals
war mir zugezogen; ich konnte nicht bleiben; und war doch alle Feiertag wieder
da. So wars, bis mein Meister starb; da nahm die Wittwe mich. Wir lebten gut mit
einander. Ich ging nicht mehr so oft in Bärbeles Haus, obschon ihr Mann
gestorben war; aber vergessen tat ich sie nicht. Und wie ich Wittwer war und
alles von meiner Frau erbte, da freute michs, dass ich keine Kinder hatte, weil
ich gleich dachte, die Weinschenkin zu nehmen, und ihr aus Schulden zu helfen. -
Lieber Herr Oberpfleger! tun Sie mir doch die Freud verschaffen, dass ich die
Frau krieg! »Ey, sie ist ja nicht mehr hübsch!« Das däucht Sie so! Sie gefällt
mir als noch, und ich möcht ihr so gern ihre alte Tag ruhig machen! Sie hat sich
so viel mit ihren Kindern und ihrem Mann geplagt! Wenn ich sie nur acht Tag'
hab', da vermach' ich ihr alles, und sie ist doch mein gewest! - Herr G**. wurde
bewegt; der Becker merkt' es, und streckte seine Arme nach ihm, mit der
wiederholten Bitte, ihm zu dem letzten Glück zu helfen; er wolle gewiss ein guter
Untertan sein, und Gott und Herrn G** für seine Frau danken. Er freue sich
schon so viele Wochen darauf, seit er Wittwer wäre; wenn es nichts würde, so
kränke es ihn todt. - Herr G** gab ihm die Hand, und versicherte ihm seiner
Fürsprache. Das erleichterte mir und Madame G** das Herz; denn wir hatten im
Nebenzimmer alles gehört, und wären gerne gekommen, für den Mann zu bitten, aber
wir durften nicht. Bei der Zurückkunft ins Zimmer sagte Herr G** zu mir: Nun
haben Sie einen Bauern-Roman gehört! Das war dauerhafte Liebe! Er soll sie
haben! - O, ich danke Ihnen dafür, sagte ich, ganz bewegt; und Frau G** fuhr
fort: Was für Gepränge würde ein Mann von Stande machen, wenn er solche
zärtliche Gesinnungen für seine erste Geliebte behalten hätte!
    Mich, Mariane, freute seine Begierde, ihr Gutes zu tun, ihre Schulden zu
bezahlen und ihre alten Tage ruhig zu machen! - War nicht der ganze Gang seiner
Leidenschaft schön? voll redlicher Zärtlichkeit, ob er sie schon nicht nach
unsrer künstlichen Sprache ausdrückte? -
    Herr G** sagte, dies wäre der zweite sonderbare Charakter, den er unter den
hiesigen Landeinwohnern gefunden hätte, indem vor zwei Jahren, da ein jung
verheirateter Bauer, wegen eines grossen Vergehens, auf vier Jahre zum Schanzen
verurteilt worden, sein noch ziemlich gerüsteter Vater gekommen wäre, und sich
angeboten, die Strafe für seinen Sohn zu tragen, und zur Ursach anführte: Er
hätte noch Kräfte genug, vier Jahre zu arbeiten, so dass die Herrschaft nichts
verlöhre; stürbe er dann, so wäre alles vorbei, wo hingegen sein Sohn, ein
junger starker Mann, seine Schande lange Jahre mit sich tragen, und auch seine
arme Kinder darunter leiden würden. Nun könnte er sich bessern, und die vier
Jahre über seine Güter wohl bauen und noch lange ein braver Mann sein, damit
wäre den Kindern und der Herrschaft mehr gedient, als mit ihm alten Mann, den
das Unglück seines Sohnes zur Erde drücken würde! - Herr G** stellte ihm vor: er
könne den Unschuldigen nicht anstatt des Schuldigen strafen. Der alte Mann
sagte: Vater und Sohn wär' einerlei. - »Euer Sohn würde das für Euch nicht
tun.« »Darum ist er auch mein Sohn, und nicht alt genug, alles recht
einzusehen.« - Herr G** gab einen Bericht an die Regierung über diese Sache, und
der junge Bauer wurde wegen seines treuen Vaters begnadigt. - Mit gerührtem
Herzen dankte ich Herrn G** für diese Erzählung, und pries ihn glücklich, diese
Herzen bei seinen Untergebenen zu haben, und setzte hinzu, nun wäre mir Herrn
Grays schöne Elegie auf einem Landkirchhof noch werter, als sonst! Er kannte
sie nicht; aber, da ich sie immer in meinem Taschenbuch habe, so gab ich sie ihm
zu lesen. Sie gefiel ihm, und er ging hin, sie abzuschreiben, wie ich in mein
Zimmer, um Ihnen diese zwei Anekdoten mitzuteilen. Sehen Sie sie als moralische
Gemählde an, die ich auf meiner Reise zeichne, wie ein wandernder
Landschaftmahler in seine Schreibtafel eine Gegend zeichnet, die seine Kenntnis
rührt, und mit Dankbarkeit die Bäume bemerkt, unter deren Schatten sein Aug'
desto freier umher sehen konnte; noch weniger den kleinen einsamen Bauerhof
vergisst, dessen Strohdach den Landmann deckt, der mit fleissiger Hand die Fluren
umher anbaute, die so schön blühende Bäume zog, und das Bächelchen durch die
Wiese leitete, welche zusammen dem Schönheit fühlenden Auge des geistreichen
Mahlers so viel Reize zeigte. Er denkt: Ich will dich mahlen, kleine Hütte, die
dem Manne zur Obhut dient, dessen Rechtschaffenheit ich auf seinen Feldern und
Wiesen sehe! Ihr fruchtbaren Bäume, die ihr, von ihm gepflanzt, unter seiner
emsigen Aufsicht in die Höhe wuchset, ihr sollt mein Gemählde, so wie diese
Gegend verschönern! Vielleicht bleibt der getreue Abriss von dir, holde ländliche
Aussicht! wenn einst die Verheerung eines unseligen Krieges dich, Hütte,
verbrannt, deine Bewohner verjagt, und die blühenden Bäume abgehauen hat! - Er
schliesst seine Schreibtafel, blickt noch mit einem segnenden Aug' auf das kleine
Bauergut, und sagt: Wie viel bist du glücklicher, armer Mann, als manche
Reiche, die ich kenne! Ein jeder Blick, den du auf den Krais deines Lebens
tust, zeigt dir aufwachsendes Gutes, so deine Hand säete und pflanzte; du
kannst allezeit bei dem Untergang der Sonne, mit Zuversicht, um Segen für die
Arbeit deines Tagwerks bitten, welches nicht alle Grosse, nicht alle Mächtige
tun können, wenn der Schlaf ihre Augen schliesst. -
    Ich habe zwei moralische Scenen aus der Bauerwelt aufgezeichnet, deren
Andenken der Zufall erhalten kann, wenn auch die verdorbene Sitten der
Nachkommen die schöne Triebfedern dieser Auftritte auf lange Zeit zerstören
sollten. -
                                                                        Rosalia.
 
                               Dreizehnter Brief
Ich bin noch immer auf dem Lande, bei Herrn G**. Weil mein Oheim eine Reise von
drei Wochen mit Hrn H** macht, so habe ich ihn gebeten, mich hier zu lassen, und
dadurch Frau G** sehr erfreut, indem sie sich noch nicht in die Abwesenheit
ihrer Schwester finden kann. Der Herr Pfarrer M** K**, einer der würdigsten
Männer seines Standes, leistet uns oft Gesellschaft, und sein Umgang bereichert
meine Seele. Durch ihn werde ich auch eine ganz besondere Person unsers
Geschlechts kennen lernen. Frau G** hatte gestern Nachmittag zu schreiben, und
ich bat Herrn M** K**, mit mir auf den alten Turm des Schlosses zu steigen und
mir die Ortschaften umher zu weisen. - Die Lage eines Weilers von ohngefähr
sechs Bauerhäusern, und am Ende eines Fichten-Wäldchen, dünkte mich besonders
schön, und er sagte mir, dass die Höfe zu seiner Pfarre gehörten, und dass ich
Recht hätte, diesen Wohnplatz schön zu nennen, indem der kleine Bezirk Erdreich
dieses Ortes jede Anmut und Wohltat der Natur in sich fasste. Bei vier Jahren
aber genössen die sechs Familien, so da wohnten, einen Schatz moralischen Gutes,
der alles überträfe. - Ich sah ihn da mit der Miene an, die man hat, wenn man
über Etwas staunt und begierig ist, das Wunderbare ganz zu wissen. Er hiess mich
das Fernglas nehmen, und am Ende des Fichtenwäldchens nach dem Bauerhause
umsehen, das ich bis an den Gipfel mit Epich bewachsen sah, der an den Fenstern
nett ausgeschnitten war, und mit dem hellroten Ziegeldach einen artigen Abstich
machte. - Dies, sagte Herr M** K**, ist das Wohnhaus einer der edelsten und
seltensten Personen ihres Geschlechts, welcher die Vorsicht jedes Glück dieser
Erde gab: aber, zu der Zärtlichkeit ihres Herzens einen so hohen Grad feiner
Empfindung legte, dass das Gegengewicht ihrer Leiden all ihre Freuden und
Vergnügen übertrift. Eine reizende Gestalt, jede Schönheit des Geistes, die ein
gewisser Grad Kenntnisse einem Frauenzimmer geben kann; eine grosse Seele, voll
jeder Tugend; Clavir-Spiel, Singen, Pastell-Malerei, und bei diesem noch freie
Gebieterinn über ein grosses Vermögen. Aber, zum Unglück heftete sie ihre Liebe
auf einen Mann, der ihre Empfindsamkeit nicht genug schonte, und ihr auch das
Opfer einiger niedrigen Neigungen nicht machen wollte, während sie jähe und
heftige Ausbrüche des Zorns an ihm ertrug; auch in vielen Stücken ihre
Empfindlichkeit unterdrückte, und mit dem Übermass ihrer Liebe vieles, was sie
schmerzte, übersah; aber, da er anfing, mit einer Art Fühllosigkeit ihres
jeweiligen Kummers zu spotten, und auch gegen andre von ihrer zu weit
getriebenen Feinheit in geringschätzigen Ausdrücken zu reden: so verlohr sie den
Glauben an das Glück der Liebe. Sie konnte den Gegenstand ihrer Zärtlichkeit
nicht mehr als einen edelmütigen Mann ansehen, nicht mehr hochachten. Ihre
misshandelte Zärtlichkeit, der Verlust der Hoffnung, dass sie durch ihre
Gesinnungen das Glück ihres Geliebten sein würde, stürzte sie in eine Art von
Schwermut, die gleich in den ersten Monaten den Grund ihres Lebens angriff. Die
Gewalt, welche elende Katzenstreiche von kleinen Coquetten über das Herz des
Mannes hatten, den sie so innig liebte, rauhe, unedle Begegnung, die sie von ihm
erduldete, haben in der Stadt ihre Grube angefangen. Eine, ihr Herz zerreissende
Zärtlichkeit führt sie dahin. Unschuld, Einfalt und Stille des Landlebens, haben
sie bis jetzo erhalten: aber sie lebt nicht mehr, sie schmachtet nur!
    Ich war äusserst aufmerksam und gerührt, denn ich hörte in alle dem den
Gleichlaut des Tons meiner Art zu lieben. Dennoch sagte ich: Ach, warum konnte
ihr edler Geist diese traurige Liebe nicht überwinden? - O, tadeln Sie sie
nicht, sagte der würdige Mann, und fassen Sie das Ganze ihres Charakters
zusammen. Ohne den hohen Grad feiner Empfindung würde ihre Seele nicht so edel,
nicht so moralisch sein, als sie ist. Ohne die Gabe des anhaltenden Fleisses und
Festigkeit im Vorsatz, hätte sie die Stufe der Kenntnisse und Künste nicht
erreichen können, die sie hat. Aber, eben die Triebfedern, welche diese
Wirkungen in ihrem Verstande und Herzen hervorbrachten, mussten natürlicher Weise
den Leidenschaften ihrer Seele die nehmliche Eigenschaften mitteilen. -
Lächelnd setzte er hinzu: War nicht der eifrige Widerstand, den Rosalia v. L**
gegen das Pfandspiel machte, auch ein Stück fester moralischer und Liebe
Feinheit? - Ich fiel ein: O, Herr M** K**, was holen Sie da für einen Beweis? -
Denn, dass wir bei ernstaften Anlässen nicht das Einzelne, sondern das Ganze,
beurteilen müssen. - Vergeben Sie mir diese Anmerkung, und lassen mich
fortfahren, setzte er hinzu. - Meine Miene bezeugte ihm meine Aufmerksamkeit. -
Ich beobachte, seit beinah vier Jahren, den Gang des Charakters der Fräulein v.
Effen, und finde nichts stückweis, als ihr Glück. Sie bezog, ganz finster, ganz
in sich gehüllt, zwei Stübchen auf einem dieser Höfe. Die süsse Ruhe der Natur
besänftigte ihren Gram, und gab ihr den Entschluss, auf immer da zu bleiben. Sie
baute sich ein ländliches Haus neben einem Bauer, den sie zu ihren
Landwirtschafter behielt, und fing eine Schule für die Kinder des Weilers an,
wodurch ich mit ihr bekannt wurde. Ideen von Verzierung, die sie mit aus der
Stadt brachte, und ihre Freigebigkeit, sind Ursache, dass diese Höfe, obwohl
nichts kostbares, nichts anders, als andre Bauernhäuser, dennoch etwas
ausserordentlich Reizendes bei dem Simplen haben. Die Zufriedenheit, der
Wohlstand, die Reinlichkeit, die nette Kleidung der Einwohner, die Reihen Bäume
an den Häusern, die grüne Lauben und Rosenbüsche in jedem Garten, alles das ist
ihr Werk; denn bei dem tiefen Widerwillen, den sie gegen alles, was Stadt- und
grosse Weltmenschen angeht, hat, liegt ein ausgebreitetes Wohlwollen in ihr. Ich
bin ihr Almosenpfleger gegen die in der Stadt wohnende Gegenstände ihres
Mitleidens. Sie hat aber in den vier Jahren Niemand zu sich gelassen, als ihre
Landfreunde, wie sie ihre Bauern und mich nennt; doch, denke ich, soll Rosalia
L** eine Ausnahme finden, denn sie war von dem Sonderbaren, so ich von Ihrem
Bezeigen bei dem Pfandspiele erzählte, ganz eingenommen, und der Gedanke, dass
Sie Freunde sind, und bald wieder abreisen, hat sie zu meinem Vorschlag, Sie
einmal zu den Schulkindern zu führen, ziemlich geneigt gemacht. Sagen Sie mir,
ob Sie zufrieden wären, diese seltene Seele selbst zu sehen? - Gewiss, wertester
Herr M** K**, würde ich den Tag segnen, an dem ich eine Person sehen werde, die
ihre Kummertage zu Tagen des Wohlergehens für andre macht. -
    Ich fühle, o meine Mariane, ich fühle tausend simpatetische Bande, die mich
an Henriette v. Effen ziehen. In zwei Tagen will mich Herr M** K** hinführen.
Ich bin diesen Nachmittag schon zweimal auf dem Turm gewesen und habe nach
ihrem Hause gesehen. Die Farbe der Fichten dünkt mich melancholischer und die
ganze Gegend sanfter, als sie mir vor dieser Nachricht schienen; und, meine
Freundinn, Erinnerungen, Nachdenken und Vergleichungen, machen, dass ich diesen
Brief mit tränenden Augen schliesse.
                                                                        Rosalia.
 
                               Vierzehnter Brief
Ich komme von dem Fräulein von Effen. Noch ganz bewegt und mit tränendem Auge
schreibe ich Ihnen, meine Mariane; aber, möge ich ja niemals den Mann sehen, der
dieses Herz brechen konnte! - Doch, Sie werden lieber meine Erzählung, als meine
Betrachtungen lesen wollen! -
    Der Herr Pfarrer M** K** holte mich um halb acht Uhr ab. Ich war in Leinen,
aber ganz nett angezogen. Während des Wegs wollte ich von Herrn M** K**
unterrichtet sein, welches die beste Art des Bezeigens bei dem Fräulein von
Effen sein würde? Er sagte mir aber, ich möchte nur meine Empfindung reden
lassen! Es wäre bei diesem Frauenzimmer nicht, wie in der grossen Welt, wo die
aufrichtigste Hochachtung und die besten Gesinnungen des Herzens nicht allezeit
geschätzt und beliebt sein, weil da Menschen und Bekanntschaften so häufig
abwechselten, sich verdrüngen und auslöschten, wie die Wellen einer unruhigen
See. - Je näher ich dem Hause kam, je stiller wurde ich, besonders, da wir einen
Fussweg zwischen zween Gartenhecken gehen mussten, der sehr lang und nur für eine
Person breit war. Das Fräulein hatte ihn auf beiden Seiten mit kleinen Gräben
zum Ablauf des Wassers versehen, und in der Mitte pflastern lassen. Am Ende fand
ich mich auf der Strasse des Weilers. Die ungleich gesetzten Bauerhäuser, mit
ihren Bouquetweis gepflanzten Bäumen, machten für mein Aug ein reizenders
Ansehen, als wenn sie in einer ermüdenden geraden Linie stünden. Jetzo sieht
bald ein Haus über die Ecke eines Gartens heraus, oder es liegt ein Stück
Kornfeld zwischen den Bäumen des dritten und vierten Hauses. Ich blieb an der
Seite stehen, und betrachtete einige Minuten die schöne Nachlässigkeit, durch
welche sich Natur und Kunst mit einander verbunden hatten; dann gingen wir
dreisig Schritt lang an einer niedrig gehaltenen Tannenhecke, die an der Mauer
der Zimmer des Fräuleins von Effen gezogen ist. Unter dem Torweg, der des
Bauern Haus von dem ihrigen absondert, traten wir gleich drei Stuffen hoch auf
einen kleinen Gang, und von diesem in die Schul- und Spinnstube, wo zehn ganz
ländlich, aber äusserst reinlich gekleidete Kinder, von verschiedenem Alter, auf
Strohstühlchen sassen, und teils Baumwolle, teils Flachs spannen. Etliche, vier
bis fünf Jahr alte Buben sassen auf dem Boden und zupften die Baumwolle; alle
ganz gesund und vergnügt aussehend. Grosse Fenster in den Gemüsgarten und Viehhof
stunden offen, gaben dem Zimmer frische Luft, und zugleich eine freundliche und
nützliche Aussicht, weil die Kinder, während der Arbeit ihres jetzigen Alters,
die Geschäfte ihrer künftigen Jahre und Berufs verrichten sahen. Alle stunden
auf und grüssten den Herrn M** K** mit der Liebe, die ein guter Hirte von seinen
Schaafen zu erwarten hat. Die älteste Tochter des Hofbauern, und die Hausmagd
des Fräulein von Essen, waren auch da und arbeiteten fleissig mir. Ich sah mich
von Freude, Unschuld und Fleiss umgeben, und ein Frauenzimmer, nicht viel älter
als ich, hatte dieses hervorgebracht! Herr M** K** überliess mich meinen
Betrachtungen und sprach mit dem Einen und Andern der Kinder; indem schlug es
Acht, und das Fräulein kam mit ihrer Köchinn, die einen Korb voll Brod und
Birnen hatte, in die Stube. Ihre Gestalt machte mich staunen, und mein Anblick
goss eine leichte Röte über ihr blasses, aber sehr edel gebildetes Gesicht. Herr
M** K** sagte ihr: »Hier, mein Fräulein, ist Rosalia L**, die so begierig war,
unsere Schule und die Stifterinn davon zu sehen.« Diese Begierde habe ich Ihnen,
mein Herr Pfarrer, zu danken, weil Sie so vorteilhaft von mir und meinen
Kindern redeten. - Dieses, meine Mariane, sagte ein schöner Mund, mit dem
rührendsten Ton der Stimme. Stellen Sie sich dabei ein Frauenzimmer vor, etwas
grösser und schmächtiger, als ich; ein länglich Gesicht; eine hübsche griechische
Stirne; grosse dunkelblaue Augen; vortrefliche Augbraunen; die schönste
Leibesgestalt; einen edlen Gang, und Bewegung des Kopfs und der Arme; alles mit
einem Gemische von Schwermut und Güte durchdrungen! Denken Sie sich mein Herz,
und was ich von ihrer Geschichte wusste: so sehen Sie gewiss Ihre Rosalia mit der
Träne der feinsten Empfindung gegen das Fräulein von Essen treten und halb
stammelnd sagen: »O, möchten Sie wissen, wie sehr ich Ihnen für die Erlaubnis
danke, diese Stube und Sie zu sehen!« Sie blickte mich mit sichtbarer Bewegung
an, nahm eine meiner Hände, die sie sanft drückte, legte ihr Gesicht an das
meine, und dann sagte sie zu Hrn M** K** auf Englisch: »Ach, diese Tränen der
edlen Zärtlichkeit fallen auf mein Grab!« - Gott wird es verhüten, sagte ich
schnell, indem ich sie an meine Brust drückte. Sie lichtete sich mit halbem
Lächeln auf und sagte ganz gesetzt: »Diese Hoffnung kommt zu spät.« Herr M** K**
war still, ich auch, und alle aufmerksam. Sie beobachtete es, und wandte sich
gegen ihre Magd, indem sie daneben zu mir sagte: »Vergeben Sie! Aber meine guten
Kinder arbeiten schon seit sechs Uhr. Sie müssen ihr Frühstück haben; nach
diesem aber nehmen Sie und der Herr Pfarrer eines in meinem Zimmer an.« Da ging
sie und teilte das Brod und die Birnen aus; besah das Garn; gab jedem Kinde die
Hand; fragte das Eine nach der kranken Mutter, das Andre nach dem alten
Grossvater u.s.w. - Ich wunderte mich über den schnellen Schritt, mit welchem sie
von dem rührenden Auftritt unsrer Umarmung, zu dem Grad Heiterkeit überging, mit
welcher sie das Frühstück austeilte. Herr M** K** sagte mir nachher, wenn ich
oft um sie wäre, so würde ich diese Uebergänge des Aufopferns ihrer Selbst
vielfach bemerken. Indem sagte das Fräulein den Kindern sehr liebreich: »Nun
geh' ich mit dem Herrn Pfarrer zu reden, aber Mittags esse ich mit euch!« -
wandte sich und gab mir mit vielem Anstand die Hand, und führte mich über den
Torweg, an der andern Seite in ihre Wohnung. Bei dem Eintritt in ihr Vorzimmer
musste der Anblick der sonderbaren Zierlichkeit einen Eindruck auf mich machen;
Herr M** K** sagte mir auch, es wäre etwas Stutzendes, und dabei sehr Vergnügtes
über mein Gesicht gegangen. Ich sah das Fräulein bei dem Fortgehen ins
Wohnzimmer stillschweigend an, und sie machte gleich darauf eine Bewegung mit
der Hand gegen Herrn M** K** und mich, indem sie auf die Stühle wies, und ging
mit etwas wankendem Schritt in ein Cabinet. Das Vorzimmer ist Meergrün und weiss;
das Wohnzimmer aber Cramoisi und weiss laquirt, weil alle Wände mit sehr schöner,
aber simpler Holzarbeit gemacht sind. Hohe Zimmer; die Fenster bis auf den
Boden. Anstatt der Brustmauer ein schön eisernes Gitter, so, dass man die freie
Aussicht auf Feld und Garten hat. Von Aussen sind auf die nemliche Brustöhe
Läden, die mit der Mauerfarbe übermahlt sind, und im Winter und bei übler
Witterung zugehalten werden. Alle Schränke sind im Täfelwerk, so, dass die
äusserste Ruhe und Einfalt in allem herrscht. Sie blieb lange weg, ohne dass
indessen Herr M** K**, oder ich, redeten. Endlich brachte ihr Aufwartemädchen
den Caffeetisch, und das Fräulein folgte. Ihre Augen schienen tränend. Sie
schenkte uns eine Tasse ein und sagte: »Ich bin lange weggeblieben, aber mir war
nicht ganz wohl, indem mir eine gewisse Art Freude so fremd geworden ist, dass
ich sie nicht mehr zu tragen weiss.« Bei diesen Worten sah sie mich mit einem
schmerzhaften Lächeln an, und ich erwiederte: Es würde mir sehr leid sein, wenn
das Vergnügen, so ich über ihre Bekanntschaft empfände, ihr auf irgend eine Art
schädlich sein sollte. »Nein, nicht schädlich! Es wird nur zu einer angenehmen
Abkürzung meines Weges!« Ehe ich, oder der Herr Pfarrer, etwas darauf antworten
konnten, sagte sie zu diesem: »Sie wissen, dass ich freimütig bin, und Ihnen,
nach allem, was Sie mir von Rosaliens Charakter sagten, gern erlaubte, auch ihr
ein Gemählde von mir zu machen. Ich fühlte eine innige Zufriedenheit, noch vor
meinem Hingang eine Person zu sehen, von welcher mir mein Herz sagte, dass sie
mir alles Verlohrne hätte ersetzen können, wenn ich sie früher gesehen hätte.«
Ich näherte mich ihr auf dem Canapee und nahm ihre gegen mich liegende Hand:
Mein teures Fräulein, wie sehr erheben Sie mich! und wie glücklich wäre ich
durch Ihr Vertrauen und Ihre Liebe gewesen! - »O, Herr M** K**« sagte sie, ohne
mir anders als durch sanftes Drücken meiner Hand zu antworten, »was haben Sie
getan, dass Sie unsere gütige Rosalia hieher führten! und wie unvorsichtig war
ich für mich und Sie, meine edle Freundinn! denn Ihre und meine Ruhe leidet. -«
Verzeihen Sie, sprach Herr M** K**, eine Absicht, die ich beinah vier Jahre
fruchtlos sah, aber unermüdet fortsetzte. Ich wünschte in Ihnen das Verlangen
nach Glück und Leben wieder zu erwecken, weil dadurch die physikalischen
Hülfsmittel auch mehr gefruchtet hätten. »Es ist weise Freundschaft in dieser
Absicht, und mehr Tugend, als in meinem bisherigen Widerstreben! - Aber, meine
werten Freunde, ich glaube, dass mein Schicksal entschieden ist, denn ich bin
unter der Last meines Kummers und meiner Empfindsamkeit so tief gesunken, so
ermattet, dass ich nicht mehr Kraft genug habe, mich an der liebreichen Hand
festzuhalten, die mich retten will!« Hier sah sie mich mit einer
unbeschreiblichen Wehmut an, erhob ihre schöne Augen einen Moment gen Himmel,
und weinend sagte sie: »Rosalia! Ihre Freundschaft ist eine Blume, die an dem
Rande meines Grabes sprosst. Sie müssen leiden, dass ich sie mit Tränen benetze!
- Wie lange bleiben Sie noch auf dem Schloss R**?« Noch einige Wochen, meine
Henriette, und ich hoffe Sie alle Tage zu sehen. - Sie faltete ihre Hände mit
einer freudigen Bewegung und wiederholte: »Noch einige Wochen! und alle Tage
wollen Sie mich sehen! O, Herr M** K**, wie schön wird der Abend meines Lebens!«
Ich hoffe, antwortete Herr M** K**, es soll die Morgenröte eines noch heitern
Tages werden! - Mit einem halben Lächeln und einer unnachahmlichen Stimme und
Bewegung des Kopfes, sagte sie darauf: »Gerne, sehr gerne will ich diesen Tag
sehen! Aber -« Nun hörten wir die Kinder im Hofe, und sie sagte uns nach einigem
Schweigen: »Diesen Morgen war ich sehr glücklich. Ich danke der Vorsicht und
Ihnen dafür. Jetzt will ich mit meinen Kindern essen, und hoffen -« Herr M** K**
nahm seinen Stock und Hut, und ich umarmte die liebe schwermütige Henriette,
mit einer bedrängten Zärtlichkeit. Sie legte ihren Kopf ein Paar Augenblicke auf
meine Brust, und machte darauf eine sehr edle Verbeugung gegen uns beide. -
Morgen, meine Mariane, das Uebrige. Hätte ich doch Ihre Klugheit, bei meiner
Liebe für das reizende Geschöpf! vielleicht könnte ich ihr Gutes tun, aber ich
nähre gewiss nur ihre Empfindung, und diese tödtet sie. Wenn ich nur die etlichen
Wochen noch hier bleibe, die ich ihr versprach!
                                                                    Rosalia L**.
 
                               Funfzehnter Brief
Der Herr M** K** und ich gingen den Fusssteig ganz still und trübsinnig hin. Auf
dem Felde sah ich ihn an, und er fragte mich, wie mir Henriette gefiele? - Was
für eine Frage, Herr M** K**? Mein ganzes Herz ist bei ihr geblieben. Aber,
warum redeten Sie so wenig? warum kämpften Sie nicht gegen die düstre Anfälle
der Schwermut? - Gegen eine aufgebrachte Einbildung kämpfen, wäre eben so viel,
als das Uebel mit Widerhaaken befestigen! Mein Schweigen und der ungestörte Gang
ihrer jetzigen Empfindungen müssen sie zu heilen anfangen, oder es ist alles
vergebens; ich habe nun über drei Jahre alle Mittel der Ueberredung und des
Zuspruchs versucht. Meine Vorstellungen fanden eben so wenig Eingang, als
Personen, die sie besuchen wollten. Ihre Bekanntschaft wird eine Aenderung
hervorbringen. Der natürliche Hang zu zärtlichen Regungen, zu starken
moralischen Zügen des Charakters, ist aufgeweckt; ich habe sie das Leben niemals
wünschen hören, als heute; und lange suchte ich nichts, als ihrer Zärtlichkeit
eine andre Wendung zu geben, weil ich wohl sah, dass die immer gleiche Spannung
ihrer Seelenkräfte ihr Leben sichtbar schwächte. - »Sie ist Heut auch über meine
Liebe und meine Unterredung matt und krank geworden!« - Dieses schreckt mich
nicht, wie mich ihr Mut würde geschreckt haben. - »Aber Mut zeigt Stärke an!«
- Bei Gesunden! aber, bei dem Kranken ist er, was das letzte Auflodern der
Flamme einer erlöschenden Lampe ist. Ich habe es bei der Aufnahme des Webers
erfahren. - »Wie war dieses?« Er fing an zu erzählen:
    Vor ungefähr andertalb Jahren, kam gegen Abend ein grosser Mensch sehr
langsam und mühselig an das Fichtenwäldchen, weil er das eine Bein nur
schleppte. Da er das Fräulein und mich erblickte, setzte er sich, hob beide
Hände auf und rief: O, Herr Pfarrer, erbarmen Sie sich meiner! - Ich eilte zu
ihm, und sah in seinem Gesicht jeden Zug des Schmerzens und der Redlichkeit. -
Was fehlt Euch, mein Freund? - Er wies mir sein Bein, welches durch einen Fall,
den er von einer Anhöhe getan, und von einem Steine, der ihm nachgerollt, sehr
beschädigt und ganz dick aufgelaufen war. Ich sagte ihm, ruhig zu sein, ich
würde für ihn sorgen; liess ihn auch in den Ort tragen, Aufschläge machen, und
alle sonstige Hülfe leisten, weil ich wusste, dass das Fräulein alles geben würde,
was ihm nötig wäre. Ihre Güte hat auch die natürliche Menschenliebe unserer
Landleute erhöht, so, dass diese dem Menschen alle gute Dienste erwiesen. Sein
dankbares Herz zeigte sich in jedem Worte. Bei seiner Erholung kam er zum
Fräulein, um ihr zu danken, setzte aber die Bitte hinzu, dass sie ihre
Wohltätigkeit an ihm vollkommen beweisen, und ihn zum Weber des Orts aufnehmen
möchte; er wüsste, dass sie viel spinnen liesse; er wäre ein guter Weber, und
möchte gar gern sein Leben bei so guten Menschen zubringen, die er hier
angetroffen habe. - Sie war über den Vortrag und die Wünsche dieses Menschen
gerührt, und gestattete ihm nicht nur die Aufnahme in einem ihrer Häuser,
sondern versprach, ihm eines zu bauen, und das gute Mädchen auszusteuren, das er
heiraten wollte. Dieser ganze Morgen war ihr munter vorbei gegangen.
Nachmittags kam ich, und sie erzählte mir das Ansuchen des Webers, und ihre
Entwürfe zu seinem Glück. Ich dachte, die Gelegenheit sei vorteilhaft, in ihr
einen Ruf zur Rückkehr in das gesellschaftliche Leben zu erwecken, da ich ihr
vorstellte, wie schon allein aus ihrer Freundschaft für mich die Quelle so
vieles Guten, das sie ihrem Nächsten bewiese, entstanden sei. Je grösser der
Kreis ihrer Bekannten würde, je mehr Gegenstände ihrer Menschenliebe sie finden
könnte, ohne das Beispiel zu rechnen, welches ihre tätige Tugend verbreiten
würde. - Sie antwortete mir auch in einem ganz heitern Tone, und versprach mir,
öfter davon zu reden. Sie liess auch den jungen Weber und den Bauer mit seiner
Frau kommen, deren Tochter er seit seiner Krankheit aus Dankbarkeit liebte. Ich
musste aufschreiben, was sie für die junge Leute tun wolle, um mit dem
Oberbeamten zu reden, und Bauleute zu des Webers Hause zu bestellen. Sie fühlte
die Freude der Eltern und Kinder mit ihnen, und unterhielt sich bei einer Stunde
mit dem Entwurfe eines kleinen Landfests, das sie allen Einwohnern der Höfe bei
der Hochzeit des Webers geben wollte, wo auch meine Frau und Kinder dabei sein
sollten. Ich war froh, Ideen von austeilender Freude in ihr zu sehen; denn das
Gute, so sie zwei Jahre lang getan hatte, war gleichsam nur die Absicht,
Schmerz und Elend von ihren Nebengeschöpfen zu entfernen. Und ihre
melancholische Güte hatte immer Etwas so Ernstaftes und Feierliches, dass auch
die Zufriedenheit der Leute nur durch stille Beruhigung, und nicht durch
frohlockendes Vergnügen wahrgenommen wurde. Ich ging sehr getrost nach Hause.
Aber, den andern Tag liess mich ihre Jungfer holen, und ich fand sie so schwach,
so niedergeschlagen, dass ich an nichts, als an die Rettung ihres Lebens denken
konnte; und aus dem traurigen Abscheu, den sie gegen die öftern Besuche des
Arztes zeigte, fand ich, dass ihr Widerwillen aufs Neue die Oberhand gefasst
hatte. Das Haus des Webers wurde gebanet, eingerichtet und mit drei Webstühlen
versehen. Er nahm seine Frau, ohne dass die Frage von Freudentagen war; und ich
fand sie öfter in Tränen als vorher. Ihre Kräfte wichen mit der Heiterkeit. Nur
dieses Frühjahr erholte sie sich in etwas, da sie, auf mein Anraten, anfing,
die Kräuterkenntniss zu lernen, sie nach den Monaten zu suchen, zu trocknen und
zu bemerken. Sie hat sich auch, seit dieser Krankheit, nur mit den Schriften der
Naturlehre beschäftiget. Was die moralische Welt der Menschen anginge, davon
wollte sie nichts wissen, als was die beträfe, die bei ihr wohnten. Sie bat
mich, ihren kummervollen Eigensinn mit Geduld zu tragen, und keine
Gesellschaftsvorschläge mehr zu tun. - - Er tat es auch, bis auf meine
Bekanntschaft, da der gute Herr M** K** glaubte, sehr übereinstimmende
Gleichheit der Seelen könnte nach und nach auf Henrietten wirken, weil der
Zustand ihres Gemüts sehr gewaltsam wäre; und er behauptete, dass der kleine
bilderreiche Schwung, den sie ihren Ausdrücken gegeben hätte, schon einen Grad
Abänderung bezeichnete, und er wünschte nur, dass mein Aufentalt in R** von
einiger Dauer sein möchte, indem er hofte, ich würde gern Etwas zur Genesung des
edlen Mädchens beitragen. -
    Sie denken wohl, meine Mariane, dass ich es versprach! aber, das Uebel liegt
tief in der Seele Henriettens! - O, wie sorgsam will ich den Gang meiner
Empfindsamkeit beobachten! Sie könnte mich auch in einen Abgrund von Jammer
führen, wo ich mein mir zur Glückseligkeit gegebenes Leben verseufzen müsste! -
                                                                        Rosalia.
                               Sechszehnter Brief
Heute, meine edle, geliebte Mariane, habe ich gewiss die beste Freude meines
Lebens genossen, die Freude über das Glück meines Nebenmenschen.
    Ich war mit Madame G** bei ihrem Bruder F**, der ein ganz vortreflicher Mann
von Geist und Herzen ist, dessen bisherige Beschäftigungen aber, so mühsam sie
waren, so treu und eifrig er sie besorgte, seinem Glück noch keinen festen
Standort geschafft hatten, und auch der Grösse seiner Talente nicht ganz gemäss
waren. Mancherlei Auswege und Wendungen hatte er versucht, um die Erfüllung
seiner Wünsche zu erhalten, aber jeder Anschlag misslang, und die
Niedergeschlagenheit fing an, sich seiner zu bemächtigen, um so mehr, als er
einige Kinder um sich aufwachsen sah, zu deren Unterstützung er sich nicht
vermögend genug dachte. - Ich nahm, wie Sie glauben werden, Anteil an dem
Kummer des rechtschaffenen, nützlichen Mannes und des Familien-Vaters, ohne dass
ich ihn lindern konnte. Heute aber teilte ich das Entzücken, über die Nachricht
von einem ihm zugedachten Amte, in welchem sein Genie und seine Menschenliebe,
in einem weiten Felde der Ehre und Nutzbarkeit handeln können.
    Dieses Glück erhält er durch die Hand eines gerechten, edelmütigen
Freundes, den die Vorsicht bestimmte, dem wahren Verdienste die Hand zu reichen,
und an die Stelle zu führen, wo der Bedrängte Schutz von ihm erhalten, und ein
ganzer Staat die Freude geniessen kann, dass ein tugendhafter Mann alle Kräfte
seines Geistes und Lebens für das ihm anvertraute Amt verwendet. -
    Hätten Sie doch, o! meine Mariane, das reizende Gemisch gesehen, das aus der
so natürlichen Freude, über die Erhaltung des gesehnten Glücks, des Danks gegen
die Vorsicht, der Liebe gegen den Landsherrn, und des Segens für den Freund,
entstand! Hätten Sie auch die frohen Gelübde, und die Entwürfe eines edlen, für
die Nebenmenschen nützlichen Gebrauchs der Gewalt, mit angehört! - Gott segne
den vortreflichen Mann, der die Träne der Freude über die Wange des besorgten
Rechtschaffenen herunter träuflen machte! Und ewig lohne die göttliche Vorsicht
den Fürsten, dessen Seele den grossen würdigen Entschluss fasste, das verfolgte
Verdienst empor zu halten und zu beschützen! -
    Wie glänzend erschien auch in diesem Augenblicke die eheliche und väterliche
Liebe! - Eine gefühlvolle Frau, deren ganzer Stolz in dem Namen ihres Mannes
liegt, drückte die Hand ihres Gatten an ihre Brust, und sagte mit so viel
Zuversicht und Glauben an Tugend: »O! mein teurer geliebter Mann, wie sehr
freue ich mich, Deine Talente in völliger Wirksamkeit zu sehen! - Wie viel Gutes
wirst Du tun! wie viele Glückliche machen! - Alle Menschen, die ich erblicke,
sind mir lieber, als sonst. Die Glücklichen und Vergnügten werden Zeugen von
Deiner Rechtschaffenheit sein, und die Leidenden von Dir getröstet und
aufgerichtet werden! -« Was für eine Menge Gutes Du von mir denkst, meine Liebe!
sagte er lächelnd. Auch wegen Dir, wegen Deiner Ruhe, bin ich froh! - Gegen
seine Kinder wandte er sich, mit dem tränenden Auge und dem Tone der Seele
eines treuen Vaters: »Um Eurentwillen danke ich Gott am meisten, für die
Befestigung meines Wohlstands! Nun habt Ihr ein Vaterland. Die Erde weicht nicht
mehr unter Euren wankenden Schritten, und ich habe ein Ziel vor mir, dem ich
Euch zuführen kann. Niemals, o meine Kinder, werdet Ihr Enten Vater gegen seine
Pflichten und gegen seinen Rächsten handeln sehen.« - Die guten liebenswerten
Kinder, die mit Bewegung den Armen ihres Vaters zuliefen, gerührt waren, und es
nicht ausdrücken konnten! Herrn Fr**, in dessen zum Himmel erhobenen Gesicht
sich edle Empfindungen, edle Entschlüsse zeigten - O, Mariane, der Dank, die
Gelübde des tugendhaften Herzens sind gewiss der würdigste Weirauch, den die
gütige Vorsehung von ihren armen Erdenkindern erhalten kann! - Was mich noch
innig freute, war, dass kein einziger Entwurf von Eitelkeit die Gesinnungen des
Vaters und der Mutter enteiligte. Madame G** sagte auf einmal zu ihrem Bruder:
Was werden nun Deine Feinde sagen? - Feinde, meine Schwester? mein Herz kennt
keinen, und Gott soll mich vor den Gesinnungen bewahren, die einen Feind
bezeichnen. Missvergnügte werde ich sehen; denn es ist natürlich, dass diejenigen,
welche den Platz suchten, den ich erhielt, unzufrieden sein werden: aber, der
Gebrauch, den ich von Glück und Leben machen will, soll mir den Beifall edler
Seelen erwerben, und auch diejenigen Widriggesinnten wieder günstig machen. Ich
habe in sehr vielen Gelegenheiten meine Miteinwohner gerechte und schöne
Handlungen ausüben gesehen, warum sollten sie gegen einen Mann unbillig sein,
der ihnen den redlichsten uneigennützigsten Eifer für seine Pflichten und ihr
Wohlergehen zeigen wird.
    Würden Sie nicht, meine Freundinn, mit mir in Ihrem Herzen gesagt haben:
Gott segne dich, Menschenfreund! wegen deines Vertrauens auf Gerechtigkeit und
Güte deines Nächsten! - Wie liebte ich den Mann, der alles, was seine
Nächstenliebe erkalten konnte, zurück stiess, und bei der Empfindung von Glück an
nichts, als gute Taten dachte! In mir erweckte er den Entschluss, der Idee von
Feinden und Neidern niemals Platz zu geben, sondern mich zu befleissen, Freunde
zu verdienen, weil gewiss der Tugendhafte ihrer allezeit finden wird. Ich
beobachtete die ausserordentliche Aufmerksamkeit der vier Kinder des Herrn Fr**,
besonders von einem eilfjährigen Knaben. Die Mutter sagte mir: »Bin ich nicht
glücklich, da ich meinen Söhnen nur sagen darf, folget den Fussstapfen Eures
Vaters, so werdet Ihr verdiente Leute werden! Denn gewiss, Rosalia«, setzte sie
hinzu, »das gute. Beispiel der Eltern ist die beste Erziehungskunst! denn,
Kinder ahmen leichter unsere Handlungen nach, als dass ihr Geist dem unsern
nachdenkt.«
    Herr Fr** fand die Gedanken seiner Frau ziemlich richtig; besonders den, von
der Nachahmung, aus zwei Ursachen: weil Kinder ihre physikalischen Kräfte eher
kennen und gebrauchen, als die moralischen, und, weil bei der Nachahmung der
glückliche Genuss des freien Willens wäre, welcher, bei Erlernung einer
Vorschrift, nicht Statt habe. -
    Frau G** hat keine Kinder, deswegen blieb sie bei diesem Teil der
Unterredung etwas kalt, und Besuche verstörten sie ganz. Mir war es leid, denn
ich liebe die Idee vom freien Willen, und höre gern die verschiedene Meinungen
davon. - Meine Mariane denkt, es sei, weil ich gern eigensinnig bin! Nicht ganz
deswegen! - Im nächsten Briefe mehr darüber, von
                                     Ihrer
                                                                        Rosalia.
 
                               Siebzehnter Brief
Ich bin noch auf einen Tag in dem Hause des Herrn Fr**. - Vorgestern endigte ich
meinen Brief an Sie mit dem freudigen Tone, den ich allezeit habe, wenn ich eine
sonderbare Wohltat des Himmels denke.
    Sie wissen, meine Freundinn, wie sehr ich an dem Gedanken von edlen
Beweggründen zu unsern Handlungen hafte, und daher die Dankbarkeit für
genossenes Gute und die Liebe gegen meinen Schöpfer, allein zu Triebfedern
meiner übenden Tugenden angenommen habe; und es freut mich, dass mein Herz
gewöhnt ist, viel eher die Grösse seiner Güte, als die von seiner Allmacht zu
fühlen! Es ist mir daraus eine unerschöpfliche Quelle von unzerstörbarer
Glückseligkeit entstanden, deren Genuss kein Zufall dieses Lebens in mir
verhindern kann. Denn gewiss ist einmal, dass kein Augenblick unsers Daseins kommt
und da ist, in welchem wir nicht die Eigenschaften unsers Geistes oder unsers
Herzens gebrauchen können.
    Sie wissen, wie fein ich die Wohltat der Mannigfaltigkeit in unserer
physikalischen Welt fühle, und dass jede abgeänderte Form der Kräuter, Steine und
Gewächse, mir eine neue Empfindung von Vergnügen gibt. Auf diese Art verwende
ich auch die Begebenheiten der moralischen Welt, und schlürfe, gleichsam mit
einer Art geistiger Wollust, die verschiedene Ideen ein, die ich von
verschiedenen Personen über einen Gegenstand ihres Nachdenkens höre.
    Oft schon habe ich in Gesellschaften von dem freien Willen des Menschen auf
mancherlei Weise reden gehört, oft schon ist sein Bild von grossen Männern auf
allen Seiten betrachtet und vorgestellt worden; so, dass ich weder den Sinn, noch
die Kräfte haben kann, mich auf ihre Weise über diesen Teil unserer moralischen
Welt auszudrücken; tiefes Denken und Urteilen ist ohnehin meine Sache nicht;
ich rede allein nach dem Gefühl meiner weiblichen Seele, mit meiner vertrauten
Mariane.
    Freiheit zu tun und zu lassen, ist, nach meiner Ueberzeugung, dass grösste
Glück dieser Erde; sonst würde die liebreiche Hand unsers Schöpfers die Begierde
frei zu handeln nicht in die Seele eines jeden Menschen gepflanzt haben. Seine
göttliche Güte wollte uns dadurch die süsseste Freude des irdischen Lebens
geben. -
    Aus eigener Neigung das Gute zu tun, würden wir durch eine geheime
Obermacht dazu geführt, so wären wir gut; aber gewiss nicht so glücklich, als
durch den Gedanken der freien Wahl. Für mich ist der Standort, auf welchem ich
Gutes oder Böses wählen kann, die Annäherung des Genusses der höchsten
Glückseligkeit. -
    Sie, meine Mariane, und jede schöne Seele wird das Zeugnis geben können, dass
jeder gute Entschluss, jede gute Handlung mit einem Gefühl voll Seligkeit
begleitet ist, aus welchem das edle Sprichwort entsprungen sein muss: dass die
Tugend ihre eigene Belohnung in sich trage. Denn, was ist der Beifall der ganzen
Erde, gegen das innere Gefühl von Seligkeit bei einer edlen Tat? die nicht edel
genannt werden könnte, wenn ich nicht in dem nemlichen Augenblick auch hätte
niederträchtig handeln können! - O, ich kenne den Wert dieses innern Zeugnisses
so sehr, dass ich ganz ruhig dulden könnte, wenn meine übrigen Tage, ohne
äusserliches Glück, der ganzen Welt verborgen dahin flössen. Die stille Erfüllung
meiner Pflichten, die gute Verwendung meiner Tage, sind in meiner Gewalt, und in
jedem Augenblicke kann ich die grosse Wohltat des freien Willens geniessen. Denn,
wenn auch eine fremde Macht den Gang meiner Handlungen stört: so bleibt mir doch
die Freiheit des Geistes, dessen Kräfte ich in jeder Gelegenheit nützen kann.
Der verkehrte Gebrauch, den wir meist von allen Gütern dieses Lebens machen, ist
Ursache, dass uns beinahe jede Wohltat schädlich geworden ist. Gott entzieht uns
nichts von alle dem, was uns seine Schöpfergüte von Ewigkeit zur
Erdenglückseligkeit bestimmte; es hängt von uns ab, wie wir sie verwenden
wollen. Wie überfliessend wäre das Maass Seeligkeit der Grossen und Mächtigen, wenn
der freie Wille allezeit das Beste wählte!
    Ich sah, meine Freundinn, dass ich mich an einen wichtigen Gegenstand wagte,
und sagte Herrn Fr**, er wäre Ursache an einer Art verwegenen Unternehmung
meiner Feder, weil mich seine Idee, über den Nachahmungsgeist der Kinder, dazu
gebracht hätte, meine Gesinnungen vom freien Willen zu schreiben. Ich gab ihm
zugleich meinen Brief, den er mit Aufmerksamkeit und Lächeln durchlas, und ihn
mir mit einem Ausdruck von Empfindung und Beifall zurückgab, und dabei sagte:
»Sie haben sich edle Merkstäbe zu dem Wege der Tugend gewählt! Wie viel
glücklicher wären die Menschen, wenn sie mehr Gefühl für die göttliche Güte
hätten! - Aber, ein anderes Frauenzimmer 1 fühlte, dass eben diese Güte den
Missbrauch des ganz freien Willens sah, und ihn deswegen mit der Eigenliebe
umwand, die uns durch Betrachtung der Folgen unserer Taten vom Bösen
zurückhalten und zum Guten ziehen sollte. Ich sagte meinen Kindern selbst auch,
ihr habt die freie Wahl, gute oder böse Kinder zu sein; aber ich lasse sie
sorgfältig die Folgen ihrer Wahl empfinden, um sie die zweite Wohltat des
Himmels, die Sorgfalt der Eigenliebe, recht gut gebrauchen zu lehren. Am
allerempfindlichsten aber schärfe ich die schmerzhaften Folgen, wenn sie ihre
Freiheit gegen das Wohl eines Bruders, einer Schwester, oder Spielgesellschaft
geübt haben, um des Nächsten Wohl zum ihrigen zu machen.«
    Finden Sie, meine Mariane, diesen Mann nicht in allen Fällen recht
schätzbar? Möge doch der gute Saame des Beispiels und Unterrichts Wurzel in den
Seelen seiner Kinder fassen! so werden fünf vortrefliche Menschen mehr in der
Welt sein. -
 
                               Achtzehnter Brief
Mariane! dieses Haus ist für mich seit vier Tagen eine moralische Schule
geworden. Wie wenig kannte ich die Empfindungen von Seligkeit, die mich in der
Familie der Madame G** erwarteten, als ich, bei dem Anfang ihrer Bekanntschaft,
über die Zeit murrete, die ich ihrer Gesellschaft widmen musste! Vorgestern
glaubte ich den schönsten Auftritt gesehen zu haben, da ich die Freude der
Tugend über das verdiente und erhaltene Glück in ihrem vollen Maasse betrachtet
hatte; aber, wie übertreffend war die heutige Scene, da ich der Vorsicht mit der
Bewegung des Entzückens für die Gewalt danken hörte, die man fand, einem Feinde
Vergnügen zu machen! Der Zufall gab Herrn Fr** eine Gelegenheit, dem
allernächsten Verwandten seines grössten Widersachers einen wichtigen Dienst zu
leisten. Er hätte es durch schöne Gründe ablehnen können. Schwierigkeiten waren
auch genug da; aber ich sah ihn seine Hände falten, und mit der eindringenden
Stimme der Seele sagen: »O göttliche Vorsicht, wie sehr liebst Du mich! wie
reichlich belohnst Du meine Leidensjahre! Du giebst mir Glück, und die Gewalt,
jemand, der mir Böses tat, Gutes zu tun!« - Glanz, aus welchem ehmals die Idee
des Schimmers entstund, den man um das Haupt der Heiligen mahler, dieser Glanz
war auf seinen Gesichtszügen verbreitet. Sein Gang, seine Stellung schien mir
das Schweben einer Seele zu sein, die über die Hülle ihres Körpers erhaben ist.
Er küsste den Brief, der den Anlass zu diesen Entzückungen gegeben hatte. Er
nannte ihn ein sichtbares Zeichen der Güte der Vorsicht. »Möchte der
Rachgierige,« sagte er, »nur einen Augenblick die Zufriedenheit meines Herzens
fühlen! wie gerne würde er den Beleidiger vergeben und ihn umarmen! Denn es ist
unmöglich, dass die Zufriedenheit, welche von der Tugend in unser Herz gegossen
wird, nicht auch zugleich den höchsten Grad Menschenliebe in uns verbreitete!« -
Er umarmte seinen eilfjährigen Sohn und sagte: »Gott gebe Deinem Herzen die
Fähigkeit, auch einst diese Freude zu fühlen, und lasse sie, wie bei mir, das
überfliessende Teil Glückseligkeit werden!«
    Das Kind, so alles gehört hatte, fragte: »Papa, ist es denn eine so grosse
Freude, seinem Feinde Gutes zu tun?« - »Ja, mein Sohn, es ist die grösste Freude
meines Lebens. Ich bin sicher, dass ihr Andenken die letzte Stunde meines Daseins
erheitern wird, wenn schon die Erinnerung vieles andern Vergnügens lange aus
meinem Gedächtnis sein muss.« - Madame G** fing wieder an, von seinen erlittenen
Verdriesslichkeiten zu reden, und sie her zu erzählen. - »Lass dieses, meine
geliebte Schwester, ich sehe Deine ganze anteilnehmende Liebe in Deinem Eifer;
aber, das gegenwärtige Gute muss die Spuren des vergangnen Bösen verlöschen. Wie
klein ist die Summe meines Grames, gegen die unvermischte Freude, die ich
wirklich geniesse! Störe sie nicht, und lass mich wünschen, dass der widriggesinnte
Mann eben so vollkommen vergessen möge, dass er mir Uebels tat, als ich es
vergessen werde, und o möchte er mich einst lieben können, wie ich ihn!« -
    »O, Bruder!« sagte Madame G**, »was für ein Mann bist Du? Kann Dir dieses
Ernst sein?« - »Ach, meine Liebe, wie traurig ist mir diese Frage! Wie selten
muss die Tugend des Verzeihens der Beleidigungen, der Liebe und des Wohltuns
gegen Feinde geworden sein, wenn ein Herz, wie das Deinige, an ihrer Möglichkeit
zweifelt! Da überzeugst mich, dass unsere Freundinn H** Recht hat, den grössten
Teil ihrer besten und erhabensien Gesinnungen unter einem dichten Schleier zu
verbergen.« - »Lieber Bruder, werde mir nicht so ernstaft! werde nicht böse auf
mich, sondern sage mir, wen kennst Du, der das bittre Unrecht, so Dir widerfuhr,
auf diese Art genommen hätte? Ich fühle deswegen doch, dass dies, was Du sagst
und tust, schön und vorzüglich ist, und Du bist mir diesen Morgen teurer und
lieber geworden, als jemals, und ich freue mich, Deine Schwester zu sein.« - Er
umarmte sie und sagte dabei: »Deine Hochachtung ist mir sehr schätzbar, mein
Kind; aber, glaube mir, ich würde die Güte der Vorsicht sehr wenig verdienen,
wenn mein Dank für erfüllte Wünsche, mit Gesinnungen des Hasses vermischt wäre.
- Ich sehe aber,« setzte er lächelnd hinzu, »dass Du einem Frauenzimmer nicht so
leicht vergeben hättest, wenn sie durch falsche und giftige Nachreden gegen
Deine glückliche Verbindung mit Hrn. G** gearbeitet hätte.« - »O, nun lachte ich
sie aus, denn ich bin seine Frau!« - »Spott ist Rache! Dünkt sie Dich denn so
süss?« - »Und was Du sagst, ist Strafe! freut Dich dieses auch?« - »Wir wollen
endigen, meine Liebe. Ich weiss, dass Dein Herz dem meinigen nicht widerspricht,«
sagte Herr Fr**, mit einer liebreichen, aber doch etwas ernsten Miene.
    Ich hatte nach dem langsamen Einschlürfen meiner Tasse Coffee mein
Strickzeug genommen und still gearbeitet, während Herr Fr** und seine Schwester
mit einander sprachen; aber manchmal erhob ich meinen Kopf, um den Ausdruck
seiner Physiognomie zu beobachten. Er hatte es bemerkt; denn nach den letzten
Worten gegen Frau G** näherte er sich mir, und sagte: »Den Beifall Ihrer Seele
habe ich in den Blicken gesehen, die Sie mir gönnten. Diese Blicke werden einst
für die Tugend Ihres Gatten Belohnung und Aufmunterung sein.« Und hiemit ging er
in sein Cabinet, und liess uns staunend und gerührt zurück. Die Augen der Madame
G** waren noch auf die Türe geheftet, als ich sie umarmte und sie versicherte,
dass der Tag, an welchem sie mir ihre Freundschaft schenkte, mit auf immer
unvergesslich sein würde, weil ich dadurch das Urbild eines edlen und
rechtschaffenen Mannes kennen gelernt hätte, und es freute mich, sie des Glücks,
Frau eines G** und Schwester eines Fr** zu sein, so würdig zu sehen. »Und mich
freuts, dass Rosalia L** mir dieses mit Zärtlichkeit sagt.« - Darüber eilte ich
in mein Zimmer, um ihnen dieses noch Vormittags zu schreiben; und ich glaube,
Sie an meiner Hand auf die erhabenste Gegend der moralischen Welt geführt zu
haben.
                                                                        Rosalia.
 
                               Neunzehnter Brief
Meine Mariane! wir sind zurückgekommen, und ich war jetzo zwei Tage bei
Henrietten. - Ach, sie stirbt! Diese edle, schöne Seele wird uns entzogen. Sie
hatte Recht! Freudige Bewegungen sind ihr nun eben so schädlich, als traurige -
Sie hat mir ihr ganzes Herz geöfnet. - Eine doppelte Wunde ist ihr Tod. - Herr
M**, lebhaft in Geist und Willen, fing mit den Beweisen seiner Leidenschaft an;
gefiel, wurde geliebt, und dass so innig, dass niemand anders so viele
Aufmerksamkeit erhielt, als nötig gewesen wäre, die wahre Liebe des Herzens von
den Aufwallungen eines vorübergehenden Geschmacks zu unterscheiden. M** war
schön, voll Verstand und artigen Wesens. Witz und Feuer war in seinen Ausdrücken
der Liebe. Ihre ganze Seele heftete sich an ihn. Damals stund sie noch unter der
Gewalt eines Oheims, der die Heirat nicht zugeben wollte, bis Herr v. M** einen
anständigen Rang hätte. Ihre Zärtlichkeit war stark genug, jeder Zögerung, jedes
Hindernis ungeachtet, ganz für ihn zu leben; - aber seine Liebe war nicht sein
genug, um ihre edlen Gesinnungen zu schätzen, und er fing an, ihr zu begegnen,
wie mir Herr M** K** gesagt hatte, als Herr v. T**, Vetter des v. M** ankam, und
die Hochachtung aller Rechtschaffenen erwarb. Er sah das Fräulein von Effen und
liebte sie schweigend. Er verehrte die Wahl ihres Herzens. Keine Klage, keinen
Versuch, sich einzudringen, wagte er. Aber, er war in allen Gesellschaften, wo
Henriette von Effen hinkam, und besonders im Concert, das ihr Oheim alle Woche
zweimal gab, weil er sie da singen hörte. Er bemerkte zuerst die Fühllosigkeit
des v. M**. Da Henriette aus eigener Zärtlichkeit die Arien, die sie am
schönsten sang, nicht mehr in Gesellschaft, sondern allein für M** bei der Laute
singen wollte, die sie vortrefflich spielte, und auch dieses Talent nur den
Stunden widmete die sie den Besuchen des Herrn v. M** schenkte. Ihr niedlichster
Putz, der schönste Ausdruck ihrer Physiognomie, ihre einnehmende Blicke, alles
war allein dem Herrn v. M** geheiligt. Sie wollte für niemand reizend sein, als
für ihn. Anfangs gefiel ihm dieses; aber bald nicht mehr. Seine Eitelkeit
verlohr dabei. Er sprach mit seinem Vetter davon und führte ihn einst in diesen
Stunden mit sich zu ihr. Niemals hatte sie von T** im rosenfarbenen Anzug
gesehen, in welchem sie ganz bezaubernd aussah, und auch für M** ihr Portrait in
dieser Kleidung machte, als sie von den zwei Freunden überfallen wurde, und M**
seine Gewalt über ihren Geist auch darin bewies, dass sie die Laute spielen und
singen musste, während sein Vetter da war. Ein ernster Blick und erhöhete Röte
ihrer Gesichtsfarbe war die Antwort auf sein anhaltendes Bitten. Dennoch spielte
sie und sang, so gut, so voll Empfindung, dass der arme von T** Mühe hatte, seine
Leidenschaft zu verbergen. Er sass etwas entfernt, an einen Tisch gelehnt Von M**
kniete vor dem Fräulein von Effen, die mit ihrem Auge jeden zärtlichen Gedanken
des Poeten ihrem geliebten M** zusang. Er war lauter Entzückung; aber gewiss
nicht allein über ihre Reize und Liebe, sondern weil v. T** Zeuge von seiner
Gewalt über ihr Herz war. Am Ende der Arie sagte M** zu ihr: »Wie
unaussprechlich glücklich macht mich Ihre Güte! War das Amo the Solo ganz für
mich?« - »Gewiss, mein M**, um so mehr als mein Oheim heut früh die Einwilligung
zu unserer Vermählung gab.« - Von M** ergoss sich in freudigen Ausrufungen, und
von T** war wie vom Donner gerührt; kaum mächtig genug, von seinem Stuhle zu dem
Fräulein zu gehen; zitternd ergriff er ihre Hand, küsste sie: »Angebetete Hand!
Du bist mir entzogen!« - Mit einer heftigen Wendung umarmte er den von M**: »O,
mein Vetter! verdiene Dem Glück!« - Hiemit eilte er aus dem Zimmer und Hause,
ging in das seinige, und war in zwo Stunden aus S** - Henriette war betroffen
und gerührt. »Lieber M**, was ist das? Warum haben Sie den guten von T**
mitgebracht? Warum liessen Sie mich vor ihm reden und singen?« - »Verzeihen Sie,
mein Engel! Aber, ich wollte Ihren und seinen Eigensinn ein wenig umführen. Er
wollte niemals verliebt werden, und Sie für niemand mehr liebreizend sein! Nun
ist seine Kälte überwunden, und Sie haben einen Anbeter mehr!« - Hier wande sie
sich aus seinen sie umfassenden Armen los, und sagte ihm: »O, M**! wenn ich
dieses nicht als Mutwillen ihres zu muntern Kopfs ansähe, wie elend machte mich
dieser Mangel an feiner Liebe und Freundschaft!« - Er suchte sie zu beruhigen.
Sie arbeitete auch selbst gegen ihre zu weit getriebene Foderungen der
Zärtlichkeit. Er bemerkte ihr Nachgeben, und suchte sie in ein Gewebe von
Buhlerei zu ziehen, da sie Männer, und et Frauenzimmer fesseln, und sie dann
einander opfern sollten. Er wollte dadurch ihrem Bündnis mehr Reize geben, und
das unausbleibliche Ermüdende verhindern, welches aus dem immer gleichen Gang
ihrer Liebe entstehen würde.
    Henriette hatte anders gerechnet. Sie gestund ihm zu, dass, wenn die
Freiertage noch lange dauern sollten, und er keine Pflichten zum Beitrag des
gemeinen Besten zu erfüllen hätte, möchte es wahr sein. Sie wäre auch gelehrt
worden, dass es schwer sei, ein männliches Herz ganz zu fesseln, deswegen hätte
sie gesucht, Kenntnisse und Empfindungen in einem gewissen Grade von
Vollkommenheit zu besitzen, um neben dem ermüdenden Geniessender Schönheit, durch
Talente und Denken, seinen Geist zu unterhalten und zu befriedigen; welches
alles gewiss, bei der edlen Besorgung eines Amtes, und bei den Folgen ihrer
ewigen Verbindung, keine leere Stunden der Langenweile zulassen würde. - Er
scherzte über ihre ernstafte Art zu lieben; verband sich zu muntern
Gesellschaften, in die Henriette nicht ging. Sie tat alles, um ihn den Ton
ihres Herzens lieben zu machen, und er seiner Seits suchte sie an den, von
seinem Kopf, zu gewöhnen. So ging es bis an den Tod ihres Oheims fort; während
dessen abnehmender Gesundheit sie sich weigerte, die Vermählung zu vollziehen.
Nach diesem stieg die Verschiedenheit ihrer Gesinnungen so hoch, dass Henriette
ihr Versprechen zurücknahm. Aber ihr Herz war gebrochen. Niemand hatte Anteil
an ihrem Kummer genommen. - Man vergab ihr ihre Vorzüge nicht, und schalt sie
gerade weg, eigensinnig. - Hier kam sie auf das Land, und wurde durch die
Wohltätigkeit ihres Herzens und den Umgang und Rat des würdigen Herrn Pfarrers
M** K** ziemlich glücklich.
    Der Anbau der Gärten und Häuser, die Schule für Kinder, alles war
Zerstreuung; aber, einmal bekam Herr M** K** einen Besuch von einem
Jugendfreunde, der mit v. T**, nach seinem Abschiede von S**, England und
Italien durchreiset hatte, und nicht Rühmens genug von dem edelmütigen und
liebenswerten Manne machen konnte, der endlich der Tugend des kindlichen
Gehorsams das Opfer einer geheimen Leidenschaft gemacht, und sich vor einem
Jahre nach dem Tode seiner zwei Brüder vermählt hätte; er, Herr B**, wäre, mit
Versicherung auf die beste Bedienung, indessen als Freund bei Herrn v. T**, der
mit seiner Gemahlin recht artig lebte, und alle, die von ihm abhingen, glücklich
machte. - Dieses erzählte Herr M** K** Henrietten, um ihr zu beweisen, dass eine
zweite Liebe, und Ueberwindung seiner gehegten Leidenschaft, edlen Seelen noch
Glück vorbehalte. Er wusste nicht, wie viel Anteil Henriette an v. T** nahm. -
Jedes Lob, das er in S** erworben; jedes Kennzeichen seiner reinen Liebe; sein
verzweiflungsvoller Abschied und Abreise; die Unwissenheit, in welcher seine
Verwandte beinahe zwei Jahr über sein Leben und Aufentalt gewesen; das Zeugnis
übender Tugend; die genährte traurige Leidenschaft; alles sagte ihr, aber zu
spät, dass dieses der Mann ihrer Seele gewesen wäre. Sie kämpfte gegen ihr Herz.
Aber Herr M** K** hatte gegen seinen Freund der jungen Dame erwähnt, die durch
die Liebe so unglücklich geworden sei, der es bei seiner Zurückkunft dem Herrn
von T** erzählte. Dieser hatte sich, aus Gram, nicht um seinen Vetter befragt,
und hörte nur jetzt, Henriette sei unvermählt und leide. - Schmerz trat in die
Stelle der Zufriedenheit, und mit Tränen benetzte er die Wiege seiner
neugebohrnen Tochter, die er Henriette hatte nennen lassen. - In der ersten
Bewegung schrieb er dem Fräulein von Effen: »Sie sind unvermählt, und ich
verheiratet! - Ach, Henriette! was kostet mich mein unseliges Schweigen! und
wie elend, wie unglücklich bin ich zwischen dem Verlangen nach Ihnen, und der
Begierde, ein guter, ein gerechter Gatte gegen meine würdige Frau zu sein!« -
Nun war ihre Standhaftigkeit erschöpft. Sie wurde über dieses Schreiben so
krank, dass man sie mit Mühe rettete. - Das war just bei der Geschichte des
Webers, wovon mir Herr M** K** gesagt, dass der Mut, den sie damals zeigte, von
einer so traurigen Folge gewesen sei. - Sie antwortete auch ganz kurz, an v.
T**: Sie würde sich in keinen Briefwechsel einlassen, aber seine Erinnerung an
sie, wäre ihr schätzbar, und sie wünsche ihm jede Glückseligkeit, die die Tugend
begleiteten. -
    Alles dies wusste Herr M** K** nicht, und lange nach dieser Unruh war sie
unglücklich, und nur ihre abnehmende Gesundheit ihr Trost.
    Zwei ganzer Tage sammlete ich an diesen abgesetzten Stücken; denn sie war
oft zum Fortreden zu matt, oft durch Tränen unterbrochen, aber einnehmend in
dem ganzen Gespräch. Bei Erinnerung des unedlen Verfahrens von M** richtete sie
sich auf, und sah voll Würde um sich. - Der Name v. T** gab ihr eine feine
Röte, und in Tränen glänzende Augen. Oft lehnte sie sich auf meine Brust, oder
drückte eine meiner Hände an ihr schwach klopfendes Herz voll Liebe. - Ich war
ganz Empfindung, und sie sagte mir: »Ach, Rosalia! vor drei Jahren hätte eine
Freundinn, wie sie, das Uebermaas meiner Zärtlichkeit erhalten! dadurch wäre
mein Glück und Leben gerettet worden!«
 
                               Zwanzigster Brief
Mariane! ach, meine Tränen werden die Hälfte dieses Briefs auslöschen! - Ich
komme von Henriettens Krankenbette. Der Pfarrer, M** K**, ist bei Herrn v. T**
dessen stummer Schmerz jede Kraft seiner Seele zernagt.
    Zehn Tage lang war ich mit Madame G** in H**. Ich verliess das Fräulein von
Effen ziemlich wohl, und auch mit einer Art Genusses von Glück, weil sie einen
ganzen Band ihrer Kräutersammlung zu ordnen hatte, und drei arme Jungen zu
Handwerkern aufdingen liess, wofür sie Kost- und Lehrgeld zahlte, und in ihrem
Hause die kleine Aussteuer an Kleidung für zwo Mädchen gemacht wurde, die sie in
die Stadt als Mägde anbringen wollte. Freilich war sie erstaunlich matt, und
konnte die etlichen Tage, da ich bei ihr war, nur mit Mühe, von mir und ihrer
Jungfer geführt, in ihrem Garten herum gehen, wo sie doch allezeit beim
Untergange der Sonne sein wollte, und süsser Schwermut voll in der Laube sass. In
dem schönen Rasenstück, so vor der Laube liegt, liess sie ihren Schulkindern das
Abendbrod geben, nachdem sie vorher entweder nach einer Maultrumme in Reihen
getanzt, oder um einen Kreis in die Wette gelaufen waren. Es freute sie innig,
wenn ich mittanzte und freundlich mit den Kindern tat, oder auch manchmal ihnen
mit der Laute vorspielte und Etwas sang; doch bemerkte ich vor acht Tagen viel
Vorbedeutendes in ihr, wenn sie die aufsteigenden Abendwolken betrachtete; ihr
schöner Kopf an das Fenster gelehnt, in dem letzten falben Lichte, wie eine
schon halb abgefallene Rose gegen ihren Busen hing; und ihr mattes Auge, mit
Blicken der kindlichen Liebe, an den Himmel geheftet war, so sah ich den
Gedanken der nahen Seligkeit mit den feinsten Zügen über ihr welkendes Gesicht
verbreitet. Der tiefe Schmerz über ihren nahen Verlust war aber mit dem hohen
Gedanken vermischt, dass aus dieser morschen Hütte eine Engels-Gestalt sich
loswinden, und in die väterlichen Hände ihres ewigen Urhebers zurückgehen würde.
- Der vorletzte Abend, den sie da zubrachte, war ausserordentlich schön, und ihre
Seele heiter. Sie hielt meine Hand und sagte, schon mit dem Tone der
Himmlischen: »O Rosalia! wie viel Glückseligkeit lässt Gott mich Kraftlose noch
geniessen! Den schönen Himmel, die fruchtbare Erde, sehe ich noch deutlich, und
meine Seele fühlt jede Wohltat, die uns daraus zufliesst! Ich drücke noch die
Hand einer zärtlichen Freundinn! und hier umgibt mich die Freude der Unschuld
von den Kindern meines Herzens!« - Hier schwieg sie eine Zeitlang, und sagte
dann noch: »Seit drei Jahren habe ich den Saamen irdischer Tugend und
Glückseligkeit um meine Nebengeschöpfe ausgestreut; ich hoffe, mein Tod soll die
Wurzeln von beiden befestigen!« - Nun bemerkte sie das heftige Heben meiner
Brust, und die Zähren, die über meine Wangen rollten. Sie küsste eine hinweg.
»Ach, eine Träne der wahren Liebe, um mich geweint!« sagte sie feierlich, und
gleich sank ihr Kopf, mit einem Seufzer, den bittre Erinnerungen ihr entrissen,
auf meine Brust. Eine ihrer Hände, aus Schwachheit ganz an der Seite herunter
hängend, die andere in eine der meinigen gefaltet, sassen wir lange
stillschweigend, bis sie die Abendkühle zu sehr fühlte und wir langsam bei
aufgehendem Monde in das Haus gingen; sie sah noch um sich, und sagte lächelnd:
»Ich bin froh, ich werde keine dunkle Nacht mehr sehen!« - Der übrige Abend war
ganz artig, und den Morgen darauf kam der Arzt, den ich und ihre Jungfer hatten
rufen lassen, mit dem Herrn Pfarrer M** K**. Der Arzt fand sie, wie er wollte,
dass die Milchkur würken sollte. Er blieb den Tag über da, und war Nachmittags
bei uns in der Laube, wo Henriette den würdigen Herrn M** K** in ein Gespräch
von der Ewigkeit geführt hatte. Wäre mein Herz nicht so gerührt gewesen, so
hätte ich Beobachtungen über die Würkung machen können, welche dieser Gegenstand
bei uns hervorbrachte. M** K**, der verdienstvolle Gottesgelehrte, redte mit
aller Ueberzeugung und voll sanften heiligen Eifers davon; doch war es
natürlich, dass man auch hier und da den schuldigen Berufs- und Amtston bemerkte.
Der Arzt, ein ganz vortreflicher Mann, hörte mit vieler Ehrerbietung zu; nur sah
man, dass diese Scenen ihm bekannt waren. Henriette aber, am nächsten bei dem
Austritte aus diesem. Leben, sprach mit dem Tone des Gefühls von dem Glücke der
Unsterblichkeit. Niemals, niemals werde ich den seligen Ausdruck ihrer
Physiognomie vergessen, den sie hatte, als der Herr M** K**, um die anstrengende
Unterredung abzubrechen, uns zeigte, wie schön die letzten Lichtstralen durch
die Blätter der Laube einfielen, und sie ihr beleuchtendes Kleid ansah, mit
ihren Händen darüber streifte und sagte: »Bald werde ich in ein ganzes Gewand
von Licht gekleidet sein!« - Die ruhige Zuversicht, mit welcher sie jeden Teil
ewiger Güte erwartete, war mir höchst ehrwürdig, und musste in mir, da ich von
ihrem Geschlecht, und beinah von ihrem Alter war, den Wunsch hervorbringen, dass
ich dereinst meinem Tode mit der nemlichen Heiterkeit entgegen gehen möchte!
Kaum hatte ich diesen Gedanken vollendet, so hörte ich die Stimme des jungen
Hofbauern, und die Stimme eines Fremden, den ich zugleich erblickte, wie er an
der Gartentüre den Arm von der Hand des Bauern losriss und gegen die Laube
eilte, indem er eifrig sagte: »Mein Gott, in ihrem Hause sollte ich sein, und
sie nicht sehn!« - Henriette horchte schnell, beugte sich vorwärts und schlug
mit Bewegung die Hände zusammen: »Ach, Rosalia! es ist von T**« - Hier war er am
Eintritt der Laube, wo er, nach einem Blicke auf Henrietten, mit staunen dem
Schmerz still stand. Ein grosser, edel gebildeter, junger Mann, von neun und
zwanzig Jahren, etwas hager und bloss, aber schöne und grosse Augen, die ich eben
bemerkte, als er sie beinah gichterisch bewegte, und zu Henriettens Füssen
stürzte, einen Teil ihrer Kleidung mit der äussersten Bewegung zwischen seine
Hände fasste, an ihr aufsah und mit dem rührendsten Tone sagte: »Nach vier
kummervollen Jahren seh ich sie wieder! Aber wie? Auf eine weinende Freundinn
gestützt! einen Arzt! einen Seelsorger! und Ihre ganze Engelsgestalt zerrüttet!
- O Vorsicht! ewige Vorsicht! zu was war ich aufbehalten!« - Hier küsste er mit
Heftigkeit ihr noch in seinen Händen haltendes Stück Kleid, und ein Strom von
Tränen floss aus seinen Augen auf Henriettens Gewand. Zitternd war sie auf mich
gelehnt, ihre Augen gegen meine Brust gewendet. Ich hielt sie mit einem Arme
umschlungen. Sie hatte ihn nicht angesehen, bis er die Ausrufung an die Vorsicht
tat. Matt blickte sie da auf ihn, wurde etwas rot. Bei dem ersten Guss seiner
Tränen zitterten ihre Lippen, und sie wurde ohnmächtig. Mein Schmerz war
unbeschreiblich. Von T** riss sich mit Verzweiflung von der Erde auf und war mit
uns ängstig bemüht, sie wieder zu sich zu bringen. Es dauerte eine halbe Stunde,
eh der Arzt uns beruhigte, und wir sie in einem Stuhle nach Hause tragen
konnten, wo sie zu Bette gebracht wurde, und stärkende Arzeneien bekam, durch
die sie erst gegen vier Uhr des Morgens Kräfte genug erhielt, um reden zu
können. Da wollte sie mich durchaus nicht länger Wache halten lassen. Ich ging
auch schlafen, aber um Sechs war ich an ihrem Bette, wo ich sie in einem matten
Schlummer fand, der dem Arzte missfällt. Meine traurige Unruhe erlaubte mir keine
Erleichterung, als diesen Brief an Sie, meine Freundinn!
 
                           Ein und zwanzigster Brief
Die edle, die liebenswürdige Henriette ist nun in den Armen der ewigen Ruhe! Und
ich, meine Mariane, winde mich um das Andenken jedes Augenblicks, den ich bei
ihr zubrachte, sie handeln sah, reden hörte, und ihrer Liebe genoss. Die
Wiederholung alles dessen, was ihre letzten Tage bezeichnete, ist der süsseste
Trost, den ich mir geben kann. Hören Sie mich also noch alles erzählen, was seit
meinem vorigen Briefe geschah.
    Ich setzte mich an Henriettens Bette, wo ich mit gepresstem Herzen, bald sie,
bald den Arzt ansah, um auf dessen Gesicht meine Hoffnung, oder meine Furcht zu
lesen. Seine tiefsinnigen Blicke und das jeweilige Schütteln seines Kopfs sagte
mir alles. Ich liess daher meinen Tränen freien Lauf, so, wie ihre Jungfer, die
am Bett kniete. - Endlich öfnete sie die Augen, und schwach, anfangs kaum
verständlich, sagte sie: »Liebe Rosalia! und du, meine gute, treue Liese!
kümmert Euch nicht, ich werde glücklich - ewig glücklich.« - Nachdem erblickte
sie den anbrechenden Tag, und wir mussten die Fensterladen ganz öfnen, dass sie
den Garten und das Feld sehen konnte. Lächelnd bewegte sie die Augen umher, und
sprach sanft: »Schöne Erde! aller deiner unschuldigen Freuden habe ich
genossen!« - Der Arzt gab ihr erquickende Tropfen und ging hinaus, worauf ich
nach einigen Augenblicken fragte, wie ihr wäre? »Schwach, sehr schwach, meine
Rosalia! - Sie sehen, dass ich Recht hatte, zu sagen, dass ich keine Kraft mehr
habe, Freuden zu tragen. Ihr süsser Anblick machte mich krank; der, von dem
Herrn von T**, hat mich über das Vergangne und Gegenwärtige zu heftig bewegt, um
es zu dauern.« - Nachdem schwieg sie lange, und verlangte dann ein Kästchen, das
in einem Schranke der Mauer stund, liess es aufmachen und gab mir daraus einen
Ring, worauf ihr verzogner, Name, mit kleinen Brillanten, auf schwarzem Grunde
steht. Sie steckte ihn selbst lächelnd an meinen Finger. Da aber meine Tränen
auf ihre Hand fielen, blickte sie mich mit viel Empfindung an und streichelte
mich. »Sein Sie vergnügt, Rosalia! Sie waren die letzte Freude meines Lebens.
Für Sie sag' ich der Vorsicht den letzten Dank; denn durch Sie hat mein
liebendes Herz das Glück der wahren Gegenliebe genossen. Ich weiss, dass ich in
dem Ihrigen unvergessen bleiben werde, und dass Sie gerne manchmal mein Bild
sehen werden.« - Hier gab sie mir ihr Miniaturgemählde, in himmelblauer
Kleidung, mit einer Hand einen Schleier von weissen Flor über sich ziehend, sehr
schön gefasst. - »Du, meine Freundinn Lise! sollst diesen Ring tragen.« (Den sie
von ihrem Finger zog und ihr gab.) »Mein kleines Bild in Oel ist auch dein; die
übrigen Kennzeichen meines Danks und meiner Liebe wird Herr M** K** in diesen
Papieren finden.« - Herr M** K** und der Arzt kamen da würklich ins Zimmer. Sie
reichte Erstern eine goldne schwarz emaillirte Dose: »Dieses Andenken erhält
noch durch meine Hand einen Wert; nicht wahr?« - Dem Arzt gab sie eine ganz
goldene, und nahm aus dem Kästchen noch ein grosses und zwei kleine Futterale
heraus, liess es zumachen und gab die Schlüssel dem Herrn Pfarrer M** K**, der,
wie ich, im feierlichem Stillschweigen da stund. Nach diesem war sie lange ruhig
und dann blickte sie mich sehr rührend an. »Rosalia! noch einen Labetrunk von
ihrer Hand!« Ich stützte ihren Kopf mit einem Arm, und mit der einen Hand hielt
ich das Glas an ihren Mund. Sie bat, sie etwas höher zu legen, und wir
bemerkten, dass sie über was nachdachte. Endlich fing sie an: »Wo ist Herr von
T**? ich möchte ihn sehen! Aber, lieber Herr M** K**, bitten Sie ihn, dass er
nicht zu bewegt sei!« Der Arzt, und wir alle, wollten sie von dieser Unterredung
abhalten, weil sie solche zu sehr angreifen würde. »Ach, meine Freunde! ich
fühle, dass ich nur noch wenige Schritte bis an das Ende meines Lebens habe!
Lassen Sie mich diese kurze Zeit noch nach meinem Herzen geniessen! Was soll T**
so weit von meinem Zimmer tun? Mein Anblick ist ihm so wert -« Herr M** K**
ging hinaus, ihn zu holen. Da drückte sie meine Hand - »Ach, Rosalia! was ist
mein Schicksal mit den zwei Vettern! Der eine raubte mir Freude und Gesundheit,
und dieser gute edle Mann befördert meinen Tod!« - Von T** kam. Sie blickte ihn
lächelnd an, und reichte mit der Hand nach ihm. Er näherte sich ziemlich gefasst,
küsste ihre Hand mit bebenden Lippen und fragte nach ihrem Befinden. - »Ziemlich
wohl! Aber, müde an Geist und Leib.« - Mein Gott! erwiederte er, ich fürchte,
mein unbedachtsames Eindringen hat Sie erschreckt und so krank gemacht! Ich
werde es mir niemals vergeben. - »Sie hätten Unrecht, teurester T**; denn Ihr
Anblick würde mir bei keiner Gelegenheit gleichgültig gewesen sein, aber, meine
vorherige Entkräftung hat mich zu jeder Bewegung untüchtig gemacht.« - Er sagte
hierauf nichts, sondern küsste nur ihre Hand und blieb mit darüber gebogenem
Haupte sitzen. Sie schwieg auch lange, und sagte dann mit flüchtigem Erröten:
»Sie haben eine würdige Gemahlinn, Gott segne Sie beide! - Bitten Sie die Frau
v. T**, dieses Andenken von der Freundinn des besten Mannes anzunehmen!« - Und
da gab sie ihm das grosse und kleinere Futteral, wo in dem einen die kostbare
Uhr, die mit der Agraffe reich mit Brillanten besetzt ist; in dem andern,
Ohr-Rosen und eine Haarnadel war; in dem dritten, zwei gleiche Ringe von grossem
Wert, wovon sie einen ihm reichte. »Diesen tragen Sie. Den andern, Ihre
Gemahlinn. Ihre Tochter, die Sie in der Taufe meinem Andenken weihten, habe ich
schon lange als das Kind meiner Seele zur Besitzerinn von Effenhofen gemacht.
Ich hoffe, sie wird einst die guten Einwohner darin lieben und glücklich
machen.« - Herr von T** lag nun auf den Knien vor ihrem Bette, seine beiden Arme
an dem Bettgestelle ausgespannt, und rief: »O Henriette! Henriette! was sollen
all diese Anordnungen?« - »Sie sind das Einzige, was mich die Versicht für den
zu spät geliebten Mann meines Herzens tun lässt!« sagte sie, und in dem
nemlichen Augenblicke war sie aufgerichtet küsste die Stirne des Herrn v. T**,
und mit Sammlung ihrer letzten Kräfte, legte sie ihre Hände auf ihre Brust, -
»Von Dir, ewige Liebe! erhielt ich dieses gefühlvolle Herz! Rein, Rein, wie es
aus Deinen Händen kam, gebe ich Dir es zurück.« - Mit einem Schrei des Schmerzes
sank von T** auf die Erde. Henriette rufte: »Ach Gott!« liess ihre Hände fallen,
und verschied. -
    O Mariane! wie gerne hätte ich meine Seele auf ihren Händen, die ich küsste,
ausgehaucht! Ich konnte nicht reden und nicht weinen. - Durch unsere Unruh und
Mühe kam von T** zu sich, rafte sich auf, und stund mit gerungenen Händen,
starre Blicke auf Henriettens Leichnam geheftet. - Auf einmal näherte er sich
Liesen, die an der einen Seite des Betts kniete, und mir einem Schnupftuche den
Todesschweiss von der Stirne des entwichenen Engels wischte. Er legte sein
Gesicht einen Moment auf Henriettens Arm. - »Heilige, heilige Ueberreste!«
sprach er mit dem wehmütigsten Tone, betrachtete noch mit gesunkenem Haupte das
kaltwerdende Bild, riss dem knienden Mädchen das Schnupftuch aus der Hand, hüllte
sein Gesicht hinein, küsste es, fasste es in beide Hände, eilte ins Vorzimmer, wo
er sich vor einen Stuhl auf die Erde warf und laut schluchzend zu weinen anfing.
- Ich ging traurig in mein Zimmer. Kurz darauf wurde mein Herz durch das
Wehklagen der Dorfleute aufs neue zerrissen. O, die Liebe der wahren Tugend
liegt tief in der Seele der Menschheit! Ich habe es bei der Leiche von
Henrietten gesehen. - Was für Trauer, was für Ehrerbietung war in allen, die sie
zu der gewählten Ruhestätte begleiteten!
    Sie liegt neben den Ueberbleibseln einer kleinen alten Capelle, am Ende des
Dorfs, wo sie schon vor zwei Jahren, ohne dass man ihre Absicht wusste, auf die
Seite gegen das Feld, ein halb rundes Dach, auf fünf schöne steinerne Säulen
gestützt, hatte bauen lassen. Auf beiden Seiten der mittlern Säule ist es offen
zum Eingang. Zwischen den andern aber, Bänke von Stein, wo sie oft hinging, sich
setzte, und mit den Feldarbeitern sprach. Ein grosser Stein deckt ihre Gruft, auf
dem nichts steht als:
                                   Ruhestätte
                                      von
                             Henrietten von Effen,
                                  24 Jahr alt.
In ihrem letzten Willen erhält die Tochter des Herrn von T** all ihren Schmuck,
Silber und Effenhofen; der Herr von M** eine schwere goldene Dose, zum
Denkzeichen ihrer Versöhnung; und das übrige Vermögen geht in vier Teile. Den
ersten ihren Verwandten; den zweiten für Erziehung armer Kinder; den dritten
ihren Hausbedienten; und den vierten unter Arme auszuteilen.
    Der Herr von T** will hier wohnen. Wenn er es tut, so lebt er nicht lange,
denn alles nährt seinen endlosen Kummer. Er will in ihrem Zimmer wohnen, ihre
Betten, alle ihre Möblen haben, ihr Messerzeug. - Er betete sie an, und ihr
letzter Atemzug war das Bekenntnis ihrer Liebe für ihn! Morgen geht er weg, und
Herr M** K** mit ihm.
    Wie lange ist dieser Brief! Aber es war der letzte Auftritt, der ganz meine
Seele erfüllte!
 
                           Zwei und zwanzigster Brief
Gestern ist der Herr von T** mit dem Pfarrer M** K** abgereiset. Er hatte sich
bei Letzterm besonders nach mir erkundiget. Weil ich Henrietten so teuer
gewesen, sagte er, müsse ich eine vortrefliche Person sein. Herr M** K** gab ihm
alle Nachrichten, und auch die, dass ich durch den Briefwechsel mit einer edlen
Freundinn bewogen worden, eine genaue Beschreibung von allem zu machen, was sich
seit meiner Bekanntschaft mir Henrietten zugetragen habe. - Urteilen Sie,
Mariane, wie begierig der gute Herr v. T** auf diese Papiere wurde! Es war mir
auch unmöglich, ihm die Abschriften zu versagen. Er will sie seiner Gemahlinn
weisen, bei welcher die so auffallende schönen Züge von Henriettens edler Seele,
nicht nur eine Schutzschrift für seine dauernde Liebe sein würde, sondern auch
zu einer Belohnung ihrer Grossmut dienen könnte, da sie selbst ihm die Reise zu
Henrietten vorgeschlagen habe.
    Er hatte die Anschriften meiner Briefe in meinem Zimmer, unter manchen
Tränen, stille durchgelesen, und bei dem Stück, wo die Frage von seinem Briefe
an Henrietten war, erzählte er mir alle Umstände des Kummers, der ihn lange Zeit
auf doppelte Weise marterte, da er Henriettens Bild nicht aus seiner Seele
drängen, und den innern Vorwurf auch nicht vermeiden konnte, dass er so kalt
gegen seine Gemahlin wurde, die seine traurige übermässige Zärtlichkeit gegen ihr
Kind, und sein trockenes, obgleich sehr ehrerbietiges Bezeigen gegen sie selbst
nicht begreifen konnte. Er wäre darüber ganz elend geworden; hätte niemand, als
seine Gemahlinn und seine Tochter gesehen, und endlich, da er einmal bettlägerig
gewesen, habe er seiner Gattinn sein Herz eröfnet. Sie hätte viel geweim; lange
still geschwiegen und ihn dadurch in die äusserste Aengstlichkeit gebracht; dann
aber wäre sie von ihrem Stuhl aufgestanden, hätte sich auf das Bett gesetzt,
seine beiden Hände in die ihrigen genommen, und ihm mit aller Würde und Eindruck
der wahren edlen Güte des Herzens gesagt, dass sie ihm unendlich für sein
Vertrauen danke, und ihm gestünde, dass sie dabei gelitten habe; aber, dass sie
gar wohl einsähe, was für eine unwiderstehliche Gewalt die Liebe über ein Herz
haben könne; sie bedaure die junge Dame innig, und bäte ihn, zu ihr zu reisen,
um entweder eine Aussöhnung mit ihrem ersten Liebhaber zu stiften, oder doch
wenigstens durch sich selbst von dem Zustande des Fräuleins unterrichtet zu
werden. Vielleicht könnte er dadurch Etwas zu der Wiederherstellung der
Munterkeit und Gesundheit des Fräuleins von Essen beitragen; genösse den Trost,
sie zu sehen, und würde eine richtige Idee von ihren Leiden und Wünschen
erlangen, da er jetzo in der Ungewissheit, allein den Sorgen seiner Liebe und
Bekümmernissen überlassen, sich abzehre, und alle, die ihm ergeben wären,
zugleich unglücklich würden. -
    Er hätte noch einige Tage gegen diese Reise gekämpft und sich auch
aufgemuntert; teils, um seine Gemahlinn zu beruhigen, teils auch wäre ihm in
Wahrheit nach Eröfnung seines leidenden Herzens leichter gewesen; seine
Gemahlinn wäre dadurch in alle heilige Rechte einer Freundinn getreten, auf
deren Seele er die seinige stützte; sie hätte ihn über acht Tage lang gehen
lassen, ihn aber genau beobachtet; dann wäre sie Abends in sein Cabinet
gekommen, und hätte ihm mir einer zärtlichen Heiterkeit gesagt: »Mein lieber
T**. Sie haben mir schon einigemal versichert, dass Sie mir eine Genugtuung
schuldig sind, wegen des vielen Jammers, den mir Ihre Traurigkeit verursachte.
War es Ihnen Ernst mit Ihrer Schadloshaltung?« - »Gewiss, meine Auguste, meine
gütige Auguste! Sagen Sie, was soll, was kann ich tun, um Sie zu befriedigen?«
- »Sie sollen die Anstalten gut heissen, die ich zu Ihrer Reise nach Effenhofen
gemacht habe, und morgen früh mit Ihrem Kammerdiener dahin abgehen. Ich fodre es
als einen Beweis Ihrer Achtung für mich, und bitte Sie, mich diese edelmütige
Handlung ausüben zu lassen. Die Vorsicht hat mich glücklich genug gemacht; ich
bin Ihre Gattinn, die Mutter Ihres Kindes, Ihre Freundinn, und bei diesem
Ueberflusse soll ich eine tugendvolle Unglückliche im Leiden wissen und hülflos
lassen? Nein, mein T**, Sie sollen zu dem Fräulein von Essen. Sie sollen für
sich diese Freundinn erhalten, und mir sie zur Freundinn erwerben. Meine Seele
ist über die Eifersucht der Eigenliebe erhaben, denn ich liebe dieses
empfindungsvolle Frauenzimmer. Ich will Ihnen mit unserer Henriette nachreisen,
wenn Sie es nach den Umständen gut finden werden. Aber morgen früh sollen Sie
weg. Alle Sachen, auch unterlegte Pferde, sind bestellt; die Witterung ist
schön, und der Beweggrund so, wie er vor dem Richteramt der wahren Menschenliebe
bestehen kann.«
    Er versprach es ihrer grossmütigen Liebe, und ging weg. Da er einen leichten
Wagen hatte und überall sechs bestellte Pferde antraf, so konnte er den zweiten
Tag so zeitig in Effenhofen sein. Er schickte ihr den andern Morgen einen
eigenen Boden zu Pferde, und meldete ihr die hofnungslosen Umstände der
Gesundheit des Fräuleins. - In der Antwort der Frau von T** liegen alle Züge
einer vortreflichen Seele. Sie dankte ihm, dass er nach Effenhofen gereiset sei,
und sie hofte bessere Nachrichten; bat ihn auch, alles Mögliche beizutragen, das
verwundete Gemüt des lieben Fräuleins zu heilen. Aber, diese Bitte kam zu der
Zeit, wo die edle Henriette schon über alle menschliche Leiden und Hülfe erhaben
war. Die Frau von T** kann über ihre Veranstaltung und Betreibung der Reise
ihres Gemahls zufrieden sein; ich denke, es mag sie was gekostet haben, ihren
T** von sich zu der so feurig geliebten Henriette zu schicken! Ihr Opfer war
gross, aber schön, und nun wird sie durch den Dank und die Verehrung ihres
würdigen Gemahls tausendfach belohnt.
 
                           Drei und zwanzigster Brief
Wie viel, teure Mariane! wie viel habe ich Ihnen zu danken, da Sie mich so
liebreich bei der Hand fassen, und mich mein Leben geniessen lehren! - Es dünkt
mich auch, ich könne Sie versichern, dass Sie mich niemals mehr werden murren
hören, wenn die Hand des Schicksals mir, anstatt des verlangten Guten, ein
andres hinlegt. - Ich will nicht mehr, wie ein eigensinniges Kind, es von mir
stossen, sondern mit gelassenem Dank es annehmen und geniessen. - Sie sollen aber
doch auch wissen, was mich bei Ihrem gütigen Rat am meisten erfreute, was mich
am stärksten lockte, ihm zu folgen. -
    Sie wiederholten meine Klagen über die Entfernung von Ihnen und von meiner
gewöhnten Einteilung der Tage und ihrer Verwendung. Sie sagten: »Wenn ich
Rosalia L** mit dem feinen Gefühle der Seele wäre, so würde ich wie sie, jedes
genossene Gute, jede Freude der verflossenen Tage, das Bild meiner Freunde, und
den Ort, wo ich alles dieses im Besitz hatte, dankbar in meinem Gedächtnis
bewahren; ich weihte ihrer Erinnerung sogar Augenblicke des gegenwärtigen
Genusses; ich freute mich der Sicherheit, dieses alles in einiger Zeit wieder zu
finden, und pflückte daneben mit ämsiger Aufmerksamkeit die Blumen des
Vergnügens, die der Zufall auch auf fremden Boden für mich sprossen liesse; ich
würde mir es nicht vergeben, wenn ich nur den Himmel, nur die Gegend unserer
Mutter Erde, nur die Menschen lieben wollte, die ich bisher sah.« -
    Ich fühlte, dass Sie gerechter sind, als ich. Meine, gegen die hiesigen
Einwohner gehegte Gleichgültigkeit war mir leid. Ich nahm mir vor, billig zu
sein, und meine Liebe, meine ewig vorzügliche Hochachtung für Mariane,
unterstützte diesen Vorsatz weil ich mich freute, Etwas zu tun, was Sie an
meiner Stelle tun würden. O, wie unschätzbar ist der Wert der Tugend derer,
die wir lieben, weil man die Neigungen des geliebten Gegenstandes so gerne
annimmt! Ich habe würklich heute Blumen gepflückt, von deren Saamen ich auch bei
uns auszustreuen suchen werde. Es gehr die Ausbreitung der Gesellschaft und
Gesetze an, die sich neun junge Frauenzimmer gemacht haben, und die damit ganz
unfehlbar den Endzweck erreichen werden, jedes wichtige und reizende Verdienst
unsers Geschlechts zu erlangen.
    Es ist hier gewöhnlich, dass Männer, Frauen und junge Personen, jedes eine
abgesonderte Gesellschaft halten. Sie kommen aber nicht öfter, als alle Woche
einen Tag zusammen, und zwar immer wechselsweise von einem Hause um das andre.
Diese Verbindungen nennen sie von langen Zeiten her, einen Freundschafts-Kranz,
und den Tag der Zusammenkunft, den Kränzeltag. Eine Verwandtinn von Frau R** hat
mich heute, da die Reihe an ihr war, dazu eingeladen und mir die Beschreibung
ihrer Gesetze gemacht.
    Jeden Donnerstag kommen sie mit ihrer Arbeit, Nachmittags um drei Uhr, artig
geputzt, zusammen; trinken eine Tasse Coffee, aber nicht heiss, weil heisser
Coffee der Schönheit und Reinlichkeit der Gesichtsfarbe schadet. Nach diesem
geben sie einige Teller mit Obst und Confect. Von dem Letztern muss aber allezeit
etwas von der Kranzgeberinn selbst gemacht sein. Ist es neu erfunden, oder
erlernt, dass die andern es noch nicht wissen: so muss sie die Vorschrift
mitteilen. Dann werden die Arbeitensgewiesen; von der, alle zwei Monat neu
gewählten Vorsteherinn gelobt, oder getadelt. Jede muss das Neugelernte, oder die
erworbene Vorteile, in Erleichterung der Mühe, oder zur Vollkommenheit des
Ganzen, den andern mitteilen. - Dann müssen sie nach der Reihe sagen, was sie
von ihren Freundinnen haben loben oder aussetzen gehört; Erläuterungen geben,
und sind sie verbunden, alle eine, und jede alle zu verteidigen. Der Putz wird
auch durchgegangen; die Unkosten und die Art der Verfertigung gesagt; der
wohlfeilere Kaufmann genannt. Dann wird erzählt, was man Schönes und Nützliches
gelesen oder gehört, und sich eigen gemacht hat. Nachdem Etwas aus dem
Schauplatz der Natur, einer Wochenschrift, eine Comödie, oder Poesie gelesen;
darüber geredet und auf die Letzt für Arme etwas Geld gesammelt; und eine jede
von ihnen lehrt ein armes Mädchen Lesen, Schreiben und Arbeiten, wodurch sie
tüchtig weiden kann, einmal als gute Dienerinn glücklich zu werden. In den
Häusern, wo die Tochter Brüder hat, kommen auch diese mit ihren artigen Freunden
gegen sechs Uhr in die Gesellschaft, welches natürlicher Weise Abänderung und
Munterkeit unter sie verbreitet. Man hat mir darüber zwei recht artige Sachen
erzählt, die ich Ihnen auch melden will. -
    Das Kränzchen bestund vor einiger Zeit aus neun jungen Frauenzimmern, die
mindeste Schöne war die Reichste, und sass einst bei ihrer vertrautesten
Freundinn, als junge Herren kamen. Einer von ihnen bemerkte, dass er von diesen
beiden betrachtet wurde, und sie von ihm redeten, und lag der einen so lange mit
Bitten an, bis sie ihm gestund, dass Mademoiselle F** ihr gesagt: »Sie wisse, dass
sie niemals wegen ihrer Person könnte geliebt werden, und dass man sie nur wegen
ihres Vermögens suchen würde. Sie wünschte daher nur, mit ihrem Reichtum das
Glück eines würdigen Mannes zu machen; zum Beispiel, des rechtschaffenen jungen
K**, den sein Oheim das wenige Gute, das er ihm bewiess, so teuer erkaufen
liesse; und es würde ihre grösste Freude sein, ihm durch ihr Vermögen unabhängig
und vergnügt zu sehen.«
    Herr K** ward durch diese Edelmütigkeit gerührt; von der Einwilligung des
jungen Frauenzimmers versichert, suchte er um sie an, erhielt sie, und würde
durch seine Dankbarkeit und ihre zärtliche Liebe lange glücklich gewesen sein,
wenn er sie nicht in dem ersten Wochenbette verloren hätte, wo sie nach dem Tod
ihres Kindes nicht um Hülfe gegen ihre Schmerzen, sondern allein um die Zeit
bat, ihr Testament zu machen, um ihrem geliebten Gatten ihr Vermögen, als das
allein überbleibende Zeugnis ihrer Zärtlichkeit, zu versichern, und er dadurch
in den Stand gesetzt würde, eine schöne liebenswürdige Frau nach seinem Herzen
zu wählen, und durch ihren Besitz für alle die feine Achtung belohnt zu werden,
die er ihr bewiesen hätte. - War dies nicht eine schöne Seele, meine Mariane?
 
                           Vier und zwanzigster Brief
Hier gleich, in einem Atem, sollen Sie die erst letztin vorgegangne kleine
Geschichte dieser Mädchenwelt anhören. - Der Kränzeltag traf in ein Haus, wo ein
schöner Garten ist, und also die Frauenzimmer zum Herumspatzieren gelockt
wurden. In dem Hause eines Nachbarn der den ganzen Garten übersehen konnte, war
den Tag vorher ein Freund angelangt, der sich mit dem Hausherrn belustigte, von
Ferne dem Getändel und den Bewegungen der acht artigen Mädchen zuzusehen, als
sie im Garten Saale ihren Coffee tranken und Etwas weniges arbeiteten. Wie sie
aber aufstunden, bemerkte er eine sehr schön gewachsene muntere Brünette, die im
Austreten aus dem Saale ein Buch aus der Tasche zog, darin blätterte, und auf
einen Rosenstrauch zuging, bei dem sie sich gegen ihre, ihr folgenden
Gespielinnen wandte, und ihnen, mit vielem Ausdruck in ihrem Gesicht, etwas
vorlas; und nachdem sie alle sehr zufrieden darüber geschienen, redete sie etwas
mit dem Frauenzimmer, dem der Garten gehörte, die ihr eine einwilligende
Verbeugung machte, worauf die Brünette wie ein Vogel in den Saal hüpfte, mit
einem Körbchen heraus kam, in welches sie Rosen und andere Blumen sammlete. -
Der Fremde fragte seinen Freund, wer diese Person sei? - Es ist die Tochter
eines Gelehrten, des Herrn von U** - »Von U**?« fiel der Fremde ein, »wie ist
ihr Taufname?« - Julie! - »Wie! Julie von U**? O Gott! ich bitte um alles, mein
Freund, schaffen Sie mir das Glück, mit dem liebenswürdigen Mädchen nur einige
Worte zu sprechen. Ich will Ihnen nach dem die Ursache erzählen; aber nennen Sie
mich nicht!« - Kommen Sie; ich darf in den Garten, wenn ich will. Aber die Julie
ist gefährlich! Wenn man sie einmal liebt, so ist es nicht leicht möglich, von
ihr zu lassen, und Sie sind erst verheiratet. - »Ach, führen Sie mich in den
Garten. Morgen reise ich wieder ab.« -
    Die beiden Herren kamen auch, mit dem Herrn und der Frau des Gartens, und
machten dem Mädchen höfliche, aber stille Verbeugungen; nur Herr B**, welcher
dem Fremden versprochen, ihm eine Unterredung mit Julien zu veranlassen, fragte
diese: Was sie mit dem Korbe voll Blumen machen wollte? Sie antwortete: »Ich bin
heute so wacker gewesen, dass ich Erlaubnis habe, meinen Freundinn
Blumensträusser zu pflücken, die ich wirklich austeilen will.« Dies sagte sie
mit einem freundlichen Lächeln, und ging gegen die Reihe der Mädchen, wovon eine
zu ihr sagte: »O, wie viele Rosen hast Du? -« »So viel unsrer sind, mein Schatz!
Denn wir lieben sie alle auf den Backen, auf dem Munde, auf dem Wege unsers
Lebens, und sogar möchten wir, dass alle Leute, die mir uns umgehen,
Rosenfarbenen Humor hätten!« - Nun war sie bei der Vorsteherinn der
Gesellschaft, gab ihr eine Rose, und eine »Sorgenblume musst Du dazu nehmen, weil
Du mit der Aufsicht für uns Uebrige beladen bist!« - Einer andern, deren Wangen
von dem schönsten Rot glüheten, gab sie eine weisse Rose, und Violette
Schlüsselblumen dazu; streichelte ihre Wangen. »Der Widerschein wird diese Rose
färben, die andere hättest Du mit Deiner Wange beschämt.« - Die Schlüsselblume
hatte sie genommen, weil des Mädchens Liebhaber diesen Namen führte. Sie gab
auch Julien einen Schlag, und drohte ihr: »O Du Schelm!« - Einem sanften schönen
Geschöpf bot sie eine weisse Viole zu der Rose. »Nimm, meine Christine, sie ist
schön und rein, wie Dein Herz!« - Einer andern sagte sie: Eine abwesende Person
hätte sie gebeten, ihr Vergissmeinnicht zu geben. Diese artigen Einfälle
unterhielten alle, die da waren; sie liess sich auch nicht stören, da sie für
jede einen Gedanken bereit hatte. »Meine bescheidene Charlotte, die demütige
Grasviole ist Dein,« sagte sie mit viel Empfindung; aber mit Schalkheit zu einer
andern: »Liebe Helene, suche den Wendel selbst loszumachen, wenn Du ihn nicht
liebst, ich habe mich vergeblich darum bemüht!«
    Sie hatte aber die Wendelblume selbst darum gewunden, und dies ging den
Bräutigam von Helenen an. - Nun blieben lauter Blumenknospen übrig, wo sie zu
einer artigen Blondine sich stellte: »Liebe Baase, unsere Verdienste und unser
Glück sind noch im Blühen, aber sprossen tun sie doch!« -
    Der Fremde hatte nicht einen Blick von ihr gewandt, sie immer von Kopf zu
Füssen betrachtet, sich auf die Lippen gebissen, und seinen Hut mit Heftigkeit
gediehet. - Herr B** nahm Julien bei der Hand und sagte: Er müsse sie etwas von
ihrem Herrn Vater fragen. - Der Fremde ging nach. Wie sie weit genug von den
andern waren, bot ihm Herr B** Juliens Hand. »Wollen Sie meine junge Freundinn
führen?« - Der Fremde haschte nach ihr; Julie zog sie errötend zurück. »Schöne
Julie,« sprach er, »wissen Sie, dass ich Ansprüche auf diese Hand habe?« - Sie
stutzte ernstaft, »Wie so, mein Herr?« - »O, werden Sie nicht böse, ich bin
unglücklich genug, Sie nicht eher gesehen zu haben! Hätte mir mein Vater dieses
Bild gemahlt,« sagte er, wobei er auf ihre Person wies, »ich hätte es von meinen
ersten Jahren an auf ewig in mein Herz geprägt; so, wie ich jetzo Ihre reizende
Person und den liebenswürdigen Geist niemals vergessen werde.« - Er fasste nun
ihre Hand, küsste sie oft und feurig: »Wie glücklich hätte diese mir bestimmte
Hand mich gemacht! O mein Vater, wie elend bin ich auf mein ganzes übriges
Leben!« - Die gute Julie und Herr B** begriffen nichts von alle diesem. Da sie
aber einer kleinen Laube nahe waren, führte Herr B** sie hinein und bat den
Fremden, seine Bewegungen und Ausrufungen zu erklären, da er doch Julien nie
gesehen hätte. -
    »Ich bin der einzige Sohn des besten und geliebtesten Freundes vom Herrn von
U**. Sie hatten einen Vertrag gemacht, ihre zwei ältesten Kinder mit einander zu
verbinden. Aber ich wusste nichts davon, als bis ich nach meines Vaters jähem
Tode von der Universität nach Hause gerufen ward, und unter seinen Papieren den
Aufsatz und Juliens Namen fand. Ich wurde da freilich, wegen meiner geheimen
Heirat, zu der ich durch unzählige List gebracht worden, etwas betreten, weil
ich glaubte, meinen Vater doppelt betrogen zu haben. Meine Frau und ihre
Verwandte waren mir zuwider. Ich liess sie doch in meine Vaterstadt kommen, wo
ich ihr genugsames Auskommen angewiesen, und mir etliche Jahre zu reisen
vornahm. Ich ging zuerst nach Italien, weil ich hier meinen Weg durchnehmen
musste, und auf die Gelegenheit zählte, die mir zugedachte Julie zu sehen. Sie
zogen mein Herz an sich, ohne dass ich Ihren Namen wusste; und Herr B** wird
sagen, wie stark ich gerührt wurde, da ich ihn hörte. - Mein Vater kannte mein
Herz und mein Glück besser, als ich. Aus Unvorsichtigkeit habe ich es
verscherzt. Diese schöne blühende Gestalt wäre mein Eigentum gewesen! Nun habe
ich eine Frau, die älter ist, als ich, und dazu bösartig. O, mein lieber B**,
wie unglücklich bin ich!« -
    Julie war still, aber sie bedauerte ihn mit ihren Blicken. Er schwieg auch;
Tränen füllten seine Augen; hundertmal küsste er ihre Hände. »Ein würdiger, ein
sehr würdiger Mann soll Sie glücklich machen! - Sagen Sie nur, hätten Sie mich
leiden können? Würden Sie mich von der Hand Ihres und meines Vaters angenommen
haben? Liebenswürdige Julie, sagen Sie mirs! Es ist alles, alles Glück, was ich
hoffen kann!« - Verwirrt, äusserst errötend sagte Julie: »Ich glaube, ich würde
ohne Widerwillen gehorcht haben!« - Er küsste ihre Hand zum Dank, redete aber
nichts mehr; riss etliche Blätter der Laube ab, an die Julie in ihrer Verwirrung
gespielt hatte, steckte sie in seinen Busen und wandte sich von beiden weg. Herr
B** führte Julien zu der Gesellschaft zurück, und ging dann allein mit seinem
Freunde auf und ab, bis er sich genug erholt hatte; und den andern Morgen ganz
frühe reisete er ab, nachdem er in einem Billet Julien tausend Gutes gewünscht,
und sie gebeten hatte, manchmal an den unglücklichen I** zu denken, der sie
niemals vergessen würde!
    Herr von U** bestätigte die Wahrheit des Vertrags mit seinem verstorbenen
Freunde, der Julien als ein artiges viel versprechendes Mädchen von eilf Jahren
gesehen, und sie seinem Sohn bestimmt hätte. Alle bedauerten den schönen jungen
Mann, und Julie selbst wünschte, dass er ihr möchte ganz eigen geworden sein. -
    War dies nicht, meine Mariane, ein ganz einnehmender Auftritt? Ich hätte
mögen dabei sein! Wie oft, meine Liebe, wie oft geschieht es, dass wir mit einem
unüberlegten Schritt den Keim unserer künftigen Glückseligkeit zertreten, den
eine uns liebende Hand gepflanzt und gewartet hatte! - Eine sehr muntre Person
sagte bei dieser Gelegenheit, die Vorsicht müsse ganz eigene, uns unbegreifliche
Ursachen gehabt haben, dass sie den Leichtsinn gerade auf die Jahre legte, wo man
am meisten Klugheit nötig habe.
 
                           Fünf und zwanzigster Brief
Mariane! Ich war Heut in einer grossen Gesellschaft. Männer, viele Männer, im
eigentlichen Verstande genommen, waren da; manche wichtige Gegenstände der
Unterredungen kamen zum Vorschein; alle wurden flüchtig behandelt, nur bei dem
von der Religion blieben sie am längsten stehen. Billig wäre es, das Nötigste
und Beste am längsten zu betrachten; aber, meine Liebe! die Art, mit der etliche
von den Männern von einigen Teilen der Religion redeten, war nicht gut!
besonders schmerzte mich, dass gerade in Gegenwart der Hausbedienten solche
Stücke berührt wurden, auf die sie notwendig aufmerksam werden mussten. Der
Mann, so davon redete, sprach mit dem Ton des Wissens und der Ueberzeugung. Ein
Paar andere, die auch Anspruch an Scharfsinn haben, fielen ihm bei; der Hausherr
war still, und natürlicher Weise sprachen die Frauenzimmer hier nicht mit. Meine
Seele war ruhig, weil, dem Himmel sei Dank! meine Religion in meinem Herzen und
nicht in meinem Kopfe ist, und ich sie in Handlungen, nicht in Reden lege: aber
die horchende Miene der Bedienten drang mich, einem der besten unter den Männern
zu sagen: Ob der treue Glaube des gemeinen Mannes dem zweifelnden und grübelnden
Gelehrten nicht eben so ehrwürdig sein sollte, als die Unschuld der Jugend einer
gewissen Gattung anderer Leute sei? Ich fände es sehr grausam, durch eine
mutwillige Verwendung des Uebermaasses an Geisteskräften den Frieden der Seele
des Ruhigglaubenden zu stören. - Der edle empfindsame Mann sah mich ganz
bedeutend an, gab mir Recht, und unterbrach den reisenden Lauf des Gesprächs.
Ich war froh darüber; denn warum soll der auf einem zügellosen Pferde sitzende
Reiter das Recht haben, dem redlichen Fussgänger seinen stützenden Stab zu
entreissen? der ihn just vor dem Abgrunde bewahren wird, in welchen der andre
stürzen kann. - Ich sagte dann mir selbst, warum sehen die Männer die Pflichten
der Religion, die Unterwerfung ihres Geistes, so leicht als ein Joch an, das
ihren Nacken drückt, und suchen sich davon loszuwinden? warum geschieht dieses
nur bei Männern von einer gewissen Klasse? Ist das Gefühl der Stärke, die ihnen
die Natur gibt, oder das, von Freiheit, Willkühr, und Obergewalt, die ihnen
Umstände und Gesetze geben, daran Ursache? Bald möchte ich das Letztere glauben!
Denn unter dem weiblichen Geschlecht ist noch niemals eine Empörung über
Glaubensartikel entstanden. Weil wir von Jugend auf, denke ich, an die Idee
einer über uns herrschenden Menschengewalt gewöhnt sind, so kostet es uns gar
keine Mühe, Vorschriften und Gesetzen zu folgen und nachzugeben, die das Gepräge
des göttlichen Willens und Ratschlusses an sich tragen. Zudem machte ich noch
die Bemerkung, dass unter dem gemeinen, auch von Uebermacht beherrschten Manne,
von jeher die Schwärmer, und niemals die Bestürmer der Religion entstanden sind,
so, dass der Mutwille und die Unbändigkeit, die aus dem Ueberflusse an Glücks-
Geistes- oder Gewaltskräften entstehen, die Hauptursachen dieser männlichen
Verkehrteit sein mögen. - Weiter, meine Liebe, gebührt mir nicht zu gehen! Doch
freut mich innigst, bei den vielfältigen, oft zu eifrigen Widersprüchen
gekommenen Unterredungen, über den wahren Verstand dieses oder jenes biblischen
Gedanken, immer bei Allen eine tiefe Verehrung für den göttlichen Ausspruch
gesehen zu haben: »Liebe Gott über alles, und deinen Nächsten als dich selbst.«
-
    Möge dieses in alle meine Taten des Lebens verwebt, und am Ende meiner Tage
das, Zeugnis sein, mit welchem ich den letzten Blick auf meinen Nebenmenschen,
und den ersten in die Ewigkeit tun werde! -
 
                          Sechs und zwanzigster Brief
Könnte ich, o meine Mariane, nach dem Verluste der edlen Henriette noch jemand
so sehr lieben, als ich Sie liebte, so hätte ich hier eine weibliche Seele
gefunden, die mich anziehen würde.
    Madame G** führte mich in eine grosse Gesellschaft, und sobald sie mich der
Frau vom Hause vorgestellt hatte, sagte diese mit einer Art Zischerei: »Wissen
Sie, dass ich Heute so glücklich sein werde, die seltene Madame D** bei mir zu
sehen? Vielleicht kommt sie nur, weil sie weiss, dass Sie da sind; aber ich werde
sie doch auch besitzen.« - Madame G** sagte nichts »darauf; wandte sich aber zu
mir, und sagte: Sie werden Madame D**, meine liebste Freundinn, und eine sehr
schätzbare Frau sehen, auf die ich Sie bitte, aufmerksam zu sein, denn ich will
Ihnen von ihrem Charakter erzählen.«
    Es kam eine ziemlich grosse, wohlgewachsene Frau, von vier und dreissig
Jahren, von vielem Anstande, mit vieler Lebhaftigkeit in ihrem Bezeigen. Nicht
besonders schön, aber eine Physiognomie, die einnehmend war. Viele von den
Männern bewiesen ihr besondere Aufmerksamkeit. Sie redete aber meistens mit
Frauenzimmern, und gab, da sie mit Madame G** war, ihrer Unterhaltung einen
geistreichen und zärtlichen Ton, der mit einem ganz eigenen Ausdruck ihrer
Gesichtszüge begleitet war, die sie immer reizender machten, indem ihre Stimme
beständig sanfter und melancholischer wurde. Die Blicke der Madame G** waren
aber während dem Reden ihrer Freundinn sehr bedeutend auf einen der anwesenden
Herren geheftet, der nahe bei ihr sass, und in ein artig tändelndes Gespräch mit
einer niedlichen Coquette verwickelt zu sein schien. Ich suchte die Ursache des
Ausdrucks der Augen von Madame G** in dem Manne, den sie betrachtete, und fand
in Wahrheit in seiner ganzen Gestalt das, was für mich die edle schöne Grösse des
liebenswürdigen Mannes ist. Die Bildung seines Gesichts war nicht so regelmässig
schön, als seine Figur, aber Züge der Winkelmannischen Seelenruh, Züge des
denkenden Geists, und des festen Charakters, der nichts tut, als was er will
und gut findet, waren in seinem Gesichte, welches durch das Gemische von
Leichtigkeit der Ideen gegen die Coquette, nur um so interessanter wurde. -
Madame D** sah gar nicht auf seine Seite, sondern führte ihre Unterredung bis
zum Rührenden fort. - Madame G** drückte ihre Hände an ihre Brust und sagte mit
Seufzen: »O, Sie liebe vortrefliche Frau! wa -« hier legte Madame D** geschwind
ihren Finger auf den Mund der Freundinn, denn Herr C** hatte bei diesem Ausruf
sich umgesehen, und sein flüchtiger Blick machte Madame D** äusserst erröten.
Aber dies machte sie sehr schön, denn es war die Rosenfarbe, welche
Bescheidenheit und Liebe über die Wangen der Tugend verbreitet. Herr C** stützte
nach diesem seinen Kopf auf den Stuhl, sah nicht mehr um sich, redte auch, wie
mich däuchte, nicht mehr mit der nemlichen Fertigkeit, wie vorher. Aber Madame
D** war stille, in sich gekehrt; und Madame G** sprach mit mir. Alles dieses
zusammen sagte mir, dass Herr C** eine starke Rolle in dem Spiel hätte; doch sah
ich erst ganz klar, nachdem wir zu Hause waren, und Madame D** hatte sagen
gehört: »O, meine Freundinn, ich bin noch lange nicht stark genug, ihn in
Gesellschaft zu sehn, lassen Sie mich immer in meinem Cabinet den süssen Kummer
über seinen Verlust geniessen! Ich bin glücklicher, wenn ich den leeren Platz
ansehe, auf welchem er ehmals mir gegenüber sass, als wenn ich ihn selbst immer
gleich liebenswürdig, meinem Herzen immer gleich wert, nahe bei mir, den
reichen Schatz seines Geistes in kleinen Spielpfennigen austeilen sehe! Es ist
unglücklich für mich, dass ich einsam die Stärke der sympatetischen Bande fühlen
muss, die mich' an seinen Geist und Charakter heften; aber sollte er mich hassen,
so ist mir sein Hass werter, als die Liebe eines andern Mannes.« -
    Dieses und die Zärtlichkeit, mit welcher sie die Madame G** umarmte, zeigte
mir eine traurige Leidenschaft; und ich sagte nach dem Essen zu Madame G**, was
ich alles gehört, und jenes, was ich bemerkt hätte. - »Sie waren also fein
aufmerksam?« - »So, wie Sie es wollten, liebe Madame G**?« - »Nun, kommen Sie,
ich will mein Wort halten.« - Und hier ging sie zu ihrem Schreibtische und holte
diesen Aufsatz: Von dem Glück der edlen Liebe, welchen Madame D** in der Zeit
verfertigte, da die reizende Hoffnung einer Vereinigung mit Herrn C** in ihrer
Seele blühte. Ich habe ihn aus dem Englischen der Frau D** in mein Deutsches
übersetzt, und ich meine, Sie werden mit mir bejammern, dass es nur die Träumerei
einer schönen liebevollen Seele bleiben soll; denn Herr C** liegt in den Netzen
einer feinen Coquette der grossen Welt, und Madame D** verwirft alles, was Netz-
und Schlingenartig ist. Sie will weder der Kunst, noch der List ihre
Glückseligkeit zu danken haben, sagt sie ihrer Freundinn G**: aber in jedem
Augenblick meines Lebens, und auch bei der geringsten meiner Handlungen will ich
mir sagen können: »Wenn C** mich sähe, wenn er mich hörte, so würde er mir seine
Hochachtung nicht versagen!« - Täglich vermehrt sie die Kenntnisse ihres Geists,
und verwendet ihr Vermögen zu Wohltaten. Aber täglich entfernet sie sich mehr
von Umgang und Gesellschaften; denn es hätte immer von ihr abgehängt, Herrn C**
zu sehen, und sogar der Madame S** ihre Unternehmung auf sein Herz schwer zu
machen. Aber das erste Merkmal von Vergnügen, das sie bei ihm über das Anlocken
der Frau S** bemerkte, gab ihrer Hoffnung eine tödliche Wunde, die sie in ihrem
Hause verbergen will. - Einigemal hat er sie besuchen wollen: da sie aber ihren
Leuten befohlen hatte, ohne Ausnahme jeder Mannsperson zu sagen, sie wäre nicht
zu Hause, so kam er nicht wieder, und gewöhnte sich um so mehr an den Umgang der
Madame S**, die ihn immer, auf der einen oder andern Seite, mit neuen Fäden
einzuspinnen wusste. - Nur Gestern kam der Madame D** der Gedanke, ihn Einmal
wieder zu sehen. Sie redete es mit Madame G** ab; wurde aber aufs Neue
unglücklich, indem sich sein Bild aufs Neue in ihr zärtliches Herz prägte.
                        Bild des Glücks der edlen Liebe.
Mylord Arundel, ein edler junger Mann, der unter dem Druck einer harten
widersinnigen Erziehung die feine Empfindsamkeit seines Herzens für jede
Schönheit der Tugend, und den aufkeimenden Scharfsinn seines Geists für das Edle
und Grosse der Wissenschaften, ganz im Verborgenen nähren und erhalten musste,
weil er niemand um sich sah, der als liebreicher, geschickter Anleiter, oder als
Gefährte, den schönen Pfad der Kenntnisse mit ihm in die Höhe steigen wollte.
Aber, mit desto festerm Schritt ging er alleine. Ohne fremde Stütze war er
verbunden, seine eigene Kräfte um so mehr hervor zu suchen, zu üben, und zu
gebrauchen. Ein Nutzen, der ihn an alles Leiden seiner Jugendjahre mit Segen
erinnert, weil er überzeugt ist, dass eine fremde Hand die ersten Funken seines
Genies entweder ersticken, oder zu einem wilden Feuer hätte treiben können. Mit
der Ruhe der Sanftmut und des gelassenen Leidens in seiner Miene, wuchs er auf.
Die moralische Triebfedern seiner Seele halfen seinem Körper das reine Ebenmaass
der edlen männlichen Gestalt erreichen. Kenntnis und Gefühl des Sittlichschönen
gab ihm das feine Auge für das Schöne der Natur und Kunst. Eine mit Nachdenken
gemachte Reise durch Frankreich und Italien befestigte seinen Geschmack am Edlen
und Grossen, deren Kennzeichen er überall ausfindig machte, ob sie in einer
Arbeit des Geistes, des Gelehrten, des Künstlers, oder in den tiefen Falten
einer Seele lagen. Sein Vater hatte ihn zu einer sehr trocknen Amtsbeschäftigung
gewidmet. Folgsam gegen das Leitband der Pflicht hatte er es ohne Widerstreben
angenommen. Aber, sein Geist und Herz litten viel dabei. Seine Gesundheitskräfte
erlagen; er wurde kränkelnd und etwas melancholisch. Im Verborgenen ausgeübte
Wohltaten versüssten allein seine ihm bitter werdende Tage, indem er, aus Mangel
anhaltender Gesundheit, seiner Lieblingsneigung im Studieren nicht genugsam
folgen konnte. Einsame Spatziergänge widmete er dem Nachdenken, weil er fand,
dass die freie Luft, der Anblick der schönen Natur und die Bewegung ihm Gutes
tat.
    Eines Tages kam er, in der Hülle seiner Gedanken verwickelt, unvermerkt über
drei Stunden von seinem Wohnsitz hinweg, als er, durch einen Rogenwind und die
fallende Wassertropfen zu sich gerufen, um sich sah, und in einer ihm nicht sehr
bekannten Ebene keinen Schutzort vor sich fand, als das in einer Entfernung an
dem Ende einer Gartenmauer weit hervorragende Dach eines Chinesischen
Sommerhauses. Dortin eilte er, um sich etwas trocken zu erhalten. Die
Fensterladen gegen die Seite, wo er herkam, waren zugeschlossen, weil eben der
Wind den Regen dahin trieb. Er stellte sich auch auf die andere Ecke, und hörte
da verschiedene Personen in dem Sommerhause mit einander sprechen. Die meisten
waren über den Regen missvergnügt, weil er einen abgeredten Spatziergang
verhinderte. Eine sanfte Frauenzimmerstimme aber, nahe am Fenster, fing an von
dem Vergnügen zu reden, das sie über die freie Aussicht der Gegend, und der sich
sammelnden und nähernden Regenwolken empfunden habe. Sie setzte hinzu, es dünke
sie, an ihrem Herzen einen Teil der Erquickung mit zu fühlen, die den Bäumen,
Wiesen und Feldern durch den so wohltätigen Regen zukäme. - Eine etwas rasche
Person schien ihr zu antworten, denn es wurde ihr ganz kurz gesagt: »O! Sie
lieben den Regen nur, weil er Kälte mit sich bringt.« Der meiste Teil lachte
hier. Aber nach einigen Augenblicken sagte die Damenstimme auf französisch: »Wie
wenig kennt man mich, meine Freundinn, wenn ich der Unempfindlichkeit
beschuldigt werde! Fände sich nur der Mann, den ich nach meinem Herzen lieben
könnte, wie gerne würde ich meine Zärtlichkeit zeigen; aber sie soll eher mein
Leben untergraben, und ungenützt mit mir vergehen, als einem der Männer, die ich
kenne, zu Teile werden.« - »Ach, Emma!« sagte eine andere Stimme, »Sie sind zu
feindenkend geworden! Sie werden; fürchte ich, niemals glücklich sein! denn der
Mann Ihres Herzens lebt nicht.« - Ganz melancholisch sagte die erste Dame: »Nun!
so liebe ich mein Ideal von ihm, und Sie, meine Freundinn.« - Lord Arundel,
aufmerksam und eingenommen von diesem Gespräch, stand ohne Bewegung da, als
einer von den Gästen ans Fenster kam und ihn erblickte; und da er ihn kannte,
ihm sogleich zurief: er möchte doch in das Haus treten@ wovon die Türe an der
einen Seite offen stünde. - Gerne folgte er dem Rufe, der ihm Hoffnung machte,
das Frauenzimmer zu sehn, deren kleines Gespräch seinem Herzen so nahe gegangen.
Gleich bei dem Eintritt in das Zimmer blickte er an das Fenster, unter dem er
gestanden hatte. Drei Damen sassen da, alle sehr artig; die Frau des Hauses und
ihre zwo Töchter stunden nahe bei ihm; und eine Dame, nicht so schön als die
andre, an ein gegenseitiges Fenster angelehnt. Die Herren bewillkommten ihn; die
Damen machten stumme Knickse, und er erzählte, wie es zugegangen, dass er dahin
gekommen sei. Aber während dem Gespräch horchte er auf den Ton der Damenstimmen,
und suchte die ihm so angenehme Rednerinn unter zwo reizenden jungen Damen, die
er wechselsweise mit Aufmerksamkeit beobachtete, indem er die so gefühlvolle
Seele gewiss in der niedlichsten Figur zu finden dachte, und es vielleicht auch
wünschte. - Begierig, welcher von beiden er eigentlich seinen Beifall für Geist
und Person schuldig sei, wünschte er, dass sie reden möchten, als er auf einmal,
zu seinem grössten Erstaunen, hinter seinem Rücken die Stimme ertönen hörte:
»Liebe Henriette! kommen Sie und sehen, wie schön die niedergehende Sonne das
von dem Regen glänzende Wäldchen und das Feld in der Ferne mahlt« - Und diese
Stimme gehörte der Dame, deren Reize am Verblühen waren. - Arundel war unwillig,
wie ein Gärtner es werden könnte, der den blassweissen Rosenstock mit reichern
Blumen fände, als den, der reizendes Rot trägt. - Doch hatte die Dame durch den
moralischen Ton ihrer Seele schon einige Rechte auf sein Herz erhascht. - Er
betrachtete ihren Anzug, der in falbem Grau mit weissen Schleifen bestund. Durch
eine Wendung, welche die Dame machte, sah er zu seiner Freude, dass die mangelnde
Blühte ihrer Gesichtsfarbe durch eine sehr einnehmende Bildung ihrer Gestalt
ersetzt wurde, und dass der Ausdruck einer moralischen Seele in ihrer Miene lag.
- Nun fragte er nach ihrem Namen, und man nannte die verwittwete Lady Emma, die
sich seit acht Tagen hier aufhielt. - Ein geheimer Zug näherte ihn zu ihr, und
er fing auch an, von der reizenden Abendröte zu sprechen, deren Widerschein das
Gesicht und die halbversteckte Brust der Dame dem Kennerauge sehr verschönerten.
Ganz ungekünstelte Grazie, die durch die sittliche Bewegungen ihrer Seele über
ihre ganze Person ausgebreitet war, machte mehr und tiefern Eindruck auf ihn,
als er dachte. - Er blieb den Abend da, kam die folgende Tage öfter zu Pferde,
welches er mit dem edelsten Anstand regierte.
    Sein Umgang, die Erzählung von seinen Reisen, von der Verwendung seiner
Tage, mit so viel Bescheidenheit er sie machte, gaben der guten Lady Emma mit
dem Gedanken, du edler würdiger Mann! auch zugleich das volle Maass »ewiger
tugendhafter Liebe« für den Mann ihrer Seele. - Jeder Reiz ihrer Person, jeder
Zug von Geist, jede edle Eigenschaft ihres Herzens schien, durch den Hauch der
Liebe belebt, in einem neuen Glanze zu stehen.
    Mylord Arundel widersetzte sich dem anziehenden Vergnügen, so er in ihrem
Umgang fand, gar nicht; doch sah sein Beobachtungsgeist bei jedem Schritt
sorgfältig um sich. - Denn erst nach hundertfachen Wendungen, die er durch
Fragen, durch fein veranlasste Gelegenheiten der Lady Emma gab, ihren Charakter
auf allen Seiten zu zeigen, erst da überliess er sein Herz der Freude über die
wohltätige Gewalt, die er der moralischen Schönheit über seine Seele gelassen
hatte. - Er fühlte, dass allein die Liebe, und der Besitz eines gleichgestimmten
Herzens, das Glück sei, dessen Mangel sein Leben so traurig und leer gelassen
hatte. Doch furchtsam, wie der Mann von wahrem Verdienste es allezeit ist, wagte
er lange nicht, von seiner Liebe zu reden. - Aber, wie glücklich machte er Lady
Emma durch dieses Geständnis! wie sehr freute sie sich, dem von ihrem Herzen so
lang gewünschten Manne zu gefallen, und Eigenschaften zu besitzen, wodurch sie
ihn glücklich machen konnte! - Wie zärtlich waren ihre Berechnungen über das
grosse Maass der höchsten Freude, welches sie bei Erblickung ihres Arundel
geniesse! Wie viel grösser, wenn sie nach einer kurzen Abwesenheit seine Hand an
ihr von Liebe klopfendes Herz drückte; seine Stimme, seinen Fusstritt hörte. Bei
Emma und Arundel wurde der Seelentausch, den man bei wahren Liebenden behauptet,
zur unerschöpflichen Quelle der reinsten Glückseligkeit dieser Erde. Die
Zärtlichkeit der schönen Seele der Lady Emma, die edle Güte, die Wahrheit des
moralischen Gefühls, welche jeden Schritt ihres Lebens bezeichneten, stärkte in
Arundels Seele den Glauben und die Liebe der Tugend; so, wie die Grösse und der
Scharfsinn seines Geists, den Geist der Lady Emma immer mehr bereicherte,
besonders da sie vereinigt eine Reise nach Italien und Sicilien machten, damit
Lady Emma das glückliche Stück Erdreich mit eigenen Augen sähe, auf welchem der
grosse Genius der Alten, mit so vieler Mühe, die ehrwürdigen Ueberreste seiner
schönsten Werke aufbewahrt.
    Hier liess Lady Emma die ganze edle Figur ihres Arundel mahlen, wie er mitten
unter zertrümmerten Stücken der grössten Baukunst, die fein gearbeiteten
Cypressen-Gewinde eines Aschenkrugs, mit dem tiefen Gefühle der Vergänglichkeit
betrachtete. Der Lady Bild neben ihm, wie sie mit dem höchsten Ausdruck
zärtlicher Liebe eine seiner Hände hält, während ihr Auge ihm sagt: »O, mein
Arundel! möge einst Dein seelenvoller Blick so auf dem Behältnis der Asche
Deiner Emma verweilen! Der Geist meiner Liebe für Dich wird meine Ueberreste
umschweben, und eben so dankbar, wie der Genius des Künstlers, der auf dieser
Urne ruht, die Achtsamkeit Deines grossen menschenfreundlichen Herzens bemerken!«
                          Sieben und zwanzigster Brief
Ich bin etwas traurig, meine Freundinn. Die zwei Damen G** und D** haben mich
beinah überzeugt, dass das Bild der glücklichen edlen Liebe ein Traum sei, und
dass sich kein Mann fände, der die Stärke der Zärtlichkeit einer Emma, oder einer
Madame D** lieben würde.
    Also, meine Damen! ist der Charakter eines Arundel Traum? während dass der
von einer Lady Emma Wahrheit ist? Die Eigenliebe und Eitelkeit der Männer ist
also ein viel niederträchtigeres elenderes Ding, als die unsrige? Und du,
ehrwürdige Vorstellung des geistvollen, edlen, moralisch-empfindsamen Manns, du
bist nichts, als Schattenbild, das meine gute Phantasie erschuf? - Könnte ich es
so ganz glauben, meine Mariane, so möchte ich, auf Henriettens Grab gelehnt,
heute noch meine von diesem Ideal erfüllte Seele ausweinen; denn ich kann nicht
halb lieben, nicht zur Hälfte hochachten. - Das Beste, was wir Menschen dem
Himmel geben können, ist Verehrung und Liebe. Aus diesen zwei höchsten
Gesinnungen besieht auch unsre Freundschaft, unsere vorzügliche Neigung für den
Mann, an den der innere Ruf der ewigen Gesetze der Natur, und die Leitung eines
Bilds vom Liebenswürdigen uns heften: und es sollte immer Tausende geben, deren
körperliche Gesundheitskräfte hinreichen, mehr als einmal alle Zonen unserer
physikalischen Welt zu durchreisen, und das schöne Gebiet des moralischen
Kreises soll unter ihnen keinen Wanderer finden, der es mit eben dem Eifer, mit
eben dem Anhalten durchginge, als die Andern Meere und Gebürge durchkreuzen? -
Nein, meine liebe Madame D**, alte und neue Geschichten, das Bild selbst, so Sie
mir von Ihrem geliebten Herrn C** mahlen, beweisen, dass es Arundels, Henris
Mandevills, Rivers, und Grandisons geben kann, und gibt. - Würden den Tugenden
des Herzens eben so viele Ehrenzeichen und Glücksgüter gegeben, als man sie dem
Verdienste des Verstands anweiset, so würden wir eben so viel edle Taten, als
geschickte Arbeiten von unsern jungen Männern sehen. -
    »Das ist alles recht schön, recht gut, meine liebenswürdige Freundinn,«
sagte Madame D**, »aber es ist noch nicht sicher, dass diese vortreflichen Leute
eine von uns beiden lieben würden!« -
    »Und meine D** hat sehr gut gesprochen,« fiel Madame G** ein. »Denn, wenn
man Euch beide recht nahe besieht, so seid Ihr freilich bewundrungswerte
Frauenzimmer: aber, just diese Bewundrung hindert den Anfall der Liebe. - Ihr
fordert Tribut; Ihr lasst niemand die Freude, Euch Etwas zu schenken. Meine D**
da, hätte gewiss die Wagschaale bei C** übergezogen, wenn sie nicht zu stolz
gewesen wäre, sich der S** gegenüber, mit Etwas Gefälligkeit zu wägen.«
    »Ach, meine Liebe, Herr C** kannte meine gute Seite schon, und es ist
sicher, in dem Augenblick, wo eine S** gefällt, ist es nicht mehr möglich, dass
ich Etwas erhalte!«
    »Und warum nicht? Hätte nur Ihre eigensinnige Feinheit nicht vergessen, dass
der weiseste, edelste Mann auch Mensch ist; und dass in den Augenblicken, wo
dieses Gefühl redet, die kluge, hochachtungswürdige Freundinn das gefällige Weib
zeigen muss. Hätten Sie dieses getan, liebe D**, so wäre C** zu Ihren Füssen. -
Ich weiss, wie sehr er Sie schätzte. Wären Sie nicht gleich völlig zurück
geblieben, so hätten Sie selbst bei seiner anfangenden Achtsamkeit für die S**
gewonnen. Er liebt der S** ihre Redekunst, und die Mühe, die sie sich um ihn
gibt. - Wären Sie zur Seite gewesen, hätte er sagen können: S** ist anlockend;
sie hat Witz; ich habe Eindruck auf sie gemacht; sie sucht mir zu gefallen; aber
was ist ihre Seele gegen die Seele der D**! Tugend und wahrer Geist sind dieser
eigen; die Hochachtung, die sie mir zeigt, kann Liebe werden; schon habe ich
manchmal Zärtlichkeit in ihrem ernsten Auge gesehen; ihre Stimme ist sanft, wenn
sie mit mir spricht; ein Paar Blicke haben mich gefragt, ob ich ihr die S**
vorziehe? Ich habe dieser ihren feinen Fuss gelobt, und einige Minuten darauf sah
ich, dass der Fuss der Frau D** sehr schön gebildet ist. S** ist niedlich, schön;
D** edel gestaltet. Die Liebe dieser Frau ist süsser, als das Schmeicheln der
Coquette - - Und sehen Sie, so würde er gedacht haben, und genösse nun das Glück
Ihrer Liebe, die Ihr Herz verzehrt.«
    »O, Sie mutwilliges Geschöpf!« sagte Frau D** »Liebäugeln, meinen Fuss
zeigen sollte ich, um das Herz zu erhalten, das ich damals zu beleidigen gedacht
haben würde, wenn ich dieses als einen Weg dazu angesehen hätte? - Wenn ihn die
S** glücklich macht, - ach, möge er es sein! Der höchste Grad weiblicher
Eitelkeit muss durch die Erfahrung dieses Mannes einen glücklichen Stolz
empfinden. - Sie spielt mit ihm! Ich würde ihn als das grösste Geschenk der
Vorsicht mit Anbetung geliebt haben. - Nun ist es anders! aber ich werde nie
aufhören, meine traurige Zärtlichkeit für ihn zu nähren! - Seine Liebe hätte
mich glücklich gemacht. Aber seine Gleichgültigkeit nimmt ihm nichts von den
Verdiensten, um derentwillen ich ihn ewig lieben werde.«
    Eine Träne endigte das Gespräch, und gewann ihr mein Herz. - O, meine
Mariane! die Männer wollen also nicht geliebt, wollen nur geschmeichelt sein? -
 
                           Acht und zwanzigster Brief
Noch immer, meine Mariane! bin ich an diesen fremden Boden geheftet:
hunderterlei grosse und kleine Ursachen rücken das Ziel unsers Aufentalts weiter
hinaus! - Gestern sprach ich darüber mit meinem Oheim, und liess mir den Gang der
Nachsuchungen über Recht und Unrecht erklären. Er lachte herzlich über meine
Ausrufung, da ich dem Himmel dankte, dass unser Körper dem hässlichen Hin- und
Hergehen, und vergeblichen Seitenschritten unsers Geists nicht unterworfen sei!
- aber, gewiss ist auch, dass die stärkste Masse der physikalischen Welt das
Ausdehnen. Zerreissen, Wiederzusammensetzen, Prägen und Modeliren nicht
ausdauern würde, welchem unser Verstand, von den ersten Jahren an, auf so viele
mühselige und unnütze Weise ausgesetzt ist. -
    »Freue Dich darüber, Rosalie,« sagte er; »denn dieses beweiset Dir, dass der
Urstoff Deiner Ideen unzerstörbar ist. Sonst hätte das Eigene Deines Charakters
unter dem Gehorsam gegen die Führung Deiner Jugend, und dem bisherigen Beugen
nach der Gewalt der Umstände, erliegen müssen; und vielleicht würdest Du nicht
die Hälfte Deiner Fähigkeiten entfaltet haben, wenn nicht Deine wunderliche
Baase, und einige Widerwärtigkeiten Deinen Kopf und Herz geneckt hätten.«
    Er hatte seine Hand freundlich nach mir ausgestreckt, und die meinige bei
den letzten Worten etwas geschüttelt. Die Bewegung seines Kopfs fragte, ob es
nicht wahr sei? - Ich gestund, dass er Recht hätte; aber zugleich sagte ich,
unter zärtlichem Küssen seiner Hand, dass, wenn er mich nicht durch seine Güte
gestützt hätte, so wäre gewiss jede Triebfeder meiner Seele zerknickt worden. -
    »Das mag wahr sein,« erwiederte er; »aber, hast Du denn vergessen, dass ich
selbst Versuche gemacht habe, sogar die Stefte auszuziehen, an die einige von
den Triebfedern befestigt sind? Aber, wenn ich sah, dass Du aus Dankbarkeit für
meine Liebe alles aufopfern wolltest: so konnte ich nicht fortfahren, und liess
Dich nach der Anlage der Mutter Natur gehen, ungeachtet ich sah, dass das
Abstechende Deines Charakters mit dem Charakter Andrer, Dir manches Unangenehme
zuziehen würde. Doch, da Du ein hübsches Mädchen wurdest, und Dein Kopf eben so
leicht und munter, als Deine Seele empfindsam war: so dachte ich, es würde wohl
einen jungen Mann geben, dem einmal das wunderliche Gemische von Schwachheit und
Stärke, so in Dir liegt, eben so erträglich vorkommen könnte, wie mir.« -
    Innig gerührt dankte ich dem besten Oheim für diese Gattung von
Freiheitsbrief, den er mir durch diese Erklärung gab. Meine Seele atmet nun
viel leichter, als in manchen vorigen Stunden. - Mein Oheim duldet mich gerne,
so wie ich bin, und Mariane von St** liebt mich just deswegen! Das ist genug,
genug Glück, von der männlichen und weiblichen Welt! Ungestört und ungetadelt
sollen alle andre vor und neben mir gehen! Ich werde keinem zurufen, in meine
Fusstapfen zu treten. Wenn ich nur unter dem Schutze der herablassenden
männlichen Weisheit meines Oheims, an dem freundlichen Arme der weiblichen
Tugend, die unter der Gestalt meiner Mariane wandelt, den kleinen Weg meines
Lebens durchgehen kann; sollten auch die schönen Hoffnungen meiner zärtlichen
Liebe zernichtet werden: so werde ich immer mich noch glücklich genug finden,
wenn bei dem Genusse Ihrer Güte, mir das moralische Gefühl über Schönheiten des
Geistes und der ausübenden Tugenden bleibt. - Adieu, meine Mariane! Warum, warum
schreiben Sie so ungern! Wie viel verliert Ihre Rosalia dabei!
 
                           Neun und zwanzigster Brief
                      Abends 9 Uhr, von dem Schloss R**.
Ich habe den heutigen schönen Herbsttag hier zugebracht; aber bloss in der
Absicht, Henriettens Grab zu besuchen, und deswegen kam ich in grosser
Gesellschaft, um von Frau G** weniger vermisst zu werden. Ich hatte das nemliche
Kleid angezogen, in welchem mich Henriette das Erstemal sah; mich darin umarmt,
und ihren schönen Kopf auf meine Schulter gelehnt hatte. - Ich ging durch einen
Umweg, zwischen den Feldern und Hecken, ganz allein. Ich, die sonst unmöglich
allein durch die Strasse einer Stadt gehen konnte. Aber das Gefühl von Tod,
Ewigkeit, Tugend und Freundschaft, erhob mich über alle andere Empfindungen.
Meine Seele dünkte mich grösser, erhabener, als jemals. In dem weiten Luftraume
war Ruhe um mich her, da der Landmann auf der welkenden Wiese, und dem kaum
ausgesäeten Felde, für seine arbeitsame Hand nichts zu tun hat. Nichts störte
meine Bewegungen, nichts hinderte sie. Ich war nicht munter, Mariane, aber
glücklich, sehr glücklich! Jeder Blick gen Himmel war in meinem Herzen ein
süsses heitres Gefühl von dem Vaterlande, das mich näher dünkte, als während
meinem Aufentalte in der Stadt und in Häusern. - Die schöne braune Farbe des
neugebauten Feldes liess mich, mit ausgebreiteten Armen und mit innigem Gefühl,
unserm grossen liebenswürdigen Klopstock nachsagen: »Sei mir gegrüsst, Erde! mein
mütterlich Land! die du mich gebahrest, und einst im kühlenden Schoss zu den
Entschlafenen Gottes begräbst, und meine Gebeine sanft bedeckst!«
    Mit diesem kam ich allmählig auf die kleine Höhe, wo ich rechter Hand
Henriettens Wohnhaus, die gelben welkenden Blätter der Laube und die
rotwerdende Epichwand des Nebenhauses sah; auf meiner Linken aber, die sich am
blauen Firmament erhebende Stücke der alten Capelle und des runden Daches über
Henriettens Grabe, ansichtig wurde. Ich blieb stehen. Eine Träne trat, mit der
Erinnerung jeder Auftritte in diesem Hause, in mein Auge. - Edle selige
Freundinn, Deinen Wohlstand, Deine Blüte sah ich nicht; nur Dein Verwelken und
die zitternde Bewegungen, die der Hauch des Zufalls in den letzten Tagen Deiner
Hinfälligkeit verursachte! Sanft, wie das Haupt einer zerstörten Blume, fielest
Du zur Erde! - Ach, möchte mit Deinem letzten Blicke Deine reine Tugend mein
Erbteil geworden sein! -
    Nun war ich an ihrem Ruheplatze, und blieb am Eintritt stehen; nicht nur von
dem Anblick ihres Grabes äusserst bewegt, sondern auch dadurch gerührt, dass ich
meinen Schatten an ihrem Grabstein sah, wohin ihn die niedergehende Sonne warf.
Ich weiss nicht, aus welcher gemischten Bewegung ich mich an eine Säule lehnte,
und solche mit einem Arm umfasste, eben, da ich in mir sagte: »Der Schatten der
lebenden Freundinn über dem Staub der todten.« - Ich zog meinen Handschuh aus,
sah auf Henriettens Miniaturbild, welches ich in ein Armband gefasst habe, küsste
es, und ging an den sie deckenden Stein. - Ein kleiner Schauer überfiel mich,
und auch der Gedanke, warum bist du herangegangen? Doch gleich zog ich auch
meinen rechten Handschuh aus, breitete meinen ganzen Arm über den Stein hin, und
ich konnte sprechen: »Ach, kalt, fühllos, wie Du! ist nun das Herz, in welchem
die zärtlichste und feurigste Liebe wohnte, und aus welchem so viel tätige
Tugend floss!« - Ein für Worte zu starkes Gefühl, liess mich auf eine Zeit lang
schweigen und weinen. Tief in meine Seele drang der Gedanke Verwesung! Aber ein
Sonnenstrahl, der zwischen den Säulen einfiel, und Henriettens Bildnis
beleuchtete, belebte auf einmal mit ganzer Kraft das Gefühl von Unsterblichkeit
unsers besten Teils; mein Herz sprach: »Ja, glänzender, als die höchste Blühte
Deiner irdischen Reize war, ist nun die verewigte Schönheit Deiner Seele! und
ich, in vollem Genuss des Lebens und der Gesundheit, auf Dein frühes Grab
gestützt, sehe die höchste Glückseligkeit in Deinem seligen Tode! - Das Beste,
so ich nach diesem noch von der Erde begehren würde, ist eine Träne der
Freundschaft, die das Auge meiner Mariane auf meinem Grabe vergösse, wenn ihr
Herz noch eine Zeit lang ein Zeuge der Tugend des meinigen gewesen sein wird.«
    Aber, Mariane! warum kniete ich in dem Augenblicke, da ich an meinen C**
dachte, nieder? warum flossen bei seiner Erinnerung meine Tränen häufiger, und
warum fühlte ich mein Herz gepresster, als vorher? - An dem Grabe einer viel
liebenswürdigern Person, als ich bin, geschahe dieses. - Ach, wenn es
Vorbedeutung wäre, dass mein Herz auch von der Hand meines Geliebten gebrochen
werden sollte! - Ich konnte nicht mehr bleiben; rafte eine Handvoll Grashälmchen
zusammen, die ganz dicht an dem Leichenstein hervorgesprosset waren, und küsste
Henriettens Namen. - Die Kälte des Steins, die ich an meinen Lippen empfand, und
welche auch zugleich im Ueberbeugen durch meinen seidenen Mantel auf meine Brust
drang, gab mir eine Art von Erstarren. Ich ging heraus, musste mich aber, weil
ich etwas zitterte, niedersetzen; da kam der junge Weber mit seiner Frau,
Henriettens treue Lise, und der Hofbauer, mit zwei Kindern, hinter der Capelle
her, ohne zu reden, und die Männer mit den Hüten in der Hand. Sie staunten mich
an und schaueten umher, ob noch Jemand bei mir wäre? - Lise schlug die Hände
zusammen, und sagte: »Ach, Sie lieben mein armes Fräulein noch!« fiel vor mir
auf die Knie und weinte laut. Die andern stunden wehmütig um uns her. Ich
konnte es nicht länger aushalten, steckte mein Gras in die Schürze, und reichte
den Leuten die Hände. - Lise sah das Bild, zog meine Hand an sich: »Ach, so sah
sie aus, so schön war sie!« - Die andern drangen sich ehrerbietig, aber eifrig
hinzu; und die Ausrufungen: Ach, Du wohltätiger Engel! und das mit erhabenen
Händen: Gott vergelte Dir! gingen mir durch die Seele. Weinend sagte ich: »Gott
segne Eure dankbare Herzen, und lasse Uns einmal alle im Himmel bei ihr stehen,
wie wir bei ihrem Grabe stehen!«
    Wie schnell, meine Mariane, wirkten diese wenigen Worte auf die guten Leute!
Alle Hände falteten sich; in jedem Gesicht war ein frommer Entschluss und ein
Schimmer von seliger Freude. Sie fassten meine Hände, mein Kleid; gerade, als ob
sie mir für die Einladung dankten, und versprechen wollten, gewiss da zu sein!
    Henriette! vielleicht hat Deine Seele in den Unsrigen gelesen, und freute
sich, dass bei Deinem Grabe Gelübde der Tugend gemacht werden! - Feierlich dachte
ich dieses, da ich noch ihr Grab ansah. - Ich umarmte Lisen, winkte den Leuten,
da zu bleiben, und ging langsam mit den letzten Strahlen der Sonne nach R**
zurück, wo ich in mein Zimmer mich einschloss, von meinem Grase Henriettens und
meinen Namen zwischen Papier flochte, Ihnen schrieb, und jetzt mit einer heiligen
aber süssen Schwermut schlafen gehe.
                                      Ihre
                                                                        Rosalia.
 
                               Dreissigster Brief
Da bin ich in der Stadt zurück; und da wir uns nun ein Jahr hier aufhalten
werden, habe ich einen Plan für mein Vergnügen gemacht. Doch wenn jemals eine
fremde Person Ursache hatte, den Charakter der hiesigen Einwohner zu lieben, so
habe ichs, weil die meisten, die ich hier kenne, so viel Aufmerksamkeit für mich
bezeigen, dass sie in alles eingehen, was sie von meinen Lieblingsneigungen
wissen; denn sie befleissen sich, mir die Familien zu bezeichnen, worinn schöne
moralische Auftritte vorkommen. Andre suchen in ihrem Gedächtnis
charakteristische Züge hervor, die zur Ehre der Menschheit unsers Zeitalters
dienen, und ich habe wirklich das Glück gehabt, in dem Zirkel, in welchem ich
meistens lebe, dem Vergnügen des Lobens, das Uebergewicht über die Reize des
Tadelns zu geben. - Ein Zufall veranlasste die Bemerkung, dass verkehrte Begriffe
von der Glückseligkeit, den Fortgang und die Ausbreitung der Tugend
verhinderten. Hätte man, zum Beweis, eben so viel Wert auf die Bekanntschaft
und den Umgang mit Weisen und Tugendhaften gelegt, als man demjenigen Vorzüge
erteilt, der sich des vertrauten Zutritts bei Grossen und Mächtigen rühmen kann:
so würde die Begierde nach wahren Verdiensten des Geistes und Herzens eben so
herrschend geworden sein, als es der Ehrgeiz nach Rang und Titeln geworden ist.
- Ein munterer, aber zugleich ganz vieldenkender junger Mann fiel hier ein: Er
wäre überzeugt, dass dieser Wunsch sehr leicht erfüllt werden konnte, wenn das
Glück der Tugend und Weisheit in sichtbaren Kennzeichen erschiene; oder wenn in
jedem Lande ein Mittelpunkt vorhanden wäre, dem allein wahres tätiges Verdienst
sich nähern dürfte. Ein einziger edler Mann kann dieses hervorbringen! Ich sah,
fuhr er fort, den Beweis davon, während meinem Aufentalte in S**, wo einer der
würdigsten Cavaliere eine angesehene Stelle bekleidet, und darin nicht nur die
Früchte seiner Gelehrsamkeit zum Besten des Landes verwendet, sondern als
Schutzgeist der Rechtschaffenheit, der Kenntnisse und des redlichen Eifers für
das gemeine Wohl erscheint; dessen Haus der Tempel ist, wohin das verfolgte
Verdienst sich flüchtet, und an dessen Händen alle edle, alle würdige Männer
sich anschliessen; dessen Achtung als Beweis dient, dass man Tugend und
Wissenschaften besitzt. Diesem vortreflichen Manne wird das grosse schöne Land,
worinnen er wohnt, noch auf späte Zeiten den Anbau des vaterländischen
Verdienstes zu danken haben.
    Urteilen Sie, meine Mariane, von dem Bergnügen, so ich hatte, in diesem
Gemählde ganz allein den w. R** S** v. G** zu sehn, den ich selbst kenne, und in
diesem Augenblick die so seltene Freude genoss, nicht nur jeden Zug dieses Bildes
als wahr zu erkennen, sondern noch jede liebenswürdige Eigenschaft der edelsten
und stärksten Fühlbarkeit des Herzens dazu setzen konnte, welche so deutlich in
der schönen Melancholie seiner Gedichte erscheint, und in seinem Privatleben
herrscht!
    Dieser ganz unvollkommne Umriss eines moralisch grossen Mannes, ist der Anfang
von charakteristischen Beschreibungen, die wir in dem Auszug unserer
Gesellschaft, von lebenden Personen, und die wir selbst kennen, machen wollen. -
Wir sind nur fünf Verbündete. - Der Kreis unserer Bekanntschaft ist nicht gross!
da wollen wir doch sehen, wie viel übende Tugend uns vorgekommen ist. Sie sollen
allezeit Abschriften haben.
    Herr Fr** sagt, es wäre eine der edelsten Beschäftigungen, die ich mir in
dem letzten harmlosen Jahre meines Lebens machen könne; denn, sobald Herr C**
seine Verbindung mit mir vollzöge: so würden andre und bestimmtere Sorgen an die
Stelle der einseitigen Befriedigung meines Herzens treten; doch wünsche er; dass
ich immer die Gewalt haben möchte, die Umstände nach meinen Gesinnungen zu
beugen, weil sie sehr oft den Ausdruck und die Handlungen unserer Seele
verhinderten. O, er hat Recht! denn wie oft habe ich dieses schon erfahren!
Aber, mein Freund C** denkt wie ich; nur er wird meine weltliche Obergewalt
sein, und ich also in seinem Hause nach meinem Herzen leben können. Grosse süsse
Hoffnung
                                     Ihrer
                                                                        Rosalia.
 
                           Ein und dreissigster Brief
Eilf Tage, unausgesetzt, von einer Gesellschaft in die andere, ist mir beinahe
unerträglich geworden. Aber, es war der jährliche Kreislauf von Visiten, welchen
die Familie, mit der wir leben, zu Anfang eines jeden Herbstes bei denen macht,
die nur als Bekannte, nicht aber als Freunde angesehen werden. - Mein Oheim fand
dieses Betragen etwas sonderbar, weil er behauptete, dass in eilf Familien gewiss
verschiedenes Verdienst wohnte, gegen welches diese Gleichgültigkeit ungerecht
wäre. Madame G** sagte darauf: »Das mögen sich diese Leute gefallen lassen! denn
es geht selbst der ganzen Reihe von Tugenden so; alle sind uns bekannt, aber mit
wenigen sind wir vertraut, indem allezeit diejenigen vernachlässiget werden, die
nicht in den Bund unsers Nutzens und Vergnügens gehören.«
    Sagt nicht diese Frau ganz munter und nett triftige Wahrheiten? Vier dieser
Herbstbesuche waren mir angenehm, weil wir sie in den Landhäusern ablegten, wo
diese vier Familien noch wohnten. Alle haben sehr schöne Gärten, doch zeichnet
sich der von Herrn Sch**, der an dem Ufer des M** liegt, durch seine
vortrefliche Lage und Anbau ganz besonders aus. Dieses Haus zog aber meine
Aufmerksamkeit auch deswegen auf sich, weil ich darin so viel
Uebereinstimmendes in Allem fand. Die feinsten Sitten und Bewirtung; der
Hausherr einer der artigsten und belebtesten Männer; die Frau voll der
schätzbarsten Güte des Herzens; ihre Kinder liebenswürdig, mit dem, ganzen
Ausdruck von Empfindung ihres Glücks und des Wohlwollens für alle andre
Menschen. - Besonders aber schien uns allen einer der erwachsenen Söhne das
wahre Bild eines schönen, edlen und sanftmütigen jungen Mannes. Er führte mich
durch alle Teile des Gartens und zeigte mir die Aussichten auf die Gegenden
umher, mit sehr viel wahrer Fühlbarkeit für das Grosse und Schöne der Natur! Bei
Tische hatte mir Jemand von seinem Hange zur Wohltätigkeit und den Kenntnissen
des Geistes gesprochen. - Ich wünschte ihm diese Stimmung der Seele auf sein
ganzes Leben! Denn da er durch eine grosse Erbschaft von seinem Oheim vorzüglich
reich wird: so fehlt ihm zum Genuss vollkommner Glückseligkeit dieser Erde
nichts, als die unveränderliche Dauer der edlen, tugendhaften Gesinnungen seines
Herzens. Der heitere Abend gab mir noch etliche selige Augenblicke, da ich, auf
das Geländer der Terasse gestützt, zu meinen Füssen den schiffbaren Fluss; zu
meiner Rechten eine schöne Allee von hohen Bäumen; den Blumengarten; über dem
Wasser vor mir unabsehbare Kornfelder, und zur Linken, Obstgärten, Dörfer, eine
Reihe waldigter Berge, und die grosse, volkreiche Stadt sehen konnte, in welcher
gewiss eine eben so grosse Summe moralischen Guten liegt, als mein Auge in dem
weiten Gesichtskreise umher physikalische Wohltaten sah. In der grossen
Gesellschaft, die sich hier versammelt hatte, war überhaupt unter den Männern
viel Verstand, und das Frauenzimmer sehr liebenswürdig von Person und Sitten. -
    Die Tage nach diesem war ich nicht ganz so zufrieden, weil ich die traurige
Bemerkung machen musste, dass man so selten Menschen findet, bei denen die Liebe
des Guten und Edlen stark genug ist, dass sie sich in gesellschaftlichen
Unterredungen, mit Vergnügen auf einige Zeit lang bei guten Eigenschaften, edlen
und grossen Handlungen ihrer Nebenmenschen verweilten. Wie oft habe ich die
Ermüdung und Langeweile gesehen, die die Stimme der Hochachtung hervorbrachte;
da hingegen der Spötter und Verläumder Aufmerksamkeit und Vergnügen erregte! In
der feinen Welt ist es niedrig und unanständig, von der Tugend eines
Handwerkers, von der Rechtschaffenheit eines Bauern zu reden. Bei Räuber- und
Betrügerhistorien hingegen hält man sich auf; und allein die Klasse der
Künstler, die für den Pracht, die Ueppigkeit und die Wollust arbeiten, erhält
noch einige Achtung. - Ich will Ihnen darüber morgen einen launigten Einfall von
dem jungen Mann schreiben, der das Bild des Herrn von G** mahlte. Adieu! meine
Mariane; Adieu, von
                                     Ihrer
                                                                        Rosalia.
 
                           Zwei und dreissigster Brief
Madame G** hat mich Gestern auf ihre eigene Art dazu gebracht, dass ich meinen
Brief an Sie vorzeigte, während der junge Herr von O** noch da war. - Dieser
fand meine Anmerkung zu ernstaft, und fing an, die gesellschaftliche
Gutartigkeit der Menschen zu verteidigen, und zum Beweise anzuführen dass man so
oft ein Frauenzimmer schön nenne, sie liebe und bewundre, ungeachtet man wisse,
dass sie nur künstlich übertüncht wäre. - Dann heisse man jenen fromm, und verehre
ihn als einen gottseligen Mann, weil man ihn fleissig beten sähe, obschon seine
Handlungen auf zehnfache Weise bös und ungerecht wären; wie lange behielten
nicht blosse Schwätzet den Namen vielwissender Leute? u.s.w.
    »Schön, Herr von O**, sehr schön!« sagte Madame G**, »aber Ihr Scherz ist
beissender, als Rosaliens Ernst!« - »In was für einem Tone hätte ich es sagen
sollen, meine Damen? Rosaliens Ernst ist meinem Herzen sehr schätzbar, weil er
das Werkzeug ist, durch welches ihr Charakter so stark und so sittlich wurde;
aber das Leben der besten Menschen würde sehr traurig verfliessen, wenn sie das
Ueble immer mit der tiefen Empfindung seiner Schädlichkeit betrachten wollten!
Ich fühle an mir selbst, dass unsere Tugend nur Stückwerk ist, und wir sie
überhaupt nur für die andre Welt nötig halten, weil man sie meistens erst am
Ende des Lebens mit vollem Willen und Kräften ergreift; so, wie man auf weiten
und wichtigen Reisen an den Gränzen eines Landes die Geldsorten einwechselt,
welche da gäng und gäbe sind.«
    »Ein sehr artiger Gedanke, mein Herr!« sagte wieder Fr. G**. »Sie sehen also
die Tugend nur als einen Sparpfennig für Ihre letzte Reise, und nicht als den
nötigen Reichtum dieses Lebens an? Ich möchte wohl das Ganze Ihrer moralischen
Haushaltung kennen!«
    »Sie haben zu befehlen, wenn ich sie vorweisen soll! Denn ich halte so gute
Ordnung, dass ich keine Stunde der Untersuchung fürchten darf.«
    »Nach was für einer Mode richteten Sie sich, Herr Vetter, englischer oder
französischer Sittenlehrer?«
    »Nach keiner von beiden! Weil ihre Vorschriften nicht immer zu mir und den
Sachen passten, die ich mit einander verbinden wollte.«
    »Das glaube ich: denn Moral und Galanterie vertragen sich selten!«
    »Vielleicht habe ich die Kunst gefunden, sie zu vereinigen!«
    »O, machen Sie uns die Probe davon!«
    Ich hatte während dem kleinen Gespräch zwischen Madame G** und Herrn von O**
immer fort gearbeitet, und wünschte in der Tat, etwas Näheres von dem Kopfe
dieses jungen Mannes zu wissen, den ich, wegen des heitern Tones seines Geistes,
sehr gerne in Gesellschaft antraf. Aber ich fürchtete, der spielende Witz der
Madame G** würde ihn verhindern, etwas ordentlich von seinen Gesinnungen zu
reden. Doch nach der Auffoderung, die sie gemacht hatte, nahm er seinen Stuhl,
setzte ihn uns gegenüber, und sagte: »Ich werde ernstafte und muntre Sachen zu
erzählen haben. Die Erstern sollen Mademoiselle Rosalie, und die Andern meiner
Frau Baase gewidmet werden.«
    »Gut,« sagte sie, »ich höre also das Beste; denn Ihre ernstafte Sachen
dünken mich närrischer, als Ihre muntern.« - »Ich hoffe,« sprach Herr von O**,
»die Freundinn wird in diesem Stück anders denken, als die Baase!«
    »Sie wissen, sagte er zu Madame G**, dass ich zu Hause vielen Unterricht
erhielt, und auch nach dem auf einer hohen Schule studieren musste. Ich befolgte
beides ziemlich gerne, aber meistens nur Maschienenmässig; und erst auf meinen
Reisen fühlte ich dass die Sachen, die man Denken, Wissen und Urteilen heisst, in
mir lagen und geschäftig sein wollten; und dass ich von Ihnen im
gesellschaftlichen Umgang mit Gelehrten. Künstlern und Damen, einen eben so
nützlichen Gebrauch machen könnte, als ich in Gastöfen, Kaufmannsbuden und
andern Gelegenheiten, mit meinem Gelde ihat.«
    »Diese Vorrede ist sehr artig geraten, Herr Vetter; machen Sie sich aber
bald an das Ende Ihrer Historie.«
    »Sie finden es artig, und ich soll bald endigen! Das sieht widersprechend
aus! - Doch, ich wollte eben sagen, dass ich unvermerkt ein Beobachter wurde, und
durchgehends so viel Widerspruch unter dem Reden und Handeln der Menschen fand,
und mich darüber ärgerte, dass ich mir vornahm, wenigstens in mir alles
Misstönende zu vermeiden.«
    »Und also aus Ihrer Seele eine Harmonica zu machen!« fiel Frau G** ein. »Sie
wissen aber, dass dieses Instrument aus lauter Glasstücken besteht; und dass, wenn
eines davon bricht, ein ganzer Ton fehlt.«
    »Und sehen Sie, liebe kritische Baase, ich will lieber einen Ton fehlen
lassen, als dass alle ohne Uebereinstimmung sein sollen; und, dem Himmel sei
Dank! meine Seele ist nicht zerbrechlich.«
    Frau G** wandte sich zu mir: »Dieses gehört Ihnen, Rosalia, denn hier ist
Ernst.« Herr von O** fuhr fort: »Ja, Rosalia, ich wollte durchaus wissen, warum
es dem Moralisten manchmal geht, wie dem Landmann, der Korn für uns bauet, und
dann oft selbst kein Brod zu essen hat. Ich fragte Leute, und las Bücher; aber
es dauerte lange, ehe ich ins Klare kam: bis mir von ungefähr etliche Gedanken
von dem Unterschiede aufstiessen, der zwischen Seele, Geist und Herzen wäre. Da
hatte ich meinen Leitfaden aus diesem Labyrint.«
    »Ein glückliches Gleichniss, Herr Vetter; denn es gibt dreifaches Garn, das
umeinander gedreht ist, wie Ihr Herz, Seele und Geist. Es wird aber schwach und
verworren, wenn man es auftrillt.«
    »Brav! meine Baase. Man sieht, dass Sie eine gute Arbeiterinn sind. Denn die
Stärke Ihrer Anmerkung ist aus Ihren Beschäftigungen genommen. Es ist mir lieb,
wenn Sie Acht geben wollen, wie ich meinen Faden brauchte. Ich schrieb der Seele
alles zu, was unsterbliche Tugend heisst; dem Geiste, alles, was das Reich der
Kenntnisse angeht, und dem Herzen, unser hier auf Erden nötiges Gefühl für uns
und andre. Ich sah, dass uns der Himmel einen grossen Schatz verschiedener
Glückseligkeiten damit gegeben hätte, und versprach mir, keine davon ungenossen
zu lassen. Ich will das, was den Teil meiner Seele angeht, nicht berühren, weil
es das Heiligtum der Ewigkeit ist, und da ich alle meine Ratschlüsse abfasse.
Aber, ich würde mirs nicht vergeben, wenn ich nicht eben so viel Begierde hätte,
jede Tugend zu kennen, als ich habe, meinen Geist mit Wissenschaften zu
bereichern. - Mein Herz liebt alle Freuden der Erde, und ist überzeugt, dass die
Vorsicht damit zufrieden ist. Denn sie hätte sonst meine Sinnen nicht mit so
viel Fähigkeit zum Genuss erschaffen. - Nur trage ich Sorge, dass ich in dieser
Einrichtung nichts versäume, und nichts in Unordnung geraten lasse, weil ich
Leute kenne, die entweder ihren Kopf allein mit Ideen bereicherten und die Seele
darben liessen, oder diese mit einem übermässigen Entusiasmus anfüllten, der
ihnen den Gebrauch der Kräfte ihres Geists und das Gefühl ihres Herzens als
unnütz und schädlich vorstellte. Andre, die weder ihre Seele noch ihren Geist in
Betrachtung zogen, und allein dem Hange des Gefühls von Vergnügen nachgingen. -
Alle diese Trennungen machen nur halb gute, und halb glückliche Menschen, die
ich immer mit Bedauern ansehe, und mich über meine wohleingerichtete Haushaltung
freuen, in der ich alles habe, was Erdenglückseligkeit ist.« -
    Frau G** sagte hier: »Für mein Schön Stück Geduld, mit der ich zugehört,
darf ich doch sagen, dass ich die hoffärtige Historie eines Menschen weiss, der
nur für sich denkt und lebt!«
    Herr von O** wurde etwas rot, antwortete aber ganz ruhig: »Sie sind
seherstreng, meine schöne Baase! Ich hoffe, Rosalie verdammt mich nicht, wenn
ich das, was ich für andre tue, auch allein von andern erzählen lasse.«
    »Nun, Rosalia!« sprach Frau G** zu mir, »der Mensch wird über alles böse,
was ich sage! Geben Sie ihm doch eine Belohnung für die schönen Sachen, die er
uns lehrte.« -
    Von O** sah mich an, und streckte eine Hand nach mir aus, so, wie Jemand,
der eine Gabe erwartet. Da ich ihn munter sah, und auch Madame G** durch etwas
Ernstaftes von meiner Seite hätte können beleidiget werden, so sagte ich ihm:
»Ja ich will Herr Fr** bitten, Ihr moralische Vormund zu werden! Denn, es dünkt
mich, dass, wenn Ihr Kopf mit diesen Gütern zu viel spielt, sie mit einem Mal
sehr stark verlieren könnten.« - Er küsste mir lächelnd die Hand; drohte der
Madame G** mit dem Finger: »Sie sind Ursach, dass mich Rosalia für einen Spieler
hält. Aber die Vormundschaft Ihres würdigen Bruders wird mir unschätzbar sein.«
 
                           Drei und dreissigster Brief
Es ist Nachts zwölf Uhr! und der Schlaf noch weit von mir entfernt, weil wir
nach unserm Abendessen auf eine Unterredung kamen, deren Gegenstand ich schon
oft betrachtet, aber nicht unter dem fürchterlichen Bilde gesehen hatte, wie er
durch Jemand unserer kleinen Gesellschaft gemahlt wurde. -
    Die Eigenliebe, welche mir als das höchste Geschenk des Himmels erschien,
durch welche ich alles Gute dieser Erde, und auch die Hoffnung der künftigen
Glückseligkeit geniessen, und mir eigen machen könnte, weil sie das Wohlsein
meines Selbst für Jetzo, und für die Ewigkeit zu besorgen hat: diese hörte ich
diesen Abend unter den Götzen schildern, denn täglich Menschenopfer gebracht
würden, um deren Altäre Bäche von Tränen und Blute fliessen! Ehrgeiz, Wollust
und Neid, führeten die Schlachtopfer auf verschiedene listige Arten herbei, und
würgten dann verdienstvolle Greise, unschuldige blühende Jugend und würdige
Familienväter, ohne den geringsten Grad von Mitleiden oder Reue zu empfinden.
Stiegen dann über dem Nacken ihrer Schlachtopfer empor, und lächelten ihrem
Abgott zu. - Grauen befiel mich, und mit einer Träne im Auge sah ich den Redner
an, der dieses Bild beschrieb, weil seine Gesichtszüge und der Ton seiner Stimme
mir den Beweis zu führen schienen, dass seine redliche, empfindungsvolle Seele
einst Augenzeuge, ja vielleicht der Gegenstand einer solche Scene des Abscheues
gewesen sein müsse. Und, o meine Mariane! ich hörte noch eine
Familiengeschichte, durch welche meine Vermutung bestätiget wurde. Die gute
Madame Fr** wünschte kinderlos zu sein, um dem doppelten Elend zu entgehen, ihre
Kinder leidend, oder übeltätig zu sehen: und mir kam es höchst traurig vor, dass
das mütterliche und menschenfreundliche Herz der Frau Fr** für das Glück und die
Tugend ihrer Kinder keinen andern Zufluchtsort erblickte, als das Grab.
    Unsere muntere Madame G** konnte den Tiefsinn, der uns alle mehr oder
weniger befallen hatte, nicht zu lange ansehen, sondern wandte sich gegen ihren
Mann und den Herrn von O**, und verlangte zu wissen, wie sich eine gute
wohlmeinende Seele vor den Bosheiten der Eigenliebe bewahren könne, und was wohl
sie beide für Mittel gebrauchen würden? »Ich,« sagte ihr Mann, »hoffe durch die
Genügsamkeit geschützt zu sein, mit welcher ich den Kreis meines Lebens, ohne
Wünsche und Klagen, mit der redlichen Bemühung durchgehen werde, andern zu der
Vermehrung ihres Glücks behülflich zu sein.«
    Herr von O**, welcher bemerkte, dass diese Antwort dem Endzweck der Madame
G**, welche den Ton ins Muntre lenken wollte, nicht ganz gemäss war, sagte: »Und
ich werde an dem künftigen Orte meiner Bestimmung sorgfältig acht geben, was für
eine Gattung von Glück und Verdienst in derselben Gegend mit neidischen Augen
betrachtet werden, und sodann beide in der Stille zu geniessen suchen. - Ich
werde vor dem stolzen und mächtigen Ignoranten meine Wissenschaft, vor dem
Wollüstling meine schöne Frau und artige Töchter, und vor dem geldgeizigen
Menschen mein Gold verbergen. Ich machte mir auch einige Tugenden eigen, die man
in jetzigen Zeiten eher mit Spott als mit Hochachtung belegt, wie, zum Beispiel,
Mässigkeit im Essen und Trinken; Bescheidenheit in Kleidung und Manieren;
Uneigennützigkeit, Leutseligkeit, Arbeitsamkeit, die von Niemand beneidet
werden, und dennoch ihrem Besitzer gesunde und vergnügte Tage schaffen.« -
Madame G** gab ihm einen kleinen Schlag: »O, Sie übermütiger Mensch!
Wissenschaften, eine schöne Frau, artige Töchter, und dann Tugenden, die Sie
verstecken wollen, um die Eigenliebe der andern zu schonen!« -
    Wir hatten alle zu dem Plane des Herrn von O** gelächelt, aber jedes Auge
war auf das Gesicht des Herrn Fr** gerichtet, in dessen zweifelnden oder
bejahenden Zügen man das Richtige und Unrichtige eines Gedanken oder Urheils
aufsucht. Er liess sich aber nicht weit ein, sondern sagte nur zu seiner Frau
Schwester: »Herr von O** hätte ganz Recht, an dem Anfange seiner Laufbahn die
Gerechtsame seiner Eigenliebe gegen die Anfoderungen der andern ihrer genau zu
berechnen, und sich durch Vorsicht gegen eine zufällige Gewalt zu schützen. -
Hätte der vortrefliche Winkelmann dem elenden Bösewicht, der ihn ermordete, nur
seine Geschichte der Kunst, und seine Zeichnungen von Statuen vorgewiesen, so
würde sich der Mensch niemals gegen ihn bewaffnet haben, weil er auf den ganzen
Reichtum des Winkelmannischen Geistes keinen solchen Preis von Glück gesetzt
hätte, als seine niedrige Seele auf den Besitz des Goldes warf, das ihm der edle
Mann so unvorsichtig zeigte. Unsere eitle Eigenliebe reizt Andrer ihre, und wenn
die Begierde Leidenschaft wird: so ergreift sie alle, auch die bösesten mit, um
sich zu vergnügen.«
 
                           Vier und dreissigster Brief
Mein lieber verehrungswerter Pfarrer M** K** kam heute in die Stadt, um bei
einer vortreflichen alten Frau, die seine nahe Verwandtinn ist, mit seiner Frau
und Kindern auf dem Jahrmarkttage das Abendbrod zu essen. Er lud mich ein, und
ich würde gewiss eher die Tafel des Grössten und Reichsten dieses Orts
ausgeschlagen haben, als die einfache Mahlzeit dieser edlen Seelen. O, meine
Mariane, was für schöne heitere Züge verbreitet die übende Tugend der
Nächstenliebe über die Miene desjenigen, der sich der reinen edlen Absicht
bewusst ist, Gutes aus diesem Beweggrunde zu tun! Erlauben Sie mir zugleich eine
Art eigener Anmerkung, die mir sagte: dass natürlicherweise jede Tugend ihren
eigenen Gegenstand und Ausdruck habe; dass übende Gerechtigkeit nachdrücklichen
Ernst; frommer Eifer die Hitze des heiligen Feuers; das Mitleiden die
Kennzeichen des anteilnehmenden Schmerzens; die Geduld Züge des
niedergeschlagenen Geistes; und die Standhaftigkeit die Spuren der Gewalt
bemerken liesse, die wir manchmal über unser Gefühl ausüben. - Alles nötige edle
Bewegungen unserer Seele! Aber keine hat den schönen, sanften Ausdruck, der für
mich Schattenbild eines seligen Geistes ist, den allein das Gefühl: ich habe
Glückliche gemacht, über unser Wesen ausgiesst. Hütten Sie die ehrwürdige Frau
gesehen, bei der wir den Nachmittag zubrachten, so würde Ihnen das Gemählde von
ihrem mütterlichen Leben noch viel schätzbarer sein.
    Frau B** ist von einer sehr guten Familie des gelehrten Standes, und brachte
ihrem Mann einen grossen Reichtum zu, aber seine Sorge für sie und die drei
Kinder war nicht getreu, denn er opferte dem Spiele und Trunke beinahe das
meiste und beste seines Vermögens auf, so, dass die gute Frau nach seinem Tode
sich sehr zurück sah. Doch, da sie beinahe alles mögliche zu Gelde machte, so
erzog sie damit ihre Kinder sehr gut. Die zwei Söhne gingen in Kriegsdienste;
der Eine erwarb sich jedes Verdienst des rechtschaffenen Mannes, und hielt seine
kleinen Einkünfte so zu rate, dass er seinen edlen kindlichen Herzen das
Vergnügen geben konnte, seiner teuren Mutter zu schreiben, dass sie ihm ferner
nichts mehr an Gelde schicken, sondern alles zu Sorge für ihre Gesundheit und
Gemächlichkeit ihrer erlebten Jahre verwenden solle. - Dieser Brief kam just zu
der Zeit, wo sich ein anständiger Freier für die einzige Tochter zeigte. Da
schrieb sie ihrem guten Sohn, sie würde seine grossmütige Verzicht auf den
gerechten Anteil an ihrem Vermögen nicht angenommen haben, wenn sie nicht damit
das Glück seiner liebenswerten Schwester hätte bevestigen können, welcher sie
damit ihre kleine Ausstattung vermehrt, und die vorteilhafte Heirat mit einem
schätzbaren Manne beschlossen hätte. - Der junge Mann, der ein eben so
liebreicher Bruder, als guter Sohn war, freute sich, etwas für seine Schwester
getan zu haben; aber es schmerzte ihn, dass es die Mutter nicht geniessen konnte.
Er reisete daher zu dem Regiment, wo sein älterer Bruder stand; redte mit ihm
über die Umstände ihrer guten Mutter, sagte ihm, was er getan, und wies ihn die
Briefe der Mutter, die sein Geschenk nicht für sich, sondern zum Besten der
Schwester verwendet hätte, und suchte ihn zu bewegen, für die Mutter das Gute zu
tun, was er gewünscht hatte. Dieser Aeltere aber, ein flüchtiger Schwelger, der
über einen Entwurf von Vergnügen zehnmal seine Mutter und Geschwister
aufgeopfert hätte, spottete über ihn, und behauptete, die Mutter müsse schon zu
leben haben, sonst würde sie seine Abgabe nicht wieder der Tochter geschenkt
haben u.s.w. Der Jüngere ging mit einem zerrissenen Herzen weg, und suchte,
wenigstens durch treue kindliche Briefe, das Herz seiner Mutter zu erfreuen. Der
Andre forderte immer von ihr, und fuhr in seinem schlechten Leben fort, bis ihn
endlich selbst zugezogenes Elend in sich gehen liess, und er eben so abgezehrt
und schaamvoll, als der verlohrne Sohn, in die mütterlichen Arme floh, die,
nachdem sie von seiner Reue überzeugt war, bis auf die Stäubchen Ueberrest ihres
Vermögens zusammen fasste, um bei dem, in ihrem Vaterlande üblichen Verkauf der
Dienste, einen für den wiedergefundenen Sohn zu bezahlen, wo sie, nach der
genauesten Berechnung ihres Unterhalts, nichts als Tausend Taler zurück
behielt, die ihr jährlich funfzig Taler Zinse gaben, welche sie von den Leuten
zieht, denen sie ihr artiges Haus verkaufte und sich nur ein einziges Zimmer
vorbehielt, in welchem sie die simpelsten Ueberreste ihres vorigen Wohlstandes
vereinigt hat, und worinn der Geschmack an Reinlichkeit und Ordnung ein
deutliches Anzeichen ist, dass sie in ihren jungen Jahren Ideen von Schönheit und
Pracht hatte, weil sie Reichtum vor sich sah, Sie schnitt von dem geräumigen
Zimmer durchaus einen Teil mit einer Tapetenwand ab, die sie auf dreifache Art
gebrauchte, da sie das mittlere Stück zu einer Alkove für ihr Bett verwendete,
den einen Teil, mit einer Tapetentür verschlossen, zum Bette für ein Mädchen,
und den andern zu einem doppelten Schrank, für Kleidung, Weisszeug und
notwendiges Koch- und Essgeschirr eingerichtet hat. Der übrige Teil des Zimmers
ist mit der nehmlichen Tapete ausgeschlagen. Sechs gute Stühle, ein Spiegel,
eine Comode, und ein Tisch, geben dem Ganzen ein gutes Ansehen. Ganz glatte
Hauben, Manschetten und Halstücher von feiner nur gesäumter Leinwand, auf den
dunklen altväterischen Zeugen ihrer Kleider, geben ihrer ganzen Person und
schönem, obschon faltigem Gesichte, das ehrwürdige Ansehen der edlen
Genügsamkeit und Selbstständigkeit; denn sie will weder bei ihrem Schwiegersohn,
noch bei ihren eigenen Kindern leben. Alles, was sie von ihrem Tochtermann
annimmt, ist, dass er sie alle Jahre zu den Wochen seiner Frau abholt, und dann
wieder zurückführt. In der Stadt ist sie sehr geschätzt, und viele Familien
würden sich eine Freude daraus gemacht haben, sie öfters zum Essen zu laden;
aber sie hat es allen, ausser einem einzigen Freunde, abgeschlagen, bei diesem
isset sie alle Sonntage.
    »Ich bin,« sagte sie zu Herrn M** K**, »sehr dankbar für die Gesinnungen
meiner Freunde und Kinder, aber so lange mein Hannchen und ich von meinen zwölf
Kreuzern leben können, so will ich diese Güte nicht gebrauchen, und unabhängig
bleiben.«
    Dieses Hannchen ist ein armes Mädchen von dreizehn Jahren, deren Mutter
ehmals bei Frau Brane als Magd gedient hatte, und von ihr ausgestattet worden
ist, weil sie da noch in guten Umständen war. Die Mutter des Mädchens ist schon
einige Jahre todt, und der Vater starb, nebst zwei andern Kindern, an einer
ansteckenden Seuche, gerad zu der Zeit, wo Frau Brane, zum Besten ihres ältern
Sohns, ihre Bedürfnisse auf ein Zimmer und funfzig Taler jährlicher Reuten
einschränkte. Da sie keine eigene Magd zahlen und ernähren konnte, dachte sie
mit dem Geschenk, dass sie einer gelehnten geben müsste, das atme Kind zu erhalten
und zu erziehen. - Doch die Abschrift eines ihrer Briefe an Herrn M** K** sagt
mehr, als meine Erzählung.
                      Frau Brane an Herrn Pfarrer M** K**.
Freuen Sie sich mit mir, mein Freund! ich bin seit vierzehn Tagen sehr
glücklich. Das Wenige, was ich aus dem Sturm gerettet, hat hingereicht, meinen
älteren Sohn mit einem Amte zu versorgen. Seine gute und vermögliche Frau lässt
mich hoffen, dass er in seinem häuslichen Leben glücklich sein, und auch seine
Kinder einst Etwas haben werden. Die rechtschaffene Familie, an die ich mein
artig kleines Haus verkaufte, hat die Bedingung gerne eingegangen, mir das grosse
Zimmer an der Nebentüre zu lassen, und damit habe ich alles erhalten, was mir,
in meinen jetzigen Jahren, Menschen noch geben können. Ich wohne in dem Hause,
worinn ich geboren, in dem Zimmer, worinn meine Mutter als Wittwe gelebt hat;
in dem Bette, worinn sie starb, werde ich auch meine Tage enden. Ich habe ihren
silbernen Esslöffel, ihre alte stoffene Kleider, die mich meinen Freunden noch
mit dem Ansehen des alten Wohlstands zeigen; ich habe als treue Mutter meine
Kinder versorgt, bin niemand nichts schuldig, und lebe unabhängig! Tadlen Sie
mich nicht, ich bitte Sie, wegen der Beharrlichkeit, mit welcher ich alle
Anerbietungen ausschlage. Ich bin durch Jahre und Kummer alt und schwächlich;
ich muss viel Ruhe und wenig Speisen haben; Wein trank ich niemals, und Coffee
habe ich mir gleich nach dem Tode meines Mannes abgewöhnt, lange kann ich nicht
mehr dauern; meine Tausend Taler machen noch ein Erbe für meine drei Kinder!
Mein Sohn Ludwig aber soll meine Krankheits- und Wartkosten bezahlen; weil er
allzeit wünschte, mir Gutes zu tun, so wirds ihn freuen, die Ausgabe für Labung
und Pflege meiner letzten Tage zu besorgen. Meine Zinsen geben mir alle Tage
zwölf Kreuzer, und dabei blieben mir schon zwei Gulden übrig; alle Sonntage, da
ich und mein Hannchen bei meinem treuen Vetter Wellen essen, geben mir noch zehn
Gulden vier und zwanzig Kreuzer; zwei Monate, die ich bei dem Wochenbette meiner
Tochter zubringen werde, eilf Gulden vier und zwanzig Kreuzer. Sehen Sie, da
bleibt mir drei und zwanzig Gulden und vier und zwanzig Kreuzer! das gibt Holz,
Licht, Mehl und Schmelzbutter. In unserm Städtchen ist es wohlfeil; ich kann
alle Tage mein Fleisch und Brod essen, bin satt, frei und vergnügt; tue noch
einer Waise Guts, da ich sie nähre, schütze und unterrichte; ihre
Kleidungsstücke, Gemüs und Obst tausche ich für unsere Strickarbeit ein; bin
also noch nützlich, und habe, was ich bedarf.
 
                           Fünf und dreissigster Brief
Ich bin von unserm Tisch aufgestanden, an welchem mir ein moralisches Uebelsein
die Lust zum Essen raubte. Es kam kurz vor Mittagszeit ein artiger Mann zu Herrn
G**, den er, gleich nach der Bewillkommung, eines veränderten Wesens anklagte.
    »Zürnen Sie nicht,« sagte der Fremde, über meine Düsternheit; »es gehörte
jedes Jahr Probe und Kenntnis Ihrer Rechtschaffenheit dazu, die ich von Ihnen
habe, um mich noch Einmal aus dem Hause meines traurigen Freundes zu bringen,
dessen Herz und Glück von der Hand desjenigen verwundet wurde, an den allein er
sich mit allen Banden des Vertrauens und der Liebe seit einigen Jahren fesselte,
da er alle andere Verbindungen ausgeschlagen, ja, sogar in dem Eifer für das
Beste dieses Lieblings seines getäuschten Herzens, gegen andre ungerecht war.«
    Herr F**, welcher mit uns ass, fühlte Abscheu und Erstaunen, welcher den
rechtschaffenen Mann bei Anhörung einer Niederträchtigkeit ergreift. »Es ist
nicht möglich,« sagte er, »Sie mahlen das Bild zu schwarz.«
    »Zu schwarz? Hören Sie mich nur!« - Und hier fing eine Geschichte an, die
ich nicht wiederholen werde. Männer müssen diesen starken hässlichen Stoff
ausarbeiten. -
    »Warum dann,« sagte Herrn F**, »warum dieses abscheuliche Gewebe von Undank
und Falschheit?«
    »Um Gold, und um den Ruhm von Feinheit des Geists!«
    Herr Fr** nahm seinen Schwager G** bei der Hand: »O, mein Bruder!« sagte er,
»niemals, niemals wollen wir Glück und Ehre auf diesem elenden Wege suchen! Möge
die Vorsicht meine Söhne durch einen frühen Tod aus meinen väterlichen Armen
reissen, wenn ihre Seele nicht redlich, nicht edel genug ist, um bei Wasser und
Brod, durch das Zeugnis ihres Herzens glücklich zu sein; wenn sie Zeiten erleben
sollen, wo der Heuchler und Verräter mehr, als der frevmütige und gerechte
Mann angesehen sein wird!«
    Ist nicht dieser Herr F** in jeder Gelegenheit ein moralisch edler Mann? In
ihm lebt eine der alten grossen Seelen, aus denen sich republicanische
Heldentugenden verbreiteten. - Möge der Kreis seines Ansehens und seiner Gewalt
immer weiter werden! denn, ich bin überzeugt, dass sein Beispiel Gute, und seine
Menschenliebe Glückliche machen wird. - Dieses dachte ich, während dass er redte,
und seine Schwester G** flüsterte mir ins Ohr: »Rosalia! Ihre Blicke auf meinen
Bruder sind sehr bedeutend!«
    »Möchten Sie,« sagte ich, »alle die Verehrung ausdrücken, die der teure
Mann mir einflösst: so würde ich mit meinen Augen sehr zufrieden sein.« -
    »Gott helfe Ihrem armen C**,« erwiederte sie, »bei alle den Aufwallungen
Ihrer Seele, wenn Sie eine Ihrer Lieblings-Verdienste erblicken!«
    Mit diesem kleinen Geschwätz machte sie, dass ich einen Teil der Unterredung
verlohr, die ganz wichtig gewesen sein muss; denn ich sah den Fremden die Hand
des Herrn Fr** nehmen, ihn durchdringend ansehen, und hörte ihn sagen: »Sie,
Herr Fr**, Sie! nehmen so vielen edelmütigen Anteil an dem Kummer des Herrn
A**, Sie! die vielleicht Ursache hätten, Freude darüber zu haben.« -
    »Diese Art von Freude ist nicht für mich!« sagte Herr Fr** ganz ernstaft.
»Glauben Sie, dass ich eben so unfähig bin, mich an Feinden zu rächen, als ich es
wäre, den Busen eines Freundes zu zerreissen.«
    Madame G** war so mutwillig aufmerksam auf mich, dass ich auch deswegen in
mein Zimmer eilte, wo mir der Charakter des Herrn F** um so schätzbarer
erschien, als man selten Menschen findet, die ohne persönlichen: Eigennutz für
die tätige Tugend eifern. Denn wie oft bleibt Geist und Charakter eines
vortreflichen Mannes ungeliebt und ungeachtet, weil die kleinen Seelen, die ihn
umgeben, ihn nicht zu ihren Absichten gebrauchen können; und wie oft wird ein
bekannter Bösewicht geschützt und geduldet, weil er der Eigenliebe schmeichelt,
oder dem Eigennutz dient! Herr Fr** aber bejammerte den Unfall eines Mannes, der
ihm geschadet hatte, und sprach den Abend noch von der Enteiligung der
Freundschaft, und des Vertrauens, als einer der grössten Vergehungen, deren sich
ein Mann schuldig machen könnte. Ich fühlte die Wahrheit einer jeden Silbe, in
dem Wert der Freundschaft meiner Mariane, deren Liebe mein höchstes Glück ist.
Wie elend müsste ich werden, wenn ich die seligen Stunden vergässe, worinn Ihre
edle Seele sich mit aller Freimütigkeit mit mir besprach, Ihre Gedanken von
Personen und Sachen anvertraute und auf die treuen Gesinnungen meines Herzens
rechnete. Wie froh bin ich, die Unmöglichkeit dieses Vergessens in mir zu
fühlen, weil ich mir es als den Gedanken eines Meuchelmords vorstelle, den man
an der Ruhe und dem Glücke seines Freundes verübt. O, gewiss, meine Mariane, die
zwei göttlichen Bilder, der Tugend und Freundschaft, sollen in meiner Seele auf
immer die gleiche Verehrung geniessen, und mit äusserster Sorgfalt will ich mich
vor jeder Beleidigung hüten, weil ich allzeit beide zugleich verwunden würde.
 
                          Sechs und dreissigster Brief
Mariane! ich bin stolz geworden, und sehe mich, seit gestern früh zehn Uhr, als
eine Person von ausserordentlichen Vorzügen an, weil mir Herr Fr** in einer
langen Unterredung einen unschätzbaren Beweis seiner Hochachtung gegeben hat.
Doch würden Sie gewiss eben so wenig, als ich es dachte, den Anlass dazu an meinem
Putztische gesucht haben!
    Herr Fr** frühstückte bei seiner Frau Schwester G**, mit welcher mein Oheim
wirklich ein Haus auf kommenden Winter bewohnt. Ich war, als ich gerufen wurde,
schon angekleidet, aber Madame G** kam im Nachtzeug, und musste dahero bald zum
Anziehen eilen. Ich suchte sie aufzuhalten, indem ich sie versicherte, dass es
noch Zeit genug zu ihrem Putze wäre. »Ja!« sagte sie, »wenn ich mich nur
einmummeln wollte, wie Sie es machen! Aber ich will meine Person und meinen
Geist in gleichem Wert erhalten.« Damit ging sie von uns; und Herr Fr** fragte
mich: Ob ich schon ein Frauenzimmer von so meisterhaftem Mutwillen gesehen
hätte, wie seine Schwester? »Ich,« fuhr er fort, »habe mit Vergnügen bemerkt,
wie besorgt sie sind, die Reize: Ihrer Person unter einer bescheidenen Kleidung
zu verbergen. Ich weiss, dass Sie es aus einer doppelt seinen Empfindung tun,
weil Sie nur für Herrn C** ganz schön sein; und auch dem Uebel ausweichen
wollen, dass für Sie, aus den Begierden des einen, und aus der Missgunst des
andern Geschlechts, entstehen könnte. Ich möchte aber sehr gerne daraus eine
Bitte ziehen, die Ihre Seele zum Gegenstand hat, an der ich so schöne Züge
gesehen, dass ich auch einen Schleier darüber wünschte, den Sie nur vor den Augen
des wahren Liebhabers abnehmen sollten, um bei andern das Missvergnügen zu
vermeiden, welches zu glänzende Vorzüge allezeit hervorbringen!«
    Meine Mariane denkt wohl, dass ich hier, ungeachtet seines sanften Tons und
Miene, stutzte und errötete; er sagte mir aber gleich: »Werden Sie nicht
unruhig, meine teure Freundinn, und sehen Sie alles, was ich sage, als Sorgfalt
für Ihre Glückseligkeit, und als Vertrauen auf Ihren Charakter an. Ihre Liebe
der tätigen Tugend, der Kenntnisse des Geists, das lebendige Gefühl des Edlen
und Schönen, sind bewundernswerte und vortrefliche Eigenschaften Ihrer Seele;
aber, glauben Sie nicht, dass die Stärke des Ausdrucks, mit welcher Sie solche
zeigen, eine verletzende Art von Vorwurf, des geringern Grades oder des Mangels
dieser Empfindungen ist? und der grossmütige Reiche sollte sich niemals im
vollen Genuss seiner Güter vor die Augen des Dürftigen stellen.«
    Hier fiel ich ihm in die Rede, und bat ihn, versichert zu sein, dass, wenn
die Idee von Reichtum und Mangel, auf diese Weise in mir gewesen wäre: so würde
ich gewiss nicht oft von meinen herrschenden Neigungen geredet haben! Aber,
setzte ich hinzu, es steht ja in jedes Menschen Gewalt, moralische Güter zu
sammlen, und sie mit Wucher zu vermehren.
    »Wie hart ist dieser Ausspruch, meine Freundinn! aber der Eifer hindert
immer die Sanftmut! Mir ist leid, dass ich jetzt über ihren Einwurf nicht alles
sagen kann, was ich wollte. Ich bitte Sie nur, nicht zu fest auf diesem Satze zu
halten; und meistens zu denken, dass ehe der Mangel an Kenntnis, als der Mangel
am Willen, die Ursache vieler Fehler unsers Nächsten sind. Und lassen Sie,«
sagte er lächelnd, »diesen Gedanken zu dem Stück Schleier werden, in den Sie
Ihren moralischen Eifer hüllen wollen!«
    Ich wollte ihm hierauf für seine Unterredung danken; aber er unterbrach
mich, indem er mich bat, ihm einige meiner gesammelten Charaktere zu weisen, die
ich so gleich holte, und nachdem er weg war, alles dies schrieb, und wahrhaftig
bei der Wiederholung finde, dass mein hastiges Gutsein etwas Unfreundliches hat.
Warum verwiesen Sie mir es niemals?
 
                          Sieben und dreissigster Brief
Nun habe ich mein Seelenbilderbuch wieder, und bin um ein Gemählde reicher
geworden. - Gestern Abend gab mir Herr Fr** die Blätter zurück, und versicherte
mich, dass er sie mit vieler Zufriedenheit gelesen hätte, weil er sie als
Bildnisse glücklicher Menschen betrachtet habe; da er nur diejenigen glücklich
nennt, welche ihr moralisches Leben in edlen und tugendhaften Handlungen
geniessen können. Er fragte mich zugleich um die eigentliche Ursache des
Aufsuchens dieser Züge des menschlichen Herzens. »Um wirkliche Zeugnisse zu
haben, wie gut wir sein können, wenn wir wollen; und auch, um mir zu sagen, was
andre getan haben, das kannst Du auch tun.«
    »Immer die Idee des Wollens!« sagte er. »Glauben Sie denn, dass man in seinem
Leben oder in seinem Amte all das Gute tun kann und tun darf, was man wöllte?
was heiligen Pflichten der Menschenliebe und der Klugheit gemäss wäre? Wie oft
muss man dem Eigensinne, dem Eigennutze und der Unwissenheit das Uebergewicht
lassen! wenigstens sehr oft lange die beste und gerechteste Sache zwischen
Dornbüschen durchschleppen, ehe man sie zum Ausgang bringt, weil die Obergewalt
der Umstände den schönen Weg der geraden Strasse hinderten.«
    »O, mein schätzbarer Freund! Sie machen mich besorgen, dass Sie aus Erfahrung
reden, und dass Ihr edler Geist oft in seiner Wirksamkeit für das Beste und
Rühmlichste gestört und gehindert wird; wie muss Ihnen da zu Mute sein!«
    »Wie dem rechtschaffenen Landmanne, der sein angewiesenes Stück Feld mit
treuem Fleiss und Mühe baute, dem aber Hagel, oder wilde Tiere alles verderben.
Es schmerzt den guten Arbeiter, aber, er pflügt immer den Boden wieder. Säet
gute Körner aus, und hoft endlich eine Erndte! - Aber, ich will von Ihren
Papieren reden.
    Ich habe die Geschichte Ihrer Henriette mit vieler Rührung gelesen; aber
auch gefunden, dass ein wenig Biegsamkeit und Nachsicht gegen die zufälligen
Schwachheiten der Eigenliebe des Herrn M**, beide glücklich gemacht, und alle
ihr bittres Leiden und ihren frühen Tod verhindert hätte. Ich will Ihnen das
Nebenstück zu diesem Charakter liefern. Aber nicht allein, um Ihre Sammlung zu
verstärken, sondern damit einen Merkstaab mehr auf dem Wege Ihres Lebens zu
befestigen; weil ich glaube, in Ihnen eine Zusammensetzung beider Charaktere zu
sehen, und also notwendiger Weise denken muss, dass beinahe die nemlichen Folgen
daraus entstehen könnten.
    Ich habe,« fuhr er mit einem Seufzer fort, »eine sehr schätzbare Freundinn,
deren fühlbares Herz in Rosaliens Jahren von moralischem Entusiasmus glühte.
Jede Triebfeder zu Tugend, Edelmut und Güte lag in ihrer Seele, und viele Jahre
haftete der schöne Wahn in ihr, dass man nur gute Eigenschaften des Herzens
zeigen dürfe, um von den meisten Menschen geliebt zu werden, und dass es ihr bei
der unausgesetzten Befolgung ihrer grossen Grundsätze, gut zu sein und Gutes zu
tun, glücken würde und müsste. Aber sehr traurige Erfahrungen haben ihr
bewiesen, dass man bei Ausübung der Tugend eben so viel Behutsamkeit und Vorsicht
nötig habe, als der Bösewicht zur Ausführung seiner Ränke braucht: denn man ist
ihrer Güte des Herzens und ihrem Wohlwollen begegnet, wie man dem freigebigen
Reichen tut, in dessen Hause man satt nimmt und geniesst, ihm aber nachher mit
dem Namen eines Verschwenders bezeichnet. Was für grausame Rückgabe erhielt sie
gegen die redlichste Hochachtung und Freundschaft! Wie viel Kummer und Leiden
verbreitete ihr Glauben an edle Güte, und die Bescheidenheit, mit welcher sie
ihre Einsichten andrer ihren unterwarf, über ihr ganzes Leben! Diese Frau,
Rosalia, sollen Sie Morgen sehen. Die Stärke ihres Charakters mögen Sie nach der
Leichtigkeit und Munterkeit ihrer Unterredung mit uns berechnen; denn ich weiss,
dass ihr Herz wirklich unter einer Last von schmerzlichen Sorgen liegt, und dass
sie das Ende ihrer Erdenglückseligkeit vor sich sieht. Sie könnte einen Teil
davon durch gerechte Anklagen andrer erhalten: aber ihre Seele verwirft dieses
Hülfsmittel. Auch mir, dessen wahre und treue Gesinnungen sie kennt, versagt sie
die Freude, ihr einen Teil dieser Last zu erleichtern. Sie fasste alle Kräfte
ihres Verstands und Herzens zusammen, um ihr Schicksal allein zu tragen, und mit
Shakepears König Lear sagen zu können: Unglück! sei mein Glück. Aber sie wird
erliegen, wenn nicht die Vorsicht besonders über sie waltet.«
    Urteilen Sie, meine Mariane! von meiner Aufmerksamkeit bei dieser
Erzählung, und wie begierig ich war, die Frau zu sehen, deren Charakter von
diesem vortreflichen Manne so sehr geschätzt wird. Morgen gehen wir zu ihr; aber
ich werde sie nicht recht sehen können, denn wir sind unser zu viele. - Ich will
diesen und den morgenden Brief mit einander schicken. Gute Nacht, meine
Freundinn! -
 
                           Acht und dreissigster Brief
Wir haben bei Madame W** gefrühstückt. Eine sehr gefällige Munterkeit schien sie
zu beherrschen; doch ganz kleine Teile der Unterredung zeigten mir ihre
Empfindsamkeit und den moralischen Ton ihrer Seele. Sie mag einst schön gewesen
sein; aber nun sind ihre Züge durch Gemütsleiden zerrüttet, und ihre
Gesichtsfarbe blass. Doch herrscht in ihrem ganzen Wesen etwas ausserordentlich
Einnehmendes. Madame G** stellte mich ihr vor, und sagte: »Sie werden gewiss mit
der Bekanntschaft von Rosalia L** sehr zufrieden sein, weil sie eine ganz
seltene Empfindsamkeit mit sich gebracht hat.« Madame W** umarmte sie lächelnd,
und sagte ihr nach: »Seltene Empfindsamkeit! Liebe boshafte Frau! Wie sehr
stützen Sie sich auf meine Verschwiegenheit. Denn Sie wissen, dass ich vieles von
der Zärtlichkeit dieses Herzens erzählen könnte!« wobei sie auf die Brust der
Madame G** wies. -
    Herr Fr** sagte nichts von mir, gab aber den Gesprächen immer eine Wendung,
in welcher notwendiger Weise Madame W** ihren Charakter, obwohl in
abgebrochenen Stücken, zeigen musste. Als wir wieder nach Hause kamen, sagte ich
dem Herrn Fr** ganz freimütig, dass er durch diesen Besuch meine Neugierde über
den Charakter der Madame W** nur gereizt, aber nicht befriedigt hätte. Er fand
es wahr; und versprach mir, einen Pack ihrer Briefe an ihn, wo ich sie ganz
sehen könnte, und aus denen er mir erlaubte, Auszüge zu machen.
    Hier sind Abschriften davon. Ich bedaure, dass ich nicht alles, und besonders
auch die Copien seiner Briefe, abschreiben durfte: sonst hätten Sie die ganze
Stärke männlicher Freundschaft und Weisheit in seinen, und das höchste Maass
moralischer Fühlbarkeit einer weiblichen Seele in denen von Madame W** gesehen.
In einen der ersten sagt sie ihm: Sie dankte dem Schicksal, einmal einen Mann
gesehen zu haben, der die lebendige Hochachtung, die eine Frau für seinen Geist
und Charakter zeige, nicht als gewöhnliche Bewegungen von Liebe beurteile; und
dann versichert sie ihn: »Hätte ich Sie auch niemals gesehen, niemals das Glück
Ihres Beifalls erhalten und nur von Ihrer Rechtschaffenheit des Herzens, und den
Kenntnissen Ihres Geistes reden gehört, so dächte ich für sie, wie jetzt, und
wie ich vor ein halb Hundert vortreflicher Männer der alten und neuen Geschichte
denke.« -
    Dann einmal: »Ich danke Ihnen, edler Freund, für Ihre Freimütlgkeit; Sie
haben Recht, ich bin mit meinem Vermögen und meinen guten Gesinnungen zu
freigebig, und es ist wahr, ich habe noch keine Seele gefunden, die für mich
denken und tun würde, was ich immer noch fähig wäre, zum Besten anderer zu
tun.« -
    Wieder: »Was soll ich zu dem Vorschlage einer andern Einkleidung meines
Charakters sagen? Wie sauer, mein Freund! o wie sauer, sollte mir dieses werden!
Denn, wenn ich mein Herz vor den Augen Gottes entfalte, so danke ich ihm, dass er
mir es so gab! Meine süsseste Glückseligkeit ist, den gegenwärtigen Augenblick
meines Lebens an den Gedanken des letzten zu rücken, und dann mit kindlicher
Liebe und Freude, Gott, Tod und Ewigkeit mir vorzustellen. Die Wirkungen dieses
Gefühls sind schon lange mit jeder Triebfeder meiner Handlungen und meines
Denkens verbunden. Vor dem Auge des Himmels, darf ich mit Vertrauen, und vor den
Menschen soll ich mit so viel Behutsamkeit erscheinen? Warum? Sagen Sie mir,
warum?«
    Hierüber hatte Herr Fr** einen grossen sehr schönen Brief, über hohe, und
herablassende liebreiche Tugend geschrieben, den er nicht bekannt gemacht haben
will. Und hier sagte sie: »Es ist unmöglich, mein Freund! dass ich Ihnen den Dank
meines Herzens, für die edle Bemühung Ihres Geistes ausdrücke. Ihre
Unterscheidung der hohen und herablassenden menschenfreundlichen Tugend ist
schön; aber beinahe zu fein, und etwas zu schmeichelhaft für mich. Aber Ihr
Endzweck ist meine Ruhe, und die Befriedigung derer, womit ich lebe. - Ich
ergebe mich, mein Freund, und rufe hier eine meiner alten Lieblings-Ideen
zurück: dass eigentlich nichts Tugend genennt werden kann, als was wir zum Besten
unserer Nebenmenschen, mit Aufopferung unsers Selbst tun!«
    In einem sagt sie, nach einer Krankheit: »Sie haben meine Geduld, meine
Gelassenheit in Schmerzen gelobt, mein Freund! Ich werde alle Leiden, die ich
von der Hand der Natur aufgelegt bekomme, beständig mit der anbetenden
Unterwerfung tragen, die ich dem Urheber der Natur schuldig bin. Ich verdiene
nicht weniger, als andere, zu leiden! und mein väterlicher Schöpfer wird mir
nicht mehr als andern aufladen.« -
    In den letztern liegt viel, aber unbenennter Kummer. Sie sagt unter andern:
»Es ist mir leichter, mein Freund! viel leichter, eine drückende Last auf meinen
Schultern zu behalten, als sie, auch durch die gerechteste Anklage, auf einen
andern zu wälzen. Und der, dessen Hand meine Glückseligkeit so grausam
verletzte; kennt meinen Jammer wohl, aber er macht es nicht, wie schon oft
grossmütige Feinde taten, die alle ihre Sorgen und Kräfte zur Heilung der von
ihnen geschlagenen Wunde darboten.« -
    In einem folgenden steht: Sie wolle ihr eigenes Ich für ihre übrigen Tage
vor der ganzen Welt verbergen, und allein durch ihren Geist mit den Menschen
fortleben. Für das Glück ihres Herzens nichts mehr fordern, nichts mehr
erwarten, aber für das Wohl Andrer alles tun, so weit ihre Kräfte reichten.
    Sie gesteht Herrn Fr**, dass es ein Gemisch von natürlicher Grossmut, und
einem, durch Erfahrung erlangten Mistrauen sei, welches sie hindere, ihm ihr
leidendes Herz zu eröfnen, und seinen Trost und Hülfe zu geniessen. - Sie fühle,
dass sie dem Schicksal das Sonderbare und Einzelne ihres Charakters teuer
bezahlen müsse: es solle aber, so viel sie es verhindern könne, bei dieser
Abgabe niemand zu leiden haben, als sie. - Dieser Gedanke sei es, der die
Heiterkeit ihres Tons unterhalte, indem sie den Becher der Freuden ihrer Kinder,
Hausgenossen und Freunde, durch ein trauriges nachdenkliches Wesen nicht
verbittern wolle.
    Dann bittet sie ihn, ihr Freund zu bleiben, und versichert ihn, dass er keine
Fehler des Charakters an ihr sehen solle, als die, welche die Anfoderungen des
Eigensinns und Eigennutzens Andrer so benennen. Sie hoffe aber, die Gesinnungen,
die Gott in ihre Seele gelegt hätte, bis in ihren Tod zu behalten, weil ich
gewiss sei, dass sie in der andern Welt werde sein dürfen, was sie sei, und dort
über ihre Empfindsamkeit nicht gespottet, und ihr Eifer für moralische
Tätigkeit nicht werde getadelt werden.
    O, der edle, der glückliche Stolz dieser moralisch stark fühlenden Seele! -
Jeder Tag nähert sich dem Untergange ihrer eigenen Glückseligkeit, die sie nicht
durch Vergehen, nicht durch Missbrauch, sondern durch boshafte niedrige Ränke
einer Person verliert, in welcher sie Edelmütigkeit und Güte zu sehen glaubte.
O Mariane! mein Herz fühlt beinah noch mehr sympatetisches Leiden für diese
Frau, als bei Henrietten! Es ist auch ganz natürlich. Henriette trug eine
einfache Last. Unabhängigkeit, Gewalt, Gutes zu tun, und die Freiheit, ihren
Gram ganz zu geniessen, versüsste den Kelch ihres Kummers. Die Umstände hinderten
sie nicht, davon zu reden. Sie wurde geliebt und bedauert, weil bei ihrem
Schicksal die Eigenliebe und Eigennutz der andern nichts abzugeben, nichts zu
wagen hatten. - Denn, meine Mariane, Eitelkeit und Vorteile sind die
Gränzsteine der freundschaftlichen Gesinnungen in den meisten Seelen. - Ich habe
aber ganz deutlich in den Briefen der Madame W** gesehen, dass unter den
vielfältigen Schmerzen ihrer Seele auch dieser liegt, unter dem Kreise ihrer
Bekannten lauter Personen zu sehen, die immer auf ihre Grossmut, sie aber auf
keine von ihnen zählen könnte, ausser dem einzigen edlen Mann, der sie liebt,
weswegen sie aber, aus feiner zärtlicher Gesinnung, gerade ihm alles verbirgt.
                                Abends zehn Uhr.
Ich schrieb Vorhergehendes Gestern; und heute früh, da kam Herr Fr** und fragte
nach seinen Briefen, und meinen Auszügen, die ich ihm zu lesen gab, - »O,
Rosalia!« sagte er, »Sympatie, ganz allein Sympatie, hat die Auszüge und
Anmerkungen gemacht! Ich habe es vorher gesehen! Lassen Sie sich, liebe junge
Freundinn, Henrietten und Madame W** zu Merkstäben, während ihrem Wandel unter
den Menschen, dienen! Denn, da Sie das seltene Glück haben, diese zwei
Charaktere in sich zu vereinigen; so könnte Sie auch das seltene Elend treffen,
welches das Schicksal Ihren Schwestern-Seelen bereitete. - Denn Madame W** ist
gewiss das Seitenstück Ihrer Henriette. Diese lehnte sich, bei dem Einsturz des
willkührlichen Baues ihrer Glückseligkeit, allein auf ihr Herz, und es brach
unter der Last ihrer verlohrnen Wünsche und Empfindungen. Madame W**, als
Gattinn und Mutter, in mehr Verhältnissen des Herzens, in mehr Uebung des
Geistes, und bei mannichfaltern Leiden, stützt sich allein auf die
Verstandskräfte ihrer Seele; leidet aber nicht weniger. Hätte sie im Anfang der
Gewalt der Umstände nachgegeben, so wäre ihre Ruhe und Leben gerettet worden.
Denn, es ist gewiss, dass die Ueberspannung ihrer Seelenkräfte die Kräfte ihres
Körpers zermalmen werden.« - Hier ging er fort; und ich dachte: O Fr**, Madame
W** ist die Gattinn deiner Seele! wie viel leidest du mit ihr!
                           Neun und dreissigster Brief
Unser artiger Herr von O**, der Ihnen, meine Mariane, anfing, so gefährlich für
mich zu scheinen, ist verliebt; aber nicht in Rosalien. Das Schicksal hat ihm
eine ganz sonderbare Beute aufbehalten. Er bekommt Julie von U**, das
einnehmende Geschöpf aus dem Zirkel der neun Mädchen, von welchen ich Ihnen
schrieb. Der Gang ihres Kopfs und Herzens bildete sich, auf die schätzbarste
Weise, allein nach ihren Empfindungen aus. Die Art, wie sie die Blumen unter
ihre Freundinnen austeilte, konnte zu einer Probe ihres mit siebenzehn Jahren
blühenden Witzes dienen. Die feine schonende Fühlbarkeit, mit welcher sie auch
die kleinsten Sprossen der Eigenliebe ihrer Gespielinnen behandelte; die Art,
mit welcher sie die ihrige unterdrückte; und die Sorgfalt gegen alles, was Züge
einer Coquetterie sein könnten, und dergleichen mehr, liefert mir einen neuen
reizenden Charakter aus unserer Weiberwelt. Sie hatte immer, aus freiem Willen,
alle Putzstücke zurück gelassen, die ihr besser, als einer ihrer Freundinnen
gestanden hätten, die sich der nehmlichen Art von Zierrat bediente. In
Gesellschaft war alle ihre Achtsamkeit auf Frauenzimmer gewendet. Niemals
suchten ihre Blicke oder Gebärden die Aufmerksamkeit einer Mannsperson
anzulocken; sogar zeigte sie die Sanftmut ihres Charakters und die Talente
ihres Geistes am meisten in Gesellschaften ihres Geschlechts, und liess in
Gegenwart der Männer durch ihr Schweigen und ihre simple Kleidung immer der
Artigkeit ihrer Gespielinnen den ersten Rang. Nur bei Tänzen gelungen ihre
Anschläge des Versteckens ihrer Reize nicht. Ihr schöner Wuchs war nicht zu
verbergen, und die edle, holde Art ihres Tanzes gab ihr unendliche Vorzüge. Mit
neunzehn Jahren hatte sie den stärksten Feind ihres moralischen Charakters zu
bekämpfen, weil alsdann die überwiegende Schönheit ihrer jüngern Schwester in
voller Blühte war, und Julie in der Furcht, die sie hatte, verdunkelt zu werden,
die Keime des Neides entstehen sah, die sie aber mit der Wurzel ausrottete,
indem sie alle ihre Geschicklichkeit in Putzsachen für ihre Schwester
verwendete, deren Schönheit dadurch um so mehr erhöht wurde, und Julie allein
durch die äusserste Nettigkeit, Anstand und einfachen Ton der Farben bezeichnet
war. - Alle Kenntnisse einer guten Hauswirtin und vernünftigen
Gesellschafterinn sind ihr eigen; aber die Grundsätze ihrer Bescheidenheit sind
so stark, dass sie von dem mittelmässigsten Weiberkopfe Lehren anhört, und
überhaupt ihr Wissen nur in hie und da hervorbrechenden Ideen zeigt. Herr von
O** hatte sie oft gesehen, für ziemlich artig, aber auch für sehr eigen
gehalten; und hat erst auf dem Ball, bei der Verheiratung ihrer schönen jüngern
Schwester, die Reize ihrer Person und ihres Charakters entdeckt. Das Fest war in
dem prächtigen Garten ihres reichen Schwagers. Juliens Kleid und Hut war von
grauem Taffent, mit rosenfarbenen und weissen Flor und Bändern geziert. Alles so
passend gemacht, dass das ganze Ebenmaass ihrer Gestalt bemerkt werden konnte. Bei
den englischen Tänzen wurde sie die Gesellschafterinn des Herrn von O**, dessen
Aug' und Geschmack sie darin ganz fesselte. Reine Fröhlichkeit war in ihren
Zügen, Bewegungen und Blicken. Die feurige Aufmerksamkeit des Herrn von O**
machte Juliens Tante viel Vergnügen, weil sie diese Eroberung dem Liebling ihrer
Seele schon lange gewünscht hatte. Beim Ausruhen sass Julie unter einer Gruppe
der artigsten Mädchen, auf einer Grasbank, und lehnte sich nachlässig an den Fuss
einer Urne. Ihre Stellung war einnehmend schön. Ueberbleibsel der Munterkeit und
Röte des Tanzens, mit einer Art Müdigkeit vermischt, der niedlichste
Faltenbruch, den jemals ein Gewand machte, von dem schönen Grau und Rosenfarb
auf dem feinen Rasen, ihre wohlgebildete Füsse artig gekreuzt, und ihr schöner
Mund lächelnd gegen ihre Freundinnen - In Wahrheit, Mariane, ich war froh,
meinen Freund von R** so viele Meilen weit von uns zu wissen; denn, erschien
Julie von U** mir Mädchen so reizend, wie vielmehr musste sie's in den Augen
eines empfindsamen und feinen Kenners sein! - Madame G** sass an meiner Seite,
gegen der schönen Gruppe über, beobachtete aber ihren Vetter von O**, der halb
hinter einen Baum stehend, Julien mit liebenden und gierigen Blicken
betrachtete, besonders da Julie etwas an die Urne mit einem kleinen Griffel
schrieb. Sie überlas es mit einer nachdenkenden, aber höchst edlen und sanften
Miene, die mich rührte und reizte. Ich ging zu ihr und sagte freimütig, der
Ausdruck ihres Gesichts, den sie während dem Schreiben gehabt, hätte mich
lüstern gemacht, ihre Gedanken zu lesen. Sie sah mich liebreich an, schlug
errötend die Augen nieder, und sagte sehr grtig: ich hätte zu befehlen! Der
Gedanke, den ich fand, durchdrang meine Seele mit dem ganzen edlen Ernst der
ihrigen. Hier ruht man von euch, ermüdende Freuden des Lebens. - Ich umschlang
sie mit einem Arm und küsste sie mit Rührung, indem ich sie um den Griffel bat
und dann hinzu setzte: Wie schön ist Deine Ruhe, o Julie! weil Deine Freuden
rein und edel sind, wie Deine Seele. - Sie wollte hier meine Hand küssen, aber
ich umarmte sie und sagte: Ich hofte auf ihre Freundschaft und ihren Umgang. Sie
antwortete hierauf: Sie achte sich durch meinen Beifall sehr glücklich, und
hätte meine nähere Bekanntschaft schon lange gewünscht. Hier kam von O** zu uns
und bog sich mit vielem Anstand gegen die Urne, um das Geschriebene zu lesen.
Der schönste Ausdruck von Verehrung und Liebe breitete sich über seine edlen
männlichen Züge aus. Er blickte auf mich mit einer Verbeugung, heftete aber
seine Augen voll Zärtlichkeit auf Julien. Diese wurde darüber ein wenig
verwirrt, und er sagte, mit der angenehmsten Bewegung der Hände gegen sie, die
mich am Arme hatte: »Liebenswürdige Julie, gönnen Sie mir die edle Freude, Sie
mit Rosalien so vertraut zu sehn!« - Sie erholte sich da, und dankte ihm für den
Anteil, den er an ihrem Vergnügen über meine Güte nähme. »Sie danken mir,«
erwiederte er, »für den Anteil, den ich an Ihrem Vergnügen nehme? Was wollen
Sie tun, wenn ich Ihnen sage, dass Sie heute Alles für mich geworden sind, was
Erdenglückseligkeit sein kann?« - Julie wurde etwas lebhaft rot und sagte mit
Ernst: »Ich werde nichts tun, mein Herr; denn auf einen Ball will ich nichts
für Sie werden.« - Diese Antwort entzückte meinen scharfsinnigen Freund. Er
wandte sich mit dem Feuer der Liebe gegen die Urne, umfasste sie und sagte gegen
Julien: »Julie! der Ball hat nichts mit diesen Gesinnungen gemein; obschon Ihr
reizender Tanz die Augen aller Männer entzücken muss. Hier,« indem er das, was
Julie geschrieben, küsste, »bei diesem Aschenkrug, wo Sie Rosaliens Freundschaft
erhielten, nehmen Sie, teure Julie! die Gelübde meiner ewigen Liebe und
Verehrung an - Es freut mich,« sagte er zu mir, »dass Ihr Geist und Tugend Zeugen
von diesen Gelübden sind, die ich niemals, niemals brechen werde.« - Julie, halb
betreten, halb vergnügt, sagte: »Um des Himmels willen, Herr von O**, was sagen
Sie da alles! Ewige Liebe und Gelübde, bei denen Sie die Tugend nennen.« - Er
wollte wieder reden, sein Gesicht sah etwas traurig, sie fiel aber ein: »Nichts
mehr, ich bitte Sie! aber, vor Rosalien will ich sagen, dass, wenn mein Gedanke
bei dem Aschenkruge mir Ihre Hochachtung erwarb, und wenn sie dauert: so soll es
mir das Angenehmste sein, was ich je von einem Manne hören kann.« - Mit der
schönsten Errötung liess sie ihn ihre Hand küssen. »Es ist genug, schätzbare
Julie! es ist genug, dass Sie einen Wert auf meine Hochachtung legen,« sagte er:
»ich will Sorge tragen, dass alle meine Gesinnungen Ihrer gütigen Aufmerksamkeit
würdig sein mögen!«
    Nun hatten die andern mit den Menuetten aufgehört, und von O** bat Julien um
ihre Hand zu den neuen englischen Tänzen, weil mich mein Gesellschafter auch
aufgesucht hatte. Von O** tanzte so schön, als er konnte, da er in Wahrheit
liebe- und wonnetrunken war. Er hatte kein Aug, als für Julien, und sie keines
als für mich. Sie tanzte artig, aber nicht mehr fa fröhlich, als vorher. Süsses
Nachdenken lag in ihrer Miene, und so oft die Wendung des Tanzes sie zu mir
führte, drückte sie mit Zärtlichkeit ein meiner Hände, das gewiss zur Hälfte dem
artigen von O** gehörte, mit welchem sie aber den ganzen übrigen Abend alle
einseitige Unterredung vermied; mit mir und Madame G** hingegen in ein reizendes
Gespräch geriet. - Julie kommt Uebermorgen Vormittag zu mir. Madame G** will
den von O** herführen; denn beiderseitige Verwandte wünschen diese Verbindung
festzusetzen. -
 
                               Vierzigster Brief
Julie kam, wie ich Ihnen Vorgestern schrieb, zu mir, und ich war froh, dass
Madame G** und Herr von O** nicht sobald kommen konnten, als sie wollten; denn
da hatte ich Gelegenheit, Julien kennen zu lernen, die mir ganz ihr Herz
entfaltete, welches seine schönste Wendung von der Hand einer edlen Dame
erhielt, die sich nach dem frühzeitigen Tode ihres Geliebten vom Hof entfernte
und einsam, nur seinem Andenken geweiht, die blühenden und reifen Jahre ihres
Lebens, in einer steten, aber sanften Melancholie, hinbrachte. Der feine
Geschmack, welchen die grosse Welt in ihr ganzes Wesen gelegt hatte, begleitete
sie auch auf dem Lande in allem, was sie tat; und Julie, die ein ganzes Jahr
mit ihr verlebte, nahm den Ton ihres Denkens und ihrer Sitten an.
    »Komme ich nicht zu früh?« sagte mir Julie mit der feinsten Freimütigkeit.
»Aber ich wollte wenigstens einige Minuten von der Zeit einbringen, die ich
durch meine Abwesenheit verloren habe; denn vielleicht hätten Sie mir Ihre
Freundschaft schon vor vier Monaten geschenkt, wenn ich hier gewesen wäre.«
    Sie hielt mich bei der Hand und sah mir mit Sehnsucht in die Augen, nach
meiner Antwort. »Gewiss, liebenswürdige Julie, hätten Sie mein Herz eingenommen,
wie jetzt, vielleicht aber würden wir, ohne die Vermittelung einer schönen Urne,
niemals so genau, verbunden worden sein.«
    Sie lächelte mit ein wenig Erröten. »O ja, die Urne hat mir viel Gutes
getan!«
    »Mir auch, mein Schatz,« sagte ich, indem ich sie umarmte, »aber,« setzte
ich hinzu, »Herr von O** wird doch von uns dreien der Erste sein, von dem sie
Kränze erhalten wird.«
    Sie nahm ihren Arm verschämt von mir weg. »Warum reden Sie mir gleich von
Herrn O**?«
    »Weil ich Sie nicht einen Augenblick betrügen will, Julie. Er weiss, dass Sie
hier sind, und wird auch kommen.«
    Mit einer ungeduldigen Bewegung sagte sie: »Ach, ich wollte nur Freundschaft
geniessen, und da kommt die Liebe und stört mich!«
    »Liebe Julie! wie reizend ist Ihre Freimütigkeit!«
    »Wie gut sind Sie, dieses Freimütigkeit zu nennen, da es unmöglich ist,
Ihnen ein Geheimnis daraus zu machen, dass mir Herr von O** von Liebe sprach.« -
    »Verzeihen Sie, Julie! aber ich habe Ihrem Gedanken einen doppelten Sinn
gegeben.«
    »Das ist mir nicht ganz lieb! Wollen Sie mir zur Vergütung die Ursache
sagen?«
    »Ich dachte, Julie fände, dass von O** würdig sei, ihr von Liebe zu
sprechen!«
    »Liebe Rosalia! sahen Sie dies in meiner Miene, oder meinen Worten?«
    »In beiden, meine Freundinn, und es machte mir Vergnügen! denn, gewiss, von
O** ist ein edler junger Mann.«
    »Ich glaube es auch, Rosalia! Und nun will ich freimütig sein, und Ihnen
bekennen, dass mich die Liebe des von O** freut. Sie ist die Erfüllung eines
Wunsches, den ich schon lange hatte. Alles, was ich von seinem Geist und seinen
Sitten kenne, sind die Eigenschaften, die ich mir von der Vorsehung für meinen
künftigen Geliebten erbat.«
    »O! Julie, möge doch jeder edle Wunsch unsers Geschlechts wahr werden, wie
dieser, den Sie taten. Aber, sagen Sie mir, wo nahmen Sie das Bild des Mannes,
den Sie sich wünschten? und wo nahmen Sie, wenn ich so sagen kann, den Ton der
Urne her? denn ich weiss, Ihr Kopf war nicht allezeit so ernstaft gestimmt.«
    »Das ist wahr! Aber die Anlage muss in mir gewesen sein, sonst würde dieser
Ton nicht gleich gefasst haben und herrschend geworden sein, und, wenn ich das
Glück, einen solchen Mann zu lieben, nicht in einem eilf Jahr dauernden Kummer
über seinen Verlust, gesehen hätte: so würde ich auch nicht so sehr daran
haften.«
    »Und wo sahen sie dieses, mein Kind?«
    »Das Jahr hindurch, da ich bei meiner Base auf dem Lande wohnte, wo ich eine
liebenswerte Dame von drei und dreissig Jahren antraf, die ihre Schönheit,
Jugend und Talente, der grossen Welt, in der sie geliebt war, entzog, um
ungestört dem Verluste nachzuhängen, den sie gehabt hatte. Aus der Beschreibung
ihres Geliebten, aus seinen Briefen habe ich das Bild des Meinigen
zusammengesetzt; und, gewiss, ich hätte niemals lieben können, wenn ich kein
Aehnliches gefunden hätte!«
    Eben als ich ihr darüber Fragen tun wollte, kam Madame G** mit von O**,
dessen Stimme wir zuerst hörten, da er den Bedienten sehr lebhaft fragte: Ob
Julie von U** noch da wäre! und ich sagte ihr noch geschwind: »Julie, dass ist
bedeutend, dass von O** gleich in dem Augenblick kommt, da Sie von dem
Gegenstande Ihrer edlen Liebe reden! Aber ich verliere dabei die Geschichte
Ihrer Lehrmeisterinn.« - Sie versicherte mich, sie aufzuschreiben und mir zu
geben. Da waren meine zwei andre Frühstücksgäste im Zimmer! Madame G** gleich
beim Tisch! Sie lobte uns Mädchen, dass wir mehr geschwatzt, als gegessen hätten,
weil sie noch gute Sachen fände! - Von O** war einfach, aber doch prächtig
geputzt. Glückseligkeit war in seinem Gesichte, so oft er Julien ansah, oder sie
reden hörte; und niemals vorher hatte ich ihn so sanfte und kluge Sachen sagen
gehört, wie heute früh. - Madame G** ass; redte eine Weile mit mir, unterbrach
auf einmal, aus Schalkheit, das kleine Gespräch zwischen Julien und O**, indem
sie diesem sagte, uns die hübschen Bilder zu zeigen, die er in seiner
Brieftasche habe - Er zuckte die Achsel und sagte: »Ich will gern gehorchen,
aber Sie müssen mir bei Julien meine Vergebung erhalten helfen!« - Nun wies er
ein Miniaturstück, worauf der Teil des Gartens mit der Grasbank war, wo Julie
gesessen, ihre ganze Figur, Kleidung und Reiz, über die andern Mädchen erhaben,
mit dem Griffel an die Urne schreibend; in einer kleinen Entfernung der Baum,
und von O** mit den auf sie gehefteten Augen. - Julie war rot; lächelnd;
ernstaft; je nachdem sie das Bild, O**, oder eine von Uns ansah. Madame G**
nahm selbst das Zweite und legte es vor Julien hin. Hier war meine Gestalt,
neben Julien stehend, die mich mit äusserster Anmut am Arm hielt. Von O** mit
einer edlen Stellung die Urne umfassend, eine Hand auf seiner Brust, das Gesicht
gegen Julien gewendet. Auf dem Fusse der Urne stund: Nur hier, o Julie! wird
meine Liebe enden.
    Das edle Geschöpf war schon vorher, durch die Erinnerung des Fräulein von
Schleebach, in eine zärtliche Wehmut gestimmt gewesen. Staunen, Vergnügen,
etwas Verschämtsein, und die ihr so nah dringende Liebe des von O**, gewiss aber
auch die hie und da mutwilligen Blicke der Madame G** störten ihre Fassung
ganz. Sie zog die zwei Bilder vor sich hin; stützte ihren Kopf mit einer so
sichtbaren Verlegenheit auf eine ihrer Hände, dass sie mich jammerte, und ich
daher ein Papier aus meiner Tasche nahm, und Madame G**, die die Bedrängnis des
artigen Mädchens nicht so sehr fühlte, wie ich, in ein Fenster führte, um ihr,
wie ich sagte, den versprochenen Brief von Marianen zu weisen. Sie sagte mir
leise: »Rosalia! ich bin noch besser, als sie da, mit ihrer Feinheit!« Riss mir
den Brief aus der Hand, indem sie laut sagte: »Diesen Brief will ich den Abend
lesen. Aber, die arme Frau, die auf Sie wartet, und die ich vergass, die sollen
Sie gleich sprechen.« Und damit zog sie mich nach der Türe, und führte mich in
ein Zimmer gegenüber. »Nun« sagte sie, »weiss ich den Leuten nicht besser zu
helfen, als Sie?« - »Ja, ja! aber Sie haben auch die arme Julie geplagt.« - »O,
Sie weises Mädchen sehen immer mit Ihrem feinen Beobachtungsgeiste über die
Sachen hin, die vor Ihnen liegen! Juliens Stunde ist gekommen. Sie hat O**
Erklärung gewünscht, um die ihre dagegen zu geben, und jetzt wird all ihre
Verlegenheit vorbei sein.«
    Nach einiger Zeit rauschte sie mit mir durch die zwei Nebenzimmer wieder zu
den beiden guten Liebenden zurück, die nun am Fenster gegen den Garten stunden.
Von O** das wahre Bild ehrerbietiger Zärtlichkeit, und Julie das, vom Glück der
tugendhaften Liebe. O Mariane, dieser Anblick rufte mir die feierliche Stunde
zurück, wo ich meinem Freunde auf ewig mein Herz versprach. Seine edle Gestalt
war auch ganz Liebe- und Ehrfurchtsvoll. - Wenn ich nur Juliens ihre gehabt
hätte, um seiner Seele den Eindruck zu lassen, dass ich der vorzüglichen Achtung
würdig bin, mit welcher er unter so viel liebenswürdigen Personen mich
Glückliche wählte! - Julie bat mich um Erlaubnis, ein Paar von den Zwergrosen zu
pflücken, die in einem Stock vor dem Fenster waren. Ihre Stimme und Miene waren
so rührend, dass man deutlich sehen konnte, wie die Bitte um Blumen nichts als
der schöne Umweg war, auf welchem die Liebe gegen die Freundschaft zurücklehren
wollte. Julie ward bald hernach abgeholt, und sagte mir bei der
Abschiedsumarmung ins Ohr; »Rosalia! in Ihrem Zimmer habe ich Gelübde abgelegt;
tun Sie auch welche für meine Glückseligkeit und für O** seine!« - Dieser ging
nicht von der Türe, bis er sie die lange Strasse durch gesehen hatte. Dann kam
er voll Entzücken über Juliens Geist und feine Empfindung zurück. Ich hätte gern
ein Dutzend Mädchen da zuhören lassen, um ihnen die Idee von dem wahren, Reiz zu
geben, der den Mann von Verdiensten fesselt; denn, gewiss, in diesem Moment
redete von O** mehr von Juliens Charakter, als von ihrer Person. Er sagte zu
Madame G**, »Wie glücklich bin ich! Julie meine Geliebte, und Rosalia meine
Freundinn!« - Ich sagte mit noch mehr Gefühl: Mariane ist Freundinn Ihrer
                                                                     Rosalia L**
 
                           Ein und vierzigster Brief
                           Julie U** an Rosalia L**.
Ich habe mich durch das Versprechen der Geschichte meiner teuren
Lehrmeisterinn, wie' Sie sie nennen, zu etwas verbunden, das ich nicht werde
ausführen können. Meine Feder ist ungeübt, und aller Reichtum meiner
Empfindungen hilft mir nicht zu den Ausdrücken, die ich nötig habe, um Ihnen
mit Würde von der vortreflichen Dame zu reden, der ich den besten Teil meiner
Glückseligkeit schuldig bin.
    Ehe mein Vater einen Garten hatte, jammerte ich oft um das Glück, während
dem Sommer auf einen zu wohnen, und mein Vater liess mich darüber zu meiner Base
nach Wiesental, deren Töchter ich mit einem so fein gebildeten Geist antraf,
dass ich höchst unzufrieden über den versäumten Anbau meines Kopfs wurde, in dem
freilich manche Sachen lagen, die von gutem Stoffe, aber nicht von der schönsten
Form waren. Meine junge Basen sagten mir, ihr Vater, noch mehr aber das Fräulein
von Schleebach, hätten sie alle die Sachen gelehrt, die mir so wohl gefielen;
und dann erzählten sie mir, dass Wiesental das allerentlegentste von den Gütern
des Herrn von Schleebach sei; dass das Fräulein, nach dem Tode ihres Bräutigams,
hieher gezogen wäre, und alle andre Verbindungen ausgeschlagen hätte; sie wäre
aber immer gegen sie, auch mitten in ihrer Melancholie, sehr gütig gewesen;
hätte sie Französich gelehrt, in schönen Arbeiten und artigen Manieren
unterrichtet, und dann eine Menge ganz vortreflicher Bücher mit ihnen gelesen. -
Kurz vor dem Abendessen wurde ich dem Fräulein in dem Gartenzimmer vorgestellt,
als eine Verwandtinn, die den Sommer da zubringen würde, und dabei als ein gutes
Geschöpf angerühmt. Ihre Gestalt und jede Wendung war voll Adel und Anmut.
Höflich fragte sie mich über meine gewohnten Zeitvertreibe in der Stadt, und
sprach mit Empfindung von der Ruhe des Landlebens. Den andern Tag frühe machte
ich ihr meinen Besuch in ihrem Zimmer, das Meergrün ausgeschlagen, und mit
kleinen Landschäftchen geziert war, die so fein, als Kupferstiche, mit der Feder
gezeichnet sind. Ich dachte, es wäre ihre Arbeit, und fing an, davon zu reden;
meine Basen: wollten mich davon abbringen, das Fräulein von Schleebach aber
sagte ihnen: »Sie wollen mich schonen, meine Lieben; ich danke Ihnen sehr davor!
Lassen Sie mich aber immer den süssen Schmerz geniessen, ein Talent meines
verewigten Freundes loben zu hören!« - Sie sah meine Basen freundlich dabei an,
nahm mich bei der Hand und sagte: »Julie! Sie sollen gleich ganz mit alle dem
bekannt werden, was ich auf der Erde noch am liebsten habe!« und da wies sie mir
alle Zeichnungen, Bücher und Clavierstücke, die sie noch von ihrem geliebten
Herrn von Gutendorf übrig hatte. Seine Briefe, Billette und Verse aber, bekam
ich erst einige Zeit hernach zu sehen; als ich sie eines von seinen selbst
gesetzten Stücken spielen hörte und dabei über ihre traurige Miene in Tränen
zerfloss, da sagte sie zu mir: »Liebe Julie! Ihre Empfindsamkeit für meinen
unheilbaren Kummer freut mich; aber, Sie könnten mich doch für eine Törinn
halten, wenn Sie nicht den ganzen Wert der Ursache meines Traurens wüssten.«
    Nun ging sie an eine Comode worinn sie in einer Schieblade ihre Gradkleidung
und verschiedene graue raffente Brieftaschen, mit schwarzen Bändern umbunden,
hatte. »Dies alles,« sagte sie, »muss mit mir in meinen Sarg gelegt werden!« und
wies mir das Bild eines Chavaliers, in Hofuniform. Ein Gesicht voll Geist und
Seele, welches den Adel seiner Gesinnungen bezeichnete, so wie sein Name den
Adel seine Geburt. - Der höchste Grad des edelsten Ehrgeizes muss ihn belebt
haben; denn er wollte jede Kenntnis des Geistes, jede Geschicklichkeit des
Körpers besitzen, und suchte sich für beide immer die vortreflichsten Meister
aus, deren Wissenschaft er sich in kurzer Zeit eigen machte, und oft übertraf.
Er besass jede männliche Tugend des Herzens, jedes Talent, jede grosse und kleine
Geschicklichkeit in dem vollkommensten Grade. - O, Rosalia, seine Briefe! wie
viel zeigten die Vortrefliches in seiner Liebe, in der Mähe, die er sich gab,
den Geist des Fräuleins von Schleebach zu verschönern! Wie viel grossmütige
Entwürfe und Wünsche waren darin! - Das Fräulein brachte viele Tage damit zu,
mir dies alles in seinen Papieren zu zeigen, und las mir die zärtlichsten,
besonders die vor seinem Tode geschriebenen im Garten vor, wo sie einen Platz
ausgesucht und mit einer hohen grünen Wand umgeben lassen. In der Mitte stehen
vier Cypressen in Piramiden geschnitten; zwischen ihnen eine Urne, auf welcher
der Namenszug des Herrn von Gutendorf, das Jahr und der Tag seines Todes steht.
Die Urne wird halb von einer wild fortwachsenden Cypresse gedeckt, und auf
beiden Seiten sind kleine Grasbänke. Die Urne, selbst ist auf einem erhöhten
Rasen gestellt, so, dass während dem Blühen der weissen Rosenstöcke, die sich
hinter ihr, am Fusse der Cypresse biegen, das ganze Cabinet die süsseste
Schwermut einatmen macht. - Das Fräulein selbst ist auch immer grau mit
schwarzen Bändern gekleidet. Dies alles machte mich traurig mit ihr; aber ich
sah auch dabei das Glück, wie sehr die Liebe für einen tugendhaften Gegenstand
ein Herz veredelt und stärkt, ganz vortrefliche Sachen zu tun; denn, da der
Schatten des Herrn von Gutendorf seine Geliebte noch eilf Jahre nach seinem Tode
in der schönen Gesinnung einer dauernden Zärtlichkeit erhielt; da sie immer noch
alle Wissenschaften, die er besass, alle guten Eigenschaften des Herzens liebte,
was sollte er nicht im Leben über ihren Geist gewürkt haben! Sie wiederholte mit
mir den ganzen Lauf ihrer Liebe und der Mühe, die sie sich gegeben, in allem,
was sie tat, der Achtung des schätzbaren Freundes würdig zu sein. Bücher, die
er ihr angerühmt, musste ich auch lesen. Das Feine und Artige ihrer Manieren
ahmte ich selbst, so viel möglich, nach; und auf diese Weise wurde ich in meinem
Tun und Denken eine glückliche Copie des schönen Urbilds, das ich so
unvollkommen gezeichnet habe. - Ich sagte ihr einmal, dass ich doch bedauerte,
sie mit so viel liebenswürdigen Eigenschaften für die Welt und ihre Freunde
verloren zu sehn. - Sie antwortete: »Meine liebe Julie: die eigentliche Welt
verliert an einer einzeln Person niemals, indem diese kleine Lücken gleich
ausgefüllt sind. Für meine Freunde wäre ich mitten unter ihnen verloren
gewesen; denn mit meinem Gutendorf war alles Glück, alle Freude meines Lebens
dahin. Es schmerzte mich, andre erhalten zu sehen, und ihn todt zu wissen;
glauben Sie, dass man mir dieses vergeben hätte? und dass, da meine Munterkeit
fort war, ich noch eine beliebte. Gesellschafserinn gewesen, wäre? Ich hatte an
unserm Hofe Grösse, Pracht und Lustbarkeiten gesehen; sie blieben nach seinem
Tode noch da; aber ich fühlte, wie wenig wahre Glückseligkeit in ihnen liegt,
weil jede Zerstreuung, zu der sie mich lockten, mir meinen Kummer erneuerte. Er
starh mit drei und zwanzig Jahren mit Vergnügen, weil er so edel gelebt hatte.
Seine Liebe für mich dauerte bis in seinen Tod, ich will ihn bis an meinen
lieben. Er war meine Welt! Das Andenken an diesen geliebten Todten hat mich
immer noch glücklicher gemacht, als alle Lebenden nicht tun können! - In seinen
Clavierstücken hör' ich den Ton seiner Seele, in seinen Briefen lebt seine
Liebe. In seinen Büchern und Zeichnungen seh ich seinen Geist! - Ich weine
freilich oft, aber mein Kummer ist süsser als Freuden.« -
 
                           Zwei und vierzigster Brief
Ihrem edlen menschenfreundlichen Herzen, meine Mariane! will ich das Gelübde
ablegen, niemals, gar niemals, von dem Aensserlichen eines Gesichts mich
hinreissen zu lassen, Etwas sicher Nachteiliges von jemand zu denken, noch
viel, viel weniger, zu sagen! Nein, es soll durch mich nimmermehr der Schmerz in
eine Seele gebracht werden, den ich vor zwei Tagen, in der so gefühlvollen
Madame D** entstehen sah, da sie in dem Augenblick, wo sie das Schönste, und
vielleicht auch Schwerste tat, was ein Frauenzimmer tun kann, das
allerschiefeste Urteil über ihren Charakter erdulden musste; und dies von einem
Manne, dessen Hochachtung sie wünschte und verdiente. -
    Der Aufsatz des Bildes der edlen Liebe, und die zwei Briefe, die ich vom
Anfang der Bekanntschaft mit ihr, schrieb, müssen Ihnen, meine Mariane, bewiesen
haben, wie fein diese Frau empfindet und denkt, und wie wahr die Güte ihres
Herzens ist. Ihre natürliche Anlage ist lauter Lebhaftigkeit und Tätigkeit.
Aber sie stund immer unter einer Obergewalt, durch deren Handlungen und Denken
die ihrigen gehindert und zurückgestossen wurden. Dieses gewaltsame Zurückbalten
der Triebfedern ihres Geistes und ihrer Empfindungen, der langjährige Kampf
gegen sich und andre, das Aufopfern ihres Selbst, und zugleich das Festalten an
ihren Grundsätzen, hat natürlicher Weise nicht nur über ihre Seele, sondern auch
auf ihre Person gewürkt. Einige Muskeln ihres Gesichts sind durch das Anspannen
der Nerven zu scharf geworden, weil die innerliche Stärke ihres Charakters nicht
so leicht die runde sanfte Falte der Nachgiebigkeit annehmen konnte. Die Zeit
ihrer Freiheit erschien zu spät; das lange Pressen der Umstände hatte die Falten
schon so genau bemerkt, dass sie auch da blieben, ob sie schon, alles Zwangs
befreit, den moralischen Gang ihrer Seele nach ihrer eigenen Wahl fortsetzen
konnte. Und, sehen Sie, Mariane, just diese Züge, die als dauernde Ueberreste
ihres ertragenen Leidens da sind, um derentwillen man sie achten sollte, diese
werden zum Grunde von Beobachtungen angenommen, aus dem man diese und jene
Fehler ihres moralischen Charakters entdeckt. - In dem Augenblick, wo sie sich,
mit andern, in der Gesellschaft eines Mannes befindet, dessen vorzügliche
Verdienste des Geistes und der Denkungsart allen, und auch ihr die Begierde
einflösste, seinen Beifall zu erhalten, und wo sie, um den Andern nicht im Weg
ihres Vergnügens und ihrer Bemühungen zu stehen, die Wünsche ihres edlen
Ehrgeitzes aufopfert, schweigt und zurücktritt, um andre geniessen und schimmern
zu lassen: da wird ihr Lohn misskannt und sie selbst ganz unrecht beurteilt. Es
hat sie tief, sehr tief verwundet, und zu dem Entschlusse gebracht, auf immer
verhüllt zu bleiben, und sich ganz aller Gesellschaft zu entziehen. - Ich aber
bin auf dem Vorsatz gekommen, die äusserlichen Kennzeichen nicht als richtige
Maassstäbe des Geistes und Herzens anzunehmen! - Madame G** erschien hier im
schönsten Lichte, in welchem jemals die weibliche Freundschaft stehen kann; da
sie mir das Ganze von dem Charakter ihrer Freundinn schilderte. Ihr Mann, und
von Ott, waren als Ankläger da, von denen ihr auf einer Seite der freundliche
und verbindliche Ton vorgeworfen wurde, den sie zu der Zeit, da sie in
Gesellschaft ging, gegen die Meisten hatte, und dann wurde ihr, auf der andern,
ihr Einschliessen und Zurückhalten geradaus mit den Erstern, als Begierde zu
gefallen und Leute an sich zu ziehen, verwiesen.
    »O, ihr Männer!« sagte Frau G**, »wie ungerecht werfet ihr das Beste unter
das Schlechteste! Hundert Weiber dürfen ungescheut den Kopfputz von dieser, das
Band jener, den Zeug hier; die Schleiffe da, in einem Zirkel bewundern, loben,
entzückt darüber scheinen: und meine D**, welche bei Erblickung einer guten
Eigenschaft des Geistes oder Herzens, ein eben so grosses Vergnügen fühlt, als
andre bei Moden und Putz, sie darf nicht sagen: Es freut mich, diese
achtungswürdige Eigenschaft an Ihnen zu sehen? Auch hat sie Unrecht, meine
Freundinn, sie har Unrecht, zu glauben, dass es viele Menschen gäbe, denen der
Beifall für ihre moralischen Bemühungen angenehm sein kann.«
    Herr G** sagte, Madame D** hätte ihren Beifall und Achtung oft über das Maas
der Verdienste zugemessen, und gleichsam verschwendet!
    »So, meine Herren! Ihr habt also allein Recht, wenn Heut Euer Auge durch
einen schönen Fuss angezogen, Ihr darüber alle andere Mängel der übrigen Figur
vergesst und beschönigt! Morgen die helle Gesichtsfarbe einer andern Euch locken
lasst, und immer diesen einzelnen Reizen die volle Summe Eurer Zärtlichkeit gebt,
was für Fehler das Ganze auch haben mag! Meine Freundinn, die nach moralischer
Liebenswürdigkeit umher sieht, und sich freut, den edlen Gang einer Seele, den
Ton des Verstandes, die Güte des Herzens zu bemerken, und die Person, welche
Eine oder Andres davon hat, nach dem Grade ihres Vergnügens darüber lobt und
liebt: diese hat Unrecht, mit Menschenfreundlichkeit auf die gute Seite zu
sehen, und sich von dem Fehlerhaften abzuwenden! O Rosalia, merken Sie sich das
Schicksal meiner D**! Besonders aber, dass ihr dieses von edelmütigen, von
vernünftigen Männern zubereitet worden ist, die sie just als eine Frau
betrachten, die auf Wucher leihet! Ihre Liebe zur Einsamkeit, ihre freiwillige
Aufopferung alles dessen, was sie an Vorzug, an Anhänglichkeit hätte erwerben
können, dies wird Coquetterie genannt! Der Wunsch, den sie bei dem Feimnärchen
von Serpentio tat, in ihrer Gewalt zu haben, jeden Reiz der Person, der Talente
und des Charakters allein in der Gegenwart ihres Geliebten zu besitzen, und für
alle übrige Männer Dame Serpentina zu sein; war der auch Coquetterie? Hätte sie
mir gefolgt, sie sollte mehr Tribut von euch erhalten haben; aber der Beste vom
allen soll sie schadlos halten, und über die Ungerechtigkeit der andern
trösten!« -
 
                           Drei und vierzigster Brief
Madame G** behielt mich Vorgestern noch eine Zeitlang in ihrem Zimmer, wo sie
wiederholte, dass sie platterdings dem Herrn C** richtige Ideen von ihrer
Freundinn geben und sie durch seine Liebe und Hochachtung, für alles, was sie
bisher gelitten hätte, schadlos halten wolle! - Gestern sprach sie mir mit der
nehmlichen Lebhaftigkeit davon, und sah dabei aus, wie Jemand, der einer schönen
Aussicht zulächelt. - Ich wusste nicht, wie sie es anfangen wollte, besonders, da
sie mir sagte, dass sie sich meiner bedienen würde, um das Hauptrad ihrer
Maschiene in Gang zu bringen. Nun kam sie heut Mittag, um zwei Uhr, mich zum
Spatzierenfahren, allein mit ihr, abzuholen, und ich musste meine Uebersetzung
des Glücks der edlen Liebe und die Abschrift des englischen Aufsatzes von Madame
D** mitnehmen. Unterwegs sagte sie: »Rosalia! wir werden bei der Hütte des
Hirten aussteigen, an der Hecke hingehen; und dort auf der kleinen Bank setzen
wir uns, und lesen ganz aufmerksam unsere zwei Papiere; da wird mein Bruder mit
Herrn C** unvermerkt zu uns kommen, und über unser gelehrtes Aussehen ein wenig
spotten; da werde ich behaupten, dass ich Englisch von Ihnen lernen wollte, und
dass ich Sie bei dieser Uebersetzung angetroffen hätte, die Sie mir nun vorlesen
müssten. - Mein Bruder versteht die Englische Sprache; Herr C** auch. Der Erste
wird gleich unsre Papiere begehren, um sie mit Herrn C** zu lesen. Das Uebrige
wird sich dann weisen.«
    Alles ging, wie sie es veranstaltet hatte: Herr Fr** und C** machten
Anspruch auf unser Heft Papier. Ich war mit dem Ganzen nicht so völlig
zufrieden, und verteidigte ernstaft meine Aufsätze gegen den Raub. Aber meine
Madame G** erhielt die Oberhand. Die beiden Herren gingen mit ihrer Beute von
uns, und wir fuhren zurück. - Herr Fr** kam spät, mit uns zu Nacht zu essen, und
sagte seiner Schwester: C** hätte bei Lesung des Charakters von Arundel
gestockt. Herr Fr** wäre eingefallen: »Mein Freund C**, dieser Lord und Sie sind
nur Ein Mann; denn jeder Zug dieses Charakters ist Ihrer!« - Am Ende wäre C**
ganz besonders still und nachdenkend geworden; hätte ihn gefragt, ob wohl diese
Aufsätze von mir wären? Fr** habe geantwortet, er glaube es nicht; denn, was
sollte Rosalia L** mit der Idee einer Witwe, mit dem, mit so viel Zärtlichkeit
gezeichneten Bilde des Herrn C** machen? - Dann hätte er ihm die Aufsätze bis
den andern Tag lassen und versprechen müssen, nachzuforschen, woher sie kämen.
    Wie alt ist dieser Brief geworden, meine Mariane! Aber die Treiberinn G**
ist daran Ursache. Sie schleppte vor sechs Tagen mich und Madame D** in aller
Früh nach R**, ungeachtet es regnigt aussah. Die Herren Fr**, C** und G** kamen
nach, aber erst gegen Abend. Wir Frauenzimmer hatten, wegen der Gemächlichkeit
des Aufsatzes, englische Hüte, und, nach dem Willen der Frau G**, auch alle
drei, die hier neu aufgekommene Kleidung, von grauem englischen Marly, auf den
Leib passend, an. - Mich däuchte, Herr C** stutzte etwas darüber. - Madame D**
war anfangs auch über seinen Anblick bewegt; doch glaubte ich zu bemerken, dass
sie nach und nach sich dem süssen Gedanken überliess, den Mann, den sie liebte,
von ihrer Rivalinn entfernt, und ganz aufmerksam gegen sie zu sehen: doch konnte
sie nicht bei dem Nachtessen ausdauern, und ging viel früher als wir übrige zu
Bette. Ohne was zu reden, umarmte sie Madame G** und mich, mit einem Ausdruck in
ihrem Gesicht, der die ganze Fülle ihrer edlen Zärtlichkeit, und ihrer geheimen
Bekümmernisse anzeigte. Herr C** hatte ihr nachgesehen, und sagte dann zu uns
beiden: »Ich glaube, Madame D** muss ihre liebste Freundinn sein, denn ihr Umgang
scheint mir in gleichem Maass geistreich und zärtlich:« -
    »Sie haben Recht,« sagte Frau G**, »es ist eine unschätzbare Frau, der ich
alle Süssigkeit und allen Trost einer vertrauten Freundschaft zu danken habe.« -
    Herr Fr** fiel ein: »Was ich am meisten an ihr achte, ist die Gelassenheit
und Ruhe ihres Geists; sie beobachtet und empfindet richtig, sie hat viele
Kenntnisse, tut viel Gutes und sucht gar nicht zu schimmern, oder
vorzudringen.« -
    »Gewiss nicht,« sagte Frau G**, »sonst würde sie nicht auf den Gedanken
bestehen, hieher zu ziehen! - Sie hat auch,« fuhr Frau G** gegen ihren Mann
fort, »heute Früh, gleich wie wir angekommen sind, die Miete für das an unsern
Garten stosende kleine Landgut richtig gemacht. Ich habe dazu gedacht, ein
regnigter Tag würde sie etwas zurück halten; aber es scheint, dass die trübe
Witterung ihrer kleinen Melancholie am anständigsten war.« -
    »Sie wird also noch einsamer leben, als bisher?« sagte Herr C**.
    Jeder sagte hier noch etwas, zu ihrem Lobe. C** schwieg dabei; schlief aber,
wie Herr Fr** erzählte, beinah gar nicht, und sah bei dem Frühstück tiefsinnig
aus. Madame D** aber war in ihrem weissen Nachtzeuge ganz reizend, und die
Sanftmut ihres Wesens und Gesprächs nahm uns alle ein. Die drei Herren gingen,
während wir Frauenzimmer uns kleideten, das gemietete Landgut zu besehen. Wie
sie wiederkamen, waren wir in dem grossen alten Saale des Schlosses, dessen Wände
mit alten Fresko-Gemählden geziert sind. Herr C** näherte sich gleich der Madame
D**: »Wir haben die schöne Einsiedlerhütte gesehen, worein Sie sich verbergen
wollen. - Wird sie ihren Freunden eben so verschlossen sein, als Ihr Haus es
seit einiger zeit gewesen ist?« -
    Frau D** tat in der ersten Verwirrung die Frage: »Habe ich denn Freunde,
die dieses bedauern?« und fing an, auf und ab zu gehen. Herr C** ging mit ihr,
und Herr G** zu seinen Amtsleuten. Ich war in einer Ecke des Saals, mit Madame
G** Schach zu spielen. Herr Fr** lehrte michs. Die mutwillige G** rief auf
einmal ganz laut: »Schach der Königin!« - Ein Seitenblick machte mich
aufmerksam, und ich sah die zwei Spatziergänger vor einem Gemählde, wovon Herr
C** die Schönheiten erklärte; aber sein Auge voll Geist schien eher das
mahlerische Ebenmaass der Madame D**, als die richtige Zeichnung der Gruppen des
Gemähldes zu betrachten. Madame G** stund auf, näherte sich ihnen, fasste beide
an den Armen. »Emma und Arundel bei den Ruinen!« sagte sie. Frau D** wurde
feuerrot, und senkte ihren Kopf und Blicke zur Erde; Herr C** aber nahm eifrig
eine ihrer Hände und rief aus: »O, wie glücklich wäre ich; wenn Frau G** wahr
gesagt hätte!« - Madame D** fasste sich; zog ihre Hand zurück. »C**! nichts
Galantes von Ihnen, ich bitte Sie. Ihre kalte, ganz kalte Hochachtung, aber
keine spielende, grosse Empfindungen! Gönnen Sie mir das Glück, Sie
hochzuschätzen!« - Der rührende Ton ihrer Stimme bei diesem; ihr Blick auf ihn;
eine süsse, flüchtige Cramoisinröte über ihren feinen blassen Wangen, und das
anmutsvolle halbe Wegwenden ihrer ganzen schönen Person, war ein vortrefliches
Bild! C** war voller Bewegung, und sah sie mit Lieb' und Feuer an. Sie neigte
sich, und ging mit Frau G** weg. C** legte sich an ein Fenster. Er sah die
beiden Frauen im Garten, und bat um Erlaubnis, sie zu begleiten; lief auch eilig
fort. Madame G** kam eine Viertelstunde nachher allein wieder; küsste mich, und
gab ihrem Bruder zugleich die Hand, indem sie, mit einer Träne der Freude im
Aug', uns sagte: »Nun ist meine D** glücklich, und zwar durch mich! C** wird ihr
Gemahl!« - Wir freuten uns; und die vier Tage über, da wir noch in R** blieben,
nannten wir sie Emma und Arundel. Und da beide frei und unabhängig waren,
besorgte Herr Fr** den Trauschein vom Magistrat, und den fünften Tag, eine halbe
Stunde vor unserer Rückreise in die Stadt, erhielten sie durch den so
ehrwürdigen Pfarrer in R** ihre Einsegnung. Herr und Frau G** überliessen ihnen
das Schloss und alle Einrichtung, sammt der Köchinn und den Bedienten, auf so
lange sie wollten. Denn sie wünschten, die ersten Tage ohne Zeugen und Geräusche
hinzubringen. Nur schickte Madame G** der nunmehrigen Frau C** ihre Kammermagd
mit Kleidung und Weisszeug hinaus. Sie sind auch noch nicht gesinnt, in die Stadt
zu kommen, weil sie, wie sie beide schreiben, sich von den verlohrnen Tagen
ihres Lebens und ihrer Bekanntschaft zu besprechen hätten; ihr Landgut
einrichteten, und sich auf den künftigen Sommer Spatziergänge aussuchten, um
gegen die Langeweile gesichert zu sein.
    In der Stadt war viel von der schnellen Heirat und von dem sonderbaren
Geziere der Frau C** die Rede, dass sie Niemand zum Zeugen haben wolle! Wie froh
sie über den Verlust ihres Wittwenschleiers wäre! C** hätte immer den schlauen
Weltweisen gewacht, wäre aber durch das altkluge Mädchen, Rosalia, und die
Klopfjägerinn G** in das Netz der prüden D** getrieben worden! Sie möge aber
Sorge tragen, ihn nicht zu sehr einzustricken, sonst würde er seine ältern
Freundinnen um Hülfe bitten, welche leicht etliche Schleifen auflösen und dem
fein singenden Vogel Luft machen würden, ohne sich an das Gegirre des zarten
Weibchens zu kehren! - Madame G** sagt geradezu: Dies sei die Rache der
abgewiesenen Liebhaberinnen und Coquetten, die beide viel verloren hätten.
 
                           Vier und vierzigster Brief
Ich komme so eben von einer recht sehr interessanten Spatzierfahrt zurück,
welche Herr von Ott veranstaltet hatte. Sie wissen, dass er einer der Verbündeten
ist, die zu der Sammlung tätiger Tugenden beitragen müssen. Er hätte, ich weiss
nicht, wie? vor einiger Zeit die Bekanntschaft eines beinah achtzigjährigen
Ordensgeistlichen gemacht, der ungefähr zwei Stunden von hier, als Pfleger von
einem schönen Landgute seines Gotteshauses wohnt, und durch seine heitre
freundliche Gemütsart (ich denke auch, durch seine Gastfreiheit) bei allen
Benachbarten sehr beliebt war, und fleissig besucht wurde. - Diesem guten Mann
trug das Schicksal vor einigen Monaten die Sorge für zwei Findelkinder auf eine
für ihn sonderbare und rührende Weise auf!
    Er hatte immer die Gewohnheit, sein Brevier in den schönen Sommertagen in
einem Laubengange zu beten, der ziemlich lang, und da er völlig bedeckt ist, an
dem Ende gegen das Feld, ganz dunkel wird. ... Dahin ging der liebe Alte in
diesem Monat Junius, gleich nachdem er Frühmesse gehalten hatte, und betete da
ganz andächtig vor sich hin, bis er am Ende des Laubenganges mit seinen Füssen so
stark an Etwas in dem Wege stösst, dass er darüber gegen die grüne Wand hinfällt.
Den Augenblick hört er die Stimme eines kleinen weinenden Kindes, erschrickt,
rafft sich auf, und sieht einen, mit einer grünen Leinwand gedeckten Korb vor
sich, aus dem die Stimme kam. ... Er fasst sich, sieht nach, und findet in dem
Korbe zwei neugeborne Kinder und einen grossen Brief, der vorne auf ihr Bettchen
angeheftet, und an ihn überschrieben war. Er machte ihn auf, und lieset, dass die
zwei Kinder, noch ungetauft, seiner Menschenliebe anvertraut werden; dass sie
Abends neun Uhr geboren und seit drei Uhr in der Früh auf diesem Platz wären, wo
man wüsste, dass er seine Morgenandacht hielte, und während dem Gebete das gute
Werk nicht von sich weisen würde, für die armen Findelkinder zu sorgen, für
welche Vater und Mutter nichts tun könnten, als Gott bitten, dass er ihn lange
erhalten möchte. Er sollte die Knaben nach seinen zwei Namen, dabei aber auch
jeden Joseph Fürchtegott nennen.
    Der Gedanke über die Zulassung Gottes, dass ihm diese Last in den Stunden des
Gebets zugeführt wurde, gab ihm Mut, den Entschluss zu fassen, sich, so lange er
lebte, der Kinder anzunehmen. Er kniete hin und gelobte ihnen, vor den Augen
ihres und seines Gottes, ihr Pflegevater zu sein. Nahm den Korb mit seinen
beiden Armen und trug ihn ins Haus, wo die Haushälterinn eben so viel Lärmens
machte, als ehmals des Herrn Worty seine Debora, wie der gute Toms Jones
hingelegt wurde. Der Alte kehrte sich nicht daran, und liess den Kirchendiener
nebst den Gerichtsleuten kommen, um die Kinder zu taufen, und die ganze
Begebenheit genau aufzuschreiben. Nahm eine Wärterinn an, und sorgte mit
Vatertreue für die Findlinge; denn er lud einige Tage nach ihrer Aufnahme seine
benachbarten Freunde zu Gaste, gab ihnen, wie gewöhnlich, recht gut zu essen und
zu trinken, führte sie nachher zu seinen Zwillingen, wies sie ihnen, erzählte
die Geschichte und sagte: Sie müssen auf dem Platz im Garten, wo er sie gefunden
hätte, ihre Gesundheit trinken. Sie gingen alle lustig in den Laubengang, wo sie
kostbaren Wein bereit fanden, und auf des Pflegevaters und der Kinder Wohlsein
tranken. Hier aber zog er eine Rechnungsrolle aus der Tasche, und wies ihnen die
Erlaubnis seines Prälaten und Mitgeistlichen, von den Einkünften des Gutes so
viel auf die Gastfreiheit zu verwenden; er hätte bisher mit Vergnügen Gebrauch
davon gemacht, und sie alle herzlich gerne bei sich gesehen; er hoffe auch, dass
es in Zukunft eben so sein würde, wenn sie sich einen Vorschlag wollten gefallen
lassen, den er zum Besten der Findelkinder ausgedacht hätte. Indem er die
erlaubten Ausgaben nicht vergrössern möchte: so dächte er, die zwei Kinder als
tägliche Gäste zu berechnen, hingegen denen, die er bisher gesehen, eine
geringere Anzahl Speisen vorzusetzen, und dieses Ersparnis für die armen Kinder
zurück zu legen, um hiedurch mit dem anvertrauten Gute seines Gotteshauses und
seiner Pflegkinder gleich getreu zu verfahren. Alle billigten seine Gedanken,
und machten den Findlingen, nicht nur mit ihrer Einwilligung, zu Verminderung
der kostbaren Schmäuse, sondern mit einem Stück Geld ein Geschenk. Der liebe,
ehrwürdige Greis dankte für seine Findlinge, und führt seit diesem Tage genaue
Gastrechnung zu ihrem Besten. Wie wir hinkamen, fanden wir ihn in der Stube
zwischen den zwei Wiegen sitzen, wo er das Eine schaukelte, und dem Andern, das
schlief, die Mücken abwehrte, derweile ihre Wärterinn den Brei zurecht machte.
Unser fremdes, und vielleicht etwas zu lebhaftes Ansehen machte ihn einen
Augenblick stutzen; aber Herr von Ott sagte ihm gleich? »Verzeihen Sie, mein
ehrwürdiger Freund, dass ich Ihnen fremdes Frauenzimmer bringe. Aber es sind zwei
Bräute, die das Bild einer ihrer künftigen Tugenden in Ihnen sehen wollen; beide
waren über ihre Menschenfreundlichkeit gegen die armen Geschöpfe entzückt, und
haben die kluge Wirtschaft Ihrer Wohltätigkeit bewundert.« - Er wandte sich
gegen uns, und sagte Julien, deren Hand er fasste und küsste, da er mit der andern
den Alten wies: »Meine Julie! dieses ist das überfliessende Maass von Güte eines
Mannes! wie schön muss ihre Wirkung in dem Herzen der Gattinn sein, von welcher
man sie erwartet!«
    Von Ott hatte uns gerührt und ein wenig aus der Fassung gebracht, die die
nehmliche Bewegung in uns legte; denn wir küssten beide die Hände des Greises und
die Kinder, mit dem Vorsatz in der Seele, einst gute Mütter zu werden! - Die
mutwillige Frau G** rief aus: »Das ist die Stimme des Berufs!« Aber dem alten
Manne liefen Zähren über die Wangen, da er uns beide mit dem Zeichen des Kreuzes
segnete. Von Ott küsste unsere Hände und sagte uns, dass er sicher wäre, wir
würden diesen Beruf getreu erfüllen.
 
                           Fünf und vierzigster Brief
Heute, meine Mariane, hat sich der Zufall eines Gemähldes bedient; um mir schon
lang erkannte und gelernte moralische Grundsätze tiefer einzuprägen, und sie in
meinem Kopf und Herzen zu tätigen Pflichten zu machen! - Es war ein
Meisterstück eines der grössten Mahler, eine Madonna vorstellend, welche dem
kleinen Jesu aus einem Körbchen einige Blumen reicht. Die Zeichnung des Kopfs,
des Gesichts, des Nackens und der Hände, ist, nach Ausspruch aller Kenner,
vortreflich. Ausdruck der höchsten weiblichen Tugend und mütterlicher Liebe.
Rein, vollkommen, wie die hand des göttlichen Schöpfers sie in Mutter-Seelen
pflanzte, liegen sie in ihrem Auge, ihrem Lächeln und Zügen. Die Schönheit der
Farbenmischung schimmert aufs Äusserste in diesem Stücke! Ich betrachtete es
nach allen diesen Teilen mit innigem Vergnügen, welches der Verstand über die
Grösse der Kunst, und mein Herz über den moralischen Ausdruck fühlte; aber mein
Aug erlaubte sich Untersuchung des Ganzen, und heftete sich auf die Stücke des
blauen Mantels, welchen der Künstler um den mittlern Teil der Arme geworfen
hat, und die Falten davon schienen mir leer, weil ich die fortlaufende Ründung
und Linien des Arms und den Bug des Ellbogens nicht darin fand. Ich sagte diese
Bemerkung einem edlen scharfsinnigen Manne, der mit uns da war. Er bestritt
meine Idee in etwas, und dadurch reizte er mich, meine Kunstrichterei zu
verteidigen und zu beweisen. Er schwieg lächelnd; nur kurze Zeit darauf hatte
ich an der Hand eines andern herrlichen Bildes etwas zu erinnern, und hier fiel
er ein: »Immer an dem Vortreflichsten etwas auszusetzen!« Der Ton seiner Stimme
und seine Miene bewiesen mir, wie sehr tadelhaft er meine genaue Berechnung der
kleinen Unvollkommenheiten fand. Aber es machte keinen besondern Eindruck auf
mich, weil ich dachte, dass es meinem richtig sehenden Auge wohl erlaubt wäre,
das Fehlende zu bemerken; aber einige Tage hernach kam mir eine Beurteilung
meines Charakters zur Hand, die mir eben so schmerzhaft fiel, als mein Tadel
über die zwei herrlichen Gemählde dem Schönheit fühlenden Mann. Ich wurde auch
über einen fehlerhaft scheinenden Teil hart verdammt, wo ich in der Tat auch
nichts anders verbrochen hatte, als der Mahler, der nicht alles Schöne, so er
fühlte, am Tage mahlen wollte, und sogar nicht einmal den Nachteil berechnete,
den sein Genius, durch die Sorglosigkeit seines Faltenwurfs, in dem Auge des
Fehler ausspähenden Beobachters erdulden dürfte oder könnte. Ich zeige auch
selten das ganze Bild meiner Seele; ich werfe auch hie und da einen Schleier,
ein Stück Mantel, über einzelne, wohl formirte und mit dem Ganzen
übereinstimmende Teile. Ich denke auch nicht an die schiefen Urteile, welche
schiefe Falten hervorbringen können und müssen: und nun will ich mich hinsetzen
und mich bei dem Bilde der Madonna mit dem Gefühle des Wiedervergeltungsrechts
trösten! - Es gibt ein moralisches Augenmaass für die Züge der Seele, wie ich es
für die Linien der körperlichen Schönheit und Regulärität habe, und wenn ich
verabsäume, den Schleier so um mich zu winden, dass die reine Gestalt der
moralischen Bildung auch durch die Decke leuchte: so muss ich's leiden, dass man
etwas Verkehrtes vermute. Denn von wem, besonders von einem Frauenzimmer, wird
man vermuten, dass sie gute und vorteilhafte Eigenschaften verbergen würde, und
dass sie in dem Augenblicke, wo sie Vorzug erhalten könnte, freiwillig darauf
entsagt? und doch bin ich so unbillig, zu klagen, wenn mir nicht dafür gedankt
wird! Aber, ich danke dem Manne, der mit edlem Eifer meine Tadelsucht bestrafte,
und mir die Anweisung gab, von meinen Nebenmenschen nicht mehr zu fodern, als
sie von mir erhielten. Doch, meine teure Mariane, würde ich mir's niemals
vergeben, wenn meine Nächstenliebe erst durch meine Selbstliebe erweckt und
tätig gemacht worden wäre. Nein, sie ist nur verträglicher geworden! Denn, in
Wahrheit, ich rügte alles zu lebhaft, was ausser meinem Gefühl und Ueberzeugung
war. - Was kann die Feldblume davor, dass sie nicht von einem Kunstgärtner
gepflegt wurde? und was für ein Recht gibt das glückliche Loos einer guten
Besorgung der Gartenpflanze, die andern mit Übermut hager und mangelhaft zu
schelten? Was mich aber recht sehr verdriesst, ist, dass ich bemerke, wie durch
diesen Vorgang ein Teil meiner moralischen Empfindungen sinnlich geworden ist.
Denn ein Blick, den ich auf das Bild einer Madonna werfe, die in meinem Zimmer
hängt, gibt mir die lebhafteste Erinnerung zu milder Beurteilung der Fehler,
die ich an andern finde. Sogar ein blaues Kleid scheint mir ein Wink zu sein,
die Behutsamkeit für mich und andre nicht aus den Augen zu setzen. Ich dachte
schon, von nun an lauter blaue Armschleifen zu tragen, weil ich den Armfalten
eines Mantels von dieser Farbe, eine Wiederholung der Tugendlehre zu danken
habe. Doch fürchtete ich die Macht der Gewohnheit, die mich durch täglichen.
Gebrauch dieses Mittels gegen seine Wirkung unempfindlich machen könnte; zumal
man immer eher auf die Falten des Nächsten, als auf seine eigenen sieht. Sie
wissen, ich liebte die Mahlerkunst allezeit; nun gewiss mehr als jemals, weil sie
der Anlass war, dass ich in Zukunft mit mehr Genauigkeit auf die Verbesserung
meiner eigenen Fehler denken werde.
                                                                        Rosalia.
                          Sechs und vierzigster Brief
Von Ott führte heute Nachmittag Julien und mich zu seiner Tante, die an dem
äussersten Ende der offenen Vorstadt wohnt, und aus deren Hausgarten man gleich
auf das Feld gehen kann. Madame G** kam nicht mit, weil die melancholische
Empfindsamkeit dieses Frauenzimmers nicht den geringsten Ton des Schmerzens
erträgt, und selbst ihr Neffe, den sie doch innig liebt, nicht oft zu ihr kommen
darf, weil alle Stunden des Tages in Arbeits- und Andachtsübungen eingeteilt
sind, und sie überhaupt mit niemand lebt, als einer Schulmeister-Wittwe und
deren Tochter, die sie im Hause hat, und in Tisch und Wohnung unterhält; die
hingegen beide mit ihr das ganze Jahr für Arme Strümpfe stricken, Hemden und
Hauben nähen helfen müssen; indem, wie sie sagt, das Gebet und ruhige
Guttätigkeit an Arme, der einzige Trost gewesen sei, den sie in den
Bekümmernissen ihres Herzens gefunden habe.
    Ehe Ott uns hinführte, hatte Madame G** ein Paarmal über sein ernstaftes
Aussehen gelacht und dabei gesagt, es wäre das Gesicht, welches er bei seiner
Tante H** geholt hätte. Julie fragte ihn da über die eigentliche Ursache der
Einsamkeit dieser Tante, und er erzählte uns, dass sie die älteste Schwester
seiner seligen Mutter wäre, die als Zwilling mit seinem in Venedig verstorbenen
Oheim auf die Welt gekommen; darüber aber seine Grossmutter das Leben verloren
hätte, und vor ihrem Tode diese zwei Kinder der Liebe und Sorge ihrer ältesten
achtzehnjährigen Tochter anempfohlen habe. Diese hätte auch jede mütterliche
Treue an beiden bewiesen, und sie zu den liebenswürdigsten und artigsten jungen
Leuten gemacht; das Vermögen mit der grössten Vorsicht verwaltet; endlich seine
Mutter glücklich verheiratet, und seinen Oheim auf Reisen geschickt, an dem
sie, von seinem achtzehnten Jahre an, eine vorzügliche Neigung für ein
holdseliges sanftes Mädchen beobachtet hatte, welches die Tochter einer ihrer
Freundinnen war. Als er mit zwanzig Jahren seine Reisen antrat, hatte sie die
junge Eufrosine zum Frühstück geladen, und diese musste ihn eine selbst gestickte
Brieftasche zum Geschenk auf die Reise mitgeben, und auf das erste Blatt
schreiben: »Treue Freundschaft und Unschuld werden alle Tage für Ihr Wohlergehen
beten!« -
    Eufrosine war just sechzehn Jahr, und in der feinsten Blüte der Schönheit,
einsam erzogen; um so stärker war jede Neigung der Zärtlichkeit in ihrer Seele.
Meine Tante wollte ihrem Bruder durch Eufrosinens Bild eine Schutzwehr um sein
Herz legen, daher hatte sie veranstaltet, dass den letzten Morgen niemand anders
da war, als sie beide. Sie wusste wohl, dass ihr Bild den Eindruck von Eufrosinen
nicht verdringen würde. Sie hatte auch gut gerechnet, denn mein Oheim nahm sie
noch auf die Seite und bat sie mit wenig Worten: wenn es möglich wäre, das
reizende Mädchen für ihn aufzuheben! Meine Tante versprach ihm, alles zu tun,
diesen Wunsch seines Herzens zu erfüllen. Bruder und Schwester umarmten sich und
nahmen mit vielen Tränen Abschied. Die holde Eufrosine weinte sympatetisch
mit, mein Onkel küsste ihre Hände und bat sie, ihren Vetter Heinrich nicht zu
vergessen. Sie versicherte ihn, mit schluchzender Stimme, »dass sie gewiss immer
an ihn denken würde.« Mein Onkel reisete vier Jahr lang, vergass aber Eufrosinen
nicht; besonders aber erkundigte er sich bei meiner Tante, ob sie wohl mit ihm
nach Venedig ziehen würde, weil er dort sein Glück zu befestigen hofte. Alles
war versichert, denn meine Tante hatte Eufrosinens Herz und den Willen ihrer
Eltern nach den Wünschen ihres Bruders gelenkt, der als ein schöner
liebenswürdiger Mann zurück kam, und seine Eufrosine nicht nur mit der edelsten
jungfräulichen Gestalt und Anmut, sondern auch mit jeder Tugend und weiblichen
Geschicklichkeit begabt, antraf. Ihre, durch meine Tante in der Stille genährte
Liebe für ihn, und die seinige für sie, wurde durch ihr beiderseitiges Verdienst
zu der feurigsten Zärtlichkeit erhöht. Er hatte aus Venedig einen Portraitmahler
mitgebracht, allein in der Absicht, den Eltern seiner Braut ein recht gutes Bild
von ihr zurück zu lassen. Und da er sie einmal des Morgens in ihrem Zimmer
besuchte, just da ihr Mädchen ihre wunderschöne blonden Haare auskämmte, und
Eufrosine etwas in ihr Tagebuch schrieb, so liess er sie für sich in dieser
Stellung mahlen. (Sie sollen das Bild bei meiner Tante sehen.) Alle Anstalten zu
der Verheiratung wurden gemacht; und da beide Liebende das Fest ihres Glücks
ohne Geräusch zu feiern wünschten, so wurde die Zeit der Badekur, die
Eufrosinens Mutter alle Jahre zu gebrauchen pflegte, dazu bestimmt. Die Braut
zog mit ihrer Mutter ins Bad, das zwei Stunden von der Stadt, nahe an einem
Walde liegt. Mein Onkel ging ab und zu, weil er sich die Freude machte, während
ihrer Abwesenheit eine Menge artiger Sachen in den Zimmern seiner künftigen Frau
anzuschaffen, die sie nach ihrer Heirat da finden sollte. Den Abend vor der
Trauung, die auf einem benachbarten Dorfe in der Stille geschehen sollte, ging
mein guter Onkel in die Stadt, um meine Eltern und Tante Abends mit sich hinaus
zu nehmen, damit sie Morgens als Zeugen seiner Verbindung da sein möchten; und,
um die übrigen Badegäste nichts argwöhnen zu lassen, gingen Eufrosinens Eltern
mit ihr, auf Einladung der Gesellschaft, in den Wald spazieren. - Das edle,
sanftliebende Geschöpf fühlte sich von den lärmenden Unterredungen des Haufens
belästigt; sie wünschte, allein ihrem Herzen und Nachdenken überlassen zu sein;
verlohr sich daher, sobald sie konnte, ins Gebüsch; und da sie vor dem
Spatziergange ihrer Mutter gesagt hatte, dass sie so gerne zu Hause bliebe, so
dachte diese, als man Eufrosinen vermisste, sie wäre heimlich zurück, und sagte
es auch ihrem Mann. Der Abend war schön. Man hielt sich lang' auf, eh' man
zurück ging, und der Zufall wollte, dass des guten Kindes Eltern mit dieser
Zögerung zufrieden waren, weil sie glaubten, ihre lieben Gäste aus der Stadt
könnten noch zum Nachtessen zurecht kommen. Man kam nach Haus; es wurde nach
Eufrosinen gefragt, sie war aber nicht da. Alle Zimmer wurden durchsucht, alle
Leute gefragt: niemand hatte sie gesehen und nirgends fand man sie. Ihre Mutter
glaubte, sie müsse auf dem Wege nach der Stadt gegangen sein, und man schickte
ein Paar Leute hin, die liefen so weit, bis sie der Kutsche begegneten, worinn
mein Onkel war. Hier fragten sie eilig an, ob das Frauenzimmer bei ihnen wäre?
»Was für ein Frauenzimmer?« sagte mein Onkel. »Ihre Braut, mein Herr! Sie ist
seit dem Spatziergange im Walde nirgends zu finden, und wir dachten, sie wär'
Ihnen entgegen gegangen!«
    Urteilen Sie von dem Schrecken meines Onkels! Er setzte sich gleich auf
eines der Pferde, und jagte ins Bad, erkundigte sich nach den Umständen, und
vermutete, dass sie im Walde verirrt sein müsse. Bot grosse Summen Geldes für
alle, die sich zum Aufsuchen vortaten; liess Strohfackeln machen, und eilte
zuerst, mit einer grossen Wachsfackel, dem Walde zu, wo er mit ängstlicher Stimme
nach Eufrosinen rufte. Mein Vater, der Bademeister, und der Arzt, betrieben den
Fortgang der Leute, die zum Nachsuchen bestellt waren. Meine Mutter blieb bei
Eufrosinen ihrer. Aber meine gute Tante wollte ohne Einreden mit nach dem Walde.
Sie hatte auch das traurige Glück, Morgens um drei Uhr, das liebe englische
Mädchen zuerst zu erblicken, die mit allen Kräften durch verwachsene Bäume
durchzudringen suchte, und einen hohlen wilden Schrei dabei ausstiess. Zwei
Männer, die bei meiner Tante waten, eilten zu ihr, und diese mit der Fackel
nach. Die arme Eufrosine drückte die Augen zu, schrie und sträubte sich
erbärmlich. Die Männer trugen sie meiner Tante zu, die über den jämmerlichen
Anblick des lieben Mädchens in Ohnmacht fiel. Eine Viertelstunde darauf kam mein
Onkel dahin, weil er rufen gehört hatte: »Wir haben sie!« Aber wie fand er seine
Eufrosine? Ihrer Sinne beraubt. Gesicht, Brust und Hände zerrissen und blutend!
Nichts auf dem Kopfe; ihre schönen Haare verwirrt und eine Menge ausgerauft;
einen heischern Schrei, der furchtsam aus dem Munde kam, den vorher die
sanfteste Stimme beseelte! Der äusserste Grad von Schmerz und Verzweiflung zerriss
sein Herz. Er warf sich auf die Erde zu ihr, wo man sie sitzend hielte, und
meine Tante, die sich erholt hatte, das Blut von ihrem Gesicht wischte. Der Arzt
und mein Vater kamen auch. Mein armer Onkel bat den Ersten auf seinen Knien, ihr
zu helfen. Sie ward ins Haus gebracht, ihre Wunden besorgt, und alles Mögliche
zu Wiederherstellung ihrer Vernunft gebraucht. Aber sie war unwiederbringlich
verloren! Grosse Aerzte wurden zu Rat gezogen, die alle sagten, dass der höchste
Grad ihrer Angst bei Erblickung der Fackeln müsse entstanden sein, weil sie
immer, wenn ein Licht ins Zimmer kam, in Anfälle von Zittern, und ein die Seele
durchdringendes Rufen nach meinen Onkel geriet, der vier Monat lang neben ihrem
Zimmer wohnte, und sein eigenes Leben über ihren hofnungslosen Zustand
verseufzte. Wenn sie aus Mattigkeit schlief, kniete er neben dem Bette, küsste
ihre Hände, stund auf, rang die seinigen mit Tränen des bittersten Grams, legte
auch oft seinen Kopf neben dem ihrigen. Er wollte, ungeachtet ihres Zustandes,
mit ihr getraut werden, um sie immer selbst zu besorgen; und man hatte Mühe, ihn
darüber eine Verzögerung eines Monats einzureden. Ihr Wahnsinn wurde etwas
sanfter; aber sie zehrte sichtbar ab. Zehn Tage vor ihrem Tode hofte man ihre
Genesung, weil sie wieder mehr Worte aussprach, indem sie Augen und Arme gen
Himmel erhob, und deutlich sagte: »Ach, Gott! es ist so spät, und Heinrich noch
nicht da!« Eine nicht zu dämpfende brennende Hitze trocknete sie aus. Zwei Tage
lang war nicht mehr so viel Feuchtigkeit in ihren Augen, dass sich die Deckel
schliessen konnten, und kaum konnte sie tropfenweis eine Erquickung
niederschlucken. Mein Onkel war bedaurungswürdiger als sie. Jeder Augenblick
seines Lebens war Marter! Als der Arzt versicherte, dass ihr Leiden bald durch
den Tod enden würde, betrachtete mein Onkel sie noch mit alle dem Gefühl seiner
Liebe; bog sich über sie hin: »Eufrosine, meine Braut! dem Grabe muss ich Dich
lassen! der Tag, wo Du mein werden solltest, war der Anfang Deines Todes!« - Ein
Strom von Tränen floss aus seinen Augen; aber er und alle behaupteten, dass in
dem nehmlichen Augenblicke die ihrigen eine Bewegung gemacht hätten, ja, dass ein
Zug von Lächeln über ihr Gesicht gegangen sei. Mein Onkel ward entzückt. Er
umarmte und küsste sie; aber, einige Minuten darauf war sie todt. Hier sagte er
mit Stammlen: »Eufrosine! Dein letzter Blick war mein! Du bist die erste und
einzige Liebe meines Herzens gewesen, Du sollst es noch im Grabe sein, und bald,
bald wird mich die Vorsicht, die Dich mir nahm, Dir wieder geben!« -
    Er reisete fort, nachdem er nur ihr Bildnis und die Kleider, die sie zuletzt
getragen, zu sich genommen hatte. Meine gute Tante, die für die arme Eufrosine
und für meinen Onkel zugleich gesorgt hatte, wurde kränkelnd, und blieb immer
traurig. Einige Jahre darauf starb meine Mutter, und mein Onkel kurz hernach,
der meiner Tante sein ganzes Vermögen zu ihrem Genuss zurück liess, von dem sie
den Ueberrest mir verlassen möchte. Der Gedanke des Unglücks, das ihren
rechtschaffenen Bruder und seine tugendhafte Braut betroffen; der frühe Tod
meiner Mutter; die Zerstörung aller, so vieljähriger Mühe, für das Wohl ihrer
zwei Geschwister, haben ihren Geist und Herz eigentlich gequetscht, und sie ist
wie Jemand, der unter dem Druck einer Presse Atem holen müsste. Aber gewiss,
meine Freundinnen, es ist eine ehrwürdige Alte, die für mich Ueberrest eines der
Tagend gewidmeten Tempels ist, den ich mich mit Ehrfurcht und Liebe nähere. -
    Sie können denken, meine Mariane! dass Julie und ich bei den Tränen, die wir
bei Eufrosinens Elend weinten, in die ganze Stimmung kamen, die die ernste
Schwermut des Frauenzimmers erfoderte. - Sie empfing uns sehr artig,
betrachtete aber uns zwei Mädchen mit einer Gattung von Tiefsinn. Ott stellte
ihr Julien als seine Braut vor, welches sie mit ziemlicher Ruh in ihrer Miene
anhörte. Wie ihr aber Julie die Hand, als ihre Nichte küssen wollte, umarmte sie
sie, lehnte ihren Kopf auf Juliens ihren, und stille Tränen flossen über ihre
ehrwürdige, aber blasse Wangen hinab. Wir waren alle ruhig. Nach wenigen Minuten
richtete sie sich auf, nahm Ottens und Juliens Hände, legte sie zusammen mit
einem innigen: »Gott segne Euch! und gebe dir, lieber Nepote, alles Glück, so
sich Dein Onkel von seiner Braut versprechen konnte, wenn -« Hier weinte sie
wieder, faltete aber ihre Hände und blickte gen Himmel: »Ich murre nicht!
göttliche Hand! Ich murre nicht! Du hast sie ewig glücklich gemacht! Meine
Tränen sind nur Erinnerung der Liebe.« - Wir schwiegen nach Ottens Beispiel
immer, wie er uns auch zuwinkte. Nachdem fasste sie sich ganz und führte uns in
das Zimmer wo die Bildnisse von Eufrosinen und ihrem Bräutigam waren. Sie wies
Julien das letztere und fragte sie: Ob nicht ihr Ott das Ebenbild seines Onkels
sei? Wir fanden es alle. Julie sagte: Es freue sie sehr, dass er diesem
rechtschaffenen Mann gleiche. »Er hat auch sein Herz, liebe Nichte; und dafür
danken Sie Gott; denn Sie werden dadurch eine sehr glückliche Frau werden!« -
    Ich hatte indessen meine Augen auf Eufrosinens Bild geheftet, das in
Lebensgrösse und vortreflich gemahlt ist. Ein Zimmer mit hellbraunem Tafelwerk;
durch ein grosses Fenster fällt das Licht auf Eufrosinens Figur, die auf einem
Stuhl ohne Lehne sitzt; ihre Kleidung ist reine weisse Leinwand, Rock und Corset,
in welchem ihre schlanke Gestalt sehr schön ausgezeichnet ist. Ihre schöne Brust
feinen Nacken und einen Arm sicht man von der Seite ganz. Rückwärts steht ein
Aufwartmädchen etwas entfernt, die mit einer Hand die langen blonden Haare, und
in der andern einen Kamm hält, aber auch, wie Eufrosine den Kopf gegen die Tür
wendet, die eben aufgemacht worden. Eufrosinens Gesicht ist das allerschönste
Oval, mit der feinsten Farbe einer Blondine. Eine niedlich gebogene Nase, ein
kleiner Mund, der mit süsser Liebe lächelt; grosse blaue Augen, in welchen der
Ausdruck himmlischer Sanftmut ruht; die edelste Form der Stirne und des
Hauptes. Mit dem freien Arme zieht sie das blaue Band ihres Corsets über ihre
Brust, als ob sie sie schaamhaft damit in etwas decken wollte, der andre liegt
mit einem Teil auf dem Tische, auf welchem ein Spiegel, ein Körbchen mit
Blumen, Perlenschnüre und ein klein Tintenfass steht. Noch mit der Feder liegt
ihre rechte Hand auf dem Blatte eines kleinen Hefts Papier, worauf sie schrieb:
»Tugend sei immer die Schönheit meiner Seele, und Heinrichs Liebe mein Glück!«
    Die vollkommne und still reizende Schönheit des Bildes, die Erinnerung des
grausamen Schicksals dieses holden Geschöpfs, füllte mein Auge mit Tränen Die
Tante drückte meine Hand und sagte mit Seufzen: »Ach! sie verdient die Zähren
jeder guten Seele. Denken Sie, was ich gelitten habe, wie ich den Engel, so
elend zugerichtet, vier Monat lang leiden und endlich sterben sah! - Liebe,
süsse Eufrosine!« sagte sie und küsste den Arm des Bildes gab dann Otten die
Hand: »Ich danke Dir, dass Du den zwei wackern Frauenzimmern von Deinem Onkel und
Deinen Tanten so gut geredt hast!« - Dann wies sie uns das Bild von Ottens
Mutter. Erzählte von ihr, und versicherte Julien, sie würde eine liebenswerte
Schwiegermutter gehabt haben. »Ich will Sie dafür ansehen« sagte Julie. »Es
würde mich vergnügen, meine Liebe, wenn ich nicht allen Entwürfen von Freude
entsagt hätte! Ich nehme jetzt von einem Tage zum andern, was mir Gott
zuweiset.« - Hierauf gab sie uns ein recht artiges Abendbrod, und ging, nachdem
sie die Wittwe und deren Tochter hatte rufen lassen, einige Augenblicke von uns,
und band, bei dem Wiederkommen, Julien eine schöne Schnur orientalischer Perlen
um den Hals, nebst einer sechsfachen Reihe von nämlicher Grösse um die Hände,
wobei sie auf Eufrosinens Bild wies: »Es sind die nemlichen, die darauf gemahlt
sind. Mein Bruder hatte sie mir gelassen.« -
    Wie es etwas später wurde und wir gehen wollten, fiel Otten ein, dass es
Mondlicht wäre, wir wollten bei dem schönen Abend um die Stadt herum bei dem
Einlasstor nach Hause gehen, und indessen noch einige Zeit in der Tante Garten
uns aufhalten. Das war ihr ganz Recht, und sie wies uns ihre liebe Einsiedelei,
wie sie es nennte. Im Gehen wandte sie sich ungefehr um, und betrachtete dann
den Schatten ihrer Figur, mit einer etwas ernsten Miene. Ott nahm ihre Hand:
»Liebe Tante, auf was sehen Sie?« - »Hier auf meinen Schatten; er dünkt mich das
traurige Bild meines vergangnen Lebens zu sein.« - »Aber sehen Sie nur, alle
unsere Schatten sind so.« - »O, nein! der Umriss von den Eurigen zeigt die
Frölichkeit Eurer Gebehrden und Eures Muts, so wie der meinige ein gebrochenes
Herz und wankendes Leben anzeigt.« - Julie fiel hier recht liebenswürdig ein:
»Ja, liebe Tante! Ihr zurückliegender Schatten sieht düster und jammernd aus,
aber vor Ihnen sieht es helle. Ihre Brust wird von himmlischen Strahlen
beleuchtet.« - Die Tante streichelte Juliens Backen: »Trostengel,« sagte sie,
»Gott lasse Dich allezeit einen so erquickenden Gedanken für die trüben Tage
Deines Ott finden!« - Wir küssten ihr alle drei, ungeachtet ihres Widerstands,
die Hände. Sie segnete uns, und versprach für unser Wohl zu beten. Und nun
gingen wir langsam, in uns gekehrt, den einsamen Weg hin. Als wir in die Allee
kamen, deren Bäume schon meist entlaubt waren, schien der Mond zwischen den
Seitenhecken durch, und gab den gelben, auf den weissen Kiess zerstreuten,
Blättern eine sanfte Farbe. Ott, der uns führte, blieb nach langem Schweigen
stehen, sah uns beide an: »Wie schön sind auch kühle Herbstabende, wenn man sie
mit Liebe und Freundschaft geniesst!« - Julie sprach: »Lieber Ott! ich denke,
jeder Abend ist schön, wenn man den Tag mit der Tugend verlebt hat, wie wir
heute getan haben! Und, bei Ihrer dauernden Liebe wird mir auch der Herbst des
Lebens, bei verwelkten Freuden, angenehm sein!« - »Meine teure, schätzbare
Julie,« sagte er mit Entzücken, »Ihre Tugend wird die welkenden Freuden unsers
Lebens mit einem so sanften Lichte verschönern, wie der Mond diese abgefallene
Blätter vor unsern Füssen färbt.« -
    Dieses Gespräch war mir traurig süss. Denn ich konnte mich des aufsteigenden
Wunsches nicht entalten: »Ach, wenn der Geliebte meiner Seele hier wäre, und
die Ruhe der Erde, und die alles Leiden besänftigende Strahlen des Mondes mit
mir sähe! Wenn ich in dem Ausdruck seiner geistvollen Physiognomie den nemlichen
Grad von Liebe erblickte, die Julie in Otten sieht! Denn gewiss, meine
Zärtlichkeit ist wie ihre!« -
    So kamen wir nach Hause, voll seligen Tiefsinns, der die Tugend lieben
macht.
 
                          Sieben und vierzigster Brief
Es ist gut, meine Mariane! es ist wohltätig vom Schicksal, wenn es uns die
Erfüllung kleiner Wünsche versagt, weil wir dadurch die freudigen und vergnügten
Empfindungen der Seele versplittert genössen, und den erhabenen Reiz des grossen
Guten nicht mehr nach seinem ganzen Umfange fassen würden!
    Schon lange begehrte mein Herz von der Vorsicht eine Erscheinung aus der
schönen alten Welt, wo der Freundschaft, die sich zum Besten des Freundes
aufopfert, Altäre gebaut wurden, und wo diese Bewegung der menschlichen Seele
höher geschätzt war, als Liebe, weil sie edlere und schönere Taten vor sich hat
und hervorbrachte. Durch Sie, Mariane, bin ich mit jedem sanften, einnehmenden
Zuge der weiblichen Freundschaft bekannt geworden. Sie haben alles für mich
getan, was Ihr edles Herz nach den Erfordernissen des meinigen tun konnte. Es
gibt aber Fälle, in denen die Verfassung der bürgerlichen Ordnung des Lebens
unsere Neigungen beschränkt; so, dass sie nicht zu Handlungen werden können, und
wo allein die Männer das grosse Vorrecht haben, von der Bewegung zum Entschluss,
und von diesem zur Tat zu gehen. - Der Zufall, welcher gewiss, im Ganzen
genommen, eine ungleich grössere Anzahl guter, als schlimmer Sachen veranlasst,
hat mich vor zween Tagen auf den Platz gestellt, wo ich diese grosse
Verschiedenheit unsers Wirkungskreises mit der Männer ihren ganz nahe und in dem
schönsten Licht sehen konnte.
    Herr G** tat vor einigen Tagen den Vorschlag einer kleinen Jagd, die es,
als Oberbeamter in R**, zu geniessen hat, und bat die Uebenswerte Familie und
den Freund der ** dazu Madame G** nahm mich mit. Das Wetter war so schön, dass
wir auf vier Tage da blieben, und uns aber, wegen Mangel der Zimmer, zu zwei und
zwei, in Eines lagern mussten. Madame G** war bei mir. Madame ** und ihre Tochter
wieder beisammen, und sodann Herr ** und sein Freund, gleich neben uns im
dritten Stocke. Herr R** mit einem andern. - Wir waren alle sehr vergnügt. Nur
den zweiten Tag beim Frühstück bemerkte ich, nach einer kurzen Abwesenheit der
Frau G**, dass ihre Stirne bewölkt war. - Ich blickte sie daher öfters an: sie
sagte wir auch mit freundlichem Drücken meiner Hand, und sanfter, als jemals
ihre Stimme war: »Rosalia! Ihre Augen fragen mich was; Sie sollens wissen, mein
Schatz, sobald wir allein sind, denn es drückt mich hier!« (auf ihr Herz
weisend)
    Es war sieben Uhr des Morgens, als ein Teil der Gesellschaft gleich nach
der ersten Zerstreuung des Nebels durch die Weinberge in das kleine
Haasenwäldchen wallte. Madame ** ging mit. Ihre Tochter aber in ihr Zimmer, um
sich ganz anzuziehen. Meine G** auf einen Augenblick in die Küche, und ich in
unser Schlafzimmer, wohin sie kam und gleich anfing: »Rosalia! was ist Ihr Oheim
für ein Mann? kann er einer Frau die überfliessende Güte des Herzens vergeben?
wäre er fähig, ihr ein Darlehn auf etliche Jahre zu machen?« -
    »Liebe, liebe Madame G**, wie hastig tun Sie mir diese Fragen; und Sie
sehen ja ganz unwillig dabei aus!« -
    »Vors Erste, mein Kind! ist mir sehr daran gelegen, es bald zu wissen; und
dann, Rosalia! weis ich, dass die meisten Menschen die Züge des edlen, gütigen,
grossmütigen Betragens gegen andre freilich gern erzählen hören, es mit
Vergnügen in einer Geschichte lesen, entzückt davon reden; und dann, in der
Gelegenheit, es selbst zu tun, durch die edelsten Ursachen zurück treten, und
es von sich lehnen; freundschaftliche Bonde darüber zerreissen; aus einem
brausendkochenden Kessel voll Sentiments, auf Einmal zum Eisklotz werden! - Ja
wenn ich mein eigenes Herz nicht in mir schlagen fühlte, wenn ich meine W**
nicht leibhaft, mit allen ihrem schönen bittern Kummer der Seele vor mir sähe;
so glaubte ich selbst, dass Edelmütigkeit und Menschenliebe Träumereien der
Poeten wären.«
    »Was für ein trauriges Bild mahlen Sie mir, liebe Madame G**! Aber, leider
ist jeder Strich wahr! - Sagen Sie mir die Ursache davon.«
    »Die ist kurz gesagt, Rosalia: Meine teure, wenig gekannte, und oft
misshandelte W**, deren Empfindsamkeit ganz für andrer Wohl und Uebel da ist,
diese befindet sich in einer Bedrängnis, nicht durch Ausgaben der wollüstigen
Tafel; nicht durch Weiblichkeiten des Putzes; nein! durch den, in der Ewigkeit
schönen Fehler der überfliessenden Güte, Kummer und Elend von andern zu
entfernen. Dies bat sie an den Rand eines unabsehbaren Jammers geführt, wo sie
allein durch das Darlehn der kleinsten Summe von - - bis nach dem Tode ihres
nächsten Verwandten gerettet werden kann. Ich bin elend,« fuhr sie mit Weinen
fort, »sehr elend, dass ich es nicht tun kann! Sagen Sie, Rosalia, sagen Sie,
würde Ihr Oheim mich darüber hören? Würde er darüber schweigen? Wärf' er nicht
die würdige Leidende, und mich, und Sie, in die Korblake, wohin die Männer, in
dergleichen Gelegenheiten, mit den Guten und Tugendhaften unsers Geschlechts
zufahren, ohne sich zu sagen, dass sie ja alle, oft das Zehnfache, ohne Dank, und
ohne Hoffnung der Rückgabe, verschwendeten!« -
    »Liebe Madame G**, wie wert, wie unendlich wert wird mir Ihr Herz durch
diesen Eifer, durch diese Tränen! Ich will alles bei meinem Oheim versuchen. Er
ist gütig; er ist rechtschaffen, und wenn er fehlt, so schweigt er doch; und
dann schreibe ich an meinen C**; dieser ist gewiss so edel empfindlich, dass er
meinem Herzen, und den verdienstlichen Leiden der Madame W**, diese Gefälligkeit
erweiset. Wie viel Gutes tut er ohnehin! Er wird mich nicht umsonst flehen
lassen.« -
    »Aber, Rosalia! reden Sie mit Ehrerbietung mit Lobe von dem Herzen meiner
lieben W**« - Hier ging sie von mir, nachdem ich sie innig umarmt hatte. Die
vortrefliche Frau! wie unrecht geschieht ihr, wenn man, ihrer Lebhaftigkeit
wegen, an ihrer anteilnehmenden Empfindsamkeit zweifelt! - Hierauf hörte ich im
Nebenzimmer auf- und abgeben. Ich wurde besorgt, weil es männliche Tritte waren,
dass einer von den zwei Fremden unser Gespräch gehört haben könnte! Und es war
so. Denn kurze Zeit he nach kam Herr ** mit seiner edlen Gestalt, und einer
vermehrten Bescheidenheit in seiner Miene, unter die Türe meines Zimmers
getreten. Die Bekräftigung meiner Sorge über sein Zuhören, machte mich erröten,
und er sah mich mit einer Verlegenheit an, die ich nicht gleich begreifen
konnte. - Ich war aufgestanden, und nach einigen Blicken auf die Erde, näherte
er sich mir und sagte mit rührendem, aber männlichem Tone, indem er mich zu
meinem Stuhl zurück führte: »Darf ich Sie bitten mich auf einige Minuten
anzuhören?« - Ich etwas unruhig: »Ja ganz gerne!« -
    Er fing an: »Ich will Ihnen, würdige Vertraute der vortreflichen Frau G**,
nicht verhehlen, dass der Zufall mich das wichtige Gespräch hören liess, worinn
Sie beide die Bedrängnis einer edlen Freundinn zu beben suchten. Möchten Sie
mich nicht diesen Zufall benutzen lassen, und mir das Glück gönnen, den kleinen
Vorschoss zu tun, der ihre Herzen aus der Verlegenheit zöge, worinn Sie sich
befinden?«
    Ich war verwirrt, verwundert, und konnte nichts, als: »O Herr **« sagen.
Aber seine Stimme, seine Gesichtszüge, die Stellung, in der er mir dieses
Anerbieten tat, war der schönste vermischte Ausdruck von Edelmut, Sorgsamkeit,
Würde für sich, und Verehrung für meine Freundinnen: so, dass der Eindruck davon
alle meine Empfindung zu Tränen schmelzte. Ich sah ihn an; aber Zähren
träufelten über meine Wangen. Er fasste meine Hand: »O, dies sind gewiss die
edelsten weidlichen Tränen, die ich jemals sah! Aber, teure Rosalia, ich habe
Sie doch nicht beleidigt? Glauben Sie, dass mein Beweggrund, mir Ihnen zu reden
und das Anerbieten zu tun, Ihrer Achtung nicht unwürdig ist: ich bitte Sie!
lassen Sie mich ganz in der Stille Anteil an Ihrer gerechten Freundschaft für
Madame W** nehmen, und erhalten Sie mir bei Madame G** die Erlaubnis, ihr diese
Summe für die gute bedrängte Frau W** zu geben. Keine Seele soll es wissen! Der
Kummer der Madame W** und der anteilnehmende Schmerz von ihnen beiden soll mir
heilig sein! Nehmen Sie mich nur in diesen Bund auf.« - Ich stund auf; ich
drückte mit meinen beiden Händen die seinige, mit der er mich gefasst hatte:
»Gott segne Sie, würdiger, würdiger Mann! für diese edle Verwendung Ihrer Gewalt
und ihres Vermögens! aber auch für die unaussprechliche Freude, welche Ihre
Edelmütigkeit mir gibt. O, wie selten, aber wie göttlich schön, sind diese
Züge einer erhabenen und gütigen Seele!« -
    Hier kam Frau G**. Sie blieb stutzend stehen. Ich rief ihr aber zu: »Kommen
Sie, und hören die schöne Ursache meiner Tränen und der Bewegung, in der sie
mich sehen!« - Ich erzählte ihr alles: sie wurde bald blass, bald rot. Endlich
aber ergriff sie auch die eine Hand des Herrn **: »Die Vorsicht hat Sie in
unsern Bund gezogen. Sie erhalten den Dank der besten Herzen dabei; und gewiss,
schätzbarer Mann, verlieren Sie nichts. Ihr Glaube an weibliche Tugend und
Rechtschaffenheit soll Sie nicht gereuen!« - Hier vergoss sie einen Strom von
Tränen. Herr** wurde davon beunruhigt. Sie bemerkte es; und da sie sich etwas
erholt hatte, sagte sie ihm: Sie wäre auf Einmal durch den Gedanken hingerissen
worden, dass sie erst in dem Alter von etlichen und vierzig Jahren, nach so
vielen Wünschen, so vielem vergeblichen Durchlesen der Bilder von
Edelmütigkeit, einmal die Hand eines Menschen fasse, dessen Seele jede kalte
steinerne Hindernisse übersteige, um uneigennützig Gutes zu tun. - Sie schrieb
gleich an Madame W** die ganze Geschichte, mit Uebersendung der Summe, und diese
antwortete ihr mit dem höchsten Gefühl der Verehrung, des Danks und der Freude,
über den geleisteten Dienst. Doch, so gross dieser wäre, so hätte er ihr dieses
hohe Maass Freude nicht geben können; aber Glück und Ruhe aus der Hand des
edelsten, besten Menschen zu erhalten, wäre für sie das, was ehemals die
unmittelbare Absendung eines himmlischen Geistes gewesen, und sie danke der
Vorsicht für die ausgewählte Hand, wie für die Hülfe selbst! - Sagen Sie,
Mariane, war ich nicht glücklich, mich mitten unter diesen drei edlen Seelen zu
finden? Geist, Güte, Edelmütigkeit, in völliger Wahrheit und Wirksamkeit zu
sehen! Wie selig ist das Gefühl, welches sich in unser Herz den Augenblick
ergiesst, in dem wir Jemand unsere Hochachtung geben! Güte, Wohltätigkeit allein
ist und kann das Gepräge des Ebenbildes unsers Urhebers in uns sein. Es ist auch
der einzige Zug seines göttlichen Wesens, den er deutlich und begreiflich vor
unsere Augen und in unsere Herzen legte.
 
                           Acht und vierzigster Brief
Wie froh, meine Mariane, bin ich, über mein fühlendes Herz, das mich einen so
wahren Anteil an den Leiden und Freuden meiner Nebenmenschen nehmen lässt! Und
wie glücklich bin ich, während meinem Aufentalte in dieser Stadt, wo mir so
viele Gegenstände vorkommen, die meine Empfindungen in einer immer gleich
starken und gleich reinen Bewegung erhalten! Sie wissen, dass ich missvergnügt
war, nach den vier ersten Prunktagen von Juliens Hochzeit nur Einen zu rasten,
und den sechsten schon wieder zu einem Gastmahl und Tanz aufs Land zu reisen!
Aber wie reichlich wurde ich schadlos gehalten! Nicht durch das Lachen der
muntern Freude, oder durch das abwesende Bild von jetzigen und künftigen
glücklichen Tagen, welche dieses Bündnis bezeichnen; nein, es war durch die
süssen Tränen, der innigsten, tiefsten Rührung der Seele, bei der ich die Güte
der Vorsicht aufs Neue erkannte, da sie jedem Gegenstande des Vergnügens eine
unendliche Mannigfaltigkeit gegeben hat. Wir waren nach dem Mittagsessen in den
Baumgarten gegangen, in welchem, nach hiesiger Gewohnheit, eine Anzahl Bäume
entweder einen runden ovalen, oder viereckigten Platz ausmachen, den man den
Baumsaal nennt. Der Boden wird mit der äussersten Sorgfalt eben gehalten, und das
Gras kurz geschnitten und gestampft. Zwischen zwei Bäumen eine Bank für vier
Personen, dann zwei Bäume, etwas näher zusammen gesetzt, frei gelassen, weil man
da in die Obstgänge spazieren kann. Dann wechselsweise wieder Bänke und frei um
den ganzen Saal; ausgenommen den Eingang, der ganz offen ist. Hier werden,
während der Blüte, und dann auch im Herbst, wenn das reife Obst an den Bäumen
hängt, Tänze gehalten; mit dem einzigen Unterschiede, dass im Frühjahr jedes
Mädchen und jeder junge Mann einen Strauss von Blüte auf ihren Hüten träget, im
Herbst aber so viel schöne Handkörbe beigebracht werden, als junge Leute da
sind, die erst, so viel sie wollen, unter den vollen Zweigen tanzen, und dann
jeder seinen Korb mit den schönsten Früchten zu füllen suchen; wo die jungen
Mannsleute selbst auf die Bäume steigen und für sich und ihre Tänzerinn dabei
sorgen. Diese Körbe werden dann mitten in den Baumsaal gestellt, und ein
Reihentanz darum gehalten. Auch, wann Mädchen dabei sind, die eine artige Stimme
haben, Lieder dazu gesungen. Die ganze Obstlese aber wird erst den zweiten Tag
hernach gemacht. Diese Gewohnheit gefällt mir ungemein! Es ist so viel Wahrheit
und Einfalt der alten Zeit, mit Zierlichkeit und Kunst der Neuern verbunden!
Jedes Alter hat seinen Anteil daran. Bei den ersten Tänzen sehen die Väter und
Mütter zu; in die Reihen mischen sie sich öfters, und diese werden von den
kleinern Kindern um ihre Körbgen auf der andern Seite auch gehüpft; so, wie auf
einer dritten, bei der nemlichen Musik, auch Mägde und Bediente im Kreis lustig
herum springen. Madame G** gab dieses Fest in dem schönen Baumgarten, den sie
von ihrer Familie erbte, und ihn, wie sie sagt, wegen des grünen Saals, so lange
sie lebt, behalten wird, weil sie sich darin der süssesten Tage ihrer Kindheit
und erwachsenen Jahre erinnert. Mir wird dieser Baumsaal auch unvergesslich
bleiben. Denn, als wir eine Zeitlang Englisch getanzt hatten, so hiess es auf
Einmal: Herr Kahn und seine Frau wären von ihrem Landgut herüber gekommen, um
dem jungen Paare ihre Glückwünsche abzustatten. Ort und seine Julie liefen ihnen
mit Eile entgegen. Wir waren alle stille, und ich bemerkte in Stellung und
Mienen der meisten Anwesenden einen Ausdruck von Achtsamkeit des Herzens, wenn
ich so sagen darf, und ein festes Blicken nach dem Eingange des Gartens. Man
stellte sich auch in eine Art von sanfter Ordnung; so, wie etwas dergleichen zu
geschehen pflegt, wenn in einer Gesellschaft eine Person von höherm Range
angemeldet und erwartet wird; ausgenommen, dass hier keiner von den
Seitenblicken, oder etwas von dem leisen Zischeln erschien, welche sich meistens
bei der Ankunft eines unerwarteten, oder ungebetenen Gastes bei einem Teil der
Versammlung zeigt. Madame G**, als Hauswirtinn, war ihnen auch entgegen
gegangen, und ich konnte also niemand um den Aufschluss dieses kleinen Rätsels
fragen. Endlich kamen sie, und mein staunendes Umgucken nahm zu. - Möchte ich
nur, meine Mariane, den Eindruck ihrer Figuren, wie sie von Ferne waren, und
den, welche die moralische Stimmung ihrer Seele, bei ihrer Annäherung in ihren
Gesichtern zeigte, recht beschreiben können! Ottens und Juliens schöne Personen
kennen Sie schon. Diese waren, als Neuvermählte, mit den bunten Farben des
Glücks und der Freude bekleidet. Herr Kahn, ein schöner junger Mann von vier und
zwanzig Jahren, in einem hellgrauen seidenen Herbstzeug, mit silbernen
Quastenknöpfen, sehr nett und zierlich angezogen; seine sehr edelgebildete Frau
ganz weiss gekleidet, mit violetten Schleifen um den Hals, die Brüst, Arme und
den Strohhut, welches ihrer zärtlichen Gesichstfarbe und der süssen, ruhigen
Traurigkeit, die in ihren Zügen lag, ganz reizend stund. Er hing am rechten Arm
von Otten, und hielt mit seiner abhängenden rechten Hand seiner eigenen Frau
ihre Linke, die sich mit dem rechten Arme an Julien anschloss. Gang und Haltung
von allen war schön und edel! Wahre Freundschaft und Vergnügen, sich zu sehen,
bei der Hand zu halten, war in jedem Gesichte. In Otten Spuren von Trunkenheit
neu gefühlten Glücks; in seiner Julie, mit bescheidenem Stolz, die Idee: Ich bin
Ottens geliebte Gattinn! ich! und dabei noch der sorgsame Putz, immer gleich
stark zu gefallen. Herr Kayn und sie, den ruhigen Ausdruck schon einige Jahre
gewohnter Zufriedenheit. In ihm beobachtete ich etwas Wankendes der Schritte,
und zu stark niederhängenden Kopf, mit beinah geschlossenen Augen. Frau Kahn
machte uns allen eine sehr artige Verbeugung. Ort und Julie hatten beide frei
gelassen, und so bückte er sich auch. Jure besten Bekannten drangen sich um sie,
und bewillkommten beide. Ich sah sie erst wieder, da sie sassen, Otte vor ihnen
stund und mit beiden ernstlich redete. Ich wandte mich zu Madame G**, die ich
nach dem Zuge von Sonderbaren fragte, der seit der Ankunft dieser zwei Personen
durch alles erschien? Sie antwortete: »Ich glaube es, gute Rosalia, dass Sie
nicht wissen, was wir alle wollen! Mein Vetter soll es ihnen erzählen!« -
    Ott kam eben auf uns zu. Sie sagte ihm meine Neugierde, und er versicherte,
dass er mich gesucht hätte, um mir seine Freunde Kayn bekannt zu machen. Ich
sagte ihm kurz alle meine gehabte Ideen. Er lächelte etwas. »Wie schön mahlen
Sie, meine Freundinn, und wie leid ist mirs, dass mein Kahn Ihre Physiognomie
nicht sehen kann; denn, Rosalia, der edle, liebe Mann, ist blind!«
    Ein tiefer Schmerz durchdrang mich, um so mehr, als ich von dem Platze, wo
ich mit Otten redte, Kahn und seine Frau sehen konnte. »O, wie unglücklich ist
das! Aber, wie kam es?«
    »Aus einer elenden Ursache, Rosalia! Er war sechszehn Jahre alt, und wollte
Abends seine Strumpfbänder losmachen, wurde über einen Knoten ungeduldig; will
ihn mit einem spitzen Federmesser entzwei schneiden; dieses glitscht aus und
gerade in ein Auge, das den Moment verloren war, und die gewaltsame Vermundung,
die schmerzhafte langsame Kur des einen Auges, hat die gänzliche Schwächung des
andern nach sich gezogen.« -
    Ich hatte meine Augen voll Tränen der Wehmut, und Ott fuhr fort:
»Glücklicher Weise ist, er Sohn des reichsten Hauses in unserer Grgend. Sein
Vater suchte junge Leute aus, die ihm nach seiner Genesung vorlesen, Musik
machen, und Gesellschaft halten mussten. Er hat grosse Kenntnisse in allen Teilen
der Philosophie und Historie, Sprachen, Poesie und Musik. Auf dem Clavier
phantasirt er ganz ausnehmend, aber durch sehr melancholische Gänge und
Auflösungen, weil er es am meisten in der Zeit übte, da nach der Heilung des
verwundeten Auges ihm die Aerzte zugleich den gänzlichen Verlust des andern
anzeigten. Auf dessen Erhaltung er immer gehoft, und sich über alle Schmerzen
des erstern getröstet hatte! Nach der Zeit mengte sich Ausdruck der Zärtlichkeit
darunter, als er lang Wünsche nach seiner Geliebten aus Bescheidenheit in sich
verbarg. Sein Vater war drei Jahre abwesend. Erst nach dessen Zurückkunft
eröfnete er der väterlichen Liebe sein Anliegen, und erst dann auch fragte er,
ob die zwote Tochter des Herrn Puntig noch lebe und unverheiratet sei? Die
Versicherung über beides war in vier Jahren der erste Augenblick Freude, die in
sein Herz kam. Er hatte sie nur wenige Zeit vor seinem Unglück kennen gelernt,
und durch sie das Erstemal Liebe gefühlt. Ihre Gestalt war in seiner Seele
geblieben. Die Idee ihres ganzen Geschlechts war für ihn allein mit ihrem Bilde
verbunden. Jede poetische, oder mahlerische, und bildhauerische Beschreibung
einer weiblichen Figur, war, in seinem Geiste, Lioba Puntig. Sein Vater willigte
gleich in seine Wünsche, und versprach, das Mädchen so reich zu machen, dass sie
sich sehr glücklich achten solle, seine Frau zu werden. Aber, mein guter Kahn
wollte das nicht. Er wollte Liebe. Ich war damals von meinen Reisen zurück
gekommen, und brachte alle Abende bei ihm zu. Denn wir waren von der Schule an
Freunde gewesen. Ich gab mir alle Mühe, ihm einige Stunden zu versüssen; fand
ihn aber meist tiefsinnig und traurig; doch war ihm meine Gesellschaft, wie er
sagte, die liebste. Wie oft verliess ich ihn mit äusserstem Kummer! Wenn er mich
mit Tränen und Seufzen umarmte, eine meiner Hände an seine Brust drückte, oder
küsste, und dennoch niemals von seinem innern Weh mit mir sprach. Aber, nach der
Unterredung mit seinem Vater, liess er mich rufen, und fing an, mir für all meine
Neigung und Güte für ihn zu danken. Er entschuldigte sein bisheriges
Stillschweigen; erzählte die Ursache, ohne seine Lioba zu nennen, und da er mir
den Vorsatz seines Vaters bekannt machte, setzte er hinzu: er wisse, dass sein
grosses Vermögen ihm leicht eine Gattinn schaffen könnte, die ihre Eltern dazu
verbinden, oder sein Gold locken würde. Aber, mein Herz will Liebe! Ach so viel,
wie Du mich liebst, sagte er; Du opferst mir so viele Monate, alle muntre
Abendgesellschaften auf; Dein edles Herz nähert sich im Wohltun, das Du mir
beweisest; sag' mir, ich bitte Dich! liebest Du ein Mädchen in unserer Stadt? O,
sag' mirs redlich! - Seine Hand und seine Lippen bebten, als er mir diese Frage
tat, die allein aus der Sorge kam, dass ich ein Auge auf Lioba hätte. Ich
versicherte ihn feierlich, nein! Er umarmte mich: O, so stören meine Wünsche
Dein Glück nicht, und Du bist den meinigen nicht hinderlich! Kennest Du Lioba
Puntia? Ja, aber nicht viel, denn sie soll melancholisch sein, und lässt sich
dahero nicht viel sehen. Ach Gott, sagte er, vielleicht liebt sie einen
Abwesenden, oder Untreuen! und doch kann ich nur mit ihr, nur durch sie
glücklich sein! - Er jammerte mich ungemein! Ich bat ihn, sich zu beruhigen, ich
würde suchen, alles zu erfahren, was sie anginge. Er wollte, dass es noch den
nemlichen Tag sein möchte, weil er fürchte, sein Vater spräche morgen den
ihrigen. Ihre jüngere Schwester ist an einen meiner Bekannten verheiratet, und
sie wohnen in Herrn Puntig Hause. Ich dachte gleich, ein melancholisches Herz
hat allezeit was Edles in sich; und dann muss es das Mädchen freuen, dass sie von
allen Gegenständen der sichtbaren Welt, und von ihrem ganzen Geschlechte, das
Einzige ist, so in seiner Seele haften blieb, und Idee und Wunsch von Glück für
ihn war. Ich redte gerad mit ihr. Ich nahm die Zeit, da ihre Schwester und
Schwager ausgegangen waren. Schenkte der Jungenmagd ein schön Stück Geld, sie
sollte die Lioba herauf bringen. Sie kam hastig, weil ihr das Mädchen gesagt es
fehle dem Kinde ihrer Schwester Etwas! Sie erschrack, als sie mich im Wohnzimmer
sah, und wollte gleich ins andre gehen. Das Mädchen sagte ihr aber, es wäre
Nichts, als dass ich mit ihr sprechen wollte. Sie stutzte sehr und war unwillig,
dass das Mädchen sie mit dem Uebelsein des Kindes erschreckt hätte! Ich war da zu
ihr getreten, und fasste sie bei der Hand, weil sie wieder zu der Türe hinaus
wollte. Ich sagte: Es ist wahr, dem Kinde fehlt nichts; aber ich habe einen
unglücklichen Freund. dem Ihr gütiges, mitleidiges Herz Trost geben könnte! -
Sie errötete, und wollte ihre Hand wegziehen. Ein unglücklicher Freund von
Ihnen, und ich? Herr Ott, was wollen Sie damit? - Mein Freund Kahn ist gewiss
unglücklich, und er möchte wissen, ob Lioba Puntig Mitleiden mit ihm hat? - Hier
fing sie an zu zittern und zu wanken. Herr Ott! Herr Ott! stotterte sie. Sah
mich starr an, und den Augenblick weinte sie heftig. Ich führte sie zu einem
Stuhle und küsste ihre beiden Hände, ihr Schnupftuch und ihre Tränen. Tausend,
tausend Dank, liebe Mademoiselle Puntig, für diese aufrichtige Bewegung Ihrer
Seele! Es ist das Glück meines Kahns! Er liebt Sie, er betet Sie an; Sie, Ihre
Liebe allein können sein Leben versüssen! - Sie wandte sich um, lehnte ihren
Kopf, mit dem Schnupftuch vor den Augen auf den Stuhl, und hielt mit der andern
zitternden Hand die meinige fest. Nun erzählte ich ihr kurz alles, was meinen
Freund anging. Sie weinte stark, aber sanft. Endlich trocknete sie ihre Augen
und suchte was in ihrem Schubsack; es war ein kleines Calenderchen von vier
Jahren her, auf dessen vordersten weissen Blättchen ihr Name ausgeschnitten war.
Da sagen Sie Herr Kahn, dies wäre das einzige und erste Kennzeichen seiner
Freundschaft für mich gewesen, und ich hätte es mit zärtlicher Liebe bewahrt,
und seit dem Leiden seiner Augen ist kein Tag vorbei gegangen, wo ich es nicht
mit meinen Tränen benetzte! Wenn die reinste, innigste Liebe und Bedauern sein
Glück machen kann: so wird er es in diesem Herzen finden. - Hier wies sie auf
ihre Brust. Und nach einigen Minuten sagte sie: Herr Ott! Sie haben mich
überrascht; ich sah auf einmal alle meine Geheimnisse und mein Wohl in Ihren
Händen! Ich bin aufrichtig, ich konnte mich nicht verbergen; ich überlasse Ihnen
alles. Ich eilte zu Kahn, den ich mit dem Fieber des Verlangens auf seinem Bette
antraf. Der gute Mensch wusste sich nicht zu fassen, und brachte seinen Vater
noch des Abends zu Herrn Puntig. Ich führte ihn zu Lioba ins Nebenzimmer. Er
konnte nicht reden. Sie eilte zu ihm: Ach Kahn! mein werter Kahn! - und hier
hatte sie seine beide Hände an ihre Brust gedrückt, ihre zärtliche Blicke auf
die geschlossenen Augen von Kahn geheftet; ein Strom von Tränen floss auf seine
Hände. Er sank auf seine Knie: O, Gott sei Dank, diese Tränen sind Liebe! Er
küsste sie von seinen Händen weg. Lioba kniete hin bei ihm. Ich ging und sah noch
an der Tür, dass sie seinen Kopf an ihr Herz drückte, während ihr schönes Auge
bittend gen Himmel erhoben war. Nach einer guten Stunde kamen die Eltern und
gaben Willen und Segen zu dem Bündnis. Von da an ist mein Freund ruhig, freudig
und gesund. Sein Umgang und Unterredungen munter und voll Scharfsinn. Sie sollen
mit uns, wenn wir Sie besuchen; und, gewiss, Ihr Geist und Herz werden sehr
zufrieden sein! Es ist unmöglich, ein vollkommners Bild wahrer Liebe und reiner
Zufriedenheit zu sehen, als Kahn und Lioba! Alle Welt schätzt sie hoch, und ihr
Landhaus ist der Wohnsitz jeder edlen Anmut des Lebens.«
    Ich weiss nicht, Mariane, was diese Erzählung auf Sie wirkt; aber ich war in
süsser Wehmut zerflossen. Wir kehrten langsam zurück, und fanden den
vortreflichen jungen Mann, mit der Flöte in der Hand die Musik zu den Tänzen
accompagniren. Bei den Reihen um die Obstkörbe schloss er sich mit an. Seine
zärtliche Lioba tanzte mit. Ott hatte mich ihr als die beste Freundinn seiner
Julie vorgestellt, und beiden versprochen, dass sie mich in Kahnberg kennen und
lieben würden.
    Herr Kahn horcht sehr genau auf den Ton der Stimme. Es dünkte mich auch, dass
er nach dem Lobe, so Ott von mir machte, mich ganz besonders belauschte, und sie
hingegen auf meine Miene und Wesen Achtung gäbe. Hätten sie nur beide merken
können, wie viel Anteil ich an ihnen nahm! Denn, jedes Gefühl von Vergnügen,
das meine Augen, durch die von der Abendsonne vergrösserte Schönheit des Gartens
und der Gegend umher genossen, der Anblick lauter frölicher Menschen, führten
mich auf die Idee seines Verlustes zurück: und dann sah ich, dass das Auflehnen
seines Herzens auf die Liebe seiner Frau, alles, alles für ihn war, und das
Glück seiner Empfindungen und Kenntnisse verdoppelte. Ach, wie viel kann ein
Mensch für den andern sein! Und wie viel sind Sie mir!
 
                           Neun und vierzigster Brief
Ich bin vier Tage in Kahnberg gewesen, und hier hat mir Ott eine Probe seiner
wahren Achtung für mich, und seiner feinen Empfindung für das Vergnügen seiner
Freunde gegeben. Das Erste, weil er mir bei dem Aussteigen aus unsere Kutsche
sagte: »Nun, Rosalia, kommen Sie in eine Gesellschaft, die allein für Sie ist!
Lauter aufgeklärte edle Empfindungen des Herzens!« Madame Kahn war mit ihrem
kleinen Sohn unten an den Stiegen und umarmte Julien und mich ganz herzlich. Ott
war voraus, um seinen Freund an seine Brust zu drücken. - Das Haus ist nicht
gross, aber sehr artig; hat auf einer Seite, so breit es ist, einen offenen auf
Säulen gestützten Saal, dessen Fussboden der mit vieler Mühe geebnete und polirte
Felsstein des Bergs ist, der just allein an dieser Ecke zu finden war; denn das
Uebrige alles ist ein sich weit erstreckender fruchtbarer Hügel. Dieser Saal ist
mit einem schön gehauenen Steingeländer eingefasst, welches zwischen den Säulen
hinläuft, denn ausserhalb ist keine Spanne breit Platz gegen den jähen Abhang des
Felsens. Vom ersten Stockwerk geht aus dem Hauptzimmer wieder ein Balcon heraus,
der an sich die Decke dieses untern grossen Saals ausmacht. Alle die schöne und
grosse Aussicht von hier ist aber für den liebenswürdigen Besitzer verloren! Die
Zimmer sind alle mit Geschmack eingerichtet; aber nirgend kein Gemählde;
hingegen in allen schöne Abgüsse der besten Statuen, Brustbilder und Vasen der
alten Zeiten, und alles Gerät und alle Verzierungen von den schönsten und
mannigfaltigsten Formen, weil der gute Herr Kahn den Begriff und das Vergnügen
von Ehenmaass und anmutiger Gestalt allein durch das feine Gefühl seiner Finger
erhält. Die grosse Ordnung und Reinlichkeit in allem, Unterhaltung und Versorge
ist die Arbeit seiner Lioba. Er hat zwei grosse Zimmer, worinn lauter Modelle von
hunderterlei Sachen und Erfindungen sind, die er sich kommen lässt, untersucht,
vergleicht, beurteilt, und über die Beschreibung ihres Nutzens oder ihrer
Schönheit mit vielem Geiste spricht. Von Pflanzen hat er eine grosse Kenntnis,
aber Sie können nicht glauben, wie viel ich dabei litte, als ihm ein ganzer Korb
voll Blumen, Gemüse Baumblätter und kleine Zweige gebracht wurden, die er
aussuchte und mit unendlicher Feinheit befühlte, nannte, und auf einem grossen
Tisch in Linien nach der richtigsten Ordnung legte. Er besorgte die Blumentöpfe,
die unter den Spiegeln stehen, und ich versichre Sie, dass er sie in einer sehr
reizenden symmetrischen Vermischung aufstellt; die Blätter und Köpfe der Blumen
so artig wendet, als je ein Frauenzimmer ein Bouquet an ihrem Busen, oder ihrem
Kopfe, mit Grazie und Leichtigkeit anbringen könnte!
    Bei diesen Statuen und Vasen war ich glücklich. Sie wissen, dass ich
Winkelmanns Geschichte der Kunst mit so viel Eifer gelesen habe, und immer den
Wunsch hatte, einige der grossen Meisterstücke der Bildhauerei zu sehen. Ott
hatte bei verschiedenen Anlässen diesen herrschenden Geschmack bei mir bemerkt.
Er wusste auch, dass sein Freund Kahn vorzüglich die Annehmlichkeiten der Formen
liebte. Wir waren des Rachmittags zum Evffeetrinken in dem Garten, wo in einem
schönen runden Tempel die Statue der mediceischen Venus steht, und in der Nähe
dieses Tempels verschiedene Urnen nahe an Grasbänken ausgeteilt sind. Ott
erblickte eine davon die ihn an diejenige erinnerte, auf welche Julie, auf der
Hochzeit ihrer Schwester, die rührende Aufschrift gemacht, und sein Herz erobert
hatte. Diese Erinnerung kam so lebhaft in sein Herz zurück, dass er mit grosser
Zärtlichkeit seine Julie rief, an die Urne führte, um diese einen Arm, und den
andern um seine Frau schlang: »Julie! Sieh, dieser Aschentrug gleicht dem, bei
welchem ich Deine schöne Seele ganz kennen lernte!« - Hier drückte er Julien an
sein Herz und küsste die Tränen von ihrem Auge, welche die Freude über ihres
Orten Liebe aus ihrem Herzen gebracht hatte. Wie glücklich sah sie ihn an! »Mit
so viel Güte denkst Du daran, mein Ott! Weisst Du aber auch, dass Du mir, bei der
nemlichen Urne, ewige Liebe versprachst?« - »Ja, mein Kind! Dir, und der Tugend!
Ich werde sie mit gleicher Treue halten.« -
    Kahn, seine Frau und ich, sassen auf der Rasenbank, nah dabei; sie horchten
mit mir mit Rührung zu. »Mein Ott ist also auch glücklich!« sagte Kahn, und
küsste die Hand seiner Lioba. »Ganz gewiss,« fiel ich ein; aber ich muss Ihnen,
fuhr ich fort, »den Ursprung dieser zärtlichen Unterredung erzählen!« Und, da
Ott und Julie mit einander in der Allee auf mein Winken fortgingen, machte ich
Herrn Kahn und seiner Frau die Beschreibung der Historie bei der Urne. Beide
wurden dabei bewegt und segneten nochmals das Bündnis ihrer Freunde. Kahn wollte
gleich zu der Urne, um sie besonders zu merken. Seine Frau machte ihm Platz, er
betastete mit äusserster Achtsamkeit jeden ihrer Teile; endlich stützte er sich
auf sie, und einige Auganblicke hernach fielen ein paar Zähren auf sie herunter.
Lioba verliess mich, mischte diese Tränen von seinen Wangen: »Kahn! mein Lieber,
was ist dieses?« »Ach Lioba! der Gedanke, dass ich nichts von dem lesen kann, was
dein edles Herz irgend geschrieben hätte.« - »Ach, Duweisst, dass ich seit dem
Tode meiner Eltern niemand schreibe! und das Beste, so meine Seele denkt, ist,
für Dich und mit Dir zu reden.« Er lächelte hier, und sagte ziemlich munter:
»Ich hab eine Idee! Diese Urne soll einen eigenen Platz in unsern Garten haben.
Ottens, Juliens, Dein und mein Name sollen darein gegraben werden, und auch
Grasbänke dazu kommen, wohin wir uns in Erinnerung ihres Besuchs und ihrer
Freundschaft setzen wollen.«
    Ott und Julie waren leise über den Grasboden zurückgekommen und hörten
dieses, sagten auch zugleich, das freue sie sehr! aber mein Name müsse auch
dazu. Nun folgte ein Gespräch über das verschiedene Verdienst des Mahlers und
Bildhauers. Ott neckte mich ganz fein und widersprach mir, bis ich am Ende, mit
allem Feuer und Stärke meiner Empfindung, auf seine behaupteten Reize der
Täuschung des Mahlers sagte: »Freilich ist es Täuschung! denn wenn die
Aehnlichkeit der Abbildung meines Freundes mich so an ihn erinnert, dass jede
Gesinnung meiner Seele für ihn so lebhaft wird, dass ich aufstehe und ihn umarmen
will: so treffen meine ausgestreckten Hände auf ein Stück senkrechtes glattes
Leinen, glitschen davon ab, und mein ihm entgegen gewalltes Herz, anstatt sich
an seinen Busen zu schwingen, verschliesst sich traurig in meine Brust zurück;
alle Tränen der Liebe und Freundschaft fliessen davon ab, zur Erde; anstatt, dass
die Bildsäule meines Geliebten, ja selbst die Urne, welche seine Asche fasst, mir
die Seeligkeit gewährt, meine Arme darum zu schliessen, meinem Kopf an seinen
Hals zu legen, mein Herz an seine Brust zu drücken, und in einer Falte des
Gewands, einer Muskel seines Gesichts, oder auch auf einem Cypressenblatte des
Aschenkrugs, eine aus meinem Herzen gequollene Zähre ruhn, und sich mit
vereinigen zu sehen! Sagen Sie Ott, sagen Sie! gibt es nicht Tage, wo dieses
Genuss der Seligkeit wäre? wogegen Sie alle Titiane und Raphaele geben würden?« -
Ott lächelte nur; aber Kahn war aufgestanden, und reichte mit der Hand gegen den
Platz, wo ich sass, und sagte gerührt: »Edle! eifrige Rednerinn des Gefühls der
Seele, geben Sie mir ihre Hand zu küssen, ich bitte Sie!« - Ich ging zu ihm, gab
ihm meine Hand und drückte sanft die seinige. Etlichemal küsste er meine Hand,
bog sie gegen sein Herz, erhob einen Moment seine Augäpfel gen Himmel, wo er
selbst einer seufzenden Statue glich; denn sie sind weiss überzogen. Dann setzte
er sich, fasste den Arm seiner Lioba, und sprach zu Ott: »Meine neue Freundinn
hat mich mehr getröstet, als Du, mein sonst so treuer Ott! Denn sag', was hätt
ich auf Erden was wäre das Leben für mich, wenn ich nicht meiner Lioba Arm
umfassen, und an ihrer Brust mich lehnen könnte? Aller Reiz des Lichts und der
Farben ist für mich hin! Meine Kinder! Ach, wenn ich diese nicht auf meinem
Schoss, an mein Vaterherz drücken könnte! Dich selbst, mein Ott, es wäre mir
nicht genug, nur den Laut Deiner Stimme zu hören, um Dich zu unterscheiden.« -
»Also,« sagte Ott, indem er seinen Kahn mit der herzlichsten Liebe des
männlichen Freundes umfasste, »also ist der Bildhauer der Künstler für unser
Herz, und der Mahler für den Verstand! Und ich habe dem Manne und dem
Frauenzimmer, die ich beide gleich hochschätze, durch meine Widersprüche das
Vergnügen gegeben, sich nach ihrem Herzen kennen zu lernen.«
 
                               Funfzigster Brief
Zwei Familien, deren Landgüter etliche Stunden weit von hier entfernt sind,
haben sich wieder in die Stadt begeben, und dadurch bin ich mit vier Personen
bekannt worden, die mir sehr schätzbar sind. - Ein würdiger Mann von funfzig
Jahren, der in einem grossen, dem Fürsten gehörigen Dorfe, vier Bauerhöfe
besitzt. In der Nähe dabei ist ein grosser Wald; Eisenbergwerke und ein Bad, zu
seiner abwechselnden Belustigung. Aber das ganze Maass seines Gefühls und aller
seiner Achtsamkeit ist für das Rutzhare und Schöne der physikalischen Welt.
Stadtleute, ihrer Beschäftigungen und Vergnügen, sind ihm gleichgültig, wohl gar
widrig, wenn sie sich zu nah an ihm drängen. Ich gewann seine volle
Freundschaft, als ich mit vieler Aufmerksamkeit der Erzählung seiner ländlichen
Freuden und Arbeiten zuhörte. Ein Bauer ist ihm das schätzbarste Geschöpf auf
der Erde. Und dieser Entusiasmus ist eine Quelle von Glückseligkeit für die
umliegenden Landleute geworden. Er macht sie nicht gelehrt; er führt sie nicht
über die Gränzen ihrer Bestimmung, um ihnen fremd Land zu weisen, wo sie mehr,
als Zufriedenheit und Notdurft haben könnten: nein, er redet ihre einfache
bedeutende Sprache; zeigt ihnen die Achtung, die er für ihre arbeitsame Hand in
seinem Herzen hat; und übt auf seinem Landgute jede dieser Handarbeiten selbst.
Er hat sich die Kenntnis des Erdreichs, der Pflanzen, Bäume und Erze eigen
gemacht, und kann daher den Bauern des Kornlandes zu mehrerer Benutzung ihrer
Acker und Wiesenstücke helfen; und den Weingärtnern zu besserer Besorgung des
Rebstocks und der Obstbäume. Er hat es aber mit der äussersten
Menschenfreundlichkeit anzufangen, und sie nicht mit der Miene des Besserwissens
und Tadelns zurück gescheucht, sondern gesagt, es wäre ihm erzählt worden, dass
in dieser Gegend diese Versuche sehr gut geraten wären und so viel Nutzen
daraus gekommen sei. Er machte die Proben zuerst, legte sich meist auf Abkürzung
und Erleichterung der Arbeit, ob er sie schon unter der Hand in vielfache Aeste
verbreitete. Er selbst streute im Spatziergehen Heu- und Kleesamen auch
vernachlässigte Plätze der Gemeinde- oder Bauernwiesen; befreite die Obstbäume
von Moos; pfropfte gute Zweige darauf, zog dann vielerlei Dünger, nahm den neu
erfundenen auf welchen die Landleute kein Vertrauen hatten, für sein Feld und
Gärten: und schenkte indessen den armen Bauern den Überfluss des bekannten;
sorgte für die Kranken, für die Schulkinder, und liess diesen von Jugend auf den
höchsten Grad der Liebe gegen ihren Schöpfer und der Reinlichkeit einflössen.
Umliegende Beamte suchte er zu seinen Freunden, um sie zu wohlwollenden
Vorstehern der ihnen anvertrauten Untertanen zu machen. Sein Anblick ist für
den ganzen Umkreis seines Gutes eine Wohltat, und er war es auch für mich! Von
dem Augenblicke an, da ich seine Geschäftigkeit im Wohltun kannte, und die
Anzahl der Leute seines Standes berechnete, wovon immer hundert in den Städten
wohnen, gegen einen auf dem Lande: so fand ich gar nicht übel, dass Einer eben so
viel mit Leib und Seele dem Landleben ergeben ist, wie die neun und neunzig
andern dem Gewühle der Stadt! Was soll auch ein, so ganz vom Wohlwollen
überfliessendes Herz für einen Wohnplatz suchen, als den, wo die meisten Wesen
mit ihm sympatisieren? jedes Grashälmchen, jede Aehre, und Pflanze, jeder
Obstbaum und Weinstock, führt Wohltätigkeit in den kleinsten Saftteilchen bei
sich; Luft und Wasser haben es auch, weil sie reiner sind als in den Städten, so
dass, wenn das Auge des wohlwollenden Menschen über die Fluren hinschaut, seine
Seele in dem nemlichen Augenblick das innige Vergnügen fühlt, lauter guttätige
Geschöpfe zu erblicken. Reine, vollkommene Freuden, die er in der Stadt nicht
gefunden hätte, weil da das Glück und die Bedürfnisse nicht mehr einfach sind,
und also auch durch verschiedene Wege erlangt werden müssen, und meistens
diejenigen, welche voraus gehen, oder die andern durch geschickte Nebengänge
übervorteilen, unmöglich als wohlmeinend angesehen, oder geliebt werden können!
Herr B** kommt auch sonst allezeit erst im halben November in die Stadt, und
eilt am Ende des Februar wieder zurück, um den Anfang des Frühlings nicht zu
verlieren; weil, wie er sagt, auf dem Lande jeder Busch und jede Staude ein
fröhliches Aussehen über die wiederkommende Kraft der Sonne hätte, Menschen und
Tiere dankbar neues Leben und Wonne fühlten; und ihm die kaltsinnigen Gesichter
der Städter, womit sie dem verjüngten Jahr entgegen sähen, unerträglich wären,
weil sie die Freuden, welche diese schöne Jahrszeit verspreche, nicht als
Wohltat, sondern gleichsam als schuldige Abgabe der Natur annehmen. Seine Frau
gehört in die Classe derer von dem Charakter der Madame G**. Eine Probe davon
mag die artige Wendung geben, die sie letzt, bei einer Unterredung von Spiegeln,
einem Gedanken gab, da wir jungen Frauenzimmer uns die Beschreibung von einer
Glas- und Spiegelhütte, und deren Verfertigung von dem Herrn B** ausgegeben
hatten. Sie scherzte über unser andächtiges Zuhören, und sagte, sie wäre sicher,
dass wir den ersten Spiegelschleifer in unsern Herzen segneten, weil der liebe
Mann der Stifter aller der süssen Stunden sei, die wir unsern artigen Gesichtern
widmeten! Sie aber sie hätte ohnlängst die Entdeckung des moralischen
Verdienstes ihres Spiegels gemacht, dem sie in unsern Jahren auch jede
äusserliche Verzierung zu danken gehabt; von dem sie aber nun alle Tage die
freundliche Erinnerung erhielte, dass jetzo Weisheit und Reinlichkeit allein den
gesellschaftlichen Wert ihrer Person bezeichneten, ja, dass er ihr letzt, bei
aufkeimenden zu, zärtlichen Gesinnungen für einen liebenswürdigen Mann, ganz
derbe gesagt hätte: Liebe und Grazien wohnten sehr gerne in schön geworfenen
Falten eines Kleids, oder Halstuchs, aber nimmermehr in den anfangenden Runzeln
eines verjährten Gesichts, Sie hätte auch, seit demselben Augenblicke ganz
bescheiden die Verzicht auf alle Ansprüche des Gefallens unterschrieben.
    Der muntre, und dabei sanfte Ton, mit dem sie dieses sagte, hatte uns
gefreut. Julie U**, die eine nahe Verwandtinn von ihr ist, küsste ihre Hand und
sagte: »Sie werden jetzund aber durch die Verehrung schadlos gehalten, die beide
Geschlechter für Ihren Charakter haben!«
    »Ja, meine Julie! dies ist ein grosser Ersatz, wenn unser Herz uns des
Zeugnis gibt, dass wir Verehrung verdienen, weil es das Höchste ist, was ein
Mensch dem andern geben kann; denn, ich glaube, wir gebrauchen diesmal den
Ausdruck nicht, wie er in Ansehung der Grossen und Mächtigen aussieht, sondern,
wenn ich jemand von meinem Stande Verehrung beweise: so muss sie durch das
vorzügliche Verdienst des Geistes und der Tugend erworben sein. Und dann, liebe,
artige Märchens! ist es gewiss der schönste Augenblick des Lebens, diese
Gesinnung in der Seele meines Nebenmenschen erweckt zu haben. Ich wünsche.«
setzte sie mit einer Verbeugung gegen uns alle hinzu, »dass in neunzehn Jahren
ein eben so gefühlvolles Mädchen, wie unsere Julie ist, Sie meine jetztblühende
Freundinnen, der Verehrung ihrer Zeitgenossen versichern möge!« -
    Mich deucht, diese Frau hat die Gabe, ihren Umgang liebreich und angenehm
für junges Frauenzimmer zu machen. Ihre siebenzehn Jahr alte Tochter war mit bei
uns, Diese hat auch einige bedeutende Züge in ihrem Tun und Wesen. Zum Beweis,
sie spielt Clavier; hat aber ihren ganzen Fleiss allein auf den vollkommensten
Ausdruck und Nettigkeit des Andante verwendet, worin sie auch bis zur
zauberischen Rührung gekommen ist, indem sie jetzt schon entweder die süsseste
Schwermut, oder die sanfteste Seelenruh in ihre Zuhörer bringt, und die
ausserordentliche Fertigkeit ihrer Finger nur in einem Laufe zeigt, den sie am
Ende eines Adagio anschliesst, eh sie es das zweitemal wiederholt. Denn, nachdem
hört sie nur durch eine Art von Seufzer auf, und lässt einem das ganze Gefühl, so
sie gab. Sie hatte bisher auf dem Landgut ihrer Eltern die Obsorge für die
Blumen und wohlriechenden Kräuter; die Tauben- und Hünerzucht stund auch unter
ihr, und das Confect. Nun aber bekommt sie auch künftiges Jahr den Gemüsgarten,
Kenntnis der Obstbäume, Küchenaufsicht, nebst der Spinn- und Weberei, mit der
ganzen Weisszeugkammer zu führen. Kann sich hingegen von ihren Eltern
verschiedene Geschenke ausbitten. Die Geschichte hat sie mit ihrem ältern Bruder
gelesen, und der Caplan des Orts lehrt sie der Frau Unzerinn Weltweisheit für
Frauenzimmer, und Moral, nebst der Englischen Sprache. Den Winter über bekommt
sie in der Stadt Unterricht im Zeichnen, Tanzen und Frauenzimmerputzarbeiten;
und hier nimmt auch ihre Mutter den Vorrat von schönen Büchern mit, die dann
bei den Frühstücken und an Regentagen gelesen werden. Wilhelmine B** wird, ohne
besondre Schönheit, eine der reizendsten Personen unsers Geschlechts. - Aber,
sie bittet das Schicksal auch um einen Landmann. Denn das erste Gefühl von
Freude und Schönheit der Natur ist ihrer Seile in einem in voller Blüte
stehenden Baumgarten gegeben worden, worinn ein zahmgezogenes Huhn und ein
Schäfchen, auf dem nehmlichen Teller, Brod und Milch mit ihr assen. Der Ort, wo
von ihr gepflanzte Rosen und blaue Holderstücke aufwachten wo sie, an der Seite
ihrer Mutter, kranke Frauen und Kinder besucht und erquickt hat, wo sie ihre
Eltern segnen hört, muss der gewünschte Wohnsitz ihrer Glückseligkeit sein. -
Einmal, meine Mariane! einmal möchte ich diese Familie mit Ihnen und dem Freunde
meines Herzens auf einige Tage besuchen! Aber, die besten, die edelsten, oft
leichtesten Wünsche, werden am wenigsten befriediget. Wissen Sie es, warum
nicht?
 
                           Ein und funfzigster Brief
Ich habe die letzten Tage allein mit meinem Kopfe zugebracht, und seitdem noch
eine sonderbare Bekanntschaft gemacht. Unser Ott erzählte, dass die fremde Frau,
die in den Vorstadt wohnt, sich eines von den zwei neuen Häusern an der Mauer
gekauft hätte, von dem sie den untern Stock zu einer Schule der Vorstadt
einrichte, wozu sie sich von dem Magistrat die Erlaubnis ausgebeten. Bei allen
armen da wohnenden Handwertsleuten habe sie Arbeit bestellt, und bei den
geschicktesten davon arme Lehrjungen aufgedingt, wofür sie ein gutes Lehrgeld
bezahle, um auf diese Art den Leuten wieder aufzuhelfen, und ihre Kinder aus dem
jetzigen Elend zu reissen und vor dem künftigen Verderben zu bewahren. Von dem
Magistrat habe sie sich ausgebeten, dass in zwei Jahren Niemand weiter in die
Vorstadt ziehen dürfe. Ihren Stand und Herkommen wisse man nicht; aber
Amsterdamer Kaufleute hätten ihr an die besten hiesigen Häuser offene Wechsel
gegeben. - -
    Urteilen Sie nach der Kenntnis meines Charakters, was diese Erzählung auf
mich würkte, und wie begierig ich wurde diese Frau auch nur von ferne zu sehen.
Glücklicher Weise hatte ich meinem Schuhmacher, der in der Vorstadt wohnt, schon
lange versprochen, sein Kind aus der Taufe zu heben. Dies geschah vor einigen
Tagen. Ich ging daher in sein Haus, wo ich die Wöchnerinn, die vier ältern
Kinder und das nötige Hausgerät in der grössten Ordnung und Reinlichkeit
antraf. Dieser Anblick freute mich so, wie er mich in Erstaunen setzte. Der Mann
merkte es und sagte: »Sie wundern sich, dass alles so schön und gut ist, weil sie
mich immer als einen armen Mann gesehen haben. Aber die fremde Frau hat schon
etliche Haushaltungen so eingerichtet. Sie ist selbst herumgegangen, hat alles
durchsucht; was zerbrochen war, liess sie durch unsere arme Handwerksleute
ausbessern, was am nötigen Hausgerät mangelte, kaufte sie uns, kleidete die
Kinder, liess alles sauber putzen und waschen, hernach gab sie mir und meiner
Frau die Hand, und wünschte, dass wir glücklich leben möchten. Alle Leisten,
Leder und was mir fehlte, hat sie mir auch geschafft. Gort verhelt ihrs!«
    Die Frau im Bette weinte Tränen der Freude, während ihr Mann erzählte und
fing an, halb schluchzend zu sagen: »Ja, das ist alles wahr. Mir hat sie Leinen
und Betten gegeben, auch Flachs und Hanf zum Spinnen. O, wenn ich leben bleibe,
so kann ich jetzt als eine recht brave Bürgerfrau stehen, und auch meine Mädgen
dazu ziehen. Sie wollte meine Gevatterinn werden, aber ich sagte, dass wir schon
eine so gute fremde Jungfer dazu hätten. Da sagte sie: Die behaltet Ihr; ich
kann Euch sonst Guts tun. Sie liess die Hebamme kommen, und gab ihr Geld, und
redete ihr zu, recht wohl für uns arme Weiber zu sorgen. Sie war heut schon bei
mir, und freute sich, dass ich so gesund bin.«
    Ich sass da gerührt, verwundert. Was für einen Wert gibt diese Frau dem
Gelde, dachte ich, und wurde immer begieriger, sie selbst zu sehen. Als ich von
der Taufe zurück kam, war sie im Hause, um zu verhindern, dass die Wöchnerinn
durch die hässliche Gewohnheit des Kindtaufschmauses nicht Gefahr. liefe, krank
zu werden, und versprach den sechs Weibern, die mit zur Kirche gegangen waren,
ihnen am Ende des Wochenbetts einen recht vergnügten Tag zu machen. Diese gingen
also fort, und ich kam mit der Hebamme und dem Manne allein in die Stube, wo ich
die Fremde sitzen sah. Ich hatte an der Tür mein Patgen auf den Arm genommen,
und übergab es seiner Mutter, mit der Bitte, es wohl zu erziehen, und der
Versicherung, dass ich meine Pflichten gegen dasselbe getreu erfüllen würde.
»Denn,« sagte ich bewegt gegen die Fremde, »für dieses Kind müssen Sie mich auch
was tun lassen!« - »Sehr gern,« antwortete sie; »denn ich kenne das Vergnügen
des Wohltuns zu sehr, um Jemand dessen zu berauben.« - Hiebei sah sie etwas
nachforschend mich an. Ich schlug stillschweigend meine Augen nieder. Einige
Momente darauf fing sie auf Französisch, aber mit einer gedämpften Stimme an zu
sagen: »Sie sind auch fremd hier?« - »Ja! aber nun beinah nicht mehr, weil ich
so viele Bekanntschaften gemacht habe.« - »Sind auch Freundschaften darunter?« -
»Nur zwei, welche diesen ehrwürdigen Namen verdienen.« - »Das ist mir leid,«
sprach sie, indem sie mich einen Augenblick fest ansah, dann den Kopf etwas
niedersenkte, und zugleich eine Miene, und mit der rechten Hand eine Bewegung
machte, die den Ausdruck anzeigte: Es mag sein; dann vor sich hin, im
Englischen: »Dieses kleine Wölkchen mag sich mit den übrigen vereinigen, die
meine Tage verfinstert haben.« Ich fasste Herz, sie etwas fragend anzusehen.
Sobald sie es bemerkte, sagte sie: »Stossen sie sich nicht an meinem Wesen. Ich
habe bei Ihrem Anblick einen Zug zu gesellschaftlicher Verbindung gefühlt. Die
Idee, dass Sie fremd sind, stärkte meine Hoffnung, aber Ihre Verhältnisse nehmen
mir diesen Schimmer von Freude wieder. Ich will Sie nicht von bekannten Gütern
abziehen, um Ihnen Geschmack an etwas Sonderbarem zu geben, und die Bedürfnisse
meines Herzens sind zu gross, um durch einen kleinen Teil vergnügt zu werden;
und dann will ich auch Ihren ältern Freunden nichts nehmen.« - Ich fiel hier
ein: »Glauben Sie aber nicht, dass dies, was Sie mir sagen, meiner Seele Ihre
nähere Bekanntschaft nötig macht?« - »O! so vergeben Sie mir meine
Unvorsichtigkeit,« sagte sie mit einer ganz edlen Bewegung gegen mich. »Gott!
diesen Leuten hier suche ich körperliche Uebel zu erleichtern, und Ihnen,
fühlbares Geschöpf, gäbe ich Leiden der Seele!« - »Es freut mich unendlich, dass
Ihr grossmütiges Herz dies empfindet, und ich hoffe, dass Sie mir erlauben
werden, Sie näher kennen zu lernen!« - »Dringen Sie nicht zu sehr in mich, ich
bitte Sie; wenn ich Ihren Umgang in meinen Plan einschalten kann, so will ichs
tun.« Ich machte ihr eine dankbare Verbeugung; sie sah nach ihrer Uhr, und ging
kurz darauf weg.
    Sie ist gross, wohlgewachsen, richtig, aber nicht fein gebildet, und hat im
Ganzen keine Züge von Schönheit: aber sie ist mit einem Ausdruck von Anstand,
Güte und Bescheidenheit übergossen, welches, wie ich sagen möchte, eine Art
Firnis ausmacht, durch den ihre ganze Gestalt einen edlen Schimmer erhält. In
ihrem schönen Aug' ist viel Geist, Empfindung und der kleine Zug von Schwermut,
so in ihrer Miene herrscht, machen den Wunsch nach ihrer Freundschaft entstehen,
weil alles zusammen Vertrauen und Achtung einflösst. Ihre Kleidung war brauner
Grosdetour, mit nemlichen Zeuge garnirt. Die breiten Bänder der Armschleifen
waren auch von dieser Farbe. Haube, Manschetten und Halstuch von weissen Flor;
Ohrringe von einem einzigen Diamant; ihre Schube auch braun, wie der Rock, aber
auf englische Art, mit niedrigen Absätzen und sehr passend, so wie sie in allem
äusserst nett und reinlich ist, und eines der ersten Stücke, so sie in ihrem
Hause zurecht machen liess, ein Badzimmerchen ist, dessen sie sich fast alle Tage
bedient. Sie hat einen Bedienten und dessen artige Frau mitgebracht, hier aber
noch zwei Mägde angenommen, die sich sehr glücklich bei ihr finden. Uebrigens
isst sie sehr wenige und einfache Speisen.
    Sprachen versteht sie, allem Anschein nach, sehr gut; denn bei dem
Buchführer hat sie alle historische und physische Bücher, auch
Reisebeschreibungen begehrt, die Englisch, Deutsch, Französisch und Italienisch
herausgekommen sind; und auf dem Postamt alle Zeitungen und Journale, die in
diesen Sprachen ausgehen, bestellt. Die beiden Mahler in der Stadt hat sie schon
etlichemal bei sich gehabt, und ihnen ihre grosse Sammlung von Kupfern gewiesen,
welche das einzige sein soll, was sie mitbrachte; denn alles weisse Zeug, Maublen
und Kleider schaffte sie sich hier an. Aber in die Stadt hat sie noch keinen Fuss
gesetzt. Nur einsame Spatzierfahrten machte sie in ihrem artigen Englischen
Wagen, stieg an dem Wäldchen mit ihrer Kammerfrau aus, und ging allein, von ihr
entfernt, spazieren. Das Clavier soll sie ganz vortreflich spielen, und der Ton
und die Musik ihrer Stimme fasst, nach Herr Ott und G**, die sie auf der
Stadtmauer belauschten, so viele Kunst in sich, dass sie sie für eine, durch ihr
Talent bereicherte, Sängerinn halten, die durch ein Teaterunglück, oder einen
Anfall von Eigensinn, der diesen Personen oft anklebt, hieher gekommen ist, um
ihrem Andenken eine Stelle in dem Tempel des Ruhms und der Tugend zu erwerben. -
Dies sagten mir die boshaften Leute just den Abend, da ich, ganz von ihr
eingenommen, meine Unterredung mit ihr erzählte und ihr Bild beschrieb, so wie
es mir erschienen war. Es mag sein, wie es will, so freut mich ihre
Bekanntschaft, und ich werde sie fortsetzen, so weit sie es gehen lassen wird.
    Gestern und vorgestern hat es stark geregnet, und ich war heute nicht ganz
wohl. Aber Morgen Abend werde ich mit Julien. Orten, Herrn und Frau G**, selbst
auf die Mauern klettern, um sie singen zu hören. Adieu! von
                                     Ihrer
                                                                        Rosalia.
 
                           Zwei und funfzigster Brief
Wem soll ich danken? Ihrem Herzen, Ihrem Genius, oder beiden zugleich, die mich
die Freude geniessen lassen, jede meiner Ideen und Empfindungen vor Sie dringen
zu können, wie man sich vor einen Spiegel stellt, um durch ihn das schickliche
und unschickliche der Kleidung und Gebehrden, Fehler und Vollkommenheiten der
Gestalt zu erblicken, welcher auch unermüdet, über den bei grossen und kleinen
Anlässen vervielfältigten Gebrauch, immer mit gleicher Redlichkeit das Güte und
Tadelhafte beleuchtet. So lässt mich auch, Mariane, Ihr reiner, von allen
Vorurteilen freier und lichtvoller Geist, jedes Bild meines Verstands nach
seinem eigenen Wesen, aber auf allen Seiten beleuchtet, wiedersehen. - Die Güte,
Sanftmut und Wahrheit Ihrer Seele zeigt mir, was richtig, falsch, gut oder bös
ist; und so, meine Mariane, sind Sie für mein Herz und meinen Kopf Belohnung und
Warnung geworden. Dafür danke ich Ihnen auch mehr, als ich sagen kann.
    Nun! Ich habe die fremde Frau singen hören. Alles, alles müsste mich
betrügen, wenn nicht eine edle, tiefe Leidenschaft in ihrer Seele liegt. Solche
Tone gibt die Kunst allein nicht. Ihr Recitativ ist die Rede einer wahren
gefühlvollen Seele, die das Übermass ihrer Empfindungen in einem einsamen
Selbstgespräch ausströmen lässt. Ihre Arien sind Trost, den sie sich zuspricht,
Aussichten in bessere Zeiten, die sie sich zeigt, und dankbare Wiederholung des
genossenen Glücks. Den ganzen Tag giesst sie Freude und Wohlsein über alles, was
sie umgibt, und des Nachts, wenn diese Glücklichen ruhn, sucht sie durch den
Zauber der Musik den innern Jammer ihrer Seele zu lindern um auch schlummern zu
können, und zu neuen wohltätigen Werken Kräfte zu fassen. Dieses war, was ich
Mädchen in jeder Faser meines Herzens fühlte, als ich auf die oberste Stufe der
Stadtmauerstiege mich setzte, und stille süsse Tränen des Mitfühlens weinte. -
Die rasche Frau G** lobte sie, behauptete aber mit den Männern, dass es gewiss
eine Teaterheldinn wäre. Ott hatte nichts gesprochen, aber die andern so oft
stillschweigen heissen, dass seine Julie, die alles Einnehmende ihres Spiels und
Gesangs empfand, ihrem Mann beim Zurückgehen mit Schluchzen sagte: »Lieber Ott!
versprich mir, dieser Sirene nicht öfter zuzuhören.« - Er umarmte sie,
stillschweigend; und da er auch niemals mehr von ihr sprach, so glaube ich,
Juliens Vermutung einer aufkeimenden Anhänglichkeit wag richtig gewesen sein. -
    Ich besuchte Tags darauf meine Wöchnerinn, in Hoffnung, die Fremde zu sehn.
Aber sie hatte den ganzen Tag in einem Hause zugebracht, worinn zwei kranke
Kinder waren, denen sie Tod und Leiden, durch Erzählung von Engeln und
himmlischen Gespielen, zu versüssen suchte, und mit grösster Zärtlichkeit jede
Erleichterung und Erquickung gab. Der Knabe von zwölf Jahren, dem sie von der
Beschäftigung der, Engel redte, und ihm die Aussicht zeigte, dass er vielleicht
zum Schutzgeist seines jüngern Bruders bestimmt würde, hörte ihn lächelnd zu,
hob seine matten Hände gen Himmel und sagte: »O Gott, ich glaube, es, denn diese
Frau ist gewiss ein Engel, den du in unsere arme Vorstadt schicktest.« - Sie
stund von ihrem Stuhl auf, fasste seine gefalteten Händen in die ihrigen, küsste
die Stirne des Kranken: »Erler, seliger Knabe, wie gern glaubtest Du Gutes! Du
wirst bald Engel sehen, mein Lieber, und bei ihnen alle Dein Leiden vergessen.«
- Freude glänzte noch in dem sterbenden Auge des Jungen und seine Eltern fassten
Trost darüber. Das jüngere Kind starb eher, und das laute Wehklagen der Mutter
machte den kranken Knaben unruhig, und beförderte auch seinen Tod. Da ging
Madame Guden, (so nennt sie sich,) weg. Sie kann nicht bei Todten sein, und
sagt: »Für Herz und Seele will ich alles tun, aber die kalte Unempfindlichkeit
gibt mir selbst den Todesschauer zu fühlen.« - Sie bezahlte alle Leichentosten,
und besuchte die Leute nach dem Begräbnis fleissig. Der Vater des Verstorbenen
ist ein armer Knopfmacher, der noch drei Kinder hat. Sie erkundigte sich nach
den zwei Schülern, die den Kranken besucht hatten, und sehr traurig über seinen
Verlust waren; liess sie zu sich kommen, und fragte den einen, ob er nicht bei
dem Vater seines verstorbenen Freundes die Knopfmacherarbeit lernen wolle? Da
der Junge es versicherte, so versprach sie ihm, das Kost- und Lehrgeld für ihn
zu zahlen. Hier wurde er aber traurig sah den andern, der unruhig hin und her
ging, an, und sagte: »Aber Madame -« stockte dann wieder, und sein Camerad nahm
ihn bei der Hand. Madame Guden fing freundlich zu dem ersten an: »Er hat mir was
sagen wollen von seinem Freunde. Was ist es? Kann ich ihm was Liebes tun?« -
»Ach, Madame, das wäre recht schön!« - »Nun so sagt mirs, ich tu es gewiss auch
Eurem verstorbenen Freunde zu Liebe« - Hier weinten beide Knaben und sagten ihr,
sie hätten beide Lust zu dem Handwerk, und die Mutter des einen könne nichts als
das halbe Lehrgeld bezahlen. - »Das hat unser Freund, der gute todte Heinrich
gewusst,« fiel der eine ein, »und wollte uns heimlich alles lehren, was sein
Vater ihm zeigte; denn er war schon aufgenommen, und wenn wir alles so gelernt
hätten, bis zum Gesellen: da härt ich meine Mutter gebeten, das Lossprechgeld
für mich und meinen Cameraden da zu zahlen, und dann wären wir alle drei mit
einander in die Fremde gegangen und hätten unser Glück gesacht. Aber jetzt ist
alles aus, weil Heinrich todt ist.« - Frau Guden wurde bewegt: »Nein, meine
Lieben, es ist nicht alles aus. Wenn Ihr wollt, so zahl ich für Euch beide.
Versprecht mir nur, dass ihr rechtschaffen werden wollt, wie Euer Heinrich es
war, und dass Ihr immer auch Armen gerne Gutes tun wollt. Sagt mir nun, mit was
ich Euch Freude machen kann?« - Beide sagten zugleich: »Ja, gute Madame! wir
wollen alles tun, was Sie sagt; aber wenn wir krank werden und sterben, so muss
Sie auch zu uns kommen.« - Sie versprach es ihnen bei der Hand, und hat nun
würklich das Lehr- und Lossprechgeld für beide bei der Obrigkeit niedergelegt,
sie gekleidet, zahlt ihr Kostgeld; und lässt sie daneben schreiben und rechnen
lernen. Die Mutter des einen Knaben liess sie auch kommen, und lobte die gute
Frau über die Gesinnungen, so sie ihrem Knaben gegeben. Diese war froh über
ihres Sohns Glück und sagte, nun könne sie ihrer Tochter helfen, der sie jetzt
das Lehrgeld zur Aussteuer geben wolle. Frau Guden verdoppelte es, und wollte
auch der Mutter was zur Unterhaltung geben; aber die Frau nahms nicht an; weil
sie Haushälterinn bei einem ältlichen Herrn sei, der ihr nach seinem Tode so
viel lassen würde, dass sie leben könne; und da ihre beiden Kinder versorgt
wären, brauche sie nichts mehr; Madame solle das andern Armen geben. - Sie
wandte sich dann gegen die zwei Jungen und empfahl ihnen, wenn sie einmal
Meister wären, solle ein jeder einen armen Jungen Gott zu Ehren umsonst lehren.
Die guten Jungen versprachen es treuherzig. Madame Guden nahm die Tochter der
Frau bei der Hand, mit dem Wunsche, dass sie ihrer so rechtschaffenen Mutter
gleich werden möchte, so wie die zwei Freunde des seligen Heinrichs seinem
Beispiel gefolgt wären und dadurch gewiss ganz glücklich sein würden. -
    »Sehen Sie,« sagte ich in unserer Gesellschaft, »wie diese Frau Gutes
erweckt und Gutes tut!« - Da wurde von jemand gesagt: »Ja, ja! das sind die
schönen Haare der büssenden Magdalena, womit sie unsern Herrn die Füsse
abtrocknete.« - Dieses Stück Witz, meine Mariane, womit auf den vermuteten
Sängerstand der Dame gezielt war, verdrängte jede Bewegung des Lobs, der Achtung
und Nacheifrung, so sie verdient. Ganz rauh und roh setzte noch jemand hinzu:
»Wer weis, wie viele Streiche sie anderswo hat ausgehen lassen, eh sie hier
unsere Arme zu kleiden anfing.« - Lauter Beifall wurde diesem Gedanken
zugelacht; ich aber konnte mich nicht entalten, Julien zuzuflüstern, dass ich
mich sehr glücklich achtete, einen so festen Glauben an reine und edle
Beweggründe der ausübenden Menschenliebe zu haben, weil mein Herz mich von
dieser Wahrheit überzeugte; und dass, wenn ich so reich und unabhängig wäre, als
diese Frau, ich jede gute Idee zu Handlungen machen würde, was man auch immer
für Auslegungen darüber finden möchte. -
    Ihre Gedanken, Mariane! die Ihrigen allein will ich über mich und über diese
Frau anhören und befolgen.
 
                           Drei und funfzigster Brief
Noch zweimal war ich umsonst in der Vorstadt; aber Madame Guden schrieb mir
heute ein Billet: »Sie suchen mich so anhaltend, dass es undankbar wäre, wenn ich
Ihnen nicht entgegenginge. Aber ich werde Ihre Glückseligkeit nicht vermehren,
und Sie meinen Kummer nicht mindern. Kommen Sie Morgen zu unsrer Wöchnerinn,
aber allein; denn ich will keine feine Leute sehen. - Guden.«
    Das Stutzige dieses Tons hätte mich bald zurück gehalten, aber das
Sonderbare lockte mich wieder. Ich ging also hin, ungeachtet es stark regnete,
wie es Septembertage machen. Ich fand sie am Rocken sitzen, und die Wöchnerinn
neben ihr, um auf das Spinnen, so sie von ihr lernte, Achtung zu geben. Sie war
in einem grauen Leibkleide, mit einer grossen weissen Schürze, und schien etwas
blässer, als ich sie das Erstemal gefunden hatte. Sobald sie mich erblickte,
stund sie auf, und ging mir mit zärtlicher Eile entgegen. »In dieser üblen
Witterung, liebes eigensinniges Kind!« sagte sie, mit einem Blick so voll Seele,
dass sie mein Herz ganz nahm; und dies mag sie gefühlt haben, denn sie umarmte
mich, sprach aber auf Französisch: »O, wenn jede Empfindung so stark in Ihrer
Seele haftet, als Ihre Neugierde um mich, so bedaure ich Sie von Herzen!« -
»Neugierde!« erwiederte ich. »Glauben sie gewiss, dass es nichts Bessers ist, so
mich nach Ihnen zieht?« - »Sie müssen meine Worte nicht spitz fassen. Ich gehe
immer den kurzen Weg, und was ich zuerst sehe, nenne ich zuerst.« - »Vergeben
Sie, ich wollte nicht spitzig sein, sondern nur ganz geschwind eine Idee
wegräumen die mir bei ihnen schädlich sein könnte.« - Mit nachdenkender Miene
und Lächeln sagte sie; »Ich glaube es gewiss; aber wenn es sich öfter finden
sollte, dass ich auf diese Art schnell denke, und Sie geschwind empfinden: so
werden wir wie zwei Leute sein, die erst einander ruhig gegenüber sassen, sich
freundlich beredeten; eines steht auf, will sich was holen, vielleicht seinen
Stuhl näher zum Freund rücken, um das Gespräch vertraulicher zu machen. Wenn nun
der Andre, ohne einen Augenblick zu warten, was das Aufstehen bedeute, oder ohne
zu fragen, wo gehen Sie hin? gleich auch sich hastig aufhebt: so müssen sie sich
wider ihren Willen manchmal stossen. - Dies möchte ich nicht veranlassen, und
auch Sie nicht vermeiden. Was denken Sie nun, was wir tun sollten?«
    Können Sie, Mariane, sich Rosalien und all ihre Ideen vorstellen, die
während dieser kleinen Abhandlung in ihr entstunden und hin und her gingen, so
wissen Sie, dass mein erster Gedanke war: »Madame Guden! dein Reichtum macht
dich stolz und eigenmächtig,« Aber da der Ton ihrer Stimme ganz melodisch, und
der Ausdruck ihres Gesichts so voll Wahrheit war: so wandten sich auch meine
Gedanken auf eine andre Seite. Ihr Billet sagte von Kummer, und ich weiss, dass
dieser in einer starken Seele Entschlossenheit hervorbringt, die sich nicht
immer damit abgeben kann, jede Idee in fein gebogene Formen zu bringen. Zudem
hatte sie Recht; es war doch zum grössten Teil Neugierde, so mich bisher nach
ihr gezogen hatte. Ich antwortete also, ich dächte in Zukunft voll Vertrauen
sitzen zu bleiben, wenn sie aufstünde; doch hofte ich, manchmal ihren Stuhl
gegen mich ziehen zu dürfen. - »Sie werden also die schönere Rolle spielen; ich
gönne es Ihnen, und wünsche, dass Ihre Lebhaftigkeit niemals zur Unruhe werden
möge!« - Nun sagte ich: »Werde ich Sie nicht in Ihrem Hause sehen? In diesem
hier sind es nur abgebrochene Stücke.« - Sie lächelte, stund aber gleich auf und
bot mir den Arin. »Kommen Sie, ich will mit Ihnen noch einmal Freundschaft
wagen.« - Wir waren bald da. Ihre Zimmer sind mit Zitz ausgeschlagen; Bett und
Stühle gleichfalls. Bei den Büchern blieb ich stehen; und da es mir unmöglich
war, mein Staunen zu verbergen, weil ich lauter Reisen fand, und sie es
natürlich bemerken musste, so sprach sie: »Sie suchten andre Bücher; ich hab'
auch andre gelesen; aber meine jetzige Gemütsverfassung lässt mich nichts
Spielendes und nichts Denkendes vornehmen. Ich suche Glückseligkeit. Mein Herz
und Kopf sind noch nicht einig darüber. Ich bin dem erstern gefolgt, und elend
geworden. Mein Verstand will mich trösten, aber es kostet Mühe und ich mass mit
mir selbst Umwege nehmen.« - Ich nahm sie bei der Hand, und gewiss mein Herz
stimmte den Ton meiner Worte, indem ich ihre Hand gegen meine Brust bewegte.
»Mühe und Umwege zu ihrem Glück, während Sie das' so vieler andern so leicht, so
geradezu machen! Wie ist das?« - »Ach, was für Glück geb ich! Nahrung, Kleidung,
Wohnung: dies füllet den Zirkel der Wünsche des guten Volks; und o, wie heilig
sind mir diese Schranken, in welche ich gewiss von meinem Mehrwissen und mehrerm
Reichtum nichts übertragen will, als Liebe der Reinlichkeit. Alle Verfeinerung
ihrer Begriffe soll in nichts als einer gefühlvollen Liebe ihres Schöpfers
bestehen, der das Loos ihres Lebens aus weisen, wohltätigen Ursachen auf den
Weg der Arbeitsamkeit legte. Und dann will ich sie auch jeden Segen, jede Blume
der reinen Freuden der Natur bemerken lehren, die sie mitten, und am Ende ihres
Tagwerks, reichlich finden können. Meine Erziehung, meine Kenntnis der Welt,
mein Vermögen, haben mir Bedürfnisse gegeben, die mehr als alle dies erfodern,
wenn ich glücklich sein soll. Sie, Rosalia, und Andre, die unsern Kreis
durchgehen, müssen Sie nicht auch hundertfach mehr zu dem Maass Ihrer
Zufriedenheit haben, als diese Leute?« -
    Feierlichkeit, süsse Sanftmut edler, zudringlicher Ernst war in dem
abwechselnden Ausdruck ihres Gesichts und Tons. Und ein Teater sollte sie
gebildet haben? Nein. Mariane, das kann nicht sein. Das Teater kann einen
schönen Geist, eine fein empfindende Seele bilden: aber ein so starkes inniges
Gefühl vom Wohl und Weh der grossen Masse des Volks, das richtige, ernste Abwägen
der Ursachen und Natur des Glücks gibt allein das grosse Schauspiel der Welt und
die Geschichte der Menschheit. In dieser Frau ist eine eigne Seele, und in ihrem
Geschick müssen auch eigene, sonderbare Züge sein. Sie hat mir einen Auszug
ihres ganzen Lebens versprochen, und bis dahin soll ich sie weder zu gut, noch
zu übel beurteilen, auch von dem, was mir an ihr gefällt, ja gegen Niemand zu
vorteilhaft sprechen. - Und da ging sie an ihr Clavier, spielte Phantasien,
nicht stark in der Geschwindigkeit, aber nett im Ausdruck, lauter
charakteristische Gänge, Selbstgespräche, Seufzer und Einwiegen beunruhigender
Erinnerungen. Sie hat aber noch ein Talent, welches für mich viel
beneidenswürdiger ist, als ihr Gesang und Spiel. Sie zeichnet jede Idee ihres
Kopfs, jedes Bild, so in ihrem Herzen entsteht, oder vor ihr Auge kommt, den
Moment, mit der grössten Leichtigkeit und einem reizenden Geschmack, auf den
nächsten Bogen Papier. So macht sie es, wenn sie in einem Buche was findet, oder
in einer Erzählung hört, das ihr als Gruppe oder Figur gefällt. Denn ich fand in
einer Reisebeschreibung, die auf ihrem Tisch lag, mehr als zehn gezeichnete
Stücke, deren Beschreibung sie damit gemerkt hatte; einsame, ländliche Gegenden,
Ruinen, ein schön liegendes Haus, Hauptpersonen einer Gesellschaft. - Ja,
während ich blätterte, verfertigte sie mein Bild, so wie ich mit etwas vorwärts
gesenktem Kopf auf das Buch sah; und ich versichre Sie, Mariane, dass es mich
sehr freuen würde, wenn ich einmal in einer entscheidenden Stunde in den Augen
meines Freundes so viel Grazie hätte, als mit Frau Guden in ihrer leichten
Zeichnung gegeben hat. -
 
                           Vier und funfzigster Brief
Frau Guden will mir alle Woche zwei Tage schenken, wo ich mit ihr essen und den
Nachmittag mit ihr zubringen soll. Gestern war der erste davon, wo sie mir, wie
sie sagte, den Faden gab, mit dem ich aus dem Labyrint der Ideen kommen würde,
welches ihre Erscheinung in dieser Stadt und die Mutmassungen über sie in mir
hervorgebracht hätten. Sie wäre die einzige Tochter eines deutschen Gelehrten,
dessen Glücksumstände aber so gewesen, dass er sie wohl reich an Kenntnissen,
aber bei mittelmässigem Vermögen zurückgelassen hätte. Ihre Mutter wäre eine Frau
voll feiner, tiefer Empfindung, ihr Vater ein feuer- und geistvoller Mann
gewesen. Sie sage wir dieses, weil sie fest überzeugt sei, dass der seltsame Ton
ihres Charakters aus dieser Mischung entstanden sei. Ihr Vater habe sie denken
und wissen, ihre Mutter Empfindsamkeit und Wohltätigkeit gelehret; daraus sei
auch ihre schwärmerische Anhänglichkeit an edle Kenntnisse und Tugend gekommen.
Man habe sie Sprachen, Musik und Zeichnen lernen lassen, worinn sie es durch
ihre natürlichen Fähigkeiten sehr weit gebracht. In der Zeit des Uebergangs vom
grossen Mädchen zur denkenden Jungfrau, in welcher Frauenzimmer catolischer
Religion diese innere Unruhe und den noch undeutlichen Laut der Bedürfnisse des
Herzens als den Ruf zum Klosterleben ansahen, und die ersten Aufwallungen des
ganzen Reichtums der Empfindungen, zur Liebe der höchsten Vollkommenheit
wendeten, in dieser Zeit hätte sie die Geschichte der Völker und Künste gelesen,
Plutarchs Helden, und dann eine Beschreibung der Denkmale der Kunst, die Rom und
Florenz in sich fassten. Diese hätten bei ihr die innerliche Stimme der
Anhänglichkeit an ein andres Wesen, auf die Ideale von Meisterstücken der alten
Welt gelenkt. Sehnsucht nach Italien hätte in ihr geglühet, wie die Begierde
nach dem Schleier in einem frommen Mädchen. Während dieser Zeit hätte sie sich
auch ausserordentlich der Zeichenkunst, Lesung der Poeten und der Götterlehre der
Alten beflissen, und immer gedacht, sich einmal bei einer Dame beliebt zu
machen, die eine Reise nach Rom vornehmen könnte, um mit ihr, wenn es auch als
Kammerjungfer wäre, dahin zu kommen. Ausser dem hätte nicht nur die ernstafte
und gründliche Erziehung, welche sie genossen, sondern auch das einsame Leben
ihrer Eltern, alle Gegenstände von ihr entfernet, durch die sie zerstreut
werden, oder die ihr den Genuss von Glückseligkeit auch bei andern Sachen hätten
anweisen können. »Denn ich weiss aus meiner Erfahrung,« fuhr sie fort, »dass
Personen, die abgesondert erzogen werden, oder auch einige Zeit so leben, nicht
nur etwas eigen Ausgezeichnetes, sondern auch Eigensinniges bekommen das sie
selten ablegen.« Denn in einem fühlbaren Herzen bliebe die Anhänglichkeit an
Gegenständen, bei denen man das erstemal Glückseligkeit empfunden, gar lange
haften. Zum Beweis diene ihr, dass ihre Mutter sie im achten Jahr das erstemal
aus der Stadt geführt, und in dem Baumgarten der Bäuerinn, die ihnen Milch
lieferte, in der Zeit der Blüte, ihr Mittagessen mit der Bäuerinn Kindern
gegeben hätte, wo sie dann lauter Freude und Seligkeit gewesen; und seitdem, bis
auf diese Stunde, fühle sie bei dem Anblick eines ländlichen Baumgartens ein
süsses inniges Vergnügen, welches ihr alle Reize der Kunst und hoben Natur bei
den prächtigsten Gärten, die sie auf ihren Reisen gesehen, niemals gegeben
hätten. Nach dem Tode ihrer Eltern sei sie zu einer weitläuftigen Verwandtinn
gekommen, bei der sie einsam fortgelebt, und in ihrem zwei und zwanzigsten Jahr
das Glück erhalten habe, um ein Stück Geld, der Kammerjungfer einer grossen Dame
ihren Platz für die Reise nach Italien abzukaufen. Die Dame und ihr Gemahl
hätten, nach zwei Unterredungen mit ihr, so viel Achtung für sie bekommen, dass
sie sie auch versichert, sie sollte Frankreich und England mit ihnen
durchreisen. Aus Dankbarkeit und Eigenliebe habe sie dann alle Kräfte
angestrengt, in den Sprachen vollkommen zu werden, und auch reine Umrisse von
Landschaften, Gebäuden und Figuren machen zu können; um durch diese Talente
nützlich zu sein, und auf gewisse Art zu vergüten, was sie ungefehr kosten
könnte. Daneben hätte sie der Dame alle mögliche Dienste und Erleichterungen
geleistet, und niemals wäre sie glücklicher gewesen, als auf diesen achtzehn
Monate gedauerten Reisen, wo alle ihre bisherigen Wünsche erfüllt, ihre
Kenntnisse geübt und vermehrt worden, wo sie einen so grossen Teil der Erde und
deren Bewohner gesehen, und vielen Beifall und Achtung genossen hätte. Aber da
wäre es mit ihr, wie mit andern Menschen, gegangen, indem mit der Befriedigung
des einen Verlangens ein neues verknüpft wurde, wogegen das Schicksal lauter
Unmöglichkeiten aufhäufe. Deswegen habe sie ihm auch eine Wage gegeben.
    Hier langte sie aus einem Kästchen einige Zeichnungen hervor, worunter das
Bild des Schicksals war, mit einer Wagschaale voll Blumen, Perlenschnüre und
einer schönen Vase; in die andre Schaale legt es Dornen, Steine und Fesseln.
Eine schöne weibliche Figur kniet vor dem Altar, wo dieses Wägen vorgeht, und
zeigt mit dem seitwärts gesenkten Kopf, und ihren, mit vieler Grazie auf ihrer
Brust sich faltenden Händen, Dank für die Blumen, und neben dem Abwenden von der
dornerfüllten Schaale, ruhige Unterwerfung.
    Da ich das Bild so ausdrucksvoll fand, sah ich mit Rührung sie an. Sie küsste
mich und sagte: »Ja, mein Kind, hier fingen die Schmerzen meines Lebens an. Ich
hatte Güter geliebt und gewünscht, die ich bis dahin kannte; ich genoss sie
reichlich; denn nicht nur das Schöne, so ich zu sehen verlangt, freute mich,
sondern auch die Lobsprüche, die ich für meine Talente erhielt. Denn in Rom übte
ich mich im Singen und Clavierspiel; ich schrieb unser Tagebuch und zeichnete
auf halbe Bogen, was mir, der Dame oder ihrem Gemahl besonders gefiel. Unser
Anführer erzählte es Fremden, die dann sich um uns sammelten, wohin wir gingen
und ich meinen Bleistift nahm. Ein edler Fremdling, der auch alles mit dem Auge
des Geistes betrachtete, suchte unsere Bekanntschaft. Ernstes, aber sanftes
Wesen, hoher Adel der Seele, tiefe Gelehrsamkeit in allen Teilen schöner
Kenntnisse, eine vortrefliche Gestalt, und nur sechs und zwanzig Jahr alt, waren
in ihm mit dem empfindlichsten Herzen, Bescheidenheit und den reinsten Sitten
verbunden. Mein Zeichnen wurde sehr von ihm geachtet; doch bemerkte ich dies
mehr aus seinen Blicken als seinen Worten. Er fragte nur nach dem Ort, wo ich es
gelernt, und wo ich erzogen worden. Meine Dame wies ihm das Tagebuch und die
Zeichnungen. Ihr Gemahl erzählte ihm meine Geschichte, wie sie es nannten; und
den Abend, da ich fertig war, das Merkwürdige des Tages aufzuschreiben, führten
sie ihn in mein Zimmer, und sagten: Herr von Pindorf müsse mit all meinen
Talenten bekannt werden; ich sollte doch etwas auf dem Spinetchen spielen und
singen. Er machte nur eine Verbeugung. Aber ein flüchtiger Blick, den er gleich
wieder von mir wandte, dünkte mich vieles zu sagen. Ich sah auch nur meine Dame,
aber mit Erröten an, wovon sie den Sinn nicht verstund; denn sie sagte
freundlich: Meine Liebe, ich verspreche Ihr, dass Sie diese Gefälligkeit für
Niemand anders haben soll. - Ich spielte und sang sanfter als jemals, sah aber
nicht um mich, sondein allein auf meine Noten. Er sprach, nachdem ich geendigt,
und er mir höflich gedankt hatte, von den Grundsätzen der Musik, sah mich auch
nachgehends niemals allein, ausser ein einzigesmal in Frankreich, da er Abschied
von uns nahm, um zu Hause seine Verbindung zu vollziehen. Auf der Reise nach
England war er eigentlich eine Art Lehrmeister für uns alle, in der Natur- und
Landesgeschichte. Er sass oft ganze Stunden lang in sich selbst gekehrt, bis ihn
eine Frage von mir, oder ein Ausruf über etwas, so mir hie und da als merkwürdig
vorkam, aufweckte; denn er hatte diese Aufmerksamkeit allein auf meine Stimme.
Alles blieb in meinem Gedächtnis, und ich wurde in Kenntnissen, die er vorzog,
am stärksten. In dem Garten zu Stow zeichnete ich sein Bild, wie er, an einem
Baum gelehnt, mit meiner Dame redte, die mit ihrem Gemahl auf einer Moosbank
sass; und Herr von Pindorf seine Augen auf den Tempel der alten Tugend, welcher
uns gegenüber war, mit vielem Ausdruck heftete. Als ich die ganze Gruppe
zusammen gefasst hatte, waren sie alle sehr vergnügt, und ich musste endlich mich
selbst dazu setzen, mit meinem Bleistift und der Anzeige des Ganzen. Davon
erhielt Herr von P** das Urbild. -
    Eilf Monat war er immer um und mit uns gewesen. Ich hatte tausendfache
Beweise seiner Hochachtung und Liebe für mich bemerkt, und ihm gewiss eben so
viel zu erkennen gegeben. Dies Bündnis unserer Seelen war desto stärker, da wir
es nicht in der gewöhnlichen Sprache ausdrückten. Den zweiten Tag in Brüssel
wurde ihm nicht wohl; er sah auch bis den zehnten, wo er abreisete, ganz
hinfällig aus; war nur Augenblicke um uns, und dies mit ängstlicher Unruhe. Mein
Herz litt die äusserste Marter. Den nennten Tag war ich allein. Herr von P** trat
in mein Zimmer, näherte sich mir mit wankenden Schritten. Ich stund bebend auf.
Er fasste meine Hand, sah mit schwermutsvoller Zärtlichkeit mich an, konnte
nicht gleich reden. Endlich sagte er: Beste, edelste Seele! Einmal, ach, nur
einmal lassen Sie michs sagen, dass ich diese Leidenschaft niemals, als für Sie,
gefühlt habe. Gott mache Sie glücklich! - O, wie sehr wird es der sein, der
Ihnen Hand und Herz anbieten kann! - Hofen, teure Hofen, warum hab' ich Sie
kennen lernen! - Und dann umarmte er mich, und ich ihn, mit einem: Gott segne
Sie! - Dann riss er sich los, und reisete den Augenblick ab. -
    Zween Monat hernach erfuhr ich die, nach dem Willen der Seinigen, vollzogene
Verbindung; aber keine Briefe, keinen Laut von ihm. - Rosalia! man muss meine
Seele haben, um alle das Zerreissende zu fühlen, so ich fühlte. Alles vorher
besessene und genossene Glück war für mich hin. Ich hatte Sympatie und Liebe
kennen lernen: mittelmässig konnte keine Bewegung in mir sein. - O, Rosalia! möge
es keine Seele mehr erfahren! -
    Wir kamen nach Holland. Dort lernte ich van Guden kennen. Dieses erzähle ich
Ihnen das nächstemal, und dann werden Sie mich selbst ganz kennen.« -
    Ich verliess sie traurig, aber sie sagte, es wäre ihr doch süss. Adieu!
 
                           Fünf und funfzigster Brief
»Liebe Rosalia!« sagte Frau Guden, als sie mich wieder sah, »zu was haben Sie
mich gebracht, dass ich Ihnen alles so erzähle?« - Ich wollte antworten, aber sie
liess es nicht zu.
    »Sagen Sie mir nichts darüber. Habe ich nicht die Erleichterung genossen, zu
reden? von meinen Talenten und meinen Leidenschaften zu reden? Ich bin
überzeugt, es tut unserer Seele eben so wohl, von den Fesseln des Zwangs und
des Verbergens ihrer eigentlichen Gesinnungen befreit zu sein, als es den Händen
und Füssen eines unglücklichen Kettenträgers gut tun muss, wenn er auf einige
Zeit sich losgeschlossen fühlt.« - »Liebe Madame Guden! Das Gleichniss, dessen
Sie sich bedienen, macht mir Schauder. Ketten und Fesseln verwunden oft stark.
Ich hoffe, dass es mit Ihrer Seele nicht so sein möge.« - Sie lächelte und sagte:
»Wer weiss, was für Striemen Sie finden würden, wenn sie sichtbar wäre.« - Sie
zeigte mit den übrigen Vormittag ihre Sammlung von Kupferstichen, die ganz
entzückend schön ist; lauter Charakterstücke, Landschaften, und alles, was im
Griechischen Geschmack heraus gekommen ist. Alle Stücke, die sie doppelt hatte,
gab sie mir.
    Nach dem Essen, da ich sie den Caffee so langsam und tiefsinnig einschlürfen
sah, dachte ich, es würde ihr hart sein, mir weiter zu erzählen, und sagte, ich
wolle bis ein andermal warten. »Nein, Rosalia! Ich will Ihre Begierde und
Erwartung nicht täuschen. Kommen Sie mit mir auf meine kleine Bank am Fenster in
den Garten. Wenn er schon entlaubt und welk aussieht, so ist doch ein grosses
Stück freies Feld und freier Himmel vor uns, deren Anblick mir sanfte
Erinnerungen geben wird, wenn ich über Etwas herbe Empfindungen haben sollte.
Ich hätte letztin gern gewünscht, Alles auf einmal gesagt zu haben, denn ich
bin die zwei Tage über nicht glücklich gewesen. - Nun, Rosalia! wir
durchreiseten Holland. Da wurde meine liebe Dame krank, und dieses gleich
anfangs bedenklich. Der Arzt, den man rufte, war ein sehr geschickter, aber
etwas alter und kränklicher Mann, den wir aber bei Erzählung der Lebensart der
Dame, wonach er sich erkundigte, ganz ungemein munter und freundlich machten. Er
dächte einige Augenblicke nach, und sagte dann: Die Krankheit der schätzbaren
Dame wird stark werden. Sie wird alle Momente meine Sorge nötig haben, die ich
auf das treueste für sie tragen werde. Aber ich bin seit einigen Jahren
kränkelnd, und habe daher bei Nacht für keinen Menschen mehr einen Fuss aus dem
Hause gesetzt. Es würde meine Mitbürger verdriessen, wenn ichs für Fremde tun
wollte. Aber ich weiss ein Mittel. Mein Haus ist gross, und wohl eingerichtet.
Ziehen Sie, bis die Kur vollendet ist, zu mir; da kann ich zu allen Stunden
meinen Rat erteilen, und Sie werden die meinigen durch Ihren Umgang
verschönern; denn Sie haben Ihre Reisen auf die nemliche Art gemacht, wie ich.
Sie sollen meine alten, und ich will Ihre neuen Tagebücher lesen. Da wird unsere
liebe Kranke zerstreut werden, und ich sehr glücklich leben.
    Er machte dabei einen so grossmütigen Preis für Kost und Wohnung, dass wir
sein Anerbieten von Herzen annahmen, und über zween Monat bei ihm recht sehr
zufrieden waren.
    Die Dame hatte sich langsam erholt, und war noch sehr schwach, als sie die
Pocken bekam, und daran starb. Ich war untröstlich; denn sie war äusserst
liebenswürdig, und ihr hatte ich die süsseste Freude meines Lebens zu danken. Sie
hatte mich mit Edelmütigkeit behandelt. Ich war ihre Vertraute und an ihren
Umgang gewöhnt. Durch sie hoffte ich auch wieder in Verhältnis mit Herrn von
Pindorf zu kommen, denn ich wollte nicht mehr von ihr, sondern unverheirater
bleiben. Aber Ruhm war mein Plan, um immer in der Hochachtung des Herrn von
Pindorf die vorzüglichste Stelle zu erhalten. Alle dies war nun wieder zerstört,
und ich sehr niedergeschlagen. Der Graf von W** blieb auch als Wittwer noch drei
Wochen da; brachte alle mögliche Augenblicke bei mir zu, und redte da von seinen
zwei Söhnen, seinem grossen Vermögen, dem Widerwillen, so er fühlte, nach seinem
Wohnsitz zurück zu kehren, und bat mich, ihm einem Rat nach meinem Geschmack zu
geben, und was ich an seiner Stelle tun würde. - Ich sagte ihm, zwei Plane
würden mir Trost geben; einer, auf meinen Gütern die grösste Ordnung und die
glücklichsten Untertanen zu machen; oder mich irgend in einer Hauptstadt
niederzulassen und nach meiner Erfahrung und Einsicht die Erziehung meiner Söhne
und Ihr Glück zu besorgen. - Er ersuchte mich, ihm diese beiden Entwürfe
aufzuschreiben. Ich tat es, und da entstunden zwei Ideale von Glück und Tugend,
wie sie in einer edeldenkenden Seele sich darstellen, sobald sie sich ein freies
Feld zu ihren Handlungen öfnet. Der Graf dankte mir sehr dafür, zeigte sie den
Herrn van Guden. Dieser sagte mir Abends, da der Graf ausgegangen war:
Mademoiselle! Sie haben dem Grafen zwei vortrefliche Aussichten für seine
künftigen Tage vorgelegt. Er wird Ihnen Morgen darauf antworten. Werden Sie mir
danken, wenn ich Ihnen heute noch sage, dass er Sie einladen wird, die Ausführung
des zweiten Plans mit ihm zu teilen?
    Ich sah den van Guden mit erstaunten Augen an, und fragte ihn, wie er das
verstünde?
    Ganz einfach, sagte er. Der Graf liebt Sie, und wird Ihnen vorschlagen, mit
ihm in der Stille vermählt zu werden. Hernach geht er auf seine Güter, holt
seine beiden Söhne ab, und sie gehen alle mit einander nach Frankreich, wo Sie
ihm seine Kinder erziehen helfen, und durch Ihren Geist und Talente immer die
ausgesuchteste Gesellschaft zuziehen werden.
    Ich konnte gar nicht sprechen, sondern starrte ordentlich den guten Mann von
Kopf zu Füssen an. Er hielt es für das Staunen der Freude, und setzte hinzu: Der
Graf hat Recht. Alle feindenkende und edle Leute werden Sie lieben und ehren.
Ich sah diese Gesinnungen in ihm, da noch seine Gemahlinn lebte.
    Ich danke Ihnen, werter Herr van Guden, dass Sie mir einige Nachricht von
dieser sonderbaren Idee des Grafen gegeben haben. Denn nun kann ich ihm mit so
viel mehr Ruhe und Ernst meine völlig abschlägige Antwort geben.
    Abschlägige Antwort! wiederholte er. Denken Sie diesen Abend noch darüber
nach, eh Sie diese Vorteile verwerfen. - Und da ging er von mir.
    In der Tat schickte mir der Graf den andern Morgen früh ein versiegeltes
Paket, mit der Aufschrift: à Mademoiselle de Hofen, worinn Alles, was er zu
meinem Vorteil und seinem Glück dachte, dargestellt war. Die Aufschrift, de
Hofen, diente schon zu einer kleinen Leitersprosse, die mich meiner künftigen
Höhe nähern sollte. Er hatte sich zugleich ausgebeten, mit mir zu frühstücken.
Ich kleidete mich, so eilig ich konnte, völlig an, weil ich in einem
Morgenkleide zu vertraut ausgesehen hätte. Meine ehrerbietigen Verbeugungen
machten ihn gleich stutzen, aber doch nur Zweifel, und kein entschlossenes Nein
erwarten. Er bat lange, jammerte, zürnte, und sagte mir endlich: Er müsse es
sich gefallen lassen, dass der Stolz auf meine Talente ihm diese unerwartete
Bewegung zuzöge; und er müsse mir nun die, von meiner Vaterstadt eingelaufenen
Briefe, über den Zustand meines Vermögens, in dieser unangenehmen Gelegenheit
übergeben, die erst mir nach der Trauung, mit dem bestimmten Brautschatz, und
dem mir ausgemachten schönen Wittwengehalt, hätte einhändigen wollen; es wäre
ihm ungeachtet meiner üblen Bewegung unerträglich, die Person, die ihm seit zwei
Jahren so wert geworden sei, im Mangel zu sehen; er bäte mich nochmals, seine
Anträge zu überlegen, und ihm darüber zu schreiben.
    Ich will,« fuhr sie fort, »meine Betrachtungen und damaligen Gedanken nicht
wiederholen. - Er reiste den nemlichen Abend noch weg, ohne mich zu sehen, und
liess mir die Kleider und dass Weisszeug seiner Gemahlinn, zur Belohnung für die
Krankenpflege; und, in der Bosheit, auch meine Zeichnungen und das Tagebuch der
Reisen, indem er nur von letztern bei dem Herrn van Guden eine Copie begehrte,
aber nicht von meiner Hand.
    Sehen Sie nicht, Rosalia, aus diesem Zuge seines Charakters, wie glücklich
mein Herz mich schützte; denn dies allein war Ursache, dass ich den Plan des
Grafen verwarf. Er war schön, geistvoll, und von einem erhabenen Stande. Von P**
hätte glauben müssen, dass Liebe und Eitelkeit mich zu diesem Bündnis geführt
hätten. Ich aber wollte Niemand lieben, als ihn, und seine Hochachtung behalten.
Ich hatte also das Vergnügen, ihm ein Opfer gemacht zu haben, und genoss es desto
reiner und stärker, da Niemand es wusste, denn ich.
    Den zweiten Tag nach der Abreise des Grafen war ich in einer neuen
Verlegenheit. Wo sollte ich hin? Mein ganzes Vermögen bestund in vier hundert
Gulden, nach dem Verlust, den mir mein Verwandter zugezogen. Die Kleider der
Dame und meine betrugen wenig; denn wir hatten beide auf den grossen Reisen nur
einen Koffer. Das Beste, so ich von ihr hatte, war eine von Golddraht als
Körbchen geflochtene Zuckerdose. Ich war nachdenklich bei unserm Frühstück. Van
Guden ging aus, kam spät und müde, aber sehr munter, zum Mittagessen zurück. Ich
hatte mich indessen vorbereitet, mit ihm zu reden, und fragte, ob er mich eine
halbe Stunde anhören wolle? - Ja, sagte er, der Nachmittag ist ganz für Sie. Ich
habe heut eine Arbeit getan, die mich freut. -
    Ich erzählte ihm mein Leben, meine Umstände und den Wunsch, als eine Hülfe,
die Erziehung eines jungen Frauenzimmers zu besorgen! ob er nicht durch seine
Freunde mir einen solchen Ausweg verschaffen könnte. -
    Hier traten dem vortreflichen Mann Tränen in die Augen, wobei er dann noch
lächelte, mir die Hand reichte, die meinige eine Zeitlang stillschweigend hielt,
und mich so ansah, als fragte er: Wie wirst du das aufnehmen, was mein redlich
Herz dir sagen wird?
    Endlich dankte er mir für mein Vertrauen, lobte den Entschluss, meine Talente
dem mühseligen Geschäfte der Erziehung zu widmen; aber dies wäre ein Glück für
ihn; denn, da ich mich mit aufwachsenden Kindern hätte plagen wollen, von denen
ich einen sehr ungewissen und späten Dank zu erwarten hätte, würde ich
vielleicht durch eine grossmütige Wendung dieses Gedankens, die nemliche Geduld
und Sorge für einen, aus Alter sich der Kindheit wieder nähernden Freund haben,
der es mit aller Treue und Empfindung der Dankbarkeit erkennen würde. - Bleiben
Sie, sagte er, eine Viertelstunde hier, und lesen diese Aufsätze mit Nachdenken
durch, und antworten Sie eben so wahr, eben so freimütig darauf, wie Sie dem
Grafen antworteten; - und da ging er auch weg. - Urteilen Sie von meiner
Rührung über diese Papiere.«
 
                          Sechs und funfzigster Brief
Frau Guden fuhr fort zu erzählen: Es wäre ein Schreiben an sie gewesen, worinn
er ihr sagte, der Graf habe ihm Nachricht von dem Verlust ihres kleinen
Vermögens gegeben; dies habe seine lebhafte Teilnehmung vermehret und ihm die
Begierde eingeflösst, Etwas zu ihrem Glück zu tun. Bald wäre es der Gedanke
gewesen, sie an Kindes Statt aufzunehmen; bald, ihr einen Teil seines Vermögens
zu geben. Da aber bei diesen Gedanken Anlass zu Spöttereien und Missvergnügen
gewesen wäre: so hätte er gewünscht, dass sie sich entschliessen könnte, ihm für
die noch wenigen Tage seines Lebens ihre Hand zu geben. Auf diesen Wunsch hin
habe er heute früh mit einem Freunde sein Testament entworfen, welches in vier
Teile richtig und unverwerflich geschieden sei: einer für alte und kranke Arme;
der zweite für seine schätzbare Frau; der dritte für seine Verwandten, und der
vierte für die Verwandten seiner ersten Frau. Unter diese Beiden verteile er
auch sein Haus und die Gemählde, wie auch das grosse Landgut, unweit der Stadt.
Sie solle, weil sie Kupferstiche liebe, seine Sammlung haben, und sonst alles an
Capitalien in der Bank, was ihren vierten Teil betreffe; denn das, was er ihr
an Silber und einigen schönen Diamanten geben würde, wäre nur das gewöhnliche
Brautgeschenk. - Sollte ihr dieser Vorschlag, der freilich der eigennützigste
für ihn sei, nicht gefallen, so solle sie nur einen Riss in sein Testament machen
und sich nicht mit Entschuldigungen oder Ursachen plagen, sondern ihm den Trost
gönnen, sonst ein Geschenk von ihm anzunehmen, wodurch sie unabhängig leben
könnte. -
    Dieser Antrag hätte ganz andre Bewegungen in ihr hervorgebracht, als des
Grafen seiner; er schien ihr redlicher und grossmütiger. Doch hätte sie sehr
geweint, ihre Lieblingsidee aufzugeben, die sie gehabt, für das Andenken des
Herrn von P** zu leben. Doch habe das Bild der wahren Güte des herrlichen alten
Mannes, und der Gedanke, ihm durch die Erfüllung seines letzten Wunsches die
Freude zu geben, eine glückliche Person nach sich zu lassen; dann die
Betrachtung, dass Herr von P** ohnehin verbunden, und sie ohne alle Aussicht,
weder auf ihn noch sonst wo, wäre, gesiegt; so hätte sie sich gefasst und wäre
hingegangen, ihn in seinem Cabinet zu suchen. Er wäre aber in seinem grossen
Gemähldezimmer vor einem Tisch gestanden und habe ihre Zeichnungen vor sich
durchblättert. Als er sie an der Tür erblickt, wäre der liebe Mann so
erschrocken, dass er blass worden, sich geschwind gesetzt, und seinen Kopf
aufgestützt hätte. Sie wäre zu ihm geeilt, hätte ihn bei der Hand genommen:
»Warum erschrecken Sie über mich? Wenn Sie Ihr Vorschlag reuen sollte, lieber
Herr van Guden, so werde ich nicht klagen, sondern Sie dennoch, als meinen
würdigsten Freund, verehren.« -
    »Gereuen!« sagte er; »Gott gebe, dass Ihre Gefälligkeit Sie niemals reuen
möge.« -
    Sie wären in der Stille getrauet worden, und hätte ruhige Glückseligkeit
genossen; und vier Jahre hindurch habe sie drei junge Frauenzimmer von seinen
beiderseitigen Verwandten um sich gehabt, und sie erzogen. Eine davon hätte van
Guden selbst noch ausgestattet, und an einen jungen Arzt, den er gebildet hatte,
verheiratet. Die beiden letzten Jahre seines Lebens hätte er keine Kranke mehr
besucht, und alle Sommer auf einem Landhause gewohnt, wo er einen schönen
botanischen Garten angelegt hatte, und worinn sie eines Tages alle ihre
Zeichnungen, aber nur als Zeichnung in Oel gemahlt gefunden habe. Ein Jahr vor
van Gudens Tode wäre ihr Herr von P** erschienen. Just da sie Morgens mit ihren
drei Schülerinnen nach einem Gartenhause gegangen sei, um dort zu arbeiten und
zu lesen, habe sie von weitem bei den botanischen Beeten eine Gestalt zu sehen
geglaubt, die vollkommen der seinigen geglichen. Dies habe sie äusserst bewegt,
und dazu gebracht, nicht umzusehen und nicht zu fragen, sondern diese Erinnerung
zu unterdrücken und ihre gewöhnliche Morgenarbeit zu halten. Darauf hätten ihre
Mädchen gelesen und sie mit ihnen gesprochen. Ungefähr nach einer halben Stunde
wäre sie aufgestanden, um etwas an der Stickerei eines der Mädchen zu besehen.
Hier erblickte sie durch die Gitter, dass zwei Mannsleute auf der Bank bei einer
grünen Wand hinter dem Gartenhause sassen. Da wäre ihre Neugier erweckt worden,
in dem kleinen innern Cabinet zu sehen, ob es nicht der Fremde wäre. - Ich
möchte mir selbst vorstellen, wie ihr zu Mute gewesen, als sie Herrn von P**,
ganz blass, auf das Fussgestell einer Statue gestützt, da sitzen sah. Der junge
Medicus, der ihn bei den Kräutern herumgeführt, habe ihm zugeredet, sich in das
Haus des Herrn van Guden führen zu lassen und da etwas zu sich zu nehmen, weil
ihm von der Sonne und dem langen Gehen so übel wäre; Madame van Guden sei eine
sehr liebenswürdige Frau, von dem besten Herzen und einem grossen Geiste, rede
verschiedene Sprachen, habe schöne Reisen gemacht; alle Fremde bewunderten sie,
wegen ihrer Talente in der Musik; sie sei auch schön und jung, doch müsse man
sagen! dass sie ihrem alten Manne die vollkommenste Achtung und Zärtlichkeit
beweise, und dass der artigste junge Mann sich nicht eines Blicks oder eines
Worts rühmen könne, welches nur einen Schatten von Gefälligkeit anzeigen würde,
ungeachtet Jedermann wisse, dass sie den van Guden nur aus Armut, nicht aus
Liebe, geheiratet habe. Sie wäre von Reisenden in seinem Hause zurück gelassen
worden, und der Alte befinde sich in ihrem Umgange herzlich wohl; sie wäre auch
aus Hochdeutschen Landen; er solle nur mit ins Haus kommen, es würde ihn nicht
gereuen. - Sie zitterte vor Angst, von P** möchte ihm folgen, und sie nicht im
Stande sein, ihr Herz zu verbergen; doch hätte es sie unendlich gefreut, dass er
so viel Rühmliches von ihr hätte sagen hören. - Auf einmal wäre er, ohne eine
Silbe zu antworten, aufgestanden und aus dem Garten fortgeeilt. Der junge Docter
hätte ihm ganz erstaunt nachgesehen, den Kopf geschüttelt und bei sich selbst
gesagt: Der tut wohl, dass er zu Engländern geht, denn er ist ein spleenetischer
Narr. - Als sie ihn aus dem Gesicht verloren, sei ihr Herz ganz schmerzhaft
gepresst gewesen; ohnmächtig wäre sie nicht geworden, aber auf ihre Knie
gesunken, ihre Arme ausgestreckt: »Er liebt mich noch!« wäre ihre Erquickung
gewesen; »Gott erhalte und bewahre ihn! - Ach, was bin ich?« hätte sie sich
selbst gesagt; und sie gestund; dass sie damals über ihre Heirat missvergnügt
gewesen sei und aufs Neue gefühlt habe, dass jede Neigung, jeder Wunsch ihrer
Seele in von P** vereinigt wäre. Doch habe sie sich überwunden, nicht nach ihm
gefragt, und sich Mühe gegeben, Herrn van Guden in allem, was er nach seinem
Charakter liebte, jeden Augenblick seiner Tage zu erfüllen, um ihn dadurch für
das schadlos zu halten, was ihrem Herzen an der Zärtlichkeit der Liebe mangelte.
Er wäre auch innig zufrieden mit ihrem Bezeigen gegen ihn und mit ihrem ganzen
Lebenswandel bei ihm gestorben, und habe sie als eine reiche, unabhängige Frau
zurückgelassen. Unmöglich habe sie nach seinem Tode länger da wohnen können,
sondern wäre, nach Sicherstellung ihres Vermögens, nach Aachen gereiset, um da
ihre Gesundheit wieder ganz herzustellen, und auch, weil sie dachte, sie könne
dort, wo ein Zusammenfluss von so vielen Fremden aus allen Landen sei, etwas vom
Herrn von P** erfahren. Dies sei auch geschehen. Ein deutscher Edelmann hätte
ihr gesagt, dass er drei Kinder habe und meistens auf dem Lande ohne viele
Gesellschaft lebe. »Meine Freiheit,« fuhr sie fort, »gab mir kein Recht, Wünsche
oder Ansprüche auf mein Herz zu machen. Ich war unfähig, einen Gedanken zu
haben, ihn von seiner Verbindung zu entfernen. Ich versagte mir alles, was nur
im mindesten dahin zielen konnte; nur wünschte ich, von Zeit zu Zeit zu wissen,
wie es ihm ginge. Ich durchreiste einige Gegenden von Deutschland, besonders wo
Höfe waren, um so viel möglich alle Stuffen der Vollkommenheiten und Fehler
meiner Landsleute zu bemerken. Endlich setzte ich mich in der Hauptstadt meines
Vaterlandes fest, mietete ein Haus, machte Besuche, nahm welche an, legte mit
Vergnügen einen Teil meiner Renten und meiner Talente zur Verschönerung des
gesellschaftlichen Lebens unter meinen Bekannten an. Ich war in meiner Kleidung
aus zwei Ursachen äusserst bescheiden und einfach; einmal, weil ich dem Putz
keinen Vorzug schuldig sein wollte, und dann, weil der Mann, dem allein ich zu
gefallen wünschte, mich nicht sah. Da ich aber ungeachtet dieser Versäumnis des
Putzes gefiel, musste ich mich einer ausgedachten Coquetterie beschuldigen
lassen. Ich schätzte lebhaft alles Gute, so ich fand; aber wie wurde mein Gefühl
zurück gescheucht und verwundet! Die Wahrheit und Stärke meines Wohlwollens
wurde verspottet, meine Kenntnisse lächerrlich gemacht. Liebenswerte
Frauenzimmer, denen ich meine ganze Seele gab, erwiederten mirs kalt. Ein Mann
von feinem Geist, den ich wahrhaftig hochschätzte, misshandelte meinen ganzen
Charakter. Meine Freimütigkeit, meine ganz wahre Seele wurde misskannt und
missdeutet. Ich sah so viel kleine Pfeile gegen mich, dass ich auf einmal
wegging.«
 
                          Sieben und funfzigster Brief
»Der Zufall brachte mich in die Residenz des Fürsten von ***, und ich nahm mir
vor, den Winter da zuzubringen. Herr von P** kam auch dahin. Er war Wittwer. Ich
beobachtete ihn in der Oper, beim Ball und Concert; aber ich hatte den Schmerz,
ihn mit der tändelnden Artigkeit bei Damen zu sehen, die jeder alltägliche junge
Mann in der grossen Welt zeigt. Es schien mir der hohen Würde, die ich seiner
Seele beilegte, unanständig. Von P**, den ich verehrte, anbetete, zum galanten
Schwätzer erniedrigt! o, meine Freundinn! es zerriss mein Herz, und war mir
Ueberzeugung, tödtliche Ueberzeugung, dass er mich nicht mehr lieben, ich ihn
nicht mehr anbeten könne. - Hätte er dieses Betragen, diesen Ton seiner
Gesinnungen gehabt, als ich ihn kennen lernte, so würde mein Glück und meine
Ruhe nicht in die Gewalt meiner Leidenschaft für ihn gekommen sein. Meine
verfeinerten Empfindungen und meine Eigenliebe litte die Marter. - Beleidigter
Stolz und Zärtlichkeit führten mich auch von dort hinweg. - Ich wollte mich
wieder Aachen nähern; im Durchreisen gefiel mir die Lage dieses kleinen
Vorstädtchens. Ich sah die Dürftigkeit der Einwohner. Ach, sagte ich, diese
fühlen keine andere Uebel, als Mangel an Nahrung und Kleidern. Glückliche! ich
will eure Wünsche erfüllen, aber nichts geben, als was in euren kleinen
Gesichtskreis gehört. - Ich blieb hier, und tat, was Sie gesehen haben. Die
grosse Geschäftigkeit, in der Sie mich fanden, kann Sie von der innern Unruhe
meiner Seele urteilen lassen; denn die Stärke der Hülfsmittel ist der sicherste
Beweis von der Grösse des Uebels. -
    Sie werden ganz natürlich finden, dass die Empfindung für das Schmerzhafte
und Schlechte eben so stark in mir sein muss, als der Entusiasmus für das Gute
und Edle ist. - Die grosse Welt hatte das Götterbild meines Geliebten
verstümmelt. Mein Unmut suchte den Tempel zu zerstören, den ihm meine Verehrung
in meiner Seele erbauet hatte; aber die Grundlage des Glücks meines Herzens ging
zugleich damit verloren. - In dem Kreise meines Standes war ich misskannt und
verwundet. Ich wollte nichts von beiden mehr sehen: - Das Gebiet der Kenntnisse
und Empfindungen war mir zuwider geworden, weil meine Rechnung auf Ruhm, Liebe
und Freundschaft, die sie mir erwerben sollten, auf nichts herunter gekommen
war. Ich musste mich aber beschäftigen, mich aus, mir selbst hinausführen, und
einen Gegenstand haben, dem ich meine Liebe geben konnte. Der bittre Verlust
alles dessen; worauf ich bisher das Gepräge meiner Glückseligkeit und meines
Vergnügens gesetzt hatte, machte mich um so viel mitleidiger gegen die Seufzer
des Mangels, die ich aus der Brust dieser guten Leute empor steigen sah. Die
herzliche Erleichterung, so ich bei dem Entwurf meiner Hülfe fühlte, und die
ersten Tränen der Freude, die über die Wangen meiner Wirtin flossen, als ich
ihr davon redte, befestigten mich darin. Ich weinte mit; und glauben Sie, meine
Freundinn, die Tränen, die wir über fremdes Elend weinen, sind lindernder
Balsam auf die Wunden unsers Herzens. - Der gute Fortgang aller meiner Anstalten
gefiel mir. Ich konnte wieder singen und Clavier spielen. Den Tag über besuchte
ich meine Leute, Abends las ich und übte meine Musik. Ich wollte nichts, als
Reisebeschreibungen, weil ich nur die physische und materielle Welt vor mir
wissen wollte; denn ich war mit jedem moralischen Begriff der andern missvergnügt
und im Streite. Dennoch fing ich an, mir zu sagen, dass, wenn das Schicksal die
Wünsche meiner Liebe befriediget hätte, so wäre dieses das Glück einer einzelnen
Person gewesen; diese dreizehn Familien würden noch darben, und ich würde von
meinem Wohlstand keinen so entzückenden Genuss von Seeligkeit empfunden haben,
als mir jetzo jeder Blick auf Eltern und Kinder gibt. - Aber als das letzte
Haus in Ordnung war, und ich meinem Geben und meinen Arbeiten ein Ziel setzte:
so entstund aus der Ruhe wieder das Gefühl von Leere. - Sie erschienen mir. Ich
bemerkte in Ihnen alle Eigenschaften, die ich bisher vergebens gewünscht hatte.
Dennoch kämpfte ich gegen meine Neigung für Sie. - Ich las zu meiner
Zerstreuung, und als Probe eines neuen moralischen Hülfsmittels, einen Auszug
der Kirchen- und Staatsgeschichte. Hier schöpfte ich Stärke und vernünftige
Befriedigang, und ich söhnte mich mit der ganzen Erde aus. - Der zu allen Zeiten
ungleiche Gang des menschlichen Geistes auf dem Wege der Wahrheit und Natur; das
Abweichen davon und Beharren auf Irrgängen; das traurige Schicksal so vieler
edlen Menschen; die grosse Gewalt, welche ganz kleinen Ursachen gegeben war, und
der Beweis, den ich fand, dass in der physischen und moralischen Welt alles
mögliche Gute und Böse, in einem gleichlaufenden Zirkel des Entstehens,
Wachsens, Abnehmens und Verwandelns, unsern ganzen Erdball umgibt; - diese
Betrachtung besänftigte mich ganz, und führte mich zum Nachdenken über mich
selbst. Ich gestund mir, dass ich gewiss vieles in meinem Wesen hätte, so Andern
eben so stark gegen ihre Begriffe des Liebenswürdigen und Angenehmen liefe, und
ihnen auch eben so viel Missvergnügen geben müsse, als sie mir. Diese Gedanken
setzten und ordneten sich je mehr und mehr in meiner Seele, und näherten mich
Ihnen. Mein Herz war freilich von der übenden Wohltätigkeit und dem Glück, so
ich geniessen machte, erfüllt; aber es war was in mir, das mich trieb, den
Frieden, den ich mit allen meinen Nebenmenschen geschlossen hatte, bekannt zu
machen, und mein Kopf hatte nötig, mit Jemand umzugehen. Sympatie sprach für
Sie. Ihre Freundlichkeit, die der arme Schuhmacher mir so lobte; die
Verlegenheit, in der die guten Leute zwischen Ihnen und mir, wegen der
Gevatterschaft waren; die Mühe, die Sie sich nahmen, das Kind selbst aus der
Taufe zu heben, anstatt eine Magd zu schicken; Ihre Anrede an die Wöchnerinn;
die Freimütigkeit, mit der Sie mich die Begierde merken liessen, mich näher zu
kennen; Verehrung und Anhänglichkeit, die Sie mir in gleichem Grade zeigten;
Aussicht auf Genuss einer edlen Freundschaft; Bedürfnis dieses Glücks, Vergnügen,
so ich Ihnen damit machte, öfnete Ihnen mein Herz, je mehr ich den Wert des
Ihrigen kennen lernte, - vielleicht auch, weil Sie etwas eben so Sonderbares
haben, als ich selbst.
    Dennoch, meine Liebe! wenn Einer meiner Vorstädter über Sie geklagt hätte,
wenn ich nicht das redliche Lob der guten fremden Jungfer von Ihnen gehört
hätte: so würde ich auf das Vergnügen Ihres Umgangs Verzicht getan haben; denn
ich wollte nichts von der ganzen Liebe und dem Vertrauen dieser Leute verlieren.
- Das Volk hat richtiges Gefühl von Tugenden und solchen Eigenschaften, die
einen wirkenden Einfluss auf ihr Wohl haben. Deswegen lieben sie den gerechten,
uneigennützigen, leutseligen Mann; den Wohltätigen und den Tapfern, der das
Vaterland verteidigt; den Prediger, den Beichtvater, die um ihre ewige
Wohlfahrt beschäftigt sind; den Vornehmen, der mit Güte und Achtung sie ansieht
und behandelt. Aber die grösste Gelehrsamkeit und das höchste Maass der Kenntnisse
des Geistes sind für sie verloren. Was wollten sie auch damit tun, die guten
Leute? - Und mir, mein Kind, mir war es Bedürfnis, dass Jemand mir sagte: Ich
schätze Ihre Talente und Ihr Herz. - Dieses musste ich von Jemand hören, dessen
Geist und Seele meine ganze Hochachtung verdiente. -
    Haben Sie Dank, sagte sie mir, mit einer zärtlichen Umarmung, dass Sie diese
Freude mir gegeben haben.« -
 
                           Acht und funfzigster Brief
Nun wissen Sie, meine Freundinn, die Hauptzüge des Charakters und des Lebens der
Frau van Guden, und Sie denken, dass sie mir um so viel werter war, da ich sie
nun ganz kannte. Ich mischte unter meinen Dank für ihre Erzählung eine Art von
Staunen, wie es wohl möglich wäre, dass man Sie verkannt und nicht immer geliebt
habe? - Sie sagte: »Ihre Freundschaft für mich tut hier wirklich die Frage, die
meine Eigenliebe damals tat, und es auch nicht fassen konnte. Aber jetzt, da
ich gegen Andre eben so billig, als gerecht gegen mich selbst bin, finde ich es
ganz leicht, dass ich, mit all meiner wahren Güte, Missvergnügen verursachen kann.
Jede Art von Stärke, oder Gewalt, die bei einem Weichlichen oder Schwachen
gezeigt wird, gibt um unangenehme Besorgnisse, wenn sie nicht grade zu seiner
Unterstützung oder überhaupt zu seinem Besten gebraucht wird. Die zu grosse
Lebhaftigkeit, mit der ich bisher bei allen Gelegenheiten für jedes Gute sprach,
mag oft in einer und andern Person eine Erinnerung einzelner Versäumnisse der
Ausübung desselben hervorgebracht haben; und, meine Liebe, wir machen es mit
Personen, die wir ungefehr ein uns entwischtes Versehen bemerken hören, nicht,
wie mit dem Spiegel, den wir in dem Hause eines Freundes oder Bekannten
antreffen, dem wir es Dank wissen, wenn er uns zeigt, dass wir eine Bandschleife,
eine Palatine, oder eine Blume nicht gut geordnet haben. Und dann hatte ich bei
meiner Güte nicht genug Anschein des Sanften und Duldenden, was man im
Französischen durch Caractere de douceur ausdrückt, und mit welchem in der Tat
süsser zu leben ist, als mit mir. Denn gewiss, zu viele Lebhaftigkeit hindert die
Grazie des Verstandes und der Geberden, wie es bisher mit mir geschehen ist; und
dann hat es seine gegründeten Ursachen, dass man den, der immer gleich gut
scheint, mehr liebt, und ihm mehr Dank weiss, als dem, der sagt: Ich will gut mit
Euch sein; - ich will Euch ertragen. -
    Es ist wahr, meine Talente gaben mir viel Zufriedenheit mit mir selbst, und
ich wollte sie mitteilen, wie mein Geld. Ich mag es in der Art, sie zu zeigen,
versehen haben, weil sie mir so wenig Freunde machten; und ich muss also auch mit
den Folgen zufrieden sein. - Wie wenig dazu gehört, eine empfindliche
Eigenliebe, oder einmal gefasste Ideen des Guten und Richtigen, zum Widerwillen
und Verdruss zu bringen, beweiset mein Unmut über den Herrn von P**, wegen
seines galanten Bezeigens, womit er die Damen in N** unterhielt. Dieser Unmut
siegte über meine Liebe für ihn. Warum sollte ein Missvergnügen, das ich meinen
Bekannten gab, nicht über eine zufällige Freundschaft gesiegt haben?«
    Ich sagte hier: »Ach, der Fall war anders mit Ihnen. Eifersucht überfiel
Sie, da Sie den Mann ihres Herzens der nun frei war, bei anderm Frauenzimmer so
aufmerksam sahen.«
    »Es mag etwas davon sein; aber es ist ganz in meiner Seele, dass ich
vortrefliche Leute, ohne die geringste Erwartung von Gegenachtung, innig liebe
und ehre; wie es mir hundertmal ergeht, wenn ich das Eole und Grosse in einem
Charakter der alten Geschichte, oder in Nachrichten von Jetztlebenden finde, die
so weit von mir entfernt sind, dass ich sie niemals antreffen, oder ihnen bekannt
werden kann.« -
    »Auf diese Art ist ihre Liebe eigentlich nur Dank für das Vergnügen, so man
Ihnen gibt, einen schönen moralischen Charakter darzustellen?«
    »Sie können Recht haben, meine Liebe; denn ehemals hasste ich auch, sobald
ich einen starken moralischen Mangel bemerkte. Aber ich habe mich nun von dem
Eigensinn befreit, alles nach meinen Modellen gestaltet zu sehen; und die
Mannigfaltigkeit in der moralischen Welt gibt mir eben so viel Zufriedenheit,
als die, so ich in der physischen bewundre. Ich werde es in Zukunft mit meinem
Geist und Herzen, wie mit meinem Körper machen. Wenn ich, in meinem ruhigen
Gange, an einen Stein stosse, oder mich an einem Dorne ritze, so wäre mein Zorn
unvernünftig. Die Natur des erstern ist Härte, des zweiten stachelicht. Wenn
meine Empfindlichkeit ihnen zunahe kommt, so leidet sie; ich muss mich also in
Acht nehmen, wenn ich sie noch öfter in meinem Wege antreffe.« -
    »Liebe Madame Guden! Sie lehren wich da sehr Vieles, was mir mein Leben
erleichtern kann.« -
    »Und auch das Leben derjenigen, die um Ihnen sind. Denn wir üben niemals
keine kleine, oder keine grosse Tugend aus, ohne andern Gutes und Vergnügen damit
zu geben.« -
    »Das ist wahr; aber es gibt auch viele Tugenden, zu deren Ausübung ein
grosses Vermögen gehöret.« -
    »Warum fällt Ihnen just diese Betrachtung ein?« -
    »Weil ich niemals keine von den grossen Tugenden werde ausüben können, die
ich an Ihnen verehre.« -
    »Ich dachte wohl, dass mein Reichtum diese Idee hervorgebracht hätte. Aber
wie wäre es, Rosalia, wenn ich Ihnen bewiese, dass Sie mehr Gutes tun können,
als ich; und mehr innern Frieden geniessen werden?« -
    »Dies scheint mir nicht möglich!« -
    »Wenn Sie, meine Liebe es ganz eigen auf das deuten wollen, was ich hier in
der Vorstadt getan habe, so haben Sie Recht. Aber da es ausgemacht ist, dass
niemals zwo Sachen einander vollkommen gleich waren: so können es unsere
Handlungen auch nicht sein; so wenig es unsere Umstände sind. Sie werden also
die Güte Ihres Herzens auf eine andere Art weisen, und das Meiste aus dem
Reichtum Ihrer edlen Gesinnungen und ihres feinen Geistes schöpfen müssen. Und
dabei ist mehr Mühe, aber gewiss auch ein höheres Vergnügen, als wenn der
freigebige, gute Reiche, Geld für die Leidende gibt.« -
    »Vergeben Sie, werte van Guden, wenn ich Ihnen freimütig bekenne, dass es
mich auch leichter dünkt, mich an Ihren Platz zu stellen, als es Sie dünken
würde, wenn Sie den meinigen einnehmen müssten.« -
    »Das ist noch eine Frage; denn Sie wissen die Fabel mit den Bindeln, da ein
jeder glaubte, dass der andern ihre leichter wären.« -
    »Ach! Sie wissen es nicht so, wie ich.« -
    »Das ist wahr; aber Sie haben mir auch noch nichts gesagt.« -
    »Sie waren mir wichtiger, als ich mir selbst.« -
    »O, Rosalia! wünschen wir nicht auch das ganz Neue zu hören anstatt dessen,
was wir schon lange wissen?« -
    »O, Madame Guden, warum strafen Sie mich so oft über die Neugier, welche,
Sie müssen mich es sagen lassen, der ausserordentliche Ton Ihres Charakters
notwendig hervorbringen musste.« -
    »Vergeben Sie diese Art Strafe, wenn Sie eine zweite Ursach anstatt der
ersten sagen.« -
    »Ja, aber ich will mich auch rächen; denn ich will Ihnen sagen, was mein
vermutliches Loos sein wird; und sie sollen mir seinen Gebrauch entwerfen.« -
    »Das tue ich sehr ungern; denn just dieser Leichtigkeit, mit welcher ich
ehmals Umrisse von dem zeichnete, was ich an der Stelle dieses oder jenen machen
würde, just dieser hatte ich den Grund der Abneigung zuzuschreiben, die ich mir
zuzog; und ich möchte Ihre Liebe nicht verlieren.« -
    »Das wird auch mit mir nicht geschehen. Erlauben Sie mir, dass ich Sie bei
dieser Gelegenheit nur auf der Seite des Talents ansehe, das Sie haben, schöne
Zeichnungen zu machen; und mir von Ihnen, wie man oft bei dem Vorsatz zu bauen
tut, einen Riss nach Ihrer Einsicht machen lasse, wenn Sie den Raum des Bodens
wissen, den ich dazu verwenden kann.« -
    »Ich will es, Rosalia. Aber Sie müssen mich dann auch die Anmerkungen wissen
lassen, die Kunstverständige darüber machen werden.«
    Dies versprach ich ihr; und das nächstemal erzähle ich ihr meine vorläufige
Verbindung mit C**, meine Aussichten und den Wohnplatz, den ich haben werde.
 
                           Neun und funfzigster Brief
Meine heutige Unterredung mit Frau van Guden war sonderbar, weil sie auf alle
meine Fragen auf so abgebrochen antwortete, wie zum Beweis, auf die von der
Religion: »Sie ist meinem Hetzen nicht nur um meinetwillen sondern auch des
Nächsten wegen schätzbar, weil sie allen Menschen, sie mögen grosse oder kleine
Verstandskräfte besitzen, deutliche und hinreichende Mittel und Bewegungsgründe
zu guten Handlungen varbietet, Trost im Leiden verschafft, und wahre
Zufriedenheit auch bei geringen Umständen lehret. Aber sie ist nicht mehr, wie
sie aus den Händen ihres göttlichen Stifters kam. Süsse und bittre Leidenschaften
hindern und unterbrechen ihren Einfluss, wie den von der Vernunft. - Aber lassen
Sie mich davon aufhören; ich bin über diesen ehrwürdigen Gegenstand nicht gern
in Gespräche verwickelt.« -
    Hierauf sagte ich ihr, dass ich Vorgestern in einer Gesellschaft jemand in
grossem Eifer gegen Leute gesehen hätte, die mehr Aufmerksamkeit und Bewundrung
für Werke der Kunst der Menschen zeigten, als für die Wunder der Schöpfung; und
dass ich gewünscht hätte, sie mit da zu sehen, um ihre Gedanken darüber zu hören.
-
    »Von diesen hätte ich in einer grossen Gesellschaft am wenigsten gesagt.« -
    »Aber da ich allein bei Ihnen bin, würden Sie mich sehr verbinden, wenn Sie
mir sie mitteilen.« -
    »Ich halte diesen Tadel für Unrecht; denn der vermeinte Vorzug der Kunst
liegt gewiss in dem Gefühl, dass die Werke der Natur durch Allmacht und Weisheit
eines Gottes entspringen; Künste aber, durch Geschöpfe unsers gleichen, und uns
also mehr in Erstaunen setzen müssen, weil wir in dem Augenblicke, da wir sie
bettachten, einen so grossen Unterschied des Gebrauchs und der Fähigkeiten der
nemlichen Organisation bemerken.« -
    Hierüber sagte ich mit einiger Bewegung: »O, was für einen Verlust hat die
Gesellschaft an Ihnen erlitten! wie viel Licht, wie viel Menschenliebe hätten
Sie ausgebreitet! wie sehr hätte man Sie geschätzt!« -
    »Das glaube ich nicht, mein Kind; denn der ganze Ton meiner Seele ist zu
eigen gestimmt. In wichtigsten Anlässen würde ich immer missfallen und
missvergnügt sehn.« -
    »Sie! - mit so viel Kenntnissen, mit so viel Empfindung, würden gewiss die
edelste Hochachtung und Liebe erhalten.« -
    »Gute Rosalia! was Sie da sagen, beweist mir, wie verschieden unsere
Begriffe von Hochachtung, Liebe und Edelmütigkeit sind.« -
    »Und wie so?« -
    »Ach, alle Gefühle meines Herzens hierüber, gehören mit unter die todten
Sprachen, die nur die und da ein Geschichtschreiber, oder Altertumsforscher
erlernt, um von den Sitten und Gewohnheiten erloschener Nationen zu reden.« -
    »Zu welchen zählen Sie mich? Denn ich hoffe, Sie sind überzeugt, dass ich Sie
von Herzen hochschätze.« -
    »Ja, meine Liebe. - Aber ich bin doch auch überzeugt, dass ein grosser
Missbrauch der Worte: Verehrung, Freundschaft, Liebe, Menschenfreundlichkeit,
gemacht wird; dass man ganz geringe Grade der Bewegungen unserer Seele so nennt,
und dass dadurch in der moralischen Verfassung eben so viel Uebels hervorkam, als
in der politischen entstund, da man geringem Verdienste und vielen schlechten
Leuten grosse Titel gegeben hat. Dadurch haben ehemalige Ehrenbenennungen ihre
Würde verloren, und die Triebfedern zu grossen edlen Handlüngen sind gelähmt
worden.« -
    »Erlauben Sie, Madame Guden, dass ich hier mit einem Gleichniss einfalle. Es
sind auch in der physischen Welt mehr mittelmässige, als ausserordentliche Sachen;
und da trifft also das genaue Verhältnis ein, das beide mit einander haben.« -
    »Ja, das Verhältnis ist in allem; Ablass der Sünden und Adel wird mit Geld
erkauft; - da ist auch wieder Gleichheit in den wahren Verdiensten des Adels und
den wahren Tugenden der Christen.« -
    Ich sah sie an; und gewiss, meine Blicke fragten sie, was das für eine
Stimmung ihres Gemüts sein möge, in der ich sie heute gefunden? - Sie fasste
auch diesen Blick gleich auf, indem sie lächelnd sagte: »Rosalia, Sie beweisen
wirklich, was ich vor einigen Augenblicken anzeigte. Denn Sie staunen ja gar
sehr über alles, was ich auf Ihre Fragen antworte.« -
    »Ich staune nicht über die Antworten; aber über den abgebrochenen, starken
Ton, in dem Sie reden. - Waren Ihnen meine Fragen missfällig?« -
    »Nein, meine Freundinn; aber ich kann von diesen Gegenständen nicht leicht
reden, ohne dass die Hauptsaiten meines Charakters erschüttert werden. Merken Sie
sich nur, dass ich die Gelegenheit dazu nicht suchte, und denken Sie, nach dem,
was Sie von dem Gange meines Geschicks und meiner Erziehung wissen, dass ich auf
diesem Weise notwendiger Weise einen eignen Gesichtspunkt bekommen musste,
worinn mir die Sachen so erscheinen, wie ich sie mahle. Und dann ists auch wahr,
dass meine Farben nicht so unmerklich in einander fliessen, wie es bei feinen
Schattirungen geht.« -
    »Aber, Sie wissen doch, wie sehr mir, von dem ersten Augenblick an, Ihre
Manier gefallen hat. - Ich fühlte diesen Zug nach Ihnen, als ich Sie Recitativ
singen hörte.« -
    »Ja, es dünkt mich,« sagte sie, »dass Sie auch von der Hauptstrasse abgewichen
sind, und dass Ihr Fusspfad in den meinigen kreuzte.« -
    »Ich hoffe noch mehr, denn ich denke, dass wir mit einander fortgehen werden,
weil, allem Ansehen nach, diese Stadt mein Wohnplatz bleiben wird; und Sie
werden die glücklichen Geschöpfe nicht verlassen, die Sie aus dem Elende zogen.«
-
    »Vielleicht entferne ich mich, um ihnen ein noch grösseres Glück zu geben.« -
    »In was könnte dieses bestehen?« -
    »In der vollkommenen Freiheit, meine Gaben ohne meine Oberaufsicht zu
geniessen.« -
    »Und ich, was würde mir bleiben?« -
    »Mein Andenken und mein Briefwechsel, in dem Sie die so oft abändernde
Launen nicht finden würden, wie in meinem Umgange.« -
    »O, Madame Guden, wie ist es möglich, dass Sie mit der kalten Ruhe von dem
Schmerze reden, der Ihren guten Vorstädtern und mir durch Ihre Abreise zukäme?«
-
    »Wenn es wahres Unglück nach sich zöge, so würde ich es nicht einmal denken
können. Aber gewiss, es ist Wohltat, wenn man uns unsere Kräfte brauchen lehrt.
- Für meine Leute habe ich nichts mehr zu tun; und was ich für Sie sein kann,
wird in der Ferne besser geschehen, als in Zukunft hier. Mein Gemüt ist noch zu
unruhig. Ich würde bald Ihre Tage verbittern.« -
    »Das ist unmöglich; denn der Anteil, den ich an Ihnen nehme, ist eine von
den süssesten Empfindungen meines Lebens.« -
    »Ich glaube es. Aber Sie geben mir desto traurigere Besorgnisse, über das
Wohlgefallen, das Sie an dem Bilde und den Wendungen einer so stark herrschenden
Leidenschaft finden. Sie haben alle Anlage, die Sie zu den nemlichen Schmerzen
führen kann; und wie unerträglich wäre mir der Gedanke, Ihre Ruhe untergraben zu
haben!« -
    »Das kann nicht sein; denn es liegt schon alle Gleichheit in uns, bis auf
diese, dass mein mir bestimmter Freund auch abwesend, auch in der grossen Welt
lebt; dass ich ihn zärtlich liebe, und in meiner Seele tausend Jammer über ihn
habe.« -
    Sie sah mich mit Wehmut an, stund auf, umarmte mich; eine Träne zitterte
in ihrem schönen Auge. - Aber bald fasste sie sich und sagte mit Ernst: »Rosalia!
ich habe noch einen Auftritt vor mir; diesen will ich durchsetzen. Sie sollen
alles wissen; und ich hoffe dadurch Ihrer edlen Seele nützlich zu werden indem
Sie sich alle Merkmale meines Weh's und meiner Schwäche bezeichnen können, um
Ihr Wohl desto sorgfältiger zu bewachen.« -
    »Aber dieser Auftritt, muss er sein? - Wollten Sie mich nicht lieber durch
Stärke und Sieg, als durch Schmerz und Verlust belehren?« -
    Hier ging sie schnell, aber mit keinem unfreundlichen Wesen, in ihr Cabinet.
Es machte mich unruhig. In einigen Minuten kam sie wieder und trat an ihr
Clavier, wo sie ganz englisch spielte und sang; mir hernach sagte, sie danke
mir, ich hätte sie belehrt und sie wolle Stärke und Sieg suchen; doch eine Reise
müsse ich ihr erlauben im Frühjahr zu tun; ihr Leben und ihre Gemütsruhe hange
davon ab; ich solle ihr hingegen auch meine Seele öffnen, wie ich schon oft
versprochen. Das will ich auch nächstens tun; und da sie fest auf einer Reise
besteht, so will ich suchen, sie öfter zu sehen. - Die Frau ist äusserst
interessant, und der Herr von Pindorf ist der Mann nicht, für den sie ihn hielt,
da er, anstatt gleich nach dem Tode seiner Frau nach ihr zu fragen, in
Hofstädten und Opern den artigen Herrn spielt.
 
                               Sechszigster Brief
Mariane! Menschenfreundlichkeit ist in dem Herzen der Frau von Guden eine
unerschöpfliche Quelle von Erfindung geworden. Sie legt einen Spaziergang an. Zu
dessen Erweiterung und Unterhaltung hat sie Grundstücke für die Gemeinde der
Vorstadt gekauft, wovon eine Wiese, die mit etlichen grossen Bäumen geziert ist,
und gleich an der Landstrasse liegt, zum Spaziergang im Grünen; das andre Stück
aber, nebst einem daran stossenden schönen Ackerfelde, dem nahe wohnenden
Gärtner, wegen Unterhaltung der Bäume und Hecken, zum Genuss gelassen wird; und
er hingegen darf seine Milch und Butter im Sommer niemand verkaufen, als den
bürgerlichen Einwohnern, die sie im Grünen essen wollen. An dem Bache, der auf
einer Seite hinläuft, hat sie, so lang die Lustwiese geht, wie ich sie nennen
will, das User allmählig abhängig machen lassen, damit die Kinder im Laufen und
Spielen nicht jähling hinein fallen können, und die Gehenden und Sitzenden das
Vergnügen haben mögen, den Lauf des Bachs zu sehen. Gegen die Strasse ist ein
etwas tiefer Graben gemacht, damit reitende und fahrende Reisende den Platz
nicht verwüsten möchten. Es gehen aber vier Brücken darüber, auf deren beiden
Seiten Bänke sind, die sie dem Fussgänger gern gönnt. Ueber der Landstrasse,
andrer Hand, ist der zweite Teil des öffentlichen Lustplatzes, an dessen Ende,
gegen die Stadt, des Gärtners Wohnung ist, welche aber mit sammt seinem
Gemüsgarten, etwas tiefer liegt, und durch eine schöne, aber wildwachsende Hecke
versteckt wird, so dass man nur einen Teil davon sieht. Unmerklich erhöht sich
das Stück, von welchem man eine weite, schön angebaute Landschaft und den von
ferne kommenden Bach sieht. Hier liess sie steinerne Bänke setzen und an das
äusserste Ende, gegen Mittag, Waldbäume hervorbringen, die schon ziemlich gross
sind. Wenn diese fortkommen, so ist es vortreflich, denn sie schützen die Hälfte
der Bänke vor der Mittagssonne. Wilde Rosen und einiges Gesträuch, so da war,
hat sie heilig schonen lassen, damit es ruhig und in seiner angebohrnen Freiheit
fortwachse. Es bekleidet auch just die scharfe Ecke der kleinen Anhöhe, an
welcher der Bach dicht hinfliesst, worüber die Landstrasse durch eine Brücke
fortgeführt wird. Etwa funfzig Schritt davon hatte sie das Glück, eine Quelle
sehr guten Wassers zu finden, das immer schon aus dem Grase hervor rieselte,
aber nur im Sand und Schlamm fortlief, bis sichs in den Bach goss. Sie liess
nachgraben, und man entdeckte zwei Wasserfäden, die nur eine Spanne von einander
schwesterlich aus einer Steinritze fliessen. Diesen Stein liess sie unten ganz
sanft etwas einwärts abhauen, und auf den Boden einen ungearbeiteten Stein
legen, und nur so aushöhlen, als ob das Wasser durch die Länge der Zeit solches
selbst verursacht hätte. Aus diesem läuft es in einen mit Kressen bewachsenen
Graben, wie vorher in den Bach. Gegen Mittag hat sie Erde aufhäufen lassen und
mit schnellwachsenden Standen besetzt; auf der andern Seite einen halben Zirkel
eingegraben und auch Bänke hingebracht. Man wusste lange nicht, warum sie durch
kleine Kinder, die nicht arbeiten können, eine Menge weiser, hell und
dunkelgrauer Kieselsteinchen sammlen liess. Endlich waren sie dazu bestimmt, den
Stein zu kleiden, welchen sie über das Quellchen setzen liess, um das Nachfallen
der obern Erde zu verhindern. Der Stein wurde mit einer Art Kütt dicht
bestrichen, und ein liegender zerbrochener Wasserkrug just über dem Ausfluss des
Quellchens darauf gezeichnet, und nach der Zeichnung die kleinen Kiesel
eingesteckt, die nach ihren verschiedenen Farben Licht und Schatten machen und
recht artig täuschen; indem noch weiter oben, von nemlicher Arbeit, ein Stück
zerfallnes Geländer und Stiege nachgeahmt ist. Auf der Seite, wo die Bänke sind,
ist auch gegen das Nachfallen des Grundes eine niedrige Mauer aufgeführt, und
auch diese mit Kütt überzogen, mit weissen Kieseln besteckt und mit schwarzen
Steinen darin: Komm, Müder! ruhe und erquicke dich. - Allerlei Kräuter sind oben
und auf den Seiten gepflanzt. Da nun Raum genug für zehn bis zwölf Personen ist,
so macht das Ganze einen herrlichen und freundlichen Anblick für die
Vorbeireisende, deren schon viele halten liessen und den so liebreich einladenden
Brunnen betrachteten und lobten. Ich bin einigemal mit ihr und andern hier auch
spazieren gegangen. Es ist mir unendlich schätzbar, als diese Tätigkeit und
dies Erschaffen in der Seele einer Person von meinem Geschlecht zu sehen. Madame
van Guden hat sich einen grossen Zirkel von Wirksamkeit vorgezeichnet. Ihr
Bilderbuch aber, sagt sie, macht ihr die meiste Arbeit, weil sie in Allem, was
Pindorfen angeht, Vollkommenheit hervorbringen möchte. -
    Dieser Lustplatz hat sie sehr ergötzt, und sie hörte und sah gern, dass ich
in Allem beistimmte und mit ihr genoss. Zweimal musste ich im Mondschein mit ihr
hinaus. Süssere Melancholie habe ich niemals gefühlt, als die Augenblicke, wo ich
mit ihr auf einer der Steinbänke sass; und schweigend, wie sie, die schlafende
Gegend betrachtete. Ihr Gesicht war voll Ausdruck einer tiefen Rührung. Mit
einem halb unterdrückten Seufzer sah sie den Mond und dann mich an. Eine Träne
schwamm in ihrem Auge. Sanft umarmte sie mich, legte ihren Kopf leicht auf meine
Brust, und lüsste ein Paarmal meinen Hals, aber auch nur ganz leise. In diesen
Augenblicken redet man nicht durch Worte. Ich verstand sie und freute mich über
den Wert, den sie auf mich legte. Wenn ein gepresstes Herz sich an ein
redliches, teilnehmendes Herz anlehnen und atmen kann: o, da ist ein Mensch
viel für den Andern; da fühlen sie mit einander Wohl und Weh der Menschheit;
einzeln ohnmächtig gegen Uebel, vereint aber vermögend, ihre Empfindung und
Kräfte zu verstärken und fortzukommen. - Endlich erholte sie sich, küsste mich
lebhafter und sagte: »Liebe Rosalia, ein eigensinniges Herz ist ein grosses
Gegengewicht gegen alles, was Schicksal und Natur zu meiner Glückseligkeit
bestimmten. - Heute hat diese Wagschaale stark übergezogen. Gestern war ich viel
glücklicher, als ich allein hier gegen Abend spazieren ging, und in Wahrheit,
zufrieden mit mir selbst, den Wunsch tat, dass ich den Einwohnern der Vorstadt,
wie ich ihnen mein Gold mitteile, auch das Gefühl meiner Seele möchte geben
können, welches die auf-und niedergehende Sonne, Mondschein und Sternhimmel mir
geben. Könnte ich doch auf dem Spatziergange, den ich anlegte, Empfindungen für
die schöne Natur, mit den einfachen Blumen aufwachsen machen, damit bald die
hohen, schattigten Linden, und der schöne weisse Hagedorn, bald das mannigfaltige
Gras und Kräuter, so ihre Kühe nähren; der Bach, so sie beide tränkt; reine
Luft, blühende Bäume, volle Saaten, ein kühler erquickender Wind, ihnen den
seligen Gedanken eines väterlichen Gottes geben möchte, der diese besten Freuden
des Lebens Armen und Reichen gleich austeilt, und alle Jahre mit dem Frühling
erneuert! - Ich habe deswegen den Platz auf der Seite der weitesten Aussicht
erhöhet und da die Steinbänke gesetzt, damit sie Abends, mir der anfangenden
Ruhe ihres Körpers, den süssen, wohltätigen Frieden in sich saugen mögen, der
auf den fruchtbaren Gefilden ihres mütterlichen Bodens herrschet. - Aber,
Rosalia, dieser Wunsch wird auch nur stückweise erfüllt werden, wie meine
Empfindungen auch wechselsweise stärker und schwächer sind.« -
 
                           Ein und sechszigster Brief
Frau van Guden blieb dabei, mir nicht mehr als zween Tage der Woche zu geben;
und ich bleibe dabei, sie auf die Probe zu stellen, wie sie sich einst in meiner
Stelle, als Frau des Herrn Cleberg, und jetzo an dem Platz zweier
unverheirateten Freundinnen meiner lieben Julie Otte, betragen würde? Sie muss
bei dieser Gelegenheit würklich aus sich selbst heraus gehen, weil sowol die
Umstände, in denen ich mich befinden werde, als auch die von den vier guten
Mädchen, ihr weder den willkührlichen Gang ihres Denkens, noch die Freiheit
ihres Tons und ihrer Handlungen erlauben. Und da wäre es ja möglich, dass sie zu
der Art Leuten gehörte, die in einem grossen unbeschränkten Felde, mutige, edle
Schritte und Bewegungen machen, in einem kleinen umzäunten Höfchen oder engen
Zimmerchen aber, so gezwungene kleine Tritte, Beugung des Kopfs, und
Uebereinanderschlagen der Arme vornehmen, dass Jedermann das Unschickliche oder
Unangenehme davon in die Augen fallen müsste. Es ist mir beinah auch mehr daran
gelegen, was sie für die vier guten Geschöpfe ersinnen wird, als was mich
angeht; denn an meinem jetzigen Sein und Wesen könnte und möchte ich nichts
ändern. Der Himmel weiss, ob ich Clebergen jemals wieder sehe, oder ob er mein
bleiben wird? Ich war freilich seine erste Liebe, wie er die meinige ist: aber
seine Reisen, sein Platz als Gesandtschafts-Sekretair, müssen ihm hundert
Gelegenheiten gegeben haben, liebenswürdige Frauenzimmer kennen zu lernen. Kann
ich fodern, kann ich hoffen, dass mein Andenken, dass die Gesinnungen, die er für
mich hatte, immer gleich wachsam für mein Glück, bald der überraschenden Gewalt
einer neuen Schönheit, bald dem sanften Einnehmen der stillen Anmut, oder den
Reizen des Geistes, der Tugend und Talente, Widerstand tun werden? - O Mariane!
ich schreibe selten von Cleberg, rede gar nicht von ihm. Aber denken; seine
Briefe an meinen Oheim, an mich, zehnmal lesen; ausspähen, ob nicht eine kleine
Anzeige von Aenderung oder Frost darinnen sei, wie eifrig geschieht das! Auch
suche ich mit Sorgfalt die Spuren seines Geschmacks auf, und bitte meinen
väterlichen Freund um Bücher, oder Unterricht darüber, damit der arme Cleberg
nicht einst alles entbehren müsse, was er jetzt in auswärtigen Gesellschaften
mit so vielem Vergnügen geniesst. Mein Oheim hat mich darin aufmerksam gemacht;
denn die ausserordentliche Unwissenheit seiner Frau, mit welcher er niemals etwas
Vernünftiges, das ihn freute, sprechen konnte, da sie an seinem Wissen und an
Sachen, die ihn ganz beschäftigen, nicht den geringsten Anteil nahm, hatte ihn
aus seinem Hause gejagt und herum schwärmen gemacht; worüber sie zürnte und sich
grämte, dadurch aber auch ihre schwächliche Gesundheit abzehrte und ohne Kinder
starb.
    dabei sagt aber mir mein Oheim oft: »Gelehrt will ich Dich nicht haben: nur
den Geschmack des Wissens und ein vernünftig zuhörendes Aussehen, wenn von der
Geschichte, der Physik und andern Kenntnissen gesprochen wird.« - Sprachen und
Musik stünden einem Mädchen, das zur Frau eines Gelehrten oder guten Negocianten
bestimmt wäre, auch wohl an; ich solle aber ja niemals anders, als in einem
weiblichen Ton von alle dem reden, was ich auswendig gelernt, oder aufgehascht
haben könnte; denn durchgedacht hätte ich nicht viel, wie er glaubt.
    Letztin sah er mir eine Zeitlang zu, als ich nähte und mit vieler
Nettigkeit an seinen Manschetten besserte. Da sagte er mit seiner wahren
Guterzigkeit: »Mädchen! die feinen Stiche Deiner Nadel sind eben so viel wert
als der Witz Deines Kopfs.«
    »Ich möchte wohl wissen, mein lieber Oheim, welchem von beiden Sie den
Vorzug geben?« -
    »Hum!« sagte er, und sah mich an. »Rosalia! wenn ich ein Alltags Oheim wäre,
und Du ein gewöhnliches Mädchen: so wählte ich gleich. Aber, da ich weder den
Eigensinn der Haushälter, noch die Eitelkeit der schönen Geister habe, die Euch
entweder nichts als Handarbeit, oder nur Witz, Poesien und feine Kenntnisse
erlauben wollen: so sage ich Dir, dass es mir leid wäre, in einem Mädchen Deines
Standes und Deiner Aussichten, eines von beiden zu missen, da beide beisammen
sein können; weil der Unterricht und die Uebung in Haushaltswissenschaften die
Du brauchst, und die Umstände Deines Vermögens, Dir Zeit und Recht genug geben,
um auch Deinem Verstande die Kenntnisse und Wendung zu erwerben, durch die er
sich in Deinem Zirkel zeigen kann. Die Tochter, Nichte und Braut eines Gelehrten
ist sogar verbunden, Etwas zu wissen. Denn mit guter Einteilung der Zeit und
Gebrauch ihrer Talente können Mädchen, wie Du, neben den schuldigen und
vorzüglichen Geschicklichkeiten in Wirtschaftssachen, auch Muse genug finden,
Himmel, Erde und Menschen kennen zu lernen, um deutliche Begriffe von Allem zu
haben, was die Welt Gottes in sich fasst, auf der sie als unsere Freundinnen und
Gesellschafterinnen mit uns leben. Denn Ihr sollt eigentlich den feinsten und
süssesten Teil unserer Glückseligkeit besorgen, welches ihr ohne einen
geläuterten Geschmack und Empfindungen nicht tun könnt. Wenn Ihr aber ganz und
gründlich gelehrt würdet, so ginge diese Absicht, neben der von der Schöpfung,
an Euch verloren. Denn nicht nur der Reiz, den grosse Kenntnisse in sich haben,
der zur Ersteigung ihrer Höhe ermuntert, sondern auch Eure weibliche Eitelkeit,
würde Euch zu weit locken; und da versäumtet Ihr alle die unschätzbaren
Verdienste der guten Mutter in der Kinderstube; der guten Haushälterinn; das
leichte, artige Geschwätz, in den gesunden Tagen des Mannes, und die zärtliche
Geschicklichkeit einer liebreichen Krankenwärterinn, die, zusammen gefasst, gewiss
mehr wahren Wert für die gesellschaftliche Glückseligkeit in sich haben, als
wenn eine Frau alle vier Hauptwissenschaften besässe.« -
    »Sie haben Recht, lieber Oheim. Aber doch, wenn ein Frauenzimmer alle
Fähigkeit, die zur Fassung der hohen Kenntnisse, und alle Stärke des Geistes,
die zum anhaltenden Nachdenken darüber nötig ist, nebst der Begierde, sie zu
erlangen, in sich fühlte: dürfte diese nicht darnach streben?« -
    »Ja, Ja! die darf es tun; eben so wie es Mannsleuten erlaubt ist, die alles
dies in sich vereinigt haben. Denn da wird gewiss ein Ganzes aus dem Kopf
entstehen. Aber da dieser Fall selten ist, so will ich bei Euch lieber eine
vollkommene Hauswirtinn, als eine halbe Gelehrte haben; wie ich aus Buben
lieber vortrefliche Künstler und Handwerker, als einen Haufen gestickelter
Teologen, Juristen, und Mediciner erzogen haben will. Aber da so viel
mittelmässigen Leuten Ehren- und Glücksstellen zugefallen sind, so haben sich
auch Andre Hoffnung darauf gemacht, und sich ohne hinreichende Kräfte auf den
Weg begeben.« -
    »Da liegt aber auch der Fehler an unserm Deutschland, wo wir dem geschickten
Künstler und Arbeiter keine so vorzügliche Ehre, als dem sogenannten Gelehrten
beweisen. Vorzug ist aber doch immer ein Gegenstand der menschlichen Wünsche
gewesen, und wird also auch gesucht, wo man seinen Wert bestimmte. In
Frankreich wird nicht allein der Gelehrte jeder Gattung, nebst dem Mahler,
Bildhauer und Baumeister, sondern auch der Schlösser, Zimmermann und Becker, von
den Akademien erforscht, gelobt und mit Achtung genannt, wie ich in der
Beschreibung der Denkmähler Ludwigs des Funfzehnten fand; und ich denke wohl,
dass dieses eine grosse Ursache ist, warum sie so schöne und mannigfaltige Werke
der Künste in allen Arten haben, weil jeder junge Mensch, der sich Talente
zutrauet, sicher ist, dass er auf jedem grossen oder kleinen Wege des Gewerbes
oder der Verwendung seiner Fähigkeiten, ein gewisses Maass Ruhm und Glück
erhalten wird.« -
    Mein Oheim lächelte. »Ey Rosalia, ich habe geglaubt, dass Da dieses Buch nur
wegen der schönen Kupfer durchblättertest. Da Du es aber auch durchlasest, so
hättest Du zugleich die Ursache finden können, warum es bei uns nicht so sein
kann, und wenigstens lange nicht so sein wird.« -
    »Aber das schmerzt mich, mein lieber Oheim. Warum ist denn das so?« -
    »Rosalia, ich sage weder bei kleinen, noch grossen Anlässen empfindliche
Wahrheiten, wenn sie nichts nützen. Ich müsste über National. Charakter und
Verfassung reden, und zu was hülfe Dirs viel? Suche die Ursache zu erraten,
warum in Frankreich grosse Provinzstädte so geschwind den Gedanken der Hauptstadt
annahmen und auch ausführten. Sie fühlten, dass sie eins sind. Bei uns ist die
Zeit lange vorbei, wo wir dieses selige Gefühl hatten. Deutschland! Ach, was ist
das Schönste und Grösste, wenn es in Stücke gerissen, und dann so wie es sein
konnte, wieder zusammen gelegt wird!« -
    »Aber wir ahmen doch so gern Frankreich alles nach.« -
    »In was? im Kleinen! seine Kleinigkeiten! Und, mein gutes Mädchen, das, was
gross heisst, entsteht niemals aus Nachahmung, sondern aus innerer Kraft. Sammle
alle Beispiele von edler Güte, Grösse und Stärke der Seele zusammen; lege sie
einen Haufen Menschen vor, denen das Schicksal eine Gelegenheit zugemessen, sich
se zu zeigen: sie werden Deine schönen Beispiele loben und bewundern. Aber
nachahmen wird nur der, so den nemlichen Keim in seiner Seele hat. Aber sei
zufrieden; das Gleichgewicht ist da. Denn das Schlechte und Böse findet auch nur
Wenige, die einen Wettlauf nach dem höchsten Grade unternehmen.« -
    »Sie wollen mich also auf allen Seiten mit dem Mittelmässigen aussöhnen?« -
    »Das ist eine Mädchenfrage! Soll ich Dir in dem nemlichen Ton antworten?« -
    »Versuchen Sie es, Herr Oheim; ich bitte Sie.« -
    »Nun! ich habe Dir Anlass gegeben, mit Deinen Tugenden und Fehlern zufrieden
zu sein.« -
    »Da ist auch Gleichgewicht, weil die Letzten so mittelmässig sind, als die
Erstern. Legen Sie nur immer das Übermass in Ihre Güte für mich.« -
    Er versprachs. Was sagen Sie zu dieser Unterredung?
 
                           Zwei und sechzigster Brief
                              Von Frau von Guden.
Rosalia! auch nach dem, was Ihr so rechtschaffener Oheim Ihnen vom Wissen der
Mädchen sagte, und worinn alles Nötige begriffen ist, was zum sichern Leitfaden
auf dem Wege des deutschen weiblichen Verdienstes dienen kann; auch da noch
wollen sie meine Gedanken und das geschrieben wissen, was ich von Ihnen, als
Mädchen, denke?
    Als Tochter und Richte eines Rats; in den vorteilhaften Umständen eines
hinreichenden Vermögens, und bei so viel Unabhängigkeit sind Sie, nach Geist und
Herzen, wie ich Sie verlange. Meine vertrauten Unterredungen und meine Liebe
haben Sie, hoffe ich, davon überzeugt. Ob aber auf dem Grunde Ihres jetzigen
Glücks auch die Keime Ihres künftigen Wohlstandes aufwachsen, weiss ich nicht;
weil ich ihren Cleberg nicht kenne, und mit ihm, um es freimütig zu sagen, eben
weil sie so wenig von ihm reden, und mir auch keinen Brief von ihm weisen, ganz
unbekannter weise unzufrieden bin, und gewiss glaube, dass der Ton seines Kopfs
sehr verschieden von dem Ihrigen und Ihres Oheims seinem ist. Eben auch hier
mein Kind, liegt mein Zweifel an Ihrem künftigen Glücke. Nur au sich, nur an
Ihren Oheim gewöhnt; so lange gewöhnt - Sie werden Opfer machen müssen. Rosalia!
Lieben Sie stark genug, um dieses ohne bittern Schmerz, ohne heimlichen
Widerwillen zu tun? Der Uebergang aus der väterlichen Gewalt, unter die
Obermacht eines Manns, dünkt mich nicht so schwer, als der, von Ihrem Oheim zu
Clebergen: wenn es nicht das völlige Hingeben der wahren Liebe sein sollte, die
freilich nur viel geben zu können wünscht. - Aber, ich soll ja wissen, dass Sie
ihn lieben, und mich nur an Ihren Platz stellen, besonders in dem Falle, da Sie,
edles gutes Mädchen, Ihren Oheim dahin zu bringen suchen, sein Vermögen, das er
Ihnen zur Hälfte geben wollte, in drei Teile zu legen, damit die Kinder seiner
zweiten Schwester, und eine Familie ärmerer Verwandten gleiches Erbe mit. Ihnen
bekommen mögen. - Ihre Berechnung, dass Sie durch Ihre Reise mit ihm, da er alle
Ausgaben für Sie übernimmt, so viel an Ihrem väterlichen Vermögen ersparen, dass
Ihnen das Opfer dieses Dritteils gänzlich ersetzt werde, diese Berechnung,
meine Liebe, ist gewiss einer der schönsten Züge Ihres Lebens; weil nicht
jugendliche Freigebigkeit, sondern Menschenliebe und Gerechtigkeit, Sie dazu
führten. -
    Cleberg hat es gut geheissen, gelobt, ob er schon sah, dass sein eigner
künftiger Wohlstand dadurch vermindert wurde. Ich bin überzeugt, dass es ihm
Ernst war; denn, in seinem Alter ist immer Grossmut bei der Liebe; und
persönliche Sorgen fühlt er auch nicht. Aber ein Wink lag in Ihrer Erzählung;
als ob Sie fürchteten, er möchte darüber einmal anders denken; und das würde
Ihnen weh tun. - Nun, Rosalia! will ich an Ihren Platz treten, und sagen, was
ich tun würde. Cleberg ist, mit all seinen Vortreflichkeiten, ein Mensch.
Vielleicht zeigt sich das Unvollkommne, das er mit uns allen gemein hat, gerade
auf dieser Seite. Die an meinen Verwandten bewiesene Edelmütigkeit möchte ich
nicht zurück nehmen: aber den Abgang des Erbes will ich zu ersetzen suchen. Und
da die Einrichtung des Hauses sammt der Obsorge darüber, nebst meinem
Kleidervorrat, ganz allem von mir abhängt; so will ich in beiden alles
Ueberflüssige und Kostbare vermeiden. Die Eigenschaft des Neuseins gibt ohnehin
auch den mittelmässigsten Sachen einen Schimmer. Wenn ich, nebst der
Dauerhaftigkeit, Farben und Formen von gutem Geschmack wähle, und mich der Kunst
befleisse, alles an seinen rechten Ort, und in sein gehöriges Licht zu stellen:
so kann mein Hauswesen und meine Person das Ansehen von Wohlstand haben, das man
bei uns suchen wird, ohne dass ich so vieles Geld darauf verwende. Mit den
einfachen Farben meiner Kleidung soll alles Uebrige einstimmen. Ein neuer
Ehemann, und die Besuche sind ohnehin nur bei den ersten Erscheinungen auf das
Glänzende erpicht; und dieses sollen sie in meinem wohlgewählten Hausrat und
Putze, noch mehr aber in meiner Heiterkeit, Gefälligkeit, Anstand und Würde
finden. Reinlichkeit in meinem ganzen Hause, Nettigkeit und Sorgfalt im Anzug
und Bezeigen meiner Person, soll die Zufriedenheit meines Mannes unterhalten;
und dieser Ton von Mässigkeit, ununterbrochen fortgesetzt, wird wir Ehre und
Nutzen bringen. Ueber all dieses aber will ich eine ordentliche Rechnung führen;
und wenn mein Cleberg durch die Zeit an diesen Ton gewöhnt, und überwiesen sein
wird, dass ihm und seiner Rosalia durch den Mangel der Pracht nicht das Geringste
von der Hochachtung der Vernünftigen verloren gegangen ist: so bleibe ich dabei
meinen Vorzug in dem Ruhme der Rechtschaffenheit meines Manns und meiner
Bescheidenheit zu suchen. Ich nähme auch wohl die, uns so oft vorgeworfene,
weibliche Eitelkeit zu Hülfe. Die gute Bildung meiner Person; edle, angenehme
Geberden, geschickte und nützliche Arbeiten, Höflichkeit, Güte, Verstand und
Munterkeit meiner Gespräche: alles dies müsste in meinen Plan des Ersatzes meiner
grossmütigen Abgabe des grössern Erbstückes. In wenigen Jahren wäre es gewonnen,
und noch dabei den schwachdenkenden Personen meines Geschlechts der Schmerz des
neidischen Gefühls über Kostbarkeiten erspart, die sie sich nicht verschaffen
konnten. Und, Rosalia, unter uns gesagt, der Zweck des Lobes und Gefallens, den
wir alle haben, würde doch, und zwar bei den besten Männern erreicht, die diesen
vereinigten Eigenschaften gewiss Beifall und Verehrung schenken werden. - Dann
fände sich einmal eine Stunde, in der ich Clebergen die Rechnung über die
verschenkten und ersparten Summen vorlegen könnte; wo gewiss ein edelmütiger
Mann mit meinem Geben und Halten vergnügt sein würde. -
    Ich habe in meinen jüngern Jahren eine Frau gekannt, die auch sehr
wohltätig, aber mit einem Manne verbunden war, der etwas Härte in seinem
Charakter hatte, seiner Frau aber bei ihrem Putz alle Freigebigkeit erzeigte.
Sie nahm von ihrem, zur Kleidung und Anzuge bestimmten Gelde, schaffte sich neue
Sachen, aber minder kostbar, so dass sie an ihrer Pracht so viel ersparte, dass
sie eine Familie unterstützte, ohne die Ausgaben ihres Hauses zu vermehren. -
Möchten wir nur im Privatstande, besonders in Familien, wo das Vermögen allein
in der Besoldung des Mannes besteht, die Idee des Unterschieds und Hervortuns
vor andern Ständen, auf die Seite der übenden Tugend, angenehmer Kenntnisse,
schöner Handarbeiten, und Liebenswürdigkeit des Umgangs legen: so würden weniger
unglückliche Herzen und verkehrte Köpfe unter uns sein! Ich bin aber gewiss, dass
das Elend und die Langeweile, die man am Ende des Weges von dem Modeton
antrifft, unsere im Grund immer deutsche Seelen auf das Abweichen von dem edlen,
reinen Pfade ihrer ursprünglichen Anlage aufmerksam machen, und unsere Töchter
und Enkelinnen dahin zurück leiten wird. Vielleicht entsteht noch aus deutschem
Fürstenblute ein Beherrscher über den grössten Teil unsers mütterlichen Bodens,
der von vaterländischem Geist beseelt, Sitten und Gebräuche untersuchen und
durchsieben wird; wo alles Spreuartige und Nachgeäfte verworfen, und sogar eine
eigene Kleidungsart eingeführt werden wird. Wir haben einzelne Beweise genug, zu
was für einer Höhe der Vollkommenheit des Gründlichen und Schönen der Deutsche
in Wissenschaften kommen kann. Und wenn wir, wie Franzosen und Engländer es
tun, natürliche Fähigkeiten, deren jede Nation eigentümlich ausgezeichnete
besitzt, mit Vaterlandsliebe, hauptsächlich allem Fremden vorziehend, anbauten
und zur edlen Stärke und Schönheit erhöheten: so vergrösserten wir unser eignes
Verdienst; hätten eigene Freuden, eigenes Glück. Die Hochachtung anderer Völker
wäre Tausch gegen die unsere; und nicht, wie jetzt, unser Beifall ein Tribut,
den wir ihnen schuldig zu sein, und der ihrige ein Geschenk, so sie uns zu
machen glauben. Aber wir verzehren einen grossen Teil unserer Urkräfte im
Nachahmen, und werden, wenns hoch kommt, als Lehnträger fremder Güter angesehen.
Wir verbrennen halbe deutsche Wälder, um einige schmachtende fremde Pflanzen in
unsern Glashäusern zu haben.
 
                           Drei und sechzigster Brief
                              Rosalia an Marianen.
Hier ist Madame Guden Antwort auf meine Anfrage wegen der zwo Freundinnen von
Julie Otte; und ich bitte Sie, mir ganz zu schreiben, was Sie darüber denken.
Ich fühle dass mich diese Frau so sehr eingenommen hat, dass ich alles gut, alles
richtig finde, was sie sagt und vornimmt. Sie haben dieses Vorurteil nicht, und
können also den wahren Wert ihrer Ideen viel besser bestimmen, als ich. Sie
wissen auch dass, so sehr ich die van Guden liebe, dennoch Ihr ruhiger und
gesetzter Geist alle Obermacht über meinen Glauben und Unglauben behalten hat,
und dass mir nichts wahrhaftig wert, oder verwerflich wurde, ehe Sie nicht das
Gepräge der Achtung oder Geringschätzung darauf gelegt hatten. Nun lesen Sie die
van Guden selbst.
                            Frau Guden an Rosalien.
Sie wissen doch, Rosalia, dass alle Arbeiten, die man ungern vornimmt, ganz
genaue Züge des Zwangs behalten, den man sich bei dem Gedanken und der
Ausführung auflegen musste? - so ging es mir würklich bei der sonderbaren
Foderung, die Sie an mich taten, mich in den Platz junger Frauenzimmer zu
setzen, deren Glücksumstände geringer, als das Ehrenamt ihres Vaters sei. -
    Ich glaube Ihre Absicht erraten zu haben. Diese Frauenzimmer werden von der
Vorstellung des wenigen Vermögens gedrückt, und leiden in ihrem Gemüte. Sie
mochten dieses heben, und vermuten in meiner Einbildungskraft ein Hülfsmittel
zu finden; denn Sie sagten mir ausdrücklich dass Sie nichts als geistige
Handreichung haben wollten. Vergessen Sie nicht mein Kind, dass alles, was der
Reiche und Glückliche dem Armen und Leidenden nur als Rat und Trost sagt, sehr
wenig Würkung hat; ausgenommen das Bezeigen persönlicher Achtung, weil dieses
der natürlichen Eigenliebe gefällig ist - Die Königinn Christine sagte ganz
richtig: »Eine edle Seele adelt alles, was sie ist, und was sie tut; den
Gebrauch des Reichtums und das Ertragen des Mangels.« - Wenn man bei geringen
Umständen den Mut hat, sich zu sagen: Wir brauchen Nahrung und Kleider, unsern
Körper zu erhalten und zu decken; die Bedürfnisse der Natur sind mit wenig
Speisen und Gewand befriedigt; und da mir das Schicksal Menge und Kostbarkeiten
versagt: so will ich mit dem genauen Notwendigen vergnügt sein, und meine
Begierde nach Besitz eines Mehreren auf die Seite wenden, wo es in meiner Gewalt
ist, es zu erlangen. - Tugenden des Herzens, Aufklärung des Geistes,
Geschicklichkeit in Arbeiten, Liebenswürdigkeit des Gemüts, Reinigkeit und
Würde meiner Sitten, Artigkeit meines Umgangs, nette und bescheidene Zierde
meiner Person, - all dies ist mitten in den geringen Umständen, worinn ich mich
finde, zu erlangen und auszuüben. Der Reichere uns Vornehmere als ich, mag sich
aller Gattung von Aufwand überlassen; Kaufmann, Künstler und Handwerker leben
davon. Vorurteile haben auf das äusserliche Ansehen Wert und Unwert gelegt.
Aber ein fester unabgeänderter Gang auf dem Wege der Verdienste und
Bescheidenheit, erwerben die Achtung der edelsten Seelen und ihre Freundschaft.
Dies, mein Kind, wäre die Sprache meines Muts, und dieser Ton würde den
Ausdruck meines Charakters und meiner Physiognomie sein. Der Anblick des
Prächtigen und Reichen würde mich nicht kränken und nicht demütigen, Ich
zeichnete mir einen eigenen Zirkel. In diesem erschiene keine Klage, keine
düstre Miene. Nützliche, ehrenvolle Verwendung jedes Augenblicks meiner Tage;
Fleiss auf schöne Arbeiten, die ich dann gegen Notwendiges, ohne viel
ängstliches Wählen umtauschte; alle meine Begierden auf das äusserste
beschränkte, und mich in der Wahl meiner Freunde doppelt sorgfältig zeigte.
Daneben aber müsste mir jedes moralische Verdienst eigen werden, das mich
entweder einsam wegen des Mangels auserlesener Gesellschaft schadlos halten,
oder mich in dieselbe einführen würde. -
    Meine Sitten, Geberden, Unterredungen und Beschäftigungen, müssten beständige
Beweise meiner Erziehung und meines Standes sein, so wie auch die Form meiner
Kleidung, mein Geschmack und Bezeigen. Nur der einfache Stoff, die sanften,
stillen Farben, und haushältische Aemsigkeit, dürfen den Abgang des Vermögens
andeuten. -
    Ich wäre gewiss, Rosalia, dass dieser Gebrauch meiner Umstände, wenn ich
niemals davon abwiche, mir Achtung, Freunde und inneres wahres Vergnügen geben
würde. Je artiger meine Figur, je seltener zeigte ich sie; scheute keine
Gesellschaft, aber drängte mich auch in keine; niemals am Fenster, niemals in
Comödien und auf grossen Spatziergängen, auf keinem Ball; trüge die grösste
Sorgfalt für den Ruhm eines untadelhaften Lebens; wahre ruhige Gottesfurcht,
kein Gepränge von Frömmigkeit, machte keine Besuche, als wo man mich ans
Hochachtung wünschte, und sorgte dafür, diese Gesinnung zu vermehren; nähme von
Mannspersonen gar keine Besuche an; sagte niemals von keiner Seele nichts, als
das Gute, das ich wüsste oder vermutete; zeigte edle Dienstfertigkeit, aber mehr
bei traurigen, als lustigen Gelegenheiten; und niemals sollte man mich einer
Sylbe Erzählungen von einer Familie an die andre beschuldigen können. Ich müsste
die geschicktesten Finger, das beste Herz und das angenehmste Geschwätz eigen
besitzen. - Dieses zusammen wäre eine Art von Schatzgeldern, die ich zu einem
Ertrag von Ehre und Glück, meinem Schicksal anvertraute. Glauben Sie, o glauben
Sie, dieser Vorsatz und Ausübung würde zu einem dauerhaften Grunde des Friedens
der Seele und äusserlichen Wohlergehens anwachsen. Man mag immer von
ausgearteten und verdorbenen Sitten reden: der durch Taten vortrefliche, und im
Reden und Urteilen Andre verschonende Mensch, wird gewiss redlich geliebt und
verehrt werden. Allgemeine Vorurteile und einzelne Eigenliebe, muss man nicht
mit dem Stolze des mehrern Wissens und der bessern Einsicht, nicht mit dem
Vorzuge, den wir uns geben, angreifen. Ach, wie viel grosses Gute sah ich
entstehen; sah den ausgebreiteten Nutzen, den Segen von einem Volke für den
Urheber bereit: wenn zu dem edlen Entwurfe auch der erhabne Entschluss des weisen
Menschenfreundes gekommen wäre, einer gewissen Art Blödsinns zu schonen, von
schwachen Augen nicht zu fodern, dass sie gleich ohne Zagen, ohne Widerwillen das
Licht einer Fackel ertragen sollten; - wenn man mit dem Unvermögen des
Verstandes erwachsener Menschen, die man zu neuen, ungewohnten Sachen lenken
will, eben so herablassend, so gütig sich bezeigte, wie im Physischen mit
Kindern, zu denen man sich niederbückt, ihre kleine Hand liebreich zu fassen,
und sie im anfangenden Gehen zu leiten. - -
    Aber, Rosalia, wo kam ich da hin? - von Ihnen zwei guten Mädchen, die allein
einen duldenden, nicht einen vielwürkenden Kreis durchgehen müssen. - Doch mag
Ihnen der Gedanke, die Empfindlichkeit der Eigenliebe Ihrer Nebenmenschen auf
alle Weise recht klug und behutsam zu behandeln, immer nützlich sein. -
    Einmal, da ich noch keinen van Guden kannte, gelang es mir, durch feine
Nahrung und Wendung eines Stolzes im Elende, zwei Töchter eines angesehenen
Mannes, der sie nebst drei Brüdern, ohne das mindeste Vermögen zurück liess, zu
einem edlen Entschluss zu bringen. - Sie waren schön, und voll schimmernder
Talente; Musik, Tanz, Gesang, Blumenmahlen, Putzarbeiten und die französische
Sprache. - Sie waren alle kostbare Kleider, köstliches Essen, Rang,
Ehrenbezeigungen gewohnt; waren andern Verwandten nicht immer gut begegnet, so
dass die, welche sie ehemals beneideten, nun mit höhnischem Mitleiden sie
anblickten, und die Mädchen sich fürchteten, zu einer Base wohnen zu geben, die
am vermögendsten, aber auch am stolzesten war. - Meiner Mutter Bruder, zu dem
ich nach dem Tode meiner Eltern gekommen war, wohnte in dem untern Stocke des
schönen Hauses. Ich sah also diese Familie in ihrem Flor, aber doch nicht
vertraut genug, um die eigentlichen Umstände in etwas voraus zu bemerken. Der
Mann starb plötzlich, die Frau war schon lange todt, und die Kinder hatten mir
nie sehr zärtlich geschienen; so dass ich das lange Wehklagen nach dem prächtigen
Begräbnis und den Todtenämtern, (denn sie waren von der römischen Religion,) gar
nicht fassen konnte. Es befand sich nun zwischen uns eine Art Gleichheit, da wir
alle drei elternlos und beinah im nehmlichen Alter waren. Der älteste Sohn, der
volljährig war, und meinen Oheim sehr schätzte und mich gern um seine Schwestern
sah, sing an, ganz gerade von ihren traurigen, unvorhergesehenen Umständen zu
reden, noch ehe solche andern ganz bekannt wurden. Das Bezeigen ihrer Verwandten
erbitterte sie, und sie wussten nichts als zu weinen und zu murren. Sie wollten
lieber in ein Kloster, als zu ihrer Base. - »Ach, Mademoiselle Hofen, was würden
Sie tun?« - Der Gedanke von einem Kloster, den sie hatten, gab mir den von dem
Orden der englischen Fräulein, die keine ewige Gelübde tun, und sich mit der
Erziehung beschäftigen. Ich sagte der ältern, dies würde ich wählen, weil ich
meine Talente nicht nur fortüben, und also das gewohnte Vergnügen immer
geniessen, sondern mir auch durch dieselben in dem Orden Verehrung und Ansehen
erwerben würde; weil Eltern ihre Kinder um so lieber dahin gäben, wenn sie sie
unter der Aufsicht einer selbst so wohl erzogenen Person und von so vielem
Verstande wüssten. Ich würde lieber meine Gefälligkeit und Geduld auf die jungen
Kostgängerinnen verwenden, die unter meinem Willen stehen würden, als für
übermütige Verwandte. Es wäre ein ehrenvoller Stand. Der Dank so vieler
Familien; die Achtung einer ganzen Stadt und Landes, neben der Freiheit,
herauszutreten; der beibehaltene Umgang mit aller Gattung guter Menschen,
vornehmen und geringen; ja selbst die schöne Kleidung, in der die Gestalt und
Bildung eines jungen Frauenzimmers noch viel edler sich zeigte, als im schönsten
französischen Putz etc. - sie würde nicht länger abhängig sein, als bis man sie
kennen würde. -
    Dieses Gemählde gefiel. Ich musste es auf allen Seiten darstellen. Die
Aeltere entschloss sich zu dieser Wahl, und ist in der Tat ganz vortreflich
geworden; und ihr Stolz machte sie alles tun, um Beifall und Dank zu erwerben.
-
    Die jüngere wollte das nicht; war aber verlegen, und hatte eben so viel
Widerwillen gegen die Stadt und Bekannte, als die ältere. Meine Phantasie diente
auch ihr, indem ich sagte: dass ich meinen Namen verändern und zu einer grossen
Dame als Kammerjungfer gehen würde, deren Gunst ich mir, durch meine
Geschicklichkeit in Putzsachen, durch meine Aufmerksamkeit, meinen Verstand und
sehr eingezogenes Leben dabei, sobald erwerben würde, dass ihr niemand lieber
sein sollte, als ich. Dann suchte ich allen im Hause Gutes zu tun, das Eine zu
entschuldigen, das Andre zu warnen, dem Dritten eine Belohnung zu erhalten.
Meine Stimme, meine Mandor, hielt ich lange verborgen; spielte und sänge nur,
wenn fast Niemand zu Hause wäre. Jeder Schritt, den ich täte, müsste durch
Klugheit, Tugend und Güte bezeichnet sein; machte mich aber mit Niemand, als mit
meiner Dame vertraut, für deren Ruhe, Anmut und Nutzen ich aufs äusserste
bedacht wäre; so dass ich ein wichtiger Teil ihrer täglichen Glückseligkeit
würde, und im ganzen Hause als Wohltäterin verehrt wäre. - Bei dem sanftesten
Gemüt, die sorgfältigste Hochachtung für mich selbst; und ehender die Bemühung,
meine Reize zu verbergen, als zu zeigen. - Gern ging 'ich, wo Kinder wären,
denen ich Blumen mahlte und dann es sie auch lehrte. - Wie viel Nützliches und
Rühmliches könnte ich nicht da tun! - - Das Romantische des verborgnen Namens,
der halb versteckten Schönheit, der Verehrung wegen ihrer Güte, und das Staunen
über ihre lang heimlich gehaltene Mandor und artige Stimme, trocknete auch
dieser ihre Tränen. - Mein Oheim und ihr älterer Bruder besorgten durch
auswärtige Freunde beide Plätze. Aus dem Häuschen, worinn die ganze
Verlassenschaft bestund, wurde so viel gelöset, dass sie sich ihren Absichten
gemäss aussteuerten und ein Paar hundert Gulden zum Notpfennig behielten. Die
Jüngere ist gar herrlich geworden, weil sie, im ersten Jahr ihres Diensts, mit
ihrer Wiener Dame nach Brüssel kam. Der zweite Sohn ging in Kriegsdienste, die
der Dritte auch ergreifen wollte, wenn er erwachsen wäre. Der Aelteste, der eine
kleine Pfründe besitzt, nahm ihn zu sich: und so wurden diese Kinder alle, durch
den kleinen sanften Bug ihrer Eigenliebe, glückliche und nützliche Menschen;
besonders die Mädchen, von denen ich Ihnen noch dank- und liebevolle Briefe
weisen könnte. -
    Julie soll ihren Freundinnen schon jetzt von der Lebensart, die sie einst
führen müssen, mit Hochachtung reden, und sie durch sanfte Stufen hinunter
leiten, ihren mässigen Unterhalt in der Ebene anzupflanzen.
 
                                 Zweiter Teil
                            Vier und sechzigster Brief
Madame Guden ist eine sonderbare Erscheinung in unsrer Weiberwelt. Ich habe
Ihnen geschrieben, dass sie niemand suchte, als unsere beiden Mahler und den
Kupferstecher. Nun kann ich Ihnen melden, warum sie dieses tat.
    Ich fand sie heut munter, und glänzend von inniger Freude. Sie ist schön,
sehr schön, wenn die Farbe der Heiterkeit des Geistes ihre Züge belebt. - Sie
umarmte mich zärtlicher, als jemals. -
    »Meine Liebe. Sie müssen heut eine gegenwärtige und zukünftige Freude mit
mir teilen. Ein edles Herz kann nichts allein geniessen. Ich fühl es, ich muss
einen Freund, oder eine Freundinn haben, denen ich sagen kann:
                           ich bin im Paradiese.« --
    Sie führte mich in ihr Zimmer; da waren drei Kasten von Pappendeckeln auf
einem grossen Tisch - Sie wies darauf.
    »Hierinn, Rosalia! ist Erndte und Saamen von Glückseligkeit für mich.« -
    Ich antwortete ihr, dass ich sehr erfreut wäre, dieses zu hören; denn so
geniesse sie auch einmal, was sie Andern gäbe. - Sie drückte mich mit einem Arm
an sich, mit dem andern hob sie einen Deckel auf, und nahm ein Papier weg. Da
sah ich das Bild eines blühenden Baums und die Aufschrift - Frühlings Bilder -
für den ältern Sohn des Herrn von Pindorf. Sie blickte dabei durchdringend auf
mich. --
    »O, Madame Guden! wo ist Ihr Zorn gegen Pindorfen hingekommen!« - »Zorn!
Rosalia, Zorn? - Ist der Schmerz der Liebe Zorn? Oder glauben Sie, dass aus einer
Seele, wie die meinige, eine Leidenschaft so leicht auszurotten ist? - Was wäre
meine Liebe gewesen, wenn ich nicht Entschuldigung der Fehler, die mich
beleidigten, gesucht - und einen Schleier über das mangelhafte Stück meines
Götterbilds geworfen hätte! - Vielleicht ist auch ein kleiner Anfall von Rache
dabei. Denn wenn schon der Ton der Bilder und die reichen Geschenke, mit denen
ich sie begleiten werde, dem Herrn von Pindorf ein Beweis meiner dauernden
Zärtlichkeit sein müssen, so sagen sie auch zugleich: dieses gefühlvolle Herz, -
dieser erfinderische, geschmakvolle Geist und das Vermögen dieser Frau wäre dein
und deiner Kinder gewesen, wenn du den wahren Wert dieser Liebe erkannt
hättest. - Das mag aber sein wie es will; mein Gedanke ist vortreflich geraten,
und die fünf Leute, so daran arbeiteten, stehen nun zusammen, um dies, was ich
zeichnen und mahlen liess, in Kupfer zu stechen und damit zu handeln. Von mir
haben sie so viel verdient, dass sie den Verlag bestreiten können - Sehen Sie,
der gute Erfolg meiner Erfindung und die Aussicht auf den Gewinst dieser Leute
ist Erndte. Dies, was in dem Geist der Kinder von Pindorfs an Kenntnissen und an
Freude ihrer Herzen über die schönen Bilder entstehen wird, ist Saame von
Glückseligkeit. Und, Rosalia! ist nicht jeder Beweis der Liebe, Genuss, höchster
Genuss?« -
    Nun fing sie an, mir die Bücher zu zeigen. Sie hat der Brüder ihre so mit
einander verbunden, dass immer einer den andern nötig hat, um das Ganze einer
Vorstellung zu wissen; und sie denkt dadurch eine Grundlage zu der Ueberzeugung
des Nutzens der Brüderlichen Freundschaft zu stiften.
    Ich will Ihnen einige Bilder davon beschreiben, und die Bücher mit den
Zahlen 1. 2. 3. - bezeichnen, wie sie bei den Kindern folgen; nur nicht so
vollständig, als ich sie sah. -
    1.) Das Erste ist eine Landschaft nach Kleists Frühling. Trübe Wolken, die
sehr vom Winde getrieben werden - aber auf einer Seite die Sonne, deren Strahlen
auf einem Berg mit Schnee bedeckt fallen, den sie schmelzen, wovon ein wilder
Strom entsteht, der den Fluss anschwellt. Dieser führt Eisklumpen mit sich. Von
Pindorf steht mit seinen Kindern auf einem Altan und weisst ihnen dieses. An dem
Ufer des Flusses sind Bauern, die mit starken Stangen die Eisklösse abzuwenden
bemüht sind. -
    Die Zeichnung und dann die Haltung der Farben ist äusserst richtig und wahr.
Auf das weisse Blat, - gegen den Bildern über, schreibt Frau Guden selbst eine
Art Auslegung davon - in einem einfachen und eindringenden Ton der Seele.
    2.) Im zweiten ist es schon belebter. Ein Teile des Dorfs. - Der Himmel ist
freundlich. - Ein Bauer bessert seinen Pflug, einer die Hecke seines Gartens,
ein dritter hilft dem Wagner eine Speiche in ein Rad machen.
    3.) Buch des Mädchens. - Da ist die Bäurinn, welche nun durch das neu
wachsende Gras, Hoffnung zu mehr Nahrung für ihre Kühe, und also auch zu mehr
Milch und Butter hat; - räumt ihr Milchstübchen, säubert und ordnet alle Milch-
und Käsegefässe. -
    1.) Bauern im Felde, die die Gräben der Wiesen und Aecker austiefen. An
einem grossen Stück steht ein Pachter, mit seinen Knechten und verabredet den
Anbau der übrigen Felder, - nachdem er mit der Wintersaat zufrieden scheint.
    2.) Baum- und Gemüsgarten, - wo man beschäftigt ist, das Moos und die
Raupennester wegzubringen. - Von beiden wird etwas durch ein Vergrösserungsglas
betrachtet. - Man gräbt die Bette im Garten und macht sie eben. --
    3.) Der Blumengärtner reinigt leere Blumentöpfe. - In einem Glashause sieht
man inländische Blumen, dann Zwiebeln, Wurzeln und Saamen davon. Allerlei
Gartenarbeitgeräte werden vorgesucht und geordnet. -
    Herr von Pindorf sagt seinen Kindern: - Diese Leute machen Entwürfe und
Anstalten, zu arbeiten - und wir, zum Vergnügen. Wir wollen aber sorgen, dass
unsre Frühlings Zeitvertreibe uns eben so nützlich werden, als diesen
rechtschafnen Leuten ihre Bemühungen.
    1.) Hier ist ein Spaziergang auf das Feld. Herr von Pindorf erklärt seinen
Kindern das Pflügen und Säen, und redet zu ihnen mit vieler Achtung vom Ackerbau
und den Bauern. -
    2.) Schöne Wintersaat, Kleefelder und Graswiesen; dabei eine Heerde Vieh. -
Herr von Pindorf weist auf das eine und andre: --
    »Hier, Nahrung für uns; - da, - für unsre guten Kühe und Pferde.« -
    3.) Saamen zu verschiedenem Gemüse. Was jedes am liebsten isst, - damit
besäet es ein Stückgen. --
    1.) Sie sehen Bäume pfropfen, aushauen, biegen und anbinden; lernen sie auch
kennen.
    2.) Erste mühsame Arbeit im Weinberg. Bewunderung des köstlichen,
überfliessenden Safts, durch das dünne unscheinbare Holz der Reben.
    3.) Der Baumgarten in voller Blüte, und ein artiger Reihentanz von mehreren
Kindern um blühende Bäumchen, die man in die Mitte des Baumgartens stellte. -
Alle Kinder haben Sträusse von Obstblüte auf den Hütchen. Die Musik ist eine
Schalmei. --
    1.) Brut verschiedener Vögel, und Art ihre Nester zu bauen. --
    2.) Raubvögel in der Luft und auf dem Wasser. --
    3.) Taubenzucht und Hünerhof. --
    1.) Spaziergang in den Wald bei dem ersten Grün, wo ihnen die mancherlei
Arten von Bäumen und ihr Nutzen gewiesen wird. -
    2.) Ein Teich mit Enten. - Schönheit und Munterkeit der Vögel kommt viel von
ihrer Reinlichkeit. --
    3.) Milch- Butter- und Käse-Zubereitung; mit einer, dem kindlichen Alter
angemessenen Beschreibung des Nutzens des Rindviehes, während die Kinder in dem
Baumstück Milch essen. --
    1.) Fischerei mit dem Angel an einem Bach nach Tomsons Frühling. --
    2.) Schaafherden, Schaafschur; kleiner Auszug der Woll- und
Webereigeschichte, - Spinnerei und Weberstühle. --
    3.) Die Tochter hat die Seiden-Würmer; ihre kurze Geschichte, - Bandweberei.
Hier folgen durchaus schöne Bilder von allen Seiden- und Wollarbeiten, nebst
einer deutlichen, kindlichen Erzählung von den wunderbaren Eigenschaften der
Säfte der Pflanzen, und dem Dienst, Nutzen und Vergnügen, so die Menschen durch
ihren Verstand und Geschicklichkeit daraus ziehen; - dass der Saft des
Maulbeerblats in dem Leibe des Wurms zur Seide bereitet werde und dadurch dieses
schlecht aussehende Tierchen so vielen tausend geringen Menschen Nahrung, und
so vielen Vornehmen Vergnügen gebe. --
    Bei den Schaafen würden die Kräuter, die sie fressen, zu guter Milch,
Fleisch und Wolle. - So auch bei dem Rindvieh. Bei diesem entstünde auch die
starke Haut, wovon alle Gerber, Schuster, Riemer und Sattler Arbeiten bekämen. -
- Dann ist ein Bild von dem Flachs- Hanf- und Baumwollenpflanzen; - dass also
ihre Hemden, alles Weisszeug - und ihre musselinen Manschetten auch aus Kräutern
herkämen. - Dann der Uebergang zu den Bienen und ein schönes Bild davon. - Eine
herzliche Wendung, wie nützlich auch die kleinsten Tiere, - wie sehr schätzbar
die Menschen sind, welche sich mit Verarbeitung all dieser Sachen, zum Nutzen
und Vergnügen Anderer beschäftigen. - Dann fangen die Bilder alles dessen an,
woraus ihre Geschenke bestehen. --
    1.) Silberbergwerk. - Stuffen davon, und wie es geläutert wird. --
    2.) Goldarbeiter, der eben an den Gefässen arbeitet, die sie bekommen.
    3.) Porcelanfabrik und Magazien. - Es wird aus Stein, Sand und Salz gemacht;
- so wie auch
    1.) Glas und Spiegel --
    2.) Die schönen Farben in ihren Malerkästchen bestehen auch aus Erde,
Metallen, und dann auch aus Kräutersäften. --
    3.) Zimmer eines Malers. - Aus der Mischung zweier Farben entsteht die
dritte. -
    1.) Mahagony Holz; dessen Heimat. - Etwas von Schiffart und Flüssen --
    2.) Schreiner und Drechsler. - Diese haben die Risse und einzelne Stücke
ihrer Schreibtische vor sich; dabei wird beschrieben, was diese Leute im
Grossen, im Hause und auch zu ihren Spielsachen verfertigt haben. --
    3.) Die Tochter hat allerlei Stik- Näh- und Webereigestelle, wo Mädchen
sitzen und arbeiten, an lauter Sachen, welche die kleine Pindorf geschenkt
bekommt. --
    Der schöne Lichtschirm, den Frau Guden für Pindorfen webte, ist da
aufgespannt - und man sieht die Worte: Ewige Freundschaft, die im Englischen
hinein gewebt sind, um die ein Kranz von vergiess mein nicht, gebogen ist --
    1.) Allerlei Spiele von Kindern ihres Alters.
    2.) Bilder, was Kinder anderwärts lernen müssen oder schon wissen, die von
ihrer Grösse sind.
    3.) Arbeiten armer Kinder in Nadelfabriken, Wollspinnen etc. etc. - - Schön
geputzte Knaben, die mit grossen Gebunden Bücher zur Schule gehen, worinn arm
und gut gekleidte Kinder ihres Alters sind. --
    Der Reiche und Vornehme ist klein und unwissend, wie der Geringe. - Beide
haben Sorgen und Unterricht nötig. - -
    Die Uhrmacher; ein artiges Bild von den Uhren ihrer Schreibtische -
Schreibkunst; Kinder die es lernen und gerade die Linie aufschreiben.
    Wahrheitsliebe und Gehorsam gegen Eltern und Vorgesetzte sind die Tugenden
unserer Kindheit. --
    1.) Ein Gewitter. - Herr von Pindorf mit ihnen am Fenster und die Erzählung
des Nutzens und Entstehens; ganz kindlich um ihnen die Furcht zu benehmen.
    2.) Herr von Pindorf auf einem Hügel, - die Tochter auf seinem Schoss, - die
beiden Söhne in einem Arm geschlossen, und mit der andern Hand auf die schöne
Gegend umher weisend:
    »Seht, meine Lieben, wie schön aller Saamen der Erden, alle Früchte der
Bäume wachsen und keimen! - Möge, o meine Kinder, der anfangende Unterricht des
Wissens und der Tugend, die ich mit väterlicher Treue in eure Seelen zu pflanzen
suche, auch Wurzel fassen und aufgehen! - Denn Gott, der die Erde, die ihr seht,
mit allen Blumen und Bäumen so schön erschuf, und allen Tieren und Menschen das
Leben gab, hat mir befohlen, euch zu lieben, für eure Gesundheit, eure Nahrung
und Kleidung zu sorgen, euch alles Gute zu lehren, eure Fehler zu verbessern und
euch geschickt und glücklich zu machen. Wenn ich es tue, so will er mich
belohnen. Versäume ichs, so wird er mich strafen; so wie er auch den Kindern,
ihre Wahrhaftigkeit, Güte und Folgsamkeit zu belohnen, versprochen, - und auch
ihren Ungehorsam, ihre Bosheit und Lügen ahnden würde.« - -
    Auf diese Art werden die Bücher der vier Jahres Zeiten eingeteilt, - immer
das Bedürfnis des Vergnügens und der Erhaltung, mit der Liebe des Schöpfers, der
Nebenmenschen - und den daraus folgenden Kenntnissen und guten Eigenschaften
verbunden. - Auf den Winter, wenn alles Vaterländische, was sie die gute
Jahrszeit über selbst sehen konnten, ihnen bekannt ist, da bekommen sie
ausländische Pflanzen, Tiere, Gebäude, Menschen, und was wir aus andern
Weltteilen ziehen - und uns der angewehnte Gebrauch nötig gemacht hat, zu
sehen; und nicht einen Augenblick ist die Herablassung zum kindlichen Begriff
versäumt. --
    Ich hoffe, diese Beschreibung war Ihnen nicht unangenehm. Mich entzückte das
alles, und ich denke, da die Liebe der Freundinn all dieses in der Frau Guden
hervorbringe: so soll sie einst in meinem Herzen einen gedoppelten Gebrauch
dieses Buchs für meine eigenen Kinder schaffen. Sie will mir ein Exemplar zum
Hausgeschenk geben. - Aber jetzt rüstet sie sich zu einer Reise nach W -,
welches der Wohnsitz der Herrn von Pindorf ist. - Sie weiss, dass er abwesend ist,
und will also nur seine Kinder sehen und ihnen die Geschenke selbst geben - auch
sich nach dem Ruf seiner ersten Frau - und nach dem seinigen erkundigen. --
    »Vielleicht, sagt sie, höre ich, was mich vollends heilen kann. - Denn die
Beleidigung meiner eignen Liebe bewürkten es nicht. - Wenn er aber gegen
Grundsätze des Edlen, - Wahren - und Menschenfreundlichen handelt; wenn er in
grossen Anlässen seines Lebens niedrig, klein - und bösartig erscheint: - O,
Rosalia, da werde ich freilich von meiner mich abzehrenden Zärtlichkeit und
Sehnsucht genesen. - Aber, was wird der Schmerz sein, der mich darüber
zerreissen wird!« --
    Sie geht - unaufhaltsam dem entscheidenden Augenblick ihres Jammers
entgegen. -
 
                           Fünf und sechzigster Brief
                            Madame Guden an Rosalien
Ich bin, meine Freundinn, sehr wohl in W* angelangt. Aber Herr von Pindorf ist
nicht da, sondern, nach der allgemeinen Vermutung, auf einer Reise, - von
welcher er eine zweite Gemahlinn mitbringen wird. - Seine beiden Söhne und seine
Tochter sind hier. Diese will ich Morgen, als eine ihrem Vater bekannte
englische Dame, besuchen, und ihnen die artigen Sachen geben, welche ich diesen
Winter für sie zubereiten lassen. - - O, wie unruhig ist heute schon mein Herz!
- Kinder von Pindorfen - werde ich morgen an meine Brust drücken! - Kinder von
Pindorfen! - und ich bin nicht ihre Mutter! - Wie sorgfältig werde ich die Züge
aufsuchen, die mir die seinigen zurückrufen! Ich werde gewiss das Bild seiner
ersten Gemahlinn da finden, und auch darin noch spüren, ob sie alles Andenken
an mich auslöschen konnte - ob sie viel Geist hatte und gute Mutter war? -
    O! - mein Kind, er wählt nun wieder eine Andere an ihrer Stelle! - Dies ist
Beweis, klarer Beweis dass mein Bilo aus seinem Herzen entwichen ist. --
    Sehen Sie, wie immer noch Hoffnung und Niedergeschlagenheit in mir wechseln.
Dieses Fieber meiner Seele muss einmal aufhören. Ich werde sehr abgemattet sein,
aber doch endlich ruhen. --
                            Den zweiten Abend in W**
Ich sah diesen Vormittag alles, was an guten Gebäuden hier ist; und um zwei Uhr
ging ich zu den Kindern des Herrn von Pindorf. Meine Schritte wankten, als ich
die Stiege hinauf ging; und wie viele Mühe hatte ich, meine Tränen zurück zu
halten, als ich die drei guten Geschöpfe, schön geputzt, in der Begleitung ihrer
Wärterinnen und eines geistlichen Hofmeisters, oben an der Stiege der vornehmen
fremden Dame ihre Bücklinge machen sah! --
    Es sind sieben Jahre, als ich von Pindorfen getrennt wurde. - Er hat einen
Sohn von sechs, einen von fünf Jahren und ein liebes, ihm gleichendes Mädchen
von vieren. Der älteste Sohn und die Tochter haben die empfindungsvolle Miene
des Vaters. Der schöne Knabe von fünf Jahren ist voll Munterkeit und soll seiner
Mutter gleichen. --
    Ich nahm den Aeltern und die kleine Henriette bei der Hand. Sie führten mich
in das grosse Ansprachzimmer so ganz weiss lackirt ist, - und nichts als vier
schöne Landschaften über den Türen und die Bildnisse des Herrn von Pindorf und
seiner Gemahlin in Lebensgrösse hat. Diese nehmen die ganze Wand zwischen zwei
Türen ein, und stellen eine getreue Nachahmung meines Gedankens vor, da ich in
dem Garten zu Stow den Herrn von Pindorf mit dem schönen Auedruck seiner Seele
zeichnete; nur dass anstatt meiner Dame, seine Gemahlinn; - und für Herrn von
R**, einer der liebsten Freunde des Herrn von Pindorf hier vorgestellt ist; -
ich aber mit meiner Zeichnung der Gruppe, in Mannskleidern. Meine Freundinn,
dies Gemälde war noch Würkung seines zärtlichen Andenkens an mich; und meine
Verkleidung als Mahler, war gewiss feine Schonung der Empfindlichkeit seiner
Gemahlinn. --
    Ich hatte alle Fassung meines Geistes nötig, besonders da der kleine Sohn
sagte: »Hier macht der Papa gemahlt seine Aufwartung. Die Mama kanns gar nicht,
denn sie ist gestorben.« Ich hatte mitlerweile ihr Bild betrachtet.
    Sie war höchst liebenswert, und ein edles Schmachten liegt in ihren Zügen.
Ich zog den Knaben an mich und küsste ihn, während ich mit dem andern Arme die
Tochter und den ältern Sohn umfasste. Ich konnte mir nicht mehr helfen.
    Ich im Haus des von Pindorf! - Seine Kinder in meinen Armen, - sein Bild vor
mir, und in diesem Bilde ein Beweis, dass ich und meine Talente ihm wert waren!
Das Bild seiner Frau, dass er seine Liebe für mich opferte, und deren Ruhe mir so
heilig war, dass ich niemals das geringste tat, um seine Zärtlichkeit zu
erneuern.
    Ach wie froh bin ich, es nicht getan zu haben! - Ich wäre durch ihren
Anblick gedemütigt und beschämt worden; denn gewiss, sie verdiente sein ganzes
Herz! Nun kann ich sie anschauen und bedauern, dass sie diesen Schatz nicht
länger besass; - ich kann ihren Geist als Zeugen denken, wenn ich eins ihrer
Kinder umarme.
    Gewiss, selige Mutter dieser drei lieben Kreaturen, gewiss habe ich niemals
keinen Wunsch getan, der gegen deine Glückseligkeit gegangen wäre! --
    Nur nachdem du tod warest und ich frei, - verlangte ich, deines von Pindorfs
Liebe geerbt zu haben. - Du hättest mir gewiss sein Herz gegönnt, wenn du mein
Bestreben gesehen, des würdigen Mannes Tage zu verschönern. Meine Liebe, meine
Sorge für Deine und seine Kinder, würde mir Deinen Segen erworben haben. - Nun
wird all dieses der Anteil einer Andern! - Ach möge sie sein, was ich für ihn
gewesen wäre! - Meine Freundinn! ich dachte hier mit Klopstok: Sie ist
glücklicher, aber nicht edler! --
    Die Wärterinnen - und der Geistliche betrachteten mich mit Verwunderung.
Diesen Grad von freundschaftlicher Empfindsamkeit hatten sie niemals gesehen. -
Noch mehr aber staunten sie, als mein Bedienter meldete, die Kasten wären da;
und ich die Kinder bat, mich in ihre Stube zu führen, - oder ob sie die kleine
Sachen aus England, die ich für sie hätte, in diesem Zimmer sehen wollten? -
    »O, hier - sagte der muntre Kleine; da siehts der Papa auch.« --
    Ich merkte zugleich, dass es den Wärterinnen lieber wäre, und liess also die
Kasten bringen. Jeder war mit dem Namen desjenigen gezeichnet, für den er
gehörte; - und da sie mit Schiebdeckeln gemacht sind, konnte man sie leicht
öffnen. --
    Jeder der Söhne hat einen artigen Schreibtisch nach seinem Alter von
Mahagonyholz, mit einer schönen Uhr, die darin fest gemacht ist, um ihre
Arbeitstunden zu zählen; - Schreibzeug, Reisszeug von Silber, Farbenmuscheln und
Zubehörde in einer Schieblade; - in einem Seitenfach ein Waschbecken und Kanne,
kleines Suppenkümchen, zwei Leichter, Teller, Becher, Tee- und Messerzeug auch
von Silber, - und artige Porcelanschalen mit dem Namenszuge, nebst einem Bande
von den Büchern die ich malen liess. -
    Die kleine Henriette bat einen Nachttisch, der auf einer Seite aufgeschlagen
ist; der Spiegel und alles nötige dazu, nebst einen Frühstückgerätbe wie ihre
Brüder. Auf der andern Seite alles, was zu Frauenzimmerarbeiten und auch zum
Zeichnen und Malen gehört, - nebst ihrem Buche. Ich muss selbst sagen, dass es
schön und reizend für die Kinder aussah. - Die englischen Schnallen, Knöpfe und
Spazierstöcke freuen die Knaben eben so sehr, als das Mädchen der Hut und
englische Kinderputz. Dann wies ich ihnen den Auszug der englischen Landkarte,
auf welcher ich allein die Städte und Landhäuser bezeichnet habe, die ihr Vater
durchreiste, und die Blätter der Merkwürdigkeiten, die ihm besonders gefallen
hatten; das Haus, worinn er in Londen gewohnt und, nach meinem geheimen
Tagbuche, diejenigen, wo er über diese oder jene Wissenschaft gesprochen und
viel Lob erhalten hatte. Ich redte ihnen von dem Glück, einen solchen Vater zu
haben, und wie lieb man sie einst in England haben würde, so bald man nur nach
ihren Namen denken könnte, dass sie seine Söhne wären. -- Endlich ging ich weg,
nachdem ich durch meinen Bedienten versichert war, dass der Hofmeister und die
Wärterinnen ihre Geschenke in ihren Zimmern finden würden. Und nun glauben Sie,
dass meine Seele in der äussersten Bewegung gewesen sei. - Aber, die Freude, die
ich den Kindern gemacht; - das süsse Vergnügen, ihnen von ihrem Vater zu reden;
- alles Gute, was ich nach der Physiognomie des Gemähldes von ihrer Mutter ihnen
sagte, goss lindrendes Oel in mein zerrissenes Herz. - Doch möchte es wohl die
Würkung haben, die bei den stürmischen Wellen der See bemerkt wird, wo es nur
die Fluten besänftigt, die das Fahrzeug am nächsten umgeben; - und wenn dieses
über die Oelichte Fläche weg ist, wird es mit doppelter Gewalt hin und her
geschlagen. - - Mag es! - Ich habe doch eine neue Art schmerzhafter Freude
genossen! - Nun bin ich müde, und will schlafen gehen. -
                               Dritter Tag in W**
Noch einmal war ich im Hause des Herrn von Pindorf. Der Geistliche kam heute
früh um für seine Zöglinge, für sich und die Wärterinnen zu danken. - Ich fragte
ihn um die Gemütsart der Kinder und das was sie lernten. - Er gab mir ganz
befriedigende Antworten auf alles, was ich von den Kindern, - besonders aber,
weil ich sie liebte, was ich von seinem Charakter-wissen wollte. - Der Plan des
Unterrichts ist gut; aber nur lauter verwendete Gedächtnisskraft. Für die
Empfindung beinahe nichts - und dabei sehr streng anhaltend. - Ich bat ihn auch
um Milderung, - und redte für die Rechte der Natur und Kindheit. Ich ging mit
ihm ins Haus und musste da ihm die Freude geben eine kleine Prüfung anzuhören. -
Ich ass mit ihnen zu Mittag, und zeichnete dann jedes auf dem vordersten Blatt
ihrer Bilderbücher ab. - Ich weiss mir vielen Dank für diesen Wintereinfall. Die
Arbeiter hatten Verdienst, - übten ihr Talent - und bekamen neue Ideen. - Diese
liebe Kinder sind so glücklich bei den Bildern. - Auf dem Blatt, wo ihr Vater
vorgestellt ist, da er ihnen die pflügenden Bauern weisst und sie von dem
Ackerbau unterrichtet, kannten sie ihn gleich und sagten, sie wären mit ihm auf
dem Felde gewesen. »Der Baum da, und die Häuser dort,« wiesen sie mit ihren
Fingern, »sind nicht da gewesen. - Aber hier war die Ecke von unserm Garten; und
da ein Berg, wo man des Papa Haus in der Stadt sehen kann; und hier, sagte der
Kleine, eine Hecke, wo ich mich versteckte.« --
    Es ergözte mich innig, zu sehen, wie sie meine Landschaft umarbeiteten und
in ihrem Gedächtnis jeden Eindruck des genossnen Vergnügens oder Bewundern wieder
fanden.
    Aber ich muss mich losreissen. Mein Herz heftet mich zu sehr an die
holdseligen Geschöpfe. - Morgen will ich in die Gegend des Schlosses Mahnheim.
Dort ist der Lieblingsspaziergang Pindorfs, in den Zeiten, wo er Einsamkeit
nötig hat. --
    Ach dieses ist jetzo ein Bedürfnis meiner Seele geworden. - Einsam, ganz
einsam möchte ich wo sein! vielleicht würde mir da ganz wohl, wenn ich mich
einige Zeit allein immer um eine Idee herum wände, so wüsste endlich ein
Widerwillen entstehen, und ich nach andern Gütern mich umsehen.
    Die guten Kinder baten mich, Morgen wieder zu kommen. Ich sagte aber, nun
müsste ich, wegen meiner Gesundheit weiter reisen; aber im Sommer wolle ich neue
Bücher schicken - und sie dann wieder besuchen, wenn sie noch ferner meine
Freunde sein würden. -
    Ich empfahl sie innig ihrem Aufseher, und mein Abschied war mir
empfindlicher, als Sie denken können.
 
                          Sechs und sechzigster Brief
                         Madame Guden an ihre Freundinn
Gestern früh riss ich mich von dem Wohnsitz, von den Kindern und dem Bildnis des
Herrn von Pindorf los, um an den, zwei Stunden von dort liegenden Ort zu kommen,
den ich ihn hatte nennen hören, und welcher der Uebergang zu einer Anhöhe ist,
die er liebt. - Mit was für Eile ging ich hinaus! und was wurden all diese
Gegenstände für mich, als ich mir sagte:
    Diese Bäume, diese entfernten Gebirge, den Hügel da, die Bauerhütten, diese
Steine voll Moos an dem kleinen Bach, alles dies hat er mit seiner so
tiefempfindenden Seele mit süssem, einsamen Nachdenken betrachtet! Sein schönes
Auge sah hier um sich, ruhte auch auf der Wiese von dem starken Umherschauen
aus. - O, wie lange habe ich keine Gegenstände gesehen, die Er sah! - Ich dachte
mich näher bei ihm, vereinter mit ihm. - Meine Seele umfasste mit inniger, nie so
gefühlter, reiner, hoher Liebe - die ganze Gegend.
    Ich dankte ihr mit Tränen der wahren Zärtlichkeit für die erquickenden
Augenblicke, die sie dem edlen, einsamen Spaziergänger gegeben hatte. - Sanfter
Friede und unruhige Wünsche wechselten in mir ab, bis ich die Anhöhe erblickte
die ich suchte. Ich war allein, denn ich wollte keinen Zeugen meiner Schritte,
keinen Beobachter meiner Gemütsbewegung um mich haben.
    Ach! wüsste man, wozu mich die allgewaltsame Leitung meiner Liebe führt, wie
würde man mich tadeln, weil ich aus dem gewöhnlichen Pfade gehe! - Aber sagen
Sie, sind die tausendfachen kleinen, oft niedrigen Wege und Ränke, in die sich
andre abhängige oder arme Geschöpfe einlassen, um ihr Herz zu befriedigen, sind
sie edler - und besser, als dies was ich tue, weil sie alle Tage ausgeübt
werden? - O, meine Freundinn! Lieben Sie immer das wahre, ausserordentliche
Weib, wie Sie mich einmal nannten, die Mut genug hatte, ihr Gold, und ihre
Freiheit zu ungewöhnlichen Handlungen der Menschenliebe zu verwenden, und die
niemanden zur Rechenschaft forderte über das - was er, und wie er es tat; aber
sich hin legen auch nicht verbunden achtete, - das, was sie tun wollte nach
angenommenen Modellen zu formen. Denken Sie immer an den Aufschluss, den ich
Ihrem Staunen über mich gab:
    Dass in mir verschiedene charakteristische Teile der moralischen Welt
vereinigt wären, die bei vielen Personen nur einzeln angetroffen, oder durch die
Umstände unterdrückt und in der Tätigkeit gehindert würden; und dass bei mir
natürliche Anlage, Erziehung, Glücksumstände und Unabhängigkeit zusamen träfen.
- Jede meiner Gesinnungen und Handlungen sind willkührlich und frei, wie mein
Gang auf den Berg, an dessen felsigten Seite die Ueberbleibsel eines alten
zerfallnen Schlosses sind. -
    Immer machte ein solcher Anblick eine sonderbare Würkung auf mich: -
Vergänglichkeit menschlicher Gewalt, Wünsche, Freuden und Mühe; -- Entwürfe,
ausgeführte Arbeiten. - - alles was jetzo noch meine unsterbliche Seele so
bewegt, anspannt und ihr Gefühl von Kraft gibt, neue Bilder und Sachen zu
denken und zu schaffen, - alles dies war in dem Besitzer dieses Hauses, der den
ersten Stein hier legte - und sich des Segens seines spätesten Enkels freute,
dass er ihm die stattliche Burg gegen Feinde, in der herrlichen Gegend, erbaute.
- Jetzo lebt entweder der Enkel nicht mehr, der ihn segnen sollte, oder er
blickt nur ungefehr im Vorbeifahren, wenn er nach seinem neumodischen Pavillon
eilt, mit Verachtung auf die Ueberreste des Wohnsitzes seiner Ahnen. - Dennoch
redlicher Stammvater, warest du glücklich! Du starbst mit der Ueberzeugung, dass
deine Entwürfe und Hoffnungen fest, wie die Grundpfeiler deines Hauses wären. -
Und ich? Ach, meine Plane von Glück und Vergnügen seh ich vor mir zerrissen und
zerstreut! - - - All dieses hatte mich auf einer Seite aufgehalten. - Ich ging
nun herum, einen Fusspfad zu suchen, denn ich wollte zu den Ueberresten hinauf.
Ich sah an einer noch stehenden Wand gegen Mittag grosse und kleine Bäume.
Zwischen abgefallenen Mauerstücken rieselt eine Quelle reinen Bergwassers herab,
dessen kleiner Weg mit frischen Kräutern bewachsen ist. - Nach einer kurzen
Wendung zwischen Ulmen, nahm ich mein Fernglas - um nochmals recht hinauf zu
sehen und, wo möglich, Spuren eines Steigs zu entdecken. Da erblickte ich zwei
Ziegen, die nahe an den Ruinen weideten; und nicht weit davon, zwei Kinder von
sechs bis sieben Jahren, auf einem Stein sitzen, von welchen das Eine strickte
und das Andre spann - Dieser mir bisher unwirtbare verlassne Fels zeigte nun auf
einmal, dass er Tiere nährte und der frühen Arbeitsamkeit dieser Kinder einen
Sitz anbot. Meine Seele wurde mehr bewegt, als wenn ich eine Erscheinung des
Genius der alten Schlossherren gehabt hätte. - Endlich erkletterte ich einen
Teil und kam auf einem guten Pfad auf die Fläche des Bergs. Die Kinder hatten
mich kommen sehen und liefen mir zu. --
    »Nein,« sagt das ältere, so ein Knab ist, »es ist nicht der gute Herr.« - -
    »Aber,« sprach ich gleich, »ich bin seine Base,« - und gab Jedem ein Stück
Geld; ging etwas vorwärts an dem Stück Mauer, bis an die Öffnung welche die
eingefallenen Stücke machen, und sah den Platz, der ehmals den Schlosshof
vorstellte. Eine Seite ist ganz offen, die andre mit Schutt bedeckt, die dritte
und vierte haben hohe, dicke Mauern, in deren Schlusswinkel ein Strohdach
festgemacht ist, das eine halbe Hütte decket. Ich fragte die Kinder, wo sie her
wären? - »Von hier« - sagte der Knabe und wies auf die Hütte. - Ich sah mich
ausser dem Hof um - da ist kaum ein Paar Elen breit ebner Boden. Aber auf den
zwei Seiten ist er mit Korn besäet; und da wo ich von unten Bäume gesehen, sind
Waldstämme. Aber auch zugleich ist mit unsäglicher Mühe Schutt abgeworfen; - Der
Platz, der ehedem eine Halle des Schlosses gewesen sein mag, eben gemacht, an
dem Ende gegen den Abhang des Bergs eine Reihe Steine als Brustmauer gelegt,
Erde auf das Uebrige getragen, und Obstbäume und Gemüse darauf gepflanzet, die
alle reich und gut stehen. -
    Der Ort, wozu dieser Burgplatz gehört, ist eine starke Viertelstunde davon,
und sonst nirgend kein Nachbar umbet. - Die Bildung der Kinder ist sanft und
schön, aber von der Sonne verbrannt, voll Spuren, dass sie gutartigen Eltern
gehören. Grobe, aber reinlich leinene Wämschen und Hemden sind ihre Kleidung. -
ohne Strümpfe und Schuhe; nur die Füsse mit alten Lappen umwickelt. - Ich
fragte, wer ihr Vater wäre und wo er sei?
    »Er ist.« sagte der Knabe, der dabei immer fort strickte, »ein armer
Gärtner, und meine Mutter hat ihm heut geholfen, Gemüs und Blumen hinunter
tragen zum Verkauf. Dafür bringt sie Brod und Mehl zurück« --
    Das Kind redte einfach aber gut. Mein Staunen und meine Bewegung nahm zu. -
    »Wie viel Kinder seid ihr denn?« --
    »Viere. Eins schläft noch in der Hütte, und das Kleinste hat die Mutter auf
der Trage mitgenommen, denn es trinkt noch ihre Milch.« --
    »Wem gehört dieses Korn hier?«
    »Uns. Mein Vater hat umgegraben und ich hab geholfen. -- Hier,« - (da nahm
er mich bei der Hand und wies mir mit der seinen ein mit kleinen Steinen rings
um gezeichnetes Stück mit Korn) - »hier hab ich das Korn zu meinem Brodt selbst
gesäet. - Es steht recht hübsch, nicht wahr! Gott wird mir es auch behüten.«
    Er lächelte sein kleines Feldchen so zärtlich an, sah mit so unschuldvollem
Blick gen Himmel als er Gott nannte, dass mein Herz schmolz, und Tränen
träufelten über seine Hand und sein Korn. - »Ja mein Lieber, gewiss wird Gott
deinen Fleiss segnen und du wirst eine gute Eindte haben.«
    »O! sagt er, ich tu auch alles selbst schneiden und auslesen; da soll mir
kein Körnchen verloren gehen.« -- Hiebei machte er mit Eifer eine sorgfältige
Miene und mit den Fingern die Bewegung des Auskörnens mit der unnachahmlichen
Wahrheit, die aus dem Gefühl des Bedürfnisses und der Versicherung der Nahrung
entstund. O, wie rein sind die ersten Züge der Menschheit in diesen einsam
erzogenen Kindern! - Aber nun fing das Mädchen auch an zu sprechen. --
    »Ich hab auch gesäet - mit der Mutter. - Dort, wies sie mit dem Finger,
wächst unser Flachs.« -- In der Tat, abwärts umher, ist ein Streif von etwa
drei Ellen in der Höhe, an zwei Seiten mit Flachs und Haber besäet. --
    »Von dem Haber und Leinsamen bekommen im Winter die Vögel,« - sprach der
Knabe, - aber wir fangen auch weiche, und »die Mutter kochts im Gemüs. - Keine
Jungen aber nehmen wir nicht.« --
    »Ja, fiel das Mädchen ein, weil die armen Tiere ihre kleinen Vögelchen
lieben, wie die Mutter uns liebt: so wär es grausam, sie weg zu nehmen und die
Alten in Kummer zu setzen.« -
    Der Knabe sprach lebhaft: »Aber wenn sie gross und frei herum fliegen, kann
der Mensch die Gewalt brauchen, die ihm Gott über die Tiere gab. Das sagt der
Vater; und da stellen wir Schlingen auf.« --
    Sie sehen an dem Ton, wie freudig der Knabe von diesem kleinen Anteil der
Obergewalt redte. - Menschen Herz! wie ähnlich bist du dir im Grossen und
Geringen! --
    »Meine Kinder, habt ihr eure Eltern nicht recht lieb?« --
    »O ja, von Herzen: - sie sind so gut, - so gut! - Das,« sagte der Junge, und
zeigte im Fortgehen auf die grosse offene Ecke des Hofs, die mit schönen Klee
bewachsen ist, »das gehört unsern Ziegen! daran haben wir aber auch alle gesät.
- Weil wir alle von der Ziegenmilch essen, müssen wir für sie sorgen helfen.«
    Das sind keine gemeine Menschen, dachte ich. -- O Vorsicht! du hast sie hier
geschützt, und segnetest den Samen, den ihre Hände der Erde, und ihre Lehren die
sie ihren Kindern gaben. Wenn ihr Herz sich zu dem meinigen neigt; wenn ich
ihrer Tugend und Einfalt nicht schädlich bin: so baue ich mir zwei Zimmer
zwischen den noch stehenden Mauern des Schlossgangs und wohne einige Zeit hier. -
Dies, Rosalia, sagte mein Herz, mit mehr Gefühl von Wahrheit und Begierde als
jemals in mir war. --
    Ich fragte den Knaben, ob er das Geld kenne, so ich ihm gegeben?
    »Nein, - aber er hätte solches schon gesehen; der gute Herr habe seinem
Vater vorigen Sommer wie er weggangen, vier solche Stücke gegeben.« --
    »Wie ist denn der gute Herr zu euch gekommen?«
    »Ey, den Weg, wie Sie. - Aber er ist geschwinder berauf gestiegen und hat
sich nicht so an den Steinen gehalten, wie Sie es machten.« --
    Indem kam ein vierjähriges Kind aus der Hütte und rief: »Lotte, Lotte, mein
Brodt!« - Lotte suchte gleich in ihrem Sack und zog ein Stückchen heraus, sah es
traurig an, und dann ihren Bruder. - »Carl, wir haben zuviel davon gegessen« -
Ich war froh, aus der Dorfschenke ein grosses Stück Brodt mit mir genommen zu
haben - und schnitt gleich drei Stücke davon, die ich den Kindern gab. Die zwei
Aeltern liefen dem Jüngern zu, das über meinen Anblick gestutzt hatte und nicht
mehr rief. - Ich blieb auf meinem Platz und sah, dass die zwei Grossen dem
Kleinen freundlich zuredten, das Brodt gaben, auf mich wiesen und ihm auch das
Geld zeigten. Es verlangte ein Stück. Der Knabe gab ihm seines und nahms bei der
Hand um es zu mir zu führen. - »Da Nanny, die Frau hat uns Brodt und Geld
gegeben.« --
    Ein holdseliges Mädchen ist diese Nanny; fein gebildet und noch ganz weiss.
Ich gab dem Knaben ein ander Stück Geld und teilte noch etwas Brodt unter sie.
Mein Messer, aus einem schönen Futteral gezogen, ergötzte sie sehr. Ich sezte
mich auf einen Stein nahm die Nanny auf meinen Schoss wies Ihnen meine Uhr, und
liess sie schlagen. Neues Staunen für sie! - Ich hielt sie jedem an das Ohr, -
und da sie die Begierde zeigten, sie von innen zu sehen, machte ich sie auf und
erzählte alles mit kurzer deutlicher Auslegung. Als ich sagte, ich könnte da
sehen, wie lange die Sonne bei uns bleibe, und wie bald sie wieder komme, fiel
der Knab ein: »O, das weiss ich auch! Jetzt scheint sie des Morgens um vier Uhr
in unser Fenster; da steht der Vater auf, betet, und dann fort zur Arbeit. - Zu
Mittag scheint sie bei dem alten Turm herein, und da essen wir, -- und Abends
geht sie dort bei dem Berg unter, zu den andern Lemen; da stehen die auf und wir
legen uns schlafen.« - Alle dies wurde mit der wahresten kindlichen Geberde
erzählt, wobei er immer den Ortzeigte, von dem er sprach. -
    Lotte sah rund am Himmel umher, und zog ihren Bruder am Ermel. »Sieh doch,
Carl, hellt Nacht wird der Himmel gewiss schön. - Die Frau soll da bleiben. -
Alle die Wolken,« sie wies mit ihren Händen darnach, »werden lauter Gold - und
rot und blau, wie des Vaters Blumen.« --
    »Ja,« sagte der Knabe munter und treuherzig, die Hand auf meinen Arm legend,
- »bleiben Sie da! - Im Tal und im Dorf sehen Sie den schönen Himmel, wo Gott
wohnt, nicht so wie wir.« --
    »O, wir sind auch viel näher bei Gott,« sprach Lotte, und faltete dabei ihre
Hände, mit einer unnachahmlichen Wendung ihres Kopfs und der Augen gen Himmel. -
Ihr Blick und der Ausdruck ihres ganzen Gesichts war reine kindliche Freude,
über den nahen Wohnsitz eines guten Vaters. - Ich umfasste sie, mein Auge war
auch gen Himmel erhoben, mit dem Gedanken: »O Gott! nirgends kanst du bessere
Geschöpfe haben, als diese sind!« - Ich fuhr zu ihnen fort: »Liebe Kinder! ich
will bei euch bleiben; wolt ihr mich haben?«
    »Ja ja sagten die Aeltern« und legten vertraulich ihre Hände auf meinen Arm.
»Aber,« der Knabe sah gegen die Hütte »es ist kein Platz in der Hütte.« --
    »Ey bei dir, sagte Lotte, ist viel!« - »Seid ruhig, ich will euren Vater und
Mutter bitten, dass sie mir Platz geben,« -- das war ihnen Recht. Sie
betrachteten meinen Stock, meinen Hut, wunderten sich über meine langen Haare,
die ich nur zusammen gebunden hatte. Ich zeigte ihnen mein Fernglas - und hiess
sie durchsehen. -- Lotte sah gar nichts, sagte sie, - und der Knabe gabs mir
wieder, drehte seinen Kepf munter herum und lachend sprach er: »Ich seh so viel
mehr; durch das Rohr da, sah ich nur ein klein Stückchen,« und mass es mir an
seiner Hand vor. - »Aber ohne dies Glas hätte ich euch nicht gesehen, sprach
ich, - und wäre nicht zu euch kommen.« - Darüber betrachteten sie mein Fernglas
und berührten es mit der Spitze ihrer Finger, mit einem Ausdruck von
Freundschaft und vermischtem Zweifel. - Im nehmlichen Augenblick hörten sie
pfeifen und, Carl! - Lotte! rufen. -
    »O, der Vater und die Mutter!« riefen sie und liefen davon. Nanny schrie -
und ich trug sie, so schnell ich konnte, den Andern nach. Da ich aber die Eltern
erblickte, die ihre Trage niedergesetzt hatten und mit staunender Miene der
Erzählung ihrer zwei Kinder zuhörten, die beide zugleich sprachen und das Geld,
dann auch mich zeigten: so ging ich etwas langsamer. Die Nanny aber wollte zu
ihrer Mutter. Ich liess sie also hinlaufen. - Die Mutter hatte mich ängstlich
betrachtet, so lange ich ihr Kind auf den Armen hatte. Sie fasste es herzlich in
die ihrigen, und Nanny, wie ich bemerkte, erzählte ihr auch etwas. - Mann und
Frau sprachen da mit einander, und ich näherte mich ihnen. Beide untersuchten
meinen Gang und Person, so wie ich auf ihre Gestalt und Physiognomie aufmerksam
war. -
    Der Mann hat etwas über 30 Jahre, ist gross, wohlgewachsen, aber sehr hager;
eine männliche und redliche Bildung, schöne braune Augen und Haare, viel
Entschlossenes in seiner Stellung. --
    Die Frau mitler Grösse, - schlang, eine sanfte leidende Mine, süsse blaue
Augen; aber ihre feine Haut ist von der Sonne verbrannt - und sie ist auch, wie
ihr Mann, durch Kummer und Arbeit schmächtig geworden. Freude und Sorge druckte
sich in ihrem Gesicht aus, als ich so nah kam, dass ich sie anreden konnte. - Aber
die Gruppe rührte mich zu Tränen. - Die Frau hielt ihre Nanny an einer Hand und
breitete zugleich ganz instinktmässig den einen Arm über den kleinen Korb in
welchem ihr Säugling schlief. - Der Mann befestigte geschwind den einen Fuss der
Trage an dem abhängenden Boden mit einem Stein.
    Lotte kam zu mir - »Ich habe mein Geld der Mutter gegeben; - und ich meins
dem Vater« sagte der Knabe. --
    »Ihr seid auch gute Kinder - und habt gute Eltern,« -- sagte ich freundlich
und bewegt. Indem ging der Mann um die Trage herum nahm seinen Hut ab und
machte mir mit Anstand, und einem Ausdruck von Zuversicht auf seine
Rechtschaffenheit, eine Verbeugung, sah mich fest an, und sprach: »Ja, meine
Frau, unsere Kinder haben uns das Geld gegeben, so sie ihnen schenkten. Wir
danken Ihnen dafür. Aber ich bekenne, wir sind doch über Ihren Besuch und Ihre
Güte unruhig. Es kommt niemand zu uns, besonders keine Frauen.« --
    »Ist Herr von Pindorf aus W** niemals hier gewesen?« fragte ich, indem ich
wünschte und hoffte, dass er der gute Herr sein möchte, von dem mir die Kinder
gesagt hatten. - Ihre Gesichter erheiterten sich bei seinem Namen. - Er ists -
O, meine Freundin, Er ists! --
    »Ja, meine Frau,« antwortete der Mann »dieser ist voriges Jahr viermal bei
uns gewesen und hat uns Gutes getan. Aber er wollte niemand von unserm
Aufentalt sagen.« --
    »Er hat es mir, aber sehr weit von hier, gesagt; denn gewiss dachte er nicht,
dass ich jemals hieher kommen würde. - Mir ist leid, dass er sich nicht in W**
befindet. Aber ich will ihn erwarten.« -
    Sie sahen sich und mich an. Der Mann fragte mit bescheidenem Ton, wer ich
wäre? »Eine Engländerinn, reich, aber redlich bei meinem Golde, wie ihr bei der
Armut.« - Beide schlugen die Augen zur Erde, mit einem übergehenden Strahl von
Hoffen und Nachdenken.
    Meine grösste Angelegenheit war nun, ihnen lieb zu werden, so wie sie mir
wert waren. - - Der Mann sagte: »Es ist wahr, meine Frau, wir sind arm, aber
gewiss ehrlich und treu.« - Er blickte seine Frau an, die ihm die Hand reichte
und in Tränen zerfloss. - Dieses bedrängte meine Seele; und in der lebhaften
Bewegung erhob ich meine Hände gen Himmel und rief aus: »O Gott! du kennest mein
Herz; schenke mir das Vertrauen dieser Familie. - Meine Freunde«, indem ich mich
gegen sie wandte, und meine Armen gegen sie streckte, »öffnet mir eure Herzen!
Gewiss, ach, gewiss wird es Euch niemals gereuen.«
    Nun kamen dem Mann Tränen ins Auge. Er umfasste seine Frau, aber etwas
zitternd. »Lotte! liebe Lotte! wir trauten immer auf Gott. -- Vielleicht« - Er
hielt inne, konnte nicht mehr sprechen. -- Sie liess ihre Kinder los, fasste beide
Armen ihres Mannes, und ihr Kopf sank auf seine Brust. Die guten Kinder wussten
nicht, was das alles bedeutete, wurden bewegt und hielten sich zusammen.
    Ich umfasste alle Dreie. - »Liebe Kinder! bei eurer Unschuld - bei dem Weh
Eurer Eltern, gelobe ich Euch allen meine Liebe und Hülfe.« --
    Ich küsste sie und ging zu den Eltern, die mit ihren weinenden Augen gen
Himmel blickten; nahm von jedem eine Hand; »Liebe Redliche! nehmt mich zu Eurer
Freundin; ich werde Gott für Eure Bekanntschaft -- und Eure Liebe danken.«
    Sie seufzten Beide und sagten zugleich: »O, Gott!« - »segne uns,« fetzte ich
hinzu - Darauf schwiegen wir alle einige Augenblicke. Dann fing ich an: »Wir
wollen vollends hinauf zu der Wohnung; da will ich Euch sagen, wer ich bin,
woher ich komme und was ich tun kann und tun will. - Wie heisst Er mein
Freund?«
    »Wolling, meine Frau.« --
    Nun, Frau Wolling, führe Sie Ihre Nanny hinauf, ich helfe die Trage
nachbringen. -- Das wollte sie nicht. Da ich aber darauf bestand, als der ersten
Probe ihres Vertrauens, so nahm sie den Korb mit ihrem Säugling auf die Armen. -
O, wie wahr ist dieses Misstrauen auf meine Geschicklichkeit im Tragen, in dem
Herzen einer so treuen Mutter! - Ich nahm hingegen die Nanny: »Komm, setze du
dich dahin; dein Vater und ich tragen dich spazieren.«
    Die Kleine sass auch ganz herzhaft da. Oben luden wir ab. Rührend war es mir,
wie Carl und Lottchen jedes einen Laib Brodt pakten und ihn im Tragen an ihr
Herz druckten, wie ich einen Freund beim Wiedersehen. - Nanny nahm ein
Schüsselchen mit Butter, so die Frau Amtmännin ihr schickte. Ich trug einen
grossen Topf Mehl und Wolling die Strohbüschel, die sie recht für mein erstes
Nachtlager gebracht hatten. Die guten Leute sahen sich da wieder mit
Verlegenheit an. Endlich sagte die Frau: »Es ist bald Essenszeit, was wollen Sie
machen?« - Der Mann schlug Feuer und zündete auf dem kleinen Heerd Reisig an -
»Ey Frau Wolling, sagte ich, ich esse mit Ihr - und zahle meine Kost.« --
    »Ach, die ist schon bezahlt,« - und sie wies mir das Geld ihrer Lotte; -
»Wir haben nur Haberbrei.« --
    »Das ist vortreflich! den esse ich gern.« - Aber dann hatte ich was zu
überwinden; denn sie goss Ziegenmilch in den Haberbrei, als was sehr köstliches;
und ich konnte niemals den Geschmack der Ziegenmilch ertragen. Solte ich aber
den guten Leuten, besonders den Kindern, Eckel vor dem zeigen, was in ihrem
Elende Labsal und Wohltat für sie war? Nein, diesen Übermut meines Geldes,
welches mir die Wahl der Speisen und Getränke gibt, diesen Übermut erlaubte
mir meine Seele nicht. Ich bezwang mich um dieser guten Herzen willen; ich ass
mit, und sie gönnten und segneten mir jeden Bissen. - Endlich sagte der Mann,
sie wollten Abends eine von ihren Hühnern für mich schlachten. Der Knabe und das
Mädchen sahen sich an, fassten sich bei der Hand und gingen still, aber mit
weinenden Augen fort. Ich erriet gleich, dass es die Trauer um das Huhn wäre,
und sagte es den Eltern. »Das ist wahr, sprach die Frau, denn unsere Kinder
lieben die Hühner und Ziegen, wie ihre Gespielen.« --
    »Es soll ihnen auch nichts geschehen,« erwienerte ich - und suchte die
Kinder auf, welche ich bei zwei Hühnern fand, mit denen sie auf der Erde sassen
und ganz traurig sie streichelten. Mein Anblick war den guten Geschöpfen
unangenehm. Sie senkten Beide die Köpfe - und jagten eilig die Hühner weg.
»Liebes Lottchen! Carl! glaubt Ihr denn, dass ich leiden werde, dass man um
meinetwillen Euren guten Hühnern das Leben nehme? O, meine Kinder, Ihr wisst
nicht, wie Ihr und alles, was Euch gehört, mir so lieb ist! - Ihr sollt nichts
verlieren, gar nichts!« -
    Das Mädchen fasste meinen Rock - und weinte mit ihrem Köpfchen in die Ecke,
die es hielt. Der Knabe lächelte mich an, und Beide liefen munter mit mir nach
der Hütte, wo sie ihren Hühnern was besonders zu essen holten, um ihnen selbst
das Fest ihrer Erhaltung zu geben. Wolling und feine Frau sahen mich mit stillem
Staunen an. --
    »Ihr wundert Euch, lieben Freunde, eine Frau, die reich aussieht, so
vertraut bei Euch zu sehen. - Habt nur keinen Argwohn - und glaubt, dass es bei
den wohlgesinnten Reichen wie bei den rechtschaffenen Armen geht. - Diese
Leztern sehen sich auf alle, ihrem Herzen und Verstand angemessne Art nach
Mitteln um, wie sie sich erhalten können; und der tugendhafte Reiche sucht
Gegenstände einer wohlangewandten Freigebigkeit zu finden. - Ihr zwei redliche
Seelen habt Euch von allen andern Armen abgesondert und lebt hier von der sauren
Arbeit eurer Hände mit euren Kindern. Warum soll es nicht einen Reichen geben,
der Euer Herz zu lieben weiss, und der just auch ein abgesondertes Leben, wo er
nach seinem Sinn handeln kann, allen grossen Städten und Gesellschaften
vorzieht?«
    »Ach, meine Frau! wie ist es möglich - dieses so gleich zu denken?« sagte
Frau Wolling.
    »Wie bedaure ich uns Reiche, wenn es den tugendhaften Armen so schwer fällt,
was besonders Gutes von uns zu glauben!«
    »O, von Ihnen glauben wir alles,« sprach der Mann. »Sie sind, wie einige
fromme Damen in Frankreich; die gehen auch selbst in die Strohhütten der Armen
und teilen da Almosen aus.«
    »Ich hoffe hier mehr, als diese Freude zu geniessen, Herr Wolling. - Aber,
ich habe Ihn oft unruhig umher blicken sehen. Nicht wahr, Er hat noch Arbeit?« -
Er bejaete es mit seiner Mine. - »Ich will zusehen,« sagte ich, »denn ich will
bis Abend hier bleiben.« --
    Der Mann ging fort und ich besah die arme Hütte. Sie ist, wie ich Ihnen
schon sagte, gegen die nördliche Seite an die übrig stehende Wand des alten
Schlosses mit einem halben Dach angebaut. Auf der Abendseite macht auch ein noch
übriges Stück der Mauer des alten Gangs die Seitenmauer der Hütte aus. Gegen
Morgen und Mittag ist sie mit einer Leimwand verwahrt. Der Eingang und die
Fenster sind auf der Morgenseite. Unten, wo die Hütte wegen des nötigen Abhangs
des Dachs niedrig fällt, ist der Stall für die zwei Ziegen, nebst einem Stroh-
und Holzbehälter. Der grosse Teil ist durch zwei, aus Weiden geflochtene und
mit Moos ausgestopfte Scheidewände, zu zwei Kammern gemacht, wo in einer die
Schlafstäre der Eltern auch mit einer Weidenflechte abgesondert ist, wie es die
Schlafstellen der Kinder in der zweiten Kammer sind. In dieser sind auch ein
Paar Behälter über den Betten mit Weidentüren angebracht, wo sie das Wenige an
Kleidern und Weisszeug aufheben, das sie als einen Schatz für ihre Kinder
ansehen. Die beiden Ecken der Wohnstube sind auch mit Weiden verschlossen und zu
Schränken gemacht, wo sie ihren Essvorrat, Saamen, Flachs und nötige
Kleidungsstücke samt Büchern und Handwerkszeug verwahren. Die kleinen Stühle
ohne Lehnen sind auch geflochten, und alles hat Wolling und seine Frau gemacht.
Sie haben doch Bettücher, dünne Pfühle von Pferdehaaren und für den Winter
Federdecken. --
    Der Heerd ist ein grosser Stein, der auf einigen kleinen ruht, und der Kamin
das einzige neue Mauerwerk, so da ist. Alles sehr reinlich und nett in Ordnung
gestellt; Eltern und Kinder so säuberlich arm gekleidet und angezogen. Sanfte
Stimmen; nur zeigen Wollings Züge unterdruckten Gram, und die von seiner Frau,
wenn sie mit ihren Kindern spricht, das Lächeln des Schmerzes an. - Ich ging in
den Garten, während die Frau ihren Säugling zu Bett brachte. Es sind schöne
Obstbäume, Gemüss und Blumen da, gross, wohl gepflegt; besonders viele Bäumchen in
Töpfen, die er dann in die Stadt zu verkaufen trägt, und damit die nötigen
Bedürfnisse sich schafft. - Ich besah alle mühsame, und mit so vielem Geschmack
und Zierlichkeit gemachte Anpflanzungen des ehrlichen Manns mit vieler Rührung.
An der äussersten Ecke des Gartens bemerkte ich einen kleinen Grabhügel, der von
weissen und roten Rosen beschattet, in der Mitte einen Lilienstock hatte. - Ich
sah etwas tiefsinnig und fest hin, und blickte dann auf Wolling, der mit
gesenktem Kopf auch hingesehen und eine Träne im Auge hatte: »Ach! hier liegt
meiner Lotte erstes Kind, - das todt auf die Welt kam. Ich musste es dahin
begraben, denn sie wollte seine Leiche nicht von sich entfernt wissen.« -
    Wir sahen uns beide weinend an. - Ich druckte seine Hand. - »Lieber Herr
Wolling, Er und seine Frau - sind keine gemeine Gärtnersleute!« -
    »Nein, sagte er seufzend, wir sind nichts. - Aber, eh ich Ihnen von uns
sage, möchte ich wissen, wer Sie sind? Es liegt uns daran, Sie zu kennen; -
denn, Sie sind glücklich: warum wollen Sie in dieser einsamen Gegend bei uns
bleiben?« -
    »Der Verlust eines geliebten Freundes hat mich etwas melancholisch gemacht.
Die Engländer sind es ohnehin leichter und stärker, als Andre. Er weiss es. - Er,
seine Frau und Kinder gefallen mir. Ich bin reich und habe keine nahe, und keine
arme Verwandte; ich will meine Traurigkeit durch Wohltun an Seinen Kindern
zerstreuen.« -
 
                          Sieben und sechzigster Brief
                               Von eben derselben
Nun, meine Freundinn, ich habe hier zwei Nächte auf Stroh bei meinen Wollingen
geschlaffen, und das gut, recht gut. Wolling trug ein Billet zu meinen zwei
Leuten in Kleebrunn, da bekam ich Schlafzeug und Esswaaren, so viel ich brauchte;
- und gestern Nachmittag musste Wolling einen Esel kaufen der ihm sein Gemüs und
andre Gartenwaare zum Verkauf tragen soll, bis ich etwas mehr für ihn getan
haben werde.
    Ich sitze hier auf einer Steinbank, die wir gestern am Ende des alten
Schlossgangs entdekten, da ich dies kleine Stück abräumen half, um die schöne
Aussicht gegen Morgen zu geniessen. Das abgebrochne Teil des Hauptsteins oder
Kerns, um den sich die grosse Schneckenstiege herumwand, dient mir zum Tisch. -
Vielleicht sassen hier vor zweihundert Jahren oft flehende Untertanen die eine
Gnade suchten, und zitterten vor dem Fusstritt, den sie in dem hohen, düstern
Gewölbe wiederhallen hörten, und vielleicht flehten und harrten sie vergebens.
Ich betete heut auch hier auf dem nehmlichen Platz, aber unter dem offenen,
freien Gewölbe des Himmels. Die Aussicht auf die ganz herrliche Gegend umher,
weist mir Fusstapfen der Allmacht und Güte Gottes, und diese geben mir die
Zuversicht, erhört zu werden. - Heut früh um fünf Uhr schlich ich einsam hieher,
wo ich den noch unangebauten Teil der Ebne des Bergs - und gegen die
Mittagsseite, das weite niedre Land vor mir habe. - Ich sah die Sonne aufgeben,
nicht so prächtig an Farben, nicht so staunend wie sie durch die Dünste des
Meeres sich erhebt. - Aber sie erleuchtet hier eine wohltätigere Fläche; denn
dies Stück fruchtbarer friedsamer Erde zeigt mir vieler hundert Menschen
Nahrungsfreude und Ruheplätze. Neu, unbeschreiblich, war meine Bewegung als ich
da ganz allein unter den zerstörten Mauern betete; ganz anders, als in den
seligsten Andachtsstunden meiner verschlossenen Kammer. - Niemals hatte mir die
Sonne so schön geschienen, als da ich hier auf meinen Knien ihren und meinen
Schöpfer verehrte. Es war inniges Gefühl und die Bitte, das Vorhaben meines
Herzens für diese vortrefflichen Leute zu segnen und es mich ausführen zu
lassen.
    Ich hatte gestern lange geschlafen; daran mochte mein vieles Gehen und auch
meine grosse Gemütsbewegung Urfach gewesen sein. - Ich fand bei meinem Erwachen
niemand mehr in der Hütte. Ein Topf voll Mehlbrei kochte langsam am Feuer. Es
war Kühmilch, die der gute Mann schon sehr früh musste geholt haben. - Ich zog
mich eilends an, ging aus der Hütte und horchte, suchte an der Seite, wo ich die
Kinder zuerst mit den Ziegen gesehen hatte; aber da war niemand. Dann ging ich
zwischen der Mauer und dem Haberstück hin und als ich die Ecke des Kornstreifes
übersah, erblickte ich sie alle kniend und betend. Ich wandte mich zurück, um
sie nicht zu stören, und doch einen Platz zu finden, wo ich etwas hören konnte.
- Ich musste mich über einen Haufen Schutt beugen, der am Ende mit Kräutern
bewachsen ist, durch die ich sie beobachtete. - Sie waren alle um einen Stein
herum, der von einer, an dem Turm hinwachsenden Geissblatstaude beschattet wird.
- Die Frau lag mit ihrem Kopf auf dem Stein, ihr Säugling in seinem Bettchen
neben ihr; Nanny hielt eine Ecke der Schürze ihrer Mutter und die zwei ältern
Kinder sahen bald den Vater, bald die Mutter wehmütig an. Wolling trocknete
seine Augen, faltete seine Hände indem er sich gegen die Kinder wandte: -
    »O, Kinder! werdet gut und fromm, wie eure Mutter es ist. Ihr wisst, dass auf
diesem Stein eure selige Grossmutter sass, als sie uns besuchte. - Hier gab sie
eurer Mutter und mir ihren Segen, als sie das Letztemal vor ihrem Tode bei uns
war. Wir knieten vor ihr, wie wir jetzt knien, und du, Carl, lagest neben deiner
Mutter, wie dein Bruder jetzt liegt. Sie küsste und segnete dich besonders; und
Lottchen! sie segnete alle Kinder voraus, die ich noch bekommen sollte. - Ihr
wisst, eure Mutter geht auch an Regentagen und mitten im Winter hieher und betet
weil sie den Stein ihren Altar heisst; und gewiss, er ist dazu geheiligt und Gott
sah alle Tage ihr kindliches Vertrauen auf seine Güte. - Hier bat sie um Glück
für euch, - und wir haben Urfach es zu hoffen. - Denn warum sollte Gott die
reiche fremde Frau so weit hergeführt haben? Warum gab er ihr das gute edle
Herz, die Tugend und Arbeitsamkeit der Armen zu lieben, wenn er nicht sie
ausersehen hätte, uns zu helfen? - Ach, wir hätten für uns genug, - aber für
euch, ihr lieben Armen, für euch jammerten wir! - liebt Gott und eure Mutter,
die so für euch betet - und für den Hülfsengel dankt, den Gott uns schickte.« -
    Die lieben Geschöpfe weinten herzlich, wie ich. - Der Knabe gab seinem Vater
bei den letzten Worten hastig die Hand. - »Ich hab sie zuerst gesehen, wie sie
den Berg heraufstieg. - Da ist gewiss der Seegen der Grossmutter daran Ursache,
dass ich den Hülfsengel meiner Eltern zuerst sehen sollte.« -
    »Ey, sagte Lottchen weinend, ich hab sie auch gleich gesehen. - Du gehst
auch immer so weit hinaus auf die äussern Steine, da kannst du weiter sehen. -
Aber ich fürchte mich vor den Fallen.« -
    Die Frau richtete sich auf, küsste eine Hand ihres Mannes. - »O Wolling,
alles Verdienst giebst du mir! - du Guter, was habe ich dir für Mühe und Sorgen
gekostet! - Gott sieht hier, sie deutete auf ihre Brust, was du mir bist - und
wird dich belohnen. - Kommt, meine Kinder, kommt! ich will euch küssen eh ich
aufstehe. Ich hoffe, Gott hat mein Gebet erhöret, euch zu Liebe.«
    »Nein, Mutter,« sagte der Knabe, »du must dich auf den Stein setzen wie
deine Mutter. Dann knien wir zu dir - und du segnest uns, wie sie dich segnete.«
-
    Der Mann winkte ihr. Sie setzte sich, konnte nichts reden; aber das
Umschlingen ihrer Arme um ihre Kinder, ihre Blicke gen Himmel, ihre Tränen, das
hohe Heben ihrer Brust. - Ach, das sah Gott, - das segnete er - und alle Heilige
um ihn. -
    Der Mann stand sprachlos da, hob nun endlich seine Hände auf: »Ach Gott! du,
- du allein!« -
    Nach einiger Stille sagte die Frau: »Nun kommt, unser guter Engel muss
erwacht sein.« - Sie küsste den Stein, nahm etwas vom Geisblat, so ihn berührte
und stekte es in ihren Busen. -
    Kindliche Liebe! dachte ich, wie heilig bist du! Ich ging zurück, zweimal
fest zu dem Besten dieser Familie entschlossen. - Sagen Sie, Rosalia, wären Sie
es nicht auch an meiner Stelle? - Sie können denken wie zärtlich und gerührt ich
Allen den guten Morgen bot; und sie fragten mich ängstlich, ob ich wohl
geschlafen hätte? Wir frühstückten froh unsern Brei. - Der Knabe ging dann, für
die Ziegen zu sorgen, und Lotte fütterte die Hühner.
    Ich fing an: - - »Herr Wolling, ich muss Ihn noch einige Augenblicke von
seiner Arbeit abhalten und fragen, ob Er nicht in eine andre Gegend ziehen
möchte, wo ich Ihm ein Stück Land und ein Haus samt aller Zubehörde schaffen
will; so dass Er, mit guter Anordnung des Baues seines Guts, seinen Kindern was
erwerben könnte. - - Denn ich denke Er wird immer gern auf dem Lande bleiben.« -
-
    Ich hielt da inne, und blickte freundlich sie an. Aber da beide unruhig
schienen fuhr ich fort: »Vielleicht, da Herr Wolling ein so guter Gärtner ist,
wäre er lieber in einer Stadt und besorgte dort seine Kunst. Sage Er mirs, ich
will auch da herzlich für sie alle sorgen; doch wünsche ich dass Er die Stadt
wählen möge, wo Herr von Pindorf wohnt.«
    Rosalia! warum wünschte ich das?
    Frau Wolling stund nach einigen Augenblicken auf, fiel ihren Mann um den
Hals: »O, Wolling«! rief sie unter einem Strom von Tränen, - »ich bitte dich,
führe mich nicht von hier weg. Denke, dass meine Mutter uns diesen Aufentalt
schaffte, da kein andrer Mensch sich unsrer annahm. Hier sind all deine Kinder
geboren, mein Erstes begraben! Der Segen, der Geist meiner Mutter umschwebt
diese Hütte. - O, ich kann nicht weg. - Wolling! mein Mann! ich kann nicht!« -
Sie sank hier zu seinen Füssen, mit aufgehobnen Händen und Augen. - Er sah nur
einen Augenblick mich, dann seine Frau an, die er mit Zärtlichkeit in seine Arme
fasste --:
    »Nein, Lotte! wir wollen nicht weg, meine Liebe; wir wollen nicht! - Diese
Erde, die ich anbaute, die mir dich und unsere Kinder ernähren half, die uns vor
Grausamen schützte, - die verlasse ich nicht!« -
    »O, Ihr rechtschaffnen Herzen,« sagte ich, »denen Muttertreue, und die Erde
die sie segnete so wert ist! - Nein, Ihr sollt nicht weg! - Hier sollt Ihr
meine Freundschaft und meine Liebe geniessen, und ich baue mir ein Haus bei
Euch.«
    Mit Entzücken sahen beide mich an - und weder Wolling noch ich konnten seine
Frau hindern, dass sie nicht auf die Erde fiel, und uns beiden die Füsse küsste. -
Aber dieser starke Ausdruck von Empfindung, erschöpfte ihre Kräfte; denn sie
wurde ohnmächtig. -- Wir brachten sie auf das Bett. - Da sie sich erholt hatte,
hielt sie eine meiner Hände an ihr Gesicht und benetzte sie mit Küssen und
Tränen. - Ich umarmete sie: - »Liebe Kinder, sagt mir, wem gehört das grosse
Stück unangebautes Land, auf der Anhöhe des Berges, rechter Hand vor uns?« --
    »Dem Herrn von Mahnberg, der die ganze Herrschaft besitzt.« - -
    »So ist vielleicht hier ein Gut mit Erbpacht zu errichten, und ich baue ein
hübsch Haus darzu, woraus Frau Wolling alle Tage zu dem Altar ihres Herzens
gehen kann.« - Sie hielten sich beide die Hände und weinten sanft. -- »Geht dass
nicht an, Herr Wolling? - O, ja! und das war lange mein Wunsch. Ewiger Gott! Sie
haben mein Herz erraten. - Ach, wenn Sie dies für uns, für unsere Kinder tun,
was sollen wir!« --
    »Mich lieben, meine Freunde, und mir geschwind sagen, bei wem wir den Kauf
machen können? denn wir sind im Junio; ich möchte, dass wir zu Ende des Herbstes
im neuen Hause wären.« --
    »Meine Frau, der Beamte in Mahnheim ist ein guter, wohldenkender Mann, der
gewiss dazu hilft.« --
    »Nun diesen Nachmittag wollen wir zu ihm, und es ausmachen.« --
    »Aber es wird kosten, meine Frau.« -
    »Und, wenn ich viel Geld habe, was tut das?« --
    »So viel für Andere tun! O Gott!« »Ihr Lieben, warum denkt ihr immer nur
dieses? hört einmal was ich sage: Wenn ein Reicher nicht geizig ist, so sinnt er
auf Ausgaben des Vergnügens und der Ehre. Beide kosten ihm Geld. - Nun ist
Wohltun meine Freude; lasst mich sie geniessen, und nehmt Anteil an meinem
Glück und meinen Gesinnungen, wie ich an Eurer Hütte und Eurer Tugend meinen
Anteil nahm.«
    »Herzlich gern! - Aber lassen Sie mich einen Vorschlag tun,« sagte Wolling,
- mit dem Wesen des so ganz edeln, ehrlichen Mannes, dass sein Aussehen und sein
Blick mir heilig war. --
    »Ich höre gern Vorschläge des vernünftigen Mannes.« --
    »Kaufen Sie das Gut und nehmen mich zu Ihrem Erbbeständer an. - Ach, Gott!
du siehest, wie gern ich dieser Hand«, er fasste meine Hände, »den jährlichen
Pracht bezahlen würde, - und wie getreu ich das Gut anbauen will!« --
    »Ich will, lieber Herr Wolling, den dritten Ausweg nehmen, und das Gut für
Seine Kinder kaufen. - Er soll dabei der Verwalter meines Vermögens werden. -
Bis wir aber unser Haus haben, will ich mir, zwischen den alten Mauern des
Schlossgangs ein Zimmer, nur von lauter Holzwerk, zurecht machen lassen.« --
    Und das tu ich, mein Kind; und auf immer, immer bleib ich hier - Helfen
Sie, mein Schatz, Sorge tragen, dass mein Bedienter die Schule, und seine Frau
die Nähstunden ordentlich, für meine lieben Vorstadtkinder halten. Sie sahen
mich dort anpflanzen, helfen Sie hüten, dass nicht zu früh Unkraut aufwachse. Es
wird sich freilich wieder einmal ändern, wie alles zu allen Zeiten tat; aber es
kann doch, nach dem jetzigen Gang der Menschen, bis auf die Enkel unsrer
Zöglinge dauern. Wie viel Ursach habe ich da, den Staub meiner Eltern und des
edlen von Guden zu segnen, dass sie, durch Reichtum an Kenntnissen und Vermögen
mich in den Stand setzten, zwei Menschengeschlechtern von dreizehn Familien
Gutes zu tun! was für ein Glück, was für ein unermessliches Glück ist das! -
Aber hier, Rosalia, hier ist der Ruhepunkt meiner Seele. Es geht mir, wie dem
guten Lottchen, ich fühle mich näher bei dem Himmel, und sehe mich mit reiner
Menschheit - und reiner Tugend umgeben. - Schicken Sie mein Klavier - und die
zwei kleinen Kasten, nebst dem mit dem Bett- und Weisszeug, nach Kleebrunn, in
die Schenke zum Adler. Vielleicht lade ich einmal Sie selbst dahin, und weise
Ihnen dann meinen Aufentalt. - Ich will aufrichtig sein, meine Rosalia, ich
wills! und gestehen, dass neben der treuen Neigung meines Herzens, Leidenden
Hülfe zu geben, dennoch der Gedanke, dass ich hier die Stadt sehen kann, wo
Pindorf wohnt; dass ich Menschen Gutes tue, die Er liebte, - dass dieses auch
Anteil, grossen Anteil an dem Vorhaben hat, dass ich hier meine Tage zubringen
will. Es möge nun der Mittag meines Lebens noch mit Gewitterwolken überzogen
werden, oder mein Abend mit sanfter Dämmerung - und einem Himmel wie Lottchen
ihn mahlte, heran nahen: - Hier will ich leben - und schlummern. Meine Wollinge
machen mir gewiss einst ein eben so schönes Grab, wie dem Erstling ihrer Liebe.
-- Adieu, Rosalia. Morgen das Uebrige. --
 
                           Acht und sechzigster Brief
                           Madame Guden an Rosalien.
                         Fortsetzung des zweiten Tags.
Ich wollte des Nachmittags zum Beamten, sagte ich, als ich nachdem Frau Wolling
sich völlig erholt hatte, mit beiden vor die Mauern hinaus ging und auf den
Platz wies, wo ich ihr künftiges Haus hinzubauen dächte. Sie sahen sich an; es
war mir, als wollten sie was mit einander darüber reden, und ich ging seitwärts
von ihnen ab. -- Kurz darauf suchten sie mich. Wolling fing an: »Meine Frau, wir
bewundern Ihre Güte immer mehr. Aber wir können nicht zugeben, dass Sie so viel
für uns tun sollen, ohne uns zu kennen, und wir bitten Sie, dass Sie, eh Sie den
Amtmann sprechen, unser Herkommen und die Ursach unsrer Armut anhören. - Sie
waren so grossmütig, nicht darnach zu fragen, sondern betrachteten nur unsere
Not,« - »und beurteilte Eure Herzen,« fiel ich ein, »nach Euren Kindern, Eurem
Fleiss und der wahren Menschenwürde, mit der ihr mich aufnahmet.« --
    Wolling bückte sich gegen mich, gab seiner Frau die Hand und sagte ihr: -
»Liebe Lotte, du weist unsere Geschichte am besten zu erzählen. - Ich will
indessen in unserm Gärtchen arbeiten.« Sie nickte stillschweigend mit dem Kopf -
Er ging fort. Sie sagte, ihm nachsehend: - »Guter Carl! du bist alles wert. -
Gütige Frau«: indem sie mein Kleid mit beiden Händen fasste, »ewig werd ich Sie
segnen, dass Sie die harten Arbeiten des lieben Mannes erleichtern wollen.« -
    »Komm Sie, liebe Frau Wolling, wir wollen uns auf den Stein setzen, wo ich
Ihre Kinder zuerst sah, und da wollen wir unsre Herzen einander öffnen. Der
kleine Säugling geht mit; in seinem Körbchen kann er neben uns schlafen.« - Das
war ihr recht. Sie holte ihr Bübchen und ging, nachdenkend auf das, was sie
sagen wollte, mit mir auf den Platz. - Er ist schön. Ueber den Schutt der zwei
Türme des Schlosses und den unfruchtbaren Abhang dieser Seite sieht man das so
vortreflich angebaute Tal - und dann die Stadt W** deren Kirchen und
Torspitzen man erblickt. Diesseits und jenseits des kleinen Flusses liegen fünf
Dörfer zerstreut, in Wäldern von Obstbäumen, und weidende Heerden waren um sie
herum.
    Ich sah Frau Wolling etwas verlegen und nahm sie bei der Hand: »Liebe Frau
Wolling, wenn es ihr Mühe kostet, wie ich natürlicher Weise denken muss, dass die
Erinnerung an Unglück die gegenwärtigen Stunden noch verbittert, so sage Sie mir
nichts. - Die Vorsicht über uns sieht mein Vertrauen auf Ihre Redlichkeit, und
das Ihre auf meine wahre Menschenliebe. Das Vergangne wollen wir sein lassen, -
und nur vom Künftigen reden.« --
    Meine Freundinn, ich erinnerte mich Ihrer bescheidenen Begierde, mein Leben
zu wissen, und wie fein denkend Sie sich das Vergnügen versagen wollten, - als
Sie mich etwas nachdenkend sahen. Ich ahmte Ihrer Tugend nach - und Frau Wolling
belohnte durch ihr Vertrauen das meinige. - Sie sagte mir ganz artig: »Nein! Sie
sollen uns kennen; und wenn es nur wäre, dass ich von meinem Carl redte.« - Ich
küsste sie und schwieg. --
    »Ich bin die dritte Tochter eines fürstlichen Rats aus N**. Mein Vater war
ein sehr vernünftiger, aber etwas zu stolzer Mann. Vielleicht, mein Gott, sage
ich dieses, weil sein zu weit getriebner Ehrgeiz mich hieher brachte. - Er war
bei dem Fürsten beliebt - und konnte also auf Ansehen und Glück rechnen. Er
erzog uns alle sehr gut. - Wir mussten alles Artige, - alles Feine wissen. Der
Hofmeister meiner zwei Brüder unterwies uns in der Sittenlehre und Geschichte
mit ihnen, und in mehrerm als überhaupt andern Mädchen gelehret wird. Meine
beiden ältern Schwestern waren schöne, Verstandsvolle Frauenzimmer und wurden
sehr gut verheiratet. Meine Mutter liebte den Ton der Pracht gar nicht, den
mein Vater einführte, aber sie durfte nichts dagegen sagen. Sie war empfindsam,
wie ich es bin, und liebte mich sehr, weil ichs schon ganz jung fühlte, wenn sie
seufzte, gern um sie war und mit sanfter Stimme mit ihr sprach, um ihren Gram
den ich zwar nicht ganz kannte, zu mindern. Sie gewöhnte mich, ihr im Hause
überall zu folgen und zur Hand zu gehen. Als mein Vater das Gut nicht weit von
hier kaufte, hatte sie grosse Freude, um da still zu leben, wie sie hoffte. Ich
war sechzehn Jahr alt, als wir den ersten Sommer da wohnten. Mein Vater war sehr
heftig in seinem Zorn mit den Bedienten und wechselte oft, welches meiner Mutter
höchst schmerzlich war, weil sie teils das Unrecht sah, so den Leuten
wiederfuhr, teils auch den Schaden im Hauswesen; - und ich gewöhnte mir an,
alle unsre Dienstboten von dem Willen und Geschmack meines Vaters zu
unterrichten, sie zu trösten, aufzumuntern - und zu warnen. - Wolling kann als
französischer Blumen- und Obstgärtner in unser Haus. Er war schön ordentlich,
überaus gefällig, meistens aber etwas traurig; arbeitete aber mehr, geschickter
und besser, als alle vorherige Gärtner, deren wir schon Viele gehabt hatten.
Aber mein Carl hatte in seiner Jugend studirt und ein angebauter Geist hat immer
den doppelten Wert. Er erhielt auch doppelte Achtung von meinem Vater. Ich
wünschte, dass er im Hause bliebe, und sagte ihm daher einen Morgen, als mein
Vater und Mutter auf einen Besuch in die Stadt gefahren waren, alles worüber
mein Vater bei den andern Gärtnern gezankt, was er von ihnen gern gehabt hätte,
und wohin sein Verlangen im Garten gehe; und bat Carln, weil er doch dienen
müsse - und sich immer nach dem Willen einer Herrschaft zu richten verbunden
sei, so solle er meiner vortreflichen Mutter zu Liebe, meinem Vater gefällig zu
sein suchen, und versicherte ihn, dass er dafür belohnt werden solle. - Ich
bemerkte wohl, dass er, während ich redte, lange auf die Erde, dann mich ganz
gerührt, ansah, rot und dann auch blass wurde, mir endlich stotternd dankte und
versprach, gewiss alles mögliche zu tun, meinem Rat zu folgen. Ich möchte nur
die Güte haben, ihm immer gleich von meines Vaters Ideen Nachricht zu geben. Er
wolle auch keinen andern Menschen fragen, als mich - und würde all sein
Vertrauen auf die edle Güte meines Herzens setzen. Der Ausdruck edler Güte,
schien mir von einem Gärtnergesellen sonderbar, - und dass er mein Herz nannte,
deuchte mich frei. -- Das hat er sich in Frankreich angewöhnt, sagte ich in mir,
wo dergleichen Leute sagen, was sie wollen. - Ich gedachte gegen meine Mutter
nichts davon. Carl wurde bald der Liebling meines Vaters, und unser Garten der
artigste in der ganzen Gegend. Jedermann lobte ihn. Carl war fein, sagte
niemals, das hab ich dem Herrn Rat vorgeschlagen. - Nein, der Herr Rat hat es
mir so befohlen. Da kam der Ruhm meinem Vater zu. Carl redte mit niemand als
meinem Vater und Mutter, die er mit der grössten Ehrerbietigkeit behandelte, und
auf mich - oder nach mir mit vieler Aufmerksamkeit, oder auch Traurigkeit
blickte, lange nichts mit mir redete, als nur im Vorbeigehen. - Hab ich Ihren
Rat befolgt? Sind Sie mit mir zufrieden? oder wissen Sie nichts vom Herrn
Vater? - Aber seine Stimme war so sanft, seine Blicke so zärtlich und oft seine
schönen Augen in Tränen dabei. Er hatte viel Anstand und lebte abgesondert von
unsern andern Leuten; sprach mit keiner Magd, scherzte mit keinem Bedienten,
blieb immer zu Hause, arbeitete mehr als zwei oder drei Andre. Den Winter
giengen wir in die Stadt; Carl blieb auf dem Gute. - Meine Mutter schickte ihm
durch mich ein Geschenk, er bat mich aber um einige Bücher auf den Winter. -
Ich fragte, welche er denn besonders wünschte? - Was Sie Gutes im Deutschen und
Französischen haben, denn ich bin in meiner ersten Jugend zum Studieren
angehalten worden. - Ich versprach ihm, welche in meinem Zimmer zu lassen; weil
er doch die Aufsicht über das ganze Haus bekomme, so könne er sie da finden. -
    In Ihrem Zimmer Mademoisell Charlotte! sagte er mit Zittern. - O, ich werde
den Fussboden küssen, den Sie betreten haben. - Nehmen Sie sich noch ferner des
armen Carls an, und lassen Sie mich wissen, was der Herr Vater gern hätte. O,
wie lang wird der Winter für mich sein! - Ich gab keine Antwort hierauf und wir
reisten ab. Carl war an dem Wagen, als ich einstieg. Er machte den Schlag zu und
ich sah, dass er meinen Rock küsste und weinte. Er war schön, so edel dabei, dass
ich sehr gerührt wurde. --
    Den Winter über hatte er Plane gemacht, und meinem Vater sehr geschickte
Nachrichten vom Garten und allem gegeben. Gegen das Frühjahr liess dieser ihn
kommen, um den vorhabenden Bau und Anpflanzung zu verabreden. Er war blass, als
er ins Zimmer kam; errötete aber bei dem ersten Blick auf mich. - Ich hustete,
um meine Röte zu verbergen. Er blieb nur zwei Tage, und nur einen Augenblick
sah ich ihn. - Ich schrieb alles, was ich wegen des Gartens wusste auf und gabs
ihm. - Nur wenig besonders war darin; ich hofte den Garten und den
rechtschaffnen Gärtner bald zu sehen. - Er bat mich um Bücher; ich gab ihm
wieder einige und er reiste ab, nachdem er mir ein Heft Papier gegeben, als
Auszüge von dem, was er gelesen. --
    Mit der schönsten Handschrift waren die besten moralischen Stellen, Scenen
des Landlebens, und etwas aus Tomsons Frühling ins Französische übersetzt,
darin. - Ich gesteh, es war ein Schatz für mich, den ich heilig hielt und immer
bei mir trug; - ich sagte bei mir selbst: Alle die Vornehmen, die ich sehe,
selbst der Mann meiner ältesten Schwester, ist nicht so artig, nicht so
geistreich, nicht so moralisch, als der Gärtner Carl - - und mich verlangte nach
dem Lande.
    Wir kamen hinaus. O, wie schön war der Garten, der Hof, alles durch des
wackern Carls Fleiss und Geist! - Mein Vater war ausserordentlich zufrieden,
lobte ihn und wollte ihn beschenken. Aber mein edler, lieber Mann sagte: Herr
Rat, wenn Sie so zufrieden mit mir sind, dass Sie mir ein Kennzeichen Ihrer
besondern Güte geben wollen: so haben Sie die Gnade, und erlauben, dass ich den
Sommer über, anstatt andrer Taglöhner, die zwei Söhne Ihres abgeschaften
Gärtners nehmen darf; die arme Familie geht sonst vor Elend zu Grunde. -
    Mein Vater war heftig dawider, aber mein älterer Bruder bat ihn auch, und er
liess es endlich um Carls willen geschehen; doch mit dem Verbot, dass der Vater
der jungen Leute sich niemals sehen lasse. - Diese Wohltätigkeit von Carl
rührte mein Herz; - noch mehr aber als ich bemerkte, dass Carl, um den Leuten
ihren ganzen Taglohn verdienen zu helfen immer die Arbeit an den Stücken voraus
tat, wo er die jungen Leute anstellte, weil sie noch zu jung und zu schwach
waren. Diese doppelte Verwendung der Kräfte feines Lebens, zum Besten der Armen,
machte mir ihn doppelt wert. Er hatte auch vor meinem, und meiner Schwester
Zimmer, die unten in den Garten gingen, einen halben Laubengang von Geisblat
gezogen, das ich sehr liebte, und nur ein einziges mal davon gesagt hatte. Alle
Abend hörten wir eine Flöte, sanft, melancholisch, wie eine Nachtigal; - und
niemand wusste, wer es war. - Mein Herz dachte gleich an Carln, - denn es dünkte
mich immer mehr und mehr, dass er alle Talente und guten Eigenschaften habe. Ich
redte aber deswegen nicht mehr mit ihm als sonsten; doch gefiel mirs wohl, dass
er gar keine Bekanntschaft oder Umgang mit irgend einem Mädchen hatte. -- Nur zu
Ende des Sommers wurde ich etwas unruhig, als ich die artige Schwester der zwei
jungen Leute, deren Carl sich so angenommen hatte, oft im Garten an einsamen
Gegenden erblickte und sie dann immer nach dem Herrn Carl fragen hörte; sie auch
bei dem Glashause und des Gärtners Wohnung sah -- ach! ich merkte da mit vielem
Kummer über mich selbst, und schämte mich, wie lieb er mir war; denn ich wurde
auf das Mädchen neidisch und bös und ging einige Tage gar nicht auf die
gewohnten Spatziergänge, grüsste auch wider Willen Carln ganz trocken. -- die
Flöte war diese Abende um so viel trauriger, und Carl, den ich von ohngefehr
begegnete, sah mich so furchtsam, so niedergeschlagen an, und wiederholte seine
Frage mit weit mehr Schüchternheit: --
    Haben Sie nichts zu erinnern? -- Sind Sie noch zufrieden? -- Mein stolzes:
Nein Herr Carl, es ist alles gut; machte ihn bestürzt. Er machte mir eine
Verbeugung und ich wandte mich aus dem Gange, nachdem ich einen Zweig der
Kanille abgerissen und die Blätter davon auch einzeln weggeworfen hatte; und
setzte mich in ein halbes Gitterhüttchen mit Geisblat bedeckt bei dem
Springbrunnen. - Ich hörte was gehen. Es war Carl, der alle Blätter aufhob, die
ich weggeworfen hatte, sie küsste und in seinem Busen steckte. Ich hörte ihm
deutlich sagen: Ah! mon Pere - mon Pere! - sah ihn seine Hände ringen und mit
Seufzen gen Himmel sehen. - Ich weinte hier über ihn - und mich; aber einige
Augenblicke darauf kam das Mädchen wieder zum Vorschein, wie sie um einige
Betten herum eilte, um an den Platz zu kommen, wo Carl arbeitete. Mein
Missvergnügen nahm zu und ich ging den ganzen übrigen Abend in mein Zimmer. - Ich
hörte keine Flöte. - Den andern Tag blieb ich auch zu Hause, denn ich war über
mich selbst missvergnügt und unruhig, dass ein Gärtnergesell so viel Eindruck auf
mich machte, und ich ging nicht mehr in den Garten, als mit der ganzen Familie.
    Acht Tage darauf reisten meine Eltern mit einander weg, um die Heirat
meiner zweiten Schwester zu berichtigen. Ich sah das mir verhasste Mädchen recht
artig gepuzt im Garten umher gehen, Carln Blätter nachwerfen und endlich ihn se
nahe kommen dass sie ihn an der Weste zupfte, sie anzusehen. - Er warf voll
Unmut seine Grabschaufel hin, und ging eilfertig weg. - Mein älterer Bruder
stand unter einer Laube, redte was zu dem Mädchen, das dann Carln nachlief. Ob
sie ihn einholte, ob er mit ihr sprach, das konnte ich nicht sehen. Aber ich
vermutete, dass er das Mädchen liebe, und deswegen ihre Brüder im Garten
gebrauche, jedoch nicht haben wolle dass man es wisse. Ich bemerkte ihn erst
gegen Abend wieder im Garten, wo er mit meinem Bruder vieles und eifrig sprach.
Ich ging nicht weiter, als in den kleinen Laubengang, vor unsern Zimmern; da kam
mein Bruder mit einem finstern Gesicht zu mir und sagte gleich: der Gärtner Carl
ist ein abgeschmackter, eingebildeter Mensch. - Ich sagte nichts, weil ich ihn
so zornig fand. Er ging einigemal auf und ab ganz nachdenkend. Dann kam er zu
mir, nahm mich bei der Hand, und sagte: Höre, Lottchen, du kanst mir eine grosse
Probe deiner Freundschaft geben. -
    Gern, lieber Bruder! in was? sag es nur. - Ich kenne dein gutes Herz und
deinen Verstand; also will ich dir eine Angelegenheit vertrauen. -
    Sein Gesicht und Ton machten mich ängstlich. Endlich gestand er mir, dass er
des alten Gärtners Tochter - seit einiger Zeit geliebt und sich eigen gemacht
hätte. -
    So! dachte ich, dass ist schön von beiden Seiten! Mein Bruder das Mädchen,
und ich meine Neigung auf den Gärtner, denn ich konnte mirs nicht mehr
verhehlen. - Er fuhr fort: -- Nun ist sie in Umständen, wo ich für sie sorgen
muss, und ich hätte gern, dass Carl sie heiratete. -- Hier schauerte mich. -- Das
Mädchen ist artig. Er hat einen guten Lohn. Ich wollte ihn bei dem Vater recht
fest setzen und gäbe dann alle Monat noch etwas zum Kostgeld für das Kind; da
könnte der Kerl recht gut leben. Aber der T- will nicht anbeissen. Das Mädchen
hat schon alles versucht. Er geht ihr aus dem Wege, redt gar nicht mit ihr. -
Gestern und heut, da wir allein Herr sind, hab ich sie aufgemuntert, ihm recht
zuzusetzen; - da ist er gar aus dem Garten fort. Er hat schon zu ihren Vater
gesagt, wenn seine Tochter noch einmal in den Garten, oder in das Haus käme, so
wolle er es dem Herrn Rat sagen und da würden seine Söhne auch den Abschied
bekommen. -- Der Kerl hat Hoffartsschwänke im Kopf. Ich weiss nicht wie ich ihm
ganz zureden soll und hätte gern, dass du es tätest, denn bei Vater und Mutter
will ich alles ausmachen. - -
    Ich kann nicht sagen, wie mir zu Mute war. Aber ich nahm mir ganz
unbesonnen vor, mit Carln auf meine Art davon zu reden; doch sagte ich meinem
Bruder, es wäre für ein junges Frauenzimmer gar keine anständige Unternehmung.
--
    Ach du kannst mit deinem Verstande dem Ding eine Wendung geben. Tue es
doch, ehe unsere Eltern wieder kommen. --
    Ich überlegte es die ganze Nacht. Die Flöte seufzte, und spielte ganz
klagend bis gegen zwei Uhr. Es war schöner Mondschein und ich, da ich nicht
schlafen konnte, an meinem Fenster. Ich bemerkte dass der Ton ausserhalb des
Gartens vom Feld herkam und den Platz veränderte; -- auch endlich, dass jemand
zur Feldtüre herein, an der Wand hin, gegen das Glashaus ging. Es war Carl. - -
Am Morgen ging ich in den Garten. Er staunte, als er mich erblickte und wie er
mich der Hecke näher kommen sah, an der er die Rosen aufband. -- Ehrerbietig und
gerührt machte er mir eine Verbeugung. - Ich grüsste ihn freundlich, und fragte
nach seinen beiden Helfern. - Er sagte mir, wo sie wären. Dann lachte ich und
fragte, ob nicht die Schwester von ihnen eine artige Gärtnerinn sein würde? Er
wurde zornrot, kann ich sagen, doch fasste er sich gleich.
    Warum, Mademoisell Charlotte, fragen Sie mich dieses? -
    Weil ich es denke und glaube, dass das Mädchen recht glücklich mit ihm würde.
Und da Er den Brüdern Gutes getan, so könnte ja das grössere Gute der Schwester
wiederfahren. -
    Die Brüder sind arm und redlich, sagte er mit Eifer, sonst würde ich nicht
getan haben, was ich tat.
    Ey, Carl, was wird er ungeduldig, wenn man von einem schönen Mädchen mit Ihm
spricht? -
    Vergeben Sie mir! ich vergass mich. - Aber lassen Sie mich eine Bitte tun; -
nichts mehr davon zu reden. Ich will mich nicht verbinden, niemals! -- und wenn
Lehnchen die schönste und tugendvollste Fürstin wäre. Erhalten Sie mich nur in
dem Dienst des Herrn Vaters - ich will sonst nichts. -
    Er bleibt ja im Dienst, und um so viel fester, da mein älterer Bruder das
Gut bekommt, der Ihm die Versicherung davon und eine Zulage geben will. -
    Er lächelte etwas bitter. - Eine Zulage? Ich glaub es! - Hier wurde ich
gewahr, dass er etwas vermutete und es war mir leid, mit ihm geredt zu haben. -
Sei Er ruhig, sagte ich; ich wurde gebeten, Ihm zu zureden. --
    Ich bin es überzeugt; - vergeben Sie mir meinen Widerspruch. Ich bin jezt
ein niedriger dienstbarer Mensch, - aber von gutem Herkommen. Tugend und Ehre
sind mein Trost und meine Stütze. Ich werde sie niemals verletzen, und niemals
davon abweichen. Ihre englische Güte hat mir hier mein Leben versüsst. Ich
begehre von dem Schicksal nichts weiter, als Ihren Vorspruch der dem Herrn Vater
und - dann und wann ein Wort von Ihrer Frau Mutter oder Ihnen. Gott sorgt für
das Uebrige und wird Sie segnen. --
    Nun reute und freute mich die Unterredung. Ich schwieg - und er sagte: Sie
wollen dem Mädchen Gutes: Ihre edle Seele wird bald Gelegenheit haben, ihr
welches zu bezeigen. - Ich habe niemals mit ihr gesprochen, und werde es nicht
tun; aber die Ursachen kann ich nicht sagen. --
    Da ich immer schwieg sah er mich traurig an: Mein Gott, wenn ich Sie
beleidigt hätte!
    Nein, Carl! gewiss nicht. Er hat sich der Tugend und Ehre geweiht. Gott segne
Ihn dabei; Was ich Ihm Gutes in unserm Hause tun kann, will ich gern. Bleibe Er
nur fleissig und rechtschaffen, wie bis jetzt. -
    Ich sah ihn weinend mich anblicken. Meine Augen tränten auch. Ich grüsste
ihn und ging weg. Es freute mich innig, dass er von besserm Stande war, als seine
Gärtnerei mich vermuten liess; doch konnte und durfte ich nicht weiter darüber
denken, sondern nahm mir vor, immer zurückhaltend zu bleiben, wie bisher. Ich
schätzte ihn ungemein, aber viele Betrachtungen über die Pflichten meines
Standes kämpften gegen meine Neigung, und ich redte in acht Wochen kein Wort mit
ihm.
    Mein Bruder war sehr misvergnügt über Carls Halsstarrigkeit und Stolz, wie
er es nannte, und drohte ihm deswegen. - Kurz darauf aber wurde das Mädchen mit
einem Förster verheirater. Der Sommer und Herbst gingen so recht gut hin. Carl
blieb immer der vortreffliche Arbeiter und lebte eingezogen fort. Mein jüngerer
Bruder kam von Pont à Mousson zurück, wo er leider nichts gelernt hatte und nur
einen elenden jungen Petitmaitre vorstellte. - - Er hatte viel Aehnlichkeit mit
mir - und Carl sagte mir seitdem, dass er ihn deswegen liebte und ihm suchte
gefällig zu sein. Der junge Mensch liebte Carln, weil er Französisch sprach und
einen schönen Geschmack zeigte. Mein älterer Bruder war über den Jüngern zu
gebieterisch, und der Ort ziemlich einsam; so dass Carl die einzige Auswahl für
den Letztern blieb, mit dem er Anfangs nur immer von Frankreich sprach, aber
nach und nach sich an ihn heftete, alle Morgen und Abend bei ihm war und durch
den Umgang meines Carls ein liebenswürdiger junger Mensch wurde. - Der Keim
jedes Guten war in ihm, er brauchte nur gepflegt zu werden; und ach, dieses
Verbessern meines mir liebsten Bruders machte mir Carln immer werter. - - Der
Winter wurde wieder in der Stadt zugebracht - und die Zurüstungen zu meiner
zweiten Schwester Hochzeit gemacht, - die sich aber bis in den Sommer
verzögerte; wo dann mein Vater das Fest auf seinem Gute halten wollte. - Mein
jüngerer Bruder trat in Kriegsdienste, und es freute mich, da er noch im Winter
abreiste, dass er seinen Weg über unser Gut nahm, um von Carln Abschied zu
nehmen.
    Mir sagte er noch: - Lottchen! der junge Talbruk wird sich um Dich melden.
Der Vater hilft ihm zu einem angesehenen Amt. - Aber Du wirst unglücklich mit
dem bösen Menschen werden. Ach! wenn mein Freund Carl wäre, was dieser ist; -
wenn die elenden Vorurteile ihm nicht entgegen stünden: wie glücklich wäre
meine Schwester mit ihm! - -
    Talbruk kam auch in unser Haus und war sehr galant um mich herum, ich
höflich, aber sehr kalt. Dennoch wurde er mit den übrigen Brautleuten auf unser
Gut geführt. Mein Vater hatte Carls Nachricht von seinem Vorhaben gegeben - und
wir fanden Alles wie einen Pallast der Feen geputzt. Die Trauung und das Fest
war den Tag nach unsrer Ankunft und unser Saal glich dem Tempel der Flora. Die
Wände waren blassrot angestrichen, Blumengewinde darauf angebracht; der Name der
Braut und des Bräutigams in Rosen, Mirten und weissen Violen geflochten. Die
Fenster ausgehoben, grosse Rahmen mit Flor an ihrer Statt darin, die mit Blumen
verziert waren. Blumengewinde hingen über der Tafel - und der Garten, alles war
mit unsäglicher Mühe verschönert. Carl fragte mich: Sind Sie zufrieden? - Mit
Allem, - ausser Seiner blassen Mine. - Er neigte sich nur, ganz traurig.
    Mein Vater war höchst vergnügt. Es war in der grossen Laube ein Tanzplatz
gemacht, der sehr artig war. Ich ging, nach einem Tanz, allein auf einer Seite
hinunter. Mein Vater hatte ein wenig Wein und kam zu mir, da ich just auf eine
Bank mich setzte. - Carl war sympatetischerweise an der Hecke hingegangen. Mein
Vater erblickte ihn, und rief ihn her, er lobte ihn sehr und sagte endlich: -
Diesen Herbst machen wir Traubenkränze auf die Hochzeit meines Lottchens. Aber
er muss auch für Herbstblumen sorgen, dass es recht schön wird. Ich habe
Talbruken versprochen, seine Hochzeit auch hier zu halten; denn, Lottchen, ich
will an dir eben so viel tun, wie an deinen Schwestern. --
    Er sagte dieses, als ob die Rede von einer ausgemachten Sache wäre. - Ich
war wie versteinert und Carl nahe am Umsinken. - Der Wein machte, dass mein Vater
es nicht bemerkte. Carl sah mich nicht an; starr heftete er seine Augen zur
Erde. - Mein Vater redte fort und schickte endlich Carln weg. - Ich hätte kein
Wort vorbringen können. - Staunen über den gefassten Entschluss meines Vaters,
Carls Schmerz, mein Widerwille gegen Talbruk, alles lähmte mir die Zunge. Ich
küsste nur meinem Vater die Hand - und glücklicher Weise kam meine gute Mutter
dazu, welcher mein Vater erzählte, er habe auch meinen Brautkranz bestellt. Sie
redte freundlich mit ihm und führte ihn durch eine Allee in sein Zimmer.
    Ich ging Maschinenmässig nach der einsamsten Gegend des Gartens wo ich sonst
zu lesen pflegte. - Carl lag da auf dem Moos - welches er mit Tränen benetzte.
Es war mir unmöglich wegzugehen, ohne ihm etwas zu sagen. -- Carl, guter Carl,
was macht er hier auf der Erde! Es ist zu kühl, Er wird krank werden. Er
richtete sich auf. - Sie, Mademoiselle, Sie! da bei mir. Mein Gott! und mit
beiden Händen ergriff er mein Kleid, küsste es, liess es gehen: - O, vergeben Sie
mir, ich bin halb von Sinnen.--
    Ich seh es, werter Lehrmeister meines liebsten Bruders. Sage er mir, was
Ihm fehlt.--
    Was mir fehlt? -- was mir fehlt? O, fragen Sie mich nicht mehr. - Tun Sie
es nicht. - Gehn Sie zurück zu der Gesellschaft. Dort müssen Sie sein. -- Lassen
Sie den Armen, Elenden; -- und hier fasste er wieder mein Kleid mit Heftigkeit.
-- Ich nahm seine beiden Hände in meine. -- Carl! o glaub Er, dass Er mir werter
ist, als Alle die ich sah. - Beruhige Er sich, ich bitte Ihn. --
    Er benetzte meine Hände mit Tränen, sprach aber nichts. Ich sagte ihm:
Adieu, Carl, sorge er für seine und meine Ruhe; -- und ging. -- Als ich mich
nach ihm noch umsah, lag er mit dem Gesicht auf dem Platze, wo ich gestanden
hatte. - Ach, was für Mühe hatte ich, nicht wieder umzukehren! - Aber ich
fürchte mich vor den Andern, und doch reute michs, ihm nicht gesagt zu haben,
dass ich Talbruken niemals heiraten würde, - meine Augen schlummerten die ganze
Nacht nicht eine Viertelstunde. Den andern Morgen war er schon wieder fleissig
wie sonst; und um sechs Uhr war alles in der grössten Ordnung. Den dritten Tag
war die Heimführung meiner Schwester. Ich musste mit. Talbruk, als Brautführer,
auch. - O, was stand ich in meinem Herzen über Carls Unruhe aus! - Als wir
zurück kamen, schien er sehr gelassen und gab mir Abends dieses Papier. - Frau
Wolling sagte dabei: Dieses haben Sie die Güte zu lesen. Ich will indessen etwas
zum Mittagessen zubereiten und Ihnen dann das Uebrige sagen. -- Ich fand in
einem grauatlassnen Futteral ein kleines Heft Papier, schön geschrieben, - wo
Carl anfing.
    Ihre englische Güte und die Redlichkeit seines Herzens gäben ihm den Mut,
ihr sein ganzes Leben zu entdecken. Er sei der Sohn des H** Oberbeamten in Z**,
habe eine sorgfältige Erziehung in allem genossen, und wäre durch einen
vortreflichen Landgeistlichen zu den Studien vorbereitet worden. Sein Geschmack
und die Anweisung dieses Mannes hätten ihm zu Erholungs- und
Belustigungs-Stunden die Gärtnerei angewiesen, und sein Hang wäre so stark dazu
geworden, dass er, als ein Knabe von vierzehn Jähren feinen Vater gebeten habe,
ihn zu einem Kunstgärtner zu tun. Dies sei ihm aber abgeschlagen worden, und
man habe ihm nach Pont à Mousson geschickt, um ihn da in der französischen
Sprache, Sitten, Wissenschaften und philosophischen Kenntnissen unterrichten zu
lassen. Er habe dieses befolgt, aber daneben die ganze französische Gärtnerei
gelernt, worinn er es auch weiter, als in andern Wissenschaften gebracht habe,
weil es seine Freude gewesen. Sein Vater habe ihn nach zwei Jahren zurückgerufen
und auf noch eine Universität gezwungen, wo er Historie und Physik mit
Vergnügen, besonders auch die Botanik erlernt. - Während dem sei seine Mutter
gestorben - und sein Vater habe eine reiche Wittwe geheiratet, die ihn aber nur
unter der Bedingung genommen, dass er seinem Sohne seinen Platz abträte und
dieser ihre zweite Tochter zur Ehe nähme. Sein Vater habe dabei bloss den
Wohlstand betrachtet, in welchen er durch das Vermögen gesetzt würde, und alles
angewandt, bei Hofe die Erlaubnis zu erhalten, ihm seine Bedienung zu
übertragen, habe auch darin seinen Endzweck erreicht. Aber da es ihm unmöglich
gewesen sei, dieses Frauenzimmer zu lieben, so habe seine Stiefmutter wegen der
Verachtung ihrer Tochter seinen Vater dahin vermocht, dass er seit vier Jahren
die Hand völlig von ihm abgezogen und das Amt einem andern jungen Menschen
gegeben, der die Person gern geheiratet. Er gestünde ihr, dass ihn nur der
Verlust der Liebe seines Vaters geschmerzt habe, indem er übrigens durch die
Verstossung in die Freiheit und Notwendigkeit gesetzt worden wäre, seiner
erwählten Gärtnerkunst völlig nachzugehen und sie so weit zu treiben, als es die
Proben seiner Arbeit in den Garten ihres Herrn Vaters bewiesen. Er bekenne ihr,
dass nicht nur ihre liebenswürdige Person, sondern auch die leutselige und
vortrefliche Seele, welche sie ihm in ihren Vorstellungen zum Besten des Diensts
ihres Vaters gezeigt, ihm die grösste Liebe und Verehrung eingeflösst habe. Er
hätte sich aber vorgenommen gehabt, niemals davon zu reden, indem er sie weder
dem Tadel der Welt, noch dem Unwillen ihres Herrn Vaters, vielweniger aber dem
traurigen Schicksal einer unglücklichen Liebe hätte aussetzen wollen. Seine
Zärtlichkeit habe ihn zu allem angefeuert, was er in seinem Dienst getan. Ein
Blick, ein Wort von ihr sei himmlisches Vergnügen und Belohnung für ihn gewesen.
Immer habe er gefühlt, dass sie nicht für ihn geboren sei, habe auch seinem
Herzen keine Wünsche und keine Entwürfe erlaubt. Aber die Erklärung, dass sie
einem Andern bestimmt sei, habe ihn wie ein Donner getroffen, - und in seinem
ersten Schmerz sei er würklich dem Wahnsinn nahe gewesen. Ihr Mitleiden - und
die Versicherung ihrer Achtung sei Balsam für sein zerrissenes Herz. - - Er habe
sich nun gefasst und trage geduldig diesen Schlag des Väterlichen Fluches. - Er
bitte Gott um Glückseligkeit für sie, und wolle nun alle seine Kräfte und Wissen
verwenden, um auf das Fest ihrer Verbindung ihr noch den letzten ehrerbietigen
Beweis seiner reinen, uneigennützigen Liebe zu geben. -- Sie werden mit Tränen
begossen werden, alle Blumen, die ich zu Verschönerung dieses Tages ziehen will.
- Einen Wunsch nur - angebetete Charlotte, nur einen Wunsch erfüllen Sie, den
das Herz des treuen, tugendhaften Jünglings wagt: lassen Sie den Blumenstrauss,
den Sie an dem, für mich so entscheidenden Tage, an Ihrer Brust tragen werden,
lassen Sie den mein sein; geben Sie ihn sonst niemand. Diese Hoffnung wird mir
die bittere Pflege dieser Blumen versüssen; und wenn meine zitternden Hände sie
zu Charlottens Brautschmuck binden werden: so wird der Gedanke mich stärken, dass
wenig Stunden darauf das edelste beste Herz an diesen Blumen schlagen wird, und
ich sie dann erhalten und für mein noch übriges Leben, an meinem Herzen tragen
werde. -
    Ich hatte dieses gelesen, eh Frau Wolling zurück kam, und sagte mir selbst:
O Sympatie! und du Ruf der Natur, wie stark seid ihr gegen Alles! - Sagen Sie,
meine Freundinn, sagen Sie, was konnte der arme Carl, die gute Charlotte, was
konnten sie tun? Edelmütigkeit kämpfte in dem Herzen des Jünglings;
Sittsamkeit, Pflicht gegen die vorgeschriebene Gesetze ihres Standes, in der
Seele des Mädchens. Und dennoch wurden sie Schlachtopfer des Unglücks und ihrer
Leidenschaft! - - - Und, was bin ich? Meine Liebe! was bin ich? Ist nicht,
seitdem ich unter der Tyrannei dieses Abgotts siehe, jeder Otemzug meiner
Seele, jedes Gute, jeder Fehler, Würkung, alleinige Würkung meiner Liebe? Ich
sehe die Turmspitzen der Stadt, wo Pindorfs Kinder wohnen. Aber, wo - wo ist
Er? Ich verberge mir Alles, was ich bei dieser Frage fühle. - Bei Andern! Er
wiederholt da die Auftritte, die Unterredungen die den vorletzten Winter einen
so traurigen Einfluss auf meine ganze Glückseligkeit hatten. Ach, vielleicht ist
diesen Augenblick jede Empfindung seines Herzens, jeder Gedanke seines Geistes
vergeben, verpfändet, neue Bande geknüpft! ich ganz, ganz vergessen, ganz
ausgelöscht! - ich, die allein durch die Erinnerung seiner Fussstapfen hieher
geführt wurde! - Ich sonderte mich ab, um wenigstens Steine zu betreten, die Er
betrat; Gegenstände zu sehen, die er liebte! - O, wie danke ich der Vorsicht,
dass sie für Wohl und Uebel Andrer mein Herz so empfindsam machte! dass die
Lindrung fremdes Schmerzes Erleichterung meines eigenen Wehes wird! - An diesen
leblosen Gegenständen hier hängt mein Herz, weil Er sie beschrieb. Ich kenne sie
alle, und Sie sollten meine Schreibtafel sehen, wie oft ich ihn schon zeichnete,
melancholisch zwischen den Weiden und dem kleinen Bächelchen dahin gehend, das
an der Anhöhe herum fliesst; oder am Fuss eines Baums, mit einem Buch in der Hand;
dann über die grosse Wiese nach dem entfernten Bauernhause auf der Seite hin
gehend. - Am Ende des Wäldchens, auf einem Stein sitzend, Schaafe um ihn herum,
die er streichelt, und die mit seinem Stockband spielen; hier auf der Anhöhe an
einen Baum gelehnt, mit dem Ausdruck der Bewunderung und Liebe der Natur! - Ach
meine Freundinn, ich seh ihn auch bei Damen sitzen, mit ihnen sprechen; - sehe
den Eindruck, den ihre Verdienste - und Schönheit auf ihn machen; sehr feine
Aufmerksamkeit, sein Bestreden, nahe um die vorgezogene Glückliche zu sein; sehe
das innige Vergnügen über sein Gesicht verbreitet, so ganze Tage mit ihr zu
verleben. - O, Bilder der Quaal, warum entsteht ihr! - Giftiger Hauch der
Eifersucht und des Neides, warum tödtest du jede edle, reine Freude um mich her!
ödos Verlangen! du vernichtest jeden Keim der Zufriedenheit über Gutes, so mich
umgibt - und dessen Genuss in meiner Gewalt ist. - Ich will versuchen, edel zu
lieben, wie der arme, trostlose Carl tat Ein Blumenstrauss, gegen den
Charlottens Herz, einige Stunden geklopft hatte, war alles, alles für ihn! Ich
habe Kinder von Pindorf, die er oft an seine väterliche Brust gedruckt, in meine
Arme geschlossen; ich bin ihnen lieb, sie sind ein Teil seines Wesens.
Unverfälscht, unverstellt waren die Liebkosungen, die sie mir machten. - Was
soll mir das geteilte, das zerstückte Herz des Vaters? - Nein, ich will nichts
mehr von ihm. - Sei glücklich! - Sei es! - Aber ich will von nun an unabhängig
von dir sein! - Ich höre Sie sagen: Wie lange? - Kommen Sie und hören nun den
Rest der Geschichte meiner Lieblinge. --
    Frau Wolling kam zurück, und sah sehr innig mich an. - Sind Sie mit meinem
Carl zufrieden? --
    Ja meine Charlotte - und mit Ihnen auch. - -
    Sagen Sie, entschuldigen Sie mein Herz, dass ich der Zärtlichkeit des
seinigen nicht widerderstehen konnte? und mir nach Durchlesung seines Papieres
sagte: Nein, du Edler, nein, niemals sollst du mich mit einem andern Mann
verbunden sehen! --
    ch wollte ledig bleiben und auf, ich weiss nicht was, warten, aber nicht
weiter in den Ausdrücken meiner Zärtlichkeit gehen, als bisher. Drei Wochen
dauerte dies Bündnis mit mir selbst und Carln, dem ich nur für sein Papier
dankte und ihn meiner wahren, ewigen Hochachtung versicherte. - Ich begegnete
aber deswegen dem Herrn von Talbruk sehr kaltsinnig, als er zu uns kam; und da
dieser Mensch niemals eine wahre Liebe zu mir getragen, sondern mich nur wegen
des Ansehens meines Vaters gesucht hatte: so wurde er durch meine Abneigung
nicht betrübt, sandern erbosst, schlug sich auf die Seite der Feinde meines
Vaters, und blieb also weg. - Mein Bruder ging in die Stadt, besuchte ihn, und
fragte warum er so lange nicht bei uns gewesen sei? - Da sprach er von dem
Widerwillen, den er bei mir gegen sich bemerkt hätte, - und dass er glaube, mein
Herz sei von sonst jemand eingenommen; stellte sich sehr traurig darüber - und
sagte, er hätte sich bloss aus Verzweiflung, und ob ich nicht vielleicht
eifersüchtig würde, an die Mademoiselle Nidern gewandt. - Dies war die Tochter
des ärgsten Feindes von meinem Vater - und der, als Wittwer, gerade zu dieser
Zeit um die Schwester der Maitresse des Fürsten freite, und dadurch eine
Unterstützung fand, die meinem Vater den Untergang zuzog. -- Meinem Bruder
wurden nur kleine Winke davon gegeben. Er kam damit nach Hause. Diese Unruhe in
dem Gemüte meines Vaters und die irrige Vermutung, dass, wenn ich Talbruken
geliebt hätte, dies alles nicht geschehen wäre, erregte seinen Zorn auf die
heftigste Art; - und ach! fuhr sie mit Tränen fort, dies war der Anfang meines
Elends. Man wusste von keinem Umgange, den ich mit irgend einem Menschen hätte.
Sie dachten also, es müsste eine Verwicklung sein, die in Briefen geführt würde
und nahmen sich vor, mein Zimmer durchzusuchen. - Es war ein Feiertag, wo wir
viele Besuche gehabt hatten. Als sie weg waren, sagte mein Vater ganz
freundlich: Lottchen, kleide dich in dein Nachtzeug; du musst von Putz und
Complimenten ganz müde sein; und komm in das grosse Gartenhaus zu mir. -
    Ich tat es, und kam ganz leicht gekleidet, hatte aber meine Säcke mit den
Papieren des armen Carls, in meinem Bette versteckt; ob ich schon weit entfernt
war, zu denken, dass man mir deswegen geheisen hatte mich um zu kleiden, um sich
meiner Schubsäcke zu bemächtigen. Während ich bei meinem Vater war, wühlte mein
Bruder alles um und fand endlich die verschiedene Papiere von Carln. Damit lief
er voll Wut in das Gartenbaus, und sagte, hier habe er die Beweise meiner
Niederträchtigkeit, dass ich mich an den elenden Gärtnerpurschen gebängt und
deswegen die grosse Heirat mit Talbruken, ausgeschlagen, und meinem Vater eine
Feindschaft zugezogen hätte. - Ich erschrak zum Tode, diese Papiere in seinen
Händen zu sehen und wollte weg eilen. Aber mein Vater fasste mich bei einer Hand
und hielt mich, während er mit der andern nach dem Packerchen reichte und einige
Blätter mit Wut durchlas, mir und Carln die hässlichsten Schimpfnahmen gab und
endlich meinem Bruder befahl ihn herzurufen. - Ach Gott! er kam freudig und
schnell seinem Leiden entgegen. Denn kaum war er im Saal als mein Bruder die
Tür abschloss und er ausgefragt wurde. Da erzehlte er wieder, was er mir
geschrieben, wurde aber als Lügner und Verführer behandelt; Und o, mein Gott!
ich musste ihn schlagen sehen! Ich sprang auf, um meinen Bruder in die Arme zu
fallen, gegen den Carl sich auch wehrte. Aber mein Vater riss mich zurück und
hielt mich fest, während er meinem Bruder zum Streit und Schlägen gegen den
Bösewicht ermunterte. Endlich liess er aus Zorn mich los und eilte auch, Carln
nieder zu werfen, der seinem Sohn zu stark war. Ich schrie da jämmerlich: O,
Carl! o, mein Vater! - Carl sagte zu mir: Charlotte, gegen Ihren Vater will ich
keine Hand aufheben; aber ihren Bruder verschone ich nicht.
    Da fielen sie mit doppelter Raserei ihn an, und würden ihn erwürgt haben,
wenn ich nicht meine Freiheit gebraucht hätte, die Tür gegen das Feld zu
aufzumachen und Carln zu zurufen, er möchte fliehen. In der Tat suchte er nach
der Tür zu kommen, und als er sie erreicht, hatte mein Vater die Grausamkeit,
einen Stuhl nach ihm zu werfen der ihn die vier Stufen hinunter schlug. Ich weiss
nicht, in welchem Augenblick ich meine lieben Papiere bei all dem Lärmen, der
mein Herz zerriss, in meinen Busen gesteckt hatte. Aber den Augenblick, da ich
Carln die Stufen hinab fallen sah, rief ich: O, Barbaren! ihr habt ihn
umgebracht! - Earl! vergieb deiner armen Charlotte, - indem ich der Türe
zulief. --
    So! schrie mein Vater mit Wut; bist du seine Charlotte: so geh zu ihm und
zum T-. Bei diesen Worten schleuderte er mich auch mit einem Arm der offenen
Tür zu. Ich erhielt mich am Geländer, und er schnapte das Schloss ab. - Alle
Empfindung für Vater und Bruder war in mir todt. Ich eilte Carln zu, der ganz
betäubt auf der Erde sass. Ich kniete zu ihm fiel um seinen Hals: O, du Edler,
kannst du mir verzeihen, was ich dich leiden mache? - Er fuhr wild auf und
fragte: Ach Gott! Charlotte, wo kommen Sie her? - Mein Vater hat mich
verstossen! Komm, Carl, wir wollen von dem Barbar fliehen. --
    Gott bewahre mich! nimmer werd ich es tun. Gehen Sie zurück in Ihr Zimmer.
Ihr Vater versöhnt sich mit Ihnen. Lassen Sie mich allein elend sein.
    Ich hatte viel Mühe, ihn zu bewegen, dass er mich nach Immenberg zum Pfarrer
führte, wo ich bis zur Zurückkunft meiner Mutter bleiben wollte. Es war eine
Stunde von dem Gut meines Vaters. Carl hatte Mühe zu gehen und mein Kummer
lähmte auch meine Füsse, so dass wir einem heftigen Platzregen und Gewitter nicht
ausweichen konnten und über zwei Stunden zu dem Wege brauchten. Endlich kam ich
nass und starr im Pfarrhof an, wo ich mich gleich legte und einige Wochen krank
bis zum Sterben war.«
 
                           Neun und sechzigster Brief
                           Madame Guden an Rosalien.
Frau Wolling fuhr fort, mir mit vielen Tränen das Uebrige ihres Schicksals zu
erzählen. Sie bekam ein starkes Fieber welches durch ihre Gemütsunruhe sehr
verschlimmert wurde. Wolling hatte, nachdem sie von der Frau Pfarrerinn
aufgenommen und besorgt war, allein mit dem Pfarrer gesprochen, ihm alles
aufrichtig erzählt und damit geendigt, dass er ihn bitte, ihre Aussöhnung mit
ihrem Vater zu bewürken. Er für sich wolle von dem morgenden Tag an sich
entfernen und Charlotten die Probe seiner Verehrung und Liebe geben, auf ewig
von ihr entfernt zu bleiben; man möchte nur für ihre Gesundheit Sorge tragen,
dass Sie bald wieder in das vaterliche Haus zurück käme. Und damit niemand etwas
von dem unglücklichen Vorgang erführe so sollte der Pfarrer doch gleich Morgen
zu meinem Vater, und ihm das alles sagen. - Er tat es auch; aber er fand einen
wütenden Mann, dessen beleidigter Stolz nichts anhörte, nichts ansah; der schon
den Abend vorher gegen alles Hausgesind über seine schlechte entlaufene Tochter
geflucht hatte. - Der Bruder half auch dazu - und weder Flehen noch Vorstellung
des Pfarrers wurde angehört. - Dieser kam trostlos nach seinem Hause zurück. -
Wolling war fort. Der Pfarrer schrieb an die Mutter der armen Charlotte, was er
von der Sache wusste und beschwur sie, nach Haus zu eilen, um den Ruf und das
Leben ihrer Tochter zu retten.
    »Ach, sie reiste gleich, die gute Mutter,« sagte Frau Wolling mit
Händeringen, und einem Strom von Tränen. - »Aber was half es! - Mein Vater
blieb unerbittlich!« - Der Pfarrer riet ihr, Mut zu fassen und ihre Liebe,
ihre Empfindlichkeit, alles ihrer kindlichen Pflicht aufzuopfern und ihre Kräfte
zu sammlen, um ihren Vater selbst zu Füssen zu fallen. Er wollte sie hinführen
und gemeinschaftlich mit ihrer Mutter um Aussöhnung und Güte bitten. Sie
befolgte alles, wurde aber wieder aus dem nehmlichen Gartenzimmer verstossen,
wie acht Tage vorher; ungeachtet ihre Mutter neben ihr auf den Knien lag und
Gnade erflehen wollte. Die Verzweiflung hatte ihr Kraft gegeben, wieder nach dem
Pfarrhof zurück zu kommen. »Aber da öffnete sich der Abgrund meines Elends,«
sagte sie. »Ich, von meinem Vater selbst ausgerufen, dass ich mit einem
Gärtnergesellen davon gelaufen sei. Alle, alle meine verlebten Tage hin! Meine
Liebe zur Tugend, meine Bemühung, sie immer auszuüben, alles dahin! - Das
Zeugnis meines Gewissens tröstete mich da nicht; es vergrösserte meinen Jammer.
Mein Leben - ja Carl selbst war mir verhasst. - Ich freute mich über meine
Krankheit, über meine Schmerzen. Ich litte Durst, um die Hitze zu vermehren, die
in mir tobte und ich war bald am Rande des Grabes. Meine arme Mutter durfte
nicht zu mir, mir nicht schreiben. - O, wie elend war ich! Mein Vater glaubte
endlich der Magd des Messners, dass ich am Tode sei und schickte meine Mutter und
meinen Bruder zu mir. Aber warum? - O Gott! wie sehr sann er auf mein Unglück!
Mein armer Mann hielt sich im benachbarten Dorf auf, aber versteckt; niemand im
Pfarrhause wusste es. Er wollte nur meine Genesung und meine Aussöhnung wissen
und dann weggehen, allein zu leiden. Mein Bruder hatte ihn ausfündig gemacht und
verhetzte meinen Vater darüber gegen mich Unglückliche, als ob ich und Carl noch
einverstanden wären. Gott weiss, was er ihm für Beweggründe angab, eine falsche
Milde zu zeigen. Man schickte Carln alle seine Sachen zu, und auch meine Kleider
ins Pfarrhaus. - Meine Mutter kam mit der Hoffnung der väterlichen Verzeihung und
mit all ihrer Zärtlichkeit an mein Bett, das ich als mein Sterbbett ansah. Mein
Bruder, der harte Mensch, kam auch, und eröfnete mir den Willen meines Vaters,
dass ich mich mit Carln sollte trauen lassen es möge zum Leben oder zum Tode mit
mir geben. Wäre das erstere, so solle er gleich zu seinem Vater, und durch den
sein Glück versuchen; - wäre ich todt, so käm ich doch als ehrliche Frau unter
die Erde und schimpfte seinen Namen nicht mehr, unter dem er mit nicht lebend
und nicht todt wissen wollte. - Ich weigerte mich, so viel ich vor Schwachheit
konnte. Der Zweifel in meine Ehre brach mir das Herz. Meine Mutter zerfloss in
Tränen und sie und der Pfarrer redten mir zu, weil sie dachten, es wäre der
erste Grad der Erweichung meines Vaters, weil er auch den Trauschein aufgesetzt
hatte, worinn er Carln einen Titel gab - und forderte, wenn ich stürbe, sollte
ich mit diesem Titel, ins Todtenregister geschrieben werden. -- Mein Bruder ging
zu Carln versicherte diesen der Versöhnung, aber dass mein Vater meine Ehre durch
die Trauung hergestellt haben wollte. Meinen Tod glaubte er sicher, und sagte
Carln, ich wünschte selbst, diesen Trost mit mir zu nehmen, meinem Vater noch zu
gehorchen; - und was er noch alles vorbrachte um ihn zu betören. Er kam Abends
um neun Uhr mit ihm, recht gut angekleidet in das Zimmer, wo ich im ärgsten
Leiden lag und unvermögend war, zu reden und zu denken. Carl warf sich auf seine
Knie vor meiner Mutter, konnte auch nichts sagen, als Gott zum Zeugen anrufen,
dass sein Herz unschuldig sei und er sein Leben tausendfach hingeben wollte, um
ihren und meinen Jammer zu stillen. - Mein Bruder beschleunigte die Trauung. -
Mein Carl und ich waren beide mehr todt, als lebendig. Ich musste beinah von
nichts und erkannte ihn kaum. - Als die Trauung vorbei und in das Kirchenbuch
eingeschrieben war, führte mein Bruder den Pfarrer, meine Matter und Carln
meinem Vater zu, um diesen nun völlig zu besänftigen. Aber der Pfarrer und meine
Mutter wurden betrogen. Sie sahen meinen armen Carl nicht mehr, mit dem mein
Bruder in einer Kalesche vorausfuhr.« -
    »Ich kam langsam vom Grabe zurück, war schwach an Geist und Leibe. Mein
Kostgeld wurde bezahlt. Man nennte mich Madame Carln. - Anfangs staunte ich
darüber - und dann, als ich es ganz wusste, fehlte wenig, so wäre ich über die
Gewissheit des Todes gewesen. - Ich wusste und hörte nichts von meinem Manne. -
Mein Vater wollte mich nicht sehen; meine Mutter durfte nicht, meine
verheirateten Schwestern und mein Bruder wollten es nicht. Ach! meine
blühenden, unverdorbnen Jugendkräfte dienten mir nur, mein unabsehliches Unglück
in allen Teilen zu fühlen. Ich blieb leben! - ich lebe noch!« --
    O! Rosalia! mit was für einem Ton, mit was für einem Ausdruck von Schmerz
der Seele sagte sie dieses! - Gott müsse mich elend machen, wenn ich nicht die
Gelegenheit treu und edel gebrauche, Balsam in diese verwundete Seele zu
giessen. Er führte mich her, er gab mir dies fühlende Herz, - er gab mir
Glücksgüter. - O, er wird, - er wird mein Vorhaben segnen! --
    Ich fasste sie in meine Arme - druckte sie an mein Herz: »Charlotte! sehen
Sie den weiten, offnen Himmel über uns; -- so offen, so rein ist mein Herz vor
Gott, der uns beide sieht. Er wird uns segnen, mein Kind. Er wird mein Vermögen
heiligen durch den Gebrauch, den ich davon machen werde. Das Maass Ihres Leidens
war voll. - Er wird das Maass Ihres Trostes auch überfliessen lassen. Er liess zu,
dass Menschen Sie quälten. Er führte mich her, um mein Glück, meine Freude in
ihrem Wohl zu finden. Ich bin frei, unabhängig; ich will bei Ihnen als
Schwester, Mutter und treue Freundinn leben und sterben. - Nichts, - nichts soll
mich abwendig machen.« --
    Sie sank zurück! - »Gott! ewiger Gott!« - war, was sie stammlen konnte. -
Ich benetzte sie mit Tränen und hielt sie an mich. Lange waren wir still. Dann
küsste sie mich: »Engel, - Mutter!« - sah mich an, - faltete ihre Hände. -
»Vater, Bruder, stiessen mich hieher; und Sie Fremde fassen mich in ihre Arme! -
O, wenn ich nach diesem Augenblick sie verlieren sollte, das überlebte ich
nicht!« - - Hier erhob sie ihre Hände und betete leise; aber ihre Mine, das
Anspannen ihrer Arme ängstigte mich, bis sie wieder weinte. - Dann war ich
ruhig. Ich wollte sie nicht weiter erzählen lassen; aber ich bemerkte dass ihr
daran lag, mir das ganze Gemählde ihres erlittenen Elends darzustellen und hörte
ihr vollends zu. --
    Ihr Vater war eilends mit ihrem Bruder nach der Stadt gegangen, da schickte
ihre Mutter ihr Weisszeug, Betten, Kleidungsstücke und eine Küste Hausgerät an
Zinn, Kupfer, sechs silberne Löffel und zwei Ringe die hundert Gulden wert sein
mochten. - Das war alles, was noch vor dem Schiffbruch meines Vaters für mich
erhalten wurde. Er bekam eine Untersuchung; es fehlte was in den
Kabinetsrechnungen. Sein Stolz hatte ihm Feinde zugezogen. Er war redlich,
pochte darauf und gab trotzige Antworten. Man begegnete ihm hart und
verächtlich. - Zornmütig, wie er war, konnte er das nicht ertragen. Sein Blut,
seine Galle schäumten und kochten auf einmal so, dass er nicht zu retten war und
schnell starb. - Nun konnte Niemand in seiner Familie Auskunft geben. Sein Gut
und alles kostbare Hausgerät verfiel der fürstlichen Kammer. Mein Bruder blieb
bei seiner Secretairstelle, und meine Mutter bekam einen Gehalt. - Aber wie mir
war, können Sie denken! - Sie zog zu einer meiner Schwestern, die nicht weit von
hier wohnte. Den ganzen Winter sah ich sie nicht und wusste nichts von meinem
Mann. Im März zog ich auf ein Dorf, das mich meiner Mutter näherte, wo sie
manchmal hinging, mich zu sehen. Mein Schwager ist von Adel, der hätte mich
niemals zu sich gelassen. Meine Schwester hatte Mühe, ihn leutselig gegen meine
Mutter zu erhalten. - Es kam ein schöner Apriltag. Meine Mutter war bei mir
gewesen; ich begleitete sie zurück. Ihre Magd ging immer eine Strecke voraus,
dass wir allein reden konnten. Sie musste, ohrweit eines Wäldchens, einen
umzäunten Acker vorbei. Wir sahen einen Menschen aus dem Wäldchen kommen, still
stehen, gegen uns schauen, stark zulaufen, und wieder inne halten; - endlich die
Hände zusammenschlagen, auf seine Knie fallen und was rufen, so wir nicht
verstanden. Sein ganzes Ansehen und Bezeigen rührte uns. Wir blieben auch
stehen. - Charlotte! sagte meine Mutter, er bettelt. Vielleicht ist er schon
weit gegangen und matt. Komm, wir wollen ihm was geben, wenn es schon nicht viel
ist. Mein Gott, ich kann nicht mehr viel geben.
    Wir gingen an der Hecke hin gegen ihn. O, denken Sie, wie uns wurde, als wir
ihn die Arme ausstrecken sahen, und Carln erkannten, ihn Charlotte! Mutter
meiner Charlotte! rufen hörten. Ach, wir erschraken so, dass wir vor Zittern
nicht gehen konnten. Aber er sank um. Ich fühlte da nichts, als alle meine Liebe
und lief zu ihm. Es war Carl. Aber, wie elend! ewiger Gott, wie elend! Er
erholte sich an meine Brust gelehnt; denn ich hatte nichts, ihn zu laben, als
meine Tränen, die über ihn flossen. Denn wo hätten meine Mutter und ich, in
unserer Armut und Erniedrigung die wohlriechenden Wasserfläschgen hergenommen?
Meine Mutter kam zu uns - und weinte auch. Was konnten wir anders! - Es wurde
dunkel; meine Mutter musste zurück. Carl sagte uns nur kurz, dass er gleich nach
der Trauung, anstatt zu meinem Vater begleitet zu werden, Werbern übergeben,
gebunden und geknebelt weggeführt und als ein Missetäter behandelt worden; -
dass er lange krank gewesen, bald auf Karren weggeführt, bald, so viel er konnte,
mitmarschirt wäre; sich endlich erholt und nur an mich gedacht hätte, weil er
nach der Grausamkeit, die man an ihm ausgeübt, immer die Angst im Herzen
getragen, was doch aus mir geworden sein möge, wenn ich beim Leben geblieben und
in die Gewalt meines Vaters gekommen sei. --
    Meine Mutter hörte das Rufen ihrer Magd und befahl mir nach Haus zu gehen.
Carl bat um Erlaubnis, mich ein Stück Wegs zu begleiten: Sie ging auch noch eine
Weile mit, bis an den lezten Garten des Dorfs, wo Sie uns verliess, aus Furcht,
er oder sie möchten verraten werden. Sie rief Gott um seinen Schutz für uns an,
und ging mit Jammer weg, nachdem Sie mich schluchzend geküsst und an sich
gedruckt hatte.
    Stumm sahen wir ihr nach, und Carl hielt meine Hand stark; oft zuckte sie,
am stärksten aber, da meine Mutter um die Ecke der Hecke weg war, und wir uns in
der ganzen Gegend allein fanden. Keine Seele, kein Vogel, kein Blätchen bewegte
sich. Wir sprachen nichts und ich sah zur Erde. - Mein Mann fasste meine beiden
Hände, blickte mich starr an und sagte: Sehen Sie, Charlotte! sehen Sie, was
Menschen tun, mit denen wir nur in einiger Verwandtschaft sind. Ihre Mutter,
das einzige Wesen, so uns liebt und bedauert, - die darf nicht bei uns bleiben;
- darf uns nicht trösten, nicht schützen! --
    Er sprach dies heftig, liess meine Hände gehen, rang die seinigen mit stillem
Schmerz. Ich zerfloss in Tränen, wusste aber nicht, was ich tun, was ich sagen
wollte. Aber ich war gern bei Carln, das fühlte ich. - Der Mond kam hinter dem
Berg hervor und beleuchtete meine ganze Gestalt. Mein Mann betrachtete mich
still, wandte sich gegen den Mond und rief aus: O, - du! - sah wieder auf mich,
weinte nachdem schweigend; fasste sich, nahm sanft eine meiner Hände in seine,
druckte sie gegen sein Herzküsste sie, weinte wieder etwas, aber dann sagte er:
    Charlotte! ach lassen Sie mich Sie, diesen Augenblick nur, meine Charlotte
nennen. Meine Charlotte! ich bin froh, dass ich hier von allen Menschen nur Sie
sehe - und nicht einmal ein Haus, das mir Wohnung und Leben andrer Menschen
anzeigt. Sie sind mir verhasst, ich will auch bei keinem mehr leben, ich will
nicht! Sagen Sie mir, Sie, hier auf diesem Platz, wo nichts als der Himmel über
uns, und die liebe wohltätige Erde hier uns sieht und Zeuge von uns ist, -
sagen Sie mir Charlotte! was wollen Sie, das ich tun soll? - Ich bete Sie an.
Sie liebten mich. - Aber ich will meine Liebe, die ihrige und unsere Trauung,
nichts, nichts für mich anführen. Ich kann Ihnen kein Glück anbieten, als die
Gärtnerarbeit meiner Arme. Ich danke Gott, dass Sie leben. Haben Sie zu leben?
Wollen Sie ohne mich leben? - Ach tun Sie es. - Segnen Sie mich hier unter
diesem Himmel! Weinen Sie eine Träne über mich; drucken Sie meine Hand - und
heissen mich gehen. -- Ich kann, o Gott! ich kann Sie nicht öfter sehen, und mit
meiner und Ihrer Liebe sehen, ohne tausendfache Wünsche und Schmerzen zu fühlen.
- Aber alles, alles opfre ich ihnen! - Ich war glücklich; ich bins den
Augenblick - ich sehe Sie! - Ach, vergeben Sie mir alles, was ich Sie leiden
machte; sagte er, da er sich zu meinen Füssen nieder warf und mir die Füsse
küsste, vergeben Sie mir meine Liebe. Hassen Sie mich nicht, - beten Sie für mich
- und - Ach, Charlotte! - ach Gott! Charlotte! --
    Ich konnte nichts als schluchzen. Endlich sagte ich ihm, er solle doch
Morgen wiederkommen da wollte ich ihm die Wünsche meines Herzens sagen. -- Wann
soll ich kommen? - Erst Abends. - Ach da kann ich vielleicht nicht. - Warum
nicht? Ich will gewiss da sein. - Ach! wenn Wasser meine Kräfte erhalten kann,
wie heute, so will ich auch da sein. Denn, Charlotte, ich habe den ganzen Tag
nichts gegessen. Ich war matt, als ich Sie kommen sah und wollte Sie um Almosen
bitten, - als ich Sie erkannte und für Staunen und Freude umsank. --
    O, wie rührte mich dieser neue Umstand! der Arme Liebe! - Ich wollte in mein
Dorf und ihm den Abend noch was bringen. Er wollte es nicht und bat mich, nur
des Morgens früh zu kommen und etwas Milch und Brodt zu bringen. - Mein Gott,
Carl, wo will Er bleiben? - Dort, wies er auf ein halb zerfallnes Kapellchen, so
auf der Höhe lag. - Da kann Ihm ja Unglück geschehen! - Von wem, Charlotte? Hier
sind keine wilde Tiere. --
    Aber es können Räuber kommen. - - Räuber! O, was tun die? - sagte er mit
bitterm Lächeln; - sie nehmen Kleider und das Leben; was ist das gegen dies, was
unsere Väter uns nahmen!
    O, Was für eine grausame Vergleichung! - Grausam, Charlotte! Sehen Sie sich,
sehen Sie mich an! - Aber sie sind todt. Mögen sie eine bessere Ewigkeit haben,
als das Leben, das sie uns bereiteten. Ich sagte ihm, dass ich diese Nacht die
ärgste Quaal leiden würde, über seinen Gemütszustand - und das Capellchen. -
    Fürchten Sie nichts; ich werde nicht viel schlafen, sondern nach dem Ort
sehen, wo Sie wohnen. Einsamkeit fürchte ich nicht. Ich bin seit acht Tagen in
einem verfallenen Schloss, mitten in einer Einöde - und ein Soldat hat Herz. -
- Dies beruhigte mich nicht; ich jammerte fort. Da sagte er sanft: Sein Sie
ruhig, Charlotte! Gott ist mein Trost und mein Schutz; auf den hoffe ich. Gehn
Sie in seinem Namen zurück - und Morgen, ach, Morgen erquicken Sie mich bald. --
    Ich versprach es ihm herzlich; konnte aber beim Abschiednehmen mich nicht
zurück halten, mich an seine Brust zu beugen und laut zu weinen. Er umfasste mich
zärtlich. - Charlotte! Sie an meiner Brust! - Sie, mit diesem Vertrauen in
meinen Armen! - Gott, der uns sieht! Engels Seele, ach alles, alles will ich nun
leiden. --
    Er küsste die Ermel seines Kleides, die mich berührt hatten und meine Hände,
und trat zurück: Nichts mehr, nichts! Gehn Sie heim, gehen Sie; ich bin selig. -
Er führte mich noch ein wenig auf meinen Weg, und sah mir nach, bis ich am Ende
der Strasse war. Ach, ich schlief nicht viel; ich zog mich nicht aus. Sein
Hunger und seine Einsamkeit, und er, und seine Liebe waren vor mir. - Um vier
Uhr Morgens hatte ich schon einen Topf mit Milch und Brodt dabei unter meinem
Regentuche. Ich eilte hinaus zu der Kapelle und fand ihn schlafend, den Kopf auf
der zerbrochnen Stuffe des Altars. Ich betete hier mein Morgengebet mit vielen
Tränen, setzte mich auf die Erde, nahm eine seiner Hände, die ganz kalt war. Er
musste die Wärme und das halbe Zittern meiner Hand gefühlt haben, denn er wachte
auf. - Carl, armer Carl! sagte ich. - O, Gott sind Sie schon da, rief er: edle,
edle Güte! - Er trank einige Tropfen, dann mehr, tauchte Brosamen ein, labte
sich und segnete mich. Dann redten wir ab dass er in einigen Tagen wieder kommen
sollte. Bis dortin wollten wir uns entschliessen, was wir tun könnten; und er
nahm die übrige Milch und das Brod mit sich. --
 
                               Siebzigster Brief
                           Madame Guden an Rosalien.
Ich war hier begierig gemacht, das Uebrige von der Wollinge traurigen Geschichte
vollends zu hören. Die gute Charlotte hatte Mühe, das Weitere in aller Ordnung
zu sagen, weil sie noch immer bei allem zu sehr weint und durchdrungen ist. Sie
können aus dem Mahlen einer jeden Scene schliessen, wie sehr deutlich die Bilder
der Quaal noch in ihrer Seele liegen. Denken Sie sich selbst dieses alte
Kapellchen und die zwei treue Liebende darinnen; den Milchtopf, der den Armen
nur Tropfenweis erquickte -- und dann den Abschied und das Hinknien neben
einander und das Hinblicken auf den Platz der zum Altar geweiht war, und die
gebrochne Reden und das Seufzen Carls, als er seine beiden Hände an den
Ueberrest dieses Altars legte, seinen Kopf darauf lehnte und dann hier noch
einmal seiner Charlotte und allen Wünschen seiner Liebe entsagte, wenn sie, nur
sie, glücklich - und ruhig würde. - Sie, mit stillem Weinen da auf der Erde
sitzend; ihr Herz an ihm hangend, nach ihm sehnend - und allein durch die
grausame Not des Nichts haben, des Nichts hoffen, zurück gescheucht, noch nicht
sagen zu können: ich will mit dir in einer Hütte leben! - O Rosalia!
    Er ging weg. Sie bat ihn, ja wieder zu kommen, fürchtete er möchte es nicht
tun, besonders da er ihr seinen Aufentalt nicht nannte. --
    Ach! sagte sie, ich glaubte mehr an meine Liebe, als an seine. - Meine
Mutter kam schon um halb sieben zu mir, betrachtete mich ängstlich, riss mich an
sich - und benetzte mich mit Tränen. -- »Lotte! O Gott, meine Lotte! was hatte
ich für eine elende Nacht, voll Vorwürfe, dass ich dich verliess. - Tröste mich,
söhne mich mit mir selbst aus. - Sage mir alles, alles, wie es vor Gottes Augen
ist. -- Was habt ihr geredt? wo ist Carl? Wann gingst du heim?« --
    Treulich, wie Ihnen, sagte ich ihr alles. Sie dankte Gott innig für den
Schutz, den er mir gegeben. --
    Rosalia! haben Sie es nicht der Mutter etwas übel genommen, dass sie wegging?
Ich tat es auch. Aber denken Sie, wie sehr die arme Frau immer niedergedruckt
war; sich erst beständig vor ihrem wilden Mann fürchten musste, dann arm wurde
und von der Gnade eines Tochtermannes und einem kleinen Gehalt lebte. Sie war
nicht von den Leuten deren Mut gestählt werden kann, sondern die ihn völlig
verlieren. Selbsterhaltung, Sorge, die Magd möchte sie verraten, die arme Lotte
verraten - und Carl in Gefahr kommen; ach, wie viel stürmte da auf die wenige
Kräfte dieser Frau! Sie fühlte, dass sie nicht weg sollte; deswegen rufte sie
Gott um Schutz an, schlief nicht und war des Morgens so ängstlich. Ach richten
Sie nicht!
    Charlotte fuhr fort. -- ihre Mutter forderte, dass sie Carln nicht mehr sehen
und ihm nur schreiben sollte. Diesen Brief wollte die Mutter ihm geben -- und
ihm dabei ermahnen, dass er sein Glück erst suchen und nur dann und wann
Nachricht von sich geben möchte. Bei diesem Vorschlag ihrer Mutter empörte sich
ihr Herz -- und fühlte nichts, als seine Liebe. Sie schlug da die Hände
zusammen: - »Der Himmel vergebe mir, wie er mich strafte! - Ich nahm mir vor,
meine Mutter zu betriegen und ihr einen Tag später anzugeben, wo Carl wieder
käme. Ich wollte ihn nur einmal noch sehen, nur einmal! Es war mir mit diesem
Vorsatz Ernst. Ich schrieb den nehmlichen Morgen den Brief den meine Mutter
haben wollte. Sie nahm ihn mit, denn sie konnte nicht alle Tage zu mir kommen,
sondern nur an denen, wo mein Schwager in die Stadt zum Rat fahren musste. Sie
wollte dann, nach der Unterredung mit Carln zu mir kommen und mich trösten; denn
ich weinte schon sehr, da sie noch mit mir davon sprach. Es waren gewiss, glauben
Sie mir,« sagte sie gegen mich, bittend, es waren gewiss schon Zähren der Reue
darunter, dass ich sie betriegen wollte. Aber meine Liebe war stärker, als diese
Reue, und meine lange Busse auch. - Ich sprach meinen Mann den zweiten Tag
Morgens bei der Kapelle, da ich ihm nochmals etwas Milch und Brodt mit Butter
brachte und ihm unter einer Flut von Tränen, den Willen meiner Mutter
ankündigte; dass ich ihn aber noch einmal hätte sehen und meiner treuen ewigen
Liebe versichern wollen. - Er solle sich um einen Platz bewerben, und mir
fleissig Nachricht von sich geben, an mich und an das Kapellchen denken, wo seine
arme Charlotte alle Tage hingehen würde, für ihn zu beten. - Er liess mich reden,
hielt meine Hände, so wie er neben mir sass, in den Seinigen, die er auf seine
Knie stützte und sein Gesicht in meinen Händen verbarg, keine Träne, keinen
Laut von sich gab. Ich hatte vier Bettücher von guter Leinwand und die sechs
silberne Löffel mit mir gebracht; die sollte er zu Hemden und zu Gelde machen,
um sich was anzuschaffen. Ich gab ihm auch dabei, was ich an Gelde hatte; es
mochten drei Gulden sein. -- Immer redte er noch nicht. Ich schwieg auch, hielt
es aber nicht aus, sondern küsste ihn auf die Stirne. - Er fuhr auf. -
    »O Charlotte, Charlotte!« - und blickte mich unaussprechlich an, fasste meine
Hände nochmals, legte noch sein Gesicht darauf; aber ich fühlte mit Angst, wie
es immer glühender wurde. - »Lieber, lieber Carl!« - sagte ich leise mit
beklemmten Herzen. - Da richtete er sich ziemlich sanft auf, faltete seine
Hände: - »Ja, Charlotte! - ja, Alles, Alles will ich tun, Sie, Ihre Mutter zu
beruhigen!« -- Betrachtete mich wieder ganz; - ich sass noch - er stand vor mir.
Sein Gesicht zog sich ein wenig, während er einige Augenblicke schwieg, dann
seine Augen mit seinen Händen, aber nur einen Augenblick, zuhielt und mit einer
heftigen Wendung aus dem Kapellchen heraus trat, seinen Kopf mit etwas Trotz
erhob und mit dem Arm zugleich eine gewaltige Bewegung machte. - »Ja, Schicksal!
- Ja, Menschen! - Ich will Alles tun, Alles leiden!« --
    »O, Madame!« - sagte sie und fiel an mich, - was hatte er da für eine
Stimme, für eine Stellung, welch fürchterlichen Ausdruck in dem sonst so
sanften, so edlen Gesicht! - Ich stand zitternd auf und ging mit ausgestrekten
Armen gegen ihn. -- »Carl! mein Carl.« --
    »Ihr Carl, Charlotte!« und halb hob er einen seiner Arme gegen mich, schlug
aber gleich mit flammendem Gesicht diesen Arm an seine Brust. - »Hier! - hier,
ewig Ihr Carl! - und Sie meine Charlotte!« -
    Ich wollte ihn da umarmen, er wies mich mit beiden Händen ab. - »Nein,
Charlotte! - nein, -- aus Barmherzigkeit nein!« -- Er bückte sich, nahm schnell
seinen elenden Hut, druckte ihn fest an sich, riss mein Schnupftuch mir weg und
ging ohne umzusehen, ohne etwas mit sich zu nehmen, weg; so eilend, mit solchen
Schritten, dass, wenn ich die Kraft gehabt hätte, zu laufen, ich ihn doch nicht
würde eingeholt haben. - Mein Schmerz, meine Verzweiflung sind über allen
Ausdruck. Ich trug mit bitterstem Kummer Alles zurück. Ach, wie Eisen schwer
wurde es mir, gegen das was ich im Hintragen gefühlt hatte. Ich ass und trank den
ganzen Tag nicht. Ich schrieb meiner Mutter und schickte ihr das Geld, so ich
ihm hatte geben wollen. Ich härmte mich die ganze Nacht elendig ab und schlief
zum Unglück ein, denn ich wollte, samt meiner Mutter, ihn noch einmal sehen.
Aber ich erwachte erst, als sie von ihm zu mir kam, und an meinem Bett
schluchzte. - Er war gekommen ganz ruhig, ganz nachdenkend; hatte wenig geredt,
meinen Brief gelesen, geküsst, meine Mutter gesegnet, - mich! - nur einen Gulden
von achten genommen, die meine Mutter ihm geben wollte, und war bald, aber fast
wankend von ihr gegangen. Sie sah ihm nach, - als er auf einmal umkehrte und zu
ihr sagte: »Lieben Sie, trösten Sie meine Charlotte! - Sie ist doch meine
Charlotte, meine mir angetraute Frau!« - Er fasste die Hand meiner Mutter: -
»Diese Hand selbst, diese Mutterband, hat sie mir gegeben, vor Gott gegeben! -
und nimmt sie wieder, -- auch vor Dir!« - sagte er, mit Aufhebung seines Kopfs
zum Himmel.
    Meine Mutter erschrak und war unwillig dabei. »Beides war Zwang, war Nacht!«
- sagte sie; und dies gewiss mit einem zornigen Wesen. Er trat einige Schritte
zurück: -- »Ja, ja, Sie haben Recht, Frau Rätin; Sie haben Recht,« - und fort
lief er ganz geschwind. Meine Mutter sah, dass er den elenden Gulden noch von
sich warf und dann noch mehr forteilte. Sie war ungeduldig über ihn, jammerte
über mich, schmählte auf mein heftiges Weinen und auf meine unbesonnene Liebe
die doch der Grund alles Unglücks meiner Familie wäre. - O, was litt ich da
wieder! - Ich wurde nicht krank, ob ich schon nichts als Kummer empfand; aber
oft, recht oft ging ich zum Kapellchen und weinte und liebte da. Ich muss
bekennen, dass ich nichts anders tat und dachte. Es freute mich nichts mehr,
keine Arbeit, nichts; meine gute Mutter selbst hatte mein Herz verloren. Fünf
bis sechs Wochen waren so hingegangen. Ich hörte kein Wort von meinem Mann. - Es
kränkte mich in der Seele, und alle Tage, wenn es nur ein wenig heiter war, ging
ich schon mit dem anbrechenden Morgen durch das Gärtchen der Wittbe, bei der ich
wohnte, durch einen Feldweg und eine kleine Anhöhe in die Capelle; immer mit der
Hoffnung, ihn einst da zu finden. Den zweiten Junius, an einem Feiertage,
erstaunte ich sehr, auf dem Boden ein schön geflochtenes, weisses Körbchen voll
Erdbeeren und Blumen zu finden. Ich erschrak Anfangs, und dachte, dass jemand aus
der Gegend da sein müsse, der vielleicht nur einen Augenblick auf die Seite
gegangen sei. Ich wartete lang an dem Eingange, blickte aber von Zeit zu Zeit
auf das Körbchen. Dann bemerkte ich auch, dass um die alten Steine herum Blumen
gestreut waren. Ach, da fiel mir Carl ein - und seine Blumen-Gedanken bei den
Hochzeiten meiner Schwestern. Mein Herz klopfte; ich näherte mich dem Körbchen.
Mein Name war in Feldblumen gebunden und ein Zettelchen dabei: »Charlotte! wenn
Liebe, gütige Liebe Sie so oft herführt; wenn sie mich sehen möchten: so gehn
Sie einige Schritte auf der rechten Seite der grossen Eiche hin. Wo nicht, - ach
wo nicht: Charlotte, so nehmen Sie doch meinen Segen. Ich bin nicht ganz
unglücklich. Ich lebe einsam - und habe Sie oft, oft gesehen. -- Gott lohne Sie
für diese Augenblicke.« --
    Zitternd und wankend, wie trunken, ging ich hinaus. - Er war gleich da; war
lauter Freude, lauter Glück. - Ich auch. - Er erzählte mir, er habe einen
Aufentalt, habe sich Obstbäume gepflanzt, etliche gepfropft, Gemüs angelegt,
habe eine süsse, einsame Hütte in der schönsten Gegend, habe sich auch Gerste
angesäet; habe Brennholz genug; - sei dies alles seiner Ehrlichkeit schuldig;
hange von Niemand, als seiner Arbeit und redlichem Herzen ab; habe zwei eigne
Ziegen. - Ich freute mich über all das innig. Er machte mir auch die ganze
Beschreibung so herzlich, dass ich ihm endlich sagte, ich wollte seine Hütte
sehen. - »Meine Hütte, Sie! Sie? Ach, sie ist fünf Stunden von hier! Sie kommen
in einen Tag nicht hin und her.« - Er stammelte fast, da er dies sagte und sah
wehmütig und zärtlich mich an. - »Ist kein Dorf in der Nähe?« - »Ja.« -- »Nun
dort will ich über Nacht sein.« - Er wurde tiefsinnig und unruhig. - »Charlotte,
liebe Charlotte! wollen Sie? - wenn, wenn wollen Sie meine Hütte sehen?« - Er
hielt bei diesen Fragen eine meiner Hände an seine Brust. - Ich sagte ihm, dass
meine Mutter in acht Tagen mit meiner Schwester in ein Bad reisen würde; da
könnte ich abkommen, ohne dass es jemand wüsste. Ich wollte, wenn das Wetter schön
wäre, recht früh da sein; er sollte mich bei der Eiche abholen.
    Freude in seinen Augen, - Entzücken, Unruhe, Tränen, küssen meiner Hände,
meiner Schürze, der Blumen, die ich in der Hand hatte, essen dieser Blumen, -
alles wechselte bei ihm ab. - Dann wurde er still, blickte mich aber so an, dass
ich ihn für krank hielt, und fragte was ihm fehlte. - Er sagte mir aber nur:
»Charlotte! kommen Sie gewiss? - gewiss?« - »Ja, mein Carl;« - und unwillkührlich
legte ich meinen Kopf auf seinen Arm hin. --
    Ach, fuhr sie fort, bei all meinem Elende erinnerte ich mich oft mit
Vergnügen der Freude, die er hatte. Er druckte mich einen Augenblick mit einem
Arm an sich, stand auf, fasste lebhaft das übrige Stück des Altars, küsste die
Stellen, wo ich gesessen, hielt sich wieder am Pfeiler, »heilig, gesegnet bist
du mir! - ach, der lezte Stein, das lezte Sandkörnchen von dir wird mir heilig
sein! Möge, sagte er mit gefalteten Händen, mein Glück die Seligkeit des Manns
vermehren, der dich erbaute!« -
    Ich vergoss süsse Tränen der Freude und auch Tränen der Angst; denn ich
glaubte, er käme ausser sich. Er ging nachdem er das wenige Geld von mir
angenommen hatte und bat mich, zwei Löffel und eine Serviette mit zu bringen. --
»In acht Tagen schlaf ich hier,« - und legte seine Hand freudig auf die Erde.
Und ja, er schlief da. - Aber ich war auch Morgens, um drei Uhr auf dem Wege zur
Eiche, mit einem Packen Weisszeug, meinen zwei Ringen und den sechs Löffeln, -
welches alles ich Carln lassen wollte. Einige mal hatte ich freilich gedacht,
was meine Mutter sagen könnte, wenn sie es wüsste. Ich sagte mir dann, sie sei
weit weg; ich käme ja den andern Tag wieder. Und Carl war ja doch mit mir
getraut, und so rechtschaffen! -- Ich musste nun wieder eine Unwahrheit sagen, da
ich der Wittbe erzählte, ich gehe auf etliche Tage zu meiner Mutter ins Bad; sie
solle indessen meine Sachen wohl besorgen.
    Mein Mann verkürzte mir den Weg, weil er mir immer alle Örter nannte, alle
schöne Gegenden zeigte; denn er wusste einen Pfad, der immer auf der Anhöhe
fortdauerte und sich endlich im Gebüsch dieses Berges verlohr, den ich aber bald
erstiegen hatte; obschon Carl selbst immer langsamer ging, unter einem Arm das
Päkchen trug und mit dem andern mich unterstützte. Ich war aufgeschürzt, hatte
einen Strohhut auf, und einen Haselstock, den Carl geschnitten hatte. Er führte
mich unter dem halben Bogen der Nussstauden, die noch da sind, gegen das alte
Schloss, an die Ecke seines Gemüsgärtchens, in den Hof, wo ich die öde Mauer an
der Seite der Hütte, mit Laub- und Waldblumen-Gewinden geziert fand. Das Dach
der Hütte war ganz mit Tannenreissig bedeckt und Blumen dazwischen gelegt; das
kleine Fensterchen mit eingefasst; eine Moossbank vor der Hütte. Das Kämmerchen
war kleiner, als jetzt - und innen auch mit Grün und Kränzen geziert. - Auf
einem Steine waren Kohlen und zwei Töpfe, einer mit Suppe, einer mit etwas Gemüs
und Fleisch, das er den Tag vorher gekocht hatte, und nur zu wärmen brauchte.
Vier irdene Teller und einige artig geflochtene Körbchen standen auf ein paar
andern Steinen, die er von altem Mauerwerk hinein getragen hatte. --
    Ach, wie wurde ich von alle dem gerührt! Vögel hüpften vertraut aus und ein.
Er holte seine beiden Ziegen aus ihrem Behälter und ich musste ihnen mit meiner
Hand etwas zu fressen geben - und seinen Vögelchen etwas Gerstenkörner, da ich
auf der Bank vor der Hütte sass. - O, wie sah er mich an! wie hielt er meine
Hand! was für sanfte Zähren flossen von seinen Augen. Hier so eine Ruhe! - der
schöne Tag, diese Gegend! - sie wies mit der Hand umher; - Carl! - - ach, ich
blieb; ich vergass - Mutter, Welt, Alles! Alles! --
    Hier Rosalia, hing sie mit beiden Armen an meinem Hals. - Wie sie weinte,
wie ich stumm und bewegt, meine Arme um sie schlug, auch mit weinte und sie an
mein Herz druckte, das soll Ihr eignes Herz, nicht meine Feder Ihnen sagen.
 
                           Ein und siebzigster Brief
                           Madame Guden an Rosalien.
Ich denke, Rosalia, Sie haben Alles mitgefühlt, was ich von der rührenden
Geschichte meiner Wollinge mit meiner Feder wiederholen konnte. Es ist
unmöglich, dass ich alle die feinen Mischungen mitschreibe, die Charlotte in ihre
Erzählung brachte. Sie lag einige Minuten an meinem Hals, eh sie fortreden
konnte. Mit niedergesenkten Augen, und eine meiner Hände in den ihrigen gegen
ihre Brust hebend, fragte sie mich: »Sagen Sie, vergeben Sie mir, dass ich bei
Carln blieb? Sie wissen, dass ich mit ihm getraut war.« -
    »Ja, mein Kind; - Ich vergeb Ihnen von Herzen! Möchten Sie nur immer gleich
glücklich gewesen sein!« --
    Ach! mein Glück welkte so bald, wie die Blumenkränze um unsere Hütte; und
Carl, der arme Carl, hatte einige Zeit viel mit mir zu leiden. Die Regentage,
die Zeit, da er wegging, etwas zu holen, sass ich voll Verzweiflung und Angst in
einem Winkel versteckt - und um die Zeit der Rückkunft meiner Mutter, - o, wie
war mein Herz zerrissen! Ich schrieb ihr und Carl auch. Sie wollte uns nicht
sehen. Der Zorn und die Sorgen über uns machten sie krank. Mein Kummer um sie
gab mir Mut, Carls Abwesenheit zwei Tage zu ertragen. Es waren freilich
Sommernächte, aber ich neunzehn Jahr alt - und so sehr empfindlich; allein, ganz
allein, in dieser Einöde! Ach, mein Gebet erhielt mich, und auch der Gedanke dass
ich alle meine Angst, all meinen Jammer verdiente, weil ich meinen Eltern, und
also dem Gesetz Gottes ungehorsam gewesen sei. Ich warf mir den Tod meines
Vaters und das Elend und die Krankheit meiner Mutter vor; hatte oft das Herz
nicht mehr, Gott um Hülfe anzurufen und dachte immer in der Beklemmung meiner
Seele an den Fluch unsrer beiden Väter über uns. - Wir schliefen auf Moos, -
jedes hatte nur zwei Hemden; kein Küssen, keine Decke, als die beiden Bettücher,
die ich für Carln zu Hemden mitgenommen hatte. Ich hatte sechs Gulden von der
Wittbe geborgt und ihr dafür alle meine Gerätschaften zum Pfande gelassen.
Unsere Löffel wollten wir nicht verkaufen und lebten höchst kümmerlich so fort.
- Fleisch assen wir lotweis, denn wir kauften die Woche nur ein Pfund. - Ich
nähte die zwei Servietten zusammen und stopfte sie mit Moos zu zwei Kopfpolstern
aus. - Sie müssen den Wasserbehälter sehen, den mein armer Mann, mit der Mühe
und Erfindsamkeit machte, welche das Gedränge der Not gibt. Darein tauchten
wir unsere Hemden und übergossen sie mit leichter Lauge und wuschen sie. Ich
bleichte, trocknete und strich sie mit meinen Händen glatt. - Ich hatte nur eine
Schürze, zwei Röcke und zum Glück ein Schlafwämschen, neben dem halben Kleide,
so ich den Tag meiner unglücklichen Flucht aus dem kindlichen Gehorsam anhatte.
- Meine dauernde Tränen und Seufzer erschütterten das Herz meines Mannes, der
Tag und Nacht arbeitete und tausendmal seinen Verstand erschöpfte, um mir
Trostgründe und Hoffnungen beizubringen. Ich vermied ihn oft und blieb allein. Es
schmerzte ihn. - Er hatte ein Stück mit Haber und eins mit Flachs besäet; sein
Gärtchen wurde alle Tage grösser; wir assen gutes Gemüs. - Er war ruhig und immer
zärtlich, aber einige Tage stiller und nicht mehr so vertraut. Einen schönen
Abend gingen wir schweigend, aber Hand in Hand, noch hieher. Ich setzte mich,
denn ich fühlte, wie eine Vorbedeutung in mir, dass ich einer grossen Veränderung
nahe sei. Carl wandte sich halb von mir ab, sah mit tiefem Blick, und mit
langsam hebender Brust, gegen die Seite der niedergehenden Sonne. Endlich sagte
er mit Ausdruck von Schmerz und Vergnügen. »Schöner stärkender Himmel!« - sezte
sich neben mich und nahm wieder eine Hand von mir: --
    »Meine Charlotte! ich wünsche innig, dass Ihnen dieser Anblik,« - er deutete
auf die Wolken, »eben so stärkend sei wie mir. - Hören Sie mich an; mein Herz
hat Ihnen einen Vorschlag zu tun.« - »Ja, mein Carl! Aber warum sagst du: Ihnen
- Sie? - was ist das?« --
    »Lassen Sie mich so reden, Liebe! lassen lassen Sie mich so«; antwortete er.
Ich schwieg da. --
    »Ich habe Sie elend gemacht, durch die zärtlichste Liebe elend gemacht.
Vergeben Sie mir, Charlotte! und willigen Sie in die Genugtuung, die in meiner
Gewalt ist. - Gehn Sie Morgen mit mir nach Ihrem Aufentalt zurück. Ihre Mutter
wird Sie mit Güte aufnehmen. Hier haben Sie die Versicherung davon.« - Er gab
mir einen Brief von meiner Mutter. »In dem Schoss dieser Mutter werden Sie sich
trösten und erholen. - Die Zeit hilft auch. Nehmen Sie den Namen an, den Ihr
Vater bei unsrer Trauung Ihnen gab. - Es ist ein Titel dabei, der wird Ihren
Herrn Schwager bewegen, Sie neben Ihrer Frau Mutter in sein Haus zu nehmen. Da
werden Sie Mutter- und Schwesterliebe geniessen. Verkaufen Sie Ihr Geräte, Ihre
Ringe und Löffel; es wird Ihnen so viel tragen, dass Sie nicht ganz abhängig sein
werden. - Sagen Sie, ich wäre fort, mein Glück zu suchen. Ach! Sagen Sie
darüber, was Sie gut dünkt, was Ihnen Gutes tun kann. - Vergeben Sie mir nur
Ihr Elend, Ihre Verbindung mit mir! Lassen Sie sie aufheben. Die Umstände, in
denen Sie damals waren, werden es sehr erleichtern; und ich, - ich will Alles
bekräftigen, Alles unterschreiben, was für Sie, was zu Ihrem Besten sein kann. -
Sagen Sie nur meinen Aufentalt Niemand. Lassen Sie mir den Löffel, mit dem Sie
assen, und die Stücke Weisszeug, die uns deckten. - Ich will sonst nichts!« - Er
breitete seine Arme aus. -- »Ganze, ganze Welt! ich will sonst nichts!« --
    Ich hatte, wie Sie denken können, immer fort geweint. Er schien es nicht zu
achten und seine Augen und sein Gesicht waren trocken; nur manchmal rot,
manchmal gezogen. Er hatte aufgehört zu reden. Ich schluchzte laut. Er wischte
meine Augen, seufzte, war aber noch fest genug -- mir ruhig zu sagen: »Kommen
Sie! wir wollen den Brief Ihrer Mutter lesen.« --
    »Ich konnte nicht reden; nur meine Hände ringen. -- Ich hoffte gewiss zu
sterben, so übel, so schmerzvoll war es mir, Carln unempfindlich bei den Tränen
zu sehen, die ich vergoss. -- Meiner Mutter Brief war freundlich. Sie lobte Carln
über seinen Entschluss und sein Anerbieten einer Ehescheidung; setzte hinzu, sie
würde so nach dieser Trennung nimmer gelitten haben, dass wir uns sähen, und
hätte wohl vermutet, dass der Wahnsinn meiner Liebe austoben würde. Aber, ich
bin Mutter, endigte sie! komm mein Kind! komm, du sollst mich als deine treue,
zärtliche Mutter finden, so lange ich lebe.« --
    Seine Stimme war ziemlich bewegt, so lange er las; aber keine Zähre trat in
seine Augen. Das quälte, und empörte mich äusserst. Als ich ihn nun vollends den
Brief wieder mit gesetzter Miene zusammenlegen sah, trockneten jähling meine
Tränen. Ich riss mit Zorn den Brief meiner Mutter aus seiner Hand, warf ihn weg:
- »Ich bin selbst Mutter!« schrie ich und schlug mit Verzweiflung auf meinen
Leib; - »ich selbst! - und Du!« - Ich stiess meinen Mann von mir. - »Du? hart,
unempfindlich, wie mein Vater es war.« --
    Er fuhr auf, schlug seine Hände zusammen, blickte mich an. - Ach! ich kann
nicht sagen, wie? - fiel mit Heftigkeit hin, auf seine Knie vor mich; umfasste
mich, konnte auch lange nicht reden. - Ich wollte mich losmachen von seinen
Armen, aber er hielt mich umklammert.
    »Charlotte! Du bist Mutter?« -
    »Mutter!« -- Er betrachtete mich einen Augenblick, mit einem unsäglichen
Ausdruck seines Gesichts. --
    »Grausame! Du sagtest mir nichts!« - Nun ströhmten Tränen von seinen Augen.
Er legte seinen Kopf auf meine Knie und weinte laut. - Ich sagte noch, indem ich
meine Arme um mich legte: »Ich hoffe, armes Geschöpf, Du sollst mit mir zu
Grunde gehen und sterben.« --
    »Er umfasste mich - und schrie, stammlend vom Weinen: O, Charlotte! sei gern
Mutter! - Mutter meines Kindes. -- Liebe mein Kind, liebe mich!« --
    Ich schwieg; er auch. Dann richtete er sich auf. - »Ich Vater! Du Mutter! -
Charlotte, du bist mein, ewig mein;« - mit Entzücken umarmete er mich da.
»Vergieb! vergieb mir Alles! Vergieb mir, um meines Kindes willen! - Nun kannst
Du, nun darfst Du nicht von mir!« --
    Ach Gott! das Lächeln des Glücks und der Liebe verbreitete sich über all
seine Züge. Ich weinte wieder sanft; ich fühlte auch all meine Liebe wieder. Er
küsste meine Tränen auf. - »Charlotte! beruhige Dich. Lebe! lass mein Kind leben.
- Dein Gram tödtet es. - Lebe mit ihm, Du Teure, Angebetete, Du! seine Mutter!«
--
    Eine Zeit darauf erhob er seine Hände zum Himmel: »Ewiger Vater! du gabst
mir die zwei Geschöpfe; hilf, o, hilf mir sie erhalten! Stärke, segne diese
Arme! segne diesen Boden!« --
    »Er streckte seine Arme nach aller Kraft seiner Sehnen aus; blieb etwas
still, setzte sich dann zu mir, umarmte mich zärtlich. - Du bleibst nun bei mir!
- Sieh Charlotte, die so schönen Abendwelken, von Gott so herrlich gefärbt!
Morgen zerfliessen sie in einen fruchtbaren Regen. - Hier, in dem grossen Tal
vor uns, wächst Nahrung für viel tausend Geschöpfe: und hier sollte Gott uns
nicht ernähren? meiner Hände Arbeit nicht segnen -- für Dich - für mein Kind? -
Auf dem Boden, wo er Alles hervorspriessen lässt, um Käfer, Gewürme. Vögel und
Wild ihre Nahrung finden zu lassen; und für mich, für Dich - solle ich an seiner
väterlichen Vorsorge zweifeln?« -
    Er besänftigte hierdurch meinen Schmerz und ich ging an seinem Arm
glücklich, in unsre Hütte zurück. - Er erzählte mir, wieviel er gelitten, um
sich zu unserer Trennung zu entschliessen. Er habe auch die Stärke dazu bloss in
meiner anfangenden Kälte gegen ihn, und meiner immerwährenden Traurigkeit,
gefunden; weil es ihm unmöglich gewesen sein würde, mich länger so um sich zu
sehen. - Ach, er war nicht gleichgültig, der gute Carl! Unsre Liebe küttete sich
nun fester - und blieb es bis auf diesen Augenblick. - Aber mit meiner Mutter
hatten wir aufs neue zu kämpfen. Sie vergab uns diese Abänderung unsrer
Gesinnungen lange nicht, und hielt den Beweggrund meiner Umstände für erdichtet.
Endlich ging ich mit Carln ihr nach - und da konnte sie meinem Anblick und
meinem Flehen nicht widerstehen. Sie vergab uns und segnete uns; weinte über
mich, über ihre Armut, über die meinige. - Wir baten sie inständig, niemand zu
sagen, wo wir wären, und einmal zu uns zu kommen. Sie versprach es. - Diese
Hoffnung und ihr Segen und ihre uns bezeigte Liebe, stärkten mich zum Rückweg.
Sie hatte auch Carln geküsst und uns gesagt, da sie unsere Hände hlelt: »Ach!
wollte Gott, Ihr wäret meine glücklichsten Kinder, so wie ihr meine Besten
seid!« -
    Auf die Zeit, da wir wussten, dass sie zu uns kam, puzten wir unser Gärtchen,
unsere Hütte und alles, recht sauber und artig; wie auch den ganzen Weg nach
Mahnheim, den Carl mit dem Rechen ebnete und die Steine weghob. - Aber sie war
sehr traurig, mich hieher verbannt zu sehen. - Ich zeigte ihr nichts als
Zufriedenheit. - Sie verkaufte meine Ringe, vier Löffel und das Zinn- und
Kupfergeschirr, schrieb dann dem guten Beamten Moos, zum Besten meines Mannes;
und sagte ihm, dass er ehemals ihr Kammermädchen geheiratet habe. Er möchte ihn
seine Gärtnerei da oben fortführen lassen und erlauben, eine neue Hütte zu
bauen. - Die bekamen wir noch im October, wie auch Betten, Weisszeug und
Kleidungsstücke, wie sie für Gärtnerleute taugten. Carls Flöte und einige
Bücher kamen auch. Ich hörte die Betrachtungen meines Mannes über den wahren
Unterscheid der Stände, wurde mit dem meinigen vergnügt; gewöhnte mich hier zu
leben, half ihm arbeiten, er mir; - denn im Winter strickten wir beide und
spannen auch. -- Seine Sorgfalt um mich ist nicht zu beschreiben; und sein
Kummer auch nicht, da ich, mit vielem Web, ein todtes Kind zur Welt brachte, -
und er seine Vaterfreuden verloren, - ich für mein zärtliches Herz keine
Belohnung meiner Leiden hatte, und meinen armen Mann eine Leiche an sein Herz
drucken sah. - Ach! Madame, welch ein Kummer bemächtigte sich meiner! - Ich rief
von meinem Lager: »O, Carl! immer noch Strafe für unsern Ungehorsam! Möchten es
alle junge Leute hören, was wir für Leiden ertragen müssen, und möchten sie eher
sterben lernen und sich abhärmen, als mit dem Väterlichen Fluch beladen werden!«
--
    »Ich zerriss da meines Mannes Herz zum leztenmal, weil ichs mir nimmer würde
vergeben haben, ihn noch einmal so zu kränken, wie es da geschah. - Es war hart
und unbesonnen von mir; denn die Frau, die mir beistand, konnte uns schaden. -
Wir ergaben uns mit einander dem Schicksal und weinten vereint über das schöne
todte Bild, das wir vor uns hatten. Wir liebkosten es, hielten seine Händchen.
Hätte Vater- und Mutterliebe es zum zweitenmal beselen können: es würde erwacht
sein. - Ich konnte mich von den Ueberresten nicht trennen und wollte es bei uns
haben. Sein Vater trug es selbst in das Bett der Verwesung und legte es in unser
Blumengärtchen, wo Sie seinen Grabhügel gesehen haben. Ich war lange ziemlich
schwach, wurde aber gegen das Frühjahr stark genug, um Carln alle kleine
Arbeiten abzunehmen. Ich selbst umpflanzte das Grab meines Erstlings mit
Veilchen und zog einen Kranz von Blumen an der Stelle, wo sein Köpfchen liegt. -
Ich weiss noch nicht, was für ein anziehendes, trauriges Vergnügen ich daran
fand. - Carl entdeckte eine feine Lettenerde; daraus formte er Blumentöpfe,
trocknete sie an der Sonne und flochte sie mit Weiden ein, dass sie nicht aus
einander fielen, weil sie ungebrannt waren. Von dem Letten machte er auch, auf
dem Absatz der Mauer, eine Art von Wand, mit Weidenflechten, dass die Erde nicht
vom Regen abgeschwemmt werden konnte, und seine frühen Obstbäume gut fort
wüchsen. - Der Beamte bewilligte uns Brennholz, so viel wir brauchten und wir
durften, da wir mehr Kinder bekamen, vier Ziegen halten; auch grössere Stücke mit
Korn anpflanzen. Meine Mutter besuchte uns die zwei Jahre, da sie noch lebte,
manchmal. - Der Stein, den ich meinen Altar nenne, war ihr letzter Ruheplatz bei
uns. Da sah ich sie, da küsste sie mich das letztemal! Ich kam bald mit Lottchen
in die Wochen und konnte sie nicht mehr besuchen.« Sie weinte hier still. »Ach!
Madame, es ist kein Fleckchen um uns herum, das nicht mit meinen Tränen benetzt
wurde und ich glaube, dass mir dieser Boden auch deswegen so lieb ist.« --
 
                           Zwei und siebzigster Brief
                                  Fortsezung.
Frau Wolling weinte würklich wieder. Ich störte sie nicht gleich; - endlich fuhr
sie fort: »Ich kann nicht sagen, was seit Ihrer Ankunft und der Versicherung
Ihrer Hülfe in uns vorgegangen ist. Ach! glauben Sie, dass wir Ihre Güte
verdienen, - und entziehen Sie uns Ihre Gegenwart und Ihre Liebe nicht mehr. Ich
könnte, grosser Gott!« - sagte sie mit aufgehobenen Händen »ich könnte Ihren
Verlust nicht ertragen. Sehen Sie nicht uns, sondern unsre armen Kinder an.« --
    Rosalia! ich erneuerte ihr mein Versprechen und sagte Nachmittags beiden
meinen Plan für ihr Haus und Gut; welches sie ganz glücklich machte. Ich
versicherte dabei den Herrn Wolling, dass ich mit seiner und Charlottens
Geschichte sehr zufrieden wäre - und beide bäte, alles Vergangene nur als einen
beschwerlichen Weg anzusehen, auf welchem ihr Schicksal erst ihre Tugend prüfen
und sie dann auf einen guten Ruhplatz bringen wollte, wo sie nichts als Vater-
und Muttersorgen fühlen und die Glückseligkeit eines freien einsamen Lebens
neben dem Vergnügen der Arbeit und Freundschaft geniessen sollten. -
    Hier fasste ein jedes im nehmlichen Augenblick eine meiner Hände. Charlotte
schluchzte; Wolling lag mit seinem Kopf auf meiner Hand; - redeten aber nicht,
und diese stumme Scene fesselte auch meine Zunge auf einige Minuten. Endlich
erholte ich mich zuerst, und sagte ihnen: »Meine Freunde, alle Menschen haben
Leiden zu ertragen. Ich bin reich, gesund, unabhängig: aber es geht ein grosser
Teil bittern Kummers durch mein Leben. Ich versüsse ihn allein in dem Wohl
meines Nächsten und der Uebung meiner Talente. Eure Liebe wird mich freudig
machen und hier wollen wir, nach Art der Patriarchen, in unsrer einsamen Wohnung
mit einander glücklich sein. Morgen früh gehn wir zu dem Beamten. Aber heut
erzähle mir Herr Wolling die Art, wie er auf diesen Berg kam, und die Erlaubnis
erhielt, sich hier anzubauen.«
    Er küsste meine Hand und sah mit einem Blick mich an, der sagte, dass er
deutlich meine Bemühung sehe, ihr Aufmerksamkeit von meiner Wohltat abzuwenden.
- »Meine gute Charlotte wird Ihnen viel Vorteilhaftes von mir erzählt haben.
Sie weiss nicht, wie viel tausendmal ich mir Vorwürfe machte, dass ich nicht
gleich nach dem Fest ihrer zweiten Schwester mich entfernte. Ich hätte alle
Stärke und Entschlossenheit, die dazu nötig war, in mir finden können. Aber,
ich verblendete mich durch Entwürfe von grossmütiger edler Liebe; und es ist
immer schwer, dem Anblick der Geliebten zu entsagen. Ich setzte mir heilige
Schranken; ich übertrat sie nicht. Aber der Strom meiner Leidenschaft verstärkte
sich immer, und riss endlich die Ruhe und das Wohl meiner Lotte und ihrer Familie
mit sich hin.« --
    Ich sagte ihm hier, dass er sich, in meinen Augen immer edel bewiesen habe.
    »Ach! ich war es nur im Unglück. Ich hätte es in guten Tagen sein sollen! -
Aber, Sie wollen meine Berggeschichte wissen. Ich wurde ein gezwungener Soldat.
Mein Widerstreben half nichts, und ich sah wohl, dass die wahre Erzählung meiner
Geschichte auch nichts helfen würde. Die Urheber meines Elendes waren mir, um
Charlotten willen, zu ehrwürdig geworden, um von ihnen zu reden, wie sie es
verdienten. - Vergieb mir, Liebe, sagte er zu Lotten, ich bin nicht mehr bitter;
es ist nur in dem Lauf der Geschichte. - Alle gezwungne oder unsichre Leute, wie
man sie heisst, werden in Garnisonstädte gelegt und äusserst beobachtet. Ich kam
also sehr weit an die Gränzen des Reichs. Nachdem meine Seele ganz erschöpft war
und ich aus dem Lazaret kam, erhohlte sich meine Vernunft mit meinem Körper.
Ich sah ein, dass ich auf diese Weise zu Grunde gehen würde, ohne den Trost zu
haben, etwas von Charlottens Schicksal zu erfahren. Vor dem Durchgehen
schauderte mich, ob mir schon der Gedanke einigemal aufstieg. Ein erzwungner Eid
war doch ein Eid, den ich vor Gott abgelegt hatte; und Durchgehen war eine
niedrige Handlung, die mich mit tausend schlechten Leuten in ein Bündel warf.
Das wollte ich also nicht; sondern befliss mich äusserst auf den Dienst, munterte
und ermahnte auch Andre zu genauer Erfüllung ihrer Pflichten auf. Die
Unteroffiziere fingen an mich zu lieben. und gaben mir bei den Obern gute
Zeugnisse; die dann auch freundlich mit mir sprachen. Unter diesen suchte ich
nach einem Ausdruck des Gesichts, der mir edelmütige Menschenliebe versprach.
-- Ich fand den Mann in der zweiten Garnison, an dem Lieutenant von L*** T***,
von dem ich schon in unsern Gegenden, wo er auf Werbung lag, als von einem
vortreflichen und Einsichtsvollen Mann hatte sprechen hören. Er hat eine sehr
liebenswürdige Frau, mit der ich ihn oft in einem Garten sah, in welchen einige
Fenster der Caserne die Aussicht haben. - Ach! wie traurig machten mich die
Kennzeichen der wahren, reinen Zärtlichkeit, die sie sich gaben, - wenn ich da
an Charlotte dachte. Der Garten schien mir schlecht gepflegt und ich machte den
Entwurf einiger Verbesserung im Schönen und Nützlichen; zeichnete ihn und sagte
meinem freundlichen Unteroffizier davon; dieser dem edlen Herrn von L*** T***
und ich erreichte meinen Endzweck zwischen meinen Wachttagen, in diesem Garten
zu arbeiten. Man war sehr mit mir zufrieden, besonders, da ich einen Jungen des
ersten Gärtners unterrichtete. Diese Zufriedenheit wandte ich an, Herrn von L***
T*** um Bücher zu bitten, welche ich aber nicht zum Lesen, sondern in der
Absicht verlangte, dass er auf mich neugierig werden möchte. Das geschah; er
fragte mich aus. Ich erzählte ihm Alles, und gestand ihm auch meine Absicht in
Bearbeitung seines Gartens. - Mein Kummer schien ihn zu rühren, so wie ihm meine
Freimütigkeit gefiel - und ich erhielt nach einer neuen Krankheit, aus den
Händen dieses grossmütigen Menschenfreundes, der einen andern Mann für mich
stellte, meine Freiheit wieder, nebst Geld und einem Pass als Gärtnergeselle,
worauf ich mir auch Gärtnerkleidung anschafte, und dann nichts wichtigers hatte,
als in die Gegend zu eilen, wo meine Charlotte wohnte. Da hörte ich das traurige
Schicksal ihrer Familie und wurde äusserst darüber betrübt. In Immenberg erfuhr
ich den Aufentalt der Mutter; aber von Charlotten kein Wort. - Ich musste sehr
behutsam mit meinem Herumwandern sein, weil an zwei Orten Werber lagen, vor
deren Klauen ich mich fürchtete und würklich einmal in Gefahr geriet, vieren
von ihren ausgestellten Leuten in die Hände zu fallen, wenn nicht die Dämmerung
und meine Geschicklichkeit im Bergsteigen mich gerettet hätte. Denn sie
verfolgten mich auf einem Fusspfad an der Anhöhe, der sich endlich in zwei Wege
teilt, auf deren einem ich Bergan kletterte und nicht mit Gehen aufhörte, bis
ich völlig oben war. Nacht und Nebel lagen dann auf dem Tal. Ich war müde, und
schlief unter dem nächsten Baum.«
    »Sie müssen ihn einmal sehen, fiel Charlotte ein, diesen Baum, wo meines
armen Carls klopfendes Herz, das erstemal hier ruhte. Er ist mit einer schönen
Grasbank umgeben. Ich habe ihn oft geküsst.« -- »Und über ihn geweint;« sagte ihr
Mann lächelnd, indem er ihre Hand drückte. »Den Morgen darauf war ich sehr
niedergeschlagen in meinem Gemüt. Aller mein erlittner Jammer war vor mir. Der
Gesang der Vögel, das muntre Herumkriechen der Gewürme, hie und da eindringende
Sonnenstralen zwischen den Stämmen und Aesten der Bäume; die schönen Farben der
Blätter und kleinen Waldblümchen; die so ganz vollkommne Stille und Ruhe -
besänftigte und erweichte mich. Ich weinte eine Zeitlang; dann kniete ich und
betete um Nahrung und Ruhe, wie dieser Wald und Kräuter und Würmer aus der Hand
ihres Schöpfers erhielten. - Ich stand gestärkt an Leib und Seele auf und wollte
die Gegend des Bergs kennen lernen; ging daher immer, auf der äussern Linie,
seiner Höhe nach, wo ich endlich zu dem zerfallnen Schloss kam, mich da hin
setzte und Betrachtungen über die Vergänglichkeit alles dessen machte, was
Menschen, im Guten und Bösen, mit Weisheit und Torheit, Glück und Elend,
machen, und erfahren. Eine kleine einsinkende Hütte stand noch da, auf dem Platz
der unsern. Ich durchsuchte sie, und räumte sie aus, weil ich, da ich noch Brod
und etwas Käse bei mir hatte, den ganzen Tag und die künftige Nacht da bleiben
wollte. Der Abend war herrlich schön, das Tal vor uns, und alles! - Ach, da
fiel mir ein, wenn Charlotte dächte, wie ich; wenn sie mich liebte, wie ich
liebe: wie selig könnten wir hier sein! Den ersten Gesetzen der Natur getreu,
baute ich hier die Erde für unsre Nahrung, zöge Blumen, schönes Gemüs und Obst;
das verkaufte ich um Kleidungsstücke; und mit diesen süssen Träumen von
romantischem Glück schlief ich, auf zusammengetragnen Moos ein, wachte mit
diesem Traum wieder auf, und nahm mir vor, Charlotte zu suchen. Ich ging aber
einen grossen Umweg nach dem Dorf, wo ihre Mutter wohnen sollte, und getraute mir
auch den zweiten Tag nicht, irgends einzukehren, weil ich Soldaten gesehen. Den
vierten Abend führte mich der glücklichste Zufall zu Charlotten. - Ich sah ihre
Liebe, ich fühlte meine Zärtlichkeit, aber zugleich alle Not der Bedürfnisse
und der Macht der Gewohnheit. Ich entsagte ihr, riss mich mit Verzweiflung von
ihr, hasste alle Welt, wollte keine Seele mehr sehen! -- Aber, ach! wie traurig
ist der Zustand des Menschenhassers! Er verliert nicht nur alle Empfindung von
gesellschaftlicher Freude, sondern auch die von dem Vergnügen, so wir über unsre
erworbene Kenntnisse, Verdienste und Tugend hatten. - Aber, es ist eine gerechte
Folge des Losreissens von den Banden der Pflicht, dass zugleich alle süsse
Gefühle der Menschheit verloren gehen. Meine innere Wut dauerte vier Tage. Ich
wälzte Steine und Stücke Mauer aus ihrem Platz, riss Aeste von Bäumen, ohne Plan,
ohne Absicht; kletterte über den Schutt im Turm; stiess mit den Füssen Sand,
Mauersteine und was locker war, durch die offne Seite hinaus und sah sie mit
wildem Vergnügen den Berg hinab rollen. - Abends kam ein starkes Gewitter. Ich
stand an dem Eingang des Hofs, an die Mauer gelehnt; sah bald diese traurigen
Ueberreste von roten Blitzen fürchterlich beleuchtet, bald alles schwarz um
mich her, und hörte ruhig die schrecklichen Donnerschläge, die darauf folgten.
Diese Empörung in der Natur dauerte zwei Stunden, eh die Empörung, die in meiner
Seele war, sich zu beugen anfing; und ich glaube heute noch, dass eher der starke
Guss des ausserordentlichen Regens, der mich durch und durch netzte und kältete,
daran Ursach war, als ein moralischer Beweggrund. Mechanisch kroch ich in meine
Hütte, warf die Kleider weg, legte mich, und erwachte erst sehr spät. Der Tag
war schön. Ich hatte noch ein Hemde, Westchen und Beinkleider von Leinwand; die
zog ich an, und wollte mein nasses Gewand trocknen: als ich Etwas gehen und
reden hörte. Ich versteckte mich, blieb ganz ruhig und vernahm aus dem Gespräch
der Leute, die durch den Schlosshof gingen, dass es der Beamte von Mahnheim mit
dem Fürsten war, die Bäume zum Fällen auszeichneten. Als sie weg waren breitete
ich mein Kleid auf die Steine, ging nach einer schönen Eiche, die ich liebte und
fand, wie ich es befürchtete, dass sie auch zum Hau bestimmt war. Ich umfasste sie
mit Schmerz und Trauer, wie einen Freund, den mir das Schicksal nehmen wollte
und wünschte sie losbitten zu können. Indem sah ich einige Schritte am Abhang
etwas glanzen, und da das Gras umher zertreten war, so dacht ich, dass Jemand was
verloren haben müsse; ging hin, fand einen artigen kleinen Schlüssel, nicht weit
davon ein Futteral mit einem silbernen Zirkel, Maasstab und Bleistift nebst
Messer; und dann ein Paketchen mit der Aufschrift: für Eichenstämme zehn
Dukaten. - Das Geld für meiner Eiche Leben gerade in dem Augenblick zu finden,
wo ich über ihren gedrohten Tod geweint hatte, gab den Bewegungen meiner Seele
einen neuen Schwung, nebst dem Gedanken: Das gehört dem Beamten; ich will ihm
alles gleich bringen. Aber zum Lohn muss er mir die Eiche stehn lassen. -- O! was
war meine Empfindung als ich nach diesem Endschluss zu ihr kam und sie nun als
Gegenstand meiner Wohltätigkeit vor mir stand; schöner, lieber und wichtiger
schien; sogar ein Wähnen in mich kam, dass sie Gefühl haben könnte von der
Umarmung, mit der ich ihr das Leben versprach; - meinen grünen Küttel noch ganz
feucht anzog, nach Mannheim zum Beamten eilte und ihm das Gefundene übergab!
    Der liebe Mann wollte den nehmlichen Augenblick zwei seiner Söhne mit dem
Förster hinschicken und suchen lassen. Er staunte mich an, und Tränen traten in
sein gütiges Auge, als er die Hand ausstreckte, um die Sachen zu nehmen. Seine
Frau, seine zwei Söhne betrachteten mich mit Güte. - Redlicher Fremdling, sagte
er, indem er meine Hand schüttelte und drückte, ich danke Euch für die
Zurückgabe meines verlornen Guts; aber ich segne Euch für die Freude, einen so
rechtschaffnen jungen Mann zu sehen, und für das Beispiel, das Ihr meinen
Kindern gebt, arm, und zugleich so voll Ehre und Rechtliebend zu sein. - Wer
seid Ihr, lieber, junger Mann. Wie kommt Ihr auf den abgelegenen Berg? -
    Ich wies ihm hier meinen Abschied, als Gärtnergesell. - Er schien zufrieden,
blickte mich aber dennoch von Zeit zu Zeit nachforschend an. Ich sollte mit ihm
essen; aber ich fürchtete das Ausfragen und dankte ihm!« -
    »Vielleicht will Er heut noch weiter! ich will ihn an Leute in der Stadt
empfehlen. - Komm Er mit in meine Schreibstube.« -
    Das tat ich. - Er sah mich da noch einmal nachdenkend an, weil er meine
Verlegenheit sah. - »Nun wie ist es mit Ihm, Freund? Mich dünkt, Er hat mir was
zu sagen. Vertrau Er sich mir;« - sprach er, indem er zugleich einen
Schiebkasten seines Schreibtisches aufmachte und einen grossen Silbertaler nahm,
den er mir darbot. - Nehm Er das kleine Kennzeichen meiner Dankbarkeit hin und
rede Er freimütig mit mir. -
    Ich wies seine Hand mit dem Taler zurück und sagte: »Herr Amtmann! ich
bitte um nichts, als dass Sie die Eiche bei der alten Mauer stehen lassen, sie
ist mir so lieb!« --
    Er trat ein Paar Schritte zurück und besah mich mit Staunen von Kopf zu
Füssen. -
    »Die Eiche! Ey was tut Ihm die Eiche?« --
    »Ach! sie ist seit sechs Tagen der Trost und die Freude meines Lebens. - Es
ist sonst kein Wesen auf der Welt, das mir Gutes tat. Der einzige Wohltäter,
den ich je hatte, lebt in Königsberg, so weit von mir. Lassen Sie die Eiche
stehen. - Erlauben Sie mir, in der Hütte zu wohnen und um das alte Schloss herum
Gemüs und Obstbäume zu pflanzen, davon ich leben will.« --
    »Lieber, junger Mann! ich denke, Er wundert sich nicht, wenn Er mir immer
sonderbarer vorkommt. Denn wenn Er von seiner Handarbeit leben will, warum geht
Er nicht lieber zu einem Gartenmeister?« -
    »Sie haben in Allem Recht, teurer Herr Amtmann. - Aber, Sie machen mich zum
glücklichsten Menschen, wenn Sie mir diesen Aufentalt vergönnen, und Sie sollen
mich immer als den Redlichsten finden.« -
    »Er wollte was von mir wissen. Ich sagte ihm, dass ich in meiner Jugend
studirt hätte, weil ich der Sohn eines Schreibers sei; dass ich ein gutes Mädchen
innig geliebt und ihr auch wert gewesen wäre; dass ich mit ihr getraut; - aber
am nemlichen Tage mit Gewalt zum Soldaten genommen sei, wo ich immer krank und
also unbrauchbar gewesen. Da hätte mich die Menschlichkeit eines edlen Mannes
wieder frei gemacht. Ich hätte meine Frau aufgesucht, müsste aber nicht, wo sie
wäre Mein Vater sei todt, und das Leben mir zuwider, so bald ich unter viel
Menschen sein müsste« --
    Er bedachte sich eine Zeitlang. Endlich sagte er: »Ja, mein Freund! Er soll
da oben wohnen und anbauen, mit der Bedingung, dass er diesen Taler nebst
einigem Handmerkszeug annehme, und mir alle Woche sage, was Er getan hat.« --
    Ich küsste seine Hände mit vielem herzlichen Dank. Er liess mich im Zimmer
warten, um mit seiner Frau zu reden. Ich konnte mich nicht entalten, auf meinen
Knien Gott zu bitten, dass er diesen herzlichen Mann und seine Kinder segnen
möge.
    »Sie hatten mich im Nebenzimmer belauscht, wie sie mir nachher sagten; und
beide kamen gerührt in das Zimmer, nachdem ich ziemlich lang' allein darin
gewesen war. Die Frau gab mir einen Sack voll Saamen wie sie sagte. Es war aber
auch in einem Tuch ein Laibbrodt und ein Stück trocken Fleisch dabei. Zu diesem
gab sie mir einen Rechen, eine Grabschaufel, Hake, einen Schiebkarren voll
Dünger, zwei irdene Töpfe, und zwei Teller, nebst einem Löffel dabei. Und so zog
ich herrlich in meine Einöde zurück. - Was für ein Abend war dies! - Meine
Ehrlichkeit hatte mir aus den Händen der besten Menschen einen Wohnplatz
erhalten. - Ich fühlte mich glücklich. Aber, da kam das Bild von Charlotten; der
Wunsch nach ihr; - Entwürfe meines Anbaus und meiner Hoffnungen. - Ach, wie
arbeitete ich; wie war ich gestärkt, wenn ich im Walde zu dem Kapellchen ging,
um wenigstens den Ort zu sehen, wo meine Liebe war, und da Charlotten an mich
denken, und für mich beten sah! - Ich wollte mich nicht sehen lassen, bis ich
ihr etwas von einem sichern Aufentalt und Nahrung erzählen könnte; denn ich
hatte ja auf sie Verzicht getan. Endlich schrieb ich; zeigte mich. Charlotte
vertraute sich mir - machte mich selig!« -
    »Und elend!« fiel sie ein. - »Du Liebe! sagte er, es wäre unnatürlich und
unwahr gewesen, wenn Du nicht auf diesem traurigen Wege Deines Lebens gewankt
und geklagt hättest - Der Beamte besuchte mich zum öftern, lobte mich, schenkte
mir eine Ziege, dann die Zweite; empfahl mein Gemüs an ein Paar Häuser in der
Stadt. Ich zog Zwergbäume in den Lettentöpfen, die ich mit Weiden einflochte.
Blühend verkauft ich sie. Das tat uns viel gutes. Meine teure Lotte wurde die
beste Mutter und arbeitete nur zu viel. Der Beamte gab uns so viel Freiheit und
Gutes, als er konnte. Die Gewohnheit siegte über alles; aber nicht über den
Gedanken: was wird aus meinen Kindern, aus meiner Lotte, wenn ich sterben
sollte?« --
    »Wie oft lag ich neben dem Grabe meines Erstlings! wünschte in düstern
Stunden mich Mutter und andre Kinder, auch bei ihm unter der Erde! -- Dann
betete und hoffte ich wieder, meine Knaben sollten gute Gärtner, meine Mädchen
einst geschickte, fleissige Weibspersonen sein. Arbeit der Hände war unser
Ehrenstand geworden. Ehrgeiz, Eitelkeit, alles war weit von uns; nur der Himmel
und das Auge der Vorsicht nahe; und wir achteten uns nach dem ersten Stand der
Unschuld zu leben. Vor einem Jahr kam Herr von Pindorf ohngefähr herauf, wurde
auch gerührt, gab mir Geld auf Bäumchen, die ich ziehen sollte. Aber es war nur
ein Vorwand, unter dem er seine Grossmut verbarg. -- Er empfahl uns auch dem
Beamten, und, o Gott! er leitete sie zu uns, Sie!« -
    »Und wie viel Jahre sind sie schon hier?« fragte ich. --
    »In wenig Tagen sind es neun Jahr.« -
    »Ach. Gott! welch langes Leiden, und Mühe!« sagte ich mit bewegtem Herzen. -
    »O, die Zeit entschlüpfte uns eben so geschwind, als den Glücklichen. Unsere
Arbeiten und Kinder verkürzten sie. Mein Mut, die Geduld und Frömmigkeit meiner
Charlotte, waren grosse Hülfsmittel. Jemehr ich gegen das Schicksal kämpfte, je
stärker wurd ich, die Last zu tragen, die es mir aufgelegt hatte. Ich vergass,
dass ich Sohn eines Beamten; - und Charlotte, dass sie Tochter eines fürstlichen
Rats war. - Der Beamte wollte mich vor einiger Zeit zum Schlossgärtner des Herrn
von Mahnberg befördern helfen. Aber meine Frau bat mich, auf die Rückkunft des
Herrn von Pindorf zu warten, der vielleicht was anders vorschlagen würde. - Es
war Eingebung, die sie hatte; denn sonst wären Sie für uns verloren gewesen,
wie unser lieber Berg, den wir auch hätten verlassen müssen, um dem Herrn von
Mahnberg zu dienen.« --
    Frau Wolling errötete da, und sagte ganz leise: »Wilt du mir, lieber Carl,
die erste Weiberlist verzeihen, die ich gegen dich gebrauchte? - Meine Bitte,
auf Herrn von Pindorf zu warten, war nichts, als die Ausflucht, welche ich gegen
den Vorschlag des Herrn Moos nahm, weil Du mir so geneigt schienst, seinen
Antrag anzunehmen. - Aber, ich hielt mich vorgestern für diesen Betrug sehr
geschwind gestraft, da ich Madame van Guden Dir wieder von einer Aenderung
unsers Wohnplatzes sagen hörte. Und da ich hier keine Hülfe vor mir sah, so liess
ich ganz freimütig meinen Jammer blicken, und fühlte in Deiner zärtlichen
Einwilligung, hier zu bleiben, wie sehr ich Unrecht hatte, einen Umweg mit Dir
nehmen zu wollen.« --
    Er vergab ihr herzlich, und der Abend endete sich mit ihrem völligen
Vertrauen, da sie mir zwei Papiere wiesen, die jedes eine Verschreibung von
funfzig Gulden entielt. Dies war die Ersparnis von dem gelösten Gelde für ihre
Löffel und Ringe, und von seiner verkauften Gärtnerwaare seit neun Jahren. Der
Beamte und Pfarrer hattens auf die Gemeingüter angelegt, damit das so
kümmerlich erworbne Geld ja den Kindern nicht zu Grunde ginge. --
    Ach, die lieben, herrlichen Menschen alle, wie freuen sie mich! -- Sie
können nicht glauben, Rosalia, wie ordentlich Alles gehalten wird. - Garten,
Hütte, Hof, angtänzendes Land, so sie bauen dürfen; wie reinlich, all die grobe
Leinwand und Wollen ihrer Kleider und Betten, wie sauber die Kinder und Eltern
an ihrem Körper sind. Um vier Uhr steht der Mann, um fünf Frau und Kinder auf.
Waschen, anziehen, beten, eine Ziegenmilch Suppe essen; dann alles hübsch
geordnet; im Sommer Mutter und Kinder zum Mann in den Garten da die Aeltesten
arbeiten; dann eine Stunde nähen oder spinnen, und alle Wochen zwei mal, eine
Trage Gemüs zum Verkauf nach Mahnheim getragen, wo Leute aus W** da sind, die es
abholen und die Wollings dann ihre Bedürfnisse kaufen. -
 
                           Drei und siebzigster Brief
                           Madame Guden an Rosalien.
Ich will Sie, liebe Rosalia, für mein vierzehn Tage langes Stillschweigen
schadlos halten und Ihnen treulich Alles erzählen, wie es mir geht und die
Sachen erscheinen.
    Ich war bei dem Beamten in Mahnheim. Ein redlicher, vortreflicher Mann, der
mit heiliger Treue das ihm anvertraute Gut, der Gerechtsame des Herrn, und das
Wohl der Untertanen besorgt und der durch Festalten an dem Grundsatze keinen
Bösewicht ungestraft, und keinen Guten unbelohnt zu lassen, die herrlichste
Ordnung in seinem Amt hat. Weil nun dabei auch der Herr von Mahnberg alle Jahr
seine Gefälle richtig bezieht und die Untertanen niemals klagen, oder bitten;
so hat er dem Beamten volle Macht über die ganze Einrichtung gegeben. Das
erworbne Ansehen, welches dieser Mann durch unabgeänderte Ausübung seiner
Pflichten erhielt, dient nun zu der Grundlage des Wohlstands meiner Wollinge.
Denn Herr von Mahnberg willigte gleich in den Vorschlag einen neuen Hof auf
Erbbestand anzulegen. Ich sagte dem Beamten und den Wollingen selbst, dass ich
eine reiche Anverwandtin von ihnen wäre, die jung aus ihrer Gegend weggekommen
und in Holland verheiratet worden sei. Sie wissen, wenn Holland nur genannt
wird, so glaubt man gleich an Reichtum; und viele Familien haben die Idee, dass
jemand von ihnen dort wohne; so dass mir Herr Moos leicht glaubte. - Ich wünschte
die Wollinge davon zu überzeugen, um ihnen die Last des Danks zu erleichtern,
die mit so grossen Geschenken auf sie fällt. Als Verwandtinn ist es meine
Pflicht, und diese kann man grade zu annehmen. - Bei dem Beamten und seinen
Leuten wurde dadurch das Staunen und Rachdenken über das Sonderbare meiner
Erscheinung und meiner Wohltaten verhindert. Denn grosses, ungewohntes Gutes,
ohne Vorsicht dargestellt, schadet oft bei Menschen, die an Vorurteilen haften;
und Schwäche und Vormteile mit Schonung behandeln, ist auch Pflicht, Rosalia;
so wie es Pflicht ist, sie zu vermindern. - Aber da vielleicht an Vorurteilen
schon viel Geschlechter hindurch, ein Teil des Wohls hing: so halten die
Menschen daran, und sträuben sich gegen das Wegnehmen eines bekannten Guts. Man
darf ihnen aber nur auf einer andern Seite etwas zeigen, was die Kennzeichen
eines ihnen nicht ganz fremden Vergnügens trägt, so wird Neugierde sie
hintreiben, es kosten machen und zur freiwilligen Ablassung von dem allen
führen. - Aber wo schweife ich hin? - Kommen Sie zu meinem Beamten, von dem ich
auch Baase sein möchte, seitdem ich die Freude sah, mit der er kam, uns die
Antwort selbst zu bringen und gleich mit Wollingen hinging, das Land auszumessen
und Pfähle einschlagen zu lassen. Niemals hat ein Gewinnsüchtiger seine
eingelaufene wucherische Zinse schneller und richtiger gezählt, als dieser liebe
Mann zu Werk ging, der Familie, über die er weinte, weil er unvermögend war, ihr
zu helfen, nun einen Bezirk von sicherm Unterhalt anzuweisen. Denken Sie, wie
ich gerührt wurde, als ich mich von einem Vater von acht Kindern, die er nicht
reich, nicht glücklich machen kann, mit vollem Herzen und überfliessenden Augen
für die Wohltat segnen hörte, die ich einem andern Vater von vier Kindern
erwies. Das gute Zeugnis, so er meinen Wollingen gab und die Aufmunterungen -
und Erleichterung zum vollkommenen Anbau des neuen Guts, das er alles mit so
vielem Eifer betrieb; seine Frau, die sich auch herzlich ergözte, dass den
Wollingen Gutes geschah. - - Dies belohnte mich schon weit für meine entworfenen
Ausgaben und Mühe. - Ach, Rosalia! wer gute Menschen liebt und sucht, findet sie
auch. Nur müssen wir nicht mit einem Modell umhergehen, das wir uns von
Verdiensten des Verstands und Herzens gemacht haben, und so daran kleben, dass
wir alles, so nicht in dieses Modell passt, als mangelhaft verwerfen; sondern uns
angewöhnen und zur Pflicht der Vernunft und Billigkeit machen, zu denken, dass es
mit den moralischen Formen der Menschen eben so, wie mit der Bildung ihres
Körpers ist. - Millionenfache Abänderung der äusserlichen Gestalt, die zwischen
dem Urbilde der Schönheit und Höflichkeit stehen, sind doch immer
Menschengestalten, und wir fodern niemals, dass alle Gesichter von unsern
Freunden und Bekannten sich gleichen sollen. Aber moralische Gesinnungen fodern
wir immer nach unserm Modell - und Sie haben auch in jedem Menschen abgeänderte
Grade und in tausend und aber tausenden den nemlichen innern Wert und bringen
auch Gutes hervor, nur nicht auf die nehmliche Weise. Da sollte aber der edle,
grosse Menschenkenner, mit liebreicher, herablassender Weisheit, eintreten und
zeigen, dass der Blick seines Geists richtig und hell genug ist, um alle mögliche
Verschiedenheiten zu bemerken und zu beurteilen; - und dass in dem weiten Umfang
seines Herzens jeder Grad des Guten gefühlt - und geschätzt wird, ohne sich von
der Obermacht seines Geistes zu dem despotischen Sinn leiten zu lässen, Alles
nach seinem Willen zu haben. - Denken Sie nach, Rosalia, was für eine Menge
kleine Ideen- und Gesinnungstyrannen in der menschlichen Gesellschaft leben; wie
oft vielleicht schon wir es selbst waren! -- Ich gewiss, zu der Zeit, da ich
meine Vaterstadt bewohnte und Anfoderungen an meine Bekante machte, die sie mir
nicht aus Bösartigkeit versagten, sondern weil sie die Sachen anders ansahen,
als ich. - Seitdem bin ich aber so billig geworden, mir zu sagen: wenn hundert
Menschen in einem Kreis, um einen Gegenstand der Betrachtung herum gestellt
würden, so sieht freilich ein jeder die nehmliche Sache, aber nur von der Seite,
die seinem Standpunkt gegenüber ist. - Die andern links und rechts neben ihm,
sehen schon ein andres Stück; und vielleicht wirft der Zufall über den Teil,
den mein Nächster betrachtet, einen Schatten, der seinen guten Willen, seinen
Eifer, richtige Bemerkungen zu machen nicht nur erschwert, sondern völlig
verhindert. Derjenige, der mir nun völlig gegenüber steht, sieht auch die ganz
andre Seite. Und da sollt ich begehren, dass er das nehmliche Urteil fälle, die
nemliche Empfindung äussere, wie ich? - Wie ungerecht ist dieses! und dennoch
geschieht es immer, bald bei wichtigen, bald bei geringen Gelegenheiten, und
versagt also auch immer nach diesem Verhältnis grosse oder kleine
Unannehmlichkeiten. - Und das, meine Rosalia, müssen wir auch so lassen. Nur an
uns, meine Liebe, wollen wir es ändern. Und dies können Sie würklich vielmehr
tun, als ich, weil Sie in einem grössern gesellschaftlichen Zirkel leben. Sie
sagten mir einigemal mit Bedauern, dass Sie niemals so viel Gutes würden tun
können, als ich in Ihrer Vorstadt tat. - Nicht so viel Ausgaben an Geld; aber
um so viel mehr an edlen Gesinnungen und Empfindungen! - Verweiden Sie, mein
Kind, just die Fehler, die ich beging und ertragen Sie mit Güte alles, was Ihnen
an Bekanten missfällt, oder nicht mit Ihnen stimmt, so wie Sie die
Verschiedenheit der Gesichtszüge ertragen. Ich möchte wohl für die edle Seele
meiner Rosalia hinzusetzen: - Loben - und tadeln Sie nicht anders, als durch
;139;Kennzeichen der Hochachtung für schätzbare Personen aller Stände und durch
Vermeidung aller Fehler in dem Ihrigen; - und halten Sie unverrückt an diesem
Vorsatz. - Sie werden sehen, was Sie für eine reiche Erndte von Achtung, Einfluss
und Vertrauen in den Herzen Ihrer Nebenmenschen daraus erhalten werden. Hätte
nicht der Sturm einer heftigen Leidenschaft meine Seele von ihrer Bahn
getrieben, so würd' ich diesen Plan befolgt haben. Nun bin ich auf eine Insel
verschlagen; bin meines geretteten Lebens froh; und meine würkende Phantasie,
giesse Freuden aus und geniesse viele; - hin auch mit dem rechtschaffnen Beamten
Moos überzeugt, dass man in einem kleinen Kreis mehr Gutes tun kann, als oft in
einem grossen. - Mit diesem Mann habe ich mich nun fünfmal in lange Unterredung
eingelassen. Der einfache und so ganz seinem Amt ergebne Gang seiner Ideen; die
Zufriedenheit mit der Vorsicht, die ihn zum Landbeamten bestimmte; dass er der
Beste seiner Mitbrüder sein wollte und dass seine Bauern die glücklichsten von
der ganzen Gegend werden sollten, - dies, mit einem Gesicht voll Herz und Eifer
gesagt, gab mir eine neue Art von Freude zu fühlen.
    Ich schickte meinen gelehnten Bedienten und seine Frau - wieder nach S**
zurück - und nehme eine Tochter des Herrn Moos zu mir, ein ganz reines,
kunstloses Mädchen von sechszehn Jahr. Sie hiess Mata, und ist mir auch deswegen
lieb. Ein guter und schöner Sohn von funfzehn Jahren wird bei mir zeichnen und
französisch lernen. Sie können nicht glauben, was für ein grosses Talent in dem
jungen Menschen liegt, und wie einnehmend das Gemisch war, feuriger Begierde,
alles was ich sagte, zu hören, meinen Bleistift, da ich etwas zeichnete,
zuzusehen; und der Ehrfurcht, die ihm der Vater gegen mich auflegte, dass er sich
nicht nähern durfte, wenn ich da war. Aber ich bemerkte seine Unruh, das Hin-
und Hergehen, das Blicken nach dem Vater, nach meinem Papier und meiner Hand,
als ich die Idee des Wollingschen Hauses entwarf. Ich fragte ihn, ob er gern
zeichnen sähe? Er näherte sich so eilig, bog sich gegen den kleinen Tisch, an
dem ich sass, mit Errötung; Kühnheit im Aug - und mit zagenden Geberden,
verschlang er alle Züge und sagte: »O, wenn ich Bäume und Häuser so zeichnen
könnte, was gäb ich!« --
    »Hat Er einmal einen Versuch gemacht?«
    »Oft! aber sie sind mir verleidet worden,« antwortete er, mit einem
Seitenblick auf den Vater. -- »Wie so?« erwiderte ich, und sah auch den Beamten
an. - Herr Moos sagte lächelnd: »Ja anstatt zu schreiben, verdarb er das Papier
mit Kritzeleien und die Wände im Haus mit Kohlen und Zimmermanns Rötel. - Da
gabs Strafen, bis ers bleiben lies. Endlich habe ich ihn Feldmessen gelehrt, nur
dass er was mit dem Bleistift tun kann.« --
    Wie dem Vater, der Ausdruck, Strafen, bis ers bleiben liess, - entfiel, sah
der junge Mensch zur Erde. Teils Beschämung, teils Unmut über die Erinnerung
des Misshandelns und Schmerzes über eine gewiss unschuldige Freude; und Zweifel
wegen der Folgen, die dies Gespräch haben würde, alles wechselte in ihm ab. -
Seine Finger, die Muskeln seines Gesichts, zogen sich zusammen. Er dauerte mich,
und ich eilte mit der Frage: »Würde es Ihn freuen, wenn ich Ihn alles Zeichnen
lehrte, was ich kann?« -
    Hastig trat er gegen mich, mit Glut jugendlicher Begierde im Gesicht. - »O,
Madame, wie sehr freute michs! Vater!« - mit flehender Stimme und Augen - »Herr
Moos! sagte ich, Sie erlaubens, und ich sorge für Alles, was dazu gehört« - Er
willigte ein, und ich sah beide glücklich. -
    Sie glauben doch, Rosalia, dass ich meinen Jugendfleiss segnete, der mir
dieses Talent erwarb, wodurch ich einen schätzbaren Jüngling, über erlittne
Schmerzen tröste, eine edle Wissbegierde in ihm stille, langgewünschte und
beraubte Freuden gebe - und dem Vater seine Erziehung erleichtere. - Schicken
Sie mir bald, recht bald die Kästen aus meinem Hause zu. - Ich habe in meinem
Schlafkämmerchen Platz für meine Bücher. Der junge Wilhelm Moos hat sich
unsägliche Mühe bei Erbauung meiner Zimmer gegeben, und gibt sich noch viel,
bei dem Hofhause selbst. Alles, was ich zeichnen kann, wird er in kurzem wissen.
Er will Landschaftmahler werden und auch Personen mahlen. »Aber, sagt er, immer
nur nach Ihren Mustern.« - Der ältere Sohn hilft dem Vater in seinem Amt - und
Herr von Mohnberg hat solches ihm auch zugesichert. Bei dem Schulmeister lernen
sie Latein, Schreiben und Rechnen; bei dem Vater Historie und den Anfang der
Rechtsgelehrsamkeit; und wie er mir sagt, auch so viel, als ihm von Wolfs
Weltweisheit ordentlich im Kopf blieb. - Der dritte Sohn von dreizehn Jahren
will nichts anders als Bauer werden - und ist schon zweimal davon gelaufen, weil
man ihn mit Schlägen zu dem Latein zwingen und von Pferden und Ochsen abhalten
wollte. Er soll nun seiner Neigung nachgehen und mit Wolling die gute
Landwirtschaft erlernen. Ich habe mein Vermögen durchrechnet; es bleibt mir
viel, sehr viel für Vernunft und Phantasie übrig. - Und o Gott, wie viel kann
ich noch glückliche und vergnügte Menschen machen! Aber von hier geh ich nicht
mehr. Das Leben meines Herzens erneuert und verschönert sich alle Tage. - Mögen
Sie, teure, liebe Rosalia, eben so dem dauernden Glück, Ihrer Bestimmung
entgegen gehen! Möge Pindorf das seinige finden, wo er es sucht! - - -
    Rosalia! diese lezte Zeile bewegte mich stark. Ich bin vor mein Zimmer
hinaus gegangen. Es ist Vollmond. Mein erster Blick war gegen die Stadt W** und
dann auf die grosse Gegend der schönen schlafenden Natur, ganz mit dem sanften
Licht übergossen. - Die Hütte meiner Wollinge, die Trümmer der Mauern, alles
hatte den Reiz der Zufriedenheit und Ruhe. Mein Aug erhob sich zum weiten
Gewölbe des Himmels; und so viel Strahlen es fassen konnte, so viel süsse
Beruhigung floss in mein Herz - und glücklich geh ich schlafen. Adieu. --
 
                           Vier und siebzigster Brief
                           Madame Guden an Rosalien.
Dank, vielen Dank, meine Rosalia, für die schnelle Uebersendung meiner
verlangten Kisten. Alles ist gut angekommen, und just den vierten Tag, da meine
kleine phantastische Wohnung zwischen den Mauern des alten Schlossgangs fertig
war. Denn da ich alles nur von doppelten Brettern machen liess, und die Leute
doppelt bezahlte, so ging es geschwind. Auf das Trocknen der Wände durst ich
nicht warten, da Sonne, Luft und Mond - schon zweihundert Jahr auf allen Seiten
da geherrscht haben. Aber da sie ganz rauh und unsauber waren, so hab ich sie
mit dünnen Tannenbrettern bekleiden laffen. Diese will ich nach und nach mit
guten Zeichnungen der hiesigen Gegenden verzieren und an einer edlen Figur in
die einsamen Spaziergänge soll es nicht fehlen. - Vortreflich war ihr Gedanke,
mir einen so grossen Vorrat von allerlei Papier und Saiten-Rollen für mein
Klavier zu schicken; denn es wäre mir in Wahrheit sehr übel gegangen, wenn hier
einige gesprungen wären. - Sie hätten das Staunen sehn sollen, worin die guten
Kinder meiner Wollinge gerieten, als sie das erstemal mich spielen und singen
hörten. Ich tat es Abends bei einem schönen Untergang der Sonne. Alles war
Ruhe. Ein heitrer Himmel, nur gegen Westen einige hell- und dunkelgraue Wolken
mit rosenrotem Saum eingefasst. Wir hatten auf der Ecke des Bergs, unten an
meinem Zimmer, zu Nacht gegessen. Ich ging weg. Die guten Kinder dachten, dass
ich gleich wiederkommen würde. Aber ich machte die Tür auf, die ich auf ein
lediges Stück Mauer über dem Bogen, gegen den zerfallnen Turm habe richten
lassen, das mir nun eine Art Altan gibt; rückte da mein Klavier hin und fing an
ganz leicht und sanft zu spielen. Endlich stimmte ich mit einer zärtlichen Arie
ein. Anfangs hört ich sie noch reden, aber dann wurde es ganz still, und sie
schlichen die alte Turmtreppe hinauf. - Mit Liebe, mit Bewunderung sahen sie
mich an und horchten. Meine Stimme war gewiss zärtlich und rührend, als ich noch
allein sang, gegen W** hinblickte und wünschte dort gehört zu werden. - Aber
gewiss, die Würkung, die ich auf die reinen, mir ganz ergebnen Herzen meiner
Wollinge machte, gab meinem Ton noch mehr Seele. Sie wissen, dass ich immer mit
Recitativen anfange - und viel Empfindung darin ausdrücke. Ich bemerkte, dass
dies mein Talent eine neue Quelle von Wohl für die Familie wurde; und die junge
Moos kniete mit Entzücken neben mich, atmete kaum, ihre Augen auf meinen Mund
geheftet, eine schöne glänzende Träne darin; vielleicht die erste Träne der
Zärtlichkeit, die jemals ihre Augen benetzte. Ihre Lippe bewegten sich
sympatetisch mit den meinigen. Ich beobachtete früh genug, dass ihre
Empfindungen durch die Harmonie meiner schönen italienischen Arien stark erregt
hatte und wollte sie zu ihrem Besten benutzen; sang also gleich melodisch einige
Strophen aus Kleists Lobgesang auf Gott. Hier weinte Wolling mir einige Zähren
Beifall zu - - und ich winkte dann den Kindern, näher zu kommen, und wies ihnen
das Klavier offen. Vorzüglich freute es sie, die Hämmerchen hüpfen zu sehen. -
Aber meine Meta Moos gab mir Nachdenken. Sie war auf ihren Knien geblieben,
endlich an meinen Arm gehängt, wo sie innig zu weinen anfing und so voll süsser
Unschuld und Liebe mich ansah, dass ich sie an mich druckte. -- »Liebe Meta! sagt
ich leise, warum weinst du so?« --
    »Ach! mein Herz ist so klopfend und so unruhig worden; Sie singen so, dass es
süss ist und doch traurig.« --
    Ich wollte keine Frage mehr darüber tun, sondern sagte nur: »Möchtest Du
auch singen lernen?« - Tausendfach küsste sie meine Hand. - Ihre ersten Töne hab
ich gehört. Es wird die reinste, gefühlvollste Stimme werden, aber schwach. Sie
will auch niemals Andern singen, nur mir. - - Gute, gute Meta! wie sorgfältig
will ich für dich sein, so lang du unter meinen Augen bleibst! - Aber ich
selbst, so voll Liebe, so voll Ideen, die alle alle liebend sind, - diese
Einsamkeit dabei, - ach! Rosalia, wenn dieser Meta Empfindsamkeit genährt und
unglücklich gemacht würde! - Ich will suchen, ihr eine Leitung zu geben. - Gott,
Natur, Tugend, Freundschaft, schöne nützliche Arbeiten, sind die Zweige von
Gefühl und Kenntnissen, die ich bei ihr unterhalten will. Ganz einfach will ich
ihr alle Ideen geben; und was sie von mir lernt, soll sie ihre zwei jüngere
Schwestern wieder lehren. - Mir hingegen muss sie Unterricht in hiesiger
Landwirtschaft geben, so viel sie von ihrer Mutter dazu angehalten wurde.
Dieser Tausch von tätigen, guten Eigenschaften soll, hoff ich, eine herrliche
Würkung auf das liebe Geschöpf machen - und sie muss Lottchens Vorbild werden; so
wie diese Vorbild der kleinen Nanny sein soll. Und mit dem Plane zu all diesem
soll mein Sommer hingebracht werden. - Wollingshof, denn so lass ich das Gut
nennen, wird bald da stehn. Es arbeiten sechzig Mann. Der schätzbare Beamte hat
unvergleichliche Anstalten gemacht. Wir haben vier eigne Pferde und auch schon
vier Kühe, denen wir auch nur von Holz eine Stallung ganz geschwind errichtet
baben. Unser Glück traf gerad auf den Augenblick des Elends eines wackern
Bauern, der die Wittwe seines Vorwesers geheiratet und dessen Kinder treu
erzogen hatte. Die Frau starb einige Wochen vor meiner Ankunft in Mahnheim. Der
Hof war noch etwas verschuldet, von dem ersten Besitzer, und eingefallne
Missjahre hinderten die Abzahlung. - Der Mann wurde von den Stiefkindern und
Gläubigern zugleich gepresst - und sah nichts vor sich, als ehster Tage den Hof
zu verlassen und als Knecht zu dienen, weil er den Kindern die Schadloshaltung
und den Auskauf nicht anbieten konnte. Der Beamte, der mich so voll Begierde,
ein Gut zu kaufen, wie er sagte, auch voll Geld sah, tat mir den Vorschlag, da
einzutreten, die Kinder des ersten Bauern zu befriedigen und den zweiten zum
Oberknecht von Wollinghof zu machen, weil er die Ackerstücke dieses Bauerhofs,
die gerad an das für uns ausgemessne Feld gränzen, in den Bestandbrief mit
einschreiben wolle. - Das ist nun äusserst angenehm. - Ich setze einen ehrlichen
Mann aus seiner Verlegenheit, habe mein Gut vergrössert und geniesse schon
dieses Jahr die Freude, auf eigenem Boden mähen - und erndten zu sehen. - Ach!
Rosalia, wie viel tausendmal könnte Menschen Gutes und Freude wiederfahren, wenn
der, so einen guten Vorschlag zu tun hat, immer den Menschen anträfe, der ihn
mit Vergnügen auffasst und mit Eifer auszuführen bereit ist. - Herr Moos wollte
den Streif Waldung, der zwischen dem Hause von Wollinghof und diesen neuen
Feldern liegt, abhauen lassen, damit man von Mahnheim aus unsern Hof sehen
könne. Aber ich und meine Freunde stritten dagegen. Wir wollen nicht von Vielen
gesehn sein; wir geniessen so auch inniger. -- O, wie bewegt würden Sie sein,
wenn Sie, da Sie nun Alles von dem Schicksal meiner Wollinge wissen, den so
stark fühlenden Mann mich anblicken sähen, wenn er mich auf dem Bauplatz
antrift, mit den Arbeitsleuten reden hört und meine Freude über den Fortgang
sieht; - er dann noch zweifelnd dasteht, ob es auch wahr sei, dass hier auf dem
Boden, den er vor neun Jahren mit Kummer betrat, nun Glück und Wohlsein für ihn
gegründet und angebaut werde; - wie oft Tränen des Danks und der Entzückung
über die Wangen seiner Frau fliessen, und ich dann in ihren Augen und der
Bewegung ihres Mundes ein stilles Gebet lese, dass doch nichts ihre Hoffnungen
zerstören möge; - die Sorgfalt, die beide noch haben, sich nicht zu früh von
ihren bedrängten Umständen zu entfernen; denn sie essen noch nicht bessere
Speisen als bisher, nur sättigen, glaub ich, tun sie sich mit weniger Furcht.
-- Eine Kleidung hat jedes angenommen für sich und ihre Kinder. Diesen liess ich
Schuh machen; aber die guten Kinder waren sehr übel darin, weil es so viel
härter war, als die Lappen, womit die Mutter ihre Füsse umwickelte. - Ich gab
dann die erstern dem Schuhmacher für andre Arme zurück und liess meinen jungen
Wollingen recht weiche und weite Schuh verfertigen.
    Sie können denken, dass all diese Züge meine Teilnehmung an der Familie
vermehren, so wie sie meine Empfindsamkeit stärken. Ich habe einen schönen Platz
auf der Seite des Walds, dem neuen Hause gegenüber, wo ich mit meiner
Strickarbeit - und auch Bleistift sitze, und die Arbeit an Wollinghof, zugleich
aber die Hütte oben, vor mir habe, wo meine Kinder wohnen. - Wie selig fühlte
ich mich den Augenblick, da ich das erstemal diese Aussicht genoss, nachdem
einiges Gesträuch weggehauen war, um den Platz des Gemüsgartens zu ebnen, und
das alte Gebäu ganz sichtbar wurde; - da ich in einem Moment den Aufentalt der
leidenden Tugend - und den von ihrem künftigen Wohl betrachten konnte - und
mich, - mich von der Vorsicht bestimmt fühlte, die Belohnung ihres Ausharrens
und ihrer Ergebung auszuteilen, Wie selig war ich dadurch! wie dankbar gegen
Gott! -- Ich kann würklich alle Tage bei hundert Menschen zählen, die mich
segnen. - Sechzig fleissige Handwerksleute, die es freut, Arbeit zu haben,
ordentlich und besser bezahlt zu werden; Achtung, gute Worte, Schatten, gutes
Bier und Brod zu geniessen. Alle Sonn- und Feiertage bezahl ich ihr Essen und
Trinken in der Schenke zu Mahnheim. Da ist gewiss der Wirt und die Wirtin auch
froh darüber. - Der Beamte, seine Frau und ihre acht Kinder lieben mich; unser
Hofbauer und die seinigen auch. Dann unser Knecht und Magd und zehn Fuhrleute,
eben so viel Taglöhner und meine Wollinge! - In meiner Jugend hört ich so oft
ein zerfallnes Schloss, einen entfernten, einsamen Waldplatz, den Aufentalt von
Räubern und bösen Geistern nennen. Ich lebe seit einigen Wochen an einem solchen
Ort und sehe da die besten Menschen, von so vielen Klassen um mich. --
    Rosalia! werden Sie nicht müde, mich Gutes, so ich geniesse und finde,
beschreiben zu sehen. Wie genau zählen wir dem Schicksal unsere Leiden nach! wie
sehr wehklagen wir darüber! Ist es nicht Pflicht, eben so genau alles Wohl und
jede Freude zu berechnen, die aus der Hand des ewigen Vaters auf die Tage unsers
Lebens träufeln? - Träufeln, - sag ich? -- Ach bin ich nicht mit Gütern
überschattet! geniesse ich sie nicht in vollem Maass! Seit dem Tage, da ich in
Ihrer Vorstadt ankam, bin ich immer ein Gegenstand der Liebe, des Vertrauens und
der Achtung, von so viel Herzen gewesen. So oft wurde mein Name vor Gott mir
Dank und Fürbitte genannt! Es ist mir viel, sehr viel, dieses zu denken. -- Ich!
durch einen Blick meiner Augen, der dem Blick so mancher Rechtschaffnen
begegnet, Vergnügen entstehen zu sehen; - Sie, meine Liebe, froh, einen Brief
von mir zu erhalten; - meine Vorstädter glücklich, wenn ich sie grüssen lasse: -
und ich seufze, wenn ich die Stadt W**, ansehe? - wie undankbar bin ich da! -
Alle Wünsche meines Herzens, alle von meiner Phantasie kann ich vergnügen, edel
vergnügen; - einen nur versagten mir Umstände und Pflicht. - Und an diesem blieb
meine Eigenliebe hängen? - Rosalia! ich will auch meiner eignen Empfindlichkeit
gebieten. Ich will mich überwinden, um mich selbst schätzen zu können. Denn
Alles, worüber Andre mich hochachten, ist mir nicht sauer geworden. Ich tat es
gern und leicht. Ich will was Schweres vornehmen; etwas, wofür ich mich scheute,
und nicht Mut genug hatte, daran zu denken. Sie sollen Zeuge - und Richterinn
sein, ob ich es ernstlich meine, und gut durchsetze. - -
    Ich habe Leinwand gekauft und Tischzeug. Meine junge Moos, Frau Wolling und
ich, arbeiten daran; denn ich möchte das Nötigste fertig haben wenn wir unser
Haus beziehen. Diese Woche werden wir schon weit sein. -- Rosalia! Sie müssen
mich einmal besuchen; Sie müssen! - und dann mir ganz sagen, was Sie von uns
halten. -- Vorgestern Abend hätte ich Sie gern da gehabt, als die Arbeitsleute
da sassen, auf Balken, auf Steinen, auf Rasen und abgehaunen Baumstumpen; froh
über das End ihres Tags, über Trank und Abendbrodt, so ihnen ausgeteilt wurde.
Ich fragte sie um ihr Vaterland, ihre Verwandte und ihr Schicksal bisher. - Von
wie vielerlei Arten sind die Zimmerleute, die Steinmetzen und Maurer! wie viel
wahrer Sinn, einfache, gesunde Vernunft, Rechtschaffenheit und Witz kam zu Tage!
-- Ich teilte die Freizettel ins Wirtshaus zu Mahnheim selbst unter sie aus.
Wie verschieden war der Ausdruck von Dank und Zufriedenheit! - Mancher Blick
sagte mir auch, dass ihm meine Gestalt gefalle. - Sie wollten mir Alle ihre
Reisen erzählen und es freute sie, dass ich begierig darnach schien. - Ich
foderte zuerst den auf, der in Holland gewesen sei. Da waren unter den
Zimmerleuten Einige, die sprachen von Flössern, mit denen sie den Rhein hinunter
gefahren, beschrieben die Arbeit dabei, dann Schiffwerfte und Land und Leute; -
ihre eigene Anmerkungen, die von einem Cameraden; die Fragen der Andern, die von
Carl Wolling und die Erläuterungen darüber. - O, das war mir inniges Ergötzen. -
Dann kam eine Beschreibung der Schweitz; und der diese machte, wandte sich bei
dem Erzählen von der unermesslichen Höhe und Grösse der Berge, gegen den, der das
Meiste von dem schreckbaren Anblick des Meeres gesagt hatte, um ihm zu verstehen
zu geben, dass er auch wunderbare Sachen gesehen und bemerkt habe. Die Maurer
fielen da mit ein, und sprachen von den Tyroler Gebürgen. Andre erzählten wieder
von Ungarn, den unabsehlichen Haiden, wo kein Berg, kein Baum, kein Haus auf wie
weit zu erblicken sei. Wie vergnügt machten da die Tyroler das Lob ihrer engen
Täler und ihrer Berge! - Dann erhob Einer Schwaben und das Würtembergische, wo
alle Berge zu ersteigen und alle Ebnen anzubauen sind. - Aber das Elsass, die
Pfalz! fing ein Andrer an, das sind Länder! - und dann von der Heimat, von
Lehrjahren, von bösen Meistern, von schönen Meisterinnen u.s.w. Mit dem
stolzesten Gesichtsausdruck redeten die, so lang in grossen Städten gearbeitet
hatten, Wien, Berlin etc. - Dem Steinmetz, welcher Strassburg gesehen, und sich
also an Frankreichs Gränzen aufgehalten hatte, ging eigentlich ein Lächeln
zufriedener Eitelkeit durch alle Züge. Dort macht man galante Arbeit, sagte er,
ruckte zugleich seinen gerade ausgestreckten Fuss seitwärts, und setzte seinen
Hut anders; die Mädchen, die Rubertsau, alles war galant. Endlich stimmte er
gar einen Elsasser Tanz an und machte einige Schwenkungen davon. Ein Zimmermann
stümperte ein französisches Liedchen an. - Die Wahrzeichen der Städte, alles kam
vor und nahm den Abend bis gegen neun Uhr weg, da sie endlich nach Mahnheim
gingen. Ich sah ihnen lange nach und erquickte mich an dem Gedanken, einen
Haufen vergnügter Menschen zu sehen und von edlen herzen umringt an meine
Schlafstädte zu kommen. Möchten alle Müde so viel Ruhe, und alle Leidende so
viel Wohl empfinden, als mit mir in mein Kämmerchen kam! - Es war zu spat, um
meinen Wollingschen Kindern das versprochne Abendlied zu singen. Aber des
Morgens hörten sie mich um desto länger. --
    Ich freue mich, Rosalia, dass Sie mir alle Ihre Briefe an die edle Mariane
S**, und dieser ihre an Sie, auf einige Zeit anvertrauen wollen; besonders da
Sie den Beweis darin zu führen denken, dass ich viel Sympatie mit Ihrer
würdigen Freundinn habe. - Mit Ihnen sympatiesirte ich ja schon lange. Es ist
so ein süsser Augenblick des Lebens, indem man sich zur Freundschaft hingezogen
findet, dass er niemals vergessen werden sollte. -- Sie haben mir diese
Empfindung so lebhaft gegeben, dass mir ihr Andenken auf immer bleiben wird. -
 
                           Fünf und siebzigster Brief
                           Madame Guden an Rosalien.
Segnen Sie mich, Rosalia! oder vielmehr segnen Sie uns Alle. Das Haus, die
Scheune, alles in Wollinghof ist fertig, sogar die Schreinerarbeiten, alles;
denn diese Letztern besorgte der Beamte in einem benachbarten Dorfe, das auch
dem Herr von Mahnberg gehört und geschickte Handwerksleute hat. Frau Moos hatte
alles über sich genommen, was Betten, Küchen-und Hausgerät anging. Es geschah
dadurch ihr und uns ein grosser Dienst, denn sie reiste nach der Stadt W**, um
einzukaufen und konnte zugleich ihre Verwandte besuchen, die sie lange nicht
gesehen hatte. Ich bemerkte an ihr Freude und Verlegenheit, als ich sie bat, mir
diese Gefälligkeit zu erweisen, und lange dauerte es, bis die gute, redliche
Frau mir gestand, ihre besorgliche Mine komme daher, weil sie einen Verwandten
dort habe, dem sie schuldig sei; weswegen sie auch schon einige Jahre nicht in
die Stadt gegangen, weil sie nicht im Stande gewesen, es abzutragen. - Der Harm
der Mutter, der ehrliebenden Frau, des edlen, uneigennützigen Weibes, alles lag
in ihrem Gesichte. Ich hatte unsägliche Mühe, sie dahin zu bringen, dass ich den
Abtrag ihrer Schuld besorgen durfte. Wie reichlich hat ihr dankbares,
rechtschaffnes Herz die Zinsen davon abbezahlt! indem sie Alles auf das Beste
besorgte. Ich konnte den Mann ohnehin nicht bewegen, meine Hülfe anzunehmen, als
durch den Ausweg, ihn zum Rechnungsführer des ganzen Baues und meiner Renten zu
machen, und darüber eine jährliche Besoldung zu bestimmen, die er nun als auf so
viel Jahre zum voraus empfangen betrachtet. Wie gern willigte ich in diesen
Gedanken, der ihn von Verbindlichkeit und mich von Besorgnissen befreite. Wie
sehr ich dabei die strenge Beobachtung seiner Pflichten verehre, kann ich nicht
genug ausdrucken; da er mir nicht im mindesten deswegen gefällig zu sein suchte
und ganz genau auf die abgemessne Gränze unsers Guts schaute, so dass nicht eine
Spannebreit mehr auf unser Feld und Waldung kam, als im Kaufbrief aufgesetzt
war. Ich achte dies als einen herrlichen Zug.
    Meine Wollinge kämpfen mit der Idee des Glücks, ich seh es; denn oft ist
mehr Ausdruck vom Schmerz, als Freude, in ihren Augen, wenn sie das nun recht
gut dastehende Haus anblicken. Alles ist schon so ausgetrocknet, dass wir in acht
Tagen darin wohnen werden. Das Haus ist sehr breit, aber nur zwei Stockwerk
hoch; keine doppelte Zimmer, aber auf beiden Seiten des Tors vier geräumige
Stuben gegen Mittag, und gegen den Hof zu, einen breiten offnen Gang, über
welchem in dem zweiten Stock auch einer herumläuft, der auf Pfeilern ruht. Da
konnte die Luft alles recht bald trocknen. Seit vierzehn Tagen wurde bei offnen
Fenstern in allen Zimmern Feuer angemacht, und in der Küche gekocht. -
Vorgestern hat der Beamte alles Hausgerät in der Nacht herführen lassen, weil,
wenn alles an Ort und Stelle steht, und es lauter einfach aussehende Sachen
sind, es nicht so viel zu sein scheint, als wenn es auf Wagen herbeigeführt und
abgeladen wird. - Dieses Ansehen von vielen Sachen wollte ich der feinen
Empfindung meiner Wollinge ersparen, und lasse ihnen deswegen das Haus nicht
sehen, bis alles eingerichtet ist. Meine Wohnung, -- die werden Sie, hoff ich,
selbst sehen, wie das Uebrige. --
    Herr Wolling spielt die Flöte recht artig zu meinem Klavier, und ich
versichre Sie, dass unsre Abende sehr schön sind. --
    Unser Gemüsgarten steht voll Wintervorrat. Der Baumgarten ist schon völlig
zugerichtet damit man die von Wolling gezognen Bäume, die er verkaufen wollte und
andre, die ich kommen lasse, einsetze. Alles in Ordnung geräumt, alles zu
kleinen Verzierungen vorbereitet. Schmerzhaft war mir der Abschied, den die
Arbeitsleute nach und nach nahmen. Ich schenkte jedem noch ein Stück Geld und
Alle verliessen uns mit bewegtem Herzen und ihrem Segen dabei. --
    Meine Meta trauerte alle die Tage darüber. Ich fragte sie, warum? »Ach,
sagte sie, die Leute waren so glücklich und so gut um Sie herum; vielleicht
werden sie bald wieder elend, und bös dabei; - und beides jammert mich.« --
    Einer hatte noch den letzten Sonnabend, da Alle des Abends um mich herum
assen, so herzlich gesagt, sie wünschten alle, dass ich eine Stadt zu bauen hätte;
sie würden gern weniger Lohn nehmen, nur in meinen Diensten zu sein. - Mit
diesem war das liebe Mädchen gar sehr zufrieden und hoft auch Gutes für ihn,
weil er dadurch sein Gefühl für Tugend angezeigt hatte. --
    Ich glaube, Rosalia, es ist Ihnen lieb, dass ich noch diese Tage über verzog,
diesen Brief abzuschicken, weil Sie nun zugleich hören können, dass wir würklich
in Wollinghof wohnen. --
    Herr Moos, und seine gute Frau hatten alles so wohl besorgt, dass nicht das
geringste, so zu einer Landhaushaltung gehört, vergessen war. Alles gut, alles
nett und simpel, wie ich es verlangt hatte. Nirgends der Schein von Pracht noch
Überfluss. Auch nirgends nichts schlechtes, nichts hässliches; aber überall nur,
was hingehörte und nötig war. -
    Ich redte mit Wolling ab, dass wir seine Frau hindern wollten, einen
förmlichen Abschied von ihrer Hütte zu nehmen. Sie ist nicht ganz wohl. Eine
Erschütterung schadte ihr zu sehr. Ich bestelte also ein Abendessen für uns und
für das Gesinde, im Wollinghof. Meine Meta besorgte dies und die Zubereitung der
Betten, mit den zwei Mädchen recht gut. Es sollte niemand Fremdes bei uns sein.
Mein Mahnheimer Bauer hatte zwei Glucken setzen müssen, die von sehr schöner Art
sind. Die Küchelchen sind vor zwei Wochen schon ausgekrochen. Beide Mütter
wurden aber mit ihren Jungen gewöhnt in zwei grossen Hühnerkörben zu fressen und
zu schlafen. Diese liess ich bringen, sagte der Frau Wolling ganz ruhig, unser
Bauer brächte den Abend zwei hübsche Hennen mit ihren Küchelchen, die wollten wir
den Kindern im Hofe auslaufen lassen, um zu sehen, was für Freude sie haben, und
ob ihre Vorliebe für ihre alten Hühner sich da stark zeigen würde. - Sie war
sehr mit dem Gedanken zufrieden; ich glaube auch deswegen, weil sie doch auch
etwas neugierich auf das Innere vom Wollinghof sein mochte, -- Wir gingen also
bin. Die Körbe standen im Hofe, die Hühnchen piepten um Fressen. Die Kinder
bewunderten die schönen Tierchen, waren aber gleich wegen des Hungers
beängstiget und Carl wollte laufen, um was aus der Hütte zu holen. Ich winkte da
meiner Meta, die schon unterrichtet war und gleich den Kindern zurief, sie
möchten mit ihr kommen, sie wolle ihnen was geben. Sie machte die Vorratskammer
auf, und gab jedem ein hölzernes Schüsselchen voll Hühnerfutter. - Frau Wolling
blickte hinein, wurde rot, ihre Augen fülten sich mit Tränen, die sie aber
wieder zerstreute, und ihren Kindern emsig zusah, ohne ein Wort zu reden. -
Indessen ging ich mit ihrem Mann an eine Gittertür, die unter meiner Wohnung in
den Baumgarten führt, und bat ihn, seine Charlotte zu mir in das nächste Zimmer
zu bringen, da die Kinder und Meta im Hofe waren und die erste Bewegung schon in
ihr angefangen hätte. Er konnte nicht sprechen, sondern machte mir eine
Verbeugung. Meta wusste, dass sie die Kinder aufhalten sollte, bis man sie rufen
würde.-Die beiden Lieben traten wankend in das Zimmer, wo ich sie erwartete. Ich
nahm Frau Wolling bei der Hand und leitete sie gegen eine von den Polsterbänken,
die in den zwei Fenstern stehen, setzte mich da dicht neben sie, nahm dann ihre
beiden nur so hinhängenden Hände in meine, küsste sie. -- »Nun, meine teure
Charlotte! sei mir willkommen in Deinem Hause. - Gott segne diese ersten
Augenblicke, und lange künftige Jahre, mit der Tugend Deines vergangnen Lebens -
und mit dem Glück, so Du verdienst.« -
    Sie sank an mich; ich umfasste sie. Zum Glück weinte sie laut. Ich vergoss
stille Tränen. - Der Mann betrachtete uns, mit gedrängtem Herzen, - stürzte mit
ausgebreiteten Armen vor uns hin und umfasste so, stumm, aber mit dem stärksten
Ausdruck männlicher Freude und Liebe uns zugleich. -
    »Charlotte! van Guden!« - war alles, was er nach einigen Augenblicken sagen
konnte. - Dann faltete er seine Hände. -- »Gott! - gütiger Gott!« - seine Lippen
bewegten sich noch still. --
    Rosalia! niemals ist reineres Dankopfer zum Himmel gestiegen, als in den
Blicken dieses edlen Mannes, die er aufs höchste erhob. Die Abendsonne
beleuchtete ihn; alle Züge seines Gesichts voll Redlichkeit, voll Ergiessung
seiner Seele. - Ich hatte mich zu dem Auftritt vorbereitet, ich konnte
beobachten.
    Ich sagte seiner Frau und zeigte auf ihn: »Sieh, liebe Charlotte! dies ist
die Einweihung Eures Hauses. Gott sei Dank dass er mir diesen seligen Anblick
gönnte.« --
    Hier ergriff Wolling eine meiner Hände und eine von seiner Frau, küsste sie
wechselweis, während dass Tränen über seine Wangen flossen. Seine Frau küsste
mich nun auch - und ich nahm mein Schnupftuch, wischte ihr und Wollings Gesicht
damit ab, fasste es zusammen: »Ich will sie verwahren, diese vereinigten Tränen
Eurer Herzen. - Zufriedne Tugend und Freundschaft vergossen sie; - es können
keine schönere geweint werden.« --
    Dies gab ihrem Gefühl eine neue Wendung. Er blickte mich und sie an, deutete
auf mich: - »Unsre Mutter! unser Haus!« - küsste nochmals meine Hand! - »edle,
grossmütige Hand! ich verehre, ich segne dich. Gott! wird dich belohnen.« - Und
da gab er sie Charlotten zu küssen.
    Ich sagte: »Meine Kinder, Euer Dank und Segen ist mir eben so wert, wie
Euer Glück. Ich hoffe, dass wir lange beisammen leben werden. Gott hat uns zu
diesem Vergnügen geleitet, nun wollen wir es geniessen. Heut Abend hab ich die
Küche besielt; Morgen muss Frau Wolling die Mühe über sich nehmen;« - und damit
stund ich schnell auf und liess sie beisammen allein, wo nun Wolling seiner Frau
sagte, dass wir da blieben. - Die beiden Tische, so links und rechts an dem
Torweg an der Mauer fest sind, die man zu Hausarbeiten und zum Essen in der
schönen Jahrszeit herunter lässt, wo an dem einen das Gesind die Bänke von der
Seite hinstellt, und wir auf der andern, unsre hübschen Strohstühle: - Diese
Tische waren gedeckt, und mit etwas Milch und Mehlspeisen besetzt. Carl musste
seine Eltern zum Essen rufen. Ich, Meta, Lottchen und Nanny sassen auf einer,
Wolling, seine Frau und zwei Söhne auf der andern Seite, wo sie auf den
Gesindetisch sehen, und durch den Blick, als Hausherr und Hausfrau, Ordnung
halten und Befehle geben konnten. Frau Wolling ass wenig. Es war mir lieb und sie
hatte grosse Freude über ihre zwei ältern Kinder dass die noch mit Meta in die
Hütte gelaufen waren und ihre vier Hühner geholt hatten, damit diese auch im
schönen Hause schlafen und Morgen gleich die neuen Hünchen sehen könnten.
    Nachdem das Gesind aufgestanden und die Kinder noch ein wenig herumgelaufen
waren, sagt ich: »Charlotte du musst mich in mein Zimmer führen, Herr Wolling
leuchtet uns.« - Das geschah und Meta legte indessen die Kinder zu Bett. Carl
schläft an dem Arbeitszimmer seines Vaters, das gerad am Tor ist und ein
Gitterfenster in den Torweg hat; die Andern am Schlafzimmer der Eltern. - Den
andern Morgen kamen die lieben Geschöpfe alle vier mit Vater und Mutter, und
brachten mir Blumen und dankten für die guten Betten. - Ich sagte Carln, er
möchte die Flöte holen, wir wollten sehen, wie mein Klavier hier lautete. - Ich
unterbrach hierdurch neue Aufwallungen der Frau Wolling. - Den andern Tag wars
Sonntag; wir gingen nach Mahnheim in die Kirche und nahmen den Beamten und seine
Frau mit uns zurück. Frau Wolling machte die Hausfrau mit vielem Anstand. -
Nachmittags kamen alle Moosische Kinder, und gegen Abend unser Bauer, der die
Feldarbeiter ansagte - und mit Wolling herumging. -- Der ältere Sohn des Herrn
Moos will sich nun auch darauf befleissen, dass Nutzen und Zierlichkeit verbunden
werde; nichts ändern, nichts ausreissen. - Aber hie und da einen Rasen oder
Obstbaum setzen und etwas düngen, dass er wohl fortwachse; die Hecken schneiden,
für die Wege sorgen. --
    Unsre Entwürfe für den Berg sind gar herrlich und ziemlich einfach dabei.
Eine Phantasie, die ich bei der Form unsers Daches angebracht haben wollte, ist
Ursach, dass wir eine köstliche Entdeckung machten. Man brauchte einige Stämme
von Natur gebogenen Holzes; die musste man im ganzen Wald umher aufsuchen und
geriet auf eine schmale Höhe des Bergs, wo man ihrer viele fand, die man alle
abhauen liess um sie nachmals zu Wagnerarbeit zu verkaufen. Dies gab Platz zu
einem neuen Spaziergang und zeigte uns auf einmal, an einem kleinen Absatz, den
diese Höhe hat, etwas Sumpfiges und dann eine beträchtliche Wasserquelle, die
von oben kam, in diesem Absatz sich ausbreitete und auf der Seite mühsam
auslief. - Diesen Sumpf heben wir aus, werfen Steine und Letten in das Bett des
Bächelgens, raumen oben die faulen Bäume weg und dürfen nur an einem Platz einen
grossen Stein legen, so haben wir einen Wasserfall, zwanzig Schuh hoch und oft
über eine Elle breit, der in das nun hübsch besorgte Becken sich ergiesst und
dann in das Tal über schroffe Felsenstücke an diesem und jenem Ort
hinunterfliesst. - Dies wird ein Teil von unserm Gebiet, welchen mancher Fürst
gern mit Tausenden bezahlte; und ich bekams so leicht und in äusserster
Schönheit. - Gönnen Sie mirs - und wünschen Sie mir Glück. - Adieu Rosalia.
 
                          Sechs und siebzigster Brief
                           Madame Guden an Rosalien.
Vergeben Sie mir, liebe Rosalia, wenn ich Ihren Bitten, Ihren Wünschen
widerstrebe und fest, unbeweglich, hier auf dem Berge bleibe, der die Sinnbilder
meines vergangnen und gegenwärtigen Lebens trägt. - Auf einer Seite Trümmern
eines hochaufgebauten, weiten Entwurfs von dauerndem Glück; - auf der andern,
eine neue friedliche Hütte, voll redlicher Herzen, die mich lieben, deren
Wohlstand und Vergnügen das selige Werk meines Herzens ist; - ringsum Ruhe und
Güte der Natur. - Nein! mein Kind, ich geh nicht weg. - Ich hab Ihren Brief
unter dem halben Dach einer kleinen Nusslaube gelesen, die Wolling hier umbog,
weil er mich oft dahin gehen sah. - Ich habe da einen weiten, schönen Himmel, --
Kornfelder des Tals, Anhöhen mit Wäldern bedeckt, einen einsamen Mayerhof und
die Landstrasse vor mir, die nach der Gegend führt, wo Sie wohnen; Sie, die ich
für die Erquickung segne, die ich in Ihrem Umgang genoss; - wo meine Vorstädter
wohnen, deren Wünsche mich hieher begleiteten. - Ich fühlte, da ich Ihren Brief
las, mit Rührung jeden Ausdruck Ihrer Liebe. Ich sah jedes Bild Ihres
Vergnügens, das Sie mir als Geschöpfe meiner Gegenwart in Ihrer Stadt
vorzeichnen -- und ich empfand auch ganz deutlich das süsse Wallen, welches
immer meine Brust ergriff, wenn ich Sie, oder Eins von den armen Familien
erblickte, denen ich Gutes getan hatte. - Mein Auge sah tränend gegen den
Himmel hin, der Sie und die lieben Leute dekt; - und der Gedanke, meiner
Rosalia, die so voll wahren Gefühls ist, Freude geben zu können, erhob meinen
Willen, auf einige Augenblicke, zu dem Vorsatze, zu Ihnen zu gehen. Denn gewiss,
meine Liebe immer war mein Wille Gutes zu tun, feurig und eifrig. - Aber der
Abend kam; ich ging zurück, nachdenkend über Ihren Vorschlag. An dem Ende des
Wegs, zwischen den Buchen, sieht man rechter Hand die Ueberreste des alten
Schlosses, und linker Hand den Wollingshof. - Der Mond schien zwischen dem Turm
und der einfachen hohen Mauer auf mein liebes Bauerhaus und beleuchtete just
meine Fenster, während ich in dem Schatten ging den der zerfallne Turm warf.
Eine unnennbare Empfindung machte mich stillstehn. Das melancholische Bild des
zerstörten Schlosses, dem sogar der Mond mit seinen sanften Strahlen, nichts,
als die blasse Erleuchtung eines neuen Todtengewölbes gab, die geworfenen
Schatten schwärzer färbte; hingegen sein holdes Licht ausgebreitet über die
Wohnung meiner Wollinge ergoss. - Ich sah die Aeste der bei dem Bau des Hauses
geschonten Birken, hin und her wanken. Hinter mir säuselte der Wald - und vor
mir ein kleines, aber angenehmes Getöse von dem Springen der Kinder meiner
Freunde und dem Geschwätz des Gesindes im Hofe. - Alles dies durchdrang mich. -
Rosalia! stellen Sie sich hin an diesen Platz mit meinem Herzen und meinen
Erinnerungen; dann werden Sie vergeben, dass auf dieser Stelle mein Wille, zu
Ihnen zu kommen, sich schwächte und erlosch. -
    Nein, ich will nicht mehr an Otte gehen, wo grosse Bedürfnisse und grosse
Entwürfe entstehen; wo Kräfte und Jahre des Lebens dazu verwandt werden - und
Feinde und Sturm alles niederreissen und - Todtenstille, Todtenjammer geben. -
Unter dir, kleines niedriges Dach, - beschränkt wie du, - leicht erfüllt wie du,
- sind die Wünsche unsrer Tage; nützlich und rein, wie der Tau, der das Gras
unter meinen Füssen befeuchtet, sind unsre Arbeiten und Absichten dabei. - Die
erste Wahl, die ich in dem grossen Vorratshause von Glücksideen traf, hat mich
auch auf eine Anhöhe geführt, die mir die schönste Aussicht zeigte. Ich
gründete, ich baute auf, und was ist daraus geworden? - Schutt! unter dem beinah
ich selbst begraben wurde. - Alles Reitzende, so ich vor mir sah, gehört
Andern. - Der edelmütige van Guden bot mir Schmachtenden die Hand - und führte
mich zu einer erquickenden Quelle. Meine Seele erbolte sich bei dem Genuss seiner
Güte und bei übender Tugend. Aber noch einmal ging ich nach der Zaubergegend;
glaubte noch einmal an Glück im Grossen - und wurde durch Schmerz aus meiner
Täuschung gebracht. Fremdes Elend hiess mich meines vergessen. Mein Herz heilte
durch die Hülfe, die ich Andern gab. Ihre Freundschaft streute Blumen auf meinen
Weg - Eigensinniges Anhängen an dem ersten Bilde meines Glücks führte mich von
Ihnen und der anfangenden Ruhe, die Vernunft und Güte mir gaben. Aber auf dieser
Reise fand ich den letzten Kummer und auch bald darauf eine neue Spur der besten
Freuden des Lebens, Freuden der Natur und Menschheit. Der Anbau meines Hofes und
das Wohlergehn meiner Wollinge; mein Herz, alle seine Wünsche sind erfüllt. Es
wäre Unsinn, es wäre Undank, wenn ich noch nach einer Abänderung mich sehnen
könnte. Sie meine Liebegenossen, eh Sie mich kannten, in dem Krais Ihrer Freunde
alle Zufriedenheit, die Sie verlangten. Es sind recht sehr würdige Personen
darunter. - Ihre nahe Verbindung mit Clebergen, sein Glück, Ihre Pflichten und
Beschäftigungen, können Ihnen wenig leere Stunden, wenig leeren Raum, in Ihrem
Herzen lassen. Ich weiss wohl, wie innig Sie lieben und begehren. Ich weiss auch,
wie schwer Ihnen abzusagen ist. - Aber wir wollen beide unsere Bestimmungen
erfüllen. Ihr Weg ist einfach und gerade gezeichnet. Es führte Sie nichts ab,
als dass Sie bald in diesem, bald in jenem angenehmen Landhause Besuch machten.
Dies haben Sie bisher unter der Leitung Ihres Oheims getan; - nun in Zukunft in
Gesellschaft Ihres erwählten Freundes. - Mein Pfad war gleich etwas gewunden; -
und dann wollt ich mir selbst eine Bahn machen, die mich in gefährliche Gegenden
brachte und sich nun mit dem schönsten Ruhplatz endigt. - Meine Fähigkeiten sind
nach dem Maass ihrer Anlage und meines Schicksals genugsam angebaut. Ich habe
Kenntnisse von Wissenschaften und Künsten, habe Menschenwelt genug gesehen, um
jetzo Gottes Welt desto besser zu geniessen. Lassen Sie mich hier und opfern Sie
meiner Ruhe den Wunsch nach meinem Umgang auf. Sie sollen Briefe genug von mir
erhalten. - Meinen Vorstädtern hab ich gegeben, was sie bedurften, - Hülfe und
Anweisung. - Glauben Sie mir, die Gewohnheit des Wohlstands und die Uebergabe
der Aufsicht über die kleine Stiftung, so ich machte, hat schon Aenderung in den
Gesinnungen bewürkt und die ersten Schritte des allgemeinen Gangs der Dinge
haben schon angefangen. Meine erste Erscheinung war als Wohltäterin. - Jetzo
wär es als Gesetzgeberinn oder Oberaufseherinn. Nein, Rosalia, ich wohne niemals
mehr in Ihrer Stadt. - Besuchen, ja! - Aber nicht länger, als höchstens vier
Tage. Wenn Sie mir sagen wollten, so würde mir es auch mit den Wollingen gehen;
- Nein! - da nicht! - sie sind zu einsam, zu selbstständig. Da bleiben Gefühle
und Ideen fester. Der Anblick fremden Vergnügens, und Leidenschaften kommen
nicht zu uns. Also bleiben auch Begierden und Bestrebungen nach ihrem Genuss
entfernt. Die ersten Züge ihrer Erziehung liegen doch auch in Beiden, und ich
glaube nicht unrecht zu schliessen, wenn ich vermute, dass die Erinnerung
dessen, was beider Väter sie hatten leiden machen, einen tiefen, bittern Gram
gegen alle Menschen zurück liess, die mit einigem Ansehn oder Gewalt in der Welt
bemerkt sind; und dass ich im Gegenteil etwas von der zärtlichen Anhänglichkeit
erhalten habe, die sie für ihre gute Mutter hatten. Kleine, ganz kleine
Nebensachen würken mehr, als öfters Haupttriebfedern tun, und dann prägt die
Lage von Wollinghof auf liebende, angebaute Herzen ein so süsses, einnehmendes
Bild, an das man sich auf Zeit Lebens anheftet. Kommen Sie künftigen May mit
Ihrem Cleberg zu uns. Ich kann Ihnen ein artig Zimmer geben; und da sollen Sie
mich als eine glückliche und geschickte Landwirtinn finden. Denn wir wollen
hier ein Muster von Landhaushaltung aufrichten. Wir machen ganz still alle
möchliche Proben von Frucht- und Futterbau. Milch- Butter-und Käsenutzung wissen
wir schon recht schön. Obstbäume sind die alte Meisterkenntniss von Wolling.
Gemüs pflanzen wir nur so viel, als wir brauchen. Ein Stück Wald haben wir
ausgerottet, ein anders angepflanzt. Ich kaufe alle öconomische Bücher und mache
Auszüge von dem, was wir brauchen können. Wolling bereitet das Erdreich und
macht Versuche. - - Sie müssen kommen, und selbst das alles sehen - und die
Kinder meiner Wollinge, die ich zuerst sah. - Und möchten Sie einen von den
Blicken des Vaters sehen, wenn ich ohngefähr dazu komme, dass der Knecht oder
eine Magd Rechenschaft von ihrer Arbeit geben, oder sagen: »ich bin an dem lezt
gesäeten Stück vorbei kommen. O, Herr! - es stehr recht schön! Gott hats
gesegnet. Wenn ers behütet, so kriegen wir eine reiche Erndte,« - wie da sein
redliches Gesicht glühet, was für Dank und Segen in dem Blick ist, den er auf
mich wirft; oder eins von den Kindern an seine sich hebende Brust drückt, mich
ansieht und dann gen Himmel. - - »Ach, mein Kind! werde rechtschaffen, und sei
ewig dankbar!« --
    Niemals geht er, oder seine Frau, mit mir die Eiche vorbei, an der ich
stehen blieb, als die Kinder ihnen entgegen liefen, niemals kommen wir dahin,
ohne dass eine meiner Hände, oder ein Zipfel meiner Kleidung gefasst würde. -
Geredt wird in diesen Augenblicken nicht und ich bin froh, denn ich befürchtete,
die Ueberlast von ihrem Dank für mein Herz und die Abnutzung ihrer Freude für
sie. -- Auch vermeid ich, mit ihnen dahin zu gehen, und ist mir sehr lieb, dass
wirklich einige Haufen übriges Bauholz dort aufgelegt sind, welche ihnen diesen
Erinnerungsplatz auf einige Zeit verbergen. --
    Ein junger Zimmergesell, der an dem Haus und der Scheune bauen half, ein
geschickter, fleisiger Arbeiter und der immer den besten Willen zeigte, den wir
auch noch zur übrigen Holzarbeit behielten, hat nicht abgelassen, bis er zum
zweiten Knecht angenommen ward. Die Freude dieses herzlichen jungen Mannes ist
nicht zu beschreiben. Sie verdoppelt gleichsam seine Kräfte und seinen Verstand.
Er hat um Erlaubnis gebeten, ein Paar Morgen Erdreich, die an dem Abhange des
Bergs, in dem Bezirk liegen, so zu Wollings Erbpacht gehört, von den Baumstöcken
zu reinigen und dann anzubauen, wie er es auf seiner Wanderschaft mit einem Berg
hätte machen sehen, der dem Schlossherrn wenig getragen hätte, und nun recht
gutes Heu einbrächte. Man solle ihn aber allein gehen lassen; er wolle gewiss
Gutes auf dem Wollingshof stiften. -- Und das haben wir ihm zugestanden. - Der
gute Mensch arbeitet nur in den Zwischenstunden daran und will auch nicht
anders. - Wir gehen auch nicht hin zum Nachsehen. Sein Oberknecht allein kommt
mit, weil dieser mitelfen will. -
    Sie fürchten den Winter für mich, in dieser Einöde - und ich freue mich ihn
hier zu sehen. Den Hof-und Stadtwinter kenne ich schon. Der von ihrer Vorstadt,
macht auch eine Stuffe der Abänderung, nach den grossen Auftritten, die ich auf
den Wohnplätzen vieler Menschen in dieser Jahrszeit sah. - Hier kann ich alles
bemerken, was die Natur im Grossen vornimmt, an Feldern, Bäumen und Wiesen der
ganzen weiten Gegend, über die sich der Herbst verbreitet - aber auch auf unserm
Berge. -- Frau Wolling wird ein Wochenbett just mitten im Winter halten. Da sorg
ich für die Oberaufsicht der Kinder, der Mägde, der Milchstube. Ich habe den
Winter meines Glücks durchlebt - und ich sollte den Winter der Natur scheuen? --
Nein, meine Liebe, er freut mich!
 
                          Sieben und siebzigster Brief
                            Rosalia an Mariane S**.
Da war ich mitten im Winter verreisst, Otte, seine Julie und ich, um Herrn und
Frau G** in F** abzuholen, die nach einer Abwesenheit von etwa drei Monaten
wieder zurück wollen. - Es war sehr kalt, als wir abgingen; aber ein heller,
reiner Himmel dabei. Alle Steine, alle Grashälmchen mit Silberduft überzogen,
und das auf einer grossen Weite umher. Dann enge Hohlwege, unfreundliche, und
gefrorne Bäche, bei denen wir ängstlich waren. Aber auch ein herrlicher
Buchenwald, alle Zweige bereist, braune und gelbe Blätter daran, nur an den
Enden mit dem so glänzenden Duft eingefasst. Und als wir auf die Höhe des Waldes
kamen, wo er stark ausgehauen ist, hatte ich den angenehmsten Anblick, den diese
Jahrszeit geben kann. Eine Art Nebel, aber sehr dünn, der auf dem Berge lag,
durch welchen die auf der Seite stehenden Büsche nur als durch einen Flor
schimmerten, würde schon an sich reizend gewesen sein; aber die Sonne
verschönerte es äusserst. Da ihre Strahlen just von der Seite unsern Wagen
trafen und dessen Schatten an die Gebüsche warfen; so bildete sich um diesen
Schatten herum ein Regenbogen, der ihn lange Zeit begleitete, bis eine Wendung
des Wegs den köstlichen Anblick zerstörte. Die Farben waren etwas blass, wie
beinah die Mondregenbogen sind - und nach Maassgabe des kleinen halben Zirkels um
unser Fuhrwerk, auch schmal und um so viel neuer und gefälliger für uns. Wir
hatten auch etwas langsamer fahren lassen, das holde Schauspiel länger zu
geniessen. Es endigte mit dem Abhang des Berges und den aufsteigenden kleinen
Säulen von Rauch, aus den Hütten eines armen Dorfs, durch das wir fahren mussten.
- Otte spottete unser sehr, da wir in dem Postaus und dem andern, was wir
sahen, alles so schlecht und hässlich fanden und die schönen Sachen bedauerten,
die wir im einsamen Walde gesehen hatten. -- Er behauptete, unsre Entzückung sei
nicht aus dem Grunde der grossen Reitze des Winters der Natur hergekommen,
sondern weil wir Farben, kleine Spiegelchen und Diamanten gesehn hätten. Bald
wären wir auch ungeduldig über ihn geworden; aber der neue Postillion, ein
hübscher, munterer Kerl, stimmte sein Horn so schön an, dass er uns auch munter
erhielt. Er fuhr sehr geschwind, ausgenommen gegen das vorletzte Dorf der
Station, wo wir wieder Pferde wechselten. Da liess er nur einen Schritt gehen,
aber alle Künste seines Postorns und dann das Klatschen seiner Peitsche hören.
Ich bemerkte endlich, dass er immer auf eine Seite hinsah und auf einmal wieder
aus vollem, lustigem Otem ein, Stückchen bliess. - Da kam aus einem etwas hoch
liegenden Bauerhaus ganz eilig ein artiges Mädchen heraus gesprungen, ohne
Haube, und band sich eine weisse Schürze noch auf der Vortreppe um, nickte ihm
freundlich zu, bis er das Horn unter seinen linken Arm zurückwarf. -- »Guten
Morgen Toni!« - rief sie dann aus ihren runden, glühenden Backen und mit einer
Hand aus Geländer gestützt, - »wann kommst du wieder?« - »Um zehn, rief er, eine
Milchsuppe.« - »ja - ja!« antwortete sie, so voll Zufriedenheit in ihrem blauen
Auge, und mit beiden Händen ihr weissgelbes Haar zurückstreichend, dass ihr der
Morgenwind ins Gesicht wehte. - Einige Augenblicke, sah sie ihm, gewiss nicht
unsrer Kutsche, nach, hüpfte leicht und mit wahrer Anmut in den Hof. Ihr Freund
Toni aber klatschte noch ein paarmal lebhaft und künstlich; nachdem aber führte
er uns, wie fliegend, dem nächsten Postaus zu. Die ganze Scene hatte uns so
wohl gefallen, dass wir in dem Kramladen des kleinen Orts ein Halstuch, ein Band
und eine Schürze für sein Mädchen kauften und ihm mitgaben. - Der gute Mensch
wurde rot, als Ott mit ihm von ihr sprach und sagte, dass wir die Ursache seiner
vielen Musik erraten hätten. --
    »Sie ist nur Magd bei dem Bauer, sagte er, aber das schönste und ehrlichste
Mädchen im ganzen Lande. Ich verzehr immer mein halbes Trinkgeld bei dem Bauer
für Milchspeise, und er hält sie deswegen auch besser. Das übrige Geld hebt sie
auf, dass ich es nicht vertrinke und mir was spare, damit wir ein kleines
Söldnergütchen gleich neben meinem Herrn bestehen können. Ich bleib Postknecht.
Mein Herr und die Pferde haben mich gern; 's Fuhrwerk geht nicht immer gleich
stark, ich hab noch einen Cameraden. Da kann ich schon mein kleines Feldchen
bauen, und meine Terese sorgt für die Kuh, den Garten und das Kraut; da kommen
wir mit Gottes Hülfe sehr gut zurecht.« --
    Diese redliche Erzählung und die freundlichen Blicke, die er auf die, in
seinen Händen haltende Geschenke von uns, von Zeit zu Zeit heftete, und das
kleine Päktgen auf- und zulegte, dann wieder mit beiden Händen zusammen druckte,
- rührte uns. Julie sagte auf französisch zu Otten, ihm eine Beisteuer zu geben.
- Er tats und der gute Mensch weigerte sich, indem er auf unsre Geschenke
deutete. Nachdem aber küsste er unsre Hände und segnete uns. - »Kommen Sie den
Weg nicht bald wieder?« fragte er. -- »Ja, in acht Tagen.« - Da zählte er an
seinen Fingern, - »Das ist mein Tag nicht, - aber ich will meinem Cameraden das
Trinkgeld lassen und Sie fahren. - Sie sollen sehen, wies gehen wird« - und da
schnalzte er mit der Zunge und der einen Hand, und blinzte mit den Augen frohen
Beifall dazu. - Er hielt auch Wort, und führte uns ganz vortrefflich im
Rückwege. --
    In F** fanden wir unsre Freunde und mussten uns mit ihnen noch einige Tage
aufhalten. - Urteilen Sie aber von meinem Staunen, als ich den vierten Tag
meinen Oheim mit Clebergen in das Zimmer treten sah. Er war mir so unerwartet,
das ganz Englische Wesen, so er angenommen; eine Art stuzendes Betrachten meiner
Person, die rasche Freude und Tränen meines Oheims, noch mehr aber sein Reissen
an meiner Hand und an Clebergs Arm, mit dem Ausruf: »Nun, Kinder! nach zwei Jahr
Abwesenheit dürft ihr euch wohl umarmen.« --
    Cleberg gehorchte mit Freude in seinem Auge, - ich aber widerstrebte und
sank beinah in dem erregten Sturm zu Boden. Meine Lippen zitterten und Cleberg
fasste mich mit Schrecken, da er mich blass und schwankend sah. -- »Was ist das!
Rosalia! - um des Himmels willen, was ist das? was ist seit Ihrem lezten Brief
in Ihrem Herzen vorgegangen? - Unser Oheim macht Sie nicht zittern, das bin ich,
ich allein, den Ihr Uebelwerden angeht.« --
    Ich konnte nicht reden: die Worte starben in meinem Munde. -- Ich legte
endlich meinen Kopf auf seinen Arm. - Er schwieg und druckte mich an sich. Ich
küsste eine Hand meines Oheims, die ich hielt. - Er sagte mit: »Gutes Mädchen!
wir hatten Unrecht, dich so zu überfallen, ich finde es, erhole dich nur.« --
    Diese Betrachtung war richtig. Aber ich würde von der plötzlichen
Erscheinung nicht so erschüttert worden sein, wenn mein Oheim nicht so rasch auf
eine Umarmung gedrungen hätte. Denn bei der Erinnerung der äussersten feinen
Strenge, die ich mir aufgelegt und heilig gehalten hatte, dass von dem Tag an, wo
mein Herz und mein Oheim mich für Clebergen bestimmten, niemals die Lippen eines
andern Mannes meinen Mund berühren sollten, - war ich wohl billig genug, nicht
das nehmliche von ihm zu fodern und zu erwarten. - Aber gewünscht hatte ichs,
und den Augenblick, da er nach der Auffoderung meines Oheims sich mir näherte,
warf ich ihm einen Mangel an Feinheit vor; - und zugleich war in mir der
Gedanke: O, wie viele dieser Küsse mag er verschwendet haben! - Und dann war
doch auch die Bescheidenheit mit verbunden. - Es war mein Bräutigam, aber doch
ein Mann, den ich in zwei Jahren nicht gesehen hatte. - -
    Ich war besser - und zeigte ihm mein Vergnügen, ihn zu sehen. Er betrachtete
mich, während ich sprach, mit Aufmerksamkeit - und es dünkte mich, als ob es
lauter Vergleichungen wären, die er zwischen mir - und was ihn auswärts
angezogen, in seiner Ueberlegung machte. Ich war eben sehr vorteilhaft
gekleidet. - Ein langer Pelzrock nach der Taille, feines Gelb mit Zobel
ausgelegt; - die polnische Haube dazu, stand mir sehr gut. -- Er fasste meine
Hand, mit Blicken voll Liebe. »Sie sind schön, Rosalia! schöner als jemals. Wo
wollten Sie denn mit alle den Reizen hingehen, als wir kamen?«
    Ich sagte, dass ich mit meiner Gesellschaft eingeladen wäre, einige junge
Leute Schlittschuh laufen zu sehen - und dass es mich gefreut hätte, weil es mir
ganz neu sei. -
    »Sie müssen hin; - aber ich habe Erlaubnis, auch zu folgen.« --
    Das war natürlich - und ich ging zu Julien, die schon zweifelte, mich zu
sehen, weil sie die Nachricht von der Ankunft meines Oheims hatte. - Wir mussten
ein gutes Stück vor die Stadt hinaus fahren, bis wir endlich an der Landstrasse
still hielten und lang an einer Mauer über gefrornen Boden gingen. Am Ende
folgten wir einem kleinen Wiesengraben, woran Weiden stehen, und hörten auf
einmal Musik und lautes Rufen. Zugleich flogen über zehn Eislauser gegen uns,
die uns dann die Hand boten, über den Graben zu kommen und uns auf den
zubereiteten Platz zu der übrigen Gesellschaft zu setzen. - Eine Reihe Bänke mit
Tuch belegt, und Diehlen auf dem Boden die Füsse vor der Kälte zu schützen; ganz
kleine Tischgen, immer drei Fuss breit von einander, mit Servierten gedeckt,
worauf dann Chocolade, Kaffee, kleine warme Pastetgen, Confect und fremde Weine,
Schinken und Braten gesetzt und angeboten wurde. - Der Schauplatz war
auserlesen. Eine, viel Morgen Lands fassende Wiese, auf welche der noch
fliessende Bach etliche Tage lang ausgetreten war, und dieses, einen halben
Schuh tiefe Wasser zu einem festen, glatten Spiegel gefroren; - das ganze Stück
auf zwei Seiten mit Weiden besetzt, die dritte, eine weite Aussicht, wo
verschiedne Gärten und Lustäuser stehen, - und oben an der Ecke, die uns am
nähsten war, ein Busch Ulmen, hinter denen ein schöner Bauerhof, mit seinem
neuen Ziegeldach, die Scene um so viel einnehmender machte. Der Himmel heiter,
nicht der geringste Wind und für Jennortage Sonne genug. - Bei den kühnen
Schlittschuhläufern waren die Söhne der angesehensten Familien, junge Engländer,
Offiziere - und einer der seltensten und vortreflichsten Köpfe Deutschlands;
alle in kurzen Pelzröcken, und runden, ihnen recht passenden Kappenhüten. -
Mich freute es innig, das jugendliche Feuer so vieler schönen Leute, so munter,
in tausendfachen Wendungen in dem Reiche des Frosts herum treiben zu sehen. Es
schien mir ein edler und schuldloser Genuss ihrer Kräfte, Ihres Muts und ihrer
Geschicklichkeit. - Cleberg stand hinter mir und horchte auf meine Bemerkungen.
Ich sagte ihm, es dünke mich, sogar charakteristischen Unterschied in dieser
Belustigung zu sehen; - er solle den Blick und die Haltung des Leibes von
Werter beobachten, wenn er den Schritt über die ganze Fläche anfing. - Ein
Engländer hatte sich abgesondert und nahm seine Bahn, oben queer über, da er
Phantasiereiche Gänge und Zirkel beschrieb. - »Diesen, sagte Cleberg, will ich
in der Nähe betrachten« - und verliess mich. Einige Minuten nachher schlüpfte
eine edle Gestalt in einem nett zugeknöpften, weissen Rock, mit schwarzem
Pelzwerk bebrämt, und einer gleichen Pelzkappe, an unsern Tischgen vorbei, die
ich nicht im Gesicht erblickte, sondern aus der Kleidung für einen neuen
Mitspieler ansah. - Er lief ein paarmal an dem einsamen Engländer hin und her,
sprach mit ihm, dann umarmten sie sich lebhaft und fingen einen Wettlauf gegen
die Andern an, die schon ein Stück Wegs voraus hatten. - Der weisse Rock übertraf
die Meisten und liess den Britten weit zurück, kam ihm wieder entgegen, ergriff
seine Hand und war Augenblicks darauf mit ihm vor mir. - Und dieser so schön
sich hervortuende weisse Rock war - Cleberg selbst. Er musste meine Freude und
Beifall mit meinem Staunen vereinigt sehen - und schien sehr vergnügt darüber;
stellte mir seinen englischen Freund vor und ermunterte mich, englisch zu
sprechen. - Von Zeit zu Zeit kamen auch die andern und nahmen etwas Essen, und
auch vielleicht einige gütig belohnende Blicke von den artigen Frauenzimmern die
da waren. --
    Dieser Morgen war mir sehr schön. -- Cleberg ging mit mir zurück, ass mit
uns, bat mich um eine Unterhaltung in welcher er mir viele alte und neue Liebe
versicherte - und mir die Ursach meines Uebelwerden auf den Knien dankte und
abbat; - zugleich aber seine neue Abreise auf den nehmlichen Abend anzeigte, -
weil er zwanzig Meilen von da wieder zum Gesandten treffen musste. - Aber bald,
wenn mein Herz es gut hiesse, würde er, nach Anordnung unsers Obeims, auf immer
als der glücklichste Mann um mich sein; - und bis dortin auch nicht einen Blick
auf eine andre Seele heften. - Mariane! Ihren Seegen.
 
                           Acht und siebzigster Brief
                             Rosalia an Mariane S**
Nun ist mein Schicksal festgesetzt. Cleberg bekommt durch Verwendung meines
Oheims eine angesehne Stelle in dieser Gegend und diese Stadt wird mein
Aufentalt. - O, wie weit von Ihnen, meine edle Liebe! - Wenn nur, - ach, wenn.
- Aber, zu was sind sie gut - die Wenns? sagt Madame G** - Zum voraus machen sie
Angst und Zweifel; und nach geschehner Sache, Kummer und Unmut. - Würklich hat
auch mein Oheim schon auf zehn Jahr zwei Stockwerke und den Garten, nebst halben
Hof eines schönen Hauses gemietet, in eben der Strasse, wo Julie - und Frau G**
wohnen. Nun will er vieles darin bauen und auch den Garten neu anlegen und ich
soll mich bis künftiges Frühjahr mit der Einrichtung beschäftigen. - Sie sehen,
wie viele Liebe hier für mich waltet und ich habe auch in einem glücklichen
Augenblick die Abänderung des Testaments erhalten, wie ich schon so lang
wünschte, weil es mich eben so sehr schmerzte, sein ganzes Vermögen zu erhalten,
als es meine ärmere Verwandte quälen musste, ohne Hoffnung zu sein. --
    Es war ein schöner Augenblick meines Lebens, da mir mein Oheim den
geschlossenen Vertrag der Miete wies, die um so viel sicherer war, weil er eine
drückende Schuld des Eigentümers bezahlte die den Belauf des Mietzinsen auf
die zehn Jahre beträgt. - Daneben zeigte er mir alle Verabredungen mit dem
Mauer- und Schreinermeister von den Verbesserungen meines Hauses; und nichts von
dem, was ich gewünscht hatte, war vergessen. Mein Herz überfloss in Danksagung
für seine Güte, und das seine ergoss sich in Freude über die Aussicht auf meine
Glückseligkeit, die er nun recht gründen wollte. - Es war grade nach dem
Frühstück, da ich neben ihm sass und er mir auf dem Tisch, nach weggenommenen
Teezeug, die Risse des Hauses vorlegte und die Abänderungen alle sagte. Ich
hatte schon einigemal seine Hände geküsst; und das Bild der Verzweiflung des
Ueberrests seiner ausgeschlossenen Familie drang immer näher an meine Seele, so,
dass es endlich in meinen geänderten und kämpfenden Gesichtszügen sichtbar wurde.
Er kam in Unruhe. - »Rosalia, Ist Dir nicht wohl?« -
    »O, ja; - aber mein Herz ist zu voll Glück und Kummer.« --
    »Voll Glück und Kummer!« - rief er mit Staunen. »Hast Du was gegen Deine
Heirat mit Cleberg?« --
    »Nein, mein lieber Oheim!« sagt ich, indem ich, an seiner Hand hin, neben
ihm kniete - »nichts gegen Cleberg, - aber gegen Ihr Testament.« -
    »Mein Testament! - wo Du all meine Liebe siebst!« -- »Gewiss seh ich darin
alle unbegränzte Liebe für mich; - aber auch das eben so grosse Leiden der N**
und A**. Lassen Sie mich mit der Hälfte glücklich sein und teilen Sie die andre
unter die Kinder beider Häuser. Diese sind ja doch an Allem unschuldig, was ihre
Eltern mögen getan haben. - Mein lieber, grossmütiger Oheim, erhören Sie mich!«
-
    Ich hielt eine seiner Hände an meinen Mund, mein einer Arm war um den
seinigen geschlungen, mit dem er den Kopf auf den Tisch stüzte. Er betrachtete
mich starr. Ich sah an ihm mit flehender Miene hinauf. Lange redte er nicht. -
Endlich sagte er trocken: »Rosalia! ich ändre nichts. - Du kannst ja, wenn ich
todt bin, selbst alles verschenken, oder die Hälfte, wie du willst.« --
    »Und Sie, meinen Oheim, - Sie! soll ich nicht segnen hören! - nur weinen und
seufzen, wenn Ihres Namens gedacht wird! - O, lassen Sie Ihr Andenken Allen
heilig werden, die nur einen Tropfen Bluts mit Ihrer edlen Mutter teilen.« -
Mariane! - Hier bei diesem Namen kont er nicht unbewegt bleiben. Er druckte mit
den Hand, die seinen Kopf stützte, seine Augen zu, und blieb einige Zeit in
dieser Stellung. - Aber ich bemerkte an dem Heben seiner Brust das Zurückhalten
der Tränen. - Er fasste sich wieder mich zu fragen, ob mir jemals von einer der
beiden Familien, seit er mein Vormund wäre, Liebe erzeigr worden sei? Ob sie
mich um Fürbitte bei ihm ersucht hätten?
    »Mein lieber Oheim! Sie hatten ja immer so viel Güte für mich, dass mir kein
andrer Mensch, nichts Liebes mehr erweisen konnte. Aber gebeten bin ich nicht
worden; ich hält es Ihnen sonst gesagt.« --
    »Wenn Du wüsstest, was ich weiss! - denke nur, dass meine Abneigung nicht ohne
Grund ist.« --
    »Ich glaube es, mein ehrwürdiger Oheim, und bitte deswegen um Grossmut.« - -
    Er druckte meine Hand und küsste meine Stirne freundlich, aber ernstlich
denkend, und sagte mir, ich möchte jetzt in mein Zimmer gehen; - hob mich auf
und ich sprach ihm nur noch mit ein Paar Blicken. Eine halbe Stunde, eh wir zum
Mittagessen gingen, kam er in mein Zimmer. Ich fand sein offnes Gesicht noch
voll Spuren einer vergangnen Gemütsbewegung, stand gleich auf und fragte, ob es
denn schon Ein Uhr wäre? --
    »Nein! Aber ich will deine Lust zum Essen vermehren, indem ich Dir die
Versicherung gebe, dass mein Testament zum Besten der N.** und A** verändert
werden soll; wenn Du auch deinem Cleberg davon Nachricht geben willst.« --
    Ich segnete und dankte ihm von ganzem Herzen für diesen Endschluss. --
    »Gott segne Dich, meine Tochter! Tochter des würdigsten Weibes und der
besten Schwester! Du sollst doch auch wissen, dass es mir selbst wohl tut, dass
ich Deiner Bitte nachgab. Sie batten mich sehr beleidigt und ich einen langen
Widerwillen.« - -
    »Aber bester Oheim! wenn der edle Gute nicht grossmütig ist, - wer soll es
denn sein!« - -
    »Sei ruhig, Rosalia! Ich werde Deine Bitten und Deine Hoffnungen nicht
täuschen; und Gott wird es an Deinen Kindern lohnen, was Du mich an den Kindern
Deiner und meiner feindseligen Verwandten tun machst.«
    Ich konnte nicht reden; aber tausendmal seine Hände küssen und an meine
Brust drucken. Er umarmte mich. - »Nun weine nicht mehr und lass mich Dein
Gesicht auf immer heiter sehen.« --
    Das versprach ich ihm recht gern, und halte auch Wort und er begegnet mir
mit doppelter Zärtlichkeit. - Ach, Mariane! Sie, Sie allein unter Vielen, können
meine innige Freude und Glück begreifen die ich über den Verlust dieses halben
Erbes empfinde. - An Cleberg hab ich darüber nach meinem besten Empfinden
geschrieben und rechne auf seine Edelmütigkeit.
                      Drei Wochen nach diesen Blättern. -
Ich war in der Tat lange nicht wohl genug, um diesen Brief zu enden. Deswegen
bekamen Sie nur einige Zettelchen durch meinen Oheim; - und hingegen heut wieder
neue Nachricht von des teuren Mannes Güte für mich. Er hatte einige Zeit immer
etwas mit Madame G** und Otten zu lispeln. Als ich wieder ganz wohl war, sah ich
zwei Tage meistens nur Julien um mich. Den letzten Abend bat sie mich, mit ihr
zu einer kleinen Musik zu fahren. Ich fragte meinen Oheim, ob er es zufrieden
sei? - »Ja, wenn es Recht wäre, ginge ich selbst mit.« - Da lief ich in mein
Zimmer zurück, es Julien zu sagen. - »Ganz gern,« sagte sie. »Der Wagen ist so
mit vier Sitzen.« - Es war sieben Uhr und also schon dunkel. Wir fuhren in eine
enge Strasse, stiegen an einer sehr kleinen Tür aus und kamen durch einen
schmalen, aber kurzen Gang, an eine Wendeltreppe, wo nur eine Person gehen
konnte. Und da wir nur Ein Licht vor uns hatten, und für unsre Kleider sorgten,
schaute ich weiter nicht viel um mich; - hörte endlich gute Musik. -- Otte kam
uns am Ende der Treppe entgegen - und zwei Lichter, die ein Kerl trug. Sie
lachten sich Alle so geheimnisvoll zu, dass ich nicht wusste, was ich denken
sollte und endlich einen Augenblick vermutete, Cleberg sei irgendwo zu einer
Ueberraschung bestellt. Endlich gings in ein Zimmer das ganz neu ausgemacht
schien, aber völlig leer war. Von da öffnete man eine Doppeltür, in den Saal,
wo die Musik war. Ein geräumiges ovales Zimmer auf zwei Seiten einander
gegenüber zwei Fenster. In den vier Ecken schöne, weisse Schränke, mit schmalen
goldenen Zieraten und darauf schöne weisse Vasen. An jeder Wand neben den
Schränken zwei Doppeltüren, und zwischen den zwei Türen eine Reihe schöner
Stühle mit gelb und weissen Plüsch; so wie auch die Wandstücke in der gelben
Schattirung gemalte chinesische Landschaften vorstellten. In der Mitte des Saals
hing ein schöner Kronleuchter; an den Fensterpfeilern grosse Spiegel, und
Marmortische darunter. - Dies war alles recht sehr schön und gefiel mir, noch
mehr aber der artige Gedanke eines jungen Manns von rechtschaffenem Charakter
und erfinderischen Kopf, der als Seeretair bei einem edlen Hause in der
Nachbarschaft sieht - und erst zu Verschönerung der Zimmer seines Grafen, dann
auch zum Vorteil des armen Töpfers, einen ganz neuen Ofen erdachte, der zuerst
in dem Speisezimmer erschien, in welchem eine Ecke den Schenktisch fasste, der
unten einen Schrank auf drei Füssen hatte, auf diesem eine grosse zinnerne Platte
für die Bouteillen und Gläser, über dieser noch ein Aufsatz mit zwei Türen,
worin Gläser verwahrt werden. Dies alles war weiss gemalt und die Leistgen
vergoldet. - Da macht er ein Model von Kartenpapier, teilt die Stücke ein,
spricht mit dem Töpfer und gibt dem Manne so deutliche und so
menschenfreundliche Beweise von der Tunlichkeit, den Ofen zu machen, und das
nur im rauhen. Endlich geräts; er wird aufgeführt und weiss übertüncht. Anstatt
der Zinnplatte des Schenktisches, ein stark verzinntes Eisenblech hingelegt, auf
dem die Teller gewärmt werden und das Zimmer ein zierliches Ansehen mehr erhält.
Denn der untere Schrank macht den Ofen, und die zwei auf ihm ruhenden Füsse, die
den obern tragen, machen die Rauchröhren aus; - und der Töpfer kann nun für
mehrere Personen dergleichen Oefen machen. Denn da die Glasur das teuerste und
beschwerlichste ist, bei dieser Art aber wegbleibt: so kann sie der Mann eher
machen und Andre leichter kaufen. - Mit dem Vergolden solls ihm schwer geworden
sein, weil die gewöhnliche Behandlung davon, bei der Heizung des Ofens absprang.
Da geriet er endlich auf die Mischung von Honig und Eyweiss, womit er die
Leistgen und Zierraten bestrich und dann das Goldblätchen auflegte; und das
hielt Probe. - - Ich bin sehr weitläufig darüber gewesen; aber Erfindsamkeit
freut mich und besonders wenn sie Nutzen, Zierde und Sparsamkeit mit einander
verbindet -- Mein Oheim, der in dem edlen Hause bekannt ist, hat diesen Ofen
durch hiesige Töpfer nachmachen lassen und zwei stehen in dem Saal, den ich
Ihnen würklich beschrieb. Die zwei andern Schränke, sind für Glaswerk und
Porcelan. - Als ich mich in dem Zimmer umgesehn hatte, kamen aus einer Tür all
meine wertesten Freunde und Bekannte, Herr von C** seine Frau. Herr und Madame
G**, ihr vortreflicher Bruder F**, sogar Kahnberg und seine Liebe - Sie können
nicht glauben, wie gross mein Staunen und meine Rührung war. Die Musik dauerte
bis halb neun Uhr. - Da spielte Kahnberg allein auf dem Klavier und eine artige
Base seiner Frau sang dazu. Wir standen alle um sie herum. - Indessen wurden
durch die zwei untern Doppeltüren vier längliche Tische, schon gedeckt und mit
Speisen besetzt, hereingetragen und neben einander gestellt, so dass in wenigen
Minuten eine Tafel für uns alle bereit war und wir uns, so bald die Stühle
standen, zum Essen setzten. Otte und Frau G** machten die Hauswirte. - Ich sass
zwischen Kahnberg und meinem Oheim. Wir speissten aus einem nicht kostbaren, aber
artigen Porcelan, auch weiss und gelb. Alles schien, nun sonderbar. -- Als das
Confect kam, brachte man meinem Oheim einen Pokal und er fing die Gesundheit der
Eigentümerinn des Hauses an, - Alles trank mit. Wie ich mein Glas Wasser
ergriff, nahm er meine Hand. -- »Halt, Rosalia! Du darfst erst nach uns
trinken.« - Ich sah um mich und nach ihm. - »Nun, meine Liebe, trink denn; Du
bist die Eigentümerinn. Ich habe das Haus für Dich erkauft. Gott gebe Dir
lauter glückliche Tage darinnen und Freunde dabei, wie diese hier!« --
    Sie riefen alle Amen! und Glück! und Freude! - Ich brach in Tränen aus und
hielt die Hand meines Oheims. Er küsste mich. »Sag mir nichts Gutes, Mädchen, als
dass Du zufrieden bist; sonst erzähle ich unsern Freunden die Geschichte der N**
und A** - und des Testaments.« --
    »O, das tun Sie nicht. - Ich will schweigen. Sie kennen das Herz doch, das
durch Ihre Güte gebildet wurde, so wie es durch Sie glücklich gemacht wird.« --
    Nun trank mein Oheim die Gesundheit der Frau G**, da sie sich so viele Mühe
mit Veranstaltung des Essens gegeben; wie auch des Herrn Otte, mit der Musik. -
Julie machte es auch recht schön, mit dem Blenden und Einladen. - Er empfahl
mich dann Allen zu ihrer dauernden Freundschaft und man erzählte mir die
Geschichte des Hauses. Es ist das nehmliche, so mein Oheim gemietet hatte.
Aber, seit meiner Krankheit kam es ganz zu Kauf; und da wollte er meine Genesung
darin feiern und damit ich es nicht gleich erkennen sollte, wurde ich durch die
Seitentür eingeführt. - Der übrige Abend wurde ganz herrlich verlebt. Kahnberg
und seine Frau reisten aber um zehn Uhr noch zurück auf ihr Gut; - hingegen
Herr C** und seine Frau blieben bei uns. Ich wäre beinah wieder krank geworden,
so sehr hatte mich der Auftritt erschüttert. Mein Oheim sagte mir: »Ich habe
mein Testament geändert: aber was ich Dir in meinem Leben gebe, must du
behalten.« --
    Ich durfte nichts sagen und befriedigte mich um so mehr, als ich wusste, dass
er selbst eine reiche Erbschaft getan hatte. -- Der Kreis meiner Bekannten
vermehrt sich und dieses freut mich nur halb. Ich werde mich auch mit Vertrauen
nur an die halten, die mein Haus einweihen hälfen. - Wir redten gestern Abend
davon und ich sagte, dass ich neue Freundschaft machen, ansähe, als pflanze man
Bäume, unter deren Schatten man einst, in erlebten Tagen, noch ruhige und
glückliche Stunden hinzubringen hoffe; und setzte hinzu, ich könnte mir hier
eine ganze Allee ziehen. -
    »Sehen Sie zu, Rosalia,« fiel Frau G** ein, »ob nicht Körner von des Jonas
Kürbis darunter sind, die sehr schnell und schön fortkommen, aber auch durch den
Wurmstich einer Kleinigkeit zu Grunde gehen.« --
    Man fand dies Gleichniss so treffend und brachte so viel Beweise dafür, dass
es uns schauerte und ich endlich sagte: »Ich will keine Allee! - Der Himmel
erhalte mir nur den schönen Busch, der heute in meinem Saal um mich blüte; so
bin ich glücklich genug.« --
    Und das ist wahr. Ich habe Freunde genug; Bekannte werd ich überflüssig
bekommen, denn Cleberg will allen Fremden, die von den Orten sind, wo er sich
aufhielt, sein Haus und Gesellschaft widmen; wie er mir in F** sagte, dass er
allen Familien, wo er Ehre genossen, seine Dienste und Gefälligkeit dagegen
anbieten würde; -- und aus diesem Grunde ist mir auch mein artiges Haus recht
lieb. --
    Mariane! teure, unschätzbare Freundin! in vierzehn Tagen reise ich mit
meinem Oheim nach meiner Vaterstadt und zu Ihnen. Begreifen Sie mein Glück und
meine Freude, - zu Ihnen! - Ach, Gott! ich bin zu - zu glücklich. - Aber ich muss
ja wieder zurück, und Sie zurücklassen. - So ist des Guten lange nicht so viel,
als des Schlimmen. - Indessen mehr Wohl, als ich lange nicht hoffte. -- Adieu.
Schicken Sie mir doch, mit dem ersten Postwagen das Pack aller meiner Briefe an
Sie. Ich will sie die van Guden, sammt den Ihrigen, während meiner Abwesenheit,
lesen lassen. -- Es dünkt mich, dass sie gegen den Winter Zeitvertreib nötig
haben wird. -
 
                           Neun und siebzigster Brief
                            Rosalia an Mariane S**.
Ich muss noch einen grossen Brief vor meiner Abreise an Sie schreiben, über einen
neuen gesellschaftlichen Zirkel, der mir Glückseligkeit verspricht. Denn für
mich, wissen Sie, ist grosse Anzahl Menschen und lärmende Unterhauungen nicht
Vergnügen, sondern Last gewesen.
    Man sieht mich, seit dem Kauf einest Hauses und der Bestimmung meines
Bräutigams, als eingebohrn an; und ich wurde, nach der Gewohnheit dieser Stadt,
bei allen benachbarten Familien meines Hauses und meines Standes zum Besuch
geführt worunter drei etwas ältliche, unverbeiratete Frauenzimmer waren. Keine
Seele hatte mir je von ihnen etwas gesagt, und ich war daher um so viel
betroffener, sie zu finden. - Man muss durch einen Hof gehen, eh man in ihr Haus
kommt, denn sie wohnen zur Miete bei einem reichen Mann, der fünf Wohnungen
umher baute, wovon zwei auf die Hauptstrasse, links und rechts des Tors gehen;
zwei in den Hof von jeder Seite der erstern; und dann die von ihm und den drei
Frauenzimmern. - Diese scheidet der Eingang in den Garten der sehr schön ist, in
welchem der Saal, wo sie ihre Besuche empfangen, die Aussicht und einen Gang
hat. - Das Zimmer ist sehr artig mit Tapetenstreifen geziert, welche die
Grossmutter auf weissem Grund genäht hat. Streifen von gelben Halbdamast, oder
Brocadel sind dazwischen gesezt. - Die Stühle, ein grosses Ruhbett und alt
geformtes Canape sind von ihrer eignen Arbeit, an welcher die Zweite immerfort
ämsig sitzt, aber niemals an einer Unterredung Anteil nimmt, weil sie vor
vielen Jahren von einer Melancholie befallen wurde, wovon sie niemals den Grund
augab und erst lang immer für sich allein war; endlich aber ihren Schwestern
darin nachfolgte, im grossen Zimmer zu sein, weil die Dritte bei dem Tode der
Eltern noch zu jung und zu hübsch war, um sie allein bei Besuchen zu lassen,
wenn die Aelteste, die das Hauswesen besorgt, nicht da sein konnte. - Diese ist
von einem äusserst aufgeräumten Geist, dabei voller Mut und Laune. Die Jüngste
ist artig, sanft und eine köstliche Vorleserinn; - Alle vortreflich erzogen. -
Die Zweite ist am besten gestaltet, bat ein ovales aber sehr blasses Gesicht,
worin das schönste schwarze Auge einen langsamen durchdringenden Blick, und
höchst selten ihr feiner Mund eine Art krankes Lächeln zeigt. - Sie trägt immer
Kleider von violet Farbe, ein weisses grosses Halstuch und eine schwarze Kappe und
Schürze. Nichts netteres kann man sehen, als ihren Anzug. Neben ihrem Ramen, der
seinen Platz in der obern Ecke des Saals am Fenster hat, steht ein kleines
Tischgen mit dem Keficht eines Blutfinken, den sie liebt, und ihn manchmal, wenn
er eine Zeitlang die Hälfte eines ganz einfachen Liedchens gepfiffen hat, mit
trauriger Miene betrachtet, auch heraus nimmt, ihn mit einer rührenden
Zärtlichkeit, auf einen ihrer Finger setzt und mit der andern Hand streichelt.
Zwei dunkelrote Nelkenstöcke stehn am Fenster, auch von ihr gezogen und
gepflegt. Zwischen diesen einer mit Maasslieben; die besorgt sie Abends, wenn es
dämmert, mit einem Ausdruck in ihrem Gesicht, den ich nicht beschreiben kann.
Aber gewiss, es ist, als ob sie diesen Blumen und dem Vogel alles sagte, was sie
Menschen nicht sagen mag, - so voll Bedeutung sind all ihre Züge, ihr Dastehen,
die Bewegung ihres Kopfs, der Arme und Finger, wenn sie nach den Blätgen sieht,
an den Nelken riecht, oder die Erde etwas lockert. Abends, wenn Licht nötig
ist, leget sie ihre Wolle und Nähzeug zusammen, deckt ihren Rahmen zu, nimmt den
Keficht, macht mit dem besten Anstand eine Verbeugung, und geht durch die Türe,
die gleich neben ihrem Platz ist, in ihr Schlafzimmer, wo sie lauter ernstafte
Bücher list. - So lebt sie schon zwanzig Jahre von ein und vierzigen, die sie
alt ist, hatte immer das beste Herz und einst viel Feuer. Sie arbeitet sehr
schön und unglaublich viel, da sie durch nichts zerstreut wird und alle Tage
wenigstens acht Stunden fleissig näht. Und da sie nun lauter Muster nach heutigem
Geschmack nimmt, so verkauft sie es auch sehr gut und sammlet das Geld für sich.
Sie zog beinah all meine Aufmerksamkeit auf sich und erinnerte mich an
Henrietten von Essen. - Die Aelteste ist etwas klein, und wie man hier sagt,
untersetzt; aber lauter Tätigkeit, Güte, Einsicht und Kenntnisse von Sachen und
Menschen; sagt immer, was sie denkt und beweist nebst ihrer jüngern Schwester,
wie schätzbar unverheiratetes Frauenzimmer für die Gesellschaft werden kann,
wenn sie in ihren blühenden Jahren das Zeugnis der Tugend und in ihren erlebten
Tagen den Ruf der Klugheit und einen angenehmen Umgang haben. - Sie sind nicht
reich, haben nach dem Tod ihrer Eltern alles zu Gelde gemacht, und nur die
Einrichtung des grossen Saals und das Nötige für die Küche und ihre Schlafzimmer
behalten. Eine alte, treue Magd kauft ein, kocht, und isst mit ihnen. eben so wie
sie selbst; denn niemals geben sie Andern zu essen. Aber alle Tage findet man
bald grosse, bald kleine Gesellschaft bei ihnen. - Ihre Eltern waren rechtschafne
Leute deren Bekannte noch den Töchtern Freundschaft fort bewiesen, und ihre
Kinder auch zu ihnen führten. - Die jungen Leute, welche da Munterkeit, Güte,
und Gefälligkeit, - die Eltern aber Vernunft mit wahrer Tugend und Freundschaft
antrafen, gewöhnten sich beide hin. - Sie helfen zu der Erziehung; denn oft
bitten Väter und Mütter eine von den Schwestern den jungen Leuten diese oder
jene Ermahnung zu geben. - Es steht ein Klavier im Saal, - eine Violine und
Bassetchen ist auch da. Keine versteht Musik; aber wenn jemand hinkommt, der sich
damit unterhalten will so hat er gleich alles. - Oft tanzen und singen Söhne und
Töchter, während die Eltern sich mit reden unterhalten, oder im Brettspielen. -
Ein kleines Billiard und Volaute sind auch da Wochenschriften, Gedichte, der
französische Merkur, Varrentraps Handbuch, ein öconomisches und historisches
Wörterbuch. Tissots Anleitung für das Landvolk, und eine Götterlehre der Alten
sind in einem offenen Eckichrang beisammen - und dieses gibt immer dem Stoff
der Unterhaltung ein neues Leben. - Man bat den ganzen Nachmittag Freiheit, zu
kommen und zu gehen, wie man will. - Immer findet man vernünftige und
rechtschaffene Leute da. Der Hausherr und seine Frau sind es recht sehr. Diese
haben den Hauszins vermindert, um die schätzbaren Personen bei sich zu behalten.
- Vorzügliche Männer kommen hin, - oft erst nachdem sie zu Nacht gespeist und
bleiben bis zehn Uhr. Die zwei Schwestern empfingen mich sehr höflich und
nannten mich neue Nachbarinn. - Aber immer, während die Eine mit mir sprach,
horchte und beobachtete die Andre. Die Aeltere sagte mir:
    »Madame G**, hat Ihnen gewiss Gutes von uns gesagt; - wie wir von Ihnen
gehört haben. Ich weiss, setzte sie munter hinzu, - dass Sie viele Freude an
Bildern von römischen und griechischen Altertümern haben. - Lassen Sie sich das
Altdeutsche Ihrer guten Nachbarinnen auch gefallen. Sie werden unsre Gemüter
und unsre Gedanken sehen, wie die Stiche da, in meinem Grossvaterstuhl. - Viel
Dienste kann ich Ihnen nicht anbieten, ausser den, Ihnen zu sagen, was gescheute
Leute an Ihnen loben und tadeln. - Dies ist recht nützlich, mein Schatz, von
ehrliebenden Menschen zu hören; besser als von kleinen Gezeug, das um Sie herum
kriechen wird, so bald man Sie in Ansehen und Wohlstand erblickt. - Hüten Sie
sich immer vor Kriechern; sie haben alle was Ungezieferartiges an sich und
bringen was Kleines an, weil sie die Lücken und Ritzen der Schwachheiten des
Charakters aufsuchen und zu finden wissen und dort ihre Schmeicheleien,
Erzählungen und Angaben hinlegen, wie Insekten ihre Brut; wodurch oft das
herrlichste Geschöpf, wie schönes Geräte besudelt, verdorben und unbrauchbar
gemacht wird. - Verzeihen Sie; - aber Sie gefallen mir und ich musste das
Nötigste gleich sagen.« --
    Der Ton, mit dem sie sprach, gefiel mir ungemein. Es ist in der Tat
glücklich, eine redliche und vernünftige Person auf seiner Seite zu haben, die
uns von unserm Guten und unsern Fehlern Nachricht gibt. Ich will auch die
elende, verkehrte Eigenliebe nicht haben, die sogleich aufgebracht ist, wenn man
nur von ferne etwas von einer Unvollkommenheit mit uns spricht. - Ich dankte
meiner würdigen Nachbarin für ihre Warnung vor den Kriechern und bat sie, Wort
zu halten und mich treulich von Allem zu unterrichten, was mich anginge, - sie
versprach es mir freundlich, - um so mehr, sagte sie, - »da ich ja ungebeten
davon angefangen habe. Ich geh immer meinen gewohnten Gang gerade fort. Ich habe
freilich Einigen durch die Anzeige ihrer Versehen missfallen: auch deswegen, weil
ich die Leute nicht nannte, die mir davon gesagt hatten. Ich merkte da wohl, dass
sie begieriger waren, sich an ihren Tadlern zu rächen, als sich zu bessern. Da
sagte ich den jungen Leuten, dass ich dieses in ihrem Gemüt sähe; es wäre
unbillig und unvernünftig; denn von ihrem Sprach- und Tanzmeister nähmen sie
Erinnerungen an, und von einer Freundinn nicht. Den ältern Personen weise ich
ein erstauntes Gesicht über den Wahn von Vollkommenheit und dass Jahre und
Erfahrung ihnen weder den Wert der Freundschaft, noch der Wahrheit gelehrt
haben. - Sind sie bös und bleiben weg: so bedaure ich sie. - Aber die Meisten
sind wieder gekommen und scheinen mit mir zufrieden.«
    Nachdem fragte sie mich, was ich wohl bei dem Eintritt in ihr Zimmer von den
alten Zierräten und alten Gesichtern gedacht hätte? --
    »Es ist mir ungewöhnlich, aber nicht unangenehm und nicht geringschätzig
gewesen.« --
    »Das ist gut,« sagte sie. - »Ich dachte, nach ihrem Gesicht und ihrer
Kleidung, dass eine verständige Gutartigkeit in Ihnen sei.« -
    »Ich bin froh, dass dies in meinem Gesicht steht. - Aber dass meine Kleidung
davon zeugte, kann ich nicht denken.« --
    »O, Kleider sind redender, als wir glauben. Sie haben viel Einfluss auf
unsern Charakter und zeigen eine Hauptseite von ihm an. Der Grundzug unsrer
Seele geht durch alles, färbt alles, - nicht nur die Liebe, den Hass, Zorn,
Freude und Traurigkeit; - nein, auch unsern Geschmack, Redensarten, alles. -
Sehn Sie meine melancholische Schwester. Sie hat sich von allem lossgemacht, was
auf andre Menschen würkt. Aber, da sie, vor dieser Aenderung ihres Gemüts, edel
und gut war: so ist sie es noch. Sehen Sie sie an, - ist ihr Anzug nicht redend?
und der Meinige? fuhr sie fort; - riefen nicht die Form meiner Haube, die Falten
meines Rocks Ihnen zu: da ist jemand, der sich nicht scheut, den Meinungen der
Andern gerad entgegen zu geben und immer gleich seine Gesinnungen zu zeigen, mit
so einfachem Wesen, wie die Leinwand an meinen Manschetten, und unbebrämt, wie
mein Rock.« --
    Ich versicherte sie, dass mir ihre Art recht wohl gefiele. Die Zeit würde sie
überzeugen.
    Die Gesellschaft war gross, In den Fenstern, die sehr niedrig sind, stehen
Bänke; da sitzen meist die jungen Frauenzimmer und arbeiten, weil sie zugleich
die Aussicht des Gartens geniessen, der aus lauter Alleen und Grasplätzen
besteht, in denen der Besitzer einen seltnen Gedanken zeigt, nehmlich alle Arten
von Blumen zerstreut hinein zu pflanzen und hingegen gewöhnliche Wiesenblumen,
in Beeten und Töpfen zu ziehen. Es ist in der Tat schön Hyacinten, Tulpen,
Nelken mitten im Grase zu sehen, und es reiset seit vier Jahren kein Fremder
durch, der nicht deswegen in den Garten kommt und begierig ist -- »den
närrischen Menschen zu sehen«, sagte der Hausherr, »der die Gärtnerart so
umkehrte. - Dann staunen sie, - mich mit gesunder Vernunft reden zu hören und
ich freue mich, einer anscheinenden Torheit das Vergnügen zu danken, viele
schätzbare Menschen mehr zu kennen und ihnen einen kleinen unschuldigen Spass in
dem Weg gelegt zu haben.« --
    Die ältere Jungfer Bogen, wie sie sich nennet, bemerkte einen kleinen Streit
unter den jungen Frauenzimmern und Herrn. -- Frau G** war auch darein gemengt. -
Wir näherten uns, und hörten, dass es über eine abwesende Schönheit sei; - und
Mannspersonen fragten, woher es komme, dass Frauenzimmer eine fremde Schöne mehr
lobten und besser von ihr sprächen, als von einer, die unter ihnen wohnte? --
»O, Jungfer Bogen!« - riefen die Mädchen: -- »Sie müssen den Knoten auflösen.«
    »Das ist leicht, meine Kinder. - Es ist die nehmliche Ursache, aus welcher
die Männer nur verstorbenen Gelehrten eine Lobrede halten.« - Da war Freude bei
dem Frauenzimmer und die Männer lächelten auch über den Ausspruch. - Der ganze
Nachmittag und Abend ging vergnügt vorüber. -
    Die Bogenschen Schwestern wollten niemals mehr, als die Anschaffung eines
Tee, Caffee, einer Limonade, oder eines Obstes bei sich erlauben, und sie haben
Recht. Bei ihrer einzigen Magd und erlebten Jahren wäre es zu unruhig - »und
dann,« sagte Carolina Bogen, »verlöhr ich den grössten Wert meines Hauses,
worinn junge Leute lernen sollen, oft ohne Essen und Naschen, bloss durch
nützliche, muntre Gespräche und anständigen Zeitvertreib, einige glückliche
Stunden hinzubringen. -- Was anderswo geschieht, geht uns nichts an. - Aber bei
uns ändern wir nicht.« --
    Es wär auch Jammer und Schade, Mariane, denn die Zeit in diesem Saal geht
herrlich vorbei, und die Schwestern sind wir sehr ehrwürdig. - Wenn jemand Trost
braucht, Rat, und Gelegenheit einen Freund zu finden, eine Aussöhnung zu
veranstalten: so geht man zu Bogens. - Söhne und Töchter suchen ihre Vorsprache
bei den Eltern. Sie warnen die jungen Leute, machen sie ihre Pflichten lieben
und erhalten dabei in ihnen einen vaterländischen Geist und Sitte, das mich
etwas sehr Wohltätiges dünkt. Die Mädchen bleiben auch durch sie auf dem
Mittelwege der Moden und äffen nicht so gleich alles nach, sondern nur, was
ihnen recht wohl steht; - und das ist billig. Denn so lange wir keine
Nationaltracht haben, müssen wir wohl den Abänderungen folgen, die in der
französischen Kleidung, nicht allein von den Leichtsinn dieser Nation, sondern
auch von ihrer politischen Vorsorge für den Fortgang ihrer Fabriken herrührt. -
Mode - ist bei ihnen Grundlage des Wohls von vielen Tausenden geworden; Mode -
die Triebfeder zu Anstrengung des Geistes in tausendfachen Erfindungen und
Arbeiten; und noch, mein Schatz, dünkt es mich der Frage wert zu sein, ob man
nicht auch das Vergnügen mit berechnen soll, das so viele tausend Menschen
haben, nach der Mode gekleidet zu sein. - Kleider müssen wir haben. Wenn wir nun
mit dem Bedürfnis Freude verbinden können: warum sollen wir es nicht tun? - -
    Sehen Sie, das war ein Stück, so ich zur Unterredung lieferte und man war
damit zufrieden. Man tadelte nur die wenige Solidität, welche alle die schönen
Modesachen haben. Da kamen die Gedanken, dass artig und gründlich nicht zusammen
tauge - Aber artig und leicht, schön und gründlich, - dies Aussuchen und
Gegeneinanderhalten des Werts und der Schicklichkeit der Ausdrücke, nahm einen
guten Teil Zeit hin. - Man sprach noch von der Malerei, und die Franzosen
wurden auch des Leichtsinns beschuldigt, dass sie die Pastellgemählde so hoch
schätzten, die gar keine Dauer hätten. - Der Schade wäre aber auch leicht
ersetzt, sagte jemand, und es wäre zu wünschen, dass es noch mehr pastellartige
Sachen unter denen gäbe, die aus Bosheit, Eigensinn, Dumheit und Eigenliebe
verdorben und zu Grunde gerichtet würden, damit jedem Uebel durch eine
geschickte und leichte Hand bald abgeholfen werden könnte.
    »Nein, das wollt ich nicht,« sagte die Bogen, »da verlöre das Gute selbst
seine Natur der Dauer und Gründlichkeit und es fänden sich Leute, die sich Böses
und Schaden tun zum täglichen Spielwerk machten; das wäre ja noch ärger als
wenn eine heftige Leidenschaft uns dazu bringt, dem Nächsten zu schaden und ihn
zu betrüben; wobei man noch hoffen kann, es werde dem Menschen in seinem Leben
nicht mehr widerfahren, so weit zu gehen.« - -
    »Sie haben Recht,« fiel einer von den Männern ein. -- »Ich will lieber Einem
verzeihen, der mir in der Wut des Zorns einen Degenstich gibt, als dem, der
mich hundertmal mit Lächeln den näckenden Schmerz des Rizens mit einer Nadel
fühlen liesse. Der Erste ist ein bessrer Mensch, als der Lezte.«
    »Das ist wahr,« - sagte ein Dritter, »denn tausendmal wird Einer, der den
Degen gegen seinen Nächsten zog und ihn beschädigte, sich hinwerfen, Reue
fühlen, Jammer selbst leiden - bevor Derjenige es einmal bedauert, der mich
durch Zungenstiche, feiner, lächelnder Gedanken gekränkt, oder gar den Grund
meines Unglücks gelegt hat.« -- »Auch,« - wurde wieder gesagt, »vergibt man eher
dem, der uns hasst, als dem, der unser spottet.« --
    Madame G**, die immer die Lust und Geschicklichkeit hat, eine Unterredung,
wenn sie ihr zu ernstaft wird, ins Muntre zurück zu führen, fing an: »Da bin
ich Euch allen recht gram, dass Ihr von den Pastellgemählden auf alle die
fürchterlichen Ideen gekommen seid. - Ich hatte so was Artiges zu sagen; - und
nun muss ich es ungenuzt nach Hause tragen, und verliehr es vielleicht gar unter
Wegs.« - Nun waren wir alle mit Bitten da, sie möchte es noch sagen; wir wollten
es aufheben. - Es dauerte lange, eh sie heraus kam. - »Nun, ich denke, ein Teil
Frauenzimmer in Frankreich schützet die Pastellmahlerei, weil sie meistens
selbst lauter solche Gemählde vorstellen.« --
    Sagen Sie, Mariane, sind nicht die Tage, die man mit diesen Frauenzimmern
verlebt, glückliche, angenehme Tage? Ich will sie auch recht benutzen, -- so wie
Julie Otten es verspricht, wenn sie nun auch in ihrem neuen Hause, nicht weit
von dem Meinigen, wohnen wird. - Bin ich nicht ein gesegnetes Geschöpf, durch
die Bekanntschaft mit so viel guten Menschen? - Ich will auch, aus Dankbarkeit
gegen die Vorsicht, bemüht sein, eins von den besten Menschenkindern zu werden.
 
                                Achzigster Brief
                            Rosalia an Madame Guden.
Sie lieben edle Menschen - und tragen immer so viel bei, Glückliche zu machen,
dass ich gewiss bin, Ihr gutes Herz zu erfreuen, wenn ich Sie versichre, dass mirs
bei meinen alten Freunden und Bekanten wohl ergeht - und dass ich Ihnen danke,
meine Aufmerksamkeit auf das Gute so sehrverstärkt zu haben. - Madame G**, die
mit mir hier ist, sagt zwar, was man gern glaube, sehe man leicht; - und wünscht
mit einem gottlosen Mutwillen, dass irgend ein Zufall den Ton meines Herzens,
ins Argwönische stimmen möchte, und dass mein Kopf dadurch zu nichts als Kritiken
und Tadelsucht gebracht würde. - Das sollte ihr eine Lust sein, meine jetzige
lebhafte Empfindung für jedes geringste Gute, in einen immerwährenden Kampfe
gegen das Schlechte und Böse zu sehen. Sie denkt es würde ein ganz besonderer
Grad Witz und Rachdruck in meinem Tadel liegen, wenn er nach dem Verhältnis
meiner entzückten Redensarten bei dem Schönen, sich in Bitterkeit und
stachlichten Gedanken bei Hässlichen zeigte. - Sie sagte, ich würde erst darin
die Stärke meines Scharfsinns geniessen und kennen lernen. --
    Scharfsinn geniessen, in dem Tadel meiner Nebenmenschen! Ich will nicht! -
Lieber keinen Scharfsinn haben. Alles, was sie mir da noch sagte, fiel mir
schmerzlich und sie trieb mich bis zu einem Anfall von Unmut; wo sie dann
endlich mit offnen Armen gegen mich ging und mit Zärtlichkeit sagte: »Vergeben
Sie mir, Rosalia! Dies war die einzige Seite Ihres Charakters, die ich noch
nicht ganz kannte. - Ich habe Ihre Lieblingsideen angegriffen, um Sie böse zu
machen; weil ich erst kurz vor unsrer Abreise in einem Schriftsteller las, dass
man den Grund einer Seele nur in wichtigen Bewegungen der Eigenliebe ganz sehen
könne, und dass ganz allein bei diesen Erschütterungen, das Wahre, so in uns
liegt, an den Tag komme. - Edelmütigkeit liegt hier tief;« - sagte sie, indem
sie eine ihrer Hände auf mein Herz hielt, »ihre Wurzeln haben sich in alles
verbreitet. Bleiben Sie immer Entusiastinn, wie ich Sie so oft nennen hörte. Es
ist die beste Gattung Gespenster, die uns Menschen erscheinen können.« -
    Ich wurde sehr gerührt, diese Frau so sprechen zu hören; ob ich schon vorher
in hundert Gelegenheiten gefunden hatte, dass ihr anscheinendes rauhes Wesen
nicht aus Mangel wahrer Güte entstand, sondern aus zu grosser Lustigkeit, mit der
ein hoher Grad feinen Gefühls nicht in gleichen Schritt gehen kann. Ich wollte
Ihnen diesen Zug aus dem Charakter der Frau G** gleich schreiben, weil Sie doch
jetzo die Sammlung meiner Briefe, und der würdigsten Freundinn ihre, bei sich
haben, worin Madame G** oft vorkommt. -- Diese soll von Ihnen geschätzt werden,
wie sie es verdient.
    Und nun hören Sie mich auch etwas von den Ueberresten eines Schlosses
erzählen, an dessen Mauren ich einen seligen Tag hinbrachte.
    Mein Oheim, der als geschickter und rechtschaffner Rechtsgelehrter, und
durch seine Stelle, als fürstlicher Geheimer Rat, sehr bekannt und geschäzt
ist, wurde zu einer angesehnen adlichen Familie, auf ein Paar Tage auf das Land
geladen. - Er bat sich die Erlaubnis aus, mich mitzunehmen, und wag in seinem
Briefe mit vieler Liebe von mir gesprochen haben, denn ich wurde mit grösster
Güte aufgenommen. Unterwegs erzählte er mir die Eigenschaften der Personen die
ich da sehen würde - und setzte unter andern hinzu: »Ich würde mich sehr
betrügen, Rosalia, wenn die Eindrücke, welche dies Haus auf Dich machen wird,
nicht auf dein ganzes Leben dauern.« --
    Indem er meine Erwartungen so erregte, bemerkte ich, dass wir einen ganz
sonderbaren, für mich aber höchst angenehmen Weg reisten, der recht dazu gemacht
schien, alle Gedanken des Kopfs und alle Gefühle des Herzens, zusammen gedrängt
zu halten, um sie desto stärker sehen und empfinden zu lassen. - Man kommt erst
über einen hohen, unbewohnten Berg, von dem man lange nichts, als andre höhere
und niedere Berge sieht; denn er wird nur an seinem Abhang, gegen das Bad Ems,
fruchtbar und freundlich. - In dem Bade bedauerte ich die Gleichgültigkeit der
Eigentümer, dass sie so wenig für die Verschönerung und Zierde darin tun, -
wodurch doch um so viel mehr Menschen angezogen würden. Denn die Tugenden des
Wassers und die natürliche Lage sind ganz herrlich. - Von da wird der Weg immer
enger, zwischen einer Reihe von Bergen, die auf einer Seite Wein, und auf der
andern Waldung haben. Das sich ganz schmal durchziehende Tal teilt sich meist
unter kleinen Wiesen, einen Fluss und einem Fuhrweg - und so einsam, durch
begränzte Aussicht begleitet, kommt man nach N*** ff. Ich kann sagen, dass sich
mein Herz erhob, als ich das Dach dieses Wohnsitzes der edlen Gastfreiheit
erblickte; weil ich wusste, dass ich darin jede, den Nächsten glücklich machende
Tugend, antreffen würde.
    Gerechtigkeit, und Menschenfreundliche Unterstützung für die Untertanen,
Leutseligkeit, gegen Geringe, - Güte, Höflichkeit, und Freundschaft in ihrer
ganzen Würde, nach dem richtigen Maass des Verdiensts, mit der feinsten
Achtsamkeit an Alle ausgeteilt. - Ueberall Ordnung, schöner wahrer Geschmack,
mit einer grossen, und edlen Einfalt verbunden. - -
    Der Herr des Hauses, wahres Urbild eines Mannes von Ehre, Rechtschaffenheit
und Wohlwollen. - So, glaub ich, sah immer der erste Ahnherr aus, der einen so
reichen Schatz von Ruhm gesammlet hatte, dass seine Nachkömlinge, nach
Jahrhunderten noch ihren Anteil daran geniesen. --
    Die Dame zeigt in Allem die ganze Bedeutung des Ausdrucks und Werts der
edlen, würdigen Familienmutter. - Die Gestalt ihrer Person bezeichnet die grosse
richtige Bildung ihrer Seele. - Und wie stark Klugheit, beweisen dieses ihre
Unterredungen voll wahrer Menschenkenntnis und Gottesfurcht; ihr Anstand, der
Ton ihrer Gedanken, der Führung des Hauswesens und der Erziehung ihrer edlen,
verdienstvollen Kinder, welche in der Tat alle vortrefliche Eigenschaften des
männlichen und weiblichen Geschlechts unter sich verteilt haben. - Und um mich,
meine Teure van Guden, eines Ihrer Ausdrücke zu bedienen, so sind die
moralischen Vorzüge, die Eltern geben, und Kinder erwerben können, bei einem
jeden der Söhne und Töchter, in einer eignen Schattirung, und eigenen Form. Möge
doch der Ton der Seele dieser Familie sich bis auf die spätsten Enkel
fortpflanzen! - so werden wir immer Modelle und Beweis von Adel haben. -
    Mich dünkt aber dabei, - dass der Wohnplatz dieser edlen Familie durch seine,
von Andern abgesonderte Lage, ja selbst der tägliche Anblick der Ueberreste des
Stammhauses, vieles zu der Selbstständigkeit ihres Denkens und ihrer Handlungen
beigetragen hat; -- indem, da sie ihren Gang allein nahmen, das Anstossen,
Mitziehen und Reiben der Andern die Ausbildung ihrer eignen, edlen Form nicht
hinderte, und sie hingegen oft genug in Gesellschaft kamen, um durch die feine
Gefälligkeit, im Umgang das beliebte Aeusserliche zu erlangen; welches aber in
dieser Familie nichts anders ist, als die Glättung, welche die Hand eines
Phidias seinem Meisterbilde zulezt gibt. -- Ich wünschte Sie hier, meine
Freundinn. Sie würden sich gewiss mit einem Teil der grossen Welt versöhnt haben.
- - Umstände helfen zu Vielen und hindern auch viel. --
    Aber kommen Sie. - Wir fahren in einer grossen Gesellschaft über einen Fluss
und steigen auf einem sehr gemächlichen Weg den Berg hinauf, an dessen Hälfte
die Ruinen des Stammhauses stehen. Der schroffe Felsen, auf den es gebaut war,
macht noch einen Absatz grad über der Ecke des Bergs, die sich auf einer Seite
an dem Fluss, und auf der andern, an dem Ende eines einsamen Wiesentals
hinstrecket. Von dem alten Schloss an ist die Oberfläche des Bergs mit
tausendfachen Kräutern und Gesträuch bedeckt und die Dame hat viele hundert
Obstbäume da pflanzen lassen. Denn lange war da Alles öde und verwildert, bis
die tätige und empfindungsvolle Seele dieser Frau das fruchtbare Benutzen, und
die angenehme Aussicht mit Vergnügen geniessen machte. Unendlich schätzbar ist
mir der schöne, leutselige Gedanke, den sie hatte, allen ihren Hausgenossen
Anteil an der Umschaffung dieses Stücks ihrer Güter zu geben. Denn nicht nur
die Kinder, ihr Hofmeister, der Secretair des Herrn, sondern auch der
Hausmeister und alle Bediente, wurden eingeladen, sich einen Fleck auszusuchen
und nach ihrem Geschmack zu verschönern. Nur musste Alles in lebendem Grün
gemacht werden. Dieses war gewiss edle Herablassung und edles Mitteilen. Denn
wie süss mag Jedem von den Bedienten das Vertrauen in seinen guten Verstand, das
Hinsetzen, Pflanzen und Wachsen seiner Ideen, vermengt mit der Dame, mit der
jungen Herrschaft ihren, gewesen sein! Es kann auch keine klügere Art von
Erheben und Gleichstellen geben, als diese war; weil mich dünkt, dass bei
Arbeiten und Anpflanzung der Erde, wohl immer ein hoher Grad Vergnügen und
Zufriedenheit, aber niemals der Stolz und Übermut entstehen wird, die aus
Stadt- und Hofgewerben und Künsten entspringen. - Ich nehme mir würklich vor,
auf meine Gefühle Achtung zu geben, wenn ich von einem Spaziergang im Felde
wieder in die Hauptstrasse meiner Stadt zurück komme. Wären Sie nur mit mir in
R*** ff gewesen, und hätten all die freundlichen Laubhüttchen gesehen, zu denen
man bald einen kleinen Moossweg hinab geht, dann zu einem Andern einige
Grasstufen hinauf steigt; - Bänke von Moos an dem grossen Weg hin, von allerlei
Gesträuch beschattet; tausendfache Grasarten und Blümchen daneben; Erdbeeren,
die dazwischen herausgucken und die sie bei gemächlichen Dasitzen pflücken
können! Ich segnete die würdige Dame bei jedem Schritt, dass sie der Natur so
wenig Gewalt angetan hatte - und alle diese unzähligen Gras- und Straucharten
auf ihrem ursprünglichen Boden fort wachsen lässt. - Unmerklich kommt man höher
und findet Rosenlauben, Gebüsch, einzeln hohe Bäume, die gegen den Abhang des
Bergs stehen und ihre Zweige über den Weg hin wölben. Wenn man auf der Höhe ist,
so tritt man auf einen hübschen Raum mit Bänken besetzt. Dort nahm die ganze
Gesellschaft Platz und ergötzte sich an der Aussicht, über den Fluss, wo Berge
mit Wäldern, die kleine Stadt, und der schönste Wiesengrund ist. Ich sass gerade
gegen den Weg hin, und genoss also am ersten den artigen Anblick; da unter dem
grünen Gang her fünf sehr reinlich gekleidete Mägde mit weissen Schürzen, schöne
weisse Körbe auf dem Kopf, aus denen oben Blumensträusse heraus sahen, eine nach
der Andern herauf kamen und uns vorbei gingen. - Wir, eine Reihe auf
verschiedene Art hübsch gekleidetes Frauenzimmer, auf einem so ländlichen Platz;
der Auftritt dieser Mägde aus dem Laubgewölbe und dann das liebliche Staunen von
uns allen, da wir aufgerufen wurden, an der Felsenwand hinüber zu gehen und dort
einen schönen Rasenplatz, mit niedrigen Hecken und Bäumen auf beiden Seiten, und
in der Mitte davon einen, auf die niedlichste Art gedeckten Tisch antrafen, eine
neue Aussicht auf die linke Seite des Bergs gegen das einsame Tal hin hatten,
und von der andern den Fluss, und die Ergiessung eines Bachs in ihn, der durch
dieses Tal herunter kommt. Wir giengen hier zerstreut spazieren und vergnügten
uns an all den einfachen und schönen Abwechslungen An den Ruinen des Stammhauses
sind Rosenstöcke gepflanzt -- darüber sagte ein Geistvoller Mann: - - »Es dünke
ihn, den Grabhügel eines alten Edlen von Deutschland durch würdige Enkel mit
Blumen bestreut zu sehen.« --
    Reizend schien mir das seltene Talent einer jungen, liebenswürdigen Dame von
Hannover, die alle Kräuter, welche unter den Füssen, oder vor ihren Augen waren,
nach ihren Namen und Tugenden kannte, bald dieses, bald jenes pflückte und
zwischen jedem ihrer artigen Finger ein ander Blümchen oder Blätchen hielt, die
sie mit viel Anmut hin und her wand und die, wovon sie etwas zweifelte, mit
gleichem Vertrauen auf ihre Kenntnis und auf die Güte der Natur zerkaute und
dann auf Latein und Deutsch die Namen sagte. Es waren einige fremde Herrn und
zwei Söhne des Hauses da. Die Dame hatte das Abendessen in einer, in dem alten
Schloss zurecht gemachten Küche, zubereiten lassen. Aber die Bedienten zu ihrer
gesetzten Zeit nach Hause zu Tische geschickt. - Diese blieben etwas lang aus.
Die feine Sorgfalt dieser an alles denkenden Frau für einen sehr ehrwürdigen,
bejahrten Cavalier, dem die zu späte Abendluft schaden konnte, machte sie
unruhig wegen des verzögerten Auftragens der Speisen und sie fasste eine
allerliebste Idee, dem Hausmeister zu sagen, er möchte so viel Servietten aus
dem Tischkorb nehmen und der Küche zutragen. - Dann winkte sie den jüngern Herrn
mit einem freundlichen und bedeutenden Blick, ihr zu folgen, und auf einmal
kamen alle in einer Reihe nach ihr, und trugen mit einer vergnügten und höchst
anständigen Mine, die Schüsseln auf den Tisch, ruckten den Frauenzimmern die
Stühle und blickten nach der Dame, um weitere Befehle zu erhalten. Sie dankte
ihnen mit einer Verbeugung, weiss ihnen auf die Plätze umher, die unbesetzt neben
dem Frauenzimmer waren, und sagte, sie möchten nun die Mahlzeit mit geniessen,
die sie aufgetragen hätten. Dieser Gedanke, uns durch diese artigen Leute das
Essen zu schaffen, beseelte die Unterredung auf lange Zeit. Die Lichter wurden
unter Glaskolben aufgesetzt, und der Ton einer Flöte machte ein völliges
Schweigen, da gleich auch ein Harfe mit einstimmte. - Diese sanfte Musik,
zwischen dem dumpfen Rauschen des Flusses; das ganz Dunkle der Berge umher; die
nach und nach erscheinenden Sterne über uns; das schwache Flimmen der Lichter in
den Häusern des Städchens; lebhafte, aber sanfte Freude in allen Gesichtern, und
diese Familie, diese einnehmende Familie! - O, meine liebe van Guden! was war
das für ein herrlicher Abend für mich! - Ich dachte Sie; Ihre so gefühlvolle
Seele würde entzückt gewesen sein. - Sie denken wohl, dass wir Fremde alle in dem
Lobe vereinigt waren, das wir der Anlage dieses Lustplatzes gaben. Es freute die
würdige Stifterinn davon. Aber sie lenkte auf eine ihr eigne grossmütige Weise,
unsre Aufmerksamkeit auf die Erzählung, die sie uns von einer grossen Anlage
vieler vortrefflichen Abwechslungen machte, die, nicht weit von hier, von einer
verdienstvollen Dame herkäme, wo wir edle Seelen, eine schöne Wohnung und die
herrlichste Aussicht auf eine deträchtliche Strecke Lands, in welcher der Rhein
die fruchtbare Gegend durchfliesst, finden würden. Sie beschrieb einige Teile
dieses weitläuftigen Lustwalds, die ungemein schön sein müssen; und wir sind
alle fest entschlossen, alles dieses zu sehen. --
    Ich verehrte die Grossmut dieser Frau, da sie unsre Empfindung für das
Reizende, so sie uns gezeigt hatte, durch Erhebung der Ideen einer andern Dame,
zu schwächen suchte, und uns mit der Begierde, andres Verdienst zu kennen, von
sich abreisen liess. -
 
                            Ein und achzigster Brief
                            Rosalia an Mariane S**.
Glücklich bin ich mit meinem treuen Oheim zurück gekommen und nun hören Sie,
warum er mich so lange bei Ihnen gelassen, und noch sonst spazieren geführt hat.
Das Erste um vieles von seinen Geschäften auf einige Zeit zu besorgen und das
Zweite, um Clebergs Ankunft in der Gegend meines künftigen Wohnsitzes zu
erwarten. Er ist schon seit acht Tagen auf dem Lande, nur eine Stunde von hier,
und hatte unsre Rückkunft verbeten, bis er die Zimmer in unserm Hause, welche er
sich nach, seinem Geschmack anordnen wollte, durch dem Tapezirer, den er als
Bedienten mit gebracht, fertig gemacht haben würde. Und auf die Anzeige, dass er
nur noch uns erwarte, reiste mein Oheim ab. - Abends kamen wir hier an, und
speisten bei Frau G** zu Nacht, die mit ihrem Mann ausserordentlich vergnügt
über unsre Rückkunft schienen. Otte und seine Julie zeigten den nehmlichen Grad
ausserordentlicher Freude. - Ich schlief sehr zufrieden über die Liebe dieser
zwei Familien ein, und träumte gewiss nicht von Cleberg, und seinem Aufzug, als
hier angestelten Residenten des Hofes von N**; noch weniger aber dachte ich an
die Eile mit welcher mein Oheim dieses und alles Uebrige veranstaltete. Ich
stand in Wahrheit sehr wohl und gesund auf. Mein Oheim freute sich bei dem
Frühstück darüber mit Herrn und Frau G** Diese fragte mich, ob ich nicht etwas
Neues von Kleidungsstücken mitgebracht hätte? --
    »Warum fragen Sie mich denn, bei alle den Männern?« sagte ich; denn Otte war
auch in seinem Frack bei uns. - »Sehen Sie, wie Alle lächeln, dass so gar die
erfahrne und weise Frau G** sich nicht entalten kann, der Göttinn Tändelei ein
Opfer ihres Verstandes zu machen, und, anstatt nach neuen, guten Menschen und
Sachen zu fragen, nur gleich nach Kleiderzeug begierig ist.« --
    »Hätt ich gewusst, erwiederte sie, dass eine so ernstafte Anmerkung über mich
das Erste wäre, so Sie auspacken würden: so hätte ich mit meiner Frage
zurückgehalten. Indessen will ich den lieben Onkel da fragen, ob Rosalia nicht
etwas Artiges von ihm geschenkt bekam? - -
    Ich glaube, es muss artig sein; denn Rosalia hat es selbst ausgewählt und sie
soll ihre Freundinn auch für die spitzige Note, über Ihre unschuldige Neugierde,
schadlos halten - und sich darin putzen; damit Sie und Julie gleich sehen
können, ob es ihr gut steht und die Form artig ist.« --
    »Aber, lieber Onkel, es ist zu kostbar im Hause, und ich mache heute noch
keine Besuche.« --
    »Das will ich auch nicht. Aber eine kleine Galla kannst Du ja unsern
Freunden und uns selbst, über unsre Rückkunft, machen.« -
    Ich sah ihn noch einmal mit einem kleinen lächelnden Kopfschütteln an. Er
klopfte mir freundlich auf die Backe. »Tu es, Liebe, und mache mir Ehre für
mein Geld!« -
    Da sah ich, dass es ihm Ernst war, und ich versprach es; - zog auch in der
Tat das weisse, von schön gemuschtem Seidenzeug, auf die Taille passende, und
sehr reich garnirte Kleid an, wie auch die übrigen Stücke, so dazu gehörten, und
ging um eilf Uhr in sein Zimmer. -- »Sind Sie zufrieden, lieber Oheim, dass ich
so schön bin?« --
    »Ja, Liebe!« sagte er, - »Du bist wahrhaftig schön, wie eine Braut. Du musst
einmal auf Deinen Trauungstag so gekleidet sein!« --
    »Das will ich auch, weil es in England, das ich liebe, so gebräuchlich ist.«
--
    »Käme nur heut Dein Cleberg!« --
    »O, nein! das will ich nicht, mein Oheim. - Der Rock soll in Jahr und Tag
noch schön genug zum Brautrock sein.« -
    »Wenn aber deine Gesichtsfarbe nicht so heiter wäre, wie heut, so verdrösse
wichs. Denn Du siehst recht gut aus. Cleberg würde in Dich verliebt, wenn er es
noch nicht wäre.« --
    »Lieber Oheim, warum plagen Sie mich heute so viel mit meiner armen Figur?«
-
    »Arm, Rosalia! - Du bist heute wahrlich nicht arm, glaube mir.« --
    Sein Bedienter kam, ihm zu sagen, dass es halb zwölfe sei. Da wünschte er mir
guten Morgen auf Wiedersehen; wie er immer zu hnn pflegt, wenn er mich
wegschicken will. Ich ging in mein Zimmer zurück, wohin Madame G** und Julie in
kurzer Zeit nachkamen, weil sie mein Oheim, wie sie mir erzählten, zu mir
gebeten habe. Sie lobten mein Kleid und mich wieder, eben wie mein Oheim. --
    »Kinder Gottes! sagte ich, lassen Sie es mit diesem Ton genug sein. Ich bin
fürwahr meiner selbst herzlich müde. Es dünkt mich, ich müsse einmal mit meiner
Kleidung und Person etwas sehr tadelhaftes hier getan haben, well ich den
ersten Tag meiner Rückkunft so sehr damit gestraft werde. - Sagen Sie mir meinen
Fehler, liebe Julie; ich will mich gewiss bessern.« --
    Sie versicherten mich, dass es gar keine Spötterei sei, sondern dass sie nur
meinem guten Oheim in seinem unschuldigen Scherz beigestimmt hätten. Wir assen
zu Mittage recht munter, aber etwas geschwind, denn wir wollten zu Kahnberg
einen Besuch machen, sagte mein Oheim. Herr und Frau G** begleiten uns. - Herr
G** entschuldigte sich; sie aber nahm es an. - Ich wollte mich umkleiden, es
wurde nicht erlaubt und wir fuhren in einem schönen neuen Wagen mit vier
Postpferden nach Kahnberg. Ein Stück Wegs davon hielten wir stell. Der Bediente
fragte an; aber sie waren nicht zu Hause. --
    Frau G** sagte da meinen Oheim bittend. »O, wir wollen nicht den nehmlichen
Weg zurück. Fahren Sie doch über Langensee; dann kommen wir bei dem Seetor in
die Stadt zurück, welches ohnehin näher an meinem Haus ist; und heut ist
Kirchweihe da. Wir sehen also vielleicht auch im Vorbeifahren einen Bauertanz.«
- -
    »Nun ja,« - sagte ich, - »ich hab auch einen Kirchweihrock an« - -
    »Ich bin es recht sehr zufrieden,« antwortete mein Oheim. »Kennen Sie jemand
da, Frau G**? oder hat der Ort eine gute Schenke?« - -
    »Das weiss ich nicht. - Aber der Pfarrer, ist ein sehr rechtschafner Mann;
der hat seine Schwester bei sich, die eine meiner liebsten Jugendfreundinn war.
-- Wenn Sie ein wenig ausruhen wollten, würde es die Leute und mich unendlich
freuen.« -
    »Aber, liebe Frau G**,« fiel ich ein, - »auf Kirchweihtagen sind immer eine
Menge Besuche bei den Pfarrherren. - »Wollen wir dennoch hin? Ich bekenne, es
freuet mich nicht sehr.« - »Aber, wenn es Ihnen, mein lieber Oheim, angenehm
ist, so wissen Sie schon, dass Ihr Vergnügen immer das meinige in sich schliesst.«
--
    »Ich wünsche, Rosalia, dass Du in der Tat die Sache heut so nehmen mögest.
Dein Herz ist ja immer so bereit gewesen, Freude zu geben, wo du konntest, und
Anteil an dem Vergnügen Andrer zu nehmen. Was ists, wenn wir auch Leute
antreffen, so sind es gewiss lauter fröliche Gesichter und ich liebe die sehr.«
--
    »Lieber, lieber Oheim! ich will auch so sein, wie Sie mich am liebsten
haben. - Liebe Frau G**, führen Sie uns zu Ihrer Freundinn.« --
    Nun wurde dem Postillion befohlen, stark zu zufahren. - Eine Viertelstunde
vor dem Dorf, kam ein wohlgekleideter Mensch in vollem Galop geritten und
fragte, ob wir des Herrn Pfarrers Gäste wären? Frau G** sagte lächelnd. »Das
weiss ich nicht. Aber, wenn er noch Gäste braucht, so wollen wir kommen.« --
    Der Mensch ritt wieder davon, und einem Wäldchen zu. - Als wir näher kamen
und das Dorf recht sehen konnten, kamen aus dem Wäldchen bei zwanzig Bauern
geritten, die alle hübsch geputzte Mädchen hinter sich sitzen hatten. Die Hüte
der jungen Pursche, die Haarzöpfe der Mädchen, die Mähnen und Schweife der
Pferde, alles war mit allerlei Bändern verziert und eingeflochten und sie zogen
ganz stattlich vor uns her. In dem Dorf wurde Musik gemacht, und von den Bauern
auch dazwischen geschossen. Ich fieng an mich wegen der Pferde zu fürchten. Aber
er wurde still; nur die Musik dauerte fort.
    Mein Oheim winkte dem Menschen, der uns vorher angeredt hatte, und die
reitende Bauern mit ihren Mädchen zu comandiren schien. - Er fragte ihn, was
denn ihr Aufzug bedeute?
    »Ey, hat Ihnen denn der Herr Pfarrer nichts geschrieben?« -- »Nein, mein
Freund. Ihr habt euch auch an uns geirrt, denn wir sind keine eingeladne Gäste
des Herrn Pfarrers.« --
    »Das tut nichts, sagte der Kerl. Ich nehm heut, nach der Bibel, Alles auf
der Landstrasse mit zum Hochzeitmahl.« --
    »Ihr seid gewaltig lustig, sagte Frau G**. Was ist bei euch zu tun?« --
    »Zu tun? Recht viel! - Da sehen Sie, forn bei uns sind vier Bräute, die
werden heut alle copulirt. Wir haben unsern neuen Oberamtmann bekommen und der
stattet sie alle aus und gibt dem ganzen Dorf, alt und jung, reich und arm, zu
tanzen, zu essen und zu trinken.« --
    »Das ist brav, sagte Frau G**. Aber eure armen Leute werden doch nicht viel
tanzen; das ist nur für euch lustige Reiche.« -
    »Was, die Armen? - Die werden besser tanzen als ich; denn die haben am
meisten von ihm bekommen, und wer des Guten nicht gewohnt ist, dem schmeckt es
besser, als dem, der alleweil vollauf hat.« --
    »Also hat er den Armen auch gegeben? - Das ist viel, von einem Oberamtmann.
Die machen sonst die Reichen arm.« --
    »O, der gewiss nicht, wenn er so bleibt. Er ist schön, und redt so gut, und
so, wie Bauern, wenn sie redlich sind, und schafft auch Recht. Er hat da die
Woche über in Pfarrhof helfen weissen und mahlen und ist auch den Morgen noch in
die grosse Zehndscheure gegangen, ob alles recht gemacht sei? denn dort tanzen
wir heut Nacht.« -- Da sah er mir steif in das Gesicht. - -
    »Jungfer! hat Sie schon einen Schatz?« -
    »Ja, guter Freund! Warum fragt ihr? Möchtet Ihr sie haben,« -- sagte Frau
G**.
    »Ey behüte Gott! - so eine schöne Stadtjungfer ist nicht für Bauern. - Aber
für unsern Herrn Oberamtmann wär es was.« -
    »Ich bedanke mich,« - sagt ich. - »Aber da er so schön ist, hat er gewiss
auch schon einen Schatz.« --
    »Höre Sie, man hat gesagt, mit des Herrn Pfarrers Gästen, käm sie mit - und
deswegen sind wir Brautleute voraus geritten. Es tut aber nichts. -- Sie ist
auch ein recht artigs Jungferchen, Ihre Tochter« - sagte er zu meinen Oheim, »es
reut uns nicht.« - -
    »Ihr sollt auch eine Aussteuer für Eure vier Brautleute von mir haben,«
sagte mein Oheim.
    »Nun, - man sagt, mit Verlaub,« da bückte er sich gegen uns - »ein Narr
macht zehen. - Aber da macht unser guter, neuer Oberamtmann, noch ein guten
Mann, - und das ist mehr wert. Juhe! - auf Wiedersehen!« - rief er; schwung
seinen Hut - und jagte voraus; kam aber noch einmal zurück und rief uns zu
einen Platz anzusehen, der würde des Oberamtmanns Garten. - »Ich bin der Sohn
vom Bauernhof daneben, und er will mir die neue Sachen lehren, wo alles doppelt
wächst. Da baut er ein Haus hin, und sehen Sie, von dem Platz da, kann er in die
Stadt und unser Dorf sehen.« --
    Es ist wahr, was er sagte. - Aber nun waren wir würklich im Dorf - Alle
junge Mädchen und Buben, sauber gekleidet, hüpften herum, streuten Gras und
wilde Blumen gegen uns. Alles war reinlich, aber doch ganz ländlich, und alle
Gesichter freudig. - Wir fuhren an den Pfarrhof, Auf diesem waren alle Mauern
geweisst und unten mit einer Einfassung bemahlt; oben an der Mauer, wie auch am
Hause und Fenstern lauter breite, blaue Gewinde gemahlt, welches in der Tat
recht schön stand. - Der Pfarrer und seine Schwester kamen unter die Hauslbüte,
freuten sich über Frau G**, stutzten anfangs über uns, waren aber sehr höflich
und führten uns in ihr Wohnzimmer, das sehr hübsch ausgeputzt war. - Frau G**
fragte da ob es wahr sei, dass sie heut ein Fest über ihren Oberamtmann hätten,
wie der Kerl sagte? Der Pfarrer beantwortete es mit Ja, und vielen Lobsprüchen
und Erzählungen all der gütigen und menschenfreundlichen Sachen, die der junge
Mann seit vierzehn Tagen getan. - »Sein Amtaus ist nicht gebaut und er wohnt
in meinem obern Stock; daher konnte ich Sie nicht hinauf führen.« - Die
Schwester erzählte auch eine Menge artige Sachen; besonders dass er vier Paar
junge Leute ausgestattet und alle Arme gekleidet hätte. - Mein Oheim hatte
Tränen in den Augen - »und mich erquickt das Lob, so ich von einem Mann machen
höre, der gewiss eine edle Seele haben muss.« sagte ich, mit eben so viel Bewegung
wie mein Onkel.
    »Ich bin froh, Rosalia, dass Kahn nicht zu Hause war; wir hätten sonst den
schönen Nachmittag nicht genossen und es ist doch süss, einen schätzbaren
Menschen mehr zu kennen.« --
    »Gewiss, mein lieber Oheim, dieser Mann muss rechtschaffen sein, weil er, beim
Antritt seines Amtes, doch wenigstens die Herzen seiner Untergebnen mit Freude
und Zufriedenheit zu erfüllen sucht.«
    Ich sah meinen Oheim voll Freude über diese meine Erklärung. Er ging nachdem
von mir, blieb eine Zeitlang weg und indessen wurde mir noch immer von dem
vortreflichen Beamten vorgeredt. Ich segnete ihn herzlich, und als der Pfarrer
sagte, er wünsche, dass wir ihn kennen lernten: so versicherte ich, dass es mich
freuen würde.
    Nun kam mein Oheim zurück und winkte mir an der Tür. - Ich eilte zu ihm,
und er führte mich an der Hand in des Pfarrers Garten, der auch gar artig
aufgeräumt war. -
    »Ich habe den Beamten gesprochen, sagte er, er ist ein lieber junger Mann.«
- -
    »Das muss sein, wenn Alles, was der Pfarrer mir noch sagte, wahr ist.« - Wir
waren da am Gartenhause, wo wir hinein gingen, weil man die Zehendscheune sehen
konnte. Die war ringsum mit Garben und Fichtenreisig, in Kränzen mit Bändern
gebunden, verziert; - grosse, lange Tische standen auf beiden Seiten gedeckt, und
Bänke umher! - Wein- und Bierfässer, Körbe mit Brod und Kuchen. - Inwendig war
die Scheune auch bis an die Balken aufgeputzt und schön mit Laternen behängt.
Ein fröhliges Gewühl von Leuten dabei, das mich sehr rührte. --
    »Du hast also die guten Landleute noch lieb?« --
    »O, mein Oheim, das wissen Sie, wie sehr ich immer ihr Wohl und Weh empfand,
wenn wir reisten.« --
    »Nun werden wir nicht mehr viel reisen, mein Kind! Aber das Andenken der
Freude, die Dein Kopf und Herz mir die drei Jahre hindurch machte, wird immer in
mir bleiben, bis ich meine letzte Reise machen werde.« --
    »Lieber Oheim, warum kommen Sie bei dem Anblick so fröhlicher Menschen auf
diese traurige Idee?« --
    »Rosalia! wilst Du sie mit nehmen? - Wilst Du mir den Tag so glücklich
machen, als ich es wünsche, und als er für alle gute Menschen hier ist? Sag,
liebe Rosalia, - wilst Du es tun?« --
    »Können Sie das fragen? - Teurer Oheim, sagen Sie! was kann ich tun?« - Er
reichte mir seine Hände zitternd, und äusserst bewegt, sagte ich es, seine Hände
haltend und an ihm hinauf sehend. -- Er fasste mich in seine Arme und eben so
bewegt, wie ich, sagte er:
    »Nun, Rosalia! so gib heut Clebergen Deine Hand. - Er ist Oberamtmann hier.
- Er ists, der alle das Gute hier veranstaltete.« --
    Ich sank auf den Stuhl. -- »O, mein Onkel!« - war Alles, was ich sagen
konnte; und den Augenblick, war Cleberg bei uns, zu meinen Füssen. »Rosalia!
meine teure Rosalia! fassen Sie sich. - Es soll nichts, nichts geschehen, als
was Sie selbst wünschen.« --
    Frau G** und mein Oheim setzten sich eine Zeitlang in den Garten. Was konnt
ich tun? - Einwilligen! - meines Oheims Segen und Tränen über uns fliessen
sehen, und in der Kirche des Dorfs, mit den vier ausgestatteten jungen Bäurinnen
und Taglöhnerbräuten getraut werden. --
    Die Freude der guten Leute, ihre Glückwünsche für uns, dass wir in der
nehmlichen Kirche, im nehmlichen Augenblick, die nehmlichen Pflichten gelobten,
und von Gott auch nur die nehmliche Segenssprüche hörten, - das freute sie
unendlich. Dieser Gedanke unterstützte mich und die Freude meines Oheims auch;
sonst weiss ich nicht, wie ich es ausgedauert hätte. Wir zogen mit den andern
verbeirateten jungen Leuten aus der Kirche. Cleberg führte mich voraus, die
Andern folgten uns.
    »Sie haben mir doch die Ueberraschung vergeben? Sie war nicht mein Werk. -
Unser gute Oheim wollt es.« - Ich schwieg. - Er fuhr fort: »Liebenswürdige
Rosalia! vergeben Sie es um der redlichen Glückwünsche willen, die wir
erhielten.« - Ich versicherte ihn meiner Zufriedenheit und ging mit an die
Scheune, wo das Essen und Trinken ausgeteilt wurde und die Dorfmädchen den
Bräuten eine schön gemahlte Kunkel zum Geschenk brachten, wovon der Rocken mit
einer grossen Menge Flachs umwickelt, und mit Kinderhäubchen, Breipfännchen und
Kinderklappern behängt war. - - Die Weiber und grossen Mädchen zusammen, brachten
auch mir eine, eben so, aber mit dem feinsten Flachs beladen, mit einem schönen
Wiegenband umwickelt, an welchem ein Breitopf, und ein Kinder-Waschnapf von
Silber, eine Windel mit seinen Spitzen und Häubchen und Hemdchen angeheftet
waren. - Das hatte auch mein Onkel verordnet. - Ich setzte mich und spann ein
Paar Fäden. - Was diese Kleinigkeit den Leuten für Spass machte, und wie sie mir
zuguckten! Dann brachten die jüngern Mädchen einen Topf Milch, einen Korb mit
Hühnern, einen mit Eyern und einen grossen Topf Butter; stellten alles vor mich
hin, und saugen ein Liedchen, wie die Aeltern eins bei der Kunkel gesungen
hatten. Die Männer führten, nach dem Gebrauch, dem Oberamtmann einen Zug Ochsen
mit dem Joch herbei. Die jungen Leute und Knaben, ein Kuhkälbchen und zwei
Schaafe. Diese waren mit Bändern gezieret und der Schulteis sagte einen Spruch
dabei. - Ich bot allen Weibern und Mädchen die Hand, dankte ihnen und gab jeder
ein Geschenk an Geld, das ich in einem Körbchen auf einen Stuhl neben mir hatte.
-- Cleberg machte es bei den Männern so, dass sie Alles wieder zurück und noch
Überschuss über ihre Auslagen bekamen. - Sie luden mich zum Tanz, den ich mir
verbat! ausser dem kurzen Reihentanz, der um die Kunkel gehüpft wird; weil es
meinem Oheim selbst gelüstete, mit mir und den vier Bräuten herum zu springen.
--
    Sie sehen, Mariane, dass es nicht möglich war, zu mir selbst zu kommen. Wir
gingen ins Pfarrhaus zurück, wo wir in einem artig ausgemalten Zimmer ein feines
und schmackhaftes Abendbrod fanden, wovon ich aber wenig essen konnte, weil die
Gedanken von der so jähen Aenderung meines Standes, und all die Bewegungen
meines Gemüts, die schon bei dem Frühstück angefangen hatten, mir Kopf, Herz
und Magen genugsam anfüllten. - Mein Oheim war nicht gleich mit uns in das
Zimmer gegangen und ich lehnte mich an ein Fenster, das in den Pfarrgarten, und
auf das Feld ging, aber nicht auf den Platz der Scheune, sondern auf eine ganz
einsame Strecke Landes. - Cleberg war bei mir. Da er aber sah, dass ich nur
tiefsinnig vor mich hin, und dann mit Seufzen in die Ferne blickte, ihn nicht
ansah, nicht aufsuchte: so machte er mit der Hand gegen Frau G**, und die Andern
ein Zeichen, dass sie weggehn möchten; - und so bald wir allein waren, fiel er
vor mir auf seine Knie. -
    »Ach, Rosalia! mein Glück ist nicht das Ihrige! - Ich seh, ich fühl es. -
Gehorsam für Ihren Oheim, Gefälligkeit allein hat Sie an den Altar geführt. Ich
hatte wohl Vorbedeutung, dass Ihre feine Empfindsamkeit beleidigt sein würde. -
Was soll ich tun? - liebe angebetete Rosalia! was kann ich tun - um Sie zu
versöhnen, und zu beruhigen?« --
    »Stehn Sie auf, mein teurer, angetrauter Freund! - stehn Sie auf und
glauben Sie, dass ich gewiss bei meinem Bündnis mit Ihnen mich eben so glücklich
achte, als ich mich bemühen werde, Sie mit mir zufrieden zu sehen. - Es ist
nicht Kälte, lieber Cleberg! nur etwas Müde, von so verschiedenen, sich so
schnell folgenden Gefühlen. Sie sind von allen Männern, die ich kannte, der
Einzige, der je meinem ganzen Herzen, und ganzen Kopf gefiel. - Sie werden es
bleiben, und alle, alle meine Zärtlichkeit ist Ihre.« --
    Meine Augen füllten sich mit Tränen. - Sein schönes feuriges Auge stand
auch voll Wasser, als er, bei dieser Versicherung, voll Liebe und Vergnügen mich
anblickte. Er stand auf und schloss mich mit Entzücken in seine Arme. - »Nun ist
der Tag schön, nun ist er mir süss! Rosalia, Du sollst glücklich, gewiss glücklich
in diesen Armen und an diesem Herzen sein! - Es ist Tugend und Adel darin, wie
in Deinem.« --
    Ich wurde doch blass und zitternd. Er rufte Frau G** und meinen Oheim. -
Beide baten mich auch wegen der Ueberraschung um Vergebung und Cleberg liess mich
einige Tropfen guten Weines mit etwas Brodt nehmen. Der Pfarrer nebst seiner
Schwester wurden nun gerufen und wir speisten alle recht munter. -- Um acht Uhr
fuhren wir nach Haus; - Cleberg mit uns. - Da sagte mein Oheim: »Nun Kind,
vergiess alles Unangenehme. Freue Dich meiner und Clebergs Freude! - Es war doch
besser so. - Eine Bewegung hättest Du immer erdulden müssen, - versprochen
warest Du schon lange. -- Ihr kennt und liebt Euch; - die Neugierde der
Stadtleute und ihr Geschwätz um Dich herum, wäre Dir gewiss lästiger gewesen, als
die treue Lustigkeit Eurer Amtsuntertanen. - Es ist alles so verabredet
gewesen, eh wir kamen; und heut, um halb zwölf, als mein Bedienter mir die
Stunde anzeigte, hab ich den Herrn Residenten bei dem Stadtmagistrat
vorgestellt, und unsre Frau G** da, und Julie haben als gute, Schwesterliche
Freundinnen, zu Allem geholfen was ich für Dich wollte. - Nun sei zufrieden und
zeige mir es in Deiner Miene!« - Er küsste mich da, und ich musste den Kopf an das
Kutschenfenster halten, dass er mich bei dem Schein der Fackel betrachten konnte!
-- Frau G** umarmte mich. - »Vergeben Sie mir mein Schweigen und bleiben Sie,
als Madame Cleberg, meine Freundinn wie Sie waren.« - Was konnt ich sagen? Ich
küsste sie wieder, und sprach zufrieden mit. -- Wir stiegen an meinem Haus aus,
wo Otte, Herr G**, Julie und ihre Schwester, nebst unsern Mägden und Bedienten,
im Vorhaus uns bewillkommten; alle schön gekleidet und alles schön beleuchtet;
denn schon unten brannten an den Wänden mein und Clebergs Namenszug hinter
gelben Glaskugeln, und an der Stiege hinauf bis in den Saal, waren diese Kugeln
von allerlei Farben, in Bogen und unsere Namen. - So war auch der Saal, wo, nach
den Bewillkommungen und Glückwünschen, mein Oheim mir sagte: »Dieses Zimmer
must. Du auch sehen« - und nach einem Segen, den ich auf meinen Knien empfing,
wie er mir ihn auf seinen Knien gab, mich allein liess, und meine Stubenmagd mir
schickte. --
    Die vier Zimmer, so Cleberg hatte zurichten lassen, sind unsre Schlafzimmer.
- Grün und weisse halbseidne Tapeten und Bettvorhänge mit breiten Streifen, ein
schöner Nachttisch, der des Tags nichts als Tisch ist und inwendig alles Nötige
hat. In meinem Zimmer Clebergs Bildnis, wie er bei dem Eislaufen gekleidet war,
in Lebensgrösse; und in Seinem das Meinige, eben so im Pelzauzug, der ihm meine
Gestalt so schön zeigte. - Es scheint, als ob in jedem Zimmer nur ein kleines
Bettchen wäre. weil die Scheidmauer nur so weit durchbrochen ist, als die
Bettgestelle reichen, die sich gegenüber stehen, und des Tags durch eine Feder,
wenn die Betten gemacht werden, eine von dünnen Brettern und mit Tapeten
überzogne Wand sich dazwischen setzt und wir jedes in unsern Zimmern allein
sind. - - So hat er auch ein Cramoisin und Weisses für meinen Oheim gemacht und
ein mit lauter Gemälden im Grossen, von London, Paris und Neapel, nebst
neumodischen Stühlen geputzt. Alles Weisszeug, alles Hausgerät fand ich fertig.
 
                           Zwei und achtzigster Brief
                           Cleberg an seinen Freund.
Nun, mein H**, zürnen Sie nicht zu arg, über mein Schweigen. Denn einmal konnte
ich Ihnen den Ausgang der traurigen Begebenheit des edlen W** nicht früher
schreiben, weil ich sie erst jetzt selbst hörte; - und dann hab ich eine
evangelische Entschuldigung für meinen unterbrochnen Briefwechsel. Denn ich habe
ein Weib genommen, und komme nur erst von einer romantischen Reise zurück, die
ich mit meiner Rosalia machen musste. - »Musste! sagen Sie! der tapfre Cleberg,
der so lang an einem Amt wählte, bis er eins erhielt, wo er ohne nahes
Oberhaupt, und ohne jemand an seiner Seite zu haben, nach seinem Kopf handeln
kann; - Cleberg! der niemals Romane lesen, noch einen spielen wollte, - macht
eine romantische Reise, - weil er seiner Frau gehorchen muss!« -- Und nun lachen
Sie mit Freund Antua aus vollem Herzen über mich; - das gönn ich Ihnen, sonst
hätt ich ja meine Reise anders erzählen können. Aber es dünkt mich in der Tat
selbst lächerrlich, dass ich mit der Eile nach dem Aufentalt meiner Romanheldinn
zog, wie man sie nach dem gemeinen Ton nennen würde; - Dass ich mir so wohl in
ihrer Gesellschaft gefiel und mit eben so grosser Mühe mich von ihr losriss, als
von Ihnen und Antua. - Aber ich muss etwas weiter nachholen, um Ihnen meine jähe
Heirat begreiflich zu machen. Sie sahen mich immer voll Ruhm- und
Freiheitsliebe. Wahr ists auch, dass meine Ehrgeizjahre früh anfingen, und so gar
die Zeit wegnahmen, die andre Jünglinge meines Alters zu Vergnügen und Liebe
verwenden. Empfindsamkeit schien dem Fluge meines Kopfs, eine mir unanständige
Sache; - und meine Rosalia war ehender Eroberung die mein Stolz, als die meine
Zärtlichkeit wünschte. Alle junge Leute bewarben sich um sie und sie verwarf
alles, was sich ihr anbot. Ihre Person, ihr Geist und Charakter waren reizend
und der Gedanke, der einzige Vorgezogne zu werden, gefiel mir. Sie hatte
erklärt, dass alle schöne Sachen, die man ihr vorsagen könnte, nichts über sie
gewinnen würden, und dass allein der gute Ruf von Wissenschaft und Sitten, den
Weg zu ihrem Herzen finden sollte. - Ich war da eben von Göttingen zurück
gekommen und suchte nun einen Anlass, unter ihrem Onkel zu arbeiten und mir das
Lob dieses Mannes zu erwerben. Ich erhielt es und durch ihn auch die Stelle, in
der Sie mich sahen. Dieser Mann bewies mir so viele Güte, dass ich notwendiger
Weise die äusserste Liebe und Dankbarkeit für ihn fühlen musste. Ich drückte es
ihm einst in voller Ergiessung aus. - Mein Ton bewegte ihn. - Er sah mich lang
an, hielt meine Hand, - bedachte sich wieder, und sagte endlich: »Nein! ich kann
mich nicht betrügen; - es liegt Rechtschaffenheit in Clebergen und ich will
beweisen, dass ich es glaube. Sie danken mir für das, was ich bisher für Sie
tat, ob ich schon durch das Vergnügen belohnt wurde, einem jungen Mann von
Talenten auf eine tätige Laufbahn geholfen zu haben. - Ich schätze und liebe
Sie, und kann es Ihnen nicht besser zeigen, als in dem Wunsche, Sie durch meine
Rosalia zu meinem Neffen zu bekommen. - Aber Sie müssen dieses nicht als einen
Antrag meiner Nichte ansehen, den ich als eine Zulage bei den Aussichten
anbringe, die ich Ihnen schaffte. - Es ist nichts, als der stärkste Beweis einer
Väterlichen Hochachtung, die ich für Sie habe. - Ich wünsche, dass Sie mein Sohn,
mein Verwandter wären, weil es mich freuen würde, einen jungen Mann von Ihren
Verdiensten mein zu nennen. Aber Sie sollen in aller Freiheit sein, wie meine
liebe Nichte; die so sehr verdient eine der glücklichsten Personen ihres
Geschlechts zu werden, wie gewiss einst ihr Mann der Glücklichste von dem
unsrigen sein wird.« --
    Verdiente dieser herzliche Mann nicht, dass ich ihm meine ganze Seele öffnete
- und gestand, was für Beweggründe mich zu ihm geführt hatten? - Er verwies mir
in etwas meinen Ehrgeitz; war aber mit ihm zufrieden, weil er mich allem Ansehn
nach vor erniedrigenden Fehlern bewahrt hätte. - Er hoffte, ich würde in Zukunft
edlere Beweggründe, zu Erwerb des Beifalls, in meiner Seele finden. - Sein
Wunsch bleibe der nehmliche; aber ich und seine Rosalia wären durch mein
Geständnis desto freier. Seine Nichte müsse gewünscht und erworben werden. - Ich
bat ihn, Rosalien ja nichts von seinen und meinen Äusserungen zu sagen, und nur
überhaupt das Gute von mir zu reden, welches er dächte; weil ich auch nicht den
geringsten vorteilhaften Gedanken der Nichte, den Zuredungen des Oheims
schuldig sein möchte. - Er war damit zufrieden und hielt mir Wort. Ich
verdoppelte meinen Eifer für Wissenschaften und meine Sorgfalt auf meine Sitten,
sah Rosalien öfters' in Gesellschaft und bediente mich des einzigen Kunstgrifs,
mit keinem Frauenzimmer zu sprechen, als mit ihr; ob es schon nicht viel war.
Und dann suchte ich immer einen Platz zu haben, um sie sprechen zu hören und wo
sie meine Aufmerksamkeit auf sich sehen musste; betrachtete ihre Person, ihre
Kleidung; heftete dann meine Augen auch auf Andre, mit der nemlichen
Untersuchung in meinen Blicken, die dann wieder auf sie zurückkehrten und oft
einen Ausdruck von Bewunderung, manchmal von etwas trauriger Sehnsucht zeigten.
- Sie war höflich gegen mich, wie gegen Andre, zeigte mir aber keinen Vorzug.
Endlich kam die Liebe mit aller Gewalt in mein Herz und alles, was im Anfang
Kunst und List eines Eroberers war, wurde Ausdruck der Furcht, ich möchte, wie
Andre, missfallen. Ich lernte Tag und Nacht am Violoncel, um sie auf dem Klavier
accompagniren zu können. -- Ich erreichte einen Grad Fertigkeit und den Ton, der
ihr gefiel. Ein Ausruf, den ich einmal tat: »Gott sei Dank, dass Sie mit mehr
Seele, als Kunst spielen,« - bahnte mir den Eingang in ihr Herz. Ihr Erröten,
ihr Blick, das schwache Zittern ihrer Finger, - o, wie glücklich machte mich all
dieses! - Nachdem sprach ich, wurde gern gehört, ihrer Liebe versichert und
konnte doch meinen Platz, als Gesandtschafts-Secretair antreten, alles Vergnügen
meiner Reisen geniessen und war gewiss, das edelste, häusliche Glück bei meiner
Zurückkunft anzutreffen. Ich fand auswärts nichts Besseres, obschon an vielen
Orten schöners und reitzenders Frauenzimmer; hätte aber Rosalien niemals
vertauschen mögen, denn ich hätte auch ihren Oheim verloren, und ich würde mich
sehr glücklich schätzen, am Ende meiner glänzenden jungen Jahre, die edle
Einfalt und weise männliche Güte zu finden, die den Charakter dieses Mannes
bezeichnen. Er schaffte mir die Stelle eines Residenten und die Aufsicht über
das kleine einzelne Amt, das mein Fürst ganz nah an dieser Stadt hat. - Die
Hälfte seines Vermögens ist unser; -- nur die Hälfte, weil mein liebes,
grossmütiges Weib die andre unter arme Verwandte verteilen machte.
    Nun haben Sie und mein Freund Antua den Schlüssel zu meinem trocknen,
sonderbaren Betragen in Ansehung des schönen Geschlechts, das Sie mir so oft
verwiesen. Ich habe Ihnen niemals von Rosalien gesagt, ihr Bild, ihre Briefe
nicht gewiesen. Ich wollte alles, was sie mir war, allein geniessen und dann
bekenne ich, freuten mich alle die Auslegungen und Vermutungen über meine
Kälte. Ein lebhafter hübscher Pursche von vier und zwanzig Jahren, so Feuerfest,
mitten unter flammenden Schönen und brennenden Liebhabern, lieferte Stoff genug,
darüber zu reden.
    Meine Frau beschreibe ich nicht. Kommen Sie zu mir, und sehen sie. Sie
gefällt allen Edlen, allen Vernünftigen. Ich habe Ansehen, Vermögen, ein schönes
Haus in der Stadt, eins auf dem Lande. Beide sind Freunden und Bekannten und
Fremden gewidmet. Schicken Sie mir alle artige Leute Ihrer Bekannten, die hier
durchkommen; denn ich will, so viel ich kann, an Fremden belohnen, was ich von
Fremden genoss. Der gesellschaftliche Ton unsrer Stadt wird sehr artig. - Für
Spiel, Concerte und kleine Bälle, Schlitten- Land- und Wasserfahrten sorge ich.
Mein Garten hat eine herrliche Lage zwischen einem Kirschenwäldgen, so einer
Dorfgemeine gehört, die in meinem Amt ist, und einem Bauerhof, dem das Ackerfeld
zusteht, aus dem ich den Garten machte. Mein Haus darin wird bald fertig sein
und fasst drei Teile. In der Mitte einen offenen Saal auf starken Pfeilern,
achteckig, der gegen die Landstrasse zu, die Bogen mit schönen Gittern bis auf
die Erde hat; gegen den Garten aber offen; an jedem Pfeiler eine schöne Lampe,
und in der Mitte zwei zierliche Laternen, jede zu vier Lichter; an jedem Pfeiler
eine Bank für drei Personen; der Boden ein schöner Guss, wo sich hübsch tanzen
lässt. - Oben der nehmliche Saal, aber mit Fenstern bis auf den Boden und die
Gitter nur Brustöhe. Der ist in kühlen und Regentagen der Freude zum Schutz. -
Gegen das Wäldgen zu geht ein Flügel, unten mit sechs kleinen simpel meublierten
Zimmern für Rosalien, mich und Bediente; oben eben so viel für Freunde. Auf der
andern Seite ist die Küche, der Keller und das Speisezimmer, nebst Wohnung der
Küchenleute. Von dort gehts in den Bauerhof, wo ich alles recht schön werde
machen lassen, wie auf dem Wollinghof von dem ich komme. Mein Garten ist ein
schönes Parterre von Rasen und Blumen, über welches hin, ich die Aussicht auf
die Stadt habe. Denn ich liess ihn nur durch einen breiten und tiefen
Wassergraben einfassen, über den eine Zugbrücke ins Wäldgen, und in den Bauerhof
geht. Einige Vasen und kleine Lauben an dem Wassergraben hinunter soll alles
Kunstwerk sein, so hinein kommt. Ich will keine Bildsäulen, sondern lebende,
liebenswerte Menschen darin sehen, - und eine Gruppe scherzender Amoretten soll
Rosalia mir schaffen, denn es scheint mir unmöglich, dass die Kinder der holden,
Gefühl- und Phantasiereichen Kreatur, die ich mit so viel Feuer und Geschmack
liebe, nicht schön sein sollten. - Mittagstafel werde ich niemals geben, auch
mit meiner Frau Mittags sehr mässig, und wenn Sie wollen, gering essen; nichts
als Suppe, Gemüs und Rindfleisch. Ader der Nachmittag von zwei Uhr, das
Nachtessen und der Abend bis zwölf, soll allen Denen geweiht sein, denen wir,
oder die uns gefallen, es sein Deutsche, Engländer, Franzosen, oder Italiener.
Denn wir werden mit Allen ihre Muttersprache reden, und Vergnügen zu geben
suchen. Aber den Morgen, bis zwei Uhr nach dem Mittagsessen, wollen wir unsern
Berufsgeschäften allein eigen sein. - Und so viel von mir, und eine herzliche
Einladung an Alle, die ich bei Ihnen kenne. Nun von meiner Reise zu einem
lebendigen Roman. --
    Meine Rosalia musste mir, in den ersten Tagen unsrer Verbindung ihr Leben
erzählen und ihren Plan für unser häusliches Glück sagen, den ich Stückweis mit
den Meinigen verwebte. Ich wollte dann auch ihre besondern Wünsche wissen, was
sie tun würde, wenn sie ganz allein und unabhängig, wäre. Da sagte sie mir von
einer Frau van Guden, die sie gerne besuchen möchte; dass dieses die grösste
Freude für sie sein würde - und sie vom Schicksal und mir sonst nichts verlangen
wolle. Das war viel ausgedruckt und ich bat sie um Nachricht über diese innige
Freundschaft. Das wollte sie auf einem Spaziergang mir alles erklären; aber ich
müsse mich von ihr führen lassen, dass wir nicht Leute anträfen, die sich uns
anhängen könnten. - Nun gingen wir ein enges Gässgen an der Mauer hin, in die
kleine Vorstadt. - Kaum waren wir über die Brücke weg, am ersten Hause, als
schon Männer, Frauen und einige Kinder gegen uns liefen, meiner Rosalia Hände
nahmen und küssten. »Ach, wie lang haben wir Sie nicht gesehen! was macht unsre
Mutter? ist sie wohl? Denkt sie noch an uns?« -
    Meine Frau antwortete Allen liebreich und versicherte sie des Andenkens,
Wohlseins und der Liebe ihrer Wohltäterin; sagte Ihnen, dass sie mit mir
verheiratet wäre und nun hier wohnte. - Da sahen sie mich an, ob ich wohl meine
Frau wert sei, segneten uns, mit Ausdrücken, die mich äusserst bewegten. Nach
einem freundlichen Kopfnicken von meiner Frau verliessen sie uns, und wir gingen
in das Schulhaus, wo ich dreizehn Knaben wohl, aber ganz gering gekleidet in
einem grossen, luftigen Zimmer schreiben und rechnen sah. Der Lehrer sprach mit
Entzücken von Frau van Guden. - Dann waren, in einem andern Zimmer sechzehn
Mädchen, die strickten, nähten und auch schrieben. Die Lehrfrau sprach, wie der
Mann, im Ton dankbarer, ehrlicher Herzen. --
    Die Mädchen waren ganz arm, bürgerlich, aber sehr nett und säuberlich
gekleidet, alle mit weissen Schürzen, und sahen sehr munter aus; und für Alle war
meine Rosalia Erscheinung eines lieben Engels, der gute Botschaft bringt. Sie
sah mein Staunen hörte meine Fragen in französischer Sprache, mit Lächeln an,
und beschäftigte sich nur mit den Leuten; führte mich dann zu einem Geistlichen,
der oben mit seiner Frau wohnt, und wies mir artige Zimmer. - »Hier wohnte sie,«
- Dann kam ich noch in einige Werkstuben, von Schreinern, von Webern, von
Schustern. Allerwärts Ordnung, Wohlstand und immer Segenssprüche und Liebkosung
für meine Frau. - - Endlich gings auf die Landstrasse gegen einen schönen
Wiesengrund, mit Bäumen und Bänken besetzt. Da waren Weiber, die bleichten
Wäsche, Andre spannen, und ihre Kinder um sie herum. Alle hüpften wieder um mein
Weib, hingen sich an sie, und freuten sich, sie zu sehen. Da ist in einer Höhle
des kleinen Hügels, eine gefasste Quelle, Ruhebänke, Aufschriften, und
Verzierung, mit einer halb zerstörten Treppe von oben her, an deren untersten
Stusse ein zerbrochner Wasserkrug liegt, aus welchem die Quelle herunter, in
einen ausgehöhlten Stein, und von da in einem Bächelchen fortfliesst. Ein Paar
Leute ruhten da aus und gefielen sich an den Platz. Meine Rosalia leitete mich
oben hin, an Steinbänke, unter wilden Baumstämmen, zeigte mir die artige Wohnung
eines Gemüsgärtners und die schöne Aussicht. Sie hielt meine Hand und sah mit
Rührung und Vergnügen mich an, als ich nach einigem Umherblicken ihr sagte:
»Nun, meine Liebe, hast Du mich lange von einem Staunen zum andern geführt, hast
mir gewiesen, wie viele Herzen Du neben dem Meinen erobert hast und besitzest; -
erkläre mir jetzt das etwas Rätzelhafte, so Du damit verwickeltest.« -
    »Ich wollte nichts, mein teurer Mann, ale Dir an den Einwohnern, der Schule
und dem allgemeinen Spaziergang der kleinen Vorstadt einen Teil des Herzens
meiner van Guden zeigen. Dann alles das Schöne und Gute, so Du an den Leuten und
auf diesem Platz siehst, ist ihr Werk. Ich habe nichts dabei getan, als Anteil
genommen und nach ihrer Abreise die Aufsicht gehalten.« - Dann erzählte sie mir,
mit alle der Wärme des edeln Herzens voll Menschenliebe, was diese Frau getan,
wie sie gelebt, wie sie sie kennen lernte, und endigte damit: »Was wirst Du aber
dazu sagen, dass all dies Ausfluss eines liebenden Herzens war, das dadurch über
den Verlust eines Undankbaren sich tröstete, und von den Schmerzen einer übel
angewendeten Zärtlichkeit sich erholte, die dennoch stark genug blieb, sie nach
der Gegend des Wohnsitzes dieses Mannes zu ziehen, und dort, bei seinen Kindern,
neue Nahrung der Liebe einzusaugen, und endlich eine Einöde aufzusuchen, von der
er gesprochen; wo sie eine arme Familie fand, für welche sie ein Haus und Gut
anbaute, weil sie von dem einsamen Berge die Stadt sehen kann, wo ihr Geliebter
wohnt.« - Dann zeigte sie mir Briefe, die ich hier für Sie und Antua
beischliesse. --
 
                           Drei und achtzigster Brief
                            Rosalia an Mariane S**.
Da bin ich in Wollinghof, in dem Zimmer zwischen den alten Schlossmauern, wo
meine liebe van Guden wohnte, und mir auch ihre erste Briefe von hier aus
schrieb. - Seit vorgestern Abend bin ich mit Cleberg hier. Er geht würklich mit
dem edlen Weibe spazieren und will sie ganz über Alles sprechen, wie herrlich
hier Gott, und die Menschen sind. - Ordnung, o die fordern und erwarten Sie
nicht genau. Ich bin lauter Entzücken über Alles, und habe meinen Mann auf
meinen Knien die Hände geküsst, für die Güte, die er hatte, mich hieher zu
führen. - Aber er sagte mir, dass er noch zufriedener sei, als ich es sein
könnte. Auf all seinen Reisen hab er nichts gleiches gesehen und niemalen solche
Menschen und so einen Wohnsitz gedacht. -
    Kommen Sie, unschätzbare, beste Freundinn und langen Sie mit mir, mit all
meiner Ungeduld in Wollinghof an. Madame Guden hatte mir gar keine Beschreibung
davon gemacht, als von dem alten Schloss. Mein Erstaunen war also desto grösser,
da ich das neue Gebäude sah. Man fährt lange, von dem Dorfe Mahnheim aus, immer
etwas aufwärts, an einem Wald hin, endlich um eine Anhöhe, da man hinter einem
Busch von grossen Buchen das schöne zweistockige Haus erblickt. Es ist nicht
hoch, aber breit, die Fenster oben rund, die wie das Tor, Silbergrau und etwas
grün angestrichen sind. Der Torweg ist in der Mitte des Hauses, auf beiden
Seiten aber ist ein Pflasterweg gemacht, auf dem vier Personen gemächlich gehen
können, und Bänke an den Wänden. Zwischen den Fenstern des untersten Stocks sind
steinerne Aufsätze, auf welchen grosse Blumenkrüge stehen. Sie können nicht
glauben, wie romantisch das aussieht. - Rechterhand an dem haus hin, ist die
Hecke des Obstgartens, an diesem die Felder, und gegen über einige Eichen,
zwischen denen man eine Ecke des alten Schlosses sieht. Etwas sonderbar haben
wir beide das so ausserordentlich hervorragende Dach gefunden. Es sieht aber
doch artig und wird durch eiserne Stangen zwischen den obern Fenster gestützt.
Neben den Stangen kommt auch aus einer Art Steingesims Laubwerk, von Eisen
gemacht und grün gemahlt, das sich um die grauen Stangen herum windet und an der
Wasserrinne ungleich abhängt. An der obern Ecke des Hauses, wo der Baumgarten
anfängt, ist nach der Breite des Pflasterwegs eine halbe Rebenlaube, etliche
zwanzig Schritte lang, auch von eisernem, grün gemachtem Gitter- und Laubwerk;
von der Seite des Obstgartens aber hängen Baumäste herüber. - - Da war die van
Guden bei meiner Ankunft, mit den lieben Wollings, bei einem Tisch mit Milch und
Obst besetzt, womit sie uns gleich erfrischen wollte. Die edle Stifterinn all
dieses Schönen ging lebhaft unserm Wagen zu, der mir nicht geschwind genug gehen
und schnell genug stillstehen konnte. Herr Wolling half mir heraus. Ich achtete
nicht auf ihn und fiel, mit einem Ausbruch von Tränen, in die Arme meiner
Freundinn, die mich mit Zärtlichkeit und Rührung an ihre Brust druckte. Stumm
nur, wies ich ihr meinen Cleberg, der da stand und sie mit Ehrfurcht und Staunen
betrachtete. Sie neigte sich gegen ihn, mit dem Anstande, den ich nur an ihr
gesehen habe. Und wie sollt ihn auch jemand anders haben, weil es Ausdruck ihrer
Seele ist, der diese edle ernste Anmut über ihren Anstand verbreitet - Cleberg
küsste ihr die Hand, sie hielt die Meine. »Herr Wolling! Dies ist meine Rosalia;
dies Herr Cleberg, ihr würdiger Mann. Und da!« fuhr sie fort, indem sie Wollings
Hand nahm und mir der andern auf seine Frau und Kinder deutete: »Da ist Herr
Wolling und seine Familie, voll Rechtschaffenheit und Tugend.« --
    Er bückte sich schweigend. Seine Frau, die auf der Bank sass und ein Kind an
der Brust liegen hatte, blickte uns an; Tränen liefen über ihre Wangen auf ihre
Brust, und gewiss, der Säugling trank einige davon mit der Milch seiner Mutter
ein. - Wolling sah sorgsam auf seine Frau. Die van Guden bemerkte es und ging
eilend zu ihr, küsste eine Träne weg: »Was ist das, liebe, werte Lotte?« --
»Süsse, recht süsse Tränen meines, an Ihrem Vergnügen Anteil nehmenden
Herzens.« --
    Van Guden küsste sie und das Kind. -- »Dank, meine Liebe! vielen Dank; - aber
Sie müssen meine gute Rosalia auch anlächeln und ihre Freundinn werden.« --
    »Recht gerne!« - sagte sie, mit der sanftesten Stimme und Blick. Ich hatte
indessen mit der Nanny gesprochen, die ein Huhn auf dem Arm herum trug, weil es
mit einem Fuss hinkte. Sie sagte mir, es wäre eine alte, alte Henne, die schon
viel Eyer gelegt hätte, und Hühner ausgebrütet, die würde ich im Hofe sehen. -
»Vier sind schwarz mit schönen, weissen Häubchen; zwei davon laufen der Grossmama
Guden immer nach.«
    Ich merkte hier, dass dies noch von den Hühnern in Ruinen waren. - Nun hatte
Cleberg mit Wolling Bekanntschaft gemacht. Ein Knecht half die Chaise in die
Scheune bringen und meinen kleinen Koffer in unser Zimmer. Ich ass etwas Milch,
welche mir die junge Wolling recht artig darbot. Carl brachte unserm Fuhrmann
Wein und er wurde dann mit einem Zettel an den Wirt, nach Mahnheim geführt.
Mein Mann und Wolling kamen aus dem Torweg. Cleberg sagte mir, es sei ein
entzückender Anblick für ihn gewesen, mich zu sehen mit all meiner Empfindung
gegen die kleine Nanny gebeugt; Frau Wolling, ihr schlafendes Kind auf dem
Schoss; Madame Guden, die mit leutseliger Güte, Lottchen zusah, die für mich
einige Blumen in der Hand hielt, und nur wartete, bis Nanny ausgeschwazt hatte.
- -
    »Sehen Sie die drei herrlichen Geschöpfe,« sagte Cleberg zu Wolling. --
    »O, das fühl ich recht sehr!« - Nun setzten sich die beiden vortreflichen
Männer auch zu uns. Madame Guden fragte meinen Mann, ob ihm das Ansehen von
Wollinghof gefiele?
    »Ich kanns nicht ausdrucken, aber es dünkt mich in einer romantischen Gegend
zu sein.«
    Sie lächelte freundlich. - »Sie haben nicht ganz Unrecht, und ich glaube,
Sie sind das einzige Wesen auf dem ganzen Berge, das zu der üblichen Welt
gehört. Sie müssen, werter Herr Rat, uns aufrichtig sagen, wie Ihnen bei uns
zu Mute ist.« --
    »Das will ich, würdige Frau.« - -
    »Würdige Frau! und romantisch? - Wie verbinden Sie dieses?« --
    »Durch das Gefühl, so ich von Schönheit und Güte habe.« --
    Frau van Guden nahm, ohne zu antworten meine Hand. - »Sie haben nun etwas
geruht. Sie sollen mir auch in meinem Zimmer sagen, dass Sie gern gekommen und
gern da sind;« - und damit führte sie mich dem Tor zu. - »Herr Wolling, Sie
bringen den Herrn Rat.«
    Sie ging gerade zu nach der Stiege in das Seitengebäude, wo sie wohnt. Sie
sprach nichts, drückte aber meinen Arm an sich. - Ihre Meta stand vor den
Zimmern auf dem Gange, der ringsum läuft, und machte die Tür auf. Ein artiges
Zimmer, ganz weiss, nur ellenhohe Lambris, immer grau und grün, wie auch die
Tische, Stuhlfüsse und Türen waren; aber an einer Wand ein ziemlich grosses
Gemälde von der Vorstadt in S**, auf der andern, der Spaziergang, den sie
angelegt hat, und da, auf einer Steinbank, meine Figur neben der Ihrigen; ich,
in Tomsons Frühling lesend, und Madame van Guden, einen Arm um mich geschlagen,
aufmerksam zuhörend. --
    Ich fiel ihr um den Hals, redte nicht, aber meine Brust klopfte an der
ihrigen und unsre Tränen mischten sich. - Endlich sagte sie: »Willkommen! liebe
Rosalia, willkommen! umarme ich Sie glücklich?« -
    »Ganz, ganz unendlich! in Allem.« -
    »Auch in Clebergen?« - -
    »Ja, völlig!« - -
    »Gott sei Dank, und segne Sie. - Jetzt meine Liebe,« fuhr sie fort, »kann
ich Ihren Besuch recht geniessen! - - Das ist Ihr Wohnzimmer und hier Ihre
Betten.« - In einer allerliebsten Alcove waren zwei Schlafstellen, so nett, -
mit auch grün und weissgestreiften Decken. Auf der Seite jedes Bettes der Ausgang
in eine Art kleiner Kämmerchen, deren eins in den Hof, das andre in den
Baumgarten ein Fenster hat und jedes einen Schrank und alle Aus- und
Anziehgemächlichkeiten, die man begehren kann. Unter dem Spiegel des
Wohnzimmers, standen zwei Blumentöpfe und ein Kästchen voll artiger Steine, die
man im Bauen und Ausgraben gefunden hatte. Ihr Wohnzimmer ist an unserm. Da sind
aber lauter Zeichnungen von ihrer Hand, die Herr van Guden hatte in Oel mahlen
lassen. Ihr Bett ist auch an der Wand, mitten zwischen zwei Kabinetten, deren
eins gegen das Feld, ihren Büchervorrat und Schriften, und das andre Weisszeug
und Kleidungsstücke entält. Ihre Meta hat ein Zimmerchen gleich hernach und
dann kommt man in Wollings Haus, das recht schön geräumig ist und oben bis über
das Tor drei Zimmer hat, die aber noch nicht eingerichtet sind. - Auf der einen
Seite des Tors ist der obere Stock durchaus Fruchtspeicher, recht schön und
freundlich. Sie hatte uns nicht aus Fenster gegen den Hof geführt, sondern
leitete mich noch eine Stiege höher auf ihrem Gebäude. Wolling öffnete eine
doppelte Tür und da waren wir auf einem grossen Altan, der über den ganzen
Flügel gebt, den sie bewohnt. Wie herrlich das ist, können Sie nicht glauben. -
Gleich an dem Austritt vom Hause kommt man unter eine hochgezogene Laube von
roter Bohnenblüte, die alle Jahr in schmalen Kästchen an der Brustmauer hin,
gepflanzt werden. Da sind Bänke und kleine Tischgen. Die sehr niedre Mauer ist
mit Blumentöpfen, von lauter auch niedrig wachsenden Arten besetzt, die durch
zwei Reihen eiserne Stangen fest gehalten werden. - Von diesem Platz übersiebt
man das ganze Feld und alte Schloss. Oben in einer Ecke ist eine Aussicht durch
den ganzen Wald gehauen, die gerade auf die Kirchturmspitze von W** geht. - Sie
dauerte mich; - denn als sie mir es sagte, errötete sie und druckte meine Hand
so bedeutend, da ich das Sehrohr von ihr nahm, um W** zu sehen. - Unter dem
Gebäude der Frau van Guden ist die Milchstube, dann eine Kammer, wo Saamen und
alle Gärtnergeräte verwahrt werden, der Holzschoppen, und ein Platz, wo alles
Ackerzeug hingetan wird. Dann steht dem Hauptause gegen über die Scheune und
Dreschtenne, die zugleich das Heu und Stroh fassen. Das Seitengebäude, so sich
wieder an das grosse Haus anschliesst, ist der Pferde und Kuhstand, von Erstern
drei, von Letztern acht Stück; Schaafe ungefähr zwanzig, und dann Schweine,
Hühner, Gänse, Tauben u.s.w. Eine köstliche Wirtschaft! wo Nutzen, Schönheit
und Ordnung mit Natur, Kunst und Arbeitsamkeit so verbunden sind, das man Keins
ohne das Andre sieht. Es ist beinah unglaublich, was in weniger als zwei Jahren
alles hier gemacht wurde, an Gebäuden, Anpflanzungen und Benutzung davon. Sie
brennen wohlriechende und auch andre Wasser, machen Liqueur, giessen Lichte,
bereiten Seife, Käse, Butter, dürres Obst. - Es ist ganz entzückend, wie alles
geht! drei Mägde, zwei Knechte und zwei Tagelöhner, alle munter, fleissig und so
reinlich, als ob sie nur zum Spass Bauernkleider anhätten. - Eine ehemalige
Wasserpfütze an der Scheune ist zum Fischteich gemacht, dem aus den oben
liegenden Aeckern immer gute Nahrung zufliesst. -- Eine Magd backt Brodt u.s.w.
    Während wir herum gingen und Wolling manchmal in Danksagung oder Lob
ausbrechen wollte, wendete Frau Guden die Unterredung gleich auf was Anders.
Aber Wolling sagte: »Sie würden mich nicht schweigen machen, wenn Wohltat und
Schönheit dieses Aufentalts von andern Händen wäre, als von den Ihrigen.« --
    Nun gingen wir auch aussen um das Haus. Der innere Hof ist ganz sauber, denn
der Kuh- und Pferdedünger wird auf die andre Seite gelegt, wo er auch durch
Bäume vor der Sonne geschützt ist, um nicht ausgesogen zu werden. Der Teich ist
auf zwei Seiten mit einer Rosenhecke eingefasst. Von dem Hause geht eine acht
Schuh breite Brücke, mit einem Geländer, einige Schritte weit in denselben
hinein, auf welcher nur ein wenig mit den Füssen gestampft wird, so kommen die
Fische und fressen das ihnen zugeworfene Brodt. An beiden Seiten, sind zwei
artige Entenhäusgen, die auch die Freude vermehren. --
    Weiter gingen wir gestern nicht, und kamen zum Abendessen in ein liebes
Zimmer, das vom zweiten Stock in den Baumgarten gebaut ist, und unten durch fünf
Bogen, worauf es ruhet, einen artigen Saal macht, an dem die Körl-Kirsche und
Geissblatstaude so gezogen werden, dass sie die Bogen rings einfassen, und unter
der Scheere gehalten, recht hübsch aussehen müssen. -- Das obere Zimmer ist
kleiner, als dieser Gartensaal, weil um jenes ein Gang herum geht, auf den man
durch fünf Fenstertüren kommt, die über den fünf Bogen stehen. Wenn die
hochstämmigen Obstbäume erst alle im Blühen sind, so muss dieser Gang und dies
Zimmer ganz reizende Empfindungen geben. -- Cleberg und ich gerieten in das
angenehmste Staunen als wir aus unserm Zimmer, wo wir die Reisekleider
ausgezogen hatten, durch Carl Wolling zum Essen gerufen wurden, und auf einmal
das Klavier und die schöne Stimme meiner Freundinn hörten, die im Nebenzimmer
spielte und sang. Die vier holdseligen ältern Kinder der Wollinge hüpften, an
Blumenkränzen sich haltend um uns herum. - An den Wänden war mein, Clebergs, und
der van Guden Namenszug wechselweis in Blumengewinden aufgehängt die von beiden
Seiten über den Fensterzug hin, durch grosse Schleifen von Blättern und Blumen,
an einander geknüpft waren. Ueber dem Tisch hing eine, auf nehmliche Art
geflochtene Krone, an vier zusammengefussten gleichumwundnen Seilen. Zwischen den
Fenstern waren Tischgen, nur mit einem schon gebognen Fuss, jedes einen
Blumenkrug tragend. - Die vier grossen Leuchter mit Wachslichtern auf dem
Esslisch, die Schüsseln und Teller, alle von Fayance, ganz weiss mit einem grünen
Rande, vier kleine Körbchen mit Blumen standen zwischen den fünf Schüsseln, aus
denen unsre Mahlzeit bestand. - Cleberg hat Recht, es war Feenmässig; - besonders
auch das dämmernde Licht, so die Fensterzüge beleuchtete. Diese sind von feiner
meergrüner Leinwand und laufen an den Fensterpfeilern zwischen weissen Nahmen
nett gespannt, die dann, wenn sie herunter gelassen werden, das Zimmer in grün
und weisse Streifen teilen. Weil sie nun einen Raum zwischen sich und den
Fenstern lassen, so stellte Wolling die Lampen hinter die Züge; und die Ketten
auf diesem Grunde waren meistens von weissen, gelben, und roten Mahn genommen.
Wie sehr schön und rührend das alles war, kann ich Ihnen nicht genug sagen. -
Als wir das lobten und den Geschmack bewunderten, lehnte Frau Wolling ihren Kopf
auf Madame Guden Brust, die sie mit Küssen und verstohlnen Tränen bedeckte.
Madame Guden küsste sie auf die Stirne, druckte sie an sich und sagte ihr etwas
ganz leise, worauf sie ruhig wurde und den übrigen Abend an Allem Anteil nahm.
O, Mariane! warum waren Sie nicht hier! -
    »Meine arme Lotte,« sagte Frau Guden hernach beim Schlafengehen zu uns, »ist
so misstrauisch gegen das Glück geworden, dass sie öffters Anfälle von Furcht
bekommt. - Ich habe die Bewegungen meiner Freude zurück gehalten, als Sie
ankamen, um ihre Empfindlichkeit zu schonen; denn sie fürchtete, ich würde von
hier weg, zu Ihnen ziehen.« - Die Gute weiss nicht, was mich hier hält. -- Nach
diesem fragte sie meinen Mann, ob er mit ihr und Wollinghof zufrieden sei? - Sie
können sich seine Antwort vorstellen. Aber sie fiel ein: »Ich bemerkte doch, dass
Ihnen Einiges zu schön und zu künstlich schien. Aber ich bekenne, dass es mir
unmöglich war, Allem, was ich ehmals liebte, zu entsagen und dabei wollte ich
meine Freunde auch wieder ihrem angebohrnen Kreise nähern. Geschmack und Ordnung
kosten nichts und mein Vermögen ist beinah so gross, als mein Wille und meine
Phantasie. - Doch sollen Sie meine Rechnungen von dem Hause sehen.« - Hiemit
umarmete sie mich, und wünschte uns, gut zu schlafen. -- Cleberg sagte mir, er
habe Nympfen und Liebesgötter tanzen gesehen.
 
                           Vier und achtzigster Brief
                           Zweiter Tag in Wollinghof.
Wir wachten spät auf, weil wir noch lange geschwatzt hatten. Ich wollte mich
eilig anziehen, als Cleberg mich in unser Wohnzimmer rief, und mir einen Tisch
mit Koffezeug wies, der in das Zimmer gebracht wurde, so bald man gemerkt hatte,
dass wir aus dem Bette waren. Des Knecht hatte ein Billet an mich dabei, worinnen
Frau van Guden uns bat, dieses Hausgeschenk von ihr anzunehmen.
    Ein geräumiger Tisch, mit einer ganz silbernen Platte überzogen, die Kaffe-
Milch- und Teekanne, nebst Kessel, auch von Silber, innen stark vergoldet. Die
Tassen alle mit Aussichten von Mahnheim und S**, daneben goldene Ränder, alles
im schönsten Geschmack und Arbeit. - »Nun,« sagte Cleberg, »seh ich, warum sie
Gestern von dem Reichtum ihrer Phantasie, ihres Willens und ihres Vermögens
erzählte.« -- Den Augenblick kam sie selbst und führte uns, wie wir waren, zum
Frühstück bei dem Eichenwald; bat uns, nicht viel Danks über das Geschenk zu
machen, sondern zu glauben, dass es ihr ein süsses Vergnügen gewesen, es uns zu
geben und dadurch auch ein sichtbares Andenken an sie gestiftet zu haben. --
    Der Platz bei diesen Eichen, o, der ist heilig, wie der Stein, den Jacob mit
Oel begoss. - Auch hat Wolling hier eine schöne, stumpfe Pyramide aufgerichtet,
mit der Inschrift: Hier erschien mir die Hülfe des Herrn, - mit der Jahrzahl und
dem Tage, da Frau Guden zu ihnen kam. - Denn dies ist der Platz, wo sie sie
zuerst sahen und sie ihnen vor Gott Liebe und Hülfe angelobte. Wolling
errichtete die Pyramide und zwei Bänke daneben gegen die benachbarte Bäume,
während der Zeit, da er einen Holzstoss davor aufrichten liess, damit Frau Guden
nicht sehen sollte, was da gearbeitet würde. Sie erzählte uns dieses im
Hinausgehen, und sagte dabei, dass gewiss niemals mehr und süssere Tränen bei der
Einweihung eines Denkmals wären geweint worden, als bei diesem. Wolling hätte
sie auch zum Frühstück gebeten, sie möchte aber von Carl, Lottchen und Nanny
sich führen lassen. Das hätte sie gern bewilligt. Die Kinder waren von dem Weg
unterrichtet, der ganz neu und verwunden zwischen dem Gesträuch durchgezogen
lief, und an der Pyramide sich endigte, wo er gerad auf den kam, der vom alten
Schloss her führte. Sie hätte sich etwas Ueberraschendes vermutet, aber dies
nicht, was sie fand. Denn als sie um den Strauch herum kam der die Pyramide
verbarg, so erblickte sie vor sich, auf der Seite gegen das Dorf, Wolling und
seine Frau, mit der Trage, den Strohhunden, und dem kleinen Knaben darauf
sitzend; und Carl, Nanny und Lottchen verliessen sie auch, wie damals, liefen
den Eltern zu und wiesen freudig mit Händen nach ihr. - Der Auftritt hätte sie
äusserst erschüttert und bewegt, und sie wäre an die Stuffe der Pyramide
niedergesunken, da dann Eltern und Kinder zu ihr geeilt wären, um sie her
gekniet, und mit Tränen benetzt hätten. - Ihr Herz wäre auch durch einen
Ausbruch von Weinen erleichtert worden, wo sie dann Alle umarmt und sie gebeten
habe, sie in Zukunft mit so starken Ausdrücken des Danks zu verschonen. - Aber
Frau Wolling hätte gesagt, es wär neue Wohltat, wenn sie sich das Dankopfer der
Familie wolle gefallen lassen, und die Kinder hätten sich auf einen Wink des
Vaters, um sie gesammlet und um Erlaubnis gebeten, sie Grossmama zu heissen. Frau
Wolling wäre auch gekommen: - »Ach, erlauben Sie es! - ich kenne keinen
heiligern Namen, als den von meiner Mutter.« - Seitdem nennen sie die Kinder
Grossmama Guden. -
    Nun waren wir auch bei dem frommen Denkmal, von welchem Madame Guden alles
hat auslöschen lassen, was sie bezeichnete. Wir frühstückten, mit wahrem Gefühl
des Werts der Tugend. - Diese reitzende Einsamkeit, der Gesang der Vögel, alte
und junge Bäume, herrliche Felder neben uns, der Obstgarten gegenüber, links ein
Teil der Ruinen, rechter Hand das liebliche neue Haus! - Die Kinder brachten
zwei zahme Schaafe und zwei Hühner, die mussten auch da sein. - Nachdem gingen
sie mit ihrer Mutter hinweg und wir wurden an das alte Schloss geführt, wo die
Hütte noch steht und unterhalten wird, in der die Wollinge wohnten. All ihr
armes Hausgeräte ist auch noch darinnen. O, Mariane, was empfand ich, als
Wolling zu meinem, ihn mit Bewegung ansehenden Cleberg sagte: »Dies war der
Aufentalt der treusten Liebe.« - -
    Sein Auge war voll zärtlicher Wehmut, als er dies aussprach. - Sein Garten
auf der alten Schlossballe ist auch angebaut und immer von feinen Händen. Da darf
kein Knecht helfen. - Wolling sprach wenig, Frau Guden erzählte uns; - ich
konnte auch nicht reden, - nur sehen und hören. - Das kleine Grab des Erstlings
dieser treuen Liebe, mit Zwergrosen umpflanzt zum Haupt mit Lilien besetzt; der
darauf gesunkne Blick des Vaters; Cleberg, der seine Augen auf mich heftete,
rührte mich beinah zu sehr. Frau Guden, die es bemerkte, führte mich zu dem
Betaltar ihrer Lotte: »Das ist der Stein, auf welchem die Mutter der Frau
Wolling bei der Zusammenkunft sass, die sie hier mit ihren Kindern hielt.« - Eine
kleine vierelte Säule steht da unter dem Geissblat, mit der Aufschrift: Hier gab
die beste Mutter den lezten Segen. --
    Das Flachs- und das Kornstück, alles wird mit frommen Andenken, wie ehmals,
von der Familie unterhalten. Es liegt was in ihnen, so sie denken macht, dass
Unglück auf die Vergessenheit oder Geringschätzung des alten Bodens erfolgen
würde. - »So lange nährte er uns und entsprach so getreu meiner Mühe;« sagte
Wolling, - - »Schweiss und Tränen benezten ihn! - So lange meine Arme Kräfte
haben, soll er mit Brodt und Blumen angepflanzt werden.« - Ist dieses nicht
Liebe, Mariane! ist dieses nicht das heilige, reine Gefühl empfindlicher Herzen,
wovon hernach einige Zweige in Aberglauben ausarteten? - und wo man, um diese
wegzuschaffen, selbst die schöne Wurzel zerstörte? -
    Die grosse Lücke der Mauer, durch welche Frau Guden an den Berg herein trat,
ist mit Rosenstöcken besetzt und der schmale Fusspfad, den sie herauf kam, ist
ausgehöhlt, mit Letten gegründet und das kleine Quellwasser hinein geleitet
worden. Herr Wolling sagt: »Niemand anders soll diese Fussstapfen betreten;
reines lebendiges Wasser allein soll sie benetzen und das Tal befeuchten
helfen, durch welches sie zu uns kam.« - Können Sie, Mariane, können Sie diese
Gesinnungen tadeln? - Mir zeigen sie an, wie tief alles im Einsamen sich
eingräbt. Mir sind dieses Wegweiser zum Ursprung der Erscheinungen, wovon
Einsiedler und abgesondert lebende Fromme erzählten.
    An einer dicht mit Epheu bewachsenen Wand geht die Stiege zu Frau van Guden
Zimmer. Sie sind klein, doch ist eins für ihre Meta daneben; alle mit Bretern
ausgemacht und Zeichmmgen von Rom, Neapel, und England darin aufgehangen, nur
mit Rötel oder Kohlen auf hellblauem Papier, aber immer Pindorfs Gestalt mit
eingemischt. - Ihr Tischgen und ihre Stühle sind auch noch da, denn sie kommt
oft noch herunf, da zu lesen, oder zu zeichnen. Von ihrem Schlafkämmerchen geht
noch über alten Schutt, den der Stiegenbogen aufhielt, ein etwa sieben Schritt
langer und viere breiter Platz, den sie mit einer dünnen Brustmauer umfassen
liess. Einige Stauden waren am äussersten End im Schutt aufgewachsen; diesen
hatte sie Unterstützung und Erde gegeben, so dass sie schön fortwuchsen und ganz
leise säuselten, wenn sie im Mondschein noch heraus ging, zu beten und zu
seufzen. Denn gewiss, sie seufzte manchmal nach der Stadt W*** hin, deren Türme
man hier sieht. - Aber die ganze Landschaft umher ist unbeschreiblich angenehm;
denn der Berg hat hier eine sehr beträchtliche Höhe. Von da gingen wir einen
schmalen Weg an der Seite des Bergs, eine halbe Viertelstunde lang, hielten uns
bei verschiedenen Aussichten auf, die so vielerlei Gegenden des grossen Tales
zeigen, Ruhebänke haben und gegen die Mittagssonne decken. Wir sprachen da mit
Bewunderung von Allem, was wir gesehen hatten, besonders, da wir die Zeit
berechneten, wo der Haus- und Feldbau anfing. --
    »Ich übersetzte alles mit Leuten, und Geld, war immer dabei sie
aufzumuntern. Das Zimmerholz wurde aus einem Vorrat vier Stunden von hier
gekauft, Hau- und Sandsteine auch. Wir fanden willige und sehr geschickte
Arbeiter. Da kann man viel tun. Während man Haus und Scheune baute, wurden
zwanzig Morgen Feld und Kleewiesen durch Ausreitung der wilden Sträuche
hergestellt. Dreisig Morgen bekamen wir, schon angepflanzt, von zwei Pächtern,
die sich gern abkaufen liessen. Sie wissen, Rosalia, wie eifrig ich meinen
Grillen den Weg bahne. Nehmen Sie Wollingen zum Oberaufseher, ihn, der so viel,
nur allein getan hatte, so ist es ganz natürlich zugegangen.«
    Wolling war bei Anfang dieser Unterredung weggegangen. Clebergs und meine
Fragen hatten die Zeit verkürzt. - Wir hörten ein kleines Pfeifchen ein
ländliches Liedchen stimmen. Da stand Frau Guden auf. Wir wollen nach Haus,
sagte sie, indem sie auf ihre Uhr sah, es ist Mittag vorbei. - Wir gingen noch
einige Minuten, etwas aufwärts und waren auf einmal in einem grünen Tempel, oder
runden Saal von Hainbuchen, worinn der Tisch gedeckt und mit Speisen besetzt
war. Die Wollingsche Familie wartete schon auf uns, und das Pfeifchen hatte zum
Zeichen gedienet, das alles fertig sei.
    Cleberg, der so viel grosse Feste gesehen, sagte doch, dass er nimmer diese
Art ruhiges Entzücken, und Zauberfreuden gekannt habe. Von zwei Seiten dieses
Saals, sieht man Mahnheim an dem Abhange des Berges liegen und eine grosse
Schaafheerde weiden. -
 
                           Fünf und achzigster Brief
                           Cleberg an seinen Freund.
Ihr kleines, ungeduldiges Blättchen an mich beweist, dass ich Recht hatte zu
vermuten, Antua müsse von dem Charakter dieser van Guden am meisten eingenommen
werden, besonders auch von ihrem Gang auf den Berg. Da haben Sie die übrigen
Briefe von ihr selbst und die Abschrift derer, welche Rosalia an eine ihrer
Freundinnen schrieb, wo ich nichts zusetzen kann, als dass alles so da ist, wie
meine Schwärmerinn es mahlt; - die Gegend, Menschen und Sachen um sie herum. -
Ich war gewiss eben so begierig, als meine Frau selbst es sein konnte, den
Wollinghof, den ich gern Liebehof nennte, zu sehen. Als wir um die Buchbäume uns
gegen das Haus wandten, wurde ich wahrlich in Staunen gesetzt, indem es
gleichsam der Aufzug des Vorhangs in einer Oper war. Denn so ein Haus, in der
würklichen Welt, ist Traumgesicht, bis man mir seinen fünf Sinnen darinnen
herumwandelt, isst, schläft, schwatzt und wohnt. Sie haben es mit Bedacht so
versteckt gehalten, um bei denen, die es sehen konnten, das Gefühl, über sein
sonderbar Angenehmes nicht abzunutzen, die Leute nicht hinzulocken und ihren
Kindern die Unterstützung ihres Charakters, ihrer Tugend und ihres Glücks nicht
zu rauben, die einen grossen Teil ihrer Stärke, dieser Einsamkeit und dieser,
von allen Verhältnissen der Gesetze und Gewohnheiten abgeschnittnen Lage
schuldig sind. --
    In der, von Rosalien angezeigten, von künstlichen und natürlichen Blättern
durchflochtnen Laube, sassen die zwei Weiber und Kinder. Wolling ging herum; ein
schöner, schlanker Mann, hager, aber die edelste Bildung, und der Blick eines
Feuervollen, durchdringenden Auges, ein feiner Mund, Gang und Stellung voll
Entschlossenheit, der beinah an Trotz gränzte, wenn nicht die vortreflichste
Männliche Seele den Zügel hielte Was würde dieser Mann in einem grossen
Würkungskreise getan haben, mit all der Kraft zu tragen, zu kämpfen und zu
handeln! - Aber sagen Sie, ist es nicht toll, dass wir ein Stück Gold nicht eher
ganz in seinem Wert glauben, als es nachdem durch Kunst verarbeitet ist, oder
das Gepräge von Bild und Aufschrift eines Fürsten trägt? - Bin ich nicht bei
diesem Manne, was Europäer bei den Indianern waren, als sie diese ihr Gold zu
Gefässen ihres täglichen, kümmerlichen Essens verbrauchen sahen? Unglück tragen,
Weib und Kinder nähren und schützen, ist das nicht gute Verwendung des
Verstandes und der Kräfte des Lebens, in den Augen der Gotteit und des Weisen?
    Dieser Mann da, half Rosalien aus dem Wagen. Frau van Guden war herbei
geeilt und sie umfassten sich, mit wahrer Ergiessung der Seele in Liebe und
Freude. Ich stand und betrachtete das Weib, nach welcher Rosalia geseufzt und
mich neugierig gemacht hatte. Eine, über mitlere Grösse erhabene, ganz
regelmässige Gestalt, mit einer unwiderstehlichen Anmut umgeben; denn alles hat
den Charakter der Liebe, des Wohlwollens und Verstands voll Güte. - Die Art wie
sie Rosalien umschlang, ihren Kopf an sie legte, sie küsste, war der schönste
Ausdruck der reinsten, edelsten Zärtlichkeit. Eine feine Röte bezog ihr
Gesicht, als ich ihr vorgestellt wurde und sie ohne Zweifel in meinem Blick
etwas von dem sah, was ich von ihr dachte. Ohne Schönheit sind all ihre Züge
äusserst reitzend, ihr Auge voll Würde und Bescheidenheit, ihre Kleidung von
Ostindischen, schmalgestreiften Leinen, nett passend, weisse Schürze, ein
Strohhut mit blauem Band, und ein grosses weisses Halstuch. - Frau Wolling, ein
feines, schmächtiges Weibchen. Gross genug und schön wäre sie, wenn bei ihrem
herrlichen blauen Auge, ihre Gesichtsfarbe noch weiss wäre. Diese hatte violet
und weisses Landleinen, aber auch die weisse Schürze und den Hut. - Die liebsten
Kinder um sie, waren in blau und weissen, kurzen Kleidchen, die Haare nach
englischer Art geschnitten, immer die Schürze weiss, bis auf die Mägde. - Ein
Säugling an der Brust, hinderte Frau Wolling bei unsrer Ankunft aufzustehen weil
sie der Gewohnheit keine Pflicht opfert. Ein Knabe von zehn Jahren, ganz Vater,
Wollings Züge, munter und wahr, hatte einen grauen Frack, wie der Vater und ging
gleich zur Kutsche und dem Kutscher. - Lottchen von acht Jahren, blieb aber bei
dem mit Milch, Obst und Blumen bestellten Tisch, wo sie bald uns ansah, bald
wieder etwas an den Blumen zurecht machte, die in einem Körbchen da standen. -
Eine kleinere, holde Figur ging aussen herum und trug ganz geschäftig, wie
kleine Mädchen sind, etwas auf ihrem Aermchen, wie die Mutter den Säugling
hielt. Ein Knabe von drei Jahren kam, mit einem kleinen Schubkarren voll Sand,
über den Weg her, stutzte, da er uns erblickte, liess den Karren stehen und lief
seinem Vater zu; wies auf uns und fragte ihn um Alles. Wolling hob ihn mit der
Vatergüte auf, und trug ihn meinem Wagen zu, der den Kleinen am meisten anzog.
Die Pferde fand er gleich nicht so schön, als die Braunen des Vaters, weil diese
da so garstige Flecken hatten; denn ich war mit einem Lohnkutscher gekommen, der
vier Schecken angespannt hatte. --
    Rosalia hat Recht; ich wurde über die Stellung entzückt, in welcher ich die
drei Weiber sah, als ich, nach Einführung meines Wagens, mit Wolling zurück kam.
Eine Kupfersammlung von all den Auftritten möchte ich haben, welche diese van
Guden, schon veranlasst und vorgestellt hat. - Das Gespräch, das Haus und
Abendessen war, wie Sie in Rosaliens Briefe lesen werden, mit all dem
übereinstimmend. Mir war diese Verwebung der Kunst mit Einfalt und Natur,
Bauerhof, Bauerarbeit, der Ton voll Kenntnisse und seiner Empfindung, feine
Sitten und Freimütigkeit, die Stille im Wald, in dem Äußern des Hauses, die
sanfte Fröhlichkeit und Tätigkeit der Leute im Innern -- Erscheinung, an die
ich mich in den ersten zwei Tagen, nicht gewöhnen konnte. Indessen zog mich
Alles mit sich weg. Ich hätte die leere Hütte einnehmen mögen, die Wolling
ehmals bewohnte. Wie lang ich es da gedauert haben würde, weiss ich nicht; aber
ich fühle noch deutlich, wie verschieden die Bewegung meiner Seele ist, wenn ich
mir Höfe und Palläste zurück rufe, die ich auf meinen Reisen gesehen und dann
die zehn Tage, in Wollinghof verlebt, und die Menschen und den Berg, ihre
Sitten, Freuden, Arbeiten und Abendgespräche mir denke. - Ich ging einen Morgen
mit Rosalien allein herum, und las mit ihr, auf jedem Platz, von dem die van
Guden schrieb, die Scene, die ihre Feder bezeichnet hatte; ihre Kämmerchen
zwischen den alten Mauern, die mit Papier überklebt sind und wechselweis
einzelne Stücke vom alten Rom, von Neapel. Englische, und hiesige Gegenden und
Aussichten zur Zierde haben; - oder bald sie, bald Pindorf, der Glückliche,
immer in schönen Stellungen abgebildet sind, und in diesen immer die Züge edler
Gedanken, edler Gefühle der Seele so deutlich liegen. So, werden nicht viele
Männer geliebt, und solche Weiber sind auch selten. Sehen muss ich ihn einst,
diesen Pindorf. Ich habe was wider ihn. So bildhauerisch schön seine Gestalt
ist, so glaube ich etwas darin zu erblicken, das einen Grad Biegsamkeit
andeutet, die durch das Geringste hervorgebracht werden kann. - Sicher bin ich,
niemals wär er Wolling gewesen. - - Nachdem ich Alles kannte und wusste, so
wollte ich auch versuchen, auf was für einer Seite sich die van Guden einem
Manne zeigen würde, der ihr freimütige Fragen vorlegen, und Betrachtungen
machen könnte. - Wenn ich nicht mit Fleiss meine Unterredung mit Lobsprüchen
angefangen hätte, so würde ich aus aller Fassung gekommen sein, da sie mir mit
feinem Lächeln zugehört hatte und endlich sagte: »Ich bemerke ganz deutlich, dass
alle die ausserordentlich schönen Sachen, die Sie mir, über mich und unsern Berg
sagen, nichts als der Eingang von einer Unterredung sind, in der Sie mich, durch
sich selbst kennen lernen möchten. Ich bin gar nicht darüber erstaunt und noch
weniger böse. - Mein ganzes Wesen und Tun hat eine so eigne Farbe, dass man
natürlicher Weise auf die Mischung begierig ist, aus denen sie besteht. - Sie
haben mir, nach der eingeführten Artigkeit unter Euch jungen Männern, auch von
meiner Person gesprochen. Ich weiss dass ich, ohne Schönheit, was sehr Gefälliges
habe, und dass meine Art mich zu kleiden, und mein Bezeigen, dieses Gefällige
noch vermehrt; besonders wenn mein Klavierspiel, meine Stimme, mein Tanzen, oder
Bleistift mit dabei erscheinen. Denn welcher Mann von Geist ist nicht zufrieden,
wenn er bei einer solchen Figur und Talenten, auch ein Maass Kenntnisse antrift,
das ihm verspricht: - Hier kanst du vom Leichten und Starken sprechen, Du wirst
gehört und verstanden sein. -- Freigebigkeit, Güte und Freundlichkeit, die mir
der Himmel zu meinem so grossen Vermögen gab; alles dies hätte mir gewiss immer
Freunde erworben, und mir Ehre und Achtung zugezogen; so dass mich kein Mangel
irgend einer erkannten Glückseligkeit in diese Einöde führte, sondern, wie ich
glaube, der eigentliche Gang der Triebfedern meiner Seele. Wie die Schläge
unsers Herzens, den Umlauf des Bluts und Lebens befördern und erhalten, aber auf
der andern Seite die Werkzeuge abnutzen und zu ihrer Trennung vorbereiten; -- so
hat eben das, was auf einer Seite meiner Seele die Beharrlichkeit gab, so viel
zu lernen, ganz zu wissen und an lauter Gutes und Edles mich zu heften, auch das
seltsame Bild von Liebe in mir hervorgehracht, das ich seit so vielen Jahren in
mir nähre und mit ihm lebe. - Liebe für einen Mann, oder von Euch Männern für
eine Frau, ist ein Tribut, den die Ratur uns Allen auflegt. -- Ich lernte Herrn
von Pindorf just in der Zeit seines und meines Lebens kennen, da in uns beiden
der selige, moralische Entusiasmus für alles Schöne und Grosse glühte. Wie hätt
er sonst, mit all der Liebe für mich, die Stärke gehabt, das gegebne Versprechen
seiner Hand zu erfüllen? - Wo hätt ich die hergenommen, niemals mich zu
vergessen, niemals mit ihm allein zu sein? - Glücklich genug, wie eine edle
Griechinn in Plato's Gastmahl sagt, dass wir uns sahen, sprachen, die nehmliche
Luft atmeten und gleichgestimmt, alles bemerkten und betrachteten. - Sagen Sie
mir, was anders als eine gleiche Erhöhung der Seele, liess mich in ihm die
Vollziehung seiner schon lange bestimmten Heirat verehren? - Und ihn mit Segen
an den Mann denken, dessen Eigentum ich einst werden sollte? - Ich will
glauben, dass es Schwärmerei unsrer glühenden Einbildungskraft war; aber es war
auch das seligste Gefühl meines ganzen Lebens. Der Verlust seiner Person, seines
Anblicks und seiner Unterredungen, schmerzte mich nicht so zerreissend, als da
ich ihn wieder sah, und weniger Edel, weniger Gross, sein Betragen in einigen
Teilen seines Lebens der hohen Würde seines Herzens und seiner Seele nicht
gemäss zu sein dachte. Ach, da! - da verlohr ich ihn; da riss ein feindseliger
Geist alles Glück aus meinem Leben! Wer sollte mich schadlos halten? -- Ein
anderer Mann? -- Man glaubt nicht zweimal, was ich glaubte; - man liebt nicht
zweimal, wie ich liebte. - Und sagen Sie, war es möglich dass ich, mit diesem Ton
des Charakters, mich tröstete, wie Andre sich trösteten? - Ich bätte die
Grundlage meines innersten ganzen Wesens ändern müssen. Konnt ich das tun? oder
vielmehr, konnt ich das wollen? - Ich war in umgekehrten Zustande des Pigmalion.
Das schöne Meisterstück seiner Hände wurde belebt und er höchst selig. Mir wurde
der Geliebte meines Herzens zu einem unbeselten Bilde, dessen Züge mich immer an
jede Tugend, an jede angebetete Eigenschaft erinnerten und mich tränend an dem
Fussgestell niedersinken machten. Ich hatte ihn nicht mehr; - aber meine Liebe
war noch in mir, und dieses Geschöpf meiner Seele, das so viel süsse Stunden so
viel Schmerzen mir gegeben batte, dieses hätte ich ohne Ersatz vernichten
sollen? Pindorf ist für mich todt, mein Herz trägt Trauer um ihn; aber ich, ich
liebe alles, wo er war, wo er ging, lebte und handelte. -- Die Zeit, die
Ableitung, welche meine Zärtlichkeit schon in der Vorstadt von S**, dann bei
Pindorfs Kindern, und endlich hier erlitte, haben dem Ganzen eine sanfte Wendung
gegeben. Ich war einst für mich glücklich; nun bin ich nützlich geworden und
glaube also, meine Bestimmung erfüllt zu haben. Freilich nicht auf dem allgemein
vorgeschriebnen Weg, aber vielleicht ist es ein schöner Fusspfad der die Wenigen,
die ihn kennen früher zum wahren Glück des Lebens führt.« --
    Nun hielt sie inne. Ich konnte, voll von Bewunderung und Liebe, nicht reden.
Aber es war sonderbare Liebe, wie für ein grosses Weib aus der alten Geschichte,
oder für eine teure Mutter oder Schwester. Aber heilig war mir der Hain. Wir
sassen während dem Gespräch auf einem Stück Felsen, mit Moos und Blümchen
bewachsen, eine kleine Waldwiese von einem Viertelmorgen vor uns; rings um hohe
Bäume - nur floss zu unsern Füssen eine von den Ableitungen des Teichwassers,
welche der junge Zimmermann zum Nutze von Wollinghof angelegt hat. Wipfel und
Aeste von grossen Eichen hingen über die Wiese gegen der Buche zu, an der unser
Fels lag. der vor Jahrhunderten schon vom obern Berg abgefallen sein mag. - Nach
einigen Schweigen fragte sie, ob ich noch etwas von ihr wissen wollte?
    »Sie sind ein und dreissig Jahr alt; glauben Sie immer zufrieden auf diesem
Wege zu bleiben? --
    Ja! weil weder meine Liebe, noch meine Einbildungskraft jemals versiegen
wird, und weil ich mir von Allem, was ich in der Welt von Menschen und Sachen
kenne, nichts denke, das meinen Idealen gleich kommt, die ich mir immer schaffe
und ändre, je wie ein vollkommners Bild in meiner Seele entsteht. Ich will Ihnen
Zeichnung davon, und auch Aufsätze weisen. - Ich bin zufrieden mit Schicksal und
Menschen. Meine Wollinge sind mir alles; denen will ich helfen ihre Kinder
erziehen, und des Beamten seine unterstützen. - Der junge Moos wird einer der
herrlichsten Schwarzkünstler werden und ich schicke ihn nach England, da soll er
an Reinolds, Wests und der Angelika Gestalten, Ausdruck, und Gruppen, Geschmack
und Kraft einsaugen. Deswegen lehre ich ihm auch die englische Sprache. - Meine
Mela muss auch noch ausgebildet und glücklich werden. - In Wollings Kindern hat
der Kummer der leidenden Liebe, schon von dem Augenblick ihres Entstehens an,
den Zung ihres Denkens und Gefühls gestimmt. Ich müsste mich sehr betrügen, wenn
ihr Fortwachsen und Erziehen mir nicht viele Freude geben sollte.« --
    »Aber, teure Madame Guden; bedenken Sie, wie unendlich viel Gutes mehr Sie
tun könnten, wenn Sie, in unsrer Stadt den gewohnten Ton der Leute würden
umzustimmen suchen.« - -
    »Ich! eine Stadt umzustimmen suchen? Ey, Herr Cleberg! entweder haben Sie in
diesem Augenblick nicht mit Ihren Geist gedacht, oder Sie begegnen mir nicht mit
der freundschaftlichen Achtung, die ich verdiene.« -
    Ich bat sie um Vergebung und versicherte sie von der Ueberzeugung, die ich
hätte, dass eine Frau von ihrem Verstand und ihrer Güte, vieles zu der
gesellschaftlichen Verbesserung beitragen könne; und ob sie nicht den Beweis in
der Vorstadt von S** erhalten habe? -
    »An ungekünstelten Menschen, wie diese waren, und die nur Ein Bedürfnis
fühlten, dem ich gleich abhalf ja, da konnt ich was ausrichten, und das meistens
auch, weil ich sorgfältig meine Wohltaten mit der Arbeitsamkeit verband. Denn
fleissige Menschen haben immer viel Gutes voraus. Aber, wer fühlt sittliche
Bedürfnisse so stark, dass er gleich an jemands Hand sich anheftet, die ihn auf
bessern Wege leiten will? - Der Wahn war in mir, nicht zu bessern, aber
glücklicher zu machen; - schon lange habe ich ihn verloren. Feine, artige
Weltleute machten mich und meinen Charakter lächerrlich, und ich will sehen, was
der noch Gutes tun will, der einmal lächerrlich wurde. Philosophische
Männerköpfe, die ich unendlich schäzte, was für Rückgabe erhielt ich davon! -
Aber Ihr Männer behandelt oft euch selbst, über Verschiedenheit der Ideen und
Begriffe, so unbillig, unhöflich und bös, dass ich sehr Unrecht hätte, einzelne
Klagen eines Weibes so laut zu erheben. Aber, sehr Unrecht hätt ich auch mich
willkührlich unangenehmen Begegnissen auszusetzen die nichts nutzen würden;
besonders da ich noch so fest an meinen eignen Empfindungen und der Art hänge,
womit ich die Sachen und Menschen betrachte. Wenn Sie aufrichtig sein wollen, so
müssen Sie nach der grossen Weltkenntnis, die Ihre Reisen und Geschäfte Ihnen
gegeben haben, gerade zu eingestehen, dass die Stimmung meiner Seele allein zu
Leuten taugt, die aus dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und Verhältnisse
herausgeworfen worden sind, wie meine Wollinge da! - Ich hörte einst in einer
Gesellschaft einen Gelehrten behaupten, dass alles, was möglich sei, einmal da
sein müsste; es sei im Guten und Bösen, Klugen und Törichten unsrer Physischen
und moralischen Welt. - Ich glaube, wenn wir alte und neue Begebenheiten nach
diesem Satz beurteilen, dass er so ziemlich wahr zu sein scheint. - Denken Sie
also, da mein Charakter, Umstände und Vermögen zusammen trafen, und ich just
auch diese Familie finden musste, dass es so Recht sei, und lassen Sie mich Sie
als einen Mann finden, der die Sachen ansieht und beurteilt, wie sie sind, ohne
Alles aus seinem Verhältnis auszuheben. Man nennt die Welt so oft eine Komödie,
wo jedes von uns eine Rolle bat. Lassen Sie mich die meinige fortspielen. In
Ihrer Stadt wär ich nichts als eine Person mehr; meinen Wollingen bin ich Alles.
So bald ich aber dieser Familie weniger senn, oder als lästige Erinnerung meiner
Wohltaten erscheinen werde: so gehe ich weg, und komme zu Ihnen und Rosalien.«
--
    Freund! wissen Sie was gegen all dieses einzuwenden, so sagen Sie es. Ich
wusste nichts, als dass ich meinen Männerkopf noch gegen den ihrigen, in der Frage
setzte:
    »Aber wenn Sie Herrn von Pindorf einmal sehen, was tun Sie da?« --
    »Ich sah diese Frage schon lang in Ihnen,« sagte sie. - »Vergeben Sie, wenn
ich sie nicht beantworte; teils, weil ich ja nicht weiss, wenn, wie, oder in was
für einer Gemütsverfassung er, oder ich dann sein werde, teils auch, weil
diese Frage das Heiligtum meines Herzens angeht.«
    Ich erkannte, dass sie Recht hatte und sagte ihr dann, dass sie mich
überzeuge, was für herrliche Früchte eine starke Leidenschaft in einem edlen
Herzen hervorbringe, besonders wenn das Schicksal Unabhängigkeit, Gewalt, oder
Reichtum dazu lege. --
    »Ach, wie wahr ist dieses!« sagte sie nach einigent Schweigen, »meine
Leidenichaft für Pindorf stärkte den Ton meiner Seele, die das Gute schon
liebte, aber ich wollte seine. Hochachtung immer verdienen; ich wollte dass er
auch von Andern immer Gutes und Edles von mir rühmen hörte und, o was machte ich
für Entwürfe für ihn, für die Aussichten, die er zu seinen Beschäftigungen
hatte! Ich wollte jede grosse Anlage seines Geistes zur übenden Vollkommenheit
erhöhen, in jeder Gelegenheit die ausgezeichnete Würde seines Charakters
bestärken, er sollte der Gegenstand der allgemeinen Verehrung werden. - Aber
dieses Glück war mir nicht vorbehalten! Andre haben es. - Mögen sie es zu seinem
Ruhm geniessen«
    Ich sagte ihr hierauf meinen Lebensplan. Sie fand ihn gut. reichte mir, mit
Rührung und Würde in ihrer Miene, die Hand. - »Erlauben Sie Ihrer neuen, aber
wahren Freundinn die Bitte, fest, unbeweglich bei dem edlen Plan zu bleiben und
ihn auszuführen; denn so Viele lieben und wollen das Gute, aber wenn es Arbeit
und Beharrlichkeit erfordert: so lassen sie wieder ab - Sie haben auf ihrem
Platz, fuhr sie fort, Niemand neben sich und nur Ihren Fürsten über Ihrem Haupt.
Sonst bät ich Sie auch, an Allen Obern und Untergebenen unschädliche Fehler zu
tragen, und auch von den schädlichen niemals gegen Andre zu sprechen; Talente
und Schwächen, die jeder hat, sorglich aufzusuchen, um die Eistern zum Dienst
des Fürsten und gemeinen Besten zu gebrauchen und die Leztern zu schonen, damit
Sie immer die Gewalt über ihren guten Willen behalten mögen.« - Ich sah sie hier
mit vieler Aufmerksamkeit an: »Herr Cleberg! es sind keine Vorschriften, die ich
einem Manne machen will, sondern wünsche, dass mein Freund den Nutzen aus
Beobachtungen ziehe, die ich über kleine, aber bedenkliche Versehen andrer
Männer machte.«
    Denk einmal, Freund! ob Du dieses nicht brauchen kannst. Vor unserer Abreise
gab sie uns noch einen schönen Tag, da sie das Abendessen im Walde veranstaltete
wozu der Beamte von Mahnheim mit all seinen Kindern eingeladen wurde. Ich habe
Ihnen schon oben geschrieben, wie der einsame Waldplatz aus sah, wo ich weine
lange Unterredung mit van Guden hatte. - Dort war auf einem schmalen Grasplatz
am Fuss eines hohen Stücks Felsen, - Milch, kalter Braten, Schinken, etwas
Bäckerei und Wein aufgesetzt, um die Schüsseln herum im Grase Blumen gestreut,
an den Bäumen herum hingen Blumenkränze und ein, mit Bedacht ungleiches, Stück
der Felsenwand war von Moos und Kräutern gereinigt, Rosaliens und mein
Namenszug, sammt der Aufschrift: Clebergshayn, darein gegraben und mit grüner
Oelfarbe ausgefüllt, - und von diesem Steine hing ein grosses Blumengewinde bis
auf den Grasplatz herunter. - Wir sangen da des unschäzbaren Claudius
Waldserenate, die Wolling mit der Flöte, ein Paar Söhne des Herrn Moos mit der
Violine, und ich mit dem Bass begleitete. - Wahrlich, diesen Leuten kommt die
Langemeile nicht nah. Aemsiges Arbeiten, wahrer Verstand, Güte und mässiger
Entusiasmus für das Schöne verewigt ihr Glück. --
 
                           Sechs und achzigster Brief
                             Cleberg an Denselben.
Frau van Guden hatte mich gereizt, diesem Pindorf nachzuspüren. Ich ging also,
da ich mich von Wollinghof losgerissen, gerade nach der Stadt W** und erkundigte
mich nach ihm. Aber er ist noch immer abwesend. Der Wirt erzählte uns, es
möchte wohl daher kommen, weil er, durch seinen zu kostbaren Gartenbau, drei
Meilen von der Stadt, an den Fluss hin, sich in grosse Schulden gesetzt und seine
Einkünfte zu deren Abtilgung verwalten lasse. - Er sei aber ein sehr guter und
grossmütiger Herr, der schöne Reisen in sein er Jugend getan und auch, nach
seinen vielen Büchern, sehr gelehrt sein müsse. Der ganze Garten sei, bei seinem
Vater nichts als ein schöner Wald mit einem Fischteich und kleinem Bächelchen
gewesen, neben welchem auf der untern Seite ein grosser Bauerhof gestanden, in
dem des Sommers sein Vater und Mutter oben gewohnt und für ihren Sohn und
Tochter alles zusammen gespart hätten, was sie gekonnt. - Die Tochter sei ein
listiges Tier, die von den Eltern schon viel gezogen und von ihrem Bruder auch,
mit dem sie machen könne was sie wolle, wie man sage; weil sie bald lustig, bald
spitzfindig, bald sehr zärtlich mit ihm spräche, bei allen andern Leuten aber
durch ihre Falschheit und döse Zunge verhasst sei. An Herrn von Pindorf bitte man
nichts auszusetzen, als dass er ihr Alles glaube, zu gut sei, und nach ihren
Angebungen sich einnehmen lasse. Er sei mehr melancholisch, als lustig; habe mit
seiner Gemahlinn gut, aber etwas kaltsinnig gelebt - und sei mehr im Walde und
der Bücherstube, als bei ihr gewesen, ob sie schon recht hübsch und artig, auch
gar sanft gewesen. In dem Wald aber habe er sonderbare Sachen gemacht, mit
Grotten, in denen ein weisser Teufel liege; eine Blumenhecke wo junge Heren
tanzten und auch hinter einem Baum ein weisser Teufel zusähe. - Dann einen See,
ganz kostbar, mit grauen Bänken und Stiegen, wo sich nackende Weibsbilder
badeten und Füsse wüschen. Sie wären nur von Stein, setzte er hinzu, aber doch
vielen alten Leuten in der Stadt ärgerlich. - Das Haus sei sehr schön, aber
närrisch Auf zwei Seitengebäuden wäre gar kein Dach, sondern ein Altan von
Regpel; und auf dem sechseckichten Dach, in der Mitte, sässen drei nackende
Kinder, die auch fremdes Gesträuch daran hinauf zögen. Auf dem breiten Gang oben
wären auch Figuren herum, doch stände der Bauerhof noch, und man wundre sich,
dass er nicht auch lauter steinerne Bauern und Vieh hingesetzt habe. - Alle
Fremde gingen aber hin, besonders Engländer, die lobten Alles, und zeichneten
auch den Garten ab. - -
    Nun kam mir und Rosalien die Lust an, diesen tollen Garten zu sehen, und es
reut uns nicht, denn nichts Schöners hab ich noch nie gekannt. Wir gingen auf
der Seite des Flusses, wo man das Haus lange im Gesicht hat, weil er es etwas
auf einer Krümme voraus bauen liess. Die Hauptgestalt des kleinen Lustschlosses
ist ziemlich bekannt, denn es ist in der Mitte ein erhöhter Bau und auf beiden
Seiten sind lange Flügel von einem Stockwerk mit Altanen, was man öfter sieht.
Aber die Ausführung gehört dem erfindsamen Geiste des Herrn von Pindorf eigen.
Auf der Brustmauer beider Altane stehn Vasen, von sehr schöner Form. Aber das
mittlere Gebäude sieht in der Tat herrlich aus. Auf dem untern Stock ruht ein
breiter Altan, auf dessen Brustmauer eine Bildsäule der Flora, halb liegend,
sich auf einen Arm stützend, in einer sehr schönen Stellung gegen einen Genius
sieht der in einiger Entfernung von ihr, einen Korb voll Blumen vor sich hat,
einige davon in der Hand hält und die Göttinn so ansieht als fragte er: Darf ich
sie ins Wasser werfen? Ceres auf einer andern Seite, mit bedeutendem Aussehen,
und auch ein Genius, mit Kornähren und Sichel, die er froh über seinem Kopf zu
schwingen scheint, und seine Garbe freundlich anblickt. -- Dann folgt Pomona,
welche einem Knaben mit einem Korbe voll Obst zulächelt. Diese Körbe, Blumen,
Aehren und Früchte sind von Blecharbeit, nach der Natur verfertigt und auch nach
ihren Farben gemahlt. - Der Gang ist acht Schuh bis an die Türen des runden
Saals, die zugleich die Fenster ausmachen. Zwischen diesen vier doppelten Türen
stehen grosse marmorne Blumentöpfe, aus welchen Indische Blettergewächse, auch
von Blecharbeit, grün und vergoldeten Spitzen, hervorsteigen, bis über die
Fensterbogen auf das Dach sich erheben, und auf diesem durch drei Genien gefasst
werden, die sich in verschiedenen Wendungen bemühen, sie mit breiten weiss und
goldnen Bändern, die in losen Schleifen auf dem Dach herumflattern, oben in
einen Busch zu binden. - Der Stiel der Bauart ist äusserst edel, im wahren
römischen Geschmack. Alles ist Silberfarbe, mit Oel angestrichen, und leichte
Vergoldungen. nur wie Sonnenblicke, hie und da angebracht. - Das Alles macht
wahrlich einen ganz herrlichen und grossen Gedanken aus. - Forne ein Warf von
Quadersteinen, an dem der Fluss immer anspielt; und dann ragen hinter den
Gebäuden die hohen Wipfel von Buchen, Eichen, Erlen, in ihrem verschiedenen Grün
hervor. - Das ist, so wahr ich lebe. ein vortreflicher Anblick! Auf der Seite
gegen das Wasser sind in dem ganzen Gebäude lauter artige Zimmer weiss in Gips
ausgeziert, aber ganz leicht; immer in einem ein Camin, im zweiten ein Bett von
artigem Zitz. Spiegelrahmen, Tische und Stühle sind auch weiss Die Fenster alle
bis auf den Boden, grosse Scheiben, in hölzerne auch weisse Rahmen gefasst; und auf
Brustöhe, ein schönes Gitterwerk, wovon die Spitzen kleine Vergoldungen haben.
Gegen den Wald und Garten läuft durchaus ein sechs Schuh breiter Gang, dessen
Dach vom Altan anfängt und auf Säulen gestützt ist. Von diesem Gange geben auch
durchaus drei Stufen in den Garten herunter und die Eingänge in die Zimmer. --
Der obere grosse Saal ist auch, wie die übrigen Zimmer, weiss, mit vier hohen
Spiegeln und sehr schönen Wandleuchtern mit Blumengewinden. Der Fussboden von
grau und weissen Marmor eingelegt. - Unter diesem ist, gegen dem grossen Stück
des englischen Rasenplatzes, ein runder, offener Saal. Wenn man von dem über
dieses flache Stück des Gartens hinschaut, das mit Vasen, worinn Blumen gezogen
werden, und einigen Gruppen Genien der schönen Künste geziert ist, sieht man
gegen eine Anhöhe, auf welcher er die Ruinen eines kleinen Tempels aufbaute, und
von einem benachbarten Kavalier die Erlaubnis erkaufte, einen kleinen Bach, der
auf dem Berge entspringt, von seinem ersten Weg abzuleiten und neben dem Tempel,
über eine von demselben abgefallne Säule, die schief hingelegt wurde, fliessen
zu lassen. Ueber dem Capital, so von der zusammengesetzten Ordnung ist, sprudelt
das Wasser schäumend ab, weil es sich an den Blättern und Rinnen stösst; weiter
hin, fällt es noch über grosse Stücke Mauern, und unten kommts durch einen
kleinen Umweg, wiese in das alte Bett, nach dem Dorf des Kavaliers. Es ist so
gut nach den Regeln der Täuschung gemacht, dass man weder den Tempel, noch
Wasserfall ganz sieht; so dass, ob man sie schon das ganze Parterre durch im
Gesicht hat, man nicht gesättigt wird, und mit Begierde auf den Anblick des
Ganzen bis aus Ende geht, wo Pindorfs Anlage, durch einen tiefen Graben
begränzt, eine schöne Aussicht auf eine grosse Landschaft und zwei Dörfer gibt -
Pindorfs Wald wird durch dieses Parterre in zwei Teile geschnitten, wo er alles
fort wachsen liess, nur aber Sorge trug, dass nie faule, oder zu sehr verflochtene
Gesträuche drin wären. Die Wege sind ungleich, bald eng bald weit. Auf einer
Seite kommt man auf einmal an einen sehr dunkel verwachsenen Platz, wo in einer
grossen, sehr gut angelegten Grotte, deren Eingang mit Rebenstöcken umzogen ist,
auf einer niedrigen Moosbank, ein Faun auf einem Weinschlauche schläft. - Da
batten wir den weissen Teufel unsers Wirts und fanden auch nach einigem
Herumgeben in einem schönen Gebüsch, seine jungen Hexen, in der Gestalt drei
schöner tanzender Nymphen, auf einem feinen Rasen, über welchem zwei grosse
Eichen ihre Zweige ausbreiteten. Zwischen diesen ist dichtes Gesträuch gezogen,
worunter Wendeblumen, Rosen, blauer Hollunder, Schneeballen etc. gepflanzt sind,
die hie und da, über eine Gras- oder Moosbank gebogen sind. Hinter einer Buche
steht ein Faun, der die Nymphen belauscht. Das halb Düstre dieses Platzes und
die sehr vortreflich gearbeiteten Bilder, machen einen Eindruck alter
Griechischer Zeit. -- Bei hellem Mondschein, sagte der Schlosswärter, gingen
Kunstverständige, wie sie sein gnädiger Herr nenne, gern hin, weil das Gebüsch
mit Fleiss so ausgeschnitten sei, dass der Schein einige Stunden auf die
Tänzerinnen falle, und da lasse er auch eine Musik in der Hecke machen, wobei
etwas gerade so klänge, als ob das runde Ding mit Schellen, das Eine über dem
Kopf hielte, einen Laut von sich gäbe. -
    Ich sagte zu Rosalien: »Ey, wie schade, dass dieser Pindorf nicht Deine van
Guden mit ihrem Gelde heiratete! - Diese zwei Leute hätten die Feenwelt
aufgebaut.« --
    »Spötter!« sagte sie, »wie undankbar bist Du gegen das Gefühl von Vergnügen,
das Du hier durch Pindorfs Kunstliebe einsaugst, und in Wollinghof von der
Phantasiereichen Güte meiner van Guden genossest.«
    »Bist Du böse, Salie! weil Du so grosse Worte nimmst?«
    »Nein! sonst hätte ich mehr gesagt.« -
    »Was denn, Liebe? vertrau mir es.« -
    »Ach, ich würde Dich Leuten verglichen haben, die über den Himmel lachen,
und doch gern selig würden.« --
    »Sieh, wie unschicklich ernstaft wirst Du hier in Rosengebüschen! Ich bin
viel näher am Geist des Stifters.« -- Da wollt ich sie küssen.
    »O, Du machst ein Faungesicht,« sagte sie und entschlüpfte meinen Armen mit
Nymphenleichtigkeit und Anmut. --
    Vergieb, mein Freund, dass ich diese kleine Unterredung mit meiner Salie, wie
ich sie nenne, hier einschalte. -- Ihre Kleidung, Miene, Wuchs und Ton,
schickten sich sehr artig in diesen Hayn; und da bei der Erinnerung des Ganzen,
mir auch dieses beifiel, schrieb ich es hin. - Wenn Du lachst, dass ich die Idee
einer Nymphe mit dem Bild meines Weibes vereinige, so magst Du es tun. Ich
würde im Joch des Ebstandes der elendeste Mensch sein, wenn ich nicht mehr
scherzen und mein Weib, als eine artige Geliebte, ansehen könnte. - Jahre, Amts-
und Kindersorgen werden Sitten und Saiten anders stimmen; aber zum Voraus will
ich nichts wegräumen was zu der Blüte meines Glücks gehört und taugt. --
    Unser Führer leitete uns nun auf die andre Seite des Waldes wo einige gerade
laufende, hohe, grosse Alleen in französischem Geschmack sind, wovon zwei an der
einen Ecke des Waldes, in einem grossen, offnen Saal, dessen Wände von Haynbuchen
gezogen sind, sich endigen. Aus den Fenstern siebt man den Wasserfall auf einer,
und den Pavillon des Hauptgebäudes auf der andern Seite. Dort ist auch ein Platz
zu verschiedenen Spielen. - Versteckte Wege von hieraus, und ein einziger von
dem Gange, führen zu einem grossen Wasserbecken, mit grauem Landmarmor eingefasst,
in welches an einem Ende eine Stiege von dem nehmlichen Stein bis auf den Boden
geht, auf deren zwei vorletzten Stuffen eine herrlich gearbeitete weibliche
Bildsäule steht, die Haare mit einem Band aufgebunden, den Oberleib über den
Nacken hinunter bloss, mit einer Hand aber hält sie ein feines Gewand über die
Brust, mit der andern zieht sie es gegen die Stiege, als ob sie es hinlegen
wollte, so bald sie ganz im Wasser sein würde; denn mit einem Fuss ist sie schon
auf der letzten Stuffe. Das andre Knie ist also gebogen und seine schöne Form
scheint ganz genau durch das Gewand, wie der eine Fuss aus dem Wasser. Oben, an
dem Anfange der Treppe, ist ein, dicker Strauch von rot und weiss gestreiften.
Rosen und ein kleines Geländer an der Stiege. An dieses lehnt sich die Bildsäule
einer Griechischen Magd, einen Arm auf dem Gewande, das in schönen Falten über
dem Geländer hängt, den andern gegen den Rosenstrauch ausgestreckt, von dem ihre
Finger eine Rose fassen. Auf dem Gesims steht noch ein Salbentopf, in alter
Form. Eine dicht bewachsne Laube und die Bäume mit ihren Schatten dortin,
wachen diesen Gedanken zu einem köstlichen Teile dieses Gartens. - In
ungleicher Richtung gegen das andre Ende des länglichten Wasserbeckens, ist ein
viereckigter Platz, mit einer kleinen Bank, auf den man zwei Stuffen hinunter
steigt. Hier sitzt ein eben so schönes weibliches Bild, einen Fuss über das Knie
des Andern gelegt, mit dem Oberleib etwas gebogen, weil ihre rechte Hand die
leichte Kleidung zurückhält, damit sie von dem auffallenden Wasser, welches eine
artige Sklavinn aus einem Krug über ihre Füsse giesst, nicht nass werden möge. Sie
blickt dabei holdselig nach dem Mädchen hinauf. Dieses Wasser ist das ganz
kleine Bächelchen, so durch Pindorfs Wald fliesst, über welches er eine niedre
Decke wölben, und diese mit Rasen belegen liess, so dass man nichts mehr davon
sieht, und es durch seine Leitung den Ausfluss gerade durch den Krug der Sklavinn
nimmt, der mit dem Fuss etwas auf dem Gras aufliegt, gleichsam um dem Mädchen die
Schwere etwas zu erleichtern. Das Wasser macht durch das Auffallen auf die
Füsse, von diesen auf den Pflasterboden und dann im Einfallen in das Becken, ein
abgesetztes Geräusch. - Hohe Grasarten, hie und da stehende, mit Fleiss so
angepflanzte Gewächse neigen sich gegen das Wasser und spiegeln sich darin.
Moos- und Grasbänke findet man da, um die Kühlung bequem zu geniessen. - Ganz im
Gesträuch versteckt liegt ein Bad, wohin das Abwasser, so dieses Becken
gleichsam durch geseigt, auf einer Seite abfliesst. Dieser Platz ist auch ganz
von Stein, mit Bänken, und für acht Personen Raum darin, ohne Dach, aber eine
Mauer herum, von welcher man nach dem äussern Ansehen denkt, dass sie die
Einfassung eines kleinen Hofs sei, der sich an das auch kleine Haus anschliesse,
so daneben steht, in welches das kalte Wasser in einen Kessel fliessen und zum
warmen Bade gehjetzt werden kann, das in einem geräumigen Zimmer, mit
holländischen Porcelantäfelchen ausgelegt, besteht, und auf der Seite vier
artige Zimmerchen mit Betten und Kaminen zum Abtrocknen hat. - Von dort aus
kamen wir noch durch einen Teil des Gehölzes, der immer lichter wurde, und sich
an dem schönen Bauerhofe auf einer, und dem Gemüs- und Obstgarten auf der andern
Seite endet. Hier ist nichts als Wahrheit und Ordnung, in Gärtner- und
Bauerarbeiten; der Hof so, wie man Bauerhäuser in Kupferstichen sieht; eine
grosse Linde neben der Haustür an den Zimmern hin, die Pindorfs Eltern ehmals
bewohnten; ein Gang von Holz, die Stuben getäfelt, und noch alles alte Geräte
darin sorgfältig verwahrt; ein fleissiger, geschickter Bauer, viel schönes Melk-
und Zugvieh, viel Gesinde; und die grossen Felder, Wiesen und Baumstücke umher,
schön angebaut; die reiche Einfalt der Natur, mit all ihren rührenden
Annehmlichkeiten, neben dem Garten, der alle Reize der Kunst in sich sasst. - -
    Leid war es mir, dass die Schulden, in welche Pindorf sich gestürzt, nun bei
vielen Leuten dem edlen Geschmack schaden, dem er sein Geld opferte. Denn er ist
doch einmal unter der Menge junger Edelleute, die England und Italien
durchreisten, fast der Einzige, den ich weiss, der so viel Würkliches in seinem
Kopfe davon zurück brachte. Denn er soll die Zeichnungen der Bildsäulen, den Riss
des Hauses, Gartens, und aller Verzierungen, selbst entworfen haben, und hat
wechselsweise bei jeder Arbeit dabei, mit allen Kräften und Geschicklichkeit
geholfen. Hätte er doch jährlich nur eine Summe bestimmt, und nach und nach
seinen Entwurf geendigt! Aber Jugendfeuer will bald geniessen; und er hatte
Alles so angeordnet, dass Gebäude, Bilder, Wasserleitungen und Hausgerät so
fertig wurden. dass das Ganze mit einemmal da war. -- Seine Bücher- und
Kupfersammlung ist zahlreich und auserlesen. - Er hatte mit den Verwandten
seiner Gemahlinn über diesen Aufwand viel Verdruss, weil er ihre Mitgift auch
darin verschwendet hatte, wie sie sagten; und Keines von ihnen wollte seine
schönen Sachen sehen. Die Ursach, warum er seine Kinder so lang allein lässt,
ist, weil sie von dem Erbgut ihrer Mutter leben, die vor dem Grossvater starb,
und dieser in seinem Testamente seinem Schwiegersohn ausschloss - Die Bedrängnis
seiner Schulden, und seine Vaterliebe brachten ihn dazu, dass er Alles
einwilligte. Aber er wollte dann so lange von W** entfernt leben, bis er wieder
frei leben könnte. - Er war lange düster bei einem Verwandten, und ist nun seit
einiger Zeit bei seiner Schwester. Es liegt ausserordentlicher Geist in dem
Manne; aber, ich fürchte dass ich Recht habe, zu vermuten, Böse können ihn unter
dem Schein des Guten missbrauchen. - Und hier eine Frage: Liegt nicht diese
Weichheit, im Kunst-und Schönheitsgefühl? - Es mag sein, wo es will: ich danke
dem Himmel, dass er es jemand in Deutschland, in einem so hohen Maass gegeben hat,
wie dieser Garten zeigt.
 
                          Sieben und achtzigster Brief
                             Rosalia an Mariane S**
Es ist wahr, ich schrieb von Wollinghof nur zwei Briefe und von hier nur
Zettelchen; aber hören Sie mich Liebe! denn nun bin ich zurück, in meinem
eigenen Hause; nachdem mein Cleberg noch zwei Tage für Madame Guden aufgeopfert
hatte, weil er nach der Stadt W** ging, um dort Erkundigung von Pindorf
einzuholen. - Er ist nur so halb und halb mit dem Manne zufrieden, ob ihm schon
sein Haus und Garten sehr wohl gefiel. Ich schicke Ihnen, meine teure
Freundinn, die Abschrift von Briefen meines Mannes an einen seiner vertrautesten
Freunde, worinn Sie ihn, und das was wir sahen, besser erkennen werden, als wenn
ich es bezeichnete. Dünkt Sie nicht, dass ich mir von dem Geist und Herzen meines
Gatten viel Gutes und Glückliches, auch für den Winter meines Lebens versprechen
kann? Er ist voll Kenntnisse, Einsicht und edlen Ehrgeitzes, ein bisschen schnell
und spitz in seinen Urteilen; weswegen ich sehr froh bin, weit von unserm Hofe
zu leben, wo er sich sonst, durch diese Eigenschaft seines Kopfs, grosse und
kleine heimliche Feinde zugezogen hätte. Er liebt meine Empfindsamkeit, sagt er,
weil sie edel ist und sich nicht mit kleinem Gewimmer abgibt. - Ich war nach
unserer Zurückkunft, aus Ermattung von der Reise, und dann, zu übereiltem
Betreiben, alles wieder in Ordnung zu bringen, vier Tage krank, unter denen zwei
Tage voll Schmerzen waren. Cleberg besorgte mich mit der äussersten
Zärtlichkeit, schlief in einem Nebenzimmer, wovon man die Tür offen lassen
musste, hatte auch fünf Nächte seinen Schlafrock immer an; denn bei dem mindesten
Geräusch, oder dem leisesten Ton meiner Stimme, wenn ich was von meiner Magd
begehrte, war er an der Tür, und sah, ob ich gut besorgt wäre. Oft kam er auch
ohnedies nach mir, um zu sehen, zu horchen, wie ich atmete, oder ob die
Wärterinn wachsam sei. Da traf es sich eine halbe Stunde, dass die arme Person
schlief, weil ich äusserst ruhig war, die Augen geschlossen hatte, und sie mir
die Arznei, die ich nur alle Stunden nehmen durfte, kurz vorher gegeben; - meine
Schmerzen aber sehr heftig wüteten, und ich da, ganz still und abgebrochen,
Gott um Geduld und Hülfe bat, damit das arme Geschöpf, von dem ich Mutter zu
sein hoffe, sein kleines Leben mit mir erhalten möchte. Ein Dank für die Liebe
meines Gatten, eine Bitte für sein Wohl, und um die Dauer seiner Liebe, war auch
unter dem, was ich flehte. -- Cleberg hörte dies an dem Fusse meines Bettes. Er
unterbrach mich nicht, aber sammlete, was er gehört hatte, in sein Herz und
verdoppelte seine Sorgfalt für mich; beobachtete aber auch stets mein Verhalten;
- besonders da der Arzt, den er sehr früh Morgens rufen liess, nach dem
krampfigen Bewegungen und den starkverzogenen Gesichtslinien, auch aus dem Puls,
ihm von der Stärke der Schmerzen und Krankheit sprach. - Ich bemerkte immer, so
viel mein Uebel zuliess, dass er gleich grosse Achtsamkeit für den Gang meiner
Ideen, und meiner Leiden hatte. Als ich nun ganz genesen war, hörte ich ihn oft
mit so vielem Lobe von meiner Geduld reden, dass ich ihn bat, es nicht mehr zu
tun, weil es bei einigen Personen Missvergnügen geben könnte. -- »Nicht Alle
können still seufzen, so wenig alle ohne Geräusch lachen können. Wer Gott mit
lauter Stimme um Beistand ruft, tut es gewiss mit eben der Unterwerfung, wie ich
es lisple. Du kannst, mein Lieber, ungerechte Männer antreffen, die dann über
ein vom Schmerz erpresstes Ach, ungeduldig werden, und mich als Vorwurf nennen
könten, da ich, bei wenigem Weh, auch natürlich weniger klagte.« --
    »Meine teure Salie, nun kenn ich Dich erst ganz; und sieh! nun bin ich auch
ganz glücklich. - Ich habe Dich in Allem gesehen, - in Krankheit allein war ich
noch neugierig, Dich zu beobachten. Ich hätte Dich immer beklagt, weil ich weiss,
dass ihr armen Weiber vieles Leiden zu tragen habt. Aber gewiss ists, dass Deine
sanfte Art mit der Wärterinn, Deine Geduld, Deine Gebete zu Gott und Deine
unausgesetzte Reinlichkeit mich da noch mehr an Dich fesselten. Denn auch
hierinn hat Dein edles Ertragen des Weh's, den Teil männlichen Muts angezeigt
den ich stets in Dir schäzte; und Deine Gelassenheit und Sorge, reinlich zu
sein, ist das Schöne des Weiblichen Charakters. Ich danke Dir für die Freude,
die Du mir giebst, in gesunden und kranken Tagen stolz auf meine Gattin zu
sein.« --
    Sehen Sie, Mariane, stolz will er auf mich sein! - Der gefährliche Mensch! -
mich so gar im Krankenbett zu belauschen. Dem Himmel sei Dank, dass der Zufall so
für mich sorgte und ihn Gutes hören und sehen liess. Es schmerzt mich doch, zu
denken, dass die beste, würdigste Frau, bei einem solchen Manne, durch eine
Träne, einen Schrei, - die uns doch von der Ratur zu Erleichterung des
drängenden und zerreissenden Schmerzes gegeben sind, eine Verminderung seiner
Zärtlichkeit erlitten hätte. Meine Geduld ist nichts als Gerechtigkeit, die ich
aus Beobachtung meiner und Andrer, bei Krankenbetten lernte. Ich sah, dass man
über ungeduldige Kranke müde wurde und ich weniger Mitleiden fühlte. Vor Schmutz
und Unordnung eckelte mir so sehr, dass beinah der Kranke mir widrig wurde. Bin
ich da nicht verbunden, zu sorgen, dass niemand eins von beiden Stücken an mir
finde? - weil ich ja sonst auch die nehmliche Bewegungen der Seele erwecken
könnte, die ich bei diesen Gelegenheiten fühlte. O, Mariane! wenn nun jemand
berechnen wollte, wie viel Wert innerlicher Tugend in meiner Gelassenheit und
in Clebergs Güte für mich lag, - was bliebe im Rest? - Gelernt habe ich noch,
recht klug mit dem Glück meiner Ehe zu wirtschaften und ja meinen Kopf nirgends
in Ermahnungen oder Bemerkungen hervor zu tun, weil beides die schlimsten
Würkungen haben würde. Ich verlange auch die Ordnung der Unterwürfigkeit und des
Nachgebens nicht zu unterbrechen, und bin gewiss immer noch viel glücklicher als
Tausend der Besten meines Geschlechts nicht sind. --
    Der Plan, den Sie aus meinen ersten Briefen, als Clebergs, kennen, ist schon
völlig ausgeführt. Garten und Haus darin ist gebaut, nur dass wir dieses Jahr
noch nicht da wohnen. Aber im künftigen Lenz soll ich meine Wochen da balten,
weil ich und mein Kind lauter reine Luft atmen, ohne alles Geräusch sein, auch
dabei die vielen Wachenbesuche vermeiden würde, ohne dass es zu Feindseligkeiten
Anlass gehen könne. - Was mich innig freut, ist, dass Kahnberg nur eine halbe
Stunde von unserm Landhaus ist und Orte ein Bauerhaus in unserm Dorfe gekauft
hat, es völlig stehen liess, wie es ist, und nur von aussen es bewerfen und
tünchen liess; - die Stiege innen abbrach und eine Pilatus-Stiege von aussen
aufführte, von welcher man in die artigsten kleinen Stübchen kommt, die so
einfach als möglich ausgetäfelt sind und nicht einen Gedanken städtischer
Geräte haben. Den grossen Baumgarten des angränzenden Bauers, hat er auf einer
Seite, und die schöne Flur auf der andern zur Aussicht. Unten ist die Küche,
Speisskammer und Esszimmer; oben sechs kleine Zimmerchen mit einem Fenster, einem
Bettchen, Stuhl und Wandtischgen und ein kleiner Schrank, wovon die Hälfte,
Kleider auf zu hängen, und die andere Weisszeug zu legen, eingerichtet ist. - Auf
dem Speicher ist die Weisszeug- und Kleiderkammer für Julie und Otten, die
Kinderwärterinn, das Kind nebst der Köchin und Stubenmädchen. Der Bediente hat
seine Schlafstelle an dem Esszimmer; es ist recht artig. Aber von Madame G** und
von Herr F** bin ich etwas weit: doch im Herbst und Winter finden wir uns
wieder. Diese sind würklich schön für mich; denn ich sehe, wie Cleberg es
einrichtete, täglich von zwei Uhr, alle Leute, die von unsern Bekannten zu uns
kommen wollen, und muss Ihnen etwas in der Tat recht Liebes, von einer sehr
würdigen Nachbarinn erzählen, bei der es uns Mühe kostete, den Zutritt zu
erhalten. - Unser Haus hat einen Erker, in dem sich mein Mann gern umsieht. Vor
acht Tagen, da ich wieder im grossen Besuchzimmer mich aufhalten konnte, waren
einige Leute bei uns. Man spielte noch nicht, weil man das Ende des
Gottesdiensts abwartete, indem wir nicht gut finden, Karten durchzublättern,
anstatt in der Kirche zu sein; und ich muss sagen, dass unsre Unterredungen gewiss
moralisch sind. Cleberg blieb im Erker und sah dann die Leute aus der Kirche
kommen. Da fing er endlich an: Salie! da ist meine artige, himmelblaue
Nachbarinn wieder mit ihrer braunen Mama nach Hause gegangen; wenn ich nur etwas
von dieser Familie wüsste. --
    Einer von den Männern und Otte eilten zu Clebergen um das himmelblaue
Mädchen zu sehen, aber mein Mann konnte ihnen nur noch das Haus weisen. »Ach,
das ist die Frau und ältere Tochter des Rat Itten gewesen. Die zwei Töchter und
die Söhne sind sehr hübsche junge Leute, aber man sieht die Erstern nur Sonn-
und Feiertags auf dem Kirchweg, und Letztere, auf dem nach den Schulen; den
Mann, in Amtsgeschäften und von sieben bis acht im Kaffehause, sonst ist keine
Seele sichtbar.« --
    »Das ist wahr,« sprach Cleberg, »denn am Fenster sieht man niemand, es müsste
denn in dem kleinen Maulkorb jemand verborgen liegen, der über ihrer Türe
steht.« -
    Otte lächelte gegen einen artigen jungen, oder vielmehr unverheirateten
Mann, der neben ihm sass, klopfte auf seine Achsel. »Da ist jemand der mehr weiss,
als wir,« sagte er, »aber auch mit mehr Mühe.« - »Doch nicht mit mehr Vorteil.«
--
    »Wie das, Freund Linke? erzählen Sie uns doch etwas von der Geschichte des
blauen schönen Mädchens und der braunen Mama, denn ich habe beide immer, in
diesen Kleidungen gesehen.« --
    Herr Linke sagte: »Ich auch, schon länger als Sie. - Aber die schöne
Gestalt, der Gang, die feine Haut, Bildung und Blick des Mädchens, reizte meine
Neugierde. Ich suchte aus dem Hause gegen über in die Fenster zu sehen, aber das
half nicht; da sind immer weisse Vorhänge in einem Zimmer, und in dem Andern der
Vater zu sehen. Meine Ungeduld liess mich ein Hausmittel brauchen. Ich beschenkte
die Magd meiner Schwester, damit sie Bekanntschaft mit der Ittenschen alten Magd
machen, und diese ausforschen solle. Das half, und ich hörte, es wären sieben
Kinder im Hause, für welche die Frau Rätin immer selbst gesorgt habe, ihre
Kindermagd, Näterin, und Strickerin gewesen sei. ihr, der Magd, habe sie immer
helfen waschen, plätten, den Garten am Hause bestellen, worinn sie alles Gemüs
und Obst zögen, ihre Leinwand bleichten, und eine Kuh ernährten. - Mutter und
Töchter strickten, nähten und spännen das ganze Jahr, sie, die Magd, wäre die
Schwester eines guten, aber armen Webers; ihre Mutter hätte bei der alten Frau
Itten gedient. Dieser habe das Haus gehört, und weil sie ihre gute Liesbet
ungern durch ihre Heirat verlohr, so habe sie ihr aus dem alten Pferdestall,
der in das Nebengässgen gehr, eine Wohnung zurichten lassen, worinn ihr Vater
umsonst war, und ihre Mutter darneben als Köchinn bei der alten Frau fort
diente, den halben Lohn und Essen hatte. Sie wäre im Haus erzogen und der Frau
Rätin als Magd zugegeben worden. Als ihre Eltern gestorben, habe man ihren
Bruder und jüngere Schwester, die ein paar krüpplichte Zwillinge gewesen, im
Hause behalten, weil die alte Frau Itten wohl gesehen, dass sie die Ursache sei,
warum die arme Kinder in ihrer Jugend versäumt worden, da die Mutter immer bei
ihr sein musste, nur zu Hause schlief, Morgens die Kinder ankleidete, Mittags das
Essen zurecht machte, und Abends eine Stunde kam. Denn sie musste so gar ihre
Spuhlarbeit bei Frau Itten machen, als diese bettlägerig war. - Die junge Frau
hätte bei der Schwiegermutter viel ausgestanden, so gar sie junges Ding hätte
sie in allem verraten müssen. Dennoch sei sie ihr gut geblieben und habe ihren
Geschwistern mehr Liebe erwiesen, als die Alte. Der Herr Rat sei nicht so brav,
wie seine Frau, lasse sie aber alles tun was sie wolle, und da lebten sie
einsam, aber recht vergnügt, so fort. Ihr Bruder sei Meister und webe das ganze
Jahr für Frau Itten; ihre Schwester führe die kleine Haushaltung, spuhle und
zettele ihm, webe auch Handrächerzeug. - Stürbe aber ihr Bruder, so würde sie
heiraten und das Webergewerbe führen, denn sie werde für ihre viele Arbeit auch
so gut belohnt, dass sie Geld auf Zinsen gelegt habe.« --
    Diese Erzählung gefiel mir und Clebergen sehr. Mein Mann fragte, ob Herr
Linke denn niemals im Hause gewesen sei, oder mit der Mademoiselle Itten
gesprochen habe?
    Nein, er hätte dies Vergnügen noch nie genossen. --
    »Ey, pfui,« sagte mein Mann, »sich in zwei Jahr Zeit so wenig Mühe um ein
liebenswürdiges Mädchen geben! - Ich will Sie nicht mehr zu meinem Freund
haben.« -
    »Sachte, sachte! Sie Feuerbrand, hören Sie mich erst an. - Sie wissen doch,
dass ich Ehrlichkeit und gesunde Vernunft habe. Konnt ich mir denn, eh ich im
Besitz meines Vermögens und einer Bedingung war, den Zutritt in eine Familie
schaffen, wo so ordentlich und streng auf Wohlstand und häussliche Klugheit
gehalten wird? - Die Ittensche Töchter sind mir selbst zu ehrwürdig, als dass sie
nur zu einem leeren Umgange der müssigen Stunden eines ledigen Kerls da sein
sollten. Denn reich kann die Familie nicht sein, und wie viel junge Pursche
suchen jetzt ein Mädchen nur wegen ihrer guten Gestalt und Erziehung? - Sollt
ich mir allein, oder auch Andern das Haus öffnen lassen, ohne Absichten zeigen
zu können die der Eltern und Kinder würdig wären? - Wir tun oft genug guten
Familien Schaden, die freundlich und treuherzig ihr Haus, Gesellschaft und Tisch
einem wohlschwätzigen Menschen überlassen. Eltern, und ein redliches, edles
Mädchen glauben dann, das Herz des jungen Manns ganz zu fesseln, und der Kerl
geniesst jede Achtung und Güte, sieht die Hoffnung und Wünsche keimen, lässt so
gar die Vermutung in Andern entstehen. - Aber wenn er an das artige Aussehen
gewöhnt, und durch den täglichen Umgang der Reitz der Neuheit verloren ist,
wendet er sich ab, wird kalt und sucht auf einer andern Stelle sein Glück. --
Das wollt ich nicht, - tat es auch niemals. Aber wenn Clebergs Kopf und das
Mittel zu der Bekanntschaft mit der Mutter und Töchtern finden kann, so werd ich
ihm danken. Den Vater kenn ich; denn ich gestehe jetzt auch, dass ich mit Otten,
seine Freundschaft auf dem Kaffehause zu gewinnen suchte.« --
    Mit dieser Erklärung waren wir alle herzlich zufrieden. Es wurde noch viel
von dem jetzigen Ton der Sitten und Lebensart gesprochen, und dass der
eingeführte Aufwand Ursach sei, warum so wenig junge Männer den Mut hätten,
sich zu verheiraten.
    »Das ist nur zur Hälfte wahr,« fiel Cleberg ein. - »Die Reitze der
Abänderung sind es! denn seit dem man sich durch Geschenke bald dieses, bald
jenes artige Geschöpf eigen machen kann, und dabei der Sorgen für eine Familie
überhoben ist, so verschleudert man seine blühende Lebensjahre und Vermögen in
Spielgesellschaften, und dem Abschaum der Liebe, und hat allen Geschmak an
Ordnung und Beschäftigung verloren. Die wenigen Stunden, welche man einer armen
verdorbenen Seele gibt, werden freilich von ihr durch Scherz, Lächeln und Anmut
süss und leicht gemacht, was die beste Frau nicht immer tun kann, besonders, wenn
ihr unser Wohl, unser Hauswesen und ihre Kinder angelegen sind. --
    Ich muss, meine Rosalia, eine Unbilligkeit von uns Männern eingestehen, die
wir gegen euch auszuüben gewohnt sind. Wir wissen uns so viel mir den
vorzüglichen Kräften und Gaben unsers Geistes; und dennoch erliegt unsre
Gleichmütigkeit bei dem geringsten Anstoss in dem Gange der Geschäfte, des
Schicksals, oder bei einer kleinen Anhäufung der Arbeit. Und von Euch
schwächlichen Kindern fordern wir eine immer gleiche Heiterkeit und Munterkeit
des Gemüts!«
    Madame G** und Julie, welche mich zu besuchen gekon men waren und aus
Mutwillen der Erstern in meinem kleinen Zimmer eine Zeitlang gelauscht hatten,
klatschten mit beiden Händen, und riefen bravo! »glücklich müsse der Mann sein,
der seine Regierung mit so viel Gerechtigkeit anfängt!« --
    Ich sagte wenig, weil ich in Allem, was Ehmänner angeht, immer lieber eine
fremde Frau will reden lassen; besonders in meinem Hause und mit meinem Manne; -
und diese Vorsicht dient meiner Ruhe. --
    Nach einigen Augenblicken fragte Madame G**, was denn wohl den Anlass zu dem
aufrichtigen Geständnis des Herrn Clebergs gegeben hätte? - Da wurde die
Geschichte der Ittenschen Familie kurz wiederholt, und mein Mann beschloss
feierlich, morgenden Tags das Haus zu bestürmen. Alle bestärkten ihn. Er liess
sich auch, als Nachbar, beim Herrn Rat Itten melden, der nahm aber seinen
Besuch nicht an. - Nun will Madame G** mit, und, wie sie sagt, Mauerbrecher
Dienste tun. -- Aber Cleberg hatte einen neuen und edlen Gedanken. Er schrieb
ein Billet an Herrn Itten, und verlangte seinen ältesten Sohn als Secretair für
sich. - Der junge Mensch hat schöne Zeugnisse von seinen Lehrern; bei Clebergen
kann er was werden. - Diesen Nachmittag werd ich Frau Itten sehen.
 
                           Acht und Achtzigster Brief
                           Cleberg an seinen Freund.
Ich denke meinen Briefwechsel so ziemlich ordentlich geführt zu haben. Denn die
Anzeige meiner Heirat, meine Reise, und die Sachen und Leute, so mir
begegneten, haben alle in meinem vorigen Schreiben paradirt. Nun bin ich wieder
in meinem Hause, und das auch gern; habe den Zirkel meiner Freunde neu
durchlaufen, und auch diesen erzählt, was ich gesehen und darüber gedacht habe.
Nun gabs auch von meinen Freunden Anmerkungen über Eins und das Andre, welches
ich Ihnen, als Nachlese mitteilen will indem es meistens die van Guden und
Wollinge angeht, welche auch Ihnen so vorzüglich waren.
    Ich habe mir, zu einem besondern Spass, ein Paar Leute auegesucht, denen ich
meine Briefe an Sie vorlass. - Der Eine sagte bei dem Bilde der Liebe, so die van
Guden zu Pindorf trägt, und das ich so ausmahlte und anpries: »Geh hin! eine
solche Liebe ist Anfangs freilich schmeichelhaft für unsre Eigenliebe und Stolz.
Aber sie wird zu einer unerträglichen Last, für den Menschen, der sie erwiedern
soll.« --
    Der Andre behauptete, dass nicht ein einziger Mann lebe, der von einem
solchen Weibe diese unermessliche Zärtlichkeit verdiene. -
    Sagen Sie mir, welcher von Beiden hat Recht? - Ich gestand selbst ein, dass
diese grosse Liebe müde machen könnte, wenn die van Guden von nichts andern
sprechen wollte. Aber, da ihre Unterredungen so abwechselnd wären, weil sie von
Allem wüste, an Allem Geschmack fände und reichen, blühenden Witz mit ihrem
Geist vereinte: so scheine mir der Überdruss unmöglich. --
    Unser seltsamer, aber herrliche Freund Sokan sass da, stützte seinen Kopf auf
den Tisch, durchblätterte die Briefe meiner Frau und auch meine an Sie, hörte
hie und da uns zu, warf den Mund auf, schüttelte den Kopf und sagte endlich.
»Ihr denkt nicht, dass in Eurem Urteil über dieses Weib, der Massstab Eurer
Hochachtung für mich liegt.« - -
    Wir stuzten da, und gukten ihn an. Er lächelte. -- »Und das ist wahr!« sagte
er, »denn wenn ich nun sage, dass diese Guden mir so ganz gefällt, und ich sie
liebe, so teile ich ja auch den Tadel, den sie sich zuzog. - Wer hätte aber
diesen guten Wollingen da oben geholfen, wenn ihre liebe Schwärmerei nicht
gewesen wäre? - Der Beamte tat was er konnte. Der zierliche Pindorf schenkte
was, aber sie blieben doch in der armen Hütte. - Liebe dieses Weibs eine Last! -
Ich kann es Euch beinah nicht verzeihen.« -- Dann fuhr er fort: »Aber, wir
Menschen sind immer voll Widerspruch im Grossen und Kleinen. Moralisten und
Philosophen behaupten das Dasein eines Hangs zum Wunderbaren und
Ausserordentlichen. Wir Vielwisser und Vielseher können es an uns selbst
bemerken; und wie deutlich liegt dieser Zug im Volke! - dennoch, wenn sich unter
uns bei einzelnen Personen ungewöhnliches Verdienst zeigt, wie wird es
behandelt? was tut der Neid und die Eigenliebe dagegen! - Nehmt aber die
Geschichte alter und neuer Zeiten; haben je Alltagsmenschen was besonders für
das grosse Gute getan? taten es nicht immer Leute, die Kräfte und Mut genug
hatten, aus dem gewohnten Landgang heraus, und voran zu treten? - Ich möchte
wissen, warum es so wenig Menschen gibt, die das Gute so uneigennüzig verehren,
wie die Türken unsern Heiland. - Er ist nicht für uns gestorben, sagen sie aber
er war ein Mann voll Göttlicher Tugend; und nach unserm Propheten verdient er
den ersten Rang. - Aber so reden wir nicht, wenn sich hervorleuchtendes
Verdienst vor unsere Augen stellt. Tadelsucht erregt es bei Männern, wie die
Reitze der vorzüglichen Schönheit der Nachbarin in kleinen Weiberseelen nur als
Stacheln würken, die Unmut und Widerwillen hervor bringen. Und so sprechen oft
Väter, vor ihren Buben, von Leuten, für welche sie ihnen Verehrung und Nacheifer
einflössen sollten. - Ihre Guden, Wolling und sein Weib sind Leute wie ich sie
liebe; was sollten sie aber in einer Stadt machen? was? - mögen sie immer dort
bei ihren Eichen und zerfallnem Schloss bleiben, und möge der Wald so verwachsen,
dass man nur mühsam zu ihnen kommen kann! denn allein unter dem Schatten, wo
keines Menschen und keines Tiers Fuss hinkommt, dort wächst die Ceder, die
Eiche, und die hohe Buche, mit der schwanken Erle auf; stark, mächtig, die
Wolken berührend, und Stürmen trotzend!« --
    Sie kennen ihn, den Eiferer, wenn er so die Gestalt dessen, was sein sollte
und sein könnte, vor sich hat; wie er da überfliesst und zehn andre Sachen noch
mit sich hin nimmt. - Mich freute er, und ich trieb ihn weiter, da ich ihn nach
der kleinen Erkältung fragte, die zwischen ihm und seinen Freunde W** entstanden
ist. - Er antwortete hitzig: »Was Erkältung! ich liebte ihn nie mehr, als jetzt.
Mein halbes Leben gäb ich, wenn er den verdriesslichen Handel mit seinen
Verwandten ansähe, wie ich! -- Ich hasste Alle, die seinen Wert nicht erkannten.
- Alle, die seine Güte missbrauchten und mir den Weg zu seinem Herzen
verschlossen.« -
    »Ja; aber man sagt, dass er sich über Beleidigung von Ihnen beklage.« --
    »Beleidigung! -- Ist es Beleidigung, wenn ich denke und erwarte, dass jemand
in einer wichtigen Gelegenheit seines Lebens alles tun wird, was seinen edlen,
grossen und gerechten Gesinnungen gemäss ist? was ich überzeugt bin, dass er von
mir in den nehmlichen Fall gefordert hätte?« --
    Rosaliens edler Freund F*** fiel ein: »Ach, eh die Gelegenheit zu handeln da
war, wird er gewiss diese Erwartung als dei höchsten Grad Verehrung seines
Charakters angesehen haben; und es lebt gewiss kein Mensch, der nicht in ruhigen
Tagen die innigste Freude hätte, diese ruhmvolle Erwartung in der Seele eines
jeden seiner Freunde zu sehen. Aber, so bald er sich bewusst sein wird, diese
Erwartung nicht erfüllt zu haben, so empört sich sein Kopf und Herz bei dem
Gedanken, dass man ihn nach diesen Ideen richten werde; und alsdann müssen auch
diejenigen, die am meisten hofften, die widrigsten Gegenstände für ihn werden.«
--
    »Ey, warum dieses?« --
    »Weil ihm das Bild dessen, was ihm sonst schmeichelte, nun als Vorwurf
erscheint, und wer liebt wohl Vorwürfe?« --
    »Aber, wenn ich nun einen Freund habe, in dem alles Grosse, Wahre und Gute
liegt; und wenn dieses der einzige Grund seiner Glückseligkeit ist, - und er
ändert sich in einem Falle und wird dadurch elend: muss ich ihm da nicht sagen,
wo sein Uebel liegt?«
    »Ach, die Menschen sind nur durch ihre eignen Ideen glücklich.« - sagte Herr
Fr**
    »Schweigen Sie mir, von dem Ganzen! Die beste Freude meines Lebens ist hier
verloren gegangen. Ein grosser Kreis von Menschen hat den schönen Anlass zu einer
grossmütigen und gerechten Handlung versäumt, mit Füssen von sich gestossen! --
Fromme haben nicht als Christen, und Philosophen, nicht als Weise gehandelt! - -
Ich habe mich matt geredet. geschrieben, und gebeten; niemand, niemand hörte
mich an; und endlich misshandelten und missdeuteten mich Alle.« --
    »Da müssen Sie denken, dass es bei starken Erschütterungen der Seele wie mit
dem Körper geht, in welchem, durch einen heftigen Zufall, die Werkzeuge des
Hörens und Sehens oft lange Zeit zu ihren Verrichtungen unbrauchbar werden. -
Eine starke Leidenschaft bringt auch unsere Seele aus ihrem natürlichen Wesen,
so, dass sie weder die Stimme des Freundes, noch das sonst so geliebte Bild
moralischer Schönheit mehr hört und sieht.« --
    Nun schlug er seine Hände zusammen: »Ach! wenn jemand auf Erden mich so
liebt und schätzt, wie ich meinen Freund W** liebe und schätze: se möge ein
grausamer Zufall eher mich tödten, ehe ich seinem Herzen den Kummer mache, den
ich litte!« --
    Es war mir nun leid, dass ich ihn von dem Berge der Wollinge abgebracht
hatte. - Aber ich wollte einem von zwei Leuten, die da waren, die Seele unsers
S** zeigen, besonders in dieser Sache, wo er so viel Unrecht gelitten hat.
    Sie fragten mich letzt nach ihm, ob er noch immer Entusiast wäre? da er
doch seine Funfzige bald zählen würde. Sie sehen, das bleibt er mit Leib und
Seele. - Ich sagt ihm, dass Sie das alles erfahren sollten. Es war ihm recht; -
nur über Freund W** soll ich nichts schreiben, sagt er; - und ihm dann auch Ihre
Gedanken über die van Guden und ihn lesen lassen. Es freue ihn, sagt er, mit
dieser Frau in einem Brief zu stehen, so wie es ihn freue, mit ihr zu gleicher
Zeit zu leben.
 
                           Neun und achtzigster Brief
                            Rosalia an Mariane S**.
O, wie gross ist das stille Verdienst der vortreflichen Familienmutter! - lassen
Sie mir doch Alles Ihnen schreiben, was von der Frau Itten in meiner Seele
haften blieb. -
    Sie konnten auf Clebergs Billet nicht. schweigen, sondern antworteten, es
würde beide Eltern freuen, den Herrn Residenten bei sich zu sehen. Mein Mann
ging gleich hin, fand Beide in einem geräumigen, äusserst reinlichen, aber nach
alter Art ausgetäfelten Zimmer, den Tisch in der Mitte, auf welchem ein grosser
Teppich lag; die Stühle und Spiegelrahme von schwarz gebejetztem Holz; ein
Ruhbett mit vielen Polstern von Wollgenähter Arbeit. - Der Mann schien ihm sehr
verlegen und die Frau gerührt und aufmerksam zu sein. Beide dankten ihm, für die
gütige Gesinnung die er für ihren Sohn bewiese und die Frau wünschte zu wissen
wie er auf einen ganz unbekannten jungen Menschen gekommen sei? --
    Cleberg sagte, er hätte sich an dem Tage, wo ihm mein Oheim seine Stelle
verschafte, vorgenommen, auch einen jungen Mann, von rechtschafenen Eltern, in
sein Haus zu nehmen, wie mein Oheim ihn nahm, und ihn auch nach seinen Kräften
zu unterstützen, so wie ihm wiederfahren sei; - mit der einzigen Bedingung, dass
der junge Mann einst wieder so denken möge. Er hätte sich daher, nachdem er
völlig in seinem Dienst und Hause eingerichtet gewesen, nach jemand umsehen
wollen. Die gute Bildung und vielversprechende Physiognomie ihrer Söhne, habe
ihn auf einen von Beiden angezogen; die guten Zeugnisse ihrer Lehret hätten ihn
bestärkt, und es würde ihn freuen, wenn sie den Vorschlag annähmen und er
dadurch mit einer so schätzbaren Familie in ein Verhältnis käme. --
    Sie waren Beide in grosser Bewegung, hatten Tränen in den Augen, sprachen
einige Minuten nichts. - Endlich stand Herr Itten auf, fasste die Hand meines
Manns: »Ist es Ihnen Ernst? -- ganz Ernst?« - »Werter Herr Rat, wie schlecht
wäre mein Charakter, wenn ich mit zwei verehrungswerten Eltern ein Spiel
treiben wollte!«
    Nun sagte die Frau: »Geh, Lieber, und ruf unsere Söhne.« - Als er weg war
fing sie an; »Herr Resident! Ihr Vorschlag hat mich in das grösste Staunen
gesetzt. Aber, der Beweggrund, den Sie angeben, hat mir alles Vertrauen
eingeflösst. Es sind vier und zwanzig Jahr, dass ich hier bin; und ich kann sagen,
dass es eben so lang ist, dass ich von der ganzen Welt abgesondert lebe und nur
mit meinem Mann und Kindern war. Es ist mir süss, sagte sie mit einigen Tränen,
dass die Versorgung eines meiner guten Kinder, mich wieder hervorruft. - Sie
werden meinen Segen haben, und an meinem Sohn einen Jüngling voll Fähigkeiten,
Güte und Tugend finden. - Nähren Sie! ach, nähren Sie die Tugenden, die Sie in
ihm finden werden. Lassen Sie ja nicht zu, dass die einzige Belohnung, die ich
für mütterliche Mühe, Kummer und Arbeit hatte, dass mir diese verloren gehe!« --
    Sie war da aufgestanden, gegen meinen Mann mit flehendem Gesicht und Händen
hingetreten und hatte ihn angeblickt, dass er, ganz erweicht und bewegt, ihre
beiden Hände ergriff, und ihr vor Gott angelobte, getreu für die Sitten und
Gesinnungen ihres Sohns zu sorgen. Wenn sie aber einmal befürchten sollte, dass
Gefahr für seine moralische Güte da wäre, so wollte er dulden dass sie ihn wieder
nähme.
    »Ach, wiedernehmen! dieses hälfe nichts mehr. Denn wenn er einmal bei Ihnen
ist, so wird seines Vaters Haus nicht mehr für ihn sein, was er bis jetzo war.«
--
    »O, glauben Sie gewiss, dass Verehrung und Liebe für seine Eltern, die Gefühle
sein werden, die ich um eifrigsten in ihm unterhalten will.« --
    »Das glaub ich wohl. - Aber es ist so viel Reitz in dem Glänzenden, das Sie
umgibt, dass die Sinne des jungen Menschen hingerissen werden, -- Wie sollte es
ihm dann wieder hier, und mit uns gefallen.« - sie wies da in dem Zimmer umher.
    »Aber, teure Frau Rätin, es wäre ja so nicht möglich, dass Ihre Söhne immer
bei Ihnen blieben.« --
    »Das weiss ich, und deswegen willigten wir gleich in Ihren Antrag; - auch
vergeben Sie, besonders ich deswegen, weil Sie so nah bei uns wohnen. Nicht aus
übertriebner Mutterliebe für mein Söhnchen, sondern allein in Hoffnung, den Gang
seiner Gesinnung genauer bemerken zu können.« -
    »Zu dieser Absicht, teure Frau Rätin, wird Ihnen die Bekanntschaft mit
meiner Frau am meisten dienen. Sie ist nur vier und zwanzig Jahr alt, aber ihre
Seele ist voll Edelmütigkeit und Tugend, ob sie schon in einem grossen'
gesellschaftlichen Zirkel lebte.« --
    »O! ich bin überzeugt, dass dieser grosse Zirkel viele, viele vortrefliche
Menschen hat. Aber die Umstände müssen günstig sein. Dies konnt ich meinen
Kindern nicht versichern, deswegen hielt ich sie zu Hause, und wollt es so lange
tun, bis die Denkungsart, die ich in ihnen wünschte, so stark, und so zur
Gewohnheit geworden wäre, dass sie sich niemals ganz verlieren könnte.« --
    »Ich verehre Sie wegen alles dieses, werte Frau Rätin. Glauben Sie nur,
dass meine Rosalia und ich nichts untergraben werden, was Sie aufbauten!«
    Nun kam der Vater mit beiden Söhnen in das Zimmer. Die jungen Leute hatten
sich etwas gut angekleidet, machten furchtsam, aber mit Anstand, ihre Verbeugung
und blickten ihre Mutter an. - Sie hatte sich völlig gefasst, ging gegen sie,
nahm sie bei der Hand und sagte meinem Manne: »Hier sind meine zwei guten Söhne,
von denen Sie einen zu haben wünschen. Beide haben Ihr Billet gelesen. Der
Aeltere war brüderlich genug, dem Jüngern zu sagen, dass, wenn es ihn kränken
sollte, diesen angenehmen Platz nicht zu haben, so möchte er es ihm vertrauen;
es würde ihm lieb sein, ihm durch den Vorzug, den er ihm geben wollte, eine
Probe seiner Liebe abzustatten. Der Jüngere dankte, und erklärte da, dass er
gerne Teologie studiren möchte, und also von seinem Weg abkäme. Doch, weil der
Antrag so edelmütig gemacht wäre, und es ein Vorteil für ihre guten Eltern,
vielleicht auch für ihre übrigen Geschwister sein würde: so wär es billig, dass
der Herr Resident wählen sollte. Träfe das Loos ihn, so wollte er dann seinen
Wunsch nach dem teologischen Studium aufgeben, um so mehr, da er nun wisse, dass
sein Bruder es ihm gern gönnen würde.« --
    »Nun wählen Sie;« sagte der Vater.
    Stellen Sie sich, teure Mariane, einen Augenblick die Gruppe vor; - Vater,
Mutter, zwei Söhne, mein Mann, der wählen sollte; - die Andern auf seine Augen,
auf. ihn sehend! - Er ging gegen die jungen Leute, und reichte jedem eine Hand.
»Da Sie, edle Jünglinge, Beide ein gleiches Vertrauen in mein Herz haben, wie
ich zu Ihnen: so will ich so wählen, dass Sie Beide zufrieden sein werden. Sie,
zu den Aeltern, vertrauen sich und Ihr Schicksal mir; und Sie, zum Jüngern, sind
mein Freund, - und erlauben, dass ich eine Stelle im fürstlichen Stipendio für
Sie nachsuchen darf, wo Sie Ihr Studium verfolgen können.« --
    Da wollten die junge Leute Clebergs Hände küssen; aber er umarmete Beide von
Herzen und freute sich, dass er junger Mann von acht und zwanzig Jahren, der
Gegenstand des Danks und der Hochachtung dieser schäzbaren Eltern und Söhne war.
- Die Mutter ergrif die Hände ihrer Kinder hielt sie an ihre Brust: »Dank, meine
Kinder! innigen Dank und Segen, für die Freude, die euer Wohlverhalten mir
gibt! -- Nun bin ich belohnt! - ich seh den Anfang eures Glücks, auf euren
Fleiss und Tugend gegründet. - Freut euch auch, eure Mutter glücklich gemacht zu
haben!« --
    Die guten Söhne konnten nun nichts mehr sagen, sondern küssten den Eltern die
Hände. Mein Mann sprach dann von dem Gehalt und den Beschäftigungen, die er ihm
geben wolle, und dass er doch die matematische Stunden fort halten sollte. - Von
Frau Itten bat er sich die Erlaubnis aus, dass ich zu ihr kommen dürfe. Sie sagte
aber, dass sie den andern Tag mit ihrem Mann und Söhnen zu uns kommen würde. -
Nachdem kam mein Cleberg herrlich, wie von einer Eroberung, zurück, umarmte mich
mit Entzücken. »Salie, liebe Salie! Du sollt meinen Dank annehmen, den ich gern
diesen Augenblick Deinem Oheim sagen möchte. - Er, der gute, rechtschaffene
Mann, hat durch sein Beispiel mich fähig gemacht, zu tun, was ich an den Ittens
tun will und er hat mir den seligen Morgen bereitet.« - -
    Da erzählt er mir, was ich Ihnen schrieb; und ich fahre fort, auch das
aufzusetzen, was mir die liebe Frau von ihrem Leben und Grundsätzen sagte. - Wir
liessen sie auf ein Frühstück bitten, weil Nachmittags immer viel Leute zu uns
kommen, und wir diese Frau allein geniessen wollten. - Ich nahm sie aber nicht
in meinem grossen Besuchzimmer an, sondern in dem ganz weiss getäfelten, so an
unserm Esszimmer ist, wo wir den Caffee geben; weil es, im neuen Geschmack eben
so simpel ist, als Frau Itten Zimmer nach dem alten; denn die Stühle haben auch
nur hölzerne Lehnen, die Kissen von Zitz und alles Holzwerk weiss in Oelfarbe
gemahlt. - Ich und mein Mann kleideten uns auch äusserst simpel an, um diese
schätzbare Frau durch keinen Schein von Pracht zu verletzen. -- Die erste halbe
Stunde ging mit dem Frühstück und allgemeinen Gesprächen vorüber, wobei ich
immer alles unterbrach, was Danksagung gewesen sein würde. Cleberg nahm dann den
Vater und die Söhne in seine Bibliotek, und als ich bei der Frau allein war,
sagte ich ihr, dass der junge Herr Itten von mir alle Freundschaft und Sorge
einer Schwester geniessen sollte; dass ich sie aber bäte, mir auch die
Bekanntschaft und Umgang ihrer Töchter zu schenken. --
    »Ach, Frau Residentin, ich werde wohl den Bitten meiner Kinder nachgeben
müssen. Es sind die ersten, die sie mit so viel Eifer an mich tun. - Aber ich
sehe daraus, wie viel Gewalt sie sich bisher angetan haben, keine Freude ausser
meinem Hause zu suchen. Ich danke nur Gott, dass, da der Strom der Welt in meine
Familie dringen sollte, er nur eine Schleuse aushob, und nicht die Dämme
niederriss, welches durch Verführung meiner Söhne geschehen wäre.« -
    »Ich bin auch froh, dass ihr Haus nur der edlen und redlichen Hand meines
Clebergs geöffnet wurde. Denn so wie ich Sie jetzt kenne, würde ich jedem Andern
den Zutritt beneidet haben. Laffen Sie es sich nicht leid sein, teure Frau
Rätin, dass Sie dem Ruf des Schicksals nachgaben. Ihre guten Kinder sind ja doch
für die gesellschaftliche Welt geboren und so erzogen, dass sie Gutes darin tun
können. Eine Frau schliesst sich leicht ein, und lebt nur für ihr Haus, weil sie
am End ihrer Bestimmung ist. Aber junge Personen, die noch keinen gewissen Platz
haben, die müssen gekannt sein dass man sie suchen kann.« --
    »Das weiss ich nicht; sagte sie. Ich kenne freilich von dem hiesigen
Frauenzimmer nur die, welche in unsere Pfarre gehören; aber ich habe seit vier
und zwanzig Jahren viel artige und schöne Töchter aufblühen sehen, die dem Auge
durch ihre Gestalt und abgeänderten Modeputz und Kleidung besser gefallen
mussten, als meine Töchter, die ganz gewöhnliche Figuren, und gar, gar keine
abwechselnde Verzierung ihrer Person haben. -- Ich seh auch viele junge
Mannsleute so kostbar und reich in ihrem Anzuge, dass sie gewiss Vermögen haben,
eine Frau zu unterhalten. Und die bekannten Frauenzimmer, mit denen sie sprechen
und sie begleiten, welken dennoch, mit all ihren Reitzen, Putz und Talenten, an
der Seite ihrer Mütter dahin, wie es meinen Töchtern, in der Einsamkeit meines
Hauses und ihrem einförmigen Aufzuge geschehen wird; - und ich bekenne Ihnen,
dass ich meine Töchter dahin gebracht habe, dass sie lieber als ungesehene Blumen
einer Einöde, die allein der Sonne und dem Himmel blühten, absterben wollen,
als, von vielen gesehen und von keinem gewünscht, eine Zeitlang glänzen, endlich
als eine schon lange gewöhnte Sache, an der nichts Neues mehr zu bemerken ist,
ausser aller Achtung gelassen werden.« --
    »Ich kann Ihnen, in alle diesem nicht Unrecht geben. Die zu eifrige
Nachahmung der französischen Erfindungen, der Pracht und kostbaren
Zeitvertreibe, sind allem Ansehn nach Ursache, dass die Heiraten seltner werden;
weil man immer fürchtet, sein Auskommen reiche nicht zu, mit Frau und Kindern
standsmässig zu leben.« --
    »Das ist auch wahr. Denn wenn ich nach dem Titel meines Mannes und der
jetzigen Mode, wie man es heisst standsmässig hätte leben, mich und Kinder
kleiden, das Hausgerät schaffen sollen: so hätt ich kaum für zwei Kinder das
Nötige gehabt, und die andre fünfe hätten darben müssen.« --
    »Sind denn die Einkünfte des Herrn Rat so gering?« --
    »Wissen Sie denn nicht, dass er eigentlich nichts als zweiter Registrator
ist, und nur der kleine Stolz seiner Frau Mutter ihm den Ratstittel kaufte? Ich
war auch stolz und klug genug, als Frau Rätin mich keiner Geringschätzung
blosszugeben, und ganz geduldig als Frau Registratorin kärglich zu leben.«
    »Sie sind nicht von hier, meine Frau Rätin, das weiss ich. Haben Sie auch
keine nahe Verwandte in der Stadt?«
    »Ich bin fremd. Mein Mann hat Verwandte, aber keine Freunde, sonst hätten
wir auch nicht so eingeschlossen gelebt.« --
    »Keine Geschwister sind es doch nicht, diese unfreundliche Verwandte?«
    »Nein, nur ein Oheim mütterlicher Seite, der grosses Vermögen, aber eigne
Kinder hat und meinen Mann, der stillen, ruhigen Ganges lebt, nicht achtet und
ihm bloss zu dieser Stelle half. Wenn mein Vater länger gelebt hätte, so wär er
besser besorgt worden. Aber er starb, als ich noch Braut war, hinterliess auch
sieben Kinder, wovon mein ältester Bruder, seine Oberamtmannsstelle mit der
Bedingung bekam, meine Mutter und die übrige Kinder zu unterstützen. Er hat es
getreu getan, - und Gott lohnt es ihm; denn er steht gut, und hat rechtschaffne
Kinder. Zwei meiner Brüder und eine Schwester sind in Amerika recht glücklich;
einer, der als Pfarrer mit deutschen Emigranten hinzog, und meine ältere
Schwester zu Führung seines Hauswesens, und den Bruder als Baumeister mitnahm.
Eine Schwester ist Hofmeisterin in einem adelichen Hause, und die vierte wartete
unsrer guten Mutter bis ans Ende mit kindlicher Liebe; wo sie dann mit dem
Amtsschreiber unsers Bruders verheiratet wurde, und bei fünf Stiefkindern eine
eben so gute, zärtliche Mutter ist, als ich bei meinen eigenen. - Meines Mannes
Vater, und der meinige, waren Universitäts Freunde gewesen, und das stille
Gemüt meines Itten brachte seinen Vater auf den Einfall, er würde sich am
besten auf das Land schicken, zumal da er Blumen und allerhand kleine
Handarbeiten, Feldmessen, Zeichnen, u.s.w. allen andern Zeitvertreiben vorzog.
Er schickte ihn mit neunzehn Jahren zu meinem Vater in die Kost und Lehre. Unser
Graf hatte da sein Schloss bis auf die Schreinereisachen aufgebaut. Der schöne
Itten war immer beim schnitzeln und hobeln, machte, was ihm mein Vater zu tun
gab, gut; besonders hielt er die Registratur in der grössten Ordnung, er schrieb
eine schöne Hand und war in seinem Betragen sanft, voll Güte, Gefälligkeit und
Ruhe. Zwei Jahr achtete er auf nichts als Schreiner- und Tüncherarbeit im neuen
Schloss, worüber ihm auch mein Vater die Aufsicht gegeben hatte. Viehzucht,
Acker- und Wiesenbau gefiel ihm auch; aber Amtalten und Berichte machen, das
gefiel ihm nicht. Philosophische und moralische Schriften waren seine Freude und
im Winter lass er uns Mädchen bei unsrer Arbeit halbe Tage vor. Endlich fasste er
eine heftige Liebe für mich. Mein Vater wollt ihn durch mich zu weiterm Studiren
bringen; aber er redte mir so viel gegen die Rechtsgelehrteit, und von dem
Vermögen seines Vaters; und dass wir nur von der Landwirtschaft leben wollten,
und so, dass ich ihn nicht weiter plagte. Sein Vater starb vor dem meinigen, da
er in Eile heim musste, um ihn noch zu sehen. Seine Mutter zog in die Stadt, wo
sie immer gern war, in das Haus, wo ich noch wohne, und suchte da durch ihren
Bruder, ihrem einzigen Sohn in der Stadt ein Amt zu erhalten. Es ging ein Jahr
hin, eh es geschah und sein Oheim hielt ihn zu nichts tauglich, als zum
Registrator, welches seiner Frau Mutter zu wenig dünkte. Sie kaufte ihm den
Titel eines Rats, wollte ihn auch vornehm verheiraten; aber er sagte ihr seine
Liebe für mich, worüber sie sehr böse war, weil sie ihn in eine reichere und
grössere Verbindung zu bringen hoffte. Er grämte sich über ihren Widerspruch zum
Krankwerden. Verlieren wollte sie ihn nicht, und gab endlich ihre Einwilligung;
aber ich sollte nicht bei ihr essen und wohnen. Das verbarg mein Mann alle vor
unserer Trauung, weil er befürchtete, ich würde sonst mein Wort zurücknehmen. -
Aber auf unserer Hieherreise sagte er mirs mit Tränen und Bitten, mit seiner
Mutter Geduld zu haben. Was sollt ich tun? - er hatte sich mehr geliebt, als
mich und litte dabei eben so viel, wohl mehr, weil er sich Vorwürfe machte, mich
in die Gewalt einer bösen Frau gegeben zu haben. Denn seine Mutter liess mich nur
Einmal zu ihr kommen, und sagte mir da, auch mit Rauhigkeit, ich sei an dem
ersten Ungehorsam Ursache, den ihr Sohn, ihr erwiesen hätte; und da sie, als
Mutter, wisse, wie viel ich seinem Glücke geschadet habe, so dürfte ich mich
nicht wundern, wenn sie mich nicht gern um sich leiden könne. Ich möchte also
sehen, wie ich mit der halben Besoldung meines Mannes für meine Kost, Wäsche,
Holz, Licht und Kleidung, auch für Gäste, sagte sie spottend, zurecht kommen
könne. Denn da sie um meinetwillen nicht allein essen und der Gesellschaft ihres
einzigen Sohns beraubt sein wolle, so müsse er mit ihr speisen und die halbe
Besoldung zu einem Kostgelde fortgeben. Er habe sonst die andre Hälfte für sich
allein gehabt; weil er sich aber gegen ihren Willen verheiratet hätte, so möge
er fühlen, was die Straffe Gottes für Ungehorsam sei, und sein Weibchen möge ihm
büssen helfen. -- Ich sagte, es wäre mir leid, gegen ihren Willen in ihr Haus
gekommen zu sein. Mein Mann wäre mir deswegen nicht weniger lieb. Sie möchte
also doch ihm sein Leben nicht verbittern, ich wollte mir von seiner Mutter
Alles gefallen lassen, aber es freue mich zu wissen, dass Itten von meinen Eltern
niemals die geringste Härte zu erdulden gehabt habe. Da nannte sie mich ein
naseweises Ding, ich solle ihr aus dem Gesicht gehen. Das tat ich. Ihr Bruder
nahm meinen Besuch gar nicht an, und ich wollte niemand sehen; machte also nur
dem Pfarrer einen Besuch und ging nirgends hin, als in die Kirche und im Sommer,
Abends im Mondschein, wenn meine Schwiegermutter schlief, mit meinem Mann
spazieren, welches auch die einzige Gelegenheit war, in der ich die Stadt sah.
Und so ist es auch meinen Töchtern gegangen. - Nach Hause schrieb ich nichts,
als ich wäre zufrieden. Helfen konnten mir die Meinigen nicht; ich hätte sie
also vergebens gekränkt. Es war mein Glück, dass ich Betten und Weisszeug von
Hause hatte, sonst wäre mir übel gegangen; denn die Magd durfte mir nichts geben
und ihre Tochter, die mir zugegeben wurde, musste alle meine Schritte beobachten,
so gar ass das böse junge Ding mit mir. Ich hatte nur die Hälfte meiner Aussteuer
fertig gemacht bekommen, und das Uebrige an Stücken. Da nähre und strickte ich,
kaufte mir Flachs und Baumwolle, spann da fleissig, klagte nie, ass gering, immer
entweder nur Suppe oder nur Gemüs, wenig Fleisch, - schrieb alles auf was ich
brauchte und gab am Ende des ersten Quartals meinem Mann noch Geld zurück. Was
er für mich litt, kann ich nicht genug beschreiben. Seine Mutter hasste so gar
meine Kinder; und der Weberin, die zugleich ihre Magd war, erwies sie alle
Freundschaft und Achtung. In den lezten fünf Wochen ihres Lebens, da ich sie
bewachen und warten half, bereute sie es, bat mich um Vergebung, und schenkte
mir die Kleider, die sie noch übrig hatte. Nach ihrem Tode fand sich das
Vermögen sehr gering, so dass sie in der Tat, die halbe Besoldung meines Mannes
nötig gehabt hatte, weil sie gar gut lebte. Nun verkauften wir was an Silber
und anderm entbehrlich war und kauften uns einen Acker und Wiese, weil uns die
Landhaushaltung immer freute. Der grosse Garten meines Hauses stösst an einen, der
ganz nahe am Tor liegt; den kauften wir auch. Da konnten wir zwei Kühe halten,
zogen durch Pacht unser Korn, in den Gärten Gemüs und Obst selbst, und assen
gering. - Ich hob alle meine artigen Kleider für meine Töchter auf und trug die,
von meiner Frau Schwieger-Mutter. Mein Bruder schickte mir wohlfeilen und guten
Flachs, davon schaffte ich mit meinen Töchtern und der Magd, die das beste
Geschöpf wurde, viel Weisszeug. Die Weberfamilie hatt ich beibehalten, und tat
ihr Gutes. Diese webten immer auf zwei Stühlen für mich. Ich bleichte in meinem
Garten und verhandelte dann Leinwand und Baumwollenzeug gegen das, was ich für
meinen Mann und Kinder brauchte, machte auch vieles zu Gelde für meine Kinder,
und gab meinen Töchtern die Freude, das immer Jede was zu ihrer Ausstattung
erhielt, und immer das Beste, so sie selbst gesponnen hatten. Seitdem alle viere
mit mir und der Magd spinnen, hat es Vieles getragen. Meine Kinder waren mir
Gesellschaft genug. Ich suchte ihnen ihr Leben zu versüssen, so viel ich konnte.
Sie sind alle gute Landwirte und meine Mädchen wissen alle Weibsarbeiten von
mir, wie meine Söhne Schreinerei, Tünchen, Zeichnen und etwas mahlen von ihrem
guten Vater gelernt haben. - Alles, was sie in der Moral und Geschichte lernten,
mussten sie bei mir und ihren Schwestern wiederholen und ich hatte das Glück,
Alle mit der Hoffnung einer herrlichen Zukunft, bis auf diesen Augenblick, zu
führen. -- Ihre Seelen sind rein, wie sie am Tage ihrer Taufe waren. Ihr
Verstand ist hell, weil niemals das geringste Vorurteil, oder Märchen darein
gelegt wurde. Sie sind gut, weil ihnen niemals übel begegnet war; gesund und
schön, weil Ordnung und Einfalt in Leben und Nahrung beobachtet wurde. - Ach,
bis hieher hat Gott geholfen. - Ich muss Ihre Freundschaft für einen Fingerzeig
von ihm ansehen, mit welchem er meinen Kindern ihre Lebensbahn bezeichnen will;
und ich will ihm in Ihnen und Ihrem Gemahl, vertrauen. - Nur eins bitte ich.
Wenn Sie mich auch besuchen und meine Töchter sehen werden, auch diese manchmal
wohl allein zu Ihnen kommen könnten: legen Sie durch Ihre Achtung, für mich und
durch Ihren Beifall einen Wert auf meine Grundsätze; - und dass glänzende
Freuden, die sie geben, meinen Kindern das Einfache nicht verächtlich machen.« -
    O, Mariane! ich zerfloss in Tränen, und bat die edle, würdige Frau um die
Erlaubnis, sie Mutter zu nennen.
 
                               Neunzigster Brief
                            Rosalia an Mariane S**.
Da komm ich vom Frühstück aus dem Ittenschen Hause, trunken von Bewunderung und
noch nie gefühltem Vergnügen! - Ach Gott! was können die Menschen nicht, wenn
sie sich mit vereinigten Kräften des Guten befleissen; und was für ein seliges
Geschöpf bin ich durch die Bekanntschaft mit so vielen vortreflichen Leuten!
Wenn man den Adel der Seele durch edle Freunde beweisen müsste, wie den der
Geburt, durch edle Ahnen: so wär ich ja in der höchsten Klasse. Vielleicht
könnte man da mir auch sagen: viel Glück, und wenig Verdienste! -- aber wir
wollen zu Frau Itten gehen. - Es ist ein altes steinernes Haus mit einem grossen
Torweg, in den man durch eine kleine Türe kommt. Unten sind lauter grosse
Gewölbe, wovon sie eins zu einer sehr luftigen Heu- und Kornscheune gemacht, und
das andre zu ihrem Holzvorrat gebrauchen. In der Ecke führt eine hohe steinerne
Wendeltreppe in den Stock, der über den Gewölbern ist; dieser hält drei Zimmer
auf die Strasse, wovon eins das ist, worinn Cleberg auch das Erstemal war, und
was noch die Geräte von Ittens Grossvater hat. Das Andre ist seine Arbeitsstube,
in der auch der Maulkorb am Fenster ist, wie mein mutwilliger Mann es nannte;
und das Dritte, wo Herr Linke auch nichts als weisse Vorhänge sah ist die reiche
Vorratskammer von Leinwand, Baumwolle, Flachs, sammt vier gleichen Schränken
apart gestellt, mit den Namen der vier Töchter beschrieben, worinn die Stücke
Weisszeug liegen, die sie sich durch ihren Fleiss geschafft haben. Die von den zwei
ältern Töchtern sind beinah ganz voll, zum Teil mit schön genähtem Tisch- und
Bettzeug, samt Hemden und Handtücher. Das ist alles so schön geordnet und
Blumen, von Federn gemacht, künstlich dazwischen gesteckt, welches zusammen auf
dem Himmelblauen Grunde, womit die Schränke inwendig bemahlt sind, einen recht
angenehmen Anblick gibt. - Ich sah bei dem Vorrat der ältern Töchter zwei
Stücke schön geblumtes Zeug liegen und sagte: da ist schöner Zitz! - Die Mutter
lächelte. - »Hannchen! weise es der Frau Residenten.« - Sie tat es; - was war
es? - Feiner, im Hause selbst gesponnener und gebleichter Cattun, worinn mit der
feinsten englischen Wolle so niedlich gestickt war, als man es mit Seide immer
machen kann; und dies ist zu Betten und Stuhlküssen bestimmt. - Da sah ich erst
auch die Kleidung der Töchter an, die alle aus dergleichen Zeuge von ihrer
eignen Arbeit bestand. Hannchen hatte Ranken von Holzfarbe und blaue Windblumen
dazwischen, welches zu ihrer schönen blonden Farbe und feinem Wuchs gar artig
stand. Die Zweite, Lenette, ein liebenswürdig munteres Mädchen, mit grossen
braunen Augen, hatte sich in gelber Schattirung, nach einem Geschmackvollen Riss,
ihr passendes Hauskleid genähet. Die Dritte hatte lauter Rosenknospen darin
verstreut; - und die Jüngste, von zwölf Jahren, eine Menge ganz kleine Blümchen
von allen Farben hinein genäht. Ihr Bett, sagte sie, müsse auch voll kleiner
Vergiss mein nicht genäht werden. - Ihre Hauben, Halstücher und Manschetten waren
von lauter selbstgeklöppelten, leichten Spitzen; wie auch die von der Mutter,
welcher die zwei Aeltesten Haube und Halstuch, die Jüngern aber, jede eine
Manschette dazu verfertigt hatten. Ihre Kleidung war violet und weiss
gestreifter, auch im Hause gearbeiteter Zeug. - Wir trunken dann Kaffee, mit
köstlichen Milchrahm, und Brödtchen, so eine Tochter dazu gebacken hatte. Das
Kaffeezeug, war weiss, ohne alle Malerei. - Der älteste Sohn, der uns zugehört,
war sehr fleissig um mich herum, und wurde von Eltern und Geschwister so
liebreich und mit so viel Achtung behandelt, dass es mich dünkte, sie sähen ihn
als eine gute Prophezeihung für sich alle an. Es rührte mich sehr, und ich
versprach in meiner Seele, alles für die guten Kinder zu tun. Ich sagte
endlich: »Mama Itten, ich muss Ihr ganzes Haus und Garten und Kühe und Weber
sehen. Ihre neue Tochter Cleberg darf nicht fremd aus Ihrer Wohnung gehen!«
    »Ihre Neugierde, soll vergnügt werden.« - Da gingen wir die halbe
Wendelstiege hinunter in ein Seitengebäude, das auf einer Fensterreihe den Hof,
und auf der andern, den Garten hat. Von der Treppe kommt man auf einen Gang, der
das Licht von dem Speicher empfängt; und hier geht man links in die Küche und
Speisekammer, die beide höchst reinlich und schön weiss getüncht sind. Sie kochen
in lauter irdenen Geschirr, und essen aus ganz altförmigen Zinn. - Dann ist ein
grosses Wohnzimmer, dessen Wände von Vater und Söhnen artig gemahlt sind. Die
Stühle und Tische sind ganz glat, aber alle von Herr Itten selbst verfertigt,
nussfarb angestrichen und lackirt. Auf einer Seite standen fünf Spinnräder und
kleine Stühlgen dabei. Ueber jedem Platz war ein Haken in der Wand, woran die
Stränge Garn hingen, die jedes diese Woche schon gesponnen hatte. Dieser Anblick
bewegte mich innig. - Gewiss ist Fleiss eine Tugend! ich fühlte es da in der
Ehrfurcht die mich in diesem Zimmer durchdrang. - Hannchen sagte zu unserm
Itten, indem sie traurig lächelnd auf einen Stuhl wiess. - Ernst! nun liesest du
uns nichts mehr vor! - Dann gingen wir in das Schlafzimmer der Eltern. Da ist
ein altes grosses Bett, von schöner Schreinerarbeit, mit uralten, aber starken
und reinlichen grün und weissen Vorhängen, mit Franzen von nehmlicher Wolle und
Garn geziert; ein Grossvaterstuhl und ein Paar andre, von grünen Tuch, auch mit
Franzen. Zwei Schränke sind auch da, wo in einem Herr Itten, in dem zweiten
seine Frau ihr Weisszeug und Kleider haben. In einem Pfeiler des Hauses, neben
dem Bett, ist ein kleiner Schrank, worinn die Hausarzeneien, und immer eine
kleine Flasche Spanischen Weins, guter Essig, Mellissengeist, vorrätig ist,
nebst ein Paar Töpfen mit Salben gegen Wunden und Brand. Das geschriebne
Arzenei- und Kochbuch ist auch dabei. Die vordern Fächer kann man aber ausheben
und hinter denselben Geld und Kostbarkeiten verwahren. - Diese Ueberbleibsel von
der einförmigen häuslichen Klugheit unserer Vorväter waren mir ehrwürdig und
schätzbar. - Denn ist noch ein Zimmer abgeteilt, wo in einem Teile der jüngste
Sohn von eilf Jahren schläft, zu dem die Mutter gleich kommen kann, wenn ihm was
fehlte; und in der zweiten Hälfte ist das Weisszeug, so zum täglichen
Haussgebrauch gehört, und Näharbeit. Hier gingen wir über den Gang in ein
unbewohntes, aber sehr freundliches Zimmer, mit zwei Betten; die Vorhänge des
einen und die Wände grün, ein grosses Fenster gegen Morgen in den Garten hinaus;
das andre Bett nur ein schmales Ruhbettgen, ein gemächlicher Lehnstuhl, ein auch
schmales, langes Hängtischgen an der Wand und das einzige Gemälde, so ich noch
im Hause angetroffen, stellt die Auferstehung Christi vor, und ist von einem
sehr guten Meister, wie Cleberg sagt. Zwei nach der alten Art als Herzen
formirte Blumenkrüge, von blau und weissen Porcelan, mit etlichen Oeffnungen, und
ein kleiner Schrank, der unten im Tisch angebracht war, vermehrte mein
aufmerksames Umhersehen. - Frau Itten sagte dann »Dies ist unsere Krankenstube,
damit die gewöhnlichen Schlafzimmer gesund bleiben, und der Kranke gemächlich
sein kann. Gegen Morgen ist es am freundlichsten, denn Kranke verlangen nach
durchlittenen Nächten, so sehr nach dem Tage, und da können gleich die ersten
Strahlen der Morgenröte einbrechen und sie trösten. Die grüne Farbe ist für
schwache Augen am besten; - und dieser Gedanke,« da wies sie mit Andacht auf das
Gemälde, »ist die grösste Stärkung in Schmerzen und im Tode. - Die aufwartende
Person schläft hier, und kann auf das Bett sehen. Kleine Besorgnisse sind auch
da,« sie machte den Schrank auf; »da ist Alles, was man nötig hat.« -- Der
zweite Sohn hob den Hängtisch ab und passte ihn, quer über das Krankenbett, in
einen Ring, stellte dann auf den Boden den Fuss fest: »Das ist gut, ;139;sagt er,
wenn man diesen Tisch noch braucht; denn da kann der arme Kranke selbst essen
und trinken.« - »Aber er drückt ihn nicht, sagte die jüngste Tochter, denn sehen
Sie! wenn ich auch die Decke so hoch hebe, als ein dicker Kranker sein kann, so
ist doch noch Platz.« --
    Es freute mich, dass Cleberg gleich auf der Stelle sagte; »Salie! wir wollen
auch ein solches Zimmer haben, denn es ist in Menschenwohnungen eben so nötig,
als eine Küche.«
    Dann folgte ein grosses Zimmer, weisse Wände mit zerstreuten Blumen bemahlt,
worin vier Betten stehen, und die Töchter alle schlafen. Die Vorhänge sind
grobes blau und weisses Leinen, aber die Decken ganz weiss, von eigen gemachten
Kattun. Frau Itten sagte hier: --
    »Meine Töchter sagten: Wir spannen, bleichten und nähten sie, wir wollen sie
auch immer selbst waschen. Und weil Reinlichkeit allein der Grund zu dieser
Bitte war, so erlaubte ich es ihnen gern. Die Wände haben ihre Brüder so
frühlingsmässig gemahlt.« -
    Zwischen zwei Betten steht auf jeder Seite ein Schrank, worinn immer zwei
Schwestern ihre Kleider und Weisszeug haben. Oben an den zwei Fenstern hin läuft
ein langer, schmaler Tisch und an dem Pfeiler ist ein Spiegel, der einzige für
vier schöne Mädchen. Unter dem Spiegel, eine alte grosse Stockuhr die sehr
herzhaft die Stunden des Erwachens schlägt; und auf dem langen Tische, gegen die
Seite, wo zwei Töchter schlafen, dieser Beiden Nähküssen und Strickkästchen. --
Unter dem blau und weissen Vorhange, der am Tisch hinläuft, sind auf einem
Gefache, vier zinnerne Waschbecken, Seifenbüchsen, Waschtücher, Kammfutterale
und Puderschachteln; ganz unten, ein Gefach für ihre Schuh. Vor den Fenstern
sind Blumenstöcke, die die lieben Mädchen selbst besorgen. -- Dann kommt ein
ganz grosses Zimmer in welchem Schreiner-Handwerkszeug, Tünchergeräte, und eine
Drechselbank ist, - welches noch von den ledigen Jahren des Herrn Rat abstammt,
aber wo er auch mit seinen Söhnen arbeitet. - Ich bat mir einen kleinen Nähtisch
von Papa Ittens Arbeit aus. - Ernst wollte es allein machen. - Nein, sagte ich,
er solle nur die Füsse drechseln, Papa die Platte machen und Heinrich solle es
lakiren. Das war allen Recht. - Cleberg sagte zu Ernst Itten: »Sie sollen nicht
umsonst in meinem Hause sein, sondern mir drechseln lehren und die Zimmer in
unserm Gartenhause meiner Salie, wollen wir, mit Herrn Ernst, selbst recht schön
mahlen.« - -
    Nun kam das Schlaf- und Arbeitszimmer der beiden grossen Söhne. Die haben
auch alles abgeteilt, jeder ein Fenster in Besitz, und eigenen Schreibtisch,
Büchergestell, - Schrank und Betten so ordentlich, so rein und alles alles so
äusserst einfach. -- Lieber »Ernst, sagte Heinrich, bald hörst Du mich nicht
mehr schnarchen;« -- »und Du mich nicht mehr im Schlafe reden.« -- »Ach, wie
gern hörte ich Dich!« antwortete Heinrich --
    Die Mutter nahm diesen bei der Hand: - »Wilst Du nicht den guten Reinhold,
au Ernsts Platz, in Deine Stube nehmen?« - Der Junge hüpfte an Heinrich hinauf.
-- »Nimm mich doch, lieber Bruder; - sieh! ich werde auch gross.« Da stellte er
sich ganz gerade vor ihn. --
    »Ja, mein Reine, Du alleine sollst mich Ernsten vergessen machen.« -- und
küsste ihn da. - »Ernst! rief der Kleine, da krieg ich Deinen Schreibtisch und
deinen Stuhl und Bett auch. - Dann will ich Heinrichen sagen: Da sass Ernst, der
gute Bruder, als er mir schreiben lehrte; - in jenem Winkel stand ich, wie er
mir von Pappendekel Vierecke und Achtecke und Dreiecke machte, und ich ganz
geschwind einen runden Ring mit dem Rötel musste zeichnen lernen.« »Lieber
Schwätzer, sagte Ernst, - ich kann Dir den Schreibtisch und Stuhl nicht lassen;
der Papa hat beide selbst gemacht. Du hast einen von ihm, und wirst alle Tage
noch viel von seiner Arbeit sehen; ich nehme den mit.« --
    »Du hast Recht, Ernst! Du must es mitnehmen und den Papa immer ehren, auf
dass dirs wohlgehe und Du lange lebest auf Erden.« -- O, Mariane! wie herrlich
ist das gewesen.
    »Aber,« sagte die kleine Mariane, »da solltest Du wohl auch Dein Bett
nehmen, woran die Mama und die Schwestern arbeiteten; - sonst vergiessest Du
diese.« --
    »Ach, gewiss nicht! - sie werden in meinem Herzen bleiben, wo ich auch immer
sein werde.« --
    Wie viel Wahrheit und Treue ist in dieser Familie! --
    Jetzt ging es die Stiege zur Seite hinab, wo wir in das Stübchen kamen, in
dem Frau Itten, bei dem Leben ihrer Schwiegermutter wohnte. Es war noch
getäfelt, runde Scheiben in den Fenstern. Aufziehläden und der Ofen von
Töpferarbeit, mit schwarzer Glasur. An der Decke liefen die Balken ganz frei
über, waren aber geweisst. - Ein klein Kämmerchen stiess daran, und eine Küche,
die nun Waschküche ist; wie das Stübchen Obstdarre und Bügelplatz, das
Kämmerchen aber Milchstübchen ist. Durch diese Waschküche geht ein Gang in des
Webers Haus, wo es sehr ordentlich aussieht, und der Weber ein sehr geschickter
Mensch, wie seine Zwillings-Schwester ein recht gutes vernünftiges Mädchen ihres
Standes ist. Die Ittensche Magd schläft auch in diesem Nebenhause, das nichts
als eine Türe in die Nebenstrasse hat, die vergitterte Fenster aber gehn alle
in den Ittenschen Garten - Sie webten Beide, als wir in die Stube kamen; er,
schöne glatte Leinwand - sie, würklich recht artig gestreifte Handtücher. - Wir
gingen durch den Hof in den Garten. Die Kühe sind sehr schön und der Stall so
reinlich wie meine Zimmer. Einige Hühner liefen im Hofe, die einen vergitterten
Stall haben, der in einer Ecke bei dem Kühstand angebracht ist, wodurch sie im
Winter Wärme haben. Im grossen Gemüsgarten ist alles in Betten eingeteilt für
Mutter, Töchter und Magd. Da ist alles so zierlich gepflanzt in gerade, quere,
lange oder schief laufende Streifen, viereckigte Betten, oder für jede Gattung,
die sie pflanzten, ein langes schmales; denn sie wechseln immer mit den Arten in
ihren Stücken, um jeden angewiesenen Teil von Salz, Oel und Saft, der im
nehmlichen Erdreich jeder Pflanze bestimmt ist, mit Klugheit zu nutzen. Das
Obst, so auf den Zwergbäumen an der Mauer dieser abge teilten Stücke wächst,
steht in der Willkühr derjenigen, die den Gemüsteil anbaut; das kann sie roh
essen, dürren, kochen, wie sie will, auch verkaufen; so auch die Blumenstöcke,
welche am Fusse jedes Teils auf einem kleinen Geländer stehen. - Die übrigen
Zwerch- und hochstämmigen Bäume sind unter den Befehlen und der Arbeit des
Vaters und der Söhne. Durch den gekauften Garten haben sie so viel Nussbäume
erhalten, dass sie Salat- und Brennöl davon bekommen, mehr als sie und ihr Weber
brauchen. - Denn dieser bekommt von Allem, was ihnen wächst, so viel, dass er
nichts zu kaufen braucht; und immer den halben Lohn der Arbeit dabei, wie auch
eine gewisse Zahl starkes Garn für ihr Weisszeug. Dagegen verkauft auch die
Weberinn das übrige Obst, Gemüs, Milch u.s.w. Doch diesen gekauften Garten geht
auch ein Fahrweg gerad an das Tor, wo sie dann all ihr Holz, Heu und Korn, ohne
Geräusch und Aufsehen, in die Stadt bringen und an recht frühem Morgen zu ihrem
Pachtbauer spazieren gehen, zu dem sie alle Jahr zweimal ihr Essen hin schicken,
und da mit dem ehrlichen Ackermann, seiner Frau und Kindern, Knecht und Magd,
einen grossen Kalbsbraten, eine Milchsuppe und guten Kuchen essen. - Herr Itten
hat wohl mit seinen Söhnen einige Tage da gewohnt, mit dem Bauer gearbeitet, und
sich wie dieser, von Haberbrei und Erdäpfeln genährt. Der äussere Garten hat
Klee, Erdäpfel, und Rübenpflanzen, alles zum Besten der Kühe. Wie ordentlich
diese Gärten sind, wie schön Alles steht! - Ach, ich lebe schon im vierten Jahr
hier, und wusste kein Wort von dieser Familie! - Der Bleichplatz ist im Hof über
weissen Steinen - Frau Itten hatte gelesen, dass so alles viel geschwinder
bleiche, weil die Sonnenstrahlen auf den weissen Steinen stärker wiederprallen;
und sie fand die Probe wahr. --
    Mein so galanter Eleberg, der so viel auf verfeinerten Geschmack hält,
konnte sich nicht entalten, die Kinder glücklich zu schätzen, dass sie von
diesen Eltern erzogen worden. - Er sagte zugleich: »Ich will auch Ihr Sohn sein,
ehrwürdige Frau Itten! - wie viel Ehre machen Sie Gott und der Menschheit.«
    »Und ich will von Ihnen lernen, eine gute Hauswirtin und treue Mutter zu
sein,« - sagte ich, mit rührender Stimme und wollte ihre Hand küssen; - aber sie
litt es nicht sondern küsste mich, und weinte dabei, aber aus zärtlicher
Empfindung.
    »Sie sind die erste fremde Person, die ich in meine Arme schliesse; denn ich
habe, ausser meinen Geschwistern, Mann, und Kindern, noch Niemand geküsst. Und
wenn ich für Sie, wie Sie sagen, ein anziehendes Beispiel häuslicher und
mütterlicher Pflichten bin, so sind Sie mir das einzige Model einer
gesellschaftlichen Freundinn für meine Töchter, deren Unschuld und Reinigkeit
der Sitten ich ohne Sorgen und Gefahr in Ihrer Bekanntschaft sehe.« --
    Ich küsste die guten Mädchen nach der Reihe, als meine liebe Schwestern. Wie
herzlich war der Druck ihrer Hände dagegen, und wie sanft der Kuss, den sie mir
gaben! - Cleberg sagt, es sei eine wahrhaft jungfräuliche Bewegung ihrer Lippen
gewesen, und meine, die eines edlen, zärtlichen Weibs, so die Liebe kennt. - Ich
war etwas bös auf ihn darüber; - hatt ich nicht Recht? - - denn das ist so Etwas
von der Seite die ich nicht ganz an Clebergen liebe. - Aber er erinnerte sich so
edel der Wollinge und van Guden bei den Ittens, dass ich über dies hinsah. Als
wir fortgingen, drang sich Herr Itten zu mir und bot mir den Arm; ich nahm ihn,
nachdem ich seine Frau umarmt hatte. -
    »Gott segne Sie und Ihren Gemahl tausendmal, dass sie meine Frau und Kinder
so gütig behandeln. - Beide dauerten mich schon lange, aber ich wollte meine
Frau, durch vollkommne Freiheit in all ihren Handlungen, für erlittene Plage und
ihre übende Tugend belohnen. - Aber es wird ihr doch gut tun, mit einer so sehr
lieben fremden Frau in Freundschaft zu stehen. - Und meine Töchter, ach, für die
klopft mein Herz vor Freude! - Es sind gute, gute Kinder; meinen Ernst werden
Sie auch so finden.« -
    Wie glücklich war unser übriger Tag, und ich, da ich Ihnen noch schreibe!
denn Ernst Itten ist mit meinem Mann, Herrn Otte und Linke spazieren gegangen,
und kommenden Montag schläft er in meinem Hause. - Linke ass bei uns zu Mittage
und wurde entzückt über Alles, was Cleberg erzählte. Er will nun die
Freundschaft des Bruders gewinnen, und ist völlig entschlossen, eine Ittensche
Tochter zu heiraten. Sie darf aber noch lange nicht wissen, dass sie einen
Freier hat, bis er auch sicher ist, dass er ihr gefällt. -- Hannchen Itten soll
künftigen Sommer mit mir auf dem Lande wohnen. Linke soll einen Schäfer spielen,
sagt Cleberg. -- Adieu, Sie Liebe, auch Einzige. --
 
                           Ein und neunzigster Brief
                              Rosalia an Mariane.
Hier ist noch ein Brief voll Ittens, so wie einst einige voll Henrietten von
Essen, Madame S**, Julie, Otte, und noch mehr der van Guden und der Wollinge
voll waren. Aber was soll ich Ihnen schreiben, wenn es nicht von den Gefühlen
meiner Seele ist? denn alle Gegenstände des Nachdenkens, Durchforschens und
Wissens sind Ihnen schon bekannt oder liegen so reichhaltig in Ihren Büchern,
dass vielleicht selbst ein männlicher Geist Ihnen nichts Neues darüber sagen
könnte. - Sie versicherten mich an einem der glücklichen Tage, die ich den
letzten Herbst mit Ihnen verlebte, dass die Art, wie ich Menschen und Sachen
betrachtete und beschriebe, so eigen sei und Ihnen so sehr gefalle, dass ich
immer fortfahren sollte, Ihnen von der Menschen- und Gotteswelt, die in meinen
Gesichts-Kreis käme, Original-Gemälde von meiner Hand zu schicken. - Das hab ich
immer mit vielem Vergnügen getan. Denn, gute, angenehme Eindrücke noch einmal
zu fühlen, und zugleich meiner Mariane St** einen kleinen Zeitvertreib damit zu
machen; etwas für die beste, edelste Freundinn zu tun, und zu sein: ach wie
viel reines, grosses Glück geniesse ich darin! -- Lassen Sie es mir, so lang es
sein kann; es wird wohl eine Zeit kommen, da meine Briefe nicht mehr so gross
werden können, als ich sie machen wollte. --
    Gestern hatte ich grosse Gesellschaft. Frau G** und Julie waren auch dabei,
und früher als die Andern gekommen. Da erzählte ich ihnen etwas von dem, was ich
bei Frau Itten gesehen, und las ihnen die Abschrift meiner Briefe an Sie.
    »Alles das ist herrlich und schätzbar, sagte Frau G**; aber Weibchen! das
sollst Du mir nicht ohne Unterschied vor allen Männer erzählen. - Vor Weibern
wohl, denn wir nehmen von Tugenden, wie von Kappen und Bändern, nur das, was zu
unsrer eigenen Freude taugt. - Aber da könnt es reiche Geizteufel, oder andre
Haustyrannen von Männern geben, die heim gingen, und ihre Weiber und Töchter in
die hesslichen Nester verbannten, wo die armen Geschöpfe schon ohne das ihr Leben
meist mit ihnen zubringen müssen; sie aber spazierten doch, wie der Rat
Schlafhaube da, alle Tage nach ihrem Kaffeehause, hätten ihre Freiheit und ihr
Spässchen, während die arme Frau bei ihrem schnurrenden Spinnrad ihren murr- und
stuzköpfigten Herrn geduldig erwarten müsste. - Lasst mir Euren Cleberg und Otten
aus dem Hause; er steckt brennbares Zeug in ihnen, das nur auf diese Gattung
Funken wartete, und Ihr würdet euch wundern, was das für eine sprühende Flamme
gäbe.« --
    O, Madame G**, was für hässliche Arbeit machen Sie da aus meinem so schönen
Bilde! - Julie, haben Sie auch so was gedacht? --
    »Ganz und gar nicht! Es dünkt mich, dass die Familie sehr glücklich und
nachahmungswürdig ist.« --
    »Was doch die guten Tugend; Schwärmer und Schwärmerinnen abgeschmakt sein
können! - Ich schätze gewiss diese Frau nicht weniger als Ihr. Sie tat das Beste
und Edelste, was Sie nach ihren Umständen tun konnte. - Rosalia Cleberg; und
Julchen Otte sind in andern Verhältnissen, haben andres Schicksal, und sollen
auch anders tun; denn, mit ähnlichen Gesinnungen und Wesen, hätten sie dem
guten Ernst nicht aus dem engen Gängelbande, und Hannchen nicht aus dem Keficht
geholfen. Wir wollen der Vorsicht nachahmen; Verschiedenheit herrscht bei ihr in
Allem, - und ein jedes kann vollkommen sein. - Rosalia konnte die
Nachahmungssucht niemals leiden und ich glaube, sie möchte nun gar gern eine
schön geschnitzelte Bettlade, und Vorhänge mit Franzen darum haben, um gleich am
lieben Morgen, mit einem ehrwürdigen Gesicht heraus zu gucken. Aber denken Sie
doch, ob Ittens Schlafmütze zu dem ganz und gar neumodischen Geniegesicht Ihres
Clebergs taugte? - Gewiss eben so wenig, als Frau Ittens Dormeuse zu Ihrem
Stutznäschen! Ehren Sie und lieben Sie die Leute, so viel Sie wollen; aber ahmen
Sie nichts nach, als die Krankenstube, denn das ist in der Tat recht gut. Es
wäre ewig schade, an Ihrem schönen Hausplane was abzuändern. Unnötige Possen
und Tändelausgaben machen Sie ja so nicht; und da Ihnen die Vorsicht Vermögen
gab, arme arbeitsame Hände zu beschäftigen und zu bezahlen, so fahren Sie auf
Ihrem Wege fort. Frau Itten mag nun anfangen, für ihre Enkelgen zu spinnen, denn
ich sehe schon ihr Hannchen an Linkens Seite ins Brautbett wandeln. Eins will
ich aber doch auch helfen ins Gewerbe des Denkens bringen: dass Mädchen und
Mütter sich gar sehr betrügen, wenn sie glauben, dass viele Bekanntschaften und
Putz, um so früher Männer schaffen.« --
    »Mir kommt auch ganz glaubwürdig vor,« sagte meine sanfte Julie, »dass, wenn
hie und da beim Bekanntwerden des jungen Herrn Itten, mit vieler Achtung von
seiner Erziehung und dem rühmlichen Fleisse seiner Frau Mutter und Schwestern
gesprochen würde, die Neugierde rege gemacht, und dann Stückweis etwas erzählt
werden sollte. Besonders wenn man sich, nach Kenntnis der Umstände, die Zuhörer
aussuchte, könnte Gutes geschafft werden, das freilich wenn man das Ganze hört,
gerade durch die Vollkommenheit, so darin liegt, der Eigenliebe Andrer etwas
hart auffällt.« --
    »Ist hier nicht ein Stück Ihrer van Guden wohl angebracht?« fragte Frau G**.
»Denn schrieb nicht diese einmal: - Grosses, ungewöhntes Gute, ohne Vorsicht
dargestelt, schadet oft bei Menschen, die an Vorurteilen haften. -- Sie sehen
doch auch, Liebe!« fuhr sie fort, »dass die schönen Sachen, die Sie uns
mitteilen, nicht verloren sind; nur mit dem Unterschied, dass Julie sie in der
Tat anwendet, und ich die Worte recht säuberlich im Gedächtnis behalte.« --
    Nun kamen die Uebrigen zusammen, und diese Unterredung wurde abgebrochen;
hatte aber auf mich einen zu tiefen Eindruck gemacht, um eine Sylbe vergessen zu
haben. - Ich hatte in meinem Herzen Frau G** rauh und unempfindlich gescholten,
weil sie mir meine innige Freude des Mitteilens dieser Familiengeschichte,
gleichsam verdorben hatte. Aber ich fand nachdem doch, dass ihr Urteil ganz
richtig ist. Und zudem hat sie den Anlass gegeben, dass die so fein fühlende Julie
Orte, durch diese Mühe welche sie nahm, meine gerizte Empfindsamkeit zu trösten,
und doch der Frau G** nicht ganz Unrecht zu geben, auf den wahren und herrlichen
Vorschlag kam, den sie tat. Ach, es ist immer wahr, ich bin zu eifrig bei dem
Guten, und wie mir Frau G** einmal sagte, ich suche das Erdreich nicht
sorgfältig genug aus, auf welches ich säen wollte. Hab ich mich aber nicht darin
gut gemacht, dass ich so gern den Beweis eines Unrechts erkenne?
                                 Dienstags früh
Schrieb ich nicht letztin, dass meine Briefe nicht mehr so lang werden könten,
als ich wollte? Sehen Sie, Liebe! am verwichnen Donnerstag fing ich an, und
wurde fünf Tage gehindert ihn zu endigen. Aber dafür hab ich ausgesuchte Stunden
genossen. -- Cleberg und Otte kamen von ihrem Spaziergange mit Ernst Itten so
zufrieden zurück, dass mein Mann in einen grossen Eifer geriet, den jungen Mann
bald eigen zu haben. Ich war also den Freitag und Sonnabend beschäftigt, sein
Zimmer zurecht zu wachen, dass er Montags früh dasselbe beziehen könnte. - Sein,
von seinem Vater verfertigter Schreibetisch und Stuhl wurden gebracht, wie auch
ein Koffer, mit seinem Weisszeug und Kleidern, welches, wie er mir sagte, seine
Schwestern gern hätten auspacken wollen, aber die Mama habe es nicht erlaubt. -
»Es war mir leid; denn meine Schwestern lieben mich, und sie sagten, nun würden
sie so nicht mehr die Freude haben für mich zu sorgen; sie wünschten nur, in dem
fremden Hause, mir alles so zurechte zu machen, wie ich gewohnt sei und dabei
auch meinen neuen Aufentalt zu sehen. - Die Mama glaubte, es wäre
Unbescheidenheit, dass vier Mädchen so in Ihr Haus kämen; denn es würde doch jede
betrüben, die zurück bleiben sollte. - Ey! sagten sie alle, die Frau Residentin
ist aber so voll Güte, und hat sie nun in den zwei Besuchen selbst Mama
geheissen, und uns alle so freundlich eingeladen.« --
    »Das ist wahr, liebe Kinder! Aber wir müssen diese Güte um so weniger
missbrauchen.« --
    »Das erkannten die guten Mädchen auch, und genügten sich also, mir meinen
Koffer zu packen. Jede legte, mit Tränen der Freude und Wehmut das zurecht,
was sie für mich gearbeitet hatte, denn ich bekam diese vierzehn Tage über noch
Manches aus der Vorratskammer meiner guten Mutter, und wenn der Segen, den sie
mir dabei gab, auf mein Wohlverhalten würkt,« sagte der edle Jüngling, indem er
meine Hand nahm und küsste, »so werde ich Ihre und Ihres Gemahls Güte immer
verdienen.« -
    Ich dachte da auf ein Mittel, den guten Mädchen ihren so billigen Wunsch zu
erfüllen, und glücklicherweise gab ein Tadel meines Mannes den Anlass dazu. Er
ging in Ittens Zimmer, fand alles gut, nur die weissen Vorhänge wären zu kurz; -
ob ich diesem Fehler nicht noch abhelfen könnte, indem ich andre aufmachte? -
das konnt ich nicht, weil ich für den obern Stock noch nicht doppelte Vorhänge
habe, aber durch Falbala konnt ich sie verlängern. Die waren aber auch noch
nicht gemacht, und wer garnirte mir in einem Nachmittage sechs Vorhänge! Aber,
wenn ich nun zu Mama Itten ginge, und sie bäte, mir ihre vier Töchter zu diesem
Freundschaftsdienst auf den Nachmittag zu erlauben? -- Ich mass die Weite und
Länge, schnitt die Falbala zurecht, legte sie nett zusammen und auf jeden Teil
eine Portion Zwirn und die Schnur zum Aufnähen der Falten, stellte vier Stühle
in meinem Wohnzimmer in eine Reihe legte auf jeden eine Falbala, auf den fünften
aber, der mein war, zwei, sagte niemand nichts und als Cleberg mit Itten, nach
dem Mittagsessen, in den Hof und kleinen Hausgarten ging, die Kutschenremise,
und die Pferde besah, eilte ich in meinem Hauskleide zu Mama Itten, bat sie um
die hülfreiche Hand meiner jungen Freundinn und führte die lieben Mädchen alle
viere zugleich über die Strasse in mein Haus. - Die gute Frau willigte so gern
in meine Bitte, freute sich, dass sie mir einen Dienst erweisen könne, und dass
die Geschicklichkeit der Nadelarbeit ihrer Töchter der erste Anlass zu einem
Ausflug von dem väterlichen Hause wäre. -- Dann gefiel es ihr auch, dass ihre
Kinder mit mir gingen und also alle Nachbarn sahen, dass ich sie selbst abgeholt
hätte, und das ihnen guten Kindern Ehre machte. - Ich musste erlauben, dass sie
ihre gut genähten Kleider anzogen; sie wollten geschwind fertig sein, sagten
sie. - Ach, wie büpften die guten Geschöpfe so freudig nach ihrer Kammer, und
gewiss waren sie bald fertig. -- Auch ihre selbstgeklöppelten Spitzenhauben, die
sie aufsetzten, nahmen ihnen nicht viel Zeit weg, denn sie sind nur nach Art
französischer runden Schlafhäubchen gemacht, die ganz plat ins Gesicht gehen und
breite Bänder umgebunden haben. Sie sahen alle recht lieblich aus, und ich würde
mich über diese Reihe Schwestern gefreut haben, wenn sie mein gewesen wären, so
wie sie mich als Nachbarinnen freuten. - Ich nahm die zwei Jüngern jede an eine
Hand und ging an den Torweg. Die Mutter folgte die Stiege herunter, schweigend
und weinend, mit den zwei Aeltern. -- »Adieu, Mama!« sagt ich, »heut Abend bring
ich meine Schwestern wieder; - Wir wollen recht brav und fleissig sein.« - Sie
konnte nichts sagen, als: »Gott segne Euren Ausgang! grüsst doch den Ernst.« --
    Meine Magd hatte an dem Fenster der Gesimstube auf mich gewartet, die
Haustür war also gleich offen, wie wir kamen. Ich verbot, meinem Manne und
Herrn Itten etwas zu sagen, und zog mit meinen artigen, schüchternen Mädchen, in
mein Zimmer. In der Tat waren sie alle bebend und schlossen sich an mich, wie
junge Küchelgen, die von den Flügeln der Mutter weg sind, etwas Kälte fühlen,
und sich an eine andre, freundliche Henne anschmiegen wollen. Sie getrauten sich
nicht recht umzuschauen, ungeachtet Neugierde nach dem Aussehen meines Hauses,
mit der Freude ihres erfüllten Wunsches, in ihren Gesichtern war. Ich umarmte
Alle, und hiess sie willkommen in meinem Hause, und setzte hinzu, ich hoffte sie
öfter zu sehen. -
    »Wie gütig sind Sie! - ach, das wäre glücklich! - unser guter Ernst hat uns
immer schöne Tage gemacht.« - Das sagten sie so in der holden Verwirrung
gemeinschaftlichen Vergnügens. - Hannchen sah dann die Stühle. - »Ist dies unsre
Arbeit, Frau Residentin?« »Ja, meine Lieben! wollen wir anfangen?« und ich nahm
meinen zugeschnittenen Teil. Wie schön war die liebreiche Eile, die sie
bezeigten, als jede ihre Zwirnfäden, die ich nur vom Strange geschnitten hatte,
um ihren artigen Hals hing, die Leinwand in einer Hand hielt und mit der andern
Nadelbüchsgen und Fingerhut suchte; dann sich setzte, und mit so viel Anstand,
und Artigkeit sie insgesamt sich fertig machten ihre Aufgabe zu nähen, wie die
guten, zum gehorsamen Ton gewöhnte Stimmen, mich fragten, wie breit die Säume
sein sollten; und als ich antwortete, ich hätte den Anfang dazu schon gelegt, --
wie sie da nachsuchten! - ach, Mariane! es war recht viel süsses Andenken meiner
wohlverlebten, blühenden Jahren, in alle dem für mich! -- Nun nähten sie alle
eifrig, und spannten den Saum über ihre Finger. Das war ungemächlich, und hält
sehr im geschwinden Nähen auf. -- Da sagt ich: Wartet, Kinder! dem will ich
abhelfen, und stand auf, ging in mein Nebenzimmer und hohlte da ein klein, rund
Tischgen, nahm ein Küssen von einem Lehnstuhl und band dies auf dem Tischgen
fest. Dann mussten sie sich da umher setzen und jede konnte ihre Arbeit anheften.
Dieser Einfall machte den lieben Mädchen Freude, und so nah um mich sitzend,
wurden sie trauter und schwazten recht artig mit mir von allerlei Arbeiten, nur,
wenn sie was gehen oder eine Tür auf- und zumachen hörten, da stuzten sie und
wurden etwas rot und unruhig, weil sie natürlicherweise nichts als fremde
Gesichter erwarteten, von deren guten oder bösen Gesinnungen sie nichts wussten.
Als wir nun so recht im Eifer waren, in die Wette zu arbeiten und ich ihnen mit
Fleiss zeigte, dass ich auch einen hohen Wert auf eine geschickte Hand legte,
welches ihnen sehr gefiel, weil es den Preis der Ihrige bezeichnete: - Da
trappelte es stark im Nebenzimmer. Sie zuckten sich zusammen, und es fehlte
wenig, so hätten sie sich auch wie schüchterne Täubchen geduckt. Als die Tür
aufgemacht wurde, und Cleberg mit ihrem Bruder herein trat, eh eine von ihnen
aufsah, waren sie aus Verlegenheit schon rot und blass geworden; aber ein Ausruf
ihres Bruders: -- »O, meine Schwestern!« - und dann der, von Cleberg, »wie schön
ist das meine lieben, lieben Nachbarinnen!« -- brachte sie gleich in Ruhe und
zum Ausdruck der reinsten Herzensfreunde, mit ihrem Bruder und Freunden zu sein.
- die zwei artigen jungen Männer gingen rings um unser Tischgen, betrachteten
es, und die jungen Frauenzimmer hatten nun Mut genug zu sprechen und zu
erzählen, dass dieses Nähküssen von meiner Erfindung sei; dass ich sie selbst
geholt hätte und so weiter. - Itten war entzückt, das sah ich, und Cleberg ging
nach einigem Scherzen von uns. - Eine Viertelstunde nachher kamen Otto und
Linke, staunten auch an der Tür über den Anblick, kamen aber mit ihrer
gewöhnlichen ehrerbietigen Miene zu mir, machten den Frauenzimmern eine
Verbeugung, die sie mit dem liebenswürdigsten Anstande, aber vielem Erröten
erwiederten. Linke umarmte Itten, als ich ihnen die Frauenzimmer genannt hatte,
und wünschte ihm Glück, ihr Bruder zu sein. Hannchen senkte da ihren Kopf tiefer
gegen ihre Arbeit und sah eifriger darauf als vorher, hingegen Linke, auch mehr
auf sie, als ihre Schwestern. Die drei Männer stellten sich dann in eine Ecke
des Zimmers, wo Itten mit überfliessender Dankbarkeit von mir, und Liebe von
seinen Schwestern sprach. - Aber, eh wir es uns versahn. kam Cleberg, machte
beide Flügel der Türe auf, und hatte Herrn und Frau Itten an den Händen. »Da
sehen Sie, was meine Frau mit Ihren Töchtern macht.« -- Ach, was Freude bei
Vater, Mutter und Kinder! - Der Sohn Heinrich und auch Reinhold kamen nach.
Cleberg bemerkte dass Frau Itten sorgsam nach Ott und Linke sah. Da nahm er
diese Beiden und sagte: »Herr Rat! Frau Rätin! - dieses sind meine
verdienstvollen, werten Freunde, Otte, und Linke, die auch Freunde meines
jungen Herrn Itten sind, und sich gewiss freuen, durch mich eine der schäzbarsten
Familien unsrer Stadt kennen zu lernen;« und zu diesen sagte er: »Dies sind die
vortrefflichen Eltern und Kinder Itten, die bisher, wie ein durch ihren Anherrn
vergrabner Schatz, in dem alten Familienhaufe wohnten, bis mir der Himmel das
Glück schenkte, sie zu entdecken.« - Frau Itten dankte durch eine Verbeugung;
aber es freute sie, dass mit so viel Achtung von ihnen Allen gesprochen wurde,
und er sagte, dass er die beiden Herren auf dem Kaffeehause hätte kennen lernen
und sie immer sehr höflich gegen ihn gewesen wären. - Cleberg nahm mich dann bei
Seite: »Salie! ich habe heute früh meinen erpressen Boten vom Oheim zurück
bekommen. Ernst wird in zwei Jahren Unteramtmann zu Langensee, und Heinrich
kommt ins Stipendium. Ich will Alle beim Nachtessen haben, und Deine Köchin weiss
schon was; rede nun noch das Uebrige mit ihr ab. - Bei den Ittens dürfen wir so
nichts Kostbares haben.« --
    Der liebe, rasche Mann hätte mich bald für Freude krank gemacht. Er war mir
so wert, dass er die Sache der Itten so betrieben und ausgeführt hatte. -- Da
mussten nun die Eltern an unsere Redlichkeit glauben; Denn einsame Menschen, die
sich aus Schmerz und Mangel abgesondert haben, sind gegen die Versprechen der
Glücklichen so misstrauisch, und dann hatte ich auch gefürchtet, dass Clebergs
Eifer erkalten möchte, und dass er mit dem Stipendio zu viel gesprochen hätte. -
Das war nun alles wie es mein Herz wünschen konnte. Ich ging durch eine
Seitentüre zu meiner Köchin, ordnete noch alles an, gab Weisszeug und etwas
Confect her, und kam wieder, da die guten Mädchen schon meine Arbeit genommen
hatten und fertig machten, indem die Aeltere ausserordentlich geschwind nähet. -
Wir kamen mir Falten und Allem noch zurecht, und Cleberg, der die Herren alle in
einem Nebenzimmer unterhielt, hatte mit ihnen vielen Spass. Als ich nun oben in
Ittens Zimmer die Falbala an die Vorhänge zu nähen, mit meinen artigen
Arbeiterinnen aus meinem Zimmer daher zog; ich, mit einem Licht voran, und eine
Falbala am Arm; dann Hannchen Itten mit ihrer Arbeit; Caroline, die wieder ein
Licht hatte, Dorchen keins, aber Marie wieder. Wir hatten uns zusammen beredt,
dass Keine von uns nach den Mannsleuten sehen und wir unsern Gang ganz gerade
nach Ittens Zimmer nehmen wollten. Das geschah auch, und unsere Mama musste auch
über unsern Ernst lachen. Sie liessen uns ziehen: aber, als wir nun oben Jede an
einem Vorhange sassen, die ich nicht abgenommen hatte, und immer Zwei an einem
Fenster und bei einem Lichte geschäftig nähten, kamen die Männer mit Cleberg und
der Mama nach, hatten Alle an der drolligen Art dieser Arbeit eine Freude und
wollten endlich uns auch helfen. Weil es wieder mit dem Anheften beschwerlich
ging, so boten sie sich zum Halten an. Ernst Itten kam so bescheiden zu mir, dass
ich ihm gleich anwies, wie er den Vorhang halten sollte. Hannchen war neben mir
am nehmlichen Fenster, und Linke bat sie, in einem ehrerbietigen Ton, ihm zu
erlauben, ihr zu helfen. Die Einwilligung, die sie mit einem Anmutsvollen
Nicken ihres schönen Kopfes gab, war sehr reitzend. Sie sah Linken nicht an, er
hingegen blickte voll Glück und Liebe nach ihr hin. Cleberg und Otte hatten sich
zu Caroline und Dorchen gesetzt, und die kleine muntre Marie hatte ihre Mutter,
und ihre zwei jüngern Brüder zu Gehülfen bekommen. Der gute Vater Itten ging von
einem Fenster zum andern und spasste über unsre sonderbare Nähterei. - Als wir
nun, abgeredter massen, einander zuriefen, ob wir fertig wären, denn es durfte
Keine vor der Andern aufstehen, da fehlte es noch bei Marien, die im innern
Zimmerchen war; und Hannchen bat mich um Erlaubnis, ihr zu helfen. Ich liess sie
gehen. Sie machte Linken ein so artig Compliment für seine Mühe. dass er aus
Vergnügen darüber, und tausend andern Gefühlen, nicht halb so klug aussah, als
Hannchen. - Cleberg bat dann den Vater, die Mutter und zwei ältere Söhne, mit
ihm zu kommen, wo er ihnen dann die fürstlichen Dekrete zustelte und sie bat,
mit ihrer Familie bei uns die Abendsuppe zu essen, aber ja keinen Dank oder
sonst etwas davon zu sagen; und als sie Alle so von Ausdrücken der Bewunderung
und Freude überflossen, verliess er sie, weil er die gute Julie Otte holen wollte
um mit ihrem Mann bei uns zu sein. - Was war das für ein seliger Abend! wie
teuer, wie wert war mir mein Mann! Er setzte sich bei Frau Itten und
Mariechen; ich hatte den Vater und Reinholden zu mir genommen, Julie sass
zwischen Ernst und Heinrich; Ott und Linke besorgten Hannchen und Caroline;
Dorchen und die Jüngste waren auch bei Cleberg. - Der Vater weidete sich an der
zufriedenen Miene seiner Kinder, und die Mutter sah, bald sorglich, bald
fröhlich, auf sie umher, betrachtete aber auch mein Tischzeug, die Speisen, mein
Vorlegen; winkte bald der einen, bald der andern Tochter mit den Augen, auf
mich, oder Julien zu sehen. - Und mit wie viel Mutterfreude und Liebe sah sie
ihren Ernst und ihren Heinrich an! - Sie und ihr Mann müssen sehr schön gewesen
sein. Aber man kann von ihr doch sagen, das salzige Tränen ihre Wangen verzehrt
haben; denn sie ist sehr hager und blass. - Alle gingen glücklich nach Haus, und
Ernst, der sie heim begleitete kam mit Segen für ihn und uns zurück.
 
                           Zwei und neunzigster Brief
                            Rosalia an Mariane S**.
Mein Oheim ist mit Clebergen, wegen dessen, was er ihm von den Ittens schrieb,
und für sie zu tun wünschte, ausserordentlich zufrieden, und dankt dem Himmel,
dass er sich, in Beurteilung seines Charakters, nicht betrogen habe; freut sich
auch, dass unser Hof jetzo einen Minister hat, der sich nicht zu gross dünkt, eine
Familiengeschichte anzuhören, die, ob sie schon nur den kleinen Zirkel eines
alten Privatauses betrift, dennoch der Menschheit Ehre macht.
    »Unserm edlen Minister von H**,« sagt mein Oheim, »der mit philosophischen
Geiste Menschen und Staaten durchdenkt, nur Wahrheit und Natur würklich schätzt
und liebt, und bei dem das, was er an sich selbst am meisten achtet, nicht das
Zufällige seiner adelichen Geburt und nicht die Ehrenstellen sind, die er
bekleidet, sondern das, was er sich durch unermüdeten Fleiss an Kenntnissen
erwarb; und sein moralischer Charakter, den alle aufgeklärte und edel gesinnte
Menschen äusserst in ihm verehren; der mit sanftem Eifer und stiller Grösse,
Gutes zu würken sucht und die erste Freude seiner Ministerstelle und seines
Ansehens in dem Augenblick fühlte, da er einem rechtschaffnen, mit grossen
Fähigkeiten begabten, aber nicht genug bekannten Manne die beste Stelle
verschafte, und seine zweite Freude von dem Tag an zeichnet, wo der Unterricht
der Jugend unter seiner Anordnung und Vorschrift sich gründete und glücklich
fortgeht: - Diesen Minister konnt ich, schreibt er, auf einem Spaziergange, wo
er Einfalt, Schönheit und Güte der Natur mit so viel Einsicht und Empfindung
bewunderte, mit einem fleissigen Bauer so liebreich sprach, am Ende des Lobes,
welches er dem Ackersmanne und nach diesem allen Privattugenden gab, von der
ausübenden Tugend meines Neffen und seiner Nachbarn reden; - war sicher, dass ich
mit Vergnügen angehört und in meinem Gesuch unterstützt wurde. -- Ach, möge der
vortrefliche Fürst, den Gott uns gab, ja niemals Ratschläge hören, und ihm
keine annehmlich vorgetragen werden, als die aus einer so reinen, Menschen und
Gerechtigkeit liebenden Quelle kommen! -- Schreiben Sie ihrem neuen Neffen,«
sagte er mir, »dass er fortfahren soll, in Ihre Fussstapfen zu treten, und dass ich
ihm viel mehr danken und ihn ehren werde, wenn er mir verborgenes Gute zu
belohnen zeigt, als wenn er den Fehlern und Schwachheiten der armen Menschen
nachspürte und sich dadurch ein Verdienst machen wollte.« --
    Ist dieser Zug allein nicht hinreichend, Ihnen, meine Mariane die grösste
Hochachtung für unsern Minister einzuflössen! - Aber niemals vergibt er Fehler
gegen die Rechtschaffenheit und Pflichten eines Amts; und das schätzt mein Oheim
sehr. --
    Meine Liebe! - wie sonderbar ist dies! - vor zwei Tagen erhielt ich den
Brief meines Oheims, aus welchem ich Ihnen heute früh obige Auszüge machte; und
diesen Abend kam er selbst, und kündigte mir und Cleberg an, dass wir mit ihm auf
acht Tage nach der Residenzstadt unsers Fürsten reisen müssten. - Ach, wie ungern
tu ich das! - Frau G**, die mit uns zu Nacht speisste, macht mir noch dabei über
die Besuche bange, die ich bei dortigen adelichen Damen werde ablegen müssen. -
Die böse Frau verderbt mir damit meinen Schlaf, denn ich habe dies noch
geschrieben eh Cleberg von dem Zimmer meines Oheims kam. - Aber jetzt gute
Nacht! -
    Und heute, nur eiligen guten Abend bis aufs Wiederkommen. - Adieu sagte ich
diesen Morgen auch ganz kurz. Ich musste meine zehn schöne Putzsachen einpaken
lassen, und nun früh schlafen gehen, dass wir bei anbrechenden Tage auf dem Wege
sein können. Sie sollen bei meiner Zurückkunft hören, ob ich eben so von unserm
Minister denke, wie mein Oheim. --
Montags; gerade vierzehn Tage nach unserer Abreise, ganz ausgeruht und
nachgedacht.
    Da bin ich wieder! mit neuen Ideen bereichert, im alten Guten bestärkt, und
von Vorurteilen befreit, die man mir mitgegeben hatte. --
    Schöner kann beinah keine Lage sein, als die Lage der Stadt C**, an dem
Zusammenfluss zwei schiffreicher Ströme, der R** und der M**. - Weinberge auf
einer, Kornfelder, Wiesen, Obst- und Nussbäume auf der andern Seite; die Festung
an einem, die Stadt an dem andern Ufer; - nahe und entfernte Gebürge, und dann
die reizende Fläche, durch welche man, von dem Festungsberge, den R**
hinfliessen sieht. --
    Ich habe unsern Fürsten und Ihre Hoheit, Seine Prinzessinn Schwester, selbst
gesehen und gesprochen. Wie viele Leutseligkeit und Herablassung wohnt neben
Grösse der Geburt und Tugenden, in ihnen! Es geht mir auch, wie meinem Oheim.
Möge doch ihnen Beiden nichts als reine Wahrheit, Treue, Verdienst und
ehrerbietige Liebe sich nähern! - weil, wie man sagt, die besten Fürsten sehr
oft von feinen, bösen und eigennützigen Menschen umgeben sind, die ihre Güte
missbrauchen. --
    Die zwei Damen der Fürstinn sind sehr verehrungswürdig und vereinigen alle
Eigenschaften in sich, die von rechtswegen Adeliche immer besitzen sollten, weil
sie, nach der Ordnung der sittlichen Welt, die tägliche Gesellschaft der Fürsten
sind, und freimütig mit ihnen sprechen können. - O, wie innig heftete sich mein
ganzes Herz an den edlen, starken Charakter, voll Klugheit und Güte, welcher die
Hofdame von N - d - f, unschätzbar macht. --
    Cleberg ist von dem Minister ganz und gar eingenommen, - nicht allein wegen
der besondern Achtung welche er ihm bewiess, sondern wegen der vielen
Wissenschaften, wegen seines Geschmacks an schönen Künsten, und weil er sehr
vergnügt schien, mit einem Menschen zu sprechen, der auch nützlich gereist war,
und Kenntnis und Freude bei seiner schönen Büchersammlung bezeigte. Bei dem
Gegenbesuch den er bei meinem Mann und Oheim ablegte, sah ich ihn auch, voll
Ernst und Würde in seinem Bezeigen und seiner edeln Gestalt. Diese Würde war
auch in seiner Höflichkeit gegen mich; sie begleitete seine Bescheidenheit, und
jede Unterredung. -- Als er weg war, fragten mein Mann und Oheim mich, wie er
mir gefallen hatte? - Ich sprach in einem sehr lebhaften Ton der Verehrung von
ihm. - »Aber er ist ja gar nicht galant,« sagte Cleberg, »und Du bist doch so
ein schönes junges Weib.«
    »Pfui!« sagt ich, - »ein Mann, wie dieser, galante Sachen sagen! - das wäre
ja ärgerlich. Ich möchte ihn gleich die Hälfte seiner Verdienste berauben
können, wenn er den Galanten machen wollte. Dies soll er den Kammerherren und
Kammerjunkern überlassen; so wie sie ihm Weisheit und Arbeit, Ruhm und Sorgen
seines Platzes überlassen müssen.« --
    »Aber, wenn er nun nicht höflich gegen Dich gewesen wäre, was würdest Du
gesagt haben?« sprach mein Oheim. --
    »Ey. Höflichkeit und das, was man galant nennt, ist weit verschieden. Ich
habe an seinen Blicken bemerkt, dass er mich, auch so gar meiner eignen Person
wegen, seiner Achtung würdig hielt. Diese flüchtigen Blicke, in denen er den
Kenner des Schönen und Artigen zeigte, ohne seine edle Kälte dabei zu verlieren,
waren meiner feinen Eigenliebe viel schmeichelhafter, als wenn er mir schöne
Tändeleien gesagt hätte, die, unter uns sei es bemerkt, noch keinem einzigen
Menschen einen Funken Ruhm erwarben, und auch keinen besondern Aufwand von Geist
erfordern; sonst würdet Ihr Männer diesem Euren Talent schon längst einen
Lorberkranz geflochten haben. Aber noch nie hab ich einen Mann von Gefühl und
Geist am Ende der Beschreibung des wahren männlichen Verdiensts, wie Sie Beide
den Minister mir mahlten, in einem Ton der Verehrung sagen hören; er ist auch
sehr galant bei Damen, weiss ihnen so gut, als irgend ein artiger Mensch, schöne
Sachen zu sagen. - Wenn sie so was von diesem Manne wissen, so erzählen Sie mir
es ganz geschwind, damit ich meine Seele nicht zu sehr mit Verehrung überlade. -
Es schadet mir zwar so nichts; er gehört in eine andre Welt, als ich, - und da
mag er galant sein, so viel ihm gut dünkt.« --
    Cleberg und mein Oheim lachten herzlich über mich. »Aber Rosalia!« sagte
mein Oheim, »Cleberg suchte doch auch artig um Dich zu sein und schöne Sachen zu
sagen. Warum äussertest Du diesen Widerwillen nicht auch gegen ihn?«
    »Ich weiss nicht mein Onkel, ob es edler Stolz seiner Seele, oder feine
Kenntnis meines Charakters war, was ihn verhinderte, meine Achtung und meine
Liebe mit dieser Alltagskunst zu gewinnen. Denn er sagte mir wenig, war auch mit
Andern nicht galant, und das Wenige, so er nach langem Schweigen sagte, war
ernstaft, aber so ganz für mich, für mein Herz gesagt, dass er mich glücklich,
und sich auf ewig beliebt machte.« --
    Cleberg umarmte mich. »Meine liebe, sonderbare Rosalia! sieh ich will Dir
was bekennen. Schon vier Jahr liebst Du mich; - Du bist nun mein! Aber Deine
Hochachtung für meinen Charakter und meine Denkungsart, ist mir so wert, dass
ich untröstlich wäre, wenn ich diese Gesinnung in Deinem Kopf und Herzen
vermindert sehen sollte. Denn unsre Verömdung soll in Nichts den Gang der Leute
nehmen, die Du Alltagsleute nennst. - Du bist kein Alltagsweib, und ich
schmeichle mir, auch eine gleiche Ausnahme unter jungen Männern zu verdienen; so
wie ich sicher bin, immer süsses, wahres Glück des vernünftigen Mannes, in
meinem Leben mit dir zu genüssen, wenn auch schon diese reizenden Wangen
welkend, Dein Auge matt und die schönen kastanienbraunen Haare silberfarb sein
werden. Lass mich nur immer der einzige Vorgezogne in Deiner Seele sein. Ich kann
auch keine Alltagsliebe, und Alltagshochachtung leiden.« --
    Er wandte sich gegen meinen Oheim und fasste eine seiner Hände, während er
mich mit einem Arm umschlungen hielt. »O, mein Oheim! Ehrenstellen und Vermögen,
die ich durch Sie erhalten habe, sind der geringste Teil meines Glücks. Aber
Wahrheit und Stärke Ihrer Seele, die Sie in Rosalien, neben weiblicher Feinheit
des Gefühls, und zärtlicher Liebe pflanzen konnten, - das, das macht mich
selig.« --
    Sagen Sie, liebe Mariane! war das nicht eine schöne Stunde meines Lebens,
die mir allein meine Reise nach C** auf ewig wert machen muss? --
    Ich machte bei allen Damen Besuche, und habe es gestern bei Mademoisell
Bogen in zahlreicher Gesellschaft erzählt. Alle, Alle haben mir auf das gütigste
begegnet, mir meinen Besuch erwiedert; eben so, wie Frauenzimmer meines Standes
mir viele Höflichkeit und Begierde nach meiner längern Bekanntschaft zeigten. Da
waren nun bei den Bogens einige Personen die mir sagten: -- »ja, das liesse sich
von den Damen sagen, weil sie mich nicht lange gesehn hätten; denn sonst würden
sie mir auch die Geringschätzung haben fühlen lassen, die sie gegen Leute der
übrigen Klassen hätten.«
    »Wir wollen billig sein,« sagte ich. »Wenn wir nun in einer Gesellschaft
sind, wie diese hier, würden wir es gerne haben, dass sich Leute von andern unter
uns stehenden Klassen zu uns drängten? würden wir nicht auch näher zusammen
rucken, um unsre Plätze unvermischt zu erhalten? - Ich für meinen Teil habe gar
nichts gegen die eingeführte Rangordnung zu sagen, und bin aus Erfahrung
überzeugt, wenn man dem Adel seine gerechten Vorzüge lässt, und zeigt, dass man
sie erkennt, und von ihm nicht mehr fordert, als uns gebühret: so ist er gewiss
auch gegen uns gesinnt, wie es Klugheit und Billigkeit wollen. Unser Spotten und
Tadeln ihres Stolzes ist lächerrlich und fliesst auch aus übertriebnem Hochmut. -
Natürlicher Weise fasst der Stand des Adels, so wenig als andre lauter
verdienstvolle Personen in sich; aber ich kenne Viele? die in Wahrheit den Adel
der Seele mit dem Adel ihres Namen vereinigen, und die ich mein ganzes Leben
äusserst verehren werde.« --
    Vielleicht, meine Mariane, hab ich zu lebhaft widersprochen. Aber ich kann
nichts Unrechtes, und nichts niederträchtig Hoffärtiges leiden. Es ist in
Wahrheit unbillig, wenn wir zu sehr auf den Ahnenstolz losziehen. Denn sagen
Sie, ist nicht eine ganze Nation auf den Namen und Ruhm eines Mannes stolz, der
in Wissenschaften oder grossen Taten sich vorzüglich merkwürdig machte? - Ist
nicht die Privatfamilie stolz, in deren Schoos er erzeugt wurde? - Nun so geht
es denen, die seit Jahrhunderten den Namen eines ruhmwürdigen oder mächtigen
Mannes führen. Dass sie manchmal dieses Gefühl übertreiben, ist wahr und
empfindlich; aber wann, in was, ist jemals eine Leidenschaft im Gleichmaasse
geblieben? --
Hier, meine teure Freundinn! wieder ein Blätgen mehr, und einen Tag weiter.
Wenn es so fortgeht, so muss ich Ihnen in Zukunft nur halbe Briefe schicken, oder
alle Vierteljahr ein Tagebuch, und indessen nur dann und wann eine Zeile mit der
Nachricht meines Wohlseins; wie ich es mit der van Guden mache, bis ich ihr,
nach unsrer Verabredung, immer von Zeit zu Zeit vier oder sechs von den Briefen
mitteilen kann, die ich Ihnen schrieb und die Sie mir wieder leihen wollen. --
    Dieser hier, ist von Cleberg gelesen worden. Er kam freundlich, aber zu
einer mir unverhoften Stunde, in mein Zimmer, fragte, an wen ich schriebe? Ich
sagt es. Er bat mich, ihm etwas davon zu lesen; ich tat es. Er schien
zufrieden, hielt sich aber besonders bei dem Zuge auf wo von Alltagsleuten
gesprochen wird. - Ich fragte ihn da, ob es ihm Ernst gewesen, als er mich
versicherte, dass ihm meine Hochachtung eben so wert sei, als die von Fremden
oder von einem Manne? »ja meine Liebe! sie ist es mir in Allem, was edles und
feines Gefühl der Seele betrifft; weil Du von Allem, was menschliche Gesinnungen
angeht, grosse und richtige Begriffe hast, und weil ich, in meiner Klasse, einer
der besten Menschen sein möchte, und Du, als die nächste Zeuginn meines Lebens,
mich durch Beifall belohnen, oder durch eine liebreiche Erinnerung auf dem edlen
Weg erhalten kannst, den ich wandeln will.« -
    Ich war gerührt, erstaunt und glücklich, alles zugleich; nahm seine Hand,
die eine der Meinigen hielt, druckte sie mit beiden Händen an meine Brust, sah
mit Zärtlichkeit ihn an: »Teurer Mann! Du heiligest den Wert, den, ich gesteh
es Dir, meine Eigenliebe auf mein Herz und auf meinen Kopf gelegt hatte. Ich
darf also Dich beobachten, Dir Freude zeigen, wenn ich Gedanken und Handlungen
von Dir sehe, die den edlen, rechtschaffenen Mann bezeichnen, wenn ja Feuer des
männlichen Charakters in gewissen Anlässen Dich zu einer Heftigkeit führte, die
Deiner unwert sein könnte. - Mein Cleberg hat also die kleine, niedrige
Besorgnis nicht, dass feine beste Freundinn stolz werden, oder sich in Etwas über
ihn erheben möchte, wenn er ihr manchmal eine Bitte für sein Wohl und seine Ruhe
zugestünde.« -
    »Salie! diese Besorgnis könnte nur ein Mann haben, dessen Seele durch
Eitelkeit, und Eigendünkel so eingeschränkt und verblendet wäre, zu glauben, dass
er niemals fehlen könne; und dieser Mensch würde auch von den grössten und
weisesten Mann nichts annehmen. Ich will Dir aber auch weisen, dass mein
Vertrauen in Deine Einsichten nicht ohne Gränzen ist. Denn in Allem, was jemals
Ausrichtung der Pflichten meines Amts betreffen kann, werd ich weder Dich, noch
irgend ein andres Weib anhören. Aber in Ansehung der Verhältnisse mit andern
Menschen und des Einflusses, den kleine Sachen haben können, da sollen mir Deine
Vorstellungen und Vermutungen willkommen sein. Ich wäre ja elend, wenn ich
Misstrauen in die Absichten Deines Herzens setzen sollte; - des Herzens, das mit
all seiner Zärtlichkeit sich mir eigen gab. Nein! ich will den schönen Stolz,
der in Dir Achtung fodert, weil er Achtung verdient, nicht verletzen; und auch
darin niemals kein Alltagsehmann werden, dem lieben Geschöpfe, das ich wählte,
und das, mit Vertrauen auf mein Herz, mein Eigentum wurde, mit Geringschätzung
zu begegnen, wenn ich nun so die Blüte von Schönheit und Freude genossen haben
würde. -- das soll nicht sein, meine Salie! und ich will auch von Dir immer
verdienen, dass Du Alles, was ich an Dir liebte, und was mir mein Glück
versicherte, sorgfältig erhalten und vervollkommnen sollst.« --
    »Das will ich, bester Mann! Sage mir nur, was Dir angenehm ist.« --
    »Noch Alles, in Allem,« - sagte er lächelnd, indem er mich vom Kopf bis zu
den Füssen beschaute; und dann zu Otten ging, den er mit Julien zum Abendessen
brachte. - Dünkt es Sie nicht, dass auf diese Art das Glück meines Lebens
dauerhaft sein wird? Ich will schön, recht schön auf kleine Sachen Achtung
geben, nie keine rügen, die sich nur auf mich beziehen, nur mir empfindlich
wären; -- sondern bloss, was Andre, und die Ruhe und den Ruhm von Clebergen
angehen kann, keine von meinen Pflichten versäumen, und, wie mich die van Guden
schon belehrte, immer in meinem Hause am liebenswürdigsten sein. -
    Es freut mich, dass der Ton meines Hauses Fremden und Einheimischen gefällt,
und dass man zufrieden ist, alle Nachmittage bei uns wohl aufgenommen zu sein und
gute Gesellschaft zu finden, ohne von mir eine ängstliche Erwiederung der
Besuche zu fodern. - Die Ittenschen Töchter kommen nun wechselweis alle Tage
Eine in mein Haus, arbeiten und essen bei mir; so wie auch die Töchter des
Geheimenrats von E** und B**, lauter artige, tugendvolle Mädchen. Mein Cleberg
hat würklich einen herrlichen Gedanken gefasst und will, auf meine Bitte, unter
seinem Büchervorrat eine Auswahl machen und sie uns zum Lesen geben, so dass,
wenn die Andern arbeiten, Eine von ihnen liest; und ich junge Sibylle, sagt er,
solle dann, nach meinem Mehrwissen, mit ihnen darüber sprechen. Auch will er
manchmal kommen und was vorlesen oder erzählen, von dem, wies junge Männer bei
einem Frauenzimmer anzutreffen wünschen, die sie zu ihrer Freundinn, Gattinn und
Mutter ihrer Kinder haben möchten. »Denn, sezte er hinzu, ich bin nun
verheirater, und kann etwas von unsern Männergeheimnissen bei den
liebenswürdigen Freundinnen meiner Rosalia entdecken. - Wir sagen uns manchmal,
wenn wir einen Kreis blühender Schönen beisammen sehen, und all ihre Reitze und
Annehmlichkeiten in Person und Bezeigen bemerken: Das tun sie für uns! - sie
folgen den geheimen Befehlen der Natur, welche von ihnen will, dass sie uns zu
gefallen suchen sollen; so wie uns von ihr leise zugeflüstert wird, dass wir
allein in ihnen das süsseste Glück finden werden. Aber, setzen wir dann hinzu,
die guten Kinder wissen doch nicht Alles, was uns freut. Schön, artig, witzig,
ist etwas, so wir nicht entbehren möchten; aber wahre Güte, wirtschaftliche
Kenntnisse, und Geschmack an vernünftigen, edlen Dingen, mit denen wir uns gern
beschäftigen, - das ist Grundlage unsers dauernden Wohls.« --
    Er mischte eine Menge schmeichelhafte Sachen für sie alle darunter, und die
muntere junge Louise L** forderte ihn auf, ihr allerseitiger Lehrmeister zu
sein. Sie verspreche für sich und ihre Gesellschafterinnen viele Aufmerksamkeit
und Folgsamkeit; aber er solle auch für die edlere Bildung der jungen Mannsleute
sorgen, damit sie artige Mädchen auch liebenswerte Bewundrer haben möchten. Sie
wolle ihm auch hie und da erzählen, was gute Frauenzimmer zu wünschen hätten,
damit sie ihre künftigen Herren Meister ihren Söhnen mit gutem Gewissen zum
Beispiel anpreisen und den Gehorsam mit Hochachtung verbinden könnten. Sie
hätten sich ohnehin Alle vorgenommen, ihn und mich zu beobachten, um ein Muster
von Verdiensten, und von dem Glück eines Frauenzimmers zu nehmen. -
    »Sie geben mir und Rosalien eine schöne Rolle! - Salie! Du bist die Tugend,
und ich, das Glück, so Dich belohnt!«
    »O, die hochmütigen Männer die! - Glück der weiblichen Tugend zu sein!« -
sagte Frau G**, »Wäre dies nur immer wahr! - aber Ihr seid so oft nichts, als
Uebung- und Zuchtmeister dieser Tugend!«
    Cleberg floh hier aus dem Zimmer, mit einer Bewegung von Angst gegen Frau
G**. Adieu, beste Mariane, adieu. --
 
                           Drei und neunzigster Brief
                            Rosalia an Mariane S**.
Ich bin seit vier Tagen allein. Ob ich schon von meinen Freunden und Bekanten
mehr als sonst umgeben werde, so fühle ich doch, dass Cleberg, dass mein Oheim
nicht da sind. Clebergs Abwesenheit macht mich einsam. O, ich liebe ihn, ich bin
an ihn geheftet! - Gott sei Dank, dass mein langes Verwerfen und Wählen mich eine
glückliche Verbindung finden liess, mich, über mein Leben mit ihm, zu freuen;
Schmerz über seine Abwesenheit, und Sehnsucht nach seiner Rückkunft zu fühlen!
Ich habe noch dabei sichere Hoffnung, dass er als ein noch edlerer Mann
zurückkommen wird. -- Ich will Ihnen hier den Grund dazu schreiben. Mein Oheim
hatte seit unsrer Zurückreise von C** öftere Unterredungen mit meinem Manne,
über hundert Gegenstände, die sowohl den Fürsten, die Minister und die Räte,
als auch die Geschäfte und den Ton, in welchen sie geführt werden, angingen.
Manchmal war ich dabei, arbeitetete aber ruhig fort; doch freute michs innig,
wenn ich meinen Cleberg Sachen sagen hörte, die den ganzen Beifall meines Oheims
erhielten, der ihn auf verschiedene Proben führte. - Zum Beispiel: Es wäre wohl
möglich, dass Cleberg einmal zu einem wichtigen Platz, und an den Hof berufen
würde, wo er öfters den Fürsten, und täglich den Minister sehen, von vielen
Leuten aufgesucht und beobachtet werden würde; - was wohl da sein Haupt- oder
Grundplan wäre? -- »Rechtschaffenheit, unermüdeter Fleiss und undurchdringliche
Verschlossenheit;« - antwortete er mit einem Gesicht und Ton voll Eifer.
    »Die beiden erstern Eigenschaften kenn ich in Ihnen schon lange; aber, warum
setzen Sie undurchdringliche Verschlossenheit dazu?«
    »Weil ich an den Höfen, die ich sah, und an den Geschäftsführern, die ich
beobachten konnte, so oft Ursach fand, zu glauben, dass ihr Ansehen und der gute
Fortgang nützlicher Entwürfe, viel fester und gewisser gewesen sein würden, wenn
sie ihre Leidenschaften und ihre Absichten verborgen gehalten hätten.« --
    »Es gibt aber Leidenschaften, die uns lieben oder fürchten machen; - und
beide weiss ein kluger Mann zu benutzen.« --
    »Nicht so gut, und nicht so lange, als er seine Gleichmütigkeit benutzen
wird. Denn durch unsre Leidenschaften werden Andre Meister über uns, und lenken
sie, wie es ihr Eigennutz erfordert. - Und bei einem Manne, der nah an dem
Fürsten ist, wird endlich die Furcht in Hass, und die Liebe in eine
Vertraulichkeit verwandelt, die beide das notwendige Gewicht aufheben, und
seiner Person und den Würkungen seiner Arbeiten schaden; so wie die Entdeckung
seiner Absichten, bösartigen und neidischen Menschen den Anlass gibt, das Beste
zu verhindern, zu erschweren und zu untergraben.«
    »Aber, wenn Sie so verschlossen sind, so wird sich auch niemand gegen Sie
eröffnen; und das ist doch bei einem Manne, an dem Platze, wo ich Sie denke,
eine sehr nötige Sache.« --
    »Es wird einige Zeit dauern, bis ich Vertrauen habe. Aber wenn ich nun gegen
Alle gütig und höflich sein werde von keinem nichts Nachteiliges sage, und
Jedem Gelegenheit gebe, sich gelten zu machen: Da soll mir schon Vertrauen
zufliessen. - Behalten will ich es, indem ich niemals Jemand verraten, oder in
Verlegenheit bringen werde. Und dann, mein lieber Oheim,« fuhr er fort, »ob ich
schon weis, dass man an Höfen weniger über Versäumnis seiner Pflichten, als über
kleine Versäumnisse gegen gewisse Leute gestraft wird: so will ich Beides
verbinden, nichts Schädliches sagen, und nichts Ungerechtes tun.« --
    Mein Oheim fasste ihn bei der Hand, schüttelte sie freundlich, und sah ihm
lächelnd ins Gesicht: »Lieber, junger Mann! wie schnell gingen Sie den Weg zur
Grösse der Seele, wenn diese schönen Vorsätze einst von Ihnen anhaltend
ausgeführt würden!« --
    Andre Unterredungen müssen meinem Oheim noch besser gefallen haben, weil er
endlich sagte: »Rosalia! Dein Cleberg hat mir die Freude gemacht, an ihm einen
würdigen Gesellschafter zu einer Reise zu haben, die meinem Herzen angelegen
ist. - Du musst mir ihn acht Tage überlassen.« --
    Sie denken wohl, dass ich nicht widerstrebte. Beide reisten vergnügt ab, und
heute früh erhielt ich einen Brief von Clebergen, von dem ich Ihnen das
abschreiben will was Ihnen gefällig sein kann: »Meine Reise ist eine reiche
Erndte von Güte und Kenntnissen, die ich unserm Oheim verdanke. Nun weiss ich,
wie es zuging, dass Du von Erde und Menschen so viel edle und richtige Begriffe
sammletest. - Und weist Du, wohin ich reise? Ach, dahin, wo Du mit so viel
Vergnügen warest, wo Du die Schweitzergebürge sahest, die so grosse Gefühle in
Deiner Seele erweckten. - Morgen sind wir in Wartaussen; da soll ich Alles
sehen, wo unser Oheim die besten Jahre verlebte. - Es ist eine dankbare
Wallfart,« sagte er, »zu der Quelle meines Glücks. Ich muss noch einmal, mich an
dem Anblick ergözen. - Aber, er ist sehr nachdenkend dabei, unser guter Oheim.«
»Salie! ich war in Wartaussen, hatte aber das Glück nicht, Jemand von der
Gräflichen Familie anzutreffen. - Sie sind in Lot- [«] [Anschlussfehler in der
Vorlage]
    [»] noch wahnsinnig genug, den jezigen Grafen, oder den ehemaligen richten
zu wollen.« - Und in Wahrheit, Rosalia, es ist Alles recht schön und lobenswert
eingerichtet, denn wir wurden überall umher geführt. - Aber, als wir von dem
Schloss entfernt waren, und auch alle Gebäude, der so schön eingerichteten
Landwirtschaft gesehen hatten, wurde unser teurer Oheim etwas still und
tiefsinnig, beantwortete auch meine Ausrufungen, über die grossen, edlen Anlagen,
nur mit einen gerührten Blick. Ich wurde da eben so aufmerksam auf ihn, als ich
es auf die Sachen war, die er mir wies. Wir kamen auf unserm Wege auf einen
herrlichen Platz, wo man zwischen schönen Kornfeldern, in einer Allee von
hochstämmigen Kirschbäumen, Schloss, Amtaus, Kornspeicher, Haushaltungs-Gebäude,
Gemüsgarten, Waldung und Spaziergänge, mit Einem Blick übersehen kann. Da fasste
er mich bei der Hand. - »Cleberg! all das grosse Schöne ist Arbeit zweier
verdienstvollen Väter des jetzigen Grafen! mögen Söhne und Enkel es mit so viel
Vergnügen und Würde geniessen, als diese zwei Männer Grösse des Geistes, und
Menschenliebe besassen!« -
    
    Mit einer Träne der innigsten Empfindung im Auge und zusammengelegten
Händen, sah er noch einmal sich um. -- »Ach, was für selige Tage lebt ich hier!
- Himmel, segne ihn immer, den Wohnplatz, den der grosse Mann liebte und ohne
Pralerei verschönerte.« --
    Dem Beamten, der bei uns war, und von dem er mir viel Gutes gesagt hatte,
drückte er die Hand, und sagte dabei: »Sie haben ihn auch gekannt; - ehren Sie
immer sein Andenken!« --
    Damit ging er, mit schnellen Schritten, einen, mit wildwachsenden Bäumen
schön gedeckten Weg, den Berg hinunter, wo unser Wagen hielt, wir Beide
schweigend einstiegen, und eine Viertelstunde davon wieder Halte machten, und in
eine Dorfkirche gingen, wo er mit dem Küster etwas sprach, der ihn dann auf
einen Platz in dem Chor führte, auf den Boden wies und sagte: »Hier liegt der
alte Graf.« - Ich möchte mein eigenes Gefühl und den Ausdruck beschreiben
können, der nicht nur, in den Gesichtszügen, sondern in der ganzen Stellung
unsers Oheims war, als er einige Minuten still [Anschlussfehler in der Vorlage,
M.L.]
    [»] Euren Herrn und seine Söhne, mit dem Geist des Verstorbenen, wie er ihm
seine Güter gab.«
    Er schenkte dem Küster was, kniete sich schnell hin, küsste den Stein der die
Gruft deckt. - »Diese Träne des Danks und der Verehrung, ist Alles, was ich Dir
geben kann«; -- sprach er mit äusserster Bewegung. - »Aber, so lang ein Tropfen
Blut in mir wallet, wird das Andenken Deiner grossen Eigenschaften, und Deiner
Güte, Deinem L. R** heilig sein!« --
    Dann stand er eilig auf, ging fort, und ich sass fast eine Stunde neben ihm,
eh er ein Wort sagte. Endlich fing er an: »Nun ist mir wohl! - ich habe noch
einmal den Ort gesehen, wo der Mann lebte, dem ich den Anbau meiner Talente,
meines Charakters, und meines Glücks schuldig bin. Wär aber auch all dies nicht,
so freute michs immer, in ihm einen wahren Edlen von Deutschland gekannt zu
haben, der seinem Vaterlande, seinem Stande und jeder Stelle, die er bekleidete,
Ehre machte.« - Nach einigem Schweigen fuhr er fort: »Wie viel Menschen- und
Sachen-Kenntnis hab ich bei ihm gelernt! - In meinen Papieren, Cleberg, werden
Sie einst meine wichtigsten Erinnerungen von ihm finden. -- Ihre Kinder sollen
sie einst lesen, und darin die Grundzüge eines deutschen, patriotischen
Ministers sehen, der Feuer, Scharfsinn, Mut, Würde und strenge Gerechtigkeit,
mit wahrer tätiger Güte des edlen Menschenfreundes vereinigte. - Welch ein Herr
für seine Untertanen! Ach, wie oft erinnre ich mich sein, wenn ich durch andre
Gefilde reise und -- ach! Er, - und was Er war, ist nicht mehr!« --
    Hier schwieg er wieder lange, in Gedanken verhüllt; - endlich fasste er mich,
mit einer Hand, und sagte ganz Ernst: »Ich weiss nicht, was für eine Würkung
diese Reise und diese Scene auf Ihre Seele machen; - aber lassen Sie mich den
Wunsch sagen, dass bei dem Grabmale dieses Mannes der grosse Borsatz in Ihnen
bekräftigt werde, ein rechtschaffener, und um das gemeine Beste verdienter Mann
zu werden! -- Es ist ein Beweis meiner Achtung und Liebe gewesen, dass ich Sie
mit nahm. Nun sind meine Reisen zu Ende; ich will auch Ruhe und Muse geniessen.
Nur ein kleiner Plan sitzt noch in mir: Ich möchte bei dem Beamten in Mahnheim,
ein Paar junge Leute in die Kost und Lehre bringen, eh sie auf Universitäten
gingen, damit sie durch Uebung ihre Köpfe und Herzen tätig verwendeten, eh sie
gelehrt würden. Ihr junger Itten taugt ganz vortreflich dazu; und dann weiss ich
noch einen herrlichen Jungen, den ich mitgeben will. Das Ende meines Lebens
sollte mir süss werden, wenn ich drei wackere, junge Männer gebildet hätte, und
der Erste davon mich durch das dauernde Glück meiner guten Nichte belohnte!« --
    »Salie! Du kennst das Herz, das so ganz Dein gehört; - Du kannst Dir das
Gelübde denken, so ich Deinem Oheim ablegte; - und, Liebe! Du sollst erfahren,
dass ich es niemals brechen werde.« --
    O Mariane! wie viel Wiedererinnerung hat dieser Brief von Cleberg in meine
Seele gebracht! - Ich habe auch wieder Gelübde erneuert, von Allem was ich Edles
und Gutes, in meinen Lebensplan bringen kann. - Es wär auch schrecklich und
unverantwortlich, wenn ich, nach so vieler Gelegenheit die besten Kenntnisse für
Geist und Herz zu sammlen, nichts davon in meine Handlungen legen wollte! Was
hülfe mirs alsdann, Sie zu kennen, von meinem Oheim erzogen zu sein, so viel
schätzbare Menschen gesehen zu haben? -- und meine Bücher? die stillen
Lehrmeister, die Gefühle und Denken des Guten in mir erwekten.
    Immer will ich Hochachtung verdienen, von Ihnen, Edelste, Beste; und von den
unschäzbaren Freunden, die zerstreut von mir, auf dieser Erde wohnen, und denen
mein, für Tugend und Verdienste so fühlbares Herz, Verehrung und Liebe gewidmet
hat. --
 
                           Vier und neunzigster Brief
                              Rosalia an Mariane.
Ach, Mariane! es ist gewiss nichts vollkommen, weder Glück noch Tugend. Ich
erfahre beides an mir selbst. Mein Cleberg und mein Oheim kamen vergnügt von
ihrer Reise zurück; meine Freude sie wieder zu sehen, wurde durch ihre
beiderseitigen Erzählungen von dem, was sie gesehen und gehöret, was mein Oheim
an Clebergen lobte, und dieser von der Güte des Erstern rühmte, unendlich
vervielfältigt, und ich wollte Ihnen Alles das recht schön, in meiner ersten
Entzückung schreiben. - Aber da wurde mein Oheim krank, sehr krank, und ist noch
so, dass ich seine Reise zum Grabe seines Wohltäters, als eine Vorbedeutung
seines eignen Todes ansehen kann. - Der Himmel und Sie kennen mein Herz genugsam,
um die Aufrichtigkeit meiner Sorgfalt und Wünsche für die Erhaltung meines
Oheims zu glauben. Aber, nun kam ich auf die Probe über mich selbst. - Mein
verehrungswerter Oheim fast ohne Hoffnung zur Wiedergenesung krank, und meine
arme van Guden ringt zu Wollinghof mit dem zerreissenden Gedanken, dass Pindorf
wieder verheiratet ist, und so gar mit seiner neuen Gemahlin eine Spazierreise
nach Mahnheim gemacht hat. Hier ist das Zettelchen und der Brief, die ich beide
zugleich erhielt. - Wie nötig wär es, meine arme Freundinn zu besuchen! Aber
meinen treuen Pflegevater kann ich und darf ich nicht verlassen; da muss ich
jedes andre Verlangen meiner Seele unterdrücken. - Mein Oheim hat ohnehin öfters
vor Clebergen die van Guden als eine Schwärmerinn behandelt und etwas
verächtlich von ihr gesprochen; sogar den Wert ihrer Guttaten herabgesetzt,
weil ihre widersinnige Liebe, wie er sie nannte, der Beweggrund dazu war. - Ich
weiss wohl, dass ihr Wollinghof nur wegen der Nachbarschaft Pindorfs so lieb war;
dass sie Hoffnungen in ihrem Herzen ernährte; und die Bilder, Bücher und Geschenke
für die Kinder waren bei ihr, was bei einem andern Frauenzimmer ausgesuchter
Putz und übrige Anlockung sind. Sie hat auf die Würkung davon gerechnet; sie
kann nicht in Wollinghof bleiben: Pindorf und sie werden elend darüber. O,
Zufall! was tust du! was zerstörst du auf so hundertfache Weise! --
    Es ist mir leid; mein guter Oheim tröstet mich, und dankt mir für Tränen
und für Unruhe, die nicht für ihn allein sind. Cleberg will mich stärker und
gelassner haben, - und ach! der Himmel vergeb es mir, ich habe gewünscht, dass
mein Oheim überwunden hätte und nicht mehr litte! - Es war aber nicht so ganz
rein der Gedanke, dass er nicht mehr leiden möchte, sondern auch der, dass ich
alsdann zur van Guden eilen könnte. - Sagen Sie, o meine Mariane! sagen Sie,
kann ich mein Herz von den Vorwürfen befreien, die ich mir darüber mache? -
Hätten Sie, hätt ich selbst jemals gedacht, dass das Gefühl meiner Dankbarkeit,
und meiner kindlichen Liebe für meinem so gütigen, liebreichen Oheim, bis zu
diesem Grade unterbrochen werden könnte! - Ach! liebe, liebe Freundin! und dann
masse ich mir das Recht an, die Unvollkommenheiten Andrer zu beurteilen, im
Stillstande meiner herrschenden Leidenschaften Andre zu tadeln, die durch die
erregte Unordnung in ihren Gedanken und Gefühlen, etwas von der Richtschnur
abweichen? --
    Mein Kummer über meinen Oheim, und die Beängstigung, welche ich über die van
Guden bezeigte, machte Clebergen unruhig. Er umarmte mich und sagte mir so
gütig, so gütig und so männlich dabei: »Liebe Rosalia! ich bete Sie wegen ihrer
zärtlichen und starken Empfindungen an. Es war der Grund meiner Liebe und des
Wunsches, mit dem Herzen der Einzigen mein Leben zuzubringen. - Aber, o meine
teure Liebe! bemühen Sie sich, Alles, was Schicksal, was Folgen der Gesetze der
Natur, und notwendige Folgen erster Schritte, in Begebenheiten sind, mit
ruhiger Unterwerfung und Mut zu tragen; sonst zittre ich, Sie und mein Glück
nicht lange zu geniessen!« -
    Ach, Mariane! mich dünkt, ich habe Mut für meine Leiden; aber für die von
meinen Freunden habe ich keinen. Lehren Sie michs haben!
                         Zettelchen von Frau van Guden.
»Ich kann Ihnen, liebe Rosalia, auf Ihren letzten Brief nicht viel sagen. - Ich
bin sehr beschäftigt. - Wollinghof hat für mich eine ganz neue Aussicht
bekommen. - Adieu.« --
              Grosser Brief, zehn Tage nach dem Billet geschrieben.
Meine Freundin! ich atme wieder, aber meine Brust ist sehr, recht sehr
abgemattet. - Es war zu arg, zu überfallend! - Ich werde Ihnen erzählen, wie
Jemand der aus einem ruhig schwimmenden Boot durch das jähe Anstossen auf einen
verborgnen Felsen, in die See stürzt, für Schrecken seine eigene Kräfte nicht
gebrauchen kann, - und halb durch die Wellen selbst, halb durch mitleidige Hände
an das Ufer gebracht wurde, noch in den nassen Kleidern zittert, und selbst
seine Rettung noch nicht glauben kann. Das Äusserste von meiner Vernunft und
meinem Herzen ist geschehen. - Hoffnung und Furcht, Zweifel und Ungewissheit, sind
alle weit von mir! - O Rosalia! denken Sie sich, was ich Ihnen von Pindorf
erzählte; denken Sie, was meine Liebe für ihn noch war, als ich von Ihnen
reiste, seine Kinder zu besuchen und hier die Gegend zu sehen, von welcher er
mit so vieler Empfindung gesprochen hatte. - Mein Aufentalt bei den Wellings. -
Ach wie vermischt waren die Beweggründe! - Immer erkundigte ich mich von Zeit zu
Zeit nach Herrn von Pindorf. -- Er reiste. - Die Kinder und ihre Aufseher wussten
nicht viel von ihm, erhielten nur kleine Briefgen, worinn die Nachricht von
seinem Wohlbefinden, und wiederholte Empfindungen für die gute Besorgung der
Kinder war. Endlich hörten sie lange nichts, -- und dann auf einmal den Befehl,
Alles recht schön zuzubereiten; er käme bald, und seine Frau Schwester mit ihm.
Mein Herz klopfte, ja, Rosalia! es klopfte laut, stark bei dem Gedanken: Bald
ist er in dieser Gegend! dort, dort wo ich die fernen Turmspitzen sehe. - Ich
wünschte den frühen Herbst, damit die Bäume ihre Blätter bald verlieren möchten,
dass ich mehr von der Stadt W** sehen könnte. Wie bald sah ich mehr! - mehr, als
ich tragen konnte! - O Rosalia, was sah, was fühlt ich vor zwölf Tagen, als ich
Nachmittags in den Baumgarten gehen wollte und das Getrappel von Pferden hörte,
aus dem Hofgitter sah und zwei Damen dem Haufe zuritten; ein schöner Mann
nachsprengte, und mit der, mir durch die Seele tönenden Stimme, rief: »Das hier
Wollinghof!« sagt ihr? - »des Gärtners, der in der zerfallnen Burg wohnt?« --
    Ich hörte die Antwort nicht, sondern eilte in mein Zimmer zurück, weiss aber
nicht, wie ich hin kam. - Gott, - Pindorf! er! - edel, einnehmend, Alles, was
seine Person ehmals mir war! -- dieses Gefühl war Rausch, und Taumel. -- Der
Gedanke: zwei Damen mit ihm! war Schlag, betäubender Schlag. - Eine gewiss seine
Schwester; - aber die Andre! was ist die? -- Dunkel erschien es in meiner Seele,
das Bild einer zweiten Gemahlin Pindorfs, - aber ich wand mit Abscheu und
Schmerz mich davon ab, und hing mit verwirrten Ideen und Empfindungen an ihm, -
allein an ihm! - Ach Rosalia, Gott sei Dank, dass er vorbei ist, der Jammer, der
mich zerreist! - es ist über alle Beschreibung. - Wer? o, wer schriebe, was ich
fühlte, als Wolling halb ausser Atem zu mir kam: »Kommen Sie, meine
Wohltäterin, Herr von Pindorf ist da! - ihm hab ich Ihre Güte zu danken. - Er
hat seine Gemahlin, und Schwester bei sich; -- mein Glück entzückt ihn.« --
    Ich weiss nicht; wie die Bewegungen unsrer Seele in gewissen Augenblicken
sind. Aber ich glaube, so wie mir da war, so ist die Ruhe derer gewesen, die
durch unbewegliche Anhänglichkeit an eine Partei, ihr Leben auf dem Schavott
verloren, und noch Anreden hielten. --
    »Lieber Herr Wolling,« sagt ich mit Ruhe, »ich kann und ich will weder die
Damen noch Herrn von Pindorf sehen, niemals, mein Freund, - niemals! - - Ich
bitte Ihn, sag Er, dass ich Niemand sehe. Weise Er ihnen Alles; - sag Er alles
was Er will, nur nicht viel von mir. Mein altes Schlafzimmer soll aber Niemand
sehen, als Herr von Pindorf, nur er!« --
    Wolling faltete seine Hände, sah mich an: »O Gott! was seh, was errat ich
erst jetzt!« Ich reichte ihm freundlich die Hand. -- »Es ist gut so, lieber Herr
Wolling. -- Sorg Er für unsre Gäste; - hernach soll Er Alles, was ich hier
verborgen habe, von mir hören.« - Er sah fest und wehmütig mich an: »Ach Sie!
ich lasse Sie Gott, dessen edelstes Geschöpf Sie sind.« --
Er ging. - Was ich tat, weiss ich nicht; aber ich war gewiss elend, unbegreiflich
elend. Beinah zwei Tage fragte ich gar nicht und Wolling sagte nichts, aber er
war tiefsinnig und traurig, seine Frau ängstlich. - Die Kinder hatten kaum das
Herz zu sprechen; - meine Meta blickte mit tränendem, gesenktem Auge nach mir;
- das Gesinde ging niedergeschlagen herum. - Ich hatte Trost nötig: das
allgemeine Leidwesen drückte mich noch mehr! - Tugend wohnte hier, übende
zufriedne Tugend; - und meine aufs neue erweckte Leidenschaft störte in all
diesen unschuldigen, guten Herzen, den Genuss ihrer Freude und ihres schuldlosen
Lebens? - Ach, wie dank ich Gott für die lebhafte Empfindung die er mir für
Recht und Wohl meines Nächsten gab, weil dieses immer meine Seele und mein Leben
rettete. - Ich ertrug den Gedanken nicht, den Ausdruck des Wohls und der Freude
bei meinen Wollingen erloschen zu sehen, und bat ihn den zweiten Tag Abends, mir
zu sagen, warum er so traurig mich anblicke, und selbst seit Herrn von Pindorfs
Besuche traurig sei? --
    Er antwortete mit Bewegung: »Ach, Sie! - Er! - die mich und meine Lotte so
selig machten, Sie Beide so unaussprechlich elend zu sehen, das verbittert mein
ganzes Leben!« --
    »Wie so, Herr Wolling? - Bei mir ist nun Alles Ruhe. - Ich liebte Pindorfen,
so lang ich ihn kenne; - ich wünschte, ich hofte ihn; - das Schicksal wollte es
nicht. Die Vorsicht segne ihn, auf immer!« --
    »Ach! dieser Segen kommt zu spat, - er hilft ihm nichts mehr.« -- »O, Herr
Wolling was will das sagen? - das muss ich wissen! - wie weiss Er das?«
    »Aus dem Jammer, aus dem Wahnsinn, der ihn befiel, als er Ihr Zimmer und
Ihre Zeichnungen erblickte. - Blass und betroffen sank er auf einen Stuhl, nahm
meine Hand: Wolling! wo ist die Person, die diese Zeichnungen machte?« sagte er.
--
    »Sie wohnt in meinem Haus'.«
    »Hier; in Wollinghof!« --
    »Ja, seit zwei Jahren; und ihr hab ich all mein Glück zu danken. Sie hatten
ihr in England von uns gesprochen; sie suchte Sie auf, und wollte Ihre Rückkunft
bei uns erwarten.« --
    »Meine Rückkunft erwarten! - o, van Guden! wie bin ich verwickelt!« er
schlug sich mit beiden Händen vor den Kopf. »Vor drei Monaten hätt ich noch
glücklich sein können!«
    Nachdem musste ich ihm sagen, wie Sie zu uns gekommen waren? - Was Sie bisher
getan, und wie Sie leben. - »Wohnte Sie in diesem Zimmer?« - -
    »Ja, bis das Haus gebaut war:« - Er »hatte sich, während ich redte, auf den
kleinen Tisch gesezt. Endlich stand er auf, betrachtete mit tränenden Augen den
Platz, wo ich ihm gesagt, dass Ihr Klavier gestanden, blickte auf Ihr simples
Bettgen und ging nah an die Wand, wo Ihre Zeichnungen von Rom und England sind;
legte seinen Kopf an eins, und breitete beide Arme über die andern aus. - Nach
wenig Augenblicken warf er sich auf den Boden, küsste die Schwelle Ihres
Schlafzimmers; - - »Wolling! sagen Sie dem Engel, dass ich mit Todesraserei ihre
Fussstapfen küsste.« - »Hielt sich dann einen Moment auf dem kleinen Altare, und
als ihn die Damen so blass und verstellt sahen, sagte er, es wäre ein Anstoss von
Schwindel, weil er zu hoch gestiegen sei.« - -
    Des andern Tages war er wieder da, in aller Frühe. Wolling musste ihn in mein
altes Zimmer führen. Dort erzählte er ihm Alles, von sich und mir; - wehklagte,
dass er mich nicht mehr in Holland gefunden, verwünschte sich und seine
Schwester, die ihn wegen der Schulden, in die sein Garten und Hausbau ihn
gestürzt, zu einer reichen Heirat übertaumelt habe; - dass schon meine Geschenke
an seine Kinder sein Herz zerrissen hätten. - Nun wünscht er, noch einmal mich
zu sehen, und in meinem Zimmer zu sterben.
    Verzeihen Sie, Rosalia! aber ich weinte sehr bei dieser Erzählung, und das
war glücklich; - denn ich hatte noch nicht geweint. Mir wurde leichter - und ich
sagte Wolling meine Besorgnis, dass Pindorf mir auflauren möchte; dass ich ihn
noch nicht sehen könnte, und auch an seiner Frau, die ihn liebte, keinen Raub
begehen wollte. Ach! wenn sie edel ist, wie Amalia von T** gegen das Fräulein
von Essen war: - so könnte diese Nachbarschaft noch glücklich werden. Ich möchte
seine Kinder erziehen, Herzens Mutter an diesen werden. Er kann für die sorgen,
welche seine zweite Frau ihm geben wird. - Aber ich kann ihn noch lange, lange
nicht sehen. Doch bin ich heiter, und meine Wollinge auch.
    Rosalia! fühlen Sie nicht, wie glücklich Sie bei dem Loose Ihres Lebens
sind? -- Segnen Sie, o segnen Sie die Hand, die Sie leitete, und mit dem Beifall
der ganzen Welt an das Ziel Ihrer Bestimmung führte, Gattinn, - Freundinn und
Mutter zu werden. - Nicht alle Ihre Tage werden heiter sein. - Aber das Zeugnis
erfüllter Pflichten in ihrem Herzen; das Zeugnis derer, die Sie handeln sehen,
wie süsse Beruhigung giesst dies über jede Bekümmernis des Lebens aus! glauben
Sie, ausserordentliches Glück, ausserordentliches Schicksal, haben eisernes
Gewicht, das oft zu Boden drückt! - Aber ich will mich zur Rechenschaft ziehen,
über jede Kenntnis, jede Erfahrung, und jeden Teil meines Wohlergehens; und
will nicht mehr eigensinnig, nicht mehr undankbar sein. - Aber teuer, - sehr
teuer bezahl ich Klugheit und meine Ruhe! --
Rosalia! Morgen, morgen seh ich ihn! Seine Ruhe wills. -- Wolling soll Zeuge
sein. -- Ich will ihn bei der alten Hütte sehen am Bogen, wo man das ganze Tal
vor sich hat, - auf dem Platze, wo Wolling den edlen Mut hatte, seiner Lotte zu
entsagen.
 
                                  Dritter Teil
                            Fünf und neunzigster Brief
Sie ist vorbei; meine Unterredung mit Pindorf! - Sie ist vorbei; und mit ihr
alles Wünschen, alles Hoffen so vieler Jahre. - Aber ich habe meine Ruhe wieder,
und diese ist doch das grösste Glück, des müde gelaufenen Menschen. - Ich will
Sie nicht mit der Erzählung alles dessen plagen, was noch seit seiner ersten
Erscheinung auf meinem Berg, durch den immer vor mir schwebenden schwarzen und
niederdrückenden Gedanken seines zweiten und gänzlichen Verlustes, in meinem
Geist und Herzen vorging. Es kostet viel, sich von der Idee seines Glücks,
seines selbst geschaffenen Glücks loszuwinden! Ich will aufrichtig sein und
Ihnen auch darüber alles sagen, so wie ich bisher getan habe.
    Es war mir lange unmöglich, an eine Unterredung mit Pindorf zu denken; mir
schauderte immer davor; aber Wollings Abschilderungen des zunehmenden Weh und
Kummers von Pindorf, und die Betrachtung, dass er auch beinahe Nichts, von aller
meiner sonderbaren Zärtlichkeit für ihn gewusst habe, - dies bewog mich endlich
seiner Ruhe zu Liebe, und auch der Meinigen, wäre sie auch durchs Leiden zu
erringen, vor zehn Tagen zu dem Entschluss, ihn zu sprechen. - Er wünschte, dass
es in meiner alten kleinen Wohnung, zwischen den Schlossmauren sein möchte. Aber,
das konnte ich nicht; die vielfache Abbildung seiner Person, die die beiden
Kämmerchen ringsum ganz bekleiden; die Aussicht auf die Stadt W; - die
Erinnerung jedes Seufzers um ihn; alle das wäre mir zu nahe gewesen und hätte
mich vielleicht zu sehr erweicht - oder auch zu einer bittern Empörung gegen ihn
gebracht; und beides wollte ich vermeiden. Seine erneuerte Zärtlichkeit
anfachen, und die meinige nähren, wäre eine Verletzung der heiligsten Pflichten
gewesen; und dann schien mir der freie Himmel, der von der Moosbank an den
Ruinen des Turms zu sehen ist, und die weite Aussicht, auf die schöne Welt
Gottes, etwas Stärkendes für meinen Geist, und auch viel Besänftigendes für die
Leiden meines Herzens zu haben. Er liesse sich alles gefallen, was ich wollte,
wenn er mich nur sprechen könnte, sagte er zu Wolling, und blieb denselben Abend
in meinem alten Zimmer, ohne dass ich es wusste. Morgens ging ich hinaus. O, wie
oft wechselte Mut und Mutlosigkeit bei mir ab! - Wie beklemmt wurde mein Herz,
als ich ihn von der Seite auf der Moosbank erblickte! Wolling war mit mir
gegangen; ich verdoppelte aber meine Schritte in dem Augenblick, da ich am
meisten litte, um bald am Ende aller dieser Quaal zu sein. Das schnelle Gehen
machte mich beängstigt; ich blieb auf Einmal stehen, und wurde, da ich Wolling
ansah, Tränen in seinem männlichen Auge gewahr, da er einen Arm gegen mich, zu
meiner Unterstützung ausstreckte, und ich ihn ablehnte, meinen Kopf zum Himmel
erhob, und tief Atem hohlte. - Pindorf zu gleicher Zeit uns erblickte,
aufstund, aber wieder auf die Bank zurück fiel - ach Gott! rief Wolling, dieser
Boden ist also zu lauter Schmerzen bestimmt!
    Ich eilte jetzt Pindorf entgegen, der sich auf einen Arm gegen die Mauer
stützte. Wie edel, o, wie höchst edel war diese Stellung! und wie viel vermehrte
sie meine Uebel. Wolling blieb zurück; ich fasste mich, so viel ich konnte, nahm
Pindorfs matte, da liegende, eine Hand; setzte mich neben ihn, konnte aber nicht
sprechen, sondern blickte ihn an, mit Augen voll Tränen. Schnell wandte er
sich, und fasste nun meine Hand in seine Beiden, liess seinen Kopf darauf sinken,
seufzte und weinte dabei. Ich unterbrach Ihn lange nicht, weder durch eine
Bewegung meiner Hand, noch durch einen Laut meiner Stimme. Ich war froh, die
ersten Augenblicke so vorüber gehen zu sehen. Endlich legte ich meine freie Hand
auf seinen Arm:
    Teurer Pindorf! fassen Sie sich: Schonen Sie Ihre arme van Guden!
    Meine arme van Guden! rief er aus, indem er seine beiden Hände faltete,
keine Träne mehr in seinen Augen, sondern nur noch einen zitternden Tropfen auf
der schnell glühenden Wange; wobei er fest auf mich blickte. Aber seine etwas
erhabene Arme senkten sich, da ich ihn mit vieler Wehmut ansah und zum Glück
die Kraft hatte, ihm zu sagen: Ja, ich werde arm sein, wenn ich Sie unglücklich
sehe; wenn nach so vielen Jahren, mein Anblick, der Ihnen so wert war, Sie nun
Tränen kostet -
    O van Guden! was soll ich von alle meinem Elende sagen? meinem
unaussprechlichen Elende!
    Sagen Sie alles, was Sie wollen, was Ihr Herz erleichtern kann. Es lebt
Niemand (sagte ich mit Tränen, und mit Erhebung seiner Hand an meine Brust)
Niemand der mehr Anteil an Ihnen nimmt, als ihre Freundinn van Guden!
    Freundinn van Guden! wiederhohlte er, mit einem sonderbaren Tone, und
schwieg wieder lange. - Endlich fing er an:
    Ich kann unter diesem Namen nicht mit Ihnen reden; ich kann nicht; ich muss
Sie Sophie Hafen nennen dürfen, um die Frage zu tun; an deren Beantwortung mein
Leben hängt -
    Ach, Rosalia; wie sonderbar ist das Herz der Menschen. Er konnte mich nicht
mit dem Namen eines Mannes denken, dem ich verwählt gewesen war, und dachte
nicht daran, dass ich ihm als Mann von zwei Frauen nach einander vor mich sehen
musste! - Schreiben uns die Männer weniger Feinheit im Lieben, oder weniger
Ansprüche zu?
    Nennen Sie mich immer ganz freimütig Sophie Hafen, denn ich bin's, ob ich
schon van Guden heisse! -
    Rosalia! dies sagte ich! ich, die so klug sein konnte; die so edelmütig, so
feindenkend zu sein glaubte! O meine Freundin! auf wie vielerlei Art führen uns
Leidenschaft und Eigenliebe irr und übel. Pindorf war, glücklicher Weise, gar
nicht gefasst genug, um diese Unvorsichtigkeit zu bemerken, aber ich fühlte sie
so lebhaft, dass ich mir gleich die strengste Beobachtung meiner selbst
vorschrieb, - dem verwittweten Pindorf hätte ich dieses kaum sagen dürfen, und
ich sagte es dem, der eine zweite Gemahlin hatte. - Ach, Rosalia! wie demütig
bin ich seit diesem unwürdigen Geschwätz.
    Pindorf war aufgestanden, blickte voll Liebe mich an; griff mit seinen
beiden Händen nach den meinen.
    Sagen Sie, Sophie, sagen Sie! würden Sie mich jedem andern Mann vorgezogen
haben, wenn ich so glücklich gewesen wäre, Sie, in den Tagen meiner Freiheit
anzutreffen. -
    Ja, Pindorf! ich hätte Sie vorgezogen, der ganzen Welt vorgezogen! -
    Er drückte meine Hände einen Moment, liess sie gehen, wandte sich um, und
legte sich auf seine verschlungene Arme, mit dem Gesicht über die abgefallene
Mauer hin. Ich geriet darüber in die äusserste Verlegenheit; schwieg auch
wieder eine Zeitlang, und rief endlich:
    Pindorf! kommen Sie! lehnen Sie sich auf den Arm der Freundschaft und
Tugend! Sie sollen beide unzertrennt in meiner Seele finden. Gönnen Sie mir das
Glück, etwas über Sie zu vermögen!
    Er antwortete nicht, sondern drückte seinen Kopf fester auf seine Arme - Er
jammerte mich, und ich dachte auf ein Mittel - seinem Schmerz eine andre Wendung
zu geben. Ach, warum haben Sie mich sehen wollen! sagte ich. Hier richtete er
sich auf.
    O, missgönnen Sie mir dieses Glück nicht! Bereuen Sie es nicht! Denken Sie,
dass es Alles ist, was ich von meiner Liebe für Sie habe!
    Er sah mich hier unaussprechlich traurig an, und rang die Hände. Nach
einigem Schweigen sagte er wieder: - Was ich ietzt leide, ist viel, viel
bitterer, als das, was ich in Brüssel bei meiner Trennung empfand, nachdem ich
so viele Monate lang alle Reitze Ihres Geists und der Güte und Anmut Ihres
Umgangs genossen hatte. - Auch der Schmerz, den ich einmal in Holland fühlte,
als ich von ungefähr in van Gudens botanischem Garten herum ging, Sie erblickte,
und von dem Glücke reden hörte, das Sie auf alle Menschen ergossen, die sich
Ihnen näherten: - Auch dieser Schmerz war lange nicht so wütend, wie der, so
mir ietzo das Leben kosten wird - Sie liebten mich Sophie! Sie liebten mich, Sie
hätten mich vorgezogen. Ach, ich hofte diese Antwort; ich hofte sie, nach den
Merkmalen von zärtlicher Erinnerung an mich, die ich hier fand. Er zeigte da auf
die Fenster meiner Zimmerchen im alten Schloss. Diese Antwort macht mich aber
elender, als ich war.
    Er war weit davon, zu denken, was ich da fühlte, als während seiner Rede,
das Bild von seligen Tagen vor mir stund, die ich mit dem Edlen, Guten würde
verlebt haben. Ich achtete ihn aber bedaurungswürdiger, als mich, und suchte
auch nur für seine Beruhigung zu sorgen; und glaubte, dass, da er schon so lang
hätte reden können, möge sein Herz etwas erleichtert sein. Ich wollte diese
Beobachtung nutzen. Ich war der Tugend und Feinheit des Gefühls einen Ersatz
schuldig, wegen meiner Unbesonnenheit, und nahm gleich diesen Anlass dazu, ihm zu
sagen.
    Lieber Pindorf, ich kenne das Hülfsmittel, das mich und Sie beidemal
rettete, und glücklich erhielte. Es hat noch seine Kraft, und muss sie an unsern
Herzen beweisen; denn wir lieben die Tugend viel zu aufrichtig, um Ihr nicht in
allen Gelegenheiten zu folgen. -
    Bei unserer Ersten Trennung wurden wir beide durch das hohe Gefühl des
Gedankens unterstützt, dass Sie Ihren Pflichten gegen Ihre Eltern, und Ihrem,
einer liebenswürdigen Braut gegebenen Worte getreu blieben. Süsser, innerer
Friede heilte die Wunden unserer Herzen; ich sah, ich erkannte Sie auch im
botanischen Garten; ich beobachtete alle Empfindung der Zärtlichkeit, die der
junge Medicus in Ihnen erregte, und fühlte auch alle meine Gesinnungen für Sie
erweckt, die Zufälle und Umstände hatten einschlafen lassen. - Ich kämpfte mit
mir selbst, denn ich war nur vier Schritte von Ihnen entfernt; und auch da kam
die Tugend der Verehrung Ihrer und meiner Pflichten, uns zu Hülfe. - Sie rissen
sich los, gingen eilend weg, und ich rief nicht, gab nicht das geringste
Zeichen, dass ich in der Nähe war, ob ich schon die innigste Begierde hatte,
Etwas von Ihren Umständen, und der Ursache Ihrer Reise nach Holland zu wissen. -
Ich bin sicher, dass das Zeugnis Ihres Herzens recht getan zu haben, Sie für
dieses zweite Opfer Ihrer Wünsche, eben so sehr belohnt haben wird, als das
Meinige beruhigt wurde, wenn ich an meinen Sieg dachte. -
    Ich schwieg hier etwas .... Nun! mein teurer Freund, jetzo -
    Rosalia! ich weinte und konnte nicht gleich fortreden; ich hatte meine Hand
gegen ihn bewegt, er fasste sie, bog sie gegen mich, und legte seine Stirne auf
die meinige. Sanft, aber häufig flossen Zähren über meine Wangen auf meine
schwarze taffente Schürze. Er zitterte etwas, weinte dann auch still, und die
abfallenden Tränen seiner Augen mischten sich mit den meinigen; er bemerkte es,
umfasste mich mit dem einen Arme und druckte mich mit einen Seufzer an seine
Brust.
    Sophie! unsere Tränen vereinigen sich!
    Siehe! sagte er, da er zugleich sich aufrichtete, und auf einen Tropfen
deutete, der von meinem Gesicht auf einer Falte meiner Schürze hinfloss und eine
Zähre, die von seinem Aug geträufelt war auffasste. Mit schmachtenden Blicken sah
er auf mich, seine Lippen bebten; es kam Angst und Betäubung in meine Seele,
aber mein guter Genius umschwebte mich, und liess mich ihm sagen -
    Ja, Pindorf! und sie sollen vereint der edelmütigen Entsagung unserer Liebe
geweiht sein! Lassen Sie mich in Ihnen einen verehrungswürdigen Freund besitzen,
so wie ich Ihnen - Ihrer und meiner Liebe, verspreche, dass ich Ihre Hochachtung
bis in den letzten Augenblick meines Lebens verdienen will.
    Ich hatte eine seiner Hände mit meinen beiden gefasst und an mein Herz
gedrückt. Meine Seele war erhaben und stark, so sehr sie auch mit Zärtlichkeit
angefüllt schien.
    Ich sah umher und sagte: Himmel und Erde sind Zeugen dieses neuen edlen
Bundes unserer Seelen; Lassen Sie beide, für jeden künftigen Tag, Zeugen von der
Wahrheit unserer Tugend sein!
    Hier umschlang er meinen Arm und rufte: entsagen soll ich, Ihrer und meiner
Liebe, in dem Augenblicke des Wiedersehens? ach, Sophie, ich ertrage diese Härte
nicht! Da stund ich auf. - So muss ich fort, Pindorf, und darf auch in Zukunft
Sie nicht sehen, und was mich am meisten grämt, ich werde auch einen süssen
Entwurf meines Herzens aufgeben müssen. Schnell fragte er: - was! - was für
einen süssen Entwurf! habe ich Anteil daran! wird das Süsse auch für mich Armen
sein? - Ich möchte Ihre Tochter erziehen, wenn Sie und Ihre Gemahlinn mir das
liebe Kind anvertrauen wollten.
    Es freuete mich, das Vaterliebe allein ihn zu meinen Füssen legte, denn er
kniete vor mir, umfasste mich - O Sophie! ein gütiger Engel hat diesen Gedanken
in Ihr Herz gegeben; meine Frau kann die arme Henriette ohnedem nicht leiden,
und mein Kind wird in diesen Armen sein - Ach um wie viel glücklicher als ihr
Vater -
    Stumm hüllte er seinen Kopf in meine Schürze und bat mich endlich, sie ihm
zuschenken. Ich weigerte mich lang, aber müsste dennoch nachgeben. Mit Entzücken
küsste er sie auf den Stellen, wo er dachte, dass sie von meinen Tränen benetzt
gewesen und legte sie zusammengewickelt auf seine Brust:
    Ihre Tränen - die Meinige -
    Ich unterbrach ihn mit der Frage: werden Sie mir Henrietten bald geben?
    Ach, wenn Sie wollen! Ich will also in acht Tagen kommen, um sie abzuholen,
ich stund auf und setzte hinzu, versprechen Sie mir, dass ich Sie mit einem
ruhigen Herzen finden werde, sorgen Sie für Ihre Gesundheit und auch, ich bitte
Sie, für das Wohl meiner Tage.
    Ich küsste ihn auf die Stirne mit einem: Gott seegne Sie und mich! nach
diesem ging ich nach Hause in den Wald, und Wolling begleitete Pindorf den Berg
hinunter, wo seine Pferde hielten. An Kräften des Geists und Körpers erschöpft,
blieb ich halb betäubt unter der kleinen Wallnusslaube. Meine Wollinge wurden
ängstig und suchten mit Meta mich auf. Still folgte ich ihnen; musste mich aber
zu Bette legen, und ich bat mich allein zu lassen, um mich satt zu weinen, zu
kämpfen und meine Entschlüsse mit mir selbst zu befestigen. Hin ist er; hin auf
immer! - Ach Rosalia! -
 
                          Sechs und neunzigster Brief
                             Van Guden Fortsetzung.
Sie haben lange nichts von mir gehört, schreiben Sie; Sie sind darüber unruhig
und bekümmert. Dank sei Ihnen, für Ihre immer gleich dauernde Freundschaft, und
mein langes Schweigen vergeben Sie mir!
    Den ersten dieser Briefe hätte ich schon vor zwölf Tagen abschicken können;
aber, da er Ihre Neugierde nur gerejetzt, und nicht ganz befriedigt hätte, so
dachte ich, dass Sie eher mein längeres Schweigen, als die Ungeduld nach dem
Ausgang meiner Reise, um Henriette Pindorf ertragen würden; und heute kann ich
Ihnen von allem genaue Rechenschaft geben. - Pindorf sah nicht gerne, dass ich
selbst in sein Haus kommen, und die Kleine abholen wollte; aber ich hatte
vielerlei Ursachen, darauf zu bestehen. Ich wollte ihm beweisen, dass reine,
ruhige Freundschaft in meiner Seele Platz genommen habe. Ich wollte mir die
Achtung seiner Frau und seiner Schwester erwerben, um in dieser Achtung Stärke
gegen mich selbst und gegen Pindorf zu finden: weil der Entwurf, seine Tochter
zu erziehen, einen grossen Ueberrest von Anhänglichkeit für ihn zeigte, und er es
gegen Wolling mit vieler Freude bemerkt hatte. Dann wollte ich auch seine
Schwester besonders sehen, die, wie ich aus Ihres Clebergs Briefe wusste, so viel
Gewalt über seinen Verstand und Neigungen ausübte. Und, meine teure Rosalia!
was war das Ende alle dieses Nachdenkens und Ueberlegens? Die Ueberzeugung, dass
Eigenliebe mich elend gemacht habe, und Eigenliebe mich rettete. Ich weiss, dass
Sie diese Ausdrücke von mir nicht gern hören, weil Sie glauben, es sei der
Person, die Sie so sehr schätzen, unanständig und nachteilig: aber, lassen Sie
mich immer jede Wendung der Worte zu meinen Ideen gebrauchen, weil auch in den
Ausdrücken derer wir uns bedienen, so viel Trost und Unterstützung liegt; und
dann will ich Ihnen auch durch die offenherzige Anzeige meines Empfindens und
Denkens in diesem zärtlichen Falle einen kleinen Massstab geben, nach welchem
Sie die Handlungen einer gewissen Gattung Sonderlinge berechnen und beobachten
können.
    Ich liess in meinem grossen Zimmer, das Sie kennen, auf der Seite gegen das
Ihrige einen Abschnitt machen, wo ich für Henriette Pindorf eine Bettstelle, und
zwei kleine Cabinette anordnete; denn sie soll Tag und Nacht um mich, und unter
meinen Augen sein; und dann ging ich vor vier Tagen mit Wolling in meinem
simplen, aber sehr schönen englischen Reisewagen, ganz früh nach Pindorfs
Landgut ab, um dort zu essen und Abends zeitlich wieder hier zu sein; wo, durch
unsere Bauern und Wollings Kinder, ein kleines Willkomms-Fest, für Henriette
Pindorf veranstaltet war. - Meine weiss seidene, ganz englische Kleidung, mit
Hut, Halstuch, Schürze und Manschetten von den feinsten Spitzen besetzt; die
grossen einfachen Brillanten meiner Ohrringe; die schönen Schnüre Perlen um
meinen Hals und Hände, die auch durch Brillanten geschlossen werden, mussten mir,
bei den Alltagsseelen, deren Verdienste und Glückseligkeit, am äusserlichem
Anschein klebt, mehr Gewicht geben, als Weisheit und Güte in ihrem vollen Glanz
nicht getan hätten. Wolling hatte in einem braunen Kleide vom feinsten Tuche,
glatter Wäsche und seiner schönen mutigen Gestalt ein herrliches Ansehen, unser
Knecht als Kutscher, und der Gärtner als Bedienter, in guten staubfarbenen
Röcken mit gegossenen silbernen Knöpfen, heitern und gesunden Gesichtern zeigten
auch von dem Wohlstande, der zu Wollinghof herrschte. - Die immer gleich
fliessenden Tage, die einfache Nahrung, und balsamische Luft auf unserm Berge
haben dies, was Ihnen und Ihrem Cleberg das äusserliche Einnehmende meiner
Person zu sein dünkte, gar gut unterhalten; nur, dass mein innerer Kummer eine
feine Blässe über meine Wangen goss, die mir auch, bei der wenigen Munterkeit in
Pindorf, recht gut stund; wo beide Damen ganz unmässig rot geschminkt waren.
    Sie wissen, dass ich den ganzen Brief Ihres Clebergs abgeschrieben habe,
welcher das Gemählde von Ihrer Reise nach W. und dem Pindorfischen Garten
entält. Der Weg von Wollinghof führt gerade nach dem alten Wohnhaus und
Bauernhof zu, wo wir, da es noch sehr früh war, abstiegen, etwas Milch assen und
alles betrachteten; endlich in den Lustgarten hinüber gingen, wo ich in der Tat
alles so fand, wie ich es aus dem mitgeteilten Briefe in meinem Gedächtnis
behalten hatte. Die ganze Anlage ist in einem edlen, grossen Geschmack; und diese
mächtige Uebereinstimmung in Ideen des Schönen und Ergötzenden wirkte stark auf
meine Seele. Vorbedeutung dieses Eindrucks hätte mich immer zurückgehalten,
diesen Garten zu sehen, und nun fühlte ich zu spät, dass es besser gewesen wäre,
wenn ich mich diesen Empfindungen, während der Abwesenheit von Pindorf
ausgesetzt hätte, als in der Zeit, wo ich ihn zugleich sehen musste. Ich sagte es
Wolling; der mir antwortete, dass er dieses vermutet habe; doch wäre der Zufall
sehr vorteilhaft, dass die erste Aufwallung dieser Gefühle in der Zeit unsers
einsamen Herumwanderns entstünde: weil nun das Ueberfliessende ausströmen
könnte, und er die Stärke meiner Seele zu gut kenne, um wegen meiner Beruhigung
in Sorgen zu sein. Er hatte recht; dazu kam auch, dass mir an dem Badhaus etwas
missfiel, und sicher unterbrach dieses die Stärke meiner zu zärtlichen
Erinnerungen und Vorstellungen, denn ich ging von da an leichter umher, bis in
den grossen grünen Saal, wo wir uns setzten und die Landschaft mit dem
glücklichen Gedanken des Wasserfalls und den grössten Teil des Hauses und
Parterre betrachteten; unterdessen dass der Bauerjunge, den wir mitgenommen
hatten, uns meldete, und die Antwort zurück bringen sollte. Auf einmal sah ich
die Kinder, mit einem neuen Hofmeister und einer Wärterinn die Stufen des untern
Saals herunter kommen und der Allee zu gehen. Alle drei seit den zwei Jahren
viel gewachsen; der jüngere Sohn hüpfend, und bald mit diesem, bald mit jenen
schwätzend; der ältere aber führte Henrietten, und schien sie immer an ihrem
starken Gehen verhindern zu wollen. Mein Herz pochte wieder laut: Kinder vom
Pindorf!
    Ich ging ihnen in die halbe Allee entgegen und sah mit Bedauern den
überladenen Kopfputz der artigen Henriette, die unter einer Last von Federn,
Bändern, Flor und welschen Blumen, ihr kleines Köpfgen schwankend bewegte, einen
Reifrock, eine Schleppe am Kleide und Blonden und Falbala die Menge an Hals und
Armen hatte. Die Söhne, in steifen gestickten Kleidern, sehr frisirt und
gepudert, Degen an der Seite und die Hüte mit Federn unterm Arm. So bald der
Herr Hofmeister uns erblickte, durfte Junker Fritz nicht mehr springen, sondern
musste stattlich nach Tanzmeister Vorschrift einhertreten, und dem Aeltern gab er
mit der einen Ecke seines Huts einige Stösse in die Seite und an den Arm, der mit
seiner Hand gegen Henrietten, die er immer führte ausgestreckt war, die er erst
zurückzog, als sie in der Entfernung von zehn Schritten still stehen, und sehr
künstliche Verbeugungen machen mussten, wo die Wärterin sorgfältig ihre Hände auf
Henriettens Achseln legte, und sie damit zur gehörigen Tiefe des Knieebeugens
hinunter zu drücken, und an dem zu schnellen Erheben zu hindern, dass ich daraus
bemerkte, weil das gute Kind, eine verdrüssliche Mine, und die Wärterinn, eine
beherrschende Bewegung ihrer Hände machte und das Niederdrücken der Achseln
wiederholte.
    Gut; dachte ich, liebes Mädchen, wie froh wirst du unter meinen zärtlichen
Händen sein, die dich nichts als den sanften Zug der Liebe werden fühlen lassen!
    Ich eilte mit ausgebreiteten Armen auf sie zu, blickte alle mit der Frage
an: -
    Kennen Sie mich noch?
    Der Kleine rief, mit einem Kratzfuss dabei: O ja, recht gut! Henriette, deren
Arme, in dem Augenblick freigelassen wurden, lief mit Vertrauen auf mich zu;
wäre aber, da im Laufen ihr langer Rock von der Seite herunter hing, vor mich
hingefallen, wenn ich sie nicht aufgefasst und an mich gedrückt hätte. Ich wurde
bewegt; eine Träne war in meinem Auge. Das holde Mädchen sah sie, und machte
auch ein traurigs Gesichtgen dazu, sagte aber zugleich:
    Liebe Madame! ich geh recht gern mit Ihnen, fragen Sie nur Papa und Mama,
und die gnädige Frau Tante; ich habe gar nicht geweint, wie es der Papa sagte,
ich freute mich gleich!
    Ihre kleine Hand lag da vertraut auf meinem Halse, und treuherzig hatte sie
dieses mir ganz nahe zugeredt.
    Mein Bruder Gustav, sagte sie mir leise ins Ohr, gienge auch gern mit!
    Ich beobachtete im nämlichen Augenblick, dass der arme Knabe wieder einen
Kniff von seinem Hofmeister bekam, weil er sich von uns weggewendet hatte, und
zu gleicher Zeit zupfte die Wärterinn an der Henriette: pfui! Sie müssen die
Hand nicht so grob auf die Madame legen - sie wird denken, das man Sie gar keine
Manieren gelernt hätte! Wenn die Fräulein so schön geputzt sind, so müssen sie
artig sein! sagt die gnädige Tante, das arme Kind zog sich zurück und legte ihre
Aermchen wieder nett an ihr enggeschnürtes Leibchen an; die Magd ordnete alle
Fällgen und drehte das gedultige Mädchen so lange herum, bis sie wieder ganz die
Puppe war, zu der man sie bisher erzogen hatte. Ein paarmal guckte sie nach mir,
und ich lächelte ihr das Versprechen zu, dass sie von alle dem Zwange befreit
sein würde. Der Hofmeister sagte mit einem ernsten Gesicht zu dem ältern Sohn:
    Nun, Junker Gustav, wenn werden Sie Ihre Reverenz machen?
    Ein Zug von Eigensinn, Schmerz und Furcht, ging durch das Gesicht des
Knabens, und es ist wahr, er machte eine sehr schlechte Figur bei seiner
Verbeugung gegen mich, so wie ihm denn auch der Hofmeister einen stark drohenden
Wink darüber machte. Junker Gustav wurde über diesen Wink blass und rot; näherte
sich seiner Schwester und sagte mit bittender Mine ihr etwas ins Ohr. Henriette
nickte ihm Ja zu. Der Knabe wollte noch Etwas sagen, aber der Hofmeister zog ihn
am Kleide und mit Bitterkeit im Gesicht sagte er:
    Junker Gustav, wir sollen ja den gnädigen Papa aufsuchen.
    Die zwei Söhne gingen auch mit ihm hinweg, nachdem er der Wärterinn Etwas
zugeflüstert hatte, die sich immer noch an die junge Pindorf hielt. Ich tat,
als ob ich alle das nicht bemerkt hätte, und fragte nur Henriette, ob sie mich
auch würde erkannt haben, wenn ihr der Papa nichts gesagt hätte?
    O ja; an Ihrem Hut, an Ihrem Gesicht - und weil Sie die Hände gleich nach
mir reichten, wie Sie das Erstemal auf der Stiege im Stadtause taten. Es ist
noch keine Dame so gut mit mir gewesen wie Sie!
    Was sagen Sie, Fräulein Jettchen, sind nicht die gnädige Damen, Mama und
Tante, sehr gütig gegen Sie gewesen. - Sehen Sie nur Ihren Putz an, den hat
Ihnen doch Ihre gütige Mama gegeben!
    Ach! ist wahr! antwortete das liebe Geschöpf - aber, ich habe die schönen
Sachen erst heute bekommen; und die alte Schnürbrust, die mir so weh tut, habe
ich doch behalten müssen! --
    Alle Fräulein müssen jung so geschnürt werden. Sehen Sie nur die Madame an.
-
    Hier machte das elende Ding, mir eine niederträchtige Verbeugung --
    sie würde nicht so schön gross sein, wenn sie nicht ganz klein, schöne feste
Schnürleiber getragen hätte.
    Ich fiel hier ein:
    ich sähe, sie hätte viele Sorge für Henrietten getragen, und ich würde ihr
auch ein Andenken dafür geben.
    O Rosalia! wie sich da jeder Muskel ihres Leibs und ihres Gesichts zum
Kriechen anschickte, was sie für Lobens machte, von dem, was sie von der alten
Wärterin, die nun bei dem Weisszeug wäre, von mir und von den Geschenken gehört,
die ich ihr und dem Herrn Hofmeister gemacht; sie hätte auch viel Sorge
getragen, für den schönen Putztisch, den ich der Fräulein gegeben; wie lieb sie
das Kind hätte, wie leid ihr wäre, es zu verlieren! aber, sagte sie leise gegen
mich: die gnädige Frau waren ganz jalour über die Fräulein, denn der gnädige
Herr lieben das Kind zu arg. Sie wäre ganz verdorben worden, so wie der Junker
Gustav; dem musste man sein Bilderbuch und seinen Schreibtisch wegnehmen, weil er
sagte, er wollte, dass die fremde Dame seine Mama wäre.
    Sie werden wissen, Kinder machen Uneinigkeit! und die gnädige Frau hat aus
Liebe für den gnädigen Herrn, all ihr Haab und Gut hergegeben! Sie werden
sehen, wie kostbar alles ist. - Ganz reiche Stühle, und Betten und Canapees. -
Ich habe selbst zu den fünf reichen Kleidern der seeligen Mama von der gnädigen
Frau noch acht ankaufen müssen, um alle Zimmer der Herrschaft damit
einzurichten, weil nur Zitz darin war, und das stund so todt, und wenn ichs
sagen soll, so armselig in dem schönen Schloss da! (Sie wies auf das Haus).
Alle die blau und silbernen Blumen-Töpfe mit vergoldeten Blumen, die zwischen
den grossen weissen Töpfen und Bildern stehen, hat die gnädige Frau heimlich
machen und aufstellen lassen. Sie stehen sehr schöne! die auf der Gallerie
blinken in der Sonne, und nun lässt das Parterre, wie eine grün atlassene Weste
mit Gold gestickt. Aber das gab Verdruss, Gott helf mir! wie tobte der gnädige
Herr, und die gute junge Dame weinte, und sagte endlich, sie würde selbst gehen,
wenn er ihr diese Freude störte. Er wollte lange nicht daran, aber seine Frau
Schwester, eine sehr kluge Dame, die weis mit ihm umzugehen. - Ein Bissgen
Schöntun und dann Spassen, und etwas artig erzählen, o da tut er alles, und ist
dann selbst froh, über die Sachen. Die Damen sind sehr Freunde, und das ist ein
Glück für ihn. -
    Rosalia! glauben Sie wohl, dass mir bei diesem Teil des Geschwätzes, eine
Uebelkeit anfiel? Ich musste Essig nehmen und begehrte in freiere Luft, als in der
Allee nicht war. Wie verhasst wurde mir das Mensche nach diesem Zuge von
unmännlicher Schwäche des Charakters, den sie an Pindorf beschrieb. Ich ging
ganz nahe an das Ufer des Grabens gegen das Feld hin; hatte Henrietten an der
Hand, und unvermerkt näherten wir uns dem andern Teile des Gartens, woben der
Hofmeister mit den Söhnen gegangen war, um Herrn von Pindorf zu suchen. Da wir
auf lauter Strassen giengen, so konnte man unsere Tritte nicht hören. Wir aber
dagegen hörten auf dem Kies stark laufen, und laut rufen: Gustav, wart! Du solst
mirs zahlen!
    Ich stund still, und auf einmal drang der gute Gustav, nur in seiner Weste
und Hemdeärmeln zwischen der Tannenhecke durch, zu uns, warf sich mir zu Füssen,
mit aufgehobenen Händen:
    O, liebe Madame, nehmen Sie mich doch auch mit, ich will alle Bücher
auswendig lernen, und niemals reden, und mich bewegen! Nehmen Sie mich mit! oder
ich laufe so vom Papa.
    Ach, wie erschütterte mich das Flehen des armen Knaben. Pindorfs Ebenbild zu
meinen Füssen. Die Güte, Schwäche und Unschuld der Kindheit, die Hülfe bei mir
flehte; Henriette, die sich an mich hieng auch weinte und bat: O nehmen Sie
meinen armen Gustav mit! ich bitte, bitte, ihr Köpfchen mit ihren Händchen in
die Höhe haltend. Ich bückte mich und umfasste beide mit aller Zärtlichkeit und
Mitleiden:
    Ja, Lieben! ich will Euch beide mit mir nehmen, wenn es der Papa und Mama
zufrieden sein wollen.
    Was für Freude entstund bei den Kindern! sie küssten sich und mich, und der
arme Knabe wiederholte sein Versprechen, alle Bücher auswendig zu lernen und
gerne nicht zu schlafen, und nicht zu essen, bis er seine Lektion wüsste. Lassen
Sie mich nur nicht in die Arme kneipen und an die Füsse stossen!
    Gott behüte, mein lieber Gustav, wer wird das tun.
    O der Herr Bärenz tuts! Sehen Sie, wie ich heute im Garten gekneipt wurde
weil ich Jettchen gebeten, sie solle machen, dass ich mit ihr wegkäme, und weil
ich die Reverenz nicht so schön machte, als ich sollte. - Er streifte seinen
Ermel auf und, liebe Rosalia! die beiden Obernteile seiner Arme waren blau und
gelb gekniffen. - Der Unmensch vom Aufseher! Henriette streichelte mit holder
rührender Mine, die neuen Flicken, die er zeigte; indem er von andern sagte: die
sind alt, der ist von gestern!
    O, du armer Gustav, wie web muss das getan haben! die Jungfer Zwingen
kneipte mich auch manchmal, ach, Madame, das tut sehr weh; Sie könnens nicht
glauben! Und fuhr der Knabe fort, wir dürfens dem Papa nicht sagen; sonst soll
es noch ärger gehen! Ich habe meinem Rock ausgezogen und wollte es Papa weisen,
aber Herr Bärenz kam und da lief ich weg; denn ich hatte den Papa früher
gefunden, und er küsste mich, da ich sagte, Sie wären da!
    Ich führte beide Kinder, bei einem Durchschnitt der Hecke, in den Wald;
setzte mich mit ihnen auf eine Bank. Wolling und die Wärterin kamen nach und ich
bat Jungfer Zwingen, dem Junker Gustav seinen Rock zu holen. Wo liessen Sie ihn
dann, sauberer Junker? sagte sie mit spitzen Gesicht, weisen Sie mir den Platz.
    Der Arme holte tief Atem, sah mich ängstlich fragend an, ob er gehen solle
-
    Nein, mein Lieber, Er bleibt bei mir; Herr Wolling ist so gütig und hilft
ihn holen:
    Da sagte er, sein Rock liege am Rosengang: der Platz, wo wir sassen, war die
Phasanenhecke. Wenige Minuten nachher da Wolling mit der häusslichen Dirne weg
war, und die Kinder und ich ganz stille geschwiegen, kam eine welsche Henne mit
acht jungen Phasanen, die sie führte. Junge Tannen-Bäume, Blumen, Kräuter, alles
war blühend, gesund und glücklich um uns; und die Kinder des Mannes, der für die
Bäume feines Lustwaldes und für die Phasanen so gut sorgte, dass nichts
zerknickte, und keins verwahrlosst würde; der überliess seine Söhne und seine
Tochter der Gewalt eines Bärn und einer Zwingin, welche Leib und Seele dieser
guten Geschöpfe zu Grunde gerichtet hätten; denn, es ist unmöglich, dass ein
misshandeltes Kind, ein gutes Kind werde. Wenn die geringste Stärke, in seiner
Anlage ist, so muss sie innere Empörung, Hass gegen unrecht verwendte Gewalt und
auch Härte erzeugen. Die fremde Mutter der Phasanen sorgte so treu, so eifrig
für ihre angenommene Kinder; und Frau von Pindorf, an dem Platze der Mutter
dieser guten Schaafe, bezeugt sich so, dass die Armen eine Zuflucht in meinem
Schoss suchen müssen. Alles dieses gab mir wenig Lust, die Damen zu sehen.
Unzufriedenheit mit Pindorf schlich sich in meine Seele, aber seine Kinder
wurden mir teurer, lieber. Ich sagte ihnen: aber, Lieben, was wird euer guter
Bruder. Fritzgen, sagen, wenn ich Euch wegnehme? Er wird trauren, wenn ich dem
Papa alle seine lieben Kinder fortführe; was wollen wir da tun, wenn der Papa
und der Bruder jammerte? O, der Fritz, der kriegt alles Zuckerwerk und schöne
Sachen von der Mama. Er wird auch nicht gekneipt, und er hat mir gesagt: die
Mama wollte, dass ich mit wegkäme; da wäre er der einzige Sohn, und würde bei
Herrn Bärn alles allein lernen, und dann bei Mama sein! (das sagte Gustav, und
Henriette setzte hinzu:) er weinte nicht um mich, sagte er heut, ob ich
wegreisste oder sterbe; weil Herr Bärn sagte: Männer müssen nie weinen, nur
Mädgen und alte Weiber, wie Gustav, weil er da weinte.
    Die Idee, dass Pindorfs Federvieh weit glücklicher, als seine Kinder sei,
erweichte mein Herz unendlich. Ich fasste beide, und sagte sie sollten mich recht
betrachten, ob sie dann mein Gesicht alle Tage gern sehen und mich immer lieben
wollten? Mit was für Ausdruck sahen Sie mich an! wie viel Wahrheit und Liebe war
in ihren Augen!
    Sie sind ja schön, sagte Henriette - und Gustav sagte, etwas stockend und
nach einigem Auf- und Abblicken an meinem Gesicht: und Ihre Augen sind so gut!
ich will Sie immer ansehen! Ich küsste beide und sprach, wir wollen es also
probiren, und ganz munter und freundlich miteinander leben.
    Den Augenblick zappelte Henriette, die ihren Vater sah, von der Bank weg und
rief: Papa, Papa! Lief aber, als er sich gegen uns wandte, wieder zu mir, und
hieng sich an meinem Arm. Gustav bebte. - O bitten Sie für mich! Was er noch
sagte weiss ich nicht; meine eigene Bewegung hinderte mich, ihn zu beobachten.
 
                          Sieben und neunzigster Brief
                            Van Gudens Fortsetzung.
Sie bekommen in der Tat ein Buch, statt ein paar Briefen! aber, ich will meinen
Kopf und mein Herz mit einemmal von allen diesen Bildern und Empfindungen
losmachen, und nichts als den Plan und die Bemühung für Erziehung und Glück der
Kinder meiner Seele darin erhalten. Hören Sie also den Ueberrest meines Tags in
Pindorfswald.
    Ich hatte meine Backe an das Gesicht seines Sohns gedrückt, da er zu
Wolling, der allein mit Gustavs Rock mit ihm kam, etwas sagte und mit trauriger
Miene auf mich deutete. Ich verstund diesen Wink in meiner Seele.
    Es war der Wunsch, dass ich Mutter seiner Kinder sein möchte! Wolling sagte
mirs hernach
    Pindorf blieb mit seinem Hute auf dem Kopf, halb an einen Baum gelehnt
stehen. Ich hingegen stund von meinem Sitz auf, bewegte mich gegen ihn, und rief
ganz heiter: Ja, Papa! kommen Sie geschwind, wir haben was zu bitten! Er wankte
gegen mich. Ich liess Gustavs Hand fahren.
    Zieh Er seinen Rock an, sagte ich, und komm Er gleich wieder.
    Henriette war noch an meiner Linken, die Rechte nahm Pindorf und küsste sie
etlichemal ohne zu reden. Gustav kam da wieder, und ich wiederhohlte: Haben Sie
gehört, Papa, dass wir dreie was von Ihnen bitten.
    Ja, was wollen Sie! Alles, alles was ich bin, ist Ihnen!
    Haben Sie Dank, mein Freund!
    Also ist ihr guter Gustav auch mein Gustav, samt Henrietten? sagte Er, mit
einem etwas staunenden und fragenden Gesicht.
    Ja; beide!
    Sie behalten Fritzgen, besuchen uns manchmal, und sehen was wir für gute und
schöne Sachen tun werden. Denn das haben wir uns versprochen. Ich konnte lang
reden; er war etwas verwirrt und unruhig. Gustav nahm seine Hand, lieber Papa;
wollen Sie mich zu Madame lassen?
    Gehst du dann so gern von mir?
    Ach, nein! aber Sie kommen ja zu uns, wie Madame bat, und ich will Ihnen
Freude machen, wenn Sie mich sehen!
    Er küsste seinen Sohn zärtlich.
    Ja, du sollst mit mein Kind!
    Meine glückliche Kinder, fuhr er fort, da er mir von jedem eine Hand
darreichte, nicht reden konnte, und so auf die Bank sich hinsetzte; die Hände
sinken liess, und ich die Kinder umarmte, küsste, und mit vieler Bewegung auf
Englisch sagte:
    Sie gehören nun meinem Herzen! Und nichts soll der Treue und Liebe gleichen,
die sie darin finden werden.
    Nun nahm er beide an seine Brust, küsste jedes auf die Stelle, die mein Mund
berührt hatte und sagte:
    Mehr, tausendmal mehr, als ihr mich liebt, sollt ihr Madame Guden lieben!
    Ich musste ihm dieses sagen lassen; ich widersprach auch nicht, sondern sagte
zu Gustav! Herr Wolling, auf den ich deutete, hätte auch einen Sohn, der schon
viel gute Sachen wissen und der sein Freund sein würde. Pindorf stund da auf,
und nahm Wollings Hand. Ich hof' es! mehr konnte er nicht sagen. Fritzgen zog
uns aus der Verlegenheit, indem er gelaufen kam, noch einen fremden Besuch
ansagte, und zugleich meldete, dass Mama und die gnädige Tante, mit den zwei
Herrn im Wald bei den Grazien wären, Madame und der Herr möchte mit Papa
hinkommen!
    Ich verachtete zum voraus, alles, was die zwei Weiber waren und taten, so,
dass mich diese Art geringschätziger Behandlung gar nicht beleidigte. Pindorf war
aber sehr darüber betroffen; bot mir seinen Arm mit sichtbarer Verlegenheit zum
Führen an; den ich aber ausschlug, weil ich gern allein geh, und ihn durch mein
Fragen nach dem was ich sah, nach und nach ermuntern wollte. Der Platz bei den
Grazien ist, wie Sie wissen, wirklich sehr schön, und die Rosen-Schassmin- und
Hollunder-Bögen waren in voller Blüte. Ueber zwanzig Schritte lang hatte ich die
Bildsäulen der Huldgöttinnen, und die zwei gezierten Damen, nebst vier Herren im
Gesicht, von denen allen auch Wir, gar sehr begukt und begast wurden. - Zwei
französische süsse Herren, waren in dem äusserst nachlässigen Anzuge um die Damen
und schwazten ihnen immer Etwas zu, dabei sie zugleich, auf uns sahen, und sehr
albern und unanständig lachten. Die zwei andern schienen vernünftige teutsche
Männer zu sein, die uns aber auch mit Neugierde betrachteten; doch war Verstand
und eine sichtbare Achtung zugleich in ihren Gesichtern ausgedrückt. Frau von
Pindorf sass allein auf einem kleinen Canapee von reichem Zeug mit versilberten
Holzwerk, in rosenfarbnen Taffent, dicht und breit mit Silber-Flor garnirt
gekleidet, hatte ganz schwarze Haare; die eine halbe brabanter Elle hoch
frisirt, und mit Silberflor, Bändern, Federn und Blumen eines Korbs voll,
behängt waren. Ihre sehr schöne weise Brust äusserst entblösst, und die vollen
Backen geschminkt, ohne dass es nötig gewesen; denn sie hat von Natur, eine sehr
niedliche Gesichtsfarbe. Auf den Augbraunen sah man noch das Fett und Russ der
verbrannten Mandeln, womit sie bemahlt und verdorben waren. Eine, man kann
sagen, ungeheure Menge italienischer Blumen waren auf den Puffen des Silberflors
angebracht. Ihre Füsse über einander geschlagen, dass man beide sehr weit sehen
konnte. Dieses vergab ich ihr auch gern, denn sie sind äusserst niedlich und
klein. - Frauenzimmer zeigen immer gern das Schöne, so sie besitzen; und die
meisten wachsen ja mit keiner andern Idee des Vorzugs auf, als die Reitze ihrer
Person geltend zu machen. Henriette wird auch einen zierlichen Fuss und eine
vortreffliche Brust haben; aber die Empfindungen ihrer Seele sollen sie weit
über den Menschen hinaussetzen, der sie zuerst von dieser Seite bemerken wollte!
Auch soll sie eine so kluge Eigenliebe bekommen, mit diesen Geschenken der Natur
als eine edle Eigentümerin ohne Ausbieten zu handlen.
    Frau von Sofein, Schwester des Herrn von Pindorf, gross, wohlgewachsen, aber
nicht so edel gestaltet, als ihr Bruder; ein artiges Gesicht; Spottgeist in
ihrem Auge; Falschheit in ihrem Lächeln; mit sehr feinem Geschmacke gekleidet;
mit Gang, Stellung und Geberden einer Tänzerinn; spricht das Französische sehr
gut; kennt alle Romane und Comödien. Nach letztern ist der Ton ihrer
Unterredungen und ihrer Grundsätze gestimmt, so wie sie auch das Maass ihrer
Kenntnisse sind. So stolz und so höflich, als sie, habe ich noch niemand
gesehen. Sie sass auf einem Lehnstuhl von Rasen, an der Seite eines blauen
Hollunderstocks. Ihr Kleid von feinem gelb und weissspielenden Zeuge mit dünnen
weissen Flor garnirt, und mit violetten Bändern und Blumen in ihren schönen
blonden Haaren; im Ganzen sehr reizend, musste sie auch dem Künstler-Auge ihres
Bruders gefallen; zu dem sie bald mit schwesterlicher Zärtlichkeit sprach, bald
mit ihrem Auge einen witzigen Gedanken zueignete, indem ihr Blick gleichsam
sagte: Niemand als Du, hat Geist genug, mich zu verstehen, und das redliche Auge
des Guten dankt der Schlange dafür. Sie sog das Mark seines ersten Vermögens
noch aus, nachdem er schon die meisten Kräfte verhauet hatte; und sie überredete
ihn zu dieser zwoten elenden Heirat um Geld; denn Frau von Pindorf ist an Stand
nicht mehr, als ich und am Vermögen und Charakter weniger. Aber Frau von Sofein
regiert sie ganz; zieht von ihr zu Spiel und Kleidung, was sie will; und ihren
Bruder überwältigt sie, gegen seine grosse richtige Gefühle, bald mit Flehen,
bald mit Trotz, Schmeicheln, oder Furcht vor ihrer beissenden Zunge. In meiner
Gegenwart bemerkte ich diese Uebermacht, die er ihr liess und nun nicht mehr
zurücknehmen kann. Seine Seele liebt und schätzt mich vorzüglich; doch war er
nicht fähig, unter den Augen seiner Schwester, mir seine ganze Achtung zu
bezeugen. Aber, ich bemerkte an allem, dass er in seinem Hause nicht mit der
Würde erschien, die ihn als jüngern Mann in Italien und England Verehrung
erwarb, und die er bei edlen Menschen immer hat. Die beiden Frauen blieben ganz
stattlich sitzen, bis ich ganz nah war.
    Ach! dachte ich, ihr wollt mich von eurer Höhe behandeln! Ich habe auch
Weiber- Grillen, die um Eure Köpfe sumsen können!
    Ein Blick auf Pindorf, der etwas verlegen schien, als er mich und Herr
Wolling vorstellen sollte; die mich messende Miene seiner Schwester, worüber er
rot wurde; die grossen Augen seiner Frau, die gleich an meinen Perlen am Hals
und Ohrringen sich starr guckten. - Hier gab Verachtung der zwei Weiber, und der
Gedanke der Schwäche von Pindorfs Charakter meiner Eigenliebe einen Schwung über
sie alle, und auch über meine Leidenschaft. Ich sah mit einemmal die Ursachen,
welche die Gewalt seiner Liebe für mich unterbrochen hatten. Das Gefühl von
grösserer Stärke meiner Seele gab mir einen höhern Grad Achtung für mich selbst
der unumgänglich mit so viel Verminderung meiner Verehrung für ihn verbunden
war; und von da an, blieb mir nichts, als Freundschaft für ihn. Ich kann ihn nun
an der Seite und in den Armen einer andern Frau denken, ohne einen Schatten des
Zerreissens zu empfinden, das ehmals in meinem Herzen wühlte, wenn dieses
fürchterliche Bild vor meine Seele trat. -
    Ich erhob meinen Kopf nun auch, machte eine von meinen halben Verbeugungen,
von denen man immer sagte, dass niemand so viel edlen Anstand dabei zeige, als
ich; nahm Gustaven und Henrietten bei der Hand, und sagte in einem ganz
bekannten, aber sehr sanften Ton: Ich weiss nicht, ob es die beiden Damen artig
finden werden, dass ich bei meinem ersten Besuch, diese zwei liebenswürdige
Kinder entführen will! Herr von Pindorf wird Sie aber versichern können, dass
sein Sohn und Tochter recht gut versorgt sein werden.
    Mit der leichtesten Miene führte ich beide Kinder gegen ihre ganz stockend
aussehende Mama und sagte zu ihnen: Meine Lieben! ersuchen Sie die Frau Mama und
Tante, um ihre Einwilligung dazu.
    Die Kinder gingen hin, beiden die Hände zu küssen. Frau von Pindorf spitzte
ihren Mund.
    So, Gustav! gehest Du auch weg? Ja, gnädige Mama, wenn Sie und die gnädige
Tante es erlauben! O gerne! sagte sie, gegen ihre Schwägerin blickend, die
hinzusetzte: unsere Einwendung käme wohl zu spät! Und dann sagte die Frau noch,
führt Euch nur gut auf und lernt schön fleissig bei der Madame und dem Herrn, auf
Wolling zeigend. Mein Mann wird wohl den Accord schon gemacht haben? sagte sie
gegen mich, indem sie die Kinder mit der Hand zurückwies.
    O ja, schon lange! antwortete ich, mit einer muntern Verbeugung dazu. Herr
von Pindorf schien über seine Frau und mich etwas verdriesslich. Seitenblicke
seiner Frau Schwester brachten ihn völlig aus der Fassung. Ich ging zu den
Bildsäulen bin, liess seine Flau, mit ihrem lächerlichen stoffnen Canapee und die
Dame von Sofein mit den galanten Messieurs stehen, und sprach mit Wolling über
die Schönheit der Grazien und den so vortreflich gewählten Platz. Wolling hatte
noch gehört, dass die Dame von Sofein den Herrn sagte, ich sei eine Engländerin,
die eine Erziehungsschule aufrichtete, und, auf ihn deutend, hinzusetzte, der
würde wohl der griechische Sprachmeister sein. Die zwei Herrn en Polissons
lachten, wie wir selbst hörten, sehr stark. Die andern Fremden sprachen unter
sich und Pindorf redete seiner Schwester zu. Die Kinder kamen zu mir, und ich
setzte mich an den Fuss eines Baumes, der den Grazien gegenüber stund, und fragte
die Kinder: welche von den drei Figuren ihnen am besten gefiele? tat nicht
einmal, als ob die andern Gesichter da wären; suchte auch Pindorfen mit keinem
Blick auf. Endlich kam er, und sagte etwas unmutig und beschämt; ob wir nicht
mit ins Haus wollten? Herr und Frau von Bargen wären auch angekommen. Meine
kleine Unzufriedenheit gab mir eine Röte auf die Wangen, die mir, nach Wolling,
vortreflich stund. Einer der vernünftigen Fremden bot mir den Arm; ich nahm ihn,
und da er mich französisch angeredet, so sprach ich mit ihm über den Garten, die
Verzierungen desselben und über die Gebäude fort. Pindorf nahm seine Kinder, und
der herrliche Wolling ging still an seiner Seite mit bis in das Haus, wo wir der
Frau von Pindorf durch alle ihre Zimmer nachgehen mussten. Sie sah sich hier
immer nach mir um, ob ich wohl ihre köstliche Stühle und Betten bemerkte. Die
Bedienten trugen auch ihr Canapee aus dem Garten nach und wir mussten still
stehen, bis sie vorbei waren. Sie befahl, es an seinem ordentlichen Platz in
gelb und silbern Zimmer zu stellen. Sie wissen Pindorfs Geschmack. Er hatte die
Zimmer ganz weiss mit leichter Gipsarbeit zieren lassen und Betten und Stühle von
Zitz geschafft. Die Gast Zimmer sind, dem Himmel sei Dank! noch so. Aber der
reichen Tochter des Kriegs-Commissairs Raffberg war dies zu schlecht; und die
vielen reichen Kleider, wovon die Jungfer Zwingin geredt, waren alle in Streifen
geschnitten, blau und gelber Grund, rot und andre zusammen gesetzt und die
Küssen der Canapees, Stühle und Rückwände von zwei Betten überzogen; die
Füllungen der Zimmerwände weiss gelassen, aber von den Stoffen eine Art Rahme
darum gemacht. Eine sehr lächerliche Pracht, die ich, um Pindorff zu schonen,
nur flüchtig ansah. Denn, ich weiss, dass man oft aus Übermass von Güte Sachen
dultet, die einem äusserst missfallen. Herr und Frau von Bargen waren in dem
grossen Saal, welcher in seiner edlen Schönheit gelassen worden. Bargen ein
junger Mann von sieben und zwanzig Jahren; seine Frau etwas älter als er, aber
voller Kenntnisse, und er noch im ganzen Feuer der Begeisterung von einer Reise
durch Italien und England, welche die einzige Bedingung war, die seine Frau in
den Heiratsvertrag eingeschalter haben wollte und wovon er vor wenig Zeit
zurückgekommen. Frau von Bargen hatte ein Englisches Reitkleid an, und er einen
Frak; beides noch in England selbst verfertigt. Der Wert, den sie sich noch,
über ihre Reise, und die Sachen die sie alle gesehen, beilegten, vergrösserte
auch ihre Aufmerksamkeit auf mich; weil ich ganz den Anschein einer aus
Brittanien herstammenden Person hatte. Bei meinem Eintritt in den Saal war Frau
von Sofein noch in der Umarmung der Frau von Bargen, und Pindorf an der Hand
seines Freundes vor seiner Frau, die er ihm vorgestellt hatte. Die Bargen fragte
gleich:
    Wer ist die Englisch gekleidete Dame?
    Ach, es ist keine Dame, sondern eine Frau, die eine englische Kostgänger-
Schule aufrichtet und die Kinder meines Bruders abhohlt!
    So ist es doch eine Person von Talenten, und wird gut Englisch reden: und
hierauf ging sie auf mich zu; und fragte mich: ob ich schon lange aus meinem
Vaterland entfernt sei? lobte meinen Gedanken, eine englische Erziehungsanstalt
zu errichten; es würde, hofte sie, (sprach sie deutsch, weil Dame Sofein
zuhörte,) bei allen vernünftigen Leuten mehr gefallen, als die französischen
Nachäfereien. Dame Sofein sagte hier ganz richtig: Ey, mein Schatz! wenn die
Rede vom Nachäffen ist, so muss ich fragen, ob die Englischen Aefgens artiger
sind, als die Französischen?
    Frau von Bargen schien etwas empfindlich, und ich antwortete statt ihr: -
    Frau von Sofein können ganz ruhig glauben, dass Gustav und Henriette, in
Nichts affenartig werden sollen:
    Ich will es mir auch ausbitten; erwiederte sie. - Die Bargen sprach nun
wieder Englisch, und fragte, wo ich wohnte? Sie hätte eine Nichte von
Henriettens Alter, die wolle sie mir auch geben. Ich antwortete, dass ich fürs
Erste nur die Pindorfischen Kinder nehmen wollte. In dem nemlichen Augenblick
kam Pindorf mit Herrn von Bargen zu uns und sagte, auf mich weisend: Hier ist
eine Dame van Guden, die England und Italien so gut kennt, als wir beide. - Von
da an war für die beiden Leute niemand angenehmer, als ich; denn sie
wiederholten nun mit mir ihre Reisen, Spaziergänge und Bemerkungen. Der Fremde
so mich geführt, betrachtete mich je mehr und mehr, nachdem ich tiefer in die
Unterredung verwickelt wurde. - Herr von Bargen und sie wollten bei Tische nur
neben mir sitzen, und Pindorf wurde ganz heiter, über die Kennzeichen von
Hochachtung, die sie mir gaben. Die Pollisons und seine zwei Hausdamen machten
nach und nach eine traurige Figur. Dame Sofein wollte nach dem Essen, da Pindorf
selbst mit seinen Kindern ging, um ihre Abreise zu bestellen, eine andre Idee in
Frau von Bargen bringen, und bat sie zu versuchen, ob sie noch Clavierspielen
und Singen könne! denn setzte sie hinzu, das Clavier ist aus England; mein
Bruder liess es erst kommen.
    Frau von Bargen ging hin, spielte und sang ziemlich artig. Ich stellte mich
hinter ihren Stuhl. Den guten Wolling hatte der Parteigeist für mich
angegriffen, und er sagte Herrn von Bargen, dass ich keineswegs eine
Hofmeisterin, sondern eine edle, reiche Frau und Freundin des Herrn von Pindorf
sei; einsam wohne, und deswegen die zwei Kinder zu mir nähme. Er setzte noch
viel hinzu; unter andern auch mein grosses Talent, im Singen und Clavierspielen.
Da kam Bargen, und die zwei Fremden, welche Wollingen zugehört hatten, und
baten, dass ich mich hören lassen möchte. Ich phantasirte lang und fiel endlich
mit einem Englischen Liedgen ein. Die Frau von Pindorf, die jung ohne Verstand,
aber nicht so böse ist, dass eine Empfindung von Vergnügen sie nicht mit Leuten
aussöhnen sollte, die ihr erst missfielen; lobte mich sehr und klatschte in die
Hände, und dankte mir für mein Liedgen. O das müssen Sie unserm Jettgen auch
singen lehren. Ich versprach es ihr ganz freundlich. Da ich noch am Clavier sass,
aber nicht mehr spielte, kam Pindorf zurück. Eine starke Bewegung erschien in
seinen Augen, als er auf mich blickte, und Wollingen fragte, ob ich gespielt
hätte? Ja! Und auch gesungen? - Eine Geberde von Bedauern, es nicht gehört zu
haben, war die einzige Antwort die er gab, und er nahete sich mir mit Wünschen
und Bitten in seiner Miene. Ich fuhr fort zu spielen, und sang das Recitativ:
Cari prali è selere, und endigte mit einer Arie, deren Worte ich selbst zusammen
gesetzt habe, worinn Überdruss der lärmenden Weltliebe, Liebe der Einsamkeit,
und Ruhe der Seelen ausgedrückt ist. Pindorf lehnte sich auf meinen Stuhl,
während ich sang. und machte mir als ich aufstund, nur eine Verbeugung. Herr
Bargen, seine Frau und die zwei Fremden sagten mir vieles. Frau von Pindorf
küsste mich; es war mir in meiner Seele zuwider, besonders, da sie noch
hinzufügte, dass ich den Abend da bleiben solle. Das war mir aber unmöglich.
Darüber wurde sie auch wieder böse, wie Kinder, wenn man nicht tut, was sie
wollen.
    Frau von Sofein spielte eine wahre Coquetten-Rolle mit den zwei artigen
Herren, Ihre Schwägerin war auch mit dabei; aber nur als Fürwand und Gegenstand
des heimlichen und hämischen Spottes. Ich hatte Herrn Wolling um Bestellung
unseres Wagens und der Geschenke an Hofmeister, Wärterinnen. und Hausbedienten
gebeten; und als er mir meldete, dass alles geschehen sei, schickte ich mich zu
unserer Abreise an. Wolling hatte in einem Fenster mit mir gesprochen; Pindorf
näherte sich uns und Ersterer ging zu den Kindern.
    Sie gehen missvergnügt aus meinem Hause! sagte Pindorf. Nicht missvergnügt,
aber traurig über die Gewalt die Ihre Frau Schwester in Allem über Sie hat, und
nicht verdient. Suchen Sie den Grund davon in Ihrer Seele auf, denken Sie nach.
Dem guten Kinde, das Sie zu Ihrer Gemahlin machten, begegnen Sie edelmütig, und
bilden Sie sie selbst. In den Händen Ihrer Frau Schwester wird sie schlecht und
sie ist doch Ihre Frau! Sie verachten mich, sagte er mit Schmerz. Nein! da wäre
ich am elendesten; aber, Ihre Schwester wird Scheidewand zwischen mir und Ihnen.
Eine grosse Seele, in der Gewalt einer kleinen, arglistigen. - O Pindorf! - Und
da ging ich, nahm kurzen Abschied, und sagte dem Hofmeister, er möchte sich das
Kneipen abgewöhnen. Die zwei guten Kinder schliefen nach der ersten halben
Stunde ein; und es war mir lieb, denn ich konnte da der Geschichte des Tags
nachsinnen. Seit vielen Jahren war ich nicht in so grosser Gesellschaft gewesen;
fühlte auch nicht die geringste Begierde in mir, mich in Zukunft öfterer darin
zu sehen. Vielleicht trug das Wegwenden meines Herzens von Pindorf, eben so viel
zu dieser Gleichgültigkeit bei, als mir ehmals meine Anhänglichkeit an ihn, jede
Gesellschaft, wo er nicht war, unangenehm und widrig machte. Jede Scene, durch
welche meine Liebe mich geführt hatte, stellte sich vor mein Gedächtnis, und ich
musste mir endlich sagen, was ich Ihnen schrieb:
    Dass Eigenliebe mich elend gemacht und Eigenliebe mich rettete.
    Meine Leidenschaft für Pindorf hatte zu der Zeit angefangen, da ich in ihm
die nämlichen Grundsätze, Beschäftigungen und Geschmack sah, die mich
beherrschten. Dies war mit der Gestalt und dem Bezeugen verbunden, die ich
allein edel und liebenswürdig achtete. Gemeinsame unerfüllte Wünsche nährten
unsere stille Liebe. Das, was ich in der Opera empfand, war im eigentlichen
Verstande Eifersucht; und die ist immer Beweis der Liebe gewesen. Erinnern Sie
sich, was Sie mich tun sahen; meiner Reise nach W. mein Bauen und Wohnen auf
diesem Berge. Aussichten führten mich her; alle, alle Leidenschaft lag noch in
mir, als ich ihn hier sah, Tugend kämpfte gegen sie, weil er wieder vermählt
war: aber sie hätte mich nicht so geschwind geheilt, als der Gedanke mich
stärkte, dass Personen und Umstände Pindorfs Gesinnungen wenden könnten wie sie
wollten, dass keine Uebereinstimmung mehr in uns sein könne. Verhasst, oder
gleichgültig wird er mir nie werden, aber anbeten, lieben, kann ich ihn auch
nicht mehr, seitdem ich mich höher schätze als ihn.
 
                           Acht und neunzigster Brief
                            Van Gudens Fortsetzung.
Und auch, nachdem ich so viel geschrieben, sind Sie doch ungedultig? weil ich
das kleine Kinder Fest nicht gleich dazu gefügt hatte. Soll ich wohl glauben,
dass das Glück, so Sie mit Ihrem Cleberg geniessen, ein verwöhntes eigensinniges
Kind aus Ihnen machte, das sein Stirnchen runzelt, das Mäulchen eckig zieht, und
ein kleines abgebrochenes Murren äussert, wenn es nicht den ganzen Vorrat von
dem kleinen Spielzeug bekommt, den es in der zweiten Schieblade des Schranks
vermutet? Verzeihen Sie mir, meine Liebe, und fragen Sie sich, ob Sie nicht
unrecht haben, so eifrig in mich zu dringen? Glauben Sie aber nicht, dass ich aus
Unmut vier Tage später antwortete. Ich hatte zwei davon mit dem Entwurf eines
Erziehungsplans für die Pindorfischen Kinder zugebracht; ich fühle, dass ich eine
schwere Arbeit unternommen; und auch, dass mein Plan manchen lächerrlich und
töricht scheinen muss, so lang als mir die Neigungen und Fähigkeiten der Kinder
nicht völlig bekannt sind; dazu hat mir der Zufall durch Wollings Gedanken, den
Kindern ein Willkommfest zu geben, mehr Dienste geleistet, und einen sicherern
Weg gebahnt, als vielleicht Jahre von Nachdenken nicht getan hätten. Genuss von
Freiheit und Vergnügen, bewegt und öfnet die Seele der Kinder so gut, wie die
unsere. Diese beiden allein, entwicklen den Keim der Fähigkeiten und
Empfindungen. Das Wohl wieder zu geniessen, dem Uebel zu entgehen, diese Triebe
bestimmen die erste Richtung des Auges, nach Hülfsmitteln zu sehen, und die
Anspannung der Kräfte, sie zu erreichen. Eigenliebe und Nächstenliebe zeigen
sich da in Mitteilung des Guten, oder im Alleinhabenwollen; wohl gar auch im
gewaltigen, offenen, oder listig heimlichen Wegnehmen bei der andern. Heftigkeit
der Begierden zeigt sich im Genuss des Vergnügens, im Darumbitten, und im Danken.
Ich hatte im Pindorfischen Hause bemerkt, dass der Vater sehr wenig von seinen
Kindern musste, und ihr Aufseher den Willen und Verstand nicht hatte, sie richtig
zu kennen und zu leiten. Ueble Begegnung über unschuldige Fehler der Kindheit;
Zwang, der ihnen angetan worden, sich das Bezeugen und Wissen erwachsener Leute
eigen zu machen, hatte natürlicher weise ihr Herz verschlossen, Henrietten
furchtsam, Gustaven misstrauisch und beinah storrisch gemacht. Ich musste sie also
Wollinghof, seine Freuden und Bewohner in aller Freiheit kennen lernen laffen,
und nur still beobachten, an welches Kind von den unsern, an welche erwachsene
Person, sie sich mit dem ersten Vertrauen wenden, und welchen Zeitvertreib oder
welche Belustigung, sie zuerst wiederhohlt wünschen würden; wonach sie zuerst
fragen möchten, u.s.w. Zu diesem Allen zündete das kleine Fest das Licht an. Sie
wissen wir kamen zu spät nach hause, um noch den Abend etwas vorzunehmen; die
Kinder waren auch auf einer Seite durch den Prunk des Tages, durch Bärnskneipp
und dem Abschied vom Vater zu sehr erschüttert, und dann hatte Frau von Pindorf
den Eigensinn gehabt, dass beide junge Pindorfs in ihrem Staatsputz nach
Wollinghof geführt werden sollten, damit die Leute dort sehen möchten, dass sie
nicht aus Barmherzigkeit aufgenommen würden. Ohne Zweifel dachte sie Frau von
Lissheim, unsern Kindern und Leuten damit eine Ehrfurcht einzuflössen. Aber
Wolling und ich wollten die unsrigen weder dem Schmerz des Unterschieds, noch
der Gefahr des Bewunderns und Nachwünschens aussetzen. Henriette wurde also, wie
Gustav in einen grossen Mantel gewickelt und durch den Obstgarten gleich in meine
Zimmer gebracht, wo Meta das Fräulein, und Wolling den Junker auskleideten, doch
ohne das Mindeste von Lobsprüchen wegen der schönen Kleider zu äussern. Als es
bei dem armen Jettchen aufs Aufschnüren kam, fieng sie schon an zu seufzen und
zu zittern, und faltete ihre Hände mit dem Bitten. O langsam! langsam! Meta
hielt gleich inne; und ich knieete vor das gute Kind hin: was fehlt Dir, meine
Liebe? warum zitterst Du? Ach die Schnürbrust und mein Hemd, stecken in meiner
Haut: Hier! sie wies auf die Hüften, und hielt den Atem an sich, indem Angst in
ihrem Gesicht und Tränen in ihren Augen zu sehen waren. Ach, Rosalia! was
verderbt Unsinn und Vorurteil an Leib und Seele! Sie hatten, um dem Mädchen
einen dünnen Leib zu ziehen, das steife Schnürleib über ihren Hüften so zusammen
gezogen, dass auf beiden Teilen die Haut teils offen, teils mit einer Rinde
bewachsen war, und durchgehends ein brauner Streif um den ganzen Leib ging. Sie
bat mich, dass sie das Hemde selbst losmachen dürfe. Ich liess es gern geschehen;
sie schrie und fiel mir weinend um den Hals. Tröste dich, mein Engel, du sollst
die hässliche Schnürbrust niemals mehr anziehen! Wie sie mich da küsste und
liebkosste, das gute Kind; und dann in ihrem Schlafzeug, das ganz artig war, mit
Gustav in seinem Ueberrock recht herzlich zu Nacht mit mir assen, und auch so
wohl schliefen. Gustav hat ein Zimmer dessen Fenster auf den Weg gehen. Der
Gärtner blieb neben ihm, aber den zweiten Tag nahm ich den vortreflichen jungen
Moos zu ihm, der als Freund mit ihm leben, als Freund, alles was er weiss, mit
ihm teilen soll: sobald Gustav zu Etwas. womit sich Wilhelm Moos beschäftigt,
Lust bezeugt. Als die Kinder schliefen, durchsuchte ich mit meiner werten Meta
ihren Koffer und Kleidungsstücke, um Etwas zu finden, dass Henriette des andern
Tages anziehen könnte, ohne das Schnürleib zu brauchen, und doch geputzt zu
sein, wie es dem Stande ihres Vaters zukommt; denn sie sollen die Erziehung
haben die ihnen gebührt. Aber auch sehr genau Ordnung, Wert und Pflichten eines
jeden Standes, nebst deren Ansprüchen kennen lernen. Die Vorteile im Glück,
Ehre, und Wissen ihrer Classe sollen sie nicht mit Stolz, sondern mit
edelmütigen Gesinnungen gegen ihre Nebenmenschen, und dankbarer Verehrung gegen
die Vorsicht erfüllen. Meta und ich arbeiteten noch lange in der Nacht, dis ein
weisses musselines Leibkleidgen fertig war, dass Henriette den Morgen über ein
anderes dünnes Leibkleidgen anzog, aus dem wir die Aermel schnitten und ihr nur
eine breite blauseidene Binde um den Leib gaben, die mit einer grossen Schleife
auf der Seite festgemacht wurde, und nicht die geringste Bewegung ihres Körpers
verhinderte. Die Aermel waren auch wie der kleine Strohhut mit blauen Bändern
gebunden. Die Blumen sucht sie aber seit dem Tage des Willkommfests, wo sie
Kranz und Strauss geschenkt bekam, meistens selbst und lernt sie zusammen binden.
Sie besorgt auch schon Blumentöpfe; so wie Gustav, Oberaufseher, über das Stück
Wald sein will, wo der Anflug junger Eichen und Buchen ist. - An diesem Teil
unsers Berges hatte Wolling das Kinderfest veranstaltet, so Abends gegeben
werden sollte, nun aber zum Frühstück wurde. Ich hatte wenig geschlafen, stund
früh auf, zog mich an, und setzte mich in mein Kabinet, um Bemerkungen über mich
aufzuschreiben; gab aber dabei auf Henriettens Erwachen Achtung. Sie wissen, die
obere Füllung der Türe meines Kabinets ist von Flor, wodurch ich mein grosses
Zimmer meistens übersehe. Das Kleidgen, die Binde und der Hut lagen auf einen
kleinen Tischgen neben Henriettens Bette hübsch geordnet. Auf dem kleinen Stuhl
ihre übrigen Kleidungsstücke nett gelegt. Nachdem sie erwacht war, und einige
Augenblicke sich hin und her bewegt hatte, richtete sie sich auf und guckte nach
meinem Bette, streckte den Kopf vorwärts, um zu horchen; kniete dann und
betrachtete die Kleidung auf dem Tisch; berührte die Binde mit Staunen, lächelte
auf den Hut, horchte wieder, nahm ihn dann und versuchte, ob er ihr passte; legte
ihn wieder auf seinen Platz; wollte dann ihre Strümpfe anziehen, war aber
ziemlich ungeschickt dabei, wie auch in Zubinden ihres Rocks. Dies merkte ich
mir, zu einem Anlass von Beweise des Werts der Menschen in der dienenden Classe,
und ging zu ihr, umarmte sie, fragte: ob sie wohl sei? wohl geschlafen habe? und
nahm sie auf meinem Arm an das Fenster, von dem man einen Teil des Obstgartens,
Feldes und Teiches sieht. Himmel und Erde waren schön.
    Sieh, mein Kind! du und die Bäume und das Feld sind so wohl und schön, durch
den nächtlichen Schutz Gottes. Ich danke ihm dafür, und bitte ihn, dich deinen
Papa, und alle Menschen auf der ganzen Erde zu seegnen, Drückte sie an mich und
küsste sie. - Sie können nicht glauben, liebe Freundin, wie süss mir die Rührung
war, die ich in Henrietten hervorgebracht hatte; sie schloss ihre Arme um mich
und ich hielt sie noch einige Augenblicke still in den meinigen, und sagte dann,
dass sie nun zum Ankleiden und zum Frühstück gehen müsse. Ich kann mich selbst
nicht anziehen, sagte sie ganz verschämt und kleinmütig.
    Ich weiss es Liebe! denn ich brauchte auch einmal gute erwachsene Menschen,
die für mich sorgten.
    Nun ging sie ganz Mädchenartig zu dem Tischgen mit ihren Kleidern. Liebe
Madame! ist das mein? Ich sprach ihr von Reinlichkeit durch Waschen und sonstige
Sorgfalt, und kleidete sie selbst an. Wolling kam mit Gustaven, der nett in
einem grauen Frak mit grünen Kragen und Aufschlägen, sich mir ehrerbietig und
zufrieden näherte. Guten Morgen, mein Sohn, hat Er in Wollinghof gut geschlafen?
Mit inniger Zufriedenheit versicherte er mich, ja! Nun wollen wir zum Frühstück
in den Wald sagte ich. Henriette nahm die Hand ihres Bruders, als er sie, wegen
der Leidbinde betrachtete. Sie bog sich hin und her. Da fühle, wie weich das
ist! und sieh wie ich mich biegen kann! Denke! gar niemals mehr soll ich die
Schnürbrust bekommen. Der holde Knabe freute sich brüderlich, über die
Zufriedenheit seiner Schwester und sah mich dabei, mit dem Ausdruck des
Vertrauens an, dass auch er bei mir von allem schmerzlichen Zwang befreit sein
würde. Nun gingen wir durch die Seiten-Türe längst dem Teiche bei den alten
Birken und der Nusshecke zum jungen Eichwald, in welchem wir einen Grassplatz leer
gelassen, und von der grossen Quelle, eine Rinne abgeleitet haben, die durch
gedeckte Röhren läuft, und zwischen zwei Moosbänken über kleine Kiesselsteine in
ein Becken sprudelt; dort hatte der gute Wolling die Kinderscene veranstaltet.
Auf der ersten Hälfte des Wegs blieben wir bei dem Tone einer Schalmei stehen,
die man sehr artig spielte. Aber Wolling winkte uns nach dem Eingange des
Quellplatzes und verschwand sogleich. Ich staunte über den Anblick der
Verzierungen, die er angebracht hatte. Die Quelle und zwei Moosbänke sind gerade
dem Eingange gegen über. Da war hinter der Quelle ein von Tannenreis gemachtes
Stück Wand, das sich an zwei schöne Eichen lehnte; etwas vorwärts waren zu
beiden Seiten über den Moosbänken, auch solche Wandstücke, die bis an die Aeste
der Bäume reichten, welche darüber herunter hingen. Auf der mittlern Wand war in
weissen Rosen ein V. G. auf denen an der Seite in Roten H. P. und G. P.
zwischen gelben Wiesenblumen Cränzen aufgehänkt. Alle Bäume an beiden Seiten
waren mit grünen Wandstücken bestellt, an denen grosse Blumensträusse herunter
hingen. An der Ecke der einen Moosbank stunden die zwei Mädchen unsers Bauern,
sauber gekleidet, mit weissen Schürzen und neuen Strohhüten. Die eine hatte die
Hand an einem grossen Milchtopf, der auf der Bank stund, und kleine
Milchschüsselgen waren in einer Reihe dabei gestellt. Das andre Mädchen hielt
die Henke eines schönen Armkorbes, über den die Ecken eines weissen Tuchs etwas
heraus hiengen; über dies ragte eine grosse irdene Schüssel mit Blättern
bedeckt, auf welchen frische Butterstücke, nach bäurischer Art geziert und
geformt lagen. Neben dem Korbe auf einem hölzernen Teller kleine Käse, und
Weidenkörbchen mit Kirschen. An der andern Bank stunden zwei hübsche
Bauerknaben, auch reinlich angezogen; ihre runden Hüte auf den Köpfen. Der eine,
bei einem leeren Bienenkorbe, auf welchem noch Stücke von Wachswaben lagen, in
denen noch Honig war. Ein weisses irdenes Geschirr voll Honig mit einem Löfel
darin, stund daneben; dann Weidenteller voll Pflaumen und an der einen Ecke der
Bank ein andrer Knabe mit einem Korbe voll kleiner weisser Brödtchen. Ein grosser
Laib Hausbrod lag neben dem Korbe. Den Augenblick, da ich mit den Pindorfischen
Kindern, ein paar Schritte vorwärts gegangen war, hüpften, nach der Musik einer
Flöte und Schalmei, Lottchen und Nanny Wolling mit der kleinen Auguste und
Louise Moos, an einer Blumenkette sich haltend, uns entgegen; alle in neu Leinen
gekleidet, Strohhüte und Sträusse an den Köpfen, drehten sich recht artig gegen
Henrietten und sangen; da ihr Lottchen ein Blumengewinde umhing:
Sei willkommen, Henriette!
Schön, wie diese Blumenkette,
Sollen deine Tage sein;
    Kaum hatten die Mädchen das ausgesungen, als die Knaben auf der andern Seite
hervor tanzten. Carl und Gottlieb Wolling mit Bernhard und Philipp Moos in
saubern leichten Zeug gekleidet und Kränze um ihre Strohhüte gewunden, hatten
auch eine Blumenkette, an der sie sich hielten, gegen Gustav sich bewegten, und
Carl, der einen Kranz in der Hand trug, setzte ihn unterm Singen auf Gustavs
Hut:
Willkomm Gustav, edler Knabe!
Nimm von uns die erste Gabe,
Einen Kranz aus diesem Hayn.
    Während dem Singen der Knaben tanzten die Mädchen auf der andern Seite im
Reihen herum; kamen dann näher, und Carl und Lottchen sangen zusammen:
Kommt und nehmet alle Beide
An der Lust, und an der Freude
Von uns guten Kindern Teil.
    Nun tanzten die Knaben allein, und Lottchen sang, auf die Quelle weisend:
Rein und helle,
Wie die Quelle,
Macht die Unschuld unser Herz!
    Alsdann kamen die Knaben näher, und die Mädchen tanzten fort:
    Carl sang:
Wald und Sonne
Giessen Wonne
Ueber frommen Jugend-Scherz
    Gustchen Moos, mit ihrem Silberstimmgen:
Morgenröte
Und die Flöte
Guter Hirten weckt uns auf;
    Bernhard Moos:
Und dann lernen
Wir von Fernen
Guter Menschen Lebenslauf.
    Nanny Wolling:
Engel sehen
Wo wir gehen:
Sind zu Wächtern uns bestellt.
    Gottlieb Wolling:
Tau und Regen
Bringen Seegen
Auf den Garten und das Feld.
    Louise Moos:
Blumen blühen;
Bienen ziehen
Wachs und Honig uns daraus.
    Philipp Moos:
Vögel singen,
Schaafe springen,
Ganz vertraut um Hof und Haus.
    Lottchen Wolling:
Abends blinken
Stern', und winken
Uns, und alles in die Ruh!
    Carl Wolling:
Und wir schliessen
Mit dem süssen
Gott sei Dank! die Augen zu.
    Nun hüpften die Knaben und Mädchen gegen die jungen Pindorfs, die ganz
entzückt neben mir stunden. Carl Wolling reichte Gustaven, und Lottchen
Henrietten das Ende des Blumengewindes, an dem sie getanzt hatten und beide
sangen dabei:
Komm, Gustav! komm, Henriette,
Fasset diese Blumenkette,
Machet sie zum Freundschaftsband.
    Sie blickten mich an und ich winkte ihnen, dass sie es tun, und mittanzen
sollten. - Mit was für Freude sah ich die liebenswürdige Reihe dieser guten
unverdorbenen Herzen, voll inniger Fröhlichkeit, gesund und harmlos mit so viel
natürlicher Anmut herumspringen! - Schon im Singen hatten Sie mein Herz
erweicht. Ich wollte die Bauernkinder sich mit anschliessen lassen, und bewegte
mich also von meinen Platze. Den Augenblick kamen Wolling, seine Frau, Meta und
Willhelm Moos hinter einer Fichtenwand hervor, schlossen sich an die Reihen, und
tanzten alle um mich her. Meta sang mit ihrer so schönen Stimme:
Wollinghof hat tausend Freuden,
    Frau Wolling:
Liebe, Güte -
    Wolling:
Trost im Leiden -
    Alle drei:
Fliessen auf van Gudens Hand.
    Sie mögen denken, wie äusserst gerührt ich da stand. Ein süsser Schmerz
durchdrang meine Seele. Ich musste weinen. Küsste meine beide Hände, und reichte
mit meinen Armen nach Frau Wolling, die mit den andern noch im Reihen
herumtanzte. Nun kam sie, fasste meine Hand, küsste sie; alle andre tanzten fort,
schlossen sich aber nach und nach um mich, und die, welche einen Arm, ein Stück
Kleid von mir erreichen konnten, küssten und drückten sie. Die Schalmei und wir
alle, schwiegen eine Zeitlang; denn, wer kann da reden! Ich umarmte endlich Frau
Wolling, und sagte ihr:
    »O was machen Sie!«
    Er blickte mich an und dann gen Himmel, konnte nicht reden, alle Augen waren
auf uns geheftet. - Dank! sagte ich endlich, tausend Dank! kommt Ihr Lieben
alle, wir wollen zum Frühstück tanzen. Die guten Bauernkinder kamen auch in die
Reihen, und dann gingen die Kinder zum Essen, setzten sich hier und da; gingen
mit einander; beguckten die neuen Ankömmlinge. Der Pfarrer, der Beamte, und
unsere Dienstleute, die hinter den Fichtenwänden gestanden und zugesehen hatten,
kamen nun auch; und wir assen alle zusammen eine Art Mittagsbrod und waren sehr
glücklich und vergnügt! Ich bemerkte an Gustav ein wahres offenes Herz; an
Henrietten viel Feinheit, und sprach ihnen zu, mit den guten Kindern freundlich
zu sein, die sich so viele Mühe um sie gegeben hätten. Da taten sie nun auch
recht artig. Gustav und Henriette wussten einen Tanz für vier Kinder und wollten
ihn die andern lehren, wenn ich es zufrieden wäre. Ich willigte gern darein, und
sprach mit den grossen Leuten fort, damit die Pinvorfischen Kinder nicht denken
möchten, dass ich sie beobachtete. Gustav lehrte seine drei Tänzer recht
gedultig; Henriette aber, hatte immer vielmehr zu tadeln und zu bessern, wurde
aber eher ungedultig als er und wies die kleineren Kinder lebhaft auf die Seite.
Zu diesen ging ich dann, und lehrte sie nachtanzen, indem ich mit ihnen
nachzuahmen suchte. Henriette blieb, als sie es sah, mitten im Tanzen stehen und
blickte aufmerksam mich an. Ich lächelte ihr aber zu und rief: sie sollte
fortfahren, denn sonst könnten wir nichts lernen. Da sprang sie freudig zu mir,
küsste mich und sagte: O, ich dachte, Sie wären böse! Warum, meine Liebe? über
kleine Kinder werden gute Menschen niemals böse. Geh, meine Tochter, und tanze
ruhig fort. - Sie bemerkte dies ganz, und war denn mit den kleinen recht
gedultig und sanft. Dies war mir ein Merkzeichen ihres Charakters. Carl hat ein
Schaaf erzogen, das ihm überall nachläuft. Es gefiel Gustaven. Carl wollte es
ihm schenken, aber Gustav nahm's nicht, sondern bedingte sich nur, dass es auch
ihm manchmal folgen und aus seinen Händen essen sollte. Alles das tat meiner
Seele wohl. - Und nun ist meine Liebe für Pindorf zur wahren Freundschaft
geworden. Das Glück seiner Kinder ist alles, was ich wünsche, und ihre Erziehung
mir ein süsses Geschäft!
 
                           Neun und neunzigster Brief
                            Rosalia an Mariane S**.
Sie klagen in Ihrem gestrigen Briefe über trübe und leere Stunden: dieser
Gedanke schmerzt mich von Ihnen mehr, als von tausend andern, weil er mir
entweder eine grosse Zerrüttung Ihrer Gesundheit oder einen ausserordentlichen
Zufall in Ihrer Familie anzeigt; denn Ihr Reichtum und Geschmack an
Kenntnissen, und der richtige Wert, den sie auf alles Zufällige, Leichte oder
Wandelbare legen, lässt mich keine geringe Ursache vermuten. Ziehen Sie mich,
ich bitte Sie, aus dieser Besorgnis und sehen Sie in diesem Paquet nach, ob Sie,
wie Sie von mir verlangen, etwas fremdes Zerstreuendes darin finden können. Es
sind lauter Papiere von Wollinghof, worinn die Auflösung des Zauber-Knotens
erzählt ist, mit welchem die Liebe meine sonderbare van Guden neun Jahre lang
gefesselt hielt. Ich wünsche sehr, dass Sie mir Ihre Gedanken darüber sagen
möchten, wie Cleberg es tat, der aber dabei anfangs ganz unbarmherzig
urteilte; das van Guden eine ununterbrochene Anbetung gefodert habe, und
deswegen so trotzig aus der Opera in St - fortgereiset sei; dass sie in blühenden
Jahren einen gleichen Stolz auf Talente und Gestalt gehabt, wie sie jetzo auf
Geist, Geld und Liebe hätte. Es schmerzte mich, dass er alles dies so ernstlich
behauptete und ich gab mir alle Mühe, sie zu verteidigen. Madame Grafe war
dabei; freute sich, von ihrer Rivalin bei mir so reden zu hören; denn sie sagte,
das Weib hätte ihr die Hälfte meiner Freundschaft geraubt. Da musste ich aufs
neue kämpfen; als es aber eine Weile gedauert und Cleberg eifrig dazu geholfen
hatte, so fieng sie an: Ey Rosalie! sehen Sie mit alle ihrem Geiste nicht, dass
ich nur den ganzen Männerneid kennen wollte, den van Gudens Charakter erregt,
und den ich im Tadel am allerdeutlichsten finde. Mein Cleberg hatte aber beinah
Madame Grafe dadurch böse gemacht, dass er mir sagte: Salie, wenn Du mich eines
Neids beschuldigtest, so würde ich dirs nimmer vergeben, weil mir eine so unedle
Vermutung auch im Scherz unerträglich wäre, und weil ich mit all meinem Tadel
nichts wollte, als die schönste Seite eines weiblichen Herzen ans Licht ziehen,
die nicht allein darin besteht, dass man viele Jahre einen Mann zärtlich liebe,
eine gute Wirtin, oder eine gute Mutter sei; sondern glänzendes übertreffendes
Verdienst der Freundin innig verehren, und ihre Fehler eifrig entschuldigen zu
können, so, wie Du es machtest, meine Liebe, setzte er mit Darreichung seiner
Hand hinzu. Dies freute mich zwar, aber es war mir schon voraus zu empfindlich
gewesen, dass er Frau Grafen so unfreundlich behandelt hatte, so, dass ich sehr
bewegt aussah, ihn freilich mit zufriedener Liebe anblickte, aber doch den
Moment meine Augen, auch nach Madame Grafe richtete, die etwas rot geworden,
sehr lebhaft aufgestanden und in ein Fenster gegangen war. Er verstund diesen
Blick, und folgte ihr nach. Vergeben Sie, Madame Grafe, wenn ich Etwas sagte,
das Ihnen missfiel! Vergessen Sie es, um Rosaliens willen, die mir wirklich noch
schätzbarer geworden ist!
    Ich war auch zu ihr gegangen, und hatte sie umfasst. Sie fing zum Glück an zu
lachen; küsste mich und sagte zu meinem Manne: ich verzeihe Ihnen gern! Nehmen
Sie es nur nicht übel, dass ich Gott danke, dass mein Mann anders gesinnt ist, als
Sie! Ihnen, mein Schatz; sagte sie zu mir, gönne ich von Herzen, dass Sie für des
Herrn Clebergs Spitzkopf eine feinere Denkungsart haben als ich. Machen Sie sich
aber alles dies für Ihre künftige Ruhe zu Nutz; denn, wenn ein sonst höflicher
Mann, sich auf diese Art gegen eine fremde Frau in Unterredung äussert, was
würde er gegen das Geschöpf unternehmen, dass seiner ganzen Willkühr übergeben
ist? Cleberg lachte nun auch, und küsste ihre Hand für die Weisung, die sie ihm
gegeben; er versicherte, er wolle künftig ein artiger Fremder gegen sie, und
immer ein edelmütiger Oberherr von mir sein.
    Bei alle dem Scherze war bittre Wahrheit, die ich mir merkte, und sehr
sorgfältig wurde, die für Kleinigkeiten so fühlbare Seite meines Mannes kennen
zu lernen. Denn das Grosse verwahrt sich selbst, und wird auch von selbst
geschont! Es ist ihm aber etwas gegen Frau Grafe geblieben; denn er wollte
nicht, dass sie jemals zu den Lesestunden kommen solle, die er mit mir den
Ittenschen und Badischen Töchtern hält. Wir sind erst zwei Tage zusammen
gekommen, die aber wirklich sehr artig sind, und ich und die gute Mädchen würden
untröstlich sein, wenn etwas daran verrückt, oder sie gar aufgehoben werden
sollten. Sie wissen, dass ich immer um halb acht Uhr des Morgens ganz angezogen
bin, und in meinem grossen Zimmer mit Cleberg frühstücke. Da unterdessen meine
Hausmagd unsere gewöhnlichen Zimmer zurecht macht; worauf dann Cleberg zu seinem
Schreibtische und Büchern, ich aber an meine Arbeit und Umsicht im Hauswesen
gehe. An dem grossen Saale war ein etwas ungeheures viereckiges Zimmer, von dem
mein Mann einen Teil durch lauter Schränke abkürzte; und da streifige Tapeten
darinnen sind, so konnte der Schluss der Türen überall in den Streifen versteckt
werden. Da habe ich nun alle mein weisses Zeug, Kleider und grosse Putzsachen für
Cleberg und mich, unter andern auch einen Schrank voll von verschiedenem weissen
Zeuge, dass er, aus einem sehr weit gesuchten Beweggrunde, bei einer
Versteigerung in seiner Familie gekauft hatte: Er sagte nämlich den ersten
Lesetag zu den beiden Mädchen, ob ich Achtsamkeit und Geschicklichkeit genug
haben würde, schon gebrauchtes und auch etwas abgängiges Weisszeug zu Rate zu
halten, zu beurteilen und noch zu verwenden; oder, ob ich allein nur lauter
neue Sachen haben und gebrauchen wolle. Er konnte in der Tat auch nichts anders
denken, als dass mein Oheim mich erst durch seine Liebe verzärtelt und dann durch
die Besorgung alles und jedes heimlichen Stücks meines Hausrats mich noch, wie
das Sprüchwort sagt: »auf ein sammtnes Küssen setzte.« Bei unserer ersten
Bekanntschaft und anfänglicher Liebe, sah er mich bei schönen Handarbeiten für
Putz, seidene Strümpfe zu stricken, Lichtschirme und Brieftaschen zu weben, zu
zeichnen und Clavier zu spielen, beschäftigt; lobte mich darüber, besonders auch
über die grosse Reinlichkeit meiner Person, Kleidung und Zimmers. Meine Bücher-
und Sprachkenntnisse gefielen ihm auch. Das Schimmernde meines Standes hatte ich
nun: dass war aber für das Ideal eines teutschen Weibes, für einen ganz teutsch
denkenden Mann unserer Classe, nicht genug, wie er sagt, und noch jetzo erst
sagt, da ich seine Frau bin. Er lobte mich, dass ich den neuen französischen
Moden immer nur von ferne folgte, immer nur die simpelsten Formen des Putzes
nachahmte, mit welchen der Ausdruck von Sittsamkeit und bescheidener Würde und
die natürliche Begierde zu gefallen sehr artig verbunden werden könnte. Denn er
behauptete, dass es einen Grad von Modeputz gebe, der einem feindenkenden jungen
Mann das Gefühl der innerlichen Hochachtung benehme, aus welcher allein die
Zärtlichkeit des Herzens entstünde, die unter tausend und aber tausend Mädchen,
nur die Einzige lieben und wünschen lässt. Lieber Mann! sagte ich, machest du
nicht zu strenge Anforderungen an uns gute Geschöpfe? denn wir putzen uns ja nur
für Euch, du bist ja undankbar! Nein, Salie! ich bins nicht; aber dein Oheim hat
Recht, Caroline Boge hat Recht, Kleidung und Putz machen einen Teil des
Charakters aus. Sei zufrieden mit mir, und mit dir! Du bist mir Modell des
liebenswürdigen Mädchen, der schätzbaren Freundin gewesen, nach deinem Bilde
beurteilte ich, was ich auf meinen Reisen sah. Du sagtest in einem deiner
Briefe an die edle, weise Mariane St -, dass um die physischen Weltzirkel, unter
welchen die Menschen einerlei Grad physisches Gute genössen, und du nur einen
moralischen Kreis umher gezogen sähest; den, von Treue und Glauben der
Handelsleute. Du bemerktest die Schönheitslinie, die Winkelmann anzeigte.
Glaube, meine Liebe, die Tugendlinien sind auch da, mit allen Graden des mehr
und weniger Vollkommenen, zu allen Zeiten und Orten; man gibt nur nicht genau
Acht darauf. Ich habe in Frankreich Frauenzimmer gefunden, die, wie du, die
neuen Moden mit vieler Mässigkeit nachmachten; die, wie du, eine sittsame
Munterkeit hatten.
    Cleberg, sagte ich, es ist Seeligkeit für mich, so von dir geschätzt zu
sein. Sag aber, was ist dir das Liebste in meinem Charakter? Dass du ein
teutsches Weib bist, und neben den glänzenden Eigenschaften, die eine Französin,
Engländerin und Italienerin zieren würden, auch Hauswirtin bist, und weisst
woraus unsere tuchnen Männerröcke, euer Tafentrock und Weisszeug bestehen; dass
man die Baumwolle nicht macht, den Wein nicht brauet, und das Papier nicht webt;
dass du deine Köchin die Suppe und das Backwerk, den Braten und das Beiessen
zubereiten lehren kannst; dass dein häussliches Leben dir lieber ist, als alles
andre; dass du mir so gern gefällst; so sorgfältig bist, dass ich dich niemals
unordentlich, unreinlich, ungefällig sehe; dass du nähen, stricken und flicken
kannst. Ja, flicken! denn, sieh Liebe! es freue mich als ich mit unserm Oheim
von Warthausen zwei Tage früher zurückkam, dich mitten unter dem Vorrat des
alten Leinen fand, dass ich hieher brachte, und die vielen so nett gelegten
Bündel mit ihren verschiedenen Aufschriften sah:
    Nro. 1. Abgehendes weiches Leinen für arme Kranke, oder Verwundete. -
    Nro. 2. Bettücher zum Wenden.
    Nro. 3. Bettzeug für nicht oft kommende Fremde; weil es fein, aber nicht
mehr so dauerhaft ist, vieles Brauchen und Waschen zu leiden.
    Nro. 4. Tischzeug alle Jahre zweimahl zu verwenden, bis das andre stärkere
gewaschen ist, und ein wenig geruht hat. -
    Nro. 5. Verschiedenes Weisszeug zum Hausgebrauch, wo dichtes und grobes
unnütz wäre. - - -
    Ich sagte Dir da nichts, weil wir von unserer Reise zu erzählen hatten. -
Aber, da ich Dich mit so viel Aemsigkeit und so netten feinen Stichen ausbessern
sah, da hohlte ich unsern Oheim, es mit anzusehen, und ich küsste die teutsche
Weiberhand, die wechselsweise weisses Zeug nähen, Landschaften und Bilder
zeichnen, sticken, kochen, Hauben und Garnirung machen, Clavierspielen,
Hausrechnung führen, Wäsche plätten und Briefe schreiben kann. Dies, meine
teure Salie! ist ein wahrer Zauberkreis von so vielen reizenden Tugenden, indem
ich mit süssem Bewusstsein einer dauernden Glückseligkeit um dich herum gehe.
Alles dies ist auch Ursache, warum ich die Lesetage in diesem Zimmer halten
will; um ganz nahe bei den Beweisen deines häuslichen Verdienstes zu sein, die
ich unsern jungen Freundinnen, neben meinen Büchern bekannt machen will.
    Was kann ich zu alle dem sagen? es ist süss, von seinem Ehemann gelobt zu
werden. Aber wie wohl hat mich der Genius meines Schicksals geleitet, von selbst
alles zu tun, was der Mann fodert! Denn, hören Sie, meine Liebe, was Cleberg
sagt: er würde mir, wenn ich es erst nach seinem Wünschen gelernt hätte, nicht
so viel Dank wissen, als für die freiwillige Verwendung meiner jugendlichen
Jahre und Talente! Er sagt, wir Weiber hätten durch Heirat ein Amt angetreten,
wie er, und andre Männer Amtsbeschäftigungen erhielten, die ihnen ein Fürst oder
eine Obrigkeit anvertraue; weil man denke, dass sie in niedern oder hohen Schulen
durch ihren Fleiss die nötige Kenntnisse gesammlet hätten. Für diesen Fleiss
erhielten Sie Achtung, die sich dann natürlicher Weise vermehre, wenn man sie
das freiwillig Gelernte in Ausübung bringen sähe: so, wie man sie auch um so
mehr schätze, wenn sie in ihren Amtsgeschäften ohne besondre Vorschrift alles
Mögliche, Gute und Nützliche auf eigenem Antrieb täten. Hingegen, auf
Ausrichtung gegebener Befehle und Ermahnungen folge nichts, als ein Merkmal von
Zufriedenheit, mit dem eine jede Sklaventugend belohnt würde. Der Himmel solle
aber ihn und mich vor dem Augenblick bewahren, in welchem er mir seine Wünsche
nach einem Vergnügen oder irgend einer Sache, unter der Gestalt eines
oberherrischen Willens oder gar Befehls, anzeigen würde. Nein, meine Salie! Du
bist meine Freundin; du wirst mir gern Gutes tun, wie es die wahre gütige
Freundschaft immer tat. Rechne auch darauf, edles, liebes Weib! sagte er, da er
mich umfasste und an sich schloss; rechne darauf, alles, was dein Freund Cleberg
für dich, für die Wünsche deines Herzens tun kann, wird er tun.
    Ich hatte hier eine Träne in den Augen und sah etwas bedenklich, auch, wie
er sagte, traurig aus. Er fragte sehr freundlich nach der Ursache. Ach Lieber!
das Gefühl meines Glücks mit dir, und der Gedanke des Wehes und Elendes so
vieler liebenswürdigen Weiber ist vor mir und schmerzt mich. Meine gute
menschenfreundliche Salie! das bist du wieder ganz. Es gibt schlecht denkende
Männer, die unrechtmässig mit ihren Gehülfinnen handeln; aber, glaube mein Engel,
viele sind selbst Schuld; denn, ich muss auf mein Gleichniss zurück kommen, es ist
in Teutschland nun einmal noch Sitte, dass der Mann bei seiner Verheiratung
denkt, er vertraue seinem Mädchen ein Amt; und er vermutet, wie der Herr, der
ihm eins gab, dass das Mädchen alles wisse, was zu guter Verwaltung des Amts
gehört, wozu er sie beruft. Diese Erwartung wird endlich Anspruch; und wenn man
denkt, dass man in seiner Hoffnung betrogen worden; dass man weder das versprochene
Angenehme, noch das Nötige, Nützliche gar nicht, oder doch nicht zu rechter
Zeit erhält; so kommen Befehle, Verweise, Verdruss u.s.w.
    Sie können sich nicht genug vorstellen, meine unschätzbare Freundin, wie
aufmerksam die lieben Mädchen waren; wie sie wechselsweise bald mich, bald
Cleberg ansahen, der am Ende ganz munter gegen alle eine Verbeugung machte, und
sie bat, dies, was er da gesagt, als Vorrede zu den Lesetagen anzusehen, die wir
doch nur zu dem Ende mit einander halten würden, damit ein halbdutzend
rechtschaffener junger Männer, durch sie die liebenswürdigsten Weiber bekämen.
Er hätte ihnen nun fügte er hinzu, schon einen Teil der Geheimnisse der besten
Jünglinge verraten, das Uebrige wolle er in den Lesestunden austeilen, wenn
sie Gefallen daran fänden.
    Freilich gefiel es ihnen und machte auch mehr Eindruck, als wenn es von dem
schönsten oder weisesten Weibe wäre vorgetragen worden. Sie wissen, Cleberg ist
ein sehr hübscher Mann und seine Manieren sind höchst einnehmend. Zudem, glaube
ich, dass die Achtung und Zärtlichkeit, welche er mir bei allen Gelegenheiten
beweiset, zur Unterstützung seiner Lehren dienen.
    Bald will ich Ihnen von unsern Lesetagen Nachricht geben. Aber erst, wenn
einige davon vorbei sind, und ich Etwas von den Wirkungen werde sagen können.
    Mir ist leid, dass ich noch immer in der Stadt bin, da doch Ort und Julie
schon zwei Monate in Seedorf wohnen. Anfangs künftiger Woche ziehen wir auch
hin, weil bis jetzo unser Haus noch nicht trocken genug war. Doch muss Cleberg
wieder Etwas vorhaben, denn ich durfte seit zwanzig Wochen nicht hin, sondern
nur von Kahnberg aus bis nach Ottens Landhans fahren, und musste ihn versprechen,
auch Niemand zu fragen, was man da machte? Mein Oheim ist mit einverstanden, und
da muss es was Gutes sein; denn dieser liebt die angenehmen Ueberraschungen gar
sehr.
    Frau Grafe sagte letzt: Cleberg wäre so artig als ein Hausdespote immer nur
sein könne!
 
                                Hunderter Brief
                            Rosalia an Mariane S**.
Nun wohne ich seit einigen Tagen auf dem Lande und bin froh, dass ich immer
dieses Leben liebte, immer die Beschreibungen davon gerne las; auf meinen Reisen
mich über den Landmann und seine Arbeiten freute; gerne meinen Schlaf abbrach,
um, wie mein Oheim sagte, mit ihm der Sonne entgegen zu gehen. Hier kann ich aus
meinem Bette sie willkommen heissen, denn unser Schlafzimmer ist gegen Morgen,
und ich darf nur einen Laden aufziehen und in meinem Bette mich aufrichten, so
seh ich über meinem Garten hin, am Ende des Wäldgen die entfernte Anhöhe, hinter
welchen die Purpurwolken sich färben und dann der schimmernden Aurora Platz
machen. Die Morgenluft strömt in mein Zimmer, ich höre das Plätschern des
kleinen Springbrunnen in meinen Garten bald auf der steinernen Einfassung, wohin
der Wind den dünnen Wasserstrahl treibt, bald im Becken selbst, und dann das
frohe Gezwitscher der Vögel, das kleine Flattern der Flügel von denen, die nah
an meinem Fenster vorbei streichen, das Gacksern unserer Hühner und das Krähen
der Dorfhähne; sehe dazu das schöne Grün und die blinkenden Tautropfen. O! wie
gern danke ich dann mit der ganzen Natur unserm Schöpfer und bete ihn an! Ich
weiss nicht, meine Beste, ob Sie das kleine Gedicht das Gräschen kennen: daher
will ich es hier einschalten, weil es wirklich erst auf dem Lande seinen ganzen
Wert erhält, und ich es unendlich liebe:
                                 Das Gräschen.
Gräschen, beperlt vom Tau,
Das jüngst Mutter Erde noch
Dem verderbenden Nord
Sanft im Schoss verschloss,
Dich sang kein Lieder-Sohn.
Du! sei du mein Gesang
Kleiner, erster Bote des Frühlings.
Ist dein stilles Dasein dann
Dichtern so unmerkbar?
Doch vergisst dich der Tags-Strahl nicht!
Wandelt in Silber-Glanz
Deine Morgen-Träne!
Dir, wie dem Sternen-Heer
Wachet der Vorsicht Aug,
Und, wie das Sternen-Heer,
Neunt des Allwaltenden
Namen dein stiller Pracht!
Freudig entsprangst du der Erd;
Rufest Enkel auf Enkel empor;
Deckest mit Nachkommen
Deiner Gebährerinn
Haupt, indes ungebohrner Eichen
Langsam mächtigen Drang
Unter deinen Fuss ihr
Busen bezähmet.
Gräschen! Schmuck des Hügels!
Kleid der Erde!
Augenweide!
Mehr als kühn strahlend Gold
Ist deine Farbe!
O du, des Menschen
Lust und Lager zur goldenen Zeit!
Welcher Hügel, welch
Wildes Gestade kennt
Dein Geschlecht nicht!
Deiner Brüder, wie viel!
Wanken im sanften Arm
Jedes Zephirs von Abendstern,
Bis zu der Morgen Sonne,
Die den vergötterten
Länder Beherrscher nicht
Unter goldenen Gewölben kennt;
Aber dich jeden Tag,
Wenn im Schimmer zerreissend das
Wolkenbett ihren Rosenfuss
Blendend entüllt,
Dich, ihr Gräschen, freudig küsst.
Unbezwingbar dem Sturm,
Der die Wälder zerriss,
Stehst du triumphirend,
Wie eine Lanze des Siegers,
Stehst du da, glänzend vom Ufer
In den irrenden Bach!
Doppelschneidig scheinst du zu drohen,
Doch beugt dein Wipfel sich
Sanft der Weste Hauch,
Sanft den Liebes Götterchen
Zarter Insekten Heere.
Nicht den luftigen Erlen gleich
Scherzt mit der Wolkensonne
Deine Spitze, doch steht sie dem
Kleinern Luftvolke Erlen hoch
Und bleibt Welten unersteiglich.
Welten! auf meinem Gräschen!
Welten! dem Menschen Aug
Unscheinbar, seid ihr glücklich?
Staub Bewohner!
Schleicht nicht der Neid, der
Wonne Verzehrer durch
Eure Städte
Aus Monaden gebauet?
Rasseln nicht Ketten von
Eines Tyrannen Tron
Ueber Eure Nacken hin?
Würgt ihr Euch nicht
Um Atomen Gewinn
Und setzt Ehren nur
Dem, der Atomen häuft?
O! dann glücklich! glücklich seid ihr!
Staub-Bewohner! dem Menschen, der
Aus dem Dasein euch
Unbemerkt wegtritt,
Dem sticht Gram ins Herz!
Aber Gräschen! du,
Bald hast du weggescherzt
Deinen Frühling! ein Sichelschnitt
Fällt dich mit Tausenden
Deiner Brüder; Doch, traure nicht,
Stufenweise steigst du zu
Höheren Leben auf;
Eile zu wandlen dich
In das Leben des Tiers;
Einst ein heiliger Teil des
Edelsten Gottes Geschöpfs.
Wall ein Tropfen Blut
In dem Herzen des Menschenfreunds.
Ich will alle Landarbeiten kennen lernen. Ackerbau, Viehzucht, die ersten der
nützlichen Wissenschaften; von diesen will ich anfangen, einen neuen Gang durch
alle menschliche Kenntnisse zu machen. Sie denken aber schon, dass es nichts
anders sein wird, als Namen und kleine Beschreibungen des Gebiets der
Erfindungen und des Wissens durchzugehen, wie man, ohne von seinem Geburtsort zu
reisen, die geographische Beschreibung der Erde sich bekannt machen kann, und es
angenehm ist, bei Durchlesung einer Zeitung, oder Anhörung einer Geschichte,
gleich zu wissen, in welcher Gegend der Welt der Auftritt sich ereignete.
    Meine Hauseinrichtung war den Ersten Tag geschehen, weil alles höchst
einfach angestellt ist. Da habe ich gleich die Bekanntschaft, mit unserer
Bauern-Haushaltung gemacht. O, Liebe! was für ein teures, schätzbares Weib ist
eine gute Bäurin! Wie viel mehr, als wir, muss sie die Kräfte ihres Lebens
verwenden, um Kühe, Kälber, Milch, Butter und Käse zu der gehörigen Nahrung
ihrer Leute und zugleich zum nutzbaren Verkauf einzuteilen. Den Hühnerhof und
das Mastvieh durch Abfall der Früchte des Obsts- und des Gemüsgartens
aufzuziehen, und zu vermehren; damit alles benüzt und von des Bauern
angepflanzten Futter, wieder Etwas zum Verkauf gespart werden könne. Hanf- und
Flachsbau, Zubereitung, nötiges Leinen davon in das Haus und dann das möglich
Uebrige auch zu Gelde gemacht, früh und spate Aussicht über das Gesinde, und
dann Kindes zu besorgen. Die Verantwortung des ganzen innern Hauswesens; das
Beispiel der Arbeit in allen Zeiten; in der Heu- und Korn-Erndte, die so schwer
sind. Ich seh mit wahrer Achtung die jungen Weiber an, welche zugleich mit mir
zur Ehe eingeseegnet wurden. Mich dünkt, sie haben mehr nützliche Taten vor
sich, als ich sammlete. Mein Oheim machte mich mit so viel Vergnügen mit den
Ackerwerkzeugen bekannt, die ich um so mehr betrachtete, als mein Cleberg die
Säemaschine einführen will, mit welcher ein Acker nur Ein Fünftel Aussaat
braucht, und kein Körnchen verloren geht.
    Unser Hofbaner soll der zweite Klyjag werden, und es ist schon alle Anstalt
zu des Schwitzers Dünger gemacht. So gar aus meiner Koch- und Waschküche darf
kein Tropfen verloren gehen. Der Eifer, den mein sonst so galanter Cleberg für
alle diese Beschäftigungen zeigt, macht mir ihn sehr wert. Er legt einen Ton
von Verehrung der Erde und ihrer Wohltaten hinein, der an dem schönen jungen
Weltmann ganz reizend ist. Die Ursache, warum ich nicht in unsern Garten durfte,
eh wir herzogen, war, das eine artige englische Brücke über den grossen Graben
geschlagen wurde, der durch Cleberg zur Austrocknung eines Sumpfs diesen Winter
aufgeführt ward. O wie viel kann ein denkender und tätiger Mensch für sich und
andere tun, besonders auf dem Lande, wo die Tage weniger zerstreuet werden; Ich
freue mich, über das Glück der Bauerkinder! Gleich jungen Vögeln, sobald sie
aufrecht sich halten können, tragen sie etwas zu ihrer Nahrung bei und die
nützliche Arbeit wird ihnen Vergnügen und Bedürfnis.
So müd' ich auch von einem etwas langen Spatziergange bin, so muss ich doch das
beschreiben, was mich besonders rührte. Eine Viertel-Stunde von Seedorf geht das
Land abwärts und macht ein anmutiges Tal, das durch die Ringbach bewässert
wird. In der Spitze dieses Tals liegt ein kleines Dorf, welches vor einigen
Jahren beinah ganz abbrannte und freilich jetzo um so schöner aussieht. Ein
Fusspfad leitet in der jähesten Ecke hinunter. Mein Oheim führte uns zum Müller
des Orts in den Garten, der in ein Baum-und Gemüsstück abgeteilt ist. Nun liebe
ich von meiner ersten Jugend an die Baumstücke am meisten, weil ich in einem
Bauergarten das Erstemal eine freie Aussicht, freie Luft, die Schönheit der
Wiesen und blühenden Bäume genossen hatte. Und gewiss, dass erste starke Gefühl
des Vergnügens bleibt und zieht uns immer zu diesen Gegenstand. Ach! möchte doch
jede erste Freude eines gefühlvollen Herzens aus unschuldigen Gegenständen
fliessen, weil diese Quelle niemals versiegt und immer reizend bleibt. Sie
liessen mich und Hannchen herum trippeln, bis sie uns am Ende des Baumstücks
stille stehen sahen, denn dort liegt ein zerbrochener Mühlstein an einem grossen
Birnbaum und ein Rebenstock ist an einem Pfosten hinauf über den Stein zum
Schatten gebogen. Hannchen und ich blieben stehen, weil wir zwischen dem
Traubengeländer und der Hecke hin die Aussicht in das ganze Tal hatten. Mein
Oheim führte mich aber näher zum Stein, in welchem diese Aufschrift gegraben
ist:
    »1772 hab ich, Hanns Kofel, 80 Jahr alt, bei dem Brand meine zwei Enkel,
Michel und Hanns Kofel, sammt 200 Taler Herrengeld hierher aus der Münle
getragen und bin nach dem guten Werk, aus Angst für meinen braven Sohn, der zu
viel wagte, auf diesem Steine selig verschieden.«
    O Liebe! wie weinte ich bei diesem einfachen Denkmal der Vaterliebe und des
treuen Untertanen, der Enkel und Herrengeld mit gleicher Sorgfalt rettete! Man
fand ihn zwischen den zwei Knaben hingesunken, die ihn immer wecken wollten. Der
Geldsack war unter ihn gefallen, und die armen Buben von sechs und fünf Jahren
sassen im Hemde auf den beiden Ecken seiner Jacke, die er für sie ausgebreitet
hatte.
    Mein Oheim drückte mir die Hand:
    Nicht wahr, Salie! der Hausvater-Tod ist auch ein schöner Tod? Der gute
Alte! In der Angst seines Herzens arbeiteten die Triebfedern, die in seinem
ganzen redlichen Bürgerleben ihn geleitet hatten. Nun Liebe! adieu.
 
                            Hundert und erster Brief
                            Rosalia an Mariane S**.
Ich dachte schon einigemal, meine Liebe, dass die immerwährenden Erzählungen von
dem, was um mich in unserm Seedorf geschieht und mein häusliches Leben angeht,
Sie wohl ermüden könnte, und freue mich in der Tat Sie mit einem neuen und
wahren Character bekannt zu machen, der nächstens bei uns erscheinen wird. Ein
Universitätsfreund meines Clebergs und Ottens, von dem sie lange nichts gehört
hatten, schrieb vorgestern an den letztern eine Art Geschichte von sich, die auf
einer Seite den eigensten willkührlichsten, aber auch einen von den
schätzbarsten Menschen bezeichnet. Sie sollen nicht alles lesen, weil viele
jugendliche Züge darin sind, die wenig Reize für sie haben könnten, obschon
nichts Unordentliches und Unanständiges darin ist, und ihm auch seine Freunde
das Zeugnis der besten Sitten geben. Herr Latten ist der einzige Sohn eines
reichen Kaufmanns und wurde nach dem Tode seines Vaters unter der Vormundschaft
seiner Mutter Bruder erzogen; welcher als Gelehrter den Geschmack des jungen
Menschen auf Wissenschaften lenkte, ihn seine Handlung für ein Stück Geld an
einen andern verkaufen liess, und seine Erziehung bis auf die Universitäts-Jahre
besorgte. Historie, Geographie, Moral und Poesie waren die von ihm ausgewählten
Lieblingsteile der Kenntnisse, die ihm gegeben wurden, doch beward er sich auch
fleissig um Geometrie und landwirtschaftliche Einsichten. Er kam auf die hohe
Schule und benutzte jede Gelegenheit, seinen Geist anzubauen. Seine beste
Belustigung bestund im Lesen der Dichter und Romane. Seine ihn anbetende Mutter
starb schnell, sein Oheim auch, eh er auf Reisen ging, und er wurde mit dem ein
und zwanzigsten Jahre sein eigener Herr und dabei eines sehr grossen Vermögens.
Der erste Gedanke über seine vollkommene Freiheit war, mit seinem Gelde so zu
wirtschaften, dass er memals kein Amt nötig hätte; viel zu reisen und immer mit
Anstand erscheinen zu können, ohne durch unbesonnenen Aufwand ein darbendes
Alter vor sich zu sehen. So beschloss er niemals zu spielen; nahm einen armen
aber mit vielen Fähigkeiten begabten Purschen mit sich nach Haus, wo der
unterscheidende Zug des Entusiastischen, so in ihm wohnte, sich bei Anordnung
des Denkmals zeigte, welches er seinem Vater, seiner Mutter und seinem Oheim
errichten liess; wo er nach den Ausdrücken von Liebe und Dankbarkeit am Ende den
Stein zu einem Zeugen gegen sich aufrief, wenn er je durch sein Leben etwas tun
sollte, das der Tugend und Güte seiner Verwandten unwürdig wäre. Er ging mit
seinem Freund auf Reisen, die er bald zu Fuss, bald zu Pferde oder in einer
Postkalesche machte. Zuerst besuchte er alle Orte unsers Teutschlands, die der
Aufentalt berühmter Männer waren; vorzüglich aber eilte er zu denen, deren
Geist er bewunderte, und deren Charakter und Handlungen am schiefesten
beurteilt wurden, und bald, sagte er, zerbrach ich jedes Modell, jeden Maasstab
von Verdienst, die mir von andern gegeben worden, oder den ich selbst
geschnitzelt hatte. Die Stücke davon liegen an der Schwelle von Wohnungen der
grossen Gelehrten. Ich fing an den Gang der moralischen Welt nach dem Beispiel
derer zu betrachten, die den Gang der Erdkugel berechneten, und ihn nur nach den
Tagen nicht nach den Nächten zählten. Ich suchte nur die helle Seite meiner
Nebenmenschen auf, und strebte mich das Wahre und Schöne zu finden. Es gibt
überall Leute genug, die den Fehler nachspähen, sie aufdecken und bekannt
machen. Ich habe kein Land, und kein Genie, hätte also weder den Plan einer
Regierung, noch den zu einem Buch zu nehmen, als die Wahrheit, dass man von ferne
das beste durch einen Rebel sieht, und im Uebel beurteilt. Nachahmen konnt ich
am leichtesten den willkührlichen Ton des Lebens und Gebrauch der Kräfte des
Geistes, der Umstände und Gewalt. Nach diesem wollte ich aus dem grossen Magazin
von Erdeglückseeligkeit auch für mich das nehmen, was meinem Gemütscharakter am
tauglichsten schien. Was für seelige Tage verlebte ich mit verdienstvollen
Personen in der Schweiz. Wie gestärkt und erhaben fühlten wir uns, mein Rohr und
ich, bei Durchreisung der Gedürge und Seen dieses wundervollen Landes. Wir
hatten der teutschen Joseph und Friederich ihre Gelehrte und Weise gesehen; und
durchwanderten im Lauf von vier Jahren Italien, Spanien, Portugall, Frankreich
und England, und giengen von dort durch Holland und Frankreich zurück. Ich hatte
mich diese Jahre über an Nichts, als Wissen, Sehen und meinen Rohr geheftet.
Mein Kopf wurde angefüllt; meine Seele oft bewegt und erschüttert, eigene, und
anteilnehmende Freude, Mitleiden und Menschenliebe, strömten oft, in und aus
meinem Herzen, aber dauernd und fest war und konnte nichts werden: weil vieles
reisen mir eine Gewohnheit des Abwechselns gab und endlich gar den schmerzlichen
Gedanken fühlen liess, dass ich nun nichts Neues, nichts Reizendes mehr finden
würde; weil ich alles gesehen, verglichen, das nemliche so oft angetroffen und
genossen hätte. Alles war in mir, wie abgenützt, nur noch der Keim eigener
Schwärmerei war unversehrt geblieben. Rousseau war seit meiner Abreise von
Frankreich gestorben. Ich machte eine Wallfahrt zu seinem Grabe. Starke,
melancholische, unruhige und mir süsse Bewegungen stiegen beim Anblick und
Auflehnen auf sein Denkmal in mir empor. Seine Schriften, der Park von
Ermenorville wurden die Welt, Ruhpunkt, Paradies und Glückseligkeit für mich.
Rohr beobachtete und bedaurte diese Stimmung meiner Seele. Sie nützen ihr Gefühl
ab, sagte er. Wenn Sie dies, was Ihnen jetzo so viele Freude gibt, lang
geniessen wollen, so entfernen Sie sich einige Zeit, und kommen zum neuem Genuss
zurück. Ich liess mich wegführen. Aber es blieb eine Leere in mir und ein
Widerwillen an Städten und Gesellschaften. Doch ging ich mit Rohr nach Hause,
und fand mein Vermögen und meine Bekannte in guten Umständen. Rohr verlangte
auch in seine Heimat; ich begleitete ihn und befestigte sein Glück nach meinen
Kräften, da ihm ein abgelebter Vater seine Stelle abtrat. Ich nahm meinen
Rückweg allein; blieb in Dörfern, deren Lage mir gefiel, einige Tage liegen;
lernte in dem einen Feldarbeit, und feuerte ein Paar junge Bauern zu bessern
Fleiss an; half eine Schule bauen; kaufte ödes Land von dem Gemeinplatz; machte
es urbar, und legte es dem Pfarrer und Schulmeister zu.
    Das Danken und Achtung geben der Leute fiel mir beschwerlich; und ich ging
bei Nacht und Nebel fort, kam Abends spät auf ein dem Herrn von Grünburg
gehöriges Gut, war müd, und legte mich nach einer kurzen Mahlzeit schlafen. Ich
hatte ungefähr eine Stunde geruht, da hörte ich eine Kalesche kommen und in der
Kummer neben der meinen ein Bette bereiten, in welches endlich zwei Reisende
kamen, aus deren Unterredung ich fand, dass der eine ein Sohn eines Beamten, der
andre ein abgesetzter Schreiber sei, die sich sehr liebten und über den Geitz
und die Härte des alten Beamten wehklagten, dessen Sohn mir ein gutartiger
Mensch schien, da er unter andern jammerte, sein Vater nähme nun vielleicht
einen schlechten unvernünftigen Purschen an des Schreibers Stelle, oder einen
listigen und bösen, dem er sich nicht anvertrauen, nichts von ihm lernen und
auch den Untertanen nichts gutes würde tun können. Bei dem Geschwätz der
beiden Leute fiel mir ein, mich als Amtschreiber anzugeben und den Dienst eine
Zeitlang zu versehen, möge er auch Beschwerden haben, wie er wolle. Es dünkte
mich herrlich, eine solche Verläugnung meines Wohlstands auszuüben, und den
jungen Beamten in seiner Begierde des Wissens und Wohltuns zu stärken. Ich
stellte es auch den andern Tag mir dem Wirt an, dass er mich vorschlagen möchte.
Ich gefiel dem jungen Mann; und ging gleich eine geringe Besoldung ein, worauf
er mich mit sich nach Grünburg nahm, um mich seinem Vater vorzustellen. Ich
erzählte ihm unterwegs, eine Geschichte von mir, die ich auch dem Vater
wiederholte der mich unter dicken, finstern Augbraunen heraus stark betrachtete.
Es war ihm lieb, dass ich keinen Wein tränke, und er versprach mir alle Quartal
einen Gulden mehr, also des Jahrs vier Gulden Zulage zu geben; und ich sollte
Abends ein Stück gedörrte Wurst und etwas Butter haben; weil sein Dienst ihm
selbst nicht viel trüge könne er auch nicht viel geben. Das Hans hiess die Neue
Burg, weil es nach Zerstörung der Alten auf eine Anhöhe gebaut wurde. Man gab
mir ein Stüdchen im dritten Stocke, denn der Beamte schlief bei dem Geldgewölbe
ganz unten, um bei Feuersgefahr sich und seine Kiste gleich retten zu können,
und sein Sohn musste im Vorzimmer liegen, um bei Angriff von Dieben bei der Hand
zu sein. Meine Treppentüre wurde verriegelt und versperrt, damit ich als ein
unbekannter Mensch, nichts in dem Hause anfangen könnte. Zu allem Glücke hatte
man mir ein klein Krügelchen Lampenöhl auf vier Tage mitgegeben, so, dass ich
mein Licht konnte brennen lassen. Eine lange bis auf den Kornspeicher laufende
Wendeltreppe führte in mein Stübchen, wovon die Wände und Decke getäfelt, aber
vor Alter und Schmuz so schwarz waren, dass es des Nachts bei dem schmalen
niedrigen Bett ohne Vorhänge, ein Leichen Kämmerchen zu sein schien. Die Decke
war voller Spalten zwischen denen von Speicher herab, Haberkörner fielen, die
ich sammlete und auf dem halb vermoderten Blumenbret vor meinem Fenster für die
Vögel hinstreute, die ich auch, bei nachgekauftem Futter so anzog, dass sie mit
im Winter durch eine ausgehobene Scheibe in meinem Zimmer aus und einflogen.
Meine Aussicht war herrlich. Auf einer Seite über den Garten des Beamten hinaus,
eine weite Strecke Fruchtland, und schöne Wiesen an einem Bache hin, den ich
eine halbe Stunde von da die waldigte Anhöhe herunter stürzen sah. Gerade aus,
ein einzelner grosser Bauernhof, der an dem Fusse des Hügels liegt, auf dem die
Trümmer der ehmaligen Burg stehen, deren mit Eichen bewachsene Ueberbleibsel der
ganzen Gegend eine malerische Schönheit geben. Der von der Seite hinab
geführete, auch zerfallene Treppengang gegen die Pfarrkirche, von welcher ich
die Chorfenster über den Kirchhof hin sehen konnte das alles machte mir des
Morgens da ich von meinem harten Lager aufstund viele Freude. Ich überdachte
dabei den Schritt, den ich durch Antretung dieses mühsamen Diensts gemacht
hätte, und was man wohl von mir sagen würde, dass ich einen solchen Sonderling
spielte? Aber ich sagte: Sollte mir wohl viel an dem Geschwätz der Menschen
gelegen sein, die ich nun in dem halben Europa gesehen habe. Ist in der ganzen
Masse ein solches Gemisch von Weisheit und Torheit: Warum soll es nicht in mir
sein? Dürfen anderwärts die edelsten Jünglinge ihr Leben und Vermögen elend und
niedrig verprassen, und ich sollte wegen des ungewöhnlichen Guten mich scheuen?
Um sechs Uhr öfnete man meine Treppentüre; und ich bekam von dem Beamten eine
Einladung zur Kirche, weil es eben Sonntag war. Nach der Predigt zeigte er mir
die Liste meiner Arbeit und der Stunden, die er mir dazu vorschrieb, und die
Frau wies mir das ganze Haus. Mein Stübchen, ein Kämmerchen und eine kleine
Küche war der Witwensitz einer Anfrau des Herrn von Grünburg. Von der Küche war
im Winkel, den die Schneckentreppe an der Mauer hin machte, eine Art von Keller
angebracht, worin die ehrwürdige alte Frau ihren kleinsten Vorrat verwahrte.
Das Nachdenken und Vergleichen der Schicksale und der Genügsamkeit der Ahmen mit
Begebenheit und Erfordernissen der Jetztlebenden machte mir, von da an, meine
Wohnung doppelt wert. Ueberreste von uralten Hausgeräte, Bildnisse von Rittern
mit ihren Frauen; die Männer in Rüstung und mit Hunden; die Frauen in alter
Kleidung mit Blumen oder einem Handschuh in den Händen; die einfache bescheidene
Stellung alles däuchte mir wahrer, und näher bei der Natur, als wir. Der Mann
mir den Zeichen des Muts, die Frau Blumen, Zierlichkeit, Schönheit und sanftes
Wesen andeutend, die breiten schwarzen Rahmen dabei; dann die grosse Stammtafel
in einem Schrank, der erste Stiften im Harnisch daliegend; ein Baum aus seinem
Herzen entstanden, in so viele Zweige und Aeste verbreitet, Tugend, Ehre die aus
seiner Seele quollen, allen zum Leben ausgeteilt, war mir ein schönes rührendes
Bild der Hoffnung der Alten auf immer ähnliche Kinder. Die grossen Hirschgeweihe
im Speise-Saal; die Treppe, welche aus diesem Zimmer gerad in den Keller ging,
die Glasschränke, die über den Treppenhals angebracht waren; grosse knotige, und
andre alte Gläser als Waldhörner, wilde Schweine und Vögel gestaltet; Weinkrüge
mit langen dünnen Hälsen, all dieses freute mich ungemein. Zu dem hatte, nur
eine halbe Stunde von da, ein anderer Edelmann ein schönes Schloss im neuen
Geschmack erbaut und eingerichtet; und nur ein paar Flintenschüffe davon stand
eins von Anfang dieses Jahrhunderts; so, dass ich in dem kleinen Bezirk einer
Stunde Beweise des Geschmacks und der Sitten der Edlen aus verschiedenen
Menschen-Altern vor mir hatte.
    Der Beamte war stolz, geitzig und harterzig; sonst, voll Verstand seiner
Zeit und seines Amtes; in Geschäften und Rechnungen fleissig und genau,
ordentlich und eigensinnig dabei. Die Frau eine sehr geschickte Hauswirtin,
schmeichlerisch und voll Ziererei, aber reinlich in allem; sprach viel von der
alten gnädigen Frau bei der sie Cammermagd gewesen; trug Sonn- und Feiertags die
stoffenen Kleider, die sie von ihr geschenkt bekommen hatte. Sie zeigte mir in
der Pruntstube ein Bett und Stühle von weissen Canevas mit zerstreuten Blumen in
farbiger Englischer Wolle genäht. Die Geschichte dieses Betts und dieser Stühle
kam nach. Das alle bunte Blümgen aus lauter kleinen Fäsergen und Stümpgen Wolle
gestickt wären, die sie vom Boden aufgehoben und gesammlet hatte, als die
gnädige Frau mit ihren Fräulein Lehnstühle nähre, und aus Ungedult oft die Fäden
abrissen und wegwarfen. Die nahm sie alle beim Auskehren, zog sie gerad; legte
Rot zu Rot, und Grün zu Grün, alles in eigene Papiere. Als die Lehnstühle
fertig waren, machte sie sich den Spass ihre Bündelgen der gnädigen Frau zu
weisen, die sich verwunderte, dass so viel zu Grunde gegangen wäre. Der gnädige
Herr sagte auch, darum wäre des Wollekaufens kein Ende gewesen! dann wurde
gefragt: was sie mit den armen Trümmergen machen wollte?
    Ey! ein Wams von meinem selbst gesponnenen Canevas damit sticken! Wenn ich
Else wär, (sagte der gnädige Herr mit lachen) so stickte ich mir ein Brautbett,
denn du wirst ja Frau Amtmännin!
    Da stieg ihr in den Kopf. Aus dem Spass wurde Ernst. Die gnädige Frau
schenkte ihr die noch übrige Wolle und etwas Flachs. Baumwolle kaufte sie selbst
und bekam so viel Canevas als sie brauchte; bleichte und stickte ihn, und da
hatte sie im dritten Jahre hernach ihr Bett, ihre Stühle und ihren Mann. Das
Holzwerk hatte man ihr auch geschenkt, weil die alten Ueberzüge von den Matten
zerfressen waren. Gelacht hatte man oft; wenn sie so fleissig nähte, so hiess es:
sie hätte gern bald einen Mann, aber sie tat noch mehr, denn sie vernähte die
übrige Läpgen Canevas zu einem Taufzeug, und zwei Kinderhäubchen. Denn nach der
Braut kann ja eine Wöchnerinn kommen, dachte sie; sagte aber Niemand Nichts, als
bei ihrer Heirat. Hierin, sprach sie, bei Aufschliessung eines Schranks, (ein
Häubgen und Decke weisend,) ist mein Friedmann getaufft worden, die Mädchenmütze
konnte sie nie brauchen, weil sie kein Kind mehr bekam. Aber ihre
Schwiegertochter würde froh sein, es zu finden. Ich ergötzte mich an der Frau,
die mir in ihren weissen Zeugschränken ihren Fleiss, ihren Verstand und ihr Glück
zeigte. Ich musste die Bettpfühle in die Höhe heben. Lauter Federn und Pflaumen
von selbst gezogenen, und mit Nutzen verkauften Gänsen waren darin. Alles
Leinen war von ihr; denn sie hatte nur vier Betttücher, und nur für dreimal
Tischzeug mitbekommen, allen Flachs selbst gehechelt, alle Gemüse selbst
gepflanzt. Sie kocht die Seife selbst, hilft waschen, giesst Lichte, näht,
strickt und kocht für alle, nicht zu vergessen die Milch, Butter und Käse,
getrocknetes Obst und Schaafe, die sie zieht; schwarze und weisse Wolle
vermengt, das dann dem Manne und Sohne Alltagskleider gibt, die recht gut
stehen. Die Baumwolle behält sie für sich zu Kamisölchen; denn sie lässt sie mit
weissem Garn in Streifen wirken, und das sieht wie Stof. Ich bewiess ihr meine
aufrichtige Hochachtung darüber. Es freute sie herzlich; sie drückte meine Hand
und empfahl mir ihren Friedmann. Sie wollte schon manchmal Etwas in mein
Stübchen bringen, das mich freuen sollte. Ihr Mann sei ein wenig zu streng; aber
ein geschickter Mensch, wie ich; wüsste sich in Alles zu schicken; sie blintzte
mir dabei freundlich zu. Den Tag darauf, war die Frage von einem Streit, den
zwei Gemeinden über die Gränzen hatten; Ich sagte, da müsste man das Land nach
den Lagerbüchern abmessen, wo alle Morgen und Ruten beschrieben sein müssten;
ich verstünde das Feldmessen. Das freute den Alten; ich sollte es seinen Sohn
(aber umsonst) lernen. Denn ich müsse ja in seinem Dienst arbeiten. Ich
bewilligte alles, und bei diesen Beschäftigungen auf dem Lande hatte ich
Gelegenheit, den jungen Mann recht kennen zu lernen; umzubilden; im Guten zu
stärken; mit den Bauern zu reden, die bald gern in allen folgten, und mich lieb
gewannen; denn es war den guten Leuten so fremd, so ungewohnt, dass man liebreich
mit ihnen umging, und darauf bedacht war, ihr Leben zu versüssen und ihnen auch
ihre Arbeit vorteilhaft zu machen, denn bisher hatte man sie gedrückt und
ausgesogen. Sie merkten, dass der junge Beamte besser sein würde, als der Alte,
und fingen wieder an, froh auf ihre Kinder und Felder zu sehen. Ich wurde von
den Eltern gesegnet und von den Kindern geliebt, und niemals habe ich meinen
Kopf und Herze besser genossen, als bei diesen guten Leuten!
    Heute Latten so weit! Die nächste Woche das Uebrige, wenn Ihnen der Mensch
eben so gefällt, wie mir. Er soll dazu schön sein, wie Benjamin West. Gefährlich
für mich, sagt Cleberg, weil er ein melancholischer Schwärmer wäre. Wir wollen
sehen, wenn nur muntere Mädchen für Cleberg nicht gefährlicher sind.
 
                           Hundert und zweiter Brief
                            Rosalia an Mariane S**.
O meine Liebe! wie viel verborgenes Weh, und was für gehässige, einem
wohlwollenden Herzen unglaubliche Art Menschen wohnen mit und neben uns auf der
guten Erde; Gott sei Dank! dass es gewiss eben o viel unbekannte Freuden und
Tugenden gibt, die den Himmel wieder aussöhnen, und uns vor einer neuen
allgemeinen Verwüstung bewahren; dieser Anfang meines Briefs muss ihnen sonderbar
scheinen; aber, wenn Sie nun das Uebrige von Herrn Lattens Schreiben werden
gelesen haben, und Da Sie mich kennen, so wird es Sie ganz natürlich dünken, dass
ich in diesen Ton geraten bin. Herr Latten fährt fort:
    »Nachdem ich etwas über fünf Monate da gewesen, wurde ich krank und musste
mein Zimmer hüten; konnte aber dabei herumgehen und schreiben; ich ging manchmal
an mein Fenster, um mich des Morgens an der schönen Aussicht zu erquicken, da
sah ich den zweiten Tag einen Hügel herunter, eine liebenswürdige Gestalt
langsam gegen die zerfallene Schlosstreppe gehen, an einem Stocke heruntersteigen
und auf dem Kirchhof, zwischen den Gräbern hin, an den abgesonderten Platz
schleichen, wo die sogenannten armen Sünder verscharrt werden. Sie setzte sich
auf den Absatz der Mauer, (ich hatte mich gleich Anfangs zurückgezogen, um sie,
von ihr ungesehen, zu beobachten) lehnte ihren Stock neben sich, faltete ihre
Hände, streckte sie mit einer Art von ringender Bewegung auf einem ihrer Kniee
aus, senkte mit kummervoller Anmut ihren Oberleib und Kopf gegen diese Seite,
und schien den Platz eines elenden Grabhügels zu betrachten; sah von Zeit zu
Zeit gen Himmel und mit sanfter Wendung des Hauptes auf dem Kirchhof umher;
weinte, betete, brach Blumen von dem Grabe und ging endlich matt und schwankend
den Weg zurück, den sie gekommen war. Ihr Gesicht konnte ich nicht sehen, weil
mein Zimmer zu hoch von dem Kirchhof abstund; aber, sie däuchte mich jung, schön
und nach Kleidung und Gang von der besten Erziehung zu sein. Für mich hatte sie
etwas so Anziehendes in ihrem ganzen Wesen, dass ich lange nicht von meinem
Fenster und von der Betrachtung des Platzes kommen konnte, wo ich sie gesehen
hatte. Ich vertiefte mich mit in den Kummer, der sie zu den Gräbern geführt
hatte. Aber der Platz, den sie gewählt, und wo sie Blumen gepflückt hatte, war
das, was mich beinahe am meisten staunen machte. Ich hielt mich nun öfter an
meinem Fenster auf, und sah in den folgenden Tagen wohl tausendmal nach dem
Wege, den ich sie von der Anhöhe her hatte kommen gesehen. Es verflossen wohl
acht Tage, ehe ich sie wieder erblickte. Da sass sie auf einer der obersten
Stufen der Treppe mit einer Bauerfrau, die ein Kind von einem Jahr auf dem
Schoss hatte, welches die junge Person streichelte und küsste; aber auch
dazwischen weinte; der Bauerfrau die Hände drückte; ihre eine Achsel mit ihren
Händen fasste und dann eine Zeitlang ihren Kopf auf sie lehnte. Die Bauerfrau
weinte mit, suchte sie aber zu trösten und wie mich däuchte, so versicherte sie
sie mit dem redlichen Herzen, das in ihrer einfachen Bildung lag, dass sie sie
und ihr Kind treulich liebe, und fort lieben wolle. Sie nahm darauf das Kind
selbst und drückte es mit beiden Armen an ihre Brust; während ihre Augen starr
und sehnend gen Himmel erhoben waren. Ich hatte sie durch mein Fernglas
betrachtet. Ihre Gesichtszüge waren fein, ausdrucksvoll, äusserst weiss grosse
blaue Augen, schöne Haare, schönen Mund, abgezehrte Arme und auf den Wangen war
die carmoisin Röte, die bei jungen abzehrenden Leuten sich immer einfindet. Ich
vermutete nun, dass sie auf eine unglückliche Weise Mutter geworden, von ihrer
Familie gestraft, von dem Verführer verlassen, und durch Reue und Elend ihrem
frühen Tode entgegen geführt werde. Ihre Kleidung war reinlich, passend aber
armselig, so wie auch des Kindes seine umhängende Läpchen zu sein schienen. Aber
seine ganze Gestalt war Schönheit des Kindes der Liebe, und sehr munter in allen
seinen Bewegungen.
    Dieses unschuldige Geschöpf, so voller Leben und Anlage zur Freude aus dem
Schoss der Natur in den hinfälligen Armen seiner jungen und seines Daseins
willen kraftlosen Mutter, sein Schicksal nicht ahnend, nichts von dem
zerreissenden Jammer des Herzens fühlend, unter dem es Geist und Kräfte
eingesogen hatte, die ringsum reich tragende Gegend, und die zerfallenen
Schlossmauren, der Kirchhof, alles, vielleicht die damalige Schwäche meines
eigenen Körpers brachte mich zu wehmütigen Gedanken, über das menschliche
Elend, und die so nah dabei liegenden Freuden, dass ich herzliche Tränen vergoss,
und mir dabei vornahm mich nach der Person zu erkundigen, die mir arm schien,
und auch Sorge für das Kind zu tragen.
    Ich fragte den jungen Beamten, der mich alle Abend besuchte, nach der
Person, die mit auf dem Kirchhofe, und der alten Schlosstreppe erschienen war?
Sie ist die Wittwe eines jungen Strassenräubers, der bei einem Angriffe im
benachbarten Walde geblieben, und auf den Armen-Sünderplatz begraben wurde.
Gott! was für ein Schauer durchlief mich! Das mich so anziehende, weibliche
Geschöpf, Wittwe eines Räubers! Mit alle dem moralischen Gefühlen, die ich in
ihr zu sehen glaubte, hatte sie einen Strassenräuber geliebt, sich ihm ergeben!
Das Kind, das ich erziehen wollte, aus Räuber vielleicht auch Mörder-Blute
entsprossen! Sein Vater, seine Mutter jung, und dieses Leben!
    Ich war stumm und starr bei dem innern Gewühle dieser Gedanken. Ich fragte
meinen Freund noch den folgenden Tag, um die Geschichte, die mir fürchterlich
war, die ich nicht glauben konnte, nicht glauben wollte und eben so elend
darüber wurde, als ob sie meiner Schwester begegnet wäre. Friedmann brachte mir
das Gerichts-Protokoll, in welchem der ganze Vorgang beschrieben, und von dem
Schwager der Wittwe ein Eid abgelegt war, dass ihr Mann mit den Räubern
einverstanden gewesen, zu ihnen aus der Schaise gesprungen, seiner Frau, die er
herausgezogen, was zugeredt, und sie darauf weggelaufen sei, Er und seine kranke
Frau darauf angefallen, geplündert und seine Frau so misshandelt worden, dass sie
kurz darauf gestorben wäre. Das Protokoll sagte auch, dass die Wittwe des
Erschossenen mit Aechzen und Flehen von der Unschuld ihres Mannes gesprochen und
versichert, dass er sie alle hätte retten wollen und deswegen den Räubern sein
Geld und Uhr zugetragen habe. Aber, setzte Friedmann hinzu der Eid ihres
Schwagers und die Aussage des Kutschers waren gegen sie und sie erhielt nur zu
Ertach die Freiheit, im Hirtenhause zu wohnen, weil der benachbarte Pfarrer gut
für sie sagte, und sie von Jugend auf gekannt hatte. In dem Hirtenhause wäre sie
mit dem Knaben niedergekommen, und seit ihren Wochen immer kränklend. Der alte
Pfarrer sei vor einigen Tagen gestorben, deswegen würde sie um so trauriger
sein, weil ihr dieser so viel Gutes tat. Ich war immer still, und lass nur die
Stelle des Protokolls, wo von ihrem Hinknien und dem Beteuren der Unschuld
ihres Mannes die Rede war. Ich bedauerte den Tod des alten Pfarrers, der mir so
viel Licht hätte geben können, doch seine Frau lebte und zu dieser ging ich, so
bald ich wohl war, aber das dauerte noch sechs Tage. Von der Pfarrerin hörte
ich, dem Himmel sei Dank! Gutes von der Redlichkeit des armen Todten und seiner
Wittwe, die nirgend keine Verwandte mehr hätte. Ihr seeliger Mann habe sich der
Ehre des Entleibten und der Frau angenommen; aber man glaubt bei uns, (sagte
sie) einen Geistlichen nicht so viel, wie bei den andern Religionen, und die
Wittwe ist arm und ohne Freund, wer wird ihr Recht schaffen? Es wäre ihr Glück
gewesen, dass vor zweihundert Jahren eine Edelfrau bei dem Hirtenhause mit
Geburtsichmerzen befallen worden, dass sie nicht weiter gebracht werden konnte,
und froh sein musste, in der Hütte zu genesen; diese habe dann eine ewige
Stiftung gemacht, dass man alle atme Schwangere dort aufnehmen und ein
Bierteljahr verpflegen solle. Der Herr von Ehrtach hatte nachdem erlaubt, dass
die arme traurige, so kang sie lebe, da sein dürfe, und ihr Kind ins Waisenhaus
sollte, wenn es drei Jahr sein würde. Aber dies hätte man ihr bisher nicht sagen
dürfen, weil sie das Kind gar zu lieb hätte und ihr seeliger Mann ihr auch
versprochen hätte, es mir seinen Enkeln zu erziehen. Wir wollten sie mit
Kleidung und Wäsche unterhalten. Denn die Stiftung gibt nur ein Stübchen, Bett,
Holz, Habermehl, Salz Brod und etwas Schmelzbutter, wenig und klein, doch so,
dass ihre Wohnung nicht übel ist. Sie lässt der Hirtin alles, was sie von der
Stiftung kriegt, und isst Brei und Suppe mit ihrem Kinde. Denn Brodt kann sie
nicht mehr geniessen, und weisses haben wir im Dorfe nicht alle Tage.« Von der
Niederkunft, von den Wohltaten, die sie und ihr Mann der Unglücklichen erzeigt,
konnte die Frau Pfarrerin sehr lang und ordentlich erzählen; aber die Geschichte
wurde mir nicht klar. Sie mengte Vorwürfe darunter: Man sollte nicht höher
fliegen wollen, als einem die Federn gewachsen wären; und dann von einem
liederlichen Bruder, der gemeiner Soldat geworden, und mit einer Marodeur Bande
herum gezogen, und seinen jüngern Bruder selbst erschossen habe! Nun machte ich
Bekanntschaft mit dem Hirten auf dem Felde, dessen einfache Reden und
Bemerkungen meine Ideen und Entschlüsse festsetzten. Ich fand ihn bei seinen
Kühen an einem Baum gelehnt, die Hirtenflöte recht gut und mit anständigen
Geberden blasend; ein starker hübscher Mann, handbest, aber freundlich in seiner
Miene. Ich sah, dass er meine Freimütigkeit verdiente, und fragte ihn gleich
nach der Frau und dem Kinde die bei ihm wohnten. Er betrachtete mich schweigend
und genau; endlich sagt er: Warum fragen Sie nach ihnen, mein Herr? Weil mich
beide dauern, und ich der Mutter und dem Kinde Gutes tun möchte. Er sah mir
noch forschender ins Gesicht und fiel ein: Ey, sie sind; wie mich däucht, der
Herr Amtschreiber von Grünburg, Ja, mein Freund! kennt ihr mich? Nun reichte er
mir seine Hand ja Herr! ich kenne sie! Gott lohne ihnen, was sie dem armen
Söldner Jacob vor acht Tagen Gutes taten! Er ist mein ältester Bruder: Es ist
ein redlicher Mann und ich hab ihn gerne. Ich bin auch redlich. Sagt mir doch
was von der Frau und ihrem Kinde; es wird euch nicht gereuen. Er sagte lebhaft:
Gewiss nicht, Herr! denn ich kann nichts sagen, das ihr Schaden täte, und das
wär', was mich reute! Warum gebt ihr nur eine so stutzige Antwort? Ach, Herr
Amtschreiber! Ich weiss wohl, dass sie recht gut mit den Bauerleuten sind; aber,
ich muss es nur sagen, es verdross mich, dass sie von der Redlichkeit meines
Bruders sagten, und von der ihrigen, und dann von mir dachten das Versprechen:
es wird euch nicht reuen! werd mich gleich alles her erzählen machen, was ich
von der armen Frau wisse! Hirt! gebt mir eure Hand! Ihr seid ein eben so braver
Mann als euer Bruder! Die Anliegenheiten eurer Freunde sind euch also nicht um
Geld feil; aber, ich meinte es nicht so, sondern ich wollte euch die Sorge
nehmen, als ob der Frau Leid geschehen könnte, wenn ihr was von ihr sagtet;
denn, sehr! ich möcht ihr helfen; aber, ich muss doch wissen wie? Die Mutter,
Herr Amtschreiber, wird keinen Menschen mehr viel kosten! der hilft Gott, denn
sie ist ausgezehrt, wie ein Marterbild und geht dem Himmel zu. Aber dem Kinde!
nun das wird dem gewiss vergolten, der es tut. Ich hab den Gottes Lohn verdienen
wollen aber, der arme Bube ist mir so lieb, dass ichs ihm gern gönne, wenn es ihm
besser geht.
    Guter Mann! Ihr sogt mir alles, nur das nicht, was ich wissen möchte. Lieber
Herr Amtschreiber! ich glaub, sie wissen schon Alles, was man ins Protokoll
gesetzt hat, und was kann da ein armer gemeiner Mann gegen ein Amtsurtel sagen,
wo noch dazu ein Reicher einen Eid geschworen hast Hirt! Soll ich jezt auch böse
werden, weil ihr über die Amtsurtel so verdächtig redt? Er schien etwas
betreten, fasste sich aber gleich: Verzeihen sie mir Herr- Amtschreiber, aber,
der Eid von einem reichen Manne und ein Amtsurtel sind Schuld dass ich Hirt bin;
und sind Schuld, dass die Frau im Spital stirbt, da ist eins zum andern gekommen,
und hat mir warm gemacht! Ich erkannte in allem was er sprach und an seiner
Miene einen vernünftigen und entschlossenen Mann, und verlangte von ihm die
Geschichte seines Lebens und die, von der armen Frau; er möchte mich dagegen
auch fragen was er wollte, ich würde ihm nach der Wahrheit antworten. Herr! Sie
sind ein neuer Schlag von Amtschreibern, Wenn es vor sechs und zwanzig Jahren so
einen gegeben hätte, aber was nutzts daran zu denken! Gott hat es so haben
wollen, dass mein Vater und Osan Schulteiss und ich Hirt sein soll; es ist gut,
recht gut, wenn alles im Gewissen ruhig ist. Ein redlicher Hirt in unserm Dorfe
und dem kleinen Spital, der den armen Kranken ein Wort von Gott und Christo den
Herrn zu reden und vorlesen kann, ist auch was wert, und den Bauern ist an
ihren Kühen eben so viel gelegen, als dem Fürsten an seinem Mahrstall, und den
lieben Vieh tuts auch gut, wenns einen treuen freundlichen Hirten hat! Dies
sagte er Alles vor sich hinsehend mit halb nachdenkendem, halb vergnügtem
Gesicht, als ob er mit einem Dritten redete. Ich klopfte ihn auf die Achsel:
Mann Gottes! ihr seid doch nicht gar zu wohl zufrieden, Hirt zu sein!
    Manchmal kommts; aber, wenn ich denk, dass vor Gott alles gleich ist, so ist
mir alles recht; ich wär' doch nichts, als Bauer oder Schulmeister worden, aber
das hätt' mich am meisten gefreut, und de alte Pfarr hatte mich auch abgericht.
Gott vergelt ihm noch seine Bücher. Was habt Ihr denn für Bücher von ihm?
Predigten, Gebeter und Auslegung vom Catechismus, zwei Bücher von der Viehzucht,
vom Futter, Kräutern, Vieharznei; und eins, zu was der Ehrenpreis, die Salbei-
die Camillen und Schaafgarben für Menschen gut sind; das hat mir viel geholfen.
Dadurch könnt ihr ja der beste Hirt im ganzen Land werden! Seid es gern. Ein
ehrlicher und geschickter Mann ziert einen jeden Stand, ihr könnt dem gemeinen
Wesen mehr nützen, als ihr glaubt, und ich bin sicher, dass die ganze Gemeinde
was auf euch hält! Herr! das ist wahr und ich darf auch zwei eigene Küh halten,
Wind und Wetter tut mir nichts; Gott lass es mich zur guten Stunde sagen, ich
bin Jahr aus, Jahr ein so gesund und frisch, wie ein Bogel. Es freute mich, eine
Bewegung von Stolz in ihm zu sehen, als er mir seine Gesundheit rühmte, und auch
das gefiel mir, dass er immer während dem Reden einen kleinen Pfiff durch die
Finger tat, worauf der Junge abgericht war, und gleich die Heerde zusammen
hielt. Ich erzählte ihm dann, dass ich das Dienen nicht nötig hätte, und warum
ich es getan. Das wunderte ihn sehr, und ich musste ihm meine Ursachen recht
deutlich sagen. Er rührte mich innig, als er mit seinem Hute in der Hand mir
sagte: Nun, Herr, wenn sie das Gott und den armen Bauern zu Liebe getan haben,
so verdienen sie einen schönen Platz im Himmel. Er schwieg etwas und dann fuhr
er fort: Jetzt ist es mir recht, dass sie mir zugeredt haben, ich soll ein guter
Hirt sein, denn im Anfang dacht ich, der hat gut reden. Aber, so, Herr! das ist
viel. Gott vergelts ihnen in ihrer letzten Stunde mit vielem Trost! aber, er
aber, er hielt inne und sah mich fragend an. Nun, was aber? was wollt Ihr
wissen? Ey Herr! ob es Sie nie gereut hat. Nein, bei Gott! nicht einen
Augenblick und ich bin auch um eurer Bekanntschaft willen froh, dass ich diesen
Dienst angenommen habe. Lächlend sagte er: Es ist doch wahr, was man sagt, die
Freiwilligen dienen am besten, und wagen am meisten. Er musste mir
Verschwiegenheit versprechen, und ich erzählte ihm nun, was ich von der Frau im
Hirten-Spital gesehen und gehört hatte, und bat ihn um seine Nachrichten von
ihr. Herr! das erste, was ich hörte, war, dass im Walde von Alt-Grünburg eine
Kutsche angegriffen worden, und dass einer von den Spitzbuben am vorletzten Ort
mit seiner Frau um einen Platz in der Kutsche gebeten hatte, dass sie des Handels
sicherer wären, den hätte man aber erschossen und seiner Frau sitze zu Grünburg.
Nun bei dem Protodoll und beim Eid des einen Herrn hat man sie losgesprochen,
und sie kam krank ins Hirtenhaus. Die Kindeswehen dauerten viele Tage mit Gicht
und Krämpfen bis sie endlich den armen Jungen zur Welt bringen sonnte. Mein Weib
und ich, hatten noch mit niemand mehr Mitleiden. So jung, so gut und so eine
saubere Frauensperson war sie; der alte Pfarrer stund gut für sie und ihn. Er
hatte sie zusammen gegeben. Aber der Eid und das Protokoll war da, und der
Mensch todt. Die andere fort. Sie schrie oft: gottloser, gottloser Bruder! O du
armer Wilhelm! Du unschuldiger Märtyrer! u s. w. Aber das hätt' mir nicht viel
gegolten, wenn ihr Gebet nicht gewesst wär. Sie betete als Kind mit Vertrauen,
nicht mit Furcht als Magd, und das war mir das Zeichen der Wahrheit und
Unschuld. Da sorgte ich doppelt für sie. Der Pfarrer seliger starb jähling.
sonst wär es ihr noch gut gegangen. Sein Zuspruch und christliche Betrachtungen
über den Willen Gottes haben sie getröstet; aber sie zehrt doch aus, sie hat
ihrem Schwager wegen dem Kinde geschrieben, aber er hat keine Antwort gegeben.
Ich wett' mein Leben, dass sie und wie sie sagt, ihr Mann unschuldig sind. Es
hilft aber oft nichts als im Himmel, mein Vater ist auch unschuldig gewesst, und
ist doch ausgepfändt worden, und aufm Stroh gestorben, und ich im zehnten Jahr
ein Bettelbub geworden, und war der Beste in der Schul, nun alles in Gottes
Namen! Amen-Hier hatte er seinen Hut zwischen seinen gefaltenen Händen, und der
redliche Ausdruck seines Gesichts bei den letzten Worten, und seine Bemerkung,
dass die Frau als Kind nicht als Magd gebetet, sein gutes Weib, seine zwei
Kinder, die Reinlichkeit, die Genügsamkeit und der Fleiss, das Buch in dem er die
Kranken aufschrieb, die im Hirtenhause allzeit zwei Nächte bleiben dürfen, und
dann mit Frohnfuhren auf das nächste Dorf geliefert werden; seine wahren und
einfachen Gedanken über die Leute und ihr Schicksal, auch die Aufzeichnung
dessen, was er für sie getan, so, als ob er mit sich selbst geredt hätte; kurz
abgebrochen, das war mir lieb. Ich bat ihn, der Frau nur im Anfang von meiner
Redlichkeit zu sagen, und dass er im Sinn habe, mich zu bitten, in das Amtsbuch
ein Zeugnis von der Unschuld ihres Mannes zu setzen, das einmal ihrem Kinde gut
sein könne. Dann wollte ich einmal selbst mit ihr reden. Ich gab ihm Geld, um
sie zu laben und bat ihn, zu einem Arzt zu gehen. Aber der gute Mann hatte es
schon getan und keinen Trost erhalten. Sie sollte nichts tun, als halb Milch,
halb Wasser mit etwas Honig trinken und Brei essen. Ich ging halb traurig, halb
vergnügt nach Hause. Ich setzte auch wirklich eine Ehrenrettung für den
Verstorbenen auf, so weit ich von der Sache Kenntnis hatte. Der Hirt kam den
zweiten Tag zu mir und bat mich, bald nach Ertach zu kommen, weil die arme
Person täglich schwächer würde, und sie möchte so gern mit mir von ihrem Mann
sprechen und ihr Kind empfehlen. Ich ging hin, stieg die schmale Treppe in ein
enges Kämmerchen. Ein schlechtes aber doch reinliches Bett, zwei hölzerne Stühle
und ein an der Wand festgemachtes Tischgen war alles was darin Platz hatte. Die
arme Verlassene stund, so bald der Hirt mich genannt hatte mit ihrem Kinde auf,
kniete, legte das schlafende Kind vor meine Füsse: Ach Herr! um des armen Wurms
willen retten sie die Ehre seines unschuldigen Vaters. Mit was für Sehnsucht sie
mich anblickte, ihre bittende Hände erhob und halb ohnmächtig sich gegen das
Kind beugte, das ich mit Tränen in einem Arm fasste und mit dem andern sie
aufzuheben bemüht war. Die Hirtenfrau half ihr auch; aber sie wandte sich noch
da knieend gegen mich. Wollen sie meinen Wilhelm retten. Ja, ich verspreche es
ihnen bei dem allmächtigen Gott und um des unschuldigen Lammes willen, wobei ich
ihr das Kind zeigte. Sie faltete ihre Hände, und dieser allmächtige Gott wird
sie ewig lohnen, aber tun sie es bald. Bald! geben sie mir nur alles an Hand,
ich hab hier schon einen Aufsatz gemacht Sie war aufgestanden, und sah mich mit
gerungenen Händen an. Als ich nach dem Papier in meine Tasche langte, zitterten
ihre Lippen und Hände, sie sank auf das Bett. Die Hirtin hatte das Kind genommen
ich nahm der armen Amalia (so hiess sie) zitternde Hand, die sie auf die Lehne
des hölzernen Stuhls gelegt hatte. Fassen sie sich, gute liebe Seele. Ich will
ihnen lesen, was ich angefangen habe. Sie nickte mir, trocknete ihre Tränen,
und ich las ihr den Aufsatz, bis auf das, was sie noch zu sagen hatte, und
sagte, dass ich es von der Kanzel würde ablesen und in die Zeitung setzen lassen.
Sie hob die Hände auf: lieber, lieber Wilhelm nun sterb ich gern und ruhig! O,
lieber Hirt! und Tränen erstickten ihre Stimme; aber sie hatte beide
unaussprechlich angeblickt, dann fasste sie ihr Kind: Mein Kind! o wenn du leben
bleibst, liege tausendmal zu den Füssen unsers Wohltäters. Sie wollte es wieder
auf die Erde legen, aber ich hinderte sie daran und sagte: Schonen sie ihr
Leben, und lassen sie mir die Freude ganz ihnen und dem lieben Kinde Gutes zu
tun. Leben? ich! O nein, nein! und du! (ihr Kind an sich schliessend) ach stirb
mit mir. Werte schätzbare Frau, fassen sie sich um wenigstens alles zu sagen,
was zu der Ehrenrettung nötig ist.
    Hastig sagte sie: Ach Gott! ja! hören sie mich nur: Nun weinte sie wieder
stark und ich war selbst so sehr erschüttert, dass ich den Vorschlag tat, sie
sollte sich zu beruhigen suchen, ich wollte unterdessen ein wenig in das
Baumgärtgen gehen. Es war mir auch bei der starken Gemütsbewegung in dem engen
niedern Stübchen bange. Ich liess sie mit der Hirtin und ging allein durch den
kleinen Gemüssgarten dem Baumstück zu und setzte mich auf einen am Ende liegenden
Klotz. Es dauerte beinah eine halbe Stunde eh sie zu mir kam. Die Hirtin führte
sie. Bebend und errötend setzte sie sich neben mich, schwieg lang und fing dann
mit gesetztem Ton an: Ich werde ihnen eine kurze Geschichte von Unschuld und
Unglück erzählen; aber sie ist wahr, wie die Abnahme meines Lebens wahr! wie die
Gnade des Himmels über uns. Mitleiden und Eitelkeit sind der eigentliche Grund
meines Elends. Ich verlohr meine Eltern früh, und wurde von meiner Mutter
Schwester, der Frau eines Universitäts-Rats in F** erzogen. Sie hatte keine
Kinder und nur ein kleines Vermögen, vermietete Zimmer und gab auch angesehenen
Studirenden die Kost. Mein Onkel gab mir manche Stunde guten Unterricht, den ich
auch benützte und mir bald viel auf meinen Verstand einbildete. Meine Tante las
gern Romane und ich bekam auch Geschmack daran. Sticken, tanzen und etwas
wichtig und jugendliches Aufsehen machte ihre Liebe für mich und meine
Eigenliebe blind, so, dass wir auf eine vornehme Heirat rechneten. Zwei Brüder
einer angesehenen Familie kamen in unser Haus zu wohnen. Der ältere voll Bosheit
und List, stark, garstig und tückisch; der arme jüngere schön, sanft, still und
lernend, litte viel von dem ältern, der ihm alles Spielgeld nahm, seine Kleider
und Bücher verkaufte, durchbrachte und ihn, wenn er klagte, oder ihm
Vorstellungen tat, noch schlug und zankte. Ach, wer sollte den guten Herrn
Wilhelm nicht geliebt haben. Meine Tante half diesem heimlich, und ich tröstete
ihn. Er freute sich darüber liebte mich und studirte doppelt fleissig. Meine
Tante dachte, da der ältere Soldat werden wollte und immer liederlicher ward, so
müsste einst der jüngere den Vorzug in Vermögen und Gütern erhalten, und da sie
so viel für den Jüngern getan und er mich liebte, so würde ich durch seine
Dankbarkeit einmal eine glückliche vornehme Frau werden. Der gute Wilhelm kam
auch durch ihr Zureden und seine jugendliche Liebe, zu einer heimlichen Heirat
mit mir. Der alte Herr Pfarrer von Ertach traute uns, und wir lebten ruhig fort,
als meine Tante krank wurde und auf ihrem Todbett ihrem Mann von der Heirat
redte, der aber darüber so entrüstet wurde, dass ich des andern Tages aus dem
Hause musste und zu meiner Stiefschwester ging, die mich aber meine Kindbettzeit
über nicht behalten wollte. Meine Tante hatte mir in Eil noch ein
Demant-Kreuzchen und Ohrringe gegeben. Die letztern hatte schon mein Schwager
für meine Kost genommen, das Kreuzgen, (sie zog es aus ihrer Tasche) ist alles,
was ich für mein armes Kind und mich von der Welt übrig habe. Denn, da mein
guter unglücklicher Mann mich abholte und zu dem Herrn Pfarrer führen wollte,
wurden wir angegriffen und beraubt. Ach Gott, ewiger Gott! mein Schwager war bei
den Marodeurs, die uns anfielen. Mein Mann erkannte ihn, und lief ihm deswegen
mit seinem Geld und Uhr zu, und bat mich, weil ich hochschwanger war, auf die
freie Strasse zu laufen. Meine Stiefschwester erkannte ihn auch und schimpfte
ihn da gab er ihr Schläge; darauf entstund, alles, alles das Elend, der Tod und
der Schimpf meines armen Mannes und von mir. Niemand hörte mich, als Gott und
sie; o retten sie, retten sie die Ehre meines Mannes, so, wie er seinen Bruder
retten wollte. Sie schwieg einige Augenblicke, rang dann ihre Hände und setzte
mit einer unaussprechlichen Wehmut und Stärke hinzu: Göttliche Vorsicht! du
wusstest, dass der Beste nichts wollte, als Brudertreue, Bruderliebe üben, und du
liessest dadurch sein Leben, seinen guten Namen und mich zu Grunde gehen! Ach!
wie sollen Menschen an eine Unschuld glauben, die deine allmächtige Hand nicht
retten wollte.
    Niemals, mein Freund! wird dies Bild des Schmerzens, der Würde und Liebe aus
meinem Gedächtnis verschwinden. Ich fasste ihre Hand, schwur bei der, Gott sei
Dank! eigenen Unschuld meines Lebens, dass ich die Unschuld und das Unglück ihres
Mannes glaube, und den nemlichen Abend noch einen Aufsatz in das Protokoll und
die Anzeige an die Gemeinde machen wolle. Sie hielt, während ich ihr das sagte,
eine meiner Hände zwischen ihren beiden, und ihre sterbenden aber sehr schönen
Augen waren voll Sehnsucht, Hoffnung, Dank, und sanfter Freude auf mich
geheftet. Endlich drückte sie meine Hände an ihr Herz: Gott, Gott lohne sie! Ich
kann nicht reden, in der Ewigkeit will ichs tun, mit meinem Kinde will ich sie
vor Gottes Tron begleiten und himmlischen, ewigen Lohn erbitten. Ich sagte ihr,
dass ich so leben wollte, dass ihre fromme Seele und ihr unschuldiger Mann mich
mit Freuden in der Ewigkeit erblicken würden.
    Sie weinte nun vor sich bin. Ich war auch still, und gewiss, die ganze Welt
mit Grösse und Macht war vor dem Hirtenhause an der Seite einer höchst
unglücklichen, dem Tode nahen Person, völlig vor mir verschwunden und Tugend,
Wahrheit, Menschenliebe, Güte und Ewigkeit allein in meiner Seele. Ich
begleitete sie schweigend in das Haus, und ging tief heim. Auf dem Wege
begegnete mir jemand, der mich suchte. Der alte Beamte sei dem Augenblick an
einem Schlagfluss gestorben. Wie froh war ich über diesen Zufall, weil mir
dadurch alles erleichtert wurde, was ich für das arme Geschöpf tun wollte. Da
der junge Beamte das Herz gut und weich genug hatte, um im ersten Genuss von
Glück, der Freiheit, den Besitz des Amts und Vermögens gern eine Wohltat auch
auf andre auszugiessen. Er musste noch in der Nacht fort, um dem Herrn von
Grünburg den Todesfall anzuzeigen, und die Bestätigung in seinen Dienst zu
erhalten. Ich besorgte die zwei Tage das Amt und die Anstalten des Begräbnisses.
Schrieb aber meine Gedanken über die Ehrenrettung des armen Rechels auf. Liess
den Hirten kommen, dass er die Frau bis auf die Zurückkunft des neuen Amtmanns
trösten sollte, und brachte es wirklich dahin, dass der Verstorbene bei dem
Gerichte und der Gemeinde gerechtfertigt, sein Sarg ausgenommen wurde, und er
ein ordentliches Grab bei den ehrlichen Dorfbewohnern erhielt.
    Die Ergiessungen der Freude und des Segens seiner Witwe sind
unbeschreiblich, eben so, wie die Scene vierzehn Tage vor ihrem Tode.
    Als es eines Morgens sehr neblicht war, wollte ich, wie im Frühjahr das
Aufsteigen der Wolken, und ihre durch den mindesten Hauch des Windes abgeänderte
Gestalten sehen, und dachte wohl, dass die Dünste des Kirchhofs die stärksten und
dichtesten sein müssten; heftete also meine Augen am meisten dahin, und wurde
allmählig einen weissen Fleck gewahr, der an der Seite der Mauer fest blieb. Als
ich ihn deutlich erblickte, war es die Gegend von Rechels neuem Grabe auf dem
sein armes Weib mit ausgestreckten Armen lag. Ich eilte mit Angst dem Kirchhofe
zu, und fand sie wirklich starr und sinnlos auf dem nassen Hügel liegen; fasste
sie in meine Arme, und suchte sie zu beleben; legte ihre todtkalten Hände auf
meine Brust, mein Herz wurde durchbebt und mit der heftigsten Teilnehmung
durchglüht und ich glaube noch, dass meine heisse Wangen, die ich an ihr blasses
lebloses Gesicht hielt, wieder Lebenswärme in sie brachten; denn sie erholte
sich, und ich führte und trug sie halb in das Amtaus, wo ich sie, mit der
freundlichen Hülfe der Hausfrau, wieder erquickte und endlich, da sie nicht bei
uns bleiben wollte, zurück in das Spitälchen leitete; wo sie sich legte, und
sich endlich so viel wieder erholte um mir zu erzählen, dass eine unnennbare
Bewegung von Zärtlichkeit, Wehmut und Freude sie auf dem Ehrengrab ihres Mannes
ohnmächtig niedersinken gemacht hätte. Der Anfall eines heftigen, nicht zu
heilenden Fiebers, nahm sie vor acht Tagen aus der Welt und von ihrem Jammer
weg. Bereitwilliger und seliger bat noch niemand das Opfer seines jungen Lebens
da gegeben; denn sie war kaum zwanzig Jahre alt. Sie dankte mir noch dass ich
ihre beiden Schwäger bei der Ehrenrettung ihres Mannes geschont hätte; und
empfohl mir ihr Kind das (wie sie sagte) zu allem Unglück, alle jugendliche
Gesundheit seiner armen Eltern in sich vereinigte.
    Ich nahm, mit aller Feierlichkeit das arme Fritzgen an Kindesstatt an, und
seine bedauernswürdige Mutter fiel in dem Augenblick, da ich ihren Sohn von
ihrem Bett in meine Arme nahm, und der Pfarrer durch eine Anrede mich zu dem
Vater des Waisen einsegnete; in Zückungen, die sich nur mit dem Tode endigten.
Wie jammerte mich das Schlachtopfer einer übelverstandenen Liebe ihrer
Verwandtin, und einer noch übler verstandenen Gerechtigkeit. Wie oft schon sind
Vorurteile und Missdeutungen aller Arten Henkersknechte und Mörder, der
unverteidigten und furchtsamen Unschuld geworden. Ich ging mit dem Knaben auf
dem Arme weg, setzte mich mit ihm auf dem Platz, wo vor einigen Wochen, noch
seine Mutter mit mir sass und ihr Schicksal erzählte. Mit Tränen sagte ich:
armer Wurm! du hast nun in der ganzen Schöpfung niemand, als mich; wenn nun auch
ich dir entginge, grosser Gott! erhalt mich! zärtlich und treu will ich mein Wort
halten. Ich erhob ihn gen Himmel und schloss ihn darauf an meine Brust. Die Seele
seiner Mutter mag mich noch gesehen, noch gehört haben; denn gewiss, sie
umschwebte ihr so geliebtes verlassenes Kind. Die Hirtin besorgte es noch zwei
Monate, denn länger blieb ich nicht mehr in Grünburg. Ich hatte mein Bestes da
getan, weil der neue Amtmann das ist, was er sein soll. Wären nur alle so! und
das einfache Grabmal für die zwei Gatten war nun aufgerichtet aus grauem
Sandstein. In dem Schlangenring, den ich darauf aushauen liess, steht:
    »Hier ruhen
    Wilhelm und Amalia Rechel, junge, treue, unschuldige und unglückliche
Ehgatten. Die Ewigkeit lohnet ihre Liebe, ihre Tugend und ihre Leiden.«
    Ich nahm meinen Sohn mit der Hirtin zu meinem Freunde Rohr, der mit einem
schätzbaren Weibe recht wohl und genügsam lebte. Dem erzählte ich nun, was ich
unterdessen gewesen und getan. Seine Frau sorgte für meinen Fritz, der hold und
lieb heran wuchs; immer Gegenstand der Sorge und Zärtlichkeit. Rohre Vaterstadt
ist eine kleine Republik, deren wir ja unserm Teutschland so viele haben. Alte
Sitte und Gewohnheiten, Patriciat, Magistrat, Zünfte, Kirchen, Einkünfte und
Spitäler alles ist unter Catolische und Luterische Glaubensverwandte geteilt.
Unter beiden sind viel Hochachtungswürdige Personen, mit denen ich zwei Jahre
lang, schöne ruhige Tage verlebte. Die Gegend ist höchst angenehm, Berge, Wiesen
und Wälder wechseln schön ab, und ein kleiner Fluss durchschneide das Tal. Hier
sah ich Beweise, dass die Mittelstufe von Reichtum, Rang, Wohlstand und Grösse
die meiste Zufriedenheit des Lebens gewährt. Was mich an angesehenen und
bürgerlichen Personen freute, war, dass sie alle Gärten und Spaziergänge aufs
Land oder auf ein Dorf unendlich lieben und ihrem väterlichen Boden anhängen.
Die Patricii reden gern von den Angelegenheiten der Stadt, ihre Frauen gern von
ihren Kindern, sind mit schätzbaren Stolz gute Mütter und Hauswirtinnen. Hier
wurde Wieland geboren und genoss die Erziehung verdienstvoller Eltern. Sophie la
Rosche lebte auch hier und erinnert sich noch mit Rührung jedes vergnügten Tages
und jeder Familie, deren Freundschaft sie genoss. Sie segnet noch Menschen und
Gegend besonders das schöne Wohnhaus, erzählt gern, und mit schönen freundlichen
Eifer, alles Gute, dessen sie sich erinnert. Auch von den Anstalten zu
Kinderfesten, die von alten Zeiten her in der Stadt gestiftet sind, wo zweimal
des Jahrs alle Schulkinder in einem Zuge nach einer moralischen Anrede in der
Schule an sie, hinaus ins Grüne gehen, Reihentänze halten und ihre Lehrer, Väter
und Verwandte mit in ihre kindliche Spiele sich mischen und Anteil an ihrer
Freude nehmen. Sie glaubt, dass dies der Grund der Liebe ist, die alle Einwohner
dieses Städtchens, und sie selbst in der Entfernung, auch in den grössesten
Städten für das einfache Biberach behalten, und sie wünscht, dass diese Grundlage
von vielen vaterländischen Tugenden immer wohl erhalten werden möge!
    Nun hat aber mein Fritzgen drei Jahre; ist schön stark, gesund, voll
Fähigkeiten, die ich in meinem Zirkel von Kenntnissen und Künsten anbauen
möchte. Doch so, dass sein Unterricht von den Sachen nicht vom Wortlehren und
Erklären käme. Ich habe mich bei diesem Nachdenken an alles erinnert, was mir in
meiner Jugend gewesen ist; und da erschien mir Ott als der beste meiner
Universitätsbekannten, und Cleberg, den ich auf meinen Reisen mit so vielem
Vergnügen sah. Ich erkundigte mich nach euch, und hörte ganz viel herrliche
Sachen von Aemtern, Heiraten und Lebenstone und mich dünkte, dass ich recht wohl
zu euch stimmen könnte und ich machte mir ein Bild von freundschaftlicher
Verbindung, von edlem, ruhigem Geniessen meines Vermögens und meiner
Erfahrungen, von Otts Studium, Clebergs Geist und Beobachtungen; eure, wie man
mir meldete, so artige Weiber, vielleicht schon liebenswürdige Kinder ordneten
sich in einen schönen Kreis edler Freuden des Lebens. Darauf nun schrieb ich
selbst, was ich seit unserer Trennung geworden bin und getan habe. Der grösseste
Teil meiner traurigen Schwärmerei ist vorüber. Lichte, stille Vernunft,
lebendiges Auffassen alles Schönen und Guten wo es liegt, ist allein tätig
geblieben. Wolt ihr mich so, meine Freunde! unter euch aufnehmen, und mich
Anteil an euch nehmen lassen, so ladet mich ein; aber bald, damit der Bau
meiner Hoffnung auf euch nicht zuwest werde, und mich dann das Abreisen zu viel
koste.
    So weit die Auszüge aus Lattens Briefe an Ott, bei dessen Vorlesung Julie
und ich, Linke, Hannchen und ihre jüngere Schwester nebst Lisette Boder waren.
Cleberg foderte unsere Meinung auf; wir wollten ihn alle hier haben, und Linke
schaffte ihm schon ein Haus in der Stadt und ein Landgut an. Ott machte eine Art
Anzeige der gesammleten Stimmen, zeichnete ihm auch wieder alle unsere Charakter
dagegen, und wir unterschrieben einhellig seine Aufnahme in unsern Zirkel, mit
der Bedingung der baldigen Ankunft noch auf dem Lande. Nun erwarten wir ihn,
besonders wir Weiber und Mädchen, mit vieler Begierde; denn er muss uns viel von
seinen Reisen, seiner Amtsschreiberstelle und die Geschichte der armen Rechel
erzählen. Mein Oheim, der alles ganz ruhig angehört hatte, sagte am Ende zu
Cleberg und Ort: Helfe eurem Freunde wieder auf den rechten Weg, den ein guter,
vernünftiger Patriot geben soll. Man findet selten dauerhaftes Glück in
ausserordentlichen Dingen. Es ist viel Gutes in der Welt, und das Meiste auf der
grossen Heerstrasse des gemeinen Wesens. Strebt, lieben Kinder! sagte er gegen uns
alle: die Besten unter den Guten zu sein! aber, bleibt auf Gottes Erde! macht
euch keine Flügel und steigt auf keine Stelzen, um über andre hinaus zu sehen.
Ein fester und unwandelbarer Gang der wahren edlen Menschheit führt zum Glück
der Weisen. Schwärmerei tut es nicht.
 
                           Hundert und dritter Brief
                                 Von Rosalien.
O Mariane! es gibt keine dauernde Glückseligkeit, nein, es gibt keine! Wir
mögen es machen wie wir wollen; besonders wenn Weh und Freude unsers Lebens an
die Gesinnungen eines andern Menschen gebunden sind.
    Hören sie, Liebe, aber nur sie allein von allen Menschen der Erde; denn mein
Oheim darf von diesem nichts wissen. Cleberg, der mir um alle des eigenen
Sonderbaren willen so wert, so vorzüglich wurde, dem ich tausend Liebhaber
aufgeopfert hätte, den ich edler als andre Männer glaubte, nicht vermutete, dass
jemals eine grosse oder kleine Coquette etwas für ihn sein könnte, ist selbst
Coquet. Ich finde kein Wort im Teutschen um dies so eigentlich auszudrücken was
man unter Coquet versteht, und so lassen sie es da sein, Er ist es; schon die
ersten vierzehn Tage, da wir Lesestunden hielten, fing ich an es zu bemerken
verwarf aber diese Idee, als Träumerei von meiner auch eigenen Art Sachen und
Leute zu beurteilen. Aber, es nahm zu, und nun hier auf dem Lande ist es allen
sichtbar; so, dass Julie, Ort, Linke und mein wertes Hannchen Itten ihr Staunen
und Bedauern zeigen. Ich tue nicht, als ob ich etwas sähe, ich habe sogleich
mit Vergnügen eingewilligt als er die zweite Badische Tochter, auch neben
Hannchen mit hierher nehmen wollte, da er ihre Naivetät ausserordentlich zu
schätzen anfing, (und sie ist es nicht; listig ist sie; aber eine schöne, aber
eine sehr schöne Blondine, also auch in diesem sehr von Rosalien verschieden, so
wie sie auch kleiner ist, niedlichere Knochen hat und mit süsseren Augen, so
ganz empfindsam tun kann.)
    Sie pries mich immer so glücklich, den schönen artigen Mann zu haben, der
noch nach seiner Heirat so gallant wäre, wie ein Liebhaber; sie merkte sich
alle Redensarten von Cleberg; gewöhnte sich am ersten alles an, was er im
Bezeigen, Ton und Wesen eines Frauenzimmrs lobte; wenn er vorlas und die andern
Mädchen alle arbeiteten, so ging sie hinter seinen Stuhl, und sah ihm über seine
Achsel so gierig in die Augen und nach dem Munde, dass er es selbst beobachtete
und sie neben sich sitzen hiess, wo er ihr aber immer mit seinen Blicken seine
Vorlesungen zueignete. Hierauf putzte sie sich mehr auf die Lesetage, wurde
traurig und schmachtend, wenn er nicht mit ihr sprach; munter und stolz, wenn er
ihr vorzügliche Aufmerksamkeit zeigte; begehrte von mir die Stücke auf dem
Clavier zu lernen, die ihm am besten gefielen. Ich tat es auch mit vieler
Sorgfalt. Er war oft dabei und beobachtete mich und sie, lobte aber allein
Lisette Bader. Artige Arbeiten, kleine Lieder, was ich weis, musste ich sie nach
und nach lehren. Ihr Stimmgen ist gefällig, Liebe beseelte und lohnte sie. Denn
oft, meine Mariane, oft sah ich Clebergs Augen voll Zärtlichkeit, oft mit so
viel Feuer eingenommen, dass er es weder sie noch mich wollte ganz sehen lassen,
und bei den Lektionen selbst, nur das Ohr gegen das Clavier wandte, seine Blicke
zur Erde heftete, und dann seinem Gesichte jeden Ausdruck einer wachsenden
Leidenschaft erlaubte, denn sie wissen, es blieb immer eine von den Leserinnen
bei uns zu Mittage, nun ist sie ganz um mich. Ich weiss nicht, ob er jemals
allein mit ihr spricht; ob er in ihr Zimmer kommt. Ich mag nicht fragen, nicht
lauren, nichts ausfindig machen; ich bin, so viel ich kann, mir immer gleich
gegen Cleberg, gegen das Mädchen und die andern. Mein Oheim betrachtet mich oft
mit einem forschenden bemitleidenden Blick, der mich bald ausser Fassung bringen
könnte, und er gebt allein mit mir spazieren, wenn er sieht, dass Cleberg weg
ist.
    Ich nähte einen recht schönen Tapetenfeuerschirm und nun hilft sie mir;
verdirbt manches wenn Cleberg im Zimmer ist, weil sie nur ihn sieht; und ich
freue mich über die Gewalt, die ich über mich habe, es ihr mit der äussersten
Sanftmuts und Lächeln zu zeigen. Wenn er zusieht; so arbeitet sie artig, und ich
senke meinen Kopf etwas tiefer; denn oft ist sein Gesicht ganz nahe zwischen
ihrem und meinem. Gestern sagte er in einem dieser Augenblicke: Rosalie! ich
wollte, dass dieses Stück die Lehne eines grossen Armstuhls für mich würde, in dem
ich Abends bei stillen nachdenkenden Stunden mich setzen, und artige Sachen
träumen könnte. O ja! rief sie; aber da muss das Stück, wo ich arbeite, gerade
für das Anlehnen ihres Kopfs sein.
    Er sah sie an und sagte nur halb: deswegen will - Sie wurde rot, und er
ging eilig weg. Ich war froh, denn meine Lippen zitterten ein wenig, und mein
Herz war gepresst. Doch arbeitete ich mit Eifer fort, wie Lisette auch tat, aber
verkehrte Farben nahm. Einige Augenblicke nachher kam mein Oheim ins Zimmer, und
sagte mir, dass er mit Cleberg auf etliche Tage verreisete, und dass die Pferde
schon bestellt wären. Er umarmte mich mit Zärtlichkeit. Sei wohl und ruhig,
beste Seele, sagte er mit Rührung und einem bedeutenden Blick auf Lisetten und
mich. Nach kurzer Zeit, da mein Oheim noch mit Hannchen gesprochen und mich
ihrer Sorge empfohlen hatte, kam Cleberg im Reisekleide sehr gut aussehend
herein, und sagte: es wäre alles bereit, führte Linken an der Hand gegen mich
und sagte: Rosalia, unser Freund wird diese Tage da bleiben, besonders da ich
Briefe habe, dass mein Freund Latten morgen oder übermorgen ankommt, dem man die
grosse Alcove, und das Zimmer mit Kupferstichen eingeben kann, weil er vielleicht
sein Kind mitbringt. Ich sagte: es freue mich, wenn Herr Linke seinen Freund
wolle unterhalten helfen; ich würde mir auch alle Mühe geben. Er fuhr fort.
Hannchen und Lisette werden es auch tun. Ich nicht, sagte Letztere: denn ich
will nur an meiner Lehne nähen. Er lächelte ohne etwas zu antworten. Mein Oheim
ging gegen die Türe, Cleberg küsste meine Hände, und das noch ziemlich kalt, wie
mich däuchte. Lisette ging gegen ihn, aber er wandte sich schnell um und warf
ihr nur einen Kuss zu. Abreisen, ohne mich zu umarmen! O Mariane! das schmerzte
mich und dennoch fühlte ich auch, dass seine Umarmung mich nicht gefreut hätte,
und dass ich so gar mit seiner Abwesenheit zufrieden war. Denn meine einsamen
Stunden mit ihm wurden mir unerträglich durch den Zwang, den ich mir auflegte,
ja nicht eifersüchtig zu scheinen; und ich bins doch, liebe, liebe Freundin: ich
bins; und ich danke dem Himmel, dass es noch so ist, dass Zärtlichkeit und Jammer
über den verlohrnen Teil seiner Liebe im Grunde liegt, denn ich kenne mich, es
könnte eine Ursach zur Kälte entstehn, die den Tod meines Glücks anzeigte. Noch
keine zwei Jahre besitzt er mich, und ist schon halb satt. Mariane! ach wie gut
ist es, dass er weg ist, ich konnte nun sicher vor dem Fragen meines Oheim, und
dem scharfen Blick von Cleberg Ihnen schreiben, mein Herz erleichtern, um Rat
bitten und mich sammlen. Sein Freund Latten soll einer der edelsten Menschen
sein. Etwas stille, aber der feinste Beobachter und das Ebenbild von Benjamin
West. Und wie dieser schöne edle Gestalten zeichnet, so schreibt Latten Züge
edler Seelen auf. Linke schien sich eine Freude zu machen, uns dieses ganz
ausführlich zu erzählen. Er sagte es mit besonderm Nachdruck gegen Lisette, die
über sein langes Reden ungedultig wurde, und endlich spöttisch sagte: Es wäre
ihr an diesem vortreflichen Menschen gar nichts gelegen, sondern sie möchte
wissen, wie lange Herr Cleberg ausbleiben würde.
    Hannchen wurde aus einer Empfindung für mich ganz feuerrot, und bewegt sah
sie Linken an, der sagte: Sie sind sehr neugierig, Lisette, Madame Cleberg fragt
nicht einmal; und, Lisette fiel ein, hätte mehr Recht; wollen sie sagen; aber,
fuhr sie fort, die Frauen sind der Gesellschaft ihrer artigen Männer so gewohnt,
dass sie sie nicht mehr achter. Hannchen sah sie starr und mit Unmut an. Ey,
Lisette! wie kommen sie zu diesem Gedanken bei Frau Cleberg? Ich unterbrach
dieses Gespräch mit der sanften Frage an Lisetten: Sagen sie mir, warum sie es
wissen möchten, ich sehe ihnen etwas wichtiges an. Ja, ja, es ist mir wichtig;
ich hätte gerne, dass sie eine andre Rahme nähmen und an dem Sitz des Stuhls
arbeiteten, weil ich die Lehne ganz allein machen möchte. Dies war nun wirklich
unverschämt. Linke stund auf und betrachtete sie von allen Seiten mit grossen
Augen voll Verachtung und Staunen. Hannchen sah zärtlich auf mich. Ich fasste
mich gleich, und sagte ihr lächelnd: ich will sie gleich allein nähen lassen.
(Und ich glaube, dass es ihr Freude verursachte.) Morgen kann ich einen Rahmen
aus der Stadt haben. Sie rief voll Freuden: O, das ist charmant! küsste ihre
Hände und setzte hinzu: Sie müssen mich alles allein machen lassen, alles; ich
kann nun die Schattirang schon absehen. Das ist mir lieb, antwortete ich, wollen
sie auch auf meinen Platz sitzen?
    Sie rückte ihren Stuhl, ich war von meinem aufgestanden; Hannchen erhob sich
den nemlichen Augenblick mit einem Was? und auf sie blickend. So wie Linke mit
einer Hand ihren Stuhl fest hielt und sie steif fragte: den Platz da wollen sie?
auf meinem Lehnstuhl weisend. Sie blieb sitzen, sagte nichts, sah aber etwas
verdriesslich aus, und ich fiel ein: Ich bekenne, es wäre mir ein Bisschen Leid um
meine Aussicht gewesen. Sie sollen einen eigenen schönen Platz in meinem Hause
und in diesem Zimmer haben. Ich zeigte ein Fenster; da können sie auf die
Landstrasse sehen, wenn die Reisende wieder kommen.
    Das war ihr recht, und sie schaffte ihren Rahmen gleich hin, wollte mich
küssen, das konnte ich aber nicht leiden. Ihre Annäherung und die Absicht war
mir Näherung einer glänzenden Schlange, die mit doppelter Zunge mir doppelte
Wunden drohte. Ich wand mich seitwärts ob. Schauer fuhr durch mich, Widerwillen
ergoss sich in jeden Tropfen meines Bluts. Ich lasse mich in Clebergs Abwesenheit
von Niemand küssen, sagte ich. Nun wurden wir aber alle still, und zum Glück,
kam Julie und Ott mit ihrem ältern Kinde und sagte, sie wollten mich trösten und
zerstreuen helfen. Ich ging einen Augenblick hin, um das Zimmer für den Fremden
zu besehen und liess es gleich vollends zurecht machen. Es sind die schönsten
Stücke von West Kaufmann, Strange und Reinolds darin, die ich allezeit gern
sah, und so oft ich in den Gang kam und Zeit hatte, hielt ich mich dabei auf.
Nun stand ich alleine vor dem Bilde der Nymphe Clitia von Bartolozzi still. Es
zog mich an. Ich suchte an ihr eben die Ursache, und sah sonst keines an. Da
ich lang ausblieb, kam Julie geschlichen und rief mir an der Türe: Sind denn so
schöne neue Bilder da, dass sie die alten Freunde allein lassen?
    Dies brachte mich von dem dumpfen Gefühl zurück, dass meinem Herzen das
nemliche Schicksal drohte. Ich ging dann mit der ganzen Gesellschaft in den
Garten. Lisette dauerte mich beinah, ungeachtet meiner Gehässigkeit gegen sie.
Denn alle begegneten ihr mit so viel Kälte und Geringschätzung, dass man sie gar
nicht anredete, sondern sich nur mit mir beschäftigte. Sie ging aber auch gern
allein, sie war auf einmal weg und ich sah nur noch einen Zipfel ihres Kleides,
wie sie in den kleinen Schoppen ging, den Cleberg bei dem Bau des Hauses zur
Schreinerei hatte errichten lassen, und nun seine Drechselbank und kleine
Steinhauerei darin hat, wo er Vasen und deren Fussgestell aushauen hilft, und
allerlei sehr artige Sachen drechselt. Ich sagte, dass sie dahin gegangen sei,
und Linke flog auch von uns, nahm aber den Weg auf einer andern Seite, wo er
durch ein Gitter den Schoppen übersehen konnte. Als er wieder kam, sagte er mit
einer nachdenkenden Miene: Lisette will drechseln lernen, denn sie beschäftigt
sich mit dem Drechselhandwerkszeuge. Ist Niemand bei ihr? fragte Hannchen. Nein!
keine Seele, als ihr eigener böser Geist. Ich fühlte, dass das Mädchen nur
dortin gegangen war, um alles in ihre Hände zu fassen, was Cleberg berührt
hätte. Ihre Leidenschaft war also schon stark und sehr zärtlich. Gewiss, Mariane,
sie jammerte mich aufrichtig bei diesem Gedanken, ob schon eine Mischung von
Unwillen in mir war, und ich wünschte ein Mittel zu wissen, ihr zurecht zu
helfen. Ost, Julie und Hannchen schüttelten die Köpfe gegeneinander, und ich
nahm Juliens Mädchen an meine Hand, um ihr Blümchen suchen zu helfen. Niemand
hielt mich zurück, weil sie gern sprechen wollten. Ich setzte mich endlich mit
dem Kinde in das halbe Geissblattüttgen, das an dem kleinen Bache steht und
Saliehüttgen heisst. Die Gesellschaft dieses unschuldigen Kindes erquickte mich,
und tat mir wohl. Ich ergoss manch Bewegung meiner Zärtlichkeit, indem ich es an
meine Brust drückte. Ich umfasste sein Hütgen und Schürzgen mit artigen
Feldblumen; verweilte mich aber lang genug, dass sie mich endlich suchen mussten
und mich ruften. Ich ging mit der lieben kleinen Grazie nach ihnen hin und
erblickte gleich einen Fremden, in einem simpeln, aber sehr netten Reisekleide.
Linke stellte mir Herr Latten vor, der mich, wählend ich zur Gesellschaft ging,
sehr genau betrachtete, und auch das Kind ansah, um dessentwillen ich etwas
langsamer gegangen war. Edel, höchst edel, ohne einen Zug von Schönheit ist
dieser Latten gebildet. Gross, schlank, ein herrliches Auge voll Feuer, und doch
ohne die mindeste Schnelligkeit in seiner Bewegung. Aber aufheften kann er sein
Auge mehr, als ich je an einem Menschen bemerkte, und dann sieht man gleichsam
das Eindringen seiner Gedanken in die Sache, die er betrachtet. Seine Sitten
sind so rein, seine Urteile so richtig, mit so treffenden Ausdrücken, dass er,
nach diesem Durchblicken seiner Augen, für einen Menschen gehalten werden kann,
vor dem man das Herz nicht hat, Böses zu denken: denn, wahrhaftig! es ist als ob
er in das Innerste schauen könnte. Wir assen im obern Saale zu Abend. Latten
bezeugt Vergnügen an den Gebäuden und der Einrichtung, die Cleberg hier gemacht
hat. Lisette hatte eins von Clebergs Büchern geholt, und sass in ihrem Zimmerchen
und lass. Hannchen brachte sie zu uns, wo sie doch etwas verschämt auf uns
blickte; aber ich suchte sie durch mein natürliches Bezeugen aufzumuntern.
Latten beguckte sie, kann ich sagen, denn sein Auge hatte nicht das, was
betrachten heisst. Linke führte ihn nach seinem Schlafzimmer, und ich blieb lange
mit Nachdenken wachsam, was ich für Lisettens Stimmung und zur Erhaltung meiner
Ruhe tun könnte. Cleberg ist liebenswürdig, sie ist freilich zwanzig Jahre und
hat schon Kenntnis von Welt und Liebe, aber nicht Stärke der Tugend, nicht
Stärke des Geistes genug, um der Gewalt zu widerstehen, die durch reizende
Eigenschaften und vorzügliche Achtung eines jungen Mannes, auf ihr eitles
leichtes Herz wirkten. Cleberg ist nicht grossmütig gegen sie, nicht zärtlich
gegen mich gewesen. Ich will noch zusehen; aber wäre ich noch Mädchen, wäre es
der Abend vor meiner Trauung, ich träte ihn Lisetten ab. Mein Herz, meine Hand
zögen sich zurück, und ich ginge nach Wollinghof. Er soll keine Klage, keinen
Unmut von mir hören; keine Frage; nichts! Gute Nacht, Beste! Ach, sie haben mir
niemals Schmerz der Seele erregt, niemals! Der Himmel lohne sie dafür! Lieben
sie mich. Freundschaft ist das wahreste, edelste Gefühl der Menschheit. Traum,
Rausch der Liebe, mit all deinen Seligkeiten, wie weit bist du von mir! Ich fühl
es, nie, nie kommst du wieder zurück. Ach, Mariane! wie viel weinte ich gestern
in meinem Bette um diesen Traum. Sie erhalten mein Leben und meine Vernunft;
denn, da ich niemand etwas sagen will, und doch alles so heftig in mir arbeitet,
wühlt und kämpft, so erläge meine Gesundheit oder mein Kopf. Denn mein Herz, o
Mariane! mein Herz leidet viel, leidet in seinen Grundsätzen und seinem Wohl,
denn niemals konnte ich Coquetterie ertragen. Es schien mir immer unedel,
unwürdig. An einem Fremden schien mirs so; und nun an Cleberg; und ich sein, auf
ewig sein! Seine Liebe mein einziges Glück! Adieu, ich fühle mich stark genug,
um mich zu beobachten und meinen Plan des ruhigen Ertragens durchzusetzen.
Lieben sie, o lieben sie mich!
 
                           Hundert und vierter Brief
                            Rosalia an Mariane S**.
Ich will fortfahren, ihnen zu schreiben. Es erleichtert und stärkt mich. Neben
diesem fiel mir auch der Gedanke ein, dass ich durch die Briefe über diesen
Vorgang in meinem Kopfe und Herzen, einmal bei wiederkommender Ruhe mich selbst
recht kennen werde. Ich bin gestern sehr früh aufgestanden, weil ich diesen Gast
habe, und völlig angekleidet zum Frühstück kommen wollte. Mein Putz nimmt mir so
nicht viele Zeit weg, eine braun und blauspielende tafente Polonaise, ein
Strohhut mit blauen Bändern, eine weise Schürze und ein Halstuch von weisem Flor
war alles. Mein Nährahmen aus der Stadt war da. Ich machte mit Hannchen meine
Arbeit zurecht, noch eh Linke und Latten zu uns kamen, und in der Küche hatte
ich das Mittag- und Abendessen schon bestellt, auch wohl vorläufig etwas auf
morgen; denn es sei im Vorbeigehen gesagt, meine Köchin und ich verstehen uns
vortreflich darauf, einer schon erschienenen Schüssel mit Speisen ein anderes
und neues Ansehen zu geben, welches am Ende des Jahrs in meiner Küchenrechnung
etwas Ansehnliches erspart. Da wir ohnehin nicht von der vorgesetzten Zahl der
Schüsseln abgehen, und hier auf dem Lande mein Aufsatz von lebendigen Blumen in
der Mitte des Tisches, der alle Tage abgeänderte Formen hat, neben meiner
schönen Tafelwäsche und der Nettigkeit, womit der Bediente meines Oheims und der
unsrige aufwartet, dem Auge eines Gasts soviel Vergnügen geben, dass er sich
nicht so genau nach der Anzahl der Speisen umsieht, und ohne ein schwelgendes
Mahl vor sich zu haben, satt wird und zufrieden aufsteht. Mein Tisch zum
Frühstück bestand aus Obst. Milch, Tee, Caffee und Chocolade war auch bereit,
und Gläser mit Blumen waren dazwischen aufgestellt. Lisette sass schon an ihrer
Arbeit, nicht so sorgfältig gekleidet, als sie es bisher gewesen war. Ich hatte
noch eh ich aus meinem Zimmer ging, mit mir selbst gesprochen, sie entschuldigt,
mir Edelmütigkeit gepredigt und gesagt, dass die Ausübung einer jeden Tugend,
mit Beschwerden und Ueberwindung verbunden sei; dass tausend liebenswürdige
Frauen dieser Art von Lebenskummer ausgesetzt sind; dass Lisette unglücklicher
würde als ich, weil sie in der Achtung der besten Menschen so viel verliehre,
die Ruhe und Unschuld ihres Herzens dahin sei, und endlich kam ich bis auf die
Stärke des Vorsatzes, nach der Zurückkunft von Cleberg mit ihr oder ihm darüber
zu sprechen, wenn ich bemerken sollte, dass es noch weiter ginge, als es würklich
gegangen ist. Ich will meine Bitterkeit gegen Lisetten auch innerlich bekämpfen,
und wirklich suchen, gut, sanftmütig mit ihr und streng auch gegen mich selbst,
wie bisher gegen sie zu sein. Schon so fleissig! sagte ich, als ich in das Zimmer
trat, und sie erblickte. Sie stund ein wenig auf, als ich auf sie zuging, und
deckte alles zu, was sie genäht hatte. Sie müssen nichts sehen. Ich habe gestern
darum gebeten. Ich ging lächelnd zurück. Ich will nichts sehen: Ich will recht
bescheiden sein; fahren sie nur fort, erwiederte ich, und liess sie auch, ohne
mehr darüber mit ihr zu sprechen, ruhig sitzen, ausgenommen, dass ich sie zum
Frühflücken bat, als die beiden Herren in das Zimmer kamen. Linke sah ernstlich
auf meinen Nährahmen. Haben sie wirklich den Eigensinn nachgegeben? fragte er.
Ach, artige verwöhnte Kinder haben immer so was für sich zu wollen, sagte ich
lachend: etwas so unschuldiges als diese Arbeit ist, kann man ja gehen lassen!
Lisette ward rot, und sah Linken und mich etwas bitter an. Das ist schlimm,
dachte ich, Mädchen! für dein Herz. Aber ich verdoppelte meine Gefälligkeit
gegen sie. Denn, ich will nicht, dass sie bei Cleberg über mich klage. Wenn er
sie liebt, so soll es von mir nicht in einem üblen Bezeigen geahndet werden; ich
will edler sein als sein Mädchen und grossmütiger als er. Latten musste uns bei
dem Frühstück von den Sitten und Gewohnheiten der englischen Nation erzählen,
die er die grösseste nennt und in der Tat, da er uns von England sprach, gar
nicht der stille Mann war, wie ihn sein Ott beschrieben hatte. Denn er redete
mit vielem Eifer, aber in so bestimmten Ausdrücken, dass er nicht ein Wort zu
viel brauchte, und seine ganze Rede eine grosse edle Einfalt in sich fasste. Er
kennt die Angelika Kaufmann, die mich als teutsche Künstlerinn zuerst anzog.
Nachdem er viel auf Linkens, Ottens, und mein Hin- und Herfragen geantwortet
hatte, beklagte ich, dass er bei seinem emsigen Reisen in diesem Reiche nicht
auch auf den Gedanken gekommen sei, Schottland und Irrland zu besuchen, die mir
für mein Herz beinah werter und merkwürdiger wären. Der Herzog von Bukleigh
allein hätte es verdient, sagte ich. Warum dieser? fragte Latten. Ich erzählte
was er zum Besten seines Vaterlandes bei Errichtung der Wechselbank getan
hatte, und sprach auch von den westlichen Inseln dieses Königreichs, wo ich dem
edlen jungen Maeleän so gerne ein Denkmal möchte errichten lassen, der um den
Wiesen- und Ackerbau auf diesen Inseln zu verbessern, sich bei einem Pachter in
England als Knecht verdingte, alle Feldarbeiten lernte, nach drei Jahren
zurückkehrte, und dann seine väterlichen Erbländereien selbst umarbeiten half,
und den Leuten Unterricht gab. Sein Herz hatte ein süsses Glück zu hoffen, da er
eine der liebenswürdigen Töchter eines Edelmanns bekommen sollte, der ganz
allein mit seinen Kindern auf einer dieser Inseln wohnt. Der schätzbare Jüngling
ging an den Feiertagen hin, war der beste Steuermann, den Fremde und
Einheimische haben konnten, führte viele glücklich hin und her, ihn aber liess
die Vorsicht in einem Sturm umkommnn, als er von seiner Braut zurückkehrte. Mein
liebes Hannchen hatte Tränen in den Augen und Herr Latten sah mit Nachdenken
und gerührt auf mich und sie. Wir sollten alle bei Ott zu Mittag essen, aber
Lisette entschuldigte sich mit einem Kopfweh, und blieb zu Hause, um recht
eifrig fort zu arbeiten. Das arme Mädchen hat nun wirklich keine Kraft mehr,
gegen ihre Leidenschaft zu kämpfen, und lässt es sich so ganz hingehen. Mich
dünkt, dies müsse wirklich Naivete sein; denn es wäre ja sonst der grösste Mangel
an Sittsamkeit und Feinheit des Gefühls. Ich will ihr nachgehen mit Güte, mit
Mitleiden, um zu sehen, was ich tun kann, um sie wieder zu gewinnen und zu
retten.
    Ottens Bauernhaus gefiel dem Herrn Latten ungemein und er zeichnete es heut
früh mit farbigen Bleistiften ab; so, wie er auch mit unserm Landhause und
Garten tun will.
    Morgen gehen wir nach Kahnberg. In die Stadt soll er erst, wenn mein Oheim
und Cleberg zurück kommen. Die Gesellschaft dieses jungen Mannes ist äusserst
einnehmend, da er niemals das Fehlerhafte rügt, von der ganzen Erde gutes denkt
und spricht; alles Schöne und Gute aufsucht, fühlt, sich dabei verweilet, und
auch uns Frauenzimmern feine Schmeicheleien sagt, wie zum Beispiel Julie und ich
das Lob erhielten, dass wir in Kleidung, Hausgeräte und Bestellung des Tisches,
wie im Ton unserer Unterredungen gleichsam einen Auszug der besten Zeiten, was
vier grosse Europäische Nationen eigenes haben, machten. Wir wurden, ich
versichere sie, wahrhaftig beschämt; und ich sagte: O, Herr Latten! wie wollen
sie dieses alles in zwei Tagen gesehen haben? Nun wurde mein Hut, meine weisse
Schürze, meine Gestalt, die niedrigen Absätze meiner Schuhe, und die Zubereitung
des Frühstück-Tisches Beweis des engländischen Geschmacks in meinem Hause;
Juliens Anzug und Bezeigen das ausgewählteste Feine und sittlich schöne
Französisch nach seines Otten herrschender Vorliebe zu dieser Nation. Unsere
Musikalien, dann die Vasen im Garten, einige Säulen am Hause waren Italienisch.
Die wenigen Schüsseln bei den Mittags-und Abendessen, die Freimütigkeit mit
welcher wir unserer Liebe für unsere Männer zeigten, der kleine Stolz und Eifer
mit welchem wir unsere Hauswirtschaft führten, sei teutsch. Die Büchersammlung
von Italiens, Englands, Frankreichs und Teutschlands schönsten Werken, bewiese
auch, dass seine Anmerkung richtig sei; Ja, selbst in unserer Sprache, ob wir
schon alle fremde Worte sorglich vermieden, wären ganze und einzelne Spuren
eines Ganges oder Wendung der Ideen, die uns das Lesen dieser verschiedenen
Schriftsteller gegeben habe. Er sagte dies alles recht artig, und gar nicht als
ein Mensch, der Jahr und Tag nur mit Bauern und einem rauhen Beamten gelebt
hatte. Ich sagte zu Julien: Es liegt viel Schönes in der kleinen Geschichte von
unserm Haus- und Wirtschaftswesen, aber es ist kein Ganzes, sondern nur
zusammengetragenes Zeug, und das missfällt mir, Liebe! Wir sind so gern ganz
teutsch. Die drei Männer sahen mit Vergnügen und Aufmerksamkeit uns an. Julie
sagte auch mit ihrer innigen Sanftmut: Mich däucht wirklich, dass wir mit dem
glänzenden Gemische nicht ganz zufrieden sein sollten; und zu ihrem Manne: Wie
machtest du es dann, aus mir guten, einfachen, teutschen Mädchen eine feine
Französin zu bilden.
    Latten stund mit Eile auf und bog sich mit edler Bewegung seiner Hände gegen
uns: Julie, Rosalie! sie werden doch nicht ernstaft unzufrieden sein, wenn man
schöne Wahrheiten von ihnen sagt? Also doch Wahrheiten! erwiederte Julie mit
reizendem Nicken ihres artigen Kopfs. Wollen sie mir erlauben, dass ich es
ernstaft beweise, sagte Latten. Können sie dies wohl? fragte ich. Ja, und noch
dazu wird mein Beweis völlig ihre Rechtfertigung mit sich führen. Also auch die
meinige, fiel Ott noch ein. Gewiss, sagte Latten, aber da die Frage von lauten
guten, die Menschen glücklich machenden Sachen ist: so müssen sie mich etwas
ernst sprechen lassen.
    Wir neigten uns alle ein wenig, um unsere Einwilligung zu zeigen, und er
fing mit einem zärtlichen Ton der Stimme und der gefühlvollsten Miene an, indem
er freundlich auf uns blickte: Ich glaube, dass wir alle recht gute Kinder der
göttlichen Vorsicht sind; sie hat ihrer viele auf allen Ecken der Erde zerstreut
und sie will allen wohl: darum schmückte sie überall die Wohnplätze der Menschen
mit Bäumen und Blumen, und gab dem Boden und Tieren Fruchtbarkeit und
Nützlichkeit für Geschöpfe. Wegen dem allgemeinen Menschenwohl, lässt sie an
Ausbreitung der Lehre einer wahren reinen Religion arbeiten. Physik,
Weltweisheit, Gestirn- Handlungs- und Gesetzkunde fliessen zum grossen
allgemeinen Besten überall zusammen und werden von allen genossen; warum sollte
dann von den übrigen Gütern des Lebens und Vergnügens die Zweige weniger
ausgebreitet und vielleicht gar aus kleinen Eigensinn weniger angenehm werden.
Ich habe mir den Plan gemacht, sagte er gegen Ott, ein Naturalien-Cabinet
anzulegen, worinn alle Kräuter nach dem Linnäus, alle Steine und alle Mineralien
versammelt wären. Meine Bücher sollen historisch-geographische Beschreibungen
der Welt entalten, und so viel möglich Kupfer und Abbildungen von Menschen und
schönen Gegenden; dadurch könnte wohl unser Zirkel der ganzen Erde äusserst
merkwürdig werden, wenn bei mir Auszüge des Wunderbaren, der physischen, und bei
meinen Freunden alles Ehrwürdige und Reizende der moralischen Welt zu finden
wäre. Wir wollen keine ausschliessende Menschenliebe, keinen ausschliessenden
Geschmack haben, sondern das schätzbare Gute und Angenehme aller Nationen
hochachten, alles Nützliche und was das Leben versüsset, uns zu eigen machen,
und da im Mitteilen und Annehmen unsern Mitmenschen Brüderschaft bezeugen.
Diese Ergiessung allgemeiner Bruderliebe von dem kleinen Winkelchen meines
Zimmers bis in die äussersten Grenzen der Erde, aus dem Munde eines jungen
Mannes von sechs und zwanzig Jahren; die flammende Röte die sein Gesicht
einnahm, als er sprach; der wachsende und fallende Ton der Stimme, seine bald
lebhaften, bald sanften Blicke; das, was ich hörte, was ich dazu dachte und
fühlte, brachte mich in die sanfteste, und ich darf es sagen, edelste Stimmung
der Seele. Ich war bis zu Tränen gerührt und eingenommen. Er bemerkte es mit
vieler Feinheit. Denn, als er zu reden aufhörte, fragte er erst Julien: ob sie
nun mit ihm ausgesöhnt sei? Sie versicherte es ihm, mit alle der Anmut, die den
Charakter ihres ganzen Wesens ausmacht. Zu mir wandte er sich nur mit den
wenigen Worten: und Rosalia? Er mochte meine Augen noch nass gesehen haben; denn
gleich sanken seine Blicke aus Schonung zur Erde; ich fasste mich aber und sagte:
Herzlich bin ich versöhnt und noch mehr, ich stimme ganz mit ihnen ein.
    Hier erhob er seine Augen, aber nur blitzartig auf mich, wandte sie gleich
ab, und ich sagte zu Julien! Wir wollen also moralische Seltenheiten sammlen und
Herrn Latten bitten, sein Cabinet bald anzufangen; dann stund er auf und lehnte
sich an ein Fenster. Wir waren olle still. Ort ging zu ihm. Julie sagte mir: Ich
bringe heut einen Teil meines Mittagsessen zu dir, und mein Mädchen auch. Ja,
meine Liebe das ist ein recht glücklicher Einfall. Hannchen ging mit ihr, und
ich bemerkte erst da, dass Lisette nicht im Zimmer wäre. Ich fragte Linken: ob
sie schon lange weg sei? Ey freilich! Es musste ihr ja bei den Äusserungen von
Güte und Tugend ganz übel werden.
    Diese bittere Anmerkung tat mir für Lisetten weh.
    Pfui Linke: schämen sie sich, dass diese Güte so wenig auf sie wirkte, um
ihnen diese grausame Auslegung über etwas ganz Zufälliges sich zu erlauben. Die
Arme jammert mich herzlich, und ich bitte sie, sagen sie diese nachteilige Idee
keinem Menschen mehr. Er ging weg, kam bald wieder und sagte zu mir: Lisette
macht ihre Betrachtungen in Clebergs Cabinette. Ach, sie wird um so
bedauernswerter. Sie sind eine sehr eigene Art Frauenzimmer. Gott gebe, dass ich
es auf der guten Seite immer bleiben möge und ich bitte sie, Linke, sagen sie
mir nichts, das meinen Gang wankend machen könnte. Ort und Latten waren fort.
Linke folgte ihnen, als Julie und Hannchen darauf wieder zu mir kamen. Als ich
mit der kleinen Rosalie spielte, erschien Latten unter der Saaltüre, sah mir
einige Augenblicke zu und näherte sich mit sanften ehrerbietigen Gebehrden: Ich
darf wohl hoffen, sagte er, dass sie, meinem Fritz erlauben, mit der kleinen
Salie bei ihnen zu essen? Ach ja, wo haben sie ihn dann? Er ist mit meinem
Bedienten bei dem Herrn Pfarrer. Und das seit ihrer Ankunft? O Herr Latten, wie
konnten sie an mir zweifeln. Er antwortete nicht, sondern flog davon, und führte
den holden Knaben zu mir, da ich unterdessen in dem untern Saal gegangen war,
und auf einer der Stufen vor der Türe sass. Der gute Kleine sah seinen
Pfleg-Vater und mich an; seine Schönheit und zärtlichen Augen und die Erinnerung
an das Schicksal seiner Eltern hinderten mich, zu reden. Ich breitete meine Arme
nach ihm aus und das gute Kind lief zu mir, hängte sich an meinen Hals und küsste
mich. Latten ging weinend in die Allee, und ich drückte Fritzgen mit Tränen an
mein Herz und bat Gott, seine Unschuld zu schützen, und Latten zu seegnen.
 
                           Hundert und fünfter Brief
                            Rosalia an Mariane S**.
Nun, Mariane, kann ich auch sagen, ich habe das Schwerste getan, was eine
zärtlich liebende und empfindliche Frau tun kann. Vor fünf Tagen kam Cleberg
mit meinem Oheim zurück. Ich hatte so viel über mich gewonnen, dass ich noch
während seiner Abwesenheit Lisetten mit alle meiner vorherigen Achtung und
Freundlichkeit begegnete; ein ofenes natürliches Wesen behielt, und alle meine
Anwandlungen von Unmut und Rachsüchtigkeit, von denen ich nicht frei war, dahin
zu wenden suchte, jede gute Eigenschaft meines häuslichen und gesellschaftlichen
Verdienstes, die Cleberg an mir geliebt hatte, in ganzer Tätigkeit zu erhalten,
indem ich mir sagte: seine Hochachtung soll mich für den Verlust seiner Liebe
schadlos halten. Aber, o Mariane: Was kostet es, dies zu sagen; und wie viel
eigene Erkältung des Herzens gehört dazu die Kälte eines andern mit Ruhe zu
tragen. Ich bemerkte, dass Linke dem vortreflichen Latten von der kleinen
Ehstandsbegebenheit geredet hatte, weil sie mich, wenn ich mit Lisetten sprach
oder Cleberg nannte, am meisten zu beobachten schienen, und mir vereint eine
vermehrte Achtung bezeugten. Lisette wurde auch wieder etwas vertrauter;
arbeitete aber mit anhaltendem Eifer fort; fuhr zehnmal des Tages von ihrem Sitz
auf, wenn sich das Rasseln einer Kutsche auf der Landstrasse hören liess. Eine
Röte und verdriessliche Miene zeigte, dass sie sich betrogen hätte und sah doch
immer wieder hinaus, dann auch mit gesenktem Kopf nach uns, und ihren Stuhl
rückte sie mit Ungeduld zurecht. Ich nähete auch, beschäftigte mich aber viel
mit Lattens Fritzgen; ein holder empfindungsvoller Knabe, für den ich van Gudens
Bilderbuch aus der Stadt bringen liess und Mittags, weil es zum Spatzierengehen
zu warm war, die Bilder anzeichnete, die er merken und mir ähnliche Sachen des
Abends im Felde, im Dorf oder im Garten zeigen musste. Nicht nur die Geschichte
seiner Mutter, sondern auch die Aussicht, die vor mir ist, selbst ein Kind zu
haben, hefteten mich an ihn, und machten, dass ich eine Probe vom nützlichen
Gebrauch des Bilderbuchs mit ihm vornahm und ihn auch das, was er im Herumgehen
sah, wieder im Buche aufsuchen liess. Er wollte ein kleines Feld und einen
kleinen Pflug haben. Der Wagner im Dorfe hat einen Buben von sechs Jahren, der
alles, was sein Vater im Grossen und von harten Holz macht, im Lindenholz
nachäst, und gewiss ein sehr vortreflicher Mann in diesem Handwerk werden wird;
er hörte auch nicht auf, den Sohn des Schmids dahin zu bringen, dass er ihm
kleine Pflugschaaren machte, damit sein ganzes Ackerzeug vollkommen sein möchte.
Mit dem Jungen des Zimmermanns baute er sich einen Schoppen, wozu ihm Cleberg
das Holz gab, und auch für die Jungens das Lehrgeld zahlen will, die sich durch
das Beispiel von diesen zum Fleiss und Geschicklichkeit aufmunterten; wie ich
ihnen auch hier sagen will, dass er bei dem Bau unsers Garten und Hauses nebst
meinem Oheim auf die herumschlendernden Buben Achtung gab und diejenigen, welche
sich oft und anhaltend bei einem oder andern Urteilsplatz einfanden, befragten
sie um die Ursache: war es wirklich vorzüglicher Hang, der die Jungen zum
Steinmetz, Zimmermann, Gärtner oder Maurer führte, so sorgten sie dafür, dass die
Eltern, die ihnen manchmal eine andre Bestimmung gaben, in den Sinn der Knaben
willigten, und erleichterten jede Beschwerde, die sich dabei fand. Unser
Gärtner, der zugleich unser Bedienter ist, hat wirklich vier Jungen in der
Lehre, die gewiss gute und geschickte Menschen werden. Der Gärtner und Cleberg
selbst halten ihnen Zeichnenstunden. Wir kleiden sie und schaffen das Essen. Es
kostet auch nicht so viel, als man denken sollte. Ich und Cleberg einen
Einbildungsrock weniger in einem Jahre gibt uns Geld für Nahrung und Kleidung
der guten Jungen. Auf die Werkeltage sind sie alle in groben weissen Leinen und
grünen Hüten; Sonn- und Feiertage haben sie Röcke von grünem Zeug dazu. Alle
Tage hilft einer aufwarten, ordnet die Blumen vom Nachtisch und die in den
Zimmern stehen, damit sie einst auch den Dienst eines Laquayen mit der Gärtnerei
verbinden können. Obst trocknen und in Zucker sieden lernen sie auch, und ich
versichere sie, dass es recht artig ist, die vier wackern jungen Leute arbeiten
zu sehen. Wir haben Fritzgen ein Stück Land eingeräumt; dort pflügte er mit dem
kleinen Ackerzeug des guten jungen Wagners und säete auch. Die Freude des lieben
Kindes ist nicht zu beschreiben, und Lattens Vatertreue auch nicht. Mit was für
einen Ausdruck melancholischer Zärtlichkeit er ihm zusah, über ihm gebeugt war,
wenn der Knabe zu ihm kam, den guten Papa zu fragen, oder ihm was zu erzählen.
Sein kleines Feldchen liegt an einem Traubengeländer hin, und am Ende davon
stehen etwas erhöht zwei sehr grosse Birnbäume, die Cleberg beide in den
Bauerngarten fand, als er ihn zu dem Unsrigen kaufte, und die zwei so freundlich
beisammen stehenden Gewächse nicht trennen und nicht ausrotten wollte. Latten
und wir alle fassen an diesen Bäumen, als das Stückgen Erde für Fritzgen
zugerichtet wurde, der sehr viel dabei zu tun hatte, und dann auf seines Vaters
Schoss ausruhte. Als er es angesäet hatte, regnete es zwei Tage, das machte den
Kleinen sehr unzufrieden weil er seinen Acker und das Haus des guten Wagners
nicht sehen konnte. Latten erklärte ihm den Nutzen und das Wohltätige des
Regens, und der liebe Bube wurde so gerührt, dass er an das Fenster kniete, gen
Himmel sah und mit gefaltenen Händgen sagte: O lieber Gott, lass auch auf meinem
Acker und auf Hansens Acker regnen, dass unser Brod wachsen kann.
    Latten sprang auf, kniete zu ihm hin, fasste die geschlossenen Hände des
Kindes in die seinigen: Lieber Gott, erhör das Gebet meines Fritzgens! und
drückte ihn an sich. Was er für das Kind erbat, sprach sein Auge und seine
darin zitternde Träne und der Knabe war so herzlich froh, dass sein Papa für
die Erfüllung seiner Wünsche bettelte. Latten nahm diesen Weg zu dem Herzen
seines Sohnes, dass er in guten oder gleichgültigen Anlässen immer von der
Meinung des Kleinen war, um ihn ja die Obergewalt nicht zu einer unrechten Zeit
fühlen zu lassen und weil man durch eine immerwährende Rechtaberei bei Alten
und Jungen verhasst würde. Diese Anmerkung, meine, Liebe, machte ich mir auch zu
Nutz, und setzte mir vor, gegen keine Seele über irgend etwas zu streiten, wenn
es nur auf das kleine Vergnügen des Rechtabens ankäme, und auch in der so
feinen Sache zwischen Cleberg, Lisetten und mir ja keinen widerstrebenden,
eigensinnigen Ton zu nehmen. Das Kind erhielt mein Herz in einer sanften
Stimmung. Lattens Geschichte und Grundsätze befestigten mich in der Pflicht des
Ertragens der Fehler und Unvollkommenheiten anderer, und erhöhte den Wert eines
grossmütigen Bezeigens. Alles das fühlte ich; aber dies war nicht mehr Liebe,
und das macht den empfindlichsten Teil meines Kummers in den ruhigsten
Augenblicken aus. Endlich kam Cleberg und mein Oheim; aber Abends spät, gerade
als wir schon nach dem Essen noch im Garten herum giengen. Mein Herz pochte
unendlich. Cleberg war in seinem Reisekleide so schön; seine Freude über Latten
so edel in ihren Ausdrücken. Er küsste meine Hände, sah mich aber nicht viel an,
sprach auch mit Lisetten nichts besonders; ob sie ihm schon hundert Fragen tat.
Er und mein Oheim nahmen nur etwas Wein und Brod im Garten; nachher ging ich mit
Letzterm ins Haus, und da dieser schlafen wollte, in mein Zimmer; zog mich aus,
schickte mein Mädchen fort, und legte mich, da ich mein Licht ausgelöscht hatte,
an das Fenster. Es war nicht gut, dass ich es tat, weil Unruhe und dunkle
Vermutungen mich dazu brachten, die mich auch natürlicher Weise zu den
schlimsten Auslegungen des allerunschuldigsten Vorgangs verleiteten. Ich hörte,
dass Cleberg, Latten und Linke in dem Laubengang auf und ab spazierten. Endlich
gab Cleberg Linken den Auftrag, er solle Latten nach seinem Schlafzimmer führen.
Er für sich, müsse noch einige Zeit herum gehen; es wäre ihm heiss, und er sei
zum Reden zu matt. Seine Freunde gingen auch; und er lehnte sich einige
Augenblicke hernach an den Pfosten des Laubengangs gegen meinem Fenster über.
Wie mich däuchte, sah er nach, ob ich noch Licht habe. Die grünen Sonnenschirme
meiner Fenster waren nahe beigezogen; er konnte mich nicht sehen, aber ich ihn,
weil er ganz hellgrau gekleidet war und auch so einen Hut hatte. Seine Stellung
schien nachdenkend und beinah traurig. Er rührte mich und ich fing an zu
überlegen, ob ich ihn nicht zärtlich anrufen sollte. Meine Hand wollte auch
schon den Schirm in die Höhe heben, als ich ihn sich schnell wenden sah und
Lisetten sprechen hörte. Ach, mein Arm und mein Kopf sanken auf die
Fensterrahmen nieder und endlich ging ich von Schmerz und Unmut wankend in
mein Bette. Ich schlief nicht, also bemerkte ich auch ganz deutlich, dass Cleberg
nicht in sein Zimmer kam. Es war eine sehr elende Nacht, die ich da durchzuleben
hatte. Ich weinte aber nicht eine Zähre, stund früh auf, kleidete mich auch
gleich ganz gut an, und nahm mir vor, beiden nicht im mindesten merken zu
lassen, was ich von ihnen dächte. Nach Lisettens Gesundheit und nach Clebergs
Nachtruhe zu fragen, das war mir unmöglich; aber Ruhe, Güte und Gleichmütigkeit
suchte ich zu zeigen. Cleberg sass tiefsinnig bei dem Frühstück. Lisette sprach
auch nicht; machte hundert kleine Brodtkrumen, tauchte sie in ihren Caffee, ohne
eine davon zu essen. Ich machte mir viel mit Fritzgen Latten zu tun, nahm aber
mein Frühstück wie sonst. Beide jammerten mich; ich sah ihre Glückseligkeit noch
viel elender zu Grunde gerichtet als meine, und ich fühlte Würde und eine
herrliche Gelegenheit, Grösse und Güte der Seele zu zeigen, in mir. Doch konnte
ich den sonderbaren Einfluss nicht hindern, den Clebergs Trübsinn und Schweigen
auf alle machte. Wie der Tisch weggeräumt war und ich mich zu meinem Nährähmen
setzte, bat ich Linken den Pack Bücher zu holen, welchen er Tages vorher
bekommen hatte; er tat es und dies belebte uns alle, ausser Lisetten, die
fortnähte. Latten, Linke, Cleberg und mein Oheim gerieten in eine wichtige
Unterredung über den Nutzen und Schaden, den das viele Bücherschreiben und Lesen
verursache. Latten setzte etwas darüber auf, das ich ihnen einst schicken werde.
Es kamen Gäste aus der Stadt. Cleberg ging fort, und ich musste bis Abends die
Leute unterhalten. Ich bezeigte mich aber gegen Lisetten wie sonst; ob sie schon
unempfindlicher gegen mich war, als ehmals. Die Gesellschaft ging am Ende des
kleinen Essens im untern Saale zu Fuss der Stadt zu. Ich blieb im Hause und
ordnete mit meinen Leuten die Besorgnisse des andern Tages. Ich fürchtete mich
vor der Nacht, legte mich aber, eh die andern zurückkamen, schlafen. Cleberg kam
leise in sein Zimmer, ging auch wieder hinaus, und ich hörte ihn nicht mehr. Dass
war wieder schlimm für mich; doch weinte ich etwas und schlummerte ein. Ich
führte Morgens wieder meinen Plan der Ruhe durch, ging wohl gar bis zu einem
Grad der Heiterkeit; Cleberg blieb nicht bei uns. Ich wurde in ein Gespräch
verwickelt, das mich hinderte, Lisettens Abwesenheit zu bemerken. Ich ging auch
selbst hinaus, um in dem äussersten Zimmer ein Bette aufschlagen zu lassen, weil
mir mein Oheim einen Fremden meldete. Sie wissen, dass ich niemals bei den
Kupferstichen vorbeigehe, ohne einige Zeit da zu verweilen. Ich machte das
Zimmer auf und bei dem ersten Schritt sah ich meinem Cleberg zu der Seitentüre
hinauseilen und Lisetten da sitzen. Ich wandte mich gleich um und gab mit dem
kleinen Taumel in meinem Kopfe dennoch meine Befehle, ging wieder in den Saal an
meine Arbeit, und zum Gespräch. Cleberg kam auch, sah manchmal sehr eifrig auf
mich, legte sich ans Fenster, setzte sich auf Lisettens Stuhl an ihrem Rahmen,
und betrachtete mich von dortaus einigemal vom Kopf bis zu den Füssen.
    Vergleichst du mich mit deiner Blondine? dachte ich und sah ihn, ich bin es
gewiss, mit lächelnder Kälte an. Er spielte noch mit der Scheere, der Seide und
den Nadeln etwas fort; und biss in seine Lippe. Ich wollte hindern, dass niemand,
als ich, es bemerken sollte und fing eine muntere Unterredung an. Da stund er
heftig auf, biss einen Faden, den er um die Finger gewickelt hatte, entzwei und
ging fort. Ich sah ihm nach, blickte unwillkührlich auf Lisettens Arbeit, und
war etwas zerstreut. Lisette kam nicht zum Mittagsessen. Sie hätte Kopfweh, liess
sie sagen. Ich ging den Augenblick zu ihr, aber sie sagte mir mit Ungedult, sie
könne nicht viel reden hören. Ich kam zurück und fragte Hannchen Itten, ob
Lisette öfters mit dem heftigen Schmerz geplagt wäre? sie könne nicht einmal
sprechen hören, und befahl den Leuten, ja leise hin und her zu gehen. Nach dem
Caffee ging ich wieder zu ihr. Sie hatte sehr geweint und war noch mürrisch, ich
redete sanft mit ihr. Sie war stöckisch; ich fühlte mich gross, und nahm ihre
Hand. Lisette! dieses Betragen gegen mich, sagte ich, hat einen andern Grund,
als ihr Kopfweh. Habe ich ihnen was zu Leide getan? Sagen sie es! Ich möchte
nicht, dass es geschehen wär, und hatte den Vorsatz niemals. Ach, Hannchen ist
ihnen doch lieber als ich, sagte sie. Das ist artig, dachte ich, so bist du auch
eifersüchtig. Das haben sie nur bei ihren Kopfweh gesehen, mein Kind? Sie
schwieg lang auf dem Stuhl gelehnt, und weinte dann stark. Liebe Lisette, ihr
Aufentalt bei mir hat für sie nicht alles das Angenehme, was ein feines und
wohldenkendes Frauenzimmer wünschet; es ist Unruh in ihre Seele gekommen; mein
Kind, ich will nicht, dass sie mir davon sprechen oder glauben, was ich ihnen
sage; aber ich bedaure sie redlich. Hören sie mich, ich will ihre Freundin sein,
und ihnen wieder zu ihrer Munterkeit helfen. Sie werden sie nicht anders wieder
finden, als in ihrer eigenen Hochachtung und in der Hochachtung ihrer Freunde. O
Frau Cleberg! was sagen sie da? hat Herr Cleberg ihnen so von mir gesprochen?
Nein! Gewiss, er hat nicht das mindeste Nachteilige von ihnen geredet, so lang
er sie kennt. Das macht nichts! Er ist doch falsch und stolz.
    Ich begreife sie nicht, Lisette! bitte sie aber nur, fassen sie sich: denken
sie von niemand Böses und suchen sie allein das gute liebenswürdige Mädchen zu
sein, das sie beim Anfang unserer Bekanntschaft waren. Da geben sie mir das
zweite Lehrstück; haben sie es mit ihrem Gemahl verabredet? Ihre Bitterkeit
setzt mich in das äusserste Erstaunen! was soll ich mit Cleberg verabredet
haben? Er war ja nicht hier, als sie ihr, sonst so holdes, artiges Bezeigen
abänderten. Ich werde ihm aber gewiss nichts davon sagen, denn, es ist nicht gut,
wenn auch die liebenswürdigsten Männer unsere Fehler wissen. Der
liebenswürdigste ist also wieder Herr Cleberg? Ja, Lisette, er ist es; ich
wollte, es gäbe mehrere, da würden sie nicht so unzufrieden sein, mein Kind!
Aber - sie wollte nun wieder mit Zorn reden. Ich hielt meine Hand vor ihren
Mund.
    Nichts Lisette! nicht zornig! ich könnte es ja auch werden. Sehen sie mich
an; denken sie, wie wert ich ihnen in den ersten Zeiten unserer Freundschaft
gewesen bin. Löschen sie alle andre aus, und sein sie wieder wie damals. Ich
will es immer sein, ich verspreche es ihnen! Das ist ganz gut. Machen sie nur,
dass ich heut noch wegkomme, ich kann nicht mehr bleiben. Aber so jähling
abgehen? Kind! bedenken sie sich. O ich bitte, machen sie Anstalt dazu! Nun so
will ich mit Hannchen und ihnen in die Stadt fahren. Wieder ihr Hannchen? Geben
sie mir nur ihre Cammerjungfer und einen Bedienten, Mein Kopfweh entschuldigt
alles.
    Ich sähe gern, dass sie sich eine Viertelstunde bedächten! Ich will
wiederkommen, überlegen sie es noch einmal! es ist zu auffallend. Ich weiss
alles, aber ich will weg. Nun so will ich Anstalt wachen; beruhigen sie sich!
    Ich ging wirklich ganz verlegen weg. Soll ich sie gehen lassen, für mich
allein? Soll ich es sagen, wem? In diesem Nachdenken ging ich langsam, mein
Oheim begegnete mir bei meinem Zimmer, und hielt seine Arme offen. Ich umfasste
ihn und legte meinen Kopf an seine Brust. Mein Herz brach, als ich das
Umschliessen seiner Arme fühlte, und von ihm halb getragen in mein Zimmer
geleitet wurde. Ich weinte; er konnte nicht reden. Cleberg kam aus seinem
Nebenzimmer. Plötzlich hörten meine Tränen auf und ich zitterte als er sich mir
näherte. Er nahm meine Hand: Salie! angebetete Salie! O, vergieb dem letzten
Eigensinn dieses Herzens. Ich habe dich beleidigt! Ich hätte es nicht tun
sollen, ich wollte dich eifersüchtig sehen! Unser Oheim weiss alles. Meine Seele
ist dein, sagte er zu meinen Füssen: vergieb mir! O wie grausam hast du mit
unserm Glück gespielt, Cleberg! wie grausam mit der Ruhe des armen Mädchens!
    Mariane! der ungerechte Mann klagte Lisettens Eitelkeit an. Ich musste sie
verteidigen.
 
                           Hundert und sechster Brief
                            Rosalia an Mariane S**.
Da, Liebe! haben sie den Ausgang der kleinen Hausgeschichte von Cleberg und mir.
    Mein Oheim und er hatten mich und Lisetten belauscht; daher ging auch
Cleberg sogleich, alles zu Lisettens Abreise zu bestellen, und mein Oheim bat
mich, auch ihm zu vergeben, dass er sich mit meinem Manne gegen mich verbunden
hätte, um mir die Idee seiner anglimmenden Liebe für Lisetten zu geben, nur, um
den Gang meines Herzens in dieser so feinen und entscheidenden Gelegenheit zu
beobachten. Er dankte mir für die innige Freude, die ihm mein edles und kluges
Betragen gegeben habe; er versicherte mich, dass mein Mann mehr dabei gelitten
habe, als ich, weil er alle meinen Schmerz und mein Kämpfen gegen meine
aufgebrachte Empfindlichkeit gesehen hätte. Er habe deswegen eine Reise
vorgeschlagen, um Clebergen noch ein paar Tage bei festem Sinn zu halten, und
Herr Linke hatte den Auftrag, mich und Lisetten zu beobachten, dessen
Anmerkungen mir eine süsse Belohnung für meine Unruhe sein würde. Du hast die
Hochachtung deiner Freunde verdoppelt; dein Mann verehrt dich auf das Neue; du
musst ihm vergeben, wie mir.
    Bin ich nicht in einer sonderbaren Lage mit diesen zwei Männern und wie
viele vortrefliche Herzen von Frauenzimmern würden elend durch die Leute, wenn
sie sich nicht gerade zu, nach ihrem Sinn aufführten! Gott sei ewig für die
Richtung gedankt, die er meinen Gefühlen gab, und möge mir diese Erfahrung den
Vorsatz der gedultigen und verschwiegenen Ertragung alles Uebels recht tief
einprägen: möge die Ruhe des Herzens, die meine Ueberwindung des Widerwillens
gegen Lisetten mich empfinden liess, möge diese die Grundlage eines immer
edelmütigen Bezeigens gegen alle werden, die mich hier und da beleidigen
können, unausgesetzt so gut zu sein, als ich kann. Mariane! dies, dies sei die
Stütze für den Gang meines täglichen Lebens, und möge die Vorsicht diesen
herzlichen Vorsatz allein dadurch seegnen und lohnen, dass ich niemals einer
niedrigen Leidenschaft des Neides, der Rache, des Hasses und der Eitelkeit zu
Teil werde. Sagen sie Amen dazu, teure, edle Freundin! Sagen sie Amen zu
diesem teuer erkauften wahren Wunsche meiner Seele, und schicken sie mir meine
Briefe über diese Sache durch diesen Reitknecht zu. Cleberg und mein Oheim
wollen sie sehen.
    Lisette jammerte mich nun aufrichtig; wie wenig Kunst gehört für einem
schönen, die Welt und Menschen kennenden Mann dazu, einem zärtlichen, etwas
eiteln Mädchen etwas weis zu machen. Man wird sagen: ja! aber Cleberg war ja ein
verheirateter Mann, das wusste sie! warum wusste sie doch noch Coquetenstreiche
mit ihm anfangen? Ach, sie sah ihn gewiss nur aus dem Gesichtspunkt an, dass er
ein schöner, artiger Mann sei, der viel Geist habe, und dessen Aufmerksamkeit
auf sie, der grösste Beweis ihrer Liebenswürdigkeit war, und so wurde sie
hingezogen. Die Arme! Hätte sie je vermuten können, dass sie nur zu einem
Probestück meiner Vergrösserung dienen sollen, so würde ihre beleidigte
Eitelkeit sie geschützt haben: so wie die geschmeichelte ihre Verirrung
veranlasste.
    Ich ging noch zu ihr, nahm Abschied, weinte mit ihr und schloss sie an mich:
Lisette! liebenswürdige Lisette! ich bitte sie, verwahren sie ihr zärtliches
Herz vor den Schmeicheleien der Männer, von welcher Gattung sie sein mögen;
wachen sie über den Ausdruck ihrer Empfindungen, mein Kind, damit ihre Freude
oder Missvergnügen nicht gleich allen, die sie sehen, deutlich werde! Und, wenn
sie eine Freundin brauchen, so rechnen sie auf Rosalia Cleberg. Sie liess sich zu
ihrer Tante aufs Land führen, wo sie schon eingeladen war und bis im Winter
bleiben will. Ich weiss nun nicht, ist Folgendes, was ich Ihnen schreiben werde,
wirklich ein Beweis von einem Mangel seines Empfindens, wie ich es nannte oder
wie Linke behauptet, Uebermaas der Vergütung, die Cleberg und mein Oheim mir
schuldig zu sein dachten, oder auch Uebermaas von Feinheit in mir. Irgend etwas
ist es; denn der kleine Widerwille, den der Vorgang in mir erweckte, beweiset,
dass Uebermaas da war. Ich wusste nicht, warum wir so lange allein gelassen
wurden, und weder Latten, Hannchen oder Linke zu sehen und zu hören waren. Aber
Cleberg hatte sie darum gebeten, um mit mir sprechen zu können. Als ich ihn
meiner Vergebung versichert hatte, sagte mein Oheim: nun wollen wir im
Laubensaal unser Abendbrod essen; Ott und seine Julie müssen dazu kommen.
Cleberg ging hin, sie zu holen und mein Oheim führte mich am Arm durch den
Garten hinunter, und gab mir durch tausend Liebkosungen seine Zufriedenheit zu
erkennen. Alle unsere Freunde kamen uns an dem Bach entgegen; wir setzten uns
auf Verlangen meines Oheims auf den Bänken am Ufer nieder. Linke allein blieb
stehen, und gab auf meinen Oheim acht, der ihm endlich sagte: Ich bin sicher,
Herr Linke, dass alle liebe Freunde von Rosalien Anteil an Ihrem kleinen
Tagebuche nehmen werden; lesen sie es doch vor! Und, liebe, liebe Mariane! was
kam? die Erzählung des Vorsatzes von Cleberg mich durch Eifersucht auf eine
Probe zu stellen, und das ganze Betragen von Lisetten, das meinige; Bemerkungen
jedes meiner Freunde; Ottens, Juliens, und Hannchens Beurteilungen; Lattens
seine über Cleberg, über mich und Lisetten. Ich wurde ganz niedergedrückt vom
Lobe der Liebe und dem Anteile, die alle an mir bewiesen hatten. Cleberg sass
neben mir, hielt eine meiner Hände, drückte sie oft, küsste sie, legte auch
seinen Kopf ein paarmal auf meinen Arm. Latten sprach sehr wenig; hatte aber das
gefühlvollste Aussehn. Mein Oheim blickte mich mit nassen blinzenden Augen an,
und klopfte mir oft auf die Achsel. Bravo, Rosalie, bravo! sagte er mit einer
halb lachenden, halb weinenden Stimme, wenn Etwas zu meiner Erhebung dienendes
vorgelesen wurde. Könnte ich doch eine Berechnung darüber darlegen was für
Empfindungen von Seeligkeit in den wenigen Tagen von Kümmernissen für mich
entstanden waren, als ich stillschweigend litt und mit so viel Anmut und
Rechtschaffenheit zu tragen suchte. So war das Zeugnis meines Herzens Recht zu
tun, Trost, Stärke und Lohn schon im Innern für mich; und nun sammlete ich eine
so reiche Erndte des Beifalls, von so viel edlen Menschen ein. O Mariane! es
müsste sehr schlimm, sehr unglücklich mit mir gehen, wenn ich nicht fest,
unwandelbar fest auf dem Wege des Guten bliebe. Ich bekannte, dass mich mein
freundliches, sanftes Betragen gegen Lisette viele Ueberwindung gekostet habe.
Cleberg und das Mädchen wurden getadelt und die Natur der Liebe und Eifersucht
in Untersuchung gezogen; endlich dem guten Hannchen allein die Nutzanwendung
zugeeignet, damit sie andern Frauenzimmern davon predigen möge; ich aber bat
alle um den Beweis ihrer Achtung für mich, ja keiner Seele von der armen Lisette
in diesem Ton zu sprechen, und redte mit Eifer gegen das ungerechte Betragen der
Männer, und den Missbrauch ihrer mehrern Geisteskräfte. Ich bat endlich Linken
mir sein Heft zu geben, weil ich es als Denkmal seiner Freundschaft für mich
ansähe. Er gab mirs, und ich ging mit Julien und Hannchen dem kleinen Feldheerd
zu, bei dem meine Köchin etwas warme Speisen im Walde bereitete. Linke mutmasste
meine Absicht, das Heft zu verbrennen, und kam schnell genug zu uns, um es mir
just in dem Augenblicke aus den Händen zu reissen, da ich es unter den Gemüstopf
stecken wollte. Er packte mich aber so hastig um den Leib, dass er mich vor
Schrecken halb krank machte, und mir für den ganzen Abend Mattigkeit und Blässe
zurückliess. Wir gingen in den Lauben-Saal, wo der Tisch gedeckt war. Wir
speissten sehr vergnügt, unter Gesprächen über den wahren Wert der ausübenden
Tugend, und der wahren Reitze, welche die Männer fesselte. Die Nacht sank
gänzlich nieder, und mein Oheim zog dann den Zapfen aus, der den Tisch und die
Stelle, auf welcher die Stühle stehen, fest hält und liess uns da umdrehen. Ich
ward bei der abgeänderten Aussicht, die mir vorkam auf einmal über den Anblick
einer kleinen artigen Beleuchtung des ganzen nahen Hügels in Staunen gesetzt;
indem die in die Anhöhe eingesteckten Lampen die Worte anzeigten:
    »Lebe lang, edle Rosalia!«
    Ein Kranz vom blauem Feuer brannte umher, und Fritzgen Latten kam zu mir
gehüpft, noch mit der Zündrute in der Hand und küsste freudig meine Hände; Ich
habe die Lampen von ihrem Namen angezündet. Zärtlich umarmte ich ihn, und
wünschte mir ein so gefühlvolles Kind, möchte es Mädchen oder Knabe sein. Als
ich nach Hause ging, gab er mir eine artige Brieftasche, und wünschte mir gute
Nacht. Ich öfnete sie, und fand folgendes:
    »Noch ist meine Seele nicht gross genug, alle den Wert der Seeligkeit zu
fassen, an ihre edle Brust gedrückt zu werden: aber mein Vater wird mich lehren,
wie ich sie verehren soll, und dann komme ich und lerne süsse liebende Weisheit
von ihnen, und bin wieder so glücklich, die Luft zu atmen, die sie umgibt.
Fritz Latten.«
    Ich las es flüchtig durch, denn der Tag hatte von Clebergs Seite so viel
Eindruck auf mich gemacht, dass ich nichts, als ihn dachte, und ihm auch diese
Brieftasche erst den andern Tag zeigte, da wir alle über Lattens Abreise traurig
und verwirrt beisammen sassen. Cleberg las diese Zeilen einigemale mit
Aufmerksamkeit und Lächeln durch. Guter rechtschaffener Latten, sagte er
gerührt: Gott erhalte dich, wo du auch sein magst!
    Ott hatte ihm zu seiner Reise alle Anstalten gemacht, und kam um zehn Uhr
uns die Danksagungen und Freundschaftsversicherung des Edlen zu bringen. Cleberg
sprach lang allein mit ihm, kam dann mit gerührter Miene wieder zu uns, und war
den ganzen Tag und Abend sanft traurig. Wir sprachen viel von Latten, alle mit
Anteil und vieler Verehrung. Fritzgen hatte sehr um sein Feld und Hannsen
geweint. Da versprach ihm sein Vater, dass es fortgebaut werden sollte. Und das
soll es auch, sagte Cleberg, und für seinen Hanns will ich auch sorgen. Der
Himmel weiss, wenn wir ihn wieder sehen den lieben Mann! Denn ich muss es Ihnen
nur sagen, es ist Liebe die ihn weit von uns führt. Liebe für mich! Dieser
entfliehet er nach Holland. Durch Otten werden wir hören, ob er lebt und wohl
ist. Ach, sagte ich ihnen nicht, dass es gefehlt sei, als das Tagebuch von Linken
gelesen wurde? und sie gaben ihm auch meine von ihnen zurück. gekommenen Briefe
hin, zu was taugte dieses Aufweisen? Der arme Latten! Gefühl ist die Klippe, an
der seine Weisheit immer scheitern wird. Ich habe doch niemals nichts von Liebe
gegen mich bemerkt; ausgenommen, ein paarmal däuchte mich, dass er sein Fritzgen
schnell von mir rief und ihn mit etwas Erröten auf die Stelle küsste, wo, so zu
sagen, die Küsse lagen. Aber sein Auge war so bescheiden zur Erde gesenkt und
seine Unterredung und sein Bezeigen ging so gewöhnlich fort, dass ich mir diese
Bemerkung vorwarf und als falsch untersagte. Er bot mir auch seinen Arm seltener
an, als die andern Männer; doch, da er sonst kein Frauenzimmer führte, so machte
ich auch keine Glossen darüber. Nun bin ich froh, dass er weg ist, und Linke
singt auch: »Seelig die Abwesenden!« Meine Briefe sind mir beinah verhasst
worden, weil sie, wie Ott sagt, Latten den Garaus gemacht haben; aber Cleberg
hat sie mit vielem Nachdenken gelesen, und mir über alle Stellen, wo ich seine
Leidenschaft zu sehen glaubte, die Auflösung gegeben. Niemals hat er Lisetten
allein gesprochen; niemals ihre Hand, oder ihre Lippen berührt; nur so viel
Blicke und halbe Worte zu ihrem Lobe angewandt, als nötig war, mich besorgt zu
machen. Des Mädchens Eitelkeit machte sie zunderartig, sagte er. Abends, als ich
ihn aus dem Fenster beobachtete, lag er wirklich am Stock gelehnt und dachte an
die traurige Wirkung, die seine tolle. Grille schon auf mich gemacht hatte. Ich
war auch schon blasser, hagerer, und er unentschlossener, wie ich, ob er den
Abend noch sprechen sollte, und mitten unter diesen Gedanken hört er gehen,
sieht sich um und erblickt Lisetten, die ihm sehr unangenehm war, weil er von
Linke schon alles wusste. Er begegnete ihr mit Ernst, wie er auch den zweiten Tag
bei den Kupferstichen tat, da er auch erst einen Augenblick vor mir in das
Zimmer gekommen, und aus Unwillen, sie da zu finden, wieder in das Nebenzimmer
geeilt war. Daher wäre ihre Unzufriedenheit gekommen und ihre Klagen über seinen
Stolz und seine Falschheit. Ach, meine Mariane, es war doch eine hässliche
Spielerei, die der Mann da mit mir, vor hatte, und mich zum Balle jedes Zweifels
und jedes Argwohns machte, die mich alles in dem schlimmsten Verstande nehmen
liessen! Ich will über nichts mehr Auslegungen herklügeln und alle gute Menschen
warnen, sich nicht von Ahndungen hinreissen zu lassen. Es ist doch ein
wesentlicher Teil meines Wohls dahin, ich fühle es, und Cleberg befürchtet es.
Mit Latten ist uns auch was verloren, und ich sehe fast ganz deutlich, dass es
den artigen Cleberg verdriesst, dass er keine Beobachtung auf dieser Seite über
mich machen konnte. Latten, meint er, wäre der einzige gefährliche Mensch für
mich gewesen, da würde der Streit zwischen meinen Grundsätzen und meinem
Geschmack sehr stark und sehr schön gewesen sein. Salie! wärest du auch vor
Latten geflohen? Nein denn ich fürchtete ihn nicht. Dein Bild und mein
Misvergnügen über alle Männer waren meine Schutzwehr, und werden es bleiben. Wir
offen bei Ott zu Mittag, und Julie sagte mir mit Tränen noch vieles von Latten,
dass er seine Abreise so schmerzlich gefunden, und sie gebeten habe, ihre kleine
Rosalia recht wohl zu besorgen, und für seinen Fritz zu erziehen; dass er bei all
unsern Armen und Kranken gewesen, auch oft in die Dorfschule gekommen sei; bei
ihrem Ott gar viel geweint habe. Es erweichte mein Herz!
    Warum, ach warum, musste ich ihm gefallen! ich seine Ruhe stören! Möchte
dieses schmeichelhafte Los auf jemand anders gefallen sein, und ich, als seine
Freundin und Trösterin, ihn noch bei uns sehen, ihn zerstreuen helfen! Möge der
erste Abendwind, den er nach dem schwülen Tage herbei rufen wird, auch dieses
sein Wohl zerstörendes Aufwallen einer unordentlichen Liebe verwehen, und nichts
übrig lassen, als was Erinnerung einer treuen zärtlichen Schwester sein kann,
welche ich so gern für ihn gewesen wäre! Die van Guden hatte wohl Recht zu
sagen: Süsse und bittre Leidenschaften unterbrechen den Gang unsers Glücks und
unserer Tugend. Möge er beide auf dem Wege seiner edlen Flucht finden und der
Himmel sein Herz mit Stärke und Ruhe segnen!
    Mein Cleberg ist sehr sorgfältig um mich herum, und lässt mir die Freude für
Arme bei ihm zu bitten. Ich und Julie unterhalten vier arme alte Weibsleute;
diese müssen aber, da alle junge bei der Erndte zu tun haben, für die kleinen
Kinder im Dorfe sorgen. Wir haben ein Tagelöhner-Häussgen mit einem Baumgarten
gekauft, darin wohnen die vier Weiber, denen die Kinder recht gern zulaufen und
auch zugetragen werden; die dann in dem Baumgarten sorgloss und frei herum
krabeln, spielen und springen. Mädchen, die schon etwas Geschicklichkeit haben,
sitzen da und spinnen, nähen oder stricken, welches Julie und ich einigen von
ihnen gelehrt haben; auch müssen die kleinen Mädchen das Dorf vor den Häusern
hin sauber halten. Bei vielen haben wir es schon dahin gebracht, dass auf einer
Seite des Eingangs schmale Streifen von Rasen oder Blumenbeeten angelegt sind;
auf der andern, Bänke oder eine halbe Laube; da wir dann oft mit unsern Männern
herumgehen, uns zu den Leuten setzen, mit ihnen sprechen, und mein Oheim oder
Cleberg mit dem Pfarrer vereint, oft einen kleinen Streit schlichten helfen.
Latten hatte wohl wahr gesagt: der Landmann ist ein lieber kostbarer Mensch.
Misshandlung, Verachtung und Härte macht ihn bös und ändert seine natürliche
Anlage zu einfachen, guten Gesinnungen! Wir muntern sie sehr zum Fleiss und
Ordnung auf; hingegen bekommen sie auch oft kleine Festtage; das heisst, die
jungen Leute einen Tanz, die Alten einen Trunk und das meistens bei der Linde im
Dorfe. Der gute Latten wollte ihnen auch einen frölichen Tag machen, und wurde
dieser Freude beraubt. Ist es aber nicht schön, dass er auf alles Verzicht tun
konnte, jeden Entwurf des Vergnügens, jedes genossene aufgeben, um ja nichts
gegen seine Pflichten und gegen unsere Ruhe zu tun? Edler, edler junger Mann,
Gott leite dich!
    Cleberg lässt mich nicht am Rahmen fortnähen, und wollte Lisetten ihre Arbeit
nachschicken. Es schien mir aber grausam und ich widersetzte mich so lang, bis
er nachgab. Nun liegt alles verschlossen. Rachsucht an leblosen Dingen, sagte
ich: kommt aus der nämlichen Ursache, wie die Bewegung des Danks und der Liebe
gegen Sachen, die eine uns werte Person gleichsam einweihete. Er gab mir recht,
und ich nähe nun mit Hannchen an weissem Haus-Leinen. Julie kommt auch mit ihrem
Strickzeug und unsere Männer lesen dann, wann wir keine Fremde haben und ihre
Geschäfte vorbei sind, etwas aus neuen Schriften, aus Zeitungen, sprechen
darüber, und wir freuen uns, so gute, vernünftige Männer und Freunde zu haben.
    Uebermorgen kommt Frau Grafe, eine Ihrer Nichten, und ihr Mann auf vierzehn
Tage zu uns; und dann wird der anfangende Herbst uns bald in der Stadt sammlen.
 
                          Hundert und siebender Brief
                           Cleberg an seinen Freund.
Trotze niemals dem Elende, und spiele nicht mit dem Glücke! denn das erste kann
mit aller Gewalt über dich kommen, und das zweite dir gar leicht entfliehen.
Dies, mein Lieber! dies ist alles, was ich jetzt für mich und meine Freunde, von
einem grossen Plane zurück habe, den ich, um den Genuss meines Wohls zu vermehren,
seit einigen Wochen befolgte. Meine Residentenstelle gibt mir wenig Arbeit, und
mein artiges Amt und meine guten Bauern auch nicht viel. Ein noch ziemlich neuer
Ehemann bin ich auch, so, dass wir noch erlaubt ist, mit meiner Frau zu tändeln.
Ich habe freilich etliche ernstafte Beobachtungen mit unter gemischt, die alle
einen sehr angenehmen Aufschluss hatten. Denn, meine Salie ist, ohne es zu wollen
und zu wissen, noch so artig so neu und blühend, als ein Mädchen; daneben aber
so voll Würde, Klugheit und anstelligem Wesen, dass man sie für ein schätzbares
Weib ansehen muss: und da ich sie auf allen Seiten kennen wollte, so musste ich
auch die vom Gefühl der Eifersucht ans Licht ziehen.
    Sie hatte mit etlichen artigen Mädchen Freundschaft gemacht, und diese kamen
alle Wochen zweimal in unser Haus mit ihrer Arbeit, und da musste ich Bücher zum
Vorlesen schaffen. Oft las ich selbst was vor und ergötzte mich an den Ideen,
den Fragen und dem Witze der Mädchen; sagte ihnen dabei auch oft schöne Sachen
vor. Eine war hübsch, niedlich und aus Eitelkeit empfindlich; dann das musste sie
sein, sonst wäre es nicht möglich gewesen, dass sich das Mädchen getraut hätte,
neben Rosalien stehen zu wollen. Ich merkte dies, und anfangs wollte ich bloss
sehen, wie weit sie gehen würde; dann fiel mir der rasende Gedanke ein, meine
Salie mit diesem Geschöpf auf die Probe der Eifersucht zu stellen. Zu meinen
Glück habe ich alles ihrem Oheim gesagt, der auch seinen Spass daran haben
wollte, wenn sie nun zu ihm kommen würde, über mich zu jammern und zu klagen.
Wir nahmen das Mädchen mit aufs Land, und dort führte ich meinen Entwurf aus.
Lisette, so hiess sie, dachte sich wirklich vorgezogen, und gab mir auch ihre
Zufriedenheit mit dem unverhohlnen Anscheine eines Einverständnisses zu
erkennen. Ich lehnte nichts ab, nahm es aber nur halb an, weil dies hinreichte,
bei Rosalien den verlangten Eindruck zu machen. Ich bemerkte sehr deutlich, wie
der Stachel anfing zu ritzen. Sie dauerte mich, und das um so mehr, als die gute
reine Seele ihrem Gefühl und ihren Beobachtungen widerstrebte und es von mir und
von Lisetten nicht glauben wollte; sich von Gelegenheiten der Ueberzeugung
entfernte und wegwandte. Das Mädchen wurde zudringlich, und verlohr sich zu
weit. Meine Salie jammerte mich desto mehr, je edler sie sich betrug. Ich bat
unsern Oheim, eine kleine Reise zu erdenken, mich mitzunehmen, und dann bei
unserer Rückkunft der Komödie bei einem guten Anlass ein Ende zu machen. Ich habe
hier einen Schulfreund, Linke, ein rechtschaffener, vernünftiger, ungekünstelter
Mensch; dem sagte ich die Absicht meines Verhältnis und meiner Reise; er solle
doch Lisetten und meine Frau genau bemerken und ein Tagebuch halten. Er versagte
mirs anfangs, und stellte mir mein Unrecht vor, die liebe, redliche Satie zu
kränken, und machte mir mit Kopfschütteln über einen Mangel an Liebe Vorwürfe.
    Freilich liebt er anders, als ich; doch kann niemand mehr Zärtlichkeit für
sein Weib haben, als ich für Salie, aber nach meiner Weise.
    Mein Freund und Oheim mussten selbst mit dem Menschen sprechen, um ihn zu
Ausrichtung meines Auftrages zu bewegen, den er auch nur erst annahm, als ihm
versprochen wurde, dass er Saliens Briefe an ihre Mariane zu lesen bekommen
sollte; weil ich sicher war, dass sie dieser ihr ganzes Herz aufschliessen würde,
und am Ende auch die Rückfoderung dieser Briefe in meinem Plan kam; welche
natürlicher Weise zu der ganzen Kenntnis von Saliens Empfindungsart nötig
waren.
    Sie war Weib, aber ein edles, gutes Weib. Die vermeinte Teilung meines
Herzens tat ihr schmerzlich weh. Sie war tadelsüchtig, fand Fehler an Lisetten
und mir; aber immer mischte sich Zärtlichkeit für mich, und Menschenliebe für
Lisetten unter all dieses, und fasste also mehr Wahrheit und Natur in sich, als
wenn sie gleich alles so gross angenommen und getragen hätte. Sie versöhnte sich;
aber ihre Briefe an Marianen beweisen, dass mein Gefühl richtig ist, wenn ich
sage, dass die Blüte meines Glücks dahin sei. Es liegt tief in ihrem Herzen
etwas wider mich. Ihre Hochachtung für mich hat gelitten, und also auch ihre
Zärtlichkeit. Du weisst nicht was ich alles für namenlose Seeligkeiten damit
verlohr! Dass doch wir Menschen nichts ruhig geniessen, nichts so lassen können,
wie das Schicksal es gibt! Mit unserm Künstlen und Raffiniren verderben wir
immer das Beste! Ich sagte nach Durchlesung ihrer Briefe über diesen Vorgang,
dass sie diese Seelenkrankheit nicht so geduldig ertragen hätte, als ich sie
Schmerzen des Körpers hätte tragen sehen. Eine ganz kleine Errötung lief über
ihr Gesicht; und ein unmutiger Blick war in ihrem Auge, aber nur wie ein Blitz,
und mit einer gedämpften Stimme antwortete sie: Krankheiten entstehen nach den
ewigen Gesetzen der Natur, denen ich mich mit innigster Verehrung unterwerfe;
aber - sie hielt inne und lächelte gegen uns alle. Liebe, liebe Salie! was aber?
was? Sie errötete wieder und wollte es nicht sagen; aber endlich fuhr sie fort;
vergeben Sie Cleberg! wenn ich diese ehrerbietige Unterwerfung für die Willkühr
eines Mannes nicht fühle. Ich schwieg und fragte sie nichts weiter: ich fühlte
auch, was sie da sagte. Ein Stück Verachtung ist in ihr. Sie hasst alle Arten von
Ränken, als niedrig. Sie ist so wahr, so offen; sie liebte mich mit dem so
ausserordentlichen Vorzug, und sie hatte mir ihren Abscheu vor Coquetterie so
oft gezeigt. Ich hab eine zu empfindliche Seite verletzt, und da werden die
Wunden immer tiefer. Ich will nun sehen, wie lange sie Unzufriedenheit ernähren
kann! Ich bin äusserst sorgsam und liebreich um sie herum, teils aus Plan, aber
auch aus ganzer Seele; denn es ist ein reizend Weib. Komm doch und sieh sie! Der
edle Umriss, die Geist-und Gütevolle Physiognomie, Blick, Lächlen und Stimme,
Gedanken, Empfindung, Gang, Geberden, Kleidung, Reinigkeit, Leben und Sanftmut,
Arbeiten, Clavier und Gesang; und ihre Liebe, ihre Liebe! o ich Tor! Mit was
für Übermut setzte ich einen Schatz von erworbenem Gold auf eine zweifelhafte
Karte. Ich bin noch ihr Liebhaber, aber nicht mehr ihr Geliebter, ich bin ihr
nur Ehemann; so blickt sie mich an, so umarmt sie mich, so spricht sie mit mir.
Aengstliche, misstrauische Sorgfalt, das Uebel nicht ärger werde, ist an die
Stelle der lebhaften Begierde, mir zu gefallen, mich zu geniessen, getreten.
Arme Salie! Auch du bist nicht mehr so glücklich, als du warst. Alles, alles was
du tust, ist Tugend; denn dein Herz, und deine Grundsätze erlauben dir nicht,
die geringste deiner Pflichten zu versäumen. Du willst nun das Zeugnis deines
Gewissens für dich haben, weil die Ueberzeugung vom Glück der Liebe dahin ist.
Ihre Heiterkeit ist fort, und nur wie heller Mond, an dem immer graue Wolken
vorbei ziehen und seine angenehme Beleuchtung unterbrechen. Kein ganz reines
Blau, kein helles Licht mehr! Sie gibt sich Mühe, gut und zärtlich zu sein;
aber, diese Bemühung macht mich toll und elend. Sie sagt auch ihrem Oheim
nichts, in ihren Briefen an Marianen nichts. Sie hat die verwünschte Lisette mit
einer solchen Grossmut behandelt; hat sich im Ganzen so untadelhaft betragen,
dass sie notwendiger Weise sich selbst hochachten muss. Ich will aber ihr Ziel
dadurch verrücken, dass ich ihr den Ehemann auf keiner Seite zeigen will, sondern
als Liebhaber soll sie mich nun um sich sehen. Ich will ein paar Unglückliche
aufsuchen, und sie in Wohlstand setzen; mit Otten, Oheim und Linken über
verschiedene wichtige Gegenstände vernünftig sprechen; dann hab ich sie wieder
ganz, und feire einen neuen glücklichen Tag. Unser Latten verdarb mir einen
andern Entwurf, der halb aufkeimte. Ich sah, wie sehr sich seine Verehrung der
Liebe näherte. Bald hätte sie es auch sehen müssen; denn diese Bemerkung entgeht
auch der dümmsten nicht, und auf dieser Seite hätte ich sie auch belauschen
mögen; aber es kam zu nahe mit Lisetten, und unser Freund floh vor dem
angebeteten Weibe. Ich weiss nichts, als dass er lebt.
                                  Nachschrift.
Er tut doch mehr als leben, er liebt noch. Denn da ich diese erstere Blätter
schon vor zwei Tagen schrieb, da ich eben in einem Gedränge von Gedanken war,
und der Bote nach der Stadt erst heute abgeht, so kann ich dir noch etwas
hinzusetzen.
    Ott verreisete vor vier Tagen. Gestern kam er wieder und brachte Lattens
Fritzgen mit sich zurück, den er Juliens und Rosaliens Güte empfiehlt; denn er
geht noch einmal nach Italien, und will das Kind nicht mitnehmen, weil es schon
so vieles von der Reise gelitten und immer nach seinem Garten, nach Hannsen und
nach der Garten-Mama weinte. Ott hat zugleich alle Capitale und Wechselbriefe
nebst einem Testament von Latten mit sich gebracht, worin Ott und ich zu
Vormündern und Erziehern des Kleinen ernannt sind, im Fall Gott ihn auf seiner
Reise wegnehmen sollte. Ein grosser Brief an mich, worinn er von seiner
Leidenschaft für Rosalien als ein braver Biedermann spricht, und nicht zu uns
zurück kommen will, wenn nicht aller Aufruhr seines Herzens gestillt, und zu der
ebenen sanften Wärme der Freundschaft für Salie und mich herab gestimmt ist.
Sein Tagebuch ist dabei; das soll aber Salie, so wahr ich lebe! nicht eher zu
sehen bekommen, als bis sie und ich unsere Jubel-Hochzeit gefeiert haben werden,
oder erst, wenn sie mich überlebt, in meinen Papieren finden. Was für ein edles
Feuer lodert in allen Fibern des Schwärmers. Wenn Rousseau noch lebte, so müsste
Ott den lieben Kranken zu ihm führen, weil er mehr als St. Preur ist. Lebte ich
in einer Insel, so hätte ich am Ende der Durchlesung, meine Salie mit einem
Schleier gedeckt, an der Hand zu ihm geführt und sie ihm gegeben; so mächtig hob
er mich aus jeder bürgerlichen und mir gewöhnlichen Verfassung heraus; und
gestern schien mir Salie das ihm entrissene Weib zu sein. Ueberhaupt ist sie
ihrem Oheime, Julien, Otten und mir zu einer Art Heiligtum geworden, seitdem
wir die reine Flamme kennen, die sie entzündete. Mein Herz und meine Augen
flossen für den guten Menschen über. Ich suchte Fritzgen, nahm ihn auf meine
Arme und trug ihn von Ottens Haus, ohne Hut auf meinem Kopfe, zu Rosaliens
Füssen, die sich vor Staunen kaum zu helfen wusste. Ist Latten wieder da? fragte
sie. Nein, Liebe! der Arme ist noch nicht stark genug, er übergibt uns das
Liebste und geht weit. Ich konnte nicht fort reden. Der Kleine hing an Saliens
Halse; sie umfasste ihn, mit einem Arme, und reichte die andre Hand nach mir, mit
einem Blick voll Tränen und einem Ausdruck der mich durchdrang. Salie!
Engelsweib, sagte ich, sei gern mein; Vergieb mir ganz! liebe mich wieder; liebe
Latten, wie ers verdient und lass Fritzgen unser Kind sein. Ihr Kopf sank wieder
vertraut auf meine Brust, ihr Kuss war wieder zärtlich und lebhaft; und von
diesem Augenblicke an liegt wieder neuer Schimmer auf allem! Mein Glücke, ihr
Glück ist neu! dank Lisette! dank Latten! ohne euch hätte ich diesen Rausch von
Freuden nie gekannt.
 
                            Hundert und achter Brief
                            Rosalia an Mariane S**.
Vergeben sie, Teure, Liebe! Ich schrieb wenige und kurze Briefe. Mein Herz war
zu gedrängt, da konnte ich nicht sehr viel schreiben. Ich weiss nicht eigentlich
so recht, wo mein Stocken lag! Vielleicht fürchtete ich, sie möchten meine
Gemütsverfassung tadeln; und ich hatte sie lieb, ob sie schon nicht ganz
angenehm war, denn es lag noch viel gegen Cleberg in mir. Ich konnte ihm noch
immer nicht vergeben. Mein Oheim und sie würden mich für übertrieben empfindlich
gescholten haben; und ich konnte mir durch nichts als durch mein Schweigen eine
Art von Rache aufbehalten. Ich bratzte doch nicht mit ihm; wie man es hier zu
Lande heisst,) ich war gut, freundlich, artig, munter und gewiss, eine recht
gefällige Frau. Aber das herrliche Bild süsser ehelicher Liebe, des dauernden
Friedens, dauernder vorziehender Achtung, das war verschwunden. Ich sagte mir
wohl, warum willst denn du fodern, dass für dich ein Hirngespinst vor
Vollkommenheit, Fleisch und Blut bekommen soll, es ist nicht im Menschen und
nicht im Schicksal. Aber, ich hatte es von Cleberg erwartet, und ich konnte es
ihm nicht so bald vergeben, dass er mich betrogen hatte. Ich bemerkte, dass er
mich mehr beobachtete, als jemals. Mag er doch! dachte ich, und verdoppelte
meine Aufmerksamkeit auf alles, was man immer von einer Frau fodern kann. Mein
Cleberg war anfangs etwas stutzig darüber; ich um so sanftmütiger, wohl
mitunter auch zärtlich; hatte aber mehr ausser meinen Zimmer zu tun, als sonst,
und als nötig gewesen wäre, weil mir in Wahrheit die Luft schwer und drückend
vorkam, so bald wir allein mit dem Oheim oder Hannchen Itten waren. Unsre
Schlafzimmer blieben so seit seiner Rückkunft geschieden; denn da mir mit meinen
Unmut in der Seele unser Wohnzimmer und Garten zu eng schien, was würde aus
einem Cabinet geworden sein? Niemals wird mein Hauswesen und Gesinde besser und
liebreicher geführt werden, als diese zwei Wochen über geschehen ist; niemals
werde ich mehr arbeiten und vollkommener als diese Tage und auch niemals weniger
und vernünftiger sprechen; meine Stimme so gar hatte einen süssern Ton. Aber ich
ass weniger und wurde etwas hagerer und auch blässer. Gewiss, Liebe, uns ist nicht
wohl, wenn wir irgend jemand in der Welt übel wollen. Denn ich genoss mein Leben,
mein Glück, meine Freunde und meine Talente nur halb. Mein Herz war dem
Vertrauen und der Freude verschlossen. Ich liebte niemand als mich; aber auf
eine sehr unedle und verkehrte Weise. Cleberg wandte sich wieder auf den Weg des
Liebhabers, und das nach einer Unterredung, wo mir nur wenige auf die Geschichte
mit Lisetten zielende Worte entfallen waren, und vielleicht ist das nie für eine
bessere Frau geschehen was der artige Mann für mich tat. Ohne Zwang und
gesuchtes Wesen umgab er mich mit einer so galanten Sorgfalt, als ob er um
meinen Beifall werben wollte. Ich fand mich zum Vergessen meiner Klagen
verbunden, und ihn zu meiner vorigen Liebe verdient und berechtigt. Dennoch floss
es noch nicht rein aus dem Herzen; ich musste mir Mühe geben, seine Zärtlichkeit
mit Anmut zu erwiedern; aber, ich vermied nun keine Gelegenheit mehr, ihn
allein zu sehen, besonders da er anfing, etwas Nachdenkendes und dann und wann
Unruhiges zu zeigen. Da fühlte ich den glimmenden Tocht der ersten Liebe in
meiner Sorge um ihn, und wünschte nicht so weit von meinem Wege abgewichen zu
sein, weil mir das Zurückgehen etwas hart ankam. Sie sehen alles, was verwundete
Zärtlichkeit und Eigenliebe für Krümmungen machten, und mich in einem Kreis
herumführten, aus dem ich so bald nicht gekommen wäre, wenn nicht der Zufall das
Gefühl von Gerechtigkeit in mir erwecket hätte, dem ich nachgab und glücklich
auf den Pfad der Wahrheit und des Wohlseins zurückkam. Ach, was für Seligkeit
liegt in Vergebung, im Aussöhnen und in dem Gedanken, dass wir uns selbst eben so
streng, als den Nächsten beurteilten. Beste, beste Freundin, dieses habe ich
erlebt und geübt; wünschen sie mir Glück dazu? Es kann für mein künftiges Leben
und Betragen recht nützlich sein. Und nun denken sie sich alles zurück, was ich
ihnen von Latten und seiner schnellen Abreise geschrieben, und wie der Mann uns
alle an sich gezogen und interessirt hatte. Wir sprachen nicht mehr so oft von
ihm, besonders ich und Cleberg, ich glaube, beide aus Delikatesse, weil sie alle
sagten, seine Liebe für mich wäre Ursache seiner Entfernung gewesen. Cleberg
besorgte, ich möchte endlich Vergleichungen zwischen ihm, und Latten und
Lisetten machen, da diese auch weggereiset sei, und ich wollte nicht von einem
so vollkommenen und mich liebenden Manne sprechen, während das etwas Kälte für
meinen Mann in mir lag. So war ungefähr gestern Vormittag noch die Lage von
Cleberg und mir. Ott war verreist, kam gegen Mittag wieder und liess Cleberg
gleich um zwei Uhr rufen. Er blieb lange weg, so wie auch mein Oheim. Ich
arbeitete noch eine Weile, und ging endlich in mein Zimmer um alleine zu sein
und etwas zu lesen. Gegen Abend kam auf einmal Cleberg mit dem kleinen Fritzgen
Latten in mein Zimmer gestürzt, halb ausser Atem, ohne Hut und mit glühendem
Gesichte; kniete mit dem Knaben im Arme vor mich hin, gab mir ihn auf den Schoss
und sagt mit halbem Keuchen: »Da Salie!« Er bebte, ich zitterte vor Staunen, und
fragte auch abgebrochen: ob Latten wieder da wäre? Nein, er hätte uns nur das
Liebste zum Pfande des Wiederkommens geschickt, und nun erzählte er mir kurz und
mit Tränen im Auge, dass der edle gute Mensch sich noch weiter entfernte, und
endigte mit der Bitte, Latten zu lieben, wie er es verdiente, ihm ganz zu
vergeben, und gerne seine Rosalie zu sein. Seine beiden Arme waren um mich und
Fritzgen geschlungen, sein Kopf lag halb auf meinem freien Arme, halb auf meinem
Schoss, meine Seele war äusserst bewegt; ich lehnte meinen Kopf auf den
Seinigen, weinte und küsste ihn herzlich, in dem Augenblicke, da in mir doppelte
Betrachtungen über ihn und mich auch zu doppelten Beweggründen des Versöhnens
und Vergebens geworden waren. Denn, der Blick und der Ton, mit welchem er mich
bat, Latten zu lieben und ihm zu verzeihen, war so innig, so edel, dass er mir
nicht nur hochachtungswert schien, sondern ich mir auch sagte, habe ich denn
nicht gleich anfangs als ich Lattens vorzügliche Verehrung für mich bemerkte,
eine geheime aber wahre Freude darüber gehabt. Ist nicht noch diesen Augenblick
meine feine Eigenliebe durch die Versicherung das seine Leidenschaft noch
dauert, geschmeichelt worden, warum sollte ich es dann Clebergen nicht
übersehen, wenn er sich hie und da an dem Beifall eines Frauenzimmers ergötzte,
da es bei ihm, wie bei mir, nichts als eine vorübergehende Eitelkeit ist. Der
gute Mann war so froh, so glücklich über mein wieder erworbenes Herz, Fritzgen
wurde bald von ihm, bald von mir geküsst, und wir gelobten ihm beide, Liebe und
Sorgfalt zärtlicher Eltern, denn Latten hatte gewünscht, dass das Kind bei uns
sein möchte. Wir führten ihn beide nach seinem kleinen Garten; Hanns wurde
geholt, und der liebe Fritz lief ihm, so weit er ihn sah, entgegen, küsste und
liebkosste ihn. Hanns schüttelte ihm die Hände und beguckte ihn mit einer so
treuen Freude, dass wir beide uns auch wieder bei der Hand fassten und
simpatetisch mit Hannsens Herzen sie uns auch schüttelten und drückten. Nun kam
mein Oheim, Julie und Ott langsam lauschend herbei, und Cleberg umarmte alle,
wie ein Mensch im Taumel eines starken Rausches tun mag. Ott küsste meine Hände,
Julchen meine Wangen, und Fritzgen hing alle Augenblick an meinen Armen. Der
Abend war äusserst glücklich. Ich dünkte mich so leicht zu sein, als könnte ich
fliegen. Mein guter Oheim bekam ganz glänzende Augen, nachdem er eine Weile auf
mich und Clebergen gesehen hatte. Der Pfarrer besuchte uns auch, und wir assen
bei unserm Birnbaum etwas kalte Küche mit warmer herzlicher Freundschaft. Die
Sterne kamen, wir sahen sie mit so rechtschaffenen Herzen an, dass sie gewiss
deswegen schöner blinkten. Mein Auge heftete sich einige Zeit dahin, besonders
gegen den Abendstern. Mein Mann bemerkte es, fasste liebreich meine Hand, und
sagte: Salie! die Liebe hat mir viele Abende verschönert, aber der heutige ist
der schönste von allen. Ich drückte dankbar seine Hand dagegen; aber da ich
nicht sprach, so sagte er: Liebe! du denkst was besonders in diesem Augenblick.
Und es war so. Meine Seele fühlte bei dem so herrlich gestirnten Himmel und
dessen dämmernden Erleuchtung der Erde, bei der Ruhe der ganzen Natur, so viel
Erhebung und Dank gegen Gott; ich versprach mir, ja niemals mehr die Sonne über
meinem Zorn untergehen zu lassen. Wie klein, wie ungerecht stolz schien ich mir.
Mein Herz wallte von guten Entschlüssen auf. Es dünkte mich, dass ich die Stärke
und den festen Willen hätte, nie mehr etwas Unedles, etwas Kleines oder
Ungütiges zu tun. Mir war, als könnte jeder Stern in meine Seele schauen und
wäre nun Zeuge von allen den Gesinnungen, die in mir entstunden. Ich war froh
dass sie mich von meinem garstigen Groll geheilt und gereinigt sahen. Die
Unterredung der Männer lenkte sich auf die Sternkunde und ihre ersten Erfinder
auf die Schiffart, auf die sichere Hoffnung in dem andern Leben unsere
Kenntnisse in Allem vervollkommt zu geniessen, und dann da wieder mit
Zufriedenheit an diesen, der Verehrung Gottes geweihten Abend zu denken. Mich
machte der Gedanke traurig, dass während da wir sieben so ganz natürlich im
Anblick des Himmels auf gottselige Gesinnungen geleitet wurden, so viele
Bösewichter sich nur über die ankommende Nacht und Sternhelle frenen, um eine
menschenfeindliche Tat auszuüben, in der Stille der Nacht die Stimme des
winselten Unglücklichen, der in Mörder Hände fiel, desto stärker hören; bei
dieser Sterne sanften Schimmer seine ängstlichen flehenden Gesichtszüge, die
ersten Wunden sehen, und noch alsdann ihr Bubenstück vollführen. Ach! Menschen
mit einer unsterblichen Seele, wie ich habe. Was für ein Schauer durchlief mich.
Unser ehrwürdiger Pfarrer segnete uns, als wir uns trennten, indem er wünschte,
dass alle Leute von unserm Stande und Vermögen auf ihren Landgütern solche Abende
verleben möchten, wo der Genuss zeitlicher Güter durch Unterhaltungen mit
nützlichen Wissenschaften gewürzt und der Verehrung unsers göttlichen Urhebers
geweiht gewesen wäre. Wir dankten ihm alle recht sehr für seine Zufriedenheit
und Wünsche, mein Oheim aber hielt ihn stillschweigend bei der Hand und nickte
ihm nur zu, so wie er auch, ohne zu reden, von uns ging und nur mit Blicken und
Winken gute Nacht sagte. Wir, mein Mann und ich, schlichen uns noch beide in
Fritzgens Zimmer, das gleich an Cleberg seinem ist, um zu sehen, ob er gut
schliefe. Die Züge der schlafenden Unschuld sind sehr rührend. Sie können nicht
glauben, wie schön der holde Knabe in einer so ganz ruhenden Stellung in reinem
Weiss ohne Haube da lag; so wie der Genius der Zärtlichkeit nach Verbindung
zweier edlen Herzen ruhen mag. Clebergs Blicke sahen aus wie Wünsche einen
solchen eigenen Sohn zu haben. Vielleicht! Ach, Mariane beten Sie für mich!
 
                           Hundert und neunter Brief
                            Rosalia an Mariane S**.
Heute wird, denke ich, mein Brief Farben haben, wenn ich so glücklich bin, alles
zu schildern, was seit einigen Tagen hier geschah. Madame Grafe ist mit einer
artigen neu verheirateten Nichte bei uns und Cleberg hat schon vor einer Woche
einen sehr guten Maler hier, der ihn, Fritzgen und mich auf ein Stück für Latten
malen soll. Der junge Mann ist voll Genie, und so ganz von seiner Kunst trunken
voll, dass ihm alles eine malerische Stellung, einen malerischen Faltenbruch, ein
malerisches Licht hat, und erblickt er so etwas, so wirds den Augenblick
aufgezeichnet. Ich glaube, dass er mich wohl schon zehenmal skizzirt hat. Wir
haben Herbst gehalten, und dazu auch die ganze Ittensche Familie eingeladen.
Unsere Leute waren alle hübsch gekleidet; alle Mägde hatten weisse Schürzen, alle
Buben rote und gelbe Bänder auf den Hüten; die Körbe waren alle neu, und wir
auch nett angezogen. Mit Hüten und kleinen Handkörben giengen wir mit dem Zuge
nach dem grossen Baumgarten, der dem jedesmaligen Beamten von Seedorf gehört. Die
Bäume waren alle gestützt und schienen sich zu freuen, dass sie ihrer Last
erledigt werden sollten. Wir pflückten von den niedern Aesten selbst, unsere
Männer brachen mit den Stangenkörben vieles ab, und die Knechte kletterten dann
auch auf die Bäume. Wir Frauen wollten gleich die Haushälterinnen machen, zogen
Handschuh an und suchten die schönsten Aepfel und Birnen zum Aufheben aus.
Cleberg machte halt! indem er ohne Unterschied den zehnten Korb für die fünf
arme Familien bestimmte, die keine Obstbäume haben, und diesen zehnten Korb
bekommen sie, so wie er gefüllt war, mit Gross und Kleinen eben wie ich in mein
Haus. Wir hatten eine Harfe und zwei Flöten, die spielten unterdessen, dass wir
sammleten. Unser Maler half bald, bald aber lehnte er sich an einem Baum und
krizelte geschwind einem Umriss dieser oder jener Gruppe. Es wurde gesungen,
Kuchen gegessen, Kuchen unter die Armen, die ihr Obst abholten, ausgeteilt, und
dann einige Korbwagen beladen nach Hause geführt. Die Mägde und Knechte trugen
immer ihrer drei zwei Körbe voll hinterher. Ein Knecht in der Mitte mit jeder
Hand die Henkel eines Korbes und dann zwei Mädchen, die an den andern Henkeln
trugen; die Musik ging voraus, und wir alle wieder mit fort; das Obst wurde in
die Tenne verschlossen. Wir assen munter zu Nacht und waren die zwei folgenden
Tage sehr eifrig mit dem Aussuchen, zu Most, zum Trocknen und zum Verwahren. Ich
liess süssen Birnmost kochen, Apfelwein machen, ganze und halbe Aepfel schälen
und dann sorgfältig in einem grossen, dazu eingerichteten Schranke trocknen. Da
sassen die Ittenschen Töchter, Mad. Grafe, ich, Julie und das muntere junge
Weibchen in meinem grossen untern Saale, all mit weissen Schürzen, mit den Mägden
beisammen und schälten mit silbernen Obstmessern so eifrig, als müssten wir davon
leben, ordneten und legten es auf die Hurten zum Trocknen. Da ist Hannchen,
welche die feinen grossen Birnen, die schon etwas zu rief oder anbrüchig waren
abwischte und schälte; ihre Schwestern, die sie entzwei schnitten und besorgten;
Hannchen aber die Schaalen mit etwas reinem Wasser kochte, bis alles zu Brei
wurde, dann den Brei durch ein Haarsieb laufen liess, nochmal ganz dick
einkochte, und dann die halb trocknen Birnen darein tauchte, und auf Papier
wieder in den Trockenofen brachte, wieder eintauchte und platt drückte, vollends
trocknete und in flache Schachteln legte, da sie wie glasirt aussehen und gegen
das Licht gehalten, ganz durchscheinend sind. So machte sie es auch mit
Zwetschen, und nun giesst sie Apfelgelee ein, die sie ohne Zucker verfertigt. Sie
nimmt Porstorfer-Aepfel, macht sie mit einem Tuche rein und reibt sie auf dem
Reibeeisen klein, lässt sie über Nacht in einem irrdenen Gefässe stehen und zieht
den Saft durch ein Haarsieb ab, welchen sie im Zuckerkessel so lange kochen
lässt, bis er dick und eine Sülze wird. Alle diese häuslichen Geschäfte sind mit
vielen Freuden verknüpft. Meine Mägde sind doppelt fleissig, wenn ich so mit
dabei bin und auch doppelt reinlich. Unsere Männer ergötzen sich auch daran und
waren schon bei dem Trocknen der feinen jungen Bohnen, der Auskernererbsen, der
Kirschen und Pflaumen um uns herum, und schienen uns um so mehr zu achten, als
wir Eifer und Geschicklichkeit zeigten. Ich sagte immer, Wir, weil Julie und ich
uns so nennen; da wirklich unsere Arbeiten und Vergnügen ganz gemeinschaftlich
sind. Alle diese häuslichen Vorteile haben wir Hannchen Itten zu danken, und ob
wir schon zwei stattliche Damen sind, so machen wir uns doch eine Freude und
Ehre daraus, von dem schätzbaren Mädchen zu lernen, was wir nicht wissen. In dem
Hause meiner Tante, die mich erzog, war das, was man eine gute Stadtwirtschaft
heisst, üblich. Sie fasste gewiss alles Gute in sich, was eine wohldenkende
Privatfamilienmutter wissen und tun soll. Ich musste alle Art häuslicher
Näherei, vom Männerhemde aus holländischer Leinwand an bis auf das
Küchen-Handtuch, recht gut und geschwind zu verfertigen und zuzuschneiden
wissen; das Waschen, Plätten und besonders schönes sorgsames Ausbessern, so gut
wie unsere Näherin verstehen; Einrichtung der Zimmer, das Kochen und jede
Mägdearbeit lernen; damit ich einst meine Leute mit Verstand regieren könnte und
nicht meine Mägde klüger wären, als ich. Daneben behauptete sie, das einzige
Vorrecht des bessern Standes wäre, in Allem doppelt so viel zu wissen und zu
tun, als die Geringeren. Daher kommen der Unterricht in Musik, Zeichnen,
Blumenmalen, Sticken, Putzarbeit verfertigen, die Erlaubnis des Lesens und das
Lernen der Sprachen. Oft war ich ihr böse und gram; aber, wenn sie nun noch
lebte, so reisete ich zu ihr; um ihre Hände zu küssen und ihr zu danken. Die
Kenntnisse einer Landwirtschaft aber waren mir in allen ihren Teilen fremd.
Frau Itten hatte sie vom Lande mit sich gebracht und ihre Kinder gelehrt. Eben
so ging es mir auch mit Flachs, Spinnerei und Weberkenntnissen, meine teure
Freundin Hannchen teilte mir schwesterlich alles mit, was sie davon wusste und
hatte auch die Einrichtung mit den Witwen und Mädchen ihre Spinnerei allein
besorgt. Ich versichere Sie, meine Liebe, dass mich das Auslesen, Abwischen, ein
wenig Abkochen, auf weissen Tüchern ausbreiten und Abtrocknen, hernach langsames
Dörren unsere Böhnchen und Erbsen eben so freute, als meine Tapetenarbeit an
schönen seidenen Stühlen, die ich nähe. Julchen kam zu mir und half in allem,
dann ging ich und Hannchen alle Tage zu ihr, bis auch alles zu Stande war.
Mitteilung ist gewiss doppelter Genuss und das Leben der Freundschaft das
süsseste Leben der Erde. Das edle gute Hannchen und ihr so ganz rechtschaffener
Bruder, freuten sich, mir durch ihre wirtliche Talente etwas von demjenigen zu
vergelten, was sie mir schuldig zu sein glauben, und uns freute, dass die
schätzbare Mutter dieser Kinder in der Achtung, die wir für Hannchens Wissen und
Geschicklichkeit haben, einen Lohn für ihre vieljährige Erziehung, Mühseligkeit
und Sorgen erhält. Denn ich zeigte ihr schon hier meine grossen Zuckerglässer voll
trockenen Gemüsses, darunter Artischokenboden, kleine Morcheln, und ein Versuch
in Wiesenspargel war, der uns recht gut geraten ist. Meinen Vorrat an Flachs,
Hanf, und schon gesponnenem Garn, wies ich auch, als Früchte von Hannchens
Unterricht und Freundschaft. Linke verdarb diese Herbstfreude, da er nur einen
Tag da blieb und seitdem nicht mehr kam. Wir hatten alle gehoft, dass er
Hannchens Lohn und Glück werden sollte, aber er war den Tag, da eben die Eltern
und alle Kinder bei uns waren, erst wenige Minuten vor dem Essen gekommen, hatte
wenig gesprochen und blieb auch des Abends nicht bei uns, so, dass wir nicht
hätten tanzen können, wenn nicht Ott ein paar Vettern bei sich gehabt hätte,
wovon einer schon vier Wochen bei ihm ist, der auch unserm Hannchen gern
nachgeht, und als ein von Reichtum unterstützter Mensch ihr mit Zuversicht
schöne Sachen sagt.
    Frau Grafe und ihre Nichte bleiben hier, bis Frau Cotte sie abholt. Die
junge Person ist hübsch, gut, voll Heiterkeit eines schuldlosen Herzens, hat
ungemein vielen natürlichen Geist, und hat oft die witzigsten Gedanken, lacht
gern innig und treuherzig über den geringsten Anlass, hängt weder an Putz noch
ausserordentlichen Zeitvertreiben, hasst die Tadelsucht und Schwätzereien mit
einem ihrem Herzen Ehre machenden Abschen, jede Fähigkeit zu tätiger Tugend
ihres Standes und zu Kenntnissen liegt in ihr unverdorben und ohne falsche
Richtung, und sie kann in allem einen der schätzbarsten weiblichen Charaktere
nach Geist und Seele werden. Ihre Erziehung war kunstlos, aber voll Sorgfalt,
dass nichts an ihr bös oder verkehrt würde. Dieses Weibchen erhält durch den
Zufall eines der schönsten Portraits von sich, die jemals gemacht wurden. Frau
Grafe mag zuweilen einmal spielen, da sass ich mit Cleberg bei ihr am Lombretisch
in des Malers Zimmer, weil mein Mann gern eine Zimmerwandrung macht, wie er es
heisst. Die Türe geht gerade auf die Treppe, deren Fenster gegen Abend stehen.
Unser Spieltisch war oben im Zimmer, der Maler sah uns zu, und das Weibchen
hatte ein wenig auf dem Clavier getändelt, das an der Wand nah an der Türe
steht; sie hörte auf, nahm ein Buch und setzte sich seitwärts gegen uns ohne den
Stuhl zu wenden, der einer von den Weidenstühlen von Metz ist, wovon die Lehne
nur aus zwei runden Stäben in die Höhe und zwei schmalen Zwerchstücken besteht,
so, dass wir die ganze Gestalt des guten Geschöpfs dadurch sehen konnten. Ihre
Kleidung war eine Pekesche von weissem mit rosenfarbenen Punkten durchzeichneten
Zitz, mit einer Einfassung von lauter Rosenzweigen. Ihre hübschen leicht
frisirten Haare waren nur mit einem kleinen Aufsatz von Flor geziert, über
welchen ein Gewinde von roten und weissen Rosen herum gebogen war; ihre heitre
Gesichtsfarbe, lebhaften schwarzen Augen zeigten sich schön; der linke Arm war
artig über die Lehne des Stuhls mit dem Buche in der Hand hingelegt, und von der
rechten Hand nur ein paar Finger sichtbar, welche die Blätter umwendeten. Das
Clavier von braunem Holze, die Gemählde auf der Wand auch in dunkler
Farbenmischung, besonders eins dessen sehr breiter schwarzer Rahmen gerade den
Grund hinter dem jugendlichem Kopfe machte, und alles das durch die offene
Doppeltüre von der Abend-Sonne beleuchtet, tat die herrlichste Wirkung. Unser
Maler rief uns, wie ein entzückter Mensch, aufzusehen, bat zu gleicher Zeit die
junge Frau, ja sitzen zu bleiben und sich zeichnen zu lassen. In Wahrheit batten
wir alle niemals eine reizendere Beleuchtung eines Gegenstandes gesehen: denn
die junge Person und ihre Kleidung allein mit einem Stück des Fussbodens wurden
von der Sonne bestrahlt, und die Wand mit den Gemählden, nebst dem Clavier
wurden nur durch den Widerschein erhellt, und dienten also gerade zum Grunde,
der die vorstehende Figur um so mehr erhob. Das Weisse der Kleidung, die
Rosenranken der Einfassung, die florne Schürze, der Faltenbruch, die hellbraune
Lehne des Stuhls und die etwas dunklere Decke des Buches nahe gegen den Kopf; in
diesem wieder ein blühendes Gesicht und dann, die sich zum Lichtbraunen senkende
Haare und die Rosen darin; alles mit Glanze der neigenden Sonne übergossen;
machte wirklich eines der schönsten Gemählde. Auch ging es nicht verloren, denn
nachdem der gute entzückte Künstler, so schnell er konnte, das Ganze richtig
hinzeichnete, besonders die Beleuchtung bemerkte, so fing er auch gleich den
zweiten Tag an, das Portrait des niedlichen Weibchens zu mahlen. Das Stück wird
in Lebensgrösse gemacht. Er will, sagt er, sein Meisterstück daran verfertigen;
es müsste ihm seine Aufnahme in der Akademie verschaffen; und wirklich scheint
es, als ob die Musen seine Farben und seinen Pinsel begeisterten, so schnell und
vortreflich wächst das Ganze unter seinen Händen zur Vollkommenheit hinan und
stellt eine ganz einnehmende Gestalt dar, die dem Mahler und dem Gegenstande
Ehre macht, und dem Auge aller, die es jemals sehen werden, ein grosses Vergnügen
gewähren wird. Ueberhaupt hat dieser junge Mann ganz den Entusiasmus seiner
Kunst; wie ein Poet jemals den Einfluss des Apolls fühlen kann; auch geht er
gleich hin, sich alles zu bemerken. Unser Bild für Latten ist eben so schön,
aber im Kleinen genommen. Bei Fritzgens Feldgen ist an dem Birnbaum ein
Grasplatz, der an den geschonten Traubengeländer hinläuft. Dies macht eine Seite
von unserm Gemählde. Cleberg, in einer leichten Kleidung am Birnbaum gelehnt,
bläset die Flöte und ich tanze mit Fritzgen; Hanns steht am Geländer und sieht
uns zu; in der Ferne sieht man unser Haus, und vor diesem einen Teil des
Gartens. Das Ganze ist drei Schuh breit und zwei Schuh hoch; sieht sehr
freundlich und uns ähnlich.
 
                           Hundert und zehnter Brief
                            Rosalia an Mariane S**.
Wir bleiben länger hier, als ich dachte! Alle Zimmer haben Oefen bekommen; denn
Cleberg will erst den ein und zwanzigsten November in die Stadt zurück, um, wie
er sagt, die Natur sich auskleiden und einschlafen zu sehen; welches bei dem
ersten Schnee sein wird. Er reist doch öfters nach der Stadt, und lässt gewiss da,
nach seinem herrschenden Baugeiste, etwas machen, denn ich habe Briefe von
Bauleuten und Tapezierern an ihn gesehen, jedoch nicht gelesen, weil wir beide
hierinn recht artig miteinander handeln, und keine Briefe öfnen, nach keinem
fragen, und beiderseits mit dem, was wir uns davon erzählen, zufrieden sind.
Dies scheint eine unbedeutende Kleinigkeit unter Ehegatten zu sein; und doch,
meine Liebe, liegt in dieser Bescheidenheit viel Gutes, so, wie überhaupt an
allen kleinen Fäden der Achtung und Höflichkeit. Keine Teile des häuslichen
Glücks hängen daran, besonders bei Leuten, die einen Teil Eigenliebe neben der
ehelichen Liebe nähren. Ein Missvergnügen hatte ich noch: meine Freundin,
Hannchen, verliess mich. Obschon Linke seinen Wohnsitz wieder bei uns aufschlug,
so ging sie doch mit Julien vorgestern früh in die Stadt, Ott aber und seine
Vettern blieben noch hier. Julie hat sich zu einem Wochenbette anzuschicken.
Meinem Hannchen fehlt etwas; sie schien so beklemmt, als sie ging, und weinte
doch nicht. Ihr guter Bruder sieht auch unzufrieden und unruhig aus, und bleibt
mehr auf seinem Zimmer als sonst: und Madame Guden schreibt mir weniger, als
jemals. Aber Nichts ist vollkommen; die Wagschaale muss notwendig manchmal
steigen oder sinken, denn, welche Sterblichen blieb sein Schicksal immer im
Gleichgewicht! Cleberg vermutet, Hannchen wäre entweder über die muntere Niece
der Frau Grafe eifersüchtig geworden, weil ich ihr viel Liebe zeigte; oder sie
hätte Absichten auf Ottens Vetter und hefte sich daher an Julien. Aber ich
widersprach beidem, denn ihr Herz ist für Neid und Intriguen zu edel. Linkens
Kälte mag sie etwas geschmerzt haben; mich dünkt, meine Vermutung darüber sei
die richtigste.
    Ich nahm meinen Brief Mittags 2 Uhr zurück, um Ihnen eine mich sehr freuende
Nachricht zu geben. Linke frühstükte gestern bei Ott, und kam nachher sammt
diesem zu uns. Halb munter fragte er: warum ist Hannchen fort? Ich sagte: ich
wüsste es nicht. Es hat doch eigene Ursachen! Warum wollen sie es dann wissen?
Weil es mir leid täte, wenn es aus Liebe für Jemand geschehen wäre. Und wollten
sie nicht, dass Hannchen liebte? Ja, aber nur mich! Husch, Linke; das ist schnell
gefodert für einen Menschen, der so kalt war, als das artige Geschöpf hier
lebte. Kalt? ich war eifersüchtig, und beobachtete sie nur; aber nie hat mein
Herz eine andere Frau gewünscht, und nie werde ich eine andre nehmen. Hohlen sie
sie wieder, reden sie für mich; mein Haus ist bestellt: es mag zum Sterben, oder
Heiraten sein.
    Linke! sagte ich, sie gefallen mir nur halb bei Allem, was sie da sagen; und
mit diesem Tone da, sollen sie Hannchen nicht haben.
    Vergeben sie mir! ich fühle, dass ich ihre edle Freundschaft beleidigte. Aber
ich bin so froh von Ott gehört zu haben, dass Hannchen seinen Vetter abgewiesen
hat, dass ich für Freuden tolles Zeug sprach. Denn gewiss, ich werde Hannchen mit
der Hochachtung begegnen, die sie verdient.
    Nun erzählte er, warum er in die Stadt gegangen sei: eines teils, weil er
wirklich vermutet, Herr Stiegen sei Hannchen werter als er; und auch, um mit
seiner Grossmutter über einen Brief zu reden, in welchem er ihr von seinen
Absichten auf Hannchen geschrieben hatte, um ihren Beifall und eine Beisteuer zu
erhalten; denn da er anfing, an Hannchens Neigung zu zweifeln, konnte er an
seine Grossmutter nicht mehr in dem dringendem Tone schreiben, und wollte daher
lieber mündlich mit ihr reden, um alles auf Schrauben zu setzen, die sich wenden
lassen, wenn sein Glück sich wendete. Also wäre die doppelte Besorgnis, dass er
bei der alten Frau sich zu voreilig ausgelassen, und seine Eifersucht zugleich,
die Ursache von seinem finstern und, wie ich gesagt, kalt scheinenden Aussehen
gewesen; um so mehr, da seine Grossmutter alles recht wohl genommen, und auch ihm
viel Gutes versprochen hätte; doch mit einer Bedingung, die ihn besorgt macht,
wenn er auch des lieben Mädchens Neigung ganz für sich hätte. Ich fragte
begierig nach dieser Bedingung: dass wir bei ihr wohnen sollen, und sie bei uns
in die Kost gehen will. Denn mein Heiratsvortrag kam eben auf einen Tag, wo sie
mit ihrer Magd unzufrieden war. Und nach dem Lobe, welche ich Hannchens
wirtschaftlichen Kenntnissen gab, rechnete sie auf geschickte Führung ihrer
Hausangelegenheiten und Küche: wobei sie auch sicher sein konnte, niemals
verlassen zu werden. Es ging, setzte er hinzu, wie bei den Angelegenheiten der
grössten Menschen: kleine Nebenideen befördern die Hauptsache. Aber nun hilft mir
das alles nichts, wenn Hannchen gegen mich geändert ist, sagte er traurig und
trübe gegen mich, die Augen auf den Platz geheftet, wo das liebe Mädchen sonst
in meiner Stube sass.
    Cleberg war unvermerkt von uns fortgegangen, und hatte den jungen Itten
aufgesucht, mit dem er von Linkens Absichten auf seine Schwester sprach, und ihn
ersuchte, aufrichtig zu sagen, ob sie nicht für jemand anders eingenommen sei;
und ob sein Freund sich Hoffnung machen könnte, mt Achtung in seiner Familie
aufgenommen zu werden? Der junge Mann öfnete Clebergen sein Herz und zugleich
das Herz seiner Schwester, die gewiss eben so viel Neigung für Herrn Linke, als
er für sie habe. Sie habe ihrem Bruder alles entdeckt, und ihn zu ihrem Aufseher
angenommen, damit er sie beobachte, ob in ihrem Wesen und Bezeigen nichts ihre
stark werdende Zärtlichkeit verrate, damit sie ja in Zeiten auf den Pfad der
sittsamen Zurückhaltung einlenken möge. So lang sie hofte, war sie stark genug,
gleichmütig zu scheinen; aber da sie ihn geändert glaubte, bekam ihr Kummer die
Oberhand. Sie konnte ihn nicht überwältigen, und wollte ihn doch auch nicht
sehen lassen, deswegen ging sie nach Hause, wo sie ruhig weinen konnte. Cleberg
erzählte dieses auch mir, und ich schrieb ein Billet an Hannchen, dass mir ihre
Abwesenheit unerträglich wäre, und ich sie morgen wieder hohlen würde. Ich ging
auch heut Vormittag wit ihrem Bruder, mit welchem Linke gesprochen hatte, in die
Stadt, um Hannchen mit mir nach Kahnberg zum Mittagsessen zu nehmen, wohin sie
und wir geladen waren. Sie hatten auch im Hause eine wahre Freude mich zu sehen;
ausgenommen Hannchen und ihre Mutter, über deren Gesichte eine Wolke von halbem
Weh hing. Das war mir nicht möglich lange anzusehen: ich bat also beide, mit mir
in die kleine Laube von Essigtrauben zu gehen, die ich sehr liebe, und deren
Blätter nun auch schon die rötliche Farbe annehmen, die ich so gern sehe. Sie
folgten, und da die übrigen bemerkt hatten, dass ich diese allein sprechen
wollte, so blieben sie zurück. Ich setzte mich zwischen Mutter und Tochter, die
auch beide etwas zu erwarten schienen, und, wie ich, halb verlegen waren;
endlich nahm ich Hannchen bei der Hand: Ich wünschte, meine Liebe! dass sie bei
uns geblieben wären, so hätte der gute Herr Linke seinen Antrag und seine Bitte
selbst vorbringen können, die er mir aufgegeben bat. Hier errötete das gute
Mädchen, senkte den Kopf und die Mutter legte ihre Hand auf meinem Arm, und
fasste mich mit etwas Zittern, aber keine von beiden sprach ein Wort. Ich fuhr
fort: Sie müssen, meine liebe Freundin, schon lange bemerkt haben, wie wert und
teuer sie unserm Linke sind: er suchte ihre Hochachtung zu verdienen, eh er
ihnen etwas von Liebe sagen wollte; und dann wollte er auch nicht von Liebe
reden, ohne zugleich im Stande zu sein, ihnen seine Hand und eine hinlängliche
Versorgung anzubieten. Das kann er nun, meine Liebe, und tut es heute durch
mich bei ihnen und ihrer Frau Mutter. Sie schwieg noch, und ich sagte: Sie haben
ihm Achtung gezeigt; er fürchtet aber, diese vorteilhafte Gesinnung sei durch
die Aufwartung des Herrn Stiege in etwas gestört worden. Hier sagte sie schnell:
Nein ganz und gar nicht! aber Herr Linke änderte sich! Gewiss nicht, liebes
Hannchen! Warum ging er denn fort, als meine Eltern kamen, die er ja gern sehen
sollte, wenn er mich liebte. Meine Liebe! sie haben ja gesehen, was Eifersucht
für ein böses Gespenst ist, und uns lauter fürchterliche Sachen vormalt! Linke
dachte, Herr Stiege würde sich einzuschmeicheln suchen, und auch leichter Gehör
finden, weil er reicher ist, als er. Warum hat er diese Vermutung von mir, da
er selbst nicht auf Reichtum sieht? Nun, mein Hannchen! ich glaube, Herr Linke
wird ihnen in seinem Leben keinen Verdruss mehr machen! Wollen sie ihm nicht
diesmal vergeben, und ihm erlauben, auf ihre Liebe zu hoffen? Sie küsste meine
Hand und weinte stillschweigend. Ich schlug einen Arm um sie: Was ist das, liebe
Freundin! Warum in Tränen, mein Hannchen? O glauben sie, ich würde nicht eine
Silbe für Linken gesagt haben, wenn ich nicht sicher wäre, dass sie glücklich mit
seinem Herzen sein würden! aber wenn ihres nicht einstimmt, mein Kind, so wollen
wir von jetzo an, die ganze Sache ruhen lassen, und wie vorher unsere ruhige
gute Freundschaft fortsetzen. Sie versuchte zu reden, ihre Stimme wurde aber
durch Weinen erstickt, und da fing die Mutter an: Nun muss ich reden, liebe Frau
Residentin, weil ich das Herz meiner Tochter kenne. Herr Linke ist ihr nicht
gleichgültig und sein Antrag macht Hannchen und uns allen Ehre und Freude;
besonders da Herr Cleberg und sie die Sache gut finden, so glaube ich auch, dass
unser Kind glücklich sein wird. Da standen der Mutter auch Tränen in den Augen
und die meinigen blieben nicht trocken. Ich erzählte dann, wie Herr Linke schon
über zwei Jahre her Hannchen liebte; was er alles getan, nur um sie zu sehen
und wie er alles eingerichtet hätte. Dies gefiel der Mutter und Tochter. Erstere
sagte: Siehst du, Hannchen, dass die Mädchen nicht verliehren, wenn man sie fein
im Hause hält? Vielleicht wäre deine Haut nicht so rein und weiss geblieben, wenn
du oft spazieren und zu besuchen gegangen wärest; dann hättest du auch
allerhand fremde Sachen zu essen bekommen, die auch die Haut verderben. Hannchen
lächelte hier und sagte, wobei sie auf mich deutete: Ey, Mama! ich habe ja an
diesem Tisch viel Fremdes gegessen und muss doch nicht schlimmer geworden sein,
weil ich Herrn Linke noch so wohl gefalle? Ich fiel ein: es ist also doch recht,
dass sie ihm gefallen? Sagen sie, Liebe, haben sie nichts einzuwenden? bedenken
sie sich und sagen mir es nachher oder morgen. Sie räusperte sich und war
bemüht, das Weinen zu unterdrücken. Endlich gelang es ihr, mir zu sagen: Ich
habe nicht nötig mich zu bedenken, denn ich liebe Herrn Linke aufrichtig und
werde ihn immer einen reichern und vornehmern Manne vorziehen. Nun weinte die
Mutter und reichte mit ihrer Hand über meinen Schoss hin nach ihrer Tochter, da
ich zugleich letztere umarmte, und ein herzliches: Gott segne sie! aussprach.
Nach dieser ersten Bewegung war unser Gespräch freier und heiterer. Darauf sagte
ich: Linke hätte doch noch eine Besorgnis. Und das? sagte Hannchen schnell. Ob
sie wohl gern bei seiner Grossmutter wohnen werden, die ihnen das ganze Hauswesen
übergeben will? Sie zuckte ein wenig. O Mama, wenn es mir ginge, wie ihnen! Ich
sagte dann, was ich davon wusste, und die Mutter sprach ihr Mut zu. Unter
andern: mein Kind! da kannst du am besten die Erziehung beweisen, die du durch
mein Beispiel erhalten hast, da jedermann wusste, was ich ausstund. Hannchen
beruhigte sich, und ich fragte, ob sie mit zu Kahnen wollte? »Ja!« Nun so
kleiden sie sich an. Ich redte noch mit der Mutter, die mir herzlich für meine
Verwendung dankte, aber dabei sagte, sie könnte Hannchen nichts geben, als
weisses Zeug, Betten und noch ein Kleid zu denen, die sie hätte. Ich wusste, dass
Linke sonst nichts begehrte, und bat sie an nichts zu denken, als dass ihre gute
Tochter einen guten Mann bekäme. Der Bruder hatte unterdessen auch geschwatzt,
denn ich bemerkte, dass die übrigen Schwestern ihrem Hannchen mit einer Art von
Ehrerbietung begegneten. (Wie es einer geweihten Sache gebührt, sagte Cleberg
als ich ihn davon erzählte.) Wir trafen in Kahnberg unsere Freunde an. Linke kam
schüchtern aber artig zu uns an den Waagen, und hob mich heraus. Haben sie für
mich gebeten? sagt er, indem er Hannchen anblickte. Ja, mein Freund, und mein
edelmütiges Hannchen vergibt ihnen ihre Unart und glaubt Gutes von ihnen. Er
küsste eine ihrer Hände: Tausend Dank, bestes Hannchen! Sie sollen mich immer gut
finden. Wir waren sehr vergnügt, und Hannchen erfreute die grosse Achtung, die
ihr Linke bei uns allen bezeigte. Er kam als glücklicher Mensch zu uns zurück,
und ist wirklich nach der Stadt gefahren, um seine Bewerbung zu tun.
 
                           Hundert und eilfter Brief
                            Rosalia an Mariane S**.
Ich war weit entfernt zu denken, dass die kleine Geschichte unsers guten Hannchen
Ihnen so anziehend scheinen würde, um zu wünschen, dass sie die nachkommenden
Auftritte des ersten Antrags sogleich erfahren möchten, sonst hätten sie sie
schon längst haben sollen; da ohnehin der ganze Roman seit drei Wochen geendigt
ist, und ich nicht mehr von Hannchen, sondern von Frau Linke schreiben muss. Aber
ich habe weit nachzuholen, und viel zu erzählen. Nach meinem letzten grossen
Briefe war Linke den Morgen nach dem Kahnischen Mittagsessen in der Stadt und
hielt bei Herrn und Frau Itten um ihre Tochter zu seiner Frau an, und legte
ihnen die Papiere vor, welche die Einkünfte seines Amts, und diejenigen, welche
ein vorzügliches Geschenk von seiner Grossmutter bezeichneten; aber freilich vom
letztern nur in so fern, als er und seine Frau sie bei sich versorgen würden. Da
war nun zwar kein Überfluss, obschon beides zusammen gerechnet wurde; aber es
war mehr, als die gute Frau Itten mit ihren sechs Kindern jemals gesehen hatte.
Also kam es ihnen viel vor, und sie freuten sich ihre Tochter um so viel
glücklicher zu sehen, als sie nicht gewesen. Man bewilligte ihn sein gewünschtes
Hannchen, neben der aufrichtigen Eröffnung, dass man ihr kein Vermögen mitgeben
könne, er solle dies seiner Frau Grossmutter nochmals sagen, und allen Vorwürfen
vorbeugen. Er ging gerade zu der alten Frau hin, und diese fasste einen ganz
eigenen Entschluss; sie hieng nämlich ihren grossen Mantel um sich, nahm unter
denselben ein kleines Kästchen und eine lederne Brieftasche mit einem eisernen
Schloss verwahrt, und sagte zu ihrem Enkel im Herausgehen aus dem Zimmer:
Christian! komm und führ mich zu deiner Braut. Ich will deine Sache selbst
richtig machen, sonst wird es mit dem ewigen Geträndel kein Ende. Linken ward
angst und bange, wie die Ittens wohl diesen plötzlichen Einfall aufnehmen
würden; er besorgte auch etwas von dem trotzenden Tone seiner Grossmutter. Doch
durfte er ihr nicht widersprechen oder Vorstellung tun, und empfahl also alles
den lieben Himmel. Er ging aber, sagte er, als auf Dornenspitzen mit blossen
Füssen, und musste der alten Frau immer von Hannchen und ihren Eltern vorerzählen.
Als sie gegen das Haus kamen, fehlte ihm beinah der Atem; er wies es ihr, und
ging langsamer, damit sie es betrachten, und er sich fassen könnte. Aber, sie
sagte: ich kenne es von aussen schon lange; denn, so bald du mir von dem Mädchen
und den Leuten sprachst, so liess ich mich in die Strasse führen, und beguckte das
Haus, wo meine Enkeltochter wohnt. Nun musste er klingen und alle seine Vernunft
zusammen fassen, um in allem auf seiner Hut zu sein, und gleich alles wieder gut
zu machen, wo es hie oder da fehlen könnte. Die Magd öfnete die Türe, bückte
sich schön gegen ihn, sah aber die alte Frau mit etwas Staunen an. Linke, sagt
ihr, sie möchte der Frau Itten melden, seine Frau Grossmutter wolle sie besuchen.
Das Mädchen lief was sie konnte und Linke ging langsam durch den Torweg, und
sah nachdenkend aus; so, dass die Alte sagte: Hör! was ist es mit dir? du bist ja
ganz verwirrt! Entweder schämst du dich meiner, oder du hast mir zu viel Schönes
von den Leuten gesagt, und fürchst, ich ertappe deine verliebten Erzählungen auf
der falschen Seite. Liebe Frau Grossmutter! rief er: haben sie keinen Verdacht
auf nichts. Sie werden finden, dass ich wahr geredet habe, aber mir ist Angst, ob
sie meine Augen für Hannchen haben werden.
    Da! da! sagte sie; aber Frau Itten kam mit möglichster Eile herbei; die Magd
öfnete die Prunkstube und man führte den Besuch hinein. Die alte Frau war sehr
höflich, und sah mit Vergnügen um sich her; dann kam Herr Itten auch, wo dann
die alte Frau gleich anfing: »dass sie wohl nicht nötig habe, die Ursache ihres
Besuchs zu erzählen, weil Linkens Grossmutter nur kommen könnte, um selbst alles
zu bekräftigen, was er von ihren Beitrag zu der Heirat gesagt habe.«
    Die Itten sahen sich an! Linke erholte sich wieder und dankte ihr. Nun nahm
sie Frau Ittens Hand und bat sie ihr die Braut, ihre Enkelin, sehen zu lassen.
Linke wollte sie holen. Das ist recht: aber du solltest doch erst Vater und
Mutter fragen, ob du darfst?
    Sie nickten, ja! und er war fort; da sagte sie viel Gutes von ihrem Enkel
Sohn, wie er von Jugend auf ein guter Bub gewesen, und ihr Mann ihn meist
erzogen habe; dass ihre Tochter recht gut mit ihm ankom men würde, und dass sie
gegen Gewohnheit der Schwiegermütter, mehr auf Hannchens als auf Linkens Seite
sein wolle. Hannchen kam etwas zaghaft und verschämt, aber sie ging ihr
freundlich entgegen. Das ist recht schön! sagte sie: so sittsam rot zu werden
das ist auch alte Mode, wie dieser Teppich und diese Stühle, aber meine liebe
Tochter, das ist das beste Stück vom Heiratsgut eines braven Kindes. Nun
verlangte sie das ganze Hans zu sehen. Der arme Linke geriet aus einer
Verlegenheit in die andre, über diese Art von Unverschämteit der alten Frau. Er
hatte nicht mehr das Herz aufzusehen. Hannchen aber hatte sich gefasst, und
führte sie überall hin, wiess ihr alles, erklärte alles, und bot ihr den Arm, wo
eine Stufe zu steigen, oder sonst eine Beschwerlichkeit war. Im Krankenzimmer
faltete die Frau die Hände, und war ganz bewegt, legte ihre Brieftasche hin.
Lieber Gott! sprach sie endlich: Meine Tochter! so ein Zimmer ist das erste für
mich. Aber das ist schön! sie hielt Hannchens Hand dabei, als sie dies sagte:
Christian! rief sie zweimal, (denn er war immer etwas zurückgeblieben.) Er kam
und sie winkte ihm näher. Hör, mein Sohn! Ich wünsche dir Glück, dass du in eine
so christliche Familie kommst; Ich wollte, dass das Versprechen im Zimmer bei den
Spinnrädern sein sollte, weil mich die sehr freuten; aber, diese Stube ist noch
besser. Hier legte sie Linkens und Hannchens Hände zusammen. Der allmächtige
Gott segne euch herzlich, sagte sie, liebt euch bis die Auferstehung euer Trost
sein wird, (auf das Gemählde zeigend) und versprecht mir, für mich zu sorgen,
wenn ich auf dem Krankenbette sein werde.
    Diese Anrede und die Wendung, welche alles dadurch bekam, brachte allen
Tränen in die Augen. Hannchen weinte am meisten, und küsste ihr die Hände, und
die wunderliche Frau fand dies auch neumodisch, so wie sie die zinnerne
Waschbecken der guten Ittenschen Mädchen auch gefunden hatte und sich die
Wasserkugel lobte, die sie in der Mutter Schlafzimmer, und in der Wohnstube
angetroffen, über welche das Handtuch herunter hängt, und das Waschwasser aus
dem kleinen Krahn in eine zinnerne Muschel läuft. Linke hatte Hannchen bei der
Erinnerung des Neumodischen die Hand gedrückt. Sie verstunds und sagte lächelnd:
Aber, liebe Grossmama! wie soll ich ihnen dann meine Verehrung und meine Liebe
zeigen? durch das Händeküssen geht das am besten und behendesten. Drücke sie
meine Hand und gebe sie mir einen freundlichen Namen dabei: aber das soll unser
grösster Streit gewesen sein, setzte sie hinzu, und suchte nun die Schlüssel zu
ihrer Brieftasche in ihren Schubsäcken, öfnete sie, setzte die Brillen auf, und
nahm eine Verschreibung von vier tausend Talern, die sie Linken zu einer
Aussteuer schenkte. Auch zeigte sie, die andre, damit Itten und seine Frau sehen
möchten, dass ihrer Tochter wohl sein würde. Nachdem verschloss sie die Tasche mit
den Papieren wieder, und ermahnte Linken, die Verschreibung immer in dem Papiere
eingewickelt zu lassen, worinn er sie bekam, denn sein Grossvater hätte aussen
darauf geschrieben, wenn er das Geld angelegt, und sie auch den Tag, da sie es
geerbt; sie zeigte dabei alle Linien der Aufschriften, und zählte die Jahre
nach, wo dieses Capital angelegt worden, und wie sie und ihr Mann das Geld
zusammen gespart hätten. Nun nahm sie das kleine Kästgen von Ebenholz, zierlich
mit Messing beschlagen und nach der Jahrzahl, die oben eingelegt ist, hat es
schon ein Alter von hundert und sieben Jahren. Es ist von der Grösse eines
kleinen Octavbandes und etwa sechs Finger hoch. Inwendig mit blauen Atlas
ausgemacht und in drei Fächer geteilt, die mit feiner Baumwolle stark überdeckt
waren. Daraus nahm sie einen Ring von Tafelstein mit schwarzem Schmelz nach
alter Art gefasst, und reichte ihn Linken: Da gieb deiner Braut den Ring, und
bitte sie ihn nicht zu vertauschen und nicht umzufassen, denn er ist fast
zweihundert Jahr in meiner Freundschaft; aber dies Kreuz und diese Ohrringe sind
nicht so alt, denn die hab ich von meiner Mutter. Diese gab sie selbst an
Hannchen zum ersten Geschenk von ihr, und die Geschichte des Rings und des
Kästchens dabei. Ein rundes Balsambüchsgen mit alten farbigen Schmelz, in
Blumen, inwendig vier Fächer zu viererlei Balsam, stark vergoldet: aber sie
hatte es nie gebraucht, so, dass es also noch Funkelneu war; das Kreuz und die
Ohrringe waren auch Tafelstein, ziemlich schön, und ein paar Ohrringe von einer
einzigen grossen Perle und schwarzen Schmelz, auch in einem silbernen Büchsgen.
Das alles zusammen bekam Hannchen. Die letzten Ohrringe musste sie gleich
eintun; so wie auch die goldenen Handschnallen, mit den Sammtbändern, die schon
seit sieben und zwanzig Jahren darin sind, weil sie solche eben neu anlegte, um
auf Christians Taufe Staat zu machen; denn hier fuhr sie fort lächelnd zu
Hannchen zu sagen, indem sie das Innere von Hannchens Hand heraus drehte und die
Sammtbändchen wies: »Hierauf hat ihr Linke von sieben und zwanzig Jahren
gelegen, als ich ihn nach der Kirche aus dem Taufzeug hob.« Hannchen sah
freundlich auf ihre Armbänder nieder, und wurde von der alten Frau darüber
gelobt, die ihr ins Gesicht gukte und sagte: nicht wahr! die alten Bänder sind
ihr nun lieber? Die Braut nahm ihr Kästgen unter den Arm. Wo tut sie es hin?
fragte die Grosmutter. In meinem Schrank; aber ich zeigte es auch meinen
Schwestern. Das wohl! aber nicht verschenken! setzte sie hinzu. Sie ging dann in
den Garten. wie im Hause in allen Ecken herum, tobte alles und pries immer ihren
Enkelsohn glücklich. Hannchen musste dann mit ihr nach Hause gehen und Linke bei
den Ittens bleiben bis sie wieder kämen. Da wiess sie ihr auch alles in ihrem
Hause und gab ihr die Schlüssel zu vier Schränken und einer Stube gleich in
Verwahrung, weil sie wollte, dass sie dort alles so einrichten möge, als in ihrer
Mutter Hause. Sie zeigte ihr auch zwei Stuben, die Hannchen und Linke noch zu
der bekommen sollten, die er schon bewohnte. Sie müsse aber die alte Einrichtung
in der neuen Stube auch so in Ehren halten, wie ihre Mutter in der Prunkstube
getan. Sie schenkte ihr auch einen Schreibtisch, woran die Türen des obern
Schranks von Spiegel sind, gab ihr alle ihre Spitzen, und ein Stück feinen
Indischen geflickten Mousselin, das sie schon, vor, wer weiss, wie viel Jahren,
von einem Freunde ihres seligen Mannes bekommen hatte. Meine Haut, sagte sie,
war für das dichte weisse Zeug zu braun; da hob ich's auf. Ihr aber wird's gut
lassen, da sie so weiss ist; und bei dieser Rede legte sie das halb aufgefaltete
Stück über Hannchens Achsel. Dann folgte noch ein Kleid und Rock von grün und
gelben schielenden Gros de tour, der an sich schon stark und gut, aber noch ganz
mit Flanel ausgefüttert war, das möge sie nach ihrer Art und wie es Linken
gefiele, zurecht machen. Ein zu allem Glück ganz strohgelber guter Damast, an
Stücken, die zu einem Bette für vornehme Leute zugeschnitten waren, und den sie
an einer Schuld annehmen musste, wurde zum Brautkleide bestimmt; hingegen auch
ein grün und weisses Ras de Siele zum Hochzeit Schlafrock für Linken, und endlich
noch für Hannchen, eine schöne gestickte Geldtasche mit einem silbern Schloss und
Hacken, worin sie eine Nadelbüchse mit oben aufgeschraubten Fingerhut von Silber
und einen Georgen-Taler steckte. Damit sie immer Geld im Sack habe, soll sie
ihn ja niemal verwechseln, und mit einem Löffel, den sie hinzu legte, solle sie
nun alle Tage essen, es wäre ein L. darauf gestochen; dazu dürfte sie nur ein H.
setzen lassen, weil sie doch bald Hannchen Linke sein würde.
    Im nemlichen Jahr gab sie ihr auch drei schöne seidene Halstücher für ihre
Schwestern; führte aber das arme Hannchen mit dem grün und weissen Kleide überm
Arme in Linkens Schlafzimmer, wo das gute Mädchen das Kleid auf seinem Bett
ausbreiten, und seinen Schlafrock darüber legen musste, damit er beim
Schlafengehen es finde, und so gleich merken könne, wozu es gehöre. In dem
Zimmer war es ziemlich unordentlich; nun fing sie an aufzuräumen, und Hannchen
musste helfen, damit er sähe, zu wes eine brave Frau nütze. Dies war der Braut
herbe, weil sie sich da mit alten Kleidern und schwarzer Wäsche des Linken
bekannt machen musste, eh sie ihn selbst recht kannte. Es blieb ihr auch etwas
von diesem Missvergnügen übrig, als sie nach Hause kam, und sie vermied mit Linke
viel zu sprechen; der dann auf die Vernintung kam, seine Grossmutter müsste sie
mit etwas beleidigt haben. Hannchen war froh, als er mit der Frau fort musste,
die Abends spät Hännchen einen Pack mit den geschenkten Sachen schickte, die
dann ihrer Mutter alles Vorgegangene erzählte: welche ihr Mut zusprach und sie
sorgfältig ermahnte die alte Frau in dem guten Humor zu lassen, und aufs
geduldigste und sorgfältigste mit ihr umzugehen. Sie wieder holte ihn dabei
immer, dass sie sich freue, sie um viel glücklicher zu sehen, als sie in ihrem
Leben nicht gewesen wat. Linke erriet nun zu Hause die Ursache der
Verlegenheit, worinn er seine Braut gesehen, war aber so feindenkend, nicht viel
davon zu sagen. Hannchen machte sich mit ihren Schwestern alle die Kleider und
Hauben zurecht, und musste nach dem Eifer der Grossmutter sich acht Tage hernach
trauen lassen, welches ganz still nach dem Morgengebet in der Pfarrkirche
geschah. Gleich den zweiten Tag erinnerte ihre Grossmutter sie an die Einrichtung
des ihr anvertrauten Zimmers und der Schränke. Ihre Enkelin machte sich ohne
Widerrede an die Arbeit, ordnete und schrieb alles auf; maass die Stücke
Leinwand, säuberte dann die Schränke selbst, und fing an einzuräumen. Die
Grossmutter sagte: sie solle alles ablesen; dieses tat sie, und da auf einer
Seite das Beste, und dann das Mittlere u.s.w. stund; so sagte die alte Frau; nun
schreib sie auf:
    »Weisses Zeug von Christian und Hanne Linke.«
    Das gute Weibgen staunte und dankte ihr mit nassen Augen. Das hat sie durch
ihr Spinnrad verdient, meine Tochter, sagte sie, indem sie ihr die Hände
drückte. Ein Zimmer darf sie neumodisch einrichten, wär' es auch nur wegen Herrn
und Frau Cleberg, damit die sehen können, dass sie nicht so schlecht sei. Die
Sanftmut und kindliche Achtung Hannchens freut die Frau ungemein, und sie will
nun, dass der Sohn einer reichen guten Freundin von ihr eine Schwester Hannchens
heirate, und Linke ist unendlich glücklich. Ich habe die zweite Schwester zu
mir genommen, ob schon Herr Stiegen gern gesehen hätte, dass es die dritte
gewesen wäre, die ihm, nach Hannchen, am besten gefiel und wie Ott vorbat, so
soll er sie recht wünschen, und dann bekommen. Die Mutter liess mir sie nicht,
weil sie zu luftig und zu hübsch sei. Cleberg hatte die jungen Leute und die
Grossmutter selbst abgeholt, als sie bei uns in Seedorf das erstemal nach ihrer
Heirat assen. Das gefiel der alten Frau auch sehr, und sie sagte nach ihrem
Tone recht gute Sachen. Die Aufführung ihrer Enkelin gegen sie ist rührend und
ein Beispiel für alle junge Leute, wie die Stärke der Jugend die Schwachheiten
des Alters tragen solle. Jeder Tag erwirbt ihr Segen, und vermehrt die Liebe
ihres Mannes.
    Nun haben sie einen ganzen Roman aus dem Privatstande, denn Linke ist nur
zweiter Stadtschreiber.
 
                           Hundert und zwölfter Brief
                            Rosalia an Mariane S**.
Ich habe einen neuen merkwürdigen Gast. Das ist ein sonderbarer Mann der alte
Stiegen! Aber nie sah ich einen so einnehmenden und so geistvollen Alten, als
ihn und meinen Oheim, jedoch mit dem wesentlichen Unterschied, dass, da Letzterer
alle seine Ideen zu Taten zu machen suchte, er sich mit vieler Klugheit, in
seinem Wirkungskreis einschränkte, in diesem aber alles ausführte, was darin zu
tun war; weil er, wie er sagt, alles sein Feuer nur auf die Tätigkeit lenkte.
Hingegen seine Geduld und Sanftmut in seine Vorstellung eines Entwurfs, in
seine Unterredungen mit den Leuten und in seine Beurteilungen über andre legte.
Durch dieses gewann er sich so viel Vertrauen und Liebe, dass er Mitelfer, oder
doch wenigstens ruhige Zuschauer bei seinen Unternehmungen hatte. Beifall, Dank
und Nachahmung erweckte er in seinem Alter, Ruhe und Segen geniesst er ungestört
und er hat den Beweis gegeben, dass wenn also in dem von der Vorsicht ihnen
bestimmten Stunde das Gute täten, was ihnen darin vorkommt, es wenige, sehr
wenige unglückliche oder unzufriedene Menschen geben würde. Er erniedrigte sich
nie, strebte auch nicht unruhig in die Höhe. Er war der Sohn eines Gelehrten und
durchging nach geendigten Schul- und Universitätsjahren die Stufen vom
Sekretaire an, bis zum Geheimenrat als geschickter, sanfter und fleissiger Mann.
Sein Freund Stiege kennt und liebt das Gute und Wahre, wie er; und zum Glück für
ihn selbst kannte er auch sich selbst und die, wie er behauptet, unbezwingbare
Aufwallungen des Eifers für Recht und Wohl der Menschheit. Ehrwürdige
Gesinnungen, welche wie mein Oheim sagt, ihm bei alten Republiken, oder in
Amerika, wo eine Neue entsteht, einen Teil der gesetzgebenden Macht und der
Vatersorge für das Volk erworben hätte; aber in unserm Staate, nach dem Gang der
Gedanken, nach den Sitten und Wendungen die alles hat, setzt sie ihn in den Ruf
eines unverträglichen, gewaltsamen und eigensinnigen Mannes. Bei dieser
Unterredung sagte mein Cleberg: Die weiblichen Tugenden wären glücklicher, als
die Tugenden der Männer, weil sie zu allen Zeitaltern gewünscht und geliebt
würden. Also könnte wohl geduldiges Ertragen der Fehler, und das auf so
tausendfache Weise sich zeigende Wohlwollen, die einzigen wahren Tugenden der
Menschheit sein, und die übrigen nur auf Millionen Bedürfnissen entstehen. Das
mag sein, aber diese Bedürfnisse haben auch die vielen Zweige der Künste und
Wissenschaften hervor gebracht, durch welche Millionen von Freuden und Vergnügen
über unserer Erde ausgegossen worden. .... Sehen sie, Liebe! so ist manchmal der
Ton unserer Gespräche, der sein Angenehmes um so besser erhält, weil er nicht
immer herrscht, und wir recht wohl mit andern und mancherlei Gattung von
Menschenkindern umgehen und reden können.
    Der alte Stiegen hat sein Zimmer gleich neben meinem Oheim, da lassen sie
die Türen des Nachts offen und sprechen noch miteinander aus ihrem Bette, bis
einer von ihnen einschläft, von alten und neuen Zeiten, von Menschen und
Gewohnheiten. Es ist höchstrührend, wenn sie nun nach dem Frühstück oder
Mittagsessen so ihre Welt und die unsrige vornehmen: Stiege, mit Eifer die Alte
lobt und vorzieht, mein Oheim die jetzige verteidigt und ihre Verdienste
hererzählt; Stiege ihm zuhört! manchmal mit Lächeln den Kopf schüttelt, oder mit
Empfindung ihm zunickt; endlich seine Hand ergreift und sagt: Nun, mein lieber
Eben, du bist noch immer der gute Junge der du in Halle warest, du verteidigst
jetzt Nationen, wie du die Schulfüchse in deinen Schutz nahmst, wenn ich und
andre alte Pursche zu derb mit ihnen verfahren wollten.
    Mein Oheim erwiedert dann auch freundlich, Stiegen mit dem Finger drohend:
Du hast mich manchmal für dich und andre geängstigt, wenn du so deinem wilden
Eifer nachgiengst, und da auf den Augenblick alles gebogen oder in Stücken
gebrochen haben wolltest. Oft dachte ich mich von dir loszureissen, weil du so
unbändig warst; aber die Redlichkeit deiner Seele, die Wahrheit deines Gefühls
und Liebe jedes Grossen und Guten, zog mich wieder stärker an dich Eisenkopf, als
an alle andre. Schön, gewiss, recht schön, glüht bei solchen Anlässen
Freundschaft in ihren Augen, ernste Freude lacht in den Falten ihrer
Gesichtszüge, und sie geniessen noch das schönste und beste Glück der Menschen,
wechselseitige Hochachtung und Liebe. Der Zufall brachte hier, so wie er oft im
Zusammenfluss von ärgerlichen Geschöpfen tut, an diesen zwei erlebten Männern
und an uns übrigen in Seedorf gesammleten Leuten, eine recht schön gegen
einander stehende und sich doch anschliessende gute Menschenzahl auf einen
Fleck. Nehmen sie den eben so empfindlichen als vernünftigen Ott, meinen fertig
liebenden und fein denkenden Mann, die sanfte, zärtliche Julie, mich, Linken,
Hannchen, Latten und die junge und ältere Frau Grafe, den herrlichen würdigen
Pfarrherrn, und die so gute Bauern von Seedorf. Ja die Gegend umher, unsere und
der Landleute Wohnungen, den Wald, die Berge, und den Bat, alles fasst sich in
eine schöne Reihe glücklicher, wohltätiger Kinder der Erde, beseelter und
unbeseelter. - -
    Ich komme so eben aus der gewohnten Dankpredigt, die am Ende und nach
Einsammlung jedes Herbstes gehalten wird. Alles, was ich da fühlte und sah ist
recht eigentlich dazu gemacht, an meine vorherige Gedanken angereihet zu werden.
Die Kirche war voll, und schon dies freuete mich, das Gedränge zum Danken war
der Beweis, dass sie den erhaltenen Segen mit Freuden fühlten. Alle Kleider, alle
Gesichtszüge, waren festlich. Die Kirche wird ohnehin durch die Aufsicht des
Pfarrherrn sehr rein und gut gehalten. Die Predigt, o meine Liebe! wie gerne
sagte ich, es sei eine Engelszunge gewesen, die alle Herzen in Bewegung setzte.
Wie einfach die Sprache und Ausdrücke, wie innig redete er die Alten, die
Jüngern und Kinder an, da er ihnen das Bild der Erndte von ihrer Hände Arbeit
und des von Gott darauf gelegten Segens darstellte. Auch in den rauhesten
Gesichtsbildungen erschien Empfindung. »Alte Hausväter, Hausmütter! Ihr hebt
eure durch lange Arbeit kraftlos gewordenen Hände gewiss mit herzlichem Dank zu
Gott, dass ihr die Schemen, die ihr für Kinder bautet, voll Früchte seht, die
euer gesunder fleissiger Sohn mit fleissiger männlicher Stärke anpflügte und
säete. Junge Väter, junge Hausmütter; freuet euch im Herrn, dass ihr eure euch
von Gott zugeschriebenen Berufsgeschäfte treulich, nach der noch sehr lebendigen
Kraft eurer Jahre verrichtet habt, sorgt durch euer Exempel, für eure kommenden
alten Tage, auch noch Freudentränen aus halb geschlossenen Augen zu weinen,
wenn eure jetzt noch spielenden und auf eurem Schoss sitzenden Kinder, zu
rechtschaffenen Landleuten herangewachsene Söhne und Töchter hinter vollen Wagen
nach Hause kommen werden: Ach, sorgt, dass ihr redliche Hände zu Gott erheben
könnet, und ihr, lieben Kinder! die ich alle getauft, und von dortan als treuer
Seelsorger durch Unterricht zu Gott geführt, und durch tägliche Fürbitte seiner
Gnade empfehle; ohne Sorge und Mühe geniesst ihr jetzt Nahrung und Kleidung aus
der fleissigen Hand eurer Eltern; aber alle Tage wachset ihr den Jahren zu, wo
ihr Aecker und Wiesen, auf denen ihr jetzt jugendlich spielt und hüpft, mit den
Schweise eures Angesichts werdet anbauen müssen. Freuet euch darauf! Es ist
schön, von unserer mütterlichen Erde, durch treue Verwendung der Kräfte und
Geschicklichkeit, Brodt und Kleidung zu verdienen! Folgt euren guten Eltern,
euren guten Schulmeister und dem was ich euch durch Gottes Gnade immer Gutes
lehren will; damit wir alle, das grösste Glück der Menschen, das Zeugnis eines
guten Gewissens geniessen mögen: nämlich, dass wir treulich alles getan haben,
wozu uns Gott in unserm Stande angewiesen hat.«
    Er sprach in eben dem Tone und auch kurz mit den Handwerkern, dem Gesinde
und den Armen, die er tröstete und ermunterte, endlich allen andern Landleuten
der ganzen Welt auch Gutes wünschte, wozu eine so gute Oberherrschaft und
Beamten zu rechnen wäre, wie sie hätten. Sie sollten auch daher die Pflichten,
als Untertanen gerne erfüllen und gedenken, um wie viel glücklicher sie auch
dadurch wären als viele Tausende ihrer Mitbrüder in allen vier Weltteilen.
Unbeschreiblich, ganz und gar unbeschreiblich ist der Ausdruck der auf den
einfachen Gesichtszügen lag, wie die alten Hände voll Falten und Schrunden
zitternd erhoben wurden, und die starke fleischige Hand jüngerer Männer sich
fester schloss. Die Knaben und Mädchen kindisch, halb aufmerksam, halb nachlässig,
treuherzig den Pfarrer, Ahnen, Väter und Mütter beguckten, so wie sie angeredt
wurden, sich nach den Handwerkern, Knechten, Mägden und Armen umsahn. Aber
gewiss, obschon leicht und flüchtig, wie die Jugend ist, ging auch Rührung und
Vorsatz des Guten über ihre Stirnen. Unser Kirchenstuhl ist nahe an der Orgel
und vergittert, aber alle Augen waren dahin geheftet als der Pfarrer meinen Mann
so rühmlich meinte, und dem Himmel sei Dank! in keinem Gesicht war ein Funke von
Zweifel über das von ihrem Beamten gesagte Gute. Mein Oheim, dessen Tränen
haufenweis in seinen vorgehaltenen Hut flossen, fasste Clebergs Hand und drückte
sie ihm. Mein Mann fühlte es und küsste diese väterliche Hand dankbar in Hause
Gottes, der ihn an dieser Hand zu Ehren und Glück geleitet hatte. Ich, o
Mariane, wie war ich bewegt! Ich kann sagen, jeder Atemzug war Gebet und
Fürbitte für mich und für die ich sah, ach! wie leicht ists gut zu sein!... Wie
süss ist es, vom Guten reden, wie lieb war mir mein Mann, wie heilig, wie
ehrwürdig der Pfarrer, der so Gott und der Tugend die Herzen zu öfnen weiss. Was
war der Austritt aus der Kirche für mich, nachdem Ott die Orgel zu dem Te Deum
gespielt und mein Cleberg und Oheim, Otte und die jungen Stiegen nebst mir dem
Chor gesungen und Ott am Ende noch einige schöne in die Seele tönende Läufe
gespielt hatte. Der ganze Kirchhof war voll von den Bauersleuten; alle sahen so
liebend, so vertraut und vergnügt auf meinen Mann und ihren Pfarrer, der aus der
Sakristei heraus kam. Cleberg ging mit schönen schnellen Schritten auf ihn zu,
eichte schon, noch eine Strecke von ihm, nach seiner Hand und sagte: Lieber Herr
Pfarrer! Gott segne sie für ihre Predigt. Aber wie kamen sie darzu, auf mich zu
deuten? Er antwortete: Gott sei Dank! dass ich es mit dem Zeugnis der ganzen
Gemeinde tun konnte. Nicht alle Pfarrer können es, und es war die Frage von den
göttlichen Wohltaten für die Landleute; und ein Beamter, wie sie, gehört
darunter. Dies sprach der Mann noch so laut im Calzeton, und mit so einem
Ausdruck in seinem Auge, dass mein Cleberg auch bewegt sagte, indem er sich zu
den Bauern wandte: Gewiss, meine lieben Seedorfer, ihr dankt Gott auch mit mir,
dass wir einen solchen Seelsorger haben. Wir wollen ihm auch alle treulich
folgen. Ich gab ihnen, (setzte er mit nochmaliger Darreichung seiner Hand an den
Pfarrer hinzu) mein Wort, und das Wort von meinen braven Landleuten dazu. Nicht
wahr? sagt er, alle anblickend und ihnen mit seiner ganzen edlen Gestalt und
offener Miene zulächelnd; ein redliches Ja! wurde gehört, und Freude, wahre
Gottes, und Menschenfreude war in allen Gesichtern. O der schöne, glückselige
Tag! möge er durch seine Erinnerung immer Gutes und Vergnügen in alle die Herzen
zurückrufen. Ich musste mich führen lassen, so sehr war ich von allen diesen
seligen Empfindungen erschüttert. Nun lässt Cleberg Schinken, Käse und mürbes
Brod auf morgen Nachmittag bestellen, und gibt bei der Linde Jungen und Alten
ein Herbstvesperstück: Bier, Wein und Musik. Der alte Stiegen behauptete, mein
Oheim hätte dem Pfarrer die Predigt vorgeschrieben und vorgesagt, denn er hätte
ganz den Geist seines Freundes darin gesehen. Adieu und Dank, dass sie mich
lieben und lesen.
 
                         Hundert und dreizehnter Brief
                            Rosalia an Mariane S**.
Ich bin wirklich sehr böse über mich: denn da ich mein Briefbüchelchen nachsehe,
so sind es so viele Tage, dass ich Ihnen Antwort und einen Brief schuldig bin.
Meine Abwesenheit trug was zu dieser Verzögerung bei, aber es ist doch nicht
recht; ich hätte aus dem Hause der Frau Grafe schreiben können. Doch meine
Nachlässigkeit ist genug bestraft, da ich so lange Zeit ohne eine Unterhaltung
mit Ihnen zugebracht habe, und dann erinnere ich mich, dass Sie ein Paarmal mir
sagten, dass Sie in spätern Briefen von mir, eher das sehen, was meinem Verstand
und Empfindungen am meisten gefallen habe, als gleich anfangs, wo die Umstände
mein zur Schwärmerei geneigtes Gefühl überraschen und manches schöner als wahr
darstellten. Bei erfolgter Ruhe aber, rufte ich nur das in mein Gedächtnis
zurück, was meinem eigentlichen Selbst am meisten Vergnügen gegeben hätte, und
Sie glauben, dass Sie in meiner Art Sachen zu denken, zu beurteilen und Entwürfe
zu machen, nicht nur mein Inneres mehr sehen, sondern, dass auch meine
wunderbaren Aufzüge von Leuten und Sachen, in Ihrem einsamen Aufentalt, die
entfernte Menschenwelt in einem gefälligen Licht erscheinen macht. - - Ich habe
das Beste und Edelste, was in mir liegt. meinem Oheim und Ihnen zu danken. Mit
ihnen beiden habe ich mein Bilderbuch von guten Menschen angefangen, und da ich
so glücklich war, auf dem bisherigen Wege meines Lebens so viel Gute
anzutreffen, so will ich fortmalen und bei ihnen meine Probe- und Meisterstücke
aufstellen. Es muss einst in erlebten Jahren süsses Vergnügen für mich sein,
diese Sammlung durchzusehen und am Ende meiner Bahn durch die moralische Welt
lauter Ideen um mich zu haben, die der Beweis eines wohlwollenden Herzens sind.
    Das ist nun eine lange Vorrede zu zweien vielleicht sehr kleinen Gemählden,
die Sie schon vermuten, und ich will sie nun geschwind auspacken. Wir wurden
von Frau Grafe gebeten noch ein paar Tage in Rehberg bei ihr zuzubringen; sie
hätte ohnehin Fremde, die uns gewiss gefallen würden. Wir gingen auch vor sechs
Tagen hin und trafen zwei Frauenzimmer und zwei Herren, die alle einen durch
Bücher- und Menschenwelt ausgebildeten Geist zeigten. Wenigstens, sagt Cleberg,
müsste viel Schönes und Merkwürdiges von ihnen vorbeigegangen sein. Ich glaube,
er will damit sagen, dass er ihnen keine gründlichen Kenntnisse zuschreibt. Es
mag sein, es liegt doch wahre Verehrung jedes Verdienstes in ihnen, und eines
der Frauenzimmer kennt die Gesinnungen der Freundschaft gewiss ganz, denn es ist
ihr Heiligtum, in dem sie mir als Priesterinn erschienen ist; und Frau Grafe
behauptet vor diesen Fremden ein schöneres Stück Philosophie gelernt zu haben,
als Sie und van Guden mir jemals mitteilten. Es war die Frage von Tadel und
Verläumdung, welche so vieles Misvergnügen über unsere besten Tage verbreiten.
Die Fremde sprach: diese Gewalt lasse ich bösen Menschen nicht. Einmal suche ich
Fehler zu vermeiden, um innerlich mit mir zufrieden zu sein, und dann gönne ich
ihnen grossmütig die Freude mich zu tadeln, ohne mir Hass und Rache dagegen zu
erlauben; dadurch erhalte ich meine Ruhe und meine Menschenliebe unverletzt. Das
ist aber sehr schwer! sagte jemand mit dem Lächlen des Zweiflens. Sie haben
recht erwiederte sie: aber es ist schön, etwas schweres zu versuchen. Jeder
Schritt zu einer Anhöhe ist beschwerlich, aber man wird auch belohnt. Sie hassen
also nicht so sehr, als sie lieben können? Nein! denn ich achte es für eine eben
so grosse Pflicht, Fehler zu vergeben, als Tugenden zu lieben. Ja! aber, wenn man
sie übel beurteilt, ihren guten Namen, ihre Ruhe und ihr Wohlsein unterbricht,
was tun sie da? sagte einer der zwei Fremden. Ich verwahre mich gegen den
Schaden ohne dem Beleidiger weh zu tun. Sie wissen meine Grundsätze darüber,
denen ich getreu sein werde. Verschiedene Denkungsart bringt immer Entfernung in
den Gemütern hervor, und was mich gleichgültig macht, kann das Herz eines
andern zum Hass bewegen, wenn ich ihn nur nicht verdiene, wie der edle Amerikaner
sagte: »den Schmerz, den sie mich fühlen machen, soll durch mich niemand
fühlen.« und vergesse alles; denn was würde aus dem Leben guter Menschen werden,
die den Tag über an Verläumder und Feinde und die Nacht an Gespenster und Diebe
dächten. So lang ich wache sind meine Kinder, meine Arbeit, meine Freunde,
Bücher, Ideen von Schönen und Guten in der Welt, vom Wohl, das die Vorsicht mich
geniessen lässt, wechselsweise in meinem Kopfe und Herzen. Des Nachts freut wich
die Ruhe und Stille der Natur, und die von meinem Zimmer und meiner Seele. Ich
danke und bitte für mich und die Meinigen und wünsche allen alles Gute, was sie
bedürfen, und so fassen sich meine Stunden bei der Hand bis die letzte mit
Lächeln den Reihen unterbrechen wird, und (sagte sie zu den nemlichen fremden
Manne,) die letzte Stunde kann nicht lächeln, wenn sie uns mit dem Andenken des
Hasses und der Beleidigungen unsers Nächsten erscheint. Sie küsste dann mit einer
Träne im Auge, einen aus Haaren geflochtenen Ring. Gutes tun und Gutes glauben
will ich, Julie, bis ich dich sehe, um der Freundschaft deiner edlen Seele wert
zu bleiben. Sie können denken, dass ich sie hier aufmerksam anblickte, und sanft
sagte ich, mich gegen sie biegend: darf ich den Ring sehen, der ihnen so wert
ist? Gern! aber nicht anrühren. Er ist Reliquie und die ganze Erde hat nichts
ähnliches mehr. Dann erzählte sie mir von einer schweizerischen Dame, deren Tod
sie seit einem Jahr beweint, und durch ihre innige Liebe und Verehrung für diese
ausserordentliche Person macht sie sich selbst hochachtungswürdig.
    Diese Dame hiess Julie Bondeli, ein, wie die Fremde sagt, für alle, die sie
kannten, heiliger, geliebter Name, weil er ihnen Grösse des Geistes und der Seele
in einem Bilde darstellt. Kenntnisse, Tugend und jeder Reiz des Verstandes und
der Güte lagen in ihr vereint.
    Sie gab uns dann Briefe von ihr zu lesen. O meine Mariane! diese Freundin
hätten Sie haben, Sie kennen sollen. Unsere Männer bewunderten den Scharfsinn
ihrer Einsichten, die Richtigkeit ihrer Urteile und Ausdrücke, neben der
schönen Schreibart. Ihre Feder hat alle Grazie ihres Geschlechts und ihr Geist
alle Stärke des unsern, sagte Cleberg. Die Frewde lächelte vergnügt, und
erwiederte: Sie sind sehr nah bei dem Gedanken von J. J. Rousseau, der meine
verewigte Freundin kannte und zu schätzen wusste. Dieser sagte von ihr: »dass sie
zwei der seltensten Vorzüge in sich vereinige: unsers Leibnitz Geist und
Voltairs Feder.« Mariane! unsere Männer alle zuckten zurück, so wie es bei jähen
Einfällen eines Lichtstrals auf unsere Augen geschieht, und mein Cleberg hatte
nach Frau Grafens Vermutung die Miene, als ob er das, was er gesagt, zurück
haben möchte. Vielleicht tu ich ihn Unrecht; (fuhr sie fort) aber ich habe
manchmal bemerkt, dass Eitelkeit uns an den Gedanken eines grossen Mannes
anschliessen, und dann ists bei andern ein Stück Stolz, wie ihr Cleberg hat, der
uns lieber schweigen heisst, als einen guten Gedanken mit einem andern zu
teilen. Diese Bemerkung mag richtig sein; aber sie missfiel mir. Vielleicht,
weil sie den Mann traf, dessen Namen ich trage. Die Fremde hatte während unserm
Flüstern noch einige Briefe aufgesucht, die dann vorgelesen wurden. Und gewiss,
alle Feinheit des Gefühls und Geschmacks liegt darinnen. Die Fremde sog, mit
Entzücken und Wehmut im Auge, die Lobsprüche ein, die wir ihrer Freundin gaben.
Sie sagte aber dabei: O, wie viel mehr als dies, war die Güte, Sanftmut und
Menschenfreundlichkeit ihrer Seele. Wir wünschten alle, dass diese Briefe
gedruckt werden möchten. Aber der edlen Todten zuweit getriebene Bescheidenheit
verbot es. So, wie sie alle Briefe und Papiere verbrannte, die sie von Freunden
erhalten, oder selbst aufgesetzt hatte. Es ist gewiss schön, so lieben zu können
wie diese Frau; gewiss glücklich, eine Julie Bondeli zu seiner Freundin gehabt zu
haben, und für mich ist es immer wahr, dass, wenn in den besten Stunden unsers
Lebens, das, durch Unterricht und Nachdenken erhaltene Bild der Weisheit und
Tugend von uns tritt, wir immer die Arme darnach ausstrecken und wünschen ihn
ähnlich zu sein, weil wir fühlen, dass Einigkeit in ihm liegt. In diesen Stunden
machen wir unserm göttlichen Urheber Ehre, und empfinden, dass wir für
unsterbliches Glück und für die Tugend geschaffen sind. Jede Faser unsers
Herzens ist dann Bestreben nach edlen Taten. Wir empfinden Willen und Kräfte
dazu; freilich erlöschen und verschwinden diese Vorstellungen wieder, aber sie
zeigen sich mit Macht, wenn wir in irgend einer Geschichte, oder in einem
lebenden Menschen; einige von den Eigenschaften erblicken, die wir in seligen
Stunden uns selbst wünschten, und gewiss, wer edle gute Menschen herzlich lieben
kann, ist ganz nahe dabei, selbst so zu werden. Ich denke also in meiner Neigung
für diese Fremde nicht zu irren, und es freuete sie, als ich ihre Julie mit ihr
beweinte.
    Cleberg und Ott behaupten, dass unsere Julie, seit diesem Tage einen geheimen
Stolz auf ihren Namen hätte, und sie will, dass ihr nähestes Mädchen Julie
Bondeli getauft werden soll. Mir sagte sie: Dann wird Latten finden, dass ich
noch mehr Engländerin bin, als du, weil diese ihren Kindern so gar die
Familiennamen ihrer geliebten Freunde geben. Das jüngere Frauenzimmer war eine
artige Brunette, niedlich gebaut, hatte schöne schwarze Augen und war voll
Verstand und Empfindung. Sie hat unschuldige Munterkeit wie ein Kind, ob sie
schon mit drei und zwanzig Jahren selbst schon Mutter von drei Kindern ist.
Cleberg sprach gern mit ihr, weil sie ihm voller Witz zu sein schien; aber er
fand mehr, wie er sagt; da jede Liebenswürdigkeit blühend und ungekünstelt in
ihr ist, wie die Insel Finian von dem Genius der Natur, ohne Ordnung und
Scheerschnitt des Gesuchtens, Pflanzens und Formens angenehmer Gestalt, Blumen
und Früchte von selbst tragend; hie und da nur bemerke man Spuren, von gleichsam
zufälliger Aussaat durch Menschen Hand, die in dem vortreflichen Grund leicht
zur Vollkommenheit anwuchsen. Sie erzählt allerliebst und war mit so viel
zärtlicher Achtsamkeit um unsern Kahnberg herum, dessen Blindsein sie äusserst
rührte. Sie freute sich auch so treuherzig ihren schätzbaren Mann wieder zu
sehen, sprach so gern von jeder guten Eigenschaft die er besitzt, von seiner
Liebe für sie, von ihren Kindern, so dass sie uns auch dadurch unendlich lieb
wurde.
    Sie waren alle vier Tage mit uns zu Rehberg und dies sind wirklich
Göttertage für mich gewesen. Denken sie sich den Hausherrn und Frau, die Callen,
die Kahnberge, Otten, der herrliche Rat Franke, unserer Grafe Bruder und feine
artige Frau, wir Cleberge und meinen Oheim; dieser und mein Mann freuten sich
ungemein über die Erneuerung vieler halb erloschenen Bilder, die ihnen durch
diese wieder fremde vorkamen; wie sie auch durch Nachrichten ganz kurz
entstandener Ideen und Sachen Schriftsteller und Arbeiter in dem Gebiet der
Wissenschaften und Künste, die sie auf ihrer Reise sahen, unserer Kenntnisse
bereicherten. Wir haben auch durch sie eine grosse Liste von Büchern und
Kupferstichen, Namen von Kaufleuten und Fabrikanten, wo schöne und artige Sachen
neuer Erfindung zu haben sind, erhalten. Unsere Männer lieben alle dies, und
haben nun viel Stoff zu neuen belebten Unterredungen, über Mechanik, Musik und
andern Künsten, woraus wir Weiber auch Nutzen für unsern Kopf ziehen und dadurch
unser Leben verschönern.
    Für mich war dieser Aufentalt noch viel mehr als für die andern; weil er
die ersten reizenden Tage in mein Gedächtnis zurück rief, die ich in Redberg
verlebt habe. Der vortrefliche Pfarrer lebt nicht mehr, durch den ich Henriette
von Effen kennen lernte; aber sein jüngerer Bruder hat die Stelle, und die
Einwohner von Effenhofen sind durch Herr T. sehr glücklich, sagte Herr Callen,
dessen Gut hier in Rehberg liegt. Mein Mann liess mich nicht nach Effenhofen
gehen, weil er mich von starken Gemütsbewegungen bewahren will. Hier geniesst
man Frühlings- und Herbstaussichten besser als in Seedorf. Das Schloss liegt auf
einem Berg, das Dorf an der Anhöhe desselben. Da ist im Frühjahr, die
verschiedene Blüte der Obstbäume und jetzo die vielerlei Farben der absterbenden
Blätter, das welkende Grün der Wiesen und die noch frisch aussehende Tannen
dagegen ein sehr angenehmer Anblick. Der Zufall hatte mich und die Ottens gerad
in die Zimmer gegen das Tal angewiesen, wo wir zweimal während dem starken
Nebel, der in dem Tal lag, und dem heitern Himmel mit Sonnenschein auf dem
Berg, uns vorstellten, als ob wir von einem Felsengebäude das Meer betrachteten
und eine Idee seiner Unermesslichkeit, war vor uns. Unsere Männer Ott und Cleberg
erzählten uns dabei von ihren Seereisen, und es ist wohl in langer Zeit nicht
bei einem Frühstück und Aussicht auf Nebel so viel Nutzen und Vergnügen genossen
worden, als die zwei Tage. Adieu, Beste, Teuerste!
 
                         Hundert und vierzehnter Brief
                            Rosalia an Mariane S**.
Nun ist die zweite Ittensche Tochter ganz bei mir. Sie ist, ohne Schönheit,
höchstgefällig, von mittler Grösse, schlank, weiss, etwas Pockennarbigt, Wangen
und Lippen fein rot, der Mund gross, aber schöne Zähne, und die Bewegung im
Reden und Lachen ganz artig, Anstand in allem was sie tut. Sie fasst alles
leicht, bewegt sich und geht leicht; denkt und spricht gut, ist freundlich, edel
und dienstfertig. Wie innig das holde Mädchen sich an mich heftet, kann ich
ihnen nicht genug sagen! Sie lauscht, sieht und horcht nach mir, wenn ich mich
wende, komme oder rede. Aber eben so aufmerksam ist Ott auf sie. Letzt sagte sie
mir, in seiner Gegenwart: Sie wolle meine mir ganz ähnliche Tochter werden. Da
fasste er ihre Hand und sprach ganz lebhaft: O wie glücklich machten sie uns
alle, meine Liebe, wenn dies geschähe. Was will er damit? Ich ward rot, und das
liebe Mädchen sagte so treuherzig: warum ist ihnen an einer Rosalie nicht genug
dass sie dazu noch eine Julie haben wollen? Er antwortete: Sein sie ruhig, Liebe,
und suchen nur, so viel sie können, Wiederschein von diesem strahlenden Bilde zu
werden; wobei er auf mich deutete. Ich nähte emsig fort, weil mich der Inhalt
dieses Gesprächs verlegen machte. Ott hatte sonst nie keine Art von Schöntun
bei mir gezeigt. Ich will es auch nicht, dann wahre Freundschaft besteht nicht
mit diesem Getändel; und der schätzbare Mann sah so ernst und nachdenkend dabei
aus, dass er mir fast missfiel. Aber nun ist meine Pflicht des guten Beispiels
doppelt geschärft; gute Eltern vertrauen mir jungen Frau ihr Kind, und die
truglose Seele des Mädchens hält mich für so verdienstvoll, dass sie für ihre
eigene Liebenswürdigkeit nichts bessers zu tun siebt, als mir nachzuahmen und
der Ott nimmt den feierlichen Ton und Miene an, um ihr dieses Nachahmen recht
wichtig zu machen. Dem Himmel sei Dank, dass der natürliche Gang meiner Seele
nach einem guten Ziele gelenkt ist, sonst würde mir die Idee einer Nachfolgerinn
sehr beschwerlich werden, weil ich sie mir immer zugleich als Aufseherin denken
musste. Ich lehrte sie die französische Sprache. Des Morgens, wenn wir ganz
allein sind, lieset sie und sagt mir das Wenige, so sie in der Gramaire gelernt,
auswendig vor, und dann geht sie mit mir in Haus und Hof umher, und muss, wann
wir bei unserer Zimmerarbeit zurück sind, mir, was sie sah und mich reden hörte,
wiederholen und dann wird es übersetzt, und manche schöne Betrachtung gemacht.
Die Gute! wie zärtlich ist sie! Aber, meine eigene Erfahrung und die noch ganz
neue über eine Fremde gemachte Betrachtung überzeugt mich, dass die Fähigkeit zu
lieben, uns nicht sehr glücklich macht, weil die geringste Störung im Genuss
dieses Wohls den bittersten Kummer über uns ergiesst. Denken sie, was ich bei
Clebergs vermeinter Aenderung litte. Ich will mich selbst und das liebe Mädchen
zu stählen suchen. Helfen sie mir zu einem sichern Mittel, das uns gegen zu
starke Anfälle der Empfindsamkeit schützen kann. Ich mag das Rezept meines
mutwilligen Clebergs nicht; dass. »wenn man sich in allen Augenblicken, höher
als alle andre Menschen schätzte und liebte, vermeide man sicher alle starke
Anhänglichkeit und sei daher auch vor dem Leiden der Trennung und des
Verliehrens bewahrt.« Meine gute grosse Tochter bat mich ihr zu versprechen, dass
sie mich um alles fragen dürfe und ich ihr auch sagen wolle, was ich an ihrer
Stelle denken oder tun würde. Dieses hat zu manchen recht köstlichen
Unterredungen Anlass gegeben. Das Mädchen ist ein herrliches Geschöpf. So wahr in
Allem, und so rein in ihrer Seele. O Caroline! nie werde ich vergessen, dass du
gestern an meiner Brust die schönsten Tränen der edlen Empfindung weintest.
Rein sollen deine Gesinnungen bleiben, und dich einst glücklich machen. Sie will
nicht lieben, will auch für den besten Mann nur etwas mehr, als blosse
Freundschaft haben. Männerstolz will sie erniedrigen, und ihnen zeigen, dass man
ohne Verbindung mit ihnen glücklich sein kann. Ich sagte ihr da von dem
Widerspruch, der in diesem Vorsatz und ihrer Phantasie läge, mich in Allem
nachzuahmen; weil das Beste, so sie jetzo von mir sehen könne, eine gute
liebende Frau sei. »Ja!« sagte sie, »das ist auch die einzige Unvollkommenheit
in ihnen: dies will ich auch nicht lernen, aber sonst alles.«
    Eine Begebenheit von diesem Morgen muss ich Ihnen noch erzählen. Wir gingen
nach dem Frühstück zu dem neuen Bauernhause, das bei dem ausgetrockneten Stück
Moon erbauet wurde, und versuchten das erste Brodt, so aus dem, zum erstenmal da
gewachsenen Korn gebacken worden. Mein Cleberg war glücklich, als er aus dem
kleinen Hause ging, und die Anlage von Aeckern, Wiesen und Baumstücken sah, die
durch ihn, aus einem öden Sumpf entstanden waren, und nun einen ehrlichen
Landmann mehr nährten. Bei einem kleinen Umwege in das Dorf zurück, fanden wir
an einer Hecke eine Bettlerfamilie sitzen, die etliche Brodkrumen in dem
Queersack zusammen suchten, und zum Einweichen in einen Topf mit Milch warfen.
In der Kötze, welche die Frau auf dem Rücken getragen, sass ein Kind und spielte
mit einem zahm gemachten Raben. Der ältere Knabe von zehen Jahren hatte ein gelb
und weiss scheckiges Hündgen mit einem Strick voller Knoten an seinem Gürtel
gebunden. Die Frau war ordentlich und redte als gute Mutter mit ihren Kindern,
auch recht vernünftig von dem Tode ihres Mannes und wo sie nun hinwollte, und
bat um etwas altes Leinen. Cleberg wollte den Raben kaufen. Die Frau sah ihn
bedenklich an, und sagte: Ja, Herr, wenn ihn mein Kind gern hergibt. Aber wenn
es weint, ach, Herr! ich kann ihm keine Freude machen; da will ich ihm diese
nicht nehmen. Aber geben sie; Sie wiess dem Kinde, das drei Jahr alt sein mochte,
Geld, und sagte: das ist dein, gieb den Herrn den Raben und wollte ihn nehmen.
Das Kind hatte das Geld gefasst; als aber die Mutter den Vogel nehmen wollte,
liess es das Geld, schrie und fasste den Vogel mit beiden Händen. Er fragte dann
den ältern Knaben, der traurig auf seinen Bruder und den Raben blickte, ob er
seinen Hund nicht auch verkaufen wolle? Er ging zu seiner Mutter-Mutter! sagt
er: der Hund wacht so treu, wenn wir auf dem Felde oder in einer Scheune
schlafen. Ex isst kein Brod, als wenn mir ihm geben. O Mutter! behalt den Bello;
er gautzt sich tod um mich, ich will weniger essen, lass mir doch den Hund. Aber
Jörg! der Herr will dir ja einen grossen Taler geben. Denk, wie arm wir sind, du
kriegst schon wieder einen andern Bello. Der arme Junge sah auf den Taler in
Clebergs Hand, weinte und murmelte. O kein Bellon krieg ich nimmer. Er fieng an
mit verdrüsslichem Gesicht den Knoten des armen lumpigen Stricks loszumachen, mit
dem der Hund an feinen Lenden fest gebunden war, und liess den Strick fallen. Da,
sagte er, und lief hinter die Ecke des Bauerngartens. Der Hund lief ihm nach. Er
stiess ihn mit einem Fuss von sich; aber als der Hund schrie, so zog er ihn an,
und liebkosste ihn. Meine liebe Itten und ich hatten Tränen in den Augen und
blickten auf Cleberg und Ott. Ersterer tat nicht, als ob er es achtete. Aber
Ott sah auf meine junge Freundin und sie flüsterte ihm zu: Ach mein Gott! wenn
ich reich wäre, so gäbe ich dem armen Jungen den Taler zu seinem Hunde, weil er
als Bettler für seinen Dienstboten besser sorgt und ihn mehr liebt, als
vornehme, glückliche Menschen die lieben, die für sie wachen und arbeiten. Ich
umarmte sie, und Ott gab ihr einen Taler. Da Gute! befriedigen sie ihr edles
Herz, Cleberg schenkt ihnen den Hund. Nicht wahr? Mein Mann lächelte Ja! Schnell
lief sie zum Buben, und rief ihm schon von weitem zu: Bube, guter Bube! bind den
Hund wieder an dich, er ist dein, und den Taler da gieb deiner Mutter. Nun kam
der Junge, küsste ihr die Hände, dankte uns mit noch roten Augen, und liess
seinen Hund aufwarten. Er schüttelte an seinen Schubsäcken, wandte sie um, und
liess den Hund die Brosamen darin weglecken, nach welchen das arme Tier dazu
noch recht hoch hüpfen musste. Die Frau war sehr froh über das Geld und die
Kinder über ihre Freunde, den Hund und den Vogel. Mein Oheim fragte nach dem
Namen des Orts, wo sie hinginge und sagte ihr, wenn er Gutes von ihr hörte, so
würde er ihr auch noch Gutes tun. Ich schickte ihr noch einen Bündel altes
Leinen, worüber sie grosse Freude bezeigte. Die junge Itten sagte auf dem
Heimwege zu meinem Manne. O wie viel Angst haben sie mir gemacht, als sie den
armen Kindern die Tiere abkaufen wollten. Ich war böse über alle Reiche, dass
sie glauben, Geld sei alles wert, Bettler müssen doch auch eine Freude haben,
dachte ich, und fürchtete auch, die Mutter würde die Kinder zum Verkauf zwingen;
denn die kennt freilich den Nutzen des Geldes, wie junge Leute die Süssigkeit des
Vergnügens.
    Ich musste sie hier freundlich anblicken und sie sagte mir: aber warum sagten
sie nichts? Sie sind sonst so gut gegen die Armen. Ich musste erst sehen, ob es
meinem Cleberg mit dem Kauf der Tiere Ernst sei. Sie antwortete mit sanftem
Ton: Der Kummer von den armen Kindern war doch sehr ernstlich. Ott sagte da mit
Rührung gegen mich: Herrliches Mädchen, ach wenn! Seine Blicke auf mich und auf
meine junge Freundin waren so bedeutend, dass ich nicht wusste, was ich daraus
machen sollte, denn ich wiederstrebte den Vermutungen, die sich schon ein
paarmal in mir erhoben hatten. Die Anmerkung von Carolinen, über mein zögerndes
Mitleiden, hatte mich schon etwas düster gestimmt und vielleicht war dies die
geheime Feder, welche den Gang meiner widrigen Vermutungen beschleunigte. Denn,
da ich auf einer Seite von der jungen Itten getadelt wurde, so war ich gewiss
mehr geneigt, auch andre zu tadeln. Mein Cleberg bemerkte, dass Etwas besonders
in mir lag, und ich gestund ihm meine Verlegenheit über Ott, in Ansehung meiner
jungen Freundin und mir. Er lachte mit einer Art satyrischen Mutwillen. Salie!
sagte er, gewiss liegt die Idee einer Lisettengeschichte in dir? Ich zuckte ein
wenig zurück vor dem Andenken und vor dem Scharfsinn des Mannes. Er kam gegen
mich: Sei ruhig, meine Liebe! und lass das Mädchen alles werden, was sie nach dir
werden kann. Ott will sie für Latten so haben, und es wird ihm wohl gelingen.
Nun reute mich der Schritt und alles, was ich geargwöhnt hatte, weil das Bilden
nach mir, noch so viel Anhänglichkeit in dem jungen Manne zeigte, und ich wohl
denken konnte, von meinem Cleberg doppelt beobachtet zu werden. Aber der
Entschluss, den ganz geraden Weg zu gehen, half mir, wie er immer helfen muss. Ich
änderte nichts, in meinem ganzen Tun und behielt dadurch mein natürlich es
Wesen und hatte nichts zu besorgen; obschon, ich bekenne es Ihnen, ganz
ungesucht alles in mein Gedächtnis zurückkam, was Latten an mir gelobt hatte,
und gewiss auch alles dies in mein Bezeigen eingeschaltet wurde. Das Fritzgen
besorgte ich besonders vor Carolinen und gab ihr immer eine Beschäftigung mit
ihm, sie zeigt dem Kinde auch viel Zärtlichkeit.
    Nun schicken wir uns an zur Rückreise in die Stadt und mein Oheim sagt,
unser Besuch bei dem sogenannten Moorbauren sei ein Abschiedsbesuch gewesen. Er
hat mich diesen Abend sehr bewegt, da er mit mir auf dem kleinen Altane stund,
der über unserer Haustüre ist. Es waren viel leichte Wolken am Himmel, die in
einer Menge schöner Farben abwechselten. Er sah sie sanft ernstaft an. Da sie
etwas falb wurden, nahm er meine Hand: Liebe Salie! du, dein Mann und eure
Freunde, ihr habt den Abend meines Lebens eben so erheitert, wie diese Wolken
die letzten Stunden dieses Tages, vielleicht seh ich keine mehr auf diesem
Platze neben dir. Ich werde glücklich sein, wenn meine letzten Augenblicke in
eine sanfte Düsterheit verhüllt, unter deiner zärtlichen Sorgfalt verschwinden.
Bleib, meine Beste! auf dem Wege deines Herzens. Es wachsen dir gewiss bei jedem
Schritt innere Ruhe, Liebe und Achtung aller Zeugen deines Lebens auf, und mein
Segen, mein Kind, (sagte er mit Tränen, mich an sich drückend, da ich
schluchzste und seinen Arm gefasst hatte) mein Segen wird um dich sein, wenn ich
über die Wolken (auf die er deutete) erhoben sein werde. O Mariane! dieser
feierliche Abschied von der Natur und mir, von diesem väterlichen Freunde,
zerriss mein Herz mit traurigen Ahndungen. Gott erhalte ihn mir noch lang, lang.
 
                         Hundert und funfzehnter Brief
                            Rosalia an Mariane S.**.
Mariane! Sie, die immer alles was mich quälte und freute mit mir teilten,
nehmen Sie heut den Überfluss dessen was ich gestern fühlte, und gewiss es freut
Sie mit mir.
    Gestern Abend zogen wir wieder in die Stadt, und wirklich ist unser
Gartenhaus zu leicht gebauet, um uns genug gegen die Nordwinde zu schützen,
meine Leute giengen schon des Morgens nach dem Frühstück ab. Wir assen bei dem
Pfatrer zu Mittag und es wurde bis zu unserer Ankunft in die Stadt so spät und
dunkel, das schon in allen Häusern die Lichte angezündet waren. Cleberg hatte
Carolinen zum Namenstag einen blauen Reiserock und Kappe mit weissem Pelz
ausgeschlagen machen lassen, wie meine gelbe Kleidung ist. Wir mussten beide
diese Kleider anziehen, teils weil es kalt und duftig war, teils auch weil es
uns beiden sehr gut stund. Sie denken sicher, dass uns letztere Ursache eben so
wohl gefiel, als erstere und dass wir uns in der Kutsche selbst sein gerad
hielten, um unsere schöne Taille immer in guten Licht zu halten, ob es schon
dunkel war. Die Stadt, die Strassen und Häuser hatten etwas neues für mich
bekommen, weil ich den ganzen Sommer nur einmal da war, um mit Hannchens Eltern
wegen ihrer Heirat zu sprechen. Ich sah also während dem Fahren immer mit einer
Art Neugierde, die Gassen hin und her, staunte aber gar sehr als ich ein Haus in
der Nachbarschaft des unsrigen, in beiden Stockwerken ausserordentlich
beleuchtet sah. Bei der Räherung unserer Kutsche, da wir bei diesem Haus um die
Ecke mussten, wo unser Hoftor ist, bemerkte ich einen Saal mit Wand- und
Hängeleuchtern mit vielen Wachslichtern und mehrere Personen an den Fenstern,
die mir sogar Bewegungen des Grüssens zu machen schienen. Ich sagte es meinem
Mann, indem ich zugleich hastig fragte, wer wohl da wohnen möchte? Er drückte
mir etwas zitternd die Hand und antwortete: rechte gute Freunde von uns mein
Kind, mit denen wir zu Nacht essen werden. Wenige Augenblicke darauf hielt der
Wagen still, ich dachte Ott und Julie hätten ihre Wohnung verändert, oder die
Callen wären in die Stadt gezogen. Aber ein Bedienter, den ich nie sah und ein
Soldat erschienen mit Lichtern an der Türe und gleich darauf kam ein artiger
Officier in Russischer Uniform, und bot mir die Hand, mein Oheim half Carolinen
aus der Kutsche, denn mein Mann war heraus gesprungen, und hieng an dem Hals
eines Fremden. Ich blickte mit Verlegenheit und Unruhe nach meinem Oheim, in
dessen Gesicht ich die Auflösung dieses Räzels lesen wollte. Er verstund mich,
lächelte freundlich und sagte: fasse dich Salie, du wirst mehr als eine Freude
finden. Caroline stund denn mit dem kleinen Fritzgen an der Hand neben mir, der
Knabe versteckte sich bei den vielen Fremden in meinen Rock. Cleberg rief ihm zu
und den Augenblick schrie der Kleine innig, Papa! Papa! verliess Carolinen und
mich, um in Lattens Arme zu eilen, welches der Fremde an Clebergs Hals war, der
während den ersten Küssen des Kindes flüchtige, aber sehr bedeutende Blicke auf
mich und die gute Caroline warf. Ich bewillkommte ihn nur mit der Bewegung
meiner rechten Hand, indem ich die Auffoderung des Officiers folgen musste, der
mich gegen die Treppe führte, die sich von einer Seite in einen Winkel dreht, wo
man einige Schritte nach der ersten Hälfte zu ruhen hat, ehe man die zweite zu
steigen anfängt und dort einen schönen Vorplatz sieht. Den nemlichen Augenblick,
wo ich die Augen dahin wandte und nur noch vier Stufen zu steigen hatte, sah ich
ein Frauenzimmer zu einer Türe heraus eilen, und mit ausgestreckten Armen gegen
die Treppe laufen. Und, o liebe, liebe Mariane, es war van Guden, die mich an
ihre Brust drückte und eben so wenig reden konnte als ich. Wir taumelten mit
verschlungenen Armen in ein Cabinet, wo Freudentränen unsere gepressten Herzen
erleichterten, wo wir uns fassten und über den Gedanken entzückt waren, den
ganzen Winter mit einander zu leben. Sie dankte meinem Mann und Oheim, die in
allem so gut für das Haus gesorgt hätten und ich fand darin die Ursache, warum
Cleberg die letzte Herbstzeit so oft in die Stadt ritte ohne mir je etwas von
seinen Geschäften zu sagen. Nun waren die andern auch in den Saal gekommen, mein
Oheim klopfte an die Cabinetstüre und bat mich, ihn der Frau Guden
vorzustellen. Diese zwei würdigen Personen umarmten sich, indem van Guden sagte:
der väterliche Freund von Rosalien und ihre mütterliche Freundin könnten sich
auf keine andre Art bewillkommen. Hierauf stellte sie mir den Officier als den
jüngsten Bruder von Frau Wolling, die zwei Pindorfischen Kinder, den Carl
Wolling, Meta und Wilhelm Moos vor. Dieser Herr (auf Latten deutend,) sagte sie,
wird ihnen nicht fremd, aber unerwartet und etwas neu vorkommen. Lattens Aug
betrachtete mit Nachdenken meine Gestalt, die durch mütterliche Hoffnungen etwas
verändert war. Er bückte sich nach seinem Fritzgen, den er an sich schloss, dann
meinen Mann an der Hand fasste, mit dem er in ein Fenster ging. O möchten sie
doch sehen, was in der Einöde von Wollinghof aus den Pindorfischen Kindern
geworden ist. Reiner Wuchs, edle Offenheit der Seele in allen Zügen, alle Anmut
freier jugendlicher Bewegung, der Ton der Stimme lauter Liebe und Leben;
vertraute zärtliche Blicke auf van Guden als ihre Freudengeberin; zuweilen
Anhängen und leichtes Weghüpfen von ihr. Meta Moos, wie hold, wie so voll
jungfräulichem Anstand und Sittsamkeit neben dem Ausdruck von Geist und Glück
ihrer Jahre. Wilhelm Moos, zu einem Freund, Lehrer und Vorgänger gebildet,
Bescheidenheit und Selbstbewusstsein in der lebhaften Jünglingsmiene,
Aufmerksamkeit und Anbetung im Auge, so oft er van Guden ansah, oder sie mit ihm
sprach. Gustav und Henriette, alle edle Kennzeichen ihres Standes in ihrem
feinen gefälligen Bezeugen und dann Unschuld, Einfalt und Wissen wechselweiss auf
ihren hübschen Gesichtern. Wir speissten höchstvergnügt beisammen zu Nacht. Wie
die Kinder schlafen giengen, und von Frau van Guden angewiesen wurden, mich
Tanne Cleberg zu heissen, Fritzgen aber nach seiner Gewohnheit mich Mama Salie
nannte, und an mir hieng; so wurde mein Herz zu Tränen erweicht. Mein Oheim der
neben mir sass, bemerkte es mit Rührung und fasste meine Hand: du gute halbe
Mutter! auf wie vielerlei Weise wurde heut deine Seele bewegt, ich wünsche
herzlich, dass es einen unauslöschlichen Eindruck auf die keimende Fähigkeiten
deines Kindes machen möge, und das dich Gott die Freude geniessen lasse es
aufgewachsen zu sehen; denn es muss gewiss ein menschenfreundliches edles Geschöpf
an Leib und Seele werden. Ich sank hier aus Übermass von verschiedenen
Empfindungen an den Busen meiner Freundin und im nemlichen Augenblick sprangen
Cleberg und Latten zugleich von ihren Stühlen auf, weil sie dachten, ich sei
ohnmächtig geworden. Cleberg kam zu mir, Latten aber hielt sich mit krampfigen
Fingern an seinen Stuhl fest, war etwas blass und sah starr auf mich, da ich
gerad mein glühendes Gesicht erhob um die Hand meines Oheims zu küssen und
meinen Mann zu beruhigen, der äusserst ängstlich nach meinem Befinden fragte.
Unsere gute Caroline Itten hatte, wie mir van Guden sagte, viel zu sehen; denn
sie blickte mit Freundes Augen auf mich, aber mit Staunen auf Lattens starre
Augen, mit Beifall auf Clebergs Bemühungen um mich, und mit etwas Unmut auf
meinen Oheim, der Ursach an dem Auftritt gewesen. Der Officier beobachtete sie,
und redte den Latten an, der einen ziemlich artigen Rückweg zu dem Aussehen der
Freundschaft nahm, indem er Carolinen ins Ohr flüsterte, das der gute alte Mann
unsere Freude durch einen Schreck unterbrochen habe. Er habe auf seinen Reisen
gesehen, wie sehr gefährlich auch sanfte Empfindungen in meinen Umständen werden
könnten, wenn sie zu stark wären. Meinem Cleberg war nichts von Lattens Bewegung
entgangen; er drückte seine Hand, als er sich wieder zu ihm setzte, und sagte
auf Englisch: Mein lieber Freund! wie viel Schmerz ist bei Wünschen und Genuss
des Glücks. Latten ging ehender weg, als wir Cleberge; da wurde mir erzählt,
dass ihm Ott geraten hätte nach Wollinghof zu gehen, und der Frau Guden ganz
freimütig den Zustand seines Herzens zu eröfnen. Das hätte er getan und sich
bei der Verordnung recht viel von seiner Liebe zu reden, sehr wohl befunden, da
Frau Guden ihn angehört, mitgesprochen und durch weises Nachgeben und
Teilnehmen dahin gebracht habe, die Idee seines Glücks, in zärtlicher
Freundschaft mit uns, und in der Verbindung mit einem liebenswerten Mädchen zu
suchen, deren Glück er machen würde; und so sei er wieder zurück gekommen. Er
würde aber in der Vorstadt wohnen, wo er eine Fabrik von striefigen Leinen
aufrichten wolle, das teils für Weibskleidungen, teils aber zu Hausgerät
bestimmt werden solle. Sehen sie, wie in diesem Brief alles verwirrt unter
einander läuft. Der Freudentaumel ist noch in mir. Ich habe auf nichts denken,
noch weniger von dem Officier erzählen können; aber ich hohl' es nach, und will
ihnen nur ganz kurz den Auftritt mit Latten beschreiben, der bei uns
frühstückte, und sein Fritzgen besuchte. Er schien mir etwas blässer und hagerer
als er bei seiner ersten Ankunft bei uns nicht war; Ott hatte ihn begleitet, und
fragte mich: ob ich nicht recht zufrieden sei, auch diesen guten Menschen in
unserer Stadt erst zu sehen? Ich versicherte es, dankte ihm auch, dass er gleich
den jungen Wolling mit in den Plan seiner Geschäfte genommen habe, und hörte nun
auch, dass sein Haus schon völlig eingerichtet sei, Nebengebäude aufgeführt wären
und ein Vorrat von Hanf und Flachs daliege, um Spinnereien zu errichten und
Weber und Färber zu beschäftigen. Es wurde dann von Carolinen Itten gesprochen,
und ich aufgefodert von ihrem Herzen und Kopf zu reden, weil Frauenzimmer sich
einander mehr Vertrauen bewiesen, als ein Mann jemals von ihnen erhalten würde.
Ich malte dann ganz getreu das Bild meiner Freundin bis auf die kleinsten Züge
aus. Latten trank, während ich sprach, sieben Tassen Tee ohne aufzusehen,
endlich sagte ihm Ott: Ey Bruder! du schwemmst ja das artige Bild wieder völlig
aus deiner Seele weg; nun soll unsre Rosalie trinken, nachdem sie so lang
geredet hat. Ich sagte: Das will ich auch tun; aber ich möchte vorher wissen,
ob unser lieber Latten mit meinem Gemählde zufrieden ist. Er ergrif meine Hand,
drückte sie sanft zwischen seinen Händen und sagte mit seiner so wohltönenden
Stimme: Sie haben, meine teure Freundin, sich und Carolinen in mein Herz
gegraben. Ich denke wohl, dass ihre schöne Seele Zusätze machte; aber ich fühle
zugleich, das ein rechtschaffener Mann mit Carolinen glücklich leben kann, wenn
auch nur die Hälfte des Guten wahr ist, das sie sagten. Geben sie nun ihrer
Freundin auch eine günstige Idee von mir, so will ich mich freuen die Achtung
und Zärtlichkeit meiner Gattin von ihnen erhalten zu haben. Ja, mein Bruder
Latten, ich will Carolinen den ganzen Wert des Glücks zeigen, das sie mit ihrer
Hand und ihrer Liebe erwartet; aber, aber sie müssen sie lieben, ganz lieben;
das gute herrliche Mädchen würde ja elend, wenn sie ihrem schätzbaren Mann
gleichgültig wäre. Das ist sie mir nicht und wird es nicht werden; ich wäre
ohrfähig um sie zu werben. Nun war alles gut. Wir sprachen dann vom Glück der
Freundschaft, von dem Vergnügen eine nützliche Beschäftigung zu haben, und auch
durch dieses Beispiel etwas zu dem gemeinen Wohl beizutragen; wir sagten dann,
dass unser Haus, das Grafische, die Callen, Kahnberge, Ittens, Linke und Otten
wirklich für Fremde und Einheimische, als so vielerlei Art von Verdienst und
Glück angesehen werden könnten, keines zu viel Schimmer, alle einen Grad
Wohlstand, der ihnen den mässigen Genuss der feinen Freuden des Lebens erlaubt.
Nun kommt Latten dazu, und seine Fabrik gibt uns eine neue Art Paste; denn wir
Weiber und Mädchen alle sollen des Jahrs zweimal seiner Caroline helfen, an die
gerollte und zubereitete Stücke Leinen, die kleinen Zieraten und
Handlungszeichen nähen; wo er uns dann in dem leeren Verlagszimmer einen reichen
Kaufmannsschmauss geben wolle. Die Frankfurter Messe schafft uns diesen Past. Wie
froh bin ich, dass Latten ruhig ist.
                         Hundert und sechszehnter Brief
                            Rosalia an Mariane S.**.
Ja meine Liebe, der Officier hat uns alles selbst erzählt, und Sie würden auch
ohne Bitten einen kleinen Auszug der Geschichte dieses schätzbaren jungen Mannes
erhalten haben. Aber eines müssen Sie tun, Mariane! In meinen ältern Briefen
nachzusuchen, wo die Frau Wolling der van Guden ihre Geschichte erzählt; denn
dort werden Sie einen jüngern Bruder finden, der Charlotten und ihren Carl
unendlich liebte, aber mit 17 Jahren von dem väterlichen Hause wegkam, und
gleich in Kriegsdienste trat. Sein schwanker richtig gebauter Körper, sein mit
sanftem Feuer viel Geist versprechendes Auge, das gute Herz, und die
Gefälligkeit, welche in seinem Lächeln und in dem Ton seiner Stimme bemerkt
wurden, gefielen dem Obristen seines Regiments so gut, dass er sich gleich
vorsetzte, eine besondre Sorgfalt auf die Ausbildung dieses Jünglings zu
verwenden; indem er sich Hoffnung machte, nicht nur einen schönen, sondern auch
einen verdienstvollen Mann an ihm zu ziehen. Er gab ihn unter die Aufsicht eines
erfahrnen alten, und eines vortreflichen jungen Officiers, von denen er den
Dienst und die Kriegsbaukunst erlernte. Edle Ehrbegierde, und Dankbarkeit für
seinen Gönner und seine Lehrer, sporten ihn zu unausgesetztem Fleiss an, und er
wurde einer der brauchbarsten und schätzbarsten Leute. Es ist äusserst angenehm,
diesen bescheidenen, meist nur andern mit Achtung zuhörenden jungen Mann, mit so
vieler Wärme und überfliessendem Herzen, von seinen Freunden sprechen zu hören,
besonders von dem Officier, der ihn in dem ersten Winterquartier vollkommen
Zeichnen und Matematik lernte.
    Der Sturz seines Vaters, das verringerte Vermögen seiner Familie, eine Art
von Beschämung, die er darüber fühlte, machte ihn wünschen, recht weit von
seinem Vaterlande wegzukommen, und es gelang ihm, in russische Dienste
aufgenommen zu werden; und daselbst unter der Anführung und dem Beispiel eines
deutschen Generals 2 von grossem Geist, seine angebohrne Talente und
Rechtschaffenheit in vielen Gelegenheiten zu zeigen. Er sagte uns: der Genius
seines Generals, und die wahre grosse Kaiserseele seiner Monarchin hätten ihn
angefeuert, die Verdienste zu erwerben, durch welche er würdig geworden sei,
unter den Befehlen dieses Mannes für diese Frau zu sterben. Er befliss sich
deswegen auch besonders auf die Sprache des Landes, und auf Kenntnis des
Nationalkarakters, um den Weg zu der Liebe und dem Vertrauen des gemeinen Mannes
zu finden, wodurch man in Friedenszeiten für das gemeine Beste arbeiten, und im
Krieg wichtige Unternehmungen ausführen könne. Als er nun des Beifalls und der
Gnade seines Generals versichert war, und sich durch seine Lebensordnung auch
etwas erspart hatte, so suchte er um die Erlaubnis an, nach Deutschland zu
reisen, indem es ihm unerträglich geworden, in den seltenen Briefen seines
Bruders so wenig Deutliches von dem Schicksal seiner Mutter und Geschwister zu
hören; denn, (setzte er hinzu,) je grösser und sicherer ich mein Glück vor mir
sah, je mehr wünschte ich auch, von dem Wohlstand meiner geliebten Verwandten
gewisse Nachrichten zu haben, und genoss in dem immerwährenden Zweifel und Unruhe
darüber mein eigenes Wohlsein nur halb. Er kam also vor drei Monaten auf ein
Jahr in sein Vaterland, und besuchte zuerst seinen Bruder den Secretair, welcher
aber eben verreisst war. Da ging er zu seiner ältern Schwester der Frau
Hofrätin H**, bei dieser hörte er die Erzählung von dem Tode seiner so
geliebten Mutter. Er wartete sodann auf Nachrichten von Charlotten mit
ängstlichem Herzen, weil er fürchtete, sie lebe auch nicht mehr, da ihr Name von
keiner Seele genannt wurde, und man ihm nur von den Umständen der Familie so
ganz überhaupt Nachricht gab. Sein Bruder, welcher ihn den zweiten Tag dort
aufsuchte, sagte ihm ein weites und breites von den Rechnungen über das
Vermögen, so sich alles dahin endigte, wie er ihm nichts mehr geben könnte,
indem das lange Krankenlager der Mutter so viel gekostet habe, und dass er
verbunden gewesen, die zwei vornehme Schwäger am ersten zu befriedigen, weil er
ihnen viele Unterstützung in seinem Dienst zu danken hätte. Dem guten Officier
war alles recht, und er versicherte seinen Bruder, dass er mit seinem Besuche
nichts anders wollte, als die Freude, seine Verwandten wieder zu sehen, ihr
Wohlsein und ihre Liebe sei alles, was er sich wünschte. Nun war sein Bruder
sehr zufrieden und munter; aber ihm schien Charlottens Tod gewiss und schon lange
vorbei zu sein, weil sie von allen Leuten so vollkommen vergessen war, dass sie
gar nicht mehr gezählt wurde. Es schmerzte ihn sehr, aber er schwieg, war über
diesen Gedanken in sich selbst gekehrt, und ging diesen Tag nebst den folgenden
Morgen tiefsinnig umher; tadelte sich aber, dass er den lebenden Geschwistern
wegen der Todten mit so viel Kälte begegnete. Er sagte sich: sie können ja
nichts dafür! Tod und Sterben ist Anordnung der Vorsicht - Gott nahm das gute
Geschöpf, ihr ist wohl! - - Mit diesem Gespräch in sich selbst kam er zum
Mittagsessen nach Hause, heiterte sich auf, und suchte einem jeden durch
freundliches Bezeugen zu ersetzen, was er ihnen so ungerecht entzogen zu haben
glaubte. Sie waren auch alle sehr froh, ihn so aufgeweckt zu sehen, und
wetteiferten in ihrer Bemühung um ihn herum; seine zweite Schwester und ihr Mann
waren auch gekommen, man hatte noch Gäste gebeten, die mit dem russischen. Herrn
Bruder speisen sollten. Der Tisch' war in einem grossen Zimmer gedeckt, in
welchem einige Familienbildnisse hiengen, man wiess ihm endlich das seinige als
Knaben. Hier erinnerte er sich, dass Charlottens Bild neben dem seinigen auf dem
nemlichen Blatt gemalt gewesen, und dass das ganze grösser gewesen war. Er fand
auch, dass etwas abgeschnitten worden; und sagte es, fragte auch: wo denn das
Bild der guten Charlotte hingekommen sei? Warum man es abgeschnitten habe? Er
wolle es für sich haben. - Der Wein und die Lustigkeit des Schmauses hatten den
ältern Bruder und die zwei Schwäger schon so weit gebracht, dass sie ohne alles
Nachdenken dem ruhigen Wassertrinker über seine Charlotte loszogen. Er staunte
erst, dann sagte er mit einer Träne im Auge: Ach lasst sie in ihrem Grabe ruhen,
und gebt mir ihr Bild, das neben dem meinen war; ihr mögt sagen was ihr wollt,
sie ist ein gutes holdes Mädchen gewesen. Nun schrieen die rauhen Leute
zugleich: Ich wollte, sie wäre tod, so beschimpfte sie uns doch nicht mehr mit
ihrer Bettelzucht auf dem Mohnheimer Berg. Der arme Hauptmann fuhr auf: Was!
Charlotte lebt? hat Kinder? ist im Elend? und ihr! Ihr seid Brüder und
Schwestern! Er hatte seinen Stuhl unigestossen, und wollte voll Unmut und
Schmerz aus dem Zimmer gehen; sie hielten ihn, und erzälten von dem Gärtner
Carl, der sie verführt und unglücklich gemacht habe. Mehr hörte er nicht an. riss
sich los, und gab seinen Bedienten Befehl, ihm zwei Pferde zu schaffen, und
eilte mit Heftigkeit in sein Zimmer, indem er auf seine Brust schlug, und sagte:
Charlotte! Carl! ihr habt noch einen Bruder an mir. Da man ihm nachgienge, und
ihm Vorstellungen über die jähe unfreundliche Abreise und endlich auch wegen der
nahen Nacht Einwendungen machte, so drohte er bei Einpackung seiner Sachen, er
würde sich seinen Weg mit seinen Pistolen frei machen, wenn sie ihm. die
mindeste Hindernis vorlegten, und reisste nach Mohnheim ab, wo er aber erst den
zweiten Tag anlangte; indem er selbst in der Nacht krank wurde: und auch die
Pferde ruhen lassen musste. Er wünschte anzukommen, und fürchtete sich zugleich
vor dem Anblick zweier Personen, die ihm immer so wert gewesen. Er liess den
Boten und seinen Bedienten im Dorf zurück, weil er das Elend seiner Charlotte
ohne Zeugen sehen wollte, und ritt allein auf Mohnberg zu. Mein Pferd, sagte er,
keuchte nicht so sehr darüber, meine Last Berg-auf zu tragen, als ich unter den
Druck meines Kummers um Charlotten; der so lang verwundene einsame Weg des
Waldes schwärzte meine traurige Gedanken noch mehr, und als ich nah an
Wollinghof kam, und das schöne Haus fand, so dachte ich irre geritten zu sein,
und es verdross mich, so glückliche reiche Leute auf einem Berge zu sehen, wo ich
meine Schwester im Elend finden würde. Ich rief einer Magd, die ein artig Kind
auf dem Arm hatte, sehr trotzig zu, mir zu sagen, wohin ich zu der Hütte des
Gärtners von Mohnberg kommen könnte, ich wäre sein Verwandter und wolle für ihn
sorgen. Das Mensch lief, ohne ein Wort zu sagen, fort, und ich ritte den Torweg
hinein, da kam Wolling mit Eile den Gang her. Ich erkannte ihn wohl, aber das
Bild von Armut war so in mir, dass ich nicht glauben konnte was ich sah, und nur
steif ihn anguckte. Er erkannte mich sicherer: O mein Freund Heinrich! rief er,
mich noch auf dem Pferde umfassend, willkommen! o Gott willkommen! Ich kam aus
meinen Steigbügeln und von dem Sattel, ich weiss nicht wie, und lag in
Wollingsarmen: alles war um uns versammelt. Meine Lotte wurde vor Freuden
ohnmächtig, und ich beinah krank vor inniger Erschütterung des jähen Wechsels
der Angst mit Entzücken. Ach wie oft fragte ich sie: Kinder wie ist das? ist es
gewiss? das Haus euer? der Wohlstand euer? man sagte mir von Armut und Jammer. -
Ach was erzählten sie mir dann von der Erscheinung der van Guden, von dem
Zustand, in welchem diese Frau sie fand, was sie tat, und wie sie nun mit ihnen
lebte. Dann führten sie mich im Triumph zu dem Engel, der dieses Paradies für
sie geschaffen hatte. O was war der Anblick dieser Gestalt für mich! (sagte er,
auf van Gudens Bildnis zeigend, denn sie wollte nicht dabei sein, als er den
Auftritt erzählte.) Wolling und Charlotte nannten mich bei dem Eintritt in das
Zimmer, da ging sie mir eilend mit einer ausgestreckten Hand entgegen, ich fiel
auf meine Knie, umarmte ihre Füsse, küsste sie und benetzte sie mit Tränen. Es
war nicht soldatisch, aber brüderlich; van Guden war mir eine wohltätige
Gotteit, ich betete vor ihr, so wie ich vor dem lebendigen Gott gebetet hätte;
ich war ausser mir und vor Seligkeit beinah erschöpft. Die edle Frau weinte aus
Rührung über mich gebeugt, und sagte, dass sie unendlich glücklich sei, einen
solchen Bruder auf der Erde zu wissen; sie winkte den andern, stille zu sein und
mich gehen zu lassen. Das leise sanfte Zureden von ihr brachte mich nach und
nach zur Ruhe, und zur Teilnehmung an ihr und aller Süssigkeit in Wollinghof.
Die Kinder meiner Lotte, die Hütte, in welcher die ältere geboren waren, der
Platz, wo die van Guden zu den Kindern gekommen, das jetzige Haus, alles hatte
etwas übermenschliches für mich, es war immer in mir, der Frau Guden auf den
Knien nachzukriechen, immer zu danken und zu beten. Ich schätzte meinen Bruder
Wolling auch sehr wegen der Sorgfalt, mit welcher die Hütte in allem erhalten
wird, wie sie war, und dass er immer das Gärtgen pflegt und pflanzt, das neun
Jahre hindurch, mit seinem Schweiss und Tränen benetzt, ihm Frau und Kinder
ernähren half. So wie auch Frau Guden mir ehrwürdig ward, dass sie bei Erbauung
des neuen Hauses nicht einen Stein des zerfallenen Schlosses wegnahm, sondern
dass sie noch auf den grossen Seckelstein des Hauptpfeilers die Aufschrift graben
liess:
    Schloss Mohnberg, durch adelichen Wohlstand der edlen Mohnheimer erbaut,
durch adeliche Wut im Faustkriege verstört; dennoch schützten meine Ueberreste
neun Jahre lang die zu mir geflüchtete Unschuld und Tugend einer ganzen Familie,
die mich nun als Denkmal der göttlichen Güte betrachtet. Möge ich für ihre
Nachkommen ein Stein der Erinnerung werden, dass Gottesfurcht, Fleiss und
Rechtschaffenheit die wahren Grundlagen des Glücks sind.
    Als er dies aus seiner Schreibtafel vorgelesen hatte, fuhr er fort zu sagen,
dass er während der ganzen Zeit, die er in Wollinghof zugebracht, immer ein
Gefühl in sich getragen, als ob er in einem grossen Tempel herum gienge, in
welchem die wahreste und Gott gefälligste Religion gepredigt würde. Er habe auch
Gottes Segen so sichtbar in allem gefunden, die Menschen, Tiere und Gewächse so
gut, so glücklich, dass er oft im Wald, bei der Hütte, oder dem Stein seiner
Mutter ausgerufen hätte: O das ist Elysium! Die grösste irrdische Belohnung, die
er sich für unsere van Guden denken kann, ist, dass sie verdiene, bei seiner
Kaiserinn zu leben. Ich belohnte ihn für den herrlichen Morgen, den er uns durch
seine Erzählung gegeben hatte, mit der Erlaubnis, das Pack Briefe abzuschreiben,
welche ich von Frau Guden aus Mohnberg erhielt, worinn er also alle das Gute
findet, welches sie von den Wollingen sagt. Er hat die Ruinen von Mohnberg, die
Hütte, das Gärtgen und das neue Haus abgezeichnet und in Dusch gebracht, das
glebt nun ein herrliches Heft, welches er immer bei sich tragen will, weil er es
als ein untrügliches Mittel ansieht, sich in seiner Liebe und Verehrung der
Vorsicht zu stärken, und den Glauben an Menschenliebe und Menschentugend fest zu
halten. Er übersetzt es auch in die russische Sprache; denn er wünscht, dass die
ganze Welt wissen möchte, was die Tugend des Armen, und die Edelmütigkeit des
Reichen für herrliche Früchte hervorbringen.
    Es ist ein hochachtungswürdiget. Mann. Wir haben ihn malen lassen, ehe er
nach Wollinghof zurück ging. Sie werden also bei uns sein Bild sehen.
 
                        Hundert und siebenzehnter Brief
                            Rosalia an Mariane S.**.
In drei Wochen keinen Brief! Schreiben Sie: nimmt van Guden alles? gehört ihr
alles? -
    Ja meine Beste! Sie haben Ursache zu klagen, dass ich so lange schwieg; aber
hören Sie mich, und Sie werden sehen, dass van Guden von dieser Zeit an nicht
mehr erhielt, als ihr gebührte. Ich nähere mich einem wichtigen Zeitpunkt meines
Lebens, und die vielen obschon angenehmen Bewegungen der Seele, die ich einige
Wochen durch zu tragen hatte, machten mich vermuten, dass ich von einer frühen
Niederkunft überrascht werden könnte; da führte ich also mit einer Art
Aemsigkeit alle das aus, was ich mir auf diesen Fall vorgenommen hatte; das ist,
nicht nur die nötige Zubereitung der Betten und weissen Zeuges, denn das war
alles fertig; aber eine mich stärker angreifende Beschäftigung, Briefe an Sie,
meine Liebste, an meinen Oheim, meinen Mann, an van Guden, die Ottens, und alle
die ich schätzte, diese waren in dem Ton der Vermutung gedacht, dass der
Augenblick, wo mein geliebtes Kind gesund zur Welt käme, wohl der sein möchte,
in welchem seine zärtliche Mutter sie verlassen würde, und da wollte ich nun,
dass nach meinem Tod alle meine Freunde noch ein Kennzeichen meines Danks für
ihre Liebe, und den letzten Beweis meiner zärtlichen Verehrung erhalten sollten.
Sie können sich die Stimmung denken, in welche mein Kopf und Herz bei jedem
dieser Briefe kam; ich durfte mich auch nicht immer dabei aufhalten, weil ein
Ausdruck von Trauer auf meinem Gesicht bei Clebergen und meinem Oheim jedes
Vergnügen stört, ja sogar der junge Itten, und meine Leute niedergeschlagen
werden, wenn ich weniger heiter bin als gewöhnlich, und jemehr diese
Teilnehmung und mein Einfluss auf sie alle mich freut, um somehr halte ich mich
verbunden, ihnen alle ihre Stunden angenehm, und den Dienst leicht zu machen.
Denn wie möchte ich jemand eine freundliche Miene versagen, wenn ich weiss, dass
diese Miene einen guten Menschen einen Augenblick seines Lebens verschönert. Ich
hoffe, meine beste edelste Freundin tadelt mich nicht wegen diesem Teil meiner
Zubereitung, denn es ist mir nun recht wohl, da ich diese Briefe, meine
Rechnungen und Verzeichnis alles Hausgerätes, in Ordnung da liegen habe, und
mir auf allen Fall nichts zu tun übrig ist. Nun sollen Sie das hören, was seit
diesen drei langen Wochen mit van Guden und den übrigen vorgieng; zuerst aber
die Nachricht, welche Sie von dem Besuch in der Vorstadt verlangen.
    Ich und andre wären gerne mit dabei gewesen, aber van Guden wollte es nicht,
sie glaubte, es würde eine Art Prunk für sie, und etwas niederdrückendes für die
guten Leute sein, wenn so viel stattliche Herren und Frauen mit ihr durch die
Strasse zögen, und sie nahm ganz allein unsern Latten mit sich, der auch ihr Haus
bewohnt, worinn er eine kleine Leinenfabrik aufrichtet, und welchen sie bei
dieser Gelegenheit den Leuten bekannt machen wollte. Er holte sie in der Frühe
ab, und sie ging in dem nemlichen braunen Kleib, das sie ehemals trug, zu ihren
alten Freunden, von denen sie mit Liebe und Verehrung aufgenommen wurde. Latten
bewunderte ihr höchst feines Gefühl, mit welchen sie mit den Leuten sprach und
umgieng, als ob sie nur eine teilnehmende Freundin und nicht ihre Wohltäterin
gewesen wäre. Sie gab dem erhaltenen Guten ihren Beifall, als ob es die Anstalt
derer gewesen, die es genossen, oder derjenigen, die es besorgten. Sie
antwortete auf Bitten, auf Dank oder Vorstellung mit der Bescheidenheit einer
Person, die selbst nur Fürbitterin bei einer andern ist. Manches war nicht mehr
in dem schönen heilsamen Stande, worein sie es gesetzt hatte, und in vielen
Häusern sah man kaum die Spuren der von ihr eingerichteten Ordnung und
Reinlichkeit, aber sie ahndete nichts, bestrafte nichts, besonders da sie
bemerkte, wie ihre Blicke auf das Handwerksgeräte und Hauswesen umher die Augen
der Frau oder des Mannes zur Erde schlugen, oder auch Entschuldigungen suchen
machten. Eine Beobachtung gab ihr vieles Vergnügen, nämlich dass in den Häusern,
worinn die Knaben und Mädgen waren, welche der Schulmeister und seine Frau ihr
gelobt hatten, die Ordnung am besten erhalten schien, das tröstete sie über
alles Missfällige bei den andern. Weil, sagte sie, die Macht der Gewohnheit der
Jugendjahre die Väter und Mütter auf den alten Weg der Nachlässigkeit und des
Schmutzes geführt habe, so würde die nemliche Gewalt die Kinder auf der neuen
Bahn der Ordnung fest halten. Sie will nicht oft in die Vorstadt gehen, sondern
den Herrn Latten den Einfluss benutzen lassen, den ihm seine Fabrike und der für
die Einwohner daraus hoffende Gewinnst neben dem Reiz der Neuheit geben würden.
Sie sagte dabei zu uns: Ich war bei meiner ersten Erscheinung Trost und
Erleichterung für diese guten Leute; ich würde nur durch Vorwürfe oder strenges
Anhalten an meine Vorschriften ihre Last vermehren, wobei ich doppeltes Unrecht
hätte, weil würklich bei den Bauern und Bürgern dies, was unsern verwöhnten
Ideen von Anstand und Feinheit als rauh, hart und unrecht vorkommt, einen Teil
des Glücks von ihrem Stande ausmacht, indem ein gewisser Grad von
Empfindlichkeit für das Schöne und Beste eine Weichlichkeit und einen Ekel
hervorbrächte, welche in den Umständen des gemeinen Mannes nicht zu befriedigen
wären, und ihm seine schwere Arbeiten, schlechte Kleidung, Bett und Nahrung
unerträglich machen würden. - Als wir nun dieses Entschuldigen der Leute an ihr
lobten und bewunderten, so sagte sie sehr artig: Was für schöne Farben die
Freundschaft allen Sachen gibt! denn was ich da sagte, war doch nichts als
Pflicht gerecht zu sein, und vielleicht war meine Eigenliebe mit darunter
beschäftigt, mir dadurch einen verdriesslichen Gedanken zu benehmen. Darüber
musste sie nun den Wunsch ertragen: dass sich alle Menschen ihr Missvergnügen über
andre auf eben diese Art benehmen möchten. Die Unterredung wurde fortgesetzt in
der Frage: wie weit wohl Zierlichkeit und feiner Geschmack unter dem Volk
verbreitet werden sollte, und welches das sicherste Mittel dazu sein möchte? Man
fand dazu doch nichts bessers, als öffentliche Schulanstalten, in denen immer
den Kindern ein gemeinsamer Geist und ein gemeinsamer Bug gegeben würde, und
ihnen da nur Bilder des wahren Schönen dargestellt werden dürften, um den Grund
des guten Geschmacks zu legen: so würden auch grosse Nähschulen für Mädchen, wo
sie angehalten würden, in allem recht neu und ordentlich zu sein, den Grund zu
reinlichen Hauswirtinnen legen; zudem aus zahlreichen allgemeinen Schulen nicht
nur ein Nationalgeist entstünde, sondern auch der Zweig der stolzen Sonderlinge
abgeschnitten würde, welche unausbleiblich im Privatunterricht entstünden, wo
jeder Hauslehrer sich besser als der in einem andern Hause dünkte, der andern
Lehrart tadelte, und diesen Eigendünkel auch seinen Zöglingen mitteilte, die
sich dann immer als Vorbilder betrachteten, und die meisten eitele, feindselige
Menschen würden. Latten hat was Sonderbares: er hasst die Idee von Verfeinerung,
und möchte immer lieber die von Simplicität im Gang sehen. Er behauptete: bei
einem hohen Grad Verfeinerung der Ideen ging die Wahrheit und Grösse der Seele
verloren, so wie in materiellen Dingen die Stärke nach dem Maass des
Niedlichmachens verloren gehe. Jedes von uns äusserte seine Gedanken nach
seinen Kenntnissen. Van Guden, die nachdem mit mir am Fenster stund, sagte mir,
da sie zugleich mit Mutterliebe mich an der Hand fasste: Suchen sie nie, meine
Liebe! nie in andern sich selbst wieder. Es ist immer vergeblich, und nach dem
Gang der Menschheit wohl gar eine ungerechte Erwartung. Wir drechseln und
künsteln alle an dem Bilde des Glücks und der Verdienste, und wollen dabei immer
unser Modell auf den Altar des allge - meinen Beifalls und der Nachahmung
setzen. Zählen sie nie, meine Beste! nie darausselbst bei keinem Kind, bei
keinem Geliebten nicht, und heften sie nie das innige einzige Glück ihres Lebens
an den Gedanken einer vollkommenen Uebereinstimmung der Gesinnungen. Sie werden
es nur in Büchern finden, weil die Menschen in diesen immer das Beste an den Tag
geben. Bauen sie ihren eigenen Garten so schön und vollkommen, als sie können.
Lieben sie, und gefallen sie sich in dem, was sie säeten und pflanzten, da, wo
sie Meister über den Boden sind; bei andern übersehen sie gerne das Fehlerhafte,
und geniessen das Gute, so wie man niedrige Blumen der benachbarten Wiese, das
reiche Ackerfeld und die schönen Bäume des Waldes, eines fremden Gebietes, durch
das Vergnügen ihres Anblicks geniesst, ohne dass man überall Rosen und Nelken
finden will; und vergessen sie nicht, meine liebe Rosalie, dass ihre van Guden
diese Wahrheiten auf dem Wege alle des Kummers fand, den ihr das Anhängen an der
Idee des vollkommenen Geliebten uns des vollkommenen Glücks der Liebe bereitete.
Sie und ich schaffen uns gerne Ideale. Ich weiss, wie süss es ist, unter den
schönen Bildern herum zu wandeln; wir wollen sie aber in Zukunft nur als
Zeichnungen aufbewahren und uns manchmal daran ergötzen, aber nicht böse werden,
wenn in dem Zirkel unserer Bekanntten kein Gesicht und keine Figur so schön ist,
als wir das Schöne uns denken können. Durch dieses, meine Liebe, werden wir
zeigen, dass Kenntnisse des Geistes und ein edles Herz eben so menschenfreundlich
als glücklich machen, und (setzte sie mit einer aus Guterzigkeit und Spott
vermischten Miene hinzu,) den angenehmen Gedanken, dass wir zwei Ideale von der
besten Gattung sind, muss man uns immer lassen. Sie sehen, meine Mariane, wie
getreu diese Frau ihren einmal bekannten Grundsätzen folgt, da sie behauptete:
Reichtum des Geistes müsste mit eben so viel Grossmut genossen und ausgeteilt
werden, als der vom Gold: man müsse nicht stolz auf die Armen blicken, sondern
auf eine liebreiche Art geben, was man an Geld und Lehre nehmen wolle. Sie
würden sehr zufrieden mit ihr sein, wenn Sie sie stundenweiss stillschweigend um
uns sähen, und in ihrem so bedeutenden Gesicht bald das feine Lächeln des
Beifalls, bald den Blick des Wohlwollens, oder Ausdruck der wahresten
Hochachtung bemerkten. Sie arbeitet immer, wenn Leute um sie sind, und Henriette
Pindorf hat ihren Platz in einem Fenster neben ihr, wo das holde Mädchen an
ihrem artigen eigenen Tischgen sitzt und auch arbeitet, Vormittags aber von Frau
Guden Unterricht bekommt. Nachmittags, ehe Besuche kommen, liess sie mit ihrem
Bruder etwas bei ihrem Lehrmeister, worüber sie dann der Frau Guden Rechenschaft
geben muss, um sie von nützlichen Sachen gut und ohne Gepränge reden zu lernen.
Mitlerweile schreibt oder liest van Guden, sieht nach ihrem Hause, nach ihren
Rechnungen. Sie speist wie wir, simpel; aber der Tisch wird mit der äussersten
Reinlichkeit besorgt, und nie, auch wenn wir alle beisammen sind, mehr als acht
Schüsseln gegeben. Wir alle und Fremde sind mit dem grössten Vergnügen in ihrem
Hause. Das Gesellschaftszimmer ist mit feinem Grün ausgeschlagen, und eine
einzige Reihe Kupferstiche der schönsten englischen Gärten darinnen, und dann in
zwei Ecken die vortreflichsten Abgüsse von zwei Geniis, in Grösse achtjähriger
Knaben. Der Ofen ist von Porcellan, ganz weiss, wovon der untere Teil einen
alten Altar vorstellt, auf welchem eine grosse Urne ruht, die mit schön
gearbeiteten und vergoldeten Lorbeerblättern umwunden ist, von denen zwei Zweige
noch über den Altar herunter hängen. Zwei Canapee, und viele Stühle von grün und
weissen Zeug sind umher, und schöne porzellanene Blumentöpfe voll Blumen vor den
Spiegeln, welche von ihr, von Meta und Moos gezogen und gepflegt werden. Man
kommt, geht, spielt und spricht, bringt Fremde mit, ohne Ceremonien zu machen,
und alle Abende können sechs Personen bei Tische bleiben, wo dann die
Unterhaltung voll sanfter Munterkeit und feinem Scherz bis zehn Uhr dauert.
 
                         Hundert und achtzehnter Brief
                            Rosalia an Mariane S**.
Sie wollen von dem gesellschaftlichen Leben so vieler gescheuten Männer und
Weiber mehr wissen, besonders da ich Ihnen von einem Entwurf schrieb, der für
unsern Winter gemacht wurde. Das trieb sich sattsam umher, weil der mutwillige
Kopf meines Mannes den Vorschlag gemacht hatte, dass man eine Zusammenkunft
halten, und gemeinsam darüber sprechen sollte.
    Wir sassen alle in van Guden Gesellschaftssaal umher. Glücklicher Weise
hatten wir Frauenzimmer alle unsere Arbeit bei uns, so wie Mutter Guden an ihrem
Tapetenrahme beschäftigt war; sonst würden wir lächerrlich ausgesehen haben. Denn
beinah wussten unsere Männer nicht ganz, was sie für eine Gattung Gesichter
machen sollten: indem sie da höflich, aber doch vorzüglich klug zu Werk gehen
wollten; die Weiber sehr bescheiden sein, aber doch zugleich vorsichtig genug,
um keinen von ihren Wünschen zu verliehren, und, wie Frau Grafe bemerkte, so
wollten die Männer keine Gesetze vorschreiben, und die Weiber schienen auch
nicht geneigt, in dieser Gelegenheit welche anzunehmen. Es wurde lang von
ausländischen Gesellschaften und Winterbelustigungen gesprochen, wobei Ott,
Latten und mein Cleberg wegen ihren Reisen in neueren Zeiten sehr viel Artiges
zu erzählen wussten, so wie mein Oheim etwas von den Erinnerungen vorsuchte, die
ihm vom Hof des letzten Herzogs von Lotringen geblieben waren, weil er zu Nanci
und Lüneville studirt hatte. Stiege sprach von alter deutscher Sitte in dieser
Jahrszeit, und unsere van Guden ward aufgefordert, uns von Holland zu erzählen.
Das nahm einige Zeit weg. Unsere muntere Frau Grafe hörte immer aufmerksam zu,
schüttelte manchmal den Kopf, und da Frau Guden gar keinen Vorschlag machen,
sondern nur von ganzem Herzen einen jeden eingehen wollte, der uns alle am
meisten freuen würde; so fieng Frau Grafe endlich an: Weil die Frage von
leiblichen Freuden und Vergnügen wäre, so dächte sie ein Recht zu haben, das
erste Wort in der Gemeine zu führen, von den schönen Kenntnissen, welche unsere
gereisten Herren (hier stund sie auf und verneigte sich tief, auf alle umher
sehend,) gesammlet hätten; möchte sie nur dies gebrauchen dürfen: Dass wir Weiber
den Ton der Belustigungen angäben, wie es in dem belobten Frankreich üblich
wäre, (hier war wieder eine Reverenz,) auf allen Fall aber müssten wir uns sogar
die Fastnachtskappe nach unsern Köpfen zurecht schneiden. Sie wünsche, dass man
gute alte Gewohnheiten und artige Neuerungen mit einander verbinden möchte;
deswegen sollten die Vormittage unangetastet bleiben, um die nötige Zeit zu
Hausordnung und Schlaf für die Weiber, für die schöne Gesichtsfarbe und Putz der
Mädchen, wie für das nötige Studieren der jungen Leute, und die Regierung der
Welt für die Männer zu haben. Mittags speiste man mässig zu Hause, sammlete sich
bis Nachmittags vier Uhr etwas artige Gedanken für die Gesellschaft, und käme
die Woche zweimal zu Frau Guden, um zu ihren Füssen die liebreiche Weisheit der
Weiber zu lernen, und mit ihr den Abend hinzubringen. Dann gienge man einmal zur
Frau Cleberg, und ergötzte sich an dem artigen Wettstreit zwischen dem guten
Geist der Frau, und dem achteckigen auf allen Seiten fein geschliffenen Kopf des
Mannes. Den Tag der Comödie käme man zu ihr, weil sie immer sorgen wolle, dass
wir ein artiges Nachspiel ihrer Erfindung in ihrem Hause finden möchten. Bei Ott
und Julchen würde eine Gattung Ruhetag gehalten werden, um durch ihr sanftes
Wesen und die Musik ihres Mannes alles wieder harmonisch zu machen, was sich in
dem ersten Teil der Woche verstimmt haben sollte, Den Fremden aber müsste
allerwegen der Zutritt und Teilnehmung gelassen werden. Sie wollte nun für
unser geduldiges Zuhören danken; aber wir klatschten ihr alle unsern Beifall und
Einstimmung zu. Nachdem aber hatte sie sich über die kleinen Angriffe zu
verteidigen, die sie während ihrer Rede auf uns gemacht hatte; und dies war
sehr artig. Dann wurde auch der Entwurf zu einer Schlittenfahrt nach Rehberg
gemacht, sobald wir einen schönen Wintertag und gute Schneewege haben würden;
und der alte Stiegen versprach, ein Feuerwerk auf den Stiegenhof zu geben, wenn
wir dazu helfen wollten, dass seines Neffen Hochzeit mit der jungen Itten auf den
letzten Tag im Jahr veranstaltet würde. Das Versprechen und die Bedingung kam
uns allen so drollig vor, dass wir herzlich lachten, aber doch versprachen, zu
Erfüllung seines Wunsches beizutragen. Mein Oheim kam mit der Idee dazu, auf den
Tag meines glücklichen Vorgangs Seedorf zu beleuchten, und einen Ball zu geben.
Wie oft doch die Leute alle von diesem Zeitpunkt reden, und wie leicht weg da
mich immer ein kleiner Schauer ergreift über alle das, was in diesem Fall
möglich ist; ob ich schon glaube, dass die Mutter Natur mir nicht mehr Leiden
machen wird, als andern, und weniger zu leiden verdiene ich nicht, und fodre es
nicht. Getreu, zärtlich und mutig will ich sein, ganz, ganz Mutter für mein
Kind, mit meinem Kind leben und sterben. Gott lasse mich nur den besten
Erziehungsplan durch mein tägliches gutes Beispiel ausführen. Im übrigen mag es
Menschen-und Erdegang gehen mit mir und ihm.
    Diese durch meines Oheims Vorsatz geweckte Ideen hatten mich in van Gudens
Cabinet geführt, wohin mir meine liebe Caroline Itten folgte, weil ihr fein
fühlendes Herz die Bewegung des meinigen sehr deutlich mit empfunden hatte, und
das gute Mädchen auch für sich selbst froh war aus der Gesellschaft zu kommen,
weil der zu der Verheuratung ihrer jüngern Schwester bestimmte Tag natürlicher
Weise den Wunsch in ihr rege machte, dass ihre Hoffnungen auf Lattens Herz und
Hand eben so fest, eben so bestätigt sein möchten; und das holde gute Geschöpf
wurde durch diese zärtlichen Wünsche so bewegt, dass sie sich nicht getraute
aufzusehen. Ihre Sorge um mich floss also mit der Selbstsorge für die Ruhe ihres
eigenen Herzens zusammen, und vermehrte aber auch die Rührung, in welche sie
durch Lattens Eintritt in das Cabinet gebracht wurde. Er näherte sich uns mit
der edlen bescheidenen Miene, die alles begleitet, was er tut. Er fasste eine
Hand von Carolinen, nachdem er nur einen flüchtigen aber unaussprechlichen Blick
auf mich geworfen hatte. Das arme Mädchen zitterte, und ergrif eine Hand von
mir, da Latten anfieng: Caroline! es sind mehrere Gelübde gemacht worden, um
glückliche Tage zu feiern; mein Herz machte auch eines: Ich will auf den Tag, wo
Sie mir ihre Hand geben werden, vier Waisenkinder versorgen. Sie sah ihn an,
fasste seine Hand mit ihren beiden Händen, fieng an zu weinen, und legte ihren
Kopf auf meine Brust. Ich umarmte sie, drückte sie an mich, und der vortrefliche
junge Mann blickte mit einem unbeschreiblichen Gefühl auf sie und mich; Caroline
erhob ihren Kopf, legte Lattens Hand in meine, und sagte so innig: Rosalie! Ihre
Hand soll mir den Mann meines Herzens geben. Latten kniete zu uns hin in der
grössten Bewegung; aber er fasste sich, und sagte zu ihr: Caroline! ich habe zwei
Engel geliebt, und dieses geweihte Herz ist nun Ihnen ganz eigen. Ich will mich
bestreben, Sie so glücklich zu machen, als Sie liebenswürdig sind; und küsste
ihre und meine Hand, indem er sich mit vielem Anstand erhob, und der nun ganz
glücklich gewordenen Caroline, die mit Rosenröte übergossen war, auch Mut
zusprach, und ihr die selige Aussicht zeigte, die aus der Vereinigung so vieler
rechtschaffenen Menschen entstünde. Ich verliess das glückliche Paar, und sagte
den übrigen, was vorgegangen sei, Alles freute sich herzlich. Frau Grafe sagte
dann: O! ich will auch eine Heirat stiften, das weis ich. Ott, Cleberg, und der
junge Stiegen entfernten sich, kamen aber bald wieder. Ott brachte Linken und
seine Frau, Cleberg aber den Herrn Itten und sie, und Stiegen natürlicher Weise
seine schöne Braut. Vater und Mutter konnten nicht reden, hielten sich bei der
Hand, sahen um sich mit tränenden Augen, ihre Caroline suchend, welche noch mit
Latten und der van Guden im Cabinet war. Frau Grafe ging mit Eile, die Ankunft
der Eltern zu vermelden. Caroline kam mit dem schönen Latten bis an die Türe,
wo sie umsank, und von ihrer Mutter und Liebhaber unterstützt, bei dem Segen des
Vaters sich wieder erholte, nachdem auch den Jubel und die Wünsche ihrer
Geschwister genoss, welche zu dem Verlöbnissfest gerufen wurden. Unsere edle van
Guden war über den Anblick dieses Familienzirkels ganz entzückt, sie sagte mir:
Ich glaube, dass dieser Abend für den Himmel selbst ein schöner Abend ist, denn
das Band der Tugend, das uns vereinigt, ist auch der Grund unserer hoffenden
Seligkeit mit den vollkommenen Wesen der andern Welt. Gute Eltern, gute Kinder,
Ehegatten und Freunde um mich, liebe Rosalie! o wie süss ist das Teilnehmen an
der Freude edler Menschen! Kurz darauf nahm sie Linke mit einer trüben Miene an
der Hand, und bat sie, ihn auf einige Augenblicke anzuhören. Sie folgte ihm in
das andre Zimmer, wo sie den braven jungen Mann mit Erstaunen in eine Art Jammer
ausbrechen hörte, dass seine geliebte Frau mit ihm nicht so viel Ansehen und
Glück erhalten habe, als ihre zwei jüngern Schwestern erreicht hätten. Er könne
sein Hannchen nicht ansehen, ohne dass sein Herz durch diesen Gedanken gepresst
würde. Van Guden lobte dieses feine Gefühl seiner Liebe; sagte ihm aber dabei,
dass er doch den Karakter seiner Frau so gut kennen müsste, um sicher berechnen zu
können, ob der mehrere Glanz in dem Schicksal ihrer Schwestern ihr einen Neid
oder Kummer machen würde. Da kam seine Frau an die Türe, um zu fragen: ob ihrem
Linken nicht wohl sei? denn er habe etwas geändert geschienen. Van Guden
erzählte ihr seinen Jammer. Lieber Mann! sagte sie zärtlich und ernstaft, wie
wenig kennest du deinen Wert und mein Herz, und wie traurig ist es mir, dass ich
nun nichts zu sagen weis, womit ich dir diese unangenehmen Gedanken benehmen
könnte. Stelle dir mein ganzes Wesen und alle meine Wünsche dar, es liegt gewiss
nichts in mir, das nur im geringsten nach Glanz und Höhe trachtet. Ich wäre
unglücklich, mein Bester, wenn dein Stand und Vermögen sich änderte. Dich haben,
dich behalten so wie du warest, als ich dich kennen lernte, als du mir Liebe
zeigtest; dies, mein Linke, dies ist mein Glück. Dein Haus, die nemliche Stube
für meine Kinder, wo du, ihr geliebter Vater, auch als Kind warest, als guter
Knabe aufwuchsest, als edler Jüngling an mich dachtest, und als rechtschaffener
Mann mich so unaussprechlich glücklich machst. Linke! was soll ich mehr? Meine
häuslichen Beschäftigungen, alles, alles ist mir lieb. Gott erhalte mir dieses;
alles übrige drückte mein Herz nieder. Wenn du mir nicht glaubst, wenn mein
vergangnes Leben und meine Gesinnungen dir nicht Bürge sind, o so machst du mich
elend. Mögen meine geliebten Schwestern ihr Wohl fühlen und geniessen, wie ich
das meinige; denn der Unterschied ist für sie, weil auch der Unterschied in
unsern Gemütern ist. Glaube, mein Lieber! weder Rang noch Reichtum könnte mir
geben, was ich durch dich und in dir habe. Lass mir deine Liebe und dich, glaube
an die meinige, und sei dadurch eben so glücklich als ich. Nun hieng er an ihrem
Hals, weinte mit ihr, und freute sich; van Guden umarmte beide, und schätzte sie
als das glücklichste Paar Menschen; und Linke behauptet, er sei an diesem Abende
noch viel glücklicher geworden, als an dem Tage, wo ihm Hannchen an dem Altar
gegeben wurde. Wie oft lernen wir das Beste und Nötigste erst durch den Zufall
kennen. Dieser Mann da ward von den herrlichen Gesinnungen seiner Frau erst an
dem Verlöbnistag seiner Schwägerinnen überzeugt. Frau Grafe sagte aber, da ich
ihr den Auftritt beschrieb: Es sei ihr Beweis von dem innern Ehr- und Geldgeiz
des Hrn. Linke; denn wenn er nicht selbst so vielen Wert darauf legte, so würde
er das grosse Aufheben über die Genügsamkeit seiner Frau nicht gemacht haben. Sie
mag doch unrecht haben; denn wir beurteilen den Nächsten nicht immer allein
nach uns, sondern sehr oft nach andern, und tun ihm um so mehr unrecht.
 
                         Hundert und neunzehnter Brief
                            Rosalia an Mariane S**.
Ich sagte es Clebergen gleich, dass Sie gewiss mit der Einteilung unserer Tage
nicht ganz zufrieden sein würden; ob Sie schon versichert wären, dass selbst
unser Scherz immer das Gepräge der Güte des Herzens und eines feinen Verstandes
tragen würden: so möchten Sie doch eine etwas ernstafte Beschäftigung unsers
Kopfs mit untergemischt sehen. Das geschieht auch, meine Beste! nur ist es nicht
so allgemein für alle, weil Berufsgeist und Geschäfte, so wie Umstände und
Erziehungsgewohnheiten, wenn ich so sagen kann, natürlicher Weise darin
verschiedene Würkungen machen. Zum Beweis, Weltgeschichte und Bemerkungen über
Höfe, über grosse Handlungszweige, Krieg, Frieden, und alle in die grosse
Menschenhaushaltung gehörige Dinge werden von meinem Onkel, von Cleberg, Ott und
den Fremden auf allen Seiten gefasst, beurteilt, gelobt und getadelt, auch
Vermutungen geäussert; daher liegen immer grosse Folianten von Landcharten in
unserm Ansprechzimmer, in welchen bei Zeitungen und Briefen nachgesucht wird.
Mein Mann war bei Gesandschaften. Mein Oheim ist geheimer Rat eines grossen
Fürsten. Ott hat viele Reisen gemacht. Sie besitzen alle einen Teil
Gelehrsamkeit: daher kommt das begierige Wesen, mit dem sie sich an den
politischen und gelehrten Zeitungstagen aufsuchen, wodurch auch unser sonst so
sanfter und meist nur auf Empfindungen lauschender Latten auch angezogen wird.
Die Zusammenkunft ist zu meiner grössten Freude bei uns, weil die edlen jungen
Männer alle so viele Achtung für meinen alten Oheim haben, und zu ihm kommen. Da
sitze ich mit meiner Arbeit, und höre, was Menschen tun, und wie Menschen die
Handlungen der andern teils nach vorgeschriebenen, teils nach willkührlichen
Massregeln beurteilen. Die Artickel der Naturgeschichte, der schönen Künste und
der Moral werden bei van Guden gelesen, die Kupferstiche, Gipsabdrücke,
Gartenbaukunst, neue mechanische Erfindungen, die Verordnungen zum Besten des
Volks, und edle Taten; alles dieses kommt bei ihr vor, und macht schöne Tage
für meinen Geist. Zu den städtischen und landwirtschaftlichen Sachen werden
Linke und die beiden Stiegen gerufen, weil der erste Stadtschreiber und die zwei
andern Besitzer von Landgütern und Landbeamte sind. So wie mein Oheim zum
Durchlesen eines jeden neuen Bandes von der unserm Deutschland so viel Ehre und
Nutzen schaffenden Berliner Bibliotek, bald einen Geistlichen, bald einen Arzt,
oder einen Rechtsgelehrten zum Mittagsessen bittet, und die Stücke ihres Fachs
mit ihnen durchgeht; Schullehrer, ein paar vortrefliche Kaufleute, und unser
Wundarzt; alle haben ihren Tag, bei ihm über alles, was ihre Hauptbeschäftigung
ist, zu sprechen; auch junge Leute werden dazu geladen, und ich kann Sie
versichern, dass diese Art, gelehrte Anzeigen zu geniessen und mitzuteilen, ganz
gewiss die beste ist: denn ich bemerke es nicht nur an mir, dass ich würklich von
Woche zu Woche meinen Kopf gebessert habe, sondern auch bei den Männern selbst
bestärken sich die Urteile und die Zweifel. Die Fragen werden schärfer,
tiefsinniger, weiter um sich fassend, und das moralische Gefühl öfters geweckt.
Für mich ist aber auch besonders angenehm, so ganz in der Stille zu sehen, wie
die innere Anlage des Herzens der erworbenen Wissenschaft des Kopfs Falten und
Wendungen gibt, wie oft auch das Gefühl den Gang des Geistes aufhält und
unterbricht, oder auch eine zufällige Kleinigkeit den ganzen Faden der
Betrachtungen entweder abreisst oder verwirrt. Ich habe wohl schon gedacht, dass
die Gegenstände der Unterredung wieder einen Rückeinfluss auf den Ton und auf den
Karakter der Gedanken haben. Geistliche, welche die Sache und Gebote Gottes zu
verwalten haben, dünkten mich oft einen Strahl der Allmacht in ihre
Beleuchtungen ein zumischen. Dem Rechtsgelehrten entflohen manchmal Züge der
Herrschsucht, der Härte, der Unempfindlichkeit für Gemütsleiden, wie es den
Aerzten in Ansehung der körperlichen Schmerzen geschieht. Weltweisheit nährte
den Stolz der Seele; Naturgeschichte machte gut, besonders das Pflanzenreich
sanft, die schönen Künste weich, und machen zu oft den innern Gehalt der äussern
Forme aufopfern. Cleberg und Ott haben viele Kunstkenntnisse. In dieser
Gelegenheit seh ich gar zu deutlich den Unterschied zwischen dem Scharfsinn des
Verstandes, und dem überfliessenden Gefühl des Herzens: denn wenn nun eine Rolle
oder ein Kasten Kupferstiche ausgelegt wird, so empfinde ich den Eindruck der
Seele des Bildes, so viel der Künstler darstellte, zum Beweis: bei einer
Landschaft strömt der Einfluss von Schönheit, Grösse und Ruhe der Natur in mich,
weil ich allein das Gefühl meines Herzens geübt habe. Cleberg und Ott aber sehen
gleich die Kunst, und zergliedern diese zuerst. So geht es auch immer bei
Menschenbildern, bei historischen Stücken, wo nur der moralische Ausdruck mir
auffält und mich beschäftigt. Frau Grafe sagte einmal: Clebergs Kopf hätte sein
Herz gefressen, der Platz sei leer, es erschiene nur hie und da in heiligen
Zeiten das Gespenst eines Herzens an der Stelle. Dies sei die Ursache, warum sie
immer von einem Schauer ergriffen würde, wenn Herr Cleberg von Empfindungen
spreche. Wir lieben alle die kleinen Neckereien, welche sie mit meinem Mann hat;
es verbreitet meist einen grossen Teil Munterkeit über uns. Letzt war sie dabei,
als von den Unruhen gesprochen wurde, welche die Einführung des neuen
Gesangbuchs in gewissen Landen hervorbrachte. Sie lachte, zuckte die Achseln,
und sah mit halben Staunen, halben Mitleiden auf die Männer umher, wobei sie mir
und der van Guden zuzischelte: Was doch die weisen Leute für Widersprüche in
sich fassen! Letzt wollten sie mit Macht eine Kleiderordnung für den gemeinen
Mann haben, der soll einfach, unverziert, seinem Stand und Erwerb gemäss
Kitteljacke und Halstuch tragen. Man lobte die Zeit, wo das bürgerliche
Brautkleid von einem Stof genommen wurde, welcher die ganze Lebenszeit der Frau
ihr Festkleid bliebe. Der Pracht vermische die Stände, verderbe die Sitten
u.s.w. Nun wollen die guten Bürger ihre alten einfachen Kirchen-Morgen- und
Abendlieder behalten. Da nun, wie die gründlichen Herren sagen, die Worte und
Ausdruck das Kleid unserer Gedanken sind: so will man ihren Kopf und ihre
Empfindungen neumodisch einkleiden, nach dem verfeinerten Geschmack von uns
schönen Damen und Herren, und verbietet hingegen, den Schnitt der Mütze nach der
unsern zu formen; und wir werden mit den Liedern der alten Minnesänger
heimgesucht, müssen sie kosten lernen und herrlich finden; da doch diese
Minnesänger nichts anders haben, als dass sie ihre Liebchen in der nemlichen
alten simplen Sprache liebkossten und lobten, in welcher die alten Kirchengesänge
den lieben Gott preissten und anbeteten. Was soll dem Bürger die zierliche
Gedankenform des Redners und des Poeten für seinen Geist, wenn er die Augen und
den Geschmack für die Erfindungen der schönen Formen der übrigen bildenden
Künste verschliessen soll? Ich fürchte, unsere Enkel werden zu tun haben, die
moralische Würkung der Zierlichkeit wieder fortzubringen. - - Hätte ich das
Geschicke gehabt, auch die Äusserungen der Männer über diese Gedanken der Frau
Grafe im Gedächtnis zu behalten, so müsste dieser Brief eine Wichtigkeit haben,
die er nun allein durch ihre eignen Betrachtungen erlangen wird. Die launige
Art, mit welcher diese muntere aber in allen Stücken schätzbare Frau sich über
diesen Gegenstand ausgelassen hatte, war doch der Anlass zu ganz vortreflichen
Sachen, die von den Männern gesagt wurden, welche gewiss nicht erschienen wären,
wenn der drollige Tadel über einen Teil ihrer Gesetzgebung sie nicht gereizt
hätte. Frau Grafe war überhaupt herrlich gestimmt, denn da sie von Latten
gefragt wurde: wie sie auf diesen Ton der Ideen gekommen sei? da sagte sie: auf
der Stelle, wo sich alle meine Lieblingsideen befinden. O da möchte ich mich
einmal umsehen, sagte Latten. - O mein guter Freund! da fänden Sie alles anders
wie hier; denn der Untergebene ist mehr geschätzt als sein Gebieter; der Bauer
mehr als der Kunstgärtner; der Zimmermeister höher als der Schreiner; der
Zuckerbecker sitzt an der Türschwelle dessen, der uns Brod knetet; der Schmidt
steht über dem Goldarbeiter, und der Tuch- und Leinenweber weit über dem, der
goldene Borten und seidene Stoffe würkt; der gute Mensch über dem witzigen, und
der Arbeiter über dem Redner; so wie der Schuhmacher dem Tanzmeister vorgezogen
wird. Er lächelte, und fragte sie: Wo ist denn Ihre Magd? Mein feiner Herr, ich
habe gar keine, sondern nur eine Freundin, die mir einen Teil meiner täglichen
Last tragen hilft, welcher ich noch dazu nur das leichteste aufbürde, indem ich
jede Verantwortung und die Gefahr des Tadels und Schadens auf mich allein nehme.
Er küsste ihre Hand: O Frau Grafe! wie viel Güte und Weisheit ist in Ihrem
Mutwillen. Das lautete schön, antwortete sie; aber möchten Sie wohl Ihre
Caroline so gestimmt haben? Er war verlegen und sagte nur: Sie ist noch zu jung
dazu. Und, erwiederte sie, es störte Ihre Oberherrschaft ein wenig, nicht wahr?
Nun war ihr Mutwille böse . -
 
                         Hundert und zwanzigster Brief
                            Rosalia an Mariane S**.
Frau Grafe hat Wort gehalten. Sie stiftetete würklich eine recht artige Heurat
zwischen unsern guten jungen Itten und der liebenswürdigen Meta Moos, die mit
van Guden hierher kam. Es war ganz besonders, dass wir alle nichts bemerkten,
indem Meta selten aus dem Hause geht, und der junge Mann niemals zu van Guden
kam, als mit Cleberg, wo er dann entweder mit uns in dem Gesellschaftssaal sich
aufhielt, oder bei dem jungen Pindorf und seinem Lehrer Moos auf der Stube war.
Bei unsern kleinen Concerten sang Meta, und bei den Gesprächen war sie neben der
kleinen Henriette oder mit den Ittenschen Töchtern beschäftigt; aber nie hatte
der junge Mensch eine besondere Unterredung mit dem lieben Mädchen gesucht. Frau
Grafe aber behauptet, dass ihre ersten Vermutungen aus dem Stillschweigen des
jungen Itten, aus seinem starr vor sich Hinsehen gereizt wurden, der Ursache
nachzuforschen; da habe sie nun auch bemerkt, dass Meta sich in acht nahm, den
Herrn Itten anzublicken; und nach diesem sei die grosse Freundschaft von ihr zu
den Schwestern, und von ihm für dem Bruder entstanden, woraus sie die ganze
Geschichte des furchtsamen Liebhabers, und des edlen bescheidenen Mädchens
erraten hätte. Der Verlöbnistag von Latten und Stiegen habe auf den guten
Gesichtern der Meta und des Itten die geheimen Wünsche ihrer Herzen so deutlich
gezeigt, dass sie mit der Frau Guden darüber gesprochen, und darauf durch ihren
Mann für Itten die Amtmannsstelle zu Rebberg erhalten habe. Frau Guden statte
ihre Meta als Tochter aus, und so wäre dieser Roman zu Ende gekommen, ehe irgend
jemand an den Anfang gedachte. Mutter Guden habe auch Beobachtungen gemacht, und
an Meta einen verdoppelten Fleiss, und Dankbezeugungen gefunden, die alle einer
Bitte gleich gesehen hätten. Da nun die Sache wegen des Beamtendienstes richtig
war, so ging Frau Grafe zu van Guden, und erzählte ihr diese Neuigkeit mit einer
umständlichen Beschreibung der Einkünfte, der artigen Wohnung, und der Freude,
die sie fühle, dieser so schätzbaren Familie einen neuen Zusatz von Glück
verschafft zu haben. Sie sprach eilig und abgebrochen, wie jemand, der nur
geschwind weiter gehen will, und tat nicht, als ob noch jemand anders im Zimmer
wäre. - Die arme Meta sass da, hörte alles, schlürfte jedes Lob von des neuen
Amtmanns Geist und Herzen, von den Tugenden der Familie, und auch von den
vorteilhaften Umständen dieser Landstelle mit ein. Ihr Herz freute sich über
alles, nahm Anteil an den Wohlergehen der Tugend. Wünsche und Furcht kamen auch
an die Reihe. Sie schien lange von Ittens Liebe versichert; aber nun zweifelte
sie. Er hatte noch nichts gesagt, und seine Aeltern würden auch wohl andre
Absichten haben. - Diese Bilder tanzten auf ihrem Nähküssen umher, Tränen, die
sie zu zerstreuen suchte, rollten in ihren Augen, die Stiche wurden ungleich,
und sie hätte alles gegeben, wenn sie nur geschwind umgesehen aus dem Zimmer
hätte kommen können. Die zwei Frauen stunden in einem Fenster, und van Guden
bemerkte währender Erzählung der Frau Grafe zwischen dem Fenstervorhang hindurch
jede Bewegung der guten Meta. Frau Grafe ging, ohne sich setzen zu wollen,
hinweg, und sagte noch: Jetzt will ich dem neuen Beamten auch um eine artige
Frau sehen; und mit diesen Worten war sie zu der Türe hinaus, Meta aber aus
aller Fassung, denn nun weinte sie stark. Van Guden eilte zu ihr, und hielt sie
am Arm, weil sie mit abgewandtem Kopf auch aus dem Zimmer schleichen wollte: Was
fehlt dir, meine Tochter! warum weinest du? sagte sie ihr mit aller Liebe. Meta,
betroffen und ängstlich, konnte ihr nichts anders antworten, als durch einen
Tränenguss, und durch das Umschlingen eines Arms der van Guden, den das liebe
Mädchen mit beiden Händen an ihre Brust drückte, und ihr Gesicht über die Hand
ihrer mütterlichen Freundin beugte. Frau Guden wurde gerührt, und umfasste ihre
Meta mit Zärtlichkeit: Komm, meine Liebe! komm mit mir in mein Cabinet, sag mir
da den Kummer deines Herzens, denn du musst Kummer haben bei diesen Tränen.
Glaube, mein Kind! was deine Mutter Guden tun kann, wird sie tun. Meta
sträubte sich etwas, sie wollte nicht in das Cabinet, hing sich aber an den Hals
der van Guden, und liess sich endlich von dieser wegführen. Als sie beisammen auf
dem Sopha sassen wurde sie von der Guden auf das neue um die Ursache ihres
Weinens gefragt. Nun sagte sie, dass die Nachricht von dem Glück der Ittenschen
Familie sie so bewegt hätte. Van Guden küsste sie und sagte: Diese Tränen einer
teilnehmenden Freude sind schön, meine Liebe! aber etwas zu stark, Liegt nicht
auch ein Gedanke dabei, dass du einen deiner Brüder oder Schwestern eben so
glücklich versorgt sehen möchtest? O nein! liebe Mutter! es ist gewiss kein
Gedanke von Neid in mich gekommen. Das wäre auch kein Neid gewesen, meine Liebe,
wenn du einem Bruder das nemliche Gute wünschtest, das der junge Itten erhielt.
Mein älterer Bruder ist ja versorgt, und Wilhelm denkt an nichts. Es wäre mir
leid, wenn die Ittens nicht in allem glücklich wären. Du bist mein edles gutes
Mädchen; sei auch meine aufrichtige Tochter. Ich will dich was fragen. Nun
zitterte und glühte das gute Geschöpf, und sah zur Erde, indem sie kaum Atem
hohlte. Liebe Meta! hat der junge Itten dir niemals von Liebe vorgesprochen? Es
dünkte mich oft, wenn du sangest, oder Henrietten bei einer Arbeit etwas
lehrtest, auch, wenn du mit seinen Schwestern in Unterredung warest, dass seine
Augen voll reiner Liebe und Verehrung auf dich geheftet waren. Ein lächelnder
Zug von Vergnügen flog über Metas Gesicht, als van Guden dies sagte; doch
antwortete sie: Ich habe ihn nicht oft angesehen. Das habe ich auch bemerkt,
mein Kind! und es schiene mir, um aufrichtig mit dir zu sprechen, nicht ganz
natürlich. Du bist sonst so freimütig, so voll unschuldiger Offenherzigkeit -
in deinen schönen Augen. Da kam nun wieder eine Anwandlung von Angst; aber sie
sagte, van Gudens Hand küssend: Liebe Mutter! ich habe ihn deswegen nicht oft
angesehen, weil ich ein paar mal auch gedacht hatte, dass er mich zärtlich
anblickte. Sie blieb auf van Gudens Hand liegen, die ihr liebreich sagte: Wäre
dir denn die Liebe dieses tugendhaften Jünglings nicht angenehm gewesen? Leise
und mit äusserster Bewegung sagte sie: O ja, es hätte mich schon gefreuet; aber
- zu was hülfe es nun! Wie das? meine Liebe! es wäre jetzt besser als jemals, da
er dir mit seinem Herzen zugleich seine Hand, und eine gute Erhaltung anbieten
könnte. Ein neuer Strohm von Tränen floss über ihre den Augenblick blass werdende
Wangen: Ach liebe Mutter! sprach sie, haben Sie denn nicht gehört, dass Frau
Grafe sagte, sie wolle sich nun nach einer artigen Frau für Herrn Itten umsehen?
und da er den Dienst durch sie erhielt, so ist ja billig, dass er ihr in allem
folgt; sie gibt ihm gewiss ein artiges und auch ein reiches Frauenzimmer, und es
wird sich keine lang bedenken, des Herrn Ittens Frau zu werden. - Frau Guden
umarmte sie, lobte ihre Gesinnungen, und dankte ihr für die Eröfnung ihres
Herzens: Meine Meta! nun habe ich die süsse Hoffnung, eine der besten
Familienvereinigung zu stiften: eine Tochter von Moos, und ein Sohn der Ittens!
nie ist mehr stille und wahre Tugend verbunden worden. Nun lag Meta vor ihr auf
den Knieen, weinte und küsste van Gudens Hände: Ach Mutter! englische Mutter!
sonst konnte sie nichts sagen. Indessen hatten wir auch eine Scene in unserm
Hause, denn Frau Grafe kam von van Guden gerade mit einem glänzenden Gesicht
voll guter Laune zu uns, und brachte das Fürstliche Dekret für den jungen Itten
auf Rehberg, und sagten mein Mann möge die Stelle, die er dem jungen Menschen
zugedacht habe, jemand anders geben. Das war nun eine herzliche Freude unter
uns, besonders auch, da Cleberg den jungen Itten aufsuchte, umarmte, und zu
unsern Glückwünschen in mein Zimmer brachte. Die innerliche Freude des jungen
Mannes war ein anfangender Rausch, der die Sprache hemmt und die Füsse wanken
macht. Er bewegte uns ausserordentlich, indem er mit zusammengefalteten Händen
ausrief, nach dem Hause seines Vaters hinübersehend: O meine lieben Eltern! was
muss der Name von Cleberg für euch sein! Einer von euren Kindern so glücklich, so
sehr glücklich durch dies edle Haus. Nun ergriff er eine meiner Hände, und eine
von Frau Grafe, und küsste sie: Ewigen Dank! ewigen Seegen! stammelte er, und
schwankte. Cleberg umfasste ihn, und sagte auch, auf unsern Erker weisend: Mein
lieber Freund! Sie machen mir dieses Fenster recht lieb, weil ich da schwur, dass
ich mir den Eingang in ihr Haus verschaffen wollte. - Frau Grafe blieb bei mir,
während dass Cleberg mit dem jungen Mann am Arm zu den Ittens eilte, um das Glück
anzukündigen. Er sagte: O keine Seligkeit der Erde kann dieser gleichen, welche
gute Eltern bei dem Glück und der Tugend ihrer Kinder empfinden. Es war heiliges
Entzücken bei der Frau Itten, als sie ihren Sohn umarmte, und mit ihrem
mütterlichen Segen zu seiner Stelle einweihte. Ihr Dank gegen Frau Grafe und
mich war Ergiessung der besten Gefühle der Menschheit. Mein Cleberg und mein
Oheim waren äusserst gerührt, denn sie hatten bei weitem diese hohe Freude bei
der Versorgung ihrer Töchter nicht geäussert.
    Nun stimmte Frau Grafe wieder zu dem Muntern, und da sie mich von ihren
Absichten unterrichtet hatte, so winkte sie dem Herrn Amtmann von Rehberg zu
uns, und sagte ihm mit etwas ernstem Ton: er müsse sich nun auch bald nach einer
guten artigen Frau umsehen. Er lächelte, errötete; sagte aber ganz bescheiden:
Er glaubte zuerst verbunden zu sein, einen Beweis zu geben, dass er die Stelle
verdiene, eh er es wage, eine ganze Haushaltung auf Rehberg zu führen. Ihre
Bescheidenheit steht ganz schön; aber Sie denken doch, Herr Grafe musste wissen,
dass Sie der Mann für den Plan sind: und ich will jetzt für eine Frau dazu
sorgen. Itten blieb staunend bei mir, sprach nichts, sah vor sich hin; nur auf
einmal wandte er um und ging fort, kam aber in einigen Augenblicken wieder, und
gab mir ein Heft Papier, mit einer sehr bedenklichen Miene, und furchtsam sagte
er: Sie hatten immer viele Güte für mich, lesen sie dieses Heft, und verhindern
Sie um des Himmels willen jeden andern Vorschlag, oder - (stockend setzte er
hinzu,) lassen sie mir das Amt wieder nehmen. Er entfernte sich ehrerbietig, und
ging zu den Männern, ich aber in mein Schlafzimmer. Als ich unter der Türe den
jungen Itten noch einmal anblickte, machte er eine bittende Bewegung gegen mich,
und ich wurde um so viel begieriger auf sein Papier: Da fand ich einen Auszug
von van Gudens Briefen, die er für sie abschreiben musste, und dieser Auszug
betraf nur die Stellen, in denen van Guden von ihrer Meta Meldung tut, und
immer war am Ende eines Absatzes ein Wunsch, dass er einmal diese Meta sehen
möchte; oder ein Gebet für das Glück dieses herrlichen Mädchens. Bei dem Tag
ihrer Ankunft mit van Guden steht die Beschreibung ihrer Gestalt und des
Eindrucks, den sie auf ihn gemacht hatte: kurz, ein Tagebuch über alles, was er
an ihr bemerkte, und was er fühlte. Sehnsucht nach Glück, um es mit ihr zu
teilen. Der Vorsatz, niemals zu reden, um die unschuldsvolle Ruhe des Engels
nicht zu stöhren, jeder Blick, den sie ihm gegönnt, jedes Wort, jeder Ton ihres
Gesangs, alles war angemerkt, Einmal hatte er die Hand ihres Bruders gefasst,
gerade in dem Augenblick, als Meta sie lossliess. Er fühlte noch die sanfte Wärme
des Drucks der Schwesterliebe, und er war nur zu glücklich. - Ich weinte über
dem Heft aus zärtlicher Bewegung, die das Bild dieser reinen Flamme eines
tugendhaften Mannes mir gab. Ich freute mich über die Sicherheit seines Glücks,
und kam wieder in die grosse Stube mit meinem Mantel: Itten blickte mich an,
machte mir die Türe auf, und ich sagte ihm nur: Ich geh zur Frau Guden; edler
junger Mann, hoffen Sie alles. Ich brachte sein Heft zu van Guden, die mir den
Auftrit mit ihrer Meta erzählte; und dem guten Mädchen das Tagebuch ihres
Geliebten zum lesen brachte. Als wir dachten, dass sie fertig sein könnte, ging
van Guden zu ihr, und fand sie auf ihren Knien betend: Liebe Mutter, segnen Sie
mich und meinen Itten. O wie glücklich bin ich, und, o mein Gott: ich will gut
sein mein ganzes Leben; sagte sie mit gefaltenen Händen. Van Guden hob sie aus,
und sagte ihr, Frau Grafe hätte an keine andre Frau gedacht als an sie, und
spreche nun würklich mit Ittens Eltern darüber, welche den Abend mit uns bei ihr
speisen würden. Der junge Mann wurde kurz darauf gerufen, und Frau Guden führte
ihn selbst zur Meta, indem sie ihm sagte: Meine liebe Tochter und ich haben Ihr
Heft gelesen. Meine Meta liebt Sie, und ich segne Euch beide. Mit diesem schloss
sie die Hände der zwei jungen Leute in ihre, küsste beide, und kam zu mir. Bald
darauf kam Itten, kniete nur einen Augenblick, und dankte van Guden und mir,
eilte zu seinen Aeltern, um mit diesen zu sprechen, und Abends war Meta als
seine Braut erklärt, die Frau Guden als ihre Tochter ausstattet.
                               Um 10 Uhr Abends.
Mariane! ich bin nicht wohl, vielleicht - doch ich habe noch einen schönen Abend
gelebt, ich sah das Glück und die Freude guter Menschen, sah Hr. von Pindorfs
Entzücken für seine Kinder und seine Freundin, denn er kam noch unvermutet.
    Mariane! ich bin Mutter, habe meinen Sohn in meinen Armen. Welch ein
unaussprechliches Gefühl! ich lebe! O bete um Gesundheit und Tugend für mein
Kind und mich.
                                    Fussnoten
1 Sternheim, 1. Teil, S.
2 von Baur.
 
    